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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-04-07 15:21:02 -0700 |
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diff --git a/75813-h/75813-h.htm b/75813-h/75813-h.htm new file mode 100644 index 0000000..5f9d026 --- /dev/null +++ b/75813-h/75813-h.htm @@ -0,0 +1,6623 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> +<meta charset="UTF-8"> +<title>Leben mit einer Göttin | Project Gutenberg</title> + <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <!-- TITLE="Leben mit einer Göttin" --> + <!-- AUTHOR="Max Brod" --> + <!-- LANGUAGE="de" --> + <!-- PUBLISHER="Kurt Wolff, München" --> + <!-- DATE="1923" --> + <!-- COVER="images/cover.jpg" --> + +<style> + +body { margin-left:15%; margin-right:15%; } + +div.frontmatter { page-break-before:always; max-width:25em; + margin-left:auto; margin-right:auto; } +.logo1 { margin-top:2em; margin-bottom:6em; } +.aut { text-indent:0; text-align:center; padding-top:1em; margin-bottom:1em; } +h1.title { text-indent:0; text-align:center } +.subt { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:4em; } +.logo2 { margin-bottom:2em; } +.pub { text-indent:0; text-align:center; } +.cop { text-indent:0; text-align:center; font-size:0.8em; padding-top:4em; } +.tit { text-indent:0; text-align:center; padding-top:4em; } +.motto { text-indent:0; text-align:center; padding-top:4em; } + +div.chapter{ page-break-before:always; } +h2 { text-indent:0; text-align:center; margin-top:0; padding-top:2em; + margin-bottom:1em; } +div.chapter h2 { margin-top:0; padding-top:2em; } + +p { margin:0; text-align:justify; text-indent:1em; } +p.first { text-indent:0; } +span.firstchar { font-size:2em; } +p.noindent { text-indent:0; } +p.addr { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:1em; } +p.sign { text-indent:0; text-align:right; margin-right:1em; margin-bottom:1em; } +p.end { margin:1em; text-indent:0; text-align:center; } + +.keep-nu-html-checker-happy { } + +/* "emphasis"--used for spaced out text */ +em { font-style:italic; } +span.antiqua { font-style:italic; } + +.underline { text-decoration: underline; } +.hidden { display:none; } + +a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:hover { text-decoration: underline; } +a:active { text-decoration: underline; } + +/* Transcriber's note */ +.trnote { font-size:0.8em; line-height:1.2em; background-color: #ccc; + color: #000; border: black 1px dotted; margin: 2em; padding: 1em; + page-break-before:always; margin-top:3em; } +span.trnote { font-size:inherit; line-height:inherit; background-color: #ccc; + color: #000; border:0; margin:0; padding:0; + page-break-before:avoid; margin-top:0em; } +.trnote p { text-indent:0; margin-bottom:1em; } +.trnote ul { margin-left: 0; padding-left: 0; } +.trnote li { text-align: left; margin-bottom: 0.5em; margin-left: 1em; } +.trnote ul li { list-style-type: square; } +.trnote .transnote { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; } + +/* page numbers */ +a[title].pagenum { position: absolute; right: 1%; } +a[title].pagenum:after { content: attr(title); color: gray; background-color: inherit; + letter-spacing: 0; text-indent: 0; text-align: right; font-style: normal; + font-variant: normal; font-weight: normal; font-size: x-small; + border: 1px solid silver; padding: 1px 4px 1px 4px; + display: inline; } + +div.centerpic { text-align:center; text-indent:0; display:block; } +img { max-width:100%; } +div.centerpic.logo1 { text-align:right; margin-right:1em; } +div.centerpic.logo1 img { max-width:6em; } +div.centerpic.logo2 img { max-width:4em; } + +body.x-ebookmaker { margin-left:0; margin-right:0; } +.x-ebookmaker div.frontmatter { max-width:inherit; } +.x-ebookmaker a.pagenum { display:none; } +.x-ebookmaker a.pagenum:after { display:none; } +.x-ebookmaker .trnote { margin:0; } + +</style> +</head> + +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75813 ***</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<div class="centerpic logo1"> +<img src="images/logo1.jpg" alt=""></div> + +</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<p class="aut"> +Max Brod +</p> + +<h1 class="title"> +Leben mit einer Göttin +</h1> + +<p class="subt"> +Roman +</p> + +<div class="centerpic logo2"> +<img src="images/logo2.jpg" alt=""></div> + +<p class="pub"> +München<br> +Kurt Wolff Verlag +</p> + +</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<p class="cop"> +1.-5. Tausend / Gedruckt im Jahre 1923<br> +von der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig<br> +Copyright 1923 by Kurt Wolff Verlag A.-G., München +</p> + +</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<p class="tit"> +Leben mit einer Göttin +</p> + +</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<p class="motto"> +„Klar sah ich alles – und doch trunken“ +</p> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter blank" id="part-1" title="1"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> +</h2> + +</div> + +<p class="addr"> +Mein geehrter Herr Verteidiger! +</p> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">einen</span> Dank zuvor und meine Anerkennung. +Sie haben sich sehr menschlich zu mir benommen! +Dies der unmittelbare Anlaß für die +folgenden Aufzeichnungen, denen Sie alles entnehmen, +wonach Sie mich die letzten Wochen +lang unablässig und immer wieder und immer +ohne Erfolg gefragt haben. +</p> + +<p> +Ja, Ihre Neugierde, vielmehr Ihre Amtsneugierde +– denn ich weiß sehr gut, daß kein +häßlich persönliches Motiv, sondern nur Pflichtbewußtsein +Sie angetrieben hat – Ihre Amtsneugierde +wird durch die Darstellung, die ich +jetzt, um Mitternacht, beginne, vollkommen befriedigt +werden, soweit dies in meiner Macht +liegt. Und ich hoffe ernstlich, ohne alle Ironie, +Ihnen damit einen Gefallen zu tun – Ihnen +auf die einzige, mir noch mögliche Art für die +<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> +Vornehmheit, mit der Sie mich in dieser Zeit +behandelt haben, zu danken. +</p> + +<p> +Sie sind von meinen Brüdern zu meinem +Verteidiger bestellt. +</p> + +<p> +Ich begreife durchaus Ihre Verlegenheit. +Tagelang haben Sie kein Wort aus mir herausbekommen. +Wie, womit, in welcher Gegend +menschlicher Entschuldigungsgründe sollten Sie +nun meine Verteidigung aufbauen? Ich stelle +Ihnen das Zeugnis aus, daß Sie kein Mittel +unversucht gelassen haben, mich zum Reden zu +bringen. Sie haben freundschaftliches Zureden, +Philosophie ins Treffen geführt, auch Überraschungen, +auch leise Drohung. – Ganz offen +gesprochen: Ihren Eifer verstehe ich nicht. Was +gehe ich Sie an? – Das Honorar also? Nun, +wenn ich sterbe, was doch so ziemlich sicher, hoffentlich +ganz sicher ist, dann fällt mein Vermögen +an meine zwei Brüder und Kompagnons, +die mir ganz gleichgültig sind und denen ich so +wenig bedeute, daß ich sehr bezweifle, ob man +die Höhe Ihres Entgelts nach den Anstrengungen +bemessen wird, die Sie zur Erhaltung +meines Lebens gemacht haben. Man wird +<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> +Ihnen ja gewiß auch nicht weniger geben, wenn +Sie sich sehr bemühen; dazu sind meine Brüder +viel zu anständig, viel zu korrekt; aber voraussichtlich +auch nicht um einen Pfennig mehr. +Aller Wahrscheinlichkeit nach hat man bereits +ein gewisses Fixum im vorhinein bestimmt, eine +Post zur Tragung dieses notwendigen, wenn +auch unerwarteten Aufwandes im Budget unserer +Fabrik ausgeworfen. Fixum, Budgetpost, +Vorausberechnung nach kaufmännisch soliden +Grundsätzen – das ist ja die Welt meiner Brüder. +War auch die meinige, äußerlich zumindest. +Nun gut, ich wollte Sie nur vor übertriebenen +Hoffnungen warnen. Ihre Funktion wird bezahlt +werden, nicht die Intensität Ihres Interesses. +Berufsinteresse vielleicht? Dies die Erklärung? +Möglich – für mich jedoch völlig +dunkel. Kommt es denn wirklich vor, daß man +sich für seinen Beruf ehrlich, in voller Befriedigung +interessiert? Besser gesagt: ist es möglich, +sich für etwas anderes zu interessieren als für +Angelegenheiten der Liebe? Von Herzen zu interessieren, +meine ich, nicht nur oberflächlich, +halb im Wachen und halb im Traum? – Hoffentlich +<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> +verstehen Sie, was ich damit meine. +Sonst lesen Sie lieber gar nicht weiter; Sie +würden auch das Folgende nicht verstehen ... +</p> + +<p> +Doch um eines bitte ich Sie noch, ehe ich +weiterschreibe: Bitte, besuchen Sie mich nicht +mehr! Nehmen Sie diesen Brief nicht etwa als +mehr oder weniger verhüllten Anknüpfungsversuch, +als eine Art Aufforderung, den Verkehr +mit mir fortzusetzen, vielmehr eigentlich erst +jetzt so richtig anzufangen; denn bisher ist es ja +ein durchaus einseitiger Verkehr gewesen – +Sie redeten stundenlang auf mich ein und ich +antwortete nicht. Ich rechne es Ihnen hoch an, +daß Sie dabei niemals grob, niemals auch nur +unfreundlich gegen mich geworden sind. O das +war so gut von Ihnen! Das hat Ihnen mein +Vertrauen verschafft! – Nur ein einziges Mal +haben Sie so etwas wie „störrischer Kerl“ zu +Ihrem Begleiter geflüstert. Ich gestehe, daß +mich das sehr geärgert hat. Als Chef meines +Unternehmens war ich ja seit je gewöhnt, von +meiner Umgebung immer mit der größten Hochachtung, +ja mit einer gewissermaßen kirchlichen +Bewunderung angesprochen zu werden. Angestellte +<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> +wie Geschäftsfreunde, alle wollen +immer etwas von einem haben, und da ergeben +sich die allerhöflichsten Formen von +selbst. Nun im Untersuchungsgefängnis, das +weiß ich wohl, hat man ja auf eine derartig +gewählte Behandlung keinen Anspruch. Dennoch +hat es mich, gerade heraus, gewundert, +daß Sie, ein gebildeter Mann, Akademiker sogar, +sich so weit gehen ließen ... Ich muß allerdings +zugeben, daß ich ziemlich empfindlich bin. +Und somit basta, ich habe mich nun erleichtert, +ich habe mir das einzige, was ich gegen Sie +hatte, von der Seele gesprochen, – es wird +mir nun hoffentlich nicht mehr schwer fallen, +Ihnen ohne Rückhalt das zu erzählen, wonach +Sie ein so starkes Bedürfnis an den Tag gelegt +haben. Wie zu einem Freund will ich nun zu +Ihnen sprechen. Was Sie dann von all meinen +Mitteilungen für Ihr Plaidoyer an die Geschworenen +verwenden wollen, was nicht, – bleibt +Ihnen anheimgestellt. Nur fragen Sie nicht +mehr, lassen Sie sich nicht mehr in meine Zelle +bringen, wehren Sie doch lieber alle Besuche +ab, die mir noch etwa drohen. Ich will allein +<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> +sein. Die Anwesenheit von Menschen quält +mich. Auch die Ihrige hat mich, trotz Ihres musterhaften +Vorgehens, namenlos gequält. Ich +will Ihnen gleich sagen, warum. Ich will Ihnen +in diesem Brief alles sagen, was über mich, +was über den rätselhaften Kriminalfall zu sagen +ist, in dessen Mittelpunkt ich stehe. Ich habe +einen mir ganz fremden Menschen umgebracht, +einen Menschen, der, wie man sagt, auch meiner +Frau fast gänzlich fremd war. Sie werden gleich +lesen, wie es zu solch einer unerhörten Tat +kommen konnte, kommen mußte. Alles werden +Sie lesen. Nur, um Gottes willen, keine Fragen +mehr, keine Besuche. Ersparen Sie mir +alles Weitere! Sonst hätte auch dieser Brief +sein Ziel verfehlt, – im Kleinen ebenso sein +Ziel verfehlt wie im Großen mein ganzes Leben. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter blank" id="part-2" title="2"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">H</span><span class="postfirstchar">err</span> Verteidiger! Ja, ich fühle mich schuldig. +</p> + +<p> +Ein Teil der Qual, die Sie mir verursachen +(obwohl, wie ich immer wieder hervorhebe, Ihr +ganzes Trachten darauf abzielte, mir nicht +wehezutun, – obwohl ich in Wahrheit nie einen +so gütigen, so geduldigen Menschen wie Sie gesehen +habe, – einen Menschen, der mich vielleicht +gerettet hätte, wenn ich früher mit ihm +zusammengetroffen wäre, und dem ich daher +dies alles nicht seiner Berufsstellung wegen +mitteile, – das war Unsinn, womit ich vorhin +anfing, – nein, aus Liebe, aus Liebe zu Ihnen, +zu Ihrem unbegreiflich sanften, erbarmenden +Blick, der auf mir ruhte, dem „störrischen Kerl“ +– aus Liebe schreibe ich dies. Ohne Liebe +würde ich offenbar nicht die Nacht in ein +Schreibheft schlagen, ohne Liebe würde ich überhaupt +nichts tun, habe ja alles nur aus Liebe +getan und beichte also auch nur, weil ich zum +<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> +erstenmal etwas wie Freundschaft, wie Liebe +zu einem Mann, zu Ihnen, im Herzen spüre) – +die Qual also, die Sie mir verursachten, beruht +vor allem darauf, daß Ihre Einstellung gegen +mich eine vollständig falsche ist. +</p> + +<p> +Sie suchen Entlastungsgründe für mich. +</p> + +<p> +Ich aber fühle mich schuldig, und ich suche +Tatsachen, die mich belasten könnten. +</p> + +<p> +Nun sehe ich Sie lächeln. Belastende Tatsachen? +Als wäre das Verbrechen an sich nicht +belastend genug. „Seltsame Verblendung“, – +höre ich Sie sagen. „Ein Mord, und noch +dazu auf die furchtbare, ja bestialische Art ausgeführt, +von der die Anklageschrift so viel spricht +– genügt ihm das wirklich nicht zur Belastung +vor Gott und Welt?“ – Nun, ganz nebenbei +bemerkt, gerade diese „bestialische Art“, von der +so viel Aufhebens gemacht wird, müßte meiner +Ansicht nach eher für als gegen mich zeugen. +Sie beweist doch ganz klar, daß ich nicht darauf +ausging zu morden, daß ich auf einen solch +traurigen Schluß der Angelegenheit nicht im +mindesten vorbereitet war. +</p> + +<p> +Hätte ich die Absicht gehabt, den Mechaniker +<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> +zu töten, so hätte ich wahrscheinlich einen Revolver +mitgenommen. Ich hatte aber keine Waffe +bei mir. Leider! So geschah es denn, wie es +geschehen mußte. +</p> + +<p> +Ich sage das aber durchaus nicht zu meiner +Entschuldigung. Dieser ganz nebensächliche Umstand +beweist nur, wie gedankenlos die Anklageschrift +gegen mich verfaßt ist, so gedankenlos +und halb und unausgetragen, wie eben +alles, was aus „Berufsinteresse“ geschieht. Für +mich selbst jedoch und meine eigene Beurteilung +meiner Schuld ist dieser Umstand vollständig +bedeutungslos. Für mich ist nämlich die ganze +Tatsache, daß ein Mensch, ein fremder Mensch +an mir gestorben, mir zum Opfer gefallen ist, – +verzeihen Sie die Aufrichtigkeit – eine Nebensache. +Nicht des Mordes fühle ich mich schuldig, +– obwohl ich selbstverständlich zugeben +muß, ein Mörder zu sein, – aber das liegt +nur an der Oberfläche meiner Schuld. Und gerade +heute, wo einige Millionen junger Menschen +am Weltkrieg gestorben sind, unter direkter +oder indirekter Mitwirkung von uns allen, +die wir ihn überlebt haben, erscheint mir ein +<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> +einzelner Totschlag nicht gerade als das Aufregendste +und Auffallendste an mir und unserer +Zeit. +</p> + +<p> +Wahrhaft schuldig fühle ich mich eigentlich +einer anderen Sache wegen: – schuldig, weil +ich mich bedingungslos in die Gewalt einer +Frau gegeben habe, weil ich meine Wollust daraus +zog, ihr zu dienen mit meinem ganzen +Wesen und Wollen. +</p> + +<p> +Ja, das ist wahr. Indessen: Die volle Wahrheit +ist es doch nicht. – Schuldig, mich in die +Gewalt einer Frau begeben zu haben? – Habe +ich mich denn wirklich in diese Gewalt wissentlich +und mit Willen begeben? – Ich bin seit +je sehr abhängig von Frauen gewesen. – +Einen „<span class="antiqua">homme à femmes</span>“ hat mich einmal ein +Freund, – nein, kein Freund, ein satirischer +Beobachter – genannt. Ich weiß nicht, woher +er diesen Ausdruck hatte, – vielleicht ist es +nicht einmal ein korrekt französischer Ausdruck, +– ich verstand ihn jedenfalls so, daß ein Mann +damit gemeint sei, für den Frauen das einzige +sind, was er ernst nimmt. Kein Wüstling, +– eher das Gegenteil eines solchen. Ich habe +<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> +niemals ausschweifend gelebt. Und vor allem +war mir immer die Verbindung von Zynismus +und Liebe – oder Humor und Liebe – oder +Alkohol und Liebe oder ähnliches ganz fremd. +Liebe, die einer Verbindung mit liebesfremden +Stimulantien bedarf, scheint mir geradezu verächtlich. +Liebe allein, Liebe um ihrer selbst willen, +Liebe und Sehnsucht und Begeisterung +und zuletzt bei Jorinde sogar auch noch randvolles +Glück und das unermeßliche Unglück +der Liebe, – – wahrhaftig, es hat mir genügt, +ein Leben auszufüllen. Andere Leidenschaften +verstehe ich nicht. Es sind wohl auch noch nur +unbedeutende Gemütsbewegungen, denen man +diesen Namen irrtümlich, mißbräuchlich verleiht. +Ich kenne sie nicht, ich verstehe sie nicht. +Weder Ehrgeiz noch Spiel, weder Trinken +noch Rauchen, weder Sammeln noch Reisen. +Die Leidenschaft jedoch, die ich meine, – beruht +sie auf meiner freien Wahl? War sie wirklich +meine Schuld? Gerade die Einzigkeit, mit der +ausschließlich sie allein von mir Besitz ergriffen +hatte, beweist vielleicht, daß ich nicht anders +konnte als ihr völlig unterliegen. +</p> + +<p> +<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> +Kurz und gut ... wenn ich selbst an meiner +Schuld irre werde (und Sie tun recht daran, +das Vorhergehende als einen schüchternen +Rechtfertigungsversuch anzusehen – nicht vor +dem Gericht freilich, wohl aber vor meinem eigenen +Gewissen), wenn ich selbst die belastenden +Tatsachen nicht auffinden kann, die ich suche, +deren ich so dringend bedarf, um zur Klarheit +über mich und meine Untat zu gelangen, +– dann genügt es schließlich doch immer, mir +eine einzige Szene vor Augen zu stellen. Denke +ich an die zurück, so ist mir allerdings meine +Schuld ganz unzweifelhaft klar. Eine äußerlich +sehr unscheinbare Szene, – ich sitze allein +im Automobil, das an einer Straßenecke hält, +im lauen Frühlingsregen und warte auf Jorinde +– daran scheint ja eigentlich gar nichts +zu sein, – aber der Jubel, der unermeßliche +Jubel, der mich diese Stunde lang (oder vielleicht +war es auch nur eine halbe, eine Viertelstunde) +erfüllte! Dieser Jubel ist allerdings an +sich noch keine Sünde, aber er hängt doch im +Innersten mit meiner Sünde zusammen. +</p> + +<p> +Ich warte auf Jorinde, und ich weiß, daß sie +<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> +in wenigen Minuten bei mir sein wird, neben +mir, auf dem weichen Sitz des Autos. Denn sie +ist ja eben noch neben mir gesessen, hat mich nur +hier warten heißen, nur für ein Weilchen, während +sie ihre Sachen zusammenpackt, um dann +mit mir abzureisen. Jetzt, sofort wird sie um die +Ecke biegen, an der Litfaßsäule vorbei. Um ein +paar Tage lang ganz mein zu sein. O diese Erwartung, +diese ganz bestimmte Erwartung einer +wundervollen Zeit, zum Greifen nahe vor mir. +Diese Erwartung, so nahe an der Erfüllung, +daß sie nicht mehr getrogen werden kann, und +die ja dann auch tatsächlich in Erfüllung gegangen +ist. O kaum faßbares Glück einer solchen +Gewißheit, – zumal wenn man fünf Tage und +fünf schlaflose Nächte vorher im Fieber der Ungewißheit +gelegen ist. Diese peinvolle Zeit der +Zweifel gehört ja wahrscheinlich als Vorbedingung +mit dazu. Wie dem auch sei, genug, die +bloße Erinnerung an meinen Herzjubel damals +genügt mir auch heute noch, um mich für alle +Qualen vor und nach dieser Stunde, selbst für +alle Gewissensqualen und für meinen schimpflichen +Tod reichlich zu entschädigen. O mehr als +<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> +das! Es gibt einfach nichts, was ich nicht hingeben +würde für das Erlebnis dieser einen +Stunde. Meine ewige Seligkeit, – hin, hin +für eine einzige Sekunde solchen irdischen +Glücks! Es war kein Rausch damals; ich fühlte +mich vielmehr ganz klar bei Bewußtsein, meine +Gedanken jagten nur zehnmal schneller als sonst +und doch in so träumerischer Gelassenheit durch +meinen Kopf. Einer von ihnen etwa so: Würde +ich in diesem Augenblick gelähmt werden, von +einer Krankheit befallen, die mich von jetzt an +bis an mein Lebensende jahrzehntelang in +einem Lehnsessel festhielte, – ich wollte dennoch +niemals wider Gott murren, nie mein Schicksal +beklagen, immer nur danken dafür, daß ich +einmal eine Stunde lang so unbeschreiblich frei +und gerettet im Vollmaße der Seligkeit habe +leben dürfen. +</p> + +<p> +In Augsburg war es, an der Ecke der Gabelsberger- +und der Frohsinnstraße. Ja, sie heißt +wirklich so: Frohsinnstraße. Der Name ist nicht +erfunden. – In der Dämmerung eines grauen, +regnerischen Frühlingsabends ist es geschehen. +Ich werde davon berichten, sobald ich an diese +<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> +Stelle meiner Schicksalserzählung gelangt bin. +Vielleicht kann übrigens gerade hievon nichts +oder nichts Wesentliches erzählt werden. – Ich +habe ja auch nichts anderes sagen wollen, als +daß die Erinnerung an diesen Jubel genügt, +um mir mit aller Deutlichkeit meine Sünde +vor Augen zu führen. Im wesentlichen scheint es +etwa darauf hinauszukommen, daß ich mich +einer zu großen Sache vermessen habe. – Ich +habe mehr auf mich genommen, als ich zu leisten +vermag. Auch das werde ich zu seiner Zeit zu +erklären versuchen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter blank" id="part-3" title="3"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">ie</span> ich Jorinde kennengelernt habe, gehört +wohl nicht ganz zur Sache. Ich will mich daher +kurz fassen. +</p> + +<p> +Es war vor zwei Jahren, im Frühherbst, – +in demselben Monat vielleicht, in dem es jetzt +zu Ende geht. +</p> + +<p> +Damals kam ich nach München, um mit Professor +Grothius zu sprechen. Grothius, eine der +ersten akademischen Autoritäten auf dem Gebiete +der Nahrungsmittelchemie, machte seit +Jahren die bedeutenderen Analysen für unsere +Präparate. Obwohl wir (das heißt: die Fabrik) +in ziemlich regem geschäftlichen Briefwechsel +mit ihm standen, war ich doch nie persönlich mit +ihm zusammengetroffen. Eine außergewöhnlich +wichtige Angelegenheit hatte diesmal meine +Reise veranlaßt. Es handelte sich um eine uns +angebotene Erfindung, in der wir Millionen investieren +sollten. Die Sache drängte. Und so +<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> +nötig meine Anwesenheit in unserem Berliner +Betrieb jahraus jahrein war: diesmal mußte +ich mich losmachen, um die mit dem Gutachten +des Professors zusammenhängenden Entscheidungen +an Ort und Stelle zu treffen. +</p> + +<p> +Mein Gefühl, als ich zum erstenmal dem +großen alten Herrn mit dem grauen Wotansbart +und den leuchtenden, hellblauen, immer +etwas feuchten Augen gegenüberstand, war eine +Art Erstaunen darüber, daß ich es mit einem +lebendigen Menschen zu tun hatte. – Von Berlin, +von meinem Fabrikkontor aus gesehen, war +er (wie so ziemlich alles) eine Nummer in der +Registratur gewesen. Grothius, Analysen, Briefe +in Schreibmaschinenschrift, Ziffern mit sehr vielen +Dezimalstellen, denen man blindlings vertraute, +vertrauen mußte, – eine Art Maschine, +eine nützliche Institution des Vaterlandes, die +den Titel „Professor“ führte. So hatte ich ihn +im Kopf, war nicht darauf gefaßt, ein Wesen +von Fleisch und Blut vorzufinden, das nebst +den Dezimalstellen, die es produzierte, auch +noch andere Interessen hatte – so zum Beispiel: +mich sofort zum Abendessen einlud. Ich +<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> +wußte mich zuerst gar nicht zu benehmen. Aus +den Scharnieren meines Berliner Kommando- +und Kompendiumtones gerissen, in dem persönliche +Beziehungen nicht vorkamen, rang ich nach +Haltung. Ich fand sie schließlich darin, daß ich +dem gemütlichen Herrn mit einem gewissen Respekt +(denn er war ja ein berühmter Hochschullehrer), +schließlich aber doch nur wie einem besseren +Angestellten begegnete (denn er wurde +doch von meinem Unternehmen bezahlt). Es +war eine Mischung von Bewunderung und +Hochmut, wie sie etwa die Hausfrau dem großen +Tenor gegenüber empfinden mag, der – gegen +hohes Honorar – ihren Gästen nach dem Dessert +zwei Arien vorsingt. – Ich erwähne dieses +besondere Gefühl, weil ich es dann auch auf +die Tochter des Professors übertrug. Der Tochter +gegenüber überwog freilich von Anfang an +bewundernde Angst und Scheu. +</p> + +<p> +Dora Grothius war sehr schön – von jener +Art Schönheit, über die unter Männern keinen +Augenblick lang ein Zweifel bestehen kann. Ich +konnte mir denken, daß sie, in einen Ballsaal +eintretend, sofort alle Blicke auf sich ziehen +<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> +müßte. Woran mag es wohl liegen, daß von +zwei Gesichtern, die einander sehr ähnlich sehen, +das eine blitzartig im Lichte der Schönheit erscheint, +das andere wie in Schatten getaucht +bleibt, aus dem es vielleicht erst allmählich als +„interessant“ oder „eigenartig“ zum Vorschein +kommt? Doras Schönheit hatte nichts von dieser +Unklarheit, dieser allmählich sich durchsetzenden +Wirkung an sich. Ihre hohe schlanke Gestalt, +das mattglänzende Blondhaar, der fein geschnittene, +blaßrosige Mund im weißen Gesicht +und die blauen Augen von ebenso wundervoller +Form, – das alles sprach wie ein Typus, wie +die Vollendung eines Typus an. Man schlürfte +diese Art von Schönheit gleichsam gelassen ein, +sagte sich nach der ersten Minute: „Nun, dich +habe ich ganz erfaßt, du gibst keine Rätsel +auf“, – aber gerade dieses Wohlbehagen, dieses +scheinbar Nicht-Irritierende betäubte wie +ein Narkotikum, und ganz berauscht von dem +Sicherheitsgefühl, daß man sich jeden Moment +von einem so einfachen und einleuchtenden Anblick +losreißen könne, kam man überhaupt nicht +mehr los ... +</p> + +<p> +<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> +So flößte mir Doras Erscheinung, von der +ersten schlagartigen Freude abgesehen, dumpfe +Angst ein. +</p> + +<p> +Dies der Grund, weshalb ich sie immer „Jorinde“ +genannt habe, zuerst im stillen, bald auch +von Mund zu Mund. Sie erinnerte mich an +eines der Grimmschen Märchen, das ich als +Kind stets nur beklommen mir habe vorlesen +lassen. „Jorinde und Joringel“ heißt das Märchen. +Ganz habe ich ja nie verstehen können, +warum ich mich vor diesem Märchen, ja schon +vor den Seiten, auf denen es in meinem alten +Märchenbuch gedruckt war, so sehr gefürchtet +habe. Andere Geschichten handeln doch von +grauslicheren Dingen! Diese freilich ist so süß-grauslich +wie keine. Ach, mein Kinderherz bebte +vor wonniger Bangigkeit, wenn ich die beiden +jungen Leute, Joringel und seine geliebte Jorinde, +dem Zauberwald zuschreiten sah, um vertraut +miteinander reden zu können, wie das +Märchen sagt, – in den Zauberwald, in dem +die alte Hexe wohnt. Wenn jemand auf hundert +Schritt ihrem Schloß nahe kam, so mußte er +stille stehen und konnte sich nicht von der Stelle +<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> +bewegen, bis sie ihn lossprach. So erging es +dann auch dem Jüngling, während seine Geliebte +vor seinen Augen in eine Nachtigall verwandelt +wird, „zicküt, zicküt“ singt – und dann +tritt die Hexe aus dem Busch, fängt die Nachtigall +und trägt sie auf der Hand fort. Joringel +aber kann nichts sagen, er steht festgebannt auf +seinem Platz, wehrlos und fremd. – Ich weiß +nicht, warum gerade dieses eine Märchen, das +ich seit Kindestagen nicht mehr gesehen habe, so +fest in mir haftengeblieben ist, weiß nicht, warum +Dora die angstvolle Erinnerung daran in +mir aufgeweckt hat. Später allerdings wurden +mir einige Zusammenhänge klar. Doch das Gefühl +war ja vom ersten Moment an dagewesen. +</p> + +<p> +In Anwesenheit ihres Vaters sehr zurückhaltend, +sprach Dora bei der ersten Begegnung im +Laboratorium kaum ein Wort. Die Einladung +zum Abendessen nahm ich aber nur ihretwegen +an. Ich mußte, um mir den Abend frei zu machen, +einem Geschäftsfreund absagen, der schon Karten +für ein Kabarett besorgt hatte. +</p> + +<p> +Nachmittags empfand ich dann doch ein gewisses +Unbehagen vor dem Besuch, und abends +<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> +wollte ich noch an der Schwelle umkehren. Ich +hatte inzwischen allerlei über den alten Grothius +reden gehört: daß er zu den führenden +Münchener Monarchisten gehöre – wenn auch +nicht zu ihren tätigen Parteigängern, so doch zu +denen, die mit ihrem Namen der reaktionären +Bewegung neues Ansehen verschafft hatten. – +Ich selbst kümmere mich ja gar nicht um Politik. +Und die Revolution hat mir in meinem Geschäftsbetrieb +eher geschadet als genützt. Aber +als Berliner gehöre ich gewissermaßen von selbst +zu jenem andern Deutschland, das vorwärts +will, und ohne mir viel Gedanken darüber zu +machen, hätte ich, wenn gefragt, immer nur für +linke Parteien gestimmt. Politische Auseinandersetzungen +aber sind und waren mir immer +unangenehm, und ich bereute schon, in persönlichen +Verkehr mit dem Professor getreten zu +sein und diesen Verkehr durch einen in seinem +Hause verbrachten Abend nun förmlich zu bekräftigen. +Aus einer Sinnesart, die mich so entlegen +anmutete, mußte (so schien es mir) bei +Näherrücken Verstimmung entstehen, während +der Geschäftsverkehr aus unwirksamer Ferne +<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> +sich immer so angenehm glatt abgewickelt +hatte. +</p> + +<p> +Indessen verlief der Abend völlig ruhig, ohne +Störung, ganz ereignislos. Was mich überraschte, +war die Natürlichkeit, die im Hause +Grothius herrschte, – eine Natürlichkeit, die +Widerspruch nicht herausforderte, im Ernstfalle +aber wohl auch nicht vertragen hätte, – eine +gleichsam unscheinbare und doch kräftige Natürlichkeit, +entsprechend etwa der dunklen Tönung, +in der sich die mit Holz getäfelten, sonst bescheidenen +Wohnräume repräsentierten. „Man +muß ja nicht von allem reden“, – schien als +unsichtbarer Leitspruch über Wohnung und einfacher +Mahlzeit zu schweben. Ein Satz, der +mir ebenso einleuchtend erschien, wie er mir +bisher nie eingefallen war. Hatte ich es doch +für selbstverständlich gehalten, mit dem Professor +zuerst gerade von dem zu reden, was uns +meiner Ansicht trennen mußte. Ihm aber genügte +es scheinbar vollauf, wenn ich seinen +Jagdgeschichten zuhörte. In der grauen, mit +Hornknöpfen besetzten Jägerjoppe, die er als +Hausrock trug, die lange Pfeife rauchend, den +<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> +Maßkrug vor sich, – so schloß sich seine im weißen +Laboratoriumskittel etwas bizarr auseinanderfallende +Figur zu dem durchaus glaubwürdigen +Bild irgendeines Gutsinspektors oder +Försters zusammen. +</p> + +<p> +Er sprach gelegentlich auch von seinem Heimatdorf +in den Alpen, von der alten Bauernfamilie, +der er entstammte. München mochte er +nicht. Es war allzusehr von „Ausländern“ +überschwemmt. Nur der Beruf hielt ihn da fest, +die Ferien verbrachte er im Gebirge. – Was er +sagte, erschien mir ganz selbstverständlich. Ein +Mann, der so aussah wie er, mit solch einem +faltenreichen, bärtigen Gesicht, aus dem die +Äuglein wie kleine Enziane hervorzwinkerten, +ein solcher Mann konnte nicht anders reden. Er +sprach laut und entschieden, sagte aber nichts +Aufregendes, nichts Auffallendes. Es hatte +den Anschein, als sei überhaupt in diesen Zimmern +jedes Hervortretenwollen, jede Unterschiedlichkeit +verpönt. Sogar der jüngste Sohn, +der mit am Tisch saß, Privatdozent (drei andere +Söhne waren alle als Offiziere der Reichswehr +auswärts garnisoniert) –, sogar dieser junge +<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> +Mann mit dem glattrasierten, scharfgeschnittenen +Landsknechtgesicht fiel durch nichts auf; es +hatte vielmehr den Anschein, als eifere er danach, +dem Vater möglichst ähnlich zu werden. +Auch er trug einen Jägerrock, rauchte aus langer +Pfeife, sprach laut und langsam von Hunden +und Gemsböcken und, da der Vater mich +freundlich behandelte, ging er noch ein Schrittchen +weiter und forderte mich auf, im Sommer +die Familie in ihrem dörflichen Feriensitz zu +besuchen. +</p> + +<p> +Dora hielt sich durchaus im Hintergrund. +Auch bei diesem zweiten Zusammentreffen sprach +sie nicht viel. Nur ein leises beifälliges Lachen +fiel mir auf, sooft der Vater eine der vielen +scherzhaften Dialektanwendungen oder Witze +verwendete, die ich meist nicht verstand, wie +ich denn überhaupt der fremden Mundart wegen +dem Gespräch trotz seines sehr gemächlichen +Tempos nur mit Anstrengung zu folgen vermochte. +„Man kann doch eigentlich nicht einmal +recht deutsch“, sagte ich mir ärgerlich. „Was +kann man also eigentlich?