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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-03-20 09:21:27 -0700 |
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Schreibweise und Interpunktion des +Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler +sind stillschweigend korrigiert worden. + +Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang des Textes verschoben. + +Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~ +und =fettgedruckte= so. + +======================================================================= + + + + + Röschen, Jaköble + und andere kleine Leute + + + Ein Geschichtenbuch für Kinder und Kinderfreunde + + von + + Anna Schieber + + + Mit Bildern von Amalie Bauerle + + 9.-16. Tausend + + + 1923 + Verlag von D. Gundert in Stuttgart + + + Druck: Christliches Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart + + + + + Inhaltsverzeichnis. + + + Seite + + 1. Was das Röschen zu verschenken hatte 3 + + 2. Die Geschichte vom dummen Frieder 11 + + 3. Wer die Mutter am liebsten hatte 17 + + 4. Vom Jaköble, der nicht »Ja« sagen konnte 22 + + 5. Kätterles Christbaum 34 + + 6. Die Gottswillenkinder 43 + + 7. Zweierlei Reichtum 85 + + 8. Gretels Ferientage 115 + + 9. Wie Heini den Rückweg fand 123 + + 10. Ein Ersatz 140 + + 11. Eine Reise in die Welt 158 + + 12. Die Botenflori 173 + + 13. Augenblicklich 184 + + 14. Angelika 191 + + 15. In die Sonne 205 + + 16. Aus dürrem Erdreich 221 + + + + + 1. Was das Röschen zu verschenken hatte. + + +Ganz am Ende des Dorfes stand ein kleines Häuschen. Es sah ein bißchen +wackelig aus, es lehnte nur so an einer Mauer, auf der Gras und +allerlei Unkraut wuchs. Dem Röschen machte das aber keinen Kummer, das +lebte ganz vergnügt und zufrieden in den Tag hinein und besann sich +gar nicht, ob es am Ende Kinder gebe, die besseres Essen und schönere +Kleider haben und ein schöneres Haus, um darin zu wohnen. Das Röschen +war das einzige Kind im Hause. Der Vater saß den ganzen Tag auf seinem +Stühlchen und flickte Schuhe und Stiefel, wenn er welche hatte, und +die Mutter kochte und wusch und besorgte die Geiß und das Äckerlein. +Und alle beide, der Vater und die Mutter, jammerten oft, daß sie so +arm seien und das Häuschen so schlecht, und wenn das Röschen sang und +sprang und immer lustig war, schüttelten beide den Kopf und sagten: +»Das wird's schon noch anders lernen!« + +Eines Morgens war das Röschen früh aufgestanden und hatte sich schnell +fertig gemacht. Das war allerdings bald geschehen gewesen, denn es +hatte nur ein einziges Röcklein anzuziehen und die Füßchen blieben +bloß. Jetzt im Sommer, wo es warm war, gingen viele Kinder barfuß. + +Jetzt stand das Röschen unter der Haustür und besann sich, ob es lieber +zuerst in den Stall wolle und nach der Geiß sehen oder lieber gleich +auf ein Schemelchen steigen und der Mutter ein wenig am Waschzuber +helfen. Das war beides sehr vergnüglich. Dann entschloß es sich, ganz +zuerst sein Stück Brot zu essen, das es in der Hand hielt, denn es +hatte seine Milch nur leer ausgetrunken. + +Da schlürfte ein alter Mann an das Häuschen heran, der steckte in einem +ganz zerrissenen Kittel und zu den Schuhen guckten die Zehen heraus. +»Guten Morgen, Kind,« sagte er, »ist die Mutter daheim? So geh und frag +sie einmal, ob sie einem armen Mann ein bißchen was zu essen habe. Ich +komme schon weit her heute und habe noch nichts gehabt.« + +»Hab' nichts zu verschenken, hab' gar nichts zu verschenken,« rief die +Mutter aus dem Häuschen. »Ich wär' selber froh, wenn mir einer etwas +schenkte. Jawohl, die Mauer will einfallen und der Gartenzaun ist kaput +und alle Hemden haben Löcher und nirgends ist ein Geld zu neuen. Gibt +reiche Leut' genug, geht zu denen; wir sind selber arm.« Der alte Mann +wollte traurig weitergehen, da legte ihm Röschen schnell sein Brot in +die Hand und sprang ins Häuschen zurück, eh' er sich noch bedanken +konnte. + +Die Mutter hatte es aber gerade noch gemerkt und zankte nun auch mit +dem Röschen. + +»Du darfst kein Brot verschenken,« sagte sie, »ich hab' kein Geld zu so +viel Brot! Sei froh, wenn du selber hast.« + +Das Röschen war ein wenig rot geworden. »Ich habe keinen so argen +Hunger,« sagte es, »es ist gleich, wenn ich jetzt kein Brot bekomme.« + +»Ja, dann bist du am Mittagessen um so ausgehungerter,« sagte nun +auch der Vater. »Also du merkst dir's, du hast dein Brot nicht zum +Verschenken, sondern zum Selberessen!« + +Zuerst war das Kind ein wenig betrübt, denn es hatte nicht unartig sein +wollen, der arme Mann hatte ihm so leid getan, und es mochte überhaupt +so gern etwas verschenken. So gern! + +Aber dann vergaß es seinen Kummer wieder. Draußen auf der Straße +wackelte der kleine dicke Philipp daher, Röschens ganz guter Kamerad +und Schützling, das Büblein des reichen Schafbauern. Der Philipp lachte +über sein ganzes rundes Gesicht, als er sein Röschen sah. Er strebte, +wo er nur konnte, zu ihm hin, denn das Röschen konnte so nett mit +ihm spielen und sogar Geschichten erzählen. »Vom Wolf und den sieben +Geißlein« und »vom Hänsel und Gretel« und noch anderes. + + [Illustration] + +Die Mutter zankte zwar manchmal. »Sollen sich selber eine Kindsmagd +halten, so reiche Leut,« sagte sie, wenn der Philipp angewackelt kam: +»Rösle, 'schicht zählen!« + +Aber dann freute sie sich allemal doch auch wieder, wenn die Kinder +so einträchtig zusammenhausten und das Röschen so recht wie ein +Mütterlein für den Kleinen sorgte. Heute kam der Philipp in einem +besondern Aufzug. An einem Fuß hatte er einen flammroten Strumpf und +sonst nichts, der andere steckte in einem mächtig großen Pantoffel, +der offenbar seiner Mutter gehörte. Den zweiten Strumpf trug er in der +Hand und dann noch etwas Glitzerndes. Als Röschen näher hinsah, war es +eine silberne Taschenuhr, die der kleine Schelm jedenfalls heimlich +mitgeschleppt hatte. »Tiktak machen,« sagte er ganz fröhlich. Daß der +Philipp von daheim durchgegangen sei, sah Röschen wohl, und daß man ihn +sogleich wieder heimbefördern mußte, wußte sie auch. Aber der kleine +Ausreißer war nicht gesonnen, sich heimführen zu lassen. Und die Uhr, +die das verständige Röschen gerne tragen wollte, mochte er auch nicht +aus den Händen lassen. Und doch mußte es sein! + +Röschen wußte aber einen Rat. Entschlossen griff sie in ihre Tasche und +holte da ein Bildchen heraus, schön farbig, mit Schäfchen auf der Weide +und Kindern mit Blumenkränzen auf dem Kopf dabei. »Da, Philipple, komm, +gib mir das Tiktak, so kriegst du das Bildchen dafür. Aber dann mußt du +ganz brav mit heimgehen.« + +Das wirkte Wunder. Das widerspenstige Geschrei hörte auf, und die +beiden trotteten Hand in Hand des Schafbauern Haus zu. + +Es hatte dem Röschen zuerst ein wenig leid getan, das Bildchen in die +Hand des kleinen Buben zu stecken. Es war in einem Zichorienpäckchen +gewesen und Röschen hatte es eigentlich morgen der Mutter schenken +wollen. Denn da war der Geburtstag der Mutter, und diese hatte erst +noch neulich, als man im Pfarrhaus den Geburtstag der Frau Pfarrerin +gefeiert hatte, gesagt: »Jetzt so ein Lebtag, wie ~das~ ist in +~dem~ Haus! Jawohl, mein Geburtstag ist auch bald und mir schenkt +niemand nichts!« Seither hatte Röschen das Bildchen als Schatz gehütet +und oft gedacht: »Ja, ja, du wirst dann schon sehen, daß dir auch +jemand was schenkt, Mutter!« + +Aber das Röschen konnte nichts dafür! Wenn es etwas zu verschenken +hatte, so kribbelte ihm das so lange in der Tasche und in den Händen, +bis es richtig draußen war. Dann war es wieder so vergnügt wie der Hans +im Glück. Und jetzt hatte sie doch das Büblein beruhigen müssen. + +Die Schafbäuerin stand schon unter der Haustür und schaute nach ihrem +Kleinen aus, als die zwei ankamen. + +Sie hatte schon das ganze Haus nach dem Philipp ausgesucht und war +jetzt nur froh, daß er wieder da war. Eben kam auch der Bauer unter +die Tür. »Wo kann nur auch meine Uhr sein?« fragte er. »Ich suche +sie schon allenthalben.« Da streckte das Röschen die Uhr hin, die sie +sorglich im Schürzchen getragen hatte, und erzählte den Hergang. »Du +bist brav, Rösle,« lobte der Bauer, »so ist's recht. Komm aber, komm, +du mußt auch ein paar schöne Äpfel haben, weil du so gut aufgepaßt +hast.« Und das Röschen ließ sich vergnügt sein Schürzchen füllen mit +so schönen rot und gelben Äpfeln, wie es noch gar nie gehabt hatte. +Dann zog es schnell wieder ab, denn es war ein neuer Gedanke in ihm +aufgestiegen. + +Die Äpfel konnte man heute gut verstecken und am Morgen der Mutter auf +einen Teller legen. Das war noch ganz anders als ein Bildchen! Und dann +sollte sie ~noch~ einmal sagen: »Mir schenkt niemand nichts!« + +Aber unterwegs begegneten dem Röschen zwei kleine Geschwister; die +weinten so herzbrechend, daß es das Röschen ganz erbarmte. »Drum ist +der Jaköble hingefallen und hat sich die Hosen so zerrissen, daß man +sie vielleicht nicht mehr flicken kann,« sagte das Schwesterlein, »und +jetzt kriegen wir vielleicht alle beide Schläge.« Und dann weinten sie +wieder zur Gesellschaft alle zwei weiter. Das war schlimm, das sah das +Röschen auch ein. Aber dann fiel ihm auf einmal ein, daß es eine schöne +Stecknadel mit einem blauen Glasknopf an seinem Tuch stecken hatte. Die +hatte es gestern gefunden. Sie war zwar ein bißchen rostig, aber man +konnte doch gut den allergrößten Lappen damit hinaufstecken, man sah es +gar nicht mehr so arg. So lang hatte das kleine Mädchen das Schürzchen +halten müssen, daß die Äpfel nicht herausfielen; jetzt sah das Röschen +wohl, wie verlangend alle zwei nach den schönen Äpfeln sahen. »Da, +so habt ihr jedes einen,« sagte es schnell, damit es sich nicht noch +anders besinne, und gab zwei der schönen Äpfel hin. »Es sind immer noch +viel,« tröstete es sich. »Am Ende hätten nicht einmal alle auf einem +Teller Platz gehabt.« + +Und vergnügt kam es an seinem Häuschen an, ging aber nicht vornen +zur Haustür hinein, sondern schlüpfte durch ein Loch in dem Zaun, um +die Äpfel hinten an der Mauer zu verstecken. Auf einmal hörte es ein +Geräusch hinter sich. Da stand ein fremder Herr mit einer Brille und +einem Rucksack, der hatte ganz merkwürdige Blumen in der Hand. »Keine +schönen,« dachte das Röschen, »und überall sind noch die Wurzeln dran +und noch Erde.« Der Herr sagte ganz freundlich »guten Tag« zu Röschen +und fragte dann gleich: »Hör, Kleine, da droben auf der Mauer wächst +eine Pflanze, sieh die mit den haarigen Blättern und der kleinen +gelben Blüte! Die muß ich haben, die fehlt mir in meiner Sammlung, +kann ich mir sie holen?« Das Röschen war ganz erstaunt, daß der Herr +die Blume wollte, die doch gar nicht schön aussah, und es sagte ganz +bereitwillig: »Du kannst auch eine schönere haben, vornen am Haus sind +auch Astern, blaue und rote.« + + [Illustration] + +»Astern brauche ich nicht,« sagte der Herr, »gerade die möchte ich +haben, willst du mir sie geben?« + +»Ja freilich,« lachte Röschen; »Blumen darf ich schon herschenken, da +zankt die Mutter nicht, nur Brot nicht und nichts, was man um Geld +kaufen muß, weil man keins hat.« Und damit stieg sie auch schon an +der verwitterten Mauer in die Höhe; man konnte das gut, es stand da +und dort ein Stein weit hervor. »Nicht abreißen, hörst du?« rief +ihr der Herr nach. »Mit der Wurzel ausziehen, ganz sachte, so!« +Triumphierend brachte das Röschen die ganze Pflanze in der Hand daher, +ihr Gesicht strahlte. »Was freut dich denn so, Kleine?« sagte der +Herr wohlgefällig; es gefiel ihm, daß das Röschen so bereitwillig +war. »Alles freut mich,« erklärte Röschen. »Daß ich morgen der Mutter +die Äpfel geben kann und daß es doch noch einen für das Jaköble und +seine Schwester gelangt hat, und daß dem Philipp mein schönes Bildle +so gefallen hat und dir die Blume -- und alles!« Röschen mußte einen +tiefen Atemzug tun, denn es hatte sehr viel auf einmal gesagt und das +war es nicht gewohnt. In dem Gesicht des fremden Herrn hatte es ein +paarmal gezuckt, so, als ob er das Lachen verbeißen müßte. Aber dann +wurde er wieder ganz ernsthaft, denn es fiel ihm ein, daß daheim seine +Buben und Mädchen viel schönere und bessere Sachen hatten als das +Röschen, und daß es ihnen nicht einfiel, sich zu besinnen, wem sie eine +Freude damit machen könnten. + +So legte er jetzt ganz väterlich seine Hand auf den Kopf des kleinen +Mädchens und sagte: »So ist's recht, Röschen, so ist's recht! Aber +weißt du, mich freut's auch, wenn ich etwas herschenken kann. Sieh, das +nagelneue Fünfzigpfennigstück, das schenke ich dir, da kannst du dir +selber etwas drum kaufen, das dir Freude macht!« + +Das Röschen war ganz rot geworden vor Freude. »Was ich nur will und muß +niemand fragen?« sagte es und streckte die Hand aus nach dem Schatz. +»Ja,« sagte der Herr, »aber lieber keine Bonbons, das gibt schwarze +Zähne.« + +Das Röschen war aber noch keinen Augenblick gesonnen gewesen, sich +Bonbons zu kaufen. Es sah ganz verwundert auf, daß man an so etwas +denken konnte. Dann konnte es aber nicht mehr länger stehen bleiben, +denn es hatte einen Gedanken auszuführen, den das Geldstück in ihm +hervorgerufen hatte. So sagte es nur noch: »Vergelt's Gott und Ade!« zu +dem Herrn und lief dann davon, schnell, schnell die Dorfgasse hinauf. + +Das war am andern Morgen ein Verwundern in dem Häuschen! Die Mutter +war aufgestanden und zuerst in den Stall gegangen wie gewöhnlich. +Aber als sie wieder in die Stube kam, lag auf dem Tisch eine riesige +Brezel, von einem Kranz von Äpfeln umgeben. Und von der Hängeampel +herunter baumelte, an einem roten Schnürchen angebunden, eine Wurst! +Und das Röschen stand daneben und lachte wie ein Kobold. »Das ist dein +Geburtstag, Mutter,« rief es und klatschte in die Hände. »Jetzt hast +du's auch wie die Frau Pfarrer, jetzt ist ~auch~ ein Lebtag bei +uns.« Die Mutter mußte sich setzen, so sehr hatte sie die Bescherung +angegriffen. Und der Vater kam mit der Schuhbürste in der Hand heran +und hätte gern die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, wenn er sie +frei gehabt hätte. »Ja, woher denn und wieso das alles?« wollten aber +beide Eltern jetzt wissen. »Uns schenkt doch niemand nichts!« + +Aber das Röschen wußte es besser. Und wir wissen's auch. Denn wer etwas +zu verschenken hat, bekommt allemal wieder etwas und wenn's nur ein +fröhliches Herz ist. + + + + + 2. Die Geschichte vom dummen Frieder. + + +Es war einmal ein Büblein, das saß auf einem Mäuerchen ganz nahe bei +dem großen Spielplatz, wo die Kinder des Dorfes Ringelreihe spielten +und »Fuchs, du hast die Gans gestohlen« und noch vieles andere. Es +sah immerfort zu den lustigen Kameraden hinüber, denn es hätte gar zu +gern auch mitgetan. Aber das durfte es nicht. Denn die andern Kinder +sagten es ihm alle Tage und seine eigenen Brüder sagten es auch, daß es +zu dumm dazu sei. Ja, sie hießen das Büblein nur den dummen Frieder. +Die Brüder und die Nachbarsbuben und alle Kinder, die der Frieder +kannte, gingen in die Schule, lernten lesen und schreiben und auch +singen. Und das hätte der Frieder auch sehr gern getan, aber dazu war +er auch zu dumm. Er konnte die Buchstaben nicht verstehen und konnte +nicht behalten, daß zweimal zwei vier ist. Der Herr Lehrer wollte den +Frieder nicht in der Schule haben, und so blieb er denn zu Hause. +Oder vielmehr, er zog alle Tage, an denen es nicht regnete, mit dem +Kinderwägelchen hinaus an das Mäuerchen unter der großen Linde. In +dem Wägelchen saßen die beiden kleinen Geschwister, die der Frieder +zu hüten hatte. Denn das konnte er am besten, und die Base, die für +ihn und die Geschwister sorgte, sagte immer, das sei das einzige, wozu +er zu gebrauchen sei. Der Vater ging immer schon am frühen Morgen +auf Arbeit aus und eine Mutter hatten die Kinder nicht mehr. Sie war +gestorben, als das allerkleinste noch im Tragkissen lag, und seither +gab es keinen Menschen mehr, der den dummen Frieder lieb gehabt hätte. +Er konnte nichts recht behalten, er vergaß sehr oft, was man zu ihm +sagte; aber daran dachte er doch noch oft, wie ihm die Mutter allemal +mit der Hand über den Kopf gefahren war und gesagt hatte: »Sei du nur +brav und folgsam, Friederle, dann habe ich dich gerade so lieb wie die +andern! Und der liebe Gott auch!« + + [Illustration] + +So sagte jetzt niemand mehr. Der Vater sagte nur manchmal: »Wenn ich +nur wüßte, was man aus dem Buben machen soll, er ist zu allem zu dumm!« +Und die Brüder schoben ihn dahin und dorthin und ließen ihn nicht +mitspielen und nicht mitarbeiten, wenn sie Futter schnitten für die Kuh +oder Gras holten an den Rainen für die Geiß und für ihre braunen Hasen. + +Nur der ganz kleine Hannes, der noch nicht recht allein gehen konnte, +hing sich immer an ihn und wollte getragen sein. Und das allerkleinste +Annele, das noch nichts sagen konnte als »adda«, zappelte aus +Leibeskräften, wenn es den Frieder sah, und rief so lange sein einziges +Wort, bis er seine Kappe nahm und mit ihm hinausfuhr, immer an das +gleiche Plätzchen. Dort saß er dann und trug den Kleinen Steinchen +zusammen zum Spielen und grüne Blätter. Sie konnten sich allein +vergnügen, denn der Frieder sprach nicht viel mit ihnen. Er sah nur +immerfort auf das Wägelchen, und wenn der Hannes nicht mehr darin +sitzen wollte, nahm er ihn heraus und auf den Arm. + +Man konnte von hier aus hören, wenn die Kinder in der Schule sangen. +Das war dem dummen Frieder die größte Freude. Dann machte er den +Kleinen mit dem Finger ein Zeichen, daß sie still sein sollten, und +alle drei horchten mäuschenstill, bis der Gesang zu Ende war. + +Weil aber nun die andern Dorfkinder wußten, daß der Frieder das +Kinderhüten verstehe und sonst nichts, so dachten sie, es sei dann +gleich, ob er noch ein paar mehr zu hüten habe oder nicht. Und weil +sie selber gern spielen wollten, so stellten sie nur eins ums andere +von ihren Kinderwägelchen samt den Kleinen darin unter die Linde: +»Da, Frieder, paß auf mein Rösle auf, aber laß es nicht 'rausfallen!« +»Frieder, guck auch nach meinem Georg, daß ihm niemand nichts tut.« + +Und der Frieder lachte noch ganz vergnügt dazu. Dazu war er doch nicht +zu dumm! Und dann trug er seine glatten Kieselsteinchen der Reihe nach +zu allen Kleinen, und wenn eins aufstehen wollte oder auf dem Boden +nach den Brennesseln zurutschte, dann hob er den Zeigfinger auf und +sagte: »Bscht! Mußt auch brav sein und folgsam! Dann mag ich dich auch +so wie die andern und der liebe Gott auch!« Ich weiß nicht, ob das die +Kleinen recht verstanden haben, aber gefolgt haben sie dem Frieder +besser, als ihren klugen Brüdern und Schwestern. + +An einem schönen Abend saß der Frieder auch an seinem Plätzchen und +hatte eine ganze Reihe von Wägelchen um sich her, und auf dem Boden +und an dem Mäuerchen umher spielten und krabbelten lauter kleine +Buben und Mädchen. Die großen spielten: »Als ich einst reiste aus dem +Savoyerland,« und Frieder konnte sich nicht satt hören und sehen. Auf +einmal hörte er ein lautes Wagengerassel und als er hinsah, kam den +Berg herunter ein Fuhrwerk ohne Fuhrmann. Die Pferde rasten, wie wenn +sie wild geworden wären, und der Fuhrmann kam erst weit hintendrein. +Und als der Frieder noch näher hinsah, merkte er erst, daß ein kleines +Büblein mitten im Weg saß und mit Steinen spielte. Sein Kindsmägdlein +aber sang mit den andern und hörte und sah nichts davon. Was sollte der +dumme Frieder machen? Er fürchtete sich vor Pferden und doch wußte er +wohl, daß der kleine Adam überfahren werde, wenn er ihn nicht weghole. + +Und es fiel ihm auch noch ein, daß die Mutter immer gesagt hatte: »Wenn +der Frieder dabei ist, passiert den Kleinen nichts. Der läßt keinem +etwas geschehen.« + +Jetzt lachte er vergnügt in der Erinnerung. Nein, er ließ keinem etwas +geschehen. Viel schneller, als schon jemand den dummen Frieder hatte +laufen sehen, war er auf der Straße, gerade vor den wilden Pferden, +und riß den kleinen Adam in die Höhe und auf die Seite. Aber ~so~ +schnell konnte er's doch nicht tun, daß nicht der eine Schimmel +noch Zeit gehabt hätte, ihn mit dem Fuß zu schlagen! Das tat einen +Augenblick sehr weh, aber dann spürte er gar nichts mehr. -- Als der +Frieder wieder aufwachte, lag er in seinem Bett. Dahin hatte man ihn +getragen, weil er gar nichts mehr von sich gewußt hatte und wie tot +dagelegen war, als ihn das Pferd gestoßen hatte. Es fiel ihm nicht +gleich wieder ein, warum er im Bett sei, und überhaupt nichts von dem, +was geschehen war, da hörte er den Vater sagen: »Das ist noch gut +gegangen! Der dumme Bub' hätte ja zu tot gefahren werden können. Läuft +gar noch den Gäulen vor die Füße und unter die Wagenräder.« + +Da fiel es dem Frieder wieder ein, was ihm begegnet war, und er wollte +gerade sagen: »Man darf den Kleinen nichts passieren lassen, die +Mutter hat's gesagt!« Da kam eine junge Frau in die Stube. »Wo ist der +Frieder?« fragte sie. Und dann kam sie an sein Bett und küßte ihn und +streichelte sein Haar, gerade wie die Mutter, und sagte: »Kein Mensch +soll dich mehr dummer Frieder heißen! Du hast mir mein Büblein vor +den wilden Gäulen errettet, und wenn du das nicht getan hättest, dann +hätte ich jetzt kein Kind mehr.« Der Frieder machte die Augen zu und +lachte still vor sich hin. Es war ihm, wie wenn seine Mutter wieder da +wäre. Aber die Bäuerin ging noch nicht. Sie sagte zum Vater: »Wenn der +Frieder wieder aufstehen kann, dann gebet ihn doch mir. Ich will ihn +ganz versorgen und er soll es gut haben bei mir. Mein Mann ist auch +damit einig. Euch ist er ja doch eine Last!« + +Das wollte der Vater zuerst nicht, und auch die Base und die Brüder +nicht. Denn dann hatte man niemand mehr, der die Kleinen hüten konnte, +und das hatte der dumme Frieder am besten verstanden. + +Aber die Bäuerin ließ nicht nach. Und als der Frieder wieder gesund +war, holte sie ihn auf ihren Hof. Da durfte er allerlei lernen, und der +Bauer sagte oft: »Der Frieder ist gar nicht so dumm, wie er aussieht.« +Er durfte im Stall und auf dem Feld und in den Obstgärten helfen und +konnte ganz tun, als ob er zu Hause wäre. + +Aber am glücklichsten war er doch, wenn die Bäuerin nach der Stadt oder +aufs Feld wollte und dem Frieder vorher mit der Hand über das Haar +strich, wie seine Mutter getan hatte, und dann zu dem Bauern sagte: »Da +kann man ruhig sein. Dem Adam passiert nichts, wenn der Frieder dabei +ist. Der läßt keinem Kleinen etwas geschehen!« + + + + + 3. Wer die Mutter am liebsten hatte. + + + [Illustration] + +In einer großen, freundlichen Schlafstube standen vier Bettchen, +immer eins etwas größer als das andere. Und in den Bettchen lagen +vier Kinder, auch immer eins größer als das andere. Sie schliefen +aber noch nicht, obgleich sie schon ihr Nachtgebet gesprochen hatten, +sondern jedes sah ganz erwartungsvoll nach der Türe. Denn die Mutter +war von Kathrine, der Köchin, in die Küche geholt worden, und ehe +man einschlief, mußte sie noch einmal kommen und jedem Kind einen +Gutenachtkuß geben. Das konnte man sich gar nicht anders denken. +Hänschen, der kleinste, rieb sich immerfort die Äuglein, denn die +wollten ihm zufallen; da kam die Mutter herein. »Wer wacht noch von +meinen kleinen Schelmen?« fragte sie. »Ich, ich,« riefen alle und jedes +wollte die Mutter zuerst bei sich haben. »Mütterlein, ich habe dich +doch am aller-allerliebsten,« sagte Gustav. Er war schon zehn Jahre +alt und ein fleißiger Schüler. Und er machte heimlich einen schönen +Lampenschirm für die Mutter, den sollte sie morgen bekommen; deshalb +dachte er, er habe die Mutter am liebsten, denn so etwas konnten die +Kleinen nicht tun. Aber diese wollten sich's nicht gefallen lassen; sie +wollten die Mutter auch am liebsten haben, und es hätte beinah' Streit +gegeben unter den Geschwistern. + +Da sagte die Mutter: »Für heute seid ihr nun alle zusammen ganz still +und schlafet flugs ein! Morgen am Tag will ich's dann sehen, wer mich +am liebsten hat!« Und sie küßte ein jedes Kind und ging hinaus. Gustav +mußte leise vor sich hinlachen. »Das wird sich freilich zeigen morgen!« +dachte er. Aber die andern besannen sich auch, jedes für sich, wie sie +es anstellen könnten, daß die Mutter es merke, und darüber schliefen +sie ein. Nur Gretchen, das siebenjährige Schwesterlein, konnte noch +nicht gleich einschlafen. Es war heut am Tage unartig gewesen, hatte +den kleinen Hans geschlagen und trotzig mit dem Fuß gestampft, weil +es nicht mit Kathrine zum Kaufmann gehen durfte. Das fiel ihm jetzt +ein und es dachte: »Da glaubt's dann die Mutter freilich nicht, daß +ich sie am liebsten habe! Und ich habe sie doch so lieb, daß ich's +gar nicht sagen kann, wie. Aber morgen will ich gewiß sehr lieb und +folgsam sein!« Und Gretchen drehte sich auch gegen die Wand und schlief +ein. Weil die Mutter aber gesagt hatte, daß man ganz zuletzt vor dem +Einschlafen noch beten sollte, so legte es noch die Händlein zusammen +und fing an: »Lieber Gott, mach mich fromm, daß ich -- --.« Da schlief +sie schon. + +Am andern Tag war ein Sonntag. Da mußte man nicht in die Schule und der +Vater nicht aufs Kontor, und Vater und Mutter gehörten, wenn sie von +der Kirche kamen, den ganzen Tag ihren Kindern. Am Sonntag war es doch +am allerschönsten! Die Mutter brachte schon früh die Sonntagskleider +an die Bettchen und dann wollte jedes Kind zuerst fertig sein, und das +summte und wimmelte durcheinander, wie bei den Bienen und den Ameisen. +Heute war Moritz zuallererst fertig. Er hatte das Amt, die Milchbrote +beim Bäcker zu holen, und Sonntags gab es da allemal eine Brezel für +ihn als Dreingabe. Mit dieser hatte er heute etwas Besonderes vor. +Ganz verstohlen legte er die glänzend-braune, schön gezuckerte Brezel +auf die Tasse der Mutter. Da würde sie dann schon merken, daß er sie am +liebsten habe. Inzwischen hatte Gustav schon den bunten Lampenschirm, +mit einer Winterlandschaft darauf und verschneiten Häuschen und einer +Kirche, über die Hängelampe gestülpt; er konnte kaum erwarten, bis ihn +die Mutter entdecken würde. Gretchen hatte nichts zu verschenken. Sie +merkte auch gar nicht, daß die Brüder etwas hatten. Sie hatte sich +leise und schnell angezogen und kein einziges Mal »au« geschrieen, als +ihr die Mutter die Haare kämmte. Das tat sie sonst sehr oft. Und dann +machte sie sich daran, Hänschen anzuziehen, der erst fünf Jahre alt war +und noch nicht allein fertig wurde. Die Mutter sah es wohl, aber sie +sagte nichts darüber. Sie sah auch, daß Hänschen sehr mutwillig war +und das Schwesterlein an den Haaren zog und in die Arme kniff, und daß +Gretchen nur ganz verständig sagte: »Du mußt auch lieb sein, Hänschen; +weißt du, nachher läßt Vater dich auf der Achsel reiten!« + +Beim Frühstück entdeckte die Mutter die Geschenke und freute sich sehr +darüber, und als Hänschen das sah, schleppte er sein großes Bilderbuch +und seinen Frachtwagen herbei: »Da, Mutter, das schenke ich dir! +Nimm's nur, das Christkindlein bringt mir dann schon wieder einen +neuen!« Er wollte von allen am meisten geliebt sein und streckte sein +rotes Mäulchen zum Kusse her, noch ehe er sein Geschenk losgelassen +hatte. Gretchen war ein wenig still, weil ihr im Augenblick nichts zu +verschenken einfiel; denn so groß war sie schon, daß sie wußte, die +Mutter könne nichts mit Puppen und Bilderbüchern anfangen. + +So ging sie nach dem Frühstück mit Hänschen in den Garten, zog sich und +ihm große Schutzschürzen an und fing an, mit ihm ein Gärtchen aus Sand +und Steinen und mit Gänseblümchen anzulegen. Das mußte man sie sonst +sehr oft heißen, weil sie viel lieber mit andern Kindern spielte, als +mit dem kleinen Bruder. Aber sie wollte ja nicht mehr unfolgsam sein, +der Mutter zulieb. Sie wurden beide ganz vergnügt und merkten kaum, daß +schon die Kirche aus war und die Mutter hinter ihnen stand und ihnen +zusah. + + [Illustration] + +Die großen Brüder aber hatten die freie Zeit dazu benützt, Seifenblasen +zu machen, und sich sehr mit Kathrine herumgestritten, die das nicht +in ihrer schön gefegten Küche gestatten wollte. Und zum Schluß hatten +sie gar noch miteinander Streit bekommen und die schöne, große +Porzellan-Waschschüssel zerbrochen, in der sie ihren Seifenschaum +angerührt hatten, obgleich das verboten war. Sie hätten ein irdenes +Schüsselchen nehmen sollen. Die Mutter hörte den Lärm und das Klirren +im Garten und kam herein. Da hatten sich die beiden gerade an den +Haaren und jeder rief: »Du bist schuld, ich nicht!« Und als die Mutter +den Streit schlichten wollte, blieb jeder dabei: »Er hat die Schüssel +umgestoßen, ich nicht!« + +Es war kein schöner Sonntag, denn die zwei Brüder machten gegenseitig +Trotzköpfe aneinander hin, und es dauerte lang, bis sie wieder einig +waren. Gretchen mußte den kleinen Hans allein unterhalten, die Großen +saßen jeder für sich in einer Ecke und lasen. Und die Eltern konnten +gerade heute nicht mit den Kindern spielen, denn es kam Besuch zu Vater +und Mutter. + +Aber als am Abend die Kinder in ihren Bettchen lagen und die Mutter zu +ihnen kam, fragte sie: »Wer hat denn nun die Mutter am liebsten?« Und +nur der kleine Hans rief laut und fröhlich: »Ich!« Denn Gretchen wollte +nichts sagen; es dachte, die Mutter sollte es selber spüren, daß es ihm +ernst sei. Und das tat sie auch. Die Brüder waren ganz still, denn es +fiel ihnen auf einmal ein, daß man den ganzen Tag über nicht viel von +ihrer Liebe gespürt hatte, und sie hatten doch beide am deutlichsten +zeigen wollen, jeder für sich, daß er die Mutter am liebsten habe. Und +sie merkten es der Mutter gut an, daß sie nicht mit ihnen zufrieden +sei, trotz des Lampenschirms und der Brezel. + +Aber sie horchten hoch auf, als die Mutter das Gretchen küßte und +sagte: »Du hast mir heut' Freude gemacht, so ist's recht!« »Mich auch +Freude gemacht,« rief Hänschen. Er wollte immer von allem seinen Anteil +haben. Und den bekam er auch. Gustav und Moritz aber zogen ein jeder +die Mutter zu sich herab und flüsterten: »Sicher, ich will auch nicht +mehr streiten, ich will auch morgen den ganzen Tag brav sein, nicht +nur morgens!« »Das ist recht,« sagte die Mutter, »denn wenn die Mutter +keine Freude an euch haben kann, kann's der liebe Gott auch nicht!« Das +Gretchen war schon fröhlich eingeschlafen, da sagte Gustav leise zu +Moritz: »Du, hör', ich habe die Schüssel doch umgestoßen!« »Ich auch,« +sagte Moritz. Dann schliefen sie auch ein, sie wollten ja morgen früh +gleich damit anfangen, auch auf Gretchens Weise die Mutter lieb zu +haben. + +Und morgen am Tag wollen wir sehen, ob sie Wort halten! + + + + + 4. Vom Jaköble, der nicht »Ja« sagen konnte. + + +Der Jaköble hätte eins von den vergnügtesten Kindern im ganzen Dorf +sein können, wenn er gewollt hätte. + +Seinem Vater gehörte das große Bauernhaus am Weidenbach, den man so +nannte, weil er hüben und drüben von Weidenbüschen eingefaßt war. An +das Haus war eine große Scheuer angebaut und auf der andern Seite +ein Stall, der enthielt so viel Schönes, daß man sich wirklich daran +freuen konnte. Erstens zwei feste, starke Mohrenschimmel, dann fünf +Kühe und etliche Kälbchen, und außerdem noch in besonderen Verschlägen +allerlei, was dem Jaköble und seinen Geschwistern zu eigen gehörte. +Einen kohlschwarzen Geißbock, Namens Hannes, und ein weißes, wolliges +Schäflein mit einem Glöckchen am Hals, und dann noch viele, viele graue +und braune und weiße Stallhasen. + +Es war auch sonst noch viel Erfreuliches um das Haus herum zu finden. +Da war der Garten vornen am Haus mit dem großen Nußbaum und der +Stachelbeerhecke und den Blumenrabatten voll Pfingstnelken und Levkoyen +oder Gelbveigelein, je nach der Jahreszeit. Und ging man hinten zur +Haustüre hinaus, so befand man sich schon auf der großen Wiese, durch +die der Bach floß und auf der nicht nur Schlüsselblumen wuchsen +und Vergißmeinnicht, sondern auch Äpfel und Birnen, Kirschen und +Zwetschgen. Wie gesagt, der Jaköble hätte gewiß vergnügt sein können. +Wenn man so eine schöne, behagliche Heimat hat und dazu liebe Eltern +und fröhliche Geschwister und einen alten Vetter Andres, der einen auf +dem Schimmel reiten läßt, so oft man ihn bittet, und der Geschichten +weiß, -- mehr als der Pelzmärtel Nüsse in seinem Sack hat. Und das sind +nicht wenig, hat der Andres selber gesagt. + + [Illustration] + +Aber der Jaköble war doch nicht vergnügt, wenigstens nicht oft. Wenn +die Liese, seine Schwester, den ganzen Tag lachte und sang, einerlei, +ob sie Strümpfe flickte oder ihr Schäfchen auf die Weide führte oder +der Mutter im Haus half, so stand er da, steckte die Hände in die +Hosentaschen und sah so nachdenklich aus, als ob er sich über ungeheuer +schwierige Dinge zu besinnen habe. Und wenn der dicke Ludwig, sein +Brüderlein, herangewackelt kam und sagte: »Komm, Jaköble, mach' mir +eine Peitsch' aus dem Stecken und der Schnur da, so tun wir dann +Gäules,« so schüttelte der Jaköble nur den Kopf und sagte nichts als: +»Hm -- m;« das sollte heißen: »Nein, das tu' ich nicht,« aber es war +leichter zu sagen, man mußte da den Mund nicht so weit aufmachen. Fuhr +der Knecht mit den Schimmeln auf die Au, um Heu zu holen, und sagte: +»Geh her, Jaköble, sitz auf, mein', das ist lustig!« so brummte der +nur: »Es holpert so,« und blieb am gleichen Fleck stehen. Manchmal +reute es ihn gleich nachher und er hätte gern noch »Ja« gesagt, aber +das brachte er dann nicht heraus, durchaus nicht. + +Der Vater und die Mutter hatten es schon auf alle Weise probiert, den +mockigen Buben ein wenig zu ändern. Denn so konnte man keine rechte +Freude an ihm haben. Aber es half bis jetzt alles nichts. Sagte die +Mutter: »Jaköble, trag mir auch einen Arm voll Holz in die Küche,« so +sagte er zuerst trutzig: »Nein;« und wenn er es auch nach einer Weile +doch noch tat, so wies es die Mutter doch lieber die Luise an, die kein +so finsteres Gesicht dazu machte. + +Der Vater ging manchmal in die Stadt, weil er da zu tun hatte. Dann +fragte er allemal vorher die Kinder: »Soll ich euch etwas mitbringen?« +Und Ludwig und Luise riefen laut und lustig: »Ja, ja, etwas Gutes und +Schönes,« und hatten allerlei Wünsche. + +Der Jaköble hatte auch Wünsche, aber als er sie sagen wollte, fiel +ihm auf einmal ein, daß er gestern vom Vater Schläge bekommen hatte, +weil er nicht getan hatte, was er mußte. Und gleich biß er trotzig die +Zähne zusammen und sagte nichts, denn er dachte: »Es ist mir dann auch +gleich, wenn ich nichts bekomme.« + +Es war ihm aber nicht gleich, sondern er konnte je länger, je weniger +vergnügt sein. Er mußte ja sehen, wie lustig alles um ihn her war, +die Geschwister und der kleine Stallbub und sogar die Gänse und Enten +im Bach. Nur er hatte immer etwas, warum er nicht vergnügt sein +konnte, und alle erzürnten ihn und taten, als ob er gar nicht dazu +gehöre, und niemand mochte ihn leiden. So dachte der Jaköble, und das +je länger, je mehr. Denn wenn man einmal anfängt, eigensinnige und +trotzige Gedanken in seinem Herzen zu haben, und jagt sie nicht davon, +so werden sie immer größer und machen einen immer unglücklicher. Der +Vetter Andres hatte den Jaköble einmal ein Verslein lehren wollen und +gesagt: »Paß auf, Jaköble, das ist etwas für dich, das mußt du lernen,« +aber er hatte nur gesagt: »Ich muß jetzt in den Stall und den Hannes +herauslassen,« und der Vetter Andres mußte sein Verslein auf spätere +Zeiten aufheben. + +So war der Jaköble sechs Jahre alt geworden. An seinem Geburtstag war +ein schöner Schulranzen erschienen mit allem darin, was ein ABC-Schütze +in der Schule braucht. Denn aufs Frühjahr sollte er in die Schule +kommen, und die Eltern hofften, daß er da ein bißchen munterer und +fügsamer und auch fröhlicher werden würde. »Da schleift einer den +andern ab,« sagte der Vater. »Der eine hat da Ecken und der andere +dort, und wenn sie sich aneinander reiben, so werden sie glatt wie zwei +Mühlsteine.« Der Jaköble wollte aber nicht gern in die Schule, denn +nun dachte er auf einmal, es sei viel schöner im Garten und auf dem +Heuboden und im Stall, als in dem großen Schulhaus. Und darum hatte er +auch keine rechte Freude an dem schönen Ranzen mit dem Fellüberzug und +den goldenen Buchstaben drauf. Es war ihm ganz schwer ums Herz, und als +der kleine Ludwig schmeichelnd sagte: »Laß mich ein bißle beißen von +dei'm Herzlebkuchen,« stieß er ihn weg und sagte: »Wenn ich dumm wäre.« +Er hatte nicht bös gegen das Brüderlein sein wollen, er war nur sonst +schon widerwärtig aufgelegt. + +Die Mutter sah es, aber sie sagte nichts, denn sie wollte heute nicht +zanken. Sie gab nur dem Kleinen eine Birne in die Hand und sagte: +»Komm, du darfst mir helfen Küchlein backen.« + +Nachher erzählte sie es aber dem Vater, und beide Eltern beschlossen, +daß der Jaköble nun einmal mit Güte oder Strenge anders werden müsse. +So gehe das nicht fort. + +Zuerst wollte es der Vater noch einmal mit einer rechten Freude +probieren, die er dem Buben machen wollte. Er mußte am Nachmittag in +die Stadt. Da dachte er, die Schimmel an das blaue Bernerwägelein +zu spannen, und die beiden größeren Kinder, Liese und Jaköble, +mitzunehmen. Das hätte nun den Jaköble freuen können, wie nicht leicht +etwas. Denn so fröhlich und liebevoll, wie der Vater immer war, wenn +er frei von Sorgen und Geschäften mit seinen Kindern zusammen sein +konnte, so konnte man nicht leicht wieder einen finden. + +Liese hüpfte auch immerfort bald auf dem rechten, bald auf dem linken +Fuß ums Haus herum, nur um ihrer Freude Luft zu machen, und dann +rannte sie allemal wieder zu der Mutter in die Küche und fragte sie +immer wieder etwas Neues. Denn sie wollte sich gern die zu erwartenden +Freuden genau ausmalen. + +Der Jaköble war gerade bei Hannes im Stall gewesen, als Liese +herangehüpft kam und ihm die große Neuigkeit erzählte. Er wollte sich +gerade anfangen zu freuen, da sagte Liese zum Unglück noch: »Gelt, +mir geht's gut! Wie mein Geburtstag gewesen ist, habe ich mit dem +Andresvetter zur Taufe nach Holzingen dürfen. Und heut' ist deiner, und +da darf ich mit in die Stadt!« + +Dann hüpfte sie weiter. Sie hatte den Jaköble gewiß nicht ärgern +wollen, er ärgerte sich nur selbst darüber. »Dann kann der Vater auch +meinetwegen allein mit der Liese fahren, wenn sie doch überall mit +soll,« dachte er, und konnte sich kein bißchen freuen. Denn er mußte +nun bei allem Schönen, was er sich vorstellen wollte, die Liese vor +sich sehen, die sich so freute, als ob ~ihr~ Geburtstag sei. Und +es war doch seiner! + +Nach einer Weile kam der Vater, der sich vorgenommen hatte, den Jaköble +recht liebreich anzufassen und ihm die große Freude recht anschaulich +zu machen, und der dann auch noch gedacht hatte, er könne sein Büblein +bei dieser Gelegenheit auch ein wenig ermahnen. + +Aber der Jaköble drehte nur immerfort an dem Peitschenstiel, den er in +der Hand hielt, so, als ob er eine bestimmte Zahl mal zu drehen hätte, +und sah gar nicht in die Höhe. »Das weiß ich,« sagte er nur, »die Liese +hat's gesagt.« »So, aber gelt, das wird schön?« sagte der Vater immer +noch freundlich, obgleich es ihn verdroß, daß der Bub' gar nicht +erfreut tat. + +»Ich darf auch nicht mit, wenn der Liese ihr Geburtstag ist,« brachte +der Jaköble endlich heraus. Das war nun dem Vater zu viel, daß der +Jaköble selbst an dieser erfreulichen Gelegenheit nur etwas zum Brummen +fand und nichts zum Freuen. + +»Hör' einmal,« sagte er ein wenig streng, »ich muß dir jetzt etwas +sagen. Ich habe noch nie ein Kind gekannt, das es so gut gehabt hätte +wie du, und dabei so verdrießlich und undankbar gewesen wäre. Ich hätte +als kleiner Bub' einen Luftsprung gemacht, wenn mich mein Vater extra +zum Vergnügen an meinem Geburtstag spazieren geführt hätte. Und wenn +ich so ein nettes, liebes Schwesterlein gehabt hätte wie du, so hätte +ich dann so lang gebettelt, bis es der Vater auch mitgenommen hätte.« + +»Die Liese bettelt auch nicht, daß ich mitdarf,« dachte Jaköble. Und +das sah man ihm an, denn er sah nun noch ein wenig trotziger aus als +vorher. + +»So, nun merk auf,« sagte der Vater erzürnt, weil alles Zureden nichts +half; »so, mit diesem Gesicht nehme ich dich nicht mit. Sie könnten +sonst in der Stadt denken, man habe bei uns da draußen lauter solche +Starrköpfe. Wenn du willst, daß etwas aus der Sache wird, so kannst du +zu mir kommen und es sagen. Sonst fahre ich allein mit der Liese.« + +Der Vater hielt ein wenig inne, denn er wollte sehen, was das, was er +gesagt hatte, für einen Eindruck gemacht habe. Er sah es dem Jaköble +wohl an, daß er sehr gern mitgefahren wäre. Und er wollte es ihm gern +erleichtern. + +»Besinne dich ~jetzt~ gleich,« sagte er noch einmal. »Willst du +mit? Du darfst nur ›Ja‹ sagen, wenn du willst, sonst nichts.« + +Der Jaköble drückte und würgte, aber es kam kein »Ja« heraus. Er sah +ganz deutlich die Herrlichkeiten der Stadt vor sich und den Weg durch +die Kornfelder und am Bach hin und das Wirtshaus unterwegs, wo der +Vater einzukehren pflegte. + +Aber nachgeben? Freundlich sein und den Mund aufmachen und »Ja« sagen? +Das dünkte dem Jaköble das allerschwerste zu sein, das wollte er lieber +gar nicht probieren. + +»Kannst du nicht ›Ja‹ sagen?« Eine solche Stimme, kam es dem Buben vor, +habe der Vater noch gar nie gehabt. Halb zornig und halb traurig klang +sie, und dann wandte er sich zum Gehen. + +»Was wird der Bub' noch einmal durchzumachen haben,« sagte er vor sich +hin. Dann sah er noch einmal herum. + +»Denk daran, wenn du einmal groß bist und vielleicht in der Fremde, und +hast niemand mehr, der es gut mit dir meint, denk dann daran, wie du +dir selber deine schönste Zeit verdorben hast. Und deinen Eltern und +Geschwistern auch die ihrige.« + +Und dann ging der Vater langsam hinaus, denn er hoffte immer noch, daß +sich der Jaköble noch besinne und »Ja« sage. + +Aber das geschah nicht. Als er schon lang allein war, stand er immer +noch auf demselben Fleck und starrte den Hannes an, und alle beiden +machten Bocksköpfe aneinander hin. Der kleine Stallbub' kam gerade mit +einem Korb voll Häckerling zur Türe herein. Er hatte alles mitangehört +und sagte nun: »So dumm sein aber auch! Wenn man nur darf ›Ja‹ sagen +und dann kann man die schönste Fahrt machen! Ich tät hunderttausendmal +ja sagen, wenn ich dann so etwas dürfte!« Der hatte aber gut reden, +dem bot es niemand an. Der hatte keine Eltern mehr und niemand auf +der ganzen Welt. Der mußte sein Essen verdienen und seine Kleider und +Schuhe. + +»Dich geht es nichts an,« war die ganze Antwort des Jaköble. Dann nahm +er die lange Weidenrute, die er gerade zur Hand hatte, und zog dem +Hannes eins über den Rücken, daß der einen hohen Satz machte. + +Als er allein war, schlich sich der Jaköble zum Stall hinaus und +durch die große Wiese hinunter an den Bach. Es stand ein ganz alter +Weidenbaum dort, der hatte einen stark ausgehöhlten Stamm, man konnte +ganz und gar hineinschlüpfen. Das tat der Jaköble jetzt auch. Er kam +sich so unglücklich vor und ganz verlassen, und darüber wollte er nun +ungestört nachdenken. Er setzte sich auf den Boden und lehnte den Kopf +an die Baumwand und seufzte. »Das soll dann ein Geburtstag sein! Zuerst +bekommt man einen Ranzen und will doch nicht in die Schule. Dann ist +die Mutter bös, weil ich dem Ludwig nicht gleich meinen Herzlebkuchen +gebe; dann ärgert einen die Liese! Der ihr Geburtstag ist doch nicht, +es ist doch meiner! Dann ist der Vater so -- so, ~auch~ bös ist +er, ich weiß schon! Was hat er nur auch gemeint? Wann ich in der Fremde +sei und habe gar niemand mehr, dann, was soll ich dann?« + + [Illustration] + +Der Jaköble hatte vor lauter Herzeleid und Nachdenken gar nicht +bemerkt, daß ein Handwerksbursche zu ihm herangekommen war. Er sah +etwas merkwürdig aus, seine Kleider waren ihm viel zu klein und eng +und auf dem Rücken trug er einen Schulranzen statt des Felleisens, das +sonst die Handwerksburschen haben. Der Handwerksbursche setzte sich +gerade vor Jaköble ins Gras, denn er war sehr müde und sein Gesicht sah +finster aus. + +»Was willst du auf meiner Wiese?« fragte Jaköble. Er konnte nicht +leiden, daß sich so ein fremder Mensch da hersetze. Der Fremde fuhr +erschreckt zusammen. »So sagen alle Leute,« sagte er. »Niemand kann +mich leiden, niemand.« -- »So geht mir's auch,« sagte der Jaköble, da +konnte er gut mitreden. Der Handwerksbursche lachte. »Das weiß ich,« +sagte er; »gelt, du kannst auch nicht ›Ja‹ sagen? Ich auch nicht, +ich hab's gleich gar nicht probiert, es ist zu schwer! Und in die +Schule hätt' ich sollen, aber ich hab's nicht getan. Ich bin lieber +fortgegangen, weit fort. Es findet mich kein Mensch mehr. Und meinen +Herzlebkuchen ess' ich selber, siehst du, ich hab' ihn in der Tasche!« +Dem Jaköble grauste vor dem Handwerksburschen. Er sah ihn scheu an; da +sagte dieser: »Dir sag' ich's ganz allein; ich täte jetzt gern alles, +was man wollte, alles! Aber es ist niemand mehr da, der es gut mit mir +meint. Und wenn ich hundertmal sagen wollte: ›Ja, ja, ja, du kannst nur +befehlen, Vater, ich tu's gern, siehst du, ich mache ein freundliches +Gesicht dazu‹ -- so nützt das nichts. Denn der Vater ist tot und die +Mutter auch. Und die Liese ist weit fort. Sie hat mich gern gehabt; +alle haben mich gern gehabt, ich weiß wohl, aber das nützt nichts mehr, +ich habe eben nicht ›Ja‹ sagen können. Und auf dem Hof ist der Ludwig. +Der ist jetzt groß, er will aber nichts von mir. Ich gehe gar nicht +hinein, er sagt sonst: ›Wenn ich dumm wäre, dann gäbe ich dir etwas.‹ +So habe ich auch immer zu ihm gesagt, wie er noch ganz klein war.« + +Der Jaköble zitterte vor Angst. Der Handwerksbursche hatte ja +~seinen~ Schulranzen auf, er war nur arg verdorben, und im +Gesicht kam er ihm auch so bekannt vor. Er getraute sich kaum den Mund +aufzumachen, aber endlich brachte er doch heraus: »Wer bist du denn?« +»Das geht dich nichts an,« sagte der Handwerksbursche grob. Als er aber +sah, wie sehr der Jaköble sich fürchtete, wurde er ein wenig milder +und sagte: »Ich hab' einmal Jaköble geheißen, des reichen Weidenbauern +Jaköble haben mich auch die Leute geheißen. Jetzt hab' ich keinen Namen +mehr und keinen Vater und keine Heimat und nichts.« + +Da tat der Jaköble einen lauten Schrei und rief: »Nein, ich bin der +Jaköble selber, du bist er nicht.« Aber der Handwerksbursche sagte: +»Nein, nein, ich bin's, ich weiß gewiß. Ich muß jetzt immer an meine +schöne Zeit denken und wie ich die verdorben habe. Nur weil ich den +Mund nicht aufmachen konnte und nicht ›Ja‹ sagen. Du kannst auch nicht, +ich seh' dir's an!« + +Aber der Jaköble war von dem allem so entsetzt, daß er sich gar nicht +mehr besinnen konnte. Er rief nur laut hinaus: + +»Doch, ich kann ›Ja‹ sagen! Alles kann ich sagen! Und ich bin der +Jaköble, du bist er nicht!« Und dann fing er an, ganz laut Ja zu rufen, +und immer noch lauter, damit er's ja nicht mehr verlerne. + +Da sprang der Handwerksbursche auf vom Gras und Jaköble sah ihn auf +einmal nicht mehr. Und statt seiner sah er den Andresvetter, der vor +ihm stand und sagte: »Komm ins Haus, Büblein, komm! Du wirst mir nicht +krank werden wollen, du schreist ja ganz laut im Schlaf! Wer setzt sich +auch an den Bach zum Schlafen?« + +Jaköble rieb sich verwundert die Augen. »Wo ist der Handwerksbursch?« +fragte er. »Es ist weit und breit kein Handwerksbursche,« beruhigte ihn +der Andresvetter und fühlte dem Buben an den Kopf, ob er Hitze habe. +»Ich bin nicht krank,« sagte der Jaköble, »und ich habe nur so laut +geschrien, weil der Handwerksbursche gesagt hat, ich könne nicht ›Ja‹ +sagen und er sei selber der Jaköble.« + +Und nun mußte der Andresvetter den ganzen Traum hören, denn der Jaköble +war in seinem Weidenbaum eingeschlafen gewesen und hatte das alles +geträumt. + +»Aber du kannst froh sein, Büblein,« sagte der Vetter. »Du kannst Gott +Lob und Dank sagen! Siehst du, gerade so hätt's kommen können, wenn +es so fortgegangen wäre wie in der letzten Zeit! Gerade so, und dann +wärst du dein Leben lang unglücklich! Aber gelt, jetzt merkst du dir's, +jetzt kommt's anders?« Der Jaköble nickte mit dem Kopf, aber dann fiel +ihm ein, daß er ja jetzt »Ja« sagen könne und er sagte noch hintennach +laut und deutlich »Ja«. »So komm, so wollen wir ins Haus gehen,« sagte +der Vetter. »Das Mittagessen ist lang vorbei, man hat dich nirgends +gefunden.« »Ist der Vater in die Stadt mit der Liese?« fragte Jaköble. +Es fiel ihm doch ein wenig schwer. »Nein, sie sind nicht gefahren,« +sagte der Andresvetter. »Die Liese hat nicht ohne dich wollen, sie hat +so lang gebettelt, bis der Vater versprochen hat, wenn es dir nachher +noch leid sei, dann dürfest du es immer noch sagen und dann fahre man +morgen.« »Ist das wahr?« Der Jaköble machte nun auch einen Luftsprung, +denn es wurde ihm so leicht, wie schon lange nicht. Er ließ die Hand +des Andresvetters los und lief voran ins Haus. Dort traf er den Vater +unter der Stubentür. Der sah ihn ernsthaft an, aber der Jaköble ließ +ihm gar keine Zeit, etwas zu sagen, er rief gleich laut und fröhlich: +»Ja, ja,« denn sonst fiel ihm nicht gleich etwas ein. Aber der Vater +verstand ihn gut und sein vergnügtes Gesicht sagte auch noch einiges. +So gingen sie miteinander zur Mutter. Die fütterte eben den kleinen +Ludwig und rief erfreut: »Da kommt er ja! Wo bist du denn gesteckt, +Jaköble, du dummes Büblein?« »Er will jetzt brav sein und vergnügt,« +sagte der Vater, »gelt, das willst du?« Und Jaköble sagte »Ja«, denn +es kam ihm immer wieder in den Sinn, daß der Handwerksbursche gesagt +hatte, er könne nicht »Ja« sagen. Er spürte aber gut, daß es nicht an +dem einzigen Wörtlein liege, sondern daß er nicht mehr so trotzig und +mürrisch und undankbar sein dürfe. Und das sagte ihm auch die Mutter am +Abend, als er in seinem Bettchen lag. + +So wohl war es dem Jaköble schon lang nicht mehr gewesen, alle waren +so lieb und gut gegen ihn, auch die Liese; warum hatte er nur gemeint, +es könne ihn niemand leiden? »Das hat der Eigensinn gemacht,« sagte +der Andresvetter, als ihn der Jaköble am andern Tag darum fragte. +»Und jetzt will ich dir einmal das Verslein sagen, das ich schon lang +wollte, ich meine, du könntest es jetzt gut lernen.« Und Jaköble sagte +dem Andresvetter Wort für Wort nach: + + »Jesu, nimm den Eigensinn + Meines bösen Herzens hin, + Denn ich selbst besieg' ihn nicht, + Hilf du selber, wo's gebricht! + + Ach, vergrab ihn in ein Grab, + Daß ich Ruhe vor ihm hab', + Daß er nimmer aufersteh', + Sondern ewig untergeh'!« + +Das hat dem Jaköble noch besser geholfen, als der Traum von dem +Handwerksburschen. Denn den Eigensinn muß man gründlich vertreiben, +sonst kann man nicht fröhlich sein. + +Das ist die Geschichte vom Jaköble, der nicht »Ja« sagen konnte. Jetzt +kann er's. + + + + + 5. Kätterles Christbaum. + + +Mitten in der großen Stadt in einer engen Straße stand ein hohes, +hohes Haus mit vielen Fenstern und grünen Läden. Es wohnten viele +Leute darin, so viele, daß nicht alle einander kannten. Unten im Haus +war ein Laden und das Glöckchen an der Ladentür bimmelte den ganzen +Tag. Denn die Tür ging immer auf -- zu, auf -- zu, und jedesmal kamen +Leute herein und kauften ein. Zucker und Kaffee konnte man haben, und +Reis und Gerste. Aber auch Mandeln und Rosinen und Schokolade. Am +Schaufenster stand ein großer, kohlschwarzer Neger, kein lebendiger, er +war aus Pappdeckel und angemalt, der trug einen Korb vor sich her mit +Orangen und Datteln, und um den Hals hatte er eine Kette von Feigen. +Und alle kleinen Buben und Mädchen, die da vorbei mußten, standen einen +Augenblick still und sahen sich den Neger an, und ich weiß einen, der +sagte dann jedesmal: »O, wenn ich doch auch eine Halskette von Feigen +hätte, ich wüßte, was ich damit täte!« + +Aber von dem allem hörte und sah das kleine Kätterle nichts, obgleich +es auch in demselben Haus mit dem großen Neger wohnte. Und das war +kein Wunder, denn um in ihre Stube zu kommen, mußte man vier Treppen +hoch steigen und dann durch einen dunklen Gang gehen, bis man dann +vielleicht mit dem Kopf an die Türe stieß. Das taten fast alle Leute, +die zu Kätterles Großmutter kamen, weil es so finster war. Innen war's +freilich nicht finster, da waren zwei helle Fenster. An dem einen +saß die Großmutter und nähte, denn sie war eine Flicknähterin, und +die Leute brachten ihr ganze Körbe voll zerrissener Sachen. Und an +dem andern Fenster stand gewöhnlich das Kätterle und sah in den Hof +hinunter. Denn sonst gab es da nichts zu sehen. Das Haus gegenüber +hatte die Fenster nach der andern Seite und hier heraus gingen nur die +Küchenfenster, die meist noch mit Vorhängchen verhüllt waren. Aber +in dem Hof geschah manches, was Kätterle gern sehen wollte. Kisten +wurden abgeladen und ausgepackt, und der große Hofhund Zamba trieb sich +dazwischen herum und bellte laut und lustig. Am lustigsten, wenn die +Kinder aus den unteren Stockwerken im Hof spielten, denn mit denen war +er gut Freund und sie fürchteten sich kein bißchen vor ihm. Kätterle +hielt fast den Atem an, wenn einer der größeren Buben das mächtige +Tier an sich heraufspringen ließ und ihm einen Knochen dreimal wegnahm +und es dreimal darnach springen ließ, ehe es ihn abnagen durfte. So +von weitem zuzusehen war aber ganz vergnüglich, besonders wenn man +sonst keinerlei Vergnügungen hatte. Geschwister und Kameraden hatte +das Kätterle noch nie gehabt, es wohnte da oben, seit es sich denken +konnte, und war fast immer so am Fenster gestanden, und jetzt war es +fünf Jahre alt. + + [Illustration] + +Die Großmutter ging oft den ganzen Tag aus. Sie nähte dann in den +Häusern, und dann war das Kätterle ganz allein. Wenn sie zu Hause war, +sprach sie auch nicht viel, denn sie hörte nur ganz wenig und war auch +nicht aufgelegt zum Sprechen. Nur manchmal sah sie das Kätterle an, +schüttelte den Kopf und sagte: »Armes Kind!« Die Kleine wußte nicht, +warum die Großmutter so sagte, sie besann sich auch nicht darüber. +Vielleicht meinte die Großmutter, deswegen, weil das Kätterle seine +Eltern nie gekannt habe und weil es sonst niemand habe auf der ganzen +Welt als sie, sei es ein armes Kind. Und das war auch so, denn die +Großmutter war schon sehr alt und oft recht schwach, und man konnte gar +nicht wissen, wie lang sie noch so für die Leute nähen konnte. Und wer +sollte dann Geld verdienen für alle beide? + +Aber daran dachte das Kind nicht. Eines Tages, als es an sein +Guckfenster kam, waren die Dächer und Fenstersimsen voll Schnee, der +in der Nacht gefallen war. Und es wirbelten immer noch weiße Flocken +in der Luft umher und setzten sich dann ganz sachte nieder, immer +ein Flöckchen aufs andere. Aus dem Hof schallten lustige Stimmen +herauf. Die Buben schleppten ganze Traglasten Schnee zusammen, und +an der Mauer erhob sich nach und nach, immer deutlicher erkennbar, +ein Schneemann. Kätterle mochte kein Auge abwenden. Jetzt setzten +die Kinder dem Schneemann gar noch einen hohen schwarzen Hut auf und +gaben ihm einen Stock in den Arm, und dann jubelten sie laut hinaus +vor Vergnügen. Vor lauter Lust am Zusehen hatte das Kätterle ganz +überhört, daß die Großmutter schon dreimal gerufen hatte, und das war +doch etwas Seltenes und geschah nicht oft. »Kind, so hör doch,« sagte +die Großmutter nun, so laut sie konnte, so daß sich die Kleine wirklich +umkehrte und erstaunt aufhorchte. »Da nimm einmal mein warmes Tuch und +binde es ganz um dich herum,« fuhr die Großmutter fort. »Und dann geh +hinunter in den Laden, ganz unten im Haus und hol mir Kaffee für das +eingewickelte Geld. Ich kann nicht selber, meine Füße zittern so und +es ist mir ganz elend!« Das war nun etwas völlig Neues für Kätterle. +Die Großmutter brachte sonst immer alles, was sie brauchte, selbst mit +und die Kleine war fast noch nie drunten gewesen, allein noch gar nie. +»Aber wenn Zamba kommt?« fragte sie ein wenig zaghaft. »Kommt nicht,« +beschwichtigte die Großmutter, und Kätterle machte sich auf die Reise. +Wie weit es da hinunter ging! Immer noch eine Treppe und dann mußte +man schließlich zur Haustür hinaus und vornen zur Ladentür hinein. +Ganz verwundert blieb Kätterle stehen, als sie die nach der Straße zu +führende Türe geöffnet hatte. Was konnte nur sein, daß alle Leute so +schnell gingen? Und fast alle trugen Pakete unter dem Arm und einige +sogar Tannenbäume. Und im Schaufenster stand heute anstatt des Negers +ein schön aufgeputzter Christbaum mit Zuckerfiguren und roten Äpfelein, +und Kätterle konnte sich fast nicht von dem Anblick trennen. Als sie +in den Laden trat, fragte die Frau: »Gehörst du nicht unserer alten +Flickkatharine droben?« Das Kind nickte, denn es hatte die Großmutter +schon manchmal so nennen hören. »Warum kommt sie denn nicht selber +heute?« wollte die Frau wissen. »Ihre Füße zittern so und es ist ihr so +elend,« berichtete Kätterle, denn das war alles, was es wußte. »Armes +Kind,« sagte die Frau und wandte sich an ihren Mann: »Man muß dem alten +Weib ein wenig aufhelfen mit einem Wein oder so! Sie treibt's so wie so +nimmer lang!« + +Dann gab sie dem Kind die Düte und noch eine Feige in die Hand und +sagte noch: »Einen Christbaum habt ihr doch auch noch nicht? Ja, dazu +langt's freilich nicht bei so armen Leuten!« Das Kätterle war schon +wieder hinausgeschlüpft und besann sich nun unterwegs, während es in +seine Feige biß, über alles Neue, was es gesehen und gehört hatte. +Der Christbaum! War der schön! Kätterle mußte tief aufatmen! Die +Großmutter hatte ihm auch einmal einen geputzt, mit etlichen Lichtchen +und Bretzeln dran, ein kleines Bäumlein, aber es war doch eine Freude +und Herrlichkeit gewesen. Und jetzt kam scheint's der Christtag wieder. +Kätterle nahm sich vor, das der Großmutter sogleich beim Hinaufkommen +auseinanderzusetzen, wahrscheinlich hatte sie es nur vergessen. + +Eifrig stieg das Kind die Treppen empor. Da, es hatte schon drei +erstiegen, ging eine Glastür auf und eine alte Dame, die ganz in einem +bunten Schlafrock steckte, kam heraus. Sie sah etwas sonderbar aus, +denn am Kopf hatte sie lauter weiße Papierchen und darüber waren die +Haare gewickelt. + +Kätterle mußte genau hinsehen, denn so etwas hatte sie noch nie +erblickt. Aber Fräulein Glöckler, so hieß die alte Dame, war sehr in +Aufregung. »Sag einmal, Kind,« fing sie sogleich an, »gehörst du der +alten Frau, die ganz oben wohnt? Gehen eure Fenster auf den Hof? Und +habt ihr ein Schnittlauchkistchen vor dem einen Fenster?« Kätterle +konnte nur immerfort nicken, denn es stimmte alles, und die Fragen +kamen so schnell aufeinander, daß man sonst gar nichts sagen konnte. + +»Dann muß ich mit dir hinaufgehen! Denn dann kann man das Kätzchen von +eurem Fenster aus holen! Es hat sich verstiegen, das arme Tierchen, und +sitzt nun ganz oben am Dach und schreit so kläglich. Komm mit, komm +schnell mit, Kind, und zeig mir den Weg.« + +Kätterle ging bereitwillig voran und die Dame keuchte hintendrein, aber +in dem langen Gang mußte sie Kätterles Hand erfassen, sonst hätte sie +sich bei jedem Schritt gefürchtet. + +Jetzt machte das Kind die Tür auf und Fräulein Glöckler eilte noch +vor ihm in die Stube, denn sie hatte es sehr eilig, zu dem Kätzchen +zu kommen. Aber auf einmal blieb sie stehen. »Was ist das?« rief sie +erschrocken und eilte auf die Großmutter zu. Die saß noch an ihrem +gleichen Fensterplätzchen, aber sie sah aus, als ob sie fest schlafe, +denn der Kopf hing ihr ganz tief über die Brust herunter. Fräulein +Glöckler schüttelte sie und rief laut: »So wachen Sie doch auf, Frau! +Was ist denn nur?« »Sie hört nichts,« berichtete das Kind, »man muß +ganz laut und oft rufen!« Aber das lebhafte Fräulein war auf einmal +ganz still geworden. + +»Das nützt nichts, laut zu rufen,« sagte sie nur zu Kätterle, »die +Großmutter wacht nicht mehr auf.« Das wunderte das Kätterle sehr, denn +es konnte nicht verstehen, was damit gemeint sei. Daß nämlich die +Großmutter jetzt gerade, so lang es drunten war, gestorben sei und nie, +gar nie mehr aufwachen würde. Dann fuhr das Fräulein fort: »Wen hast +du sonst noch? Hast du einen Vater oder einen Onkel? Oder wen muß man +rufen, daß er das Nötige besorgt?« + +»Man muß niemand rufen, als nur der Großmutter und sonst ist auch gar +niemand,« sagte das Kätterle. Das Fräulein sah wohl, daß das Kind +nicht wußte, wie es dran war. So holte sie sich jetzt ihr Kätzchen, +das man wirklich vom Fenster aus gut erreichen konnte, und nahm es +auf den Arm. Zu Kätterle sagte sie: »Setz dich nur einstweilen still +hin, ich schicke dir jemand.« Dann ging sie, um der Kaufmannsfrau +unten alles mitzuteilen. Das Kätterle saß auch wirklich still. Es +hatte so viel erlebt und mußte sich jetzt über alles besinnen. Es +kam ihm so merkwürdig vor, daß die Großmutter noch immer ganz gleich +dasaß und sich nicht rührte. Und dann das Fräulein mit dem sonderbaren +Kopfschmuck! Und dieses wollte wieder jemand schicken! Und über all den +vielen Gedanken schlief das Kind auf seinem Tritt am Fenster sitzend +ein und träumte etwas ganz Wunderschönes. Denn der Christbaum vom Laden +unten stand auf seinem Tisch und alle Lichtchen brannten und der Baum +gehörte ihm, dem Kätterle. Und dann war auch das Fräulein Glöckler da, +aber mit einem netten Spitzenhäubchen auf, und sprach ganz freundlich +mit Kätterle, und das schwarz- und weißgefleckte Kätzchen schnurrte +dazu. + +Auf einmal machte das Kind verwundert die Augen auf, es hatte +fremde Stimmen gehört und jetzt waren zwei Männer da und noch die +Kaufmannsfrau von unten. »Tot ist sie, darüber ist kein Zweifel,« sagte +der eine Mann. Und der andere fügte hinzu: »Da könnte man dann sogleich +alles besorgen, daß die Sache erledigt ist.« Die Frau strich dem Kind +über das Haar und sagte: »Jetzt bist du erst ganz verlassen, armes +Ding! Bleib nur einstweilen ganz ruhig an deinem Fenster, ich schicke +dir eine Suppe herauf. Und was dann aus dir wird, das weiß freilich der +liebe Gott! Ich muß jetzt schnell wieder in meinen Laden hinunter, und +drunten kann ich dich nicht brauchen, verstehst du?« + +Ach nein, das Kätterle verstand nichts von allem, gar nichts! Am +allerwenigsten das, warum die fremden Leute jetzt die Großmutter +in einen dunkeln Kasten legten und forttrugen. Jetzt erst fing es +an, bitterlich zu weinen, denn es kam sich nun wirklich einsam und +verlassen vor, ganz anders als sonst, wenn die Großmutter ganze Tage +lang fortgewesen war. + +Aber die Kaufmannsfrau hatte gesagt: »Was dann aus dir wird, weiß nur +der liebe Gott.« Und das war auch wahr, und es war ganz genug, daß er +es wußte. + +Das Fräulein Glöckler unten hatte sich einstweilen ihre Haare +abgewickelt, es hatte schöne Locken gegeben, und dann hatte sie ein +hübsches Kleid angezogen und ein kleines Spitzenhäubchen aufgesetzt. +Denn sie wollte gern festlich aussehen, weil heute der heilige Abend +war. Auf dem Tisch stand ein kleines Tannenbäumchen, das war mit +Lichtchen und Zuckersachen und vielen kleinen Würstchen behängt, und +das sollte für ihr Kätzchen sein. Denn das Fräulein hatte niemand auf +der ganzen Welt und liebte nur ihr Kätzchen, das Mimi hieß und in einem +gepolsterten Körbchen schlief. Aber auf einmal hörte das Fräulein +ein leises Weinen; das kam von oben her, wo das verlassene Kind so +bitterlich schluchzte, daß man's durch die Decke hörte. Fräulein +Glöckler ging ins andere Zimmer; sie wollte nicht gern das Weinen +hören. Aber da hörte sie es auch und sie ging unruhig hin und her und +nahm immer wieder einen Augenblick das Kätzchen auf den Arm und setzte +es dann wieder hin. Denn sie mußte immer wieder daran denken, daß das +Kind gesagt hatte: »Man kann niemand rufen als nur der Großmutter und +sonst ist niemand da.« + + [Illustration] + +Es wurde schon dunkel, da nahm Fräulein Glöckler das Christbäumchen +und löste alle Würstchen aus den Zweigen und dafür holte sie aus +einer Schublade Glaskugeln und einen kleinen Wachsengel und zwei +Silbersterne. Das alles hängte sie an das Bäumchen und zündete die +Lichtchen an. Dann stieg sie die Treppe hinauf, tastete sich durch den +dunklen Gang und fand auch richtig die Tür. Da saß das Kätterle und +hatte sich in den Schlaf geweint. Und es schlief so fest, daß es gar +nicht merkte, wie es von dem alten Fräulein auf den Arm genommen und +hinuntergetragen wurde. Es machte erst die Augen auf, als es in der +Sofaecke saß und der Glanz der brennenden Lichtlein auf sein Gesicht +fiel. + +Kätterle rieb sich verwundert die Augen und das Fräulein lachte ganz +vergnügt und das Kätzchen schnurrte dazu. Das hatte seine Würstchen auf +einem Teller vor sich und war ganz zufrieden damit. Denn Katzen wissen +nichts mit Christbäumen anzufangen, und der liebe Gott hatte gewollt, +daß das Bäumchen für das Kind und nicht für das Kätzchen sein sollte. + +Bald war das Kätterle so vergnügt, wie andere Kinder auch am heiligen +Abend. Denn das Fräulein hatte ihm einen ganzen Teller voll guter +Sachen geschenkt und dann so lieb und freundlich mit ihm gesprochen, +wie sogar die Großmutter nie getan hatte. + +Am andern Tag kam das Kätzchen heran, als Kätterle auf Fräulein +Glöcklers Schoß saß und sich von ihr Bilder zeigen ließ. Es schnurrte, +so laut es konnte, denn das war ihm noch nie begegnet, daß seine Herrin +stundenlang gar nichts mit ihm gesprochen hatte. Aber diese merkte es +gar nicht, so vergnügt war sie über ihr neues Pflegekind. Und das hatte +der liebe Gott auch so gewollt, denn sie waren alle beide verlassen und +einsam gewesen, und jetzt war beiden geholfen. + +Ein paar Tage später kam die Kaufmannsfrau von unten und sagte: »Das +war recht, daß Sie sich so um das Kleine angenommen haben. Es fällt +Ihnen nun nicht mehr lang zur Last, es soll ins Waisenhaus kommen!« »Ei +behüte,« sagte das Fräulein und nahm das Kind fest in den Arm. »Ich +geb's nicht mehr her, gelt, Kätterle, wir bleiben beisammen?« + +Und das Kind nickte mit strahlendem Gesicht. + +»Das muß wahr sein,« sagte die Kaufmannsfrau, als sie wieder in ihren +Laden ging, »es passieren doch merkwürdige Sachen! Das weiß der liebe +Gott!« + + + + + 6. Die Gottswillenkinder. + + +Da, wo sich im Badener Land der Schwarzwald gegen das Rheintal hin +öffnet, liegt ein stattliches Dorf. Es schaut von einer Anhöhe herab +und freundlich und heimelig ins Land hinein mit seinen sauberen, +schindelgedeckten Häusern, die helle Fenster haben und blühende +Blumengärtlein zu beiden Seiten der Haustür. + +Gleich hinter dem Dorfe fängt der Wald an. Er steht wie eine schützende +Mauer hinter den Häusern, während sich die fruchtbaren Felder +talabwärts, in die Ebene hinein, erstrecken. Dort, ein wenig vom Ende +des Dorfs entfernt, schon fast im Schatten des Waldes, steht ein +kleines, weißes Haus mit grünen Läden und einer zierlichen Veranda. Die +Tür ist von Efeu umrankt und das Häuschen sieht so fröhlich aus, als +ob gar niemals etwas Düsteres darin Platz finden könnte. Ehe die Sonne +untergeht, winkt sie allemal noch einen freundlichen Abschiedsgruß +herüber und dann glänzen alle Fensterscheiben so golden, als wäre das +Häuschen ganz mit Sonnenschein angefüllt. + +Einst, vor Jahren schon, konnte man an solchen sonnigen Abenden eine +dunkle Frauengestalt unter der Türe sitzen sehen. Sie sah ganz und gar +nicht aus, als ob sie viel von Sonnenschein wisse. Denn ihr Gesicht +hatte einen tieftraurigen Ausdruck und manchmal legte sie die Hand vor +die Augen und stöhnte leise. Man konnte von ihrem Sitz aus so viel +Schönes sehen, daß wohl mancher froh gewesen wäre, es sehen zu können. +Da glitzerte ganz unten im Tal der Rheinstrom wie Silber und Gold, wenn +die Sonne hineinschien, und dahinter waren wieder Berge, die Vogesen, +die am Morgen weiße Nebelschleier trugen, und am Abend, wenn die Sonne +unterging, rot und golden angemalt schienen. Aber die traurige Frau sah +nichts von all der Pracht und Herrlichkeit. Wenn die Sonne hinunter +war, stand sie auf und ging ein wenig am Waldrand entlang. Dann kehrte +sie wieder in ihr Haus zurück. + +Im Frühling war ein alter Herr ins Dorf gekommen und hatte das +Häuschen, das gerade leer stand, gekauft. Dann hatte er Arbeiter +geschickt, die alles freundlich und sauber herrichten mußten. Und bald +darauf war die Frau eingezogen. Eine alte Magd kam mit ihr, die das +Hauswesen besorgte und die Einkäufe im Dorfe machte. + +Manche Leute behaupteten, daß »das weiße Häuschen«, wie es im Dorfe +hieß, noch einen Bewohner habe. Sicher wußte es niemand, denn es kam +kein Mensch zu der fremden Frau. Aber die Dorfbuben, die bei der +Ankunft der Fremden zugesehen hatten, sagten, daß die Ursula, so hieß +die Magd, eine kleine, verhüllte Gestalt aus dem Wagen und ins Haus +getragen habe. + +Von Ursula selbst erfuhr man nichts. Ihre Sprache klang ganz anders, +als die der Leute in der Gegend. Und sie hielt sich nie lang auf, wenn +sie ins Dorf kam. So machten sich die Leute selbst ihre Gedanken über +die Bewohner des weißen Häuschens. Und alle waren darin einig, daß die +Frau gemütskrank sein müsse. »Denn sonst wäre sie doch unter die Leute +gekommen und täte nicht, als ob sie ganz allein auf der Welt wäre,« +sagte eine Bäuerin zur andern. Jetzt ging es gegen den Herbst hin. Man +sprach im Dorf schon nicht mehr so viel von den Fremden, und diese +lebten still vor sich hin wie immer. + +Es war ein so schöner, sonniger Abend wie man ihn sich nur denken +konnte. Die ganze Rheinebene lag glänzend und klar ausgebreitet und +die Vogesen hatten einen bläulichen Schimmer. Vom Dorfe her tönten +die lauten, lustigen Stimmen der Kinder, die auf dem freien Platz vor +der Kirche spielten. Im Gras zirpten die Grillen, und in der Luft +summten zahllose Mücklein. Es sah aus, als ob alles, alles sich seines +Lebens freue. Das war die Zeit, wo es die traurige Frau nicht auf +ihrem Sitz vor dem Häuschen aushielt. Denn sie konnte keine fröhlichen +Kinderstimmen mehr hören, seit man ihre eigenen Kinder, die blonde, +sanfte Irma und den lustigen Krauskopf Hellmut, begraben hatte. Sie +lagen weit, weit von hier in zwei kleinen Gräbern nebeneinander. Die +traurige Frau hatte auch keinen Mann mehr; der war als Offizier im +Krieg gefallen. Und sie dachte, daß es nun und für alle Zeit für sie +mit aller Freude am Leben ganz vorbei sei. + +Jetzt stand sie auf und schritt dem Walde zu, ihren täglichen Weg, +einen schmalen, moosigen Pfad zwischen niedrigen Stechpalmen. Am +Eingang des Hochwaldes war ein glatter Baumstumpf, da ließ sie sich +nieder und sah wieder unbeweglich vor sich hin. + +Plötzlich hörte sie Kinderstimmen. Ein kleiner Bube schrie kläglich in +seinem Wägelchen, das sich, von einem Mädchen geschoben, knarrend den +Berg herunterbewegte. Es saß noch ein dickes, rotbackiges Mägdlein in +dem Wägelchen, das sah die Frau, als sie flüchtig aufsah. Dann bedeckte +sie das Gesicht mit den Händen. + +Die Kinder hatten die dunkle Gestalt noch nicht gesehen. Jetzt stand +das Wägelchen still, ganz in der Nähe der Fremden, aber durch einen +dichten Busch verdeckt. »Sei still, Daniel,« sagte die Mädchenstimme, +»und du auch, Regele, ich sing euch eins. Heim dürfen wir noch nicht. +'s ist ja Sonntag heut. Da will man daheim seine Ruh, hat die Bäuerin +gesagt. Wann die Betglocke läutet, dann gehen wir heim.« + + [Illustration] + +Das Geschrei verstummte, denn das Kindsmägdlein hatte den Schreier +herausgenommen und auf den Schoß gesetzt. Nun fing es an zu singen. Es +war ein dünnes Stimmlein, aber es klang doch lieblich. Die Frau horchte +mit gespannten Zügen. Sie hatte geräuschlos weggehen wollen, aber nun +vergaß sie das ganz. + + »Der Pilger aus der Ferne zieht seiner Heimat zu, + Dort leuchten seine Sterne, dort sucht er seine Ruh.« + +So fing das Lied an. Es war kein Kinderlied. Die traurige Frau hatte +noch nie solch ernsthafte Töne von einem Kinde gehört. Sie mußte ein +wenig durch das Gebüsch blicken. Da saß die kleine Sängerin auf dem +weichen Moos am Boden, die Kinder horchten aufmerksam. Es war ein +zartes, schmächtiges Ding von etwa acht Jahren, hatte bloße Füße und +ein mageres, bräunliches Gesichtchen, in das aber während des Singens +ein ganz fröhlicher Ausdruck kam. Nur einen kurzen Augenblick atmete +das Kind auf, dann sang es weiter: + + »Sein Sehnen geht hinüber, sein Liebstes liegt im Grab, + Die Blumen wachsen drüber, die Blumen fallen ab. + + Die Ströme ziehn hinunter ins wogenreiche Meer, + Die Welle geht drin unter, man sieht sie nimmermehr.« + +Der bleichen Frau liefen die Tränen über die Wangen. Sie hatte schon +lange nicht mehr geweint, nun kam es ihr vor, als ob sie nie mehr +aufhören könne. Aber die Sängerin hörte erschrocken auf, als sie neben +sich leise schluchzen hörte. Sie sah erst jetzt die Fremde und wollte +schnell weitergehen, denn es war ihr unheimlich, daß die Frau so stark +weinte. + +Da sagte diese: »Singe nur weiter, liebes Kind. Du tust mir wohl und +nicht weh damit. Ich habe das Lied schon lang, lang gekannt.« + +Das Mädchen sah die Frau aufmerksam an, so, als ob sie ihr bekannt +vorkäme. Die beiden Pfleglinge waren vor lauter Staunen mäuschenstill. +Und die Sängerin sagte: »Die andern Verse kann der Konrad besser als +ich. Den hat sie die Mutter noch gelehrt. Und du siehst --« da hörte +sie auf einmal auf zu sprechen und wurde dunkelrot. Sie hatte sagen +wollen: »Und du siehst fast gar auch so aus, wie die Mutter.« Aber es +war ihr dann unschicklich vorgekommen, das zu der fremden Frau zu +sagen. + +Diese wußte gar nicht, wie es ihr heute ging. Sie hatte seit dem Tod +ihrer Kinder gar keine Kinder mehr sehen können. Ja, sie war so weit +von daheim weggezogen, nur um allen Bekannten aus dem Weg zu gehen, +die noch fröhlich mit den Ihrigen leben konnten. Aber das ernsthafte +Gesichtchen des kleinen Kindsmägdleins und sein ungewöhnliches Lied, +das zog sie beides mächtig an. Ursula hätte sich gewiß entsetzt, wenn +sie gesehen hätte, wie ihre Herrin dem kleinen Mädchen neben sich auf +dem Baumstumpf Platz machte und sagte: »Was hast du sagen wollen? Sag's +nur kecklich. Komm, setze dich ein wenig daher zu mir und sag mir, wer +der Konrad ist und wie du heißt.« + +»Mein Bruder ist's,« sagte das Kind und sah dabei der fremden Frau +unerschrocken ins Gesicht. Hersetzen wollte es sich nicht. »Ich heiße +Veronika. Man sagt mir aber nur Vronik.« + +»So, und warum betrachtest du mich so aufmerksam?« fragte die Frau +weiter. Das konnte nun Vronik nicht wohl sagen. Denn im Dorf hatte +sie schon öfters sagen hören, die Frau im weißen Häuschen sei »nicht +ganz bei Trost«. Das hatte sie nie ganz verstanden. Als die Mutter +noch lebte, hatte sie hie und da gesagt: »Das ist mir ein Trost; daß +ich weiß, der liebe Gott sorgt für euch, wenn ich von euch fort muß. +Und das soll auch immer euer Trost sein. Er verläßt euch nicht.« +Sonst hatte Vronik noch nie etwas von Trost gehört. Und als sie nun +die Fremde so traurig sah, dachte sie, am Ende habe diese richtig +vergessen, was einem ein Trost sein könne. Und doch glich sie der +Mutter, denn sie war auch bleich und zart wie diese und trug auch ein +schwarzes Kleid. Nur hatte Vroniks Mutter freundliche, friedliche Züge +gehabt und einen ganz andern Ausdruck darin, als die fremde Frau. + +»Kannst du mir's nicht sagen?« ermunterte diese jetzt das Kind. »Du +mußt dich nicht fürchten, du kannst es ruhig aussprechen.« + +»Weißt du etwa nicht mehr recht, was ein Trost ist?« fragte Vronik +statt der Antwort. Denn sie konnte nichts anderes sagen, als das, was +sie gerade dachte. + +Die Frau sah erstaunt auf. »Ach nein, das weiß ich nicht,« sagte sie. +»Aber wie kommst du darauf? Weißt du es vielleicht?« + +»Ja,« sagte das Kind ganz bestimmt. »Daß der liebe Gott bei einem +bleibt und einen nicht verläßt, wenn man auch ganz allein ist, das ist +einer. Die Mutter hat's gesagt.« + +Die Frau hatte schon wieder Tränen in den Augen, aber sie kämpfte sie +nieder, um das Kind nicht zu erschrecken. Denn sie wollte noch mehr +hören. Es hatten schon viele Leute versucht, sie zu trösten. Aber +denen hatte sie immer gesagt: »Ihr könnt gut reden. Ihr seid froh und +glücklich und versteht nicht, wie es mir sein muß.« Das war bei dem +Kind anders. Denn das hatte es nicht leicht auf der Welt, so viel +konnte man wohl sehen. So sagte die Frau jetzt zu ihm: »Da hat dir die +Mutter etwas Gutes gesagt, daran denke nur immer. Wo ist sie denn? Ich +möchte sie wohl einmal sehen.« + +Das Kind machte die Augen weit auf. Die fremde Frau wußte scheint's +nicht, daß es ein Gottswillenkind sei, das heißt, eines, das gar +niemand eigenes mehr auf der Welt habe, der für es sorgen könnte und +das man darum »um Gotteswillen« umsonst aufgenommen habe. Es war der +Vronik etwas ganz Neues, daß das jemand nicht wußte. Im Dorfe wurde sie +oft genug daran gemahnt. + +»Die Mutter ist zum lieben Gott gegangen,« sagte sie nach einer kleinen +Weile. »Ganz bald nachher, als wir von der Schweiz kamen. Da hat sie +immer gehustet. Und dann hat sie's oft gesagt, daß sie fortgehe. Jetzt +ist der Konrad beim Lammwirt und ich bin beim Pfleghofbauern um der +Gottswillen.« + +Vronik mußte tief aufatmen, denn es war lange her, daß jemand so viel +von ihr hatte wissen wollen. Aber die Frau sah so teilnehmend aus, es +wurde dem Kinde ganz warm ums Herz. + +»Aber die Mutter hat auch noch gesagt: wir werden schon wieder +zusammenkommen, der Konrad und ich. Weil wir doch sonst gar niemand +haben als nur einander. Wann der Konrad groß ist, dann verdient er Geld +und dann müssen wir beieinander wohnen,« berichtete Vronik weiter. +Sie hätte jetzt alles sagen können. Aber ihre Pfleglinge wurden ganz +unruhig und ließen sich nicht mehr beschwichtigen, und vom Dorfe +her hallten laute Klänge durch die klare Herbstluft. Das war die +Abendglocke, und die Kinder mußten nach Hause. + +Die fremde Frau erhob sich. Zum erstenmal hatte wieder ein anderer +Gedanke als der an ihr Unglück in ihr Raum gefunden. Jetzt sagte sie: +»Kommst du morgen wieder hierher, Vronik? Du mußt mir dann noch mehr +sagen.« + +Vronik schüttelte leise den Kopf. »Nein, das darf ich nur am Sonntag,« +sagte sie. »Am Werktag hütet die Ahne die Kinder. Da muß ich auf dem +Feld helfen und im Stall und in der Küche und überall.« + +Der fröhliche Ausdruck war wieder ganz aus dem mageren Gesichtchen +geschwunden, Vronik sah jetzt so ernsthaft aus, als ob sie schon +schwere Sorgen habe. »So komm gewiß am Sonntag wieder,« sagte die Frau. +»Vielleicht weißt du mir dann auch so einen guten Trost.« Dann schieden +die beiden, und das Wägelein holperte jetzt schnell den Weg hinab, denn +es hatte beinahe ausgeläutet. + + * * * * * + +Es war schon spät am Abend. In dem Heimwesen des Pfleghofbauern war +schon alles zur Ruhe gegangen. Nur Vronik war noch einmal zur Hintertür +hinausgeschlüpft. Das tat sie immer, ehe sie sich niederlegte. Denn +da kam oft der Konrad noch ein Weilchen in den Hof. Und das war die +einzige Zeit, wo die verlassenen Kinder einander sehen und sprechen +konnten. Es war nicht nur, weil die Mutter so oft gesagt hatte: +»Haltet zusammen, Kinder, wenn ich nicht mehr da bin,« daß die beiden +so aneinander hingen. Sie hatten alle beide Heimweh nach den alten, +schönen Tagen, wo sie mit den Eltern fröhlich zusammen gelebt hatten +in der eigenen Heimat. Die Zeit lag freilich jetzt weit dahinten. Aber +nach des Vaters Tod war doch noch eine Zeit gekommen, wo die Mutter +für ihre Kinder sorgte. Sie war mit ihnen in ihre alte Jugendheimat +zurückgekehrt. Aber es lebte niemand mehr von den alten Freunden. Und +als der liebe Gott die Mutter zu sich holte, da wußte sie ihren Kindern +keinen andern Trost zu hinterlassen als den, den die Vronik so treulich +bewahrt hatte, nämlich, daß der liebe Gott für sie sorgen und sie nicht +verlassen werde. + +Vronik hatte ein fröhliches Herzlein. Und das war viel wert für das +einsame Kind. Auf dem großen Hof waren so viele Knechte und Mägde, und +sie waren nicht eben böse gegen das Gottswillenkind. Aber sie dachten, +es müsse froh sein, wenn es überhaupt einen Unterschlupf habe, und es +solle sich nur beizeiten daran gewöhnen, sich in anderer Leute Willen +zu schicken. So übten sie es denn alle miteinander darin, daß es sich +schicken lerne. »Vronik, treib die Hühner zusammen,« »Vronik, du kannst +mir meine Stiefel schmieren,« »wo ist die Vronik? sie soll Kartoffeln +waschen,« so hieß es den ganzen Tag. Und Vronik ließ sich das nicht zu +sehr anfechten; sie war immer bei der Hand und wenn sie nicht zu müde +war, sang sie noch zu ihrer Arbeit irgend eines der schönen Lieder, +die sie die Mutter noch gelehrt hatte. Die schönste Zeit für sie war, +wenn sie am Sonntag nachmittag mit den Kindern hinausziehen durfte an +ein schönes Plätzchen. Da gab sie den Kleinen Blumen und Steinchen zum +Spielen und dann konnte sie sich hinsetzen und viel Schönes ausdenken. +Wie es früher gewesen war, und wie es später werden würde, wenn der +Konrad groß war und Geld verdiente. Ja, daß der Konrad nicht in den +Wald konnte, das war freilich betrübt. Der mußte am Sonntag fast noch +fleißiger sein als am Werktag; denn da mußte er den Bauernburschen die +Kegel aufsetzen und noch vieles andere tun. Und dann kam er immer am +späten Abend so verzagt heran, und Vroniks Trost wollte gar nicht bei +ihm verfangen. Auch heute nicht. Er machte ein düsteres Gesicht und +sagte: »Wenn wir nur fort könnten, Vronik. Wenn wir nur wieder in die +Schweiz könnten oder irgendwohin, wo es anders ist. Der Lammwirt hat +mich heute so oft am Ohr gerissen und dann noch gesagt: ›Du bist ein +Nichtsnutz und dein Essen verdienst du nicht einmal.‹ Und ich habe +immer Schlaf und immer Hunger. Ans Lernen komme ich auch nicht. Wenn +ich dann im Winter wieder in die Schule muß, so setzt mich der Lehrer +zu den Nichtskönnern. Und ich möchte doch so gern lernen.« + +Vronik wußte auch nicht gleich zu raten. Sie hätte ja gern Konrads +Hand genommen und wäre mit ihm ins Land hinausgewandert. Die Sternlein +schienen so hell und freundlich am Himmel und in den Bäumen rauschte +der Nachtwind ganz weich und lieblich. Sie hätte sich nicht gefürchtet. +Aber wohin? Und dann fiel ihr auch ein, daß die Mutter oft gesagt +hatte: »Man muß mit dem zufrieden sein, was einem der liebe Gott gibt. +Wenn man immer etwas anderes will, so kann er einem dann nicht mehr +helfen.« + +So sagte Vronik nach einem Weilchen: »Nein, Konrad, fortgehen, das +dürfen wir nicht. Und wir wissen auch nicht, wohin? Es dauert sicher +nicht mehr so lang, bis du dann groß bist und Geld verdienen kannst. +Und dann ziehen wir zusammen.« + +Dem Konrad schien das Leben immer wieder erträglich zu sein, wenn er +bei Vronik war; denn sie fand an allem eine gute Seite heraus, wenn sie +auch noch klein war und jünger als er. Und sie wußte immer etwas zu +erzählen, was sie erlebt hatte, so daß der Konrad oft nur zu staunen +hatte. + +Heute wurde natürlich das Erlebnis im Walde ausführlich berichtet. In +Vroniks Herzlein war ein großes Mitleid für die arme Frau aufgewacht, +die nicht einmal mehr wußte, was ein Trost ist. + +»Wenn ich nur etwas wüßte, daß sie wieder ein bißchen froh wird,« sagte +Vronik, als sie ihren Bericht vollendet hatte. »Und du auch, Konrad. +Wenn ich vergnügt sein will, dann fällt mir immer der Lammwirt ein, wie +er dich am Ohr reißt und daß du dann so ein trutziges Gesicht machst. +Und jetzt auch noch die Frau da droben. Ich möchte nur allen helfen +können.« + +»Der liebe Gott kann allen helfen,« hatte die Mutter oft gesagt. + +Und oft hilft er einem traurigen Menschenkind durch das andere, daß +dann beide wieder fröhlich sein können. Man muß nur warten können, er +macht es schon noch gut. -- + +Als die beiden Waisenkinder sich in dieser Nacht trennten, waren sie +beide fröhlicher als vorher; denn es war ihnen wieder in den Sinn +gekommen, daß schon alles noch gut werde. Und als sie dann in ihrem +Kämmerlein lagen und ihr Nachtgebet sprachen, da winkten die Sternlein +tröstlich zu ihnen herein und die Gottswillenkinder schliefen so +sanft, wie nur irgend wohlbehütete Kinder unter den Augen ihrer Eltern +schlafen können. + + * * * * * + +Ursula hantierte am frühen Morgen geräuschlos in dem weißen Häuschen +herum. Sie fegte und stäubte ab und manchmal warf sie einen +wohlgefälligen Blick auf die schöne Gegend, die sich an dem strahlenden +Herbstmorgen so lieblich vor den Augen ausbreitete, wenn man nur zum +Fenster hinaussah. Drinnen im Schlafzimmer rührte sich noch nichts +und Ursula war das gewöhnt; denn seit nicht mehr die fröhlichen +Kinderstimmen in aller Frühe wach wurden und das Haus lebendig machten, +wollte Frau Behrens den Morgen nicht mehr ansehen. + +»Ich habe keinen Mut mehr zum Aufstehen,« klagte sie oft. »Es treibt +mich ja nichts mehr heraus.« + +Sie hätte wohl noch eine Pflicht gehabt, aber es war eine, die der +armen Frau das Herz noch schwerer machte als es schon vorher war. In +Ursulas Stübchen stand noch ein kleines Bett. Darin lag eine schmale, +kleine Gestalt mit einem weißen, farblosen Gesichtchen, darin nichts +lebendig schien, als ein Paar große, braune Augen. Sie lag Tag für Tag +still und unbeweglich da, die kleine Gertrud, und man fürchtete, daß +es auch niemals anders mit ihr werden würde. Das war das einzige Kind, +das der armen Frau noch am Leben geblieben war. Es konnte nicht reden, +sich nicht bewegen, lachte und weinte nicht. Frau Behrens konnte es +nicht lieb haben. »Warum hat mir Gott die gesunden Kinder genommen und +dieses gelassen, das nur zum Jammer auf der Welt ist, sich und mir zum +Jammer?« So klagte sie oft, und Ursula hatte es längst aufgegeben, ihr +zuzureden. Sie tat dem hilflosen Geschöpfchen alles, was sie konnte. +Sie gab ihm die Nahrung, hielt es sauber und sorgte ihm für ein gutes +Lager. »Wenn man nur wüßte, ob es einen versteht,« dachte sie oft, wenn +die braunen Augen so ausdrucksvoll auf sie gerichtet waren. + +Eben hatte Ursula ein paar wimmernde Töne vernommen. Diese waren immer +das Zeichen, daß Gertrud erwacht war. Sie wollte eben hineingehen, da +sah sie eine kleine Gestalt unter der Haustür. Ein mächtiger Strauß +fiel auf die Steinstaffel und dann huschte die Gestalt wieder hinunter. +»Halt einmal, was ist denn da los?« fragte Ursula erstaunt, und schon +hatte sie Vronik, denn diese war es, am Röckchen erfaßt. + + [Illustration] + +Das Kind strebte weiter; es war dunkelrot im Gesicht. »Laß mich,« sagte +es, »ich muß schnell heim, die Bäuerin zankt sonst. Es ist nichts +Böses, ich hab nur der Frau einen Strauß gebracht, weil sie so arm +ist.« »Was weißt du, ob Frau Behrens arm ist,« sagte Ursula ein wenig +unfreundlich. Denn sie wußte nichts von der Begegnung im Walde und +dachte, es könne ihrer Herrin vielleicht unangenehm sein, wenn sich +jemand um sie bekümmere. »Wo ist sie?« fragte Vronik etwas erschrocken. +»Sie kennt mich schon und sie hat gesagt« -- hier stockte sie. Denn +Frau Behrens trat unter die Tür. Sie hatte das Kind gehört und winkte +ihm freundlich zu. Ursula schüttelte erstaunt den Kopf. Hatte man so +etwas je erlebt? Das barfüßige Mädchen kam strahlend auf die Dame zu +und sagte fröhlich: »Ich habe dir den Strauß geholt. Ich habe den +Knechten die Morgensuppe in die Au gebracht. Und es ist noch so lang +bis an den Sonntag, drei Tage noch. Da hab' ich schnell das Heidekraut +gepflückt. Und der Konrad hat gesagt, wenn man nicht mehr wisse, was +ein Trost sei, so müsse man es dem lieben Gott sagen, der wisse es dann +schon. Der Konrad hat es auch nicht mehr gewußt, den reißt der Lammwirt +oft am Ohr, daß es weh tut.« + +»So,« sagte Frau Behrens, »das ist freilich schlimm, wenn er das tut. +Aber weiß denn der Konrad jetzt, was ihm gut tun kann?« »Ja, er weiß es +schon,« sagte Vronik. »Er vergißt's nur allemal wieder, daß man alles +dem lieben Gott sagen kann. Daß er machen soll, daß der Konrad lernen +darf, weil er das so gern möchte. Und daß es nicht mehr lang dauert, +bis er groß ist und Geld verdient.« + +Ursula traute ihren Augen und Ohren nicht, als nun Frau Behrens dem +Kinde warm die Hand gab und sagte: »Den Konrad muß ich auch sehen. Und +am Sonntag kommst du in den Wald. Vielleicht können wir schon etwas +ausfindig machen, daß dein Bruder mehr lernen darf, wenn er das so gern +will.« + +Vronik eilte leichtfüßig davon. Denn es war jetzt keine Zeit zum +Plaudern. Im Pfleghof war große Wäsche, und Vronik hätte sich +verdreifachen können und doch kaum alle Befehle ausführen, die man ihr +gab. Aber sie tat heute alles noch viel vergnügter als sonst. Sie mußte +an einemfort vor sich hinsingen. Sogar die alte Obermagd, die sonst +nicht viel sagte, fragte verwundert: + +»Was freut jetzt auch das Mädchen so? Das hat doch einen Leichtsinn, +man sollt's nicht glauben. Und hat's erst gar nicht nötig, das +Leichtsinnigsein. Wenn man keinen Menschen hat und keinen Pfennig +Geld.« Vronik brauchte aber gar kein Geld zum Vergnügtsein. Und daß +eben erst, heute schon, ein Mensch freundlich und teilnehmend mit dem +armen Gottswillenkind gesprochen hatte, das wußte die alte Obermagd +nicht. Vronik hörte es immerfort noch in den Ohren tönen: »Wir können +dann vielleicht schon noch etwas ausfindig machen, daß der Konrad mehr +lernen kann, wenn er das so gern möchte.« + +Das war ganz genug, um den ganzen Tag fröhlich zu sein, bis dann am +Abend der Konrad kam und man es ihm mitteilen konnte. Vronik konnte +sich nicht besinnen, was Frau Behrens wohl dazu tun könnte, daß der +Konrad mehr lernen dürfe. Sie freute sich nur darüber und glaubte ganz +sicher, daß es wahr werde. »Der liebe Gott kann alles machen,« hatte +die Mutter oft gesagt, und Vronik zweifelte gar nicht, daß er das +machen könne. + +Aber am Abend kam der Konrad nicht in den Hof und auch nicht an +den beiden folgenden. Vronik wartete lange auf ihn und wurde immer +unruhiger. Ins Lamm gehen, das durfte sie nicht. Der Lammwirt hatte ihr +einmal gesagt: »Das Zusammengeläufe verbitte ich mir, und dich will ich +nicht in meinem Haus antreffen.« Und dazu hatte der große Metzgerhund +Flox so grimmig geknurrt, als ob er hätte sagen wollen: »Und ich dich +auch nicht oder es geht dir dann schlecht.« Seither fürchtete sich das +Kind vor beiden, dem Mann und dem Hund. Aber am Sonntagmorgen hielt es +Vronik nicht mehr aus. Sobald sie ein Weilchen abkommen konnte, ging +sie doch hinunter auf den freien Platz, an dem das stattliche Wirtshaus +stand, dessen goldenes Lamm in der Sonne glänzte. Sie wollte nur sehen, +ob sie nicht an irgend einem Fenster den Konrad entdecken könne. Aber +da kam gerade der gefürchtete Lammwirt in hohen, blankgewichsten +Stiefeln zum Haus heraus. Er führte den Hund an der Leine, hatte einen +festen Stock in der Hand und eine Schildkappe auf und ging mit großen +Schritten die Straße hinunter. Vronik hatte sich zitternd an die Wand +gedrückt, als sie die beiden sah, nun atmete sie leicht auf, denn nun +war nichts zu befürchten. Sie huschte schnell ins Haus, sah sich im +Flur und im Schenkraum um und fand endlich den Bruder in der Küche. +Er saß auf einem Bänkchen und putzte Rüben. Sein Fuß lag auf einem +Holzklotz und war dick mit Lappen umwickelt und sein Gesicht war noch +blässer und finsterer als sonst. Vronik erschrak, als sie ihn so fand. +»Was hast du, was ist, daß du nicht kommst?« sagte sie ängstlich. »Hat +er dir etwas getan?« Konrad schüttelte den Kopf und sah sich zuerst +nach allen Seiten um, ehe er antwortete. »Ich habe ein Glas zerbrochen, +und bin noch in einen Scherben getreten,« sagte er. »Jetzt ist mein +Fuß dick geschwollen. Und Schläge habe ich auch bekommen. O wenn ich +nur gar nicht mehr am Leben wäre.« Und dabei rollten dem Konrad dicke +Tränen über die bleichen Backen. + +Es war ein wenig schwer für Vronik, hier eine gute Seite an der Sache +zu finden. Denn niemand pflegte den Konrad recht. Der Lammwirt hatte +keine Frau. Vor seiner alten Mutter fürchteten sich die Kinder fast +ebensosehr, wie vor dem Lammwirt selbst, denn sie hatte eine sehr +unfreundliche Gemütsart. Und die Köchin dachte, der Fuß werde schon von +selbst wieder gut werden. So war es kein Wunder, daß dem Konrad das +Herz noch schwerer war, als sonst schon vorher. Denn er kam sich jetzt +so verlassen und unglücklich vor, als ob es auch für ihn keinen Trost +mehr gebe auf der ganzen Welt. Das konnte aber Vronik nicht ertragen. + +»Ich habe dir zwei Birnen gebracht,« sagte sie. »Sie sind gut, ich hab +sie vom Stallknecht, weil ich ihm die Stiefel gewaschen habe. Du mußt +jetzt nicht weinen. Ich habe ein frisches Halstüchlein, das mache ich +naß und binde es um den Fuß, das tut dir gut.« + +Der Fuß war entzündet und tat weh. Und Konrads trauriges Herz konnte +auch Vronik nicht so schnell hell und fröhlich machen. Aber es war +doch gut, daß sie gekommen war. Denn jetzt setzte sie sich noch ein +Weilchen zu dem Bruder auf das niedrige Bänklein. Und wenn er sagte: +»Es hilft doch nichts, wenn man sich auch Mühe gibt, so viel man kann. +Und es dauert so lang, bis man groß wird, daß man es fast nicht erleben +kann,« so wußte sie doch immer wieder einen Trost. Und heute hatte +sie ja noch einen besonderen. »Die Frau Behrens hat gesagt, sie wolle +dann schon etwas ausfindig machen, daß du lernen dürfest,« erzählte +sie. »Vielleicht will sie den Lammwirt fragen, ob er's nicht erlaube.« +»Der erlaubt's nicht,« sagte Konrad mutlos. »Jetzt mußt du dich einmal +gar nicht mehr besinnen, die Frau Behrens besinnt sich schon selber,« +ermahnte Vronik. »Heute nachmittag seh' ich sie im Wald. Und dann komme +ich bald wieder zu dir und sage dir alles.« + + [Illustration] + +Vronik mußte gehen. Denn sie hatte auf dem Hof noch viel zu tun. Und +sie wollte auch lieber nicht abwarten, bis der Herr des Hauses mit dem +Hund zurückkäme. + +Konrad blieb in seiner trübseligen Küche allein. Aber er sah nicht +mehr so finster aus als zuvor. Vronik hatte ihn ein wenig aufgeheitert +mit ihrem Besuch und mit dem, was sie gesagt hatte. Und nun fingen +die Glocken an zu läuten und auf dem Fenstersims zwitscherte lustig +ein dicker Spatz, und ein heller Sonnenstrahl fiel auf den Steinboden +der Küche und tanzte dort hin und her. Da kam es dem einsamen Buben +wieder tröstlich in den Sinn, daß der liebe Gott sein Vater sein wolle +und es schon noch gut mit ihm machen werde. Er wollte nur nicht immer +vergessen, sich an ihn zu halten. + +Die Köchin war auch in sonntäglicher Stimmung. Sie konnte zwar nicht in +die Kirche gehen, aber sie kam doch mit einer frischen Schürze angetan +aus ihrer Kammer herunter und summte ein schönes Lied vor sich hin, als +sie am Herde hantierte. Und als sie Waffeln buk, geschah das Unerhörte, +daß sie dem Konrad eine davon, die noch warm und goldbraun war, mit +Zucker bestreute und gab. »Da, du armer Schlucker,« sagte, »daß du auch +weißt, daß Sonntag ist.« + +Nein, heute wollte der Konrad nicht mehr verdrießlich sein! Und er +wußte erst noch nicht, daß schon alles auf dem besten Wege war für +ihn und er nur noch ein Weilchen warten mußte, bis ihm der liebe Gott +helfen wollte. + + * * * * * + +Der Abend dämmerte schon. Den schmalen Fußpfad vom Dorfe her nach +dem »weißen Häuschen« ging langsam, mit gesenktem Kopf, ein kleines, +barfüßiges Mädchen. Es war Vronik. Sie hatte ihre Schutzbefohlenen, +den Daniel und das Regele, nach Hause geführt. Nun durfte sie noch ein +Weilchen tun, was sie gern wollte. + +Vronik hatte den ganzen, langen Nachmittag im Wald an dem bekannten +Plätzchen gewartet, ob Frau Behrens nicht komme, aber umsonst. Die +Kinder konnten heute nicht so befriedigt sein von ihrer Hüterin wie +gewöhnlich. Denn diese horchte an einem fort, ob sich kein Tritt hören +lasse, und dann ging sie wieder ein Stückchen weit den Berg hinauf, +um zu sehen, ob nirgends eine schwarze Gestalt aus den Büschen trete. +Denn sie hatte so viel auf dem Herzen, und es ist nicht leicht, ganz +umsonst auf den einzigen Menschen zu warten, von dem man glaubt, daß +er einem helfen könnte. Und Vronik wußte ja, daß es nun wieder eine +ganze Woche anstehen werde, bis sie Frau Behrens sehen könne. Da war +es nicht zu verwundern, daß sie nicht wie sonst auf die vielen Wünsche +und Fragen der Kinder hörte, sondern nur allemal wieder sagte: »Ja, +ja, spielet jetzt nur auch ein wenig allein. Immer kann ich euch auch +nicht vorsingen.« So hatte die Vronik heute gar kein so sonntägliches +Gefühl wie sonst, als sie ihr Wägelchen nach Hause schob. Sie mußte nur +immer denken: »Warum ist die Frau nicht gekommen? Hat sie am Ende ganz +vergessen, daß sie sich auf etwas Gutes für den Konrad besinnen +wollte?« + + [Illustration] + +Unter solchen Gedanken hatte die Vronik fast unbewußt den Waldweg +eingeschlagen, als sie nun freie Zeit hatte. Nun stand sie vor dem +Häuschen. Es saß niemand mehr auf dem Bänkchen vor der Türe, denn es +war schon Dämmerung und kühl. Ein heller Lichtschein fiel aus dem +Fenster. Da drinnen im Zimmer würde nun wohl die fremde Frau sitzen, +die nicht mehr wußte, was ein Trost ist und die doch dem armen Kinde +schon ein Trost geworden war. Vronik konnte es nicht lassen, sie +mußte sich auf das Bänkchen stellen, das gerade unter dem erleuchteten +Fenster stand. Nur einen Augenblick hineinsehen wollte sie, es würde es +ja niemand merken. Nur geschwind sehen, ob die Frau etwa krank sei oder +ob sie nun gerade so traurig, wie sonst, vor dem Haus am Tisch unter +der Lampe sitze und vor sich hinstarre. + +Es sah aber ein wenig anders aus in dem Zimmer, als Vronik sich +vorgestellt hatte. So etwas Behagliches, Heimliches hatte das Kind noch +nie gesehen, dem seither das einfache Stübchen daheim bei der Mutter +und von noch früher her das Arbeiterhäuschen in der Schweiz als das +Schönste, was es geben konnte, vorgeschwebt war. + +Vronik drückte das Gesicht fest an die Scheiben, um nur alles genau +sehen zu können, die Bilder an den Wänden, die Blumen in Töpfen +und Schalen, die da überall herumstanden, den ganzen zierlichen, +behaglichen Schmuck des wohleingerichteten Wohnzimmers. Frau Behrens +saß aber nicht allein darin. Ein alter Herr mit freundlichem Gesicht +und schneeweißen Haaren saß neben ihr auf dem Sofa und hielt ihre Hand +gefaßt. Und neben den Beiden lag, gerade hell vom Licht der Lampe +beschienen, in einem Korbwagen eine kleine, schmale, weißgekleidete +Gestalt, die gar nicht ausgesehen hätte, als ob sie lebe, wenn nicht +die großen, aufmerksamen Augen sich ein wenig bewegt hätten. Vronik +vergaß ganz, was sie da heraufgetrieben hatte, und auch, daß sie hatte +gleich wieder heimgehen wollen. Sie sah nur immerfort auf die kleine +Gruppe in dem erleuchteten Zimmer. Ursula ging hin und her, deckte den +Tisch zum Abendessen und zupfte hier und da, wenn sie an dem Korbwagen +vorüberging, eine Spitze an dem Kleidchen der kleinen Gertrud zurecht, +weil sie dem Kinde jetzt gerade sonst nichts Gutes antun konnte. + +In Vronik stieg ein brennendes Heimwehgefühl auf. Sie hatte sich so zu +der fremden, traurigen Frau hingezogen gefühlt, weil sie glauben mußte, +diese stehe ganz allein auf der Welt und weil sie gut wußte, wie es +tut, verlassen zu sein. Und nun sah sie den alten Herrn bei ihr sitzen, +der so väterlich die Hand der traurigen Frau hielt, sah das Kind in +dem Wagen, das ein so feines, zartes Gesichtchen hatte und das doch +wohl Frau Behrens gehören mußte, und das trauliche Zimmer, in dem diese +Leute ungestört beisammensitzen konnten. + +»Da wird sie's freilich wohl vergessen haben, daß sie kommen wollte,« +dachte das arme Gottswillenkind. + +»Vielleicht bleibt jetzt der alte Herr immer bei ihr und macht sie +wieder ganz fröhlich. Und dann wird sie wohl nichts ausfindig machen +für den Konrad.« + +Es wurde spät. Vronik war auf das Bänkchen niedergekniet, hatte den +Kopf auf die Arme gestützt und mit begierigen Augen ins Zimmer gesehen, +bis ihr die Augen zugefallen waren. Es sah so heimatlich aus da drin +und wenn das Kind auch wußte, daß es da nicht hingehöre, so wollte es +doch noch ein kleines Weilchen hineinsehen und ein wenig vergessen, daß +es so allein sei. Und darüber war es eingeschlafen. Jetzt wogten die +weißen Abendnebel um die schlafende Gestalt her und am Himmel glänzten +die Sterne. Und Vronik träumte von einer Heimat, wo sie wirklich +hingehörte, wo man sie lieb hatte und den Bruder auch. + +Drinnen im Zimmer saß der alte Herr, der ein Doktor war und ein +väterlicher Freund der Frau Behrens, soweit diese sich zurückerinnern +konnte, noch lange bei ihr auf dem Sofa. Er hatte im Frühjahr den +Ankauf des weißen Häuschens besorgt, weil ihn die junge Frau gebeten +hatte: »Lassen Sie mich fort, Herr Doktor, von allen Menschen weg. +Vielleicht kann ich mich in der Einsamkeit besser zurechtfinden.« + +Nun war er gekommen, um wieder einmal nach seiner Schutzbefohlenen zu +sehen. Ursula hatte ihm heimlich geschrieben, weil sie den stummen +Jammer nicht mehr so allein mitansehen konnte und weil sie auch hoffte, +daß der Herr Doktor etwas für die kleine Gertrud zu tun wisse. + +Es war kein fröhlicher Tag gewesen für den alten Herrn, der ein so +warmes, mitfühlendes Herz hatte und gern allen Traurigen geholfen +hätte. Denn Frau Behrens sagte auf all seine liebreichen Worte nur: +»Seien Sie mir nicht böse, ich kann nicht anders als traurig sein und +niemand kann mir helfen.« + +Nun hatte der Herr Doktor heute abend noch ein Mittel versucht, Frau +Behrens ein wenig aufzurütteln. Er hatte den Wagen mit der kleinen +Gertrud ins Zimmer bringen lassen, und die Mutter selbst hatte ihm +helfen müssen, das Kind ganz eingehend zu untersuchen. Sie hatte die +Kleidchen auf- und zuknöpfen und die leichte Gestalt in den Armen +halten müssen. Und nun sagte der Herr Doktor ernsthaft: »So, nun +hören Sie mir einmal zu. Kein Mensch auf der ganzen Welt darf sich so +hinsetzen und sein Leben mit Klagen zubringen. Der liebe Gott weiß, +was er getan hat. Und er weiß auch, warum er Gertrud am Leben ließ +und nicht eines von den gesunden Kindern, und niemand kann im voraus +sagen, eines sei unnütz auf der Welt. Fangen Sie einmal an, das Kind +lieb zu haben. Singen Sie ihm etwas vor. Nehmen Sie es in die Arme, es +spürt vielleicht gut, wenn man es lieb hat. Es kann auch noch kräftiger +werden, man weiß nie, was unser Herrgott noch im Sinn hat mit so einem +schwachen Kindlein.« + +Und als Frau Behrens stumm vor sich hinsah, fuhr der alte Herr fort: +»Wenn Sie es noch nicht recht lieb haben können, so tun Sie es um +Gotteswillen; weil er es will. Es wird ihnen noch ein Trost werden, das +weiß ich.« + +Frau Behrens hätte nicht gut sagen können, welche Gedanken ihr an +dem Abend schon durch den Sinn gegangen waren. Es war nicht mehr +ganz so dunkel in ihrem Herzen wie vorher. Seit sie mit dem armen +Gottswillenkind zusammengetroffen war, hatte sich manches in ihr +geregt, was sie lang vergessen hatte. Und Vroniks Trost war ihr oft +eingefallen, wenn sie auch selbst noch nicht recht sagen konnte: »daß +der liebe Gott bei einem ist und einen nie verläßt, wenn man auch sonst +allein ist, das ist ein Trost.« Nun bei den letzten Worten des Doktors +fiel ihr das Gottswillenkind wieder ein. Das hatte man ja auch, samt +seinem Bruder, »um Gotteswillen« aufgenommen und Frau Behrens wußte, +daß es die Beiden nicht gut hatten. Und es kam ihr beschämend in den +Sinn, daß sie ihr eigenes, armes Kind auch nicht liebevoller behandle, +und sie dachte mit Recht, daß es doch Kinder, die man dem lieben Gott +zulieb versorgen will, am besten von allen haben sollten. + +Frau Behrens hatte noch gar keine Antwort auf die ermahnenden Worte des +Doktors gegeben. Denn sie kämpfte mit sich selbst und konnte noch nicht +recht mit ihrer Traurigkeit fertig werden. + +Da kam Ursula ins Zimmer. Sie war hinausgegangen, um die Läden zu +schließen. Nun trat sie etwas erregt ein und sagte: »Was soll man da +anfangen? Es ist ein schlafendes Kind auf dem Bänkchen vor dem Hause. +Das ist's, das schon einmal hier war. Man kann es doch nicht draußen +lassen.« + +Ursula und der Doktor sahen einander erstaunt an, als hier Frau Behrens +lebhaft aufstand und sagte: »Bring's herein, Ursula. Oder nein, ich +will es selbst holen. Es kennt mich; es hat auf mich gewartet, das weiß +ich.« + +Der Doktor sah ihr vergnügt nach, denn er dachte: »Man kann nicht +wissen, auf welche Weise ihr der liebe Gott helfen will.« + +Eine kleine Weile später trat Frau Behrens ein. Sie trat leise und +sachte auf und trug auf beiden Armen das barfüßige Bauernkind. Sie +legte es aufs Sofa nieder und dann sagte sie flüsternd: »Man darf es +nicht wecken, es schläft so tief und fest. Ursula soll ins Dorf gehen +und sagen, daß man das Kind nicht vergeblich sucht. Und morgen sieht +man weiter.« + +Als der Herr Doktor in dieser Nacht zur Ruhe ging, oben in dem +freundlichen Balkonzimmer, stand er noch eine Weile still am Fenster +und sah in die schweigende Gegend hinaus. »Du machst es nicht, wie wir +gedacht, du machst es besser als wir denken,« sagte er vor sich hin. +Denn er hatte schon gemerkt, daß der liebe Gott beiden helfen wollte, +den Kleinen und Großen, da konnte er sich wohl freuen. + + * * * * * + +Das war am andern Morgen ein erstauntes Gesicht, mit dem sich Vronik +beim Erwachen umsah. Sie glaubte immer noch zu träumen. Die Sonne +schien hell durch die blanken Fenster und blütenweißen Vorhänge, +beschien die weißen Kissen, in denen das arme Gottswillenkind lag, +und das ganze, freundliche Zimmer. An der Wand hing ein großes Bild. +Es war der Heiland, der ein Schäflein auf der Schulter trägt. Das +mußte Vronik unverwandt ansehen. Das Schäflein schmiegte sich so +dicht an den guten Hirten, der es trug, es wurde einem wohl, wenn man +es nur ansah. Und Vronik fiel das Lied ein, das die Mutter so oft +mit ihren Kindern gesungen hatte, die Stelle, wo es hieß: »Und nach +diesen schönen Tagen werd ich endlich heimgetragen in des Hirten Arm +und Schoß, Amen, ja, mein Glück ist groß.« Es war dem Kinde einen +Augenblick zumute, als ob es auch »heimgetragen« wäre. Aber dann +fiel ihm der ganze gestrige Abend wieder ein. Seine Kleider lagen +auf dem Stuhl neben dem Sofa, und dann wußte Vronik plötzlich, daß +sie wieder ins Dorf hinunter müsse, in den Pfleghof, wo jetzt längst +die Gänse und Enten und Hühner auf ihr Futter warteten und wo alles +nach der Vronik rief. Sie konnte nur gar nicht begreifen, wie sie +da hereingekommen war. Sie hatte doch gestern abend nur zum Fenster +hereingesehen. Leise schlüpfte sie in ihr Röckchen, da ging die Tür +zum Nebenzimmer auf und Ursula kam herein. Sie machte heute ein ganz +freundliches Gesicht, denn sie liebte die Kinder und es kam ihr vor, +als ob etwas besonderes mit diesem Kinde sei. Und das war auch wahr. +Denn wenn der liebe Gott ein barfüßiges Waisenkind an der Hand nimmt +und führt es einer traurigen Mutter zu, daß sie einander wieder +fröhlich machen sollen, so ist das schon etwas besonderes. Das wußte +nun zwar Ursula noch nicht, daß ihre Herrin die ganze Nacht wach +gelegen war und viele Gedanken in sich bewegt hatte. Daß sie sich +vorgenommen hatte, nun nicht mehr an einem fort zu klagen und traurig +zu sein, sondern den Trost hereinzulassen, der in ihr Herz hinein +wollte. Ursula half dem Kind ein wenig beim Haarmachen, obgleich +Vronik das sonst immer selbst tun mußte. Dann nahm sie es mit in das +Zimmer, wo die kleine Gertrud lag. »Da sieh,« sagte Ursula, »du hast's +noch lang gut gegen dem armen Tröpflein, das nur immer so daliegen +muß.« + + [Illustration] + +Vroniks weiches Herzlein war gleich ganz voll Teilnahme. »O, kann es +nichts tun, gar nichts?« sagte sie. »Kann man nicht mit ihm spielen und +lachen und ihm etwas vorsingen, daß es auch eine Freude hat?« Ursula +sah verwundert in das lebhafte Gesichtchen. Zum Spielen und Lachen und +Singen war man in dem weißen Häuschen schon lang nicht mehr aufgelegt +gewesen. Es war alles so geräuschlos als möglich zugegangen. »Ich muß +nun das Wohnzimmer schön machen,« sagte sie. »Du kannst so lang hier +bleiben. Frau Behrens hat gesagt, daß ich dich nicht gehen lassen soll, +ehe sie mit dir gesprochen hat. Angst brauchst du nicht zu haben. Es +geschieht dir nichts im Pfleghof. Ich habe gesagt, daß du nicht so früh +kommst.« + +Damit ging sie hinaus und Vronik blieb allein mit dem kranken Kinde. Es +kam ihr alles ganz wunderbar vor, was mit ihr geschah. Am wunderbarsten +aber erschien ihr dieses stille Gesichtchen, das nur so aufmerksame +Augen hatte. Sie hätte so gern einen Versuch gemacht, mit Gertrud zu +sprechen. Aber sie scheute sich davor, es zu probieren. So verfiel +sie auf ihr altes Mittel, mit dem sie immer die Kinder im Pfleghof zu +unterhalten wußte. Sie setzte sich auf das niedrige Stühlchen, das +neben dem Wagen stand, und fing leise an zu singen. Vronik hatte ein +liebliches Stimmchen und sie konnte viele schöne Lieder von der Mutter +her. Jetzt sang sie: + + »Breit aus die Flügel beide, + O Jesu, meine Freude, + Und nimm dein Küchlein ein! + Will mich der Feind verschlingen, + So laß die Engel singen: + ›Dies Kind soll unverletzet sein!‹« + +Vronik war gewöhnt zu singen, deshalb kam es ihr ganz natürlich vor, +daß sie es tat. Aber den anderen Hausbewohnern waren das ganz neue +Töne. Der Herr Doktor kam gerade von oben herunter und blieb auf +seinem Gang nach dem Wohnzimmer horchend stehen, Frau Behrens trat +auf die Schwelle des Zimmers und lauschte leise, und Ursula hörte auf +abzustäuben. + +Aber plötzlich hörte der Gesang auf, Vronik stieß einen fröhlichen Ruf +aus. »Es lacht,« rief sie. »Es will noch mehr hören.« Man kann es kaum +sagen, wie schnell die drei Leute von allen Seiten an das Wägelchen +herankamen, um das Wunderbare zu sehen. Ja, es war so. Das bleiche +Köpfchen hatte sich langsam nach der Seite gewendet, wo Vronik saß, und +das Gesichtchen war zu einem Lächeln verzogen. Es war ganz deutlich. +»Sing noch etwas, Kind, hör noch nicht auf,« sagte der Herr Doktor zu +Vronik. Denn er wollte gern recht deutlich sehen, was das für eine +Wirkung habe. Und aufs neue sahen alle drei Großen aufmerksam zu, wie +Gertruds Augen so strahlend an Vronik hingen, als diese sang. Vronik +hatte das kleine Händchen gefaßt und da geschah das weitere Wunder, daß +sich die mageren Fingerlein um das braune Händchen des Bauernkindes +schlossen. + + [Illustration] + +»Jetzt erleben wir noch viel Schönes,« sagte der Doktor vergnügt. »Das +wird man schon sehen.« Frau Behrens nahm Vronik an der Hand. »Dich +müssen wir bei uns haben so viel wir nur können,« sagte sie liebreich. +»Dich hat mir der liebe Gott zum Trost geschickt.« Vronik schüttelte +leise den Kopf. »Ich habe keine Zeit zum Heraufkommen,« sagte sie. »Und +jetzt muß ich schnell heimgehen, sonst zankt die Bäuerin.« + +Der Konrad fiel ihr ein, wie er so traurig in seiner Küche gesessen +hatte, und es fiel ihr schwer aufs Herz, daß sie ihm noch keinen +Bescheid gebracht hatte. Die Leute hier hatten einander, aber der +Konrad hatte nur seine Vronik, sonst niemand. Und Frau Behrens schien +ihn ganz vergessen zu haben. + +»Ich will die Bäuerin fragen, ob sie dich nicht manchmal kommen läßt,« +sagte Frau Behrens jetzt. »Ich will selbst mit ihr reden.