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+++ b/75813-h/75813-h.htm
@@ -0,0 +1,6623 @@
+<!DOCTYPE html>
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+<title>Leben mit einer Göttin | Project Gutenberg</title>
+ <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover">
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+
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+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75813 ***</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<div class="centerpic logo1">
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+
+</div>
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+<div class="frontmatter chapter">
+<p class="aut">
+Max Brod
+</p>
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+<h1 class="title">
+Leben mit einer Göttin
+</h1>
+
+<p class="subt">
+Roman
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+<div class="centerpic logo2">
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+
+<p class="pub">
+München<br>
+Kurt Wolff Verlag
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<p class="cop">
+1.-5. Tausend / Gedruckt im Jahre 1923<br>
+von der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig<br>
+Copyright 1923 by Kurt Wolff Verlag A.-G., München
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<p class="tit">
+Leben mit einer Göttin
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<p class="motto">
+„Klar sah ich alles – und doch trunken“
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter blank" id="part-1" title="1">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="addr">
+Mein geehrter Herr Verteidiger!
+</p>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">einen</span> Dank zuvor und meine Anerkennung.
+Sie haben sich sehr menschlich zu mir benommen!
+Dies der unmittelbare Anlaß für die
+folgenden Aufzeichnungen, denen Sie alles entnehmen,
+wonach Sie mich die letzten Wochen
+lang unablässig und immer wieder und immer
+ohne Erfolg gefragt haben.
+</p>
+
+<p>
+Ja, Ihre Neugierde, vielmehr Ihre Amtsneugierde
+– denn ich weiß sehr gut, daß kein
+häßlich persönliches Motiv, sondern nur Pflichtbewußtsein
+Sie angetrieben hat – Ihre Amtsneugierde
+wird durch die Darstellung, die ich
+jetzt, um Mitternacht, beginne, vollkommen befriedigt
+werden, soweit dies in meiner Macht
+liegt. Und ich hoffe ernstlich, ohne alle Ironie,
+Ihnen damit einen Gefallen zu tun – Ihnen
+auf die einzige, mir noch mögliche Art für die
+<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
+Vornehmheit, mit der Sie mich in dieser Zeit
+behandelt haben, zu danken.
+</p>
+
+<p>
+Sie sind von meinen Brüdern zu meinem
+Verteidiger bestellt.
+</p>
+
+<p>
+Ich begreife durchaus Ihre Verlegenheit.
+Tagelang haben Sie kein Wort aus mir herausbekommen.
+Wie, womit, in welcher Gegend
+menschlicher Entschuldigungsgründe sollten Sie
+nun meine Verteidigung aufbauen? Ich stelle
+Ihnen das Zeugnis aus, daß Sie kein Mittel
+unversucht gelassen haben, mich zum Reden zu
+bringen. Sie haben freundschaftliches Zureden,
+Philosophie ins Treffen geführt, auch Überraschungen,
+auch leise Drohung. – Ganz offen
+gesprochen: Ihren Eifer verstehe ich nicht. Was
+gehe ich Sie an? – Das Honorar also? Nun,
+wenn ich sterbe, was doch so ziemlich sicher, hoffentlich
+ganz sicher ist, dann fällt mein Vermögen
+an meine zwei Brüder und Kompagnons,
+die mir ganz gleichgültig sind und denen ich so
+wenig bedeute, daß ich sehr bezweifle, ob man
+die Höhe Ihres Entgelts nach den Anstrengungen
+bemessen wird, die Sie zur Erhaltung
+meines Lebens gemacht haben. Man wird
+<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
+Ihnen ja gewiß auch nicht weniger geben, wenn
+Sie sich sehr bemühen; dazu sind meine Brüder
+viel zu anständig, viel zu korrekt; aber voraussichtlich
+auch nicht um einen Pfennig mehr.
+Aller Wahrscheinlichkeit nach hat man bereits
+ein gewisses Fixum im vorhinein bestimmt, eine
+Post zur Tragung dieses notwendigen, wenn
+auch unerwarteten Aufwandes im Budget unserer
+Fabrik ausgeworfen. Fixum, Budgetpost,
+Vorausberechnung nach kaufmännisch soliden
+Grundsätzen – das ist ja die Welt meiner Brüder.
+War auch die meinige, äußerlich zumindest.
+Nun gut, ich wollte Sie nur vor übertriebenen
+Hoffnungen warnen. Ihre Funktion wird bezahlt
+werden, nicht die Intensität Ihres Interesses.
+Berufsinteresse vielleicht? Dies die Erklärung?
+Möglich – für mich jedoch völlig
+dunkel. Kommt es denn wirklich vor, daß man
+sich für seinen Beruf ehrlich, in voller Befriedigung
+interessiert? Besser gesagt: ist es möglich,
+sich für etwas anderes zu interessieren als für
+Angelegenheiten der Liebe? Von Herzen zu interessieren,
+meine ich, nicht nur oberflächlich,
+halb im Wachen und halb im Traum? – Hoffentlich
+<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
+verstehen Sie, was ich damit meine.
+Sonst lesen Sie lieber gar nicht weiter; Sie
+würden auch das Folgende nicht verstehen ...
+</p>
+
+<p>
+Doch um eines bitte ich Sie noch, ehe ich
+weiterschreibe: Bitte, besuchen Sie mich nicht
+mehr! Nehmen Sie diesen Brief nicht etwa als
+mehr oder weniger verhüllten Anknüpfungsversuch,
+als eine Art Aufforderung, den Verkehr
+mit mir fortzusetzen, vielmehr eigentlich erst
+jetzt so richtig anzufangen; denn bisher ist es ja
+ein durchaus einseitiger Verkehr gewesen –
+Sie redeten stundenlang auf mich ein und ich
+antwortete nicht. Ich rechne es Ihnen hoch an,
+daß Sie dabei niemals grob, niemals auch nur
+unfreundlich gegen mich geworden sind. O das
+war so gut von Ihnen! Das hat Ihnen mein
+Vertrauen verschafft! – Nur ein einziges Mal
+haben Sie so etwas wie „störrischer Kerl“ zu
+Ihrem Begleiter geflüstert. Ich gestehe, daß
+mich das sehr geärgert hat. Als Chef meines
+Unternehmens war ich ja seit je gewöhnt, von
+meiner Umgebung immer mit der größten Hochachtung,
+ja mit einer gewissermaßen kirchlichen
+Bewunderung angesprochen zu werden. Angestellte
+<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
+wie Geschäftsfreunde, alle wollen
+immer etwas von einem haben, und da ergeben
+sich die allerhöflichsten Formen von
+selbst. Nun im Untersuchungsgefängnis, das
+weiß ich wohl, hat man ja auf eine derartig
+gewählte Behandlung keinen Anspruch. Dennoch
+hat es mich, gerade heraus, gewundert,
+daß Sie, ein gebildeter Mann, Akademiker sogar,
+sich so weit gehen ließen ... Ich muß allerdings
+zugeben, daß ich ziemlich empfindlich bin.
+Und somit basta, ich habe mich nun erleichtert,
+ich habe mir das einzige, was ich gegen Sie
+hatte, von der Seele gesprochen, – es wird
+mir nun hoffentlich nicht mehr schwer fallen,
+Ihnen ohne Rückhalt das zu erzählen, wonach
+Sie ein so starkes Bedürfnis an den Tag gelegt
+haben. Wie zu einem Freund will ich nun zu
+Ihnen sprechen. Was Sie dann von all meinen
+Mitteilungen für Ihr Plaidoyer an die Geschworenen
+verwenden wollen, was nicht, – bleibt
+Ihnen anheimgestellt. Nur fragen Sie nicht
+mehr, lassen Sie sich nicht mehr in meine Zelle
+bringen, wehren Sie doch lieber alle Besuche
+ab, die mir noch etwa drohen. Ich will allein
+<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
+sein. Die Anwesenheit von Menschen quält
+mich. Auch die Ihrige hat mich, trotz Ihres musterhaften
+Vorgehens, namenlos gequält. Ich
+will Ihnen gleich sagen, warum. Ich will Ihnen
+in diesem Brief alles sagen, was über mich,
+was über den rätselhaften Kriminalfall zu sagen
+ist, in dessen Mittelpunkt ich stehe. Ich habe
+einen mir ganz fremden Menschen umgebracht,
+einen Menschen, der, wie man sagt, auch meiner
+Frau fast gänzlich fremd war. Sie werden gleich
+lesen, wie es zu solch einer unerhörten Tat
+kommen konnte, kommen mußte. Alles werden
+Sie lesen. Nur, um Gottes willen, keine Fragen
+mehr, keine Besuche. Ersparen Sie mir
+alles Weitere! Sonst hätte auch dieser Brief
+sein Ziel verfehlt, – im Kleinen ebenso sein
+Ziel verfehlt wie im Großen mein ganzes Leben.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter blank" id="part-2" title="2">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">H</span><span class="postfirstchar">err</span> Verteidiger! Ja, ich fühle mich schuldig.
+</p>
+
+<p>
+Ein Teil der Qual, die Sie mir verursachen
+(obwohl, wie ich immer wieder hervorhebe, Ihr
+ganzes Trachten darauf abzielte, mir nicht
+wehezutun, – obwohl ich in Wahrheit nie einen
+so gütigen, so geduldigen Menschen wie Sie gesehen
+habe, – einen Menschen, der mich vielleicht
+gerettet hätte, wenn ich früher mit ihm
+zusammengetroffen wäre, und dem ich daher
+dies alles nicht seiner Berufsstellung wegen
+mitteile, – das war Unsinn, womit ich vorhin
+anfing, – nein, aus Liebe, aus Liebe zu Ihnen,
+zu Ihrem unbegreiflich sanften, erbarmenden
+Blick, der auf mir ruhte, dem „störrischen Kerl“
+– aus Liebe schreibe ich dies. Ohne Liebe
+würde ich offenbar nicht die Nacht in ein
+Schreibheft schlagen, ohne Liebe würde ich überhaupt
+nichts tun, habe ja alles nur aus Liebe
+getan und beichte also auch nur, weil ich zum
+<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
+erstenmal etwas wie Freundschaft, wie Liebe
+zu einem Mann, zu Ihnen, im Herzen spüre) –
+die Qual also, die Sie mir verursachten, beruht
+vor allem darauf, daß Ihre Einstellung gegen
+mich eine vollständig falsche ist.
+</p>
+
+<p>
+Sie suchen Entlastungsgründe für mich.
+</p>
+
+<p>
+Ich aber fühle mich schuldig, und ich suche
+Tatsachen, die mich belasten könnten.
+</p>
+
+<p>
+Nun sehe ich Sie lächeln. Belastende Tatsachen?
+Als wäre das Verbrechen an sich nicht
+belastend genug. „Seltsame Verblendung“, –
+höre ich Sie sagen. „Ein Mord, und noch
+dazu auf die furchtbare, ja bestialische Art ausgeführt,
+von der die Anklageschrift so viel spricht
+– genügt ihm das wirklich nicht zur Belastung
+vor Gott und Welt?“ – Nun, ganz nebenbei
+bemerkt, gerade diese „bestialische Art“, von der
+so viel Aufhebens gemacht wird, müßte meiner
+Ansicht nach eher für als gegen mich zeugen.
+Sie beweist doch ganz klar, daß ich nicht darauf
+ausging zu morden, daß ich auf einen solch
+traurigen Schluß der Angelegenheit nicht im
+mindesten vorbereitet war.
+</p>
+
+<p>
+Hätte ich die Absicht gehabt, den Mechaniker
+<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
+zu töten, so hätte ich wahrscheinlich einen Revolver
+mitgenommen. Ich hatte aber keine Waffe
+bei mir. Leider! So geschah es denn, wie es
+geschehen mußte.
+</p>
+
+<p>
+Ich sage das aber durchaus nicht zu meiner
+Entschuldigung. Dieser ganz nebensächliche Umstand
+beweist nur, wie gedankenlos die Anklageschrift
+gegen mich verfaßt ist, so gedankenlos
+und halb und unausgetragen, wie eben
+alles, was aus „Berufsinteresse“ geschieht. Für
+mich selbst jedoch und meine eigene Beurteilung
+meiner Schuld ist dieser Umstand vollständig
+bedeutungslos. Für mich ist nämlich die ganze
+Tatsache, daß ein Mensch, ein fremder Mensch
+an mir gestorben, mir zum Opfer gefallen ist, –
+verzeihen Sie die Aufrichtigkeit – eine Nebensache.
+Nicht des Mordes fühle ich mich schuldig,
+– obwohl ich selbstverständlich zugeben
+muß, ein Mörder zu sein, – aber das liegt
+nur an der Oberfläche meiner Schuld. Und gerade
+heute, wo einige Millionen junger Menschen
+am Weltkrieg gestorben sind, unter direkter
+oder indirekter Mitwirkung von uns allen,
+die wir ihn überlebt haben, erscheint mir ein
+<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
+einzelner Totschlag nicht gerade als das Aufregendste
+und Auffallendste an mir und unserer
+Zeit.
+</p>
+
+<p>
+Wahrhaft schuldig fühle ich mich eigentlich
+einer anderen Sache wegen: – schuldig, weil
+ich mich bedingungslos in die Gewalt einer
+Frau gegeben habe, weil ich meine Wollust daraus
+zog, ihr zu dienen mit meinem ganzen
+Wesen und Wollen.
+</p>
+
+<p>
+Ja, das ist wahr. Indessen: Die volle Wahrheit
+ist es doch nicht. – Schuldig, mich in die
+Gewalt einer Frau begeben zu haben? – Habe
+ich mich denn wirklich in diese Gewalt wissentlich
+und mit Willen begeben? – Ich bin seit
+je sehr abhängig von Frauen gewesen. –
+Einen „<span class="antiqua">homme à femmes</span>“ hat mich einmal ein
+Freund, – nein, kein Freund, ein satirischer
+Beobachter – genannt. Ich weiß nicht, woher
+er diesen Ausdruck hatte, – vielleicht ist es
+nicht einmal ein korrekt französischer Ausdruck,
+– ich verstand ihn jedenfalls so, daß ein Mann
+damit gemeint sei, für den Frauen das einzige
+sind, was er ernst nimmt. Kein Wüstling,
+– eher das Gegenteil eines solchen. Ich habe
+<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
+niemals ausschweifend gelebt. Und vor allem
+war mir immer die Verbindung von Zynismus
+und Liebe – oder Humor und Liebe – oder
+Alkohol und Liebe oder ähnliches ganz fremd.
+Liebe, die einer Verbindung mit liebesfremden
+Stimulantien bedarf, scheint mir geradezu verächtlich.
+Liebe allein, Liebe um ihrer selbst willen,
+Liebe und Sehnsucht und Begeisterung
+und zuletzt bei Jorinde sogar auch noch randvolles
+Glück und das unermeßliche Unglück
+der Liebe, – – wahrhaftig, es hat mir genügt,
+ein Leben auszufüllen. Andere Leidenschaften
+verstehe ich nicht. Es sind wohl auch noch nur
+unbedeutende Gemütsbewegungen, denen man
+diesen Namen irrtümlich, mißbräuchlich verleiht.
+Ich kenne sie nicht, ich verstehe sie nicht.
+Weder Ehrgeiz noch Spiel, weder Trinken
+noch Rauchen, weder Sammeln noch Reisen.
+Die Leidenschaft jedoch, die ich meine, – beruht
+sie auf meiner freien Wahl? War sie wirklich
+meine Schuld? Gerade die Einzigkeit, mit der
+ausschließlich sie allein von mir Besitz ergriffen
+hatte, beweist vielleicht, daß ich nicht anders
+konnte als ihr völlig unterliegen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
+Kurz und gut ... wenn ich selbst an meiner
+Schuld irre werde (und Sie tun recht daran,
+das Vorhergehende als einen schüchternen
+Rechtfertigungsversuch anzusehen – nicht vor
+dem Gericht freilich, wohl aber vor meinem eigenen
+Gewissen), wenn ich selbst die belastenden
+Tatsachen nicht auffinden kann, die ich suche,
+deren ich so dringend bedarf, um zur Klarheit
+über mich und meine Untat zu gelangen,
+– dann genügt es schließlich doch immer, mir
+eine einzige Szene vor Augen zu stellen. Denke
+ich an die zurück, so ist mir allerdings meine
+Schuld ganz unzweifelhaft klar. Eine äußerlich
+sehr unscheinbare Szene, – ich sitze allein
+im Automobil, das an einer Straßenecke hält,
+im lauen Frühlingsregen und warte auf Jorinde
+– daran scheint ja eigentlich gar nichts
+zu sein, – aber der Jubel, der unermeßliche
+Jubel, der mich diese Stunde lang (oder vielleicht
+war es auch nur eine halbe, eine Viertelstunde)
+erfüllte! Dieser Jubel ist allerdings an
+sich noch keine Sünde, aber er hängt doch im
+Innersten mit meiner Sünde zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Ich warte auf Jorinde, und ich weiß, daß sie
+<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
+in wenigen Minuten bei mir sein wird, neben
+mir, auf dem weichen Sitz des Autos. Denn sie
+ist ja eben noch neben mir gesessen, hat mich nur
+hier warten heißen, nur für ein Weilchen, während
+sie ihre Sachen zusammenpackt, um dann
+mit mir abzureisen. Jetzt, sofort wird sie um die
+Ecke biegen, an der Litfaßsäule vorbei. Um ein
+paar Tage lang ganz mein zu sein. O diese Erwartung,
+diese ganz bestimmte Erwartung einer
+wundervollen Zeit, zum Greifen nahe vor mir.
+Diese Erwartung, so nahe an der Erfüllung,
+daß sie nicht mehr getrogen werden kann, und
+die ja dann auch tatsächlich in Erfüllung gegangen
+ist. O kaum faßbares Glück einer solchen
+Gewißheit, – zumal wenn man fünf Tage und
+fünf schlaflose Nächte vorher im Fieber der Ungewißheit
+gelegen ist. Diese peinvolle Zeit der
+Zweifel gehört ja wahrscheinlich als Vorbedingung
+mit dazu. Wie dem auch sei, genug, die
+bloße Erinnerung an meinen Herzjubel damals
+genügt mir auch heute noch, um mich für alle
+Qualen vor und nach dieser Stunde, selbst für
+alle Gewissensqualen und für meinen schimpflichen
+Tod reichlich zu entschädigen. O mehr als
+<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
+das! Es gibt einfach nichts, was ich nicht hingeben
+würde für das Erlebnis dieser einen
+Stunde. Meine ewige Seligkeit, – hin, hin
+für eine einzige Sekunde solchen irdischen
+Glücks! Es war kein Rausch damals; ich fühlte
+mich vielmehr ganz klar bei Bewußtsein, meine
+Gedanken jagten nur zehnmal schneller als sonst
+und doch in so träumerischer Gelassenheit durch
+meinen Kopf. Einer von ihnen etwa so: Würde
+ich in diesem Augenblick gelähmt werden, von
+einer Krankheit befallen, die mich von jetzt an
+bis an mein Lebensende jahrzehntelang in
+einem Lehnsessel festhielte, – ich wollte dennoch
+niemals wider Gott murren, nie mein Schicksal
+beklagen, immer nur danken dafür, daß ich
+einmal eine Stunde lang so unbeschreiblich frei
+und gerettet im Vollmaße der Seligkeit habe
+leben dürfen.
+</p>
+
+<p>
+In Augsburg war es, an der Ecke der Gabelsberger-
+und der Frohsinnstraße. Ja, sie heißt
+wirklich so: Frohsinnstraße. Der Name ist nicht
+erfunden. – In der Dämmerung eines grauen,
+regnerischen Frühlingsabends ist es geschehen.
+Ich werde davon berichten, sobald ich an diese
+<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
+Stelle meiner Schicksalserzählung gelangt bin.
+Vielleicht kann übrigens gerade hievon nichts
+oder nichts Wesentliches erzählt werden. – Ich
+habe ja auch nichts anderes sagen wollen, als
+daß die Erinnerung an diesen Jubel genügt,
+um mir mit aller Deutlichkeit meine Sünde
+vor Augen zu führen. Im wesentlichen scheint es
+etwa darauf hinauszukommen, daß ich mich
+einer zu großen Sache vermessen habe. – Ich
+habe mehr auf mich genommen, als ich zu leisten
+vermag. Auch das werde ich zu seiner Zeit zu
+erklären versuchen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter blank" id="part-3" title="3">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">ie</span> ich Jorinde kennengelernt habe, gehört
+wohl nicht ganz zur Sache. Ich will mich daher
+kurz fassen.
+</p>
+
+<p>
+Es war vor zwei Jahren, im Frühherbst, –
+in demselben Monat vielleicht, in dem es jetzt
+zu Ende geht.
+</p>
+
+<p>
+Damals kam ich nach München, um mit Professor
+Grothius zu sprechen. Grothius, eine der
+ersten akademischen Autoritäten auf dem Gebiete
+der Nahrungsmittelchemie, machte seit
+Jahren die bedeutenderen Analysen für unsere
+Präparate. Obwohl wir (das heißt: die Fabrik)
+in ziemlich regem geschäftlichen Briefwechsel
+mit ihm standen, war ich doch nie persönlich mit
+ihm zusammengetroffen. Eine außergewöhnlich
+wichtige Angelegenheit hatte diesmal meine
+Reise veranlaßt. Es handelte sich um eine uns
+angebotene Erfindung, in der wir Millionen investieren
+sollten. Die Sache drängte. Und so
+<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
+nötig meine Anwesenheit in unserem Berliner
+Betrieb jahraus jahrein war: diesmal mußte
+ich mich losmachen, um die mit dem Gutachten
+des Professors zusammenhängenden Entscheidungen
+an Ort und Stelle zu treffen.
+</p>
+
+<p>
+Mein Gefühl, als ich zum erstenmal dem
+großen alten Herrn mit dem grauen Wotansbart
+und den leuchtenden, hellblauen, immer
+etwas feuchten Augen gegenüberstand, war eine
+Art Erstaunen darüber, daß ich es mit einem
+lebendigen Menschen zu tun hatte. – Von Berlin,
+von meinem Fabrikkontor aus gesehen, war
+er (wie so ziemlich alles) eine Nummer in der
+Registratur gewesen. Grothius, Analysen, Briefe
+in Schreibmaschinenschrift, Ziffern mit sehr vielen
+Dezimalstellen, denen man blindlings vertraute,
+vertrauen mußte, – eine Art Maschine,
+eine nützliche Institution des Vaterlandes, die
+den Titel „Professor“ führte. So hatte ich ihn
+im Kopf, war nicht darauf gefaßt, ein Wesen
+von Fleisch und Blut vorzufinden, das nebst
+den Dezimalstellen, die es produzierte, auch
+noch andere Interessen hatte – so zum Beispiel:
+mich sofort zum Abendessen einlud. Ich
+<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
+wußte mich zuerst gar nicht zu benehmen. Aus
+den Scharnieren meines Berliner Kommando-
+und Kompendiumtones gerissen, in dem persönliche
+Beziehungen nicht vorkamen, rang ich nach
+Haltung. Ich fand sie schließlich darin, daß ich
+dem gemütlichen Herrn mit einem gewissen Respekt
+(denn er war ja ein berühmter Hochschullehrer),
+schließlich aber doch nur wie einem besseren
+Angestellten begegnete (denn er wurde
+doch von meinem Unternehmen bezahlt). Es
+war eine Mischung von Bewunderung und
+Hochmut, wie sie etwa die Hausfrau dem großen
+Tenor gegenüber empfinden mag, der – gegen
+hohes Honorar – ihren Gästen nach dem Dessert
+zwei Arien vorsingt. – Ich erwähne dieses
+besondere Gefühl, weil ich es dann auch auf
+die Tochter des Professors übertrug. Der Tochter
+gegenüber überwog freilich von Anfang an
+bewundernde Angst und Scheu.
+</p>
+
+<p>
+Dora Grothius war sehr schön – von jener
+Art Schönheit, über die unter Männern keinen
+Augenblick lang ein Zweifel bestehen kann. Ich
+konnte mir denken, daß sie, in einen Ballsaal
+eintretend, sofort alle Blicke auf sich ziehen
+<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
+müßte. Woran mag es wohl liegen, daß von
+zwei Gesichtern, die einander sehr ähnlich sehen,
+das eine blitzartig im Lichte der Schönheit erscheint,
+das andere wie in Schatten getaucht
+bleibt, aus dem es vielleicht erst allmählich als
+„interessant“ oder „eigenartig“ zum Vorschein
+kommt? Doras Schönheit hatte nichts von dieser
+Unklarheit, dieser allmählich sich durchsetzenden
+Wirkung an sich. Ihre hohe schlanke Gestalt,
+das mattglänzende Blondhaar, der fein geschnittene,
+blaßrosige Mund im weißen Gesicht
+und die blauen Augen von ebenso wundervoller
+Form, – das alles sprach wie ein Typus, wie
+die Vollendung eines Typus an. Man schlürfte
+diese Art von Schönheit gleichsam gelassen ein,
+sagte sich nach der ersten Minute: „Nun, dich
+habe ich ganz erfaßt, du gibst keine Rätsel
+auf“, – aber gerade dieses Wohlbehagen, dieses
+scheinbar Nicht-Irritierende betäubte wie
+ein Narkotikum, und ganz berauscht von dem
+Sicherheitsgefühl, daß man sich jeden Moment
+von einem so einfachen und einleuchtenden Anblick
+losreißen könne, kam man überhaupt nicht
+mehr los ...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
+So flößte mir Doras Erscheinung, von der
+ersten schlagartigen Freude abgesehen, dumpfe
+Angst ein.
+</p>
+
+<p>
+Dies der Grund, weshalb ich sie immer „Jorinde“
+genannt habe, zuerst im stillen, bald auch
+von Mund zu Mund. Sie erinnerte mich an
+eines der Grimmschen Märchen, das ich als
+Kind stets nur beklommen mir habe vorlesen
+lassen. „Jorinde und Joringel“ heißt das Märchen.
+Ganz habe ich ja nie verstehen können,
+warum ich mich vor diesem Märchen, ja schon
+vor den Seiten, auf denen es in meinem alten
+Märchenbuch gedruckt war, so sehr gefürchtet
+habe. Andere Geschichten handeln doch von
+grauslicheren Dingen! Diese freilich ist so süß-grauslich
+wie keine. Ach, mein Kinderherz bebte
+vor wonniger Bangigkeit, wenn ich die beiden
+jungen Leute, Joringel und seine geliebte Jorinde,
+dem Zauberwald zuschreiten sah, um vertraut
+miteinander reden zu können, wie das
+Märchen sagt, – in den Zauberwald, in dem
+die alte Hexe wohnt. Wenn jemand auf hundert
+Schritt ihrem Schloß nahe kam, so mußte er
+stille stehen und konnte sich nicht von der Stelle
+<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
+bewegen, bis sie ihn lossprach. So erging es
+dann auch dem Jüngling, während seine Geliebte
+vor seinen Augen in eine Nachtigall verwandelt
+wird, „zicküt, zicküt“ singt – und dann
+tritt die Hexe aus dem Busch, fängt die Nachtigall
+und trägt sie auf der Hand fort. Joringel
+aber kann nichts sagen, er steht festgebannt auf
+seinem Platz, wehrlos und fremd. – Ich weiß
+nicht, warum gerade dieses eine Märchen, das
+ich seit Kindestagen nicht mehr gesehen habe, so
+fest in mir haftengeblieben ist, weiß nicht, warum
+Dora die angstvolle Erinnerung daran in
+mir aufgeweckt hat. Später allerdings wurden
+mir einige Zusammenhänge klar. Doch das Gefühl
+war ja vom ersten Moment an dagewesen.
+</p>
+
+<p>
+In Anwesenheit ihres Vaters sehr zurückhaltend,
+sprach Dora bei der ersten Begegnung im
+Laboratorium kaum ein Wort. Die Einladung
+zum Abendessen nahm ich aber nur ihretwegen
+an. Ich mußte, um mir den Abend frei zu machen,
+einem Geschäftsfreund absagen, der schon Karten
+für ein Kabarett besorgt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Nachmittags empfand ich dann doch ein gewisses
+Unbehagen vor dem Besuch, und abends
+<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
+wollte ich noch an der Schwelle umkehren. Ich
+hatte inzwischen allerlei über den alten Grothius
+reden gehört: daß er zu den führenden
+Münchener Monarchisten gehöre – wenn auch
+nicht zu ihren tätigen Parteigängern, so doch zu
+denen, die mit ihrem Namen der reaktionären
+Bewegung neues Ansehen verschafft hatten. –
+Ich selbst kümmere mich ja gar nicht um Politik.
+Und die Revolution hat mir in meinem Geschäftsbetrieb
+eher geschadet als genützt. Aber
+als Berliner gehöre ich gewissermaßen von selbst
+zu jenem andern Deutschland, das vorwärts
+will, und ohne mir viel Gedanken darüber zu
+machen, hätte ich, wenn gefragt, immer nur für
+linke Parteien gestimmt. Politische Auseinandersetzungen
+aber sind und waren mir immer
+unangenehm, und ich bereute schon, in persönlichen
+Verkehr mit dem Professor getreten zu
+sein und diesen Verkehr durch einen in seinem
+Hause verbrachten Abend nun förmlich zu bekräftigen.
+Aus einer Sinnesart, die mich so entlegen
+anmutete, mußte (so schien es mir) bei
+Näherrücken Verstimmung entstehen, während
+der Geschäftsverkehr aus unwirksamer Ferne
+<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
+sich immer so angenehm glatt abgewickelt
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+Indessen verlief der Abend völlig ruhig, ohne
+Störung, ganz ereignislos. Was mich überraschte,
+war die Natürlichkeit, die im Hause
+Grothius herrschte, – eine Natürlichkeit, die
+Widerspruch nicht herausforderte, im Ernstfalle
+aber wohl auch nicht vertragen hätte, – eine
+gleichsam unscheinbare und doch kräftige Natürlichkeit,
+entsprechend etwa der dunklen Tönung,
+in der sich die mit Holz getäfelten, sonst bescheidenen
+Wohnräume repräsentierten. „Man
+muß ja nicht von allem reden“, – schien als
+unsichtbarer Leitspruch über Wohnung und einfacher
+Mahlzeit zu schweben. Ein Satz, der
+mir ebenso einleuchtend erschien, wie er mir
+bisher nie eingefallen war. Hatte ich es doch
+für selbstverständlich gehalten, mit dem Professor
+zuerst gerade von dem zu reden, was uns
+meiner Ansicht trennen mußte. Ihm aber genügte
+es scheinbar vollauf, wenn ich seinen
+Jagdgeschichten zuhörte. In der grauen, mit
+Hornknöpfen besetzten Jägerjoppe, die er als
+Hausrock trug, die lange Pfeife rauchend, den
+<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
+Maßkrug vor sich, – so schloß sich seine im weißen
+Laboratoriumskittel etwas bizarr auseinanderfallende
+Figur zu dem durchaus glaubwürdigen
+Bild irgendeines Gutsinspektors oder
+Försters zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Er sprach gelegentlich auch von seinem Heimatdorf
+in den Alpen, von der alten Bauernfamilie,
+der er entstammte. München mochte er
+nicht. Es war allzusehr von „Ausländern“
+überschwemmt. Nur der Beruf hielt ihn da fest,
+die Ferien verbrachte er im Gebirge. – Was er
+sagte, erschien mir ganz selbstverständlich. Ein
+Mann, der so aussah wie er, mit solch einem
+faltenreichen, bärtigen Gesicht, aus dem die
+Äuglein wie kleine Enziane hervorzwinkerten,
+ein solcher Mann konnte nicht anders reden. Er
+sprach laut und entschieden, sagte aber nichts
+Aufregendes, nichts Auffallendes. Es hatte
+den Anschein, als sei überhaupt in diesen Zimmern
+jedes Hervortretenwollen, jede Unterschiedlichkeit
+verpönt. Sogar der jüngste Sohn,
+der mit am Tisch saß, Privatdozent (drei andere
+Söhne waren alle als Offiziere der Reichswehr
+auswärts garnisoniert) –, sogar dieser junge
+<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
+Mann mit dem glattrasierten, scharfgeschnittenen
+Landsknechtgesicht fiel durch nichts auf; es
+hatte vielmehr den Anschein, als eifere er danach,
+dem Vater möglichst ähnlich zu werden.
+Auch er trug einen Jägerrock, rauchte aus langer
+Pfeife, sprach laut und langsam von Hunden
+und Gemsböcken und, da der Vater mich
+freundlich behandelte, ging er noch ein Schrittchen
+weiter und forderte mich auf, im Sommer
+die Familie in ihrem dörflichen Feriensitz zu
+besuchen.
+</p>
+
+<p>
+Dora hielt sich durchaus im Hintergrund.
+Auch bei diesem zweiten Zusammentreffen sprach
+sie nicht viel. Nur ein leises beifälliges Lachen
+fiel mir auf, sooft der Vater eine der vielen
+scherzhaften Dialektanwendungen oder Witze
+verwendete, die ich meist nicht verstand, wie
+ich denn überhaupt der fremden Mundart wegen
+dem Gespräch trotz seines sehr gemächlichen
+Tempos nur mit Anstrengung zu folgen vermochte.
+„Man kann doch eigentlich nicht einmal
+recht deutsch“, sagte ich mir ärgerlich. „Was
+kann man also eigentlich?“ – Übrigens machte
+Dorn, obwohl sie sich dem Anschein nach vollständig
+<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
+in diese Umgebung einfügte, doch nur
+einen etwas gedrückten Eindruck auf mich.
+Immer wurde nur von männlichen Vergnügungen
+geredet oder vom militärischen Rang der
+Söhne, der so viel Geldzuschüsse von daheim
+erforderte. Auf Dora nahm das Gespräch keine
+Rücksicht. Was mochte für sie hier übrigbleiben?
+Die Arbeit wohl, – die Vesorgung des ganzen
+Hauswesens, da die Mutter nicht mehr lebte. –
+Die kleine weiße Latzschürze stand ihr ausgezeichnet:
+dennoch dachte ich mehr als einmal
+daran, daß es doch eine seltsame Welt sei, in
+der schlanke, weiße, feingegliederte Frauen derartig
+ungeschlachten Männern gleichsam als
+Kriegsbeute anheimfallen und dies obendrein
+noch ganz in der Ordnung finden. Der Gedanke
+verfolgte mich, wiewohl er offenbar keinen rechten
+Sinn hatte.
+</p>
+
+<p>
+Hauptsächlich um Dora eine Freude zu
+machen, bat ich die Familie, mich am nächsten
+Abend für ihre Gastfreundschaft revanchieren zu
+dürfen. Ich würde eine Loge ins Theater nehmen,
+dann könnten wir in der Reginabar speisen. Man
+nahm an. Bald darauf verabschiedete ich mich.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
+Nach anstrengenden Geschäftskonferenzen gelangte
+ich am nächsten Abend ins Theater. Die
+Logennummer hatte ich schon am Mittag der
+Familie Grothius durch einen Boten bekanntgegeben.
+</p>
+
+<p>
+Zu meinem Erstaunen war nur Dora da. Sie
+stand im Couloir vor der Loge, wartete offenbar
+auf mich.
+</p>
+
+<p>
+„Sie haben wohl unsere Absage nicht bekommen?“
+empfing sie mich.
+</p>
+
+<p>
+„Nein.“
+</p>
+
+<p>
+„Wir haben ins Hotel geschickt.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich war seit Mittag nicht zu Hause.“
+</p>
+
+<p>
+„Mein Vater ist nämlich erkrankt –“
+</p>
+
+<p>
+„Ach, das tut mir leid.“
+</p>
+
+<p>
+„– so heißt es in der Absage. Aber Sie
+brauchen nicht besorgt zu sein. Die Krankheit ist
+ganz ungefährlich.“
+</p>
+
+<p>
+„Wirklich?“
+</p>
+
+<p>
+„Und nehmen Sie mich nun trotzdem in Ihre
+Loge mit?“
+</p>
+
+<p>
+Ihre Augen strahlten zauberhaft lustig. Es
+war ein ganz anderes Gesicht, und doch, so
+schien es mir, hatte ich auch gestern schon hinter
+<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
+ihren geschlossen ernsten Zügen diesen Übermut,
+diese Feuerblicke aus den Augenwinkeln
+hervor geahnt. Sie trug auch eine andere Frisur:
+kurzgeschnittenes Haar fiel blondbuschig
+von den Schläfen in die Wangen, das übrige
+war in einen großen Knoten geschlungen. Die
+modischen kurzen Locken waren gestern wohl
+unter glatten Flechten verborgen gelegen. Und
+wie sie sich bewegte, wie gelenkig und schnell im
+Vergleich zu ihrer gestrigen stillen Getragenheit.