“ – Übrigens machte +Dorn, obwohl sie sich dem Anschein nach vollständig +<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> +in diese Umgebung einfügte, doch nur +einen etwas gedrückten Eindruck auf mich. +Immer wurde nur von männlichen Vergnügungen +geredet oder vom militärischen Rang der +Söhne, der so viel Geldzuschüsse von daheim +erforderte. Auf Dora nahm das Gespräch keine +Rücksicht. Was mochte für sie hier übrigbleiben? +Die Arbeit wohl, – die Vesorgung des ganzen +Hauswesens, da die Mutter nicht mehr lebte. – +Die kleine weiße Latzschürze stand ihr ausgezeichnet: +dennoch dachte ich mehr als einmal +daran, daß es doch eine seltsame Welt sei, in +der schlanke, weiße, feingegliederte Frauen derartig +ungeschlachten Männern gleichsam als +Kriegsbeute anheimfallen und dies obendrein +noch ganz in der Ordnung finden. Der Gedanke +verfolgte mich, wiewohl er offenbar keinen rechten +Sinn hatte. +</p> + +<p> +Hauptsächlich um Dora eine Freude zu +machen, bat ich die Familie, mich am nächsten +Abend für ihre Gastfreundschaft revanchieren zu +dürfen. Ich würde eine Loge ins Theater nehmen, +dann könnten wir in der Reginabar speisen. Man +nahm an. Bald darauf verabschiedete ich mich. +</p> + +<p> +<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> +Nach anstrengenden Geschäftskonferenzen gelangte +ich am nächsten Abend ins Theater. Die +Logennummer hatte ich schon am Mittag der +Familie Grothius durch einen Boten bekanntgegeben. +</p> + +<p> +Zu meinem Erstaunen war nur Dora da. Sie +stand im Couloir vor der Loge, wartete offenbar +auf mich. +</p> + +<p> +„Sie haben wohl unsere Absage nicht bekommen?“ +empfing sie mich. +</p> + +<p> +„Nein.“ +</p> + +<p> +„Wir haben ins Hotel geschickt.“ +</p> + +<p> +„Ich war seit Mittag nicht zu Hause.“ +</p> + +<p> +„Mein Vater ist nämlich erkrankt –“ +</p> + +<p> +„Ach, das tut mir leid.“ +</p> + +<p> +„– so heißt es in der Absage. Aber Sie +brauchen nicht besorgt zu sein. Die Krankheit ist +ganz ungefährlich.“ +</p> + +<p> +„Wirklich?“ +</p> + +<p> +„Und nehmen Sie mich nun trotzdem in Ihre +Loge mit?“ +</p> + +<p> +Ihre Augen strahlten zauberhaft lustig. Es +war ein ganz anderes Gesicht, und doch, so +schien es mir, hatte ich auch gestern schon hinter +<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> +ihren geschlossen ernsten Zügen diesen Übermut, +diese Feuerblicke aus den Augenwinkeln +hervor geahnt. Sie trug auch eine andere Frisur: +kurzgeschnittenes Haar fiel blondbuschig +von den Schläfen in die Wangen, das übrige +war in einen großen Knoten geschlungen. Die +modischen kurzen Locken waren gestern wohl +unter glatten Flechten verborgen gelegen. Und +wie sie sich bewegte, wie gelenkig und schnell im +Vergleich zu ihrer gestrigen stillen Getragenheit. +Ganz eilig trat sie mit mir in die Loge +ein, setzte sich an die Brüstung. „Wie konnte +Ihnen nur einfallen, uns Karten zu solch einem +Stück anzubieten?“ +</p> + +<p> +Ich unterdrückte das beschämende Geständnis, +daß ich noch jetzt nicht wisse, was denn +eigentlich gespielt werde. +</p> + +<p> +„Zu einem Revolutionsstück“, fuhr sie fort. +„Von Sternheim. Bei der Premiere war doch +ein richtiger Theaterskandal, wie bei allen modernen +Stücken, die man jetzt in München +spielt.“ +</p> + +<p> +„Das habe ich nicht gewußt. Sie müssen entschuldigen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> +„Nun aber wissen Sie, warum wir nicht kommen +konnten.“ +</p> + +<p> +Ich sah ihr ins Gesicht. Es verriet keine Spur +von Ironie. „Sie sind ja aber doch gekommen“, +wollte ich eben sagen, – da ging der Vorhang +auf. Ich merkte, daß sie sich sofort mit ganzem +Interesse der Bühne zuwandte und machte daher +keine weitere Bemerkung. – Doch konnte +ich keinen Augenblick lang dem Stück folgen. +Mit dem schönen Mädchen allein zu sein, verwirrte +mich allzusehr. +</p> + +<p> +Endlich Pause. +</p> + +<p> +„Sie fühlen sich wohl sehr einsam in Ihrer +Familie?“ +</p> + +<p> +Und nun das Unbegreifliche, die erste Offenbarung +des Tatbestands, der so entscheidende +Gewalt über mein Leben und Schicksal gewonnen +hat: – Dora verstand zuerst gar nicht, was +ich meinte. Ihre tiefe Überraschung bei meiner +Frage war es, was mich geradezu elementar ergriff. +Einsam in der Familie, – nein, der Gedanke +war ihr offenbar noch nie aufgetaucht. +Nun ja, sie war ins Theater gekommen, weil +Theater ihre einzige große Leidenschaft war. Was +<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> +denn weiter! Daß darin zumindest eine Eigenmächtigkeit, +eine Art Protest gegen die strenge +Zucht zu Hause, vielleicht sogar mehr: eine gewisse +Treulosigkeit gegen den Vater lag, – das +kam ihr überhaupt nicht zu Bewußtsein. Und +meine Sache konnte es natürlich an diesem +Abend nicht sein, sie auf solche Ideen zu bringen. +– Aber daß sie selbst den Widerspruch +nicht merkte, daß sie mir ganz vergnügt erzählte, +zu Hause glaube man sie bei einer Freundin zu +Besuch, nebenher aber wieder auf „Ausländer +und Juden“ schimpfte, „die die besten Plätze besetzt +hätten“ (und so waren alle ihre Beobachtungen +von dem abhängig, was sie zu Hause +gehört haben mochte), – das hatte etwas tief +Beunruhigendes, Unverständliches für mich. +Und das Merkwürdigste dabei: nicht daß sie +selbst ganz ehrlicherweise die Widersprüche nicht +merkte, in denen sie sich bewegte, – nein, daß +auch ich, wenn ich näher hinsah, sie nicht mehr +oder nicht mehr immer auffinden konnte. So +sehr ergriff einen die Selbstverständlichkeit, die +von Dora ausging. Es gab Momente, in denen +auch für mich alles in eins zusammenfloß. So +<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> +etwa dachte ich: gut, sie will zur Bühne (das +gestand sie mir mit beinahe kindlicher Übereiltheit +sofort ein), die ist ihre größte, ihre einzige +Sehnsucht, und offenbar paßt ein solcher Wunsch +sehr wenig in den traditionellen Stil der Familie +Grothius. Aber Dora weiß das nicht. Oder +kümmert sich nicht darum. Jedenfalls gelingt es +ihr, sozusagen in einem Atem, von ihrem Bruder-Major +wie von geheimen Dilettantenaufführungen +zu schwärmen, an denen sie teilnahm. +Wie das vereinbaren? – Dann aber, wenn ich +nur für einen Augenblick diesen sichtenden +Standpunkt aufgab und mich in Doras schöne +Hand oder den feinen Nacken „verschaute“, +dann verstand ich eigentlich wieder nicht, was +da unvereinbar sein solle. Konnte es denn nicht +strenge, zuchtvolle Schauspielkünstlerinnen geben? +Ich kannte zwar das Leben hinter den Kulissen +genau – leider –, aber warum nicht an +die Möglichkeit von Ausnahmen glauben! – +So riß mich von Anfang an die Annäherung an +Doras Gefühlswelt hin und her. Ihre Erscheinung +war unklar, schwankte –, aber da ich sie +selbst mit solcher Einfachheit und Leichtigkeit +<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> +leben und fortschreiten sah, in einer überirdischen +Leichtigkeit der Existenz, die mir das Bewundernswürdigste +an ihr schien, fiel alles Unsichere, +das ich ihr gegenüber empfand, auf mich +selbst zurück. Ich war befangen, mußte ihre Art +als etwas, was über mein Begriffsvermögen +hinausging, verehren; zumindest anerkennen, +daß es jenseits meines Verständnisses durch +kräftige Lebensäußerung hinreichend und in +aller Selbstverständlichkeit gestützt sei. Das ist +es, weshalb ich den Lebensabschnitt, der an jenem +Theaterabend begann, in meiner Seele so +oft „Leben mit einer Göttin“ genannt habe. +Unverständlich und großartig ist mir Dora +immer geblieben, mochte ich ihr noch so nahe gekommen +sein. So wurde sie mir zur Göttin, – +freilich nicht nur aus diesem einen Grund. +</p> + +<p> +Bei lebhaftem Gespräch in den Zwischenakten +gelangten wir noch so weit, daß ich ihr meine +Hilfe zur Erreichung ihres Ziels anbieten +konnte. – Dann fuhren wir in die Reginabar. +Das Souper war ja schon bestellt. Kein Grund +lag vor, es verfallen zu lassen. Im Dunkel des +Wagens küßte ich sie zum erstenmal, und sie +<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> +erwiderte die Küsse mit einer Leichtigkeit, für +die ich ihr dankbar war. Eine glückliche Zeit sah +ich vor mir aufblühen. Enttäuscht von all den +Liebschaften, die ich dem Brauch meiner Kreise +entsprechend mit allerlei Berliner Film- und +Operettendamen gehabt hatte, sehnte ich mich +seit je nach einer starken, von den Gewürzen der +üblichen Koketterie verschonten Liebe. Dora war +rein von Berechnungen und Unechtheiten, das +fühlte ich sofort. Wie herrlich schien es mir, daß +sie sozusagen keine Geschichten machte, daß sie +in aller Einfachheit ihrer Jugend und ganz +unbedenklich zu erkennen gab, daß ich ihr gefiel +... Die Folgerung aber, die ich daraus zog: +daß keine Schwierigkeiten in diesem Verhältnis +zu überwinden sein würden, erwies sich bald als +der verrückteste Einfall, den ich je gehabt habe. +Ohne Schwierigkeiten das Leben mit einer Göttin +– welch eine geradezu gotteslästerliche +Idee! Schon an jenem Abend zeigte sich das. +</p> + +<p> +Noch ganz berauscht von den Küssen und Anpressungen +der Wagenfahrt saß ich ihr im Restaurant +gegenüber –, im hellerleuchteten Lokal +aber war ihre Miene sofort wieder wohlerzogen +<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> +und fromm geworden. Ich schrieb etwas +auf meine Papierserviette, da ich von der in +meinem Herzen erwachten Liebe über den Tisch +hinweg nicht reden konnte. Sie erwiderte durch +eine Bemerkung auf derselben Serviette. Eine +Übertrumpfung meiner heißen Liebesworte hatte +ich erwartet. Was las ich aber – in steiler, +großer Mädchenschrift: „Achtung und Freundschaft.“ +Mit Ernst, ohne zu lächeln, reichte sie +mir diese Antwort, die mich verblüffte. +</p> + +<p> +Ihre Kühle, die durchaus nicht gespielt schien, +reizte mich auf. Das prinzessinnenhafte Benehmen +beim Essen, beim zierlichen Erfassen +des Trinkglases, der vornehme Anstand, die +gleichmäßige, beherrschte Freundlichkeit ihrer +Worte, – war es nicht ein geradezu unglaubwürdiger +Kontrast zu dem, was eben zwischen +uns vorgefallen war? Wieder solch ein Widerspruch. +Und wieder einer, der bei näherem Hinsehen +dahinzuschmelzen schien. Sehr einfach: +benimmt man sich denn nicht im dunkeln Wagen +natürlicherweise anders als in einem eleganten +Restaurant? Gerade das war ja das +Besondere an Dora: daß der rasche Wechsel +<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> +ihrer Stimmungen nie einen launenhaft willkürlichen +Eindruck machte, sondern wie eine +Naturnotwendigkeit wirkte, vor der man sich +ganz klein erschien. Wenigstens gedanklich wollte +ich aber den innigen Zusammenhang zwischen +uns festhalten, der doch nach der eben erlebten +leidenschaftlichen Szene nicht sofort verflogen +sein konnte. An solche Unbegreiflichkeiten habe +ich mich ja späterhin gewöhnen müssen. Damals +aber war mir der plötzliche Umschwung noch +zu neu; so spornte ich meinen armen Kopf, um +das herauszufinden, womit ich sie fester an mich +binden könnte. Ich sprach von ihrer Zukunft. +In dieser einen Richtung wenigstens hatte ich +mich nicht getäuscht: für sie und ihre Hoffnungen +gab es in der Familie wirklich kein Geld, da +alles nur den Erfolgen der Söhne dienstbar gemacht +wurde. So konnte ich mit dem Vorschlag +herausrücken, ihr die Mittel für ihre Bühnenausbildung +zur Verfügung zu stellen, leihweise +natürlich, bis zum ersten großen Engagement. +An ihrem Talent zweifelte sie nicht, sie hatte +schon mehr als einmal berühmten Lehrern mit +Erfolg vorgesprochen. Doch in München konnte +<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> +sie nicht studieren. Der Vater war durchaus dagegen, +hielt sie als Assistentin im wissenschaftlichen +Hilfsdienst fest, der ihr nur Langeweile +und Qual bereitete. – Ein Einfall! Sie könne +nach Berlin kommen – unter dem Vorwande, +eine Stelle im Laboratorium meiner Fabrik anzunehmen. +„Das wird Ihr Vater erlauben. +Denn die Fabrik zahlt besser als die Universität. +Und wenn Sie erst einmal in Berlin sind, können +Sie tun, wozu Sie Lust haben.“ – Sie +hatte gegen meinen Vorschlag, der mich selbst +mit Seligkeit erfüllte, nichts einzuwenden. Doch +entzückt war sie nicht. Das setzte mich aufs neue +in Erstaunen. Wenn man einem Menschen die +Erfüllung seines Traumes anbietet, den er +eigentlich nur noch ungläubig im Herzen getragen +hat, dann sollte doch eigentlich große Begeisterung +zum Vorschein kommen. Dora aber +sprach plötzlich von anderen Dingen. Ob ich die +Glocken auf der Bühne gehört hätte, ob sie +nicht auch mir wie Totenglocken geklungen hätten +... „Sie sind wahrhaftig Jorinde“, sagte ich +und erzählte ihr von dem Mädchen, das plötzlich +(das Märchen sagt noch gar nicht, worum) +<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> +zu weinen und zu klagen beginnt. „Ja, das tue +ich sehr oft“, erwiderte Dora und sah mir traurig, +tief in die Augen. Da wurde mir wirklich +ganz so bang wie beim Lesen des Märchens, +wenn der Abend beschrieben wird, der hell ins +dunkle Grün des Waldes hereinscheint, während +die Turteltaube auf den alten Maibuchen +gar kläglich singt, die beiden Liebenden aber sich +im Sonnenschein hinsetzen (halb steht die Sonne +noch über dem Berge, und halb ist sie unten) +und in ihrer Bestürzung ihnen zumute ist, als +ob sie sterben sollten. Da merken sie denn auch, +daß sie sich schon zu nahe an das Schloß herangewagt +haben, und todbang können sie sich nicht +rühren, warten verzaubert auf das, was nun +mit ihnen geschehen soll. – „Jorinde“, sagte ich +und nahm ihre Hand. Sie hatte Tränen im +Auge. „Sie sind so gut zu mir“, flüsterte sie, +„und kennen mich doch noch kaum.“ Und nun +ergaben wir uns beide einer süßen, schamhaften +Niedergeschlagenheit, die uns näher zusammenbrachte +als alle die heißen Küsse vorher; so hat +es ja auch später manchmal, gerade wenn wir +sehr traurig waren, solche kurze, innige Minuten +<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> +gegeben, in denen das Fremde und Unverständliche +zwischen uns in nichts zusammenfiel und +Jorinde mir ganz menschlich, ganz so wie ich +selbst erschien. „Eines versprich mir“, sagte sie +dann, als ich sie durch dunkle Gassen heimbegleitete. +„Wenn ich sterbe, mußt du mir ein +weißes Kleid machen lassen, ganz aus schwerem, +weißem Taft, – so viereckig ausgeschnitten wie +das Kleid, das ich heute trage, – und eine +Reihe weißer Rosen unter der Brust.“ Ich +mußte es ihr versprechen, mußte die genaue Beschreibung +wiederholen, auf die sie großen Wert +zu legen schien. Die Sache mit dem Theater +hatte sie ganz vergessen. Immer seltsamere +Dinge waren es, von denen sie sprach. Ob ich +nicht die Hände sähe, die nach ihr griffen, – +aus den Häusern, aus den Haustoren hervor. +Plötzlich begann sie zu laufen, als seien Verfolger +hinter uns her. Ich durfte nichts reden. +Sie hielt mir den Mund zu, jedem Wort von +mir verwehrte sie durch energisches Schütteln +ihres Kopfes schweigend den Weg. Sie lief sehr +schnell und dabei so leicht, daß es aussah, als +schwebten ihre Fußspitzen über dem nachtdunklen +<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> +Pflaster. Ihr Gesicht war von furchtbarer +Angst verzerrt. Mir wurde unheimlich ums +Herz, denn alles, was ich ihr zum Trost begann, +vermehrte nur ihr Entsetzen. So mußte +ich schließlich stumm neben ihr herlaufen, um +sie nur nicht ganz zu verlassen. Während sie mit +ihrem Schlüssel hastig das Haustor aufsperrte, +küßte ich ihre Hand. Sie sah mich nicht mehr +an. „Jorinde, Jorinde“, rief ich, während sie wie +geistesabwesend mit ihrer heißen Hand über +meine Stirn strich und sich dann eilig an mir +vorbei ins geöffnete Tor drängte. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter blank" id="part-4" title="4"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Frühling, der diesem Herbst folgte, war +dann die glücklichste Zeit meines Lebens. +</p> + +<p> +Nicht unheimlich wirkte Jorinde auf mich. +Nein, das war durchaus nicht der Grundzug +ihres Wesens. Es ist nur ein Zufall, vielmehr +eine Ungeschicklichkeit von mir, daß ich gerade +diese eine unheimliche Szene so ausführlich geschildert +habe. – Solche Szenen wiederholten +sich zwar auch später noch zuweilen. Mehr als +einmal schrie Jorinde aus dem Schlaf auf, ich +mußte sie dann wecken, mußte anhören, daß +ihr die heilige Mutter Gottes erschienen sei, +zu der sie als strenge Katholikin oft betete, +und daß Strafe und Unglück aus dem verehrten +Mund der Immergnädigen auf sie niedergeregnet +wären. – Einmal gar, auf einer unserer +kleinen Reisen, als die gänzlich überflüssige +bayrische Kriminalpolizei zum Morgenbesuch in +unserem Zimmer erschien und das arme Mädchen +<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> +durch die Frage: „Sind Sie die Frau?“ +erschreckte, – sah sie nachher bei hellem Tageslicht +ihre eigene Mutter hinter dem Fenstervorhang +stehen und wie aus dem Grabe hervor +drohend den vom Totenhemd umwehten Arm +erheben. +</p> + +<p> +Doch solche Märchen- und Legenden-Schrecknisse +wirkten nie lange nach, versanken zum +Glück ebenso unvermittelt, wie sie gekommen +waren, und überließen uns schnell unserem holderen +Schicksal, einer Liebesseligkeit, wie ich +sie eigentlich nie für möglich gehalten habe. +</p> + +<p> +In Berlin wurde Jorinde bald ganz mein. +Eine Zeitlang widerstrebte sie natürlich, doch +es war kein bösartiges Sichsträuben, es gehörte +nur gleichsam mit zum Laufe der Dinge und +ging vorbei wie ein leichter Frühlingsregen. +Nach kurzem Kampf war sie dann ebenso hingebungsvoll +glücklich wie ich. Ja, ein kindlicher +Frohsinn, der sie in jenen Tagen ihrer Weibwerdung +ergriff, hob sie über mich hinaus. +Und wie er sie verschönte! Die bläulichen Schatten +um die Augen, die Schalkhaftigkeit der +Mundwinkel und hübsche Röte auf den sonst +<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> +so blassen Wangen, – es war eine berückende +Mischung von Wehmut und gesunder Lebensfreude. +</p> + +<p> +Und mit welcher Kraft ergriff sie gleichzeitig +das neue, tätige Leben. Eifrig nahm sie dramatischen +und Sprechunterricht, studierte bei Held, +und es gehörte gewissermaßen mit zu dem +Glück, mit dem mir damals alles gelang, daß +sie wirklich ein außerordentliches Talent bewies +und schnelle Fortschritte machte. Alle Lehrer +bewunderten die Reife ihrer Auffassung, die +trotz ihrer kaum zwanzig Jahre von tiefster +Instinktsicherheit zeugte und nur der technischen +Schule, niemals irgendwelcher prinzipieller Anweisungen +bedurfte. +</p> + +<p> +So kam der Plan, den ich in der Münchener +Reginabar nur in die Luft skizziert hatte, ohne +an ihn zu glauben, mit voller Ausführlichkeit zu +wirklichem Leben. Alles traf ein, was ich mir in +jener hellsichtigen Stunde vorgenommen hatte, +– wie es überhaupt im Wesen unserer Beziehung +zu liegen schien, daß alles Äußere, +alles Umrißhafte immer tadellos „klappte“, – +so zum Beispiel haben wir (um eine Kleinigkeit +<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> +zu nennen), bei Verabredungen einander fast +nie verfehlt, selbst bei komplizierten Reiseverabredungen +nicht, zu denen wir von verschiedenen +Städten aus zu bestimmter Stunde an +einem bestimmten Bahnhof erscheinen mußten. +Das alles ging immer exakt und so leicht, – +ich selbst hatte zwar manchmal einige Angst, daß +Jorinde nicht kommen würde, denn sie war keine +Freundin von unterstrichenen Zusagen, warf +nur wie von ungefähr ein „Ja“ hin und mochte +dann über dieselbe Sache nicht zweimal reden, +– aber später legte ich diese Art von Bangigkeit +ab, da ich merkte, daß derartige Dinge äußerer +Natur sozusagen ausnahmslos gut abliefen, +daß seltsamerweise sogar dann, wenn ein Mißverständnis +vorkam, die drohende Störung durch +ein anderes, in entgegengesetzter Richtung wirkendes +Mißverständnis gutgemacht zu werden +pflegte. Übrigens diente diese Leichtigkeit +des äußeren Rahmens, diese Leichtigkeit, die +mir wie eine zarte Ausstrahlung von Jorindes +Wesen erschien, gleichsam nur dazu, um das im +Kern Unentwirrbare und Problematische unserer +Liebe um so deutlicher hervortreten zu lassen. – +<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> +Und dennoch: auch heute kann ich es nicht als +Fehler ansehen, daß ich damals mein ganzes +Herz diesem zauberhaften Geschöpf zugewendet, +daß ich förmlich alles auf die eine Karte +gesetzt habe. Das Glück, das sich mir anbot, war +zu groß, als daß ich es nicht mit ganzer Kraft +der Seele hätte ergreifen müssen. Käme ich heute +noch einmal in dieselbe Lage: ich würde keinen +Augenblick zögern, mich genau ebenso zu entscheiden, +würde noch einmal alle Tiefen und +Höhen des Gefühls in eine, eine einzige Richtung +werfen, dem leuchtenden Stern entgegen, +dessen blauer Blick mit so schmeichlerischem Segen +und Wohlgefühl und Gelingen mich angelockt hat. +</p> + +<p> +Ja, in dieser guten ersten Zeit gelang alles, +und es ging ganz merklich aufwärts mit mir. +Kräfte wuchsen mir zu, und es setzte mich nicht in +Erstaunen, daß auch in meinem Beruf Erfolg +auf Erfolg eintraf. Bald konnte ich die Fabrik +nicht unbeträchtlich vergrößern, überseeische Verbindungen +neu anknüpfen. Auch meine wissenschaftlichen +Forschungen nahm ich wieder auf. +</p> + +<p> +Diese Forschungen, – nun, sie haben schließlich +doch zu keinem Ergebnis geführt, und so +<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> +wäre es lächerlich, mich hier über sie auszulassen. +Nur so viel sei gesagt, daß mir eine bessere +Ausnützung der in den Lebensmitteln enthaltenen +Energien vorschwebte. Verbilligung +des Genusses, allgemein ausgiebigere Volksernährung +und Volksgesundung wären die +Folgen gewesen. – Es ist nichts, gar nichts +daraus geworden. Die wahnsinnige Inanspruchnahme +durch kommerzielle Sorgen für meine +Fabrik hat mir niemals recht Zeit dazu gelassen, +meinen Ideen und Anfangsversuchen nachzugehen. +Trotzdem glaube ich (soweit man in solchen +Dingen über sich selbst Klarheit haben +kann), daß ich für die Fabrik nur gearbeitet +habe, um Geldmittel zur Wiederholung meiner +Experimente im allergrößten Umfang zu erlangen. +Daneben war ich ja freilich fanatischer Geschäftsmann, +von meinem Vater zu nichts anderem +als kaufmännischen Interessen erzogen. +Und jahrelang hatte ich mich mit einer Art von +Verbohrtheit (von einer gewissen Vorliebe für +Musik und besonders häusliche Kammermusikaufführungen +abgesehen) ausschließlich nur im +Kreis des von ihm gegründeten Familienunternehmens +<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> +bewegt. Ich wäre geradezu menschenscheu +geworden, wenn nicht ein gewisser Verkehr +mit Geschäftsfreunden notwendig gewesen +und durch diesen Verkehr der Weg in die Garderobe +galanter Theaterschönheiten nahegebracht +worden wäre. Meine Liebesabenteuer aber, +die ich regelmäßig viel zu ernst nahm, hatte ich +damals nur als Störung in dem forschen, nervenerregenden +Großbetrieb der Fabrik empfunden, +diese wieder als Störung meiner wissenschaftlichen +Bestrebungen – und zuzeiten +auch wieder umgekehrt. Erst durch Jorinde war +in das ganze Chaos mit einemmal Ordnung +eingezogen. Sie, sie war der Mittelpunkt, – +ihr, die ich schon im Glanz des ihr sicheren +Künstlerruhms sah, wollte ich mich durch große +Entdeckertat an die Seite stellen, – die Fabrik +sollte als sichere finanzielle Grundlage für +meine wie auch ihre Bestrebungen ausgebaut +werden. Nun stand plötzlich alles in dem richtigen +Unter- und Überordnungsverhältnis ein +für allemal fest, die Liebe als Beherrscherin inmitten +meines ganzen Seins. Von diesem +Zeitpunkt glaubte ich eigentlich erst mein wahres +<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> +Leben zu beginnen, – vorher hatte es nur ein +mechanisches Herumtappen gegeben. Erst die +Liebe zu Jorinde machte mich gleichsam darauf +aufmerksam, daß das Leben etwas ist, was einen +tiefen Wert haben kann. Ich lebte nur um dieser +Liebe willen. Um der Liebe willen wurde +mir natürlich auch noch vieles andere wichtig. +Aber nur um der Liebe willen. Liebe ist der Atlas, +der den Menschen und alle seine Lebensäußerungen +tragen muß, sollen sie nicht zur +Lüge werden und sich gegen ihn und sein Aufblühen +kehren. – Ich brauche nur die sinnlose, +zerfahrene Art, in der ich vor Jorindes Erscheinen +arbeitete, mit meinen methodischen, +freudigen, innerlich als notwendig empfundenen, +ehrlichen und deshalb wohl auch erfolgreichen +Unternehmungen nachher zu vergleichen, +– um die Wahrheit dieses Satzes (für mich +wenigstens) einzusehen. Diese ganze Wandlung +und das Glück, das damals alle meine Vorsätze +und Wünsche begünstigte, schien mir übrigens +durchaus nicht so besonders verwunderlich. Es +muß doch irgendwie auch im Erfolg zum Ausdruck +kommen, wenn man mit einer Göttin lebt. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter blank" id="part-5" title="5"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">ie</span> selig machte mich Jorindes Liebe; aber ihr +oft überschwenglich geäußerter Dank beschämte +mich. Selbstverständlich tat ich alles für sie, wonach +sie nur den leisesten Wunsch äußerte, – +während von ihrem Vater niemals ein Zuschuß +eintraf, vielmehr verlangt wurde, daß sie die +Kosten ihres Berliner Aufenthalts mit ihrem +Gehalt aus dem angeblichen Posten in meiner +Fabrik bestreite. Aber hätte ich nicht gern noch +viel mehr für sie getan! Sie war ja so bescheiden +in ihren Ansprüchen, – und obendrein auch +noch Dank? Nebstdem: alle Dienste, die ich ihr +erweisen konnte, verwandelten sich gleich auf der +Stelle in ebenso viele Glücksfälle für mich. So +war es nun einmal, weder sie noch ich wären +imstande gewesen, etwas dazu oder hinweg zu +tun. Von meiner Freude über ihre gut fortschreitenden +dramatischen Studien war schon +die Rede. Aber bis in unwichtige, halbspielerische +<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> +Kleinigkeiten reichte diese seltsame Verkettung +von Dienst und sofortigem Lohn. (Wer +kann übrigens von Angelegenheiten der Liebe +sagen, daß diese wichtig, jene unwichtig sei.) +Ging ich etwa mit ihr ins Theater, – welch ein +Genuß für sie; aber für mich doch nicht minder, +ihre jugendliche Begeisterung einzuatmen oder +dies eine nur: – ihre Gegenwart zu fühlen! +Und welch ein Glück, an ihrer Seite die großen +Modeateliers zu besuchen, unermüdlich Modellkleider +anzusehen. Es ist seltsam: man kann +derartiges nicht sagen, ohne daß sich ein frivoler +Nebenton einmischte. Und doch erlebt man +es in aller Innigkeit und Herzenseinfalt, ganz +ohne diesen Nebenton, und gerade das ist ja +das Schöne dabei. Wäre ich Schriftsteller, ich +würde über der Beschreibung einer solchen +Episode verrückt werden. Aber vielleicht haben +gerade nur die Schriftsteller durch ihr ewiges +Herabsetzen aller Gefühle, die man in der Stadt +erlebt, durch ihre an sich berechtigte, aber zu +absichtlicher Kontrastwirkung mißbrauchte Lobpreisung +ländlichen Glückes es verschuldet, daß +man diese Dinge in ihrer lauteren Süße zwar +<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> +empfinden, aber nicht ausdrücken kann. Wie +dem auch sei: Reinheit und unendliche Liebeserfülltheit +brausten in mir bei diesen Besorgungsgängen +durch Warenhäuser und das +nüchterne Ankleidekabinett war mir kein unpassenderer +Hintergrund für meiner Seele Entzücken +als etwa einem jungverliebten Bauernpaar +abends der Lindenbaum vor dem Dorf. +Ja, nicht anders war mir zumute, wenn ich – +als rechtmäßiger Gatte – ins Probierzimmerchen +mitgenommen wurde, unter Vorantritt +einer ältlichen, geschäftsmäßig lächelnden, sehr +höflichen Verkäuferin, – wenn ich nun in einem +Sessel zur Seite Platz nahm und, während +Dora ihr Kleid abtat, ihre weißen, ganz zarten, +wie für Vogelflug gebauten Schultern und das +kleine, kaum sichtbare blonde Nest unter ihnen +bewunderte, – die tiefe, geschmeidige Teilungslinie +oben in der Mitte des Rückenanfangs +–, und nun konnte ich oder mußte vielmehr +recht gleichgültig tun – in einer Situation, +die ich sonst nur in Zittern und Herzklopfen +erlebe, – mußte mich soweit beherrschen +(und es ging ja ganz leicht), nur hie und da +<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> +eine sachkundige Bemerkung zu machen, nur +hie und da, scheinbar ganz nachlässig und zufällig, +in die Spiegel zu schauen, die im äußerst +vorteilhaft aufgefangenen Tageslicht dieses sonst +ganz schmucklosen Raumes meine Geliebte mit +jedem neuen Kleid, das sie an- und ablegte, in +immer neuer Schönheit, ja wie das Urbild +alles Lächelns, aller Grazie auf Erden erstehen +ließen. – Ich glaube: in einer einzigen solchen +Stunde offenbarte sich mir von Kräften und +Stolz der Schöpfungspracht mehr als in meinem +ganzen Leben zuvor. Und es berührte mich +seltsam, daß mir Jorinde nachher für ein einfaches +Kostüm oder ein Sommerkleid dankte, +das wir mitnahmen. Aber solches unauffälliges +Hinweggleiten über den wahren Tatbestand gehörte +vermutlich mit zum Wesen ihrer Göttlichkeit. +</p> + +<p> +Dieses unauffällige, in sich verborgene Wesen, +– in aller Stille hat es auf mich gewirkt, +mich belehrt, in manchem vielleicht auch umgewandelt, +soweit eben bei so entgegengesetzter +Anlage ein Wandel überhaupt noch möglich ist. +Von Anfang an war ihm ja meine großstädtische +<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> +Hast, meine Nervosität, mein ewiges Drängen +und Nachdrückenwollen durchaus entgegengesetzt. +– Das zeigte sich sozusagen bei jedem +Schritt. Fuhr ich mit Jorinde in der Elektrischen, +so konnte ich sicher sein, daß ich schon +einige Minuten vor der Haltestelle aufsprang, +um mich zwecklos und geradezu krankhaft im +Wagen zwischen den Menschen hin und her zu +drehen. Jorinde dagegen blieb geduldig und +mit einem gewissen Behagen auf ihrem Platz, +stand erst dann auf, wenn es nötig wurde, um +ruhig und ohne jemand zu stören auszusteigen. +Wir sprachen nie über diese Beobachtung. Ich +aber weiß seither, daß man die Menschen in +zwei Gruppen einteilen kann, und daß in dieser +Unterscheidung mehr Weisheit liegt als in so +manchen gründlichen Charakteristiken. Es gibt +Menschen, die in der Elektrischen bis zur Haltestelle +sitzenbleiben und solche, die viel zu bald +vorher aufstehen. +</p> + +<p> +Von Jorinde habe ich gelernt, nicht immer +und allem zuvorkommen, nicht immer nachhelfen +zu wollen. Es kam etwa so: wenn wir +stritten und ich ihr nachher gut zuredete, +<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> +auch wohl manchmal mich entschuldigen wollte, +so hörte sie immer nur in stummem Zorne zu +oder wandte sich ganz ab. Einige Stunden oder +den ganzen Tag nachher kam kein Wort von +ihren Lippen. Mochte ich mich anstellen, wie ich +wollte: es half nichts. Am Tag darauf aber +sprach sie schon mit mir, sprach von gleichgültigen +Dingen, wich auch dem eigentlichen Streitgegenstand +nicht aus und redete recht vernünftig +von ihm, gar nicht mehr gereizt. Auch gab sie +öfters zu, unrecht gehabt zu haben, ohne dies +aber für eine besonders wichtige Eröffnung zu +halten. In den folgenden Tagen nahmen dann +ihre Worte immer mehr den zärtlichen, weichen +Klang an, der mir unentbehrlich war, und nach +Ablauf seiner gewissen, bald längeren, bald kürzeren +Zeit war das gute, alte Einvernehmen +vollständig wiederhergestellt, – obwohl es am +Anfang immer so aussah, als sei der Bruch +ein endgültiger. Auch war sie dann imstande, +sich ganz und gar vor mir zu demütigen, mir +abzubitten oder durch ganz besonders liebevolle +Einfälle ihre Hingabe auszudrücken, so daß +nicht selten ein Glücksrausch, eine Steigerung, +<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> +die ich gar nicht mehr für denkbar gehalten, das +Ende solcher Zerwürfnisse war. Dieses glückliche +Ende aber irgendwie zu beschleunigen, die qualvolle +Wartefrist abzukürzen, – das lag gänzlich +außerhalb aller Möglichkeiten, mochte sich +dieser Vorgang noch so oft abgespielt haben und +sein Verlauf immer genau derselbe sein. Spät +erst erkannte ich das und lernte, daß es keinen +Zweck habe, auf ein Geschehen drücken zu wollen, +das seinen naturgesetzlichen Gang nehmen +muß. Wie ein Gewitter losbricht und in der +Zeit seines Wütens als etwas Ewiges am +schwarzen Himmel steht, durch keine Macht der +Welt wegzubringen, wie es aber dann doch vorbeizieht +und erfrischte, klare Luft nachher den +vollen Sonnenschein herausbringt, als sei gar +nichts geschehen, – so schwangen bei einem +gesunden Menschen wie Jorinde Gemütserregungen +allmählich aus, von Argumenten +freilich unbeeinflußbar, desto zugänglicher aber +dem ruhigen Walten der großen Natur, die +ganz von selbst auf Störungen neuen Frieden +folgen läßt. Dies lernte ich. Lernte: abwarten. +Lernte: nicht gleich trostlos werden, nicht gleich +<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> +den Kopf verlieren, wenn Jorinde mir fern und +unverständlich war. Lernte überhaupt: ein gewisses +Zutrauen zur Natur. Lernte gleich auch +eine ganze Fülle von Nutzanwendungen dazu. +</p> + +<p> +Wenn zum Beispiel eine Frau etwas Allgemeines +oder auf die Zukunft Bezügliches sagt, +so gilt es doch nur für den Augenblick. „In +Pärken küßt man nicht“, sagte Jorinde einmal +ganz streng. Aber es war gar nicht so gemeint, +es bedeutete nur: „Heute und hier habe ich zufällig +keine Lust, mich von dir küssen zu lassen.