« + +Da platzte Vronik heraus: »Dann rede noch lieber mit dem Lammwirt, +daß der Konrad in die Schule darf und daß er ihn nicht so oft schlägt +und« -- Vronik mußte gewaltig schlucken, sonst hätte sie hier vor den +fremden Leuten angefangen zu weinen. + +»Nur heraus mit allem,« ermunterte der Herr Doktor freundlich. Er war +ein großer Kinderfreund und konnte keine traurigen Gesichter sehen, +ohne daß er hätte versuchen müssen, sie fröhlich zu machen. Und in +Vronik sah er überhaupt eine Bundesgenossin. So kam denn alles an +den Tag, was Vroniks Herzlein bedrückte, alles. Frau Behrens hörte +mit gespannter Aufmerksamkeit zu, und Ursula vergaß ganz, wieder +hinauszugehen, und ballte zornig die Faust, als sie hörte, daß niemand +den kranken Fuß des Konrad pflege. + +»Da müssen wir abhelfen, soviel ist sicher,« sagte der Herr Doktor +väterlich, als Vronik mit ihrem Bericht zu Ende war. + +»Ich gehe mit dir ins Dorf und zu dem Lammwirt. Was meinst du, mir wird +der Hund schon nichts tun? Und dann wollen wir weiter sehen.« Vronik +nickte ganz einverstanden. Sie hatte ja schon lange gewußt, daß der +liebe Gott alles machen könne, da verwunderte sie sich jetzt nicht so +sehr, daß er es nun auch tat. Und sie dachte nur, daß jetzt alles gut +komme, über das Wie machte sie sich keine Gedanken. + +Das gab ein großes Staunen im Dorf, als Vronik an der Hand des fremden +alten Herrn durch die Straße ging. Das kümmerte aber die beiden wenig. +Denn sie hatten einander unterwegs so vieles mitzuteilen, daß sie gar +keine Zeit hatten, nach den Leuten zu sehen. Hand in Hand schritten +sie nach dem »goldenen Lamm«. Der Wirt stand unter der Tür. Er sah +verwundert auf das Gottswillenkind, machte aber doch einen tiefen +Bückling vor dem feingekleideten Herrn. »Sie haben einen Kranken im +Haus, höre ich?« sagte der Herr Doktor sogleich. »Führen Sie mich zu +ihm.« »Wenn der Herr den Buben meint, der ist im Keller und spült +Flaschen,« antwortete der Wirt. »Krank ist er nicht, du meine Güte. +Wegen so einem bißchen Geschwulst am Fuß macht man mit so einem Knirps +nicht soviel Aufhebens.« »Ich bitte, daß Sie mir den Konrad in die +Schenkstube bringen,« beharrte der Herr Doktor. »Was zu tun ist, wollen +wir dann schon sehen; ich bin Arzt und gedenke schon zu sehen, was +nötig ist.« + +Der Wirt zog brummend ab, nicht ohne daß er vorher noch bemerkt hatte: +»Wer den Doktor bestellt hat, weiß ich nicht. Es wird dann niemand +verlangen, daß ich ihm noch den Weg bezahle für so einen Bettelbuben.« + +Vronik nickte dem Konrad ermunternd zu, als er bald darauf +hereinhinkte, bleich und ängstlich. Der Herr Doktor war aber keiner von +denen, die nicht mit schüchternen Kindern fertig werden. Er streckte +dem verlegenen Buben ganz freundlich die Hand hin. »So, das ist ja +ganz geschickt, daß ich gerade hier bin,« sagte er fröhlich, dann +untersuchte er den kranken Fuß, machte aber ein ernsthaftes Gesicht +dazu und schüttelte den Kopf. »Ganz unverantwortlich vernachlässigt ist +die Wunde,« sagte er vor sich hin. Dann nahm er den Lammwirt besonders +in ein Nebenzimmer und sprach dort eine Weile sehr erregt mit ihm. +Als er wieder herauskam, wandte er sich an die Kinder. »So, nun seid +einmal recht vernünftig,« sagte er. »Den Konrad muß ich mit mir nehmen +in meinem Wagen. Drunten in der großen Stadt, in der ich lebe, ist +ein schönes helles Haus, in dem kranke Kinder gepflegt und versorgt +werden, daß sie dann wieder gesund und fröhlich werden können. Da will +ich den Konrad hinbringen. Er hat's auch sonst nötig, denn er ist viel +zu bleich und mager für so einen Buben. Da komme ich dann täglich zu +ihm und sehe nach dem Fuß. Und schöne Bücher gibt's da und Spiele.« +Der Herr Doktor hielt es für nötig, alles so schön auszumalen. Denn er +war gewöhnt, daß sich die Kinder davor fürchteten, ins Krankenhaus zu +kommen. Aber der Konrad saß mit leuchtenden Augen da, und man konnte +ihm wohl ansehen, daß er mit dem freundlichen Herrn hingegangen wäre, +wo dieser ihn hingebracht hätte. + +Vronik hatte zwar zu schlucken und zu drücken, daß keine Tränen +heraufkommen konnten, denn sie wußte wohl, daß sie dann gar niemand +mehr habe, wenn der Konrad fort sei. Aber als sie hörte, wie gut er +es bekommen solle, da mußte sie sich so mitfreuen, daß sie fürs erste +ihren eigenen Kummer ganz vergaß. Der Herr Doktor vergaß aber seine +kleine Freundin nicht. Denn sie mußte ihm ja helfen, die traurige Frau +in dem weißen Häuschen wieder fröhlich zu machen. Und er wußte schon +lange, daß der liebe Gott dazu arme und reiche Leute untereinander +auf der Welt sein läßt, daß sie Liebe aneinander üben sollen und alle +reich und glücklich werden. So sagte der Doktor jetzt dem Konrad, daß +er in einer Stunde mit dem Wagen kommen und ihn abholen wolle, und nahm +dann Vronik bei der Hand. »Sag jetzt deinem Bruder Lebewohl,« sagte +er freundlich. »Und laß dich's nicht zu sehr anfechten; ich will dann +schon sorgen, daß du ihn bald wieder siehst. Was meinst du, wenn du +inzwischen ein Kindsmädchen für unsere arme Gertrud würdest? Wenn du +ihr noch öfters etwas singen würdest, daß sie doch auch eine Freude +hat?« + +Vronik wurde dunkelrot vor Freude. Sie war im Pfleghof nie am Ohr +gerissen, nie gestoßen und geschlagen worden. Aber daheim sein war +wieder ganz anders, ganz anders. Und in dem weißen Häuschen konnte man +daheim sein, das hatte das Kind diesen Morgen beim Erwachen gefühlt. + +Sie klammerte sich einen Augenblick fest an Konrad an und flüsterte +ihm zu: »Jetzt kommt's. Alles kommt. Die Mutter hat's gut gewußt. Freu +dich nur, Konrad, jetzt wird alles noch viel schöner, man weiß noch gar +nicht, wie schön es wird.« + +»So, und jetzt behüt dich Gott,« sagte der Herr Doktor liebreich zu +Vronik. »Geh jetzt nur ganz fröhlich auf den Pfleghof. Da hast du ganz +recht, es kommt alles, wie es gut ist, man muß nur ein wenig warten +können. Du wirst dann schon hören, was weiter kommt.« + +Und Vronik ging und besann sich wieder nicht lange, wie es weiter +komme. Denn sie wußte ja schon, daß eins ums andere ganz von selber +komme und sie gar nichts dazu zu tun brauche. Im Pfleghof schnatterten +die Enten und die Gänse, als Vronik ankam. Der Daniel und das Regele +spielten vor dem Haus und die Ahne saß bei ihnen und sagte: »Eine +ordentliche Tracht Schläge hättest du schon verdient diesmal. Wenn +man in der Nacht herumläuft und vor anderer Leute Haus schläft anstatt +in seinem Bett.« Vronik machte sich nun schnell an ihre Arbeit und +tat alles, was man ihr auftrug, so willig, daß der Bäuerin und den +Mägden der Ärger bald wieder verging und sie zueinander sagten: »Für +einmal hat sie genug am Fortlaufen, das sieht man deutlich. Man muß +sie nur ein wenig drunten halten, daß sie daran denkt, daß man sie um +Gottswillen im Haus hat. Dann kommen ihr keine hoffärtigen Gelüste +mehr. So eins soll nur froh sein, wenn es überhaupt weiß, wo es +hingehört.« + +Es war am Nachmittag des andern Tages. Vronik saß in der Küche und +hatte eine riesige Schüssel voll Kartoffeln vor sich, die sie schälen +sollte. Die Obermagd hatte schon zweimal den Kopf durchs Fenster +hereingestreckt und nachgesehen, ob die Arbeit noch nicht fertig sei. +Denn sie hatte auch noch Wünsche, und dann hatte die Ahne heraussagen +lassen, es sei die höchste Zeit, daß ihr die Vronik ein Weilchen die +Kinder abnehme. Vronik mußte sich tüchtig rühren, um fertig zu werden. +Aber es war heute ganz gut für sie. Denn das Heimweh regte sich immer +stärker in dem Kinde. Der Konrad war fort und der Herr Doktor mit. Und +niemand hatte nach Vronik gefragt. Wie gern wäre sie nur geschwind nach +dem weißen Häuschen gelaufen, nur um zu sehen, daß es noch dastehe und +alles noch gut kommen könne. Aber das war ihr streng untersagt worden. +Darum war es ganz gut, daß Vronik so viel zu tun hatte, daß nur immer +eine Arbeit nach der andern abgetan werden mußte und gar keine Zeit zu +müßigen Gedanken blieb. + +Jetzt waren die Kartoffeln fertig, und Vronik kehrte die Schalen +zusammen, um sie den Schweinen zu bringen, da hörte sie plötzlich eine +wohlbekannte Stimme. »Ich möchte mit der Bäuerin selbst reden,« sagte +Frau Behrens, denn sie war es, die im Hof draußen sprach zu der Magd, +die da hantierte. Vronik stand wie angewurzelt. Sie wäre am liebsten in +den Hof geeilt, denn sie fühlte wohl, daß Frau Behrens ihretwegen kam. +Aber man hatte noch nicht nach ihr gefragt, und hier im Hause war sich +Vronik in einemfort bewußt, daß sie nicht zur Familie gehöre. Da wagte +sie sich nicht so hervor. So blieb sie denn am gleichen Fleck stehen, +bis die Fremde in der Wohnstube verschwunden war und die Obermagd +hereinrief: »Was ist denn eigentlich mit dir? Ich glaube, du schläfst +am hellen Tag und mit offenen Augen wie die Hasen.« + +Da raffte Vronik ihre Arbeit zusammen und ging in den Stall und von +da in den Keller und auf den Heuboden, wo man sie hinschickte. Aber +ihr Herz klopfte stark, und ihre Gedanken waren immer in der großen +Wohnstube. Was würde man über sie beschließen? Wann würde man sie +hineinrufen? Sonst konnte sie nichts mehr denken. Da rief die Stimme +der Ahne von der Haustüre her über den Hof hin: »Wo steckt nur auch das +Mädchen? Vronik, geh einmal her, man muß etwas mit dir reden.« + +Vronik konnte kaum antworten, so stark klopfte ihr Herz. Aber dann +kam sie doch mit eiligen Schritten heran und folgte der Ahne in die +Wohnstube. Die Bäuerin saß mit Frau Behrens auf dem lederbezogenen +Sofa und sah die Vronik nicht eben sehr freundlich an. »Ich meine dann +nicht, daß du es schlecht gehabt hast bei uns,« sagte sie zu ihr. +»Gekocht wird genug alle Tage, und niemand mißt den Leuten das Brot +vor. Und ich denke, so als Gottswillenkind hättest du es schlechter +antreffen können als bei uns.« -- »Das glaube ich gern,« fiel Frau +Behrens rasch ein. »Aber Sie brauchen die Veronika ja nicht, das sagen +Sie selbst. Und mir könnte das Kind ein Trost und eine Freude sein. +Veronika, komm einmal her zu mir,« fuhr sie, zu Vronik gewendet, fort. +»Siehst du, ich könnte dich notwendig brauchen und mein armes Kind +auch. Und wenn dir's recht ist, dann kannst du bei mir daheim sein.« +Vroniks Augen glänzten. Ihr kam es nicht so wunderbar vor, wie der +Bäuerin und der Ahne, daß der liebe Gott es der einsamen, traurigen +Frau ins Herz gegeben hatte, sich das Waisenkind ins Haus zu holen. Sie +legte vertrauensvoll ihr braunes Händchen in die zarte, weiße Hand der +Frau Behrens. + +»Ja, das will ich gern,« sagte sie. »Die Mutter hat's schon gewußt, daß +es dann noch einmal gut kommt.« + +Frau Behrens hatte das nicht immer gewußt, das wissen wir schon. Aber +das tut nichts. Der liebe Gott weiß es ja besser als wir alle, wie er +uns helfen kann. Er hatte jetzt in ihr verzagtes Herz hinein eine neue +Zuversicht gegeben, jetzt konnte es immer noch besser kommen. + + * * * * * + +Es war ein halbes Jahr später. Seit Vronik an der Hand ihrer neuen +Beschützerin aus dem Pfleghof nach dem Waldhäuschen gezogen war, hatte +der Schnee Wald und Flur bedeckt, hatte den Pfad nach dem Dorfe und +den grünen Waldweg fast ungangbar gemacht und die kleine Familie dort +draußen ganz nah um den warmen Ofen versammelt. Es waren aber keine +sehnsüchtigen, traurigen Gesichter mehr, die da unter dem schönen +Bild des guten Hirten beisammen waren. Frau Behrens hatte es noch nie +bereut, daß sie das Gottswillenkind in ihr Haus geholt hatte. Wenn +die Hängelampe brannte und die lebensgroßen Bilder von Hellmuth und +Irma fast noch lebendiger als am Tage von der Wand heruntersahen, so +starrte die Mutter jetzt nicht mehr unbeweglich vor sich hin, dazu +hatte sie gar keine Zeit mehr. Sie mußte die kleine Gertrud pflegen +und versorgen, denn das tat sie jetzt immer selbst. Und Gertrud hatte +noch allerlei Neues dazu gelernt, seit sie an jenem Morgen bei Vroniks +Gesang gelächelt hatte. Sie konnte das Köpfchen ein wenig heben, konnte +einen Ton hervorbringen, der wie »Mama« klang, und konnte mit den +Händchen an einer Troddel spielen, die von der Decke herabhing. Die +Mutter und Vronik fanden immer wieder etwas Neues zu bewundern, und +Ursula teilte den Jubel getreulich. Ja, und Vronik! Es tat einem wohl, +sie nur anzusehen, so wohl war es ihr in der neuen Heimat. + +Das Singen hatte sie nicht verlernt, denn das übte sie täglich, und +es kam ihr jetzt recht von innen heraus, so fröhlich konnte sie sein. +Und noch viel anderes lernte sie dazu, denn die Mutter wollte ihr eine +rechte Mutter sein, und sie wollte eine geschickte, fleißige Tochter +heranziehen. Sie hatte es immer besser verstanden, was es heißt, wenn +man ein Kind um Gottswillen aufnimmt, und sie wurde immer fröhlicher +und dankbarer dabei. + +Die Dorfleute konnten jetzt nicht mehr sagen, daß die fremde Frau nicht +»bei Trost« sei, denn Frau Behrens konnte jetzt sogar noch andere +Menschen trösten, die betrübt und in Not waren. Es war schon manches +Arme hungrig in das weiße Häuschen gegangen und war satt und froh +wieder herausgekommen. + + [Illustration] + +Jetzt schmolz der Schnee, und der Frühling kam wieder. An den Rainen +guckte überall das grüne Gras heraus, und an sonnigen Stellen blühten +schon Gänseblümchen und sogar Veilchen. Die Vogesen hatten zwar noch +weiße Schneekappen auf den hohen Gipfeln, aber sonst schimmerte die +schöne Rheinebene schon in frischem Grün. Es konnte einem recht wohl +zumute werden, wenn man in das schöne Land hinaussah. Auf dem Bänkchen +vor dem Hause saß Vronik oder vielmehr Veronika, wie sie jetzt hieß, +denn die Mutter sprach den schönen Namen gern ganz aus. Sie hatte ein +Strickzeug in den Händen, und während die Nadeln eifrig klapperten, +sang sie ein fröhliches Liedchen dazu. Und danebenher konnte Veronika +noch ganz gut den Weg zum Dorfe übersehen, dort schien sie nach +jemand auszuschauen. Der ließ denn auch nicht lang auf sich warten. +Es war der Briefbote, der immer um diese Zeit mit den Zeitungen ankam +und der ein ganz guter Freund von Veronika war. Denn oft brachte +er auch Briefe mit in seiner ledernen Tasche, und es war schon hie +und da vorgekommen, daß einer an das kleine Mädchen dabei gewesen +war. Der kam allemal vom Konrad, und es war darum kein Wunder, daß +Veronika so oft den Weg hinuntersah, wenn es Zeit für den Briefboten +war. Denn die Kinder hielten auch jetzt noch getreulich zusammen, +obgleich sie einander fern waren. Heute streckte der Briefbote schon +von weitem einen Brief in die Höhe, als er Veronika auf dem Bänkchen +erblickte. Er hatte selbst auch Kinder, und es freute ihn immer, wenn +er sah, wie fröhlich das arme Gottswillenkind aufblühte in seiner +neuen Heimat. Veronika ließ das Strickzeug fallen, daß der Garnknäuel +über den Boden hinrollte, und rannte mit großen Sprüngen dem Boten +entgegen. »O vom Konrad!« rief sie schon von weitem. »Gib ihn her, +er ist an mich.« Die Mutter stand lächelnd am Fenster und nickte +dem Boten freundlich zu. Sie trug jetzt eine weiße Schürze auf dem +schwarzen Kleide und eine kleine weiße Krause am Hals. Kein Mensch +hätte mehr die traurige Frau vom vorigen Jahr erkannt. »O Mutter,« +rief Veronika während des Lesens, »es kommt so viel Schönes, man kann +gar nicht alles aufzählen.« Und sie schwang den Brief hoch in der Luft. + + »Liebe Vronik!« schrieb Konrad. + + »Diesmal mußt Du staunen, das weiß ich sicher. Denn ich muß Dir sehr + viel sagen. Wenn ich noch acht Tage damit gewartet hätte, so hätte + ich Dir alles selbst erzählen können. Und das wollte der Herr Doktor + eigentlich auch gern haben, denn er freute sich darauf, daß er dann + Dein vergnügtes Gesicht sehen könnte. Aber ich kann nicht mehr warten. + Und wenn wir kommen, gibt es auch noch genug zu freuen, das habe ich + dem Herrn Doktor gesagt. Also das weißt Du, daß mein Fuß wieder ganz + gut ist. Es hat lang gedauert. Aber es war mir eigentlich ganz recht, + denn ich glaubte immer im stillen, wann ich dann gesund sei, so müsse + ich wieder zu dem Lammwirt oder sonst so. Ich mochte es zu keinem + Menschen sagen, nicht zu Schwester Lore und nicht zu dem Herrn Doktor. + Aber als sich beide so freuten, daß die Wunde endlich heile, da konnte + ich gar nicht mehr vergnügt sein. Ich mochte kein Buch mehr ansehen + und nicht essen und nicht spielen. Denn ich dachte immer: ›Jetzt ist + ja doch alles aus.‹ Da kam einmal der Herr Doktor, ließ mich im Saal + auf und ab marschieren und sagte dann: ›Ja, da ist nun nichts mehr + zu tun für den Doktor, der Bub ist gesund. Das kann einen freuen.‹ + Ich habe vielleicht kein sehr erfreutes Gesicht gemacht, Vronik, denn + ich hätte nächstens angefangen zu weinen, weil ich glaubte, jetzt + schicke mich der Herr Doktor wieder zurück. Da sagte er aber: ›Und da + habe ich denn gedacht, wenn du doch wieder so gut gehen kannst, so + könntest du mir deine Füße ein wenig leihen, denn die meinigen wollen + nicht mehr so recht fort.‹ Und dann sagte er mir, daß er mich mit + sich in sein schönes Haus nehmen und in die Schule schicken wolle. + Und in den Freistunden solle ich dann im Garten helfen, denn der Herr + Doktor ist ein ganz besonders geschickter Gärtner. Du hast oft gesagt, + Vronik, ich soll's nicht immer wieder vergessen, daß der liebe Gott + alles machen kann, und daß er an uns denkt. Und die Mutter hat's auch + immer gesagt. Und ich hab's doch vergessen und war so betrübt in der + Zeit. Vielleicht kann ich's jetzt gut behalten. Denn das hat doch + sicher der liebe Gott gemacht, daß ich's jetzt so gut habe und so viel + lernen kann. Mein Herr Doktor hat in seinem Schlafzimmer einen Spruch + hängen, der heißt: ›Wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der + nimmt mich auf.‹ Jetzt schäme ich mich gar nicht mehr wie früher, daß + ich ein Gottswillenkind bin. Solch einen großen Brief habe ich noch + nie geschrieben. Aber ich mußte es Dir alles sagen. Und am nächsten + Sonntag kommen wir beide, mein Herr Doktor und ich, auf Besuch zu + euch. Ich will sehen, ob Du auch sagst, daß ich so stark gewachsen + sei. Man wird es schon erleben können, bis ich dann groß bin. + + Jetzt grüßt Dich Dein treuer Bruder Konrad.« + + * * * * * + +Das war alles schon vor zehn Jahren. Seither hat sich äußerlich +nichts an dem weißen Häuschen verändert, wenn man nicht die vielen +blühenden Pflanzen, die vor allen Fenstern stehen, für eine Veränderung +gelten lassen will. Hinter dem Hause, ja, da ist das dichte Gestrüpp +ausgerottet und ein freundliches Gärtlein ist erstanden mit einer Laube +und blumigen Rabatten und mit sauberen Gemüsebeeten. An einem hellen, +sonnigen Sommermorgen hantiert ein blühendes, junges Mädchen fleißig +darin. Sie hat dicke, braune Zöpfe, die ihr den Rücken hinabhängen und +singt leise ein Liedchen vor sich hin zu ihrer Arbeit. Wär's nicht an +dem, so könnte man die magere, bleiche Vronik von einst nicht mehr +erkennen, so groß und stattlich ist sie geworden und so rund und +rot sind ihre Wangen. Vom Bücken sind sie jetzt fast so rot wie die +Monatrettiche, die sie aus der Erde zieht und triumphierend in die Höhe +hält. Unter der Türe steht eine Frau mit freundlichem, liebreichem +Gesicht, die bewundernd die Hände zusammenschlägt ob den wohlgeratenen +Früchten des Gartens. »Wenn du jetzt kommen könntest, Veronika,« ruft +sie dann. »Es ist warm genug für Gertrud, um in der Sonne zu sitzen. +Und du kannst sie leichter heben als ich, das weißt du.« »Will's +meinen, Mütterlein,« erwidert Veronika fröhlich. »Das soll mir niemand +abnehmen.« Und sie läuft eilig dem Hause zu. + +Gertrud ist nicht mehr das elende Kindlein, das wir vor zehn Jahren +im Wagen liegen sahen und dessen größtes Kunststück es war, mit den +Händchen zu spielen. + +Es ist ein feines, bleiches Gesichtchen immer noch, das von den Kissen +des bequemen Lehnstuhls aufsieht, als Veronika eintritt. Aber es +strahlt ihr zu, wie einst bei dem ersten Gesang des Gottswillenkindes. +Das Lächeln hat Gertrud nicht mehr verlernt, ja, man kann manchmal ein +leises, fröhliches Lachen von ihr hören. Jetzt ist Gertrud dreizehn +Jahre alt. Ihre Glieder sind immer noch schwach, sie kann nicht allein +gehen und stehen. Aber es fällt der Mutter nicht mehr ein, zu sagen, +das Kind sei sich selbst und ihr zum Jammer auf der Welt. Nein, das +blasse, zarte Mägdlein ist so recht der Mittelpunkt des ganzen Hauses +geworden. Wenn sie so still und geduldig daliegt in den Zeiten, wo sie +Schmerzen am Rücken und in den Gliedern hat, und wenn sie an leichten, +guten Tagen sich an jedem Blümlein freut und an jedem Sonnenstrahl, +dann streicht die Mutter oft sachte mit der Hand über das blonde Haar +und sagt: »Mein Trostkind.« Denn dann fällt es ihr wieder ein, wie +an jenem Sonntagabend der alte Herr Doktor gesagt hatte: »Das Kind +kann ihnen noch ein rechter Trost werden.« Und das ist nun auch wahr +geworden. Sie wollen alle beide gern und fröhlich ihre Last tragen, die +Mutter und das Kind, sie haben ja doch einander, und »der liebe Gott +wird wissen, warum er mich so sein läßt und nicht anders,« sagt Gertrud +zuversichtlich, wann es der Mutter doch einmal schwer fallen will, +daß ihr Töchterlein nicht fröhlich herumspielen, nicht stark und groß +werden soll, wie Veronika und all die andern Kinder des Dorfes. + +Veronika hat es nie anders gewußt, als daß man dem lieben Gott +ganz fröhlich vertrauen könne, und so hat sie es ganz einfach und +natürlich auch dem Schwesterlein Gertrud wieder gesagt, als es nach +und nach heranwuchs und doch zart blieb. Und Gertrud, die nie schwere +Schulaufgaben lernen konnte, hat doch ihre eigene Lebensaufgabe +gut begriffen, die manchen als das Allerschwerste erscheint, was +man lernen kann, nämlich ohne Fragen und Zagen dem lieben Gott zu +vertrauen, auch wenn er es anders macht, als wir gern möchten. Aber +heute ist Sonnenschein auf der Welt draußen, und Gertrud soll hinaus +und freut sich schon darauf. Sie läßt sich so gern anscheinen und ganz +durchwärmen und sieht so gern den Schwalben nach, die oben an der +Dachrinne nisten, wenn sie hinausfliegen in die schöne Welt und sich +hoch, hoch im Blau verlieren. + +Veronika hat heute nicht zum erstenmal das Amt, Gertrud hinauszubetten, +das kann man wohl sehen. So leicht und sachte stützt und hebt sie das +schwache Kind, so bequem legt sie es in den Stuhl, der schon eine +ganze Weile im Sonnenschein steht -- kein Mensch könnte sorglicher und +geschickter damit umgehen. Die Mutter weiß es wohl. Sie hat schon oft +im stillen dem lieben Gott gedankt, daß er ihr das verlassene Kind +zugeführt hat, das ihr nun zur Hilfe und Freude herangewachsen ist. +Ursula ist schon seit Jahren nicht mehr in dem weißen Häuschen. Ihre +alten Eltern riefen sie nach Hause. »Ich ginge ja nicht, ich verließe +meine Gertrud nicht,« sagte sie beim Abschied unter Schluchzen, »aber +Veronika kann sie besser versorgen als ich, das muß man ihr lassen.« +Jetzt hantiert ein junges Mägdlein aus dem Dorfe im Haus und in der +Küche. Und Veronika geht es immer noch manchmal, wie einst im Pfleghof, +daß sie mehr Arme und Füße brauchen könnte, um alles auszuführen, was +getan sein sollte. Denn die Mutter ist oft recht schonungsbedürftig. +Die schweren Zeiten sind doch nicht spurlos an ihr vorübergegangen. +Aber es ist ein fröhliches Schaffen für Veronika, und das haben wir +schon gehört, sie singt immer noch zu ihrer Arbeit. + +Der Briefbote, der ist in all den Jahren ihr immer besserer Freund +geworden. Denn er trägt ja immer noch in seiner Tasche die Nachrichten +von dem fernen Bruder zu ihr. Konrad ist kräftig herangewachsen in +der guten heimatlichen Luft, die ihn bei seinem Herrn Doktor umgab. +Er hat auch fleißig gelernt und gute Zeugnisse mitgebracht. Aber als +es dann Zeit war, an einen Beruf zu denken, da stellte es sich doch +heraus, daß er sein Latein am liebsten dazu verwenden wollte, seine +lieben Blumen und seltenen Pflanzen mit gelehrten Namen zu nennen. Er +wollte ein Gärtner werden. »Aber einer aus dem Fundament.« sagte der +Herr Doktor. Und das erste Fundament, die Liebe zu den Pflanzen und das +Verständnis für ihr Wachsen und Gedeihen, das hatte der Herr Doktor +selbst in den Konrad gelegt. Die beiden waren hie und da miteinander +in den Schwarzwald gereist und hatten in dem weißen Häuschen fröhliche +Feiertage erlebt. Jetzt ist Konrad in der Fremde, um da und dort noch +Neues zu seinem schönen Handwerk hinzuzulernen. Und seine Briefe sind +immer die Freude der Schwester und ihr Glück. Sie pflegt inzwischen +die Blumen in den Töpfen am Fenster, sein Vermächtnis. Denn es ist ihr +Stolz, sie recht üppig und gedeihlich zu erhalten, bis Konrad dann +wieder einmal kommt. Wenn die Zeit kommt, daß die Geschwister einmal +ganz zusammenleben, das kann noch niemand sagen. Aber das tut nichts. +Sie wissen beide, daß es kommt, wie es gut ist. Und sie wollen gern ihr +Lebenlang »Gottswillenkinder« bleiben, nämlich solche, die fröhlich in +der guten Zuversicht leben: »Sein Will', der ist der beste.« + + + + + 7. Zweierlei Reichtum. + + +Der Bandweber Hartmann wohnte in einem niedrigen Häuschen, das zwischen +zwei hohen Gebäuden so eingeklemmt stand, als ob es jetzt gleich +erdrückt werden sollte. Gerade gegenüber stand ebenfalls ein hohes +Haus, das mit seinen hellen blanken Fenstern, an denen luftige Vorhänge +befestigt waren, vornehm auf das kleine Häuschen heruntersah. Zwar +blanke Fenster hatte das auch, nur waren sie niedrig, wie alles an dem +Häuschen, und statt der eleganten Vorhänge waren nur ganz kleine, kurze +Vorhängchen dran, solche, die man Neidhämmel heißt. Sie waren nur zum +Schutz da, daß nicht alle Leute, die vorbeigingen, durch die Fenster in +die Stube sehen konnten. + +Es war Abend und die Familie saß um den Tisch, auf dem schon das +dampfende Essen stand. Die Mutter hatte den kleinsten Buben auf dem +Schoß und hatte nur immerfort den Breilöffel aus dem Teller ins +Mäulchen des Kleinen und von da wieder in den Teller zu führen, +so hungrig war der Dicke. Die größeren Kinder warteten noch, denn +die Mahlzeit sollte, erst beginnen, wann der Vater kam. Man hörte +immer noch den Webstuhl rasseln, an dem er arbeitete, und die Mutter +schüttelte ein wenig den Kopf: »Er macht heute wieder lang keinen +Feierabend.« Dann sagte sie zu Mariele, dem größten Töchterlein: »Geh +einmal hinein und frag den Vater, ob er noch nicht komme!« »Ja und ich +sag auch, daß man gebrannte Suppe hat und Kartoffeln und Butter,« sagte +Mariele noch im Hineingehen, »das ist sein Leibessen!« + +Es war eine ziemlich lebhafte Unterhaltung am Tisch. Paul, der +neunjährige Schüler, hatte ein glänzendes Zwanzigpfennigstück in der +Hand und beriet schon seit einer halben Stunde mit dem jüngeren Eugen, +was man damit anfangen könne. Es war ein ziemlich schwieriger Fall, +denn es kam fast nie vor, daß eins der Kinder Geld in der Hand hatte +zur freien Verfügung. Heute aber war Pauls Patin dagewesen und hatte +ihm das Geldstück ausdrücklich mit dem Bemerken gegeben: »Du mußt dir +etwas dafür kaufen, was dir Freude macht.« + + [Illustration] + +Eugen hatte vorgeschlagen, sieben Laugenbretzeln dafür zu kaufen +oder dann eine große Wurst. Denn das dünkte ihm die beste Verwendung +für das Geld zu sein. »Aber wenn man's gegessen hat, ist's vorbei,« +sagte Paul verständig, und das mußte auch zugegeben werden. »Einen +Gummiball möchte ich auch schon lang und ein rotes Federnbüchschen. +Oder einen Bleistift zum Einschieben mit einem Radiergummi dran. +Oder eine Farbenschachtel, aber zu dem langt das Geld nicht.« Paul +mußte tief aufseufzen. Denn man konnte das Geld nur einmal ausgeben, +und solang man es in der Hand hatte, war noch die Wahl zwischen all +den begehrten Dingen offen. »O wenn ich nur eine große Kiste voll +Zwanzigpfennigstücke hätte,« brach er auf einmal los. »Dann könnte ich +alles kaufen, was ich möchte, und noch vieles andere. Auch für dich, +Mutter, und für den Vater und die Kleinen.« + +Die kleinen Geschwister horchten mit glänzenden Augen. Es war sehr +genußreich, sich auszudenken, was man alles um eine Kiste voll +Zwanziger kaufen könnte. + +»Gelt, Mutter, das wär' recht, wenn wir das hätten?« wandte sich nun +Paul an die Mutter, die eben anfing, den Kleinen auszuziehen, der +seine Äuglein kaum noch offen halten konnte. Die Mutter sah ein wenig +müde aus. Sie hatte den ganzen Nachmittag gebügelt und dazwischen den +kleinen Laden besorgt. Jetzt sagte sie nur: »Es gäbe noch vieles, was +einem recht wäre, man kann aber auch so vergnügt und zufrieden sein!« +Paul war nicht so ganz zufrieden mit der Antwort. Die Mutter sagte +immer so etwas Ähnliches, wenn man sich manchmal gern gewünscht hätte, +ein wenig reicher zu sein. + +»Und wenn wir alles hätten, was wir jetzt gern möchten,« sagte sie oft, +»dann fiele uns auf einmal noch etwas ein, was wir auch noch wollten +und dann noch etwas und dann wären wir erst nicht glücklich, weil wir +ja doch nicht alles haben können.« + +»Aber Mutter,« hob Paul noch einmal an, »viel Geld haben ist auch +schön. Die Hofrats drüben haben viel. Der Alfred hat zu seinem +Geburtstag eine Uhr bekommen, die ganz richtig geht, und eine Kette +dazu. Und einen Schlitten haben sie mit einer Eisbärendecke und mit +silbernen Glöckchen.« »Ja,« fiel Eugen ein, »und heute hat der Konditor +eine Schokoladentorte ins Haus hineingetragen. Der Erich ist unter der +Haustüre gestanden und hat noch das Gesicht verzogen und gesagt: ›Das +mag ich erst nicht besonders.‹« + +Die Kleinen staunten. Denn das dünkte ihnen der Gipfel des Guthabens zu +sein, wenn man nicht einmal mehr Schokoladentorte möge. + +Die Mutter hatte nichts mehr erwidert, sie hatte genug mit dem Kleinen +zu tun, und jetzt kam der Vater herein. Er sah fröhlich aus, denn er +war froh, daß er sein Tagewerk vollendet hatte, und freute sich nun, +die Kinder alle so gesund und rotbackig um den Tisch her sitzen zu +sehen. »Jetzt soll mir's aber schmecken,« sagte er. Dann sprach er das +Tischgebet und die Mahlzeit konnte beginnen. + +Eine Weile hörte man nur die Löffel hin- und hergehen. Aber lang +dauerte die Stille nie in dem lebhaften Kinderkreis. »Vater, morgen ist +Examen in der Schule,« fing Mariele an, »die Eltern sollen auch kommen. +Kommst du?« + +»Das werde ich wohl lassen müssen,« sagte der Vater, »die Arbeit eilt +gerade und dann, da sind andere Leute genug. Vornehmere und klügere, +die würden schön aufsehen, wenn ich käme.« Mariele war ein fleißiges +und begabtes Kind und die Eltern schickten sie in eine gute Schule, +damit sie etwas Tüchtiges lernen solle. Sie kam auch gut voran, das +Lernen machte ihr Freude, aber da gab es daneben noch etwas zu lernen, +das manchmal sehr bitter war. Denn in der Schule waren so viele Kinder +wohlhabender Eltern, die schönere Kleider und Bücher hatten und in +schöneren Häusern wohnten. Und da kam sich das Mariele manchmal ein +wenig beklagenswert vor, wenn es nicht auch Geburtstagsvisiten halten +und hübsche Geschenke machen und von schönen Ausflügen erzählen konnte, +wie die andern Mädchen. + +»Das tut nichts,« sagte die Mutter zwar. »Wir haben so viel Vergnügen +daheim, daß wir sonst gar nichts brauchen. Martha Heinrichs wäre +glücklich, wenn sie ein nettes, kleines Brüderlein zu hüten hätte wie +unser Fritz ist. Und Hofrats Ella, was meinst du, wie die sich freuen +würde, wenn ihre Eltern mit ihr und den Brüdern am Sonntag spazieren +gehen und abends Gesellschaftsspiele machen würden? Du hast soviel +Gutes, daß man gar nicht alles aufzählen kann, wenn man anfängt.« + +Mariele gab das aber nicht immer zu. Es ging ihr wie Paul. Viel Geld +haben ist aber auch schön! Und sie dachte sich gern aus, wie herrlich +das wäre, wenn sie des reichen Hofrats Töchterlein wäre und all die +schönen Sachen besitzen könnte, die der Ella gar nicht so viel Freude +zu machen schienen. Natürlich die Eltern müßten mit dabei sein und die +Geschwister. + +Daß man nicht alles Gute auf einmal haben kann, sah Mariele noch nicht +recht ein, und was das beste von allem ist, was alle Menschen haben +können, das verstand sie auch noch nicht so recht. Die Mutter verstand +es, aber sie dachte, sie wolle es den Kindern nur immer an sich selber +zeigen, wie man vergnügt und zufrieden sein könne, dann würde ihnen das +so gefallen, daß sie dann von selber auch anfangen würden, darnach zu +streben. + +Dem Vater ging es auch so. Er war den ganzen Tag an der Arbeit am +Webstuhl, und wenn dieser recht rasselte, so sang er gern mit seiner +schönen vollen Stimme ein Lied dazu und das machte ihn immer wieder +fröhlich, wenn er auch manchmal ein wenig sorgenvoll war. + +Die Mutter besorgte den Hausstand, und so oft das Glöckchen an der +Ladentür bimmelte, ging sie da hinaus und bediente die Kunden. Man +konnte neben den selbstgewobenen Bändern auch noch Knöpfe und Faden und +Nadeln in dem Laden haben. Die Leute kamen gern zu der freundlichen +Frau, und so war immer alles Nötige in dem kleinen Häuschen. Die +Schüsseln waren immer zur rechten Zeit auf dem Tisch und auch genug +darin für die hungrige Kinderschar. + +»Ich kann's nicht begreifen, daß der Erich so etwas Gutes nicht gern +ißt,« sagte jetzt Eugen, der völlig satt war und dem nun wieder die +Torte vorschwebte. »Aber ich kann,« sagte der Vater. »Wenn du einmal +ein paar Tage in eine Kammer voll süßer Sachen eingesperrt würdest und +sonst nichts bekämest, als nur Torte und dergleichen, dann hättest du +für lange Zeit genug davon, und ein Stück schwarzes Brot käme dir dann +als der größte Leckerbissen vor.« Die Kinder lachten und hätten gern +einmal die Probe gemacht. Dann wurden die Schulaufgaben vollendet, +die Mutter brachte inzwischen die kleinen Buben und das dreijährige +Lieschen zur Ruhe und dann kam die Reihe des Zubettgehens an die +Großen. + +»Mutter, singst du uns noch etwas? gelt, ja?« bettelten die Brüder. Das +war der größte Genuß, den es geben konnte, behaglich zugedeckt im Bett +zu liegen und den schönen Liedern der Mutter zu lauschen, bis man daran +einschlief. + +Die Mutter wollte gern. Sie machte den Kindern gern eine Freude, und +ein schönes Lied machte sie selbst immer wieder frisch und munter. So +setzte sie sich zwischen die Betten und fing an: + + »Wie herrlich ist's, ein Schäflein Christi werden + Und in der Hut des treusten Hirten stehn! + Kein schönrer Stand ist auf der ganzen Erden, + Als unverrückt dem Lamme nachzugehn. + Was alle Welt nicht geben kann, + Das trifft ein solches Schaf bei seinem Hirten an.« + +Bei den ersten Tönen des Liedes hatte der Vater seine Zeitung weggelegt +und andächtig zugehört. Dann griff er nach der Flöte, die an der Wand +hing, und als die Mutter den zweiten Vers anfing, begleitete er sie +mit weichen, lieblichen Tönen. Das Lied hieß weiter: + + »Hier findet es die angenehmsten Auen, + Hier wird ihm stets ein frischer Quell entdeckt, + Kein Auge kann die Gnade überschauen, + Die es allhier in reicher Fülle schmeckt, + Hier wird ein Leben mitgeteilt, + Das unaufhörlich ist und nie vorüber eilt!« + +Die Mutter horchte nach den Betten hin. Aus denen der Buben drangen +tiefe regelmäßige Atemzüge. Das Lied hatte sie in den Schlaf gewiegt. +Mariele rief halblaut aus ihrem Kämmerlein: »Das war schön! Gute Nacht, +Mutter!« Dann wurde alles still. Der Vater drückte der Mutter die Hand. + +»Ich wollte, die Kinder wüßten, wie gut sie es haben,« sagte er. »Sie +werden's schon noch einsehen lernen,« sagte die Mutter freundlich. »Wir +haben's ja auch nur nach und nach gemerkt!« + + * * * * * + +Aus dem stattlichen Nachbarhause drang auch Musik in die stille Nacht +hinaus. Rauschende, volle Klänge von Geigen und einem prachtvollen +Flügel waren es. Die hohen Fenster warfen trotz der Verhüllung einen +hellen Schein auf die Straße und hinter den Vorhängen schwebten +tanzende Gestalten vorüber. Es war der Geburtstag des Herrn Hofrat +und eine vornehme Gesellschaft war zu der Feier desselben eingeladen. +Als die Nachbarskinder in ihren Bettchen dem Gesang ihrer Mutter +lauschten, wurden die drei Kinder dieses Hauses eben von Fräulein +Weiß, Ellas Erzieherin, in den Empfangssalon geführt, um sich der +Gesellschaft vorzustellen. Sie waren im schönsten Staat und durften +sich, als sie allen Bekannten höfliche Knixe und Diener gemacht hatten, +im Speisezimmer an ein zierlich gedecktes Tischchen mit allerlei guten +Sachen setzen. »So, ihr dürft euch selbst vorlegen,« sagte Fräulein +Weiß. »In einer Viertelstunde hole ich euch zu Bett. Seid artig und +manierlich und laßt's euch schmecken! Ella, mache dir keine Flecken in +das Kleid!« Damit ging sie und die kleine Tafelrunde war sich selbst +überlassen. + +Das wäre nun an sich ein seltener Genuß gewesen. Denn die Kinder +speisten sonst nie allein, sondern immer mit Fräulein Weiß oder auch +manchmal mit den Eltern. + + [Illustration] + +Ella hätte nun das Hausmütterchen machen und die Brüder versorgen +können. Aber sie hatte ein wenig Zahnweh und dann war sie auch böse auf +Erich, der gesagt hatte: »Du benimmst dich wie ein Affe.« Sie hatte +zwar darauf gesagt: »Und du dich wie ein Bär,« aber sie glaubte doch +noch mit Recht zu zürnen, denn Erich war wirklich ein wenig zu plump +und Ella hatte doch schon Tanzstunde und wußte, wie man auftreten +mußte. + +Alfred allein horchte auf die Musik und saß ganz ruhig da, denn er +liebte Musik über alles. Er sagte zu den beiden Streitenden nur: »Seid +doch endlich still, daß man auch zuhören kann,« und davon wurden sie +zwar still, aber nicht vergnügt. + +Alfred war der Älteste von den drei Kindern. Er war schon zwölf Jahre +alt und ein sehr strebsamer Schüler, den man nie zum Lernen zwingen +mußte, wie Ella und Erich, die alle beide nicht viel Geschmack daran +fanden. Erich mochte sich am allerliebsten im Stall bei den Pferden +aufhalten oder auch mit andern Kindern seines Alters auf der Straße +spielen. Daß er beides nicht sollte, ärgerte ihn fortwährend und so +war er selten vergnügt zu sehen. Ella war immer ein wenig bleich und +mager und erkältete sich sehr leicht, so daß sie dann öfters die +Schule versäumen mußte. Deshalb hatte sie nun seit einiger Zeit eine +eigene Erzieherin, die ihr im Haus Stunden gab, mit ihr im Wagen oder +Schlitten ausfuhr und auch die Brüder beaufsichtigte. + +Denn die Mama hatte nur sehr selten Zeit, nach den Kindern zu sehen. +Sie mußte immer sehr viele Besuche machen und es kamen auch so oft +Gäste ins Haus und blieben noch da, wenn die Kinder längst schliefen. +Da war dann die Mama morgens meist sehr müde und mußte Ruhe haben und +so kam es, daß die Kinder fast immer mit Fräulein Weiß zusammen waren. +Das heißt, die Brüder gingen ja in die Schule, aber wenn sie dann nach +Hause kamen, so saßen alle drei zusammen im Lernzimmer und machten ihre +Aufgaben und nachher konnten sie sich mit den vielen schönen Büchern +und Spielsachen vergnügen, die in den hohen Schränken hinter grünen +Vorhängen bereit waren. Es war auch ein hübscher Garten hinten am Haus, +mit schön gepflegten Blumenbeeten und einem Springbrunnen. Er zog +aber die Kinder nicht so sehr an, weil da nicht viel Gelegenheit zum +Spielen und Lustigsein war. Nur Alfred setzte sich manchmal mit seinen +Büchern in die Rosenlaube, da konnte er ganz ungestört lernen. Jetzt, +im Winter, konnte man das freilich nicht tun und Alfred hatte an diesem +Abend schon mehrmals Fräulein Weiß zu Hilfe holen müssen, weil es ihn +störte, wenn Erich und Ella neben ihm laut sprachen und sich auf ihre +Weise vergnügten. So war die Gesellschaft an dem kleinen Tischchen im +Speisezimmer nicht so vergnügt, als man hätte denken können. Und als +Fräulein Weiß wieder kam, um mitzuteilen, daß es nun Schlafenszeit +sei, dachte sie bei sich selbst, sie möchte wohl wissen, was man noch +anfangen müsse, um diese verdrossenen Gesichter hell und fröhlich zu +machen. + +Fräulein Weiß liebte die Kinder so auf ihre Art, sie wußte es nur nicht +recht zu zeigen und dachte, wenn man, wie diese Kinder, alles um sich +her habe, was man sich nur Erfreuliches denken könne, so müsse man auch +vergnügt und befriedigt sein, oder es sei dann nicht zu helfen. + +Sie zündete jetzt den Brüdern das Licht in ihrem Schlafzimmer an, gab +Ella ein schmerzstillendes Mittel gegen das Zahnweh und zog sich dann +auch zurück. + +»Du, Alfred,« fing Erich an, als er mit einem großen Sprung sein Bett +eingenommen hatte, »ich gehe nicht mehr hinunter, wenn so was ist wie +heute. Es ist schauderhaft langweilig!« + +»Bei dir ist alles schauderhaft langweilig, was ein wenig fein ist,« +sagte Alfred weise. Er mochte sehr gern belehrend mit den jungen +Geschwistern sprechen. + +»O, dir war's auch langweilig, du sagst's nur nicht,« beharrte Erich. +»Der Ella auch. Es ist zwar fast alles langweilig; ich möchte am +liebsten Pferdebahnkutscher sein oder dann Seemann. Eins von beiden.« + +»Das sieht dir ähnlich,« sagte Alfred etwas verächtlich. »Natürlich, +wenn man zweitletzt ist in der Klasse und außerdem der reinste +Gassenbub. Will der Paul Hartmann auch Kutscher werden? Mit dem hast du +ja so eine große Freundschaft.« + +Erich war zuerst ein wenig zornig aufgefahren, als Alfred so von oben +herunter sprach. Aber als dieser dann den Nachbarsohn nannte, wurde er +auf einmal wieder ruhig und lachte wohlgefällig. »Ja der,« sagte er, +»der und Kutscher! Der ist anders gescheit! So viel kann fast keiner +in der ganzen Klasse, wie der Hartmann. Schon zweimal hat er ein +Prämium gekriegt. Und erst noch ein ganz netter Kerl ist's, gar kein +Tugendbold!« + +Das letzte sollte auf Alfred gemünzt sein, der sich immer sehr +vollkommen vorkam. + +Dieser tat aber gar nicht, als ob er es merke, sondern zog sich ruhig +vollends aus und suchte ebenfalls sein Lager auf. + +Erich war aber noch nicht gesonnen, sich zum Schlafen hinzulegen. »Du, +Alfred,« begann er nochmals, »bei Hartmanns ist's erst noch nett! Du +kannst's glauben! Die Buben haben in ihrem Hof so eine nette Mühle, +die man von der Wasserleitung treiben lassen kann. Ihr Vater hat ihnen +daran geholfen. Und abends und Sonntags machen sie alle zusammen +Spiele. Es ist ihnen nie langweilig.« »Mir auch nicht,« bemerkte +Alfred. »Ja, aber weißt du,« fuhr Erich unbeirrt fort, »Papa kann ja +natürlich nicht ›Schwarzer Peter‹ spielen und so Sachen, Mama auch +nicht, das könnte ich mir nicht denken. Aber nett ist das doch, ich +wollte, es wäre bei uns auch so.« + +»Sag's zu Fräulein Weiß, sie soll mit dir spielen,« schlug Alfred vor. +»Die muß, wenn wir wollen, ich glaube schon, daß sie Domino kann und so +etwas.« + +Erich sah groß auf. »Sie habe ich nicht gemeint,« sagte er dann +und drehte sich gegen die Wand. Er hätte gern noch etwas anderes +erzählt. Die Buben drüben konnten jederzeit zu ihrer Mutter gelangen +und ihr alle Schulgeschichten und alles, was sie wollten, erzählen. +Und sie nahm an allem Anteil, so wichtig, als ob sie selbst noch mit +Steinnüssen spielen und in der Schule hinauf- oder hinunterkommen +könnte. Aber Erich wollte es nun doch nicht sagen. Er schloß nur die +Augen und fing an, sich auszudenken -- was, wußte er am andern Morgen +selbst nicht mehr. + + * * * * * + +Fräulein Weiß ging rastlos durch das ganze Haus. Treppauf, treppab, +so oft, daß man es gar nicht zählen konnte. Sie trug ganze Lasten +von Kleidern und Wäsche zusammen, alle in ein Zimmer zu ebener Erde, +wo große Koffer standen, die gepackt werden sollten. Minna, das +Stubenmädchen, saß am Fenster und stichelte eifrig drauf los, und +die Frau Hofrätin saß in einem blauen Morgenrock auf einem niedrigen +Stühlchen und überwachte alle Arbeiten, die in diesem Zimmer vor sich +gingen. Heinrich, der Diener, schloß soeben einen gepackten Koffer +und Fräulein Weiß sagte aufatmend: »So, ich denke, nun ist hier alles +beisammen, Minna und Sie können ebenfalls anfangen zu packen.« + +Es war nicht das Amt von Fräulein Weiß, all die vielen Sachen, die +man zu einer Reise braucht, aus Kisten und Kasten zusammenzutragen. +Aber die Sache hatte Eile, da mußte sich jedes beteiligen. Denn der +Herr Hofrat hatte eine Reise nach Italien zu machen, zum Teil in +Geschäften. Und nun hatte er sich auf einmal entschlossen, diese +Reise nicht, wie er anfangs wollte, in wenigen Tagen auszuführen und +dann wieder heimzukehren, sondern er wollte nun etwa fünf bis sechs +Wochen fortbleiben und seine Frau sollte ihn begleiten. Für diese +lange Zeit war nun vieles erforderlich, und der Frau Hofrätin fiel +immer noch anderes ein, was man mitnehmen mußte. Dazwischen hatte sie +noch viele Vorschriften zu geben für die Zeit ihrer Abwesenheit, und +Fräulein Weiß, die das ganze Haus überwachen sollte, hatte gewiß schon +fünfzigmal gesagt: »Jawohl, Frau Hofrat, das soll genau so geschehen, +wie Sie wünschen!« Sie wußte nächstens selber nicht mehr, was sie alles +versprochen hatte. + +Oben im Lernzimmer war großer Aufruhr. Der Papa hatte die wichtige +Neuigkeit erst vorhin verkündigt und heute Nacht schon wollten die +Eltern abreisen. Jetzt waren die drei Geschwister allein. »Und gerade +noch über Weihnachten bleiben sie fort,« sagte Ella kläglich, und Erich +fügte hinzu: »Ja und dann wird man sehen, wie langweilig es bei uns +ist. Ich wollte nur --« Das übrige verschluckte er, denn die Mama trat +ein. + +»O, o Mama,« rief ihr Ella entgegen, »warum sollen wir ganz allein mit +Fräulein Weiß bleiben? Das ist schrecklich!« + +Und Alfred sah von seiner Zeichnung auf und sagte: »Weshalb soll ich +nicht mitkommen? Papa hat mir schon lang eine Reise versprochen. Sag +doch, daß ich mitdarf!« + +»Du bist nicht klug, mein Junge,« sagte die Mama. »Wir reisen soviel +hin und her, da können wir dich gewiß nicht gebrauchen.« + +»Wir werden selbst sehr froh sein, wenn wir glücklich zurück sind. +Und auf Weihnachten kommt eine große Kiste an mit schönen Sachen. Ihr +werdet sehen, was das für eine Lust sein wird, sie auszupacken.« + +Diese Aussicht beschwichtigte die aufgeregten Gemüter wieder etwas. +Man konnte sich so herrliche Dinge wünschen, die in der Kiste ankommen +sollten, und die Mama versprach, sich alles zu merken. + + + * * * * * + +Es war noch drei Tage bis Weihnachten. Draußen wirbelten die +Schneeflocken so lustig in der Luft herum, als ob eine zur andern sagen +wollte: »Freust du dich?« und die zweite zur dritten: »Wie magst du nur +fragen?« + +Wenn es aber auch selbstverständlich ist, daß man sich freut, so ist es +einem doch manchmal eine Erleichterung, wenn man so fragen kann. Denn +die freudige Erwartung läßt sich eher aushalten, wenn man sich immer +wieder versichert, daß es anderen Leuten ganz gleich geht, wie einem +selbst. + +Es war also nicht zu verwundern, daß die Hartmannschen Kinder in diesen +Tagen immer wieder die gleiche Frage aneinander stellten. Jetzt eben +ging es sehr festlich her im Hause. Der Laden war eben geschlossen +worden und der Webstuhl rasselte auch nicht mehr, aber der Vater war +doch noch in der Werkstatt, und die Mutter hatte ihm soeben mit ganz +geheimnisvollem Lächeln heißen Leim in einem Pfännchen hineingetragen. +Natürlich durfte ihr keines der Kinder dorthin folgen, denn der Vater +hatte mit dem Christkindchen Geheimnisvolles zu schaffen. Es war aber +auch ohnehin jedes emsig beschäftigt. Denn heute wurden Springerlein +gebacken und das konnte nur geschehen, wenn alle Kinder mithalfen, +die Teigschüssel beim Rühren hielten, den Anis auslasen und zuletzt, +aber das war nur den drei Großen gestattet, mit kleinen Teigstückchen +wunderbare Gebilde aus den tiefen Mödeln hervorbrachten. + +Dieses Werk ging in der Küche vor sich, und Tante Luise führte hier +den Vorsitz. Tante Luise war die Schwester des Vaters und war heute +angekommen, um über die ganzen Feiertage, bis nach dem Neujahrsfest +dazubleiben. Ihr Dasein erhöhte die Festfreude sehr, denn man konnte +sich keine heiterere Gefährtin bei allen Spielen denken, als sie war, +und mit niemand, als natürlich mit der Mutter, konnte man so eingehend +beraten, wie es dieses Jahr werden würde. + +Tante Luise war Lehrerin an einer Dorfschule, und nicht mehr jung. Sie +hatte schon zu beiden Seiten der Stirne ein wenig graues Haar und mußte +eine Brille tragen. Aber es fiel keinem Menschen ein, zu denken, sie +passe nicht mehr recht zum Spielen und Geschichtenerzählen; behüte, sie +war die allervergnügteste von allen, und sie wußte auch verdrießliche +Leute damit anzustecken. + +Heute war außer ihren eigenen Neffen und Nichten noch ein +Festteilnehmer bei dem wichtigen Werk anwesend. Erich, der +Nachbarssohn, hatte sich's flehentlich von Fräulein Weiß erbeten, bis +zum Abendessen hier bleiben zu dürfen. + +Man hatte in dem reichen Hause schon große Massen von feinem Konfekt +gebacken, Erich wußte es. Aber das ging in der Küche vor sich, die im +Erdgeschoß lag, und dorthin zog es die Kinder nie, denn da waren sie +nur im Wege. + +Hier aber, bei Hartmanns, gestaltete sich alles zu einem Fest, und +Erich fühlte sich nie wohler als in den niedrigen Räumen unter der +vergnügten Schar. + +»Gelt, Tante, man muß noch dreimal schlafen, bis es Christtag ist?« +fragte der vierjährige Ludwig zum soundsovieltenmal. »Wenn ich nur +gewiß wüßte, ob ich eine Farbenschachtel bekomme,« seufzte Eugen und +hüpfte vor Ungeduld von einem Fuß auf den andern. »O Tantele,« rief +Mariele und schlang von hinten her den Arm um die Tante, »ist das nicht +herrlich? ich bin mit allen Arbeiten fertig und,« flüsterte sie ihr ins +Ohr, »ich habe für alle etwas, sogar für der Huberin ihr krankes Kind +und für die Knorpsbuben!« Das Flüstern war etwas deutlich gewesen, Paul +kam von der andern Seite heran und konnte desgleichen versichern, daß +er das ganze Haus und noch darüber hinaus zu bedenken habe. + +»Ei seht, was wir für reiche Leute sind,« sagte die Tante +wohlgefällig, und alle Kinder lachten. Denn das war ihnen ein ganz +neuer Gedanke, daß sie reich sein sollten. + + [Illustration] + +»Es ist mir ernst damit,« fuhr die Tante fort und sah ganz ernsthaft +aus. »Wenn man hat, was man braucht, und sogar noch etwas zu +verschenken, so ist man reich.« + +»Ja, aber es sind nur angemalte Papiersoldaten und gestrickte +Pulswärmer und so Sachen,« sagten die Kinder ein wenig zaghaft, »reiche +Leute schenken Geld her und ganze Körbe voll guter Sachen, es ist erst +so eine Geschichte im ›Jugendfreund‹ gestanden.« + +Aber die Tante wußte herrlich zu trösten und nach und nach alle zu +überzeugen, daß es eigentlich gar nicht so sehr darauf ankomme, ob man +viel oder wenig herzugeben habe. + +»Wenn man nur spürt, daß es aus Liebe geschieht,« sagte sie, »das ist +die Hauptsache.« Und damit mußte für heute die Sache erledigt sein, +denn jetzt war das letzte Springerlein aufs Brett gesetzt, und es war +hohe Zeit, daß die kleine Schar ihr Abendessen bekam und ins Bett +geschafft wurde. + +Erich mußte nun auch nach Hause. Er konnte sich fast nicht trennen und +zögerte immer noch ein wenig. Das fiel der Tante auf; es war ihr schon +den ganzen Abend aufgefallen, daß er so still unter der lebhaften Schar +gewesen war. + +»Wenn du willst, kannst du morgen wiederkommen,« sagte sie freundlich. +»Du kannst uns helfen, silberne und farbige Sterne und Körbchen an +unser Verschenkbäumchen zu machen.« + +Erich nickte glücklich und reichte der Tante die Hand, da bog sich +diese plötzlich zu dem kleinen Buben herunter und küßte ihn auf die +Stirne. »Grüße Fräulein Weiß, ich kenne sie gut,« sagte sie zum +Abschied. »Und nun geh und freue dich auf das Christfest, ich komme +dann einmal hinüber und sehe mir an, was dir das Christkind gebracht +hat.« + + * * * * * + +Das Christfest war gekommen und alles war so schön gewesen, wie nur +einmal. Es war ans Tageslicht, oder vielmehr ans Christbaumlicht +gekommen, was der Vater so geheimnisvoll in der Werkstatt geschafft +hatte. Eine solch schöne Krippe mit einer ganzen Landschaft drum herum +hatte noch keines der Kinder gesehen. Da war der Stall, ganz aus Rinde +erbaut, mit einer Futterraufe für die Ochsen und Esel, und unter der +Tür saß Maria und sah mit Joseph dem Jesuskindlein in dem heiligen +Kripplein zu. Dann führte ein Weg über steinerne Felsen zu einem Moos- +und Rasenplatz, wo die Schäflein weideten und Schäfer die Schalmei +bliesen, und über einen kleinen See führte ein zierliches Brücklein, +dem schritten von weitem her die Weisen aus dem Morgenlande zu. Und +über dem Ganzen schwebte von der Decke herunter ein golden glänzender +Stern, der funkelte im Christbaumlicht so hell wie die Augen der +Kinder. Heute dachte niemand mehr daran, daß es vielleicht anderswo +reichere Gaben und größere Pracht gebe. O nein, es konnte nirgends, +nirgends schöner sein als hier. Und nichts war erfreulicher, als die +neuen Mützen und Hosenträger der Buben und die rosafarbigen Schürzchen +der Mädchen. Nur einmal, als man sich zum Gesang um den Vater mit der +Flöte sammelte, zupfte Paul seinen Bruder Eugen am Ärmel. »Du, jetzt +ist der Erich doch nicht gekommen. Er hat's doch versprochen.« Und +Eugen gab zurück: »Vielleicht ist jetzt gerade die italienische Kiste +angekommen, da wird er den ganzen Abend auszupacken haben.« Denn in den +Gedanken der Kinder war die Kiste immer größer geworden, und stellten +sie sich dieselbe ungefähr so groß wie ein Schilderhaus vor. + + * * * * * + +Es war aber nicht die Kiste, die den Erich abgehalten hatte, zur +Bescherung zu kommen. Als im Hartmannschen Hause der Christbaum brannte +und alle in Liebe und Freude vereinigt waren, lag er im matt erhellten +Zimmer zu Bett, und Minna, das Stubenmädchen, machte ihm Umschläge um +die fieberheiße Stirne. Eben war der Arzt dagewesen, hatte den Kranken +untersucht und gesagt: »Es wird wohl Scharlachfieber geben oder so +etwas. Natürlich darf keines von den andern Kindern ins Zimmer.« Das +war nun ein trauriger Heiligabend! Man hatte die Kiste, die richtig +angekommen war, in den Saal getragen und den Kronleuchter angezündet. +Der Christbaum stand schön geputzt auf dem Boden und reichte bis zur +Decke. Aber es mochte ihn niemand anzünden. Alfred und Ella saßen +am Boden vor der geöffneten Kiste, die allerdings sehr viel Schönes +enthielt. Aber es war keine rechte Freude, das alles auszupacken, wenn +Erich krank zu Bette lag, Fräulein Weiß sorgenvoll und bekümmert +umherging und die Eltern in weiter Ferne waren. Für Ella war ein +prachtvoller Anzug eines italienischen Bauernmädchens angekommen, +alles in Samt und Seide und mit goldenen Behängen. Alfred bekam eine +wertvolle Muschelsammlung, ein schönes Buch mit vielen Bildern und +noch allerlei. Und dazwischen duftete es in allen Ecken nach Veilchen +und Rosen, die zwischen den Gaben lagen, und der Boden der Kiste war +ganz mit Orangen und Datteln ausgelegt. Mit fröhlichen Gefährten und +in glücklicher Stimmung hätte es ein Genuß sein müssen, die Kiste +auszupacken, und ich wüßte manchen, der da gern mitgetan hätte. Aber es +fehlte den reichen Kindern beides. Fräulein Weiß hatte Erichs Anteil an +den Geschenken auf die Seite getan und zu Alfred und Ella gesagt: »So, +nun freut euch an den schönen Sachen; es gibt nicht viele Kinder, die +so reich beschenkt werden.« Aber damit hatte sie den Kindern noch nicht +gezeigt, wie sie es machen sollten, sich zu freuen. Und von selbst +wußten sie es nicht recht. + +Man konnte es nicht anders verlangen von Fräulein Weiß. Sie war +wirklich in schwerer Sorge wegen des kranken Erich und wußte nicht, +ob sie den Eltern von der Sache schreiben sollte oder nicht. Dazu +kam noch die Frage, wer den Kranken pflegen solle. Denn sich selbst +ganz abzusondern vom Haus und den größeren Kindern, das erschien ihr +unausführbar. Und dann hatte sie selbst auch noch nie Scharlachfieber +gehabt und fürchtete sich ein wenig vor der Ansteckung. + +Da konnte sie denn nicht auch noch eine aufheiternde Gefährtin sein. +Den Dienstboten bescherte sie die für sie bestimmten Geschenke ohne +rechte Festfeier im Saal; dann sah sie ab und zu in das Zimmer hinein, +wo der kranke Erich lag, zog sich aber jedesmal wieder rasch zurück, +denn da besorgte für jetzt noch Minna das Nötige. Morgen mußte eine +Pflegerin her, das hatte sich Fräulein Weiß schon ausgedacht. + +Alfred und Ella standen ein wenig verdrossen vor ihren prächtigen +Sachen und hatten auch nicht recht Lust, all die Süßigkeiten zu +versuchen, die in silbernen Körbchen auf dem Tisch standen. Sie hatten +beide Heimweh, ohne daß sie es recht wußten. + +Da wurde auf dem Vorplatz eine freundliche Stimme hörbar. »Wo habt +ihr denn das arme Büblein?« fragte Tante Luise, die vom Nachbarhaus +herübergekommen war, als sie durch eins der Dienstmädchen von Erichs +Krankheit gehört hatte. Tante Luise war von früher her gut bekannt +mit Fräulein Weiß. Nun wollte sie ihr ein wenig beistehen in dieser +Sorgenzeit. + +Ella öffnete neugierig die Türe und sah etwas erstaunt auf das fremde +Fräulein. Aber Tante Luise war nicht so verlegen, wie ihre kleinen +Neffen und Nichten den reichen Kindern gegenüber waren. Sie sah +sogleich, um wieviel reicher und glücklicher die Kinder des kleinen +Häuschens drüben waren, als die Kinder des reichen Hauses, die heute +am Heiligabend allein und freudlos unter dem funkelnden Kronleuchter +standen trotz der schönen Geschenke. Und in Tante Luisens Herzen wallte +ein großes Mitleid auf. + +»Darf ich zuerst ein bißchen zu euch hereinkommen?« sagte sie +freundlich und trat in den Saal. »Habt ihr die Christbaumlichter schon +wieder ausgelöscht?« fragte sie erstaunt. »Ach nein, was seh' ich, die +haben ja noch gar nicht gebrannt!« fuhr sie lebhaft fort. »Das müssen +wir noch nachholen. Ich glaub's wohl, daß niemand dazu Zeit hatte, +und auch keine Lust. Aber so traurig wollen wir doch nicht sein am +Heiligabend. Christtag ist's doch, wenn auch der arme Erich krank ist. +Der liebe Gott macht ihn hoffentlich bald wieder gesund. Ich will +ihn helfen pflegen. Und jetzt singen wir zuerst ein Weihnachtslied, +das könnt ihr doch?« Während sie das sagte, hatte Tante Luise schon +angefangen, an dem hohen Baum die Lichter anzustecken. Nun brannten +sie hell und licht, wie das ja alle Christbaumlichter tun, und Tante +Luise sah sich fragend um: »Wollt ihr nicht auch den Diener heraufrufen +und den Kutscher und vielleicht die Köchin? Die würden gewiß auch +gern mitsingen.« »O ja, das würden wir gern,« sagte hier auf einmal +Franz, der Diener, der sich gerade am Ofen zu schaffen gemacht hatte. +Und er ging schnell, die anderen zu holen. Das war jetzt doch auch +noch ein fröhlicher Kreis, der sich um das Klavier sammelte, und es +klang feierlich in die Nacht hinaus: »Halleluja, denn uns ist heut ein +göttlich Kind geboren.« Fräulein Weiß hatte sich auch eingefunden. Und +wenn sie auch einen Augenblick dachte, daß das eigentlich ihre Sache +gewesen wäre, so fühlte sie sich doch ein wenig erleichtert. Alfred und +Ella wußten nicht recht, wie ihnen geschah. Zuerst hatten sie gedacht, +Tante Luise sehe etwas einfach aus, lange nicht so elegant wie Fräulein +Weiß oder gar die Mama. Aber es tat ihnen doch wohl, daß sie so frisch +und lebendig da hereinkam und für eine richtige Christfeier sorgte, so, +als ob sie schon lange im Hause sei. Jetzt kamen ihnen auch die Gaben +der Eltern wieder begehrenswert vor, da Tante Luise sie so aufrichtig +bewunderte. Zwar wunderte es Ella ein wenig, daß diese so viel +Aufhebens von einem goldgerahmten Bildchen, Maria mit dem Jesuskind auf +dem Schoß darstellend, machte. Der Anzug war doch gewiß viel kostbarer. +Aber das schien Tante Luise gar nicht zu bedenken. »Das Bildchen hängen +wir nachher über deinem Bett auf, Ella,« sagte sie. »Dann kannst du +dich immer daran freuen. Und auf einmal ist dann die Zeit da, wo deine +Mutter wiederkommt, und dann kannst du es gerade so machen wie das +Jesuskindlein auf dem Bilde. Wenn du auch ein bißchen groß bist für ein +Schoßkindchen,« fügte sie lächelnd hinzu. + +Ella schüttelte leise den Kopf. Das war doch wieder ein bißchen anders +bei ihnen. Was wohl Mama gesagt hätte, wenn sie begehrt hätte, auf +ihren Schoß zu sitzen? Aber das wußte ja Tante Luise nicht so genau. +Sie kannte wohl nur das trauliche Familienleben in dem kleinen Häuschen +drüben, wo die Mutter immer für alle zu haben war und sonst gar keine +Pflichten hatte, als nur für ihre Lieben zu sorgen. + +Alfred hatte den Gesang mit seiner Violine begleitet. Jetzt sagte er: +»Wenn Sie mich begleiten würden, würde ich gern noch ein Weihnachtslied +spielen. Ich kann schon manches.« + +Es war ihm kaum schon einmal so erfreulich gewesen wie heute, daß +er ein wenig Musik machen konnte. Denn in Gesellschaft durfte er ja +noch nicht spielen, dazu hatte er noch nicht genug gelernt. Und im +Lernzimmer oben waren nur die Geschwister und etwa Fräulein Weiß, und +keins von ihnen hatte eine rechte Freude an seinem Spiel. Heute aber, +wo er etwas zur Erhöhung der Festfreude beitragen konnte, machte ihn +das stolz und glücklich. »So,« sagte Tante Luise, als der letzte Ton +des Liedes »Stille Nacht, heilige Nacht« verklungen war, »nun will +ich zu Erich gehen. Ich denke, ich bleibe die Nacht bei ihm. Seine +Bescherung können wir erst später halten. Das könnt ihr beiden nun euch +recht hübsch ausdenken.« + +Das war nun alles völlig neu, sowohl für die Kinder als für Fräulein +Weiß. Denn es war keines von ihnen daran gewöhnt, so einfach fröhlich +zu sein, so ohne besondere Veranstaltungen sich zu freuen und festlich +zu fühlen. Und auch das nicht, was Tante Luise zuletzt noch gesagt +hatte, nämlich sich darauf zu besinnen, womit man einander erfreuen +könne. Aber es war ihnen allen angenehm und wohltuend gewesen, so zu +sein wie heute abend. Fräulein Weiß gab Ella sogar einen Kuß, als diese +warm zugedeckt im Bett lag, und sagte zu ihr: »Was meinst du, wenn wir +morgen nachmittag den großen Kochherd herunterholten und einmal tüchtig +kochten?« Und Ella wollte gern und besann sich noch im Einschlafen auf +das Fest. + +Alfred hatte ein wunderliches Gefühl, als er allein in der Eltern +Schlafzimmer trat, das er während Erichs Krankheit benützen sollte. Er +war sich gar nicht mehr recht als Kind vorgekommen in letzter Zeit. Er +wurde im Haus schon so viel als junger Herr behandelt, und alles, was +kindlich war, hatte ihm langweilig geschienen. Aber er wußte nichts +Rechtes, was ihn denn dafür hätte erfreuen können. Erich, ja der hatte +Gefallen an Knabenspielen und allerlei lustigem Zeitvertreib, sei's +auch nur mit dem Kutscher oder sogar mit Ella, dem empfindlichen +Mädchen. Das kam Alfred immer ein wenig verächtlich vor. Und doch +fiel es ihm noch hie und da ein, wie er einmal bei Hartmanns durch +die zurückgeschobene Gardine gesehen hatte, wie die ganze Familie, +sein Bruder Erich mitten darunter, sich um den Tisch geschart und das +»Fuchs- und Hühnerspiel« um Nüsse eifrig betrieben hatte. Und wie ihn +damals auch nach so etwas verlangt hatte, wenn er's auch nicht gestand. +Als Erich damals nach Hause kam, hatte er ihn verhöhnt: »Willst du +nicht lieber ganz da hinüberziehen, wenn dir das vornehm genug ist? +Nüsse könntest du auch daheim haben und dann gleich mehr.« + +Und Erich hatte nur erwidert: »Du weißt etwas Rechtes vom Vergnügtsein! +Da sei nur ganz still davon.« + +Das kam dem Alfred heute abend wieder in den Sinn. Es war wahr, er +wußte etwas Rechtes vom Vergnügtsein! Und es stieg eine Sehnsucht in +ihm auf, nach was, das wußte er selbst noch nicht so recht. Es ist nur +gut, daß der liebe Gott besser weiß als die Menschenkinder, was ihnen +fehlt. Er hatte jetzt auch Tante Luise herübergeschickt, damit man +in dem reichen Hause erfahre, daß man ohne rechte Liebe und ohne die +Zufriedenheit, die tief im Herzen wohnen muß, arm ist bei aller Pracht +und Herrlichkeit. + + * * * * * + +Es war an einem stillen, dämmerigen Nachmittag. Draußen wirbelte +der Schnee in der Luft umher und legte sich dann leise und sachte +auf die Erde, wo schon eine dicke, weiche Decke davon lag. Drinnen +im Krankenzimmer saß Tante Luise an Erichs Bett, hatte den Arm um +den kleinen Buben geschlungen und plauderte mit ihm von allerlei, +was ihm schon lang am Herzen lag. So schön hätte sich Erich das +Kranksein gewiß nicht träumen lassen. Die schlimmsten Fiebertage +waren glücklich überstanden, davon wußte er nicht mehr viel, wußte +kaum noch, daß ein paar Nächte lang eine Diakonissin an seinem Bett +gewaltet und ihn gepflegt hatte. Das konnte er sich eher noch denken, +daß am Tag Fräulein Weiß und Tante Luise miteinander abgewechselt +hatten, und daß letztere ihn allemal wieder wie ein kleines Kind in +den Schlaf gesungen hatte. Aber jetzt, jetzt konnte es der Erich gar +nicht schöner begehren, als er's schon hatte. Denn er mußte zwar noch +ganz ruhig im Bett liegen, aber das wollte er ja gern tun, wenn er +dazu die allerbeste, liebste Gesellschaft hatte, die man sich denken +konnte. Denn Tante Luise hatte wirklich ihre schönen Vakanztage dazu +hergegeben, den kleinen Burschen zu verpflegen, der sie doch eigentlich +gar nichts anging, nur weil er sonst nicht viel Liebe um sich her +hatte. + + [Illustration] + +Jetzt saß sie an seinem Bett, und Erich hielt ihre Hand fest, so, +als wäre sie im Begriff, ihm gleich wieder zu entschlüpfen, und er +müßte es mit seiner schwachen Kraft verhindern. Tante Luise dachte +aber nicht ans Entschlüpfen. Sie hatte frische, rote Backen, denn sie +war eben erst von einem Ausgang heimgekommen. Da sie der Ansteckung +wegen nicht mehr zu ihren Angehörigen in das kleine Häuschen hinüber +durfte, so hatten sie alle zusammen sich im Freien getroffen, am Saum +eines kleinen Wäldchens in der Nähe der Stadt, wo die Kinder sich mit +Schneeballwerfen belustigten und die die Großen in einer Schutzhütte +miteinander plaudern konnten. »Und denk einmal, was wir für ein +Genesungsfest ausgemacht haben!« erzählte Tante Luise, nachdem sie das +alles berichtet hatte. »Weißt du, Alfred ist mein ganz guter Freund +geworden und mit Ella ist das auch auf dem besten Wege. Da haben wir +nun ein Fest geplant, zu dem wir alle Hartmannschen Kinder laden +wollen. Das halten wir im Saal. Alfred will seine Laterna magica +vorführen, so etwas haben die kleinen Buben noch nie gesehen. Und dann +singe ich den Struwelpeter und Alfred geigt dazu. Natürlich gibt es +dann auch etwas Gutes zu schnabulieren, und wir machen zusammen die +hübschesten Spiele, die uns nur einfallen. Und zum Schluß zünden wir +den Christbaum an. Denn das Christkind kommt dann erst noch zu dir. Es +hat ja nicht herein dürfen,« setzte sie lachend hinzu. + +»Aber ~du~, Tante Luise, gelt?« sagte Erich vergnügt. Es war jetzt +alles und jedes ein Fest, und er wunderte sich kaum noch, daß Alfred +es nicht zu langweilig und zu gewöhnlich fand, den kleinen Buben vom +Nachbarhaus seine Herrlichkeiten vorzuführen. + +Alfred hatte es ja nur nicht gewußt, wie man recht vergnügt sein könne. +Und Erich war froh, daß nun jemand da war, um es ihm zu zeigen. + +Er hatte aber noch viel auf dem Herzen, was heute besprochen werden +mußte. So fing er sogleich wieder an: + +»Wenn du nur immer dabliebest. Wenn du nur gar nie mehr in deine Schule +müßtest. Du glaubst nicht, wie es bei uns ist. Dann sitzt Alfred +mit seinem Buch am Tisch, und Ella gähnt hinter der Hand, weil sie +Französisch lernen soll, und ich soll immer still sein und manierlich. +Und Fräulein Weiß sagt dann jedesmal, wenn wir mit den Aufgaben fertig +sind: ›So verdrießliche Kinder sind mir noch nie vorgekommen, wie ihr +seid.‹« Tante Luise dachte einen Augenblick an die fröhliche Tafelrunde +bei ihren Verwandten. Sie wußte wohl, wo es fehlte, daß es in dem +reichen Hause niemals heiter zuging wie dort. Und sie konnte es nicht +gut ertragen, wenn Kinder nicht so vergnügt waren, wie sie eigentlich +sein konnten. + +»Ja, da möchte ich freilich manchmal dabei sein,« sagte sie liebevoll. +»Da möchte ich schon hie und da nachsehen, wo das fehlt. Aber weißt +du, ich kann dir doch ein Mittelchen sagen, daß es nicht so unlustig +bleibt bei euch, wie seither. Fang du selbst einmal an, dir immer etwas +Schönes auszudenken, das nun anzufangen ist. Zum Beispiel, bis die +Eltern heimkommen; da kann man sich schon wieder besinnen, womit man +sie erfreuen will, daß sie merken, ihr habt an sie gedacht, solang sie +so herumreisen mußten mitten im Winter.« + +Erich horchte auf. Denn der Gedanke war ihm neu, daß es die Eltern am +Ende freuen könne, wenn sie sähen, daß man an sie gedacht habe. Sie +kamen ihm beide gar nicht recht eigen vor, so wie den Hartmannskindern +Vater und Mutter. Und es dünkte ihn plötzlich ein Reichtum zu sein, daß +er das auch habe. + +»Und,« fuhr Tante Luise fort, »Fräulein Weiß kann man auch zeigen, +daß es denn schon noch verdrießlichere Kinder gibt, als ihr seid. +Übernächste Woche ist ihr Geburtstag. Da soll ihr Alfred ein hübsches +Gedicht machen, und du kannst ihr ein auswendiggelerntes hersagen, +und ein bekränzter Kuchen müßte mir her an deiner Stelle und allerlei +kleine Geschenke. Das kann man alles so vergnüglich gestalten, daß +immer wieder ein Fest kommt, ehe man sich's versieht. Merk dir's nur, +man muß nur alle Leute lieb haben, die um einen herum sind, dann kann +es gar nie langweilig sein, weil einem dann immer etwas einfällt, das +man ihnen zu Gefallen tun kann.« + + * * * * * + +Es ist merkwürdig, aber es ist wahr: Ein liebevolles und fröhliches +Gemüt ist wie ein Zauberstäbchen. Wen man damit berührt, der wird +angesteckt. Und da Tante Luise allen Hausgenossen mit ihrem heiteren +Wesen nahegekommen war, so fingen auch alle an, ihr ein wenig +nachzustreben. Fräulein Weiß dachte immer: »Wenn ich auch so wäre, so +wären gewiß alle vergnügter und ich mit.« Und sie bat den lieben Gott, +sie auch so frisch und liebevoll zu machen. Und solche Bitten erhört er +gern. + +Wenn aber alle zusammenhelfen, so muß man sich nur wundern, wie schnell +es anders wird im Haus. + +Das Genesungsfest war gekommen. Die Frau Hofrat hatte gern erlaubt, daß +die Kinder des Nachbarhauses eingeladen wurden. Denn sie war sehr froh, +daß sie hörte, Erich habe die Krankheit so gut überstanden und Tante +Luise habe ihn so gut gepflegt. Sie hatte nun allmählich auch Heimweh +nach ihren Kindern. Fräulein Weiß hatte den sehr liebevollen Brief +vorgelesen und gesagt: »So, nun können wir uns jeden Tag freuen, bis +die Eltern kommen. Ich habe schon einen schönen Plan zum Empfang.« Denn +Fräulein Weiß wollte jetzt nicht mehr warten, ob sich die Kinder von +selbst freuten, sondern sie wollte ihnen den Weg dazu zeigen. + +Nun war die Familie Hartmann da. Erich hatte schon lang mit +verlangendem Blick nach der Tür gesehen. Nicht nur wegen seines +Freundes Paul. Der hatte ihn schon einmal besucht und Alfred hatte +nachher gesagt: »Der Hartmann ist erst noch ganz nett. Man kann schon +etwas mit ihm anfangen.« Das war ein großes Zugeständnis. Aber heute +wartete Erich noch auf jemand anderes, der erst ganz zuletzt kam. Das +war die Mutter, die den Kleinen trug. Sie kam auch sogleich zu dem +bleichen Erich her und sagte liebreich: »Gottlob, daß du wieder so weit +bist. Und jetzt wollen wir uns recht freuen.« Auf diesen Augenblick +hatte Erich gewartet, denn er trug den Brief von seiner Mutter in der +Tasche und nun zeigte er ihn mit großem Stolz. Er hatte das Gefühl, als +ob ihn diese glücklichen Leute ein wenig bemitleideten. Und das war ja +nun nicht nötig, wenn doch seine Mutter auch Heimweh nach ihm hatte! + +Jetzt war er erst recht imstand, das fröhliche Fest mitzugenießen. +Vergnügtere Menschen hatte der elegante Saal wohl noch nie gesehen, +soviele Gesellschaften schon darin gewesen waren. Heute kam die +Fröhlichkeit recht von Herzen. Ella schloß große Freundschaft mit +Mariele und sagte nur dazwischenhinein immer wieder: »O wenn ich nur +auch so ein herziges Brüderlein hätte, wie dein Fritz ist. Das wäre +mir dann schon noch lieber, als alle Puppen.« Und Mariele sagte ganz +verständig darauf: »Ja, alles kann man auch nicht haben, sagte meine +Mutter immer. Sonst fällt einem immer noch etwas ein und dann noch +etwas. Und dann ist man erst nicht zufrieden.« Die Mutter mußte vor +sich hin lachen, als sie dieses Zwiegespräch mit anhörte. Denn sie +wußte gut, daß ihr Töchterlein manchmal gern getauscht hätte. Und sie +wußte auch, daß alle großen und kleinen Leute von ihrem Vater im Himmel +das bekommen, was gut für sie ist, und daß alle erst nach und nach +lernen müssen, das allerbeste davon herauszufinden. Nämlich das, daß +sie ganz getrost und zufrieden sein können, weil er für sie sorgt und +sie lieb hat. Und die Leute, die das wissen, sind dann am reichsten von +allen. + + * * * * * + +Nun möchte man gern noch erzählen, daß Mariele von nun an ganz +zufrieden und fröhlich gewesen sei, trotz ihrer einfachen Kleider und +trotz den engen niedrigen Stuben und den vielen kleinen Geschwistern. + +Und daß die reichen Kinder von jetzt an ihre rechte Freude und +Zufriedenheit darin gesucht hätten, einander Liebes und Gutes zu +erweisen. Daß das Familienleben des großen Hauses nun so warm und innig +geworden sei, wie das des kleinen. + +Aber das geht nicht nur so. + +Wenn ein Samenkörnlein anfängt zu treiben, so kommt zuerst ein zartes, +hellgrünes Keimlein aus dem Boden. Und wer Augen dafür hat, der kann +sich wohl daran freuen. Aber bis dann ein Halm hervorwächst und eine +Ähre treibt, und die Ähre reif wird, das dauert noch lange. + +Und bei den Menschenkindern muß man auch warten, bis die Samenkörnlein +aufgehen und Liebe und Freude daraus hervorwachsen. Wer weiß, was aus +Erichs Krankheitszeit für fröhliche Saat aufwächst in den jungen und +alten Herzen? Das muß man jetzt erst abwarten. + +Und wer weiß, was aus den schönen Liedern der Mutter und dem +liebevollen Wesen der beiden Eltern und dem fröhlichen Gesicht der +Tante Luise für ein Blumengärtlein treibt in dem kleinen Hause? +Vielleicht erfahren wir's noch. + +Und einstweilen wollen wir unser eigenes Gärtlein pflegen. Denn wir +sind alle reicher, als wir wissen. + + + + + 8. Gretels Ferientage. + + +Gretel stand im Hof hinter dem Haus, sah durch das Eisengitter in das +trübe Gäßchen, das da vorbeiführte, und war beschäftigt, ihr rotes +Zopfband immer wieder um den Finger und wieder herunterzuwickeln. Das +war keine besonders vergnügliche Beschäftigung, es konnte einen nicht +wundern, daß Gretel gar kein sehr heiteres Gesicht dazu machte. Sie +hätte gern etwas anderes getan, wenn sie etwas gewußt hätte. Aber das +war gerade das Traurige, daß ihr kein Mensch sagen konnte, was sie mit +ihrem Vormittag beginnen sollte. Gretel hatte Schulferien, heute war +der zweite Tag davon, und vier Wochen lang sollten sie dauern. Sie +hatte sich schon lange auf diese Zeit gefreut und immer ausgerechnet, +wie lang es noch sei, bis sie komme, und nun fing sie gar nicht schön +an. Alle Leute im Haus hatten ihre Beschäftigung. Der Vater ging gleich +nach dem Frühstück ins Kontor, Bruder Ernst gleichfalls; die Mutter +war fast den ganzen Tag im Laden, bediente die Kunden und regierte die +Ladenfräulein. Da hätte sich Gretel auch sehr gern aufgehalten, aber +das war ihr verboten. Es war so nett, zuzuhören, was die Leute sagten, +und zuzusehen, wie sie sich Stoffe vorlegen ließen, wie sie wählten und +kauften. »Aber das ist kein Aufenthalt für Kinder,« sagten die Eltern, +und dabei blieb es. In der Küche regierte die Christine. Es war alles +hell und glänzend sauber darin, nur schade, daß Christine so bärbeißig +war und für Gretels Wunsch, ihr manchmal ein bißchen Gesellschaft zu +leisten, immer die gleiche Rede hatte: »Kann keine Kinder unter den +Füßen herum haben, bin froh, wenn ich fertig werde.« + +Dann war noch Lotte da, das Zimmermädchen. Die konnte ja nichts dagegen +haben, wenn Gretel im Zimmer war. Aber heute war sie böse. Gretel +hatte beim Aufräumen helfen wollen und dabei ein Glas vom Waschtisch +zerbrochen und Wasser auf den frisch gewichsten Boden verschüttet. Und +Lotte hatte gesagt: »Es gibt gewiß kein so unmüßiges, langweiliges +Kind mehr, wie du eins bist. Wenn man so viel schöne Bücher hat und +Spielsachen und so eine nette Häkelarbeit und es ist einem doch noch +langweilig!« + +Nun stand Gretel da und seufzte. Sie hatte ein gutes Vesperbrot neben +sich liegen und ein neues Kleid an und ihre Backen waren rot und rund. +Und doch kam sie sich ein wenig beklagenswert vor. Sie hatte wohl auch +Freundinnen, aber die waren zum Teil verreist und zum Teil wohnten sie +in einem ganz andern Stadtteil; zum Spielen zusammen kommen konnte man +da nicht. Der Hausknecht ging vorbei, er hieß Frieder und war sonst +ein ganz guter Freund von Gretel. Heute brummte er: »Du hast gewiß die +große Papierschere verschleppt, Gretel. Man kann sie nirgends finden, +und nun soll ich sie verräumt haben.« Gretel hatte die Schere nicht +gehabt, und daß Frieder nun auch noch unfreundlich gegen sie war, +machte sie nicht vergnügter. Und sie dachte im stillen, es sei noch +lang nicht das Ärgste, in der dumpfen Schulstube zu sitzen. Dort wußte +man wenigstens den ganzen Tag, was anfangen. + +Da hörte sie auf einmal ein lautes, klägliches Geschrei. Es kam aus dem +Gäßchen, das Gretel kaum je betrat, und in dem lauter alte, ärmliche +Häuser standen. Ein kleines Geschwisterpaar kam aus dem nächsten Haus +heraus. Es war ein Bube und ein Mädchen, und alle beide waren etwas +schmierig anzusehen. Das Mädchen konnte etwa sechs Jahre alt sein und +zog aus Leibeskräften das dreijährige Brüderlein hinter sich her, das +auf krummen Beinen mühsam daher wackelte. Oben herunter schallte aus +einem geöffneten Fenster eine scheltende Stimme: »Daß ihr mir nicht +mehr unter die Augen kommt, bis ich euch rufe! Es ist ein Elend mit +euch unnützen Dingern.« + +Und dann fingen alle beide Kinder wieder an zu weinen und aufs +Geratewohl in das Gäßchen hineinzulaufen. Gretel mußte genau hinsehen. +Sonst hatte sie sich nie um die Bewohner des Gäßchens bekümmert; +vorne lag ihr Elternhaus an einem schönen, freien Platz, wo in gelben +Sandwegen unter grünen Büschen gut gekleidete Kinder spielten, und wo +hübsche Häuser standen, deren Bewohner ganz anders aussahen, als die +»Gäßlesleut«. Aber heute war das anders. Gretel wußte ja auch nicht +recht, wo sie hingehörte, da konnte sie mitfühlen. Sie drängte ihr +Gesicht dicht an das Gitter und fragte das Mädchen: »Warum weinet ihr +alle zwei?« Die Kinder blieben erstaunt stehen. Der Kleine rieb sich +mit beiden Fäusten die Tränen im Gesicht herum, und das Mädchen sagte: +»Weil wir immer auf d' Gaß sollen, und mein Fritzle hat so Hunger und +ich einen bösen Finger.« Das war viel Jammer auf einmal. Gretel vergaß +ganz, Mitleid mit sich zu haben. Sie streckte ihr Butterbrot durchs +Gitter hinaus. »Da,« sagte sie, »ich kann mir wieder eins holen. Wenn +ihr wollet, dann könnet ihr ein wenig in den Hof herein kommen. Der +Tyras tut euch nichts.« Der Tyras war ein großer Hofhund, der in seiner +Hütte an der Kette lag und verdächtig damit rasselte. Aber Gretel gab +ihm nur im Vorbeigehen einen kleinen Schlag auf den zottigen Kopf. »Sei +fein still,« sagte sie, »sonst haben die armen Kinder Angst.« Dann ging +sie und öffnete das Türchen. Merkwürdig, auf einmal kam es ihr wieder +in den Sinn, wie viel Gutes sie habe. Da war das kleine Gärtchen, das +an den Hof anstieß. Es war nicht sehr sonnig, und viel Blumen gab es +auch nicht darin. Aber es hatte eine Laube, und darin stand ein Tisch +mit einer Schublade voll alten Spielzeugs, das längst unbeachtet dalag. +Dorthin zog sie ihre Schützlinge. Fritz hatte längst seine Tränen +getrocknet und sah mit großen Augen auf die neue Herrlichkeit. Gretel +gab ihm einen Haufen farbiger Bauklötzchen und rückte ihm ein Kistchen +vor die Bank hin. »Da, nun baust du einen Turm,« sagte sie. »Vorher +kannst du noch das Butterbrot essen.« Das ließ sich der kleine Bursche +nicht zweimal sagen. Das Mädchen hieß Sofie. Es sah fröhlich zu, wie +der Kleine in sein Brot einbiß und wickelte daneben die Schürze um den +entzündeten Finger. + +Gretel kam sich wie ein Mütterlein vor. »Bleibt einmal ruhig sitzen,« +sagte sie. »Lotte hat eine gute Salbe, und ich will dir den Finger +verbinden. Dann hole ich einen ganzen Pack farbige Flecke, und wir +machen miteinander ein Kleid für meine Ida.« Letzteres war eine alte +Puppe, die auch in der Schublade des Gartentisches lag und allerdings +ein neues Kleid nötig hatte. + +Sofie kam sich vor wie im Traum. Sie ging noch nicht in die Schule, +und es war jeden Tag ihre Pflicht, das Brüderlein zu hüten, und +gezankt wurde sie auch jeden Tag. Die Mutter nähte Handschuhe für eine +Fabrik, und der Vater war auch in einer Fabrik, und eigentlich sollten +die Kinder nur zum Essen und Schlafen heimkommen. Da saßen sie denn +meistens miteinander auf einer Hausstaffel und sahen zu, was sich auf +der Straße ereignete, und das war nicht gerade viel. Und jetzt saßen +sie in dem Gärtchen, das ihnen wunderschön vorkam, und das Mädchen in +dem schönen blauen Kleid spielte mit ihnen, und man wußte gar nicht, +was nun alles noch kommen würde. + +Für einmal begann nun ein fröhliches Spiel der drei miteinander. +Fritzchens trübseliges Gesicht leuchtete hell auf, als ihm Gretel +einen hohen Turm bauen half, den er dann mit glatten Kieselsteinen +wieder einstürzen durfte. Und Sofie drückte die Puppe Ida so zärtlich +an sich, daß Gretel großmütig sagte: »Du kannst sie behalten, ich +habe noch viele.« Das neue Kleid war etwas mangelhaft geraten, man +mußte es hinten künstlich zusammenbinden, daß es hielt, aber dem armen +Kinde dünkte es ein Prachtstück zu sein. »Ja ganz behalten und mit +heimnehmen?« fragte Sofie zaghaft. »Ja, freilich.« Gretel mußte ein +wenig lachen. »Und heute Nachmittag kommet ihr wieder und alle Tage, so +lang ich Vakanz habe.« + +Da ertönte im Haus die Essensglocke, Gretel mußte hinein, und aus +dem hochgelegenen Fenster des trübseligen Hauses, in dem die Kinder +wohnten, rief eine Männerstimme: »Wo steckt ihr nur auch? Flugs zum +Essen!« + +Man konnte es kaum glauben, daß der Vormittag schon vergangen sei, der +so trüb und langweilig begonnen hatte. Die armen Kinder waren noch +nicht leicht so vergnügt ihre Treppen hinaufgestolpert wie heute, und +sie hatten immer noch etwas zu erzählen und dann noch etwas, als sie +dann mit Vater und Mutter am Tisch saßen. Die Mutter hatte das kleinste +Brüderlein aus dem Wagen genommen. Sie sah auch ein wenig aufgeheitert +aus, denn sie hatte heute vormittag so ungestört arbeiten können, wie +schon lang nicht mehr. Der Kleine hatte geschlafen, und die beiden +größeren Kinder hatten sich auch nicht blicken lassen. Und daß diese +jetzt so vergnügt heimkamen, freute die Mutter auch. Sie wollte ja +nicht böse sein und hatte ihre Kinder auch lieb, aber sie mußte helfen, +Geld zu verdienen, da wußte sie oft nicht recht, wo anfangen, und schob +dann die Kinder aus dem Weg, wo sie nur konnte. + +»Und heut nachmittag dürfen wir wieder kommen und alle Tage,« schloß +Sofie ihren Bericht, und Fritz fügte hinzu: »Ja und ein Gesälzbrot +kriegen wir; die Gretel hat's gesagt.« + +Daheim hatte man sich nicht wenig gewundert, als Gretel so vergnügt +zum Essen kam. Sie hatte den ganzen langen Vormittag niemand belästigt +und keinerlei Unfug angestiftet, und nun erklärte sie, daß sie auch +am Nachmittag so viel zu tun habe, daß sie kaum wisse, wo beginnen. +Die Mutter sah erfreut auf ihr Töchterlein. Sie war selbst so viel in +Anspruch genommen, und es bedrückte sie oft, daß sie sich nicht mehr +um Gretel annehmen konnte, und über diese Vakanzzeit hatte sie sich +schon viele Gedanken gemacht. Jetzt sagte sie liebreich: »Das ist +recht, Gretel, daß du so ein nettes Amt gefunden hast. Ich komme dann +einmal zu euch hinaus und sehe nach, was das für Kinder sind und was +ihr treibet. Und an einem Vesperbrot soll's auch nicht fehlen.« Das war +der erste schöne Tag, und ihm folgten noch viele. Gretel hat niemand +mehr langweilig und verdrießlich gesehen. Denn früh am Morgen mußten +die Aufgaben gemacht werden, darauf hielt die Mutter streng. Und dann +ließ sich Gretel mit großer Bereitwilligkeit zum Bäcker und Metzger +schicken, denn es lag ihr daran, die mächtige Christine gut zu stimmen; +es gab so oft etwas Gutes, das sie gern ihren Schützlingen bringen +wollte. + +Diese standen, wenn Gretel hinunterkam, allemal schon wartend am +Gitterpförtchen, jetzt immer mit glänzend sauberen Gesichtern und +reinen Schürzen, und dann ging das Freudenleben immer wieder von neuem +an. Das einjährige Brüderlein war jetzt auch oft dabei. Sofie hatte es +eines Tages auf dem Arm gehabt und zaghaft gefragt: »Dürfen wir mit +dem Kleinen auch noch herein? Ich muß ihn jetzt auch hüten!« Sie hatte +nicht begreifen können, daß Gretel in hellen Jubel ausgebrochen war. +Ihr kam es nie so besonders nett vor, den schweren Paul zu schleppen, +und sonst wußte sie nichts mit ihm anzufangen. Gretel hatte sich aber +schon lang ein kleines Brüderlein gewünscht, und nun trug sie in lauter +Freude den kleinen Buben ins Gärtchen, spielte mit ihm am Sandhaufen, +ließ sich die Haare von ihm zausen und erfand immer wieder neue +Belustigungen. Sofie hatte nur zu staunen. So unterhaltend war ihr das +Brüderlein noch nie vorgekommen. »Mutter,« sagte sie eines Tages beim +Heimkommen, »die Gretel sagt, Paul sei das nettste Kindlein, das es +geben könne, sie möchte es nur ganz behalten.« »Das glaube ich,« sagte +die Mutter, »daß sie das möchte.« Sie nahm den Kleinen auf den Schoß +und zog eins seiner blonden Löckchen über den Finger: »Aber wir geben's +nicht her, gelt?« + +Die Mutter war überhaupt viel vergnügter seit einiger Zeit. Sofie +fürchtete sich gar nicht mehr vor dem Heimkommen. Sie wußte nicht, +daß die Mutter oft dachte, wenn andere Leute so eine Freude an ihren +Kindern haben, so könne sie es wohl auch, denn ihr gehören sie ja doch +zuerst. Und der Vater sah auch heiterer aus, wenn er heimkam, und +jedes etwas Vergnügliches zu erzählen wußte, und die Kinder so sauber +aussahen, und die Stube aufgeräumt war. -- + +Es war an einem der letzten Ferientage, da kam Sofie eines Nachmittags +allein an. »Wir können heut nicht kommen,« sagte sie. »Der Vater +hat im Geschäft frei und jetzt machen wir einen Spaziergang alle +miteinander. Man nimmt den Kinderwagen mit, und dann kommen wir +vielleicht bis in den Wald.« Sofie sah stolz und glücklich aus und +sprang lustig davon. Merkwürdig, Gretel war gar nicht betrübt, daß +heute ihre kleine Gesellschaft nicht kam. Sie hatte heute morgen eine +ihrer Schulfreundinnen entdeckt, die von der Reise zurück war, und +es gelüstete sie nun stark, einmal wieder mit Mädchen ihres Alters +zu spielen und zu plaudern. Sie war doch auch schon zehn Jahre +alt, und den armen Kindern gegenüber war sie immer so eine Art von +Mütterlein gewesen. So sah sie ganz vergnügt zu, wie die Familie drüben +miteinander auszog, und als bald nachher die Freundin kam, meinte sie, +noch nie so vergnügt gespielt zu haben, wie heute. Aber als Klara, so +hieß die Freundin, von den Freuden ihrer Reise erzählte und ein wenig +mitleidig sagte: »Dir wird's auch oft langweilig gewesen sein!« da +schüttelte Gretel den Kopf. »Behüte,« sagte sie, »ich habe so viel +Nettes erlebt, man kann es gar nicht aufzählen. Aber auf die Schule +freue ich mich doch auch wieder.« + +Jetzt hat die Schule schon lang wieder angefangen, und wer weiß, ob +Gretel nicht die nächste Ferienzeit irgendwo auf dem Lande verlebt. +Denn eine liebe Tante hat sie schon lang eingeladen. Aber so oder so, +vor Langeweile braucht sie sich nie mehr zu fürchten. Es gibt überall +große oder kleine Leute, denen man eine Freude machen kann, es müssen +nicht gerade ein paar arme »Gäßleskinder« sein. Und wer andern Freude +macht, wird selber auch vergnügt, das weiß man schon lang, und Gretel +weiß es auch. + + + + + 9. Wie Heini den Rückweg fand. + + +Der Heini stand ganz oben auf der Bühne, sah zu einem kleinen +Guckfenster hinaus und seufzte. Man hätte sich ein wenig wundern +können, daß er seufzte, denn er sah gar nicht aus, als ob ihm etwas +fehle. Er hatte dicke rote Backen und war stark und gesund. Und dazu +steckte er in einem nagelneuen, blau und weiß gestreiften Anzug und +neben ihm auf einer Kiste lag ein mächtig großes Butterbrot. Der +kleine Eseltreiber, der unten am Haus vorbeizog, wäre glücklich +gewesen, wenn er es gehabt hätte. Aber der Heini war noch eher geneigt, +den Eseltreiber zu beneiden, als daß er sich selbst beneidenswert +vorgekommen wäre. Denn der Hansjörg konnte doch mit seinem Esel nach +Herzenslust die schönen Wälder durchstreifen und kam auf all die hohen +Berge, die der Heini nur von unten ansehen durfte, und keine ängstliche +Tante rief den ganzen Tag hinter ihm drein: »Heini, geh mir ja nicht zu +weit! Heini, iß nur ja keine Beeren im Wald! Falle mir nur ja nicht an +der Ruine hinunter!« + +So arg, wie sich das der Heini nun ausdachte, war es in Wirklichkeit +auch nicht. Er steigerte sich nur jetzt unmutig in den Gedanken hinein, +daß er zu bedauern sei, und wenn man das tut, so vergißt man dann ganz, +wie viel Gutes und Schönes man hat. + +Heini war seit vierzehn Tagen hier in einem wunderschön gelegenen +Luftkurort im Schwarzwald. Seine Tante hatte ihn mitgenommen und er +sollte die ganze lange Sommervakanz hier zubringen dürfen. Sein Name +stand gedruckt in der Fremdenliste: Heinrich Speidel aus Stuttgart. +Und Heini hatte die Liste mit Stolz an seinen besten Kameraden nach +Hause geschickt und fühlte sich sehr als Badegast. Dazu bewohnte er +ein kleines Stübchen ganz allein und konnte darin treiben, was er nur +wollte. Zu Hause teilte er das Zimmer mit den beiden jüngeren Brüdern, +und ein eigenes Kämmerchen war schon lang seine Sehnsucht. Daheim +hatte man vom Fenster aus nur den Metzgerladen gegenüber gesehen, +hier brauchte Heini nur im Bett die Augen zu öffnen, um dann schon +die prächtigen, bewaldeten Vorberge des Blauen zu sehen, auf denen +zum Teil noch Ruinen alter Ritterburgen waren. Diese Aussicht war +wirklich etwas sehr Erfreuliches; wäre sie nur nicht gar so verlockend +gewesen! Den Heini trieb Tag und Nacht das Verlangen, einmal selbst +auf diesen Gipfeln zu sein, in dem alten Gemäuer umherzustreichen und +dann vielleicht wunderbare Entdeckungen zu machen. Aber die Tante hatte +ihn bis jetzt immer auf später vertröstet. Sie war ein wenig leidend +und sollte in den ersten Wochen ihres Aufenthalts nicht so große Wege +machen. Und sie wollte den achtjährigen Buben durchaus nicht, wie er +sich so stürmisch wünschte, allein oder auch nur mit ein paar Kameraden +ausziehen lassen, die nicht viel älter waren als er selbst. + +Heute waren drei der hier gewonnenen Freunde zusammen nach dem +Neuenfels gewandert, einer bewaldeten Bergkuppe, auf der sich eine +besonders weitläufige, guterhaltene Ruine befand. Und sie waren für den +ganzen Tag ausgezogen, mit kaltem Mittagessen in den Tornistern! Heini +hatte flehentlich gebeten, mitzudürfen, umsonst. »Die hiesige Ruine ist +noch viel schöner,« hatte die Tante gesagt. »Und du hast dir noch nicht +die Hälfte von all den wunderschönen Wegen, Sitz- und Spielplätzen +angesehen, die es rings um den Ort her gibt!« Dabei war sie geblieben, +trotz allen Aufwands an Bitten und Tränen und zornigem Fußstampfen, den +der Heini veranstaltet hatte. + +Das war der Schmerz, der den Heini so tief aufseufzen ließ an seinem +Guckloch auf der Bühne. Er hatte, soweit man von hier aus konnte, den +Weg seiner Freunde mit den Augen verfolgt und dabei düstere Gedanken +ausgebrütet. Er wollte doch noch auf den Neuenfels kommen! Auch ohne +die Tante! Er war kein solches Wickelkindchen mehr, das man immer an +der Hand führen mußte! + +Dabei war er gerade, als Fräulein Jettchen auf die Bühne kam, eine +der drei alten Schwestern, denen die Fremdenpension gehörte. Fräulein +Jettchen war sonst eine sehr gute Freundin von Heini. Sie besorgte die +Küche und es verging nicht leicht ein Tag, wo sie das Büblein nicht +heranrief: »Komm, komm, Kleiner, da hast du ein warmes Flädchen! Guck +einmal, Heini, da habe ich nun gerade noch so ein kleines Lebküchlein +gefunden, das mußt du haben!« Sie hatte eine humoristische Art und alle +drei Schwestern hatten die Kinder lieb und der Heini konnte es bei +ihnen so gut haben, wie er sich nur denken konnte. + +Jetzt war Fräulein Jettchen hoch erstaunt, den Wildfang Heini einsam da +oben zu finden. Er war sonst fast nur bei den Mahlzeiten im Hause und +hatte so viele Kameraden, daß er sie kaum aufzählen konnte. + +»Ja, was in aller Welt hat denn das Büblein da oben zu schaffen? Und +gar kein vergnügtes Gesicht? Und das Vesperbrot noch unberührt?« +Fräulein Jettchen setzte ihren Korb mit Dörrbohnen ab und trat zu Heini +heran. Der biß sich fest auf die Unterlippe und sah angelegentlich vor +sich hin. Er konnte nicht gut sagen, was er soeben gedacht hatte. + +»Unzufrieden? Ei, ei, ei!« Nun mußte das alte Fräulein sehr bedenklich +den Kopf schütteln. + +»Wenn man's so gut hat, wie du! So eine schöne Vakanzzeit und eine so +liebe Tante, die einem so viel Freude macht!« + +»Ja, aber auf den Neuenfels hat sie mich nicht mitgelassen,« murrte +Heini, »die andern Buben lachen mich aus! Ich hätte gut so weit laufen +können! Und ich gehe doch auch noch hin, ich bin auch nicht mehr so +klein!« + +Fräulein Jettchen hatte sich auf einen Koffer gesetzt und sah sehr +feierlich aus. Manche Leute sagten, sie habe manchmal eine Stimme wie +ein Pfarrer, und das hatte sie jetzt auch, als sie warnend den Finger +aufhob und sagte: + +»Kind, Kind, paß wohl auf, daß du dich nicht verläufst! Wenn die +Schäflein gar nicht mehr wissen, wie gut sie es auf der Weide haben und +wollen's immer ~noch~ besser finden, dann verirren sie sich und +der Schäfer muß den Hund hinter ihnen drein jagen. Und manchmal sind +sie dann so weit von der Herde weg, daß man sie gar nimmer findet, und +dann möchten sie wohl wieder gehorsam und zufrieden auf der Weide sein, +wenn sie nur wieder könnten.« + +»Ich bin kein Schaf,« sagte Heini trutzig, »und verirren tue ich mich +auch nicht, ich finde den Weg schon!« + +»Du hast dich schon ein bißchen verirrt, Büblein,« sagte Fräulein +Jettchen liebreich, »du bist trutzig und eigensinnig und weißt schon +gar nicht mehr recht, wie gut du es hast. Komm jetzt mit mir, Heini, +komm! Wir wollen es der Tante gar nicht sagen, daß du unartig gewesen +bist, es würde sie betrüben, sie ist schon ~so~ gar nicht wohl! +Wer weiß, wenn du jetzt fröhlich und dankbar bist, dann freut sie sich +so, daß sie ganz bald mit dir auf die hohen Berge kann, und dann kannst +du dich ganz anders freuen!« + +Damit faßte das alte Fräulein den Trotzkopf Heini bei der Hand und +stieg mit ihm die Treppe hinunter. + + * * * * * + +»Was denken Sie, Herr Doktor, könnte ich nicht morgen eine Fahrt nach +dem Blauen machen? Es ist mir nicht um mich, ich könnte schon noch +warten mit solchen Ausflügen. Aber mein kleiner Neffe brennt so sehr +darauf, ein bißchen in die Umgegend zu kommen! Es ist noch ein kleiner +Kerl, aber ein fester, stämmiger Bursch, und ich möchte gern, daß er +mit recht viel Freude an diese Zeit hier zurückdenkt!« + +Tante Julie saß in einem Korbstuhl an der sonnigsten Stelle des Gartens +und sah erwartungsvoll den alten Doktor an, der im Vorübergehen ein +kleines Gespräch mit ihr angefangen hatte. Doktor Stieler schüttelte +ein klein wenig den Kopf. »Es wäre mir lieber gewesen, wenn Sie noch +eine Woche gewartet hätten,« sagte er dann. »Die Ruhe scheint Ihnen so +gut zu bekommen.« + +»Meines Bruders Geburtstag ist morgen,« fuhr die Tante fort, »der +wird zu Hause auch festlich begangen. Aber freilich, wir wollen ja +nicht unvernünftig sein!« -- Der Doktor sah zuerst prüfend den Himmel +und dann seine Patientin an. »Wenn sehr schönes Wetter ist und Sie +eine gute Nacht haben, so will ich denn auf morgen nichts dagegen +einwenden,« war seine Antwort. Und freundlich grüßend schritt der +Doktor weiter. + +Tante Julie saß noch ein Weilchen ruhig in dem warmen Sonnenschein und +überlegte sich ihren Plan auf morgen. + +Sie wollte noch eine Bekannte zu der Fahrt einladen, die mit ihrem +eigenen kleinen Jungen, einem schmächtigen, zarten Kind in Heinis +Alter, ebenfalls zur Kur hier war. Und dann wollte sie einen Esel dazu +bestellen, den Liebling aller jugendlichen Gäste, »Lips«, samt seinem +sonnverbrannten Führer, Hansjörg. Da konnten dann die kleinen Buben +abwechselnd daneben herreiten, und Tante Julie lächelte vergnügt vor +sich hin, wenn sie sich Heinis Jubel vorstellte. Eselreiten! das war +auch einer der sehnsüchtig erstrebten Genüsse! + +Wo der Junge nur steckte? Er hatte sich seit dem abgeschlagenen »Sturm +auf den Neuenfels« nicht mehr sehen lassen! Es tat der Tante aber +keinen Augenblick leid, daß sie nicht nachgegeben hatte. Im Gegenteil! +Heute wollte sie den Heini ganz ruhig seinem Trotzkopf überlassen +und dann morgen, ehe sie ihm die große Freude verkündete, ein paar +ernsthafte Worte mit ihm reden. Tante Julie verstand sehr gut mit +Kindern umzugehen und Heinis Neigung zum Eigensinn war ihr gar nichts +Neues. »Es wird schon noch eine Weile dauern, bis er einsieht, daß man +nicht mit dem Kopf durch die Wand kann,« dachte sie. Dann stand sie auf +und ging ins Haus. + + * * * * * + +Inzwischen hatte sich der Heini langweilig vor dem Haus umhergetrieben. +Er hätte Erlaubnis gehabt, auf den Spielplatz im Kurpark zu gehen, +wo es immer viele Unterhaltung gab. Oder er hätte die Tante gut um +Erlaubnis fragen können, ob er mit dem Kutscher Ernst ins Heu fahren +dürfe. Das hätte sie gern gestattet. Aber es gefiel ihm besser, sich +auszudenken, wie hart die Tante sei und wie schlecht er es habe. Und +dann dachte er sich noch etwas anderes aus. Der Hansjörg war dem Heini +einmal vor kurzem begegnet, als er gleich nach dem Frühstück mit der +Tante in den Wald ging. »Woher kommst du schon so bald?« hatte damals +die Tante gefragt, die mit allen Leuten gern ein freundliches Wort +sprach. Der Hansjörg hatte staubige Füße gehabt und gesagt: »Vom +Neuenfels.« »Ist's möglich?« hatte sich Tante Julie gewundert, »da mußt +du ja vor Tag aufgestanden sein?« »Vor Tag nicht. Um drei Uhr ist's +schon fast hell und ich bin erst um vier Uhr fortgegangen,« sagte der +Hansjörg. »Es ist ein Fräulein auf dem Esel hinaufgeritten, das will +nachher zu Fuß heimgehen. Und ich muß jetzt gleich mit dem ›Lips‹ auf +den ›alten Mann‹!« Damit war der Eseltreiber wichtig weitergeschritten, +denn das Geschäft blühte jetzt. + +Daran dachte der Heini, als er sich jetzt so allein herumtrieb. Er +konnte so gut wie der Eseltreiber, der noch den störrigen »Lips« zu +besorgen hatte, in aller Morgenfrühe die Wanderung unternehmen und +wieder da sein, ehe man ihn vermißte. Die Tante stand manchmal sehr +spät auf, und das tat sie vielleicht morgen auch. Die Richtung, die man +einzuschlagen hatte, kannte der Heini gut, und dann sah man ja auch +die Ruine immer vor Augen und konnte sich gewiß nicht verirren. Er kam +immer mehr in seinen Plan hinein und saß, gegen seine Gewohnheit, eine +ganze Weile still auf der Hausstaffel, um sich alles genau auszudenken. + +Zwar dem Vater hatte er versprochen, der Tante in allen Stücken zu +gehorchen. »Aber ich glaube sicher, der Vater hätte mich mitgelassen,« +beschwichtigte der Heini sein mahnendes Gewissen; »und dann, ich bin +ja schon wieder da, wenn die Tante aufwacht! Warum ist sie auch so +ängstlich und erlaubt einem gar nichts!« Und Heini beschloß, nicht mehr +auf die unangenehmen Stimmen zu hören und sich »wie andere Buben auch« +auf die Wanderung zu freuen. »Und der Papa kann's erst noch leiden, +wenn man kein so Hasenfuß ist! Und ich will auch keiner sein!« -- Damit +schloß der Heini seine Selbstbetrachtung. Fräulein Jettchen rief eben +zum Abendessen. + + * * * * * + +Es war ein strahlend sonniger Morgen. Heini glaubte, als er erwachte, +noch ganz unerhört früh daran zu sein und staunte höchlich, daß andere +Leute auch schon wach waren. Auf der Wiese, die sich hinter dem Haus +hinaufzog, saß der Taglöhner Friedrich und dengelte seine Sense; er +hatte schon ein großes Stück gemäht. Und im Hof hörte der Heini das +Küchenmädchen am Pumpbrunnen. Leise, um die Tante nicht zu wecken, +schlüpfte Heini in seine Kleider und schlich sich zur Tür hinaus, die +er nur anlehnte. Tante Julie schlief nämlich im Zimmer daneben und +sagte oft, daß sie einen sehr leichten Schlaf habe und gut höre, was um +sie her vorgehe. + +Merkwürdig, es zog den Heini jetzt am Morgen nicht mehr halb so sehr, +wie am Tag zuvor, nach dem ersehnten Neuenfels. Und einen Augenblick +besann er sich, ob er nicht lieber dableiben wolle. Es war doch +auch sehr hübsch in der Nähe. Und das Frühstück im Garten und die +Trompetermusik im Kurpark, das war doch auch beides ein Genuß! Aber +dann regte sich der böse Trotz wieder. »Ich will aber,« sagte Heini +halblaut und schlüpfte zu der angelehnten Haustüre hinaus. + +Da lag die Straße vor ihm im hellen Morgensonnenschein. An allen +Gräslein und Büschen und Bäumen hingen noch die schimmernden, +glitzernden Tautropfen und an den Bergen wogten noch die Morgennebel +hin und her, wie weiße Schleier. Und gerade vor dem Heini, hell +beschienen, weiß glänzend, stand der Neuenfels, dessen Steinmassen und +Mauerstücke aus dem grünen Wald förmlich herausleuchteten. Es sah aus, +als ob er ganz nah da wäre. »O, ich kann noch zum Frühstück wieder da +sein,« dachte Heini und fing an zu rennen. Er wollte sich die Sache +absolut nicht gereuen lassen. + +Die weiße, staubige Landstraße, mit frisch gemähten Wiesen zu beiden +Seiten, lag hinter dem kleinen Wandersmann. Er trat jetzt in den +dämmerigen, kühlen Wald ein, den er auf dieser Seite noch nie betreten +hatte. »Fehlen kann man da nicht,« dachte Heini, »die Straße geht ja +ganz gleich weiter und der nette kleine Fußweg läuft gerade daneben +her, und der ist ganz weich und moosig.« Er schlug jetzt diesen ein, +man konnte so schnell gehen auf dem weichen Teppich. + +Es war ganz still im Wald, nur hie und da huschte ein Eichhörnchen an +den hohen Stämmen hinauf. Deren gab es viele in der Gegend. Heini hätte +schon so lange gern eins besessen. Eben jetzt kam ein ganz reizendes +Tierchen mit langem buschigem Schwanz ganz nahe heran. Es machte einen +possierlichen Satz um den andern, flüchtete sich dann wieder in die +Höhe und schwang sich von einem Baum zum andern. Der Heini war ganz +hingerissen. »O, o, wenn ich nur so ein Tierchen hätte,« sagte er laut. +»O, wenn ich nur eins mit heimnehmen könnte!« + +Man kam sehr schnell vorwärts auf diese Art. Nur hatte der Heini +gar nicht bemerkt, daß der Fußweg schon lange von der weißen Straße +abgebogen war. Er sah es erst, als das Eichhörnchen ganz in der hohen +Krone einer riesigen Eiche verschwand. Zuerst erschrak er ein wenig, +denn er hatte ja immer der Straße nach gehen wollen. Aber dann sah er +wieder etwas Weißes durch die Stämme leuchten und ging gleich darauf +zu. Es war auch eine Straße, aber es war nicht die richtige, das wußte +aber der Heini nicht. Er ging nun lange auf dieser weiter und wunderte +sich nur immer im stillen, daß es so lange eben fortging. Der Berg +hätte seiner Meinung nach schon längst beginnen sollen. + + [Illustration] + +Heini fing auch schon an, etwas müde zu werden. »Ich könnte ein ganz +klein wenig hinsitzen,« dachte er. »Nicht lange, sonst komme ich am +Ende doch zu spät.« + +Es gab schöne Brombeeren am Wege. Sie waren erst halbreif, aber dem +Heini schmeckten sie doch. Es war sonderbar, er hatte Hunger, und +es konnte doch noch lange nicht Frühstückszeit sein. »Das kommt vom +Frühaufstehen,« dachte Heini. »Ich bin es nicht gewöhnt.« + +Dann zog er wieder weiter. Er hatte jetzt einen schmalen Fußweg +gefunden, der richtig ziemlich steil in die Höhe ging. »Auf der +langweiligen Straße hätte ich noch lang weiterlaufen können,« sagte +sich Heini. Er war ganz froh, daß es wenigstens jetzt in die Höhe +ging. »Ein bißchen weit ist's doch,« gab er jetzt zu. »Hätte mich +Tante Julie mit den andern Buben gelassen, so müßte ich jetzt nicht +allein auf diesen Neuenfels!« Merkwürdig, nächstens mußte die Tante +noch schuldig sein, daß der Heini davonlief! Der Fußweg machte +wieder allerlei Windungen; manchmal war er fast ganz überhangen von +Brombeergesträuch und endlich hörte er ganz auf. Da stand nun der +Heini mitten im Wald und nichts rührte sich weit und breit um ihn +her. Doch, oben über den Tannen flogen ein paar Raben und krächzten +laut. Und er wußte nicht weiter. Den Neuenfels sah man ja schon lange +nicht mehr, und Heini hatte nur immer gehofft, der Wald werde sich +jetzt dann auf einmal lichten und dann werde er gerade an der Ruine +herauskommen. Jetzt getraute er sich gar nicht mehr vorwärts. Es war +überall hoher, dichter Tannenwald. Und durch die hohen Stämme drang das +Sonnenlicht in einzelnen Strahlen. Da fiel dem Heini ein, daß es wohl +schon jetzt Frühstückszeit sei, und daß die Tante ihn nun suchen würde. +Und Fräulein Jettchen und Luischen und Lina würden ebenfalls nach ihm +suchen und ihn überall rufen: »Heini, Büblein, so komm doch, komm!« + +Und er stand im Wald und hatte sich verirrt! Das hatte er, es war so! +Was hatte Fräulein Jettchen gestern gesagt? + +O, es fiel dem Heini wieder alles ein, sie hatte es so feierlich gesagt +wie ein Herr Pfarrer. Er hatte es nicht ausstehen können, aber es war +doch wahr. Und jetzt hatte er sich richtig verirrt und mußte noch froh +sein, wenn er sich schnell wieder auf dem gleichen Weg heimfand. Den +andern Buben wollte es der Heini lieber gar nicht sagen, daß er den Weg +nicht gefunden habe. Und die Tante würde ja wohl zanken! Oder am Ende +machte sie auch so ein betrübtes Gesicht, wie die Mama zu Hause allemal +tat, wenn der Heini eigensinnig und trotzig war. »Da möcht' ich dann +schon noch lieber gezankt werden,« dachte der kleine Ausreißer. + +»Vielleicht, wenn ich ganz schnell auf dem gleichen Weg zurücklaufe, +immerfort, ohne Aufhören, dann komme ich doch noch bald genug. Und dann +kann Tante Julie nichts sagen, nein, dann kann sie nicht! Denn dann bin +ich gar nicht auf dem Neuenfels gewesen, nur im Wald!« Unter solchen +Gedanken war der Heini umgekehrt, hatte auch endlich die ebene Straße +wieder erreicht und rannte darauf fort, so müde er auch war. »Lieber +Gott, laß mich auch noch bald genug heimkommen,« betete er drunter +hinein. Aber dann kam man an so sonderbaren Felsstücken vorbei und an +einer kleinen Schutzhütte, die der Heini noch nie gesehen hatte, und +auf einmal merkte er, daß er wieder die falsche Richtung eingeschlagen +hatte. Und da war es ganz zu Ende mit allem kecken Mut und allem Trotz +des kleinen Buben. Er setzte sich ganz hilflos auf einen Rain und fing +an zu weinen. + +»Manche verlaufen sich auch so weit, daß man sie gar nimmer finden +kann,« hatte Fräulein Jettchen gesagt. »Und dann möchten sie gerne +zufrieden und dankbar auf der Weide sein, wenn sie nur könnten.« Und +dann hatte sie auch noch gesagt: »Du bist auch jetzt schon ein bißchen +verirrt, Büblein. Denn du bist unzufrieden und trutzig und siehst nicht +recht, wie gut du es hast.« + +Als das dem Heini alles nacheinander einfiel, weinte er immer noch +stärker. Jetzt war es so, jetzt konnte man ihn vielleicht gar nicht +mehr finden! Und die Tante mußte nach Hause schreiben: »Der Heini ist +im Wald verloren gegangen. Er war unfolgsam.« Und dann würde die Mutter +immer zu den Kleinen sagen: »Machet es nur niemals wie der Heini!« + +Und dann fiel ihm auch noch ein, wie gut und lieb die Tante immer +gegen ihn gewesen war. Ja, gestern abend noch, beim Gutenachtsagen, +da hatte sie zu ihm gesagt: Du wirst schon noch sehen, was wir noch +Schönes zusammen erleben. Er hatte sich aber gegen die Wand gekehrt und +nur ganz schnell sein Vaterunser hergesagt. Und dann war er trutzig +eingeschlafen. Ja, das Vaterunser! Das hatte der Heini natürlich heute +morgen auch vergessen! Wenn man etwas vorhat, das nicht recht ist, +denkt man nicht an den lieben Gott. Und der liebe Gott will auch nicht +hören, daß man sagt: Dein Wille geschehe, wenn man jetzt gerade so +ernstlich denkt: Ich will aber tun, was ich will! + +Heini war gar nicht recht so keck, jetzt noch das Vaterunser zu beten. +Und doch wollte er so gern, daß der liebe Gott ihm wieder helfe, und +er wollte auch ganz gewiß nicht mehr unzufrieden sein und trotzig +und unfolgsam. Da fiel ihm ein Verslein ein, er sagte es laut mit +gefalteten Händen unter sein Schluchzen hinein: + + »Alle Schritt und alle Tritt + Geh du, lieber Heiland, mit! + Gehe mit mir ein und aus, + Führe du mich selbst nach Haus!« + +Und dann fügte er noch hinzu: »Und mach auch, daß die Tante keine so +arge Angst hat und daß sie mir's gewiß glaubt, daß ich jetzt brav sein +will.« + +Als der Heini so gebetet hatte, war er schon ein wenig getroster +geworden. Das Verslein hatte er immer als kleines Büblein gebetet. +Seit er in der Schule das Vaterunser gelernt hatte, überließ er das +»Kleinkinderverslein«, wie er sagte, den Kleinen. Er durfte nun immer +am Morgen und Abend das Vaterunser laut beten. Nur dachte er oft gar +nicht an seinen schönen Inhalt. Die Gedanken flogen oft schon voraus +auf den Spielplatz oder zu einem Geschichtenbuch. So kam es, daß der +Heini im Vaterunser gar nicht so recht daheim war. Aber solang er mit +der Mutter »alle Schritt und alle Tritt« gebetet hatte, da hatte diese +ihm jedesmal dann nachher einen Kuß gegeben und gesagt: »So wird dir +dann auch nichts geschehen! Und jetzt geh und sei vergnügt und brav!« +Und der Heini setzte in Gedanken nun auch hinzu: So wird mir dann auch +nichts geschehen! Es war ihm jetzt viel leichter als vorher, es kam +ihm gar nicht mehr vor, als ob er den Heimweg nicht finden könnte. Er +hatte ja auch schon den Rückweg von seinem bösen Eigensinn gefunden, da +konnte es ihm freilich wohler sein als zuvor. + +Als er sich gerade daran machen wollte, auf dem seitherigen Weg +zurückzugehen, und immer noch ein wenig vor sich hinschluchzte, da +hörte er hinter sich ein lautes: »Hüoh!« Ein schwerer Wagen rumpelte +daher und der Fuhrmann im langen blauen Leinenkittel ging daneben her +und rauchte seine kurze Pfeife dazu. Heini atmete tief auf. Jetzt war +doch ein Mensch da, mit dem man sprechen konnte! Bescheidentlich ging +er auf den Bauern zu: »Möchten Sie mir vielleicht sagen, wo der Weg +nach Badenweiler geht? Ich -- ich habe auf den Neuenfels gewollt und +jetzt --« Heini konnte seine Tränen nicht mehr hinunterschlucken, sie +stürzten jetzt wieder ganz unaufhaltsam hervor. + +»Auf den Neuenfels? Du meine Güte, Büblein! Der liegt ja ganz +da drüben!« Der Fuhrmann beschrieb einen großen Bogen mit seinem +Peitschenstiel. »Und ganz allein bist du? Und kommst von Badenweiler? +Am Ende durchgegangen, was?