+Ganz eilig trat sie mit mir in die Loge
+ein, setzte sich an die Brüstung. „Wie konnte
+Ihnen nur einfallen, uns Karten zu solch einem
+Stück anzubieten?“
+</p>
+
+<p>
+Ich unterdrückte das beschämende Geständnis,
+daß ich noch jetzt nicht wisse, was denn
+eigentlich gespielt werde.
+</p>
+
+<p>
+„Zu einem Revolutionsstück“, fuhr sie fort.
+„Von Sternheim. Bei der Premiere war doch
+ein richtiger Theaterskandal, wie bei allen modernen
+Stücken, die man jetzt in München
+spielt.“
+</p>
+
+<p>
+„Das habe ich nicht gewußt. Sie müssen entschuldigen.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
+„Nun aber wissen Sie, warum wir nicht kommen
+konnten.“
+</p>
+
+<p>
+Ich sah ihr ins Gesicht. Es verriet keine Spur
+von Ironie. „Sie sind ja aber doch gekommen“,
+wollte ich eben sagen, – da ging der Vorhang
+auf. Ich merkte, daß sie sich sofort mit ganzem
+Interesse der Bühne zuwandte und machte daher
+keine weitere Bemerkung. – Doch konnte
+ich keinen Augenblick lang dem Stück folgen.
+Mit dem schönen Mädchen allein zu sein, verwirrte
+mich allzusehr.
+</p>
+
+<p>
+Endlich Pause.
+</p>
+
+<p>
+„Sie fühlen sich wohl sehr einsam in Ihrer
+Familie?“
+</p>
+
+<p>
+Und nun das Unbegreifliche, die erste Offenbarung
+des Tatbestands, der so entscheidende
+Gewalt über mein Leben und Schicksal gewonnen
+hat: – Dora verstand zuerst gar nicht, was
+ich meinte. Ihre tiefe Überraschung bei meiner
+Frage war es, was mich geradezu elementar ergriff.
+Einsam in der Familie, – nein, der Gedanke
+war ihr offenbar noch nie aufgetaucht.
+Nun ja, sie war ins Theater gekommen, weil
+Theater ihre einzige große Leidenschaft war. Was
+<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
+denn weiter! Daß darin zumindest eine Eigenmächtigkeit,
+eine Art Protest gegen die strenge
+Zucht zu Hause, vielleicht sogar mehr: eine gewisse
+Treulosigkeit gegen den Vater lag, – das
+kam ihr überhaupt nicht zu Bewußtsein. Und
+meine Sache konnte es natürlich an diesem
+Abend nicht sein, sie auf solche Ideen zu bringen.
+– Aber daß sie selbst den Widerspruch
+nicht merkte, daß sie mir ganz vergnügt erzählte,
+zu Hause glaube man sie bei einer Freundin zu
+Besuch, nebenher aber wieder auf „Ausländer
+und Juden“ schimpfte, „die die besten Plätze besetzt
+hätten“ (und so waren alle ihre Beobachtungen
+von dem abhängig, was sie zu Hause
+gehört haben mochte), – das hatte etwas tief
+Beunruhigendes, Unverständliches für mich.
+Und das Merkwürdigste dabei: nicht daß sie
+selbst ganz ehrlicherweise die Widersprüche nicht
+merkte, in denen sie sich bewegte, – nein, daß
+auch ich, wenn ich näher hinsah, sie nicht mehr
+oder nicht mehr immer auffinden konnte. So
+sehr ergriff einen die Selbstverständlichkeit, die
+von Dora ausging. Es gab Momente, in denen
+auch für mich alles in eins zusammenfloß. So
+<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
+etwa dachte ich: gut, sie will zur Bühne (das
+gestand sie mir mit beinahe kindlicher Übereiltheit
+sofort ein), die ist ihre größte, ihre einzige
+Sehnsucht, und offenbar paßt ein solcher Wunsch
+sehr wenig in den traditionellen Stil der Familie
+Grothius. Aber Dora weiß das nicht. Oder
+kümmert sich nicht darum. Jedenfalls gelingt es
+ihr, sozusagen in einem Atem, von ihrem Bruder-Major
+wie von geheimen Dilettantenaufführungen
+zu schwärmen, an denen sie teilnahm.
+Wie das vereinbaren? – Dann aber, wenn ich
+nur für einen Augenblick diesen sichtenden
+Standpunkt aufgab und mich in Doras schöne
+Hand oder den feinen Nacken „verschaute“,
+dann verstand ich eigentlich wieder nicht, was
+da unvereinbar sein solle. Konnte es denn nicht
+strenge, zuchtvolle Schauspielkünstlerinnen geben?
+Ich kannte zwar das Leben hinter den Kulissen
+genau – leider –, aber warum nicht an
+die Möglichkeit von Ausnahmen glauben! –
+So riß mich von Anfang an die Annäherung an
+Doras Gefühlswelt hin und her. Ihre Erscheinung
+war unklar, schwankte –, aber da ich sie
+selbst mit solcher Einfachheit und Leichtigkeit
+<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
+leben und fortschreiten sah, in einer überirdischen
+Leichtigkeit der Existenz, die mir das Bewundernswürdigste
+an ihr schien, fiel alles Unsichere,
+das ich ihr gegenüber empfand, auf mich
+selbst zurück. Ich war befangen, mußte ihre Art
+als etwas, was über mein Begriffsvermögen
+hinausging, verehren; zumindest anerkennen,
+daß es jenseits meines Verständnisses durch
+kräftige Lebensäußerung hinreichend und in
+aller Selbstverständlichkeit gestützt sei. Das ist
+es, weshalb ich den Lebensabschnitt, der an jenem
+Theaterabend begann, in meiner Seele so
+oft „Leben mit einer Göttin“ genannt habe.
+Unverständlich und großartig ist mir Dora
+immer geblieben, mochte ich ihr noch so nahe gekommen
+sein. So wurde sie mir zur Göttin, –
+freilich nicht nur aus diesem einen Grund.
+</p>
+
+<p>
+Bei lebhaftem Gespräch in den Zwischenakten
+gelangten wir noch so weit, daß ich ihr meine
+Hilfe zur Erreichung ihres Ziels anbieten
+konnte. – Dann fuhren wir in die Reginabar.
+Das Souper war ja schon bestellt. Kein Grund
+lag vor, es verfallen zu lassen. Im Dunkel des
+Wagens küßte ich sie zum erstenmal, und sie
+<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
+erwiderte die Küsse mit einer Leichtigkeit, für
+die ich ihr dankbar war. Eine glückliche Zeit sah
+ich vor mir aufblühen. Enttäuscht von all den
+Liebschaften, die ich dem Brauch meiner Kreise
+entsprechend mit allerlei Berliner Film- und
+Operettendamen gehabt hatte, sehnte ich mich
+seit je nach einer starken, von den Gewürzen der
+üblichen Koketterie verschonten Liebe. Dora war
+rein von Berechnungen und Unechtheiten, das
+fühlte ich sofort. Wie herrlich schien es mir, daß
+sie sozusagen keine Geschichten machte, daß sie
+in aller Einfachheit ihrer Jugend und ganz
+unbedenklich zu erkennen gab, daß ich ihr gefiel
+... Die Folgerung aber, die ich daraus zog:
+daß keine Schwierigkeiten in diesem Verhältnis
+zu überwinden sein würden, erwies sich bald als
+der verrückteste Einfall, den ich je gehabt habe.
+Ohne Schwierigkeiten das Leben mit einer Göttin
+– welch eine geradezu gotteslästerliche
+Idee! Schon an jenem Abend zeigte sich das.
+</p>
+
+<p>
+Noch ganz berauscht von den Küssen und Anpressungen
+der Wagenfahrt saß ich ihr im Restaurant
+gegenüber –, im hellerleuchteten Lokal
+aber war ihre Miene sofort wieder wohlerzogen
+<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
+und fromm geworden. Ich schrieb etwas
+auf meine Papierserviette, da ich von der in
+meinem Herzen erwachten Liebe über den Tisch
+hinweg nicht reden konnte. Sie erwiderte durch
+eine Bemerkung auf derselben Serviette. Eine
+Übertrumpfung meiner heißen Liebesworte hatte
+ich erwartet. Was las ich aber – in steiler,
+großer Mädchenschrift: „Achtung und Freundschaft.“
+Mit Ernst, ohne zu lächeln, reichte sie
+mir diese Antwort, die mich verblüffte.
+</p>
+
+<p>
+Ihre Kühle, die durchaus nicht gespielt schien,
+reizte mich auf. Das prinzessinnenhafte Benehmen
+beim Essen, beim zierlichen Erfassen
+des Trinkglases, der vornehme Anstand, die
+gleichmäßige, beherrschte Freundlichkeit ihrer
+Worte, – war es nicht ein geradezu unglaubwürdiger
+Kontrast zu dem, was eben zwischen
+uns vorgefallen war? Wieder solch ein Widerspruch.
+Und wieder einer, der bei näherem Hinsehen
+dahinzuschmelzen schien. Sehr einfach:
+benimmt man sich denn nicht im dunkeln Wagen
+natürlicherweise anders als in einem eleganten
+Restaurant? Gerade das war ja das
+Besondere an Dora: daß der rasche Wechsel
+<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
+ihrer Stimmungen nie einen launenhaft willkürlichen
+Eindruck machte, sondern wie eine
+Naturnotwendigkeit wirkte, vor der man sich
+ganz klein erschien. Wenigstens gedanklich wollte
+ich aber den innigen Zusammenhang zwischen
+uns festhalten, der doch nach der eben erlebten
+leidenschaftlichen Szene nicht sofort verflogen
+sein konnte. An solche Unbegreiflichkeiten habe
+ich mich ja späterhin gewöhnen müssen. Damals
+aber war mir der plötzliche Umschwung noch
+zu neu; so spornte ich meinen armen Kopf, um
+das herauszufinden, womit ich sie fester an mich
+binden könnte. Ich sprach von ihrer Zukunft.
+In dieser einen Richtung wenigstens hatte ich
+mich nicht getäuscht: für sie und ihre Hoffnungen
+gab es in der Familie wirklich kein Geld, da
+alles nur den Erfolgen der Söhne dienstbar gemacht
+wurde. So konnte ich mit dem Vorschlag
+herausrücken, ihr die Mittel für ihre Bühnenausbildung
+zur Verfügung zu stellen, leihweise
+natürlich, bis zum ersten großen Engagement.
+An ihrem Talent zweifelte sie nicht, sie hatte
+schon mehr als einmal berühmten Lehrern mit
+Erfolg vorgesprochen. Doch in München konnte
+<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
+sie nicht studieren. Der Vater war durchaus dagegen,
+hielt sie als Assistentin im wissenschaftlichen
+Hilfsdienst fest, der ihr nur Langeweile
+und Qual bereitete. – Ein Einfall! Sie könne
+nach Berlin kommen – unter dem Vorwande,
+eine Stelle im Laboratorium meiner Fabrik anzunehmen.
+„Das wird Ihr Vater erlauben.
+Denn die Fabrik zahlt besser als die Universität.
+Und wenn Sie erst einmal in Berlin sind, können
+Sie tun, wozu Sie Lust haben.“ – Sie
+hatte gegen meinen Vorschlag, der mich selbst
+mit Seligkeit erfüllte, nichts einzuwenden. Doch
+entzückt war sie nicht. Das setzte mich aufs neue
+in Erstaunen. Wenn man einem Menschen die
+Erfüllung seines Traumes anbietet, den er
+eigentlich nur noch ungläubig im Herzen getragen
+hat, dann sollte doch eigentlich große Begeisterung
+zum Vorschein kommen. Dora aber
+sprach plötzlich von anderen Dingen. Ob ich die
+Glocken auf der Bühne gehört hätte, ob sie
+nicht auch mir wie Totenglocken geklungen hätten
+... „Sie sind wahrhaftig Jorinde“, sagte ich
+und erzählte ihr von dem Mädchen, das plötzlich
+(das Märchen sagt noch gar nicht, worum)
+<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
+zu weinen und zu klagen beginnt. „Ja, das tue
+ich sehr oft“, erwiderte Dora und sah mir traurig,
+tief in die Augen. Da wurde mir wirklich
+ganz so bang wie beim Lesen des Märchens,
+wenn der Abend beschrieben wird, der hell ins
+dunkle Grün des Waldes hereinscheint, während
+die Turteltaube auf den alten Maibuchen
+gar kläglich singt, die beiden Liebenden aber sich
+im Sonnenschein hinsetzen (halb steht die Sonne
+noch über dem Berge, und halb ist sie unten)
+und in ihrer Bestürzung ihnen zumute ist, als
+ob sie sterben sollten. Da merken sie denn auch,
+daß sie sich schon zu nahe an das Schloß herangewagt
+haben, und todbang können sie sich nicht
+rühren, warten verzaubert auf das, was nun
+mit ihnen geschehen soll. – „Jorinde“, sagte ich
+und nahm ihre Hand. Sie hatte Tränen im
+Auge. „Sie sind so gut zu mir“, flüsterte sie,
+„und kennen mich doch noch kaum.“ Und nun
+ergaben wir uns beide einer süßen, schamhaften
+Niedergeschlagenheit, die uns näher zusammenbrachte
+als alle die heißen Küsse vorher; so hat
+es ja auch später manchmal, gerade wenn wir
+sehr traurig waren, solche kurze, innige Minuten
+<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
+gegeben, in denen das Fremde und Unverständliche
+zwischen uns in nichts zusammenfiel und
+Jorinde mir ganz menschlich, ganz so wie ich
+selbst erschien. „Eines versprich mir“, sagte sie
+dann, als ich sie durch dunkle Gassen heimbegleitete.
+„Wenn ich sterbe, mußt du mir ein
+weißes Kleid machen lassen, ganz aus schwerem,
+weißem Taft, – so viereckig ausgeschnitten wie
+das Kleid, das ich heute trage, – und eine
+Reihe weißer Rosen unter der Brust.“ Ich
+mußte es ihr versprechen, mußte die genaue Beschreibung
+wiederholen, auf die sie großen Wert
+zu legen schien. Die Sache mit dem Theater
+hatte sie ganz vergessen. Immer seltsamere
+Dinge waren es, von denen sie sprach. Ob ich
+nicht die Hände sähe, die nach ihr griffen, –
+aus den Häusern, aus den Haustoren hervor.
+Plötzlich begann sie zu laufen, als seien Verfolger
+hinter uns her. Ich durfte nichts reden.
+Sie hielt mir den Mund zu, jedem Wort von
+mir verwehrte sie durch energisches Schütteln
+ihres Kopfes schweigend den Weg. Sie lief sehr
+schnell und dabei so leicht, daß es aussah, als
+schwebten ihre Fußspitzen über dem nachtdunklen
+<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
+Pflaster. Ihr Gesicht war von furchtbarer
+Angst verzerrt. Mir wurde unheimlich ums
+Herz, denn alles, was ich ihr zum Trost begann,
+vermehrte nur ihr Entsetzen. So mußte
+ich schließlich stumm neben ihr herlaufen, um
+sie nur nicht ganz zu verlassen. Während sie mit
+ihrem Schlüssel hastig das Haustor aufsperrte,
+küßte ich ihre Hand. Sie sah mich nicht mehr
+an. „Jorinde, Jorinde“, rief ich, während sie wie
+geistesabwesend mit ihrer heißen Hand über
+meine Stirn strich und sich dann eilig an mir
+vorbei ins geöffnete Tor drängte.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter blank" id="part-4" title="4">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Frühling, der diesem Herbst folgte, war
+dann die glücklichste Zeit meines Lebens.
+</p>
+
+<p>
+Nicht unheimlich wirkte Jorinde auf mich.
+Nein, das war durchaus nicht der Grundzug
+ihres Wesens. Es ist nur ein Zufall, vielmehr
+eine Ungeschicklichkeit von mir, daß ich gerade
+diese eine unheimliche Szene so ausführlich geschildert
+habe. – Solche Szenen wiederholten
+sich zwar auch später noch zuweilen. Mehr als
+einmal schrie Jorinde aus dem Schlaf auf, ich
+mußte sie dann wecken, mußte anhören, daß
+ihr die heilige Mutter Gottes erschienen sei,
+zu der sie als strenge Katholikin oft betete,
+und daß Strafe und Unglück aus dem verehrten
+Mund der Immergnädigen auf sie niedergeregnet
+wären. – Einmal gar, auf einer unserer
+kleinen Reisen, als die gänzlich überflüssige
+bayrische Kriminalpolizei zum Morgenbesuch in
+unserem Zimmer erschien und das arme Mädchen
+<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
+durch die Frage: „Sind Sie die Frau?“
+erschreckte, – sah sie nachher bei hellem Tageslicht
+ihre eigene Mutter hinter dem Fenstervorhang
+stehen und wie aus dem Grabe hervor
+drohend den vom Totenhemd umwehten Arm
+erheben.
+</p>
+
+<p>
+Doch solche Märchen- und Legenden-Schrecknisse
+wirkten nie lange nach, versanken zum
+Glück ebenso unvermittelt, wie sie gekommen
+waren, und überließen uns schnell unserem holderen
+Schicksal, einer Liebesseligkeit, wie ich
+sie eigentlich nie für möglich gehalten habe.
+</p>
+
+<p>
+In Berlin wurde Jorinde bald ganz mein.
+Eine Zeitlang widerstrebte sie natürlich, doch
+es war kein bösartiges Sichsträuben, es gehörte
+nur gleichsam mit zum Laufe der Dinge und
+ging vorbei wie ein leichter Frühlingsregen.
+Nach kurzem Kampf war sie dann ebenso hingebungsvoll
+glücklich wie ich. Ja, ein kindlicher
+Frohsinn, der sie in jenen Tagen ihrer Weibwerdung
+ergriff, hob sie über mich hinaus.
+Und wie er sie verschönte! Die bläulichen Schatten
+um die Augen, die Schalkhaftigkeit der
+Mundwinkel und hübsche Röte auf den sonst
+<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
+so blassen Wangen, – es war eine berückende
+Mischung von Wehmut und gesunder Lebensfreude.
+</p>
+
+<p>
+Und mit welcher Kraft ergriff sie gleichzeitig
+das neue, tätige Leben. Eifrig nahm sie dramatischen
+und Sprechunterricht, studierte bei Held,
+und es gehörte gewissermaßen mit zu dem
+Glück, mit dem mir damals alles gelang, daß
+sie wirklich ein außerordentliches Talent bewies
+und schnelle Fortschritte machte. Alle Lehrer
+bewunderten die Reife ihrer Auffassung, die
+trotz ihrer kaum zwanzig Jahre von tiefster
+Instinktsicherheit zeugte und nur der technischen
+Schule, niemals irgendwelcher prinzipieller Anweisungen
+bedurfte.
+</p>
+
+<p>
+So kam der Plan, den ich in der Münchener
+Reginabar nur in die Luft skizziert hatte, ohne
+an ihn zu glauben, mit voller Ausführlichkeit zu
+wirklichem Leben. Alles traf ein, was ich mir in
+jener hellsichtigen Stunde vorgenommen hatte,
+– wie es überhaupt im Wesen unserer Beziehung
+zu liegen schien, daß alles Äußere,
+alles Umrißhafte immer tadellos „klappte“, –
+so zum Beispiel haben wir (um eine Kleinigkeit
+<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
+zu nennen), bei Verabredungen einander fast
+nie verfehlt, selbst bei komplizierten Reiseverabredungen
+nicht, zu denen wir von verschiedenen
+Städten aus zu bestimmter Stunde an
+einem bestimmten Bahnhof erscheinen mußten.
+Das alles ging immer exakt und so leicht, –
+ich selbst hatte zwar manchmal einige Angst, daß
+Jorinde nicht kommen würde, denn sie war keine
+Freundin von unterstrichenen Zusagen, warf
+nur wie von ungefähr ein „Ja“ hin und mochte
+dann über dieselbe Sache nicht zweimal reden,
+– aber später legte ich diese Art von Bangigkeit
+ab, da ich merkte, daß derartige Dinge äußerer
+Natur sozusagen ausnahmslos gut abliefen,
+daß seltsamerweise sogar dann, wenn ein Mißverständnis
+vorkam, die drohende Störung durch
+ein anderes, in entgegengesetzter Richtung wirkendes
+Mißverständnis gutgemacht zu werden
+pflegte. Übrigens diente diese Leichtigkeit
+des äußeren Rahmens, diese Leichtigkeit, die
+mir wie eine zarte Ausstrahlung von Jorindes
+Wesen erschien, gleichsam nur dazu, um das im
+Kern Unentwirrbare und Problematische unserer
+Liebe um so deutlicher hervortreten zu lassen. –
+<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
+Und dennoch: auch heute kann ich es nicht als
+Fehler ansehen, daß ich damals mein ganzes
+Herz diesem zauberhaften Geschöpf zugewendet,
+daß ich förmlich alles auf die eine Karte
+gesetzt habe. Das Glück, das sich mir anbot, war
+zu groß, als daß ich es nicht mit ganzer Kraft
+der Seele hätte ergreifen müssen. Käme ich heute
+noch einmal in dieselbe Lage: ich würde keinen
+Augenblick zögern, mich genau ebenso zu entscheiden,
+würde noch einmal alle Tiefen und
+Höhen des Gefühls in eine, eine einzige Richtung
+werfen, dem leuchtenden Stern entgegen,
+dessen blauer Blick mit so schmeichlerischem Segen
+und Wohlgefühl und Gelingen mich angelockt hat.
+</p>
+
+<p>
+Ja, in dieser guten ersten Zeit gelang alles,
+und es ging ganz merklich aufwärts mit mir.
+Kräfte wuchsen mir zu, und es setzte mich nicht in
+Erstaunen, daß auch in meinem Beruf Erfolg
+auf Erfolg eintraf. Bald konnte ich die Fabrik
+nicht unbeträchtlich vergrößern, überseeische Verbindungen
+neu anknüpfen. Auch meine wissenschaftlichen
+Forschungen nahm ich wieder auf.
+</p>
+
+<p>
+Diese Forschungen, – nun, sie haben schließlich
+doch zu keinem Ergebnis geführt, und so
+<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
+wäre es lächerlich, mich hier über sie auszulassen.
+Nur so viel sei gesagt, daß mir eine bessere
+Ausnützung der in den Lebensmitteln enthaltenen
+Energien vorschwebte. Verbilligung
+des Genusses, allgemein ausgiebigere Volksernährung
+und Volksgesundung wären die
+Folgen gewesen. – Es ist nichts, gar nichts
+daraus geworden. Die wahnsinnige Inanspruchnahme
+durch kommerzielle Sorgen für meine
+Fabrik hat mir niemals recht Zeit dazu gelassen,
+meinen Ideen und Anfangsversuchen nachzugehen.
+Trotzdem glaube ich (soweit man in solchen
+Dingen über sich selbst Klarheit haben
+kann), daß ich für die Fabrik nur gearbeitet
+habe, um Geldmittel zur Wiederholung meiner
+Experimente im allergrößten Umfang zu erlangen.
+Daneben war ich ja freilich fanatischer Geschäftsmann,
+von meinem Vater zu nichts anderem
+als kaufmännischen Interessen erzogen.
+Und jahrelang hatte ich mich mit einer Art von
+Verbohrtheit (von einer gewissen Vorliebe für
+Musik und besonders häusliche Kammermusikaufführungen
+abgesehen) ausschließlich nur im
+Kreis des von ihm gegründeten Familienunternehmens
+<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
+bewegt. Ich wäre geradezu menschenscheu
+geworden, wenn nicht ein gewisser Verkehr
+mit Geschäftsfreunden notwendig gewesen
+und durch diesen Verkehr der Weg in die Garderobe
+galanter Theaterschönheiten nahegebracht
+worden wäre. Meine Liebesabenteuer aber,
+die ich regelmäßig viel zu ernst nahm, hatte ich
+damals nur als Störung in dem forschen, nervenerregenden
+Großbetrieb der Fabrik empfunden,
+diese wieder als Störung meiner wissenschaftlichen
+Bestrebungen – und zuzeiten
+auch wieder umgekehrt. Erst durch Jorinde war
+in das ganze Chaos mit einemmal Ordnung
+eingezogen. Sie, sie war der Mittelpunkt, –
+ihr, die ich schon im Glanz des ihr sicheren
+Künstlerruhms sah, wollte ich mich durch große
+Entdeckertat an die Seite stellen, – die Fabrik
+sollte als sichere finanzielle Grundlage für
+meine wie auch ihre Bestrebungen ausgebaut
+werden. Nun stand plötzlich alles in dem richtigen
+Unter- und Überordnungsverhältnis ein
+für allemal fest, die Liebe als Beherrscherin inmitten
+meines ganzen Seins. Von diesem
+Zeitpunkt glaubte ich eigentlich erst mein wahres
+<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
+Leben zu beginnen, – vorher hatte es nur ein
+mechanisches Herumtappen gegeben. Erst die
+Liebe zu Jorinde machte mich gleichsam darauf
+aufmerksam, daß das Leben etwas ist, was einen
+tiefen Wert haben kann. Ich lebte nur um dieser
+Liebe willen. Um der Liebe willen wurde
+mir natürlich auch noch vieles andere wichtig.
+Aber nur um der Liebe willen. Liebe ist der Atlas,
+der den Menschen und alle seine Lebensäußerungen
+tragen muß, sollen sie nicht zur
+Lüge werden und sich gegen ihn und sein Aufblühen
+kehren. – Ich brauche nur die sinnlose,
+zerfahrene Art, in der ich vor Jorindes Erscheinen
+arbeitete, mit meinen methodischen,
+freudigen, innerlich als notwendig empfundenen,
+ehrlichen und deshalb wohl auch erfolgreichen
+Unternehmungen nachher zu vergleichen,
+– um die Wahrheit dieses Satzes (für mich
+wenigstens) einzusehen. Diese ganze Wandlung
+und das Glück, das damals alle meine Vorsätze
+und Wünsche begünstigte, schien mir übrigens
+durchaus nicht so besonders verwunderlich. Es
+muß doch irgendwie auch im Erfolg zum Ausdruck
+kommen, wenn man mit einer Göttin lebt.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter blank" id="part-5" title="5">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">ie</span> selig machte mich Jorindes Liebe; aber ihr
+oft überschwenglich geäußerter Dank beschämte
+mich. Selbstverständlich tat ich alles für sie, wonach
+sie nur den leisesten Wunsch äußerte, –
+während von ihrem Vater niemals ein Zuschuß
+eintraf, vielmehr verlangt wurde, daß sie die
+Kosten ihres Berliner Aufenthalts mit ihrem
+Gehalt aus dem angeblichen Posten in meiner
+Fabrik bestreite. Aber hätte ich nicht gern noch
+viel mehr für sie getan! Sie war ja so bescheiden
+in ihren Ansprüchen, – und obendrein auch
+noch Dank? Nebstdem: alle Dienste, die ich ihr
+erweisen konnte, verwandelten sich gleich auf der
+Stelle in ebenso viele Glücksfälle für mich. So
+war es nun einmal, weder sie noch ich wären
+imstande gewesen, etwas dazu oder hinweg zu
+tun. Von meiner Freude über ihre gut fortschreitenden
+dramatischen Studien war schon
+die Rede. Aber bis in unwichtige, halbspielerische
+<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
+Kleinigkeiten reichte diese seltsame Verkettung
+von Dienst und sofortigem Lohn. (Wer
+kann übrigens von Angelegenheiten der Liebe
+sagen, daß diese wichtig, jene unwichtig sei.)
+Ging ich etwa mit ihr ins Theater, – welch ein
+Genuß für sie; aber für mich doch nicht minder,
+ihre jugendliche Begeisterung einzuatmen oder
+dies eine nur: – ihre Gegenwart zu fühlen!
+Und welch ein Glück, an ihrer Seite die großen
+Modeateliers zu besuchen, unermüdlich Modellkleider
+anzusehen. Es ist seltsam: man kann
+derartiges nicht sagen, ohne daß sich ein frivoler
+Nebenton einmischte. Und doch erlebt man
+es in aller Innigkeit und Herzenseinfalt, ganz
+ohne diesen Nebenton, und gerade das ist ja
+das Schöne dabei. Wäre ich Schriftsteller, ich
+würde über der Beschreibung einer solchen
+Episode verrückt werden. Aber vielleicht haben
+gerade nur die Schriftsteller durch ihr ewiges
+Herabsetzen aller Gefühle, die man in der Stadt
+erlebt, durch ihre an sich berechtigte, aber zu
+absichtlicher Kontrastwirkung mißbrauchte Lobpreisung
+ländlichen Glückes es verschuldet, daß
+man diese Dinge in ihrer lauteren Süße zwar
+<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
+empfinden, aber nicht ausdrücken kann. Wie
+dem auch sei: Reinheit und unendliche Liebeserfülltheit
+brausten in mir bei diesen Besorgungsgängen
+durch Warenhäuser und das
+nüchterne Ankleidekabinett war mir kein unpassenderer
+Hintergrund für meiner Seele Entzücken
+als etwa einem jungverliebten Bauernpaar
+abends der Lindenbaum vor dem Dorf.
+Ja, nicht anders war mir zumute, wenn ich –
+als rechtmäßiger Gatte – ins Probierzimmerchen
+mitgenommen wurde, unter Vorantritt
+einer ältlichen, geschäftsmäßig lächelnden, sehr
+höflichen Verkäuferin, – wenn ich nun in einem
+Sessel zur Seite Platz nahm und, während
+Dora ihr Kleid abtat, ihre weißen, ganz zarten,
+wie für Vogelflug gebauten Schultern und das
+kleine, kaum sichtbare blonde Nest unter ihnen
+bewunderte, – die tiefe, geschmeidige Teilungslinie
+oben in der Mitte des Rückenanfangs
+–, und nun konnte ich oder mußte vielmehr
+recht gleichgültig tun – in einer Situation,
+die ich sonst nur in Zittern und Herzklopfen
+erlebe, – mußte mich soweit beherrschen
+(und es ging ja ganz leicht), nur hie und da
+<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
+eine sachkundige Bemerkung zu machen, nur
+hie und da, scheinbar ganz nachlässig und zufällig,
+in die Spiegel zu schauen, die im äußerst
+vorteilhaft aufgefangenen Tageslicht dieses sonst
+ganz schmucklosen Raumes meine Geliebte mit
+jedem neuen Kleid, das sie an- und ablegte, in
+immer neuer Schönheit, ja wie das Urbild
+alles Lächelns, aller Grazie auf Erden erstehen
+ließen. – Ich glaube: in einer einzigen solchen
+Stunde offenbarte sich mir von Kräften und
+Stolz der Schöpfungspracht mehr als in meinem
+ganzen Leben zuvor. Und es berührte mich
+seltsam, daß mir Jorinde nachher für ein einfaches
+Kostüm oder ein Sommerkleid dankte,
+das wir mitnahmen. Aber solches unauffälliges
+Hinweggleiten über den wahren Tatbestand gehörte
+vermutlich mit zum Wesen ihrer Göttlichkeit.
+</p>
+
+<p>
+Dieses unauffällige, in sich verborgene Wesen,
+– in aller Stille hat es auf mich gewirkt,
+mich belehrt, in manchem vielleicht auch umgewandelt,
+soweit eben bei so entgegengesetzter
+Anlage ein Wandel überhaupt noch möglich ist.
+Von Anfang an war ihm ja meine großstädtische
+<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
+Hast, meine Nervosität, mein ewiges Drängen
+und Nachdrückenwollen durchaus entgegengesetzt.
+– Das zeigte sich sozusagen bei jedem
+Schritt. Fuhr ich mit Jorinde in der Elektrischen,
+so konnte ich sicher sein, daß ich schon
+einige Minuten vor der Haltestelle aufsprang,
+um mich zwecklos und geradezu krankhaft im
+Wagen zwischen den Menschen hin und her zu
+drehen. Jorinde dagegen blieb geduldig und
+mit einem gewissen Behagen auf ihrem Platz,
+stand erst dann auf, wenn es nötig wurde, um
+ruhig und ohne jemand zu stören auszusteigen.
+Wir sprachen nie über diese Beobachtung. Ich
+aber weiß seither, daß man die Menschen in
+zwei Gruppen einteilen kann, und daß in dieser
+Unterscheidung mehr Weisheit liegt als in so
+manchen gründlichen Charakteristiken. Es gibt
+Menschen, die in der Elektrischen bis zur Haltestelle
+sitzenbleiben und solche, die viel zu bald
+vorher aufstehen.
+</p>
+
+<p>
+Von Jorinde habe ich gelernt, nicht immer
+und allem zuvorkommen, nicht immer nachhelfen
+zu wollen. Es kam etwa so: wenn wir
+stritten und ich ihr nachher gut zuredete,
+<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
+auch wohl manchmal mich entschuldigen wollte,
+so hörte sie immer nur in stummem Zorne zu
+oder wandte sich ganz ab. Einige Stunden oder
+den ganzen Tag nachher kam kein Wort von
+ihren Lippen. Mochte ich mich anstellen, wie ich
+wollte: es half nichts. Am Tag darauf aber
+sprach sie schon mit mir, sprach von gleichgültigen
+Dingen, wich auch dem eigentlichen Streitgegenstand
+nicht aus und redete recht vernünftig
+von ihm, gar nicht mehr gereizt. Auch gab sie
+öfters zu, unrecht gehabt zu haben, ohne dies
+aber für eine besonders wichtige Eröffnung zu
+halten. In den folgenden Tagen nahmen dann
+ihre Worte immer mehr den zärtlichen, weichen
+Klang an, der mir unentbehrlich war, und nach
+Ablauf seiner gewissen, bald längeren, bald kürzeren
+Zeit war das gute, alte Einvernehmen
+vollständig wiederhergestellt, – obwohl es am
+Anfang immer so aussah, als sei der Bruch
+ein endgültiger. Auch war sie dann imstande,
+sich ganz und gar vor mir zu demütigen, mir
+abzubitten oder durch ganz besonders liebevolle
+Einfälle ihre Hingabe auszudrücken, so daß
+nicht selten ein Glücksrausch, eine Steigerung,
+<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
+die ich gar nicht mehr für denkbar gehalten, das
+Ende solcher Zerwürfnisse war. Dieses glückliche
+Ende aber irgendwie zu beschleunigen, die qualvolle
+Wartefrist abzukürzen, – das lag gänzlich
+außerhalb aller Möglichkeiten, mochte sich
+dieser Vorgang noch so oft abgespielt haben und
+sein Verlauf immer genau derselbe sein. Spät
+erst erkannte ich das und lernte, daß es keinen
+Zweck habe, auf ein Geschehen drücken zu wollen,
+das seinen naturgesetzlichen Gang nehmen
+muß. Wie ein Gewitter losbricht und in der
+Zeit seines Wütens als etwas Ewiges am
+schwarzen Himmel steht, durch keine Macht der
+Welt wegzubringen, wie es aber dann doch vorbeizieht
+und erfrischte, klare Luft nachher den
+vollen Sonnenschein herausbringt, als sei gar
+nichts geschehen, – so schwangen bei einem
+gesunden Menschen wie Jorinde Gemütserregungen
+allmählich aus, von Argumenten
+freilich unbeeinflußbar, desto zugänglicher aber
+dem ruhigen Walten der großen Natur, die
+ganz von selbst auf Störungen neuen Frieden
+folgen läßt. Dies lernte ich. Lernte: abwarten.
+Lernte: nicht gleich trostlos werden, nicht gleich
+<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
+den Kopf verlieren, wenn Jorinde mir fern und
+unverständlich war. Lernte überhaupt: ein gewisses
+Zutrauen zur Natur. Lernte gleich auch
+eine ganze Fülle von Nutzanwendungen dazu.
+</p>
+
+<p>
+Wenn zum Beispiel eine Frau etwas Allgemeines
+oder auf die Zukunft Bezügliches sagt,
+so gilt es doch nur für den Augenblick. „In
+Pärken küßt man nicht“, sagte Jorinde einmal
+ganz streng. Aber es war gar nicht so gemeint,
+es bedeutete nur: „Heute und hier habe ich zufällig
+keine Lust, mich von dir küssen zu lassen.“
+Man muß die Ausdrucksweise der Frauen richtig
+verstehen. Frauen reden ja nur scheinbar
+dieselbe Sprache wie wir, dieselben Worte bedeuten
+bei ihnen oft ganz anderes als im Redegebrauch
+der Männer. Als wir damals auf der
+Reise den kleinen Konflikt mit der Kriminalpolizei
+hatten (schon ihr Name eine Taktlosigkeit),
+geriet Jorinde in begreifliche Aufregung
+und rief: „Nie mehr, nie mehr reise ich mit
+dir zusammen wie Mann und Frau.“ Es wäre
+ganz verfehlt von mir gewesen, daraufhin traurig
+zu werden, an der Fortdauer ihrer Liebe zu
+zweifeln und so fort. Was sie gesagt hatte, bedeutete
+<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
+ja, in meine Sprache übersetzt, nichts
+als: „Es ist mir augenblicklich etwas sehr Peinliches
+zugestoßen.“ Über die Gegenwart sagte
+es etwas aus, gar nichts für die Zukunft ...