“ +Man muß die Ausdrucksweise der Frauen richtig +verstehen. Frauen reden ja nur scheinbar +dieselbe Sprache wie wir, dieselben Worte bedeuten +bei ihnen oft ganz anderes als im Redegebrauch +der Männer. Als wir damals auf der +Reise den kleinen Konflikt mit der Kriminalpolizei +hatten (schon ihr Name eine Taktlosigkeit), +geriet Jorinde in begreifliche Aufregung +und rief: „Nie mehr, nie mehr reise ich mit +dir zusammen wie Mann und Frau.“ Es wäre +ganz verfehlt von mir gewesen, daraufhin traurig +zu werden, an der Fortdauer ihrer Liebe zu +zweifeln und so fort. Was sie gesagt hatte, bedeutete +<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> +ja, in meine Sprache übersetzt, nichts +als: „Es ist mir augenblicklich etwas sehr Peinliches +zugestoßen.“ Über die Gegenwart sagte +es etwas aus, gar nichts für die Zukunft ... +Ach, mein Gott, wie hübsch läßt sich das alles +niederschreiben und dozieren. Nur vergesse ich +dabei, daß mein Unglück wahrscheinlich doch nur +darauf beruht, daß ich schließlich kein mehr als +durchschnittlicher Schüler gewesen und Jorindes +Kurs zu bald entlaufen bin. +</p> + +<p> +Denn dieser Kurs war manchmal sehr schwer. +– Ja, es scheint mir zuweilen, als hätte ich +nur einige Äußerlichkeiten ihres göttlich stillschweigenden +Unterrichts erfaßt, – die Hauptlehren +aber seien mir unzugänglich geblieben. +Unzugänglich, rätselhaft und so gefährlich, daß +ich schließlich an Unkenntnis ihres geheimen +Kerns untergehen mußte. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter blank" id="part-6" title="6"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ies</span> habe ich übrigens von Anfang an +dunkel geahnt. +</p> + +<p> +Manchmal stellte mich nämlich Jorinde auf +die Probe. Wortlos natürlich. Aber anderes als +eine Probe kann das, was dann zwischen uns +vorfiel, nicht gewesen sein. Anders kann ich es +nicht auffassen. Nun aber ist es so, daß ich niemals +solch eine Probe bestanden habe. Obwohl +ich nachher zugeben mußte, daß sie eigentlich +nicht so besonders schwer zu bestehen gewesen +wäre, wenn – ja, wenn ich mich nur ein wenig +mehr in der Hand gehabt hätte. Aber ich +zitterte ja um Jorinde und habe das nie verbergen +können. Nun, ich zitterte eben wie einer, +der alles auf eine Karte gesetzt hat. So unbegreiflich +ist das ja nicht. Sah nun etwa Jorinde, +bei einem Ausflug, unbekannte Herren +am Nachbartisch etwas länger als üblich an, so +geriet ich schon in Eifersucht. Ihrer Ansicht +<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> +nach aber war Liebe mit Vertrauen gleichbedeutend. +Vertrauen sollte ich haben. War sie denn +nicht mein, – so sagte sie später, wenn die +Krise vorbei war, – mein für immer! Während +des Ausflugs aber sagte sie so etwas Herzliches +nicht, was meine Aufregung sofort besänftigt +hätte, nein, es schien ihr Freude zu machen, +meine Eifersucht zu reizen, mir immer neue +Wahrscheinlichkeiten für sie zu geben, etwa +daß sie den oder jenen Herrn schon von früher +her kenne und dergleichen. Es war ganz absurd. +Ich wußte auch schon, daß sie mich nachher auslachen +würde. Aber in meinem Wahnsinn ging +ich blindlings auf die dümmsten Andeutungen +ein. Zuerst nur scherzend, gleichsam, um ein +Gesprächsthema, eine Abwechslung zu haben. +O wie rächte sich aber dann dieses kleine +Amüsement, das zuerst nur als Neckerei gedacht +war, dieses „Mit-dem-Feuer-Spielen“. Unvermittelt, +ich wußte selbst nicht wie, geriet ich in +heißesten Ernst. Die ganze Sache bekam eine +Kulisse von Möglichkeit, die ich (der Teufel +mag raten, aus welchem Magazin) in immer +neuen Farben aufzuführen verstand. Manches +<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> +lag daran, daß Jorinde eine Art hatte, mich ablenken +zu wollen, die mich erst recht in Hitze +brachte. So etwa, wenn sie sagte: „Ich weiß +gar nicht, wie du mir so etwas zumuten kannst. +Kennst du mich denn nicht? Weißt du denn +nicht,“ dies flüsterte sie nur, „wie wenig sinnlich +ich bin. Bei mir ist doch wirklich keine Gefahr +...“ Mit einem gewissen bescheidenen +Stolz pflegte sie darauf zu bestehen, daß sie so +etwas wie eine Heldin von abnormer Kälte sei. +Sehr selten, nur in Momenten größter Vertraulichkeit +sprach sie davon – und gewiß war +es stets ein Zeichen ehrlichen Versöhnungsversuchs, +wenn sie von selbst auf dieses ihr peinliche +Thema zu reden kam. Sprach sie aber +schon davon, dann immer in diesem Sinne. Und +das Merkwürdige, Aufreizende: daß unsere +Nächte sie Lügen straften. „Für mich brauchte +das gar nicht zu existieren, das Materielle“ – +(dies der Ausdruck, den sie erfunden hatte). +Ich aber hatte es ganz unzweifelhaft anders erlebt. +Daran durfte ich sie natürlich nicht erinnern. +War sie doch ohnehin bei der geringsten +Anspielung auf unkeusche Dinge beleidigt. Aber +<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> +in gewissen Stunden, das war ja eben das ungeheuerste +Glück, brach durch all ihre Schamhaftigkeit +der Urtrieb durch, und sie konnte aufpeitschende +Worte stammeln oder auch bloß +Laute ausstoßen, deren bloßer Erinnerungsklang +mir noch heute alles Blut zu Kopfe treibt. +War der richtige Augenblick gekommen, so verwandelte +sie sich in ein Hexenwesen. Heidnische +Freude durchglühte ihre weiße Brust, wie Stahl +hielt der schmale zarte Leib meinen wildesten +Umarmungen stand, immer neuen Ansturm herausfordernd. +Und ein paar Stunden später auf +der Gasse: der kalte Blick einer Nonne, die +aufrecht stolze Haltung einer Hofdame. Eine +etwas zu tief ausgeschnittene Bluse einer Vorübergehenden +konnte ihre Verachtung herausfordern. +Ebenso Disziplinlosigkeit am Schalter +der Bahn, – alles, was sich vordrängte oder +nicht von sauberstem Geschmack war. Dabei log +sie weder mit ihrem Nacht- noch mit ihrem +Tagbenehmen. Auf natürlichste Art vollzog sich +der Wechsel – mit geänderter Situation. Nie +wäre ihr klarzumachen gewesen, daß sie sich +widersprach. Sie fühlte das eben nicht als Widerspruch, +<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> +und so war es auch keiner. Ist es +ein Widerspruch, daß das Meer heute stürmt, +morgen klarblau wie ein Flüßchen daliegt? +Es ist das Geheimnis des Meeres, aber darum +doch nur für uns ein Widerspruch. +</p> + +<p> +Man hält im allgemeinen Frauen vom Typus +Carmen für besonders gefährlich. Ungehemmte +Elementarkraft, Wedekinds Lulu ... +Unsittlich, zerstörend, verschwenderisch. Mich +langweilt das grenzenlos ... Die Unterstrichenheit +und Eindeutigkeit der sogenannten dämonischen +Frau hat für mein Gefühl etwas von +der Routine des Gewerbes, das (auch bei Gratisausübung) +selbst die stolzeste dieser Gestalten +verdunkelt. – Wie anders lockt, wie zauberhaft +verführt jene rätselhafte Frau, deren asketisches +Bewußtsein in tiefem Gegensatz zu ihrer +naturheidnischen Sinnlichkeit steht, ohne daß +ihre Tugend von ihrem Trieb, ihre Ausschweifung +von ihren Prinzipien Notiz nähme. Die +als Weib lebt und beglückt, – und seltsam +mischt sich in ihre Kraft die strenge Zucht +einer religiösen Tradition, einer ernsten Familie, +einer angeborenen und anerzogenen Verschlossenheit. +<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> +Da ist es dann wohl unmöglich, +seine fünf Sinne beisammenzuhalten. Mich zumindest +ließ das fremde ferne Lebensgesetz, +das ich in Jorinde ahnte, nie mehr zur Ruhe +kommen. +</p> + +<p> +Und auch auf andere hat es ja nicht anders +gewirkt. Jorinde brauchte nur von den Dilettantenaufführungen +in München zu reden, an +denen sie mitgewirkt hatte, und ich sah leibhaftig +die von ihr angerichteten Verheerungen. +– Wie viele beunruhigte Herzen hatte sie zurückgelassen! +Welch einem Sturm die Stirn geboten! +Fast unglaublich – und doch war es +geschehen –, daß sie mir als erstem mit ihrem +ganzen Leib zugefallen war. Von Küssen allerdings +wußte sie manches zu erzählen. „Was +liegt denn an einem Kuß!“ Oh, aber man konnte +nicht sagen, daß sie je ihren strengen Grundsätzen +untreu geworden war. Immer reserviert, +entschlossen, nie alles zu sagen, im entscheidenden +Augenblick dem Mann turmhoch überlegen: +– ich konnte mir vorstellen, welche Verzweiflung +sie damit entfesselt hatte. Sprach sie +nur von solchen „letzten Szenen“ einer bis +<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> +dahin zufriedenstellenden „anständigen“ Beziehung, +so hatte sie unwillkürlich ein hochmütiges +Gesicht, trotzig, die Nase gerümpft. +Im Namen der Moral verachtete sie völlig aufrichtig +alle Männer mit ihren „materiellen“ +Wünschen. Daß sie bei Spaziergängen mit oder +ohne Kuß, beim Tanz vorher, den sie leidenschaftlich +liebte, diese Wünsche geweckt hatte, +daß sie selbst ganz bedenkenlos einem solchen +Wunsch sich hingegeben hätte, wenn nur der +richtige Mann gekommen wäre (wie sie es dann +auch wirklich getan hat, ohne Koketterie, ohne +Ziererei), das hatte sie ganz einfach nicht im +Kopf, wenn sie von Moral sprach. Und wenn sie +wortlos ihrer Natur folgte, so waren die sauber +geschlichteten Moralsätze in irgendeinem Fach +versperrt, wurden nicht verletzt, weil sie gar nicht +hervorgezogen wurden. An dieser Verbindung +von Keuschheit und Foxtrott rannten sich denn +auch alle die Köpfe wund. – Und ich, der +ich dieses unmögliche Amalgam jeden Augenblick +an ihr merkte, der jeden Augenblick aufs +neue sie nicht verstand (wie sie etwa mit ihren +Berliner Studien den Vater, schlicht gesprochen, +<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> +hinterging – und dabei dennoch in ihren +eigenen Augen, von Momentvisionen abgesehen, +das strengerzogene gute Kind blieb), ich +war diesem Rätsel verfallen mit Seele und +Leib. +</p> + +<p> +Zum erstenmal begriff ich, daß man einer +Frau, die man liebt, niemals sicher ist, auch +dann nicht, wenn man sie tags zuvor restlos besessen +hat –, daß man nachher ebenso durstig +von ihr geht, wie man gekommen ist, – daß +überhaupt kein Grad von Vertraulichkeit denkbar +ist, der einen ganz befriedigen könnte, solange +man eben liebt; – und hat man ihr auch +abends die Haarnadeln aus dem dichten, leise +verwirrten Haar nehmen dürfen, und spürt man +noch in den Fingerspitzen die Wärme ihrer +Kopfhaut, die auch ihre Haare wärmt – vor +dem Schlafengehen im Bett, wenn alles an ihr +sich in Wärme und blonde Süßigkeit aufzulösen +scheint – und bringt man ihr morgens den +Kaffee ans Bett und sieht sie lachen und hört +die Übermütige, die in diesem Augenblick nach +gesundem Schlaf eine Art Tiergöttin ist und +alle möglichen Tierstimmen nachahmt, bellt, +<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> +grunzt, gackert und besonders kunstvoll kräht, – +all das ist doch nichts, ist nur ein leichter +Nebel, der ihre tiefinnere Fremdheit verhüllt, +der bei kleinem Windstoß auseinanderweicht +und den trostlos unendlichen Ozean dort zeigt, +wo man festes Land zu sehen geglaubt. +</p> + +<p> +Und nun kann ich sagen, worin meine eigentliche +Schuld besteht. +</p> + +<p> +Meine Schuld: daß gerade diese Fremdheit +es war, was ich so sehr geliebt habe. +</p> + +<p> +Diese Fremdheit, diese Unsicherheit, diese +Spannung, in der das Herz kaum mehr zu +schlagen vermag, – ich habe eigentlich von +Anfang an gefühlt, daß es Sünde ist, die Seele +an Zustände von solch tödlicher Reizkraft zu +gewöhnen. +</p> + +<p> +Dennoch sage ich nicht, daß es unrichtig war, +so zu leben, wie ich es begonnen habe und +nur leider nicht habe durchführen können. Ich +bin vielmehr überzeugt, daß es die Bestimmung +des Menschen ist, nicht etwa sündenlos zu leben, +sondern <em>mit</em> der Sünde (so wie viele unserer +Organe ohne Bazillen gar nicht funktionieren +könnten). – Mit der Sünde leben: das heißt, +<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> +– so daß man die Sünde neben sich und auch +wohl in sich hat, den mächtigen Wirbel und +Bewegungsstrom benützt, der von ihr ausgeht, +– ohne sie jedoch groß werden zu lassen. <em>Das +ist die Kunst: ohne sie groß werden +zu lassen.</em> Denn die Sünde hat, sobald man +sich mit ihr einläßt, ebenso wie die Bazillen, +die Tendenz, sich maßlos zu vermehren, ins +Ungeheuerliche zu wachsen, und es ist dann +sehr schwer, „Herr über sie“ zu sein, wie die +Bibel es verlangt. Das Sprichwort weiß es +auch. Der Teufel, so sagt es, dem man einen +Finger gereicht hat, will gleich die ganze +Hand. – Aber das darf kein Grund sein, ihm +nicht einmal einen Finger zu reichen. <em>Reiche +den Finger und verweigere die +Hand</em>, – so, nun habe ich gar ein neues +Sprichwort erfunden, wie mir scheint. Dazu +also reicht meine Kraft: Sprichworte zu erfinden. +Nun aber dem Teufel wirklich den Finger zu +reichen und die Hand zu verweigern, – das leuchtet +mir allerdings als höchste Lebensweisheit +ein. Es auszuführen jedoch, dazu gehört wahrscheinlich +doch nur ein ganz anderer Kerl als ich. +</p> + +<p> +<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> +Haben nun aber auch meine Kräfte nicht +ausgereicht, so ist es doch eine große Sache, der +ich mich unterfangen habe. Und darauf bin ich +einigermaßen stolz –, man möge mir in meinem +Unglück diese Eitelkeit verzeihen! – Mit einer +Göttin leben – als Mensch – es ist und +bleibt ein Wagestück. Ein Frevel wohl, auf +solche Art Feuer und Wasser mischen zu wollen, +ein Frevel, den man mit der fast unerträglichen +Ungewißheit im Herzen bezahlt. Wie +wird es gelingen? Wie weit halte ich denn +eigentlich? Ist es überhaupt auch nur möglich, +daß es gelingt? – Aber sieht man noch etwas +näher zu, so entdeckt man, daß man in ebenderselben +Unsicherheit eigentlich allem in der Welt +gegenübersteht, und daß die Aufgabe schließlich +gerade darin liegen mag, uns in dieser Schwebe +zu erhalten, in dieser Frage, die keine Antwort, +in diesem Glauben, der keinen Beweis zuläßt. +Da ein letztes Eindringen nach jeder Richtung +hin unmöglich ist, besteht der ganze Unterschied +nur darin, wie man den Satz ertragen will, +den ich damals im Hause Grothius über dem +Tische zu sehen glaubte, den Satz, „nicht von +<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> +allem zu reden“. Die einen springen nervös +auf, noch vor der Haltestelle, die anderen bleiben +mit gesunden, ausgeruhten Sinnen auf +ihrem Platz sitzen. – Mein Fall ist nur eine +besondere Verschärfung des allgemeinen. Abfinden +muß sich ein jeder mit dem Unverständlichen. +Man kann das verdrießlich tun oder +siegreich lachend, oder halb im Schlaf, oder auf +die verschiedensten anderen Arten. Ich nun +habe dieses Unverständliche außerdem noch geliebt, +ich habe ihm abends die Haarnadeln aus +dem schönen blonden Haar genommen, um sie +sauber auf das Nachttischchen zu schichten, – +das ist viel, dabei kann einen schon einmal der +Blitz erschlagen. +</p> + +<p> +Manchmal aber gelang es mir ja, mich neben +Jorinde zu behaupten, und gerade aus der +Schwierigkeit dieser Position am Rande des +Unmöglichen mehr als menschliche Kraft zu +ziehen, mich zu wiegen im höchsten, gefahrvollsten +Glauben ohne Beweis. Das waren die erhabenen +Glücksminuten, die Gipfel, die Auslösungen +nach all der Spannung, Augenblicke +von wunschloser Reinheit – wie etwa jenes +<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> +Warten im Automobil, in das sie sicher, sicher +zurückkommen mußte. Hatte ich sehr viel Leid +der Unsicherheit ausgestanden, dann belohnte +mich solch ein goldener Sicherheitsrausch. Nicht +nur damals in Augsburg, in der Frohsinnstraße. +Auch vorher oft genug. Dann trat ich +morgens aus dem Haus, und siehe! ich hatte +den Glücksblick. Darauf kommt es nämlich an: +den Glücksblick zu haben – morgens, wenn +man aus dem Hause tritt –, dann sieht das +ganze Leben ringsum anders aus als sonst. +Alles ist gut. Das Herz hüpft. Zukunft und +Gegenwart mischen sich in hoffnungsreichen +Ausblicken. Alles ist gut. In solchen Momenten +erscheint einem nicht nur das eigene Schicksal +in ungeahnter Klarheit, auch das aller anderer +Menschen entschleiert sich, und man erkennt +ihre wahre Gestalt. Dann merkt man beispielsweise +und fühlt es mit unbezwinglicher +Kraft: von hundert Menschen, die jetzt auf +meinem Weg in die Fabrik an mir vorbeikommen, +von diesen hundert Menschen, die ich bisher +gezählt habe, müßten neunundneunzig +eigentlich in Sänften getragen werden, – so +<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> +elend, schwach und krank sind sie an Seele und +Leib. Blickt man dann wieder um sich, dann +sieht man (weil man eben den Glücksblick im +Auge hat) ein ganz anderes Bild, ein wahreres +als das, welches dem gemeinen Auge erscheint. +Man sieht, wie der Verkehr stockt, wie +fast alle Menschen plötzlich auf die Erde stürzen, +alle wehklagend und wie mit zerschmetterten +Gliedern, – allen fehlt ja irgend etwas, wonach +sie sich sehnen, und geschickt und abgehetzt +verbergen sie das tagaus tagein – jetzt aber, +da man den Glücksblick hat, erkennt man, wie +ihnen in Wahrheit zumute ist – nun verstellen +sie sich so wenig wie der Säugling, der ungehemmt +seine Schmerzen hinausschreien darf. +Nun liegen sie auf dem Pflaster, und in ihren +gequälten Mienen steht geschrieben: Weiter +kann ich nicht. Einen der Hingestürzten fasse ich +ins Auge. Er ist elegant, jung, mit rosigem Gesicht. +Aber ohne Liebe zu Frau und Kind. Für +gewöhnlich verbirgt er diesen furchtbaren +Schmerz, der sein ganzes Leben einfach wertlos +macht. Heute verrät er ihn mir. Denn ich selbst +habe ja in meinem Hause das, was ich brauche, +<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> +– ich bin glücklich, und deshalb ist mein Auge +für alles Unglück der Welt geschärft, und +allem möchte ich abhelfen, da es mir selbst so +gut geht und da ich Fülle und Kraft in mir +fühle, aus meinem Glück hervor allen, allen mit +unerschütterlicher Geduld gut zu sein. Nun aber +dieser liebe, rosige, elegante Herr vor mir, – +was sehe ich denn, – ein anderer kommt des +Weges, findet den Gestürzten vor seinen Füßen +liegen und, statt ihn aufzuheben, versetzt er ihm +Tritte, Püffe, empört darüber, in seinem Lauf +gehemmt zu sein. Ja, merkst du denn nicht, daß +der Herr da so hilflos ist, daß er sich nicht weiterschleppen +kann? Nein, das siehst du nicht, +– du hältst ihn für kräftig und glaubst, daß er +nur aus Bosheit und Trotz dir den Weg verstellt. +Wütend bist du über ihn, nennst den +Unglücklichen deinen Gegner, – fasse ich nun +aber dich Ungestümen ins Auge (ich mit dem +Glücksblick), dann liegst ja auch du wie vom +Schlag gerührt auf der Erde und quäkst um +Hilfe wie ein kleines Kind. Und es zeigt sich, +daß du nur aus eigenem Unglück deinem Nächsten +wehe getan hast, und nun stürmen andere +<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> +heran und wüten wiederum gegen dich, da du +auf der Erde liegst in deiner wahren Gestalt. +Sie aber sind ja auch, wenn ich sie besser anschaue, +auf die Erde hingemäht – und nur ihr +Leid, ihre Hilflosigkeit ist es, was aus ihnen +tobt. <em>Ja, Unglückliche, die einander +unglücklich machen</em>, – einen besseren +Namen wüßte ich nicht für die Menschen insgesamt. +Ich aber, für Momente wenigstens aus +diesem Höllenkreis ausgetreten, weil meine +Göttin mich glücklich macht, ich sehe alles, wie +es wirklich ist, – ich trauere und, wenn man +mir nur Zeit läßt, will ich Abhilfe ersinnen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter blank" id="part-7" title="7"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">m</span> nächsten Herbst schon, vor einem Jahr also, +bekam Jorinde ihr erstes Engagement. Und damit +war die Blüte meines Glückes dahin. Denn +nun mußte sie von Berlin weg. An ein kleines +Theater, nach Augsburg. +</p> + +<p> +Es war natürlich auch Freude dabei. Ich +hatte es ja gewünscht, daß sie bald anfangen +möge. – Der Agent, der Dramaturg, sogar der +Direktor, denen sie vorsprach, erklärten sie für +ein Genie. Durch diesen ersten schnellen Erfolg +war ja eigentlich das erreicht, was ich immer +ersehnt, was ich ihr in ihren gewissenbedrückten +Stunden vorausgesagt hatte: die Hilfe, die +ich ihr geboten, war geadelt, war vor jeder +Selbstprüfung und dem Forum der Welt, soweit +sie künstlerisch und einigermaßen vorurteilslos +empfand, glänzend gerechtfertigt. Sie +brauchte sich nicht mehr zu schämen, von mir +Geld angenommen zu haben ... +</p> + +<p> +<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> +Dieses schmutzige Geld – wie oft hatte es +sie gepeinigt, aber auch mich. Denn Geld beschmutzt +ja nicht nur den, der es nimmt, mehr +noch (ich wiederholte ihr das so manches Mal) +den, der es gibt, wenn er es als Kaufpreis für +Liebe gibt. „Ich bin eine Dirne, ich nehme +Geld von dir“, schrie Jorinde in einem ihrer +bösen Augenblicke. „Und was bin dann ich,“ +sagte ich, „wenn ich dir Geld für Liebe anbiete?“ +– Es lag klar zutage: Unsere Beziehung +konnte nur durch eins gerettet werden, – dadurch, +daß wir wußten, wie unabhängig unsere +Liebe von der zufällig danebenherlaufenden +Tatsache war, daß Jorinde Geld brauchte und +ich es im Überfluß besaß. Das aber war eine +Angelegenheit, die jeder von uns beiden nur +mit sich selbst ausmachen konnte, für seine eigene +Person; dem anderen konnte er, mußte er +glauben, – wiederum dieser Glaube ohne +Möglichkeit eines Beweises! +</p> + +<p> +Ich kann wohl sagen, daß Jorinde an all dem +nie so sehr gelitten hat wie ich. Und namentlich +seit ihr das Engagement in Augsburg +zeigte, daß sie den richtigen Weg eingeschlagen +<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> +hatte, schienen ihre letzten Skrupel verschwunden. +Tatsächlich hatte sie ja niemals daran zu +zweifeln gebraucht, daß meine Liebe zu ihr mit +dieser ekelhaften Geldsache nicht im geringsten +zusammenhing. – Wie aber stand es bei ihr? +Ich hatte zuweilen das Gefühl, daß in ihre +Art, mich zu lieben, viel Dankbarkeit mit hineinspiele. +Sie empfand ja gewiß nicht etwa +Dankbarkeit allein. Wohl aber Liebe und Dank +nebeneinander, so argwöhnte ich. Mußte mir +aber gleichzeitig sagen, daß es unnatürlich gewesen +wäre, wenn sie von Dankbarkeit unberührt +geblieben wäre. So war es also wohl richtig, +wie es war, – dennoch quälte es mich. +Und namentlich in der Augsburger Zeit, als +das tägliche Beisammensein, der allerinnigste +Zusammenhang wegfiel, als zu der allgemeinen +Unsicherheit unseres Verhältnisses auch +noch die furchtbare Last der <em>Abwesenheit</em> +trat, – da wuchs sich dieser Gedanke zu einem +Gespenst aus, das mir den Schlaf raubte: Wie +kann man es ertragen, daß man niemals weiß, +wieweit am Gefühl der liebenden Frau Liebe +und wieweit Dankbarkeit Anteil hat? – O wie +<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> +glücklich wäre ich gewesen, wenn ich mir hätte +sagen können: ich habe sie niemals auch nur +mit dem geringsten unterstützt, im Gegenteil, +– ich bin auf ihren Beistand angewiesen, und +dennoch liebt sie mich. Wohl wußte ich um das +Nichtige meiner allzu feinen Bedenken. Sie +waren so unlebendig; das Leben bleibt ja von +unseren Worten „Liebe“, „Dankbarkeit“ und +dergleichen unberührt, die Gefühle fließen ineinander +und, was wir für unvereinbar halten, +gleicht sich in steter Bewegung aus. Zudem +hatte ich Jorinde in solcher Verzückung bei mir +gesehen, daß es wirklich blasphemisch war, an +ihr und an meinem Glück herumzukritisieren. +– Warum nur kommt etwa Casanova niemals +auf ähnliche Gedanken! Und viele seiner Geschichten +(die ich im Gegensatz zur allgemeinen +Meinung durchaus nicht für frivol, sondern für +höchst erzieherisch halte) nehmen den Verlauf, +daß er ein Mädchen aus schrecklicher Gefahr, +aus den Händen eines gewissenlosen Entführers +rettet, – oder daß er einer Pariser Bürgerfrau, +die ihn zuerst gar nicht mag, ihre Waren +zu teuersten Preisen abkauft, bis der Gatte +<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> +selbst mit den gekauften Strümpfen auch die +Frau ihm zuschickt, – was Casanova nicht hindert, +das Abenteuer köstlich und die Frau sehr +verliebt zu finden. Natürlich hat sie ihn dann +auch wirklich geliebt, er muß ja bezaubernd gewesen +sein. Sein Zauber lag aber (unter anderem) +auch darin, daß er sich nie so wie ich den +Kopf zerbrochen hat, ob und wie Liebe und +Dankbarkeit im Herzen einer Frau miteinander +auskommen. +</p> + +<p> +Diese ganze Geldfrage spielte übrigens +immer nur eine kleine Nebenrolle in der großen +Unsicherheit, die ich Jorinde gegenüber +empfand. Ich erwähne sie an dieser Stelle nur, +weil sie in der Berliner Zeit eine gemeinsam +getragene Last gewesen war, seit dem Augsburger +Engagement aber auf mich allein zurückfiel. +Obwohl Jorinde von da an meine Hilfe +natürlich erst recht benötigte. Nicht nur als Zuspruch +und männlichen Rat in den ersten Krisen +mangelnden Selbstvertrauens, wie sie jeder +Anfänger erlebt, – auch in ganz grob wirtschaftlichen +Dingen noch, zum Beispiel für die +ersten Theaterkostüme. Denn sie spielte zwar die +<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> +größten Rollen, wurde aber schlecht bezahlt. +(Seltsamerweise war „Iphigenie“ die erste +Bühnengestalt, in der sie mir entgegentrat, – +ich fühlte mit Thoas, der nicht Dank will, sondern +Liebe – ich benützte ja damals, da Jorinde +nicht mehr dauernd bei mir war, schon +jede noch so unwahrscheinliche Gelegenheit, um +mich unglücklich und verstoßen zu fühlen.) – +Zunächst aber konnte ich ihr noch viel wirksamer +als durch Geschenke beistehen. Ich focht ihren +Kampf gegen die Familie aus. Da ihr Auftreten +in dem München nahegelegenen Augsburg +ohnehin nicht mehr verborgen bleiben +konnte, setzte ich durch, daß man ihr alles erlaubte +und das Studium, von dem man erst +jetzt erfuhr, nachträglich verzieh. Ihr Verhältnis +zu Vater und Brüdern wurde seither noch +kühler, – hatte ja aber niemals einer besonderen +Wärme bedurft, um sie zeitweilig dennoch +ganz in den Bann ihrer Jugenderziehung zu +schlagen und mir zu entfremden. +</p> + +<p> +Entfremdung, Entfremdung – das war das +Leid, das damals eine neuerliche Steigerung +erfuhr. Schon in unmittelbarer Gegenwart hatte +<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> +ich mich ja nicht immer mit Jorinde verständigen +können. Die Verschiedenartigkeit der Lebenskreise +und Lebenskräfte, denen wir entstammten, +kam in allem zum Vorschein. Sogar +im Sprachgebrauch. Einmal hatte ich sie, halb +im Scherz, halb ärgerlich ein „eigensinniges +Frauenzimmer“ genannt – und sie war tief +beleidigt in Tränen ausgebrochen, behauptete +(und ließ es sich nicht widerlegen), daß „Frauenzimmer“ +eine „Gefallene“ bedeute, was wieder +mit anderen Gedankengängen zusammentraf, +die ihr manchmal das Herz bedrückten. Solche +Mißverständnisse, schon wenn man einander +gegenüberstand! Und nun vollends, da wir auf +nichts anderes mehr als Worte angewiesen waren, +in Briefen, – nun lagen Fehlgriffe kaum +vermeidbar nahe. Jedes einigermaßen lebhafte +Wort konnte verletzen, jede stürmisch und wahrhaftig +geäußerte Liebessehnsucht als „zu materiell“ +mißfallen. Nach einigen Anstößen dieser +Art, für die Jorinde jedesmal durch längeres +Stillschweigen strafte, gewöhnte ich mir denn +auch eine ängstliche, geradezu abgezirkelte Ausdrucksweise +meiner Briefe an, schrieb nie mehr +<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> +eine Zeile aufs Geratewohl so hin, wie mir ums +Herz war, sondern bedachte Folgewirkung und +Eindruck auf die Geliebte, machte Konzepte und +ging so weit, Abschriften meiner Briefe zurückzubehalten, +um mich nachher gegen etwaige +Vorwürfe verteidigen zu können. – Solche +Vorsichtsmaßregeln erschienen mir ja zunächst +entwürdigend. Überlegte ich aber, +welche mit nichts anderem zu vergleichende +Wichtigkeit die ungetrübte Fortdauer dieser +Liebe für mich besaß, so fand ich mich +schließlich in das Notwendige und sagte mir +dann wohl auch zuweilen, um mich zu trösten: +daß ein Briefwechsel mit einer Göttin billigerweise +anderen, strengeren Gesetzen unterworfen +sein müsse als einer zwischen gleich und gleich. +</p> + +<p> +Wären ihre Briefe wenigstens regelmäßig gekommen, +dreimal in der Woche, wie wir es verabredet +hatten! Aber Ordnung war in diese an +sich einfach anmutende Sache auf keine Art +hineinzubringen, und jeden ihrer Briefe habe +ich bis in die letzte Zeit hin wie ein Geschenk +aus der Hand des Briefträgers entgegengenommen +– woran ja schließlich nichts Ungeziemendes +<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> +war. Wäre dieses Geschenk nur +immer dagewesen! Oh, alle Tücken der Post und +Eisenbahn habe ich in diesen Monaten kennengelernt: +Verspätungen, Fehlbestellungen, Verlust. +Manchmal bildete ich mir ein, der ganze +Betriebsmechanismus habe sich gegen meine +Sehnsucht verschworen, – und gerade dann, +wenn ich aufs allerdringlichste Antwort auf +einen meiner bang fragenden Briefe erwartete, +gerade dann brach etwa der Generalstreik aller +Verkehrsmittel aus. Freilich, welche ihrer Antworten +hätte ich nicht aufs allerdringlichste erwartet! +– Dieses Warten nahm mir zuzeiten +meine Arbeitslust, dörrte mich aus, ließ mich +weder schlafen noch essen. Jorinde aber erschien +ganz schuldlos an meiner Qual, die ihr +dann immer auch sehr leid tat, sobald sie von +ihr erfuhr. Warum war ich denn gar so ungeduldig +und ungestüm! „Ich kann Dir nicht +alle Tage dasselbe schreiben,“ lautete ihre vernünftige +Antwort auf meine sinnlosen Telegramme, +„es ist wohl auch nach meinem Dafürhalten +infolge der sicheren Beweise, wie Du +sie hast, überflüssig.