summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-03-20 09:21:27 -0700
committernfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-03-20 09:21:27 -0700
commit719349b298b2ac3bf8b29d5fcba689baaffb7425 (patch)
treeac8351a0ed0132034a1302b5ea5355aab581fb93
Initial commitHEADmain
-rw-r--r--.gitattributes4
-rw-r--r--75672-0.txt7535
-rw-r--r--75672-h/75672-h.htm8000
-rw-r--r--75672-h/images/cover.jpgbin0 -> 911423 bytes
-rw-r--r--75672-h/images/illu-005.jpgbin0 -> 30672 bytes
-rw-r--r--75672-h/images/illu-008.jpgbin0 -> 55512 bytes
-rw-r--r--75672-h/images/illu-012.jpgbin0 -> 240862 bytes
-rw-r--r--75672-h/images/illu-017.jpgbin0 -> 13408 bytes
-rw-r--r--75672-h/images/illu-020.jpgbin0 -> 128030 bytes
-rw-r--r--75672-h/images/illu-023.jpgbin0 -> 69718 bytes
-rw-r--r--75672-h/images/illu-029.jpgbin0 -> 217863 bytes
-rw-r--r--75672-h/images/illu-035.jpgbin0 -> 28431 bytes
-rw-r--r--75672-h/images/illu-041.jpgbin0 -> 56378 bytes
-rw-r--r--75672-h/images/illu-046.jpgbin0 -> 194559 bytes
-rw-r--r--75672-h/images/illu-055.jpgbin0 -> 204541 bytes
-rw-r--r--75672-h/images/illu-059.jpgbin0 -> 190617 bytes
-rw-r--r--75672-h/images/illu-061.jpgbin0 -> 35313 bytes
-rw-r--r--75672-h/images/illu-067.jpgbin0 -> 226671 bytes
-rw-r--r--75672-h/images/illu-069.jpgbin0 -> 141208 bytes
-rw-r--r--75672-h/images/illu-078.jpgbin0 -> 163124 bytes
-rw-r--r--75672-h/images/illu-086.jpgbin0 -> 143371 bytes
-rw-r--r--75672-h/images/illu-092.jpgbin0 -> 181310 bytes
-rw-r--r--75672-h/images/illu-100.jpgbin0 -> 165356 bytes
-rw-r--r--75672-h/images/illu-109.jpgbin0 -> 216405 bytes
-rw-r--r--75672-h/images/illu-131.jpgbin0 -> 94807 bytes
-rw-r--r--75672-h/images/illu-148.jpgbin0 -> 119203 bytes
-rw-r--r--75672-h/images/illu-159.jpgbin0 -> 123190 bytes
-rw-r--r--75672-h/images/illu-175.jpgbin0 -> 81920 bytes
-rw-r--r--75672-h/images/illu-194.jpgbin0 -> 186560 bytes
-rw-r--r--75672-h/images/illu-222.jpgbin0 -> 183541 bytes
-rw-r--r--75672-h/images/illu-230.jpgbin0 -> 220819 bytes
-rw-r--r--75672-h/images/illu-238.jpgbin0 -> 215324 bytes
-rw-r--r--75672-h/images/illu-244.jpgbin0 -> 189396 bytes
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
35 files changed, 15552 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..d7b82bc
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,4 @@
+*.txt text eol=lf
+*.htm text eol=lf
+*.html text eol=lf
+*.md text eol=lf
diff --git a/75672-0.txt b/75672-0.txt
new file mode 100644
index 0000000..4d4b344
--- /dev/null
+++ b/75672-0.txt
@@ -0,0 +1,7535 @@
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75672 ***
+
+
+
+=======================================================================
+
+ Anmerkungen zur Transkription.
+
+Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
+Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler
+sind stillschweigend korrigiert worden.
+
+Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang des Textes verschoben.
+
+Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~
+und =fettgedruckte= so.
+
+=======================================================================
+
+
+
+
+ Röschen, Jaköble
+ und andere kleine Leute
+
+
+ Ein Geschichtenbuch für Kinder und Kinderfreunde
+
+ von
+
+ Anna Schieber
+
+
+ Mit Bildern von Amalie Bauerle
+
+ 9.-16. Tausend
+
+
+ 1923
+ Verlag von D. Gundert in Stuttgart
+
+
+ Druck: Christliches Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart
+
+
+
+
+ Inhaltsverzeichnis.
+
+
+ Seite
+
+ 1. Was das Röschen zu verschenken hatte 3
+
+ 2. Die Geschichte vom dummen Frieder 11
+
+ 3. Wer die Mutter am liebsten hatte 17
+
+ 4. Vom Jaköble, der nicht »Ja« sagen konnte 22
+
+ 5. Kätterles Christbaum 34
+
+ 6. Die Gottswillenkinder 43
+
+ 7. Zweierlei Reichtum 85
+
+ 8. Gretels Ferientage 115
+
+ 9. Wie Heini den Rückweg fand 123
+
+ 10. Ein Ersatz 140
+
+ 11. Eine Reise in die Welt 158
+
+ 12. Die Botenflori 173
+
+ 13. Augenblicklich 184
+
+ 14. Angelika 191
+
+ 15. In die Sonne 205
+
+ 16. Aus dürrem Erdreich 221
+
+
+
+
+ 1. Was das Röschen zu verschenken hatte.
+
+
+Ganz am Ende des Dorfes stand ein kleines Häuschen. Es sah ein bißchen
+wackelig aus, es lehnte nur so an einer Mauer, auf der Gras und
+allerlei Unkraut wuchs. Dem Röschen machte das aber keinen Kummer, das
+lebte ganz vergnügt und zufrieden in den Tag hinein und besann sich
+gar nicht, ob es am Ende Kinder gebe, die besseres Essen und schönere
+Kleider haben und ein schöneres Haus, um darin zu wohnen. Das Röschen
+war das einzige Kind im Hause. Der Vater saß den ganzen Tag auf seinem
+Stühlchen und flickte Schuhe und Stiefel, wenn er welche hatte, und
+die Mutter kochte und wusch und besorgte die Geiß und das Äckerlein.
+Und alle beide, der Vater und die Mutter, jammerten oft, daß sie so
+arm seien und das Häuschen so schlecht, und wenn das Röschen sang und
+sprang und immer lustig war, schüttelten beide den Kopf und sagten:
+»Das wird's schon noch anders lernen!«
+
+Eines Morgens war das Röschen früh aufgestanden und hatte sich schnell
+fertig gemacht. Das war allerdings bald geschehen gewesen, denn es
+hatte nur ein einziges Röcklein anzuziehen und die Füßchen blieben
+bloß. Jetzt im Sommer, wo es warm war, gingen viele Kinder barfuß.
+
+Jetzt stand das Röschen unter der Haustür und besann sich, ob es lieber
+zuerst in den Stall wolle und nach der Geiß sehen oder lieber gleich
+auf ein Schemelchen steigen und der Mutter ein wenig am Waschzuber
+helfen. Das war beides sehr vergnüglich. Dann entschloß es sich, ganz
+zuerst sein Stück Brot zu essen, das es in der Hand hielt, denn es
+hatte seine Milch nur leer ausgetrunken.
+
+Da schlürfte ein alter Mann an das Häuschen heran, der steckte in einem
+ganz zerrissenen Kittel und zu den Schuhen guckten die Zehen heraus.
+»Guten Morgen, Kind,« sagte er, »ist die Mutter daheim? So geh und frag
+sie einmal, ob sie einem armen Mann ein bißchen was zu essen habe. Ich
+komme schon weit her heute und habe noch nichts gehabt.«
+
+»Hab' nichts zu verschenken, hab' gar nichts zu verschenken,« rief die
+Mutter aus dem Häuschen. »Ich wär' selber froh, wenn mir einer etwas
+schenkte. Jawohl, die Mauer will einfallen und der Gartenzaun ist kaput
+und alle Hemden haben Löcher und nirgends ist ein Geld zu neuen. Gibt
+reiche Leut' genug, geht zu denen; wir sind selber arm.« Der alte Mann
+wollte traurig weitergehen, da legte ihm Röschen schnell sein Brot in
+die Hand und sprang ins Häuschen zurück, eh' er sich noch bedanken
+konnte.
+
+Die Mutter hatte es aber gerade noch gemerkt und zankte nun auch mit
+dem Röschen.
+
+»Du darfst kein Brot verschenken,« sagte sie, »ich hab' kein Geld zu so
+viel Brot! Sei froh, wenn du selber hast.«
+
+Das Röschen war ein wenig rot geworden. »Ich habe keinen so argen
+Hunger,« sagte es, »es ist gleich, wenn ich jetzt kein Brot bekomme.«
+
+»Ja, dann bist du am Mittagessen um so ausgehungerter,« sagte nun
+auch der Vater. »Also du merkst dir's, du hast dein Brot nicht zum
+Verschenken, sondern zum Selberessen!«
+
+Zuerst war das Kind ein wenig betrübt, denn es hatte nicht unartig sein
+wollen, der arme Mann hatte ihm so leid getan, und es mochte überhaupt
+so gern etwas verschenken. So gern!
+
+Aber dann vergaß es seinen Kummer wieder. Draußen auf der Straße
+wackelte der kleine dicke Philipp daher, Röschens ganz guter Kamerad
+und Schützling, das Büblein des reichen Schafbauern. Der Philipp lachte
+über sein ganzes rundes Gesicht, als er sein Röschen sah. Er strebte,
+wo er nur konnte, zu ihm hin, denn das Röschen konnte so nett mit
+ihm spielen und sogar Geschichten erzählen. »Vom Wolf und den sieben
+Geißlein« und »vom Hänsel und Gretel« und noch anderes.
+
+ [Illustration]
+
+Die Mutter zankte zwar manchmal. »Sollen sich selber eine Kindsmagd
+halten, so reiche Leut,« sagte sie, wenn der Philipp angewackelt kam:
+»Rösle, 'schicht zählen!«
+
+Aber dann freute sie sich allemal doch auch wieder, wenn die Kinder
+so einträchtig zusammenhausten und das Röschen so recht wie ein
+Mütterlein für den Kleinen sorgte. Heute kam der Philipp in einem
+besondern Aufzug. An einem Fuß hatte er einen flammroten Strumpf und
+sonst nichts, der andere steckte in einem mächtig großen Pantoffel,
+der offenbar seiner Mutter gehörte. Den zweiten Strumpf trug er in der
+Hand und dann noch etwas Glitzerndes. Als Röschen näher hinsah, war es
+eine silberne Taschenuhr, die der kleine Schelm jedenfalls heimlich
+mitgeschleppt hatte. »Tiktak machen,« sagte er ganz fröhlich. Daß der
+Philipp von daheim durchgegangen sei, sah Röschen wohl, und daß man ihn
+sogleich wieder heimbefördern mußte, wußte sie auch. Aber der kleine
+Ausreißer war nicht gesonnen, sich heimführen zu lassen. Und die Uhr,
+die das verständige Röschen gerne tragen wollte, mochte er auch nicht
+aus den Händen lassen. Und doch mußte es sein!
+
+Röschen wußte aber einen Rat. Entschlossen griff sie in ihre Tasche und
+holte da ein Bildchen heraus, schön farbig, mit Schäfchen auf der Weide
+und Kindern mit Blumenkränzen auf dem Kopf dabei. »Da, Philipple, komm,
+gib mir das Tiktak, so kriegst du das Bildchen dafür. Aber dann mußt du
+ganz brav mit heimgehen.«
+
+Das wirkte Wunder. Das widerspenstige Geschrei hörte auf, und die
+beiden trotteten Hand in Hand des Schafbauern Haus zu.
+
+Es hatte dem Röschen zuerst ein wenig leid getan, das Bildchen in die
+Hand des kleinen Buben zu stecken. Es war in einem Zichorienpäckchen
+gewesen und Röschen hatte es eigentlich morgen der Mutter schenken
+wollen. Denn da war der Geburtstag der Mutter, und diese hatte erst
+noch neulich, als man im Pfarrhaus den Geburtstag der Frau Pfarrerin
+gefeiert hatte, gesagt: »Jetzt so ein Lebtag, wie ~das~ ist in
+~dem~ Haus! Jawohl, mein Geburtstag ist auch bald und mir schenkt
+niemand nichts!« Seither hatte Röschen das Bildchen als Schatz gehütet
+und oft gedacht: »Ja, ja, du wirst dann schon sehen, daß dir auch
+jemand was schenkt, Mutter!«
+
+Aber das Röschen konnte nichts dafür! Wenn es etwas zu verschenken
+hatte, so kribbelte ihm das so lange in der Tasche und in den Händen,
+bis es richtig draußen war. Dann war es wieder so vergnügt wie der Hans
+im Glück. Und jetzt hatte sie doch das Büblein beruhigen müssen.
+
+Die Schafbäuerin stand schon unter der Haustür und schaute nach ihrem
+Kleinen aus, als die zwei ankamen.
+
+Sie hatte schon das ganze Haus nach dem Philipp ausgesucht und war
+jetzt nur froh, daß er wieder da war. Eben kam auch der Bauer unter
+die Tür. »Wo kann nur auch meine Uhr sein?« fragte er. »Ich suche
+sie schon allenthalben.« Da streckte das Röschen die Uhr hin, die sie
+sorglich im Schürzchen getragen hatte, und erzählte den Hergang. »Du
+bist brav, Rösle,« lobte der Bauer, »so ist's recht. Komm aber, komm,
+du mußt auch ein paar schöne Äpfel haben, weil du so gut aufgepaßt
+hast.« Und das Röschen ließ sich vergnügt sein Schürzchen füllen mit
+so schönen rot und gelben Äpfeln, wie es noch gar nie gehabt hatte.
+Dann zog es schnell wieder ab, denn es war ein neuer Gedanke in ihm
+aufgestiegen.
+
+Die Äpfel konnte man heute gut verstecken und am Morgen der Mutter auf
+einen Teller legen. Das war noch ganz anders als ein Bildchen! Und dann
+sollte sie ~noch~ einmal sagen: »Mir schenkt niemand nichts!«
+
+Aber unterwegs begegneten dem Röschen zwei kleine Geschwister; die
+weinten so herzbrechend, daß es das Röschen ganz erbarmte. »Drum ist
+der Jaköble hingefallen und hat sich die Hosen so zerrissen, daß man
+sie vielleicht nicht mehr flicken kann,« sagte das Schwesterlein, »und
+jetzt kriegen wir vielleicht alle beide Schläge.« Und dann weinten sie
+wieder zur Gesellschaft alle zwei weiter. Das war schlimm, das sah das
+Röschen auch ein. Aber dann fiel ihm auf einmal ein, daß es eine schöne
+Stecknadel mit einem blauen Glasknopf an seinem Tuch stecken hatte. Die
+hatte es gestern gefunden. Sie war zwar ein bißchen rostig, aber man
+konnte doch gut den allergrößten Lappen damit hinaufstecken, man sah es
+gar nicht mehr so arg. So lang hatte das kleine Mädchen das Schürzchen
+halten müssen, daß die Äpfel nicht herausfielen; jetzt sah das Röschen
+wohl, wie verlangend alle zwei nach den schönen Äpfeln sahen. »Da,
+so habt ihr jedes einen,« sagte es schnell, damit es sich nicht noch
+anders besinne, und gab zwei der schönen Äpfel hin. »Es sind immer noch
+viel,« tröstete es sich. »Am Ende hätten nicht einmal alle auf einem
+Teller Platz gehabt.«
+
+Und vergnügt kam es an seinem Häuschen an, ging aber nicht vornen
+zur Haustür hinein, sondern schlüpfte durch ein Loch in dem Zaun, um
+die Äpfel hinten an der Mauer zu verstecken. Auf einmal hörte es ein
+Geräusch hinter sich. Da stand ein fremder Herr mit einer Brille und
+einem Rucksack, der hatte ganz merkwürdige Blumen in der Hand. »Keine
+schönen,« dachte das Röschen, »und überall sind noch die Wurzeln dran
+und noch Erde.« Der Herr sagte ganz freundlich »guten Tag« zu Röschen
+und fragte dann gleich: »Hör, Kleine, da droben auf der Mauer wächst
+eine Pflanze, sieh die mit den haarigen Blättern und der kleinen
+gelben Blüte! Die muß ich haben, die fehlt mir in meiner Sammlung,
+kann ich mir sie holen?« Das Röschen war ganz erstaunt, daß der Herr
+die Blume wollte, die doch gar nicht schön aussah, und es sagte ganz
+bereitwillig: »Du kannst auch eine schönere haben, vornen am Haus sind
+auch Astern, blaue und rote.«
+
+ [Illustration]
+
+»Astern brauche ich nicht,« sagte der Herr, »gerade die möchte ich
+haben, willst du mir sie geben?«
+
+»Ja freilich,« lachte Röschen; »Blumen darf ich schon herschenken, da
+zankt die Mutter nicht, nur Brot nicht und nichts, was man um Geld
+kaufen muß, weil man keins hat.« Und damit stieg sie auch schon an
+der verwitterten Mauer in die Höhe; man konnte das gut, es stand da
+und dort ein Stein weit hervor. »Nicht abreißen, hörst du?« rief
+ihr der Herr nach. »Mit der Wurzel ausziehen, ganz sachte, so!«
+Triumphierend brachte das Röschen die ganze Pflanze in der Hand daher,
+ihr Gesicht strahlte. »Was freut dich denn so, Kleine?« sagte der
+Herr wohlgefällig; es gefiel ihm, daß das Röschen so bereitwillig
+war. »Alles freut mich,« erklärte Röschen. »Daß ich morgen der Mutter
+die Äpfel geben kann und daß es doch noch einen für das Jaköble und
+seine Schwester gelangt hat, und daß dem Philipp mein schönes Bildle
+so gefallen hat und dir die Blume -- und alles!« Röschen mußte einen
+tiefen Atemzug tun, denn es hatte sehr viel auf einmal gesagt und das
+war es nicht gewohnt. In dem Gesicht des fremden Herrn hatte es ein
+paarmal gezuckt, so, als ob er das Lachen verbeißen müßte. Aber dann
+wurde er wieder ganz ernsthaft, denn es fiel ihm ein, daß daheim seine
+Buben und Mädchen viel schönere und bessere Sachen hatten als das
+Röschen, und daß es ihnen nicht einfiel, sich zu besinnen, wem sie eine
+Freude damit machen könnten.
+
+So legte er jetzt ganz väterlich seine Hand auf den Kopf des kleinen
+Mädchens und sagte: »So ist's recht, Röschen, so ist's recht! Aber
+weißt du, mich freut's auch, wenn ich etwas herschenken kann. Sieh, das
+nagelneue Fünfzigpfennigstück, das schenke ich dir, da kannst du dir
+selber etwas drum kaufen, das dir Freude macht!«
+
+Das Röschen war ganz rot geworden vor Freude. »Was ich nur will und muß
+niemand fragen?« sagte es und streckte die Hand aus nach dem Schatz.
+»Ja,« sagte der Herr, »aber lieber keine Bonbons, das gibt schwarze
+Zähne.«
+
+Das Röschen war aber noch keinen Augenblick gesonnen gewesen, sich
+Bonbons zu kaufen. Es sah ganz verwundert auf, daß man an so etwas
+denken konnte. Dann konnte es aber nicht mehr länger stehen bleiben,
+denn es hatte einen Gedanken auszuführen, den das Geldstück in ihm
+hervorgerufen hatte. So sagte es nur noch: »Vergelt's Gott und Ade!« zu
+dem Herrn und lief dann davon, schnell, schnell die Dorfgasse hinauf.
+
+Das war am andern Morgen ein Verwundern in dem Häuschen! Die Mutter
+war aufgestanden und zuerst in den Stall gegangen wie gewöhnlich.
+Aber als sie wieder in die Stube kam, lag auf dem Tisch eine riesige
+Brezel, von einem Kranz von Äpfeln umgeben. Und von der Hängeampel
+herunter baumelte, an einem roten Schnürchen angebunden, eine Wurst!
+Und das Röschen stand daneben und lachte wie ein Kobold. »Das ist dein
+Geburtstag, Mutter,« rief es und klatschte in die Hände. »Jetzt hast
+du's auch wie die Frau Pfarrer, jetzt ist ~auch~ ein Lebtag bei
+uns.« Die Mutter mußte sich setzen, so sehr hatte sie die Bescherung
+angegriffen. Und der Vater kam mit der Schuhbürste in der Hand heran
+und hätte gern die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, wenn er sie
+frei gehabt hätte. »Ja, woher denn und wieso das alles?« wollten aber
+beide Eltern jetzt wissen. »Uns schenkt doch niemand nichts!«
+
+Aber das Röschen wußte es besser. Und wir wissen's auch. Denn wer etwas
+zu verschenken hat, bekommt allemal wieder etwas und wenn's nur ein
+fröhliches Herz ist.
+
+
+
+
+ 2. Die Geschichte vom dummen Frieder.
+
+
+Es war einmal ein Büblein, das saß auf einem Mäuerchen ganz nahe bei
+dem großen Spielplatz, wo die Kinder des Dorfes Ringelreihe spielten
+und »Fuchs, du hast die Gans gestohlen« und noch vieles andere. Es
+sah immerfort zu den lustigen Kameraden hinüber, denn es hätte gar zu
+gern auch mitgetan. Aber das durfte es nicht. Denn die andern Kinder
+sagten es ihm alle Tage und seine eigenen Brüder sagten es auch, daß es
+zu dumm dazu sei. Ja, sie hießen das Büblein nur den dummen Frieder.
+Die Brüder und die Nachbarsbuben und alle Kinder, die der Frieder
+kannte, gingen in die Schule, lernten lesen und schreiben und auch
+singen. Und das hätte der Frieder auch sehr gern getan, aber dazu war
+er auch zu dumm. Er konnte die Buchstaben nicht verstehen und konnte
+nicht behalten, daß zweimal zwei vier ist. Der Herr Lehrer wollte den
+Frieder nicht in der Schule haben, und so blieb er denn zu Hause.
+Oder vielmehr, er zog alle Tage, an denen es nicht regnete, mit dem
+Kinderwägelchen hinaus an das Mäuerchen unter der großen Linde. In
+dem Wägelchen saßen die beiden kleinen Geschwister, die der Frieder
+zu hüten hatte. Denn das konnte er am besten, und die Base, die für
+ihn und die Geschwister sorgte, sagte immer, das sei das einzige, wozu
+er zu gebrauchen sei. Der Vater ging immer schon am frühen Morgen
+auf Arbeit aus und eine Mutter hatten die Kinder nicht mehr. Sie war
+gestorben, als das allerkleinste noch im Tragkissen lag, und seither
+gab es keinen Menschen mehr, der den dummen Frieder lieb gehabt hätte.
+Er konnte nichts recht behalten, er vergaß sehr oft, was man zu ihm
+sagte; aber daran dachte er doch noch oft, wie ihm die Mutter allemal
+mit der Hand über den Kopf gefahren war und gesagt hatte: »Sei du nur
+brav und folgsam, Friederle, dann habe ich dich gerade so lieb wie die
+andern! Und der liebe Gott auch!«
+
+ [Illustration]
+
+So sagte jetzt niemand mehr. Der Vater sagte nur manchmal: »Wenn ich
+nur wüßte, was man aus dem Buben machen soll, er ist zu allem zu dumm!«
+Und die Brüder schoben ihn dahin und dorthin und ließen ihn nicht
+mitspielen und nicht mitarbeiten, wenn sie Futter schnitten für die Kuh
+oder Gras holten an den Rainen für die Geiß und für ihre braunen Hasen.
+
+Nur der ganz kleine Hannes, der noch nicht recht allein gehen konnte,
+hing sich immer an ihn und wollte getragen sein. Und das allerkleinste
+Annele, das noch nichts sagen konnte als »adda«, zappelte aus
+Leibeskräften, wenn es den Frieder sah, und rief so lange sein einziges
+Wort, bis er seine Kappe nahm und mit ihm hinausfuhr, immer an das
+gleiche Plätzchen. Dort saß er dann und trug den Kleinen Steinchen
+zusammen zum Spielen und grüne Blätter. Sie konnten sich allein
+vergnügen, denn der Frieder sprach nicht viel mit ihnen. Er sah nur
+immerfort auf das Wägelchen, und wenn der Hannes nicht mehr darin
+sitzen wollte, nahm er ihn heraus und auf den Arm.
+
+Man konnte von hier aus hören, wenn die Kinder in der Schule sangen.
+Das war dem dummen Frieder die größte Freude. Dann machte er den
+Kleinen mit dem Finger ein Zeichen, daß sie still sein sollten, und
+alle drei horchten mäuschenstill, bis der Gesang zu Ende war.
+
+Weil aber nun die andern Dorfkinder wußten, daß der Frieder das
+Kinderhüten verstehe und sonst nichts, so dachten sie, es sei dann
+gleich, ob er noch ein paar mehr zu hüten habe oder nicht. Und weil
+sie selber gern spielen wollten, so stellten sie nur eins ums andere
+von ihren Kinderwägelchen samt den Kleinen darin unter die Linde:
+»Da, Frieder, paß auf mein Rösle auf, aber laß es nicht 'rausfallen!«
+»Frieder, guck auch nach meinem Georg, daß ihm niemand nichts tut.«
+
+Und der Frieder lachte noch ganz vergnügt dazu. Dazu war er doch nicht
+zu dumm! Und dann trug er seine glatten Kieselsteinchen der Reihe nach
+zu allen Kleinen, und wenn eins aufstehen wollte oder auf dem Boden
+nach den Brennesseln zurutschte, dann hob er den Zeigfinger auf und
+sagte: »Bscht! Mußt auch brav sein und folgsam! Dann mag ich dich auch
+so wie die andern und der liebe Gott auch!« Ich weiß nicht, ob das die
+Kleinen recht verstanden haben, aber gefolgt haben sie dem Frieder
+besser, als ihren klugen Brüdern und Schwestern.
+
+An einem schönen Abend saß der Frieder auch an seinem Plätzchen und
+hatte eine ganze Reihe von Wägelchen um sich her, und auf dem Boden
+und an dem Mäuerchen umher spielten und krabbelten lauter kleine
+Buben und Mädchen. Die großen spielten: »Als ich einst reiste aus dem
+Savoyerland,« und Frieder konnte sich nicht satt hören und sehen. Auf
+einmal hörte er ein lautes Wagengerassel und als er hinsah, kam den
+Berg herunter ein Fuhrwerk ohne Fuhrmann. Die Pferde rasten, wie wenn
+sie wild geworden wären, und der Fuhrmann kam erst weit hintendrein.
+Und als der Frieder noch näher hinsah, merkte er erst, daß ein kleines
+Büblein mitten im Weg saß und mit Steinen spielte. Sein Kindsmägdlein
+aber sang mit den andern und hörte und sah nichts davon. Was sollte der
+dumme Frieder machen? Er fürchtete sich vor Pferden und doch wußte er
+wohl, daß der kleine Adam überfahren werde, wenn er ihn nicht weghole.
+
+Und es fiel ihm auch noch ein, daß die Mutter immer gesagt hatte: »Wenn
+der Frieder dabei ist, passiert den Kleinen nichts. Der läßt keinem
+etwas geschehen.«
+
+Jetzt lachte er vergnügt in der Erinnerung. Nein, er ließ keinem etwas
+geschehen. Viel schneller, als schon jemand den dummen Frieder hatte
+laufen sehen, war er auf der Straße, gerade vor den wilden Pferden,
+und riß den kleinen Adam in die Höhe und auf die Seite. Aber ~so~
+schnell konnte er's doch nicht tun, daß nicht der eine Schimmel
+noch Zeit gehabt hätte, ihn mit dem Fuß zu schlagen! Das tat einen
+Augenblick sehr weh, aber dann spürte er gar nichts mehr. -- Als der
+Frieder wieder aufwachte, lag er in seinem Bett. Dahin hatte man ihn
+getragen, weil er gar nichts mehr von sich gewußt hatte und wie tot
+dagelegen war, als ihn das Pferd gestoßen hatte. Es fiel ihm nicht
+gleich wieder ein, warum er im Bett sei, und überhaupt nichts von dem,
+was geschehen war, da hörte er den Vater sagen: »Das ist noch gut
+gegangen! Der dumme Bub' hätte ja zu tot gefahren werden können. Läuft
+gar noch den Gäulen vor die Füße und unter die Wagenräder.«
+
+Da fiel es dem Frieder wieder ein, was ihm begegnet war, und er wollte
+gerade sagen: »Man darf den Kleinen nichts passieren lassen, die
+Mutter hat's gesagt!« Da kam eine junge Frau in die Stube. »Wo ist der
+Frieder?« fragte sie. Und dann kam sie an sein Bett und küßte ihn und
+streichelte sein Haar, gerade wie die Mutter, und sagte: »Kein Mensch
+soll dich mehr dummer Frieder heißen! Du hast mir mein Büblein vor
+den wilden Gäulen errettet, und wenn du das nicht getan hättest, dann
+hätte ich jetzt kein Kind mehr.« Der Frieder machte die Augen zu und
+lachte still vor sich hin. Es war ihm, wie wenn seine Mutter wieder da
+wäre. Aber die Bäuerin ging noch nicht. Sie sagte zum Vater: »Wenn der
+Frieder wieder aufstehen kann, dann gebet ihn doch mir. Ich will ihn
+ganz versorgen und er soll es gut haben bei mir. Mein Mann ist auch
+damit einig. Euch ist er ja doch eine Last!«
+
+Das wollte der Vater zuerst nicht, und auch die Base und die Brüder
+nicht. Denn dann hatte man niemand mehr, der die Kleinen hüten konnte,
+und das hatte der dumme Frieder am besten verstanden.
+
+Aber die Bäuerin ließ nicht nach. Und als der Frieder wieder gesund
+war, holte sie ihn auf ihren Hof. Da durfte er allerlei lernen, und der
+Bauer sagte oft: »Der Frieder ist gar nicht so dumm, wie er aussieht.«
+Er durfte im Stall und auf dem Feld und in den Obstgärten helfen und
+konnte ganz tun, als ob er zu Hause wäre.
+
+Aber am glücklichsten war er doch, wenn die Bäuerin nach der Stadt oder
+aufs Feld wollte und dem Frieder vorher mit der Hand über das Haar
+strich, wie seine Mutter getan hatte, und dann zu dem Bauern sagte: »Da
+kann man ruhig sein. Dem Adam passiert nichts, wenn der Frieder dabei
+ist. Der läßt keinem Kleinen etwas geschehen!«
+
+
+
+
+ 3. Wer die Mutter am liebsten hatte.
+
+
+ [Illustration]
+
+In einer großen, freundlichen Schlafstube standen vier Bettchen,
+immer eins etwas größer als das andere. Und in den Bettchen lagen
+vier Kinder, auch immer eins größer als das andere. Sie schliefen
+aber noch nicht, obgleich sie schon ihr Nachtgebet gesprochen hatten,
+sondern jedes sah ganz erwartungsvoll nach der Türe. Denn die Mutter
+war von Kathrine, der Köchin, in die Küche geholt worden, und ehe
+man einschlief, mußte sie noch einmal kommen und jedem Kind einen
+Gutenachtkuß geben. Das konnte man sich gar nicht anders denken.
+Hänschen, der kleinste, rieb sich immerfort die Äuglein, denn die
+wollten ihm zufallen; da kam die Mutter herein. »Wer wacht noch von
+meinen kleinen Schelmen?« fragte sie. »Ich, ich,« riefen alle und jedes
+wollte die Mutter zuerst bei sich haben. »Mütterlein, ich habe dich
+doch am aller-allerliebsten,« sagte Gustav. Er war schon zehn Jahre
+alt und ein fleißiger Schüler. Und er machte heimlich einen schönen
+Lampenschirm für die Mutter, den sollte sie morgen bekommen; deshalb
+dachte er, er habe die Mutter am liebsten, denn so etwas konnten die
+Kleinen nicht tun. Aber diese wollten sich's nicht gefallen lassen; sie
+wollten die Mutter auch am liebsten haben, und es hätte beinah' Streit
+gegeben unter den Geschwistern.
+
+Da sagte die Mutter: »Für heute seid ihr nun alle zusammen ganz still
+und schlafet flugs ein! Morgen am Tag will ich's dann sehen, wer mich
+am liebsten hat!« Und sie küßte ein jedes Kind und ging hinaus. Gustav
+mußte leise vor sich hinlachen. »Das wird sich freilich zeigen morgen!«
+dachte er. Aber die andern besannen sich auch, jedes für sich, wie sie
+es anstellen könnten, daß die Mutter es merke, und darüber schliefen
+sie ein. Nur Gretchen, das siebenjährige Schwesterlein, konnte noch
+nicht gleich einschlafen. Es war heut am Tage unartig gewesen, hatte
+den kleinen Hans geschlagen und trotzig mit dem Fuß gestampft, weil
+es nicht mit Kathrine zum Kaufmann gehen durfte. Das fiel ihm jetzt
+ein und es dachte: »Da glaubt's dann die Mutter freilich nicht, daß
+ich sie am liebsten habe! Und ich habe sie doch so lieb, daß ich's
+gar nicht sagen kann, wie. Aber morgen will ich gewiß sehr lieb und
+folgsam sein!« Und Gretchen drehte sich auch gegen die Wand und schlief
+ein. Weil die Mutter aber gesagt hatte, daß man ganz zuletzt vor dem
+Einschlafen noch beten sollte, so legte es noch die Händlein zusammen
+und fing an: »Lieber Gott, mach mich fromm, daß ich -- --.« Da schlief
+sie schon.
+
+Am andern Tag war ein Sonntag. Da mußte man nicht in die Schule und der
+Vater nicht aufs Kontor, und Vater und Mutter gehörten, wenn sie von
+der Kirche kamen, den ganzen Tag ihren Kindern. Am Sonntag war es doch
+am allerschönsten! Die Mutter brachte schon früh die Sonntagskleider
+an die Bettchen und dann wollte jedes Kind zuerst fertig sein, und das
+summte und wimmelte durcheinander, wie bei den Bienen und den Ameisen.
+Heute war Moritz zuallererst fertig. Er hatte das Amt, die Milchbrote
+beim Bäcker zu holen, und Sonntags gab es da allemal eine Brezel für
+ihn als Dreingabe. Mit dieser hatte er heute etwas Besonderes vor.
+Ganz verstohlen legte er die glänzend-braune, schön gezuckerte Brezel
+auf die Tasse der Mutter. Da würde sie dann schon merken, daß er sie am
+liebsten habe. Inzwischen hatte Gustav schon den bunten Lampenschirm,
+mit einer Winterlandschaft darauf und verschneiten Häuschen und einer
+Kirche, über die Hängelampe gestülpt; er konnte kaum erwarten, bis ihn
+die Mutter entdecken würde. Gretchen hatte nichts zu verschenken. Sie
+merkte auch gar nicht, daß die Brüder etwas hatten. Sie hatte sich
+leise und schnell angezogen und kein einziges Mal »au« geschrieen, als
+ihr die Mutter die Haare kämmte. Das tat sie sonst sehr oft. Und dann
+machte sie sich daran, Hänschen anzuziehen, der erst fünf Jahre alt war
+und noch nicht allein fertig wurde. Die Mutter sah es wohl, aber sie
+sagte nichts darüber. Sie sah auch, daß Hänschen sehr mutwillig war
+und das Schwesterlein an den Haaren zog und in die Arme kniff, und daß
+Gretchen nur ganz verständig sagte: »Du mußt auch lieb sein, Hänschen;
+weißt du, nachher läßt Vater dich auf der Achsel reiten!«
+
+Beim Frühstück entdeckte die Mutter die Geschenke und freute sich sehr
+darüber, und als Hänschen das sah, schleppte er sein großes Bilderbuch
+und seinen Frachtwagen herbei: »Da, Mutter, das schenke ich dir!
+Nimm's nur, das Christkindlein bringt mir dann schon wieder einen
+neuen!« Er wollte von allen am meisten geliebt sein und streckte sein
+rotes Mäulchen zum Kusse her, noch ehe er sein Geschenk losgelassen
+hatte. Gretchen war ein wenig still, weil ihr im Augenblick nichts zu
+verschenken einfiel; denn so groß war sie schon, daß sie wußte, die
+Mutter könne nichts mit Puppen und Bilderbüchern anfangen.
+
+So ging sie nach dem Frühstück mit Hänschen in den Garten, zog sich und
+ihm große Schutzschürzen an und fing an, mit ihm ein Gärtchen aus Sand
+und Steinen und mit Gänseblümchen anzulegen. Das mußte man sie sonst
+sehr oft heißen, weil sie viel lieber mit andern Kindern spielte, als
+mit dem kleinen Bruder. Aber sie wollte ja nicht mehr unfolgsam sein,
+der Mutter zulieb. Sie wurden beide ganz vergnügt und merkten kaum, daß
+schon die Kirche aus war und die Mutter hinter ihnen stand und ihnen
+zusah.
+
+ [Illustration]
+
+Die großen Brüder aber hatten die freie Zeit dazu benützt, Seifenblasen
+zu machen, und sich sehr mit Kathrine herumgestritten, die das nicht
+in ihrer schön gefegten Küche gestatten wollte. Und zum Schluß hatten
+sie gar noch miteinander Streit bekommen und die schöne, große
+Porzellan-Waschschüssel zerbrochen, in der sie ihren Seifenschaum
+angerührt hatten, obgleich das verboten war. Sie hätten ein irdenes
+Schüsselchen nehmen sollen. Die Mutter hörte den Lärm und das Klirren
+im Garten und kam herein. Da hatten sich die beiden gerade an den
+Haaren und jeder rief: »Du bist schuld, ich nicht!« Und als die Mutter
+den Streit schlichten wollte, blieb jeder dabei: »Er hat die Schüssel
+umgestoßen, ich nicht!«
+
+Es war kein schöner Sonntag, denn die zwei Brüder machten gegenseitig
+Trotzköpfe aneinander hin, und es dauerte lang, bis sie wieder einig
+waren. Gretchen mußte den kleinen Hans allein unterhalten, die Großen
+saßen jeder für sich in einer Ecke und lasen. Und die Eltern konnten
+gerade heute nicht mit den Kindern spielen, denn es kam Besuch zu Vater
+und Mutter.
+
+Aber als am Abend die Kinder in ihren Bettchen lagen und die Mutter zu
+ihnen kam, fragte sie: »Wer hat denn nun die Mutter am liebsten?« Und
+nur der kleine Hans rief laut und fröhlich: »Ich!« Denn Gretchen wollte
+nichts sagen; es dachte, die Mutter sollte es selber spüren, daß es ihm
+ernst sei. Und das tat sie auch. Die Brüder waren ganz still, denn es
+fiel ihnen auf einmal ein, daß man den ganzen Tag über nicht viel von
+ihrer Liebe gespürt hatte, und sie hatten doch beide am deutlichsten
+zeigen wollen, jeder für sich, daß er die Mutter am liebsten habe. Und
+sie merkten es der Mutter gut an, daß sie nicht mit ihnen zufrieden
+sei, trotz des Lampenschirms und der Brezel.
+
+Aber sie horchten hoch auf, als die Mutter das Gretchen küßte und
+sagte: »Du hast mir heut' Freude gemacht, so ist's recht!« »Mich auch
+Freude gemacht,« rief Hänschen. Er wollte immer von allem seinen Anteil
+haben. Und den bekam er auch. Gustav und Moritz aber zogen ein jeder
+die Mutter zu sich herab und flüsterten: »Sicher, ich will auch nicht
+mehr streiten, ich will auch morgen den ganzen Tag brav sein, nicht
+nur morgens!« »Das ist recht,« sagte die Mutter, »denn wenn die Mutter
+keine Freude an euch haben kann, kann's der liebe Gott auch nicht!« Das
+Gretchen war schon fröhlich eingeschlafen, da sagte Gustav leise zu
+Moritz: »Du, hör', ich habe die Schüssel doch umgestoßen!« »Ich auch,«
+sagte Moritz. Dann schliefen sie auch ein, sie wollten ja morgen früh
+gleich damit anfangen, auch auf Gretchens Weise die Mutter lieb zu
+haben.
+
+Und morgen am Tag wollen wir sehen, ob sie Wort halten!
+
+
+
+
+ 4. Vom Jaköble, der nicht »Ja« sagen konnte.
+
+
+Der Jaköble hätte eins von den vergnügtesten Kindern im ganzen Dorf
+sein können, wenn er gewollt hätte.
+
+Seinem Vater gehörte das große Bauernhaus am Weidenbach, den man so
+nannte, weil er hüben und drüben von Weidenbüschen eingefaßt war. An
+das Haus war eine große Scheuer angebaut und auf der andern Seite
+ein Stall, der enthielt so viel Schönes, daß man sich wirklich daran
+freuen konnte. Erstens zwei feste, starke Mohrenschimmel, dann fünf
+Kühe und etliche Kälbchen, und außerdem noch in besonderen Verschlägen
+allerlei, was dem Jaköble und seinen Geschwistern zu eigen gehörte.
+Einen kohlschwarzen Geißbock, Namens Hannes, und ein weißes, wolliges
+Schäflein mit einem Glöckchen am Hals, und dann noch viele, viele graue
+und braune und weiße Stallhasen.
+
+Es war auch sonst noch viel Erfreuliches um das Haus herum zu finden.
+Da war der Garten vornen am Haus mit dem großen Nußbaum und der
+Stachelbeerhecke und den Blumenrabatten voll Pfingstnelken und Levkoyen
+oder Gelbveigelein, je nach der Jahreszeit. Und ging man hinten zur
+Haustüre hinaus, so befand man sich schon auf der großen Wiese, durch
+die der Bach floß und auf der nicht nur Schlüsselblumen wuchsen
+und Vergißmeinnicht, sondern auch Äpfel und Birnen, Kirschen und
+Zwetschgen. Wie gesagt, der Jaköble hätte gewiß vergnügt sein können.
+Wenn man so eine schöne, behagliche Heimat hat und dazu liebe Eltern
+und fröhliche Geschwister und einen alten Vetter Andres, der einen auf
+dem Schimmel reiten läßt, so oft man ihn bittet, und der Geschichten
+weiß, -- mehr als der Pelzmärtel Nüsse in seinem Sack hat. Und das sind
+nicht wenig, hat der Andres selber gesagt.
+
+ [Illustration]
+
+Aber der Jaköble war doch nicht vergnügt, wenigstens nicht oft. Wenn
+die Liese, seine Schwester, den ganzen Tag lachte und sang, einerlei,
+ob sie Strümpfe flickte oder ihr Schäfchen auf die Weide führte oder
+der Mutter im Haus half, so stand er da, steckte die Hände in die
+Hosentaschen und sah so nachdenklich aus, als ob er sich über ungeheuer
+schwierige Dinge zu besinnen habe. Und wenn der dicke Ludwig, sein
+Brüderlein, herangewackelt kam und sagte: »Komm, Jaköble, mach' mir
+eine Peitsch' aus dem Stecken und der Schnur da, so tun wir dann
+Gäules,« so schüttelte der Jaköble nur den Kopf und sagte nichts als:
+»Hm -- m;« das sollte heißen: »Nein, das tu' ich nicht,« aber es war
+leichter zu sagen, man mußte da den Mund nicht so weit aufmachen. Fuhr
+der Knecht mit den Schimmeln auf die Au, um Heu zu holen, und sagte:
+»Geh her, Jaköble, sitz auf, mein', das ist lustig!« so brummte der
+nur: »Es holpert so,« und blieb am gleichen Fleck stehen. Manchmal
+reute es ihn gleich nachher und er hätte gern noch »Ja« gesagt, aber
+das brachte er dann nicht heraus, durchaus nicht.
+
+Der Vater und die Mutter hatten es schon auf alle Weise probiert, den
+mockigen Buben ein wenig zu ändern. Denn so konnte man keine rechte
+Freude an ihm haben. Aber es half bis jetzt alles nichts. Sagte die
+Mutter: »Jaköble, trag mir auch einen Arm voll Holz in die Küche,« so
+sagte er zuerst trutzig: »Nein;« und wenn er es auch nach einer Weile
+doch noch tat, so wies es die Mutter doch lieber die Luise an, die kein
+so finsteres Gesicht dazu machte.
+
+Der Vater ging manchmal in die Stadt, weil er da zu tun hatte. Dann
+fragte er allemal vorher die Kinder: »Soll ich euch etwas mitbringen?«
+Und Ludwig und Luise riefen laut und lustig: »Ja, ja, etwas Gutes und
+Schönes,« und hatten allerlei Wünsche.
+
+Der Jaköble hatte auch Wünsche, aber als er sie sagen wollte, fiel
+ihm auf einmal ein, daß er gestern vom Vater Schläge bekommen hatte,
+weil er nicht getan hatte, was er mußte. Und gleich biß er trotzig die
+Zähne zusammen und sagte nichts, denn er dachte: »Es ist mir dann auch
+gleich, wenn ich nichts bekomme.«
+
+Es war ihm aber nicht gleich, sondern er konnte je länger, je weniger
+vergnügt sein. Er mußte ja sehen, wie lustig alles um ihn her war,
+die Geschwister und der kleine Stallbub und sogar die Gänse und Enten
+im Bach. Nur er hatte immer etwas, warum er nicht vergnügt sein
+konnte, und alle erzürnten ihn und taten, als ob er gar nicht dazu
+gehöre, und niemand mochte ihn leiden. So dachte der Jaköble, und das
+je länger, je mehr. Denn wenn man einmal anfängt, eigensinnige und
+trotzige Gedanken in seinem Herzen zu haben, und jagt sie nicht davon,
+so werden sie immer größer und machen einen immer unglücklicher. Der
+Vetter Andres hatte den Jaköble einmal ein Verslein lehren wollen und
+gesagt: »Paß auf, Jaköble, das ist etwas für dich, das mußt du lernen,«
+aber er hatte nur gesagt: »Ich muß jetzt in den Stall und den Hannes
+herauslassen,« und der Vetter Andres mußte sein Verslein auf spätere
+Zeiten aufheben.
+
+So war der Jaköble sechs Jahre alt geworden. An seinem Geburtstag war
+ein schöner Schulranzen erschienen mit allem darin, was ein ABC-Schütze
+in der Schule braucht. Denn aufs Frühjahr sollte er in die Schule
+kommen, und die Eltern hofften, daß er da ein bißchen munterer und
+fügsamer und auch fröhlicher werden würde. »Da schleift einer den
+andern ab,« sagte der Vater. »Der eine hat da Ecken und der andere
+dort, und wenn sie sich aneinander reiben, so werden sie glatt wie zwei
+Mühlsteine.« Der Jaköble wollte aber nicht gern in die Schule, denn
+nun dachte er auf einmal, es sei viel schöner im Garten und auf dem
+Heuboden und im Stall, als in dem großen Schulhaus. Und darum hatte er
+auch keine rechte Freude an dem schönen Ranzen mit dem Fellüberzug und
+den goldenen Buchstaben drauf. Es war ihm ganz schwer ums Herz, und als
+der kleine Ludwig schmeichelnd sagte: »Laß mich ein bißle beißen von
+dei'm Herzlebkuchen,« stieß er ihn weg und sagte: »Wenn ich dumm wäre.«
+Er hatte nicht bös gegen das Brüderlein sein wollen, er war nur sonst
+schon widerwärtig aufgelegt.
+
+Die Mutter sah es, aber sie sagte nichts, denn sie wollte heute nicht
+zanken. Sie gab nur dem Kleinen eine Birne in die Hand und sagte:
+»Komm, du darfst mir helfen Küchlein backen.«
+
+Nachher erzählte sie es aber dem Vater, und beide Eltern beschlossen,
+daß der Jaköble nun einmal mit Güte oder Strenge anders werden müsse.
+So gehe das nicht fort.
+
+Zuerst wollte es der Vater noch einmal mit einer rechten Freude
+probieren, die er dem Buben machen wollte. Er mußte am Nachmittag in
+die Stadt. Da dachte er, die Schimmel an das blaue Bernerwägelein
+zu spannen, und die beiden größeren Kinder, Liese und Jaköble,
+mitzunehmen. Das hätte nun den Jaköble freuen können, wie nicht leicht
+etwas. Denn so fröhlich und liebevoll, wie der Vater immer war, wenn
+er frei von Sorgen und Geschäften mit seinen Kindern zusammen sein
+konnte, so konnte man nicht leicht wieder einen finden.
+
+Liese hüpfte auch immerfort bald auf dem rechten, bald auf dem linken
+Fuß ums Haus herum, nur um ihrer Freude Luft zu machen, und dann
+rannte sie allemal wieder zu der Mutter in die Küche und fragte sie
+immer wieder etwas Neues. Denn sie wollte sich gern die zu erwartenden
+Freuden genau ausmalen.
+
+Der Jaköble war gerade bei Hannes im Stall gewesen, als Liese
+herangehüpft kam und ihm die große Neuigkeit erzählte. Er wollte sich
+gerade anfangen zu freuen, da sagte Liese zum Unglück noch: »Gelt,
+mir geht's gut! Wie mein Geburtstag gewesen ist, habe ich mit dem
+Andresvetter zur Taufe nach Holzingen dürfen. Und heut' ist deiner, und
+da darf ich mit in die Stadt!«
+
+Dann hüpfte sie weiter. Sie hatte den Jaköble gewiß nicht ärgern
+wollen, er ärgerte sich nur selbst darüber. »Dann kann der Vater auch
+meinetwegen allein mit der Liese fahren, wenn sie doch überall mit
+soll,« dachte er, und konnte sich kein bißchen freuen. Denn er mußte
+nun bei allem Schönen, was er sich vorstellen wollte, die Liese vor
+sich sehen, die sich so freute, als ob ~ihr~ Geburtstag sei. Und
+es war doch seiner!
+
+Nach einer Weile kam der Vater, der sich vorgenommen hatte, den Jaköble
+recht liebreich anzufassen und ihm die große Freude recht anschaulich
+zu machen, und der dann auch noch gedacht hatte, er könne sein Büblein
+bei dieser Gelegenheit auch ein wenig ermahnen.
+
+Aber der Jaköble drehte nur immerfort an dem Peitschenstiel, den er in
+der Hand hielt, so, als ob er eine bestimmte Zahl mal zu drehen hätte,
+und sah gar nicht in die Höhe. »Das weiß ich,« sagte er nur, »die Liese
+hat's gesagt.« »So, aber gelt, das wird schön?« sagte der Vater immer
+noch freundlich, obgleich es ihn verdroß, daß der Bub' gar nicht
+erfreut tat.
+
+»Ich darf auch nicht mit, wenn der Liese ihr Geburtstag ist,« brachte
+der Jaköble endlich heraus. Das war nun dem Vater zu viel, daß der
+Jaköble selbst an dieser erfreulichen Gelegenheit nur etwas zum Brummen
+fand und nichts zum Freuen.
+
+»Hör' einmal,« sagte er ein wenig streng, »ich muß dir jetzt etwas
+sagen. Ich habe noch nie ein Kind gekannt, das es so gut gehabt hätte
+wie du, und dabei so verdrießlich und undankbar gewesen wäre. Ich hätte
+als kleiner Bub' einen Luftsprung gemacht, wenn mich mein Vater extra
+zum Vergnügen an meinem Geburtstag spazieren geführt hätte. Und wenn
+ich so ein nettes, liebes Schwesterlein gehabt hätte wie du, so hätte
+ich dann so lang gebettelt, bis es der Vater auch mitgenommen hätte.«
+
+»Die Liese bettelt auch nicht, daß ich mitdarf,« dachte Jaköble. Und
+das sah man ihm an, denn er sah nun noch ein wenig trotziger aus als
+vorher.
+
+»So, nun merk auf,« sagte der Vater erzürnt, weil alles Zureden nichts
+half; »so, mit diesem Gesicht nehme ich dich nicht mit. Sie könnten
+sonst in der Stadt denken, man habe bei uns da draußen lauter solche
+Starrköpfe. Wenn du willst, daß etwas aus der Sache wird, so kannst du
+zu mir kommen und es sagen. Sonst fahre ich allein mit der Liese.«
+
+Der Vater hielt ein wenig inne, denn er wollte sehen, was das, was er
+gesagt hatte, für einen Eindruck gemacht habe. Er sah es dem Jaköble
+wohl an, daß er sehr gern mitgefahren wäre. Und er wollte es ihm gern
+erleichtern.
+
+»Besinne dich ~jetzt~ gleich,« sagte er noch einmal. »Willst du
+mit? Du darfst nur ›Ja‹ sagen, wenn du willst, sonst nichts.«
+
+Der Jaköble drückte und würgte, aber es kam kein »Ja« heraus. Er sah
+ganz deutlich die Herrlichkeiten der Stadt vor sich und den Weg durch
+die Kornfelder und am Bach hin und das Wirtshaus unterwegs, wo der
+Vater einzukehren pflegte.
+
+Aber nachgeben? Freundlich sein und den Mund aufmachen und »Ja« sagen?
+Das dünkte dem Jaköble das allerschwerste zu sein, das wollte er lieber
+gar nicht probieren.
+
+»Kannst du nicht ›Ja‹ sagen?« Eine solche Stimme, kam es dem Buben vor,
+habe der Vater noch gar nie gehabt. Halb zornig und halb traurig klang
+sie, und dann wandte er sich zum Gehen.
+
+»Was wird der Bub' noch einmal durchzumachen haben,« sagte er vor sich
+hin. Dann sah er noch einmal herum.
+
+»Denk daran, wenn du einmal groß bist und vielleicht in der Fremde, und
+hast niemand mehr, der es gut mit dir meint, denk dann daran, wie du
+dir selber deine schönste Zeit verdorben hast. Und deinen Eltern und
+Geschwistern auch die ihrige.«
+
+Und dann ging der Vater langsam hinaus, denn er hoffte immer noch, daß
+sich der Jaköble noch besinne und »Ja« sage.
+
+Aber das geschah nicht. Als er schon lang allein war, stand er immer
+noch auf demselben Fleck und starrte den Hannes an, und alle beiden
+machten Bocksköpfe aneinander hin. Der kleine Stallbub' kam gerade mit
+einem Korb voll Häckerling zur Türe herein. Er hatte alles mitangehört
+und sagte nun: »So dumm sein aber auch! Wenn man nur darf ›Ja‹ sagen
+und dann kann man die schönste Fahrt machen! Ich tät hunderttausendmal
+ja sagen, wenn ich dann so etwas dürfte!« Der hatte aber gut reden,
+dem bot es niemand an. Der hatte keine Eltern mehr und niemand auf
+der ganzen Welt. Der mußte sein Essen verdienen und seine Kleider und
+Schuhe.
+
+»Dich geht es nichts an,« war die ganze Antwort des Jaköble. Dann nahm
+er die lange Weidenrute, die er gerade zur Hand hatte, und zog dem
+Hannes eins über den Rücken, daß der einen hohen Satz machte.
+
+Als er allein war, schlich sich der Jaköble zum Stall hinaus und
+durch die große Wiese hinunter an den Bach. Es stand ein ganz alter
+Weidenbaum dort, der hatte einen stark ausgehöhlten Stamm, man konnte
+ganz und gar hineinschlüpfen. Das tat der Jaköble jetzt auch. Er kam
+sich so unglücklich vor und ganz verlassen, und darüber wollte er nun
+ungestört nachdenken. Er setzte sich auf den Boden und lehnte den Kopf
+an die Baumwand und seufzte. »Das soll dann ein Geburtstag sein! Zuerst
+bekommt man einen Ranzen und will doch nicht in die Schule. Dann ist
+die Mutter bös, weil ich dem Ludwig nicht gleich meinen Herzlebkuchen
+gebe; dann ärgert einen die Liese! Der ihr Geburtstag ist doch nicht,
+es ist doch meiner! Dann ist der Vater so -- so, ~auch~ bös ist
+er, ich weiß schon! Was hat er nur auch gemeint? Wann ich in der Fremde
+sei und habe gar niemand mehr, dann, was soll ich dann?«
+
+ [Illustration]
+
+Der Jaköble hatte vor lauter Herzeleid und Nachdenken gar nicht
+bemerkt, daß ein Handwerksbursche zu ihm herangekommen war. Er sah
+etwas merkwürdig aus, seine Kleider waren ihm viel zu klein und eng
+und auf dem Rücken trug er einen Schulranzen statt des Felleisens, das
+sonst die Handwerksburschen haben. Der Handwerksbursche setzte sich
+gerade vor Jaköble ins Gras, denn er war sehr müde und sein Gesicht sah
+finster aus.
+
+»Was willst du auf meiner Wiese?« fragte Jaköble. Er konnte nicht
+leiden, daß sich so ein fremder Mensch da hersetze. Der Fremde fuhr
+erschreckt zusammen. »So sagen alle Leute,« sagte er. »Niemand kann
+mich leiden, niemand.« -- »So geht mir's auch,« sagte der Jaköble, da
+konnte er gut mitreden. Der Handwerksbursche lachte. »Das weiß ich,«
+sagte er; »gelt, du kannst auch nicht ›Ja‹ sagen? Ich auch nicht,
+ich hab's gleich gar nicht probiert, es ist zu schwer! Und in die
+Schule hätt' ich sollen, aber ich hab's nicht getan. Ich bin lieber
+fortgegangen, weit fort. Es findet mich kein Mensch mehr. Und meinen
+Herzlebkuchen ess' ich selber, siehst du, ich hab' ihn in der Tasche!«
+Dem Jaköble grauste vor dem Handwerksburschen. Er sah ihn scheu an; da
+sagte dieser: »Dir sag' ich's ganz allein; ich täte jetzt gern alles,
+was man wollte, alles! Aber es ist niemand mehr da, der es gut mit mir
+meint. Und wenn ich hundertmal sagen wollte: ›Ja, ja, ja, du kannst nur
+befehlen, Vater, ich tu's gern, siehst du, ich mache ein freundliches
+Gesicht dazu‹ -- so nützt das nichts. Denn der Vater ist tot und die
+Mutter auch. Und die Liese ist weit fort. Sie hat mich gern gehabt;
+alle haben mich gern gehabt, ich weiß wohl, aber das nützt nichts mehr,
+ich habe eben nicht ›Ja‹ sagen können. Und auf dem Hof ist der Ludwig.
+Der ist jetzt groß, er will aber nichts von mir. Ich gehe gar nicht
+hinein, er sagt sonst: ›Wenn ich dumm wäre, dann gäbe ich dir etwas.‹
+So habe ich auch immer zu ihm gesagt, wie er noch ganz klein war.«
+
+Der Jaköble zitterte vor Angst. Der Handwerksbursche hatte ja
+~seinen~ Schulranzen auf, er war nur arg verdorben, und im
+Gesicht kam er ihm auch so bekannt vor. Er getraute sich kaum den Mund
+aufzumachen, aber endlich brachte er doch heraus: »Wer bist du denn?«
+»Das geht dich nichts an,« sagte der Handwerksbursche grob. Als er aber
+sah, wie sehr der Jaköble sich fürchtete, wurde er ein wenig milder
+und sagte: »Ich hab' einmal Jaköble geheißen, des reichen Weidenbauern
+Jaköble haben mich auch die Leute geheißen. Jetzt hab' ich keinen Namen
+mehr und keinen Vater und keine Heimat und nichts.«
+
+Da tat der Jaköble einen lauten Schrei und rief: »Nein, ich bin der
+Jaköble selber, du bist er nicht.« Aber der Handwerksbursche sagte:
+»Nein, nein, ich bin's, ich weiß gewiß. Ich muß jetzt immer an meine
+schöne Zeit denken und wie ich die verdorben habe. Nur weil ich den
+Mund nicht aufmachen konnte und nicht ›Ja‹ sagen. Du kannst auch nicht,
+ich seh' dir's an!«
+
+Aber der Jaköble war von dem allem so entsetzt, daß er sich gar nicht
+mehr besinnen konnte. Er rief nur laut hinaus:
+
+»Doch, ich kann ›Ja‹ sagen! Alles kann ich sagen! Und ich bin der
+Jaköble, du bist er nicht!« Und dann fing er an, ganz laut Ja zu rufen,
+und immer noch lauter, damit er's ja nicht mehr verlerne.
+
+Da sprang der Handwerksbursche auf vom Gras und Jaköble sah ihn auf
+einmal nicht mehr. Und statt seiner sah er den Andresvetter, der vor
+ihm stand und sagte: »Komm ins Haus, Büblein, komm! Du wirst mir nicht
+krank werden wollen, du schreist ja ganz laut im Schlaf! Wer setzt sich
+auch an den Bach zum Schlafen?«
+
+Jaköble rieb sich verwundert die Augen. »Wo ist der Handwerksbursch?«
+fragte er. »Es ist weit und breit kein Handwerksbursche,« beruhigte ihn
+der Andresvetter und fühlte dem Buben an den Kopf, ob er Hitze habe.
+»Ich bin nicht krank,« sagte der Jaköble, »und ich habe nur so laut
+geschrien, weil der Handwerksbursche gesagt hat, ich könne nicht ›Ja‹
+sagen und er sei selber der Jaköble.«
+
+Und nun mußte der Andresvetter den ganzen Traum hören, denn der Jaköble
+war in seinem Weidenbaum eingeschlafen gewesen und hatte das alles
+geträumt.
+
+»Aber du kannst froh sein, Büblein,« sagte der Vetter. »Du kannst Gott
+Lob und Dank sagen! Siehst du, gerade so hätt's kommen können, wenn
+es so fortgegangen wäre wie in der letzten Zeit! Gerade so, und dann
+wärst du dein Leben lang unglücklich! Aber gelt, jetzt merkst du dir's,
+jetzt kommt's anders?« Der Jaköble nickte mit dem Kopf, aber dann fiel
+ihm ein, daß er ja jetzt »Ja« sagen könne und er sagte noch hintennach
+laut und deutlich »Ja«. »So komm, so wollen wir ins Haus gehen,« sagte
+der Vetter. »Das Mittagessen ist lang vorbei, man hat dich nirgends
+gefunden.« »Ist der Vater in die Stadt mit der Liese?« fragte Jaköble.
+Es fiel ihm doch ein wenig schwer. »Nein, sie sind nicht gefahren,«
+sagte der Andresvetter. »Die Liese hat nicht ohne dich wollen, sie hat
+so lang gebettelt, bis der Vater versprochen hat, wenn es dir nachher
+noch leid sei, dann dürfest du es immer noch sagen und dann fahre man
+morgen.« »Ist das wahr?« Der Jaköble machte nun auch einen Luftsprung,
+denn es wurde ihm so leicht, wie schon lange nicht. Er ließ die Hand
+des Andresvetters los und lief voran ins Haus. Dort traf er den Vater
+unter der Stubentür. Der sah ihn ernsthaft an, aber der Jaköble ließ
+ihm gar keine Zeit, etwas zu sagen, er rief gleich laut und fröhlich:
+»Ja, ja,« denn sonst fiel ihm nicht gleich etwas ein. Aber der Vater
+verstand ihn gut und sein vergnügtes Gesicht sagte auch noch einiges.
+So gingen sie miteinander zur Mutter. Die fütterte eben den kleinen
+Ludwig und rief erfreut: »Da kommt er ja! Wo bist du denn gesteckt,
+Jaköble, du dummes Büblein?« »Er will jetzt brav sein und vergnügt,«
+sagte der Vater, »gelt, das willst du?« Und Jaköble sagte »Ja«, denn
+es kam ihm immer wieder in den Sinn, daß der Handwerksbursche gesagt
+hatte, er könne nicht »Ja« sagen. Er spürte aber gut, daß es nicht an
+dem einzigen Wörtlein liege, sondern daß er nicht mehr so trotzig und
+mürrisch und undankbar sein dürfe. Und das sagte ihm auch die Mutter am
+Abend, als er in seinem Bettchen lag.
+
+So wohl war es dem Jaköble schon lang nicht mehr gewesen, alle waren
+so lieb und gut gegen ihn, auch die Liese; warum hatte er nur gemeint,
+es könne ihn niemand leiden? »Das hat der Eigensinn gemacht,« sagte
+der Andresvetter, als ihn der Jaköble am andern Tag darum fragte.
+»Und jetzt will ich dir einmal das Verslein sagen, das ich schon lang
+wollte, ich meine, du könntest es jetzt gut lernen.« Und Jaköble sagte
+dem Andresvetter Wort für Wort nach:
+
+ »Jesu, nimm den Eigensinn
+ Meines bösen Herzens hin,
+ Denn ich selbst besieg' ihn nicht,
+ Hilf du selber, wo's gebricht!
+
+ Ach, vergrab ihn in ein Grab,
+ Daß ich Ruhe vor ihm hab',
+ Daß er nimmer aufersteh',
+ Sondern ewig untergeh'!«
+
+Das hat dem Jaköble noch besser geholfen, als der Traum von dem
+Handwerksburschen. Denn den Eigensinn muß man gründlich vertreiben,
+sonst kann man nicht fröhlich sein.
+
+Das ist die Geschichte vom Jaköble, der nicht »Ja« sagen konnte. Jetzt
+kann er's.
+
+
+
+
+ 5. Kätterles Christbaum.
+
+
+Mitten in der großen Stadt in einer engen Straße stand ein hohes,
+hohes Haus mit vielen Fenstern und grünen Läden. Es wohnten viele
+Leute darin, so viele, daß nicht alle einander kannten. Unten im Haus
+war ein Laden und das Glöckchen an der Ladentür bimmelte den ganzen
+Tag. Denn die Tür ging immer auf -- zu, auf -- zu, und jedesmal kamen
+Leute herein und kauften ein. Zucker und Kaffee konnte man haben, und
+Reis und Gerste. Aber auch Mandeln und Rosinen und Schokolade. Am
+Schaufenster stand ein großer, kohlschwarzer Neger, kein lebendiger, er
+war aus Pappdeckel und angemalt, der trug einen Korb vor sich her mit
+Orangen und Datteln, und um den Hals hatte er eine Kette von Feigen.
+Und alle kleinen Buben und Mädchen, die da vorbei mußten, standen einen
+Augenblick still und sahen sich den Neger an, und ich weiß einen, der
+sagte dann jedesmal: »O, wenn ich doch auch eine Halskette von Feigen
+hätte, ich wüßte, was ich damit täte!«
+
+Aber von dem allem hörte und sah das kleine Kätterle nichts, obgleich
+es auch in demselben Haus mit dem großen Neger wohnte. Und das war
+kein Wunder, denn um in ihre Stube zu kommen, mußte man vier Treppen
+hoch steigen und dann durch einen dunklen Gang gehen, bis man dann
+vielleicht mit dem Kopf an die Türe stieß. Das taten fast alle Leute,
+die zu Kätterles Großmutter kamen, weil es so finster war. Innen war's
+freilich nicht finster, da waren zwei helle Fenster. An dem einen
+saß die Großmutter und nähte, denn sie war eine Flicknähterin, und
+die Leute brachten ihr ganze Körbe voll zerrissener Sachen. Und an
+dem andern Fenster stand gewöhnlich das Kätterle und sah in den Hof
+hinunter. Denn sonst gab es da nichts zu sehen. Das Haus gegenüber
+hatte die Fenster nach der andern Seite und hier heraus gingen nur die
+Küchenfenster, die meist noch mit Vorhängchen verhüllt waren. Aber
+in dem Hof geschah manches, was Kätterle gern sehen wollte. Kisten
+wurden abgeladen und ausgepackt, und der große Hofhund Zamba trieb sich
+dazwischen herum und bellte laut und lustig. Am lustigsten, wenn die
+Kinder aus den unteren Stockwerken im Hof spielten, denn mit denen war
+er gut Freund und sie fürchteten sich kein bißchen vor ihm. Kätterle
+hielt fast den Atem an, wenn einer der größeren Buben das mächtige
+Tier an sich heraufspringen ließ und ihm einen Knochen dreimal wegnahm
+und es dreimal darnach springen ließ, ehe es ihn abnagen durfte. So
+von weitem zuzusehen war aber ganz vergnüglich, besonders wenn man
+sonst keinerlei Vergnügungen hatte. Geschwister und Kameraden hatte
+das Kätterle noch nie gehabt, es wohnte da oben, seit es sich denken
+konnte, und war fast immer so am Fenster gestanden, und jetzt war es
+fünf Jahre alt.
+
+ [Illustration]
+
+Die Großmutter ging oft den ganzen Tag aus. Sie nähte dann in den
+Häusern, und dann war das Kätterle ganz allein. Wenn sie zu Hause war,
+sprach sie auch nicht viel, denn sie hörte nur ganz wenig und war auch
+nicht aufgelegt zum Sprechen. Nur manchmal sah sie das Kätterle an,
+schüttelte den Kopf und sagte: »Armes Kind!« Die Kleine wußte nicht,
+warum die Großmutter so sagte, sie besann sich auch nicht darüber.
+Vielleicht meinte die Großmutter, deswegen, weil das Kätterle seine
+Eltern nie gekannt habe und weil es sonst niemand habe auf der ganzen
+Welt als sie, sei es ein armes Kind. Und das war auch so, denn die
+Großmutter war schon sehr alt und oft recht schwach, und man konnte gar
+nicht wissen, wie lang sie noch so für die Leute nähen konnte. Und wer
+sollte dann Geld verdienen für alle beide?
+
+Aber daran dachte das Kind nicht. Eines Tages, als es an sein
+Guckfenster kam, waren die Dächer und Fenstersimsen voll Schnee, der
+in der Nacht gefallen war. Und es wirbelten immer noch weiße Flocken
+in der Luft umher und setzten sich dann ganz sachte nieder, immer
+ein Flöckchen aufs andere. Aus dem Hof schallten lustige Stimmen
+herauf. Die Buben schleppten ganze Traglasten Schnee zusammen, und
+an der Mauer erhob sich nach und nach, immer deutlicher erkennbar,
+ein Schneemann. Kätterle mochte kein Auge abwenden. Jetzt setzten
+die Kinder dem Schneemann gar noch einen hohen schwarzen Hut auf und
+gaben ihm einen Stock in den Arm, und dann jubelten sie laut hinaus
+vor Vergnügen. Vor lauter Lust am Zusehen hatte das Kätterle ganz
+überhört, daß die Großmutter schon dreimal gerufen hatte, und das war
+doch etwas Seltenes und geschah nicht oft. »Kind, so hör doch,« sagte
+die Großmutter nun, so laut sie konnte, so daß sich die Kleine wirklich
+umkehrte und erstaunt aufhorchte. »Da nimm einmal mein warmes Tuch und
+binde es ganz um dich herum,« fuhr die Großmutter fort. »Und dann geh
+hinunter in den Laden, ganz unten im Haus und hol mir Kaffee für das
+eingewickelte Geld. Ich kann nicht selber, meine Füße zittern so und
+es ist mir ganz elend!« Das war nun etwas völlig Neues für Kätterle.
+Die Großmutter brachte sonst immer alles, was sie brauchte, selbst mit
+und die Kleine war fast noch nie drunten gewesen, allein noch gar nie.
+»Aber wenn Zamba kommt?« fragte sie ein wenig zaghaft. »Kommt nicht,«
+beschwichtigte die Großmutter, und Kätterle machte sich auf die Reise.
+Wie weit es da hinunter ging! Immer noch eine Treppe und dann mußte
+man schließlich zur Haustür hinaus und vornen zur Ladentür hinein.
+Ganz verwundert blieb Kätterle stehen, als sie die nach der Straße zu
+führende Türe geöffnet hatte. Was konnte nur sein, daß alle Leute so
+schnell gingen? Und fast alle trugen Pakete unter dem Arm und einige
+sogar Tannenbäume. Und im Schaufenster stand heute anstatt des Negers
+ein schön aufgeputzter Christbaum mit Zuckerfiguren und roten Äpfelein,
+und Kätterle konnte sich fast nicht von dem Anblick trennen. Als sie
+in den Laden trat, fragte die Frau: »Gehörst du nicht unserer alten
+Flickkatharine droben?« Das Kind nickte, denn es hatte die Großmutter
+schon manchmal so nennen hören. »Warum kommt sie denn nicht selber
+heute?« wollte die Frau wissen. »Ihre Füße zittern so und es ist ihr so
+elend,« berichtete Kätterle, denn das war alles, was es wußte. »Armes
+Kind,« sagte die Frau und wandte sich an ihren Mann: »Man muß dem alten
+Weib ein wenig aufhelfen mit einem Wein oder so! Sie treibt's so wie so
+nimmer lang!«
+
+Dann gab sie dem Kind die Düte und noch eine Feige in die Hand und
+sagte noch: »Einen Christbaum habt ihr doch auch noch nicht? Ja, dazu
+langt's freilich nicht bei so armen Leuten!« Das Kätterle war schon
+wieder hinausgeschlüpft und besann sich nun unterwegs, während es in
+seine Feige biß, über alles Neue, was es gesehen und gehört hatte.
+Der Christbaum! War der schön! Kätterle mußte tief aufatmen! Die
+Großmutter hatte ihm auch einmal einen geputzt, mit etlichen Lichtchen
+und Bretzeln dran, ein kleines Bäumlein, aber es war doch eine Freude
+und Herrlichkeit gewesen. Und jetzt kam scheint's der Christtag wieder.
+Kätterle nahm sich vor, das der Großmutter sogleich beim Hinaufkommen
+auseinanderzusetzen, wahrscheinlich hatte sie es nur vergessen.
+
+Eifrig stieg das Kind die Treppen empor. Da, es hatte schon drei
+erstiegen, ging eine Glastür auf und eine alte Dame, die ganz in einem
+bunten Schlafrock steckte, kam heraus. Sie sah etwas sonderbar aus,
+denn am Kopf hatte sie lauter weiße Papierchen und darüber waren die
+Haare gewickelt.
+
+Kätterle mußte genau hinsehen, denn so etwas hatte sie noch nie
+erblickt. Aber Fräulein Glöckler, so hieß die alte Dame, war sehr in
+Aufregung. »Sag einmal, Kind,« fing sie sogleich an, »gehörst du der
+alten Frau, die ganz oben wohnt? Gehen eure Fenster auf den Hof? Und
+habt ihr ein Schnittlauchkistchen vor dem einen Fenster?« Kätterle
+konnte nur immerfort nicken, denn es stimmte alles, und die Fragen
+kamen so schnell aufeinander, daß man sonst gar nichts sagen konnte.
+
+»Dann muß ich mit dir hinaufgehen! Denn dann kann man das Kätzchen von
+eurem Fenster aus holen! Es hat sich verstiegen, das arme Tierchen, und
+sitzt nun ganz oben am Dach und schreit so kläglich. Komm mit, komm
+schnell mit, Kind, und zeig mir den Weg.«
+
+Kätterle ging bereitwillig voran und die Dame keuchte hintendrein, aber
+in dem langen Gang mußte sie Kätterles Hand erfassen, sonst hätte sie
+sich bei jedem Schritt gefürchtet.
+
+Jetzt machte das Kind die Tür auf und Fräulein Glöckler eilte noch
+vor ihm in die Stube, denn sie hatte es sehr eilig, zu dem Kätzchen
+zu kommen. Aber auf einmal blieb sie stehen. »Was ist das?« rief sie
+erschrocken und eilte auf die Großmutter zu. Die saß noch an ihrem
+gleichen Fensterplätzchen, aber sie sah aus, als ob sie fest schlafe,
+denn der Kopf hing ihr ganz tief über die Brust herunter. Fräulein
+Glöckler schüttelte sie und rief laut: »So wachen Sie doch auf, Frau!
+Was ist denn nur?« »Sie hört nichts,« berichtete das Kind, »man muß
+ganz laut und oft rufen!« Aber das lebhafte Fräulein war auf einmal
+ganz still geworden.
+
+»Das nützt nichts, laut zu rufen,« sagte sie nur zu Kätterle, »die
+Großmutter wacht nicht mehr auf.« Das wunderte das Kätterle sehr, denn
+es konnte nicht verstehen, was damit gemeint sei. Daß nämlich die
+Großmutter jetzt gerade, so lang es drunten war, gestorben sei und nie,
+gar nie mehr aufwachen würde. Dann fuhr das Fräulein fort: »Wen hast
+du sonst noch? Hast du einen Vater oder einen Onkel? Oder wen muß man
+rufen, daß er das Nötige besorgt?«
+
+»Man muß niemand rufen, als nur der Großmutter und sonst ist auch gar
+niemand,« sagte das Kätterle. Das Fräulein sah wohl, daß das Kind
+nicht wußte, wie es dran war. So holte sie sich jetzt ihr Kätzchen,
+das man wirklich vom Fenster aus gut erreichen konnte, und nahm es
+auf den Arm. Zu Kätterle sagte sie: »Setz dich nur einstweilen still
+hin, ich schicke dir jemand.« Dann ging sie, um der Kaufmannsfrau
+unten alles mitzuteilen. Das Kätterle saß auch wirklich still. Es
+hatte so viel erlebt und mußte sich jetzt über alles besinnen. Es
+kam ihm so merkwürdig vor, daß die Großmutter noch immer ganz gleich
+dasaß und sich nicht rührte. Und dann das Fräulein mit dem sonderbaren
+Kopfschmuck! Und dieses wollte wieder jemand schicken! Und über all den
+vielen Gedanken schlief das Kind auf seinem Tritt am Fenster sitzend
+ein und träumte etwas ganz Wunderschönes. Denn der Christbaum vom Laden
+unten stand auf seinem Tisch und alle Lichtchen brannten und der Baum
+gehörte ihm, dem Kätterle. Und dann war auch das Fräulein Glöckler da,
+aber mit einem netten Spitzenhäubchen auf, und sprach ganz freundlich
+mit Kätterle, und das schwarz- und weißgefleckte Kätzchen schnurrte
+dazu.
+
+Auf einmal machte das Kind verwundert die Augen auf, es hatte
+fremde Stimmen gehört und jetzt waren zwei Männer da und noch die
+Kaufmannsfrau von unten. »Tot ist sie, darüber ist kein Zweifel,« sagte
+der eine Mann. Und der andere fügte hinzu: »Da könnte man dann sogleich
+alles besorgen, daß die Sache erledigt ist.« Die Frau strich dem Kind
+über das Haar und sagte: »Jetzt bist du erst ganz verlassen, armes
+Ding! Bleib nur einstweilen ganz ruhig an deinem Fenster, ich schicke
+dir eine Suppe herauf. Und was dann aus dir wird, das weiß freilich der
+liebe Gott! Ich muß jetzt schnell wieder in meinen Laden hinunter, und
+drunten kann ich dich nicht brauchen, verstehst du?«
+
+Ach nein, das Kätterle verstand nichts von allem, gar nichts! Am
+allerwenigsten das, warum die fremden Leute jetzt die Großmutter
+in einen dunkeln Kasten legten und forttrugen. Jetzt erst fing es
+an, bitterlich zu weinen, denn es kam sich nun wirklich einsam und
+verlassen vor, ganz anders als sonst, wenn die Großmutter ganze Tage
+lang fortgewesen war.