+Ach, mein Gott, wie hübsch läßt sich das alles
+niederschreiben und dozieren. Nur vergesse ich
+dabei, daß mein Unglück wahrscheinlich doch nur
+darauf beruht, daß ich schließlich kein mehr als
+durchschnittlicher Schüler gewesen und Jorindes
+Kurs zu bald entlaufen bin.
+</p>
+
+<p>
+Denn dieser Kurs war manchmal sehr schwer.
+– Ja, es scheint mir zuweilen, als hätte ich
+nur einige Äußerlichkeiten ihres göttlich stillschweigenden
+Unterrichts erfaßt, – die Hauptlehren
+aber seien mir unzugänglich geblieben.
+Unzugänglich, rätselhaft und so gefährlich, daß
+ich schließlich an Unkenntnis ihres geheimen
+Kerns untergehen mußte.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter blank" id="part-6" title="6">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ies</span> habe ich übrigens von Anfang an
+dunkel geahnt.
+</p>
+
+<p>
+Manchmal stellte mich nämlich Jorinde auf
+die Probe. Wortlos natürlich. Aber anderes als
+eine Probe kann das, was dann zwischen uns
+vorfiel, nicht gewesen sein. Anders kann ich es
+nicht auffassen. Nun aber ist es so, daß ich niemals
+solch eine Probe bestanden habe. Obwohl
+ich nachher zugeben mußte, daß sie eigentlich
+nicht so besonders schwer zu bestehen gewesen
+wäre, wenn – ja, wenn ich mich nur ein wenig
+mehr in der Hand gehabt hätte. Aber ich
+zitterte ja um Jorinde und habe das nie verbergen
+können. Nun, ich zitterte eben wie einer,
+der alles auf eine Karte gesetzt hat. So unbegreiflich
+ist das ja nicht. Sah nun etwa Jorinde,
+bei einem Ausflug, unbekannte Herren
+am Nachbartisch etwas länger als üblich an, so
+geriet ich schon in Eifersucht. Ihrer Ansicht
+<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
+nach aber war Liebe mit Vertrauen gleichbedeutend.
+Vertrauen sollte ich haben. War sie denn
+nicht mein, – so sagte sie später, wenn die
+Krise vorbei war, – mein für immer! Während
+des Ausflugs aber sagte sie so etwas Herzliches
+nicht, was meine Aufregung sofort besänftigt
+hätte, nein, es schien ihr Freude zu machen,
+meine Eifersucht zu reizen, mir immer neue
+Wahrscheinlichkeiten für sie zu geben, etwa
+daß sie den oder jenen Herrn schon von früher
+her kenne und dergleichen. Es war ganz absurd.
+Ich wußte auch schon, daß sie mich nachher auslachen
+würde. Aber in meinem Wahnsinn ging
+ich blindlings auf die dümmsten Andeutungen
+ein. Zuerst nur scherzend, gleichsam, um ein
+Gesprächsthema, eine Abwechslung zu haben.
+O wie rächte sich aber dann dieses kleine
+Amüsement, das zuerst nur als Neckerei gedacht
+war, dieses „Mit-dem-Feuer-Spielen“. Unvermittelt,
+ich wußte selbst nicht wie, geriet ich in
+heißesten Ernst. Die ganze Sache bekam eine
+Kulisse von Möglichkeit, die ich (der Teufel
+mag raten, aus welchem Magazin) in immer
+neuen Farben aufzuführen verstand. Manches
+<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
+lag daran, daß Jorinde eine Art hatte, mich ablenken
+zu wollen, die mich erst recht in Hitze
+brachte. So etwa, wenn sie sagte: „Ich weiß
+gar nicht, wie du mir so etwas zumuten kannst.
+Kennst du mich denn nicht? Weißt du denn
+nicht,“ dies flüsterte sie nur, „wie wenig sinnlich
+ich bin. Bei mir ist doch wirklich keine Gefahr
+...“ Mit einem gewissen bescheidenen
+Stolz pflegte sie darauf zu bestehen, daß sie so
+etwas wie eine Heldin von abnormer Kälte sei.
+Sehr selten, nur in Momenten größter Vertraulichkeit
+sprach sie davon – und gewiß war
+es stets ein Zeichen ehrlichen Versöhnungsversuchs,
+wenn sie von selbst auf dieses ihr peinliche
+Thema zu reden kam. Sprach sie aber
+schon davon, dann immer in diesem Sinne. Und
+das Merkwürdige, Aufreizende: daß unsere
+Nächte sie Lügen straften. „Für mich brauchte
+das gar nicht zu existieren, das Materielle“ –
+(dies der Ausdruck, den sie erfunden hatte).
+Ich aber hatte es ganz unzweifelhaft anders erlebt.
+Daran durfte ich sie natürlich nicht erinnern.
+War sie doch ohnehin bei der geringsten
+Anspielung auf unkeusche Dinge beleidigt. Aber
+<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
+in gewissen Stunden, das war ja eben das ungeheuerste
+Glück, brach durch all ihre Schamhaftigkeit
+der Urtrieb durch, und sie konnte aufpeitschende
+Worte stammeln oder auch bloß
+Laute ausstoßen, deren bloßer Erinnerungsklang
+mir noch heute alles Blut zu Kopfe treibt.
+War der richtige Augenblick gekommen, so verwandelte
+sie sich in ein Hexenwesen. Heidnische
+Freude durchglühte ihre weiße Brust, wie Stahl
+hielt der schmale zarte Leib meinen wildesten
+Umarmungen stand, immer neuen Ansturm herausfordernd.
+Und ein paar Stunden später auf
+der Gasse: der kalte Blick einer Nonne, die
+aufrecht stolze Haltung einer Hofdame. Eine
+etwas zu tief ausgeschnittene Bluse einer Vorübergehenden
+konnte ihre Verachtung herausfordern.
+Ebenso Disziplinlosigkeit am Schalter
+der Bahn, – alles, was sich vordrängte oder
+nicht von sauberstem Geschmack war. Dabei log
+sie weder mit ihrem Nacht- noch mit ihrem
+Tagbenehmen. Auf natürlichste Art vollzog sich
+der Wechsel – mit geänderter Situation. Nie
+wäre ihr klarzumachen gewesen, daß sie sich
+widersprach. Sie fühlte das eben nicht als Widerspruch,
+<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
+und so war es auch keiner. Ist es
+ein Widerspruch, daß das Meer heute stürmt,
+morgen klarblau wie ein Flüßchen daliegt?
+Es ist das Geheimnis des Meeres, aber darum
+doch nur für uns ein Widerspruch.
+</p>
+
+<p>
+Man hält im allgemeinen Frauen vom Typus
+Carmen für besonders gefährlich. Ungehemmte
+Elementarkraft, Wedekinds Lulu ...
+Unsittlich, zerstörend, verschwenderisch. Mich
+langweilt das grenzenlos ... Die Unterstrichenheit
+und Eindeutigkeit der sogenannten dämonischen
+Frau hat für mein Gefühl etwas von
+der Routine des Gewerbes, das (auch bei Gratisausübung)
+selbst die stolzeste dieser Gestalten
+verdunkelt. – Wie anders lockt, wie zauberhaft
+verführt jene rätselhafte Frau, deren asketisches
+Bewußtsein in tiefem Gegensatz zu ihrer
+naturheidnischen Sinnlichkeit steht, ohne daß
+ihre Tugend von ihrem Trieb, ihre Ausschweifung
+von ihren Prinzipien Notiz nähme. Die
+als Weib lebt und beglückt, – und seltsam
+mischt sich in ihre Kraft die strenge Zucht
+einer religiösen Tradition, einer ernsten Familie,
+einer angeborenen und anerzogenen Verschlossenheit.
+<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
+Da ist es dann wohl unmöglich,
+seine fünf Sinne beisammenzuhalten. Mich zumindest
+ließ das fremde ferne Lebensgesetz,
+das ich in Jorinde ahnte, nie mehr zur Ruhe
+kommen.
+</p>
+
+<p>
+Und auch auf andere hat es ja nicht anders
+gewirkt. Jorinde brauchte nur von den Dilettantenaufführungen
+in München zu reden, an
+denen sie mitgewirkt hatte, und ich sah leibhaftig
+die von ihr angerichteten Verheerungen.
+– Wie viele beunruhigte Herzen hatte sie zurückgelassen!
+Welch einem Sturm die Stirn geboten!
+Fast unglaublich – und doch war es
+geschehen –, daß sie mir als erstem mit ihrem
+ganzen Leib zugefallen war. Von Küssen allerdings
+wußte sie manches zu erzählen. „Was
+liegt denn an einem Kuß!“ Oh, aber man konnte
+nicht sagen, daß sie je ihren strengen Grundsätzen
+untreu geworden war. Immer reserviert,
+entschlossen, nie alles zu sagen, im entscheidenden
+Augenblick dem Mann turmhoch überlegen:
+– ich konnte mir vorstellen, welche Verzweiflung
+sie damit entfesselt hatte. Sprach sie
+nur von solchen „letzten Szenen“ einer bis
+<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
+dahin zufriedenstellenden „anständigen“ Beziehung,
+so hatte sie unwillkürlich ein hochmütiges
+Gesicht, trotzig, die Nase gerümpft.
+Im Namen der Moral verachtete sie völlig aufrichtig
+alle Männer mit ihren „materiellen“
+Wünschen. Daß sie bei Spaziergängen mit oder
+ohne Kuß, beim Tanz vorher, den sie leidenschaftlich
+liebte, diese Wünsche geweckt hatte,
+daß sie selbst ganz bedenkenlos einem solchen
+Wunsch sich hingegeben hätte, wenn nur der
+richtige Mann gekommen wäre (wie sie es dann
+auch wirklich getan hat, ohne Koketterie, ohne
+Ziererei), das hatte sie ganz einfach nicht im
+Kopf, wenn sie von Moral sprach. Und wenn sie
+wortlos ihrer Natur folgte, so waren die sauber
+geschlichteten Moralsätze in irgendeinem Fach
+versperrt, wurden nicht verletzt, weil sie gar nicht
+hervorgezogen wurden. An dieser Verbindung
+von Keuschheit und Foxtrott rannten sich denn
+auch alle die Köpfe wund. – Und ich, der
+ich dieses unmögliche Amalgam jeden Augenblick
+an ihr merkte, der jeden Augenblick aufs
+neue sie nicht verstand (wie sie etwa mit ihren
+Berliner Studien den Vater, schlicht gesprochen,
+<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
+hinterging – und dabei dennoch in ihren
+eigenen Augen, von Momentvisionen abgesehen,
+das strengerzogene gute Kind blieb), ich
+war diesem Rätsel verfallen mit Seele und
+Leib.
+</p>
+
+<p>
+Zum erstenmal begriff ich, daß man einer
+Frau, die man liebt, niemals sicher ist, auch
+dann nicht, wenn man sie tags zuvor restlos besessen
+hat –, daß man nachher ebenso durstig
+von ihr geht, wie man gekommen ist, – daß
+überhaupt kein Grad von Vertraulichkeit denkbar
+ist, der einen ganz befriedigen könnte, solange
+man eben liebt; – und hat man ihr auch
+abends die Haarnadeln aus dem dichten, leise
+verwirrten Haar nehmen dürfen, und spürt man
+noch in den Fingerspitzen die Wärme ihrer
+Kopfhaut, die auch ihre Haare wärmt – vor
+dem Schlafengehen im Bett, wenn alles an ihr
+sich in Wärme und blonde Süßigkeit aufzulösen
+scheint – und bringt man ihr morgens den
+Kaffee ans Bett und sieht sie lachen und hört
+die Übermütige, die in diesem Augenblick nach
+gesundem Schlaf eine Art Tiergöttin ist und
+alle möglichen Tierstimmen nachahmt, bellt,
+<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
+grunzt, gackert und besonders kunstvoll kräht, –
+all das ist doch nichts, ist nur ein leichter
+Nebel, der ihre tiefinnere Fremdheit verhüllt,
+der bei kleinem Windstoß auseinanderweicht
+und den trostlos unendlichen Ozean dort zeigt,
+wo man festes Land zu sehen geglaubt.
+</p>
+
+<p>
+Und nun kann ich sagen, worin meine eigentliche
+Schuld besteht.
+</p>
+
+<p>
+Meine Schuld: daß gerade diese Fremdheit
+es war, was ich so sehr geliebt habe.
+</p>
+
+<p>
+Diese Fremdheit, diese Unsicherheit, diese
+Spannung, in der das Herz kaum mehr zu
+schlagen vermag, – ich habe eigentlich von
+Anfang an gefühlt, daß es Sünde ist, die Seele
+an Zustände von solch tödlicher Reizkraft zu
+gewöhnen.
+</p>
+
+<p>
+Dennoch sage ich nicht, daß es unrichtig war,
+so zu leben, wie ich es begonnen habe und
+nur leider nicht habe durchführen können. Ich
+bin vielmehr überzeugt, daß es die Bestimmung
+des Menschen ist, nicht etwa sündenlos zu leben,
+sondern <em>mit</em> der Sünde (so wie viele unserer
+Organe ohne Bazillen gar nicht funktionieren
+könnten). – Mit der Sünde leben: das heißt,
+<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
+– so daß man die Sünde neben sich und auch
+wohl in sich hat, den mächtigen Wirbel und
+Bewegungsstrom benützt, der von ihr ausgeht,
+– ohne sie jedoch groß werden zu lassen. <em>Das
+ist die Kunst: ohne sie groß werden
+zu lassen.</em> Denn die Sünde hat, sobald man
+sich mit ihr einläßt, ebenso wie die Bazillen,
+die Tendenz, sich maßlos zu vermehren, ins
+Ungeheuerliche zu wachsen, und es ist dann
+sehr schwer, „Herr über sie“ zu sein, wie die
+Bibel es verlangt. Das Sprichwort weiß es
+auch. Der Teufel, so sagt es, dem man einen
+Finger gereicht hat, will gleich die ganze
+Hand. – Aber das darf kein Grund sein, ihm
+nicht einmal einen Finger zu reichen. <em>Reiche
+den Finger und verweigere die
+Hand</em>, – so, nun habe ich gar ein neues
+Sprichwort erfunden, wie mir scheint. Dazu
+also reicht meine Kraft: Sprichworte zu erfinden.
+Nun aber dem Teufel wirklich den Finger zu
+reichen und die Hand zu verweigern, – das leuchtet
+mir allerdings als höchste Lebensweisheit
+ein. Es auszuführen jedoch, dazu gehört wahrscheinlich
+doch nur ein ganz anderer Kerl als ich.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
+Haben nun aber auch meine Kräfte nicht
+ausgereicht, so ist es doch eine große Sache, der
+ich mich unterfangen habe. Und darauf bin ich
+einigermaßen stolz –, man möge mir in meinem
+Unglück diese Eitelkeit verzeihen! – Mit einer
+Göttin leben – als Mensch – es ist und
+bleibt ein Wagestück. Ein Frevel wohl, auf
+solche Art Feuer und Wasser mischen zu wollen,
+ein Frevel, den man mit der fast unerträglichen
+Ungewißheit im Herzen bezahlt. Wie
+wird es gelingen? Wie weit halte ich denn
+eigentlich? Ist es überhaupt auch nur möglich,
+daß es gelingt? – Aber sieht man noch etwas
+näher zu, so entdeckt man, daß man in ebenderselben
+Unsicherheit eigentlich allem in der Welt
+gegenübersteht, und daß die Aufgabe schließlich
+gerade darin liegen mag, uns in dieser Schwebe
+zu erhalten, in dieser Frage, die keine Antwort,
+in diesem Glauben, der keinen Beweis zuläßt.
+Da ein letztes Eindringen nach jeder Richtung
+hin unmöglich ist, besteht der ganze Unterschied
+nur darin, wie man den Satz ertragen will,
+den ich damals im Hause Grothius über dem
+Tische zu sehen glaubte, den Satz, „nicht von
+<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
+allem zu reden“. Die einen springen nervös
+auf, noch vor der Haltestelle, die anderen bleiben
+mit gesunden, ausgeruhten Sinnen auf
+ihrem Platz sitzen. – Mein Fall ist nur eine
+besondere Verschärfung des allgemeinen. Abfinden
+muß sich ein jeder mit dem Unverständlichen.
+Man kann das verdrießlich tun oder
+siegreich lachend, oder halb im Schlaf, oder auf
+die verschiedensten anderen Arten. Ich nun
+habe dieses Unverständliche außerdem noch geliebt,
+ich habe ihm abends die Haarnadeln aus
+dem schönen blonden Haar genommen, um sie
+sauber auf das Nachttischchen zu schichten, –
+das ist viel, dabei kann einen schon einmal der
+Blitz erschlagen.
+</p>
+
+<p>
+Manchmal aber gelang es mir ja, mich neben
+Jorinde zu behaupten, und gerade aus der
+Schwierigkeit dieser Position am Rande des
+Unmöglichen mehr als menschliche Kraft zu
+ziehen, mich zu wiegen im höchsten, gefahrvollsten
+Glauben ohne Beweis. Das waren die erhabenen
+Glücksminuten, die Gipfel, die Auslösungen
+nach all der Spannung, Augenblicke
+von wunschloser Reinheit – wie etwa jenes
+<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
+Warten im Automobil, in das sie sicher, sicher
+zurückkommen mußte. Hatte ich sehr viel Leid
+der Unsicherheit ausgestanden, dann belohnte
+mich solch ein goldener Sicherheitsrausch. Nicht
+nur damals in Augsburg, in der Frohsinnstraße.
+Auch vorher oft genug. Dann trat ich
+morgens aus dem Haus, und siehe! ich hatte
+den Glücksblick. Darauf kommt es nämlich an:
+den Glücksblick zu haben – morgens, wenn
+man aus dem Hause tritt –, dann sieht das
+ganze Leben ringsum anders aus als sonst.
+Alles ist gut. Das Herz hüpft. Zukunft und
+Gegenwart mischen sich in hoffnungsreichen
+Ausblicken. Alles ist gut. In solchen Momenten
+erscheint einem nicht nur das eigene Schicksal
+in ungeahnter Klarheit, auch das aller anderer
+Menschen entschleiert sich, und man erkennt
+ihre wahre Gestalt. Dann merkt man beispielsweise
+und fühlt es mit unbezwinglicher
+Kraft: von hundert Menschen, die jetzt auf
+meinem Weg in die Fabrik an mir vorbeikommen,
+von diesen hundert Menschen, die ich bisher
+gezählt habe, müßten neunundneunzig
+eigentlich in Sänften getragen werden, – so
+<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
+elend, schwach und krank sind sie an Seele und
+Leib. Blickt man dann wieder um sich, dann
+sieht man (weil man eben den Glücksblick im
+Auge hat) ein ganz anderes Bild, ein wahreres
+als das, welches dem gemeinen Auge erscheint.
+Man sieht, wie der Verkehr stockt, wie
+fast alle Menschen plötzlich auf die Erde stürzen,
+alle wehklagend und wie mit zerschmetterten
+Gliedern, – allen fehlt ja irgend etwas, wonach
+sie sich sehnen, und geschickt und abgehetzt
+verbergen sie das tagaus tagein – jetzt aber,
+da man den Glücksblick hat, erkennt man, wie
+ihnen in Wahrheit zumute ist – nun verstellen
+sie sich so wenig wie der Säugling, der ungehemmt
+seine Schmerzen hinausschreien darf.
+Nun liegen sie auf dem Pflaster, und in ihren
+gequälten Mienen steht geschrieben: Weiter
+kann ich nicht. Einen der Hingestürzten fasse ich
+ins Auge. Er ist elegant, jung, mit rosigem Gesicht.
+Aber ohne Liebe zu Frau und Kind. Für
+gewöhnlich verbirgt er diesen furchtbaren
+Schmerz, der sein ganzes Leben einfach wertlos
+macht. Heute verrät er ihn mir. Denn ich selbst
+habe ja in meinem Hause das, was ich brauche,
+<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
+– ich bin glücklich, und deshalb ist mein Auge
+für alles Unglück der Welt geschärft, und
+allem möchte ich abhelfen, da es mir selbst so
+gut geht und da ich Fülle und Kraft in mir
+fühle, aus meinem Glück hervor allen, allen mit
+unerschütterlicher Geduld gut zu sein. Nun aber
+dieser liebe, rosige, elegante Herr vor mir, –
+was sehe ich denn, – ein anderer kommt des
+Weges, findet den Gestürzten vor seinen Füßen
+liegen und, statt ihn aufzuheben, versetzt er ihm
+Tritte, Püffe, empört darüber, in seinem Lauf
+gehemmt zu sein. Ja, merkst du denn nicht, daß
+der Herr da so hilflos ist, daß er sich nicht weiterschleppen
+kann? Nein, das siehst du nicht,
+– du hältst ihn für kräftig und glaubst, daß er
+nur aus Bosheit und Trotz dir den Weg verstellt.
+Wütend bist du über ihn, nennst den
+Unglücklichen deinen Gegner, – fasse ich nun
+aber dich Ungestümen ins Auge (ich mit dem
+Glücksblick), dann liegst ja auch du wie vom
+Schlag gerührt auf der Erde und quäkst um
+Hilfe wie ein kleines Kind. Und es zeigt sich,
+daß du nur aus eigenem Unglück deinem Nächsten
+wehe getan hast, und nun stürmen andere
+<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
+heran und wüten wiederum gegen dich, da du
+auf der Erde liegst in deiner wahren Gestalt.
+Sie aber sind ja auch, wenn ich sie besser anschaue,
+auf die Erde hingemäht – und nur ihr
+Leid, ihre Hilflosigkeit ist es, was aus ihnen
+tobt. <em>Ja, Unglückliche, die einander
+unglücklich machen</em>, – einen besseren
+Namen wüßte ich nicht für die Menschen insgesamt.
+Ich aber, für Momente wenigstens aus
+diesem Höllenkreis ausgetreten, weil meine
+Göttin mich glücklich macht, ich sehe alles, wie
+es wirklich ist, – ich trauere und, wenn man
+mir nur Zeit läßt, will ich Abhilfe ersinnen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter blank" id="part-7" title="7">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">m</span> nächsten Herbst schon, vor einem Jahr also,
+bekam Jorinde ihr erstes Engagement. Und damit
+war die Blüte meines Glückes dahin. Denn
+nun mußte sie von Berlin weg. An ein kleines
+Theater, nach Augsburg.
+</p>
+
+<p>
+Es war natürlich auch Freude dabei. Ich
+hatte es ja gewünscht, daß sie bald anfangen
+möge. – Der Agent, der Dramaturg, sogar der
+Direktor, denen sie vorsprach, erklärten sie für
+ein Genie. Durch diesen ersten schnellen Erfolg
+war ja eigentlich das erreicht, was ich immer
+ersehnt, was ich ihr in ihren gewissenbedrückten
+Stunden vorausgesagt hatte: die Hilfe, die
+ich ihr geboten, war geadelt, war vor jeder
+Selbstprüfung und dem Forum der Welt, soweit
+sie künstlerisch und einigermaßen vorurteilslos
+empfand, glänzend gerechtfertigt. Sie
+brauchte sich nicht mehr zu schämen, von mir
+Geld angenommen zu haben ...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
+Dieses schmutzige Geld – wie oft hatte es
+sie gepeinigt, aber auch mich. Denn Geld beschmutzt
+ja nicht nur den, der es nimmt, mehr
+noch (ich wiederholte ihr das so manches Mal)
+den, der es gibt, wenn er es als Kaufpreis für
+Liebe gibt. „Ich bin eine Dirne, ich nehme
+Geld von dir“, schrie Jorinde in einem ihrer
+bösen Augenblicke. „Und was bin dann ich,“
+sagte ich, „wenn ich dir Geld für Liebe anbiete?“
+– Es lag klar zutage: Unsere Beziehung
+konnte nur durch eins gerettet werden, – dadurch,
+daß wir wußten, wie unabhängig unsere
+Liebe von der zufällig danebenherlaufenden
+Tatsache war, daß Jorinde Geld brauchte und
+ich es im Überfluß besaß. Das aber war eine
+Angelegenheit, die jeder von uns beiden nur
+mit sich selbst ausmachen konnte, für seine eigene
+Person; dem anderen konnte er, mußte er
+glauben, – wiederum dieser Glaube ohne
+Möglichkeit eines Beweises!
+</p>
+
+<p>
+Ich kann wohl sagen, daß Jorinde an all dem
+nie so sehr gelitten hat wie ich. Und namentlich
+seit ihr das Engagement in Augsburg
+zeigte, daß sie den richtigen Weg eingeschlagen
+<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
+hatte, schienen ihre letzten Skrupel verschwunden.
+Tatsächlich hatte sie ja niemals daran zu
+zweifeln gebraucht, daß meine Liebe zu ihr mit
+dieser ekelhaften Geldsache nicht im geringsten
+zusammenhing. – Wie aber stand es bei ihr?
+Ich hatte zuweilen das Gefühl, daß in ihre
+Art, mich zu lieben, viel Dankbarkeit mit hineinspiele.
+Sie empfand ja gewiß nicht etwa
+Dankbarkeit allein. Wohl aber Liebe und Dank
+nebeneinander, so argwöhnte ich. Mußte mir
+aber gleichzeitig sagen, daß es unnatürlich gewesen
+wäre, wenn sie von Dankbarkeit unberührt
+geblieben wäre. So war es also wohl richtig,
+wie es war, – dennoch quälte es mich.
+Und namentlich in der Augsburger Zeit, als
+das tägliche Beisammensein, der allerinnigste
+Zusammenhang wegfiel, als zu der allgemeinen
+Unsicherheit unseres Verhältnisses auch
+noch die furchtbare Last der <em>Abwesenheit</em>
+trat, – da wuchs sich dieser Gedanke zu einem
+Gespenst aus, das mir den Schlaf raubte: Wie
+kann man es ertragen, daß man niemals weiß,
+wieweit am Gefühl der liebenden Frau Liebe
+und wieweit Dankbarkeit Anteil hat? – O wie
+<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
+glücklich wäre ich gewesen, wenn ich mir hätte
+sagen können: ich habe sie niemals auch nur
+mit dem geringsten unterstützt, im Gegenteil,
+– ich bin auf ihren Beistand angewiesen, und
+dennoch liebt sie mich. Wohl wußte ich um das
+Nichtige meiner allzu feinen Bedenken. Sie
+waren so unlebendig; das Leben bleibt ja von
+unseren Worten „Liebe“, „Dankbarkeit“ und
+dergleichen unberührt, die Gefühle fließen ineinander
+und, was wir für unvereinbar halten,
+gleicht sich in steter Bewegung aus. Zudem
+hatte ich Jorinde in solcher Verzückung bei mir
+gesehen, daß es wirklich blasphemisch war, an
+ihr und an meinem Glück herumzukritisieren.
+– Warum nur kommt etwa Casanova niemals
+auf ähnliche Gedanken! Und viele seiner Geschichten
+(die ich im Gegensatz zur allgemeinen
+Meinung durchaus nicht für frivol, sondern für
+höchst erzieherisch halte) nehmen den Verlauf,
+daß er ein Mädchen aus schrecklicher Gefahr,
+aus den Händen eines gewissenlosen Entführers
+rettet, – oder daß er einer Pariser Bürgerfrau,
+die ihn zuerst gar nicht mag, ihre Waren
+zu teuersten Preisen abkauft, bis der Gatte
+<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
+selbst mit den gekauften Strümpfen auch die
+Frau ihm zuschickt, – was Casanova nicht hindert,
+das Abenteuer köstlich und die Frau sehr
+verliebt zu finden. Natürlich hat sie ihn dann
+auch wirklich geliebt, er muß ja bezaubernd gewesen
+sein. Sein Zauber lag aber (unter anderem)
+auch darin, daß er sich nie so wie ich den
+Kopf zerbrochen hat, ob und wie Liebe und
+Dankbarkeit im Herzen einer Frau miteinander
+auskommen.
+</p>
+
+<p>
+Diese ganze Geldfrage spielte übrigens
+immer nur eine kleine Nebenrolle in der großen
+Unsicherheit, die ich Jorinde gegenüber
+empfand. Ich erwähne sie an dieser Stelle nur,
+weil sie in der Berliner Zeit eine gemeinsam
+getragene Last gewesen war, seit dem Augsburger
+Engagement aber auf mich allein zurückfiel.
+Obwohl Jorinde von da an meine Hilfe
+natürlich erst recht benötigte. Nicht nur als Zuspruch
+und männlichen Rat in den ersten Krisen
+mangelnden Selbstvertrauens, wie sie jeder
+Anfänger erlebt, – auch in ganz grob wirtschaftlichen
+Dingen noch, zum Beispiel für die
+ersten Theaterkostüme. Denn sie spielte zwar die
+<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
+größten Rollen, wurde aber schlecht bezahlt.
+(Seltsamerweise war „Iphigenie“ die erste
+Bühnengestalt, in der sie mir entgegentrat, –
+ich fühlte mit Thoas, der nicht Dank will, sondern
+Liebe – ich benützte ja damals, da Jorinde
+nicht mehr dauernd bei mir war, schon
+jede noch so unwahrscheinliche Gelegenheit, um
+mich unglücklich und verstoßen zu fühlen.) –
+Zunächst aber konnte ich ihr noch viel wirksamer
+als durch Geschenke beistehen. Ich focht ihren
+Kampf gegen die Familie aus. Da ihr Auftreten
+in dem München nahegelegenen Augsburg
+ohnehin nicht mehr verborgen bleiben
+konnte, setzte ich durch, daß man ihr alles erlaubte
+und das Studium, von dem man erst
+jetzt erfuhr, nachträglich verzieh. Ihr Verhältnis
+zu Vater und Brüdern wurde seither noch
+kühler, – hatte ja aber niemals einer besonderen
+Wärme bedurft, um sie zeitweilig dennoch
+ganz in den Bann ihrer Jugenderziehung zu
+schlagen und mir zu entfremden.
+</p>
+
+<p>
+Entfremdung, Entfremdung – das war das
+Leid, das damals eine neuerliche Steigerung
+erfuhr. Schon in unmittelbarer Gegenwart hatte
+<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
+ich mich ja nicht immer mit Jorinde verständigen
+können. Die Verschiedenartigkeit der Lebenskreise
+und Lebenskräfte, denen wir entstammten,
+kam in allem zum Vorschein. Sogar
+im Sprachgebrauch. Einmal hatte ich sie, halb
+im Scherz, halb ärgerlich ein „eigensinniges
+Frauenzimmer“ genannt – und sie war tief
+beleidigt in Tränen ausgebrochen, behauptete
+(und ließ es sich nicht widerlegen), daß „Frauenzimmer“
+eine „Gefallene“ bedeute, was wieder
+mit anderen Gedankengängen zusammentraf,
+die ihr manchmal das Herz bedrückten. Solche
+Mißverständnisse, schon wenn man einander
+gegenüberstand! Und nun vollends, da wir auf
+nichts anderes mehr als Worte angewiesen waren,
+in Briefen, – nun lagen Fehlgriffe kaum
+vermeidbar nahe. Jedes einigermaßen lebhafte
+Wort konnte verletzen, jede stürmisch und wahrhaftig
+geäußerte Liebessehnsucht als „zu materiell“
+mißfallen. Nach einigen Anstößen dieser
+Art, für die Jorinde jedesmal durch längeres
+Stillschweigen strafte, gewöhnte ich mir denn
+auch eine ängstliche, geradezu abgezirkelte Ausdrucksweise
+meiner Briefe an, schrieb nie mehr
+<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
+eine Zeile aufs Geratewohl so hin, wie mir ums
+Herz war, sondern bedachte Folgewirkung und
+Eindruck auf die Geliebte, machte Konzepte und
+ging so weit, Abschriften meiner Briefe zurückzubehalten,
+um mich nachher gegen etwaige
+Vorwürfe verteidigen zu können. – Solche
+Vorsichtsmaßregeln erschienen mir ja zunächst
+entwürdigend. Überlegte ich aber,
+welche mit nichts anderem zu vergleichende
+Wichtigkeit die ungetrübte Fortdauer dieser
+Liebe für mich besaß, so fand ich mich
+schließlich in das Notwendige und sagte mir
+dann wohl auch zuweilen, um mich zu trösten:
+daß ein Briefwechsel mit einer Göttin billigerweise
+anderen, strengeren Gesetzen unterworfen
+sein müsse als einer zwischen gleich und gleich.
+</p>
+
+<p>
+Wären ihre Briefe wenigstens regelmäßig gekommen,
+dreimal in der Woche, wie wir es verabredet
+hatten! Aber Ordnung war in diese an
+sich einfach anmutende Sache auf keine Art
+hineinzubringen, und jeden ihrer Briefe habe
+ich bis in die letzte Zeit hin wie ein Geschenk
+aus der Hand des Briefträgers entgegengenommen
+– woran ja schließlich nichts Ungeziemendes
+<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
+war. Wäre dieses Geschenk nur
+immer dagewesen! Oh, alle Tücken der Post und
+Eisenbahn habe ich in diesen Monaten kennengelernt:
+Verspätungen, Fehlbestellungen, Verlust.
+Manchmal bildete ich mir ein, der ganze
+Betriebsmechanismus habe sich gegen meine
+Sehnsucht verschworen, – und gerade dann,
+wenn ich aufs allerdringlichste Antwort auf
+einen meiner bang fragenden Briefe erwartete,
+gerade dann brach etwa der Generalstreik aller
+Verkehrsmittel aus. Freilich, welche ihrer Antworten
+hätte ich nicht aufs allerdringlichste erwartet!
+– Dieses Warten nahm mir zuzeiten
+meine Arbeitslust, dörrte mich aus, ließ mich
+weder schlafen noch essen. Jorinde aber erschien
+ganz schuldlos an meiner Qual, die ihr
+dann immer auch sehr leid tat, sobald sie von
+ihr erfuhr. Warum war ich denn gar so ungeduldig
+und ungestüm! „Ich kann Dir nicht
+alle Tage dasselbe schreiben,“ lautete ihre vernünftige
+Antwort auf meine sinnlosen Telegramme,
+„es ist wohl auch nach meinem Dafürhalten
+infolge der sicheren Beweise, wie Du
+sie hast, überflüssig.“ Oder ein andermal: „Verzeih
+<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
+mir. Ich unterhalte mich im Geiste immer
+mit Dir. Da dachte ich, daß ich Deinen letzten
+Brief schon beantwortet hätte. Heute lese ich ihn
+nochmals und finde zu meinem Schreck, daß
+er noch unbeantwortet ist.“ – Nichts einfacher
+als das! Ach, in ihrem Gemüt lag ja alles so
+sicher und klar in einer Ruhe, die mir freilich
+vollständig unerreichbar blieb, die mich aber
+doch wenigstens einigermaßen hätte zur Besinnung
+bringen können und zur Anerkenntnis,
+daß Jorinde ihre Gefühle auf andere Art ausdrücken
+mußte als ich. Das verstand ich auch,
+theoretisch gewissermaßen; kam aber dann drei
+Tage lang keine neue Nachricht, so verloren ihre
+so lieben Worte, die geschriebenen, ihre Kraft.
+Eine geheimnisvolle Mattigkeit umschleierte die
+Buchstaben. Ich las und las die Briefe noch
+einmal, las alle ihre Briefe von Anfang an,
+aber selbst so süße unumwundene Geständnisse
+wie das von den „sicheren Beweisen“ erschienen
+mir zwar reizend, zauberten mir Jorindes ganze
+natürliche Unbefangenheit vor Augen, vermochten
+aber meinen Durst nach neuen Beruhigungen
+nicht zu löschen. So lebte ich statt von einem
+<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
+Vorrat alten Vertrauens immer nur gleichsam
+von der Hand in den Mund. Mein Fehler, –
+ich weiß es wohl. Weiß aber zugleich, wie er
+mit dem ganzen Aufbau dieser gefahrvollen
+Liebe zusammenhing.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter blank" id="part-8" title="8">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">B</span><span class="postfirstchar">eim</span> Zusammentreffen dann, – dieser unschuldige
+Blick der kindlichen Augen! Das
+schmale blasse Gesicht, in das der Genius der
+Aufrichtigkeit selbst die reinen Triumphbögen
+der Augenbrauen eingezeichnet zu haben schien!