“ Oder ein andermal: „Verzeih +<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> +mir. Ich unterhalte mich im Geiste immer +mit Dir. Da dachte ich, daß ich Deinen letzten +Brief schon beantwortet hätte. Heute lese ich ihn +nochmals und finde zu meinem Schreck, daß +er noch unbeantwortet ist.“ – Nichts einfacher +als das! Ach, in ihrem Gemüt lag ja alles so +sicher und klar in einer Ruhe, die mir freilich +vollständig unerreichbar blieb, die mich aber +doch wenigstens einigermaßen hätte zur Besinnung +bringen können und zur Anerkenntnis, +daß Jorinde ihre Gefühle auf andere Art ausdrücken +mußte als ich. Das verstand ich auch, +theoretisch gewissermaßen; kam aber dann drei +Tage lang keine neue Nachricht, so verloren ihre +so lieben Worte, die geschriebenen, ihre Kraft. +Eine geheimnisvolle Mattigkeit umschleierte die +Buchstaben. Ich las und las die Briefe noch +einmal, las alle ihre Briefe von Anfang an, +aber selbst so süße unumwundene Geständnisse +wie das von den „sicheren Beweisen“ erschienen +mir zwar reizend, zauberten mir Jorindes ganze +natürliche Unbefangenheit vor Augen, vermochten +aber meinen Durst nach neuen Beruhigungen +nicht zu löschen. So lebte ich statt von einem +<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> +Vorrat alten Vertrauens immer nur gleichsam +von der Hand in den Mund. Mein Fehler, – +ich weiß es wohl. Weiß aber zugleich, wie er +mit dem ganzen Aufbau dieser gefahrvollen +Liebe zusammenhing. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter blank" id="part-8" title="8"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">B</span><span class="postfirstchar">eim</span> Zusammentreffen dann, – dieser unschuldige +Blick der kindlichen Augen! Das +schmale blasse Gesicht, in das der Genius der +Aufrichtigkeit selbst die reinen Triumphbögen +der Augenbrauen eingezeichnet zu haben schien! +– Wie hatte ich da nur zweifeln können, woran +denn eigentlich, ich Narr! Sagte mir nicht +das erste hingebungsvolle Aufschimmern dieser +Augen, an der Bahnsteigsperre, im Menschenknäuel +noch, in dem sie mich erwartete: – sagte +es mir nicht unverstellt und blumenrein: Ich +liebe dich ... Und dieser erste Kuß, auch noch +im Menschengewirr, im unterirdischen Durchgang +unter den Schienen, dieser hastige, aber +nicht ganz kurze Kuß, in dem sich mir mit ihren +sich öffnenden Lippen die ganze Wärme ihres +Inneren erschloß, gleichsam der einzige Wärme- +und Lebensherd inmitten einer kalten, halb erloschenen +Welt. +</p> + +<p> +<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> +Nur einmal im Monat oder höchstens in drei +Wochen trafen wir einander. Ich holte sie nur +ab, und wir fuhren dann in eine nahe Stadt. +Denn in dem kleinen Augsburg war sie schon +allzu bekannt. Es hätte Aufsehen erregt, wenn +sie sich mit einem Fremden gezeigt hätte. Wir +hätten nirgends unbeobachtet miteinander reden +oder speisen können. Am wenigsten durfte +ihre Hauswirtin von mir wissen. – Kurz, wir +waren lästigerweise aus ihrem Wohnort ausgewiesen, +und da dann doch immer zumindest +zwei, drei Tage mit solch einem Ausflug hingingen, +war es nötig, die Zusammenkünfte einzuschränken; +denn Jorinde konnte sich natürlich +nicht leicht von Proben und abendlichem Auftreten +frei machen. Um sie in den schwierigen +Anfängen ihrer Laufbahn nicht zu stören, verzichtete +ich lieber, drang nicht auf häufigeres +Beisammensein, reiste bald ab, selbst wenn sie +mich zurückhalten wollte, – reiste zurück in +meine nördliche Sehnsuchtseinsamkeit. +</p> + +<p> +Es gab keine Sentimentalität des Abschieds, +die ich nicht mit ganzer Seele erlitten hätte. +Ihr winkendes Taschentuch, das mit der Bahnhofshalle +<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> +zurückblieb, verlor ich nicht eine Sekunde +aus dem Auge. Verschwand es, so fühlte +ich, wie im gleichen Moment der Tod in meinem +Herzen sich festsetzte. +</p> + +<p> +Und dann – allein sein! Wie es fassen, daß +ich in Berlin, in meiner kalten Wohnung erwachte, +mich wusch, um mein Frühstück klingelte +... und während dieser ganzen Zeit nicht +wußte, was Jorinde tat! Oft ergriff mich grenzenloses +Staunen: ich fühlte Jorinde so sehr +als Teil meines Daseins, fühlte mich so ganz +ihr zugetan, daß es mir unbegreiflich vorkam, +kein Bewußtsein davon zu haben, was in diesem +Augenblick mit ihr geschah. Unmöglich, +daß ich so selbständig hier – und sie in einer +anderen Stadt – jeder für sich hinlebte. Da +fehlte offenbar ein Organ – ein Organ seelischen +Zusammenhangs. Während in meiner +Seele alles dafür vorbereitet war, mit Jorinde +auch in die Ferne hin innigste Verbindung zu +bewahren, war durch irgendeinen albernen Zufall +rein körperlich die Vorrichtung an meinem +Leib nicht vorhanden, die das ermöglicht hätte. +O namenloses Grauen, das mich dann befiel; +<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> +die ganze Welt erschien mir im Entwurf fehlerhaft, +– mir war, als hätte ich hinter die Kulissen +der Schöpfung geschaut und dort einen +Fehler, ein Flüchtigkeitsversehen bemerkt. Denn +eigentlich hätte es doch so sein müssen, daß ich +durch Signale oder sonstwie von jedem Schritt, +den Jorinde ging, Kunde erhielt. Damit, daß +es so etwas nicht gab – obwohl doch in meiner +Seele offenbar alle Vorbedingungen dafür gegeben +waren, – mit dieser Lücke in meinem +Organismus oder im Weltplan habe ich mich +nie versöhnen können. +</p> + +<p> +O verzweifelte Anstrengungen, die ich machte, +um mir Jorinde in voller Lebendigkeit vorzustellen. +– An den ersten Trennungstagen sah +ich sie ja noch ganz leibhaftig vor mir. Einige +ihrer Mienen, einige Bewegungen waren gleichsam +noch an meiner Netzhaut haftengeblieben: +wie sie leicht vorgebeugten Ganges in einem +hellgelben Kleid vor mir aus der Konditorei +trat, in der Tür die Schultern ein wenig nach +vorn zog – oder ihr Lächeln, wobei in der +einen Wange ein Grübchen erschien, in der +anderen nur die Andeutung davon. Das alles +<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> +sah ich an den ersten Tagen deutlich, ohne mein +Dazutun. Dann aber konnte ich mich nur noch +förmlich abstrakt an sie erinnern. Ich wußte +zwar noch: „Weiße Stirn“, – aber das Weiß +sah ich nicht mehr. Die ermüdete Netzhaut lieferte +gleichsam keine Kopien der Originalaufnahme +mehr. Auch erinnerte ich mich dann nur +noch an Bewegungen, die ich mir schon in den +ersten Trennungstagen vergegenwärtigt hatte; +kein neues Bild kam mehr dazu, – während +in den ersten Tagen die heranschwebenden Bilder +wie aus einer unendlichen Fülle der kürzlich +erlebten lieblichen Wirklichkeit aufzusteigen +schienen, eine ganz zufällige Auswahl nur, +durch andere Erinnerungen ablösbar. Aber +an diese zufällige Auswahl der ersten Tage +blieb ich dann unerwarteterweise gebunden. +Nur noch an Erinnerungen erinnerte ich mich. +Weshalb ich später schon von vornherein darauf +bedacht war, mir in den ersten Tagen nach dem +Abschied recht viele verschiedenartige Augenblicksansichten +Jorindes ins Gedächtnis zurückzurufen. +Oh, ein Wahnsinn, ein verderblicher +Kult, dem ich mich da ergab. Ohne ihn aber +<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> +hätte ich nicht mehr leben können. – Ich bat +Jorinde auch um Photographien, erhielt eine +ganze Anzahl aus früherer und letzter Zeit. +Die aber halfen gar nichts. Im Gegenteil: sie +hinderten nur ihr lebendiges Bild. Vertiefte ich +mich ins Anschauen einer solchen Photographie, +so verschwand die noch bewegliche Erinnerung, +kam oft überhaupt nicht mehr zum Vorschein. +Und am ehesten half mir eigentlich noch das +Bild einer fremden Dame, das ich in der +Reklameausstellung eines Photographen am +Hochbahnhof Nollendorfplatz entdeckt hatte. – +Täglich, ehe ich ins Bureau fuhr, blieb ich vor +diesem Porträt stehen, in Träume verloren, die +mir aus den Zügen der Unbekannten Jorindes +ähnliches Antlitz nebelhaft hervortreten ließen. +</p> + +<p> +Kam dann aber ein Brief von ihr, so war das +Bild aufgefrischt. Namentlich wenn der Brief +entzückt einen neuen Erfolg bejubelte oder auch +voll Wut gegen eine Kollegin Alarm blies, die +die beste Rolle weggeschnappt hatte. Jubel oder +Wut, – in so extremen Gemütsbewegungen +konnte ich mir Jorinde noch am ehesten vorstellen, +konnte teilnehmen an ihrem Unglück oder +<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> +Glück. Wie aber, wenn sie in mittlerer Stimmung +war, weder besonders froh noch besonders +aufgeregt, – in dieser eigentlichen Sphäre ihrer +Existenz? Das fiel mir schwer. – +</p> + +<p> +So war es ein Traumleben, das ich führte. +Nicht das, was ich rings um mich sah, war mir +wichtig – sondern das, was ich nicht sah. +„Denkst du an mich – ich denke <em>immer</em> an +dich“ – wohlgesprochen, aber es ist doch nur eine +Redensart. Immer? Was soll das bedeuten? +Nein, Minuten, Stunden verstrichen, in denen +ich mich trotz allem mit anderen Dingen beschäftigte, +beschäftigen mußte. Ein leichtes Erschrecken +mahnte mich plötzlich: Nun hast du ja +schon eine ganze Weile nicht an Jorinde gedacht. +Es war beinahe ein Vorwurf. Und doch +auch Glück dabei. Glück, weil nun Jorinde +neu in mir auftauchte, eine neue Jorinde, +gleichsam die Jorinde dieses Augenblicks, neu +erschaffen durch mich, für mich. Wie vom Blitz +erleuchtet, stürzte ich mich auf dieses Bild. +Und gleich darauf: ob wohl auch Jorinde manchmal +so erschrickt, jäh an mich erinnert wird? Das +war der eigentliche Sinn der Frage, die ich ihr +<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> +in jedem Briefe schrieb: „Denkst Du an mich?“ +Und sie erwiderte regelmäßig: „Mein Liebster, +ich denke immer an Dich.“ – Unmöglich, ihr zu +erklären, warum diese glatte Antwort gerade +in ihrer Leichtigkeit mich beunruhigte. – +„Zicküt“ sang die Nachtigall. Vor dem bangen +angewurzelten Geliebten trug die Hexe sie auf +offener Handfläche davon ... +</p> + +<p> +So häuften sich jedesmal in der Zeit, in der +ich ihr fern war, eine ganze Menge ungelöster +Mißklänge auf. Ganz ohne Jorindes Dazutun. +Einfach nur dadurch (das wußte ich wohl), daß +ich mich zuviel mit ihr beschäftigte. Daß ich die +menschlichen Gefühlen gesetzten Schranken überschritt, +gegen Zeit und Raum widersinnig anzukämpfen +strebte ... Manche von diesen Mißklängen +nahmen dennoch bestimmtere Gestalt +an. Sie formten sich zu Fragen. „Was machst +du am Vormittag, wenn die Probe, wie du +schreibst, abgesagt war?“ Oder: „Wie ist die +Sache mit dem Regisseur ausgefallen, der dich +küssen wollte? Du hast dann nichts mehr davon +geschrieben.“ Und ähnlich. – Da ich bei +aller Reizbarkeit immer noch Takt und Stolz +<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> +genug besaß, derartige Fragen, die den Anschein +eines Verhörs erwecken konnten, in meinen +Briefen zu vermeiden, verfiel ich auf den +Ausweg, sie auf ein Blatt Papier niederzuschreiben, +gewissermaßen zu sammeln und dann, +wenn wir beisammen waren, gelegentlich eine +nach der anderen ins Gespräch einzuflechten, +wobei mich später ein Blick auf das Papier +überzeugen konnte, ob ich nichts vergessen habe. +Ganz erstaunlich ist es, daß dieses Mittel, das +doch so gut erdacht war, nicht das geringste half. +In Jorindes Gegenwart erschienen mir nämlich +alle die vorbereiteten Fragen wie durch bloße +Anwesenheit und Atem der Geliebten erledigt +– geradezu lächerlich leicht von mir selbst beantwortbar. +Einiges brachte ich vor, ich schämte +mich dabei geradezu. War ich dann einen Moment +allein und konnte mein Papier durchsehen, +so fand ich beim besten Willen nichts, +was wichtig genug gewesen wäre, um ernstlich +besprochen zu werden. – Auf der Heimreise +erst erhoben die ungelösten Zweifel wie neubelebt +ihr drohendes Haupt. Dann fiel mir auch +ein, daß ich dieses und jenes Gespräch mit ihr +<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> +angefangen, aber nicht zu Ende geführt habe. +Eine täuschende Ruhe, – täuschend, das merkte +ich erst jetzt – hatte in ihrer Gegenwart von +mir Besitz ergriffen. Es genügte fast, eine Frage +zur Sprache gebracht zu haben. Überflüssig, +die Antwort zu vernehmen. Oft hatte ich kaum +auf sie hingehört, von der bloßen Anmut ihres +sprechenden Mundes eingenommen. Oft hatte +statt aller Antwort Jorinde nur Tierstimmen +nachgeahmt, lustig gebellt, gekräht ... Sie hatte +ja immer den einen Ausweg: sie selbst zu sein, +hell und leicht. Und ich rollte wie ein Erdkloß, +von ihren tanzenden Füßen aufgehoben, dann +wieder zurückgeschleudert, vorbei. +</p> + +<p> +Ich habe sie wohl allzusehr geliebt. +</p> + +<p> +Mehr, als es einem Menschen erlaubt ist +zu lieben. +</p> + +<p> +Es ist und bleibt ja eine bequeme Binsenwahrheit, +daß man einer Frau niemals zeigen +dürfe, wie sehr man sie liebt. Daß man gerade +dadurch jede Herrschaft über sie verliere. O +dieses Gerede vom „starken Mann“, den die +Frauen brauchen. Eine Banalität, – wie so +vieles, mit dem man sich das Reich der Liebe +<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> +und seinen tiefen Ernst wegzuschwatzen sucht. +Ein geheimer Sinn mag ja darin liegen, daß +die meisten sich scheuen, in das Innere dieses +Liebesreiches einzutreten, – daß nicht viele so +fühlen wie ich, – daß ihnen meine Art, mich +der Liebe ganz hinzugeben, als unmännlich, +weichmütig, schlaff erscheinen mag. Nun gut, +das sind gepanzerte Menschen Einen Vorteil +hat ja der Panzer ganz gewiß, sonst würde ihn +niemand tragen. Nur für den, der sich ganz +menschlich und unverstellt bewegen will, der die +Wahrheit des Lebens liebt, für den taugt die +schwere Rüstung nicht. – Es ist ja überdies +auch fraglich, ob alle Frauen gerade nur den +herrschenden bestialischen Mann wollen, oder +ob nicht manche den vorziehen, der stark an +Liebe ist, rückhaltlos in seiner Liebe wie ich. +Jorinde (das weiß ich) liebte mich so, wie ich +war. Es ist in diesen Aufzeichnungen vielleicht +noch nicht ganz zum Ausdruck gekommen, daß +sie mich geliebt hat, – dennoch weiß ich mit +aller Bestimmtheit, daß es so gewesen ist. Unendlich +und mit abschließender Kraft hat sie +mich geliebt ... Und da könnte ich nun sagen +<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> +oder vielmehr könnte tun, als sehe ich die Sache +einmal auch von diesem Standpunkte aus: Habe +ich es nicht besonders raffiniert angefangen, – +habe ich nicht durch meinen Ernst und meine +Güte mehr erlangt als all die hochstaplerischen +und „starken“ Laffen, mit denen Jorinde bei +den Dilettantenaufführungen zusammengetroffen +war? Über alle habe ich triumphiert. Alle +haben ohne Erfolg abziehen müssen, und mir +ist das schöne Mädchen zugefallen, mir allein. +Und wie oft hat sie mir dafür gedankt, daß ich +mich nicht so unmenschlich gezeigt habe und +„nur auf das eine los“, wie jene Gewohnheitseroberer +und Verführer. Nicht flüchtigen +Genuß hatte sie mir bedeutet – sondern Anbetung, +einen dauernden Altar; – sollte es +nicht etwa Instinkte der Frauen geben, mit +denen sie eine den ganzen Mann erschütternde +Leidenschaft vor allen anderen herausfühlen? +Wenn ja, dann hätte also ich den richtigen Weg +eingeschlagen, um Glück zu haben und die +Braut heimzuführen, und vielleicht kommt es +auch noch einmal an den Tag, daß ich all den +Liebeswahnsinn nur – zu diesem Zweck – simuliert +<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> +habe? ... Eine lustige Möglichkeit, in +der Tat! Die Wahrheit aber ist: daß ich viel zu +stolz war, mich zu verstellen und aus Gründen +irgendeiner Taktik Jorinde gegenüber meine +Gefühle zu verheimlichen. Nicht aus Schwäche +geschah das, sondern aus Kraft. Weil ich mich +dem Rückschlag gewachsen fühlte, der entstehen +mußte, wenn ich allzu offen meine grenzenlose +Liebe eingestand – weil ich wollte, daß Jorinde +mich allem Rückschlag und aller Taktik zum +Trotz liebe. Absichtlich trug ich mein Herz auf +der offenen Hand. Ich wußte, daß mir das bei +Jorinde schaden konnte, – tat es dennoch. Wie +man es anstellt, um durch scheinbares Abgekühltsein +eine Frau neu aufflammen zu lassen, +dieses kindische, nach festen Regeln sich abwickelnde +Spiel hatte ich ja in jenen Liebschaften +genugsam erprobt, die gar nicht verdienen, denselben +oder einen ähnlichen Namen zu tragen +wie meine Beziehung zu Jorinde. – Wahrlich, +mit bescheidenen Vergnügungen geben sich die +Menschen zufrieden. Ich aber wollte die Lauterkeit, +die schlackenlose Sonnenscheibe der Liebe, +wollte das Herz meines Herzens spüren. Daß das +<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> +eine Gefahr ist, ahnte ich wohl, wiewohl ich die +Katastrophe damals durchaus nicht voraussah. – +</p> + +<p> +Da nun meine Liebe von solcher Art war +und ebenso echt erwidert wurde: warum haben +wir denn eigentlich nicht geheiratet. Die Frage +liegt nahe, und die Anklageschrift wirft sie +auch tatsächlich auf, freilich nicht in redlicher +Absicht, sondern um mich herabzuwürdigen, wie +diese erbärmliche Darstellung meines Verbrechens +überhaupt darauf ausgeht, mich als +charakterlos, unzuverlässig und so weiter zu +schildern. – Nun, es wäre vergeblich, einen +Zusammenhang zwischen meinem Gefühl und +der Sittlichkeit, wie sie die Anklageschrift im +Sinne der herrschenden moderierten und ungefährlichen +Liebesmoral meint, herstellen zu wollen. +Ich beschränke mich darauf, eine Antwort, +die sehr einleuchtend scheint, als unzutreffend +abzulehnen. – Wahr ist, daß mein Beruf mich +in Berlin, Jorinde als Schauspielerin in Augsburg +festhielt. Daß aber dies der Grund oder +ein Vorwand gewesen sein soll, um die Ehe +aufzuschieben (die formelle Eheschließung, die +der Anklageschrift so wichtig ist), das hat mit +<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> +meinen wahren Beweggründen gar nichts gemein. +Sogar das ist unrichtig, daß eine formelle +Eheschließung bei getrenntem Wohnort an den +tatsächlichen Verhältnissen nichts geändert hätte. +Ich lehne es ab, mich auf so billige Art zu verteidigen. +Im Gegenteil: schon bei bloß formeller +Eheschließung, ja selbst dann, wenn Jorinde +nur einen Ring von mir getragen hätte, wäre +es nicht zur Katastrophe gekommen. Die letzte +Spannung während der unglücklichen Eisenbahnfahrt +entstand ja nur dadurch, daß Jorinde +als vollständig unabhängig von mir, sozusagen +als Fremde mir gegenüber saß. Und war auch +diese letzte Spannung, die ich nicht mehr ertrug, +nur ein Symbol für das ganze der Beziehung +zu Jorinde zugrunde liegende Spannungsverhältnis: +dennoch ist nicht daran zu rütteln, daß +schon ein Ring genügt hätte, um die Katastrophe +zu verhindern, und niemand kann ja sagen, +inwieweit ein schicksalsvoller Augenblick Symbol +und inwieweit es bloß rohe, zufällige Wirklichkeit +ist. – Das alles also entschuldigt mich +nicht. Klar ist vielmehr: ich hätte sie heiraten +sollen. In der letzten Zeit, als die Zweifel in +<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> +mir zu überwiegen, allzu qualvoll zu werden +begannen, da dachte ich wohl auch allen Ernstes: +ich muß sie heiraten, sonst habe ich sie nie. +Aber gleich darauf: was heißt denn das eigentlich +– „eine Frau <em>haben</em>“? Welch eine barbarische +und überdies unwahre Vorstellung. +Ich „habe“ sie – oder gar „ich habe sie gehabt“ +– als könne man die Frau in einen Sack +stecken und wegtragen, samt und sonders, so wie +sie ist. Oh, ich begreife eigentlich das Gefühl +des Lustmörders: Jetzt, jetzt gib mir alles, was +du bist, was du empfindest, – bis zur Neige, +bis zum letzten Tropfen – und dann stirb, dann +sei nichts mehr, empfinde nichts mehr, zum +Zeichen, daß du mir wirklich alles gegeben +hast ... Ein verirrtes Gefühl, aber ich begreife +es ganz gut. Obwohl es nicht mein Gefühl ist, +nein, meines nicht. Nie könnte ich gegen das, +was ich geliebt habe, die Hand erheben. – So +habe ich denn auch den Mechaniker getötet; +Jorinde nicht, Jorinde habe ich nicht berührt. +</p> + +<p> +Ich will nun den Grund sagen, warum ich +nicht geheiratet habe. – Ich bin Witwer. Ich +habe die Ehe verkostet. Dem Wunsche meines +<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> +Vaters folgend, der eine Vergrößerung der +Fabrik durch die Mitgift meiner Frau anbefahl, +habe ich mit einem mir gleichgültigen Wesen +zwei Jahre lang zusammengelebt, bis es +starb. Es ist zu wenig gesagt (finde ich), daß +Ehe mit Liebe nichts gemein hat. Sie ist das +Gegenteil der Liebe, die ich als ewige Unsicherheit, +als Glauben an eine Göttin, als Glauben +ohne Beweis empfinde. Die Ehe dagegen – ist +der Beweis ohne den Glauben. – In der Liebe +wird man niemals satt. Ehe ist der Versuch, +Liebe durch Sättigung zu ersetzen, wobei aber +seltsamerweise weder Liebe noch Sättigung entsteht. +– Wie alles, worüber man jahrelang +nachgedacht hat, habe ich das zu scharf ausgedrückt. +Und ich weiß auch, daß eine Ehe mit +Jorinde von anderer Art gewesen wäre als eine +mit einer anbefohlenen Frau. So kann ich +letzten Endes nur sagen: daß ich mich vor meinem +Gewissen stets als mit Jorinde vermählt +betrachtet habe, – wir schrieben einander auch +nie anders als: „Liebe Frau“ – „Mein lieber +Mann“ – und daß es keinen treueren Ehemann +gegeben hat als mich, treu nicht nur der +<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> +Pflicht, sondern auch dem Gefühl nach, – +denn alle anderen Frauen als Jorinde kamen +mir, mußte ich schon mit ihnen reden, lästig und +langweilig vor – und die Männer auch, nebenbei +bemerkt, – von Jorinde entfernt führte ich +nur ein Traumleben, und war ich mit ihr beisammen, +so war ich doch niemals satt von ihr. +Unerreichbar blieb mir ihre Seele, unerreichbar +eigentlich auch ihr Leib, mochte ich ihn auch +noch so oft (wie der dumme Ausdruck sagt) „besessen“ +haben. Von einer schönen Frau wird +man nämlich niemals satt, – gegenteilige Behauptungen +gehören (wie die von den „starken +Männern“ und der „Peitsche“ beim Weib) zu +jenen, mit denen man sich Ernst und Abgründe +des Liebesreiches wegdisputieren will. +</p> + +<p> +Einmal brachte ich denn auch Jorinde einen +glatten Goldreif nach Augsburg. Das Datum +des Tages, an dem wir einander kennengelernt +hatten, war eingraviert. Mein Vorname dazu. +Ein richtiger Ehering also. – Jorinde freute +sich sehr, steckte den Ring an die rechte Hand, +– dann an die linke, – „als Verlobungsring,“ +sagte sie, „das stimmt doch eher. Dann drückt er +<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> +mich nicht so.“ – Als ich dann aber das nächste +Mal kam, trug sie ihn überhaupt nicht. „Um +überflüssigen Fragen auszuweichen“, erklärte +sie. Ich erwiderte nichts, Verzweiflung faßte +mich an. Damals nämlich war der letzte Akt +schon in vollem Gang, Jorinde verkehrte schon +mit dem Mechaniker ... +</p> + +<p> +Lächerlich ist es natürlich, zu glauben, daß +die Ereignisse, die nun eintraten, hätten ausbleiben +können, wenn Jorinde meine rechtmäßige +Ehefrau gewesen wäre. Die Unsicherheit, +der ich schließlich erlag, war doch schließlich +von ganz anderem Rang als die Bindung, +die durch einen Eheschluß geboten wird. Niemals +konnten diese beiden Ebenen ineinandergreifen. +Das ist an sich unbezweifelbar. Und +dennoch: Der Ring, – der Ring hätte die +Entscheidung zumindest aufgeschoben, durch +Aufschub vielleicht ganz verhindert. Das deutet +darauf hin, daß hinter meinen Erwägungen +doch ein letzter unauflösbarer Rest zurückbleibt. +Ich sage mir das selbst – ohne jedoch über diesen +Rest irgendwie klar werden zu können. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter blank" id="part-9" title="9"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> erste Erwähnung des Mechanikers geschah +in einem Brief Jorindes ganz nebenbei, neben +zwanzig Kleinigkeiten. Trotzdem fiel für mich +diese Mitteilung sofort aus dem Rahmen des +übrigen heraus. +</p> + +<p> +Bei einem Ausflug nach Göggingen, so +schrieb Jorinde, habe sie den jungen Mann +getroffen, der dort in der großen Hessingschen +orthopädischen Heilanstalt als Mechaniker beschäftigt +sei. Zu ihrer Freude habe sie in ihm +eine Art Jugendfreund wiedererkannt, den ehemaligen +Assistenten, oder besser gesagt, Diener +ihres Vater, der ihr, wenn sie als Kind ins +Laboratorium kam, freundliche Worte gegeben, +sie herumgeführt habe. – „Ein merkwürdiges +Wiedersehen“, schloß die Bemerkung. „Mich +freut es, daß er nicht nur bei meinem Vater +etwas gelernt, sondern auch aus Eigenem sich +weitergebildet hat, so daß er jetzt eine ganz +<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> +selbständige und angesehene Stellung auf einem +anderen wissenschaftlichen Gebiete ausfüllen +kann. Er erzählt sonderbare Geschichten über +seine Abenteuer in Amerika während des Krieges. +Ich werde ihn öfters sprechen, denn Göggingen +ist von Augsburg aus mit der Elektrischen +in Minuten zu erreichen, und es sind sehr +hübsche Spaziergänge dort.“ – +</p> + +<p> +Ich las die Stelle noch einmal. Augenblicklich +wußte ich, wie mit einem Gongschlag –: etwas +Neues beginnt. Eifersüchtig war ich zwar auch +bisher schon bei gegebener Gelegenheit gewesen, +– aber nicht im Ernst, nur als „Spiel +mit dem Feuer“. Ich hatte während der Eifersucht +gleichsam gewußt, daß sie grundlos sei, – +so wie man manchmal im Traum weiß, daß +man schläft und träumt. Jetzt aber war außerdem, +förmlich neben aller Eifersucht, auch noch +ein Grund zu ihr da. +</p> + +<p> +Ich wurde traurig. Sehr düster wurde es in +meiner Seele. +</p> + +<p> +Zuerst freilich raffte ich mich zusammen. Ich +beschloß, gegen den eben aufgetauchten „Dritten“ +zu kämpfen, indem ich ihn nicht ernst +<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> +nahm. Möglichkeiten dazu gab es ja genug. +Tatsächlich konnte ich mir auch wirklich kaum +einreden, daß sich Jorinde mit ihren ausgesprochen +aristokratischen Neigungen für einen +ehemaligen Diener mehr als flüchtig und ganz +von oben herab interessieren würde. Der Diener +war freilich durch eigene Kraft emporgestiegen, +imponierte, hatte die Welt gesehen, das deutschfeindliche +Amerika während des Krieges überstanden +und für seine Person in gefahrvollen +Abenteuern überwunden ... Nun, wie dem auch +sei: Ich unterstrich in meiner Antwort das +Dienerhafte, machte gar einen alten, weißbärtigen +Diener aus ihm, den „treuen Diener seines +Herrn“, warnte die „Prinzessin“ vor dem +„in Ehren ergrauten Pagen“ – und ähnliche +Späße mehr. +</p> + +<p> +Der Brief war in ganz ähnlichem Tone gehalten +wie meine Neckereien, wenn Jorinde bei +Ausflügen einen Herrn vom Nebentisch etwas +zu lange angeschaut hatte. Und war ebenso ungeschickt. +Denn aus Jorindes selbstverständlichem +Widerspruch kam dann stets ein Ernst in +die Sache, der vor meiner sogenannten Neckerei, +<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> +in deren Kern doch eigentlich nur Angst +pulsierte, ganz undenkbar gewesen wäre. – +Jorinde protestierte, noch immer lustig und auf +den irreführend leichten Klang meines Angriffs +eingehend, gegen den weißen Bart; der Mechaniker +sei im Gegenteil, so hieß es, ein junger +hübscher Mann, der ihr sehr gut gefalle und auf +den ich eifersüchtig sein solle ... +</p> + +<p> +„Eifersüchtig“ – nun war das schreckliche +Wort schon ausgesprochen. – An sich vielleicht +nicht so schrecklich wie in meinem besonderen +Fall. Meine Beziehung zu Jorinde vertrug ja +keine weitere Belastung mehr; die Spannung, +die sich nur eben noch an der Grenze des Ertragbaren +hielt, durfte und konnte nicht weiter +gesteigert werden. So viel Unsicherheit, so viel +Zittern vor meiner Göttin – und nun noch ein +Dritter neben uns beiden: das ging über meine +Kraft. +</p> + +<p> +So kehrte schon mein nächster Brief reumütig +und geschlagen aus dem Witzgefecht zu aufrichtigem +Ernst zurück. Ich bat Jorinde rund heraus, +nicht mehr nach Göggingen zu fahren, sie +solle den Verkehr abbrechen, ehe er gefährliche +<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> +Formen annehme, die sie selbst heute noch nicht +vorherzusehen imstande sei. +</p> + +<p> +Dieser Brief kreuzte sich mit einem sehr heiteren +und ironischen Schreiben Jorindes. Sie erzählte +mir, daß sie bei einem Spaziergang mit +dem Mechaniker in einer Bauernwirtschaft eingekehrt +und dort zur Musik eines großen Orchestrions +stundenlang mit ihm getanzt habe. Sie +sei ganz froh, endlich wieder Gelegenheit zum +Tanz gefunden zu haben, die es in Augsburg +gar nicht gebe, zumindest nicht in einer Art gebe, +die ihr passen könne. – Und viele, viele Küsse +an mich. Ich solle mich nur nicht ärgern. Sie +sei munter und quietschvergnügt ... +</p> + +<p> +Tücken des Briefwechsels: niemals ist ein +Gespräch mit regelmäßiger Frage und Antwort +zu erzielen, sondern wenn man längst etwas +ganz anderes gefragt hat, trifft die gar nicht +mehr passende Antwort auf eine frühere Frage +ein, völlig unzutreffend für die Stimmung von +heute. Es ist, als ob ein Kranker, dem täglich +etwas anderes fehlt, immer wieder mit den +Heilmitteln für die Krankheit, die vorbei ist, kuriert +würde. – Und doch bleibt einem nichts +<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> +anderes übrig, als durch möglichst schnelles +Hintereinanderherjagen der Briefe die davoneilende +Zeit gewissermaßen einholen zu wollen. +Ein sinnloses Unternehmen, nur zur eigenen +Beruhigung für Momente gut genug, genau +genommen eigentlich nur für den Moment, in +dem man den wohldurchdachten neuen Brief in +den Briefkasten wirft, – in diesem einen +Augenblick hat man tatsächlich das Gefühl, die +Angelegenheit zu beherrschen, zusammengefaßt +in der Hand zu halten, – nachher aber weiß +man ganz genau, daß Briefschreiben nichts +hilft, daß allzu großer Briefeifer eher noch schaden +kann; denn je häufiger man schreibt, desto +seltener und kühler wird einem geantwortet – +ein Satz von geradezu naturwissenschaftlicher +Sicherheit, den ich wohl im Kopfe hatte und +nach dem ich mich gleichwohl nicht zu richten +vermochte. +</p> + +<p> +Endlich kam Jorindes Antwort auf meine +ernste Bitte. – Sie schrieb sehr rührend. Der +Mangel an Vertrauen, den ich bewiesen habe, +täte ihr weh. Denn Liebe sei doch nichts anderes +als gegenseitiges Vertrauen. „Die ganze +<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> +Sache ist eine solche Harmlosigkeit,“ fuhr der +Brief fort, „daß Du wirklich nicht den geringsten +Anlaß hast, Dich aufzuregen oder unruhig zu +sein. Hätte ich Dir das Zusammentreffen verheimlichen +wollen, – wer konnte mich zwingen, +Dir überhaupt davon zu schreiben. Du +hättest nie etwas davon erfahren. Aber das eben +ist mein Lohn dafür, daß ich Dir alles sage – +Mißtrauen meines einzigen Freundes.