+
+Aber die Kaufmannsfrau hatte gesagt: »Was dann aus dir wird, weiß nur
+der liebe Gott.« Und das war auch wahr, und es war ganz genug, daß er
+es wußte.
+
+Das Fräulein Glöckler unten hatte sich einstweilen ihre Haare
+abgewickelt, es hatte schöne Locken gegeben, und dann hatte sie ein
+hübsches Kleid angezogen und ein kleines Spitzenhäubchen aufgesetzt.
+Denn sie wollte gern festlich aussehen, weil heute der heilige Abend
+war. Auf dem Tisch stand ein kleines Tannenbäumchen, das war mit
+Lichtchen und Zuckersachen und vielen kleinen Würstchen behängt, und
+das sollte für ihr Kätzchen sein. Denn das Fräulein hatte niemand auf
+der ganzen Welt und liebte nur ihr Kätzchen, das Mimi hieß und in einem
+gepolsterten Körbchen schlief. Aber auf einmal hörte das Fräulein
+ein leises Weinen; das kam von oben her, wo das verlassene Kind so
+bitterlich schluchzte, daß man's durch die Decke hörte. Fräulein
+Glöckler ging ins andere Zimmer; sie wollte nicht gern das Weinen
+hören. Aber da hörte sie es auch und sie ging unruhig hin und her und
+nahm immer wieder einen Augenblick das Kätzchen auf den Arm und setzte
+es dann wieder hin. Denn sie mußte immer wieder daran denken, daß das
+Kind gesagt hatte: »Man kann niemand rufen als nur der Großmutter und
+sonst ist niemand da.«
+
+ [Illustration]
+
+Es wurde schon dunkel, da nahm Fräulein Glöckler das Christbäumchen
+und löste alle Würstchen aus den Zweigen und dafür holte sie aus
+einer Schublade Glaskugeln und einen kleinen Wachsengel und zwei
+Silbersterne. Das alles hängte sie an das Bäumchen und zündete die
+Lichtchen an. Dann stieg sie die Treppe hinauf, tastete sich durch den
+dunklen Gang und fand auch richtig die Tür. Da saß das Kätterle und
+hatte sich in den Schlaf geweint. Und es schlief so fest, daß es gar
+nicht merkte, wie es von dem alten Fräulein auf den Arm genommen und
+hinuntergetragen wurde. Es machte erst die Augen auf, als es in der
+Sofaecke saß und der Glanz der brennenden Lichtlein auf sein Gesicht
+fiel.
+
+Kätterle rieb sich verwundert die Augen und das Fräulein lachte ganz
+vergnügt und das Kätzchen schnurrte dazu. Das hatte seine Würstchen auf
+einem Teller vor sich und war ganz zufrieden damit. Denn Katzen wissen
+nichts mit Christbäumen anzufangen, und der liebe Gott hatte gewollt,
+daß das Bäumchen für das Kind und nicht für das Kätzchen sein sollte.
+
+Bald war das Kätterle so vergnügt, wie andere Kinder auch am heiligen
+Abend. Denn das Fräulein hatte ihm einen ganzen Teller voll guter
+Sachen geschenkt und dann so lieb und freundlich mit ihm gesprochen,
+wie sogar die Großmutter nie getan hatte.
+
+Am andern Tag kam das Kätzchen heran, als Kätterle auf Fräulein
+Glöcklers Schoß saß und sich von ihr Bilder zeigen ließ. Es schnurrte,
+so laut es konnte, denn das war ihm noch nie begegnet, daß seine Herrin
+stundenlang gar nichts mit ihm gesprochen hatte. Aber diese merkte es
+gar nicht, so vergnügt war sie über ihr neues Pflegekind. Und das hatte
+der liebe Gott auch so gewollt, denn sie waren alle beide verlassen und
+einsam gewesen, und jetzt war beiden geholfen.
+
+Ein paar Tage später kam die Kaufmannsfrau von unten und sagte: »Das
+war recht, daß Sie sich so um das Kleine angenommen haben. Es fällt
+Ihnen nun nicht mehr lang zur Last, es soll ins Waisenhaus kommen!« »Ei
+behüte,« sagte das Fräulein und nahm das Kind fest in den Arm. »Ich
+geb's nicht mehr her, gelt, Kätterle, wir bleiben beisammen?«
+
+Und das Kind nickte mit strahlendem Gesicht.
+
+»Das muß wahr sein,« sagte die Kaufmannsfrau, als sie wieder in ihren
+Laden ging, »es passieren doch merkwürdige Sachen! Das weiß der liebe
+Gott!«
+
+
+
+
+ 6. Die Gottswillenkinder.
+
+
+Da, wo sich im Badener Land der Schwarzwald gegen das Rheintal hin
+öffnet, liegt ein stattliches Dorf. Es schaut von einer Anhöhe herab
+und freundlich und heimelig ins Land hinein mit seinen sauberen,
+schindelgedeckten Häusern, die helle Fenster haben und blühende
+Blumengärtlein zu beiden Seiten der Haustür.
+
+Gleich hinter dem Dorfe fängt der Wald an. Er steht wie eine schützende
+Mauer hinter den Häusern, während sich die fruchtbaren Felder
+talabwärts, in die Ebene hinein, erstrecken. Dort, ein wenig vom Ende
+des Dorfs entfernt, schon fast im Schatten des Waldes, steht ein
+kleines, weißes Haus mit grünen Läden und einer zierlichen Veranda. Die
+Tür ist von Efeu umrankt und das Häuschen sieht so fröhlich aus, als
+ob gar niemals etwas Düsteres darin Platz finden könnte. Ehe die Sonne
+untergeht, winkt sie allemal noch einen freundlichen Abschiedsgruß
+herüber und dann glänzen alle Fensterscheiben so golden, als wäre das
+Häuschen ganz mit Sonnenschein angefüllt.
+
+Einst, vor Jahren schon, konnte man an solchen sonnigen Abenden eine
+dunkle Frauengestalt unter der Türe sitzen sehen. Sie sah ganz und gar
+nicht aus, als ob sie viel von Sonnenschein wisse. Denn ihr Gesicht
+hatte einen tieftraurigen Ausdruck und manchmal legte sie die Hand vor
+die Augen und stöhnte leise. Man konnte von ihrem Sitz aus so viel
+Schönes sehen, daß wohl mancher froh gewesen wäre, es sehen zu können.
+Da glitzerte ganz unten im Tal der Rheinstrom wie Silber und Gold, wenn
+die Sonne hineinschien, und dahinter waren wieder Berge, die Vogesen,
+die am Morgen weiße Nebelschleier trugen, und am Abend, wenn die Sonne
+unterging, rot und golden angemalt schienen. Aber die traurige Frau sah
+nichts von all der Pracht und Herrlichkeit. Wenn die Sonne hinunter
+war, stand sie auf und ging ein wenig am Waldrand entlang. Dann kehrte
+sie wieder in ihr Haus zurück.
+
+Im Frühling war ein alter Herr ins Dorf gekommen und hatte das
+Häuschen, das gerade leer stand, gekauft. Dann hatte er Arbeiter
+geschickt, die alles freundlich und sauber herrichten mußten. Und bald
+darauf war die Frau eingezogen. Eine alte Magd kam mit ihr, die das
+Hauswesen besorgte und die Einkäufe im Dorfe machte.
+
+Manche Leute behaupteten, daß »das weiße Häuschen«, wie es im Dorfe
+hieß, noch einen Bewohner habe. Sicher wußte es niemand, denn es kam
+kein Mensch zu der fremden Frau. Aber die Dorfbuben, die bei der
+Ankunft der Fremden zugesehen hatten, sagten, daß die Ursula, so hieß
+die Magd, eine kleine, verhüllte Gestalt aus dem Wagen und ins Haus
+getragen habe.
+
+Von Ursula selbst erfuhr man nichts. Ihre Sprache klang ganz anders,
+als die der Leute in der Gegend. Und sie hielt sich nie lang auf, wenn
+sie ins Dorf kam. So machten sich die Leute selbst ihre Gedanken über
+die Bewohner des weißen Häuschens. Und alle waren darin einig, daß die
+Frau gemütskrank sein müsse. »Denn sonst wäre sie doch unter die Leute
+gekommen und täte nicht, als ob sie ganz allein auf der Welt wäre,«
+sagte eine Bäuerin zur andern. Jetzt ging es gegen den Herbst hin. Man
+sprach im Dorf schon nicht mehr so viel von den Fremden, und diese
+lebten still vor sich hin wie immer.
+
+Es war ein so schöner, sonniger Abend wie man ihn sich nur denken
+konnte. Die ganze Rheinebene lag glänzend und klar ausgebreitet und
+die Vogesen hatten einen bläulichen Schimmer. Vom Dorfe her tönten
+die lauten, lustigen Stimmen der Kinder, die auf dem freien Platz vor
+der Kirche spielten. Im Gras zirpten die Grillen, und in der Luft
+summten zahllose Mücklein. Es sah aus, als ob alles, alles sich seines
+Lebens freue. Das war die Zeit, wo es die traurige Frau nicht auf
+ihrem Sitz vor dem Häuschen aushielt. Denn sie konnte keine fröhlichen
+Kinderstimmen mehr hören, seit man ihre eigenen Kinder, die blonde,
+sanfte Irma und den lustigen Krauskopf Hellmut, begraben hatte. Sie
+lagen weit, weit von hier in zwei kleinen Gräbern nebeneinander. Die
+traurige Frau hatte auch keinen Mann mehr; der war als Offizier im
+Krieg gefallen. Und sie dachte, daß es nun und für alle Zeit für sie
+mit aller Freude am Leben ganz vorbei sei.
+
+Jetzt stand sie auf und schritt dem Walde zu, ihren täglichen Weg,
+einen schmalen, moosigen Pfad zwischen niedrigen Stechpalmen. Am
+Eingang des Hochwaldes war ein glatter Baumstumpf, da ließ sie sich
+nieder und sah wieder unbeweglich vor sich hin.
+
+Plötzlich hörte sie Kinderstimmen. Ein kleiner Bube schrie kläglich in
+seinem Wägelchen, das sich, von einem Mädchen geschoben, knarrend den
+Berg herunterbewegte. Es saß noch ein dickes, rotbackiges Mägdlein in
+dem Wägelchen, das sah die Frau, als sie flüchtig aufsah. Dann bedeckte
+sie das Gesicht mit den Händen.
+
+Die Kinder hatten die dunkle Gestalt noch nicht gesehen. Jetzt stand
+das Wägelchen still, ganz in der Nähe der Fremden, aber durch einen
+dichten Busch verdeckt. »Sei still, Daniel,« sagte die Mädchenstimme,
+»und du auch, Regele, ich sing euch eins. Heim dürfen wir noch nicht.
+'s ist ja Sonntag heut. Da will man daheim seine Ruh, hat die Bäuerin
+gesagt. Wann die Betglocke läutet, dann gehen wir heim.«
+
+ [Illustration]
+
+Das Geschrei verstummte, denn das Kindsmägdlein hatte den Schreier
+herausgenommen und auf den Schoß gesetzt. Nun fing es an zu singen. Es
+war ein dünnes Stimmlein, aber es klang doch lieblich. Die Frau horchte
+mit gespannten Zügen. Sie hatte geräuschlos weggehen wollen, aber nun
+vergaß sie das ganz.
+
+ »Der Pilger aus der Ferne zieht seiner Heimat zu,
+ Dort leuchten seine Sterne, dort sucht er seine Ruh.«
+
+So fing das Lied an. Es war kein Kinderlied. Die traurige Frau hatte
+noch nie solch ernsthafte Töne von einem Kinde gehört. Sie mußte ein
+wenig durch das Gebüsch blicken. Da saß die kleine Sängerin auf dem
+weichen Moos am Boden, die Kinder horchten aufmerksam. Es war ein
+zartes, schmächtiges Ding von etwa acht Jahren, hatte bloße Füße und
+ein mageres, bräunliches Gesichtchen, in das aber während des Singens
+ein ganz fröhlicher Ausdruck kam. Nur einen kurzen Augenblick atmete
+das Kind auf, dann sang es weiter:
+
+ »Sein Sehnen geht hinüber, sein Liebstes liegt im Grab,
+ Die Blumen wachsen drüber, die Blumen fallen ab.
+
+ Die Ströme ziehn hinunter ins wogenreiche Meer,
+ Die Welle geht drin unter, man sieht sie nimmermehr.«
+
+Der bleichen Frau liefen die Tränen über die Wangen. Sie hatte schon
+lange nicht mehr geweint, nun kam es ihr vor, als ob sie nie mehr
+aufhören könne. Aber die Sängerin hörte erschrocken auf, als sie neben
+sich leise schluchzen hörte. Sie sah erst jetzt die Fremde und wollte
+schnell weitergehen, denn es war ihr unheimlich, daß die Frau so stark
+weinte.
+
+Da sagte diese: »Singe nur weiter, liebes Kind. Du tust mir wohl und
+nicht weh damit. Ich habe das Lied schon lang, lang gekannt.«
+
+Das Mädchen sah die Frau aufmerksam an, so, als ob sie ihr bekannt
+vorkäme. Die beiden Pfleglinge waren vor lauter Staunen mäuschenstill.
+Und die Sängerin sagte: »Die andern Verse kann der Konrad besser als
+ich. Den hat sie die Mutter noch gelehrt. Und du siehst --« da hörte
+sie auf einmal auf zu sprechen und wurde dunkelrot. Sie hatte sagen
+wollen: »Und du siehst fast gar auch so aus, wie die Mutter.« Aber es
+war ihr dann unschicklich vorgekommen, das zu der fremden Frau zu
+sagen.
+
+Diese wußte gar nicht, wie es ihr heute ging. Sie hatte seit dem Tod
+ihrer Kinder gar keine Kinder mehr sehen können. Ja, sie war so weit
+von daheim weggezogen, nur um allen Bekannten aus dem Weg zu gehen,
+die noch fröhlich mit den Ihrigen leben konnten. Aber das ernsthafte
+Gesichtchen des kleinen Kindsmägdleins und sein ungewöhnliches Lied,
+das zog sie beides mächtig an. Ursula hätte sich gewiß entsetzt, wenn
+sie gesehen hätte, wie ihre Herrin dem kleinen Mädchen neben sich auf
+dem Baumstumpf Platz machte und sagte: »Was hast du sagen wollen? Sag's
+nur kecklich. Komm, setze dich ein wenig daher zu mir und sag mir, wer
+der Konrad ist und wie du heißt.«
+
+»Mein Bruder ist's,« sagte das Kind und sah dabei der fremden Frau
+unerschrocken ins Gesicht. Hersetzen wollte es sich nicht. »Ich heiße
+Veronika. Man sagt mir aber nur Vronik.«
+
+»So, und warum betrachtest du mich so aufmerksam?« fragte die Frau
+weiter. Das konnte nun Vronik nicht wohl sagen. Denn im Dorf hatte
+sie schon öfters sagen hören, die Frau im weißen Häuschen sei »nicht
+ganz bei Trost«. Das hatte sie nie ganz verstanden. Als die Mutter
+noch lebte, hatte sie hie und da gesagt: »Das ist mir ein Trost; daß
+ich weiß, der liebe Gott sorgt für euch, wenn ich von euch fort muß.
+Und das soll auch immer euer Trost sein. Er verläßt euch nicht.«
+Sonst hatte Vronik noch nie etwas von Trost gehört. Und als sie nun
+die Fremde so traurig sah, dachte sie, am Ende habe diese richtig
+vergessen, was einem ein Trost sein könne. Und doch glich sie der
+Mutter, denn sie war auch bleich und zart wie diese und trug auch ein
+schwarzes Kleid. Nur hatte Vroniks Mutter freundliche, friedliche Züge
+gehabt und einen ganz andern Ausdruck darin, als die fremde Frau.
+
+»Kannst du mir's nicht sagen?« ermunterte diese jetzt das Kind. »Du
+mußt dich nicht fürchten, du kannst es ruhig aussprechen.«
+
+»Weißt du etwa nicht mehr recht, was ein Trost ist?« fragte Vronik
+statt der Antwort. Denn sie konnte nichts anderes sagen, als das, was
+sie gerade dachte.
+
+Die Frau sah erstaunt auf. »Ach nein, das weiß ich nicht,« sagte sie.
+»Aber wie kommst du darauf? Weißt du es vielleicht?«
+
+»Ja,« sagte das Kind ganz bestimmt. »Daß der liebe Gott bei einem
+bleibt und einen nicht verläßt, wenn man auch ganz allein ist, das ist
+einer. Die Mutter hat's gesagt.«
+
+Die Frau hatte schon wieder Tränen in den Augen, aber sie kämpfte sie
+nieder, um das Kind nicht zu erschrecken. Denn sie wollte noch mehr
+hören. Es hatten schon viele Leute versucht, sie zu trösten. Aber
+denen hatte sie immer gesagt: »Ihr könnt gut reden. Ihr seid froh und
+glücklich und versteht nicht, wie es mir sein muß.« Das war bei dem
+Kind anders. Denn das hatte es nicht leicht auf der Welt, so viel
+konnte man wohl sehen. So sagte die Frau jetzt zu ihm: »Da hat dir die
+Mutter etwas Gutes gesagt, daran denke nur immer. Wo ist sie denn? Ich
+möchte sie wohl einmal sehen.«
+
+Das Kind machte die Augen weit auf. Die fremde Frau wußte scheint's
+nicht, daß es ein Gottswillenkind sei, das heißt, eines, das gar
+niemand eigenes mehr auf der Welt habe, der für es sorgen könnte und
+das man darum »um Gotteswillen« umsonst aufgenommen habe. Es war der
+Vronik etwas ganz Neues, daß das jemand nicht wußte. Im Dorfe wurde sie
+oft genug daran gemahnt.
+
+»Die Mutter ist zum lieben Gott gegangen,« sagte sie nach einer kleinen
+Weile. »Ganz bald nachher, als wir von der Schweiz kamen. Da hat sie
+immer gehustet. Und dann hat sie's oft gesagt, daß sie fortgehe. Jetzt
+ist der Konrad beim Lammwirt und ich bin beim Pfleghofbauern um der
+Gottswillen.«
+
+Vronik mußte tief aufatmen, denn es war lange her, daß jemand so viel
+von ihr hatte wissen wollen. Aber die Frau sah so teilnehmend aus, es
+wurde dem Kinde ganz warm ums Herz.
+
+»Aber die Mutter hat auch noch gesagt: wir werden schon wieder
+zusammenkommen, der Konrad und ich. Weil wir doch sonst gar niemand
+haben als nur einander. Wann der Konrad groß ist, dann verdient er Geld
+und dann müssen wir beieinander wohnen,« berichtete Vronik weiter.
+Sie hätte jetzt alles sagen können. Aber ihre Pfleglinge wurden ganz
+unruhig und ließen sich nicht mehr beschwichtigen, und vom Dorfe
+her hallten laute Klänge durch die klare Herbstluft. Das war die
+Abendglocke, und die Kinder mußten nach Hause.
+
+Die fremde Frau erhob sich. Zum erstenmal hatte wieder ein anderer
+Gedanke als der an ihr Unglück in ihr Raum gefunden. Jetzt sagte sie:
+»Kommst du morgen wieder hierher, Vronik? Du mußt mir dann noch mehr
+sagen.«
+
+Vronik schüttelte leise den Kopf. »Nein, das darf ich nur am Sonntag,«
+sagte sie. »Am Werktag hütet die Ahne die Kinder. Da muß ich auf dem
+Feld helfen und im Stall und in der Küche und überall.«
+
+Der fröhliche Ausdruck war wieder ganz aus dem mageren Gesichtchen
+geschwunden, Vronik sah jetzt so ernsthaft aus, als ob sie schon
+schwere Sorgen habe. »So komm gewiß am Sonntag wieder,« sagte die Frau.
+»Vielleicht weißt du mir dann auch so einen guten Trost.« Dann schieden
+die beiden, und das Wägelein holperte jetzt schnell den Weg hinab, denn
+es hatte beinahe ausgeläutet.
+
+ * * * * *
+
+Es war schon spät am Abend. In dem Heimwesen des Pfleghofbauern war
+schon alles zur Ruhe gegangen. Nur Vronik war noch einmal zur Hintertür
+hinausgeschlüpft. Das tat sie immer, ehe sie sich niederlegte. Denn
+da kam oft der Konrad noch ein Weilchen in den Hof. Und das war die
+einzige Zeit, wo die verlassenen Kinder einander sehen und sprechen
+konnten. Es war nicht nur, weil die Mutter so oft gesagt hatte:
+»Haltet zusammen, Kinder, wenn ich nicht mehr da bin,« daß die beiden
+so aneinander hingen. Sie hatten alle beide Heimweh nach den alten,
+schönen Tagen, wo sie mit den Eltern fröhlich zusammen gelebt hatten
+in der eigenen Heimat. Die Zeit lag freilich jetzt weit dahinten. Aber
+nach des Vaters Tod war doch noch eine Zeit gekommen, wo die Mutter
+für ihre Kinder sorgte. Sie war mit ihnen in ihre alte Jugendheimat
+zurückgekehrt. Aber es lebte niemand mehr von den alten Freunden. Und
+als der liebe Gott die Mutter zu sich holte, da wußte sie ihren Kindern
+keinen andern Trost zu hinterlassen als den, den die Vronik so treulich
+bewahrt hatte, nämlich, daß der liebe Gott für sie sorgen und sie nicht
+verlassen werde.
+
+Vronik hatte ein fröhliches Herzlein. Und das war viel wert für das
+einsame Kind. Auf dem großen Hof waren so viele Knechte und Mägde, und
+sie waren nicht eben böse gegen das Gottswillenkind. Aber sie dachten,
+es müsse froh sein, wenn es überhaupt einen Unterschlupf habe, und es
+solle sich nur beizeiten daran gewöhnen, sich in anderer Leute Willen
+zu schicken. So übten sie es denn alle miteinander darin, daß es sich
+schicken lerne. »Vronik, treib die Hühner zusammen,« »Vronik, du kannst
+mir meine Stiefel schmieren,« »wo ist die Vronik? sie soll Kartoffeln
+waschen,« so hieß es den ganzen Tag. Und Vronik ließ sich das nicht zu
+sehr anfechten; sie war immer bei der Hand und wenn sie nicht zu müde
+war, sang sie noch zu ihrer Arbeit irgend eines der schönen Lieder,
+die sie die Mutter noch gelehrt hatte. Die schönste Zeit für sie war,
+wenn sie am Sonntag nachmittag mit den Kindern hinausziehen durfte an
+ein schönes Plätzchen. Da gab sie den Kleinen Blumen und Steinchen zum
+Spielen und dann konnte sie sich hinsetzen und viel Schönes ausdenken.
+Wie es früher gewesen war, und wie es später werden würde, wenn der
+Konrad groß war und Geld verdiente. Ja, daß der Konrad nicht in den
+Wald konnte, das war freilich betrübt. Der mußte am Sonntag fast noch
+fleißiger sein als am Werktag; denn da mußte er den Bauernburschen die
+Kegel aufsetzen und noch vieles andere tun. Und dann kam er immer am
+späten Abend so verzagt heran, und Vroniks Trost wollte gar nicht bei
+ihm verfangen. Auch heute nicht. Er machte ein düsteres Gesicht und
+sagte: »Wenn wir nur fort könnten, Vronik. Wenn wir nur wieder in die
+Schweiz könnten oder irgendwohin, wo es anders ist. Der Lammwirt hat
+mich heute so oft am Ohr gerissen und dann noch gesagt: ›Du bist ein
+Nichtsnutz und dein Essen verdienst du nicht einmal.‹ Und ich habe
+immer Schlaf und immer Hunger. Ans Lernen komme ich auch nicht. Wenn
+ich dann im Winter wieder in die Schule muß, so setzt mich der Lehrer
+zu den Nichtskönnern. Und ich möchte doch so gern lernen.«
+
+Vronik wußte auch nicht gleich zu raten. Sie hätte ja gern Konrads
+Hand genommen und wäre mit ihm ins Land hinausgewandert. Die Sternlein
+schienen so hell und freundlich am Himmel und in den Bäumen rauschte
+der Nachtwind ganz weich und lieblich. Sie hätte sich nicht gefürchtet.
+Aber wohin? Und dann fiel ihr auch ein, daß die Mutter oft gesagt
+hatte: »Man muß mit dem zufrieden sein, was einem der liebe Gott gibt.
+Wenn man immer etwas anderes will, so kann er einem dann nicht mehr
+helfen.«
+
+So sagte Vronik nach einem Weilchen: »Nein, Konrad, fortgehen, das
+dürfen wir nicht. Und wir wissen auch nicht, wohin? Es dauert sicher
+nicht mehr so lang, bis du dann groß bist und Geld verdienen kannst.
+Und dann ziehen wir zusammen.«
+
+Dem Konrad schien das Leben immer wieder erträglich zu sein, wenn er
+bei Vronik war; denn sie fand an allem eine gute Seite heraus, wenn sie
+auch noch klein war und jünger als er. Und sie wußte immer etwas zu
+erzählen, was sie erlebt hatte, so daß der Konrad oft nur zu staunen
+hatte.
+
+Heute wurde natürlich das Erlebnis im Walde ausführlich berichtet. In
+Vroniks Herzlein war ein großes Mitleid für die arme Frau aufgewacht,
+die nicht einmal mehr wußte, was ein Trost ist.
+
+»Wenn ich nur etwas wüßte, daß sie wieder ein bißchen froh wird,« sagte
+Vronik, als sie ihren Bericht vollendet hatte. »Und du auch, Konrad.
+Wenn ich vergnügt sein will, dann fällt mir immer der Lammwirt ein, wie
+er dich am Ohr reißt und daß du dann so ein trutziges Gesicht machst.
+Und jetzt auch noch die Frau da droben. Ich möchte nur allen helfen
+können.«
+
+»Der liebe Gott kann allen helfen,« hatte die Mutter oft gesagt.
+
+Und oft hilft er einem traurigen Menschenkind durch das andere, daß
+dann beide wieder fröhlich sein können. Man muß nur warten können, er
+macht es schon noch gut. --
+
+Als die beiden Waisenkinder sich in dieser Nacht trennten, waren sie
+beide fröhlicher als vorher; denn es war ihnen wieder in den Sinn
+gekommen, daß schon alles noch gut werde. Und als sie dann in ihrem
+Kämmerlein lagen und ihr Nachtgebet sprachen, da winkten die Sternlein
+tröstlich zu ihnen herein und die Gottswillenkinder schliefen so
+sanft, wie nur irgend wohlbehütete Kinder unter den Augen ihrer Eltern
+schlafen können.
+
+ * * * * *
+
+Ursula hantierte am frühen Morgen geräuschlos in dem weißen Häuschen
+herum. Sie fegte und stäubte ab und manchmal warf sie einen
+wohlgefälligen Blick auf die schöne Gegend, die sich an dem strahlenden
+Herbstmorgen so lieblich vor den Augen ausbreitete, wenn man nur zum
+Fenster hinaussah. Drinnen im Schlafzimmer rührte sich noch nichts
+und Ursula war das gewöhnt; denn seit nicht mehr die fröhlichen
+Kinderstimmen in aller Frühe wach wurden und das Haus lebendig machten,
+wollte Frau Behrens den Morgen nicht mehr ansehen.
+
+»Ich habe keinen Mut mehr zum Aufstehen,« klagte sie oft. »Es treibt
+mich ja nichts mehr heraus.«
+
+Sie hätte wohl noch eine Pflicht gehabt, aber es war eine, die der
+armen Frau das Herz noch schwerer machte als es schon vorher war. In
+Ursulas Stübchen stand noch ein kleines Bett. Darin lag eine schmale,
+kleine Gestalt mit einem weißen, farblosen Gesichtchen, darin nichts
+lebendig schien, als ein Paar große, braune Augen. Sie lag Tag für Tag
+still und unbeweglich da, die kleine Gertrud, und man fürchtete, daß
+es auch niemals anders mit ihr werden würde. Das war das einzige Kind,
+das der armen Frau noch am Leben geblieben war. Es konnte nicht reden,
+sich nicht bewegen, lachte und weinte nicht. Frau Behrens konnte es
+nicht lieb haben. »Warum hat mir Gott die gesunden Kinder genommen und
+dieses gelassen, das nur zum Jammer auf der Welt ist, sich und mir zum
+Jammer?« So klagte sie oft, und Ursula hatte es längst aufgegeben, ihr
+zuzureden. Sie tat dem hilflosen Geschöpfchen alles, was sie konnte.
+Sie gab ihm die Nahrung, hielt es sauber und sorgte ihm für ein gutes
+Lager. »Wenn man nur wüßte, ob es einen versteht,« dachte sie oft, wenn
+die braunen Augen so ausdrucksvoll auf sie gerichtet waren.
+
+Eben hatte Ursula ein paar wimmernde Töne vernommen. Diese waren immer
+das Zeichen, daß Gertrud erwacht war. Sie wollte eben hineingehen, da
+sah sie eine kleine Gestalt unter der Haustür. Ein mächtiger Strauß
+fiel auf die Steinstaffel und dann huschte die Gestalt wieder hinunter.
+»Halt einmal, was ist denn da los?« fragte Ursula erstaunt, und schon
+hatte sie Vronik, denn diese war es, am Röckchen erfaßt.
+
+ [Illustration]
+
+Das Kind strebte weiter; es war dunkelrot im Gesicht. »Laß mich,« sagte
+es, »ich muß schnell heim, die Bäuerin zankt sonst. Es ist nichts
+Böses, ich hab nur der Frau einen Strauß gebracht, weil sie so arm
+ist.« »Was weißt du, ob Frau Behrens arm ist,« sagte Ursula ein wenig
+unfreundlich. Denn sie wußte nichts von der Begegnung im Walde und
+dachte, es könne ihrer Herrin vielleicht unangenehm sein, wenn sich
+jemand um sie bekümmere. »Wo ist sie?« fragte Vronik etwas erschrocken.
+»Sie kennt mich schon und sie hat gesagt« -- hier stockte sie. Denn
+Frau Behrens trat unter die Tür. Sie hatte das Kind gehört und winkte
+ihm freundlich zu. Ursula schüttelte erstaunt den Kopf. Hatte man so
+etwas je erlebt? Das barfüßige Mädchen kam strahlend auf die Dame zu
+und sagte fröhlich: »Ich habe dir den Strauß geholt. Ich habe den
+Knechten die Morgensuppe in die Au gebracht. Und es ist noch so lang
+bis an den Sonntag, drei Tage noch. Da hab' ich schnell das Heidekraut
+gepflückt. Und der Konrad hat gesagt, wenn man nicht mehr wisse, was
+ein Trost sei, so müsse man es dem lieben Gott sagen, der wisse es dann
+schon. Der Konrad hat es auch nicht mehr gewußt, den reißt der Lammwirt
+oft am Ohr, daß es weh tut.«
+
+»So,« sagte Frau Behrens, »das ist freilich schlimm, wenn er das tut.
+Aber weiß denn der Konrad jetzt, was ihm gut tun kann?« »Ja, er weiß es
+schon,« sagte Vronik. »Er vergißt's nur allemal wieder, daß man alles
+dem lieben Gott sagen kann. Daß er machen soll, daß der Konrad lernen
+darf, weil er das so gern möchte. Und daß es nicht mehr lang dauert,
+bis er groß ist und Geld verdient.«
+
+Ursula traute ihren Augen und Ohren nicht, als nun Frau Behrens dem
+Kinde warm die Hand gab und sagte: »Den Konrad muß ich auch sehen. Und
+am Sonntag kommst du in den Wald. Vielleicht können wir schon etwas
+ausfindig machen, daß dein Bruder mehr lernen darf, wenn er das so gern
+will.«
+
+Vronik eilte leichtfüßig davon. Denn es war jetzt keine Zeit zum
+Plaudern. Im Pfleghof war große Wäsche, und Vronik hätte sich
+verdreifachen können und doch kaum alle Befehle ausführen, die man ihr
+gab. Aber sie tat heute alles noch viel vergnügter als sonst. Sie mußte
+an einemfort vor sich hinsingen. Sogar die alte Obermagd, die sonst
+nicht viel sagte, fragte verwundert:
+
+»Was freut jetzt auch das Mädchen so? Das hat doch einen Leichtsinn,
+man sollt's nicht glauben. Und hat's erst gar nicht nötig, das
+Leichtsinnigsein. Wenn man keinen Menschen hat und keinen Pfennig
+Geld.« Vronik brauchte aber gar kein Geld zum Vergnügtsein. Und daß
+eben erst, heute schon, ein Mensch freundlich und teilnehmend mit dem
+armen Gottswillenkind gesprochen hatte, das wußte die alte Obermagd
+nicht. Vronik hörte es immerfort noch in den Ohren tönen: »Wir können
+dann vielleicht schon noch etwas ausfindig machen, daß der Konrad mehr
+lernen kann, wenn er das so gern möchte.«
+
+Das war ganz genug, um den ganzen Tag fröhlich zu sein, bis dann am
+Abend der Konrad kam und man es ihm mitteilen konnte. Vronik konnte
+sich nicht besinnen, was Frau Behrens wohl dazu tun könnte, daß der
+Konrad mehr lernen dürfe. Sie freute sich nur darüber und glaubte ganz
+sicher, daß es wahr werde. »Der liebe Gott kann alles machen,« hatte
+die Mutter oft gesagt, und Vronik zweifelte gar nicht, daß er das
+machen könne.
+
+Aber am Abend kam der Konrad nicht in den Hof und auch nicht an
+den beiden folgenden. Vronik wartete lange auf ihn und wurde immer
+unruhiger. Ins Lamm gehen, das durfte sie nicht. Der Lammwirt hatte ihr
+einmal gesagt: »Das Zusammengeläufe verbitte ich mir, und dich will ich
+nicht in meinem Haus antreffen.« Und dazu hatte der große Metzgerhund
+Flox so grimmig geknurrt, als ob er hätte sagen wollen: »Und ich dich
+auch nicht oder es geht dir dann schlecht.« Seither fürchtete sich das
+Kind vor beiden, dem Mann und dem Hund. Aber am Sonntagmorgen hielt es
+Vronik nicht mehr aus. Sobald sie ein Weilchen abkommen konnte, ging
+sie doch hinunter auf den freien Platz, an dem das stattliche Wirtshaus
+stand, dessen goldenes Lamm in der Sonne glänzte. Sie wollte nur sehen,
+ob sie nicht an irgend einem Fenster den Konrad entdecken könne. Aber
+da kam gerade der gefürchtete Lammwirt in hohen, blankgewichsten
+Stiefeln zum Haus heraus. Er führte den Hund an der Leine, hatte einen
+festen Stock in der Hand und eine Schildkappe auf und ging mit großen
+Schritten die Straße hinunter. Vronik hatte sich zitternd an die Wand
+gedrückt, als sie die beiden sah, nun atmete sie leicht auf, denn nun
+war nichts zu befürchten. Sie huschte schnell ins Haus, sah sich im
+Flur und im Schenkraum um und fand endlich den Bruder in der Küche.
+Er saß auf einem Bänkchen und putzte Rüben. Sein Fuß lag auf einem
+Holzklotz und war dick mit Lappen umwickelt und sein Gesicht war noch
+blässer und finsterer als sonst. Vronik erschrak, als sie ihn so fand.
+»Was hast du, was ist, daß du nicht kommst?« sagte sie ängstlich. »Hat
+er dir etwas getan?« Konrad schüttelte den Kopf und sah sich zuerst
+nach allen Seiten um, ehe er antwortete. »Ich habe ein Glas zerbrochen,
+und bin noch in einen Scherben getreten,« sagte er. »Jetzt ist mein
+Fuß dick geschwollen. Und Schläge habe ich auch bekommen. O wenn ich
+nur gar nicht mehr am Leben wäre.« Und dabei rollten dem Konrad dicke
+Tränen über die bleichen Backen.
+
+Es war ein wenig schwer für Vronik, hier eine gute Seite an der Sache
+zu finden. Denn niemand pflegte den Konrad recht. Der Lammwirt hatte
+keine Frau. Vor seiner alten Mutter fürchteten sich die Kinder fast
+ebensosehr, wie vor dem Lammwirt selbst, denn sie hatte eine sehr
+unfreundliche Gemütsart. Und die Köchin dachte, der Fuß werde schon von
+selbst wieder gut werden. So war es kein Wunder, daß dem Konrad das
+Herz noch schwerer war, als sonst schon vorher. Denn er kam sich jetzt
+so verlassen und unglücklich vor, als ob es auch für ihn keinen Trost
+mehr gebe auf der ganzen Welt. Das konnte aber Vronik nicht ertragen.
+
+»Ich habe dir zwei Birnen gebracht,« sagte sie. »Sie sind gut, ich hab
+sie vom Stallknecht, weil ich ihm die Stiefel gewaschen habe. Du mußt
+jetzt nicht weinen. Ich habe ein frisches Halstüchlein, das mache ich
+naß und binde es um den Fuß, das tut dir gut.«
+
+Der Fuß war entzündet und tat weh. Und Konrads trauriges Herz konnte
+auch Vronik nicht so schnell hell und fröhlich machen. Aber es war
+doch gut, daß sie gekommen war. Denn jetzt setzte sie sich noch ein
+Weilchen zu dem Bruder auf das niedrige Bänklein. Und wenn er sagte:
+»Es hilft doch nichts, wenn man sich auch Mühe gibt, so viel man kann.
+Und es dauert so lang, bis man groß wird, daß man es fast nicht erleben
+kann,« so wußte sie doch immer wieder einen Trost. Und heute hatte
+sie ja noch einen besonderen. »Die Frau Behrens hat gesagt, sie wolle
+dann schon etwas ausfindig machen, daß du lernen dürfest,« erzählte
+sie. »Vielleicht will sie den Lammwirt fragen, ob er's nicht erlaube.«
+»Der erlaubt's nicht,« sagte Konrad mutlos. »Jetzt mußt du dich einmal
+gar nicht mehr besinnen, die Frau Behrens besinnt sich schon selber,«
+ermahnte Vronik. »Heute nachmittag seh' ich sie im Wald. Und dann komme
+ich bald wieder zu dir und sage dir alles.«
+
+ [Illustration]
+
+Vronik mußte gehen. Denn sie hatte auf dem Hof noch viel zu tun. Und
+sie wollte auch lieber nicht abwarten, bis der Herr des Hauses mit dem
+Hund zurückkäme.
+
+Konrad blieb in seiner trübseligen Küche allein. Aber er sah nicht
+mehr so finster aus als zuvor. Vronik hatte ihn ein wenig aufgeheitert
+mit ihrem Besuch und mit dem, was sie gesagt hatte. Und nun fingen
+die Glocken an zu läuten und auf dem Fenstersims zwitscherte lustig
+ein dicker Spatz, und ein heller Sonnenstrahl fiel auf den Steinboden
+der Küche und tanzte dort hin und her. Da kam es dem einsamen Buben
+wieder tröstlich in den Sinn, daß der liebe Gott sein Vater sein wolle
+und es schon noch gut mit ihm machen werde. Er wollte nur nicht immer
+vergessen, sich an ihn zu halten.
+
+Die Köchin war auch in sonntäglicher Stimmung. Sie konnte zwar nicht in
+die Kirche gehen, aber sie kam doch mit einer frischen Schürze angetan
+aus ihrer Kammer herunter und summte ein schönes Lied vor sich hin, als
+sie am Herde hantierte. Und als sie Waffeln buk, geschah das Unerhörte,
+daß sie dem Konrad eine davon, die noch warm und goldbraun war, mit
+Zucker bestreute und gab. »Da, du armer Schlucker,« sagte, »daß du auch
+weißt, daß Sonntag ist.«
+
+Nein, heute wollte der Konrad nicht mehr verdrießlich sein! Und er
+wußte erst noch nicht, daß schon alles auf dem besten Wege war für
+ihn und er nur noch ein Weilchen warten mußte, bis ihm der liebe Gott
+helfen wollte.
+
+ * * * * *
+
+Der Abend dämmerte schon. Den schmalen Fußpfad vom Dorfe her nach
+dem »weißen Häuschen« ging langsam, mit gesenktem Kopf, ein kleines,
+barfüßiges Mädchen. Es war Vronik. Sie hatte ihre Schutzbefohlenen,
+den Daniel und das Regele, nach Hause geführt. Nun durfte sie noch ein
+Weilchen tun, was sie gern wollte.
+
+Vronik hatte den ganzen, langen Nachmittag im Wald an dem bekannten
+Plätzchen gewartet, ob Frau Behrens nicht komme, aber umsonst. Die
+Kinder konnten heute nicht so befriedigt sein von ihrer Hüterin wie
+gewöhnlich. Denn diese horchte an einem fort, ob sich kein Tritt hören
+lasse, und dann ging sie wieder ein Stückchen weit den Berg hinauf,
+um zu sehen, ob nirgends eine schwarze Gestalt aus den Büschen trete.
+Denn sie hatte so viel auf dem Herzen, und es ist nicht leicht, ganz
+umsonst auf den einzigen Menschen zu warten, von dem man glaubt, daß
+er einem helfen könnte. Und Vronik wußte ja, daß es nun wieder eine
+ganze Woche anstehen werde, bis sie Frau Behrens sehen könne. Da war
+es nicht zu verwundern, daß sie nicht wie sonst auf die vielen Wünsche
+und Fragen der Kinder hörte, sondern nur allemal wieder sagte: »Ja,
+ja, spielet jetzt nur auch ein wenig allein. Immer kann ich euch auch
+nicht vorsingen.« So hatte die Vronik heute gar kein so sonntägliches
+Gefühl wie sonst, als sie ihr Wägelchen nach Hause schob. Sie mußte nur
+immer denken: »Warum ist die Frau nicht gekommen? Hat sie am Ende ganz
+vergessen, daß sie sich auf etwas Gutes für den Konrad besinnen
+wollte?«
+
+ [Illustration]
+
+Unter solchen Gedanken hatte die Vronik fast unbewußt den Waldweg
+eingeschlagen, als sie nun freie Zeit hatte. Nun stand sie vor dem
+Häuschen. Es saß niemand mehr auf dem Bänkchen vor der Türe, denn es
+war schon Dämmerung und kühl. Ein heller Lichtschein fiel aus dem
+Fenster. Da drinnen im Zimmer würde nun wohl die fremde Frau sitzen,
+die nicht mehr wußte, was ein Trost ist und die doch dem armen Kinde
+schon ein Trost geworden war. Vronik konnte es nicht lassen, sie
+mußte sich auf das Bänkchen stellen, das gerade unter dem erleuchteten
+Fenster stand. Nur einen Augenblick hineinsehen wollte sie, es würde es
+ja niemand merken. Nur geschwind sehen, ob die Frau etwa krank sei oder
+ob sie nun gerade so traurig, wie sonst, vor dem Haus am Tisch unter
+der Lampe sitze und vor sich hinstarre.
+
+Es sah aber ein wenig anders aus in dem Zimmer, als Vronik sich
+vorgestellt hatte. So etwas Behagliches, Heimliches hatte das Kind noch
+nie gesehen, dem seither das einfache Stübchen daheim bei der Mutter
+und von noch früher her das Arbeiterhäuschen in der Schweiz als das
+Schönste, was es geben konnte, vorgeschwebt war.
+
+Vronik drückte das Gesicht fest an die Scheiben, um nur alles genau
+sehen zu können, die Bilder an den Wänden, die Blumen in Töpfen
+und Schalen, die da überall herumstanden, den ganzen zierlichen,
+behaglichen Schmuck des wohleingerichteten Wohnzimmers. Frau Behrens
+saß aber nicht allein darin. Ein alter Herr mit freundlichem Gesicht
+und schneeweißen Haaren saß neben ihr auf dem Sofa und hielt ihre Hand
+gefaßt. Und neben den Beiden lag, gerade hell vom Licht der Lampe
+beschienen, in einem Korbwagen eine kleine, schmale, weißgekleidete
+Gestalt, die gar nicht ausgesehen hätte, als ob sie lebe, wenn nicht
+die großen, aufmerksamen Augen sich ein wenig bewegt hätten. Vronik
+vergaß ganz, was sie da heraufgetrieben hatte, und auch, daß sie hatte
+gleich wieder heimgehen wollen. Sie sah nur immerfort auf die kleine
+Gruppe in dem erleuchteten Zimmer. Ursula ging hin und her, deckte den
+Tisch zum Abendessen und zupfte hier und da, wenn sie an dem Korbwagen
+vorüberging, eine Spitze an dem Kleidchen der kleinen Gertrud zurecht,
+weil sie dem Kinde jetzt gerade sonst nichts Gutes antun konnte.
+
+In Vronik stieg ein brennendes Heimwehgefühl auf. Sie hatte sich so zu
+der fremden, traurigen Frau hingezogen gefühlt, weil sie glauben mußte,
+diese stehe ganz allein auf der Welt und weil sie gut wußte, wie es
+tut, verlassen zu sein. Und nun sah sie den alten Herrn bei ihr sitzen,
+der so väterlich die Hand der traurigen Frau hielt, sah das Kind in
+dem Wagen, das ein so feines, zartes Gesichtchen hatte und das doch
+wohl Frau Behrens gehören mußte, und das trauliche Zimmer, in dem diese
+Leute ungestört beisammensitzen konnten.
+
+»Da wird sie's freilich wohl vergessen haben, daß sie kommen wollte,«
+dachte das arme Gottswillenkind.
+
+»Vielleicht bleibt jetzt der alte Herr immer bei ihr und macht sie
+wieder ganz fröhlich. Und dann wird sie wohl nichts ausfindig machen
+für den Konrad.«
+
+Es wurde spät. Vronik war auf das Bänkchen niedergekniet, hatte den
+Kopf auf die Arme gestützt und mit begierigen Augen ins Zimmer gesehen,
+bis ihr die Augen zugefallen waren. Es sah so heimatlich aus da drin
+und wenn das Kind auch wußte, daß es da nicht hingehöre, so wollte es
+doch noch ein kleines Weilchen hineinsehen und ein wenig vergessen, daß
+es so allein sei. Und darüber war es eingeschlafen. Jetzt wogten die
+weißen Abendnebel um die schlafende Gestalt her und am Himmel glänzten
+die Sterne. Und Vronik träumte von einer Heimat, wo sie wirklich
+hingehörte, wo man sie lieb hatte und den Bruder auch.
+
+Drinnen im Zimmer saß der alte Herr, der ein Doktor war und ein
+väterlicher Freund der Frau Behrens, soweit diese sich zurückerinnern
+konnte, noch lange bei ihr auf dem Sofa. Er hatte im Frühjahr den
+Ankauf des weißen Häuschens besorgt, weil ihn die junge Frau gebeten
+hatte: »Lassen Sie mich fort, Herr Doktor, von allen Menschen weg.
+Vielleicht kann ich mich in der Einsamkeit besser zurechtfinden.«
+
+Nun war er gekommen, um wieder einmal nach seiner Schutzbefohlenen zu
+sehen. Ursula hatte ihm heimlich geschrieben, weil sie den stummen
+Jammer nicht mehr so allein mitansehen konnte und weil sie auch hoffte,
+daß der Herr Doktor etwas für die kleine Gertrud zu tun wisse.
+
+Es war kein fröhlicher Tag gewesen für den alten Herrn, der ein so
+warmes, mitfühlendes Herz hatte und gern allen Traurigen geholfen
+hätte. Denn Frau Behrens sagte auf all seine liebreichen Worte nur:
+»Seien Sie mir nicht böse, ich kann nicht anders als traurig sein und
+niemand kann mir helfen.«
+
+Nun hatte der Herr Doktor heute abend noch ein Mittel versucht, Frau
+Behrens ein wenig aufzurütteln. Er hatte den Wagen mit der kleinen
+Gertrud ins Zimmer bringen lassen, und die Mutter selbst hatte ihm
+helfen müssen, das Kind ganz eingehend zu untersuchen. Sie hatte die
+Kleidchen auf- und zuknöpfen und die leichte Gestalt in den Armen
+halten müssen. Und nun sagte der Herr Doktor ernsthaft: »So, nun
+hören Sie mir einmal zu. Kein Mensch auf der ganzen Welt darf sich so
+hinsetzen und sein Leben mit Klagen zubringen. Der liebe Gott weiß,
+was er getan hat. Und er weiß auch, warum er Gertrud am Leben ließ
+und nicht eines von den gesunden Kindern, und niemand kann im voraus
+sagen, eines sei unnütz auf der Welt. Fangen Sie einmal an, das Kind
+lieb zu haben. Singen Sie ihm etwas vor. Nehmen Sie es in die Arme, es
+spürt vielleicht gut, wenn man es lieb hat. Es kann auch noch kräftiger
+werden, man weiß nie, was unser Herrgott noch im Sinn hat mit so einem
+schwachen Kindlein.«
+
+Und als Frau Behrens stumm vor sich hinsah, fuhr der alte Herr fort:
+»Wenn Sie es noch nicht recht lieb haben können, so tun Sie es um
+Gotteswillen; weil er es will. Es wird ihnen noch ein Trost werden, das
+weiß ich.«
+
+Frau Behrens hätte nicht gut sagen können, welche Gedanken ihr an
+dem Abend schon durch den Sinn gegangen waren. Es war nicht mehr
+ganz so dunkel in ihrem Herzen wie vorher. Seit sie mit dem armen
+Gottswillenkind zusammengetroffen war, hatte sich manches in ihr
+geregt, was sie lang vergessen hatte. Und Vroniks Trost war ihr oft
+eingefallen, wenn sie auch selbst noch nicht recht sagen konnte: »daß
+der liebe Gott bei einem ist und einen nie verläßt, wenn man auch sonst
+allein ist, das ist ein Trost.« Nun bei den letzten Worten des Doktors
+fiel ihr das Gottswillenkind wieder ein. Das hatte man ja auch, samt
+seinem Bruder, »um Gotteswillen« aufgenommen und Frau Behrens wußte,
+daß es die Beiden nicht gut hatten. Und es kam ihr beschämend in den
+Sinn, daß sie ihr eigenes, armes Kind auch nicht liebevoller behandle,
+und sie dachte mit Recht, daß es doch Kinder, die man dem lieben Gott
+zulieb versorgen will, am besten von allen haben sollten.
+
+Frau Behrens hatte noch gar keine Antwort auf die ermahnenden Worte des
+Doktors gegeben. Denn sie kämpfte mit sich selbst und konnte noch nicht
+recht mit ihrer Traurigkeit fertig werden.
+
+Da kam Ursula ins Zimmer. Sie war hinausgegangen, um die Läden zu
+schließen. Nun trat sie etwas erregt ein und sagte: »Was soll man da
+anfangen? Es ist ein schlafendes Kind auf dem Bänkchen vor dem Hause.
+Das ist's, das schon einmal hier war. Man kann es doch nicht draußen
+lassen.«
+
+Ursula und der Doktor sahen einander erstaunt an, als hier Frau Behrens
+lebhaft aufstand und sagte: »Bring's herein, Ursula. Oder nein, ich
+will es selbst holen. Es kennt mich; es hat auf mich gewartet, das weiß
+ich.«
+
+Der Doktor sah ihr vergnügt nach, denn er dachte: »Man kann nicht
+wissen, auf welche Weise ihr der liebe Gott helfen will.«
+
+Eine kleine Weile später trat Frau Behrens ein. Sie trat leise und
+sachte auf und trug auf beiden Armen das barfüßige Bauernkind. Sie
+legte es aufs Sofa nieder und dann sagte sie flüsternd: »Man darf es
+nicht wecken, es schläft so tief und fest. Ursula soll ins Dorf gehen
+und sagen, daß man das Kind nicht vergeblich sucht. Und morgen sieht
+man weiter.«
+
+Als der Herr Doktor in dieser Nacht zur Ruhe ging, oben in dem
+freundlichen Balkonzimmer, stand er noch eine Weile still am Fenster
+und sah in die schweigende Gegend hinaus. »Du machst es nicht, wie wir
+gedacht, du machst es besser als wir denken,« sagte er vor sich hin.
+Denn er hatte schon gemerkt, daß der liebe Gott beiden helfen wollte,
+den Kleinen und Großen, da konnte er sich wohl freuen.
+
+ * * * * *
+
+Das war am andern Morgen ein erstauntes Gesicht, mit dem sich Vronik
+beim Erwachen umsah. Sie glaubte immer noch zu träumen. Die Sonne
+schien hell durch die blanken Fenster und blütenweißen Vorhänge,
+beschien die weißen Kissen, in denen das arme Gottswillenkind lag,
+und das ganze, freundliche Zimmer. An der Wand hing ein großes Bild.
+Es war der Heiland, der ein Schäflein auf der Schulter trägt. Das
+mußte Vronik unverwandt ansehen. Das Schäflein schmiegte sich so
+dicht an den guten Hirten, der es trug, es wurde einem wohl, wenn man
+es nur ansah. Und Vronik fiel das Lied ein, das die Mutter so oft
+mit ihren Kindern gesungen hatte, die Stelle, wo es hieß: »Und nach
+diesen schönen Tagen werd ich endlich heimgetragen in des Hirten Arm
+und Schoß, Amen, ja, mein Glück ist groß.« Es war dem Kinde einen
+Augenblick zumute, als ob es auch »heimgetragen« wäre. Aber dann
+fiel ihm der ganze gestrige Abend wieder ein. Seine Kleider lagen
+auf dem Stuhl neben dem Sofa, und dann wußte Vronik plötzlich, daß
+sie wieder ins Dorf hinunter müsse, in den Pfleghof, wo jetzt längst
+die Gänse und Enten und Hühner auf ihr Futter warteten und wo alles
+nach der Vronik rief. Sie konnte nur gar nicht begreifen, wie sie
+da hereingekommen war. Sie hatte doch gestern abend nur zum Fenster
+hereingesehen. Leise schlüpfte sie in ihr Röckchen, da ging die Tür
+zum Nebenzimmer auf und Ursula kam herein. Sie machte heute ein ganz
+freundliches Gesicht, denn sie liebte die Kinder und es kam ihr vor,
+als ob etwas besonderes mit diesem Kinde sei. Und das war auch wahr.
+Denn wenn der liebe Gott ein barfüßiges Waisenkind an der Hand nimmt
+und führt es einer traurigen Mutter zu, daß sie einander wieder
+fröhlich machen sollen, so ist das schon etwas besonderes. Das wußte
+nun zwar Ursula noch nicht, daß ihre Herrin die ganze Nacht wach
+gelegen war und viele Gedanken in sich bewegt hatte. Daß sie sich
+vorgenommen hatte, nun nicht mehr an einem fort zu klagen und traurig
+zu sein, sondern den Trost hereinzulassen, der in ihr Herz hinein
+wollte. Ursula half dem Kind ein wenig beim Haarmachen, obgleich
+Vronik das sonst immer selbst tun mußte. Dann nahm sie es mit in das
+Zimmer, wo die kleine Gertrud lag. »Da sieh,« sagte Ursula, »du hast's
+noch lang gut gegen dem armen Tröpflein, das nur immer so daliegen
+muß.«
+
+ [Illustration]
+
+Vroniks weiches Herzlein war gleich ganz voll Teilnahme. »O, kann es
+nichts tun, gar nichts?« sagte sie. »Kann man nicht mit ihm spielen und
+lachen und ihm etwas vorsingen, daß es auch eine Freude hat?« Ursula
+sah verwundert in das lebhafte Gesichtchen. Zum Spielen und Lachen und
+Singen war man in dem weißen Häuschen schon lang nicht mehr aufgelegt
+gewesen. Es war alles so geräuschlos als möglich zugegangen. »Ich muß
+nun das Wohnzimmer schön machen,« sagte sie. »Du kannst so lang hier
+bleiben. Frau Behrens hat gesagt, daß ich dich nicht gehen lassen soll,
+ehe sie mit dir gesprochen hat. Angst brauchst du nicht zu haben. Es
+geschieht dir nichts im Pfleghof. Ich habe gesagt, daß du nicht so früh
+kommst.«
+
+Damit ging sie hinaus und Vronik blieb allein mit dem kranken Kinde. Es
+kam ihr alles ganz wunderbar vor, was mit ihr geschah. Am wunderbarsten
+aber erschien ihr dieses stille Gesichtchen, das nur so aufmerksame
+Augen hatte. Sie hätte so gern einen Versuch gemacht, mit Gertrud zu
+sprechen. Aber sie scheute sich davor, es zu probieren. So verfiel
+sie auf ihr altes Mittel, mit dem sie immer die Kinder im Pfleghof zu
+unterhalten wußte. Sie setzte sich auf das niedrige Stühlchen, das
+neben dem Wagen stand, und fing leise an zu singen. Vronik hatte ein
+liebliches Stimmchen und sie konnte viele schöne Lieder von der Mutter
+her. Jetzt sang sie:
+
+ »Breit aus die Flügel beide,
+ O Jesu, meine Freude,
+ Und nimm dein Küchlein ein!
+ Will mich der Feind verschlingen,
+ So laß die Engel singen:
+ ›Dies Kind soll unverletzet sein!‹«
+
+Vronik war gewöhnt zu singen, deshalb kam es ihr ganz natürlich vor,
+daß sie es tat. Aber den anderen Hausbewohnern waren das ganz neue
+Töne. Der Herr Doktor kam gerade von oben herunter und blieb auf
+seinem Gang nach dem Wohnzimmer horchend stehen, Frau Behrens trat
+auf die Schwelle des Zimmers und lauschte leise, und Ursula hörte auf
+abzustäuben.
+
+Aber plötzlich hörte der Gesang auf, Vronik stieß einen fröhlichen Ruf
+aus. »Es lacht,« rief sie. »Es will noch mehr hören.« Man kann es kaum
+sagen, wie schnell die drei Leute von allen Seiten an das Wägelchen
+herankamen, um das Wunderbare zu sehen. Ja, es war so. Das bleiche
+Köpfchen hatte sich langsam nach der Seite gewendet, wo Vronik saß, und
+das Gesichtchen war zu einem Lächeln verzogen. Es war ganz deutlich.
+»Sing noch etwas, Kind, hör noch nicht auf,« sagte der Herr Doktor zu
+Vronik. Denn er wollte gern recht deutlich sehen, was das für eine
+Wirkung habe. Und aufs neue sahen alle drei Großen aufmerksam zu, wie
+Gertruds Augen so strahlend an Vronik hingen, als diese sang. Vronik
+hatte das kleine Händchen gefaßt und da geschah das weitere Wunder, daß
+sich die mageren Fingerlein um das braune Händchen des Bauernkindes
+schlossen.
+
+ [Illustration]
+
+»Jetzt erleben wir noch viel Schönes,« sagte der Doktor vergnügt. »Das
+wird man schon sehen.« Frau Behrens nahm Vronik an der Hand. »Dich
+müssen wir bei uns haben so viel wir nur können,« sagte sie liebreich.
+»Dich hat mir der liebe Gott zum Trost geschickt.« Vronik schüttelte
+leise den Kopf. »Ich habe keine Zeit zum Heraufkommen,« sagte sie. »Und
+jetzt muß ich schnell heimgehen, sonst zankt die Bäuerin.«
+
+Der Konrad fiel ihr ein, wie er so traurig in seiner Küche gesessen
+hatte, und es fiel ihr schwer aufs Herz, daß sie ihm noch keinen
+Bescheid gebracht hatte. Die Leute hier hatten einander, aber der
+Konrad hatte nur seine Vronik, sonst niemand. Und Frau Behrens schien
+ihn ganz vergessen zu haben.
+
+»Ich will die Bäuerin fragen, ob sie dich nicht manchmal kommen läßt,«
+sagte Frau Behrens jetzt. »Ich will selbst mit ihr reden.«
+
+Da platzte Vronik heraus: »Dann rede noch lieber mit dem Lammwirt,
+daß der Konrad in die Schule darf und daß er ihn nicht so oft schlägt
+und« -- Vronik mußte gewaltig schlucken, sonst hätte sie hier vor den
+fremden Leuten angefangen zu weinen.
+
+»Nur heraus mit allem,« ermunterte der Herr Doktor freundlich. Er war
+ein großer Kinderfreund und konnte keine traurigen Gesichter sehen,
+ohne daß er hätte versuchen müssen, sie fröhlich zu machen. Und in
+Vronik sah er überhaupt eine Bundesgenossin. So kam denn alles an
+den Tag, was Vroniks Herzlein bedrückte, alles. Frau Behrens hörte
+mit gespannter Aufmerksamkeit zu, und Ursula vergaß ganz, wieder
+hinauszugehen, und ballte zornig die Faust, als sie hörte, daß niemand
+den kranken Fuß des Konrad pflege.
+
+»Da müssen wir abhelfen, soviel ist sicher,« sagte der Herr Doktor
+väterlich, als Vronik mit ihrem Bericht zu Ende war.
+
+»Ich gehe mit dir ins Dorf und zu dem Lammwirt. Was meinst du, mir wird
+der Hund schon nichts tun? Und dann wollen wir weiter sehen.« Vronik
+nickte ganz einverstanden. Sie hatte ja schon lange gewußt, daß der
+liebe Gott alles machen könne, da verwunderte sie sich jetzt nicht so
+sehr, daß er es nun auch tat. Und sie dachte nur, daß jetzt alles gut
+komme, über das Wie machte sie sich keine Gedanken.
+
+Das gab ein großes Staunen im Dorf, als Vronik an der Hand des fremden
+alten Herrn durch die Straße ging. Das kümmerte aber die beiden wenig.
+Denn sie hatten einander unterwegs so vieles mitzuteilen, daß sie gar
+keine Zeit hatten, nach den Leuten zu sehen. Hand in Hand schritten
+sie nach dem »goldenen Lamm«. Der Wirt stand unter der Tür. Er sah
+verwundert auf das Gottswillenkind, machte aber doch einen tiefen
+Bückling vor dem feingekleideten Herrn. »Sie haben einen Kranken im
+Haus, höre ich?« sagte der Herr Doktor sogleich. »Führen Sie mich zu
+ihm.« »Wenn der Herr den Buben meint, der ist im Keller und spült
+Flaschen,« antwortete der Wirt. »Krank ist er nicht, du meine Güte.
+Wegen so einem bißchen Geschwulst am Fuß macht man mit so einem Knirps
+nicht soviel Aufhebens.« »Ich bitte, daß Sie mir den Konrad in die
+Schenkstube bringen,« beharrte der Herr Doktor. »Was zu tun ist, wollen
+wir dann schon sehen; ich bin Arzt und gedenke schon zu sehen, was
+nötig ist.«
+
+Der Wirt zog brummend ab, nicht ohne daß er vorher noch bemerkt hatte:
+»Wer den Doktor bestellt hat, weiß ich nicht. Es wird dann niemand
+verlangen, daß ich ihm noch den Weg bezahle für so einen Bettelbuben.«
+
+Vronik nickte dem Konrad ermunternd zu, als er bald darauf
+hereinhinkte, bleich und ängstlich. Der Herr Doktor war aber keiner von
+denen, die nicht mit schüchternen Kindern fertig werden. Er streckte
+dem verlegenen Buben ganz freundlich die Hand hin. »So, das ist ja
+ganz geschickt, daß ich gerade hier bin,« sagte er fröhlich, dann
+untersuchte er den kranken Fuß, machte aber ein ernsthaftes Gesicht
+dazu und schüttelte den Kopf. »Ganz unverantwortlich vernachlässigt ist
+die Wunde,« sagte er vor sich hin. Dann nahm er den Lammwirt besonders
+in ein Nebenzimmer und sprach dort eine Weile sehr erregt mit ihm.
+Als er wieder herauskam, wandte er sich an die Kinder. »So, nun seid
+einmal recht vernünftig,« sagte er. »Den Konrad muß ich mit mir nehmen
+in meinem Wagen. Drunten in der großen Stadt, in der ich lebe, ist
+ein schönes helles Haus, in dem kranke Kinder gepflegt und versorgt
+werden, daß sie dann wieder gesund und fröhlich werden können. Da will
+ich den Konrad hinbringen. Er hat's auch sonst nötig, denn er ist viel
+zu bleich und mager für so einen Buben. Da komme ich dann täglich zu
+ihm und sehe nach dem Fuß. Und schöne Bücher gibt's da und Spiele.«
+Der Herr Doktor hielt es für nötig, alles so schön auszumalen. Denn er
+war gewöhnt, daß sich die Kinder davor fürchteten, ins Krankenhaus zu
+kommen. Aber der Konrad saß mit leuchtenden Augen da, und man konnte
+ihm wohl ansehen, daß er mit dem freundlichen Herrn hingegangen wäre,
+wo dieser ihn hingebracht hätte.
+
+Vronik hatte zwar zu schlucken und zu drücken, daß keine Tränen
+heraufkommen konnten, denn sie wußte wohl, daß sie dann gar niemand
+mehr habe, wenn der Konrad fort sei. Aber als sie hörte, wie gut er
+es bekommen solle, da mußte sie sich so mitfreuen, daß sie fürs erste
+ihren eigenen Kummer ganz vergaß. Der Herr Doktor vergaß aber seine
+kleine Freundin nicht. Denn sie mußte ihm ja helfen, die traurige Frau
+in dem weißen Häuschen wieder fröhlich zu machen. Und er wußte schon
+lange, daß der liebe Gott dazu arme und reiche Leute untereinander
+auf der Welt sein läßt, daß sie Liebe aneinander üben sollen und alle
+reich und glücklich werden. So sagte der Doktor jetzt dem Konrad, daß
+er in einer Stunde mit dem Wagen kommen und ihn abholen wolle, und nahm
+dann Vronik bei der Hand. »Sag jetzt deinem Bruder Lebewohl,« sagte
+er freundlich. »Und laß dich's nicht zu sehr anfechten; ich will dann
+schon sorgen, daß du ihn bald wieder siehst. Was meinst du, wenn du
+inzwischen ein Kindsmädchen für unsere arme Gertrud würdest? Wenn du
+ihr noch öfters etwas singen würdest, daß sie doch auch eine Freude
+hat?«
+
+Vronik wurde dunkelrot vor Freude. Sie war im Pfleghof nie am Ohr
+gerissen, nie gestoßen und geschlagen worden. Aber daheim sein war
+wieder ganz anders, ganz anders. Und in dem weißen Häuschen konnte man
+daheim sein, das hatte das Kind diesen Morgen beim Erwachen gefühlt.
+
+Sie klammerte sich einen Augenblick fest an Konrad an und flüsterte
+ihm zu: »Jetzt kommt's. Alles kommt. Die Mutter hat's gut gewußt. Freu
+dich nur, Konrad, jetzt wird alles noch viel schöner, man weiß noch gar
+nicht, wie schön es wird.«
+
+»So, und jetzt behüt dich Gott,« sagte der Herr Doktor liebreich zu
+Vronik. »Geh jetzt nur ganz fröhlich auf den Pfleghof. Da hast du ganz
+recht, es kommt alles, wie es gut ist, man muß nur ein wenig warten
+können. Du wirst dann schon hören, was weiter kommt.«
+
+Und Vronik ging und besann sich wieder nicht lange, wie es weiter
+komme. Denn sie wußte ja schon, daß eins ums andere ganz von selber
+komme und sie gar nichts dazu zu tun brauche. Im Pfleghof schnatterten
+die Enten und die Gänse, als Vronik ankam. Der Daniel und das Regele
+spielten vor dem Haus und die Ahne saß bei ihnen und sagte: »Eine
+ordentliche Tracht Schläge hättest du schon verdient diesmal. Wenn
+man in der Nacht herumläuft und vor anderer Leute Haus schläft anstatt
+in seinem Bett.« Vronik machte sich nun schnell an ihre Arbeit und
+tat alles, was man ihr auftrug, so willig, daß der Bäuerin und den
+Mägden der Ärger bald wieder verging und sie zueinander sagten: »Für
+einmal hat sie genug am Fortlaufen, das sieht man deutlich. Man muß
+sie nur ein wenig drunten halten, daß sie daran denkt, daß man sie um
+Gottswillen im Haus hat. Dann kommen ihr keine hoffärtigen Gelüste
+mehr. So eins soll nur froh sein, wenn es überhaupt weiß, wo es
+hingehört.«
+
+Es war am Nachmittag des andern Tages. Vronik saß in der Küche und
+hatte eine riesige Schüssel voll Kartoffeln vor sich, die sie schälen
+sollte. Die Obermagd hatte schon zweimal den Kopf durchs Fenster
+hereingestreckt und nachgesehen, ob die Arbeit noch nicht fertig sei.
+Denn sie hatte auch noch Wünsche, und dann hatte die Ahne heraussagen
+lassen, es sei die höchste Zeit, daß ihr die Vronik ein Weilchen die
+Kinder abnehme. Vronik mußte sich tüchtig rühren, um fertig zu werden.
+Aber es war heute ganz gut für sie. Denn das Heimweh regte sich immer
+stärker in dem Kinde. Der Konrad war fort und der Herr Doktor mit. Und
+niemand hatte nach Vronik gefragt. Wie gern wäre sie nur geschwind nach
+dem weißen Häuschen gelaufen, nur um zu sehen, daß es noch dastehe und
+alles noch gut kommen könne. Aber das war ihr streng untersagt worden.
+Darum war es ganz gut, daß Vronik so viel zu tun hatte, daß nur immer
+eine Arbeit nach der andern abgetan werden mußte und gar keine Zeit zu
+müßigen Gedanken blieb.
+
+Jetzt waren die Kartoffeln fertig, und Vronik kehrte die Schalen
+zusammen, um sie den Schweinen zu bringen, da hörte sie plötzlich eine
+wohlbekannte Stimme. »Ich möchte mit der Bäuerin selbst reden,« sagte
+Frau Behrens, denn sie war es, die im Hof draußen sprach zu der Magd,
+die da hantierte. Vronik stand wie angewurzelt. Sie wäre am liebsten in
+den Hof geeilt, denn sie fühlte wohl, daß Frau Behrens ihretwegen kam.
+Aber man hatte noch nicht nach ihr gefragt, und hier im Hause war sich
+Vronik in einemfort bewußt, daß sie nicht zur Familie gehöre. Da wagte
+sie sich nicht so hervor. So blieb sie denn am gleichen Fleck stehen,
+bis die Fremde in der Wohnstube verschwunden war und die Obermagd
+hereinrief: »Was ist denn eigentlich mit dir? Ich glaube, du schläfst
+am hellen Tag und mit offenen Augen wie die Hasen.«
+
+Da raffte Vronik ihre Arbeit zusammen und ging in den Stall und von
+da in den Keller und auf den Heuboden, wo man sie hinschickte. Aber
+ihr Herz klopfte stark, und ihre Gedanken waren immer in der großen
+Wohnstube. Was würde man über sie beschließen? Wann würde man sie
+hineinrufen? Sonst konnte sie nichts mehr denken. Da rief die Stimme
+der Ahne von der Haustüre her über den Hof hin: »Wo steckt nur auch das
+Mädchen? Vronik, geh einmal her, man muß etwas mit dir reden.«
+
+Vronik konnte kaum antworten, so stark klopfte ihr Herz. Aber dann
+kam sie doch mit eiligen Schritten heran und folgte der Ahne in die
+Wohnstube. Die Bäuerin saß mit Frau Behrens auf dem lederbezogenen
+Sofa und sah die Vronik nicht eben sehr freundlich an. »Ich meine dann
+nicht, daß du es schlecht gehabt hast bei uns,« sagte sie zu ihr.
+»Gekocht wird genug alle Tage, und niemand mißt den Leuten das Brot
+vor. Und ich denke, so als Gottswillenkind hättest du es schlechter
+antreffen können als bei uns.« -- »Das glaube ich gern,« fiel Frau
+Behrens rasch ein. »Aber Sie brauchen die Veronika ja nicht, das sagen
+Sie selbst. Und mir könnte das Kind ein Trost und eine Freude sein.
+Veronika, komm einmal her zu mir,« fuhr sie, zu Vronik gewendet, fort.
+»Siehst du, ich könnte dich notwendig brauchen und mein armes Kind
+auch. Und wenn dir's recht ist, dann kannst du bei mir daheim sein.«
+Vroniks Augen glänzten. Ihr kam es nicht so wunderbar vor, wie der
+Bäuerin und der Ahne, daß der liebe Gott es der einsamen, traurigen
+Frau ins Herz gegeben hatte, sich das Waisenkind ins Haus zu holen. Sie
+legte vertrauensvoll ihr braunes Händchen in die zarte, weiße Hand der
+Frau Behrens.
+
+»Ja, das will ich gern,« sagte sie. »Die Mutter hat's schon gewußt, daß
+es dann noch einmal gut kommt.«
+
+Frau Behrens hatte das nicht immer gewußt, das wissen wir schon. Aber
+das tut nichts. Der liebe Gott weiß es ja besser als wir alle, wie er
+uns helfen kann. Er hatte jetzt in ihr verzagtes Herz hinein eine neue
+Zuversicht gegeben, jetzt konnte es immer noch besser kommen.
+
+ * * * * *
+
+Es war ein halbes Jahr später. Seit Vronik an der Hand ihrer neuen
+Beschützerin aus dem Pfleghof nach dem Waldhäuschen gezogen war, hatte
+der Schnee Wald und Flur bedeckt, hatte den Pfad nach dem Dorfe und
+den grünen Waldweg fast ungangbar gemacht und die kleine Familie dort
+draußen ganz nah um den warmen Ofen versammelt. Es waren aber keine
+sehnsüchtigen, traurigen Gesichter mehr, die da unter dem schönen
+Bild des guten Hirten beisammen waren. Frau Behrens hatte es noch nie
+bereut, daß sie das Gottswillenkind in ihr Haus geholt hatte. Wenn
+die Hängelampe brannte und die lebensgroßen Bilder von Hellmuth und
+Irma fast noch lebendiger als am Tage von der Wand heruntersahen, so
+starrte die Mutter jetzt nicht mehr unbeweglich vor sich hin, dazu
+hatte sie gar keine Zeit mehr. Sie mußte die kleine Gertrud pflegen
+und versorgen, denn das tat sie jetzt immer selbst. Und Gertrud hatte
+noch allerlei Neues dazu gelernt, seit sie an jenem Morgen bei Vroniks
+Gesang gelächelt hatte. Sie konnte das Köpfchen ein wenig heben, konnte
+einen Ton hervorbringen, der wie »Mama« klang, und konnte mit den
+Händchen an einer Troddel spielen, die von der Decke herabhing. Die
+Mutter und Vronik fanden immer wieder etwas Neues zu bewundern, und
+Ursula teilte den Jubel getreulich. Ja, und Vronik! Es tat einem wohl,
+sie nur anzusehen, so wohl war es ihr in der neuen Heimat.
+
+Das Singen hatte sie nicht verlernt, denn das übte sie täglich, und
+es kam ihr jetzt recht von innen heraus, so fröhlich konnte sie sein.
+Und noch viel anderes lernte sie dazu, denn die Mutter wollte ihr eine
+rechte Mutter sein, und sie wollte eine geschickte, fleißige Tochter
+heranziehen. Sie hatte es immer besser verstanden, was es heißt, wenn
+man ein Kind um Gottswillen aufnimmt, und sie wurde immer fröhlicher
+und dankbarer dabei.
+
+Die Dorfleute konnten jetzt nicht mehr sagen, daß die fremde Frau nicht
+»bei Trost« sei, denn Frau Behrens konnte jetzt sogar noch andere
+Menschen trösten, die betrübt und in Not waren. Es war schon manches
+Arme hungrig in das weiße Häuschen gegangen und war satt und froh
+wieder herausgekommen.
+
+ [Illustration]
+
+Jetzt schmolz der Schnee, und der Frühling kam wieder. An den Rainen
+guckte überall das grüne Gras heraus, und an sonnigen Stellen blühten
+schon Gänseblümchen und sogar Veilchen. Die Vogesen hatten zwar noch
+weiße Schneekappen auf den hohen Gipfeln, aber sonst schimmerte die
+schöne Rheinebene schon in frischem Grün. Es konnte einem recht wohl
+zumute werden, wenn man in das schöne Land hinaussah. Auf dem Bänkchen
+vor dem Hause saß Vronik oder vielmehr Veronika, wie sie jetzt hieß,
+denn die Mutter sprach den schönen Namen gern ganz aus. Sie hatte ein
+Strickzeug in den Händen, und während die Nadeln eifrig klapperten,
+sang sie ein fröhliches Liedchen dazu. Und danebenher konnte Veronika
+noch ganz gut den Weg zum Dorfe übersehen, dort schien sie nach
+jemand auszuschauen. Der ließ denn auch nicht lang auf sich warten.
+Es war der Briefbote, der immer um diese Zeit mit den Zeitungen ankam
+und der ein ganz guter Freund von Veronika war. Denn oft brachte
+er auch Briefe mit in seiner ledernen Tasche, und es war schon hie
+und da vorgekommen, daß einer an das kleine Mädchen dabei gewesen
+war. Der kam allemal vom Konrad, und es war darum kein Wunder, daß
+Veronika so oft den Weg hinuntersah, wenn es Zeit für den Briefboten
+war. Denn die Kinder hielten auch jetzt noch getreulich zusammen,
+obgleich sie einander fern waren. Heute streckte der Briefbote schon
+von weitem einen Brief in die Höhe, als er Veronika auf dem Bänkchen
+erblickte. Er hatte selbst auch Kinder, und es freute ihn immer, wenn
+er sah, wie fröhlich das arme Gottswillenkind aufblühte in seiner
+neuen Heimat. Veronika ließ das Strickzeug fallen, daß der Garnknäuel
+über den Boden hinrollte, und rannte mit großen Sprüngen dem Boten
+entgegen. »O vom Konrad!« rief sie schon von weitem. »Gib ihn her,
+er ist an mich.« Die Mutter stand lächelnd am Fenster und nickte
+dem Boten freundlich zu. Sie trug jetzt eine weiße Schürze auf dem
+schwarzen Kleide und eine kleine weiße Krause am Hals. Kein Mensch
+hätte mehr die traurige Frau vom vorigen Jahr erkannt. »O Mutter,«
+rief Veronika während des Lesens, »es kommt so viel Schönes, man kann
+gar nicht alles aufzählen.« Und sie schwang den Brief hoch in der Luft.
+
+ »Liebe Vronik!« schrieb Konrad.