+– Wie hatte ich da nur zweifeln können, woran
+denn eigentlich, ich Narr! Sagte mir nicht
+das erste hingebungsvolle Aufschimmern dieser
+Augen, an der Bahnsteigsperre, im Menschenknäuel
+noch, in dem sie mich erwartete: – sagte
+es mir nicht unverstellt und blumenrein: Ich
+liebe dich ... Und dieser erste Kuß, auch noch
+im Menschengewirr, im unterirdischen Durchgang
+unter den Schienen, dieser hastige, aber
+nicht ganz kurze Kuß, in dem sich mir mit ihren
+sich öffnenden Lippen die ganze Wärme ihres
+Inneren erschloß, gleichsam der einzige Wärme-
+und Lebensherd inmitten einer kalten, halb erloschenen
+Welt.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
+Nur einmal im Monat oder höchstens in drei
+Wochen trafen wir einander. Ich holte sie nur
+ab, und wir fuhren dann in eine nahe Stadt.
+Denn in dem kleinen Augsburg war sie schon
+allzu bekannt. Es hätte Aufsehen erregt, wenn
+sie sich mit einem Fremden gezeigt hätte. Wir
+hätten nirgends unbeobachtet miteinander reden
+oder speisen können. Am wenigsten durfte
+ihre Hauswirtin von mir wissen. – Kurz, wir
+waren lästigerweise aus ihrem Wohnort ausgewiesen,
+und da dann doch immer zumindest
+zwei, drei Tage mit solch einem Ausflug hingingen,
+war es nötig, die Zusammenkünfte einzuschränken;
+denn Jorinde konnte sich natürlich
+nicht leicht von Proben und abendlichem Auftreten
+frei machen. Um sie in den schwierigen
+Anfängen ihrer Laufbahn nicht zu stören, verzichtete
+ich lieber, drang nicht auf häufigeres
+Beisammensein, reiste bald ab, selbst wenn sie
+mich zurückhalten wollte, – reiste zurück in
+meine nördliche Sehnsuchtseinsamkeit.
+</p>
+
+<p>
+Es gab keine Sentimentalität des Abschieds,
+die ich nicht mit ganzer Seele erlitten hätte.
+Ihr winkendes Taschentuch, das mit der Bahnhofshalle
+<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
+zurückblieb, verlor ich nicht eine Sekunde
+aus dem Auge. Verschwand es, so fühlte
+ich, wie im gleichen Moment der Tod in meinem
+Herzen sich festsetzte.
+</p>
+
+<p>
+Und dann – allein sein! Wie es fassen, daß
+ich in Berlin, in meiner kalten Wohnung erwachte,
+mich wusch, um mein Frühstück klingelte
+... und während dieser ganzen Zeit nicht
+wußte, was Jorinde tat! Oft ergriff mich grenzenloses
+Staunen: ich fühlte Jorinde so sehr
+als Teil meines Daseins, fühlte mich so ganz
+ihr zugetan, daß es mir unbegreiflich vorkam,
+kein Bewußtsein davon zu haben, was in diesem
+Augenblick mit ihr geschah. Unmöglich,
+daß ich so selbständig hier – und sie in einer
+anderen Stadt – jeder für sich hinlebte. Da
+fehlte offenbar ein Organ – ein Organ seelischen
+Zusammenhangs. Während in meiner
+Seele alles dafür vorbereitet war, mit Jorinde
+auch in die Ferne hin innigste Verbindung zu
+bewahren, war durch irgendeinen albernen Zufall
+rein körperlich die Vorrichtung an meinem
+Leib nicht vorhanden, die das ermöglicht hätte.
+O namenloses Grauen, das mich dann befiel;
+<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
+die ganze Welt erschien mir im Entwurf fehlerhaft,
+– mir war, als hätte ich hinter die Kulissen
+der Schöpfung geschaut und dort einen
+Fehler, ein Flüchtigkeitsversehen bemerkt. Denn
+eigentlich hätte es doch so sein müssen, daß ich
+durch Signale oder sonstwie von jedem Schritt,
+den Jorinde ging, Kunde erhielt. Damit, daß
+es so etwas nicht gab – obwohl doch in meiner
+Seele offenbar alle Vorbedingungen dafür gegeben
+waren, – mit dieser Lücke in meinem
+Organismus oder im Weltplan habe ich mich
+nie versöhnen können.
+</p>
+
+<p>
+O verzweifelte Anstrengungen, die ich machte,
+um mir Jorinde in voller Lebendigkeit vorzustellen.
+– An den ersten Trennungstagen sah
+ich sie ja noch ganz leibhaftig vor mir. Einige
+ihrer Mienen, einige Bewegungen waren gleichsam
+noch an meiner Netzhaut haftengeblieben:
+wie sie leicht vorgebeugten Ganges in einem
+hellgelben Kleid vor mir aus der Konditorei
+trat, in der Tür die Schultern ein wenig nach
+vorn zog – oder ihr Lächeln, wobei in der
+einen Wange ein Grübchen erschien, in der
+anderen nur die Andeutung davon. Das alles
+<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
+sah ich an den ersten Tagen deutlich, ohne mein
+Dazutun. Dann aber konnte ich mich nur noch
+förmlich abstrakt an sie erinnern. Ich wußte
+zwar noch: „Weiße Stirn“, – aber das Weiß
+sah ich nicht mehr. Die ermüdete Netzhaut lieferte
+gleichsam keine Kopien der Originalaufnahme
+mehr. Auch erinnerte ich mich dann nur
+noch an Bewegungen, die ich mir schon in den
+ersten Trennungstagen vergegenwärtigt hatte;
+kein neues Bild kam mehr dazu, – während
+in den ersten Tagen die heranschwebenden Bilder
+wie aus einer unendlichen Fülle der kürzlich
+erlebten lieblichen Wirklichkeit aufzusteigen
+schienen, eine ganz zufällige Auswahl nur,
+durch andere Erinnerungen ablösbar. Aber
+an diese zufällige Auswahl der ersten Tage
+blieb ich dann unerwarteterweise gebunden.
+Nur noch an Erinnerungen erinnerte ich mich.
+Weshalb ich später schon von vornherein darauf
+bedacht war, mir in den ersten Tagen nach dem
+Abschied recht viele verschiedenartige Augenblicksansichten
+Jorindes ins Gedächtnis zurückzurufen.
+Oh, ein Wahnsinn, ein verderblicher
+Kult, dem ich mich da ergab. Ohne ihn aber
+<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
+hätte ich nicht mehr leben können. – Ich bat
+Jorinde auch um Photographien, erhielt eine
+ganze Anzahl aus früherer und letzter Zeit.
+Die aber halfen gar nichts. Im Gegenteil: sie
+hinderten nur ihr lebendiges Bild. Vertiefte ich
+mich ins Anschauen einer solchen Photographie,
+so verschwand die noch bewegliche Erinnerung,
+kam oft überhaupt nicht mehr zum Vorschein.
+Und am ehesten half mir eigentlich noch das
+Bild einer fremden Dame, das ich in der
+Reklameausstellung eines Photographen am
+Hochbahnhof Nollendorfplatz entdeckt hatte. –
+Täglich, ehe ich ins Bureau fuhr, blieb ich vor
+diesem Porträt stehen, in Träume verloren, die
+mir aus den Zügen der Unbekannten Jorindes
+ähnliches Antlitz nebelhaft hervortreten ließen.
+</p>
+
+<p>
+Kam dann aber ein Brief von ihr, so war das
+Bild aufgefrischt. Namentlich wenn der Brief
+entzückt einen neuen Erfolg bejubelte oder auch
+voll Wut gegen eine Kollegin Alarm blies, die
+die beste Rolle weggeschnappt hatte. Jubel oder
+Wut, – in so extremen Gemütsbewegungen
+konnte ich mir Jorinde noch am ehesten vorstellen,
+konnte teilnehmen an ihrem Unglück oder
+<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
+Glück. Wie aber, wenn sie in mittlerer Stimmung
+war, weder besonders froh noch besonders
+aufgeregt, – in dieser eigentlichen Sphäre ihrer
+Existenz? Das fiel mir schwer. –
+</p>
+
+<p>
+So war es ein Traumleben, das ich führte.
+Nicht das, was ich rings um mich sah, war mir
+wichtig – sondern das, was ich nicht sah.
+„Denkst du an mich – ich denke <em>immer</em> an
+dich“ – wohlgesprochen, aber es ist doch nur eine
+Redensart. Immer? Was soll das bedeuten?
+Nein, Minuten, Stunden verstrichen, in denen
+ich mich trotz allem mit anderen Dingen beschäftigte,
+beschäftigen mußte. Ein leichtes Erschrecken
+mahnte mich plötzlich: Nun hast du ja
+schon eine ganze Weile nicht an Jorinde gedacht.
+Es war beinahe ein Vorwurf. Und doch
+auch Glück dabei. Glück, weil nun Jorinde
+neu in mir auftauchte, eine neue Jorinde,
+gleichsam die Jorinde dieses Augenblicks, neu
+erschaffen durch mich, für mich. Wie vom Blitz
+erleuchtet, stürzte ich mich auf dieses Bild.
+Und gleich darauf: ob wohl auch Jorinde manchmal
+so erschrickt, jäh an mich erinnert wird? Das
+war der eigentliche Sinn der Frage, die ich ihr
+<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
+in jedem Briefe schrieb: „Denkst Du an mich?“
+Und sie erwiderte regelmäßig: „Mein Liebster,
+ich denke immer an Dich.“ – Unmöglich, ihr zu
+erklären, warum diese glatte Antwort gerade
+in ihrer Leichtigkeit mich beunruhigte. –
+„Zicküt“ sang die Nachtigall. Vor dem bangen
+angewurzelten Geliebten trug die Hexe sie auf
+offener Handfläche davon ...
+</p>
+
+<p>
+So häuften sich jedesmal in der Zeit, in der
+ich ihr fern war, eine ganze Menge ungelöster
+Mißklänge auf. Ganz ohne Jorindes Dazutun.
+Einfach nur dadurch (das wußte ich wohl), daß
+ich mich zuviel mit ihr beschäftigte. Daß ich die
+menschlichen Gefühlen gesetzten Schranken überschritt,
+gegen Zeit und Raum widersinnig anzukämpfen
+strebte ... Manche von diesen Mißklängen
+nahmen dennoch bestimmtere Gestalt
+an. Sie formten sich zu Fragen. „Was machst
+du am Vormittag, wenn die Probe, wie du
+schreibst, abgesagt war?“ Oder: „Wie ist die
+Sache mit dem Regisseur ausgefallen, der dich
+küssen wollte? Du hast dann nichts mehr davon
+geschrieben.“ Und ähnlich. – Da ich bei
+aller Reizbarkeit immer noch Takt und Stolz
+<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
+genug besaß, derartige Fragen, die den Anschein
+eines Verhörs erwecken konnten, in meinen
+Briefen zu vermeiden, verfiel ich auf den
+Ausweg, sie auf ein Blatt Papier niederzuschreiben,
+gewissermaßen zu sammeln und dann,
+wenn wir beisammen waren, gelegentlich eine
+nach der anderen ins Gespräch einzuflechten,
+wobei mich später ein Blick auf das Papier
+überzeugen konnte, ob ich nichts vergessen habe.
+Ganz erstaunlich ist es, daß dieses Mittel, das
+doch so gut erdacht war, nicht das geringste half.
+In Jorindes Gegenwart erschienen mir nämlich
+alle die vorbereiteten Fragen wie durch bloße
+Anwesenheit und Atem der Geliebten erledigt
+– geradezu lächerlich leicht von mir selbst beantwortbar.
+Einiges brachte ich vor, ich schämte
+mich dabei geradezu. War ich dann einen Moment
+allein und konnte mein Papier durchsehen,
+so fand ich beim besten Willen nichts,
+was wichtig genug gewesen wäre, um ernstlich
+besprochen zu werden. – Auf der Heimreise
+erst erhoben die ungelösten Zweifel wie neubelebt
+ihr drohendes Haupt. Dann fiel mir auch
+ein, daß ich dieses und jenes Gespräch mit ihr
+<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
+angefangen, aber nicht zu Ende geführt habe.
+Eine täuschende Ruhe, – täuschend, das merkte
+ich erst jetzt – hatte in ihrer Gegenwart von
+mir Besitz ergriffen. Es genügte fast, eine Frage
+zur Sprache gebracht zu haben. Überflüssig,
+die Antwort zu vernehmen. Oft hatte ich kaum
+auf sie hingehört, von der bloßen Anmut ihres
+sprechenden Mundes eingenommen. Oft hatte
+statt aller Antwort Jorinde nur Tierstimmen
+nachgeahmt, lustig gebellt, gekräht ... Sie hatte
+ja immer den einen Ausweg: sie selbst zu sein,
+hell und leicht. Und ich rollte wie ein Erdkloß,
+von ihren tanzenden Füßen aufgehoben, dann
+wieder zurückgeschleudert, vorbei.
+</p>
+
+<p>
+Ich habe sie wohl allzusehr geliebt.
+</p>
+
+<p>
+Mehr, als es einem Menschen erlaubt ist
+zu lieben.
+</p>
+
+<p>
+Es ist und bleibt ja eine bequeme Binsenwahrheit,
+daß man einer Frau niemals zeigen
+dürfe, wie sehr man sie liebt. Daß man gerade
+dadurch jede Herrschaft über sie verliere. O
+dieses Gerede vom „starken Mann“, den die
+Frauen brauchen. Eine Banalität, – wie so
+vieles, mit dem man sich das Reich der Liebe
+<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
+und seinen tiefen Ernst wegzuschwatzen sucht.
+Ein geheimer Sinn mag ja darin liegen, daß
+die meisten sich scheuen, in das Innere dieses
+Liebesreiches einzutreten, – daß nicht viele so
+fühlen wie ich, – daß ihnen meine Art, mich
+der Liebe ganz hinzugeben, als unmännlich,
+weichmütig, schlaff erscheinen mag. Nun gut,
+das sind gepanzerte Menschen Einen Vorteil
+hat ja der Panzer ganz gewiß, sonst würde ihn
+niemand tragen. Nur für den, der sich ganz
+menschlich und unverstellt bewegen will, der die
+Wahrheit des Lebens liebt, für den taugt die
+schwere Rüstung nicht. – Es ist ja überdies
+auch fraglich, ob alle Frauen gerade nur den
+herrschenden bestialischen Mann wollen, oder
+ob nicht manche den vorziehen, der stark an
+Liebe ist, rückhaltlos in seiner Liebe wie ich.
+Jorinde (das weiß ich) liebte mich so, wie ich
+war. Es ist in diesen Aufzeichnungen vielleicht
+noch nicht ganz zum Ausdruck gekommen, daß
+sie mich geliebt hat, – dennoch weiß ich mit
+aller Bestimmtheit, daß es so gewesen ist. Unendlich
+und mit abschließender Kraft hat sie
+mich geliebt ... Und da könnte ich nun sagen
+<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
+oder vielmehr könnte tun, als sehe ich die Sache
+einmal auch von diesem Standpunkte aus: Habe
+ich es nicht besonders raffiniert angefangen, –
+habe ich nicht durch meinen Ernst und meine
+Güte mehr erlangt als all die hochstaplerischen
+und „starken“ Laffen, mit denen Jorinde bei
+den Dilettantenaufführungen zusammengetroffen
+war? Über alle habe ich triumphiert. Alle
+haben ohne Erfolg abziehen müssen, und mir
+ist das schöne Mädchen zugefallen, mir allein.
+Und wie oft hat sie mir dafür gedankt, daß ich
+mich nicht so unmenschlich gezeigt habe und
+„nur auf das eine los“, wie jene Gewohnheitseroberer
+und Verführer. Nicht flüchtigen
+Genuß hatte sie mir bedeutet – sondern Anbetung,
+einen dauernden Altar; – sollte es
+nicht etwa Instinkte der Frauen geben, mit
+denen sie eine den ganzen Mann erschütternde
+Leidenschaft vor allen anderen herausfühlen?
+Wenn ja, dann hätte also ich den richtigen Weg
+eingeschlagen, um Glück zu haben und die
+Braut heimzuführen, und vielleicht kommt es
+auch noch einmal an den Tag, daß ich all den
+Liebeswahnsinn nur – zu diesem Zweck – simuliert
+<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
+habe? ... Eine lustige Möglichkeit, in
+der Tat! Die Wahrheit aber ist: daß ich viel zu
+stolz war, mich zu verstellen und aus Gründen
+irgendeiner Taktik Jorinde gegenüber meine
+Gefühle zu verheimlichen. Nicht aus Schwäche
+geschah das, sondern aus Kraft. Weil ich mich
+dem Rückschlag gewachsen fühlte, der entstehen
+mußte, wenn ich allzu offen meine grenzenlose
+Liebe eingestand – weil ich wollte, daß Jorinde
+mich allem Rückschlag und aller Taktik zum
+Trotz liebe. Absichtlich trug ich mein Herz auf
+der offenen Hand. Ich wußte, daß mir das bei
+Jorinde schaden konnte, – tat es dennoch. Wie
+man es anstellt, um durch scheinbares Abgekühltsein
+eine Frau neu aufflammen zu lassen,
+dieses kindische, nach festen Regeln sich abwickelnde
+Spiel hatte ich ja in jenen Liebschaften
+genugsam erprobt, die gar nicht verdienen, denselben
+oder einen ähnlichen Namen zu tragen
+wie meine Beziehung zu Jorinde. – Wahrlich,
+mit bescheidenen Vergnügungen geben sich die
+Menschen zufrieden. Ich aber wollte die Lauterkeit,
+die schlackenlose Sonnenscheibe der Liebe,
+wollte das Herz meines Herzens spüren. Daß das
+<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
+eine Gefahr ist, ahnte ich wohl, wiewohl ich die
+Katastrophe damals durchaus nicht voraussah. –
+</p>
+
+<p>
+Da nun meine Liebe von solcher Art war
+und ebenso echt erwidert wurde: warum haben
+wir denn eigentlich nicht geheiratet. Die Frage
+liegt nahe, und die Anklageschrift wirft sie
+auch tatsächlich auf, freilich nicht in redlicher
+Absicht, sondern um mich herabzuwürdigen, wie
+diese erbärmliche Darstellung meines Verbrechens
+überhaupt darauf ausgeht, mich als
+charakterlos, unzuverlässig und so weiter zu
+schildern. – Nun, es wäre vergeblich, einen
+Zusammenhang zwischen meinem Gefühl und
+der Sittlichkeit, wie sie die Anklageschrift im
+Sinne der herrschenden moderierten und ungefährlichen
+Liebesmoral meint, herstellen zu wollen.
+Ich beschränke mich darauf, eine Antwort,
+die sehr einleuchtend scheint, als unzutreffend
+abzulehnen. – Wahr ist, daß mein Beruf mich
+in Berlin, Jorinde als Schauspielerin in Augsburg
+festhielt. Daß aber dies der Grund oder
+ein Vorwand gewesen sein soll, um die Ehe
+aufzuschieben (die formelle Eheschließung, die
+der Anklageschrift so wichtig ist), das hat mit
+<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
+meinen wahren Beweggründen gar nichts gemein.
+Sogar das ist unrichtig, daß eine formelle
+Eheschließung bei getrenntem Wohnort an den
+tatsächlichen Verhältnissen nichts geändert hätte.
+Ich lehne es ab, mich auf so billige Art zu verteidigen.
+Im Gegenteil: schon bei bloß formeller
+Eheschließung, ja selbst dann, wenn Jorinde
+nur einen Ring von mir getragen hätte, wäre
+es nicht zur Katastrophe gekommen. Die letzte
+Spannung während der unglücklichen Eisenbahnfahrt
+entstand ja nur dadurch, daß Jorinde
+als vollständig unabhängig von mir, sozusagen
+als Fremde mir gegenüber saß. Und war auch
+diese letzte Spannung, die ich nicht mehr ertrug,
+nur ein Symbol für das ganze der Beziehung
+zu Jorinde zugrunde liegende Spannungsverhältnis:
+dennoch ist nicht daran zu rütteln, daß
+schon ein Ring genügt hätte, um die Katastrophe
+zu verhindern, und niemand kann ja sagen,
+inwieweit ein schicksalsvoller Augenblick Symbol
+und inwieweit es bloß rohe, zufällige Wirklichkeit
+ist. – Das alles also entschuldigt mich
+nicht. Klar ist vielmehr: ich hätte sie heiraten
+sollen. In der letzten Zeit, als die Zweifel in
+<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
+mir zu überwiegen, allzu qualvoll zu werden
+begannen, da dachte ich wohl auch allen Ernstes:
+ich muß sie heiraten, sonst habe ich sie nie.
+Aber gleich darauf: was heißt denn das eigentlich
+– „eine Frau <em>haben</em>“? Welch eine barbarische
+und überdies unwahre Vorstellung.
+Ich „habe“ sie – oder gar „ich habe sie gehabt“
+– als könne man die Frau in einen Sack
+stecken und wegtragen, samt und sonders, so wie
+sie ist. Oh, ich begreife eigentlich das Gefühl
+des Lustmörders: Jetzt, jetzt gib mir alles, was
+du bist, was du empfindest, – bis zur Neige,
+bis zum letzten Tropfen – und dann stirb, dann
+sei nichts mehr, empfinde nichts mehr, zum
+Zeichen, daß du mir wirklich alles gegeben
+hast ... Ein verirrtes Gefühl, aber ich begreife
+es ganz gut. Obwohl es nicht mein Gefühl ist,
+nein, meines nicht. Nie könnte ich gegen das,
+was ich geliebt habe, die Hand erheben. – So
+habe ich denn auch den Mechaniker getötet;
+Jorinde nicht, Jorinde habe ich nicht berührt.
+</p>
+
+<p>
+Ich will nun den Grund sagen, warum ich
+nicht geheiratet habe. – Ich bin Witwer. Ich
+habe die Ehe verkostet. Dem Wunsche meines
+<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
+Vaters folgend, der eine Vergrößerung der
+Fabrik durch die Mitgift meiner Frau anbefahl,
+habe ich mit einem mir gleichgültigen Wesen
+zwei Jahre lang zusammengelebt, bis es
+starb. Es ist zu wenig gesagt (finde ich), daß
+Ehe mit Liebe nichts gemein hat. Sie ist das
+Gegenteil der Liebe, die ich als ewige Unsicherheit,
+als Glauben an eine Göttin, als Glauben
+ohne Beweis empfinde. Die Ehe dagegen – ist
+der Beweis ohne den Glauben. – In der Liebe
+wird man niemals satt. Ehe ist der Versuch,
+Liebe durch Sättigung zu ersetzen, wobei aber
+seltsamerweise weder Liebe noch Sättigung entsteht.
+– Wie alles, worüber man jahrelang
+nachgedacht hat, habe ich das zu scharf ausgedrückt.
+Und ich weiß auch, daß eine Ehe mit
+Jorinde von anderer Art gewesen wäre als eine
+mit einer anbefohlenen Frau. So kann ich
+letzten Endes nur sagen: daß ich mich vor meinem
+Gewissen stets als mit Jorinde vermählt
+betrachtet habe, – wir schrieben einander auch
+nie anders als: „Liebe Frau“ – „Mein lieber
+Mann“ – und daß es keinen treueren Ehemann
+gegeben hat als mich, treu nicht nur der
+<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
+Pflicht, sondern auch dem Gefühl nach, –
+denn alle anderen Frauen als Jorinde kamen
+mir, mußte ich schon mit ihnen reden, lästig und
+langweilig vor – und die Männer auch, nebenbei
+bemerkt, – von Jorinde entfernt führte ich
+nur ein Traumleben, und war ich mit ihr beisammen,
+so war ich doch niemals satt von ihr.
+Unerreichbar blieb mir ihre Seele, unerreichbar
+eigentlich auch ihr Leib, mochte ich ihn auch
+noch so oft (wie der dumme Ausdruck sagt) „besessen“
+haben. Von einer schönen Frau wird
+man nämlich niemals satt, – gegenteilige Behauptungen
+gehören (wie die von den „starken
+Männern“ und der „Peitsche“ beim Weib) zu
+jenen, mit denen man sich Ernst und Abgründe
+des Liebesreiches wegdisputieren will.
+</p>
+
+<p>
+Einmal brachte ich denn auch Jorinde einen
+glatten Goldreif nach Augsburg. Das Datum
+des Tages, an dem wir einander kennengelernt
+hatten, war eingraviert. Mein Vorname dazu.
+Ein richtiger Ehering also. – Jorinde freute
+sich sehr, steckte den Ring an die rechte Hand,
+– dann an die linke, – „als Verlobungsring,“
+sagte sie, „das stimmt doch eher. Dann drückt er
+<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
+mich nicht so.“ – Als ich dann aber das nächste
+Mal kam, trug sie ihn überhaupt nicht. „Um
+überflüssigen Fragen auszuweichen“, erklärte
+sie. Ich erwiderte nichts, Verzweiflung faßte
+mich an. Damals nämlich war der letzte Akt
+schon in vollem Gang, Jorinde verkehrte schon
+mit dem Mechaniker ...
+</p>
+
+<p>
+Lächerlich ist es natürlich, zu glauben, daß
+die Ereignisse, die nun eintraten, hätten ausbleiben
+können, wenn Jorinde meine rechtmäßige
+Ehefrau gewesen wäre. Die Unsicherheit,
+der ich schließlich erlag, war doch schließlich
+von ganz anderem Rang als die Bindung,
+die durch einen Eheschluß geboten wird. Niemals
+konnten diese beiden Ebenen ineinandergreifen.
+Das ist an sich unbezweifelbar. Und
+dennoch: Der Ring, – der Ring hätte die
+Entscheidung zumindest aufgeschoben, durch
+Aufschub vielleicht ganz verhindert. Das deutet
+darauf hin, daß hinter meinen Erwägungen
+doch ein letzter unauflösbarer Rest zurückbleibt.
+Ich sage mir das selbst – ohne jedoch über diesen
+Rest irgendwie klar werden zu können.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter blank" id="part-9" title="9">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> erste Erwähnung des Mechanikers geschah
+in einem Brief Jorindes ganz nebenbei, neben
+zwanzig Kleinigkeiten. Trotzdem fiel für mich
+diese Mitteilung sofort aus dem Rahmen des
+übrigen heraus.
+</p>
+
+<p>
+Bei einem Ausflug nach Göggingen, so
+schrieb Jorinde, habe sie den jungen Mann
+getroffen, der dort in der großen Hessingschen
+orthopädischen Heilanstalt als Mechaniker beschäftigt
+sei. Zu ihrer Freude habe sie in ihm
+eine Art Jugendfreund wiedererkannt, den ehemaligen
+Assistenten, oder besser gesagt, Diener
+ihres Vater, der ihr, wenn sie als Kind ins
+Laboratorium kam, freundliche Worte gegeben,
+sie herumgeführt habe. – „Ein merkwürdiges
+Wiedersehen“, schloß die Bemerkung. „Mich
+freut es, daß er nicht nur bei meinem Vater
+etwas gelernt, sondern auch aus Eigenem sich
+weitergebildet hat, so daß er jetzt eine ganz
+<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
+selbständige und angesehene Stellung auf einem
+anderen wissenschaftlichen Gebiete ausfüllen
+kann. Er erzählt sonderbare Geschichten über
+seine Abenteuer in Amerika während des Krieges.
+Ich werde ihn öfters sprechen, denn Göggingen
+ist von Augsburg aus mit der Elektrischen
+in Minuten zu erreichen, und es sind sehr
+hübsche Spaziergänge dort.“ –
+</p>
+
+<p>
+Ich las die Stelle noch einmal. Augenblicklich
+wußte ich, wie mit einem Gongschlag –: etwas
+Neues beginnt. Eifersüchtig war ich zwar auch
+bisher schon bei gegebener Gelegenheit gewesen,
+– aber nicht im Ernst, nur als „Spiel
+mit dem Feuer“. Ich hatte während der Eifersucht
+gleichsam gewußt, daß sie grundlos sei, –
+so wie man manchmal im Traum weiß, daß
+man schläft und träumt. Jetzt aber war außerdem,
+förmlich neben aller Eifersucht, auch noch
+ein Grund zu ihr da.
+</p>
+
+<p>
+Ich wurde traurig. Sehr düster wurde es in
+meiner Seele.
+</p>
+
+<p>
+Zuerst freilich raffte ich mich zusammen. Ich
+beschloß, gegen den eben aufgetauchten „Dritten“
+zu kämpfen, indem ich ihn nicht ernst
+<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
+nahm. Möglichkeiten dazu gab es ja genug.
+Tatsächlich konnte ich mir auch wirklich kaum
+einreden, daß sich Jorinde mit ihren ausgesprochen
+aristokratischen Neigungen für einen
+ehemaligen Diener mehr als flüchtig und ganz
+von oben herab interessieren würde. Der Diener
+war freilich durch eigene Kraft emporgestiegen,
+imponierte, hatte die Welt gesehen, das deutschfeindliche
+Amerika während des Krieges überstanden
+und für seine Person in gefahrvollen
+Abenteuern überwunden ... Nun, wie dem auch
+sei: Ich unterstrich in meiner Antwort das
+Dienerhafte, machte gar einen alten, weißbärtigen
+Diener aus ihm, den „treuen Diener seines
+Herrn“, warnte die „Prinzessin“ vor dem
+„in Ehren ergrauten Pagen“ – und ähnliche
+Späße mehr.
+</p>
+
+<p>
+Der Brief war in ganz ähnlichem Tone gehalten
+wie meine Neckereien, wenn Jorinde bei
+Ausflügen einen Herrn vom Nebentisch etwas
+zu lange angeschaut hatte. Und war ebenso ungeschickt.
+Denn aus Jorindes selbstverständlichem
+Widerspruch kam dann stets ein Ernst in
+die Sache, der vor meiner sogenannten Neckerei,
+<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
+in deren Kern doch eigentlich nur Angst
+pulsierte, ganz undenkbar gewesen wäre. –
+Jorinde protestierte, noch immer lustig und auf
+den irreführend leichten Klang meines Angriffs
+eingehend, gegen den weißen Bart; der Mechaniker
+sei im Gegenteil, so hieß es, ein junger
+hübscher Mann, der ihr sehr gut gefalle und auf
+den ich eifersüchtig sein solle ...
+</p>
+
+<p>
+„Eifersüchtig“ – nun war das schreckliche
+Wort schon ausgesprochen. – An sich vielleicht
+nicht so schrecklich wie in meinem besonderen
+Fall. Meine Beziehung zu Jorinde vertrug ja
+keine weitere Belastung mehr; die Spannung,
+die sich nur eben noch an der Grenze des Ertragbaren
+hielt, durfte und konnte nicht weiter
+gesteigert werden. So viel Unsicherheit, so viel
+Zittern vor meiner Göttin – und nun noch ein
+Dritter neben uns beiden: das ging über meine
+Kraft.
+</p>
+
+<p>
+So kehrte schon mein nächster Brief reumütig
+und geschlagen aus dem Witzgefecht zu aufrichtigem
+Ernst zurück. Ich bat Jorinde rund heraus,
+nicht mehr nach Göggingen zu fahren, sie
+solle den Verkehr abbrechen, ehe er gefährliche
+<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
+Formen annehme, die sie selbst heute noch nicht
+vorherzusehen imstande sei.
+</p>
+
+<p>
+Dieser Brief kreuzte sich mit einem sehr heiteren
+und ironischen Schreiben Jorindes. Sie erzählte
+mir, daß sie bei einem Spaziergang mit
+dem Mechaniker in einer Bauernwirtschaft eingekehrt
+und dort zur Musik eines großen Orchestrions
+stundenlang mit ihm getanzt habe. Sie
+sei ganz froh, endlich wieder Gelegenheit zum
+Tanz gefunden zu haben, die es in Augsburg
+gar nicht gebe, zumindest nicht in einer Art gebe,
+die ihr passen könne. – Und viele, viele Küsse
+an mich. Ich solle mich nur nicht ärgern. Sie
+sei munter und quietschvergnügt ...
+</p>
+
+<p>
+Tücken des Briefwechsels: niemals ist ein
+Gespräch mit regelmäßiger Frage und Antwort
+zu erzielen, sondern wenn man längst etwas
+ganz anderes gefragt hat, trifft die gar nicht
+mehr passende Antwort auf eine frühere Frage
+ein, völlig unzutreffend für die Stimmung von
+heute. Es ist, als ob ein Kranker, dem täglich
+etwas anderes fehlt, immer wieder mit den
+Heilmitteln für die Krankheit, die vorbei ist, kuriert
+würde. – Und doch bleibt einem nichts
+<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
+anderes übrig, als durch möglichst schnelles
+Hintereinanderherjagen der Briefe die davoneilende
+Zeit gewissermaßen einholen zu wollen.
+Ein sinnloses Unternehmen, nur zur eigenen
+Beruhigung für Momente gut genug, genau
+genommen eigentlich nur für den Moment, in
+dem man den wohldurchdachten neuen Brief in
+den Briefkasten wirft, – in diesem einen
+Augenblick hat man tatsächlich das Gefühl, die
+Angelegenheit zu beherrschen, zusammengefaßt
+in der Hand zu halten, – nachher aber weiß
+man ganz genau, daß Briefschreiben nichts
+hilft, daß allzu großer Briefeifer eher noch schaden
+kann; denn je häufiger man schreibt, desto
+seltener und kühler wird einem geantwortet –
+ein Satz von geradezu naturwissenschaftlicher
+Sicherheit, den ich wohl im Kopfe hatte und
+nach dem ich mich gleichwohl nicht zu richten
+vermochte.
+</p>
+
+<p>
+Endlich kam Jorindes Antwort auf meine
+ernste Bitte. – Sie schrieb sehr rührend. Der
+Mangel an Vertrauen, den ich bewiesen habe,
+täte ihr weh. Denn Liebe sei doch nichts anderes
+als gegenseitiges Vertrauen. „Die ganze
+<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
+Sache ist eine solche Harmlosigkeit,“ fuhr der
+Brief fort, „daß Du wirklich nicht den geringsten
+Anlaß hast, Dich aufzuregen oder unruhig zu
+sein. Hätte ich Dir das Zusammentreffen verheimlichen
+wollen, – wer konnte mich zwingen,
+Dir überhaupt davon zu schreiben. Du
+hättest nie etwas davon erfahren. Aber das eben
+ist mein Lohn dafür, daß ich Dir alles sage –
+Mißtrauen meines einzigen Freundes.“
+</p>
+
+<p>
+Ich mußte ihr innerlich recht geben. Kühl betrachtet,
+war es wirklich eine ganz häßliche
+Einmischung, wenn ich ihr vorschreiben wollte,
+mit wem sie verkehren dürfe, mit wem nicht. –
+Der erste Eindruck, den dieser Brief Jorindes
+auf mich machte, war denn auch ein vorzüglicher.
+Später aber fiel mir ein, daß sie auf die Hauptsache,
+ob sie nämlich den Verkehr mit dem Mechaniker
+aufgeben oder fortsetzen würde, überhaupt
+nicht eingegangen war. Ich erschrak bei
+dieser peinlichen Feststellung. Nun erst wurde
+mir klar, daß ich es eigentlich am liebsten gesehen
+hätte, wenn ich ihr gegenüber vollständig
+ins Unrecht gedrängt worden wäre, – dadurch,
+daß sie sich meinem Wunsche, den ich als Unrecht
+<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
+anerkannte, gefügt hätte. Ich wollte also
+gleichsam im Tatsächlichen recht behalten und
+nachher großmütig, reumütig mein Unrecht eingestehend,
+um Verzeihung bitten. Nicht aber
+umgekehrt. – Diesen Seelenzustand nun meiner
+Frau auseinanderzusetzen ... ich unternahm es
+wohl, es konnte aber nicht gelingen. Was sie
+aus meinem Brief herauslas, herauslesen
+mußte, war ein süßsaueres „Ja“, eine etwas
+verärgerte Einwilligung zu ihren Ausflügen
+nach Göggingen. „Wenn es sein muß, wenn es
+für Dein Seelenheil unbedingt nötig ist, –
+meinetwegen, ich wende nichts mehr ein.“ –
+Es war wohl ein Fehler, mit den geringen Reserven,
+die ich noch besaß, den Starken, den
+Gleichgültigen spielen zu wollen. Ganz verstohlen
+hoffte ich natürlich, daß meine Gleichgültigkeit
+dazu beitragen würde, ihr den neuen Gesellschafter
+uninteressant zu machen. Dazu aber
+reichte offenbar der Grad meiner Gleichgültigkeit
+nicht mehr aus. Die Richtung meines Vorgehens
+war vielleicht gut, aber auf halbem
+Wege brach ich in die Knie.
+</p>
+
+<p>
+Jorinde also kam weiter mit meinem Feinde
+<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
+zusammen – und jeder Brief, der mir die Fortdauer
+dieses Umgangs erklären sollte, steigerte
+meine Qual. Die Gründe, die Jorinde vorbrachte,
+machten die Sache nur noch ärger.