“ +</p> + +<p> +Ich mußte ihr innerlich recht geben. Kühl betrachtet, +war es wirklich eine ganz häßliche +Einmischung, wenn ich ihr vorschreiben wollte, +mit wem sie verkehren dürfe, mit wem nicht. – +Der erste Eindruck, den dieser Brief Jorindes +auf mich machte, war denn auch ein vorzüglicher. +Später aber fiel mir ein, daß sie auf die Hauptsache, +ob sie nämlich den Verkehr mit dem Mechaniker +aufgeben oder fortsetzen würde, überhaupt +nicht eingegangen war. Ich erschrak bei +dieser peinlichen Feststellung. Nun erst wurde +mir klar, daß ich es eigentlich am liebsten gesehen +hätte, wenn ich ihr gegenüber vollständig +ins Unrecht gedrängt worden wäre, – dadurch, +daß sie sich meinem Wunsche, den ich als Unrecht +<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> +anerkannte, gefügt hätte. Ich wollte also +gleichsam im Tatsächlichen recht behalten und +nachher großmütig, reumütig mein Unrecht eingestehend, +um Verzeihung bitten. Nicht aber +umgekehrt. – Diesen Seelenzustand nun meiner +Frau auseinanderzusetzen ... ich unternahm es +wohl, es konnte aber nicht gelingen. Was sie +aus meinem Brief herauslas, herauslesen +mußte, war ein süßsaueres „Ja“, eine etwas +verärgerte Einwilligung zu ihren Ausflügen +nach Göggingen. „Wenn es sein muß, wenn es +für Dein Seelenheil unbedingt nötig ist, – +meinetwegen, ich wende nichts mehr ein.“ – +Es war wohl ein Fehler, mit den geringen Reserven, +die ich noch besaß, den Starken, den +Gleichgültigen spielen zu wollen. Ganz verstohlen +hoffte ich natürlich, daß meine Gleichgültigkeit +dazu beitragen würde, ihr den neuen Gesellschafter +uninteressant zu machen. Dazu aber +reichte offenbar der Grad meiner Gleichgültigkeit +nicht mehr aus. Die Richtung meines Vorgehens +war vielleicht gut, aber auf halbem +Wege brach ich in die Knie. +</p> + +<p> +Jorinde also kam weiter mit meinem Feinde +<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> +zusammen – und jeder Brief, der mir die Fortdauer +dieses Umgangs erklären sollte, steigerte +meine Qual. Die Gründe, die Jorinde vorbrachte, +machten die Sache nur noch ärger. +Übrigens führte sie diese Begründungen in +aller Argslosigkeit an, – denn wiewohl ich +meine Unruhe nicht ganz verhehlte, schämte ich +mich doch, all meine Furcht um sie, meinen ganzen +bejammernswürdigen Zustand einzugestehen. +Es hätte mich in ihren wie in meinen +eigenen Augen allzu tief herabgesetzt. Ihre Forderung, +daß ich Vertrauen zu ihr haben müsse, +war ja unwiderleglich, – kam geradezu aus +dem Mittelpunkt unserer Beziehung heraus, die +sich doch völlig auf Glauben, ja auf Glauben +ohne Beweis aufbaute. Es hätte nur leider +eines stärkeren Herzens bedurft, um diese Stellung +zu halten, – das sah ich ein. Wußte aber +zugleich, daß es etwas anderes als diese höchst +gefahrvolle Stellung für mich, ja für jeden +wahrhaft Liebenden gar nicht geben könne. So +mühte ich mich denn weiter, solange es eben +gehen mochte, – nahm mir vor, alle die kleinen, +wahnsinnig schmerzhaften Nadelstiche, die ihre +<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> +Briefe mir (in aller Arglosigkeit) zufügten, nicht +zu beachten, erst bei der nächsten Zusammenkunft +mündlich die ganze Sache mit ihr zu besprechen. +– Zu meinem Unglück war aber gerade +diesmal diese nächste Zusammenkunft in +ziemliche Ferne gerückt. Bei unserem letzten +Beisammensein hatten wir beschlossen, – in +dem vollkommenen, geradezu kameradschaftlich +wohligen Einverständnis, das damals zwischen +uns geherrscht hatte, damals ganz besonders, +damals mehr als je vorher – hatten beschlossen, +daß wir uns vor den Sommerferien nicht mehr +sehen und mit voller Kraft nur unseren schwierigen +Berufsaufgaben widmen würden, um uns +dann am Ende der Arbeitssaison für so viel +Entsagung durch eine herrliche Sommerreise +nach Holland und an die Nordsee belohnen zu +können. Jorinde studierte damals zum erstenmal +eine moderne Rolle, – die Hauptrolle in Max +Brods neuem Lustspiel „Klarissas halbes Herz“. +Die Gestalt der kapriziösen, dabei aber nicht +oberflächlichen, sondern von großer Leidenschaft +besessenen „Klarissa“ stellte ungeheuere Anforderungen, +verlangte Blut und Mark der Schauspielerin +<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> +(nebenbei bemerkt: auch diesem Stück, +in dem so viel von Untreue die Rede ist, schob +ich zu einem gewissen Teil die Schuld an +meiner inneren Unruhe zu. Die Wankelmütigkeit +der Bühnenfigur mußte ja in irgendeiner +Weise auf die Darstellerin abfärben. Den Gemahl +Klarissas aber beneidete ich um seine eisernen +Nerven). – Und so wie meine Frau, stand +auch ich vor wichtigen Entscheidungen. Meine +beiden jüngeren Brüder bedrohten mich mit +einem Prozeß. Ich hatte sie nach dem Tode +des Vaters aus der Erbschaft vollständig abgefunden. +Nun aber machten sie trotzdem Ansprüche +auf die Fabrik geltend. Das Aufblühen +des Unternehmens stach ihnen wohl gewaltig in +die Augen. Sie wünschten als Kompagnons +einzutreten, mit ganz minimalen Einlagen, die +ihnen als Rest des väterlichen Vermögens geblieben +waren, aber mit vollen Herrenrechten. +Die Früchte meiner Arbeit, auf die Jorindes +Sonnenstrahlen herabgeleuchtet hatten, sollten +mir abgenommen werden. Mehr als das: meine +wissenschaftlichen Experimente waren bedroht, +wenn die rein kaufmännisch denkenden Brüder +<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> +als gleichberechtigte Inhaber neben mich traten. +– So setzte ich mich denn kräftig zur Wehr, +und Jorinde hatte bisher Anteil an meinem +Kampf genommen, tat dies wohl auch weiterhin +... nur ich war unterhöhlt, mich selbst beschäftigte +nur noch ausschließlich die Beobachtung +des „Dritten“, der, täglich und stündlich +von mir verwünscht, in immer neuer Darstellung +aus Jorindes Briefen hervorgrinste. Es war +allerdings in diesen Briefen nicht viel die Rede +von ihm. Nur hie und da widmete ihm Jorinde +ein Wort. Mir aber schien es, als ob die +Briefe von nichts andrem mehr handelten. +</p> + +<p> +Ihre Gründe, – arglos vorgebracht, wie ich +schon sagte, aber um so peinigender für mich: +daß sie blutarm sei, an Schlaflosigkeit leide – +der Arzt habe ihr Spaziergänge verordnet – +sie habe aber keine Lust, allein spazierenzugehen. +Und mit Theaterleuten wolle sie außerhalb +des Theaters nichts zu tun haben. „Die +gehn mir schon ohnehin auf die Nerven“, +schrieb sie. „Du wirst doch begreifen, daß man +sich manchmal nach Abwechslung sehnt. Es ist +mir so sympathisch, einmal mit einem Menschen +<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> +zu reden, der mit der Hand arbeitet, nicht immer +nur mit dem Kopf.“ +</p> + +<p> +Und ich? – notierte ich an den Rand dieses +Briefes ... +</p> + +<p> +Oh, ich verstand Jorinde nur allzu gut. – +Hier tat sich der Abgrund zwischen ihr und +mir auf. Wir gehörten eben jeder doch in eine +andere Welt. Das Abendessen im Hause ihres +Vaters tauchte vor meinen Augen auf. Die +dunklen Möbel, – der junge Privatdozent mit +dem edlen, kühnen Landsknechtgesicht, Pfeife +rauchend, – der Vater, der wie ein Förster +aussah, der die Stadt verabscheute und im bayrischen +Wald auf die Jagd ging. Auch der +Mechaniker, der seine Hand nach meiner Jorinde +ausstreckte, kam aus den Tiefen dieses +undurchdringlichen Waldes. Er holte nun +meine Frau heim. Mit ihm war sie tief innerlich +verbunden, durch ihre Einfachheit, ländliche +Stille, – es war kein Zufall, daß er früher +bei ihrem Vater gearbeitet hatte, daß er Kindheitserinnerungen +in ihr weckte. Nein, sie gehörten +beide gleichsam zu derselben großen Familie. +– Ich dagegen, der schmächtige Berliner +<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> +aus der glattgewalzten nordischen Sandwüste, +ich, der Natur entfremdet, vergeblich bemüht, +aus meinem ausgedörrten Herzen Vertrauen +zur großen Mutter Erde, zu meiner Göttin +heraufzupumpen ... was hatte ich im Grunde +mit Jorinde gemein. Nur lieben konnte ich sie, +dunkel lieben, grenzenlos, – das Herz sehnte +sich nach der großen Mutter, ohne daß mein +Kopf dahin nachzufolgen vermochte, wo es +meinem Herzen so wohl tat. Wo war der Weg, +der zu ihr führte! Wie anders hätte der Mechaniker +sie besessen, – besaß sie vielleicht +schon! Waldströme rauschten um seine mächtige +Gestalt, wie ein brauner Holzfäller im finsteren +Bergtal trat er, die blanke Axt geschultert, aus +dem Dickicht, – so erschien er mir im Traum. +Ich wollte mit ihm ringen. Aber er berührte +mich kaum, er ging mit Jorinde vorbei; sie hatte +mich gar nicht angesehen. +</p> + +<p> +Unmöglich, zu ihr zu gelangen. Es war nicht +meine Welt. – Eine klare Erkenntnis: sie +lebte in dem „anderen Deutschland“. Es gibt +ja zwei verschiedene Staaten dieses Namens. +Berlin – und: Deutschland ohne Berlin. Solange +<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> +man in Berlin ist, merkt man dieses andere +Deutschland nicht. Aber es ist nicht minder +da. Grundverschieden, trotz äußerlicher Ähnlichkeit +mit Berlin, wie sie sich etwa im Bau neuer +Stadtviertel zeigt oder in der sauberen Maschinenschrift +der Gutachten von Professor Grothius. +Das ist nur Mimikry. Alle deutschen +Städte treiben eine Art Mimikry, sind berlinähnlich +– im Innersten aber, ebenso wie das +ganze ungeheuere Feld- und Waldland ringsum, +etwas ganz anderes als Berlin. – +</p> + +<p> +Es war natürlich vergebliche Mühe, durch +solche Überblicke allgemeinster Art die Herrschaft +über mich selbst oder gar über Jorinde erlangen +zu wollen. – Jeder neue Brief warf mich aus +meiner erkünstelten Ruhe. „Wäre es Dir vielleicht +lieber, wenn ich meine freie Zeit mit der +frivolen Theaterclique verbrächte?“ schrieb Jorinde. +Gewiß wäre es mir lieber, hundertmal +lieber – antwortete ich. Und ich fühlte es wirklich +so. Oder bildete mir zumindest ein, so zu +fühlen. Ausführlich stellte ich ihr meine Motive +dar. Theater – das wäre im Umkreis ihres +Berufs gelegen! Ein Verkehr, den man pflegen +<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> +muß, um nicht durch Separation allzuviel +Feindseligkeiten zu erregen. Der Verkehr mit +dem Mechaniker aber war – freiwillig, in +einem gewissen Sinn überflüssig. Gerade das +war es, was mich erregte. Auf Theaterleute +wäre ich nie eifersüchtig gewesen. Wiewohl ich +diese Art von Verkehr kenne, – man spricht +da mit einer hübschen Frau nie anders, als indem +man sie streichelt, indem man mit der Hand +an ihrem Ärmel auf- und abfährt. Doch gerade +diese zur Konversation gehörigen Liebesbezeugungen +stumpfen ab. – Nein, nein, niemals +hätte ich es mir beifallen lassen, auf ihre Kollegen +vom Theater eifersüchtig zu sein. So +verrückt sei ich denn doch nicht ... +</p> + +<p> +In ihrer Antwort lachte sie mich aus (wie sie +überhaupt in ihren Briefen den guten Humor +nicht verlor. Ich glaubte sogar zu bemerken, daß +sie seit der Begegnung mit dem Holzfäller-Mechaniker +in wesentlich fröhlicherer Stimmung +war als vordem). – „Du hast mich doch ganz, +mit Leib und Seele“, hieß es dann an einer +anderen Stelle, ernsthaft, in dem Brief. – Ja, +ja, du bist mein, rief es in mir. Ein Jubel, ein +<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> +frischer Atemzug, der mich erquickte nach all +der Not. Wie Duft des Meeres, wenn man +zerarbeitet, müde, zum erstenmal nach langem +Stadttagewerk zur Düne, zum Strand hinunterläuft, +direkt vom Bahnhof, – um den reinen +brausenden Sturm einzuatmen, der über die +ungeheuere Wasserfläche fährt. Mein Gott, +Jorinde ist ja mein, ist ja noch mein. Das Holde, +Unübersehbare, Unausdenkbare meines Glückes +kam mir wieder plötzlich zu Bewußtsein, wie +neu geschenkt. – Doch gleich darauf klemmten +sich mir die Lungen ein. Ich hatte weitergelesen: +„Er liebt mich, – doch weiß er, daß ich nie +heiraten werde.“ +</p> + +<p> +Da stand es nun also, schwarz auf weiß. +Da stand es, was ich gefürchtet hatte. Mein +Argwohn war also nicht, wie ich insgeheim +doch gehofft, übertrieben gewesen, – zu einem +Teil war er schon in Erfüllung gegangen, zu +einem wesentlichen Teil. – Er liebte sie. +Eigentlich ganz selbstverständlich. Kann man +mit Jorinde verkehren, ohne von ihrer einleuchtenden +Schönheit überwunden zu werden? – +Und nun wuchs meine Unruhe ins Grenzenlose. +<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> +Der eine Satz im Brief Jorindes eröffnete +tausend Fragen. Es war klar, und es ging ja +auch deutlich genug aus dem Brief hervor, daß +Jorinde sich dieser neuen Liebe gegenüber abwehrend +verhielt. Aber kam es denn nur auf sie +an? Der Dritte war ja gleichfalls ein lebendiger +Mensch, keine Puppe, – gewiß entfaltete er +Kräfte, seinem Charakter gemäß, über den ich +mir aus den spärlichen Andeutungen Jorindes +leider gar kein Bild machen konnte. Sie betonte +zwar immer, daß sie „alles schrieb“, – schrieb +aber gar nichts Wesentliches, so schien es mir +nun, – nicht einmal, wie der Mechaniker hieß, +wußte ich bis jetzt. Nicht einmal den Namen, +o mein Herr und Gott! ... Das tat freilich nichts +zur Sache. Und auch auf seinen Charakter kam +es eigentlich nicht so sehr an, – mochte er auch +der bescheidenste, unzuversichtlichste Mensch der +Welt sein, ganz ängstlich vor Jorinde, noch +ängstlicher als ich, – die Tatsache, daß er ein +lebendiges Wesen war, genügte ja durchaus, +um mich auf das fürchterlichste zu stören. Auch +eine Maus ängstigt sich ja vor Menschen, – +dennoch schläft man nicht gern in einem Zimmer, +<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> +in dem man eine lebendige Maus knabbern +hört. Daß sie ein lebendiges Wesen ist, +daß man nicht weiß, was sie im nächsten Augenblick +machen, wohin sie spazieren wird, – – ja, +ganz ebenso unheimlich war mir der Dritte, der +sich, und sei es noch so behutsam, in meinem +und Jorindes dunklem Schlafzimmer zu rühren +begann. +</p> + +<p> +In allem merkte ich von nun an seine Wirkungen, +– Jorindes Briefe schienen mit nicht so +zärtlich wie zuvor. Geheimnisvollerweise war +es ja seither so gewesen, daß die Liebe, die aus +ihren Briefen sprach, sich in auf- und absteigender +Linie bewegte. Es nahm immer denselben +Verlauf: die Briefe, die unmittelbar auf einen +Abschied folgten, glühten geradezu, – es gab +da Wendungen wie „Ich zittere nach Deinem +Mund“ – „Ich kann die Nacht nicht überleben +nach so sonnigen Tagen“ – Wendungen, +wie ich selbst sie gern geschrieben hätte, hätte +ich mir nicht längst schon angewöhnt, meine Gefühle +brieflich nur gedämpft auszudrücken, um +Jorinde nicht zu verstimmen. Doch es nutzte ja +nichts. Die Abkühlung ließ nicht auf sich warten. +<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> +Die folgenden Briefe waren nicht nur gleichgültiger, +– das könnte man für eine bloße Einbildung +halten, – nein, sie waren geradezu +meßbar mit geringerer Lust, geringerem Mitteilungsbedürfnis +geschrieben: nämlich kürzer, +mit großem, freiem Rand, großen Buchstaben, +großen Zwischenräumen zwischen den Zeilen +und ohne jenen Briefschmuck, den ich am meisten +liebte, nämlich ohne diese quer an den +Rand gesetzten, manchmal rings um den ganzen +Briefbogen herumführenden Nachschriften, die +so richtig das Gefühl vermitteln, daß sich der +Briefschreiber aus dem Zusammenhang mit dem +Adressaten nicht lösen mag, daß er verweilt, +daß ihm immer noch etwas Neues einfällt, wie +in lebendigem Gespräch unter vier Augen. – +Dies alles also fehlte bei späteren Briefen. Ich +sah die Ebbe jedesmal kommen, wurde aber +immer neu von ihr überrascht. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter blank" id="part-10" title="10"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> war wohl ein natürlicher Vorgang, was +sich in Jorindes Briefen ausdrückte und was +nur mir in meiner Perspektive als widerspruchsvoll +erschien, es war ein Naturablauf der Gefühle, +wie Blühen, Reifen und Verwelken von +Pflanzen. Aber diesem Naturablauf gewachsen +zu sein, – das eben war die Aufgabe, die +meine Kräfte überstieg. Und auf dem abwärtsgleitenden, +wankenden Boden eines nur mit +Mühe und äußerster Selbstbeherrschung zu +führenden Briefwechsels tauchten nun überdies +die Auswirkungen des „Dritten“ auf. Sie ließen +sich nicht konkret feststellen, – ließen sich +aber ahnen. Gab man sich Ahnungen hin, dann +waren diese Emanationen, diese Überschattungen +durch eine fremde Ansicht freilich überall +da. So etwa in Jorindes Schrift, die schon begonnen +hatte, der meinen ähnlich zu werden +(süßeste Entdeckung! geheimste Freude!), und +<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> +die nun wieder ihre alten, von mir unabhängigen +oder ganz fremden Buchstabenformen annahm. +– Oder wenn ich ihr allerlei Medikamente +gegen ihre Schlaflosigkeit schickte, sie aber +Medikamente überhaupt ablehnte und an den +Spaziergängen als viel gesünderem Heilmittel +festhielt, – was lag näher, als darin die Beeinflussung +durch Meinungen eines Naturburschen +zu sehen, wie dieser Mechaniker einer +sein mochte! Gewiß mußten seine Ansichten +(einfach die Kraft seiner Gegenwart) allmählich +die Oberhand gewinnen, mich und meine +besondere Ideenwelt bei Jorinde verdrängen. +</p> + +<p> +Gerade das aber war es, was sie nie zugab. +Ihrer Ansicht nach liebte sie mich „immer +gleich“. Es gab für sie kein Auf und Ab der +Gefühle. Wenn sie doch wenigstens dieses Auf +und Ab zugegeben hätte, – ich glaube, dieses +bloße Zugeständnis, dieses Einsehen, daß es so +sei, hätte mich schon ein wenig getröstet, über +das ärgste hinweggebracht. „Schau, du mußt +doch selbst bemerken, daß deine Briefe vor einem +Monat ganz anders geklungen haben als heute, +viel inniger, viel mehr für mich Partei ergreifend, +<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> +mich entschuldigend, da wo es not tat, +meine Vorzüge gegen meine Schwächen ausspielend.“ +Aber nein, das merkte sie nicht. „Ich +liebe dich immer gleich.“ Es war mir, als trüge +sie eine Maske wie aus Zement; hinter diesem +Satz aber „Ich liebe dich immer gleich“, hinter +der Oberfläche der Maske bröckelte es, unaufhaltsam. +– Dabei war es ja durchaus keine +Lüge, wenn sie „immer gleich“ sagte. Ehrlicherweise +sagte sie das. Schließlich mußte ich ihr ja +zugestehen, auf ihre Art zu leben und zu lieben, +– und in ihren Augen waren eben gewisse +Verschiebungen, Änderungen, die bei mir +unendlich viel bedeuteten, so gut wie gar nichts. +– Leider konnte mir auch diese Einsicht nicht +helfen. Denn zugegeben, daß sie selbst überzeugt +davon ist, mich „immer gleich“ zu lieben, +daß sie die geringen Stufen der Abschwächung, +die mich so besorgt machen, gar nicht empfindet, +– so könnte es doch eines Tages geschehen, +daß ihr wie mit einem Ruck das allmählich, nun +aber schon merklich gesunkene Niveau ihrer +Liebe fühlbar wird. Was dann!? Sie wird +gleichsam in ihrer versperrten Vorratskammer +<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> +von Liebe nachsehen, die sie gefüllt glaubt, und +plötzlich bemerken, daß diese Kammer ausgeraubt +ist. Und sie, – sie wird das so natürlich +hinnehmen wie den ganzen Lebenslauf. Ich +aber – ich habe ja zusehen müssen, offenen +Auges, wie man aus dieser Kammer Stück für +Stück das, was mir gehört, weggetragen hat, – +und ich darf mich gar nicht zur Wehr setzen, +denn die Herrin sieht den wochenlang fortgesetzten +Diebstahl nicht, will ihn nicht sehen – +und die ganze Welt lacht mich aus und schreit: +„Eifersucht! Eifersucht!“ +</p> + +<p> +Ja, ja, – alle Qualen der Eifersucht lernte +ich nun kennen. Nicht daß sie den anderen +liebt, – nicht das ist ja der Schmerz des Eifersüchtigen, +– sondern daß sie mich nicht mehr so +sehr liebt wie früher, daß mir durch ein anderes +Gefühl, sei es auch an sich gering, ein Anteil +an ihrem Herzen, das vordem ganz mein eigen +war, entzogen wird, daß ich nicht mehr Alleinherrscher +bin und daß man nicht absehen kann, +wohin, zu welcher Umwälzung der Herrschaftsverhältnisse +dieses Abzwacken von Nebengefühlen +im Laufe der Zeit führen mag ... O +<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> +mein Gott, nun war es wohl endgültig um +meinen Seelenfrieden geschehen. +</p> + +<p> +Ich ging keinen Augenblick so weit, auch in +meinen schwärzesten Befürchtungen nicht, zu +glauben, daß Jorinde dem Mechaniker das gewährt +hatte, was sie „das Materielle“ nannte +und gewissermaßen verabscheute. Weit entfernt +war dieser Verdacht. Ich kannte ja Jorindes +Stolz. Sie schätzte sich selbst viel zu hoch ein, +als daß sie sich zur Frau zweier Männer erniedrigt +hätte. – Aber gab es denn nicht andere, +für mich ebenso schreckliche Möglichkeiten +der Hingabe? Oh, unendlich süße Möglichkeiten, +wenn Jorinde es war, die in ihnen +erschien, – ein Kuß etwa – unvorstellbar, +wahnsinnig, daß ein anderer als ich sie küssen +sollte. Und doch wußte ich ja, daß sie +über Küsse ganz anders dachte als ich. „Was +liegt denn an einem Kuß“ – ich konnte diesen +Ausspruch von ihr aus meinem Gedächtnis +leider nicht wegbringen. – Ich raste bei dieser +Erinnerung! Und malte sie weiter aus. Ja, genügte +denn nicht ein Händedruck, – oder der +Tanz – oder ein langes, in guter Ruhe über +<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> +Stunden hin geführtes Gespräch, in dem die +Seele sich ergießt, Zeit hat, mit allem, was sie +wünscht und hofft, ans Licht zu kommen. Oh, +war es nicht fürchterlich, – ein anderer konnte +mit Jorinde reden, so oft er Lust dazu hatte, und +ich, ich mit all meiner Sehnsucht war eingesperrt +in die Ferne der Kilometer, ein Gefangener, +der gegen das Gitter des Raumes tobt. – +„Denkst du immer an mich?“ Diese Frage war +ja niemals zu beantworten, schon damals nicht, +als nur Jorinde und ich allein einander gegenübergestanden +waren, – schon damals hatten +sich alle erdenklichen Gegenstände zwischen uns +geschoben, um unsere Gedanken abzulenken, – +schon damals war das bloße Nichtwissen um +jede Minute des anderen mir wie ein fürchterlicher +Mangel in der Struktur des Menschen +erschienen – jetzt aber wußte ich ja überdies +noch, daß sie zu gewisser Zeit ganz bestimmt +nicht an mich, sondern an den anderen dachte, +geistig mit ihm beschäftigt war. Es war anders +nicht möglich. Sie mußte zur Haltestelle der +Elektrischen gehen, seinetwegen, – mußte danach +streben, die festgesetzte Stunde nicht zu +<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> +versäumen, – o Qual, o Qual, – ja, fühlte +sie denn nicht, waren ihre Sinne wirklich so +stumpf, dies nicht zu erkennen, daß sie mit +jedem Schritt zu dieser Station der Elektrischen +hin einen grauenvollen Diebstahl an meinem, +meinem Gut beging! Daß jede Bemerkung, +dem anderen zugeflüstert, ein Verrat an +mir war! +</p> + +<p> +Ich konnte nicht länger an mich halten. Ich +schrieb ihr offen, wie ich es fühlte. +</p> + +<p> +Ihre Antwort brachte mich zur Verzweiflung. +– Ich könne mir eben nicht vorstellen, so klagte +sie, in welch einer peinlichen, lähmenden Umgebung +sie lebe. Die unangenehmen Kollegen – +und zu Hause die Wirtin, über die sie schon +immer geklagt hatte, ein unfreundliches, zanksüchtiges +Geschöpf. „Du mußt doch einsehen, +daß man das Bedürfnis hat, einmal auch ein +schlichtes, vernünftiges Wort zu reden – +nicht ewig Klatsch und Niedrigkeit anzuhören. +Aber Du gönnst mir die Freude nicht, obwohl +ich Dir wiederhole, daß es nichts Gleichgültigeres +geben kann als diesen Umgang. In den +letzten Tagen war er meine einzige Rettung.“ +<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> +(Welche Widersprüche in den paar Zeilen: +meine Randbemerkung.) „Ich danke Gott auf +den Knien, daß der Mechaniker mich nicht +verlassen hat. Ich hatte Streit mit der Wirtin, +ich mußte sofort ausziehen. Und da ist er vom +Morgen bis zum Abend mit mir gelaufen, +Wohnung suchen, bis ich endlich schlecht und +recht einquartiert bin. Ich wohne jetzt in der +Gabelsberger Straße, ganz nett. Ohne den Mechaniker +wäre ich verloren gewesen. Du siehst +also, wie unrecht es von Dir ist“ u. s. f. +</p> + +<p> +Ich war empört. Das wenigstens hatte ich +bisher für mich in Anspruch genommen: der +einzige zu sein, der ihr half. Meine Göttin +war ja in einer gewissen, rein äußerlichen Hinsicht +mein Geschöpf. Von dem Gespräch in +der Reginabar an hatte ich ihr Schicksal bestimmt, +ihre Bahn Schritt für Schritt ermöglicht. +Und nun mischte sich ein anderer ein. Ich +erklärte, dies unter keinen Umständen dulden +zu wollen ... +</p> + +<p> +Nicht daß in ihrer Antwort viel von meiner +Herzlosigkeit die Rede war, daß sie sich aufs +neue über mein Mißtrauen beschwerte, nicht +<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> +ihre Auflehnung gegen meine „Eifersüchtelei“ +(mit diesem zahmen Worte benannte sie es +merkwürdigerweise) brachte mich nun vollends +aus der Fassung. Ein Satz am Anfang ihres +Briefes war es, der mich ganz tief erschreckte. +Da hieß es: „Dein Schreiben, für das ich Dir +danke, hat mich sehr gelangweilt. Es ist immer +nur der alte Trödel.“ – Was für ein Ton! +Es war die erste Grobheit in unserem Briefwechsel, +der bisher nie verwildert, nie ausgeartet +war – bei aller Erregung nie. Und +nun – „gelangweilt!“ – Das hieß doch offenbar, +daß der andere schon von ihrem Herzen +Besitz ergriffen hatte. Liebe konnte so nicht +sprechen! Es war gewiß nicht bloße Empfindlichkeit +von mir, daß ich dies sofort ganz scharf +spürte. Mochte sie es wissen oder nicht, sie war +mir verloren. – Alle Selbstbeherrschung +schwand. Berufsarbeit war lächerlich unwichtig. +Ich mußte sie sehen! Retten, was zu retten ist. +Mit dem nächsten Zug nach Augsburg. – An +diesem Tage ging keiner mehr. – Es blieb +nichts übrig, als den Morgen abzuwarten. +</p> + +<p> +In schlafloser Nacht (schlaflos wie schon eine +<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> +ganze Reihe von Nächten vorher, nur noch bohrender, +noch fieberhafter als die anderen) gab +es eine einzige Hilfe für mich, ein einziges +Mittel, nicht irrsinnig zu werden. Ich mußte +mir vorstellen, daß zwischen uns beiden wirklich +Schluß war. Auf alle günstigen Umstände, +die Zweifel an diesem düsteren Ende wecken +konnten, auf die Liebesbeteuerungen (selbst +noch in ihrem letzten Briefe) durfte ich vorläufig, +für diese Nacht, keine Rücksicht nehmen, +absichtlich mußte ich sie zu vergessen suchen. +Nur kein Schwanken! Nur nicht jetzt das unermeßliche +heilige Glück sehen, die große offene +Fläche, gut zu leben – und im nächsten Augenblick +hinuntergeschleudert, für immer aus dem +Licht verdrängt sein. Gerade diese Zweifel +zwischen Ja und Nein peinigten mich ja am +meisten. – Zu Ende, zu Ende! Mit diesem +tödlichen Schmerz des Abschieds in der Brust +fand ich noch am allerehesten einen Zustand, +der zwar nicht Ruhe genannt werden kann, der +aber doch noch innerhalb des Faßbaren und +Möglichen lag. Jorinde geht mich nichts mehr +an. Weg, alle Gedanken an sie weg! Sie ist +<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> +nicht, ist nie gewesen. – Da schrak ich zusammen. +Das wäre doch noch gräßlicher als alles. +Daß sie nicht lebt, daß das Ganze eine bloße +Einbildung von mir gewesen ist – nein, lieber +leiden, lieber verzichten und ganz weggehen, +als ihre Existenz aufgehoben sehen. Aus diesem +tiefsten „Nein“ zum bloßen Abschied, aus dunkelstem +Schwarz in gemäßigtes Grau mich +erhebend – so dämmerte ich dem Morgen entgegen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter blank" id="part-11" title="11"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">ie</span> habe ich nur die zehn Stunden Eisenbahnfahrt +zwischen Berlin und Augsburg überleben +können! +</p> + +<p> +Jemand sprach mit mir, und ich antwortete. +Ein freundlicher alter Herr mit weiß umrandeter +Glatze, den ich (ich wußte nur nicht, woher) +ziemlich gut kannte. Seine Freude über +die Fortschritte der Elektrifizierung in Deutschland +konnte ich freilich nicht so recht teilen; +dennoch war ich froh, daß ich mir nicht ganz +allein überlassen blieb. Ich bat öfters um Entschuldigung +für meine Zerstreutheit. Ich erwartete +eine Frage. Es war mir unmöglich, +nicht <em>davon</em> zu reden – und schließlich deutete +ich an, daß ich sehr traurig sei und einer +furchtbaren Entscheidung entgegenfahre. „Es +wird schon gut ausfallen“, tröstete mich der +Alte. Wie mir schien, mit echtem Mitleid. Ich +war geneigt, seine Worte als Orakel zu nehmen. +<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> +Es konnte ja vielleicht wirklich noch alles ins +Rechte gebracht werden. Ich gestattete mir probeweise +diesen Gedanken, kurz nur spielte ich +mit ihm, – immerhin ertrug ich bei Tag die +Unsicherheit eher als in der Nacht. „Glauben +Sie das im Ernst?“ fragte ich aufatmend. Er +lächelte: „Warum nicht?“ Dann sprach er wieder +von der neuen Schnellbahn zwischen Leipzig +und Halle. +</p> + +<p> +Stundenlang hielt ich mich aufrecht. Der +Mann half mir, indem er mich zwang, meine +Gedanken doch einigermaßen ihm zuzuwenden. +– Nur einmal noch konnte ich mich nicht enthalten, +von mir zu reden. Der Zug hielt in R. +Diesen Ort hatten wir so oft zum Zielpunkt +unserer Ausflüge von Augsburg aus gemacht. +Erregt verließ ich das Abteil, stand im Gang +draußen und betrachtete, als der Zug sich wieder +in Bewegung setzte, sehnsüchtig den Platz +vor dem Bahnhof, der für einen Moment sichtbar +wurde. Als ich wieder eintrat, sagte ich: +„Hier in R. war ich einmal sehr glücklich.“ – +„Erinnerungen?“ fragte mein Freund. – +„Schöne Erinnerungen, die machen mich jetzt +<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> +traurig.“ – „Ach, gehen Sie, es gibt doch +nichts Besseres als solche Erinnerungen.“ Da +verstummte ich, – hörte ihm aber auch nicht +mehr zu. +</p> + +<p> +Ich hatte Jorinde telegraphisch gebeten, sie +möge mich „genau halb fünf“ im Café Königshof +erwarten. +</p> + +<p> +Im Grunde zweifelte ich nicht daran, daß +sie <em>nicht</em> da sein würde. Da alles vorbei war ... +</p> + +<p> +Nun mußte die Entscheidung fallen. Nur +noch Minuten! – Aber die wenigen Minuten +von der Bahn bis zum Café erschienen mir +länger als die ganze Reise. Es war, als kämen +die Pferde überhaupt nicht vorwärts. Atemlos +saß ich im Wagen, atemlos wie im schnellsten +Lauf. Regen schlug an die klappernden Glasscheiben. +Unter diesem Regen war die Luft wie +zusammengepreßt, so schwer, kaum in die Lunge +einzuziehen. +</p> + +<p> +Der Wagen hielt vor dem Café. +</p> + +<p> +Ich trat ein, durchlief den Raum mit einem +Blick, – ging dann prüfend von Tisch zu Tisch, +denn das Café war dicht besetzt, es konnte also +eine einzelne Person in der Menge sehr leicht +<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> +dem Auge entgehen. – Nein, lauter fremde +Menschen – sie war nicht da, wiewohl die +Uhr schon einige Minuten über halb fünf zeigte. +</p> + +<p> +Sie war nicht da. – +</p> + +<p> +„Ich hatte es ja nicht anders erwartet.