+
+ »Diesmal mußt Du staunen, das weiß ich sicher. Denn ich muß Dir sehr
+ viel sagen. Wenn ich noch acht Tage damit gewartet hätte, so hätte
+ ich Dir alles selbst erzählen können. Und das wollte der Herr Doktor
+ eigentlich auch gern haben, denn er freute sich darauf, daß er dann
+ Dein vergnügtes Gesicht sehen könnte. Aber ich kann nicht mehr warten.
+ Und wenn wir kommen, gibt es auch noch genug zu freuen, das habe ich
+ dem Herrn Doktor gesagt. Also das weißt Du, daß mein Fuß wieder ganz
+ gut ist. Es hat lang gedauert. Aber es war mir eigentlich ganz recht,
+ denn ich glaubte immer im stillen, wann ich dann gesund sei, so müsse
+ ich wieder zu dem Lammwirt oder sonst so. Ich mochte es zu keinem
+ Menschen sagen, nicht zu Schwester Lore und nicht zu dem Herrn Doktor.
+ Aber als sich beide so freuten, daß die Wunde endlich heile, da konnte
+ ich gar nicht mehr vergnügt sein. Ich mochte kein Buch mehr ansehen
+ und nicht essen und nicht spielen. Denn ich dachte immer: ›Jetzt ist
+ ja doch alles aus.‹ Da kam einmal der Herr Doktor, ließ mich im Saal
+ auf und ab marschieren und sagte dann: ›Ja, da ist nun nichts mehr
+ zu tun für den Doktor, der Bub ist gesund. Das kann einen freuen.‹
+ Ich habe vielleicht kein sehr erfreutes Gesicht gemacht, Vronik, denn
+ ich hätte nächstens angefangen zu weinen, weil ich glaubte, jetzt
+ schicke mich der Herr Doktor wieder zurück. Da sagte er aber: ›Und da
+ habe ich denn gedacht, wenn du doch wieder so gut gehen kannst, so
+ könntest du mir deine Füße ein wenig leihen, denn die meinigen wollen
+ nicht mehr so recht fort.‹ Und dann sagte er mir, daß er mich mit
+ sich in sein schönes Haus nehmen und in die Schule schicken wolle.
+ Und in den Freistunden solle ich dann im Garten helfen, denn der Herr
+ Doktor ist ein ganz besonders geschickter Gärtner. Du hast oft gesagt,
+ Vronik, ich soll's nicht immer wieder vergessen, daß der liebe Gott
+ alles machen kann, und daß er an uns denkt. Und die Mutter hat's auch
+ immer gesagt. Und ich hab's doch vergessen und war so betrübt in der
+ Zeit. Vielleicht kann ich's jetzt gut behalten. Denn das hat doch
+ sicher der liebe Gott gemacht, daß ich's jetzt so gut habe und so viel
+ lernen kann. Mein Herr Doktor hat in seinem Schlafzimmer einen Spruch
+ hängen, der heißt: ›Wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der
+ nimmt mich auf.‹ Jetzt schäme ich mich gar nicht mehr wie früher, daß
+ ich ein Gottswillenkind bin. Solch einen großen Brief habe ich noch
+ nie geschrieben. Aber ich mußte es Dir alles sagen. Und am nächsten
+ Sonntag kommen wir beide, mein Herr Doktor und ich, auf Besuch zu
+ euch. Ich will sehen, ob Du auch sagst, daß ich so stark gewachsen
+ sei. Man wird es schon erleben können, bis ich dann groß bin.
+
+ Jetzt grüßt Dich Dein treuer Bruder Konrad.«
+
+ * * * * *
+
+Das war alles schon vor zehn Jahren. Seither hat sich äußerlich
+nichts an dem weißen Häuschen verändert, wenn man nicht die vielen
+blühenden Pflanzen, die vor allen Fenstern stehen, für eine Veränderung
+gelten lassen will. Hinter dem Hause, ja, da ist das dichte Gestrüpp
+ausgerottet und ein freundliches Gärtlein ist erstanden mit einer Laube
+und blumigen Rabatten und mit sauberen Gemüsebeeten. An einem hellen,
+sonnigen Sommermorgen hantiert ein blühendes, junges Mädchen fleißig
+darin. Sie hat dicke, braune Zöpfe, die ihr den Rücken hinabhängen und
+singt leise ein Liedchen vor sich hin zu ihrer Arbeit. Wär's nicht an
+dem, so könnte man die magere, bleiche Vronik von einst nicht mehr
+erkennen, so groß und stattlich ist sie geworden und so rund und
+rot sind ihre Wangen. Vom Bücken sind sie jetzt fast so rot wie die
+Monatrettiche, die sie aus der Erde zieht und triumphierend in die Höhe
+hält. Unter der Türe steht eine Frau mit freundlichem, liebreichem
+Gesicht, die bewundernd die Hände zusammenschlägt ob den wohlgeratenen
+Früchten des Gartens. »Wenn du jetzt kommen könntest, Veronika,« ruft
+sie dann. »Es ist warm genug für Gertrud, um in der Sonne zu sitzen.
+Und du kannst sie leichter heben als ich, das weißt du.« »Will's
+meinen, Mütterlein,« erwidert Veronika fröhlich. »Das soll mir niemand
+abnehmen.« Und sie läuft eilig dem Hause zu.
+
+Gertrud ist nicht mehr das elende Kindlein, das wir vor zehn Jahren
+im Wagen liegen sahen und dessen größtes Kunststück es war, mit den
+Händchen zu spielen.
+
+Es ist ein feines, bleiches Gesichtchen immer noch, das von den Kissen
+des bequemen Lehnstuhls aufsieht, als Veronika eintritt. Aber es
+strahlt ihr zu, wie einst bei dem ersten Gesang des Gottswillenkindes.
+Das Lächeln hat Gertrud nicht mehr verlernt, ja, man kann manchmal ein
+leises, fröhliches Lachen von ihr hören. Jetzt ist Gertrud dreizehn
+Jahre alt. Ihre Glieder sind immer noch schwach, sie kann nicht allein
+gehen und stehen. Aber es fällt der Mutter nicht mehr ein, zu sagen,
+das Kind sei sich selbst und ihr zum Jammer auf der Welt. Nein, das
+blasse, zarte Mägdlein ist so recht der Mittelpunkt des ganzen Hauses
+geworden. Wenn sie so still und geduldig daliegt in den Zeiten, wo sie
+Schmerzen am Rücken und in den Gliedern hat, und wenn sie an leichten,
+guten Tagen sich an jedem Blümlein freut und an jedem Sonnenstrahl,
+dann streicht die Mutter oft sachte mit der Hand über das blonde Haar
+und sagt: »Mein Trostkind.« Denn dann fällt es ihr wieder ein, wie
+an jenem Sonntagabend der alte Herr Doktor gesagt hatte: »Das Kind
+kann ihnen noch ein rechter Trost werden.« Und das ist nun auch wahr
+geworden. Sie wollen alle beide gern und fröhlich ihre Last tragen, die
+Mutter und das Kind, sie haben ja doch einander, und »der liebe Gott
+wird wissen, warum er mich so sein läßt und nicht anders,« sagt Gertrud
+zuversichtlich, wann es der Mutter doch einmal schwer fallen will,
+daß ihr Töchterlein nicht fröhlich herumspielen, nicht stark und groß
+werden soll, wie Veronika und all die andern Kinder des Dorfes.
+
+Veronika hat es nie anders gewußt, als daß man dem lieben Gott
+ganz fröhlich vertrauen könne, und so hat sie es ganz einfach und
+natürlich auch dem Schwesterlein Gertrud wieder gesagt, als es nach
+und nach heranwuchs und doch zart blieb. Und Gertrud, die nie schwere
+Schulaufgaben lernen konnte, hat doch ihre eigene Lebensaufgabe
+gut begriffen, die manchen als das Allerschwerste erscheint, was
+man lernen kann, nämlich ohne Fragen und Zagen dem lieben Gott zu
+vertrauen, auch wenn er es anders macht, als wir gern möchten. Aber
+heute ist Sonnenschein auf der Welt draußen, und Gertrud soll hinaus
+und freut sich schon darauf. Sie läßt sich so gern anscheinen und ganz
+durchwärmen und sieht so gern den Schwalben nach, die oben an der
+Dachrinne nisten, wenn sie hinausfliegen in die schöne Welt und sich
+hoch, hoch im Blau verlieren.
+
+Veronika hat heute nicht zum erstenmal das Amt, Gertrud hinauszubetten,
+das kann man wohl sehen. So leicht und sachte stützt und hebt sie das
+schwache Kind, so bequem legt sie es in den Stuhl, der schon eine
+ganze Weile im Sonnenschein steht -- kein Mensch könnte sorglicher und
+geschickter damit umgehen. Die Mutter weiß es wohl. Sie hat schon oft
+im stillen dem lieben Gott gedankt, daß er ihr das verlassene Kind
+zugeführt hat, das ihr nun zur Hilfe und Freude herangewachsen ist.
+Ursula ist schon seit Jahren nicht mehr in dem weißen Häuschen. Ihre
+alten Eltern riefen sie nach Hause. »Ich ginge ja nicht, ich verließe
+meine Gertrud nicht,« sagte sie beim Abschied unter Schluchzen, »aber
+Veronika kann sie besser versorgen als ich, das muß man ihr lassen.«
+Jetzt hantiert ein junges Mägdlein aus dem Dorfe im Haus und in der
+Küche. Und Veronika geht es immer noch manchmal, wie einst im Pfleghof,
+daß sie mehr Arme und Füße brauchen könnte, um alles auszuführen, was
+getan sein sollte. Denn die Mutter ist oft recht schonungsbedürftig.
+Die schweren Zeiten sind doch nicht spurlos an ihr vorübergegangen.
+Aber es ist ein fröhliches Schaffen für Veronika, und das haben wir
+schon gehört, sie singt immer noch zu ihrer Arbeit.
+
+Der Briefbote, der ist in all den Jahren ihr immer besserer Freund
+geworden. Denn er trägt ja immer noch in seiner Tasche die Nachrichten
+von dem fernen Bruder zu ihr. Konrad ist kräftig herangewachsen in
+der guten heimatlichen Luft, die ihn bei seinem Herrn Doktor umgab.
+Er hat auch fleißig gelernt und gute Zeugnisse mitgebracht. Aber als
+es dann Zeit war, an einen Beruf zu denken, da stellte es sich doch
+heraus, daß er sein Latein am liebsten dazu verwenden wollte, seine
+lieben Blumen und seltenen Pflanzen mit gelehrten Namen zu nennen. Er
+wollte ein Gärtner werden. »Aber einer aus dem Fundament.« sagte der
+Herr Doktor. Und das erste Fundament, die Liebe zu den Pflanzen und das
+Verständnis für ihr Wachsen und Gedeihen, das hatte der Herr Doktor
+selbst in den Konrad gelegt. Die beiden waren hie und da miteinander
+in den Schwarzwald gereist und hatten in dem weißen Häuschen fröhliche
+Feiertage erlebt. Jetzt ist Konrad in der Fremde, um da und dort noch
+Neues zu seinem schönen Handwerk hinzuzulernen. Und seine Briefe sind
+immer die Freude der Schwester und ihr Glück. Sie pflegt inzwischen
+die Blumen in den Töpfen am Fenster, sein Vermächtnis. Denn es ist ihr
+Stolz, sie recht üppig und gedeihlich zu erhalten, bis Konrad dann
+wieder einmal kommt. Wenn die Zeit kommt, daß die Geschwister einmal
+ganz zusammenleben, das kann noch niemand sagen. Aber das tut nichts.
+Sie wissen beide, daß es kommt, wie es gut ist. Und sie wollen gern ihr
+Lebenlang »Gottswillenkinder« bleiben, nämlich solche, die fröhlich in
+der guten Zuversicht leben: »Sein Will', der ist der beste.«
+
+
+
+
+ 7. Zweierlei Reichtum.
+
+
+Der Bandweber Hartmann wohnte in einem niedrigen Häuschen, das zwischen
+zwei hohen Gebäuden so eingeklemmt stand, als ob es jetzt gleich
+erdrückt werden sollte. Gerade gegenüber stand ebenfalls ein hohes
+Haus, das mit seinen hellen blanken Fenstern, an denen luftige Vorhänge
+befestigt waren, vornehm auf das kleine Häuschen heruntersah. Zwar
+blanke Fenster hatte das auch, nur waren sie niedrig, wie alles an dem
+Häuschen, und statt der eleganten Vorhänge waren nur ganz kleine, kurze
+Vorhängchen dran, solche, die man Neidhämmel heißt. Sie waren nur zum
+Schutz da, daß nicht alle Leute, die vorbeigingen, durch die Fenster in
+die Stube sehen konnten.
+
+Es war Abend und die Familie saß um den Tisch, auf dem schon das
+dampfende Essen stand. Die Mutter hatte den kleinsten Buben auf dem
+Schoß und hatte nur immerfort den Breilöffel aus dem Teller ins
+Mäulchen des Kleinen und von da wieder in den Teller zu führen,
+so hungrig war der Dicke. Die größeren Kinder warteten noch, denn
+die Mahlzeit sollte, erst beginnen, wann der Vater kam. Man hörte
+immer noch den Webstuhl rasseln, an dem er arbeitete, und die Mutter
+schüttelte ein wenig den Kopf: »Er macht heute wieder lang keinen
+Feierabend.« Dann sagte sie zu Mariele, dem größten Töchterlein: »Geh
+einmal hinein und frag den Vater, ob er noch nicht komme!« »Ja und ich
+sag auch, daß man gebrannte Suppe hat und Kartoffeln und Butter,« sagte
+Mariele noch im Hineingehen, »das ist sein Leibessen!«
+
+Es war eine ziemlich lebhafte Unterhaltung am Tisch. Paul, der
+neunjährige Schüler, hatte ein glänzendes Zwanzigpfennigstück in der
+Hand und beriet schon seit einer halben Stunde mit dem jüngeren Eugen,
+was man damit anfangen könne. Es war ein ziemlich schwieriger Fall,
+denn es kam fast nie vor, daß eins der Kinder Geld in der Hand hatte
+zur freien Verfügung. Heute aber war Pauls Patin dagewesen und hatte
+ihm das Geldstück ausdrücklich mit dem Bemerken gegeben: »Du mußt dir
+etwas dafür kaufen, was dir Freude macht.«
+
+ [Illustration]
+
+Eugen hatte vorgeschlagen, sieben Laugenbretzeln dafür zu kaufen
+oder dann eine große Wurst. Denn das dünkte ihm die beste Verwendung
+für das Geld zu sein. »Aber wenn man's gegessen hat, ist's vorbei,«
+sagte Paul verständig, und das mußte auch zugegeben werden. »Einen
+Gummiball möchte ich auch schon lang und ein rotes Federnbüchschen.
+Oder einen Bleistift zum Einschieben mit einem Radiergummi dran.
+Oder eine Farbenschachtel, aber zu dem langt das Geld nicht.« Paul
+mußte tief aufseufzen. Denn man konnte das Geld nur einmal ausgeben,
+und solang man es in der Hand hatte, war noch die Wahl zwischen all
+den begehrten Dingen offen. »O wenn ich nur eine große Kiste voll
+Zwanzigpfennigstücke hätte,« brach er auf einmal los. »Dann könnte ich
+alles kaufen, was ich möchte, und noch vieles andere. Auch für dich,
+Mutter, und für den Vater und die Kleinen.«
+
+Die kleinen Geschwister horchten mit glänzenden Augen. Es war sehr
+genußreich, sich auszudenken, was man alles um eine Kiste voll
+Zwanziger kaufen könnte.
+
+»Gelt, Mutter, das wär' recht, wenn wir das hätten?« wandte sich nun
+Paul an die Mutter, die eben anfing, den Kleinen auszuziehen, der
+seine Äuglein kaum noch offen halten konnte. Die Mutter sah ein wenig
+müde aus. Sie hatte den ganzen Nachmittag gebügelt und dazwischen den
+kleinen Laden besorgt. Jetzt sagte sie nur: »Es gäbe noch vieles, was
+einem recht wäre, man kann aber auch so vergnügt und zufrieden sein!«
+Paul war nicht so ganz zufrieden mit der Antwort. Die Mutter sagte
+immer so etwas Ähnliches, wenn man sich manchmal gern gewünscht hätte,
+ein wenig reicher zu sein.
+
+»Und wenn wir alles hätten, was wir jetzt gern möchten,« sagte sie oft,
+»dann fiele uns auf einmal noch etwas ein, was wir auch noch wollten
+und dann noch etwas und dann wären wir erst nicht glücklich, weil wir
+ja doch nicht alles haben können.«
+
+»Aber Mutter,« hob Paul noch einmal an, »viel Geld haben ist auch
+schön. Die Hofrats drüben haben viel. Der Alfred hat zu seinem
+Geburtstag eine Uhr bekommen, die ganz richtig geht, und eine Kette
+dazu. Und einen Schlitten haben sie mit einer Eisbärendecke und mit
+silbernen Glöckchen.« »Ja,« fiel Eugen ein, »und heute hat der Konditor
+eine Schokoladentorte ins Haus hineingetragen. Der Erich ist unter der
+Haustüre gestanden und hat noch das Gesicht verzogen und gesagt: ›Das
+mag ich erst nicht besonders.‹«
+
+Die Kleinen staunten. Denn das dünkte ihnen der Gipfel des Guthabens zu
+sein, wenn man nicht einmal mehr Schokoladentorte möge.
+
+Die Mutter hatte nichts mehr erwidert, sie hatte genug mit dem Kleinen
+zu tun, und jetzt kam der Vater herein. Er sah fröhlich aus, denn er
+war froh, daß er sein Tagewerk vollendet hatte, und freute sich nun,
+die Kinder alle so gesund und rotbackig um den Tisch her sitzen zu
+sehen. »Jetzt soll mir's aber schmecken,« sagte er. Dann sprach er das
+Tischgebet und die Mahlzeit konnte beginnen.
+
+Eine Weile hörte man nur die Löffel hin- und hergehen. Aber lang
+dauerte die Stille nie in dem lebhaften Kinderkreis. »Vater, morgen ist
+Examen in der Schule,« fing Mariele an, »die Eltern sollen auch kommen.
+Kommst du?«
+
+»Das werde ich wohl lassen müssen,« sagte der Vater, »die Arbeit eilt
+gerade und dann, da sind andere Leute genug. Vornehmere und klügere,
+die würden schön aufsehen, wenn ich käme.« Mariele war ein fleißiges
+und begabtes Kind und die Eltern schickten sie in eine gute Schule,
+damit sie etwas Tüchtiges lernen solle. Sie kam auch gut voran, das
+Lernen machte ihr Freude, aber da gab es daneben noch etwas zu lernen,
+das manchmal sehr bitter war. Denn in der Schule waren so viele Kinder
+wohlhabender Eltern, die schönere Kleider und Bücher hatten und in
+schöneren Häusern wohnten. Und da kam sich das Mariele manchmal ein
+wenig beklagenswert vor, wenn es nicht auch Geburtstagsvisiten halten
+und hübsche Geschenke machen und von schönen Ausflügen erzählen konnte,
+wie die andern Mädchen.
+
+»Das tut nichts,« sagte die Mutter zwar. »Wir haben so viel Vergnügen
+daheim, daß wir sonst gar nichts brauchen. Martha Heinrichs wäre
+glücklich, wenn sie ein nettes, kleines Brüderlein zu hüten hätte wie
+unser Fritz ist. Und Hofrats Ella, was meinst du, wie die sich freuen
+würde, wenn ihre Eltern mit ihr und den Brüdern am Sonntag spazieren
+gehen und abends Gesellschaftsspiele machen würden? Du hast soviel
+Gutes, daß man gar nicht alles aufzählen kann, wenn man anfängt.«
+
+Mariele gab das aber nicht immer zu. Es ging ihr wie Paul. Viel Geld
+haben ist aber auch schön! Und sie dachte sich gern aus, wie herrlich
+das wäre, wenn sie des reichen Hofrats Töchterlein wäre und all die
+schönen Sachen besitzen könnte, die der Ella gar nicht so viel Freude
+zu machen schienen. Natürlich die Eltern müßten mit dabei sein und die
+Geschwister.
+
+Daß man nicht alles Gute auf einmal haben kann, sah Mariele noch nicht
+recht ein, und was das beste von allem ist, was alle Menschen haben
+können, das verstand sie auch noch nicht so recht. Die Mutter verstand
+es, aber sie dachte, sie wolle es den Kindern nur immer an sich selber
+zeigen, wie man vergnügt und zufrieden sein könne, dann würde ihnen das
+so gefallen, daß sie dann von selber auch anfangen würden, darnach zu
+streben.
+
+Dem Vater ging es auch so. Er war den ganzen Tag an der Arbeit am
+Webstuhl, und wenn dieser recht rasselte, so sang er gern mit seiner
+schönen vollen Stimme ein Lied dazu und das machte ihn immer wieder
+fröhlich, wenn er auch manchmal ein wenig sorgenvoll war.
+
+Die Mutter besorgte den Hausstand, und so oft das Glöckchen an der
+Ladentür bimmelte, ging sie da hinaus und bediente die Kunden. Man
+konnte neben den selbstgewobenen Bändern auch noch Knöpfe und Faden und
+Nadeln in dem Laden haben. Die Leute kamen gern zu der freundlichen
+Frau, und so war immer alles Nötige in dem kleinen Häuschen. Die
+Schüsseln waren immer zur rechten Zeit auf dem Tisch und auch genug
+darin für die hungrige Kinderschar.
+
+»Ich kann's nicht begreifen, daß der Erich so etwas Gutes nicht gern
+ißt,« sagte jetzt Eugen, der völlig satt war und dem nun wieder die
+Torte vorschwebte. »Aber ich kann,« sagte der Vater. »Wenn du einmal
+ein paar Tage in eine Kammer voll süßer Sachen eingesperrt würdest und
+sonst nichts bekämest, als nur Torte und dergleichen, dann hättest du
+für lange Zeit genug davon, und ein Stück schwarzes Brot käme dir dann
+als der größte Leckerbissen vor.« Die Kinder lachten und hätten gern
+einmal die Probe gemacht. Dann wurden die Schulaufgaben vollendet,
+die Mutter brachte inzwischen die kleinen Buben und das dreijährige
+Lieschen zur Ruhe und dann kam die Reihe des Zubettgehens an die
+Großen.
+
+»Mutter, singst du uns noch etwas? gelt, ja?« bettelten die Brüder. Das
+war der größte Genuß, den es geben konnte, behaglich zugedeckt im Bett
+zu liegen und den schönen Liedern der Mutter zu lauschen, bis man daran
+einschlief.
+
+Die Mutter wollte gern. Sie machte den Kindern gern eine Freude, und
+ein schönes Lied machte sie selbst immer wieder frisch und munter. So
+setzte sie sich zwischen die Betten und fing an:
+
+ »Wie herrlich ist's, ein Schäflein Christi werden
+ Und in der Hut des treusten Hirten stehn!
+ Kein schönrer Stand ist auf der ganzen Erden,
+ Als unverrückt dem Lamme nachzugehn.
+ Was alle Welt nicht geben kann,
+ Das trifft ein solches Schaf bei seinem Hirten an.«
+
+Bei den ersten Tönen des Liedes hatte der Vater seine Zeitung weggelegt
+und andächtig zugehört. Dann griff er nach der Flöte, die an der Wand
+hing, und als die Mutter den zweiten Vers anfing, begleitete er sie
+mit weichen, lieblichen Tönen. Das Lied hieß weiter:
+
+ »Hier findet es die angenehmsten Auen,
+ Hier wird ihm stets ein frischer Quell entdeckt,
+ Kein Auge kann die Gnade überschauen,
+ Die es allhier in reicher Fülle schmeckt,
+ Hier wird ein Leben mitgeteilt,
+ Das unaufhörlich ist und nie vorüber eilt!«
+
+Die Mutter horchte nach den Betten hin. Aus denen der Buben drangen
+tiefe regelmäßige Atemzüge. Das Lied hatte sie in den Schlaf gewiegt.
+Mariele rief halblaut aus ihrem Kämmerlein: »Das war schön! Gute Nacht,
+Mutter!« Dann wurde alles still. Der Vater drückte der Mutter die Hand.
+
+»Ich wollte, die Kinder wüßten, wie gut sie es haben,« sagte er. »Sie
+werden's schon noch einsehen lernen,« sagte die Mutter freundlich. »Wir
+haben's ja auch nur nach und nach gemerkt!«
+
+ * * * * *
+
+Aus dem stattlichen Nachbarhause drang auch Musik in die stille Nacht
+hinaus. Rauschende, volle Klänge von Geigen und einem prachtvollen
+Flügel waren es. Die hohen Fenster warfen trotz der Verhüllung einen
+hellen Schein auf die Straße und hinter den Vorhängen schwebten
+tanzende Gestalten vorüber. Es war der Geburtstag des Herrn Hofrat
+und eine vornehme Gesellschaft war zu der Feier desselben eingeladen.
+Als die Nachbarskinder in ihren Bettchen dem Gesang ihrer Mutter
+lauschten, wurden die drei Kinder dieses Hauses eben von Fräulein
+Weiß, Ellas Erzieherin, in den Empfangssalon geführt, um sich der
+Gesellschaft vorzustellen. Sie waren im schönsten Staat und durften
+sich, als sie allen Bekannten höfliche Knixe und Diener gemacht hatten,
+im Speisezimmer an ein zierlich gedecktes Tischchen mit allerlei guten
+Sachen setzen. »So, ihr dürft euch selbst vorlegen,« sagte Fräulein
+Weiß. »In einer Viertelstunde hole ich euch zu Bett. Seid artig und
+manierlich und laßt's euch schmecken! Ella, mache dir keine Flecken in
+das Kleid!« Damit ging sie und die kleine Tafelrunde war sich selbst
+überlassen.
+
+Das wäre nun an sich ein seltener Genuß gewesen. Denn die Kinder
+speisten sonst nie allein, sondern immer mit Fräulein Weiß oder auch
+manchmal mit den Eltern.
+
+ [Illustration]
+
+Ella hätte nun das Hausmütterchen machen und die Brüder versorgen
+können. Aber sie hatte ein wenig Zahnweh und dann war sie auch böse auf
+Erich, der gesagt hatte: »Du benimmst dich wie ein Affe.« Sie hatte
+zwar darauf gesagt: »Und du dich wie ein Bär,« aber sie glaubte doch
+noch mit Recht zu zürnen, denn Erich war wirklich ein wenig zu plump
+und Ella hatte doch schon Tanzstunde und wußte, wie man auftreten
+mußte.
+
+Alfred allein horchte auf die Musik und saß ganz ruhig da, denn er
+liebte Musik über alles. Er sagte zu den beiden Streitenden nur: »Seid
+doch endlich still, daß man auch zuhören kann,« und davon wurden sie
+zwar still, aber nicht vergnügt.
+
+Alfred war der Älteste von den drei Kindern. Er war schon zwölf Jahre
+alt und ein sehr strebsamer Schüler, den man nie zum Lernen zwingen
+mußte, wie Ella und Erich, die alle beide nicht viel Geschmack daran
+fanden. Erich mochte sich am allerliebsten im Stall bei den Pferden
+aufhalten oder auch mit andern Kindern seines Alters auf der Straße
+spielen. Daß er beides nicht sollte, ärgerte ihn fortwährend und so
+war er selten vergnügt zu sehen. Ella war immer ein wenig bleich und
+mager und erkältete sich sehr leicht, so daß sie dann öfters die
+Schule versäumen mußte. Deshalb hatte sie nun seit einiger Zeit eine
+eigene Erzieherin, die ihr im Haus Stunden gab, mit ihr im Wagen oder
+Schlitten ausfuhr und auch die Brüder beaufsichtigte.
+
+Denn die Mama hatte nur sehr selten Zeit, nach den Kindern zu sehen.
+Sie mußte immer sehr viele Besuche machen und es kamen auch so oft
+Gäste ins Haus und blieben noch da, wenn die Kinder längst schliefen.
+Da war dann die Mama morgens meist sehr müde und mußte Ruhe haben und
+so kam es, daß die Kinder fast immer mit Fräulein Weiß zusammen waren.
+Das heißt, die Brüder gingen ja in die Schule, aber wenn sie dann nach
+Hause kamen, so saßen alle drei zusammen im Lernzimmer und machten ihre
+Aufgaben und nachher konnten sie sich mit den vielen schönen Büchern
+und Spielsachen vergnügen, die in den hohen Schränken hinter grünen
+Vorhängen bereit waren. Es war auch ein hübscher Garten hinten am Haus,
+mit schön gepflegten Blumenbeeten und einem Springbrunnen. Er zog
+aber die Kinder nicht so sehr an, weil da nicht viel Gelegenheit zum
+Spielen und Lustigsein war. Nur Alfred setzte sich manchmal mit seinen
+Büchern in die Rosenlaube, da konnte er ganz ungestört lernen. Jetzt,
+im Winter, konnte man das freilich nicht tun und Alfred hatte an diesem
+Abend schon mehrmals Fräulein Weiß zu Hilfe holen müssen, weil es ihn
+störte, wenn Erich und Ella neben ihm laut sprachen und sich auf ihre
+Weise vergnügten. So war die Gesellschaft an dem kleinen Tischchen im
+Speisezimmer nicht so vergnügt, als man hätte denken können. Und als
+Fräulein Weiß wieder kam, um mitzuteilen, daß es nun Schlafenszeit
+sei, dachte sie bei sich selbst, sie möchte wohl wissen, was man noch
+anfangen müsse, um diese verdrossenen Gesichter hell und fröhlich zu
+machen.
+
+Fräulein Weiß liebte die Kinder so auf ihre Art, sie wußte es nur nicht
+recht zu zeigen und dachte, wenn man, wie diese Kinder, alles um sich
+her habe, was man sich nur Erfreuliches denken könne, so müsse man auch
+vergnügt und befriedigt sein, oder es sei dann nicht zu helfen.
+
+Sie zündete jetzt den Brüdern das Licht in ihrem Schlafzimmer an, gab
+Ella ein schmerzstillendes Mittel gegen das Zahnweh und zog sich dann
+auch zurück.
+
+»Du, Alfred,« fing Erich an, als er mit einem großen Sprung sein Bett
+eingenommen hatte, »ich gehe nicht mehr hinunter, wenn so was ist wie
+heute. Es ist schauderhaft langweilig!«
+
+»Bei dir ist alles schauderhaft langweilig, was ein wenig fein ist,«
+sagte Alfred weise. Er mochte sehr gern belehrend mit den jungen
+Geschwistern sprechen.
+
+»O, dir war's auch langweilig, du sagst's nur nicht,« beharrte Erich.
+»Der Ella auch. Es ist zwar fast alles langweilig; ich möchte am
+liebsten Pferdebahnkutscher sein oder dann Seemann. Eins von beiden.«
+
+»Das sieht dir ähnlich,« sagte Alfred etwas verächtlich. »Natürlich,
+wenn man zweitletzt ist in der Klasse und außerdem der reinste
+Gassenbub. Will der Paul Hartmann auch Kutscher werden? Mit dem hast du
+ja so eine große Freundschaft.«
+
+Erich war zuerst ein wenig zornig aufgefahren, als Alfred so von oben
+herunter sprach. Aber als dieser dann den Nachbarsohn nannte, wurde er
+auf einmal wieder ruhig und lachte wohlgefällig. »Ja der,« sagte er,
+»der und Kutscher! Der ist anders gescheit! So viel kann fast keiner
+in der ganzen Klasse, wie der Hartmann. Schon zweimal hat er ein
+Prämium gekriegt. Und erst noch ein ganz netter Kerl ist's, gar kein
+Tugendbold!«
+
+Das letzte sollte auf Alfred gemünzt sein, der sich immer sehr
+vollkommen vorkam.
+
+Dieser tat aber gar nicht, als ob er es merke, sondern zog sich ruhig
+vollends aus und suchte ebenfalls sein Lager auf.
+
+Erich war aber noch nicht gesonnen, sich zum Schlafen hinzulegen. »Du,
+Alfred,« begann er nochmals, »bei Hartmanns ist's erst noch nett! Du
+kannst's glauben! Die Buben haben in ihrem Hof so eine nette Mühle,
+die man von der Wasserleitung treiben lassen kann. Ihr Vater hat ihnen
+daran geholfen. Und abends und Sonntags machen sie alle zusammen
+Spiele. Es ist ihnen nie langweilig.« »Mir auch nicht,« bemerkte
+Alfred. »Ja, aber weißt du,« fuhr Erich unbeirrt fort, »Papa kann ja
+natürlich nicht ›Schwarzer Peter‹ spielen und so Sachen, Mama auch
+nicht, das könnte ich mir nicht denken. Aber nett ist das doch, ich
+wollte, es wäre bei uns auch so.«
+
+»Sag's zu Fräulein Weiß, sie soll mit dir spielen,« schlug Alfred vor.
+»Die muß, wenn wir wollen, ich glaube schon, daß sie Domino kann und so
+etwas.«
+
+Erich sah groß auf. »Sie habe ich nicht gemeint,« sagte er dann
+und drehte sich gegen die Wand. Er hätte gern noch etwas anderes
+erzählt. Die Buben drüben konnten jederzeit zu ihrer Mutter gelangen
+und ihr alle Schulgeschichten und alles, was sie wollten, erzählen.
+Und sie nahm an allem Anteil, so wichtig, als ob sie selbst noch mit
+Steinnüssen spielen und in der Schule hinauf- oder hinunterkommen
+könnte. Aber Erich wollte es nun doch nicht sagen. Er schloß nur die
+Augen und fing an, sich auszudenken -- was, wußte er am andern Morgen
+selbst nicht mehr.
+
+ * * * * *
+
+Fräulein Weiß ging rastlos durch das ganze Haus. Treppauf, treppab,
+so oft, daß man es gar nicht zählen konnte. Sie trug ganze Lasten
+von Kleidern und Wäsche zusammen, alle in ein Zimmer zu ebener Erde,
+wo große Koffer standen, die gepackt werden sollten. Minna, das
+Stubenmädchen, saß am Fenster und stichelte eifrig drauf los, und
+die Frau Hofrätin saß in einem blauen Morgenrock auf einem niedrigen
+Stühlchen und überwachte alle Arbeiten, die in diesem Zimmer vor sich
+gingen. Heinrich, der Diener, schloß soeben einen gepackten Koffer
+und Fräulein Weiß sagte aufatmend: »So, ich denke, nun ist hier alles
+beisammen, Minna und Sie können ebenfalls anfangen zu packen.«
+
+Es war nicht das Amt von Fräulein Weiß, all die vielen Sachen, die
+man zu einer Reise braucht, aus Kisten und Kasten zusammenzutragen.
+Aber die Sache hatte Eile, da mußte sich jedes beteiligen. Denn der
+Herr Hofrat hatte eine Reise nach Italien zu machen, zum Teil in
+Geschäften. Und nun hatte er sich auf einmal entschlossen, diese
+Reise nicht, wie er anfangs wollte, in wenigen Tagen auszuführen und
+dann wieder heimzukehren, sondern er wollte nun etwa fünf bis sechs
+Wochen fortbleiben und seine Frau sollte ihn begleiten. Für diese
+lange Zeit war nun vieles erforderlich, und der Frau Hofrätin fiel
+immer noch anderes ein, was man mitnehmen mußte. Dazwischen hatte sie
+noch viele Vorschriften zu geben für die Zeit ihrer Abwesenheit, und
+Fräulein Weiß, die das ganze Haus überwachen sollte, hatte gewiß schon
+fünfzigmal gesagt: »Jawohl, Frau Hofrat, das soll genau so geschehen,
+wie Sie wünschen!« Sie wußte nächstens selber nicht mehr, was sie alles
+versprochen hatte.
+
+Oben im Lernzimmer war großer Aufruhr. Der Papa hatte die wichtige
+Neuigkeit erst vorhin verkündigt und heute Nacht schon wollten die
+Eltern abreisen. Jetzt waren die drei Geschwister allein. »Und gerade
+noch über Weihnachten bleiben sie fort,« sagte Ella kläglich, und Erich
+fügte hinzu: »Ja und dann wird man sehen, wie langweilig es bei uns
+ist. Ich wollte nur --« Das übrige verschluckte er, denn die Mama trat
+ein.
+
+»O, o Mama,« rief ihr Ella entgegen, »warum sollen wir ganz allein mit
+Fräulein Weiß bleiben? Das ist schrecklich!«
+
+Und Alfred sah von seiner Zeichnung auf und sagte: »Weshalb soll ich
+nicht mitkommen? Papa hat mir schon lang eine Reise versprochen. Sag
+doch, daß ich mitdarf!«
+
+»Du bist nicht klug, mein Junge,« sagte die Mama. »Wir reisen soviel
+hin und her, da können wir dich gewiß nicht gebrauchen.«
+
+»Wir werden selbst sehr froh sein, wenn wir glücklich zurück sind.
+Und auf Weihnachten kommt eine große Kiste an mit schönen Sachen. Ihr
+werdet sehen, was das für eine Lust sein wird, sie auszupacken.«
+
+Diese Aussicht beschwichtigte die aufgeregten Gemüter wieder etwas.
+Man konnte sich so herrliche Dinge wünschen, die in der Kiste ankommen
+sollten, und die Mama versprach, sich alles zu merken.
+
+
+ * * * * *
+
+Es war noch drei Tage bis Weihnachten. Draußen wirbelten die
+Schneeflocken so lustig in der Luft herum, als ob eine zur andern sagen
+wollte: »Freust du dich?« und die zweite zur dritten: »Wie magst du nur
+fragen?«
+
+Wenn es aber auch selbstverständlich ist, daß man sich freut, so ist es
+einem doch manchmal eine Erleichterung, wenn man so fragen kann. Denn
+die freudige Erwartung läßt sich eher aushalten, wenn man sich immer
+wieder versichert, daß es anderen Leuten ganz gleich geht, wie einem
+selbst.
+
+Es war also nicht zu verwundern, daß die Hartmannschen Kinder in diesen
+Tagen immer wieder die gleiche Frage aneinander stellten. Jetzt eben
+ging es sehr festlich her im Hause. Der Laden war eben geschlossen
+worden und der Webstuhl rasselte auch nicht mehr, aber der Vater war
+doch noch in der Werkstatt, und die Mutter hatte ihm soeben mit ganz
+geheimnisvollem Lächeln heißen Leim in einem Pfännchen hineingetragen.
+Natürlich durfte ihr keines der Kinder dorthin folgen, denn der Vater
+hatte mit dem Christkindchen Geheimnisvolles zu schaffen. Es war aber
+auch ohnehin jedes emsig beschäftigt. Denn heute wurden Springerlein
+gebacken und das konnte nur geschehen, wenn alle Kinder mithalfen,
+die Teigschüssel beim Rühren hielten, den Anis auslasen und zuletzt,
+aber das war nur den drei Großen gestattet, mit kleinen Teigstückchen
+wunderbare Gebilde aus den tiefen Mödeln hervorbrachten.
+
+Dieses Werk ging in der Küche vor sich, und Tante Luise führte hier
+den Vorsitz. Tante Luise war die Schwester des Vaters und war heute
+angekommen, um über die ganzen Feiertage, bis nach dem Neujahrsfest
+dazubleiben. Ihr Dasein erhöhte die Festfreude sehr, denn man konnte
+sich keine heiterere Gefährtin bei allen Spielen denken, als sie war,
+und mit niemand, als natürlich mit der Mutter, konnte man so eingehend
+beraten, wie es dieses Jahr werden würde.
+
+Tante Luise war Lehrerin an einer Dorfschule, und nicht mehr jung. Sie
+hatte schon zu beiden Seiten der Stirne ein wenig graues Haar und mußte
+eine Brille tragen. Aber es fiel keinem Menschen ein, zu denken, sie
+passe nicht mehr recht zum Spielen und Geschichtenerzählen; behüte, sie
+war die allervergnügteste von allen, und sie wußte auch verdrießliche
+Leute damit anzustecken.
+
+Heute war außer ihren eigenen Neffen und Nichten noch ein
+Festteilnehmer bei dem wichtigen Werk anwesend. Erich, der
+Nachbarssohn, hatte sich's flehentlich von Fräulein Weiß erbeten, bis
+zum Abendessen hier bleiben zu dürfen.
+
+Man hatte in dem reichen Hause schon große Massen von feinem Konfekt
+gebacken, Erich wußte es. Aber das ging in der Küche vor sich, die im
+Erdgeschoß lag, und dorthin zog es die Kinder nie, denn da waren sie
+nur im Wege.
+
+Hier aber, bei Hartmanns, gestaltete sich alles zu einem Fest, und
+Erich fühlte sich nie wohler als in den niedrigen Räumen unter der
+vergnügten Schar.
+
+»Gelt, Tante, man muß noch dreimal schlafen, bis es Christtag ist?«
+fragte der vierjährige Ludwig zum soundsovieltenmal. »Wenn ich nur
+gewiß wüßte, ob ich eine Farbenschachtel bekomme,« seufzte Eugen und
+hüpfte vor Ungeduld von einem Fuß auf den andern. »O Tantele,« rief
+Mariele und schlang von hinten her den Arm um die Tante, »ist das nicht
+herrlich? ich bin mit allen Arbeiten fertig und,« flüsterte sie ihr ins
+Ohr, »ich habe für alle etwas, sogar für der Huberin ihr krankes Kind
+und für die Knorpsbuben!« Das Flüstern war etwas deutlich gewesen, Paul
+kam von der andern Seite heran und konnte desgleichen versichern, daß
+er das ganze Haus und noch darüber hinaus zu bedenken habe.
+
+»Ei seht, was wir für reiche Leute sind,« sagte die Tante
+wohlgefällig, und alle Kinder lachten. Denn das war ihnen ein ganz
+neuer Gedanke, daß sie reich sein sollten.
+
+ [Illustration]
+
+»Es ist mir ernst damit,« fuhr die Tante fort und sah ganz ernsthaft
+aus. »Wenn man hat, was man braucht, und sogar noch etwas zu
+verschenken, so ist man reich.«
+
+»Ja, aber es sind nur angemalte Papiersoldaten und gestrickte
+Pulswärmer und so Sachen,« sagten die Kinder ein wenig zaghaft, »reiche
+Leute schenken Geld her und ganze Körbe voll guter Sachen, es ist erst
+so eine Geschichte im ›Jugendfreund‹ gestanden.«
+
+Aber die Tante wußte herrlich zu trösten und nach und nach alle zu
+überzeugen, daß es eigentlich gar nicht so sehr darauf ankomme, ob man
+viel oder wenig herzugeben habe.
+
+»Wenn man nur spürt, daß es aus Liebe geschieht,« sagte sie, »das ist
+die Hauptsache.« Und damit mußte für heute die Sache erledigt sein,
+denn jetzt war das letzte Springerlein aufs Brett gesetzt, und es war
+hohe Zeit, daß die kleine Schar ihr Abendessen bekam und ins Bett
+geschafft wurde.
+
+Erich mußte nun auch nach Hause. Er konnte sich fast nicht trennen und
+zögerte immer noch ein wenig. Das fiel der Tante auf; es war ihr schon
+den ganzen Abend aufgefallen, daß er so still unter der lebhaften Schar
+gewesen war.
+
+»Wenn du willst, kannst du morgen wiederkommen,« sagte sie freundlich.
+»Du kannst uns helfen, silberne und farbige Sterne und Körbchen an
+unser Verschenkbäumchen zu machen.«
+
+Erich nickte glücklich und reichte der Tante die Hand, da bog sich
+diese plötzlich zu dem kleinen Buben herunter und küßte ihn auf die
+Stirne. »Grüße Fräulein Weiß, ich kenne sie gut,« sagte sie zum
+Abschied. »Und nun geh und freue dich auf das Christfest, ich komme
+dann einmal hinüber und sehe mir an, was dir das Christkind gebracht
+hat.«
+
+ * * * * *
+
+Das Christfest war gekommen und alles war so schön gewesen, wie nur
+einmal. Es war ans Tageslicht, oder vielmehr ans Christbaumlicht
+gekommen, was der Vater so geheimnisvoll in der Werkstatt geschafft
+hatte. Eine solch schöne Krippe mit einer ganzen Landschaft drum herum
+hatte noch keines der Kinder gesehen. Da war der Stall, ganz aus Rinde
+erbaut, mit einer Futterraufe für die Ochsen und Esel, und unter der
+Tür saß Maria und sah mit Joseph dem Jesuskindlein in dem heiligen
+Kripplein zu. Dann führte ein Weg über steinerne Felsen zu einem Moos-
+und Rasenplatz, wo die Schäflein weideten und Schäfer die Schalmei
+bliesen, und über einen kleinen See führte ein zierliches Brücklein,
+dem schritten von weitem her die Weisen aus dem Morgenlande zu. Und
+über dem Ganzen schwebte von der Decke herunter ein golden glänzender
+Stern, der funkelte im Christbaumlicht so hell wie die Augen der
+Kinder. Heute dachte niemand mehr daran, daß es vielleicht anderswo
+reichere Gaben und größere Pracht gebe. O nein, es konnte nirgends,
+nirgends schöner sein als hier. Und nichts war erfreulicher, als die
+neuen Mützen und Hosenträger der Buben und die rosafarbigen Schürzchen
+der Mädchen. Nur einmal, als man sich zum Gesang um den Vater mit der
+Flöte sammelte, zupfte Paul seinen Bruder Eugen am Ärmel. »Du, jetzt
+ist der Erich doch nicht gekommen. Er hat's doch versprochen.« Und
+Eugen gab zurück: »Vielleicht ist jetzt gerade die italienische Kiste
+angekommen, da wird er den ganzen Abend auszupacken haben.« Denn in den
+Gedanken der Kinder war die Kiste immer größer geworden, und stellten
+sie sich dieselbe ungefähr so groß wie ein Schilderhaus vor.
+
+ * * * * *
+
+Es war aber nicht die Kiste, die den Erich abgehalten hatte, zur
+Bescherung zu kommen. Als im Hartmannschen Hause der Christbaum brannte
+und alle in Liebe und Freude vereinigt waren, lag er im matt erhellten
+Zimmer zu Bett, und Minna, das Stubenmädchen, machte ihm Umschläge um
+die fieberheiße Stirne. Eben war der Arzt dagewesen, hatte den Kranken
+untersucht und gesagt: »Es wird wohl Scharlachfieber geben oder so
+etwas. Natürlich darf keines von den andern Kindern ins Zimmer.« Das
+war nun ein trauriger Heiligabend! Man hatte die Kiste, die richtig
+angekommen war, in den Saal getragen und den Kronleuchter angezündet.
+Der Christbaum stand schön geputzt auf dem Boden und reichte bis zur
+Decke. Aber es mochte ihn niemand anzünden. Alfred und Ella saßen
+am Boden vor der geöffneten Kiste, die allerdings sehr viel Schönes
+enthielt. Aber es war keine rechte Freude, das alles auszupacken, wenn
+Erich krank zu Bette lag, Fräulein Weiß sorgenvoll und bekümmert
+umherging und die Eltern in weiter Ferne waren. Für Ella war ein
+prachtvoller Anzug eines italienischen Bauernmädchens angekommen,
+alles in Samt und Seide und mit goldenen Behängen. Alfred bekam eine
+wertvolle Muschelsammlung, ein schönes Buch mit vielen Bildern und
+noch allerlei. Und dazwischen duftete es in allen Ecken nach Veilchen
+und Rosen, die zwischen den Gaben lagen, und der Boden der Kiste war
+ganz mit Orangen und Datteln ausgelegt. Mit fröhlichen Gefährten und
+in glücklicher Stimmung hätte es ein Genuß sein müssen, die Kiste
+auszupacken, und ich wüßte manchen, der da gern mitgetan hätte. Aber es
+fehlte den reichen Kindern beides. Fräulein Weiß hatte Erichs Anteil an
+den Geschenken auf die Seite getan und zu Alfred und Ella gesagt: »So,
+nun freut euch an den schönen Sachen; es gibt nicht viele Kinder, die
+so reich beschenkt werden.« Aber damit hatte sie den Kindern noch nicht
+gezeigt, wie sie es machen sollten, sich zu freuen. Und von selbst
+wußten sie es nicht recht.
+
+Man konnte es nicht anders verlangen von Fräulein Weiß. Sie war
+wirklich in schwerer Sorge wegen des kranken Erich und wußte nicht,
+ob sie den Eltern von der Sache schreiben sollte oder nicht. Dazu
+kam noch die Frage, wer den Kranken pflegen solle. Denn sich selbst
+ganz abzusondern vom Haus und den größeren Kindern, das erschien ihr
+unausführbar. Und dann hatte sie selbst auch noch nie Scharlachfieber
+gehabt und fürchtete sich ein wenig vor der Ansteckung.
+
+Da konnte sie denn nicht auch noch eine aufheiternde Gefährtin sein.
+Den Dienstboten bescherte sie die für sie bestimmten Geschenke ohne
+rechte Festfeier im Saal; dann sah sie ab und zu in das Zimmer hinein,
+wo der kranke Erich lag, zog sich aber jedesmal wieder rasch zurück,
+denn da besorgte für jetzt noch Minna das Nötige. Morgen mußte eine
+Pflegerin her, das hatte sich Fräulein Weiß schon ausgedacht.
+
+Alfred und Ella standen ein wenig verdrossen vor ihren prächtigen
+Sachen und hatten auch nicht recht Lust, all die Süßigkeiten zu
+versuchen, die in silbernen Körbchen auf dem Tisch standen. Sie hatten
+beide Heimweh, ohne daß sie es recht wußten.
+
+Da wurde auf dem Vorplatz eine freundliche Stimme hörbar. »Wo habt
+ihr denn das arme Büblein?« fragte Tante Luise, die vom Nachbarhaus
+herübergekommen war, als sie durch eins der Dienstmädchen von Erichs
+Krankheit gehört hatte. Tante Luise war von früher her gut bekannt
+mit Fräulein Weiß. Nun wollte sie ihr ein wenig beistehen in dieser
+Sorgenzeit.
+
+Ella öffnete neugierig die Türe und sah etwas erstaunt auf das fremde
+Fräulein. Aber Tante Luise war nicht so verlegen, wie ihre kleinen
+Neffen und Nichten den reichen Kindern gegenüber waren. Sie sah
+sogleich, um wieviel reicher und glücklicher die Kinder des kleinen
+Häuschens drüben waren, als die Kinder des reichen Hauses, die heute
+am Heiligabend allein und freudlos unter dem funkelnden Kronleuchter
+standen trotz der schönen Geschenke. Und in Tante Luisens Herzen wallte
+ein großes Mitleid auf.
+
+»Darf ich zuerst ein bißchen zu euch hereinkommen?« sagte sie
+freundlich und trat in den Saal. »Habt ihr die Christbaumlichter schon
+wieder ausgelöscht?« fragte sie erstaunt. »Ach nein, was seh' ich, die
+haben ja noch gar nicht gebrannt!« fuhr sie lebhaft fort. »Das müssen
+wir noch nachholen. Ich glaub's wohl, daß niemand dazu Zeit hatte,
+und auch keine Lust. Aber so traurig wollen wir doch nicht sein am
+Heiligabend. Christtag ist's doch, wenn auch der arme Erich krank ist.
+Der liebe Gott macht ihn hoffentlich bald wieder gesund. Ich will
+ihn helfen pflegen. Und jetzt singen wir zuerst ein Weihnachtslied,
+das könnt ihr doch?« Während sie das sagte, hatte Tante Luise schon
+angefangen, an dem hohen Baum die Lichter anzustecken. Nun brannten
+sie hell und licht, wie das ja alle Christbaumlichter tun, und Tante
+Luise sah sich fragend um: »Wollt ihr nicht auch den Diener heraufrufen
+und den Kutscher und vielleicht die Köchin? Die würden gewiß auch
+gern mitsingen.« »O ja, das würden wir gern,« sagte hier auf einmal
+Franz, der Diener, der sich gerade am Ofen zu schaffen gemacht hatte.
+Und er ging schnell, die anderen zu holen. Das war jetzt doch auch
+noch ein fröhlicher Kreis, der sich um das Klavier sammelte, und es
+klang feierlich in die Nacht hinaus: »Halleluja, denn uns ist heut ein
+göttlich Kind geboren.« Fräulein Weiß hatte sich auch eingefunden. Und
+wenn sie auch einen Augenblick dachte, daß das eigentlich ihre Sache
+gewesen wäre, so fühlte sie sich doch ein wenig erleichtert. Alfred und
+Ella wußten nicht recht, wie ihnen geschah. Zuerst hatten sie gedacht,
+Tante Luise sehe etwas einfach aus, lange nicht so elegant wie Fräulein
+Weiß oder gar die Mama. Aber es tat ihnen doch wohl, daß sie so frisch
+und lebendig da hereinkam und für eine richtige Christfeier sorgte, so,
+als ob sie schon lange im Hause sei. Jetzt kamen ihnen auch die Gaben
+der Eltern wieder begehrenswert vor, da Tante Luise sie so aufrichtig
+bewunderte. Zwar wunderte es Ella ein wenig, daß diese so viel
+Aufhebens von einem goldgerahmten Bildchen, Maria mit dem Jesuskind auf
+dem Schoß darstellend, machte. Der Anzug war doch gewiß viel kostbarer.
+Aber das schien Tante Luise gar nicht zu bedenken. »Das Bildchen hängen
+wir nachher über deinem Bett auf, Ella,« sagte sie. »Dann kannst du
+dich immer daran freuen. Und auf einmal ist dann die Zeit da, wo deine
+Mutter wiederkommt, und dann kannst du es gerade so machen wie das
+Jesuskindlein auf dem Bilde. Wenn du auch ein bißchen groß bist für ein
+Schoßkindchen,« fügte sie lächelnd hinzu.
+
+Ella schüttelte leise den Kopf. Das war doch wieder ein bißchen anders
+bei ihnen. Was wohl Mama gesagt hätte, wenn sie begehrt hätte, auf
+ihren Schoß zu sitzen? Aber das wußte ja Tante Luise nicht so genau.
+Sie kannte wohl nur das trauliche Familienleben in dem kleinen Häuschen
+drüben, wo die Mutter immer für alle zu haben war und sonst gar keine
+Pflichten hatte, als nur für ihre Lieben zu sorgen.
+
+Alfred hatte den Gesang mit seiner Violine begleitet. Jetzt sagte er:
+»Wenn Sie mich begleiten würden, würde ich gern noch ein Weihnachtslied
+spielen. Ich kann schon manches.«
+
+Es war ihm kaum schon einmal so erfreulich gewesen wie heute, daß
+er ein wenig Musik machen konnte. Denn in Gesellschaft durfte er ja
+noch nicht spielen, dazu hatte er noch nicht genug gelernt. Und im
+Lernzimmer oben waren nur die Geschwister und etwa Fräulein Weiß, und
+keins von ihnen hatte eine rechte Freude an seinem Spiel. Heute aber,
+wo er etwas zur Erhöhung der Festfreude beitragen konnte, machte ihn
+das stolz und glücklich. »So,« sagte Tante Luise, als der letzte Ton
+des Liedes »Stille Nacht, heilige Nacht« verklungen war, »nun will
+ich zu Erich gehen. Ich denke, ich bleibe die Nacht bei ihm. Seine
+Bescherung können wir erst später halten. Das könnt ihr beiden nun euch
+recht hübsch ausdenken.«
+
+Das war nun alles völlig neu, sowohl für die Kinder als für Fräulein
+Weiß. Denn es war keines von ihnen daran gewöhnt, so einfach fröhlich
+zu sein, so ohne besondere Veranstaltungen sich zu freuen und festlich
+zu fühlen. Und auch das nicht, was Tante Luise zuletzt noch gesagt
+hatte, nämlich sich darauf zu besinnen, womit man einander erfreuen
+könne. Aber es war ihnen allen angenehm und wohltuend gewesen, so zu
+sein wie heute abend. Fräulein Weiß gab Ella sogar einen Kuß, als diese
+warm zugedeckt im Bett lag, und sagte zu ihr: »Was meinst du, wenn wir
+morgen nachmittag den großen Kochherd herunterholten und einmal tüchtig
+kochten?« Und Ella wollte gern und besann sich noch im Einschlafen auf
+das Fest.
+
+Alfred hatte ein wunderliches Gefühl, als er allein in der Eltern
+Schlafzimmer trat, das er während Erichs Krankheit benützen sollte. Er
+war sich gar nicht mehr recht als Kind vorgekommen in letzter Zeit. Er
+wurde im Haus schon so viel als junger Herr behandelt, und alles, was
+kindlich war, hatte ihm langweilig geschienen. Aber er wußte nichts
+Rechtes, was ihn denn dafür hätte erfreuen können. Erich, ja der hatte
+Gefallen an Knabenspielen und allerlei lustigem Zeitvertreib, sei's
+auch nur mit dem Kutscher oder sogar mit Ella, dem empfindlichen
+Mädchen. Das kam Alfred immer ein wenig verächtlich vor. Und doch
+fiel es ihm noch hie und da ein, wie er einmal bei Hartmanns durch
+die zurückgeschobene Gardine gesehen hatte, wie die ganze Familie,
+sein Bruder Erich mitten darunter, sich um den Tisch geschart und das
+»Fuchs- und Hühnerspiel« um Nüsse eifrig betrieben hatte. Und wie ihn
+damals auch nach so etwas verlangt hatte, wenn er's auch nicht gestand.
+Als Erich damals nach Hause kam, hatte er ihn verhöhnt: »Willst du
+nicht lieber ganz da hinüberziehen, wenn dir das vornehm genug ist?
+Nüsse könntest du auch daheim haben und dann gleich mehr.«
+
+Und Erich hatte nur erwidert: »Du weißt etwas Rechtes vom Vergnügtsein!
+Da sei nur ganz still davon.«
+
+Das kam dem Alfred heute abend wieder in den Sinn. Es war wahr, er
+wußte etwas Rechtes vom Vergnügtsein! Und es stieg eine Sehnsucht in
+ihm auf, nach was, das wußte er selbst noch nicht so recht. Es ist nur
+gut, daß der liebe Gott besser weiß als die Menschenkinder, was ihnen
+fehlt. Er hatte jetzt auch Tante Luise herübergeschickt, damit man
+in dem reichen Hause erfahre, daß man ohne rechte Liebe und ohne die
+Zufriedenheit, die tief im Herzen wohnen muß, arm ist bei aller Pracht
+und Herrlichkeit.
+
+ * * * * *
+
+Es war an einem stillen, dämmerigen Nachmittag. Draußen wirbelte
+der Schnee in der Luft umher und legte sich dann leise und sachte
+auf die Erde, wo schon eine dicke, weiche Decke davon lag. Drinnen
+im Krankenzimmer saß Tante Luise an Erichs Bett, hatte den Arm um
+den kleinen Buben geschlungen und plauderte mit ihm von allerlei,
+was ihm schon lang am Herzen lag. So schön hätte sich Erich das
+Kranksein gewiß nicht träumen lassen. Die schlimmsten Fiebertage
+waren glücklich überstanden, davon wußte er nicht mehr viel, wußte
+kaum noch, daß ein paar Nächte lang eine Diakonissin an seinem Bett
+gewaltet und ihn gepflegt hatte. Das konnte er sich eher noch denken,
+daß am Tag Fräulein Weiß und Tante Luise miteinander abgewechselt
+hatten, und daß letztere ihn allemal wieder wie ein kleines Kind in
+den Schlaf gesungen hatte. Aber jetzt, jetzt konnte es der Erich gar
+nicht schöner begehren, als er's schon hatte. Denn er mußte zwar noch
+ganz ruhig im Bett liegen, aber das wollte er ja gern tun, wenn er
+dazu die allerbeste, liebste Gesellschaft hatte, die man sich denken
+konnte. Denn Tante Luise hatte wirklich ihre schönen Vakanztage dazu
+hergegeben, den kleinen Burschen zu verpflegen, der sie doch eigentlich
+gar nichts anging, nur weil er sonst nicht viel Liebe um sich her
+hatte.
+
+ [Illustration]
+
+Jetzt saß sie an seinem Bett, und Erich hielt ihre Hand fest, so,
+als wäre sie im Begriff, ihm gleich wieder zu entschlüpfen, und er
+müßte es mit seiner schwachen Kraft verhindern. Tante Luise dachte
+aber nicht ans Entschlüpfen. Sie hatte frische, rote Backen, denn sie
+war eben erst von einem Ausgang heimgekommen. Da sie der Ansteckung
+wegen nicht mehr zu ihren Angehörigen in das kleine Häuschen hinüber
+durfte, so hatten sie alle zusammen sich im Freien getroffen, am Saum
+eines kleinen Wäldchens in der Nähe der Stadt, wo die Kinder sich mit
+Schneeballwerfen belustigten und die die Großen in einer Schutzhütte
+miteinander plaudern konnten. »Und denk einmal, was wir für ein
+Genesungsfest ausgemacht haben!« erzählte Tante Luise, nachdem sie das
+alles berichtet hatte. »Weißt du, Alfred ist mein ganz guter Freund
+geworden und mit Ella ist das auch auf dem besten Wege. Da haben wir
+nun ein Fest geplant, zu dem wir alle Hartmannschen Kinder laden
+wollen. Das halten wir im Saal. Alfred will seine Laterna magica
+vorführen, so etwas haben die kleinen Buben noch nie gesehen. Und dann
+singe ich den Struwelpeter und Alfred geigt dazu. Natürlich gibt es
+dann auch etwas Gutes zu schnabulieren, und wir machen zusammen die
+hübschesten Spiele, die uns nur einfallen. Und zum Schluß zünden wir
+den Christbaum an. Denn das Christkind kommt dann erst noch zu dir. Es
+hat ja nicht herein dürfen,« setzte sie lachend hinzu.
+
+»Aber ~du~, Tante Luise, gelt?« sagte Erich vergnügt. Es war jetzt
+alles und jedes ein Fest, und er wunderte sich kaum noch, daß Alfred
+es nicht zu langweilig und zu gewöhnlich fand, den kleinen Buben vom
+Nachbarhaus seine Herrlichkeiten vorzuführen.
+
+Alfred hatte es ja nur nicht gewußt, wie man recht vergnügt sein könne.
+Und Erich war froh, daß nun jemand da war, um es ihm zu zeigen.
+
+Er hatte aber noch viel auf dem Herzen, was heute besprochen werden
+mußte. So fing er sogleich wieder an:
+
+»Wenn du nur immer dabliebest. Wenn du nur gar nie mehr in deine Schule
+müßtest. Du glaubst nicht, wie es bei uns ist. Dann sitzt Alfred
+mit seinem Buch am Tisch, und Ella gähnt hinter der Hand, weil sie
+Französisch lernen soll, und ich soll immer still sein und manierlich.
+Und Fräulein Weiß sagt dann jedesmal, wenn wir mit den Aufgaben fertig
+sind: ›So verdrießliche Kinder sind mir noch nie vorgekommen, wie ihr
+seid.‹« Tante Luise dachte einen Augenblick an die fröhliche Tafelrunde
+bei ihren Verwandten. Sie wußte wohl, wo es fehlte, daß es in dem
+reichen Hause niemals heiter zuging wie dort. Und sie konnte es nicht
+gut ertragen, wenn Kinder nicht so vergnügt waren, wie sie eigentlich
+sein konnten.
+
+»Ja, da möchte ich freilich manchmal dabei sein,« sagte sie liebevoll.
+»Da möchte ich schon hie und da nachsehen, wo das fehlt. Aber weißt
+du, ich kann dir doch ein Mittelchen sagen, daß es nicht so unlustig
+bleibt bei euch, wie seither. Fang du selbst einmal an, dir immer etwas
+Schönes auszudenken, das nun anzufangen ist. Zum Beispiel, bis die
+Eltern heimkommen; da kann man sich schon wieder besinnen, womit man
+sie erfreuen will, daß sie merken, ihr habt an sie gedacht, solang sie
+so herumreisen mußten mitten im Winter.«
+
+Erich horchte auf. Denn der Gedanke war ihm neu, daß es die Eltern am
+Ende freuen könne, wenn sie sähen, daß man an sie gedacht habe. Sie
+kamen ihm beide gar nicht recht eigen vor, so wie den Hartmannskindern
+Vater und Mutter. Und es dünkte ihn plötzlich ein Reichtum zu sein, daß
+er das auch habe.
+
+»Und,« fuhr Tante Luise fort, »Fräulein Weiß kann man auch zeigen,
+daß es denn schon noch verdrießlichere Kinder gibt, als ihr seid.
+Übernächste Woche ist ihr Geburtstag. Da soll ihr Alfred ein hübsches
+Gedicht machen, und du kannst ihr ein auswendiggelerntes hersagen,
+und ein bekränzter Kuchen müßte mir her an deiner Stelle und allerlei
+kleine Geschenke. Das kann man alles so vergnüglich gestalten, daß
+immer wieder ein Fest kommt, ehe man sich's versieht. Merk dir's nur,
+man muß nur alle Leute lieb haben, die um einen herum sind, dann kann
+es gar nie langweilig sein, weil einem dann immer etwas einfällt, das
+man ihnen zu Gefallen tun kann.«
+
+ * * * * *
+
+Es ist merkwürdig, aber es ist wahr: Ein liebevolles und fröhliches
+Gemüt ist wie ein Zauberstäbchen. Wen man damit berührt, der wird
+angesteckt. Und da Tante Luise allen Hausgenossen mit ihrem heiteren
+Wesen nahegekommen war, so fingen auch alle an, ihr ein wenig
+nachzustreben. Fräulein Weiß dachte immer: »Wenn ich auch so wäre, so
+wären gewiß alle vergnügter und ich mit.« Und sie bat den lieben Gott,
+sie auch so frisch und liebevoll zu machen. Und solche Bitten erhört er
+gern.
+
+Wenn aber alle zusammenhelfen, so muß man sich nur wundern, wie schnell
+es anders wird im Haus.
+
+Das Genesungsfest war gekommen. Die Frau Hofrat hatte gern erlaubt, daß
+die Kinder des Nachbarhauses eingeladen wurden. Denn sie war sehr froh,
+daß sie hörte, Erich habe die Krankheit so gut überstanden und Tante
+Luise habe ihn so gut gepflegt. Sie hatte nun allmählich auch Heimweh
+nach ihren Kindern. Fräulein Weiß hatte den sehr liebevollen Brief
+vorgelesen und gesagt: »So, nun können wir uns jeden Tag freuen, bis
+die Eltern kommen. Ich habe schon einen schönen Plan zum Empfang.« Denn
+Fräulein Weiß wollte jetzt nicht mehr warten, ob sich die Kinder von
+selbst freuten, sondern sie wollte ihnen den Weg dazu zeigen.
+
+Nun war die Familie Hartmann da. Erich hatte schon lang mit
+verlangendem Blick nach der Tür gesehen. Nicht nur wegen seines
+Freundes Paul. Der hatte ihn schon einmal besucht und Alfred hatte
+nachher gesagt: »Der Hartmann ist erst noch ganz nett. Man kann schon
+etwas mit ihm anfangen.« Das war ein großes Zugeständnis. Aber heute
+wartete Erich noch auf jemand anderes, der erst ganz zuletzt kam. Das
+war die Mutter, die den Kleinen trug. Sie kam auch sogleich zu dem
+bleichen Erich her und sagte liebreich: »Gottlob, daß du wieder so weit
+bist. Und jetzt wollen wir uns recht freuen.« Auf diesen Augenblick
+hatte Erich gewartet, denn er trug den Brief von seiner Mutter in der
+Tasche und nun zeigte er ihn mit großem Stolz. Er hatte das Gefühl, als
+ob ihn diese glücklichen Leute ein wenig bemitleideten. Und das war ja
+nun nicht nötig, wenn doch seine Mutter auch Heimweh nach ihm hatte!
+
+Jetzt war er erst recht imstand, das fröhliche Fest mitzugenießen.
+Vergnügtere Menschen hatte der elegante Saal wohl noch nie gesehen,
+soviele Gesellschaften schon darin gewesen waren. Heute kam die
+Fröhlichkeit recht von Herzen. Ella schloß große Freundschaft mit
+Mariele und sagte nur dazwischenhinein immer wieder: »O wenn ich nur
+auch so ein herziges Brüderlein hätte, wie dein Fritz ist. Das wäre
+mir dann schon noch lieber, als alle Puppen.« Und Mariele sagte ganz
+verständig darauf: »Ja, alles kann man auch nicht haben, sagte meine
+Mutter immer. Sonst fällt einem immer noch etwas ein und dann noch
+etwas. Und dann ist man erst nicht zufrieden.« Die Mutter mußte vor
+sich hin lachen, als sie dieses Zwiegespräch mit anhörte. Denn sie
+wußte gut, daß ihr Töchterlein manchmal gern getauscht hätte. Und sie
+wußte auch, daß alle großen und kleinen Leute von ihrem Vater im Himmel
+das bekommen, was gut für sie ist, und daß alle erst nach und nach
+lernen müssen, das allerbeste davon herauszufinden. Nämlich das, daß
+sie ganz getrost und zufrieden sein können, weil er für sie sorgt und
+sie lieb hat. Und die Leute, die das wissen, sind dann am reichsten von
+allen.
+
+ * * * * *
+
+Nun möchte man gern noch erzählen, daß Mariele von nun an ganz
+zufrieden und fröhlich gewesen sei, trotz ihrer einfachen Kleider und
+trotz den engen niedrigen Stuben und den vielen kleinen Geschwistern.
+
+Und daß die reichen Kinder von jetzt an ihre rechte Freude und
+Zufriedenheit darin gesucht hätten, einander Liebes und Gutes zu
+erweisen. Daß das Familienleben des großen Hauses nun so warm und innig
+geworden sei, wie das des kleinen.
+
+Aber das geht nicht nur so.
+
+Wenn ein Samenkörnlein anfängt zu treiben, so kommt zuerst ein zartes,
+hellgrünes Keimlein aus dem Boden. Und wer Augen dafür hat, der kann
+sich wohl daran freuen. Aber bis dann ein Halm hervorwächst und eine
+Ähre treibt, und die Ähre reif wird, das dauert noch lange.
+
+Und bei den Menschenkindern muß man auch warten, bis die Samenkörnlein
+aufgehen und Liebe und Freude daraus hervorwachsen. Wer weiß, was aus
+Erichs Krankheitszeit für fröhliche Saat aufwächst in den jungen und
+alten Herzen? Das muß man jetzt erst abwarten.
+
+Und wer weiß, was aus den schönen Liedern der Mutter und dem
+liebevollen Wesen der beiden Eltern und dem fröhlichen Gesicht der
+Tante Luise für ein Blumengärtlein treibt in dem kleinen Hause?
+Vielleicht erfahren wir's noch.
+
+Und einstweilen wollen wir unser eigenes Gärtlein pflegen. Denn wir
+sind alle reicher, als wir wissen.
+
+
+
+
+ 8. Gretels Ferientage.
+
+
+Gretel stand im Hof hinter dem Haus, sah durch das Eisengitter in das
+trübe Gäßchen, das da vorbeiführte, und war beschäftigt, ihr rotes
+Zopfband immer wieder um den Finger und wieder herunterzuwickeln. Das
+war keine besonders vergnügliche Beschäftigung, es konnte einen nicht
+wundern, daß Gretel gar kein sehr heiteres Gesicht dazu machte. Sie
+hätte gern etwas anderes getan, wenn sie etwas gewußt hätte. Aber das
+war gerade das Traurige, daß ihr kein Mensch sagen konnte, was sie mit
+ihrem Vormittag beginnen sollte. Gretel hatte Schulferien, heute war
+der zweite Tag davon, und vier Wochen lang sollten sie dauern. Sie
+hatte sich schon lange auf diese Zeit gefreut und immer ausgerechnet,
+wie lang es noch sei, bis sie komme, und nun fing sie gar nicht schön
+an. Alle Leute im Haus hatten ihre Beschäftigung. Der Vater ging gleich
+nach dem Frühstück ins Kontor, Bruder Ernst gleichfalls; die Mutter
+war fast den ganzen Tag im Laden, bediente die Kunden und regierte die
+Ladenfräulein. Da hätte sich Gretel auch sehr gern aufgehalten, aber
+das war ihr verboten. Es war so nett, zuzuhören, was die Leute sagten,
+und zuzusehen, wie sie sich Stoffe vorlegen ließen, wie sie wählten und
+kauften. »Aber das ist kein Aufenthalt für Kinder,« sagten die Eltern,
+und dabei blieb es. In der Küche regierte die Christine. Es war alles
+hell und glänzend sauber darin, nur schade, daß Christine so bärbeißig
+war und für Gretels Wunsch, ihr manchmal ein bißchen Gesellschaft zu
+leisten, immer die gleiche Rede hatte: »Kann keine Kinder unter den
+Füßen herum haben, bin froh, wenn ich fertig werde.«
+
+Dann war noch Lotte da, das Zimmermädchen. Die konnte ja nichts dagegen
+haben, wenn Gretel im Zimmer war. Aber heute war sie böse. Gretel
+hatte beim Aufräumen helfen wollen und dabei ein Glas vom Waschtisch
+zerbrochen und Wasser auf den frisch gewichsten Boden verschüttet. Und
+Lotte hatte gesagt: »Es gibt gewiß kein so unmüßiges, langweiliges
+Kind mehr, wie du eins bist. Wenn man so viel schöne Bücher hat und
+Spielsachen und so eine nette Häkelarbeit und es ist einem doch noch
+langweilig!«
+
+Nun stand Gretel da und seufzte. Sie hatte ein gutes Vesperbrot neben
+sich liegen und ein neues Kleid an und ihre Backen waren rot und rund.
+Und doch kam sie sich ein wenig beklagenswert vor. Sie hatte wohl auch
+Freundinnen, aber die waren zum Teil verreist und zum Teil wohnten sie
+in einem ganz andern Stadtteil; zum Spielen zusammen kommen konnte man
+da nicht. Der Hausknecht ging vorbei, er hieß Frieder und war sonst
+ein ganz guter Freund von Gretel. Heute brummte er: »Du hast gewiß die
+große Papierschere verschleppt, Gretel. Man kann sie nirgends finden,
+und nun soll ich sie verräumt haben.« Gretel hatte die Schere nicht
+gehabt, und daß Frieder nun auch noch unfreundlich gegen sie war,
+machte sie nicht vergnügter. Und sie dachte im stillen, es sei noch
+lang nicht das Ärgste, in der dumpfen Schulstube zu sitzen. Dort wußte
+man wenigstens den ganzen Tag, was anfangen.
+
+Da hörte sie auf einmal ein lautes, klägliches Geschrei. Es kam aus dem
+Gäßchen, das Gretel kaum je betrat, und in dem lauter alte, ärmliche
+Häuser standen. Ein kleines Geschwisterpaar kam aus dem nächsten Haus
+heraus. Es war ein Bube und ein Mädchen, und alle beide waren etwas
+schmierig anzusehen. Das Mädchen konnte etwa sechs Jahre alt sein und
+zog aus Leibeskräften das dreijährige Brüderlein hinter sich her, das
+auf krummen Beinen mühsam daher wackelte. Oben herunter schallte aus
+einem geöffneten Fenster eine scheltende Stimme: »Daß ihr mir nicht
+mehr unter die Augen kommt, bis ich euch rufe! Es ist ein Elend mit
+euch unnützen Dingern.«
+
+Und dann fingen alle beide Kinder wieder an zu weinen und aufs
+Geratewohl in das Gäßchen hineinzulaufen. Gretel mußte genau hinsehen.
+Sonst hatte sie sich nie um die Bewohner des Gäßchens bekümmert;
+vorne lag ihr Elternhaus an einem schönen, freien Platz, wo in gelben
+Sandwegen unter grünen Büschen gut gekleidete Kinder spielten, und wo
+hübsche Häuser standen, deren Bewohner ganz anders aussahen, als die
+»Gäßlesleut«. Aber heute war das anders. Gretel wußte ja auch nicht
+recht, wo sie hingehörte, da konnte sie mitfühlen. Sie drängte ihr
+Gesicht dicht an das Gitter und fragte das Mädchen: »Warum weinet ihr
+alle zwei?« Die Kinder blieben erstaunt stehen. Der Kleine rieb sich
+mit beiden Fäusten die Tränen im Gesicht herum, und das Mädchen sagte:
+»Weil wir immer auf d' Gaß sollen, und mein Fritzle hat so Hunger und
+ich einen bösen Finger.« Das war viel Jammer auf einmal. Gretel vergaß
+ganz, Mitleid mit sich zu haben. Sie streckte ihr Butterbrot durchs
+Gitter hinaus. »Da,« sagte sie, »ich kann mir wieder eins holen. Wenn
+ihr wollet, dann könnet ihr ein wenig in den Hof herein kommen. Der
+Tyras tut euch nichts.« Der Tyras war ein großer Hofhund, der in seiner
+Hütte an der Kette lag und verdächtig damit rasselte. Aber Gretel gab
+ihm nur im Vorbeigehen einen kleinen Schlag auf den zottigen Kopf. »Sei
+fein still,« sagte sie, »sonst haben die armen Kinder Angst.« Dann ging
+sie und öffnete das Türchen. Merkwürdig, auf einmal kam es ihr wieder
+in den Sinn, wie viel Gutes sie habe. Da war das kleine Gärtchen, das
+an den Hof anstieß. Es war nicht sehr sonnig, und viel Blumen gab es
+auch nicht darin. Aber es hatte eine Laube, und darin stand ein Tisch
+mit einer Schublade voll alten Spielzeugs, das längst unbeachtet dalag.
+Dorthin zog sie ihre Schützlinge. Fritz hatte längst seine Tränen
+getrocknet und sah mit großen Augen auf die neue Herrlichkeit. Gretel
+gab ihm einen Haufen farbiger Bauklötzchen und rückte ihm ein Kistchen
+vor die Bank hin. »Da, nun baust du einen Turm,« sagte sie. »Vorher
+kannst du noch das Butterbrot essen.« Das ließ sich der kleine Bursche
+nicht zweimal sagen. Das Mädchen hieß Sofie. Es sah fröhlich zu, wie
+der Kleine in sein Brot einbiß und wickelte daneben die Schürze um den
+entzündeten Finger.
+
+Gretel kam sich wie ein Mütterlein vor. »Bleibt einmal ruhig sitzen,«
+sagte sie. »Lotte hat eine gute Salbe, und ich will dir den Finger
+verbinden. Dann hole ich einen ganzen Pack farbige Flecke, und wir
+machen miteinander ein Kleid für meine Ida.« Letzteres war eine alte
+Puppe, die auch in der Schublade des Gartentisches lag und allerdings
+ein neues Kleid nötig hatte.