« + +Heini konnte nur immer nicken, es drückte ihn doch noch sehr, daß er so +weit weg war von daheim. Der Fuhrmann nahm den Heini aber jetzt ganz +väterlich bei der Hand. Er hatte selber einen kleinen Buben daheim +und Heini sah so zerknirscht aus, daß er ihm keine Strafrede halten +konnte. »Da sitz auf, Kleiner,« sagte er. »Du wirst wohl müde sein. +In fünf Minuten ist auf dieser Seite der Wald aus und dann sieht man +Badenweiler liegen. Nur kommst du jetzt gerade von der andern Seite +hinein, als du herausgegangen bist. Wenn du schnell gehst, langt's noch +zum Mittagessen.« + +Heini hätte lachen und weinen mögen auf einmal. Lachen, weil er richtig +nach kurzer Frist die bekannte Schloßruine und alle die bekannten +Häuser vor sich liegen sah und er gar kein großes Stück mehr zu gehen +hatte, um heimzukommen. Und weinen, weil es schon nächstens Mittagszeit +war und die Tante gewiß schon nach allen Richtungen hin nach ihm +geschickt hatte und nun in großen Ängsten war. + + * * * * * + +Es war aber anders gegangen daheim, als der Heini befürchtete. Tante +Julie hatte eine schlechte Nacht gehabt und war erst am frühen Morgen +eingeschlafen. Als sie erwachte, war schon ein gutes Stück vom +Vormittag vorbei. »Der Heini ist so still heute,« hatte sie zu Anna, +dem Stubenmädchen, gesagt, das ihr den Kaffee brachte. »Ist er denn +schon fort? Das ist mir ganz merkwürdig!« + +Anna war ein wenig verlegen. Es war ihr streng anbefohlen, nichts von +dem Fehlen des Buben zu sagen; Fräulein Jettchen hatte schon da und +dorthin geschickt, wo man ihn vermutete, und wartete nun erst auf die +Boten. So sagte Anna nur: »Ich denke, er wird auf dem Spielplatz sein,« +und die Tante nickte müde. Eigentlich war sie froh, daß der kleine +Plagegeist gerade heute so ruhig war. Sie hatte immer noch Kopfweh und +konnte notwendig etwas Ruhe brauchen. »Es tut mir leid, aber es kann +nichts aus der Blauenfahrt werden für heute,« dachte sie noch. »Ich +bin doch froh, daß ich's ihm noch nicht gesagt habe.« Dann schloß sie +die Augen wieder und ließ die Zeit ganz still an sich vorbeigehen. Auf +einmal fuhr sie erschreckt auf. + +Auf der Straße wurden allerlei Stimmen laut, die tiefe, starke von +Fräulein Jettchen und dann die hohe von Fräulein Lina und noch die +liebevolle von Fräulein Luischen. »Ach Gott, das Büblein? Aber Heini, +was ist das mit dir? Halb tot ist man vor lauter Angst um dich!« So +tönte es durcheinander. Den Heini hörte man gar nicht gleich. Endlich +vernahm die Tante seine Stimme, aber sie tat so leise, man verstand +kein Wort oben. Was konnte nur mit dem Jungen sein? Ehe sich die Tante +aber recht besinnen konnte, flog die Tür auf und der Heini herein. +»Ach Tantele, sei doch nur wieder gut, ich will ganz gewiß nicht mehr +fortlaufen! Und auch nicht mehr so sein, so, du weißt schon wie! Und +schreib's auch nicht heim, gelt?« Die Tante wußte sich fast nicht zu +retten vor den stürmischen Umarmungen des stämmigen Heini. »So sag +mir nur zuerst, was du hast und wo du gewesen bist?« sagte sie. Und +der Heini mußte nun seine ganze Geschichte von Anfang an erzählen. Er +stockte manchmal ein wenig, denn er mußte sich doch noch schämen, daß +er so böse Gedanken gehabt und sie dann auch ausgeführt hatte. Die +Tante half ihm aber ganz liebreich wieder zurecht. »So wirst du's ja +jetzt selber wissen, was ich dir heute noch sagen wollte,« sagte sie. +»Du hast jetzt selber gesehen, wie's einem geht, wenn man im Trotz +erzwingen will, was man nicht soll. Dann läuft man sich ab und wird +müde und macht einen weiten Umweg und kommt erst nicht dahin, wo man +gerne hinwollte. Am Ende muß man dann noch recht froh sein, wenn man +den Heimweg wieder findet.« Der Heini verstand das jetzt sehr gut. Er +wollte sich die Lehre auch sein Leben lang merken. + + * * * * * + +Es kam dann später noch einmal ein wunderschöner Tag, an dem die +Blauenfahrt richtig zur Ausführung kam. + +Heini ritt stramm neben dem Wagen her auf seinem Esel, denn der kleine +Kamerad, der miteingeladen war, saß lieber auf den weichen Polstern und +begehrte nicht zu reiten. + +Den Heini dünkte aber Reiten und durch die Wälder streifen das +Allerschönste, und weil er es heute mit gutem Gewissen konnte, so war +er auch so fröhlich, daß er laut hinausjodeln mußte. Und das Echo gab +jeden Ton getreulich wieder. + +Heini hätte fast wieder angefangen, den Hansjörg zu beneiden, der +barfuß neben ihm herschritt. Der mußte ja nicht wieder nach Hause, in +die Stadt und in die Schule, sondern konnte immer hier bleiben und alle +Tage in den Wäldern umherschweifen. + +Das sagte er auch zu ihm. Aber der Hansjörg schüttelte den Kopf. »Und +ich gäbe gleich den Lips her und noch mein Schnitzmesser dazu, wenn +ich's hätte wie du,« sagte er. »Immer genug zu essen und lernen dürfen, +soviel man will, und deine Tante ist immer brav und schlägt dich +nie!« »Nein,« gab Heini zu, »das tut sie nie, und meine Mama schlägt +mich auch nie und der Papa nur selten, wenn es sein muß. Es muß aber +natürlich fast nie sein. Ich bin ja nicht mehr so klein.« + +»Du hast's lang gut,« seufzte der Hansjörg. »Ich habe niemand als nur +die Base und den Vetter. Ich kriege oft Schläge und -- --« + +In diesem Augenblick machte Lips einen gewaltigen Satz und das Gespräch +wurde abgebrochen. + +Dem Heini ging es aber noch lang durch den Kopf. Als er am Abend seine +Freundin, Fräulein Jettchen, in der Küche besuchte, um ihr von dem +schönen Tag zu berichten, konnte er fast kein Ende finden. »Es war +einfach alles schön,« sagte Heini, »nicht einmal der Hansjörg möchte +ich mehr sein, und keiner von den andern Buben, ich möchte am liebsten +ich selbst sein, denn ich hab's doch am allerbesten!« + +Fräulein Jettchen warf gerade Küchlein in heißes Schmalz und ließ sie +goldbraun backen. So konnte sie jetzt nicht viel sagen. Sie nickte nur +ganz zustimmend: »Das ist auch wahr.« Und es war auch so, denn der +Heini hatte jetzt ein zufriedenes und dankbares Herz. Und besser als +ein zufriedener und dankbarer Mensch kann's überhaupt niemand haben, er +sei groß oder klein. + + + + + 10. Ein Ersatz. + + +»Großmutterle, denk dir nur, das Dorle kommt in die Hölle! Weißt du, +das Dorle, das immer bei Wolfs im Stall ist und die Milch ausmißt!« + +Agnes stellte ihren vollen Milchtopf sehr energisch auf den Tisch und +atmete tief auf. Es war keine Kleinigkeit gewesen, diese wichtige +Mitteilung bis ins Haus und noch zwei Treppen hoch zu tragen und dabei +noch aufzupassen, daß man nichts verschüttete. Jetzt pflanzte sie sich +mit blitzenden Augen vor der Großmutter auf. + +»So, so,« sagte diese, »das ist aber sehr betrübt! Woher weiß man's +denn so genau?« + +»Wilhelm Schluchter hat's gesagt! Der geht schon in die große Schule. +Sechs Junge hat Wolfs Katze gehabt, o so nette Tierlein, graue und +schwarze und ein gelbes und dann noch ein schwarz und weißes. Das +Dorle hat ihr aber alle genommen bis auf eines und hat sie in einen +Sack mit Steinen getan und in den Neckar geworfen! Wilhelm Schluchter +hat gesagt, es sei eine Sünde und eine Schande. Wenn man so etwas tut, +kommt man in die Hölle, hat er gesagt. Und das geschieht ihr auch +recht!« + +Agnes hatte das alles hervorgesprudelt, ohne abzusetzen, denn die Sache +lag ihr sehr am Herzen. + +»Da bin ich nun gar nicht mit dem Wilhelm einig,« sagte die Großmutter +bedächtig und strich dem aufgeregten Kind über das kurzgeschnittene +braune Haar, das sich förmlich in die Höhe gestellt hatte vor Eifer. + +»Siehst du, wenn nun diese Kätzlein alle am Leben geblieben wären und +wären alle groß geworden, so hätte sie dann das Dorle auch alle füttern +müssen. Denk einmal, wieviel Milch man da an jedem Tag gebraucht hätte +und wieviel Brot!« + +»Und es gibt so viel arme Kinder, die froh sind, wenn sie sich satt +essen können. Da gibt dann das Dorle lieber den Kindern der armen +Meierin eine Milch oder ein Brot und da tut sie ganz recht daran. +Kätzlein gibt es auch so noch genug auf der Welt!« + +Agnes hatte dieser Erklärung aufmerksam gelauscht und auch ein paarmal +einverstanden genickt. + +»So will ich das dem Schluchter sagen,« schlug sie vor. »Er wird's +nicht so recht gewußt haben. Er hat keine Großmutter, nur seine Mutter +und die ist fast gar nie daheim.« Aber dann stieg noch ein neuer +Gedanke in Agnes auf, den der letzte Satz der Großmutter erweckt hatte: +»Es gibt noch Kätzlein genug auf der Welt.« + +»Großmutter,« fing sie wieder an, »wir haben aber keins. Das schwarz +und weiße lebt noch. Es ist das nettste von allen, es hat so ein +herziges rotes Zünglein. O wenn ich das nur hätte! Großmutter, glaubst +du, daß die Mutter erlaubt, daß ich mir das Kätzlein holen darf? Das +Dorle gibt mir's sicher! Es hat gesagt, an der alten Katze sei es ganz +genug im Haus.« + +Die Großmutter zweifelte nicht, daß die Mutter die Aufnahme des +Kätzleins gestatten werde, und sprach das auch aus. In diesem +Augenblick rief die Mutter auch schon nach der kleinen Tochter, und +diese folgte dem Ruf diesmal sehr schnell und sehr willig, denn sie +wollte gerne auch gleich ihre Bitte vortragen. Man hörte schon auf der +Treppe ihre erregte Stimme: »O Mutter, das muß ich dir ganz zuerst +sagen -- -- --« + +Die Großmutter blieb allein zurück. Sie strickte an einem braunen +Kinderstrumpf. Wer sie oft gesehen hätte, der hätte am Ende denken +können, sie brauche sehr lang, bis dieser Strumpf fertig sei. Es war +aber allemal wieder ein neuer, denn es waren so viele Füße zu bedenken, +daß die Großmutter niemals mit Stricken fertig werden konnte. Da waren +schon große Enkelsöhne, die nur in den Ferien nach Hause kamen, dann +trippelte es im Hause selbst den ganzen Tag von Buben und Mädchen. Sie +gingen zum Teil schon in die Schule, zum Teil waren sie noch klein und +mußten gehütet werden. Aber alle wußten gut den Weg zur Großmutter, +die im zweiten Stock wohnte und die immer für die Großen und für die +Kleinen zu sprechen war. + +Agnes war nun nicht mehr so klein, daß man sie hüten mußte wie die +beiden jüngsten Schwesterlein. Für die Schule war sie aber auch noch +nicht groß genug, da sollte sie erst nächsten Frühling hinkommen. +So konnte sie sehr oft die Treppe zur Großmutter hinaufsteigen, +denn diese wußte fast immer etwas, mit dem sich das lebhafte Kind +unterhalten konnte. Und der »Sturmwind«, wie Agnes von den Brüdern +geheißen war, weil sie so schnell hin- und herfuhr, konnte hier oben +wirklich manchmal eine ganze Weile stillsitzen und sich auf ruhige Art +beschäftigen. + +Jetzt nickte die Großmutter ganz befriedigt vor sich hin. »Das ist ganz +gut für das Kind, wenn es das Kätzlein zu versorgen hat,« sagte sie zu +sich selbst, »das gibt eine gute Übung.« + +Daß es eine gute Übung gäbe, daran hatte nun Agnes allerdings nicht +gedacht. Sir hatte ein Wohlgefallen an dem munteren, zierlichen +Tierchen gefunden, und sie dachte sich nun, solang sie zum Bäcker und +Kaufmann unterwegs war, mit großem Genuß aus, wie man mit dem Kätzlein +spielen könne, es im Puppenwagen ausfahren, mit einem Halsbändchen +schmücken und -- ja, wie konnte man es nur heißen? Das gab sehr vielen +Stoff zum Nachdenken! + +»Siehst du, Großmutter, da ist's! Ist es nicht herzig?« Agnes kam am +andern Tag in aller Frühe mit strahlendem Gesicht an. Das Kätzchen, +das sich noch ein wenig scheu und ängstlich zeigte, trug sie sachte +im Schürzchen. »Man muß jetzt immer ›Mimi‹ zu ihm sagen, Großmutter. +So heißt's jetzt, gelt, das ist ein schöner Name! Soll ich eine Taufe +halten, was meinst du? Tätest du es bei dir in deinem Bett schlafen +lassen, Großmutter, wenn du mich wärest?« + +Die Großmutter hatte lächelnd all die vielen Fragen an sich +vorbeischwirren lassen, jetzt sagte sie: »Das ist ein bißchen viel auf +einmal gefragt, Kind! Eine Taufe hält man nicht bei Katzen. Ich habe +einmal eine gehabt, die hieß Peter. Mimi ist aber auch schön. Ins Bett +darfst du das Kätzlein aber nie nehmen, nicht einmal ins Schlafzimmer. +Es könnte einmal dem Schwesterlein aufs Gesicht sitzen und es tot +drücken. Aber ich weiß doch ein nettes Plätzchen. Sieh, da habe ich +ein altes Körbchen, das darfst du halb mit Spreuer füllen auf der +Bühne. Und dann legen wir noch ein kleines Deckchen aus der Puppenwiege +hinein, das ist dann ein prächtiges Bett. Und dann stellen wir's in +die Kammer, wo die Kleiderkästen stehen, da kann das Kätzlein --« +»Großmutter, du mußt jetzt immer sagen: die Mimi«, fiel Agnes ein, -- +»da kann die Mimi nichts verderben,« vollendete die Großmutter gelassen +ihren Satz. »Und siehst du, jetzt muß ich dir gleich noch etwas sagen,« +fuhr sie fort, »du hast jetzt die Mimi ganz allein zu versorgen. Das +ist noch ganz anders, als wenn man Puppen hat, die nie Hunger bekommen. +Katzen sind etwas lebendiges und müssen ihr Futter haben. Und an das +mußt du immer denken. Sieh, da habe ich ein ganz nettes Schüsselchen. +Es hat nur keine Handhabe mehr, aber es sind Rosen darauf gemalt. Das +soll der Mimi ihr Trögchen sein, und eh' du dich ans Essen setzt, mußt +du immer denken, daß dein Pflegling auch etwas braucht. Und immer das +Bettchen und das Schüsselchen sauber halten und« -- »Ja, ja, das tu' +ich ganz gewiß immer,« versicherte Agnes, »und ich tue sonst noch +vieles mit der Mimi, ich hab' mir schon alles ausgedacht.« + + * * * * * + +Mimi hatte sich bald im Hause eingelebt und wuchs schnell heran. Bei +Kätzlein dauert es nicht sehr lang, bis sie alles gelernt haben, was +sie wissen müssen. Mimi konnte sehr hübsch mit einem Ball spielen und +ihrem eigenen Schwanz nachjagen und wenn man sagte: Gib ein Pfötchen! +so streckte sie ihr weiches Tätzchen aus und man konnte es dann in +die Hand nehmen. Agnes war sehr beglückt von ihrem Pflegling und die +Großmutter freute sich im stillen über das Kind, denn es vergaß nie, +für Mimis Futter zu sorgen und hob auch sorgfältig übrige Fleisch- und +Brotbröckchen dazu auf. Nur konnte sich Agnes oft recht schwer von dem +interessanten Spiel mit dem Kätzchen trennen, wenn die Mutter rief oder +die kleinen Schwestern gerne ein wenig unterhalten sein wollten. + +Eines Morgens kam sie aber sehr erstaunt aus der Kammer, in der Mimis +Bettchen stand: »Mimi ist nicht da und ihr Schüsselchen ist von gestern +Abend her noch voll!« Und nun begann ein großes Suchen, Rufen und +Locken durchs ganze Haus. + +»Wenn du deine Katze suchst,« sagte Gottlieb, der Knecht, »die habe ich +auf der Gartenmauer gesehen. Ich glaube, sie geht auf die Vögel, sie +lauert, das sieht man ihr an!« + +»O, o,« rief Agnes entrüstet, »meine Mimi braucht nicht auf Vögel zu +lauern und das tut sie auch nicht! Ich habe ihr gestern Abend mein +Wursträdchen gegeben und überhaupt, so ein liebes Kätzchen, wie sie +ist! Es fällt ihr nicht ein, so etwas zu tun!« Es war aber doch so. +Mimi ging auf die Jagd nach Vögeln, und alle Bitten ihrer kleinen +Pflegerin konnten sie nicht davon abhalten. Wenn sie entwischen konnte, +huschte sie auf die Mauer und horchte in den Nachbargarten hinüber, wo +die Vögelein ganz fröhlich in den Zweigen sangen und an keine Gefahr +dachten. Einmal hatte sie einen Blutfleck an dem schönen schwarz und +weißen Pelz und der Vater sagte, als er zum Mittagessen kam: »Du mußt +die Mimi gut hüten, Agnes. Der Nachbar hat gesagt, er wolle sie schon +abhalten, seine Finken zu ermorden. Er wisse schon ein Mittel.« + +Aber es half alles nichts. Eines Morgens saß Agnes im Gärtchen hinter +dem Haus. Sie hatte zwei Freundinnen bei sich und einen großen Korb +voll Feuerbohnen neben sich. Es war eine sehr nette Beschäftigung, die +glänzenden, gesprenkelten Kerne, die die Mutter zu Samen fürs nächste +Jahr aufheben wollte, aus den dürren Hülsen herauszuschälen und die +Kinder waren ganz vergnügt dabei. Plötzlich knallte im Nachbargarten +ein Schuß. Und als die kleinen Mädchen erschreckt aufsahen, konnten +sie eben noch sehen, wie Mimi auf der Mauer einen hohen Sprung machte, +und dann, sich überpurzelnd, herunterfiel, gerade in den Rosenbusch, +der unter der Mauer stand. »Meine Mimi, mein Kätzlein!« schrie Agnes +entsetzt und stürzte sich auf den Rosenbusch. Da war nun nichts mehr zu +machen. Mimi hatte ihre Raublust mit dem Leben bezahlen müssen. + +Agnes war in großem Jammer. Die Freundinnen waren nach Hause gegangen +und hatten dort erzählt, daß »Mimi Schieber« gestorben sei, und daß +man sie morgen im Hof begraben wolle. Und das Begräbnis war auch noch +ein wichtiges Ereignis, auf das es sehr viel vorzubereiten gab. Aber +dann war alles aus und Agnes saß schon eine ganze Weile still auf ihrem +Schemelchen bei der Großmutter und seufzte zuweilen tief auf. Das +ging der Großmutter zu Herzen. Sie hatte schon versucht, das Kind auf +ihre liebreiche Art zu trösten; es wollte aber nicht recht gelingen. +Jetzt fiel ihr ein guter Gedanke ein. »So, nun mußt du nicht immer +an das tote Kätzlein denken,« sagte sie freundlich, aber entschieden. +»Es gibt sonst noch genug zu schaffen auf der Welt, als nur die Mimi +zu besorgen.« »Ich will keine neue Mimi,« sagte Agnes kläglich. »Des +Wolfen Katze hat schon wieder Junge, ich könnte alle haben, aber ich +will keins davon. Sonst werden sie auch groß und stehlen auch Vögel und +werden auch erschossen!« + +»Das meine ich auch gar nicht,« sagte die Großmutter und mußte ein +wenig lachen. »Ich weiß etwas ganz anderes. Denk einmal, die Leute +im Hinterhaus haben ein kleines Kindchen! Ein ganz kleines, in einem +Tragkissen und mit winzigen Fäustchen und blauen Äuglein.« »Das man +herumtragen muß und ihm die Milch geben und so?« Agnes sah ganz +begierig auf. + +»Ja,« bestätigte die Großmutter, »aber die Leute können gar nicht +vergnügt sein darüber. Die Frau ist so krank, daß man noch gar nicht +weiß, ob sie nur wieder gesund wird, und niemand ist da, der das +Kindlein ein wenig wiegt, wenn es schreit, und ihm die Milch gibt, wenn +es Hunger hat, und der ein wenig auf das größere Büblein achtgibt.« +»Warum haben sie keine Magd?« wollte Agnes wissen. Sie fing schon an, +über den Fall nachzudenken. + +»Ja, siehst du, das ist gerade das Traurige,« sagte die Großmutter. +»Die Leute haben kein Geld dazu. Der Mann kann selber nur ganz wenig +verdienen, und jetzt muß man noch Arznei holen und den Herrn Doktor +zahlen und die Milch für das kleine Kindlein.« + +»So will ich das Kindlein zu uns herüberholen,« schlug Agnes vor. »Ich +möchte schon lang gern ein Schwesterlein, ein ganz kleines, das noch +nicht laufen kann und noch gar nichts als lachen und schreien.« + +»Das geht nicht nur so, wie du meinst,« sagte die Großmutter. »Glaubst +du, die Leute geben ihr liebes Kindlein her das ihnen der liebe Gott +erst geschenkt hat? Und glaubst du, deine Mutter wolle noch so ein +winziges Schwesterlein besorgen? Sie weiß selber kaum, wo anfangen mit +euch allen! Nein, nein, so macht man das nicht! Aber siehst du, ich +gehe nachher ein wenig hinüber, und da könntest du mich begleiten. Und +ich will dir dann zeigen, wie du ein wenig helfen kannst, das Kleine zu +versorgen und das größere Büblein zu hüten und noch allerlei!« + +Agnes war sehr einverstanden. Sie zog die Großmutter noch am Kleid +voran, als diese unterwegs ein wenig mit dem Vater sprach, der eben zur +Haustüre hereinkam, so wichtig war es ihr, schnell ins Hinterhaus und +zu dem kleinen Kindlein zu kommen. + +Da war nun freilich für die Großmutter vieles zu tun. Der Mann war +heute nicht in die Fabrik gegangen, weil er die Frau zu pflegen +hatte. Er stand aber eben am Ofen, der mächtig rauchte, und hielt +ein Pfännchen in der Hand, aus dem ein ganz angebrannter Geruch kam. +»Gottlob!« sagte er, als er die Großmutter sah, »ich habe meiner Frau +die Suppe aufwärmen wollen, die noch von gestern Abend da ist. Aber es +hat sich alles am Pfännchen angehängt. So kann man die Suppe nicht mehr +essen und ich weiß nicht, was ich anfangen soll.« + +Er sah ganz sorgenvoll und bekümmert aus, Agnes mußte ihn mit rechtem +Mitleid betrachten. + +»Für heute habe ich nun schon eine Suppe besorgt, die für alle reicht,« +sagte die Großmutter freundlich. »Und für morgen und die ganze nächste +Zeit muß eben Rat geschafft werden. Jetzt wollen wir zuerst das Kleine +besorgen, das wird nicht umsonst so schreien.« + +Damit nahm sie auch schon das großgeblumte Tragkissen mit dem laut +schreienden Kindlein aus der Wiege, packte dieses in saubere, trockene +Windeln, wärmte ihm die Milch und zeigte dann Agnes, wie sie dem +Kleinen das Fläschchen hinhalten solle. Diese war auch bald mit rechtem +Eifer bei der Sache und vergaß für jetzt ganz den Kummer um die tote +Mimi. + +Das kleine dreijährige Büblein, das bisher trübselig in einer Ecke +gesessen hatte, wackelte jetzt auch herbei und sah dem merkwürdigen +Vergnügen zu. + +»Gibst du mir dein Schwesterlein?« fragte Agnes, als das Kleine seine +Milch getrunken hatte und sofort wieder die Augen schloß. + + [Illustration] + +»Nein,« sagte Ernstchen entschieden und schüttelte den Kopf. + +»Ich möcht's aber gern,« sagte Agnes, »ich gebe dir, was du willst, +dafür.« Statt aller Antwort fing Ernstchen an, ganz jämmerlich zu +weinen, daß die Großmutter nur schnell kommen und trösten mußte. + +»Gehet ein bißchen miteinander hinaus, ihr zwei,« sagte die Großmutter +dann. »Spiele du ein wenig mit dem Büblein, Agnes, man muß jetzt hier +ein wenig Ruhe haben.« + +Das war nur gar nicht nach Agnes' Geschmack. Sie hätte viel lieber das +kleine Kindlein gewiegt oder gar ein wenig herumgetragen, und jetzt +fiel ihr plötzlich Mimi wieder ein. Sie setzte sich auf die Treppe und +seufzte. + +»Jetzt spiel mit mir!« begehrte Ernstchen. + +»Ich mag nicht spielen, meine Mimi ist gestorben,« sagte Agnes und +seufzte wieder. + +»Wer ist das, deine Mimi?« fragte der Kleine. + +»Das ist so ein nettes Kätzlein, wie du noch gar keins gesehen hast,« +fing Agnes an, und ehe sie sich's versah, war sie mitten drin, dem +mäuschenstill aufhorchenden Ernstchen alles zu erzählen, was man +nur von der Mimi sagen konnte, und auch ihr trauriges Ende. Die +Großmutter fand die beiden einträchtig auf der Treppe sitzend und sagte +wohlgefällig: »So ist's recht, so gefällt mir's, Agnes, das kannst du +noch öfter tun.« + +Dann gingen die beiden wieder zusammen ins Vorderhaus. + + * * * * * + +»Großmutter, das möchte ich lieber nicht noch öfter tun,« fing Agnes +an, als sie am nächsten Morgen ihren Besuch bei der Großmutter +abstattete. + +Diese wußte zwar nicht gleich, um was es sich handelte, aber sie wußte +schon, daß es noch kommen werde, und so strickte sie ruhig weiter. +»Großmutter,« sagte Agnes ein wenig dringlicher, »ich möchte viel +lieber das ganz kleine Kindlein herumtragen und ihm seine Milch geben +und zusehen, wenn man es badet, als mit dem Ernstchen spielen. Das ist +ein bißchen langweilig!« + +»So?« Die Großmutter sah das Kind freundlich an, dann sagte sie: »Wenn +aber das ganz Kleine schlafen soll und die kranke Frau auch und der +Ernstchen ist unruhig und stört sie alle beide? Gelt, dann willst du +gern ganz vernünftig und lieb sein und aufpassen, daß der kleine Bub' +ruhig ist, und ein wenig mit ihm spielen?« + +Agnes zögerte ein wenig. »Ja, schon,« sagte sie, »aber das Kleine ist +viel netter!« + +»Jetzt muß ich dir etwas sagen« -- die Großmutter legte ihr Strickzeug +einen Augenblick in den Schoß und hob das Gesichtchen, das im +Augenblick ein wenig finster aussah, in die Höhe. »Weißt, liebes Kind, +das müssen schon kleine Leute lernen, daß man nicht nur immer so tun +kann, wie man möchte. Und das mußt du auch! Ich möchte gern, daß du mir +ein bißchen hilfst, den armen Leuten da drüben zu helfen. Und ich will +dir auch sagen wie?« + +Agnes sah erwartungsvoll aus. Sie mochte immer sehr gern neue Pläne +machen. + +»Die kranke Frau hatte nichts Ordentliches zu essen,« fuhr die +Großmutter fort, »und der Mann und Ernstchen auch nicht.« + +»So will ich gleich zur Mutter sagen, daß sie hinüberschickt,« sagte +Agnes schnell. Der Gedanke war ihr sofort gekommen, denn es durfte doch +nicht sein, daß jemand nichts zu essen hatte. + +»Nein, nein,« beschwichtigte die Großmutter. »So alle Tage kann die +Mutter doch nicht für die ganze Familie kochen! Denk' einmal, wie große +Schüsseln voll ihr selber brauchet! Da müßte man reicher sein, als wir +sind, um noch eine Familie versorgen zu können, aber --« + +»Ich weiß was,« fiel das Kind wieder eifrig ein, »das Dorle soll wieder +seine Kätzlein ins Wasser werfen und alle Milch und alles Brot dafür +hergeben!« + +»Jetzt mußt du mich einmal sagen lassen, was ich für einen Plan habe, +und mich nicht immer unterbrechen,« sagte die Großmutter. »Sieh, +weil es soviel arme Leute gibt, denen man helfen möchte, haben sich +wohlhabende Frauen zusammengetan, die wechseln dann miteinander ab im +Kochen. So kann man dann am Montag bei der einen das Essen holen, am +Dienstag bei der andern und so fort bis zum Sonntag. Und am Montag +fängt man wieder vornen an.« + +Das konnte Agnes sehr gut verstehen und es gefiel ihr auch wohl. Aber +es kam noch etwas nach. + +»So habe ich denn unsere armen Leute auch dazu angemeldet,« fuhr die +Großmutter fort. »Die Mutter macht den Anfang und dann habe ich noch +sechs andere Frauen aufgeschrieben. Es ist aber niemand, der das Essen +holen könnte, denn der Mann muß in die Fabrik und das Ernstchen ist +noch zu klein.« + +Agnes merkte allmählich, was kommen sollte, und rückte unruhig auf +ihrem niedrigen Stühlchen hin und her. + +»Und da möchte ich nun, daß mein großes Mädele den armen Leuten ein +wenig helfen soll. Was meinst du, wenn du alle Tage um zwölf Uhr den +netten emaillierten Einsatz nähmest und das Essen holtest? Und dann +würde der kranken Frau das gute Essen so schmecken, daß sie vielleicht +bald wieder aufstehen könnte. Und der Mann könnte sich freuen, wenn +er heimkäme und wüßte, daß etwas da ist für seinen großen Hunger. Was +meinst du?« + +»O Großmutterle, das kann ich doch nicht! Das kann ich gewiß nicht!« +Agnes war ganz erregt aufgestanden und sah sehr kläglich aus. »Ich +geniere mich so und vielleicht verschütte ich fast alles, weil du immer +sagst, daß ich so schnell laufe. Und ich muß auch den Tisch decken!« + +»Dann kann eben die arme Frau ihr Essen nicht haben, und die guten +Frauen kochen alles umsonst,« sagte die Großmutter ruhig. »Du mußt aber +nicht, wenn du nicht kannst, ich habe nur geglaubt, du wollest mir +helfen.« + +Agnes zupfte unruhig an den Fransen der Tischdecke. »Ich muß jetzt +schnell auf die Gasse, die Mutter hat's gesagt. Ich soll nur vorher +›Guten Morgen‹ sagen,« brachte sie dann heraus. + +»Ja, dann mußt du freilich gehen,« gab die Großmutter in unveränderter +Freundlichkeit zu. »Sei nur recht vergnügt und lieb und erzähle mir +nachher auch etwas Nettes.« + +Agnes ging. Sie war aber nicht so lustig wie sonst. Zuerst besuchte sie +Mimis Grab. Die hineingesteckten Blumen hingen welk die Köpfe, und das +schöngeschriebene Kärtchen mit der Aufschrift: »Hier ruht Mimi,« war +vom Regen, der in der Nacht gefallen war, durchweicht. + +Es waren schon allerlei vergnügte Kinder auf dem großen Spielplatz +in der Nähe des Hauses, wohin sich Agnes nun begab. Ein paar kleine +Mädchen kamen ihr sogleich entgegen. »Komm, wir wollen Seil springen; +wenn du willst, darfst du anfangen.« »Es ist mir gleich,« sagte Agnes +in so freudlosem Ton, daß man gut merkte, daß sie etwas drücke. + +»Ist's wegen deiner Mimi?« fragte ihre allerbeste Freundin Lydia +teilnehmend. »Nein,« sagte Agnes, »wegen gar nichts.« + +Sie konnte nicht gut sagen, was ihr fehlte. Jetzt fing eine Glocke an +zu läuten. »Ist das zwölf Uhr?« fragte Agnes erschrocken. »Behüte, erst +elf Uhr,« sagte Lydia, »und überhaupt, dir ruft man ja immer, wenn du +kommen sollst.« + +»Elf Uhr,« dachte Agnes. »Da kann ich mich schon noch ein Weilchen +besinnen. Und das Essenholen ist das Allerärgste, was es gibt, ich +möchte lieber weiß nicht was tun!« + +Es gibt viele Leute, auch manchmal große, die lieber -- weiß nicht was +-- täten, als was sie jetzt gerade tun sollen. Das ging Agnes nicht +allein so. + +Und sie konnte auch keinen Augenblick mehr so recht vergnügt spielen. +Sie mußte immer den leeren Tisch vor sich sehen, den der Mann beim +Heimkommen finden würde, und dann dachte sie an das gute Essen, das +nun umsonst auf dem Herd stand und das der kranken Frau nichts helfen +konnte. + +Und plötzlich konnte sie es nicht mehr aushalten. Mit einem großen Satz +sprang sie aus dem Seil, in dem noch mehr Mädchen im Takte hüpften, und +lief schnell davon, ohne sich noch einmal umzusehen. + +»Wohin? Warum gehst du?« rief es ihr von allen Seiten nach, aber Agnes +hörte schon nicht mehr viel. Sie wollte sich jetzt nicht über die Sache +besinnen. + +»Großmutter,« rief sie schon auf der Treppe, »wo ist der Einsatz? Es +ist gewiß gleich zwölf Uhr, ich muß schnell gehen.« + +Die Großmutter sah das Kind mit strahlendem Gesicht an; sie hatte schon +gewußt, daß es noch so weit kommen werde. + +»Ja, so geh,« sagte sie nur. »Heute ist die Frau Rektor Pfaff dran, +die kennst du gut! Sag ihr einen recht schönen Gruß, und komm, du +kannst ihr auch ein paar Äpfel mitnehmen. Das sei ein Muster von den +diesjährigen Fleinern.« + +Agnes zog ab. Zu Frau Rektor Pfaff wollte sie gern gehen, das war eine +ganz gute Freundin der Großmutter und ebenso liebreich und freundlich +wie diese. + +Sie kam strahlend zurück. »Gut ist's gegangen,« sagte sie schon unten +zur Mutter und dann oben noch einmal zur Großmutter. »Das sei aber +recht, daß ich selber komme, hat die Frau Rektor gesagt. Und ob ich +schon in die große Schule gehe, hat sie gefragt. Vielleicht hat sie +gedacht, daß ich gut hinein könnte, wenn ich schon den großen Einsatz +tragen kann.« + +Noch viel größer war der Jubel, als Agnes aus dem Hinterhaus wiederkam, +wo der reichliche Inhalt der Schüsseln so dankbar aufgenommen worden +war, daß es ihr nun erst recht leicht wurde. Es war zwar immer noch +ein wenig schmerzlich, daß keine Veranlassung mehr vorlag, das +Rosenschüsselchen mit Suppe zu füllen, aber Agnes hatte nun wieder so +viel anderes zu denken, daß die Trauer um Mimi doch ziemlich in den +Hintergrund trat. + +Der Vater wußte auch von der Unternehmung mit dem Einsatz und sagte +zufrieden: »Man kann dich scheint's doch schon zu etwas brauchen, das +ist recht.« Ein väterliches Lob war selten, das tat Agnes in allen +Tiefen wohl. + +Die erste Woche war glücklich vorbei. Es war je länger, je besser +gegangen. »Es war nur, bis ich mich nicht mehr geniert habe,« gab +Agnes selber zu. Im Hinterhaus waltete jetzt einige Stunden am Tage +eine freundliche Diakonissin, Schwester Margarete. »Ich könnte ja gar +nicht fertig werden ohne mein kleines Mägdelein,« sagte diese oft. +Damit meinte sie Agnes, die es schon lang nicht mehr langweilig fand, +mit Ernstchen zu spielen. »Er ist so drollig, du glaubst nicht, wie,« +versicherte sie der Großmutter eines Tages. + +»So, aber das freut mich,« sagte die Großmutter, »so war es zuerst +nicht, gelt?« + +»Nein,« sagte Agnes nachdenklich, »gar nicht. Am Anfang hat er mich gar +nicht gern gehabt und jetzt läßt er mich fast nicht mehr von sich weg.« +Die Großmutter konnte sich wohl denken, wodurch sich der kleine Bube +so verändert habe. Sie sagte aber nichts, denn Agnes dachte gar nicht +daran, daß sie selber jetzt so nett und heiter mit Ernstchen verkehrte, +wie sie vorher nie getan hatte. + +Das gute Essen und die sorgfältige Pflege hatten bei der kranken +Frau sehr gut angeschlagen. Sie konnte wieder aufstehen und als +Agnes eines Morgens hinüberkam, saß sie unter der Haustüre im warmen +Herbstsonnenschein und hatte das kleine Kindlein auf dem Schoß. + +»O, darf es jetzt spazieren getragen werden?« rief Agnes fröhlich. +»Darf es auf die Gasse, daß es alle anderen Kinder auch sehen?« Sie +bewunderte das kleine Kindlein immer noch so sehr wie im Anfang oder +noch mehr, und sie hätte den Anblick auch andern gegönnt. + +Die Frau lächelte vergnügt und sagte: »Komm, setz dich ein bißchen her +zu mir, Kind, ich muß dir etwas sagen!« + +Agnes wollte aber nicht sitzen, sie stellte sich erwartungsvoll vor der +Frau auf und diese begann: »Es ist jetzt schon vier Wochen alt, das +Kleine. Und es gedeiht, siehst du, wie dick und rund seine Bäckchen +sind? Aber es ist ja noch nicht getauft. Das muß jetzt sein, man hat's +nur immer hinausgeschoben, weil ich so krank war. Und jetzt soll am +Sonntag die Taufe sein, das habe ich dir sagen wollen.« Agnes nahm +diese Nachricht sehr wichtig auf, aber die Frau fuhr noch fort: + +»Ich habe gedacht, du könntest, wenn du gerne wolltest, das Kindlein in +die Kirche tragen. Schwester Margarete geht dann mit dir und nimmt es +gleich, wenn dir's zu schwer wird.« + +»O, das wird mir nicht zu schwer,« rief Agnes in lautem Jubel. »So +ein kleines Dinglein ist nicht schwer. Der Einsatz ist auch nicht so +leicht,« setzte sie mit bescheidenem Stolz hinzu. + +»Ja, ich weiß,« sagte die Frau. »Den brauchst du jetzt aber auch nur +noch diese Woche zu holen. Dann kann ich wieder selber kochen. Gott Lob +und Dank für alles! Und dir danke ich auch für alles!« + +Agnes wurde rot; es brachte sie in Verlegenheit, daß die Frau so sagte, +so kürzte sie das Gespräch ab und hüpfte weiter. Die Freundinnen mußten +es ja auch gleich wissen, daß sie das Kindlein tragen dürfe. Und dann +war es noch der Mutter zu erzählen und der Großmutter und dann noch den +Geschwistern und Mina, der Magd, und Gottlieb, dem Knecht. Dem Vater +konnte man es erst am Mittagessen sagen, er war nicht früher zu Hause. + +Diese Mitteilung war am Mittwoch gemacht worden und Agnes konnte den +Sonntag kaum erwarten. + +An Mimi zu denken, war gar keine Zeit mehr. Sie konnte sogar ohne +Schmerz die netten, übereinander purzelnden Kätzlein ansehen, die +das Dorle noch immer am Leben ließ, vielleicht in der Hoffnung, daß +jemand das eine oder das andere aufziehen wolle. Denn das Dorle war +eine große Tierfreundin und Wilhelm Schluchter hatte ihr damals sehr +Unrecht getan. Am Samstag traf Agnes diesen, der ein großer, kräftiger +Bube war, im Stall, als sie die Milch holte. + +Er hatte eben zwei Kätzlein auf dem Arm. »Wohin damit?« wollte Agnes +wissen. »Das Dorle hat sie mir geschenkt,« sagte er. + +»Ich verhandle sie in der Schule um Äpfel.« »Au, du drückst sie ja +ganz zusammen,« rief Agnes. »Du plagst die Tierchen. Und in der Schule +plagen sie die Buben gewiß auch.« + +»Das geht dich nichts an,« sagte der große Bube. »Umbringen tue ich +keins!« Damit rannte er davon. Agnes gelüstete es stark, die andern +Kätzlein mit nach Hause zu nehmen, denn sie wollte gern ein jedes +beschützen, daß es nicht in die Hände der Buben falle. + +»Aber ich kann gewiß keins brauchen,« dachte sie und trat mit ihrem +Milchtopf den Heimweg an. Sie hatte noch so viel zu tun, daß sie nicht +wußte, wo anfangen, und die Mutter hatte schon oft gesagt, daß man +nicht so vielerlei auf einmal beginnen solle. + +Der Sonntag kam und auch die Zeit des Kirchgangs. Agnes schritt stolz +und glücklich mit ihrer Last zur Kirche. Ein bißchen schwer wurde ihr +das Kindlein doch nach und nach, aber sie hielt wacker aus. Erst in der +Kirche nahm es Schwester Margarete auf den Arm. Sie war die Patin und +das Kindlein bekam auch ihren Namen, und seine Mutter sagte: »Wenn es +nur so geschickt und fromm und fröhlich wird wie seine Patin, dann kann +man zufrieden sein!« + +»O Großmutter,« sagte Agnes am Abend, als sie miteinander von dem +Festkaffee, den die Großmutter gespendet hatte, nach Haus gingen, »o +Großmutter, manchmal denke ich, daß es immer netter wird! Zuerst habe +ich immer nur die Puppen gehabt, dann die Mimi, das war auch sehr nett! +Und jetzt habe ich das kleine Margretle! Seine Mutter sagt, es gehöre +mir auch mit! Und man kann noch gar nicht wissen, was dann noch kommt!« + +»Das ist wahr,« sagte die Großmutter. »Es kommt gewiß noch viel +Schönes.« Und Agnes legte sich glücklich und froh zur Ruhe und dachte +noch im Einschlafen daran, daß gewiß noch viel Schönes komme. Und es +kam auch eins nach dem andern. Man sah nicht immer gleich, daß es schön +war, man mußte oft etwas hergeben, aber dann gab der liebe Gott etwas +zum Ersatz dafür und das war allemal schöner als das vorige. + + + + + 11. Eine Reise in die Welt. + + +Im Pfarrgarten zu Teufenrot wurde eine wichtige Beratung gehalten. +Auf einem niedrigen Mäuerchen saß das Pfarriele und hatte einen +Strickstrumpf in der Hand, ohne zu stricken. + +Das Pfarriele hieß eigentlich Maria, aber da man im Haus Mariele zu +ihm sagte, so hatten die Leute im Dorf auch angefangen so zu sagen und +da es zu umständlich war, jedesmal »des Herrn Pfarrers Mariele« zu +sagen, und man doch wissen mußte, von welchem Mariele man sprach, so +hatte man alles in ein Wort zusammengezogen und Marie hieß im ganzen +Dorf »Pfarriele.« Also das Pfarriele strickte nicht, sondern unterhielt +sich sehr eifrig mit ihrem Bruder Rudolf, der den ganzen Inhalt +seiner Taschen, Schnüre, Kürbiskerne, einen blauen Glasscherben und +dergleichen wertvolle Dinge, auf dem Mäuerchen ausgebreitet hatte. »Ich +brauche fast alles,« sagte Rudolf jetzt ernsthaft, »ich muß alles, bis +auf die alten Brotrinden, in meine Sonntagshosen stecken. Man kann nie +wissen, was man unterwegs braucht.« »Aber man kriegt vielleicht auch +etwas geschenkt,« sagte Pfarriele. »Und dann hast du gar keinen Platz +in den Taschen.« Das war nun auch wieder wahr und das Ende vom Lied +war, daß Rudolf die Kürbiskerne in die Obhut seiner Schwester gab. »Den +Scherben brauche ich aber nötig, ich will in der Eisenbahn immer durch +das blaue Glas sehen, es ist so schön, wenn alles blau aussieht, die +Bäume und die Häuser und alles,« meinte er und dawider konnte Pfarriele +nichts sagen. Die Pfarrerskinder hatten, seit sie lebten, die Welt +immer grün gesehen, das kam ihnen nun nicht mehr so besonders prächtig +vor. Teufenrot liegt ganz tief im Schwarzwald versteckt. Gleich am Ende +des Dorfes fängt der Wald an, hoher, dichter, prächtiger Tannenwald. +Es ist nicht aufzuzählen, wieviel Schönes und Lustiges der Wald bot. +Erdbeeren und Heidelbeeren konnte man in Menge finden und später auch +Himbeeren und Brombeeren. Und Stechpalmenzweige mit roten Beeren daran +konnte man ins Haus holen und im Winter alle Stuben damit schmücken, +so daß es immer festlich aussah. Wie gesagt, man kann lang nicht +alles aufzählen. Aber die Kinder waren doch mit ihren Gedanken viel +in der Welt draußen und stellten sich das Land, das gleich hinter dem +Schwarzwald anfange, ganz wunderschön vor. + + [Illustration] + +Daran war zum großen Teil die Babett schuldig, die einst zwanzig +Jahre lang bei der Tante Oberkonsistorialrätin in Stuttgart gedient +hatte. Jetzt war sie, seit Mariele auf der Welt war, im Pfarrhaus in +Teufenrot und versorgte Küche und Garten und half der Frau Pfarrer bei +den Kindern und im Haus, als ob sie ihr Leben lang Pfarrmagd gewesen +wäre. Aber das hielt sie nicht ab, den aufhorchenden Kindern immer +wieder aufs neue vorzuerzählen, wie so gar schön und prächtig es sei in +Stuttgart. Vom Königsschloß und den Springbrunnen und Blumenbeeten auf +dem Schloßplatz, von den Anlagen und dem Schwanenteich, vom Tiergarten +ganz besonders, und dann noch von den Soldaten in blitzenden Uniformen +und von der Musik der Wachtparade, von dem allem wußte die Babette +immer wieder neues zu sagen. Da war es denn kein Wunder, daß Rudolf +und Mariele kein höheres Verlangen mehr kannten, als einmal diese +Herrlichkeit mit Augen zu sehen. Das sollte nun morgen dem Rudolf +widerfahren. Mariele war älter, sie war schon sieben Jahre alt und +Rudolf erst sechs, und es war der Schwester zuerst etwas bedenklich +gewesen, daß sie nicht zuerst verreisen dürfe. Aber der Papa mußte mit +Rudolf zum Arzt, denn dieser hatte ein schlimmes Ohr. »Ein Trommelfell +hab ich drin,« hatte Rudolf den Bauernbuben erzählt, und diese hatten +es zu Hause weitergesagt und im ganzen Dorf war großes Bedauern, daß +das Pfarrersbüblein so etwas ungutes in sich drin habe. Denn sie +verstanden die Sache nicht so recht. Da aber das Trommelfell nicht weh +tat und sonst sehr viel Verlockendes mit der Reise zusammenhing, so +konnte sich Rudolf ungestört auf dieselbe freuen. Und Mariele, das die +Mutter ermahnte, es solle froh und dankbar sein, daß es ganz gesund +sei, freute sich mit und hatte mit Rudolf eine ganze Menge zu bereden, +lauter Dinge, die das große Ereignis betrafen. + +Jetzt kam Eduard, das kleine Brüderlein, von der Mama ausgesandt. »Ihr +sollet jetzt auch zum Nachtessen kommen,« berichtete er. »Man ißt heute +bald, weil du morgen früh aufstehen mußt, Rudolf, wann es noch Nacht +ist.« Das war auch wieder etwas Neues! Zunachtessen, wann noch ganz +heller Tag ist! Um sechs Uhr, statt um sieben! + +»Mama, ich täte lieber gar nicht ins Bett gehen,« meinte Rudolf zwar. +»Bis ich mich ganz richte, ist die Nacht bald herum. Man könnte sonst +am Ende verschlafen.« + +Aber davon wollte die Mama nichts wissen. »Mein Bub schläft jetzt +gleich ein und schläft die ganze Nacht,« sagte sie. »Und am Morgen +weckt ihn der Papa und fertig ist man schnell.« Dabei blieb's. Und +Rudolf lag auch wirklich bald in tiefem, gesundem Schlaf. + + * * * * * + +Es war fast noch ganz dunkel, als am andern Morgen der Vater seinen +Sohn auf das Wägelein hob, das die Reisenden nach der Station führen +sollte. + +Am Himmel stand noch die blasse Mondsichel und es wehte ein kühler +Wind. Und in Rudolf stieg ein wonnevolles Gruseln auf; was konnte man +alles erleben an diesem Tag! + +»Behüt euch Gott miteinander,« rief die Mama nochmals zum Fenster +hinaus. »Und kommet mir gesund wieder!« + +Dann zog des Lindenwirts »Bläß«, der vor das Wägelein gespannt war, an, +und fort ging's in die weite Welt. + +So lang der Weg durch den Wald ging, immer zwischen hohen Tannen +bergab, war er dem Rudolf nicht so besonders interessant; diese Gegend +kannte er wohl. Und der Papa mußte unzählige Fragen beantworten über +alles, was wahrscheinlich geschehen werde und was nicht. Aber als man +ins Tal kam, wo nun die Sonne hell und freundlich schien, an einer +Sägmühle vorbei mit hohen Bretterstößen davor und einem rauschenden +Bächlein, das die Säge trieb, als der Weg durch einen kleinen +Luftkurort führte, mit zierlichen Villen und lustwandelnden Menschen, +da verstummten für einmal alle Fragen. Rudolf hatte nur immer nach +rechts und links zu sehen, um alles im Vorüberfahren zu erfassen. Und +da tauchte auch schon das rote Stationsgebäude auf und im Sonnenschein +glänzten die Schienen und durch die frische Morgenluft drang ein langer +Pfiff der Lokomotive. + +Das war nun erst der richtige Hochgenuß, im Eisenbahnwagen zu sitzen +und durchs Land zu sausen. + +»Papa, die Bäume fahren auch mit, sieh nur und das Bahnwärterhäuschen,« +rief Rudolf zuerst und mußte sich nun erst belehren lassen, daß nur er +sich fortbewege und alles andere, was er sehe, stillstehe. Es gab jetzt +immerfort viel Wichtiges zu sehen. Zuerst noch hohe Berge voll dunkler +Tannen und verstreute Häuser mit tief heruntergehenden Schindeldächern, +dann kamen breite Kornfelder und grüne Wiesen, Wäldchen von Obstbäumen +und dann brauste der Zug über eine breite eiserne Brücke, unter der +rauschend der Neckar floß. Rudolf kam keinen Augenblick vom Fenster +weg. Es war alles so interessant, die vielen Dörfer und kleinen +Städte, an denen man vorbeisauste, ohne anzuhalten, die farbenreichen +Gärtchen der Bahnwärterhäuschen, die Neckarfähre, die einen Wagen +samt den Pferden übersetzte. Es regte sich dann auch der Hunger, und +die Vorräte, die Rudolf in der grünen Botanisierbüchse trug, mußten +hervorgeholt werden. »O Papa, was würde der Wagnerhansjörg sagen und +der Philipp, wenn sie das alles sehen könnten! Die wissen gewiß gar +nicht, daß es so viel Sach gibt.« Dazu mußte Rudolf tief aufseufzen. +Er konnte es doch nicht gut erwarten, bis er wieder nach Hause kam und +allen Menschen erzählen konnte, wie es aussehe »auf der Welt draußen«. + +»Ich möchte nur immerfort Eisenbahn fahren und sonst nichts, Papa.« +»Ich werde vielleicht dann, wenn ich groß bin, Kondukteur.« Der Papa +mußte ein wenig lachen, denn er wußte schon, daß diese Berufswahl heut +am Tag wohl noch ein paarmal würde umgestoßen werden; es stand ja noch +viel Neues bevor. + +Jetzt holte der Sohn seinen blauen Glasscherben heraus. Man fuhr +gerade an schönen hellgrünen Weinbergen vorbei und darüber hingen am +Himmel lichte weiße Wolken. Die mußten sich schön machen in der blauen +Beleuchtung. + +»O, o sieh nur wie schön! Alles ist blau, Papa, alles,« rief er +entzückt. Aber in lauter Hast, dem Papa diesen merkwürdigen Genuß auch +zu verschaffen, machte Rudolf eine ungeschickte Bewegung und draußen +lag der wertvolle Scherben und kollerte über den Bahndamm hinunter. + +»Schadet nichts, mein Sohn,« tröstete der Papa. »Siehst du, deswegen +hat der liebe Gott die Weinberge grün gemacht und die Sonne golden und +die Wolken weiß, daß wir uns an den schönen Farben erfreuen sollen. Es +wäre ja sehr langweilig, wenn alles ganz gleich aussähe, das mußt du +dir nicht wünschen.« Rudolf hatte sich auch gleich wieder beruhigt, +denn nun hielt der Zug in einem großen Bahnhof und so viele Leute +wimmelten da umher, wie er noch gar nie auf einem Fleck beisammen +gesehen hatte. »Ist das jetzt Stuttgart, Papa? Müssen wir jetzt +aussteigen?« fragte er dringlich. Er hatte das schon fast an jeder +Station gefragt. »Nein,« sagte der Papa, »aber wenn's wieder hält, +dann. Mach dich nur bereit.« + +Rudolf setzte seinen Strohhut auf und faßte die Botanisierbüchse mit +beiden Händen, damit sie ihm nicht etwa abhanden komme. Sonst war +nichts zu rüsten, denn Gepäckstücke waren für den einen Tag nicht +mitgenommen worden. Jetzt tat die Lokomotive einen langen Pfiff, Rudolf +meinte, sie habe »Juhuu« gerufen und er hätte es ihr gern nachgetan. +Denn nun tauchten so endlos viele Häuser auf, der Zug fuhr langsamer, +jetzt in eine hohe, glasbedeckte Halle ein, dann hielt er. Man war in +Stuttgart. + +Ein wenig betäubt und verwirrt war das Schwarzwaldbüblein doch, als es +an des Vaters Hand durch das Gewühl der aussteigenden. und abholenden +Menschen schritt. Es mochte jetzt nicht rechts und nicht links sehen, +es konnte nur sein kleines Händchen ganz fest in die beschützende Hand +des Vaters stecken. So hohe Häuser, eins am andern! Und immer kamen +noch neue! Und dazwischen auf den Straßen, wo kamen nur all die vielen +Leute her? Sie sahen alle aus, als ob sie in den Sonntagskleidern +wären! Und die Menge Kutschen und Wagen! Es war wirklich kein Wunder, +daß Rudolf sich in eine ganz neue Welt versetzt glaubte, in der er noch +gar nicht zu Hause war. + +Es war Zeit zur Sprechstunde, so suchten die beiden zuerst den Arzt +auf, der in einer freundlichen, etwas stilleren Straße wohnte. »Tut +er mir nichts, Papa? Bleibst du dabei, daß er mir nichts tun kann?« +fragte Rudolf ein wenig ängstlich, als er im Wartezimmer saß, das durch +dunkelgrüne Vorhänge und grün bezogene Möbel einen etwas feierlichen +Anstrich bekam. Der Vater versicherte alles Gute und die Angst verging +auch von selbst, als der Herr Doktor dem Büblein freundlich die Hand +gab. Er sah ganz und gar nicht aus, als ob etwas von ihm zu befürchten +sei, und Rudolf war bald wieder so zutraulich und fröhlich, wie sonst. + +Als die Untersuchung des kranken Ohres vorbei war, wollte der Vater +noch ein wenig allein mit dem Herrn Doktor reden. Das Sprechzimmer +hatte eine Türe, die in den Garten führte. »Komm, Kleiner, du kannst so +lang da hinaus,« sagte der Herr Doktor freundlich, denn er hatte schon +gemerkt, daß Rudolf ein großes Verlangen hatte, so viel als möglich von +all dem Neuen zu sehen, das auf der Straße vor sich ging. »Du kannst +durch das Gitter auf die Straße sehen! Paß auf, was da alles zu sehen +ist!« + +Rudolf wollte das gern und die Herren unterredeten sich eine Zeitlang +miteinander, denn der Vater hatte auch sonst noch allerlei Anliegen +und der Herr Doktor war ein alter Freund von ihm. Rudolf hatte sich +gehorsam an das Eisengitter gestellt und drückte nun seinen Kopf +fest an die Stäbe, um ja nichts zu versäumen, das etwa draußen vor +sich gehen konnte. Da kam etwas die Straße entlang gesaust, das ihn +in höchstes Erstaunen versetzte. Es war ein Wagen mit einer langen +Fensterreihe, fast wie ein Postwagen anzusehen, nur größer. Und es +waren keine Pferde dran! Er lief auf Schienen, es konnte am Ende auch +ein Eisenbahnwagen sein, aber dann fehlte die Lokomotive! Das versetzte +Rudolf in einige Aufregung. »O, ein Wagen ohne Pferd und alles und +kann selber laufen,« rief er unwillkürlich laut aus und dann fiel es +ihm erst ein, daß ihn der Vater jetzt nicht hören konnte. Der Wagen +hielt an der nächsten Ecke. Es stiegen Leute aus und andere ein und +Rudolf ergriff ein mächtiges Verlangen, das Wunderbare nur auch einen +Augenblick in der Nähe zu sehen. + +Den Garten zu verlassen, war ihm nicht verboten worden, es hatte keiner +der beiden Herren an diese Möglichkeit gedacht. + +»Nur ganz geschwind dorthin laufen und den Wagen ansehen,« dachte +Rudolf und klinkte das Türchen auf. Aber als er an die Ecke kam, fuhr +der Wagen ab und ein anderer, der auch dagestanden war, schlug die +entgegengesetzte Richtung ein. Das war so schade und Rudolf machte ein +ganz enttäuschtes Gesicht. »Hast du etwa mitfahren wollen?« fragte +ein etwas größerer Knabe, der mit dem Schulranzen auf dem Rücken des +Wegs daher kam, den Kleinen. Denn es kam ihm so vor, weil er so einen +betrübten Blick hinter dem Wagen hersandte. Rudolf schüttelte den Kopf. +»Nein,« sagte er, »ich habe ihn nur ansehen wollen, weil er selber +laufen kann ohne Pferde.« »Das ist ja ein elektrischer Wagen,« belehrte +der Stuttgarter das Landkind. »Das weiß mein kleiner Bruder schon, der +ist erst drei!« Rudolf wußte gar nicht, was ein elektrischer Wagen +sei, aber er mochte nicht mehr fragen, weil es der dreijährige Bruder +schon wußte. So wollte er denn wieder umkehren, denn der Papa konnte +nun am Ende beim Herrn Doktor fertig sein. Er sah sich prüfend um, hier +mündeten so viele Straßen, welche war nun die richtige? + +»Wo mußt du denn hin?« fragte der neue Kamerad. »Wieder zum Herrn +Doktor, mein Papa ist dort,« sagte Rudolf und sah sich immer +ängstlicher um. »O das weiß ich gut, der wohnt ganz gerade aus,« sagte +der Stuttgarter zuversichtlich. »Es ist ein Haus in einem Garten, +gelt?« Rudolf nickte. »Ja und eine goldene Kugel zum Herausziehen an +der Haustüre.« »Das ist die Glocke, du weißt auch noch nicht viel,« +lachte der Schüler. »Jetzt geh nur ganz geradeaus, siehst du, das +ist das Haus, das ein wenig vorsteht. Den Garten sieht man erst von +der andern Seite, nicht von hier aus.« Es kam Rudolf nicht ganz so +vor, aber der große Junge mußte es ja wissen, so ging er denn auf das +bezeichnete Haus los. + +Der Wegweiser hatte es aber nicht recht gewußt. Er hatte nicht daran +gedacht, daß es viele Doktoren gibt in der großen Stadt, und der Arzt, +der hier wohnte, war ein anderer als der, bei dem Rudolf vorher gewesen +war. Ratlos sah sich das Büblein um, denn es wußte nun gar nicht mehr, +wo es hergekommen war. So viele fremde Leute gingen vorüber, keiner +achtete darauf, daß der kleine Fremdling angefangen hatte. bitterlich +zu weinen. + +Plötzlich kam ein Soldat auf Rudolf zu. Er hatte einen Helm auf und +glänzende Knöpfe an seinem Rock und sein Gesicht glänzte auch, aber vor +Freude. »Grüß Gott, Rudölfle,« sagte er, »ja wie kommst denn du daher? +Und weinst so?« Es war Stiftungspflegers Gottlieb von Teufenrot, ein +ganz guter Freund der Pfarrerskinder, der hier beim Regiment stand. + +Rudolf lachte durch seine Tränen hindurch. Denn der Gottlieb kam ihm +vor wie ein Engel, er faßte seine Hand ganz fest. »Ich bin mit dem +Papa gekommen, er ist noch im Zimmer beim Herrn Doktor und ich habe +den Wagen sehen wollen, der von selber laufen kann. Und jetzt weiß ich +nicht mehr, wo er wohnt, zeig mir's jetzt!« + +Das war nun nicht ganz so leicht für den Gottlieb, und wenn nicht +der Herr Pfarrer soeben eilig und atemlos an der Straßenkreuzung +erschienen wäre, um nach allen Seiten hin zu spähen, so wäre es mit dem +Wiedersehen am Ende nicht so schnell gegangen. + +Der Vater konnte nicht viel sagen, als: »Gott Lob und Dank!« + +Denn er konnte den Rudolf im Augenblick nicht zanken, daß er aus dem +Garten gegangen war. Landkinder wissen nicht so recht, wie leicht man +in einer großen Stadt weit, weit auseinander kommen kann, und diese +Belehrung bekam Rudolf erst, als er mit dem Papa und Gottlieb zusammen +beim Mittagessen saß. Daß der Junge einmal fürs erste nicht mehr von +ihm weichen würde, konnte der Herr Pfarrer deutlich merken, denn Rudolf +hielt mit der einen Hand den Löffel und mit der andern den Ärmel des +väterlichen Rocks gefaßt und verwandte keinen Blick von dem Vater. + +Jetzt kam mit Trommeln und Trompeten die Wachtparade gezogen. Rudolf +war längst wieder soweit getröstet, daß er sich für so etwas Herrliches +begeistern konnte. Im Nu war er mit dem Vater auf der Straße und +marschierte, immer die beschützende Hand festhaltend, »in gleichem +Schritt und Tritt,« so gut es die kleinen Füße erlaubten, mit die +Königstraße hinunter bis zum Schloßplatz. Da sprangen die Wasser der +Springbrunnen hoch in die Höhe, und die kunstreichen Beete leuchteten +in allen Farben, und im Trompeterhäuschen schmetterte die Musik, und +dem Büblein zersprengte es fast das Herz vor Hochgefühl. »O, wenn nur +die Mama da wäre und das Mariele und die Babett,« brachte er endlich +heraus. »Und dann noch der Philipp und der Hansjörg!« + +Denn der Rudolf sah wohl ein, daß er es dann doch nicht ganz so +sagen könne, wenn er nach Hause komme. Ganz so schön, wie es in +Wirklichkeit war! Ein kleiner Trost war noch, daß der Vater eine +Schokoladetafel kaufte für das Mariele, mit einem schönen, bunten Bild +des Schloßplatzes darauf. + +Es kam immer noch schöner. Rudolfs Patin sollte besucht werden, und +da diese weit weg, fast am Ende der Stadt wohnte, da, wo diese sich +am Hasenberg hinaufzieht, so stieg der Vater mit ihm in einen der +interessanten Wagen. Das war fast noch schöner als Eisenbahnfahren. So +durch die ganze Stadt zu sausen durch schöne Straßen mit hohen Häusern +und prachtvollen Läden! Der Wagenführer, ja der kam Rudolf nun wieder +beneidenswert vor! Den ganzen Tag nichts zu tun, als auf dem luftigen +Vorplatz stehen und mit der Glocke bimmeln, daß alle Leute schnell +ausweichen, und dazu hin und her sausen, schnell wie der Wind! Wenn +sich Rudolf nicht erst vor einer Weile entschlossen gehabt hätte, +Trommler oder Trompeter bei den Soldaten zu werden, so hätte er jetzt +gewiß gleich mit dem Papa ausgemacht, daß er Wagenführer werden wolle. + +Jetzt war man bei der Patin angelangt. Sie wohnte in einem hohen, +stattlichen Hause. »Gelt, Papa, das ist noch viel höher als des Königs +Schloß?« meinte der Sohn, und das mußte der Vater auch zugeben. Des +Königs Schloß hatte aber jedenfalls den Vorzug, daß es da nicht so +viele Treppen zu ersteigen gab, wie bei der Patin. Denn diese wohnte im +vierten Stock. + +»Warum wohnt sie ganz oben auf der Bühne?« wollte Rudolf wissen und +erstaunte sehr, daß es da oben gar nicht aussah wie auf der Bühne, +sondern recht zierlich und hell und freundlich. Die Patin war schon +einmal in Teufenrot gewesen, Rudolf kannte sie wohl. »Aber da war ich +noch ein bißchen klein,« sagte er nur. »Ja,« sagte die Patin und mußte +ein wenig lachen, »jetzt bist du freilich schon recht groß, du kannst +schon auf den Tisch heraufsehen!« + +Es waren auch Kinder da, ein Töchterlein Adele, das einen langen +Hängezopf hatte und französisch lernte, drei Buben von sieben, acht und +neun Jahren und dann noch ein fünfjähriges Schwesterlein. Rudolf war +bald daheim unter der lustigen Schar, besah sich mit ihr vom Balkon aus +die Stadt, die dem Landkind fast unendlich vorkam und staunte nur, daß +das kleine Annchen schon so sicher alle Kirchtürme und Aussichtspunkte +zeigen konnte. + +Überhaupt kam es ihm immer begehrenswerter vor, in der Stadt zu leben! +Die Buben erzählten vom Tiergarten, den Affen, Eisbären und Löwen, die +es da gibt. »Wir können hinein, so oft wir wollen, wir sind abonniert,« +sagte Richard, der älteste der Brüder. + +Und Hans setzte hinzu: »Ja und der Elefant kennt uns schon!« Das dünkte +den Rudolf ein unerreichbares Glück! Was waren dagegen die Eichhörnchen +im Teufenroter Wald? Und die Hasen und Rehe, die man hie und da durchs +Gebüsch huschen sah? + +Rudolf wußte nicht, daß die Erwachsenen einstweilen im Zimmer wirklich +Pläne schmiedeten, die ihn betrafen und die davon handelten, ihn aus +dem Stillleben der Heimat in die Stadt zu versetzen. Er sollte ja jetzt +ein Schüler werden und die Eltern hatten beschlossen, ihn das erste +Jahr in Teufenrot in die Schule zu schicken, dann wollte ihn die Patin +aufnehmen und das Patchen sollte ein fleißiger Stuttgarter Schüler +werden. + +Aber davon wußte, wie gesagt, Rudolf nichts. Heute hätte ihn der +Plan vielleicht gefreut, weil er sich schwer von den neuentdeckten +Herrlichkeiten trennte. Wir wollen aber einmal in zwei Jahren wieder +anfragen, ob da nicht manchmal ein kleiner Junge mit dem Ranzen auf dem +Rücken daherkommt und unterwegs noch einmal seine Aufgabe wiederholt +und nebenher ein wenig seufzt: »O wenn ich nur wieder daheim wäre und +könnte ganz tief in den Wald hineinlaufen und Heidelbeeren schmausen, +frisch vom Stock!« Denn es ist nicht allemal schön und herrlich, wenn +unsere Wünsche in Erfüllung gehen, das müssen auch schon kleine Leute +erfahren. + +Für jetzt sah der Rudolf aber noch lauter Freude und Sonnenschein um +sich her. Der Papa trat auch zu der jugendlichen Schar und fragte +lächelnd: »Nun, Buben, wer von euch will denn nächsten Sommer in der +langen Vakanz zu uns in den Schwarzwald kommen. Sagt's nur,« fuhr er +ermunternd fort, als die Buben vor Freude dunkelrote Köpfe bekamen und +sich doch nicht getrauten, hinauszujubeln, denn das konnte ja nicht +im Ernst gemeint sein! Die ganze lange Vakanz durch aufs Land! Und in +einem Pfarrhaus wohnen, das ganz in einem großen Garten steht! Und +Schiffchen schwimmen lassen im Röhrenbrunnen! Und Eichhörnchen fangen +im Wald! + +Die Mutter nickte bestätigend, und daraufhin riefen alle drei mit +solchem Jauchzen: »Ich, ich, ich!« daß der Herr Pfarrer befriedigt +sagte: »Am guten Willen fehlt's da nicht, das sehe ich schon.« Und es +wurde gleich beschlossen, daß im nächsten Sommer alle drei Brüder über +die ganze Vakanzzeit nach Teufenrot kommen sollten, denn wenn der Herr +Pfarrer aus guten Gründen darnach strebte, seinen Sohn in die Stadt zu +bringen, so wollten die Eltern der Stadtkinder dagegen gern, daß diese +eine Zeitlang aufs Land kommen sollten. Und dazu hatten sie auch gute +Gründe; denn die Backen der drei Schüler waren etwas schmal und blaß +und Rudolfs dagegen so frisch und rund, daß es einen wohl gelüsten +konnte, auch solche zu bekommen! + +»Aber jetzt wird Abschied genommen, es ist höchste Zeit,« mahnte der +Papa und sah nach der Uhr. Und die Patin steckte dem Rudolf alles, was +er von den guten Vesperbrocken nicht hatte aufessen können, in die +Botanisierbüchse für unterwegs. »Und siehst du,« sagte sie noch, »da +sind drei Orangen, eine für die Mama, eine für Mariele und eine für den +Eduard. Die kannst du vielleicht in die Tasche stecken!« Das konnte +Rudolf. Es war doch gut, daß er die Kürbiskerne nicht eingesteckt +hatte, Mariele hatte doch recht gehabt! + +Jetzt saßen die Reisenden wieder im Eisenbahnwagen. Rudolf war etwas +müde, er warf kaum einen Blick zum Fenster hinaus. Immer näher kroch +er an den Vater heran, jetzt lehnte er den Kopf an dessen Arm und dann +schlief er ein, tief und fest. + +An der Station stand das wohlbekannte Wägelein, als der Zug ankam. Der +Mond stand hoch am Himmel und sah zu, wie ein schlafendes Büblein aus +einem Wagen in den andern getragen wurde. Dann knallte die Peitsche +und der »Bläß« schlug einen munteren Trab an, denn er wußte wohl, daß +es dem Stall zuging und freute sich gerade so gut auf seine Streu +und den Haber und das Heu in der Krippe, als ein müdes und hungriges +Menschenkind auf sein Bett und auf ein warmes Abendessen. Nur daß das +Menschenkind von einer lieben Mama in Empfang genommen und gepflegt, +erquickt und sorglich zugedeckt wird. + +Das Pfarriele schlief schon lang, als die Reisenden ankamen. Die Babett +stand unter der Haustüre und leuchtete, und die Mama rief, wie beim +Abschied, zum Fenster heraus: »Grüß Gott! Jetzt seid ihr doch wieder +glücklich da! Gott Lob und Dank!« Rudolf ließ sich wie im Traum mit +warmer Milch und Weißbrot füttern und ins Bett legen. Erst, als am +andern Morgen der kleine Bruder hereinkam, weil er gar nicht mehr +warten konnte und leise sagte: »Rudolf, du mußt nicht aufwachen, du +mußt mir bloß geschwind geben, was du mir mitgebracht hast!« da fuhr +er verwundert in die Höhe und sah, daß er wieder daheim war. Er hatte +soeben geträumt, er stehe mit einer Trommel in der Hand auf einem +Straßenbahnwagen und besinne sich, ob er lieber trommeln oder lieber +mit der Glocke klingeln sollte. Denn beides war sehr verlockend. + +Aber daheim zu sein, war auch schön! So schön, daß er's gar nicht mehr +recht gewußt hatte, so lang er fort war. + +Und Rudolf schlang beide Arme um die Mama, die eben zu ihm trat und +sagte: »O Mama, es ist so schön gewesen, man kann es gar nicht recht +sagen, wie schön! Und der Elefant kennt die Buben schon, den Richard +und den Hans und den Julius. Und es gibt Postwägen mit einer Schelle +dran, die selber laufen können und ich werde dann vielleicht ein +Wagenführer. Du darfst dann immer umsonst fahren, Mama! Und du auch, +Mariele!« Denn die Schwester war auch dazu gekommen und freute sich +sehr über diese Aussicht. + +Aber als die Mama sagte: »Ja, möchte denn mein Bub' immer in Stuttgart +bleiben und lieber gar nicht mehr hier sein, und nicht mehr in den Wald +können und in den Garten und zu den Spatzen auf den Kirchturm?« -- da +kam das Heimatsgefühl wieder, das dem Rudolf schon vorhin beim Erwachen +aufgestiegen war, und er sagte mit einem tiefen Atemzug: »Nein, nein, +das möchte ich gar nicht! Ich möchte nur daheim sein und sonst nirgends +auf der ganzen Welt!« + + + + + 12. Die Botenflori. + + +Die Botenflori saß vor ihrem Häuslein auf einem dreibeinigen Stühlchen +und ließ sich von der Sonne anscheinen. Sonst tat sie anscheinend +nichts; die Hände hatte sie in den Schoß gelegt und den Kopf an die +Wand des Häusleins gelehnt. Das war man sonst an der Flori nicht +gewöhnt. Sie war ein altes Weiblein, und so lang sich die Leute im Dorf +denken konnten, war sie jeden Tag mit ihrem Tragkorb auf dem Rücken in +die Stadt gewandert und hatte dort alles eingekauft, was die Leute etwa +brauchten, und außerdem noch die Postsachen mit heraufgebracht. Die +Flori hieß eigentlich Floriane, man hatte ihren Namen nur so abgekürzt, +weil das bequemer zu sagen war. Sie war in allen Häusern des Dorfes gut +bekannt, und wer sie so mit ihrem schweren Korb daherkommen sah, sagte +dann allemal freundlich zu ihr: »Ei, grüß Gott, Flori! So munter, wie +Ihr, ist kein Junges! Und wenn Ihr einmal Feierabend macht, dann habt +Ihr ihn auch verdient!« + +Aber die Flori wollte noch keinen Feierabend machen. Sie wollte gern +noch arbeiten und meinte, niemand könne so gut wie sie alles in den +Läden besorgen und so gut die Postsachen austeilen. Und doch atmete +sie so schwer, wenn es den Berg heraufging, und da und dort sagte eine +Bäuerin: »Bei der Flori nimmt das Gedächtnis auch ab, das merkt man +wohl! Sie hat mir heute schwarzes Garn gebracht anstatt braunem, und +die Düte mit dem Griesmehl ist ihr unterwegs aufgegangen! Es tut's +nicht mehr lang so!« + +So hatten die Leute nichts dagegen, als in dem Frühjahr, von dem jetzt +gesagt ist, die Nachricht vom Städtlein heraufkam, daß von jetzt an +ein wohlbestellter Postbote jeden Tag heraufkommen solle, ein fester, +starker Mann, der einen verschlossenen Karren mit sich zu führen hatte, +in dem dann alles, was zu besorgen war, bequem Platz finden konnte. + +Aber der Flori war die Nachricht ein harter Schlag. Es kam ihr vor, +als ob ihr ein großes Unrecht widerfahren und als ob die ganze Welt +undankbar und schlecht sei. »Jetzt hab' ich mich geplagt und geschunden +meiner Lebtag,« sagte sie zum Herrn Pfarrer, der sie in ihrem Häuslein +besucht hatte, »und zum Dank dafür wird man einfach abgedankt. Bei +Lebzeiten noch abgedankt.« Und die Flori fing an zu weinen, und es half +nicht viel, daß der Herr Pfarrer tröstend sagte: »Ei, Flori, der liebe +Gott meint's gut mit Euch, daß er Euch noch einen ruhigen Feierabend +gönnen will! Und Mangel leiden müsset Ihr sicher nicht! Dafür sorgt das +ganze Dorf miteinander.« + +Denn es war dem fleißigen Weiblein nicht nur ums tägliche Brot zu tun, +es hätte gern noch etwas nützen wollen auf der Welt, und sein Beruf lag +ihm am Herzen. + +Heute war nun zum erstenmal der neue Bote ins Dorf gekommen. Er hatte +einen blauen Rock an mit blanken Knöpfen und eine Mütze auf mit einer +Silberborte, und sein Schiebkarren war schön grün angestrichen. +Jetzt kam es der Flori erst recht in den Sinn, daß sie gar kein Amt +mehr habe, und das drückte sie schwer. So kam es, daß sie am hellen +Werktag vor ihrem Häuslein saß und die Hände in den Schoß legte. Es +kam ihr vor, als ob sie nun gar nichts mehr zu tun habe im Leben, +und sie dachte, daß sie dann am liebsten gleich sterben möchte. Weil +sie so starr auf ihre Hände sah und nicht rechts und nicht links, +hatte die Flori gar nicht bemerkt, daß ein kleines Fuhrwerk des Wegs +dahergekommen war und ganz in ihrer Nähe hielt. Es war ein kleines, +höchst einfaches Pritschenwägelchen, darin zwei dicke, kleine Buben +von ein und zwei Jahren saßen. An der Deichsel zog ein barfüßiges +Mädchen, das ungefähr acht Jahre alt war und dem noch ein dreijähriger +Bube am Kleid hing. Das Mädchen sah bleich und mager aus und hatte +ein finsteres Gesicht, und als es jetzt stehen blieb, um ein wenig +auszuruhen, sah man, daß es hart atmete, so, als ob es sehr müde sei. + +Die Flori sah erst auf, als der dreijährige Bube weinerlich sagte: +»Trag mich, Christine, ich sag's der Mutter sonst!« + +»Ich kann nicht, Peterle, du mußt laufen,« sagte das Mädchen, »guck, +dort kommt bald ein Rain, da sitzen wir hin.« + +Aber der Dicke wollte jetzt getragen sein und fing aus Leibeskräften +an zu schreien. Das mußte er schon öfters probiert haben, denn das +Schreien half, und Christine bückte sich mit einem ganz verzagten +Gesicht herunter, um den schweren Buben auf den Arm zu nehmen. + + [Illustration] + +Flori hatte sich eigentlich nicht um die Kinder bekümmern wollen, sie +hatte sich fest vorgenommen, daß sie jetzt von niemand mehr etwas +wissen wolle, wenn doch die Leute so undankbar seien. Aber daß das +schwächliche Mägdelein den dicken Schreier auf den Arm nahm, das konnte +sie doch nicht sehen, da mußte sie schon eine Ausnahme machen. »Bist +du im Augenblick still und stehst fest auf deine dicken Füße?« rief sie +mit grimmiger Stimme zu dem Dicken hinüber. Der strampelte immer noch, +die kleine Kindsmagd konnte ihn kaum regieren. Da mußte sich die Flori +schon erheben. Im Augenblick war sie an dem Wägelchen, nahm den Peterle +auf den Arm und stellte ihn so nachdrücklich auf den Boden, daß er wohl +einsah, daß er da fürs erste zu bleiben habe. Christine sah ein wenig +erleichtert aus, aber sie war zu verlegen, um etwas zu sagen, so zog +sie nur wieder an ihrer Deichsel, um weiter zu kommen. + +Aber nun war die Flori schon in Tätigkeit. Sie kannte die Kinder +wohl. Sie kamen aus einem der ärmlichsten Häuschen am andern Ende des +Dorfes. Hier wenigstens hatte sie keine Kundschaft verloren, denn die +Frau des Wegknechts Häberle brauchte selten etwas aus der Stadt, und +wenn es dann sein mußte, so trug sie etliche Büschel Kienholz oder +Wacholderbeeren auf den Markt und brachte dafür das Nötigste mit. Das +Mägdlein war ein Bruderkind des Wegknechts, das verwaist war und gegen +ein billiges Kostgeld, das die Gemeinde bezahlte, von ihm aufgenommen +war. + +Es machte nicht umsonst ein so finsteres Gesicht und es war auch kein +Wunder, daß es mager und bleich aussah. Denn in dem Häuslein des +Wegknechts ging es nicht sehr freudenreich zu. Die Frau war nicht +gerade böse, aber sie hatte von Natur ein etwas unfreundliches Wesen +und dann konnte sie auch die Arbeit mit den drei kleinen Buben und +der Haushaltung und dem Äckerlein nicht gut bewältigen. Da hatte sie +sich denn angewöhnt, fast den ganzen Tag zu brummen und zu zanken, und +besonders Christine hatte noch nicht viel gute Worte von ihr gehört. +Diese ging jetzt in die Schule, aber da war fast immer ein Grund +vorhanden, daß sie zum Lehrer gehen und um Urlaub anhalten solle. Das +war dem Lehrer auch nicht lieb und so war er denn auch nicht besonders +freundlich gegen das Kind. War sie dann im Haus, so hatte die Christine +fast den ganzen Tag eines der Kleinen auf dem Arm. Herumspielen mit +anderen Kindern, das gab es nicht für sie. »Möcht dann auch wissen, +zu was ich die viele Last und Mühe mit dem Mädchen haben soll, wenn +sie mir nicht ein bißchen hilft,« sagte die Base oft und dachte nicht +daran, daß Christine selber noch ein zartes, schwächliches Kind sei, +das so nicht kräftig und groß werden konnte. Es gab ja auch nicht viel +anderes zu essen für sie als Kartoffeln. Denn die Milch brauchte man +für die Kleinen und das Stückchen Speck oder Fleisch, das man hie und +da kaufen konnte, mußten nötig die Hauseltern haben, die hart arbeiten +mußten. Christine hatte sich nach und nach daran gewöhnt, daß ein Tag +um den andern gleich dahinging und nichts Erfreuliches geschah. Aber +sie hatte dabei einen so freudlosen Ausdruck in ihr Gesicht bekommen, +daß die Leute, die sie sahen, öfters zueinander sagten: »Wie nur ein so +junges Kind schon so verdrießlich und unfreundlich aussehen kann!« Und +sie sagten dann zu ihren Kindern, die fröhlich herumsprangen: »Merket's +euch nur, daß man so nicht sein darf, sondern daß man vergnügt und +dankbar sein muß.« + +Die Botenflori hatte sich noch nie besonders für Christine umgesehen, +so lang sie ihre täglichen Gänge machte. Da hatte sie viel wichtigeres +zu bedenken als so ein armes Waisenkind. + +Heute, wo sie selber so traurig war und auch gut Zeit zum Aufmerken +hatte, fiel es ihr plötzlich auf, wie elend das Mädchen aussah. Sie +konnte die Christine nicht nur so vorbeigehen lassen. So sagte sie +freundlich zu ihr: »Wo willst du denn hin mit deinem Wagen voll Leut? +Komm, da sitz ein bißchen auf mein Bänklein ab. Den Dicken darfst du +nicht tragen, es könnte dir ja einen Schaden antun.« Christine sah +verwundert auf. Es war schon lang her, seit jemand so freundlich mit +ihr gesprochen hatte. Es tat ihr aber wohl und sie nickte bereitwillig +und zog ihr Wägelchen dicht an das Häuslein her. Peterle bekam eine +Hand voll Waschklammern zum spielen und Christine durfte zur Flori +auf das Bänklein sitzen. Es kam dieser nun selbst verwunderlich vor, +daß sie sich diesen Besuch herbeigeholt hatte, sie hatte doch allein +sein wollen. Aber jetzt wollte sie sich nicht mehr lang besinnen, es +gab außer ihr noch mehr betrübte Leute auf der Welt, das merkte sie +wohl. »Also jetzt, wohin hast du gewollt mit deinem Buben?« fragte sie +nochmals. »Weiß selber nicht,« gab Christine zurück. »Wir sollen den +ganzen Nachmittag fortbleiben, bis es dunkel wird. Die Base liegt im +Bett, man hat wieder einen kleinen Buben.« + +»Ei, was du sagst!« Flori nahm diese Nachricht sehr lebhaft auf. »Und +da freust du dich gar kein bißchen und machst so ein Gesicht dazu?« Daß +man sich da freuen könne, hatte Christine nicht gewußt. Der Wegknecht +hatte mürrisch gesagt: »Jetzt wird mir's nächstens zu viel mit dem +Geschrei,« und die Base hatte auch gebrummelt: »Wenn's noch ein Mädchen +wär, daß man auch eine Hilfe bekäme!« + +Und sie selber, die Christine, wußte nur, daß es noch einen kleinen +Schreihals herumzutragen gebe. Nein, erfreulich war ihr das nicht +vorgekommen. So sah sie die Flori erstaunt an und schüttelte den Kopf. +»Es ist mir ganz entleidet,« sagte sie statt aller Antwort. + +Der Flori war es erst vorhin auch noch ganz entleidet gewesen, sie +wußte gut, wie das ist. Aber daran dachte sie jetzt nicht mehr. »So +darf man nicht sagen, das ist eine Sünde,« sagte sie strafend. »Das +Büblein hat euch der liebe Gott geschickt und was der einem schickt, +darf einem nicht entleidet sein. Und es ist gewiß ein nettes Kindlein, +du hast's nur noch nicht recht angesehen. Gib acht, wenn es die Äuglein +auf und zu macht und mit den Füßen zappelt, wenn man's badet.« + +Christine mußte sich immer mehr wundern, so hatte sie freilich das +Kindlein noch nicht angesehen. + +»Und die größeren darfst du jetzt ganz allein versorgen wie ein rechtes +Mütterlein,« fuhr die Flori fort. »Das ist gewiß ein nettes Geschäft, +das freut dich sicher.« Christine schüttelte wieder den Kopf. »Sie +schreien so,« sagte sie, »und der Peterle kratzt mich und die Base +zankt mich immer.« + +»Ei, du wirst's noch nicht recht können,« sagte Flori. »Wart einmal, +morgen früh will ich einmal zu euch kommen, dann tun wir's miteinander. +Das gibt ein Vergnügen!« + +In Christines Gesicht war ein ganz anderer Ausdruck gekommen, sie kam +sich jetzt schon nicht mehr so allein und hilflos vor. Und zu der Flori +konnte sie ein rechtes Vertrauen fassen, denn sie war der erste Mensch, +der liebreich mit ihr gesprochen hatte, seit sie aus ihrer Heimat fort +war. + +So tat sie der Flori recht ihr Herz auf und erzählte ihr noch vieles +von ihrem Leben und auch, wie sie's daheim, als ihre Eltern noch +lebten, so gut und schön gehabt habe. Und in der Flori stieg ein fester +Entschluß auf, dem armen Kind ein wenig aufzuhelfen, so gut als möglich. + +Es war ihr am andern Tag lang nicht so schmerzlich wie gestern, als +sie dem Postboten mit seinem Karren begegnete. Sie war auf dem Weg +nach dem Häuslein des Wegknechts und ging gar nicht so daher wie +jemand, der nichts mehr zu schaffen hat, sondern mit recht gewichtigen +Schritten. Wer sie sah, konnte denken, die Flori habe etwas Wichtiges +vor. Und das konnte sie wohl auch haben, denn in dem Raum, in den sie +nun eintrat, sah es ganz so aus, als ob man eine rechte Hilfe brauchen +könne. Peterle saß am Boden und schrie aus Leibeskräften und der +zweijährige Georg schrie in seinem Bett zur Gesellschaft mit. Den +einjährigen Michel hatte Christine auf dem Arm und mühte sich zugleich +mit dem Feuer im Ofen ab, das nicht brennen wollte. Es rauchte und +roch nach Ruß in der Stube und die Frau rief mit scharfer Stimme aus +dem Bett: »So ein ungeschicktes Ding, wie du bist, ist mir noch nicht +vorgekommen. Gar keine Hilfe hat man an dir!« + +»Guten Morgen, beieinander,« sagte in diesem Augenblick die Flori, die +bei dem Lärm ungehört hereingekommen war. Sie trat an das Bett der +Frau und sagte freundlich: »Am Ende könnte ich ein bißchen nach der +Sache sehen, die Christine ist noch wohl klein zur Haushälterin.« Das +war der Frau noch nie vorgekommen, daß sich jemand um ihre Haushaltung +angenommen hatte. Es konnte ihr schon recht sein, sie sagte aber +brummig: »Wir könnten schon allein fertig werden. Arme Leute haben +keine Zeit zum Kranksein, ich stehe dann schon wieder auf.« Aber die +Flori ließ sich nicht draus bringen. Zuerst half sie dem Feuer auf, +daß dieses lustig flammte, und kochte die Morgensuppe; dann ging es an +die Reinigung der kleinen Schreihälse. Christine wußte nicht, wie ihr +geschah, so hatte ihr noch niemand gezeigt, wie man alles angreifen +mußte. Heute ging es noch einmal so leicht. »Jetzt lassen wir aber +auch den schönen Sonnenschein herein,« sagte Flori und öffnete das +Fenster, denn draußen schien jetzt die Sonne warm und hell, gerade auf +den Tisch, auf dem jetzt die Suppe stand. Christine meinte, so gut +sei noch keine Suppe gewesen und die Stube noch nie so freundlich wie +heute, und die Kinder noch nie so folgsam. Sie mußte einmal ums andere +tief aufatmen, und das sah die Flori mit Wohlgefallen. Auch die Frau +legte sich behaglich in die Kissen zurück und ließ sich versorgen, +denn sie wußte nun, daß für heute einmal alles Nötige geschehe. Sie +wollte ja nicht böse sein, sie hatte nur immer so viele Sorgen und +viele Arbeit, und dann hatte sie schon lang nicht mehr gesehen, wie gut +es tut, wenn man freundlich und liebreich ist. Das sah sie nun an der +Flori, die gar nicht viel zu sagen brauchte, so folgten ihr die Kinder, +und die die ungeschickte Christine so nett und verständig anwies, daß +die Arbeit ging wie am Schnürchen. Jetzt war die Stube gefegt und das +kleinste Kindlein gebadet. Es war wirklich so, wie die Flori gestern +gesagt hatte, es gefiel der Christine sehr, wie das Kleine mit den +Gliedern zappelte in dem warmen Wasser und mit den blauen Äuglein die +Flori groß ansah. Überhaupt kam ihr heute das Leben viel erfreulicher +vor als seither, sogar die größeren Buben sahen so nett und frisch aus. +Christine mußte dem kleinen Michele einen Kuß geben. Da sah er sie groß +an und verzog das Mäulchen zum Lachen. + +»So, den Peterle und den Georg nehme ich mit mir,« sagte die Flori, als +alles sauber und in Ordnung war. »Ich koche dann einen Milchbrei zum +Mittagessen für die ganze Haushaltung. Den Michele läßt man im Wägelein +schlafen draußen vor dem Hans, der ist schon wieder müde. Und die +Christine bleibt bei der Hand, daß die Base jemand hat, der ihr etwas +bringen kann.« + +Damit zog sie ab. + +Christine setzte sich mit ihrer Schreibtafel auf die Staffel vor der +Haustüre. Sie lernte gern und hätte nie die Schule versäumt, wenn sie +nicht gemußt hätte. So war sie bald sehr im Eifer an ihrer Arbeit; sie +schrieb schöne lange Zahlenreihen untereinander und rechnete sie dann +zusammen. + +Auf einmal stand der Herr Schullehrer vor ihr, der mit Verwunderung +gesehen hatte, wie wichtig dieser Schülerin, die so oft fehlte, das +Lernen war. Christine erschrak ein wenig, aber der Lehrer sagte +freundlich: »So ist's recht! Gib dir nur recht Mühe, dann kommst du +schon noch nach. Ich will dann bald einmal mit dem Wegknecht sprechen, +daß du nicht so oft die Schule versäumen mußt.« Darauf reichte er dem +Kinde ganz väterlich die Hand, und Christine blieb so glücklich zurück, +wie sie schon lange nicht mehr gewesen war. + +Diesem schönen Morgen folgten noch viele solche. Denn was die Flori +einmal unternahm, das führte sie gern auch aus. So erschien sie jeden +Morgen, solang die Frau noch nicht so gesund war, in dem Häuslein +des Wegknechts, versorgte die Frau und die Kinder, zeigte Christine +liebreich, wie sie alles, was zu tun war, machen müsse. »Siehst du, mit +Klötzchen und Steinen spielen sie ganz nett allein,« sagte sie, »und +dann kannst du ein wenig stricken oder rechnen.« Christine war eine +ganz neue Welt aufgegangen, seit sie so eine treue Hilfe hatte. Sie sah +gar nicht mehr finster und verzagt aus und manchmal konnte sie sogar +mit den Kleinen lustig lachen. + +Es war auch wunderbar; die Base zankte gar nicht mehr oft, sie war +viel freundlicher geworden, und seither hätte ihr die Christine alles +zuliebe getan, was sie nur gewußt hätte. + +Denn die Botenflori hatte einmal, als sie recht geruhig allein mit +der Frau zusammen in der Stube saß, recht eindringlich mit dieser +gesprochen und ihr gesagt, daß sie mit Freundlichkeit noch einmal so +viel erreiche, als mit Zorn. Und die Frau konnte sich das wohl sagen +lassen, denn die Flori hatte es ihr zuerst vorgemacht. So sagte sie nur +ganz bewegt: »Euch hat mir der liebe Gott geschickt, Flori! Vergelt's +Gott, tausendmal.« + +Als an diesem Abend die Flori heimwärts wanderte, war sie so froh und +glücklich, wie sie nie mehr gewesen war, seit sie die Sache mit dem +Postboten gedrückt hatte, und auch vorher lange nicht. Denn Flori hatte +es selber gut gespürt, daß es nicht mehr gehe, und hatte sich immerfort +dagegen gewehrt, ihr Amt abzutreten. So war sie oft recht elend +gewesen, trotzdem sie sich in den vielen Jahren etwas Ordentliches +erspart hatte und keine Not zu fürchten brauchte. Jetzt hatte ihr der +liebe Gott die Last abgenommen und hatte ihr gezeigt, daß er doch +noch da und dort etwas für sie zu tun habe. Und weil die Flori das +nun einsah, war sie so getrost und fröhlich und ließ ruhig den neuen +Postboten seinen Schiebkarren den Berg heraufschieben, es tat ihr nicht +mehr weh. + +Die Kinder hingen an ihr wie die Kletten, und als das die andern Kinder +im Dorf sahen, machten sie es auch so. Aber die Christine blieb doch +ihre beste Freundin, denn die beiden, Flori und Christine, hatten +einander dazu verholfen, daß sie wieder fröhlich sein konnten. + +Man kann die Flori jetzt auch noch Botenflori heißen, denn sie ist ja +des lieben Gottes Botin bei den armen Leuten geworden. + + + + + 13. Augenblicklich. + + +»Else, Kind, es ist Zeit zum Tischdecken! Fang gleich an, du weißt, der +Vater ärgert sich, wenn er nach Hause kommt und es ist nicht fertig!« +Die Mutter steckte einen Augenblick ihr vom Herdfeuer erhitztes Gesicht +durch die Türöffnung. »Gleich, Mutter, im Augenblick,« antwortete Else, +die an einer zierlichen Handarbeit stichelte, ohne damit aufzuhören. +Die Mutter ging wieder an ihre Arbeit zurück. Else sah nach der +Wanduhr. Erst halb zwölf! Und fünf Minuten nach zwölf kommt der Vater +nach Hause, zehn Minuten allerhöchstens brauche ich zum Tischdecken, +also kann ich ruhig noch die Schleifen an das Kissen nähen. Was sich +nur Mama denkt, wie lang' ich brauche? + +Else war schon zwölf Jahre alt, die Älteste von fünf Geschwistern, +und fand, daß sie's im allgemeinen doch recht unruhig habe! Alle +Augenblicke begehrte jemand anderes ihre Dienste, von einer schönen +Geschichte konnte sie wohl zehnmal abgerufen werden. Sie wußte keine +von all' ihren Freundinnen, der so viel zugemutet wurde. Heute war +sie mit einer Geburtstagsarbeit für Alice Baumann, ihre liebste +Freundin, beschäftigt; sie wurde so hübsch, Else mochte sich nicht +von dem zierlichen Nadelkissen trennen, eh' es fertig war. Blaue +Seide mit weißen Spitzen und Schleifchen! Sie hob wieder den Blick +zur Uhr. Dreiviertel! Da reichte es gut auch noch zur Aufhängeschnur. +Nein, wie diese dumme Schnur sich verwickelte! Einen so aufzuhalten! +Und nun hatte sie dieselbe gar auf die verkehrte Seite genäht vor +Aufregung und Eile! Wenn man sich auch so abhetzen muß! Else hatte +ordentlich Mitleid mit sich selbst. Zwei Minuten bis zwölf! Jetzt galt +es aber, voran zu machen. Schnell das Tischtuch aus dem Schrank, die +Teller vom Büffet, wie dumm das Salzfaß im Wege stand, es fiel bei der +kleinsten Berührung mit dem Ellbogen um und streute seinen Inhalt auf +den Fußboden! Zum Aufkehren hatte man jetzt keine Zeit, nur schnell +das ganze Häufchen unter den Schrank, gleich nach Tisch wollte Else es +wegnehmen. Da, ein Geschrei im Nebenzimmer. Natürlich, nun mußte Hans +aufwachen, er wachte ja immer auf, wenn er möglichst ungeschickt kam. +Else hatte das Amt, ihn alsdann in sein Kleidchen zu stecken und ihm, +ehe sich die Großen zu Tisch setzten, seine Suppe zu geben. Das hatte +sie vorhin in ihrer Zeitrechnung vergessen, wer kann aber auch an alles +denken? »Sei still, Hänschen,« rief sie eilig ins Schlafzimmer hinein, +»ich komme im Augenblick.« Der Kleine fuhr aber fort zu schreien und +die Mutter ließ ihre Küche im Stich, um nachzusehen, wo es fehle. In +diesem Augenblick ging die Haustür, der Vater trat ein, gefolgt von +einem Herrn, den er als Gast mitbrachte. Er ließ auch zugleich Max +und Konrad, die aus der Schule kamen und Klein-Gretchen, das sich im +Garten vergnügt hatte, herein. »Else, weshalb siehst du nicht nach +dem Kleinen?« rief die Mutter; aber sie schwieg traurig, als sie den +ungedeckten Tisch sah, der erst schwache Anfänge zu einer Eßgelegenheit +zeigte. Nun wußte sie schon, woran sie war. »Komm Konrad, hilf schnell, +den Tisch zu decken, aber sieh, daß nichts fehlt,« damit eilte die +Mutter nochmals in die Küche, um dem Mädchen die letzten Anweisungen +zu geben, und dann zu Hänschen, um ihn zu beruhigen und anzuziehen. +Der Vater war mit dem Gast eingetreten. Er liebte es sehr, wenn er in +den wenigen Stunden, die er im Kreis seiner Familie zubringen konnte, +alles gemütlich und hübsch in Ordnung, die Kinder fröhlich, den Tisch +gedeckt und seine Frau »für ihn zu haben« fand. Und dazu heute, wo +er einen Jugendfreund, den er lange nicht gesehen hatte, mitbrachte! +So zog er unwillig die Augenbrauen zusammen, als im Wohnzimmer ein +Gelaufe, wie im Ameisenhaufen, war. Konrad vollzog seine Mithilfe an +der Arbeit mit großem Geräusch und nicht ohne anzügliche Bemerkungen +gegen Else. »Wieder einmal gelesen?« fragte er sachverständig. Else +hatte aber nicht gelesen, sondern fleißig gearbeitet und brauchte sich +derartige Bemerkungen nicht gefallen zu lassen. Sie war überhaupt +aufgeregt, gab dem Bruder eine heftige Antwort und zerbrach auch +ein Glas, eins von den geschliffenen, die Mama zu Ehren des Gastes +herausgegeben hatte. + +Die Mutter erschien, als sie den Kleinen endlich beruhigt und sich +selbst und Hänschen etwas präsentabel gemacht hatte, müde und +abgespannt bei Tisch und mußte Hänschen auf dem Schoß haben, weil er +seine Suppe nun erst mit den Großen essen konnte. + +Schade, es war lang nicht so gemütlich wie sonst, der Gast hätte +einen besseren Eindruck vom Hause bekommen können, und das bedrückte +die Mutter, die wohl wußte, wie viel der Vater darauf hielt. Die +Herren mußten auch gleich nach Tisch wieder fort, es hatte vorher +so lang gedauert; nun war auch das behagliche Viertelstündchen nach +Tisch, das der Vater so liebte, für heute verscherzt. Else ging mit +unglücklichem Gesicht umher, sie hätte gern gewußt, ob es noch jemanden +gehe wie ihr. Immer kam alles Unangenehme zusammen! Die Mutter hatte +nicht gescholten, sie hatte nur gesagt: »Wann wirst du je anfangen, +zuverlässig zu werden?« Und Else leistete doch so viel für ihr Alter, +nur allerdings nicht immer gerade das, was man von ihr voraussetzte und +nicht immer genau zu der Zeit, wo man es erwartete. + +Es war am Nachmittag, der heute schulfrei war. Auf vier Uhr war Else +zu der Geburtstagfeier eingeladen. Das Kissen lag hübsch verpackt in +Seidenpapier, warum war ihr nur die ganze Freude daran verdorben? +Elsens Blick fiel auf den Bücherschrank. Eigentlich hätte sie jetzt +ihre Aufgaben machen sollen, ja so, und die Mutter hatte sie gebeten, +Hänschen ein wenig zu beaufsichtigen, da sie ein Weilchen ruhen +wollte. Aber da war noch das Buch, das Max, wie er sagte, heute abend +seinem Kameraden zurückgeben wollte, und Else hatte solch eine schöne +Geschichte darin angefangen. Das ließ sich ja auch alles ganz gut +vereinigen. Mit den Aufgaben wurde sie noch lange fertig und im Notfall +konnten sie auch abends gemacht werden. Ausnahmsweise, gewöhnlich +sollte das ja nicht sein. Und Hänschen? Nun der krabbelte vergnüglich +am Boden umher und konnte sich ganz schön selbst beschäftigen. Else +fand, daß er viel liebenswürdiger war, wenn man ihn sich selbst +überließ. So konnte sie gut ein Weilchen lesen. Einen Augenblick +hatte sie zwar ein unbestimmtes Gefühl, als ob es vorher noch etwas +Dringendes für sie zu erledigen gäbe; was war es nur gleich? Ach +richtig, das Salzhäufchen unter dem Schrank! Das mußte weg, gleich +nachher. Dann war sie mitten im Urwald, unter Schlangen und mutigen +Reisenden, die große Taten vollbrachten. Was waren das für herrliche +Menschen! Else wollte später auch viel Gutes und Schönes ausführen, sie +wußte nur für den Augenblick nicht recht, was? Aber das fand sich! + +Aus der einen Geschichte wurden zwei. Else saß mit glühendem Gesicht +und atmete kaum. Es waren zu schöne Geschichten! Und Hänschen war so +artig und still, wunderbar! Aber jetzt war's halb vier Uhr. Und Else +mußte sich noch umziehen, die Mutter hatte das neue Sonntagskleid +gestattet. Flugs hinein, das Kissen zur Hand und dann fort! Denn Alice +wohnte ziemlich weit weg und Else wollte nicht zuletzt kommen. + +So ganz behaglich war's ihr diesmal nicht in der fröhlichen +Gesellschaft. Erstens hatte sie einen ganz heißen Kopf und erregte +Sinne von dem hastigen Lesen, dann waren auch noch die Schulaufgaben +sämtlich unerledigt und dann, sie hatte gar nicht gemerkt, daß Mama +das am Ofen sitzende Hänschen mit beschmutztem Kleidchen und schwarzen +Händchen weggenommen und stillschweigend gereinigt hatte. Sie hatte +es erst nachträglich durch Max erfahren, natürlich nicht ohne +brüderliche Seitenhiebe. Aber es war doch nicht ganz angenehm. Wenn +Mama nicht schalt, war sie traurig, und merkwürdig, das war noch viel +unbehaglicher, obgleich sich Else nicht gern schelten ließ. + +In der Gesellschaft war viel die Rede von einem großen Zirkus, der für +einige Zeit in der Stadt war. Else wußte auch davon, der Vater hatte +so halb und halb versprochen, einmal mit seinen drei größeren Kindern +und der Mutter hinzugehen, und sie freute sich längst darauf. Sie nahm +sich auch vor, gleich heute noch beim Abendessen den Vater darum zu +bestürmen, es war ein großartiges, anziehendes Programm, das mußte man +gesehen haben. + +Ganz hingenommen von diesen Gedanken kam sie nach Hause. + +Die Brüder hatten Sonntagskleider an, blätterten in merkwürdiger +Eintracht in dem großen zoologischen Atlas des Vaters und machten +dazu eifrige Bemerkungen. Else wunderte sich darüber, bekam aber +sogleich die Mahnung: »Leise, Hänschen ist krank, Mama sitzt bei ihm am +Bettchen.« + +»Du kannst dein Sonntagskleid anbehalten, Else,« empfing die Mutter das +Töchterlein, »Papa will mit euch dreien und seinem Freund, der auch ein +Töchterlein mit hierher gebracht hat, in den Zirkus gehen.« + +»Deine Aufgaben sind ja doch wohl fertig? Eigentlich sollte ich dir +heute das Vergnügen nicht gestatten, denn du versäumst jetzt gerade so +oft deine kleinen Pflichten, aber ich hoffe, du merkst dir's endlich -- +ich kann ja leider auch nicht mitgehen. Hänschen ist nicht wohl, ich +weiß nicht, was mit dem Kind ist, es muß etwas Unpassendes gegessen +haben.« Else wurde es heiß und kalt! Erstens keine Möglichkeit, mit +in den Zirkus zu gehen, denn die Aufgaben standen noch riesengroß da +zur Erledigung. Und der Vater, wie würde der unzufrieden sein! Und die +Brüder würden spotten! Und auf morgen früh verschieben ging nicht, das +gestatteten die Eltern nie. + +Und zudem! Was hatte Hänschen wohl geschluckt? Else erinnerte sich +jetzt deutlich, daß sie während des Lesens immer ein Gefühl gehabt +habe, als stecke der kleine Bursche etwas ins Mäulchen, das nicht +hineingehöre, es hatte so geknirscht! Ja richtig, das Salz! Else +stürzte fort, die Mutter kam ihr erstaunt nach. Da kniete sie am Boden +und brachte die Reste des Häufchens zum Vorschein, den weitaus größten +Teil hatte der Kleine geschluckt. + +Erstaunt und betrübt hörte die Mutter den Bericht mit an, den +Else gab. Es war eine Kette von kleinen Versäumnissen. Else hatte +alles tun wollen, was sie sollte, »im Augenblick,« nur nicht im +zunächstliegenden, und so war es dann gar nicht geschehen. + +Das war ein gestörter Abend. Der Vater ging mit den Brüdern allein, er +hatte nur gesagt: »Hoffentlich muß der arme kleine Kerl nicht zu sehr +den Leichtsinn seiner Schwester büßen,« nichts davon, daß es ihm leid +sei, Else nicht mitnehmen zu können. + +Das war dieser noch das härteste. Sie saß im einsamen Wohnzimmer und +schrieb und rechnete, aber dazwischen tropften schwere Tränen auf die +Hefte. Da trat die Mutter ein. »Hänschen schläft jetzt,« sagte sie, +»ich hoffe, es schadet ihm weiter nichts; nun ich wußte, womit er sich +den Magen verdorben, konnte ich dagegen wirken.« + +Dann gegenseitige Stille. Else kämpfte mit sich. Eigentlich hatte sie +doch nichts verbrochen, es war nur ungeschickt gegangen! Nein, doch, +sie wußte es ja besser, gewiß, es sollte anders werden. + +»Mama,« Else hob das verweinte Gesicht. »Ja? Was ist's?« fragte die +Mutter ein wenig müde, sie hatte heute schon so viel Aufregung gehabt. +»Ich möchte, -- ich will gewiß, -- ach, Mama, kannst du mich denn noch +lieb haben?« + +Jetzt war Else ein ganzes Kind, reuig, trost- und liebebedürftig; sie +hatte den Kopf in der Mutter Schoß gelegt und schluchzte sich alles vom +Herzen herunter, was Drückendes, Unartiges, Störendes drin war. Und +die Mutter tröstete jetzt das große Kind, wie vorher das kleine, und +half ihm mit mütterlichen Worten ins rechte Geleise. Denn es ist bei +der Mutter gleich, ob sich die Kleinen oder die Großen verirren, die +Hauptsache ist, daß das Kind den Heimweg sucht und dazu nach der Hand +der Mutter greift. + +Und als Else hernach beschwichtigt und erleichtert in ihrem Bett lag, +gab ihr die Mutter noch als Schutz- und Trutzmittel für den neuen Weg, +den sie wandern wollte, ein Verslein mit, »das bete jeden Tag von +Herzen, so wird dir's der liebe Gott gelingen lassen: + + Gib, daß ich tu' mit Fleiß, + Was mir zu tun gebühret, + Wozu mich dein Befehl in meinem Stande führet, + Gib, daß ich's tue bald, zu der Zeit, da ich soll, + Und dann gerate mir's durch deinen Segen wohl.« + + + + + 14. Angelika. + + +»Aufgepaßt!« + +Christian, der stämmige Stallknecht, rief aus den dichten Zweigen +des großen Apfelbaums, der so voll hing mit reifen Äpfeln, daß er im +Sonnenschein aussah wie ein rotes Dach. Dann rüttelte und schüttelte er +so nachdrücklich an den Ästen, daß es anfing zu prasseln und in kurzer +Zeit der Boden ringsumher ganz bedeckt war mit den schönen Früchten. + +»Au, au, hör auf! Hör einmal auf, Christian! Die Äpfel zerfallen +aufeinander, so viele liegen schon da! Man muß zuerst diese auflesen!« + +So tönte es nun durcheinander, denn es war eine große Gesellschaft in +dem Obstgarten versammelt. Da waren zuerst die sechs Kinder des Herrn +Amtmanns, dem der Garten gehörte, von Wilhelm, dem großen Lateinschüler +an, bis herab zu dem jüngsten, zweijährigen Schwesterlein. Dann +waren noch die Buben aus dem Pfarrhaus da und die Kinder des Herrn +Schultheißen. Es war ein lustiges, lebhaftes Häuflein, das da +durcheinander purzelte, krabbelte, lachte und sich neben der fleißigen +Arbeit her die Äpfel schmecken ließ. + +Das Oberkommando führte Heinerike, die alte Magd des Amtshauses. Sie +verstand das Regieren aus dem Fundament, und wenn ihr auch selber das +Bücken ein wenig sauer geschah, so konnte sie die Kinder um so besser +dazu anleiten. So wurde in hellem Vergnügen ein Sack nach dem andern +gefüllt. Angelika, das siebenjährige Töchterlein des Hauses, hatte +schon seit einer Weile angefangen, die allergrößten Äpfel auf ein +besonderes Häufchen zu legen. Jetzt schienen es genug zu sein, denn +sie packte alle zusammen in ihre weite Ärmelschürze und steuerte, so +schnell es mit der gewaltigen Last ging, auf das Lattentürchen zu, das +aus dem Obstgarten nach dem Blumengärtlein hinführte. Dort stand eine +dichtbewachsene Laube und in diese trat Angelika ein. + +»Großvater,« rief sie schon von weitem, »sieh nur, Großvater, so +große prachtvolle Äpfel gibt's heute! Ich habe dir die allerschönsten +herausgelesen, du mußt sie behalten!« + +Der Großvater stellte lächelnd seine lange Pfeife neben sich an die +Wand und strich leise mit der Hand über die frischen runden Backen des +kleinen Mädchens. + +»So, und die schönsten bringst du mir? Das ist brav,« lobte er dann. +»Aber was soll denn der Großvater damit anfangen? Er kann die Äpfel ja +nicht mehr beißen!« + +Daran hatte Angelika freilich nicht gedacht. Sie sah bedauernd in +ihr Schürzchen und sagte dann: »Dann mußt du sie wenigstens ansehen, +Großvater! Sie sind ganz furchtbar groß, du siehst sie schon!« Und sie +hielt dem Großvater einen der schönsten ganz dicht vor die Augen. + +Der Großvater griff mit der Hand nach dem Apfel. »Daß er groß ist, das +fühle ich schon,« sagte er. »Aber sehen kann ich ihn doch nicht. Du +mußt aber deswegen nicht traurig sein. Ich habe in meinem Leben schon +so viele schöne Äpfel gesehen, da kann ich mir nun ganz gut denken, wie +dieser aussieht.« + +Der Großvater war nämlich schwer krank gewesen und als es ihm sonst +wieder besser ging, da waren seine Augen ganz allmählich immer +schwächer geworden. Jetzt hatte er noch einen Schein in dem einen Auge, +so daß er unterscheiden konnte, ob es hell oder dunkel um ihn her sei. + +Weil er aber schon die ganze Zeit seines Lebens in diesem Haus +und Garten gewohnt hatte, so konnte er, ohne daß man ihn führte, +umhergehen und seine Lieblingsplätzchen aufsuchen. Am liebsten saß er +in der Laube, und die Kinder waren dann oft bei ihm, besonders Angelika. + +Den Großvater hatte seine Blindheit nicht unglücklich oder auch +verdrießlich und mürrisch gemacht. Er dachte, der liebe Gott werde +schon wissen, wozu er ihm das geschickt habe, und so wolle er dann +damit zufrieden und geduldig sein. Und dann fiel dem Großvater, wenn er +so still für sich dasaß, so vieles aus seinem vergangenen Leben ein, +er dachte an alle seine Lieben, die niemand auf der Welt mehr sehen +konnte, weil sie schon lang vom lieben Gott heimgeholt worden waren. +Und alles wurde ihm so lebendig, daß er es wirklich zu sehen meinte; da +vergaß er dann manchmal ganz, daß er blind war. + +Für Angelika war es herrlich, daß der Großvater so viel Zeit hatte. +Es ereignete sich immer so viel, was notwendig mit jemand besprochen +werden mußte; das konnte man alles sehr gut beim Großvater anbringen. +Und es war schöner als alle Geschichten, die es gab, wenn der Großvater +anfing, aus seiner Kindheit zu erzählen. Aus dem Hungerjahr, wo +die Leute Klee- und Baumrinde unter das Brotmehl mischten, und aus +Kriegszeiten und dann auch noch viel Erfreuliches. + +Heute hatte das Kind etwas Besonderes auf dem Herzen. Es legte die +Äpfel alle auf den Tisch, zog sich dann ein Schemelchen heran und +sagte: »Großvater, warum heiße ich Angelika? Niemand heißt so, als nur +ich! Des Schultheißen Christoph hat gesagt, vielleicht habe einmal, wie +ich noch klein gewesen sei, jemand so geheißen und dann habe man mich +deshalb so getauft.« + +»Da hat der Christoph nicht so unrecht,« sagte der Großvater. »Es hat +einmal jemand so geheißen wie du, aber das ist schon so lange her, so +lang, daß außer mir niemand mehr lebt, der sie gekannt hat.« + +[Illustration] + +Es war so ein merkwürdiger Ausdruck in des Großvaters Gesicht gekommen, +wie ihn Angelika noch nie gesehen hatte. Fast wie wenn er weinen +wollte. Das durfte nicht sein! »Großvater, sei nur zufrieden, es macht +nichts. Ich will dann gern so heißen. Die Mutter hat auch gesagt, es +sei gar nicht ungeschickt, man wisse gleich, wen man meine, wenn sonst +niemand da sei, der Angelika heiße.« + +Aber der Großvater war noch nicht gleich wieder wie sonst. Er fühlte +den dicken braunen Zopf an, der bei Angelika hinten gerade hinausstand +und die kurzen, krausen Härchen, die sich überall herausdrängten, und +schüttelte immer den Kopf dazu. »Sie sah ganz anders aus,« sagte er +leise vor sich hin, »ganz anders.« + +Das alles erweckte Angelikas Interesse. »Wer, Großvater?« fragte sie +fast ein wenig schüchtern. + +»Die, nach der man dich geheißen hat,« sagte der Großvater. »Sie war +mein Schwesterlein, ich habe nie mehr so etwas Liebliches gesehen.« + +»O, erzähl' mir von ihr? War sie so groß wie ich? O, erzähl' mir alles, +was du weißt von ihr!« Angelika kam ganz in Eifer, denn nun auf einmal +von jemand zu hören, der so hieß wie sie, und der keine alte Frau war, +sondern ein kleines Mädchen, das war ein wichtiges Ereignis. + +»Sie war so groß wie du, als sie zu den Engelein ging,« sagte der +Großvater. »Hast du schon deine Aufgaben gelernt? Ja? Dann kannst du +dableiben und ich will dir von ihr erzählen.« + +»Ich war,« fing der Großvater an, »vier Jahre alt, so alt wie Martin +jetzt ist, aber größer und fester als er. Geschwister hatte ich noch +nicht und ich dachte auch nicht daran, daß mir das fehle. An einem +Sonntagmorgen aber kam der Vater an mein Bettchen und hielt ein großes, +weißes Bündel im Arm. Das war ein Tragkissen, und darin lag ein ganz +kleines, zartes Menschenkindlein, das guckte mit großen blauen Augen +hell um sich. ›Freu dich, Hermann,‹ sagte der Vater, ›Du hast ein +Schwesterlein bekommen. Gib ihm einen Kuß aufs Bäckchen, aber sachte, +sachte, daß es nicht schreit.‹ + +»War das ein Jubel! Es gab so viel Neues, Ungewohntes jetzt, das +Schwesterlein war so interessant! Wenn es gebadet wurde und dann wohlig +plätscherte und strampelte, oder wenn es seine Milch trank und nachher +anfing zu ›krägeln‹, du weißt ja, wie das ist.« »Ja, ja, man meint, es +wolle anfangen zu sprechen und kann doch noch nicht,« sagte Angelika +eifrig. Sie war ganz bei der Sache. + +»Einmal fragte ich die Mutter: ›Sag, heißt es nur Schwesterlein und +sonst nichts?‹ Da lachte sie und sagte: ›Am Sonntag soll es getauft +werden! Paß nur gut auf, wie der Herr Pfarrer dann sagt, so heißt es +dann immer.‹ Von da an war ich sehr begierig auf den Sonntag. In der +Nacht hörte ich aber ein Gespräch der Eltern mit an. + +»›Nein, nicht nach mir,‹ sagte die Mutter. ›Siehst du, es ist so zart +und lieblich und fein, es sieht aus wie die Engelein, und da möchte ich +so gern, daß es auch der Engelein Namen trage. Wir wollen es Angelika +heißen.‹ + +»›Ich habe nichts dagegen,‹ sagte der Vater. ›Und Gott behüte unser +Kindlein, daß die Engelein allezeit bei ihm bleiben.‹ + +»Da wußte ich, wie der Herr Pfarrer das Schwesterlein heißen werde. Das +wuchs fröhlich heran. Ich sei, sagte die Mutter, ein rechter kleiner +Schreihals gewesen, da kam es ihr fast wunderbar vor, wie sanft und +still das Schwesterlein war. Es konnte stundenlang in seinem Wägelchen +liegen und mit den Händchen spielen, und wenn man dann herkam, lachte +es einen an. Ich war ganz glücklich, als es mich zum erstenmal am +Haar zupfte und meine Finger mit seinen Händchen umschloß. ›Gelt, es +ist nur ~mein~ Schwesterlein und sonst gar niemands?‹ fragte ich +die Mutter immer wieder und dann war ich froh und stolz, wenn sie es +bejahte. + +»Als es ein Jahr alt war, trippelte mein Schwesterlein schon ganz flink +auf seinen eigenen Füßchen daher. Ich brauchte ihm nur einen Finger zu +geben, so durchwanderte es den ganzen Garten mit mir. + +»Wir hatten damals einen alten Kutscher Namens Leonhard. Der blieb +allemal stehen, wenn das Kleine aus dem Haus kam und kratzte sich +hinter den Ohren. ›Wenn's nur nicht davonfliegt, das Engelein,‹ sagte +er dann vor sich hin. ›Es tun ihm nur noch die Flügel fehlen.‹ + +»Ich lachte vergnügt darüber, denn das gefiel mir, daß der alte +Brummbär das Schwesterlein mit einem Engelein verglich. Mit dem +Davonfliegen, dachte ich, habe das keine Not. + +»Ja, gelt, es hat ja keine Flügel gehabt,« bestätigte Angelika. + +»Wenigstens damals noch nicht,« sagte der Großvater so vor sich hin. +Dann fuhr er fort: »Ich kann dir das nicht mehr alles erzählen, +obgleich ich's noch ganz genau weiß, wie es sprechen lernte und fast +von selbst alle kleinen Liedchen der Mutter nachsingen konnte. Und +wie es dann anfing, mit seinen Puppen gerade so zu hausen, wie es das +bei den großen Leuten sah. Als ich sechs Jahre alt war, mußte ich zur +Schule. Und es gab einen großen Jammer, als das Schwesterlein einsehen +mußte, daß es da nicht mit konnte. + +»Aber eines Tages ging die Türe auf, als wir tüchtig am Einmaleins +waren und herein trippelte, gerade auf mich los, ›das Engele‹, wie es +im Dorf allgemein hieß, mein kleines Schwesterlein mit seinen langen +goldigen Locken. Es trug ein Stückchen Backwerk im Händchen. Das hatte +es geschenkt bekommen und ich sollte, wie immer, die Hälfte abbeißen. + +»Von da an neckten mich die Buben immer. Und ich dachte dann machmal, +daß ich nun auch zu groß sei, um immer mit einem kleinen Mädchen zu +spielen. Auf dem großen Spielplatz am Brunnen war es so lustig. Ich war +der Anführer bei allen wilden Spielen, und Angelika konnte da nicht +mittun. Sie blieb daheim bei der Mutter und unterhielt sich stundenlang +allein im Garten. Wenn ich manchmal am Sonntag oder so mit ihr +hinunterging, so war ich ganz verwundert, was sie mir alles zu erzählen +wußte. + +»Du bist ein Fabelhans, Engele,« sagte ich einmal, als sie mir ganz +ernsthaft berichtete, was ihr die Vögelein, die ihr Nest in der +Stachelbeerhecke bauten, erzählt hätten und daß das grüne Eidechschen, +das zu unsern Füßen durchs Laub raschelte, eine Mama sei und kleine +Kinder zu Haus habe. + +»Angelika war vier Jahre alt, als des Bachbauern Liesle starb, +ein kleines schwächliches Dinglein. ›Dem armen Tröpfle ist's +wohlgegangen,‹ sagte Kätter unsere Magd, als sie von der Beerdigung +heimkam. + +»Angelika war mitgewesen. ›Warum ist's ihm wohlgegangen?‹ wollte sie +wissen. ›Wenn man's doch in das tiefe Loch hinunter getan hat?‹ ›Ach +du lieber Gott, paßt das Kind auf,‹ sagte die Kätter, und die Mutter +erklärte: ›Der liebe Heiland läßt es nicht in dem Loch, er schickt +seine Engelein, die tragen es in den Himmel.‹ + +»Am andern Tag begrub Angelika ihre liebste Puppe Toni im Garten unter +einem Himbeerbusch. Dann saß sie lange mäuschenstill gegenüber. Und als +ich sie holen wollte, legte sie ihr Fingerchen auf den Mund: ›Bscht! +Sei leise! Ich muß warten, bis die Engelein kommen und die Toni in den +Himmel tragen.‹ Damals war ich schon ein großer Schüler, der nächstens +in die Stadtschule kommen sollte, so konnte ich mit großer Weisheit +erklären: ›Dumms Dingle, Puppen kommen nicht in den Himmel.‹ + +»Ich nehme aber die Toni mit, wenn ich hineingehe, beharrte Angelika +und dabei blieb sie, obgleich ich versicherte, wenn man einmal ganz alt +sei und in den Himmel komme, brauche man keine Puppen mehr. + +»Als ich das erstemal nach halbjähriger Abwesenheit wieder nach Hause +kam, war Angelika fünf Jahre alt. Ich war jetzt für die ganze Schulzeit +bei dem Onkel in der Stadt einquartiert und kam nur in den Ferien heim. +In der Stadt lebte ich mit so viel Buben zusammen und Mädchen sah ich +nur von weitem. Da war ich's gar nicht mehr gewöhnt, mit Puppen und +Kochgeschirren umzugehen, und sagte das auch dem Schwesterlein, als es +mich feierlich zum Puppenvater ernannte. + +»Das ›Engele‹ sah mich mit seinen großen blauen Augen nachdenklich +an, dann sagte es: ›O das tut nichts; die Kinder setzen wir nur ins +Rondell, sie sind sehr artig. Dann kann ich gut mit dir spazieren +gehen, Hermännle. Es sind junge Geißlein bei der Webergret, die müssen +wir ansehen.‹ Da wußte ich, daß Angelika ganz und gar Beschlag auf mich +legen wollte, und es fiel mir ein, daß es nur ~mein~ Schwesterlein +sei und sonst niemand's, und wir verbrachten unsere Zeit wieder +zusammen, wie früher. + +»Bei der Webergret war es nun allerdings genußreich. Die zwei kleinen +Geißlein, die im Stall herumhüpften, waren so zierlich und possierlich, +daß wir uns fast nicht trennen konnten. Angelika sprach mit ihnen +wie mit Menschen. ›Komm, komm, du Kleines,‹ sagte sie und tätschelte +das Weiße mit ihrem kleinen Händchen, ›du mußt das Schwarze auch zum +Tröglein herlassen! Denk einmal, wie bös das ist, wenn man alles allein +haben will!‹ + +»Die Webergret sah immerfort ganz entzückt mein Schwesterlein an. Das +tat mir wohl, es war mir fast, als ob ich mit schuld sei, daß es so +herzig war. Aber dann schüttelte das Weib ernsthaft den Kopf. ›Auch +gar nichts hinwachsen tut an das Kindlein,‹ brummte es. ›So feine +Gliedlein wie von Wachs, und so Augen, so Augen! Und hat doch eine +Pfleg! ich weiß, eine Pfleg wie ein Prinzeßlein!‹ Es wurde mir ein +wenig unheimlich, ich zog das Engele mit mir fort und erzählte daheim +bei Tisch den Eltern, was die Webergret gesagt habe. Sie tauschten +einen langen Blick und die Mutter drückte heftig das blonde Köpflein an +sich. Ich verstand das damals nicht, es ist mir aber später noch oft +eingefallen.« + +Der Großvater schwieg eine Weile und nickte ein paarmal mit dem Kopf, +so, als ob ihm immer wieder etwas einfalle, was zu der Geschichte +gehöre. Das wilde kleine Mädchen, das sonst, wie jedes behauptete, gar +nicht wußte, was still sein heißt, rührte sich nicht. Es hatte sich +so in des Großvaters Erzählung hineingelebt, daß es nicht mehr daran +dachte, daß man drüben im Garten Äpfel schüttle und daß es sich hatte +ein ›Maugennest‹ anlegen wollen. »Weiter, o weiter, Großvater,« sagte +Angelika endlich und tat einen tiefen Atemzug. + +»Ja so, ja,« sagte der Großvater. + +»Einmal kam ich auch in die Vakanz. Es war einige Tage vor Ostern. +Ich war nicht recht wohl, hatte Kopfweh und war müde und der Vater +sagte: ›Das ist wohl vom Wachsen und vom Lernen zusammen.‹ ›Wollen +ihn schon herauspflegen,‹ sagte die Kätter, die gerade durchs Zimmer +ging. Angelika war ein wenig blaß und war gewachsen, seit ich sie nicht +gesehen hatte. ›Sie ist fast den ganzen Winter im Zimmer gewesen,‹ +sagte die Mutter. ›Sie hatte soviel Husten. Aber jetzt, wo die +Sonne so warm scheint, darf mein Vögelein wieder hinaus.‹ Da wurden +die schmalen Bäckchen rot vor Freude. ›Hermännle,‹ sagte Angelika, +›am allerschönsten ist's draußen am Steinbühl. Dort gibt's jetzt +Palmkätzchen und Schäfchen und Schlüsselblumen. Gelt, wir gehen gleich +nach dem Essen hinaus? Es ist nicht so weit, das ist recht, weil du so +müde bist. Und ich auch,‹ setzte sie hinzu. + +»Es war ein wunderschöner Frühlingstag, der Gründonnerstag, an dem +wir zwei Hand in Hand an den Steinbühl gingen. Leonhard stand unter +der Stalltüre, als wir den Hof verließen. Er hatte inzwischen ganz +weiße Haare bekommen und hatte sich angewöhnt, halblaut vor sich hin +zu reden. Als er uns beide sah, fuhr er sich über die Augen und sagte: +›Ja, ja, werden's schon sehen! Hab's schon lang gesagt! Es fliegt schon +noch davon! Werden's schon sehen!‹ + +»Da lachte das ›Engele‹ hell und lustig: ›Wer fliegt davon, Leonhard? +Paß auch gut auf, wenn der Osterhase in den Garten läuft, daß du ihn +nicht verscheuchst! Und sag: er soll mir ein Springseil legen und einen +Bücherranzen, ich komme jetzt dann in die große Schule!‹ Aber der Alte +brummelte weiter und wir zogen aus. + +»›Weißt du, Hermännle,‹ plauderte Angelika, als wir auf der Lattenbank +unter der Buche am Steinbühl saßen, ›weißt du, manches ist so +sonderbar! Gestern hat die Kätter Zwiebel gesteckt und Gelbrüben +gesät. Wie können denn da große Stöcke herauswachsen aus so kleinen +Kernlein?‹ ›Das läßt eben der liebe Gott wachsen,‹ sagte ich ein wenig +gedankenlos. Ich wollte gern von lustigeren Sachen schwatzen. Aber +mein Schwesterlein war noch nicht fertig. ›Die Kätter sagt,‹ fuhr sie +fort, ›die Engelein kommen in der Nacht und gießen mit silbernen Kannen +Wasser auf die Beete. Ich möchte sie nur ein einziges Mal sehen und den +lieben Gott!‹ ›Das kann man nicht,‹ belehrte ich. ›Das kann man erst im +Himmel. Komm, wir nehmen junge Brennessel mit heim für die Hasen. Man +kann sie mit dem Taschentuch abrupfen.