+Übrigens führte sie diese Begründungen in
+aller Argslosigkeit an, – denn wiewohl ich
+meine Unruhe nicht ganz verhehlte, schämte ich
+mich doch, all meine Furcht um sie, meinen ganzen
+bejammernswürdigen Zustand einzugestehen.
+Es hätte mich in ihren wie in meinen
+eigenen Augen allzu tief herabgesetzt. Ihre Forderung,
+daß ich Vertrauen zu ihr haben müsse,
+war ja unwiderleglich, – kam geradezu aus
+dem Mittelpunkt unserer Beziehung heraus, die
+sich doch völlig auf Glauben, ja auf Glauben
+ohne Beweis aufbaute. Es hätte nur leider
+eines stärkeren Herzens bedurft, um diese Stellung
+zu halten, – das sah ich ein. Wußte aber
+zugleich, daß es etwas anderes als diese höchst
+gefahrvolle Stellung für mich, ja für jeden
+wahrhaft Liebenden gar nicht geben könne. So
+mühte ich mich denn weiter, solange es eben
+gehen mochte, – nahm mir vor, alle die kleinen,
+wahnsinnig schmerzhaften Nadelstiche, die ihre
+<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
+Briefe mir (in aller Arglosigkeit) zufügten, nicht
+zu beachten, erst bei der nächsten Zusammenkunft
+mündlich die ganze Sache mit ihr zu besprechen.
+– Zu meinem Unglück war aber gerade
+diesmal diese nächste Zusammenkunft in
+ziemliche Ferne gerückt. Bei unserem letzten
+Beisammensein hatten wir beschlossen, – in
+dem vollkommenen, geradezu kameradschaftlich
+wohligen Einverständnis, das damals zwischen
+uns geherrscht hatte, damals ganz besonders,
+damals mehr als je vorher – hatten beschlossen,
+daß wir uns vor den Sommerferien nicht mehr
+sehen und mit voller Kraft nur unseren schwierigen
+Berufsaufgaben widmen würden, um uns
+dann am Ende der Arbeitssaison für so viel
+Entsagung durch eine herrliche Sommerreise
+nach Holland und an die Nordsee belohnen zu
+können. Jorinde studierte damals zum erstenmal
+eine moderne Rolle, – die Hauptrolle in Max
+Brods neuem Lustspiel „Klarissas halbes Herz“.
+Die Gestalt der kapriziösen, dabei aber nicht
+oberflächlichen, sondern von großer Leidenschaft
+besessenen „Klarissa“ stellte ungeheuere Anforderungen,
+verlangte Blut und Mark der Schauspielerin
+<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
+(nebenbei bemerkt: auch diesem Stück,
+in dem so viel von Untreue die Rede ist, schob
+ich zu einem gewissen Teil die Schuld an
+meiner inneren Unruhe zu. Die Wankelmütigkeit
+der Bühnenfigur mußte ja in irgendeiner
+Weise auf die Darstellerin abfärben. Den Gemahl
+Klarissas aber beneidete ich um seine eisernen
+Nerven). – Und so wie meine Frau, stand
+auch ich vor wichtigen Entscheidungen. Meine
+beiden jüngeren Brüder bedrohten mich mit
+einem Prozeß. Ich hatte sie nach dem Tode
+des Vaters aus der Erbschaft vollständig abgefunden.
+Nun aber machten sie trotzdem Ansprüche
+auf die Fabrik geltend. Das Aufblühen
+des Unternehmens stach ihnen wohl gewaltig in
+die Augen. Sie wünschten als Kompagnons
+einzutreten, mit ganz minimalen Einlagen, die
+ihnen als Rest des väterlichen Vermögens geblieben
+waren, aber mit vollen Herrenrechten.
+Die Früchte meiner Arbeit, auf die Jorindes
+Sonnenstrahlen herabgeleuchtet hatten, sollten
+mir abgenommen werden. Mehr als das: meine
+wissenschaftlichen Experimente waren bedroht,
+wenn die rein kaufmännisch denkenden Brüder
+<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
+als gleichberechtigte Inhaber neben mich traten.
+– So setzte ich mich denn kräftig zur Wehr,
+und Jorinde hatte bisher Anteil an meinem
+Kampf genommen, tat dies wohl auch weiterhin
+... nur ich war unterhöhlt, mich selbst beschäftigte
+nur noch ausschließlich die Beobachtung
+des „Dritten“, der, täglich und stündlich
+von mir verwünscht, in immer neuer Darstellung
+aus Jorindes Briefen hervorgrinste. Es war
+allerdings in diesen Briefen nicht viel die Rede
+von ihm. Nur hie und da widmete ihm Jorinde
+ein Wort. Mir aber schien es, als ob die
+Briefe von nichts andrem mehr handelten.
+</p>
+
+<p>
+Ihre Gründe, – arglos vorgebracht, wie ich
+schon sagte, aber um so peinigender für mich:
+daß sie blutarm sei, an Schlaflosigkeit leide –
+der Arzt habe ihr Spaziergänge verordnet –
+sie habe aber keine Lust, allein spazierenzugehen.
+Und mit Theaterleuten wolle sie außerhalb
+des Theaters nichts zu tun haben. „Die
+gehn mir schon ohnehin auf die Nerven“,
+schrieb sie. „Du wirst doch begreifen, daß man
+sich manchmal nach Abwechslung sehnt. Es ist
+mir so sympathisch, einmal mit einem Menschen
+<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
+zu reden, der mit der Hand arbeitet, nicht immer
+nur mit dem Kopf.“
+</p>
+
+<p>
+Und ich? – notierte ich an den Rand dieses
+Briefes ...
+</p>
+
+<p>
+Oh, ich verstand Jorinde nur allzu gut. –
+Hier tat sich der Abgrund zwischen ihr und
+mir auf. Wir gehörten eben jeder doch in eine
+andere Welt. Das Abendessen im Hause ihres
+Vaters tauchte vor meinen Augen auf. Die
+dunklen Möbel, – der junge Privatdozent mit
+dem edlen, kühnen Landsknechtgesicht, Pfeife
+rauchend, – der Vater, der wie ein Förster
+aussah, der die Stadt verabscheute und im bayrischen
+Wald auf die Jagd ging. Auch der
+Mechaniker, der seine Hand nach meiner Jorinde
+ausstreckte, kam aus den Tiefen dieses
+undurchdringlichen Waldes. Er holte nun
+meine Frau heim. Mit ihm war sie tief innerlich
+verbunden, durch ihre Einfachheit, ländliche
+Stille, – es war kein Zufall, daß er früher
+bei ihrem Vater gearbeitet hatte, daß er Kindheitserinnerungen
+in ihr weckte. Nein, sie gehörten
+beide gleichsam zu derselben großen Familie.
+– Ich dagegen, der schmächtige Berliner
+<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
+aus der glattgewalzten nordischen Sandwüste,
+ich, der Natur entfremdet, vergeblich bemüht,
+aus meinem ausgedörrten Herzen Vertrauen
+zur großen Mutter Erde, zu meiner Göttin
+heraufzupumpen ... was hatte ich im Grunde
+mit Jorinde gemein. Nur lieben konnte ich sie,
+dunkel lieben, grenzenlos, – das Herz sehnte
+sich nach der großen Mutter, ohne daß mein
+Kopf dahin nachzufolgen vermochte, wo es
+meinem Herzen so wohl tat. Wo war der Weg,
+der zu ihr führte! Wie anders hätte der Mechaniker
+sie besessen, – besaß sie vielleicht
+schon! Waldströme rauschten um seine mächtige
+Gestalt, wie ein brauner Holzfäller im finsteren
+Bergtal trat er, die blanke Axt geschultert, aus
+dem Dickicht, – so erschien er mir im Traum.
+Ich wollte mit ihm ringen. Aber er berührte
+mich kaum, er ging mit Jorinde vorbei; sie hatte
+mich gar nicht angesehen.
+</p>
+
+<p>
+Unmöglich, zu ihr zu gelangen. Es war nicht
+meine Welt. – Eine klare Erkenntnis: sie
+lebte in dem „anderen Deutschland“. Es gibt
+ja zwei verschiedene Staaten dieses Namens.
+Berlin – und: Deutschland ohne Berlin. Solange
+<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
+man in Berlin ist, merkt man dieses andere
+Deutschland nicht. Aber es ist nicht minder
+da. Grundverschieden, trotz äußerlicher Ähnlichkeit
+mit Berlin, wie sie sich etwa im Bau neuer
+Stadtviertel zeigt oder in der sauberen Maschinenschrift
+der Gutachten von Professor Grothius.
+Das ist nur Mimikry. Alle deutschen
+Städte treiben eine Art Mimikry, sind berlinähnlich
+– im Innersten aber, ebenso wie das
+ganze ungeheuere Feld- und Waldland ringsum,
+etwas ganz anderes als Berlin. –
+</p>
+
+<p>
+Es war natürlich vergebliche Mühe, durch
+solche Überblicke allgemeinster Art die Herrschaft
+über mich selbst oder gar über Jorinde erlangen
+zu wollen. – Jeder neue Brief warf mich aus
+meiner erkünstelten Ruhe. „Wäre es Dir vielleicht
+lieber, wenn ich meine freie Zeit mit der
+frivolen Theaterclique verbrächte?“ schrieb Jorinde.
+Gewiß wäre es mir lieber, hundertmal
+lieber – antwortete ich. Und ich fühlte es wirklich
+so. Oder bildete mir zumindest ein, so zu
+fühlen. Ausführlich stellte ich ihr meine Motive
+dar. Theater – das wäre im Umkreis ihres
+Berufs gelegen! Ein Verkehr, den man pflegen
+<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
+muß, um nicht durch Separation allzuviel
+Feindseligkeiten zu erregen. Der Verkehr mit
+dem Mechaniker aber war – freiwillig, in
+einem gewissen Sinn überflüssig. Gerade das
+war es, was mich erregte. Auf Theaterleute
+wäre ich nie eifersüchtig gewesen. Wiewohl ich
+diese Art von Verkehr kenne, – man spricht
+da mit einer hübschen Frau nie anders, als indem
+man sie streichelt, indem man mit der Hand
+an ihrem Ärmel auf- und abfährt. Doch gerade
+diese zur Konversation gehörigen Liebesbezeugungen
+stumpfen ab. – Nein, nein, niemals
+hätte ich es mir beifallen lassen, auf ihre Kollegen
+vom Theater eifersüchtig zu sein. So
+verrückt sei ich denn doch nicht ...
+</p>
+
+<p>
+In ihrer Antwort lachte sie mich aus (wie sie
+überhaupt in ihren Briefen den guten Humor
+nicht verlor. Ich glaubte sogar zu bemerken, daß
+sie seit der Begegnung mit dem Holzfäller-Mechaniker
+in wesentlich fröhlicherer Stimmung
+war als vordem). – „Du hast mich doch ganz,
+mit Leib und Seele“, hieß es dann an einer
+anderen Stelle, ernsthaft, in dem Brief. – Ja,
+ja, du bist mein, rief es in mir. Ein Jubel, ein
+<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
+frischer Atemzug, der mich erquickte nach all
+der Not. Wie Duft des Meeres, wenn man
+zerarbeitet, müde, zum erstenmal nach langem
+Stadttagewerk zur Düne, zum Strand hinunterläuft,
+direkt vom Bahnhof, – um den reinen
+brausenden Sturm einzuatmen, der über die
+ungeheuere Wasserfläche fährt. Mein Gott,
+Jorinde ist ja mein, ist ja noch mein. Das Holde,
+Unübersehbare, Unausdenkbare meines Glückes
+kam mir wieder plötzlich zu Bewußtsein, wie
+neu geschenkt. – Doch gleich darauf klemmten
+sich mir die Lungen ein. Ich hatte weitergelesen:
+„Er liebt mich, – doch weiß er, daß ich nie
+heiraten werde.“
+</p>
+
+<p>
+Da stand es nun also, schwarz auf weiß.
+Da stand es, was ich gefürchtet hatte. Mein
+Argwohn war also nicht, wie ich insgeheim
+doch gehofft, übertrieben gewesen, – zu einem
+Teil war er schon in Erfüllung gegangen, zu
+einem wesentlichen Teil. – Er liebte sie.
+Eigentlich ganz selbstverständlich. Kann man
+mit Jorinde verkehren, ohne von ihrer einleuchtenden
+Schönheit überwunden zu werden? –
+Und nun wuchs meine Unruhe ins Grenzenlose.
+<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
+Der eine Satz im Brief Jorindes eröffnete
+tausend Fragen. Es war klar, und es ging ja
+auch deutlich genug aus dem Brief hervor, daß
+Jorinde sich dieser neuen Liebe gegenüber abwehrend
+verhielt. Aber kam es denn nur auf sie
+an? Der Dritte war ja gleichfalls ein lebendiger
+Mensch, keine Puppe, – gewiß entfaltete er
+Kräfte, seinem Charakter gemäß, über den ich
+mir aus den spärlichen Andeutungen Jorindes
+leider gar kein Bild machen konnte. Sie betonte
+zwar immer, daß sie „alles schrieb“, – schrieb
+aber gar nichts Wesentliches, so schien es mir
+nun, – nicht einmal, wie der Mechaniker hieß,
+wußte ich bis jetzt. Nicht einmal den Namen,
+o mein Herr und Gott! ... Das tat freilich nichts
+zur Sache. Und auch auf seinen Charakter kam
+es eigentlich nicht so sehr an, – mochte er auch
+der bescheidenste, unzuversichtlichste Mensch der
+Welt sein, ganz ängstlich vor Jorinde, noch
+ängstlicher als ich, – die Tatsache, daß er ein
+lebendiges Wesen war, genügte ja durchaus,
+um mich auf das fürchterlichste zu stören. Auch
+eine Maus ängstigt sich ja vor Menschen, –
+dennoch schläft man nicht gern in einem Zimmer,
+<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
+in dem man eine lebendige Maus knabbern
+hört. Daß sie ein lebendiges Wesen ist,
+daß man nicht weiß, was sie im nächsten Augenblick
+machen, wohin sie spazieren wird, – – ja,
+ganz ebenso unheimlich war mir der Dritte, der
+sich, und sei es noch so behutsam, in meinem
+und Jorindes dunklem Schlafzimmer zu rühren
+begann.
+</p>
+
+<p>
+In allem merkte ich von nun an seine Wirkungen,
+– Jorindes Briefe schienen mit nicht so
+zärtlich wie zuvor. Geheimnisvollerweise war
+es ja seither so gewesen, daß die Liebe, die aus
+ihren Briefen sprach, sich in auf- und absteigender
+Linie bewegte. Es nahm immer denselben
+Verlauf: die Briefe, die unmittelbar auf einen
+Abschied folgten, glühten geradezu, – es gab
+da Wendungen wie „Ich zittere nach Deinem
+Mund“ – „Ich kann die Nacht nicht überleben
+nach so sonnigen Tagen“ – Wendungen,
+wie ich selbst sie gern geschrieben hätte, hätte
+ich mir nicht längst schon angewöhnt, meine Gefühle
+brieflich nur gedämpft auszudrücken, um
+Jorinde nicht zu verstimmen. Doch es nutzte ja
+nichts. Die Abkühlung ließ nicht auf sich warten.
+<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
+Die folgenden Briefe waren nicht nur gleichgültiger,
+– das könnte man für eine bloße Einbildung
+halten, – nein, sie waren geradezu
+meßbar mit geringerer Lust, geringerem Mitteilungsbedürfnis
+geschrieben: nämlich kürzer,
+mit großem, freiem Rand, großen Buchstaben,
+großen Zwischenräumen zwischen den Zeilen
+und ohne jenen Briefschmuck, den ich am meisten
+liebte, nämlich ohne diese quer an den
+Rand gesetzten, manchmal rings um den ganzen
+Briefbogen herumführenden Nachschriften, die
+so richtig das Gefühl vermitteln, daß sich der
+Briefschreiber aus dem Zusammenhang mit dem
+Adressaten nicht lösen mag, daß er verweilt,
+daß ihm immer noch etwas Neues einfällt, wie
+in lebendigem Gespräch unter vier Augen. –
+Dies alles also fehlte bei späteren Briefen. Ich
+sah die Ebbe jedesmal kommen, wurde aber
+immer neu von ihr überrascht.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter blank" id="part-10" title="10">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> war wohl ein natürlicher Vorgang, was
+sich in Jorindes Briefen ausdrückte und was
+nur mir in meiner Perspektive als widerspruchsvoll
+erschien, es war ein Naturablauf der Gefühle,
+wie Blühen, Reifen und Verwelken von
+Pflanzen. Aber diesem Naturablauf gewachsen
+zu sein, – das eben war die Aufgabe, die
+meine Kräfte überstieg. Und auf dem abwärtsgleitenden,
+wankenden Boden eines nur mit
+Mühe und äußerster Selbstbeherrschung zu
+führenden Briefwechsels tauchten nun überdies
+die Auswirkungen des „Dritten“ auf. Sie ließen
+sich nicht konkret feststellen, – ließen sich
+aber ahnen. Gab man sich Ahnungen hin, dann
+waren diese Emanationen, diese Überschattungen
+durch eine fremde Ansicht freilich überall
+da. So etwa in Jorindes Schrift, die schon begonnen
+hatte, der meinen ähnlich zu werden
+(süßeste Entdeckung! geheimste Freude!), und
+<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
+die nun wieder ihre alten, von mir unabhängigen
+oder ganz fremden Buchstabenformen annahm.
+– Oder wenn ich ihr allerlei Medikamente
+gegen ihre Schlaflosigkeit schickte, sie aber
+Medikamente überhaupt ablehnte und an den
+Spaziergängen als viel gesünderem Heilmittel
+festhielt, – was lag näher, als darin die Beeinflussung
+durch Meinungen eines Naturburschen
+zu sehen, wie dieser Mechaniker einer
+sein mochte! Gewiß mußten seine Ansichten
+(einfach die Kraft seiner Gegenwart) allmählich
+die Oberhand gewinnen, mich und meine
+besondere Ideenwelt bei Jorinde verdrängen.
+</p>
+
+<p>
+Gerade das aber war es, was sie nie zugab.
+Ihrer Ansicht nach liebte sie mich „immer
+gleich“. Es gab für sie kein Auf und Ab der
+Gefühle. Wenn sie doch wenigstens dieses Auf
+und Ab zugegeben hätte, – ich glaube, dieses
+bloße Zugeständnis, dieses Einsehen, daß es so
+sei, hätte mich schon ein wenig getröstet, über
+das ärgste hinweggebracht. „Schau, du mußt
+doch selbst bemerken, daß deine Briefe vor einem
+Monat ganz anders geklungen haben als heute,
+viel inniger, viel mehr für mich Partei ergreifend,
+<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
+mich entschuldigend, da wo es not tat,
+meine Vorzüge gegen meine Schwächen ausspielend.“
+Aber nein, das merkte sie nicht. „Ich
+liebe dich immer gleich.“ Es war mir, als trüge
+sie eine Maske wie aus Zement; hinter diesem
+Satz aber „Ich liebe dich immer gleich“, hinter
+der Oberfläche der Maske bröckelte es, unaufhaltsam.
+– Dabei war es ja durchaus keine
+Lüge, wenn sie „immer gleich“ sagte. Ehrlicherweise
+sagte sie das. Schließlich mußte ich ihr ja
+zugestehen, auf ihre Art zu leben und zu lieben,
+– und in ihren Augen waren eben gewisse
+Verschiebungen, Änderungen, die bei mir
+unendlich viel bedeuteten, so gut wie gar nichts.
+– Leider konnte mir auch diese Einsicht nicht
+helfen. Denn zugegeben, daß sie selbst überzeugt
+davon ist, mich „immer gleich“ zu lieben,
+daß sie die geringen Stufen der Abschwächung,
+die mich so besorgt machen, gar nicht empfindet,
+– so könnte es doch eines Tages geschehen,
+daß ihr wie mit einem Ruck das allmählich, nun
+aber schon merklich gesunkene Niveau ihrer
+Liebe fühlbar wird. Was dann!? Sie wird
+gleichsam in ihrer versperrten Vorratskammer
+<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
+von Liebe nachsehen, die sie gefüllt glaubt, und
+plötzlich bemerken, daß diese Kammer ausgeraubt
+ist. Und sie, – sie wird das so natürlich
+hinnehmen wie den ganzen Lebenslauf. Ich
+aber – ich habe ja zusehen müssen, offenen
+Auges, wie man aus dieser Kammer Stück für
+Stück das, was mir gehört, weggetragen hat, –
+und ich darf mich gar nicht zur Wehr setzen,
+denn die Herrin sieht den wochenlang fortgesetzten
+Diebstahl nicht, will ihn nicht sehen –
+und die ganze Welt lacht mich aus und schreit:
+„Eifersucht! Eifersucht!“
+</p>
+
+<p>
+Ja, ja, – alle Qualen der Eifersucht lernte
+ich nun kennen. Nicht daß sie den anderen
+liebt, – nicht das ist ja der Schmerz des Eifersüchtigen,
+– sondern daß sie mich nicht mehr so
+sehr liebt wie früher, daß mir durch ein anderes
+Gefühl, sei es auch an sich gering, ein Anteil
+an ihrem Herzen, das vordem ganz mein eigen
+war, entzogen wird, daß ich nicht mehr Alleinherrscher
+bin und daß man nicht absehen kann,
+wohin, zu welcher Umwälzung der Herrschaftsverhältnisse
+dieses Abzwacken von Nebengefühlen
+im Laufe der Zeit führen mag ... O
+<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
+mein Gott, nun war es wohl endgültig um
+meinen Seelenfrieden geschehen.
+</p>
+
+<p>
+Ich ging keinen Augenblick so weit, auch in
+meinen schwärzesten Befürchtungen nicht, zu
+glauben, daß Jorinde dem Mechaniker das gewährt
+hatte, was sie „das Materielle“ nannte
+und gewissermaßen verabscheute. Weit entfernt
+war dieser Verdacht. Ich kannte ja Jorindes
+Stolz. Sie schätzte sich selbst viel zu hoch ein,
+als daß sie sich zur Frau zweier Männer erniedrigt
+hätte. – Aber gab es denn nicht andere,
+für mich ebenso schreckliche Möglichkeiten
+der Hingabe? Oh, unendlich süße Möglichkeiten,
+wenn Jorinde es war, die in ihnen
+erschien, – ein Kuß etwa – unvorstellbar,
+wahnsinnig, daß ein anderer als ich sie küssen
+sollte. Und doch wußte ich ja, daß sie
+über Küsse ganz anders dachte als ich. „Was
+liegt denn an einem Kuß“ – ich konnte diesen
+Ausspruch von ihr aus meinem Gedächtnis
+leider nicht wegbringen. – Ich raste bei dieser
+Erinnerung! Und malte sie weiter aus. Ja, genügte
+denn nicht ein Händedruck, – oder der
+Tanz – oder ein langes, in guter Ruhe über
+<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
+Stunden hin geführtes Gespräch, in dem die
+Seele sich ergießt, Zeit hat, mit allem, was sie
+wünscht und hofft, ans Licht zu kommen. Oh,
+war es nicht fürchterlich, – ein anderer konnte
+mit Jorinde reden, so oft er Lust dazu hatte, und
+ich, ich mit all meiner Sehnsucht war eingesperrt
+in die Ferne der Kilometer, ein Gefangener,
+der gegen das Gitter des Raumes tobt. –
+„Denkst du immer an mich?“ Diese Frage war
+ja niemals zu beantworten, schon damals nicht,
+als nur Jorinde und ich allein einander gegenübergestanden
+waren, – schon damals hatten
+sich alle erdenklichen Gegenstände zwischen uns
+geschoben, um unsere Gedanken abzulenken, –
+schon damals war das bloße Nichtwissen um
+jede Minute des anderen mir wie ein fürchterlicher
+Mangel in der Struktur des Menschen
+erschienen – jetzt aber wußte ich ja überdies
+noch, daß sie zu gewisser Zeit ganz bestimmt
+nicht an mich, sondern an den anderen dachte,
+geistig mit ihm beschäftigt war. Es war anders
+nicht möglich. Sie mußte zur Haltestelle der
+Elektrischen gehen, seinetwegen, – mußte danach
+streben, die festgesetzte Stunde nicht zu
+<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
+versäumen, – o Qual, o Qual, – ja, fühlte
+sie denn nicht, waren ihre Sinne wirklich so
+stumpf, dies nicht zu erkennen, daß sie mit
+jedem Schritt zu dieser Station der Elektrischen
+hin einen grauenvollen Diebstahl an meinem,
+meinem Gut beging! Daß jede Bemerkung,
+dem anderen zugeflüstert, ein Verrat an
+mir war!
+</p>
+
+<p>
+Ich konnte nicht länger an mich halten. Ich
+schrieb ihr offen, wie ich es fühlte.
+</p>
+
+<p>
+Ihre Antwort brachte mich zur Verzweiflung.
+– Ich könne mir eben nicht vorstellen, so klagte
+sie, in welch einer peinlichen, lähmenden Umgebung
+sie lebe. Die unangenehmen Kollegen –
+und zu Hause die Wirtin, über die sie schon
+immer geklagt hatte, ein unfreundliches, zanksüchtiges
+Geschöpf. „Du mußt doch einsehen,
+daß man das Bedürfnis hat, einmal auch ein
+schlichtes, vernünftiges Wort zu reden –
+nicht ewig Klatsch und Niedrigkeit anzuhören.
+Aber Du gönnst mir die Freude nicht, obwohl
+ich Dir wiederhole, daß es nichts Gleichgültigeres
+geben kann als diesen Umgang. In den
+letzten Tagen war er meine einzige Rettung.“
+<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
+(Welche Widersprüche in den paar Zeilen:
+meine Randbemerkung.) „Ich danke Gott auf
+den Knien, daß der Mechaniker mich nicht
+verlassen hat. Ich hatte Streit mit der Wirtin,
+ich mußte sofort ausziehen. Und da ist er vom
+Morgen bis zum Abend mit mir gelaufen,
+Wohnung suchen, bis ich endlich schlecht und
+recht einquartiert bin. Ich wohne jetzt in der
+Gabelsberger Straße, ganz nett. Ohne den Mechaniker
+wäre ich verloren gewesen. Du siehst
+also, wie unrecht es von Dir ist“ u. s. f.
+</p>
+
+<p>
+Ich war empört. Das wenigstens hatte ich
+bisher für mich in Anspruch genommen: der
+einzige zu sein, der ihr half. Meine Göttin
+war ja in einer gewissen, rein äußerlichen Hinsicht
+mein Geschöpf. Von dem Gespräch in
+der Reginabar an hatte ich ihr Schicksal bestimmt,
+ihre Bahn Schritt für Schritt ermöglicht.
+Und nun mischte sich ein anderer ein. Ich
+erklärte, dies unter keinen Umständen dulden
+zu wollen ...
+</p>
+
+<p>
+Nicht daß in ihrer Antwort viel von meiner
+Herzlosigkeit die Rede war, daß sie sich aufs
+neue über mein Mißtrauen beschwerte, nicht
+<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
+ihre Auflehnung gegen meine „Eifersüchtelei“
+(mit diesem zahmen Worte benannte sie es
+merkwürdigerweise) brachte mich nun vollends
+aus der Fassung. Ein Satz am Anfang ihres
+Briefes war es, der mich ganz tief erschreckte.
+Da hieß es: „Dein Schreiben, für das ich Dir
+danke, hat mich sehr gelangweilt. Es ist immer
+nur der alte Trödel.“ – Was für ein Ton!
+Es war die erste Grobheit in unserem Briefwechsel,
+der bisher nie verwildert, nie ausgeartet
+war – bei aller Erregung nie. Und
+nun – „gelangweilt!“ – Das hieß doch offenbar,
+daß der andere schon von ihrem Herzen
+Besitz ergriffen hatte. Liebe konnte so nicht
+sprechen! Es war gewiß nicht bloße Empfindlichkeit
+von mir, daß ich dies sofort ganz scharf
+spürte. Mochte sie es wissen oder nicht, sie war
+mir verloren. – Alle Selbstbeherrschung
+schwand. Berufsarbeit war lächerlich unwichtig.
+Ich mußte sie sehen! Retten, was zu retten ist.
+Mit dem nächsten Zug nach Augsburg. – An
+diesem Tage ging keiner mehr. – Es blieb
+nichts übrig, als den Morgen abzuwarten.
+</p>
+
+<p>
+In schlafloser Nacht (schlaflos wie schon eine
+<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
+ganze Reihe von Nächten vorher, nur noch bohrender,
+noch fieberhafter als die anderen) gab
+es eine einzige Hilfe für mich, ein einziges
+Mittel, nicht irrsinnig zu werden. Ich mußte
+mir vorstellen, daß zwischen uns beiden wirklich
+Schluß war. Auf alle günstigen Umstände,
+die Zweifel an diesem düsteren Ende wecken
+konnten, auf die Liebesbeteuerungen (selbst
+noch in ihrem letzten Briefe) durfte ich vorläufig,
+für diese Nacht, keine Rücksicht nehmen,
+absichtlich mußte ich sie zu vergessen suchen.
+Nur kein Schwanken! Nur nicht jetzt das unermeßliche
+heilige Glück sehen, die große offene
+Fläche, gut zu leben – und im nächsten Augenblick
+hinuntergeschleudert, für immer aus dem
+Licht verdrängt sein. Gerade diese Zweifel
+zwischen Ja und Nein peinigten mich ja am
+meisten. – Zu Ende, zu Ende! Mit diesem
+tödlichen Schmerz des Abschieds in der Brust
+fand ich noch am allerehesten einen Zustand,
+der zwar nicht Ruhe genannt werden kann, der
+aber doch noch innerhalb des Faßbaren und
+Möglichen lag. Jorinde geht mich nichts mehr
+an. Weg, alle Gedanken an sie weg! Sie ist
+<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
+nicht, ist nie gewesen. – Da schrak ich zusammen.
+Das wäre doch noch gräßlicher als alles.
+Daß sie nicht lebt, daß das Ganze eine bloße
+Einbildung von mir gewesen ist – nein, lieber
+leiden, lieber verzichten und ganz weggehen,
+als ihre Existenz aufgehoben sehen. Aus diesem
+tiefsten „Nein“ zum bloßen Abschied, aus dunkelstem
+Schwarz in gemäßigtes Grau mich
+erhebend – so dämmerte ich dem Morgen entgegen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter blank" id="part-11" title="11">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">ie</span> habe ich nur die zehn Stunden Eisenbahnfahrt
+zwischen Berlin und Augsburg überleben
+können!
+</p>
+
+<p>
+Jemand sprach mit mir, und ich antwortete.
+Ein freundlicher alter Herr mit weiß umrandeter
+Glatze, den ich (ich wußte nur nicht, woher)
+ziemlich gut kannte. Seine Freude über
+die Fortschritte der Elektrifizierung in Deutschland
+konnte ich freilich nicht so recht teilen;
+dennoch war ich froh, daß ich mir nicht ganz
+allein überlassen blieb. Ich bat öfters um Entschuldigung
+für meine Zerstreutheit. Ich erwartete
+eine Frage. Es war mir unmöglich,
+nicht <em>davon</em> zu reden – und schließlich deutete
+ich an, daß ich sehr traurig sei und einer
+furchtbaren Entscheidung entgegenfahre. „Es
+wird schon gut ausfallen“, tröstete mich der
+Alte. Wie mir schien, mit echtem Mitleid. Ich
+war geneigt, seine Worte als Orakel zu nehmen.
+<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
+Es konnte ja vielleicht wirklich noch alles ins
+Rechte gebracht werden. Ich gestattete mir probeweise
+diesen Gedanken, kurz nur spielte ich
+mit ihm, – immerhin ertrug ich bei Tag die
+Unsicherheit eher als in der Nacht. „Glauben
+Sie das im Ernst?“ fragte ich aufatmend. Er
+lächelte: „Warum nicht?“ Dann sprach er wieder
+von der neuen Schnellbahn zwischen Leipzig
+und Halle.
+</p>
+
+<p>
+Stundenlang hielt ich mich aufrecht. Der
+Mann half mir, indem er mich zwang, meine
+Gedanken doch einigermaßen ihm zuzuwenden.
+– Nur einmal noch konnte ich mich nicht enthalten,
+von mir zu reden. Der Zug hielt in R.
+Diesen Ort hatten wir so oft zum Zielpunkt
+unserer Ausflüge von Augsburg aus gemacht.
+Erregt verließ ich das Abteil, stand im Gang
+draußen und betrachtete, als der Zug sich wieder
+in Bewegung setzte, sehnsüchtig den Platz
+vor dem Bahnhof, der für einen Moment sichtbar
+wurde. Als ich wieder eintrat, sagte ich:
+„Hier in R. war ich einmal sehr glücklich.“ –
+„Erinnerungen?“ fragte mein Freund. –
+„Schöne Erinnerungen, die machen mich jetzt
+<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
+traurig.“ – „Ach, gehen Sie, es gibt doch
+nichts Besseres als solche Erinnerungen.“ Da
+verstummte ich, – hörte ihm aber auch nicht
+mehr zu.
+</p>
+
+<p>
+Ich hatte Jorinde telegraphisch gebeten, sie
+möge mich „genau halb fünf“ im Café Königshof
+erwarten.
+</p>
+
+<p>
+Im Grunde zweifelte ich nicht daran, daß
+sie <em>nicht</em> da sein würde. Da alles vorbei war ...
+</p>
+
+<p>
+Nun mußte die Entscheidung fallen. Nur
+noch Minuten! – Aber die wenigen Minuten
+von der Bahn bis zum Café erschienen mir
+länger als die ganze Reise. Es war, als kämen
+die Pferde überhaupt nicht vorwärts. Atemlos
+saß ich im Wagen, atemlos wie im schnellsten
+Lauf. Regen schlug an die klappernden Glasscheiben.
+Unter diesem Regen war die Luft wie
+zusammengepreßt, so schwer, kaum in die Lunge
+einzuziehen.
+</p>
+
+<p>
+Der Wagen hielt vor dem Café.
+</p>
+
+<p>
+Ich trat ein, durchlief den Raum mit einem
+Blick, – ging dann prüfend von Tisch zu Tisch,
+denn das Café war dicht besetzt, es konnte also
+eine einzelne Person in der Menge sehr leicht
+<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
+dem Auge entgehen. – Nein, lauter fremde
+Menschen – sie war nicht da, wiewohl die
+Uhr schon einige Minuten über halb fünf zeigte.
+</p>
+
+<p>
+Sie war nicht da. –
+</p>
+
+<p>
+„Ich hatte es ja nicht anders erwartet.“
+Mehrmals sagte ich mir das vor. – Zugleich
+fühlte ich, daß ich nur deshalb das Ungünstige
+so bestimmt erwartet hatte, um mich dann vom
+Günstigen überraschen zu lassen. Es geschieht ja
+immer das Unerwartete. Ein kluger Mann
+richtet seine Erwartungen demgemäß ein ...
+</p>
+
+<p>
+Nur jetzt nicht wahnsinnig werden! Jetzt nicht
+den Kopf verlieren!
+</p>
+
+<p>
+Die ganze zehnstündige Fahrt, die hinter mir
+lag, pulsierte mir fieberisch wüst in allen Gliedern,
+rüttelte an meinem Hirn.
+</p>
+
+<p>
+Sie hätte eigentlich doch kommen können, –
+dachte ich. Wenn auch nur zum Abschied – sie
+hätte kommen können. So grausam brauchte
+sie nicht zu sein. Mich nach langer Fahrt hier
+einfach stehen zu lassen! – Tränen waren mir
+nahe. Nein, sie hätte wirklich kommen müssen.
+Unbedingt. Eine einfache Höflichkeitspflicht. In
+aller Ruhe: Adieu und ein freundliches, friedliches
+<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
+Abschiedswort. Das war doch das mindeste,
+was ich nach all der großen Liebe verlangen
+durfte. Ein Auseinandergehen ohne
+Gruß – das war hart, geradezu überraschend
+hart, das hatte ich eigentlich doch in meinen
+ärgsten Vorstellungen nicht erwartet ...
+</p>
+
+<p>
+Es fiel mir ein, daß Jorinde vielleicht „Restaurant“
+statt „Café“ gelesen haben konnte.
+Dicht neben dem Café, nur durch einen verglasten
+Korridor getrennt, lag ein Weinrestaurant.
+Ich ging hinüber. – Das Restaurant,
+schneeweiß gedeckt, war ganz kühl und leer.
+</p>
+
+<p>
+Wie ich aber, vom Restaurant her zurückkehrend,
+den Korridor betrat, sah ich Jorinde
+die Stiegen heraufkommen, den Regenschirm
+schließen und eilig ins Café eintreten.
+</p>
+
+<p>
+Jorinde! –
+</p>
+
+<p>
+Ich rief sie. Ein heiserer, dumpfer Laut nur,
+– aber sie hatte mich gehört – oder sah mich.