+
+Sofie kam sich vor wie im Traum. Sie ging noch nicht in die Schule,
+und es war jeden Tag ihre Pflicht, das Brüderlein zu hüten, und
+gezankt wurde sie auch jeden Tag. Die Mutter nähte Handschuhe für eine
+Fabrik, und der Vater war auch in einer Fabrik, und eigentlich sollten
+die Kinder nur zum Essen und Schlafen heimkommen. Da saßen sie denn
+meistens miteinander auf einer Hausstaffel und sahen zu, was sich auf
+der Straße ereignete, und das war nicht gerade viel. Und jetzt saßen
+sie in dem Gärtchen, das ihnen wunderschön vorkam, und das Mädchen in
+dem schönen blauen Kleid spielte mit ihnen, und man wußte gar nicht,
+was nun alles noch kommen würde.
+
+Für einmal begann nun ein fröhliches Spiel der drei miteinander.
+Fritzchens trübseliges Gesicht leuchtete hell auf, als ihm Gretel
+einen hohen Turm bauen half, den er dann mit glatten Kieselsteinen
+wieder einstürzen durfte. Und Sofie drückte die Puppe Ida so zärtlich
+an sich, daß Gretel großmütig sagte: »Du kannst sie behalten, ich
+habe noch viele.« Das neue Kleid war etwas mangelhaft geraten, man
+mußte es hinten künstlich zusammenbinden, daß es hielt, aber dem armen
+Kinde dünkte es ein Prachtstück zu sein. »Ja ganz behalten und mit
+heimnehmen?« fragte Sofie zaghaft. »Ja, freilich.« Gretel mußte ein
+wenig lachen. »Und heute Nachmittag kommet ihr wieder und alle Tage, so
+lang ich Vakanz habe.«
+
+Da ertönte im Haus die Essensglocke, Gretel mußte hinein, und aus
+dem hochgelegenen Fenster des trübseligen Hauses, in dem die Kinder
+wohnten, rief eine Männerstimme: »Wo steckt ihr nur auch? Flugs zum
+Essen!«
+
+Man konnte es kaum glauben, daß der Vormittag schon vergangen sei, der
+so trüb und langweilig begonnen hatte. Die armen Kinder waren noch
+nicht leicht so vergnügt ihre Treppen hinaufgestolpert wie heute, und
+sie hatten immer noch etwas zu erzählen und dann noch etwas, als sie
+dann mit Vater und Mutter am Tisch saßen. Die Mutter hatte das kleinste
+Brüderlein aus dem Wagen genommen. Sie sah auch ein wenig aufgeheitert
+aus, denn sie hatte heute vormittag so ungestört arbeiten können, wie
+schon lang nicht mehr. Der Kleine hatte geschlafen, und die beiden
+größeren Kinder hatten sich auch nicht blicken lassen. Und daß diese
+jetzt so vergnügt heimkamen, freute die Mutter auch. Sie wollte ja
+nicht böse sein und hatte ihre Kinder auch lieb, aber sie mußte helfen,
+Geld zu verdienen, da wußte sie oft nicht recht, wo anfangen, und schob
+dann die Kinder aus dem Weg, wo sie nur konnte.
+
+»Und heut nachmittag dürfen wir wieder kommen und alle Tage,« schloß
+Sofie ihren Bericht, und Fritz fügte hinzu: »Ja und ein Gesälzbrot
+kriegen wir; die Gretel hat's gesagt.«
+
+Daheim hatte man sich nicht wenig gewundert, als Gretel so vergnügt
+zum Essen kam. Sie hatte den ganzen langen Vormittag niemand belästigt
+und keinerlei Unfug angestiftet, und nun erklärte sie, daß sie auch
+am Nachmittag so viel zu tun habe, daß sie kaum wisse, wo beginnen.
+Die Mutter sah erfreut auf ihr Töchterlein. Sie war selbst so viel in
+Anspruch genommen, und es bedrückte sie oft, daß sie sich nicht mehr
+um Gretel annehmen konnte, und über diese Vakanzzeit hatte sie sich
+schon viele Gedanken gemacht. Jetzt sagte sie liebreich: »Das ist
+recht, Gretel, daß du so ein nettes Amt gefunden hast. Ich komme dann
+einmal zu euch hinaus und sehe nach, was das für Kinder sind und was
+ihr treibet. Und an einem Vesperbrot soll's auch nicht fehlen.« Das war
+der erste schöne Tag, und ihm folgten noch viele. Gretel hat niemand
+mehr langweilig und verdrießlich gesehen. Denn früh am Morgen mußten
+die Aufgaben gemacht werden, darauf hielt die Mutter streng. Und dann
+ließ sich Gretel mit großer Bereitwilligkeit zum Bäcker und Metzger
+schicken, denn es lag ihr daran, die mächtige Christine gut zu stimmen;
+es gab so oft etwas Gutes, das sie gern ihren Schützlingen bringen
+wollte.
+
+Diese standen, wenn Gretel hinunterkam, allemal schon wartend am
+Gitterpförtchen, jetzt immer mit glänzend sauberen Gesichtern und
+reinen Schürzen, und dann ging das Freudenleben immer wieder von neuem
+an. Das einjährige Brüderlein war jetzt auch oft dabei. Sofie hatte es
+eines Tages auf dem Arm gehabt und zaghaft gefragt: »Dürfen wir mit
+dem Kleinen auch noch herein? Ich muß ihn jetzt auch hüten!« Sie hatte
+nicht begreifen können, daß Gretel in hellen Jubel ausgebrochen war.
+Ihr kam es nie so besonders nett vor, den schweren Paul zu schleppen,
+und sonst wußte sie nichts mit ihm anzufangen. Gretel hatte sich aber
+schon lang ein kleines Brüderlein gewünscht, und nun trug sie in lauter
+Freude den kleinen Buben ins Gärtchen, spielte mit ihm am Sandhaufen,
+ließ sich die Haare von ihm zausen und erfand immer wieder neue
+Belustigungen. Sofie hatte nur zu staunen. So unterhaltend war ihr das
+Brüderlein noch nie vorgekommen. »Mutter,« sagte sie eines Tages beim
+Heimkommen, »die Gretel sagt, Paul sei das nettste Kindlein, das es
+geben könne, sie möchte es nur ganz behalten.« »Das glaube ich,« sagte
+die Mutter, »daß sie das möchte.« Sie nahm den Kleinen auf den Schoß
+und zog eins seiner blonden Löckchen über den Finger: »Aber wir geben's
+nicht her, gelt?«
+
+Die Mutter war überhaupt viel vergnügter seit einiger Zeit. Sofie
+fürchtete sich gar nicht mehr vor dem Heimkommen. Sie wußte nicht,
+daß die Mutter oft dachte, wenn andere Leute so eine Freude an ihren
+Kindern haben, so könne sie es wohl auch, denn ihr gehören sie ja doch
+zuerst. Und der Vater sah auch heiterer aus, wenn er heimkam, und
+jedes etwas Vergnügliches zu erzählen wußte, und die Kinder so sauber
+aussahen, und die Stube aufgeräumt war. --
+
+Es war an einem der letzten Ferientage, da kam Sofie eines Nachmittags
+allein an. »Wir können heut nicht kommen,« sagte sie. »Der Vater
+hat im Geschäft frei und jetzt machen wir einen Spaziergang alle
+miteinander. Man nimmt den Kinderwagen mit, und dann kommen wir
+vielleicht bis in den Wald.« Sofie sah stolz und glücklich aus und
+sprang lustig davon. Merkwürdig, Gretel war gar nicht betrübt, daß
+heute ihre kleine Gesellschaft nicht kam. Sie hatte heute morgen eine
+ihrer Schulfreundinnen entdeckt, die von der Reise zurück war, und
+es gelüstete sie nun stark, einmal wieder mit Mädchen ihres Alters
+zu spielen und zu plaudern. Sie war doch auch schon zehn Jahre
+alt, und den armen Kindern gegenüber war sie immer so eine Art von
+Mütterlein gewesen. So sah sie ganz vergnügt zu, wie die Familie drüben
+miteinander auszog, und als bald nachher die Freundin kam, meinte sie,
+noch nie so vergnügt gespielt zu haben, wie heute. Aber als Klara, so
+hieß die Freundin, von den Freuden ihrer Reise erzählte und ein wenig
+mitleidig sagte: »Dir wird's auch oft langweilig gewesen sein!« da
+schüttelte Gretel den Kopf. »Behüte,« sagte sie, »ich habe so viel
+Nettes erlebt, man kann es gar nicht aufzählen. Aber auf die Schule
+freue ich mich doch auch wieder.«
+
+Jetzt hat die Schule schon lang wieder angefangen, und wer weiß, ob
+Gretel nicht die nächste Ferienzeit irgendwo auf dem Lande verlebt.
+Denn eine liebe Tante hat sie schon lang eingeladen. Aber so oder so,
+vor Langeweile braucht sie sich nie mehr zu fürchten. Es gibt überall
+große oder kleine Leute, denen man eine Freude machen kann, es müssen
+nicht gerade ein paar arme »Gäßleskinder« sein. Und wer andern Freude
+macht, wird selber auch vergnügt, das weiß man schon lang, und Gretel
+weiß es auch.
+
+
+
+
+ 9. Wie Heini den Rückweg fand.
+
+
+Der Heini stand ganz oben auf der Bühne, sah zu einem kleinen
+Guckfenster hinaus und seufzte. Man hätte sich ein wenig wundern
+können, daß er seufzte, denn er sah gar nicht aus, als ob ihm etwas
+fehle. Er hatte dicke rote Backen und war stark und gesund. Und dazu
+steckte er in einem nagelneuen, blau und weiß gestreiften Anzug und
+neben ihm auf einer Kiste lag ein mächtig großes Butterbrot. Der
+kleine Eseltreiber, der unten am Haus vorbeizog, wäre glücklich
+gewesen, wenn er es gehabt hätte. Aber der Heini war noch eher geneigt,
+den Eseltreiber zu beneiden, als daß er sich selbst beneidenswert
+vorgekommen wäre. Denn der Hansjörg konnte doch mit seinem Esel nach
+Herzenslust die schönen Wälder durchstreifen und kam auf all die hohen
+Berge, die der Heini nur von unten ansehen durfte, und keine ängstliche
+Tante rief den ganzen Tag hinter ihm drein: »Heini, geh mir ja nicht zu
+weit! Heini, iß nur ja keine Beeren im Wald! Falle mir nur ja nicht an
+der Ruine hinunter!«
+
+So arg, wie sich das der Heini nun ausdachte, war es in Wirklichkeit
+auch nicht. Er steigerte sich nur jetzt unmutig in den Gedanken hinein,
+daß er zu bedauern sei, und wenn man das tut, so vergißt man dann ganz,
+wie viel Gutes und Schönes man hat.
+
+Heini war seit vierzehn Tagen hier in einem wunderschön gelegenen
+Luftkurort im Schwarzwald. Seine Tante hatte ihn mitgenommen und er
+sollte die ganze lange Sommervakanz hier zubringen dürfen. Sein Name
+stand gedruckt in der Fremdenliste: Heinrich Speidel aus Stuttgart.
+Und Heini hatte die Liste mit Stolz an seinen besten Kameraden nach
+Hause geschickt und fühlte sich sehr als Badegast. Dazu bewohnte er
+ein kleines Stübchen ganz allein und konnte darin treiben, was er nur
+wollte. Zu Hause teilte er das Zimmer mit den beiden jüngeren Brüdern,
+und ein eigenes Kämmerchen war schon lang seine Sehnsucht. Daheim
+hatte man vom Fenster aus nur den Metzgerladen gegenüber gesehen,
+hier brauchte Heini nur im Bett die Augen zu öffnen, um dann schon
+die prächtigen, bewaldeten Vorberge des Blauen zu sehen, auf denen
+zum Teil noch Ruinen alter Ritterburgen waren. Diese Aussicht war
+wirklich etwas sehr Erfreuliches; wäre sie nur nicht gar so verlockend
+gewesen! Den Heini trieb Tag und Nacht das Verlangen, einmal selbst
+auf diesen Gipfeln zu sein, in dem alten Gemäuer umherzustreichen und
+dann vielleicht wunderbare Entdeckungen zu machen. Aber die Tante hatte
+ihn bis jetzt immer auf später vertröstet. Sie war ein wenig leidend
+und sollte in den ersten Wochen ihres Aufenthalts nicht so große Wege
+machen. Und sie wollte den achtjährigen Buben durchaus nicht, wie er
+sich so stürmisch wünschte, allein oder auch nur mit ein paar Kameraden
+ausziehen lassen, die nicht viel älter waren als er selbst.
+
+Heute waren drei der hier gewonnenen Freunde zusammen nach dem
+Neuenfels gewandert, einer bewaldeten Bergkuppe, auf der sich eine
+besonders weitläufige, guterhaltene Ruine befand. Und sie waren für den
+ganzen Tag ausgezogen, mit kaltem Mittagessen in den Tornistern! Heini
+hatte flehentlich gebeten, mitzudürfen, umsonst. »Die hiesige Ruine ist
+noch viel schöner,« hatte die Tante gesagt. »Und du hast dir noch nicht
+die Hälfte von all den wunderschönen Wegen, Sitz- und Spielplätzen
+angesehen, die es rings um den Ort her gibt!« Dabei war sie geblieben,
+trotz allen Aufwands an Bitten und Tränen und zornigem Fußstampfen, den
+der Heini veranstaltet hatte.
+
+Das war der Schmerz, der den Heini so tief aufseufzen ließ an seinem
+Guckloch auf der Bühne. Er hatte, soweit man von hier aus konnte, den
+Weg seiner Freunde mit den Augen verfolgt und dabei düstere Gedanken
+ausgebrütet. Er wollte doch noch auf den Neuenfels kommen! Auch ohne
+die Tante! Er war kein solches Wickelkindchen mehr, das man immer an
+der Hand führen mußte!
+
+Dabei war er gerade, als Fräulein Jettchen auf die Bühne kam, eine
+der drei alten Schwestern, denen die Fremdenpension gehörte. Fräulein
+Jettchen war sonst eine sehr gute Freundin von Heini. Sie besorgte die
+Küche und es verging nicht leicht ein Tag, wo sie das Büblein nicht
+heranrief: »Komm, komm, Kleiner, da hast du ein warmes Flädchen! Guck
+einmal, Heini, da habe ich nun gerade noch so ein kleines Lebküchlein
+gefunden, das mußt du haben!« Sie hatte eine humoristische Art und alle
+drei Schwestern hatten die Kinder lieb und der Heini konnte es bei
+ihnen so gut haben, wie er sich nur denken konnte.
+
+Jetzt war Fräulein Jettchen hoch erstaunt, den Wildfang Heini einsam da
+oben zu finden. Er war sonst fast nur bei den Mahlzeiten im Hause und
+hatte so viele Kameraden, daß er sie kaum aufzählen konnte.
+
+»Ja, was in aller Welt hat denn das Büblein da oben zu schaffen? Und
+gar kein vergnügtes Gesicht? Und das Vesperbrot noch unberührt?«
+Fräulein Jettchen setzte ihren Korb mit Dörrbohnen ab und trat zu Heini
+heran. Der biß sich fest auf die Unterlippe und sah angelegentlich vor
+sich hin. Er konnte nicht gut sagen, was er soeben gedacht hatte.
+
+»Unzufrieden? Ei, ei, ei!« Nun mußte das alte Fräulein sehr bedenklich
+den Kopf schütteln.
+
+»Wenn man's so gut hat, wie du! So eine schöne Vakanzzeit und eine so
+liebe Tante, die einem so viel Freude macht!«
+
+»Ja, aber auf den Neuenfels hat sie mich nicht mitgelassen,« murrte
+Heini, »die andern Buben lachen mich aus! Ich hätte gut so weit laufen
+können! Und ich gehe doch auch noch hin, ich bin auch nicht mehr so
+klein!«
+
+Fräulein Jettchen hatte sich auf einen Koffer gesetzt und sah sehr
+feierlich aus. Manche Leute sagten, sie habe manchmal eine Stimme wie
+ein Pfarrer, und das hatte sie jetzt auch, als sie warnend den Finger
+aufhob und sagte:
+
+»Kind, Kind, paß wohl auf, daß du dich nicht verläufst! Wenn die
+Schäflein gar nicht mehr wissen, wie gut sie es auf der Weide haben und
+wollen's immer ~noch~ besser finden, dann verirren sie sich und
+der Schäfer muß den Hund hinter ihnen drein jagen. Und manchmal sind
+sie dann so weit von der Herde weg, daß man sie gar nimmer findet, und
+dann möchten sie wohl wieder gehorsam und zufrieden auf der Weide sein,
+wenn sie nur wieder könnten.«
+
+»Ich bin kein Schaf,« sagte Heini trutzig, »und verirren tue ich mich
+auch nicht, ich finde den Weg schon!«
+
+»Du hast dich schon ein bißchen verirrt, Büblein,« sagte Fräulein
+Jettchen liebreich, »du bist trutzig und eigensinnig und weißt schon
+gar nicht mehr recht, wie gut du es hast. Komm jetzt mit mir, Heini,
+komm! Wir wollen es der Tante gar nicht sagen, daß du unartig gewesen
+bist, es würde sie betrüben, sie ist schon ~so~ gar nicht wohl!
+Wer weiß, wenn du jetzt fröhlich und dankbar bist, dann freut sie sich
+so, daß sie ganz bald mit dir auf die hohen Berge kann, und dann kannst
+du dich ganz anders freuen!«
+
+Damit faßte das alte Fräulein den Trotzkopf Heini bei der Hand und
+stieg mit ihm die Treppe hinunter.
+
+ * * * * *
+
+»Was denken Sie, Herr Doktor, könnte ich nicht morgen eine Fahrt nach
+dem Blauen machen? Es ist mir nicht um mich, ich könnte schon noch
+warten mit solchen Ausflügen. Aber mein kleiner Neffe brennt so sehr
+darauf, ein bißchen in die Umgegend zu kommen! Es ist noch ein kleiner
+Kerl, aber ein fester, stämmiger Bursch, und ich möchte gern, daß er
+mit recht viel Freude an diese Zeit hier zurückdenkt!«
+
+Tante Julie saß in einem Korbstuhl an der sonnigsten Stelle des Gartens
+und sah erwartungsvoll den alten Doktor an, der im Vorübergehen ein
+kleines Gespräch mit ihr angefangen hatte. Doktor Stieler schüttelte
+ein klein wenig den Kopf. »Es wäre mir lieber gewesen, wenn Sie noch
+eine Woche gewartet hätten,« sagte er dann. »Die Ruhe scheint Ihnen so
+gut zu bekommen.«
+
+»Meines Bruders Geburtstag ist morgen,« fuhr die Tante fort, »der
+wird zu Hause auch festlich begangen. Aber freilich, wir wollen ja
+nicht unvernünftig sein!« -- Der Doktor sah zuerst prüfend den Himmel
+und dann seine Patientin an. »Wenn sehr schönes Wetter ist und Sie
+eine gute Nacht haben, so will ich denn auf morgen nichts dagegen
+einwenden,« war seine Antwort. Und freundlich grüßend schritt der
+Doktor weiter.
+
+Tante Julie saß noch ein Weilchen ruhig in dem warmen Sonnenschein und
+überlegte sich ihren Plan auf morgen.
+
+Sie wollte noch eine Bekannte zu der Fahrt einladen, die mit ihrem
+eigenen kleinen Jungen, einem schmächtigen, zarten Kind in Heinis
+Alter, ebenfalls zur Kur hier war. Und dann wollte sie einen Esel dazu
+bestellen, den Liebling aller jugendlichen Gäste, »Lips«, samt seinem
+sonnverbrannten Führer, Hansjörg. Da konnten dann die kleinen Buben
+abwechselnd daneben herreiten, und Tante Julie lächelte vergnügt vor
+sich hin, wenn sie sich Heinis Jubel vorstellte. Eselreiten! das war
+auch einer der sehnsüchtig erstrebten Genüsse!
+
+Wo der Junge nur steckte? Er hatte sich seit dem abgeschlagenen »Sturm
+auf den Neuenfels« nicht mehr sehen lassen! Es tat der Tante aber
+keinen Augenblick leid, daß sie nicht nachgegeben hatte. Im Gegenteil!
+Heute wollte sie den Heini ganz ruhig seinem Trotzkopf überlassen
+und dann morgen, ehe sie ihm die große Freude verkündete, ein paar
+ernsthafte Worte mit ihm reden. Tante Julie verstand sehr gut mit
+Kindern umzugehen und Heinis Neigung zum Eigensinn war ihr gar nichts
+Neues. »Es wird schon noch eine Weile dauern, bis er einsieht, daß man
+nicht mit dem Kopf durch die Wand kann,« dachte sie. Dann stand sie auf
+und ging ins Haus.
+
+ * * * * *
+
+Inzwischen hatte sich der Heini langweilig vor dem Haus umhergetrieben.
+Er hätte Erlaubnis gehabt, auf den Spielplatz im Kurpark zu gehen,
+wo es immer viele Unterhaltung gab. Oder er hätte die Tante gut um
+Erlaubnis fragen können, ob er mit dem Kutscher Ernst ins Heu fahren
+dürfe. Das hätte sie gern gestattet. Aber es gefiel ihm besser, sich
+auszudenken, wie hart die Tante sei und wie schlecht er es habe. Und
+dann dachte er sich noch etwas anderes aus. Der Hansjörg war dem Heini
+einmal vor kurzem begegnet, als er gleich nach dem Frühstück mit der
+Tante in den Wald ging. »Woher kommst du schon so bald?« hatte damals
+die Tante gefragt, die mit allen Leuten gern ein freundliches Wort
+sprach. Der Hansjörg hatte staubige Füße gehabt und gesagt: »Vom
+Neuenfels.« »Ist's möglich?« hatte sich Tante Julie gewundert, »da mußt
+du ja vor Tag aufgestanden sein?« »Vor Tag nicht. Um drei Uhr ist's
+schon fast hell und ich bin erst um vier Uhr fortgegangen,« sagte der
+Hansjörg. »Es ist ein Fräulein auf dem Esel hinaufgeritten, das will
+nachher zu Fuß heimgehen. Und ich muß jetzt gleich mit dem ›Lips‹ auf
+den ›alten Mann‹!« Damit war der Eseltreiber wichtig weitergeschritten,
+denn das Geschäft blühte jetzt.
+
+Daran dachte der Heini, als er sich jetzt so allein herumtrieb. Er
+konnte so gut wie der Eseltreiber, der noch den störrigen »Lips« zu
+besorgen hatte, in aller Morgenfrühe die Wanderung unternehmen und
+wieder da sein, ehe man ihn vermißte. Die Tante stand manchmal sehr
+spät auf, und das tat sie vielleicht morgen auch. Die Richtung, die man
+einzuschlagen hatte, kannte der Heini gut, und dann sah man ja auch
+die Ruine immer vor Augen und konnte sich gewiß nicht verirren. Er kam
+immer mehr in seinen Plan hinein und saß, gegen seine Gewohnheit, eine
+ganze Weile still auf der Hausstaffel, um sich alles genau auszudenken.
+
+Zwar dem Vater hatte er versprochen, der Tante in allen Stücken zu
+gehorchen. »Aber ich glaube sicher, der Vater hätte mich mitgelassen,«
+beschwichtigte der Heini sein mahnendes Gewissen; »und dann, ich bin
+ja schon wieder da, wenn die Tante aufwacht! Warum ist sie auch so
+ängstlich und erlaubt einem gar nichts!« Und Heini beschloß, nicht mehr
+auf die unangenehmen Stimmen zu hören und sich »wie andere Buben auch«
+auf die Wanderung zu freuen. »Und der Papa kann's erst noch leiden,
+wenn man kein so Hasenfuß ist! Und ich will auch keiner sein!« -- Damit
+schloß der Heini seine Selbstbetrachtung. Fräulein Jettchen rief eben
+zum Abendessen.
+
+ * * * * *
+
+Es war ein strahlend sonniger Morgen. Heini glaubte, als er erwachte,
+noch ganz unerhört früh daran zu sein und staunte höchlich, daß andere
+Leute auch schon wach waren. Auf der Wiese, die sich hinter dem Haus
+hinaufzog, saß der Taglöhner Friedrich und dengelte seine Sense; er
+hatte schon ein großes Stück gemäht. Und im Hof hörte der Heini das
+Küchenmädchen am Pumpbrunnen. Leise, um die Tante nicht zu wecken,
+schlüpfte Heini in seine Kleider und schlich sich zur Tür hinaus, die
+er nur anlehnte. Tante Julie schlief nämlich im Zimmer daneben und
+sagte oft, daß sie einen sehr leichten Schlaf habe und gut höre, was um
+sie her vorgehe.
+
+Merkwürdig, es zog den Heini jetzt am Morgen nicht mehr halb so sehr,
+wie am Tag zuvor, nach dem ersehnten Neuenfels. Und einen Augenblick
+besann er sich, ob er nicht lieber dableiben wolle. Es war doch
+auch sehr hübsch in der Nähe. Und das Frühstück im Garten und die
+Trompetermusik im Kurpark, das war doch auch beides ein Genuß! Aber
+dann regte sich der böse Trotz wieder. »Ich will aber,« sagte Heini
+halblaut und schlüpfte zu der angelehnten Haustüre hinaus.
+
+Da lag die Straße vor ihm im hellen Morgensonnenschein. An allen
+Gräslein und Büschen und Bäumen hingen noch die schimmernden,
+glitzernden Tautropfen und an den Bergen wogten noch die Morgennebel
+hin und her, wie weiße Schleier. Und gerade vor dem Heini, hell
+beschienen, weiß glänzend, stand der Neuenfels, dessen Steinmassen und
+Mauerstücke aus dem grünen Wald förmlich herausleuchteten. Es sah aus,
+als ob er ganz nah da wäre. »O, ich kann noch zum Frühstück wieder da
+sein,« dachte Heini und fing an zu rennen. Er wollte sich die Sache
+absolut nicht gereuen lassen.
+
+Die weiße, staubige Landstraße, mit frisch gemähten Wiesen zu beiden
+Seiten, lag hinter dem kleinen Wandersmann. Er trat jetzt in den
+dämmerigen, kühlen Wald ein, den er auf dieser Seite noch nie betreten
+hatte. »Fehlen kann man da nicht,« dachte Heini, »die Straße geht ja
+ganz gleich weiter und der nette kleine Fußweg läuft gerade daneben
+her, und der ist ganz weich und moosig.« Er schlug jetzt diesen ein,
+man konnte so schnell gehen auf dem weichen Teppich.
+
+Es war ganz still im Wald, nur hie und da huschte ein Eichhörnchen an
+den hohen Stämmen hinauf. Deren gab es viele in der Gegend. Heini hätte
+schon so lange gern eins besessen. Eben jetzt kam ein ganz reizendes
+Tierchen mit langem buschigem Schwanz ganz nahe heran. Es machte einen
+possierlichen Satz um den andern, flüchtete sich dann wieder in die
+Höhe und schwang sich von einem Baum zum andern. Der Heini war ganz
+hingerissen. »O, o, wenn ich nur so ein Tierchen hätte,« sagte er laut.
+»O, wenn ich nur eins mit heimnehmen könnte!«
+
+Man kam sehr schnell vorwärts auf diese Art. Nur hatte der Heini
+gar nicht bemerkt, daß der Fußweg schon lange von der weißen Straße
+abgebogen war. Er sah es erst, als das Eichhörnchen ganz in der hohen
+Krone einer riesigen Eiche verschwand. Zuerst erschrak er ein wenig,
+denn er hatte ja immer der Straße nach gehen wollen. Aber dann sah er
+wieder etwas Weißes durch die Stämme leuchten und ging gleich darauf
+zu. Es war auch eine Straße, aber es war nicht die richtige, das wußte
+aber der Heini nicht. Er ging nun lange auf dieser weiter und wunderte
+sich nur immer im stillen, daß es so lange eben fortging. Der Berg
+hätte seiner Meinung nach schon längst beginnen sollen.
+
+ [Illustration]
+
+Heini fing auch schon an, etwas müde zu werden. »Ich könnte ein ganz
+klein wenig hinsitzen,« dachte er. »Nicht lange, sonst komme ich am
+Ende doch zu spät.«
+
+Es gab schöne Brombeeren am Wege. Sie waren erst halbreif, aber dem
+Heini schmeckten sie doch. Es war sonderbar, er hatte Hunger, und
+es konnte doch noch lange nicht Frühstückszeit sein. »Das kommt vom
+Frühaufstehen,« dachte Heini. »Ich bin es nicht gewöhnt.«
+
+Dann zog er wieder weiter. Er hatte jetzt einen schmalen Fußweg
+gefunden, der richtig ziemlich steil in die Höhe ging. »Auf der
+langweiligen Straße hätte ich noch lang weiterlaufen können,« sagte
+sich Heini. Er war ganz froh, daß es wenigstens jetzt in die Höhe
+ging. »Ein bißchen weit ist's doch,« gab er jetzt zu. »Hätte mich
+Tante Julie mit den andern Buben gelassen, so müßte ich jetzt nicht
+allein auf diesen Neuenfels!« Merkwürdig, nächstens mußte die Tante
+noch schuldig sein, daß der Heini davonlief! Der Fußweg machte
+wieder allerlei Windungen; manchmal war er fast ganz überhangen von
+Brombeergesträuch und endlich hörte er ganz auf. Da stand nun der
+Heini mitten im Wald und nichts rührte sich weit und breit um ihn
+her. Doch, oben über den Tannen flogen ein paar Raben und krächzten
+laut. Und er wußte nicht weiter. Den Neuenfels sah man ja schon lange
+nicht mehr, und Heini hatte nur immer gehofft, der Wald werde sich
+jetzt dann auf einmal lichten und dann werde er gerade an der Ruine
+herauskommen. Jetzt getraute er sich gar nicht mehr vorwärts. Es war
+überall hoher, dichter Tannenwald. Und durch die hohen Stämme drang das
+Sonnenlicht in einzelnen Strahlen. Da fiel dem Heini ein, daß es wohl
+schon jetzt Frühstückszeit sei, und daß die Tante ihn nun suchen würde.
+Und Fräulein Jettchen und Luischen und Lina würden ebenfalls nach ihm
+suchen und ihn überall rufen: »Heini, Büblein, so komm doch, komm!«
+
+Und er stand im Wald und hatte sich verirrt! Das hatte er, es war so!
+Was hatte Fräulein Jettchen gestern gesagt?
+
+O, es fiel dem Heini wieder alles ein, sie hatte es so feierlich gesagt
+wie ein Herr Pfarrer. Er hatte es nicht ausstehen können, aber es war
+doch wahr. Und jetzt hatte er sich richtig verirrt und mußte noch froh
+sein, wenn er sich schnell wieder auf dem gleichen Weg heimfand. Den
+andern Buben wollte es der Heini lieber gar nicht sagen, daß er den Weg
+nicht gefunden habe. Und die Tante würde ja wohl zanken! Oder am Ende
+machte sie auch so ein betrübtes Gesicht, wie die Mama zu Hause allemal
+tat, wenn der Heini eigensinnig und trotzig war. »Da möcht' ich dann
+schon noch lieber gezankt werden,« dachte der kleine Ausreißer.
+
+»Vielleicht, wenn ich ganz schnell auf dem gleichen Weg zurücklaufe,
+immerfort, ohne Aufhören, dann komme ich doch noch bald genug. Und dann
+kann Tante Julie nichts sagen, nein, dann kann sie nicht! Denn dann bin
+ich gar nicht auf dem Neuenfels gewesen, nur im Wald!« Unter solchen
+Gedanken war der Heini umgekehrt, hatte auch endlich die ebene Straße
+wieder erreicht und rannte darauf fort, so müde er auch war. »Lieber
+Gott, laß mich auch noch bald genug heimkommen,« betete er drunter
+hinein. Aber dann kam man an so sonderbaren Felsstücken vorbei und an
+einer kleinen Schutzhütte, die der Heini noch nie gesehen hatte, und
+auf einmal merkte er, daß er wieder die falsche Richtung eingeschlagen
+hatte. Und da war es ganz zu Ende mit allem kecken Mut und allem Trotz
+des kleinen Buben. Er setzte sich ganz hilflos auf einen Rain und fing
+an zu weinen.
+
+»Manche verlaufen sich auch so weit, daß man sie gar nimmer finden
+kann,« hatte Fräulein Jettchen gesagt. »Und dann möchten sie gerne
+zufrieden und dankbar auf der Weide sein, wenn sie nur könnten.« Und
+dann hatte sie auch noch gesagt: »Du bist auch jetzt schon ein bißchen
+verirrt, Büblein. Denn du bist unzufrieden und trutzig und siehst nicht
+recht, wie gut du es hast.«
+
+Als das dem Heini alles nacheinander einfiel, weinte er immer noch
+stärker. Jetzt war es so, jetzt konnte man ihn vielleicht gar nicht
+mehr finden! Und die Tante mußte nach Hause schreiben: »Der Heini ist
+im Wald verloren gegangen. Er war unfolgsam.« Und dann würde die Mutter
+immer zu den Kleinen sagen: »Machet es nur niemals wie der Heini!«
+
+Und dann fiel ihm auch noch ein, wie gut und lieb die Tante immer
+gegen ihn gewesen war. Ja, gestern abend noch, beim Gutenachtsagen,
+da hatte sie zu ihm gesagt: Du wirst schon noch sehen, was wir noch
+Schönes zusammen erleben. Er hatte sich aber gegen die Wand gekehrt und
+nur ganz schnell sein Vaterunser hergesagt. Und dann war er trutzig
+eingeschlafen. Ja, das Vaterunser! Das hatte der Heini natürlich heute
+morgen auch vergessen! Wenn man etwas vorhat, das nicht recht ist,
+denkt man nicht an den lieben Gott. Und der liebe Gott will auch nicht
+hören, daß man sagt: Dein Wille geschehe, wenn man jetzt gerade so
+ernstlich denkt: Ich will aber tun, was ich will!
+
+Heini war gar nicht recht so keck, jetzt noch das Vaterunser zu beten.
+Und doch wollte er so gern, daß der liebe Gott ihm wieder helfe, und
+er wollte auch ganz gewiß nicht mehr unzufrieden sein und trotzig
+und unfolgsam. Da fiel ihm ein Verslein ein, er sagte es laut mit
+gefalteten Händen unter sein Schluchzen hinein:
+
+ »Alle Schritt und alle Tritt
+ Geh du, lieber Heiland, mit!
+ Gehe mit mir ein und aus,
+ Führe du mich selbst nach Haus!«
+
+Und dann fügte er noch hinzu: »Und mach auch, daß die Tante keine so
+arge Angst hat und daß sie mir's gewiß glaubt, daß ich jetzt brav sein
+will.«
+
+Als der Heini so gebetet hatte, war er schon ein wenig getroster
+geworden. Das Verslein hatte er immer als kleines Büblein gebetet.
+Seit er in der Schule das Vaterunser gelernt hatte, überließ er das
+»Kleinkinderverslein«, wie er sagte, den Kleinen. Er durfte nun immer
+am Morgen und Abend das Vaterunser laut beten. Nur dachte er oft gar
+nicht an seinen schönen Inhalt. Die Gedanken flogen oft schon voraus
+auf den Spielplatz oder zu einem Geschichtenbuch. So kam es, daß der
+Heini im Vaterunser gar nicht so recht daheim war. Aber solang er mit
+der Mutter »alle Schritt und alle Tritt« gebetet hatte, da hatte diese
+ihm jedesmal dann nachher einen Kuß gegeben und gesagt: »So wird dir
+dann auch nichts geschehen! Und jetzt geh und sei vergnügt und brav!«
+Und der Heini setzte in Gedanken nun auch hinzu: So wird mir dann auch
+nichts geschehen! Es war ihm jetzt viel leichter als vorher, es kam
+ihm gar nicht mehr vor, als ob er den Heimweg nicht finden könnte. Er
+hatte ja auch schon den Rückweg von seinem bösen Eigensinn gefunden, da
+konnte es ihm freilich wohler sein als zuvor.
+
+Als er sich gerade daran machen wollte, auf dem seitherigen Weg
+zurückzugehen, und immer noch ein wenig vor sich hinschluchzte, da
+hörte er hinter sich ein lautes: »Hüoh!« Ein schwerer Wagen rumpelte
+daher und der Fuhrmann im langen blauen Leinenkittel ging daneben her
+und rauchte seine kurze Pfeife dazu. Heini atmete tief auf. Jetzt war
+doch ein Mensch da, mit dem man sprechen konnte! Bescheidentlich ging
+er auf den Bauern zu: »Möchten Sie mir vielleicht sagen, wo der Weg
+nach Badenweiler geht? Ich -- ich habe auf den Neuenfels gewollt und
+jetzt --« Heini konnte seine Tränen nicht mehr hinunterschlucken, sie
+stürzten jetzt wieder ganz unaufhaltsam hervor.
+
+»Auf den Neuenfels? Du meine Güte, Büblein! Der liegt ja ganz
+da drüben!« Der Fuhrmann beschrieb einen großen Bogen mit seinem
+Peitschenstiel. »Und ganz allein bist du? Und kommst von Badenweiler?
+Am Ende durchgegangen, was?«
+
+Heini konnte nur immer nicken, es drückte ihn doch noch sehr, daß er so
+weit weg war von daheim. Der Fuhrmann nahm den Heini aber jetzt ganz
+väterlich bei der Hand. Er hatte selber einen kleinen Buben daheim
+und Heini sah so zerknirscht aus, daß er ihm keine Strafrede halten
+konnte. »Da sitz auf, Kleiner,« sagte er. »Du wirst wohl müde sein.
+In fünf Minuten ist auf dieser Seite der Wald aus und dann sieht man
+Badenweiler liegen. Nur kommst du jetzt gerade von der andern Seite
+hinein, als du herausgegangen bist. Wenn du schnell gehst, langt's noch
+zum Mittagessen.«
+
+Heini hätte lachen und weinen mögen auf einmal. Lachen, weil er richtig
+nach kurzer Frist die bekannte Schloßruine und alle die bekannten
+Häuser vor sich liegen sah und er gar kein großes Stück mehr zu gehen
+hatte, um heimzukommen. Und weinen, weil es schon nächstens Mittagszeit
+war und die Tante gewiß schon nach allen Richtungen hin nach ihm
+geschickt hatte und nun in großen Ängsten war.
+
+ * * * * *
+
+Es war aber anders gegangen daheim, als der Heini befürchtete. Tante
+Julie hatte eine schlechte Nacht gehabt und war erst am frühen Morgen
+eingeschlafen. Als sie erwachte, war schon ein gutes Stück vom
+Vormittag vorbei. »Der Heini ist so still heute,« hatte sie zu Anna,
+dem Stubenmädchen, gesagt, das ihr den Kaffee brachte. »Ist er denn
+schon fort? Das ist mir ganz merkwürdig!«
+
+Anna war ein wenig verlegen. Es war ihr streng anbefohlen, nichts von
+dem Fehlen des Buben zu sagen; Fräulein Jettchen hatte schon da und
+dorthin geschickt, wo man ihn vermutete, und wartete nun erst auf die
+Boten. So sagte Anna nur: »Ich denke, er wird auf dem Spielplatz sein,«
+und die Tante nickte müde. Eigentlich war sie froh, daß der kleine
+Plagegeist gerade heute so ruhig war. Sie hatte immer noch Kopfweh und
+konnte notwendig etwas Ruhe brauchen. »Es tut mir leid, aber es kann
+nichts aus der Blauenfahrt werden für heute,« dachte sie noch. »Ich
+bin doch froh, daß ich's ihm noch nicht gesagt habe.« Dann schloß sie
+die Augen wieder und ließ die Zeit ganz still an sich vorbeigehen. Auf
+einmal fuhr sie erschreckt auf.
+
+Auf der Straße wurden allerlei Stimmen laut, die tiefe, starke von
+Fräulein Jettchen und dann die hohe von Fräulein Lina und noch die
+liebevolle von Fräulein Luischen. »Ach Gott, das Büblein? Aber Heini,
+was ist das mit dir? Halb tot ist man vor lauter Angst um dich!« So
+tönte es durcheinander. Den Heini hörte man gar nicht gleich. Endlich
+vernahm die Tante seine Stimme, aber sie tat so leise, man verstand
+kein Wort oben. Was konnte nur mit dem Jungen sein? Ehe sich die Tante
+aber recht besinnen konnte, flog die Tür auf und der Heini herein.
+»Ach Tantele, sei doch nur wieder gut, ich will ganz gewiß nicht mehr
+fortlaufen! Und auch nicht mehr so sein, so, du weißt schon wie! Und
+schreib's auch nicht heim, gelt?« Die Tante wußte sich fast nicht zu
+retten vor den stürmischen Umarmungen des stämmigen Heini. »So sag
+mir nur zuerst, was du hast und wo du gewesen bist?« sagte sie. Und
+der Heini mußte nun seine ganze Geschichte von Anfang an erzählen. Er
+stockte manchmal ein wenig, denn er mußte sich doch noch schämen, daß
+er so böse Gedanken gehabt und sie dann auch ausgeführt hatte. Die
+Tante half ihm aber ganz liebreich wieder zurecht. »So wirst du's ja
+jetzt selber wissen, was ich dir heute noch sagen wollte,« sagte sie.
+»Du hast jetzt selber gesehen, wie's einem geht, wenn man im Trotz
+erzwingen will, was man nicht soll. Dann läuft man sich ab und wird
+müde und macht einen weiten Umweg und kommt erst nicht dahin, wo man
+gerne hinwollte. Am Ende muß man dann noch recht froh sein, wenn man
+den Heimweg wieder findet.« Der Heini verstand das jetzt sehr gut. Er
+wollte sich die Lehre auch sein Leben lang merken.
+
+ * * * * *
+
+Es kam dann später noch einmal ein wunderschöner Tag, an dem die
+Blauenfahrt richtig zur Ausführung kam.
+
+Heini ritt stramm neben dem Wagen her auf seinem Esel, denn der kleine
+Kamerad, der miteingeladen war, saß lieber auf den weichen Polstern und
+begehrte nicht zu reiten.
+
+Den Heini dünkte aber Reiten und durch die Wälder streifen das
+Allerschönste, und weil er es heute mit gutem Gewissen konnte, so war
+er auch so fröhlich, daß er laut hinausjodeln mußte. Und das Echo gab
+jeden Ton getreulich wieder.
+
+Heini hätte fast wieder angefangen, den Hansjörg zu beneiden, der
+barfuß neben ihm herschritt. Der mußte ja nicht wieder nach Hause, in
+die Stadt und in die Schule, sondern konnte immer hier bleiben und alle
+Tage in den Wäldern umherschweifen.
+
+Das sagte er auch zu ihm. Aber der Hansjörg schüttelte den Kopf. »Und
+ich gäbe gleich den Lips her und noch mein Schnitzmesser dazu, wenn
+ich's hätte wie du,« sagte er. »Immer genug zu essen und lernen dürfen,
+soviel man will, und deine Tante ist immer brav und schlägt dich
+nie!« »Nein,« gab Heini zu, »das tut sie nie, und meine Mama schlägt
+mich auch nie und der Papa nur selten, wenn es sein muß. Es muß aber
+natürlich fast nie sein. Ich bin ja nicht mehr so klein.«
+
+»Du hast's lang gut,« seufzte der Hansjörg. »Ich habe niemand als nur
+die Base und den Vetter. Ich kriege oft Schläge und -- --«
+
+In diesem Augenblick machte Lips einen gewaltigen Satz und das Gespräch
+wurde abgebrochen.
+
+Dem Heini ging es aber noch lang durch den Kopf. Als er am Abend seine
+Freundin, Fräulein Jettchen, in der Küche besuchte, um ihr von dem
+schönen Tag zu berichten, konnte er fast kein Ende finden. »Es war
+einfach alles schön,« sagte Heini, »nicht einmal der Hansjörg möchte
+ich mehr sein, und keiner von den andern Buben, ich möchte am liebsten
+ich selbst sein, denn ich hab's doch am allerbesten!«
+
+Fräulein Jettchen warf gerade Küchlein in heißes Schmalz und ließ sie
+goldbraun backen. So konnte sie jetzt nicht viel sagen. Sie nickte nur
+ganz zustimmend: »Das ist auch wahr.« Und es war auch so, denn der
+Heini hatte jetzt ein zufriedenes und dankbares Herz. Und besser als
+ein zufriedener und dankbarer Mensch kann's überhaupt niemand haben, er
+sei groß oder klein.
+
+
+
+
+ 10. Ein Ersatz.
+
+
+»Großmutterle, denk dir nur, das Dorle kommt in die Hölle! Weißt du,
+das Dorle, das immer bei Wolfs im Stall ist und die Milch ausmißt!«
+
+Agnes stellte ihren vollen Milchtopf sehr energisch auf den Tisch und
+atmete tief auf. Es war keine Kleinigkeit gewesen, diese wichtige
+Mitteilung bis ins Haus und noch zwei Treppen hoch zu tragen und dabei
+noch aufzupassen, daß man nichts verschüttete. Jetzt pflanzte sie sich
+mit blitzenden Augen vor der Großmutter auf.
+
+»So, so,« sagte diese, »das ist aber sehr betrübt! Woher weiß man's
+denn so genau?«
+
+»Wilhelm Schluchter hat's gesagt! Der geht schon in die große Schule.
+Sechs Junge hat Wolfs Katze gehabt, o so nette Tierlein, graue und
+schwarze und ein gelbes und dann noch ein schwarz und weißes. Das
+Dorle hat ihr aber alle genommen bis auf eines und hat sie in einen
+Sack mit Steinen getan und in den Neckar geworfen! Wilhelm Schluchter
+hat gesagt, es sei eine Sünde und eine Schande. Wenn man so etwas tut,
+kommt man in die Hölle, hat er gesagt. Und das geschieht ihr auch
+recht!«
+
+Agnes hatte das alles hervorgesprudelt, ohne abzusetzen, denn die Sache
+lag ihr sehr am Herzen.
+
+»Da bin ich nun gar nicht mit dem Wilhelm einig,« sagte die Großmutter
+bedächtig und strich dem aufgeregten Kind über das kurzgeschnittene
+braune Haar, das sich förmlich in die Höhe gestellt hatte vor Eifer.
+
+»Siehst du, wenn nun diese Kätzlein alle am Leben geblieben wären und
+wären alle groß geworden, so hätte sie dann das Dorle auch alle füttern
+müssen. Denk einmal, wieviel Milch man da an jedem Tag gebraucht hätte
+und wieviel Brot!«
+
+»Und es gibt so viel arme Kinder, die froh sind, wenn sie sich satt
+essen können. Da gibt dann das Dorle lieber den Kindern der armen
+Meierin eine Milch oder ein Brot und da tut sie ganz recht daran.
+Kätzlein gibt es auch so noch genug auf der Welt!«
+
+Agnes hatte dieser Erklärung aufmerksam gelauscht und auch ein paarmal
+einverstanden genickt.
+
+»So will ich das dem Schluchter sagen,« schlug sie vor. »Er wird's
+nicht so recht gewußt haben. Er hat keine Großmutter, nur seine Mutter
+und die ist fast gar nie daheim.« Aber dann stieg noch ein neuer
+Gedanke in Agnes auf, den der letzte Satz der Großmutter erweckt hatte:
+»Es gibt noch Kätzlein genug auf der Welt.«
+
+»Großmutter,« fing sie wieder an, »wir haben aber keins. Das schwarz
+und weiße lebt noch. Es ist das nettste von allen, es hat so ein
+herziges rotes Zünglein. O wenn ich das nur hätte! Großmutter, glaubst
+du, daß die Mutter erlaubt, daß ich mir das Kätzlein holen darf? Das
+Dorle gibt mir's sicher! Es hat gesagt, an der alten Katze sei es ganz
+genug im Haus.«
+
+Die Großmutter zweifelte nicht, daß die Mutter die Aufnahme des
+Kätzleins gestatten werde, und sprach das auch aus. In diesem
+Augenblick rief die Mutter auch schon nach der kleinen Tochter, und
+diese folgte dem Ruf diesmal sehr schnell und sehr willig, denn sie
+wollte gerne auch gleich ihre Bitte vortragen. Man hörte schon auf der
+Treppe ihre erregte Stimme: »O Mutter, das muß ich dir ganz zuerst
+sagen -- -- --«
+
+Die Großmutter blieb allein zurück. Sie strickte an einem braunen
+Kinderstrumpf. Wer sie oft gesehen hätte, der hätte am Ende denken
+können, sie brauche sehr lang, bis dieser Strumpf fertig sei. Es war
+aber allemal wieder ein neuer, denn es waren so viele Füße zu bedenken,
+daß die Großmutter niemals mit Stricken fertig werden konnte. Da waren
+schon große Enkelsöhne, die nur in den Ferien nach Hause kamen, dann
+trippelte es im Hause selbst den ganzen Tag von Buben und Mädchen. Sie
+gingen zum Teil schon in die Schule, zum Teil waren sie noch klein und
+mußten gehütet werden. Aber alle wußten gut den Weg zur Großmutter,
+die im zweiten Stock wohnte und die immer für die Großen und für die
+Kleinen zu sprechen war.
+
+Agnes war nun nicht mehr so klein, daß man sie hüten mußte wie die
+beiden jüngsten Schwesterlein. Für die Schule war sie aber auch noch
+nicht groß genug, da sollte sie erst nächsten Frühling hinkommen.
+So konnte sie sehr oft die Treppe zur Großmutter hinaufsteigen,
+denn diese wußte fast immer etwas, mit dem sich das lebhafte Kind
+unterhalten konnte. Und der »Sturmwind«, wie Agnes von den Brüdern
+geheißen war, weil sie so schnell hin- und herfuhr, konnte hier oben
+wirklich manchmal eine ganze Weile stillsitzen und sich auf ruhige Art
+beschäftigen.
+
+Jetzt nickte die Großmutter ganz befriedigt vor sich hin. »Das ist ganz
+gut für das Kind, wenn es das Kätzlein zu versorgen hat,« sagte sie zu
+sich selbst, »das gibt eine gute Übung.«
+
+Daß es eine gute Übung gäbe, daran hatte nun Agnes allerdings nicht
+gedacht. Sir hatte ein Wohlgefallen an dem munteren, zierlichen
+Tierchen gefunden, und sie dachte sich nun, solang sie zum Bäcker und
+Kaufmann unterwegs war, mit großem Genuß aus, wie man mit dem Kätzlein
+spielen könne, es im Puppenwagen ausfahren, mit einem Halsbändchen
+schmücken und -- ja, wie konnte man es nur heißen? Das gab sehr vielen
+Stoff zum Nachdenken!
+
+»Siehst du, Großmutter, da ist's! Ist es nicht herzig?« Agnes kam am
+andern Tag in aller Frühe mit strahlendem Gesicht an. Das Kätzchen,
+das sich noch ein wenig scheu und ängstlich zeigte, trug sie sachte
+im Schürzchen. »Man muß jetzt immer ›Mimi‹ zu ihm sagen, Großmutter.
+So heißt's jetzt, gelt, das ist ein schöner Name! Soll ich eine Taufe
+halten, was meinst du? Tätest du es bei dir in deinem Bett schlafen
+lassen, Großmutter, wenn du mich wärest?«
+
+Die Großmutter hatte lächelnd all die vielen Fragen an sich
+vorbeischwirren lassen, jetzt sagte sie: »Das ist ein bißchen viel auf
+einmal gefragt, Kind! Eine Taufe hält man nicht bei Katzen. Ich habe
+einmal eine gehabt, die hieß Peter. Mimi ist aber auch schön. Ins Bett
+darfst du das Kätzlein aber nie nehmen, nicht einmal ins Schlafzimmer.
+Es könnte einmal dem Schwesterlein aufs Gesicht sitzen und es tot
+drücken. Aber ich weiß doch ein nettes Plätzchen. Sieh, da habe ich
+ein altes Körbchen, das darfst du halb mit Spreuer füllen auf der
+Bühne. Und dann legen wir noch ein kleines Deckchen aus der Puppenwiege
+hinein, das ist dann ein prächtiges Bett. Und dann stellen wir's in
+die Kammer, wo die Kleiderkästen stehen, da kann das Kätzlein --«
+»Großmutter, du mußt jetzt immer sagen: die Mimi«, fiel Agnes ein, --
+»da kann die Mimi nichts verderben,« vollendete die Großmutter gelassen
+ihren Satz. »Und siehst du, jetzt muß ich dir gleich noch etwas sagen,«
+fuhr sie fort, »du hast jetzt die Mimi ganz allein zu versorgen. Das
+ist noch ganz anders, als wenn man Puppen hat, die nie Hunger bekommen.
+Katzen sind etwas lebendiges und müssen ihr Futter haben. Und an das
+mußt du immer denken. Sieh, da habe ich ein ganz nettes Schüsselchen.
+Es hat nur keine Handhabe mehr, aber es sind Rosen darauf gemalt. Das
+soll der Mimi ihr Trögchen sein, und eh' du dich ans Essen setzt, mußt
+du immer denken, daß dein Pflegling auch etwas braucht. Und immer das
+Bettchen und das Schüsselchen sauber halten und« -- »Ja, ja, das tu'
+ich ganz gewiß immer,« versicherte Agnes, »und ich tue sonst noch
+vieles mit der Mimi, ich hab' mir schon alles ausgedacht.«
+
+ * * * * *
+
+Mimi hatte sich bald im Hause eingelebt und wuchs schnell heran. Bei
+Kätzlein dauert es nicht sehr lang, bis sie alles gelernt haben, was
+sie wissen müssen. Mimi konnte sehr hübsch mit einem Ball spielen und
+ihrem eigenen Schwanz nachjagen und wenn man sagte: Gib ein Pfötchen!
+so streckte sie ihr weiches Tätzchen aus und man konnte es dann in
+die Hand nehmen. Agnes war sehr beglückt von ihrem Pflegling und die
+Großmutter freute sich im stillen über das Kind, denn es vergaß nie,
+für Mimis Futter zu sorgen und hob auch sorgfältig übrige Fleisch- und
+Brotbröckchen dazu auf. Nur konnte sich Agnes oft recht schwer von dem
+interessanten Spiel mit dem Kätzchen trennen, wenn die Mutter rief oder
+die kleinen Schwestern gerne ein wenig unterhalten sein wollten.
+
+Eines Morgens kam sie aber sehr erstaunt aus der Kammer, in der Mimis
+Bettchen stand: »Mimi ist nicht da und ihr Schüsselchen ist von gestern
+Abend her noch voll!« Und nun begann ein großes Suchen, Rufen und
+Locken durchs ganze Haus.
+
+»Wenn du deine Katze suchst,« sagte Gottlieb, der Knecht, »die habe ich
+auf der Gartenmauer gesehen. Ich glaube, sie geht auf die Vögel, sie
+lauert, das sieht man ihr an!«
+
+»O, o,« rief Agnes entrüstet, »meine Mimi braucht nicht auf Vögel zu
+lauern und das tut sie auch nicht! Ich habe ihr gestern Abend mein
+Wursträdchen gegeben und überhaupt, so ein liebes Kätzchen, wie sie
+ist! Es fällt ihr nicht ein, so etwas zu tun!« Es war aber doch so.
+Mimi ging auf die Jagd nach Vögeln, und alle Bitten ihrer kleinen
+Pflegerin konnten sie nicht davon abhalten. Wenn sie entwischen konnte,
+huschte sie auf die Mauer und horchte in den Nachbargarten hinüber, wo
+die Vögelein ganz fröhlich in den Zweigen sangen und an keine Gefahr
+dachten. Einmal hatte sie einen Blutfleck an dem schönen schwarz und
+weißen Pelz und der Vater sagte, als er zum Mittagessen kam: »Du mußt
+die Mimi gut hüten, Agnes. Der Nachbar hat gesagt, er wolle sie schon
+abhalten, seine Finken zu ermorden. Er wisse schon ein Mittel.«
+
+Aber es half alles nichts. Eines Morgens saß Agnes im Gärtchen hinter
+dem Haus. Sie hatte zwei Freundinnen bei sich und einen großen Korb
+voll Feuerbohnen neben sich. Es war eine sehr nette Beschäftigung, die
+glänzenden, gesprenkelten Kerne, die die Mutter zu Samen fürs nächste
+Jahr aufheben wollte, aus den dürren Hülsen herauszuschälen und die
+Kinder waren ganz vergnügt dabei. Plötzlich knallte im Nachbargarten
+ein Schuß. Und als die kleinen Mädchen erschreckt aufsahen, konnten
+sie eben noch sehen, wie Mimi auf der Mauer einen hohen Sprung machte,
+und dann, sich überpurzelnd, herunterfiel, gerade in den Rosenbusch,
+der unter der Mauer stand. »Meine Mimi, mein Kätzlein!« schrie Agnes
+entsetzt und stürzte sich auf den Rosenbusch. Da war nun nichts mehr zu
+machen. Mimi hatte ihre Raublust mit dem Leben bezahlen müssen.
+
+Agnes war in großem Jammer. Die Freundinnen waren nach Hause gegangen
+und hatten dort erzählt, daß »Mimi Schieber« gestorben sei, und daß
+man sie morgen im Hof begraben wolle. Und das Begräbnis war auch noch
+ein wichtiges Ereignis, auf das es sehr viel vorzubereiten gab. Aber
+dann war alles aus und Agnes saß schon eine ganze Weile still auf ihrem
+Schemelchen bei der Großmutter und seufzte zuweilen tief auf. Das
+ging der Großmutter zu Herzen. Sie hatte schon versucht, das Kind auf
+ihre liebreiche Art zu trösten; es wollte aber nicht recht gelingen.
+Jetzt fiel ihr ein guter Gedanke ein. »So, nun mußt du nicht immer
+an das tote Kätzlein denken,« sagte sie freundlich, aber entschieden.
+»Es gibt sonst noch genug zu schaffen auf der Welt, als nur die Mimi
+zu besorgen.« »Ich will keine neue Mimi,« sagte Agnes kläglich. »Des
+Wolfen Katze hat schon wieder Junge, ich könnte alle haben, aber ich
+will keins davon. Sonst werden sie auch groß und stehlen auch Vögel und
+werden auch erschossen!«
+
+»Das meine ich auch gar nicht,« sagte die Großmutter und mußte ein
+wenig lachen. »Ich weiß etwas ganz anderes. Denk einmal, die Leute
+im Hinterhaus haben ein kleines Kindchen! Ein ganz kleines, in einem
+Tragkissen und mit winzigen Fäustchen und blauen Äuglein.« »Das man
+herumtragen muß und ihm die Milch geben und so?« Agnes sah ganz
+begierig auf.
+
+»Ja,« bestätigte die Großmutter, »aber die Leute können gar nicht
+vergnügt sein darüber. Die Frau ist so krank, daß man noch gar nicht
+weiß, ob sie nur wieder gesund wird, und niemand ist da, der das
+Kindlein ein wenig wiegt, wenn es schreit, und ihm die Milch gibt, wenn
+es Hunger hat, und der ein wenig auf das größere Büblein achtgibt.«
+»Warum haben sie keine Magd?« wollte Agnes wissen. Sie fing schon an,
+über den Fall nachzudenken.
+
+»Ja, siehst du, das ist gerade das Traurige,« sagte die Großmutter.
+»Die Leute haben kein Geld dazu. Der Mann kann selber nur ganz wenig
+verdienen, und jetzt muß man noch Arznei holen und den Herrn Doktor
+zahlen und die Milch für das kleine Kindlein.«
+
+»So will ich das Kindlein zu uns herüberholen,« schlug Agnes vor. »Ich
+möchte schon lang gern ein Schwesterlein, ein ganz kleines, das noch
+nicht laufen kann und noch gar nichts als lachen und schreien.«
+
+»Das geht nicht nur so, wie du meinst,« sagte die Großmutter. »Glaubst
+du, die Leute geben ihr liebes Kindlein her das ihnen der liebe Gott
+erst geschenkt hat? Und glaubst du, deine Mutter wolle noch so ein
+winziges Schwesterlein besorgen? Sie weiß selber kaum, wo anfangen mit
+euch allen! Nein, nein, so macht man das nicht! Aber siehst du, ich
+gehe nachher ein wenig hinüber, und da könntest du mich begleiten. Und
+ich will dir dann zeigen, wie du ein wenig helfen kannst, das Kleine zu
+versorgen und das größere Büblein zu hüten und noch allerlei!«
+
+Agnes war sehr einverstanden. Sie zog die Großmutter noch am Kleid
+voran, als diese unterwegs ein wenig mit dem Vater sprach, der eben zur
+Haustüre hereinkam, so wichtig war es ihr, schnell ins Hinterhaus und
+zu dem kleinen Kindlein zu kommen.
+
+Da war nun freilich für die Großmutter vieles zu tun. Der Mann war
+heute nicht in die Fabrik gegangen, weil er die Frau zu pflegen
+hatte. Er stand aber eben am Ofen, der mächtig rauchte, und hielt
+ein Pfännchen in der Hand, aus dem ein ganz angebrannter Geruch kam.
+»Gottlob!« sagte er, als er die Großmutter sah, »ich habe meiner Frau
+die Suppe aufwärmen wollen, die noch von gestern Abend da ist. Aber es
+hat sich alles am Pfännchen angehängt. So kann man die Suppe nicht mehr
+essen und ich weiß nicht, was ich anfangen soll.«
+
+Er sah ganz sorgenvoll und bekümmert aus, Agnes mußte ihn mit rechtem
+Mitleid betrachten.
+
+»Für heute habe ich nun schon eine Suppe besorgt, die für alle reicht,«
+sagte die Großmutter freundlich. »Und für morgen und die ganze nächste
+Zeit muß eben Rat geschafft werden. Jetzt wollen wir zuerst das Kleine
+besorgen, das wird nicht umsonst so schreien.«
+
+Damit nahm sie auch schon das großgeblumte Tragkissen mit dem laut
+schreienden Kindlein aus der Wiege, packte dieses in saubere, trockene
+Windeln, wärmte ihm die Milch und zeigte dann Agnes, wie sie dem
+Kleinen das Fläschchen hinhalten solle. Diese war auch bald mit rechtem
+Eifer bei der Sache und vergaß für jetzt ganz den Kummer um die tote
+Mimi.
+
+Das kleine dreijährige Büblein, das bisher trübselig in einer Ecke
+gesessen hatte, wackelte jetzt auch herbei und sah dem merkwürdigen
+Vergnügen zu.
+
+»Gibst du mir dein Schwesterlein?« fragte Agnes, als das Kleine seine
+Milch getrunken hatte und sofort wieder die Augen schloß.
+
+ [Illustration]
+
+»Nein,« sagte Ernstchen entschieden und schüttelte den Kopf.
+
+»Ich möcht's aber gern,« sagte Agnes, »ich gebe dir, was du willst,
+dafür.« Statt aller Antwort fing Ernstchen an, ganz jämmerlich zu
+weinen, daß die Großmutter nur schnell kommen und trösten mußte.
+
+»Gehet ein bißchen miteinander hinaus, ihr zwei,« sagte die Großmutter
+dann. »Spiele du ein wenig mit dem Büblein, Agnes, man muß jetzt hier
+ein wenig Ruhe haben.«
+
+Das war nur gar nicht nach Agnes' Geschmack. Sie hätte viel lieber das
+kleine Kindlein gewiegt oder gar ein wenig herumgetragen, und jetzt
+fiel ihr plötzlich Mimi wieder ein. Sie setzte sich auf die Treppe und
+seufzte.
+
+»Jetzt spiel mit mir!« begehrte Ernstchen.
+
+»Ich mag nicht spielen, meine Mimi ist gestorben,« sagte Agnes und
+seufzte wieder.
+
+»Wer ist das, deine Mimi?« fragte der Kleine.
+
+»Das ist so ein nettes Kätzlein, wie du noch gar keins gesehen hast,«
+fing Agnes an, und ehe sie sich's versah, war sie mitten drin, dem
+mäuschenstill aufhorchenden Ernstchen alles zu erzählen, was man
+nur von der Mimi sagen konnte, und auch ihr trauriges Ende. Die
+Großmutter fand die beiden einträchtig auf der Treppe sitzend und sagte
+wohlgefällig: »So ist's recht, so gefällt mir's, Agnes, das kannst du
+noch öfter tun.«
+
+Dann gingen die beiden wieder zusammen ins Vorderhaus.
+
+ * * * * *
+
+»Großmutter, das möchte ich lieber nicht noch öfter tun,« fing Agnes
+an, als sie am nächsten Morgen ihren Besuch bei der Großmutter
+abstattete.
+
+Diese wußte zwar nicht gleich, um was es sich handelte, aber sie wußte
+schon, daß es noch kommen werde, und so strickte sie ruhig weiter.
+»Großmutter,« sagte Agnes ein wenig dringlicher, »ich möchte viel
+lieber das ganz kleine Kindlein herumtragen und ihm seine Milch geben
+und zusehen, wenn man es badet, als mit dem Ernstchen spielen. Das ist
+ein bißchen langweilig!«
+
+»So?« Die Großmutter sah das Kind freundlich an, dann sagte sie: »Wenn
+aber das ganz Kleine schlafen soll und die kranke Frau auch und der
+Ernstchen ist unruhig und stört sie alle beide? Gelt, dann willst du
+gern ganz vernünftig und lieb sein und aufpassen, daß der kleine Bub'
+ruhig ist, und ein wenig mit ihm spielen?«
+
+Agnes zögerte ein wenig. »Ja, schon,« sagte sie, »aber das Kleine ist
+viel netter!«
+
+»Jetzt muß ich dir etwas sagen« -- die Großmutter legte ihr Strickzeug
+einen Augenblick in den Schoß und hob das Gesichtchen, das im
+Augenblick ein wenig finster aussah, in die Höhe. »Weißt, liebes Kind,
+das müssen schon kleine Leute lernen, daß man nicht nur immer so tun
+kann, wie man möchte. Und das mußt du auch! Ich möchte gern, daß du mir
+ein bißchen hilfst, den armen Leuten da drüben zu helfen. Und ich will
+dir auch sagen wie?«
+
+Agnes sah erwartungsvoll aus. Sie mochte immer sehr gern neue Pläne
+machen.
+
+»Die kranke Frau hatte nichts Ordentliches zu essen,« fuhr die
+Großmutter fort, »und der Mann und Ernstchen auch nicht.«
+
+»So will ich gleich zur Mutter sagen, daß sie hinüberschickt,« sagte
+Agnes schnell. Der Gedanke war ihr sofort gekommen, denn es durfte doch
+nicht sein, daß jemand nichts zu essen hatte.
+
+»Nein, nein,« beschwichtigte die Großmutter. »So alle Tage kann die
+Mutter doch nicht für die ganze Familie kochen! Denk' einmal, wie große
+Schüsseln voll ihr selber brauchet! Da müßte man reicher sein, als wir
+sind, um noch eine Familie versorgen zu können, aber --«
+
+»Ich weiß was,« fiel das Kind wieder eifrig ein, »das Dorle soll wieder
+seine Kätzlein ins Wasser werfen und alle Milch und alles Brot dafür
+hergeben!«
+
+»Jetzt mußt du mich einmal sagen lassen, was ich für einen Plan habe,
+und mich nicht immer unterbrechen,« sagte die Großmutter. »Sieh,
+weil es soviel arme Leute gibt, denen man helfen möchte, haben sich
+wohlhabende Frauen zusammengetan, die wechseln dann miteinander ab im
+Kochen. So kann man dann am Montag bei der einen das Essen holen, am
+Dienstag bei der andern und so fort bis zum Sonntag. Und am Montag
+fängt man wieder vornen an.«
+
+Das konnte Agnes sehr gut verstehen und es gefiel ihr auch wohl. Aber
+es kam noch etwas nach.
+
+»So habe ich denn unsere armen Leute auch dazu angemeldet,« fuhr die
+Großmutter fort. »Die Mutter macht den Anfang und dann habe ich noch
+sechs andere Frauen aufgeschrieben. Es ist aber niemand, der das Essen
+holen könnte, denn der Mann muß in die Fabrik und das Ernstchen ist
+noch zu klein.«
+
+Agnes merkte allmählich, was kommen sollte, und rückte unruhig auf
+ihrem niedrigen Stühlchen hin und her.
+
+»Und da möchte ich nun, daß mein großes Mädele den armen Leuten ein
+wenig helfen soll. Was meinst du, wenn du alle Tage um zwölf Uhr den
+netten emaillierten Einsatz nähmest und das Essen holtest? Und dann
+würde der kranken Frau das gute Essen so schmecken, daß sie vielleicht
+bald wieder aufstehen könnte. Und der Mann könnte sich freuen, wenn
+er heimkäme und wüßte, daß etwas da ist für seinen großen Hunger. Was
+meinst du?«
+
+»O Großmutterle, das kann ich doch nicht! Das kann ich gewiß nicht!«
+Agnes war ganz erregt aufgestanden und sah sehr kläglich aus. »Ich
+geniere mich so und vielleicht verschütte ich fast alles, weil du immer
+sagst, daß ich so schnell laufe. Und ich muß auch den Tisch decken!«
+
+»Dann kann eben die arme Frau ihr Essen nicht haben, und die guten
+Frauen kochen alles umsonst,« sagte die Großmutter ruhig. »Du mußt aber
+nicht, wenn du nicht kannst, ich habe nur geglaubt, du wollest mir
+helfen.«
+
+Agnes zupfte unruhig an den Fransen der Tischdecke. »Ich muß jetzt
+schnell auf die Gasse, die Mutter hat's gesagt. Ich soll nur vorher
+›Guten Morgen‹ sagen,« brachte sie dann heraus.
+
+»Ja, dann mußt du freilich gehen,« gab die Großmutter in unveränderter
+Freundlichkeit zu. »Sei nur recht vergnügt und lieb und erzähle mir
+nachher auch etwas Nettes.«
+
+Agnes ging. Sie war aber nicht so lustig wie sonst. Zuerst besuchte sie
+Mimis Grab. Die hineingesteckten Blumen hingen welk die Köpfe, und das
+schöngeschriebene Kärtchen mit der Aufschrift: »Hier ruht Mimi,« war
+vom Regen, der in der Nacht gefallen war, durchweicht.
+
+Es waren schon allerlei vergnügte Kinder auf dem großen Spielplatz
+in der Nähe des Hauses, wohin sich Agnes nun begab. Ein paar kleine
+Mädchen kamen ihr sogleich entgegen. »Komm, wir wollen Seil springen;
+wenn du willst, darfst du anfangen.« »Es ist mir gleich,« sagte Agnes
+in so freudlosem Ton, daß man gut merkte, daß sie etwas drücke.
+
+»Ist's wegen deiner Mimi?« fragte ihre allerbeste Freundin Lydia
+teilnehmend. »Nein,« sagte Agnes, »wegen gar nichts.«
+
+Sie konnte nicht gut sagen, was ihr fehlte. Jetzt fing eine Glocke an
+zu läuten. »Ist das zwölf Uhr?« fragte Agnes erschrocken. »Behüte, erst
+elf Uhr,« sagte Lydia, »und überhaupt, dir ruft man ja immer, wenn du
+kommen sollst.«
+
+»Elf Uhr,« dachte Agnes. »Da kann ich mich schon noch ein Weilchen
+besinnen. Und das Essenholen ist das Allerärgste, was es gibt, ich
+möchte lieber weiß nicht was tun!«
+
+Es gibt viele Leute, auch manchmal große, die lieber -- weiß nicht was
+-- täten, als was sie jetzt gerade tun sollen. Das ging Agnes nicht
+allein so.
+
+Und sie konnte auch keinen Augenblick mehr so recht vergnügt spielen.
+Sie mußte immer den leeren Tisch vor sich sehen, den der Mann beim
+Heimkommen finden würde, und dann dachte sie an das gute Essen, das
+nun umsonst auf dem Herd stand und das der kranken Frau nichts helfen
+konnte.
+
+Und plötzlich konnte sie es nicht mehr aushalten. Mit einem großen Satz
+sprang sie aus dem Seil, in dem noch mehr Mädchen im Takte hüpften, und
+lief schnell davon, ohne sich noch einmal umzusehen.
+
+»Wohin? Warum gehst du?« rief es ihr von allen Seiten nach, aber Agnes
+hörte schon nicht mehr viel. Sie wollte sich jetzt nicht über die Sache
+besinnen.
+
+»Großmutter,« rief sie schon auf der Treppe, »wo ist der Einsatz? Es
+ist gewiß gleich zwölf Uhr, ich muß schnell gehen.«
+
+Die Großmutter sah das Kind mit strahlendem Gesicht an; sie hatte schon
+gewußt, daß es noch so weit kommen werde.
+
+»Ja, so geh,« sagte sie nur. »Heute ist die Frau Rektor Pfaff dran,
+die kennst du gut! Sag ihr einen recht schönen Gruß, und komm, du
+kannst ihr auch ein paar Äpfel mitnehmen. Das sei ein Muster von den
+diesjährigen Fleinern.«
+
+Agnes zog ab. Zu Frau Rektor Pfaff wollte sie gern gehen, das war eine
+ganz gute Freundin der Großmutter und ebenso liebreich und freundlich
+wie diese.
+
+Sie kam strahlend zurück. »Gut ist's gegangen,« sagte sie schon unten
+zur Mutter und dann oben noch einmal zur Großmutter. »Das sei aber
+recht, daß ich selber komme, hat die Frau Rektor gesagt. Und ob ich
+schon in die große Schule gehe, hat sie gefragt. Vielleicht hat sie
+gedacht, daß ich gut hinein könnte, wenn ich schon den großen Einsatz
+tragen kann.«
+
+Noch viel größer war der Jubel, als Agnes aus dem Hinterhaus wiederkam,
+wo der reichliche Inhalt der Schüsseln so dankbar aufgenommen worden
+war, daß es ihr nun erst recht leicht wurde. Es war zwar immer noch
+ein wenig schmerzlich, daß keine Veranlassung mehr vorlag, das
+Rosenschüsselchen mit Suppe zu füllen, aber Agnes hatte nun wieder so
+viel anderes zu denken, daß die Trauer um Mimi doch ziemlich in den
+Hintergrund trat.
+
+Der Vater wußte auch von der Unternehmung mit dem Einsatz und sagte
+zufrieden: »Man kann dich scheint's doch schon zu etwas brauchen, das
+ist recht.« Ein väterliches Lob war selten, das tat Agnes in allen
+Tiefen wohl.
+
+Die erste Woche war glücklich vorbei. Es war je länger, je besser
+gegangen. »Es war nur, bis ich mich nicht mehr geniert habe,« gab
+Agnes selber zu. Im Hinterhaus waltete jetzt einige Stunden am Tage
+eine freundliche Diakonissin, Schwester Margarete. »Ich könnte ja gar
+nicht fertig werden ohne mein kleines Mägdelein,« sagte diese oft.
+Damit meinte sie Agnes, die es schon lang nicht mehr langweilig fand,
+mit Ernstchen zu spielen. »Er ist so drollig, du glaubst nicht, wie,«
+versicherte sie der Großmutter eines Tages.
+
+»So, aber das freut mich,« sagte die Großmutter, »so war es zuerst
+nicht, gelt?«
+
+»Nein,« sagte Agnes nachdenklich, »gar nicht. Am Anfang hat er mich gar
+nicht gern gehabt und jetzt läßt er mich fast nicht mehr von sich weg.«
+Die Großmutter konnte sich wohl denken, wodurch sich der kleine Bube
+so verändert habe. Sie sagte aber nichts, denn Agnes dachte gar nicht
+daran, daß sie selber jetzt so nett und heiter mit Ernstchen verkehrte,
+wie sie vorher nie getan hatte.
+
+Das gute Essen und die sorgfältige Pflege hatten bei der kranken
+Frau sehr gut angeschlagen. Sie konnte wieder aufstehen und als
+Agnes eines Morgens hinüberkam, saß sie unter der Haustüre im warmen
+Herbstsonnenschein und hatte das kleine Kindlein auf dem Schoß.
+
+»O, darf es jetzt spazieren getragen werden?« rief Agnes fröhlich.
+»Darf es auf die Gasse, daß es alle anderen Kinder auch sehen?« Sie
+bewunderte das kleine Kindlein immer noch so sehr wie im Anfang oder
+noch mehr, und sie hätte den Anblick auch andern gegönnt.
+
+Die Frau lächelte vergnügt und sagte: »Komm, setz dich ein bißchen her
+zu mir, Kind, ich muß dir etwas sagen!«
+
+Agnes wollte aber nicht sitzen, sie stellte sich erwartungsvoll vor der
+Frau auf und diese begann: »Es ist jetzt schon vier Wochen alt, das
+Kleine. Und es gedeiht, siehst du, wie dick und rund seine Bäckchen
+sind? Aber es ist ja noch nicht getauft. Das muß jetzt sein, man hat's
+nur immer hinausgeschoben, weil ich so krank war. Und jetzt soll am
+Sonntag die Taufe sein, das habe ich dir sagen wollen.« Agnes nahm
+diese Nachricht sehr wichtig auf, aber die Frau fuhr noch fort:
+
+»Ich habe gedacht, du könntest, wenn du gerne wolltest, das Kindlein in
+die Kirche tragen. Schwester Margarete geht dann mit dir und nimmt es
+gleich, wenn dir's zu schwer wird.«
+
+»O, das wird mir nicht zu schwer,« rief Agnes in lautem Jubel. »So
+ein kleines Dinglein ist nicht schwer. Der Einsatz ist auch nicht so
+leicht,« setzte sie mit bescheidenem Stolz hinzu.
+
+»Ja, ich weiß,« sagte die Frau. »Den brauchst du jetzt aber auch nur
+noch diese Woche zu holen. Dann kann ich wieder selber kochen. Gott Lob
+und Dank für alles! Und dir danke ich auch für alles!«
+
+Agnes wurde rot; es brachte sie in Verlegenheit, daß die Frau so sagte,
+so kürzte sie das Gespräch ab und hüpfte weiter. Die Freundinnen mußten
+es ja auch gleich wissen, daß sie das Kindlein tragen dürfe. Und dann
+war es noch der Mutter zu erzählen und der Großmutter und dann noch den
+Geschwistern und Mina, der Magd, und Gottlieb, dem Knecht. Dem Vater
+konnte man es erst am Mittagessen sagen, er war nicht früher zu Hause.