‹ + +»Angelika legte gehorsam mit Hand an und pflückte dann noch ein +Sträußchen für die Mutter. Auf einmal tat sie einen lauten Ausruf des +Entzückens. ›O, o, sieh nur,‹ rief sie. ›Lauter weiße und rosa und +goldene Wölkchen am Himmel. Da wo er aufhört, es ist gar nicht weit! O, +wenn wir nur geschwind hinlaufen könnten! Die Kätter hat gesagt, wenn +es so aussehe, dann sei das Himmelsfenster offen und die Engelein sehen +heraus!‹ + +»›Die Kätter versteht etwas rechtes davon,‹ sagte ich etwas brummig. +Es war mir gar nicht wohl und ich wollte viel lieber nach Haus, als +den Engelein nachlaufen, die man ja doch nicht finden konnte. Als ich +das sagte, sah mich Angelika so eigen an, daß ich beinahe nachgegeben +hätte. Aber dann sagte sie: ›Weißt du was, Hermännle, dann geh du +voraus heim. Ich ~muß~ nur noch ein ganz kleines Weilchen zusehen. +Siehst du, man sieht die Sonne gut noch! Und die Mutter hat gesagt, ich +dürfe draußen bleiben, so lang die Sonne scheint!‹ + +»Ich wollte nicht gern allein nach Hause, aber ich fühlte mich immer +übler und Angelika konnte ja schon noch eine Weile die farbigen +Wölkchen ansehen. So ging ich richtig voraus. Als ich mich noch einmal +umsah, stand sie immer noch am gleichen Fleck und sah regungslos in den +Himmel hinein.« + +Der Großvater machte wieder eine Pause. Dann sagte er: »Und dann habe +ich sie nicht mehr gesehen. Als ich nach Hause kam, schlugen mir die +Zähne zusammen vor Frost und mein Kopf glühte. ›Ich sag's ja, der Bub +ist krank und das rechtschaffen,‹ rief die Kätter, als sie mich sah. +Dann wurde ich zu Bett geschafft und der Leonhard nach dem Doktor +geschickt. ›Wo ist Angelika?‹ fragte die Mutter, und wie im Traum sagte +ich: ›Sie kommt dann gleich nach!‹ Als ich wieder erwachte, saß die +Mutter an meinem Bett und hatte ein schwarzes Kleid an. Sie küßte mich +viele Male und rief den Vater herbei und der schloß mich auch in die +Arme. ›Wo ist Angelika?‹ begehrte ich dann zu wissen und wunderte mich, +daß sich die Mutter abwandte und der Vater so ernst sagte: ›Du kannst +sie jetzt nicht sehen!‹ Aber dann schloß ich wieder die Augen. Ich war +noch so müde, denn ich war am Scharlachfieber lange krank gewesen, ohne +etwas von mir zu wissen.« + +»Aber wo war denn die Angelika,« rief die Enkelin in großer Erregung. +»Ist sie damals nicht heimgekommen?« + +»Doch,« sagte der Großvater. »Sie kam, als es dunkel war, in des +Doktors Wagen nach Hause. Das weiß ich, die Mutter hat mir's später +erzählt. Sie hatte lange die flammenden Wölkchen angesehen und es war +ein immer größeres Verlangen in ihr aufgestiegen, sie in der Nähe zu +betrachten, da, wo sie die Erde berührten. Es könnte ja am Ende doch +sein, daß die Engelein da herausschauen, dachte sie. So fing sie an, +zu laufen. Über die Brachfelder hin, dem Wald zu, über dem der Himmel +in flammender Röte stand. Nur zog sich der Weg so sehr in die Länge +und Angelika wurde immer müder. Es fing auch an, dunkel zu werden +und nun schwand eines der prächtigen Wölkchen nach dem andern. Da +blieb das Kind auf dem Felde stehen und schaute sehnsüchtig nach der +verschwindenden Pracht. So fand es der Doktor, der, zu mir gerufen, +vorbeifuhr und dem die kleine Gestalt bekannt vorkam. »Ich bringe noch +einen Patienten mit,« sagte er, als ihn der Vater an der Haustüre +empfing. Das ›Engele‹ war blaß und müde und hustete stark. Am Abend +kam ein heftiges Fieber und am Osterfest haben die Engelein unser +›Engele‹ in den Himmel getragen. ›Du darfst nicht böse sein, Mutter, +ich wollte nur geschwind die Engelein sehen,‹ sagte Angelika einmal in +ihrer Krankheit. ›Ich möchte sie so gern sehen.‹ ›Sie kommen zu dir, +liebes Kind, du brauchst sie nicht zu suchen,‹ antwortete die Mutter. +Da glänzten die großen blauen Augen noch einmal wie früher. Und dann +schlossen sie sich, um sich im Himmel wieder aufzutun. Als ich wieder +hinaus durfte in den Sonnenschein, führte mich die Mutter an der Hand. +Es war schon acht Wochen her, seit unser ›Engele‹ davongeflogen war. +Wir gingen durch das dunkle Gitter in den sonnigen Friedhof und setzten +uns auf ein Mäuerchen, dem kleinen Grab gegenüber. Es hatte heute ein +weißes Marmorkreuz bekommen mit goldenen Buchstaben. + + ›Angelika‹ + +las ich. + + ›Heimgetragen in des Hirten Arm und Schoß.‹ + +Und wir weinten zusammen.« + +Es war fast dunkel geworden in der Laube, als der Großvater seine +Erzählung beendigt hatte. Angelika schmiegte sich an ihn und er hatte +seine Hand an ihren Kopf gelegt. + +»Großvater, ist das wahr,« fragte das Kind nach einer Weile, »ist das +wahr, daß die Engel zu den rosa Wölkchen heraussehen? Ich werde nicht +müde, ich könnte gut so weit laufen, ich möchte sie auch so gern sehen.« + +Der Großvater schüttelte den Kopf. »Die Engel kann man nicht sehen, +solang man auf der Welt ist. Es ist auch nicht nötig. Wenn es der liebe +Gott wollte, so würde er sie uns schon zeigen. Sie sind aber doch da. +Bitte nur den lieben Gott, daß er dir ein frommes und gehorsames, +liebevolles Herz schenkt, so sind auch die Engelein um dich her. Und +nun wollen wir miteinander hineingehen.« + + * * * * * + +»Das Kind wird mir doch nicht krank werden,« sagte Heinerike +kopfschüttelnd, als Angelika am Abend so gar fügsam und willig war +beim Zubettegehen. Sie war sonst ein wenig heftig und eigenwillig und +Heinerike hatte viel zu brutteln über das Mädchen. Die Mutter hörte es +und sagte ruhig: »Nein, es wird nicht krank. Es hat nur etwas gelernt +heute!« + + * * * * * + +Angelika ist schon lang kein kleines Mädchen mehr. Sie ist eine +fleißige, große Tochter. + +Neulich kam ich zu einer alten Frau, der sie einen großen Strauß +Frühlingsblumen gebracht hatte und eine Schüssel Suppe dazu. + +»Es ist mir alleweil, als ob ein guter Engel komme, so oft das Fräulein +kommt,« sagte die Alte. + +So haben scheint's die Engelein den Weg zu Angelika gefunden. + + + + + 15. In die Sonne. + + +Der Tag fing erst an zu grauen. Der Mond stand noch blaß und +übernächtig am Himmel und in den Bäumen rauschte der Morgenwind. Aber +in dem niederen Häuslein der Frau Judith, das ganz allein draußen +im Felde stand, brannte schon ein lustiges Feuer auf dem Herd und +das Lämpchen warf seinen Lichtschein durch die Fensterscheiben. Frau +Judith kochte die Morgensuppe für sich und ihr Büblein und daneben +noch einen Brei, der zum Mittagessen für den Jockele bestimmt war. +Denn sie mußte heut ihr Büblein den ganzen Tag allein lassen und da +sorgte sie denn, derweil es noch schlief, daß ihm nichts Nötiges +fehle. Judith war eine geschickte Näherin und verdiente das Brot für +sich und das Kind mit ihrer Hände Arbeit. Manchmal nähte sie in den +Bauernhäusern der Nachbardörfer, und das war ihr am liebsten, obgleich +es weniger eintrug, denn da konnte sie den Jockele mitnehmen und auf +ihn acht haben. Aber sehr oft führte sie ihr Tagewerk auch in die +Stadt und da durfte sie ihr Büblein nicht mitbringen und es war ihr +nicht zu verdenken, daß sie heute morgen ein wenig seufzte, wenn sie +daran denken mußte, daß das Kind nun wieder den ganzen Tag ohne Schutz +und Aufsicht ganz allein in dem Häuschen sei. Sie reinigte nun noch +die Stube mit dem Besen und brachte alles in gehörige Ordnung, dann +setzte sie sich an den Tisch und fing an, ein Paar zerrissene Höschen +zu flicken, die auch dem Jockele gehörten. Und dabei seufzte sie so +tief und schwer, daß es der Jockele in der Kammer hörte und schnell +aus seinem Bettchen stieg, um zu sehen, was etwa der Mutter zugestoßen +sein könnte. Da saß sie am Tisch und hatte den Kopf in die eine Hand +gestützt und schaute so kummervoll vor sich hin, wie es der Jockele +noch gar nie gesehen hatte. »Mutter, was hast du denn?« sagte er +verwundert, »tust du vielleicht so wegen den Hosen? Sicher, ich habe +sie nicht zerreißen wollen, sie sind von selber so aufgeplatzt.« Und +dabei drängte er sich ganz nah an die Mutter her und streckte sich an +ihr in die Höhe, um ihr Gesicht zu streicheln. + +»Ach du arm's Büblein,« sagte die Mutter und fuhr dem Jockele durch +sein dichtes, blondes Lockenhaar, »die Höschen, die kann ich wieder +flicken, da wollte ich nicht seufzen; wenn ich nur alles, was +auseinander ist, so zusammennähen könnte!« »Was ist denn sonst noch +auseinander?« wollte der Jockele wissen, »und warum sagst du immer +›arm's Büblein‹ zu mir?« »Weil du noch so klein bist und hast schon +deinen Vater verloren, und er ist erst nicht beim lieben Gott, sondern +in der weiten Welt -- und ich kann auch nicht bei dir bleiben, weil ich +Geld verdienen muß zu Brot und Kleidern und kann dich nicht beschützen +und zum Guten erziehen -- und es könnte dir etwas passieren, so lang +ich fort bin.« Judith sah so niedergeschlagen und unglücklich aus, daß +das Büblein gewaltsam nach einem Trostgrund suchte. »Mutter,« sagte es +nach einer Weile, »sei du nur wieder ganz fröhlich, ich will fortgehen +und den Vater suchen und dann sage ich ihm, daß er wieder zu uns kommen +muß, und dann kannst du wieder bei mir bleiben, alle Tage, und alles +wird wieder, wie es vorher war.« Der Jockele war noch klein, erst +fünf Jahr alt, aber er war ein sinniges, nachdenkliches Kind und er +mochte am liebsten bei der Mutter sitzen und sich mit ihr unterhalten. +Da hatte er dann, solang der Vater da war, es schön gehabt. Da hatte +die Mutter immer Zeit für ihn gehabt, er war ihr, wenn sie im Hause +herumhantierte, den ganzen Tag nachgelaufen, aus der Küche in die Stube +und aus der Stube ins Gärtchen und umgekehrt. Und wenn die Hausarbeit +getan war und die Mutter setzte sich nieder mit einer Näharbeit, dann +zog der Jockele sein Bänkchen herbei und die Mutter mußte Geschichten +erzählen, alte und neue, davon hatte er nie genug bekommen. Vom Vater +hatte er wenig gewußt, er schlief immer schon, wenn dieser abends von +der Arbeit nach Hause kam. Das schwebte ihm noch dunkel vor, daß er +manchmal nachts an einem lauten Gepolter und Geschrei erwacht war und +des Vaters Stimme war ihm dann unheimlich und furchterregend gewesen. +Aber weil das schon lange her war, und weil, seit der Vater eines Tages +nicht nach Hause gekommen und dann ganz ausgeblieben war, die Mutter +fast gar keine Zeit mehr für den Jockele hatte, sondern nur immer +Geld verdienen mußte, so wob sich in seinem Kopf die Zeit, da er noch +einen Vater hatte, zu einem Bild voll Behagen zusammen und es kam ihm +ganz ausführbar vor, daß er den Vater wieder holen und damit die alten +Zustände wieder einsetzen könne. -- Die Mutter schüttelte den Kopf und +zog den Jockele an sich. »Ach damit ist's nichts, Kind,« sagte sie. +»Wir wissen ja gar nicht, wo wir den Vater suchen müßten, die Welt ist +groß und weit und kein Mensch weiß, wo er hingewandert ist. Und er +will ja gar nicht mehr heim zu uns; das ist ja grad' das Elend, daß er +nur für sich allein leben will und hätte doch daheim ein Häuslein und +ein Weib und so ein herziges Büblein. Nein, nein, holen kannst du den +Vater nicht, auch wenn du größer wärest und könntest so in die weite +Welt gehen. Bleib' du nur bei mir und sei mein Trost und meine Freude +und werde recht brav und fromm, dann können wir zusammen auch wieder +fröhlich werden.« Jetzt waren unterdessen die Löcher gestopft und der +Jockele konnte mit den Höslein bekleidet werden. Sonst brauchte er +nichts anzuziehen, als ein leichtes Kittelchen, denn es war trotz des +Herbstes noch warmes, sonniges Wetter und er lief leichter davon mit +seinen nackten Füßchen, als wenn er Schuhe und Strümpfe angehabt hätte. +Dann wurde noch die Morgensuppe miteinander gegessen und zum Schluß +betete die Mutter noch einen andächtigen Morgensegen mit dem Kinde und +befahl es in die Hut des Vaters im Himmel, daß der ihm seine Engelein +zu Wächtern bestelle, und darüber wurde es ihr selbst auch leichter ums +Herz. + +Sie mußte sich jetzt auf den Weg machen, denn sie hatte fast eine +Stunde zu gehen und es war inzwischen heller, sonniger Morgen geworden. +So befahl sie dem Jockele noch einmal an, sich ja nicht zu verlaufen +und auf alles gut acht zu geben, und trat dann ihre Wanderung an. Sie +hatte gar vieles zu bedenken bei sich selbst, wie sie da so ganz allein +auf der Landstraße dahinschritt. Das Gespräch mit dem Kinde hatte +wieder alle vergangenen Zeiten in ihr wachgerufen. Wie sie einst als +junges, fröhliches Mädchen im Dienst in der Stadt ihren Daniel kennen +gelernt und sich gegen den Willen seiner Eltern, die dem einzigen Sohn +eine reiche Partie gewünscht hatten, mit ihm verheiratet hatte; wie +sie dann zuerst in allem Glück mit ihm in dem kleinen Häuschen gewohnt +und sich nicht viel darum gekümmert hatte, daß die Eltern ihres Mannes +jeden Verkehr mit ihnen abgebrochen hatten. Dann kamen trübe Bilder +vor ihre Augen, Zeiten, in denen der Daniel, der sonst ein fleißiger, +geschickter Zimmerarbeiter war, sich, von bösen Kameraden verführt, ans +Wirtshausleben gewöhnt und ihr und dem kleinen Büblein, das inzwischen +geboren war, das Leben gar sehr verbittert hatte. Es war noch viel +schlimmer gekommen; Daniel, bei der fetten Küche und dem stets offenen +Keller eines Wirtshauses aufgewachsen, bereute jetzt nachträglich, +daß er ein armes Mädchen geheiratet und sich damit ein einfaches Los +bereitet hatte; die Eltern hatten ihn verstoßen, das Weib daheim bat +und weinte, die Kameraden hetzten --, da faßte er eines Tages den +Entschluß, allem Elend zu entlaufen und sich in der Neuen Welt ein +neues Leben voll Freiheit und Genuß zu verschaffen. -- + +Seither lebte Frau Judith mit ihrem Büblein allein in dem Häuschen, +mühte sich redlich, das tägliche Brot für sich und das Kind zu +erwerben und den Zins für das Häuschen aufzubringen -- es war ein +arbeitsvolles Leben, und ihre einzige Freude und ihr Trost war der +fröhlich gedeihende Bub' mit den lachenden blauen Augen und dem +blonden Krauskopf. Frau Judiths Augen wurden feucht, wenn sie an ihr +Büblein dachte, und sie faltete fast unbewußt die Hände; sie wollte +so gern etwas Rechtes, Tüchtiges aus ihm machen und ihn fromm und +gottesfürchtig heranziehen, daß er ihr nicht auch einmal Kummer und +Herzweh machte, wie der Daniel seinen Eltern. Denn das hatte sie in +all' der Trübsal längst eingesehen, daß der Elternsegen ihrem Haus +gefehlt hatte, und es zog sie mächtig, mit den alten Eltern ihres +Daniel ins Einvernehmen zu kommen, aber deren Haus war ja für sie +verschlossen. -- + +Inzwischen hatte der Jockele zu Haus genußreiche Stunden verlebt. +Allein gewesen war er schon oft, es war ihm gar nicht bänglich. Zuerst +fütterte er die drei Hühner, das einzige lebende Besitztum des Hauses, +dann lief er hinunter an den Bach und warf Kiesel in das klare Wasser, +vergnüglich die Ringe und Blasen betrachtend, die sich darin bildeten. +Das nahm ihn solang in Anspruch, bis er Hunger verspürte. Dann ging er +ins Häuschen zurück und aß seinen Brei, unbekümmert, ob es schon Mittag +war oder nicht. Er hatte keine andere Uhr als seinen Magen, wenn der +sich bemerkbar machte, dann aß er. Nach der Mahlzeit grub er in seinem +kleinen Gärtchen und setzte abgebrochene Blumen hinein, dann fiel ihm +wieder das Gespräch mit der Mutter und ihr trauriges Gesicht ein, und +er mußte stark nachdenken, wie es wäre, wenn's anders wäre. Das wollte +dem Jockele nicht recht einleuchten, daß es gar nicht möglich sein +sollte, den Vater wieder zu holen. Man mußte nur suchen, bis man ihn +fand, und ihm dann sagen, daß die Mutter seinetwegen so seufze, dann +würde er schon mitkommen. Wenn er nur gewußt hätte, wo hinaus man gehen +müßte! Rechts ging der Weg in die Stadt, dort war er nicht, denn die +Mutter ging ja so oft dorthin und hatte ihn noch nie gesehen, links kam +man in einen großen Wald und vor ihm und hinter ihm dehnte sich weithin +das Ackerland aus. Jockele nahm sich vor, alle Leute, die des Wegs +daher kämen, zu fragen, vielleicht hatte doch einer den Vater gesehen. +Es kam aber lang niemand. Erst gegen Abend kam die Kräuterliese mit +einem Korb voll Hagebutten aus dem Wald. Die lachte nur auf Jockeles +Frage: »O Kind,« sagte sie, »das weiß nur der liebe Herrgott, wo dein +Vater hin ist! Guck, dahinten am Wald kommt gerade der Mond herauf, +wenn man da hinaufsteigen und heruntersehen könnte, da könnte man ihn +vielleicht finden. Sei du nur froh, Büblein, daß du allein mit deiner +Mutter bist, so ein Gutedel, wie dein Vater war!« Damit trottete sie +weiter. Jockele wußte nicht, was ein Gutedel sei, es war ihm auch eins, +er hatte nur verstanden, daß man vom Mond aus vielleicht sehen könnte, +wo der Vater sei, und da gerade jetzt die leuchtende Kugel ganz hinten +am Berg heraufkam, so dachte er, wenn man nur schnell auf den Berg +liefe, so könnte man ganz leicht hineinsteigen. Das war ja nicht sehr +weit, bis die Mutter heimkäme, konnte man wieder zurück sein. + +Jockele besann sich nicht lang, er lief nur noch schnell ins Haus und +holte sich seine Kappe, dann zog er aus, gerade auf den Mond zu, in +den dichten Wald hinein. Er war schon ein gutes Stück fortmarschiert, +der Weg ging längst zwischen hohen Tannen dahin, nun machte er eine +scharfe Biegung; von dort aus kam man nicht zum Mond, merkte Jockele, +so verließ er die Straße und schlüpfte zwischen den Bäumen durch, immer +das silberne Licht im Auge, das da durchschimmerte. Es stieg höher und +höher, nun schwebte die silberne Kugel hoch über den Tannen, sonst war +es ganz dunkel geworden. Das erschreckte den Jockele, so hoch hinauf +konnte er nicht klettern, das sah er wohl und er mußte nun wohl wieder +umkehren. Aber woher war er denn gekommen und wo war denn die Straße +geblieben? Jockele fing an zu laufen, immer -- immerfort, nur wußte er +nicht, daß es gerade die verkehrte Richtung war, die er eingeschlagen +hatte. Der Wald wollte gar kein Ende nehmen, die Füße taten ihm weh +und er hatte auch Hunger. Da lichtete sich plötzlich das Dickicht, er +stand an einem Kreuzweg, den er noch nie gesehen hatte und daran war +ein Wegzeiger mit einem Ruhebänklein drunter. Es war auch ganz hell, +denn der Mond stand jetzt ganz hoch am Himmel und lachte dem Jockele +freundlich zu. Das tröstete das verlassene Büblein wieder ein wenig; +nun wollte er immer auf dem Weg fortlaufen, bis der Wald ein Ende +hatte, und am Ende des Waldes sah man ja schon das Häuslein, wo die +Mutter war. Nur vorher ein wenig ausruhen mußte der Jockele, er war +sehr müde geworden; so setzte er sich auf das Bänkchen, lehnte den +Lockenkopf an den Wegzeiger -- und schlief ein, süß und fest. + +»Hü, Schimmel, vorwärts,« schallte es durch den Wald, eine Peitsche +knallte und ein schwerer Wagen knarrte auf der stillen Straße. Ein +weißer Spitzerhund sprang bellend voran, plötzlich blieb er stehen, +umschnüffelte das Ruhebänklein von allen Seiten und schlug ein solch +lebhaftes Gekläff an, daß der Fuhrmann verwundert seine Pfeife aus dem +Mund nahm: »Was hast du nur, Spitz?« fragte er, aber da sah er auch +schon das schlafende Büblein, das sich durch keinen Lärm in seiner +Ruhe hatte stören lassen. »Potz tausend,« sagte der Sonnenwirt von +Kaltenbach, das war der Fuhrmann, und kratzte sich hinter den Ohren, +»was macht man jetzt da? Ich schätz', das Büble kann man nicht so +allein liegen lassen, es muß ja doch einem gehören!« Er war abgestiegen +und zupfte den Jockele an seinem Lockenhaar. »Wem g'hörst, Kleiner?« +»Meiner Mutter,« sagte der Kleine und blinzelte schlaftrunken in das +Licht der Wagenlaterne, mit der ihn der Sonnenwirt beleuchtete. »Wie +heißt denn?« ging das Examen weiter. »Jockele,« war die Antwort. +»Wie weiter, du mußt doch auch sonst noch einen Namen haben? Ruhig, +Spitz, kusch dich,« sagte der Sonnenwirt, als er sah, daß Jockele mit +ängstlichen Augen auf den Hund sah. »Nein, sonst heiße ich nichts +mehr,« sagte der Jockele nun bestimmt. Er war völlig wach geworden und +sah groß um sich. »Ja, wo willst denn hin heut nacht noch und wo wohnst +du?« Jetzt fiel dem Jockele wieder alles ein. »Drum hab' ich wollen +geschwind in den Mond hineinsteigen, ob ich mein' Vater nicht sehe, +aber er ist so hoch hinaufgestiegen, da hab' ich nimmer weiter können. +Und jetzt muß ich ganz schnell heim zur Mutter, sie ist jetzt daheim. +Zeig' mir den Weg, ich weiß ihn nimmer,« sagte er ganz unerschrocken. +Der Sonnenwirt war ein bißchen ängstlich geworden, er betrachtete den +Buben forschend, ob er im Fieber spreche oder am Ende einen »Mondstich« +habe. Der stand aber schon auf den Füßen und faßte nach seiner Hand und +sah so hell um sich, krank oder verwirrt war der nicht, das sah man +wohl. + +»Jetzt will ich dir etwas sagen, Büble,« sagte der Sonnenwirt nach +kurzem Bedenken, »heim kannst du heut nacht nimmer, du weißt den Weg +nicht und ich auch nicht und 's ist schon nach Mitternacht. Jetzt +sitzst du da hinauf auf mein' Wagen und kommst mit mir heim in mein +Haus, da kannst bei mir schlafen.« Der Kleine ließ sich willig in den +Wagen heben, wo ihm der Sonnenwirt ein Lager von Säcken machte, und +schlief bald wieder weiter, fest und tief. Er erwachte auch nicht, +als ihn sein Beschützer aus dem Wagen nahm und ins Haus hineintrug, +auch nicht, als er entkleidet und in das mächtig große Himmelbett +gelegt wurde. Er schlief noch lang in den hellen Morgen hinein. Als er +erwachte, saß in dem Großvaterstuhl an seinem Bett eine alte Frau, die +hatte die Hände und Füße dick mit Tüchern umwickelt und betrachtete ihn +aufmerksam. Der Sonnenwirt ging auch schon mit schwerem Tritt in der +Stube auf und ab. + +»Und ich sage dir, das ist dem Daniel sein Bub' und kein anderer,« +sagte die Sonnenwirtin, denn sie war es, die in dem Großvaterstuhl saß, +»so sieh doch nur einmal die Augen an und das Kraushaar und das ganze +Gesicht, der ausgeschnittene Daniel.« »Was weiß man denn, was man sich +da bei der Nacht ins Haus führt,« sagte der Sonnenwirt mürrisch, »so +ist's, wenn man so ein mitleidiges Herz hat! Und jetzt wie machen, daß +man den kleinen Racker wieder los wird?« »Sag' jetzt einmal, Büble,« +sagte die Sonnenwirtin, als sie sah, daß der Jockele erwacht war und +mit großen Augen um sich sah, »sag' jetzt einmal, wie deine Mutter +heißt und wer dein Vater ist und warum du ihn hast suchen wollen.« +Sofort richtete sich der Jockele auf und berichtete haarklein das +Gespräch mit der Mutter, und wie er am Abend ausgezogen sei, den Vater +zu suchen, und verschwieg auch nicht, daß er eben gar keinen anderen +Wunsch habe, als daß die Mutter wieder immer bei ihm sei. + +Das Ehepaar sah einander an, da war ja gar kein Zweifel mehr, das war +ihr Enkelein; ganz genau das verjüngte Abbild des Sohnes, der einst +ihres Herzens Freude und nun der Kummer ihrer alten Tage war. »Warum +hast du deine Händ' so eingewickelt und deine Füß?« unterbrach Jockele, +der nicht lang still sein konnte, das verlegene Schweigen der beiden +Alten. »Weil ich die Gicht drin habe und so arge Schmerzen,« seufzte +die Sonnenwirtin. »Meine Mutter kann einem immer wieder wohl machen, +wenn's einem weh tut,« sagte Jockele mitleidig, »ich will's ihr nur +sagen, so kommt sie zu dir; soll sie?« + +Die Alten sahen einander wieder an, es hatte jedes so seine Gedanken +für sich und mochte doch nicht anfangen, sie auszusprechen. »Meine +Mutter kann gut laufen, der tun die Füße nicht weh und die Hände auch +nicht, sie kann den ganzen Tag schaffen; kannst du gar nicht?« Jockele +wurde plötzlich von einem großen Mitleid erfaßt, daß die Sonnenwirtin +nun so den ganzen Tag dasitzen müsse und sich nicht rühren könne, und +er hätte ihr am liebsten sogleich die Mutter hergebracht, die nach +seiner Meinung für alle Schäden Rat und Hilfe wußte. »Nein, du gut's +Büblein, ich kann nicht laufen und nicht schaffen, alles tut mir weh,« +sagte die Sonnenwirtin; »aber da wollt' ich noch gar nicht klagen, das +könnt' ich schon aushalten, aber der ärgste Schmerz, der sitzt mir da +drinnen, da hab' ich einen Kummer, und da kann mir niemand helfen,« +und dabei machte sie gerade so ein trostloses Gesicht, wie die Mutter +gestern früh. »Ach laß doch, das versteht so ein Kleines nicht,« sagte +der Mann ein bißchen brummig, aber Jockele wußte gut, wie es war, wenn +man einen Kummer hatte, die Mutter hatte ja auch einen; so sagte er +ganz verständnisvoll: »Die Mutter hat gesagt, ich soll nur brav sein +und immer folgen, dann werde sie auch wieder fröhlich. Hast du kein +Büble?« »Das ist ja gerad' mein Kummer, daß ich einmal eins gehabt habe +und als es groß war, ist's von mir fortgegangen, weit, weit in die Welt +hinaus, kein Mensch weiß, wohin.« »Der liebe Gott weiß es aber doch, +die Mutter hat's gesagt, der wisse alles. Die Kräuterliese hat gesagt, +man könne es auch sehen, wenn man in den Mond steigt und heruntersieht, +aber ich komme nicht hinauf. Vielleicht könntest du mit einer Leiter +hinauf,« wandte sich Jockele an den Sonnenwirt. + +Die Alten mußten ein wenig lachen bei dem Vorschlag, die Frau aber +zupfte ihren Ehegatten verstohlen am Ärmel: »Mein', was das für ein +gescheiter Kerl ist und so weichherzig. Ich hätte so meine Gedanken; +den hast du nicht umsonst heut nacht finden müssen. Das Weib muß sich +plagen und schinden, die wäre am Ende froh, wenn wir für den Buben +sorgten. Jockele, willst du nicht bei uns bleiben und unser Büble sein, +da hättest du's gut und dürftest mit den Gäulen fahren und kriegtest +zu essen, was du magst?« Sie zog bei diesen Worten den Kleinen näher +an sich und sah ihn erwartungsvoll an. Auch der Sonnenwirt machte ein +gespanntes Gesicht und stellte sich vor die beiden hin. Jockele war +gleich fertig mit seinem Entschluß. »Ja, das will ich ganz gern,« +sagte er bereitwillig, »so komm, so wollen wir gleich fortfahren und +die Mutter holen. Kann sie dann auch immer mit den Gäulen fahren +und alles so gut haben?« So war's nicht gemeint gewesen, die Alten +hatten nur das Büblein gewollt, die Mutter aber nicht; sie sahen sich +ein wenig verblüfft an, der Jockele fuhr aber fort: »und dann macht +sie auch gleich, daß deine Hände und Füße nicht mehr so arg weh tun +müssen und -- sie kann dann auch deine Stube ein wenig sauber machen, +die Mutter macht immer alles ganz sauber.« »Der weiß, wie eine Sache +sein muß,« sagte beifällig der Sonnenwirt, »der hat nicht umsonst so +helle Augen im Kopf!« Es war wahr, es sah nicht am schönsten aus in +der Schlafstube; seit die Frau immer von Gicht geplagt war und selber +nichts tun konnte, ging es mit der Haushaltung ein wenig zurück. Die +Mägde hatten mit dem Feld und dem Vieh und der Wirtschaft zu tun, es +war da auch nicht, wie es sein sollte. Da hätten ein paar junge Hände +und Füße und ein guter Wille vieles zu bessern und zu helfen gefunden. +Die Gedanken gingen in aller Eile durch die Köpfe der beiden Gatten, +sie wußten aber nicht recht, was sie dazu sagen sollten, so schwiegen +sie wieder still. + +Das war nicht nach Jockeles Geschmack, der immer auf alle seine Fragen +von der Mutter Antwort bekam. Er sprang eifrig aus dem Bett, fing an, +sich anzuziehen und ermahnte den Sonnenwirt noch einmal: »So komm doch +und mach' dich auch fertig, ich muß jetzt gleich zur Mutter, sie hat +sonst Angst, wenn ich so lang nicht heimkomme.« Jetzt fing der Mann +endlich an zu reden, er hatte einen großen Anlauf dazu nehmen müssen: +»Weißt, Büblein,« sagte er, »deine Mutter will gar nicht zu uns, zu so +alten Leuten, die will lieber immer in die Stadt gehen und nähen, du +könntest ganz gut allein bei uns bleiben, dann wäre ich dein Großvater +und das deine Großmutter. Paß auf, wieviel Schönes du da findest, +ich kaufe dir eine Trommel und eine Peitsche und was du sonst noch +willst.« »Nein, nein, das will meine Mutter gar nicht, sie will nur +bei mir bleiben,« sagte Jockele entrüstet. »Und ich habe auch selber +einen Großvater und eine Großmutter, ich muß alle Abend beten: Und +mach' auch, lieber Gott, daß meine Großeltern nicht mehr bös sind auf +die Mutter und mich.« »So, so, das betest du? Ja warum sind denn die +Großeltern bös auf euch?« fragte die Frau, es war ein eigentümlicher +Ausdruck in ihr Gesicht gekommen, man wußte nicht, ob sie lachen oder +weinen wollte. »Weil sie so reich sind und so viel Geld haben, und +meine Mutter hat keins und ich auch nicht, deswegen wollen sie uns gar +nicht sehen. Aber der liebe Gott kann schon noch machen, daß sie uns +noch lieb haben, hat die Mutter gesagt. Und ich muß sie auch lieb +haben, denn sie sind so arm, weil sie keinen Menschen mehr haben, der +ihnen gehört,« berichtete Jockele ernsthaft. Der Sonnenwirtin waren +Tränen in die Augen getreten, und ihr Gatte ging mit starken Schritten +auf und ab und räusperte sich stark. + +Der Sonnenwirt blieb vor dem Jockele stehen, strich ihm mit der Hand +über das Lockenhaar und sagte: »Geh du jetzt nur einmal hinaus und sag +der Küchenmagd, daß sie dir ein großes Butterbrot und eine Schüssel +Milch geben soll. Und dann gehst du zu dem Johann in den Stall und +siehst, ob die Gäule schon gefressen haben. Ich rufe dir dann, wann +ich fertig bin.« Das war eine neue Aussicht! Jockele ging eifrig auf +den Vorschlag ein, und nun waren die Alten allein. »Was sagst du jetzt +dazu, Mann? so red' doch auch ein Wort,« fing endlich die Frau an, als +der Sonnenwirt immer am Fenster stand und so angelegentlich hinaussah, +als ob da draußen etwas ganz Neues, Interessantes zu sehen wäre. Der +Angeredete drehte sich um: »Das sag' ich dazu, daß wir alle beide uns +selber den größten Schaden täten, wenn wir das Büblein nicht zu uns +nähmen. Ist's doch unser leibhaftiges Enkelein, und ich meine, wir +haben nicht viel übriges an eigenen Leuten. Der Bub hat mir ganz wohl +gemacht, so etwas haben wir schon lang nicht mehr um uns gehabt.« »Aber +die Mutter, die Judith?« warf die Frau zweifelnd ein; »du siehst's ja, +der Bub will nicht bei uns sein ohne sie und sie selber -- ich sag' +dir, die gibt das Kind nicht her und wenn man ihr die Stube mit Talern +pflastern wollte.« + +»Ja, siehst du,« der Sonnenwirt stockte ein wenig, es fiel ihm gerade +nicht leicht, das zu sagen, was er jetzt wollte -- »siehst du, mit der +Judith -- ich hab' schon oft gedacht, ob wir nicht doch einen Fehler +gemacht haben mit ihr. Sie soll so brav sein und fleißig, hab' ich +schon oft sagen hören, und wenn ich sehe, wie sie den Buben aufzieht +und lehrt ihn gegen uns auch gar keinen Groll und Zorn hegen, es ist +ein Prachtskerl! Und dann hab' ich gedacht, sie hat junge Füße und +Hände und könnte bei uns nach dem Rechten sehen, wenn du doch nicht +fort kannst!« Die Sonnenwirtin ließ den Mann nicht ausreden. »Komm +her zu mir, Alter,« sagte sie, »und gib mir eine Hand! Wenn die +Judith will -- und wegen dem Kind wird sie wohl wollen, so soll sie +uns Gottwillkommen sein im Haus. Und jetzt spanne nur gleich ein, ich +denke nicht, es könnte uns gereuen, aber denk, in was für einer Angst +das Weib sein muß um den kleinen Buben. Das muß ihr ja fast das Herz +abdrücken!« + +Es dauerte kaum fünf Minuten, so standen die stattlichen Braunen +im Geschirr vor dem Bernerwägele, und Jockele saß stolz auf dem +Kutscherbock und hatte die Zügel in den Händen. »Da sieh, was das +für einen Fuhrwerker gibt,« sagte der Sonnenwirt wohlgefällig zu +seiner Frau, die sich nicht satt sehen konnte an dem Buben. »Bring +ihn auch gewiß wieder mit, komm mir nicht heim ohne ihn,« sagte sie +immer wieder, sie wäre am liebsten selbst mitgefahren. »Ich sag's +ihm erst unterwegs, daß wir die Großeltern sind, ich muß ihn vorher +noch zutraulicher machen,« sagte der Sonnenwirt beim Abschied. Er +nahm sich vor, beim Krämer des großen Marktfleckens, durch den sie +zu fahren hatten, allerlei einzukaufen, was ein Kinderherz erfreuen +konnte. Der alte Mann hatte plötzlich in seinem Herzen einen ganzen +Schatz von Liebe für den helläugigen Burschen entdeckt, es war ihm ganz +warm geworden davon. Jockele sah aber nicht aus, als ob er zutraulich +gemacht werden müßte. Er lachte mit dem ganzen Gesicht, als die Braunen +anzogen! »Adieu, wir kommen ganz bald wieder und bringen die Mutter +mit,« rief er der nachschauenden Sonnenwirtin fröhlich zu bei der +Abfahrt. Dann entschwand das Fuhrwerk ihren Blicken. + +Frau Judith war in großem Jammer gewesen, als sie bei ihrer Heimkunft +das Häuschen leer fand und auch ihr Büblein nicht an seinem gewohnten +Spielplatz am Bächlein entdecken konnte. Sie hatte überall gesucht, wo +sie nur denken konnte, daß er möglicherweise zu finden sein könnte. +Bis in die tiefe Nacht hinein war sie gelaufen und gelaufen, an den +Erdbeerplatz im Wald, wo sie mit Jockele einmal gewesen war, ins +nächste Dorf, wo er schon mit ihr in einige Kundenhäuser gegangen war +-- umsonst. Niemand hatte den Kleinen gesehen, keine Spur fand sich +von ihm. Sie kehrte immer wieder ins Häuschen zurück, jedes Winkelchen +aussuchend, wohl hundertmal seinen Namen rufend. Dann machte sie der +Jammer ganz starr. Auf dem Bänklein vor dem Haus saß sie vollends +die ganze Nacht, zusammenfahrend, so oft ein Vögelein schlaftrunken +in seinem Nest zwitscherte oder ein fernes Wagengerassel sich hören +ließ. »Das ist eine Strafe von Gott, der dir jetzt auch noch dein +einziges Kind wegnimmt, wie du den Eltern deines Mannes das einzige +Kind genommen hast,« kam es über sie und wieder ging sie ruhelos auf +und ab und rief lauthin durch die Nacht: »Jockele, mein Büble, wo +bist du?« -- bis sie, übermüdet, auf dem Bänklein einschlief, noch im +Halbschlaf betend, als säße sie am Bettchen ihres Kindes: »Breit aus +die Flügel beide, o Jesu meine Freude, und nimm dein Küchlein ein. Will +es der Feind verschlingen, so laß die Englein singen: Dies Kind soll +unverletzet sein!« + +Die Sonne stand hoch am Himmel. Frau Judith hatte sich eben zum +Fortgehen gerüstet. Sie wollte in alle Nachbardörfer gehen und Anzeige +machen; spurlos konnte ja doch so ein Kind nicht verschwinden. Da fuhr +mit lautem Peitschenknall ein Wagen vor dem Häuschen vor und -- Frau +Judith mußte sich am Tisch halten, so zitterte ihr das Herz vor Freude +-- schon von weitem hallte laut die fröhliche Stimme ihres Bübleins: +»Mutterle, Mutterle! da bin ich und das ist der Großvater und bös ist +er gar nicht mehr!« Das war ein fröhliches Wiedersehen! Frau Judith +verstand's zwar nicht gleich, was es heißen sollte, als Jockele anfing +zu erzählen: »Weißt, Mutterle, zuerst habe ich wollen in den Mond +hineinsteigen und den Vater suchen, aber ich habe dann doch nicht +können -- und dann ist der Großvater gekommen, aber ich habe nicht +gewußt, daß er's ist, und dann habe ich in der Sonne geschlafen, die +gehört dem Großvater. Und du mußt jetzt gleich mitkommen und machen, +daß der Großmutter ihre Hände und Füße nicht mehr so wehe tun« -- aber +der Großvater wird's ihr ja wohl erklärt haben. Wenigstens fuhren auf +dem Bernerwägelein drei fröhliche Menschen der Sonne zu und haben +nachher einander die Heimat darinnen lieb und wert gemacht. + + + + + 16. Aus dürrem Erdreich. + + +Die Schulkinder von Rötenberg hatten heute einen wichtigen Tag. Zuerst +war am Morgen keine Schule gewesen, weil der alte Herr Schullehrer +schon gestern abgereist war, um seine neue Stelle an der Stadtschule +anzutreten. Und nun, am Nachmittag, gab es ungeheuer viel zu sehen, da +konnte man das Schulhaus keinen Augenblick aus den Augen lassen. + +Denn da sollte der neue Lehrer einziehen, der nun jede Minute ankommen +konnte, und damit hing vielerlei Merkwürdiges zusammen. Vor einer +Stunde war der hochbepackte Frachtwagen angekommen und mit ihm, vorn +auf dem Kutschbock beim Fuhrmann sitzend, ein junges Mädchen, das flink +abgestiegen war und nun schon tüchtig unter den Möbeln und Betten +hantierte. Der Fuhrmann half beim Abladen und der Kirchendiener mit +seinem Weib war gleichfalls zur Hilfe angestellt und die Schuljugend +hatte es wichtig mit dem Zusehen. Das junge Mädchen war die Schwester +des neuen Lehrers und sie wollte bei ihm bleiben und ihm den Haushalt +führen, denn er hatte keine Frau. Da mußte man sie schon aufmerksam +betrachten. Sie trug ein einfaches blaues Kleid und hatte einen dicken +braunen Zopf hinten aufgesteckt und ihr Gesicht sah ernsthaft, aber +gar nicht unfreundlich aus. Zur Arbeit hatte sie eine große gestreifte +Schürze angezogen und jetzt wendete sie sich an die müßigen Buben und +Mädchen: »Höret, wenn ihr so gut Zeit habet, so könnet ihr mir ein +bißchen helfen. Da, die vielen Blumentöpfe stellt man hinten in den +Garten, alle auf das niedrige Mäuerchen. Und die Besen und Kochtöpfe +könnet ihr in die Küche tragen, ihr habt junge Füße. Halt, nicht alle +auf einmal. Zwei Buben und zwei Mädchen, das ist genug. Wer will?« + + [Illustration] + +Es gab eine Verlegenheitspause. Die Mädchen zupften an ihren Schürzen +und kicherten und die Buben stießen und pufften einander, aber helfen +wollten sie doch gern, sie mochten es nur nicht sagen. Fräulein Margret +kannte das aber schon. Sie suchte sich ein paar feste Buben aus und +unter den Mädchen zwei, die schon ein wenig verständig und besonnen +aussahen; die andern tröstete sie: »An euch kommt's schon auch noch. +Wenn es dann Holz zu tragen gibt, dann kann man viele Helfer brauchen.« + +Die Auserwählten gingen mit Eifer ans Werk und die Arbeit schritt +rüstig voran. + +Das Schulhaus war groß, aber alt und ein wenig verwahrlost. Es sah +nicht besonders freundlich aus mit seinen trüben Fenstern und dem +wackeligen Lattenzaun am Vorgärtchen. Jetzt war noch Frühjahr, und +der Garten, der dieses Jahr noch gar nicht angepflanzt war, machte +auch einen unordentlichen Eindruck. Wer wollte, konnte hier viel zu +tun finden. Fräulein Margret sah sich um und machte nicht gerade ein +erfreutes Gesicht. Es werde schon eine Weile dauern, bis man sich hier +heimisch fühlen könne, dachte sie. Da sah sie, ein wenig entfernt von +den andern Kindern stehend, einen barfüßigen Buben, der am Zaun lehnte. +Er stand ganz allein und sein Gesicht sah mindestens so aus, als ob +er sich nicht heimisch fühlen könne. Als das junge Mädchen sich die +Hilfstruppen ausgewählt hatte, war er ein bißchen näher hergekommen. +Er hätte sich auch gern anstellen lassen. Aber man hatte ihn nicht +bemerkt und so war er wieder an den Zaun zurückgekehrt. Fräulein +Margret mußte noch ein paarmal zu ihm hinübersehen. Er hatte rotes +Haar und ein sommersprossiges Gesicht und mit den Zähnen biß er fest +auf die Unterlippe. »Wer ist der Bub? Warum steht er ganz allein und +abseits von den andern?« fragte Fräulein Margret einmal das Mädchen, +das ihr einen Korb tragen half. Das Mädchen machte ein geringschätziges +Gesicht. »O, das ist der Geißlipp,« sagte sie. »Der weiß, warum er so +allein ist. Es will keiner etwas von ihm wissen, er ist unartig für +zwei und faul für drei. So hat immer der Herr Lehrer gesagt.« Fräulein +Margret sagte nichts auf den Bericht. Es gab jetzt gerade so viel zu +tun und dann mißfiel ihr auch das Urteil. + +Jetzt entstand eine Bewegung auf dem freien Platz vor dem Hause. Denn +um die Ecke am Rathaus war eben ein offenes Fuhrwerk gefahren und darin +saß der Herr Lehrer und noch der Schultheiß und der Stiftungspfleger, +die ihn an der Bahn abgeholt hatten. Fräulein Margret winkte grüßend +zum Fenster heraus und die Schuljugend ballte sich auf einen Knäuel +zusammen, denn jetzt wollte keines gern ganz vornen stehen. Das war der +ganze Empfang. Er war nicht besonders festlich, aber man war es eben in +Rötenberg nicht anders gewöhnt. Der Herr Lehrer stieg aus, schüttelte +den Männern noch die Hand und dann schritt er auf das Haus zu. + +Zum Fürchten sah er nicht gerade aus. Er war ein bißchen klein und +hatte ein freundliches, rundes Gesicht und blondes Haar. Der alte +Lehrer hatte einen langen schwarzen Bart gehabt. Die kecksten Buben +sagten schon untereinander: »Der tut einem nichts,« da wandte sich der +Lehrer noch einmal um und sah sich sein Häuflein prüfend an. »Grüß +Gott, ihr Kinder,« sagte er. »Morgen kommen wir dann schon zusammen, da +wollen wir einander dann kennen lernen.« Ein paar von den Buben rissen +jetzt noch die Kappen herunter und dann zerstreute sich die Schar nach +und nach. Denn für heute gab es da nichts Besonderes mehr zu erfahren. + +Es war am späten Abend dieses Tages. Vom Kirchturm her hallte die +Betglocke. Da und dort trieb noch ein Knecht seine Kühe vom Brunnen +in den Stall und knallte so ein wenig dazu mit der Peitsche. +Die Hauptstraße herauf kam langsam der Botenfuhrmann mit seinem +hochbepackten Wagen und den festen Gäulen davor gefahren und unter den +Haustüren saßen die Leute und hatten Feierabend. Vor dem Schulhaus +sah man nichts mehr, was an den Einzug hätte erinnern können. Die +Schulkinder hatten ihre Hilfeleistung damit beschlossen, daß sie den +Platz schön reingekehrt hatten. Und dann waren sie mit vergnügten +Gesichtern abgezogen, denn sie hatten ja nicht umsonst geschafft. »Der +Lehrer ist brav, da ist mir's nicht angst,« sagte des Polizeidieners +Andres zu seinem Kameraden. »Aber seine Schwester ist eine Stolze,« +meinte der, »ich bin schon froh, daß man nicht zu ihr in die Schule +muß.« Das war auf dem Heimweg gewesen. Eben kamen sie an dem kleinen +Häuschen vorbei, in dem der Geißlipp wohnte. Eigentlich hieß er Philipp +Berner und sein Vater hieß auch so. Aber er hieß im ganzen Dorfe nur +der Geißlipp, weil er hinten in dem Bretterverschlag am Häuschen +zwei Geißen stehen hatte, die sein ganzer Reichtum waren. Der Vater +arbeitete im Taglohn bei der Gemeinde und der Sohn versorgte neben +der Schule her die zwei Geißen. Und beide waren sie nicht beliebt im +Dorf. Der Geißlipp saß, als die Buben herankamen, auf dem Bänkchen an +der niedrigen Haustür. Er hatte einen Tafelscherben auf den Knien und +kritzelte darauf. Als er die Kameraden sah, fuhr er schnell mit der +Hand darüber, denn sie sollten nicht sehen, was er tat. Die andern +aber blieben nicht bei ihm stehen. »Du kannst dich dann in acht nehmen +morgen,« rief des Bachbauern Jakob herüber. »Der Lehrer wird's bald +wissen, was du für einer bist.« »Ja und an deinem Namen steht im Buch +ein rotes Kreuz, der Büttel hat's gesagt, der hat's gesehen,« fügte +Andreas hinzu. »Dich möcht' ich nicht sein.« + +Der Geißlipp fuhr mit der Hand in die Tasche und brachte einen Stein +heraus. Das mußte aber den andern nichts Neues sein, denn sie merkten +gleich, was er wollte, und verschwanden schnell hinter der Hecke. Da +war der Geißlipp wieder allein. Er ließ den Stein fallen und biß die +Zähne wieder übereinander. »Ich krieg euch doch noch,« murmelte er +dann. »Ich finde dann schon noch etwas aus, daß ihr eine Weile genug +habt.« Aus dem Häuschen rief eine tiefe Stimme: »Marsch herein jetzt +ins Bett.« Das war der Vater, der sich schon zur Ruhe begeben hatte. +Da verbarg der Bub seinen Tafelscherben in einem sicheren Versteck und +ging ins Haus. + +Die beiden sprachen nicht viel miteinander. Der Vater war ein +finsterer, wortkarger Mann. Er war einmal, als sein Sohn noch ganz +klein war, ein paar Jahre im Zuchthaus gewesen, weil er im Zorn einen +verwundet hatte. In der Zeit war sein Weib gestorben und den Kleinen +hob man so lang im Armenhaus auf. Seit der Vater wieder da war, lebten +die zwei miteinander in dem Häuschen und waren fast mit niemand gut +Freund. Der Sohn wußte es gar nicht anders, als daß er ein böser Bube +sei, vor dem man sich in acht nehmen müsse. Das hatten die Leute +schon zu ihm gesagt, seit er sich denken konnte. »Der wird gerade wie +sein Vater,« sagten sie. Und Philipp gab sich gar keine Mühe, anders +zu sein, als so, wie er war. Wenn ihn die andern Buben neckten und +höhnten, so fuhr er unter sie mit geballten Fäusten oder warf mit +Steinen und es gab fast keinen in der Schule, dem er nicht schon einen +Schabernack angetan hatte. So kam es denn, daß auch der Lehrer kein +Freund des Geißlipp gewesen war, und er zweifelte gar nicht, daß das +mit dem neuen ebenso werden würde. Nämlich so, daß er fast jeden Tag +irgend eine Strafe bekommen und im übrigen der schlechteste Schüler +sein werde. Er ging jetzt drei Jahre in die Schule und seither war es +immer so gewesen. Manchmal blieb er dann auch ein paar Tage ganz weg, +bis der Vater dahinterkam und ihn hineintrieb. + +Jetzt kroch der Sohn in sein Bett. Er hatte ein gutes, eigenes, denn +es war das seiner Mutter. Aber es sagte ihm niemand freundlich und +liebevoll gute Nacht und so war sein Gesicht auch im Schlaf noch +finster. + + * * * * * + +Es war eine Woche später. Fräulein Margret hantierte emsig im Garten. +Dort waren am Tag vorher die Beete umgegraben worden und nun mußte sie +sich tüchtig umtun, daß da etwas hineinkomme. Sie sah überhaupt so viel +Arbeit vor sich für die nächste Zeit, daß sie kaum wußte, wo anfangen. +Aber es machte ihr Freude, so fleißig zu sein. Denn sie hatte seither +fremden Leuten gedient und nun hatte sie ein eigenes Reich und konnte +mit ihrem Bruder darin wohnen. Es wurde ihr immer heimlicher in dem +alten Schulhaus. Sie war jetzt mit ihrem Samensäckchen ganz nahe an den +Lattenzaun hergekommen, da sah sie zwischen den Stäben, fest an den +Zaun gedrückt, den gleichen Bubenkopf in den Garten hereinstarren, der +ihr beim Einzug schon aufgefallen war. »Faul für zwei und unartig für +drei,« hatte das Mädchen damals gesagt. Das fiel dem Fräulein nun ein. +Von der Schule her tönte Gesang, sie war noch lange nicht aus. Also +hatte der Junge den Unterricht geschwänzt. + +Als er sah, daß Fräulein Margret den Kopf nach ihm hinwandte, drehte +der Geißlipp sich langsam um und wollte davonschleichen. + +Aber Fräulein Margret hatte nicht im Sinn, ihn nur so laufen zu lassen. +»Halt einmal,« rief sie. »Warum läufst du mir davon? Ich tue dir ja +sicher nichts.« Der Bube blieb stehen und sah sich zweifelnd um, was +er nun tun solle. »Komm hierher,« fuhr Fräulein Margret fort, »hast du +mir zusehen wollen? Oder hättest du gern etwas gehabt?« Der Geißlipp +schüttelte nur stumm den Kopf und sah scheu auf. Merkwürdig, Fräulein +Margret dachte nun gar nicht, daß das unartig von dem Buben sei, ihr +keine Antwort zu geben; sie streckte die Hand durch den Lattenzaun +und bot sie dem Geißlipp. »Du kannst durch das Türchen hereinkommen,« +sagte sie. »Ich könnte gerade einen Helfer brauchen, der den Korb voll +Steine und Unkraut mit mir wegträgt. Willst du?« Der Geißlipp drehte +den Kopf nach der Richtung hin, aus der die Töne des Gesangs herkamen, +und sah unsicher aus. Er wäre gern hereingekommen, aber er konnte ja +nicht, er hätte vom Lehrer entdeckt werden können. »Jetzt will ich dir +etwas sagen,« sagte Fräulein Margret. »Du hast die Schule geschwänzt, +gelt? Und jetzt mußt du Angst haben, gesehen zu werden und Strafe zu +bekommen. Ist's nicht so?« Der Bube nickte nur und hob schon den +Fuß zum Davonlaufen, aber Fräulein Margret machte gar kein drohendes +Gesicht. Und sie fuhr auch gleich fort: »Du mußt mir sagen warum du +das tust. Denn es freut dich selber nicht, das sieht man deutlich an +deinem Gesicht. Gelt, es wäre dir selber auch lieber, wenn du wie die +andern ordentlich in der Schule sitzen würdest und man dann auch eine +Freude an dir haben könnte?« Diesen letzteren Fall konnte sich nun der +Geißlipp nicht recht vorstellen, es hatte noch nie jemand eine Freude +an ihm gehabt. Er wollte aber nun doch Antwort geben und sagte: »Der +Lehrer haut mich, wenn ich hineingehe. Der Schulzenfritz findet seine +Kappe nimmer und sie sagen alle, ich habe sie genommen. Sie haben's +schon dem Lehrer gesagt.« + +»Und es ist nicht wahr?« fragte Fräulein Margret. + +Der Geißlipp schüttelte den Kopf und biß sich auf die Unterlippe. + +»Dann sag's doch dem Lehrer, daß es nicht wahr ist,« ermunterte sie. +»Siehst du, ich glaub dir's, daß du die Kappe nicht hast, und er glaubt +dir's auch, sicher.« + +Der Geißlipp sah erstaunt auf. So etwas sagte sonst niemand zu ihm. +Ganz einfach: »ich glaub dir's, daß du es nicht getan hast.« Er hätte +es laut hinausschreien mögen. Aber es kam nicht heraus. + +»Und jetzt kommst du da herein und hilfst mir den Korb tragen,« sagte +Fräulein Margret. »Wenn dich der Lehrer sieht, sagen wir ihm, wie es +ist. Und heute nachmittag gehst du in die Schule. Er glaubt dir, wenn +du sagst, was wahr ist, ich verspreche dir's.« + +Dem Geißlipp war zumute, als ob es sich auf einmal wieder verlohne, zu +leben. Er kam in den Garten herein und half den Korb tragen, und als er +die vielen Brennesseln hinten an der Mauer sah, sagte er: »Die Geißen +fressen's erst noch gern und« -- er wurde rot. Er hatte noch sagen +wollen: »Ich will sie alle herausreißen, daß da der Platz sauber wird.« +Aber es fiel ihm ein wenig schwer, so viel zu sagen. Fräulein Margret +hatte aber eine merkwürdige Gabe, auch das nicht Ausgesprochene zu +verstehen. Sie sagte freundlich: »Ja, so komm dann morgen nachmittag. +Da hast du frei. Es ist uns beiden geholfen, wenn du die Nesseln holst.« + +Jetzt mußte sie ins Haus, denn da erschien eine Bäuerin unter der Tür. +Diese trug eine Schüssel mit Mehl und hatte Eier in der Schürze und +ein Anliegen wegen ihrer drei Buben auf dem Herzen. Sie warf einen +erstaunten Blick auf den Geißlipp, der da im Garten stand und sagte zu +Fräulein Margret: »Das ist ein Heimtückischer, vor dem muß man sich +in acht nehmen. Das ganze Dorf kann davon sagen.« Fräulein Margret +sah gar nicht so aus, als ob sie sich nun auch vor dem Heimtücker in +acht nehmen wolle. Sie hatte ganz andere Gedanken. Aber sie sagte nur +ruhig: »So viel ich weiß, hat der Bub keine Mutter. Da wird ein Kind +leicht anders, als man es gern hätte. Man kann Gott danken, wenn man es +in seiner Kindheit besser gehabt hat.« »Ist auch wahr,« gab das Weib +zu, »wiewohl, bei dem Geißlipp liegt's im Blut, der Vater ist ein ganz +Schlimmer.« + + * * * * * + + [Illustration] + +Der Geißlipp lag lang ausgestreckt an einem grasigen Rain. Das +Grastuch mit dem Geißenfutter, das er jetzt gerade gesammelt hatte, +lag daneben und die Sichel steckte im Boden. Es war ein schöner, +sonniger Abend. In der blauen Luft flogen die Schwalben und haschten +sich Mücklein und im Gras zirpten die Grillen, und der Geißlipp sah +den weißen, ziehenden Wolken nach. Vom Spielplatz her tönten laute, +lustige Stimmen bis hier heraus. Die Dorfkinder belustigten sich da, +die großen und die kleinen, es war ein fröhliches Durcheinander von +Tönen. Der Geißlipp hatte auch schon probiert, mitanzukommen, aber das +Vergnügen war meist kurz gewesen. Denn wenn ihn die andern Buben zu +stark geneckt hatten, so hatte er sie dann geschlagen oder mit Steinen +geworfen und dann waren alle auf ihn eingedrungen. Sie hielten eben +zusammen gegen ihn. Jetzt war er schon lange nicht mehr hingegangen. +Es war auch so eine Art von Vergnügen, hier außen zu liegen und sich +auszudenken, was für seltsame Gebilde die Wolken gaben. Da war eine +große Anzahl kleiner Lämmerwölkchen, hinter denen eine einzige, große +Wolke herkam. Nun stieß sie daran und nun überzog sie die kleinen. +»Das könnten die Buben sein,« dachte der Geißlipp beifällig, »und das +große der Lehrer mit dem Stock. Oder ein Bär, wenn's das gäbe bei uns. +Ich möchte dann schon, daß sie einmal alle« -- Der Geißlipp konnte +seine schlimmen Gedanken nicht mehr ganz ausdenken, denn es wurden auf +einmal Stimmen laut und als er aufsah, standen der Lehrer und Fräulein +Margret vor ihm. Aufspringen und davonlaufen, das wäre sonst das erste +gewesen bei dem Geißlipp. Heute machte er keinen Versuch dazu. Er +erhob sich langsam und zupfte sich ein wenig am Haar. Das mußte als +Gruß gelten, weil er keine Kappe auf hatte. Und über sein Gesicht kam +ein Freudenschein, der rührte von Fräulein Margret her. Denn diese +konnte gar nicht glauben, daß der Geißlipp ein so ganz verdorbener +Bube sein sollte, und so oft sie ihn sah, sagte sie freundlich: »Grüß +Gott, Philipp« und wußte ihn nach allem Möglichen zu fragen, was sonst +niemand von ihm wissen wollte. + +Sie war auch schuld, daß der Geißlipp schon seit ein paar Wochen keinen +Tag mehr die Schule versäumt hatte. Denn sie hatte ihn einmal zu sich +in die Laube genommen und gesagt: »So, nun merk wohl auf. Kein Mensch +muß faul und ungehorsam sein, wenn er nicht will. Du auch nicht. Du +mußt nicht meinen, weil du schon lang so seiest, müssest du nun immer +so sein. Und fürchten mußt du dich auch nicht und vor niemand. Siehst +du, etwas steckt in dir, etwas Gutes, ich kann's schon deutlich merken. +Jetzt gehst du immer in die Schule und tust nur ganz ruhig, wie du +sollst und denkst nicht immer daran, wo etwa Streit anzufangen wäre. +Paß auf, dann wird's nach und nach besser. Und auf einmal merken es +die andern auch, daß das nicht mehr der alte Philipp ist, sondern ein +anderer.« + +Der Geißlipp hatte der Unterweisung aufmerksam zugehört und obgleich +er noch lang nicht glauben konnte, daß das so gut kommen werde, wie +seine Beschützerin sagte, so wollte er es doch probieren. Sie hatte +ja gesagt: »Ich kann es jetzt schon merken,« da war es vielleicht +doch wahr. Und wenn der Geißlipp am Garten vorbeiging, so nickte ihm +Fräulein Margret jedesmal so aufmunternd zu, daß es ihn den ganzen Tag +freute. Der Lehrer wußte bis jetzt noch nichts von seiner heimlichen +Helferin, aber so ganz schlimm kam ihm der Bube auch nicht mehr vor. +Nur waren es so viele Kinder, daß er bis jetzt unmöglich die einzelnen +so genau hatte kennen lernen können. Aber er hatte ein freundliches und +mildes Wesen und brauchte den Stock nur, wenn er mußte. Der Geißlipp +fürchtete ihn nicht, wenigstens lange nicht so sehr wie die Leute im +Dorf und vor allem die Buben, und das Leben kam ihm jetzt schöner vor +als früher. + +»So, das ist ganz geschickt, daß wir dich gerade da treffen,« fing +Fräulein Margret sogleich an, als sich der Geißlipp aus dem Gras +erhob. »Siehst du, wir haben so große Sträuße im Wald geholt und nun +möchten wir noch einen Besuch machen und können sie da natürlich nicht +brauchen. Du könntest sie uns vielleicht heimtragen.« Der Geißlipp sah +etwas besorgt auf sein Grasbündel und die Sichel. Er wußte sich nicht +recht zu helfen damit. »Wenn du das Futter zuerst heimtragen mußt,« +sagte der Lehrer, »das schadet nichts. Bis an dein Haus haben wir doch +den gleichen Weg, dann gehen wir so weit mit dir.« + +Der Geißlipp hätte nur gewünscht, daß die Dorfbuben zusehen könnten, +wie er so dahinschritt, das Grasbündel auf dem Kopf und die Sichel +in der Hand, zwischen dem Lehrer und dem Fräulein. Er, der allezeit +verachtete und ausgestoßene Geißlipp, zu dem nur allein Fräulein +Margret immer seinen ganzen Taufnamen sagte. Der Vater sagte meistens +nur »Bub«, aber er sagte überhaupt nicht viel. + +Er schien eben vom Taglohn heimgekommen zu sein, denn die Haustür stand +offen und ein qualmender Rauch kam da heraus. + +Als er Schritte hörte, streckte er den Kopf einen Augenblick zu dem +kleinen Schiebfensterchen neben der Haustüre heraus, zog ihn aber +schnell wieder zurück. + +»So,« sagte Fräulein Margret unbefangen, als sie an dem Häuschen +waren, »jetzt kannst du geschwind dein Futter hineintragen und so +lang setzen wir uns auf das Bänklein, denn wir haben einen weiten Weg +gemacht. Das darf man doch?« + +Der Geißlipp sah so maßlos verwundert aus, daß die beiden lachen +mußten. Das sah man deutlich, daß er nicht gewohnt war, Gäste zu haben. +»Es raucht so,« brachte er nur heraus. »Schadet nichts,« sagte Fräulein +Margret gleichmütig, »das Holz wird naß sein. Kocht dein Vater?« + +Der Geißlipp nickte nur und dann verschwand er im Stall. + +Unterdessen war der Vater in keiner kleinen Aufregung in seiner +halbdunkeln Küche. Er hatte seit Jahren niemand mehr in seinem Haus +gesehen und hatte sich allmählich daran gewöhnt, am Tag allein bei +seiner Arbeit an der Landstraße oder im Gemeindewald oder auf seinem +Äckerlein zu sein und abends allein mit dem Buben in seinem Häuschen. +»Ich will von niemand etwas und die Leut sollen mich in Ruh lassen,« +war so seine Rede. Und doch sehnte er sich so manchmal heimlich, auch +wie ein anderer Mensch unter Menschen zu leben. Die neuen Lehrersleute +hatten ihn auf der Straße schon ein paarmal freundlich gegrüßt und +jetzt besann er sich, ob er herauskommen solle und sie auch grüßen oder +nicht. Aber Fräulein Margret besann sich gewöhnlich nicht lang, bis sie +mit jemand ein Gespräch anfing. Ihr Bruder mußte sich immer ein wenig +über seine junge Schwester wundern, denn ihm fiel das nicht so leicht. +»Ach, mir kommt ein guter Gedanke,« rief sie lebhaft. »Da sind wir nun +ganz geschickt hergekommen. Das Annele muß Geißmilch trinken, wenn es +hierher kommt. Natürlich, das ist höchst nötig.« + +Das Annele war ein schwächliches Stadtkind, das einer Schwester +gehörte und das sich Fräulein Margret kommen lassen wollte, um es +herauszupflegen. + +»Darf ich ein wenig hereinkommen?« rief sie zur Tür hinein. Es drang +ein Brummen heraus, das man so oder so verstehen konnte, aber weil +Fräulein Margret gern wollte, so drang sie ganz kecklich ein und grüßte +den Vater Geißlipp freundlich. »Ich habe einen großen Wunsch,« sagte +sie sogleich nach der Begrüßung. »Und niemand im ganzen Dorf kann mir +den erfüllen als Sie.« Und dann setzte sie dem finster aussehenden +Manne die Angelegenheit mit dem Milchtrinken auseinander. + +»Die Geißen geben nicht viel Milch,« sagte der Mann, als er sich eine +Weile besonnen hatte. »Es ist keine rechte Pfleg für sie da. Ich hab +schon lang eine verkaufen wollen und am Viehmarkt tu ich's auch und das +ist bald jetzt. Aber für das Kind reicht's doch noch.« Fräulein Margret +schien gar nicht zu merken, daß es den Vater Geißlipp eine große +Anstrengung kostete, so viel zu reden. Er machte sich drunterhinein am +Herd zu schaffen und zog die Stirn noch mehr zusammen als sonst. Manche +Leute hätten vielleicht gedacht, der Mann sehe zum Fürchten aus, wie er +so dastand mit seinem wilden, schwarzen Bart und Haar und den sehnigen, +braunen Armen, an denen er die Hemdärmel hinaufgeschlagen hatte. Aber +Fräulein Margret fühlte nur ein großes Mitleid in sich und obgleich +sie nicht viel sagte, drückte sie doch dem einsamen Mann beim Abschied +so kräftig die Hand und sah ihn so warm und freundlich an, daß er noch +lange daran denken mußte. + +»Es gibt noch gute Leut' auf der Welt, Bub,« sagte der Vater, als +er nachher mit Philipp bei dem einfachen Nachtmahl, Geißmilch und +Kartoffeln saß. »Aber rar sind sie.« Der Philipp nickte einverstanden. +Es kam ihm allmählich auch so vor. + +Solang Fräulein Margret mit dem Vater in der Küche verhandelt hatte, +war der Lehrer um das Häuschen herumgegangen. Dieses stieß hinten ein +Stück weit an eine alte Mauer an, die mit allerlei Schutt und Geröll +bedeckt war. Oben auf der Mauer blühten rote und weiße Taubnesseln und +da und dort ein Stechapfel und unter allerlei Gras und Unkraut auch +hie und da ein Ringelblümchen. Und über den Rand herunter hingen die +rosafarbigen Blüten des Mauerpfeffers, die man zu Lande Sonnenblitze +nennt. Der Lehrer betrachtete das Ganze aufmerksam und machte sich so +seine Gedanken darüber. Er dachte, daß dieser Garten auf der Mauer +vielleicht ganz passend für den Vater und Sohn sei, denen er gehöre. +Und daß der liebe Gott manchmal da, wo man es gar nicht suche, unter +Schutt und Unkraut und aus dürrem Erdreich ein freundliches Blümlein +wachsen lasse, an dem man sich erfreuen könne. Der Lehrer nahm sich +vor, sich so gut als möglich des scheuen und störrischen Buben +anzunehmen. »Vielleicht kommt doch etwas Gutes dabei heraus,« dachte +er und wußte nicht, daß in des Geißlipps verschlossenem Gemüt schon +allerlei trieb und keimte, von dem er nichts wußte. + + * * * * * + +Das Annele war angekommen. Es war »ein kleines, bleiches Dinglein«, +so sagten die Leute im Dorf von ihm. Kurz vorher hatte es das +Scharlachfieber überstanden und davon war es noch etwas zart und blaß. +Aber es machte sich nichts daraus. Am Morgen nach seiner Ankunft lief +es schon so lustig, als wäre es von jeher in Rötenberg daheim gewesen, +vors Haus hinaus und von da in den Garten, machte einen Besuch bei den +Himbeeren und Stachelbeeren und setzte sich dann still auf das niedrige +Mäuerchen im Garten, um dem Gesang der Schulkinder zuzuhören. + +Das Annele war auch ein Schulkind. Es ging schon seit einem Jahr +in der Stadt in die Schule und jetzt war keine Ferienzeit. Dieser +Landaufenthalt war nur vom Doktor vorgeschrieben, Annele ließ ihn sich +aber gern gefallen. Es war so schön hier, wie sonst nirgends. In der +Stadt konnte man nur auf der Straße spielen, wo immer Wagen fuhren und +viele Leute gingen, und die Mutter erlaubte das nur selten. Hier aber +kam immer wieder ein Garten und eine Wiese und den Wald sah man vom +Fenster aus und im Schulhausgarten selbst konnte man sich so ungestörte +Spielplätze einrichten. Annele hätte überall zugleich sein mögen. Ab +und zu erschien auch die Tante am Fenster und rief dem Nichtchen etwas +zu. Und in den Bäumen sangen die Vögel. Es war wunderschön. + +Jetzt ging die Schultür auf und alle Buben und Mädchen kamen heraus. +Die Türe war nicht gerade eng und doch kam es Annele vor, als ob sie +noch einmal so weit sein müßte. Denn alle Kinder strebten ins Freie +nach dem langen Stillsitzen und so drängten sie sich auf einen dichten +Knäuel zusammen, bis der Lehrer rief: »Halt, so macht man's nicht. +Jetzt sollen zuerst alle Kleinen hinausgehen und nicht mehr als zwei +auf einmal, dann kommen die Großen.« + +Das Annele wurde ein wenig rot, als es so von allen Seiten angesehen +wurde, als wäre etwas besonders Merkwürdiges an ihm. Es hatte sich +nämlich an dem Schuleingang aufgestellt, um sogleich zu dem Onkel +gelangen zu können. Und es war nun froh und erleichtert, als dieser +herankam und seine Hand faßte. So konnte man sich wohl ein bißchen +anstaunen lassen. Eben kam auch die Tante die Treppe herunter. +»Philipp Berner,« rief sie, »halt ein wenig. Ich muß noch etwas mit +dir sprechen,« Der Geißlipp blieb stehen und die Buben machten große +Augen, daß man mit ~dem~ etwas sprechen wollte. Es war so wie so +seit einiger Zeit anders geworden. Man konnte nicht mehr so bequem wie +früher alle dummen und unartigen Streiche auf ihn schieben, der Lehrer +duldete keinen Sündenbock. Und einmal war es dem Andres übel bekommen, +als er das große Lineal des Lehrers bei einer Prügelei zerbrochen hatte +und dann gesagt: »Der Geißlipp hat's getan.« Merkwürdig, der neue +Lehrer sah gar nicht furchtbar aus, im Gegenteil, und doch konnte man +sich fürchten, wenn er einen so ernst und fest ansah. + +»Es ist wegen der Milch für das Annele,« sagte die Tante jetzt. »Am +Morgen und am Abend soll es trinken, ganz frischgemolken. Morgens +bringst du sie vor der Schule herauf, denn da darf das Annele +noch nicht heraus. Abends kann es dann bei schönem Wetter zu euch +hinauskommen.« Der Philipp nickte zu allem. Das kam ihm Antwort genug +vor, denn er war immer noch gar kein Redner. Dem Annele schien es aber +etwas zu wenig zu sein. Es hatte aufmerksam zugehört und sagte nun: +»Warum sagst du gar nichts? Man muß doch auch ja sagen, wenn man so tun +will.« + +Die Tante mußte im stillen ein wenig lachen. Das sah sie schon, bei dem +Annele konnte der Geißlipp nicht so stumm bleiben, das würde ihn schon +gesprächig machen. + + * * * * * + +Jetzt war es nicht mehr leer und öd in den großen Zimmern oben im +Schulhaus. Je kräftiger und gesünder das Nichtchen wurde, desto +vergnügter sang und sprang es umher und ganz still war es eigentlich +nur, wenn es in seinem Bett lag und schlief. Der Onkel dachte schon +daran, das Annele nun mit in die Schule hinunterzunehmen, damit es +nicht ganz aus der Übung komme, aber jetzt hatte es noch Ferien. + +Die Tage waren herrlich ausgefüllt. Ganz früh am Morgen, wenn das +Stadtkind kaum aufgestanden war, kam der Geißlipp (das Annele sagte +aber immer wie die Tante Philipp zu ihm) und brachte die frische Milch. +Das war immer ein Hauptvergnügen. Die Tante hatte jetzt schon Recht +behalten. Es war ein ganz anderer Bub als vor einem halben Jahr, wenn +man es auch noch lange nicht überall merkte. Bei den Dorfleuten stand +das Urteil über den Geißlipp viel zu fest, als daß man darauf geachtet +hätte, ob er sich nach und nach ein wenig bessere. Aber im Schulhaus +war das anders. Annele hatte noch nie gehört, daß der Philipp anders +sei als andere Buben. + + [Illustration] + +»Laß sie nur,« hatte Fräulein Margret zu dem Lehrer gesagt. »Sie lernt +nichts Böses von ihm, darauf will ich schon achten. Und man weiß +nicht, was es für den Buben wert ist, wenn er auch einmal harmlos mit +einem andern Kinde verkehren kann.« So konnten die beiden ungestört +Bekanntschaft schließen. + +Annele hatte zwar bald Freundinnen gefunden, Schultheißens Sophie und +des Krämers Karoline, die alles mitspielten, was sie angab, und die +sie gern ein wenig hin und her kommandierte. Aber es war noch viel +genußreicher, am Morgen an das hintere Gartentürchen hinunterzuhuschen +und dort auf den Philipp zu warten, bis er in schnellem Schritt, daß ja +die Milch noch warm sei, um die Ecke kam. Sie brachte dann schon ihren +Becher mit und trank im Garten, und dann hatte sie dem Philipp hundert +Dinge zu zeigen und noch viel mehr zu fragen. -- Warum die Kirschen +zuerst grün sind und dann rot werden? Warum die kleinen Entchen gleich +von selber ins Wasser gehen? Ob die kleinen Vögelein in dem Nestchen +hinten in der Haselnußhecke jetzt bald fliegen können? + +Und dann mußte er helfen zählen, wieviel Tag- und Nachtblümlein +über Nacht aufgegangen seien, und mit Annele das Wespennest in der +Kirchhofsmauer besichtigen, natürlich nur aus sicherer Entfernung. +So etwas konnte man mit den Freundinnen nicht besprechen. Sophie riß +nur die Augen weit auf und Karoline sagte auf die schwierigen Fragen: +»Ha, das ist von selber so. Komm, wir tun lieber Fangerles.« Und dem +Stadtkind war doch alles neu und wichtig. Der Geißlipp aber konnte +über vieles Bescheid geben. Er war so viel allein, da waren ihm schon +allerlei Gedanken gekommen, die anderen Kindern nicht einfallen, und +wenn er gewiß wußte, daß niemand sonst zuhörte, so konnte er dem Annele +ganz verständigen Bescheid geben. + +Schöner war's aber doch noch, am Abend mit der Tante an das kleine +Häuschen des Geißlipp hinauszuwandern. Die Milch schmeckte so ganz +frischgemolken auf dem Bänklein vor der Haustür am allerbesten. Annele +fürchtete sich gar kein bißchen vor Philipps Vater. + +»Du, der ist bös, er hat einmal etwas Arges getan,« hatte einmal +eines der Mädchen zu Annele gesagt, als diese im höchsten Vergnügen +erzählt hatte, wie nett es sei, wenn »der große Geißlipp' ihr die +Milch in den Becher melke, und wenn er sie auf den Arm nehme, daß sie +das Schwalbennest an der Dachrinne genau sehen könne. »Ist das wahr, +Tante? Tut er einem nichts?« hatte Annele darauf ein wenig erschrocken +gefragt. Und die Tante hatte das Kind zu sich herangezogen. »Siehst +du, Annele,« hatte sie gesagt, »wenn du einmal ungehorsam und unartig +gewesen bist und du willst dann wieder lieb sein, gelt, dann verzeiht +dir's die Mutter? Und dann mußt du nur den lieben Gott bitten, dann +verzeiht er's dir auch, und dann ist alles wieder gut und niemand darf +mehr sagen, du seiest ein böses Kind.« Annele war sehr einverstanden. +»Und so ist das auch bei dem armen Mann, den gar niemand lieb hat, weil +er einmal bös gewesen ist. Er will jetzt wieder gut sein und vielleicht +hat es ihm der liebe Gott schon lang verziehen, da dürfen wir nicht +mehr sagen, er sei bös. Und fürchten müssen wir ihn auch nicht, gar +nicht.« + +Annele war mit dieser Erklärung sehr zufrieden und teilte sie auch +den Kamerädinnen mit. Es war nur schade, daß diese sie nicht so +recht verstanden. Aber die neue Freundschaft machte desto bessere +Fortschritte, und Fräulein Margret ließ es sich gar nicht anfechten, +daß sich die Leute im Dorf so sehr darüber verwunderten. + +Wenn das Annele seine Milch hatte, so ging die Tante dann meistens +ein Weilchen in die rauchige Küche. Denn wenn der Vater des Philipp +auch immer noch ein wenig knurrig und brummig war, und auch nicht viel +sagte, so tat es ihm doch wohl, daß ein Mensch nach ihm sah und mit +ihm redete wie mit seinesgleichen. Und das, merkte die Tante wohl und +machte sich nichts daraus, daß er nicht so besonders freundlich tat. + + * * * * * + +Es war an einem schönen, klaren Abend. Die Tante war zum erstenmal von +dem Mann in die Stube geführt worden. Er war nie recht so keck gewesen, +es vorzuschlagen. Aber sie hatte ihn heute nach seinem Weib gefragt, +und jetzt wollte er der Tante ihr Bild zeigen, das in der Stube hing. +Sie saßen einander gegenüber am Tisch. Der Mann hatte den Kopf in +die Hand gestützt und sah finster vor sich hin, und Fräulein Margret +betrachtete ihn mitleidig. Sie hätte ihm so gern etwas Liebes gesagt +und doch wollte ihr nichts Rechtes einfallen. Draußen hörte man die +lustige Stimme des Annele und dazwischenhinein allemal wieder ein paar +bedächtige Worte des Buben. Und von Zeit zu Zeit streckte Annele den +Kopf durch die Fensteröffnung herein und wollte wissen, ob die Geißen +gern Vergißmeinnicht fressen und ob die Schwalben die Mücklein lebendig +verschlucken? + +»So eines hätt ich jetzt auch,« fing der Mann auf einmal an und drückte +gewaltsam die Fäuste an die Augen, daß da nichts heraustropfen konnte. +»So groß wie das Annele wär mein Dorle auch, wenn es noch am Leben wär! +Ist ihm aber gut gegangen, daß es bald gestorben ist. Dann kann man +wenigstens nicht von klein auf prophezeien, daß nichts aus ihm werde, +wie meinem Buben. Mein Weib ist ihm bald nachgegangen, es hat's auch +nicht aushalten können.« Er wollte noch mehr sagen, er wollte noch +sagen: »Ich halt's auch nicht mehr aus so, das Leben ist ein Elend, +wenn man immerfort denken muß: Du bist an allem schuldig.« Aber er +konnte nichts mehr herausbringen. Er legte den Kopf auf den Tisch und +weinte wie ein Kind. Fräulein Margret ließ ihn eine ganze Weile in +Ruhe, sie wußte, daß da manches heraus- und vom Herzen hinunterkomme, +und das wollte sie nicht stören. Endlich aber sagte sie freundlich: »So +jetzt wollen wir einmal nicht mehr immer an dem hängen bleiben, was +vergangen ist. Und nicht nur denken, es müsse alles so bleiben, wie +es jetzt ist. Was die Leute im Dorf sagen, darauf wollen wir einmal +eine Weile gar nicht hören. Und daß etwas aus dem Philipp wird und +das etwas Rechtes, dazu wollen wir zusammenhelfen. Dann kommt alles +nach und nach besser.« Sie bot dem Taglöhner die Hand und sah ihn so +aufmunternd und entschlossen an, daß es ihm selber auch ein wenig +hoffnungsvoll ums Herz wurde. + +Er strich sich mit der Hand über die Stirn, als ob er da etwas +wegwischen wollte, und sagte: »Ihnen könnt man's fast gar glauben.« In +diesem Augenblick ertönte ein lauter Jubelruf von Annele. Und gleich +darauf kam das Kind ans Fenster, eifrig etwas in die Höhe streckend, +das ihm Philipp entreißen wollte. Philipp hatte ein rotes Gesicht und +war aufgeregter, als ihn Fräulein Margret je gesehen hatte. »Gib's +her,« sagte er heftig. Aber Annele rief lustig: »Nein, nein, keine +Rede, die Tante muß es auch sehen und vielleicht auch noch der Onkel.« + +Die beiden großen Leute waren ans Fenster getreten. Der Vater erschrak, +denn auf des Buben Gesicht malte sich deutlich ein großer Zorn, und den +Ausdruck kannte er wohl und mußte ihn ja fürchten, weil der Zorn ihn +selber auch so unglücklich gemacht hatte. Die Tante sah den Zorn auch. +»Wenn das, was du in der Hand hast, dem Philipp gehört,« sagte sie +ruhig zu Annele, »dann gib es ihm. Ich will es nur sehen, wenn er mir's +selber zeigt.« Annele gehorchte nur ungern, aber es mußte wohl sein. + +Es war das Stück von einer Schiefertafel, das der Geißlipp immer so +sorgfältig verbarg. Annele hatte es entdeckt und jetzt sagte sie: »Ich +sag aber doch, was drauf ist. So etwas Nettes, Tante, es ist nur dumm, +daß er es nicht sehen läßt.« + +Philipp wurde noch röter als vorher und dann ein wenig blaß, und er biß +sich fest mit den Zähnen auf die Unterlippe. Und dem Annele warf er +einen Blick zu, daß man denken konnte, er wolle ihm etwas antun, und +das nichts Gutes. Aber er sagte nichts. + +»Nein, lassen Sie den Philipp,« sagte Fräulein Margret, als der Vater +auffahren wollte über den störrischen Buben. »Komm, Annele, für heut +müssen wir heim. Gib dem Philipp die Hand, du darfst ihn nicht zwingen, +daß er zeigt, was er nicht gern will. Willst du mir's nicht morgen +selber zeigen, Philipp? Gelt, es ist doch nichts Böses? Und daß ich +dich nicht auslache, weißt du.« + +Dann ging sie, und das Annele ging ganz zahm an ihrer Hand, denn es war +ein wenig erschrocken. + +Der Philipp stand noch lang am gleichen Fleck und starrte den beiden +nach. Auf einmal fuhr er zusammen, denn da geschah etwas, das noch nie +gewesen war. Der Vater strich ihm traurig mit der Hand über das Haar +und sagte: »Du armes Tröpflein! Wenn du auch eine Mutter hättest!« Und +dann ging er ins Haus, ohne zu schelten. + + * * * * * + +Am andern Morgen kam der Geißlipp viel früher als sonst mit seiner +Milch an. Das Annele war noch nicht aufgestanden und der Herr Lehrer +hatte erst vor einer kleinen Weile das Haus verlassen, um einen kleinen +Morgenspaziergang zu machen. Aber das war beides dem Geißlipp ganz +recht. So hatte er es gerade gewollt. Man konnte seinem Gesicht wohl +ansehen, daß er etwas Besonderes vorhatte, und das Haar hatte er sich +ganz naß gemacht, daß es fest und dunkel am Kopf anlag. Das schien dem +Geißlipp besonders geordnet vorzukommen. + +Fräulein Margret war in der Küche. Sie hatte die Ärmel hinaufgeschlagen +und knetete einen Teig. Als der Geißlipp eintrat, wandte sie sich um +und begrüßte ihn so freundlich, als ob gar nichts Besonderes gewesen +wäre. Sie nahm ihm die Milch ab und trug sie dem Annele hinein, und +als sie wieder herauskam und den Buben noch auf derselben Stelle fand +sagte sie: »Hast du noch etwas sagen wollen, Philipp? Nur kecklich +heraus damit.« Es schien dem Philipp nicht leicht zu gehen, denn er +mußte tief aufatmen. Und dann griff er nur in seinen blauen Kittel und +zog den Tafelscherben hervor. »Da,« sagte er. »Aber« -- er sah Fräulein +Margret zaghaft an. Er hatte noch sagen wollen: »Aber niemand zeigen,« +und dann kam es ihm so in den Sinn, daß er ihr gewiß gut vertrauen +könne und sich gar nicht zu fürchten brauche. + + [Illustration] + +Auf Fräulein Margrets Gesicht prägte sich eine große Verwunderung aus. +Sie sah den Geißlipp erstaunt an, so, als ob sie etwas nicht recht +begreifen könne. »Hast ~du~ das gemacht?« fragte sie. Der Philipp +nickte nur. »Ja aber, lieber Bub', das muß man so zufällig finden, und +du sperrst dich noch dagegen, daß man's ansieht? Du kannst ja zeichnen! +Das sind junge Spatzen, die sperren ihre Schnäbel auf und wollen +gefüttert sein! Und das auf der andern Seite ist unsere Laube, und auf +dem Dach sitzt die Mieze und putzt sich. Und das davor wird wohl das +Annele sein, das kennt man nicht so recht!« + +Fräulein Margret wurde ganz lebhaft, und ihr Gesicht war so freudig, +daß es der Geißlipp nur immer ansehen mußte. Er hatte sich die Sache +ganz anders vorgestellt. Er hatte schon immer, seit er sich denken +konnte, mit Rötelstückchen und Griffel- oder Bleistiftrestchen, oder +was nur irgend einen Strich gab, überall herumgekritzelt. An Haustüren +und Fensterläden und, als er in die Schule kam, an den Bänken und an +der Wandtafel. Und das hatte ihm schon viele Schläge eingetragen. Der +Lehrer hatte einmal den Vater Geißlipp auf der Straße getroffen und zu +ihm gesagt: »Wenn das Gesudel überall herum jetzt nicht aufhört und +alle meine Prügel nichts nützen, so lasse ich Euch dann einmal Strafe +zahlen, Berner. Das ganze Dorf beklagt sich darüber.« Darauf hatte +der Vater den Philipp am Abend tüchtig durchgeprügelt und ihm gesagt: +»So, das ist ~einmal~. Wenn ich wieder etwas von deinen dummen +Sudeleien sehe, so gibt's wieder.« + +Seither hatte der Philipp nur noch auf seinen alten Tafelscherben +gekritzelt, und je mehr und öfter er allein war, desto lieber wurde +ihm diese Beschäftigung. Als nun das Annele den kostbaren Scherben +entdeckte, stand es dem Philipp schrecklich vor Augen, daß er am Ende +nun auch ~den~ hergeben müsse und dann gar nicht mehr zeichnen +könne, und daß dann vielleicht auch noch Fräulein Margret böse auf +ihn sei und nichts mehr von ihm wissen wolle. Darum war er so zornig +geworden, daß er das Annele am liebsten gekratzt hätte. Aber als er +gestern abend noch eine Weile wach in seinem Bett lag und über das +Erlebnis nachdachte, stand immer Fräulein Margret vor ihm. Er konnte +sie deutlich sehen, wenn er auch die Augen zumachte, und sie sagte: +»Gelt, es ist ja doch nichts Böses? Und daß ich dich nicht auslache, +das weißt du!« + +Und Philipp beschloß, ihr seinen Schatz zu zeigen. Sie sollte nicht +denken, es sei etwa ~doch~ etwas Böses und er habe kein Vertrauen +zu ihr. + +Aber daß es so gehe, das hätte er sich nicht träumen lassen. Es wäre +dem armen Buben schon ganz genug gewesen, wenn sie ruhig gesagt hätte: +»Nein, das ist nicht schlimm, das darfst du wohl tun, wenn doch niemand +mit dir spielt.« Daß ihm aber Fräulein Margret auf die Schulter klopfte +und sagte: »Du kannst nicht wissen, wie mich das freut, Philipp. Das +ist eine gute Gabe, die du da hast. Da müssen wir den Herrn Lehrer +bitten, daß er sich um dich annimmt,« das alles überwältigte den +Geißlipp so, daß er zur Küche hinausrannte, die Treppe hinunter und +dann wieder herauf. Denn zu sagen wußte er für den Augenblick nichts, +und doch mußte er seinem Herzen Luft machen. + +Den Tafelscherben bekam der Philipp heute noch nicht zurück. Aber +das tat nichts, er war in guten Händen. Und wenn heute ein Fremder +in die Schule gekommen wäre und hätte den Philipp gesehen mit seinen +aufmerksamen Augen und dem glänzenden Gesicht, so hätte er gewiß nicht +gedacht, daß das der allgemein bekannte Nichtsnutz des Dorfes sei, +der »faul für zwei und unartig für drei« sei. Denn dem Philipp war +ein neuer Lebensmut ins Herz gekommen, und für heute einmal fürchtete +er sich vor niemand und nichts. Vielleicht war jetzt schon etwas von +dem wahr, was Fräulein Margret einst gesagt hatte: »Auf einmal müssen +es auch die andern merken, daß das nicht mehr der alte Philipp ist, +sondern ein ganz anderer.« + + * * * * * + +Das Annele konnte seit einiger Zeit nicht mehr so recht zufrieden sein +mit seinem Kameraden. Er war zwar munterer als je, und sein Gesicht sah +jetzt immer aus, als ob er ein besonderes Vergnügen wisse. Aber wenn +ihn das kleine Mädchen im ganzen Garten herumschleppen wollte und bald +bei den frühen Pflaumen, bald bei der Haselnußhecke einen Aufenthalt +machte, so sagte der Philipp jetzt meistens bald: »Jetzt muß ich +gehen und lernen« oder: »Heut kann ich nicht, ich muß noch an meiner +Zeichnung schaffen.« Das hatte er früher nie getan, und dem Annele kam +es langweilig vor, denn es hatte sich ganz daran gewöhnt, den Philipp +alles Mögliche zu fragen und ihn oft um sich zu haben. Am liebsten +wäre es nun auch in die Schule gegangen, es hörte sich von außen so +lustig an, wenn die vielen Stimmen zusammen sangen: »Kuckuck, Kuckuck +ruft's aus dem Wald« oder: »Alle Vögel sind schon da«. Und wenn in +der Freizeit die ganze Schar herauskam und sich im Schulhof tummelte, +so war das Annele zwar mitten drunter, aber es wäre dann auch gern +mit ihnen hineingegangen, wenn die Freistunde aus war, und sah dann +manchmal noch sehnsüchtig nach der verschlossenen Tür. Aber die Mutter +hatte geschrieben, daß sie nun bald kommen wolle, um das Töchterlein +nach Hause zu holen, und daß es bis dahin noch so viel als möglich in +der freien Luft sein solle, denn die Mutter wolle rote Backen sehen, +wenn sie komme. So kam es, daß sich das Stadtkind je länger, je mehr +aufs Heimkommen freute, und auch das rot und weiße Strickzeug samt +den schönen Geschichten, die die Tante zu erzählen wußte, konnte die +Langeweile nicht mehr bannen. + +Das kam jetzt nie mehr vor, daß der Geißlipp ganz allein und entfernt +von allen fröhlichen Menschen stand und finster zusah, wie andere +vergnügt waren. Wenn man sein freudloses Kinderleben mit dem wilden +Mauergärtlein hinten an dem Häuschen des Geißlipp vergleichen +wollte, so konnte man jetzt deutlich merken, daß der liebe Gott +da einen Gärtner angestellt habe, der den Schutt wegräumen und das +Unkraut ausreißen und freundliche Blümlein da anpflanzen mußte, wo +vorher Stechäpfel und Nesseln standen. Es war jetzt so mancherlei +Erfreuliches, man konnte es kaum aufzählen, und daher kam es, daß dem +Philipp die Freude zum Gesicht heraussah. + +Zuerst war ein Tag gekommen, da saß der Lehrer bei Philipps Vater auf +dem Bänklein vor der Haustür, und wer vorüberging, der konnte deutlich +sehen, daß die beiden ein wichtiges Gespräch miteinander hatten. Ein +paar Tage nachher wußte man es im ganzen Dorf, daß der Lehrer dem +Geißlipp Privatstunden im Zeichnen geben wolle, und daß er gesagt habe, +als er von dem Vater wegging: »Aus dem Buben wird noch etwas, das könnt +Ihr glauben, Berner.« Man wußte jetzt nächstens nicht mehr recht, was +man von dem Vater und dem Sohn halten sollte. Am Ende wurde der Bub' +doch noch wie andere, und es war ja auch wahr, daß er keine Mutter +gehabt hatte. »Am End' kommt's nur drauf an, daß man sich ein bißle +nach ihm umsieht,« sagten die Weiber zueinander, und die Bachbäuerin, +die drei Buben in der Schule hatte, sagte zu diesen: »Lasset doch den +Geißlipp auch manchmal mittun. Ich meine, der Bub' sei nicht so bös, +wie man immer tut.« + +Es war merkwürdig: vorher hatte in ganz Rötenberg niemand daran +gedacht, daß man dem Philipp ein wenig zurechthelfen sollte, und jetzt +hatten es auf einmal alle bemerkt, daß er kein solcher Nichtsnutz +werden müsse, wie die andern geglaubt hatten. Fräulein Margret mußte +manchmal ein wenig lachen, wenn sie die Leute reden hörte, aber sie +war froh genug, daß der Philipp jetzt öfters fröhlich mit den andern +spielte, und daß sein Gesicht einen ganz andern Ausdruck bekam, und +sie dachte, es sei ja gleich, wer zuerst angefangen habe, sich um ihn +anzunehmen. + +Es geschah noch mehr Gutes. Der Vater Berner ging lange nicht mehr +so finster und drohend einher wie früher. Er hatte einen ganz neuen +Lebensmut bekommen, seit er nicht mehr so ganz allein stand und seit er +neue Hoffnungen auf seinen Sohn setzen konnte. Und es fiel ihm vieles +ein, was ihm der Herr Pfarrer aus dem Nachbarort (denn Rötenberg hatte +keinen eigenen) früher oft umsonst gesagt hatte: nämlich daß der liebe +Gott keinen Menschen ganz verlasse, der ihn nicht verlasse, und daß er +auch die Herzen der Mitmenschen lenken könne, daß sie sich einem wieder +auftun, wenn man selber auch friedfertig sei und nicht mehr hochmütig +und feindselig. »Ich verlang' nichts, als daß man mich in Ruh' läßt,« +hatte Berner damals immer gesagt, und so hatte ihn endlich auch der +Pfarrer in Ruhe gelassen. + +Jetzt war das nicht mehr so. »Es ist halt ein Elend, wenn man so +allein hausen soll, man ist in seiner eigenen Stub' nicht daheim,« +sagte er ein paarmal zu Fräulein Margret. Und eines Tages sah ihn zu +ihrem höchsten Erstaunen die alte Kätter, die in einem Hinterstübchen +beim Metzger wohnte, bei sich eintreten. Kätter war ein verwachsenes +Weiblein, das sich mit Flicken ehrlich und spärlich durchbrachte, und +sie war ganz weitläufig mit dem Geißlipp verwandt. + +Der Vetter drehte seine Kappe verlegen in den Händen hin und her, +und endlich sagte er: »Kätter, du könntest wohl zu mir ziehen. Platz +gäb's da noch, und das Essen langt auch für uns drei, und an dem Buben +könntest du dir einen Gotteslohn verdienen. So allein mit mir, das ist +nichts für so ein Junges.« + +Die Kätter mußte nicht lang fragen, ob der Vetter auch ordentlich mit +ihr sein werde, und ob sie sich nicht vor seinem zornigen Wesen zu +fürchten habe. Sie sah wohl, daß da allerlei anders geworden sei, und +so zog sie denn mit ihrem Bett und der bemalten Holzkiste, in der +ihre Kleider waren, mit dem großen Nähkissen und der Hornbrille in das +Häuschen des Geißlipp ein. + +Und nun konnten sie beide, der große und der kleine Geißlipp, erfahren, +was eine Heimat ist. Der Vater freute sich, wenn er den Schornstein +rauchen sah, wenn er heimkam, denn nun wußte er, daß da jemand für ihn +sorge und zu ihm gehöre. Und der Philipp konnte mit seinen Löchern im +Kittel und in den Hosen immer zur Base kommen und brauchte sich nicht +mehr von den Buben nachrufen zu lassen: »Geißlipp, deine Geiß hat dir +die Hosen zerrissen.« + +Es war noch viel Gutes an der neuen Einrichtung. Denn die Kätter hatte +zwar einen ganz krummen Rücken, aber ein freundliches Gesicht und ein +liebevolles Herz, und das war mehr wert. + +Es wurde Herbst. Das Annele reiste ab und nahm sehr warmen Abschied +von seinem guten Kameraden. Und es war bereits beschlossen, daß es +in der nächsten Sommervakanz wiederkomme, und daß dann viel Schönes +auszuführen sei. Der Geißlipp winkte lange dem Wagen nach, in dem +das Annele mit seiner Mutter saß. Er hatte seiner kleinen Freundin +zum Abschied ein Blättchen gezeichnet, darauf waren in der Mitte die +beiden Geißen zu sehen, die ein Büschel sehr große und deutliche +Vergißmeinnicht vor sich hatten und lustig fraßen. Und außen herum +stand mit großen Buchstaben: »So schön es diesen Sommer war, so schön +wird's wieder übers Jahr.« Den Reim hatten die Kinder miteinander +ausgedacht, und er gefiel ihnen sehr gut, und Fräulein Margret hatte +ihn ebenfalls belobt. + +Als der Wagen verschwunden war, kehrte der Philipp ins Haus zurück und +ging geradeswegs auf das Zimmer des Herrn Lehrers zu. Er mußte sich +nicht verlassen vorkommen, wenn auch das Annele fort war, das konnte +man ihm wohl ansehen. Und er hatte auch gar nicht Zeit, sich darüber +zu besinnen, denn es galt, tüchtig zu arbeiten. In der Schule durfte +nichts versäumt werden, das hatte der Lehrer festgesetzt, und nur dann +sollte das Zeichnen vorwärtsgehen. + +Das war ein guter Sporn für den Philipp, denn das Zeichnen war ihm +das Liebste von allem, was es zu tun gab, und es war ihm gar nicht zu +langweilig, ganz vorne anzufangen mit geraden und schrägen Strichen. +»Wer groß werden will, muß klein anfangen,« sagte der Lehrer. Und +Philipp wollte gern klein anfangen, es war ihm Freude genug, daß er +überhaupt durfte. + +Wenn er jetzt Fräulein Margret sah, so winkten die beiden einander +so verständnisvoll zu, als ob das eine sagen wollte: »Hab' ich dir's +nicht gesagt, daß du probieren sollst, recht zu tun, und daß dann alles +besser werde?« Und das andere: »Du kannst mir sagen, was du willst, ich +glaub' dir alles.« + + * * * * * + +Es ging ein Jahr ums andere dahin. Man konnte denken, es sei in +Rötenberg alles ganz gleich geblieben, denn es ging alles so seinen +gewohnten Gang. An jedem Morgen kamen von allen Seiten her die +Schulkinder mit ihren Tafeln und Büchern unter dem Arm, und dann kam +der Lehrer die Treppe herunter und begann den Unterricht mit einem +schönen Lied. Und Fräulein Margret stand dann am offenen Fenster oder +arbeitete im Garten und horchte auf den Gesang. Aber wer genau hinsah, +der konnte wohl merken, daß es immer wieder andere Kinder waren, die +sich zusammenfanden. Von denen, die einst neugierig dem Einzug des +Lehrers zugesehen hatten, saßen nun schon manche nicht mehr in den +Schulbänken, sondern fuhren geißelknallend mit den Kühen aufs Feld +oder schafften in Haus und Hof, und einige waren auch nach der Stadt +gegangen, um da ein Handwerk zu lernen oder sonst Geld zu verdienen. + +In den oberen Räumen des Schulhauses war es recht still geworden. Das +Annele kam je länger, je seltener mehr. Denn es hatte solche Freude +am Schulleben gewonnen, daß es nun selber gern eine Lehrerin werden +wollte, und dazu mußte man tüchtig lernen. Und der Geißlipp stieg +auch nicht mehr täglich mit seiner Mappe und seinem stillvergnügten +Gesicht die Treppe empor. Es verlangte Fräulein Margret oft nach den +alten Zeiten, und wenn es auch immer wieder Kinder gab, denen man +etwas Gutes tun konnte, so fehlten ihr doch die ersten Schützlinge. +Dann ging sie manchmal nach dem Häuschen des Geißlipp hinaus, wo +immer noch die alte Kätter am Fenster saß und flickte oder in der +räucherigen Küche hantierte. Oft kam dann auch der Vater Berner heim, +und dann schüttelten die drei einander die Hände wie alte Freunde. Sie +hatten immer etwas Wichtiges miteinander zu verhandeln. Denn Philipps +Vater hielt es immer noch für eine wunderbare Sache, daß sein Bub' +kein Nichtsnutz, sondern ein tüchtiger Mensch werde, und obgleich er +ja sonst nicht viel sprach, sagte er doch immer wieder zu Fräulein +Margret: »Das hat Sie unser Herrgott angewiesen, daß Sie an dem Buben +tun sollen wie eine Mutter, das kann Ihnen kein Mensch vergelten.« Und +die Kätter nickte eifrig dazu, und ihr Faden ging dann noch einmal so +schnell auf und nieder, denn sie wollte auch ihren Teil an der Sache +haben und konnte doch nichts anderes mehr für den Philipp tun, als ihn +immer wieder tüchtig herausflicken. Der Philipp war nämlich nicht mehr +zu Hause. + +Er war zwar nicht gerade drauf und dran, ein großer, berühmter Künstler +zu werden, aber man konnte doch jetzt schon sehen, daß einmal ein +tüchtiger Mann aus ihm werde, an dem man sich wohl freuen konnte. +Jetzt war er in einer großen Tapetenfabrik und zeichnete schöne Muster +mit Blumen und Vögeln, auch hie und da freundliche Häuschen mit +Blumengärtlein davor oder weidende Kühe auf einer grünen Matte für +Fenstervorhänge, und man konnte allem, was er machte, wohl ansehen, daß +es mit Lust und Liebe getan war. + + * * * * * + +Es war einmal an einem schönen, sonnigen Abend im Herbst. Die +Kinder spielten wie sonst auch unter dem großen Kastanienbaum beim +Röhrenbrunnen, und die Erwachsenen kamen vom Feld heim, und der Vater +Geißlipp nahm seine Hacke, mit der er an der Straße gearbeitet hatte, +auf die Achsel und ging ebenfalls heimzu. Er ging jetzt nicht mehr +stumm und mürrisch an den Leuten vorbei und die Leute nicht an ihm. +Denn was schwer und dunkel in seinem Leben gewesen war, das lag jetzt +dahinten. + +Um diese Zeit schritt ein junger Wanderer dem Dorf zu. Er mußte da +bekannt sein, denn als er an den kleinen Feldweg kam, der ein tüchtiges +Stück vom Weg abschneidet, ging er sogleich dahinein. Es sah aus, als +ob ihn etwas vorwärts treibe, so große Schritte nahm er. Und doch blieb +er hie und da stehen und sah den ziehenden Wolken nach oder horchte +einen Augenblick still auf den fröhlichen Kinderlärm, den man bis hier +heraus hörte. Der Wanderer hatte nur eine leichte Tasche umhängen, und +aus dieser nahm er ein Büchlein und blätterte während des Weitergehens +ein wenig darin. »Es stimmt alles,« sagte er heiter. »Ich hab's doch +noch gut im Gedächtnis gehabt.« Mancher hätte vielleicht gedacht, +das sei ein sonderbares Bilderbuch. Denn da waren mit flüchtigen +Bleistiftstrichen allerlei unscheinbare Dinge aufgezeichnet: ein Stück +zerbrochenen Lattenzauns, davor ein barfüßiger Bube stand, ein Stück +Grasrain, in dem eine Sichel steckte, ein verwittertes Mauerstück, auf +dem allerlei Unkraut blühte, und noch mehr derartiges. »Es freut sie +doch,« sagte er lächelnd vor sich hin und steckte das Büchlein wieder +ein. + +Und dann sah er einige Schritte vor sich einen Mann gehen, der trug +eine Hacke auf der Schulter und legte die Hand vor die Augen, um besser +die Landstraße entlang sehen zu können, hinter der die Sonne unterging. + +»Vater!« rief der Philipp laut, denn der war der Wanderer. Er war mit +wenigen großen Sprüngen bei dem Mann, und dann gab es ein Wiedersehen, +wie sich weder der alte noch der junge Geißlipp vor Jahren hätten eins +träumen lassen. + +Ob Fräulein Margret das Bilderbuch gefreut hat, das ihr der Philipp am +andern Morgen brachte? + +Es wird wohl so sein. Wenn ein Gärtner auch weiß, daß er nicht selber +seiner Pflanzung fröhliches Gedeihen geben kann, freuen darf er sich +doch ihrer, wenn sie wohl gerät. + + + + + ~Von Anna Schieber= sind ferner erschienen~: + + +=Annegret.= Eine Kindergeschichte mit Bildern von ~Elisabeth +Sauer~. Gebunden Grundpreis M. --.60. + +Eine ~neue~, gemütvolle Geschichte in reizender Ausstattung. + + +=Sonnenhunger.= Geschichten von der Schattenseite. Gebunden +Grundpreis M. 2.--. + +Ein köstliches Buch, allerdings nicht von glücklichem Genießen, sondern +vom Entbehren erzählend. Es könnte wohl manchem Herzen einen Wink +geben, wie man auch an der Schattenseite des Lebens guten Mutes bleiben +kann. Einige Erzählungen sind ergreifend in ihrer echten Lebenswahrheit. + + Bücherschatz. + + +=Guckkastenbilder= -- =Warme Herzen= -- =Zugvögel= -- +=Was des andern ist=. Gebunden Grundpreis je M. 1.--. + +Jedes der hübschen Geschenkbändchen enthält eine Reihe gehaltvoller, +liebenswürdiger Erzählungen, die alt und jung Freude und Gewinn bringen +werden. + + +Die vier Bändchen sind auch in einem geschmackvollen Sammelband +lieferbar unter dem Titel: + + +=Allerlei Kraut und Unkraut.= 34 Bilder und Geschichten für große +und kleine Leute. Gebunden Grundpreis M. 3.50. + +Wie oft ist man in Verlegenheit, weil man kurze, spannende Geschichten +braucht zum ~Vorlesen~ in der Kinderstube oder in Vereinen und an +Krankenbetten! Dieser stattliche Band aus der Feder der bekannten und +beliebten schwäbischen Dichterin bietet da für alle Fälle reichen Stoff. + + Vierteljahrsberichte aus dem Gebiet der schönen Literatur. + + + _Ausführliches Verlagsverzeichnis kostenlos!_ + + + ~Verlag von D. Gundert in Stuttgart~ + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75672 *** diff --git a/75672-h/75672-h.htm b/75672-h/75672-h.htm new file mode 100644 index 0000000..c0ba3f2 --- /dev/null +++ b/75672-h/75672-h.htm @@ -0,0 +1,8000 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Röschen, Jaköble Und Andere Kleine Leute | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%;} + + h1,h2 { + text-align: center; + clear: both; + font-weight: normal;} + +h1 { font-size: 220%} +h2, .s2 { font-size: 170%} +.s3 { font-size: 125%} +.s4 { font-size: 110%} +.s5 { font-size: 80%} +.s5a { font-size: 60%} + +h1 {font-weight: normal} + +p { text-indent: 1em; + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em;} + +.p0 {text-indent: 0em;} +.p2 {margin-top: 2em;} + +hr { + width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 33.5%; + margin-right: 33.5%; + clear: both;} + +hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%;} +hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%;} +@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;} } + +div.chapter {page-break-before: always;} + +table { + margin-left: auto; + margin-right: auto; + width: 28em; } + +table.autotable { border-collapse: collapse; } +table.autotable td, +table.autotable { padding: 0.25em; } + +.tdl {text-align: left;} +.tdr {text-align: right;} + + +.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + left: 92%; + font-size: small; + text-align: right; + font-style: normal; + font-weight: normal; + font-variant: normal; + text-indent: 0;} + +.blockquot { + margin-left: 5%; + margin-right: 10%;} + +.center {text-align: center;} + +.right {text-align: right;} + +.hang p { + margin-left: 2em; + text-indent: -2em } + +.gesperrt{ + letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em;} + +em.gesperrt { + font-style: normal; } + +img { + max-width: 100%; + height: auto; +} +img.w100 {width: 100%;} + +.figcenter { + margin: auto; + text-align: center; + page-break-inside: avoid; + max-width: 100%;} + +.figright { + float: right; + clear: right; + margin-left: 1em; + margin-bottom: 1em; + margin-top: 1em; + margin-right: 0; + padding: 0; + text-align: center; + page-break-inside: avoid; + max-width: 100%;} + +/* comment out next line and uncomment the following one for floating figright on ebookmaker output */ +/*.x-ebookmaker .figright {float: none; text-align: center; margin-left: 0;}*/ + .x-ebookmaker .figright {float: right;} + + +/* Poetry */ +/* uncomment the next line for centered poetry */ +/* .poetry-container {display: flex; justify-content: center;} */ +.poetry-container {text-align: center;} +.poetry {text-align: left; margin-left: 5%; margin-right: 5%;} +.poetry .stanza {margin: 1em auto;} +.poetry .verse {text-indent: -3em; padding-left: 3em;} + +/* Transcriber's notes */ +.transnote {background-color: #E6E6FA; + color: black; + font-size:small; + padding:0.5em; + margin-bottom:5em; + font-family:sans-serif, serif; +} + +/* Illustration classes */ +.illowe20 {width: 20em;} +.x-ebookmaker .illowp20 + {width: 100%;} +.illowp100 {width: 100%;} +.illowp46 {width: 46%;} + +.illowp49 {width: 49%;} +.illowp60 {width: 60%;} +.illowp61 {width: 61%;} +.illowp62 {width: 62%;} +.illowp65 {width: 65%;} +.illowp66 {width: 66%;} +.illowp69 {width: 69%;} +.illowp73 {width: 73%;} +.illowp74 {width: 74%;} +.illowp76 {width: 76%;} +.illowp77 {width: 77%;} +.illowp78 {width: 78%;} +.illowp80 {width: 80%;} +.illowp85 {width: 85%;} +.illowp87 {width: 87%;} +.illowp88 {width: 88%;} +.illowp89 {width: 89%;} +.illowp94 {width: 94%;} + +.x-ebookmaker .illowp46 {width: 100%;} +.x-ebookmaker .illowp49 {width: 100%;} +.x-ebookmaker .illowp60 {width: 100%;} +.x-ebookmaker .illowp61 {width: 100%;} +.x-ebookmaker .illowp62 {width: 100%;} +.x-ebookmaker .illowp65 {width: 100%;} +.x-ebookmaker .illowp66 {width: 100%;} +.x-ebookmaker .illowp69 {width: 100%;} +.x-ebookmaker .illowp73 {width: 100%;} +.x-ebookmaker .illowp74 {width: 100%;} +.x-ebookmaker .illowp76 {width: 100%;} +.x-ebookmaker .illowp77 {width: 100%;} +.x-ebookmaker .illowp78 {width: 100%;} +.x-ebookmaker .illowp80 {width: 100%;} +.x-ebookmaker .illowp85 {width: 100%;} +.x-ebookmaker .illowp87 {width: 100%;} +.x-ebookmaker .illowp88 {width: 100%;} +.x-ebookmaker .illowp89 {width: 100%;} +.x-ebookmaker .illowp94 {width: 100%;} +.poetry .indent0 {text-indent: -3em;} +.poetry .indent1 {text-indent: -2.5em;} + + </style> +</head> +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75672 ***</div> + +<div class="transnote"> +<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription</p> +<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und +Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche +Druckfehler sind korrigiert worden.</p> +<p class="p0">Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang des Textes verschoben.</p> +<p class="p0">Worte in Antiquaschrift sind "<i>kursiv</i>" dargestellt</p>. +</div> + +<figure class="figcenter illowp46" id="cover"> + <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="cover"> +</figure> + +<h1 class="p2">Röschen, Jaköble<br> +<span class="s5a center">und andere kleine Leute</span></h1><br> +<p class="p2 s3 center">Ein Geschichtenbuch für Kinder und Kinderfreunde</p><br> +<p class="center">von</p><br> +<p class="s2 center">Anna Schieber</p><br> +<p class="p2 s4 center">Mit Bildern von Amalie Bauerle</p><br> +<p class="s5 center">9.-16. Tausend</p><br> +<p class="center">1923</p><br> +<p class="center">Verlag von D. Gundert in Stuttgart</p><br> +<p class="s5 center">Druck: Christliches Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<h2>Inhaltsverzeichnis.</h2> + +<table class="autotable"> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl"> </td> +<td class="tdr">Seite</td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">1. Was das Röschen zu verschenken hatte</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_3">3</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">2. Die Geschichte vom dummen Frieder</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_11">11</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">3. Wer die Mutter am liebsten hatte</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_17">17</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">4. Vom Jaköble, der nicht »Ja« sagen konnte</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_22">22</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">5. Kätterles Christbaum</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_34">34</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">6. Die Gottswillenkinder</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_43">43</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">7. Zweierlei Reichtum</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_85">85</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">8. Gretels Ferientage</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_115">115</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">9. Wie Heini den Rückweg fand</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_123">123</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">10. Ein Ersatz</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_140">140</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">11. Eine Reise in die Welt</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_158">158</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">12. Die Botenflori</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_173">173</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">13. Augenblicklich</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_184">184</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">14. Angelika</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_191">191</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">15. In die Sonne</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_205">205</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">16. Aus dürrem Erdreich</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_221">221</a></td> +</tr> +</table> + +<div class="chapter"> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +</div> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span></p> + +<h2>1. Was das Röschen zu verschenken hatte.</h2> + +<p>Ganz am Ende des Dorfes stand ein kleines Häuschen. Es sah ein bißchen +wackelig aus, es lehnte nur so an einer Mauer, auf der Gras und +allerlei Unkraut wuchs. Dem Röschen machte das aber keinen Kummer, das +lebte ganz vergnügt und zufrieden in den Tag hinein und besann sich +gar nicht, ob es am Ende Kinder gebe, die besseres Essen und schönere +Kleider haben und ein schöneres Haus, um darin zu wohnen. Das Röschen +war das einzige Kind im Hause. Der Vater saß den ganzen Tag auf seinem +Stühlchen und flickte Schuhe und Stiefel, wenn er welche hatte, und +die Mutter kochte und wusch und besorgte die Geiß und das Äckerlein. +Und alle beide, der Vater und die Mutter, jammerten oft, daß sie so +arm seien und das Häuschen so schlecht, und wenn das Röschen sang und +sprang und immer lustig war, schüttelten beide den Kopf und sagten: +»Das wird's schon noch anders lernen!«</p> + +<p>Eines Morgens war das Röschen früh aufgestanden und hatte sich schnell +fertig gemacht. Das war allerdings bald geschehen gewesen, denn es +hatte nur ein einziges Röcklein anzuziehen und die Füßchen blieben +bloß. Jetzt im Sommer, wo es warm war, gingen viele Kinder barfuß.</p> + +<p>Jetzt stand das Röschen unter der Haustür und besann sich, ob es lieber +zuerst in den Stall wolle und nach der Geiß sehen oder lieber gleich +auf ein Schemelchen steigen und der Mutter ein wenig am Waschzuber +helfen. Das war beides sehr vergnüglich. Dann entschloß es sich, ganz +zuerst sein Stück<span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span> Brot zu essen, das es in der Hand hielt, denn es +hatte seine Milch nur leer ausgetrunken.</p> + +<p>Da schlürfte ein alter Mann an das Häuschen heran, der steckte in einem +ganz zerrissenen Kittel und zu den Schuhen guckten die Zehen heraus. +»Guten Morgen, Kind,« sagte er, »ist die Mutter daheim? So geh und frag +sie einmal, ob sie einem armen Mann ein bißchen was zu essen habe. Ich +komme schon weit her heute und habe noch nichts gehabt.«</p> + +<p>»Hab' nichts zu verschenken, hab' gar nichts zu verschenken,« rief die +Mutter aus dem Häuschen. »Ich wär' selber froh, wenn mir einer etwas +schenkte. Jawohl, die Mauer will einfallen und der Gartenzaun ist kaput +und alle Hemden haben Löcher und nirgends ist ein Geld zu neuen. Gibt +reiche Leut' genug, geht zu denen; wir sind selber arm.« Der alte Mann +wollte traurig weitergehen, da legte ihm Röschen schnell sein Brot in +die Hand und sprang ins Häuschen zurück, eh' er sich noch bedanken +konnte.</p> + +<p>Die Mutter hatte es aber gerade noch gemerkt und zankte nun auch mit +dem Röschen.</p> + +<p>»Du darfst kein Brot verschenken,« sagte sie, »ich hab' kein Geld zu so +viel Brot! Sei froh, wenn du selber hast.«</p> + +<p>Das Röschen war ein wenig rot geworden. »Ich habe keinen so argen +Hunger,« sagte es, »es ist gleich, wenn ich jetzt kein Brot bekomme.«</p> + +<p>»Ja, dann bist du am Mittagessen um so ausgehungerter,« sagte nun +auch der Vater. »Also du merkst dir's, du hast dein Brot nicht zum +Verschenken, sondern zum Selberessen!«</p> + +<p>Zuerst war das Kind ein wenig betrübt, denn es hatte nicht unartig sein +wollen, der arme Mann hatte ihm so leid getan, und es mochte überhaupt +so gern etwas verschenken. So gern!</p> + +<p>Aber dann vergaß es seinen Kummer wieder. Draußen auf der Straße +wackelte der kleine dicke Philipp daher, Röschens<span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span> ganz guter Kamerad +und Schützling, das Büblein des reichen Schafbauern. Der Philipp lachte +über sein ganzes rundes Gesicht, als er sein Röschen sah. Er strebte, +wo er nur konnte, zu ihm hin, denn das Röschen konnte so nett mit +ihm spielen und sogar Geschichten erzählen. »Vom Wolf und den sieben +Geißlein« und »vom Hänsel und Gretel« und noch anderes.</p> + +<figure class="figright illowp49" id="illu-005" style="max-width: 20em;"> + <img class="w100" src="images/illu-005.jpg" alt=""> +</figure> + +<p>Die Mutter zankte zwar manchmal. »Sollen sich selber eine Kindsmagd +halten, so reiche Leut,« sagte sie, wenn der Philipp angewackelt kam: +»Rösle, 'schicht zählen!«</p> + +<p>Aber dann freute sie sich allemal doch auch wieder, wenn die Kinder +so einträchtig zusammenhausten und das Röschen so recht wie ein +Mütterlein für den Kleinen sorgte. Heute kam der Philipp in einem +besondern Aufzug. An einem Fuß hatte er einen flammroten Strumpf und +sonst nichts, der andere steckte in einem mächtig großen Pantoffel, +der offenbar seiner Mutter gehörte. Den zweiten Strumpf trug er in der +Hand und dann noch etwas Glitzerndes. Als Röschen näher hinsah, war es +eine silberne Taschenuhr, die der kleine Schelm jedenfalls heimlich +mitgeschleppt hatte. »Tiktak machen,« sagte er ganz fröhlich. Daß der +Philipp von daheim durchgegangen sei, sah Röschen wohl, und daß man ihn +sogleich wieder heimbefördern mußte, wußte sie auch. Aber der kleine +Ausreißer war nicht gesonnen, sich heimführen zu lassen. Und die Uhr, +die das verständige Röschen<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> gerne tragen wollte, mochte er auch nicht +aus den Händen lassen. Und doch mußte es sein!</p> + +<p>Röschen wußte aber einen Rat. Entschlossen griff sie in ihre Tasche und +holte da ein Bildchen heraus, schön farbig, mit Schäfchen auf der Weide +und Kindern mit Blumenkränzen auf dem Kopf dabei. »Da, Philipple, komm, +gib mir das Tiktak, so kriegst du das Bildchen dafür. Aber dann mußt du +ganz brav mit heimgehen.«</p> + +<p>Das wirkte Wunder. Das widerspenstige Geschrei hörte auf, und die +beiden trotteten Hand in Hand des Schafbauern Haus zu.</p> + +<p>Es hatte dem Röschen zuerst ein wenig leid getan, das Bildchen in die +Hand des kleinen Buben zu stecken. Es war in einem Zichorienpäckchen +gewesen und Röschen hatte es eigentlich morgen der Mutter schenken +wollen. Denn da war der Geburtstag der Mutter, und diese hatte erst +noch neulich, als man im Pfarrhaus den Geburtstag der Frau Pfarrerin +gefeiert hatte, gesagt: »Jetzt so ein Lebtag, wie <em class="gesperrt">das</em> ist in +<em class="gesperrt">dem</em> Haus! Jawohl, mein Geburtstag ist auch bald und mir schenkt +niemand nichts!« Seither hatte Röschen das Bildchen als Schatz gehütet +und oft gedacht: »Ja, ja, du wirst dann schon sehen, daß dir auch +jemand was schenkt, Mutter!«</p> + +<p>Aber das Röschen konnte nichts dafür! Wenn es etwas zu verschenken +hatte, so kribbelte ihm das so lange in der Tasche und in den Händen, +bis es richtig draußen war. Dann war es wieder so vergnügt wie der Hans +im Glück. Und jetzt hatte sie doch das Büblein beruhigen müssen.</p> + +<p>Die Schafbäuerin stand schon unter der Haustür und schaute nach ihrem +Kleinen aus, als die zwei ankamen.</p> + +<p>Sie hatte schon das ganze Haus nach dem Philipp ausgesucht und war +jetzt nur froh, daß er wieder da war. Eben kam auch der Bauer unter +die Tür. »Wo kann nur auch<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span> meine Uhr sein?« fragte er. »Ich suche +sie schon allenthalben.« Da streckte das Röschen die Uhr hin, die sie +sorglich im Schürzchen getragen hatte, und erzählte den Hergang. »Du +bist brav, Rösle,« lobte der Bauer, »so ist's recht. Komm aber, komm, +du mußt auch ein paar schöne Äpfel haben, weil du so gut aufgepaßt +hast.« Und das Röschen ließ sich vergnügt sein Schürzchen füllen mit +so schönen rot und gelben Äpfeln, wie es noch gar nie gehabt hatte. +Dann zog es schnell wieder ab, denn es war ein neuer Gedanke in ihm +aufgestiegen.</p> + +<p>Die Äpfel konnte man heute gut verstecken und am Morgen der Mutter auf +einen Teller legen. Das war noch ganz anders als ein Bildchen! Und dann +sollte sie <em class="gesperrt">noch</em> einmal sagen: »Mir schenkt niemand nichts!«</p> + +<p>Aber unterwegs begegneten dem Röschen zwei kleine Geschwister; die +weinten so herzbrechend, daß es das Röschen ganz erbarmte. »Drum ist +der Jaköble hingefallen und hat sich die Hosen so zerrissen, daß man +sie vielleicht nicht mehr flicken kann,« sagte das Schwesterlein, »und +jetzt kriegen wir vielleicht alle beide Schläge.« Und dann weinten sie +wieder zur Gesellschaft alle zwei weiter. Das war schlimm, das sah das +Röschen auch ein. Aber dann fiel ihm auf einmal ein, daß es eine schöne +Stecknadel mit einem blauen Glasknopf an seinem Tuch stecken hatte. Die +hatte es gestern gefunden. Sie war zwar ein bißchen rostig, aber man +konnte doch gut den allergrößten Lappen damit hinaufstecken, man sah es +gar nicht mehr so arg. So lang hatte das kleine Mädchen das Schürzchen +halten müssen, daß die Äpfel nicht herausfielen; jetzt sah das Röschen +wohl, wie verlangend alle zwei nach den schönen Äpfeln sahen. »Da, +so habt ihr jedes einen,« sagte es schnell, damit es sich nicht noch +anders besinne, und gab zwei der schönen Äpfel hin. »Es sind immer noch +viel,« tröstete es sich. »Am Ende hätten nicht einmal alle auf einem +Teller Platz gehabt.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span></p> + +<p>Und vergnügt kam es an seinem Häuschen an, ging aber nicht vornen +zur Haustür hinein, sondern schlüpfte durch ein Loch in dem Zaun, um +die Äpfel hinten an der Mauer zu verstecken. Auf einmal hörte es ein +Geräusch hinter sich. Da stand ein fremder Herr mit einer Brille und +einem Rucksack, der hatte ganz merkwürdige Blumen in der Hand. »Keine +schönen,« dachte das Röschen, »und überall sind noch die Wurzeln dran +und noch Erde.