“ +Mehrmals sagte ich mir das vor. – Zugleich +fühlte ich, daß ich nur deshalb das Ungünstige +so bestimmt erwartet hatte, um mich dann vom +Günstigen überraschen zu lassen. Es geschieht ja +immer das Unerwartete. Ein kluger Mann +richtet seine Erwartungen demgemäß ein ... +</p> + +<p> +Nur jetzt nicht wahnsinnig werden! Jetzt nicht +den Kopf verlieren! +</p> + +<p> +Die ganze zehnstündige Fahrt, die hinter mir +lag, pulsierte mir fieberisch wüst in allen Gliedern, +rüttelte an meinem Hirn. +</p> + +<p> +Sie hätte eigentlich doch kommen können, – +dachte ich. Wenn auch nur zum Abschied – sie +hätte kommen können. So grausam brauchte +sie nicht zu sein. Mich nach langer Fahrt hier +einfach stehen zu lassen! – Tränen waren mir +nahe. Nein, sie hätte wirklich kommen müssen. +Unbedingt. Eine einfache Höflichkeitspflicht. In +aller Ruhe: Adieu und ein freundliches, friedliches +<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> +Abschiedswort. Das war doch das mindeste, +was ich nach all der großen Liebe verlangen +durfte. Ein Auseinandergehen ohne +Gruß – das war hart, geradezu überraschend +hart, das hatte ich eigentlich doch in meinen +ärgsten Vorstellungen nicht erwartet ... +</p> + +<p> +Es fiel mir ein, daß Jorinde vielleicht „Restaurant“ +statt „Café“ gelesen haben konnte. +Dicht neben dem Café, nur durch einen verglasten +Korridor getrennt, lag ein Weinrestaurant. +Ich ging hinüber. – Das Restaurant, +schneeweiß gedeckt, war ganz kühl und leer. +</p> + +<p> +Wie ich aber, vom Restaurant her zurückkehrend, +den Korridor betrat, sah ich Jorinde +die Stiegen heraufkommen, den Regenschirm +schließen und eilig ins Café eintreten. +</p> + +<p> +Jorinde! – +</p> + +<p> +Ich rief sie. Ein heiserer, dumpfer Laut nur, +– aber sie hatte mich gehört – oder sah mich. +Sie blieb stehen. Ich durchschritt den Korridor, +glaubte zu fallen, – fiel aber nicht, stand +ganz fest und reichte ihr die Hand. +</p> + +<p> +„Wie geht’s?“ sagte sie frisch. Ganz so, wie +sie es immer zu sagen pflegte. +</p> + +<p> +<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> +Ich nickte nur. Dann sagte ich wohl etwas, +daß es im Café zu voll sei – daß ich seit +gestern mittag keinen Bissen gegessen hätte –, +wir könnten daher lieber ins Restaurant gehen. +</p> + +<p> +Mit jener leichten Bereitwilligkeit, die ich so +sehr an ihr liebte, von der ich mir aber aus +ihren Briefen nie einen Begriff machen konnte, +so daß ich beim jedesmaligen Zusammentreffen +aufs neue überrascht war, sie so durchaus nicht +widerspenstig zu finden, – ganz gutwillig +also schlug Jorinde sofort den Weg nach rechts +ein, durch den Korridor. – Wie bezaubert sah +ich sie an. Sie war sehr blaß, schmaler als sonst, +offenbar überarbeitet. Ein rosa Strohhut vermehrte +noch mit seinen Reflexen den fahlen +Glanz ihrer Wangen. Wie müde – – und +wie schön! +</p> + +<p> +Auch sie musterte mich: „Du siehst furchtbar +schlecht aus.“ +</p> + +<p> +Ich zuckte die Achseln. +</p> + +<p> +Plötzlich sah sie sich um, schüchtern, – der +Korridor war leer, – da hatte sie sich zu mir +gebeugt, und ich fühlte ihren weichen Kuß auf +meinem Mund. Nicht ganz kurz, aber auch nicht +<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> +leidenschaftlich, nicht lüstern gehaucht, – eine +volle Berührung der Lippen mit ehrlicher Kraft. +Es war der selbstverständliche Kuß zweier Ehegatten, +ohne jeden Hintergedanken. Süßeres +habe ich in meinem ganzen Leben nicht gehabt +als diesen unerwarteten Kuß. Nicht als ob sie +mich besonders beglücken oder erlösen wollte, +hatte sie mich geküßt. Nein, ein Kuß wie immer, +– ein Kuß, weil Küssen zur Begrüßung unter +uns üblich und weil eben alles beim alten +war. Nach diesen allerqualvollsten verworrenen +Stunden der Nacht und Bahnfahrt – nichts +konnte so wohl tun wie dieser einfache klare +wiesenblumenhafte Kuß. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter blank" id="part-12" title="12"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> hatte mir während der ganzen Reise vorgenommen, +vom Mechaniker überhaupt nicht +zu sprechen. Nur ihrer Wohnung wegen war +ich gekommen. Da sie etwas von „schlecht und +recht einquartiert“ geschrieben hatte, war ich +eben besorgt. Der Streit mit ihrer Wirtin, die +neue Krise ... ich redete drauflos, von nichts +anderem als ihren Wohnungssorgen. Mochte +sie es glauben oder nicht: kein anderer Grund +hatte mich veranlaßt, unserer Verabredung zum +Trotz noch vor der Sommerreise zu kommen. +</p> + +<p> +Wir saßen an einem breiten Ecktisch des +großen, vollständig leeren Speiselokals. +</p> + +<p> +„Nein, wie du aber schlecht aussiehst“, unterbrach +mich Jorinde öfters. Hörte sie überhaupt +zu? +</p> + +<p> +„Nein Wunder“, erwiderte ich. „Die Fabrik +macht mir große Sorgen. Du weißt: der +Prozeß.“ +</p> + +<p> +<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> +War es denn nur möglich! Nach all den +wahnsinnigen Ausschreitungen meiner Phantasie +bewegte ich mich nun wieder auf der Bahn +des Alltäglichen. Die Fabrik, der Prozeß! Wie +leicht ging das! Und neben mir, an der nächsten +Tischkante saß Jorinde. – Der Kellner +kam, man bestellte – Jorinde legte die Jacke +ihres helldrappen Kostüms ab, der Kellner und +ich halfen ihr – ihre Bewegungen fächelten +mir das so lange vermißte Aroma ihres Puders, +den Erdbeerduft ihres Leibes zu – nun in der +weißen Seidenbluse, in der die zarten Schultern +sich abzeichneten – so schlank – war es wirklich +dasselbe Wesen, an das sich all meine grausamen +Befürchtungen hefteten? – Und jetzt, mit +welcher Einfachheit reichte sie mir über den +Tisch hin die rechte Hand, die innere Handfläche +nach oben gekehrt, eine schlichte Aufforderung, +meine Hand in die ihre zu legen wie zur +Erneuerung alter, nie unterbrochener Freundschaft. +Mein Gott, war es am Ende möglich, +daß alle die Qual meiner aufgestachelten Einbildungskraft +– durchaus grundlos gewesen +wäre? ... +</p> + +<p> +<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> +„Auch du siehst nicht besonders aus“, sagte +ich, indem ich ihr prüfend in die leicht umschleierten +Augen sah. +</p> + +<p> +„Ja – Saisonende! Ich bin ziemlich am +Rand mit meiner Kraft.“ +</p> + +<p> +„So viel Mühe hast du?“ +</p> + +<p> +„Nie hätte ich gedacht, daß mich das Theater +so anstrengen würde.“ +</p> + +<p> +Sie nahm ihren Beruf sehr ernst. Verbürgte +das nicht, daß sie auch im Leben nicht leichtsinnig +sein konnte? +</p> + +<p> +„Warum wir einander nur so quälen.“ Ich +gab ihr die Hand, nach der sie die ihre ausgestreckt +hatte. „Da wir doch ohnehin so viel Energie +aufwenden müssen, jeder in seinem Beruf +–“ +</p> + +<p> +„Es ist wirklich überflüssig“, sagte sie und +sah mich dabei mit schelmischem Lächeln an, das +zu ihren und meinen Worten nicht ganz zu +passen schien. Aber sehr weich und zärtlich +hielt sie meine Hand fest ... Nun bot sie mir, +leicht vorgeneigt, zum zweitenmal die Lippen. +Wie von einem leichten Traum umfangen, bewegte +sich ihr Gesicht lieblich mir entgegen. – +<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> +Ich weiß nicht, was da ganz plötzlich in mich +gefahren sein mochte. Alle unterdrückte Wut +kam in mir empor, die Wut eines Sklavenaufstandes +gleichsam, Rachedurst für erlittene Demütigungen, +– zitternd, meiner selbst nicht +mächtig, von äußerster Gier erfüllt, sie gleich +jetzt, auf der Stelle zu besitzen, wenn es möglich +gewesen wäre – mit heißem Griff riß ich +das Mädchen an mich – es war nicht der +kühle Kuß wie im Vorraum – sondern meine +Zähne drangen in ihre Lippen, während gleichzeitig +meine Finger an ihrer Kehle lagen. Sie +schrie leise auf, machte sich los. Blut färbte ihr +Taschentuch, das sie an den Mund führte ... +Betroffen stammelte ich etwas von Entschuldigung. +Kaum gewonnen, sollte sie mir wieder +verlorengehen? „Sei nicht böse, ich bitte dich +– sei doch nicht böse. Ich weiß nicht, was ich +getan habe, ich weiß nicht, was mit mir los +ist ...“ +</p> + +<p> +Sie schwieg lange, – war es ein strafendes +Schweigen oder war sie nur so erschreckt? Abgewendet, +stumm, – wie ich aber bat, sie +solle mir doch zur Strafe, zur Vergeltung +<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> +gleichfalls die Kehle zudrücken, lachte sie plötzlich +auf. +</p> + +<p> +„Nun ist also alles wieder gut?“ sagte ich mit +jäher Energie. „Oder bist du mir böse?“ +</p> + +<p> +„Nein, ich bin dir nicht böse“, erwiderte sie +innig. +</p> + +<p> +Wir sahen einander ernsthaft an. Es lag wirklich +nicht der mindeste Grund vor, einander böse +zu sein. Man verdüstert sich nur ganz mutwilligerweise +das Leben, – rätselhaft, warum. +Bei Licht betrachtet, besaßen wir doch alle Vorbedingungen +eines großen reinen Glückes. Wir +liebten einander, wir waren jung, gesund, nicht +arm ... +</p> + +<p> +„Und doch hast du mir so beleidigend geschrieben?“ +</p> + +<p> +„Ich?“ +</p> + +<p> +„Geradezu grob – daß einer meiner Briefe +dich gelangweilt hat. Das war doch schon sehr +arg.“ +</p> + +<p> +Sie redete eifrig auf mich ein, bis ich ihr +versprach, diesen ihren häßlichen Brief zu vernichten, +zu verbrennen. – Sie sei eben nervös +gewesen, ich solle ihr doch verzeihen, – ich +<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> +wisse doch, daß sie niemand als mich habe, auf +der ganzen weiten Welt niemand sonst ... +</p> + +<p> +„So ist es dir recht, daß ich heute gekommen +bin – obwohl es anders vereinbart war?“ +</p> + +<p> +„Ich bin froh“ – wie aufrichtig, wie klar sie +das sprach! +</p> + +<p> +„Heute abend fahren wir nach R. Bist du +einverstanden?“ +</p> + +<p> +Sie zögerte keinen Augenblick. „Da muß ich +nur noch nach Hause gehen und meine Sachen +für die Nacht zusammenpacken. – Morgen +spiele ich nicht, für übermorgen mach’ ich mich +auch noch frei.“ +</p> + +<p> +Ich ließ mir das Reichskursbuch bringen. +Wir sprachen eine Weile ganz sachlich nur von +den möglichen Abendzügen nach R. – Mein +Gott! In meinen kühnsten Träumen hätte ich +gestern nicht zu hoffen gewagt, daß sie mehr +als eine Viertelstunde für mich Zeit haben +würde. Und schon diese Viertelstunde hätte mich +namenlos glücklich gemacht. Ein gutes Wort +nur, ein kurzes, klärendes Gespräch – das war +das äußerste, was ich bestenfalls erwartet hätte. +Und nun, und nun, – welche unfaßbare Wendung +<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> +– welch eine Nacht knapp vor mir! – +und dabei so selbstverständlich, so ohne jeglichen +Sturm, als könne es gar nicht anders sein – +nun saß ich neben ihr, und wir berieten in +aller Sachlichkeit, ob wir um acht Uhr oder +schon um sieben fahren sollten, ob wir bei +einiger Eile noch zum ersten Zuge zurecht +kämen und so fort. – Es gibt eine Sachlichkeit +über allen Räuschen der Welt, eine Ruhe, +stürmisch lebendiger als alle Kunstmittel der +Nervenmassage, – diesen höchsten aller +Räusche genoß ich nun. +</p> + +<p> +Der Kellner brachte das Bestellte. – Noch +nie im Leben habe ich um diese Zeit einen +Braten gegessen. Aber Jorinde drängte: „Du +siehst ja ganz verhungert aus. Wie kannst du +nur so unvernünftig sein, – während der ganzen +Fahrt nichts essen!“ +</p> + +<p> +„Auch gestern nicht – seit deinem letzten +Brief.“ +</p> + +<p> +„Du mußt ihn verbrennen. Vergiß nicht, du +hast es mir zugesagt. – Nein, so unvernünftig +zu sein! Und lauter Dummheiten.“ Unter solchen +Reden schnitt sie mir den Braten, fütterte +<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> +mich geradezu. Aber ich konnte schon das erste +Stück nicht herunterwürgen. Hunger hatte ich +wohl, aber nicht den mindesten Appetit. +</p> + +<p> +„Bitte, so iß doch.“ +</p> + +<p> +„Ich kann nicht.“ +</p> + +<p> +„Du mußt.“ +</p> + +<p> +„Also hilf mir. Nimm die Hälfte.“ +</p> + +<p> +„Gut. – Aber du auch, du auch. – Sonst +komme ich heute abend nicht mit.“ +</p> + +<p> +Jedes Wort haftet mir im Gedächtnis. Weltumstürzende +Aussprüche großer Staatsmänner +können ihrer Umgebung nicht wichtiger erscheinen +als mir diese lieben Sätzchen Jorindes, +die so besorgt klangen, deren freundlicher +Klang mich beglückte. Nach all den Peinigungen +des Briefwechsels – welch eine Ruhestunde, +welche Erholung! Es war, als würden +die Fesseln aufgeschraubt, die meine Seele bis +dahin in unnatürlich zusammengedrückter Haltung +schmerzend festgehalten hatten. Nun streckte +sie sich, gradete ihren Rücken, brachte den Blutkreislauf +wieder in Fluß. – Belebend der Rotwein +dazu, dessen blühender Schein auf das +feine Linnen des Tischtuchs fiel. +</p> + +<p> +<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> +Alles so seltsam, daß mir der Kopf wohlig +weh davon tat. Das große Lokal, für Abendbeleuchtung +bestimmt, – im kalten nüchternen +Tageslicht lag es in ungewohnter Schmucklosigkeit, +gleichsam übertrieben unfestlich da – +dazu vor den Spitzenvorhängen draußen ein +unfreundlicher Regennachmittag – und all +dies, was sonst melancholisch gemacht hätte, +wirkte andachtsvoll, – die Stille wie das +Schweigen in einer Kirche, – zauberhaft alles +und so zart, daß es wie in feinem Regenbogendunst +zu zittern schien, in völlig unmateriellen +Farben, kaum mehr der Erde angehörig und +ihrem dumpfen Reich. Eine Gasthausstube wie +tausend andere: das Paradies! – +</p> + +<p> +Wir sprachen natürlich auch vom Mechaniker. +Ich weiß nicht, ob sie oder ich damit begann. +Jedenfalls hatte ich lange genug an mich gehalten. +„Wie heißt er denn eigentlich?“ +</p> + +<p> +„Günther Schmidt.“ +</p> + +<p> +„Siehst du, nicht einmal das hast du mir geschrieben +– wie er heißt. Und dabei behauptest +du noch, mir immer alles geschrieben zu haben.“ +</p> + +<p> +„Habe ich auch“, erwiderte sie kühn. +</p> + +<p> +<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> +Aber sie hatte recht, wahrhaftig recht. Wie +lächerlich erschien mir plötzlich die ganze Angelegenheit. +„Alles“ schreiben, – was sollte +das denn eigentlich bedeuten? Wer vermöchte +denn „alles“ zu schreiben? Und war der Namen +nicht wirklich ganz unwichtig? – O unwichtig +dies und jenes, wenn Jorinde neben mir saß +und ich ihre Hand hielt! Ich hörte denn auch +kaum auf sie hin, als sie Näheres über den +Mechaniker erzählte, von der Hessingschen Anstalt, +an der er arbeite, von Hessing selbst, dem +genialen Erfinder, der, aus dem Handwerksstand +hervorgegangen, bessere Schienen für verkrüppelte +Glieder anzufertigen gewußt als alle +diplomierten Chirurgen der Welt, – von der +Tradition seiner Anstalt, die den Fachmann der +Praxis über den Akademiker stelle, – so daß +auch der Mechaniker keinen gewöhnlichen Mechanikerposten +dort bekleide, sondern einer der +ersten sei ... +</p> + +<p> +„Er interessiert dich?“ +</p> + +<p> +„Aber nein, – er ist mir doch vollständig +gleichgültig.“ +</p> + +<p> +Ich atmete auf, erst jetzt, – als sei gerade +<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> +dies das rechte Wort gewesen, das ich erwartet +hatte. „Ach, Jorinde, warum hast du mir denn +das nie geschrieben?“ +</p> + +<p> +„Ich glaube doch, daß ich es dir oft genug +geschrieben habe.“ +</p> + +<p> +Auch ich entsann mich jetzt. Aber es hatte nie +so überzeugend geklungen wie in diesem Augenblick. +</p> + +<p> +„Ich will dir etwas gestehen“, plauderte sie. +„Anfangs habe ich die Sache in meinen Briefen +ein wenig aufgebauscht. Es gefiel mir ganz gut, +dich eifersüchtig zu machen. Nachher aber ...“ +</p> + +<p> +„Nachher?“ +</p> + +<p> +„Nachher wurde es zuviel des Guten.“ +</p> + +<p> +„Da warst du dann beleidigt, weil ich eifersüchtig +wurde, – wie du mich doch haben +wolltest.“ +</p> + +<p> +„Ja.“ +</p> + +<p> +„Einfach ja?“ +</p> + +<p> +„Ja.“ +</p> + +<p> +Etwas in mir riet, dies doch nicht so ganz +glatt hingehen zu lassen. Nicht etwa, weil ich +gegenwärtig irgendwelche Besorgnis empfand, +auch nur den Schimmer einer Angst um meine +<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> +Frau, – wohl aber der Zukunft wegen. „Und +wie du nun sahst, daß es zuviel des Guten +wurde,“ sagte ich, „da hast du die Sache in +deinen Briefen wohl wieder – abgebauscht?“ +</p> + +<p> +„Nein, – die bloße Wahrheit!“ +</p> + +<p> +„Du siehst nun aber, wie schwer dies alles +zu regulieren ist. Fängt man einmal mit so +etwas an, so weiß man nicht, wo man endet. +Ich meine das auf die ganze Beziehung zwischen +dir und ihm.“ Wunder wie verständig +redete ich mit ihr. Ich beherrschte die Situation. +Nun durfte ich eine gefährliche Frage stellen, +wiewohl ich mir vorgenommen hatte, auf diesen +Punkt unter keiner Bedingung einzugehen. +„Wie verkehrt ihr eigentlich miteinander? Ihr +sagt einander: „Du?“ +</p> + +<p> +Zu meiner Überraschung: „Ja.“ +</p> + +<p> +Ich legte Messer und Gabel weg: „Nun, das +genügt wohl ...“ Ich fühlte die Zimmerdecke +auf mich stürzen ... +</p> + +<p> +Eine kurze Pause. Dann lachte sie auf: „Das +hast du dir wohl gedacht? Aber nein, wir sagen +natürlich Sie zueinander.“ +</p> + +<p> +Was ist nun die Wahrheit? Das, was sie +<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> +zuerst gesagt, oder die Berichtigung, als sie +mein tiefes Entsetzen sah? ... Dies blieb eine +dunkle Stelle dieses sonst so lichten Zusammenseins. +„Kannst du es mir schwören?“ – „Ja.“ +„Bei dem, was dir am heiligsten ist?“ – „Ja.“ +– „Beim Grab deiner Mutter?“ – „Ja.“ – +War es die kurze Antwort, dieses „Ja“, das +zu wenig Substanz enthält, um einem so mächtigen +Strom von neuer Unruhe den Weg zu +sperren, – ich weiß den Grund nicht. Weiß +nur, daß von dieser Gesprächswendung etwas +Unaufgelöstes in meinem Herzen zurückblieb. – +Und noch etwas anderes stimmte nicht ganz. +Ich hatte sie küssen wollen. Sie wehrte ab. So +ist nun einmal Jorinde! Zweimal hat sie selbst +mich völlig ungescheut geküßt, – nun wo ich +dasselbe wollte, wies sie angstvoll auf den +Spiegel an der fernen gegenüberliegenden +Wand: man könnte uns vom Korridor aus +sehen! Doch nicht dieser Widerspruch erregte +mich, sondern ihr Aufschrei: „Günther!“ – +Also hatte auch er sie geküßt – oder zumindest +küssen wollen? – Merkwürdig, daß sie bei +ihrem Irrtum gar nicht verlegen wurde. Nie +<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> +werde ich die Wahrheit herausbringen. Ihr +ganzes Benehmen zeugte von so unbedingter +Treue, – an der Hauptsache dieser Treue zweifelte +ich ja auch gar nicht, – es verwirrte sich +nur alles für einen Moment, dann wurde es +wieder klar. Ich hatte Selbstbeherrschung genug, +von diesem Zwischenfall kein Wort zu reden. +Nur bei späterer Gelegenheit fragte ich sie, +wie sie den Mechaniker anspreche. +</p> + +<p> +„Herr Schmidt.“ +</p> + +<p> +„Anders nicht?“ +</p> + +<p> +„Manchmal auch Herr Günther.“ +</p> + +<p> +„Oder vielleicht manchmal auch kurzweg – +Günther?“ +</p> + +<p> +„Nein, das nie.“ +</p> + +<p> +„Wirklich nicht?“ +</p> + +<p> +„Glaubst du, daß ich lüge?“ +</p> + +<p> +Es ist also nicht ausgeschlossen, daß ich mich +verhört habe. Ja, ich muß die Möglichkeit zugeben, +daß ihr Aufschrei im Moment des +Kusses vielleicht weder „Herr Günther“ noch +„Günther“ gelautet hat, sondern irgendwie ganz +anders. Denn eine Lüge habe ich eigentlich +nie von Jorinde gehört. +</p> + +<p> +<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> +Noch manches fragte ich. Ich erfuhr, daß sie +nie mit ihm Briefe gewechselt habe, – sie ließ +auch nie zu, daß er für sie zahle, – das hätte +eine Verpflichtung bedeutet. Und getanzt? – +Ein einziges Mal! +</p> + +<p> +Mein Gott, ich zermalme sie ja – dachte ich +einen Augenblick lang, – so deutlich war es, +daß ich, ich allein alle ihre Gedanken ausfüllte, +daß mein Argwohn ihr unrecht tat, daß die +Episode mit dem Mechaniker viel bedeutungsloser +war, als ich je hätte glauben können. Gerade +Ausdrücke, die Jorinde so nebenher gebrauchte, +bestärkten mich in dieser neuen glücklichen +Ansicht. „Er respektiert mich“, sagte sie +von ihm. Oder: „Er ist ein Kind. Du kannst +dir eben nicht vorstellen, wie ein unreifer +Mensch das alles betrachtet.“ So spricht eine +Frau nicht von einem Mann, der ihr etwas +bedeutet. +</p> + +<p> +„Aber er liebt dich.“ +</p> + +<p> +„Ich weiß es nicht.“ +</p> + +<p> +„Hat er denn nie etwas davon gesagt?“ +</p> + +<p> +„Nein. – Ach, du meinst, daß alle so sprechen +und fühlen wie du. Ein kleiner Mechaniker. +<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> +Er würde es gar nicht wagen. Und er braucht +ja eine reiche Frau, um selbständig zu werden. +Das ist seine Hauptsorge. Davon spricht er, von +nichts anderem sonst. Du meinst, alle Menschen +denken nur an Liebe wie du.“ +</p> + +<p> +Ich küßte ihre Hand. „Aber wo ist dein +Ring?“ +</p> + +<p> +Sie trug ihn nicht. Es hätte Aufsehen unter +den Kollegen erregt. +</p> + +<p> +„Und bei Herrn Günther.“ +</p> + +<p> +„Ach, laß doch den, – nun gewiß, er ginge +keinen Schritt mit mir, dazu ist er viel zu +ehrlich.“ +</p> + +<p> +„Nun also?“ +</p> + +<p> +„Gönnst du mir wirklich die kleinen Spaziergänge +nicht?“ +</p> + +<p> +„Wenn er sich nun aber wirklich in dich verliebte! +Das kannst du doch auf keine Weise ausschließen. +Bedenke, welche Verantwortung du +auf dich nimmst. Du machst ihn für sein ganzes +Leben unglücklich.“ +</p> + +<p> +Ihr Gesicht wurde hart. „Was geht das +mich an! Ich kann nichts dafür, wenn mir die +Männer nachlaufen. Ich tue nichts dazu.“ +</p> + +<p> +<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> +So verstellen sich Göttinnen. – Eben noch +hatte ich mich ihr überlegen gefühlt, hatte gefürchtet, +sie zu zermalmen mit meiner Herrschaft, +– nun war ich wieder zu Furcht und +Anbetung verwiesen. Und dabei behandelte sie +mich zart. Sah sie, daß ich traurig wurde, so +milderte sie das eben Gesprochene, entschuldigte +sich, führte immer wieder an, daß die +letzten Rollen alle ihre Kräfte verzehrt hätten. +Eine arme Schauspielerin, eine geplagte Anfängerin, +– aber nur Achtung, nicht übermütig +werden, sonst zeigt sie den Blitz und den schuppigen +Ägisschild mit dem Gorgohaupt. – +</p> + +<p> +Wir fuhren im Auto zu ihrer Wohnung. +Nicht ganz bis hin. Sie mochte in der Gasse +nicht auffallen. So ließ ich an der Ecke zuvor +halten. Ehe sie ausstieg, umfing ich sie: „Und +freust du dich auf heute abend?“ +</p> + +<p> +„Ich habe doch lange genug warten müssen.“ +</p> + +<p> +Ich drückte sie fester an mich, ihren weichen, +biegsamen Körper. – Sie lachte mir noch zu, +ehe sie um die Ecke verschwand. – O Natur, +Natur! Dieses eine Wort entschuldigte doch für +alle Qual. +</p> + +<p> +<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> +Nun allein im breiten Ledersitz des Autos – +allein und doch auf so ganz andere Weise allein +als vor wenigen Stunden in der Bahn – +denn nun war es ja sicher, daß Jorinde in +wenigen Minuten wieder da sein würde. O +Sicherheit, die mich umfing – nach all den +Zweifeln und Aufstörungen der letzten Zeit. +Gerade in meinem Alleinsein kam mir diese +Sicherheit erst richtig zu Bewußtsein. Es war +eine süße Ruhe, eine Art Schlaf. Jede Faser +meines Körpers, das spürte ich, kehrte allmählich +zur Ruhe zurück. Alles ringsum fühlte +ich als vollständigen Frieden. – Da stellte +der Chauffeur draußen den Motor ab. Es war +wie ein Schlag. Nun erst merkte ich, daß der +Wagen bis jetzt mit gehendem Motor gestanden +war, tüchtig durchgeschüttelt; und diesen Lärm, +dieses Zittern hatte ich in meinen vibrierenden +Nerven immer noch als Ruhe empfunden; jetzt +aber tauchte ich in die wirkliche Stille unter +wie in ein laues Bad. – Vielleicht war es +eine leichte Ohnmacht, die mich umfing. – Ich +kam wieder an die Oberfläche. „Wie lange warten +wir schon?“ Der Chauffeur zog die Uhr, +<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> +zeigte mir etwas. Ich verstand ihn nicht. Es +war mir auch einerlei. O diesen Frieden genießen +– bis ans Lebensende, – es wäre Glückes +genug. Und selbst, wenn Jorinde jetzt überhaupt +nicht zurückkäme – oder wenigstens noch +lange nicht – es wäre Frieden, der silbergraue +Frieden des Himmelreichs. Der Regen fiel, +kaum sichtbar, – nur ein leichtes Abwärtswallen +der dämmerigen Luft, – ein leises Rauschen +an den großen Glasfenstern, durch die +ich hinaussah, nach rechts und nach links, doch +beinahe ohne den Kopf zu bewegen. So müde, +so müde! Die Straße war fast menschenleer. +Aber die Häuser machten einen warmen, anheimelnden +Eindruck. Ich hatte das Gefühl, als +ob ich schon einmal – vor Jahren, als Kind +vielleicht – hier gewesen wäre. Oder vielleicht +hatte ich die Straßenansicht einmal geträumt. +Das Schattenbild einer angenehmen Erinnerung +mischte sich mit lieblich gedämpften Farben +in die Gegenwart. Nun kam ein Radfahrer vorbei. +Klar sah ich alles – und doch trunken. Er +hielt an, indem er seine Hand an die Seitenwand +des Autos legte. So stützte er sich leicht +<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> +an unseren Wagen, immer auf seinem Rad aufrecht +sitzend, und fragte den Chauffeur irgendwas. +Der hatte offenbar nichts dagegen, gab +bereitwilligst Auskunft. Beide lachten. Dann +fuhr der junge Bursch davon. +</p> + +<p> +Ich ließ nochmals das Fenster hinunter. +„Wie heißt die Straße hier?“ +</p> + +<p> +„Frohsinnstraße.“ +</p> + +<p> +Frohsinnstraße! – Doch eine alte Frau, die +wie eine Hexe aussah, stand in der Nähe und +sah immer wieder in den Wagen herein. Was +mochte sie wollen, warum ging sie nur immer +ein paar Schritte weit, blieb dann wieder +stehen und kehrte um, um zu mir hereinzuspähen? +– Ach nein, sie hatte nichts Böses im +Sinn. Eine Straßenbahn kam, nahm die Alte +mit. Ich hatte nur die Haltestelle nicht bemerkt, +an der sie gewartet hatte. +</p> + +<p> +Ach nein, – das Leben ist nicht so bös. Wir +ängstigen uns grundlos. Es gibt eine Frohsinnstraße. +Die Hexe wird mitgenommen. Man +erteilt Auskünfte, Mensch und Mensch helfen +einander unter gemütlichem Lachen. Der Regen +fällt weich, befruchtend in den grauen Frühlingsabend. +<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> +– Und Jorinde – kommt sie denn +wirklich nicht? Nun dauert es eigentlich schon +gar zu lange. Ein Telephongespräch wegen +Rollenübernahme, ein wenig Einpacken, das +kann doch nicht so lange dauern? – Ach nein, +sie kommt gewiß. Viel ist zwar möglich, viel ist +bei Jorinde möglich, – das aber scheint doch +undenkbar, daß sie mich hier im Auto warten +ließe. Ich spüre zwar ein Tröpfchen Unsicherheit, +– aber das ist nur ganz genau jenes +winzige Tröpfchen, das nötig ist, um den Ozean +von Sicherheit, in dem ich schwimme, fühlbar zu +machen. +</p> + +<p> +Und da ist sie ja schon, – im grauen Reisemantel, +die Lederkappe aufgesetzt das Köfferchen +in der Hand. +</p> + +<p> +Vorwärts, Chauffeur, in den Abend, in die +Nacht, zum Bahnhof, zu den Sternen. – Es +gibt keinen glücklicheren Menschen als mich. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter blank" id="part-13" title="13"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">an</span> hört oft die Redensart: Othello, das +Drama der Eifersucht. – Die so reden, haben +nie erlebt, was Eifersucht ist. +</p> + +<p> +Othello ist das Drama einer plumpen Täuschung. +Eifersucht spielt wohl eine Rolle dabei, +– doch ist Othello weit entfernt davon, den Urtyp +des Eifersüchtigen darzustellen. Beweis: +daß er sich zum Schluß widerlegen läßt, seine +Eifersucht für durchaus unbegründet, Desdemona +für vollendet treu hält. Wer so fühlen +kann, ist auch vorher nie wirklich eifersüchtig +gewesen. Das Wesen der Eifersucht liegt ja +eben darin, daß sie unter allen Umständen unvergänglich +und unwiderlegbar ist, daß sie sich +vollständig außerhalb des Gebiets von Beweis +und Nichtbeweis hält. So wie es ein Vertrauen +gibt, das eines Beweises nicht bedarf, +so wie wahrer Glauben den Versuch eines Beweises +gar nicht erträgt, – so gibt es auch ein +<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> +Mißtrauen ohne Beweis, das ist die Eifersucht. +Wahre Eifersucht hat daher etwas vom Rang +des Religiösen an sich, freilich nicht auf der +Lichtseite, sondern auf der dunklen Hemisphäre +des Daseins. Denn nicht das ist Eifersucht, daß +man eine Frau für treulos hält, ohne genügende +Beweise, auf bloßen Verdacht hin; – nein, +weiter noch, der Eifersüchtige fühlt und weiß, +daß es überhaupt niemals, durch kein Mittel +auszumachen ist, ob die Frau treu ist oder +nicht, daß es nichts in ihrem Benehmen gibt, +was nicht nach beiden Richtungen hin, als +Argument für Treue wie für Untreue, gedeutet +werden könnte, daß auch die Frau, selbst wenn +sie helfen wollte, bei der Deutung ihrer eigenen +Seele ebensowenig weiß wie der, der sich um +sie abhärmt, und daß daher jeder Deutungsversuch +ganz zwecklos, das Eifersuchtsgefühl +dagegen das einzig Sichere, das Absolute ist. +– Vielleicht ist dies allerdings schon eine +solche Definition der Eifersucht, wie sie nur +ein Eifersüchtiger geben kann. Gut, ich stecke +eben in meiner Welt, – das leugne ich ja +nicht. +</p> + +<p> +<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> +Das wundervolle Zusammensein mit Jorinde +hatte nichts genützt. Gar nichts. +</p> + +<p> +Daß sie sofort und mit Freude mein war wie +nur je, – daß also diese schöne Frau mir angehörte, +so oft es möglich war, – hätte mir das +nicht genügen können? – War es nicht phantastisch, +die ausschließliche Herrschaft über ihre +Gedanken zu beanspruchen. Wann hast du an +mich gedacht? Wie oft? Oh, so kindisch, danach +zu fragen, – und dabei nie kontrollierbar – +und dennoch, sobald ich nur wieder in Berlin +war, meine Sorge Tag und Nacht. +</p> + +<p> +Eine Entscheidung hatten die schönen zwei +Tage in R. nicht gebracht. – Wohl sah ich +Jorindes schlanken Leib in hundert lockenden +Bildern vor mir, roch förmlich das rotbraune +alte Hotelzimmer mit seinem schwachen Seifen- +und Haarwasserparfüm, mit seiner frischgebügelten +Bettwäsche, dem Metall der kleinen +elektrischen Lampe auf dem Nachttisch, – erlebte +nochmals Jorinde in der Pracht ihrer Hingabe, +nochmals ihr Streicheln über mein Haar, +ihre Anschmiegungen, süßer als die irgendeiner +anderen Frau der Welt – sah mich am Morgen +<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> +ihren goldenen Armreifen auf der Marmorplatte +vor dem Spiegel tanzen lassen, hörte ihre +lieben Scheltworte (sie war so ordentlich und +sparsam, fand das kostbare Stück ein wenig +zerkratzt), – das alles beruhigte nicht, belebte +nur meinen sehnsüchtigen Schmerz. +</p> + +<p> +Während ich mich mit Entzücken der geringsten +Erinnerung hingab, dem Surren und +Glitzern, Tanzen und Niederfallen dieses Goldrings +auf den Marmor, – ging sie wahrscheinlich +mit dem Mechaniker spazieren. Denn es +war stillschweigende Übereinkunft geblieben, daß +sie den Verkehr fortsetzen würde. +</p> + +<p> +Vielleicht legten sie beim Gehen Hand in +Hand? Und wenn sie einander nur mit dieser +gewissen sehnsüchtigen Beharrlichkeit Aug’ in +Aug’ schauen! – Es ist doch unmöglich für +einen jungen Mann, an Sommerabenden, +neben einem schönen Mädchen, – – ich zitterte +vor Wut, wenn mir diese Szenerie erschien. +Doch ich war wehrlos. Sie drängte sich +auf. +</p> + +<p> +Nun war also Jorinde wieder abgetrennt von +mir, den unbekannten Einwirkungen einer fremden +<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> +Welt überlassen. Das „Du“ fiel mir ein, +das sie zuerst zugegeben, dann abgeleugnet +hatte. Der Ausruf „Günther“. – Um wieviel +beweiskräftiger jetzt all dies als in ihrer Gegenwart. +– Mir wurde klar (woran ich in Augsburg +und R. gar nicht gedacht hatte), daß diese +beiden Umstände einander unterstützten. Wen +man duzt, den ruft man auch mit dem Vornamen. +– Und weiter: das Interesse an seiner +selbständigen Stellung. – Ich bedauerte, nicht +genauer hingehört zu haben, als sie von diesen +Dingen sprach. +</p> + +<p> +Manchmal dachte ich ganz kalt: „Was hätte +ich davon, wenn ich nun wirklich herausbrächte, +daß sie ihn mehr liebt als mich, – oder daß +er einen wesentlichen Teil ihrer Gedanken in +Anspruch, also mir fortnimmt. Wie könnte ich +mich denn trösten? Es gibt ja nichts! Ich habe +mein Leben ganz und gar auf sie gestellt. Das +war eine Zeitlang so süß – immer, immer sie +vor Augen zu haben, nur ganz kurz bei den +dringendsten Dingen des Bedarfs zu verweilen +– und dann wieder zu ihr die Gedanken! Wie +ist es jetzt? Der Gedanke an sie ist Qual. Will +<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> +ich mich aber von ihm ablenken, so falle ich ins +Leere, – es ist einfach rund um sie nichts da, +keine Interessen, keine Welt, sie schwebt als +einziger bewohnbarer Fleck mitten im leeren +Raum. Also bin ich ja auf sie allein angewiesen. +Wozu die Zweifel, ich muß ja doch bei ihr +bleiben, mag sie sein, wie sie will. – Am Ende +wäre es am besten, sie anzuleiten, wie sie mir +am wenigsten Verdacht einflößte. Sie brauchte +ja überhaupt nichts vom Mechaniker zu schreiben. +– Ob ich mir nur einreden könnte, daß ich +ihr glaube: das ist die Frage dabei.