+
+Diese Mitteilung war am Mittwoch gemacht worden und Agnes konnte den
+Sonntag kaum erwarten.
+
+An Mimi zu denken, war gar keine Zeit mehr. Sie konnte sogar ohne
+Schmerz die netten, übereinander purzelnden Kätzlein ansehen, die
+das Dorle noch immer am Leben ließ, vielleicht in der Hoffnung, daß
+jemand das eine oder das andere aufziehen wolle. Denn das Dorle war
+eine große Tierfreundin und Wilhelm Schluchter hatte ihr damals sehr
+Unrecht getan. Am Samstag traf Agnes diesen, der ein großer, kräftiger
+Bube war, im Stall, als sie die Milch holte.
+
+Er hatte eben zwei Kätzlein auf dem Arm. »Wohin damit?« wollte Agnes
+wissen. »Das Dorle hat sie mir geschenkt,« sagte er.
+
+»Ich verhandle sie in der Schule um Äpfel.« »Au, du drückst sie ja
+ganz zusammen,« rief Agnes. »Du plagst die Tierchen. Und in der Schule
+plagen sie die Buben gewiß auch.«
+
+»Das geht dich nichts an,« sagte der große Bube. »Umbringen tue ich
+keins!« Damit rannte er davon. Agnes gelüstete es stark, die andern
+Kätzlein mit nach Hause zu nehmen, denn sie wollte gern ein jedes
+beschützen, daß es nicht in die Hände der Buben falle.
+
+»Aber ich kann gewiß keins brauchen,« dachte sie und trat mit ihrem
+Milchtopf den Heimweg an. Sie hatte noch so viel zu tun, daß sie nicht
+wußte, wo anfangen, und die Mutter hatte schon oft gesagt, daß man
+nicht so vielerlei auf einmal beginnen solle.
+
+Der Sonntag kam und auch die Zeit des Kirchgangs. Agnes schritt stolz
+und glücklich mit ihrer Last zur Kirche. Ein bißchen schwer wurde ihr
+das Kindlein doch nach und nach, aber sie hielt wacker aus. Erst in der
+Kirche nahm es Schwester Margarete auf den Arm. Sie war die Patin und
+das Kindlein bekam auch ihren Namen, und seine Mutter sagte: »Wenn es
+nur so geschickt und fromm und fröhlich wird wie seine Patin, dann kann
+man zufrieden sein!«
+
+»O Großmutter,« sagte Agnes am Abend, als sie miteinander von dem
+Festkaffee, den die Großmutter gespendet hatte, nach Haus gingen, »o
+Großmutter, manchmal denke ich, daß es immer netter wird! Zuerst habe
+ich immer nur die Puppen gehabt, dann die Mimi, das war auch sehr nett!
+Und jetzt habe ich das kleine Margretle! Seine Mutter sagt, es gehöre
+mir auch mit! Und man kann noch gar nicht wissen, was dann noch kommt!«
+
+»Das ist wahr,« sagte die Großmutter. »Es kommt gewiß noch viel
+Schönes.« Und Agnes legte sich glücklich und froh zur Ruhe und dachte
+noch im Einschlafen daran, daß gewiß noch viel Schönes komme. Und es
+kam auch eins nach dem andern. Man sah nicht immer gleich, daß es schön
+war, man mußte oft etwas hergeben, aber dann gab der liebe Gott etwas
+zum Ersatz dafür und das war allemal schöner als das vorige.
+
+
+
+
+ 11. Eine Reise in die Welt.
+
+
+Im Pfarrgarten zu Teufenrot wurde eine wichtige Beratung gehalten.
+Auf einem niedrigen Mäuerchen saß das Pfarriele und hatte einen
+Strickstrumpf in der Hand, ohne zu stricken.
+
+Das Pfarriele hieß eigentlich Maria, aber da man im Haus Mariele zu
+ihm sagte, so hatten die Leute im Dorf auch angefangen so zu sagen und
+da es zu umständlich war, jedesmal »des Herrn Pfarrers Mariele« zu
+sagen, und man doch wissen mußte, von welchem Mariele man sprach, so
+hatte man alles in ein Wort zusammengezogen und Marie hieß im ganzen
+Dorf »Pfarriele.« Also das Pfarriele strickte nicht, sondern unterhielt
+sich sehr eifrig mit ihrem Bruder Rudolf, der den ganzen Inhalt
+seiner Taschen, Schnüre, Kürbiskerne, einen blauen Glasscherben und
+dergleichen wertvolle Dinge, auf dem Mäuerchen ausgebreitet hatte. »Ich
+brauche fast alles,« sagte Rudolf jetzt ernsthaft, »ich muß alles, bis
+auf die alten Brotrinden, in meine Sonntagshosen stecken. Man kann nie
+wissen, was man unterwegs braucht.« »Aber man kriegt vielleicht auch
+etwas geschenkt,« sagte Pfarriele. »Und dann hast du gar keinen Platz
+in den Taschen.« Das war nun auch wieder wahr und das Ende vom Lied
+war, daß Rudolf die Kürbiskerne in die Obhut seiner Schwester gab. »Den
+Scherben brauche ich aber nötig, ich will in der Eisenbahn immer durch
+das blaue Glas sehen, es ist so schön, wenn alles blau aussieht, die
+Bäume und die Häuser und alles,« meinte er und dawider konnte Pfarriele
+nichts sagen. Die Pfarrerskinder hatten, seit sie lebten, die Welt
+immer grün gesehen, das kam ihnen nun nicht mehr so besonders prächtig
+vor. Teufenrot liegt ganz tief im Schwarzwald versteckt. Gleich am Ende
+des Dorfes fängt der Wald an, hoher, dichter, prächtiger Tannenwald.
+Es ist nicht aufzuzählen, wieviel Schönes und Lustiges der Wald bot.
+Erdbeeren und Heidelbeeren konnte man in Menge finden und später auch
+Himbeeren und Brombeeren. Und Stechpalmenzweige mit roten Beeren daran
+konnte man ins Haus holen und im Winter alle Stuben damit schmücken,
+so daß es immer festlich aussah. Wie gesagt, man kann lang nicht
+alles aufzählen. Aber die Kinder waren doch mit ihren Gedanken viel
+in der Welt draußen und stellten sich das Land, das gleich hinter dem
+Schwarzwald anfange, ganz wunderschön vor.
+
+ [Illustration]
+
+Daran war zum großen Teil die Babett schuldig, die einst zwanzig
+Jahre lang bei der Tante Oberkonsistorialrätin in Stuttgart gedient
+hatte. Jetzt war sie, seit Mariele auf der Welt war, im Pfarrhaus in
+Teufenrot und versorgte Küche und Garten und half der Frau Pfarrer bei
+den Kindern und im Haus, als ob sie ihr Leben lang Pfarrmagd gewesen
+wäre. Aber das hielt sie nicht ab, den aufhorchenden Kindern immer
+wieder aufs neue vorzuerzählen, wie so gar schön und prächtig es sei in
+Stuttgart. Vom Königsschloß und den Springbrunnen und Blumenbeeten auf
+dem Schloßplatz, von den Anlagen und dem Schwanenteich, vom Tiergarten
+ganz besonders, und dann noch von den Soldaten in blitzenden Uniformen
+und von der Musik der Wachtparade, von dem allem wußte die Babette
+immer wieder neues zu sagen. Da war es denn kein Wunder, daß Rudolf
+und Mariele kein höheres Verlangen mehr kannten, als einmal diese
+Herrlichkeit mit Augen zu sehen. Das sollte nun morgen dem Rudolf
+widerfahren. Mariele war älter, sie war schon sieben Jahre alt und
+Rudolf erst sechs, und es war der Schwester zuerst etwas bedenklich
+gewesen, daß sie nicht zuerst verreisen dürfe. Aber der Papa mußte mit
+Rudolf zum Arzt, denn dieser hatte ein schlimmes Ohr. »Ein Trommelfell
+hab ich drin,« hatte Rudolf den Bauernbuben erzählt, und diese hatten
+es zu Hause weitergesagt und im ganzen Dorf war großes Bedauern, daß
+das Pfarrersbüblein so etwas ungutes in sich drin habe. Denn sie
+verstanden die Sache nicht so recht. Da aber das Trommelfell nicht weh
+tat und sonst sehr viel Verlockendes mit der Reise zusammenhing, so
+konnte sich Rudolf ungestört auf dieselbe freuen. Und Mariele, das die
+Mutter ermahnte, es solle froh und dankbar sein, daß es ganz gesund
+sei, freute sich mit und hatte mit Rudolf eine ganze Menge zu bereden,
+lauter Dinge, die das große Ereignis betrafen.
+
+Jetzt kam Eduard, das kleine Brüderlein, von der Mama ausgesandt. »Ihr
+sollet jetzt auch zum Nachtessen kommen,« berichtete er. »Man ißt heute
+bald, weil du morgen früh aufstehen mußt, Rudolf, wann es noch Nacht
+ist.« Das war auch wieder etwas Neues! Zunachtessen, wann noch ganz
+heller Tag ist! Um sechs Uhr, statt um sieben!
+
+»Mama, ich täte lieber gar nicht ins Bett gehen,« meinte Rudolf zwar.
+»Bis ich mich ganz richte, ist die Nacht bald herum. Man könnte sonst
+am Ende verschlafen.«
+
+Aber davon wollte die Mama nichts wissen. »Mein Bub schläft jetzt
+gleich ein und schläft die ganze Nacht,« sagte sie. »Und am Morgen
+weckt ihn der Papa und fertig ist man schnell.« Dabei blieb's. Und
+Rudolf lag auch wirklich bald in tiefem, gesundem Schlaf.
+
+ * * * * *
+
+Es war fast noch ganz dunkel, als am andern Morgen der Vater seinen
+Sohn auf das Wägelein hob, das die Reisenden nach der Station führen
+sollte.
+
+Am Himmel stand noch die blasse Mondsichel und es wehte ein kühler
+Wind. Und in Rudolf stieg ein wonnevolles Gruseln auf; was konnte man
+alles erleben an diesem Tag!
+
+»Behüt euch Gott miteinander,« rief die Mama nochmals zum Fenster
+hinaus. »Und kommet mir gesund wieder!«
+
+Dann zog des Lindenwirts »Bläß«, der vor das Wägelein gespannt war, an,
+und fort ging's in die weite Welt.
+
+So lang der Weg durch den Wald ging, immer zwischen hohen Tannen
+bergab, war er dem Rudolf nicht so besonders interessant; diese Gegend
+kannte er wohl. Und der Papa mußte unzählige Fragen beantworten über
+alles, was wahrscheinlich geschehen werde und was nicht. Aber als man
+ins Tal kam, wo nun die Sonne hell und freundlich schien, an einer
+Sägmühle vorbei mit hohen Bretterstößen davor und einem rauschenden
+Bächlein, das die Säge trieb, als der Weg durch einen kleinen
+Luftkurort führte, mit zierlichen Villen und lustwandelnden Menschen,
+da verstummten für einmal alle Fragen. Rudolf hatte nur immer nach
+rechts und links zu sehen, um alles im Vorüberfahren zu erfassen. Und
+da tauchte auch schon das rote Stationsgebäude auf und im Sonnenschein
+glänzten die Schienen und durch die frische Morgenluft drang ein langer
+Pfiff der Lokomotive.
+
+Das war nun erst der richtige Hochgenuß, im Eisenbahnwagen zu sitzen
+und durchs Land zu sausen.
+
+»Papa, die Bäume fahren auch mit, sieh nur und das Bahnwärterhäuschen,«
+rief Rudolf zuerst und mußte sich nun erst belehren lassen, daß nur er
+sich fortbewege und alles andere, was er sehe, stillstehe. Es gab jetzt
+immerfort viel Wichtiges zu sehen. Zuerst noch hohe Berge voll dunkler
+Tannen und verstreute Häuser mit tief heruntergehenden Schindeldächern,
+dann kamen breite Kornfelder und grüne Wiesen, Wäldchen von Obstbäumen
+und dann brauste der Zug über eine breite eiserne Brücke, unter der
+rauschend der Neckar floß. Rudolf kam keinen Augenblick vom Fenster
+weg. Es war alles so interessant, die vielen Dörfer und kleinen
+Städte, an denen man vorbeisauste, ohne anzuhalten, die farbenreichen
+Gärtchen der Bahnwärterhäuschen, die Neckarfähre, die einen Wagen
+samt den Pferden übersetzte. Es regte sich dann auch der Hunger, und
+die Vorräte, die Rudolf in der grünen Botanisierbüchse trug, mußten
+hervorgeholt werden. »O Papa, was würde der Wagnerhansjörg sagen und
+der Philipp, wenn sie das alles sehen könnten! Die wissen gewiß gar
+nicht, daß es so viel Sach gibt.« Dazu mußte Rudolf tief aufseufzen.
+Er konnte es doch nicht gut erwarten, bis er wieder nach Hause kam und
+allen Menschen erzählen konnte, wie es aussehe »auf der Welt draußen«.
+
+»Ich möchte nur immerfort Eisenbahn fahren und sonst nichts, Papa.«
+»Ich werde vielleicht dann, wenn ich groß bin, Kondukteur.« Der Papa
+mußte ein wenig lachen, denn er wußte schon, daß diese Berufswahl heut
+am Tag wohl noch ein paarmal würde umgestoßen werden; es stand ja noch
+viel Neues bevor.
+
+Jetzt holte der Sohn seinen blauen Glasscherben heraus. Man fuhr
+gerade an schönen hellgrünen Weinbergen vorbei und darüber hingen am
+Himmel lichte weiße Wolken. Die mußten sich schön machen in der blauen
+Beleuchtung.
+
+»O, o sieh nur wie schön! Alles ist blau, Papa, alles,« rief er
+entzückt. Aber in lauter Hast, dem Papa diesen merkwürdigen Genuß auch
+zu verschaffen, machte Rudolf eine ungeschickte Bewegung und draußen
+lag der wertvolle Scherben und kollerte über den Bahndamm hinunter.
+
+»Schadet nichts, mein Sohn,« tröstete der Papa. »Siehst du, deswegen
+hat der liebe Gott die Weinberge grün gemacht und die Sonne golden und
+die Wolken weiß, daß wir uns an den schönen Farben erfreuen sollen. Es
+wäre ja sehr langweilig, wenn alles ganz gleich aussähe, das mußt du
+dir nicht wünschen.« Rudolf hatte sich auch gleich wieder beruhigt,
+denn nun hielt der Zug in einem großen Bahnhof und so viele Leute
+wimmelten da umher, wie er noch gar nie auf einem Fleck beisammen
+gesehen hatte. »Ist das jetzt Stuttgart, Papa? Müssen wir jetzt
+aussteigen?« fragte er dringlich. Er hatte das schon fast an jeder
+Station gefragt. »Nein,« sagte der Papa, »aber wenn's wieder hält,
+dann. Mach dich nur bereit.«
+
+Rudolf setzte seinen Strohhut auf und faßte die Botanisierbüchse mit
+beiden Händen, damit sie ihm nicht etwa abhanden komme. Sonst war
+nichts zu rüsten, denn Gepäckstücke waren für den einen Tag nicht
+mitgenommen worden. Jetzt tat die Lokomotive einen langen Pfiff, Rudolf
+meinte, sie habe »Juhuu« gerufen und er hätte es ihr gern nachgetan.
+Denn nun tauchten so endlos viele Häuser auf, der Zug fuhr langsamer,
+jetzt in eine hohe, glasbedeckte Halle ein, dann hielt er. Man war in
+Stuttgart.
+
+Ein wenig betäubt und verwirrt war das Schwarzwaldbüblein doch, als es
+an des Vaters Hand durch das Gewühl der aussteigenden. und abholenden
+Menschen schritt. Es mochte jetzt nicht rechts und nicht links sehen,
+es konnte nur sein kleines Händchen ganz fest in die beschützende Hand
+des Vaters stecken. So hohe Häuser, eins am andern! Und immer kamen
+noch neue! Und dazwischen auf den Straßen, wo kamen nur all die vielen
+Leute her? Sie sahen alle aus, als ob sie in den Sonntagskleidern
+wären! Und die Menge Kutschen und Wagen! Es war wirklich kein Wunder,
+daß Rudolf sich in eine ganz neue Welt versetzt glaubte, in der er noch
+gar nicht zu Hause war.
+
+Es war Zeit zur Sprechstunde, so suchten die beiden zuerst den Arzt
+auf, der in einer freundlichen, etwas stilleren Straße wohnte. »Tut
+er mir nichts, Papa? Bleibst du dabei, daß er mir nichts tun kann?«
+fragte Rudolf ein wenig ängstlich, als er im Wartezimmer saß, das durch
+dunkelgrüne Vorhänge und grün bezogene Möbel einen etwas feierlichen
+Anstrich bekam. Der Vater versicherte alles Gute und die Angst verging
+auch von selbst, als der Herr Doktor dem Büblein freundlich die Hand
+gab. Er sah ganz und gar nicht aus, als ob etwas von ihm zu befürchten
+sei, und Rudolf war bald wieder so zutraulich und fröhlich, wie sonst.
+
+Als die Untersuchung des kranken Ohres vorbei war, wollte der Vater
+noch ein wenig allein mit dem Herrn Doktor reden. Das Sprechzimmer
+hatte eine Türe, die in den Garten führte. »Komm, Kleiner, du kannst so
+lang da hinaus,« sagte der Herr Doktor freundlich, denn er hatte schon
+gemerkt, daß Rudolf ein großes Verlangen hatte, so viel als möglich von
+all dem Neuen zu sehen, das auf der Straße vor sich ging. »Du kannst
+durch das Gitter auf die Straße sehen! Paß auf, was da alles zu sehen
+ist!«
+
+Rudolf wollte das gern und die Herren unterredeten sich eine Zeitlang
+miteinander, denn der Vater hatte auch sonst noch allerlei Anliegen
+und der Herr Doktor war ein alter Freund von ihm. Rudolf hatte sich
+gehorsam an das Eisengitter gestellt und drückte nun seinen Kopf
+fest an die Stäbe, um ja nichts zu versäumen, das etwa draußen vor
+sich gehen konnte. Da kam etwas die Straße entlang gesaust, das ihn
+in höchstes Erstaunen versetzte. Es war ein Wagen mit einer langen
+Fensterreihe, fast wie ein Postwagen anzusehen, nur größer. Und es
+waren keine Pferde dran! Er lief auf Schienen, es konnte am Ende auch
+ein Eisenbahnwagen sein, aber dann fehlte die Lokomotive! Das versetzte
+Rudolf in einige Aufregung. »O, ein Wagen ohne Pferd und alles und
+kann selber laufen,« rief er unwillkürlich laut aus und dann fiel es
+ihm erst ein, daß ihn der Vater jetzt nicht hören konnte. Der Wagen
+hielt an der nächsten Ecke. Es stiegen Leute aus und andere ein und
+Rudolf ergriff ein mächtiges Verlangen, das Wunderbare nur auch einen
+Augenblick in der Nähe zu sehen.
+
+Den Garten zu verlassen, war ihm nicht verboten worden, es hatte keiner
+der beiden Herren an diese Möglichkeit gedacht.
+
+»Nur ganz geschwind dorthin laufen und den Wagen ansehen,« dachte
+Rudolf und klinkte das Türchen auf. Aber als er an die Ecke kam, fuhr
+der Wagen ab und ein anderer, der auch dagestanden war, schlug die
+entgegengesetzte Richtung ein. Das war so schade und Rudolf machte ein
+ganz enttäuschtes Gesicht. »Hast du etwa mitfahren wollen?« fragte
+ein etwas größerer Knabe, der mit dem Schulranzen auf dem Rücken des
+Wegs daher kam, den Kleinen. Denn es kam ihm so vor, weil er so einen
+betrübten Blick hinter dem Wagen hersandte. Rudolf schüttelte den Kopf.
+»Nein,« sagte er, »ich habe ihn nur ansehen wollen, weil er selber
+laufen kann ohne Pferde.« »Das ist ja ein elektrischer Wagen,« belehrte
+der Stuttgarter das Landkind. »Das weiß mein kleiner Bruder schon, der
+ist erst drei!« Rudolf wußte gar nicht, was ein elektrischer Wagen
+sei, aber er mochte nicht mehr fragen, weil es der dreijährige Bruder
+schon wußte. So wollte er denn wieder umkehren, denn der Papa konnte
+nun am Ende beim Herrn Doktor fertig sein. Er sah sich prüfend um, hier
+mündeten so viele Straßen, welche war nun die richtige?
+
+»Wo mußt du denn hin?« fragte der neue Kamerad. »Wieder zum Herrn
+Doktor, mein Papa ist dort,« sagte Rudolf und sah sich immer
+ängstlicher um. »O das weiß ich gut, der wohnt ganz gerade aus,« sagte
+der Stuttgarter zuversichtlich. »Es ist ein Haus in einem Garten,
+gelt?« Rudolf nickte. »Ja und eine goldene Kugel zum Herausziehen an
+der Haustüre.« »Das ist die Glocke, du weißt auch noch nicht viel,«
+lachte der Schüler. »Jetzt geh nur ganz geradeaus, siehst du, das
+ist das Haus, das ein wenig vorsteht. Den Garten sieht man erst von
+der andern Seite, nicht von hier aus.« Es kam Rudolf nicht ganz so
+vor, aber der große Junge mußte es ja wissen, so ging er denn auf das
+bezeichnete Haus los.
+
+Der Wegweiser hatte es aber nicht recht gewußt. Er hatte nicht daran
+gedacht, daß es viele Doktoren gibt in der großen Stadt, und der Arzt,
+der hier wohnte, war ein anderer als der, bei dem Rudolf vorher gewesen
+war. Ratlos sah sich das Büblein um, denn es wußte nun gar nicht mehr,
+wo es hergekommen war. So viele fremde Leute gingen vorüber, keiner
+achtete darauf, daß der kleine Fremdling angefangen hatte. bitterlich
+zu weinen.
+
+Plötzlich kam ein Soldat auf Rudolf zu. Er hatte einen Helm auf und
+glänzende Knöpfe an seinem Rock und sein Gesicht glänzte auch, aber vor
+Freude. »Grüß Gott, Rudölfle,« sagte er, »ja wie kommst denn du daher?
+Und weinst so?« Es war Stiftungspflegers Gottlieb von Teufenrot, ein
+ganz guter Freund der Pfarrerskinder, der hier beim Regiment stand.
+
+Rudolf lachte durch seine Tränen hindurch. Denn der Gottlieb kam ihm
+vor wie ein Engel, er faßte seine Hand ganz fest. »Ich bin mit dem
+Papa gekommen, er ist noch im Zimmer beim Herrn Doktor und ich habe
+den Wagen sehen wollen, der von selber laufen kann. Und jetzt weiß ich
+nicht mehr, wo er wohnt, zeig mir's jetzt!«
+
+Das war nun nicht ganz so leicht für den Gottlieb, und wenn nicht
+der Herr Pfarrer soeben eilig und atemlos an der Straßenkreuzung
+erschienen wäre, um nach allen Seiten hin zu spähen, so wäre es mit dem
+Wiedersehen am Ende nicht so schnell gegangen.
+
+Der Vater konnte nicht viel sagen, als: »Gott Lob und Dank!«
+
+Denn er konnte den Rudolf im Augenblick nicht zanken, daß er aus dem
+Garten gegangen war. Landkinder wissen nicht so recht, wie leicht man
+in einer großen Stadt weit, weit auseinander kommen kann, und diese
+Belehrung bekam Rudolf erst, als er mit dem Papa und Gottlieb zusammen
+beim Mittagessen saß. Daß der Junge einmal fürs erste nicht mehr von
+ihm weichen würde, konnte der Herr Pfarrer deutlich merken, denn Rudolf
+hielt mit der einen Hand den Löffel und mit der andern den Ärmel des
+väterlichen Rocks gefaßt und verwandte keinen Blick von dem Vater.
+
+Jetzt kam mit Trommeln und Trompeten die Wachtparade gezogen. Rudolf
+war längst wieder soweit getröstet, daß er sich für so etwas Herrliches
+begeistern konnte. Im Nu war er mit dem Vater auf der Straße und
+marschierte, immer die beschützende Hand festhaltend, »in gleichem
+Schritt und Tritt,« so gut es die kleinen Füße erlaubten, mit die
+Königstraße hinunter bis zum Schloßplatz. Da sprangen die Wasser der
+Springbrunnen hoch in die Höhe, und die kunstreichen Beete leuchteten
+in allen Farben, und im Trompeterhäuschen schmetterte die Musik, und
+dem Büblein zersprengte es fast das Herz vor Hochgefühl. »O, wenn nur
+die Mama da wäre und das Mariele und die Babett,« brachte er endlich
+heraus. »Und dann noch der Philipp und der Hansjörg!«
+
+Denn der Rudolf sah wohl ein, daß er es dann doch nicht ganz so
+sagen könne, wenn er nach Hause komme. Ganz so schön, wie es in
+Wirklichkeit war! Ein kleiner Trost war noch, daß der Vater eine
+Schokoladetafel kaufte für das Mariele, mit einem schönen, bunten Bild
+des Schloßplatzes darauf.
+
+Es kam immer noch schöner. Rudolfs Patin sollte besucht werden, und
+da diese weit weg, fast am Ende der Stadt wohnte, da, wo diese sich
+am Hasenberg hinaufzieht, so stieg der Vater mit ihm in einen der
+interessanten Wagen. Das war fast noch schöner als Eisenbahnfahren. So
+durch die ganze Stadt zu sausen durch schöne Straßen mit hohen Häusern
+und prachtvollen Läden! Der Wagenführer, ja der kam Rudolf nun wieder
+beneidenswert vor! Den ganzen Tag nichts zu tun, als auf dem luftigen
+Vorplatz stehen und mit der Glocke bimmeln, daß alle Leute schnell
+ausweichen, und dazu hin und her sausen, schnell wie der Wind! Wenn
+sich Rudolf nicht erst vor einer Weile entschlossen gehabt hätte,
+Trommler oder Trompeter bei den Soldaten zu werden, so hätte er jetzt
+gewiß gleich mit dem Papa ausgemacht, daß er Wagenführer werden wolle.
+
+Jetzt war man bei der Patin angelangt. Sie wohnte in einem hohen,
+stattlichen Hause. »Gelt, Papa, das ist noch viel höher als des Königs
+Schloß?« meinte der Sohn, und das mußte der Vater auch zugeben. Des
+Königs Schloß hatte aber jedenfalls den Vorzug, daß es da nicht so
+viele Treppen zu ersteigen gab, wie bei der Patin. Denn diese wohnte im
+vierten Stock.
+
+»Warum wohnt sie ganz oben auf der Bühne?« wollte Rudolf wissen und
+erstaunte sehr, daß es da oben gar nicht aussah wie auf der Bühne,
+sondern recht zierlich und hell und freundlich. Die Patin war schon
+einmal in Teufenrot gewesen, Rudolf kannte sie wohl. »Aber da war ich
+noch ein bißchen klein,« sagte er nur. »Ja,« sagte die Patin und mußte
+ein wenig lachen, »jetzt bist du freilich schon recht groß, du kannst
+schon auf den Tisch heraufsehen!«
+
+Es waren auch Kinder da, ein Töchterlein Adele, das einen langen
+Hängezopf hatte und französisch lernte, drei Buben von sieben, acht und
+neun Jahren und dann noch ein fünfjähriges Schwesterlein. Rudolf war
+bald daheim unter der lustigen Schar, besah sich mit ihr vom Balkon aus
+die Stadt, die dem Landkind fast unendlich vorkam und staunte nur, daß
+das kleine Annchen schon so sicher alle Kirchtürme und Aussichtspunkte
+zeigen konnte.
+
+Überhaupt kam es ihm immer begehrenswerter vor, in der Stadt zu leben!
+Die Buben erzählten vom Tiergarten, den Affen, Eisbären und Löwen, die
+es da gibt. »Wir können hinein, so oft wir wollen, wir sind abonniert,«
+sagte Richard, der älteste der Brüder.
+
+Und Hans setzte hinzu: »Ja und der Elefant kennt uns schon!« Das dünkte
+den Rudolf ein unerreichbares Glück! Was waren dagegen die Eichhörnchen
+im Teufenroter Wald? Und die Hasen und Rehe, die man hie und da durchs
+Gebüsch huschen sah?
+
+Rudolf wußte nicht, daß die Erwachsenen einstweilen im Zimmer wirklich
+Pläne schmiedeten, die ihn betrafen und die davon handelten, ihn aus
+dem Stillleben der Heimat in die Stadt zu versetzen. Er sollte ja jetzt
+ein Schüler werden und die Eltern hatten beschlossen, ihn das erste
+Jahr in Teufenrot in die Schule zu schicken, dann wollte ihn die Patin
+aufnehmen und das Patchen sollte ein fleißiger Stuttgarter Schüler
+werden.
+
+Aber davon wußte, wie gesagt, Rudolf nichts. Heute hätte ihn der
+Plan vielleicht gefreut, weil er sich schwer von den neuentdeckten
+Herrlichkeiten trennte. Wir wollen aber einmal in zwei Jahren wieder
+anfragen, ob da nicht manchmal ein kleiner Junge mit dem Ranzen auf dem
+Rücken daherkommt und unterwegs noch einmal seine Aufgabe wiederholt
+und nebenher ein wenig seufzt: »O wenn ich nur wieder daheim wäre und
+könnte ganz tief in den Wald hineinlaufen und Heidelbeeren schmausen,
+frisch vom Stock!« Denn es ist nicht allemal schön und herrlich, wenn
+unsere Wünsche in Erfüllung gehen, das müssen auch schon kleine Leute
+erfahren.
+
+Für jetzt sah der Rudolf aber noch lauter Freude und Sonnenschein um
+sich her. Der Papa trat auch zu der jugendlichen Schar und fragte
+lächelnd: »Nun, Buben, wer von euch will denn nächsten Sommer in der
+langen Vakanz zu uns in den Schwarzwald kommen. Sagt's nur,« fuhr er
+ermunternd fort, als die Buben vor Freude dunkelrote Köpfe bekamen und
+sich doch nicht getrauten, hinauszujubeln, denn das konnte ja nicht
+im Ernst gemeint sein! Die ganze lange Vakanz durch aufs Land! Und in
+einem Pfarrhaus wohnen, das ganz in einem großen Garten steht! Und
+Schiffchen schwimmen lassen im Röhrenbrunnen! Und Eichhörnchen fangen
+im Wald!
+
+Die Mutter nickte bestätigend, und daraufhin riefen alle drei mit
+solchem Jauchzen: »Ich, ich, ich!« daß der Herr Pfarrer befriedigt
+sagte: »Am guten Willen fehlt's da nicht, das sehe ich schon.« Und es
+wurde gleich beschlossen, daß im nächsten Sommer alle drei Brüder über
+die ganze Vakanzzeit nach Teufenrot kommen sollten, denn wenn der Herr
+Pfarrer aus guten Gründen darnach strebte, seinen Sohn in die Stadt zu
+bringen, so wollten die Eltern der Stadtkinder dagegen gern, daß diese
+eine Zeitlang aufs Land kommen sollten. Und dazu hatten sie auch gute
+Gründe; denn die Backen der drei Schüler waren etwas schmal und blaß
+und Rudolfs dagegen so frisch und rund, daß es einen wohl gelüsten
+konnte, auch solche zu bekommen!
+
+»Aber jetzt wird Abschied genommen, es ist höchste Zeit,« mahnte der
+Papa und sah nach der Uhr. Und die Patin steckte dem Rudolf alles, was
+er von den guten Vesperbrocken nicht hatte aufessen können, in die
+Botanisierbüchse für unterwegs. »Und siehst du,« sagte sie noch, »da
+sind drei Orangen, eine für die Mama, eine für Mariele und eine für den
+Eduard. Die kannst du vielleicht in die Tasche stecken!« Das konnte
+Rudolf. Es war doch gut, daß er die Kürbiskerne nicht eingesteckt
+hatte, Mariele hatte doch recht gehabt!
+
+Jetzt saßen die Reisenden wieder im Eisenbahnwagen. Rudolf war etwas
+müde, er warf kaum einen Blick zum Fenster hinaus. Immer näher kroch
+er an den Vater heran, jetzt lehnte er den Kopf an dessen Arm und dann
+schlief er ein, tief und fest.
+
+An der Station stand das wohlbekannte Wägelein, als der Zug ankam. Der
+Mond stand hoch am Himmel und sah zu, wie ein schlafendes Büblein aus
+einem Wagen in den andern getragen wurde. Dann knallte die Peitsche
+und der »Bläß« schlug einen munteren Trab an, denn er wußte wohl, daß
+es dem Stall zuging und freute sich gerade so gut auf seine Streu
+und den Haber und das Heu in der Krippe, als ein müdes und hungriges
+Menschenkind auf sein Bett und auf ein warmes Abendessen. Nur daß das
+Menschenkind von einer lieben Mama in Empfang genommen und gepflegt,
+erquickt und sorglich zugedeckt wird.
+
+Das Pfarriele schlief schon lang, als die Reisenden ankamen. Die Babett
+stand unter der Haustüre und leuchtete, und die Mama rief, wie beim
+Abschied, zum Fenster heraus: »Grüß Gott! Jetzt seid ihr doch wieder
+glücklich da! Gott Lob und Dank!« Rudolf ließ sich wie im Traum mit
+warmer Milch und Weißbrot füttern und ins Bett legen. Erst, als am
+andern Morgen der kleine Bruder hereinkam, weil er gar nicht mehr
+warten konnte und leise sagte: »Rudolf, du mußt nicht aufwachen, du
+mußt mir bloß geschwind geben, was du mir mitgebracht hast!« da fuhr
+er verwundert in die Höhe und sah, daß er wieder daheim war. Er hatte
+soeben geträumt, er stehe mit einer Trommel in der Hand auf einem
+Straßenbahnwagen und besinne sich, ob er lieber trommeln oder lieber
+mit der Glocke klingeln sollte. Denn beides war sehr verlockend.
+
+Aber daheim zu sein, war auch schön! So schön, daß er's gar nicht mehr
+recht gewußt hatte, so lang er fort war.
+
+Und Rudolf schlang beide Arme um die Mama, die eben zu ihm trat und
+sagte: »O Mama, es ist so schön gewesen, man kann es gar nicht recht
+sagen, wie schön! Und der Elefant kennt die Buben schon, den Richard
+und den Hans und den Julius. Und es gibt Postwägen mit einer Schelle
+dran, die selber laufen können und ich werde dann vielleicht ein
+Wagenführer. Du darfst dann immer umsonst fahren, Mama! Und du auch,
+Mariele!« Denn die Schwester war auch dazu gekommen und freute sich
+sehr über diese Aussicht.
+
+Aber als die Mama sagte: »Ja, möchte denn mein Bub' immer in Stuttgart
+bleiben und lieber gar nicht mehr hier sein, und nicht mehr in den Wald
+können und in den Garten und zu den Spatzen auf den Kirchturm?« -- da
+kam das Heimatsgefühl wieder, das dem Rudolf schon vorhin beim Erwachen
+aufgestiegen war, und er sagte mit einem tiefen Atemzug: »Nein, nein,
+das möchte ich gar nicht! Ich möchte nur daheim sein und sonst nirgends
+auf der ganzen Welt!«
+
+
+
+
+ 12. Die Botenflori.
+
+
+Die Botenflori saß vor ihrem Häuslein auf einem dreibeinigen Stühlchen
+und ließ sich von der Sonne anscheinen. Sonst tat sie anscheinend
+nichts; die Hände hatte sie in den Schoß gelegt und den Kopf an die
+Wand des Häusleins gelehnt. Das war man sonst an der Flori nicht
+gewöhnt. Sie war ein altes Weiblein, und so lang sich die Leute im Dorf
+denken konnten, war sie jeden Tag mit ihrem Tragkorb auf dem Rücken in
+die Stadt gewandert und hatte dort alles eingekauft, was die Leute etwa
+brauchten, und außerdem noch die Postsachen mit heraufgebracht. Die
+Flori hieß eigentlich Floriane, man hatte ihren Namen nur so abgekürzt,
+weil das bequemer zu sagen war. Sie war in allen Häusern des Dorfes gut
+bekannt, und wer sie so mit ihrem schweren Korb daherkommen sah, sagte
+dann allemal freundlich zu ihr: »Ei, grüß Gott, Flori! So munter, wie
+Ihr, ist kein Junges! Und wenn Ihr einmal Feierabend macht, dann habt
+Ihr ihn auch verdient!«
+
+Aber die Flori wollte noch keinen Feierabend machen. Sie wollte gern
+noch arbeiten und meinte, niemand könne so gut wie sie alles in den
+Läden besorgen und so gut die Postsachen austeilen. Und doch atmete
+sie so schwer, wenn es den Berg heraufging, und da und dort sagte eine
+Bäuerin: »Bei der Flori nimmt das Gedächtnis auch ab, das merkt man
+wohl! Sie hat mir heute schwarzes Garn gebracht anstatt braunem, und
+die Düte mit dem Griesmehl ist ihr unterwegs aufgegangen! Es tut's
+nicht mehr lang so!«
+
+So hatten die Leute nichts dagegen, als in dem Frühjahr, von dem jetzt
+gesagt ist, die Nachricht vom Städtlein heraufkam, daß von jetzt an
+ein wohlbestellter Postbote jeden Tag heraufkommen solle, ein fester,
+starker Mann, der einen verschlossenen Karren mit sich zu führen hatte,
+in dem dann alles, was zu besorgen war, bequem Platz finden konnte.
+
+Aber der Flori war die Nachricht ein harter Schlag. Es kam ihr vor,
+als ob ihr ein großes Unrecht widerfahren und als ob die ganze Welt
+undankbar und schlecht sei. »Jetzt hab' ich mich geplagt und geschunden
+meiner Lebtag,« sagte sie zum Herrn Pfarrer, der sie in ihrem Häuslein
+besucht hatte, »und zum Dank dafür wird man einfach abgedankt. Bei
+Lebzeiten noch abgedankt.« Und die Flori fing an zu weinen, und es half
+nicht viel, daß der Herr Pfarrer tröstend sagte: »Ei, Flori, der liebe
+Gott meint's gut mit Euch, daß er Euch noch einen ruhigen Feierabend
+gönnen will! Und Mangel leiden müsset Ihr sicher nicht! Dafür sorgt das
+ganze Dorf miteinander.«
+
+Denn es war dem fleißigen Weiblein nicht nur ums tägliche Brot zu tun,
+es hätte gern noch etwas nützen wollen auf der Welt, und sein Beruf lag
+ihm am Herzen.
+
+Heute war nun zum erstenmal der neue Bote ins Dorf gekommen. Er hatte
+einen blauen Rock an mit blanken Knöpfen und eine Mütze auf mit einer
+Silberborte, und sein Schiebkarren war schön grün angestrichen.
+Jetzt kam es der Flori erst recht in den Sinn, daß sie gar kein Amt
+mehr habe, und das drückte sie schwer. So kam es, daß sie am hellen
+Werktag vor ihrem Häuslein saß und die Hände in den Schoß legte. Es
+kam ihr vor, als ob sie nun gar nichts mehr zu tun habe im Leben,
+und sie dachte, daß sie dann am liebsten gleich sterben möchte. Weil
+sie so starr auf ihre Hände sah und nicht rechts und nicht links,
+hatte die Flori gar nicht bemerkt, daß ein kleines Fuhrwerk des Wegs
+dahergekommen war und ganz in ihrer Nähe hielt. Es war ein kleines,
+höchst einfaches Pritschenwägelchen, darin zwei dicke, kleine Buben
+von ein und zwei Jahren saßen. An der Deichsel zog ein barfüßiges
+Mädchen, das ungefähr acht Jahre alt war und dem noch ein dreijähriger
+Bube am Kleid hing. Das Mädchen sah bleich und mager aus und hatte
+ein finsteres Gesicht, und als es jetzt stehen blieb, um ein wenig
+auszuruhen, sah man, daß es hart atmete, so, als ob es sehr müde sei.
+
+Die Flori sah erst auf, als der dreijährige Bube weinerlich sagte:
+»Trag mich, Christine, ich sag's der Mutter sonst!«
+
+»Ich kann nicht, Peterle, du mußt laufen,« sagte das Mädchen, »guck,
+dort kommt bald ein Rain, da sitzen wir hin.«
+
+Aber der Dicke wollte jetzt getragen sein und fing aus Leibeskräften
+an zu schreien. Das mußte er schon öfters probiert haben, denn das
+Schreien half, und Christine bückte sich mit einem ganz verzagten
+Gesicht herunter, um den schweren Buben auf den Arm zu nehmen.
+
+ [Illustration]
+
+Flori hatte sich eigentlich nicht um die Kinder bekümmern wollen, sie
+hatte sich fest vorgenommen, daß sie jetzt von niemand mehr etwas
+wissen wolle, wenn doch die Leute so undankbar seien. Aber daß das
+schwächliche Mägdelein den dicken Schreier auf den Arm nahm, das konnte
+sie doch nicht sehen, da mußte sie schon eine Ausnahme machen. »Bist
+du im Augenblick still und stehst fest auf deine dicken Füße?« rief sie
+mit grimmiger Stimme zu dem Dicken hinüber. Der strampelte immer noch,
+die kleine Kindsmagd konnte ihn kaum regieren. Da mußte sich die Flori
+schon erheben. Im Augenblick war sie an dem Wägelchen, nahm den Peterle
+auf den Arm und stellte ihn so nachdrücklich auf den Boden, daß er wohl
+einsah, daß er da fürs erste zu bleiben habe. Christine sah ein wenig
+erleichtert aus, aber sie war zu verlegen, um etwas zu sagen, so zog
+sie nur wieder an ihrer Deichsel, um weiter zu kommen.
+
+Aber nun war die Flori schon in Tätigkeit. Sie kannte die Kinder
+wohl. Sie kamen aus einem der ärmlichsten Häuschen am andern Ende des
+Dorfes. Hier wenigstens hatte sie keine Kundschaft verloren, denn die
+Frau des Wegknechts Häberle brauchte selten etwas aus der Stadt, und
+wenn es dann sein mußte, so trug sie etliche Büschel Kienholz oder
+Wacholderbeeren auf den Markt und brachte dafür das Nötigste mit. Das
+Mägdlein war ein Bruderkind des Wegknechts, das verwaist war und gegen
+ein billiges Kostgeld, das die Gemeinde bezahlte, von ihm aufgenommen
+war.
+
+Es machte nicht umsonst ein so finsteres Gesicht und es war auch kein
+Wunder, daß es mager und bleich aussah. Denn in dem Häuslein des
+Wegknechts ging es nicht sehr freudenreich zu. Die Frau war nicht
+gerade böse, aber sie hatte von Natur ein etwas unfreundliches Wesen
+und dann konnte sie auch die Arbeit mit den drei kleinen Buben und
+der Haushaltung und dem Äckerlein nicht gut bewältigen. Da hatte sie
+sich denn angewöhnt, fast den ganzen Tag zu brummen und zu zanken, und
+besonders Christine hatte noch nicht viel gute Worte von ihr gehört.
+Diese ging jetzt in die Schule, aber da war fast immer ein Grund
+vorhanden, daß sie zum Lehrer gehen und um Urlaub anhalten solle. Das
+war dem Lehrer auch nicht lieb und so war er denn auch nicht besonders
+freundlich gegen das Kind. War sie dann im Haus, so hatte die Christine
+fast den ganzen Tag eines der Kleinen auf dem Arm. Herumspielen mit
+anderen Kindern, das gab es nicht für sie. »Möcht dann auch wissen,
+zu was ich die viele Last und Mühe mit dem Mädchen haben soll, wenn
+sie mir nicht ein bißchen hilft,« sagte die Base oft und dachte nicht
+daran, daß Christine selber noch ein zartes, schwächliches Kind sei,
+das so nicht kräftig und groß werden konnte. Es gab ja auch nicht viel
+anderes zu essen für sie als Kartoffeln. Denn die Milch brauchte man
+für die Kleinen und das Stückchen Speck oder Fleisch, das man hie und
+da kaufen konnte, mußten nötig die Hauseltern haben, die hart arbeiten
+mußten. Christine hatte sich nach und nach daran gewöhnt, daß ein Tag
+um den andern gleich dahinging und nichts Erfreuliches geschah. Aber
+sie hatte dabei einen so freudlosen Ausdruck in ihr Gesicht bekommen,
+daß die Leute, die sie sahen, öfters zueinander sagten: »Wie nur ein so
+junges Kind schon so verdrießlich und unfreundlich aussehen kann!« Und
+sie sagten dann zu ihren Kindern, die fröhlich herumsprangen: »Merket's
+euch nur, daß man so nicht sein darf, sondern daß man vergnügt und
+dankbar sein muß.«
+
+Die Botenflori hatte sich noch nie besonders für Christine umgesehen,
+so lang sie ihre täglichen Gänge machte. Da hatte sie viel wichtigeres
+zu bedenken als so ein armes Waisenkind.
+
+Heute, wo sie selber so traurig war und auch gut Zeit zum Aufmerken
+hatte, fiel es ihr plötzlich auf, wie elend das Mädchen aussah. Sie
+konnte die Christine nicht nur so vorbeigehen lassen. So sagte sie
+freundlich zu ihr: »Wo willst du denn hin mit deinem Wagen voll Leut?
+Komm, da sitz ein bißchen auf mein Bänklein ab. Den Dicken darfst du
+nicht tragen, es könnte dir ja einen Schaden antun.« Christine sah
+verwundert auf. Es war schon lang her, seit jemand so freundlich mit
+ihr gesprochen hatte. Es tat ihr aber wohl und sie nickte bereitwillig
+und zog ihr Wägelchen dicht an das Häuslein her. Peterle bekam eine
+Hand voll Waschklammern zum spielen und Christine durfte zur Flori
+auf das Bänklein sitzen. Es kam dieser nun selbst verwunderlich vor,
+daß sie sich diesen Besuch herbeigeholt hatte, sie hatte doch allein
+sein wollen. Aber jetzt wollte sie sich nicht mehr lang besinnen, es
+gab außer ihr noch mehr betrübte Leute auf der Welt, das merkte sie
+wohl. »Also jetzt, wohin hast du gewollt mit deinem Buben?« fragte sie
+nochmals. »Weiß selber nicht,« gab Christine zurück. »Wir sollen den
+ganzen Nachmittag fortbleiben, bis es dunkel wird. Die Base liegt im
+Bett, man hat wieder einen kleinen Buben.«
+
+»Ei, was du sagst!« Flori nahm diese Nachricht sehr lebhaft auf. »Und
+da freust du dich gar kein bißchen und machst so ein Gesicht dazu?« Daß
+man sich da freuen könne, hatte Christine nicht gewußt. Der Wegknecht
+hatte mürrisch gesagt: »Jetzt wird mir's nächstens zu viel mit dem
+Geschrei,« und die Base hatte auch gebrummelt: »Wenn's noch ein Mädchen
+wär, daß man auch eine Hilfe bekäme!«
+
+Und sie selber, die Christine, wußte nur, daß es noch einen kleinen
+Schreihals herumzutragen gebe. Nein, erfreulich war ihr das nicht
+vorgekommen. So sah sie die Flori erstaunt an und schüttelte den Kopf.
+»Es ist mir ganz entleidet,« sagte sie statt aller Antwort.
+
+Der Flori war es erst vorhin auch noch ganz entleidet gewesen, sie
+wußte gut, wie das ist. Aber daran dachte sie jetzt nicht mehr. »So
+darf man nicht sagen, das ist eine Sünde,« sagte sie strafend. »Das
+Büblein hat euch der liebe Gott geschickt und was der einem schickt,
+darf einem nicht entleidet sein. Und es ist gewiß ein nettes Kindlein,
+du hast's nur noch nicht recht angesehen. Gib acht, wenn es die Äuglein
+auf und zu macht und mit den Füßen zappelt, wenn man's badet.«
+
+Christine mußte sich immer mehr wundern, so hatte sie freilich das
+Kindlein noch nicht angesehen.
+
+»Und die größeren darfst du jetzt ganz allein versorgen wie ein rechtes
+Mütterlein,« fuhr die Flori fort. »Das ist gewiß ein nettes Geschäft,
+das freut dich sicher.« Christine schüttelte wieder den Kopf. »Sie
+schreien so,« sagte sie, »und der Peterle kratzt mich und die Base
+zankt mich immer.«
+
+»Ei, du wirst's noch nicht recht können,« sagte Flori. »Wart einmal,
+morgen früh will ich einmal zu euch kommen, dann tun wir's miteinander.
+Das gibt ein Vergnügen!«
+
+In Christines Gesicht war ein ganz anderer Ausdruck gekommen, sie kam
+sich jetzt schon nicht mehr so allein und hilflos vor. Und zu der Flori
+konnte sie ein rechtes Vertrauen fassen, denn sie war der erste Mensch,
+der liebreich mit ihr gesprochen hatte, seit sie aus ihrer Heimat fort
+war.
+
+So tat sie der Flori recht ihr Herz auf und erzählte ihr noch vieles
+von ihrem Leben und auch, wie sie's daheim, als ihre Eltern noch
+lebten, so gut und schön gehabt habe. Und in der Flori stieg ein fester
+Entschluß auf, dem armen Kind ein wenig aufzuhelfen, so gut als möglich.
+
+Es war ihr am andern Tag lang nicht so schmerzlich wie gestern, als
+sie dem Postboten mit seinem Karren begegnete. Sie war auf dem Weg
+nach dem Häuslein des Wegknechts und ging gar nicht so daher wie
+jemand, der nichts mehr zu schaffen hat, sondern mit recht gewichtigen
+Schritten. Wer sie sah, konnte denken, die Flori habe etwas Wichtiges
+vor. Und das konnte sie wohl auch haben, denn in dem Raum, in den sie
+nun eintrat, sah es ganz so aus, als ob man eine rechte Hilfe brauchen
+könne. Peterle saß am Boden und schrie aus Leibeskräften und der
+zweijährige Georg schrie in seinem Bett zur Gesellschaft mit. Den
+einjährigen Michel hatte Christine auf dem Arm und mühte sich zugleich
+mit dem Feuer im Ofen ab, das nicht brennen wollte. Es rauchte und
+roch nach Ruß in der Stube und die Frau rief mit scharfer Stimme aus
+dem Bett: »So ein ungeschicktes Ding, wie du bist, ist mir noch nicht
+vorgekommen. Gar keine Hilfe hat man an dir!«
+
+»Guten Morgen, beieinander,« sagte in diesem Augenblick die Flori, die
+bei dem Lärm ungehört hereingekommen war. Sie trat an das Bett der
+Frau und sagte freundlich: »Am Ende könnte ich ein bißchen nach der
+Sache sehen, die Christine ist noch wohl klein zur Haushälterin.« Das
+war der Frau noch nie vorgekommen, daß sich jemand um ihre Haushaltung
+angenommen hatte. Es konnte ihr schon recht sein, sie sagte aber
+brummig: »Wir könnten schon allein fertig werden. Arme Leute haben
+keine Zeit zum Kranksein, ich stehe dann schon wieder auf.« Aber die
+Flori ließ sich nicht draus bringen. Zuerst half sie dem Feuer auf,
+daß dieses lustig flammte, und kochte die Morgensuppe; dann ging es an
+die Reinigung der kleinen Schreihälse. Christine wußte nicht, wie ihr
+geschah, so hatte ihr noch niemand gezeigt, wie man alles angreifen
+mußte. Heute ging es noch einmal so leicht. »Jetzt lassen wir aber
+auch den schönen Sonnenschein herein,« sagte Flori und öffnete das
+Fenster, denn draußen schien jetzt die Sonne warm und hell, gerade auf
+den Tisch, auf dem jetzt die Suppe stand. Christine meinte, so gut
+sei noch keine Suppe gewesen und die Stube noch nie so freundlich wie
+heute, und die Kinder noch nie so folgsam. Sie mußte einmal ums andere
+tief aufatmen, und das sah die Flori mit Wohlgefallen. Auch die Frau
+legte sich behaglich in die Kissen zurück und ließ sich versorgen,
+denn sie wußte nun, daß für heute einmal alles Nötige geschehe. Sie
+wollte ja nicht böse sein, sie hatte nur immer so viele Sorgen und
+viele Arbeit, und dann hatte sie schon lang nicht mehr gesehen, wie gut
+es tut, wenn man freundlich und liebreich ist. Das sah sie nun an der
+Flori, die gar nicht viel zu sagen brauchte, so folgten ihr die Kinder,
+und die die ungeschickte Christine so nett und verständig anwies, daß
+die Arbeit ging wie am Schnürchen. Jetzt war die Stube gefegt und das
+kleinste Kindlein gebadet. Es war wirklich so, wie die Flori gestern
+gesagt hatte, es gefiel der Christine sehr, wie das Kleine mit den
+Gliedern zappelte in dem warmen Wasser und mit den blauen Äuglein die
+Flori groß ansah. Überhaupt kam ihr heute das Leben viel erfreulicher
+vor als seither, sogar die größeren Buben sahen so nett und frisch aus.
+Christine mußte dem kleinen Michele einen Kuß geben. Da sah er sie groß
+an und verzog das Mäulchen zum Lachen.
+
+»So, den Peterle und den Georg nehme ich mit mir,« sagte die Flori, als
+alles sauber und in Ordnung war. »Ich koche dann einen Milchbrei zum
+Mittagessen für die ganze Haushaltung. Den Michele läßt man im Wägelein
+schlafen draußen vor dem Hans, der ist schon wieder müde. Und die
+Christine bleibt bei der Hand, daß die Base jemand hat, der ihr etwas
+bringen kann.«
+
+Damit zog sie ab.
+
+Christine setzte sich mit ihrer Schreibtafel auf die Staffel vor der
+Haustüre. Sie lernte gern und hätte nie die Schule versäumt, wenn sie
+nicht gemußt hätte. So war sie bald sehr im Eifer an ihrer Arbeit; sie
+schrieb schöne lange Zahlenreihen untereinander und rechnete sie dann
+zusammen.
+
+Auf einmal stand der Herr Schullehrer vor ihr, der mit Verwunderung
+gesehen hatte, wie wichtig dieser Schülerin, die so oft fehlte, das
+Lernen war. Christine erschrak ein wenig, aber der Lehrer sagte
+freundlich: »So ist's recht! Gib dir nur recht Mühe, dann kommst du
+schon noch nach. Ich will dann bald einmal mit dem Wegknecht sprechen,
+daß du nicht so oft die Schule versäumen mußt.« Darauf reichte er dem
+Kinde ganz väterlich die Hand, und Christine blieb so glücklich zurück,
+wie sie schon lange nicht mehr gewesen war.
+
+Diesem schönen Morgen folgten noch viele solche. Denn was die Flori
+einmal unternahm, das führte sie gern auch aus. So erschien sie jeden
+Morgen, solang die Frau noch nicht so gesund war, in dem Häuslein
+des Wegknechts, versorgte die Frau und die Kinder, zeigte Christine
+liebreich, wie sie alles, was zu tun war, machen müsse. »Siehst du, mit
+Klötzchen und Steinen spielen sie ganz nett allein,« sagte sie, »und
+dann kannst du ein wenig stricken oder rechnen.« Christine war eine
+ganz neue Welt aufgegangen, seit sie so eine treue Hilfe hatte. Sie sah
+gar nicht mehr finster und verzagt aus und manchmal konnte sie sogar
+mit den Kleinen lustig lachen.
+
+Es war auch wunderbar; die Base zankte gar nicht mehr oft, sie war
+viel freundlicher geworden, und seither hätte ihr die Christine alles
+zuliebe getan, was sie nur gewußt hätte.
+
+Denn die Botenflori hatte einmal, als sie recht geruhig allein mit
+der Frau zusammen in der Stube saß, recht eindringlich mit dieser
+gesprochen und ihr gesagt, daß sie mit Freundlichkeit noch einmal so
+viel erreiche, als mit Zorn. Und die Frau konnte sich das wohl sagen
+lassen, denn die Flori hatte es ihr zuerst vorgemacht. So sagte sie nur
+ganz bewegt: »Euch hat mir der liebe Gott geschickt, Flori! Vergelt's
+Gott, tausendmal.«
+
+Als an diesem Abend die Flori heimwärts wanderte, war sie so froh und
+glücklich, wie sie nie mehr gewesen war, seit sie die Sache mit dem
+Postboten gedrückt hatte, und auch vorher lange nicht. Denn Flori hatte
+es selber gut gespürt, daß es nicht mehr gehe, und hatte sich immerfort
+dagegen gewehrt, ihr Amt abzutreten. So war sie oft recht elend
+gewesen, trotzdem sie sich in den vielen Jahren etwas Ordentliches
+erspart hatte und keine Not zu fürchten brauchte. Jetzt hatte ihr der
+liebe Gott die Last abgenommen und hatte ihr gezeigt, daß er doch
+noch da und dort etwas für sie zu tun habe. Und weil die Flori das
+nun einsah, war sie so getrost und fröhlich und ließ ruhig den neuen
+Postboten seinen Schiebkarren den Berg heraufschieben, es tat ihr nicht
+mehr weh.
+
+Die Kinder hingen an ihr wie die Kletten, und als das die andern Kinder
+im Dorf sahen, machten sie es auch so. Aber die Christine blieb doch
+ihre beste Freundin, denn die beiden, Flori und Christine, hatten
+einander dazu verholfen, daß sie wieder fröhlich sein konnten.
+
+Man kann die Flori jetzt auch noch Botenflori heißen, denn sie ist ja
+des lieben Gottes Botin bei den armen Leuten geworden.
+
+
+
+
+ 13. Augenblicklich.
+
+
+»Else, Kind, es ist Zeit zum Tischdecken! Fang gleich an, du weißt, der
+Vater ärgert sich, wenn er nach Hause kommt und es ist nicht fertig!«
+Die Mutter steckte einen Augenblick ihr vom Herdfeuer erhitztes Gesicht
+durch die Türöffnung. »Gleich, Mutter, im Augenblick,« antwortete Else,
+die an einer zierlichen Handarbeit stichelte, ohne damit aufzuhören.
+Die Mutter ging wieder an ihre Arbeit zurück. Else sah nach der
+Wanduhr. Erst halb zwölf! Und fünf Minuten nach zwölf kommt der Vater
+nach Hause, zehn Minuten allerhöchstens brauche ich zum Tischdecken,
+also kann ich ruhig noch die Schleifen an das Kissen nähen. Was sich
+nur Mama denkt, wie lang' ich brauche?
+
+Else war schon zwölf Jahre alt, die Älteste von fünf Geschwistern,
+und fand, daß sie's im allgemeinen doch recht unruhig habe! Alle
+Augenblicke begehrte jemand anderes ihre Dienste, von einer schönen
+Geschichte konnte sie wohl zehnmal abgerufen werden. Sie wußte keine
+von all' ihren Freundinnen, der so viel zugemutet wurde. Heute war
+sie mit einer Geburtstagsarbeit für Alice Baumann, ihre liebste
+Freundin, beschäftigt; sie wurde so hübsch, Else mochte sich nicht
+von dem zierlichen Nadelkissen trennen, eh' es fertig war. Blaue
+Seide mit weißen Spitzen und Schleifchen! Sie hob wieder den Blick
+zur Uhr. Dreiviertel! Da reichte es gut auch noch zur Aufhängeschnur.
+Nein, wie diese dumme Schnur sich verwickelte! Einen so aufzuhalten!
+Und nun hatte sie dieselbe gar auf die verkehrte Seite genäht vor
+Aufregung und Eile! Wenn man sich auch so abhetzen muß! Else hatte
+ordentlich Mitleid mit sich selbst. Zwei Minuten bis zwölf! Jetzt galt
+es aber, voran zu machen. Schnell das Tischtuch aus dem Schrank, die
+Teller vom Büffet, wie dumm das Salzfaß im Wege stand, es fiel bei der
+kleinsten Berührung mit dem Ellbogen um und streute seinen Inhalt auf
+den Fußboden! Zum Aufkehren hatte man jetzt keine Zeit, nur schnell
+das ganze Häufchen unter den Schrank, gleich nach Tisch wollte Else es
+wegnehmen. Da, ein Geschrei im Nebenzimmer. Natürlich, nun mußte Hans
+aufwachen, er wachte ja immer auf, wenn er möglichst ungeschickt kam.
+Else hatte das Amt, ihn alsdann in sein Kleidchen zu stecken und ihm,
+ehe sich die Großen zu Tisch setzten, seine Suppe zu geben. Das hatte
+sie vorhin in ihrer Zeitrechnung vergessen, wer kann aber auch an alles
+denken? »Sei still, Hänschen,« rief sie eilig ins Schlafzimmer hinein,
+»ich komme im Augenblick.« Der Kleine fuhr aber fort zu schreien und
+die Mutter ließ ihre Küche im Stich, um nachzusehen, wo es fehle. In
+diesem Augenblick ging die Haustür, der Vater trat ein, gefolgt von
+einem Herrn, den er als Gast mitbrachte. Er ließ auch zugleich Max
+und Konrad, die aus der Schule kamen und Klein-Gretchen, das sich im
+Garten vergnügt hatte, herein. »Else, weshalb siehst du nicht nach
+dem Kleinen?« rief die Mutter; aber sie schwieg traurig, als sie den
+ungedeckten Tisch sah, der erst schwache Anfänge zu einer Eßgelegenheit
+zeigte. Nun wußte sie schon, woran sie war. »Komm Konrad, hilf schnell,
+den Tisch zu decken, aber sieh, daß nichts fehlt,« damit eilte die
+Mutter nochmals in die Küche, um dem Mädchen die letzten Anweisungen
+zu geben, und dann zu Hänschen, um ihn zu beruhigen und anzuziehen.
+Der Vater war mit dem Gast eingetreten. Er liebte es sehr, wenn er in
+den wenigen Stunden, die er im Kreis seiner Familie zubringen konnte,
+alles gemütlich und hübsch in Ordnung, die Kinder fröhlich, den Tisch
+gedeckt und seine Frau »für ihn zu haben« fand. Und dazu heute, wo
+er einen Jugendfreund, den er lange nicht gesehen hatte, mitbrachte!
+So zog er unwillig die Augenbrauen zusammen, als im Wohnzimmer ein
+Gelaufe, wie im Ameisenhaufen, war. Konrad vollzog seine Mithilfe an
+der Arbeit mit großem Geräusch und nicht ohne anzügliche Bemerkungen
+gegen Else. »Wieder einmal gelesen?« fragte er sachverständig. Else
+hatte aber nicht gelesen, sondern fleißig gearbeitet und brauchte sich
+derartige Bemerkungen nicht gefallen zu lassen. Sie war überhaupt
+aufgeregt, gab dem Bruder eine heftige Antwort und zerbrach auch
+ein Glas, eins von den geschliffenen, die Mama zu Ehren des Gastes
+herausgegeben hatte.
+
+Die Mutter erschien, als sie den Kleinen endlich beruhigt und sich
+selbst und Hänschen etwas präsentabel gemacht hatte, müde und
+abgespannt bei Tisch und mußte Hänschen auf dem Schoß haben, weil er
+seine Suppe nun erst mit den Großen essen konnte.
+
+Schade, es war lang nicht so gemütlich wie sonst, der Gast hätte
+einen besseren Eindruck vom Hause bekommen können, und das bedrückte
+die Mutter, die wohl wußte, wie viel der Vater darauf hielt. Die
+Herren mußten auch gleich nach Tisch wieder fort, es hatte vorher
+so lang gedauert; nun war auch das behagliche Viertelstündchen nach
+Tisch, das der Vater so liebte, für heute verscherzt. Else ging mit
+unglücklichem Gesicht umher, sie hätte gern gewußt, ob es noch jemanden
+gehe wie ihr. Immer kam alles Unangenehme zusammen! Die Mutter hatte
+nicht gescholten, sie hatte nur gesagt: »Wann wirst du je anfangen,
+zuverlässig zu werden?« Und Else leistete doch so viel für ihr Alter,
+nur allerdings nicht immer gerade das, was man von ihr voraussetzte und
+nicht immer genau zu der Zeit, wo man es erwartete.
+
+Es war am Nachmittag, der heute schulfrei war. Auf vier Uhr war Else
+zu der Geburtstagfeier eingeladen. Das Kissen lag hübsch verpackt in
+Seidenpapier, warum war ihr nur die ganze Freude daran verdorben?
+Elsens Blick fiel auf den Bücherschrank. Eigentlich hätte sie jetzt
+ihre Aufgaben machen sollen, ja so, und die Mutter hatte sie gebeten,
+Hänschen ein wenig zu beaufsichtigen, da sie ein Weilchen ruhen
+wollte. Aber da war noch das Buch, das Max, wie er sagte, heute abend
+seinem Kameraden zurückgeben wollte, und Else hatte solch eine schöne
+Geschichte darin angefangen. Das ließ sich ja auch alles ganz gut
+vereinigen. Mit den Aufgaben wurde sie noch lange fertig und im Notfall
+konnten sie auch abends gemacht werden. Ausnahmsweise, gewöhnlich
+sollte das ja nicht sein. Und Hänschen? Nun der krabbelte vergnüglich
+am Boden umher und konnte sich ganz schön selbst beschäftigen. Else
+fand, daß er viel liebenswürdiger war, wenn man ihn sich selbst
+überließ. So konnte sie gut ein Weilchen lesen. Einen Augenblick
+hatte sie zwar ein unbestimmtes Gefühl, als ob es vorher noch etwas
+Dringendes für sie zu erledigen gäbe; was war es nur gleich? Ach
+richtig, das Salzhäufchen unter dem Schrank! Das mußte weg, gleich
+nachher. Dann war sie mitten im Urwald, unter Schlangen und mutigen
+Reisenden, die große Taten vollbrachten. Was waren das für herrliche
+Menschen! Else wollte später auch viel Gutes und Schönes ausführen, sie
+wußte nur für den Augenblick nicht recht, was? Aber das fand sich!
+
+Aus der einen Geschichte wurden zwei. Else saß mit glühendem Gesicht
+und atmete kaum. Es waren zu schöne Geschichten! Und Hänschen war so
+artig und still, wunderbar! Aber jetzt war's halb vier Uhr. Und Else
+mußte sich noch umziehen, die Mutter hatte das neue Sonntagskleid
+gestattet. Flugs hinein, das Kissen zur Hand und dann fort! Denn Alice
+wohnte ziemlich weit weg und Else wollte nicht zuletzt kommen.
+
+So ganz behaglich war's ihr diesmal nicht in der fröhlichen
+Gesellschaft. Erstens hatte sie einen ganz heißen Kopf und erregte
+Sinne von dem hastigen Lesen, dann waren auch noch die Schulaufgaben
+sämtlich unerledigt und dann, sie hatte gar nicht gemerkt, daß Mama
+das am Ofen sitzende Hänschen mit beschmutztem Kleidchen und schwarzen
+Händchen weggenommen und stillschweigend gereinigt hatte. Sie hatte
+es erst nachträglich durch Max erfahren, natürlich nicht ohne
+brüderliche Seitenhiebe. Aber es war doch nicht ganz angenehm. Wenn
+Mama nicht schalt, war sie traurig, und merkwürdig, das war noch viel
+unbehaglicher, obgleich sich Else nicht gern schelten ließ.
+
+In der Gesellschaft war viel die Rede von einem großen Zirkus, der für
+einige Zeit in der Stadt war. Else wußte auch davon, der Vater hatte
+so halb und halb versprochen, einmal mit seinen drei größeren Kindern
+und der Mutter hinzugehen, und sie freute sich längst darauf. Sie nahm
+sich auch vor, gleich heute noch beim Abendessen den Vater darum zu
+bestürmen, es war ein großartiges, anziehendes Programm, das mußte man
+gesehen haben.
+
+Ganz hingenommen von diesen Gedanken kam sie nach Hause.
+
+Die Brüder hatten Sonntagskleider an, blätterten in merkwürdiger
+Eintracht in dem großen zoologischen Atlas des Vaters und machten
+dazu eifrige Bemerkungen. Else wunderte sich darüber, bekam aber
+sogleich die Mahnung: »Leise, Hänschen ist krank, Mama sitzt bei ihm am
+Bettchen.«
+
+»Du kannst dein Sonntagskleid anbehalten, Else,« empfing die Mutter das
+Töchterlein, »Papa will mit euch dreien und seinem Freund, der auch ein
+Töchterlein mit hierher gebracht hat, in den Zirkus gehen.«
+
+»Deine Aufgaben sind ja doch wohl fertig? Eigentlich sollte ich dir
+heute das Vergnügen nicht gestatten, denn du versäumst jetzt gerade so
+oft deine kleinen Pflichten, aber ich hoffe, du merkst dir's endlich --
+ich kann ja leider auch nicht mitgehen. Hänschen ist nicht wohl, ich
+weiß nicht, was mit dem Kind ist, es muß etwas Unpassendes gegessen
+haben.« Else wurde es heiß und kalt! Erstens keine Möglichkeit, mit
+in den Zirkus zu gehen, denn die Aufgaben standen noch riesengroß da
+zur Erledigung. Und der Vater, wie würde der unzufrieden sein! Und die
+Brüder würden spotten! Und auf morgen früh verschieben ging nicht, das
+gestatteten die Eltern nie.
+
+Und zudem! Was hatte Hänschen wohl geschluckt? Else erinnerte sich
+jetzt deutlich, daß sie während des Lesens immer ein Gefühl gehabt
+habe, als stecke der kleine Bursche etwas ins Mäulchen, das nicht
+hineingehöre, es hatte so geknirscht! Ja richtig, das Salz! Else
+stürzte fort, die Mutter kam ihr erstaunt nach. Da kniete sie am Boden
+und brachte die Reste des Häufchens zum Vorschein, den weitaus größten
+Teil hatte der Kleine geschluckt.
+
+Erstaunt und betrübt hörte die Mutter den Bericht mit an, den
+Else gab. Es war eine Kette von kleinen Versäumnissen. Else hatte
+alles tun wollen, was sie sollte, »im Augenblick,« nur nicht im
+zunächstliegenden, und so war es dann gar nicht geschehen.
+
+Das war ein gestörter Abend. Der Vater ging mit den Brüdern allein, er
+hatte nur gesagt: »Hoffentlich muß der arme kleine Kerl nicht zu sehr
+den Leichtsinn seiner Schwester büßen,« nichts davon, daß es ihm leid
+sei, Else nicht mitnehmen zu können.
+
+Das war dieser noch das härteste. Sie saß im einsamen Wohnzimmer und
+schrieb und rechnete, aber dazwischen tropften schwere Tränen auf die
+Hefte. Da trat die Mutter ein. »Hänschen schläft jetzt,« sagte sie,
+»ich hoffe, es schadet ihm weiter nichts; nun ich wußte, womit er sich
+den Magen verdorben, konnte ich dagegen wirken.«
+
+Dann gegenseitige Stille. Else kämpfte mit sich. Eigentlich hatte sie
+doch nichts verbrochen, es war nur ungeschickt gegangen! Nein, doch,
+sie wußte es ja besser, gewiß, es sollte anders werden.
+
+»Mama,« Else hob das verweinte Gesicht. »Ja? Was ist's?« fragte die
+Mutter ein wenig müde, sie hatte heute schon so viel Aufregung gehabt.
+»Ich möchte, -- ich will gewiß, -- ach, Mama, kannst du mich denn noch
+lieb haben?«
+
+Jetzt war Else ein ganzes Kind, reuig, trost- und liebebedürftig; sie
+hatte den Kopf in der Mutter Schoß gelegt und schluchzte sich alles vom
+Herzen herunter, was Drückendes, Unartiges, Störendes drin war. Und
+die Mutter tröstete jetzt das große Kind, wie vorher das kleine, und
+half ihm mit mütterlichen Worten ins rechte Geleise. Denn es ist bei
+der Mutter gleich, ob sich die Kleinen oder die Großen verirren, die
+Hauptsache ist, daß das Kind den Heimweg sucht und dazu nach der Hand
+der Mutter greift.
+
+Und als Else hernach beschwichtigt und erleichtert in ihrem Bett lag,
+gab ihr die Mutter noch als Schutz- und Trutzmittel für den neuen Weg,
+den sie wandern wollte, ein Verslein mit, »das bete jeden Tag von
+Herzen, so wird dir's der liebe Gott gelingen lassen:
+
+ Gib, daß ich tu' mit Fleiß,
+ Was mir zu tun gebühret,
+ Wozu mich dein Befehl in meinem Stande führet,
+ Gib, daß ich's tue bald, zu der Zeit, da ich soll,
+ Und dann gerate mir's durch deinen Segen wohl.«
+
+
+
+
+ 14. Angelika.
+
+
+»Aufgepaßt!«
+
+Christian, der stämmige Stallknecht, rief aus den dichten Zweigen
+des großen Apfelbaums, der so voll hing mit reifen Äpfeln, daß er im
+Sonnenschein aussah wie ein rotes Dach. Dann rüttelte und schüttelte er
+so nachdrücklich an den Ästen, daß es anfing zu prasseln und in kurzer
+Zeit der Boden ringsumher ganz bedeckt war mit den schönen Früchten.
+
+»Au, au, hör auf! Hör einmal auf, Christian! Die Äpfel zerfallen
+aufeinander, so viele liegen schon da! Man muß zuerst diese auflesen!«
+
+So tönte es nun durcheinander, denn es war eine große Gesellschaft in
+dem Obstgarten versammelt. Da waren zuerst die sechs Kinder des Herrn
+Amtmanns, dem der Garten gehörte, von Wilhelm, dem großen Lateinschüler
+an, bis herab zu dem jüngsten, zweijährigen Schwesterlein. Dann
+waren noch die Buben aus dem Pfarrhaus da und die Kinder des Herrn
+Schultheißen. Es war ein lustiges, lebhaftes Häuflein, das da
+durcheinander purzelte, krabbelte, lachte und sich neben der fleißigen
+Arbeit her die Äpfel schmecken ließ.
+
+Das Oberkommando führte Heinerike, die alte Magd des Amtshauses. Sie
+verstand das Regieren aus dem Fundament, und wenn ihr auch selber das
+Bücken ein wenig sauer geschah, so konnte sie die Kinder um so besser
+dazu anleiten. So wurde in hellem Vergnügen ein Sack nach dem andern
+gefüllt. Angelika, das siebenjährige Töchterlein des Hauses, hatte
+schon seit einer Weile angefangen, die allergrößten Äpfel auf ein
+besonderes Häufchen zu legen. Jetzt schienen es genug zu sein, denn
+sie packte alle zusammen in ihre weite Ärmelschürze und steuerte, so
+schnell es mit der gewaltigen Last ging, auf das Lattentürchen zu, das
+aus dem Obstgarten nach dem Blumengärtlein hinführte. Dort stand eine
+dichtbewachsene Laube und in diese trat Angelika ein.
+
+»Großvater,« rief sie schon von weitem, »sieh nur, Großvater, so
+große prachtvolle Äpfel gibt's heute! Ich habe dir die allerschönsten
+herausgelesen, du mußt sie behalten!«
+
+Der Großvater stellte lächelnd seine lange Pfeife neben sich an die
+Wand und strich leise mit der Hand über die frischen runden Backen des
+kleinen Mädchens.
+
+»So, und die schönsten bringst du mir? Das ist brav,« lobte er dann.
+»Aber was soll denn der Großvater damit anfangen? Er kann die Äpfel ja
+nicht mehr beißen!«
+
+Daran hatte Angelika freilich nicht gedacht. Sie sah bedauernd in
+ihr Schürzchen und sagte dann: »Dann mußt du sie wenigstens ansehen,
+Großvater! Sie sind ganz furchtbar groß, du siehst sie schon!« Und sie
+hielt dem Großvater einen der schönsten ganz dicht vor die Augen.
+
+Der Großvater griff mit der Hand nach dem Apfel. »Daß er groß ist, das
+fühle ich schon,« sagte er. »Aber sehen kann ich ihn doch nicht. Du
+mußt aber deswegen nicht traurig sein. Ich habe in meinem Leben schon
+so viele schöne Äpfel gesehen, da kann ich mir nun ganz gut denken, wie
+dieser aussieht.«
+
+Der Großvater war nämlich schwer krank gewesen und als es ihm sonst
+wieder besser ging, da waren seine Augen ganz allmählich immer
+schwächer geworden. Jetzt hatte er noch einen Schein in dem einen Auge,
+so daß er unterscheiden konnte, ob es hell oder dunkel um ihn her sei.
+
+Weil er aber schon die ganze Zeit seines Lebens in diesem Haus
+und Garten gewohnt hatte, so konnte er, ohne daß man ihn führte,
+umhergehen und seine Lieblingsplätzchen aufsuchen. Am liebsten saß er
+in der Laube, und die Kinder waren dann oft bei ihm, besonders Angelika.
+
+Den Großvater hatte seine Blindheit nicht unglücklich oder auch
+verdrießlich und mürrisch gemacht. Er dachte, der liebe Gott werde
+schon wissen, wozu er ihm das geschickt habe, und so wolle er dann
+damit zufrieden und geduldig sein. Und dann fiel dem Großvater, wenn er
+so still für sich dasaß, so vieles aus seinem vergangenen Leben ein,
+er dachte an alle seine Lieben, die niemand auf der Welt mehr sehen
+konnte, weil sie schon lang vom lieben Gott heimgeholt worden waren.
+Und alles wurde ihm so lebendig, daß er es wirklich zu sehen meinte; da
+vergaß er dann manchmal ganz, daß er blind war.
+
+Für Angelika war es herrlich, daß der Großvater so viel Zeit hatte.
+Es ereignete sich immer so viel, was notwendig mit jemand besprochen
+werden mußte; das konnte man alles sehr gut beim Großvater anbringen.
+Und es war schöner als alle Geschichten, die es gab, wenn der Großvater
+anfing, aus seiner Kindheit zu erzählen. Aus dem Hungerjahr, wo
+die Leute Klee- und Baumrinde unter das Brotmehl mischten, und aus
+Kriegszeiten und dann auch noch viel Erfreuliches.