+Sie blieb stehen. Ich durchschritt den Korridor,
+glaubte zu fallen, – fiel aber nicht, stand
+ganz fest und reichte ihr die Hand.
+</p>
+
+<p>
+„Wie geht’s?“ sagte sie frisch. Ganz so, wie
+sie es immer zu sagen pflegte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
+Ich nickte nur. Dann sagte ich wohl etwas,
+daß es im Café zu voll sei – daß ich seit
+gestern mittag keinen Bissen gegessen hätte –,
+wir könnten daher lieber ins Restaurant gehen.
+</p>
+
+<p>
+Mit jener leichten Bereitwilligkeit, die ich so
+sehr an ihr liebte, von der ich mir aber aus
+ihren Briefen nie einen Begriff machen konnte,
+so daß ich beim jedesmaligen Zusammentreffen
+aufs neue überrascht war, sie so durchaus nicht
+widerspenstig zu finden, – ganz gutwillig
+also schlug Jorinde sofort den Weg nach rechts
+ein, durch den Korridor. – Wie bezaubert sah
+ich sie an. Sie war sehr blaß, schmaler als sonst,
+offenbar überarbeitet. Ein rosa Strohhut vermehrte
+noch mit seinen Reflexen den fahlen
+Glanz ihrer Wangen. Wie müde – – und
+wie schön!
+</p>
+
+<p>
+Auch sie musterte mich: „Du siehst furchtbar
+schlecht aus.“
+</p>
+
+<p>
+Ich zuckte die Achseln.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich sah sie sich um, schüchtern, – der
+Korridor war leer, – da hatte sie sich zu mir
+gebeugt, und ich fühlte ihren weichen Kuß auf
+meinem Mund. Nicht ganz kurz, aber auch nicht
+<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
+leidenschaftlich, nicht lüstern gehaucht, – eine
+volle Berührung der Lippen mit ehrlicher Kraft.
+Es war der selbstverständliche Kuß zweier Ehegatten,
+ohne jeden Hintergedanken. Süßeres
+habe ich in meinem ganzen Leben nicht gehabt
+als diesen unerwarteten Kuß. Nicht als ob sie
+mich besonders beglücken oder erlösen wollte,
+hatte sie mich geküßt. Nein, ein Kuß wie immer,
+– ein Kuß, weil Küssen zur Begrüßung unter
+uns üblich und weil eben alles beim alten
+war. Nach diesen allerqualvollsten verworrenen
+Stunden der Nacht und Bahnfahrt – nichts
+konnte so wohl tun wie dieser einfache klare
+wiesenblumenhafte Kuß.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter blank" id="part-12" title="12">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> hatte mir während der ganzen Reise vorgenommen,
+vom Mechaniker überhaupt nicht
+zu sprechen. Nur ihrer Wohnung wegen war
+ich gekommen. Da sie etwas von „schlecht und
+recht einquartiert“ geschrieben hatte, war ich
+eben besorgt. Der Streit mit ihrer Wirtin, die
+neue Krise ... ich redete drauflos, von nichts
+anderem als ihren Wohnungssorgen. Mochte
+sie es glauben oder nicht: kein anderer Grund
+hatte mich veranlaßt, unserer Verabredung zum
+Trotz noch vor der Sommerreise zu kommen.
+</p>
+
+<p>
+Wir saßen an einem breiten Ecktisch des
+großen, vollständig leeren Speiselokals.
+</p>
+
+<p>
+„Nein, wie du aber schlecht aussiehst“, unterbrach
+mich Jorinde öfters. Hörte sie überhaupt
+zu?
+</p>
+
+<p>
+„Nein Wunder“, erwiderte ich. „Die Fabrik
+macht mir große Sorgen. Du weißt: der
+Prozeß.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
+War es denn nur möglich! Nach all den
+wahnsinnigen Ausschreitungen meiner Phantasie
+bewegte ich mich nun wieder auf der Bahn
+des Alltäglichen. Die Fabrik, der Prozeß! Wie
+leicht ging das! Und neben mir, an der nächsten
+Tischkante saß Jorinde. – Der Kellner
+kam, man bestellte – Jorinde legte die Jacke
+ihres helldrappen Kostüms ab, der Kellner und
+ich halfen ihr – ihre Bewegungen fächelten
+mir das so lange vermißte Aroma ihres Puders,
+den Erdbeerduft ihres Leibes zu – nun in der
+weißen Seidenbluse, in der die zarten Schultern
+sich abzeichneten – so schlank – war es wirklich
+dasselbe Wesen, an das sich all meine grausamen
+Befürchtungen hefteten? – Und jetzt, mit
+welcher Einfachheit reichte sie mir über den
+Tisch hin die rechte Hand, die innere Handfläche
+nach oben gekehrt, eine schlichte Aufforderung,
+meine Hand in die ihre zu legen wie zur
+Erneuerung alter, nie unterbrochener Freundschaft.
+Mein Gott, war es am Ende möglich,
+daß alle die Qual meiner aufgestachelten Einbildungskraft
+– durchaus grundlos gewesen
+wäre? ...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
+„Auch du siehst nicht besonders aus“, sagte
+ich, indem ich ihr prüfend in die leicht umschleierten
+Augen sah.
+</p>
+
+<p>
+„Ja – Saisonende! Ich bin ziemlich am
+Rand mit meiner Kraft.“
+</p>
+
+<p>
+„So viel Mühe hast du?“
+</p>
+
+<p>
+„Nie hätte ich gedacht, daß mich das Theater
+so anstrengen würde.“
+</p>
+
+<p>
+Sie nahm ihren Beruf sehr ernst. Verbürgte
+das nicht, daß sie auch im Leben nicht leichtsinnig
+sein konnte?
+</p>
+
+<p>
+„Warum wir einander nur so quälen.“ Ich
+gab ihr die Hand, nach der sie die ihre ausgestreckt
+hatte. „Da wir doch ohnehin so viel Energie
+aufwenden müssen, jeder in seinem Beruf
+–“
+</p>
+
+<p>
+„Es ist wirklich überflüssig“, sagte sie und
+sah mich dabei mit schelmischem Lächeln an, das
+zu ihren und meinen Worten nicht ganz zu
+passen schien. Aber sehr weich und zärtlich
+hielt sie meine Hand fest ... Nun bot sie mir,
+leicht vorgeneigt, zum zweitenmal die Lippen.
+Wie von einem leichten Traum umfangen, bewegte
+sich ihr Gesicht lieblich mir entgegen. –
+<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
+Ich weiß nicht, was da ganz plötzlich in mich
+gefahren sein mochte. Alle unterdrückte Wut
+kam in mir empor, die Wut eines Sklavenaufstandes
+gleichsam, Rachedurst für erlittene Demütigungen,
+– zitternd, meiner selbst nicht
+mächtig, von äußerster Gier erfüllt, sie gleich
+jetzt, auf der Stelle zu besitzen, wenn es möglich
+gewesen wäre – mit heißem Griff riß ich
+das Mädchen an mich – es war nicht der
+kühle Kuß wie im Vorraum – sondern meine
+Zähne drangen in ihre Lippen, während gleichzeitig
+meine Finger an ihrer Kehle lagen. Sie
+schrie leise auf, machte sich los. Blut färbte ihr
+Taschentuch, das sie an den Mund führte ...
+Betroffen stammelte ich etwas von Entschuldigung.
+Kaum gewonnen, sollte sie mir wieder
+verlorengehen? „Sei nicht böse, ich bitte dich
+– sei doch nicht böse. Ich weiß nicht, was ich
+getan habe, ich weiß nicht, was mit mir los
+ist ...“
+</p>
+
+<p>
+Sie schwieg lange, – war es ein strafendes
+Schweigen oder war sie nur so erschreckt? Abgewendet,
+stumm, – wie ich aber bat, sie
+solle mir doch zur Strafe, zur Vergeltung
+<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
+gleichfalls die Kehle zudrücken, lachte sie plötzlich
+auf.
+</p>
+
+<p>
+„Nun ist also alles wieder gut?“ sagte ich mit
+jäher Energie. „Oder bist du mir böse?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, ich bin dir nicht böse“, erwiderte sie
+innig.
+</p>
+
+<p>
+Wir sahen einander ernsthaft an. Es lag wirklich
+nicht der mindeste Grund vor, einander böse
+zu sein. Man verdüstert sich nur ganz mutwilligerweise
+das Leben, – rätselhaft, warum.
+Bei Licht betrachtet, besaßen wir doch alle Vorbedingungen
+eines großen reinen Glückes. Wir
+liebten einander, wir waren jung, gesund, nicht
+arm ...
+</p>
+
+<p>
+„Und doch hast du mir so beleidigend geschrieben?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich?“
+</p>
+
+<p>
+„Geradezu grob – daß einer meiner Briefe
+dich gelangweilt hat. Das war doch schon sehr
+arg.“
+</p>
+
+<p>
+Sie redete eifrig auf mich ein, bis ich ihr
+versprach, diesen ihren häßlichen Brief zu vernichten,
+zu verbrennen. – Sie sei eben nervös
+gewesen, ich solle ihr doch verzeihen, – ich
+<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
+wisse doch, daß sie niemand als mich habe, auf
+der ganzen weiten Welt niemand sonst ...
+</p>
+
+<p>
+„So ist es dir recht, daß ich heute gekommen
+bin – obwohl es anders vereinbart war?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin froh“ – wie aufrichtig, wie klar sie
+das sprach!
+</p>
+
+<p>
+„Heute abend fahren wir nach R. Bist du
+einverstanden?“
+</p>
+
+<p>
+Sie zögerte keinen Augenblick. „Da muß ich
+nur noch nach Hause gehen und meine Sachen
+für die Nacht zusammenpacken. – Morgen
+spiele ich nicht, für übermorgen mach’ ich mich
+auch noch frei.“
+</p>
+
+<p>
+Ich ließ mir das Reichskursbuch bringen.
+Wir sprachen eine Weile ganz sachlich nur von
+den möglichen Abendzügen nach R. – Mein
+Gott! In meinen kühnsten Träumen hätte ich
+gestern nicht zu hoffen gewagt, daß sie mehr
+als eine Viertelstunde für mich Zeit haben
+würde. Und schon diese Viertelstunde hätte mich
+namenlos glücklich gemacht. Ein gutes Wort
+nur, ein kurzes, klärendes Gespräch – das war
+das äußerste, was ich bestenfalls erwartet hätte.
+Und nun, und nun, – welche unfaßbare Wendung
+<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
+– welch eine Nacht knapp vor mir! –
+und dabei so selbstverständlich, so ohne jeglichen
+Sturm, als könne es gar nicht anders sein –
+nun saß ich neben ihr, und wir berieten in
+aller Sachlichkeit, ob wir um acht Uhr oder
+schon um sieben fahren sollten, ob wir bei
+einiger Eile noch zum ersten Zuge zurecht
+kämen und so fort. – Es gibt eine Sachlichkeit
+über allen Räuschen der Welt, eine Ruhe,
+stürmisch lebendiger als alle Kunstmittel der
+Nervenmassage, – diesen höchsten aller
+Räusche genoß ich nun.
+</p>
+
+<p>
+Der Kellner brachte das Bestellte. – Noch
+nie im Leben habe ich um diese Zeit einen
+Braten gegessen. Aber Jorinde drängte: „Du
+siehst ja ganz verhungert aus. Wie kannst du
+nur so unvernünftig sein, – während der ganzen
+Fahrt nichts essen!“
+</p>
+
+<p>
+„Auch gestern nicht – seit deinem letzten
+Brief.“
+</p>
+
+<p>
+„Du mußt ihn verbrennen. Vergiß nicht, du
+hast es mir zugesagt. – Nein, so unvernünftig
+zu sein! Und lauter Dummheiten.“ Unter solchen
+Reden schnitt sie mir den Braten, fütterte
+<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
+mich geradezu. Aber ich konnte schon das erste
+Stück nicht herunterwürgen. Hunger hatte ich
+wohl, aber nicht den mindesten Appetit.
+</p>
+
+<p>
+„Bitte, so iß doch.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich kann nicht.“
+</p>
+
+<p>
+„Du mußt.“
+</p>
+
+<p>
+„Also hilf mir. Nimm die Hälfte.“
+</p>
+
+<p>
+„Gut. – Aber du auch, du auch. – Sonst
+komme ich heute abend nicht mit.“
+</p>
+
+<p>
+Jedes Wort haftet mir im Gedächtnis. Weltumstürzende
+Aussprüche großer Staatsmänner
+können ihrer Umgebung nicht wichtiger erscheinen
+als mir diese lieben Sätzchen Jorindes,
+die so besorgt klangen, deren freundlicher
+Klang mich beglückte. Nach all den Peinigungen
+des Briefwechsels – welch eine Ruhestunde,
+welche Erholung! Es war, als würden
+die Fesseln aufgeschraubt, die meine Seele bis
+dahin in unnatürlich zusammengedrückter Haltung
+schmerzend festgehalten hatten. Nun streckte
+sie sich, gradete ihren Rücken, brachte den Blutkreislauf
+wieder in Fluß. – Belebend der Rotwein
+dazu, dessen blühender Schein auf das
+feine Linnen des Tischtuchs fiel.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
+Alles so seltsam, daß mir der Kopf wohlig
+weh davon tat. Das große Lokal, für Abendbeleuchtung
+bestimmt, – im kalten nüchternen
+Tageslicht lag es in ungewohnter Schmucklosigkeit,
+gleichsam übertrieben unfestlich da –
+dazu vor den Spitzenvorhängen draußen ein
+unfreundlicher Regennachmittag – und all
+dies, was sonst melancholisch gemacht hätte,
+wirkte andachtsvoll, – die Stille wie das
+Schweigen in einer Kirche, – zauberhaft alles
+und so zart, daß es wie in feinem Regenbogendunst
+zu zittern schien, in völlig unmateriellen
+Farben, kaum mehr der Erde angehörig und
+ihrem dumpfen Reich. Eine Gasthausstube wie
+tausend andere: das Paradies! –
+</p>
+
+<p>
+Wir sprachen natürlich auch vom Mechaniker.
+Ich weiß nicht, ob sie oder ich damit begann.
+Jedenfalls hatte ich lange genug an mich gehalten.
+„Wie heißt er denn eigentlich?“
+</p>
+
+<p>
+„Günther Schmidt.“
+</p>
+
+<p>
+„Siehst du, nicht einmal das hast du mir geschrieben
+– wie er heißt. Und dabei behauptest
+du noch, mir immer alles geschrieben zu haben.“
+</p>
+
+<p>
+„Habe ich auch“, erwiderte sie kühn.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
+Aber sie hatte recht, wahrhaftig recht. Wie
+lächerlich erschien mir plötzlich die ganze Angelegenheit.
+„Alles“ schreiben, – was sollte
+das denn eigentlich bedeuten? Wer vermöchte
+denn „alles“ zu schreiben? Und war der Namen
+nicht wirklich ganz unwichtig? – O unwichtig
+dies und jenes, wenn Jorinde neben mir saß
+und ich ihre Hand hielt! Ich hörte denn auch
+kaum auf sie hin, als sie Näheres über den
+Mechaniker erzählte, von der Hessingschen Anstalt,
+an der er arbeite, von Hessing selbst, dem
+genialen Erfinder, der, aus dem Handwerksstand
+hervorgegangen, bessere Schienen für verkrüppelte
+Glieder anzufertigen gewußt als alle
+diplomierten Chirurgen der Welt, – von der
+Tradition seiner Anstalt, die den Fachmann der
+Praxis über den Akademiker stelle, – so daß
+auch der Mechaniker keinen gewöhnlichen Mechanikerposten
+dort bekleide, sondern einer der
+ersten sei ...
+</p>
+
+<p>
+„Er interessiert dich?“
+</p>
+
+<p>
+„Aber nein, – er ist mir doch vollständig
+gleichgültig.“
+</p>
+
+<p>
+Ich atmete auf, erst jetzt, – als sei gerade
+<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
+dies das rechte Wort gewesen, das ich erwartet
+hatte. „Ach, Jorinde, warum hast du mir denn
+das nie geschrieben?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich glaube doch, daß ich es dir oft genug
+geschrieben habe.“
+</p>
+
+<p>
+Auch ich entsann mich jetzt. Aber es hatte nie
+so überzeugend geklungen wie in diesem Augenblick.
+</p>
+
+<p>
+„Ich will dir etwas gestehen“, plauderte sie.
+„Anfangs habe ich die Sache in meinen Briefen
+ein wenig aufgebauscht. Es gefiel mir ganz gut,
+dich eifersüchtig zu machen. Nachher aber ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nachher?“
+</p>
+
+<p>
+„Nachher wurde es zuviel des Guten.“
+</p>
+
+<p>
+„Da warst du dann beleidigt, weil ich eifersüchtig
+wurde, – wie du mich doch haben
+wolltest.“
+</p>
+
+<p>
+„Ja.“
+</p>
+
+<p>
+„Einfach ja?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja.“
+</p>
+
+<p>
+Etwas in mir riet, dies doch nicht so ganz
+glatt hingehen zu lassen. Nicht etwa, weil ich
+gegenwärtig irgendwelche Besorgnis empfand,
+auch nur den Schimmer einer Angst um meine
+<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
+Frau, – wohl aber der Zukunft wegen. „Und
+wie du nun sahst, daß es zuviel des Guten
+wurde,“ sagte ich, „da hast du die Sache in
+deinen Briefen wohl wieder – abgebauscht?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, – die bloße Wahrheit!“
+</p>
+
+<p>
+„Du siehst nun aber, wie schwer dies alles
+zu regulieren ist. Fängt man einmal mit so
+etwas an, so weiß man nicht, wo man endet.
+Ich meine das auf die ganze Beziehung zwischen
+dir und ihm.“ Wunder wie verständig
+redete ich mit ihr. Ich beherrschte die Situation.
+Nun durfte ich eine gefährliche Frage stellen,
+wiewohl ich mir vorgenommen hatte, auf diesen
+Punkt unter keiner Bedingung einzugehen.
+„Wie verkehrt ihr eigentlich miteinander? Ihr
+sagt einander: „Du?“
+</p>
+
+<p>
+Zu meiner Überraschung: „Ja.“
+</p>
+
+<p>
+Ich legte Messer und Gabel weg: „Nun, das
+genügt wohl ...“ Ich fühlte die Zimmerdecke
+auf mich stürzen ...
+</p>
+
+<p>
+Eine kurze Pause. Dann lachte sie auf: „Das
+hast du dir wohl gedacht? Aber nein, wir sagen
+natürlich Sie zueinander.“
+</p>
+
+<p>
+Was ist nun die Wahrheit? Das, was sie
+<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
+zuerst gesagt, oder die Berichtigung, als sie
+mein tiefes Entsetzen sah? ... Dies blieb eine
+dunkle Stelle dieses sonst so lichten Zusammenseins.
+„Kannst du es mir schwören?“ – „Ja.“
+„Bei dem, was dir am heiligsten ist?“ – „Ja.“
+– „Beim Grab deiner Mutter?“ – „Ja.“ –
+War es die kurze Antwort, dieses „Ja“, das
+zu wenig Substanz enthält, um einem so mächtigen
+Strom von neuer Unruhe den Weg zu
+sperren, – ich weiß den Grund nicht. Weiß
+nur, daß von dieser Gesprächswendung etwas
+Unaufgelöstes in meinem Herzen zurückblieb. –
+Und noch etwas anderes stimmte nicht ganz.
+Ich hatte sie küssen wollen. Sie wehrte ab. So
+ist nun einmal Jorinde! Zweimal hat sie selbst
+mich völlig ungescheut geküßt, – nun wo ich
+dasselbe wollte, wies sie angstvoll auf den
+Spiegel an der fernen gegenüberliegenden
+Wand: man könnte uns vom Korridor aus
+sehen! Doch nicht dieser Widerspruch erregte
+mich, sondern ihr Aufschrei: „Günther!“ –
+Also hatte auch er sie geküßt – oder zumindest
+küssen wollen? – Merkwürdig, daß sie bei
+ihrem Irrtum gar nicht verlegen wurde. Nie
+<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
+werde ich die Wahrheit herausbringen. Ihr
+ganzes Benehmen zeugte von so unbedingter
+Treue, – an der Hauptsache dieser Treue zweifelte
+ich ja auch gar nicht, – es verwirrte sich
+nur alles für einen Moment, dann wurde es
+wieder klar. Ich hatte Selbstbeherrschung genug,
+von diesem Zwischenfall kein Wort zu reden.
+Nur bei späterer Gelegenheit fragte ich sie,
+wie sie den Mechaniker anspreche.
+</p>
+
+<p>
+„Herr Schmidt.“
+</p>
+
+<p>
+„Anders nicht?“
+</p>
+
+<p>
+„Manchmal auch Herr Günther.“
+</p>
+
+<p>
+„Oder vielleicht manchmal auch kurzweg –
+Günther?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, das nie.“
+</p>
+
+<p>
+„Wirklich nicht?“
+</p>
+
+<p>
+„Glaubst du, daß ich lüge?“
+</p>
+
+<p>
+Es ist also nicht ausgeschlossen, daß ich mich
+verhört habe. Ja, ich muß die Möglichkeit zugeben,
+daß ihr Aufschrei im Moment des
+Kusses vielleicht weder „Herr Günther“ noch
+„Günther“ gelautet hat, sondern irgendwie ganz
+anders. Denn eine Lüge habe ich eigentlich
+nie von Jorinde gehört.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
+Noch manches fragte ich. Ich erfuhr, daß sie
+nie mit ihm Briefe gewechselt habe, – sie ließ
+auch nie zu, daß er für sie zahle, – das hätte
+eine Verpflichtung bedeutet. Und getanzt? –
+Ein einziges Mal!
+</p>
+
+<p>
+Mein Gott, ich zermalme sie ja – dachte ich
+einen Augenblick lang, – so deutlich war es,
+daß ich, ich allein alle ihre Gedanken ausfüllte,
+daß mein Argwohn ihr unrecht tat, daß die
+Episode mit dem Mechaniker viel bedeutungsloser
+war, als ich je hätte glauben können. Gerade
+Ausdrücke, die Jorinde so nebenher gebrauchte,
+bestärkten mich in dieser neuen glücklichen
+Ansicht. „Er respektiert mich“, sagte sie
+von ihm. Oder: „Er ist ein Kind. Du kannst
+dir eben nicht vorstellen, wie ein unreifer
+Mensch das alles betrachtet.“ So spricht eine
+Frau nicht von einem Mann, der ihr etwas
+bedeutet.
+</p>
+
+<p>
+„Aber er liebt dich.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich weiß es nicht.“
+</p>
+
+<p>
+„Hat er denn nie etwas davon gesagt?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein. – Ach, du meinst, daß alle so sprechen
+und fühlen wie du. Ein kleiner Mechaniker.
+<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
+Er würde es gar nicht wagen. Und er braucht
+ja eine reiche Frau, um selbständig zu werden.
+Das ist seine Hauptsorge. Davon spricht er, von
+nichts anderem sonst. Du meinst, alle Menschen
+denken nur an Liebe wie du.“
+</p>
+
+<p>
+Ich küßte ihre Hand. „Aber wo ist dein
+Ring?“
+</p>
+
+<p>
+Sie trug ihn nicht. Es hätte Aufsehen unter
+den Kollegen erregt.
+</p>
+
+<p>
+„Und bei Herrn Günther.“
+</p>
+
+<p>
+„Ach, laß doch den, – nun gewiß, er ginge
+keinen Schritt mit mir, dazu ist er viel zu
+ehrlich.“
+</p>
+
+<p>
+„Nun also?“
+</p>
+
+<p>
+„Gönnst du mir wirklich die kleinen Spaziergänge
+nicht?“
+</p>
+
+<p>
+„Wenn er sich nun aber wirklich in dich verliebte!
+Das kannst du doch auf keine Weise ausschließen.
+Bedenke, welche Verantwortung du
+auf dich nimmst. Du machst ihn für sein ganzes
+Leben unglücklich.“
+</p>
+
+<p>
+Ihr Gesicht wurde hart. „Was geht das
+mich an! Ich kann nichts dafür, wenn mir die
+Männer nachlaufen. Ich tue nichts dazu.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
+So verstellen sich Göttinnen. – Eben noch
+hatte ich mich ihr überlegen gefühlt, hatte gefürchtet,
+sie zu zermalmen mit meiner Herrschaft,
+– nun war ich wieder zu Furcht und
+Anbetung verwiesen. Und dabei behandelte sie
+mich zart. Sah sie, daß ich traurig wurde, so
+milderte sie das eben Gesprochene, entschuldigte
+sich, führte immer wieder an, daß die
+letzten Rollen alle ihre Kräfte verzehrt hätten.
+Eine arme Schauspielerin, eine geplagte Anfängerin,
+– aber nur Achtung, nicht übermütig
+werden, sonst zeigt sie den Blitz und den schuppigen
+Ägisschild mit dem Gorgohaupt. –
+</p>
+
+<p>
+Wir fuhren im Auto zu ihrer Wohnung.
+Nicht ganz bis hin. Sie mochte in der Gasse
+nicht auffallen. So ließ ich an der Ecke zuvor
+halten. Ehe sie ausstieg, umfing ich sie: „Und
+freust du dich auf heute abend?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe doch lange genug warten müssen.“
+</p>
+
+<p>
+Ich drückte sie fester an mich, ihren weichen,
+biegsamen Körper. – Sie lachte mir noch zu,
+ehe sie um die Ecke verschwand. – O Natur,
+Natur! Dieses eine Wort entschuldigte doch für
+alle Qual.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
+Nun allein im breiten Ledersitz des Autos –
+allein und doch auf so ganz andere Weise allein
+als vor wenigen Stunden in der Bahn –
+denn nun war es ja sicher, daß Jorinde in
+wenigen Minuten wieder da sein würde. O
+Sicherheit, die mich umfing – nach all den
+Zweifeln und Aufstörungen der letzten Zeit.
+Gerade in meinem Alleinsein kam mir diese
+Sicherheit erst richtig zu Bewußtsein. Es war
+eine süße Ruhe, eine Art Schlaf. Jede Faser
+meines Körpers, das spürte ich, kehrte allmählich
+zur Ruhe zurück. Alles ringsum fühlte
+ich als vollständigen Frieden. – Da stellte
+der Chauffeur draußen den Motor ab. Es war
+wie ein Schlag. Nun erst merkte ich, daß der
+Wagen bis jetzt mit gehendem Motor gestanden
+war, tüchtig durchgeschüttelt; und diesen Lärm,
+dieses Zittern hatte ich in meinen vibrierenden
+Nerven immer noch als Ruhe empfunden; jetzt
+aber tauchte ich in die wirkliche Stille unter
+wie in ein laues Bad. – Vielleicht war es
+eine leichte Ohnmacht, die mich umfing. – Ich
+kam wieder an die Oberfläche. „Wie lange warten
+wir schon?“ Der Chauffeur zog die Uhr,
+<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
+zeigte mir etwas. Ich verstand ihn nicht. Es
+war mir auch einerlei. O diesen Frieden genießen
+– bis ans Lebensende, – es wäre Glückes
+genug. Und selbst, wenn Jorinde jetzt überhaupt
+nicht zurückkäme – oder wenigstens noch
+lange nicht – es wäre Frieden, der silbergraue
+Frieden des Himmelreichs. Der Regen fiel,
+kaum sichtbar, – nur ein leichtes Abwärtswallen
+der dämmerigen Luft, – ein leises Rauschen
+an den großen Glasfenstern, durch die
+ich hinaussah, nach rechts und nach links, doch
+beinahe ohne den Kopf zu bewegen. So müde,
+so müde! Die Straße war fast menschenleer.
+Aber die Häuser machten einen warmen, anheimelnden
+Eindruck. Ich hatte das Gefühl, als
+ob ich schon einmal – vor Jahren, als Kind
+vielleicht – hier gewesen wäre. Oder vielleicht
+hatte ich die Straßenansicht einmal geträumt.
+Das Schattenbild einer angenehmen Erinnerung
+mischte sich mit lieblich gedämpften Farben
+in die Gegenwart. Nun kam ein Radfahrer vorbei.
+Klar sah ich alles – und doch trunken. Er
+hielt an, indem er seine Hand an die Seitenwand
+des Autos legte. So stützte er sich leicht
+<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
+an unseren Wagen, immer auf seinem Rad aufrecht
+sitzend, und fragte den Chauffeur irgendwas.
+Der hatte offenbar nichts dagegen, gab
+bereitwilligst Auskunft. Beide lachten. Dann
+fuhr der junge Bursch davon.
+</p>
+
+<p>
+Ich ließ nochmals das Fenster hinunter.
+„Wie heißt die Straße hier?“
+</p>
+
+<p>
+„Frohsinnstraße.“
+</p>
+
+<p>
+Frohsinnstraße! – Doch eine alte Frau, die
+wie eine Hexe aussah, stand in der Nähe und
+sah immer wieder in den Wagen herein. Was
+mochte sie wollen, warum ging sie nur immer
+ein paar Schritte weit, blieb dann wieder
+stehen und kehrte um, um zu mir hereinzuspähen?
+– Ach nein, sie hatte nichts Böses im
+Sinn. Eine Straßenbahn kam, nahm die Alte
+mit. Ich hatte nur die Haltestelle nicht bemerkt,
+an der sie gewartet hatte.
+</p>
+
+<p>
+Ach nein, – das Leben ist nicht so bös. Wir
+ängstigen uns grundlos. Es gibt eine Frohsinnstraße.
+Die Hexe wird mitgenommen. Man
+erteilt Auskünfte, Mensch und Mensch helfen
+einander unter gemütlichem Lachen. Der Regen
+fällt weich, befruchtend in den grauen Frühlingsabend.
+<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
+– Und Jorinde – kommt sie denn
+wirklich nicht? Nun dauert es eigentlich schon
+gar zu lange. Ein Telephongespräch wegen
+Rollenübernahme, ein wenig Einpacken, das
+kann doch nicht so lange dauern? – Ach nein,
+sie kommt gewiß. Viel ist zwar möglich, viel ist
+bei Jorinde möglich, – das aber scheint doch
+undenkbar, daß sie mich hier im Auto warten
+ließe. Ich spüre zwar ein Tröpfchen Unsicherheit,
+– aber das ist nur ganz genau jenes
+winzige Tröpfchen, das nötig ist, um den Ozean
+von Sicherheit, in dem ich schwimme, fühlbar zu
+machen.
+</p>
+
+<p>
+Und da ist sie ja schon, – im grauen Reisemantel,
+die Lederkappe aufgesetzt das Köfferchen
+in der Hand.
+</p>
+
+<p>
+Vorwärts, Chauffeur, in den Abend, in die
+Nacht, zum Bahnhof, zu den Sternen. – Es
+gibt keinen glücklicheren Menschen als mich.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter blank" id="part-13" title="13">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a>
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">an</span> hört oft die Redensart: Othello, das
+Drama der Eifersucht. – Die so reden, haben
+nie erlebt, was Eifersucht ist.
+</p>
+
+<p>
+Othello ist das Drama einer plumpen Täuschung.
+Eifersucht spielt wohl eine Rolle dabei,
+– doch ist Othello weit entfernt davon, den Urtyp
+des Eifersüchtigen darzustellen. Beweis:
+daß er sich zum Schluß widerlegen läßt, seine
+Eifersucht für durchaus unbegründet, Desdemona
+für vollendet treu hält. Wer so fühlen
+kann, ist auch vorher nie wirklich eifersüchtig
+gewesen. Das Wesen der Eifersucht liegt ja
+eben darin, daß sie unter allen Umständen unvergänglich
+und unwiderlegbar ist, daß sie sich
+vollständig außerhalb des Gebiets von Beweis
+und Nichtbeweis hält. So wie es ein Vertrauen
+gibt, das eines Beweises nicht bedarf,
+so wie wahrer Glauben den Versuch eines Beweises
+gar nicht erträgt, – so gibt es auch ein
+<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
+Mißtrauen ohne Beweis, das ist die Eifersucht.
+Wahre Eifersucht hat daher etwas vom Rang
+des Religiösen an sich, freilich nicht auf der
+Lichtseite, sondern auf der dunklen Hemisphäre
+des Daseins. Denn nicht das ist Eifersucht, daß
+man eine Frau für treulos hält, ohne genügende
+Beweise, auf bloßen Verdacht hin; – nein,
+weiter noch, der Eifersüchtige fühlt und weiß,
+daß es überhaupt niemals, durch kein Mittel
+auszumachen ist, ob die Frau treu ist oder
+nicht, daß es nichts in ihrem Benehmen gibt,
+was nicht nach beiden Richtungen hin, als
+Argument für Treue wie für Untreue, gedeutet
+werden könnte, daß auch die Frau, selbst wenn
+sie helfen wollte, bei der Deutung ihrer eigenen
+Seele ebensowenig weiß wie der, der sich um
+sie abhärmt, und daß daher jeder Deutungsversuch
+ganz zwecklos, das Eifersuchtsgefühl
+dagegen das einzig Sichere, das Absolute ist.
+– Vielleicht ist dies allerdings schon eine
+solche Definition der Eifersucht, wie sie nur
+ein Eifersüchtiger geben kann. Gut, ich stecke
+eben in meiner Welt, – das leugne ich ja
+nicht.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a>
+Das wundervolle Zusammensein mit Jorinde
+hatte nichts genützt. Gar nichts.
+</p>
+
+<p>
+Daß sie sofort und mit Freude mein war wie
+nur je, – daß also diese schöne Frau mir angehörte,
+so oft es möglich war, – hätte mir das
+nicht genügen können? – War es nicht phantastisch,
+die ausschließliche Herrschaft über ihre
+Gedanken zu beanspruchen. Wann hast du an
+mich gedacht? Wie oft? Oh, so kindisch, danach
+zu fragen, – und dabei nie kontrollierbar –
+und dennoch, sobald ich nur wieder in Berlin
+war, meine Sorge Tag und Nacht.
+</p>
+
+<p>
+Eine Entscheidung hatten die schönen zwei
+Tage in R. nicht gebracht. – Wohl sah ich
+Jorindes schlanken Leib in hundert lockenden
+Bildern vor mir, roch förmlich das rotbraune
+alte Hotelzimmer mit seinem schwachen Seifen-
+und Haarwasserparfüm, mit seiner frischgebügelten
+Bettwäsche, dem Metall der kleinen
+elektrischen Lampe auf dem Nachttisch, – erlebte
+nochmals Jorinde in der Pracht ihrer Hingabe,
+nochmals ihr Streicheln über mein Haar,
+ihre Anschmiegungen, süßer als die irgendeiner
+anderen Frau der Welt – sah mich am Morgen
+<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
+ihren goldenen Armreifen auf der Marmorplatte
+vor dem Spiegel tanzen lassen, hörte ihre
+lieben Scheltworte (sie war so ordentlich und
+sparsam, fand das kostbare Stück ein wenig
+zerkratzt), – das alles beruhigte nicht, belebte
+nur meinen sehnsüchtigen Schmerz.
+</p>
+
+<p>
+Während ich mich mit Entzücken der geringsten
+Erinnerung hingab, dem Surren und
+Glitzern, Tanzen und Niederfallen dieses Goldrings
+auf den Marmor, – ging sie wahrscheinlich
+mit dem Mechaniker spazieren. Denn es
+war stillschweigende Übereinkunft geblieben, daß
+sie den Verkehr fortsetzen würde.
+</p>
+
+<p>
+Vielleicht legten sie beim Gehen Hand in
+Hand? Und wenn sie einander nur mit dieser
+gewissen sehnsüchtigen Beharrlichkeit Aug’ in
+Aug’ schauen! – Es ist doch unmöglich für
+einen jungen Mann, an Sommerabenden,
+neben einem schönen Mädchen, – – ich zitterte
+vor Wut, wenn mir diese Szenerie erschien.
+Doch ich war wehrlos. Sie drängte sich
+auf.
+</p>
+
+<p>
+Nun war also Jorinde wieder abgetrennt von
+mir, den unbekannten Einwirkungen einer fremden
+<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
+Welt überlassen. Das „Du“ fiel mir ein,
+das sie zuerst zugegeben, dann abgeleugnet
+hatte. Der Ausruf „Günther“. – Um wieviel
+beweiskräftiger jetzt all dies als in ihrer Gegenwart.
+– Mir wurde klar (woran ich in Augsburg
+und R. gar nicht gedacht hatte), daß diese
+beiden Umstände einander unterstützten. Wen
+man duzt, den ruft man auch mit dem Vornamen.
+– Und weiter: das Interesse an seiner
+selbständigen Stellung. – Ich bedauerte, nicht
+genauer hingehört zu haben, als sie von diesen
+Dingen sprach.