« Der Herr sagte ganz freundlich »guten Tag« zu Röschen +und fragte dann gleich: »Hör, Kleine, da droben auf der Mauer wächst +eine Pflanze, sieh die mit den haarigen Blättern und der kleinen +gelben Blüte! Die muß ich haben, die fehlt mir in meiner Sammlung, +kann ich mir sie holen?« Das Röschen war ganz erstaunt, daß der Herr +die Blume wollte, die doch gar nicht schön aussah, und es sagte ganz +bereitwillig: »Du kannst auch eine schönere haben, vornen am Haus sind +auch Astern, blaue und rote.«</p> + +<figure class="figright illowp73" id="illu-008" style="max-width: 31.25em;"> + <img class="w100" src="images/illu-008.jpg" alt=""> +</figure> + +<p>»Astern brauche ich nicht,« sagte der Herr, »gerade die möchte ich +haben, willst du mir sie geben?«</p> + +<p>»Ja freilich,« lachte Röschen; »Blumen darf ich schon herschenken, da +zankt die Mutter nicht, nur Brot nicht und nichts, was man um Geld +kaufen muß, weil man keins hat.« Und damit stieg sie auch schon an +der verwitterten Mauer in die Höhe; man konnte das gut, es stand da +und dort ein<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> Stein weit hervor. »Nicht abreißen, hörst du?« rief +ihr der Herr nach. »Mit der Wurzel ausziehen, ganz sachte, so!« +Triumphierend brachte das Röschen die ganze Pflanze in der Hand daher, +ihr Gesicht strahlte. »Was freut dich denn so, Kleine?« sagte der +Herr wohlgefällig; es gefiel ihm, daß das Röschen so bereitwillig +war. »Alles freut mich,« erklärte Röschen. »Daß ich morgen der Mutter +die Äpfel geben kann und daß es doch noch einen für das Jaköble und +seine Schwester gelangt hat, und daß dem Philipp mein schönes Bildle +so gefallen hat und dir die Blume — und alles!« Röschen mußte einen +tiefen Atemzug tun, denn es hatte sehr viel auf einmal gesagt und das +war es nicht gewohnt. In dem Gesicht des fremden Herrn hatte es ein +paarmal gezuckt, so, als ob er das Lachen verbeißen müßte. Aber dann +wurde er wieder ganz ernsthaft, denn es fiel ihm ein, daß daheim seine +Buben und Mädchen viel schönere und bessere Sachen hatten als das +Röschen, und daß es ihnen nicht einfiel, sich zu besinnen, wem sie eine +Freude damit machen könnten.</p> + +<p>So legte er jetzt ganz väterlich seine Hand auf den Kopf des kleinen +Mädchens und sagte: »So ist's recht, Röschen, so ist's recht! Aber +weißt du, mich freut's auch, wenn ich etwas herschenken kann. Sieh, das +nagelneue Fünfzigpfennigstück, das schenke ich dir, da kannst du dir +selber etwas drum kaufen, das dir Freude macht!«</p> + +<p>Das Röschen war ganz rot geworden vor Freude. »Was ich nur will und muß +niemand fragen?« sagte es und streckte die Hand aus nach dem Schatz. +»Ja,« sagte der Herr, »aber lieber keine Bonbons, das gibt schwarze +Zähne.«</p> + +<p>Das Röschen war aber noch keinen Augenblick gesonnen gewesen, sich +Bonbons zu kaufen. Es sah ganz verwundert auf, daß man an so etwas +denken konnte. Dann konnte es aber nicht mehr länger stehen bleiben, +denn es hatte einen<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> Gedanken auszuführen, den das Geldstück in ihm +hervorgerufen hatte. So sagte es nur noch: »Vergelt's Gott und Ade!« zu +dem Herrn und lief dann davon, schnell, schnell die Dorfgasse hinauf.</p> + +<p>Das war am andern Morgen ein Verwundern in dem Häuschen! Die Mutter +war aufgestanden und zuerst in den Stall gegangen wie gewöhnlich. +Aber als sie wieder in die Stube kam, lag auf dem Tisch eine riesige +Brezel, von einem Kranz von Äpfeln umgeben. Und von der Hängeampel +herunter baumelte, an einem roten Schnürchen angebunden, eine Wurst! +Und das Röschen stand daneben und lachte wie ein Kobold. »Das ist dein +Geburtstag, Mutter,« rief es und klatschte in die Hände. »Jetzt hast +du's auch wie die Frau Pfarrer, jetzt ist <em class="gesperrt">auch</em> ein Lebtag bei +uns.« Die Mutter mußte sich setzen, so sehr hatte sie die Bescherung +angegriffen. Und der Vater kam mit der Schuhbürste in der Hand heran +und hätte gern die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, wenn er sie +frei gehabt hätte. »Ja, woher denn und wieso das alles?« wollten aber +beide Eltern jetzt wissen. »Uns schenkt doch niemand nichts!«</p> + +<p>Aber das Röschen wußte es besser. Und wir wissen's auch. Denn wer etwas +zu verschenken hat, bekommt allemal wieder etwas und wenn's nur ein +fröhliches Herz ist.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span></p> + +<h2>2. Die Geschichte vom dummen Frieder.</h2> +</div> + +<p>Es war einmal ein Büblein, das saß auf einem Mäuerchen ganz nahe bei +dem großen Spielplatz, wo die Kinder des Dorfes Ringelreihe spielten +und »Fuchs, du hast die Gans gestohlen« und noch vieles andere. Es +sah immerfort zu den lustigen Kameraden hinüber, denn es hätte gar zu +gern auch mitgetan. Aber das durfte es nicht. Denn die andern Kinder +sagten es ihm alle Tage und seine eigenen Brüder sagten es auch, daß es +zu dumm dazu sei. Ja, sie hießen das Büblein nur den dummen Frieder. +Die Brüder und die Nachbarsbuben und alle Kinder, die der Frieder +kannte, gingen in die Schule, lernten lesen und schreiben und auch +singen. Und das hätte der Frieder auch sehr gern getan, aber dazu war +er auch zu dumm. Er konnte die Buchstaben nicht verstehen und konnte +nicht behalten, daß zweimal zwei vier ist. Der Herr Lehrer wollte den +Frieder nicht in der Schule haben, und so blieb er denn zu Hause. +Oder vielmehr, er zog alle Tage, an denen es nicht regnete, mit dem +Kinderwägelchen hinaus an das Mäuerchen unter der großen Linde. In +dem Wägelchen saßen die beiden kleinen Geschwister, die der Frieder +zu hüten hatte. Denn das konnte er am besten, und die Base, die für +ihn und die Geschwister sorgte, sagte immer, das sei das einzige, wozu +er zu gebrauchen sei. Der Vater ging immer schon am frühen Morgen +auf Arbeit aus und eine Mutter hatten die Kinder nicht mehr. Sie war +gestorben, als das allerkleinste noch im Tragkissen lag, und seither +gab es keinen Menschen mehr, der den dummen Frieder lieb gehabt hätte. +Er konnte nichts<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> recht behalten, er vergaß sehr oft, was man zu ihm +sagte; aber daran dachte er doch noch oft, wie ihm die Mutter allemal +mit der Hand über den Kopf gefahren war und gesagt hatte: »Sei du nur +brav und folgsam, Friederle, dann habe ich dich gerade so lieb wie die +andern! Und der liebe Gott auch!«</p> + +<figure class="figcenter illowp65" id="illu-012" style="max-width: 62.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-012.jpg" alt=""> +</figure> + +<p>So sagte jetzt niemand mehr. Der Vater sagte nur manchmal: »Wenn ich +nur wüßte, was man aus dem Buben machen soll, er ist zu allem zu dumm!« +Und die Brüder schoben ihn dahin und dorthin und ließen ihn nicht +mitspielen und nicht mitarbeiten, wenn sie Futter schnitten für die Kuh +oder<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> Gras holten an den Rainen für die Geiß und für ihre braunen Hasen.</p> + +<p>Nur der ganz kleine Hannes, der noch nicht recht allein gehen konnte, +hing sich immer an ihn und wollte getragen sein. Und das allerkleinste +Annele, das noch nichts sagen konnte als »adda«, zappelte aus +Leibeskräften, wenn es den Frieder sah, und rief so lange sein einziges +Wort, bis er seine Kappe nahm und mit ihm hinausfuhr, immer an das +gleiche Plätzchen. Dort saß er dann und trug den Kleinen Steinchen +zusammen zum Spielen und grüne Blätter. Sie konnten sich allein +vergnügen, denn der Frieder sprach nicht viel mit ihnen. Er sah nur +immerfort auf das Wägelchen, und wenn der Hannes nicht mehr darin +sitzen wollte, nahm er ihn heraus und auf den Arm.</p> + +<p>Man konnte von hier aus hören, wenn die Kinder in der Schule sangen. +Das war dem dummen Frieder die größte Freude. Dann machte er den +Kleinen mit dem Finger ein Zeichen, daß sie still sein sollten, und +alle drei horchten mäuschenstill, bis der Gesang zu Ende war.</p> + +<p>Weil aber nun die andern Dorfkinder wußten, daß der Frieder das +Kinderhüten verstehe und sonst nichts, so dachten sie, es sei dann +gleich, ob er noch ein paar mehr zu hüten habe oder nicht. Und weil +sie selber gern spielen wollten, so stellten sie nur eins ums andere +von ihren Kinderwägelchen samt den Kleinen darin unter die Linde: +»Da, Frieder, paß auf mein Rösle auf, aber laß es nicht 'rausfallen!« +»Frieder, guck auch nach meinem Georg, daß ihm niemand nichts tut.«</p> + +<p>Und der Frieder lachte noch ganz vergnügt dazu. Dazu war er doch nicht +zu dumm! Und dann trug er seine glatten Kieselsteinchen der Reihe nach +zu allen Kleinen, und wenn eins aufstehen wollte oder auf dem Boden +nach den Brennesseln zurutschte, dann hob er den Zeigfinger auf und +sagte:<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> »Bscht! Mußt auch brav sein und folgsam! Dann mag ich dich auch +so wie die andern und der liebe Gott auch!« Ich weiß nicht, ob das die +Kleinen recht verstanden haben, aber gefolgt haben sie dem Frieder +besser, als ihren klugen Brüdern und Schwestern.</p> + +<p>An einem schönen Abend saß der Frieder auch an seinem Plätzchen und +hatte eine ganze Reihe von Wägelchen um sich her, und auf dem Boden +und an dem Mäuerchen umher spielten und krabbelten lauter kleine +Buben und Mädchen. Die großen spielten: »Als ich einst reiste aus dem +Savoyerland,« und Frieder konnte sich nicht satt hören und sehen. Auf +einmal hörte er ein lautes Wagengerassel und als er hinsah, kam den +Berg herunter ein Fuhrwerk ohne Fuhrmann. Die Pferde rasten, wie wenn +sie wild geworden wären, und der Fuhrmann kam erst weit hintendrein. +Und als der Frieder noch näher hinsah, merkte er erst, daß ein kleines +Büblein mitten im Weg saß und mit Steinen spielte. Sein Kindsmägdlein +aber sang mit den andern und hörte und sah nichts davon. Was sollte der +dumme Frieder machen? Er fürchtete sich vor Pferden und doch wußte er +wohl, daß der kleine Adam überfahren werde, wenn er ihn nicht weghole.</p> + +<p>Und es fiel ihm auch noch ein, daß die Mutter immer gesagt hatte: »Wenn +der Frieder dabei ist, passiert den Kleinen nichts. Der läßt keinem +etwas geschehen.«</p> + +<p>Jetzt lachte er vergnügt in der Erinnerung. Nein, er ließ keinem etwas +geschehen. Viel schneller, als schon jemand den dummen Frieder hatte +laufen sehen, war er auf der Straße, gerade vor den wilden Pferden, +und riß den kleinen Adam in die Höhe und auf die Seite. Aber <em class="gesperrt">so</em> +schnell konnte er's doch nicht tun, daß nicht der eine Schimmel +noch Zeit gehabt hätte, ihn mit dem Fuß zu schlagen! Das tat einen +Augenblick sehr weh, aber dann spürte er gar nichts mehr. —<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> Als der +Frieder wieder aufwachte, lag er in seinem Bett. Dahin hatte man ihn +getragen, weil er gar nichts mehr von sich gewußt hatte und wie tot +dagelegen war, als ihn das Pferd gestoßen hatte. Es fiel ihm nicht +gleich wieder ein, warum er im Bett sei, und überhaupt nichts von dem, +was geschehen war, da hörte er den Vater sagen: »Das ist noch gut +gegangen! Der dumme Bub' hätte ja zu tot gefahren werden können. Läuft +gar noch den Gäulen vor die Füße und unter die Wagenräder.«</p> + +<p>Da fiel es dem Frieder wieder ein, was ihm begegnet war, und er wollte +gerade sagen: »Man darf den Kleinen nichts passieren lassen, die +Mutter hat's gesagt!« Da kam eine junge Frau in die Stube. »Wo ist der +Frieder?« fragte sie. Und dann kam sie an sein Bett und küßte ihn und +streichelte sein Haar, gerade wie die Mutter, und sagte: »Kein Mensch +soll dich mehr dummer Frieder heißen! Du hast mir mein Büblein vor +den wilden Gäulen errettet, und wenn du das nicht getan hättest, dann +hätte ich jetzt kein Kind mehr.« Der Frieder machte die Augen zu und +lachte still vor sich hin. Es war ihm, wie wenn seine Mutter wieder da +wäre. Aber die Bäuerin ging noch nicht. Sie sagte zum Vater: »Wenn der +Frieder wieder aufstehen kann, dann gebet ihn doch mir. Ich will ihn +ganz versorgen und er soll es gut haben bei mir. Mein Mann ist auch +damit einig. Euch ist er ja doch eine Last!«</p> + +<p>Das wollte der Vater zuerst nicht, und auch die Base und die Brüder +nicht. Denn dann hatte man niemand mehr, der die Kleinen hüten konnte, +und das hatte der dumme Frieder am besten verstanden.</p> + +<p>Aber die Bäuerin ließ nicht nach. Und als der Frieder wieder gesund +war, holte sie ihn auf ihren Hof. Da durfte er allerlei lernen, und der +Bauer sagte oft: »Der Frieder ist<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> gar nicht so dumm, wie er aussieht.« +Er durfte im Stall und auf dem Feld und in den Obstgärten helfen und +konnte ganz tun, als ob er zu Hause wäre.</p> + +<p>Aber am glücklichsten war er doch, wenn die Bäuerin nach der Stadt oder +aufs Feld wollte und dem Frieder vorher mit der Hand über das Haar +strich, wie seine Mutter getan hatte, und dann zu dem Bauern sagte: »Da +kann man ruhig sein. Dem Adam passiert nichts, wenn der Frieder dabei +ist. Der läßt keinem Kleinen etwas geschehen!«</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span></p> + +<h2>3. Wer die Mutter am liebsten hatte.</h2> +</div> + +<figure class="figright illowp100" id="illu-017" style="max-width: 31.25em;"> + <img class="w100" src="images/illu-017.jpg" alt=""> +</figure> + +<p>In einer großen, freundlichen Schlafstube standen vier Bettchen, +immer eins etwas größer als das andere. Und in den Bettchen lagen +vier Kinder, auch immer eins größer als das andere. Sie schliefen +aber noch nicht, obgleich sie schon ihr Nachtgebet gesprochen hatten, +sondern jedes sah ganz erwartungsvoll nach der Türe. Denn die Mutter +war von Kathrine, der Köchin, in die Küche geholt worden, und ehe +man einschlief, mußte sie noch einmal kommen und jedem Kind einen +Gutenachtkuß geben. Das konnte man sich gar nicht anders denken. +Hänschen, der kleinste, rieb sich immerfort die Äuglein, denn die +wollten ihm zufallen; da kam die Mutter herein. »Wer wacht noch von +meinen kleinen Schelmen?« fragte sie. »Ich, ich,« riefen alle und jedes +wollte die Mutter zuerst bei sich haben. »Mütterlein, ich habe dich +doch am aller-allerliebsten,« sagte Gustav. Er war schon zehn Jahre +alt und ein fleißiger Schüler. Und er machte heimlich einen schönen +Lampenschirm für die Mutter, den sollte sie morgen bekommen; deshalb +dachte er, er habe die Mutter am liebsten, denn so etwas konnten die +Kleinen nicht tun. Aber diese wollten sich's nicht gefallen lassen; sie +wollten die Mutter auch am liebsten<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> haben, und es hätte beinah' Streit +gegeben unter den Geschwistern.</p> + +<p>Da sagte die Mutter: »Für heute seid ihr nun alle zusammen ganz still +und schlafet flugs ein! Morgen am Tag will ich's dann sehen, wer mich +am liebsten hat!« Und sie küßte ein jedes Kind und ging hinaus. Gustav +mußte leise vor sich hinlachen. »Das wird sich freilich zeigen morgen!« +dachte er. Aber die andern besannen sich auch, jedes für sich, wie sie +es anstellen könnten, daß die Mutter es merke, und darüber schliefen +sie ein. Nur Gretchen, das siebenjährige Schwesterlein, konnte noch +nicht gleich einschlafen. Es war heut am Tage unartig gewesen, hatte +den kleinen Hans geschlagen und trotzig mit dem Fuß gestampft, weil +es nicht mit Kathrine zum Kaufmann gehen durfte. Das fiel ihm jetzt +ein und es dachte: »Da glaubt's dann die Mutter freilich nicht, daß +ich sie am liebsten habe! Und ich habe sie doch so lieb, daß ich's +gar nicht sagen kann, wie. Aber morgen will ich gewiß sehr lieb und +folgsam sein!« Und Gretchen drehte sich auch gegen die Wand und schlief +ein. Weil die Mutter aber gesagt hatte, daß man ganz zuletzt vor dem +Einschlafen noch beten sollte, so legte es noch die Händlein zusammen +und fing an: »Lieber Gott, mach mich fromm, daß ich — —.« Da schlief +sie schon.</p> + +<p>Am andern Tag war ein Sonntag. Da mußte man nicht in die Schule und der +Vater nicht aufs Kontor, und Vater und Mutter gehörten, wenn sie von +der Kirche kamen, den ganzen Tag ihren Kindern. Am Sonntag war es doch +am allerschönsten! Die Mutter brachte schon früh die Sonntagskleider +an die Bettchen und dann wollte jedes Kind zuerst fertig sein, und das +summte und wimmelte durcheinander, wie bei den Bienen und den Ameisen. +Heute war Moritz zuallererst fertig. Er hatte das Amt, die Milchbrote +beim Bäcker zu holen, und Sonntags gab es da allemal eine Brezel für +ihn als Dreingabe.<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> Mit dieser hatte er heute etwas Besonderes vor. +Ganz verstohlen legte er die glänzend-braune, schön gezuckerte Brezel +auf die Tasse der Mutter. Da würde sie dann schon merken, daß er sie am +liebsten habe. Inzwischen hatte Gustav schon den bunten Lampenschirm, +mit einer Winterlandschaft darauf und verschneiten Häuschen und einer +Kirche, über die Hängelampe gestülpt; er konnte kaum erwarten, bis ihn +die Mutter entdecken würde. Gretchen hatte nichts zu verschenken. Sie +merkte auch gar nicht, daß die Brüder etwas hatten. Sie hatte sich +leise und schnell angezogen und kein einziges Mal »au« geschrieen, als +ihr die Mutter die Haare kämmte. Das tat sie sonst sehr oft. Und dann +machte sie sich daran, Hänschen anzuziehen, der erst fünf Jahre alt war +und noch nicht allein fertig wurde. Die Mutter sah es wohl, aber sie +sagte nichts darüber. Sie sah auch, daß Hänschen sehr mutwillig war +und das Schwesterlein an den Haaren zog und in die Arme kniff, und daß +Gretchen nur ganz verständig sagte: »Du mußt auch lieb sein, Hänschen; +weißt du, nachher läßt Vater dich auf der Achsel reiten!«</p> + +<p>Beim Frühstück entdeckte die Mutter die Geschenke und freute sich sehr +darüber, und als Hänschen das sah, schleppte er sein großes Bilderbuch +und seinen Frachtwagen herbei: »Da, Mutter, das schenke ich dir! +Nimm's nur, das Christkindlein bringt mir dann schon wieder einen +neuen!« Er wollte von allen am meisten geliebt sein und streckte sein +rotes Mäulchen zum Kusse her, noch ehe er sein Geschenk losgelassen +hatte. Gretchen war ein wenig still, weil ihr im Augenblick nichts zu +verschenken einfiel; denn so groß war sie schon, daß sie wußte, die +Mutter könne nichts mit Puppen und Bilderbüchern anfangen.</p> + +<p>So ging sie nach dem Frühstück mit Hänschen in den Garten, zog sich und +ihm große Schutzschürzen an und fing an, mit ihm ein Gärtchen aus Sand +und Steinen und mit Gänseblümchen anzulegen. Das mußte man sie sonst +sehr oft heißen,<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> weil sie viel lieber mit andern Kindern spielte, als +mit dem kleinen Bruder. Aber sie wollte ja nicht mehr unfolgsam sein, +der Mutter zulieb. Sie wurden beide ganz vergnügt und merkten kaum, daß +schon die Kirche aus war und die Mutter hinter ihnen stand und ihnen +zusah.</p> + +<figure class="figcenter illowp100" id="illu-020" style="max-width: 62.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-020.jpg" alt=""> +</figure> + +<p>Die großen Brüder aber hatten die freie Zeit dazu benützt, Seifenblasen +zu machen, und sich sehr mit Kathrine herumgestritten, die das nicht +in ihrer schön gefegten Küche gestatten wollte. Und zum Schluß hatten +sie gar noch miteinander Streit bekommen und die schöne, große +Porzellan-Waschschüssel zerbrochen, in der sie ihren Seifenschaum +angerührt hatten, obgleich das verboten war. Sie hätten ein irdenes +Schüsselchen nehmen sollen. Die Mutter hörte den Lärm und das Klirren +im Garten und kam herein. Da hatten sich die beiden gerade an den +Haaren und jeder rief: »Du bist schuld, ich nicht!« Und als die Mutter +den Streit schlichten wollte, blieb jeder dabei: »Er hat die Schüssel +umgestoßen, ich nicht!«</p> + +<p>Es war kein schöner Sonntag, denn die zwei Brüder machten gegenseitig +Trotzköpfe aneinander hin, und es dauerte lang, bis sie wieder einig +waren. Gretchen mußte den kleinen<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> Hans allein unterhalten, die Großen +saßen jeder für sich in einer Ecke und lasen. Und die Eltern konnten +gerade heute nicht mit den Kindern spielen, denn es kam Besuch zu Vater +und Mutter.</p> + +<p>Aber als am Abend die Kinder in ihren Bettchen lagen und die Mutter zu +ihnen kam, fragte sie: »Wer hat denn nun die Mutter am liebsten?« Und +nur der kleine Hans rief laut und fröhlich: »Ich!« Denn Gretchen wollte +nichts sagen; es dachte, die Mutter sollte es selber spüren, daß es ihm +ernst sei. Und das tat sie auch. Die Brüder waren ganz still, denn es +fiel ihnen auf einmal ein, daß man den ganzen Tag über nicht viel von +ihrer Liebe gespürt hatte, und sie hatten doch beide am deutlichsten +zeigen wollen, jeder für sich, daß er die Mutter am liebsten habe. Und +sie merkten es der Mutter gut an, daß sie nicht mit ihnen zufrieden +sei, trotz des Lampenschirms und der Brezel.</p> + +<p>Aber sie horchten hoch auf, als die Mutter das Gretchen küßte und +sagte: »Du hast mir heut' Freude gemacht, so ist's recht!« »Mich auch +Freude gemacht,« rief Hänschen. Er wollte immer von allem seinen Anteil +haben. Und den bekam er auch. Gustav und Moritz aber zogen ein jeder +die Mutter zu sich herab und flüsterten: »Sicher, ich will auch nicht +mehr streiten, ich will auch morgen den ganzen Tag brav sein, nicht +nur morgens!« »Das ist recht,« sagte die Mutter, »denn wenn die Mutter +keine Freude an euch haben kann, kann's der liebe Gott auch nicht!« Das +Gretchen war schon fröhlich eingeschlafen, da sagte Gustav leise zu +Moritz: »Du, hör', ich habe die Schüssel doch umgestoßen!« »Ich auch,« +sagte Moritz. Dann schliefen sie auch ein, sie wollten ja morgen früh +gleich damit anfangen, auch auf Gretchens Weise die Mutter lieb zu +haben.</p> + +<p>Und morgen am Tag wollen wir sehen, ob sie Wort halten!</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span></p> + +<h2>4. Vom Jaköble, der nicht »Ja« sagen konnte.</h2> +</div> + +<p>Der Jaköble hätte eins von den vergnügtesten Kindern im ganzen Dorf +sein können, wenn er gewollt hätte.</p> + +<p>Seinem Vater gehörte das große Bauernhaus am Weidenbach, den man so +nannte, weil er hüben und drüben von Weidenbüschen eingefaßt war. An +das Haus war eine große Scheuer angebaut und auf der andern Seite +ein Stall, der enthielt so viel Schönes, daß man sich wirklich daran +freuen konnte. Erstens zwei feste, starke Mohrenschimmel, dann fünf +Kühe und etliche Kälbchen, und außerdem noch in besonderen Verschlägen +allerlei, was dem Jaköble und seinen Geschwistern zu eigen gehörte. +Einen kohlschwarzen Geißbock, Namens Hannes, und ein weißes, wolliges +Schäflein mit einem Glöckchen am Hals, und dann noch viele, viele graue +und braune und weiße Stallhasen.</p> + +<p>Es war auch sonst noch viel Erfreuliches um das Haus herum zu finden. +Da war der Garten vornen am Haus mit dem großen Nußbaum und der +Stachelbeerhecke und den Blumenrabatten voll Pfingstnelken und Levkoyen +oder Gelbveigelein, je nach der Jahreszeit. Und ging man hinten zur +Haustüre hinaus, so befand man sich schon auf der großen Wiese, durch +die der Bach floß und auf der nicht nur Schlüsselblumen wuchsen +und Vergißmeinnicht, sondern auch Äpfel und Birnen, Kirschen und +Zwetschgen. Wie gesagt, der Jaköble hätte gewiß vergnügt sein können. +Wenn man so eine schöne, behagliche Heimat hat und dazu liebe Eltern +und fröhliche Geschwister und einen alten Vetter Andres, der einen auf +dem Schimmel<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> reiten läßt, so oft man ihn bittet, und der Geschichten +weiß, — mehr als der Pelzmärtel Nüsse in seinem Sack hat. Und das sind +nicht wenig, hat der Andres selber gesagt.</p> + +<figure class="figright illowp74" id="illu-023" style="max-width: 31.25em;"> + <img class="w100" src="images/illu-023.jpg" alt=""> +</figure> + +<p>Aber der Jaköble war doch nicht vergnügt, wenigstens nicht oft. Wenn +die Liese, seine Schwester, den ganzen Tag lachte und sang, einerlei, +ob sie Strümpfe flickte oder ihr Schäfchen auf die Weide führte oder +der Mutter im Haus half, so stand er da, steckte die Hände in die +Hosentaschen und sah so nachdenklich aus, als ob er sich über ungeheuer +schwierige Dinge zu besinnen habe. Und wenn der dicke Ludwig, sein +Brüderlein, herangewackelt kam und sagte: »Komm, Jaköble, mach' mir +eine Peitsch' aus dem Stecken und der Schnur da, so tun wir dann +Gäules,« so schüttelte der Jaköble nur den Kopf und sagte nichts als: +»Hm — m;« das sollte heißen: »Nein, das tu' ich nicht,« aber es war +leichter zu sagen, man mußte da den Mund nicht so weit aufmachen. Fuhr +der Knecht mit den Schimmeln auf die Au, um Heu zu holen, und sagte: +»Geh her, Jaköble, sitz auf, mein', das ist lustig!« so brummte der +nur: »Es holpert so,« und blieb am gleichen Fleck stehen. Manchmal +reute es ihn gleich nachher und er hätte gern noch »Ja« gesagt, aber +das brachte er dann nicht heraus, durchaus nicht.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span></p> + +<p>Der Vater und die Mutter hatten es schon auf alle Weise probiert, den +mockigen Buben ein wenig zu ändern. Denn so konnte man keine rechte +Freude an ihm haben. Aber es half bis jetzt alles nichts. Sagte die +Mutter: »Jaköble, trag mir auch einen Arm voll Holz in die Küche,« so +sagte er zuerst trutzig: »Nein;« und wenn er es auch nach einer Weile +doch noch tat, so wies es die Mutter doch lieber die Luise an, die kein +so finsteres Gesicht dazu machte.</p> + +<p>Der Vater ging manchmal in die Stadt, weil er da zu tun hatte. Dann +fragte er allemal vorher die Kinder: »Soll ich euch etwas mitbringen?« +Und Ludwig und Luise riefen laut und lustig: »Ja, ja, etwas Gutes und +Schönes,« und hatten allerlei Wünsche.</p> + +<p>Der Jaköble hatte auch Wünsche, aber als er sie sagen wollte, fiel +ihm auf einmal ein, daß er gestern vom Vater Schläge bekommen hatte, +weil er nicht getan hatte, was er mußte. Und gleich biß er trotzig die +Zähne zusammen und sagte nichts, denn er dachte: »Es ist mir dann auch +gleich, wenn ich nichts bekomme.«</p> + +<p>Es war ihm aber nicht gleich, sondern er konnte je länger, je weniger +vergnügt sein. Er mußte ja sehen, wie lustig alles um ihn her war, +die Geschwister und der kleine Stallbub und sogar die Gänse und Enten +im Bach. Nur er hatte immer etwas, warum er nicht vergnügt sein +konnte, und alle erzürnten ihn und taten, als ob er gar nicht dazu +gehöre, und niemand mochte ihn leiden. So dachte der Jaköble, und das +je länger, je mehr. Denn wenn man einmal anfängt, eigensinnige und +trotzige Gedanken in seinem Herzen zu haben, und jagt sie nicht davon, +so werden sie immer größer und machen einen immer unglücklicher. Der +Vetter Andres hatte den Jaköble einmal ein Verslein lehren wollen und +gesagt: »Paß auf, Jaköble, das ist etwas für dich, das mußt du lernen,« +aber er hatte nur gesagt: »Ich<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> muß jetzt in den Stall und den Hannes +herauslassen,« und der Vetter Andres mußte sein Verslein auf spätere +Zeiten aufheben.</p> + +<p>So war der Jaköble sechs Jahre alt geworden. An seinem Geburtstag war +ein schöner Schulranzen erschienen mit allem darin, was ein ABC-Schütze +in der Schule braucht. Denn aufs Frühjahr sollte er in die Schule +kommen, und die Eltern hofften, daß er da ein bißchen munterer und +fügsamer und auch fröhlicher werden würde. »Da schleift einer den +andern ab,« sagte der Vater. »Der eine hat da Ecken und der andere +dort, und wenn sie sich aneinander reiben, so werden sie glatt wie zwei +Mühlsteine.« Der Jaköble wollte aber nicht gern in die Schule, denn +nun dachte er auf einmal, es sei viel schöner im Garten und auf dem +Heuboden und im Stall, als in dem großen Schulhaus. Und darum hatte er +auch keine rechte Freude an dem schönen Ranzen mit dem Fellüberzug und +den goldenen Buchstaben drauf. Es war ihm ganz schwer ums Herz, und als +der kleine Ludwig schmeichelnd sagte: »Laß mich ein bißle beißen von +dei'm Herzlebkuchen,« stieß er ihn weg und sagte: »Wenn ich dumm wäre.« +Er hatte nicht bös gegen das Brüderlein sein wollen, er war nur sonst +schon widerwärtig aufgelegt.</p> + +<p>Die Mutter sah es, aber sie sagte nichts, denn sie wollte heute nicht +zanken. Sie gab nur dem Kleinen eine Birne in die Hand und sagte: +»Komm, du darfst mir helfen Küchlein backen.«</p> + +<p>Nachher erzählte sie es aber dem Vater, und beide Eltern beschlossen, +daß der Jaköble nun einmal mit Güte oder Strenge anders werden müsse. +So gehe das nicht fort.</p> + +<p>Zuerst wollte es der Vater noch einmal mit einer rechten Freude +probieren, die er dem Buben machen wollte. Er mußte am Nachmittag in +die Stadt. Da dachte er, die Schimmel an das blaue Bernerwägelein +zu spannen, und die beiden größeren Kinder, Liese und Jaköble, +mitzunehmen. Das hätte nun den Jaköble freuen können, wie nicht leicht +etwas. Denn so fröhlich<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> und liebevoll, wie der Vater immer war, wenn +er frei von Sorgen und Geschäften mit seinen Kindern zusammen sein +konnte, so konnte man nicht leicht wieder einen finden.</p> + +<p>Liese hüpfte auch immerfort bald auf dem rechten, bald auf dem linken +Fuß ums Haus herum, nur um ihrer Freude Luft zu machen, und dann +rannte sie allemal wieder zu der Mutter in die Küche und fragte sie +immer wieder etwas Neues. Denn sie wollte sich gern die zu erwartenden +Freuden genau ausmalen.</p> + +<p>Der Jaköble war gerade bei Hannes im Stall gewesen, als Liese +herangehüpft kam und ihm die große Neuigkeit erzählte. Er wollte sich +gerade anfangen zu freuen, da sagte Liese zum Unglück noch: »Gelt, +mir geht's gut! Wie mein Geburtstag gewesen ist, habe ich mit dem +Andresvetter zur Taufe nach Holzingen dürfen. Und heut' ist deiner, und +da darf ich mit in die Stadt!«</p> + +<p>Dann hüpfte sie weiter. Sie hatte den Jaköble gewiß nicht ärgern +wollen, er ärgerte sich nur selbst darüber. »Dann kann der Vater auch +meinetwegen allein mit der Liese fahren, wenn sie doch überall mit +soll,« dachte er, und konnte sich kein bißchen freuen. Denn er mußte +nun bei allem Schönen, was er sich vorstellen wollte, die Liese vor +sich sehen, die sich so freute, als ob <em class="gesperrt">ihr</em> Geburtstag sei. Und +es war doch seiner!</p> + +<p>Nach einer Weile kam der Vater, der sich vorgenommen hatte, den Jaköble +recht liebreich anzufassen und ihm die große Freude recht anschaulich +zu machen, und der dann auch noch gedacht hatte, er könne sein Büblein +bei dieser Gelegenheit auch ein wenig ermahnen.</p> + +<p>Aber der Jaköble drehte nur immerfort an dem Peitschenstiel, den er in +der Hand hielt, so, als ob er eine bestimmte Zahl mal zu drehen hätte, +und sah gar nicht in die Höhe. »Das weiß ich,« sagte er nur, »die Liese +hat's gesagt.« »So, aber gelt, das wird schön?« sagte der Vater immer +noch<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> freundlich, obgleich es ihn verdroß, daß der Bub' gar nicht +erfreut tat.</p> + +<p>»Ich darf auch nicht mit, wenn der Liese ihr Geburtstag ist,« brachte +der Jaköble endlich heraus. Das war nun dem Vater zu viel, daß der +Jaköble selbst an dieser erfreulichen Gelegenheit nur etwas zum Brummen +fand und nichts zum Freuen.</p> + +<p>»Hör' einmal,« sagte er ein wenig streng, »ich muß dir jetzt etwas +sagen. Ich habe noch nie ein Kind gekannt, das es so gut gehabt hätte +wie du, und dabei so verdrießlich und undankbar gewesen wäre. Ich hätte +als kleiner Bub' einen Luftsprung gemacht, wenn mich mein Vater extra +zum Vergnügen an meinem Geburtstag spazieren geführt hätte. Und wenn +ich so ein nettes, liebes Schwesterlein gehabt hätte wie du, so hätte +ich dann so lang gebettelt, bis es der Vater auch mitgenommen hätte.«</p> + +<p>»Die Liese bettelt auch nicht, daß ich mitdarf,« dachte Jaköble. Und +das sah man ihm an, denn er sah nun noch ein wenig trotziger aus als +vorher.</p> + +<p>»So, nun merk auf,« sagte der Vater erzürnt, weil alles Zureden nichts +half; »so, mit diesem Gesicht nehme ich dich nicht mit. Sie könnten +sonst in der Stadt denken, man habe bei uns da draußen lauter solche +Starrköpfe. Wenn du willst, daß etwas aus der Sache wird, so kannst du +zu mir kommen und es sagen. Sonst fahre ich allein mit der Liese.«</p> + +<p>Der Vater hielt ein wenig inne, denn er wollte sehen, was das, was er +gesagt hatte, für einen Eindruck gemacht habe. Er sah es dem Jaköble +wohl an, daß er sehr gern mitgefahren wäre. Und er wollte es ihm gern +erleichtern.</p> + +<p>»Besinne dich <em class="gesperrt">jetzt</em> gleich,« sagte er noch einmal. »Willst du +mit? Du darfst nur ›Ja‹ sagen, wenn du willst, sonst nichts.«</p> + +<p>Der Jaköble drückte und würgte, aber es kam kein »Ja« heraus. Er sah +ganz deutlich die Herrlichkeiten der Stadt vor<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> sich und den Weg durch +die Kornfelder und am Bach hin und das Wirtshaus unterwegs, wo der +Vater einzukehren pflegte.</p> + +<p>Aber nachgeben? Freundlich sein und den Mund aufmachen und »Ja« sagen? +Das dünkte dem Jaköble das allerschwerste zu sein, das wollte er lieber +gar nicht probieren.</p> + +<p>»Kannst du nicht ›Ja‹ sagen?« Eine solche Stimme, kam es dem Buben vor, +habe der Vater noch gar nie gehabt. Halb zornig und halb traurig klang +sie, und dann wandte er sich zum Gehen.</p> + +<p>»Was wird der Bub' noch einmal durchzumachen haben,« sagte er vor sich +hin. Dann sah er noch einmal herum.</p> + +<p>»Denk daran, wenn du einmal groß bist und vielleicht in der Fremde, und +hast niemand mehr, der es gut mit dir meint, denk dann daran, wie du +dir selber deine schönste Zeit verdorben hast. Und deinen Eltern und +Geschwistern auch die ihrige.«</p> + +<p>Und dann ging der Vater langsam hinaus, denn er hoffte immer noch, daß +sich der Jaköble noch besinne und »Ja« sage.</p> + +<p>Aber das geschah nicht. Als er schon lang allein war, stand er immer +noch auf demselben Fleck und starrte den Hannes an, und alle beiden +machten Bocksköpfe aneinander hin. Der kleine Stallbub' kam gerade mit +einem Korb voll Häckerling zur Türe herein. Er hatte alles mitangehört +und sagte nun: »So dumm sein aber auch! Wenn man nur darf ›Ja‹ sagen +und dann kann man die schönste Fahrt machen! Ich tät hunderttausendmal +ja sagen, wenn ich dann so etwas dürfte!« Der hatte aber gut reden, +dem bot es niemand an. Der hatte keine Eltern mehr und niemand auf +der ganzen Welt. Der mußte sein Essen verdienen und seine Kleider und +Schuhe.</p> + +<p>»Dich geht es nichts an,« war die ganze Antwort des Jaköble. Dann nahm +er die lange Weidenrute, die er gerade zur Hand hatte, und zog dem +Hannes eins über den Rücken, daß der einen hohen Satz machte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span></p> + +<p>Als er allein war, schlich sich der Jaköble zum Stall hinaus und +durch die große Wiese hinunter an den Bach. Es stand ein ganz alter +Weidenbaum dort, der hatte einen stark ausgehöhlten Stamm, man konnte +ganz und gar hineinschlüpfen. Das tat der Jaköble jetzt auch. Er kam +sich so unglücklich vor und ganz verlassen, und darüber wollte er nun +ungestört nachdenken. Er setzte sich auf den Boden und lehnte den Kopf +an die Baumwand und seufzte. »Das soll dann ein Geburtstag sein! Zuerst +bekommt man einen Ranzen und will doch nicht in die Schule. Dann ist +die Mutter bös, weil ich dem Ludwig nicht gleich meinen Herzlebkuchen +gebe; dann ärgert einen die Liese! Der ihr Geburtstag ist doch nicht, +es ist doch meiner! Dann ist der Vater so — so, <em class="gesperrt">auch</em> bös ist +er, ich weiß schon! Was hat er nur auch gemeint? Wann ich in der Fremde +sei und habe gar niemand mehr, dann, was soll ich dann?«</p> + +<figure class="figcenter illowp100" id="illu-029" style="max-width: 62.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-029.jpg" alt=""> +</figure> + +<p>Der Jaköble hatte vor lauter Herzeleid und Nachdenken<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> gar nicht +bemerkt, daß ein Handwerksbursche zu ihm herangekommen war. Er sah +etwas merkwürdig aus, seine Kleider waren ihm viel zu klein und eng +und auf dem Rücken trug er einen Schulranzen statt des Felleisens, das +sonst die Handwerksburschen haben. Der Handwerksbursche setzte sich +gerade vor Jaköble ins Gras, denn er war sehr müde und sein Gesicht sah +finster aus.</p> + +<p>»Was willst du auf meiner Wiese?« fragte Jaköble. Er konnte nicht +leiden, daß sich so ein fremder Mensch da hersetze. Der Fremde fuhr +erschreckt zusammen. »So sagen alle Leute,« sagte er. »Niemand kann +mich leiden, niemand.« — »So geht mir's auch,« sagte der Jaköble, da +konnte er gut mitreden. Der Handwerksbursche lachte. »Das weiß ich,« +sagte er; »gelt, du kannst auch nicht ›Ja‹ sagen? Ich auch nicht, +ich hab's gleich gar nicht probiert, es ist zu schwer! Und in die +Schule hätt' ich sollen, aber ich hab's nicht getan. Ich bin lieber +fortgegangen, weit fort. Es findet mich kein Mensch mehr. Und meinen +Herzlebkuchen ess' ich selber, siehst du, ich hab' ihn in der Tasche!« +Dem Jaköble grauste vor dem Handwerksburschen. Er sah ihn scheu an; da +sagte dieser: »Dir sag' ich's ganz allein; ich täte jetzt gern alles, +was man wollte, alles! Aber es ist niemand mehr da, der es gut mit mir +meint. Und wenn ich hundertmal sagen wollte: ›Ja, ja, ja, du kannst nur +befehlen, Vater, ich tu's gern, siehst du, ich mache ein freundliches +Gesicht dazu‹ — so nützt das nichts. Denn der Vater ist tot und die +Mutter auch. Und die Liese ist weit fort. Sie hat mich gern gehabt; +alle haben mich gern gehabt, ich weiß wohl, aber das nützt nichts mehr, +ich habe eben nicht ›Ja‹ sagen können. Und auf dem Hof ist der Ludwig. +Der ist jetzt groß, er will aber nichts von mir. Ich gehe gar nicht +hinein, er sagt sonst: ›Wenn ich dumm wäre, dann gäbe ich dir etwas.‹ +So habe ich auch immer zu ihm gesagt, wie er noch ganz klein war.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span></p> + +<p>Der Jaköble zitterte vor Angst. Der Handwerksbursche hatte ja +<em class="gesperrt">seinen</em> Schulranzen auf, er war nur arg verdorben, und im +Gesicht kam er ihm auch so bekannt vor. Er getraute sich kaum den Mund +aufzumachen, aber endlich brachte er doch heraus: »Wer bist du denn?« +»Das geht dich nichts an,« sagte der Handwerksbursche grob. Als er aber +sah, wie sehr der Jaköble sich fürchtete, wurde er ein wenig milder +und sagte: »Ich hab' einmal Jaköble geheißen, des reichen Weidenbauern +Jaköble haben mich auch die Leute geheißen. Jetzt hab' ich keinen Namen +mehr und keinen Vater und keine Heimat und nichts.«</p> + +<p>Da tat der Jaköble einen lauten Schrei und rief: »Nein, ich bin der +Jaköble selber, du bist er nicht.« Aber der Handwerksbursche sagte: +»Nein, nein, ich bin's, ich weiß gewiß. Ich muß jetzt immer an meine +schöne Zeit denken und wie ich die verdorben habe. Nur weil ich den +Mund nicht aufmachen konnte und nicht ›Ja‹ sagen. Du kannst auch nicht, +ich seh' dir's an!«</p> + +<p>Aber der Jaköble war von dem allem so entsetzt, daß er sich gar nicht +mehr besinnen konnte. Er rief nur laut hinaus:</p> + +<p>»Doch, ich kann ›Ja‹ sagen! Alles kann ich sagen! Und ich bin der +Jaköble, du bist er nicht!« Und dann fing er an, ganz laut Ja zu rufen, +und immer noch lauter, damit er's ja nicht mehr verlerne.</p> + +<p>Da sprang der Handwerksbursche auf vom Gras und Jaköble sah ihn auf +einmal nicht mehr. Und statt seiner sah er den Andresvetter, der vor +ihm stand und sagte: »Komm ins Haus, Büblein, komm! Du wirst mir nicht +krank werden wollen, du schreist ja ganz laut im Schlaf! Wer setzt sich +auch an den Bach zum Schlafen?«</p> + +<p>Jaköble rieb sich verwundert die Augen. »Wo ist der Handwerksbursch?« +fragte er. »Es ist weit und breit kein Handwerksbursche,« beruhigte ihn +der Andresvetter und fühlte<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> dem Buben an den Kopf, ob er Hitze habe. +»Ich bin nicht krank,« sagte der Jaköble, »und ich habe nur so laut +geschrien, weil der Handwerksbursche gesagt hat, ich könne nicht ›Ja‹ +sagen und er sei selber der Jaköble.«</p> + +<p>Und nun mußte der Andresvetter den ganzen Traum hören, denn der Jaköble +war in seinem Weidenbaum eingeschlafen gewesen und hatte das alles +geträumt.</p> + +<p>»Aber du kannst froh sein, Büblein,« sagte der Vetter. »Du kannst Gott +Lob und Dank sagen! Siehst du, gerade so hätt's kommen können, wenn +es so fortgegangen wäre wie in der letzten Zeit! Gerade so, und dann +wärst du dein Leben lang unglücklich! Aber gelt, jetzt merkst du dir's, +jetzt kommt's anders?« Der Jaköble nickte mit dem Kopf, aber dann fiel +ihm ein, daß er ja jetzt »Ja« sagen könne und er sagte noch hintennach +laut und deutlich »Ja«. »So komm, so wollen wir ins Haus gehen,« sagte +der Vetter. »Das Mittagessen ist lang vorbei, man hat dich nirgends +gefunden.« »Ist der Vater in die Stadt mit der Liese?« fragte Jaköble. +Es fiel ihm doch ein wenig schwer. »Nein, sie sind nicht gefahren,« +sagte der Andresvetter. »Die Liese hat nicht ohne dich wollen, sie hat +so lang gebettelt, bis der Vater versprochen hat, wenn es dir nachher +noch leid sei, dann dürfest du es immer noch sagen und dann fahre man +morgen.« »Ist das wahr?« Der Jaköble machte nun auch einen Luftsprung, +denn es wurde ihm so leicht, wie schon lange nicht. Er ließ die Hand +des Andresvetters los und lief voran ins Haus. Dort traf er den Vater +unter der Stubentür. Der sah ihn ernsthaft an, aber der Jaköble ließ +ihm gar keine Zeit, etwas zu sagen, er rief gleich laut und fröhlich: +»Ja, ja,« denn sonst fiel ihm nicht gleich etwas ein. Aber der Vater +verstand ihn gut und sein vergnügtes Gesicht sagte auch noch einiges. +So gingen sie miteinander zur Mutter. Die fütterte eben den kleinen +Ludwig<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> und rief erfreut: »Da kommt er ja! Wo bist du denn gesteckt, +Jaköble, du dummes Büblein?« »Er will jetzt brav sein und vergnügt,« +sagte der Vater, »gelt, das willst du?« Und Jaköble sagte »Ja«, denn +es kam ihm immer wieder in den Sinn, daß der Handwerksbursche gesagt +hatte, er könne nicht »Ja« sagen. Er spürte aber gut, daß es nicht an +dem einzigen Wörtlein liege, sondern daß er nicht mehr so trotzig und +mürrisch und undankbar sein dürfe. Und das sagte ihm auch die Mutter am +Abend, als er in seinem Bettchen lag.</p> + +<p>So wohl war es dem Jaköble schon lang nicht mehr gewesen, alle waren +so lieb und gut gegen ihn, auch die Liese; warum hatte er nur gemeint, +es könne ihn niemand leiden? »Das hat der Eigensinn gemacht,« sagte +der Andresvetter, als ihn der Jaköble am andern Tag darum fragte. +»Und jetzt will ich dir einmal das Verslein sagen, das ich schon lang +wollte, ich meine, du könntest es jetzt gut lernen.« Und Jaköble sagte +dem Andresvetter Wort für Wort nach:</p> + + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Jesu, nimm den Eigensinn</div> + <div class="verse indent0">Meines bösen Herzens hin,</div> + <div class="verse indent0">Denn ich selbst besieg' ihn nicht,</div> + <div class="verse indent0">Hilf du selber, wo's gebricht!</div> +</div> + <div class="stanza"></div> + <div class="verse indent0">Ach, vergrab ihn in ein Grab,</div> + <div class="verse indent0">Daß ich Ruhe vor ihm hab',</div> + <div class="verse indent0">Daß er nimmer aufersteh',</div> + <div class="verse indent0">Sondern ewig untergeh'!«</div> + </div> +</div> + +<p>Das hat dem Jaköble noch besser geholfen, als der Traum von dem +Handwerksburschen. Denn den Eigensinn muß man gründlich vertreiben, +sonst kann man nicht fröhlich sein.</p> + +<p>Das ist die Geschichte vom Jaköble, der nicht »Ja« sagen konnte. Jetzt +kann er's.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span></p> + +<h2>5. Kätterles Christbaum.</h2> +</div> + +<p>Mitten in der großen Stadt in einer engen Straße stand ein hohes, +hohes Haus mit vielen Fenstern und grünen Läden. Es wohnten viele +Leute darin, so viele, daß nicht alle einander kannten. Unten im Haus +war ein Laden und das Glöckchen an der Ladentür bimmelte den ganzen +Tag. Denn die Tür ging immer auf — zu, auf — zu, und jedesmal kamen +Leute herein und kauften ein. Zucker und Kaffee konnte man haben, und +Reis und Gerste. Aber auch Mandeln und Rosinen und Schokolade. Am +Schaufenster stand ein großer, kohlschwarzer Neger, kein lebendiger, er +war aus Pappdeckel und angemalt, der trug einen Korb vor sich her mit +Orangen und Datteln, und um den Hals hatte er eine Kette von Feigen. +Und alle kleinen Buben und Mädchen, die da vorbei mußten, standen einen +Augenblick still und sahen sich den Neger an, und ich weiß einen, der +sagte dann jedesmal: »O, wenn ich doch auch eine Halskette von Feigen +hätte, ich wüßte, was ich damit täte!«</p> + +<p>Aber von dem allem hörte und sah das kleine Kätterle nichts, obgleich +es auch in demselben Haus mit dem großen Neger wohnte. Und das war +kein Wunder, denn um in ihre Stube zu kommen, mußte man vier Treppen +hoch steigen und dann durch einen dunklen Gang gehen, bis man dann +vielleicht mit dem Kopf an die Türe stieß. Das taten fast alle Leute, +die zu Kätterles Großmutter kamen, weil es so finster war. Innen war's +freilich nicht finster, da waren zwei helle Fenster. An dem einen +saß die Großmutter und nähte, denn sie war<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> eine Flicknähterin, und +die Leute brachten ihr ganze Körbe voll zerrissener Sachen. Und an +dem andern Fenster stand gewöhnlich das Kätterle und sah in den Hof +hinunter. Denn sonst gab es da nichts zu sehen. Das Haus gegenüber +hatte die Fenster nach der andern Seite und hier heraus gingen nur die +Küchenfenster, die meist noch mit Vorhängchen verhüllt waren. Aber +in dem Hof geschah manches, was Kätterle gern sehen wollte. Kisten +wurden abgeladen und ausgepackt, und der große Hofhund Zamba trieb sich +dazwischen herum und bellte laut und lustig. Am lustigsten, wenn die +Kinder aus den unteren Stockwerken im Hof spielten, denn mit denen war +er gut Freund und sie fürchteten sich kein bißchen vor ihm. Kätterle +hielt fast den Atem an, wenn einer der größeren Buben das mächtige +Tier an sich heraufspringen ließ und ihm einen Knochen dreimal wegnahm +und es dreimal darnach springen ließ, ehe es ihn abnagen durfte. So +von weitem zuzusehen war aber ganz vergnüglich, besonders wenn man +sonst keinerlei Vergnügungen hatte. Geschwister und Kameraden hatte +das Kätterle noch nie gehabt, es wohnte da oben, seit es sich denken +konnte, und war fast immer so am Fenster gestanden, und jetzt war es +fünf Jahre alt.</p> + +<figure class="figright illowe20" id="illu-035"> + <img class="w100" src="images/illu-035.jpg" alt=""> + </figure> + +<p>Die Großmutter ging oft den ganzen Tag aus. Sie nähte dann in den +Häusern, und dann war das Kätterle ganz allein. Wenn sie zu Hause war, +sprach sie auch nicht viel, denn sie hörte nur ganz wenig und war auch +nicht aufgelegt zum Sprechen. Nur manchmal sah sie das Kätterle an, +schüttelte den Kopf und sagte: »Armes Kind!« Die Kleine wußte nicht, +warum die Großmutter so sagte, sie besann sich auch nicht darüber. +Vielleicht meinte die Großmutter, deswegen, weil<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> das Kätterle seine +Eltern nie gekannt habe und weil es sonst niemand habe auf der ganzen +Welt als sie, sei es ein armes Kind. Und das war auch so, denn die +Großmutter war schon sehr alt und oft recht schwach, und man konnte gar +nicht wissen, wie lang sie noch so für die Leute nähen konnte. Und wer +sollte dann Geld verdienen für alle beide?</p> + +<p>Aber daran dachte das Kind nicht. Eines Tages, als es an sein +Guckfenster kam, waren die Dächer und Fenstersimsen voll Schnee, der +in der Nacht gefallen war. Und es wirbelten immer noch weiße Flocken +in der Luft umher und setzten sich dann ganz sachte nieder, immer +ein Flöckchen aufs andere. Aus dem Hof schallten lustige Stimmen +herauf. Die Buben schleppten ganze Traglasten Schnee zusammen, und +an der Mauer erhob sich nach und nach, immer deutlicher erkennbar, +ein Schneemann. Kätterle mochte kein Auge abwenden. Jetzt setzten +die Kinder dem Schneemann gar noch einen hohen schwarzen Hut auf und +gaben ihm einen Stock in den Arm, und dann jubelten sie laut hinaus +vor Vergnügen. Vor lauter Lust am Zusehen hatte das Kätterle ganz +überhört, daß die Großmutter schon dreimal gerufen hatte, und das war +doch etwas Seltenes und geschah nicht oft. »Kind, so hör doch,« sagte +die Großmutter nun, so laut sie konnte, so daß sich die Kleine wirklich +umkehrte und erstaunt aufhorchte. »Da nimm einmal mein warmes Tuch und +binde es ganz um dich herum,« fuhr die Großmutter fort. »Und dann geh +hinunter in den Laden, ganz unten im Haus und hol mir Kaffee für das +eingewickelte Geld. Ich kann nicht selber, meine Füße zittern so und +es ist mir ganz elend!« Das war nun etwas völlig Neues für Kätterle. +Die Großmutter brachte sonst immer alles, was sie brauchte, selbst mit +und die Kleine war fast noch nie drunten gewesen, allein noch gar nie. +»Aber wenn Zamba kommt?« fragte sie ein wenig zaghaft. »Kommt nicht,« +beschwichtigte<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> die Großmutter, und Kätterle machte sich auf die Reise. +Wie weit es da hinunter ging! Immer noch eine Treppe und dann mußte +man schließlich zur Haustür hinaus und vornen zur Ladentür hinein. +Ganz verwundert blieb Kätterle stehen, als sie die nach der Straße zu +führende Türe geöffnet hatte. Was konnte nur sein, daß alle Leute so +schnell gingen? Und fast alle trugen Pakete unter dem Arm und einige +sogar Tannenbäume. Und im Schaufenster stand heute anstatt des Negers +ein schön aufgeputzter Christbaum mit Zuckerfiguren und roten Äpfelein, +und Kätterle konnte sich fast nicht von dem Anblick trennen. Als sie +in den Laden trat, fragte die Frau: »Gehörst du nicht unserer alten +Flickkatharine droben?« Das Kind nickte, denn es hatte die Großmutter +schon manchmal so nennen hören. »Warum kommt sie denn nicht selber +heute?« wollte die Frau wissen. »Ihre Füße zittern so und es ist ihr so +elend,« berichtete Kätterle, denn das war alles, was es wußte. »Armes +Kind,« sagte die Frau und wandte sich an ihren Mann: »Man muß dem alten +Weib ein wenig aufhelfen mit einem Wein oder so! Sie treibt's so wie so +nimmer lang!«</p> + +<p>Dann gab sie dem Kind die Düte und noch eine Feige in die Hand und +sagte noch: »Einen Christbaum habt ihr doch auch noch nicht? Ja, dazu +langt's freilich nicht bei so armen Leuten!« Das Kätterle war schon +wieder hinausgeschlüpft und besann sich nun unterwegs, während es in +seine Feige biß, über alles Neue, was es gesehen und gehört hatte. +Der Christbaum! War der schön! Kätterle mußte tief aufatmen! Die +Großmutter hatte ihm auch einmal einen geputzt, mit etlichen Lichtchen +und Bretzeln dran, ein kleines Bäumlein, aber es war doch eine Freude +und Herrlichkeit gewesen. Und jetzt kam scheint's der Christtag wieder. +Kätterle nahm sich vor, das der Großmutter sogleich beim Hinaufkommen<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> +auseinanderzusetzen, wahrscheinlich hatte sie es nur vergessen.</p> + +<p>Eifrig stieg das Kind die Treppen empor. Da, es hatte schon drei +erstiegen, ging eine Glastür auf und eine alte Dame, die ganz in einem +bunten Schlafrock steckte, kam heraus. Sie sah etwas sonderbar aus, +denn am Kopf hatte sie lauter weiße Papierchen und darüber waren die +Haare gewickelt.</p> + +<p>Kätterle mußte genau hinsehen, denn so etwas hatte sie noch nie +erblickt. Aber Fräulein Glöckler, so hieß die alte Dame, war sehr in +Aufregung. »Sag einmal, Kind,« fing sie sogleich an, »gehörst du der +alten Frau, die ganz oben wohnt? Gehen eure Fenster auf den Hof? Und +habt ihr ein Schnittlauchkistchen vor dem einen Fenster?« Kätterle +konnte nur immerfort nicken, denn es stimmte alles, und die Fragen +kamen so schnell aufeinander, daß man sonst gar nichts sagen konnte.</p> + +<p>»Dann muß ich mit dir hinaufgehen! Denn dann kann man das Kätzchen von +eurem Fenster aus holen! Es hat sich verstiegen, das arme Tierchen, und +sitzt nun ganz oben am Dach und schreit so kläglich. Komm mit, komm +schnell mit, Kind, und zeig mir den Weg.«</p> + +<p>Kätterle ging bereitwillig voran und die Dame keuchte hintendrein, aber +in dem langen Gang mußte sie Kätterles Hand erfassen, sonst hätte sie +sich bei jedem Schritt gefürchtet.</p> + +<p>Jetzt machte das Kind die Tür auf und Fräulein Glöckler eilte noch +vor ihm in die Stube, denn sie hatte es sehr eilig, zu dem Kätzchen +zu kommen. Aber auf einmal blieb sie stehen. »Was ist das?« rief sie +erschrocken und eilte auf die Großmutter zu. Die saß noch an ihrem +gleichen Fensterplätzchen, aber sie sah aus, als ob sie fest schlafe, +denn der Kopf hing ihr ganz tief über die Brust herunter. Fräulein +Glöckler schüttelte sie und rief laut: »So wachen Sie doch auf, Frau! +Was ist denn nur?« »Sie hört nichts,« berichtete das Kind,<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> »man muß +ganz laut und oft rufen!« Aber das lebhafte Fräulein war auf einmal +ganz still geworden.</p> + +<p>»Das nützt nichts, laut zu rufen,« sagte sie nur zu Kätterle, »die +Großmutter wacht nicht mehr auf.« Das wunderte das Kätterle sehr, denn +es konnte nicht verstehen, was damit gemeint sei. Daß nämlich die +Großmutter jetzt gerade, so lang es drunten war, gestorben sei und nie, +gar nie mehr aufwachen würde. Dann fuhr das Fräulein fort: »Wen hast +du sonst noch? Hast du einen Vater oder einen Onkel? Oder wen muß man +rufen, daß er das Nötige besorgt?«</p> + +<p>»Man muß niemand rufen, als nur der Großmutter und sonst ist auch gar +niemand,« sagte das Kätterle. Das Fräulein sah wohl, daß das Kind +nicht wußte, wie es dran war. So holte sie sich jetzt ihr Kätzchen, +das man wirklich vom Fenster aus gut erreichen konnte, und nahm es +auf den Arm. Zu Kätterle sagte sie: »Setz dich nur einstweilen still +hin, ich schicke dir jemand.« Dann ging sie, um der Kaufmannsfrau +unten alles mitzuteilen. Das Kätterle saß auch wirklich still. Es +hatte so viel erlebt und mußte sich jetzt über alles besinnen. Es +kam ihm so merkwürdig vor, daß die Großmutter noch immer ganz gleich +dasaß und sich nicht rührte. Und dann das Fräulein mit dem sonderbaren +Kopfschmuck! Und dieses wollte wieder jemand schicken! Und über all den +vielen Gedanken schlief das Kind auf seinem Tritt am Fenster sitzend +ein und träumte etwas ganz Wunderschönes. Denn der Christbaum vom Laden +unten stand auf seinem Tisch und alle Lichtchen brannten und der Baum +gehörte ihm, dem Kätterle. Und dann war auch das Fräulein Glöckler da, +aber mit einem netten Spitzenhäubchen auf, und sprach ganz freundlich +mit Kätterle, und das schwarz- und weißgefleckte Kätzchen schnurrte +dazu.</p> + +<p>Auf einmal machte das Kind verwundert die Augen auf, es hatte +fremde Stimmen gehört und jetzt waren zwei Männer<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> da und noch die +Kaufmannsfrau von unten. »Tot ist sie, darüber ist kein Zweifel,« sagte +der eine Mann. Und der andere fügte hinzu: »Da könnte man dann sogleich +alles besorgen, daß die Sache erledigt ist.« Die Frau strich dem Kind +über das Haar und sagte: »Jetzt bist du erst ganz verlassen, armes +Ding! Bleib nur einstweilen ganz ruhig an deinem Fenster, ich schicke +dir eine Suppe herauf. Und was dann aus dir wird, das weiß freilich der +liebe Gott! Ich muß jetzt schnell wieder in meinen Laden hinunter, und +drunten kann ich dich nicht brauchen, verstehst du?«</p> + +<p>Ach nein, das Kätterle verstand nichts von allem, gar nichts! Am +allerwenigsten das, warum die fremden Leute jetzt die Großmutter +in einen dunkeln Kasten legten und forttrugen. Jetzt erst fing es +an, bitterlich zu weinen, denn es kam sich nun wirklich einsam und +verlassen vor, ganz anders als sonst, wenn die Großmutter ganze Tage +lang fortgewesen war.</p> + +<p>Aber die Kaufmannsfrau hatte gesagt: »Was dann aus dir wird, weiß nur +der liebe Gott.« Und das war auch wahr, und es war ganz genug, daß er +es wußte.</p> + +<p>Das Fräulein Glöckler unten hatte sich einstweilen ihre Haare +abgewickelt, es hatte schöne Locken gegeben, und dann hatte sie ein +hübsches Kleid angezogen und ein kleines Spitzenhäubchen aufgesetzt. +Denn sie wollte gern festlich aussehen, weil heute der heilige Abend +war. Auf dem Tisch stand ein kleines Tannenbäumchen, das war mit +Lichtchen und Zuckersachen und vielen kleinen Würstchen behängt, und +das sollte für ihr Kätzchen sein. Denn das Fräulein hatte niemand auf +der ganzen Welt und liebte nur ihr Kätzchen, das Mimi hieß und in einem +gepolsterten Körbchen schlief. Aber auf einmal hörte das Fräulein +ein leises Weinen; das kam von oben her, wo das verlassene Kind so +bitterlich schluchzte, daß man's durch die Decke hörte. Fräulein +Glöckler ging ins andere<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> Zimmer; sie wollte nicht gern das Weinen +hören. Aber da hörte sie es auch und sie ging unruhig hin und her und +nahm immer wieder einen Augenblick das Kätzchen auf den Arm und setzte +es dann wieder hin. Denn sie mußte immer wieder daran denken, daß das +Kind gesagt hatte: »Man kann niemand rufen als nur der Großmutter und +sonst ist niemand da.«</p> + +<figure class="figright illowp76" id="illu-041" style="max-width: 31.25em;"> + <img class="w100" src="images/illu-041.jpg" alt=""> +</figure> + +<p>Es wurde schon dunkel, da nahm Fräulein Glöckler das Christbäumchen +und löste alle Würstchen aus den Zweigen und dafür holte sie aus +einer Schublade Glaskugeln und einen kleinen Wachsengel und zwei +Silbersterne. Das alles hängte sie an das Bäumchen und zündete die +Lichtchen an. Dann stieg sie die Treppe hinauf, tastete sich durch den +dunklen Gang und fand auch richtig die Tür. Da saß das Kätterle und +hatte sich in den Schlaf geweint. Und es schlief so fest, daß es gar +nicht merkte, wie es von dem alten Fräulein auf den Arm genommen und +hinuntergetragen wurde. Es machte erst die Augen auf, als es in der +Sofaecke saß und der Glanz der brennenden Lichtlein auf sein Gesicht +fiel.</p> + +<p>Kätterle rieb sich verwundert die Augen und das Fräulein lachte ganz +vergnügt und das Kätzchen schnurrte dazu. Das hatte seine Würstchen auf +einem Teller vor sich und war ganz zufrieden damit. Denn Katzen wissen +nichts mit Christbäumen anzufangen, und der liebe Gott hatte gewollt, +daß das Bäumchen für das Kind und nicht für das Kätzchen sein sollte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span></p> + +<p>Bald war das Kätterle so vergnügt, wie andere Kinder auch am heiligen +Abend. Denn das Fräulein hatte ihm einen ganzen Teller voll guter +Sachen geschenkt und dann so lieb und freundlich mit ihm gesprochen, +wie sogar die Großmutter nie getan hatte.</p> + +<p>Am andern Tag kam das Kätzchen heran, als Kätterle auf Fräulein +Glöcklers Schoß saß und sich von ihr Bilder zeigen ließ. Es schnurrte, +so laut es konnte, denn das war ihm noch nie begegnet, daß seine Herrin +stundenlang gar nichts mit ihm gesprochen hatte. Aber diese merkte es +gar nicht, so vergnügt war sie über ihr neues Pflegekind. Und das hatte +der liebe Gott auch so gewollt, denn sie waren alle beide verlassen und +einsam gewesen, und jetzt war beiden geholfen.</p> + +<p>Ein paar Tage später kam die Kaufmannsfrau von unten und sagte: »Das +war recht, daß Sie sich so um das Kleine angenommen haben. Es fällt +Ihnen nun nicht mehr lang zur Last, es soll ins Waisenhaus kommen!« »Ei +behüte,« sagte das Fräulein und nahm das Kind fest in den Arm. »Ich +geb's nicht mehr her, gelt, Kätterle, wir bleiben beisammen?«</p> + +<p>Und das Kind nickte mit strahlendem Gesicht.</p> + +<p>»Das muß wahr sein,« sagte die Kaufmannsfrau, als sie wieder in ihren +Laden ging, »es passieren doch merkwürdige Sachen! Das weiß der liebe +Gott!«</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span></p> + +<h2>6. Die Gottswillenkinder.</h2> +</div> + +<p>Da, wo sich im Badener Land der Schwarzwald gegen das Rheintal hin +öffnet, liegt ein stattliches Dorf. Es schaut von einer Anhöhe herab +und freundlich und heimelig ins Land hinein mit seinen sauberen, +schindelgedeckten Häusern, die helle Fenster haben und blühende +Blumengärtlein zu beiden Seiten der Haustür.</p> + +<p>Gleich hinter dem Dorfe fängt der Wald an. Er steht wie eine schützende +Mauer hinter den Häusern, während sich die fruchtbaren Felder +talabwärts, in die Ebene hinein, erstrecken. Dort, ein wenig vom Ende +des Dorfs entfernt, schon fast im Schatten des Waldes, steht ein +kleines, weißes Haus mit grünen Läden und einer zierlichen Veranda. Die +Tür ist von Efeu umrankt und das Häuschen sieht so fröhlich aus, als +ob gar niemals etwas Düsteres darin Platz finden könnte. Ehe die Sonne +untergeht, winkt sie allemal noch einen freundlichen Abschiedsgruß +herüber und dann glänzen alle Fensterscheiben so golden, als wäre das +Häuschen ganz mit Sonnenschein angefüllt.</p> + +<p>Einst, vor Jahren schon, konnte man an solchen sonnigen Abenden eine +dunkle Frauengestalt unter der Türe sitzen sehen. Sie sah ganz und gar +nicht aus, als ob sie viel von Sonnenschein wisse. Denn ihr Gesicht +hatte einen tieftraurigen Ausdruck und manchmal legte sie die Hand vor +die Augen und stöhnte leise. Man konnte von ihrem Sitz aus so viel +Schönes sehen, daß wohl mancher froh gewesen wäre, es sehen zu können.<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> +Da glitzerte ganz unten im Tal der Rheinstrom wie Silber und Gold, wenn +die Sonne hineinschien, und dahinter waren wieder Berge, die Vogesen, +die am Morgen weiße Nebelschleier trugen, und am Abend, wenn die Sonne +unterging, rot und golden angemalt schienen. Aber die traurige Frau sah +nichts von all der Pracht und Herrlichkeit. Wenn die Sonne hinunter +war, stand sie auf und ging ein wenig am Waldrand entlang. Dann kehrte +sie wieder in ihr Haus zurück.</p> + +<p>Im Frühling war ein alter Herr ins Dorf gekommen und hatte das +Häuschen, das gerade leer stand, gekauft. Dann hatte er Arbeiter +geschickt, die alles freundlich und sauber herrichten mußten. Und bald +darauf war die Frau eingezogen. Eine alte Magd kam mit ihr, die das +Hauswesen besorgte und die Einkäufe im Dorfe machte.</p> + +<p>Manche Leute behaupteten, daß »das weiße Häuschen«, wie es im Dorfe +hieß, noch einen Bewohner habe. Sicher wußte es niemand, denn es kam +kein Mensch zu der fremden Frau. Aber die Dorfbuben, die bei der +Ankunft der Fremden zugesehen hatten, sagten, daß die Ursula, so hieß +die Magd, eine kleine, verhüllte Gestalt aus dem Wagen und ins Haus +getragen habe.</p> + +<p>Von Ursula selbst erfuhr man nichts. Ihre Sprache klang ganz anders, +als die der Leute in der Gegend. Und sie hielt sich nie lang auf, wenn +sie ins Dorf kam. So machten sich die Leute selbst ihre Gedanken über +die Bewohner des weißen Häuschens. Und alle waren darin einig, daß die +Frau gemütskrank sein müsse. »Denn sonst wäre sie doch unter die Leute +gekommen und täte nicht, als ob sie ganz allein auf der Welt wäre,« +sagte eine Bäuerin zur andern. Jetzt ging es gegen den Herbst hin. Man +sprach im Dorf schon nicht mehr so viel von den Fremden, und diese +lebten still vor sich hin wie immer.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p> + +<p>Es war ein so schöner, sonniger Abend wie man ihn sich nur denken +konnte. Die ganze Rheinebene lag glänzend und klar ausgebreitet und +die Vogesen hatten einen bläulichen Schimmer. Vom Dorfe her tönten +die lauten, lustigen Stimmen der Kinder, die auf dem freien Platz vor +der Kirche spielten. Im Gras zirpten die Grillen, und in der Luft +summten zahllose Mücklein. Es sah aus, als ob alles, alles sich seines +Lebens freue. Das war die Zeit, wo es die traurige Frau nicht auf +ihrem Sitz vor dem Häuschen aushielt. Denn sie konnte keine fröhlichen +Kinderstimmen mehr hören, seit man ihre eigenen Kinder, die blonde, +sanfte Irma und den lustigen Krauskopf Hellmut, begraben hatte. Sie +lagen weit, weit von hier in zwei kleinen Gräbern nebeneinander. Die +traurige Frau hatte auch keinen Mann mehr; der war als Offizier im +Krieg gefallen. Und sie dachte, daß es nun und für alle Zeit für sie +mit aller Freude am Leben ganz vorbei sei.</p> + +<p>Jetzt stand sie auf und schritt dem Walde zu, ihren täglichen Weg, +einen schmalen, moosigen Pfad zwischen niedrigen Stechpalmen. Am +Eingang des Hochwaldes war ein glatter Baumstumpf, da ließ sie sich +nieder und sah wieder unbeweglich vor sich hin.</p> + +<p>Plötzlich hörte sie Kinderstimmen. Ein kleiner Bube schrie kläglich in +seinem Wägelchen, das sich, von einem Mädchen geschoben, knarrend den +Berg herunterbewegte. Es saß noch ein dickes, rotbackiges Mägdlein in +dem Wägelchen, das sah die Frau, als sie flüchtig aufsah. Dann bedeckte +sie das Gesicht mit den Händen.</p> + +<p>Die Kinder hatten die dunkle Gestalt noch nicht gesehen. Jetzt stand +das Wägelchen still, ganz in der Nähe der Fremden, aber durch einen +dichten Busch verdeckt. »Sei still, Daniel,« sagte die Mädchenstimme, +»und du auch, Regele, ich sing euch eins. Heim dürfen wir noch nicht. +'s ist ja Sonntag heut.<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> Da will man daheim seine Ruh, hat die Bäuerin +gesagt. Wann die Betglocke läutet, dann gehen wir heim.«</p> + +<figure class="figcenter illowp88" id="illu-046" style="max-width: 62.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-046.jpg" alt=""> +</figure> + +<p>Das Geschrei verstummte, denn das Kindsmägdlein hatte den Schreier +herausgenommen und auf den Schoß gesetzt. Nun fing es an zu singen. Es +war ein dünnes Stimmlein, aber es klang doch lieblich. Die Frau horchte +mit gespannten Zügen. Sie hatte geräuschlos weggehen wollen, aber nun +vergaß sie das ganz.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">»Der Pilger aus der Ferne zieht seiner Heimat zu,</span><br> +<span style="margin-left: 2em;">Dort leuchten seine Sterne, dort sucht er seine Ruh.«</span><br> +</p> + +<p>So fing das Lied an. Es war kein Kinderlied. Die traurige Frau hatte +noch nie solch ernsthafte Töne von einem Kinde gehört. Sie mußte ein +wenig durch das Gebüsch blicken. Da saß die kleine Sängerin auf dem +weichen Moos am Boden, die Kinder horchten aufmerksam. Es war ein +zartes, schmächtiges Ding von etwa acht Jahren, hatte bloße Füße und +ein mageres, bräunliches Gesichtchen, in das aber während des<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> Singens +ein ganz fröhlicher Ausdruck kam. Nur einen kurzen Augenblick atmete +das Kind auf, dann sang es weiter:</p> + + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent1">»Sein Sehnen geht hinüber, sein Liebstes liegt im Grab, </div> + <div class="verse indent1">Die Blumen wachsen drüber, die Blumen fallen ab. </div> +</div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent1">Die Ströme ziehn hinunter ins wogenreiche Meer, </div> + <div class="verse indent1">Die Welle geht drin unter, man sieht sie nimmermehr.« </div> + </div> +</div> +</div> + + +<p>Der bleichen Frau liefen die Tränen über die Wangen. Sie hatte schon +lange nicht mehr geweint, nun kam es ihr vor, als ob sie nie mehr +aufhören könne. Aber die Sängerin hörte erschrocken auf, als sie neben +sich leise schluchzen hörte. Sie sah erst jetzt die Fremde und wollte +schnell weitergehen, denn es war ihr unheimlich, daß die Frau so stark +weinte.</p> + +<p>Da sagte diese: »Singe nur weiter, liebes Kind. Du tust mir wohl und +nicht weh damit. Ich habe das Lied schon lang, lang gekannt.«</p> + +<p>Das Mädchen sah die Frau aufmerksam an, so, als ob sie ihr bekannt +vorkäme. Die beiden Pfleglinge waren vor lauter Staunen mäuschenstill. +Und die Sängerin sagte: »Die andern Verse kann der Konrad besser als +ich. Den hat sie die Mutter noch gelehrt. Und du siehst —« da hörte +sie auf einmal auf zu sprechen und wurde dunkelrot. Sie hatte sagen +wollen: »Und du siehst fast gar auch so aus, wie die Mutter.« Aber es +war ihr dann unschicklich vorgekommen, das zu der fremden Frau zu sagen.</p> + +<p>Diese wußte gar nicht, wie es ihr heute ging. Sie hatte seit dem Tod +ihrer Kinder gar keine Kinder mehr sehen können. Ja, sie war so weit +von daheim weggezogen, nur um allen Bekannten aus dem Weg zu gehen, +die noch fröhlich mit den Ihrigen leben konnten. Aber das ernsthafte +Gesichtchen des kleinen Kindsmägdleins und sein ungewöhnliches Lied, +das zog sie beides mächtig an. Ursula hätte sich gewiß entsetzt,<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> wenn +sie gesehen hätte, wie ihre Herrin dem kleinen Mädchen neben sich auf +dem Baumstumpf Platz machte und sagte: »Was hast du sagen wollen? Sag's +nur kecklich. Komm, setze dich ein wenig daher zu mir und sag mir, wer +der Konrad ist und wie du heißt.«</p> + +<p>»Mein Bruder ist's,« sagte das Kind und sah dabei der fremden Frau +unerschrocken ins Gesicht. Hersetzen wollte es sich nicht. »Ich heiße +Veronika. Man sagt mir aber nur Vronik.«</p> + +<p>»So, und warum betrachtest du mich so aufmerksam?« fragte die Frau +weiter. Das konnte nun Vronik nicht wohl sagen. Denn im Dorf hatte +sie schon öfters sagen hören, die Frau im weißen Häuschen sei »nicht +ganz bei Trost«. Das hatte sie nie ganz verstanden. Als die Mutter +noch lebte, hatte sie hie und da gesagt: »Das ist mir ein Trost; daß +ich weiß, der liebe Gott sorgt für euch, wenn ich von euch fort muß. +Und das soll auch immer euer Trost sein. Er verläßt euch nicht.« +Sonst hatte Vronik noch nie etwas von Trost gehört. Und als sie nun +die Fremde so traurig sah, dachte sie, am Ende habe diese richtig +vergessen, was einem ein Trost sein könne. Und doch glich sie der +Mutter, denn sie war auch bleich und zart wie diese und trug auch ein +schwarzes Kleid. Nur hatte Vroniks Mutter freundliche, friedliche Züge +gehabt und einen ganz andern Ausdruck darin, als die fremde Frau.</p> + +<p>»Kannst du mir's nicht sagen?« ermunterte diese jetzt das Kind. »Du +mußt dich nicht fürchten, du kannst es ruhig aussprechen.«</p> + +<p>»Weißt du etwa nicht mehr recht, was ein Trost ist?« fragte Vronik +statt der Antwort. Denn sie konnte nichts anderes sagen, als das, was +sie gerade dachte.</p> + +<p>Die Frau sah erstaunt auf. »Ach nein, das weiß ich nicht,« sagte sie. +»Aber wie kommst du darauf? Weißt du es vielleicht?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span></p> + +<p>»Ja,« sagte das Kind ganz bestimmt. »Daß der liebe Gott bei einem +bleibt und einen nicht verläßt, wenn man auch ganz allein ist, das ist +einer. Die Mutter hat's gesagt.«</p> + +<p>Die Frau hatte schon wieder Tränen in den Augen, aber sie kämpfte sie +nieder, um das Kind nicht zu erschrecken. Denn sie wollte noch mehr +hören. Es hatten schon viele Leute versucht, sie zu trösten. Aber +denen hatte sie immer gesagt: »Ihr könnt gut reden. Ihr seid froh und +glücklich und versteht nicht, wie es mir sein muß.« Das war bei dem +Kind anders. Denn das hatte es nicht leicht auf der Welt, so viel +konnte man wohl sehen. So sagte die Frau jetzt zu ihm: »Da hat dir die +Mutter etwas Gutes gesagt, daran denke nur immer. Wo ist sie denn? Ich +möchte sie wohl einmal sehen.«</p> + +<p>Das Kind machte die Augen weit auf. Die fremde Frau wußte scheint's +nicht, daß es ein Gottswillenkind sei, das heißt, eines, das gar +niemand eigenes mehr auf der Welt habe, der für es sorgen könnte und +das man darum »um Gotteswillen« umsonst aufgenommen habe. Es war der +Vronik etwas ganz Neues, daß das jemand nicht wußte. Im Dorfe wurde sie +oft genug daran gemahnt.</p> + +<p>»Die Mutter ist zum lieben Gott gegangen,« sagte sie nach einer kleinen +Weile. »Ganz bald nachher, als wir von der Schweiz kamen. Da hat sie +immer gehustet. Und dann hat sie's oft gesagt, daß sie fortgehe. Jetzt +ist der Konrad beim Lammwirt und ich bin beim Pfleghofbauern um der +Gottswillen.«</p> + +<p>Vronik mußte tief aufatmen, denn es war lange her, daß jemand so viel +von ihr hatte wissen wollen. Aber die Frau sah so teilnehmend aus, es +wurde dem Kinde ganz warm ums Herz.</p> + +<p>»Aber die Mutter hat auch noch gesagt: wir werden schon wieder +zusammenkommen, der Konrad und ich. Weil wir doch<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> sonst gar niemand +haben als nur einander. Wann der Konrad groß ist, dann verdient er Geld +und dann müssen wir beieinander wohnen,« berichtete Vronik weiter. +Sie hätte jetzt alles sagen können. Aber ihre Pfleglinge wurden ganz +unruhig und ließen sich nicht mehr beschwichtigen, und vom Dorfe +her hallten laute Klänge durch die klare Herbstluft. Das war die +Abendglocke, und die Kinder mußten nach Hause.</p> + +<p>Die fremde Frau erhob sich. Zum erstenmal hatte wieder ein anderer +Gedanke als der an ihr Unglück in ihr Raum gefunden. Jetzt sagte sie: +»Kommst du morgen wieder hierher, Vronik? Du mußt mir dann noch mehr +sagen.«</p> + +<p>Vronik schüttelte leise den Kopf. »Nein, das darf ich nur am Sonntag,« +sagte sie. »Am Werktag hütet die Ahne die Kinder. Da muß ich auf dem +Feld helfen und im Stall und in der Küche und überall.«</p> + +<p>Der fröhliche Ausdruck war wieder ganz aus dem mageren Gesichtchen +geschwunden, Vronik sah jetzt so ernsthaft aus, als ob sie schon +schwere Sorgen habe. »So komm gewiß am Sonntag wieder,« sagte die Frau. +»Vielleicht weißt du mir dann auch so einen guten Trost.« Dann schieden +die beiden, und das Wägelein holperte jetzt schnell den Weg hinab, denn +es hatte beinahe ausgeläutet.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es war schon spät am Abend. In dem Heimwesen des Pfleghofbauern war +schon alles zur Ruhe gegangen. Nur Vronik war noch einmal zur Hintertür +hinausgeschlüpft. Das tat sie immer, ehe sie sich niederlegte. Denn +da kam oft der Konrad noch ein Weilchen in den Hof. Und das war die +einzige Zeit, wo die verlassenen Kinder einander sehen und sprechen +konnten. Es war nicht nur, weil die Mutter so oft gesagt hatte: +»Haltet zusammen, Kinder, wenn ich nicht mehr<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> da bin,« daß die beiden +so aneinander hingen. Sie hatten alle beide Heimweh nach den alten, +schönen Tagen, wo sie mit den Eltern fröhlich zusammen gelebt hatten +in der eigenen Heimat. Die Zeit lag freilich jetzt weit dahinten. Aber +nach des Vaters Tod war doch noch eine Zeit gekommen, wo die Mutter +für ihre Kinder sorgte. Sie war mit ihnen in ihre alte Jugendheimat +zurückgekehrt. Aber es lebte niemand mehr von den alten Freunden. Und +als der liebe Gott die Mutter zu sich holte, da wußte sie ihren Kindern +keinen andern Trost zu hinterlassen als den, den die Vronik so treulich +bewahrt hatte, nämlich, daß der liebe Gott für sie sorgen und sie nicht +verlassen werde.</p> + +<p>Vronik hatte ein fröhliches Herzlein. Und das war viel wert für das +einsame Kind. Auf dem großen Hof waren so viele Knechte und Mägde, und +sie waren nicht eben böse gegen das Gottswillenkind. Aber sie dachten, +es müsse froh sein, wenn es überhaupt einen Unterschlupf habe, und es +solle sich nur beizeiten daran gewöhnen, sich in anderer Leute Willen +zu schicken. So übten sie es denn alle miteinander darin, daß es sich +schicken lerne. »Vronik, treib die Hühner zusammen,« »Vronik, du kannst +mir meine Stiefel schmieren,« »wo ist die Vronik? sie soll Kartoffeln +waschen,« so hieß es den ganzen Tag. Und Vronik ließ sich das nicht zu +sehr anfechten; sie war immer bei der Hand und wenn sie nicht zu müde +war, sang sie noch zu ihrer Arbeit irgend eines der schönen Lieder, +die sie die Mutter noch gelehrt hatte. Die schönste Zeit für sie war, +wenn sie am Sonntag nachmittag mit den Kindern hinausziehen durfte an +ein schönes Plätzchen. Da gab sie den Kleinen Blumen und Steinchen zum +Spielen und dann konnte sie sich hinsetzen und viel Schönes ausdenken. +Wie es früher gewesen war, und wie es später werden würde, wenn der +Konrad groß war und Geld verdiente. Ja, daß der Konrad<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> nicht in den +Wald konnte, das war freilich betrübt. Der mußte am Sonntag fast noch +fleißiger sein als am Werktag; denn da mußte er den Bauernburschen die +Kegel aufsetzen und noch vieles andere tun. Und dann kam er immer am +späten Abend so verzagt heran, und Vroniks Trost wollte gar nicht bei +ihm verfangen. Auch heute nicht. Er machte ein düsteres Gesicht und +sagte: »Wenn wir nur fort könnten, Vronik. Wenn wir nur wieder in die +Schweiz könnten oder irgendwohin, wo es anders ist. Der Lammwirt hat +mich heute so oft am Ohr gerissen und dann noch gesagt: ›Du bist ein +Nichtsnutz und dein Essen verdienst du nicht einmal.‹ Und ich habe +immer Schlaf und immer Hunger. Ans Lernen komme ich auch nicht. Wenn +ich dann im Winter wieder in die Schule muß, so setzt mich der Lehrer +zu den Nichtskönnern. Und ich möchte doch so gern lernen.«</p> + +<p>Vronik wußte auch nicht gleich zu raten. Sie hätte ja gern Konrads +Hand genommen und wäre mit ihm ins Land hinausgewandert. Die Sternlein +schienen so hell und freundlich am Himmel und in den Bäumen rauschte +der Nachtwind ganz weich und lieblich. Sie hätte sich nicht gefürchtet. +Aber wohin? Und dann fiel ihr auch ein, daß die Mutter oft gesagt +hatte: »Man muß mit dem zufrieden sein, was einem der liebe Gott gibt. +Wenn man immer etwas anderes will, so kann er einem dann nicht mehr +helfen.«</p> + +<p>So sagte Vronik nach einem Weilchen: »Nein, Konrad, fortgehen, das +dürfen wir nicht. Und wir wissen auch nicht, wohin? Es dauert sicher +nicht mehr so lang, bis du dann groß bist und Geld verdienen kannst. +Und dann ziehen wir zusammen.«</p> + +<p>Dem Konrad schien das Leben immer wieder erträglich zu sein, wenn er +bei Vronik war; denn sie fand an allem eine gute Seite heraus, wenn sie +auch noch klein war und<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> jünger als er. Und sie wußte immer etwas zu +erzählen, was sie erlebt hatte, so daß der Konrad oft nur zu staunen +hatte.</p> + +<p>Heute wurde natürlich das Erlebnis im Walde ausführlich berichtet. In +Vroniks Herzlein war ein großes Mitleid für die arme Frau aufgewacht, +die nicht einmal mehr wußte, was ein Trost ist.</p> + +<p>»Wenn ich nur etwas wüßte, daß sie wieder ein bißchen froh wird,« sagte +Vronik, als sie ihren Bericht vollendet hatte. »Und du auch, Konrad. +Wenn ich vergnügt sein will, dann fällt mir immer der Lammwirt ein, wie +er dich am Ohr reißt und daß du dann so ein trutziges Gesicht machst. +Und jetzt auch noch die Frau da droben. Ich möchte nur allen helfen +können.«</p> + +<p>»Der liebe Gott kann allen helfen,« hatte die Mutter oft gesagt.</p> + +<p>Und oft hilft er einem traurigen Menschenkind durch das andere, daß +dann beide wieder fröhlich sein können. Man muß nur warten können, er +macht es schon noch gut. —</p> + +<p>Als die beiden Waisenkinder sich in dieser Nacht trennten, waren sie +beide fröhlicher als vorher; denn es war ihnen wieder in den Sinn +gekommen, daß schon alles noch gut werde. Und als sie dann in ihrem +Kämmerlein lagen und ihr Nachtgebet sprachen, da winkten die Sternlein +tröstlich zu ihnen herein und die Gottswillenkinder schliefen so +sanft, wie nur irgend wohlbehütete Kinder unter den Augen ihrer Eltern +schlafen können.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ursula hantierte am frühen Morgen geräuschlos in dem weißen Häuschen +herum. Sie fegte und stäubte ab und manchmal warf sie einen +wohlgefälligen Blick auf die schöne Gegend, die sich an dem strahlenden +Herbstmorgen so lieblich vor den Augen ausbreitete, wenn man nur zum +Fenster hinaussah.<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> Drinnen im Schlafzimmer rührte sich noch nichts +und Ursula war das gewöhnt; denn seit nicht mehr die fröhlichen +Kinderstimmen in aller Frühe wach wurden und das Haus lebendig machten, +wollte Frau Behrens den Morgen nicht mehr ansehen.</p> + +<p>»Ich habe keinen Mut mehr zum Aufstehen,« klagte sie oft. »Es treibt +mich ja nichts mehr heraus.«</p> + +<p>Sie hätte wohl noch eine Pflicht gehabt, aber es war eine, die der +armen Frau das Herz noch schwerer machte als es schon vorher war. In +Ursulas Stübchen stand noch ein kleines Bett. Darin lag eine schmale, +kleine Gestalt mit einem weißen, farblosen Gesichtchen, darin nichts +lebendig schien, als ein Paar große, braune Augen. Sie lag Tag für Tag +still und unbeweglich da, die kleine Gertrud, und man fürchtete, daß +es auch niemals anders mit ihr werden würde. Das war das einzige Kind, +das der armen Frau noch am Leben geblieben war. Es konnte nicht reden, +sich nicht bewegen, lachte und weinte nicht. Frau Behrens konnte es +nicht lieb haben. »Warum hat mir Gott die gesunden Kinder genommen und +dieses gelassen, das nur zum Jammer auf der Welt ist, sich und mir zum +Jammer?« So klagte sie oft, und Ursula hatte es längst aufgegeben, ihr +zuzureden. Sie tat dem hilflosen Geschöpfchen alles, was sie konnte. +Sie gab ihm die Nahrung, hielt es sauber und sorgte ihm für ein gutes +Lager. »Wenn man nur wüßte, ob es einen versteht,« dachte sie oft, wenn +die braunen Augen so ausdrucksvoll auf sie gerichtet waren.</p> + +<p>Eben hatte Ursula ein paar wimmernde Töne vernommen. Diese waren immer +das Zeichen, daß Gertrud erwacht war. Sie wollte eben hineingehen, da +sah sie eine kleine Gestalt unter der Haustür. Ein mächtiger Strauß +fiel auf die Steinstaffel und dann huschte die Gestalt wieder hinunter. +»Halt einmal, was ist denn da los?« fragte Ursula erstaunt, und schon +hatte sie Vronik, denn diese war es, am Röckchen erfaßt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span></p> + +<figure class="figcenter illowp78" id="illu-055" style="max-width: 62.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-055.jpg" alt=""> +</figure> + +<p>Das Kind strebte weiter; es war dunkelrot im Gesicht. »Laß mich,« sagte +es, »ich muß schnell heim, die Bäuerin zankt sonst. Es ist nichts +Böses, ich hab nur der Frau einen Strauß gebracht, weil sie so arm +ist.« »Was weißt du, ob Frau Behrens arm ist,« sagte Ursula ein wenig +unfreundlich. Denn sie wußte nichts von der Begegnung im Walde und +dachte, es könne ihrer Herrin vielleicht unangenehm sein, wenn sich +jemand um sie bekümmere. »Wo ist sie?« fragte Vronik etwas erschrocken. +»Sie kennt mich schon und sie hat gesagt« — hier stockte sie. Denn +Frau Behrens trat unter die Tür. Sie hatte das Kind gehört und winkte +ihm freundlich zu. Ursula schüttelte erstaunt den Kopf. Hatte man so +etwas je erlebt? Das barfüßige Mädchen kam strahlend auf die Dame zu +und sagte fröhlich: »Ich habe dir den Strauß geholt. Ich habe den +Knechten die Morgensuppe in die Au gebracht. Und es ist noch so lang +bis an den Sonntag, drei Tage noch. Da hab' ich schnell das Heidekraut +gepflückt. Und der Konrad hat gesagt, wenn<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> man nicht mehr wisse, was +ein Trost sei, so müsse man es dem lieben Gott sagen, der wisse es dann +schon. Der Konrad hat es auch nicht mehr gewußt, den reißt der Lammwirt +oft am Ohr, daß es weh tut.«</p> + +<p>»So,« sagte Frau Behrens, »das ist freilich schlimm, wenn er das tut. +Aber weiß denn der Konrad jetzt, was ihm gut tun kann?« »Ja, er weiß es +schon,« sagte Vronik. »Er vergißt's nur allemal wieder, daß man alles +dem lieben Gott sagen kann. Daß er machen soll, daß der Konrad lernen +darf, weil er das so gern möchte. Und daß es nicht mehr lang dauert, +bis er groß ist und Geld verdient.«</p> + +<p>Ursula traute ihren Augen und Ohren nicht, als nun Frau Behrens dem +Kinde warm die Hand gab und sagte: »Den Konrad muß ich auch sehen. Und +am Sonntag kommst du in den Wald. Vielleicht können wir schon etwas +ausfindig machen, daß dein Bruder mehr lernen darf, wenn er das so gern +will.«</p> + +<p>Vronik eilte leichtfüßig davon. Denn es war jetzt keine Zeit zum +Plaudern. Im Pfleghof war große Wäsche, und Vronik hätte sich +verdreifachen können und doch kaum alle Befehle ausführen, die man ihr +gab. Aber sie tat heute alles noch viel vergnügter als sonst. Sie mußte +an einemfort vor sich hinsingen. Sogar die alte Obermagd, die sonst +nicht viel sagte, fragte verwundert:</p> + +<p>»Was freut jetzt auch das Mädchen so? Das hat doch einen Leichtsinn, +man sollt's nicht glauben. Und hat's erst gar nicht nötig, das +Leichtsinnigsein. Wenn man keinen Menschen hat und keinen Pfennig +Geld.« Vronik brauchte aber gar kein Geld zum Vergnügtsein. Und daß +eben erst, heute schon, ein Mensch freundlich und teilnehmend mit dem +armen Gottswillenkind gesprochen hatte, das wußte die alte Obermagd +nicht. Vronik hörte es immerfort noch in den Ohren<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> tönen: »Wir können +dann vielleicht schon noch etwas ausfindig machen, daß der Konrad mehr +lernen kann, wenn er das so gern möchte.«</p> + +<p>Das war ganz genug, um den ganzen Tag fröhlich zu sein, bis dann am +Abend der Konrad kam und man es ihm mitteilen konnte. Vronik konnte +sich nicht besinnen, was Frau Behrens wohl dazu tun könnte, daß der +Konrad mehr lernen dürfe. Sie freute sich nur darüber und glaubte ganz +sicher, daß es wahr werde. »Der liebe Gott kann alles machen,« hatte +die Mutter oft gesagt, und Vronik zweifelte gar nicht, daß er das +machen könne.</p> + +<p>Aber am Abend kam der Konrad nicht in den Hof und auch nicht an +den beiden folgenden. Vronik wartete lange auf ihn und wurde immer +unruhiger. Ins Lamm gehen, das durfte sie nicht. Der Lammwirt hatte ihr +einmal gesagt: »Das Zusammengeläufe verbitte ich mir, und dich will ich +nicht in meinem Haus antreffen.« Und dazu hatte der große Metzgerhund +Flox so grimmig geknurrt, als ob er hätte sagen wollen: »Und ich dich +auch nicht oder es geht dir dann schlecht.« Seither fürchtete sich das +Kind vor beiden, dem Mann und dem Hund. Aber am Sonntagmorgen hielt es +Vronik nicht mehr aus. Sobald sie ein Weilchen abkommen konnte, ging +sie doch hinunter auf den freien Platz, an dem das stattliche Wirtshaus +stand, dessen goldenes Lamm in der Sonne glänzte. Sie wollte nur sehen, +ob sie nicht an irgend einem Fenster den Konrad entdecken könne. Aber +da kam gerade der gefürchtete Lammwirt in hohen, blankgewichsten +Stiefeln zum Haus heraus. Er führte den Hund an der Leine, hatte einen +festen Stock in der Hand und eine Schildkappe auf und ging mit großen +Schritten die Straße hinunter. Vronik hatte sich zitternd an die Wand +gedrückt, als sie die beiden sah, nun atmete sie leicht auf, denn nun +war nichts zu befürchten. Sie huschte schnell ins Haus,<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> sah sich im +Flur und im Schenkraum um und fand endlich den Bruder in der Küche. +Er saß auf einem Bänkchen und putzte Rüben. Sein Fuß lag auf einem +Holzklotz und war dick mit Lappen umwickelt und sein Gesicht war noch +blässer und finsterer als sonst. Vronik erschrak, als sie ihn so fand. +»Was hast du, was ist, daß du nicht kommst?« sagte sie ängstlich. »Hat +er dir etwas getan?« Konrad schüttelte den Kopf und sah sich zuerst +nach allen Seiten um, ehe er antwortete. »Ich habe ein Glas zerbrochen, +und bin noch in einen Scherben getreten,« sagte er. »Jetzt ist mein +Fuß dick geschwollen. Und Schläge habe ich auch bekommen. O wenn ich +nur gar nicht mehr am Leben wäre.« Und dabei rollten dem Konrad dicke +Tränen über die bleichen Backen.</p> + +<p>Es war ein wenig schwer für Vronik, hier eine gute Seite an der Sache +zu finden. Denn niemand pflegte den Konrad recht. Der Lammwirt hatte +keine Frau. Vor seiner alten Mutter fürchteten sich die Kinder fast +ebensosehr, wie vor dem Lammwirt selbst, denn sie hatte eine sehr +unfreundliche Gemütsart. Und die Köchin dachte, der Fuß werde schon von +selbst wieder gut werden. So war es kein Wunder, daß dem Konrad das +Herz noch schwerer war, als sonst schon vorher. Denn er kam sich jetzt +so verlassen und unglücklich vor, als ob es auch für ihn keinen Trost +mehr gebe auf der ganzen Welt. Das konnte aber Vronik nicht ertragen.</p> + +<p>»Ich habe dir zwei Birnen gebracht,« sagte sie. »Sie sind gut, ich hab +sie vom Stallknecht, weil ich ihm die Stiefel gewaschen habe. Du mußt +jetzt nicht weinen. Ich habe ein frisches Halstüchlein, das mache ich +naß und binde es um den Fuß, das tut dir gut.«</p> + +<p>Der Fuß war entzündet und tat weh. Und Konrads trauriges Herz konnte +auch Vronik nicht so schnell hell und fröhlich machen. Aber es war +doch gut, daß sie gekommen<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> war. Denn jetzt setzte sie sich noch ein +Weilchen zu dem Bruder auf das niedrige Bänklein. Und wenn er sagte: +»Es hilft doch nichts, wenn man sich auch Mühe gibt, so viel man kann. +Und es dauert so lang, bis man groß wird, daß man es fast nicht erleben +kann,« so wußte sie doch immer wieder einen Trost. Und heute hatte +sie ja noch einen besonderen. »Die Frau Behrens hat gesagt, sie wolle +dann schon etwas ausfindig machen, daß du lernen dürfest,« erzählte +sie. »Vielleicht will sie den Lammwirt fragen, ob er's nicht erlaube.« +»Der erlaubt's nicht,« sagte Konrad mutlos. »Jetzt mußt du dich einmal +gar nicht mehr besinnen, die Frau Behrens besinnt sich schon selber,« +ermahnte Vronik. »Heute nachmittag seh' ich sie im Wald. Und dann komme +ich bald wieder zu dir und sage dir alles.«</p> + +<figure class="figcenter illowp77" id="illu-059" style="max-width: 62.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-059.jpg" alt=""> +</figure> + +<p>Vronik mußte gehen. Denn sie hatte auf dem Hof noch viel zu tun. Und +sie wollte auch lieber nicht abwarten, bis der Herr des Hauses mit dem +Hund zurückkäme.</p> + +<p>Konrad blieb in seiner trübseligen Küche allein. Aber er<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> sah nicht +mehr so finster aus als zuvor. Vronik hatte ihn ein wenig aufgeheitert +mit ihrem Besuch und mit dem, was sie gesagt hatte. Und nun fingen +die Glocken an zu läuten und auf dem Fenstersims zwitscherte lustig +ein dicker Spatz, und ein heller Sonnenstrahl fiel auf den Steinboden +der Küche und tanzte dort hin und her. Da kam es dem einsamen Buben +wieder tröstlich in den Sinn, daß der liebe Gott sein Vater sein wolle +und es schon noch gut mit ihm machen werde. Er wollte nur nicht immer +vergessen, sich an ihn zu halten.</p> + +<p>Die Köchin war auch in sonntäglicher Stimmung. Sie konnte zwar nicht in +die Kirche gehen, aber sie kam doch mit einer frischen Schürze angetan +aus ihrer Kammer herunter und summte ein schönes Lied vor sich hin, als +sie am Herde hantierte. Und als sie Waffeln buk, geschah das Unerhörte, +daß sie dem Konrad eine davon, die noch warm und goldbraun war, mit +Zucker bestreute und gab. »Da, du armer Schlucker,« sagte, »daß du auch +weißt, daß Sonntag ist.«</p> + +<p>Nein, heute wollte der Konrad nicht mehr verdrießlich sein! Und er +wußte erst noch nicht, daß schon alles auf dem besten Wege war für +ihn und er nur noch ein Weilchen warten mußte, bis ihm der liebe Gott +helfen wollte.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Der Abend dämmerte schon. Den schmalen Fußpfad vom Dorfe her nach +dem »weißen Häuschen« ging langsam, mit gesenktem Kopf, ein kleines, +barfüßiges Mädchen. Es war Vronik. Sie hatte ihre Schutzbefohlenen, +den Daniel und das Regele, nach Hause geführt. Nun durfte sie noch ein +Weilchen tun, was sie gern wollte.</p> + +<p>Vronik hatte den ganzen, langen Nachmittag im Wald an dem bekannten +Plätzchen gewartet, ob Frau Behrens nicht komme, aber umsonst. Die +Kinder konnten heute nicht so befriedigt<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> sein von ihrer Hüterin wie +gewöhnlich. Denn diese horchte an einem fort, ob sich kein Tritt hören +lasse, und dann ging sie wieder ein Stückchen weit den Berg hinauf, +um zu sehen, ob nirgends eine schwarze Gestalt aus den Büschen trete. +Denn sie hatte so viel auf dem Herzen, und es ist nicht leicht, ganz +umsonst auf den einzigen Menschen zu warten, von dem man glaubt, daß +er einem helfen könnte. Und Vronik wußte ja, daß es nun wieder eine +ganze Woche anstehen werde, bis sie Frau Behrens sehen könne. Da war +es nicht zu verwundern, daß sie nicht wie sonst auf die vielen Wünsche +und Fragen der Kinder hörte, sondern nur allemal wieder sagte: »Ja, +ja, spielet jetzt nur auch ein wenig allein. Immer kann ich euch auch +nicht vorsingen.« So hatte die Vronik heute gar kein so sonntägliches +Gefühl wie sonst, als sie ihr Wägelchen nach Hause schob. Sie mußte nur +immer denken: »Warum ist die Frau nicht gekommen? Hat sie am Ende ganz +vergessen, daß sie sich auf etwas Gutes für den Konrad besinnen wollte?«</p> + +<figure class="figright illowp62" id="illu-061" style="max-width: 20em;"> + <img class="w100" src="images/illu-061.jpg" alt=""> +</figure> + +<p>Unter solchen Gedanken hatte die Vronik fast unbewußt den Waldweg +eingeschlagen, als sie nun freie Zeit hatte. Nun stand sie vor dem +Häuschen. Es saß niemand mehr auf dem Bänkchen vor der Türe, denn es +war schon Dämmerung und kühl. Ein heller Lichtschein fiel aus dem +Fenster. Da drinnen im Zimmer würde nun wohl die fremde Frau sitzen, +die nicht mehr wußte, was ein Trost ist und die doch dem armen Kinde +schon ein Trost<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> geworden war. Vronik konnte es nicht lassen, sie +mußte sich auf das Bänkchen stellen, das gerade unter dem erleuchteten +Fenster stand. Nur einen Augenblick hineinsehen wollte sie, es würde es +ja niemand merken. Nur geschwind sehen, ob die Frau etwa krank sei oder +ob sie nun gerade so traurig, wie sonst, vor dem Haus am Tisch unter +der Lampe sitze und vor sich hinstarre.</p> + +<p>Es sah aber ein wenig anders aus in dem Zimmer, als Vronik sich +vorgestellt hatte. So etwas Behagliches, Heimliches hatte das Kind noch +nie gesehen, dem seither das einfache Stübchen daheim bei der Mutter +und von noch früher her das Arbeiterhäuschen in der Schweiz als das +Schönste, was es geben konnte, vorgeschwebt war.</p> + +<p>Vronik drückte das Gesicht fest an die Scheiben, um nur alles genau +sehen zu können, die Bilder an den Wänden, die Blumen in Töpfen +und Schalen, die da überall herumstanden, den ganzen zierlichen, +behaglichen Schmuck des wohleingerichteten Wohnzimmers. Frau Behrens +saß aber nicht allein darin. Ein alter Herr mit freundlichem Gesicht +und schneeweißen Haaren saß neben ihr auf dem Sofa und hielt ihre Hand +gefaßt. Und neben den Beiden lag, gerade hell vom Licht der Lampe +beschienen, in einem Korbwagen eine kleine, schmale, weißgekleidete +Gestalt, die gar nicht ausgesehen hätte, als ob sie lebe, wenn nicht +die großen, aufmerksamen Augen sich ein wenig bewegt hätten. Vronik +vergaß ganz, was sie da heraufgetrieben hatte, und auch, daß sie hatte +gleich wieder heimgehen wollen. Sie sah nur immerfort auf die kleine +Gruppe in dem erleuchteten Zimmer. Ursula ging hin und her, deckte den +Tisch zum Abendessen und zupfte hier und da, wenn sie an dem Korbwagen +vorüberging, eine Spitze an dem Kleidchen der kleinen Gertrud zurecht, +weil sie dem Kinde jetzt gerade sonst nichts Gutes antun konnte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span></p> + +<p>In Vronik stieg ein brennendes Heimwehgefühl auf. Sie hatte sich so zu +der fremden, traurigen Frau hingezogen gefühlt, weil sie glauben mußte, +diese stehe ganz allein auf der Welt und weil sie gut wußte, wie es +tut, verlassen zu sein. Und nun sah sie den alten Herrn bei ihr sitzen, +der so väterlich die Hand der traurigen Frau hielt, sah das Kind in +dem Wagen, das ein so feines, zartes Gesichtchen hatte und das doch +wohl Frau Behrens gehören mußte, und das trauliche Zimmer, in dem diese +Leute ungestört beisammensitzen konnten.</p> + +<p>»Da wird sie's freilich wohl vergessen haben, daß sie kommen wollte,« +dachte das arme Gottswillenkind.</p> + +<p>»Vielleicht bleibt jetzt der alte Herr immer bei ihr und macht sie +wieder ganz fröhlich. Und dann wird sie wohl nichts ausfindig machen +für den Konrad.«</p> + +<p>Es wurde spät. Vronik war auf das Bänkchen niedergekniet, hatte den +Kopf auf die Arme gestützt und mit begierigen Augen ins Zimmer gesehen, +bis ihr die Augen zugefallen waren. Es sah so heimatlich aus da drin +und wenn das Kind auch wußte, daß es da nicht hingehöre, so wollte es +doch noch ein kleines Weilchen hineinsehen und ein wenig vergessen, daß +es so allein sei. Und darüber war es eingeschlafen. Jetzt wogten die +weißen Abendnebel um die schlafende Gestalt her und am Himmel glänzten +die Sterne. Und Vronik träumte von einer Heimat, wo sie wirklich +hingehörte, wo man sie lieb hatte und den Bruder auch.</p> + +<p>Drinnen im Zimmer saß der alte Herr, der ein Doktor war und ein +väterlicher Freund der Frau Behrens, soweit diese sich zurückerinnern +konnte, noch lange bei ihr auf dem Sofa. Er hatte im Frühjahr den +Ankauf des weißen Häuschens besorgt, weil ihn die junge Frau gebeten +hatte: »Lassen Sie mich fort, Herr Doktor, von allen Menschen weg. +Vielleicht kann ich mich in der Einsamkeit besser zurechtfinden.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span></p> + +<p>Nun war er gekommen, um wieder einmal nach seiner Schutzbefohlenen zu +sehen. Ursula hatte ihm heimlich geschrieben, weil sie den stummen +Jammer nicht mehr so allein mitansehen konnte und weil sie auch hoffte, +daß der Herr Doktor etwas für die kleine Gertrud zu tun wisse.</p> + +<p>Es war kein fröhlicher Tag gewesen für den alten Herrn, der ein so +warmes, mitfühlendes Herz hatte und gern allen Traurigen geholfen +hätte. Denn Frau Behrens sagte auf all seine liebreichen Worte nur: +»Seien Sie mir nicht böse, ich kann nicht anders als traurig sein und +niemand kann mir helfen.«</p> + +<p>Nun hatte der Herr Doktor heute abend noch ein Mittel versucht, Frau +Behrens ein wenig aufzurütteln. Er hatte den Wagen mit der kleinen +Gertrud ins Zimmer bringen lassen, und die Mutter selbst hatte ihm +helfen müssen, das Kind ganz eingehend zu untersuchen. Sie hatte die +Kleidchen auf- und zuknöpfen und die leichte Gestalt in den Armen +halten müssen. Und nun sagte der Herr Doktor ernsthaft: »So, nun +hören Sie mir einmal zu. Kein Mensch auf der ganzen Welt darf sich so +hinsetzen und sein Leben mit Klagen zubringen. Der liebe Gott weiß, +was er getan hat. Und er weiß auch, warum er Gertrud am Leben ließ +und nicht eines von den gesunden Kindern, und niemand kann im voraus +sagen, eines sei unnütz auf der Welt. Fangen Sie einmal an, das Kind +lieb zu haben. Singen Sie ihm etwas vor. Nehmen Sie es in die Arme, es +spürt vielleicht gut, wenn man es lieb hat. Es kann auch noch kräftiger +werden, man weiß nie, was unser Herrgott noch im Sinn hat mit so einem +schwachen Kindlein.«</p> + +<p>Und als Frau Behrens stumm vor sich hinsah, fuhr der alte Herr fort: +»Wenn Sie es noch nicht recht lieb haben können, so tun Sie es um +Gotteswillen; weil er es will. Es wird ihnen noch ein Trost werden, das +weiß ich.«</p> + +<p>Frau Behrens hätte nicht gut sagen können, welche Gedanken<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> ihr an +dem Abend schon durch den Sinn gegangen waren. Es war nicht mehr +ganz so dunkel in ihrem Herzen wie vorher. Seit sie mit dem armen +Gottswillenkind zusammengetroffen war, hatte sich manches in ihr +geregt, was sie lang vergessen hatte. Und Vroniks Trost war ihr oft +eingefallen, wenn sie auch selbst noch nicht recht sagen konnte: »daß +der liebe Gott bei einem ist und einen nie verläßt, wenn man auch sonst +allein ist, das ist ein Trost.« Nun bei den letzten Worten des Doktors +fiel ihr das Gottswillenkind wieder ein. Das hatte man ja auch, samt +seinem Bruder, »um Gotteswillen« aufgenommen und Frau Behrens wußte, +daß es die Beiden nicht gut hatten. Und es kam ihr beschämend in den +Sinn, daß sie ihr eigenes, armes Kind auch nicht liebevoller behandle, +und sie dachte mit Recht, daß es doch Kinder, die man dem lieben Gott +zulieb versorgen will, am besten von allen haben sollten.</p> + +<p>Frau Behrens hatte noch gar keine Antwort auf die ermahnenden Worte des +Doktors gegeben. Denn sie kämpfte mit sich selbst und konnte noch nicht +recht mit ihrer Traurigkeit fertig werden.</p> + +<p>Da kam Ursula ins Zimmer. Sie war hinausgegangen, um die Läden zu +schließen. Nun trat sie etwas erregt ein und sagte: »Was soll man da +anfangen? Es ist ein schlafendes Kind auf dem Bänkchen vor dem Hause. +Das ist's, das schon einmal hier war. Man kann es doch nicht draußen +lassen.«</p> + +<p>Ursula und der Doktor sahen einander erstaunt an, als hier Frau Behrens +lebhaft aufstand und sagte: »Bring's herein, Ursula. Oder nein, ich +will es selbst holen. Es kennt mich; es hat auf mich gewartet, das weiß +ich.«</p> + +<p>Der Doktor sah ihr vergnügt nach, denn er dachte: »Man kann nicht +wissen, auf welche Weise ihr der liebe Gott helfen will.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span></p> + +<p>Eine kleine Weile später trat Frau Behrens ein. Sie trat leise und +sachte auf und trug auf beiden Armen das barfüßige Bauernkind. Sie +legte es aufs Sofa nieder und dann sagte sie flüsternd: »Man darf es +nicht wecken, es schläft so tief und fest. Ursula soll ins Dorf gehen +und sagen, daß man das Kind nicht vergeblich sucht. Und morgen sieht +man weiter.«</p> + +<p>Als der Herr Doktor in dieser Nacht zur Ruhe ging, oben in dem +freundlichen Balkonzimmer, stand er noch eine Weile still am Fenster +und sah in die schweigende Gegend hinaus. »Du machst es nicht, wie wir +gedacht, du machst es besser als wir denken,« sagte er vor sich hin. +Denn er hatte schon gemerkt, daß der liebe Gott beiden helfen wollte, +den Kleinen und Großen, da konnte er sich wohl freuen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Das war am andern Morgen ein erstauntes Gesicht, mit dem sich Vronik +beim Erwachen umsah. Sie glaubte immer noch zu träumen. Die Sonne +schien hell durch die blanken Fenster und blütenweißen Vorhänge, +beschien die weißen Kissen, in denen das arme Gottswillenkind lag, und +das ganze, freundliche Zimmer. An der Wand hing ein großes Bild. Es +war der Heiland, der ein Schäflein auf der Schulter trägt. Das mußte +Vronik unverwandt ansehen. Das Schäflein schmiegte sich so dicht an den +guten Hirten, der es trug, es wurde einem wohl, wenn man es nur ansah. +Und Vronik fiel das Lied ein, das die Mutter so oft mit ihren Kindern +gesungen hatte, die Stelle, wo es hieß: »Und nach diesen schönen Tagen +werd ich endlich heimgetragen in des Hirten Arm und Schoß, Amen, ja, +mein Glück ist groß.« Es war dem Kinde einen Augenblick zumute, als +ob es auch »heimgetragen« wäre. Aber dann fiel ihm der ganze gestrige +Abend wieder ein. Seine Kleider lagen auf dem Stuhl neben dem Sofa, und +dann wußte Vronik</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span></p> + +<figure class="figcenter illowp94" id="illu-067" style="max-width: 62.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-067.jpg" alt=""> +</figure> + +<p>plötzlich, daß sie wieder ins Dorf hinunter müsse, in den Pfleghof, wo +jetzt längst die Gänse und Enten und Hühner auf ihr Futter warteten +und wo alles nach der Vronik rief. Sie konnte nur gar nicht begreifen, +wie sie da hereingekommen war. Sie hatte doch gestern abend nur zum +Fenster hereingesehen. Leise schlüpfte sie in ihr Röckchen, da ging +die Tür zum Nebenzimmer auf und Ursula kam herein. Sie machte heute +ein ganz freundliches Gesicht, denn sie liebte die Kinder und es kam +ihr vor, als ob etwas besonderes mit diesem Kinde sei. Und das war +auch wahr. Denn wenn der liebe Gott ein barfüßiges Waisenkind an der +Hand nimmt und führt es einer traurigen Mutter zu, daß sie einander +wieder fröhlich machen sollen, so ist das schon etwas besonderes. Das +wußte nun zwar Ursula noch nicht, daß ihre Herrin die ganze Nacht wach +gelegen war und viele Gedanken in sich bewegt hatte. Daß sie sich +vorgenommen hatte, nun nicht mehr an einem fort zu klagen und traurig +zu sein, sondern den Trost hereinzulassen, der in ihr Herz hinein +wollte. Ursula half dem Kind ein wenig beim Haarmachen, obgleich Vronik +das sonst immer selbst tun mußte.<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> Dann nahm sie es mit in das Zimmer, +wo die kleine Gertrud lag. »Da sieh,« sagte Ursula, »du hast's noch +lang gut gegen dem armen Tröpflein, das nur immer so daliegen muß.«</p> + +<p>Vroniks weiches Herzlein war gleich ganz voll Teilnahme. »O, kann es +nichts tun, gar nichts?« sagte sie. »Kann man nicht mit ihm spielen und +lachen und ihm etwas vorsingen, daß es auch eine Freude hat?« Ursula +sah verwundert in das lebhafte Gesichtchen. Zum Spielen und Lachen und +Singen war man in dem weißen Häuschen schon lang nicht mehr aufgelegt +gewesen. Es war alles so geräuschlos als möglich zugegangen. »Ich muß +nun das Wohnzimmer schön machen,« sagte sie. »Du kannst so lang hier +bleiben. Frau Behrens hat gesagt, daß ich dich nicht gehen lassen soll, +ehe sie mit dir gesprochen hat. Angst brauchst du nicht zu haben. Es +geschieht dir nichts im Pfleghof. Ich habe gesagt, daß du nicht so früh +kommst.«</p> + +<p>Damit ging sie hinaus und Vronik blieb allein mit dem kranken Kinde. Es +kam ihr alles ganz wunderbar vor, was mit ihr geschah. Am wunderbarsten +aber erschien ihr dieses stille Gesichtchen, das nur so aufmerksame +Augen hatte. Sie hätte so gern einen Versuch gemacht, mit Gertrud zu +sprechen. Aber sie scheute sich davor, es zu probieren. So verfiel +sie auf ihr altes Mittel, mit dem sie immer die Kinder im Pfleghof zu +unterhalten wußte. Sie setzte sich auf das niedrige Stühlchen, das +neben dem Wagen stand, und fing leise an zu singen. Vronik hatte ein +liebliches Stimmchen und sie konnte viele schöne Lieder von der Mutter +her. Jetzt sang sie:</p> + + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Breit aus die Flügel beide,</div> + <div class="verse indent0">O Jesu, meine Freude,</div> + <div class="verse indent0">Und nimm dein Küchlein ein!</div> + <div class="verse indent0">Will mich der Feind verschlingen,</div> + <div class="verse indent0">So laß die Engel singen:</div> + <div class="verse indent0">›Dies Kind soll unverletzet sein!‹«</div> + </div> +</div> +</div> + + +<p><span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span></p> + +<p>Vronik war gewöhnt zu singen, deshalb kam es ihr ganz natürlich vor, +daß sie es tat. Aber den anderen Hausbewohnern waren das ganz neue +Töne. Der Herr Doktor kam gerade von oben herunter und blieb auf +seinem Gang nach dem Wohnzimmer horchend stehen, Frau Behrens trat +auf die Schwelle des Zimmers und lauschte leise, und Ursula hörte auf +abzustäuben.</p> + +<p>Aber plötzlich hörte der Gesang auf, Vronik stieß einen fröhlichen Ruf +aus. »Es lacht,« rief sie. »Es will noch mehr hören.« Man kann es kaum +sagen, wie schnell die drei Leute von allen Seiten an das Wägelchen +herankamen, um das Wunderbare zu sehen. Ja, es war so. Das bleiche +Köpfchen hatte sich langsam nach der Seite gewendet, wo Vronik saß, und +das Gesichtchen war zu einem Lächeln verzogen. Es war ganz deutlich. +»Sing noch etwas, Kind, hör noch nicht auf,« sagte der Herr Doktor zu +Vronik. Denn er wollte gern recht deutlich sehen, was das für eine +Wirkung habe. Und aufs neue sahen alle drei Großen aufmerksam zu, wie +Gertruds Augen so strahlend an Vronik hingen, als diese sang. Vronik +hatte das kleine Händchen gefaßt und da geschah das weitere Wunder, daß +sich die mageren Fingerlein um das braune Händchen des Bauernkindes +schlossen.</p> + +<figure class="figcenter illowp100" id="illu-069" style="max-width: 62.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-069.jpg" alt=""> +</figure> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span></p> + +<p>»Jetzt erleben wir noch viel Schönes,« sagte der Doktor vergnügt. »Das +wird man schon sehen.« Frau Behrens nahm Vronik an der Hand. »Dich +müssen wir bei uns haben so viel wir nur können,« sagte sie liebreich. +»Dich hat mir der liebe Gott zum Trost geschickt.« Vronik schüttelte +leise den Kopf. »Ich habe keine Zeit zum Heraufkommen,« sagte sie. »Und +jetzt muß ich schnell heimgehen, sonst zankt die Bäuerin.«</p> + +<p>Der Konrad fiel ihr ein, wie er so traurig in seiner Küche gesessen +hatte, und es fiel ihr schwer aufs Herz, daß sie ihm noch keinen +Bescheid gebracht hatte. Die Leute hier hatten einander, aber der +Konrad hatte nur seine Vronik, sonst niemand. Und Frau Behrens schien +ihn ganz vergessen zu haben.</p> + +<p>»Ich will die Bäuerin fragen, ob sie dich nicht manchmal kommen läßt,« +sagte Frau Behrens jetzt. »Ich will selbst mit ihr reden.«</p> + +<p>Da platzte Vronik heraus: »Dann rede noch lieber mit dem Lammwirt, +daß der Konrad in die Schule darf und daß er ihn nicht so oft schlägt +und« — Vronik mußte gewaltig schlucken, sonst hätte sie hier vor den +fremden Leuten angefangen zu weinen.</p> + +<p>»Nur heraus mit allem,« ermunterte der Herr Doktor freundlich. Er war +ein großer Kinderfreund und konnte keine traurigen Gesichter sehen, +ohne daß er hätte versuchen müssen, sie fröhlich zu machen. Und in +Vronik sah er überhaupt eine Bundesgenossin. So kam denn alles an +den Tag, was Vroniks Herzlein bedrückte, alles. Frau Behrens hörte +mit gespannter Aufmerksamkeit zu, und Ursula vergaß ganz, wieder +hinauszugehen, und ballte zornig die Faust, als sie hörte, daß niemand +den kranken Fuß des Konrad pflege.</p> + +<p>»Da müssen wir abhelfen, soviel ist sicher,« sagte der Herr Doktor +väterlich, als Vronik mit ihrem Bericht zu Ende war.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span></p> + +<p>»Ich gehe mit dir ins Dorf und zu dem Lammwirt. Was meinst du, mir wird +der Hund schon nichts tun? Und dann wollen wir weiter sehen.« Vronik +nickte ganz einverstanden. Sie hatte ja schon lange gewußt, daß der +liebe Gott alles machen könne, da verwunderte sie sich jetzt nicht so +sehr, daß er es nun auch tat. Und sie dachte nur, daß jetzt alles gut +komme, über das Wie machte sie sich keine Gedanken.</p> + +<p>Das gab ein großes Staunen im Dorf, als Vronik an der Hand des fremden +alten Herrn durch die Straße ging. Das kümmerte aber die beiden wenig. +Denn sie hatten einander unterwegs so vieles mitzuteilen, daß sie gar +keine Zeit hatten, nach den Leuten zu sehen. Hand in Hand schritten +sie nach dem »goldenen Lamm«. Der Wirt stand unter der Tür. Er sah +verwundert auf das Gottswillenkind, machte aber doch einen tiefen +Bückling vor dem feingekleideten Herrn. »Sie haben einen Kranken im +Haus, höre ich?« sagte der Herr Doktor sogleich. »Führen Sie mich zu +ihm.« »Wenn der Herr den Buben meint, der ist im Keller und spült +Flaschen,« antwortete der Wirt. »Krank ist er nicht, du meine Güte. +Wegen so einem bißchen Geschwulst am Fuß macht man mit so einem Knirps +nicht soviel Aufhebens.