+
+Heute hatte das Kind etwas Besonderes auf dem Herzen. Es legte die
+Äpfel alle auf den Tisch, zog sich dann ein Schemelchen heran und
+sagte: »Großvater, warum heiße ich Angelika? Niemand heißt so, als nur
+ich! Des Schultheißen Christoph hat gesagt, vielleicht habe einmal, wie
+ich noch klein gewesen sei, jemand so geheißen und dann habe man mich
+deshalb so getauft.«
+
+»Da hat der Christoph nicht so unrecht,« sagte der Großvater. »Es hat
+einmal jemand so geheißen wie du, aber das ist schon so lange her, so
+lang, daß außer mir niemand mehr lebt, der sie gekannt hat.«
+
+[Illustration]
+
+Es war so ein merkwürdiger Ausdruck in des Großvaters Gesicht gekommen,
+wie ihn Angelika noch nie gesehen hatte. Fast wie wenn er weinen
+wollte. Das durfte nicht sein! »Großvater, sei nur zufrieden, es macht
+nichts. Ich will dann gern so heißen. Die Mutter hat auch gesagt, es
+sei gar nicht ungeschickt, man wisse gleich, wen man meine, wenn sonst
+niemand da sei, der Angelika heiße.«
+
+Aber der Großvater war noch nicht gleich wieder wie sonst. Er fühlte
+den dicken braunen Zopf an, der bei Angelika hinten gerade hinausstand
+und die kurzen, krausen Härchen, die sich überall herausdrängten, und
+schüttelte immer den Kopf dazu. »Sie sah ganz anders aus,« sagte er
+leise vor sich hin, »ganz anders.«
+
+Das alles erweckte Angelikas Interesse. »Wer, Großvater?« fragte sie
+fast ein wenig schüchtern.
+
+»Die, nach der man dich geheißen hat,« sagte der Großvater. »Sie war
+mein Schwesterlein, ich habe nie mehr so etwas Liebliches gesehen.«
+
+»O, erzähl' mir von ihr? War sie so groß wie ich? O, erzähl' mir alles,
+was du weißt von ihr!« Angelika kam ganz in Eifer, denn nun auf einmal
+von jemand zu hören, der so hieß wie sie, und der keine alte Frau war,
+sondern ein kleines Mädchen, das war ein wichtiges Ereignis.
+
+»Sie war so groß wie du, als sie zu den Engelein ging,« sagte der
+Großvater. »Hast du schon deine Aufgaben gelernt? Ja? Dann kannst du
+dableiben und ich will dir von ihr erzählen.«
+
+»Ich war,« fing der Großvater an, »vier Jahre alt, so alt wie Martin
+jetzt ist, aber größer und fester als er. Geschwister hatte ich noch
+nicht und ich dachte auch nicht daran, daß mir das fehle. An einem
+Sonntagmorgen aber kam der Vater an mein Bettchen und hielt ein großes,
+weißes Bündel im Arm. Das war ein Tragkissen, und darin lag ein ganz
+kleines, zartes Menschenkindlein, das guckte mit großen blauen Augen
+hell um sich. ›Freu dich, Hermann,‹ sagte der Vater, ›Du hast ein
+Schwesterlein bekommen. Gib ihm einen Kuß aufs Bäckchen, aber sachte,
+sachte, daß es nicht schreit.‹
+
+»War das ein Jubel! Es gab so viel Neues, Ungewohntes jetzt, das
+Schwesterlein war so interessant! Wenn es gebadet wurde und dann wohlig
+plätscherte und strampelte, oder wenn es seine Milch trank und nachher
+anfing zu ›krägeln‹, du weißt ja, wie das ist.« »Ja, ja, man meint, es
+wolle anfangen zu sprechen und kann doch noch nicht,« sagte Angelika
+eifrig. Sie war ganz bei der Sache.
+
+»Einmal fragte ich die Mutter: ›Sag, heißt es nur Schwesterlein und
+sonst nichts?‹ Da lachte sie und sagte: ›Am Sonntag soll es getauft
+werden! Paß nur gut auf, wie der Herr Pfarrer dann sagt, so heißt es
+dann immer.‹ Von da an war ich sehr begierig auf den Sonntag. In der
+Nacht hörte ich aber ein Gespräch der Eltern mit an.
+
+»›Nein, nicht nach mir,‹ sagte die Mutter. ›Siehst du, es ist so zart
+und lieblich und fein, es sieht aus wie die Engelein, und da möchte ich
+so gern, daß es auch der Engelein Namen trage. Wir wollen es Angelika
+heißen.‹
+
+»›Ich habe nichts dagegen,‹ sagte der Vater. ›Und Gott behüte unser
+Kindlein, daß die Engelein allezeit bei ihm bleiben.‹
+
+»Da wußte ich, wie der Herr Pfarrer das Schwesterlein heißen werde. Das
+wuchs fröhlich heran. Ich sei, sagte die Mutter, ein rechter kleiner
+Schreihals gewesen, da kam es ihr fast wunderbar vor, wie sanft und
+still das Schwesterlein war. Es konnte stundenlang in seinem Wägelchen
+liegen und mit den Händchen spielen, und wenn man dann herkam, lachte
+es einen an. Ich war ganz glücklich, als es mich zum erstenmal am
+Haar zupfte und meine Finger mit seinen Händchen umschloß. ›Gelt, es
+ist nur ~mein~ Schwesterlein und sonst gar niemands?‹ fragte ich
+die Mutter immer wieder und dann war ich froh und stolz, wenn sie es
+bejahte.
+
+»Als es ein Jahr alt war, trippelte mein Schwesterlein schon ganz flink
+auf seinen eigenen Füßchen daher. Ich brauchte ihm nur einen Finger zu
+geben, so durchwanderte es den ganzen Garten mit mir.
+
+»Wir hatten damals einen alten Kutscher Namens Leonhard. Der blieb
+allemal stehen, wenn das Kleine aus dem Haus kam und kratzte sich
+hinter den Ohren. ›Wenn's nur nicht davonfliegt, das Engelein,‹ sagte
+er dann vor sich hin. ›Es tun ihm nur noch die Flügel fehlen.‹
+
+»Ich lachte vergnügt darüber, denn das gefiel mir, daß der alte
+Brummbär das Schwesterlein mit einem Engelein verglich. Mit dem
+Davonfliegen, dachte ich, habe das keine Not.
+
+»Ja, gelt, es hat ja keine Flügel gehabt,« bestätigte Angelika.
+
+»Wenigstens damals noch nicht,« sagte der Großvater so vor sich hin.
+Dann fuhr er fort: »Ich kann dir das nicht mehr alles erzählen,
+obgleich ich's noch ganz genau weiß, wie es sprechen lernte und fast
+von selbst alle kleinen Liedchen der Mutter nachsingen konnte. Und
+wie es dann anfing, mit seinen Puppen gerade so zu hausen, wie es das
+bei den großen Leuten sah. Als ich sechs Jahre alt war, mußte ich zur
+Schule. Und es gab einen großen Jammer, als das Schwesterlein einsehen
+mußte, daß es da nicht mit konnte.
+
+»Aber eines Tages ging die Türe auf, als wir tüchtig am Einmaleins
+waren und herein trippelte, gerade auf mich los, ›das Engele‹, wie es
+im Dorf allgemein hieß, mein kleines Schwesterlein mit seinen langen
+goldigen Locken. Es trug ein Stückchen Backwerk im Händchen. Das hatte
+es geschenkt bekommen und ich sollte, wie immer, die Hälfte abbeißen.
+
+»Von da an neckten mich die Buben immer. Und ich dachte dann machmal,
+daß ich nun auch zu groß sei, um immer mit einem kleinen Mädchen zu
+spielen. Auf dem großen Spielplatz am Brunnen war es so lustig. Ich war
+der Anführer bei allen wilden Spielen, und Angelika konnte da nicht
+mittun. Sie blieb daheim bei der Mutter und unterhielt sich stundenlang
+allein im Garten. Wenn ich manchmal am Sonntag oder so mit ihr
+hinunterging, so war ich ganz verwundert, was sie mir alles zu erzählen
+wußte.
+
+»Du bist ein Fabelhans, Engele,« sagte ich einmal, als sie mir ganz
+ernsthaft berichtete, was ihr die Vögelein, die ihr Nest in der
+Stachelbeerhecke bauten, erzählt hätten und daß das grüne Eidechschen,
+das zu unsern Füßen durchs Laub raschelte, eine Mama sei und kleine
+Kinder zu Haus habe.
+
+»Angelika war vier Jahre alt, als des Bachbauern Liesle starb,
+ein kleines schwächliches Dinglein. ›Dem armen Tröpfle ist's
+wohlgegangen,‹ sagte Kätter unsere Magd, als sie von der Beerdigung
+heimkam.
+
+»Angelika war mitgewesen. ›Warum ist's ihm wohlgegangen?‹ wollte sie
+wissen. ›Wenn man's doch in das tiefe Loch hinunter getan hat?‹ ›Ach
+du lieber Gott, paßt das Kind auf,‹ sagte die Kätter, und die Mutter
+erklärte: ›Der liebe Heiland läßt es nicht in dem Loch, er schickt
+seine Engelein, die tragen es in den Himmel.‹
+
+»Am andern Tag begrub Angelika ihre liebste Puppe Toni im Garten unter
+einem Himbeerbusch. Dann saß sie lange mäuschenstill gegenüber. Und als
+ich sie holen wollte, legte sie ihr Fingerchen auf den Mund: ›Bscht!
+Sei leise! Ich muß warten, bis die Engelein kommen und die Toni in den
+Himmel tragen.‹ Damals war ich schon ein großer Schüler, der nächstens
+in die Stadtschule kommen sollte, so konnte ich mit großer Weisheit
+erklären: ›Dumms Dingle, Puppen kommen nicht in den Himmel.‹
+
+»Ich nehme aber die Toni mit, wenn ich hineingehe, beharrte Angelika
+und dabei blieb sie, obgleich ich versicherte, wenn man einmal ganz alt
+sei und in den Himmel komme, brauche man keine Puppen mehr.
+
+»Als ich das erstemal nach halbjähriger Abwesenheit wieder nach Hause
+kam, war Angelika fünf Jahre alt. Ich war jetzt für die ganze Schulzeit
+bei dem Onkel in der Stadt einquartiert und kam nur in den Ferien heim.
+In der Stadt lebte ich mit so viel Buben zusammen und Mädchen sah ich
+nur von weitem. Da war ich's gar nicht mehr gewöhnt, mit Puppen und
+Kochgeschirren umzugehen, und sagte das auch dem Schwesterlein, als es
+mich feierlich zum Puppenvater ernannte.
+
+»Das ›Engele‹ sah mich mit seinen großen blauen Augen nachdenklich
+an, dann sagte es: ›O das tut nichts; die Kinder setzen wir nur ins
+Rondell, sie sind sehr artig. Dann kann ich gut mit dir spazieren
+gehen, Hermännle. Es sind junge Geißlein bei der Webergret, die müssen
+wir ansehen.‹ Da wußte ich, daß Angelika ganz und gar Beschlag auf mich
+legen wollte, und es fiel mir ein, daß es nur ~mein~ Schwesterlein
+sei und sonst niemand's, und wir verbrachten unsere Zeit wieder
+zusammen, wie früher.
+
+»Bei der Webergret war es nun allerdings genußreich. Die zwei kleinen
+Geißlein, die im Stall herumhüpften, waren so zierlich und possierlich,
+daß wir uns fast nicht trennen konnten. Angelika sprach mit ihnen
+wie mit Menschen. ›Komm, komm, du Kleines,‹ sagte sie und tätschelte
+das Weiße mit ihrem kleinen Händchen, ›du mußt das Schwarze auch zum
+Tröglein herlassen! Denk einmal, wie bös das ist, wenn man alles allein
+haben will!‹
+
+»Die Webergret sah immerfort ganz entzückt mein Schwesterlein an. Das
+tat mir wohl, es war mir fast, als ob ich mit schuld sei, daß es so
+herzig war. Aber dann schüttelte das Weib ernsthaft den Kopf. ›Auch
+gar nichts hinwachsen tut an das Kindlein,‹ brummte es. ›So feine
+Gliedlein wie von Wachs, und so Augen, so Augen! Und hat doch eine
+Pfleg! ich weiß, eine Pfleg wie ein Prinzeßlein!‹ Es wurde mir ein
+wenig unheimlich, ich zog das Engele mit mir fort und erzählte daheim
+bei Tisch den Eltern, was die Webergret gesagt habe. Sie tauschten
+einen langen Blick und die Mutter drückte heftig das blonde Köpflein an
+sich. Ich verstand das damals nicht, es ist mir aber später noch oft
+eingefallen.«
+
+Der Großvater schwieg eine Weile und nickte ein paarmal mit dem Kopf,
+so, als ob ihm immer wieder etwas einfalle, was zu der Geschichte
+gehöre. Das wilde kleine Mädchen, das sonst, wie jedes behauptete, gar
+nicht wußte, was still sein heißt, rührte sich nicht. Es hatte sich
+so in des Großvaters Erzählung hineingelebt, daß es nicht mehr daran
+dachte, daß man drüben im Garten Äpfel schüttle und daß es sich hatte
+ein ›Maugennest‹ anlegen wollen. »Weiter, o weiter, Großvater,« sagte
+Angelika endlich und tat einen tiefen Atemzug.
+
+»Ja so, ja,« sagte der Großvater.
+
+»Einmal kam ich auch in die Vakanz. Es war einige Tage vor Ostern.
+Ich war nicht recht wohl, hatte Kopfweh und war müde und der Vater
+sagte: ›Das ist wohl vom Wachsen und vom Lernen zusammen.‹ ›Wollen
+ihn schon herauspflegen,‹ sagte die Kätter, die gerade durchs Zimmer
+ging. Angelika war ein wenig blaß und war gewachsen, seit ich sie nicht
+gesehen hatte. ›Sie ist fast den ganzen Winter im Zimmer gewesen,‹
+sagte die Mutter. ›Sie hatte soviel Husten. Aber jetzt, wo die
+Sonne so warm scheint, darf mein Vögelein wieder hinaus.‹ Da wurden
+die schmalen Bäckchen rot vor Freude. ›Hermännle,‹ sagte Angelika,
+›am allerschönsten ist's draußen am Steinbühl. Dort gibt's jetzt
+Palmkätzchen und Schäfchen und Schlüsselblumen. Gelt, wir gehen gleich
+nach dem Essen hinaus? Es ist nicht so weit, das ist recht, weil du so
+müde bist. Und ich auch,‹ setzte sie hinzu.
+
+»Es war ein wunderschöner Frühlingstag, der Gründonnerstag, an dem
+wir zwei Hand in Hand an den Steinbühl gingen. Leonhard stand unter
+der Stalltüre, als wir den Hof verließen. Er hatte inzwischen ganz
+weiße Haare bekommen und hatte sich angewöhnt, halblaut vor sich hin
+zu reden. Als er uns beide sah, fuhr er sich über die Augen und sagte:
+›Ja, ja, werden's schon sehen! Hab's schon lang gesagt! Es fliegt schon
+noch davon! Werden's schon sehen!‹
+
+»Da lachte das ›Engele‹ hell und lustig: ›Wer fliegt davon, Leonhard?
+Paß auch gut auf, wenn der Osterhase in den Garten läuft, daß du ihn
+nicht verscheuchst! Und sag: er soll mir ein Springseil legen und einen
+Bücherranzen, ich komme jetzt dann in die große Schule!‹ Aber der Alte
+brummelte weiter und wir zogen aus.
+
+»›Weißt du, Hermännle,‹ plauderte Angelika, als wir auf der Lattenbank
+unter der Buche am Steinbühl saßen, ›weißt du, manches ist so
+sonderbar! Gestern hat die Kätter Zwiebel gesteckt und Gelbrüben
+gesät. Wie können denn da große Stöcke herauswachsen aus so kleinen
+Kernlein?‹ ›Das läßt eben der liebe Gott wachsen,‹ sagte ich ein wenig
+gedankenlos. Ich wollte gern von lustigeren Sachen schwatzen. Aber
+mein Schwesterlein war noch nicht fertig. ›Die Kätter sagt,‹ fuhr sie
+fort, ›die Engelein kommen in der Nacht und gießen mit silbernen Kannen
+Wasser auf die Beete. Ich möchte sie nur ein einziges Mal sehen und den
+lieben Gott!‹ ›Das kann man nicht,‹ belehrte ich. ›Das kann man erst im
+Himmel. Komm, wir nehmen junge Brennessel mit heim für die Hasen. Man
+kann sie mit dem Taschentuch abrupfen.‹
+
+»Angelika legte gehorsam mit Hand an und pflückte dann noch ein
+Sträußchen für die Mutter. Auf einmal tat sie einen lauten Ausruf des
+Entzückens. ›O, o, sieh nur,‹ rief sie. ›Lauter weiße und rosa und
+goldene Wölkchen am Himmel. Da wo er aufhört, es ist gar nicht weit! O,
+wenn wir nur geschwind hinlaufen könnten! Die Kätter hat gesagt, wenn
+es so aussehe, dann sei das Himmelsfenster offen und die Engelein sehen
+heraus!‹
+
+»›Die Kätter versteht etwas rechtes davon,‹ sagte ich etwas brummig.
+Es war mir gar nicht wohl und ich wollte viel lieber nach Haus, als
+den Engelein nachlaufen, die man ja doch nicht finden konnte. Als ich
+das sagte, sah mich Angelika so eigen an, daß ich beinahe nachgegeben
+hätte. Aber dann sagte sie: ›Weißt du was, Hermännle, dann geh du
+voraus heim. Ich ~muß~ nur noch ein ganz kleines Weilchen zusehen.
+Siehst du, man sieht die Sonne gut noch! Und die Mutter hat gesagt, ich
+dürfe draußen bleiben, so lang die Sonne scheint!‹
+
+»Ich wollte nicht gern allein nach Hause, aber ich fühlte mich immer
+übler und Angelika konnte ja schon noch eine Weile die farbigen
+Wölkchen ansehen. So ging ich richtig voraus. Als ich mich noch einmal
+umsah, stand sie immer noch am gleichen Fleck und sah regungslos in den
+Himmel hinein.«
+
+Der Großvater machte wieder eine Pause. Dann sagte er: »Und dann habe
+ich sie nicht mehr gesehen. Als ich nach Hause kam, schlugen mir die
+Zähne zusammen vor Frost und mein Kopf glühte. ›Ich sag's ja, der Bub
+ist krank und das rechtschaffen,‹ rief die Kätter, als sie mich sah.
+Dann wurde ich zu Bett geschafft und der Leonhard nach dem Doktor
+geschickt. ›Wo ist Angelika?‹ fragte die Mutter, und wie im Traum sagte
+ich: ›Sie kommt dann gleich nach!‹ Als ich wieder erwachte, saß die
+Mutter an meinem Bett und hatte ein schwarzes Kleid an. Sie küßte mich
+viele Male und rief den Vater herbei und der schloß mich auch in die
+Arme. ›Wo ist Angelika?‹ begehrte ich dann zu wissen und wunderte mich,
+daß sich die Mutter abwandte und der Vater so ernst sagte: ›Du kannst
+sie jetzt nicht sehen!‹ Aber dann schloß ich wieder die Augen. Ich war
+noch so müde, denn ich war am Scharlachfieber lange krank gewesen, ohne
+etwas von mir zu wissen.«
+
+»Aber wo war denn die Angelika,« rief die Enkelin in großer Erregung.
+»Ist sie damals nicht heimgekommen?«
+
+»Doch,« sagte der Großvater. »Sie kam, als es dunkel war, in des
+Doktors Wagen nach Hause. Das weiß ich, die Mutter hat mir's später
+erzählt. Sie hatte lange die flammenden Wölkchen angesehen und es war
+ein immer größeres Verlangen in ihr aufgestiegen, sie in der Nähe zu
+betrachten, da, wo sie die Erde berührten. Es könnte ja am Ende doch
+sein, daß die Engelein da herausschauen, dachte sie. So fing sie an,
+zu laufen. Über die Brachfelder hin, dem Wald zu, über dem der Himmel
+in flammender Röte stand. Nur zog sich der Weg so sehr in die Länge
+und Angelika wurde immer müder. Es fing auch an, dunkel zu werden
+und nun schwand eines der prächtigen Wölkchen nach dem andern. Da
+blieb das Kind auf dem Felde stehen und schaute sehnsüchtig nach der
+verschwindenden Pracht. So fand es der Doktor, der, zu mir gerufen,
+vorbeifuhr und dem die kleine Gestalt bekannt vorkam. »Ich bringe noch
+einen Patienten mit,« sagte er, als ihn der Vater an der Haustüre
+empfing. Das ›Engele‹ war blaß und müde und hustete stark. Am Abend
+kam ein heftiges Fieber und am Osterfest haben die Engelein unser
+›Engele‹ in den Himmel getragen. ›Du darfst nicht böse sein, Mutter,
+ich wollte nur geschwind die Engelein sehen,‹ sagte Angelika einmal in
+ihrer Krankheit. ›Ich möchte sie so gern sehen.‹ ›Sie kommen zu dir,
+liebes Kind, du brauchst sie nicht zu suchen,‹ antwortete die Mutter.
+Da glänzten die großen blauen Augen noch einmal wie früher. Und dann
+schlossen sie sich, um sich im Himmel wieder aufzutun. Als ich wieder
+hinaus durfte in den Sonnenschein, führte mich die Mutter an der Hand.
+Es war schon acht Wochen her, seit unser ›Engele‹ davongeflogen war.
+Wir gingen durch das dunkle Gitter in den sonnigen Friedhof und setzten
+uns auf ein Mäuerchen, dem kleinen Grab gegenüber. Es hatte heute ein
+weißes Marmorkreuz bekommen mit goldenen Buchstaben.
+
+ ›Angelika‹
+
+las ich.
+
+ ›Heimgetragen in des Hirten Arm und Schoß.‹
+
+Und wir weinten zusammen.«
+
+Es war fast dunkel geworden in der Laube, als der Großvater seine
+Erzählung beendigt hatte. Angelika schmiegte sich an ihn und er hatte
+seine Hand an ihren Kopf gelegt.
+
+»Großvater, ist das wahr,« fragte das Kind nach einer Weile, »ist das
+wahr, daß die Engel zu den rosa Wölkchen heraussehen? Ich werde nicht
+müde, ich könnte gut so weit laufen, ich möchte sie auch so gern sehen.«
+
+Der Großvater schüttelte den Kopf. »Die Engel kann man nicht sehen,
+solang man auf der Welt ist. Es ist auch nicht nötig. Wenn es der liebe
+Gott wollte, so würde er sie uns schon zeigen. Sie sind aber doch da.
+Bitte nur den lieben Gott, daß er dir ein frommes und gehorsames,
+liebevolles Herz schenkt, so sind auch die Engelein um dich her. Und
+nun wollen wir miteinander hineingehen.«
+
+ * * * * *
+
+»Das Kind wird mir doch nicht krank werden,« sagte Heinerike
+kopfschüttelnd, als Angelika am Abend so gar fügsam und willig war
+beim Zubettegehen. Sie war sonst ein wenig heftig und eigenwillig und
+Heinerike hatte viel zu brutteln über das Mädchen. Die Mutter hörte es
+und sagte ruhig: »Nein, es wird nicht krank. Es hat nur etwas gelernt
+heute!«
+
+ * * * * *
+
+Angelika ist schon lang kein kleines Mädchen mehr. Sie ist eine
+fleißige, große Tochter.
+
+Neulich kam ich zu einer alten Frau, der sie einen großen Strauß
+Frühlingsblumen gebracht hatte und eine Schüssel Suppe dazu.
+
+»Es ist mir alleweil, als ob ein guter Engel komme, so oft das Fräulein
+kommt,« sagte die Alte.
+
+So haben scheint's die Engelein den Weg zu Angelika gefunden.
+
+
+
+
+ 15. In die Sonne.
+
+
+Der Tag fing erst an zu grauen. Der Mond stand noch blaß und
+übernächtig am Himmel und in den Bäumen rauschte der Morgenwind. Aber
+in dem niederen Häuslein der Frau Judith, das ganz allein draußen
+im Felde stand, brannte schon ein lustiges Feuer auf dem Herd und
+das Lämpchen warf seinen Lichtschein durch die Fensterscheiben. Frau
+Judith kochte die Morgensuppe für sich und ihr Büblein und daneben
+noch einen Brei, der zum Mittagessen für den Jockele bestimmt war.
+Denn sie mußte heut ihr Büblein den ganzen Tag allein lassen und da
+sorgte sie denn, derweil es noch schlief, daß ihm nichts Nötiges
+fehle. Judith war eine geschickte Näherin und verdiente das Brot für
+sich und das Kind mit ihrer Hände Arbeit. Manchmal nähte sie in den
+Bauernhäusern der Nachbardörfer, und das war ihr am liebsten, obgleich
+es weniger eintrug, denn da konnte sie den Jockele mitnehmen und auf
+ihn acht haben. Aber sehr oft führte sie ihr Tagewerk auch in die
+Stadt und da durfte sie ihr Büblein nicht mitbringen und es war ihr
+nicht zu verdenken, daß sie heute morgen ein wenig seufzte, wenn sie
+daran denken mußte, daß das Kind nun wieder den ganzen Tag ohne Schutz
+und Aufsicht ganz allein in dem Häuschen sei. Sie reinigte nun noch
+die Stube mit dem Besen und brachte alles in gehörige Ordnung, dann
+setzte sie sich an den Tisch und fing an, ein Paar zerrissene Höschen
+zu flicken, die auch dem Jockele gehörten. Und dabei seufzte sie so
+tief und schwer, daß es der Jockele in der Kammer hörte und schnell
+aus seinem Bettchen stieg, um zu sehen, was etwa der Mutter zugestoßen
+sein könnte. Da saß sie am Tisch und hatte den Kopf in die eine Hand
+gestützt und schaute so kummervoll vor sich hin, wie es der Jockele
+noch gar nie gesehen hatte. »Mutter, was hast du denn?« sagte er
+verwundert, »tust du vielleicht so wegen den Hosen? Sicher, ich habe
+sie nicht zerreißen wollen, sie sind von selber so aufgeplatzt.« Und
+dabei drängte er sich ganz nah an die Mutter her und streckte sich an
+ihr in die Höhe, um ihr Gesicht zu streicheln.
+
+»Ach du arm's Büblein,« sagte die Mutter und fuhr dem Jockele durch
+sein dichtes, blondes Lockenhaar, »die Höschen, die kann ich wieder
+flicken, da wollte ich nicht seufzen; wenn ich nur alles, was
+auseinander ist, so zusammennähen könnte!« »Was ist denn sonst noch
+auseinander?« wollte der Jockele wissen, »und warum sagst du immer
+›arm's Büblein‹ zu mir?« »Weil du noch so klein bist und hast schon
+deinen Vater verloren, und er ist erst nicht beim lieben Gott, sondern
+in der weiten Welt -- und ich kann auch nicht bei dir bleiben, weil ich
+Geld verdienen muß zu Brot und Kleidern und kann dich nicht beschützen
+und zum Guten erziehen -- und es könnte dir etwas passieren, so lang
+ich fort bin.« Judith sah so niedergeschlagen und unglücklich aus, daß
+das Büblein gewaltsam nach einem Trostgrund suchte. »Mutter,« sagte es
+nach einer Weile, »sei du nur wieder ganz fröhlich, ich will fortgehen
+und den Vater suchen und dann sage ich ihm, daß er wieder zu uns kommen
+muß, und dann kannst du wieder bei mir bleiben, alle Tage, und alles
+wird wieder, wie es vorher war.« Der Jockele war noch klein, erst
+fünf Jahr alt, aber er war ein sinniges, nachdenkliches Kind und er
+mochte am liebsten bei der Mutter sitzen und sich mit ihr unterhalten.
+Da hatte er dann, solang der Vater da war, es schön gehabt. Da hatte
+die Mutter immer Zeit für ihn gehabt, er war ihr, wenn sie im Hause
+herumhantierte, den ganzen Tag nachgelaufen, aus der Küche in die Stube
+und aus der Stube ins Gärtchen und umgekehrt. Und wenn die Hausarbeit
+getan war und die Mutter setzte sich nieder mit einer Näharbeit, dann
+zog der Jockele sein Bänkchen herbei und die Mutter mußte Geschichten
+erzählen, alte und neue, davon hatte er nie genug bekommen. Vom Vater
+hatte er wenig gewußt, er schlief immer schon, wenn dieser abends von
+der Arbeit nach Hause kam. Das schwebte ihm noch dunkel vor, daß er
+manchmal nachts an einem lauten Gepolter und Geschrei erwacht war und
+des Vaters Stimme war ihm dann unheimlich und furchterregend gewesen.
+Aber weil das schon lange her war, und weil, seit der Vater eines Tages
+nicht nach Hause gekommen und dann ganz ausgeblieben war, die Mutter
+fast gar keine Zeit mehr für den Jockele hatte, sondern nur immer
+Geld verdienen mußte, so wob sich in seinem Kopf die Zeit, da er noch
+einen Vater hatte, zu einem Bild voll Behagen zusammen und es kam ihm
+ganz ausführbar vor, daß er den Vater wieder holen und damit die alten
+Zustände wieder einsetzen könne. -- Die Mutter schüttelte den Kopf und
+zog den Jockele an sich. »Ach damit ist's nichts, Kind,« sagte sie.
+»Wir wissen ja gar nicht, wo wir den Vater suchen müßten, die Welt ist
+groß und weit und kein Mensch weiß, wo er hingewandert ist. Und er
+will ja gar nicht mehr heim zu uns; das ist ja grad' das Elend, daß er
+nur für sich allein leben will und hätte doch daheim ein Häuslein und
+ein Weib und so ein herziges Büblein. Nein, nein, holen kannst du den
+Vater nicht, auch wenn du größer wärest und könntest so in die weite
+Welt gehen. Bleib' du nur bei mir und sei mein Trost und meine Freude
+und werde recht brav und fromm, dann können wir zusammen auch wieder
+fröhlich werden.« Jetzt waren unterdessen die Löcher gestopft und der
+Jockele konnte mit den Höslein bekleidet werden. Sonst brauchte er
+nichts anzuziehen, als ein leichtes Kittelchen, denn es war trotz des
+Herbstes noch warmes, sonniges Wetter und er lief leichter davon mit
+seinen nackten Füßchen, als wenn er Schuhe und Strümpfe angehabt hätte.
+Dann wurde noch die Morgensuppe miteinander gegessen und zum Schluß
+betete die Mutter noch einen andächtigen Morgensegen mit dem Kinde und
+befahl es in die Hut des Vaters im Himmel, daß der ihm seine Engelein
+zu Wächtern bestelle, und darüber wurde es ihr selbst auch leichter ums
+Herz.
+
+Sie mußte sich jetzt auf den Weg machen, denn sie hatte fast eine
+Stunde zu gehen und es war inzwischen heller, sonniger Morgen geworden.
+So befahl sie dem Jockele noch einmal an, sich ja nicht zu verlaufen
+und auf alles gut acht zu geben, und trat dann ihre Wanderung an. Sie
+hatte gar vieles zu bedenken bei sich selbst, wie sie da so ganz allein
+auf der Landstraße dahinschritt. Das Gespräch mit dem Kinde hatte
+wieder alle vergangenen Zeiten in ihr wachgerufen. Wie sie einst als
+junges, fröhliches Mädchen im Dienst in der Stadt ihren Daniel kennen
+gelernt und sich gegen den Willen seiner Eltern, die dem einzigen Sohn
+eine reiche Partie gewünscht hatten, mit ihm verheiratet hatte; wie
+sie dann zuerst in allem Glück mit ihm in dem kleinen Häuschen gewohnt
+und sich nicht viel darum gekümmert hatte, daß die Eltern ihres Mannes
+jeden Verkehr mit ihnen abgebrochen hatten. Dann kamen trübe Bilder
+vor ihre Augen, Zeiten, in denen der Daniel, der sonst ein fleißiger,
+geschickter Zimmerarbeiter war, sich, von bösen Kameraden verführt, ans
+Wirtshausleben gewöhnt und ihr und dem kleinen Büblein, das inzwischen
+geboren war, das Leben gar sehr verbittert hatte. Es war noch viel
+schlimmer gekommen; Daniel, bei der fetten Küche und dem stets offenen
+Keller eines Wirtshauses aufgewachsen, bereute jetzt nachträglich,
+daß er ein armes Mädchen geheiratet und sich damit ein einfaches Los
+bereitet hatte; die Eltern hatten ihn verstoßen, das Weib daheim bat
+und weinte, die Kameraden hetzten --, da faßte er eines Tages den
+Entschluß, allem Elend zu entlaufen und sich in der Neuen Welt ein
+neues Leben voll Freiheit und Genuß zu verschaffen. --
+
+Seither lebte Frau Judith mit ihrem Büblein allein in dem Häuschen,
+mühte sich redlich, das tägliche Brot für sich und das Kind zu
+erwerben und den Zins für das Häuschen aufzubringen -- es war ein
+arbeitsvolles Leben, und ihre einzige Freude und ihr Trost war der
+fröhlich gedeihende Bub' mit den lachenden blauen Augen und dem
+blonden Krauskopf. Frau Judiths Augen wurden feucht, wenn sie an ihr
+Büblein dachte, und sie faltete fast unbewußt die Hände; sie wollte
+so gern etwas Rechtes, Tüchtiges aus ihm machen und ihn fromm und
+gottesfürchtig heranziehen, daß er ihr nicht auch einmal Kummer und
+Herzweh machte, wie der Daniel seinen Eltern. Denn das hatte sie in
+all' der Trübsal längst eingesehen, daß der Elternsegen ihrem Haus
+gefehlt hatte, und es zog sie mächtig, mit den alten Eltern ihres
+Daniel ins Einvernehmen zu kommen, aber deren Haus war ja für sie
+verschlossen. --
+
+Inzwischen hatte der Jockele zu Haus genußreiche Stunden verlebt.
+Allein gewesen war er schon oft, es war ihm gar nicht bänglich. Zuerst
+fütterte er die drei Hühner, das einzige lebende Besitztum des Hauses,
+dann lief er hinunter an den Bach und warf Kiesel in das klare Wasser,
+vergnüglich die Ringe und Blasen betrachtend, die sich darin bildeten.
+Das nahm ihn solang in Anspruch, bis er Hunger verspürte. Dann ging er
+ins Häuschen zurück und aß seinen Brei, unbekümmert, ob es schon Mittag
+war oder nicht. Er hatte keine andere Uhr als seinen Magen, wenn der
+sich bemerkbar machte, dann aß er. Nach der Mahlzeit grub er in seinem
+kleinen Gärtchen und setzte abgebrochene Blumen hinein, dann fiel ihm
+wieder das Gespräch mit der Mutter und ihr trauriges Gesicht ein, und
+er mußte stark nachdenken, wie es wäre, wenn's anders wäre. Das wollte
+dem Jockele nicht recht einleuchten, daß es gar nicht möglich sein
+sollte, den Vater wieder zu holen. Man mußte nur suchen, bis man ihn
+fand, und ihm dann sagen, daß die Mutter seinetwegen so seufze, dann
+würde er schon mitkommen. Wenn er nur gewußt hätte, wo hinaus man gehen
+müßte! Rechts ging der Weg in die Stadt, dort war er nicht, denn die
+Mutter ging ja so oft dorthin und hatte ihn noch nie gesehen, links kam
+man in einen großen Wald und vor ihm und hinter ihm dehnte sich weithin
+das Ackerland aus. Jockele nahm sich vor, alle Leute, die des Wegs
+daher kämen, zu fragen, vielleicht hatte doch einer den Vater gesehen.
+Es kam aber lang niemand. Erst gegen Abend kam die Kräuterliese mit
+einem Korb voll Hagebutten aus dem Wald. Die lachte nur auf Jockeles
+Frage: »O Kind,« sagte sie, »das weiß nur der liebe Herrgott, wo dein
+Vater hin ist! Guck, dahinten am Wald kommt gerade der Mond herauf,
+wenn man da hinaufsteigen und heruntersehen könnte, da könnte man ihn
+vielleicht finden. Sei du nur froh, Büblein, daß du allein mit deiner
+Mutter bist, so ein Gutedel, wie dein Vater war!« Damit trottete sie
+weiter. Jockele wußte nicht, was ein Gutedel sei, es war ihm auch eins,
+er hatte nur verstanden, daß man vom Mond aus vielleicht sehen könnte,
+wo der Vater sei, und da gerade jetzt die leuchtende Kugel ganz hinten
+am Berg heraufkam, so dachte er, wenn man nur schnell auf den Berg
+liefe, so könnte man ganz leicht hineinsteigen. Das war ja nicht sehr
+weit, bis die Mutter heimkäme, konnte man wieder zurück sein.
+
+Jockele besann sich nicht lang, er lief nur noch schnell ins Haus und
+holte sich seine Kappe, dann zog er aus, gerade auf den Mond zu, in
+den dichten Wald hinein. Er war schon ein gutes Stück fortmarschiert,
+der Weg ging längst zwischen hohen Tannen dahin, nun machte er eine
+scharfe Biegung; von dort aus kam man nicht zum Mond, merkte Jockele,
+so verließ er die Straße und schlüpfte zwischen den Bäumen durch, immer
+das silberne Licht im Auge, das da durchschimmerte. Es stieg höher und
+höher, nun schwebte die silberne Kugel hoch über den Tannen, sonst war
+es ganz dunkel geworden. Das erschreckte den Jockele, so hoch hinauf
+konnte er nicht klettern, das sah er wohl und er mußte nun wohl wieder
+umkehren. Aber woher war er denn gekommen und wo war denn die Straße
+geblieben? Jockele fing an zu laufen, immer -- immerfort, nur wußte er
+nicht, daß es gerade die verkehrte Richtung war, die er eingeschlagen
+hatte. Der Wald wollte gar kein Ende nehmen, die Füße taten ihm weh
+und er hatte auch Hunger. Da lichtete sich plötzlich das Dickicht, er
+stand an einem Kreuzweg, den er noch nie gesehen hatte und daran war
+ein Wegzeiger mit einem Ruhebänklein drunter. Es war auch ganz hell,
+denn der Mond stand jetzt ganz hoch am Himmel und lachte dem Jockele
+freundlich zu. Das tröstete das verlassene Büblein wieder ein wenig;
+nun wollte er immer auf dem Weg fortlaufen, bis der Wald ein Ende
+hatte, und am Ende des Waldes sah man ja schon das Häuslein, wo die
+Mutter war. Nur vorher ein wenig ausruhen mußte der Jockele, er war
+sehr müde geworden; so setzte er sich auf das Bänkchen, lehnte den
+Lockenkopf an den Wegzeiger -- und schlief ein, süß und fest.
+
+»Hü, Schimmel, vorwärts,« schallte es durch den Wald, eine Peitsche
+knallte und ein schwerer Wagen knarrte auf der stillen Straße. Ein
+weißer Spitzerhund sprang bellend voran, plötzlich blieb er stehen,
+umschnüffelte das Ruhebänklein von allen Seiten und schlug ein solch
+lebhaftes Gekläff an, daß der Fuhrmann verwundert seine Pfeife aus dem
+Mund nahm: »Was hast du nur, Spitz?« fragte er, aber da sah er auch
+schon das schlafende Büblein, das sich durch keinen Lärm in seiner
+Ruhe hatte stören lassen. »Potz tausend,« sagte der Sonnenwirt von
+Kaltenbach, das war der Fuhrmann, und kratzte sich hinter den Ohren,
+»was macht man jetzt da? Ich schätz', das Büble kann man nicht so
+allein liegen lassen, es muß ja doch einem gehören!« Er war abgestiegen
+und zupfte den Jockele an seinem Lockenhaar. »Wem g'hörst, Kleiner?«
+»Meiner Mutter,« sagte der Kleine und blinzelte schlaftrunken in das
+Licht der Wagenlaterne, mit der ihn der Sonnenwirt beleuchtete. »Wie
+heißt denn?« ging das Examen weiter. »Jockele,« war die Antwort.
+»Wie weiter, du mußt doch auch sonst noch einen Namen haben? Ruhig,
+Spitz, kusch dich,« sagte der Sonnenwirt, als er sah, daß Jockele mit
+ängstlichen Augen auf den Hund sah. »Nein, sonst heiße ich nichts
+mehr,« sagte der Jockele nun bestimmt. Er war völlig wach geworden und
+sah groß um sich. »Ja, wo willst denn hin heut nacht noch und wo wohnst
+du?« Jetzt fiel dem Jockele wieder alles ein. »Drum hab' ich wollen
+geschwind in den Mond hineinsteigen, ob ich mein' Vater nicht sehe,
+aber er ist so hoch hinaufgestiegen, da hab' ich nimmer weiter können.
+Und jetzt muß ich ganz schnell heim zur Mutter, sie ist jetzt daheim.
+Zeig' mir den Weg, ich weiß ihn nimmer,« sagte er ganz unerschrocken.
+Der Sonnenwirt war ein bißchen ängstlich geworden, er betrachtete den
+Buben forschend, ob er im Fieber spreche oder am Ende einen »Mondstich«
+habe. Der stand aber schon auf den Füßen und faßte nach seiner Hand und
+sah so hell um sich, krank oder verwirrt war der nicht, das sah man
+wohl.
+
+»Jetzt will ich dir etwas sagen, Büble,« sagte der Sonnenwirt nach
+kurzem Bedenken, »heim kannst du heut nacht nimmer, du weißt den Weg
+nicht und ich auch nicht und 's ist schon nach Mitternacht. Jetzt
+sitzst du da hinauf auf mein' Wagen und kommst mit mir heim in mein
+Haus, da kannst bei mir schlafen.« Der Kleine ließ sich willig in den
+Wagen heben, wo ihm der Sonnenwirt ein Lager von Säcken machte, und
+schlief bald wieder weiter, fest und tief. Er erwachte auch nicht,
+als ihn sein Beschützer aus dem Wagen nahm und ins Haus hineintrug,
+auch nicht, als er entkleidet und in das mächtig große Himmelbett
+gelegt wurde. Er schlief noch lang in den hellen Morgen hinein. Als er
+erwachte, saß in dem Großvaterstuhl an seinem Bett eine alte Frau, die
+hatte die Hände und Füße dick mit Tüchern umwickelt und betrachtete ihn
+aufmerksam. Der Sonnenwirt ging auch schon mit schwerem Tritt in der
+Stube auf und ab.
+
+»Und ich sage dir, das ist dem Daniel sein Bub' und kein anderer,«
+sagte die Sonnenwirtin, denn sie war es, die in dem Großvaterstuhl saß,
+»so sieh doch nur einmal die Augen an und das Kraushaar und das ganze
+Gesicht, der ausgeschnittene Daniel.« »Was weiß man denn, was man sich
+da bei der Nacht ins Haus führt,« sagte der Sonnenwirt mürrisch, »so
+ist's, wenn man so ein mitleidiges Herz hat! Und jetzt wie machen, daß
+man den kleinen Racker wieder los wird?« »Sag' jetzt einmal, Büble,«
+sagte die Sonnenwirtin, als sie sah, daß der Jockele erwacht war und
+mit großen Augen um sich sah, »sag' jetzt einmal, wie deine Mutter
+heißt und wer dein Vater ist und warum du ihn hast suchen wollen.«
+Sofort richtete sich der Jockele auf und berichtete haarklein das
+Gespräch mit der Mutter, und wie er am Abend ausgezogen sei, den Vater
+zu suchen, und verschwieg auch nicht, daß er eben gar keinen anderen
+Wunsch habe, als daß die Mutter wieder immer bei ihm sei.
+
+Das Ehepaar sah einander an, da war ja gar kein Zweifel mehr, das war
+ihr Enkelein; ganz genau das verjüngte Abbild des Sohnes, der einst
+ihres Herzens Freude und nun der Kummer ihrer alten Tage war. »Warum
+hast du deine Händ' so eingewickelt und deine Füß?« unterbrach Jockele,
+der nicht lang still sein konnte, das verlegene Schweigen der beiden
+Alten. »Weil ich die Gicht drin habe und so arge Schmerzen,« seufzte
+die Sonnenwirtin. »Meine Mutter kann einem immer wieder wohl machen,
+wenn's einem weh tut,« sagte Jockele mitleidig, »ich will's ihr nur
+sagen, so kommt sie zu dir; soll sie?«
+
+Die Alten sahen einander wieder an, es hatte jedes so seine Gedanken
+für sich und mochte doch nicht anfangen, sie auszusprechen. »Meine
+Mutter kann gut laufen, der tun die Füße nicht weh und die Hände auch
+nicht, sie kann den ganzen Tag schaffen; kannst du gar nicht?« Jockele
+wurde plötzlich von einem großen Mitleid erfaßt, daß die Sonnenwirtin
+nun so den ganzen Tag dasitzen müsse und sich nicht rühren könne, und
+er hätte ihr am liebsten sogleich die Mutter hergebracht, die nach
+seiner Meinung für alle Schäden Rat und Hilfe wußte. »Nein, du gut's
+Büblein, ich kann nicht laufen und nicht schaffen, alles tut mir weh,«
+sagte die Sonnenwirtin; »aber da wollt' ich noch gar nicht klagen, das
+könnt' ich schon aushalten, aber der ärgste Schmerz, der sitzt mir da
+drinnen, da hab' ich einen Kummer, und da kann mir niemand helfen,«
+und dabei machte sie gerade so ein trostloses Gesicht, wie die Mutter
+gestern früh. »Ach laß doch, das versteht so ein Kleines nicht,« sagte
+der Mann ein bißchen brummig, aber Jockele wußte gut, wie es war, wenn
+man einen Kummer hatte, die Mutter hatte ja auch einen; so sagte er
+ganz verständnisvoll: »Die Mutter hat gesagt, ich soll nur brav sein
+und immer folgen, dann werde sie auch wieder fröhlich. Hast du kein
+Büble?« »Das ist ja gerad' mein Kummer, daß ich einmal eins gehabt habe
+und als es groß war, ist's von mir fortgegangen, weit, weit in die Welt
+hinaus, kein Mensch weiß, wohin.« »Der liebe Gott weiß es aber doch,
+die Mutter hat's gesagt, der wisse alles. Die Kräuterliese hat gesagt,
+man könne es auch sehen, wenn man in den Mond steigt und heruntersieht,
+aber ich komme nicht hinauf. Vielleicht könntest du mit einer Leiter
+hinauf,« wandte sich Jockele an den Sonnenwirt.
+
+Die Alten mußten ein wenig lachen bei dem Vorschlag, die Frau aber
+zupfte ihren Ehegatten verstohlen am Ärmel: »Mein', was das für ein
+gescheiter Kerl ist und so weichherzig. Ich hätte so meine Gedanken;
+den hast du nicht umsonst heut nacht finden müssen. Das Weib muß sich
+plagen und schinden, die wäre am Ende froh, wenn wir für den Buben
+sorgten. Jockele, willst du nicht bei uns bleiben und unser Büble sein,
+da hättest du's gut und dürftest mit den Gäulen fahren und kriegtest
+zu essen, was du magst?« Sie zog bei diesen Worten den Kleinen näher
+an sich und sah ihn erwartungsvoll an. Auch der Sonnenwirt machte ein
+gespanntes Gesicht und stellte sich vor die beiden hin. Jockele war
+gleich fertig mit seinem Entschluß. »Ja, das will ich ganz gern,«
+sagte er bereitwillig, »so komm, so wollen wir gleich fortfahren und
+die Mutter holen. Kann sie dann auch immer mit den Gäulen fahren
+und alles so gut haben?« So war's nicht gemeint gewesen, die Alten
+hatten nur das Büblein gewollt, die Mutter aber nicht; sie sahen sich
+ein wenig verblüfft an, der Jockele fuhr aber fort: »und dann macht
+sie auch gleich, daß deine Hände und Füße nicht mehr so arg weh tun
+müssen und -- sie kann dann auch deine Stube ein wenig sauber machen,
+die Mutter macht immer alles ganz sauber.« »Der weiß, wie eine Sache
+sein muß,« sagte beifällig der Sonnenwirt, »der hat nicht umsonst so
+helle Augen im Kopf!« Es war wahr, es sah nicht am schönsten aus in
+der Schlafstube; seit die Frau immer von Gicht geplagt war und selber
+nichts tun konnte, ging es mit der Haushaltung ein wenig zurück. Die
+Mägde hatten mit dem Feld und dem Vieh und der Wirtschaft zu tun, es
+war da auch nicht, wie es sein sollte. Da hätten ein paar junge Hände
+und Füße und ein guter Wille vieles zu bessern und zu helfen gefunden.
+Die Gedanken gingen in aller Eile durch die Köpfe der beiden Gatten,
+sie wußten aber nicht recht, was sie dazu sagen sollten, so schwiegen
+sie wieder still.
+
+Das war nicht nach Jockeles Geschmack, der immer auf alle seine Fragen
+von der Mutter Antwort bekam. Er sprang eifrig aus dem Bett, fing an,
+sich anzuziehen und ermahnte den Sonnenwirt noch einmal: »So komm doch
+und mach' dich auch fertig, ich muß jetzt gleich zur Mutter, sie hat
+sonst Angst, wenn ich so lang nicht heimkomme.« Jetzt fing der Mann
+endlich an zu reden, er hatte einen großen Anlauf dazu nehmen müssen:
+»Weißt, Büblein,« sagte er, »deine Mutter will gar nicht zu uns, zu so
+alten Leuten, die will lieber immer in die Stadt gehen und nähen, du
+könntest ganz gut allein bei uns bleiben, dann wäre ich dein Großvater
+und das deine Großmutter. Paß auf, wieviel Schönes du da findest,
+ich kaufe dir eine Trommel und eine Peitsche und was du sonst noch
+willst.« »Nein, nein, das will meine Mutter gar nicht, sie will nur
+bei mir bleiben,« sagte Jockele entrüstet. »Und ich habe auch selber
+einen Großvater und eine Großmutter, ich muß alle Abend beten: Und
+mach' auch, lieber Gott, daß meine Großeltern nicht mehr bös sind auf
+die Mutter und mich.« »So, so, das betest du? Ja warum sind denn die
+Großeltern bös auf euch?« fragte die Frau, es war ein eigentümlicher
+Ausdruck in ihr Gesicht gekommen, man wußte nicht, ob sie lachen oder
+weinen wollte. »Weil sie so reich sind und so viel Geld haben, und
+meine Mutter hat keins und ich auch nicht, deswegen wollen sie uns gar
+nicht sehen. Aber der liebe Gott kann schon noch machen, daß sie uns
+noch lieb haben, hat die Mutter gesagt. Und ich muß sie auch lieb
+haben, denn sie sind so arm, weil sie keinen Menschen mehr haben, der
+ihnen gehört,« berichtete Jockele ernsthaft. Der Sonnenwirtin waren
+Tränen in die Augen getreten, und ihr Gatte ging mit starken Schritten
+auf und ab und räusperte sich stark.
+
+Der Sonnenwirt blieb vor dem Jockele stehen, strich ihm mit der Hand
+über das Lockenhaar und sagte: »Geh du jetzt nur einmal hinaus und sag
+der Küchenmagd, daß sie dir ein großes Butterbrot und eine Schüssel
+Milch geben soll. Und dann gehst du zu dem Johann in den Stall und
+siehst, ob die Gäule schon gefressen haben. Ich rufe dir dann, wann
+ich fertig bin.« Das war eine neue Aussicht! Jockele ging eifrig auf
+den Vorschlag ein, und nun waren die Alten allein. »Was sagst du jetzt
+dazu, Mann? so red' doch auch ein Wort,« fing endlich die Frau an, als
+der Sonnenwirt immer am Fenster stand und so angelegentlich hinaussah,
+als ob da draußen etwas ganz Neues, Interessantes zu sehen wäre. Der
+Angeredete drehte sich um: »Das sag' ich dazu, daß wir alle beide uns
+selber den größten Schaden täten, wenn wir das Büblein nicht zu uns
+nähmen. Ist's doch unser leibhaftiges Enkelein, und ich meine, wir
+haben nicht viel übriges an eigenen Leuten. Der Bub hat mir ganz wohl
+gemacht, so etwas haben wir schon lang nicht mehr um uns gehabt.« »Aber
+die Mutter, die Judith?« warf die Frau zweifelnd ein; »du siehst's ja,
+der Bub will nicht bei uns sein ohne sie und sie selber -- ich sag'
+dir, die gibt das Kind nicht her und wenn man ihr die Stube mit Talern
+pflastern wollte.«
+
+»Ja, siehst du,« der Sonnenwirt stockte ein wenig, es fiel ihm gerade
+nicht leicht, das zu sagen, was er jetzt wollte -- »siehst du, mit der
+Judith -- ich hab' schon oft gedacht, ob wir nicht doch einen Fehler
+gemacht haben mit ihr. Sie soll so brav sein und fleißig, hab' ich
+schon oft sagen hören, und wenn ich sehe, wie sie den Buben aufzieht
+und lehrt ihn gegen uns auch gar keinen Groll und Zorn hegen, es ist
+ein Prachtskerl! Und dann hab' ich gedacht, sie hat junge Füße und
+Hände und könnte bei uns nach dem Rechten sehen, wenn du doch nicht
+fort kannst!« Die Sonnenwirtin ließ den Mann nicht ausreden. »Komm
+her zu mir, Alter,« sagte sie, »und gib mir eine Hand! Wenn die
+Judith will -- und wegen dem Kind wird sie wohl wollen, so soll sie
+uns Gottwillkommen sein im Haus. Und jetzt spanne nur gleich ein, ich
+denke nicht, es könnte uns gereuen, aber denk, in was für einer Angst
+das Weib sein muß um den kleinen Buben. Das muß ihr ja fast das Herz
+abdrücken!«
+
+Es dauerte kaum fünf Minuten, so standen die stattlichen Braunen
+im Geschirr vor dem Bernerwägele, und Jockele saß stolz auf dem
+Kutscherbock und hatte die Zügel in den Händen. »Da sieh, was das
+für einen Fuhrwerker gibt,« sagte der Sonnenwirt wohlgefällig zu
+seiner Frau, die sich nicht satt sehen konnte an dem Buben. »Bring
+ihn auch gewiß wieder mit, komm mir nicht heim ohne ihn,« sagte sie
+immer wieder, sie wäre am liebsten selbst mitgefahren. »Ich sag's
+ihm erst unterwegs, daß wir die Großeltern sind, ich muß ihn vorher
+noch zutraulicher machen,« sagte der Sonnenwirt beim Abschied. Er
+nahm sich vor, beim Krämer des großen Marktfleckens, durch den sie
+zu fahren hatten, allerlei einzukaufen, was ein Kinderherz erfreuen
+konnte. Der alte Mann hatte plötzlich in seinem Herzen einen ganzen
+Schatz von Liebe für den helläugigen Burschen entdeckt, es war ihm ganz
+warm geworden davon. Jockele sah aber nicht aus, als ob er zutraulich
+gemacht werden müßte. Er lachte mit dem ganzen Gesicht, als die Braunen
+anzogen! »Adieu, wir kommen ganz bald wieder und bringen die Mutter
+mit,« rief er der nachschauenden Sonnenwirtin fröhlich zu bei der
+Abfahrt. Dann entschwand das Fuhrwerk ihren Blicken.
+
+Frau Judith war in großem Jammer gewesen, als sie bei ihrer Heimkunft
+das Häuschen leer fand und auch ihr Büblein nicht an seinem gewohnten
+Spielplatz am Bächlein entdecken konnte. Sie hatte überall gesucht, wo
+sie nur denken konnte, daß er möglicherweise zu finden sein könnte.
+Bis in die tiefe Nacht hinein war sie gelaufen und gelaufen, an den
+Erdbeerplatz im Wald, wo sie mit Jockele einmal gewesen war, ins
+nächste Dorf, wo er schon mit ihr in einige Kundenhäuser gegangen war
+-- umsonst. Niemand hatte den Kleinen gesehen, keine Spur fand sich
+von ihm. Sie kehrte immer wieder ins Häuschen zurück, jedes Winkelchen
+aussuchend, wohl hundertmal seinen Namen rufend. Dann machte sie der
+Jammer ganz starr. Auf dem Bänklein vor dem Haus saß sie vollends
+die ganze Nacht, zusammenfahrend, so oft ein Vögelein schlaftrunken
+in seinem Nest zwitscherte oder ein fernes Wagengerassel sich hören
+ließ. »Das ist eine Strafe von Gott, der dir jetzt auch noch dein
+einziges Kind wegnimmt, wie du den Eltern deines Mannes das einzige
+Kind genommen hast,« kam es über sie und wieder ging sie ruhelos auf
+und ab und rief lauthin durch die Nacht: »Jockele, mein Büble, wo
+bist du?« -- bis sie, übermüdet, auf dem Bänklein einschlief, noch im
+Halbschlaf betend, als säße sie am Bettchen ihres Kindes: »Breit aus
+die Flügel beide, o Jesu meine Freude, und nimm dein Küchlein ein. Will
+es der Feind verschlingen, so laß die Englein singen: Dies Kind soll
+unverletzet sein!«
+
+Die Sonne stand hoch am Himmel. Frau Judith hatte sich eben zum
+Fortgehen gerüstet. Sie wollte in alle Nachbardörfer gehen und Anzeige
+machen; spurlos konnte ja doch so ein Kind nicht verschwinden. Da fuhr
+mit lautem Peitschenknall ein Wagen vor dem Häuschen vor und -- Frau
+Judith mußte sich am Tisch halten, so zitterte ihr das Herz vor Freude
+-- schon von weitem hallte laut die fröhliche Stimme ihres Bübleins:
+»Mutterle, Mutterle! da bin ich und das ist der Großvater und bös ist
+er gar nicht mehr!« Das war ein fröhliches Wiedersehen! Frau Judith
+verstand's zwar nicht gleich, was es heißen sollte, als Jockele anfing
+zu erzählen: »Weißt, Mutterle, zuerst habe ich wollen in den Mond
+hineinsteigen und den Vater suchen, aber ich habe dann doch nicht
+können -- und dann ist der Großvater gekommen, aber ich habe nicht
+gewußt, daß er's ist, und dann habe ich in der Sonne geschlafen, die
+gehört dem Großvater. Und du mußt jetzt gleich mitkommen und machen,
+daß der Großmutter ihre Hände und Füße nicht mehr so wehe tun« -- aber
+der Großvater wird's ihr ja wohl erklärt haben. Wenigstens fuhren auf
+dem Bernerwägelein drei fröhliche Menschen der Sonne zu und haben
+nachher einander die Heimat darinnen lieb und wert gemacht.
+
+
+
+
+ 16. Aus dürrem Erdreich.
+
+
+Die Schulkinder von Rötenberg hatten heute einen wichtigen Tag. Zuerst
+war am Morgen keine Schule gewesen, weil der alte Herr Schullehrer
+schon gestern abgereist war, um seine neue Stelle an der Stadtschule
+anzutreten. Und nun, am Nachmittag, gab es ungeheuer viel zu sehen, da
+konnte man das Schulhaus keinen Augenblick aus den Augen lassen.
+
+Denn da sollte der neue Lehrer einziehen, der nun jede Minute ankommen
+konnte, und damit hing vielerlei Merkwürdiges zusammen. Vor einer
+Stunde war der hochbepackte Frachtwagen angekommen und mit ihm, vorn
+auf dem Kutschbock beim Fuhrmann sitzend, ein junges Mädchen, das flink
+abgestiegen war und nun schon tüchtig unter den Möbeln und Betten
+hantierte. Der Fuhrmann half beim Abladen und der Kirchendiener mit
+seinem Weib war gleichfalls zur Hilfe angestellt und die Schuljugend
+hatte es wichtig mit dem Zusehen. Das junge Mädchen war die Schwester
+des neuen Lehrers und sie wollte bei ihm bleiben und ihm den Haushalt
+führen, denn er hatte keine Frau. Da mußte man sie schon aufmerksam
+betrachten. Sie trug ein einfaches blaues Kleid und hatte einen dicken
+braunen Zopf hinten aufgesteckt und ihr Gesicht sah ernsthaft, aber
+gar nicht unfreundlich aus. Zur Arbeit hatte sie eine große gestreifte
+Schürze angezogen und jetzt wendete sie sich an die müßigen Buben und
+Mädchen: »Höret, wenn ihr so gut Zeit habet, so könnet ihr mir ein
+bißchen helfen. Da, die vielen Blumentöpfe stellt man hinten in den
+Garten, alle auf das niedrige Mäuerchen. Und die Besen und Kochtöpfe
+könnet ihr in die Küche tragen, ihr habt junge Füße. Halt, nicht alle
+auf einmal. Zwei Buben und zwei Mädchen, das ist genug. Wer will?«
+
+ [Illustration]
+
+Es gab eine Verlegenheitspause. Die Mädchen zupften an ihren Schürzen
+und kicherten und die Buben stießen und pufften einander, aber helfen
+wollten sie doch gern, sie mochten es nur nicht sagen. Fräulein Margret
+kannte das aber schon. Sie suchte sich ein paar feste Buben aus und
+unter den Mädchen zwei, die schon ein wenig verständig und besonnen
+aussahen; die andern tröstete sie: »An euch kommt's schon auch noch.
+Wenn es dann Holz zu tragen gibt, dann kann man viele Helfer brauchen.«
+
+Die Auserwählten gingen mit Eifer ans Werk und die Arbeit schritt
+rüstig voran.
+
+Das Schulhaus war groß, aber alt und ein wenig verwahrlost. Es sah
+nicht besonders freundlich aus mit seinen trüben Fenstern und dem
+wackeligen Lattenzaun am Vorgärtchen. Jetzt war noch Frühjahr, und
+der Garten, der dieses Jahr noch gar nicht angepflanzt war, machte
+auch einen unordentlichen Eindruck. Wer wollte, konnte hier viel zu
+tun finden. Fräulein Margret sah sich um und machte nicht gerade ein
+erfreutes Gesicht. Es werde schon eine Weile dauern, bis man sich hier
+heimisch fühlen könne, dachte sie. Da sah sie, ein wenig entfernt von
+den andern Kindern stehend, einen barfüßigen Buben, der am Zaun lehnte.
+Er stand ganz allein und sein Gesicht sah mindestens so aus, als ob
+er sich nicht heimisch fühlen könne. Als das junge Mädchen sich die
+Hilfstruppen ausgewählt hatte, war er ein bißchen näher hergekommen.
+Er hätte sich auch gern anstellen lassen. Aber man hatte ihn nicht
+bemerkt und so war er wieder an den Zaun zurückgekehrt. Fräulein
+Margret mußte noch ein paarmal zu ihm hinübersehen. Er hatte rotes
+Haar und ein sommersprossiges Gesicht und mit den Zähnen biß er fest
+auf die Unterlippe. »Wer ist der Bub? Warum steht er ganz allein und
+abseits von den andern?« fragte Fräulein Margret einmal das Mädchen,
+das ihr einen Korb tragen half. Das Mädchen machte ein geringschätziges
+Gesicht. »O, das ist der Geißlipp,« sagte sie. »Der weiß, warum er so
+allein ist. Es will keiner etwas von ihm wissen, er ist unartig für
+zwei und faul für drei. So hat immer der Herr Lehrer gesagt.« Fräulein
+Margret sagte nichts auf den Bericht. Es gab jetzt gerade so viel zu
+tun und dann mißfiel ihr auch das Urteil.
+
+Jetzt entstand eine Bewegung auf dem freien Platz vor dem Hause. Denn
+um die Ecke am Rathaus war eben ein offenes Fuhrwerk gefahren und darin
+saß der Herr Lehrer und noch der Schultheiß und der Stiftungspfleger,
+die ihn an der Bahn abgeholt hatten. Fräulein Margret winkte grüßend
+zum Fenster heraus und die Schuljugend ballte sich auf einen Knäuel
+zusammen, denn jetzt wollte keines gern ganz vornen stehen. Das war der
+ganze Empfang. Er war nicht besonders festlich, aber man war es eben in
+Rötenberg nicht anders gewöhnt. Der Herr Lehrer stieg aus, schüttelte
+den Männern noch die Hand und dann schritt er auf das Haus zu.
+
+Zum Fürchten sah er nicht gerade aus. Er war ein bißchen klein und
+hatte ein freundliches, rundes Gesicht und blondes Haar. Der alte
+Lehrer hatte einen langen schwarzen Bart gehabt. Die kecksten Buben
+sagten schon untereinander: »Der tut einem nichts,« da wandte sich der
+Lehrer noch einmal um und sah sich sein Häuflein prüfend an. »Grüß
+Gott, ihr Kinder,« sagte er. »Morgen kommen wir dann schon zusammen, da
+wollen wir einander dann kennen lernen.« Ein paar von den Buben rissen
+jetzt noch die Kappen herunter und dann zerstreute sich die Schar nach
+und nach. Denn für heute gab es da nichts Besonderes mehr zu erfahren.
+
+Es war am späten Abend dieses Tages. Vom Kirchturm her hallte die
+Betglocke. Da und dort trieb noch ein Knecht seine Kühe vom Brunnen
+in den Stall und knallte so ein wenig dazu mit der Peitsche.
+Die Hauptstraße herauf kam langsam der Botenfuhrmann mit seinem
+hochbepackten Wagen und den festen Gäulen davor gefahren und unter den
+Haustüren saßen die Leute und hatten Feierabend. Vor dem Schulhaus
+sah man nichts mehr, was an den Einzug hätte erinnern können. Die
+Schulkinder hatten ihre Hilfeleistung damit beschlossen, daß sie den
+Platz schön reingekehrt hatten. Und dann waren sie mit vergnügten
+Gesichtern abgezogen, denn sie hatten ja nicht umsonst geschafft. »Der
+Lehrer ist brav, da ist mir's nicht angst,« sagte des Polizeidieners
+Andres zu seinem Kameraden. »Aber seine Schwester ist eine Stolze,«
+meinte der, »ich bin schon froh, daß man nicht zu ihr in die Schule
+muß.« Das war auf dem Heimweg gewesen. Eben kamen sie an dem kleinen
+Häuschen vorbei, in dem der Geißlipp wohnte. Eigentlich hieß er Philipp
+Berner und sein Vater hieß auch so. Aber er hieß im ganzen Dorfe nur
+der Geißlipp, weil er hinten in dem Bretterverschlag am Häuschen
+zwei Geißen stehen hatte, die sein ganzer Reichtum waren. Der Vater
+arbeitete im Taglohn bei der Gemeinde und der Sohn versorgte neben
+der Schule her die zwei Geißen. Und beide waren sie nicht beliebt im
+Dorf. Der Geißlipp saß, als die Buben herankamen, auf dem Bänkchen an
+der niedrigen Haustür. Er hatte einen Tafelscherben auf den Knien und
+kritzelte darauf. Als er die Kameraden sah, fuhr er schnell mit der
+Hand darüber, denn sie sollten nicht sehen, was er tat. Die andern
+aber blieben nicht bei ihm stehen. »Du kannst dich dann in acht nehmen
+morgen,« rief des Bachbauern Jakob herüber. »Der Lehrer wird's bald
+wissen, was du für einer bist.« »Ja und an deinem Namen steht im Buch
+ein rotes Kreuz, der Büttel hat's gesagt, der hat's gesehen,« fügte
+Andreas hinzu. »Dich möcht' ich nicht sein.«
+
+Der Geißlipp fuhr mit der Hand in die Tasche und brachte einen Stein
+heraus. Das mußte aber den andern nichts Neues sein, denn sie merkten
+gleich, was er wollte, und verschwanden schnell hinter der Hecke. Da
+war der Geißlipp wieder allein. Er ließ den Stein fallen und biß die
+Zähne wieder übereinander. »Ich krieg euch doch noch,« murmelte er
+dann. »Ich finde dann schon noch etwas aus, daß ihr eine Weile genug
+habt.« Aus dem Häuschen rief eine tiefe Stimme: »Marsch herein jetzt
+ins Bett.« Das war der Vater, der sich schon zur Ruhe begeben hatte.
+Da verbarg der Bub seinen Tafelscherben in einem sicheren Versteck und
+ging ins Haus.
+
+Die beiden sprachen nicht viel miteinander. Der Vater war ein
+finsterer, wortkarger Mann. Er war einmal, als sein Sohn noch ganz
+klein war, ein paar Jahre im Zuchthaus gewesen, weil er im Zorn einen
+verwundet hatte. In der Zeit war sein Weib gestorben und den Kleinen
+hob man so lang im Armenhaus auf. Seit der Vater wieder da war, lebten
+die zwei miteinander in dem Häuschen und waren fast mit niemand gut
+Freund. Der Sohn wußte es gar nicht anders, als daß er ein böser Bube
+sei, vor dem man sich in acht nehmen müsse. Das hatten die Leute
+schon zu ihm gesagt, seit er sich denken konnte. »Der wird gerade wie
+sein Vater,« sagten sie. Und Philipp gab sich gar keine Mühe, anders
+zu sein, als so, wie er war. Wenn ihn die andern Buben neckten und
+höhnten, so fuhr er unter sie mit geballten Fäusten oder warf mit
+Steinen und es gab fast keinen in der Schule, dem er nicht schon einen
+Schabernack angetan hatte. So kam es denn, daß auch der Lehrer kein
+Freund des Geißlipp gewesen war, und er zweifelte gar nicht, daß das
+mit dem neuen ebenso werden würde. Nämlich so, daß er fast jeden Tag
+irgend eine Strafe bekommen und im übrigen der schlechteste Schüler
+sein werde. Er ging jetzt drei Jahre in die Schule und seither war es
+immer so gewesen. Manchmal blieb er dann auch ein paar Tage ganz weg,
+bis der Vater dahinterkam und ihn hineintrieb.
+
+Jetzt kroch der Sohn in sein Bett. Er hatte ein gutes, eigenes, denn
+es war das seiner Mutter. Aber es sagte ihm niemand freundlich und
+liebevoll gute Nacht und so war sein Gesicht auch im Schlaf noch
+finster.
+
+ * * * * *
+
+Es war eine Woche später. Fräulein Margret hantierte emsig im Garten.
+Dort waren am Tag vorher die Beete umgegraben worden und nun mußte sie
+sich tüchtig umtun, daß da etwas hineinkomme. Sie sah überhaupt so viel
+Arbeit vor sich für die nächste Zeit, daß sie kaum wußte, wo anfangen.
+Aber es machte ihr Freude, so fleißig zu sein. Denn sie hatte seither
+fremden Leuten gedient und nun hatte sie ein eigenes Reich und konnte
+mit ihrem Bruder darin wohnen. Es wurde ihr immer heimlicher in dem
+alten Schulhaus. Sie war jetzt mit ihrem Samensäckchen ganz nahe an den
+Lattenzaun hergekommen, da sah sie zwischen den Stäben, fest an den
+Zaun gedrückt, den gleichen Bubenkopf in den Garten hereinstarren, der
+ihr beim Einzug schon aufgefallen war. »Faul für zwei und unartig für
+drei,« hatte das Mädchen damals gesagt. Das fiel dem Fräulein nun ein.
+Von der Schule her tönte Gesang, sie war noch lange nicht aus. Also
+hatte der Junge den Unterricht geschwänzt.
+
+Als er sah, daß Fräulein Margret den Kopf nach ihm hinwandte, drehte
+der Geißlipp sich langsam um und wollte davonschleichen.
+
+Aber Fräulein Margret hatte nicht im Sinn, ihn nur so laufen zu lassen.
+»Halt einmal,« rief sie. »Warum läufst du mir davon? Ich tue dir ja
+sicher nichts.« Der Bube blieb stehen und sah sich zweifelnd um, was
+er nun tun solle. »Komm hierher,« fuhr Fräulein Margret fort, »hast du
+mir zusehen wollen? Oder hättest du gern etwas gehabt?« Der Geißlipp
+schüttelte nur stumm den Kopf und sah scheu auf. Merkwürdig, Fräulein
+Margret dachte nun gar nicht, daß das unartig von dem Buben sei, ihr
+keine Antwort zu geben; sie streckte die Hand durch den Lattenzaun
+und bot sie dem Geißlipp. »Du kannst durch das Türchen hereinkommen,«
+sagte sie. »Ich könnte gerade einen Helfer brauchen, der den Korb voll
+Steine und Unkraut mit mir wegträgt. Willst du?« Der Geißlipp drehte
+den Kopf nach der Richtung hin, aus der die Töne des Gesangs herkamen,
+und sah unsicher aus. Er wäre gern hereingekommen, aber er konnte ja
+nicht, er hätte vom Lehrer entdeckt werden können. »Jetzt will ich dir
+etwas sagen,« sagte Fräulein Margret. »Du hast die Schule geschwänzt,
+gelt? Und jetzt mußt du Angst haben, gesehen zu werden und Strafe zu
+bekommen. Ist's nicht so?« Der Bube nickte nur und hob schon den
+Fuß zum Davonlaufen, aber Fräulein Margret machte gar kein drohendes
+Gesicht. Und sie fuhr auch gleich fort: »Du mußt mir sagen warum du
+das tust. Denn es freut dich selber nicht, das sieht man deutlich an
+deinem Gesicht. Gelt, es wäre dir selber auch lieber, wenn du wie die
+andern ordentlich in der Schule sitzen würdest und man dann auch eine
+Freude an dir haben könnte?« Diesen letzteren Fall konnte sich nun der
+Geißlipp nicht recht vorstellen, es hatte noch nie jemand eine Freude
+an ihm gehabt. Er wollte aber nun doch Antwort geben und sagte: »Der
+Lehrer haut mich, wenn ich hineingehe. Der Schulzenfritz findet seine
+Kappe nimmer und sie sagen alle, ich habe sie genommen. Sie haben's
+schon dem Lehrer gesagt.«
+
+»Und es ist nicht wahr?« fragte Fräulein Margret.
+
+Der Geißlipp schüttelte den Kopf und biß sich auf die Unterlippe.
+
+»Dann sag's doch dem Lehrer, daß es nicht wahr ist,« ermunterte sie.
+»Siehst du, ich glaub dir's, daß du die Kappe nicht hast, und er glaubt
+dir's auch, sicher.«
+
+Der Geißlipp sah erstaunt auf. So etwas sagte sonst niemand zu ihm.
+Ganz einfach: »ich glaub dir's, daß du es nicht getan hast.« Er hätte
+es laut hinausschreien mögen. Aber es kam nicht heraus.
+
+»Und jetzt kommst du da herein und hilfst mir den Korb tragen,« sagte
+Fräulein Margret. »Wenn dich der Lehrer sieht, sagen wir ihm, wie es
+ist. Und heute nachmittag gehst du in die Schule. Er glaubt dir, wenn
+du sagst, was wahr ist, ich verspreche dir's.«
+
+Dem Geißlipp war zumute, als ob es sich auf einmal wieder verlohne, zu
+leben. Er kam in den Garten herein und half den Korb tragen, und als er
+die vielen Brennesseln hinten an der Mauer sah, sagte er: »Die Geißen
+fressen's erst noch gern und« -- er wurde rot. Er hatte noch sagen
+wollen: »Ich will sie alle herausreißen, daß da der Platz sauber wird.«
+Aber es fiel ihm ein wenig schwer, so viel zu sagen. Fräulein Margret
+hatte aber eine merkwürdige Gabe, auch das nicht Ausgesprochene zu
+verstehen. Sie sagte freundlich: »Ja, so komm dann morgen nachmittag.
+Da hast du frei. Es ist uns beiden geholfen, wenn du die Nesseln holst.«
+
+Jetzt mußte sie ins Haus, denn da erschien eine Bäuerin unter der Tür.
+Diese trug eine Schüssel mit Mehl und hatte Eier in der Schürze und
+ein Anliegen wegen ihrer drei Buben auf dem Herzen. Sie warf einen
+erstaunten Blick auf den Geißlipp, der da im Garten stand und sagte zu
+Fräulein Margret: »Das ist ein Heimtückischer, vor dem muß man sich
+in acht nehmen. Das ganze Dorf kann davon sagen.« Fräulein Margret
+sah gar nicht so aus, als ob sie sich nun auch vor dem Heimtücker in
+acht nehmen wolle. Sie hatte ganz andere Gedanken. Aber sie sagte nur
+ruhig: »So viel ich weiß, hat der Bub keine Mutter. Da wird ein Kind
+leicht anders, als man es gern hätte. Man kann Gott danken, wenn man es
+in seiner Kindheit besser gehabt hat.« »Ist auch wahr,« gab das Weib
+zu, »wiewohl, bei dem Geißlipp liegt's im Blut, der Vater ist ein ganz
+Schlimmer.«
+
+ * * * * *
+
+ [Illustration]
+
+Der Geißlipp lag lang ausgestreckt an einem grasigen Rain. Das
+Grastuch mit dem Geißenfutter, das er jetzt gerade gesammelt hatte,
+lag daneben und die Sichel steckte im Boden. Es war ein schöner,
+sonniger Abend. In der blauen Luft flogen die Schwalben und haschten
+sich Mücklein und im Gras zirpten die Grillen, und der Geißlipp sah
+den weißen, ziehenden Wolken nach. Vom Spielplatz her tönten laute,
+lustige Stimmen bis hier heraus. Die Dorfkinder belustigten sich da,
+die großen und die kleinen, es war ein fröhliches Durcheinander von
+Tönen. Der Geißlipp hatte auch schon probiert, mitanzukommen, aber das
+Vergnügen war meist kurz gewesen. Denn wenn ihn die andern Buben zu
+stark geneckt hatten, so hatte er sie dann geschlagen oder mit Steinen
+geworfen und dann waren alle auf ihn eingedrungen. Sie hielten eben
+zusammen gegen ihn. Jetzt war er schon lange nicht mehr hingegangen.
+Es war auch so eine Art von Vergnügen, hier außen zu liegen und sich
+auszudenken, was für seltsame Gebilde die Wolken gaben. Da war eine
+große Anzahl kleiner Lämmerwölkchen, hinter denen eine einzige, große
+Wolke herkam. Nun stieß sie daran und nun überzog sie die kleinen.
+»Das könnten die Buben sein,« dachte der Geißlipp beifällig, »und das
+große der Lehrer mit dem Stock. Oder ein Bär, wenn's das gäbe bei uns.
+Ich möchte dann schon, daß sie einmal alle« -- Der Geißlipp konnte
+seine schlimmen Gedanken nicht mehr ganz ausdenken, denn es wurden auf
+einmal Stimmen laut und als er aufsah, standen der Lehrer und Fräulein
+Margret vor ihm. Aufspringen und davonlaufen, das wäre sonst das erste
+gewesen bei dem Geißlipp. Heute machte er keinen Versuch dazu. Er
+erhob sich langsam und zupfte sich ein wenig am Haar. Das mußte als
+Gruß gelten, weil er keine Kappe auf hatte. Und über sein Gesicht kam
+ein Freudenschein, der rührte von Fräulein Margret her. Denn diese
+konnte gar nicht glauben, daß der Geißlipp ein so ganz verdorbener
+Bube sein sollte, und so oft sie ihn sah, sagte sie freundlich: »Grüß
+Gott, Philipp« und wußte ihn nach allem Möglichen zu fragen, was sonst
+niemand von ihm wissen wollte.