+</p>
+
+<p>
+Manchmal dachte ich ganz kalt: „Was hätte
+ich davon, wenn ich nun wirklich herausbrächte,
+daß sie ihn mehr liebt als mich, – oder daß
+er einen wesentlichen Teil ihrer Gedanken in
+Anspruch, also mir fortnimmt. Wie könnte ich
+mich denn trösten? Es gibt ja nichts! Ich habe
+mein Leben ganz und gar auf sie gestellt. Das
+war eine Zeitlang so süß – immer, immer sie
+vor Augen zu haben, nur ganz kurz bei den
+dringendsten Dingen des Bedarfs zu verweilen
+– und dann wieder zu ihr die Gedanken! Wie
+ist es jetzt? Der Gedanke an sie ist Qual. Will
+<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
+ich mich aber von ihm ablenken, so falle ich ins
+Leere, – es ist einfach rund um sie nichts da,
+keine Interessen, keine Welt, sie schwebt als
+einziger bewohnbarer Fleck mitten im leeren
+Raum. Also bin ich ja auf sie allein angewiesen.
+Wozu die Zweifel, ich muß ja doch bei ihr
+bleiben, mag sie sein, wie sie will. – Am Ende
+wäre es am besten, sie anzuleiten, wie sie mir
+am wenigsten Verdacht einflößte. Sie brauchte
+ja überhaupt nichts vom Mechaniker zu schreiben.
+– Ob ich mir nur einreden könnte, daß ich
+ihr glaube: das ist die Frage dabei.“
+</p>
+
+<p>
+Ich fühlte, wie ich tiefer und tiefer mich entwürdigte.
+– Es gab verzweifelte Stimmungen,
+in denen ich mich nur noch daran klammerte, daß
+sie, zumindest für einige Zeit noch, meine Unterstützung
+brauchte. Das Geld, früher ein Grund
+zur Unruhe in der zarteren Auffassung unserer
+Liebe, wurde nun eine Art von Ruhepunkt: so
+sehr hatte ich meine Ansprüche, meine Auffassung
+von Ruhe und innerer Sicherheit hinuntergestimmt.
+Der absurde Gedanke, die Geliebte
+durch einen Detektiv beobachten zu lassen,
+kam mir nahe. Glücklicherweise ließ ich mich
+<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a>
+niemals dazu herbei, dieser Versuchung nachzugeben.
+Eine solche Veranstaltung hätte ja dem
+ganzen Sinn unserer Beziehung geradezu ins
+Gesicht geschlagen. – Hielt ich mich aber auch in
+dieser einen Hinsicht aufrecht, so fühlte ich doch,
+wie sich alles Edle meiner Seele in Zersetzung
+befand. In widerlicher Bescheidenheit überblickte
+ich manchmal die Trümmerreste meines Glückes
+und fand sie immer noch – beträchtlich genug.
+Das war schlimm. Das trieb mich zu einem
+Gefühl, das mir vordem ganz fremd gewesen
+war: Selbstverachtung.
+</p>
+
+<p>
+Wie aber, wenn der Mechaniker reich wurde,
+– wozu er ja vermöge seiner Tüchtigkeit auf
+dem besten Wege schien? – Dann hätte sie
+mich ja nicht mehr gebraucht. – So gab es für
+jede Gemeinheit eine Gegengemeinheit, um
+deren allenfalls heilsame Wirkung auf mich
+aufzuheben.
+</p>
+
+<p>
+Nein, ich sollte kein Behagen mehr haben.
+Entweder auf der allerobersten Stufe der Reinheit
+und des Glückes – oder gar nicht atmen
+können – jedes Mittelding, jedes Durchschlüpfen
+war ausgeschlossen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter blank" id="part-14" title="14">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a>
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">ie</span> oft versuchte ich den Kern meiner Unruhe
+zu fassen. Etwa so: Jorinde log nicht.
+Richtig. Aber ihre Stimmungen wechselten.
+Immer wahrhaftig, war sie doch immer eine
+andere! Wie in ihren Briefen, deren Herzlichkeit
+wiederum knapp nach den Tagen in R.
+mich beglückt und – verwöhnt hatte, in der
+Folge aber dem bekannten kühleren Ton zu
+weichen begann. Unmöglich, diesen Prozeß, der
+nach jedesmaligem Zusammentreffen einsetzte,
+durch irgendein Kunstmittel aufzuhalten. –
+Manchmal glaubte ich klar zu sehen, daß ich sie
+ganz anders behandeln müßte, um sie mir
+dauernd zu sichern. Brutal, gleichgültig, selbst
+treulos! – Aber wäre mir auf diese Art nicht
+das beste meiner Liebe, die unendliche Zärtlichkeit
+und Verehrung, die ich für Jorinde
+empfand, verlorengegangen? Von allem abgesehen:
+meiner ganzen Natur nach war ich eben
+<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a>
+unfähig, anders zu lieben als auf diese gefahrvoll
+unverstellte, lautere, das ganze Herz
+ergreifende, auf meine Art.
+</p>
+
+<p>
+Denn das ist doch das Schönste von allem:
+ganz aufgehen in Arbeit und Sorgfalt um die
+Geliebte, nicht bloß Leidenschaft für sie fühlen,
+sondern geradezu freundschaftliches Wohlwollen,
+– so daß man ihr guten Erfolg in allem
+wünscht, Ruhm, Zufriedenheit, Gesundheit, –
+so daß man fähig wird, jeden Schritt, den sie
+nach vorwärts macht, als Bereicherung des
+eigenen Seins, ja mit einer Dankbarkeit zu
+genießen, die über die Dankbarkeit für eigenes
+Glück weit hinausgeht. Erst diese wahrhaft
+menschliche Stufe der Liebe scheint mir wahre
+Liebe zu sein. Doch ist es nicht Menschlichkeit
+im gewöhnlichen Sinn, hat nichts mit Nächstenliebe,
+mit banaler, wenn auch guter Anteilnahme
+an unserem Nebenmenschen zu tun –
+es ist ja eine Göttin, an der man Anteil nimmt,
+nicht ein Mensch –, es ist ein frevelhaftes Emporsteigen
+in die heidnischen Berge Thessaliens,
+von denen man schnell wieder hinabgeschleudert
+werden kann, wie Tantalus in den Hades hinab,
+<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a>
+– o wie deutlich mischt sich das Feuer der
+Vermessenheit in die kühle Tugend, die Sünde
+der Fremdheit noch in die vertrauliche Hilfsbereitschaft.
+Wenn mich nun aber Jorinde beleidigte
+oder in ängstliche Spannung versetzte,
+mußte ich mich in Verteidigungszustand gegen
+sie setzen – und das war das Schreckliche: Da
+wo es mich drängte, mein Herz in süßestem
+Wohlwollen zu verströmen, wie Tantalus an
+seine göttlichen Freunde, und wo ich auch die
+Fähigkeit in mir fühlte, dies rückhaltlos zu tun,
+da mußte ich mich wehren, Böses ersinnen, vergiftenden
+Trotz.
+</p>
+
+<p>
+Ein Glück, daß mir bei all dem immer noch
+klar blieb, daß die Schuld an diesem Verfall
+nicht auf Jorindes Seite, sondern ausschließlich,
+ausschließlich auf meiner Seite war. Jorinde
+war richtig, so wie sie war. Wäre nun auch ich
+richtig, wäre ich stärker, kälter, vertrauensvoller
+gewesen, so hätte ich den Anforderungen standgehalten,
+die das Leben mit einer Göttin, –
+oder vielleicht das Leben schlechthin stellt ...
+</p>
+
+<p>
+Doch ich wurde ja zusehends schwächer. Die
+schlaflosen Nächte ließen einen einseitigen
+<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a>
+Schmerz in meinem ganzen Körper zurück. Auf
+der rechten Seite schmerzte der Kopf, das
+Rückgrat, die Hüfte, sogar der Schenkel. – Jorinde
+foltert mich! Geradezu körperlich tut sie
+mir weh! Es ist nicht nur die seelische Spannung,
+die ich nicht länger ertrage, – auch dieses
+Aufpeitschen fieberhafter Blutströmungen
+halte ich nicht mehr aus!
+</p>
+
+<p>
+Als ein besonderes Mißgeschick erschien es
+mir, daß um diese Zeit die Photographie der
+unbekannten Dame, die mich immer so tröstend
+an Jorinde erinnert hatte, aus der Bahnhofshalle
+am Nollendorfplatz verschwand. Aller
+Trost wurde aus meinem Leben entfernt ...
+</p>
+
+<p>
+Ich gab den Kampf nicht auf. Ich suchte Trost
+in der Religion, befaßte mich mit verschiedenen
+Philosophien, – doch was ich auch hörte und
+las, es bekräftigte mich in meiner Grundüberzeugung:
+Frieden ist nur im Schoß der Geliebten.
+</p>
+
+<p>
+Dieser Frieden ist mir unwiederbringlich verlorengegangen,
+und so sterbe ich gern.
+</p>
+
+<p>
+Auch die Bücher der Dichter durchstöberte ich
+auf der Suche nach einem beruhigenden Wort.
+<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a>
+Aber die modernen wissen nichts von der Liebe,
+– von verzehrender, unterjochender Liebe, wie
+ich sie meine, – und bei den älteren, die wohl
+das Wesentliche davon empfunden haben (so
+scheint es), stieß mich die fremdartige Umgebung
+ab. Nur ein einziges Mal empfing ich aus
+einem Kunstwerk unmittelbar das, wonach ich
+dürstete. An einem schönen Frühlingssonntag
+spielte man in einem Vormittagskonzert Beethovens
+letztes, schönstes Quartett, das Quartett
+des Abschieds. Ich kannte es längst und sehr
+genau, hatte es selbst wiederholt gespielt, –
+aber jetzt erst, in meiner ärgsten Zerrüttung, verstand
+ich es. Welch ein tiefer Schmerz der Anfangstakte,
+– dann sofort ein die Brust weitendes
+Hauptthema, frei herausgesungen, – gleichsam
+der Idealzustand der heiteren Ruhe, der
+für immer dahin ist. Wie Phantasmagorie tauchen
+leichte punktierte Figuren auf, man glaubt
+Anklänge an die Pastoralsymphonie gleicher
+Tonart zu erkennen. Oh, da war Glück, da war
+Verbundenheit in Gott, Frieden, Größe, Andacht.
+Traut aber irgendwer dem aufsteigenden
+Motiv, das jetzt (beim ersten Forte) Entschlossenheit,
+<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a>
+Energie vorspiegelt? Nein, nein, –
+bald setzen die schwermütigen Anfangstakte ein,
+durch harmloses Geplänkel hindurch dringen sie
+immer mehr an die Oberfläche, beherrschen die
+Durchführung, – und der arglose Schluß dieses
+Satzes hebt sich von drohend schwarzem Gewitterhimmel
+ab. Donner und Blitz, Feuerwerk
+aller Rhythmen, Orgie und Satire ist denn
+auch im Scherzosatz entfesselt. Der Violinbogen
+springt, die Bässe poltern monoton. Ein rasender
+Schrei nach Vergessen, nach Wollust, nach
+Betäubung und Schmerz. – Bis dann in der
+unbegreiflichen Eingebung des Lento der „Abschied“
+wirklich da ist, in all seiner Melancholie
+süß und zart, Keim des Wahnsinns, der sich bis
+ans Sternengewölbe entfaltet. Klagt nicht das
+herrliche Cis-Moll-Zwischenspiel wie ein Requiem?
+Das Grab ist geöffnet, schwarze Fahnen
+wallen, von Kerzen düster erhellt, – hinab,
+hinab in grenzenlose Tiefe alles, was mir lieb
+war, alles, woran meine Gedanken sich anklammerten,
+woraus sie Kraft und Erquickung
+sogen! Das liebliche Bild der Geliebten erscheint
+nochmals, von Sopranfiguren umspielt.
+<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a>
+Rückhaltslos, ja rückhaltslos wird hier das Herz
+dem Wahnsinn geöffnet. Die trügerische Reinheit
+der Dur-Harmonien baut Phantasiefreuden
+auf, man spürt die sehnsuchtsvolle, nie mehr
+stillbare Leere einer Seele, die mit letzter Ausschweifung
+an ihren Erinnerungen hängt. –
+Dann aber, welch eine Erlösung, beginnt Beethoven
+zu sprechen: „Der schwer gefaßte Entschluß.“
+„Muß es sein? – Es muß sein! Es
+muß sein!“ Furchtbare Frage zuerst, dringender
+und immer dringender gestellt. Dann setzt mutig
+und frisch die Antwort ein. Weg mit allen
+kranken Gefühlen, – leben, leben, da dies nun
+doch einmal unser Teil ist! Wie nun mit einemmal
+der Bann gebrochen ist, ein quellender
+Strom neuer Themen einsetzt, – zart ansteigend
+bis zu dem in sich gefaßten, schrittweisen, wundervoll
+männlichen Marschthema in A-Dur.
+„Es muß sein, es muß sein!“ bekräftigt immer
+wieder eine oder die andere Stimme dazu,
+treibt den rüstigen Wanderer vorwärts in eine
+neue Landschaft. Welch ein Aufbruch! Welch
+eine beneidenswerte Sicherheit wiedergefundenen
+Selbstbewußtseins! – Was ich aber am meisten
+<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a>
+bewundere, ist Beethovens Seelenerkenntnis:
+sich losreißen von der Geliebten – das erscheint
+anfangs ziemlich leicht und einfach. So
+folgt auf die pathetische, doch einfach harmonisierte
+Frage „Muß es sein?“ recht schnell die
+nicht einmal sehr aufgeregte Antwort des Allegro
+„Es muß sein“. Gewissermaßen so:
+„Adieu, leben Sie wohl, gnädiges Fräulein. Es
+war ja sehr nett, was wir miteinander erlebt
+haben. Aber so, wie sich die Sache jetzt gestaltet
+hat, geht sie ja offenbar nicht weiter. Das sehen
+Sie doch wohl selbst ein. Wir quälen einander
+nur gegenseitig. Also ist es das beste, wenn wir
+einander frischweg die Hände zum Abschied
+reichen. Nichts für ungut, vielleicht auch mal
+auf Wiedersehen. Adieu.“ – So etwa klingt
+mir der Anfang des Schlußsatzes. Aber nach
+der Reprise verdüstert sich das Bild sehr schnell.
+Das Marschthema bekommt schon einen leise
+sentimentalen Einschlag; sinkt dann in tiefere
+Lagen, sequenzartig, Moll, von tiefen Trillern
+untermalt, unheimlich. – Und nun die erschütterndste
+Episode: die Frage „Muß es sein?“
+taucht nochmals auf, jetzt aber gewaltiger, im
+<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a>
+Glanz eines furchtbaren Tremolo aller Oberstimmen.
+Und die Antwort: „Es muß sein!“
+klingt nun nicht mehr kurz und schnell, – ach,
+sie hat vielmehr das Tempo der Frage
+(„Grave“) angenommen, nur leise, vorsichtig,
+ohne Impetus. Klage, nichts als tränenreiche,
+widerstandslose Klage ist die Antwort geworden.
+Sie muß sich auf den Baß der Frage stützen,
+sonst bräche sie in sich zusammen. – O Schauer,
+Schauer der Wahrheit! Beethoven, wie konntest
+du wissen, daß es so und nicht anders ist: zunächst
+so leicht der Entschluß, dieser Liebe ein
+Ende zu machen, und erst nach einiger Zeit in
+seinem ganzen gräßlichen Ernst, in seiner unwiderruflichen
+Schmerzhaftigkeit erkannt! Erst leicht,
+dann schwer ist der Abschiedsentschluß, – so
+lehrt wirkliches Erlebnis, indes schablonenhafte
+Stümperpsychologie das Umgekehrte voraussetzen
+würde. Solcherart sind die Einblicke, die
+das Werk des Genius von dem bloßer Talente
+scheiden. – Und nun zu Ende: nochmals Zusammenraffen
+aller guten Kräfte, um den
+Wahnsinnskeim zu überwinden. Sieg! Sieg!
+Ein Sieg in Zartheit, in stiller Einkehr. Sanft
+<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a>
+ertönt es jetzt, fragend und antwortend zugleich,
+in süßer, schon unirdischer Schwebe:
+„Es muß sein.“ Und dann <span class="antiqua">pizzicato</span>, leicht und
+fein trippelt der Meister aus der Welt davon,
+entfernt sich still aus dem Leben, ohne viel
+Aufhebens zu machen. Diese letzten Takte sind
+wohl das Zauberhafteste, was Beethoven geschrieben
+hat. Ein Lächeln erfüllt sie, ein sacht
+verspieltes, fast kindliches Lächeln, etwas spieldosenhaft
+Liebliches, – die Spieluhr einer
+anderen Welt erklingt. Ohne Leidenschaft und
+Leid – rein und leicht ist das Himmelreich. –
+Und das Herz sagt „Amen“ und sagt wohl
+noch: „Möge auch mir solch seliges Ende beschieden
+sein!“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter blank" id="part-15" title="15">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a>
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> letzte und <em>entscheidende</em> Brief Jorindes
+lautete:
+</p>
+
+<p>
+„Mein guter, lieber Mann! Ich teile Dir mit,
+daß ich ein Zimmer in Bobingen gemietet habe,
+wo ich nach Schluß der Saison (ganz bald) wohnen
+und Dich erwarten werde, bis Du mit Deinen
+Geschäftssachen fertig bist. Dann fahren wir
+zusammen nach Holland, hurra, wie ich mich
+freue, gelt? Ich nahm das Zimmer schon jetzt, um
+in diesen letzten Wochen der Saison gelegentlich
+einen oder zwei Tage dort verbringen zu können.
+Meine Nerven sind kaputt. Wenn es nur der
+Spielplan häufiger erlaubte hinauszufahren!
+Neulich traf ich den Mechaniker – zufällig, in
+der Stadt –, er fand, daß ich sehr elend aussähe
+und hat mir dann dieses Zimmer verschafft,
+wofür ich ihm sehr dankbar bin. Das Haus gehört
+Verwandten von ihm. Ich erhalte da auch
+sehr billig Milch, fette Sahne, wie man sie in
+<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a>
+der Stadt nie zu sehen bekommt oder nur für
+neun bis zehn Mark das Liter, während es hier
+nur sieben Mark kostet. Du bist mir doch nicht
+böse, gelt, daß ich das gemacht habe (nämlich die
+Miete), ohne Dich vorher anzufragen. Es eilte,
+denn schon machen sich überall Sommergäste
+unangenehm bemerkbar. – Möchtest Du mich
+nicht einmal in meinem Sommersitz besuchen?
+Es ist sehr einfach hier. Auch die Gegend ist nicht
+berückend. Um so schöner wird dann die Reise
+nach Holland mit Dir, dann hast Du auch wenigstens
+eine Frau mit, die nicht ein bloßes
+Knochengerüst ist. Ich meine infolge dieser Kur,
+die ich jetzt mache. Also, nicht böse sein! Schreibe
+bald, viel und lieb. Und schone Dich doch ein
+wenig, ich bitte Dich darum. Rege Dich nicht
+auf. Es ist wirklich kein Anlaß vorhanden. Iß
+brav, sonst mag ich Dich nicht, wenn Du wieder
+so hohläugig ausschaust wie neulich. Das war
+doch gänzlich unnütz und überflüssig. Hoffentlich
+siehst Du das nun ein. – Es küßt Dich
+</p>
+
+<p class="sign">
+Deine dankbare Jorinde.
+</p>
+
+<p class="noindent">
+PS. Man fährt mit der Eisenbahn nach Bobingen,
+nicht mit der Elektrischen.“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter blank" id="part-16" title="16">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a>
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> war natürlich im Augenblick entschlossen,
+nach Augsburg zu reisen, und zwar unverzüglich.
+</p>
+
+<p>
+Es hätte des verräterischen Gleichklanges
+(Bobingen, Göggingen) nicht bedurft: ich wußte,
+noch ehe ich einen Blick auf die Landkarte geworfen
+hatte, daß diese beiden Orte nicht weit
+voneinander entfernt waren. – Was bedeutete
+nur die merkwürdige Nachschrift in Jorindes
+Brief? Sollte sie den Verdacht ablenken? –
+Sie konnte allerdings auch bedeutend harmloser
+aufgefaßt werden: Jorinde lud mich ja ein, sie
+in ihrem „Sommersitz“ zu besuchen. Also gab
+sie mir naturgemäß auch die nähere Anweisung,
+wie ich hinzukommen hätte. O diese teuflische
+doppelte Auslegung, die überall möglich war!
+Bedeutsam aber war das Wort „Sommersitz“
+(wie es überhaupt in diesem Briefe nichts Bedeutungsloses
+gab). Wies „Sommersitz“ nicht
+<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a>
+auf dauernden Aufenthalt hin, – also würde
+Jorinde nach der Hollandreise wieder dahin, zu
+ihm zurückkehren? Daß sie an dieser unserer
+gemeinsamen Reise festhielt, sich auf sie freute,
+gab mir seltsamerweise keinen Trost. Alles
+wurde überwogen durch den Eindruck, daß sie
+ihren Sommerplan in einem wesentlichen Punkte
+dem Rate jenes Dritten angepaßt hatte, daß
+er schon Autorität genug besaß, sie zu raschem
+Entschluß zu veranlassen, – wie nahe aber
+sind Liebe und Autoritätsglauben bei einer
+Frau – und nun wohnte sie, ihm bequem erreichbar,
+mitten in jener bayrischen Landschaft,
+der sie beide entsprossen waren, wohnte ständig
+da, nicht zu kurzen Spaziergängen nur, und
+noch dazu bei seinen Verwandten! Das war es,
+was mich am meisten aufregte: Die vage Vorstellung
+von Familienvertrautheit mit jenem
+anderen, von dörflich anspruchslosem Leben, mir
+unzugänglich, von einem gemeinsamen Spiel,
+das ich nicht durchschauen konnte, von einer
+Verbundenheit, die mich ausschloß. Sie waren
+ja alle zusammen eine Familie gegen mich! –
+Und das sollte ich dulden, sollte abwarten bis
+<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a>
+zur Erledigung meiner „Geschäftssachen“, –
+von denen Jorinde so obenhin sprach, obwohl ich
+ihr von der gefährlichen Wendung, die der Prozeß
+gegen meine Brüder genommen, mehrmals
+ausführlich geschrieben hatte. – Nein, nein,
+sie irrte, – ich würde mich durch diese „Geschäftssachen“
+nicht abhalten lassen, sofort zur
+Stelle zu sein, – ich hatte kein Interesse mehr
+an ihnen! Wozu sich in einer vorgeschobenen
+Position behaupten wollen, wenn der Mittelpunkt
+nicht mehr zu halten ist? So beauftragte
+ich sofort nach Empfang des Schicksalsbriefes
+meinen Rechtsanwalt, einen Vergleich
+zu schließen, – meine Brüder sollten alles
+nehmen, was sie wollten, mir nur einen finanziellen
+Anteil lassen; die geistige Leitung der
+Fabrik beanspruchte ich nicht mehr. Ich konnte sie
+ja auch nicht mehr leisten. Mußte am Ende noch
+froh sein, wenn ich Kompagnons bekam, die mir
+die Arbeit abnahmen, zu der ich mich mehr und
+mehr unfähig fühlte. – Der Zusammenbruch war
+da. Ein Plan schwebte mir vor, – in Augsburg
+oder sonst in Jorindes Nähe eine Wohnung für
+mich zu nehmen. Ich hielt es nicht länger aus,
+<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a>
+fern von ihr zu leben. Das war das einzige
+Klare an diesem Plan, – unbestimmte Hoffnungen
+schwirrten allerdings rings um ihn. Mit
+ihr zusammen von vorn anfangen, – vielleicht,
+wenn sie meine Frau war – wiewohl ich einsah,
+daß dies im Wesen nicht viel ändern
+konnte. Nun, jedenfalls ging es auf die Art
+wie bisher keinen Tag mehr weiter! Wie hatte
+ich es nur so lange ertragen können – keine
+Stunde, in der nicht völliger Umsturz drohte –
+ein Umstand, so gleichgültig wie die Tatsache,
+daß das Liter Milch in Bobingen um zwei
+Mark billiger war als in der Stadt, genügte,
+um mein Lebensglück, dem ich gern all mein
+Hab und Gut geopfert hätte, über Nacht zu vernichten,
+– auch hier allerdings jene verfluchte
+Doppeldeutigkeit, wenn ich den Brief genau
+las: es hieß dort, daß gute Milch in der Stadt
+„nie“ zu sehen war „oder nur für neun Mark“.
+Was bedeutete, um aller Heiligen willen, was
+bedeuteten hier die Worte „ober“ und „nur“?
+Es war nicht zu durchdringen, ebensowenig wie
+dieses ganze dumpfe Geheimnis zwischen Jorinde
+und mir. Verzaubert war ich, verzaubert
+<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a>
+die Frau, wie in jenem schauerlichen Märchen
+meiner Kindertage. Unmöglich, einander festzuhalten.
+Das ging über Menschenkraft hinaus!
+Und doch hatte ich auf dieser Welt nichts,
+nichts anderes mehr zu schaffen, als Jorinde
+für immer und in tiefster Einigkeit bei mir festzuhalten.
+–
+</p>
+
+<p>
+Das Vorwärtsrütteln der Eisenbahn war doch
+noch eine Art Beruhigung für die tobenden
+Nerven.
+</p>
+
+<p>
+Ich hatte wieder telegraphiert. Aber Jorinde
+war diesmal weder im Kaffeehaus noch im
+Restaurant. – Die Gespenstererscheinung unserer
+vorigen Begegnung huschte durch den
+bläulichen Glaskorridor, saß schattenhaft am
+weißgedeckten Tisch im leeren Speisesaal. –
+Es war natürlich diesmal damit zu rechnen gewesen,
+daß Jorinde gerade am Tage meiner
+Reise in Bobingen draußen sein und mein Telegramm
+nicht erhalten würde. Ich hatte es vorhergesehen.
+– Dennoch: was hätte ich nicht
+darum gegeben, von ihr auch diesmal wieder
+mit solch einem sanften ehelichen Kuß empfangen
+zu werden, der eigentlich jede weitere Auseinandersetzung
+<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a>
+überflüssig macht oder wenigstens
+von Anfang an in gute Bahnen lenkt ...
+</p>
+
+<p>
+Was nun? – Ich irrte die Maximilianstraße
+hinunter, bestellte Kaffee in der prunkvollen
+Halle des Fuggerhauses, das jetzt das „Hotel
+Drei Mohren“ ist. – Die Enttäuschung hatte
+unerwartete Gegenkräfte in mir ausgelöst. Ich
+wußte plötzlich, <em>wußte</em> bestimmt, daß Jorinde
+mich liebte. Wenn solche Liebe vergehen kann,
+dann kann ja alles vergehen. Es war unmöglich
+... Auch aus ihrem letzten Brief las ich nun
+einen zärtlichen Ton heraus, der mir im ersten
+Schreck ganz entgangen war. Die Anrede gleich
+„Mein guter, lieber Mann“. Unzähligemal
+wiederholte ich mir die vier Worte.
+</p>
+
+<p>
+Sollte ich nach Bobingen hinausfahren, sie
+überraschen! – Der Gedanke, daß ich sie mit
+dem Mechaniker dort antreffen würde, war mir
+schrecklich. Die Situation mochte noch so unverfänglich
+sein; nur ihn sehen, diesen Eindringling,
+– das schon schien mir in seiner
+brutalen Tatsächlichkeit meine Kräfte zu übersteigen.
+</p>
+
+<p>
+Doch vielleicht war sie gar nicht draußen?
+<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a>
+War in der Stadt – und nur ein Zufall hatte
+sie abgehalten, rechtzeitig zu mir zu kommen? –
+Eine neue Hoffnung. Ich erbebte vor Glück
+bei dem Einfall, daß ich sie vielleicht in ihrer
+Wohnung finden würde. Wiewohl es doch
+ersichtlich nichts Böses sein mußte, wenn sie
+in ihr Landheim hinausgefahren war: ich flehte
+Gott um die Gnade an, daß es nicht geschehen
+sein möge, – sonst ja, aber heute, gerade heute,
+möge es nicht geschehen sein!
+</p>
+
+<p>
+Rasch ins Auto. – Als müßte sich alles so
+wiederholen, wie es damals, bei unserem letzten
+glücklichen Zusammentreffen gewesen war,
+ließ ich den Wagen an der Ecke der Frohsinnstraße
+halten. Oh, solche Wiederholungen haben
+etwas entsetzlich Leichenhaftes an sich und nützen
+gar nichts. – Ich ging die Gabelsbergerstraße
+hinein, – denselben Weg, den sie damals
+gegangen war, um den Koffer zu packen
+– an der Ecke noch hatte sie sich umgewandt
+und mir zugelächelt! Dann stand ich vor dem
+Haus, in dem sie seit geraumer Zeit wohnte.
+Ich sah es zum erstenmal; denn so nahe heran
+hatte ich sie nie begleiten dürfen. Hier also
+<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a>
+lebte sie. Wie seltsam! Dies der Erdenfleck, zu
+dem alle meine Briefe, all meine unendliche
+Sehnsucht und Bangigkeit hingeflogen waren.
+– Da mischte sich der wütende Gedanke ein,
+daß vielleicht, nein sicherlich, auch die Sehnsucht
+eines anderen denselben Weg, dasselbe
+Ziel hatte. – Wie unrein war doch alles, ach,
+ohne meine Schuld, – nichts in der Welt
+konnte sich rein erhalten!
+</p>
+
+<p>
+Im dritten Stock öffnete ein graubärtiger,
+sehr großer und dürrer Mann die Tür, an der
+ich geläutet hatte. Nein, das Fräulein sei seit
+heute morgen nicht zu Hause gewesen. Sonst
+wisse er nichts, gar nichts ... Er höre auch
+schlecht, er bitte, lauter mit ihm zu reden ...
+</p>
+
+<p>
+So blieb also doch nichts übrig, als nach
+Bobingen hinauszufahren.
+</p>
+
+<p>
+Ohne viel zu überlegen, nahm ich den nächsten
+Zug. Möglicherweise verfehlte ich sie nun
+erst recht. Sie konnte in jedem der Züge sitzen,
+die jetzt gegen Abend von Bobingen in der
+Richtung Augsburg zurückfuhren. – Doch gab
+es keine Wahl mehr für mich. Das sinnlose
+Starren in die vorbeirasenden Gegenzüge gab
+<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a>
+ich bald auf. – So wie es kommen muß, kommt
+es jetzt, dachte ich. Ist sie nicht draußen, so fahre
+ich sofort wieder zurück. Ein tolles Ringelspiel.
+Nun, jedenfalls sehe ich sie heute noch vor
+Nacht, das ist die Hauptsache. Allerdings bringe
+ich sie draußen in Verlegenheit, in dem Nest.
+Schon ein Zusammentreffen in Augsburg fand
+sie unschicklich, hatte Angst um ihren Ruf. Und
+nun erscheint plötzlich ein Berliner Herr in dem
+Dorfe, besucht die Schauspielerin ... Dazu
+macht sich doch jeder seinen Text ... Jorinde
+wird sehr böse sein, ihre Einladung war vielleicht
+nicht ernst gemeint oder hatte gewisse
+Vorsichtsmaßregeln zur Voraussetzung ... Es
+wäre wohl das beste, mich diesmal gar nicht
+als ihr Bekannter einzuführen. Ich kann ihr
+ja ein Zeichen geben, daß ich gleichsam inkognito
+da bin, – ein Fremder.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter blank" id="part-17" title="17">
+<span class="keep-nu-html-checker-happy">&nbsp;</span>
+<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a>
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+<span class="firstchar">U</span><span class="postfirstchar">nd</span> warum bin ich gekommen? Nun, es wäre
+doch lächerlich, in Augsburg zu bleiben, wenn
+ich schon einmal die weite Fahrt gemacht habe,
+und sie nichts davon wissen zu lassen. Ich komme
+nur, um sie zu benachrichtigen. Draußen müssen
+wir gar nichts miteinander reden, sehen einander
+nur im Einverständnis an, – dann fahren
+wir in demselben Zug, aber scheinbar ohne
+Kenntnisnahme voneinander, nach Augsburg
+zurück. Von dort vielleicht sofort weiter nach R.
+Vielleicht genügt auch ein kurzes Gespräch
+in Augsburg. Ich will diesmal wirklich ganz
+bescheiden sein. In drei, vier Sätzen muß sich
+alles sagen lassen. – Wenn ich aber von
+Augsburg zurückreiste, wenn wir einander diesmal
+(es wäre das <em>erste</em>mal) verfehlten: dann
+würde doch auch Jorinde dies übelnehmen, sich
+über mich ärgern. Sie freut sich ja, wenn ich
+komme. Immer hat sie sich so ehrlich damit gefreut.
+<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a>
+Und nun hätte ich am Ende sie in Bobingen
+lassen und nach Berlin zurückkehren
+sollen, ohne sie zu sehen? Undenkbar! Jorinde
+wäre untröstlich, wenn sie das erführe ... Bleibt
+nur der eine Ausweg: mich möglichst unauffällig
+in ihre Nähe schleichen, mich bemerkbar
+machen – und sie dann gleich nach Augsburg
+oder sonstwohin mitnehmen.
+</p>
+
+<p>
+So belog ich mich auf ganz raffinierte Art.
+Oder war es Wahrheit? – Jedenfalls hatte
+ich mich in eine ganz sonderbare Situation gebracht,
+in der ich nun <em>gezwungen</em> war, eine
+Art <em>ungewollter Spionage</em> zu treiben.
+Der Detektiv, den ich früher als tief unter der
+Würde unserer Liebe stehend abgelehnt hatte,
+dieser Detektiv war nun – ich selbst.
+</p>
+
+<p>
+Bobingen. – Ich stieg aus. Vorsichtig verließ
+ich den Bahnhof.
+</p>
+
+<p>
+Ich brauchte nicht weit zu gehen.
+</p>
+
+<p>
+Die alleeumsäumte Straße, die zum Bahnhof
+führte, kamen zwei Menschen in langsamem
+Schritt einher. Ich erkannte von weitester Ferne
+Jorinde in weißem Kleid – und ihn, den
+Mann. – Zitternd trat ich hinter einen Baum,
+<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a>
+ließ die beiden näher kommen. Sie gingen nicht
+im Schlußarm, sondern ungefähr einen Schritt
+voneinander entfernt. Ich konnte nicht unterscheiden,
+ob sie miteinander sprachen oder
+nicht. Während sie an mir vorübergingen,
+schwiegen sie.
+</p>
+
+<p>
+Gewohnt, mit dem ersten Blick Jorindes
+Aussehen zu prüfen, fand ich, daß sie leicht
+abgebrannt war, – die blonden schlanken
+Augenbrauen flammten im gebräunten Gesicht.
+Sie sah gut aus, – auch in der Gestalt etwas
+voller als sonst, – die sehnsuchterweckende
+Kindlichkeit ihrer Arme, ihrer Hüften, ihres
+Schrittes war geblieben; nur gesünder und weniger
+zerbrechlich strahlte all diese Anmut, die
+einstens mein gewesen war ... Warum hatte
+sie nur das mit dem „Knochengerüste“ geschrieben?
+Es peinigte mich, weil in diesem Augenblick
+alles darauf ankam, ob man Jorindes
+Worten unbedingtes, wörtliches Vertrauen
+schenken könne oder nicht.
+</p>
+
+<p>
+Den Mann hatte ich noch gar nicht recht angesehen,
+da waren die beiden schon im Bahnhofsgebäude
+verschwunden.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a>
+Meilenweit weg wünschte ich mich. – Überall
+in der Welt war es schön, nur hier nicht.
+</p>
+
+<p>
+Hinter den Nadelwäldern sank die Sonne
+eines reinen Sommerabends. Die Landschaft
+schien aufzuatmen, sobald die beiden in den
+Bahnhof traten. – Ich aber mußte ihnen nach.
+Von der betäubenden Tatsache, daß ich nun
+wirklich wie in meinen schlimmsten Träumen
+meine Frau mit einem fremden Mann gesehen
+hatte, von diesem wahnwitzig schmerzenden
+Druck befreite mich weder das leise Blasen der
+Landluft noch der weite Ausblick in die grünen
+Hügel ringsum. – Zwar hatte ich nichts Böses
+gesehen. Und doch: ich hatte gesehen, wie es sich
+ausnahm, wenn meine Frau nicht an mich
+dachte. Das war grauenvoll. Und so leicht, so
+natürlich nahm es sich aus wie alles, was sie
+tat! Nun hatte ich also gleichsam die mir abgewendete
+Seite ihrer Seele gesehen. Es war
+mir, als stürze ich in einen Sumpf, dessen
+schmutzige Wellen mir über das vor Scham erglühende
+Gesicht schlugen ...
+</p>
+
+<p>
+Und doch mußte ich hinter den beiden her.