« »Ich bitte, daß Sie mir den Konrad in die +Schenkstube bringen,« beharrte der Herr Doktor. »Was zu tun ist, wollen +wir dann schon sehen; ich bin Arzt und gedenke schon zu sehen, was +nötig ist.«</p> + +<p>Der Wirt zog brummend ab, nicht ohne daß er vorher noch bemerkt hatte: +»Wer den Doktor bestellt hat, weiß ich nicht. Es wird dann niemand +verlangen, daß ich ihm noch den Weg bezahle für so einen Bettelbuben.«</p> + +<p>Vronik nickte dem Konrad ermunternd zu, als er bald darauf +hereinhinkte, bleich und ängstlich. Der Herr Doktor war aber keiner von +denen, die nicht mit schüchternen Kindern<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> fertig werden. Er streckte +dem verlegenen Buben ganz freundlich die Hand hin. »So, das ist ja +ganz geschickt, daß ich gerade hier bin,« sagte er fröhlich, dann +untersuchte er den kranken Fuß, machte aber ein ernsthaftes Gesicht +dazu und schüttelte den Kopf. »Ganz unverantwortlich vernachlässigt ist +die Wunde,« sagte er vor sich hin. Dann nahm er den Lammwirt besonders +in ein Nebenzimmer und sprach dort eine Weile sehr erregt mit ihm. +Als er wieder herauskam, wandte er sich an die Kinder. »So, nun seid +einmal recht vernünftig,« sagte er. »Den Konrad muß ich mit mir nehmen +in meinem Wagen. Drunten in der großen Stadt, in der ich lebe, ist +ein schönes helles Haus, in dem kranke Kinder gepflegt und versorgt +werden, daß sie dann wieder gesund und fröhlich werden können. Da will +ich den Konrad hinbringen. Er hat's auch sonst nötig, denn er ist viel +zu bleich und mager für so einen Buben. Da komme ich dann täglich zu +ihm und sehe nach dem Fuß. Und schöne Bücher gibt's da und Spiele.« +Der Herr Doktor hielt es für nötig, alles so schön auszumalen. Denn er +war gewöhnt, daß sich die Kinder davor fürchteten, ins Krankenhaus zu +kommen. Aber der Konrad saß mit leuchtenden Augen da, und man konnte +ihm wohl ansehen, daß er mit dem freundlichen Herrn hingegangen wäre, +wo dieser ihn hingebracht hätte.</p> + +<p>Vronik hatte zwar zu schlucken und zu drücken, daß keine Tränen +heraufkommen konnten, denn sie wußte wohl, daß sie dann gar niemand +mehr habe, wenn der Konrad fort sei. Aber als sie hörte, wie gut er +es bekommen solle, da mußte sie sich so mitfreuen, daß sie fürs erste +ihren eigenen Kummer ganz vergaß. Der Herr Doktor vergaß aber seine +kleine Freundin nicht. Denn sie mußte ihm ja helfen, die traurige Frau +in dem weißen Häuschen wieder fröhlich zu machen. Und er wußte schon +lange, daß der liebe Gott dazu arme und reiche<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> Leute untereinander +auf der Welt sein läßt, daß sie Liebe aneinander üben sollen und alle +reich und glücklich werden. So sagte der Doktor jetzt dem Konrad, daß +er in einer Stunde mit dem Wagen kommen und ihn abholen wolle, und nahm +dann Vronik bei der Hand. »Sag jetzt deinem Bruder Lebewohl,« sagte +er freundlich. »Und laß dich's nicht zu sehr anfechten; ich will dann +schon sorgen, daß du ihn bald wieder siehst. Was meinst du, wenn du +inzwischen ein Kindsmädchen für unsere arme Gertrud würdest? Wenn du +ihr noch öfters etwas singen würdest, daß sie doch auch eine Freude +hat?«</p> + +<p>Vronik wurde dunkelrot vor Freude. Sie war im Pfleghof nie am Ohr +gerissen, nie gestoßen und geschlagen worden. Aber daheim sein war +wieder ganz anders, ganz anders. Und in dem weißen Häuschen konnte man +daheim sein, das hatte das Kind diesen Morgen beim Erwachen gefühlt.</p> + +<p>Sie klammerte sich einen Augenblick fest an Konrad an und flüsterte +ihm zu: »Jetzt kommt's. Alles kommt. Die Mutter hat's gut gewußt. Freu +dich nur, Konrad, jetzt wird alles noch viel schöner, man weiß noch gar +nicht, wie schön es wird.«</p> + +<p>»So, und jetzt behüt dich Gott,« sagte der Herr Doktor liebreich zu +Vronik. »Geh jetzt nur ganz fröhlich auf den Pfleghof. Da hast du ganz +recht, es kommt alles, wie es gut ist, man muß nur ein wenig warten +können. Du wirst dann schon hören, was weiter kommt.«</p> + +<p>Und Vronik ging und besann sich wieder nicht lange, wie es weiter +komme. Denn sie wußte ja schon, daß eins ums andere ganz von selber +komme und sie gar nichts dazu zu tun brauche. Im Pfleghof schnatterten +die Enten und die Gänse, als Vronik ankam. Der Daniel und das Regele +spielten vor dem Haus und die Ahne saß bei ihnen und sagte: »Eine +ordentliche Tracht Schläge hättest du schon verdient<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> diesmal. Wenn +man in der Nacht herumläuft und vor anderer Leute Haus schläft anstatt +in seinem Bett.« Vronik machte sich nun schnell an ihre Arbeit und +tat alles, was man ihr auftrug, so willig, daß der Bäuerin und den +Mägden der Ärger bald wieder verging und sie zueinander sagten: »Für +einmal hat sie genug am Fortlaufen, das sieht man deutlich. Man muß +sie nur ein wenig drunten halten, daß sie daran denkt, daß man sie um +Gottswillen im Haus hat. Dann kommen ihr keine hoffärtigen Gelüste +mehr. So eins soll nur froh sein, wenn es überhaupt weiß, wo es +hingehört.«</p> + +<p>Es war am Nachmittag des andern Tages. Vronik saß in der Küche und +hatte eine riesige Schüssel voll Kartoffeln vor sich, die sie schälen +sollte. Die Obermagd hatte schon zweimal den Kopf durchs Fenster +hereingestreckt und nachgesehen, ob die Arbeit noch nicht fertig sei. +Denn sie hatte auch noch Wünsche, und dann hatte die Ahne heraussagen +lassen, es sei die höchste Zeit, daß ihr die Vronik ein Weilchen die +Kinder abnehme. Vronik mußte sich tüchtig rühren, um fertig zu werden. +Aber es war heute ganz gut für sie. Denn das Heimweh regte sich immer +stärker in dem Kinde. Der Konrad war fort und der Herr Doktor mit. Und +niemand hatte nach Vronik gefragt. Wie gern wäre sie nur geschwind nach +dem weißen Häuschen gelaufen, nur um zu sehen, daß es noch dastehe und +alles noch gut kommen könne. Aber das war ihr streng untersagt worden. +Darum war es ganz gut, daß Vronik so viel zu tun hatte, daß nur immer +eine Arbeit nach der andern abgetan werden mußte und gar keine Zeit zu +müßigen Gedanken blieb.</p> + +<p>Jetzt waren die Kartoffeln fertig, und Vronik kehrte die Schalen +zusammen, um sie den Schweinen zu bringen, da hörte sie plötzlich eine +wohlbekannte Stimme. »Ich möchte mit der Bäuerin selbst reden,« sagte +Frau Behrens, denn sie war es,<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> die im Hof draußen sprach zu der Magd, +die da hantierte. Vronik stand wie angewurzelt. Sie wäre am liebsten in +den Hof geeilt, denn sie fühlte wohl, daß Frau Behrens ihretwegen kam. +Aber man hatte noch nicht nach ihr gefragt, und hier im Hause war sich +Vronik in einemfort bewußt, daß sie nicht zur Familie gehöre. Da wagte +sie sich nicht so hervor. So blieb sie denn am gleichen Fleck stehen, +bis die Fremde in der Wohnstube verschwunden war und die Obermagd +hereinrief: »Was ist denn eigentlich mit dir? Ich glaube, du schläfst +am hellen Tag und mit offenen Augen wie die Hasen.«</p> + +<p>Da raffte Vronik ihre Arbeit zusammen und ging in den Stall und von +da in den Keller und auf den Heuboden, wo man sie hinschickte. Aber +ihr Herz klopfte stark, und ihre Gedanken waren immer in der großen +Wohnstube. Was würde man über sie beschließen? Wann würde man sie +hineinrufen? Sonst konnte sie nichts mehr denken. Da rief die Stimme +der Ahne von der Haustüre her über den Hof hin: »Wo steckt nur auch das +Mädchen? Vronik, geh einmal her, man muß etwas mit dir reden.«</p> + +<p>Vronik konnte kaum antworten, so stark klopfte ihr Herz. Aber dann +kam sie doch mit eiligen Schritten heran und folgte der Ahne in die +Wohnstube. Die Bäuerin saß mit Frau Behrens auf dem lederbezogenen +Sofa und sah die Vronik nicht eben sehr freundlich an. »Ich meine dann +nicht, daß du es schlecht gehabt hast bei uns,« sagte sie zu ihr. +»Gekocht wird genug alle Tage, und niemand mißt den Leuten das Brot +vor. Und ich denke, so als Gottswillenkind hättest du es schlechter +antreffen können als bei uns.« — »Das glaube ich gern,« fiel Frau +Behrens rasch ein. »Aber Sie brauchen die Veronika ja nicht, das sagen +Sie selbst. Und mir könnte das Kind ein Trost und eine Freude sein. +Veronika, komm<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> einmal her zu mir,« fuhr sie, zu Vronik gewendet, fort. +»Siehst du, ich könnte dich notwendig brauchen und mein armes Kind +auch. Und wenn dir's recht ist, dann kannst du bei mir daheim sein.« +Vroniks Augen glänzten. Ihr kam es nicht so wunderbar vor, wie der +Bäuerin und der Ahne, daß der liebe Gott es der einsamen, traurigen +Frau ins Herz gegeben hatte, sich das Waisenkind ins Haus zu holen. Sie +legte vertrauensvoll ihr braunes Händchen in die zarte, weiße Hand der +Frau Behrens.</p> + +<p>»Ja, das will ich gern,« sagte sie. »Die Mutter hat's schon gewußt, daß +es dann noch einmal gut kommt.«</p> + +<p>Frau Behrens hatte das nicht immer gewußt, das wissen wir schon. Aber +das tut nichts. Der liebe Gott weiß es ja besser als wir alle, wie er +uns helfen kann. Er hatte jetzt in ihr verzagtes Herz hinein eine neue +Zuversicht gegeben, jetzt konnte es immer noch besser kommen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es war ein halbes Jahr später. Seit Vronik an der Hand ihrer neuen +Beschützerin aus dem Pfleghof nach dem Waldhäuschen gezogen war, hatte +der Schnee Wald und Flur bedeckt, hatte den Pfad nach dem Dorfe und +den grünen Waldweg fast ungangbar gemacht und die kleine Familie dort +draußen ganz nah um den warmen Ofen versammelt. Es waren aber keine +sehnsüchtigen, traurigen Gesichter mehr, die da unter dem schönen +Bild des guten Hirten beisammen waren. Frau Behrens hatte es noch nie +bereut, daß sie das Gottswillenkind in ihr Haus geholt hatte. Wenn +die Hängelampe brannte und die lebensgroßen Bilder von Hellmuth und +Irma fast noch lebendiger als am Tage von der Wand heruntersahen, so +starrte die Mutter jetzt nicht mehr unbeweglich vor sich hin, dazu +hatte sie gar keine Zeit mehr. Sie mußte die<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> kleine Gertrud pflegen +und versorgen, denn das tat sie jetzt immer selbst. Und Gertrud hatte +noch allerlei Neues dazu gelernt, seit sie an jenem Morgen bei Vroniks +Gesang gelächelt hatte. Sie konnte das Köpfchen ein wenig heben, konnte +einen Ton hervorbringen, der wie »Mama« klang, und konnte mit den +Händchen an einer Troddel spielen, die von der Decke herabhing. Die +Mutter und Vronik fanden immer wieder etwas Neues zu bewundern, und +Ursula teilte den Jubel getreulich. Ja, und Vronik! Es tat einem wohl, +sie nur anzusehen, so wohl war es ihr in der neuen Heimat.</p> + +<p>Das Singen hatte sie nicht verlernt, denn das übte sie täglich, und +es kam ihr jetzt recht von innen heraus, so fröhlich konnte sie sein. +Und noch viel anderes lernte sie dazu, denn die Mutter wollte ihr eine +rechte Mutter sein, und sie wollte eine geschickte, fleißige Tochter +heranziehen. Sie hatte es immer besser verstanden, was es heißt, wenn +man ein Kind um Gottswillen aufnimmt, und sie wurde immer fröhlicher +und dankbarer dabei.</p> + +<p>Die Dorfleute konnten jetzt nicht mehr sagen, daß die fremde Frau nicht +»bei Trost« sei, denn Frau Behrens konnte jetzt sogar noch andere +Menschen trösten, die betrübt und in Not waren. Es war schon manches +Arme hungrig in das weiße Häuschen gegangen und war satt und froh +wieder herausgekommen.</p> + +<figure class="figcenter illowp89" id="illu-078" style="max-width: 62.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-078.jpg" alt=""> +</figure> + +<p>Jetzt schmolz der Schnee, und der Frühling kam wieder. An den Rainen +guckte überall das grüne Gras heraus, und an sonnigen Stellen blühten +schon Gänseblümchen und sogar Veilchen. Die Vogesen hatten zwar noch +weiße Schneekappen auf den hohen Gipfeln, aber sonst schimmerte die +schöne Rheinebene schon in frischem Grün. Es konnte einem recht wohl +zumute werden, wenn man in das schöne Land hinaussah. Auf dem Bänkchen +vor dem Hause saß Vronik oder vielmehr Veronika, wie sie jetzt hieß, +denn die <span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> Mutter sprach den schönen +Namen gern ganz aus. Sie hatte ein Strickzeug in den Händen, und während die +Nadeln eifrig klapperten, sang sie ein fröhliches Liedchen dazu. Und +danebenher konnte Veronika noch ganz gut den Weg zum Dorfe übersehen, +dort schien sie nach jemand auszuschauen. Der ließ denn auch nicht lang +auf sich warten. Es war der Briefbote, der immer um diese Zeit mit +den Zeitungen ankam und der ein ganz guter Freund von Veronika war. +Denn oft brachte er auch Briefe mit in seiner ledernen Tasche, und +es war schon hie und da vorgekommen, daß einer an das kleine Mädchen +dabei gewesen war. Der kam allemal vom Konrad, und es war darum kein +Wunder, daß Veronika so oft den Weg hinuntersah, wenn es Zeit für den +Briefboten war. Denn die Kinder hielten auch jetzt noch getreulich +zusammen, obgleich sie einander fern waren. Heute streckte der +Briefbote schon von weitem einen Brief in die Höhe, als er Veronika auf +dem Bänkchen erblickte. Er hatte selbst auch Kinder, und es freute ihn +immer, wenn er sah,<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> wie fröhlich das arme Gottswillenkind aufblühte +in seiner neuen Heimat. Veronika ließ das Strickzeug fallen, daß der +Garnknäuel über den Boden hinrollte, und rannte mit großen Sprüngen +dem Boten entgegen. »O vom Konrad!« rief sie schon von weitem. »Gib +ihn her, er ist an mich.« Die Mutter stand lächelnd am Fenster und +nickte dem Boten freundlich zu. Sie trug jetzt eine weiße Schürze auf +dem schwarzen Kleide und eine kleine weiße Krause am Hals. Kein Mensch +hätte mehr die traurige Frau vom vorigen Jahr erkannt. »O Mutter,« rief +Veronika während des Lesens, »es kommt so viel Schönes, man kann gar +nicht alles aufzählen.« Und sie schwang den Brief hoch in der Luft.</p> + +<div class="blockquot"> +<p class="center"> +»Liebe Vronik!« schrieb Konrad.<br> +</p> + +<p>»Diesmal mußt Du staunen, das weiß ich sicher. Denn ich muß Dir sehr +viel sagen. Wenn ich noch acht Tage damit gewartet hätte, so hätte +ich Dir alles selbst erzählen können. Und das wollte der Herr Doktor +eigentlich auch gern haben, denn er freute sich darauf, daß er dann +Dein vergnügtes Gesicht sehen könnte. Aber ich kann nicht mehr warten. +Und wenn wir kommen, gibt es auch noch genug zu freuen, das habe ich +dem Herrn Doktor gesagt. Also das weißt Du, daß mein Fuß wieder ganz +gut ist. Es hat lang gedauert. Aber es war mir eigentlich ganz recht, +denn ich glaubte immer im stillen, wann ich dann gesund sei, so müsse +ich wieder zu dem Lammwirt oder sonst so. Ich mochte es zu keinem +Menschen sagen, nicht zu Schwester Lore und nicht zu dem Herrn Doktor. +Aber als sich beide so freuten, daß die Wunde endlich heile, da konnte +ich gar nicht mehr vergnügt sein. Ich mochte kein Buch mehr ansehen +und nicht essen und nicht spielen. Denn ich dachte immer: ›Jetzt ist +ja doch alles aus.‹ Da kam einmal der Herr Doktor, ließ mich im Saal +auf und ab marschieren<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> und sagte dann: ›Ja, da ist nun nichts mehr +zu tun für den Doktor, der Bub ist gesund. Das kann einen freuen.‹ +Ich habe vielleicht kein sehr erfreutes Gesicht gemacht, Vronik, denn +ich hätte nächstens angefangen zu weinen, weil ich glaubte, jetzt +schicke mich der Herr Doktor wieder zurück. Da sagte er aber: ›Und da +habe ich denn gedacht, wenn du doch wieder so gut gehen kannst, so +könntest du mir deine Füße ein wenig leihen, denn die meinigen wollen +nicht mehr so recht fort.‹ Und dann sagte er mir, daß er mich mit +sich in sein schönes Haus nehmen und in die Schule schicken wolle. +Und in den Freistunden solle ich dann im Garten helfen, denn der Herr +Doktor ist ein ganz besonders geschickter Gärtner. Du hast oft gesagt, +Vronik, ich soll's nicht immer wieder vergessen, daß der liebe Gott +alles machen kann, und daß er an uns denkt. Und die Mutter hat's auch +immer gesagt. Und ich hab's doch vergessen und war so betrübt in der +Zeit. Vielleicht kann ich's jetzt gut behalten. Denn das hat doch +sicher der liebe Gott gemacht, daß ich's jetzt so gut habe und so viel +lernen kann. Mein Herr Doktor hat in seinem Schlafzimmer einen Spruch +hängen, der heißt: ›Wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der +nimmt mich auf.‹ Jetzt schäme ich mich gar nicht mehr wie früher, daß +ich ein Gottswillenkind bin. Solch einen großen Brief habe ich noch +nie geschrieben. Aber ich mußte es Dir alles sagen. Und am nächsten +Sonntag kommen wir beide, mein Herr Doktor und ich, auf Besuch zu +euch. Ich will sehen, ob Du auch sagst, daß ich so stark gewachsen +sei. Man wird es schon erleben können, bis ich dann groß bin.</p> + +<p>Jetzt grüßt Dich Dein treuer Bruder Konrad.«</p><br> +</div> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Das war alles schon vor zehn Jahren. Seither hat sich äußerlich +nichts an dem weißen Häuschen verändert, wenn man nicht die vielen +blühenden Pflanzen, die vor allen Fenstern stehen, für eine Veränderung +gelten lassen will. Hinter dem Hause, ja, da ist das dichte Gestrüpp +ausgerottet und ein freundliches Gärtlein ist erstanden mit einer Laube +und blumigen Rabatten und mit sauberen Gemüsebeeten. An einem hellen, +sonnigen Sommermorgen hantiert ein blühendes, junges Mädchen fleißig +darin. Sie hat dicke, braune Zöpfe, die ihr den Rücken hinabhängen und +singt leise ein Liedchen vor sich hin zu ihrer Arbeit. Wär's nicht an +dem, so könnte man die magere, bleiche Vronik von einst nicht mehr +erkennen, so groß und stattlich ist sie geworden und so rund und +rot sind ihre Wangen. Vom Bücken sind sie jetzt fast so rot wie die +Monatrettiche, die sie aus der Erde zieht und triumphierend in die Höhe +hält. Unter der Türe steht eine Frau mit freundlichem, liebreichem +Gesicht, die bewundernd die Hände zusammenschlägt ob den wohlgeratenen +Früchten des Gartens. »Wenn du jetzt kommen könntest, Veronika,« ruft +sie dann. »Es ist warm genug für Gertrud, um in der Sonne zu sitzen. +Und du kannst sie leichter heben als ich, das weißt du.« »Will's +meinen, Mütterlein,« erwidert Veronika fröhlich. »Das soll mir niemand +abnehmen.« Und sie läuft eilig dem Hause zu.</p> + +<p>Gertrud ist nicht mehr das elende Kindlein, das wir vor zehn Jahren +im Wagen liegen sahen und dessen größtes Kunststück es war, mit den +Händchen zu spielen.</p> + +<p>Es ist ein feines, bleiches Gesichtchen immer noch, das von den Kissen +des bequemen Lehnstuhls aufsieht, als Veronika eintritt. Aber es +strahlt ihr zu, wie einst bei dem ersten Gesang des Gottswillenkindes. +Das Lächeln hat Gertrud nicht mehr verlernt, ja, man kann manchmal ein +leises, fröhliches Lachen von ihr hören. Jetzt ist Gertrud dreizehn +Jahre alt.<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> Ihre Glieder sind immer noch schwach, sie kann nicht allein +gehen und stehen. Aber es fällt der Mutter nicht mehr ein, zu sagen, +das Kind sei sich selbst und ihr zum Jammer auf der Welt. Nein, das +blasse, zarte Mägdlein ist so recht der Mittelpunkt des ganzen Hauses +geworden. Wenn sie so still und geduldig daliegt in den Zeiten, wo sie +Schmerzen am Rücken und in den Gliedern hat, und wenn sie an leichten, +guten Tagen sich an jedem Blümlein freut und an jedem Sonnenstrahl, +dann streicht die Mutter oft sachte mit der Hand über das blonde Haar +und sagt: »Mein Trostkind.« Denn dann fällt es ihr wieder ein, wie +an jenem Sonntagabend der alte Herr Doktor gesagt hatte: »Das Kind +kann ihnen noch ein rechter Trost werden.« Und das ist nun auch wahr +geworden. Sie wollen alle beide gern und fröhlich ihre Last tragen, die +Mutter und das Kind, sie haben ja doch einander, und »der liebe Gott +wird wissen, warum er mich so sein läßt und nicht anders,« sagt Gertrud +zuversichtlich, wann es der Mutter doch einmal schwer fallen will, +daß ihr Töchterlein nicht fröhlich herumspielen, nicht stark und groß +werden soll, wie Veronika und all die andern Kinder des Dorfes.</p> + +<p>Veronika hat es nie anders gewußt, als daß man dem lieben Gott +ganz fröhlich vertrauen könne, und so hat sie es ganz einfach und +natürlich auch dem Schwesterlein Gertrud wieder gesagt, als es nach +und nach heranwuchs und doch zart blieb. Und Gertrud, die nie schwere +Schulaufgaben lernen konnte, hat doch ihre eigene Lebensaufgabe +gut begriffen, die manchen als das Allerschwerste erscheint, was +man lernen kann, nämlich ohne Fragen und Zagen dem lieben Gott zu +vertrauen, auch wenn er es anders macht, als wir gern möchten. Aber +heute ist Sonnenschein auf der Welt draußen, und Gertrud soll hinaus +und freut sich schon darauf. Sie läßt sich so gern anscheinen und ganz +durchwärmen und sieht so gern den<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> Schwalben nach, die oben an der +Dachrinne nisten, wenn sie hinausfliegen in die schöne Welt und sich +hoch, hoch im Blau verlieren.</p> + +<p>Veronika hat heute nicht zum erstenmal das Amt, Gertrud hinauszubetten, +das kann man wohl sehen. So leicht und sachte stützt und hebt sie das +schwache Kind, so bequem legt sie es in den Stuhl, der schon eine +ganze Weile im Sonnenschein steht — kein Mensch könnte sorglicher und +geschickter damit umgehen. Die Mutter weiß es wohl. Sie hat schon oft +im stillen dem lieben Gott gedankt, daß er ihr das verlassene Kind +zugeführt hat, das ihr nun zur Hilfe und Freude herangewachsen ist. +Ursula ist schon seit Jahren nicht mehr in dem weißen Häuschen. Ihre +alten Eltern riefen sie nach Hause. »Ich ginge ja nicht, ich verließe +meine Gertrud nicht,« sagte sie beim Abschied unter Schluchzen, »aber +Veronika kann sie besser versorgen als ich, das muß man ihr lassen.« +Jetzt hantiert ein junges Mägdlein aus dem Dorfe im Haus und in der +Küche. Und Veronika geht es immer noch manchmal, wie einst im Pfleghof, +daß sie mehr Arme und Füße brauchen könnte, um alles auszuführen, was +getan sein sollte. Denn die Mutter ist oft recht schonungsbedürftig. +Die schweren Zeiten sind doch nicht spurlos an ihr vorübergegangen. +Aber es ist ein fröhliches Schaffen für Veronika, und das haben wir +schon gehört, sie singt immer noch zu ihrer Arbeit.</p> + +<p>Der Briefbote, der ist in all den Jahren ihr immer besserer Freund +geworden. Denn er trägt ja immer noch in seiner Tasche die Nachrichten +von dem fernen Bruder zu ihr. Konrad ist kräftig herangewachsen in +der guten heimatlichen Luft, die ihn bei seinem Herrn Doktor umgab. +Er hat auch fleißig gelernt und gute Zeugnisse mitgebracht. Aber als +es dann Zeit war, an einen Beruf zu denken, da stellte es sich doch +heraus, daß er sein Latein am liebsten dazu verwenden<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> wollte, seine +lieben Blumen und seltenen Pflanzen mit gelehrten Namen zu nennen. Er +wollte ein Gärtner werden. »Aber einer aus dem Fundament.« sagte der +Herr Doktor. Und das erste Fundament, die Liebe zu den Pflanzen und das +Verständnis für ihr Wachsen und Gedeihen, das hatte der Herr Doktor +selbst in den Konrad gelegt. Die beiden waren hie und da miteinander +in den Schwarzwald gereist und hatten in dem weißen Häuschen fröhliche +Feiertage erlebt. Jetzt ist Konrad in der Fremde, um da und dort noch +Neues zu seinem schönen Handwerk hinzuzulernen. Und seine Briefe sind +immer die Freude der Schwester und ihr Glück. Sie pflegt inzwischen +die Blumen in den Töpfen am Fenster, sein Vermächtnis. Denn es ist ihr +Stolz, sie recht üppig und gedeihlich zu erhalten, bis Konrad dann +wieder einmal kommt. Wenn die Zeit kommt, daß die Geschwister einmal +ganz zusammenleben, das kann noch niemand sagen. Aber das tut nichts. +Sie wissen beide, daß es kommt, wie es gut ist. Und sie wollen gern ihr +Lebenlang »Gottswillenkinder« bleiben, nämlich solche, die fröhlich in +der guten Zuversicht leben: »Sein Will', der ist der beste.«</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span></p> + +<h2>7. Zweierlei Reichtum.</h2> +</div> + + +<p>Der Bandweber Hartmann wohnte in einem niedrigen Häuschen, das zwischen +zwei hohen Gebäuden so eingeklemmt stand, als ob es jetzt gleich +erdrückt werden sollte. Gerade gegenüber stand ebenfalls ein hohes +Haus, das mit seinen hellen blanken Fenstern, an denen luftige Vorhänge +befestigt waren, vornehm auf das kleine Häuschen heruntersah. Zwar +blanke Fenster hatte das auch, nur waren sie niedrig, wie alles an dem +Häuschen, und statt der eleganten Vorhänge waren nur ganz kleine, kurze +Vorhängchen dran, solche, die man Neidhämmel heißt. Sie waren nur zum +Schutz da, daß nicht alle Leute, die vorbeigingen, durch die Fenster in +die Stube sehen konnten.</p> + +<p>Es war Abend und die Familie saß um den Tisch, auf dem schon das +dampfende Essen stand. Die Mutter hatte den kleinsten Buben auf dem +Schoß und hatte nur immerfort den Breilöffel aus dem Teller ins +Mäulchen des Kleinen und von da wieder in den Teller zu führen, +so hungrig war der Dicke. Die größeren Kinder warteten noch, denn +die Mahlzeit sollte, erst beginnen, wann der Vater kam. Man hörte +immer noch den Webstuhl rasseln, an dem er arbeitete, und die Mutter +schüttelte ein wenig den Kopf: »Er macht heute wieder lang keinen +Feierabend.« Dann sagte sie zu Mariele, dem größten Töchterlein: »Geh +einmal hinein und frag den Vater, ob er noch nicht komme!« »Ja und ich +sag auch, daß man gebrannte Suppe hat und Kartoffeln und Butter,« sagte +Mariele noch im Hineingehen, »das ist sein Leibessen!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span></p> + +<p>Es war eine ziemlich lebhafte Unterhaltung am Tisch. Paul, der +neunjährige Schüler, hatte ein glänzendes Zwanzigpfennigstück in der +Hand und beriet schon seit einer halben Stunde mit dem jüngeren Eugen, +was man damit anfangen könne. Es war ein ziemlich schwieriger Fall, +denn es kam fast nie vor, daß eins der Kinder Geld in der Hand hatte +zur freien Verfügung. Heute aber war Pauls Patin dagewesen und hatte +ihm das Geldstück ausdrücklich mit dem Bemerken gegeben: »Du mußt dir +etwas dafür kaufen, was dir Freude macht.«</p> + +<figure class="figcenter illowp100" id="illu-086" style="max-width: 62.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-086.jpg" alt=""> +</figure> + +<p>Eugen hatte vorgeschlagen, sieben Laugenbretzeln dafür zu kaufen +oder dann eine große Wurst. Denn das dünkte ihm die beste Verwendung +für das Geld zu sein. »Aber wenn man's gegessen hat, ist's vorbei,« +sagte Paul verständig, und das mußte auch zugegeben werden. »Einen +Gummiball möchte ich auch schon lang und ein rotes Federnbüchschen. +Oder einen Bleistift zum Einschieben mit einem Radiergummi dran. +Oder eine Farbenschachtel, aber zu dem langt das Geld nicht.« Paul +mußte tief aufseufzen. Denn man konnte das Geld nur einmal<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> ausgeben, +und solang man es in der Hand hatte, war noch die Wahl zwischen all +den begehrten Dingen offen. »O wenn ich nur eine große Kiste voll +Zwanzigpfennigstücke hätte,« brach er auf einmal los. »Dann könnte ich +alles kaufen, was ich möchte, und noch vieles andere. Auch für dich, +Mutter, und für den Vater und die Kleinen.«</p> + +<p>Die kleinen Geschwister horchten mit glänzenden Augen. Es war sehr +genußreich, sich auszudenken, was man alles um eine Kiste voll +Zwanziger kaufen könnte.</p> + +<p>»Gelt, Mutter, das wär' recht, wenn wir das hätten?« wandte sich nun +Paul an die Mutter, die eben anfing, den Kleinen auszuziehen, der +seine Äuglein kaum noch offen halten konnte. Die Mutter sah ein wenig +müde aus. Sie hatte den ganzen Nachmittag gebügelt und dazwischen den +kleinen Laden besorgt. Jetzt sagte sie nur: »Es gäbe noch vieles, was +einem recht wäre, man kann aber auch so vergnügt und zufrieden sein!« +Paul war nicht so ganz zufrieden mit der Antwort. Die Mutter sagte +immer so etwas Ähnliches, wenn man sich manchmal gern gewünscht hätte, +ein wenig reicher zu sein.</p> + +<p>»Und wenn wir alles hätten, was wir jetzt gern möchten,« sagte sie oft, +»dann fiele uns auf einmal noch etwas ein, was wir auch noch wollten +und dann noch etwas und dann wären wir erst nicht glücklich, weil wir +ja doch nicht alles haben können.«</p> + +<p>»Aber Mutter,« hob Paul noch einmal an, »viel Geld haben ist auch +schön. Die Hofrats drüben haben viel. Der Alfred hat zu seinem +Geburtstag eine Uhr bekommen, die ganz richtig geht, und eine Kette +dazu. Und einen Schlitten haben sie mit einer Eisbärendecke und mit +silbernen Glöckchen.« »Ja,« fiel Eugen ein, »und heute hat der Konditor +eine Schokoladentorte ins Haus hineingetragen. Der Erich ist unter der<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> +Haustüre gestanden und hat noch das Gesicht verzogen und gesagt: ›Das +mag ich erst nicht besonders.‹«</p> + +<p>Die Kleinen staunten. Denn das dünkte ihnen der Gipfel des Guthabens zu +sein, wenn man nicht einmal mehr Schokoladentorte möge.</p> + +<p>Die Mutter hatte nichts mehr erwidert, sie hatte genug mit dem Kleinen +zu tun, und jetzt kam der Vater herein. Er sah fröhlich aus, denn er +war froh, daß er sein Tagewerk vollendet hatte, und freute sich nun, +die Kinder alle so gesund und rotbackig um den Tisch her sitzen zu +sehen. »Jetzt soll mir's aber schmecken,« sagte er. Dann sprach er das +Tischgebet und die Mahlzeit konnte beginnen.</p> + +<p>Eine Weile hörte man nur die Löffel hin- und hergehen. Aber lang +dauerte die Stille nie in dem lebhaften Kinderkreis. »Vater, morgen ist +Examen in der Schule,« fing Mariele an, »die Eltern sollen auch kommen. +Kommst du?«</p> + +<p>»Das werde ich wohl lassen müssen,« sagte der Vater, »die Arbeit eilt +gerade und dann, da sind andere Leute genug. Vornehmere und klügere, +die würden schön aufsehen, wenn ich käme.« Mariele war ein fleißiges +und begabtes Kind und die Eltern schickten sie in eine gute Schule, +damit sie etwas Tüchtiges lernen solle. Sie kam auch gut voran, das +Lernen machte ihr Freude, aber da gab es daneben noch etwas zu lernen, +das manchmal sehr bitter war. Denn in der Schule waren so viele Kinder +wohlhabender Eltern, die schönere Kleider und Bücher hatten und in +schöneren Häusern wohnten. Und da kam sich das Mariele manchmal ein +wenig beklagenswert vor, wenn es nicht auch Geburtstagsvisiten halten +und hübsche Geschenke machen und von schönen Ausflügen erzählen konnte, +wie die andern Mädchen.</p> + +<p>»Das tut nichts,« sagte die Mutter zwar. »Wir haben so viel Vergnügen +daheim, daß wir sonst gar nichts brauchen.<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> Martha Heinrichs wäre +glücklich, wenn sie ein nettes, kleines Brüderlein zu hüten hätte wie +unser Fritz ist. Und Hofrats Ella, was meinst du, wie die sich freuen +würde, wenn ihre Eltern mit ihr und den Brüdern am Sonntag spazieren +gehen und abends Gesellschaftsspiele machen würden? Du hast soviel +Gutes, daß man gar nicht alles aufzählen kann, wenn man anfängt.«</p> + +<p>Mariele gab das aber nicht immer zu. Es ging ihr wie Paul. Viel Geld +haben ist aber auch schön! Und sie dachte sich gern aus, wie herrlich +das wäre, wenn sie des reichen Hofrats Töchterlein wäre und all die +schönen Sachen besitzen könnte, die der Ella gar nicht so viel Freude +zu machen schienen. Natürlich die Eltern müßten mit dabei sein und die +Geschwister.</p> + +<p>Daß man nicht alles Gute auf einmal haben kann, sah Mariele noch nicht +recht ein, und was das beste von allem ist, was alle Menschen haben +können, das verstand sie auch noch nicht so recht. Die Mutter verstand +es, aber sie dachte, sie wolle es den Kindern nur immer an sich selber +zeigen, wie man vergnügt und zufrieden sein könne, dann würde ihnen das +so gefallen, daß sie dann von selber auch anfangen würden, darnach zu +streben.</p> + +<p>Dem Vater ging es auch so. Er war den ganzen Tag an der Arbeit am +Webstuhl, und wenn dieser recht rasselte, so sang er gern mit seiner +schönen vollen Stimme ein Lied dazu und das machte ihn immer wieder +fröhlich, wenn er auch manchmal ein wenig sorgenvoll war.</p> + +<p>Die Mutter besorgte den Hausstand, und so oft das Glöckchen an der +Ladentür bimmelte, ging sie da hinaus und bediente die Kunden. Man +konnte neben den selbstgewobenen Bändern auch noch Knöpfe und Faden und +Nadeln in dem Laden haben. Die Leute kamen gern zu der freundlichen +Frau,<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> und so war immer alles Nötige in dem kleinen Häuschen. Die +Schüsseln waren immer zur rechten Zeit auf dem Tisch und auch genug +darin für die hungrige Kinderschar.</p> + +<p>»Ich kann's nicht begreifen, daß der Erich so etwas Gutes nicht gern +ißt,« sagte jetzt Eugen, der völlig satt war und dem nun wieder die +Torte vorschwebte. »Aber ich kann,« sagte der Vater. »Wenn du einmal +ein paar Tage in eine Kammer voll süßer Sachen eingesperrt würdest und +sonst nichts bekämest, als nur Torte und dergleichen, dann hättest du +für lange Zeit genug davon, und ein Stück schwarzes Brot käme dir dann +als der größte Leckerbissen vor.« Die Kinder lachten und hätten gern +einmal die Probe gemacht. Dann wurden die Schulaufgaben vollendet, +die Mutter brachte inzwischen die kleinen Buben und das dreijährige +Lieschen zur Ruhe und dann kam die Reihe des Zubettgehens an die Großen.</p> + +<p>»Mutter, singst du uns noch etwas? gelt, ja?« bettelten die Brüder. Das +war der größte Genuß, den es geben konnte, behaglich zugedeckt im Bett +zu liegen und den schönen Liedern der Mutter zu lauschen, bis man daran +einschlief.</p> + +<p>Die Mutter wollte gern. Sie machte den Kindern gern eine Freude, und +ein schönes Lied machte sie selbst immer wieder frisch und munter. So +setzte sie sich zwischen die Betten und fing an:</p> + + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Wie herrlich ist's, ein Schäflein Christi werden</div> + <div class="verse indent0">Und in der Hut des treusten Hirten stehn!</div> + <div class="verse indent0">Kein schönrer Stand ist auf der ganzen Erden,</div> + <div class="verse indent0">Als unverrückt dem Lamme nachzugehn.</div> + <div class="verse indent0">Was alle Welt nicht geben kann,</div> + <div class="verse indent0">Das trifft ein solches Schaf bei seinem Hirten an.«</div> + </div> +</div> +</div> + + +<p>Bei den ersten Tönen des Liedes hatte der Vater seine Zeitung weggelegt +und andächtig zugehört. Dann griff er nach der Flöte, die an der Wand +hing, und als die Mutter den<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> zweiten Vers anfing, begleitete er sie +mit weichen, lieblichen Tönen. Das Lied hieß weiter:</p> + + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Hier findet es die angenehmsten Auen,</div> + <div class="verse indent0">Hier wird ihm stets ein frischer Quell entdeckt,</div> + <div class="verse indent0">Kein Auge kann die Gnade überschauen,</div> + <div class="verse indent0">Die es allhier in reicher Fülle schmeckt,</div> + <div class="verse indent0">Hier wird ein Leben mitgeteilt,</div> + <div class="verse indent0">Das unaufhörlich ist und nie vorüber eilt!«</div> + </div> +</div> +</div> + + +<p>Die Mutter horchte nach den Betten hin. Aus denen der Buben drangen +tiefe regelmäßige Atemzüge. Das Lied hatte sie in den Schlaf gewiegt. +Mariele rief halblaut aus ihrem Kämmerlein: »Das war schön! Gute Nacht, +Mutter!« Dann wurde alles still. Der Vater drückte der Mutter die Hand.</p> + +<p>»Ich wollte, die Kinder wüßten, wie gut sie es haben,« sagte er. »Sie +werden's schon noch einsehen lernen,« sagte die Mutter freundlich. »Wir +haben's ja auch nur nach und nach gemerkt!«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Aus dem stattlichen Nachbarhause drang auch Musik in die stille Nacht +hinaus. Rauschende, volle Klänge von Geigen und einem prachtvollen +Flügel waren es. Die hohen Fenster warfen trotz der Verhüllung einen +hellen Schein auf die Straße und hinter den Vorhängen schwebten +tanzende Gestalten vorüber. Es war der Geburtstag des Herrn Hofrat +und eine vornehme Gesellschaft war zu der Feier desselben eingeladen. +Als die Nachbarskinder in ihren Bettchen dem Gesang ihrer Mutter +lauschten, wurden die drei Kinder dieses Hauses eben von Fräulein +Weiß, Ellas Erzieherin, in den Empfangssalon geführt, um sich der +Gesellschaft vorzustellen. Sie waren im schönsten Staat und durften +sich, als sie allen Bekannten höfliche Knixe und Diener gemacht hatten, +im Speisezimmer an ein zierlich gedecktes Tischchen mit allerlei guten +Sachen setzen.<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> »So, ihr dürft euch selbst vorlegen,« sagte Fräulein +Weiß. »In einer Viertelstunde hole ich euch zu Bett. Seid artig und +manierlich und laßt's euch schmecken! Ella, mache dir keine Flecken in +das Kleid!« Damit ging sie und die kleine Tafelrunde war sich selbst +überlassen.</p> + +<p>Das wäre nun an sich ein seltener Genuß gewesen. Denn die Kinder +speisten sonst nie allein, sondern immer mit Fräulein Weiß oder auch +manchmal mit den Eltern.</p> + +<figure class="figcenter illowp100" id="illu-092" style="max-width: 62.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-092.jpg" alt=""> +</figure> + +<p>Ella hätte nun das Hausmütterchen machen und die Brüder versorgen +können. Aber sie hatte ein wenig Zahnweh und dann war sie auch böse auf +Erich, der gesagt hatte: »Du benimmst dich wie ein Affe.« Sie hatte +zwar darauf gesagt: »Und du dich wie ein Bär,« aber sie glaubte doch +noch mit Recht zu zürnen, denn Erich war wirklich ein wenig zu plump +und Ella hatte doch schon Tanzstunde und wußte, wie man auftreten mußte.</p> + +<p>Alfred allein horchte auf die Musik und saß ganz ruhig da, denn er +liebte Musik über alles. Er sagte zu den beiden<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> Streitenden nur: »Seid +doch endlich still, daß man auch zuhören kann,« und davon wurden sie +zwar still, aber nicht vergnügt.</p> + +<p>Alfred war der Älteste von den drei Kindern. Er war schon zwölf Jahre +alt und ein sehr strebsamer Schüler, den man nie zum Lernen zwingen +mußte, wie Ella und Erich, die alle beide nicht viel Geschmack daran +fanden. Erich mochte sich am allerliebsten im Stall bei den Pferden +aufhalten oder auch mit andern Kindern seines Alters auf der Straße +spielen. Daß er beides nicht sollte, ärgerte ihn fortwährend und so +war er selten vergnügt zu sehen. Ella war immer ein wenig bleich und +mager und erkältete sich sehr leicht, so daß sie dann öfters die +Schule versäumen mußte. Deshalb hatte sie nun seit einiger Zeit eine +eigene Erzieherin, die ihr im Haus Stunden gab, mit ihr im Wagen oder +Schlitten ausfuhr und auch die Brüder beaufsichtigte.</p> + +<p>Denn die Mama hatte nur sehr selten Zeit, nach den Kindern zu sehen. +Sie mußte immer sehr viele Besuche machen und es kamen auch so oft +Gäste ins Haus und blieben noch da, wenn die Kinder längst schliefen. +Da war dann die Mama morgens meist sehr müde und mußte Ruhe haben und +so kam es, daß die Kinder fast immer mit Fräulein Weiß zusammen waren. +Das heißt, die Brüder gingen ja in die Schule, aber wenn sie dann nach +Hause kamen, so saßen alle drei zusammen im Lernzimmer und machten ihre +Aufgaben und nachher konnten sie sich mit den vielen schönen Büchern +und Spielsachen vergnügen, die in den hohen Schränken hinter grünen +Vorhängen bereit waren. Es war auch ein hübscher Garten hinten am Haus, +mit schön gepflegten Blumenbeeten und einem Springbrunnen. Er zog +aber die Kinder nicht so sehr an, weil da nicht viel Gelegenheit zum +Spielen und Lustigsein war. Nur Alfred setzte sich manchmal mit seinen +Büchern<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> in die Rosenlaube, da konnte er ganz ungestört lernen. Jetzt, +im Winter, konnte man das freilich nicht tun und Alfred hatte an diesem +Abend schon mehrmals Fräulein Weiß zu Hilfe holen müssen, weil es ihn +störte, wenn Erich und Ella neben ihm laut sprachen und sich auf ihre +Weise vergnügten. So war die Gesellschaft an dem kleinen Tischchen im +Speisezimmer nicht so vergnügt, als man hätte denken können. Und als +Fräulein Weiß wieder kam, um mitzuteilen, daß es nun Schlafenszeit +sei, dachte sie bei sich selbst, sie möchte wohl wissen, was man noch +anfangen müsse, um diese verdrossenen Gesichter hell und fröhlich zu +machen.</p> + +<p>Fräulein Weiß liebte die Kinder so auf ihre Art, sie wußte es nur nicht +recht zu zeigen und dachte, wenn man, wie diese Kinder, alles um sich +her habe, was man sich nur Erfreuliches denken könne, so müsse man auch +vergnügt und befriedigt sein, oder es sei dann nicht zu helfen.</p> + +<p>Sie zündete jetzt den Brüdern das Licht in ihrem Schlafzimmer an, gab +Ella ein schmerzstillendes Mittel gegen das Zahnweh und zog sich dann +auch zurück.</p> + +<p>»Du, Alfred,« fing Erich an, als er mit einem großen Sprung sein Bett +eingenommen hatte, »ich gehe nicht mehr hinunter, wenn so was ist wie +heute. Es ist schauderhaft langweilig!«</p> + +<p>»Bei dir ist alles schauderhaft langweilig, was ein wenig fein ist,« +sagte Alfred weise. Er mochte sehr gern belehrend mit den jungen +Geschwistern sprechen.</p> + +<p>»O, dir war's auch langweilig, du sagst's nur nicht,« beharrte Erich. +»Der Ella auch. Es ist zwar fast alles langweilig; ich möchte am +liebsten Pferdebahnkutscher sein oder dann Seemann. Eins von beiden.«</p> + +<p>»Das sieht dir ähnlich,« sagte Alfred etwas verächtlich. »Natürlich, +wenn man zweitletzt ist in der Klasse und außerdem<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> der reinste +Gassenbub. Will der Paul Hartmann auch Kutscher werden? Mit dem hast du +ja so eine große Freundschaft.«</p> + +<p>Erich war zuerst ein wenig zornig aufgefahren, als Alfred so von oben +herunter sprach. Aber als dieser dann den Nachbarsohn nannte, wurde er +auf einmal wieder ruhig und lachte wohlgefällig. »Ja der,« sagte er, +»der und Kutscher! Der ist anders gescheit! So viel kann fast keiner +in der ganzen Klasse, wie der Hartmann. Schon zweimal hat er ein +Prämium gekriegt. Und erst noch ein ganz netter Kerl ist's, gar kein +Tugendbold!«</p> + +<p>Das letzte sollte auf Alfred gemünzt sein, der sich immer sehr +vollkommen vorkam.</p> + +<p>Dieser tat aber gar nicht, als ob er es merke, sondern zog sich ruhig +vollends aus und suchte ebenfalls sein Lager auf.</p> + +<p>Erich war aber noch nicht gesonnen, sich zum Schlafen hinzulegen. »Du, +Alfred,« begann er nochmals, »bei Hartmanns ist's erst noch nett! Du +kannst's glauben! Die Buben haben in ihrem Hof so eine nette Mühle, +die man von der Wasserleitung treiben lassen kann. Ihr Vater hat ihnen +daran geholfen. Und abends und Sonntags machen sie alle zusammen +Spiele. Es ist ihnen nie langweilig.« »Mir auch nicht,« bemerkte +Alfred. »Ja, aber weißt du,« fuhr Erich unbeirrt fort, »Papa kann ja +natürlich nicht ›Schwarzer Peter‹ spielen und so Sachen, Mama auch +nicht, das könnte ich mir nicht denken. Aber nett ist das doch, ich +wollte, es wäre bei uns auch so.«</p> + +<p>»Sag's zu Fräulein Weiß, sie soll mit dir spielen,« schlug Alfred vor. +»Die muß, wenn wir wollen, ich glaube schon, daß sie Domino kann und so +etwas.«</p> + +<p>Erich sah groß auf. »Sie habe ich nicht gemeint,« sagte er dann +und drehte sich gegen die Wand. Er hätte gern noch<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> etwas anderes +erzählt. Die Buben drüben konnten jederzeit zu ihrer Mutter gelangen +und ihr alle Schulgeschichten und alles, was sie wollten, erzählen. +Und sie nahm an allem Anteil, so wichtig, als ob sie selbst noch mit +Steinnüssen spielen und in der Schule hinauf- oder hinunterkommen +könnte. Aber Erich wollte es nun doch nicht sagen. Er schloß nur die +Augen und fing an, sich auszudenken — was, wußte er am andern Morgen +selbst nicht mehr.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Fräulein Weiß ging rastlos durch das ganze Haus. Treppauf, treppab, +so oft, daß man es gar nicht zählen konnte. Sie trug ganze Lasten +von Kleidern und Wäsche zusammen, alle in ein Zimmer zu ebener Erde, +wo große Koffer standen, die gepackt werden sollten. Minna, das +Stubenmädchen, saß am Fenster und stichelte eifrig drauf los, und +die Frau Hofrätin saß in einem blauen Morgenrock auf einem niedrigen +Stühlchen und überwachte alle Arbeiten, die in diesem Zimmer vor sich +gingen. Heinrich, der Diener, schloß soeben einen gepackten Koffer +und Fräulein Weiß sagte aufatmend: »So, ich denke, nun ist hier alles +beisammen, Minna und Sie können ebenfalls anfangen zu packen.«</p> + +<p>Es war nicht das Amt von Fräulein Weiß, all die vielen Sachen, die +man zu einer Reise braucht, aus Kisten und Kasten zusammenzutragen. +Aber die Sache hatte Eile, da mußte sich jedes beteiligen. Denn der +Herr Hofrat hatte eine Reise nach Italien zu machen, zum Teil in +Geschäften. Und nun hatte er sich auf einmal entschlossen, diese +Reise nicht, wie er anfangs wollte, in wenigen Tagen auszuführen und +dann wieder heimzukehren, sondern er wollte nun etwa fünf bis sechs +Wochen fortbleiben und seine Frau sollte ihn begleiten. Für diese +lange Zeit war nun vieles erforderlich, und der Frau<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> Hofrätin fiel +immer noch anderes ein, was man mitnehmen mußte. Dazwischen hatte sie +noch viele Vorschriften zu geben für die Zeit ihrer Abwesenheit, und +Fräulein Weiß, die das ganze Haus überwachen sollte, hatte gewiß schon +fünfzigmal gesagt: »Jawohl, Frau Hofrat, das soll genau so geschehen, +wie Sie wünschen!« Sie wußte nächstens selber nicht mehr, was sie alles +versprochen hatte.</p> + +<p>Oben im Lernzimmer war großer Aufruhr. Der Papa hatte die wichtige +Neuigkeit erst vorhin verkündigt und heute Nacht schon wollten die +Eltern abreisen. Jetzt waren die drei Geschwister allein. »Und gerade +noch über Weihnachten bleiben sie fort,« sagte Ella kläglich, und Erich +fügte hinzu: »Ja und dann wird man sehen, wie langweilig es bei uns +ist. Ich wollte nur —« Das übrige verschluckte er, denn die Mama trat +ein.</p> + +<p>»O, o Mama,« rief ihr Ella entgegen, »warum sollen wir ganz allein mit +Fräulein Weiß bleiben? Das ist schrecklich!«</p> + +<p>Und Alfred sah von seiner Zeichnung auf und sagte: »Weshalb soll ich +nicht mitkommen? Papa hat mir schon lang eine Reise versprochen. Sag +doch, daß ich mitdarf!«</p> + +<p>»Du bist nicht klug, mein Junge,« sagte die Mama. »Wir reisen soviel +hin und her, da können wir dich gewiß nicht gebrauchen.«</p> + +<p>»Wir werden selbst sehr froh sein, wenn wir glücklich zurück sind. +Und auf Weihnachten kommt eine große Kiste an mit schönen Sachen. Ihr +werdet sehen, was das für eine Lust sein wird, sie auszupacken.«</p> + +<p>Diese Aussicht beschwichtigte die aufgeregten Gemüter wieder etwas. +Man konnte sich so herrliche Dinge wünschen, die in der Kiste ankommen +sollten, und die Mama versprach, sich alles zu merken.</p> + + +<p><span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es war noch drei Tage bis Weihnachten. Draußen wirbelten die +Schneeflocken so lustig in der Luft herum, als ob eine zur andern sagen +wollte: »Freust du dich?« und die zweite zur dritten: »Wie magst du nur +fragen?«</p> + +<p>Wenn es aber auch selbstverständlich ist, daß man sich freut, so ist es +einem doch manchmal eine Erleichterung, wenn man so fragen kann. Denn +die freudige Erwartung läßt sich eher aushalten, wenn man sich immer +wieder versichert, daß es anderen Leuten ganz gleich geht, wie einem +selbst.</p> + +<p>Es war also nicht zu verwundern, daß die Hartmannschen Kinder in diesen +Tagen immer wieder die gleiche Frage aneinander stellten. Jetzt eben +ging es sehr festlich her im Hause. Der Laden war eben geschlossen +worden und der Webstuhl rasselte auch nicht mehr, aber der Vater war +doch noch in der Werkstatt, und die Mutter hatte ihm soeben mit ganz +geheimnisvollem Lächeln heißen Leim in einem Pfännchen hineingetragen. +Natürlich durfte ihr keines der Kinder dorthin folgen, denn der Vater +hatte mit dem Christkindchen Geheimnisvolles zu schaffen. Es war aber +auch ohnehin jedes emsig beschäftigt. Denn heute wurden Springerlein +gebacken und das konnte nur geschehen, wenn alle Kinder mithalfen, +die Teigschüssel beim Rühren hielten, den Anis auslasen und zuletzt, +aber das war nur den drei Großen gestattet, mit kleinen Teigstückchen +wunderbare Gebilde aus den tiefen Mödeln hervorbrachten.</p> + +<p>Dieses Werk ging in der Küche vor sich, und Tante Luise führte hier +den Vorsitz. Tante Luise war die Schwester des Vaters und war heute +angekommen, um über die ganzen Feiertage, bis nach dem Neujahrsfest +dazubleiben. Ihr Dasein erhöhte die Festfreude sehr, denn man konnte +sich keine heiterere Gefährtin bei allen Spielen denken, als sie war, +und mit niemand, als natürlich mit der Mutter, konnte man so eingehend +beraten, wie es dieses Jahr werden würde.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span></p> + +<p>Tante Luise war Lehrerin an einer Dorfschule, und nicht mehr jung. Sie +hatte schon zu beiden Seiten der Stirne ein wenig graues Haar und mußte +eine Brille tragen. Aber es fiel keinem Menschen ein, zu denken, sie +passe nicht mehr recht zum Spielen und Geschichtenerzählen; behüte, sie +war die allervergnügteste von allen, und sie wußte auch verdrießliche +Leute damit anzustecken.</p> + +<p>Heute war außer ihren eigenen Neffen und Nichten noch ein +Festteilnehmer bei dem wichtigen Werk anwesend. Erich, der +Nachbarssohn, hatte sich's flehentlich von Fräulein Weiß erbeten, bis +zum Abendessen hier bleiben zu dürfen.</p> + +<p>Man hatte in dem reichen Hause schon große Massen von feinem Konfekt +gebacken, Erich wußte es. Aber das ging in der Küche vor sich, die im +Erdgeschoß lag, und dorthin zog es die Kinder nie, denn da waren sie +nur im Wege.</p> + +<p>Hier aber, bei Hartmanns, gestaltete sich alles zu einem Fest, und +Erich fühlte sich nie wohler als in den niedrigen Räumen unter der +vergnügten Schar.</p> + +<p>»Gelt, Tante, man muß noch dreimal schlafen, bis es Christtag ist?« +fragte der vierjährige Ludwig zum soundsovieltenmal. »Wenn ich nur +gewiß wüßte, ob ich eine Farbenschachtel bekomme,« seufzte Eugen und +hüpfte vor Ungeduld von einem Fuß auf den andern. »O Tantele,« rief +Mariele und schlang von hinten her den Arm um die Tante, »ist das nicht +herrlich? ich bin mit allen Arbeiten fertig und,« flüsterte sie ihr ins +Ohr, »ich habe für alle etwas, sogar für der Huberin ihr krankes Kind +und für die Knorpsbuben!« Das Flüstern war etwas deutlich gewesen, Paul +kam von der andern Seite heran und konnte desgleichen versichern, daß +er das ganze Haus und noch darüber hinaus zu bedenken habe.</p> + +<p>»Ei seht, was wir für reiche Leute sind,« sagte die Tante<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> +wohlgefällig, und alle Kinder lachten. Denn das war ihnen ein ganz +neuer Gedanke, daß sie reich sein sollten.</p> + +<figure class="figcenter illowp85" id="illu-100" style="max-width: 62.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-100.jpg" alt=""> +</figure> + +<p>»Es ist mir ernst damit,« fuhr die Tante fort und sah ganz ernsthaft +aus. »Wenn man hat, was man braucht, und sogar noch etwas zu +verschenken, so ist man reich.«</p> + +<p>»Ja, aber es sind nur angemalte Papiersoldaten und gestrickte +Pulswärmer und so Sachen,« sagten die Kinder ein wenig zaghaft, »reiche +Leute schenken Geld her und ganze Körbe voll guter Sachen, es ist erst +so eine Geschichte im ›Jugendfreund‹ gestanden.«</p> + +<p>Aber die Tante wußte herrlich zu trösten und nach und nach alle zu +überzeugen, daß es eigentlich gar nicht so sehr darauf ankomme, ob man +viel oder wenig herzugeben habe.</p> + +<p>»Wenn man nur spürt, daß es aus Liebe geschieht,« sagte sie, »das ist +die Hauptsache.« Und damit mußte für heute die Sache erledigt sein, +denn jetzt war das letzte Springerlein aufs Brett gesetzt, und es war +hohe Zeit, daß die kleine Schar ihr Abendessen bekam und ins Bett +geschafft wurde.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span></p> + +<p>Erich mußte nun auch nach Hause. Er konnte sich fast nicht trennen und +zögerte immer noch ein wenig. Das fiel der Tante auf; es war ihr schon +den ganzen Abend aufgefallen, daß er so still unter der lebhaften Schar +gewesen war.</p> + +<p>»Wenn du willst, kannst du morgen wiederkommen,« sagte sie freundlich. +»Du kannst uns helfen, silberne und farbige Sterne und Körbchen an +unser Verschenkbäumchen zu machen.«</p> + +<p>Erich nickte glücklich und reichte der Tante die Hand, da bog sich +diese plötzlich zu dem kleinen Buben herunter und küßte ihn auf die +Stirne. »Grüße Fräulein Weiß, ich kenne sie gut,« sagte sie zum +Abschied. »Und nun geh und freue dich auf das Christfest, ich komme +dann einmal hinüber und sehe mir an, was dir das Christkind gebracht +hat.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Das Christfest war gekommen und alles war so schön gewesen, wie nur +einmal. Es war ans Tageslicht, oder vielmehr ans Christbaumlicht +gekommen, was der Vater so geheimnisvoll in der Werkstatt geschafft +hatte. Eine solch schöne Krippe mit einer ganzen Landschaft drum herum +hatte noch keines der Kinder gesehen. Da war der Stall, ganz aus Rinde +erbaut, mit einer Futterraufe für die Ochsen und Esel, und unter der +Tür saß Maria und sah mit Joseph dem Jesuskindlein in dem heiligen +Kripplein zu. Dann führte ein Weg über steinerne Felsen zu einem Moos- +und Rasenplatz, wo die Schäflein weideten und Schäfer die Schalmei +bliesen, und über einen kleinen See führte ein zierliches Brücklein, +dem schritten von weitem her die Weisen aus dem Morgenlande zu. Und +über dem Ganzen schwebte von der Decke herunter ein golden glänzender +Stern, der funkelte im Christbaumlicht so hell wie die Augen der +Kinder. Heute dachte<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> niemand mehr daran, daß es vielleicht anderswo +reichere Gaben und größere Pracht gebe. O nein, es konnte nirgends, +nirgends schöner sein als hier. Und nichts war erfreulicher, als die +neuen Mützen und Hosenträger der Buben und die rosafarbigen Schürzchen +der Mädchen. Nur einmal, als man sich zum Gesang um den Vater mit der +Flöte sammelte, zupfte Paul seinen Bruder Eugen am Ärmel. »Du, jetzt +ist der Erich doch nicht gekommen. Er hat's doch versprochen.« Und +Eugen gab zurück: »Vielleicht ist jetzt gerade die italienische Kiste +angekommen, da wird er den ganzen Abend auszupacken haben.« Denn in den +Gedanken der Kinder war die Kiste immer größer geworden, und stellten +sie sich dieselbe ungefähr so groß wie ein Schilderhaus vor.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es war aber nicht die Kiste, die den Erich abgehalten hatte, zur +Bescherung zu kommen. Als im Hartmannschen Hause der Christbaum brannte +und alle in Liebe und Freude vereinigt waren, lag er im matt erhellten +Zimmer zu Bett, und Minna, das Stubenmädchen, machte ihm Umschläge um +die fieberheiße Stirne. Eben war der Arzt dagewesen, hatte den Kranken +untersucht und gesagt: »Es wird wohl Scharlachfieber geben oder so +etwas. Natürlich darf keines von den andern Kindern ins Zimmer.« Das +war nun ein trauriger Heiligabend! Man hatte die Kiste, die richtig +angekommen war, in den Saal getragen und den Kronleuchter angezündet. +Der Christbaum stand schön geputzt auf dem Boden und reichte bis zur +Decke. Aber es mochte ihn niemand anzünden. Alfred und Ella saßen +am Boden vor der geöffneten Kiste, die allerdings sehr viel Schönes +enthielt. Aber es war keine rechte Freude, das alles auszupacken, wenn +Erich krank zu Bette<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> lag, Fräulein Weiß sorgenvoll und bekümmert +umherging und die Eltern in weiter Ferne waren. Für Ella war ein +prachtvoller Anzug eines italienischen Bauernmädchens angekommen, +alles in Samt und Seide und mit goldenen Behängen. Alfred bekam eine +wertvolle Muschelsammlung, ein schönes Buch mit vielen Bildern und +noch allerlei. Und dazwischen duftete es in allen Ecken nach Veilchen +und Rosen, die zwischen den Gaben lagen, und der Boden der Kiste war +ganz mit Orangen und Datteln ausgelegt. Mit fröhlichen Gefährten und +in glücklicher Stimmung hätte es ein Genuß sein müssen, die Kiste +auszupacken, und ich wüßte manchen, der da gern mitgetan hätte. Aber es +fehlte den reichen Kindern beides. Fräulein Weiß hatte Erichs Anteil an +den Geschenken auf die Seite getan und zu Alfred und Ella gesagt: »So, +nun freut euch an den schönen Sachen; es gibt nicht viele Kinder, die +so reich beschenkt werden.« Aber damit hatte sie den Kindern noch nicht +gezeigt, wie sie es machen sollten, sich zu freuen. Und von selbst +wußten sie es nicht recht.</p> + +<p>Man konnte es nicht anders verlangen von Fräulein Weiß. Sie war +wirklich in schwerer Sorge wegen des kranken Erich und wußte nicht, +ob sie den Eltern von der Sache schreiben sollte oder nicht. Dazu +kam noch die Frage, wer den Kranken pflegen solle. Denn sich selbst +ganz abzusondern vom Haus und den größeren Kindern, das erschien ihr +unausführbar. Und dann hatte sie selbst auch noch nie Scharlachfieber +gehabt und fürchtete sich ein wenig vor der Ansteckung.</p> + +<p>Da konnte sie denn nicht auch noch eine aufheiternde Gefährtin sein. +Den Dienstboten bescherte sie die für sie bestimmten Geschenke ohne +rechte Festfeier im Saal; dann sah sie ab und zu in das Zimmer hinein, +wo der kranke Erich lag, zog sich aber jedesmal wieder rasch zurück, +denn da besorgte für jetzt noch Minna das Nötige. Morgen mußte<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> eine +Pflegerin her, das hatte sich Fräulein Weiß schon ausgedacht.</p> + +<p>Alfred und Ella standen ein wenig verdrossen vor ihren prächtigen +Sachen und hatten auch nicht recht Lust, all die Süßigkeiten zu +versuchen, die in silbernen Körbchen auf dem Tisch standen. Sie hatten +beide Heimweh, ohne daß sie es recht wußten.</p> + +<p>Da wurde auf dem Vorplatz eine freundliche Stimme hörbar. »Wo habt +ihr denn das arme Büblein?« fragte Tante Luise, die vom Nachbarhaus +herübergekommen war, als sie durch eins der Dienstmädchen von Erichs +Krankheit gehört hatte. Tante Luise war von früher her gut bekannt +mit Fräulein Weiß. Nun wollte sie ihr ein wenig beistehen in dieser +Sorgenzeit.</p> + +<p>Ella öffnete neugierig die Türe und sah etwas erstaunt auf das fremde +Fräulein. Aber Tante Luise war nicht so verlegen, wie ihre kleinen +Neffen und Nichten den reichen Kindern gegenüber waren. Sie sah +sogleich, um wieviel reicher und glücklicher die Kinder des kleinen +Häuschens drüben waren, als die Kinder des reichen Hauses, die heute +am Heiligabend allein und freudlos unter dem funkelnden Kronleuchter +standen trotz der schönen Geschenke. Und in Tante Luisens Herzen wallte +ein großes Mitleid auf.</p> + +<p>»Darf ich zuerst ein bißchen zu euch hereinkommen?« sagte sie +freundlich und trat in den Saal. »Habt ihr die Christbaumlichter schon +wieder ausgelöscht?« fragte sie erstaunt. »Ach nein, was seh' ich, die +haben ja noch gar nicht gebrannt!« fuhr sie lebhaft fort. »Das müssen +wir noch nachholen. Ich glaub's wohl, daß niemand dazu Zeit hatte, +und auch keine Lust. Aber so traurig wollen wir doch nicht sein am +Heiligabend. Christtag ist's doch, wenn auch der arme Erich krank ist. +Der liebe Gott macht ihn hoffentlich bald wieder gesund.<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> Ich will +ihn helfen pflegen. Und jetzt singen wir zuerst ein Weihnachtslied, +das könnt ihr doch?« Während sie das sagte, hatte Tante Luise schon +angefangen, an dem hohen Baum die Lichter anzustecken. Nun brannten +sie hell und licht, wie das ja alle Christbaumlichter tun, und Tante +Luise sah sich fragend um: »Wollt ihr nicht auch den Diener heraufrufen +und den Kutscher und vielleicht die Köchin? Die würden gewiß auch +gern mitsingen.« »O ja, das würden wir gern,« sagte hier auf einmal +Franz, der Diener, der sich gerade am Ofen zu schaffen gemacht hatte. +Und er ging schnell, die anderen zu holen. Das war jetzt doch auch +noch ein fröhlicher Kreis, der sich um das Klavier sammelte, und es +klang feierlich in die Nacht hinaus: »Halleluja, denn uns ist heut ein +göttlich Kind geboren.« Fräulein Weiß hatte sich auch eingefunden. Und +wenn sie auch einen Augenblick dachte, daß das eigentlich ihre Sache +gewesen wäre, so fühlte sie sich doch ein wenig erleichtert. Alfred und +Ella wußten nicht recht, wie ihnen geschah. Zuerst hatten sie gedacht, +Tante Luise sehe etwas einfach aus, lange nicht so elegant wie Fräulein +Weiß oder gar die Mama. Aber es tat ihnen doch wohl, daß sie so frisch +und lebendig da hereinkam und für eine richtige Christfeier sorgte, so, +als ob sie schon lange im Hause sei. Jetzt kamen ihnen auch die Gaben +der Eltern wieder begehrenswert vor, da Tante Luise sie so aufrichtig +bewunderte. Zwar wunderte es Ella ein wenig, daß diese so viel +Aufhebens von einem goldgerahmten Bildchen, Maria mit dem Jesuskind auf +dem Schoß darstellend, machte. Der Anzug war doch gewiß viel kostbarer. +Aber das schien Tante Luise gar nicht zu bedenken. »Das Bildchen hängen +wir nachher über deinem Bett auf, Ella,« sagte sie. »Dann kannst du +dich immer daran freuen. Und auf einmal ist dann die Zeit da, wo deine +Mutter wiederkommt, und dann kannst du es gerade so machen wie das<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> +Jesuskindlein auf dem Bilde. Wenn du auch ein bißchen groß bist für ein +Schoßkindchen,« fügte sie lächelnd hinzu.</p> + +<p>Ella schüttelte leise den Kopf. Das war doch wieder ein bißchen anders +bei ihnen. Was wohl Mama gesagt hätte, wenn sie begehrt hätte, auf +ihren Schoß zu sitzen? Aber das wußte ja Tante Luise nicht so genau. +Sie kannte wohl nur das trauliche Familienleben in dem kleinen Häuschen +drüben, wo die Mutter immer für alle zu haben war und sonst gar keine +Pflichten hatte, als nur für ihre Lieben zu sorgen.</p> + +<p>Alfred hatte den Gesang mit seiner Violine begleitet. Jetzt sagte er: +»Wenn Sie mich begleiten würden, würde ich gern noch ein Weihnachtslied +spielen. Ich kann schon manches.«</p> + +<p>Es war ihm kaum schon einmal so erfreulich gewesen wie heute, daß +er ein wenig Musik machen konnte. Denn in Gesellschaft durfte er ja +noch nicht spielen, dazu hatte er noch nicht genug gelernt. Und im +Lernzimmer oben waren nur die Geschwister und etwa Fräulein Weiß, und +keins von ihnen hatte eine rechte Freude an seinem Spiel. Heute aber, +wo er etwas zur Erhöhung der Festfreude beitragen konnte, machte ihn +das stolz und glücklich. »So,« sagte Tante Luise, als der letzte Ton +des Liedes »Stille Nacht, heilige Nacht« verklungen war, »nun will +ich zu Erich gehen. Ich denke, ich bleibe die Nacht bei ihm. Seine +Bescherung können wir erst später halten. Das könnt ihr beiden nun euch +recht hübsch ausdenken.«</p> + +<p>Das war nun alles völlig neu, sowohl für die Kinder als für Fräulein +Weiß. Denn es war keines von ihnen daran gewöhnt, so einfach fröhlich +zu sein, so ohne besondere Veranstaltungen sich zu freuen und festlich +zu fühlen. Und auch das nicht, was Tante Luise zuletzt noch gesagt +hatte, nämlich sich darauf zu besinnen, womit man einander erfreuen +könne. Aber es war ihnen allen angenehm und wohltuend gewesen,<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> so zu +sein wie heute abend. Fräulein Weiß gab Ella sogar einen Kuß, als diese +warm zugedeckt im Bett lag, und sagte zu ihr: »Was meinst du, wenn wir +morgen nachmittag den großen Kochherd herunterholten und einmal tüchtig +kochten?« Und Ella wollte gern und besann sich noch im Einschlafen auf +das Fest.</p> + +<p>Alfred hatte ein wunderliches Gefühl, als er allein in der Eltern +Schlafzimmer trat, das er während Erichs Krankheit benützen sollte. Er +war sich gar nicht mehr recht als Kind vorgekommen in letzter Zeit. Er +wurde im Haus schon so viel als junger Herr behandelt, und alles, was +kindlich war, hatte ihm langweilig geschienen. Aber er wußte nichts +Rechtes, was ihn denn dafür hätte erfreuen können. Erich, ja der hatte +Gefallen an Knabenspielen und allerlei lustigem Zeitvertreib, sei's +auch nur mit dem Kutscher oder sogar mit Ella, dem empfindlichen +Mädchen. Das kam Alfred immer ein wenig verächtlich vor. Und doch +fiel es ihm noch hie und da ein, wie er einmal bei Hartmanns durch +die zurückgeschobene Gardine gesehen hatte, wie die ganze Familie, +sein Bruder Erich mitten darunter, sich um den Tisch geschart und das +»Fuchs- und Hühnerspiel« um Nüsse eifrig betrieben hatte. Und wie ihn +damals auch nach so etwas verlangt hatte, wenn er's auch nicht gestand. +Als Erich damals nach Hause kam, hatte er ihn verhöhnt: »Willst du +nicht lieber ganz da hinüberziehen, wenn dir das vornehm genug ist? +Nüsse könntest du auch daheim haben und dann gleich mehr.«</p> + +<p>Und Erich hatte nur erwidert: »Du weißt etwas Rechtes vom Vergnügtsein! +Da sei nur ganz still davon.«</p> + +<p>Das kam dem Alfred heute abend wieder in den Sinn. Es war wahr, er +wußte etwas Rechtes vom Vergnügtsein! Und es stieg eine Sehnsucht in +ihm auf, nach was, das wußte er selbst noch nicht so recht. Es ist nur +gut, daß der liebe Gott<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> besser weiß als die Menschenkinder, was ihnen +fehlt. Er hatte jetzt auch Tante Luise herübergeschickt, damit man +in dem reichen Hause erfahre, daß man ohne rechte Liebe und ohne die +Zufriedenheit, die tief im Herzen wohnen muß, arm ist bei aller Pracht +und Herrlichkeit.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es war an einem stillen, dämmerigen Nachmittag. Draußen wirbelte +der Schnee in der Luft umher und legte sich dann leise und sachte +auf die Erde, wo schon eine dicke, weiche Decke davon lag. Drinnen +im Krankenzimmer saß Tante Luise an Erichs Bett, hatte den Arm um +den kleinen Buben geschlungen und plauderte mit ihm von allerlei, +was ihm schon lang am Herzen lag. So schön hätte sich Erich das +Kranksein gewiß nicht träumen lassen. Die schlimmsten Fiebertage +waren glücklich überstanden, davon wußte er nicht mehr viel, wußte +kaum noch, daß ein paar Nächte lang eine Diakonissin an seinem Bett +gewaltet und ihn gepflegt hatte. Das konnte er sich eher noch denken, +daß am Tag Fräulein Weiß und Tante Luise miteinander abgewechselt +hatten, und daß letztere ihn allemal wieder wie ein kleines Kind in +den Schlaf gesungen hatte. Aber jetzt, jetzt konnte es der Erich gar +nicht schöner begehren, als er's schon hatte. Denn er mußte zwar noch +ganz ruhig im Bett liegen, aber das wollte er ja gern tun, wenn er +dazu die allerbeste, liebste Gesellschaft hatte, die man sich denken +konnte. Denn Tante Luise hatte wirklich ihre schönen Vakanztage dazu +hergegeben, den kleinen Burschen zu verpflegen, der sie doch eigentlich +gar nichts anging, nur weil er sonst nicht viel Liebe um sich her hatte.</p> + +<figure class="figcenter illowp80" id="illu-109" style="max-width: 62.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-109.jpg" alt=""> +</figure> + +<p>Jetzt saß sie an seinem Bett, und Erich hielt ihre Hand fest, so, +als wäre sie im Begriff, ihm gleich wieder zu entschlüpfen,<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> und er +müßte es mit seiner schwachen Kraft verhindern. Tante Luise dachte +aber nicht ans Entschlüpfen. Sie hatte frische, rote Backen, denn sie +war eben erst von einem Ausgang heimgekommen. Da sie der Ansteckung +wegen nicht mehr zu ihren Angehörigen in das kleine Häuschen hinüber +durfte, so hatten sie alle zusammen sich im Freien getroffen, am Saum +eines kleinen Wäldchens in der Nähe der Stadt, wo die Kinder sich mit +Schneeballwerfen belustigten und die die Großen in einer Schutzhütte +miteinander plaudern konnten. »Und denk einmal, was wir für ein +Genesungsfest ausgemacht haben!« erzählte Tante Luise, nachdem sie das +alles berichtet hatte. »Weißt du, Alfred ist mein ganz guter Freund +geworden und mit Ella ist das auch auf dem besten Wege. Da haben wir +nun ein Fest geplant, zu dem wir alle Hartmannschen Kinder laden +wollen. Das halten wir im Saal. Alfred<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> will seine Laterna magica +vorführen, so etwas haben die kleinen Buben noch nie gesehen. Und dann +singe ich den Struwelpeter und Alfred geigt dazu. Natürlich gibt es +dann auch etwas Gutes zu schnabulieren, und wir machen zusammen die +hübschesten Spiele, die uns nur einfallen. Und zum Schluß zünden wir +den Christbaum an. Denn das Christkind kommt dann erst noch zu dir. Es +hat ja nicht herein dürfen,« setzte sie lachend hinzu.</p> + +<p>»Aber <em class="gesperrt">du</em>, Tante Luise, gelt?« sagte Erich vergnügt. Es war jetzt +alles und jedes ein Fest, und er wunderte sich kaum noch, daß Alfred +es nicht zu langweilig und zu gewöhnlich fand, den kleinen Buben vom +Nachbarhaus seine Herrlichkeiten vorzuführen.</p> + +<p>Alfred hatte es ja nur nicht gewußt, wie man recht vergnügt sein könne. +Und Erich war froh, daß nun jemand da war, um es ihm zu zeigen.</p> + +<p>Er hatte aber noch viel auf dem Herzen, was heute besprochen werden +mußte. So fing er sogleich wieder an:</p> + +<p>»Wenn du nur immer dabliebest. Wenn du nur gar nie mehr in deine Schule +müßtest. Du glaubst nicht, wie es bei uns ist. Dann sitzt Alfred +mit seinem Buch am Tisch, und Ella gähnt hinter der Hand, weil sie +Französisch lernen soll, und ich soll immer still sein und manierlich. +Und Fräulein Weiß sagt dann jedesmal, wenn wir mit den Aufgaben fertig +sind: ›So verdrießliche Kinder sind mir noch nie vorgekommen, wie ihr +seid.‹« Tante Luise dachte einen Augenblick an die fröhliche Tafelrunde +bei ihren Verwandten. Sie wußte wohl, wo es fehlte, daß es in dem +reichen Hause niemals heiter zuging wie dort. Und sie konnte es nicht +gut ertragen, wenn Kinder nicht so vergnügt waren, wie sie eigentlich +sein konnten.</p> + +<p>»Ja, da möchte ich freilich manchmal dabei sein,« sagte sie liebevoll. +»Da möchte ich schon hie und da nachsehen, wo<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> das fehlt. Aber weißt +du, ich kann dir doch ein Mittelchen sagen, daß es nicht so unlustig +bleibt bei euch, wie seither. Fang du selbst einmal an, dir immer etwas +Schönes auszudenken, das nun anzufangen ist. Zum Beispiel, bis die +Eltern heimkommen; da kann man sich schon wieder besinnen, womit man +sie erfreuen will, daß sie merken, ihr habt an sie gedacht, solang sie +so herumreisen mußten mitten im Winter.«</p> + +<p>Erich horchte auf. Denn der Gedanke war ihm neu, daß es die Eltern am +Ende freuen könne, wenn sie sähen, daß man an sie gedacht habe. Sie +kamen ihm beide gar nicht recht eigen vor, so wie den Hartmannskindern +Vater und Mutter. Und es dünkte ihn plötzlich ein Reichtum zu sein, daß +er das auch habe.</p> + +<p>»Und,« fuhr Tante Luise fort, »Fräulein Weiß kann man auch zeigen, +daß es denn schon noch verdrießlichere Kinder gibt, als ihr seid. +Übernächste Woche ist ihr Geburtstag. Da soll ihr Alfred ein hübsches +Gedicht machen, und du kannst ihr ein auswendiggelerntes hersagen, +und ein bekränzter Kuchen müßte mir her an deiner Stelle und allerlei +kleine Geschenke. Das kann man alles so vergnüglich gestalten, daß +immer wieder ein Fest kommt, ehe man sich's versieht. Merk dir's nur, +man muß nur alle Leute lieb haben, die um einen herum sind, dann kann +es gar nie langweilig sein, weil einem dann immer etwas einfällt, das +man ihnen zu Gefallen tun kann.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es ist merkwürdig, aber es ist wahr: Ein liebevolles und fröhliches +Gemüt ist wie ein Zauberstäbchen. Wen man damit berührt, der wird +angesteckt. Und da Tante Luise allen Hausgenossen mit ihrem heiteren +Wesen nahegekommen war, so fingen auch alle an, ihr ein wenig +nachzustreben. Fräulein Weiß dachte immer: »Wenn ich auch so wäre, so +wären gewiß<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> alle vergnügter und ich mit.« Und sie bat den lieben Gott, +sie auch so frisch und liebevoll zu machen. Und solche Bitten erhört er +gern.</p> + +<p>Wenn aber alle zusammenhelfen, so muß man sich nur wundern, wie schnell +es anders wird im Haus.</p> + +<p>Das Genesungsfest war gekommen. Die Frau Hofrat hatte gern erlaubt, daß +die Kinder des Nachbarhauses eingeladen wurden. Denn sie war sehr froh, +daß sie hörte, Erich habe die Krankheit so gut überstanden und Tante +Luise habe ihn so gut gepflegt. Sie hatte nun allmählich auch Heimweh +nach ihren Kindern. Fräulein Weiß hatte den sehr liebevollen Brief +vorgelesen und gesagt: »So, nun können wir uns jeden Tag freuen, bis +die Eltern kommen. Ich habe schon einen schönen Plan zum Empfang.« Denn +Fräulein Weiß wollte jetzt nicht mehr warten, ob sich die Kinder von +selbst freuten, sondern sie wollte ihnen den Weg dazu zeigen.</p> + +<p>Nun war die Familie Hartmann da. Erich hatte schon lang mit +verlangendem Blick nach der Tür gesehen. Nicht nur wegen seines +Freundes Paul. Der hatte ihn schon einmal besucht und Alfred hatte +nachher gesagt: »Der Hartmann ist erst noch ganz nett. Man kann schon +etwas mit ihm anfangen.« Das war ein großes Zugeständnis. Aber heute +wartete Erich noch auf jemand anderes, der erst ganz zuletzt kam. Das +war die Mutter, die den Kleinen trug. Sie kam auch sogleich zu dem +bleichen Erich her und sagte liebreich: »Gottlob, daß du wieder so weit +bist. Und jetzt wollen wir uns recht freuen.« Auf diesen Augenblick +hatte Erich gewartet, denn er trug den Brief von seiner Mutter in der +Tasche und nun zeigte er ihn mit großem Stolz. Er hatte das Gefühl, als +ob ihn diese glücklichen Leute ein wenig bemitleideten. Und das war ja +nun nicht nötig, wenn doch seine Mutter auch Heimweh nach ihm hatte!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span></p> + +<p>Jetzt war er erst recht imstand, das fröhliche Fest mitzugenießen. +Vergnügtere Menschen hatte der elegante Saal wohl noch nie gesehen, +soviele Gesellschaften schon darin gewesen waren. Heute kam die +Fröhlichkeit recht von Herzen. Ella schloß große Freundschaft mit +Mariele und sagte nur dazwischenhinein immer wieder: »O wenn ich nur +auch so ein herziges Brüderlein hätte, wie dein Fritz ist. Das wäre +mir dann schon noch lieber, als alle Puppen.« Und Mariele sagte ganz +verständig darauf: »Ja, alles kann man auch nicht haben, sagte meine +Mutter immer. Sonst fällt einem immer noch etwas ein und dann noch +etwas. Und dann ist man erst nicht zufrieden.« Die Mutter mußte vor +sich hin lachen, als sie dieses Zwiegespräch mit anhörte. Denn sie +wußte gut, daß ihr Töchterlein manchmal gern getauscht hätte. Und sie +wußte auch, daß alle großen und kleinen Leute von ihrem Vater im Himmel +das bekommen, was gut für sie ist, und daß alle erst nach und nach +lernen müssen, das allerbeste davon herauszufinden. Nämlich das, daß +sie ganz getrost und zufrieden sein können, weil er für sie sorgt und +sie lieb hat. Und die Leute, die das wissen, sind dann am reichsten von +allen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Nun möchte man gern noch erzählen, daß Mariele von nun an ganz +zufrieden und fröhlich gewesen sei, trotz ihrer einfachen Kleider und +trotz den engen niedrigen Stuben und den vielen kleinen Geschwistern.</p> + +<p>Und daß die reichen Kinder von jetzt an ihre rechte Freude und +Zufriedenheit darin gesucht hätten, einander Liebes und Gutes zu +erweisen. Daß das Familienleben des großen Hauses nun so warm und innig +geworden sei, wie das des kleinen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span></p> + +<p>Aber das geht nicht nur so.</p> + +<p>Wenn ein Samenkörnlein anfängt zu treiben, so kommt zuerst ein zartes, +hellgrünes Keimlein aus dem Boden. Und wer Augen dafür hat, der kann +sich wohl daran freuen. Aber bis dann ein Halm hervorwächst und eine +Ähre treibt, und die Ähre reif wird, das dauert noch lange.</p> + +<p>Und bei den Menschenkindern muß man auch warten, bis die Samenkörnlein +aufgehen und Liebe und Freude daraus hervorwachsen. Wer weiß, was aus +Erichs Krankheitszeit für fröhliche Saat aufwächst in den jungen und +alten Herzen? Das muß man jetzt erst abwarten.</p> + +<p>Und wer weiß, was aus den schönen Liedern der Mutter und dem +liebevollen Wesen der beiden Eltern und dem fröhlichen Gesicht der +Tante Luise für ein Blumengärtlein treibt in dem kleinen Hause? +Vielleicht erfahren wir's noch.</p> + +<p>Und einstweilen wollen wir unser eigenes Gärtlein pflegen. Denn wir +sind alle reicher, als wir wissen.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span></p> + +<h2>8. Gretels Ferientage.</h2> +</div> + + +<p>Gretel stand im Hof hinter dem Haus, sah durch das Eisengitter in das +trübe Gäßchen, das da vorbeiführte, und war beschäftigt, ihr rotes +Zopfband immer wieder um den Finger und wieder herunterzuwickeln. Das +war keine besonders vergnügliche Beschäftigung, es konnte einen nicht +wundern, daß Gretel gar kein sehr heiteres Gesicht dazu machte. Sie +hätte gern etwas anderes getan, wenn sie etwas gewußt hätte. Aber das +war gerade das Traurige, daß ihr kein Mensch sagen konnte, was sie mit +ihrem Vormittag beginnen sollte. Gretel hatte Schulferien, heute war +der zweite Tag davon, und vier Wochen lang sollten sie dauern. Sie +hatte sich schon lange auf diese Zeit gefreut und immer ausgerechnet, +wie lang es noch sei, bis sie komme, und nun fing sie gar nicht schön +an. Alle Leute im Haus hatten ihre Beschäftigung. Der Vater ging gleich +nach dem Frühstück ins Kontor, Bruder Ernst gleichfalls; die Mutter +war fast den ganzen Tag im Laden, bediente die Kunden und regierte die +Ladenfräulein. Da hätte sich Gretel auch sehr gern aufgehalten, aber +das war ihr verboten. Es war so nett, zuzuhören, was die Leute sagten, +und zuzusehen, wie sie sich Stoffe vorlegen ließen, wie sie wählten und +kauften. »Aber das ist kein Aufenthalt für Kinder,« sagten die Eltern, +und dabei blieb es. In der Küche regierte die Christine. Es war alles +hell und glänzend sauber darin, nur schade, daß Christine so bärbeißig +war und für Gretels Wunsch, ihr manchmal ein bißchen Gesellschaft zu +leisten, immer<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> die gleiche Rede hatte: »Kann keine Kinder unter den +Füßen herum haben, bin froh, wenn ich fertig werde.«</p> + +<p>Dann war noch Lotte da, das Zimmermädchen. Die konnte ja nichts dagegen +haben, wenn Gretel im Zimmer war. Aber heute war sie böse. Gretel +hatte beim Aufräumen helfen wollen und dabei ein Glas vom Waschtisch +zerbrochen und Wasser auf den frisch gewichsten Boden verschüttet. Und +Lotte hatte gesagt: »Es gibt gewiß kein so unmüßiges, langweiliges +Kind mehr, wie du eins bist. Wenn man so viel schöne Bücher hat und +Spielsachen und so eine nette Häkelarbeit und es ist einem doch noch +langweilig!«</p> + +<p>Nun stand Gretel da und seufzte. Sie hatte ein gutes Vesperbrot neben +sich liegen und ein neues Kleid an und ihre Backen waren rot und rund. +Und doch kam sie sich ein wenig beklagenswert vor. Sie hatte wohl auch +Freundinnen, aber die waren zum Teil verreist und zum Teil wohnten sie +in einem ganz andern Stadtteil; zum Spielen zusammen kommen konnte man +da nicht. Der Hausknecht ging vorbei, er hieß Frieder und war sonst +ein ganz guter Freund von Gretel. Heute brummte er: »Du hast gewiß die +große Papierschere verschleppt, Gretel. Man kann sie nirgends finden, +und nun soll ich sie verräumt haben.« Gretel hatte die Schere nicht +gehabt, und daß Frieder nun auch noch unfreundlich gegen sie war, +machte sie nicht vergnügter. Und sie dachte im stillen, es sei noch +lang nicht das Ärgste, in der dumpfen Schulstube zu sitzen. Dort wußte +man wenigstens den ganzen Tag, was anfangen.</p> + +<p>Da hörte sie auf einmal ein lautes, klägliches Geschrei. Es kam aus dem +Gäßchen, das Gretel kaum je betrat, und in dem lauter alte, ärmliche +Häuser standen. Ein kleines Geschwisterpaar kam aus dem nächsten Haus +heraus. Es war ein Bube und ein Mädchen, und alle beide waren etwas<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> +schmierig anzusehen. Das Mädchen konnte etwa sechs Jahre alt sein und +zog aus Leibeskräften das dreijährige Brüderlein hinter sich her, das +auf krummen Beinen mühsam daher wackelte. Oben herunter schallte aus +einem geöffneten Fenster eine scheltende Stimme: »Daß ihr mir nicht +mehr unter die Augen kommt, bis ich euch rufe! Es ist ein Elend mit +euch unnützen Dingern.«</p> + +<p>Und dann fingen alle beide Kinder wieder an zu weinen und aufs +Geratewohl in das Gäßchen hineinzulaufen. Gretel mußte genau hinsehen. +Sonst hatte sie sich nie um die Bewohner des Gäßchens bekümmert; +vorne lag ihr Elternhaus an einem schönen, freien Platz, wo in gelben +Sandwegen unter grünen Büschen gut gekleidete Kinder spielten, und wo +hübsche Häuser standen, deren Bewohner ganz anders aussahen, als die +»Gäßlesleut«. Aber heute war das anders. Gretel wußte ja auch nicht +recht, wo sie hingehörte, da konnte sie mitfühlen. Sie drängte ihr +Gesicht dicht an das Gitter und fragte das Mädchen: »Warum weinet ihr +alle zwei?« Die Kinder blieben erstaunt stehen. Der Kleine rieb sich +mit beiden Fäusten die Tränen im Gesicht herum, und das Mädchen sagte: +»Weil wir immer auf d' Gaß sollen, und mein Fritzle hat so Hunger und +ich einen bösen Finger.« Das war viel Jammer auf einmal. Gretel vergaß +ganz, Mitleid mit sich zu haben. Sie streckte ihr Butterbrot durchs +Gitter hinaus. »Da,« sagte sie, »ich kann mir wieder eins holen. Wenn +ihr wollet, dann könnet ihr ein wenig in den Hof herein kommen. Der +Tyras tut euch nichts.« Der Tyras war ein großer Hofhund, der in seiner +Hütte an der Kette lag und verdächtig damit rasselte. Aber Gretel gab +ihm nur im Vorbeigehen einen kleinen Schlag auf den zottigen Kopf. »Sei +fein still,« sagte sie, »sonst haben die armen Kinder Angst.« Dann ging +sie und öffnete das Türchen. Merkwürdig, auf einmal kam es ihr wieder +in den Sinn, wie viel Gutes sie habe. Da<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> war das kleine Gärtchen, das +an den Hof anstieß. Es war nicht sehr sonnig, und viel Blumen gab es +auch nicht darin. Aber es hatte eine Laube, und darin stand ein Tisch +mit einer Schublade voll alten Spielzeugs, das längst unbeachtet dalag. +Dorthin zog sie ihre Schützlinge. Fritz hatte längst seine Tränen +getrocknet und sah mit großen Augen auf die neue Herrlichkeit. Gretel +gab ihm einen Haufen farbiger Bauklötzchen und rückte ihm ein Kistchen +vor die Bank hin. »Da, nun baust du einen Turm,« sagte sie. »Vorher +kannst du noch das Butterbrot essen.« Das ließ sich der kleine Bursche +nicht zweimal sagen. Das Mädchen hieß Sofie. Es sah fröhlich zu, wie +der Kleine in sein Brot einbiß und wickelte daneben die Schürze um den +entzündeten Finger.</p> + +<p>Gretel kam sich wie ein Mütterlein vor. »Bleibt einmal ruhig sitzen,« +sagte sie. »Lotte hat eine gute Salbe, und ich will dir den Finger +verbinden. Dann hole ich einen ganzen Pack farbige Flecke, und wir +machen miteinander ein Kleid für meine Ida.« Letzteres war eine alte +Puppe, die auch in der Schublade des Gartentisches lag und allerdings +ein neues Kleid nötig hatte.</p> + +<p>Sofie kam sich vor wie im Traum. Sie ging noch nicht in die Schule, +und es war jeden Tag ihre Pflicht, das Brüderlein zu hüten, und +gezankt wurde sie auch jeden Tag. Die Mutter nähte Handschuhe für eine +Fabrik, und der Vater war auch in einer Fabrik, und eigentlich sollten +die Kinder nur zum Essen und Schlafen heimkommen. Da saßen sie denn +meistens miteinander auf einer Hausstaffel und sahen zu, was sich auf +der Straße ereignete, und das war nicht gerade viel. Und jetzt saßen +sie in dem Gärtchen, das ihnen wunderschön vorkam, und das Mädchen in +dem schönen blauen Kleid spielte mit ihnen, und man wußte gar nicht, +was nun alles noch kommen würde.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span></p> + +<p>Für einmal begann nun ein fröhliches Spiel der drei miteinander. +Fritzchens trübseliges Gesicht leuchtete hell auf, als ihm Gretel +einen hohen Turm bauen half, den er dann mit glatten Kieselsteinen +wieder einstürzen durfte. Und Sofie drückte die Puppe Ida so zärtlich +an sich, daß Gretel großmütig sagte: »Du kannst sie behalten, ich +habe noch viele.« Das neue Kleid war etwas mangelhaft geraten, man +mußte es hinten künstlich zusammenbinden, daß es hielt, aber dem armen +Kinde dünkte es ein Prachtstück zu sein. »Ja ganz behalten und mit +heimnehmen?« fragte Sofie zaghaft. »Ja, freilich.« Gretel mußte ein +wenig lachen. »Und heute Nachmittag kommet ihr wieder und alle Tage, so +lang ich Vakanz habe.«</p> + +<p>Da ertönte im Haus die Essensglocke, Gretel mußte hinein, und aus +dem hochgelegenen Fenster des trübseligen Hauses, in dem die Kinder +wohnten, rief eine Männerstimme: »Wo steckt ihr nur auch? Flugs zum +Essen!«</p> + +<p>Man konnte es kaum glauben, daß der Vormittag schon vergangen sei, der +so trüb und langweilig begonnen hatte. Die armen Kinder waren noch +nicht leicht so vergnügt ihre Treppen hinaufgestolpert wie heute, und +sie hatten immer noch etwas zu erzählen und dann noch etwas, als sie +dann mit Vater und Mutter am Tisch saßen. Die Mutter hatte das kleinste +Brüderlein aus dem Wagen genommen. Sie sah auch ein wenig aufgeheitert +aus, denn sie hatte heute vormittag so ungestört arbeiten können, wie +schon lang nicht mehr. Der Kleine hatte geschlafen, und die beiden +größeren Kinder hatten sich auch nicht blicken lassen. Und daß diese +jetzt so vergnügt heimkamen, freute die Mutter auch. Sie wollte ja +nicht böse sein und hatte ihre Kinder auch lieb, aber sie mußte helfen, +Geld zu verdienen, da wußte sie oft nicht recht, wo anfangen, und schob +dann die Kinder aus dem Weg, wo sie nur konnte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span></p> + +<p>»Und heut nachmittag dürfen wir wieder kommen und alle Tage,« schloß +Sofie ihren Bericht, und Fritz fügte hinzu: »Ja und ein Gesälzbrot +kriegen wir; die Gretel hat's gesagt.«</p> + +<p>Daheim hatte man sich nicht wenig gewundert, als Gretel so vergnügt +zum Essen kam. Sie hatte den ganzen langen Vormittag niemand belästigt +und keinerlei Unfug angestiftet, und nun erklärte sie, daß sie auch +am Nachmittag so viel zu tun habe, daß sie kaum wisse, wo beginnen. +Die Mutter sah erfreut auf ihr Töchterlein. Sie war selbst so viel in +Anspruch genommen, und es bedrückte sie oft, daß sie sich nicht mehr +um Gretel annehmen konnte, und über diese Vakanzzeit hatte sie sich +schon viele Gedanken gemacht. Jetzt sagte sie liebreich: »Das ist +recht, Gretel, daß du so ein nettes Amt gefunden hast. Ich komme dann +einmal zu euch hinaus und sehe nach, was das für Kinder sind und was +ihr treibet. Und an einem Vesperbrot soll's auch nicht fehlen.« Das war +der erste schöne Tag, und ihm folgten noch viele. Gretel hat niemand +mehr langweilig und verdrießlich gesehen. Denn früh am Morgen mußten +die Aufgaben gemacht werden, darauf hielt die Mutter streng. Und dann +ließ sich Gretel mit großer Bereitwilligkeit zum Bäcker und Metzger +schicken, denn es lag ihr daran, die mächtige Christine gut zu stimmen; +es gab so oft etwas Gutes, das sie gern ihren Schützlingen bringen +wollte.</p> + +<p>Diese standen, wenn Gretel hinunterkam, allemal schon wartend am +Gitterpförtchen, jetzt immer mit glänzend sauberen Gesichtern und +reinen Schürzen, und dann ging das Freudenleben immer wieder von neuem +an. Das einjährige Brüderlein war jetzt auch oft dabei. Sofie hatte es +eines Tages auf dem Arm gehabt und zaghaft gefragt: »Dürfen wir mit +dem Kleinen auch noch herein? Ich muß ihn jetzt auch hüten!« Sie hatte +nicht begreifen können, daß Gretel in hellen Jubel ausgebrochen war. +Ihr kam es nie so besonders nett vor, den<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> schweren Paul zu schleppen, +und sonst wußte sie nichts mit ihm anzufangen. Gretel hatte sich aber +schon lang ein kleines Brüderlein gewünscht, und nun trug sie in lauter +Freude den kleinen Buben ins Gärtchen, spielte mit ihm am Sandhaufen, +ließ sich die Haare von ihm zausen und erfand immer wieder neue +Belustigungen. Sofie hatte nur zu staunen. So unterhaltend war ihr das +Brüderlein noch nie vorgekommen. »Mutter,« sagte sie eines Tages beim +Heimkommen, »die Gretel sagt, Paul sei das nettste Kindlein, das es +geben könne, sie möchte es nur ganz behalten.« »Das glaube ich,« sagte +die Mutter, »daß sie das möchte.« Sie nahm den Kleinen auf den Schoß +und zog eins seiner blonden Löckchen über den Finger: »Aber wir geben's +nicht her, gelt?«</p> + +<p>Die Mutter war überhaupt viel vergnügter seit einiger Zeit. Sofie +fürchtete sich gar nicht mehr vor dem Heimkommen. Sie wußte nicht, +daß die Mutter oft dachte, wenn andere Leute so eine Freude an ihren +Kindern haben, so könne sie es wohl auch, denn ihr gehören sie ja doch +zuerst. Und der Vater sah auch heiterer aus, wenn er heimkam, und +jedes etwas Vergnügliches zu erzählen wußte, und die Kinder so sauber +aussahen, und die Stube aufgeräumt war. —</p> + +<p>Es war an einem der letzten Ferientage, da kam Sofie eines Nachmittags +allein an. »Wir können heut nicht kommen,« sagte sie. »Der Vater +hat im Geschäft frei und jetzt machen wir einen Spaziergang alle +miteinander. Man nimmt den Kinderwagen mit, und dann kommen wir +vielleicht bis in den Wald.« Sofie sah stolz und glücklich aus und +sprang lustig davon. Merkwürdig, Gretel war gar nicht betrübt, daß +heute ihre kleine Gesellschaft nicht kam. Sie hatte heute morgen eine +ihrer Schulfreundinnen entdeckt, die von der Reise zurück war, und +es gelüstete sie nun stark, einmal wieder mit Mädchen ihres Alters +zu spielen und zu plaudern. Sie war doch auch<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> schon zehn Jahre +alt, und den armen Kindern gegenüber war sie immer so eine Art von +Mütterlein gewesen. So sah sie ganz vergnügt zu, wie die Familie drüben +miteinander auszog, und als bald nachher die Freundin kam, meinte sie, +noch nie so vergnügt gespielt zu haben, wie heute. Aber als Klara, so +hieß die Freundin, von den Freuden ihrer Reise erzählte und ein wenig +mitleidig sagte: »Dir wird's auch oft langweilig gewesen sein!« da +schüttelte Gretel den Kopf. »Behüte,« sagte sie, »ich habe so viel +Nettes erlebt, man kann es gar nicht aufzählen. Aber auf die Schule +freue ich mich doch auch wieder.«</p> + +<p>Jetzt hat die Schule schon lang wieder angefangen, und wer weiß, ob +Gretel nicht die nächste Ferienzeit irgendwo auf dem Lande verlebt. +Denn eine liebe Tante hat sie schon lang eingeladen. Aber so oder so, +vor Langeweile braucht sie sich nie mehr zu fürchten. Es gibt überall +große oder kleine Leute, denen man eine Freude machen kann, es müssen +nicht gerade ein paar arme »Gäßleskinder« sein. Und wer andern Freude +macht, wird selber auch vergnügt, das weiß man schon lang, und Gretel +weiß es auch.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span></p> + +<h2>9. Wie Heini den Rückweg fand.</h2> +</div> + + +<p>Der Heini stand ganz oben auf der Bühne, sah zu einem kleinen +Guckfenster hinaus und seufzte. Man hätte sich ein wenig wundern +können, daß er seufzte, denn er sah gar nicht aus, als ob ihm etwas +fehle. Er hatte dicke rote Backen und war stark und gesund. Und dazu +steckte er in einem nagelneuen, blau und weiß gestreiften Anzug und +neben ihm auf einer Kiste lag ein mächtig großes Butterbrot. Der +kleine Eseltreiber, der unten am Haus vorbeizog, wäre glücklich +gewesen, wenn er es gehabt hätte. Aber der Heini war noch eher geneigt, +den Eseltreiber zu beneiden, als daß er sich selbst beneidenswert +vorgekommen wäre. Denn der Hansjörg konnte doch mit seinem Esel nach +Herzenslust die schönen Wälder durchstreifen und kam auf all die hohen +Berge, die der Heini nur von unten ansehen durfte, und keine ängstliche +Tante rief den ganzen Tag hinter ihm drein: »Heini, geh mir ja nicht zu +weit! Heini, iß nur ja keine Beeren im Wald! Falle mir nur ja nicht an +der Ruine hinunter!«</p> + +<p>So arg, wie sich das der Heini nun ausdachte, war es in Wirklichkeit +auch nicht. Er steigerte sich nur jetzt unmutig in den Gedanken hinein, +daß er zu bedauern sei, und wenn man das tut, so vergißt man dann ganz, +wie viel Gutes und Schönes man hat.</p> + +<p>Heini war seit vierzehn Tagen hier in einem wunderschön gelegenen +Luftkurort im Schwarzwald. Seine Tante hatte ihn mitgenommen und er +sollte die ganze lange Sommervakanz<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> hier zubringen dürfen. Sein Name +stand gedruckt in der Fremdenliste: Heinrich Speidel aus Stuttgart. +Und Heini hatte die Liste mit Stolz an seinen besten Kameraden nach +Hause geschickt und fühlte sich sehr als Badegast. Dazu bewohnte er +ein kleines Stübchen ganz allein und konnte darin treiben, was er nur +wollte. Zu Hause teilte er das Zimmer mit den beiden jüngeren Brüdern, +und ein eigenes Kämmerchen war schon lang seine Sehnsucht. Daheim +hatte man vom Fenster aus nur den Metzgerladen gegenüber gesehen, +hier brauchte Heini nur im Bett die Augen zu öffnen, um dann schon +die prächtigen, bewaldeten Vorberge des Blauen zu sehen, auf denen +zum Teil noch Ruinen alter Ritterburgen waren. Diese Aussicht war +wirklich etwas sehr Erfreuliches; wäre sie nur nicht gar so verlockend +gewesen! Den Heini trieb Tag und Nacht das Verlangen, einmal selbst +auf diesen Gipfeln zu sein, in dem alten Gemäuer umherzustreichen und +dann vielleicht wunderbare Entdeckungen zu machen. Aber die Tante hatte +ihn bis jetzt immer auf später vertröstet. Sie war ein wenig leidend +und sollte in den ersten Wochen ihres Aufenthalts nicht so große Wege +machen. Und sie wollte den achtjährigen Buben durchaus nicht, wie er +sich so stürmisch wünschte, allein oder auch nur mit ein paar Kameraden +ausziehen lassen, die nicht viel älter waren als er selbst.</p> + +<p>Heute waren drei der hier gewonnenen Freunde zusammen nach dem +Neuenfels gewandert, einer bewaldeten Bergkuppe, auf der sich eine +besonders weitläufige, guterhaltene Ruine befand. Und sie waren für den +ganzen Tag ausgezogen, mit kaltem Mittagessen in den Tornistern! Heini +hatte flehentlich gebeten, mitzudürfen, umsonst. »Die hiesige Ruine ist +noch viel schöner,« hatte die Tante gesagt. »Und du hast dir noch nicht +die Hälfte von all den wunderschönen Wegen, Sitz- und Spielplätzen +angesehen, die es rings um den Ort her gibt!«<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> Dabei war sie geblieben, +trotz allen Aufwands an Bitten und Tränen und zornigem Fußstampfen, den +der Heini veranstaltet hatte.</p> + +<p>Das war der Schmerz, der den Heini so tief aufseufzen ließ an seinem +Guckloch auf der Bühne. Er hatte, soweit man von hier aus konnte, den +Weg seiner Freunde mit den Augen verfolgt und dabei düstere Gedanken +ausgebrütet. Er wollte doch noch auf den Neuenfels kommen! Auch ohne +die Tante! Er war kein solches Wickelkindchen mehr, das man immer an +der Hand führen mußte!</p> + +<p>Dabei war er gerade, als Fräulein Jettchen auf die Bühne kam, eine +der drei alten Schwestern, denen die Fremdenpension gehörte. Fräulein +Jettchen war sonst eine sehr gute Freundin von Heini. Sie besorgte die +Küche und es verging nicht leicht ein Tag, wo sie das Büblein nicht +heranrief: »Komm, komm, Kleiner, da hast du ein warmes Flädchen! Guck +einmal, Heini, da habe ich nun gerade noch so ein kleines Lebküchlein +gefunden, das mußt du haben!« Sie hatte eine humoristische Art und alle +drei Schwestern hatten die Kinder lieb und der Heini konnte es bei +ihnen so gut haben, wie er sich nur denken konnte.</p> + +<p>Jetzt war Fräulein Jettchen hoch erstaunt, den Wildfang Heini einsam da +oben zu finden. Er war sonst fast nur bei den Mahlzeiten im Hause und +hatte so viele Kameraden, daß er sie kaum aufzählen konnte.</p> + +<p>»Ja, was in aller Welt hat denn das Büblein da oben zu schaffen? Und +gar kein vergnügtes Gesicht? Und das Vesperbrot noch unberührt?« +Fräulein Jettchen setzte ihren Korb mit Dörrbohnen ab und trat zu Heini +heran. Der biß sich fest auf die Unterlippe und sah angelegentlich vor +sich hin. Er konnte nicht gut sagen, was er soeben gedacht hatte.</p> + +<p>»Unzufrieden? Ei, ei, ei!« Nun mußte das alte Fräulein sehr bedenklich +den Kopf schütteln.</p> + +<p>»Wenn man's so gut hat, wie du! So eine schöne<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> Vakanzzeit und eine so +liebe Tante, die einem so viel Freude macht!«</p> + +<p>»Ja, aber auf den Neuenfels hat sie mich nicht mitgelassen,« murrte +Heini, »die andern Buben lachen mich aus! Ich hätte gut so weit laufen +können! Und ich gehe doch auch noch hin, ich bin auch nicht mehr so +klein!«</p> + +<p>Fräulein Jettchen hatte sich auf einen Koffer gesetzt und sah sehr +feierlich aus. Manche Leute sagten, sie habe manchmal eine Stimme wie +ein Pfarrer, und das hatte sie jetzt auch, als sie warnend den Finger +aufhob und sagte:</p> + +<p>»Kind, Kind, paß wohl auf, daß du dich nicht verläufst! Wenn die +Schäflein gar nicht mehr wissen, wie gut sie es auf der Weide haben und +wollen's immer <em class="gesperrt">noch</em> besser finden, dann verirren sie sich und +der Schäfer muß den Hund hinter ihnen drein jagen. Und manchmal sind +sie dann so weit von der Herde weg, daß man sie gar nimmer findet, und +dann möchten sie wohl wieder gehorsam und zufrieden auf der Weide sein, +wenn sie nur wieder könnten.«</p> + +<p>»Ich bin kein Schaf,« sagte Heini trutzig, »und verirren tue ich mich +auch nicht, ich finde den Weg schon!«</p> + +<p>»Du hast dich schon ein bißchen verirrt, Büblein,« sagte Fräulein +Jettchen liebreich, »du bist trutzig und eigensinnig und weißt schon +gar nicht mehr recht, wie gut du es hast. Komm jetzt mit mir, Heini, +komm! Wir wollen es der Tante gar nicht sagen, daß du unartig gewesen +bist, es würde sie betrüben, sie ist schon <em class="gesperrt">so</em> gar nicht wohl! +Wer weiß, wenn du jetzt fröhlich und dankbar bist, dann freut sie sich +so, daß sie ganz bald mit dir auf die hohen Berge kann, und dann kannst +du dich ganz anders freuen!«</p> + +<p>Damit faßte das alte Fräulein den Trotzkopf Heini bei der Hand und +stieg mit ihm die Treppe hinunter.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>»Was denken Sie, Herr Doktor, könnte ich nicht morgen eine Fahrt nach +dem Blauen machen? Es ist mir nicht um mich, ich könnte schon noch +warten mit solchen Ausflügen. Aber mein kleiner Neffe brennt so sehr +darauf, ein bißchen in die Umgegend zu kommen! Es ist noch ein kleiner +Kerl, aber ein fester, stämmiger Bursch, und ich möchte gern, daß er +mit recht viel Freude an diese Zeit hier zurückdenkt!«</p> + +<p>Tante Julie saß in einem Korbstuhl an der sonnigsten Stelle des Gartens +und sah erwartungsvoll den alten Doktor an, der im Vorübergehen ein +kleines Gespräch mit ihr angefangen hatte. Doktor Stieler schüttelte +ein klein wenig den Kopf. »Es wäre mir lieber gewesen, wenn Sie noch +eine Woche gewartet hätten,« sagte er dann. »Die Ruhe scheint Ihnen so +gut zu bekommen.«</p> + +<p>»Meines Bruders Geburtstag ist morgen,« fuhr die Tante fort, »der +wird zu Hause auch festlich begangen. Aber freilich, wir wollen ja +nicht unvernünftig sein!« — Der Doktor sah zuerst prüfend den Himmel +und dann seine Patientin an. »Wenn sehr schönes Wetter ist und Sie +eine gute Nacht haben, so will ich denn auf morgen nichts dagegen +einwenden,« war seine Antwort. Und freundlich grüßend schritt der +Doktor weiter.</p> + +<p>Tante Julie saß noch ein Weilchen ruhig in dem warmen Sonnenschein und +überlegte sich ihren Plan auf morgen.</p> + +<p>Sie wollte noch eine Bekannte zu der Fahrt einladen, die mit ihrem +eigenen kleinen Jungen, einem schmächtigen, zarten Kind in Heinis +Alter, ebenfalls zur Kur hier war. Und dann wollte sie einen Esel dazu +bestellen, den Liebling aller jugendlichen Gäste, »Lips«, samt seinem +sonnverbrannten Führer, Hansjörg. Da konnten dann die kleinen Buben +abwechselnd daneben herreiten, und Tante Julie lächelte vergnügt vor +sich hin, wenn sie sich Heinis Jubel vorstellte. Eselreiten! das war +auch einer der sehnsüchtig erstrebten Genüsse!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span></p> + +<p>Wo der Junge nur steckte? Er hatte sich seit dem abgeschlagenen »Sturm +auf den Neuenfels« nicht mehr sehen lassen! Es tat der Tante aber +keinen Augenblick leid, daß sie nicht nachgegeben hatte. Im Gegenteil! +Heute wollte sie den Heini ganz ruhig seinem Trotzkopf überlassen +und dann morgen, ehe sie ihm die große Freude verkündete, ein paar +ernsthafte Worte mit ihm reden. Tante Julie verstand sehr gut mit +Kindern umzugehen und Heinis Neigung zum Eigensinn war ihr gar nichts +Neues. »Es wird schon noch eine Weile dauern, bis er einsieht, daß man +nicht mit dem Kopf durch die Wand kann,« dachte sie. Dann stand sie auf +und ging ins Haus.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Inzwischen hatte sich der Heini langweilig vor dem Haus umhergetrieben. +Er hätte Erlaubnis gehabt, auf den Spielplatz im Kurpark zu gehen, +wo es immer viele Unterhaltung gab. Oder er hätte die Tante gut um +Erlaubnis fragen können, ob er mit dem Kutscher Ernst ins Heu fahren +dürfe. Das hätte sie gern gestattet. Aber es gefiel ihm besser, sich +auszudenken, wie hart die Tante sei und wie schlecht er es habe. Und +dann dachte er sich noch etwas anderes aus. Der Hansjörg war dem Heini +einmal vor kurzem begegnet, als er gleich nach dem Frühstück mit der +Tante in den Wald ging. »Woher kommst du schon so bald?« hatte damals +die Tante gefragt, die mit allen Leuten gern ein freundliches Wort +sprach. Der Hansjörg hatte staubige Füße gehabt und gesagt: »Vom +Neuenfels.« »Ist's möglich?« hatte sich Tante Julie gewundert, »da mußt +du ja vor Tag aufgestanden sein?« »Vor Tag nicht. Um drei Uhr ist's +schon fast hell und ich bin erst um vier Uhr fortgegangen,« sagte der +Hansjörg. »Es ist ein Fräulein auf dem Esel hinaufgeritten, das will +nachher zu Fuß heimgehen. Und ich muß jetzt gleich mit dem ›Lips‹<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> auf +den ›alten Mann‹!« Damit war der Eseltreiber wichtig weitergeschritten, +denn das Geschäft blühte jetzt.</p> + +<p>Daran dachte der Heini, als er sich jetzt so allein herumtrieb. Er +konnte so gut wie der Eseltreiber, der noch den störrigen »Lips« zu +besorgen hatte, in aller Morgenfrühe die Wanderung unternehmen und +wieder da sein, ehe man ihn vermißte. Die Tante stand manchmal sehr +spät auf, und das tat sie vielleicht morgen auch. Die Richtung, die man +einzuschlagen hatte, kannte der Heini gut, und dann sah man ja auch +die Ruine immer vor Augen und konnte sich gewiß nicht verirren. Er kam +immer mehr in seinen Plan hinein und saß, gegen seine Gewohnheit, eine +ganze Weile still auf der Hausstaffel, um sich alles genau auszudenken.</p> + +<p>Zwar dem Vater hatte er versprochen, der Tante in allen Stücken zu +gehorchen. »Aber ich glaube sicher, der Vater hätte mich mitgelassen,« +beschwichtigte der Heini sein mahnendes Gewissen; »und dann, ich bin +ja schon wieder da, wenn die Tante aufwacht! Warum ist sie auch so +ängstlich und erlaubt einem gar nichts!« Und Heini beschloß, nicht mehr +auf die unangenehmen Stimmen zu hören und sich »wie andere Buben auch« +auf die Wanderung zu freuen. »Und der Papa kann's erst noch leiden, +wenn man kein so Hasenfuß ist! Und ich will auch keiner sein!« — Damit +schloß der Heini seine Selbstbetrachtung. Fräulein Jettchen rief eben +zum Abendessen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es war ein strahlend sonniger Morgen. Heini glaubte, als er erwachte, +noch ganz unerhört früh daran zu sein und staunte höchlich, daß andere +Leute auch schon wach waren. Auf der Wiese, die sich hinter dem Haus +hinaufzog, saß der Taglöhner Friedrich und dengelte seine Sense; er +hatte schon ein großes Stück gemäht. Und im Hof hörte der Heini das +Küchenmädchen<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> am Pumpbrunnen. Leise, um die Tante nicht zu wecken, +schlüpfte Heini in seine Kleider und schlich sich zur Tür hinaus, die +er nur anlehnte. Tante Julie schlief nämlich im Zimmer daneben und +sagte oft, daß sie einen sehr leichten Schlaf habe und gut höre, was um +sie her vorgehe.</p> + +<p>Merkwürdig, es zog den Heini jetzt am Morgen nicht mehr halb so sehr, +wie am Tag zuvor, nach dem ersehnten Neuenfels. Und einen Augenblick +besann er sich, ob er nicht lieber dableiben wolle. Es war doch +auch sehr hübsch in der Nähe. Und das Frühstück im Garten und die +Trompetermusik im Kurpark, das war doch auch beides ein Genuß! Aber +dann regte sich der böse Trotz wieder. »Ich will aber,« sagte Heini +halblaut und schlüpfte zu der angelehnten Haustüre hinaus.</p> + +<p>Da lag die Straße vor ihm im hellen Morgensonnenschein. An allen +Gräslein und Büschen und Bäumen hingen noch die schimmernden, +glitzernden Tautropfen und an den Bergen wogten noch die Morgennebel +hin und her, wie weiße Schleier. Und gerade vor dem Heini, hell +beschienen, weiß glänzend, stand der Neuenfels, dessen Steinmassen und +Mauerstücke aus dem grünen Wald förmlich herausleuchteten. Es sah aus, +als ob er ganz nah da wäre. »O, ich kann noch zum Frühstück wieder da +sein,« dachte Heini und fing an zu rennen. Er wollte sich die Sache +absolut nicht gereuen lassen.</p> + +<p>Die weiße, staubige Landstraße, mit frisch gemähten Wiesen zu beiden +Seiten, lag hinter dem kleinen Wandersmann. Er trat jetzt in den +dämmerigen, kühlen Wald ein, den er auf dieser Seite noch nie betreten +hatte. »Fehlen kann man da nicht,« dachte Heini, »die Straße geht ja +ganz gleich weiter und der nette kleine Fußweg läuft gerade daneben +her, und der ist ganz weich und moosig.« Er schlug jetzt diesen ein, +man konnte so schnell gehen auf dem weichen Teppich.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span></p> + +<p>Es war ganz still im Wald, nur hie und da huschte ein Eichhörnchen an +den hohen Stämmen hinauf. Deren gab es viele in der Gegend. Heini hätte +schon so lange gern eins besessen. Eben jetzt kam ein ganz reizendes +Tierchen mit langem buschigem Schwanz ganz nahe heran. Es machte einen +possierlichen Satz um den andern, flüchtete sich dann wieder in die +Höhe und schwang sich von einem Baum zum andern. Der Heini war ganz +hingerissen. »O, o, wenn ich nur so ein Tierchen hätte,« sagte er laut. +»O, wenn ich nur eins mit heimnehmen könnte!«</p> + +<p>Man kam sehr schnell vorwärts auf diese Art. Nur hatte der Heini +gar nicht bemerkt, daß der Fußweg schon lange von der weißen Straße +abgebogen war. Er sah es erst, als das Eichhörnchen ganz in der hohen +Krone einer riesigen Eiche verschwand. Zuerst erschrak er ein wenig, +denn er hatte ja immer der Straße nach gehen wollen. Aber dann sah er +wieder etwas Weißes durch die Stämme leuchten und ging gleich darauf +zu. Es war auch eine Straße, aber es war nicht die richtige, das wußte +aber der Heini nicht. Er ging nun lange auf dieser weiter und wunderte +sich nur immer im stillen, daß es so lange eben fortging. Der Berg +hätte seiner Meinung nach schon längst beginnen sollen.</p> + +<figure class="figright illowp61" id="illu-131" style="max-width: 31.25em;"> + <img class="w100" src="images/illu-131.jpg" alt=""> +</figure> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span></p> + +<p>Heini fing auch schon an, etwas müde zu werden. »Ich könnte ein ganz +klein wenig hinsitzen,« dachte er. »Nicht lange, sonst komme ich am +Ende doch zu spät.«</p> + +<p>Es gab schöne Brombeeren am Wege. Sie waren erst halbreif, aber dem +Heini schmeckten sie doch. Es war sonderbar, er hatte Hunger, und +es konnte doch noch lange nicht Frühstückszeit sein. »Das kommt vom +Frühaufstehen,« dachte Heini. »Ich bin es nicht gewöhnt.«</p> + +<p>Dann zog er wieder weiter. Er hatte jetzt einen schmalen Fußweg +gefunden, der richtig ziemlich steil in die Höhe ging. »Auf der +langweiligen Straße hätte ich noch lang weiterlaufen können,« sagte +sich Heini. Er war ganz froh, daß es wenigstens jetzt in die Höhe +ging. »Ein bißchen weit ist's doch,« gab er jetzt zu. »Hätte mich +Tante Julie mit den andern Buben gelassen, so müßte ich jetzt nicht +allein auf diesen Neuenfels!« Merkwürdig, nächstens mußte die Tante +noch schuldig sein, daß der Heini davonlief! Der Fußweg machte +wieder allerlei Windungen; manchmal war er fast ganz überhangen von +Brombeergesträuch und endlich hörte er ganz auf. Da stand nun der +Heini mitten im Wald und nichts rührte sich weit und breit um ihn +her. Doch, oben über den Tannen flogen ein paar Raben und krächzten +laut. Und er wußte nicht weiter. Den Neuenfels sah man ja schon lange +nicht mehr, und Heini hatte nur immer gehofft, der Wald werde sich +jetzt dann auf einmal lichten und dann werde er gerade an der Ruine +herauskommen. Jetzt getraute er sich gar nicht mehr vorwärts. Es war +überall hoher, dichter Tannenwald. Und durch die hohen Stämme drang das +Sonnenlicht in einzelnen Strahlen. Da fiel dem Heini ein, daß es wohl +schon jetzt Frühstückszeit sei, und daß die Tante ihn nun suchen würde. +Und Fräulein Jettchen und Luischen und Lina würden ebenfalls nach ihm +suchen und ihn überall rufen: »Heini, Büblein, so komm doch, komm!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span></p> + +<p>Und er stand im Wald und hatte sich verirrt! Das hatte er, es war so! +Was hatte Fräulein Jettchen gestern gesagt?</p> + +<p>O, es fiel dem Heini wieder alles ein, sie hatte es so feierlich gesagt +wie ein Herr Pfarrer. Er hatte es nicht ausstehen können, aber es war +doch wahr. Und jetzt hatte er sich richtig verirrt und mußte noch froh +sein, wenn er sich schnell wieder auf dem gleichen Weg heimfand. Den +andern Buben wollte es der Heini lieber gar nicht sagen, daß er den Weg +nicht gefunden habe. Und die Tante würde ja wohl zanken! Oder am Ende +machte sie auch so ein betrübtes Gesicht, wie die Mama zu Hause allemal +tat, wenn der Heini eigensinnig und trotzig war. »Da möcht' ich dann +schon noch lieber gezankt werden,« dachte der kleine Ausreißer.</p> + +<p>»Vielleicht, wenn ich ganz schnell auf dem gleichen Weg zurücklaufe, +immerfort, ohne Aufhören, dann komme ich doch noch bald genug. Und dann +kann Tante Julie nichts sagen, nein, dann kann sie nicht! Denn dann bin +ich gar nicht auf dem Neuenfels gewesen, nur im Wald!« Unter solchen +Gedanken war der Heini umgekehrt, hatte auch endlich die ebene Straße +wieder erreicht und rannte darauf fort, so müde er auch war. »Lieber +Gott, laß mich auch noch bald genug heimkommen,« betete er drunter +hinein. Aber dann kam man an so sonderbaren Felsstücken vorbei und an +einer kleinen Schutzhütte, die der Heini noch nie gesehen hatte, und +auf einmal merkte er, daß er wieder die falsche Richtung eingeschlagen +hatte. Und da war es ganz zu Ende mit allem kecken Mut und allem Trotz +des kleinen Buben. Er setzte sich ganz hilflos auf einen Rain und fing +an zu weinen.