+
+Sie war auch schuld, daß der Geißlipp schon seit ein paar Wochen keinen
+Tag mehr die Schule versäumt hatte. Denn sie hatte ihn einmal zu sich
+in die Laube genommen und gesagt: »So, nun merk wohl auf. Kein Mensch
+muß faul und ungehorsam sein, wenn er nicht will. Du auch nicht. Du
+mußt nicht meinen, weil du schon lang so seiest, müssest du nun immer
+so sein. Und fürchten mußt du dich auch nicht und vor niemand. Siehst
+du, etwas steckt in dir, etwas Gutes, ich kann's schon deutlich merken.
+Jetzt gehst du immer in die Schule und tust nur ganz ruhig, wie du
+sollst und denkst nicht immer daran, wo etwa Streit anzufangen wäre.
+Paß auf, dann wird's nach und nach besser. Und auf einmal merken es
+die andern auch, daß das nicht mehr der alte Philipp ist, sondern ein
+anderer.«
+
+Der Geißlipp hatte der Unterweisung aufmerksam zugehört und obgleich
+er noch lang nicht glauben konnte, daß das so gut kommen werde, wie
+seine Beschützerin sagte, so wollte er es doch probieren. Sie hatte
+ja gesagt: »Ich kann es jetzt schon merken,« da war es vielleicht
+doch wahr. Und wenn der Geißlipp am Garten vorbeiging, so nickte ihm
+Fräulein Margret jedesmal so aufmunternd zu, daß es ihn den ganzen Tag
+freute. Der Lehrer wußte bis jetzt noch nichts von seiner heimlichen
+Helferin, aber so ganz schlimm kam ihm der Bube auch nicht mehr vor.
+Nur waren es so viele Kinder, daß er bis jetzt unmöglich die einzelnen
+so genau hatte kennen lernen können. Aber er hatte ein freundliches und
+mildes Wesen und brauchte den Stock nur, wenn er mußte. Der Geißlipp
+fürchtete ihn nicht, wenigstens lange nicht so sehr wie die Leute im
+Dorf und vor allem die Buben, und das Leben kam ihm jetzt schöner vor
+als früher.
+
+»So, das ist ganz geschickt, daß wir dich gerade da treffen,« fing
+Fräulein Margret sogleich an, als sich der Geißlipp aus dem Gras
+erhob. »Siehst du, wir haben so große Sträuße im Wald geholt und nun
+möchten wir noch einen Besuch machen und können sie da natürlich nicht
+brauchen. Du könntest sie uns vielleicht heimtragen.« Der Geißlipp sah
+etwas besorgt auf sein Grasbündel und die Sichel. Er wußte sich nicht
+recht zu helfen damit. »Wenn du das Futter zuerst heimtragen mußt,«
+sagte der Lehrer, »das schadet nichts. Bis an dein Haus haben wir doch
+den gleichen Weg, dann gehen wir so weit mit dir.«
+
+Der Geißlipp hätte nur gewünscht, daß die Dorfbuben zusehen könnten,
+wie er so dahinschritt, das Grasbündel auf dem Kopf und die Sichel
+in der Hand, zwischen dem Lehrer und dem Fräulein. Er, der allezeit
+verachtete und ausgestoßene Geißlipp, zu dem nur allein Fräulein
+Margret immer seinen ganzen Taufnamen sagte. Der Vater sagte meistens
+nur »Bub«, aber er sagte überhaupt nicht viel.
+
+Er schien eben vom Taglohn heimgekommen zu sein, denn die Haustür stand
+offen und ein qualmender Rauch kam da heraus.
+
+Als er Schritte hörte, streckte er den Kopf einen Augenblick zu dem
+kleinen Schiebfensterchen neben der Haustüre heraus, zog ihn aber
+schnell wieder zurück.
+
+»So,« sagte Fräulein Margret unbefangen, als sie an dem Häuschen
+waren, »jetzt kannst du geschwind dein Futter hineintragen und so
+lang setzen wir uns auf das Bänklein, denn wir haben einen weiten Weg
+gemacht. Das darf man doch?«
+
+Der Geißlipp sah so maßlos verwundert aus, daß die beiden lachen
+mußten. Das sah man deutlich, daß er nicht gewohnt war, Gäste zu haben.
+»Es raucht so,« brachte er nur heraus. »Schadet nichts,« sagte Fräulein
+Margret gleichmütig, »das Holz wird naß sein. Kocht dein Vater?«
+
+Der Geißlipp nickte nur und dann verschwand er im Stall.
+
+Unterdessen war der Vater in keiner kleinen Aufregung in seiner
+halbdunkeln Küche. Er hatte seit Jahren niemand mehr in seinem Haus
+gesehen und hatte sich allmählich daran gewöhnt, am Tag allein bei
+seiner Arbeit an der Landstraße oder im Gemeindewald oder auf seinem
+Äckerlein zu sein und abends allein mit dem Buben in seinem Häuschen.
+»Ich will von niemand etwas und die Leut sollen mich in Ruh lassen,«
+war so seine Rede. Und doch sehnte er sich so manchmal heimlich, auch
+wie ein anderer Mensch unter Menschen zu leben. Die neuen Lehrersleute
+hatten ihn auf der Straße schon ein paarmal freundlich gegrüßt und
+jetzt besann er sich, ob er herauskommen solle und sie auch grüßen oder
+nicht. Aber Fräulein Margret besann sich gewöhnlich nicht lang, bis sie
+mit jemand ein Gespräch anfing. Ihr Bruder mußte sich immer ein wenig
+über seine junge Schwester wundern, denn ihm fiel das nicht so leicht.
+»Ach, mir kommt ein guter Gedanke,« rief sie lebhaft. »Da sind wir nun
+ganz geschickt hergekommen. Das Annele muß Geißmilch trinken, wenn es
+hierher kommt. Natürlich, das ist höchst nötig.«
+
+Das Annele war ein schwächliches Stadtkind, das einer Schwester
+gehörte und das sich Fräulein Margret kommen lassen wollte, um es
+herauszupflegen.
+
+»Darf ich ein wenig hereinkommen?« rief sie zur Tür hinein. Es drang
+ein Brummen heraus, das man so oder so verstehen konnte, aber weil
+Fräulein Margret gern wollte, so drang sie ganz kecklich ein und grüßte
+den Vater Geißlipp freundlich. »Ich habe einen großen Wunsch,« sagte
+sie sogleich nach der Begrüßung. »Und niemand im ganzen Dorf kann mir
+den erfüllen als Sie.« Und dann setzte sie dem finster aussehenden
+Manne die Angelegenheit mit dem Milchtrinken auseinander.
+
+»Die Geißen geben nicht viel Milch,« sagte der Mann, als er sich eine
+Weile besonnen hatte. »Es ist keine rechte Pfleg für sie da. Ich hab
+schon lang eine verkaufen wollen und am Viehmarkt tu ich's auch und das
+ist bald jetzt. Aber für das Kind reicht's doch noch.« Fräulein Margret
+schien gar nicht zu merken, daß es den Vater Geißlipp eine große
+Anstrengung kostete, so viel zu reden. Er machte sich drunterhinein am
+Herd zu schaffen und zog die Stirn noch mehr zusammen als sonst. Manche
+Leute hätten vielleicht gedacht, der Mann sehe zum Fürchten aus, wie er
+so dastand mit seinem wilden, schwarzen Bart und Haar und den sehnigen,
+braunen Armen, an denen er die Hemdärmel hinaufgeschlagen hatte. Aber
+Fräulein Margret fühlte nur ein großes Mitleid in sich und obgleich
+sie nicht viel sagte, drückte sie doch dem einsamen Mann beim Abschied
+so kräftig die Hand und sah ihn so warm und freundlich an, daß er noch
+lange daran denken mußte.
+
+»Es gibt noch gute Leut' auf der Welt, Bub,« sagte der Vater, als
+er nachher mit Philipp bei dem einfachen Nachtmahl, Geißmilch und
+Kartoffeln saß. »Aber rar sind sie.« Der Philipp nickte einverstanden.
+Es kam ihm allmählich auch so vor.
+
+Solang Fräulein Margret mit dem Vater in der Küche verhandelt hatte,
+war der Lehrer um das Häuschen herumgegangen. Dieses stieß hinten ein
+Stück weit an eine alte Mauer an, die mit allerlei Schutt und Geröll
+bedeckt war. Oben auf der Mauer blühten rote und weiße Taubnesseln und
+da und dort ein Stechapfel und unter allerlei Gras und Unkraut auch
+hie und da ein Ringelblümchen. Und über den Rand herunter hingen die
+rosafarbigen Blüten des Mauerpfeffers, die man zu Lande Sonnenblitze
+nennt. Der Lehrer betrachtete das Ganze aufmerksam und machte sich so
+seine Gedanken darüber. Er dachte, daß dieser Garten auf der Mauer
+vielleicht ganz passend für den Vater und Sohn sei, denen er gehöre.
+Und daß der liebe Gott manchmal da, wo man es gar nicht suche, unter
+Schutt und Unkraut und aus dürrem Erdreich ein freundliches Blümlein
+wachsen lasse, an dem man sich erfreuen könne. Der Lehrer nahm sich
+vor, sich so gut als möglich des scheuen und störrischen Buben
+anzunehmen. »Vielleicht kommt doch etwas Gutes dabei heraus,« dachte
+er und wußte nicht, daß in des Geißlipps verschlossenem Gemüt schon
+allerlei trieb und keimte, von dem er nichts wußte.
+
+ * * * * *
+
+Das Annele war angekommen. Es war »ein kleines, bleiches Dinglein«,
+so sagten die Leute im Dorf von ihm. Kurz vorher hatte es das
+Scharlachfieber überstanden und davon war es noch etwas zart und blaß.
+Aber es machte sich nichts daraus. Am Morgen nach seiner Ankunft lief
+es schon so lustig, als wäre es von jeher in Rötenberg daheim gewesen,
+vors Haus hinaus und von da in den Garten, machte einen Besuch bei den
+Himbeeren und Stachelbeeren und setzte sich dann still auf das niedrige
+Mäuerchen im Garten, um dem Gesang der Schulkinder zuzuhören.
+
+Das Annele war auch ein Schulkind. Es ging schon seit einem Jahr
+in der Stadt in die Schule und jetzt war keine Ferienzeit. Dieser
+Landaufenthalt war nur vom Doktor vorgeschrieben, Annele ließ ihn sich
+aber gern gefallen. Es war so schön hier, wie sonst nirgends. In der
+Stadt konnte man nur auf der Straße spielen, wo immer Wagen fuhren und
+viele Leute gingen, und die Mutter erlaubte das nur selten. Hier aber
+kam immer wieder ein Garten und eine Wiese und den Wald sah man vom
+Fenster aus und im Schulhausgarten selbst konnte man sich so ungestörte
+Spielplätze einrichten. Annele hätte überall zugleich sein mögen. Ab
+und zu erschien auch die Tante am Fenster und rief dem Nichtchen etwas
+zu. Und in den Bäumen sangen die Vögel. Es war wunderschön.
+
+Jetzt ging die Schultür auf und alle Buben und Mädchen kamen heraus.
+Die Türe war nicht gerade eng und doch kam es Annele vor, als ob sie
+noch einmal so weit sein müßte. Denn alle Kinder strebten ins Freie
+nach dem langen Stillsitzen und so drängten sie sich auf einen dichten
+Knäuel zusammen, bis der Lehrer rief: »Halt, so macht man's nicht.
+Jetzt sollen zuerst alle Kleinen hinausgehen und nicht mehr als zwei
+auf einmal, dann kommen die Großen.«
+
+Das Annele wurde ein wenig rot, als es so von allen Seiten angesehen
+wurde, als wäre etwas besonders Merkwürdiges an ihm. Es hatte sich
+nämlich an dem Schuleingang aufgestellt, um sogleich zu dem Onkel
+gelangen zu können. Und es war nun froh und erleichtert, als dieser
+herankam und seine Hand faßte. So konnte man sich wohl ein bißchen
+anstaunen lassen. Eben kam auch die Tante die Treppe herunter.
+»Philipp Berner,« rief sie, »halt ein wenig. Ich muß noch etwas mit
+dir sprechen,« Der Geißlipp blieb stehen und die Buben machten große
+Augen, daß man mit ~dem~ etwas sprechen wollte. Es war so wie so
+seit einiger Zeit anders geworden. Man konnte nicht mehr so bequem wie
+früher alle dummen und unartigen Streiche auf ihn schieben, der Lehrer
+duldete keinen Sündenbock. Und einmal war es dem Andres übel bekommen,
+als er das große Lineal des Lehrers bei einer Prügelei zerbrochen hatte
+und dann gesagt: »Der Geißlipp hat's getan.« Merkwürdig, der neue
+Lehrer sah gar nicht furchtbar aus, im Gegenteil, und doch konnte man
+sich fürchten, wenn er einen so ernst und fest ansah.
+
+»Es ist wegen der Milch für das Annele,« sagte die Tante jetzt. »Am
+Morgen und am Abend soll es trinken, ganz frischgemolken. Morgens
+bringst du sie vor der Schule herauf, denn da darf das Annele
+noch nicht heraus. Abends kann es dann bei schönem Wetter zu euch
+hinauskommen.« Der Philipp nickte zu allem. Das kam ihm Antwort genug
+vor, denn er war immer noch gar kein Redner. Dem Annele schien es aber
+etwas zu wenig zu sein. Es hatte aufmerksam zugehört und sagte nun:
+»Warum sagst du gar nichts? Man muß doch auch ja sagen, wenn man so tun
+will.«
+
+Die Tante mußte im stillen ein wenig lachen. Das sah sie schon, bei dem
+Annele konnte der Geißlipp nicht so stumm bleiben, das würde ihn schon
+gesprächig machen.
+
+ * * * * *
+
+Jetzt war es nicht mehr leer und öd in den großen Zimmern oben im
+Schulhaus. Je kräftiger und gesünder das Nichtchen wurde, desto
+vergnügter sang und sprang es umher und ganz still war es eigentlich
+nur, wenn es in seinem Bett lag und schlief. Der Onkel dachte schon
+daran, das Annele nun mit in die Schule hinunterzunehmen, damit es
+nicht ganz aus der Übung komme, aber jetzt hatte es noch Ferien.
+
+Die Tage waren herrlich ausgefüllt. Ganz früh am Morgen, wenn das
+Stadtkind kaum aufgestanden war, kam der Geißlipp (das Annele sagte
+aber immer wie die Tante Philipp zu ihm) und brachte die frische Milch.
+Das war immer ein Hauptvergnügen. Die Tante hatte jetzt schon Recht
+behalten. Es war ein ganz anderer Bub als vor einem halben Jahr, wenn
+man es auch noch lange nicht überall merkte. Bei den Dorfleuten stand
+das Urteil über den Geißlipp viel zu fest, als daß man darauf geachtet
+hätte, ob er sich nach und nach ein wenig bessere. Aber im Schulhaus
+war das anders. Annele hatte noch nie gehört, daß der Philipp anders
+sei als andere Buben.
+
+ [Illustration]
+
+»Laß sie nur,« hatte Fräulein Margret zu dem Lehrer gesagt. »Sie lernt
+nichts Böses von ihm, darauf will ich schon achten. Und man weiß
+nicht, was es für den Buben wert ist, wenn er auch einmal harmlos mit
+einem andern Kinde verkehren kann.« So konnten die beiden ungestört
+Bekanntschaft schließen.
+
+Annele hatte zwar bald Freundinnen gefunden, Schultheißens Sophie und
+des Krämers Karoline, die alles mitspielten, was sie angab, und die
+sie gern ein wenig hin und her kommandierte. Aber es war noch viel
+genußreicher, am Morgen an das hintere Gartentürchen hinunterzuhuschen
+und dort auf den Philipp zu warten, bis er in schnellem Schritt, daß ja
+die Milch noch warm sei, um die Ecke kam. Sie brachte dann schon ihren
+Becher mit und trank im Garten, und dann hatte sie dem Philipp hundert
+Dinge zu zeigen und noch viel mehr zu fragen. -- Warum die Kirschen
+zuerst grün sind und dann rot werden? Warum die kleinen Entchen gleich
+von selber ins Wasser gehen? Ob die kleinen Vögelein in dem Nestchen
+hinten in der Haselnußhecke jetzt bald fliegen können?
+
+Und dann mußte er helfen zählen, wieviel Tag- und Nachtblümlein
+über Nacht aufgegangen seien, und mit Annele das Wespennest in der
+Kirchhofsmauer besichtigen, natürlich nur aus sicherer Entfernung.
+So etwas konnte man mit den Freundinnen nicht besprechen. Sophie riß
+nur die Augen weit auf und Karoline sagte auf die schwierigen Fragen:
+»Ha, das ist von selber so. Komm, wir tun lieber Fangerles.« Und dem
+Stadtkind war doch alles neu und wichtig. Der Geißlipp aber konnte
+über vieles Bescheid geben. Er war so viel allein, da waren ihm schon
+allerlei Gedanken gekommen, die anderen Kindern nicht einfallen, und
+wenn er gewiß wußte, daß niemand sonst zuhörte, so konnte er dem Annele
+ganz verständigen Bescheid geben.
+
+Schöner war's aber doch noch, am Abend mit der Tante an das kleine
+Häuschen des Geißlipp hinauszuwandern. Die Milch schmeckte so ganz
+frischgemolken auf dem Bänklein vor der Haustür am allerbesten. Annele
+fürchtete sich gar kein bißchen vor Philipps Vater.
+
+»Du, der ist bös, er hat einmal etwas Arges getan,« hatte einmal
+eines der Mädchen zu Annele gesagt, als diese im höchsten Vergnügen
+erzählt hatte, wie nett es sei, wenn »der große Geißlipp' ihr die
+Milch in den Becher melke, und wenn er sie auf den Arm nehme, daß sie
+das Schwalbennest an der Dachrinne genau sehen könne. »Ist das wahr,
+Tante? Tut er einem nichts?« hatte Annele darauf ein wenig erschrocken
+gefragt. Und die Tante hatte das Kind zu sich herangezogen. »Siehst
+du, Annele,« hatte sie gesagt, »wenn du einmal ungehorsam und unartig
+gewesen bist und du willst dann wieder lieb sein, gelt, dann verzeiht
+dir's die Mutter? Und dann mußt du nur den lieben Gott bitten, dann
+verzeiht er's dir auch, und dann ist alles wieder gut und niemand darf
+mehr sagen, du seiest ein böses Kind.« Annele war sehr einverstanden.
+»Und so ist das auch bei dem armen Mann, den gar niemand lieb hat, weil
+er einmal bös gewesen ist. Er will jetzt wieder gut sein und vielleicht
+hat es ihm der liebe Gott schon lang verziehen, da dürfen wir nicht
+mehr sagen, er sei bös. Und fürchten müssen wir ihn auch nicht, gar
+nicht.«
+
+Annele war mit dieser Erklärung sehr zufrieden und teilte sie auch
+den Kamerädinnen mit. Es war nur schade, daß diese sie nicht so
+recht verstanden. Aber die neue Freundschaft machte desto bessere
+Fortschritte, und Fräulein Margret ließ es sich gar nicht anfechten,
+daß sich die Leute im Dorf so sehr darüber verwunderten.
+
+Wenn das Annele seine Milch hatte, so ging die Tante dann meistens
+ein Weilchen in die rauchige Küche. Denn wenn der Vater des Philipp
+auch immer noch ein wenig knurrig und brummig war, und auch nicht viel
+sagte, so tat es ihm doch wohl, daß ein Mensch nach ihm sah und mit
+ihm redete wie mit seinesgleichen. Und das, merkte die Tante wohl und
+machte sich nichts daraus, daß er nicht so besonders freundlich tat.
+
+ * * * * *
+
+Es war an einem schönen, klaren Abend. Die Tante war zum erstenmal von
+dem Mann in die Stube geführt worden. Er war nie recht so keck gewesen,
+es vorzuschlagen. Aber sie hatte ihn heute nach seinem Weib gefragt,
+und jetzt wollte er der Tante ihr Bild zeigen, das in der Stube hing.
+Sie saßen einander gegenüber am Tisch. Der Mann hatte den Kopf in
+die Hand gestützt und sah finster vor sich hin, und Fräulein Margret
+betrachtete ihn mitleidig. Sie hätte ihm so gern etwas Liebes gesagt
+und doch wollte ihr nichts Rechtes einfallen. Draußen hörte man die
+lustige Stimme des Annele und dazwischenhinein allemal wieder ein paar
+bedächtige Worte des Buben. Und von Zeit zu Zeit streckte Annele den
+Kopf durch die Fensteröffnung herein und wollte wissen, ob die Geißen
+gern Vergißmeinnicht fressen und ob die Schwalben die Mücklein lebendig
+verschlucken?
+
+»So eines hätt ich jetzt auch,« fing der Mann auf einmal an und drückte
+gewaltsam die Fäuste an die Augen, daß da nichts heraustropfen konnte.
+»So groß wie das Annele wär mein Dorle auch, wenn es noch am Leben wär!
+Ist ihm aber gut gegangen, daß es bald gestorben ist. Dann kann man
+wenigstens nicht von klein auf prophezeien, daß nichts aus ihm werde,
+wie meinem Buben. Mein Weib ist ihm bald nachgegangen, es hat's auch
+nicht aushalten können.« Er wollte noch mehr sagen, er wollte noch
+sagen: »Ich halt's auch nicht mehr aus so, das Leben ist ein Elend,
+wenn man immerfort denken muß: Du bist an allem schuldig.« Aber er
+konnte nichts mehr herausbringen. Er legte den Kopf auf den Tisch und
+weinte wie ein Kind. Fräulein Margret ließ ihn eine ganze Weile in
+Ruhe, sie wußte, daß da manches heraus- und vom Herzen hinunterkomme,
+und das wollte sie nicht stören. Endlich aber sagte sie freundlich: »So
+jetzt wollen wir einmal nicht mehr immer an dem hängen bleiben, was
+vergangen ist. Und nicht nur denken, es müsse alles so bleiben, wie
+es jetzt ist. Was die Leute im Dorf sagen, darauf wollen wir einmal
+eine Weile gar nicht hören. Und daß etwas aus dem Philipp wird und
+das etwas Rechtes, dazu wollen wir zusammenhelfen. Dann kommt alles
+nach und nach besser.« Sie bot dem Taglöhner die Hand und sah ihn so
+aufmunternd und entschlossen an, daß es ihm selber auch ein wenig
+hoffnungsvoll ums Herz wurde.
+
+Er strich sich mit der Hand über die Stirn, als ob er da etwas
+wegwischen wollte, und sagte: »Ihnen könnt man's fast gar glauben.« In
+diesem Augenblick ertönte ein lauter Jubelruf von Annele. Und gleich
+darauf kam das Kind ans Fenster, eifrig etwas in die Höhe streckend,
+das ihm Philipp entreißen wollte. Philipp hatte ein rotes Gesicht und
+war aufgeregter, als ihn Fräulein Margret je gesehen hatte. »Gib's
+her,« sagte er heftig. Aber Annele rief lustig: »Nein, nein, keine
+Rede, die Tante muß es auch sehen und vielleicht auch noch der Onkel.«
+
+Die beiden großen Leute waren ans Fenster getreten. Der Vater erschrak,
+denn auf des Buben Gesicht malte sich deutlich ein großer Zorn, und den
+Ausdruck kannte er wohl und mußte ihn ja fürchten, weil der Zorn ihn
+selber auch so unglücklich gemacht hatte. Die Tante sah den Zorn auch.
+»Wenn das, was du in der Hand hast, dem Philipp gehört,« sagte sie
+ruhig zu Annele, »dann gib es ihm. Ich will es nur sehen, wenn er mir's
+selber zeigt.« Annele gehorchte nur ungern, aber es mußte wohl sein.
+
+Es war das Stück von einer Schiefertafel, das der Geißlipp immer so
+sorgfältig verbarg. Annele hatte es entdeckt und jetzt sagte sie: »Ich
+sag aber doch, was drauf ist. So etwas Nettes, Tante, es ist nur dumm,
+daß er es nicht sehen läßt.«
+
+Philipp wurde noch röter als vorher und dann ein wenig blaß, und er biß
+sich fest mit den Zähnen auf die Unterlippe. Und dem Annele warf er
+einen Blick zu, daß man denken konnte, er wolle ihm etwas antun, und
+das nichts Gutes. Aber er sagte nichts.
+
+»Nein, lassen Sie den Philipp,« sagte Fräulein Margret, als der Vater
+auffahren wollte über den störrischen Buben. »Komm, Annele, für heut
+müssen wir heim. Gib dem Philipp die Hand, du darfst ihn nicht zwingen,
+daß er zeigt, was er nicht gern will. Willst du mir's nicht morgen
+selber zeigen, Philipp? Gelt, es ist doch nichts Böses? Und daß ich
+dich nicht auslache, weißt du.«
+
+Dann ging sie, und das Annele ging ganz zahm an ihrer Hand, denn es war
+ein wenig erschrocken.
+
+Der Philipp stand noch lang am gleichen Fleck und starrte den beiden
+nach. Auf einmal fuhr er zusammen, denn da geschah etwas, das noch nie
+gewesen war. Der Vater strich ihm traurig mit der Hand über das Haar
+und sagte: »Du armes Tröpflein! Wenn du auch eine Mutter hättest!« Und
+dann ging er ins Haus, ohne zu schelten.
+
+ * * * * *
+
+Am andern Morgen kam der Geißlipp viel früher als sonst mit seiner
+Milch an. Das Annele war noch nicht aufgestanden und der Herr Lehrer
+hatte erst vor einer kleinen Weile das Haus verlassen, um einen kleinen
+Morgenspaziergang zu machen. Aber das war beides dem Geißlipp ganz
+recht. So hatte er es gerade gewollt. Man konnte seinem Gesicht wohl
+ansehen, daß er etwas Besonderes vorhatte, und das Haar hatte er sich
+ganz naß gemacht, daß es fest und dunkel am Kopf anlag. Das schien dem
+Geißlipp besonders geordnet vorzukommen.
+
+Fräulein Margret war in der Küche. Sie hatte die Ärmel hinaufgeschlagen
+und knetete einen Teig. Als der Geißlipp eintrat, wandte sie sich um
+und begrüßte ihn so freundlich, als ob gar nichts Besonderes gewesen
+wäre. Sie nahm ihm die Milch ab und trug sie dem Annele hinein, und
+als sie wieder herauskam und den Buben noch auf derselben Stelle fand
+sagte sie: »Hast du noch etwas sagen wollen, Philipp? Nur kecklich
+heraus damit.« Es schien dem Philipp nicht leicht zu gehen, denn er
+mußte tief aufatmen. Und dann griff er nur in seinen blauen Kittel und
+zog den Tafelscherben hervor. »Da,« sagte er. »Aber« -- er sah Fräulein
+Margret zaghaft an. Er hatte noch sagen wollen: »Aber niemand zeigen,«
+und dann kam es ihm so in den Sinn, daß er ihr gewiß gut vertrauen
+könne und sich gar nicht zu fürchten brauche.
+
+ [Illustration]
+
+Auf Fräulein Margrets Gesicht prägte sich eine große Verwunderung aus.
+Sie sah den Geißlipp erstaunt an, so, als ob sie etwas nicht recht
+begreifen könne. »Hast ~du~ das gemacht?« fragte sie. Der Philipp
+nickte nur. »Ja aber, lieber Bub', das muß man so zufällig finden, und
+du sperrst dich noch dagegen, daß man's ansieht? Du kannst ja zeichnen!
+Das sind junge Spatzen, die sperren ihre Schnäbel auf und wollen
+gefüttert sein! Und das auf der andern Seite ist unsere Laube, und auf
+dem Dach sitzt die Mieze und putzt sich. Und das davor wird wohl das
+Annele sein, das kennt man nicht so recht!«
+
+Fräulein Margret wurde ganz lebhaft, und ihr Gesicht war so freudig,
+daß es der Geißlipp nur immer ansehen mußte. Er hatte sich die Sache
+ganz anders vorgestellt. Er hatte schon immer, seit er sich denken
+konnte, mit Rötelstückchen und Griffel- oder Bleistiftrestchen, oder
+was nur irgend einen Strich gab, überall herumgekritzelt. An Haustüren
+und Fensterläden und, als er in die Schule kam, an den Bänken und an
+der Wandtafel. Und das hatte ihm schon viele Schläge eingetragen. Der
+Lehrer hatte einmal den Vater Geißlipp auf der Straße getroffen und zu
+ihm gesagt: »Wenn das Gesudel überall herum jetzt nicht aufhört und
+alle meine Prügel nichts nützen, so lasse ich Euch dann einmal Strafe
+zahlen, Berner. Das ganze Dorf beklagt sich darüber.« Darauf hatte
+der Vater den Philipp am Abend tüchtig durchgeprügelt und ihm gesagt:
+»So, das ist ~einmal~. Wenn ich wieder etwas von deinen dummen
+Sudeleien sehe, so gibt's wieder.«
+
+Seither hatte der Philipp nur noch auf seinen alten Tafelscherben
+gekritzelt, und je mehr und öfter er allein war, desto lieber wurde
+ihm diese Beschäftigung. Als nun das Annele den kostbaren Scherben
+entdeckte, stand es dem Philipp schrecklich vor Augen, daß er am Ende
+nun auch ~den~ hergeben müsse und dann gar nicht mehr zeichnen
+könne, und daß dann vielleicht auch noch Fräulein Margret böse auf
+ihn sei und nichts mehr von ihm wissen wolle. Darum war er so zornig
+geworden, daß er das Annele am liebsten gekratzt hätte. Aber als er
+gestern abend noch eine Weile wach in seinem Bett lag und über das
+Erlebnis nachdachte, stand immer Fräulein Margret vor ihm. Er konnte
+sie deutlich sehen, wenn er auch die Augen zumachte, und sie sagte:
+»Gelt, es ist ja doch nichts Böses? Und daß ich dich nicht auslache,
+das weißt du!«
+
+Und Philipp beschloß, ihr seinen Schatz zu zeigen. Sie sollte nicht
+denken, es sei etwa ~doch~ etwas Böses und er habe kein Vertrauen
+zu ihr.
+
+Aber daß es so gehe, das hätte er sich nicht träumen lassen. Es wäre
+dem armen Buben schon ganz genug gewesen, wenn sie ruhig gesagt hätte:
+»Nein, das ist nicht schlimm, das darfst du wohl tun, wenn doch niemand
+mit dir spielt.« Daß ihm aber Fräulein Margret auf die Schulter klopfte
+und sagte: »Du kannst nicht wissen, wie mich das freut, Philipp. Das
+ist eine gute Gabe, die du da hast. Da müssen wir den Herrn Lehrer
+bitten, daß er sich um dich annimmt,« das alles überwältigte den
+Geißlipp so, daß er zur Küche hinausrannte, die Treppe hinunter und
+dann wieder herauf. Denn zu sagen wußte er für den Augenblick nichts,
+und doch mußte er seinem Herzen Luft machen.
+
+Den Tafelscherben bekam der Philipp heute noch nicht zurück. Aber
+das tat nichts, er war in guten Händen. Und wenn heute ein Fremder
+in die Schule gekommen wäre und hätte den Philipp gesehen mit seinen
+aufmerksamen Augen und dem glänzenden Gesicht, so hätte er gewiß nicht
+gedacht, daß das der allgemein bekannte Nichtsnutz des Dorfes sei,
+der »faul für zwei und unartig für drei« sei. Denn dem Philipp war
+ein neuer Lebensmut ins Herz gekommen, und für heute einmal fürchtete
+er sich vor niemand und nichts. Vielleicht war jetzt schon etwas von
+dem wahr, was Fräulein Margret einst gesagt hatte: »Auf einmal müssen
+es auch die andern merken, daß das nicht mehr der alte Philipp ist,
+sondern ein ganz anderer.«
+
+ * * * * *
+
+Das Annele konnte seit einiger Zeit nicht mehr so recht zufrieden sein
+mit seinem Kameraden. Er war zwar munterer als je, und sein Gesicht sah
+jetzt immer aus, als ob er ein besonderes Vergnügen wisse. Aber wenn
+ihn das kleine Mädchen im ganzen Garten herumschleppen wollte und bald
+bei den frühen Pflaumen, bald bei der Haselnußhecke einen Aufenthalt
+machte, so sagte der Philipp jetzt meistens bald: »Jetzt muß ich
+gehen und lernen« oder: »Heut kann ich nicht, ich muß noch an meiner
+Zeichnung schaffen.« Das hatte er früher nie getan, und dem Annele kam
+es langweilig vor, denn es hatte sich ganz daran gewöhnt, den Philipp
+alles Mögliche zu fragen und ihn oft um sich zu haben. Am liebsten
+wäre es nun auch in die Schule gegangen, es hörte sich von außen so
+lustig an, wenn die vielen Stimmen zusammen sangen: »Kuckuck, Kuckuck
+ruft's aus dem Wald« oder: »Alle Vögel sind schon da«. Und wenn in
+der Freizeit die ganze Schar herauskam und sich im Schulhof tummelte,
+so war das Annele zwar mitten drunter, aber es wäre dann auch gern
+mit ihnen hineingegangen, wenn die Freistunde aus war, und sah dann
+manchmal noch sehnsüchtig nach der verschlossenen Tür. Aber die Mutter
+hatte geschrieben, daß sie nun bald kommen wolle, um das Töchterlein
+nach Hause zu holen, und daß es bis dahin noch so viel als möglich in
+der freien Luft sein solle, denn die Mutter wolle rote Backen sehen,
+wenn sie komme. So kam es, daß sich das Stadtkind je länger, je mehr
+aufs Heimkommen freute, und auch das rot und weiße Strickzeug samt
+den schönen Geschichten, die die Tante zu erzählen wußte, konnte die
+Langeweile nicht mehr bannen.
+
+Das kam jetzt nie mehr vor, daß der Geißlipp ganz allein und entfernt
+von allen fröhlichen Menschen stand und finster zusah, wie andere
+vergnügt waren. Wenn man sein freudloses Kinderleben mit dem wilden
+Mauergärtlein hinten an dem Häuschen des Geißlipp vergleichen
+wollte, so konnte man jetzt deutlich merken, daß der liebe Gott
+da einen Gärtner angestellt habe, der den Schutt wegräumen und das
+Unkraut ausreißen und freundliche Blümlein da anpflanzen mußte, wo
+vorher Stechäpfel und Nesseln standen. Es war jetzt so mancherlei
+Erfreuliches, man konnte es kaum aufzählen, und daher kam es, daß dem
+Philipp die Freude zum Gesicht heraussah.
+
+Zuerst war ein Tag gekommen, da saß der Lehrer bei Philipps Vater auf
+dem Bänklein vor der Haustür, und wer vorüberging, der konnte deutlich
+sehen, daß die beiden ein wichtiges Gespräch miteinander hatten. Ein
+paar Tage nachher wußte man es im ganzen Dorf, daß der Lehrer dem
+Geißlipp Privatstunden im Zeichnen geben wolle, und daß er gesagt habe,
+als er von dem Vater wegging: »Aus dem Buben wird noch etwas, das könnt
+Ihr glauben, Berner.« Man wußte jetzt nächstens nicht mehr recht, was
+man von dem Vater und dem Sohn halten sollte. Am Ende wurde der Bub'
+doch noch wie andere, und es war ja auch wahr, daß er keine Mutter
+gehabt hatte. »Am End' kommt's nur drauf an, daß man sich ein bißle
+nach ihm umsieht,« sagten die Weiber zueinander, und die Bachbäuerin,
+die drei Buben in der Schule hatte, sagte zu diesen: »Lasset doch den
+Geißlipp auch manchmal mittun. Ich meine, der Bub' sei nicht so bös,
+wie man immer tut.«
+
+Es war merkwürdig: vorher hatte in ganz Rötenberg niemand daran
+gedacht, daß man dem Philipp ein wenig zurechthelfen sollte, und jetzt
+hatten es auf einmal alle bemerkt, daß er kein solcher Nichtsnutz
+werden müsse, wie die andern geglaubt hatten. Fräulein Margret mußte
+manchmal ein wenig lachen, wenn sie die Leute reden hörte, aber sie
+war froh genug, daß der Philipp jetzt öfters fröhlich mit den andern
+spielte, und daß sein Gesicht einen ganz andern Ausdruck bekam, und
+sie dachte, es sei ja gleich, wer zuerst angefangen habe, sich um ihn
+anzunehmen.
+
+Es geschah noch mehr Gutes. Der Vater Berner ging lange nicht mehr
+so finster und drohend einher wie früher. Er hatte einen ganz neuen
+Lebensmut bekommen, seit er nicht mehr so ganz allein stand und seit er
+neue Hoffnungen auf seinen Sohn setzen konnte. Und es fiel ihm vieles
+ein, was ihm der Herr Pfarrer aus dem Nachbarort (denn Rötenberg hatte
+keinen eigenen) früher oft umsonst gesagt hatte: nämlich daß der liebe
+Gott keinen Menschen ganz verlasse, der ihn nicht verlasse, und daß er
+auch die Herzen der Mitmenschen lenken könne, daß sie sich einem wieder
+auftun, wenn man selber auch friedfertig sei und nicht mehr hochmütig
+und feindselig. »Ich verlang' nichts, als daß man mich in Ruh' läßt,«
+hatte Berner damals immer gesagt, und so hatte ihn endlich auch der
+Pfarrer in Ruhe gelassen.
+
+Jetzt war das nicht mehr so. »Es ist halt ein Elend, wenn man so
+allein hausen soll, man ist in seiner eigenen Stub' nicht daheim,«
+sagte er ein paarmal zu Fräulein Margret. Und eines Tages sah ihn zu
+ihrem höchsten Erstaunen die alte Kätter, die in einem Hinterstübchen
+beim Metzger wohnte, bei sich eintreten. Kätter war ein verwachsenes
+Weiblein, das sich mit Flicken ehrlich und spärlich durchbrachte, und
+sie war ganz weitläufig mit dem Geißlipp verwandt.
+
+Der Vetter drehte seine Kappe verlegen in den Händen hin und her,
+und endlich sagte er: »Kätter, du könntest wohl zu mir ziehen. Platz
+gäb's da noch, und das Essen langt auch für uns drei, und an dem Buben
+könntest du dir einen Gotteslohn verdienen. So allein mit mir, das ist
+nichts für so ein Junges.«
+
+Die Kätter mußte nicht lang fragen, ob der Vetter auch ordentlich mit
+ihr sein werde, und ob sie sich nicht vor seinem zornigen Wesen zu
+fürchten habe. Sie sah wohl, daß da allerlei anders geworden sei, und
+so zog sie denn mit ihrem Bett und der bemalten Holzkiste, in der
+ihre Kleider waren, mit dem großen Nähkissen und der Hornbrille in das
+Häuschen des Geißlipp ein.
+
+Und nun konnten sie beide, der große und der kleine Geißlipp, erfahren,
+was eine Heimat ist. Der Vater freute sich, wenn er den Schornstein
+rauchen sah, wenn er heimkam, denn nun wußte er, daß da jemand für ihn
+sorge und zu ihm gehöre. Und der Philipp konnte mit seinen Löchern im
+Kittel und in den Hosen immer zur Base kommen und brauchte sich nicht
+mehr von den Buben nachrufen zu lassen: »Geißlipp, deine Geiß hat dir
+die Hosen zerrissen.«
+
+Es war noch viel Gutes an der neuen Einrichtung. Denn die Kätter hatte
+zwar einen ganz krummen Rücken, aber ein freundliches Gesicht und ein
+liebevolles Herz, und das war mehr wert.
+
+Es wurde Herbst. Das Annele reiste ab und nahm sehr warmen Abschied
+von seinem guten Kameraden. Und es war bereits beschlossen, daß es
+in der nächsten Sommervakanz wiederkomme, und daß dann viel Schönes
+auszuführen sei. Der Geißlipp winkte lange dem Wagen nach, in dem
+das Annele mit seiner Mutter saß. Er hatte seiner kleinen Freundin
+zum Abschied ein Blättchen gezeichnet, darauf waren in der Mitte die
+beiden Geißen zu sehen, die ein Büschel sehr große und deutliche
+Vergißmeinnicht vor sich hatten und lustig fraßen. Und außen herum
+stand mit großen Buchstaben: »So schön es diesen Sommer war, so schön
+wird's wieder übers Jahr.« Den Reim hatten die Kinder miteinander
+ausgedacht, und er gefiel ihnen sehr gut, und Fräulein Margret hatte
+ihn ebenfalls belobt.
+
+Als der Wagen verschwunden war, kehrte der Philipp ins Haus zurück und
+ging geradeswegs auf das Zimmer des Herrn Lehrers zu. Er mußte sich
+nicht verlassen vorkommen, wenn auch das Annele fort war, das konnte
+man ihm wohl ansehen. Und er hatte auch gar nicht Zeit, sich darüber
+zu besinnen, denn es galt, tüchtig zu arbeiten. In der Schule durfte
+nichts versäumt werden, das hatte der Lehrer festgesetzt, und nur dann
+sollte das Zeichnen vorwärtsgehen.
+
+Das war ein guter Sporn für den Philipp, denn das Zeichnen war ihm
+das Liebste von allem, was es zu tun gab, und es war ihm gar nicht zu
+langweilig, ganz vorne anzufangen mit geraden und schrägen Strichen.
+»Wer groß werden will, muß klein anfangen,« sagte der Lehrer. Und
+Philipp wollte gern klein anfangen, es war ihm Freude genug, daß er
+überhaupt durfte.
+
+Wenn er jetzt Fräulein Margret sah, so winkten die beiden einander
+so verständnisvoll zu, als ob das eine sagen wollte: »Hab' ich dir's
+nicht gesagt, daß du probieren sollst, recht zu tun, und daß dann alles
+besser werde?« Und das andere: »Du kannst mir sagen, was du willst, ich
+glaub' dir alles.«
+
+ * * * * *
+
+Es ging ein Jahr ums andere dahin. Man konnte denken, es sei in
+Rötenberg alles ganz gleich geblieben, denn es ging alles so seinen
+gewohnten Gang. An jedem Morgen kamen von allen Seiten her die
+Schulkinder mit ihren Tafeln und Büchern unter dem Arm, und dann kam
+der Lehrer die Treppe herunter und begann den Unterricht mit einem
+schönen Lied. Und Fräulein Margret stand dann am offenen Fenster oder
+arbeitete im Garten und horchte auf den Gesang. Aber wer genau hinsah,
+der konnte wohl merken, daß es immer wieder andere Kinder waren, die
+sich zusammenfanden. Von denen, die einst neugierig dem Einzug des
+Lehrers zugesehen hatten, saßen nun schon manche nicht mehr in den
+Schulbänken, sondern fuhren geißelknallend mit den Kühen aufs Feld
+oder schafften in Haus und Hof, und einige waren auch nach der Stadt
+gegangen, um da ein Handwerk zu lernen oder sonst Geld zu verdienen.
+
+In den oberen Räumen des Schulhauses war es recht still geworden. Das
+Annele kam je länger, je seltener mehr. Denn es hatte solche Freude
+am Schulleben gewonnen, daß es nun selber gern eine Lehrerin werden
+wollte, und dazu mußte man tüchtig lernen. Und der Geißlipp stieg
+auch nicht mehr täglich mit seiner Mappe und seinem stillvergnügten
+Gesicht die Treppe empor. Es verlangte Fräulein Margret oft nach den
+alten Zeiten, und wenn es auch immer wieder Kinder gab, denen man
+etwas Gutes tun konnte, so fehlten ihr doch die ersten Schützlinge.
+Dann ging sie manchmal nach dem Häuschen des Geißlipp hinaus, wo
+immer noch die alte Kätter am Fenster saß und flickte oder in der
+räucherigen Küche hantierte. Oft kam dann auch der Vater Berner heim,
+und dann schüttelten die drei einander die Hände wie alte Freunde. Sie
+hatten immer etwas Wichtiges miteinander zu verhandeln. Denn Philipps
+Vater hielt es immer noch für eine wunderbare Sache, daß sein Bub'
+kein Nichtsnutz, sondern ein tüchtiger Mensch werde, und obgleich er
+ja sonst nicht viel sprach, sagte er doch immer wieder zu Fräulein
+Margret: »Das hat Sie unser Herrgott angewiesen, daß Sie an dem Buben
+tun sollen wie eine Mutter, das kann Ihnen kein Mensch vergelten.« Und
+die Kätter nickte eifrig dazu, und ihr Faden ging dann noch einmal so
+schnell auf und nieder, denn sie wollte auch ihren Teil an der Sache
+haben und konnte doch nichts anderes mehr für den Philipp tun, als ihn
+immer wieder tüchtig herausflicken. Der Philipp war nämlich nicht mehr
+zu Hause.
+
+Er war zwar nicht gerade drauf und dran, ein großer, berühmter Künstler
+zu werden, aber man konnte doch jetzt schon sehen, daß einmal ein
+tüchtiger Mann aus ihm werde, an dem man sich wohl freuen konnte.
+Jetzt war er in einer großen Tapetenfabrik und zeichnete schöne Muster
+mit Blumen und Vögeln, auch hie und da freundliche Häuschen mit
+Blumengärtlein davor oder weidende Kühe auf einer grünen Matte für
+Fenstervorhänge, und man konnte allem, was er machte, wohl ansehen, daß
+es mit Lust und Liebe getan war.
+
+ * * * * *
+
+Es war einmal an einem schönen, sonnigen Abend im Herbst. Die
+Kinder spielten wie sonst auch unter dem großen Kastanienbaum beim
+Röhrenbrunnen, und die Erwachsenen kamen vom Feld heim, und der Vater
+Geißlipp nahm seine Hacke, mit der er an der Straße gearbeitet hatte,
+auf die Achsel und ging ebenfalls heimzu. Er ging jetzt nicht mehr
+stumm und mürrisch an den Leuten vorbei und die Leute nicht an ihm.
+Denn was schwer und dunkel in seinem Leben gewesen war, das lag jetzt
+dahinten.
+
+Um diese Zeit schritt ein junger Wanderer dem Dorf zu. Er mußte da
+bekannt sein, denn als er an den kleinen Feldweg kam, der ein tüchtiges
+Stück vom Weg abschneidet, ging er sogleich dahinein. Es sah aus, als
+ob ihn etwas vorwärts treibe, so große Schritte nahm er. Und doch blieb
+er hie und da stehen und sah den ziehenden Wolken nach oder horchte
+einen Augenblick still auf den fröhlichen Kinderlärm, den man bis hier
+heraus hörte. Der Wanderer hatte nur eine leichte Tasche umhängen, und
+aus dieser nahm er ein Büchlein und blätterte während des Weitergehens
+ein wenig darin. »Es stimmt alles,« sagte er heiter. »Ich hab's doch
+noch gut im Gedächtnis gehabt.« Mancher hätte vielleicht gedacht,
+das sei ein sonderbares Bilderbuch. Denn da waren mit flüchtigen
+Bleistiftstrichen allerlei unscheinbare Dinge aufgezeichnet: ein Stück
+zerbrochenen Lattenzauns, davor ein barfüßiger Bube stand, ein Stück
+Grasrain, in dem eine Sichel steckte, ein verwittertes Mauerstück, auf
+dem allerlei Unkraut blühte, und noch mehr derartiges. »Es freut sie
+doch,« sagte er lächelnd vor sich hin und steckte das Büchlein wieder
+ein.
+
+Und dann sah er einige Schritte vor sich einen Mann gehen, der trug
+eine Hacke auf der Schulter und legte die Hand vor die Augen, um besser
+die Landstraße entlang sehen zu können, hinter der die Sonne unterging.
+
+»Vater!« rief der Philipp laut, denn der war der Wanderer. Er war mit
+wenigen großen Sprüngen bei dem Mann, und dann gab es ein Wiedersehen,
+wie sich weder der alte noch der junge Geißlipp vor Jahren hätten eins
+träumen lassen.
+
+Ob Fräulein Margret das Bilderbuch gefreut hat, das ihr der Philipp am
+andern Morgen brachte?
+
+Es wird wohl so sein. Wenn ein Gärtner auch weiß, daß er nicht selber
+seiner Pflanzung fröhliches Gedeihen geben kann, freuen darf er sich
+doch ihrer, wenn sie wohl gerät.
+
+
+
+
+ ~Von Anna Schieber= sind ferner erschienen~:
+
+
+=Annegret.= Eine Kindergeschichte mit Bildern von ~Elisabeth
+Sauer~. Gebunden Grundpreis M. --.60.
+
+Eine ~neue~, gemütvolle Geschichte in reizender Ausstattung.
+
+
+=Sonnenhunger.= Geschichten von der Schattenseite. Gebunden
+Grundpreis M. 2.--.
+
+Ein köstliches Buch, allerdings nicht von glücklichem Genießen, sondern
+vom Entbehren erzählend. Es könnte wohl manchem Herzen einen Wink
+geben, wie man auch an der Schattenseite des Lebens guten Mutes bleiben
+kann. Einige Erzählungen sind ergreifend in ihrer echten Lebenswahrheit.
+
+ Bücherschatz.
+
+
+=Guckkastenbilder= -- =Warme Herzen= -- =Zugvögel= --
+=Was des andern ist=. Gebunden Grundpreis je M. 1.--.
+
+Jedes der hübschen Geschenkbändchen enthält eine Reihe gehaltvoller,
+liebenswürdiger Erzählungen, die alt und jung Freude und Gewinn bringen
+werden.
+
+
+Die vier Bändchen sind auch in einem geschmackvollen Sammelband
+lieferbar unter dem Titel:
+
+
+=Allerlei Kraut und Unkraut.= 34 Bilder und Geschichten für große
+und kleine Leute. Gebunden Grundpreis M. 3.50.
+
+Wie oft ist man in Verlegenheit, weil man kurze, spannende Geschichten
+braucht zum ~Vorlesen~ in der Kinderstube oder in Vereinen und an
+Krankenbetten! Dieser stattliche Band aus der Feder der bekannten und
+beliebten schwäbischen Dichterin bietet da für alle Fälle reichen Stoff.
+
+ Vierteljahrsberichte aus dem Gebiet der schönen Literatur.
+
+
+ _Ausführliches Verlagsverzeichnis kostenlos!_
+
+
+ ~Verlag von D. Gundert in Stuttgart~
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75672 ***
diff --git a/75672-h/75672-h.htm b/75672-h/75672-h.htm
new file mode 100644
index 0000000..c0ba3f2
--- /dev/null
+++ b/75672-h/75672-h.htm
@@ -0,0 +1,8000 @@
+<!DOCTYPE html>
+<html lang="de">
+<head>
+ <meta charset="UTF-8">
+ <title>
+ Röschen, Jaköble Und Andere Kleine Leute | Project Gutenberg
+ </title>
+ <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover">
+ <style>
+
+body {
+ margin-left: 10%;
+ margin-right: 10%;}
+
+ h1,h2 {
+ text-align: center;
+ clear: both;
+ font-weight: normal;}
+
+h1 { font-size: 220%}
+h2, .s2 { font-size: 170%}
+.s3 { font-size: 125%}
+.s4 { font-size: 110%}
+.s5 { font-size: 80%}
+.s5a { font-size: 60%}
+
+h1 {font-weight: normal}
+
+p { text-indent: 1em;
+ margin-top: .51em;
+ text-align: justify;
+ margin-bottom: .49em;}
+
+.p0 {text-indent: 0em;}
+.p2 {margin-top: 2em;}
+
+hr {
+ width: 33%;
+ margin-top: 2em;
+ margin-bottom: 2em;
+ margin-left: 33.5%;
+ margin-right: 33.5%;
+ clear: both;}
+
+hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%;}
+hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%;}
+@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;} }
+
+div.chapter {page-break-before: always;}
+
+table {
+ margin-left: auto;
+ margin-right: auto;
+ width: 28em; }
+
+table.autotable { border-collapse: collapse; }
+table.autotable td,
+table.autotable { padding: 0.25em; }
+
+.tdl {text-align: left;}
+.tdr {text-align: right;}
+
+
+.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */
+ /* visibility: hidden; */
+ position: absolute;
+ left: 92%;
+ font-size: small;
+ text-align: right;
+ font-style: normal;
+ font-weight: normal;
+ font-variant: normal;
+ text-indent: 0;}
+
+.blockquot {
+ margin-left: 5%;
+ margin-right: 10%;}
+
+.center {text-align: center;}
+
+.right {text-align: right;}
+
+.hang p {
+ margin-left: 2em;
+ text-indent: -2em }
+
+.gesperrt{
+ letter-spacing: 0.2em;
+ margin-right: -0.2em;}
+
+em.gesperrt {
+ font-style: normal; }
+
+img {
+ max-width: 100%;
+ height: auto;
+}
+img.w100 {width: 100%;}
+
+.figcenter {
+ margin: auto;
+ text-align: center;
+ page-break-inside: avoid;
+ max-width: 100%;}
+
+.figright {
+ float: right;
+ clear: right;
+ margin-left: 1em;
+ margin-bottom: 1em;
+ margin-top: 1em;
+ margin-right: 0;
+ padding: 0;
+ text-align: center;
+ page-break-inside: avoid;
+ max-width: 100%;}
+
+/* comment out next line and uncomment the following one for floating figright on ebookmaker output */
+/*.x-ebookmaker .figright {float: none; text-align: center; margin-left: 0;}*/
+ .x-ebookmaker .figright {float: right;}
+
+
+/* Poetry */
+/* uncomment the next line for centered poetry */
+/* .poetry-container {display: flex; justify-content: center;} */
+.poetry-container {text-align: center;}
+.poetry {text-align: left; margin-left: 5%; margin-right: 5%;}
+.poetry .stanza {margin: 1em auto;}
+.poetry .verse {text-indent: -3em; padding-left: 3em;}
+
+/* Transcriber's notes */
+.transnote {background-color: #E6E6FA;
+ color: black;
+ font-size:small;
+ padding:0.5em;
+ margin-bottom:5em;
+ font-family:sans-serif, serif;
+}
+
+/* Illustration classes */
+.illowe20 {width: 20em;}
+.x-ebookmaker .illowp20
+ {width: 100%;}
+.illowp100 {width: 100%;}
+.illowp46 {width: 46%;}
+
+.illowp49 {width: 49%;}
+.illowp60 {width: 60%;}
+.illowp61 {width: 61%;}
+.illowp62 {width: 62%;}
+.illowp65 {width: 65%;}
+.illowp66 {width: 66%;}
+.illowp69 {width: 69%;}
+.illowp73 {width: 73%;}
+.illowp74 {width: 74%;}
+.illowp76 {width: 76%;}
+.illowp77 {width: 77%;}
+.illowp78 {width: 78%;}
+.illowp80 {width: 80%;}
+.illowp85 {width: 85%;}
+.illowp87 {width: 87%;}
+.illowp88 {width: 88%;}
+.illowp89 {width: 89%;}
+.illowp94 {width: 94%;}
+
+.x-ebookmaker .illowp46 {width: 100%;}
+.x-ebookmaker .illowp49 {width: 100%;}
+.x-ebookmaker .illowp60 {width: 100%;}
+.x-ebookmaker .illowp61 {width: 100%;}
+.x-ebookmaker .illowp62 {width: 100%;}
+.x-ebookmaker .illowp65 {width: 100%;}
+.x-ebookmaker .illowp66 {width: 100%;}
+.x-ebookmaker .illowp69 {width: 100%;}
+.x-ebookmaker .illowp73 {width: 100%;}
+.x-ebookmaker .illowp74 {width: 100%;}
+.x-ebookmaker .illowp76 {width: 100%;}
+.x-ebookmaker .illowp77 {width: 100%;}
+.x-ebookmaker .illowp78 {width: 100%;}
+.x-ebookmaker .illowp80 {width: 100%;}
+.x-ebookmaker .illowp85 {width: 100%;}
+.x-ebookmaker .illowp87 {width: 100%;}
+.x-ebookmaker .illowp88 {width: 100%;}
+.x-ebookmaker .illowp89 {width: 100%;}
+.x-ebookmaker .illowp94 {width: 100%;}
+.poetry .indent0 {text-indent: -3em;}
+.poetry .indent1 {text-indent: -2.5em;}
+
+ </style>
+</head>
+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75672 ***</div>
+
+<div class="transnote">
+<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription</p>
+<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und
+Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche
+Druckfehler sind korrigiert worden.</p>
+<p class="p0">Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang des Textes verschoben.</p>
+<p class="p0">Worte in Antiquaschrift sind "<i>kursiv</i>" dargestellt</p>.
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowp46" id="cover">
+ <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="cover">
+</figure>
+
+<h1 class="p2">Röschen, Jaköble<br>
+<span class="s5a center">und andere kleine Leute</span></h1><br>
+<p class="p2 s3 center">Ein Geschichtenbuch für Kinder und Kinderfreunde</p><br>
+<p class="center">von</p><br>
+<p class="s2 center">Anna Schieber</p><br>
+<p class="p2 s4 center">Mit Bildern von Amalie Bauerle</p><br>
+<p class="s5 center">9.-16. Tausend</p><br>
+<p class="center">1923</p><br>
+<p class="center">Verlag von D. Gundert in Stuttgart</p><br>
+<p class="s5 center">Druck: Christliches Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<h2>Inhaltsverzeichnis.</h2>
+
+<table class="autotable">
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">&nbsp;</td>
+<td class="tdr">Seite</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">1. Was das Röschen zu verschenken hatte</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_3">3</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">2. Die Geschichte vom dummen Frieder</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_11">11</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">3. Wer die Mutter am liebsten hatte</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_17">17</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">4. Vom Jaköble, der nicht »Ja« sagen konnte</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_22">22</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">5. Kätterles Christbaum</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_34">34</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">6. Die Gottswillenkinder</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_43">43</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">7. Zweierlei Reichtum</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_85">85</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">8. Gretels Ferientage</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_115">115</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">9. Wie Heini den Rückweg fand</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_123">123</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">10. Ein Ersatz</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_140">140</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">11. Eine Reise in die Welt</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_158">158</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">12. Die Botenflori</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_173">173</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">13. Augenblicklich</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_184">184</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">14. Angelika</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_191">191</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">15. In die Sonne</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_205">205</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">16. Aus dürrem Erdreich</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_221">221</a></td>
+</tr>
+</table>
+
+<div class="chapter">
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span></p>
+
+<h2>1. Was das Röschen zu verschenken hatte.</h2>
+
+<p>Ganz am Ende des Dorfes stand ein kleines Häuschen. Es sah ein bißchen
+wackelig aus, es lehnte nur so an einer Mauer, auf der Gras und
+allerlei Unkraut wuchs. Dem Röschen machte das aber keinen Kummer, das
+lebte ganz vergnügt und zufrieden in den Tag hinein und besann sich
+gar nicht, ob es am Ende Kinder gebe, die besseres Essen und schönere
+Kleider haben und ein schöneres Haus, um darin zu wohnen. Das Röschen
+war das einzige Kind im Hause. Der Vater saß den ganzen Tag auf seinem
+Stühlchen und flickte Schuhe und Stiefel, wenn er welche hatte, und
+die Mutter kochte und wusch und besorgte die Geiß und das Äckerlein.
+Und alle beide, der Vater und die Mutter, jammerten oft, daß sie so
+arm seien und das Häuschen so schlecht, und wenn das Röschen sang und
+sprang und immer lustig war, schüttelten beide den Kopf und sagten:
+»Das wird's schon noch anders lernen!«</p>
+
+<p>Eines Morgens war das Röschen früh aufgestanden und hatte sich schnell
+fertig gemacht. Das war allerdings bald geschehen gewesen, denn es
+hatte nur ein einziges Röcklein anzuziehen und die Füßchen blieben
+bloß. Jetzt im Sommer, wo es warm war, gingen viele Kinder barfuß.</p>
+
+<p>Jetzt stand das Röschen unter der Haustür und besann sich, ob es lieber
+zuerst in den Stall wolle und nach der Geiß sehen oder lieber gleich
+auf ein Schemelchen steigen und der Mutter ein wenig am Waschzuber
+helfen. Das war beides sehr vergnüglich. Dann entschloß es sich, ganz
+zuerst sein Stück<span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span> Brot zu essen, das es in der Hand hielt, denn es
+hatte seine Milch nur leer ausgetrunken.</p>
+
+<p>Da schlürfte ein alter Mann an das Häuschen heran, der steckte in einem
+ganz zerrissenen Kittel und zu den Schuhen guckten die Zehen heraus.
+»Guten Morgen, Kind,« sagte er, »ist die Mutter daheim? So geh und frag
+sie einmal, ob sie einem armen Mann ein bißchen was zu essen habe. Ich
+komme schon weit her heute und habe noch nichts gehabt.«</p>
+
+<p>»Hab' nichts zu verschenken, hab' gar nichts zu verschenken,« rief die
+Mutter aus dem Häuschen. »Ich wär' selber froh, wenn mir einer etwas
+schenkte. Jawohl, die Mauer will einfallen und der Gartenzaun ist kaput
+und alle Hemden haben Löcher und nirgends ist ein Geld zu neuen. Gibt
+reiche Leut' genug, geht zu denen; wir sind selber arm.« Der alte Mann
+wollte traurig weitergehen, da legte ihm Röschen schnell sein Brot in
+die Hand und sprang ins Häuschen zurück, eh' er sich noch bedanken
+konnte.</p>
+
+<p>Die Mutter hatte es aber gerade noch gemerkt und zankte nun auch mit
+dem Röschen.</p>
+
+<p>»Du darfst kein Brot verschenken,« sagte sie, »ich hab' kein Geld zu so
+viel Brot! Sei froh, wenn du selber hast.«</p>
+
+<p>Das Röschen war ein wenig rot geworden. »Ich habe keinen so argen
+Hunger,« sagte es, »es ist gleich, wenn ich jetzt kein Brot bekomme.«</p>
+
+<p>»Ja, dann bist du am Mittagessen um so ausgehungerter,« sagte nun
+auch der Vater. »Also du merkst dir's, du hast dein Brot nicht zum
+Verschenken, sondern zum Selberessen!«</p>
+
+<p>Zuerst war das Kind ein wenig betrübt, denn es hatte nicht unartig sein
+wollen, der arme Mann hatte ihm so leid getan, und es mochte überhaupt
+so gern etwas verschenken. So gern!</p>
+
+<p>Aber dann vergaß es seinen Kummer wieder. Draußen auf der Straße
+wackelte der kleine dicke Philipp daher, Röschens<span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span> ganz guter Kamerad
+und Schützling, das Büblein des reichen Schafbauern. Der Philipp lachte
+über sein ganzes rundes Gesicht, als er sein Röschen sah. Er strebte,
+wo er nur konnte, zu ihm hin, denn das Röschen konnte so nett mit
+ihm spielen und sogar Geschichten erzählen. »Vom Wolf und den sieben
+Geißlein« und »vom Hänsel und Gretel« und noch anderes.</p>
+
+<figure class="figright illowp49" id="illu-005" style="max-width: 20em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-005.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<p>Die Mutter zankte zwar manchmal. »Sollen sich selber eine Kindsmagd
+halten, so reiche Leut,« sagte sie, wenn der Philipp angewackelt kam:
+»Rösle, 'schicht zählen!«</p>
+
+<p>Aber dann freute sie sich allemal doch auch wieder, wenn die Kinder
+so einträchtig zusammenhausten und das Röschen so recht wie ein
+Mütterlein für den Kleinen sorgte. Heute kam der Philipp in einem
+besondern Aufzug. An einem Fuß hatte er einen flammroten Strumpf und
+sonst nichts, der andere steckte in einem mächtig großen Pantoffel,
+der offenbar seiner Mutter gehörte. Den zweiten Strumpf trug er in der
+Hand und dann noch etwas Glitzerndes. Als Röschen näher hinsah, war es
+eine silberne Taschenuhr, die der kleine Schelm jedenfalls heimlich
+mitgeschleppt hatte. »Tiktak machen,« sagte er ganz fröhlich. Daß der
+Philipp von daheim durchgegangen sei, sah Röschen wohl, und daß man ihn
+sogleich wieder heimbefördern mußte, wußte sie auch. Aber der kleine
+Ausreißer war nicht gesonnen, sich heimführen zu lassen. Und die Uhr,
+die das verständige Röschen<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> gerne tragen wollte, mochte er auch nicht
+aus den Händen lassen. Und doch mußte es sein!</p>
+
+<p>Röschen wußte aber einen Rat. Entschlossen griff sie in ihre Tasche und
+holte da ein Bildchen heraus, schön farbig, mit Schäfchen auf der Weide
+und Kindern mit Blumenkränzen auf dem Kopf dabei. »Da, Philipple, komm,
+gib mir das Tiktak, so kriegst du das Bildchen dafür. Aber dann mußt du
+ganz brav mit heimgehen.«</p>
+
+<p>Das wirkte Wunder. Das widerspenstige Geschrei hörte auf, und die
+beiden trotteten Hand in Hand des Schafbauern Haus zu.</p>
+
+<p>Es hatte dem Röschen zuerst ein wenig leid getan, das Bildchen in die
+Hand des kleinen Buben zu stecken. Es war in einem Zichorienpäckchen
+gewesen und Röschen hatte es eigentlich morgen der Mutter schenken
+wollen. Denn da war der Geburtstag der Mutter, und diese hatte erst
+noch neulich, als man im Pfarrhaus den Geburtstag der Frau Pfarrerin
+gefeiert hatte, gesagt: »Jetzt so ein Lebtag, wie <em class="gesperrt">das</em> ist in
+<em class="gesperrt">dem</em> Haus! Jawohl, mein Geburtstag ist auch bald und mir schenkt
+niemand nichts!« Seither hatte Röschen das Bildchen als Schatz gehütet
+und oft gedacht: »Ja, ja, du wirst dann schon sehen, daß dir auch
+jemand was schenkt, Mutter!«</p>
+
+<p>Aber das Röschen konnte nichts dafür! Wenn es etwas zu verschenken
+hatte, so kribbelte ihm das so lange in der Tasche und in den Händen,
+bis es richtig draußen war. Dann war es wieder so vergnügt wie der Hans
+im Glück. Und jetzt hatte sie doch das Büblein beruhigen müssen.</p>
+
+<p>Die Schafbäuerin stand schon unter der Haustür und schaute nach ihrem
+Kleinen aus, als die zwei ankamen.</p>
+
+<p>Sie hatte schon das ganze Haus nach dem Philipp ausgesucht und war
+jetzt nur froh, daß er wieder da war. Eben kam auch der Bauer unter
+die Tür. »Wo kann nur auch<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span> meine Uhr sein?« fragte er. »Ich suche
+sie schon allenthalben.« Da streckte das Röschen die Uhr hin, die sie
+sorglich im Schürzchen getragen hatte, und erzählte den Hergang. »Du
+bist brav, Rösle,« lobte der Bauer, »so ist's recht. Komm aber, komm,
+du mußt auch ein paar schöne Äpfel haben, weil du so gut aufgepaßt
+hast.« Und das Röschen ließ sich vergnügt sein Schürzchen füllen mit
+so schönen rot und gelben Äpfeln, wie es noch gar nie gehabt hatte.
+Dann zog es schnell wieder ab, denn es war ein neuer Gedanke in ihm
+aufgestiegen.</p>
+
+<p>Die Äpfel konnte man heute gut verstecken und am Morgen der Mutter auf
+einen Teller legen. Das war noch ganz anders als ein Bildchen! Und dann
+sollte sie <em class="gesperrt">noch</em> einmal sagen: »Mir schenkt niemand nichts!«</p>
+
+<p>Aber unterwegs begegneten dem Röschen zwei kleine Geschwister; die
+weinten so herzbrechend, daß es das Röschen ganz erbarmte. »Drum ist
+der Jaköble hingefallen und hat sich die Hosen so zerrissen, daß man
+sie vielleicht nicht mehr flicken kann,« sagte das Schwesterlein, »und
+jetzt kriegen wir vielleicht alle beide Schläge.« Und dann weinten sie
+wieder zur Gesellschaft alle zwei weiter. Das war schlimm, das sah das
+Röschen auch ein. Aber dann fiel ihm auf einmal ein, daß es eine schöne
+Stecknadel mit einem blauen Glasknopf an seinem Tuch stecken hatte. Die
+hatte es gestern gefunden. Sie war zwar ein bißchen rostig, aber man
+konnte doch gut den allergrößten Lappen damit hinaufstecken, man sah es
+gar nicht mehr so arg. So lang hatte das kleine Mädchen das Schürzchen
+halten müssen, daß die Äpfel nicht herausfielen; jetzt sah das Röschen
+wohl, wie verlangend alle zwei nach den schönen Äpfeln sahen. »Da,
+so habt ihr jedes einen,« sagte es schnell, damit es sich nicht noch
+anders besinne, und gab zwei der schönen Äpfel hin. »Es sind immer noch
+viel,« tröstete es sich. »Am Ende hätten nicht einmal alle auf einem
+Teller Platz gehabt.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span></p>
+
+<p>Und vergnügt kam es an seinem Häuschen an, ging aber nicht vornen
+zur Haustür hinein, sondern schlüpfte durch ein Loch in dem Zaun, um
+die Äpfel hinten an der Mauer zu verstecken. Auf einmal hörte es ein
+Geräusch hinter sich. Da stand ein fremder Herr mit einer Brille und
+einem Rucksack, der hatte ganz merkwürdige Blumen in der Hand. »Keine
+schönen,« dachte das Röschen, »und überall sind noch die Wurzeln dran
+und noch Erde.« Der Herr sagte ganz freundlich »guten Tag« zu Röschen
+und fragte dann gleich: »Hör, Kleine, da droben auf der Mauer wächst
+eine Pflanze, sieh die mit den haarigen Blättern und der kleinen
+gelben Blüte! Die muß ich haben, die fehlt mir in meiner Sammlung,
+kann ich mir sie holen?« Das Röschen war ganz erstaunt, daß der Herr
+die Blume wollte, die doch gar nicht schön aussah, und es sagte ganz
+bereitwillig: »Du kannst auch eine schönere haben, vornen am Haus sind
+auch Astern, blaue und rote.«</p>
+
+<figure class="figright illowp73" id="illu-008" style="max-width: 31.25em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-008.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<p>»Astern brauche ich nicht,« sagte der Herr, »gerade die möchte ich
+haben, willst du mir sie geben?«</p>
+
+<p>»Ja freilich,« lachte Röschen; »Blumen darf ich schon herschenken, da
+zankt die Mutter nicht, nur Brot nicht und nichts, was man um Geld
+kaufen muß, weil man keins hat.« Und damit stieg sie auch schon an
+der verwitterten Mauer in die Höhe; man konnte das gut, es stand da
+und dort ein<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> Stein weit hervor. »Nicht abreißen, hörst du?« rief
+ihr der Herr nach. »Mit der Wurzel ausziehen, ganz sachte, so!«
+Triumphierend brachte das Röschen die ganze Pflanze in der Hand daher,
+ihr Gesicht strahlte. »Was freut dich denn so, Kleine?« sagte der
+Herr wohlgefällig; es gefiel ihm, daß das Röschen so bereitwillig
+war. »Alles freut mich,« erklärte Röschen. »Daß ich morgen der Mutter
+die Äpfel geben kann und daß es doch noch einen für das Jaköble und
+seine Schwester gelangt hat, und daß dem Philipp mein schönes Bildle
+so gefallen hat und dir die Blume — und alles!« Röschen mußte einen
+tiefen Atemzug tun, denn es hatte sehr viel auf einmal gesagt und das
+war es nicht gewohnt. In dem Gesicht des fremden Herrn hatte es ein
+paarmal gezuckt, so, als ob er das Lachen verbeißen müßte. Aber dann
+wurde er wieder ganz ernsthaft, denn es fiel ihm ein, daß daheim seine
+Buben und Mädchen viel schönere und bessere Sachen hatten als das
+Röschen, und daß es ihnen nicht einfiel, sich zu besinnen, wem sie eine
+Freude damit machen könnten.</p>
+
+<p>So legte er jetzt ganz väterlich seine Hand auf den Kopf des kleinen
+Mädchens und sagte: »So ist's recht, Röschen, so ist's recht! Aber
+weißt du, mich freut's auch, wenn ich etwas herschenken kann. Sieh, das
+nagelneue Fünfzigpfennigstück, das schenke ich dir, da kannst du dir
+selber etwas drum kaufen, das dir Freude macht!«</p>
+
+<p>Das Röschen war ganz rot geworden vor Freude. »Was ich nur will und muß
+niemand fragen?« sagte es und streckte die Hand aus nach dem Schatz.
+»Ja,« sagte der Herr, »aber lieber keine Bonbons, das gibt schwarze
+Zähne.«</p>
+
+<p>Das Röschen war aber noch keinen Augenblick gesonnen gewesen, sich
+Bonbons zu kaufen. Es sah ganz verwundert auf, daß man an so etwas
+denken konnte. Dann konnte es aber nicht mehr länger stehen bleiben,
+denn es hatte einen<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> Gedanken auszuführen, den das Geldstück in ihm
+hervorgerufen hatte. So sagte es nur noch: »Vergelt's Gott und Ade!« zu
+dem Herrn und lief dann davon, schnell, schnell die Dorfgasse hinauf.</p>
+
+<p>Das war am andern Morgen ein Verwundern in dem Häuschen! Die Mutter
+war aufgestanden und zuerst in den Stall gegangen wie gewöhnlich.
+Aber als sie wieder in die Stube kam, lag auf dem Tisch eine riesige
+Brezel, von einem Kranz von Äpfeln umgeben. Und von der Hängeampel
+herunter baumelte, an einem roten Schnürchen angebunden, eine Wurst!
+Und das Röschen stand daneben und lachte wie ein Kobold. »Das ist dein
+Geburtstag, Mutter,« rief es und klatschte in die Hände. »Jetzt hast
+du's auch wie die Frau Pfarrer, jetzt ist <em class="gesperrt">auch</em> ein Lebtag bei
+uns.« Die Mutter mußte sich setzen, so sehr hatte sie die Bescherung
+angegriffen. Und der Vater kam mit der Schuhbürste in der Hand heran
+und hätte gern die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, wenn er sie
+frei gehabt hätte. »Ja, woher denn und wieso das alles?« wollten aber
+beide Eltern jetzt wissen. »Uns schenkt doch niemand nichts!«</p>
+
+<p>Aber das Röschen wußte es besser. Und wir wissen's auch. Denn wer etwas
+zu verschenken hat, bekommt allemal wieder etwas und wenn's nur ein
+fröhliches Herz ist.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span></p>
+
+<h2>2. Die Geschichte vom dummen Frieder.</h2>
+</div>
+
+<p>Es war einmal ein Büblein, das saß auf einem Mäuerchen ganz nahe bei
+dem großen Spielplatz, wo die Kinder des Dorfes Ringelreihe spielten
+und »Fuchs, du hast die Gans gestohlen« und noch vieles andere. Es
+sah immerfort zu den lustigen Kameraden hinüber, denn es hätte gar zu
+gern auch mitgetan. Aber das durfte es nicht. Denn die andern Kinder
+sagten es ihm alle Tage und seine eigenen Brüder sagten es auch, daß es
+zu dumm dazu sei. Ja, sie hießen das Büblein nur den dummen Frieder.
+Die Brüder und die Nachbarsbuben und alle Kinder, die der Frieder
+kannte, gingen in die Schule, lernten lesen und schreiben und auch
+singen. Und das hätte der Frieder auch sehr gern getan, aber dazu war
+er auch zu dumm. Er konnte die Buchstaben nicht verstehen und konnte
+nicht behalten, daß zweimal zwei vier ist. Der Herr Lehrer wollte den
+Frieder nicht in der Schule haben, und so blieb er denn zu Hause.
+Oder vielmehr, er zog alle Tage, an denen es nicht regnete, mit dem
+Kinderwägelchen hinaus an das Mäuerchen unter der großen Linde. In
+dem Wägelchen saßen die beiden kleinen Geschwister, die der Frieder
+zu hüten hatte. Denn das konnte er am besten, und die Base, die für
+ihn und die Geschwister sorgte, sagte immer, das sei das einzige, wozu
+er zu gebrauchen sei. Der Vater ging immer schon am frühen Morgen
+auf Arbeit aus und eine Mutter hatten die Kinder nicht mehr. Sie war
+gestorben, als das allerkleinste noch im Tragkissen lag, und seither
+gab es keinen Menschen mehr, der den dummen Frieder lieb gehabt hätte.
+Er konnte nichts<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> recht behalten, er vergaß sehr oft, was man zu ihm
+sagte; aber daran dachte er doch noch oft, wie ihm die Mutter allemal
+mit der Hand über den Kopf gefahren war und gesagt hatte: »Sei du nur
+brav und folgsam, Friederle, dann habe ich dich gerade so lieb wie die
+andern! Und der liebe Gott auch!«</p>
+
+<figure class="figcenter illowp65" id="illu-012" style="max-width: 62.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-012.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<p>So sagte jetzt niemand mehr. Der Vater sagte nur manchmal: »Wenn ich
+nur wüßte, was man aus dem Buben machen soll, er ist zu allem zu dumm!«
+Und die Brüder schoben ihn dahin und dorthin und ließen ihn nicht
+mitspielen und nicht mitarbeiten, wenn sie Futter schnitten für die Kuh
+oder<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> Gras holten an den Rainen für die Geiß und für ihre braunen Hasen.</p>
+
+<p>Nur der ganz kleine Hannes, der noch nicht recht allein gehen konnte,
+hing sich immer an ihn und wollte getragen sein. Und das allerkleinste
+Annele, das noch nichts sagen konnte als »adda«, zappelte aus
+Leibeskräften, wenn es den Frieder sah, und rief so lange sein einziges
+Wort, bis er seine Kappe nahm und mit ihm hinausfuhr, immer an das
+gleiche Plätzchen. Dort saß er dann und trug den Kleinen Steinchen
+zusammen zum Spielen und grüne Blätter. Sie konnten sich allein
+vergnügen, denn der Frieder sprach nicht viel mit ihnen. Er sah nur
+immerfort auf das Wägelchen, und wenn der Hannes nicht mehr darin
+sitzen wollte, nahm er ihn heraus und auf den Arm.</p>
+
+<p>Man konnte von hier aus hören, wenn die Kinder in der Schule sangen.