+Es war ein Verhängnis, begründet in der Logik
+<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a>
+der Situation. – Denn nun würde entweder
+der Mechaniker heimfahren, der Jorinde besucht
+hatte, und nachher könnte ich dann hier im Ort
+mit Jorinde sprechen (wovon nur? ich wußte
+eigentlich gar nicht, wovon), oder Jorinde fuhr
+weg, und der Mechaniker blieb bei seinen Verwandten.
+Dann mußte ich doch in denselben Zug
+springen, um gleichzeitig mit Jorinde nach
+Augsburg zu kommen und möglichst bald mit
+ihr zu reden, möglichst bald, – denn die Spannung
+in mir war nicht mehr lange ertragbar.
+Jedenfalls also hatte ich den Abschied der beiden
+zu beobachten, um mein weiteres Verhalten
+danach einzurichten. – Das aber war es, was
+mich eigentlich anzog, wenn ich nachträglich
+ganz ehrlich gegen mich sein will: es reizte mich,
+ihren Abschied zu beobachten. Beim Abschied
+mußte sich doch zeigen, in welchem Verhältnis
+sie zueinander standen, ob sie einander bloß
+die Hand drückten, kurz – oder lang, sehr lang
+– oder ob sie einander gar küßten ... Nun
+stand die Entscheidung über mein Leben unmittelbar
+bevor. Ausflüchte, verschiedenfache Deutung
+würde es dann nicht mehr geben. O wie
+<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a>
+fürchtete ich mich vor der Entscheidung, und
+wie wünschte ich sie herbei ...
+</p>
+
+<p>
+Ich löste, nach allen Seiten spähend, eine
+Fahrkarte, lugte durch die Tür in den geringeren
+Warteraum, vergewisserte mich, daß sie
+nicht dasaßen, – und hatte schon die dunkle
+Ecke dieses Zimmers entdeckt, von der aus ich
+am halb offenen roten Vorhang des Büfetts
+vorbei in den Wartesaal zweiter Klasse blicken
+konnte. Dort hatten die beiden an der dem Vorhang
+gegenüberliegenden Wand Platz genommen,
+unter einem goldgerahmten Spiegel, ziemlich
+weit weg von mir. – Obwohl sie in der
+Nähe des Fensters, im Licht saßen, sah ich sie
+infolge der Entfernung durch die rauchige Stubenluft
+hin nicht deutlich. Noch weniger allerdings
+konnten sie mich in meinem finsteren
+Winkel erkennen; hätten mich selbst dann nicht
+erkannt, wenn sie geahnt hätten, daß ich in der
+Nähe war. – Sie benahmen sich völlig unbefangen,
+sehr ruhig. Saßen nicht nahe beieinander,
+sondern durch die Tischecke getrennt.
+Nun bemerkte ich, daß sie sprachen. Doch offenbar
+war es kein aufregendes Gespräch, denn sie
+<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a>
+tranken in regelmäßigen Abständen ihren Tee,
+– was mir natürlich nicht gelang. – Eigentlich
+hatte ich den Eindruck, daß sie sich miteinander
+langweilten. Doch gibt es ja auch ein
+Schweigen zuzweit, das auf den höchsten
+Grad der Vertrautheit hindeutet. – Ihre Gesichtszüge
+verschwammen, ich konnte die beiden
+Schatten, die, wie mir vorkam, seit einer Ewigkeit
+einander etwas erzählten und die noch
+eine Ewigkeit lang so beisammen sitzen würden,
+nicht enträtseln. Ich bemerkte nur, daß Jorinde
+ihren Hut abgenommen hatte. Ihr blondes Haar
+glänzte in der Halbdämmerung.
+</p>
+
+<p>
+Endlich eine Bewegung! – In angestrengtem
+Hinschauen hatte sich das ganze Zimmer, in dem
+ich saß, samt dem Nebenraum, samt allen
+Gruppen wartender Bauern und Bäuerinnen
+wie in Stein verwandelt. Nun fuhr der Zug
+ein, und mir war es eine Befreiung, mit den
+anderen zusammen aufstehen, auf den Bahnsteig
+hinausstürmen zu dürfen.
+</p>
+
+<p>
+Im Gedränge stand ich dicht hinter den
+beiden.
+</p>
+
+<p>
+Der Zug hielt ganz kurz. Nun also mußte es
+<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a>
+geschehen! – Doch ich sollte noch länger auf die
+Folter gespannt werden. Eine Möglichkeit, auf
+die ich nicht gerechnet hatte, – aber dabei freilich
+von Anfang an die wahrscheinlichste von
+allen: der Mechaniker stieg zusammen mit
+Jorinde ein. – Es gab gar keinen Abschied
+zwischen ihnen. Es war ein gemeinsamer
+Ausflug gewesen, und nun fuhr er mit ihr
+zurück.
+</p>
+
+<p>
+Ich hatte gerade noch Zeit, mich in einen
+anderen Waggon zu stürzen. Dann setzte sich
+der Zug in Bewegung.
+</p>
+
+<p>
+Die unerwartete Wendung steigerte in mir
+das Gefühl von Jorindes Treulosigkeit, – ich
+gab mir keine Rechenschaft, warum. Bisher war
+ja nichts, rein nichts geschehen, was nicht vollständig
+der Darstellung in Jorindes Briefen
+entsprochen, worauf ich nicht hätte vorbereitet
+sein müssen.
+</p>
+
+<p>
+Nun führte also derselbe Zug uns drei dahin.
+– Wäre er doch entgleist! – In meinem Kopf
+tauchten wirre Sätze auf, wie etwa „Es könnte
+ja ein Eisenbahnglück geschehen“ – und andere
+Verdrehungen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a>
+Wenn nun der Zug entgleiste – und ich
+würde nicht gerettet, stürbe mit ihr zugleich –
+das wäre freilich sehr schön –, aber das Totenkleid
+könnte ich ihr nicht nähen lassen – nach
+ihren Angaben: aus schwerem weißen Taft,
+viereckig tief ausgeschnitten, mit weißen Rosen
+unter der Brust, – o du liebe Eitelkeit du, ich
+weiß ja, daß ich es dir versprochen habe, aber
+nun siehst du doch: alle Versprechen habe ich
+gehalten, wie ich sie dir damals bei unserem
+ersten Abendessen in der Reginabar gegeben
+habe, alle, alle getreu, nur dieses eine kann ich
+nicht halten, weil ich doch selbst mit zerschmetterten
+Rippen daliege ...
+</p>
+
+<p>
+Aber der Zug fuhr lustig weiter und nichts
+geschah.
+</p>
+
+<p>
+Nur ich stand auf, setzte mich, fand keine
+Ruhe und stand wieder auf. – Dann begann
+ich den Verbindungsgang durch den ganzen
+Zug hinzuschreiten. Ich konnte der Verlockung
+nicht widerstehen, in die hellerleuchteten Coupés
+hineinzuschauen. Obwohl dies ja nun ohne
+alle Beschönigungsmöglichkeit nichts als nackte
+Spionage war ...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a>
+Die beiden saßen in einem leeren, glänzend
+lackierten Abteil dritter Klasse.
+</p>
+
+<p>
+Ich sah hinein, ging weiter, – kehrte zurück
+und sah wieder hinein. – Sie saßen nebeneinander
+auf derselben Bank, aber wiederum nicht
+dicht beisammen, nicht Hand in Hand, – sondern
+in ruhigem und, wie es schien, wenig angeregtem
+Gespräch. – Sie waren ja allerdings
+den ganzen Tag lang beisammen gewesen und
+hatten Zeit gehabt, einander über alles ihre
+Meinung zu sagen.
+</p>
+
+<p>
+Es war ein furchtbarer Anblick. Die beiden
+so zusammengehörig – und ich, von Jorinde
+aus betrachtet, eigentlich in Berlin, – so fern,
+gar nicht in Betracht kommend.
+</p>
+
+<p>
+Da stehe ich nun, dachte ich – und es ist
+wirklich wie im Märchen. Festgebannt stehe ich
+– und Jorinde, mein Glück, trägt man mir vor
+meinen Augen davon wie ein gefangenes Vöglein
+auf offener Hand. Und ich kann die Glieder
+nicht regen, nicht einmal den Mund öffnen
+zu schmerzlichem Schrei ...
+</p>
+
+<p>
+Mit einem Male merkte ich, daß Jorinde,
+die am Fenster saß, vom Mechaniker halb verdeckt,
+<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a>
+ihre glänzenden blauen Augen, in die in
+diesem Augenblick die volle Deckenbeleuchtung
+einstrahlte, emporhob und auf mich zu richten
+begann.
+</p>
+
+<p>
+Sie überlegte wohl ... eine Ahnung stieg in
+ihr auf ...
+</p>
+
+<p>
+Ich hatte mich vom seitlichen Türpfosten aus
+trotz aller Vorsicht etwas zu weit nach vorn geschoben,
+und es war nicht ausgeschlossen, daß
+sie mich erkannt hatte.
+</p>
+
+<p>
+So trat ich denn ein.
+</p>
+
+<p>
+Im Eintreten legte ich, streng blickend, einen
+Finger an die Lippen – dann wandte ich mich
+sofort mit dem Rücken gegen die beiden, beschäftigte
+mich nur damit, umständlich meinen
+Hut im Gepäcknetz unterzubringen. So schnitt
+ich jede Begrüßung ab.
+</p>
+
+<p>
+Ich wollte fremd sein. – Ursprünglich wohl,
+um ihr alle Verlegenheit zu ersparen; denn ich
+wußte, daß Jorinde dem Mechaniker von meiner
+Existenz nichts erzählt hatte. – Sie trug ja
+auch den Ehering oder Verlobungsring nicht
+an der Hand. Es war das erste, wonach ich im
+Eintreten sah. Hätte sie diesen Ring an der
+<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a>
+Hand gehabt, so wäre mir nicht sofort klar gewesen,
+daß sie dem Mechaniker gegenüber das
+ledige, Werbungen zugängliche Mädchen
+spielte, – so hätte mich das Gefühl der Fremdheit,
+das ja auch sonst stets gegenwärtig war,
+bei diesem letzten Zusammensein nicht übermeistert.
+Ich hätte mich einfach als ihr Mann
+oder ihr Verlobter vorgestellt, und alles wäre
+gut gewesen. Der Ring, der Ring hätte uns gerettet.
+Aber Jorinde trug den Ring nicht. Sie
+war von mir abgerückt, – ihre Art war niemals
+die meine gewesen, – allerdings liebte
+ich sie gerade darum, – doch für die maßlosen
+Qualen, die daraus entsprangen, mußte ich
+mich nun auch rächen.
+</p>
+
+<p>
+Und so war es neben dem Bestreben, ihr eine
+gesellschaftliche Peinlichkeit zu ersparen, auch
+noch das deutliche Bewußtsein, sie zu bedrängen,
+was mich erfüllte. Denn ich sah, daß sie
+Angst hatte. Vor meiner Miene vielleicht. Jedenfalls
+vor meinen Absichten, die sie nicht erraten
+konnte, – die freilich auch mir unbekannt
+waren, von Moment zu Moment neu hervorschossen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a>
+Ein Lächeln, das sie wagte, erwiderte ich nicht.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich erhob sie sich, streckte die Hand aus
+und nannte (nein, wie geistesgegenwärtig) einen
+falschen Namen, – fragenden Tons, als erkenne
+sie mich erst jetzt und nicht ganz sicher.
+„Herr Bühler?“ Damit wäre ich in die Unterhaltung
+einbezogen worden – und jede Gefahr
+vorbei.
+</p>
+
+<p>
+Aber gerade das wollte ich nicht.
+</p>
+
+<p>
+Ich verbeugte mich: „Gnädige irren wohl“
+– und nannte einen anderen, gleichfalls falschen
+Namen.
+</p>
+
+<p>
+Damit rückte ich, jede Annäherung durch eine
+Gebärde ausschließend, in meine Ecke ab.
+</p>
+
+<p>
+Der Mechaniker nahm das unterbrochene Gespräch
+mit ihr wieder auf.
+</p>
+
+<p>
+Ich begriff Jorindes Angst. – Wie, wenn er
+ein Wort sagte, das unmißverständlich eine
+nahe Beziehung zwischen ihnen andeutete ...
+</p>
+
+<p>
+Um den Abschied hatten sie mich betrogen ...
+Nun aber hielt ich mehr als den Abschied in
+der Hand: ihr Gespräch.
+</p>
+
+<p>
+Ich tat, als sähe ich durch die Tür in den
+Gang hinaus, in die roten Funkengarben, die
+<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a>
+draußen in der Nacht am Fenster vorbeiflogen.
+Dabei lauschte ich auf jedes Wort, – lauschte
+auf die unheimliche Stille, die bald entstand. –
+Denn Jorinde antwortete nicht. Blaß geworden,
+starrte sie vor sich hin.
+</p>
+
+<p>
+Sie tat mir leid, – aber nun war es zu spät.
+Ich konnte doch jetzt nicht hintreten und mich
+nachträglich als ihr Ehemann verbeugen. Die
+Fremdheit, von uns wissentlich gestiftet, wuchs
+nun als ein eigenes lebendiges Wesen, unabhängig
+von uns, ins Gigantische.
+</p>
+
+<p>
+Es waren ganz leere Dinge, von denen der
+Mechaniker sprach, – von einer Schwester erzählte
+er ihr, die nun bald heiraten würde, von
+den Vorbereitungen in seinem Dorf, – auch er
+würde zur Hochzeit fahren und freute sich schon
+darauf. – Daß Jorinde sich ängstigte, merkte
+er gar nicht. – Jetzt erst sah ich ihn an. Das
+also war er – der Dritte, die Maus im Zimmer!
+Er sah wirklich aus wie eine Maus. So
+unansehnlich, so klein. Wohl um zwei Köpfe
+kleiner als ich. Sein Gesicht war gelblich und
+mager, die Augen blaß. – Jorinde hatte einmal
+gesagt, daß sie helle Augen nicht mochte,
+<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a>
+nie einen Mann mit hellen Augen lieben
+könnte. Und einen Augenblick, ganz vorübergehend,
+beruhigte mich diese Erinnerung. Auch
+sie also liebte das Fremde wie ich. Sie liebte
+meine schwarzen, ich ihre blauen Augen. In
+einer anderen Situation hätte ich mich vielleicht
+daran gehalten. Hier aber war es schon zu wild!
+</p>
+
+<p>
+– Ich starrte, starrte auf den Fremden. Sein
+Gesicht hatte einen traurigen, verfallenen Ausdruck.
+War das wirklich der Mann, der so große
+Abenteuer in Amerika bestanden hatte? – Jetzt
+erst merkte ich, wie diese Briefworte, über allem
+folgenden schwebend, seine Gestalt in mir bestimmt
+hatten. – Nein, der mächtige Holzfäller
+aus dem bayrischen Wald, wie ich mir ihn vorgestellt
+hatte, der braune Riese mit geschulterter
+Axt war er keineswegs. Vielleicht litt er
+nicht minder als ich. Von Jorinde gequält wie
+ich. Und so mußte er mich, mußte ich sie nun
+quälen ... „Unglückliche, die einander unglücklich
+machen“ – hatte ich nicht einmal mit Erkenntnisblick
+der ganzen Menschheit diesen Namen
+gegeben – und nun wir drei, in ein und
+demselben dahinsausenden Zugabteil, einer dem
+<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a>
+anderen zur Pein, – einer die Qual, die er
+vom nächsten erleidet, auf den dritten übertragend
+und so im Kreis rundum – oh, wir
+Menschen! wir unglückseligen!
+</p>
+
+<p>
+Und Jorinde schwieg noch immer.
+</p>
+
+<p>
+Auch der Bursche war jetzt verstummt, – es
+fiel ihm wohl nichts mehr ein.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich erkannte ich oder argwöhnte, daß
+Jorinde vielleicht nicht aus Schreck und Reue
+schwieg, – sondern nur aus Klugheit. Um eben
+zu verhindern, daß ich dem Gespräch anmerkte,
+wie es zwischen ihnen stand. – Was hatten
+sie denn bisher geredet? Nichts Persönliches.
+Sogar eine Anrede war bisher nicht vorgekommen.
+Sagten Sie einander „Sie“ oder „Du“?
+Nicht einmal das hatte ich erfahren. – So
+redet, redet doch! Es ist doch undenkbar, daß
+auch diese Probe kein Ergebnis bringt, – daß
+wir drei, die wir einander so wichtig sind, hier
+auf engem Raum beieinandersitzen, äußerlich
+teilnahmslos und doch aufeinander lauernd, –
+eine Filmsituation geradezu – und daß wir
+wieder auseinandergehen, ohne daß sich der
+Knoten gelöst hätte, der uns würgt ...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a>
+Bei jedem Laut schrak ich nun zusammen.
+War es nur ein Stiefelknarren – oder war es
+ein Wort, das alles verraten konnte? – Ein
+Wort wie „Liebste“ oder eine Bitte um die
+nächste Nacht. –
+</p>
+
+<p>
+Aber der Handwerksbursche (wie ein Handwerksbursche
+erschien er mir) schwieg beharrlich.
+Plötzlich fiel mir ein: Jorinde brauchte
+doch nur aufzustehen und mir um den Hals zu
+fallen, in einer großmütigen Aufwallung, die
+alles verziehe, auch meine Spionage und
+Rachsucht, – sie brauchte nur aufzustehen und
+wahrhaftig, der Bann wäre gebrochen! Nur
+schämen dürfte sie sich nicht. Müßte vor dem
+Mechaniker alles eingestehen, offen sagen, wer ich
+bin, nicht aber mich mit erfundenem Namen als
+„Herr Bühler“ anreden. Nein, keine Klugheit
+jetzt! Eine große Bewegung der Liebe, der flammenden
+Leidenschaft, vor der alle Vorurteile zusammenfielen,
+– das war es, das allein konnte
+noch retten! Mein Gott und Herr, warum tat
+sie das nicht, das einzig Richtige in diesem
+Augenblick! In ihrer Hand lag es, – sie konnte,
+sie durfte endlich einmal alle Rücksichten beiseite
+<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a>
+lassen, klar und wahr sich zu mir bekennen,
+– warum, warum tat sie das nicht?
+</p>
+
+<p>
+Sie sah mich nicht an. Ich aber, so schien es
+mir, drang mit den Blicken in ihr Haar, in ihren
+Kopf, ich wollte ihr mit all meiner Kraft den
+Gedanken einflößen, den einzigen Ausweg.
+Jetzt, jetzt zeige, daß du mich wirklich liebst!
+Kein Stolz jetzt, – bestehe die Probe ... Doch
+ich fühlte fast, wie sie mir entwich. Die schwarzen
+Bäume, die draußen in der Nacht vorbeiflogen,
+einsame Weiler, dunkle Ebenen, das
+war ihr Reich. Es war mir einen Augenblick,
+als könne sie sich auf diese Dörfer und rauschenden
+Wälder, an denen wir vorbeifuhren, rechtmäßig
+berufen wie auf etwas, was sie beherrsche,
+ja was sie geschaffen habe. Ich dagegen, was
+hatte ich in meiner Zimmerluft hervorgebracht
+seit je: Geschäftsbriefe, Papier. Und da wagte
+ich, auf ihre Unterwerfung, Demütigung zu
+hoffen. Welche Vermessenheit. Und schon
+glaubte ich um ihre Lippen ein feindliches, ironisches
+Lächeln zu sehen. – War es möglich?
+– Auf diesen Lippen, die mich so zart und dann
+wieder so heißglühend zu küssen gewußt! ...
+<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a>
+Fremdheit in unserer Beziehung hatte ich ja
+immer zu ertragen gehabt. Aber diese auf die
+Spitze getriebene Fremdheit, ihr eiskaltes
+Lächeln zerriß die letzten Fäden meiner Widerstandskraft.
+</p>
+
+<p>
+Mochte der Mechaniker auch unschuldig sein,
+– nicht wissen, was er angerichtet hatte, – er
+hatte sich eingedrängt, er hatte gestört! Alles
+war so schön, so herzenswarm und frei gewesen,
+ehe er kam. Er, er hatte alles besudelt. Er
+wußte nichts davon, – aber auch der Raupenfraß,
+der die Wälder befällt, weiß nicht, was
+er vernichtet, und dennoch ist er widerlich und
+muß ausgerottet werden.
+</p>
+
+<p>
+„Da ist Göggingen“, sagte der Mechaniker.
+Es war das erste Wort nach langer Pause, und
+es durchfuhr mich wie ein Blitz.
+</p>
+
+<p>
+Schon verlangsamte der Zug seine Fahrt.
+</p>
+
+<p>
+„Wann sehe ich Sie wieder?“ setzte der Mechaniker
+fort und reichte Jorinde die Hand.
+</p>
+
+<p>
+Sie! – Sie!
+</p>
+
+<p>
+Aber das bewies ja nichts! – In Gesellschaft
+– und sei es auch in Gesellschaft Unbeteiligter
+– sagt ein Liebespaar einander nicht
+<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a>
+ungern und wie zum Spiele Sie. Und vielleicht
+hatte Jorinde ihm einen leisen Wink gegeben,
+ein Zeichen mit den Augenwimpern nur, während
+ich, von ihnen abgewendet, den Funken
+nachgesehen hatte. – Ja, es gab eigentlich
+nichts, was im <em>günstigen</em> Sinn beweisen
+konnte. Alle guten Umstände waren wegdeutbar.
+Ein einziges „Du“ aber, ein Kuß, eine Umarmung,
+– das allerdings wäre nicht mehr
+wegdeutbar gewesen. Ein einziger ungünstiger
+Umstand war vollgültiger Beweis ...
+</p>
+
+<p>
+Und nun – der Zug fuhr schon ganz langsam
+in die Station ein – nun mußte es ja zum
+Abschied kommen, – nun stieg offenbar der
+Mechaniker aus und Jorinde fuhr nach Augsburg
+weiter, nun drohte die Enthüllung, nun
+faßte mich innerliche Bangigkeit vor ihr, nun hätte
+ich sie gern verhindert, – nun konnte eine einzige
+unbeherrschte Bewegung der beiden – oder des
+Burschen allein – mein Unglück besiegeln.
+</p>
+
+<p>
+Und das war jener äußerste Grad von Spannung,
+den ich nicht mehr ertrug, – der deutlich
+über das Maß hinausging, dem ich gewachsen
+war.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a>
+Als der Mechaniker die Tür öffnete und
+durch Lächeln und eine Geste Jorinde, die wie
+erstarrt in der Fensterecke sitzengeblieben war,
+einzuladen schien, – ihm zu folgen oder ihm
+sonst irgendwie nahe zu sein –, da war mir,
+als stelle sich der Eisenbahnwagen auf die
+Spitze, rolle seine Räder oben in der leeren
+Luft, – meine Augen verdunkelten sich, und
+nur, um ein Ende zu machen, um nichts mehr
+zu hören und zu sehen, fiel ich den Nichtsahnenden
+an. – Ich tat mit ihm, wie es die Anklageschrift
+des näheren beschreibt.
+</p>
+
+<p>
+Von allem, was folgte, sehe ich nur eines
+noch vor mir: die Menge stürzt sich auf mich –
+im kleinen Bahnhof tobt’s – alles steigt aus,
+drängt gegen mich los – Jorinde aber deckt
+mich mit ihrem Leib. Noch einmal fühle ich ihre
+Umarmung. Sie reißt mich mit sich, bis sie mich
+endlich den schützenden Beamten übergibt ...
+</p>
+
+<p>
+Daß sie nun doch also ganz auf meiner Seite
+stand, – ach, auch dafür gibt es natürlich eine
+Menge einander widersprechender Erklärungen.
+</p>
+
+<p>
+Ich will nicht mehr darüber nachdenken, ich
+will Jorinde nicht mehr sehen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a>
+Sie könnte mir nichts sagen. – Es würde
+mich nicht überraschen, wenn sie mir bewiese,
+daß sie völlig schuldlos und daß der Mechaniker
+ihr wirklich gänzlich gleichgültig war, – wie
+es ja auch Ihre Ansicht, Herr Verteidiger,
+und die Ansicht der ganzen Welt ist. Beweisen
+läßt sich alles. Und ebenso läßt sich auch jede
+Ansicht der ganzen Welt als deren Ansicht
+in den Mund legen. – Nein, nichts mehr mit
+Jorinde reden. Vielleicht liebt sie mich wirklich.
+Nur, daß es sich nicht beweisen läßt ...
+</p>
+
+<p>
+Es ist alles Sache des Vertrauens; – und
+mein Vertrauen ist erkrankt. Es reicht nicht hin
+für die schweren Aufgaben, die man ihm
+stellt ...
+</p>
+
+<p>
+Es würde mich auch nicht überraschen, zu erfahren,
+daß Jorinde zu ihrem Vater geflüchtet
+ist, der Bühne entsagt hat, – entsetzt von ihren
+Erfahrungen in der Welt, in der man sich nicht
+zu zügeln weiß, – daß sie in die strenge Zucht
+ihrer braunen altbayrischen holzgetäfelten Zimmer
+zurückgekehrt ist, aus denen sich ja ihre
+Seele oder die eine Hälfte ihrer Seele nie
+ganz entfernt hat. Und es würde mich nicht
+<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a>
+überraschen, daß sie mich trotzdem weiterhin und
+vielleicht nun erst recht liebt. – All das ist
+möglich. Nur ich, mit meinem erkrankten Vertrauen,
+– ich bin das Unmögliche dabei.
+</p>
+
+<p>
+Da fällt mir eben ein, daß Jorinde mehr als
+einmal gesagt hat: „Ohne dich bin ich nichts.
+Wenn du stirbst, mußt du mich mitnehmen.“ –
+Ja, das wäre vielleicht ein Beweis? – Nein,
+auch das nicht. –
+</p>
+
+<p>
+Ich bin zu Ende.
+</p>
+
+<p>
+Bitte, keine Fragen mehr. Ich war ausführlich
+genug. Lassen Sie den „störrischen Kerl“
+(so haben Sie mich ja tituliert), lassen Sie ihn
+doch um Gottes willen am Ende aller Ende
+in Ruhe.
+</p>
+
+<p>
+Daß ich mit niemand mehr sprechen will, –
+auch mit Ihnen nicht, Herr Verteidiger, – davon
+bin ich bei diesen Aufzeichnungen ausgegangen.
+Lassen Sie meine Mühe nicht verschwendet
+sein!
+</p>
+
+<p>
+Beim nochmaligen Lesen bemerke ich übrigens
+mit Genugtuung, daß meine Schrift nichts
+Entlastendes im Sinne der üblichen Gerichtsmoral
+enthält. Das Gegenteil hätte auch meiner
+<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a>
+Absicht durchaus widersprochen. Ich bestätige
+vielmehr nochmals und mit allem Nachdruck:
+ich bin schuldig – die Tat ist bei vollkommen
+klarem Bewußtsein geschehen – ich fühle mich
+schuldig. Und wenn auch nicht im Sinne der
+Justiz schuldig: noch viel weniger bin ich unschuldig
+vor mir selbst als schuldig in irgendeinem
+beliebigen, noch so albernen Sinn.
+</p>
+
+<p>
+Ich werde Ihnen vor Gericht in die Rede
+fallen, wenn Sie die Tatsachen, die ich Ihnen
+nun wahrheitsgetreu vorgelegt habe, plädoyermäßig
+zu verdrehen suchen sollten. Aber ich
+bitte Sie, Herr Verteidiger, tun Sie das nicht.
+Geben Sie mir ein gutes Wort, wenn es möglich
+ist, – ein rechtfertigendes vermeiden Sie.
+Und gönnen Sie mir, der den einzigen Frieden
+verloren hat, den es gibt (ich habe gesagt,
+welches dieser Frieden ist), – mir, der den
+Selbstmord auf eigene Faust rechtzeitig auszuführen
+verabsäumt hat, – gönnen Sie mir, ich
+bitte darum, den Selbstmord unter staatlicher
+Assistenz.
+</p>
+
+<p>
+Denn eigentlich bin ich ja schon längst tot –
+und das Papier, auf dem ich schreibe, knistert
+<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a>
+wie die Weidenbäume am Bach, wenn die Gespenster
+nachts aus dem Wasser steigen.
+</p>
+
+<p>
+Mit allen Krankheiten im Leibe kann man
+leben. Nur mit erkranktem Vertrauen nicht. –
+Das ist die einzige Krankheit, die absolut
+tödlich wirkt, und zwar sofort, im ersten Augenblick,
+in dem sie den Menschen befällt. Manche
+Menschen leben nachher allerdings noch ein gespenstisches
+Nachspiel – wie zum Beispiel ich.
+Aber das ist nichts Wesentliches mehr. Geheilt
+wird diese Krankheit niemals. Wenn die Uhrfeder
+überdreht und gesprungen ist, dann kann
+noch so gelindes Aufziehen die Uhr nicht wieder
+in Gang bringen.
+</p>
+
+<p>
+Und warum ist mein Vertrauen erkrankt? –
+Abgesehen davon, daß es Antworten auf Fragen
+dieser Art nicht gibt, glaube ich manchmal
+zu fühlen, daß ich an einer lasterhaften Ausschweifung
+gestorben bin: an einer besonders
+stark angespannten und strenge Anforderungen
+stellenden Liebe. An der Liebe zur Fremdheit
+und daher Göttlichkeit einer Frau. An der
+Liebe, bei der Vernunft und alle anderen Hilfen
+und Sicherheitsmittel versagen müssen, weil
+<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a>
+Vertrauen, – Vertrauen zur Natur das einzige
+ist, was verlangt wird. In dieser furchtbaren
+Anspannung hält das Vertrauen eben aus –
+oder es erkrankt. Meines ist erkrankt. Wie es
+Menschen gibt, die der Weinrausch zugrunde
+richtet, so war mein Genuß – der Genuß der
+Fremdheit – ein tödlicher Genuß. Dennoch
+ist er das einzige in der Welt, auch heute noch,
+was mir eines Wunsches, eines Gefühls wert
+erscheint. Wie dem Trinker die Flasche, die ihn
+vergiftet. – Nur haben die Trinker doch alle,
+wie ich glaube, ein schlechtes Gewissen. Es ist
+etwas so Schmutziges im Schnaps. Die Trinker
+spüren denn auch, daß sie auf dem falschen
+Wege sind. Ich aber – ich habe mich eigentlich,
+ehrlich gesprochen, auf dem guten Wege
+gefühlt. Haben auch meine Kräfte nicht ausgereicht,
+– der Weg war gut, der Weg ins
+Ferne, ins Fremde hin, – und auch das
+Fremde lieben, nichts so heiß wie das Fernste
+und Fremdeste und das Geheimnis des Nebenan.
+Ob das nicht der wahrhaftige Weg der
+Menschenliebe ist, – nicht derjenigen, die in
+den Schulbüchern steht, – nein, der brennenden,
+<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a>
+die mit sehnsüchtiger Kraft sich selbst nicht
+aufgibt und doch auch den anderen erfassen,
+umfangen will, weil alles Leben, das eigene
+wie das fremde, ihr wunderbar groß und leuchtend
+erscheint. O Jorinde, Jorinde! Wie hat
+mir gebangt um dich, weil ich dich immer nur
+außerhalb meiner gefühlt habe, – und selbst
+im heißesten Augenblick: „Bist du jetzt mein?“
+„Ja.“ „Ganz mein“, in diesem heiligen Augenblick
+deines Ja-Hauches warst du mir noch
+durch Länder und Meere und Jahrtausende entrückt.
+Und dennoch flog meine Seele immer
+wieder gegen dieses dicke Glas zwischen uns
+und wollte nicht ablassen, dich zu gewinnen,
+nicht ablassen, sich selbst hinzugeben für dich,
+– und wenn es jetzt auch nur auf eine ziemlich
+entehrende Art geschieht: genug, es geschieht,
+es geschieht! Totenhochzeit wird es geben.
+Wenn der Henker mich packt, so will ich dein
+sein, – du wirst es nicht wissen, nicht ahnen,
+und doch will ich dann, dann erst dein sein wie
+noch nie. Und die großen Augenblicke meiner
+tödlich berauschenden Liebe ziehen noch einmal
+auf: ich warte an der Ecke der Frohsinnstraße
+<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a>
+– oder ich nähere mich im Eilzug dem
+Bahnhof Augsburg, in dem du mich erwartest,
+und ich sehe die Bahnhofskuppel und kann es
+nicht fassen, daß dieses Bauwerk dich enthalten
+soll, dich, Jorinde, mein Leben dich – dieses
+glanzlos gemeine Eisenrippenwerk, dem man
+von außen gar nichts ansieht, so wenig wie allen
+anderen Bahnhofskuppeln der Welt ... Und
+noch eines, Jorinde: jener Abend am Wannsee,
+jenes einzige Dankgebet an Gott, das ich
+in meinem ganzen Leben gebetet habe. Es war
+kurz, aber aufrichtig, dieses Dankgebet. Nachts
+auf der Landungsbrücke stand ich allein, – du
+tanztest im Restaurant drinnen, mit fremden
+Menschen – ich konnte dich sehen, durch die
+hell beleuchteten Scheiben sah ich das Schattenbild
+deiner Gestalt kommen und vorbeischweben.
+Der Himmel war schwarz, ein Gewitter
+zog auf. Es regnete nicht; doch wie ich
+nun niederkniete zum Gebet, war das Holz der
+Brücke naß, von einem früheren Regen vielleicht.
+Ich kniete nieder und dankte Gott für
+dich. In der Fülle meines Glücks war ich ins
+Freie gestürzt. Du warst so lieb zu mir gewesen,
+<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a>
+Jorinde, und wenn du nun auch mit einem
+anderen tanztest – nein, falsch, gerade daß du
+mit einem anderen tanztest, das war das süße
+Fremde an dir, und dennoch warst du ja mein,
+das fühlte ich ganz genau. Gott dankte ich, daß
+er mir nach all den Fehlschlägen meines Lebens
+endlich das gegeben, was ich brauchte. Ich
+dankte ihm für das fremdartige Leben dort
+drinnen in der leuchtenden Tanzhalle, – für
+dein Leben, Jorinde, das mich so beglückte gerade
+dadurch, daß es <em>unabhängig</em> von mir
+war, unverständlich im tiefsten Grunde, mir
+fern und dennoch mein. Dieser Kuß aus dunkelster
+Fremdheit hervor ist das Beste, was
+das Leben, was Gott zu geben hat, – denn
+dieser Kuß ist glaubhaft wahr; er kann, weil er so
+tief aus Fremdartigem hervorkommt, nicht anders
+sein als echt, kann nicht Einbildung, nicht
+Illusion sein! Da fühlte ich, wie Liebe mich
+überschwemmt, – fühlte, daß es Liebe in der
+Welt gibt, in Wirklichkeit, nicht bloß in meiner
+Phantasie, – ich fühlte diese Liebe mich heiß
+überrieseln, von außen her kam sie, nicht in mir
+war die Quelle. Die Liebe ist da, ist da, – auch
+<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a>
+wenn ich nicht da wäre, wäre die Liebe da!
+O jubelnde Erkenntnis! Und daß ich nun doch
+auch noch das unverdiente Glück hatte, da zu
+sein, neben dir, Jorinde, dafür dankte ich Gott
+in jener Minute. Ich mußte es tun, mußte niederknien,
+von niemand gesehen, – ganz kurz
+nur kniete ich, denn sowie ich den nassen Boden
+merkte, erhob ich mich wieder. – Sah dann noch
+lange das dunkle Wasser, den Himmel, die erleuchteten
+Fenster, den einzigen Menschenfleck
+im riesigen schwarzen Nichts der Nacht – und
+fühlte die Wärme hinter diesen Fenstern, fühlte
+dich, mein fernes und dennoch mein Glück!
+Und so danke ich dir denn, Jorinde, – denn
+deinetwegen ist es mir ja möglich gewesen, wenigstens
+einmal, minutenlang, mit voller Redlichkeit,
+Gott zu danken für mein qualvoll-süßes
+Leben in dieser fremden Welt. Ich danke dir, Jorinde,
+und nichts mehr tut mir weh. Ich habe das
+gehabt, was ein Mensch sich nur wünschen kann:
+meinen Rausch, meine Trunkenheit. Nun laßt
+mich versinken, laßt mich vorbei. Die Göttin, mit
+der ich gelebt habe, geleitet mich in den Tod.
+Keine Ablenkung mehr! Laßt mich allein.
+</p>
+
+<p class="end">
+Ende
+</p>
+
+<div class="trnote chapter">
+<p class="transnote">
+Anmerkungen zur Transkription
+</p>
+
+<p>
+Die ursprüngliche Schreibweise des Originals wurde weitgehend beibehalten.
+Nur einige wenige offensichtliche Druckfehler wurden stillschweigend korrigiert.
+</p>
+
+</div>
+
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75813 ***</div>
+</body>
+</html>
+
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