</p> + +<p>»Manche verlaufen sich auch so weit, daß man sie gar nimmer finden +kann,« hatte Fräulein Jettchen gesagt. »Und dann möchten sie gerne +zufrieden und dankbar auf der Weide sein, wenn sie nur könnten.« Und +dann hatte sie auch noch<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> gesagt: »Du bist auch jetzt schon ein bißchen +verirrt, Büblein. Denn du bist unzufrieden und trutzig und siehst nicht +recht, wie gut du es hast.«</p> + +<p>Als das dem Heini alles nacheinander einfiel, weinte er immer noch +stärker. Jetzt war es so, jetzt konnte man ihn vielleicht gar nicht +mehr finden! Und die Tante mußte nach Hause schreiben: »Der Heini ist +im Wald verloren gegangen. Er war unfolgsam.« Und dann würde die Mutter +immer zu den Kleinen sagen: »Machet es nur niemals wie der Heini!«</p> + +<p>Und dann fiel ihm auch noch ein, wie gut und lieb die Tante immer +gegen ihn gewesen war. Ja, gestern abend noch, beim Gutenachtsagen, +da hatte sie zu ihm gesagt: Du wirst schon noch sehen, was wir noch +Schönes zusammen erleben. Er hatte sich aber gegen die Wand gekehrt und +nur ganz schnell sein Vaterunser hergesagt. Und dann war er trutzig +eingeschlafen. Ja, das Vaterunser! Das hatte der Heini natürlich heute +morgen auch vergessen! Wenn man etwas vorhat, das nicht recht ist, +denkt man nicht an den lieben Gott. Und der liebe Gott will auch nicht +hören, daß man sagt: Dein Wille geschehe, wenn man jetzt gerade so +ernstlich denkt: Ich will aber tun, was ich will!</p> + +<p>Heini war gar nicht recht so keck, jetzt noch das Vaterunser zu beten. +Und doch wollte er so gern, daß der liebe Gott ihm wieder helfe, und +er wollte auch ganz gewiß nicht mehr unzufrieden sein und trotzig +und unfolgsam. Da fiel ihm ein Verslein ein, er sagte es laut mit +gefalteten Händen unter sein Schluchzen hinein:</p> + + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Alle Schritt und alle Tritt</div> + <div class="verse indent0">Geh du, lieber Heiland, mit!</div> + <div class="verse indent0">Gehe mit mir ein und aus,</div> + <div class="verse indent0">Führe du mich selbst nach Haus!«</div> + </div> +</div> +</div> + + +<p>Und dann fügte er noch hinzu: »Und mach auch, daß die Tante keine so +arge Angst hat und daß sie mir's gewiß glaubt, daß ich jetzt brav sein +will.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span></p> + +<p>Als der Heini so gebetet hatte, war er schon ein wenig getroster +geworden. Das Verslein hatte er immer als kleines Büblein gebetet. +Seit er in der Schule das Vaterunser gelernt hatte, überließ er das +»Kleinkinderverslein«, wie er sagte, den Kleinen. Er durfte nun immer +am Morgen und Abend das Vaterunser laut beten. Nur dachte er oft gar +nicht an seinen schönen Inhalt. Die Gedanken flogen oft schon voraus +auf den Spielplatz oder zu einem Geschichtenbuch. So kam es, daß der +Heini im Vaterunser gar nicht so recht daheim war. Aber solang er mit +der Mutter »alle Schritt und alle Tritt« gebetet hatte, da hatte diese +ihm jedesmal dann nachher einen Kuß gegeben und gesagt: »So wird dir +dann auch nichts geschehen! Und jetzt geh und sei vergnügt und brav!« +Und der Heini setzte in Gedanken nun auch hinzu: So wird mir dann auch +nichts geschehen! Es war ihm jetzt viel leichter als vorher, es kam +ihm gar nicht mehr vor, als ob er den Heimweg nicht finden könnte. Er +hatte ja auch schon den Rückweg von seinem bösen Eigensinn gefunden, da +konnte es ihm freilich wohler sein als zuvor.</p> + +<p>Als er sich gerade daran machen wollte, auf dem seitherigen Weg +zurückzugehen, und immer noch ein wenig vor sich hinschluchzte, da +hörte er hinter sich ein lautes: »Hüoh!« Ein schwerer Wagen rumpelte +daher und der Fuhrmann im langen blauen Leinenkittel ging daneben her +und rauchte seine kurze Pfeife dazu. Heini atmete tief auf. Jetzt war +doch ein Mensch da, mit dem man sprechen konnte! Bescheidentlich ging +er auf den Bauern zu: »Möchten Sie mir vielleicht sagen, wo der Weg +nach Badenweiler geht? Ich — ich habe auf den Neuenfels gewollt und +jetzt —« Heini konnte seine Tränen nicht mehr hinunterschlucken, sie +stürzten jetzt wieder ganz unaufhaltsam hervor.</p> + +<p>»Auf den Neuenfels? Du meine Güte, Büblein! Der<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> liegt ja ganz +da drüben!« Der Fuhrmann beschrieb einen großen Bogen mit seinem +Peitschenstiel. »Und ganz allein bist du? Und kommst von Badenweiler? +Am Ende durchgegangen, was?«</p> + +<p>Heini konnte nur immer nicken, es drückte ihn doch noch sehr, daß er so +weit weg war von daheim. Der Fuhrmann nahm den Heini aber jetzt ganz +väterlich bei der Hand. Er hatte selber einen kleinen Buben daheim +und Heini sah so zerknirscht aus, daß er ihm keine Strafrede halten +konnte. »Da sitz auf, Kleiner,« sagte er. »Du wirst wohl müde sein. +In fünf Minuten ist auf dieser Seite der Wald aus und dann sieht man +Badenweiler liegen. Nur kommst du jetzt gerade von der andern Seite +hinein, als du herausgegangen bist. Wenn du schnell gehst, langt's noch +zum Mittagessen.«</p> + +<p>Heini hätte lachen und weinen mögen auf einmal. Lachen, weil er richtig +nach kurzer Frist die bekannte Schloßruine und alle die bekannten +Häuser vor sich liegen sah und er gar kein großes Stück mehr zu gehen +hatte, um heimzukommen. Und weinen, weil es schon nächstens Mittagszeit +war und die Tante gewiß schon nach allen Richtungen hin nach ihm +geschickt hatte und nun in großen Ängsten war.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es war aber anders gegangen daheim, als der Heini befürchtete. Tante +Julie hatte eine schlechte Nacht gehabt und war erst am frühen Morgen +eingeschlafen. Als sie erwachte, war schon ein gutes Stück vom +Vormittag vorbei. »Der Heini ist so still heute,« hatte sie zu Anna, +dem Stubenmädchen, gesagt, das ihr den Kaffee brachte. »Ist er denn +schon fort? Das ist mir ganz merkwürdig!«</p> + +<p>Anna war ein wenig verlegen. Es war ihr streng anbefohlen, nichts von +dem Fehlen des Buben zu sagen; Fräulein<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> Jettchen hatte schon da und +dorthin geschickt, wo man ihn vermutete, und wartete nun erst auf die +Boten. So sagte Anna nur: »Ich denke, er wird auf dem Spielplatz sein,« +und die Tante nickte müde. Eigentlich war sie froh, daß der kleine +Plagegeist gerade heute so ruhig war. Sie hatte immer noch Kopfweh und +konnte notwendig etwas Ruhe brauchen. »Es tut mir leid, aber es kann +nichts aus der Blauenfahrt werden für heute,« dachte sie noch. »Ich +bin doch froh, daß ich's ihm noch nicht gesagt habe.« Dann schloß sie +die Augen wieder und ließ die Zeit ganz still an sich vorbeigehen. Auf +einmal fuhr sie erschreckt auf.</p> + +<p>Auf der Straße wurden allerlei Stimmen laut, die tiefe, starke von +Fräulein Jettchen und dann die hohe von Fräulein Lina und noch die +liebevolle von Fräulein Luischen. »Ach Gott, das Büblein? Aber Heini, +was ist das mit dir? Halb tot ist man vor lauter Angst um dich!« So +tönte es durcheinander. Den Heini hörte man gar nicht gleich. Endlich +vernahm die Tante seine Stimme, aber sie tat so leise, man verstand +kein Wort oben. Was konnte nur mit dem Jungen sein? Ehe sich die Tante +aber recht besinnen konnte, flog die Tür auf und der Heini herein. +»Ach Tantele, sei doch nur wieder gut, ich will ganz gewiß nicht mehr +fortlaufen! Und auch nicht mehr so sein, so, du weißt schon wie! Und +schreib's auch nicht heim, gelt?« Die Tante wußte sich fast nicht zu +retten vor den stürmischen Umarmungen des stämmigen Heini. »So sag +mir nur zuerst, was du hast und wo du gewesen bist?« sagte sie. Und +der Heini mußte nun seine ganze Geschichte von Anfang an erzählen. Er +stockte manchmal ein wenig, denn er mußte sich doch noch schämen, daß +er so böse Gedanken gehabt und sie dann auch ausgeführt hatte. Die +Tante half ihm aber ganz liebreich wieder zurecht. »So wirst du's ja +jetzt selber wissen, was ich dir heute noch sagen wollte,«<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> sagte sie. +»Du hast jetzt selber gesehen, wie's einem geht, wenn man im Trotz +erzwingen will, was man nicht soll. Dann läuft man sich ab und wird +müde und macht einen weiten Umweg und kommt erst nicht dahin, wo man +gerne hinwollte. Am Ende muß man dann noch recht froh sein, wenn man +den Heimweg wieder findet.« Der Heini verstand das jetzt sehr gut. Er +wollte sich die Lehre auch sein Leben lang merken.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es kam dann später noch einmal ein wunderschöner Tag, an dem die +Blauenfahrt richtig zur Ausführung kam.</p> + +<p>Heini ritt stramm neben dem Wagen her auf seinem Esel, denn der kleine +Kamerad, der miteingeladen war, saß lieber auf den weichen Polstern und +begehrte nicht zu reiten.</p> + +<p>Den Heini dünkte aber Reiten und durch die Wälder streifen das +Allerschönste, und weil er es heute mit gutem Gewissen konnte, so war +er auch so fröhlich, daß er laut hinausjodeln mußte. Und das Echo gab +jeden Ton getreulich wieder.</p> + +<p>Heini hätte fast wieder angefangen, den Hansjörg zu beneiden, der +barfuß neben ihm herschritt. Der mußte ja nicht wieder nach Hause, in +die Stadt und in die Schule, sondern konnte immer hier bleiben und alle +Tage in den Wäldern umherschweifen.</p> + +<p>Das sagte er auch zu ihm. Aber der Hansjörg schüttelte den Kopf. »Und +ich gäbe gleich den Lips her und noch mein Schnitzmesser dazu, wenn +ich's hätte wie du,« sagte er. »Immer genug zu essen und lernen dürfen, +soviel man will, und deine Tante ist immer brav und schlägt dich +nie!« »Nein,« gab Heini zu, »das tut sie nie, und meine Mama schlägt +mich auch nie und der Papa nur selten, wenn es sein muß. Es muß aber +natürlich fast nie sein. Ich bin ja nicht mehr so klein.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span></p> + +<p>»Du hast's lang gut,« seufzte der Hansjörg. »Ich habe niemand als nur +die Base und den Vetter. Ich kriege oft Schläge und — —«</p> + +<p>In diesem Augenblick machte Lips einen gewaltigen Satz und das Gespräch +wurde abgebrochen.</p> + +<p>Dem Heini ging es aber noch lang durch den Kopf. Als er am Abend seine +Freundin, Fräulein Jettchen, in der Küche besuchte, um ihr von dem +schönen Tag zu berichten, konnte er fast kein Ende finden. »Es war +einfach alles schön,« sagte Heini, »nicht einmal der Hansjörg möchte +ich mehr sein, und keiner von den andern Buben, ich möchte am liebsten +ich selbst sein, denn ich hab's doch am allerbesten!«</p> + +<p>Fräulein Jettchen warf gerade Küchlein in heißes Schmalz und ließ sie +goldbraun backen. So konnte sie jetzt nicht viel sagen. Sie nickte nur +ganz zustimmend: »Das ist auch wahr.« Und es war auch so, denn der +Heini hatte jetzt ein zufriedenes und dankbares Herz. Und besser als +ein zufriedener und dankbarer Mensch kann's überhaupt niemand haben, er +sei groß oder klein.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span></p> + +<h2>10. Ein Ersatz.</h2> +</div> + +<p>»Großmutterle, denk dir nur, das Dorle kommt in die Hölle! Weißt du, +das Dorle, das immer bei Wolfs im Stall ist und die Milch ausmißt!«</p> + +<p>Agnes stellte ihren vollen Milchtopf sehr energisch auf den Tisch und +atmete tief auf. Es war keine Kleinigkeit gewesen, diese wichtige +Mitteilung bis ins Haus und noch zwei Treppen hoch zu tragen und dabei +noch aufzupassen, daß man nichts verschüttete. Jetzt pflanzte sie sich +mit blitzenden Augen vor der Großmutter auf.</p> + +<p>»So, so,« sagte diese, »das ist aber sehr betrübt! Woher weiß man's +denn so genau?«</p> + +<p>»Wilhelm Schluchter hat's gesagt! Der geht schon in die große Schule. +Sechs Junge hat Wolfs Katze gehabt, o so nette Tierlein, graue und +schwarze und ein gelbes und dann noch ein schwarz und weißes. Das +Dorle hat ihr aber alle genommen bis auf eines und hat sie in einen +Sack mit Steinen getan und in den Neckar geworfen! Wilhelm Schluchter +hat gesagt, es sei eine Sünde und eine Schande. Wenn man so etwas tut, +kommt man in die Hölle, hat er gesagt. Und das geschieht ihr auch +recht!«</p> + +<p>Agnes hatte das alles hervorgesprudelt, ohne abzusetzen, denn die Sache +lag ihr sehr am Herzen.</p> + +<p>»Da bin ich nun gar nicht mit dem Wilhelm einig,« sagte die Großmutter +bedächtig und strich dem aufgeregten Kind über das kurzgeschnittene +braune Haar, das sich förmlich in die Höhe gestellt hatte vor Eifer.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span></p> + +<p>»Siehst du, wenn nun diese Kätzlein alle am Leben geblieben wären und +wären alle groß geworden, so hätte sie dann das Dorle auch alle füttern +müssen. Denk einmal, wieviel Milch man da an jedem Tag gebraucht hätte +und wieviel Brot!«</p> + +<p>»Und es gibt so viel arme Kinder, die froh sind, wenn sie sich satt +essen können. Da gibt dann das Dorle lieber den Kindern der armen +Meierin eine Milch oder ein Brot und da tut sie ganz recht daran. +Kätzlein gibt es auch so noch genug auf der Welt!«</p> + +<p>Agnes hatte dieser Erklärung aufmerksam gelauscht und auch ein paarmal +einverstanden genickt.</p> + +<p>»So will ich das dem Schluchter sagen,« schlug sie vor. »Er wird's +nicht so recht gewußt haben. Er hat keine Großmutter, nur seine Mutter +und die ist fast gar nie daheim.« Aber dann stieg noch ein neuer +Gedanke in Agnes auf, den der letzte Satz der Großmutter erweckt hatte: +»Es gibt noch Kätzlein genug auf der Welt.«</p> + +<p>»Großmutter,« fing sie wieder an, »wir haben aber keins. Das schwarz +und weiße lebt noch. Es ist das nettste von allen, es hat so ein +herziges rotes Zünglein. O wenn ich das nur hätte! Großmutter, glaubst +du, daß die Mutter erlaubt, daß ich mir das Kätzlein holen darf? Das +Dorle gibt mir's sicher! Es hat gesagt, an der alten Katze sei es ganz +genug im Haus.«</p> + +<p>Die Großmutter zweifelte nicht, daß die Mutter die Aufnahme des +Kätzleins gestatten werde, und sprach das auch aus. In diesem +Augenblick rief die Mutter auch schon nach der kleinen Tochter, und +diese folgte dem Ruf diesmal sehr schnell und sehr willig, denn sie +wollte gerne auch gleich ihre Bitte vortragen. Man hörte schon auf der +Treppe ihre erregte Stimme: »O Mutter, das muß ich dir ganz zuerst +sagen — — —«</p> + +<p>Die Großmutter blieb allein zurück. Sie strickte an einem braunen +Kinderstrumpf. Wer sie oft gesehen hätte, der hätte<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> am Ende denken +können, sie brauche sehr lang, bis dieser Strumpf fertig sei. Es war +aber allemal wieder ein neuer, denn es waren so viele Füße zu bedenken, +daß die Großmutter niemals mit Stricken fertig werden konnte. Da waren +schon große Enkelsöhne, die nur in den Ferien nach Hause kamen, dann +trippelte es im Hause selbst den ganzen Tag von Buben und Mädchen. Sie +gingen zum Teil schon in die Schule, zum Teil waren sie noch klein und +mußten gehütet werden. Aber alle wußten gut den Weg zur Großmutter, +die im zweiten Stock wohnte und die immer für die Großen und für die +Kleinen zu sprechen war.</p> + +<p>Agnes war nun nicht mehr so klein, daß man sie hüten mußte wie die +beiden jüngsten Schwesterlein. Für die Schule war sie aber auch noch +nicht groß genug, da sollte sie erst nächsten Frühling hinkommen. +So konnte sie sehr oft die Treppe zur Großmutter hinaufsteigen, +denn diese wußte fast immer etwas, mit dem sich das lebhafte Kind +unterhalten konnte. Und der »Sturmwind«, wie Agnes von den Brüdern +geheißen war, weil sie so schnell hin- und herfuhr, konnte hier oben +wirklich manchmal eine ganze Weile stillsitzen und sich auf ruhige Art +beschäftigen.</p> + +<p>Jetzt nickte die Großmutter ganz befriedigt vor sich hin. »Das ist ganz +gut für das Kind, wenn es das Kätzlein zu versorgen hat,« sagte sie zu +sich selbst, »das gibt eine gute Übung.«</p> + +<p>Daß es eine gute Übung gäbe, daran hatte nun Agnes allerdings nicht +gedacht. Sir hatte ein Wohlgefallen an dem munteren, zierlichen +Tierchen gefunden, und sie dachte sich nun, solang sie zum Bäcker und +Kaufmann unterwegs war, mit großem Genuß aus, wie man mit dem Kätzlein +spielen könne, es im Puppenwagen ausfahren, mit einem Halsbändchen +schmücken und — ja, wie konnte man es nur heißen? Das gab sehr vielen +Stoff zum Nachdenken!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span></p> + +<p>»Siehst du, Großmutter, da ist's! Ist es nicht herzig?« Agnes kam am +andern Tag in aller Frühe mit strahlendem Gesicht an. Das Kätzchen, +das sich noch ein wenig scheu und ängstlich zeigte, trug sie sachte +im Schürzchen. »Man muß jetzt immer ›Mimi‹ zu ihm sagen, Großmutter. +So heißt's jetzt, gelt, das ist ein schöner Name! Soll ich eine Taufe +halten, was meinst du? Tätest du es bei dir in deinem Bett schlafen +lassen, Großmutter, wenn du mich wärest?«</p> + +<p>Die Großmutter hatte lächelnd all die vielen Fragen an sich +vorbeischwirren lassen, jetzt sagte sie: »Das ist ein bißchen viel auf +einmal gefragt, Kind! Eine Taufe hält man nicht bei Katzen. Ich habe +einmal eine gehabt, die hieß Peter. Mimi ist aber auch schön. Ins Bett +darfst du das Kätzlein aber nie nehmen, nicht einmal ins Schlafzimmer. +Es könnte einmal dem Schwesterlein aufs Gesicht sitzen und es tot +drücken. Aber ich weiß doch ein nettes Plätzchen. Sieh, da habe ich +ein altes Körbchen, das darfst du halb mit Spreuer füllen auf der +Bühne. Und dann legen wir noch ein kleines Deckchen aus der Puppenwiege +hinein, das ist dann ein prächtiges Bett. Und dann stellen wir's in +die Kammer, wo die Kleiderkästen stehen, da kann das Kätzlein —« +»Großmutter, du mußt jetzt immer sagen: die Mimi«, fiel Agnes ein, — +»da kann die Mimi nichts verderben,« vollendete die Großmutter gelassen +ihren Satz. »Und siehst du, jetzt muß ich dir gleich noch etwas sagen,« +fuhr sie fort, »du hast jetzt die Mimi ganz allein zu versorgen. Das +ist noch ganz anders, als wenn man Puppen hat, die nie Hunger bekommen. +Katzen sind etwas lebendiges und müssen ihr Futter haben. Und an das +mußt du immer denken. Sieh, da habe ich ein ganz nettes Schüsselchen. +Es hat nur keine Handhabe mehr, aber es sind Rosen darauf gemalt. Das +soll der Mimi ihr Trögchen sein, und eh' du dich ans Essen setzt, mußt +du immer denken, daß dein Pflegling auch etwas braucht. Und immer das +Bettchen<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> und das Schüsselchen sauber halten und« — »Ja, ja, das tu' +ich ganz gewiß immer,« versicherte Agnes, »und ich tue sonst noch +vieles mit der Mimi, ich hab' mir schon alles ausgedacht.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Mimi hatte sich bald im Hause eingelebt und wuchs schnell heran. Bei +Kätzlein dauert es nicht sehr lang, bis sie alles gelernt haben, was +sie wissen müssen. Mimi konnte sehr hübsch mit einem Ball spielen und +ihrem eigenen Schwanz nachjagen und wenn man sagte: Gib ein Pfötchen! +so streckte sie ihr weiches Tätzchen aus und man konnte es dann in +die Hand nehmen. Agnes war sehr beglückt von ihrem Pflegling und die +Großmutter freute sich im stillen über das Kind, denn es vergaß nie, +für Mimis Futter zu sorgen und hob auch sorgfältig übrige Fleisch- und +Brotbröckchen dazu auf. Nur konnte sich Agnes oft recht schwer von dem +interessanten Spiel mit dem Kätzchen trennen, wenn die Mutter rief oder +die kleinen Schwestern gerne ein wenig unterhalten sein wollten.</p> + +<p>Eines Morgens kam sie aber sehr erstaunt aus der Kammer, in der Mimis +Bettchen stand: »Mimi ist nicht da und ihr Schüsselchen ist von gestern +Abend her noch voll!« Und nun begann ein großes Suchen, Rufen und +Locken durchs ganze Haus.</p> + +<p>»Wenn du deine Katze suchst,« sagte Gottlieb, der Knecht, »die habe ich +auf der Gartenmauer gesehen. Ich glaube, sie geht auf die Vögel, sie +lauert, das sieht man ihr an!«</p> + +<p>»O, o,« rief Agnes entrüstet, »meine Mimi braucht nicht auf Vögel zu +lauern und das tut sie auch nicht! Ich habe ihr gestern Abend mein +Wursträdchen gegeben und überhaupt, so ein liebes Kätzchen, wie sie +ist! Es fällt ihr nicht ein, so etwas zu tun!« Es war aber doch so. +Mimi ging auf die Jagd nach Vögeln, und alle Bitten ihrer kleinen +Pflegerin konnten sie nicht davon abhalten. Wenn sie entwischen konnte, +huschte sie auf die<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> Mauer und horchte in den Nachbargarten hinüber, wo +die Vögelein ganz fröhlich in den Zweigen sangen und an keine Gefahr +dachten. Einmal hatte sie einen Blutfleck an dem schönen schwarz und +weißen Pelz und der Vater sagte, als er zum Mittagessen kam: »Du mußt +die Mimi gut hüten, Agnes. Der Nachbar hat gesagt, er wolle sie schon +abhalten, seine Finken zu ermorden. Er wisse schon ein Mittel.«</p> + +<p>Aber es half alles nichts. Eines Morgens saß Agnes im Gärtchen hinter +dem Haus. Sie hatte zwei Freundinnen bei sich und einen großen Korb +voll Feuerbohnen neben sich. Es war eine sehr nette Beschäftigung, die +glänzenden, gesprenkelten Kerne, die die Mutter zu Samen fürs nächste +Jahr aufheben wollte, aus den dürren Hülsen herauszuschälen und die +Kinder waren ganz vergnügt dabei. Plötzlich knallte im Nachbargarten +ein Schuß. Und als die kleinen Mädchen erschreckt aufsahen, konnten +sie eben noch sehen, wie Mimi auf der Mauer einen hohen Sprung machte, +und dann, sich überpurzelnd, herunterfiel, gerade in den Rosenbusch, +der unter der Mauer stand. »Meine Mimi, mein Kätzlein!« schrie Agnes +entsetzt und stürzte sich auf den Rosenbusch. Da war nun nichts mehr zu +machen. Mimi hatte ihre Raublust mit dem Leben bezahlen müssen.</p> + +<p>Agnes war in großem Jammer. Die Freundinnen waren nach Hause gegangen +und hatten dort erzählt, daß »Mimi Schieber« gestorben sei, und daß +man sie morgen im Hof begraben wolle. Und das Begräbnis war auch noch +ein wichtiges Ereignis, auf das es sehr viel vorzubereiten gab. Aber +dann war alles aus und Agnes saß schon eine ganze Weile still auf ihrem +Schemelchen bei der Großmutter und seufzte zuweilen tief auf. Das +ging der Großmutter zu Herzen. Sie hatte schon versucht, das Kind auf +ihre liebreiche Art zu trösten; es wollte aber nicht recht gelingen. +Jetzt fiel ihr ein guter Gedanke<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> ein. »So, nun mußt du nicht immer +an das tote Kätzlein denken,« sagte sie freundlich, aber entschieden. +»Es gibt sonst noch genug zu schaffen auf der Welt, als nur die Mimi +zu besorgen.« »Ich will keine neue Mimi,« sagte Agnes kläglich. »Des +Wolfen Katze hat schon wieder Junge, ich könnte alle haben, aber ich +will keins davon. Sonst werden sie auch groß und stehlen auch Vögel und +werden auch erschossen!«</p> + +<p>»Das meine ich auch gar nicht,« sagte die Großmutter und mußte ein +wenig lachen. »Ich weiß etwas ganz anderes. Denk einmal, die Leute +im Hinterhaus haben ein kleines Kindchen! Ein ganz kleines, in einem +Tragkissen und mit winzigen Fäustchen und blauen Äuglein.« »Das man +herumtragen muß und ihm die Milch geben und so?« Agnes sah ganz +begierig auf.</p> + +<p>»Ja,« bestätigte die Großmutter, »aber die Leute können gar nicht +vergnügt sein darüber. Die Frau ist so krank, daß man noch gar nicht +weiß, ob sie nur wieder gesund wird, und niemand ist da, der das +Kindlein ein wenig wiegt, wenn es schreit, und ihm die Milch gibt, wenn +es Hunger hat, und der ein wenig auf das größere Büblein achtgibt.« +»Warum haben sie keine Magd?« wollte Agnes wissen. Sie fing schon an, +über den Fall nachzudenken.</p> + +<p>»Ja, siehst du, das ist gerade das Traurige,« sagte die Großmutter. +»Die Leute haben kein Geld dazu. Der Mann kann selber nur ganz wenig +verdienen, und jetzt muß man noch Arznei holen und den Herrn Doktor +zahlen und die Milch für das kleine Kindlein.«</p> + +<p>»So will ich das Kindlein zu uns herüberholen,« schlug Agnes vor. »Ich +möchte schon lang gern ein Schwesterlein, ein ganz kleines, das noch +nicht laufen kann und noch gar nichts als lachen und schreien.«</p> + +<p>»Das geht nicht nur so, wie du meinst,« sagte die Großmutter. »Glaubst +du, die Leute geben ihr liebes Kindlein her<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> das ihnen der liebe Gott +erst geschenkt hat? Und glaubst du, deine Mutter wolle noch so ein +winziges Schwesterlein besorgen? Sie weiß selber kaum, wo anfangen mit +euch allen! Nein, nein, so macht man das nicht! Aber siehst du, ich +gehe nachher ein wenig hinüber, und da könntest du mich begleiten. Und +ich will dir dann zeigen, wie du ein wenig helfen kannst, das Kleine zu +versorgen und das größere Büblein zu hüten und noch allerlei!«</p> + +<p>Agnes war sehr einverstanden. Sie zog die Großmutter noch am Kleid +voran, als diese unterwegs ein wenig mit dem Vater sprach, der eben zur +Haustüre hereinkam, so wichtig war es ihr, schnell ins Hinterhaus und +zu dem kleinen Kindlein zu kommen.</p> + +<p>Da war nun freilich für die Großmutter vieles zu tun. Der Mann war +heute nicht in die Fabrik gegangen, weil er die Frau zu pflegen +hatte. Er stand aber eben am Ofen, der mächtig rauchte, und hielt +ein Pfännchen in der Hand, aus dem ein ganz angebrannter Geruch kam. +»Gottlob!« sagte er, als er die Großmutter sah, »ich habe meiner Frau +die Suppe aufwärmen wollen, die noch von gestern Abend da ist. Aber es +hat sich alles am Pfännchen angehängt. So kann man die Suppe nicht mehr +essen und ich weiß nicht, was ich anfangen soll.«</p> + +<p>Er sah ganz sorgenvoll und bekümmert aus, Agnes mußte ihn mit rechtem +Mitleid betrachten.</p> + +<p>»Für heute habe ich nun schon eine Suppe besorgt, die für alle reicht,« +sagte die Großmutter freundlich. »Und für morgen und die ganze nächste +Zeit muß eben Rat geschafft werden. Jetzt wollen wir zuerst das Kleine +besorgen, das wird nicht umsonst so schreien.«</p> + +<p>Damit nahm sie auch schon das großgeblumte Tragkissen mit dem laut +schreienden Kindlein aus der Wiege, packte dieses in saubere, trockene +Windeln, wärmte ihm die Milch und zeigte<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> dann Agnes, wie sie dem +Kleinen das Fläschchen hinhalten solle. Diese war auch bald mit rechtem +Eifer bei der Sache und vergaß für jetzt ganz den Kummer um die tote +Mimi.</p> + +<p>Das kleine dreijährige Büblein, das bisher trübselig in einer Ecke +gesessen hatte, wackelte jetzt auch herbei und sah dem merkwürdigen +Vergnügen zu.</p> + +<p>»Gibst du mir dein Schwesterlein?« fragte Agnes, als das Kleine seine +Milch getrunken hatte und sofort wieder die Augen schloß.</p> + +<figure class="figcenter illowp100" id="illu-148" style="max-width: 62.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-148.jpg" alt=""> +</figure> + +<p>»Nein,« sagte Ernstchen entschieden und schüttelte den Kopf.</p> + +<p>»Ich möcht's aber gern,« sagte Agnes, »ich gebe dir, was du willst, +dafür.« Statt aller Antwort fing Ernstchen an, ganz jämmerlich zu +weinen, daß die Großmutter nur schnell kommen und trösten mußte.</p> + +<p>»Gehet ein bißchen miteinander hinaus, ihr zwei,« sagte die Großmutter +dann. »Spiele du ein wenig mit dem Büblein, Agnes, man muß jetzt hier +ein wenig Ruhe haben.«</p> + +<p>Das war nur gar nicht nach Agnes' Geschmack. Sie hätte viel lieber das +kleine Kindlein gewiegt oder gar ein wenig herumgetragen, und jetzt +fiel ihr plötzlich Mimi wieder ein. Sie setzte sich auf die Treppe und +seufzte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span></p> + +<p>»Jetzt spiel mit mir!« begehrte Ernstchen.</p> + +<p>»Ich mag nicht spielen, meine Mimi ist gestorben,« sagte Agnes und +seufzte wieder.</p> + +<p>»Wer ist das, deine Mimi?« fragte der Kleine.</p> + +<p>»Das ist so ein nettes Kätzlein, wie du noch gar keins gesehen hast,« +fing Agnes an, und ehe sie sich's versah, war sie mitten drin, dem +mäuschenstill aufhorchenden Ernstchen alles zu erzählen, was man +nur von der Mimi sagen konnte, und auch ihr trauriges Ende. Die +Großmutter fand die beiden einträchtig auf der Treppe sitzend und sagte +wohlgefällig: »So ist's recht, so gefällt mir's, Agnes, das kannst du +noch öfter tun.«</p> + +<p>Dann gingen die beiden wieder zusammen ins Vorderhaus.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>»Großmutter, das möchte ich lieber nicht noch öfter tun,« fing Agnes +an, als sie am nächsten Morgen ihren Besuch bei der Großmutter +abstattete.</p> + +<p>Diese wußte zwar nicht gleich, um was es sich handelte, aber sie wußte +schon, daß es noch kommen werde, und so strickte sie ruhig weiter. +»Großmutter,« sagte Agnes ein wenig dringlicher, »ich möchte viel +lieber das ganz kleine Kindlein herumtragen und ihm seine Milch geben +und zusehen, wenn man es badet, als mit dem Ernstchen spielen. Das ist +ein bißchen langweilig!«</p> + +<p>»So?« Die Großmutter sah das Kind freundlich an, dann sagte sie: »Wenn +aber das ganz Kleine schlafen soll und die kranke Frau auch und der +Ernstchen ist unruhig und stört sie alle beide? Gelt, dann willst du +gern ganz vernünftig und lieb sein und aufpassen, daß der kleine Bub' +ruhig ist, und ein wenig mit ihm spielen?«</p> + +<p>Agnes zögerte ein wenig. »Ja, schon,« sagte sie, »aber das Kleine ist +viel netter!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span></p> + +<p>»Jetzt muß ich dir etwas sagen« — die Großmutter legte ihr Strickzeug +einen Augenblick in den Schoß und hob das Gesichtchen, das im +Augenblick ein wenig finster aussah, in die Höhe. »Weißt, liebes Kind, +das müssen schon kleine Leute lernen, daß man nicht nur immer so tun +kann, wie man möchte. Und das mußt du auch! Ich möchte gern, daß du mir +ein bißchen hilfst, den armen Leuten da drüben zu helfen. Und ich will +dir auch sagen wie?«</p> + +<p>Agnes sah erwartungsvoll aus. Sie mochte immer sehr gern neue Pläne +machen.</p> + +<p>»Die kranke Frau hatte nichts Ordentliches zu essen,« fuhr die +Großmutter fort, »und der Mann und Ernstchen auch nicht.«</p> + +<p>»So will ich gleich zur Mutter sagen, daß sie hinüberschickt,« sagte +Agnes schnell. Der Gedanke war ihr sofort gekommen, denn es durfte doch +nicht sein, daß jemand nichts zu essen hatte.</p> + +<p>»Nein, nein,« beschwichtigte die Großmutter. »So alle Tage kann die +Mutter doch nicht für die ganze Familie kochen! Denk' einmal, wie große +Schüsseln voll ihr selber brauchet! Da müßte man reicher sein, als wir +sind, um noch eine Familie versorgen zu können, aber —«</p> + +<p>»Ich weiß was,« fiel das Kind wieder eifrig ein, »das Dorle soll wieder +seine Kätzlein ins Wasser werfen und alle Milch und alles Brot dafür +hergeben!«</p> + +<p>»Jetzt mußt du mich einmal sagen lassen, was ich für einen Plan habe, +und mich nicht immer unterbrechen,« sagte die Großmutter. »Sieh, +weil es soviel arme Leute gibt, denen man helfen möchte, haben sich +wohlhabende Frauen zusammengetan, die wechseln dann miteinander ab im +Kochen. So kann man dann am Montag bei der einen das Essen holen, am +Dienstag bei der andern und so fort bis zum Sonntag. Und am Montag +fängt man wieder vornen an.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span></p> + +<p>Das konnte Agnes sehr gut verstehen und es gefiel ihr auch wohl. Aber +es kam noch etwas nach.</p> + +<p>»So habe ich denn unsere armen Leute auch dazu angemeldet,« fuhr die +Großmutter fort. »Die Mutter macht den Anfang und dann habe ich noch +sechs andere Frauen aufgeschrieben. Es ist aber niemand, der das Essen +holen könnte, denn der Mann muß in die Fabrik und das Ernstchen ist +noch zu klein.«</p> + +<p>Agnes merkte allmählich, was kommen sollte, und rückte unruhig auf +ihrem niedrigen Stühlchen hin und her.</p> + +<p>»Und da möchte ich nun, daß mein großes Mädele den armen Leuten ein +wenig helfen soll. Was meinst du, wenn du alle Tage um zwölf Uhr den +netten emaillierten Einsatz nähmest und das Essen holtest? Und dann +würde der kranken Frau das gute Essen so schmecken, daß sie vielleicht +bald wieder aufstehen könnte. Und der Mann könnte sich freuen, wenn +er heimkäme und wüßte, daß etwas da ist für seinen großen Hunger. Was +meinst du?«</p> + +<p>»O Großmutterle, das kann ich doch nicht! Das kann ich gewiß nicht!« +Agnes war ganz erregt aufgestanden und sah sehr kläglich aus. »Ich +geniere mich so und vielleicht verschütte ich fast alles, weil du immer +sagst, daß ich so schnell laufe. Und ich muß auch den Tisch decken!«</p> + +<p>»Dann kann eben die arme Frau ihr Essen nicht haben, und die guten +Frauen kochen alles umsonst,« sagte die Großmutter ruhig. »Du mußt aber +nicht, wenn du nicht kannst, ich habe nur geglaubt, du wollest mir +helfen.«</p> + +<p>Agnes zupfte unruhig an den Fransen der Tischdecke. »Ich muß jetzt +schnell auf die Gasse, die Mutter hat's gesagt. Ich soll nur vorher +›Guten Morgen‹ sagen,« brachte sie dann heraus.</p> + +<p>»Ja, dann mußt du freilich gehen,« gab die Großmutter in unveränderter +Freundlichkeit zu. »Sei nur recht vergnügt und lieb und erzähle mir +nachher auch etwas Nettes.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span></p> + +<p>Agnes ging. Sie war aber nicht so lustig wie sonst. Zuerst besuchte sie +Mimis Grab. Die hineingesteckten Blumen hingen welk die Köpfe, und das +schöngeschriebene Kärtchen mit der Aufschrift: »Hier ruht Mimi,« war +vom Regen, der in der Nacht gefallen war, durchweicht.</p> + +<p>Es waren schon allerlei vergnügte Kinder auf dem großen Spielplatz +in der Nähe des Hauses, wohin sich Agnes nun begab. Ein paar kleine +Mädchen kamen ihr sogleich entgegen. »Komm, wir wollen Seil springen; +wenn du willst, darfst du anfangen.« »Es ist mir gleich,« sagte Agnes +in so freudlosem Ton, daß man gut merkte, daß sie etwas drücke.</p> + +<p>»Ist's wegen deiner Mimi?« fragte ihre allerbeste Freundin Lydia +teilnehmend. »Nein,« sagte Agnes, »wegen gar nichts.«</p> + +<p>Sie konnte nicht gut sagen, was ihr fehlte. Jetzt fing eine Glocke an +zu läuten. »Ist das zwölf Uhr?« fragte Agnes erschrocken. »Behüte, erst +elf Uhr,« sagte Lydia, »und überhaupt, dir ruft man ja immer, wenn du +kommen sollst.«</p> + +<p>»Elf Uhr,« dachte Agnes. »Da kann ich mich schon noch ein Weilchen +besinnen. Und das Essenholen ist das Allerärgste, was es gibt, ich +möchte lieber weiß nicht was tun!«</p> + +<p>Es gibt viele Leute, auch manchmal große, die lieber — weiß nicht was +— täten, als was sie jetzt gerade tun sollen. Das ging Agnes nicht +allein so.</p> + +<p>Und sie konnte auch keinen Augenblick mehr so recht vergnügt spielen. +Sie mußte immer den leeren Tisch vor sich sehen, den der Mann beim +Heimkommen finden würde, und dann dachte sie an das gute Essen, das +nun umsonst auf dem Herd stand und das der kranken Frau nichts helfen +konnte.</p> + +<p>Und plötzlich konnte sie es nicht mehr aushalten. Mit einem großen Satz +sprang sie aus dem Seil, in dem noch mehr Mädchen im Takte hüpften, und +lief schnell davon, ohne sich noch einmal umzusehen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span></p> + +<p>»Wohin? Warum gehst du?« rief es ihr von allen Seiten nach, aber Agnes +hörte schon nicht mehr viel. Sie wollte sich jetzt nicht über die Sache +besinnen.</p> + +<p>»Großmutter,« rief sie schon auf der Treppe, »wo ist der Einsatz? Es +ist gewiß gleich zwölf Uhr, ich muß schnell gehen.«</p> + +<p>Die Großmutter sah das Kind mit strahlendem Gesicht an; sie hatte schon +gewußt, daß es noch so weit kommen werde.</p> + +<p>»Ja, so geh,« sagte sie nur. »Heute ist die Frau Rektor Pfaff dran, +die kennst du gut! Sag ihr einen recht schönen Gruß, und komm, du +kannst ihr auch ein paar Äpfel mitnehmen. Das sei ein Muster von den +diesjährigen Fleinern.«</p> + +<p>Agnes zog ab. Zu Frau Rektor Pfaff wollte sie gern gehen, das war eine +ganz gute Freundin der Großmutter und ebenso liebreich und freundlich +wie diese.</p> + +<p>Sie kam strahlend zurück. »Gut ist's gegangen,« sagte sie schon unten +zur Mutter und dann oben noch einmal zur Großmutter. »Das sei aber +recht, daß ich selber komme, hat die Frau Rektor gesagt. Und ob ich +schon in die große Schule gehe, hat sie gefragt. Vielleicht hat sie +gedacht, daß ich gut hinein könnte, wenn ich schon den großen Einsatz +tragen kann.«</p> + +<p>Noch viel größer war der Jubel, als Agnes aus dem Hinterhaus wiederkam, +wo der reichliche Inhalt der Schüsseln so dankbar aufgenommen worden +war, daß es ihr nun erst recht leicht wurde. Es war zwar immer noch +ein wenig schmerzlich, daß keine Veranlassung mehr vorlag, das +Rosenschüsselchen mit Suppe zu füllen, aber Agnes hatte nun wieder so +viel anderes zu denken, daß die Trauer um Mimi doch ziemlich in den +Hintergrund trat.</p> + +<p>Der Vater wußte auch von der Unternehmung mit dem Einsatz und sagte +zufrieden: »Man kann dich scheint's doch schon zu etwas brauchen, das +ist recht.« Ein väterliches Lob war selten, das tat Agnes in allen +Tiefen wohl.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span></p> + +<p>Die erste Woche war glücklich vorbei. Es war je länger, je besser +gegangen. »Es war nur, bis ich mich nicht mehr geniert habe,« gab +Agnes selber zu. Im Hinterhaus waltete jetzt einige Stunden am Tage +eine freundliche Diakonissin, Schwester Margarete. »Ich könnte ja gar +nicht fertig werden ohne mein kleines Mägdelein,« sagte diese oft. +Damit meinte sie Agnes, die es schon lang nicht mehr langweilig fand, +mit Ernstchen zu spielen. »Er ist so drollig, du glaubst nicht, wie,« +versicherte sie der Großmutter eines Tages.</p> + +<p>»So, aber das freut mich,« sagte die Großmutter, »so war es zuerst +nicht, gelt?«</p> + +<p>»Nein,« sagte Agnes nachdenklich, »gar nicht. Am Anfang hat er mich gar +nicht gern gehabt und jetzt läßt er mich fast nicht mehr von sich weg.« +Die Großmutter konnte sich wohl denken, wodurch sich der kleine Bube +so verändert habe. Sie sagte aber nichts, denn Agnes dachte gar nicht +daran, daß sie selber jetzt so nett und heiter mit Ernstchen verkehrte, +wie sie vorher nie getan hatte.</p> + +<p>Das gute Essen und die sorgfältige Pflege hatten bei der kranken +Frau sehr gut angeschlagen. Sie konnte wieder aufstehen und als +Agnes eines Morgens hinüberkam, saß sie unter der Haustüre im warmen +Herbstsonnenschein und hatte das kleine Kindlein auf dem Schoß.</p> + +<p>»O, darf es jetzt spazieren getragen werden?« rief Agnes fröhlich. +»Darf es auf die Gasse, daß es alle anderen Kinder auch sehen?« Sie +bewunderte das kleine Kindlein immer noch so sehr wie im Anfang oder +noch mehr, und sie hätte den Anblick auch andern gegönnt.</p> + +<p>Die Frau lächelte vergnügt und sagte: »Komm, setz dich ein bißchen her +zu mir, Kind, ich muß dir etwas sagen!«</p> + +<p>Agnes wollte aber nicht sitzen, sie stellte sich erwartungsvoll vor der +Frau auf und diese begann: »Es ist jetzt schon vier<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> Wochen alt, das +Kleine. Und es gedeiht, siehst du, wie dick und rund seine Bäckchen +sind? Aber es ist ja noch nicht getauft. Das muß jetzt sein, man hat's +nur immer hinausgeschoben, weil ich so krank war. Und jetzt soll am +Sonntag die Taufe sein, das habe ich dir sagen wollen.« Agnes nahm +diese Nachricht sehr wichtig auf, aber die Frau fuhr noch fort:</p> + +<p>»Ich habe gedacht, du könntest, wenn du gerne wolltest, das Kindlein in +die Kirche tragen. Schwester Margarete geht dann mit dir und nimmt es +gleich, wenn dir's zu schwer wird.«</p> + +<p>»O, das wird mir nicht zu schwer,« rief Agnes in lautem Jubel. »So +ein kleines Dinglein ist nicht schwer. Der Einsatz ist auch nicht so +leicht,« setzte sie mit bescheidenem Stolz hinzu.</p> + +<p>»Ja, ich weiß,« sagte die Frau. »Den brauchst du jetzt aber auch nur +noch diese Woche zu holen. Dann kann ich wieder selber kochen. Gott Lob +und Dank für alles! Und dir danke ich auch für alles!«</p> + +<p>Agnes wurde rot; es brachte sie in Verlegenheit, daß die Frau so sagte, +so kürzte sie das Gespräch ab und hüpfte weiter. Die Freundinnen mußten +es ja auch gleich wissen, daß sie das Kindlein tragen dürfe. Und dann +war es noch der Mutter zu erzählen und der Großmutter und dann noch den +Geschwistern und Mina, der Magd, und Gottlieb, dem Knecht. Dem Vater +konnte man es erst am Mittagessen sagen, er war nicht früher zu Hause.</p> + +<p>Diese Mitteilung war am Mittwoch gemacht worden und Agnes konnte den +Sonntag kaum erwarten.</p> + +<p>An Mimi zu denken, war gar keine Zeit mehr. Sie konnte sogar ohne +Schmerz die netten, übereinander purzelnden Kätzlein ansehen, die +das Dorle noch immer am Leben ließ, vielleicht in der Hoffnung, daß +jemand das eine oder das andere aufziehen wolle. Denn das Dorle war +eine große<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> Tierfreundin und Wilhelm Schluchter hatte ihr damals sehr +Unrecht getan. Am Samstag traf Agnes diesen, der ein großer, kräftiger +Bube war, im Stall, als sie die Milch holte.</p> + +<p>Er hatte eben zwei Kätzlein auf dem Arm. »Wohin damit?« wollte Agnes +wissen. »Das Dorle hat sie mir geschenkt,« sagte er.</p> + +<p>»Ich verhandle sie in der Schule um Äpfel.« »Au, du drückst sie ja +ganz zusammen,« rief Agnes. »Du plagst die Tierchen. Und in der Schule +plagen sie die Buben gewiß auch.«</p> + +<p>»Das geht dich nichts an,« sagte der große Bube. »Umbringen tue ich +keins!« Damit rannte er davon. Agnes gelüstete es stark, die andern +Kätzlein mit nach Hause zu nehmen, denn sie wollte gern ein jedes +beschützen, daß es nicht in die Hände der Buben falle.</p> + +<p>»Aber ich kann gewiß keins brauchen,« dachte sie und trat mit ihrem +Milchtopf den Heimweg an. Sie hatte noch so viel zu tun, daß sie nicht +wußte, wo anfangen, und die Mutter hatte schon oft gesagt, daß man +nicht so vielerlei auf einmal beginnen solle.</p> + +<p>Der Sonntag kam und auch die Zeit des Kirchgangs. Agnes schritt stolz +und glücklich mit ihrer Last zur Kirche. Ein bißchen schwer wurde ihr +das Kindlein doch nach und nach, aber sie hielt wacker aus. Erst in der +Kirche nahm es Schwester Margarete auf den Arm. Sie war die Patin und +das Kindlein bekam auch ihren Namen, und seine Mutter sagte: »Wenn es +nur so geschickt und fromm und fröhlich wird wie seine Patin, dann kann +man zufrieden sein!«</p> + +<p>»O Großmutter,« sagte Agnes am Abend, als sie miteinander von dem +Festkaffee, den die Großmutter gespendet hatte, nach Haus gingen, »o +Großmutter, manchmal denke ich, daß es immer netter wird! Zuerst habe +ich immer nur die Puppen gehabt, dann die Mimi, das war auch sehr nett! +Und<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> jetzt habe ich das kleine Margretle! Seine Mutter sagt, es gehöre +mir auch mit! Und man kann noch gar nicht wissen, was dann noch kommt!«</p> + +<p>»Das ist wahr,« sagte die Großmutter. »Es kommt gewiß noch viel +Schönes.« Und Agnes legte sich glücklich und froh zur Ruhe und dachte +noch im Einschlafen daran, daß gewiß noch viel Schönes komme. Und es +kam auch eins nach dem andern. Man sah nicht immer gleich, daß es schön +war, man mußte oft etwas hergeben, aber dann gab der liebe Gott etwas +zum Ersatz dafür und das war allemal schöner als das vorige.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span></p> + +<h2>11. Eine Reise in die Welt.</h2> +</div> + +<p>Im Pfarrgarten zu Teufenrot wurde eine wichtige Beratung gehalten. +Auf einem niedrigen Mäuerchen saß das Pfarriele und hatte einen +Strickstrumpf in der Hand, ohne zu stricken.</p> + +<p>Das Pfarriele hieß eigentlich Maria, aber da man im Haus Mariele zu +ihm sagte, so hatten die Leute im Dorf auch angefangen so zu sagen und +da es zu umständlich war, jedesmal »des Herrn Pfarrers Mariele« zu +sagen, und man doch wissen mußte, von welchem Mariele man sprach, so +hatte man alles in ein Wort zusammengezogen und Marie hieß im ganzen +Dorf »Pfarriele.« Also das Pfarriele strickte nicht, sondern unterhielt +sich sehr eifrig mit ihrem Bruder Rudolf, der den ganzen Inhalt +seiner Taschen, Schnüre, Kürbiskerne, einen blauen Glasscherben und +dergleichen wertvolle Dinge, auf dem Mäuerchen ausgebreitet hatte. »Ich +brauche fast alles,« sagte Rudolf jetzt ernsthaft, »ich muß alles, bis +auf die alten Brotrinden, in meine Sonntagshosen stecken. Man kann nie +wissen, was man unterwegs braucht.« »Aber man kriegt vielleicht auch +etwas geschenkt,« sagte Pfarriele. »Und dann hast du gar keinen Platz +in den Taschen.« Das war nun auch wieder wahr und das Ende vom Lied +war, daß Rudolf die Kürbiskerne in die Obhut seiner Schwester gab. »Den +Scherben brauche ich aber nötig, ich will in der Eisenbahn immer durch +das blaue Glas sehen, es ist so schön, wenn alles blau aussieht, die +Bäume und die Häuser und alles,« meinte er und dawider konnte Pfarriele +nichts sagen. Die Pfarrerskinder<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> hatten, seit sie lebten, die Welt +immer grün gesehen, das kam ihnen nun nicht mehr so besonders prächtig +vor. Teufenrot liegt ganz tief im Schwarzwald versteckt. Gleich am Ende +des Dorfes fängt der Wald an, hoher, dichter, prächtiger Tannenwald. +Es ist nicht aufzuzählen, wieviel Schönes und Lustiges der Wald bot. +Erdbeeren und Heidelbeeren konnte man in Menge finden und später auch +Himbeeren und Brombeeren. Und Stechpalmenzweige mit roten Beeren daran +konnte man ins Haus holen und im Winter alle Stuben damit schmücken, +so daß es immer festlich aussah. Wie gesagt, man kann lang nicht +alles aufzählen. Aber die Kinder waren doch mit ihren Gedanken viel +in der Welt draußen und stellten sich das Land, das gleich hinter dem +Schwarzwald anfange, ganz wunderschön vor.</p> + +<figure class="figcenter illowp100" id="illu-159" style="max-width: 62.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-159.jpg" alt=""> +</figure> + +<p>Daran war zum großen Teil die Babett schuldig, die einst zwanzig +Jahre lang bei der Tante Oberkonsistorialrätin in Stuttgart gedient +hatte. Jetzt war sie, seit Mariele auf der Welt war, im Pfarrhaus in +Teufenrot und versorgte Küche und Garten und half der Frau Pfarrer bei +den Kindern und im Haus, als ob sie ihr Leben lang Pfarrmagd gewesen +wäre. Aber das hielt sie nicht ab, den aufhorchenden Kindern immer<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> +wieder aufs neue vorzuerzählen, wie so gar schön und prächtig es sei in +Stuttgart. Vom Königsschloß und den Springbrunnen und Blumenbeeten auf +dem Schloßplatz, von den Anlagen und dem Schwanenteich, vom Tiergarten +ganz besonders, und dann noch von den Soldaten in blitzenden Uniformen +und von der Musik der Wachtparade, von dem allem wußte die Babette +immer wieder neues zu sagen. Da war es denn kein Wunder, daß Rudolf +und Mariele kein höheres Verlangen mehr kannten, als einmal diese +Herrlichkeit mit Augen zu sehen. Das sollte nun morgen dem Rudolf +widerfahren. Mariele war älter, sie war schon sieben Jahre alt und +Rudolf erst sechs, und es war der Schwester zuerst etwas bedenklich +gewesen, daß sie nicht zuerst verreisen dürfe. Aber der Papa mußte mit +Rudolf zum Arzt, denn dieser hatte ein schlimmes Ohr. »Ein Trommelfell +hab ich drin,« hatte Rudolf den Bauernbuben erzählt, und diese hatten +es zu Hause weitergesagt und im ganzen Dorf war großes Bedauern, daß +das Pfarrersbüblein so etwas ungutes in sich drin habe. Denn sie +verstanden die Sache nicht so recht. Da aber das Trommelfell nicht weh +tat und sonst sehr viel Verlockendes mit der Reise zusammenhing, so +konnte sich Rudolf ungestört auf dieselbe freuen. Und Mariele, das die +Mutter ermahnte, es solle froh und dankbar sein, daß es ganz gesund +sei, freute sich mit und hatte mit Rudolf eine ganze Menge zu bereden, +lauter Dinge, die das große Ereignis betrafen.</p> + +<p>Jetzt kam Eduard, das kleine Brüderlein, von der Mama ausgesandt. »Ihr +sollet jetzt auch zum Nachtessen kommen,« berichtete er. »Man ißt heute +bald, weil du morgen früh aufstehen mußt, Rudolf, wann es noch Nacht +ist.« Das war auch wieder etwas Neues! Zunachtessen, wann noch ganz +heller Tag ist! Um sechs Uhr, statt um sieben!</p> + +<p>»Mama, ich täte lieber gar nicht ins Bett gehen,« meinte<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> Rudolf zwar. +»Bis ich mich ganz richte, ist die Nacht bald herum. Man könnte sonst +am Ende verschlafen.«</p> + +<p>Aber davon wollte die Mama nichts wissen. »Mein Bub schläft jetzt +gleich ein und schläft die ganze Nacht,« sagte sie. »Und am Morgen +weckt ihn der Papa und fertig ist man schnell.« Dabei blieb's. Und +Rudolf lag auch wirklich bald in tiefem, gesundem Schlaf.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es war fast noch ganz dunkel, als am andern Morgen der Vater seinen +Sohn auf das Wägelein hob, das die Reisenden nach der Station führen +sollte.</p> + +<p>Am Himmel stand noch die blasse Mondsichel und es wehte ein kühler +Wind. Und in Rudolf stieg ein wonnevolles Gruseln auf; was konnte man +alles erleben an diesem Tag!</p> + +<p>»Behüt euch Gott miteinander,« rief die Mama nochmals zum Fenster +hinaus. »Und kommet mir gesund wieder!«</p> + +<p>Dann zog des Lindenwirts »Bläß«, der vor das Wägelein gespannt war, an, +und fort ging's in die weite Welt.</p> + +<p>So lang der Weg durch den Wald ging, immer zwischen hohen Tannen +bergab, war er dem Rudolf nicht so besonders interessant; diese Gegend +kannte er wohl. Und der Papa mußte unzählige Fragen beantworten über +alles, was wahrscheinlich geschehen werde und was nicht. Aber als man +ins Tal kam, wo nun die Sonne hell und freundlich schien, an einer +Sägmühle vorbei mit hohen Bretterstößen davor und einem rauschenden +Bächlein, das die Säge trieb, als der Weg durch einen kleinen +Luftkurort führte, mit zierlichen Villen und lustwandelnden Menschen, +da verstummten für einmal alle Fragen. Rudolf hatte nur immer nach +rechts und links zu sehen, um alles im Vorüberfahren zu erfassen. Und +da tauchte auch schon das rote Stationsgebäude auf und im Sonnenschein<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> +glänzten die Schienen und durch die frische Morgenluft drang ein langer +Pfiff der Lokomotive.</p> + +<p>Das war nun erst der richtige Hochgenuß, im Eisenbahnwagen zu sitzen +und durchs Land zu sausen.</p> + +<p>»Papa, die Bäume fahren auch mit, sieh nur und das Bahnwärterhäuschen,« +rief Rudolf zuerst und mußte sich nun erst belehren lassen, daß nur er +sich fortbewege und alles andere, was er sehe, stillstehe. Es gab jetzt +immerfort viel Wichtiges zu sehen. Zuerst noch hohe Berge voll dunkler +Tannen und verstreute Häuser mit tief heruntergehenden Schindeldächern, +dann kamen breite Kornfelder und grüne Wiesen, Wäldchen von Obstbäumen +und dann brauste der Zug über eine breite eiserne Brücke, unter der +rauschend der Neckar floß. Rudolf kam keinen Augenblick vom Fenster +weg. Es war alles so interessant, die vielen Dörfer und kleinen +Städte, an denen man vorbeisauste, ohne anzuhalten, die farbenreichen +Gärtchen der Bahnwärterhäuschen, die Neckarfähre, die einen Wagen +samt den Pferden übersetzte. Es regte sich dann auch der Hunger, und +die Vorräte, die Rudolf in der grünen Botanisierbüchse trug, mußten +hervorgeholt werden. »O Papa, was würde der Wagnerhansjörg sagen und +der Philipp, wenn sie das alles sehen könnten! Die wissen gewiß gar +nicht, daß es so viel Sach gibt.« Dazu mußte Rudolf tief aufseufzen. +Er konnte es doch nicht gut erwarten, bis er wieder nach Hause kam und +allen Menschen erzählen konnte, wie es aussehe »auf der Welt draußen«.</p> + +<p>»Ich möchte nur immerfort Eisenbahn fahren und sonst nichts, Papa.« +»Ich werde vielleicht dann, wenn ich groß bin, Kondukteur.« Der Papa +mußte ein wenig lachen, denn er wußte schon, daß diese Berufswahl heut +am Tag wohl noch ein paarmal würde umgestoßen werden; es stand ja noch +viel Neues bevor.</p> + +<p>Jetzt holte der Sohn seinen blauen Glasscherben heraus.<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> Man fuhr +gerade an schönen hellgrünen Weinbergen vorbei und darüber hingen am +Himmel lichte weiße Wolken. Die mußten sich schön machen in der blauen +Beleuchtung.</p> + +<p>»O, o sieh nur wie schön! Alles ist blau, Papa, alles,« rief er +entzückt. Aber in lauter Hast, dem Papa diesen merkwürdigen Genuß auch +zu verschaffen, machte Rudolf eine ungeschickte Bewegung und draußen +lag der wertvolle Scherben und kollerte über den Bahndamm hinunter.</p> + +<p>»Schadet nichts, mein Sohn,« tröstete der Papa. »Siehst du, deswegen +hat der liebe Gott die Weinberge grün gemacht und die Sonne golden und +die Wolken weiß, daß wir uns an den schönen Farben erfreuen sollen. Es +wäre ja sehr langweilig, wenn alles ganz gleich aussähe, das mußt du +dir nicht wünschen.« Rudolf hatte sich auch gleich wieder beruhigt, +denn nun hielt der Zug in einem großen Bahnhof und so viele Leute +wimmelten da umher, wie er noch gar nie auf einem Fleck beisammen +gesehen hatte. »Ist das jetzt Stuttgart, Papa? Müssen wir jetzt +aussteigen?« fragte er dringlich. Er hatte das schon fast an jeder +Station gefragt. »Nein,« sagte der Papa, »aber wenn's wieder hält, +dann. Mach dich nur bereit.«</p> + +<p>Rudolf setzte seinen Strohhut auf und faßte die Botanisierbüchse mit +beiden Händen, damit sie ihm nicht etwa abhanden komme. Sonst war +nichts zu rüsten, denn Gepäckstücke waren für den einen Tag nicht +mitgenommen worden. Jetzt tat die Lokomotive einen langen Pfiff, Rudolf +meinte, sie habe »Juhuu« gerufen und er hätte es ihr gern nachgetan. +Denn nun tauchten so endlos viele Häuser auf, der Zug fuhr langsamer, +jetzt in eine hohe, glasbedeckte Halle ein, dann hielt er. Man war in +Stuttgart.</p> + +<p>Ein wenig betäubt und verwirrt war das Schwarzwaldbüblein doch, als es +an des Vaters Hand durch das Gewühl der aussteigenden. und abholenden +Menschen schritt. Es mochte<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> jetzt nicht rechts und nicht links sehen, +es konnte nur sein kleines Händchen ganz fest in die beschützende Hand +des Vaters stecken. So hohe Häuser, eins am andern! Und immer kamen +noch neue! Und dazwischen auf den Straßen, wo kamen nur all die vielen +Leute her? Sie sahen alle aus, als ob sie in den Sonntagskleidern +wären! Und die Menge Kutschen und Wagen! Es war wirklich kein Wunder, +daß Rudolf sich in eine ganz neue Welt versetzt glaubte, in der er noch +gar nicht zu Hause war.</p> + +<p>Es war Zeit zur Sprechstunde, so suchten die beiden zuerst den Arzt +auf, der in einer freundlichen, etwas stilleren Straße wohnte. »Tut +er mir nichts, Papa? Bleibst du dabei, daß er mir nichts tun kann?« +fragte Rudolf ein wenig ängstlich, als er im Wartezimmer saß, das durch +dunkelgrüne Vorhänge und grün bezogene Möbel einen etwas feierlichen +Anstrich bekam. Der Vater versicherte alles Gute und die Angst verging +auch von selbst, als der Herr Doktor dem Büblein freundlich die Hand +gab. Er sah ganz und gar nicht aus, als ob etwas von ihm zu befürchten +sei, und Rudolf war bald wieder so zutraulich und fröhlich, wie sonst.</p> + +<p>Als die Untersuchung des kranken Ohres vorbei war, wollte der Vater +noch ein wenig allein mit dem Herrn Doktor reden. Das Sprechzimmer +hatte eine Türe, die in den Garten führte. »Komm, Kleiner, du kannst so +lang da hinaus,« sagte der Herr Doktor freundlich, denn er hatte schon +gemerkt, daß Rudolf ein großes Verlangen hatte, so viel als möglich von +all dem Neuen zu sehen, das auf der Straße vor sich ging. »Du kannst +durch das Gitter auf die Straße sehen! Paß auf, was da alles zu sehen +ist!«</p> + +<p>Rudolf wollte das gern und die Herren unterredeten sich eine Zeitlang +miteinander, denn der Vater hatte auch sonst noch allerlei Anliegen +und der Herr Doktor war ein alter<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> Freund von ihm. Rudolf hatte sich +gehorsam an das Eisengitter gestellt und drückte nun seinen Kopf +fest an die Stäbe, um ja nichts zu versäumen, das etwa draußen vor +sich gehen konnte. Da kam etwas die Straße entlang gesaust, das ihn +in höchstes Erstaunen versetzte. Es war ein Wagen mit einer langen +Fensterreihe, fast wie ein Postwagen anzusehen, nur größer. Und es +waren keine Pferde dran! Er lief auf Schienen, es konnte am Ende auch +ein Eisenbahnwagen sein, aber dann fehlte die Lokomotive! Das versetzte +Rudolf in einige Aufregung. »O, ein Wagen ohne Pferd und alles und +kann selber laufen,« rief er unwillkürlich laut aus und dann fiel es +ihm erst ein, daß ihn der Vater jetzt nicht hören konnte. Der Wagen +hielt an der nächsten Ecke. Es stiegen Leute aus und andere ein und +Rudolf ergriff ein mächtiges Verlangen, das Wunderbare nur auch einen +Augenblick in der Nähe zu sehen.</p> + +<p>Den Garten zu verlassen, war ihm nicht verboten worden, es hatte keiner +der beiden Herren an diese Möglichkeit gedacht.</p> + +<p>»Nur ganz geschwind dorthin laufen und den Wagen ansehen,« dachte +Rudolf und klinkte das Türchen auf. Aber als er an die Ecke kam, fuhr +der Wagen ab und ein anderer, der auch dagestanden war, schlug die +entgegengesetzte Richtung ein. Das war so schade und Rudolf machte ein +ganz enttäuschtes Gesicht. »Hast du etwa mitfahren wollen?« fragte +ein etwas größerer Knabe, der mit dem Schulranzen auf dem Rücken des +Wegs daher kam, den Kleinen. Denn es kam ihm so vor, weil er so einen +betrübten Blick hinter dem Wagen hersandte. Rudolf schüttelte den Kopf. +»Nein,« sagte er, »ich habe ihn nur ansehen wollen, weil er selber +laufen kann ohne Pferde.« »Das ist ja ein elektrischer Wagen,« belehrte +der Stuttgarter das Landkind. »Das weiß mein kleiner Bruder schon, der +ist erst drei!« Rudolf wußte gar nicht, was ein elektrischer Wagen +sei, aber er mochte nicht mehr fragen, weil es der dreijährige<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> Bruder +schon wußte. So wollte er denn wieder umkehren, denn der Papa konnte +nun am Ende beim Herrn Doktor fertig sein. Er sah sich prüfend um, hier +mündeten so viele Straßen, welche war nun die richtige?</p> + +<p>»Wo mußt du denn hin?« fragte der neue Kamerad. »Wieder zum Herrn +Doktor, mein Papa ist dort,« sagte Rudolf und sah sich immer +ängstlicher um. »O das weiß ich gut, der wohnt ganz gerade aus,« sagte +der Stuttgarter zuversichtlich. »Es ist ein Haus in einem Garten, +gelt?« Rudolf nickte. »Ja und eine goldene Kugel zum Herausziehen an +der Haustüre.« »Das ist die Glocke, du weißt auch noch nicht viel,« +lachte der Schüler. »Jetzt geh nur ganz geradeaus, siehst du, das +ist das Haus, das ein wenig vorsteht. Den Garten sieht man erst von +der andern Seite, nicht von hier aus.« Es kam Rudolf nicht ganz so +vor, aber der große Junge mußte es ja wissen, so ging er denn auf das +bezeichnete Haus los.</p> + +<p>Der Wegweiser hatte es aber nicht recht gewußt. Er hatte nicht daran +gedacht, daß es viele Doktoren gibt in der großen Stadt, und der Arzt, +der hier wohnte, war ein anderer als der, bei dem Rudolf vorher gewesen +war. Ratlos sah sich das Büblein um, denn es wußte nun gar nicht mehr, +wo es hergekommen war. So viele fremde Leute gingen vorüber, keiner +achtete darauf, daß der kleine Fremdling angefangen hatte. bitterlich +zu weinen.</p> + +<p>Plötzlich kam ein Soldat auf Rudolf zu. Er hatte einen Helm auf und +glänzende Knöpfe an seinem Rock und sein Gesicht glänzte auch, aber vor +Freude. »Grüß Gott, Rudölfle,« sagte er, »ja wie kommst denn du daher? +Und weinst so?« Es war Stiftungspflegers Gottlieb von Teufenrot, ein +ganz guter Freund der Pfarrerskinder, der hier beim Regiment stand.</p> + +<p>Rudolf lachte durch seine Tränen hindurch. Denn der Gottlieb kam ihm +vor wie ein Engel, er faßte seine Hand ganz<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> fest. »Ich bin mit dem +Papa gekommen, er ist noch im Zimmer beim Herrn Doktor und ich habe +den Wagen sehen wollen, der von selber laufen kann. Und jetzt weiß ich +nicht mehr, wo er wohnt, zeig mir's jetzt!«</p> + +<p>Das war nun nicht ganz so leicht für den Gottlieb, und wenn nicht +der Herr Pfarrer soeben eilig und atemlos an der Straßenkreuzung +erschienen wäre, um nach allen Seiten hin zu spähen, so wäre es mit dem +Wiedersehen am Ende nicht so schnell gegangen.</p> + +<p>Der Vater konnte nicht viel sagen, als: »Gott Lob und Dank!«</p> + +<p>Denn er konnte den Rudolf im Augenblick nicht zanken, daß er aus dem +Garten gegangen war. Landkinder wissen nicht so recht, wie leicht man +in einer großen Stadt weit, weit auseinander kommen kann, und diese +Belehrung bekam Rudolf erst, als er mit dem Papa und Gottlieb zusammen +beim Mittagessen saß. Daß der Junge einmal fürs erste nicht mehr von +ihm weichen würde, konnte der Herr Pfarrer deutlich merken, denn Rudolf +hielt mit der einen Hand den Löffel und mit der andern den Ärmel des +väterlichen Rocks gefaßt und verwandte keinen Blick von dem Vater.</p> + +<p>Jetzt kam mit Trommeln und Trompeten die Wachtparade gezogen. Rudolf +war längst wieder soweit getröstet, daß er sich für so etwas Herrliches +begeistern konnte. Im Nu war er mit dem Vater auf der Straße und +marschierte, immer die beschützende Hand festhaltend, »in gleichem +Schritt und Tritt,« so gut es die kleinen Füße erlaubten, mit die +Königstraße hinunter bis zum Schloßplatz. Da sprangen die Wasser der +Springbrunnen hoch in die Höhe, und die kunstreichen Beete leuchteten +in allen Farben, und im Trompeterhäuschen schmetterte die Musik, und +dem Büblein zersprengte es fast das Herz vor Hochgefühl. »O, wenn nur +die Mama da wäre und das Mariele<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> und die Babett,« brachte er endlich +heraus. »Und dann noch der Philipp und der Hansjörg!«</p> + +<p>Denn der Rudolf sah wohl ein, daß er es dann doch nicht ganz so +sagen könne, wenn er nach Hause komme. Ganz so schön, wie es in +Wirklichkeit war! Ein kleiner Trost war noch, daß der Vater eine +Schokoladetafel kaufte für das Mariele, mit einem schönen, bunten Bild +des Schloßplatzes darauf.</p> + +<p>Es kam immer noch schöner. Rudolfs Patin sollte besucht werden, und +da diese weit weg, fast am Ende der Stadt wohnte, da, wo diese sich +am Hasenberg hinaufzieht, so stieg der Vater mit ihm in einen der +interessanten Wagen. Das war fast noch schöner als Eisenbahnfahren. So +durch die ganze Stadt zu sausen durch schöne Straßen mit hohen Häusern +und prachtvollen Läden! Der Wagenführer, ja der kam Rudolf nun wieder +beneidenswert vor! Den ganzen Tag nichts zu tun, als auf dem luftigen +Vorplatz stehen und mit der Glocke bimmeln, daß alle Leute schnell +ausweichen, und dazu hin und her sausen, schnell wie der Wind! Wenn +sich Rudolf nicht erst vor einer Weile entschlossen gehabt hätte, +Trommler oder Trompeter bei den Soldaten zu werden, so hätte er jetzt +gewiß gleich mit dem Papa ausgemacht, daß er Wagenführer werden wolle.</p> + +<p>Jetzt war man bei der Patin angelangt. Sie wohnte in einem hohen, +stattlichen Hause. »Gelt, Papa, das ist noch viel höher als des Königs +Schloß?« meinte der Sohn, und das mußte der Vater auch zugeben. Des +Königs Schloß hatte aber jedenfalls den Vorzug, daß es da nicht so +viele Treppen zu ersteigen gab, wie bei der Patin. Denn diese wohnte im +vierten Stock.</p> + +<p>»Warum wohnt sie ganz oben auf der Bühne?« wollte Rudolf wissen und +erstaunte sehr, daß es da oben gar nicht aussah wie auf der Bühne, +sondern recht zierlich und hell und freundlich. Die Patin war schon +einmal in Teufenrot gewesen, Rudolf kannte sie wohl. »Aber da war ich +noch ein bißchen<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> klein,« sagte er nur. »Ja,« sagte die Patin und mußte +ein wenig lachen, »jetzt bist du freilich schon recht groß, du kannst +schon auf den Tisch heraufsehen!«</p> + +<p>Es waren auch Kinder da, ein Töchterlein Adele, das einen langen +Hängezopf hatte und französisch lernte, drei Buben von sieben, acht und +neun Jahren und dann noch ein fünfjähriges Schwesterlein. Rudolf war +bald daheim unter der lustigen Schar, besah sich mit ihr vom Balkon aus +die Stadt, die dem Landkind fast unendlich vorkam und staunte nur, daß +das kleine Annchen schon so sicher alle Kirchtürme und Aussichtspunkte +zeigen konnte.</p> + +<p>Überhaupt kam es ihm immer begehrenswerter vor, in der Stadt zu leben! +Die Buben erzählten vom Tiergarten, den Affen, Eisbären und Löwen, die +es da gibt. »Wir können hinein, so oft wir wollen, wir sind abonniert,« +sagte Richard, der älteste der Brüder.</p> + +<p>Und Hans setzte hinzu: »Ja und der Elefant kennt uns schon!« Das dünkte +den Rudolf ein unerreichbares Glück! Was waren dagegen die Eichhörnchen +im Teufenroter Wald? Und die Hasen und Rehe, die man hie und da durchs +Gebüsch huschen sah?</p> + +<p>Rudolf wußte nicht, daß die Erwachsenen einstweilen im Zimmer wirklich +Pläne schmiedeten, die ihn betrafen und die davon handelten, ihn aus +dem Stillleben der Heimat in die Stadt zu versetzen. Er sollte ja jetzt +ein Schüler werden und die Eltern hatten beschlossen, ihn das erste +Jahr in Teufenrot in die Schule zu schicken, dann wollte ihn die Patin +aufnehmen und das Patchen sollte ein fleißiger Stuttgarter Schüler +werden.</p> + +<p>Aber davon wußte, wie gesagt, Rudolf nichts. Heute hätte ihn der +Plan vielleicht gefreut, weil er sich schwer von den neuentdeckten +Herrlichkeiten trennte. Wir wollen aber<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> einmal in zwei Jahren wieder +anfragen, ob da nicht manchmal ein kleiner Junge mit dem Ranzen auf dem +Rücken daherkommt und unterwegs noch einmal seine Aufgabe wiederholt +und nebenher ein wenig seufzt: »O wenn ich nur wieder daheim wäre und +könnte ganz tief in den Wald hineinlaufen und Heidelbeeren schmausen, +frisch vom Stock!« Denn es ist nicht allemal schön und herrlich, wenn +unsere Wünsche in Erfüllung gehen, das müssen auch schon kleine Leute +erfahren.</p> + +<p>Für jetzt sah der Rudolf aber noch lauter Freude und Sonnenschein um +sich her. Der Papa trat auch zu der jugendlichen Schar und fragte +lächelnd: »Nun, Buben, wer von euch will denn nächsten Sommer in der +langen Vakanz zu uns in den Schwarzwald kommen. Sagt's nur,« fuhr er +ermunternd fort, als die Buben vor Freude dunkelrote Köpfe bekamen und +sich doch nicht getrauten, hinauszujubeln, denn das konnte ja nicht +im Ernst gemeint sein! Die ganze lange Vakanz durch aufs Land! Und in +einem Pfarrhaus wohnen, das ganz in einem großen Garten steht! Und +Schiffchen schwimmen lassen im Röhrenbrunnen! Und Eichhörnchen fangen +im Wald!</p> + +<p>Die Mutter nickte bestätigend, und daraufhin riefen alle drei mit +solchem Jauchzen: »Ich, ich, ich!« daß der Herr Pfarrer befriedigt +sagte: »Am guten Willen fehlt's da nicht, das sehe ich schon.« Und es +wurde gleich beschlossen, daß im nächsten Sommer alle drei Brüder über +die ganze Vakanzzeit nach Teufenrot kommen sollten, denn wenn der Herr +Pfarrer aus guten Gründen darnach strebte, seinen Sohn in die Stadt zu +bringen, so wollten die Eltern der Stadtkinder dagegen gern, daß diese +eine Zeitlang aufs Land kommen sollten. Und dazu hatten sie auch gute +Gründe; denn die Backen der drei Schüler waren etwas schmal und blaß +und Rudolfs dagegen so frisch und rund, daß es einen wohl gelüsten +konnte, auch solche zu bekommen!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span></p> + +<p>»Aber jetzt wird Abschied genommen, es ist höchste Zeit,« mahnte der +Papa und sah nach der Uhr. Und die Patin steckte dem Rudolf alles, was +er von den guten Vesperbrocken nicht hatte aufessen können, in die +Botanisierbüchse für unterwegs. »Und siehst du,« sagte sie noch, »da +sind drei Orangen, eine für die Mama, eine für Mariele und eine für den +Eduard. Die kannst du vielleicht in die Tasche stecken!« Das konnte +Rudolf. Es war doch gut, daß er die Kürbiskerne nicht eingesteckt +hatte, Mariele hatte doch recht gehabt!</p> + +<p>Jetzt saßen die Reisenden wieder im Eisenbahnwagen. Rudolf war etwas +müde, er warf kaum einen Blick zum Fenster hinaus. Immer näher kroch +er an den Vater heran, jetzt lehnte er den Kopf an dessen Arm und dann +schlief er ein, tief und fest.</p> + +<p>An der Station stand das wohlbekannte Wägelein, als der Zug ankam. Der +Mond stand hoch am Himmel und sah zu, wie ein schlafendes Büblein aus +einem Wagen in den andern getragen wurde. Dann knallte die Peitsche +und der »Bläß« schlug einen munteren Trab an, denn er wußte wohl, daß +es dem Stall zuging und freute sich gerade so gut auf seine Streu +und den Haber und das Heu in der Krippe, als ein müdes und hungriges +Menschenkind auf sein Bett und auf ein warmes Abendessen. Nur daß das +Menschenkind von einer lieben Mama in Empfang genommen und gepflegt, +erquickt und sorglich zugedeckt wird.</p> + +<p>Das Pfarriele schlief schon lang, als die Reisenden ankamen. Die Babett +stand unter der Haustüre und leuchtete, und die Mama rief, wie beim +Abschied, zum Fenster heraus: »Grüß Gott! Jetzt seid ihr doch wieder +glücklich da! Gott Lob und Dank!« Rudolf ließ sich wie im Traum mit +warmer Milch und Weißbrot füttern und ins Bett legen. Erst, als am +andern Morgen der kleine Bruder hereinkam, weil er gar nicht mehr +warten konnte und leise sagte: »Rudolf, du mußt nicht aufwachen,<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> du +mußt mir bloß geschwind geben, was du mir mitgebracht hast!« da fuhr +er verwundert in die Höhe und sah, daß er wieder daheim war. Er hatte +soeben geträumt, er stehe mit einer Trommel in der Hand auf einem +Straßenbahnwagen und besinne sich, ob er lieber trommeln oder lieber +mit der Glocke klingeln sollte. Denn beides war sehr verlockend.</p> + +<p>Aber daheim zu sein, war auch schön! So schön, daß er's gar nicht mehr +recht gewußt hatte, so lang er fort war.</p> + +<p>Und Rudolf schlang beide Arme um die Mama, die eben zu ihm trat und +sagte: »O Mama, es ist so schön gewesen, man kann es gar nicht recht +sagen, wie schön! Und der Elefant kennt die Buben schon, den Richard +und den Hans und den Julius. Und es gibt Postwägen mit einer Schelle +dran, die selber laufen können und ich werde dann vielleicht ein +Wagenführer. Du darfst dann immer umsonst fahren, Mama! Und du auch, +Mariele!« Denn die Schwester war auch dazu gekommen und freute sich +sehr über diese Aussicht.</p> + +<p>Aber als die Mama sagte: »Ja, möchte denn mein Bub' immer in Stuttgart +bleiben und lieber gar nicht mehr hier sein, und nicht mehr in den Wald +können und in den Garten und zu den Spatzen auf den Kirchturm?« — da +kam das Heimatsgefühl wieder, das dem Rudolf schon vorhin beim Erwachen +aufgestiegen war, und er sagte mit einem tiefen Atemzug: »Nein, nein, +das möchte ich gar nicht! Ich möchte nur daheim sein und sonst nirgends +auf der ganzen Welt!«</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span></p> + +<h2>12. Die Botenflori.</h2> +</div> + +<p>Die Botenflori saß vor ihrem Häuslein auf einem dreibeinigen Stühlchen +und ließ sich von der Sonne anscheinen. Sonst tat sie anscheinend +nichts; die Hände hatte sie in den Schoß gelegt und den Kopf an die +Wand des Häusleins gelehnt. Das war man sonst an der Flori nicht +gewöhnt. Sie war ein altes Weiblein, und so lang sich die Leute im Dorf +denken konnten, war sie jeden Tag mit ihrem Tragkorb auf dem Rücken in +die Stadt gewandert und hatte dort alles eingekauft, was die Leute etwa +brauchten, und außerdem noch die Postsachen mit heraufgebracht. Die +Flori hieß eigentlich Floriane, man hatte ihren Namen nur so abgekürzt, +weil das bequemer zu sagen war. Sie war in allen Häusern des Dorfes gut +bekannt, und wer sie so mit ihrem schweren Korb daherkommen sah, sagte +dann allemal freundlich zu ihr: »Ei, grüß Gott, Flori! So munter, wie +Ihr, ist kein Junges! Und wenn Ihr einmal Feierabend macht, dann habt +Ihr ihn auch verdient!«</p> + +<p>Aber die Flori wollte noch keinen Feierabend machen. Sie wollte gern +noch arbeiten und meinte, niemand könne so gut wie sie alles in den +Läden besorgen und so gut die Postsachen austeilen. Und doch atmete +sie so schwer, wenn es den Berg heraufging, und da und dort sagte eine +Bäuerin: »Bei der Flori nimmt das Gedächtnis auch ab, das merkt man +wohl! Sie hat mir heute schwarzes Garn gebracht anstatt braunem, und +die Düte mit dem Griesmehl ist ihr unterwegs aufgegangen! Es tut's +nicht mehr lang so!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span></p> + +<p>So hatten die Leute nichts dagegen, als in dem Frühjahr, von dem jetzt +gesagt ist, die Nachricht vom Städtlein heraufkam, daß von jetzt an +ein wohlbestellter Postbote jeden Tag heraufkommen solle, ein fester, +starker Mann, der einen verschlossenen Karren mit sich zu führen hatte, +in dem dann alles, was zu besorgen war, bequem Platz finden konnte.</p> + +<p>Aber der Flori war die Nachricht ein harter Schlag. Es kam ihr vor, +als ob ihr ein großes Unrecht widerfahren und als ob die ganze Welt +undankbar und schlecht sei. »Jetzt hab' ich mich geplagt und geschunden +meiner Lebtag,« sagte sie zum Herrn Pfarrer, der sie in ihrem Häuslein +besucht hatte, »und zum Dank dafür wird man einfach abgedankt. Bei +Lebzeiten noch abgedankt.« Und die Flori fing an zu weinen, und es half +nicht viel, daß der Herr Pfarrer tröstend sagte: »Ei, Flori, der liebe +Gott meint's gut mit Euch, daß er Euch noch einen ruhigen Feierabend +gönnen will! Und Mangel leiden müsset Ihr sicher nicht! Dafür sorgt das +ganze Dorf miteinander.«</p> + +<p>Denn es war dem fleißigen Weiblein nicht nur ums tägliche Brot zu tun, +es hätte gern noch etwas nützen wollen auf der Welt, und sein Beruf lag +ihm am Herzen.</p> + +<p>Heute war nun zum erstenmal der neue Bote ins Dorf gekommen. Er hatte +einen blauen Rock an mit blanken Knöpfen und eine Mütze auf mit einer +Silberborte, und sein Schiebkarren war schön grün angestrichen. +Jetzt kam es der Flori erst recht in den Sinn, daß sie gar kein Amt +mehr habe, und das drückte sie schwer. So kam es, daß sie am hellen +Werktag vor ihrem Häuslein saß und die Hände in den Schoß legte. Es +kam ihr vor, als ob sie nun gar nichts mehr zu tun habe im Leben, +und sie dachte, daß sie dann am liebsten gleich sterben möchte. Weil +sie so starr auf ihre Hände sah und nicht rechts und nicht links, +hatte die Flori gar nicht bemerkt, daß ein kleines<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> Fuhrwerk des Wegs +dahergekommen war und ganz in ihrer Nähe hielt. Es war ein kleines, +höchst einfaches Pritschenwägelchen, darin zwei dicke, kleine Buben +von ein und zwei Jahren saßen. An der Deichsel zog ein barfüßiges +Mädchen, das ungefähr acht Jahre alt war und dem noch ein dreijähriger +Bube am Kleid hing. Das Mädchen sah bleich und mager aus und hatte +ein finsteres Gesicht, und als es jetzt stehen blieb, um ein wenig +auszuruhen, sah man, daß es hart atmete, so, als ob es sehr müde sei.</p> + +<p>Die Flori sah erst auf, als der dreijährige Bube weinerlich sagte: +»Trag mich, Christine, ich sag's der Mutter sonst!«</p> + +<p>»Ich kann nicht, Peterle, du mußt laufen,« sagte das Mädchen, »guck, +dort kommt bald ein Rain, da sitzen wir hin.«</p> + +<p>Aber der Dicke wollte jetzt getragen sein und fing aus Leibeskräften +an zu schreien. Das mußte er schon öfters probiert haben, denn das +Schreien half, und Christine bückte sich mit einem ganz verzagten +Gesicht herunter, um den schweren Buben auf den Arm zu nehmen.</p> + +<figure class="figright illowp66" id="illu-175" style="max-width: 31.25em;"> + <img class="w100" src="images/illu-175.jpg" alt=""> +</figure> + +<p>Flori hatte sich eigentlich nicht um die Kinder bekümmern wollen, sie +hatte sich fest vorgenommen, daß sie jetzt von niemand mehr etwas +wissen wolle, wenn doch die Leute so undankbar seien. Aber daß das +schwächliche Mägdelein den dicken Schreier auf den Arm nahm, das konnte +sie doch nicht sehen, da mußte sie<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> schon eine Ausnahme machen. »Bist +du im Augenblick still und stehst fest auf deine dicken Füße?« rief sie +mit grimmiger Stimme zu dem Dicken hinüber. Der strampelte immer noch, +die kleine Kindsmagd konnte ihn kaum regieren. Da mußte sich die Flori +schon erheben. Im Augenblick war sie an dem Wägelchen, nahm den Peterle +auf den Arm und stellte ihn so nachdrücklich auf den Boden, daß er wohl +einsah, daß er da fürs erste zu bleiben habe. Christine sah ein wenig +erleichtert aus, aber sie war zu verlegen, um etwas zu sagen, so zog +sie nur wieder an ihrer Deichsel, um weiter zu kommen.</p> + +<p>Aber nun war die Flori schon in Tätigkeit. Sie kannte die Kinder +wohl. Sie kamen aus einem der ärmlichsten Häuschen am andern Ende des +Dorfes. Hier wenigstens hatte sie keine Kundschaft verloren, denn die +Frau des Wegknechts Häberle brauchte selten etwas aus der Stadt, und +wenn es dann sein mußte, so trug sie etliche Büschel Kienholz oder +Wacholderbeeren auf den Markt und brachte dafür das Nötigste mit. Das +Mägdlein war ein Bruderkind des Wegknechts, das verwaist war und gegen +ein billiges Kostgeld, das die Gemeinde bezahlte, von ihm aufgenommen +war.</p> + +<p>Es machte nicht umsonst ein so finsteres Gesicht und es war auch kein +Wunder, daß es mager und bleich aussah. Denn in dem Häuslein des +Wegknechts ging es nicht sehr freudenreich zu. Die Frau war nicht +gerade böse, aber sie hatte von Natur ein etwas unfreundliches Wesen +und dann konnte sie auch die Arbeit mit den drei kleinen Buben und +der Haushaltung und dem Äckerlein nicht gut bewältigen. Da hatte sie +sich denn angewöhnt, fast den ganzen Tag zu brummen und zu zanken, und +besonders Christine hatte noch nicht viel gute Worte von ihr gehört. +Diese ging jetzt in die Schule, aber da war fast immer ein Grund +vorhanden, daß sie zum<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> Lehrer gehen und um Urlaub anhalten solle. Das +war dem Lehrer auch nicht lieb und so war er denn auch nicht besonders +freundlich gegen das Kind. War sie dann im Haus, so hatte die Christine +fast den ganzen Tag eines der Kleinen auf dem Arm. Herumspielen mit +anderen Kindern, das gab es nicht für sie. »Möcht dann auch wissen, +zu was ich die viele Last und Mühe mit dem Mädchen haben soll, wenn +sie mir nicht ein bißchen hilft,« sagte die Base oft und dachte nicht +daran, daß Christine selber noch ein zartes, schwächliches Kind sei, +das so nicht kräftig und groß werden konnte. Es gab ja auch nicht viel +anderes zu essen für sie als Kartoffeln. Denn die Milch brauchte man +für die Kleinen und das Stückchen Speck oder Fleisch, das man hie und +da kaufen konnte, mußten nötig die Hauseltern haben, die hart arbeiten +mußten. Christine hatte sich nach und nach daran gewöhnt, daß ein Tag +um den andern gleich dahinging und nichts Erfreuliches geschah. Aber +sie hatte dabei einen so freudlosen Ausdruck in ihr Gesicht bekommen, +daß die Leute, die sie sahen, öfters zueinander sagten: »Wie nur ein so +junges Kind schon so verdrießlich und unfreundlich aussehen kann!« Und +sie sagten dann zu ihren Kindern, die fröhlich herumsprangen: »Merket's +euch nur, daß man so nicht sein darf, sondern daß man vergnügt und +dankbar sein muß.«</p> + +<p>Die Botenflori hatte sich noch nie besonders für Christine umgesehen, +so lang sie ihre täglichen Gänge machte. Da hatte sie viel wichtigeres +zu bedenken als so ein armes Waisenkind.</p> + +<p>Heute, wo sie selber so traurig war und auch gut Zeit zum Aufmerken +hatte, fiel es ihr plötzlich auf, wie elend das Mädchen aussah. Sie +konnte die Christine nicht nur so vorbeigehen lassen. So sagte sie +freundlich zu ihr: »Wo willst du denn hin mit deinem Wagen voll Leut? +Komm, da sitz ein bißchen auf mein Bänklein ab. Den Dicken darfst du +nicht<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> tragen, es könnte dir ja einen Schaden antun.« Christine sah +verwundert auf. Es war schon lang her, seit jemand so freundlich mit +ihr gesprochen hatte. Es tat ihr aber wohl und sie nickte bereitwillig +und zog ihr Wägelchen dicht an das Häuslein her. Peterle bekam eine +Hand voll Waschklammern zum spielen und Christine durfte zur Flori +auf das Bänklein sitzen. Es kam dieser nun selbst verwunderlich vor, +daß sie sich diesen Besuch herbeigeholt hatte, sie hatte doch allein +sein wollen. Aber jetzt wollte sie sich nicht mehr lang besinnen, es +gab außer ihr noch mehr betrübte Leute auf der Welt, das merkte sie +wohl. »Also jetzt, wohin hast du gewollt mit deinem Buben?« fragte sie +nochmals. »Weiß selber nicht,« gab Christine zurück. »Wir sollen den +ganzen Nachmittag fortbleiben, bis es dunkel wird. Die Base liegt im +Bett, man hat wieder einen kleinen Buben.«</p> + +<p>»Ei, was du sagst!« Flori nahm diese Nachricht sehr lebhaft auf. »Und +da freust du dich gar kein bißchen und machst so ein Gesicht dazu?« Daß +man sich da freuen könne, hatte Christine nicht gewußt. Der Wegknecht +hatte mürrisch gesagt: »Jetzt wird mir's nächstens zu viel mit dem +Geschrei,« und die Base hatte auch gebrummelt: »Wenn's noch ein Mädchen +wär, daß man auch eine Hilfe bekäme!«</p> + +<p>Und sie selber, die Christine, wußte nur, daß es noch einen kleinen +Schreihals herumzutragen gebe. Nein, erfreulich war ihr das nicht +vorgekommen. So sah sie die Flori erstaunt an und schüttelte den Kopf. +»Es ist mir ganz entleidet,« sagte sie statt aller Antwort.</p> + +<p>Der Flori war es erst vorhin auch noch ganz entleidet gewesen, sie +wußte gut, wie das ist. Aber daran dachte sie jetzt nicht mehr. »So +darf man nicht sagen, das ist eine Sünde,« sagte sie strafend. »Das +Büblein hat euch der liebe Gott geschickt und was der einem schickt, +darf einem nicht entleidet sein.<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> Und es ist gewiß ein nettes Kindlein, +du hast's nur noch nicht recht angesehen. Gib acht, wenn es die Äuglein +auf und zu macht und mit den Füßen zappelt, wenn man's badet.«</p> + +<p>Christine mußte sich immer mehr wundern, so hatte sie freilich das +Kindlein noch nicht angesehen.</p> + +<p>»Und die größeren darfst du jetzt ganz allein versorgen wie ein rechtes +Mütterlein,« fuhr die Flori fort. »Das ist gewiß ein nettes Geschäft, +das freut dich sicher.« Christine schüttelte wieder den Kopf. »Sie +schreien so,« sagte sie, »und der Peterle kratzt mich und die Base +zankt mich immer.«</p> + +<p>»Ei, du wirst's noch nicht recht können,« sagte Flori. »Wart einmal, +morgen früh will ich einmal zu euch kommen, dann tun wir's miteinander. +Das gibt ein Vergnügen!«</p> + +<p>In Christines Gesicht war ein ganz anderer Ausdruck gekommen, sie kam +sich jetzt schon nicht mehr so allein und hilflos vor. Und zu der Flori +konnte sie ein rechtes Vertrauen fassen, denn sie war der erste Mensch, +der liebreich mit ihr gesprochen hatte, seit sie aus ihrer Heimat fort +war.</p> + +<p>So tat sie der Flori recht ihr Herz auf und erzählte ihr noch vieles +von ihrem Leben und auch, wie sie's daheim, als ihre Eltern noch +lebten, so gut und schön gehabt habe. Und in der Flori stieg ein fester +Entschluß auf, dem armen Kind ein wenig aufzuhelfen, so gut als möglich.</p> + +<p>Es war ihr am andern Tag lang nicht so schmerzlich wie gestern, als +sie dem Postboten mit seinem Karren begegnete. Sie war auf dem Weg +nach dem Häuslein des Wegknechts und ging gar nicht so daher wie +jemand, der nichts mehr zu schaffen hat, sondern mit recht gewichtigen +Schritten. Wer sie sah, konnte denken, die Flori habe etwas Wichtiges +vor. Und das konnte sie wohl auch haben, denn in dem Raum, in den sie +nun eintrat, sah es ganz so aus, als ob man eine rechte Hilfe brauchen +könne. Peterle saß am Boden und schrie aus<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> Leibeskräften und der +zweijährige Georg schrie in seinem Bett zur Gesellschaft mit. Den +einjährigen Michel hatte Christine auf dem Arm und mühte sich zugleich +mit dem Feuer im Ofen ab, das nicht brennen wollte. Es rauchte und +roch nach Ruß in der Stube und die Frau rief mit scharfer Stimme aus +dem Bett: »So ein ungeschicktes Ding, wie du bist, ist mir noch nicht +vorgekommen. Gar keine Hilfe hat man an dir!«</p> + +<p>»Guten Morgen, beieinander,« sagte in diesem Augenblick die Flori, die +bei dem Lärm ungehört hereingekommen war. Sie trat an das Bett der +Frau und sagte freundlich: »Am Ende könnte ich ein bißchen nach der +Sache sehen, die Christine ist noch wohl klein zur Haushälterin.« Das +war der Frau noch nie vorgekommen, daß sich jemand um ihre Haushaltung +angenommen hatte. Es konnte ihr schon recht sein, sie sagte aber +brummig: »Wir könnten schon allein fertig werden. Arme Leute haben +keine Zeit zum Kranksein, ich stehe dann schon wieder auf.« Aber die +Flori ließ sich nicht draus bringen. Zuerst half sie dem Feuer auf, +daß dieses lustig flammte, und kochte die Morgensuppe; dann ging es an +die Reinigung der kleinen Schreihälse. Christine wußte nicht, wie ihr +geschah, so hatte ihr noch niemand gezeigt, wie man alles angreifen +mußte. Heute ging es noch einmal so leicht. »Jetzt lassen wir aber +auch den schönen Sonnenschein herein,« sagte Flori und öffnete das +Fenster, denn draußen schien jetzt die Sonne warm und hell, gerade auf +den Tisch, auf dem jetzt die Suppe stand. Christine meinte, so gut +sei noch keine Suppe gewesen und die Stube noch nie so freundlich wie +heute, und die Kinder noch nie so folgsam. Sie mußte einmal ums andere +tief aufatmen, und das sah die Flori mit Wohlgefallen. Auch die Frau +legte sich behaglich in die Kissen zurück und ließ sich versorgen, +denn sie wußte nun, daß für heute einmal alles Nötige geschehe. Sie +wollte ja nicht böse sein, sie hatte nur immer so<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> viele Sorgen und +viele Arbeit, und dann hatte sie schon lang nicht mehr gesehen, wie gut +es tut, wenn man freundlich und liebreich ist. Das sah sie nun an der +Flori, die gar nicht viel zu sagen brauchte, so folgten ihr die Kinder, +und die die ungeschickte Christine so nett und verständig anwies, daß +die Arbeit ging wie am Schnürchen. Jetzt war die Stube gefegt und das +kleinste Kindlein gebadet. Es war wirklich so, wie die Flori gestern +gesagt hatte, es gefiel der Christine sehr, wie das Kleine mit den +Gliedern zappelte in dem warmen Wasser und mit den blauen Äuglein die +Flori groß ansah. Überhaupt kam ihr heute das Leben viel erfreulicher +vor als seither, sogar die größeren Buben sahen so nett und frisch aus. +Christine mußte dem kleinen Michele einen Kuß geben. Da sah er sie groß +an und verzog das Mäulchen zum Lachen.</p> + +<p>»So, den Peterle und den Georg nehme ich mit mir,« sagte die Flori, als +alles sauber und in Ordnung war. »Ich koche dann einen Milchbrei zum +Mittagessen für die ganze Haushaltung. Den Michele läßt man im Wägelein +schlafen draußen vor dem Hans, der ist schon wieder müde. Und die +Christine bleibt bei der Hand, daß die Base jemand hat, der ihr etwas +bringen kann.«</p> + +<p>Damit zog sie ab.</p> + +<p>Christine setzte sich mit ihrer Schreibtafel auf die Staffel vor der +Haustüre. Sie lernte gern und hätte nie die Schule versäumt, wenn sie +nicht gemußt hätte. So war sie bald sehr im Eifer an ihrer Arbeit; sie +schrieb schöne lange Zahlenreihen untereinander und rechnete sie dann +zusammen.</p> + +<p>Auf einmal stand der Herr Schullehrer vor ihr, der mit Verwunderung +gesehen hatte, wie wichtig dieser Schülerin, die so oft fehlte, das +Lernen war. Christine erschrak ein wenig, aber der Lehrer sagte +freundlich: »So ist's recht! Gib dir nur recht Mühe, dann kommst du +schon noch nach. Ich will<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> dann bald einmal mit dem Wegknecht sprechen, +daß du nicht so oft die Schule versäumen mußt.« Darauf reichte er dem +Kinde ganz väterlich die Hand, und Christine blieb so glücklich zurück, +wie sie schon lange nicht mehr gewesen war.</p> + +<p>Diesem schönen Morgen folgten noch viele solche. Denn was die Flori +einmal unternahm, das führte sie gern auch aus. So erschien sie jeden +Morgen, solang die Frau noch nicht so gesund war, in dem Häuslein +des Wegknechts, versorgte die Frau und die Kinder, zeigte Christine +liebreich, wie sie alles, was zu tun war, machen müsse. »Siehst du, mit +Klötzchen und Steinen spielen sie ganz nett allein,« sagte sie, »und +dann kannst du ein wenig stricken oder rechnen.« Christine war eine +ganz neue Welt aufgegangen, seit sie so eine treue Hilfe hatte. Sie sah +gar nicht mehr finster und verzagt aus und manchmal konnte sie sogar +mit den Kleinen lustig lachen.</p> + +<p>Es war auch wunderbar; die Base zankte gar nicht mehr oft, sie war +viel freundlicher geworden, und seither hätte ihr die Christine alles +zuliebe getan, was sie nur gewußt hätte.</p> + +<p>Denn die Botenflori hatte einmal, als sie recht geruhig allein mit +der Frau zusammen in der Stube saß, recht eindringlich mit dieser +gesprochen und ihr gesagt, daß sie mit Freundlichkeit noch einmal so +viel erreiche, als mit Zorn. Und die Frau konnte sich das wohl sagen +lassen, denn die Flori hatte es ihr zuerst vorgemacht. So sagte sie nur +ganz bewegt: »Euch hat mir der liebe Gott geschickt, Flori! Vergelt's +Gott, tausendmal.«</p> + +<p>Als an diesem Abend die Flori heimwärts wanderte, war sie so froh und +glücklich, wie sie nie mehr gewesen war, seit sie die Sache mit dem +Postboten gedrückt hatte, und auch vorher lange nicht. Denn Flori hatte +es selber gut gespürt, daß es nicht mehr gehe, und hatte sich immerfort +dagegen gewehrt, ihr Amt abzutreten. So war sie oft recht elend +gewesen, trotzdem<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> sie sich in den vielen Jahren etwas Ordentliches +erspart hatte und keine Not zu fürchten brauchte. Jetzt hatte ihr der +liebe Gott die Last abgenommen und hatte ihr gezeigt, daß er doch +noch da und dort etwas für sie zu tun habe. Und weil die Flori das +nun einsah, war sie so getrost und fröhlich und ließ ruhig den neuen +Postboten seinen Schiebkarren den Berg heraufschieben, es tat ihr nicht +mehr weh.</p> + +<p>Die Kinder hingen an ihr wie die Kletten, und als das die andern Kinder +im Dorf sahen, machten sie es auch so. Aber die Christine blieb doch +ihre beste Freundin, denn die beiden, Flori und Christine, hatten +einander dazu verholfen, daß sie wieder fröhlich sein konnten.</p> + +<p>Man kann die Flori jetzt auch noch Botenflori heißen, denn sie ist ja +des lieben Gottes Botin bei den armen Leuten geworden.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span></p> + +<h2>13. Augenblicklich.</h2> +</div> + +<p>»Else, Kind, es ist Zeit zum Tischdecken! Fang gleich an, du weißt, der +Vater ärgert sich, wenn er nach Hause kommt und es ist nicht fertig!« +Die Mutter steckte einen Augenblick ihr vom Herdfeuer erhitztes Gesicht +durch die Türöffnung. »Gleich, Mutter, im Augenblick,« antwortete Else, +die an einer zierlichen Handarbeit stichelte, ohne damit aufzuhören. +Die Mutter ging wieder an ihre Arbeit zurück. Else sah nach der +Wanduhr. Erst halb zwölf! Und fünf Minuten nach zwölf kommt der Vater +nach Hause, zehn Minuten allerhöchstens brauche ich zum Tischdecken, +also kann ich ruhig noch die Schleifen an das Kissen nähen. Was sich +nur Mama denkt, wie lang' ich brauche?</p> + +<p>Else war schon zwölf Jahre alt, die Älteste von fünf Geschwistern, +und fand, daß sie's im allgemeinen doch recht unruhig habe! Alle +Augenblicke begehrte jemand anderes ihre Dienste, von einer schönen +Geschichte konnte sie wohl zehnmal abgerufen werden. Sie wußte keine +von all' ihren Freundinnen, der so viel zugemutet wurde. Heute war +sie mit einer Geburtstagsarbeit für Alice Baumann, ihre liebste +Freundin, beschäftigt; sie wurde so hübsch, Else mochte sich nicht +von dem zierlichen Nadelkissen trennen, eh' es fertig war. Blaue +Seide mit weißen Spitzen und Schleifchen! Sie hob wieder den Blick +zur Uhr. Dreiviertel! Da reichte es gut auch noch zur Aufhängeschnur. +Nein, wie diese dumme Schnur sich verwickelte! Einen so aufzuhalten! +Und nun hatte sie dieselbe<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> gar auf die verkehrte Seite genäht vor +Aufregung und Eile! Wenn man sich auch so abhetzen muß! Else hatte +ordentlich Mitleid mit sich selbst. Zwei Minuten bis zwölf! Jetzt galt +es aber, voran zu machen. Schnell das Tischtuch aus dem Schrank, die +Teller vom Büffet, wie dumm das Salzfaß im Wege stand, es fiel bei der +kleinsten Berührung mit dem Ellbogen um und streute seinen Inhalt auf +den Fußboden! Zum Aufkehren hatte man jetzt keine Zeit, nur schnell +das ganze Häufchen unter den Schrank, gleich nach Tisch wollte Else es +wegnehmen. Da, ein Geschrei im Nebenzimmer. Natürlich, nun mußte Hans +aufwachen, er wachte ja immer auf, wenn er möglichst ungeschickt kam. +Else hatte das Amt, ihn alsdann in sein Kleidchen zu stecken und ihm, +ehe sich die Großen zu Tisch setzten, seine Suppe zu geben. Das hatte +sie vorhin in ihrer Zeitrechnung vergessen, wer kann aber auch an alles +denken? »Sei still, Hänschen,« rief sie eilig ins Schlafzimmer hinein, +»ich komme im Augenblick.« Der Kleine fuhr aber fort zu schreien und +die Mutter ließ ihre Küche im Stich, um nachzusehen, wo es fehle. In +diesem Augenblick ging die Haustür, der Vater trat ein, gefolgt von +einem Herrn, den er als Gast mitbrachte. Er ließ auch zugleich Max +und Konrad, die aus der Schule kamen und Klein-Gretchen, das sich im +Garten vergnügt hatte, herein. »Else, weshalb siehst du nicht nach +dem Kleinen?« rief die Mutter; aber sie schwieg traurig, als sie den +ungedeckten Tisch sah, der erst schwache Anfänge zu einer Eßgelegenheit +zeigte. Nun wußte sie schon, woran sie war. »Komm Konrad, hilf schnell, +den Tisch zu decken, aber sieh, daß nichts fehlt,« damit eilte die +Mutter nochmals in die Küche, um dem Mädchen die letzten Anweisungen +zu geben, und dann zu Hänschen, um ihn zu beruhigen und anzuziehen. +Der Vater war mit dem Gast eingetreten. Er liebte es sehr, wenn er in +den wenigen Stunden,<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> die er im Kreis seiner Familie zubringen konnte, +alles gemütlich und hübsch in Ordnung, die Kinder fröhlich, den Tisch +gedeckt und seine Frau »für ihn zu haben« fand. Und dazu heute, wo +er einen Jugendfreund, den er lange nicht gesehen hatte, mitbrachte! +So zog er unwillig die Augenbrauen zusammen, als im Wohnzimmer ein +Gelaufe, wie im Ameisenhaufen, war. Konrad vollzog seine Mithilfe an +der Arbeit mit großem Geräusch und nicht ohne anzügliche Bemerkungen +gegen Else. »Wieder einmal gelesen?« fragte er sachverständig. Else +hatte aber nicht gelesen, sondern fleißig gearbeitet und brauchte sich +derartige Bemerkungen nicht gefallen zu lassen. Sie war überhaupt +aufgeregt, gab dem Bruder eine heftige Antwort und zerbrach auch +ein Glas, eins von den geschliffenen, die Mama zu Ehren des Gastes +herausgegeben hatte.</p> + +<p>Die Mutter erschien, als sie den Kleinen endlich beruhigt und sich +selbst und Hänschen etwas präsentabel gemacht hatte, müde und +abgespannt bei Tisch und mußte Hänschen auf dem Schoß haben, weil er +seine Suppe nun erst mit den Großen essen konnte.</p> + +<p>Schade, es war lang nicht so gemütlich wie sonst, der Gast hätte +einen besseren Eindruck vom Hause bekommen können, und das bedrückte +die Mutter, die wohl wußte, wie viel der Vater darauf hielt. Die +Herren mußten auch gleich nach Tisch wieder fort, es hatte vorher +so lang gedauert; nun war auch das behagliche Viertelstündchen nach +Tisch, das der Vater so liebte, für heute verscherzt. Else ging mit +unglücklichem Gesicht umher, sie hätte gern gewußt, ob es noch jemanden +gehe wie ihr. Immer kam alles Unangenehme zusammen! Die Mutter hatte +nicht gescholten, sie hatte nur gesagt: »Wann wirst du je anfangen, +zuverlässig zu werden?« Und Else leistete doch so viel für ihr Alter, +nur allerdings nicht immer gerade das, was man von ihr voraussetzte und +nicht immer genau zu der Zeit, wo man es erwartete.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span></p> + +<p>Es war am Nachmittag, der heute schulfrei war. Auf vier Uhr war Else +zu der Geburtstagfeier eingeladen. Das Kissen lag hübsch verpackt in +Seidenpapier, warum war ihr nur die ganze Freude daran verdorben? +Elsens Blick fiel auf den Bücherschrank. Eigentlich hätte sie jetzt +ihre Aufgaben machen sollen, ja so, und die Mutter hatte sie gebeten, +Hänschen ein wenig zu beaufsichtigen, da sie ein Weilchen ruhen +wollte. Aber da war noch das Buch, das Max, wie er sagte, heute abend +seinem Kameraden zurückgeben wollte, und Else hatte solch eine schöne +Geschichte darin angefangen. Das ließ sich ja auch alles ganz gut +vereinigen. Mit den Aufgaben wurde sie noch lange fertig und im Notfall +konnten sie auch abends gemacht werden. Ausnahmsweise, gewöhnlich +sollte das ja nicht sein. Und Hänschen? Nun der krabbelte vergnüglich +am Boden umher und konnte sich ganz schön selbst beschäftigen. Else +fand, daß er viel liebenswürdiger war, wenn man ihn sich selbst +überließ. So konnte sie gut ein Weilchen lesen. Einen Augenblick +hatte sie zwar ein unbestimmtes Gefühl, als ob es vorher noch etwas +Dringendes für sie zu erledigen gäbe; was war es nur gleich? Ach +richtig, das Salzhäufchen unter dem Schrank! Das mußte weg, gleich +nachher. Dann war sie mitten im Urwald, unter Schlangen und mutigen +Reisenden, die große Taten vollbrachten. Was waren das für herrliche +Menschen! Else wollte später auch viel Gutes und Schönes ausführen, sie +wußte nur für den Augenblick nicht recht, was? Aber das fand sich!</p> + +<p>Aus der einen Geschichte wurden zwei. Else saß mit glühendem Gesicht +und atmete kaum. Es waren zu schöne Geschichten! Und Hänschen war so +artig und still, wunderbar! Aber jetzt war's halb vier Uhr. Und Else +mußte sich noch umziehen, die Mutter hatte das neue Sonntagskleid +gestattet. Flugs hinein, das Kissen zur Hand und dann fort! Denn<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> Alice +wohnte ziemlich weit weg und Else wollte nicht zuletzt kommen.</p> + +<p>So ganz behaglich war's ihr diesmal nicht in der fröhlichen +Gesellschaft. Erstens hatte sie einen ganz heißen Kopf und erregte +Sinne von dem hastigen Lesen, dann waren auch noch die Schulaufgaben +sämtlich unerledigt und dann, sie hatte gar nicht gemerkt, daß Mama +das am Ofen sitzende Hänschen mit beschmutztem Kleidchen und schwarzen +Händchen weggenommen und stillschweigend gereinigt hatte. Sie hatte +es erst nachträglich durch Max erfahren, natürlich nicht ohne +brüderliche Seitenhiebe. Aber es war doch nicht ganz angenehm. Wenn +Mama nicht schalt, war sie traurig, und merkwürdig, das war noch viel +unbehaglicher, obgleich sich Else nicht gern schelten ließ.</p> + +<p>In der Gesellschaft war viel die Rede von einem großen Zirkus, der für +einige Zeit in der Stadt war. Else wußte auch davon, der Vater hatte +so halb und halb versprochen, einmal mit seinen drei größeren Kindern +und der Mutter hinzugehen, und sie freute sich längst darauf. Sie nahm +sich auch vor, gleich heute noch beim Abendessen den Vater darum zu +bestürmen, es war ein großartiges, anziehendes Programm, das mußte man +gesehen haben.</p> + +<p>Ganz hingenommen von diesen Gedanken kam sie nach Hause.</p> + +<p>Die Brüder hatten Sonntagskleider an, blätterten in merkwürdiger +Eintracht in dem großen zoologischen Atlas des Vaters und machten +dazu eifrige Bemerkungen. Else wunderte sich darüber, bekam aber +sogleich die Mahnung: »Leise, Hänschen ist krank, Mama sitzt bei ihm am +Bettchen.«</p> + +<p>»Du kannst dein Sonntagskleid anbehalten, Else,« empfing die Mutter das +Töchterlein, »Papa will mit euch dreien und seinem Freund, der auch ein +Töchterlein mit hierher gebracht hat, in den Zirkus gehen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span></p> + +<p>»Deine Aufgaben sind ja doch wohl fertig? Eigentlich sollte ich dir +heute das Vergnügen nicht gestatten, denn du versäumst jetzt gerade so +oft deine kleinen Pflichten, aber ich hoffe, du merkst dir's endlich — +ich kann ja leider auch nicht mitgehen. Hänschen ist nicht wohl, ich +weiß nicht, was mit dem Kind ist, es muß etwas Unpassendes gegessen +haben.« Else wurde es heiß und kalt! Erstens keine Möglichkeit, mit +in den Zirkus zu gehen, denn die Aufgaben standen noch riesengroß da +zur Erledigung. Und der Vater, wie würde der unzufrieden sein! Und die +Brüder würden spotten! Und auf morgen früh verschieben ging nicht, das +gestatteten die Eltern nie.</p> + +<p>Und zudem! Was hatte Hänschen wohl geschluckt? Else erinnerte sich +jetzt deutlich, daß sie während des Lesens immer ein Gefühl gehabt +habe, als stecke der kleine Bursche etwas ins Mäulchen, das nicht +hineingehöre, es hatte so geknirscht! Ja richtig, das Salz! Else +stürzte fort, die Mutter kam ihr erstaunt nach. Da kniete sie am Boden +und brachte die Reste des Häufchens zum Vorschein, den weitaus größten +Teil hatte der Kleine geschluckt.</p> + +<p>Erstaunt und betrübt hörte die Mutter den Bericht mit an, den +Else gab. Es war eine Kette von kleinen Versäumnissen. Else hatte +alles tun wollen, was sie sollte, »im Augenblick,« nur nicht im +zunächstliegenden, und so war es dann gar nicht geschehen.</p> + +<p>Das war ein gestörter Abend. Der Vater ging mit den Brüdern allein, er +hatte nur gesagt: »Hoffentlich muß der arme kleine Kerl nicht zu sehr +den Leichtsinn seiner Schwester büßen,« nichts davon, daß es ihm leid +sei, Else nicht mitnehmen zu können.</p> + +<p>Das war dieser noch das härteste. Sie saß im einsamen Wohnzimmer und +schrieb und rechnete, aber dazwischen tropften schwere Tränen auf die +Hefte. Da trat die Mutter ein.<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> »Hänschen schläft jetzt,« sagte sie, +»ich hoffe, es schadet ihm weiter nichts; nun ich wußte, womit er sich +den Magen verdorben, konnte ich dagegen wirken.«</p> + +<p>Dann gegenseitige Stille. Else kämpfte mit sich. Eigentlich hatte sie +doch nichts verbrochen, es war nur ungeschickt gegangen! Nein, doch, +sie wußte es ja besser, gewiß, es sollte anders werden.</p> + +<p>»Mama,« Else hob das verweinte Gesicht. »Ja? Was ist's?« fragte die +Mutter ein wenig müde, sie hatte heute schon so viel Aufregung gehabt. +»Ich möchte, — ich will gewiß, — ach, Mama, kannst du mich denn noch +lieb haben?«</p> + +<p>Jetzt war Else ein ganzes Kind, reuig, trost- und liebebedürftig; sie +hatte den Kopf in der Mutter Schoß gelegt und schluchzte sich alles vom +Herzen herunter, was Drückendes, Unartiges, Störendes drin war. Und +die Mutter tröstete jetzt das große Kind, wie vorher das kleine, und +half ihm mit mütterlichen Worten ins rechte Geleise. Denn es ist bei +der Mutter gleich, ob sich die Kleinen oder die Großen verirren, die +Hauptsache ist, daß das Kind den Heimweg sucht und dazu nach der Hand +der Mutter greift.</p> + +<p>Und als Else hernach beschwichtigt und erleichtert in ihrem Bett lag, +gab ihr die Mutter noch als Schutz- und Trutzmittel für den neuen Weg, +den sie wandern wollte, ein Verslein mit, »das bete jeden Tag von +Herzen, so wird dir's der liebe Gott gelingen lassen:</p> + + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Gib, daß ich tu' mit Fleiß,</div> + <div class="verse indent0">Was mir zu tun gebühret,</div> + <div class="verse indent0">Wozu mich dein Befehl in meinem Stande führet,</div> + <div class="verse indent0">Gib, daß ich's tue bald, zu der Zeit, da ich soll,</div> + <div class="verse indent0">Und dann gerate mir's durch deinen Segen wohl.«</div> + </div> +</div> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span></p> + +<h2>14. Angelika.</h2> +</div> + + +<p>»Aufgepaßt!«</p> + +<p>Christian, der stämmige Stallknecht, rief aus den dichten Zweigen +des großen Apfelbaums, der so voll hing mit reifen Äpfeln, daß er im +Sonnenschein aussah wie ein rotes Dach. Dann rüttelte und schüttelte er +so nachdrücklich an den Ästen, daß es anfing zu prasseln und in kurzer +Zeit der Boden ringsumher ganz bedeckt war mit den schönen Früchten.</p> + +<p>»Au, au, hör auf! Hör einmal auf, Christian! Die Äpfel zerfallen +aufeinander, so viele liegen schon da! Man muß zuerst diese auflesen!«</p> + +<p>So tönte es nun durcheinander, denn es war eine große Gesellschaft in +dem Obstgarten versammelt. Da waren zuerst die sechs Kinder des Herrn +Amtmanns, dem der Garten gehörte, von Wilhelm, dem großen Lateinschüler +an, bis herab zu dem jüngsten, zweijährigen Schwesterlein. Dann +waren noch die Buben aus dem Pfarrhaus da und die Kinder des Herrn +Schultheißen. Es war ein lustiges, lebhaftes Häuflein, das da +durcheinander purzelte, krabbelte, lachte und sich neben der fleißigen +Arbeit her die Äpfel schmecken ließ.</p> + +<p>Das Oberkommando führte Heinerike, die alte Magd des Amtshauses. Sie +verstand das Regieren aus dem Fundament, und wenn ihr auch selber das +Bücken ein wenig sauer geschah, so konnte sie die Kinder um so besser +dazu anleiten. So wurde in hellem Vergnügen ein Sack nach dem andern +gefüllt. Angelika, das siebenjährige Töchterlein des Hauses, hatte +schon seit einer<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> Weile angefangen, die allergrößten Äpfel auf ein +besonderes Häufchen zu legen. Jetzt schienen es genug zu sein, denn +sie packte alle zusammen in ihre weite Ärmelschürze und steuerte, so +schnell es mit der gewaltigen Last ging, auf das Lattentürchen zu, das +aus dem Obstgarten nach dem Blumengärtlein hinführte. Dort stand eine +dichtbewachsene Laube und in diese trat Angelika ein.</p> + +<p>»Großvater,« rief sie schon von weitem, »sieh nur, Großvater, so +große prachtvolle Äpfel gibt's heute! Ich habe dir die allerschönsten +herausgelesen, du mußt sie behalten!«</p> + +<p>Der Großvater stellte lächelnd seine lange Pfeife neben sich an die +Wand und strich leise mit der Hand über die frischen runden Backen des +kleinen Mädchens.</p> + +<p>»So, und die schönsten bringst du mir? Das ist brav,« lobte er dann. +»Aber was soll denn der Großvater damit anfangen? Er kann die Äpfel ja +nicht mehr beißen!«</p> + +<p>Daran hatte Angelika freilich nicht gedacht. Sie sah bedauernd in +ihr Schürzchen und sagte dann: »Dann mußt du sie wenigstens ansehen, +Großvater! Sie sind ganz furchtbar groß, du siehst sie schon!« Und sie +hielt dem Großvater einen der schönsten ganz dicht vor die Augen.</p> + +<p>Der Großvater griff mit der Hand nach dem Apfel. »Daß er groß ist, das +fühle ich schon,« sagte er. »Aber sehen kann ich ihn doch nicht. Du +mußt aber deswegen nicht traurig sein. Ich habe in meinem Leben schon +so viele schöne Äpfel gesehen, da kann ich mir nun ganz gut denken, wie +dieser aussieht.«</p> + +<p>Der Großvater war nämlich schwer krank gewesen und als es ihm sonst +wieder besser ging, da waren seine Augen ganz allmählich immer +schwächer geworden. Jetzt hatte er noch einen Schein in dem einen Auge, +so daß er unterscheiden konnte, ob es hell oder dunkel um ihn her sei.</p> + +<p>Weil er aber schon die ganze Zeit seines Lebens in diesem Haus +und Garten gewohnt hatte, so konnte er, ohne daß man<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> ihn führte, +umhergehen und seine Lieblingsplätzchen aufsuchen. Am liebsten saß er +in der Laube, und die Kinder waren dann oft bei ihm, besonders Angelika.</p> + +<p>Den Großvater hatte seine Blindheit nicht unglücklich oder auch +verdrießlich und mürrisch gemacht. Er dachte, der liebe Gott werde +schon wissen, wozu er ihm das geschickt habe, und so wolle er dann +damit zufrieden und geduldig sein. Und dann fiel dem Großvater, wenn er +so still für sich dasaß, so vieles aus seinem vergangenen Leben ein, +er dachte an alle seine Lieben, die niemand auf der Welt mehr sehen +konnte, weil sie schon lang vom lieben Gott heimgeholt worden waren. +Und alles wurde ihm so lebendig, daß er es wirklich zu sehen meinte; da +vergaß er dann manchmal ganz, daß er blind war.</p> + +<p>Für Angelika war es herrlich, daß der Großvater so viel Zeit hatte. +Es ereignete sich immer so viel, was notwendig mit jemand besprochen +werden mußte; das konnte man alles sehr gut beim Großvater anbringen. +Und es war schöner als alle Geschichten, die es gab, wenn der Großvater +anfing, aus seiner Kindheit zu erzählen. Aus dem Hungerjahr, wo +die Leute Klee- und Baumrinde unter das Brotmehl mischten, und aus +Kriegszeiten und dann auch noch viel Erfreuliches.</p> + +<p>Heute hatte das Kind etwas Besonderes auf dem Herzen. Es legte die +Äpfel alle auf den Tisch, zog sich dann ein Schemelchen heran und +sagte: »Großvater, warum heiße ich Angelika? Niemand heißt so, als nur +ich! Des Schultheißen Christoph hat gesagt, vielleicht habe einmal, wie +ich noch klein gewesen sei, jemand so geheißen und dann habe man mich +deshalb so getauft.«</p> + +<p>»Da hat der Christoph nicht so unrecht,« sagte der Großvater. »Es hat +einmal jemand so geheißen wie du, aber das ist schon so lange her, so +lang, daß außer mir niemand mehr lebt, der sie gekannt hat.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span></p> + +<figure class="figcenter illowp80" id="illu-194" style="max-width: 62.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-194.jpg" alt=""> +</figure> + +<p>Es war so ein merkwürdiger Ausdruck in des Großvaters Gesicht gekommen, +wie ihn Angelika noch nie gesehen hatte. Fast wie wenn er weinen +wollte. Das durfte nicht sein! »Großvater, sei nur zufrieden, es macht +nichts. Ich will dann gern so heißen. Die Mutter hat auch gesagt, es +sei gar nicht ungeschickt, man wisse gleich, wen man meine, wenn sonst +niemand da sei, der Angelika heiße.«</p> + +<p>Aber der Großvater war noch nicht gleich wieder wie sonst. Er fühlte +den dicken braunen Zopf an, der bei Angelika hinten gerade hinausstand +und die kurzen, krausen Härchen, die sich überall herausdrängten, und +schüttelte immer den Kopf dazu. »Sie sah ganz anders aus,« sagte er +leise vor sich hin, »ganz anders.«</p> + +<p>Das alles erweckte Angelikas Interesse. »Wer, Großvater?« fragte sie +fast ein wenig schüchtern.</p> + +<p>»Die, nach der man dich geheißen hat,« sagte der Großvater.<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> »Sie war +mein Schwesterlein, ich habe nie mehr so etwas Liebliches gesehen.«</p> + +<p>»O, erzähl' mir von ihr? War sie so groß wie ich? O, erzähl' mir alles, +was du weißt von ihr!« Angelika kam ganz in Eifer, denn nun auf einmal +von jemand zu hören, der so hieß wie sie, und der keine alte Frau war, +sondern ein kleines Mädchen, das war ein wichtiges Ereignis.</p> + +<p>»Sie war so groß wie du, als sie zu den Engelein ging,« sagte der +Großvater. »Hast du schon deine Aufgaben gelernt? Ja? Dann kannst du +dableiben und ich will dir von ihr erzählen.«</p> + +<p>»Ich war,« fing der Großvater an, »vier Jahre alt, so alt wie Martin +jetzt ist, aber größer und fester als er. Geschwister hatte ich noch +nicht und ich dachte auch nicht daran, daß mir das fehle. An einem +Sonntagmorgen aber kam der Vater an mein Bettchen und hielt ein großes, +weißes Bündel im Arm. Das war ein Tragkissen, und darin lag ein ganz +kleines, zartes Menschenkindlein, das guckte mit großen blauen Augen +hell um sich. ›Freu dich, Hermann,‹ sagte der Vater, ›Du hast ein +Schwesterlein bekommen. Gib ihm einen Kuß aufs Bäckchen, aber sachte, +sachte, daß es nicht schreit.‹</p> + +<p>»War das ein Jubel! Es gab so viel Neues, Ungewohntes jetzt, das +Schwesterlein war so interessant! Wenn es gebadet wurde und dann wohlig +plätscherte und strampelte, oder wenn es seine Milch trank und nachher +anfing zu ›krägeln‹, du weißt ja, wie das ist.