“ +</p> + +<p> +Ich fühlte, wie ich tiefer und tiefer mich entwürdigte. +– Es gab verzweifelte Stimmungen, +in denen ich mich nur noch daran klammerte, daß +sie, zumindest für einige Zeit noch, meine Unterstützung +brauchte. Das Geld, früher ein Grund +zur Unruhe in der zarteren Auffassung unserer +Liebe, wurde nun eine Art von Ruhepunkt: so +sehr hatte ich meine Ansprüche, meine Auffassung +von Ruhe und innerer Sicherheit hinuntergestimmt. +Der absurde Gedanke, die Geliebte +durch einen Detektiv beobachten zu lassen, +kam mir nahe. Glücklicherweise ließ ich mich +<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> +niemals dazu herbei, dieser Versuchung nachzugeben. +Eine solche Veranstaltung hätte ja dem +ganzen Sinn unserer Beziehung geradezu ins +Gesicht geschlagen. – Hielt ich mich aber auch in +dieser einen Hinsicht aufrecht, so fühlte ich doch, +wie sich alles Edle meiner Seele in Zersetzung +befand. In widerlicher Bescheidenheit überblickte +ich manchmal die Trümmerreste meines Glückes +und fand sie immer noch – beträchtlich genug. +Das war schlimm. Das trieb mich zu einem +Gefühl, das mir vordem ganz fremd gewesen +war: Selbstverachtung. +</p> + +<p> +Wie aber, wenn der Mechaniker reich wurde, +– wozu er ja vermöge seiner Tüchtigkeit auf +dem besten Wege schien? – Dann hätte sie +mich ja nicht mehr gebraucht. – So gab es für +jede Gemeinheit eine Gegengemeinheit, um +deren allenfalls heilsame Wirkung auf mich +aufzuheben. +</p> + +<p> +Nein, ich sollte kein Behagen mehr haben. +Entweder auf der allerobersten Stufe der Reinheit +und des Glückes – oder gar nicht atmen +können – jedes Mittelding, jedes Durchschlüpfen +war ausgeschlossen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter blank" id="part-14" title="14"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">ie</span> oft versuchte ich den Kern meiner Unruhe +zu fassen. Etwa so: Jorinde log nicht. +Richtig. Aber ihre Stimmungen wechselten. +Immer wahrhaftig, war sie doch immer eine +andere! Wie in ihren Briefen, deren Herzlichkeit +wiederum knapp nach den Tagen in R. +mich beglückt und – verwöhnt hatte, in der +Folge aber dem bekannten kühleren Ton zu +weichen begann. Unmöglich, diesen Prozeß, der +nach jedesmaligem Zusammentreffen einsetzte, +durch irgendein Kunstmittel aufzuhalten. – +Manchmal glaubte ich klar zu sehen, daß ich sie +ganz anders behandeln müßte, um sie mir +dauernd zu sichern. Brutal, gleichgültig, selbst +treulos! – Aber wäre mir auf diese Art nicht +das beste meiner Liebe, die unendliche Zärtlichkeit +und Verehrung, die ich für Jorinde +empfand, verlorengegangen? Von allem abgesehen: +meiner ganzen Natur nach war ich eben +<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a> +unfähig, anders zu lieben als auf diese gefahrvoll +unverstellte, lautere, das ganze Herz +ergreifende, auf meine Art. +</p> + +<p> +Denn das ist doch das Schönste von allem: +ganz aufgehen in Arbeit und Sorgfalt um die +Geliebte, nicht bloß Leidenschaft für sie fühlen, +sondern geradezu freundschaftliches Wohlwollen, +– so daß man ihr guten Erfolg in allem +wünscht, Ruhm, Zufriedenheit, Gesundheit, – +so daß man fähig wird, jeden Schritt, den sie +nach vorwärts macht, als Bereicherung des +eigenen Seins, ja mit einer Dankbarkeit zu +genießen, die über die Dankbarkeit für eigenes +Glück weit hinausgeht. Erst diese wahrhaft +menschliche Stufe der Liebe scheint mir wahre +Liebe zu sein. Doch ist es nicht Menschlichkeit +im gewöhnlichen Sinn, hat nichts mit Nächstenliebe, +mit banaler, wenn auch guter Anteilnahme +an unserem Nebenmenschen zu tun – +es ist ja eine Göttin, an der man Anteil nimmt, +nicht ein Mensch –, es ist ein frevelhaftes Emporsteigen +in die heidnischen Berge Thessaliens, +von denen man schnell wieder hinabgeschleudert +werden kann, wie Tantalus in den Hades hinab, +<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> +– o wie deutlich mischt sich das Feuer der +Vermessenheit in die kühle Tugend, die Sünde +der Fremdheit noch in die vertrauliche Hilfsbereitschaft. +Wenn mich nun aber Jorinde beleidigte +oder in ängstliche Spannung versetzte, +mußte ich mich in Verteidigungszustand gegen +sie setzen – und das war das Schreckliche: Da +wo es mich drängte, mein Herz in süßestem +Wohlwollen zu verströmen, wie Tantalus an +seine göttlichen Freunde, und wo ich auch die +Fähigkeit in mir fühlte, dies rückhaltlos zu tun, +da mußte ich mich wehren, Böses ersinnen, vergiftenden +Trotz. +</p> + +<p> +Ein Glück, daß mir bei all dem immer noch +klar blieb, daß die Schuld an diesem Verfall +nicht auf Jorindes Seite, sondern ausschließlich, +ausschließlich auf meiner Seite war. Jorinde +war richtig, so wie sie war. Wäre nun auch ich +richtig, wäre ich stärker, kälter, vertrauensvoller +gewesen, so hätte ich den Anforderungen standgehalten, +die das Leben mit einer Göttin, – +oder vielleicht das Leben schlechthin stellt ... +</p> + +<p> +Doch ich wurde ja zusehends schwächer. Die +schlaflosen Nächte ließen einen einseitigen +<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a> +Schmerz in meinem ganzen Körper zurück. Auf +der rechten Seite schmerzte der Kopf, das +Rückgrat, die Hüfte, sogar der Schenkel. – Jorinde +foltert mich! Geradezu körperlich tut sie +mir weh! Es ist nicht nur die seelische Spannung, +die ich nicht länger ertrage, – auch dieses +Aufpeitschen fieberhafter Blutströmungen +halte ich nicht mehr aus! +</p> + +<p> +Als ein besonderes Mißgeschick erschien es +mir, daß um diese Zeit die Photographie der +unbekannten Dame, die mich immer so tröstend +an Jorinde erinnert hatte, aus der Bahnhofshalle +am Nollendorfplatz verschwand. Aller +Trost wurde aus meinem Leben entfernt ... +</p> + +<p> +Ich gab den Kampf nicht auf. Ich suchte Trost +in der Religion, befaßte mich mit verschiedenen +Philosophien, – doch was ich auch hörte und +las, es bekräftigte mich in meiner Grundüberzeugung: +Frieden ist nur im Schoß der Geliebten. +</p> + +<p> +Dieser Frieden ist mir unwiederbringlich verlorengegangen, +und so sterbe ich gern. +</p> + +<p> +Auch die Bücher der Dichter durchstöberte ich +auf der Suche nach einem beruhigenden Wort. +<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> +Aber die modernen wissen nichts von der Liebe, +– von verzehrender, unterjochender Liebe, wie +ich sie meine, – und bei den älteren, die wohl +das Wesentliche davon empfunden haben (so +scheint es), stieß mich die fremdartige Umgebung +ab. Nur ein einziges Mal empfing ich aus +einem Kunstwerk unmittelbar das, wonach ich +dürstete. An einem schönen Frühlingssonntag +spielte man in einem Vormittagskonzert Beethovens +letztes, schönstes Quartett, das Quartett +des Abschieds. Ich kannte es längst und sehr +genau, hatte es selbst wiederholt gespielt, – +aber jetzt erst, in meiner ärgsten Zerrüttung, verstand +ich es. Welch ein tiefer Schmerz der Anfangstakte, +– dann sofort ein die Brust weitendes +Hauptthema, frei herausgesungen, – gleichsam +der Idealzustand der heiteren Ruhe, der +für immer dahin ist. Wie Phantasmagorie tauchen +leichte punktierte Figuren auf, man glaubt +Anklänge an die Pastoralsymphonie gleicher +Tonart zu erkennen. Oh, da war Glück, da war +Verbundenheit in Gott, Frieden, Größe, Andacht. +Traut aber irgendwer dem aufsteigenden +Motiv, das jetzt (beim ersten Forte) Entschlossenheit, +<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a> +Energie vorspiegelt? Nein, nein, – +bald setzen die schwermütigen Anfangstakte ein, +durch harmloses Geplänkel hindurch dringen sie +immer mehr an die Oberfläche, beherrschen die +Durchführung, – und der arglose Schluß dieses +Satzes hebt sich von drohend schwarzem Gewitterhimmel +ab. Donner und Blitz, Feuerwerk +aller Rhythmen, Orgie und Satire ist denn +auch im Scherzosatz entfesselt. Der Violinbogen +springt, die Bässe poltern monoton. Ein rasender +Schrei nach Vergessen, nach Wollust, nach +Betäubung und Schmerz. – Bis dann in der +unbegreiflichen Eingebung des Lento der „Abschied“ +wirklich da ist, in all seiner Melancholie +süß und zart, Keim des Wahnsinns, der sich bis +ans Sternengewölbe entfaltet. Klagt nicht das +herrliche Cis-Moll-Zwischenspiel wie ein Requiem? +Das Grab ist geöffnet, schwarze Fahnen +wallen, von Kerzen düster erhellt, – hinab, +hinab in grenzenlose Tiefe alles, was mir lieb +war, alles, woran meine Gedanken sich anklammerten, +woraus sie Kraft und Erquickung +sogen! Das liebliche Bild der Geliebten erscheint +nochmals, von Sopranfiguren umspielt. +<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> +Rückhaltslos, ja rückhaltslos wird hier das Herz +dem Wahnsinn geöffnet. Die trügerische Reinheit +der Dur-Harmonien baut Phantasiefreuden +auf, man spürt die sehnsuchtsvolle, nie mehr +stillbare Leere einer Seele, die mit letzter Ausschweifung +an ihren Erinnerungen hängt. – +Dann aber, welch eine Erlösung, beginnt Beethoven +zu sprechen: „Der schwer gefaßte Entschluß.“ +„Muß es sein? – Es muß sein! Es +muß sein!“ Furchtbare Frage zuerst, dringender +und immer dringender gestellt. Dann setzt mutig +und frisch die Antwort ein. Weg mit allen +kranken Gefühlen, – leben, leben, da dies nun +doch einmal unser Teil ist! Wie nun mit einemmal +der Bann gebrochen ist, ein quellender +Strom neuer Themen einsetzt, – zart ansteigend +bis zu dem in sich gefaßten, schrittweisen, wundervoll +männlichen Marschthema in A-Dur. +„Es muß sein, es muß sein!“ bekräftigt immer +wieder eine oder die andere Stimme dazu, +treibt den rüstigen Wanderer vorwärts in eine +neue Landschaft. Welch ein Aufbruch! Welch +eine beneidenswerte Sicherheit wiedergefundenen +Selbstbewußtseins! – Was ich aber am meisten +<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a> +bewundere, ist Beethovens Seelenerkenntnis: +sich losreißen von der Geliebten – das erscheint +anfangs ziemlich leicht und einfach. So +folgt auf die pathetische, doch einfach harmonisierte +Frage „Muß es sein?“ recht schnell die +nicht einmal sehr aufgeregte Antwort des Allegro +„Es muß sein“. Gewissermaßen so: +„Adieu, leben Sie wohl, gnädiges Fräulein. Es +war ja sehr nett, was wir miteinander erlebt +haben. Aber so, wie sich die Sache jetzt gestaltet +hat, geht sie ja offenbar nicht weiter. Das sehen +Sie doch wohl selbst ein. Wir quälen einander +nur gegenseitig. Also ist es das beste, wenn wir +einander frischweg die Hände zum Abschied +reichen. Nichts für ungut, vielleicht auch mal +auf Wiedersehen. Adieu.“ – So etwa klingt +mir der Anfang des Schlußsatzes. Aber nach +der Reprise verdüstert sich das Bild sehr schnell. +Das Marschthema bekommt schon einen leise +sentimentalen Einschlag; sinkt dann in tiefere +Lagen, sequenzartig, Moll, von tiefen Trillern +untermalt, unheimlich. – Und nun die erschütterndste +Episode: die Frage „Muß es sein?“ +taucht nochmals auf, jetzt aber gewaltiger, im +<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> +Glanz eines furchtbaren Tremolo aller Oberstimmen. +Und die Antwort: „Es muß sein!“ +klingt nun nicht mehr kurz und schnell, – ach, +sie hat vielmehr das Tempo der Frage +(„Grave“) angenommen, nur leise, vorsichtig, +ohne Impetus. Klage, nichts als tränenreiche, +widerstandslose Klage ist die Antwort geworden. +Sie muß sich auf den Baß der Frage stützen, +sonst bräche sie in sich zusammen. – O Schauer, +Schauer der Wahrheit! Beethoven, wie konntest +du wissen, daß es so und nicht anders ist: zunächst +so leicht der Entschluß, dieser Liebe ein +Ende zu machen, und erst nach einiger Zeit in +seinem ganzen gräßlichen Ernst, in seiner unwiderruflichen +Schmerzhaftigkeit erkannt! Erst leicht, +dann schwer ist der Abschiedsentschluß, – so +lehrt wirkliches Erlebnis, indes schablonenhafte +Stümperpsychologie das Umgekehrte voraussetzen +würde. Solcherart sind die Einblicke, die +das Werk des Genius von dem bloßer Talente +scheiden. – Und nun zu Ende: nochmals Zusammenraffen +aller guten Kräfte, um den +Wahnsinnskeim zu überwinden. Sieg! Sieg! +Ein Sieg in Zartheit, in stiller Einkehr. Sanft +<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a> +ertönt es jetzt, fragend und antwortend zugleich, +in süßer, schon unirdischer Schwebe: +„Es muß sein.“ Und dann <span class="antiqua">pizzicato</span>, leicht und +fein trippelt der Meister aus der Welt davon, +entfernt sich still aus dem Leben, ohne viel +Aufhebens zu machen. Diese letzten Takte sind +wohl das Zauberhafteste, was Beethoven geschrieben +hat. Ein Lächeln erfüllt sie, ein sacht +verspieltes, fast kindliches Lächeln, etwas spieldosenhaft +Liebliches, – die Spieluhr einer +anderen Welt erklingt. Ohne Leidenschaft und +Leid – rein und leicht ist das Himmelreich. – +Und das Herz sagt „Amen“ und sagt wohl +noch: „Möge auch mir solch seliges Ende beschieden +sein!“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter blank" id="part-15" title="15"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a> +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> letzte und <em>entscheidende</em> Brief Jorindes +lautete: +</p> + +<p> +„Mein guter, lieber Mann! Ich teile Dir mit, +daß ich ein Zimmer in Bobingen gemietet habe, +wo ich nach Schluß der Saison (ganz bald) wohnen +und Dich erwarten werde, bis Du mit Deinen +Geschäftssachen fertig bist. Dann fahren wir +zusammen nach Holland, hurra, wie ich mich +freue, gelt? Ich nahm das Zimmer schon jetzt, um +in diesen letzten Wochen der Saison gelegentlich +einen oder zwei Tage dort verbringen zu können. +Meine Nerven sind kaputt. Wenn es nur der +Spielplan häufiger erlaubte hinauszufahren! +Neulich traf ich den Mechaniker – zufällig, in +der Stadt –, er fand, daß ich sehr elend aussähe +und hat mir dann dieses Zimmer verschafft, +wofür ich ihm sehr dankbar bin. Das Haus gehört +Verwandten von ihm. Ich erhalte da auch +sehr billig Milch, fette Sahne, wie man sie in +<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a> +der Stadt nie zu sehen bekommt oder nur für +neun bis zehn Mark das Liter, während es hier +nur sieben Mark kostet. Du bist mir doch nicht +böse, gelt, daß ich das gemacht habe (nämlich die +Miete), ohne Dich vorher anzufragen. Es eilte, +denn schon machen sich überall Sommergäste +unangenehm bemerkbar. – Möchtest Du mich +nicht einmal in meinem Sommersitz besuchen? +Es ist sehr einfach hier. Auch die Gegend ist nicht +berückend. Um so schöner wird dann die Reise +nach Holland mit Dir, dann hast Du auch wenigstens +eine Frau mit, die nicht ein bloßes +Knochengerüst ist. Ich meine infolge dieser Kur, +die ich jetzt mache. Also, nicht böse sein! Schreibe +bald, viel und lieb. Und schone Dich doch ein +wenig, ich bitte Dich darum. Rege Dich nicht +auf. Es ist wirklich kein Anlaß vorhanden. Iß +brav, sonst mag ich Dich nicht, wenn Du wieder +so hohläugig ausschaust wie neulich. Das war +doch gänzlich unnütz und überflüssig. Hoffentlich +siehst Du das nun ein. – Es küßt Dich +</p> + +<p class="sign"> +Deine dankbare Jorinde. +</p> + +<p class="noindent"> +PS. Man fährt mit der Eisenbahn nach Bobingen, +nicht mit der Elektrischen.“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter blank" id="part-16" title="16"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a> +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> war natürlich im Augenblick entschlossen, +nach Augsburg zu reisen, und zwar unverzüglich. +</p> + +<p> +Es hätte des verräterischen Gleichklanges +(Bobingen, Göggingen) nicht bedurft: ich wußte, +noch ehe ich einen Blick auf die Landkarte geworfen +hatte, daß diese beiden Orte nicht weit +voneinander entfernt waren. – Was bedeutete +nur die merkwürdige Nachschrift in Jorindes +Brief? Sollte sie den Verdacht ablenken? – +Sie konnte allerdings auch bedeutend harmloser +aufgefaßt werden: Jorinde lud mich ja ein, sie +in ihrem „Sommersitz“ zu besuchen. Also gab +sie mir naturgemäß auch die nähere Anweisung, +wie ich hinzukommen hätte. O diese teuflische +doppelte Auslegung, die überall möglich war! +Bedeutsam aber war das Wort „Sommersitz“ +(wie es überhaupt in diesem Briefe nichts Bedeutungsloses +gab). Wies „Sommersitz“ nicht +<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a> +auf dauernden Aufenthalt hin, – also würde +Jorinde nach der Hollandreise wieder dahin, zu +ihm zurückkehren? Daß sie an dieser unserer +gemeinsamen Reise festhielt, sich auf sie freute, +gab mir seltsamerweise keinen Trost. Alles +wurde überwogen durch den Eindruck, daß sie +ihren Sommerplan in einem wesentlichen Punkte +dem Rate jenes Dritten angepaßt hatte, daß +er schon Autorität genug besaß, sie zu raschem +Entschluß zu veranlassen, – wie nahe aber +sind Liebe und Autoritätsglauben bei einer +Frau – und nun wohnte sie, ihm bequem erreichbar, +mitten in jener bayrischen Landschaft, +der sie beide entsprossen waren, wohnte ständig +da, nicht zu kurzen Spaziergängen nur, und +noch dazu bei seinen Verwandten! Das war es, +was mich am meisten aufregte: Die vage Vorstellung +von Familienvertrautheit mit jenem +anderen, von dörflich anspruchslosem Leben, mir +unzugänglich, von einem gemeinsamen Spiel, +das ich nicht durchschauen konnte, von einer +Verbundenheit, die mich ausschloß. Sie waren +ja alle zusammen eine Familie gegen mich! – +Und das sollte ich dulden, sollte abwarten bis +<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a> +zur Erledigung meiner „Geschäftssachen“, – +von denen Jorinde so obenhin sprach, obwohl ich +ihr von der gefährlichen Wendung, die der Prozeß +gegen meine Brüder genommen, mehrmals +ausführlich geschrieben hatte. – Nein, nein, +sie irrte, – ich würde mich durch diese „Geschäftssachen“ +nicht abhalten lassen, sofort zur +Stelle zu sein, – ich hatte kein Interesse mehr +an ihnen! Wozu sich in einer vorgeschobenen +Position behaupten wollen, wenn der Mittelpunkt +nicht mehr zu halten ist? So beauftragte +ich sofort nach Empfang des Schicksalsbriefes +meinen Rechtsanwalt, einen Vergleich +zu schließen, – meine Brüder sollten alles +nehmen, was sie wollten, mir nur einen finanziellen +Anteil lassen; die geistige Leitung der +Fabrik beanspruchte ich nicht mehr. Ich konnte sie +ja auch nicht mehr leisten. Mußte am Ende noch +froh sein, wenn ich Kompagnons bekam, die mir +die Arbeit abnahmen, zu der ich mich mehr und +mehr unfähig fühlte. – Der Zusammenbruch war +da. Ein Plan schwebte mir vor, – in Augsburg +oder sonst in Jorindes Nähe eine Wohnung für +mich zu nehmen. Ich hielt es nicht länger aus, +<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a> +fern von ihr zu leben. Das war das einzige +Klare an diesem Plan, – unbestimmte Hoffnungen +schwirrten allerdings rings um ihn. Mit +ihr zusammen von vorn anfangen, – vielleicht, +wenn sie meine Frau war – wiewohl ich einsah, +daß dies im Wesen nicht viel ändern +konnte. Nun, jedenfalls ging es auf die Art +wie bisher keinen Tag mehr weiter! Wie hatte +ich es nur so lange ertragen können – keine +Stunde, in der nicht völliger Umsturz drohte – +ein Umstand, so gleichgültig wie die Tatsache, +daß das Liter Milch in Bobingen um zwei +Mark billiger war als in der Stadt, genügte, +um mein Lebensglück, dem ich gern all mein +Hab und Gut geopfert hätte, über Nacht zu vernichten, +– auch hier allerdings jene verfluchte +Doppeldeutigkeit, wenn ich den Brief genau +las: es hieß dort, daß gute Milch in der Stadt +„nie“ zu sehen war „oder nur für neun Mark“. +Was bedeutete, um aller Heiligen willen, was +bedeuteten hier die Worte „ober“ und „nur“? +Es war nicht zu durchdringen, ebensowenig wie +dieses ganze dumpfe Geheimnis zwischen Jorinde +und mir. Verzaubert war ich, verzaubert +<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a> +die Frau, wie in jenem schauerlichen Märchen +meiner Kindertage. Unmöglich, einander festzuhalten. +Das ging über Menschenkraft hinaus! +Und doch hatte ich auf dieser Welt nichts, +nichts anderes mehr zu schaffen, als Jorinde +für immer und in tiefster Einigkeit bei mir festzuhalten. +– +</p> + +<p> +Das Vorwärtsrütteln der Eisenbahn war doch +noch eine Art Beruhigung für die tobenden +Nerven. +</p> + +<p> +Ich hatte wieder telegraphiert. Aber Jorinde +war diesmal weder im Kaffeehaus noch im +Restaurant. – Die Gespenstererscheinung unserer +vorigen Begegnung huschte durch den +bläulichen Glaskorridor, saß schattenhaft am +weißgedeckten Tisch im leeren Speisesaal. – +Es war natürlich diesmal damit zu rechnen gewesen, +daß Jorinde gerade am Tage meiner +Reise in Bobingen draußen sein und mein Telegramm +nicht erhalten würde. Ich hatte es vorhergesehen. +– Dennoch: was hätte ich nicht +darum gegeben, von ihr auch diesmal wieder +mit solch einem sanften ehelichen Kuß empfangen +zu werden, der eigentlich jede weitere Auseinandersetzung +<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a> +überflüssig macht oder wenigstens +von Anfang an in gute Bahnen lenkt ... +</p> + +<p> +Was nun? – Ich irrte die Maximilianstraße +hinunter, bestellte Kaffee in der prunkvollen +Halle des Fuggerhauses, das jetzt das „Hotel +Drei Mohren“ ist. – Die Enttäuschung hatte +unerwartete Gegenkräfte in mir ausgelöst. Ich +wußte plötzlich, <em>wußte</em> bestimmt, daß Jorinde +mich liebte. Wenn solche Liebe vergehen kann, +dann kann ja alles vergehen. Es war unmöglich +... Auch aus ihrem letzten Brief las ich nun +einen zärtlichen Ton heraus, der mir im ersten +Schreck ganz entgangen war. Die Anrede gleich +„Mein guter, lieber Mann“. Unzähligemal +wiederholte ich mir die vier Worte. +</p> + +<p> +Sollte ich nach Bobingen hinausfahren, sie +überraschen! – Der Gedanke, daß ich sie mit +dem Mechaniker dort antreffen würde, war mir +schrecklich. Die Situation mochte noch so unverfänglich +sein; nur ihn sehen, diesen Eindringling, +– das schon schien mir in seiner +brutalen Tatsächlichkeit meine Kräfte zu übersteigen. +</p> + +<p> +Doch vielleicht war sie gar nicht draußen? +<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a> +War in der Stadt – und nur ein Zufall hatte +sie abgehalten, rechtzeitig zu mir zu kommen? – +Eine neue Hoffnung. Ich erbebte vor Glück +bei dem Einfall, daß ich sie vielleicht in ihrer +Wohnung finden würde. Wiewohl es doch +ersichtlich nichts Böses sein mußte, wenn sie +in ihr Landheim hinausgefahren war: ich flehte +Gott um die Gnade an, daß es nicht geschehen +sein möge, – sonst ja, aber heute, gerade heute, +möge es nicht geschehen sein! +</p> + +<p> +Rasch ins Auto. – Als müßte sich alles so +wiederholen, wie es damals, bei unserem letzten +glücklichen Zusammentreffen gewesen war, +ließ ich den Wagen an der Ecke der Frohsinnstraße +halten. Oh, solche Wiederholungen haben +etwas entsetzlich Leichenhaftes an sich und nützen +gar nichts. – Ich ging die Gabelsbergerstraße +hinein, – denselben Weg, den sie damals +gegangen war, um den Koffer zu packen +– an der Ecke noch hatte sie sich umgewandt +und mir zugelächelt! Dann stand ich vor dem +Haus, in dem sie seit geraumer Zeit wohnte. +Ich sah es zum erstenmal; denn so nahe heran +hatte ich sie nie begleiten dürfen. Hier also +<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a> +lebte sie. Wie seltsam! Dies der Erdenfleck, zu +dem alle meine Briefe, all meine unendliche +Sehnsucht und Bangigkeit hingeflogen waren. +– Da mischte sich der wütende Gedanke ein, +daß vielleicht, nein sicherlich, auch die Sehnsucht +eines anderen denselben Weg, dasselbe +Ziel hatte. – Wie unrein war doch alles, ach, +ohne meine Schuld, – nichts in der Welt +konnte sich rein erhalten! +</p> + +<p> +Im dritten Stock öffnete ein graubärtiger, +sehr großer und dürrer Mann die Tür, an der +ich geläutet hatte. Nein, das Fräulein sei seit +heute morgen nicht zu Hause gewesen. Sonst +wisse er nichts, gar nichts ... Er höre auch +schlecht, er bitte, lauter mit ihm zu reden ... +</p> + +<p> +So blieb also doch nichts übrig, als nach +Bobingen hinauszufahren. +</p> + +<p> +Ohne viel zu überlegen, nahm ich den nächsten +Zug. Möglicherweise verfehlte ich sie nun +erst recht. Sie konnte in jedem der Züge sitzen, +die jetzt gegen Abend von Bobingen in der +Richtung Augsburg zurückfuhren. – Doch gab +es keine Wahl mehr für mich. Das sinnlose +Starren in die vorbeirasenden Gegenzüge gab +<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a> +ich bald auf. – So wie es kommen muß, kommt +es jetzt, dachte ich. Ist sie nicht draußen, so fahre +ich sofort wieder zurück. Ein tolles Ringelspiel. +Nun, jedenfalls sehe ich sie heute noch vor +Nacht, das ist die Hauptsache. Allerdings bringe +ich sie draußen in Verlegenheit, in dem Nest. +Schon ein Zusammentreffen in Augsburg fand +sie unschicklich, hatte Angst um ihren Ruf. Und +nun erscheint plötzlich ein Berliner Herr in dem +Dorfe, besucht die Schauspielerin ... Dazu +macht sich doch jeder seinen Text ... Jorinde +wird sehr böse sein, ihre Einladung war vielleicht +nicht ernst gemeint oder hatte gewisse +Vorsichtsmaßregeln zur Voraussetzung ... Es +wäre wohl das beste, mich diesmal gar nicht +als ihr Bekannter einzuführen. Ich kann ihr +ja ein Zeichen geben, daß ich gleichsam inkognito +da bin, – ein Fremder. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter blank" id="part-17" title="17"> +<span class="keep-nu-html-checker-happy"> </span> +<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a> +</h2> + +</div> + +<p class="first"> +<span class="firstchar">U</span><span class="postfirstchar">nd</span> warum bin ich gekommen? Nun, es wäre +doch lächerlich, in Augsburg zu bleiben, wenn +ich schon einmal die weite Fahrt gemacht habe, +und sie nichts davon wissen zu lassen. Ich komme +nur, um sie zu benachrichtigen. Draußen müssen +wir gar nichts miteinander reden, sehen einander +nur im Einverständnis an, – dann fahren +wir in demselben Zug, aber scheinbar ohne +Kenntnisnahme voneinander, nach Augsburg +zurück. Von dort vielleicht sofort weiter nach R. +Vielleicht genügt auch ein kurzes Gespräch +in Augsburg. Ich will diesmal wirklich ganz +bescheiden sein. In drei, vier Sätzen muß sich +alles sagen lassen. – Wenn ich aber von +Augsburg zurückreiste, wenn wir einander diesmal +(es wäre das <em>erste</em>mal) verfehlten: dann +würde doch auch Jorinde dies übelnehmen, sich +über mich ärgern. Sie freut sich ja, wenn ich +komme. Immer hat sie sich so ehrlich damit gefreut. +<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a> +Und nun hätte ich am Ende sie in Bobingen +lassen und nach Berlin zurückkehren +sollen, ohne sie zu sehen? Undenkbar! Jorinde +wäre untröstlich, wenn sie das erführe ... Bleibt +nur der eine Ausweg: mich möglichst unauffällig +in ihre Nähe schleichen, mich bemerkbar +machen – und sie dann gleich nach Augsburg +oder sonstwohin mitnehmen. +</p> + +<p> +So belog ich mich auf ganz raffinierte Art. +Oder war es Wahrheit? – Jedenfalls hatte +ich mich in eine ganz sonderbare Situation gebracht, +in der ich nun <em>gezwungen</em> war, eine +Art <em>ungewollter Spionage</em> zu treiben. +Der Detektiv, den ich früher als tief unter der +Würde unserer Liebe stehend abgelehnt hatte, +dieser Detektiv war nun – ich selbst. +</p> + +<p> +Bobingen. – Ich stieg aus. Vorsichtig verließ +ich den Bahnhof. +</p> + +<p> +Ich brauchte nicht weit zu gehen. +</p> + +<p> +Die alleeumsäumte Straße, die zum Bahnhof +führte, kamen zwei Menschen in langsamem +Schritt einher. Ich erkannte von weitester Ferne +Jorinde in weißem Kleid – und ihn, den +Mann. – Zitternd trat ich hinter einen Baum, +<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a> +ließ die beiden näher kommen. Sie gingen nicht +im Schlußarm, sondern ungefähr einen Schritt +voneinander entfernt. Ich konnte nicht unterscheiden, +ob sie miteinander sprachen oder +nicht. Während sie an mir vorübergingen, +schwiegen sie. +</p> + +<p> +Gewohnt, mit dem ersten Blick Jorindes +Aussehen zu prüfen, fand ich, daß sie leicht +abgebrannt war, – die blonden schlanken +Augenbrauen flammten im gebräunten Gesicht. +Sie sah gut aus, – auch in der Gestalt etwas +voller als sonst, – die sehnsuchterweckende +Kindlichkeit ihrer Arme, ihrer Hüften, ihres +Schrittes war geblieben; nur gesünder und weniger +zerbrechlich strahlte all diese Anmut, die +einstens mein gewesen war ... Warum hatte +sie nur das mit dem „Knochengerüste“ geschrieben? +Es peinigte mich, weil in diesem Augenblick +alles darauf ankam, ob man Jorindes +Worten unbedingtes, wörtliches Vertrauen +schenken könne oder nicht. +</p> + +<p> +Den Mann hatte ich noch gar nicht recht angesehen, +da waren die beiden schon im Bahnhofsgebäude +verschwunden. +</p> + +<p> +<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a> +Meilenweit weg wünschte ich mich. – Überall +in der Welt war es schön, nur hier nicht. +</p> + +<p> +Hinter den Nadelwäldern sank die Sonne +eines reinen Sommerabends. Die Landschaft +schien aufzuatmen, sobald die beiden in den +Bahnhof traten. – Ich aber mußte ihnen nach. +Von der betäubenden Tatsache, daß ich nun +wirklich wie in meinen schlimmsten Träumen +meine Frau mit einem fremden Mann gesehen +hatte, von diesem wahnwitzig schmerzenden +Druck befreite mich weder das leise Blasen der +Landluft noch der weite Ausblick in die grünen +Hügel ringsum. – Zwar hatte ich nichts Böses +gesehen. Und doch: ich hatte gesehen, wie es sich +ausnahm, wenn meine Frau nicht an mich +dachte. Das war grauenvoll. Und so leicht, so +natürlich nahm es sich aus wie alles, was sie +tat! Nun hatte ich also gleichsam die mir abgewendete +Seite ihrer Seele gesehen. Es war +mir, als stürze ich in einen Sumpf, dessen +schmutzige Wellen mir über das vor Scham erglühende +Gesicht schlugen ... +</p> + +<p> +Und doch mußte ich hinter den beiden her. +Es war ein Verhängnis, begründet in der Logik +<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a> +der Situation. – Denn nun würde entweder +der Mechaniker heimfahren, der Jorinde besucht +hatte, und nachher könnte ich dann hier im Ort +mit Jorinde sprechen (wovon nur? ich wußte +eigentlich gar nicht, wovon), oder Jorinde fuhr +weg, und der Mechaniker blieb bei seinen Verwandten. +Dann mußte ich doch in denselben Zug +springen, um gleichzeitig mit Jorinde nach +Augsburg zu kommen und möglichst bald mit +ihr zu reden, möglichst bald, – denn die Spannung +in mir war nicht mehr lange ertragbar. +Jedenfalls also hatte ich den Abschied der beiden +zu beobachten, um mein weiteres Verhalten +danach einzurichten. – Das aber war es, was +mich eigentlich anzog, wenn ich nachträglich +ganz ehrlich gegen mich sein will: es reizte mich, +ihren Abschied zu beobachten. Beim Abschied +mußte sich doch zeigen, in welchem Verhältnis +sie zueinander standen, ob sie einander bloß +die Hand drückten, kurz – oder lang, sehr lang +– oder ob sie einander gar küßten ... Nun +stand die Entscheidung über mein Leben unmittelbar +bevor. Ausflüchte, verschiedenfache Deutung +würde es dann nicht mehr geben. O wie +<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a> +fürchtete ich mich vor der Entscheidung, und +wie wünschte ich sie herbei ... +</p> + +<p> +Ich löste, nach allen Seiten spähend, eine +Fahrkarte, lugte durch die Tür in den geringeren +Warteraum, vergewisserte mich, daß sie +nicht dasaßen, – und hatte schon die dunkle +Ecke dieses Zimmers entdeckt, von der aus ich +am halb offenen roten Vorhang des Büfetts +vorbei in den Wartesaal zweiter Klasse blicken +konnte. Dort hatten die beiden an der dem Vorhang +gegenüberliegenden Wand Platz genommen, +unter einem goldgerahmten Spiegel, ziemlich +weit weg von mir. – Obwohl sie in der +Nähe des Fensters, im Licht saßen, sah ich sie +infolge der Entfernung durch die rauchige Stubenluft +hin nicht deutlich. Noch weniger allerdings +konnten sie mich in meinem finsteren +Winkel erkennen; hätten mich selbst dann nicht +erkannt, wenn sie geahnt hätten, daß ich in der +Nähe war. – Sie benahmen sich völlig unbefangen, +sehr ruhig. Saßen nicht nahe beieinander, +sondern durch die Tischecke getrennt. +Nun bemerkte ich, daß sie sprachen. Doch offenbar +war es kein aufregendes Gespräch, denn sie +<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a> +tranken in regelmäßigen Abständen ihren Tee, +– was mir natürlich nicht gelang. – Eigentlich +hatte ich den Eindruck, daß sie sich miteinander +langweilten. Doch gibt es ja auch ein +Schweigen zuzweit, das auf den höchsten +Grad der Vertrautheit hindeutet. – Ihre Gesichtszüge +verschwammen, ich konnte die beiden +Schatten, die, wie mir vorkam, seit einer Ewigkeit +einander etwas erzählten und die noch +eine Ewigkeit lang so beisammen sitzen würden, +nicht enträtseln. Ich bemerkte nur, daß Jorinde +ihren Hut abgenommen hatte. Ihr blondes Haar +glänzte in der Halbdämmerung. +</p> + +<p> +Endlich eine Bewegung! – In angestrengtem +Hinschauen hatte sich das ganze Zimmer, in dem +ich saß, samt dem Nebenraum, samt allen +Gruppen wartender Bauern und Bäuerinnen +wie in Stein verwandelt. Nun fuhr der Zug +ein, und mir war es eine Befreiung, mit den +anderen zusammen aufstehen, auf den Bahnsteig +hinausstürmen zu dürfen. +</p> + +<p> +Im Gedränge stand ich dicht hinter den +beiden. +</p> + +<p> +Der Zug hielt ganz kurz. Nun also mußte es +<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a> +geschehen! – Doch ich sollte noch länger auf die +Folter gespannt werden. Eine Möglichkeit, auf +die ich nicht gerechnet hatte, – aber dabei freilich +von Anfang an die wahrscheinlichste von +allen: der Mechaniker stieg zusammen mit +Jorinde ein. – Es gab gar keinen Abschied +zwischen ihnen. Es war ein gemeinsamer +Ausflug gewesen, und nun fuhr er mit ihr +zurück. +</p> + +<p> +Ich hatte gerade noch Zeit, mich in einen +anderen Waggon zu stürzen. Dann setzte sich +der Zug in Bewegung. +</p> + +<p> +Die unerwartete Wendung steigerte in mir +das Gefühl von Jorindes Treulosigkeit, – ich +gab mir keine Rechenschaft, warum. Bisher war +ja nichts, rein nichts geschehen, was nicht vollständig +der Darstellung in Jorindes Briefen +entsprochen, worauf ich nicht hätte vorbereitet +sein müssen. +</p> + +<p> +Nun führte also derselbe Zug uns drei dahin. +– Wäre er doch entgleist! – In meinem Kopf +tauchten wirre Sätze auf, wie etwa „Es könnte +ja ein Eisenbahnglück geschehen“ – und andere +Verdrehungen. +</p> + +<p> +<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a> +Wenn nun der Zug entgleiste – und ich +würde nicht gerettet, stürbe mit ihr zugleich – +das wäre freilich sehr schön –, aber das Totenkleid +könnte ich ihr nicht nähen lassen – nach +ihren Angaben: aus schwerem weißen Taft, +viereckig tief ausgeschnitten, mit weißen Rosen +unter der Brust, – o du liebe Eitelkeit du, ich +weiß ja, daß ich es dir versprochen habe, aber +nun siehst du doch: alle Versprechen habe ich +gehalten, wie ich sie dir damals bei unserem +ersten Abendessen in der Reginabar gegeben +habe, alle, alle getreu, nur dieses eine kann ich +nicht halten, weil ich doch selbst mit zerschmetterten +Rippen daliege ... +</p> + +<p> +Aber der Zug fuhr lustig weiter und nichts +geschah. +</p> + +<p> +Nur ich stand auf, setzte mich, fand keine +Ruhe und stand wieder auf. – Dann begann +ich den Verbindungsgang durch den ganzen +Zug hinzuschreiten. Ich konnte der Verlockung +nicht widerstehen, in die hellerleuchteten Coupés +hineinzuschauen. Obwohl dies ja nun ohne +alle Beschönigungsmöglichkeit nichts als nackte +Spionage war ... +</p> + +<p> +<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a> +Die beiden saßen in einem leeren, glänzend +lackierten Abteil dritter Klasse. +</p> + +<p> +Ich sah hinein, ging weiter, – kehrte zurück +und sah wieder hinein. – Sie saßen nebeneinander +auf derselben Bank, aber wiederum nicht +dicht beisammen, nicht Hand in Hand, – sondern +in ruhigem und, wie es schien, wenig angeregtem +Gespräch. – Sie waren ja allerdings +den ganzen Tag lang beisammen gewesen und +hatten Zeit gehabt, einander über alles ihre +Meinung zu sagen. +</p> + +<p> +Es war ein furchtbarer Anblick. Die beiden +so zusammengehörig – und ich, von Jorinde +aus betrachtet, eigentlich in Berlin, – so fern, +gar nicht in Betracht kommend. +</p> + +<p> +Da stehe ich nun, dachte ich – und es ist +wirklich wie im Märchen. Festgebannt stehe ich +– und Jorinde, mein Glück, trägt man mir vor +meinen Augen davon wie ein gefangenes Vöglein +auf offener Hand. Und ich kann die Glieder +nicht regen, nicht einmal den Mund öffnen +zu schmerzlichem Schrei ... +</p> + +<p> +Mit einem Male merkte ich, daß Jorinde, +die am Fenster saß, vom Mechaniker halb verdeckt, +<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a> +ihre glänzenden blauen Augen, in die in +diesem Augenblick die volle Deckenbeleuchtung +einstrahlte, emporhob und auf mich zu richten +begann. +</p> + +<p> +Sie überlegte wohl ... eine Ahnung stieg in +ihr auf ... +</p> + +<p> +Ich hatte mich vom seitlichen Türpfosten aus +trotz aller Vorsicht etwas zu weit nach vorn geschoben, +und es war nicht ausgeschlossen, daß +sie mich erkannt hatte. +</p> + +<p> +So trat ich denn ein. +</p> + +<p> +Im Eintreten legte ich, streng blickend, einen +Finger an die Lippen – dann wandte ich mich +sofort mit dem Rücken gegen die beiden, beschäftigte +mich nur damit, umständlich meinen +Hut im Gepäcknetz unterzubringen. So schnitt +ich jede Begrüßung ab. +</p> + +<p> +Ich wollte fremd sein. – Ursprünglich wohl, +um ihr alle Verlegenheit zu ersparen; denn ich +wußte, daß Jorinde dem Mechaniker von meiner +Existenz nichts erzählt hatte. – Sie trug ja +auch den Ehering oder Verlobungsring nicht +an der Hand. Es war das erste, wonach ich im +Eintreten sah. Hätte sie diesen Ring an der +<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a> +Hand gehabt, so wäre mir nicht sofort klar gewesen, +daß sie dem Mechaniker gegenüber das +ledige, Werbungen zugängliche Mädchen +spielte, – so hätte mich das Gefühl der Fremdheit, +das ja auch sonst stets gegenwärtig war, +bei diesem letzten Zusammensein nicht übermeistert. +Ich hätte mich einfach als ihr Mann +oder ihr Verlobter vorgestellt, und alles wäre +gut gewesen. Der Ring, der Ring hätte uns gerettet. +Aber Jorinde trug den Ring nicht. Sie +war von mir abgerückt, – ihre Art war niemals +die meine gewesen, – allerdings liebte +ich sie gerade darum, – doch für die maßlosen +Qualen, die daraus entsprangen, mußte ich +mich nun auch rächen. +</p> + +<p> +Und so war es neben dem Bestreben, ihr eine +gesellschaftliche Peinlichkeit zu ersparen, auch +noch das deutliche Bewußtsein, sie zu bedrängen, +was mich erfüllte. Denn ich sah, daß sie +Angst hatte. Vor meiner Miene vielleicht. Jedenfalls +vor meinen Absichten, die sie nicht erraten +konnte, – die freilich auch mir unbekannt +waren, von Moment zu Moment neu hervorschossen. +</p> + +<p> +<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a> +Ein Lächeln, das sie wagte, erwiderte ich nicht. +</p> + +<p> +Plötzlich erhob sie sich, streckte die Hand aus +und nannte (nein, wie geistesgegenwärtig) einen +falschen Namen, – fragenden Tons, als erkenne +sie mich erst jetzt und nicht ganz sicher. +„Herr Bühler?“ Damit wäre ich in die Unterhaltung +einbezogen worden – und jede Gefahr +vorbei. +</p> + +<p> +Aber gerade das wollte ich nicht. +</p> + +<p> +Ich verbeugte mich: „Gnädige irren wohl“ +– und nannte einen anderen, gleichfalls falschen +Namen. +</p> + +<p> +Damit rückte ich, jede Annäherung durch eine +Gebärde ausschließend, in meine Ecke ab. +</p> + +<p> +Der Mechaniker nahm das unterbrochene Gespräch +mit ihr wieder auf. +</p> + +<p> +Ich begriff Jorindes Angst. – Wie, wenn er +ein Wort sagte, das unmißverständlich eine +nahe Beziehung zwischen ihnen andeutete ... +</p> + +<p> +Um den Abschied hatten sie mich betrogen ... +Nun aber hielt ich mehr als den Abschied in +der Hand: ihr Gespräch. +</p> + +<p> +Ich tat, als sähe ich durch die Tür in den +Gang hinaus, in die roten Funkengarben, die +<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a> +draußen in der Nacht am Fenster vorbeiflogen. +Dabei lauschte ich auf jedes Wort, – lauschte +auf die unheimliche Stille, die bald entstand. – +Denn Jorinde antwortete nicht. Blaß geworden, +starrte sie vor sich hin. +</p> + +<p> +Sie tat mir leid, – aber nun war es zu spät. +Ich konnte doch jetzt nicht hintreten und mich +nachträglich als ihr Ehemann verbeugen. Die +Fremdheit, von uns wissentlich gestiftet, wuchs +nun als ein eigenes lebendiges Wesen, unabhängig +von uns, ins Gigantische. +</p> + +<p> +Es waren ganz leere Dinge, von denen der +Mechaniker sprach, – von einer Schwester erzählte +er ihr, die nun bald heiraten würde, von +den Vorbereitungen in seinem Dorf, – auch er +würde zur Hochzeit fahren und freute sich schon +darauf. – Daß Jorinde sich ängstigte, merkte +er gar nicht. – Jetzt erst sah ich ihn an. Das +also war er – der Dritte, die Maus im Zimmer! +Er sah wirklich aus wie eine Maus. So +unansehnlich, so klein. Wohl um zwei Köpfe +kleiner als ich. Sein Gesicht war gelblich und +mager, die Augen blaß. – Jorinde hatte einmal +gesagt, daß sie helle Augen nicht mochte, +<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a> +nie einen Mann mit hellen Augen lieben +könnte. Und einen Augenblick, ganz vorübergehend, +beruhigte mich diese Erinnerung. Auch +sie also liebte das Fremde wie ich. Sie liebte +meine schwarzen, ich ihre blauen Augen. In +einer anderen Situation hätte ich mich vielleicht +daran gehalten. Hier aber war es schon zu wild! +</p> + +<p> +– Ich starrte, starrte auf den Fremden. Sein +Gesicht hatte einen traurigen, verfallenen Ausdruck. +War das wirklich der Mann, der so große +Abenteuer in Amerika bestanden hatte? – Jetzt +erst merkte ich, wie diese Briefworte, über allem +folgenden schwebend, seine Gestalt in mir bestimmt +hatten. – Nein, der mächtige Holzfäller +aus dem bayrischen Wald, wie ich mir ihn vorgestellt +hatte, der braune Riese mit geschulterter +Axt war er keineswegs. Vielleicht litt er +nicht minder als ich. Von Jorinde gequält wie +ich. Und so mußte er mich, mußte ich sie nun +quälen ... „Unglückliche, die einander unglücklich +machen“ – hatte ich nicht einmal mit Erkenntnisblick +der ganzen Menschheit diesen Namen +gegeben – und nun wir drei, in ein und +demselben dahinsausenden Zugabteil, einer dem +<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a> +anderen zur Pein, – einer die Qual, die er +vom nächsten erleidet, auf den dritten übertragend +und so im Kreis rundum – oh, wir +Menschen! wir unglückseligen! +</p> + +<p> +Und Jorinde schwieg noch immer. +</p> + +<p> +Auch der Bursche war jetzt verstummt, – es +fiel ihm wohl nichts mehr ein. +</p> + +<p> +Plötzlich erkannte ich oder argwöhnte, daß +Jorinde vielleicht nicht aus Schreck und Reue +schwieg, – sondern nur aus Klugheit. Um eben +zu verhindern, daß ich dem Gespräch anmerkte, +wie es zwischen ihnen stand. – Was hatten +sie denn bisher geredet? Nichts Persönliches. +Sogar eine Anrede war bisher nicht vorgekommen. +Sagten Sie einander „Sie“ oder „Du“? +Nicht einmal das hatte ich erfahren. – So +redet, redet doch! Es ist doch undenkbar, daß +auch diese Probe kein Ergebnis bringt, – daß +wir drei, die wir einander so wichtig sind, hier +auf engem Raum beieinandersitzen, äußerlich +teilnahmslos und doch aufeinander lauernd, – +eine Filmsituation geradezu – und daß wir +wieder auseinandergehen, ohne daß sich der +Knoten gelöst hätte, der uns würgt ... +</p> + +<p> +<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a> +Bei jedem Laut schrak ich nun zusammen. +War es nur ein Stiefelknarren – oder war es +ein Wort, das alles verraten konnte? – Ein +Wort wie „Liebste“ oder eine Bitte um die +nächste Nacht. – +</p> + +<p> +Aber der Handwerksbursche (wie ein Handwerksbursche +erschien er mir) schwieg beharrlich. +Plötzlich fiel mir ein: Jorinde brauchte +doch nur aufzustehen und mir um den Hals zu +fallen, in einer großmütigen Aufwallung, die +alles verziehe, auch meine Spionage und +Rachsucht, – sie brauchte nur aufzustehen und +wahrhaftig, der Bann wäre gebrochen! Nur +schämen dürfte sie sich nicht. Müßte vor dem +Mechaniker alles eingestehen, offen sagen, wer ich +bin, nicht aber mich mit erfundenem Namen als +„Herr Bühler“ anreden. Nein, keine Klugheit +jetzt! Eine große Bewegung der Liebe, der flammenden +Leidenschaft, vor der alle Vorurteile zusammenfielen, +– das war es, das allein konnte +noch retten! Mein Gott und Herr, warum tat +sie das nicht, das einzig Richtige in diesem +Augenblick! In ihrer Hand lag es, – sie konnte, +sie durfte endlich einmal alle Rücksichten beiseite +<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a> +lassen, klar und wahr sich zu mir bekennen, +– warum, warum tat sie das nicht? +</p> + +<p> +Sie sah mich nicht an. Ich aber, so schien es +mir, drang mit den Blicken in ihr Haar, in ihren +Kopf, ich wollte ihr mit all meiner Kraft den +Gedanken einflößen, den einzigen Ausweg. +Jetzt, jetzt zeige, daß du mich wirklich liebst! +Kein Stolz jetzt, – bestehe die Probe ... Doch +ich fühlte fast, wie sie mir entwich. Die schwarzen +Bäume, die draußen in der Nacht vorbeiflogen, +einsame Weiler, dunkle Ebenen, das +war ihr Reich. Es war mir einen Augenblick, +als könne sie sich auf diese Dörfer und rauschenden +Wälder, an denen wir vorbeifuhren, rechtmäßig +berufen wie auf etwas, was sie beherrsche, +ja was sie geschaffen habe. Ich dagegen, was +hatte ich in meiner Zimmerluft hervorgebracht +seit je: Geschäftsbriefe, Papier. Und da wagte +ich, auf ihre Unterwerfung, Demütigung zu +hoffen. Welche Vermessenheit. Und schon +glaubte ich um ihre Lippen ein feindliches, ironisches +Lächeln zu sehen. – War es möglich? +– Auf diesen Lippen, die mich so zart und dann +wieder so heißglühend zu küssen gewußt! ... +<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a> +Fremdheit in unserer Beziehung hatte ich ja +immer zu ertragen gehabt. Aber diese auf die +Spitze getriebene Fremdheit, ihr eiskaltes +Lächeln zerriß die letzten Fäden meiner Widerstandskraft. +</p> + +<p> +Mochte der Mechaniker auch unschuldig sein, +– nicht wissen, was er angerichtet hatte, – er +hatte sich eingedrängt, er hatte gestört! Alles +war so schön, so herzenswarm und frei gewesen, +ehe er kam. Er, er hatte alles besudelt. Er +wußte nichts davon, – aber auch der Raupenfraß, +der die Wälder befällt, weiß nicht, was +er vernichtet, und dennoch ist er widerlich und +muß ausgerottet werden. +</p> + +<p> +„Da ist Göggingen“, sagte der Mechaniker. +Es war das erste Wort nach langer Pause, und +es durchfuhr mich wie ein Blitz. +</p> + +<p> +Schon verlangsamte der Zug seine Fahrt. +</p> + +<p> +„Wann sehe ich Sie wieder?“ setzte der Mechaniker +fort und reichte Jorinde die Hand. +</p> + +<p> +Sie! – Sie! +</p> + +<p> +Aber das bewies ja nichts! – In Gesellschaft +– und sei es auch in Gesellschaft Unbeteiligter +– sagt ein Liebespaar einander nicht +<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a> +ungern und wie zum Spiele Sie. Und vielleicht +hatte Jorinde ihm einen leisen Wink gegeben, +ein Zeichen mit den Augenwimpern nur, während +ich, von ihnen abgewendet, den Funken +nachgesehen hatte. – Ja, es gab eigentlich +nichts, was im <em>günstigen</em> Sinn beweisen +konnte. Alle guten Umstände waren wegdeutbar. +Ein einziges „Du“ aber, ein Kuß, eine Umarmung, +– das allerdings wäre nicht mehr +wegdeutbar gewesen. Ein einziger ungünstiger +Umstand war vollgültiger Beweis ... +</p> + +<p> +Und nun – der Zug fuhr schon ganz langsam +in die Station ein – nun mußte es ja zum +Abschied kommen, – nun stieg offenbar der +Mechaniker aus und Jorinde fuhr nach Augsburg +weiter, nun drohte die Enthüllung, nun +faßte mich innerliche Bangigkeit vor ihr, nun hätte +ich sie gern verhindert, – nun konnte eine einzige +unbeherrschte Bewegung der beiden – oder des +Burschen allein – mein Unglück besiegeln. +</p> + +<p> +Und das war jener äußerste Grad von Spannung, +den ich nicht mehr ertrug, – der deutlich +über das Maß hinausging, dem ich gewachsen +war. +</p> + +<p> +<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a> +Als der Mechaniker die Tür öffnete und +durch Lächeln und eine Geste Jorinde, die wie +erstarrt in der Fensterecke sitzengeblieben war, +einzuladen schien, – ihm zu folgen oder ihm +sonst irgendwie nahe zu sein –, da war mir, +als stelle sich der Eisenbahnwagen auf die +Spitze, rolle seine Räder oben in der leeren +Luft, – meine Augen verdunkelten sich, und +nur, um ein Ende zu machen, um nichts mehr +zu hören und zu sehen, fiel ich den Nichtsahnenden +an. – Ich tat mit ihm, wie es die Anklageschrift +des näheren beschreibt. +</p> + +<p> +Von allem, was folgte, sehe ich nur eines +noch vor mir: die Menge stürzt sich auf mich – +im kleinen Bahnhof tobt’s – alles steigt aus, +drängt gegen mich los – Jorinde aber deckt +mich mit ihrem Leib. Noch einmal fühle ich ihre +Umarmung. Sie reißt mich mit sich, bis sie mich +endlich den schützenden Beamten übergibt ... +</p> + +<p> +Daß sie nun doch also ganz auf meiner Seite +stand, – ach, auch dafür gibt es natürlich eine +Menge einander widersprechender Erklärungen. +</p> + +<p> +Ich will nicht mehr darüber nachdenken, ich +will Jorinde nicht mehr sehen. +</p> + +<p> +<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a> +Sie könnte mir nichts sagen. – Es würde +mich nicht überraschen, wenn sie mir bewiese, +daß sie völlig schuldlos und daß der Mechaniker +ihr wirklich gänzlich gleichgültig war, – wie +es ja auch Ihre Ansicht, Herr Verteidiger, +und die Ansicht der ganzen Welt ist. Beweisen +läßt sich alles. Und ebenso läßt sich auch jede +Ansicht der ganzen Welt als deren Ansicht +in den Mund legen. – Nein, nichts mehr mit +Jorinde reden. Vielleicht liebt sie mich wirklich. +Nur, daß es sich nicht beweisen läßt ... +</p> + +<p> +Es ist alles Sache des Vertrauens; – und +mein Vertrauen ist erkrankt. Es reicht nicht hin +für die schweren Aufgaben, die man ihm +stellt ... +</p> + +<p> +Es würde mich auch nicht überraschen, zu erfahren, +daß Jorinde zu ihrem Vater geflüchtet +ist, der Bühne entsagt hat, – entsetzt von ihren +Erfahrungen in der Welt, in der man sich nicht +zu zügeln weiß, – daß sie in die strenge Zucht +ihrer braunen altbayrischen holzgetäfelten Zimmer +zurückgekehrt ist, aus denen sich ja ihre +Seele oder die eine Hälfte ihrer Seele nie +ganz entfernt hat. Und es würde mich nicht +<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a> +überraschen, daß sie mich trotzdem weiterhin und +vielleicht nun erst recht liebt. – All das ist +möglich. Nur ich, mit meinem erkrankten Vertrauen, +– ich bin das Unmögliche dabei. +</p> + +<p> +Da fällt mir eben ein, daß Jorinde mehr als +einmal gesagt hat: „Ohne dich bin ich nichts. +Wenn du stirbst, mußt du mich mitnehmen.“ – +Ja, das wäre vielleicht ein Beweis? – Nein, +auch das nicht. – +</p> + +<p> +Ich bin zu Ende. +</p> + +<p> +Bitte, keine Fragen mehr. Ich war ausführlich +genug. Lassen Sie den „störrischen Kerl“ +(so haben Sie mich ja tituliert), lassen Sie ihn +doch um Gottes willen am Ende aller Ende +in Ruhe. +</p> + +<p> +Daß ich mit niemand mehr sprechen will, – +auch mit Ihnen nicht, Herr Verteidiger, – davon +bin ich bei diesen Aufzeichnungen ausgegangen. +Lassen Sie meine Mühe nicht verschwendet +sein! +</p> + +<p> +Beim nochmaligen Lesen bemerke ich übrigens +mit Genugtuung, daß meine Schrift nichts +Entlastendes im Sinne der üblichen Gerichtsmoral +enthält. Das Gegenteil hätte auch meiner +<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a> +Absicht durchaus widersprochen. Ich bestätige +vielmehr nochmals und mit allem Nachdruck: +ich bin schuldig – die Tat ist bei vollkommen +klarem Bewußtsein geschehen – ich fühle mich +schuldig. Und wenn auch nicht im Sinne der +Justiz schuldig: noch viel weniger bin ich unschuldig +vor mir selbst als schuldig in irgendeinem +beliebigen, noch so albernen Sinn. +</p> + +<p> +Ich werde Ihnen vor Gericht in die Rede +fallen, wenn Sie die Tatsachen, die ich Ihnen +nun wahrheitsgetreu vorgelegt habe, plädoyermäßig +zu verdrehen suchen sollten. Aber ich +bitte Sie, Herr Verteidiger, tun Sie das nicht. +Geben Sie mir ein gutes Wort, wenn es möglich +ist, – ein rechtfertigendes vermeiden Sie. +Und gönnen Sie mir, der den einzigen Frieden +verloren hat, den es gibt (ich habe gesagt, +welches dieser Frieden ist), – mir, der den +Selbstmord auf eigene Faust rechtzeitig auszuführen +verabsäumt hat, – gönnen Sie mir, ich +bitte darum, den Selbstmord unter staatlicher +Assistenz. +</p> + +<p> +Denn eigentlich bin ich ja schon längst tot – +und das Papier, auf dem ich schreibe, knistert +<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a> +wie die Weidenbäume am Bach, wenn die Gespenster +nachts aus dem Wasser steigen. +</p> + +<p> +Mit allen Krankheiten im Leibe kann man +leben. Nur mit erkranktem Vertrauen nicht. – +Das ist die einzige Krankheit, die absolut +tödlich wirkt, und zwar sofort, im ersten Augenblick, +in dem sie den Menschen befällt. Manche +Menschen leben nachher allerdings noch ein gespenstisches +Nachspiel – wie zum Beispiel ich. +Aber das ist nichts Wesentliches mehr. Geheilt +wird diese Krankheit niemals. Wenn die Uhrfeder +überdreht und gesprungen ist, dann kann +noch so gelindes Aufziehen die Uhr nicht wieder +in Gang bringen. +</p> + +<p> +Und warum ist mein Vertrauen erkrankt? – +Abgesehen davon, daß es Antworten auf Fragen +dieser Art nicht gibt, glaube ich manchmal +zu fühlen, daß ich an einer lasterhaften Ausschweifung +gestorben bin: an einer besonders +stark angespannten und strenge Anforderungen +stellenden Liebe. An der Liebe zur Fremdheit +und daher Göttlichkeit einer Frau. An der +Liebe, bei der Vernunft und alle anderen Hilfen +und Sicherheitsmittel versagen müssen, weil +<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a> +Vertrauen, – Vertrauen zur Natur das einzige +ist, was verlangt wird. In dieser furchtbaren +Anspannung hält das Vertrauen eben aus – +oder es erkrankt. Meines ist erkrankt. Wie es +Menschen gibt, die der Weinrausch zugrunde +richtet, so war mein Genuß – der Genuß der +Fremdheit – ein tödlicher Genuß. Dennoch +ist er das einzige in der Welt, auch heute noch, +was mir eines Wunsches, eines Gefühls wert +erscheint. Wie dem Trinker die Flasche, die ihn +vergiftet. – Nur haben die Trinker doch alle, +wie ich glaube, ein schlechtes Gewissen. Es ist +etwas so Schmutziges im Schnaps. Die Trinker +spüren denn auch, daß sie auf dem falschen +Wege sind. Ich aber – ich habe mich eigentlich, +ehrlich gesprochen, auf dem guten Wege +gefühlt. Haben auch meine Kräfte nicht ausgereicht, +– der Weg war gut, der Weg ins +Ferne, ins Fremde hin, – und auch das +Fremde lieben, nichts so heiß wie das Fernste +und Fremdeste und das Geheimnis des Nebenan. +Ob das nicht der wahrhaftige Weg der +Menschenliebe ist, – nicht derjenigen, die in +den Schulbüchern steht, – nein, der brennenden, +<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a> +die mit sehnsüchtiger Kraft sich selbst nicht +aufgibt und doch auch den anderen erfassen, +umfangen will, weil alles Leben, das eigene +wie das fremde, ihr wunderbar groß und leuchtend +erscheint. O Jorinde, Jorinde! Wie hat +mir gebangt um dich, weil ich dich immer nur +außerhalb meiner gefühlt habe, – und selbst +im heißesten Augenblick: „Bist du jetzt mein?“ +„Ja.“ „Ganz mein“, in diesem heiligen Augenblick +deines Ja-Hauches warst du mir noch +durch Länder und Meere und Jahrtausende entrückt. +Und dennoch flog meine Seele immer +wieder gegen dieses dicke Glas zwischen uns +und wollte nicht ablassen, dich zu gewinnen, +nicht ablassen, sich selbst hinzugeben für dich, +– und wenn es jetzt auch nur auf eine ziemlich +entehrende Art geschieht: genug, es geschieht, +es geschieht! Totenhochzeit wird es geben. +Wenn der Henker mich packt, so will ich dein +sein, – du wirst es nicht wissen, nicht ahnen, +und doch will ich dann, dann erst dein sein wie +noch nie. Und die großen Augenblicke meiner +tödlich berauschenden Liebe ziehen noch einmal +auf: ich warte an der Ecke der Frohsinnstraße +<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a> +– oder ich nähere mich im Eilzug dem +Bahnhof Augsburg, in dem du mich erwartest, +und ich sehe die Bahnhofskuppel und kann es +nicht fassen, daß dieses Bauwerk dich enthalten +soll, dich, Jorinde, mein Leben dich – dieses +glanzlos gemeine Eisenrippenwerk, dem man +von außen gar nichts ansieht, so wenig wie allen +anderen Bahnhofskuppeln der Welt ... Und +noch eines, Jorinde: jener Abend am Wannsee, +jenes einzige Dankgebet an Gott, das ich +in meinem ganzen Leben gebetet habe. Es war +kurz, aber aufrichtig, dieses Dankgebet. Nachts +auf der Landungsbrücke stand ich allein, – du +tanztest im Restaurant drinnen, mit fremden +Menschen – ich konnte dich sehen, durch die +hell beleuchteten Scheiben sah ich das Schattenbild +deiner Gestalt kommen und vorbeischweben. +Der Himmel war schwarz, ein Gewitter +zog auf. Es regnete nicht; doch wie ich +nun niederkniete zum Gebet, war das Holz der +Brücke naß, von einem früheren Regen vielleicht. +Ich kniete nieder und dankte Gott für +dich. In der Fülle meines Glücks war ich ins +Freie gestürzt. Du warst so lieb zu mir gewesen, +<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a> +Jorinde, und wenn du nun auch mit einem +anderen tanztest – nein, falsch, gerade daß du +mit einem anderen tanztest, das war das süße +Fremde an dir, und dennoch warst du ja mein, +das fühlte ich ganz genau. Gott dankte ich, daß +er mir nach all den Fehlschlägen meines Lebens +endlich das gegeben, was ich brauchte. Ich +dankte ihm für das fremdartige Leben dort +drinnen in der leuchtenden Tanzhalle, – für +dein Leben, Jorinde, das mich so beglückte gerade +dadurch, daß es <em>unabhängig</em> von mir +war, unverständlich im tiefsten Grunde, mir +fern und dennoch mein. Dieser Kuß aus dunkelster +Fremdheit hervor ist das Beste, was +das Leben, was Gott zu geben hat, – denn +dieser Kuß ist glaubhaft wahr; er kann, weil er so +tief aus Fremdartigem hervorkommt, nicht anders +sein als echt, kann nicht Einbildung, nicht +Illusion sein! Da fühlte ich, wie Liebe mich +überschwemmt, – fühlte, daß es Liebe in der +Welt gibt, in Wirklichkeit, nicht bloß in meiner +Phantasie, – ich fühlte diese Liebe mich heiß +überrieseln, von außen her kam sie, nicht in mir +war die Quelle. Die Liebe ist da, ist da, – auch +<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a> +wenn ich nicht da wäre, wäre die Liebe da! +O jubelnde Erkenntnis! Und daß ich nun doch +auch noch das unverdiente Glück hatte, da zu +sein, neben dir, Jorinde, dafür dankte ich Gott +in jener Minute. Ich mußte es tun, mußte niederknien, +von niemand gesehen, – ganz kurz +nur kniete ich, denn sowie ich den nassen Boden +merkte, erhob ich mich wieder. – Sah dann noch +lange das dunkle Wasser, den Himmel, die erleuchteten +Fenster, den einzigen Menschenfleck +im riesigen schwarzen Nichts der Nacht – und +fühlte die Wärme hinter diesen Fenstern, fühlte +dich, mein fernes und dennoch mein Glück! +Und so danke ich dir denn, Jorinde, – denn +deinetwegen ist es mir ja möglich gewesen, wenigstens +einmal, minutenlang, mit voller Redlichkeit, +Gott zu danken für mein qualvoll-süßes +Leben in dieser fremden Welt. Ich danke dir, Jorinde, +und nichts mehr tut mir weh. Ich habe das +gehabt, was ein Mensch sich nur wünschen kann: +meinen Rausch, meine Trunkenheit. Nun laßt +mich versinken, laßt mich vorbei. Die Göttin, mit +der ich gelebt habe, geleitet mich in den Tod. +Keine Ablenkung mehr! Laßt mich allein. +</p> + +<p class="end"> +Ende +</p> + +<div class="trnote chapter"> +<p class="transnote"> +Anmerkungen zur Transkription +</p> + +<p> +Die ursprüngliche Schreibweise des Originals wurde weitgehend beibehalten. +Nur einige wenige offensichtliche Druckfehler wurden stillschweigend korrigiert. +</p> + +</div> + + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75813 ***</div> +</body> +</html> + diff --git a/75813-h/images/cover.jpg b/75813-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..e2832c3 --- /dev/null +++ b/75813-h/images/cover.jpg diff --git a/75813-h/images/logo1.jpg b/75813-h/images/logo1.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..2b231a5 --- /dev/null +++ b/75813-h/images/logo1.jpg diff --git a/75813-h/images/logo2.jpg b/75813-h/images/logo2.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..f56bd31 --- /dev/null +++ b/75813-h/images/logo2.jpg |