« »Ja, ja, man meint, es +wolle anfangen zu sprechen und kann doch noch nicht,« sagte Angelika +eifrig. Sie war ganz bei der Sache.</p> + +<p>»Einmal fragte ich die Mutter: ›Sag, heißt es nur Schwesterlein und +sonst nichts?‹ Da lachte sie und sagte: ›Am Sonntag soll es getauft +werden! Paß nur gut auf, wie der Herr Pfarrer dann sagt, so heißt es +dann immer.‹ Von da<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> an war ich sehr begierig auf den Sonntag. In der +Nacht hörte ich aber ein Gespräch der Eltern mit an.</p> + +<p>»›Nein, nicht nach mir,‹ sagte die Mutter. ›Siehst du, es ist so zart +und lieblich und fein, es sieht aus wie die Engelein, und da möchte ich +so gern, daß es auch der Engelein Namen trage. Wir wollen es Angelika +heißen.‹</p> + +<p>»›Ich habe nichts dagegen,‹ sagte der Vater. ›Und Gott behüte unser +Kindlein, daß die Engelein allezeit bei ihm bleiben.‹</p> + +<p>»Da wußte ich, wie der Herr Pfarrer das Schwesterlein heißen werde. Das +wuchs fröhlich heran. Ich sei, sagte die Mutter, ein rechter kleiner +Schreihals gewesen, da kam es ihr fast wunderbar vor, wie sanft und +still das Schwesterlein war. Es konnte stundenlang in seinem Wägelchen +liegen und mit den Händchen spielen, und wenn man dann herkam, lachte +es einen an. Ich war ganz glücklich, als es mich zum erstenmal am +Haar zupfte und meine Finger mit seinen Händchen umschloß. ›Gelt, es +ist nur <em class="gesperrt">mein</em> Schwesterlein und sonst gar niemands?‹ fragte ich +die Mutter immer wieder und dann war ich froh und stolz, wenn sie es +bejahte.</p> + +<p>»Als es ein Jahr alt war, trippelte mein Schwesterlein schon ganz flink +auf seinen eigenen Füßchen daher. Ich brauchte ihm nur einen Finger zu +geben, so durchwanderte es den ganzen Garten mit mir.</p> + +<p>»Wir hatten damals einen alten Kutscher Namens Leonhard. Der blieb +allemal stehen, wenn das Kleine aus dem Haus kam und kratzte sich +hinter den Ohren. ›Wenn's nur nicht davonfliegt, das Engelein,‹ sagte +er dann vor sich hin. ›Es tun ihm nur noch die Flügel fehlen.‹</p> + +<p>»Ich lachte vergnügt darüber, denn das gefiel mir, daß der alte +Brummbär das Schwesterlein mit einem Engelein verglich. Mit dem +Davonfliegen, dachte ich, habe das keine Not.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span></p> + +<p>»Ja, gelt, es hat ja keine Flügel gehabt,« bestätigte Angelika.</p> + +<p>»Wenigstens damals noch nicht,« sagte der Großvater so vor sich hin. +Dann fuhr er fort: »Ich kann dir das nicht mehr alles erzählen, +obgleich ich's noch ganz genau weiß, wie es sprechen lernte und fast +von selbst alle kleinen Liedchen der Mutter nachsingen konnte. Und +wie es dann anfing, mit seinen Puppen gerade so zu hausen, wie es das +bei den großen Leuten sah. Als ich sechs Jahre alt war, mußte ich zur +Schule. Und es gab einen großen Jammer, als das Schwesterlein einsehen +mußte, daß es da nicht mit konnte.</p> + +<p>»Aber eines Tages ging die Türe auf, als wir tüchtig am Einmaleins +waren und herein trippelte, gerade auf mich los, ›das Engele‹, wie es +im Dorf allgemein hieß, mein kleines Schwesterlein mit seinen langen +goldigen Locken. Es trug ein Stückchen Backwerk im Händchen. Das hatte +es geschenkt bekommen und ich sollte, wie immer, die Hälfte abbeißen.</p> + +<p>»Von da an neckten mich die Buben immer. Und ich dachte dann machmal, +daß ich nun auch zu groß sei, um immer mit einem kleinen Mädchen zu +spielen. Auf dem großen Spielplatz am Brunnen war es so lustig. Ich war +der Anführer bei allen wilden Spielen, und Angelika konnte da nicht +mittun. Sie blieb daheim bei der Mutter und unterhielt sich stundenlang +allein im Garten. Wenn ich manchmal am Sonntag oder so mit ihr +hinunterging, so war ich ganz verwundert, was sie mir alles zu erzählen +wußte.</p> + +<p>»Du bist ein Fabelhans, Engele,« sagte ich einmal, als sie mir ganz +ernsthaft berichtete, was ihr die Vögelein, die ihr Nest in der +Stachelbeerhecke bauten, erzählt hätten und daß das grüne Eidechschen, +das zu unsern Füßen durchs Laub raschelte, eine Mama sei und kleine +Kinder zu Haus habe.</p> + +<p>»Angelika war vier Jahre alt, als des Bachbauern Liesle starb, +ein kleines schwächliches Dinglein. ›Dem armen Tröpfle<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> ist's +wohlgegangen,‹ sagte Kätter unsere Magd, als sie von der Beerdigung +heimkam.</p> + +<p>»Angelika war mitgewesen. ›Warum ist's ihm wohlgegangen?‹ wollte sie +wissen. ›Wenn man's doch in das tiefe Loch hinunter getan hat?‹ ›Ach +du lieber Gott, paßt das Kind auf,‹ sagte die Kätter, und die Mutter +erklärte: ›Der liebe Heiland läßt es nicht in dem Loch, er schickt +seine Engelein, die tragen es in den Himmel.‹</p> + +<p>»Am andern Tag begrub Angelika ihre liebste Puppe Toni im Garten unter +einem Himbeerbusch. Dann saß sie lange mäuschenstill gegenüber. Und als +ich sie holen wollte, legte sie ihr Fingerchen auf den Mund: ›Bscht! +Sei leise! Ich muß warten, bis die Engelein kommen und die Toni in den +Himmel tragen.‹ Damals war ich schon ein großer Schüler, der nächstens +in die Stadtschule kommen sollte, so konnte ich mit großer Weisheit +erklären: ›Dumms Dingle, Puppen kommen nicht in den Himmel.‹</p> + +<p>»Ich nehme aber die Toni mit, wenn ich hineingehe, beharrte Angelika +und dabei blieb sie, obgleich ich versicherte, wenn man einmal ganz alt +sei und in den Himmel komme, brauche man keine Puppen mehr.</p> + +<p>»Als ich das erstemal nach halbjähriger Abwesenheit wieder nach Hause +kam, war Angelika fünf Jahre alt. Ich war jetzt für die ganze Schulzeit +bei dem Onkel in der Stadt einquartiert und kam nur in den Ferien heim. +In der Stadt lebte ich mit so viel Buben zusammen und Mädchen sah ich +nur von weitem. Da war ich's gar nicht mehr gewöhnt, mit Puppen und +Kochgeschirren umzugehen, und sagte das auch dem Schwesterlein, als es +mich feierlich zum Puppenvater ernannte.</p> + +<p>»Das ›Engele‹ sah mich mit seinen großen blauen Augen nachdenklich +an, dann sagte es: ›O das tut nichts; die Kinder setzen wir nur ins +Rondell, sie sind sehr artig. Dann kann ich<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> gut mit dir spazieren +gehen, Hermännle. Es sind junge Geißlein bei der Webergret, die müssen +wir ansehen.‹ Da wußte ich, daß Angelika ganz und gar Beschlag auf mich +legen wollte, und es fiel mir ein, daß es nur <em class="gesperrt">mein</em> Schwesterlein +sei und sonst niemand's, und wir verbrachten unsere Zeit wieder +zusammen, wie früher.</p> + +<p>»Bei der Webergret war es nun allerdings genußreich. Die zwei kleinen +Geißlein, die im Stall herumhüpften, waren so zierlich und possierlich, +daß wir uns fast nicht trennen konnten. Angelika sprach mit ihnen +wie mit Menschen. ›Komm, komm, du Kleines,‹ sagte sie und tätschelte +das Weiße mit ihrem kleinen Händchen, ›du mußt das Schwarze auch zum +Tröglein herlassen! Denk einmal, wie bös das ist, wenn man alles allein +haben will!‹</p> + +<p>»Die Webergret sah immerfort ganz entzückt mein Schwesterlein an. Das +tat mir wohl, es war mir fast, als ob ich mit schuld sei, daß es so +herzig war. Aber dann schüttelte das Weib ernsthaft den Kopf. ›Auch +gar nichts hinwachsen tut an das Kindlein,‹ brummte es. ›So feine +Gliedlein wie von Wachs, und so Augen, so Augen! Und hat doch eine +Pfleg! ich weiß, eine Pfleg wie ein Prinzeßlein!‹ Es wurde mir ein +wenig unheimlich, ich zog das Engele mit mir fort und erzählte daheim +bei Tisch den Eltern, was die Webergret gesagt habe. Sie tauschten +einen langen Blick und die Mutter drückte heftig das blonde Köpflein an +sich. Ich verstand das damals nicht, es ist mir aber später noch oft +eingefallen.«</p> + +<p>Der Großvater schwieg eine Weile und nickte ein paarmal mit dem Kopf, +so, als ob ihm immer wieder etwas einfalle, was zu der Geschichte +gehöre. Das wilde kleine Mädchen, das sonst, wie jedes behauptete, gar +nicht wußte, was still sein heißt, rührte sich nicht. Es hatte sich +so in des Großvaters Erzählung hineingelebt, daß es nicht mehr daran +dachte, daß<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> man drüben im Garten Äpfel schüttle und daß es sich hatte +ein ›Maugennest‹ anlegen wollen. »Weiter, o weiter, Großvater,« sagte +Angelika endlich und tat einen tiefen Atemzug.</p> + +<p>»Ja so, ja,« sagte der Großvater.</p> + +<p>»Einmal kam ich auch in die Vakanz. Es war einige Tage vor Ostern. +Ich war nicht recht wohl, hatte Kopfweh und war müde und der Vater +sagte: ›Das ist wohl vom Wachsen und vom Lernen zusammen.‹ ›Wollen +ihn schon herauspflegen,‹ sagte die Kätter, die gerade durchs Zimmer +ging. Angelika war ein wenig blaß und war gewachsen, seit ich sie nicht +gesehen hatte. ›Sie ist fast den ganzen Winter im Zimmer gewesen,‹ +sagte die Mutter. ›Sie hatte soviel Husten. Aber jetzt, wo die +Sonne so warm scheint, darf mein Vögelein wieder hinaus.‹ Da wurden +die schmalen Bäckchen rot vor Freude. ›Hermännle,‹ sagte Angelika, +›am allerschönsten ist's draußen am Steinbühl. Dort gibt's jetzt +Palmkätzchen und Schäfchen und Schlüsselblumen. Gelt, wir gehen gleich +nach dem Essen hinaus? Es ist nicht so weit, das ist recht, weil du so +müde bist. Und ich auch,‹ setzte sie hinzu.</p> + +<p>»Es war ein wunderschöner Frühlingstag, der Gründonnerstag, an dem +wir zwei Hand in Hand an den Steinbühl gingen. Leonhard stand unter +der Stalltüre, als wir den Hof verließen. Er hatte inzwischen ganz +weiße Haare bekommen und hatte sich angewöhnt, halblaut vor sich hin +zu reden. Als er uns beide sah, fuhr er sich über die Augen und sagte: +›Ja, ja, werden's schon sehen! Hab's schon lang gesagt! Es fliegt schon +noch davon! Werden's schon sehen!‹</p> + +<p>»Da lachte das ›Engele‹ hell und lustig: ›Wer fliegt davon, Leonhard? +Paß auch gut auf, wenn der Osterhase in den Garten läuft, daß du ihn +nicht verscheuchst! Und sag: er soll mir ein Springseil legen und einen +Bücherranzen, ich komme jetzt dann in die große Schule!‹ Aber der Alte +brummelte weiter und wir zogen aus.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span></p> + +<p>»›Weißt du, Hermännle,‹ plauderte Angelika, als wir auf der Lattenbank +unter der Buche am Steinbühl saßen, ›weißt du, manches ist so +sonderbar! Gestern hat die Kätter Zwiebel gesteckt und Gelbrüben +gesät. Wie können denn da große Stöcke herauswachsen aus so kleinen +Kernlein?‹ ›Das läßt eben der liebe Gott wachsen,‹ sagte ich ein wenig +gedankenlos. Ich wollte gern von lustigeren Sachen schwatzen. Aber +mein Schwesterlein war noch nicht fertig. ›Die Kätter sagt,‹ fuhr sie +fort, ›die Engelein kommen in der Nacht und gießen mit silbernen Kannen +Wasser auf die Beete. Ich möchte sie nur ein einziges Mal sehen und den +lieben Gott!‹ ›Das kann man nicht,‹ belehrte ich. ›Das kann man erst im +Himmel. Komm, wir nehmen junge Brennessel mit heim für die Hasen. Man +kann sie mit dem Taschentuch abrupfen.‹</p> + +<p>»Angelika legte gehorsam mit Hand an und pflückte dann noch ein +Sträußchen für die Mutter. Auf einmal tat sie einen lauten Ausruf des +Entzückens. ›O, o, sieh nur,‹ rief sie. ›Lauter weiße und rosa und +goldene Wölkchen am Himmel. Da wo er aufhört, es ist gar nicht weit! O, +wenn wir nur geschwind hinlaufen könnten! Die Kätter hat gesagt, wenn +es so aussehe, dann sei das Himmelsfenster offen und die Engelein sehen +heraus!‹</p> + +<p>»›Die Kätter versteht etwas rechtes davon,‹ sagte ich etwas brummig. +Es war mir gar nicht wohl und ich wollte viel lieber nach Haus, als +den Engelein nachlaufen, die man ja doch nicht finden konnte. Als ich +das sagte, sah mich Angelika so eigen an, daß ich beinahe nachgegeben +hätte. Aber dann sagte sie: ›Weißt du was, Hermännle, dann geh du +voraus heim. Ich <em class="gesperrt">muß</em> nur noch ein ganz kleines Weilchen zusehen. +Siehst du, man sieht die Sonne gut noch! Und die Mutter hat gesagt, ich +dürfe draußen bleiben, so lang die Sonne scheint!‹</p> + +<p>»Ich wollte nicht gern allein nach Hause, aber ich fühlte<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> mich immer +übler und Angelika konnte ja schon noch eine Weile die farbigen +Wölkchen ansehen. So ging ich richtig voraus. Als ich mich noch einmal +umsah, stand sie immer noch am gleichen Fleck und sah regungslos in den +Himmel hinein.«</p> + +<p>Der Großvater machte wieder eine Pause. Dann sagte er: »Und dann habe +ich sie nicht mehr gesehen. Als ich nach Hause kam, schlugen mir die +Zähne zusammen vor Frost und mein Kopf glühte. ›Ich sag's ja, der Bub +ist krank und das rechtschaffen,‹ rief die Kätter, als sie mich sah. +Dann wurde ich zu Bett geschafft und der Leonhard nach dem Doktor +geschickt. ›Wo ist Angelika?‹ fragte die Mutter, und wie im Traum sagte +ich: ›Sie kommt dann gleich nach!‹ Als ich wieder erwachte, saß die +Mutter an meinem Bett und hatte ein schwarzes Kleid an. Sie küßte mich +viele Male und rief den Vater herbei und der schloß mich auch in die +Arme. ›Wo ist Angelika?‹ begehrte ich dann zu wissen und wunderte mich, +daß sich die Mutter abwandte und der Vater so ernst sagte: ›Du kannst +sie jetzt nicht sehen!‹ Aber dann schloß ich wieder die Augen. Ich war +noch so müde, denn ich war am Scharlachfieber lange krank gewesen, ohne +etwas von mir zu wissen.«</p> + +<p>»Aber wo war denn die Angelika,« rief die Enkelin in großer Erregung. +»Ist sie damals nicht heimgekommen?«</p> + +<p>»Doch,« sagte der Großvater. »Sie kam, als es dunkel war, in des +Doktors Wagen nach Hause. Das weiß ich, die Mutter hat mir's später +erzählt. Sie hatte lange die flammenden Wölkchen angesehen und es war +ein immer größeres Verlangen in ihr aufgestiegen, sie in der Nähe zu +betrachten, da, wo sie die Erde berührten. Es könnte ja am Ende doch +sein, daß die Engelein da herausschauen, dachte sie. So fing sie an, +zu laufen. Über die Brachfelder hin, dem Wald zu, über dem der Himmel +in flammender Röte stand. Nur zog sich der Weg so sehr in die Länge +und Angelika wurde immer<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> müder. Es fing auch an, dunkel zu werden +und nun schwand eines der prächtigen Wölkchen nach dem andern. Da +blieb das Kind auf dem Felde stehen und schaute sehnsüchtig nach der +verschwindenden Pracht. So fand es der Doktor, der, zu mir gerufen, +vorbeifuhr und dem die kleine Gestalt bekannt vorkam. »Ich bringe noch +einen Patienten mit,« sagte er, als ihn der Vater an der Haustüre +empfing. Das ›Engele‹ war blaß und müde und hustete stark. Am Abend +kam ein heftiges Fieber und am Osterfest haben die Engelein unser +›Engele‹ in den Himmel getragen. ›Du darfst nicht böse sein, Mutter, +ich wollte nur geschwind die Engelein sehen,‹ sagte Angelika einmal in +ihrer Krankheit. ›Ich möchte sie so gern sehen.‹ ›Sie kommen zu dir, +liebes Kind, du brauchst sie nicht zu suchen,‹ antwortete die Mutter. +Da glänzten die großen blauen Augen noch einmal wie früher. Und dann +schlossen sie sich, um sich im Himmel wieder aufzutun. Als ich wieder +hinaus durfte in den Sonnenschein, führte mich die Mutter an der Hand. +Es war schon acht Wochen her, seit unser ›Engele‹ davongeflogen war. +Wir gingen durch das dunkle Gitter in den sonnigen Friedhof und setzten +uns auf ein Mäuerchen, dem kleinen Grab gegenüber. Es hatte heute ein +weißes Marmorkreuz bekommen mit goldenen Buchstaben.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p class="center">›Angelika‹</p> +</div> + +<p>las ich.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p>›Heimgetragen in des Hirten Arm und Schoß.‹</p> +</div> + +<p>Und wir weinten zusammen.«</p> + +<p>Es war fast dunkel geworden in der Laube, als der Großvater seine +Erzählung beendigt hatte. Angelika schmiegte sich an ihn und er hatte +seine Hand an ihren Kopf gelegt.</p> + +<p>»Großvater, ist das wahr,« fragte das Kind nach einer Weile, »ist das +wahr, daß die Engel zu den rosa Wölkchen<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> heraussehen? Ich werde nicht +müde, ich könnte gut so weit laufen, ich möchte sie auch so gern sehen.«</p> + +<p>Der Großvater schüttelte den Kopf. »Die Engel kann man nicht sehen, +solang man auf der Welt ist. Es ist auch nicht nötig. Wenn es der liebe +Gott wollte, so würde er sie uns schon zeigen. Sie sind aber doch da. +Bitte nur den lieben Gott, daß er dir ein frommes und gehorsames, +liebevolles Herz schenkt, so sind auch die Engelein um dich her. Und +nun wollen wir miteinander hineingehen.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>»Das Kind wird mir doch nicht krank werden,« sagte Heinerike +kopfschüttelnd, als Angelika am Abend so gar fügsam und willig war +beim Zubettegehen. Sie war sonst ein wenig heftig und eigenwillig und +Heinerike hatte viel zu brutteln über das Mädchen. Die Mutter hörte es +und sagte ruhig: »Nein, es wird nicht krank. Es hat nur etwas gelernt +heute!«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Angelika ist schon lang kein kleines Mädchen mehr. Sie ist eine +fleißige, große Tochter.</p> + +<p>Neulich kam ich zu einer alten Frau, der sie einen großen Strauß +Frühlingsblumen gebracht hatte und eine Schüssel Suppe dazu.</p> + +<p>»Es ist mir alleweil, als ob ein guter Engel komme, so oft das Fräulein +kommt,« sagte die Alte.</p> + +<p>So haben scheint's die Engelein den Weg zu Angelika gefunden.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span></p> + +<h2>15. In die Sonne.</h2> +</div> + +<p>Der Tag fing erst an zu grauen. Der Mond stand noch blaß und +übernächtig am Himmel und in den Bäumen rauschte der Morgenwind. Aber +in dem niederen Häuslein der Frau Judith, das ganz allein draußen +im Felde stand, brannte schon ein lustiges Feuer auf dem Herd und +das Lämpchen warf seinen Lichtschein durch die Fensterscheiben. Frau +Judith kochte die Morgensuppe für sich und ihr Büblein und daneben +noch einen Brei, der zum Mittagessen für den Jockele bestimmt war. +Denn sie mußte heut ihr Büblein den ganzen Tag allein lassen und da +sorgte sie denn, derweil es noch schlief, daß ihm nichts Nötiges +fehle. Judith war eine geschickte Näherin und verdiente das Brot für +sich und das Kind mit ihrer Hände Arbeit. Manchmal nähte sie in den +Bauernhäusern der Nachbardörfer, und das war ihr am liebsten, obgleich +es weniger eintrug, denn da konnte sie den Jockele mitnehmen und auf +ihn acht haben. Aber sehr oft führte sie ihr Tagewerk auch in die +Stadt und da durfte sie ihr Büblein nicht mitbringen und es war ihr +nicht zu verdenken, daß sie heute morgen ein wenig seufzte, wenn sie +daran denken mußte, daß das Kind nun wieder den ganzen Tag ohne Schutz +und Aufsicht ganz allein in dem Häuschen sei. Sie reinigte nun noch +die Stube mit dem Besen und brachte alles in gehörige Ordnung, dann +setzte sie sich an den Tisch und fing an, ein Paar zerrissene Höschen +zu flicken, die auch dem Jockele gehörten. Und dabei seufzte sie so +tief und schwer, daß es der Jockele in der Kammer hörte und<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> schnell +aus seinem Bettchen stieg, um zu sehen, was etwa der Mutter zugestoßen +sein könnte. Da saß sie am Tisch und hatte den Kopf in die eine Hand +gestützt und schaute so kummervoll vor sich hin, wie es der Jockele +noch gar nie gesehen hatte. »Mutter, was hast du denn?« sagte er +verwundert, »tust du vielleicht so wegen den Hosen? Sicher, ich habe +sie nicht zerreißen wollen, sie sind von selber so aufgeplatzt.« Und +dabei drängte er sich ganz nah an die Mutter her und streckte sich an +ihr in die Höhe, um ihr Gesicht zu streicheln.</p> + +<p>»Ach du arm's Büblein,« sagte die Mutter und fuhr dem Jockele durch +sein dichtes, blondes Lockenhaar, »die Höschen, die kann ich wieder +flicken, da wollte ich nicht seufzen; wenn ich nur alles, was +auseinander ist, so zusammennähen könnte!« »Was ist denn sonst noch +auseinander?« wollte der Jockele wissen, »und warum sagst du immer +›arm's Büblein‹ zu mir?« »Weil du noch so klein bist und hast schon +deinen Vater verloren, und er ist erst nicht beim lieben Gott, sondern +in der weiten Welt — und ich kann auch nicht bei dir bleiben, weil ich +Geld verdienen muß zu Brot und Kleidern und kann dich nicht beschützen +und zum Guten erziehen — und es könnte dir etwas passieren, so lang +ich fort bin.« Judith sah so niedergeschlagen und unglücklich aus, daß +das Büblein gewaltsam nach einem Trostgrund suchte. »Mutter,« sagte es +nach einer Weile, »sei du nur wieder ganz fröhlich, ich will fortgehen +und den Vater suchen und dann sage ich ihm, daß er wieder zu uns kommen +muß, und dann kannst du wieder bei mir bleiben, alle Tage, und alles +wird wieder, wie es vorher war.« Der Jockele war noch klein, erst +fünf Jahr alt, aber er war ein sinniges, nachdenkliches Kind und er +mochte am liebsten bei der Mutter sitzen und sich mit ihr unterhalten. +Da hatte er dann, solang der Vater da war, es schön gehabt. Da hatte +die Mutter immer Zeit für ihn gehabt, er war ihr,<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> wenn sie im Hause +herumhantierte, den ganzen Tag nachgelaufen, aus der Küche in die Stube +und aus der Stube ins Gärtchen und umgekehrt. Und wenn die Hausarbeit +getan war und die Mutter setzte sich nieder mit einer Näharbeit, dann +zog der Jockele sein Bänkchen herbei und die Mutter mußte Geschichten +erzählen, alte und neue, davon hatte er nie genug bekommen. Vom Vater +hatte er wenig gewußt, er schlief immer schon, wenn dieser abends von +der Arbeit nach Hause kam. Das schwebte ihm noch dunkel vor, daß er +manchmal nachts an einem lauten Gepolter und Geschrei erwacht war und +des Vaters Stimme war ihm dann unheimlich und furchterregend gewesen. +Aber weil das schon lange her war, und weil, seit der Vater eines Tages +nicht nach Hause gekommen und dann ganz ausgeblieben war, die Mutter +fast gar keine Zeit mehr für den Jockele hatte, sondern nur immer +Geld verdienen mußte, so wob sich in seinem Kopf die Zeit, da er noch +einen Vater hatte, zu einem Bild voll Behagen zusammen und es kam ihm +ganz ausführbar vor, daß er den Vater wieder holen und damit die alten +Zustände wieder einsetzen könne. — Die Mutter schüttelte den Kopf und +zog den Jockele an sich. »Ach damit ist's nichts, Kind,« sagte sie. +»Wir wissen ja gar nicht, wo wir den Vater suchen müßten, die Welt ist +groß und weit und kein Mensch weiß, wo er hingewandert ist. Und er +will ja gar nicht mehr heim zu uns; das ist ja grad' das Elend, daß er +nur für sich allein leben will und hätte doch daheim ein Häuslein und +ein Weib und so ein herziges Büblein. Nein, nein, holen kannst du den +Vater nicht, auch wenn du größer wärest und könntest so in die weite +Welt gehen. Bleib' du nur bei mir und sei mein Trost und meine Freude +und werde recht brav und fromm, dann können wir zusammen auch wieder +fröhlich werden.« Jetzt waren unterdessen die Löcher gestopft und der +Jockele konnte<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> mit den Höslein bekleidet werden. Sonst brauchte er +nichts anzuziehen, als ein leichtes Kittelchen, denn es war trotz des +Herbstes noch warmes, sonniges Wetter und er lief leichter davon mit +seinen nackten Füßchen, als wenn er Schuhe und Strümpfe angehabt hätte. +Dann wurde noch die Morgensuppe miteinander gegessen und zum Schluß +betete die Mutter noch einen andächtigen Morgensegen mit dem Kinde und +befahl es in die Hut des Vaters im Himmel, daß der ihm seine Engelein +zu Wächtern bestelle, und darüber wurde es ihr selbst auch leichter ums +Herz.</p> + +<p>Sie mußte sich jetzt auf den Weg machen, denn sie hatte fast eine +Stunde zu gehen und es war inzwischen heller, sonniger Morgen geworden. +So befahl sie dem Jockele noch einmal an, sich ja nicht zu verlaufen +und auf alles gut acht zu geben, und trat dann ihre Wanderung an. Sie +hatte gar vieles zu bedenken bei sich selbst, wie sie da so ganz allein +auf der Landstraße dahinschritt. Das Gespräch mit dem Kinde hatte +wieder alle vergangenen Zeiten in ihr wachgerufen. Wie sie einst als +junges, fröhliches Mädchen im Dienst in der Stadt ihren Daniel kennen +gelernt und sich gegen den Willen seiner Eltern, die dem einzigen Sohn +eine reiche Partie gewünscht hatten, mit ihm verheiratet hatte; wie +sie dann zuerst in allem Glück mit ihm in dem kleinen Häuschen gewohnt +und sich nicht viel darum gekümmert hatte, daß die Eltern ihres Mannes +jeden Verkehr mit ihnen abgebrochen hatten. Dann kamen trübe Bilder +vor ihre Augen, Zeiten, in denen der Daniel, der sonst ein fleißiger, +geschickter Zimmerarbeiter war, sich, von bösen Kameraden verführt, ans +Wirtshausleben gewöhnt und ihr und dem kleinen Büblein, das inzwischen +geboren war, das Leben gar sehr verbittert hatte. Es war noch viel +schlimmer gekommen; Daniel, bei der fetten Küche und dem stets offenen +Keller eines Wirtshauses aufgewachsen, bereute jetzt nachträglich, +daß er ein armes Mädchen geheiratet<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> und sich damit ein einfaches Los +bereitet hatte; die Eltern hatten ihn verstoßen, das Weib daheim bat +und weinte, die Kameraden hetzten —, da faßte er eines Tages den +Entschluß, allem Elend zu entlaufen und sich in der Neuen Welt ein +neues Leben voll Freiheit und Genuß zu verschaffen. —</p> + +<p>Seither lebte Frau Judith mit ihrem Büblein allein in dem Häuschen, +mühte sich redlich, das tägliche Brot für sich und das Kind zu +erwerben und den Zins für das Häuschen aufzubringen — es war ein +arbeitsvolles Leben, und ihre einzige Freude und ihr Trost war der +fröhlich gedeihende Bub' mit den lachenden blauen Augen und dem +blonden Krauskopf. Frau Judiths Augen wurden feucht, wenn sie an ihr +Büblein dachte, und sie faltete fast unbewußt die Hände; sie wollte +so gern etwas Rechtes, Tüchtiges aus ihm machen und ihn fromm und +gottesfürchtig heranziehen, daß er ihr nicht auch einmal Kummer und +Herzweh machte, wie der Daniel seinen Eltern. Denn das hatte sie in +all' der Trübsal längst eingesehen, daß der Elternsegen ihrem Haus +gefehlt hatte, und es zog sie mächtig, mit den alten Eltern ihres +Daniel ins Einvernehmen zu kommen, aber deren Haus war ja für sie +verschlossen. —</p> + +<p>Inzwischen hatte der Jockele zu Haus genußreiche Stunden verlebt. +Allein gewesen war er schon oft, es war ihm gar nicht bänglich. Zuerst +fütterte er die drei Hühner, das einzige lebende Besitztum des Hauses, +dann lief er hinunter an den Bach und warf Kiesel in das klare Wasser, +vergnüglich die Ringe und Blasen betrachtend, die sich darin bildeten. +Das nahm ihn solang in Anspruch, bis er Hunger verspürte. Dann ging er +ins Häuschen zurück und aß seinen Brei, unbekümmert, ob es schon Mittag +war oder nicht. Er hatte keine andere Uhr als seinen Magen, wenn der +sich bemerkbar machte, dann aß er. Nach der Mahlzeit grub er in seinem +kleinen Gärtchen und setzte abgebrochene Blumen hinein, dann fiel ihm +wieder<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> das Gespräch mit der Mutter und ihr trauriges Gesicht ein, und +er mußte stark nachdenken, wie es wäre, wenn's anders wäre. Das wollte +dem Jockele nicht recht einleuchten, daß es gar nicht möglich sein +sollte, den Vater wieder zu holen. Man mußte nur suchen, bis man ihn +fand, und ihm dann sagen, daß die Mutter seinetwegen so seufze, dann +würde er schon mitkommen. Wenn er nur gewußt hätte, wo hinaus man gehen +müßte! Rechts ging der Weg in die Stadt, dort war er nicht, denn die +Mutter ging ja so oft dorthin und hatte ihn noch nie gesehen, links kam +man in einen großen Wald und vor ihm und hinter ihm dehnte sich weithin +das Ackerland aus. Jockele nahm sich vor, alle Leute, die des Wegs +daher kämen, zu fragen, vielleicht hatte doch einer den Vater gesehen. +Es kam aber lang niemand. Erst gegen Abend kam die Kräuterliese mit +einem Korb voll Hagebutten aus dem Wald. Die lachte nur auf Jockeles +Frage: »O Kind,« sagte sie, »das weiß nur der liebe Herrgott, wo dein +Vater hin ist! Guck, dahinten am Wald kommt gerade der Mond herauf, +wenn man da hinaufsteigen und heruntersehen könnte, da könnte man ihn +vielleicht finden. Sei du nur froh, Büblein, daß du allein mit deiner +Mutter bist, so ein Gutedel, wie dein Vater war!« Damit trottete sie +weiter. Jockele wußte nicht, was ein Gutedel sei, es war ihm auch eins, +er hatte nur verstanden, daß man vom Mond aus vielleicht sehen könnte, +wo der Vater sei, und da gerade jetzt die leuchtende Kugel ganz hinten +am Berg heraufkam, so dachte er, wenn man nur schnell auf den Berg +liefe, so könnte man ganz leicht hineinsteigen. Das war ja nicht sehr +weit, bis die Mutter heimkäme, konnte man wieder zurück sein.</p> + +<p>Jockele besann sich nicht lang, er lief nur noch schnell ins Haus und +holte sich seine Kappe, dann zog er aus, gerade auf den Mond zu, in +den dichten Wald hinein. Er war schon ein<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> gutes Stück fortmarschiert, +der Weg ging längst zwischen hohen Tannen dahin, nun machte er eine +scharfe Biegung; von dort aus kam man nicht zum Mond, merkte Jockele, +so verließ er die Straße und schlüpfte zwischen den Bäumen durch, immer +das silberne Licht im Auge, das da durchschimmerte. Es stieg höher und +höher, nun schwebte die silberne Kugel hoch über den Tannen, sonst war +es ganz dunkel geworden. Das erschreckte den Jockele, so hoch hinauf +konnte er nicht klettern, das sah er wohl und er mußte nun wohl wieder +umkehren. Aber woher war er denn gekommen und wo war denn die Straße +geblieben? Jockele fing an zu laufen, immer — immerfort, nur wußte er +nicht, daß es gerade die verkehrte Richtung war, die er eingeschlagen +hatte. Der Wald wollte gar kein Ende nehmen, die Füße taten ihm weh +und er hatte auch Hunger. Da lichtete sich plötzlich das Dickicht, er +stand an einem Kreuzweg, den er noch nie gesehen hatte und daran war +ein Wegzeiger mit einem Ruhebänklein drunter. Es war auch ganz hell, +denn der Mond stand jetzt ganz hoch am Himmel und lachte dem Jockele +freundlich zu. Das tröstete das verlassene Büblein wieder ein wenig; +nun wollte er immer auf dem Weg fortlaufen, bis der Wald ein Ende +hatte, und am Ende des Waldes sah man ja schon das Häuslein, wo die +Mutter war. Nur vorher ein wenig ausruhen mußte der Jockele, er war +sehr müde geworden; so setzte er sich auf das Bänkchen, lehnte den +Lockenkopf an den Wegzeiger — und schlief ein, süß und fest.</p> + +<p>»Hü, Schimmel, vorwärts,« schallte es durch den Wald, eine Peitsche +knallte und ein schwerer Wagen knarrte auf der stillen Straße. Ein +weißer Spitzerhund sprang bellend voran, plötzlich blieb er stehen, +umschnüffelte das Ruhebänklein von allen Seiten und schlug ein solch +lebhaftes Gekläff an, daß der Fuhrmann verwundert seine Pfeife aus dem +Mund nahm:<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> »Was hast du nur, Spitz?« fragte er, aber da sah er auch +schon das schlafende Büblein, das sich durch keinen Lärm in seiner +Ruhe hatte stören lassen. »Potz tausend,« sagte der Sonnenwirt von +Kaltenbach, das war der Fuhrmann, und kratzte sich hinter den Ohren, +»was macht man jetzt da? Ich schätz', das Büble kann man nicht so +allein liegen lassen, es muß ja doch einem gehören!« Er war abgestiegen +und zupfte den Jockele an seinem Lockenhaar. »Wem g'hörst, Kleiner?« +»Meiner Mutter,« sagte der Kleine und blinzelte schlaftrunken in das +Licht der Wagenlaterne, mit der ihn der Sonnenwirt beleuchtete. »Wie +heißt denn?« ging das Examen weiter. »Jockele,« war die Antwort. +»Wie weiter, du mußt doch auch sonst noch einen Namen haben? Ruhig, +Spitz, kusch dich,« sagte der Sonnenwirt, als er sah, daß Jockele mit +ängstlichen Augen auf den Hund sah. »Nein, sonst heiße ich nichts +mehr,« sagte der Jockele nun bestimmt. Er war völlig wach geworden und +sah groß um sich. »Ja, wo willst denn hin heut nacht noch und wo wohnst +du?« Jetzt fiel dem Jockele wieder alles ein. »Drum hab' ich wollen +geschwind in den Mond hineinsteigen, ob ich mein' Vater nicht sehe, +aber er ist so hoch hinaufgestiegen, da hab' ich nimmer weiter können. +Und jetzt muß ich ganz schnell heim zur Mutter, sie ist jetzt daheim. +Zeig' mir den Weg, ich weiß ihn nimmer,« sagte er ganz unerschrocken. +Der Sonnenwirt war ein bißchen ängstlich geworden, er betrachtete den +Buben forschend, ob er im Fieber spreche oder am Ende einen »Mondstich« +habe. Der stand aber schon auf den Füßen und faßte nach seiner Hand und +sah so hell um sich, krank oder verwirrt war der nicht, das sah man +wohl.</p> + +<p>»Jetzt will ich dir etwas sagen, Büble,« sagte der Sonnenwirt nach +kurzem Bedenken, »heim kannst du heut nacht nimmer, du weißt den Weg +nicht und ich auch nicht und 's ist schon nach Mitternacht. Jetzt +sitzst du da hinauf auf mein' Wagen<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> und kommst mit mir heim in mein +Haus, da kannst bei mir schlafen.« Der Kleine ließ sich willig in den +Wagen heben, wo ihm der Sonnenwirt ein Lager von Säcken machte, und +schlief bald wieder weiter, fest und tief. Er erwachte auch nicht, +als ihn sein Beschützer aus dem Wagen nahm und ins Haus hineintrug, +auch nicht, als er entkleidet und in das mächtig große Himmelbett +gelegt wurde. Er schlief noch lang in den hellen Morgen hinein. Als er +erwachte, saß in dem Großvaterstuhl an seinem Bett eine alte Frau, die +hatte die Hände und Füße dick mit Tüchern umwickelt und betrachtete ihn +aufmerksam. Der Sonnenwirt ging auch schon mit schwerem Tritt in der +Stube auf und ab.</p> + +<p>»Und ich sage dir, das ist dem Daniel sein Bub' und kein anderer,« +sagte die Sonnenwirtin, denn sie war es, die in dem Großvaterstuhl saß, +»so sieh doch nur einmal die Augen an und das Kraushaar und das ganze +Gesicht, der ausgeschnittene Daniel.« »Was weiß man denn, was man sich +da bei der Nacht ins Haus führt,« sagte der Sonnenwirt mürrisch, »so +ist's, wenn man so ein mitleidiges Herz hat! Und jetzt wie machen, daß +man den kleinen Racker wieder los wird?« »Sag' jetzt einmal, Büble,« +sagte die Sonnenwirtin, als sie sah, daß der Jockele erwacht war und +mit großen Augen um sich sah, »sag' jetzt einmal, wie deine Mutter +heißt und wer dein Vater ist und warum du ihn hast suchen wollen.« +Sofort richtete sich der Jockele auf und berichtete haarklein das +Gespräch mit der Mutter, und wie er am Abend ausgezogen sei, den Vater +zu suchen, und verschwieg auch nicht, daß er eben gar keinen anderen +Wunsch habe, als daß die Mutter wieder immer bei ihm sei.</p> + +<p>Das Ehepaar sah einander an, da war ja gar kein Zweifel mehr, das war +ihr Enkelein; ganz genau das verjüngte Abbild des Sohnes, der einst +ihres Herzens Freude<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> und nun der Kummer ihrer alten Tage war. »Warum +hast du deine Händ' so eingewickelt und deine Füß?« unterbrach Jockele, +der nicht lang still sein konnte, das verlegene Schweigen der beiden +Alten. »Weil ich die Gicht drin habe und so arge Schmerzen,« seufzte +die Sonnenwirtin. »Meine Mutter kann einem immer wieder wohl machen, +wenn's einem weh tut,« sagte Jockele mitleidig, »ich will's ihr nur +sagen, so kommt sie zu dir; soll sie?«</p> + +<p>Die Alten sahen einander wieder an, es hatte jedes so seine Gedanken +für sich und mochte doch nicht anfangen, sie auszusprechen. »Meine +Mutter kann gut laufen, der tun die Füße nicht weh und die Hände auch +nicht, sie kann den ganzen Tag schaffen; kannst du gar nicht?« Jockele +wurde plötzlich von einem großen Mitleid erfaßt, daß die Sonnenwirtin +nun so den ganzen Tag dasitzen müsse und sich nicht rühren könne, und +er hätte ihr am liebsten sogleich die Mutter hergebracht, die nach +seiner Meinung für alle Schäden Rat und Hilfe wußte. »Nein, du gut's +Büblein, ich kann nicht laufen und nicht schaffen, alles tut mir weh,« +sagte die Sonnenwirtin; »aber da wollt' ich noch gar nicht klagen, das +könnt' ich schon aushalten, aber der ärgste Schmerz, der sitzt mir da +drinnen, da hab' ich einen Kummer, und da kann mir niemand helfen,« +und dabei machte sie gerade so ein trostloses Gesicht, wie die Mutter +gestern früh. »Ach laß doch, das versteht so ein Kleines nicht,« sagte +der Mann ein bißchen brummig, aber Jockele wußte gut, wie es war, wenn +man einen Kummer hatte, die Mutter hatte ja auch einen; so sagte er +ganz verständnisvoll: »Die Mutter hat gesagt, ich soll nur brav sein +und immer folgen, dann werde sie auch wieder fröhlich. Hast du kein +Büble?« »Das ist ja gerad' mein Kummer, daß ich einmal eins gehabt habe +und als es groß war, ist's von mir fortgegangen, weit, weit in die Welt +hinaus, kein Mensch weiß,<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> wohin.« »Der liebe Gott weiß es aber doch, +die Mutter hat's gesagt, der wisse alles. Die Kräuterliese hat gesagt, +man könne es auch sehen, wenn man in den Mond steigt und heruntersieht, +aber ich komme nicht hinauf. Vielleicht könntest du mit einer Leiter +hinauf,« wandte sich Jockele an den Sonnenwirt.</p> + +<p>Die Alten mußten ein wenig lachen bei dem Vorschlag, die Frau aber +zupfte ihren Ehegatten verstohlen am Ärmel: »Mein', was das für ein +gescheiter Kerl ist und so weichherzig. Ich hätte so meine Gedanken; +den hast du nicht umsonst heut nacht finden müssen. Das Weib muß sich +plagen und schinden, die wäre am Ende froh, wenn wir für den Buben +sorgten. Jockele, willst du nicht bei uns bleiben und unser Büble sein, +da hättest du's gut und dürftest mit den Gäulen fahren und kriegtest +zu essen, was du magst?« Sie zog bei diesen Worten den Kleinen näher +an sich und sah ihn erwartungsvoll an. Auch der Sonnenwirt machte ein +gespanntes Gesicht und stellte sich vor die beiden hin. Jockele war +gleich fertig mit seinem Entschluß. »Ja, das will ich ganz gern,« +sagte er bereitwillig, »so komm, so wollen wir gleich fortfahren und +die Mutter holen. Kann sie dann auch immer mit den Gäulen fahren +und alles so gut haben?« So war's nicht gemeint gewesen, die Alten +hatten nur das Büblein gewollt, die Mutter aber nicht; sie sahen sich +ein wenig verblüfft an, der Jockele fuhr aber fort: »und dann macht +sie auch gleich, daß deine Hände und Füße nicht mehr so arg weh tun +müssen und — sie kann dann auch deine Stube ein wenig sauber machen, +die Mutter macht immer alles ganz sauber.« »Der weiß, wie eine Sache +sein muß,« sagte beifällig der Sonnenwirt, »der hat nicht umsonst so +helle Augen im Kopf!« Es war wahr, es sah nicht am schönsten aus in +der Schlafstube; seit die Frau immer von Gicht geplagt war und selber +nichts tun konnte, ging es mit der Haushaltung ein wenig zurück. Die +Mägde hatten<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> mit dem Feld und dem Vieh und der Wirtschaft zu tun, es +war da auch nicht, wie es sein sollte. Da hätten ein paar junge Hände +und Füße und ein guter Wille vieles zu bessern und zu helfen gefunden. +Die Gedanken gingen in aller Eile durch die Köpfe der beiden Gatten, +sie wußten aber nicht recht, was sie dazu sagen sollten, so schwiegen +sie wieder still.</p> + +<p>Das war nicht nach Jockeles Geschmack, der immer auf alle seine Fragen +von der Mutter Antwort bekam. Er sprang eifrig aus dem Bett, fing an, +sich anzuziehen und ermahnte den Sonnenwirt noch einmal: »So komm doch +und mach' dich auch fertig, ich muß jetzt gleich zur Mutter, sie hat +sonst Angst, wenn ich so lang nicht heimkomme.« Jetzt fing der Mann +endlich an zu reden, er hatte einen großen Anlauf dazu nehmen müssen: +»Weißt, Büblein,« sagte er, »deine Mutter will gar nicht zu uns, zu so +alten Leuten, die will lieber immer in die Stadt gehen und nähen, du +könntest ganz gut allein bei uns bleiben, dann wäre ich dein Großvater +und das deine Großmutter. Paß auf, wieviel Schönes du da findest, +ich kaufe dir eine Trommel und eine Peitsche und was du sonst noch +willst.« »Nein, nein, das will meine Mutter gar nicht, sie will nur +bei mir bleiben,« sagte Jockele entrüstet. »Und ich habe auch selber +einen Großvater und eine Großmutter, ich muß alle Abend beten: Und +mach' auch, lieber Gott, daß meine Großeltern nicht mehr bös sind auf +die Mutter und mich.« »So, so, das betest du? Ja warum sind denn die +Großeltern bös auf euch?« fragte die Frau, es war ein eigentümlicher +Ausdruck in ihr Gesicht gekommen, man wußte nicht, ob sie lachen oder +weinen wollte. »Weil sie so reich sind und so viel Geld haben, und +meine Mutter hat keins und ich auch nicht, deswegen wollen sie uns gar +nicht sehen. Aber der liebe Gott kann schon noch machen, daß sie uns +noch<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> lieb haben, hat die Mutter gesagt. Und ich muß sie auch lieb +haben, denn sie sind so arm, weil sie keinen Menschen mehr haben, der +ihnen gehört,« berichtete Jockele ernsthaft. Der Sonnenwirtin waren +Tränen in die Augen getreten, und ihr Gatte ging mit starken Schritten +auf und ab und räusperte sich stark.</p> + +<p>Der Sonnenwirt blieb vor dem Jockele stehen, strich ihm mit der Hand +über das Lockenhaar und sagte: »Geh du jetzt nur einmal hinaus und sag +der Küchenmagd, daß sie dir ein großes Butterbrot und eine Schüssel +Milch geben soll. Und dann gehst du zu dem Johann in den Stall und +siehst, ob die Gäule schon gefressen haben. Ich rufe dir dann, wann +ich fertig bin.« Das war eine neue Aussicht! Jockele ging eifrig auf +den Vorschlag ein, und nun waren die Alten allein. »Was sagst du jetzt +dazu, Mann? so red' doch auch ein Wort,« fing endlich die Frau an, als +der Sonnenwirt immer am Fenster stand und so angelegentlich hinaussah, +als ob da draußen etwas ganz Neues, Interessantes zu sehen wäre. Der +Angeredete drehte sich um: »Das sag' ich dazu, daß wir alle beide uns +selber den größten Schaden täten, wenn wir das Büblein nicht zu uns +nähmen. Ist's doch unser leibhaftiges Enkelein, und ich meine, wir +haben nicht viel übriges an eigenen Leuten. Der Bub hat mir ganz wohl +gemacht, so etwas haben wir schon lang nicht mehr um uns gehabt.« »Aber +die Mutter, die Judith?« warf die Frau zweifelnd ein; »du siehst's ja, +der Bub will nicht bei uns sein ohne sie und sie selber — ich sag' +dir, die gibt das Kind nicht her und wenn man ihr die Stube mit Talern +pflastern wollte.«</p> + +<p>»Ja, siehst du,« der Sonnenwirt stockte ein wenig, es fiel ihm gerade +nicht leicht, das zu sagen, was er jetzt wollte — »siehst du, mit der +Judith — ich hab' schon oft gedacht, ob wir nicht doch einen Fehler +gemacht haben mit ihr. Sie soll<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> so brav sein und fleißig, hab' ich +schon oft sagen hören, und wenn ich sehe, wie sie den Buben aufzieht +und lehrt ihn gegen uns auch gar keinen Groll und Zorn hegen, es ist +ein Prachtskerl! Und dann hab' ich gedacht, sie hat junge Füße und +Hände und könnte bei uns nach dem Rechten sehen, wenn du doch nicht +fort kannst!« Die Sonnenwirtin ließ den Mann nicht ausreden. »Komm +her zu mir, Alter,« sagte sie, »und gib mir eine Hand! Wenn die +Judith will — und wegen dem Kind wird sie wohl wollen, so soll sie +uns Gottwillkommen sein im Haus. Und jetzt spanne nur gleich ein, ich +denke nicht, es könnte uns gereuen, aber denk, in was für einer Angst +das Weib sein muß um den kleinen Buben. Das muß ihr ja fast das Herz +abdrücken!«</p> + +<p>Es dauerte kaum fünf Minuten, so standen die stattlichen Braunen +im Geschirr vor dem Bernerwägele, und Jockele saß stolz auf dem +Kutscherbock und hatte die Zügel in den Händen. »Da sieh, was das +für einen Fuhrwerker gibt,« sagte der Sonnenwirt wohlgefällig zu +seiner Frau, die sich nicht satt sehen konnte an dem Buben. »Bring +ihn auch gewiß wieder mit, komm mir nicht heim ohne ihn,« sagte sie +immer wieder, sie wäre am liebsten selbst mitgefahren. »Ich sag's +ihm erst unterwegs, daß wir die Großeltern sind, ich muß ihn vorher +noch zutraulicher machen,« sagte der Sonnenwirt beim Abschied. Er +nahm sich vor, beim Krämer des großen Marktfleckens, durch den sie +zu fahren hatten, allerlei einzukaufen, was ein Kinderherz erfreuen +konnte. Der alte Mann hatte plötzlich in seinem Herzen einen ganzen +Schatz von Liebe für den helläugigen Burschen entdeckt, es war ihm ganz +warm geworden davon. Jockele sah aber nicht aus, als ob er zutraulich +gemacht werden müßte. Er lachte mit dem ganzen Gesicht, als die Braunen +anzogen! »Adieu, wir kommen ganz bald wieder und bringen die Mutter +mit,« rief er der nachschauenden<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> Sonnenwirtin fröhlich zu bei der +Abfahrt. Dann entschwand das Fuhrwerk ihren Blicken.</p> + +<p>Frau Judith war in großem Jammer gewesen, als sie bei ihrer Heimkunft +das Häuschen leer fand und auch ihr Büblein nicht an seinem gewohnten +Spielplatz am Bächlein entdecken konnte. Sie hatte überall gesucht, wo +sie nur denken konnte, daß er möglicherweise zu finden sein könnte. +Bis in die tiefe Nacht hinein war sie gelaufen und gelaufen, an den +Erdbeerplatz im Wald, wo sie mit Jockele einmal gewesen war, ins +nächste Dorf, wo er schon mit ihr in einige Kundenhäuser gegangen war +— umsonst. Niemand hatte den Kleinen gesehen, keine Spur fand sich +von ihm. Sie kehrte immer wieder ins Häuschen zurück, jedes Winkelchen +aussuchend, wohl hundertmal seinen Namen rufend. Dann machte sie der +Jammer ganz starr. Auf dem Bänklein vor dem Haus saß sie vollends +die ganze Nacht, zusammenfahrend, so oft ein Vögelein schlaftrunken +in seinem Nest zwitscherte oder ein fernes Wagengerassel sich hören +ließ. »Das ist eine Strafe von Gott, der dir jetzt auch noch dein +einziges Kind wegnimmt, wie du den Eltern deines Mannes das einzige +Kind genommen hast,« kam es über sie und wieder ging sie ruhelos auf +und ab und rief lauthin durch die Nacht: »Jockele, mein Büble, wo +bist du?« — bis sie, übermüdet, auf dem Bänklein einschlief, noch im +Halbschlaf betend, als säße sie am Bettchen ihres Kindes: »Breit aus +die Flügel beide, o Jesu meine Freude, und nimm dein Küchlein ein. Will +es der Feind verschlingen, so laß die Englein singen: Dies Kind soll +unverletzet sein!«</p> + +<p>Die Sonne stand hoch am Himmel. Frau Judith hatte sich eben zum +Fortgehen gerüstet. Sie wollte in alle Nachbardörfer gehen und Anzeige +machen; spurlos konnte ja doch so ein Kind nicht verschwinden. Da fuhr +mit lautem Peitschenknall ein Wagen vor dem Häuschen vor und — Frau +Judith<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> mußte sich am Tisch halten, so zitterte ihr das Herz vor Freude +— schon von weitem hallte laut die fröhliche Stimme ihres Bübleins: +»Mutterle, Mutterle! da bin ich und das ist der Großvater und bös ist +er gar nicht mehr!« Das war ein fröhliches Wiedersehen! Frau Judith +verstand's zwar nicht gleich, was es heißen sollte, als Jockele anfing +zu erzählen: »Weißt, Mutterle, zuerst habe ich wollen in den Mond +hineinsteigen und den Vater suchen, aber ich habe dann doch nicht +können — und dann ist der Großvater gekommen, aber ich habe nicht +gewußt, daß er's ist, und dann habe ich in der Sonne geschlafen, die +gehört dem Großvater. Und du mußt jetzt gleich mitkommen und machen, +daß der Großmutter ihre Hände und Füße nicht mehr so wehe tun« — aber +der Großvater wird's ihr ja wohl erklärt haben. Wenigstens fuhren auf +dem Bernerwägelein drei fröhliche Menschen der Sonne zu und haben +nachher einander die Heimat darinnen lieb und wert gemacht.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span></p> + +<h2>16. Aus dürrem Erdreich.</h2> +</div> + +<p>Die Schulkinder von Rötenberg hatten heute einen wichtigen Tag. Zuerst +war am Morgen keine Schule gewesen, weil der alte Herr Schullehrer +schon gestern abgereist war, um seine neue Stelle an der Stadtschule +anzutreten. Und nun, am Nachmittag, gab es ungeheuer viel zu sehen, da +konnte man das Schulhaus keinen Augenblick aus den Augen lassen.</p> + +<p>Denn da sollte der neue Lehrer einziehen, der nun jede Minute ankommen +konnte, und damit hing vielerlei Merkwürdiges zusammen. Vor einer +Stunde war der hochbepackte Frachtwagen angekommen und mit ihm, vorn +auf dem Kutschbock beim Fuhrmann sitzend, ein junges Mädchen, das flink +abgestiegen war und nun schon tüchtig unter den Möbeln und Betten +hantierte. Der Fuhrmann half beim Abladen und der Kirchendiener mit +seinem Weib war gleichfalls zur Hilfe angestellt und die Schuljugend +hatte es wichtig mit dem Zusehen. Das junge Mädchen war die Schwester +des neuen Lehrers und sie wollte bei ihm bleiben und ihm den Haushalt +führen, denn er hatte keine Frau. Da mußte man sie schon aufmerksam +betrachten. Sie trug ein einfaches blaues Kleid und hatte einen dicken +braunen Zopf hinten aufgesteckt und ihr Gesicht sah ernsthaft, aber +gar nicht unfreundlich aus. Zur Arbeit hatte sie eine große gestreifte +Schürze angezogen und jetzt wendete sie sich an die müßigen Buben und +Mädchen: »Höret, wenn ihr so gut Zeit habet, so könnet ihr mir ein +bißchen helfen. Da, die vielen Blumentöpfe stellt man hinten in den<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> +Garten, alle auf das niedrige Mäuerchen. Und die Besen und Kochtöpfe +könnet ihr in die Küche tragen, ihr habt junge Füße. Halt, nicht alle +auf einmal. Zwei Buben und zwei Mädchen, das ist genug. Wer will?«</p> + +<figure class="figcenter illowp87" id="illu-222" style="max-width: 62.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-222.jpg" alt=""> +</figure> + +<p>Es gab eine Verlegenheitspause. Die Mädchen zupften an ihren Schürzen +und kicherten und die Buben stießen und pufften einander, aber helfen +wollten sie doch gern, sie mochten es nur nicht sagen. Fräulein Margret +kannte das aber schon. Sie suchte sich ein paar feste Buben aus und +unter den Mädchen zwei, die schon ein wenig verständig und besonnen +aussahen; die andern tröstete sie: »An euch kommt's schon auch noch. +Wenn es dann Holz zu tragen gibt, dann kann man viele Helfer brauchen.«</p> + +<p>Die Auserwählten gingen mit Eifer ans Werk und die Arbeit schritt +rüstig voran.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span></p> + +<p>Das Schulhaus war groß, aber alt und ein wenig verwahrlost. Es sah +nicht besonders freundlich aus mit seinen trüben Fenstern und dem +wackeligen Lattenzaun am Vorgärtchen. Jetzt war noch Frühjahr, und +der Garten, der dieses Jahr noch gar nicht angepflanzt war, machte +auch einen unordentlichen Eindruck. Wer wollte, konnte hier viel zu +tun finden. Fräulein Margret sah sich um und machte nicht gerade ein +erfreutes Gesicht. Es werde schon eine Weile dauern, bis man sich hier +heimisch fühlen könne, dachte sie. Da sah sie, ein wenig entfernt von +den andern Kindern stehend, einen barfüßigen Buben, der am Zaun lehnte. +Er stand ganz allein und sein Gesicht sah mindestens so aus, als ob +er sich nicht heimisch fühlen könne. Als das junge Mädchen sich die +Hilfstruppen ausgewählt hatte, war er ein bißchen näher hergekommen. +Er hätte sich auch gern anstellen lassen. Aber man hatte ihn nicht +bemerkt und so war er wieder an den Zaun zurückgekehrt. Fräulein +Margret mußte noch ein paarmal zu ihm hinübersehen. Er hatte rotes +Haar und ein sommersprossiges Gesicht und mit den Zähnen biß er fest +auf die Unterlippe. »Wer ist der Bub? Warum steht er ganz allein und +abseits von den andern?« fragte Fräulein Margret einmal das Mädchen, +das ihr einen Korb tragen half. Das Mädchen machte ein geringschätziges +Gesicht. »O, das ist der Geißlipp,« sagte sie. »Der weiß, warum er so +allein ist. Es will keiner etwas von ihm wissen, er ist unartig für +zwei und faul für drei. So hat immer der Herr Lehrer gesagt.« Fräulein +Margret sagte nichts auf den Bericht. Es gab jetzt gerade so viel zu +tun und dann mißfiel ihr auch das Urteil.</p> + +<p>Jetzt entstand eine Bewegung auf dem freien Platz vor dem Hause. Denn +um die Ecke am Rathaus war eben ein offenes Fuhrwerk gefahren und darin +saß der Herr Lehrer und noch der Schultheiß und der Stiftungspfleger, +die ihn an der Bahn abgeholt hatten. Fräulein Margret winkte grüßend +zum<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span> Fenster heraus und die Schuljugend ballte sich auf einen Knäuel +zusammen, denn jetzt wollte keines gern ganz vornen stehen. Das war der +ganze Empfang. Er war nicht besonders festlich, aber man war es eben in +Rötenberg nicht anders gewöhnt. Der Herr Lehrer stieg aus, schüttelte +den Männern noch die Hand und dann schritt er auf das Haus zu.</p> + +<p>Zum Fürchten sah er nicht gerade aus. Er war ein bißchen klein und +hatte ein freundliches, rundes Gesicht und blondes Haar. Der alte +Lehrer hatte einen langen schwarzen Bart gehabt. Die kecksten Buben +sagten schon untereinander: »Der tut einem nichts,« da wandte sich der +Lehrer noch einmal um und sah sich sein Häuflein prüfend an. »Grüß +Gott, ihr Kinder,« sagte er. »Morgen kommen wir dann schon zusammen, da +wollen wir einander dann kennen lernen.« Ein paar von den Buben rissen +jetzt noch die Kappen herunter und dann zerstreute sich die Schar nach +und nach. Denn für heute gab es da nichts Besonderes mehr zu erfahren.</p> + +<p>Es war am späten Abend dieses Tages. Vom Kirchturm her hallte die +Betglocke. Da und dort trieb noch ein Knecht seine Kühe vom Brunnen +in den Stall und knallte so ein wenig dazu mit der Peitsche. +Die Hauptstraße herauf kam langsam der Botenfuhrmann mit seinem +hochbepackten Wagen und den festen Gäulen davor gefahren und unter den +Haustüren saßen die Leute und hatten Feierabend. Vor dem Schulhaus +sah man nichts mehr, was an den Einzug hätte erinnern können. Die +Schulkinder hatten ihre Hilfeleistung damit beschlossen, daß sie den +Platz schön reingekehrt hatten. Und dann waren sie mit vergnügten +Gesichtern abgezogen, denn sie hatten ja nicht umsonst geschafft. »Der +Lehrer ist brav, da ist mir's nicht angst,« sagte des Polizeidieners +Andres zu seinem Kameraden. »Aber seine Schwester ist eine Stolze,« +meinte der, »ich bin schon froh, daß man nicht zu ihr in die Schule +muß.« Das war auf dem Heimweg<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> gewesen. Eben kamen sie an dem kleinen +Häuschen vorbei, in dem der Geißlipp wohnte. Eigentlich hieß er Philipp +Berner und sein Vater hieß auch so. Aber er hieß im ganzen Dorfe nur +der Geißlipp, weil er hinten in dem Bretterverschlag am Häuschen +zwei Geißen stehen hatte, die sein ganzer Reichtum waren. Der Vater +arbeitete im Taglohn bei der Gemeinde und der Sohn versorgte neben +der Schule her die zwei Geißen. Und beide waren sie nicht beliebt im +Dorf. Der Geißlipp saß, als die Buben herankamen, auf dem Bänkchen an +der niedrigen Haustür. Er hatte einen Tafelscherben auf den Knien und +kritzelte darauf. Als er die Kameraden sah, fuhr er schnell mit der +Hand darüber, denn sie sollten nicht sehen, was er tat. Die andern +aber blieben nicht bei ihm stehen. »Du kannst dich dann in acht nehmen +morgen,« rief des Bachbauern Jakob herüber. »Der Lehrer wird's bald +wissen, was du für einer bist.« »Ja und an deinem Namen steht im Buch +ein rotes Kreuz, der Büttel hat's gesagt, der hat's gesehen,« fügte +Andreas hinzu. »Dich möcht' ich nicht sein.«</p> + +<p>Der Geißlipp fuhr mit der Hand in die Tasche und brachte einen Stein +heraus. Das mußte aber den andern nichts Neues sein, denn sie merkten +gleich, was er wollte, und verschwanden schnell hinter der Hecke. Da +war der Geißlipp wieder allein. Er ließ den Stein fallen und biß die +Zähne wieder übereinander. »Ich krieg euch doch noch,« murmelte er +dann. »Ich finde dann schon noch etwas aus, daß ihr eine Weile genug +habt.« Aus dem Häuschen rief eine tiefe Stimme: »Marsch herein jetzt +ins Bett.« Das war der Vater, der sich schon zur Ruhe begeben hatte. +Da verbarg der Bub seinen Tafelscherben in einem sicheren Versteck und +ging ins Haus.</p> + +<p>Die beiden sprachen nicht viel miteinander. Der Vater war ein +finsterer, wortkarger Mann. Er war einmal, als sein Sohn noch ganz +klein war, ein paar Jahre im Zuchthaus gewesen,<span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span> weil er im Zorn einen +verwundet hatte. In der Zeit war sein Weib gestorben und den Kleinen +hob man so lang im Armenhaus auf. Seit der Vater wieder da war, lebten +die zwei miteinander in dem Häuschen und waren fast mit niemand gut +Freund. Der Sohn wußte es gar nicht anders, als daß er ein böser Bube +sei, vor dem man sich in acht nehmen müsse. Das hatten die Leute +schon zu ihm gesagt, seit er sich denken konnte. »Der wird gerade wie +sein Vater,« sagten sie. Und Philipp gab sich gar keine Mühe, anders +zu sein, als so, wie er war. Wenn ihn die andern Buben neckten und +höhnten, so fuhr er unter sie mit geballten Fäusten oder warf mit +Steinen und es gab fast keinen in der Schule, dem er nicht schon einen +Schabernack angetan hatte. So kam es denn, daß auch der Lehrer kein +Freund des Geißlipp gewesen war, und er zweifelte gar nicht, daß das +mit dem neuen ebenso werden würde. Nämlich so, daß er fast jeden Tag +irgend eine Strafe bekommen und im übrigen der schlechteste Schüler +sein werde. Er ging jetzt drei Jahre in die Schule und seither war es +immer so gewesen. Manchmal blieb er dann auch ein paar Tage ganz weg, +bis der Vater dahinterkam und ihn hineintrieb.</p> + +<p>Jetzt kroch der Sohn in sein Bett. Er hatte ein gutes, eigenes, denn +es war das seiner Mutter. Aber es sagte ihm niemand freundlich und +liebevoll gute Nacht und so war sein Gesicht auch im Schlaf noch +finster.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es war eine Woche später. Fräulein Margret hantierte emsig im Garten. +Dort waren am Tag vorher die Beete umgegraben worden und nun mußte sie +sich tüchtig umtun, daß da etwas hineinkomme. Sie sah überhaupt so viel +Arbeit vor sich für die nächste Zeit, daß sie kaum wußte, wo anfangen. +Aber es machte ihr Freude, so fleißig zu sein. Denn sie hatte<span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span> seither +fremden Leuten gedient und nun hatte sie ein eigenes Reich und konnte +mit ihrem Bruder darin wohnen. Es wurde ihr immer heimlicher in dem +alten Schulhaus. Sie war jetzt mit ihrem Samensäckchen ganz nahe an den +Lattenzaun hergekommen, da sah sie zwischen den Stäben, fest an den +Zaun gedrückt, den gleichen Bubenkopf in den Garten hereinstarren, der +ihr beim Einzug schon aufgefallen war. »Faul für zwei und unartig für +drei,« hatte das Mädchen damals gesagt. Das fiel dem Fräulein nun ein. +Von der Schule her tönte Gesang, sie war noch lange nicht aus. Also +hatte der Junge den Unterricht geschwänzt.</p> + +<p>Als er sah, daß Fräulein Margret den Kopf nach ihm hinwandte, drehte +der Geißlipp sich langsam um und wollte davonschleichen.</p> + +<p>Aber Fräulein Margret hatte nicht im Sinn, ihn nur so laufen zu lassen. +»Halt einmal,« rief sie. »Warum läufst du mir davon? Ich tue dir ja +sicher nichts.« Der Bube blieb stehen und sah sich zweifelnd um, was +er nun tun solle. »Komm hierher,« fuhr Fräulein Margret fort, »hast du +mir zusehen wollen? Oder hättest du gern etwas gehabt?« Der Geißlipp +schüttelte nur stumm den Kopf und sah scheu auf. Merkwürdig, Fräulein +Margret dachte nun gar nicht, daß das unartig von dem Buben sei, ihr +keine Antwort zu geben; sie streckte die Hand durch den Lattenzaun +und bot sie dem Geißlipp. »Du kannst durch das Türchen hereinkommen,« +sagte sie. »Ich könnte gerade einen Helfer brauchen, der den Korb voll +Steine und Unkraut mit mir wegträgt. Willst du?« Der Geißlipp drehte +den Kopf nach der Richtung hin, aus der die Töne des Gesangs herkamen, +und sah unsicher aus. Er wäre gern hereingekommen, aber er konnte ja +nicht, er hätte vom Lehrer entdeckt werden können. »Jetzt will ich dir +etwas sagen,« sagte Fräulein Margret. »Du hast die Schule geschwänzt, +gelt? Und jetzt mußt du Angst haben, gesehen zu werden und Strafe zu +bekommen. Ist's<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> nicht so?« Der Bube nickte nur und hob schon den +Fuß zum Davonlaufen, aber Fräulein Margret machte gar kein drohendes +Gesicht. Und sie fuhr auch gleich fort: »Du mußt mir sagen warum du +das tust. Denn es freut dich selber nicht, das sieht man deutlich an +deinem Gesicht. Gelt, es wäre dir selber auch lieber, wenn du wie die +andern ordentlich in der Schule sitzen würdest und man dann auch eine +Freude an dir haben könnte?« Diesen letzteren Fall konnte sich nun der +Geißlipp nicht recht vorstellen, es hatte noch nie jemand eine Freude +an ihm gehabt. Er wollte aber nun doch Antwort geben und sagte: »Der +Lehrer haut mich, wenn ich hineingehe. Der Schulzenfritz findet seine +Kappe nimmer und sie sagen alle, ich habe sie genommen. Sie haben's +schon dem Lehrer gesagt.«</p> + +<p>»Und es ist nicht wahr?« fragte Fräulein Margret.</p> + +<p>Der Geißlipp schüttelte den Kopf und biß sich auf die Unterlippe.</p> + +<p>»Dann sag's doch dem Lehrer, daß es nicht wahr ist,« ermunterte sie. +»Siehst du, ich glaub dir's, daß du die Kappe nicht hast, und er glaubt +dir's auch, sicher.«</p> + +<p>Der Geißlipp sah erstaunt auf. So etwas sagte sonst niemand zu ihm. +Ganz einfach: »ich glaub dir's, daß du es nicht getan hast.« Er hätte +es laut hinausschreien mögen. Aber es kam nicht heraus.</p> + +<p>»Und jetzt kommst du da herein und hilfst mir den Korb tragen,« sagte +Fräulein Margret. »Wenn dich der Lehrer sieht, sagen wir ihm, wie es +ist. Und heute nachmittag gehst du in die Schule. Er glaubt dir, wenn +du sagst, was wahr ist, ich verspreche dir's.«</p> + +<p>Dem Geißlipp war zumute, als ob es sich auf einmal wieder verlohne, zu +leben. Er kam in den Garten herein und half den Korb tragen, und als er +die vielen Brennesseln hinten an der Mauer sah, sagte er: »Die Geißen +fressen's erst noch<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span> gern und« — er wurde rot. Er hatte noch sagen +wollen: »Ich will sie alle herausreißen, daß da der Platz sauber wird.« +Aber es fiel ihm ein wenig schwer, so viel zu sagen. Fräulein Margret +hatte aber eine merkwürdige Gabe, auch das nicht Ausgesprochene zu +verstehen. Sie sagte freundlich: »Ja, so komm dann morgen nachmittag. +Da hast du frei. Es ist uns beiden geholfen, wenn du die Nesseln holst.«</p> + +<p>Jetzt mußte sie ins Haus, denn da erschien eine Bäuerin unter der Tür. +Diese trug eine Schüssel mit Mehl und hatte Eier in der Schürze und +ein Anliegen wegen ihrer drei Buben auf dem Herzen. Sie warf einen +erstaunten Blick auf den Geißlipp, der da im Garten stand und sagte zu +Fräulein Margret: »Das ist ein Heimtückischer, vor dem muß man sich +in acht nehmen. Das ganze Dorf kann davon sagen.« Fräulein Margret +sah gar nicht so aus, als ob sie sich nun auch vor dem Heimtücker in +acht nehmen wolle. Sie hatte ganz andere Gedanken. Aber sie sagte nur +ruhig: »So viel ich weiß, hat der Bub keine Mutter. Da wird ein Kind +leicht anders, als man es gern hätte. Man kann Gott danken, wenn man es +in seiner Kindheit besser gehabt hat.« »Ist auch wahr,« gab das Weib +zu, »wiewohl, bei dem Geißlipp liegt's im Blut, der Vater ist ein ganz +Schlimmer.«</p> + +<hr class="tb"> + +<figure class="figcenter illowp85" id="illu-230" style="max-width: 62.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-230.jpg" alt=""> +</figure> + +<p>Der Geißlipp lag lang ausgestreckt an einem grasigen Rain. Das Grastuch +mit dem Geißenfutter, das er jetzt gerade gesammelt hatte, lag daneben +und die Sichel steckte im Boden. Es war ein schöner, sonniger Abend. In +der blauen Luft flogen die Schwalben und haschten sich Mücklein und im +Gras zirpten die Grillen, und der Geißlipp sah den weißen, ziehenden +Wolken nach. Vom Spielplatz her tönten laute, lustige Stimmen bis hier +heraus. Die Dorfkinder belustigten sich da, die großen und +<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> +die kleinen, es war ein fröhliches Durcheinander von Tönen. Der +Geißlipp hatte auch schon probiert, mitanzukommen, aber das Vergnügen +war meist kurz gewesen. Denn wenn ihn die andern Buben zu stark geneckt +hatten, so hatte er sie dann geschlagen oder mit Steinen geworfen und +dann waren alle auf ihn eingedrungen. Sie hielten eben zusammen gegen +ihn. Jetzt war er schon lange nicht mehr hingegangen. Es war auch so +eine Art von Vergnügen, hier außen zu liegen und sich auszudenken, was +für seltsame Gebilde die Wolken gaben. Da war eine große Anzahl kleiner +Lämmerwölkchen, hinter denen eine einzige, große Wolke herkam. Nun +stieß sie daran und nun überzog sie die kleinen. »Das könnten die Buben +sein,« dachte der Geißlipp beifällig, »und das große der Lehrer mit dem +Stock. Oder ein Bär, wenn's das gäbe bei uns. Ich möchte dann schon, +daß sie<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> einmal alle« — Der Geißlipp konnte seine schlimmen Gedanken +nicht mehr ganz ausdenken, denn es wurden auf einmal Stimmen laut +und als er aufsah, standen der Lehrer und Fräulein Margret vor ihm. +Aufspringen und davonlaufen, das wäre sonst das erste gewesen bei dem +Geißlipp. Heute machte er keinen Versuch dazu. Er erhob sich langsam +und zupfte sich ein wenig am Haar. Das mußte als Gruß gelten, weil er +keine Kappe auf hatte. Und über sein Gesicht kam ein Freudenschein, der +rührte von Fräulein Margret her. Denn diese konnte gar nicht glauben, +daß der Geißlipp ein so ganz verdorbener Bube sein sollte, und so oft +sie ihn sah, sagte sie freundlich: »Grüß Gott, Philipp« und wußte ihn +nach allem Möglichen zu fragen, was sonst niemand von ihm wissen wollte.</p> + +<p>Sie war auch schuld, daß der Geißlipp schon seit ein paar Wochen keinen +Tag mehr die Schule versäumt hatte. Denn sie hatte ihn einmal zu sich +in die Laube genommen und gesagt: »So, nun merk wohl auf. Kein Mensch +muß faul und ungehorsam sein, wenn er nicht will. Du auch nicht. Du +mußt nicht meinen, weil du schon lang so seiest, müssest du nun immer +so sein. Und fürchten mußt du dich auch nicht und vor niemand. Siehst +du, etwas steckt in dir, etwas Gutes, ich kann's schon deutlich merken. +Jetzt gehst du immer in die Schule und tust nur ganz ruhig, wie du +sollst und denkst nicht immer daran, wo etwa Streit anzufangen wäre. +Paß auf, dann wird's nach und nach besser. Und auf einmal merken es +die andern auch, daß das nicht mehr der alte Philipp ist, sondern ein +anderer.«</p> + +<p>Der Geißlipp hatte der Unterweisung aufmerksam zugehört und obgleich +er noch lang nicht glauben konnte, daß das so gut kommen werde, wie +seine Beschützerin sagte, so wollte er es doch probieren. Sie hatte +ja gesagt: »Ich kann es jetzt schon merken,« da war es vielleicht +doch wahr. Und wenn der Geißlipp am Garten vorbeiging, so nickte ihm +Fräulein Margret jedesmal so<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> aufmunternd zu, daß es ihn den ganzen Tag +freute. Der Lehrer wußte bis jetzt noch nichts von seiner heimlichen +Helferin, aber so ganz schlimm kam ihm der Bube auch nicht mehr vor. +Nur waren es so viele Kinder, daß er bis jetzt unmöglich die einzelnen +so genau hatte kennen lernen können. Aber er hatte ein freundliches und +mildes Wesen und brauchte den Stock nur, wenn er mußte. Der Geißlipp +fürchtete ihn nicht, wenigstens lange nicht so sehr wie die Leute im +Dorf und vor allem die Buben, und das Leben kam ihm jetzt schöner vor +als früher.</p> + +<p>»So, das ist ganz geschickt, daß wir dich gerade da treffen,« fing +Fräulein Margret sogleich an, als sich der Geißlipp aus dem Gras +erhob. »Siehst du, wir haben so große Sträuße im Wald geholt und nun +möchten wir noch einen Besuch machen und können sie da natürlich nicht +brauchen. Du könntest sie uns vielleicht heimtragen.« Der Geißlipp sah +etwas besorgt auf sein Grasbündel und die Sichel. Er wußte sich nicht +recht zu helfen damit. »Wenn du das Futter zuerst heimtragen mußt,« +sagte der Lehrer, »das schadet nichts. Bis an dein Haus haben wir doch +den gleichen Weg, dann gehen wir so weit mit dir.«</p> + +<p>Der Geißlipp hätte nur gewünscht, daß die Dorfbuben zusehen könnten, +wie er so dahinschritt, das Grasbündel auf dem Kopf und die Sichel +in der Hand, zwischen dem Lehrer und dem Fräulein. Er, der allezeit +verachtete und ausgestoßene Geißlipp, zu dem nur allein Fräulein +Margret immer seinen ganzen Taufnamen sagte. Der Vater sagte meistens +nur »Bub«, aber er sagte überhaupt nicht viel.</p> + +<p>Er schien eben vom Taglohn heimgekommen zu sein, denn die Haustür stand +offen und ein qualmender Rauch kam da heraus.</p> + +<p>Als er Schritte hörte, streckte er den Kopf einen Augenblick zu dem +kleinen Schiebfensterchen neben der Haustüre heraus, zog ihn aber +schnell wieder zurück.</p> + +<p>»So,« sagte Fräulein Margret unbefangen, als sie an dem<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span> Häuschen +waren, »jetzt kannst du geschwind dein Futter hineintragen und so +lang setzen wir uns auf das Bänklein, denn wir haben einen weiten Weg +gemacht. Das darf man doch?«</p> + +<p>Der Geißlipp sah so maßlos verwundert aus, daß die beiden lachen +mußten. Das sah man deutlich, daß er nicht gewohnt war, Gäste zu haben. +»Es raucht so,« brachte er nur heraus. »Schadet nichts,« sagte Fräulein +Margret gleichmütig, »das Holz wird naß sein. Kocht dein Vater?«</p> + +<p>Der Geißlipp nickte nur und dann verschwand er im Stall.</p> + +<p>Unterdessen war der Vater in keiner kleinen Aufregung in seiner +halbdunkeln Küche. Er hatte seit Jahren niemand mehr in seinem Haus +gesehen und hatte sich allmählich daran gewöhnt, am Tag allein bei +seiner Arbeit an der Landstraße oder im Gemeindewald oder auf seinem +Äckerlein zu sein und abends allein mit dem Buben in seinem Häuschen. +»Ich will von niemand etwas und die Leut sollen mich in Ruh lassen,« +war so seine Rede. Und doch sehnte er sich so manchmal heimlich, auch +wie ein anderer Mensch unter Menschen zu leben. Die neuen Lehrersleute +hatten ihn auf der Straße schon ein paarmal freundlich gegrüßt und +jetzt besann er sich, ob er herauskommen solle und sie auch grüßen oder +nicht. Aber Fräulein Margret besann sich gewöhnlich nicht lang, bis sie +mit jemand ein Gespräch anfing. Ihr Bruder mußte sich immer ein wenig +über seine junge Schwester wundern, denn ihm fiel das nicht so leicht. +»Ach, mir kommt ein guter Gedanke,« rief sie lebhaft. »Da sind wir nun +ganz geschickt hergekommen. Das Annele muß Geißmilch trinken, wenn es +hierher kommt. Natürlich, das ist höchst nötig.«</p> + +<p>Das Annele war ein schwächliches Stadtkind, das einer Schwester +gehörte und das sich Fräulein Margret kommen lassen wollte, um es +herauszupflegen.</p> + +<p>»Darf ich ein wenig hereinkommen?« rief sie zur Tür hinein. Es drang +ein Brummen heraus, das man so oder so verstehen<span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span> konnte, aber weil +Fräulein Margret gern wollte, so drang sie ganz kecklich ein und grüßte +den Vater Geißlipp freundlich. »Ich habe einen großen Wunsch,« sagte +sie sogleich nach der Begrüßung. »Und niemand im ganzen Dorf kann mir +den erfüllen als Sie.« Und dann setzte sie dem finster aussehenden +Manne die Angelegenheit mit dem Milchtrinken auseinander.</p> + +<p>»Die Geißen geben nicht viel Milch,« sagte der Mann, als er sich eine +Weile besonnen hatte. »Es ist keine rechte Pfleg für sie da. Ich hab +schon lang eine verkaufen wollen und am Viehmarkt tu ich's auch und das +ist bald jetzt. Aber für das Kind reicht's doch noch.« Fräulein Margret +schien gar nicht zu merken, daß es den Vater Geißlipp eine große +Anstrengung kostete, so viel zu reden. Er machte sich drunterhinein am +Herd zu schaffen und zog die Stirn noch mehr zusammen als sonst. Manche +Leute hätten vielleicht gedacht, der Mann sehe zum Fürchten aus, wie er +so dastand mit seinem wilden, schwarzen Bart und Haar und den sehnigen, +braunen Armen, an denen er die Hemdärmel hinaufgeschlagen hatte. Aber +Fräulein Margret fühlte nur ein großes Mitleid in sich und obgleich +sie nicht viel sagte, drückte sie doch dem einsamen Mann beim Abschied +so kräftig die Hand und sah ihn so warm und freundlich an, daß er noch +lange daran denken mußte.</p> + +<p>»Es gibt noch gute Leut' auf der Welt, Bub,« sagte der Vater, als +er nachher mit Philipp bei dem einfachen Nachtmahl, Geißmilch und +Kartoffeln saß. »Aber rar sind sie.« Der Philipp nickte einverstanden. +Es kam ihm allmählich auch so vor.</p> + +<p>Solang Fräulein Margret mit dem Vater in der Küche verhandelt hatte, +war der Lehrer um das Häuschen herumgegangen. Dieses stieß hinten ein +Stück weit an eine alte Mauer an, die mit allerlei Schutt und Geröll +bedeckt war. Oben auf der Mauer blühten rote und weiße Taubnesseln und +da und dort ein Stechapfel und unter allerlei Gras und Unkraut auch<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> +hie und da ein Ringelblümchen. Und über den Rand herunter hingen die +rosafarbigen Blüten des Mauerpfeffers, die man zu Lande Sonnenblitze +nennt. Der Lehrer betrachtete das Ganze aufmerksam und machte sich so +seine Gedanken darüber. Er dachte, daß dieser Garten auf der Mauer +vielleicht ganz passend für den Vater und Sohn sei, denen er gehöre. +Und daß der liebe Gott manchmal da, wo man es gar nicht suche, unter +Schutt und Unkraut und aus dürrem Erdreich ein freundliches Blümlein +wachsen lasse, an dem man sich erfreuen könne. Der Lehrer nahm sich +vor, sich so gut als möglich des scheuen und störrischen Buben +anzunehmen. »Vielleicht kommt doch etwas Gutes dabei heraus,« dachte +er und wußte nicht, daß in des Geißlipps verschlossenem Gemüt schon +allerlei trieb und keimte, von dem er nichts wußte.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Das Annele war angekommen. Es war »ein kleines, bleiches Dinglein«, +so sagten die Leute im Dorf von ihm. Kurz vorher hatte es das +Scharlachfieber überstanden und davon war es noch etwas zart und blaß. +Aber es machte sich nichts daraus. Am Morgen nach seiner Ankunft lief +es schon so lustig, als wäre es von jeher in Rötenberg daheim gewesen, +vors Haus hinaus und von da in den Garten, machte einen Besuch bei den +Himbeeren und Stachelbeeren und setzte sich dann still auf das niedrige +Mäuerchen im Garten, um dem Gesang der Schulkinder zuzuhören.</p> + +<p>Das Annele war auch ein Schulkind. Es ging schon seit einem Jahr +in der Stadt in die Schule und jetzt war keine Ferienzeit. Dieser +Landaufenthalt war nur vom Doktor vorgeschrieben, Annele ließ ihn sich +aber gern gefallen. Es war so schön hier, wie sonst nirgends. In der +Stadt konnte man nur auf der Straße spielen, wo immer Wagen fuhren und +viele Leute gingen, und die Mutter erlaubte das nur selten. Hier aber +kam<span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span> immer wieder ein Garten und eine Wiese und den Wald sah man vom +Fenster aus und im Schulhausgarten selbst konnte man sich so ungestörte +Spielplätze einrichten. Annele hätte überall zugleich sein mögen. Ab +und zu erschien auch die Tante am Fenster und rief dem Nichtchen etwas +zu. Und in den Bäumen sangen die Vögel. Es war wunderschön.</p> + +<p>Jetzt ging die Schultür auf und alle Buben und Mädchen kamen heraus. +Die Türe war nicht gerade eng und doch kam es Annele vor, als ob sie +noch einmal so weit sein müßte. Denn alle Kinder strebten ins Freie +nach dem langen Stillsitzen und so drängten sie sich auf einen dichten +Knäuel zusammen, bis der Lehrer rief: »Halt, so macht man's nicht. +Jetzt sollen zuerst alle Kleinen hinausgehen und nicht mehr als zwei +auf einmal, dann kommen die Großen.«</p> + +<p>Das Annele wurde ein wenig rot, als es so von allen Seiten angesehen +wurde, als wäre etwas besonders Merkwürdiges an ihm. Es hatte sich +nämlich an dem Schuleingang aufgestellt, um sogleich zu dem Onkel +gelangen zu können. Und es war nun froh und erleichtert, als dieser +herankam und seine Hand faßte. So konnte man sich wohl ein bißchen +anstaunen lassen. Eben kam auch die Tante die Treppe herunter. +»Philipp Berner,« rief sie, »halt ein wenig. Ich muß noch etwas mit +dir sprechen,« Der Geißlipp blieb stehen und die Buben machten große +Augen, daß man mit <em class="gesperrt">dem</em> etwas sprechen wollte. Es war so wie so +seit einiger Zeit anders geworden. Man konnte nicht mehr so bequem wie +früher alle dummen und unartigen Streiche auf ihn schieben, der Lehrer +duldete keinen Sündenbock. Und einmal war es dem Andres übel bekommen, +als er das große Lineal des Lehrers bei einer Prügelei zerbrochen hatte +und dann gesagt: »Der Geißlipp hat's getan.« Merkwürdig, der neue +Lehrer sah gar nicht furchtbar aus, im Gegenteil, und doch konnte man +sich fürchten, wenn er einen so ernst und fest ansah.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span></p> + +<p>»Es ist wegen der Milch für das Annele,« sagte die Tante jetzt. »Am +Morgen und am Abend soll es trinken, ganz frischgemolken. Morgens +bringst du sie vor der Schule herauf, denn da darf das Annele +noch nicht heraus. Abends kann es dann bei schönem Wetter zu euch +hinauskommen.« Der Philipp nickte zu allem. Das kam ihm Antwort genug +vor, denn er war immer noch gar kein Redner. Dem Annele schien es aber +etwas zu wenig zu sein. Es hatte aufmerksam zugehört und sagte nun: +»Warum sagst du gar nichts? Man muß doch auch ja sagen, wenn man so tun +will.«</p> + +<p>Die Tante mußte im stillen ein wenig lachen. Das sah sie schon, bei dem +Annele konnte der Geißlipp nicht so stumm bleiben, das würde ihn schon +gesprächig machen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Jetzt war es nicht mehr leer und öd in den großen Zimmern oben im +Schulhaus. Je kräftiger und gesünder das Nichtchen wurde, desto +vergnügter sang und sprang es umher und ganz still war es eigentlich +nur, wenn es in seinem Bett lag und schlief. Der Onkel dachte schon +daran, das Annele nun mit in die Schule hinunterzunehmen, damit es +nicht ganz aus der Übung komme, aber jetzt hatte es noch Ferien.</p> + +<p>Die Tage waren herrlich ausgefüllt. Ganz früh am Morgen, wenn das +Stadtkind kaum aufgestanden war, kam der Geißlipp (das Annele sagte +aber immer wie die Tante Philipp zu ihm) und brachte die frische Milch. +Das war immer ein Hauptvergnügen. Die Tante hatte jetzt schon Recht +behalten. Es war ein ganz anderer Bub als vor einem halben Jahr, wenn +man es auch noch lange nicht überall merkte. Bei den Dorfleuten stand +das Urteil über den Geißlipp viel zu fest, als daß man darauf geachtet +hätte, ob er sich nach und nach ein wenig<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span> bessere. Aber im Schulhaus +war das anders. Annele hatte noch nie gehört, daß der Philipp anders +sei als andere Buben.</p> + +<figure class="figcenter illowp60" id="illu-238" style="max-width: 50.25em;"> + <img class="w100" src="images/illu-238.jpg" alt=""> +</figure> + +<p>»Laß sie nur,« hatte Fräulein Margret zu dem Lehrer gesagt. »Sie lernt +nichts Böses von ihm, darauf will ich schon achten. Und man weiß +nicht, was es für den Buben wert ist, wenn er auch einmal harmlos mit +einem andern Kinde verkehren kann.« So konnten die beiden ungestört +Bekanntschaft schließen.</p> + +<p>Annele hatte zwar bald Freundinnen gefunden, Schultheißens Sophie und +des Krämers Karoline, die alles mitspielten, was<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> sie angab, und die +sie gern ein wenig hin und her kommandierte. Aber es war noch viel +genußreicher, am Morgen an das hintere Gartentürchen hinunterzuhuschen +und dort auf den Philipp zu warten, bis er in schnellem Schritt, daß ja +die Milch noch warm sei, um die Ecke kam. Sie brachte dann schon ihren +Becher mit und trank im Garten, und dann hatte sie dem Philipp hundert +Dinge zu zeigen und noch viel mehr zu fragen. — Warum die Kirschen +zuerst grün sind und dann rot werden? Warum die kleinen Entchen gleich +von selber ins Wasser gehen? Ob die kleinen Vögelein in dem Nestchen +hinten in der Haselnußhecke jetzt bald fliegen können?</p> + +<p>Und dann mußte er helfen zählen, wieviel Tag- und Nachtblümlein +über Nacht aufgegangen seien, und mit Annele das Wespennest in der +Kirchhofsmauer besichtigen, natürlich nur aus sicherer Entfernung. +So etwas konnte man mit den Freundinnen nicht besprechen. Sophie riß +nur die Augen weit auf und Karoline sagte auf die schwierigen Fragen: +»Ha, das ist von selber so. Komm, wir tun lieber Fangerles.« Und dem +Stadtkind war doch alles neu und wichtig. Der Geißlipp aber konnte +über vieles Bescheid geben. Er war so viel allein, da waren ihm schon +allerlei Gedanken gekommen, die anderen Kindern nicht einfallen, und +wenn er gewiß wußte, daß niemand sonst zuhörte, so konnte er dem Annele +ganz verständigen Bescheid geben.</p> + +<p>Schöner war's aber doch noch, am Abend mit der Tante an das kleine +Häuschen des Geißlipp hinauszuwandern. Die Milch schmeckte so ganz +frischgemolken auf dem Bänklein vor der Haustür am allerbesten. Annele +fürchtete sich gar kein bißchen vor Philipps Vater.</p> + +<p>»Du, der ist bös, er hat einmal etwas Arges getan,« hatte einmal +eines der Mädchen zu Annele gesagt, als diese im höchsten Vergnügen +erzählt hatte, wie nett es sei, wenn »der große Geißlipp' ihr die +Milch in den Becher melke, und wenn<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> er sie auf den Arm nehme, daß sie +das Schwalbennest an der Dachrinne genau sehen könne. »Ist das wahr, +Tante? Tut er einem nichts?« hatte Annele darauf ein wenig erschrocken +gefragt. Und die Tante hatte das Kind zu sich herangezogen. »Siehst +du, Annele,« hatte sie gesagt, »wenn du einmal ungehorsam und unartig +gewesen bist und du willst dann wieder lieb sein, gelt, dann verzeiht +dir's die Mutter? Und dann mußt du nur den lieben Gott bitten, dann +verzeiht er's dir auch, und dann ist alles wieder gut und niemand darf +mehr sagen, du seiest ein böses Kind.« Annele war sehr einverstanden. +»Und so ist das auch bei dem armen Mann, den gar niemand lieb hat, weil +er einmal bös gewesen ist. Er will jetzt wieder gut sein und vielleicht +hat es ihm der liebe Gott schon lang verziehen, da dürfen wir nicht +mehr sagen, er sei bös. Und fürchten müssen wir ihn auch nicht, gar +nicht.«</p> + +<p>Annele war mit dieser Erklärung sehr zufrieden und teilte sie auch +den Kamerädinnen mit. Es war nur schade, daß diese sie nicht so +recht verstanden. Aber die neue Freundschaft machte desto bessere +Fortschritte, und Fräulein Margret ließ es sich gar nicht anfechten, +daß sich die Leute im Dorf so sehr darüber verwunderten.</p> + +<p>Wenn das Annele seine Milch hatte, so ging die Tante dann meistens +ein Weilchen in die rauchige Küche. Denn wenn der Vater des Philipp +auch immer noch ein wenig knurrig und brummig war, und auch nicht viel +sagte, so tat es ihm doch wohl, daß ein Mensch nach ihm sah und mit +ihm redete wie mit seinesgleichen. Und das, merkte die Tante wohl und +machte sich nichts daraus, daß er nicht so besonders freundlich tat.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es war an einem schönen, klaren Abend. Die Tante war zum erstenmal von +dem Mann in die Stube geführt worden. Er war nie recht so keck gewesen, +es vorzuschlagen. Aber sie<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> hatte ihn heute nach seinem Weib gefragt, +und jetzt wollte er der Tante ihr Bild zeigen, das in der Stube hing. +Sie saßen einander gegenüber am Tisch. Der Mann hatte den Kopf in +die Hand gestützt und sah finster vor sich hin, und Fräulein Margret +betrachtete ihn mitleidig. Sie hätte ihm so gern etwas Liebes gesagt +und doch wollte ihr nichts Rechtes einfallen. Draußen hörte man die +lustige Stimme des Annele und dazwischenhinein allemal wieder ein paar +bedächtige Worte des Buben. Und von Zeit zu Zeit streckte Annele den +Kopf durch die Fensteröffnung herein und wollte wissen, ob die Geißen +gern Vergißmeinnicht fressen und ob die Schwalben die Mücklein lebendig +verschlucken?</p> + +<p>»So eines hätt ich jetzt auch,« fing der Mann auf einmal an und drückte +gewaltsam die Fäuste an die Augen, daß da nichts heraustropfen konnte. +»So groß wie das Annele wär mein Dorle auch, wenn es noch am Leben wär! +Ist ihm aber gut gegangen, daß es bald gestorben ist. Dann kann man +wenigstens nicht von klein auf prophezeien, daß nichts aus ihm werde, +wie meinem Buben. Mein Weib ist ihm bald nachgegangen, es hat's auch +nicht aushalten können.« Er wollte noch mehr sagen, er wollte noch +sagen: »Ich halt's auch nicht mehr aus so, das Leben ist ein Elend, +wenn man immerfort denken muß: Du bist an allem schuldig.« Aber er +konnte nichts mehr herausbringen. Er legte den Kopf auf den Tisch und +weinte wie ein Kind. Fräulein Margret ließ ihn eine ganze Weile in +Ruhe, sie wußte, daß da manches heraus- und vom Herzen hinunterkomme, +und das wollte sie nicht stören. Endlich aber sagte sie freundlich: »So +jetzt wollen wir einmal nicht mehr immer an dem hängen bleiben, was +vergangen ist. Und nicht nur denken, es müsse alles so bleiben, wie +es jetzt ist. Was die Leute im Dorf sagen, darauf wollen wir einmal +eine Weile gar nicht hören. Und daß etwas aus dem Philipp wird und<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span> +das etwas Rechtes, dazu wollen wir zusammenhelfen. Dann kommt alles +nach und nach besser.« Sie bot dem Taglöhner die Hand und sah ihn so +aufmunternd und entschlossen an, daß es ihm selber auch ein wenig +hoffnungsvoll ums Herz wurde.</p> + +<p>Er strich sich mit der Hand über die Stirn, als ob er da etwas +wegwischen wollte, und sagte: »Ihnen könnt man's fast gar glauben.« In +diesem Augenblick ertönte ein lauter Jubelruf von Annele. Und gleich +darauf kam das Kind ans Fenster, eifrig etwas in die Höhe streckend, +das ihm Philipp entreißen wollte. Philipp hatte ein rotes Gesicht und +war aufgeregter, als ihn Fräulein Margret je gesehen hatte. »Gib's +her,« sagte er heftig. Aber Annele rief lustig: »Nein, nein, keine +Rede, die Tante muß es auch sehen und vielleicht auch noch der Onkel.«</p> + +<p>Die beiden großen Leute waren ans Fenster getreten. Der Vater erschrak, +denn auf des Buben Gesicht malte sich deutlich ein großer Zorn, und den +Ausdruck kannte er wohl und mußte ihn ja fürchten, weil der Zorn ihn +selber auch so unglücklich gemacht hatte. Die Tante sah den Zorn auch. +»Wenn das, was du in der Hand hast, dem Philipp gehört,« sagte sie +ruhig zu Annele, »dann gib es ihm. Ich will es nur sehen, wenn er mir's +selber zeigt.« Annele gehorchte nur ungern, aber es mußte wohl sein.</p> + +<p>Es war das Stück von einer Schiefertafel, das der Geißlipp immer so +sorgfältig verbarg. Annele hatte es entdeckt und jetzt sagte sie: »Ich +sag aber doch, was drauf ist. So etwas Nettes, Tante, es ist nur dumm, +daß er es nicht sehen läßt.«</p> + +<p>Philipp wurde noch röter als vorher und dann ein wenig blaß, und er biß +sich fest mit den Zähnen auf die Unterlippe. Und dem Annele warf er +einen Blick zu, daß man denken konnte, er wolle ihm etwas antun, und +das nichts Gutes. Aber er sagte nichts.</p> + +<p>»Nein, lassen Sie den Philipp,« sagte Fräulein Margret,<span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span> als der Vater +auffahren wollte über den störrischen Buben. »Komm, Annele, für heut +müssen wir heim. Gib dem Philipp die Hand, du darfst ihn nicht zwingen, +daß er zeigt, was er nicht gern will. Willst du mir's nicht morgen +selber zeigen, Philipp? Gelt, es ist doch nichts Böses? Und daß ich +dich nicht auslache, weißt du.«</p> + +<p>Dann ging sie, und das Annele ging ganz zahm an ihrer Hand, denn es war +ein wenig erschrocken.</p> + +<p>Der Philipp stand noch lang am gleichen Fleck und starrte den beiden +nach. Auf einmal fuhr er zusammen, denn da geschah etwas, das noch nie +gewesen war. Der Vater strich ihm traurig mit der Hand über das Haar +und sagte: »Du armes Tröpflein! Wenn du auch eine Mutter hättest!« Und +dann ging er ins Haus, ohne zu schelten.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Am andern Morgen kam der Geißlipp viel früher als sonst mit seiner +Milch an. Das Annele war noch nicht aufgestanden und der Herr Lehrer +hatte erst vor einer kleinen Weile das Haus verlassen, um einen kleinen +Morgenspaziergang zu machen. Aber das war beides dem Geißlipp ganz +recht. So hatte er es gerade gewollt. Man konnte seinem Gesicht wohl +ansehen, daß er etwas Besonderes vorhatte, und das Haar hatte er sich +ganz naß gemacht, daß es fest und dunkel am Kopf anlag. Das schien dem +Geißlipp besonders geordnet vorzukommen.</p> + +<p>Fräulein Margret war in der Küche. Sie hatte die Ärmel hinaufgeschlagen +und knetete einen Teig. Als der Geißlipp eintrat, wandte sie sich um +und begrüßte ihn so freundlich, als ob gar nichts Besonderes gewesen +wäre. Sie nahm ihm die Milch ab und trug sie dem Annele hinein, und +als sie wieder herauskam und den Buben noch auf derselben Stelle fand<span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span> +sagte sie: »Hast du noch etwas sagen wollen, Philipp? Nur kecklich +heraus damit.« Es schien dem Philipp nicht leicht zu gehen, denn er +mußte tief aufatmen. Und dann griff er nur in seinen blauen Kittel und +zog den Tafelscherben hervor. »Da,« sagte er. »Aber« — er sah Fräulein +Margret zaghaft an. Er hatte noch sagen wollen: »Aber niemand zeigen,« +und dann kam es ihm so in den Sinn, daß er ihr gewiß gut vertrauen +könne und sich gar nicht zu fürchten brauche.</p> + +<figure class="figcenter illowp69" id="illu-244" style="max-width: 58.125em;"> + <img class="w100" src="images/illu-244.jpg" alt=""> +</figure> + +<p>Auf Fräulein Margrets Gesicht prägte sich eine große Verwunderung aus. +Sie sah den Geißlipp erstaunt an, so, als ob sie etwas nicht recht +begreifen könne. »Hast <em class="gesperrt">du</em> das gemacht?«<span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span> fragte sie. Der Philipp +nickte nur. »Ja aber, lieber Bub', das muß man so zufällig finden, und +du sperrst dich noch dagegen, daß man's ansieht? Du kannst ja zeichnen! +Das sind junge Spatzen, die sperren ihre Schnäbel auf und wollen +gefüttert sein! Und das auf der andern Seite ist unsere Laube, und auf +dem Dach sitzt die Mieze und putzt sich. Und das davor wird wohl das +Annele sein, das kennt man nicht so recht!«</p> + +<p>Fräulein Margret wurde ganz lebhaft, und ihr Gesicht war so freudig, +daß es der Geißlipp nur immer ansehen mußte. Er hatte sich die Sache +ganz anders vorgestellt. Er hatte schon immer, seit er sich denken +konnte, mit Rötelstückchen und Griffel- oder Bleistiftrestchen, oder +was nur irgend einen Strich gab, überall herumgekritzelt. An Haustüren +und Fensterläden und, als er in die Schule kam, an den Bänken und an +der Wandtafel. Und das hatte ihm schon viele Schläge eingetragen. Der +Lehrer hatte einmal den Vater Geißlipp auf der Straße getroffen und zu +ihm gesagt: »Wenn das Gesudel überall herum jetzt nicht aufhört und +alle meine Prügel nichts nützen, so lasse ich Euch dann einmal Strafe +zahlen, Berner. Das ganze Dorf beklagt sich darüber.« Darauf hatte +der Vater den Philipp am Abend tüchtig durchgeprügelt und ihm gesagt: +»So, das ist <em class="gesperrt">einmal</em>. Wenn ich wieder etwas von deinen dummen +Sudeleien sehe, so gibt's wieder.«</p> + +<p>Seither hatte der Philipp nur noch auf seinen alten Tafelscherben +gekritzelt, und je mehr und öfter er allein war, desto lieber wurde +ihm diese Beschäftigung. Als nun das Annele den kostbaren Scherben +entdeckte, stand es dem Philipp schrecklich vor Augen, daß er am Ende +nun auch <em class="gesperrt">den</em> hergeben müsse und dann gar nicht mehr zeichnen +könne, und daß dann vielleicht auch noch Fräulein Margret böse auf +ihn sei und nichts mehr von ihm wissen wolle. Darum war er so zornig +geworden, daß er das Annele am liebsten gekratzt hätte. Aber<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span> als er +gestern abend noch eine Weile wach in seinem Bett lag und über das +Erlebnis nachdachte, stand immer Fräulein Margret vor ihm. Er konnte +sie deutlich sehen, wenn er auch die Augen zumachte, und sie sagte: +»Gelt, es ist ja doch nichts Böses? Und daß ich dich nicht auslache, +das weißt du!«</p> + +<p>Und Philipp beschloß, ihr seinen Schatz zu zeigen. Sie sollte nicht +denken, es sei etwa <em class="gesperrt">doch</em> etwas Böses und er habe kein Vertrauen +zu ihr.</p> + +<p>Aber daß es so gehe, das hätte er sich nicht träumen lassen. Es wäre +dem armen Buben schon ganz genug gewesen, wenn sie ruhig gesagt hätte: +»Nein, das ist nicht schlimm, das darfst du wohl tun, wenn doch niemand +mit dir spielt.« Daß ihm aber Fräulein Margret auf die Schulter klopfte +und sagte: »Du kannst nicht wissen, wie mich das freut, Philipp. Das +ist eine gute Gabe, die du da hast. Da müssen wir den Herrn Lehrer +bitten, daß er sich um dich annimmt,« das alles überwältigte den +Geißlipp so, daß er zur Küche hinausrannte, die Treppe hinunter und +dann wieder herauf. Denn zu sagen wußte er für den Augenblick nichts, +und doch mußte er seinem Herzen Luft machen.</p> + +<p>Den Tafelscherben bekam der Philipp heute noch nicht zurück. Aber +das tat nichts, er war in guten Händen. Und wenn heute ein Fremder +in die Schule gekommen wäre und hätte den Philipp gesehen mit seinen +aufmerksamen Augen und dem glänzenden Gesicht, so hätte er gewiß nicht +gedacht, daß das der allgemein bekannte Nichtsnutz des Dorfes sei, +der »faul für zwei und unartig für drei« sei. Denn dem Philipp war +ein neuer Lebensmut ins Herz gekommen, und für heute einmal fürchtete +er sich vor niemand und nichts. Vielleicht war jetzt schon etwas von +dem wahr, was Fräulein Margret einst gesagt hatte: »Auf einmal müssen +es auch die andern merken, daß das nicht mehr der alte Philipp ist, +sondern ein ganz anderer.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Das Annele konnte seit einiger Zeit nicht mehr so recht zufrieden sein +mit seinem Kameraden. Er war zwar munterer als je, und sein Gesicht sah +jetzt immer aus, als ob er ein besonderes Vergnügen wisse. Aber wenn +ihn das kleine Mädchen im ganzen Garten herumschleppen wollte und bald +bei den frühen Pflaumen, bald bei der Haselnußhecke einen Aufenthalt +machte, so sagte der Philipp jetzt meistens bald: »Jetzt muß ich +gehen und lernen« oder: »Heut kann ich nicht, ich muß noch an meiner +Zeichnung schaffen.« Das hatte er früher nie getan, und dem Annele kam +es langweilig vor, denn es hatte sich ganz daran gewöhnt, den Philipp +alles Mögliche zu fragen und ihn oft um sich zu haben. Am liebsten +wäre es nun auch in die Schule gegangen, es hörte sich von außen so +lustig an, wenn die vielen Stimmen zusammen sangen: »Kuckuck, Kuckuck +ruft's aus dem Wald« oder: »Alle Vögel sind schon da«. Und wenn in +der Freizeit die ganze Schar herauskam und sich im Schulhof tummelte, +so war das Annele zwar mitten drunter, aber es wäre dann auch gern +mit ihnen hineingegangen, wenn die Freistunde aus war, und sah dann +manchmal noch sehnsüchtig nach der verschlossenen Tür. Aber die Mutter +hatte geschrieben, daß sie nun bald kommen wolle, um das Töchterlein +nach Hause zu holen, und daß es bis dahin noch so viel als möglich in +der freien Luft sein solle, denn die Mutter wolle rote Backen sehen, +wenn sie komme. So kam es, daß sich das Stadtkind je länger, je mehr +aufs Heimkommen freute, und auch das rot und weiße Strickzeug samt +den schönen Geschichten, die die Tante zu erzählen wußte, konnte die +Langeweile nicht mehr bannen.</p> + +<p>Das kam jetzt nie mehr vor, daß der Geißlipp ganz allein und entfernt +von allen fröhlichen Menschen stand und finster zusah, wie andere +vergnügt waren. Wenn man sein freudloses Kinderleben mit dem wilden +Mauergärtlein hinten an dem Häuschen des Geißlipp vergleichen +wollte, so konnte man jetzt<span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span> deutlich merken, daß der liebe Gott +da einen Gärtner angestellt habe, der den Schutt wegräumen und das +Unkraut ausreißen und freundliche Blümlein da anpflanzen mußte, wo +vorher Stechäpfel und Nesseln standen. Es war jetzt so mancherlei +Erfreuliches, man konnte es kaum aufzählen, und daher kam es, daß dem +Philipp die Freude zum Gesicht heraussah.</p> + +<p>Zuerst war ein Tag gekommen, da saß der Lehrer bei Philipps Vater auf +dem Bänklein vor der Haustür, und wer vorüberging, der konnte deutlich +sehen, daß die beiden ein wichtiges Gespräch miteinander hatten. Ein +paar Tage nachher wußte man es im ganzen Dorf, daß der Lehrer dem +Geißlipp Privatstunden im Zeichnen geben wolle, und daß er gesagt habe, +als er von dem Vater wegging: »Aus dem Buben wird noch etwas, das könnt +Ihr glauben, Berner.« Man wußte jetzt nächstens nicht mehr recht, was +man von dem Vater und dem Sohn halten sollte. Am Ende wurde der Bub' +doch noch wie andere, und es war ja auch wahr, daß er keine Mutter +gehabt hatte. »Am End' kommt's nur drauf an, daß man sich ein bißle +nach ihm umsieht,« sagten die Weiber zueinander, und die Bachbäuerin, +die drei Buben in der Schule hatte, sagte zu diesen: »Lasset doch den +Geißlipp auch manchmal mittun. Ich meine, der Bub' sei nicht so bös, +wie man immer tut.«</p> + +<p>Es war merkwürdig: vorher hatte in ganz Rötenberg niemand daran +gedacht, daß man dem Philipp ein wenig zurechthelfen sollte, und jetzt +hatten es auf einmal alle bemerkt, daß er kein solcher Nichtsnutz +werden müsse, wie die andern geglaubt hatten. Fräulein Margret mußte +manchmal ein wenig lachen, wenn sie die Leute reden hörte, aber sie +war froh genug, daß der Philipp jetzt öfters fröhlich mit den andern +spielte, und daß sein Gesicht einen ganz andern Ausdruck bekam, und +sie dachte, es sei ja gleich, wer zuerst angefangen habe, sich um ihn +anzunehmen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span></p> + +<p>Es geschah noch mehr Gutes. Der Vater Berner ging lange nicht mehr +so finster und drohend einher wie früher. Er hatte einen ganz neuen +Lebensmut bekommen, seit er nicht mehr so ganz allein stand und seit er +neue Hoffnungen auf seinen Sohn setzen konnte. Und es fiel ihm vieles +ein, was ihm der Herr Pfarrer aus dem Nachbarort (denn Rötenberg hatte +keinen eigenen) früher oft umsonst gesagt hatte: nämlich daß der liebe +Gott keinen Menschen ganz verlasse, der ihn nicht verlasse, und daß er +auch die Herzen der Mitmenschen lenken könne, daß sie sich einem wieder +auftun, wenn man selber auch friedfertig sei und nicht mehr hochmütig +und feindselig. »Ich verlang' nichts, als daß man mich in Ruh' läßt,« +hatte Berner damals immer gesagt, und so hatte ihn endlich auch der +Pfarrer in Ruhe gelassen.</p> + +<p>Jetzt war das nicht mehr so. »Es ist halt ein Elend, wenn man so +allein hausen soll, man ist in seiner eigenen Stub' nicht daheim,« +sagte er ein paarmal zu Fräulein Margret. Und eines Tages sah ihn zu +ihrem höchsten Erstaunen die alte Kätter, die in einem Hinterstübchen +beim Metzger wohnte, bei sich eintreten. Kätter war ein verwachsenes +Weiblein, das sich mit Flicken ehrlich und spärlich durchbrachte, und +sie war ganz weitläufig mit dem Geißlipp verwandt.</p> + +<p>Der Vetter drehte seine Kappe verlegen in den Händen hin und her, +und endlich sagte er: »Kätter, du könntest wohl zu mir ziehen. Platz +gäb's da noch, und das Essen langt auch für uns drei, und an dem Buben +könntest du dir einen Gotteslohn verdienen. So allein mit mir, das ist +nichts für so ein Junges.«</p> + +<p>Die Kätter mußte nicht lang fragen, ob der Vetter auch ordentlich mit +ihr sein werde, und ob sie sich nicht vor seinem zornigen Wesen zu +fürchten habe. Sie sah wohl, daß da allerlei anders geworden sei, und +so zog sie denn mit ihrem<span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span> Bett und der bemalten Holzkiste, in der +ihre Kleider waren, mit dem großen Nähkissen und der Hornbrille in das +Häuschen des Geißlipp ein.</p> + +<p>Und nun konnten sie beide, der große und der kleine Geißlipp, erfahren, +was eine Heimat ist. Der Vater freute sich, wenn er den Schornstein +rauchen sah, wenn er heimkam, denn nun wußte er, daß da jemand für ihn +sorge und zu ihm gehöre. Und der Philipp konnte mit seinen Löchern im +Kittel und in den Hosen immer zur Base kommen und brauchte sich nicht +mehr von den Buben nachrufen zu lassen: »Geißlipp, deine Geiß hat dir +die Hosen zerrissen.«</p> + +<p>Es war noch viel Gutes an der neuen Einrichtung. Denn die Kätter hatte +zwar einen ganz krummen Rücken, aber ein freundliches Gesicht und ein +liebevolles Herz, und das war mehr wert.</p> + +<p>Es wurde Herbst. Das Annele reiste ab und nahm sehr warmen Abschied +von seinem guten Kameraden. Und es war bereits beschlossen, daß es +in der nächsten Sommervakanz wiederkomme, und daß dann viel Schönes +auszuführen sei. Der Geißlipp winkte lange dem Wagen nach, in dem +das Annele mit seiner Mutter saß. Er hatte seiner kleinen Freundin +zum Abschied ein Blättchen gezeichnet, darauf waren in der Mitte die +beiden Geißen zu sehen, die ein Büschel sehr große und deutliche +Vergißmeinnicht vor sich hatten und lustig fraßen. Und außen herum +stand mit großen Buchstaben: »So schön es diesen Sommer war, so schön +wird's wieder übers Jahr.« Den Reim hatten die Kinder miteinander +ausgedacht, und er gefiel ihnen sehr gut, und Fräulein Margret hatte +ihn ebenfalls belobt.</p> + +<p>Als der Wagen verschwunden war, kehrte der Philipp ins Haus zurück und +ging geradeswegs auf das Zimmer des Herrn Lehrers zu. Er mußte sich +nicht verlassen vorkommen,<span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span> wenn auch das Annele fort war, das konnte +man ihm wohl ansehen. Und er hatte auch gar nicht Zeit, sich darüber +zu besinnen, denn es galt, tüchtig zu arbeiten. In der Schule durfte +nichts versäumt werden, das hatte der Lehrer festgesetzt, und nur dann +sollte das Zeichnen vorwärtsgehen.</p> + +<p>Das war ein guter Sporn für den Philipp, denn das Zeichnen war ihm +das Liebste von allem, was es zu tun gab, und es war ihm gar nicht zu +langweilig, ganz vorne anzufangen mit geraden und schrägen Strichen. +»Wer groß werden will, muß klein anfangen,« sagte der Lehrer. Und +Philipp wollte gern klein anfangen, es war ihm Freude genug, daß er +überhaupt durfte.</p> + +<p>Wenn er jetzt Fräulein Margret sah, so winkten die beiden einander +so verständnisvoll zu, als ob das eine sagen wollte: »Hab' ich dir's +nicht gesagt, daß du probieren sollst, recht zu tun, und daß dann alles +besser werde?« Und das andere: »Du kannst mir sagen, was du willst, ich +glaub' dir alles.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es ging ein Jahr ums andere dahin. Man konnte denken, es sei in +Rötenberg alles ganz gleich geblieben, denn es ging alles so seinen +gewohnten Gang. An jedem Morgen kamen von allen Seiten her die +Schulkinder mit ihren Tafeln und Büchern unter dem Arm, und dann kam +der Lehrer die Treppe herunter und begann den Unterricht mit einem +schönen Lied. Und Fräulein Margret stand dann am offenen Fenster oder +arbeitete im Garten und horchte auf den Gesang. Aber wer genau hinsah, +der konnte wohl merken, daß es immer wieder andere Kinder waren, die +sich zusammenfanden. Von denen, die einst neugierig dem Einzug des +Lehrers zugesehen hatten, saßen nun schon manche nicht mehr in den +Schulbänken, sondern fuhren geißelknallend mit den Kühen aufs Feld +oder schafften<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span> in Haus und Hof, und einige waren auch nach der Stadt +gegangen, um da ein Handwerk zu lernen oder sonst Geld zu verdienen.</p> + +<p>In den oberen Räumen des Schulhauses war es recht still geworden. Das +Annele kam je länger, je seltener mehr. Denn es hatte solche Freude +am Schulleben gewonnen, daß es nun selber gern eine Lehrerin werden +wollte, und dazu mußte man tüchtig lernen. Und der Geißlipp stieg +auch nicht mehr täglich mit seiner Mappe und seinem stillvergnügten +Gesicht die Treppe empor. Es verlangte Fräulein Margret oft nach den +alten Zeiten, und wenn es auch immer wieder Kinder gab, denen man +etwas Gutes tun konnte, so fehlten ihr doch die ersten Schützlinge. +Dann ging sie manchmal nach dem Häuschen des Geißlipp hinaus, wo +immer noch die alte Kätter am Fenster saß und flickte oder in der +räucherigen Küche hantierte. Oft kam dann auch der Vater Berner heim, +und dann schüttelten die drei einander die Hände wie alte Freunde. Sie +hatten immer etwas Wichtiges miteinander zu verhandeln. Denn Philipps +Vater hielt es immer noch für eine wunderbare Sache, daß sein Bub' +kein Nichtsnutz, sondern ein tüchtiger Mensch werde, und obgleich er +ja sonst nicht viel sprach, sagte er doch immer wieder zu Fräulein +Margret: »Das hat Sie unser Herrgott angewiesen, daß Sie an dem Buben +tun sollen wie eine Mutter, das kann Ihnen kein Mensch vergelten.« Und +die Kätter nickte eifrig dazu, und ihr Faden ging dann noch einmal so +schnell auf und nieder, denn sie wollte auch ihren Teil an der Sache +haben und konnte doch nichts anderes mehr für den Philipp tun, als ihn +immer wieder tüchtig herausflicken. Der Philipp war nämlich nicht mehr +zu Hause.</p> + +<p>Er war zwar nicht gerade drauf und dran, ein großer, berühmter Künstler +zu werden, aber man konnte doch jetzt schon sehen, daß einmal ein +tüchtiger Mann aus ihm werde,<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> an dem man sich wohl freuen konnte. +Jetzt war er in einer großen Tapetenfabrik und zeichnete schöne Muster +mit Blumen und Vögeln, auch hie und da freundliche Häuschen mit +Blumengärtlein davor oder weidende Kühe auf einer grünen Matte für +Fenstervorhänge, und man konnte allem, was er machte, wohl ansehen, daß +es mit Lust und Liebe getan war.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es war einmal an einem schönen, sonnigen Abend im Herbst. Die +Kinder spielten wie sonst auch unter dem großen Kastanienbaum beim +Röhrenbrunnen, und die Erwachsenen kamen vom Feld heim, und der Vater +Geißlipp nahm seine Hacke, mit der er an der Straße gearbeitet hatte, +auf die Achsel und ging ebenfalls heimzu. Er ging jetzt nicht mehr +stumm und mürrisch an den Leuten vorbei und die Leute nicht an ihm. +Denn was schwer und dunkel in seinem Leben gewesen war, das lag jetzt +dahinten.</p> + +<p>Um diese Zeit schritt ein junger Wanderer dem Dorf zu. Er mußte da +bekannt sein, denn als er an den kleinen Feldweg kam, der ein tüchtiges +Stück vom Weg abschneidet, ging er sogleich dahinein. Es sah aus, als +ob ihn etwas vorwärts treibe, so große Schritte nahm er. Und doch blieb +er hie und da stehen und sah den ziehenden Wolken nach oder horchte +einen Augenblick still auf den fröhlichen Kinderlärm, den man bis hier +heraus hörte. Der Wanderer hatte nur eine leichte Tasche umhängen, und +aus dieser nahm er ein Büchlein und blätterte während des Weitergehens +ein wenig darin. »Es stimmt alles,« sagte er heiter. »Ich hab's doch +noch gut im Gedächtnis gehabt.« Mancher hätte vielleicht gedacht, +das sei ein sonderbares Bilderbuch. Denn da waren mit flüchtigen +Bleistiftstrichen allerlei unscheinbare Dinge aufgezeichnet: ein Stück +zerbrochenen Lattenzauns, davor ein barfüßiger Bube<span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span> stand, ein Stück +Grasrain, in dem eine Sichel steckte, ein verwittertes Mauerstück, auf +dem allerlei Unkraut blühte, und noch mehr derartiges. »Es freut sie +doch,« sagte er lächelnd vor sich hin und steckte das Büchlein wieder +ein.</p> + +<p>Und dann sah er einige Schritte vor sich einen Mann gehen, der trug +eine Hacke auf der Schulter und legte die Hand vor die Augen, um besser +die Landstraße entlang sehen zu können, hinter der die Sonne unterging.</p> + +<p>»Vater!« rief der Philipp laut, denn der war der Wanderer. Er war mit +wenigen großen Sprüngen bei dem Mann, und dann gab es ein Wiedersehen, +wie sich weder der alte noch der junge Geißlipp vor Jahren hätten eins +träumen lassen.</p> + +<p>Ob Fräulein Margret das Bilderbuch gefreut hat, das ihr der Philipp am +andern Morgen brachte?</p> + +<p>Es wird wohl so sein. Wenn ein Gärtner auch weiß, daß er nicht selber +seiner Pflanzung fröhliches Gedeihen geben kann, freuen darf er sich +doch ihrer, wenn sie wohl gerät.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> + +<h2><em class="gesperrt">Von Anna Schieber sind ferner erschienen</em>:</h2> +</div> + +<div class="hang"> + +<p><b><span class="s3">Annegret.</span></b> Eine Kindergeschichte mit Bildern von <em class="gesperrt">Elisabeth +Sauer</em>. Gebunden Grundpreis M. —.60.</p> + +<p class="s5">Eine <em class="gesperrt">neue</em>, gemütvolle Geschichte in reizender Ausstattung.</p> + +<p><b><span class="s3">Sonnenhunger.</span></b> Geschichten von der Schattenseite. Gebunden Grundpreis M. 2.—.</p> + +<p class="s5">Ein köstliches Buch, allerdings nicht von glücklichem Genießen, sondern +vom Entbehren erzählend. Es könnte wohl manchem Herzen einen Wink +geben, wie man auch an der Schattenseite des Lebens guten Mutes bleiben +kann. Einige Erzählungen sind ergreifend in ihrer echten Lebenswahrheit.</p> +<p class="s5 right">Bücherschatz.</p> + +<p><span class="s3"><b>Guckkastenbilder</b> — <b>Warme Herzen</b> — <b>Zugvögel</b> — +<b>Was des andern ist</b></span>. Gebunden Grundpreis je M. 1.—.</p> + +<p class="s5">Jedes der hübschen Geschenkbändchen enthält eine Reihe gehaltvoller, +liebenswürdiger Erzählungen, die alt und jung Freude und Gewinn bringen +werden.</p><br> + + +<p class="center">Die vier Bändchen sind auch in einem geschmackvollen Sammelband<br> +lieferbar unter dem Titel:</p> + +<p><span class="s3"><b>Allerlei Kraut und Unkraut.</b></span> 34 Bilder und Geschichten für große +und kleine Leute. Gebunden Grundpreis M. 3.50.</p> + +<p>Wie oft ist man in Verlegenheit, weil man kurze, spannende Geschichten +braucht zum <em class="gesperrt">Vorlesen</em> in der Kinderstube oder in Vereinen und an +Krankenbetten! Dieser stattliche Band aus der Feder der bekannten und +beliebten schwäbischen Dichterin bietet da für alle Fälle reichen Stoff.</p> + +<p class="s5 right">Vierteljahrsberichte aus dem Gebiet der schönen Literatur.</p><br> + +</div> +<p><i>Ausführliches Verlagsverzeichnis kostenlos!</i></p> + + +<p class="s3 center"><em class="gesperrt">Verlag von D. Gundert in Stuttgart</em></p> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75672 ***</div> +</body> +</html> + diff --git a/75672-h/images/cover.jpg b/75672-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..a7f3c87 --- /dev/null +++ b/75672-h/images/cover.jpg diff --git a/75672-h/images/illu-005.jpg b/75672-h/images/illu-005.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..f1c4ec0 --- /dev/null +++ b/75672-h/images/illu-005.jpg diff --git a/75672-h/images/illu-008.jpg b/75672-h/images/illu-008.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b095f18 --- /dev/null +++ b/75672-h/images/illu-008.jpg diff --git a/75672-h/images/illu-012.jpg b/75672-h/images/illu-012.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5aaf847 --- /dev/null +++ b/75672-h/images/illu-012.jpg diff --git a/75672-h/images/illu-017.jpg b/75672-h/images/illu-017.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..cecf3b3 --- 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