+Das war dem dummen Frieder die größte Freude. Dann machte er den
+Kleinen mit dem Finger ein Zeichen, daß sie still sein sollten, und
+alle drei horchten mäuschenstill, bis der Gesang zu Ende war.</p>
+
+<p>Weil aber nun die andern Dorfkinder wußten, daß der Frieder das
+Kinderhüten verstehe und sonst nichts, so dachten sie, es sei dann
+gleich, ob er noch ein paar mehr zu hüten habe oder nicht. Und weil
+sie selber gern spielen wollten, so stellten sie nur eins ums andere
+von ihren Kinderwägelchen samt den Kleinen darin unter die Linde:
+»Da, Frieder, paß auf mein Rösle auf, aber laß es nicht 'rausfallen!«
+»Frieder, guck auch nach meinem Georg, daß ihm niemand nichts tut.«</p>
+
+<p>Und der Frieder lachte noch ganz vergnügt dazu. Dazu war er doch nicht
+zu dumm! Und dann trug er seine glatten Kieselsteinchen der Reihe nach
+zu allen Kleinen, und wenn eins aufstehen wollte oder auf dem Boden
+nach den Brennesseln zurutschte, dann hob er den Zeigfinger auf und
+sagte:<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> »Bscht! Mußt auch brav sein und folgsam! Dann mag ich dich auch
+so wie die andern und der liebe Gott auch!« Ich weiß nicht, ob das die
+Kleinen recht verstanden haben, aber gefolgt haben sie dem Frieder
+besser, als ihren klugen Brüdern und Schwestern.</p>
+
+<p>An einem schönen Abend saß der Frieder auch an seinem Plätzchen und
+hatte eine ganze Reihe von Wägelchen um sich her, und auf dem Boden
+und an dem Mäuerchen umher spielten und krabbelten lauter kleine
+Buben und Mädchen. Die großen spielten: »Als ich einst reiste aus dem
+Savoyerland,« und Frieder konnte sich nicht satt hören und sehen. Auf
+einmal hörte er ein lautes Wagengerassel und als er hinsah, kam den
+Berg herunter ein Fuhrwerk ohne Fuhrmann. Die Pferde rasten, wie wenn
+sie wild geworden wären, und der Fuhrmann kam erst weit hintendrein.
+Und als der Frieder noch näher hinsah, merkte er erst, daß ein kleines
+Büblein mitten im Weg saß und mit Steinen spielte. Sein Kindsmägdlein
+aber sang mit den andern und hörte und sah nichts davon. Was sollte der
+dumme Frieder machen? Er fürchtete sich vor Pferden und doch wußte er
+wohl, daß der kleine Adam überfahren werde, wenn er ihn nicht weghole.</p>
+
+<p>Und es fiel ihm auch noch ein, daß die Mutter immer gesagt hatte: »Wenn
+der Frieder dabei ist, passiert den Kleinen nichts. Der läßt keinem
+etwas geschehen.«</p>
+
+<p>Jetzt lachte er vergnügt in der Erinnerung. Nein, er ließ keinem etwas
+geschehen. Viel schneller, als schon jemand den dummen Frieder hatte
+laufen sehen, war er auf der Straße, gerade vor den wilden Pferden,
+und riß den kleinen Adam in die Höhe und auf die Seite. Aber <em class="gesperrt">so</em>
+schnell konnte er's doch nicht tun, daß nicht der eine Schimmel
+noch Zeit gehabt hätte, ihn mit dem Fuß zu schlagen! Das tat einen
+Augenblick sehr weh, aber dann spürte er gar nichts mehr. —<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> Als der
+Frieder wieder aufwachte, lag er in seinem Bett. Dahin hatte man ihn
+getragen, weil er gar nichts mehr von sich gewußt hatte und wie tot
+dagelegen war, als ihn das Pferd gestoßen hatte. Es fiel ihm nicht
+gleich wieder ein, warum er im Bett sei, und überhaupt nichts von dem,
+was geschehen war, da hörte er den Vater sagen: »Das ist noch gut
+gegangen! Der dumme Bub' hätte ja zu tot gefahren werden können. Läuft
+gar noch den Gäulen vor die Füße und unter die Wagenräder.«</p>
+
+<p>Da fiel es dem Frieder wieder ein, was ihm begegnet war, und er wollte
+gerade sagen: »Man darf den Kleinen nichts passieren lassen, die
+Mutter hat's gesagt!« Da kam eine junge Frau in die Stube. »Wo ist der
+Frieder?« fragte sie. Und dann kam sie an sein Bett und küßte ihn und
+streichelte sein Haar, gerade wie die Mutter, und sagte: »Kein Mensch
+soll dich mehr dummer Frieder heißen! Du hast mir mein Büblein vor
+den wilden Gäulen errettet, und wenn du das nicht getan hättest, dann
+hätte ich jetzt kein Kind mehr.« Der Frieder machte die Augen zu und
+lachte still vor sich hin. Es war ihm, wie wenn seine Mutter wieder da
+wäre. Aber die Bäuerin ging noch nicht. Sie sagte zum Vater: »Wenn der
+Frieder wieder aufstehen kann, dann gebet ihn doch mir. Ich will ihn
+ganz versorgen und er soll es gut haben bei mir. Mein Mann ist auch
+damit einig. Euch ist er ja doch eine Last!«</p>
+
+<p>Das wollte der Vater zuerst nicht, und auch die Base und die Brüder
+nicht. Denn dann hatte man niemand mehr, der die Kleinen hüten konnte,
+und das hatte der dumme Frieder am besten verstanden.</p>
+
+<p>Aber die Bäuerin ließ nicht nach. Und als der Frieder wieder gesund
+war, holte sie ihn auf ihren Hof. Da durfte er allerlei lernen, und der
+Bauer sagte oft: »Der Frieder ist<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> gar nicht so dumm, wie er aussieht.«
+Er durfte im Stall und auf dem Feld und in den Obstgärten helfen und
+konnte ganz tun, als ob er zu Hause wäre.</p>
+
+<p>Aber am glücklichsten war er doch, wenn die Bäuerin nach der Stadt oder
+aufs Feld wollte und dem Frieder vorher mit der Hand über das Haar
+strich, wie seine Mutter getan hatte, und dann zu dem Bauern sagte: »Da
+kann man ruhig sein. Dem Adam passiert nichts, wenn der Frieder dabei
+ist. Der läßt keinem Kleinen etwas geschehen!«</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span></p>
+
+<h2>3. Wer die Mutter am liebsten hatte.</h2>
+</div>
+
+<figure class="figright illowp100" id="illu-017" style="max-width: 31.25em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-017.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<p>In einer großen, freundlichen Schlafstube standen vier Bettchen,
+immer eins etwas größer als das andere. Und in den Bettchen lagen
+vier Kinder, auch immer eins größer als das andere. Sie schliefen
+aber noch nicht, obgleich sie schon ihr Nachtgebet gesprochen hatten,
+sondern jedes sah ganz erwartungsvoll nach der Türe. Denn die Mutter
+war von Kathrine, der Köchin, in die Küche geholt worden, und ehe
+man einschlief, mußte sie noch einmal kommen und jedem Kind einen
+Gutenachtkuß geben. Das konnte man sich gar nicht anders denken.
+Hänschen, der kleinste, rieb sich immerfort die Äuglein, denn die
+wollten ihm zufallen; da kam die Mutter herein. »Wer wacht noch von
+meinen kleinen Schelmen?« fragte sie. »Ich, ich,« riefen alle und jedes
+wollte die Mutter zuerst bei sich haben. »Mütterlein, ich habe dich
+doch am aller-allerliebsten,« sagte Gustav. Er war schon zehn Jahre
+alt und ein fleißiger Schüler. Und er machte heimlich einen schönen
+Lampenschirm für die Mutter, den sollte sie morgen bekommen; deshalb
+dachte er, er habe die Mutter am liebsten, denn so etwas konnten die
+Kleinen nicht tun. Aber diese wollten sich's nicht gefallen lassen; sie
+wollten die Mutter auch am liebsten<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> haben, und es hätte beinah' Streit
+gegeben unter den Geschwistern.</p>
+
+<p>Da sagte die Mutter: »Für heute seid ihr nun alle zusammen ganz still
+und schlafet flugs ein! Morgen am Tag will ich's dann sehen, wer mich
+am liebsten hat!« Und sie küßte ein jedes Kind und ging hinaus. Gustav
+mußte leise vor sich hinlachen. »Das wird sich freilich zeigen morgen!«
+dachte er. Aber die andern besannen sich auch, jedes für sich, wie sie
+es anstellen könnten, daß die Mutter es merke, und darüber schliefen
+sie ein. Nur Gretchen, das siebenjährige Schwesterlein, konnte noch
+nicht gleich einschlafen. Es war heut am Tage unartig gewesen, hatte
+den kleinen Hans geschlagen und trotzig mit dem Fuß gestampft, weil
+es nicht mit Kathrine zum Kaufmann gehen durfte. Das fiel ihm jetzt
+ein und es dachte: »Da glaubt's dann die Mutter freilich nicht, daß
+ich sie am liebsten habe! Und ich habe sie doch so lieb, daß ich's
+gar nicht sagen kann, wie. Aber morgen will ich gewiß sehr lieb und
+folgsam sein!« Und Gretchen drehte sich auch gegen die Wand und schlief
+ein. Weil die Mutter aber gesagt hatte, daß man ganz zuletzt vor dem
+Einschlafen noch beten sollte, so legte es noch die Händlein zusammen
+und fing an: »Lieber Gott, mach mich fromm, daß ich — —.« Da schlief
+sie schon.</p>
+
+<p>Am andern Tag war ein Sonntag. Da mußte man nicht in die Schule und der
+Vater nicht aufs Kontor, und Vater und Mutter gehörten, wenn sie von
+der Kirche kamen, den ganzen Tag ihren Kindern. Am Sonntag war es doch
+am allerschönsten! Die Mutter brachte schon früh die Sonntagskleider
+an die Bettchen und dann wollte jedes Kind zuerst fertig sein, und das
+summte und wimmelte durcheinander, wie bei den Bienen und den Ameisen.
+Heute war Moritz zuallererst fertig. Er hatte das Amt, die Milchbrote
+beim Bäcker zu holen, und Sonntags gab es da allemal eine Brezel für
+ihn als Dreingabe.<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> Mit dieser hatte er heute etwas Besonderes vor.
+Ganz verstohlen legte er die glänzend-braune, schön gezuckerte Brezel
+auf die Tasse der Mutter. Da würde sie dann schon merken, daß er sie am
+liebsten habe. Inzwischen hatte Gustav schon den bunten Lampenschirm,
+mit einer Winterlandschaft darauf und verschneiten Häuschen und einer
+Kirche, über die Hängelampe gestülpt; er konnte kaum erwarten, bis ihn
+die Mutter entdecken würde. Gretchen hatte nichts zu verschenken. Sie
+merkte auch gar nicht, daß die Brüder etwas hatten. Sie hatte sich
+leise und schnell angezogen und kein einziges Mal »au« geschrieen, als
+ihr die Mutter die Haare kämmte. Das tat sie sonst sehr oft. Und dann
+machte sie sich daran, Hänschen anzuziehen, der erst fünf Jahre alt war
+und noch nicht allein fertig wurde. Die Mutter sah es wohl, aber sie
+sagte nichts darüber. Sie sah auch, daß Hänschen sehr mutwillig war
+und das Schwesterlein an den Haaren zog und in die Arme kniff, und daß
+Gretchen nur ganz verständig sagte: »Du mußt auch lieb sein, Hänschen;
+weißt du, nachher läßt Vater dich auf der Achsel reiten!«</p>
+
+<p>Beim Frühstück entdeckte die Mutter die Geschenke und freute sich sehr
+darüber, und als Hänschen das sah, schleppte er sein großes Bilderbuch
+und seinen Frachtwagen herbei: »Da, Mutter, das schenke ich dir!
+Nimm's nur, das Christkindlein bringt mir dann schon wieder einen
+neuen!« Er wollte von allen am meisten geliebt sein und streckte sein
+rotes Mäulchen zum Kusse her, noch ehe er sein Geschenk losgelassen
+hatte. Gretchen war ein wenig still, weil ihr im Augenblick nichts zu
+verschenken einfiel; denn so groß war sie schon, daß sie wußte, die
+Mutter könne nichts mit Puppen und Bilderbüchern anfangen.</p>
+
+<p>So ging sie nach dem Frühstück mit Hänschen in den Garten, zog sich und
+ihm große Schutzschürzen an und fing an, mit ihm ein Gärtchen aus Sand
+und Steinen und mit Gänseblümchen anzulegen. Das mußte man sie sonst
+sehr oft heißen,<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> weil sie viel lieber mit andern Kindern spielte, als
+mit dem kleinen Bruder. Aber sie wollte ja nicht mehr unfolgsam sein,
+der Mutter zulieb. Sie wurden beide ganz vergnügt und merkten kaum, daß
+schon die Kirche aus war und die Mutter hinter ihnen stand und ihnen
+zusah.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-020" style="max-width: 62.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-020.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<p>Die großen Brüder aber hatten die freie Zeit dazu benützt, Seifenblasen
+zu machen, und sich sehr mit Kathrine herumgestritten, die das nicht
+in ihrer schön gefegten Küche gestatten wollte. Und zum Schluß hatten
+sie gar noch miteinander Streit bekommen und die schöne, große
+Porzellan-Waschschüssel zerbrochen, in der sie ihren Seifenschaum
+angerührt hatten, obgleich das verboten war. Sie hätten ein irdenes
+Schüsselchen nehmen sollen. Die Mutter hörte den Lärm und das Klirren
+im Garten und kam herein. Da hatten sich die beiden gerade an den
+Haaren und jeder rief: »Du bist schuld, ich nicht!« Und als die Mutter
+den Streit schlichten wollte, blieb jeder dabei: »Er hat die Schüssel
+umgestoßen, ich nicht!«</p>
+
+<p>Es war kein schöner Sonntag, denn die zwei Brüder machten gegenseitig
+Trotzköpfe aneinander hin, und es dauerte lang, bis sie wieder einig
+waren. Gretchen mußte den kleinen<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> Hans allein unterhalten, die Großen
+saßen jeder für sich in einer Ecke und lasen. Und die Eltern konnten
+gerade heute nicht mit den Kindern spielen, denn es kam Besuch zu Vater
+und Mutter.</p>
+
+<p>Aber als am Abend die Kinder in ihren Bettchen lagen und die Mutter zu
+ihnen kam, fragte sie: »Wer hat denn nun die Mutter am liebsten?« Und
+nur der kleine Hans rief laut und fröhlich: »Ich!« Denn Gretchen wollte
+nichts sagen; es dachte, die Mutter sollte es selber spüren, daß es ihm
+ernst sei. Und das tat sie auch. Die Brüder waren ganz still, denn es
+fiel ihnen auf einmal ein, daß man den ganzen Tag über nicht viel von
+ihrer Liebe gespürt hatte, und sie hatten doch beide am deutlichsten
+zeigen wollen, jeder für sich, daß er die Mutter am liebsten habe. Und
+sie merkten es der Mutter gut an, daß sie nicht mit ihnen zufrieden
+sei, trotz des Lampenschirms und der Brezel.</p>
+
+<p>Aber sie horchten hoch auf, als die Mutter das Gretchen küßte und
+sagte: »Du hast mir heut' Freude gemacht, so ist's recht!« »Mich auch
+Freude gemacht,« rief Hänschen. Er wollte immer von allem seinen Anteil
+haben. Und den bekam er auch. Gustav und Moritz aber zogen ein jeder
+die Mutter zu sich herab und flüsterten: »Sicher, ich will auch nicht
+mehr streiten, ich will auch morgen den ganzen Tag brav sein, nicht
+nur morgens!« »Das ist recht,« sagte die Mutter, »denn wenn die Mutter
+keine Freude an euch haben kann, kann's der liebe Gott auch nicht!« Das
+Gretchen war schon fröhlich eingeschlafen, da sagte Gustav leise zu
+Moritz: »Du, hör', ich habe die Schüssel doch umgestoßen!« »Ich auch,«
+sagte Moritz. Dann schliefen sie auch ein, sie wollten ja morgen früh
+gleich damit anfangen, auch auf Gretchens Weise die Mutter lieb zu
+haben.</p>
+
+<p>Und morgen am Tag wollen wir sehen, ob sie Wort halten!</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span></p>
+
+<h2>4. Vom Jaköble, der nicht »Ja« sagen konnte.</h2>
+</div>
+
+<p>Der Jaköble hätte eins von den vergnügtesten Kindern im ganzen Dorf
+sein können, wenn er gewollt hätte.</p>
+
+<p>Seinem Vater gehörte das große Bauernhaus am Weidenbach, den man so
+nannte, weil er hüben und drüben von Weidenbüschen eingefaßt war. An
+das Haus war eine große Scheuer angebaut und auf der andern Seite
+ein Stall, der enthielt so viel Schönes, daß man sich wirklich daran
+freuen konnte. Erstens zwei feste, starke Mohrenschimmel, dann fünf
+Kühe und etliche Kälbchen, und außerdem noch in besonderen Verschlägen
+allerlei, was dem Jaköble und seinen Geschwistern zu eigen gehörte.
+Einen kohlschwarzen Geißbock, Namens Hannes, und ein weißes, wolliges
+Schäflein mit einem Glöckchen am Hals, und dann noch viele, viele graue
+und braune und weiße Stallhasen.</p>
+
+<p>Es war auch sonst noch viel Erfreuliches um das Haus herum zu finden.
+Da war der Garten vornen am Haus mit dem großen Nußbaum und der
+Stachelbeerhecke und den Blumenrabatten voll Pfingstnelken und Levkoyen
+oder Gelbveigelein, je nach der Jahreszeit. Und ging man hinten zur
+Haustüre hinaus, so befand man sich schon auf der großen Wiese, durch
+die der Bach floß und auf der nicht nur Schlüsselblumen wuchsen
+und Vergißmeinnicht, sondern auch Äpfel und Birnen, Kirschen und
+Zwetschgen. Wie gesagt, der Jaköble hätte gewiß vergnügt sein können.
+Wenn man so eine schöne, behagliche Heimat hat und dazu liebe Eltern
+und fröhliche Geschwister und einen alten Vetter Andres, der einen auf
+dem Schimmel<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> reiten läßt, so oft man ihn bittet, und der Geschichten
+weiß, — mehr als der Pelzmärtel Nüsse in seinem Sack hat. Und das sind
+nicht wenig, hat der Andres selber gesagt.</p>
+
+<figure class="figright illowp74" id="illu-023" style="max-width: 31.25em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-023.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<p>Aber der Jaköble war doch nicht vergnügt, wenigstens nicht oft. Wenn
+die Liese, seine Schwester, den ganzen Tag lachte und sang, einerlei,
+ob sie Strümpfe flickte oder ihr Schäfchen auf die Weide führte oder
+der Mutter im Haus half, so stand er da, steckte die Hände in die
+Hosentaschen und sah so nachdenklich aus, als ob er sich über ungeheuer
+schwierige Dinge zu besinnen habe. Und wenn der dicke Ludwig, sein
+Brüderlein, herangewackelt kam und sagte: »Komm, Jaköble, mach' mir
+eine Peitsch' aus dem Stecken und der Schnur da, so tun wir dann
+Gäules,« so schüttelte der Jaköble nur den Kopf und sagte nichts als:
+»Hm — m;« das sollte heißen: »Nein, das tu' ich nicht,« aber es war
+leichter zu sagen, man mußte da den Mund nicht so weit aufmachen. Fuhr
+der Knecht mit den Schimmeln auf die Au, um Heu zu holen, und sagte:
+»Geh her, Jaköble, sitz auf, mein', das ist lustig!« so brummte der
+nur: »Es holpert so,« und blieb am gleichen Fleck stehen. Manchmal
+reute es ihn gleich nachher und er hätte gern noch »Ja« gesagt, aber
+das brachte er dann nicht heraus, durchaus nicht.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span></p>
+
+<p>Der Vater und die Mutter hatten es schon auf alle Weise probiert, den
+mockigen Buben ein wenig zu ändern. Denn so konnte man keine rechte
+Freude an ihm haben. Aber es half bis jetzt alles nichts. Sagte die
+Mutter: »Jaköble, trag mir auch einen Arm voll Holz in die Küche,« so
+sagte er zuerst trutzig: »Nein;« und wenn er es auch nach einer Weile
+doch noch tat, so wies es die Mutter doch lieber die Luise an, die kein
+so finsteres Gesicht dazu machte.</p>
+
+<p>Der Vater ging manchmal in die Stadt, weil er da zu tun hatte. Dann
+fragte er allemal vorher die Kinder: »Soll ich euch etwas mitbringen?«
+Und Ludwig und Luise riefen laut und lustig: »Ja, ja, etwas Gutes und
+Schönes,« und hatten allerlei Wünsche.</p>
+
+<p>Der Jaköble hatte auch Wünsche, aber als er sie sagen wollte, fiel
+ihm auf einmal ein, daß er gestern vom Vater Schläge bekommen hatte,
+weil er nicht getan hatte, was er mußte. Und gleich biß er trotzig die
+Zähne zusammen und sagte nichts, denn er dachte: »Es ist mir dann auch
+gleich, wenn ich nichts bekomme.«</p>
+
+<p>Es war ihm aber nicht gleich, sondern er konnte je länger, je weniger
+vergnügt sein. Er mußte ja sehen, wie lustig alles um ihn her war,
+die Geschwister und der kleine Stallbub und sogar die Gänse und Enten
+im Bach. Nur er hatte immer etwas, warum er nicht vergnügt sein
+konnte, und alle erzürnten ihn und taten, als ob er gar nicht dazu
+gehöre, und niemand mochte ihn leiden. So dachte der Jaköble, und das
+je länger, je mehr. Denn wenn man einmal anfängt, eigensinnige und
+trotzige Gedanken in seinem Herzen zu haben, und jagt sie nicht davon,
+so werden sie immer größer und machen einen immer unglücklicher. Der
+Vetter Andres hatte den Jaköble einmal ein Verslein lehren wollen und
+gesagt: »Paß auf, Jaköble, das ist etwas für dich, das mußt du lernen,«
+aber er hatte nur gesagt: »Ich<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> muß jetzt in den Stall und den Hannes
+herauslassen,« und der Vetter Andres mußte sein Verslein auf spätere
+Zeiten aufheben.</p>
+
+<p>So war der Jaköble sechs Jahre alt geworden. An seinem Geburtstag war
+ein schöner Schulranzen erschienen mit allem darin, was ein ABC-Schütze
+in der Schule braucht. Denn aufs Frühjahr sollte er in die Schule
+kommen, und die Eltern hofften, daß er da ein bißchen munterer und
+fügsamer und auch fröhlicher werden würde. »Da schleift einer den
+andern ab,« sagte der Vater. »Der eine hat da Ecken und der andere
+dort, und wenn sie sich aneinander reiben, so werden sie glatt wie zwei
+Mühlsteine.« Der Jaköble wollte aber nicht gern in die Schule, denn
+nun dachte er auf einmal, es sei viel schöner im Garten und auf dem
+Heuboden und im Stall, als in dem großen Schulhaus. Und darum hatte er
+auch keine rechte Freude an dem schönen Ranzen mit dem Fellüberzug und
+den goldenen Buchstaben drauf. Es war ihm ganz schwer ums Herz, und als
+der kleine Ludwig schmeichelnd sagte: »Laß mich ein bißle beißen von
+dei'm Herzlebkuchen,« stieß er ihn weg und sagte: »Wenn ich dumm wäre.«
+Er hatte nicht bös gegen das Brüderlein sein wollen, er war nur sonst
+schon widerwärtig aufgelegt.</p>
+
+<p>Die Mutter sah es, aber sie sagte nichts, denn sie wollte heute nicht
+zanken. Sie gab nur dem Kleinen eine Birne in die Hand und sagte:
+»Komm, du darfst mir helfen Küchlein backen.«</p>
+
+<p>Nachher erzählte sie es aber dem Vater, und beide Eltern beschlossen,
+daß der Jaköble nun einmal mit Güte oder Strenge anders werden müsse.
+So gehe das nicht fort.</p>
+
+<p>Zuerst wollte es der Vater noch einmal mit einer rechten Freude
+probieren, die er dem Buben machen wollte. Er mußte am Nachmittag in
+die Stadt. Da dachte er, die Schimmel an das blaue Bernerwägelein
+zu spannen, und die beiden größeren Kinder, Liese und Jaköble,
+mitzunehmen. Das hätte nun den Jaköble freuen können, wie nicht leicht
+etwas. Denn so fröhlich<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> und liebevoll, wie der Vater immer war, wenn
+er frei von Sorgen und Geschäften mit seinen Kindern zusammen sein
+konnte, so konnte man nicht leicht wieder einen finden.</p>
+
+<p>Liese hüpfte auch immerfort bald auf dem rechten, bald auf dem linken
+Fuß ums Haus herum, nur um ihrer Freude Luft zu machen, und dann
+rannte sie allemal wieder zu der Mutter in die Küche und fragte sie
+immer wieder etwas Neues. Denn sie wollte sich gern die zu erwartenden
+Freuden genau ausmalen.</p>
+
+<p>Der Jaköble war gerade bei Hannes im Stall gewesen, als Liese
+herangehüpft kam und ihm die große Neuigkeit erzählte. Er wollte sich
+gerade anfangen zu freuen, da sagte Liese zum Unglück noch: »Gelt,
+mir geht's gut! Wie mein Geburtstag gewesen ist, habe ich mit dem
+Andresvetter zur Taufe nach Holzingen dürfen. Und heut' ist deiner, und
+da darf ich mit in die Stadt!«</p>
+
+<p>Dann hüpfte sie weiter. Sie hatte den Jaköble gewiß nicht ärgern
+wollen, er ärgerte sich nur selbst darüber. »Dann kann der Vater auch
+meinetwegen allein mit der Liese fahren, wenn sie doch überall mit
+soll,« dachte er, und konnte sich kein bißchen freuen. Denn er mußte
+nun bei allem Schönen, was er sich vorstellen wollte, die Liese vor
+sich sehen, die sich so freute, als ob <em class="gesperrt">ihr</em> Geburtstag sei. Und
+es war doch seiner!</p>
+
+<p>Nach einer Weile kam der Vater, der sich vorgenommen hatte, den Jaköble
+recht liebreich anzufassen und ihm die große Freude recht anschaulich
+zu machen, und der dann auch noch gedacht hatte, er könne sein Büblein
+bei dieser Gelegenheit auch ein wenig ermahnen.</p>
+
+<p>Aber der Jaköble drehte nur immerfort an dem Peitschenstiel, den er in
+der Hand hielt, so, als ob er eine bestimmte Zahl mal zu drehen hätte,
+und sah gar nicht in die Höhe. »Das weiß ich,« sagte er nur, »die Liese
+hat's gesagt.« »So, aber gelt, das wird schön?« sagte der Vater immer
+noch<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> freundlich, obgleich es ihn verdroß, daß der Bub' gar nicht
+erfreut tat.</p>
+
+<p>»Ich darf auch nicht mit, wenn der Liese ihr Geburtstag ist,« brachte
+der Jaköble endlich heraus. Das war nun dem Vater zu viel, daß der
+Jaköble selbst an dieser erfreulichen Gelegenheit nur etwas zum Brummen
+fand und nichts zum Freuen.</p>
+
+<p>»Hör' einmal,« sagte er ein wenig streng, »ich muß dir jetzt etwas
+sagen. Ich habe noch nie ein Kind gekannt, das es so gut gehabt hätte
+wie du, und dabei so verdrießlich und undankbar gewesen wäre. Ich hätte
+als kleiner Bub' einen Luftsprung gemacht, wenn mich mein Vater extra
+zum Vergnügen an meinem Geburtstag spazieren geführt hätte. Und wenn
+ich so ein nettes, liebes Schwesterlein gehabt hätte wie du, so hätte
+ich dann so lang gebettelt, bis es der Vater auch mitgenommen hätte.«</p>
+
+<p>»Die Liese bettelt auch nicht, daß ich mitdarf,« dachte Jaköble. Und
+das sah man ihm an, denn er sah nun noch ein wenig trotziger aus als
+vorher.</p>
+
+<p>»So, nun merk auf,« sagte der Vater erzürnt, weil alles Zureden nichts
+half; »so, mit diesem Gesicht nehme ich dich nicht mit. Sie könnten
+sonst in der Stadt denken, man habe bei uns da draußen lauter solche
+Starrköpfe. Wenn du willst, daß etwas aus der Sache wird, so kannst du
+zu mir kommen und es sagen. Sonst fahre ich allein mit der Liese.«</p>
+
+<p>Der Vater hielt ein wenig inne, denn er wollte sehen, was das, was er
+gesagt hatte, für einen Eindruck gemacht habe. Er sah es dem Jaköble
+wohl an, daß er sehr gern mitgefahren wäre. Und er wollte es ihm gern
+erleichtern.</p>
+
+<p>»Besinne dich <em class="gesperrt">jetzt</em> gleich,« sagte er noch einmal. »Willst du
+mit? Du darfst nur ›Ja‹ sagen, wenn du willst, sonst nichts.«</p>
+
+<p>Der Jaköble drückte und würgte, aber es kam kein »Ja« heraus. Er sah
+ganz deutlich die Herrlichkeiten der Stadt vor<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> sich und den Weg durch
+die Kornfelder und am Bach hin und das Wirtshaus unterwegs, wo der
+Vater einzukehren pflegte.</p>
+
+<p>Aber nachgeben? Freundlich sein und den Mund aufmachen und »Ja« sagen?
+Das dünkte dem Jaköble das allerschwerste zu sein, das wollte er lieber
+gar nicht probieren.</p>
+
+<p>»Kannst du nicht ›Ja‹ sagen?« Eine solche Stimme, kam es dem Buben vor,
+habe der Vater noch gar nie gehabt. Halb zornig und halb traurig klang
+sie, und dann wandte er sich zum Gehen.</p>
+
+<p>»Was wird der Bub' noch einmal durchzumachen haben,« sagte er vor sich
+hin. Dann sah er noch einmal herum.</p>
+
+<p>»Denk daran, wenn du einmal groß bist und vielleicht in der Fremde, und
+hast niemand mehr, der es gut mit dir meint, denk dann daran, wie du
+dir selber deine schönste Zeit verdorben hast. Und deinen Eltern und
+Geschwistern auch die ihrige.«</p>
+
+<p>Und dann ging der Vater langsam hinaus, denn er hoffte immer noch, daß
+sich der Jaköble noch besinne und »Ja« sage.</p>
+
+<p>Aber das geschah nicht. Als er schon lang allein war, stand er immer
+noch auf demselben Fleck und starrte den Hannes an, und alle beiden
+machten Bocksköpfe aneinander hin. Der kleine Stallbub' kam gerade mit
+einem Korb voll Häckerling zur Türe herein. Er hatte alles mitangehört
+und sagte nun: »So dumm sein aber auch! Wenn man nur darf ›Ja‹ sagen
+und dann kann man die schönste Fahrt machen! Ich tät hunderttausendmal
+ja sagen, wenn ich dann so etwas dürfte!« Der hatte aber gut reden,
+dem bot es niemand an. Der hatte keine Eltern mehr und niemand auf
+der ganzen Welt. Der mußte sein Essen verdienen und seine Kleider und
+Schuhe.</p>
+
+<p>»Dich geht es nichts an,« war die ganze Antwort des Jaköble. Dann nahm
+er die lange Weidenrute, die er gerade zur Hand hatte, und zog dem
+Hannes eins über den Rücken, daß der einen hohen Satz machte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span></p>
+
+<p>Als er allein war, schlich sich der Jaköble zum Stall hinaus und
+durch die große Wiese hinunter an den Bach. Es stand ein ganz alter
+Weidenbaum dort, der hatte einen stark ausgehöhlten Stamm, man konnte
+ganz und gar hineinschlüpfen. Das tat der Jaköble jetzt auch. Er kam
+sich so unglücklich vor und ganz verlassen, und darüber wollte er nun
+ungestört nachdenken. Er setzte sich auf den Boden und lehnte den Kopf
+an die Baumwand und seufzte. »Das soll dann ein Geburtstag sein! Zuerst
+bekommt man einen Ranzen und will doch nicht in die Schule. Dann ist
+die Mutter bös, weil ich dem Ludwig nicht gleich meinen Herzlebkuchen
+gebe; dann ärgert einen die Liese! Der ihr Geburtstag ist doch nicht,
+es ist doch meiner! Dann ist der Vater so — so, <em class="gesperrt">auch</em> bös ist
+er, ich weiß schon! Was hat er nur auch gemeint? Wann ich in der Fremde
+sei und habe gar niemand mehr, dann, was soll ich dann?«</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-029" style="max-width: 62.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-029.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<p>Der Jaköble hatte vor lauter Herzeleid und Nachdenken<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> gar nicht
+bemerkt, daß ein Handwerksbursche zu ihm herangekommen war. Er sah
+etwas merkwürdig aus, seine Kleider waren ihm viel zu klein und eng
+und auf dem Rücken trug er einen Schulranzen statt des Felleisens, das
+sonst die Handwerksburschen haben. Der Handwerksbursche setzte sich
+gerade vor Jaköble ins Gras, denn er war sehr müde und sein Gesicht sah
+finster aus.</p>
+
+<p>»Was willst du auf meiner Wiese?« fragte Jaköble. Er konnte nicht
+leiden, daß sich so ein fremder Mensch da hersetze. Der Fremde fuhr
+erschreckt zusammen. »So sagen alle Leute,« sagte er. »Niemand kann
+mich leiden, niemand.« — »So geht mir's auch,« sagte der Jaköble, da
+konnte er gut mitreden. Der Handwerksbursche lachte. »Das weiß ich,«
+sagte er; »gelt, du kannst auch nicht ›Ja‹ sagen? Ich auch nicht,
+ich hab's gleich gar nicht probiert, es ist zu schwer! Und in die
+Schule hätt' ich sollen, aber ich hab's nicht getan. Ich bin lieber
+fortgegangen, weit fort. Es findet mich kein Mensch mehr. Und meinen
+Herzlebkuchen ess' ich selber, siehst du, ich hab' ihn in der Tasche!«
+Dem Jaköble grauste vor dem Handwerksburschen. Er sah ihn scheu an; da
+sagte dieser: »Dir sag' ich's ganz allein; ich täte jetzt gern alles,
+was man wollte, alles! Aber es ist niemand mehr da, der es gut mit mir
+meint. Und wenn ich hundertmal sagen wollte: ›Ja, ja, ja, du kannst nur
+befehlen, Vater, ich tu's gern, siehst du, ich mache ein freundliches
+Gesicht dazu‹ — so nützt das nichts. Denn der Vater ist tot und die
+Mutter auch. Und die Liese ist weit fort. Sie hat mich gern gehabt;
+alle haben mich gern gehabt, ich weiß wohl, aber das nützt nichts mehr,
+ich habe eben nicht ›Ja‹ sagen können. Und auf dem Hof ist der Ludwig.
+Der ist jetzt groß, er will aber nichts von mir. Ich gehe gar nicht
+hinein, er sagt sonst: ›Wenn ich dumm wäre, dann gäbe ich dir etwas.‹
+So habe ich auch immer zu ihm gesagt, wie er noch ganz klein war.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span></p>
+
+<p>Der Jaköble zitterte vor Angst. Der Handwerksbursche hatte ja
+<em class="gesperrt">seinen</em> Schulranzen auf, er war nur arg verdorben, und im
+Gesicht kam er ihm auch so bekannt vor. Er getraute sich kaum den Mund
+aufzumachen, aber endlich brachte er doch heraus: »Wer bist du denn?«
+»Das geht dich nichts an,« sagte der Handwerksbursche grob. Als er aber
+sah, wie sehr der Jaköble sich fürchtete, wurde er ein wenig milder
+und sagte: »Ich hab' einmal Jaköble geheißen, des reichen Weidenbauern
+Jaköble haben mich auch die Leute geheißen. Jetzt hab' ich keinen Namen
+mehr und keinen Vater und keine Heimat und nichts.«</p>
+
+<p>Da tat der Jaköble einen lauten Schrei und rief: »Nein, ich bin der
+Jaköble selber, du bist er nicht.« Aber der Handwerksbursche sagte:
+»Nein, nein, ich bin's, ich weiß gewiß. Ich muß jetzt immer an meine
+schöne Zeit denken und wie ich die verdorben habe. Nur weil ich den
+Mund nicht aufmachen konnte und nicht ›Ja‹ sagen. Du kannst auch nicht,
+ich seh' dir's an!«</p>
+
+<p>Aber der Jaköble war von dem allem so entsetzt, daß er sich gar nicht
+mehr besinnen konnte. Er rief nur laut hinaus:</p>
+
+<p>»Doch, ich kann ›Ja‹ sagen! Alles kann ich sagen! Und ich bin der
+Jaköble, du bist er nicht!« Und dann fing er an, ganz laut Ja zu rufen,
+und immer noch lauter, damit er's ja nicht mehr verlerne.</p>
+
+<p>Da sprang der Handwerksbursche auf vom Gras und Jaköble sah ihn auf
+einmal nicht mehr. Und statt seiner sah er den Andresvetter, der vor
+ihm stand und sagte: »Komm ins Haus, Büblein, komm! Du wirst mir nicht
+krank werden wollen, du schreist ja ganz laut im Schlaf! Wer setzt sich
+auch an den Bach zum Schlafen?«</p>
+
+<p>Jaköble rieb sich verwundert die Augen. »Wo ist der Handwerksbursch?«
+fragte er. »Es ist weit und breit kein Handwerksbursche,« beruhigte ihn
+der Andresvetter und fühlte<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> dem Buben an den Kopf, ob er Hitze habe.
+»Ich bin nicht krank,« sagte der Jaköble, »und ich habe nur so laut
+geschrien, weil der Handwerksbursche gesagt hat, ich könne nicht ›Ja‹
+sagen und er sei selber der Jaköble.«</p>
+
+<p>Und nun mußte der Andresvetter den ganzen Traum hören, denn der Jaköble
+war in seinem Weidenbaum eingeschlafen gewesen und hatte das alles
+geträumt.</p>
+
+<p>»Aber du kannst froh sein, Büblein,« sagte der Vetter. »Du kannst Gott
+Lob und Dank sagen! Siehst du, gerade so hätt's kommen können, wenn
+es so fortgegangen wäre wie in der letzten Zeit! Gerade so, und dann
+wärst du dein Leben lang unglücklich! Aber gelt, jetzt merkst du dir's,
+jetzt kommt's anders?« Der Jaköble nickte mit dem Kopf, aber dann fiel
+ihm ein, daß er ja jetzt »Ja« sagen könne und er sagte noch hintennach
+laut und deutlich »Ja«. »So komm, so wollen wir ins Haus gehen,« sagte
+der Vetter. »Das Mittagessen ist lang vorbei, man hat dich nirgends
+gefunden.« »Ist der Vater in die Stadt mit der Liese?« fragte Jaköble.
+Es fiel ihm doch ein wenig schwer. »Nein, sie sind nicht gefahren,«
+sagte der Andresvetter. »Die Liese hat nicht ohne dich wollen, sie hat
+so lang gebettelt, bis der Vater versprochen hat, wenn es dir nachher
+noch leid sei, dann dürfest du es immer noch sagen und dann fahre man
+morgen.« »Ist das wahr?« Der Jaköble machte nun auch einen Luftsprung,
+denn es wurde ihm so leicht, wie schon lange nicht. Er ließ die Hand
+des Andresvetters los und lief voran ins Haus. Dort traf er den Vater
+unter der Stubentür. Der sah ihn ernsthaft an, aber der Jaköble ließ
+ihm gar keine Zeit, etwas zu sagen, er rief gleich laut und fröhlich:
+»Ja, ja,« denn sonst fiel ihm nicht gleich etwas ein. Aber der Vater
+verstand ihn gut und sein vergnügtes Gesicht sagte auch noch einiges.
+So gingen sie miteinander zur Mutter. Die fütterte eben den kleinen
+Ludwig<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> und rief erfreut: »Da kommt er ja! Wo bist du denn gesteckt,
+Jaköble, du dummes Büblein?« »Er will jetzt brav sein und vergnügt,«
+sagte der Vater, »gelt, das willst du?« Und Jaköble sagte »Ja«, denn
+es kam ihm immer wieder in den Sinn, daß der Handwerksbursche gesagt
+hatte, er könne nicht »Ja« sagen. Er spürte aber gut, daß es nicht an
+dem einzigen Wörtlein liege, sondern daß er nicht mehr so trotzig und
+mürrisch und undankbar sein dürfe. Und das sagte ihm auch die Mutter am
+Abend, als er in seinem Bettchen lag.</p>
+
+<p>So wohl war es dem Jaköble schon lang nicht mehr gewesen, alle waren
+so lieb und gut gegen ihn, auch die Liese; warum hatte er nur gemeint,
+es könne ihn niemand leiden? »Das hat der Eigensinn gemacht,« sagte
+der Andresvetter, als ihn der Jaköble am andern Tag darum fragte.
+»Und jetzt will ich dir einmal das Verslein sagen, das ich schon lang
+wollte, ich meine, du könntest es jetzt gut lernen.« Und Jaköble sagte
+dem Andresvetter Wort für Wort nach:</p>
+
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Jesu, nimm den Eigensinn</div>
+ <div class="verse indent0">Meines bösen Herzens hin,</div>
+ <div class="verse indent0">Denn ich selbst besieg' ihn nicht,</div>
+ <div class="verse indent0">Hilf du selber, wo's gebricht!</div>
+</div>
+ <div class="stanza"></div>
+ <div class="verse indent0">Ach, vergrab ihn in ein Grab,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß ich Ruhe vor ihm hab',</div>
+ <div class="verse indent0">Daß er nimmer aufersteh',</div>
+ <div class="verse indent0">Sondern ewig untergeh'!«</div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Das hat dem Jaköble noch besser geholfen, als der Traum von dem
+Handwerksburschen. Denn den Eigensinn muß man gründlich vertreiben,
+sonst kann man nicht fröhlich sein.</p>
+
+<p>Das ist die Geschichte vom Jaköble, der nicht »Ja« sagen konnte. Jetzt
+kann er's.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span></p>
+
+<h2>5. Kätterles Christbaum.</h2>
+</div>
+
+<p>Mitten in der großen Stadt in einer engen Straße stand ein hohes,
+hohes Haus mit vielen Fenstern und grünen Läden. Es wohnten viele
+Leute darin, so viele, daß nicht alle einander kannten. Unten im Haus
+war ein Laden und das Glöckchen an der Ladentür bimmelte den ganzen
+Tag. Denn die Tür ging immer auf — zu, auf — zu, und jedesmal kamen
+Leute herein und kauften ein. Zucker und Kaffee konnte man haben, und
+Reis und Gerste. Aber auch Mandeln und Rosinen und Schokolade. Am
+Schaufenster stand ein großer, kohlschwarzer Neger, kein lebendiger, er
+war aus Pappdeckel und angemalt, der trug einen Korb vor sich her mit
+Orangen und Datteln, und um den Hals hatte er eine Kette von Feigen.
+Und alle kleinen Buben und Mädchen, die da vorbei mußten, standen einen
+Augenblick still und sahen sich den Neger an, und ich weiß einen, der
+sagte dann jedesmal: »O, wenn ich doch auch eine Halskette von Feigen
+hätte, ich wüßte, was ich damit täte!«</p>
+
+<p>Aber von dem allem hörte und sah das kleine Kätterle nichts, obgleich
+es auch in demselben Haus mit dem großen Neger wohnte. Und das war
+kein Wunder, denn um in ihre Stube zu kommen, mußte man vier Treppen
+hoch steigen und dann durch einen dunklen Gang gehen, bis man dann
+vielleicht mit dem Kopf an die Türe stieß. Das taten fast alle Leute,
+die zu Kätterles Großmutter kamen, weil es so finster war. Innen war's
+freilich nicht finster, da waren zwei helle Fenster. An dem einen
+saß die Großmutter und nähte, denn sie war<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> eine Flicknähterin, und
+die Leute brachten ihr ganze Körbe voll zerrissener Sachen. Und an
+dem andern Fenster stand gewöhnlich das Kätterle und sah in den Hof
+hinunter. Denn sonst gab es da nichts zu sehen. Das Haus gegenüber
+hatte die Fenster nach der andern Seite und hier heraus gingen nur die
+Küchenfenster, die meist noch mit Vorhängchen verhüllt waren. Aber
+in dem Hof geschah manches, was Kätterle gern sehen wollte. Kisten
+wurden abgeladen und ausgepackt, und der große Hofhund Zamba trieb sich
+dazwischen herum und bellte laut und lustig. Am lustigsten, wenn die
+Kinder aus den unteren Stockwerken im Hof spielten, denn mit denen war
+er gut Freund und sie fürchteten sich kein bißchen vor ihm. Kätterle
+hielt fast den Atem an, wenn einer der größeren Buben das mächtige
+Tier an sich heraufspringen ließ und ihm einen Knochen dreimal wegnahm
+und es dreimal darnach springen ließ, ehe es ihn abnagen durfte. So
+von weitem zuzusehen war aber ganz vergnüglich, besonders wenn man
+sonst keinerlei Vergnügungen hatte. Geschwister und Kameraden hatte
+das Kätterle noch nie gehabt, es wohnte da oben, seit es sich denken
+konnte, und war fast immer so am Fenster gestanden, und jetzt war es
+fünf Jahre alt.</p>
+
+<figure class="figright illowe20" id="illu-035">
+ <img class="w100" src="images/illu-035.jpg" alt="">
+ </figure>
+
+<p>Die Großmutter ging oft den ganzen Tag aus. Sie nähte dann in den
+Häusern, und dann war das Kätterle ganz allein. Wenn sie zu Hause war,
+sprach sie auch nicht viel, denn sie hörte nur ganz wenig und war auch
+nicht aufgelegt zum Sprechen. Nur manchmal sah sie das Kätterle an,
+schüttelte den Kopf und sagte: »Armes Kind!« Die Kleine wußte nicht,
+warum die Großmutter so sagte, sie besann sich auch nicht darüber.
+Vielleicht meinte die Großmutter, deswegen, weil<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> das Kätterle seine
+Eltern nie gekannt habe und weil es sonst niemand habe auf der ganzen
+Welt als sie, sei es ein armes Kind. Und das war auch so, denn die
+Großmutter war schon sehr alt und oft recht schwach, und man konnte gar
+nicht wissen, wie lang sie noch so für die Leute nähen konnte. Und wer
+sollte dann Geld verdienen für alle beide?</p>
+
+<p>Aber daran dachte das Kind nicht. Eines Tages, als es an sein
+Guckfenster kam, waren die Dächer und Fenstersimsen voll Schnee, der
+in der Nacht gefallen war. Und es wirbelten immer noch weiße Flocken
+in der Luft umher und setzten sich dann ganz sachte nieder, immer
+ein Flöckchen aufs andere. Aus dem Hof schallten lustige Stimmen
+herauf. Die Buben schleppten ganze Traglasten Schnee zusammen, und
+an der Mauer erhob sich nach und nach, immer deutlicher erkennbar,
+ein Schneemann. Kätterle mochte kein Auge abwenden. Jetzt setzten
+die Kinder dem Schneemann gar noch einen hohen schwarzen Hut auf und
+gaben ihm einen Stock in den Arm, und dann jubelten sie laut hinaus
+vor Vergnügen. Vor lauter Lust am Zusehen hatte das Kätterle ganz
+überhört, daß die Großmutter schon dreimal gerufen hatte, und das war
+doch etwas Seltenes und geschah nicht oft. »Kind, so hör doch,« sagte
+die Großmutter nun, so laut sie konnte, so daß sich die Kleine wirklich
+umkehrte und erstaunt aufhorchte. »Da nimm einmal mein warmes Tuch und
+binde es ganz um dich herum,« fuhr die Großmutter fort. »Und dann geh
+hinunter in den Laden, ganz unten im Haus und hol mir Kaffee für das
+eingewickelte Geld. Ich kann nicht selber, meine Füße zittern so und
+es ist mir ganz elend!« Das war nun etwas völlig Neues für Kätterle.
+Die Großmutter brachte sonst immer alles, was sie brauchte, selbst mit
+und die Kleine war fast noch nie drunten gewesen, allein noch gar nie.
+»Aber wenn Zamba kommt?« fragte sie ein wenig zaghaft. »Kommt nicht,«
+beschwichtigte<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> die Großmutter, und Kätterle machte sich auf die Reise.
+Wie weit es da hinunter ging! Immer noch eine Treppe und dann mußte
+man schließlich zur Haustür hinaus und vornen zur Ladentür hinein.
+Ganz verwundert blieb Kätterle stehen, als sie die nach der Straße zu
+führende Türe geöffnet hatte. Was konnte nur sein, daß alle Leute so
+schnell gingen? Und fast alle trugen Pakete unter dem Arm und einige
+sogar Tannenbäume. Und im Schaufenster stand heute anstatt des Negers
+ein schön aufgeputzter Christbaum mit Zuckerfiguren und roten Äpfelein,
+und Kätterle konnte sich fast nicht von dem Anblick trennen. Als sie
+in den Laden trat, fragte die Frau: »Gehörst du nicht unserer alten
+Flickkatharine droben?« Das Kind nickte, denn es hatte die Großmutter
+schon manchmal so nennen hören. »Warum kommt sie denn nicht selber
+heute?« wollte die Frau wissen. »Ihre Füße zittern so und es ist ihr so
+elend,« berichtete Kätterle, denn das war alles, was es wußte. »Armes
+Kind,« sagte die Frau und wandte sich an ihren Mann: »Man muß dem alten
+Weib ein wenig aufhelfen mit einem Wein oder so! Sie treibt's so wie so
+nimmer lang!«</p>
+
+<p>Dann gab sie dem Kind die Düte und noch eine Feige in die Hand und
+sagte noch: »Einen Christbaum habt ihr doch auch noch nicht? Ja, dazu
+langt's freilich nicht bei so armen Leuten!« Das Kätterle war schon
+wieder hinausgeschlüpft und besann sich nun unterwegs, während es in
+seine Feige biß, über alles Neue, was es gesehen und gehört hatte.
+Der Christbaum! War der schön! Kätterle mußte tief aufatmen! Die
+Großmutter hatte ihm auch einmal einen geputzt, mit etlichen Lichtchen
+und Bretzeln dran, ein kleines Bäumlein, aber es war doch eine Freude
+und Herrlichkeit gewesen. Und jetzt kam scheint's der Christtag wieder.
+Kätterle nahm sich vor, das der Großmutter sogleich beim Hinaufkommen<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span>
+auseinanderzusetzen, wahrscheinlich hatte sie es nur vergessen.</p>
+
+<p>Eifrig stieg das Kind die Treppen empor. Da, es hatte schon drei
+erstiegen, ging eine Glastür auf und eine alte Dame, die ganz in einem
+bunten Schlafrock steckte, kam heraus. Sie sah etwas sonderbar aus,
+denn am Kopf hatte sie lauter weiße Papierchen und darüber waren die
+Haare gewickelt.</p>
+
+<p>Kätterle mußte genau hinsehen, denn so etwas hatte sie noch nie
+erblickt. Aber Fräulein Glöckler, so hieß die alte Dame, war sehr in
+Aufregung. »Sag einmal, Kind,« fing sie sogleich an, »gehörst du der
+alten Frau, die ganz oben wohnt? Gehen eure Fenster auf den Hof? Und
+habt ihr ein Schnittlauchkistchen vor dem einen Fenster?« Kätterle
+konnte nur immerfort nicken, denn es stimmte alles, und die Fragen
+kamen so schnell aufeinander, daß man sonst gar nichts sagen konnte.</p>
+
+<p>»Dann muß ich mit dir hinaufgehen! Denn dann kann man das Kätzchen von
+eurem Fenster aus holen! Es hat sich verstiegen, das arme Tierchen, und
+sitzt nun ganz oben am Dach und schreit so kläglich. Komm mit, komm
+schnell mit, Kind, und zeig mir den Weg.«</p>
+
+<p>Kätterle ging bereitwillig voran und die Dame keuchte hintendrein, aber
+in dem langen Gang mußte sie Kätterles Hand erfassen, sonst hätte sie
+sich bei jedem Schritt gefürchtet.</p>
+
+<p>Jetzt machte das Kind die Tür auf und Fräulein Glöckler eilte noch
+vor ihm in die Stube, denn sie hatte es sehr eilig, zu dem Kätzchen
+zu kommen. Aber auf einmal blieb sie stehen. »Was ist das?« rief sie
+erschrocken und eilte auf die Großmutter zu. Die saß noch an ihrem
+gleichen Fensterplätzchen, aber sie sah aus, als ob sie fest schlafe,
+denn der Kopf hing ihr ganz tief über die Brust herunter. Fräulein
+Glöckler schüttelte sie und rief laut: »So wachen Sie doch auf, Frau!
+Was ist denn nur?« »Sie hört nichts,« berichtete das Kind,<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> »man muß
+ganz laut und oft rufen!« Aber das lebhafte Fräulein war auf einmal
+ganz still geworden.</p>
+
+<p>»Das nützt nichts, laut zu rufen,« sagte sie nur zu Kätterle, »die
+Großmutter wacht nicht mehr auf.« Das wunderte das Kätterle sehr, denn
+es konnte nicht verstehen, was damit gemeint sei. Daß nämlich die
+Großmutter jetzt gerade, so lang es drunten war, gestorben sei und nie,
+gar nie mehr aufwachen würde. Dann fuhr das Fräulein fort: »Wen hast
+du sonst noch? Hast du einen Vater oder einen Onkel? Oder wen muß man
+rufen, daß er das Nötige besorgt?«</p>
+
+<p>»Man muß niemand rufen, als nur der Großmutter und sonst ist auch gar
+niemand,« sagte das Kätterle. Das Fräulein sah wohl, daß das Kind
+nicht wußte, wie es dran war. So holte sie sich jetzt ihr Kätzchen,
+das man wirklich vom Fenster aus gut erreichen konnte, und nahm es
+auf den Arm. Zu Kätterle sagte sie: »Setz dich nur einstweilen still
+hin, ich schicke dir jemand.« Dann ging sie, um der Kaufmannsfrau
+unten alles mitzuteilen. Das Kätterle saß auch wirklich still. Es
+hatte so viel erlebt und mußte sich jetzt über alles besinnen. Es
+kam ihm so merkwürdig vor, daß die Großmutter noch immer ganz gleich
+dasaß und sich nicht rührte. Und dann das Fräulein mit dem sonderbaren
+Kopfschmuck! Und dieses wollte wieder jemand schicken! Und über all den
+vielen Gedanken schlief das Kind auf seinem Tritt am Fenster sitzend
+ein und träumte etwas ganz Wunderschönes. Denn der Christbaum vom Laden
+unten stand auf seinem Tisch und alle Lichtchen brannten und der Baum
+gehörte ihm, dem Kätterle. Und dann war auch das Fräulein Glöckler da,
+aber mit einem netten Spitzenhäubchen auf, und sprach ganz freundlich
+mit Kätterle, und das schwarz- und weißgefleckte Kätzchen schnurrte
+dazu.</p>
+
+<p>Auf einmal machte das Kind verwundert die Augen auf, es hatte
+fremde Stimmen gehört und jetzt waren zwei Männer<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> da und noch die
+Kaufmannsfrau von unten. »Tot ist sie, darüber ist kein Zweifel,« sagte
+der eine Mann. Und der andere fügte hinzu: »Da könnte man dann sogleich
+alles besorgen, daß die Sache erledigt ist.« Die Frau strich dem Kind
+über das Haar und sagte: »Jetzt bist du erst ganz verlassen, armes
+Ding! Bleib nur einstweilen ganz ruhig an deinem Fenster, ich schicke
+dir eine Suppe herauf. Und was dann aus dir wird, das weiß freilich der
+liebe Gott! Ich muß jetzt schnell wieder in meinen Laden hinunter, und
+drunten kann ich dich nicht brauchen, verstehst du?«</p>
+
+<p>Ach nein, das Kätterle verstand nichts von allem, gar nichts! Am
+allerwenigsten das, warum die fremden Leute jetzt die Großmutter
+in einen dunkeln Kasten legten und forttrugen. Jetzt erst fing es
+an, bitterlich zu weinen, denn es kam sich nun wirklich einsam und
+verlassen vor, ganz anders als sonst, wenn die Großmutter ganze Tage
+lang fortgewesen war.</p>
+
+<p>Aber die Kaufmannsfrau hatte gesagt: »Was dann aus dir wird, weiß nur
+der liebe Gott.« Und das war auch wahr, und es war ganz genug, daß er
+es wußte.</p>
+
+<p>Das Fräulein Glöckler unten hatte sich einstweilen ihre Haare
+abgewickelt, es hatte schöne Locken gegeben, und dann hatte sie ein
+hübsches Kleid angezogen und ein kleines Spitzenhäubchen aufgesetzt.
+Denn sie wollte gern festlich aussehen, weil heute der heilige Abend
+war. Auf dem Tisch stand ein kleines Tannenbäumchen, das war mit
+Lichtchen und Zuckersachen und vielen kleinen Würstchen behängt, und
+das sollte für ihr Kätzchen sein. Denn das Fräulein hatte niemand auf
+der ganzen Welt und liebte nur ihr Kätzchen, das Mimi hieß und in einem
+gepolsterten Körbchen schlief. Aber auf einmal hörte das Fräulein
+ein leises Weinen; das kam von oben her, wo das verlassene Kind so
+bitterlich schluchzte, daß man's durch die Decke hörte. Fräulein
+Glöckler ging ins andere<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> Zimmer; sie wollte nicht gern das Weinen
+hören. Aber da hörte sie es auch und sie ging unruhig hin und her und
+nahm immer wieder einen Augenblick das Kätzchen auf den Arm und setzte
+es dann wieder hin. Denn sie mußte immer wieder daran denken, daß das
+Kind gesagt hatte: »Man kann niemand rufen als nur der Großmutter und
+sonst ist niemand da.«</p>
+
+<figure class="figright illowp76" id="illu-041" style="max-width: 31.25em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-041.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<p>Es wurde schon dunkel, da nahm Fräulein Glöckler das Christbäumchen
+und löste alle Würstchen aus den Zweigen und dafür holte sie aus
+einer Schublade Glaskugeln und einen kleinen Wachsengel und zwei
+Silbersterne. Das alles hängte sie an das Bäumchen und zündete die
+Lichtchen an. Dann stieg sie die Treppe hinauf, tastete sich durch den
+dunklen Gang und fand auch richtig die Tür. Da saß das Kätterle und
+hatte sich in den Schlaf geweint. Und es schlief so fest, daß es gar
+nicht merkte, wie es von dem alten Fräulein auf den Arm genommen und
+hinuntergetragen wurde. Es machte erst die Augen auf, als es in der
+Sofaecke saß und der Glanz der brennenden Lichtlein auf sein Gesicht
+fiel.</p>
+
+<p>Kätterle rieb sich verwundert die Augen und das Fräulein lachte ganz
+vergnügt und das Kätzchen schnurrte dazu. Das hatte seine Würstchen auf
+einem Teller vor sich und war ganz zufrieden damit. Denn Katzen wissen
+nichts mit Christbäumen anzufangen, und der liebe Gott hatte gewollt,
+daß das Bäumchen für das Kind und nicht für das Kätzchen sein sollte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span></p>
+
+<p>Bald war das Kätterle so vergnügt, wie andere Kinder auch am heiligen
+Abend. Denn das Fräulein hatte ihm einen ganzen Teller voll guter
+Sachen geschenkt und dann so lieb und freundlich mit ihm gesprochen,
+wie sogar die Großmutter nie getan hatte.</p>
+
+<p>Am andern Tag kam das Kätzchen heran, als Kätterle auf Fräulein
+Glöcklers Schoß saß und sich von ihr Bilder zeigen ließ. Es schnurrte,
+so laut es konnte, denn das war ihm noch nie begegnet, daß seine Herrin
+stundenlang gar nichts mit ihm gesprochen hatte. Aber diese merkte es
+gar nicht, so vergnügt war sie über ihr neues Pflegekind. Und das hatte
+der liebe Gott auch so gewollt, denn sie waren alle beide verlassen und
+einsam gewesen, und jetzt war beiden geholfen.</p>
+
+<p>Ein paar Tage später kam die Kaufmannsfrau von unten und sagte: »Das
+war recht, daß Sie sich so um das Kleine angenommen haben. Es fällt
+Ihnen nun nicht mehr lang zur Last, es soll ins Waisenhaus kommen!« »Ei
+behüte,« sagte das Fräulein und nahm das Kind fest in den Arm. »Ich
+geb's nicht mehr her, gelt, Kätterle, wir bleiben beisammen?«</p>
+
+<p>Und das Kind nickte mit strahlendem Gesicht.</p>
+
+<p>»Das muß wahr sein,« sagte die Kaufmannsfrau, als sie wieder in ihren
+Laden ging, »es passieren doch merkwürdige Sachen! Das weiß der liebe
+Gott!«</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span></p>
+
+<h2>6. Die Gottswillenkinder.</h2>
+</div>
+
+<p>Da, wo sich im Badener Land der Schwarzwald gegen das Rheintal hin
+öffnet, liegt ein stattliches Dorf. Es schaut von einer Anhöhe herab
+und freundlich und heimelig ins Land hinein mit seinen sauberen,
+schindelgedeckten Häusern, die helle Fenster haben und blühende
+Blumengärtlein zu beiden Seiten der Haustür.</p>
+
+<p>Gleich hinter dem Dorfe fängt der Wald an. Er steht wie eine schützende
+Mauer hinter den Häusern, während sich die fruchtbaren Felder
+talabwärts, in die Ebene hinein, erstrecken. Dort, ein wenig vom Ende
+des Dorfs entfernt, schon fast im Schatten des Waldes, steht ein
+kleines, weißes Haus mit grünen Läden und einer zierlichen Veranda. Die
+Tür ist von Efeu umrankt und das Häuschen sieht so fröhlich aus, als
+ob gar niemals etwas Düsteres darin Platz finden könnte. Ehe die Sonne
+untergeht, winkt sie allemal noch einen freundlichen Abschiedsgruß
+herüber und dann glänzen alle Fensterscheiben so golden, als wäre das
+Häuschen ganz mit Sonnenschein angefüllt.</p>
+
+<p>Einst, vor Jahren schon, konnte man an solchen sonnigen Abenden eine
+dunkle Frauengestalt unter der Türe sitzen sehen. Sie sah ganz und gar
+nicht aus, als ob sie viel von Sonnenschein wisse. Denn ihr Gesicht
+hatte einen tieftraurigen Ausdruck und manchmal legte sie die Hand vor
+die Augen und stöhnte leise. Man konnte von ihrem Sitz aus so viel
+Schönes sehen, daß wohl mancher froh gewesen wäre, es sehen zu können.<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span>
+Da glitzerte ganz unten im Tal der Rheinstrom wie Silber und Gold, wenn
+die Sonne hineinschien, und dahinter waren wieder Berge, die Vogesen,
+die am Morgen weiße Nebelschleier trugen, und am Abend, wenn die Sonne
+unterging, rot und golden angemalt schienen. Aber die traurige Frau sah
+nichts von all der Pracht und Herrlichkeit. Wenn die Sonne hinunter
+war, stand sie auf und ging ein wenig am Waldrand entlang. Dann kehrte
+sie wieder in ihr Haus zurück.</p>
+
+<p>Im Frühling war ein alter Herr ins Dorf gekommen und hatte das
+Häuschen, das gerade leer stand, gekauft. Dann hatte er Arbeiter
+geschickt, die alles freundlich und sauber herrichten mußten. Und bald
+darauf war die Frau eingezogen. Eine alte Magd kam mit ihr, die das
+Hauswesen besorgte und die Einkäufe im Dorfe machte.</p>
+
+<p>Manche Leute behaupteten, daß »das weiße Häuschen«, wie es im Dorfe
+hieß, noch einen Bewohner habe. Sicher wußte es niemand, denn es kam
+kein Mensch zu der fremden Frau. Aber die Dorfbuben, die bei der
+Ankunft der Fremden zugesehen hatten, sagten, daß die Ursula, so hieß
+die Magd, eine kleine, verhüllte Gestalt aus dem Wagen und ins Haus
+getragen habe.</p>
+
+<p>Von Ursula selbst erfuhr man nichts. Ihre Sprache klang ganz anders,
+als die der Leute in der Gegend. Und sie hielt sich nie lang auf, wenn
+sie ins Dorf kam. So machten sich die Leute selbst ihre Gedanken über
+die Bewohner des weißen Häuschens. Und alle waren darin einig, daß die
+Frau gemütskrank sein müsse. »Denn sonst wäre sie doch unter die Leute
+gekommen und täte nicht, als ob sie ganz allein auf der Welt wäre,«
+sagte eine Bäuerin zur andern. Jetzt ging es gegen den Herbst hin. Man
+sprach im Dorf schon nicht mehr so viel von den Fremden, und diese
+lebten still vor sich hin wie immer.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p>
+
+<p>Es war ein so schöner, sonniger Abend wie man ihn sich nur denken
+konnte. Die ganze Rheinebene lag glänzend und klar ausgebreitet und
+die Vogesen hatten einen bläulichen Schimmer. Vom Dorfe her tönten
+die lauten, lustigen Stimmen der Kinder, die auf dem freien Platz vor
+der Kirche spielten. Im Gras zirpten die Grillen, und in der Luft
+summten zahllose Mücklein. Es sah aus, als ob alles, alles sich seines
+Lebens freue. Das war die Zeit, wo es die traurige Frau nicht auf
+ihrem Sitz vor dem Häuschen aushielt. Denn sie konnte keine fröhlichen
+Kinderstimmen mehr hören, seit man ihre eigenen Kinder, die blonde,
+sanfte Irma und den lustigen Krauskopf Hellmut, begraben hatte. Sie
+lagen weit, weit von hier in zwei kleinen Gräbern nebeneinander. Die
+traurige Frau hatte auch keinen Mann mehr; der war als Offizier im
+Krieg gefallen. Und sie dachte, daß es nun und für alle Zeit für sie
+mit aller Freude am Leben ganz vorbei sei.</p>
+
+<p>Jetzt stand sie auf und schritt dem Walde zu, ihren täglichen Weg,
+einen schmalen, moosigen Pfad zwischen niedrigen Stechpalmen. Am
+Eingang des Hochwaldes war ein glatter Baumstumpf, da ließ sie sich
+nieder und sah wieder unbeweglich vor sich hin.</p>
+
+<p>Plötzlich hörte sie Kinderstimmen. Ein kleiner Bube schrie kläglich in
+seinem Wägelchen, das sich, von einem Mädchen geschoben, knarrend den
+Berg herunterbewegte. Es saß noch ein dickes, rotbackiges Mägdlein in
+dem Wägelchen, das sah die Frau, als sie flüchtig aufsah. Dann bedeckte
+sie das Gesicht mit den Händen.</p>
+
+<p>Die Kinder hatten die dunkle Gestalt noch nicht gesehen. Jetzt stand
+das Wägelchen still, ganz in der Nähe der Fremden, aber durch einen
+dichten Busch verdeckt. »Sei still, Daniel,« sagte die Mädchenstimme,
+»und du auch, Regele, ich sing euch eins. Heim dürfen wir noch nicht.
+'s ist ja Sonntag heut.<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> Da will man daheim seine Ruh, hat die Bäuerin
+gesagt. Wann die Betglocke läutet, dann gehen wir heim.«</p>
+
+<figure class="figcenter illowp88" id="illu-046" style="max-width: 62.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-046.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<p>Das Geschrei verstummte, denn das Kindsmägdlein hatte den Schreier
+herausgenommen und auf den Schoß gesetzt. Nun fing es an zu singen. Es
+war ein dünnes Stimmlein, aber es klang doch lieblich. Die Frau horchte
+mit gespannten Zügen. Sie hatte geräuschlos weggehen wollen, aber nun
+vergaß sie das ganz.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">»Der Pilger aus der Ferne zieht seiner Heimat zu,</span><br>
+<span style="margin-left: 2em;">Dort leuchten seine Sterne, dort sucht er seine Ruh.«</span><br>
+</p>
+
+<p>So fing das Lied an. Es war kein Kinderlied. Die traurige Frau hatte
+noch nie solch ernsthafte Töne von einem Kinde gehört. Sie mußte ein
+wenig durch das Gebüsch blicken. Da saß die kleine Sängerin auf dem
+weichen Moos am Boden, die Kinder horchten aufmerksam. Es war ein
+zartes, schmächtiges Ding von etwa acht Jahren, hatte bloße Füße und
+ein mageres, bräunliches Gesichtchen, in das aber während des<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> Singens
+ein ganz fröhlicher Ausdruck kam. Nur einen kurzen Augenblick atmete
+das Kind auf, dann sang es weiter:</p>
+
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent1">»Sein Sehnen geht hinüber, sein Liebstes liegt im Grab, </div>
+ <div class="verse indent1">Die Blumen wachsen drüber, die Blumen fallen ab. </div>
+</div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent1">Die Ströme ziehn hinunter ins wogenreiche Meer, </div>
+ <div class="verse indent1">Die Welle geht drin unter, man sieht sie nimmermehr.« </div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+<p>Der bleichen Frau liefen die Tränen über die Wangen. Sie hatte schon
+lange nicht mehr geweint, nun kam es ihr vor, als ob sie nie mehr
+aufhören könne. Aber die Sängerin hörte erschrocken auf, als sie neben
+sich leise schluchzen hörte. Sie sah erst jetzt die Fremde und wollte
+schnell weitergehen, denn es war ihr unheimlich, daß die Frau so stark
+weinte.</p>
+
+<p>Da sagte diese: »Singe nur weiter, liebes Kind. Du tust mir wohl und
+nicht weh damit. Ich habe das Lied schon lang, lang gekannt.«</p>
+
+<p>Das Mädchen sah die Frau aufmerksam an, so, als ob sie ihr bekannt
+vorkäme. Die beiden Pfleglinge waren vor lauter Staunen mäuschenstill.
+Und die Sängerin sagte: »Die andern Verse kann der Konrad besser als
+ich. Den hat sie die Mutter noch gelehrt. Und du siehst —« da hörte
+sie auf einmal auf zu sprechen und wurde dunkelrot. Sie hatte sagen
+wollen: »Und du siehst fast gar auch so aus, wie die Mutter.« Aber es
+war ihr dann unschicklich vorgekommen, das zu der fremden Frau zu sagen.</p>
+
+<p>Diese wußte gar nicht, wie es ihr heute ging. Sie hatte seit dem Tod
+ihrer Kinder gar keine Kinder mehr sehen können. Ja, sie war so weit
+von daheim weggezogen, nur um allen Bekannten aus dem Weg zu gehen,
+die noch fröhlich mit den Ihrigen leben konnten. Aber das ernsthafte
+Gesichtchen des kleinen Kindsmägdleins und sein ungewöhnliches Lied,
+das zog sie beides mächtig an. Ursula hätte sich gewiß entsetzt,<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> wenn
+sie gesehen hätte, wie ihre Herrin dem kleinen Mädchen neben sich auf
+dem Baumstumpf Platz machte und sagte: »Was hast du sagen wollen? Sag's
+nur kecklich. Komm, setze dich ein wenig daher zu mir und sag mir, wer
+der Konrad ist und wie du heißt.«</p>
+
+<p>»Mein Bruder ist's,« sagte das Kind und sah dabei der fremden Frau
+unerschrocken ins Gesicht. Hersetzen wollte es sich nicht. »Ich heiße
+Veronika. Man sagt mir aber nur Vronik.«</p>
+
+<p>»So, und warum betrachtest du mich so aufmerksam?« fragte die Frau
+weiter. Das konnte nun Vronik nicht wohl sagen. Denn im Dorf hatte
+sie schon öfters sagen hören, die Frau im weißen Häuschen sei »nicht
+ganz bei Trost«. Das hatte sie nie ganz verstanden. Als die Mutter
+noch lebte, hatte sie hie und da gesagt: »Das ist mir ein Trost; daß
+ich weiß, der liebe Gott sorgt für euch, wenn ich von euch fort muß.
+Und das soll auch immer euer Trost sein. Er verläßt euch nicht.«
+Sonst hatte Vronik noch nie etwas von Trost gehört. Und als sie nun
+die Fremde so traurig sah, dachte sie, am Ende habe diese richtig
+vergessen, was einem ein Trost sein könne. Und doch glich sie der
+Mutter, denn sie war auch bleich und zart wie diese und trug auch ein
+schwarzes Kleid. Nur hatte Vroniks Mutter freundliche, friedliche Züge
+gehabt und einen ganz andern Ausdruck darin, als die fremde Frau.</p>
+
+<p>»Kannst du mir's nicht sagen?« ermunterte diese jetzt das Kind. »Du
+mußt dich nicht fürchten, du kannst es ruhig aussprechen.«</p>
+
+<p>»Weißt du etwa nicht mehr recht, was ein Trost ist?« fragte Vronik
+statt der Antwort. Denn sie konnte nichts anderes sagen, als das, was
+sie gerade dachte.</p>
+
+<p>Die Frau sah erstaunt auf. »Ach nein, das weiß ich nicht,« sagte sie.
+»Aber wie kommst du darauf? Weißt du es vielleicht?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span></p>
+
+<p>»Ja,« sagte das Kind ganz bestimmt. »Daß der liebe Gott bei einem
+bleibt und einen nicht verläßt, wenn man auch ganz allein ist, das ist
+einer. Die Mutter hat's gesagt.«</p>
+
+<p>Die Frau hatte schon wieder Tränen in den Augen, aber sie kämpfte sie
+nieder, um das Kind nicht zu erschrecken. Denn sie wollte noch mehr
+hören. Es hatten schon viele Leute versucht, sie zu trösten. Aber
+denen hatte sie immer gesagt: »Ihr könnt gut reden. Ihr seid froh und
+glücklich und versteht nicht, wie es mir sein muß.« Das war bei dem
+Kind anders. Denn das hatte es nicht leicht auf der Welt, so viel
+konnte man wohl sehen. So sagte die Frau jetzt zu ihm: »Da hat dir die
+Mutter etwas Gutes gesagt, daran denke nur immer. Wo ist sie denn? Ich
+möchte sie wohl einmal sehen.«</p>
+
+<p>Das Kind machte die Augen weit auf. Die fremde Frau wußte scheint's
+nicht, daß es ein Gottswillenkind sei, das heißt, eines, das gar
+niemand eigenes mehr auf der Welt habe, der für es sorgen könnte und
+das man darum »um Gotteswillen« umsonst aufgenommen habe. Es war der
+Vronik etwas ganz Neues, daß das jemand nicht wußte. Im Dorfe wurde sie
+oft genug daran gemahnt.</p>
+
+<p>»Die Mutter ist zum lieben Gott gegangen,« sagte sie nach einer kleinen
+Weile. »Ganz bald nachher, als wir von der Schweiz kamen. Da hat sie
+immer gehustet. Und dann hat sie's oft gesagt, daß sie fortgehe. Jetzt
+ist der Konrad beim Lammwirt und ich bin beim Pfleghofbauern um der
+Gottswillen.«</p>
+
+<p>Vronik mußte tief aufatmen, denn es war lange her, daß jemand so viel
+von ihr hatte wissen wollen. Aber die Frau sah so teilnehmend aus, es
+wurde dem Kinde ganz warm ums Herz.</p>
+
+<p>»Aber die Mutter hat auch noch gesagt: wir werden schon wieder
+zusammenkommen, der Konrad und ich. Weil wir doch<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> sonst gar niemand
+haben als nur einander. Wann der Konrad groß ist, dann verdient er Geld
+und dann müssen wir beieinander wohnen,« berichtete Vronik weiter.
+Sie hätte jetzt alles sagen können. Aber ihre Pfleglinge wurden ganz
+unruhig und ließen sich nicht mehr beschwichtigen, und vom Dorfe
+her hallten laute Klänge durch die klare Herbstluft. Das war die
+Abendglocke, und die Kinder mußten nach Hause.</p>
+
+<p>Die fremde Frau erhob sich. Zum erstenmal hatte wieder ein anderer
+Gedanke als der an ihr Unglück in ihr Raum gefunden. Jetzt sagte sie:
+»Kommst du morgen wieder hierher, Vronik? Du mußt mir dann noch mehr
+sagen.«</p>
+
+<p>Vronik schüttelte leise den Kopf. »Nein, das darf ich nur am Sonntag,«
+sagte sie. »Am Werktag hütet die Ahne die Kinder. Da muß ich auf dem
+Feld helfen und im Stall und in der Küche und überall.«</p>
+
+<p>Der fröhliche Ausdruck war wieder ganz aus dem mageren Gesichtchen
+geschwunden, Vronik sah jetzt so ernsthaft aus, als ob sie schon
+schwere Sorgen habe. »So komm gewiß am Sonntag wieder,« sagte die Frau.
+»Vielleicht weißt du mir dann auch so einen guten Trost.« Dann schieden
+die beiden, und das Wägelein holperte jetzt schnell den Weg hinab, denn
+es hatte beinahe ausgeläutet.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es war schon spät am Abend. In dem Heimwesen des Pfleghofbauern war
+schon alles zur Ruhe gegangen. Nur Vronik war noch einmal zur Hintertür
+hinausgeschlüpft. Das tat sie immer, ehe sie sich niederlegte. Denn
+da kam oft der Konrad noch ein Weilchen in den Hof. Und das war die
+einzige Zeit, wo die verlassenen Kinder einander sehen und sprechen
+konnten. Es war nicht nur, weil die Mutter so oft gesagt hatte:
+»Haltet zusammen, Kinder, wenn ich nicht mehr<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> da bin,« daß die beiden
+so aneinander hingen. Sie hatten alle beide Heimweh nach den alten,
+schönen Tagen, wo sie mit den Eltern fröhlich zusammen gelebt hatten
+in der eigenen Heimat. Die Zeit lag freilich jetzt weit dahinten. Aber
+nach des Vaters Tod war doch noch eine Zeit gekommen, wo die Mutter
+für ihre Kinder sorgte. Sie war mit ihnen in ihre alte Jugendheimat
+zurückgekehrt. Aber es lebte niemand mehr von den alten Freunden. Und
+als der liebe Gott die Mutter zu sich holte, da wußte sie ihren Kindern
+keinen andern Trost zu hinterlassen als den, den die Vronik so treulich
+bewahrt hatte, nämlich, daß der liebe Gott für sie sorgen und sie nicht
+verlassen werde.</p>
+
+<p>Vronik hatte ein fröhliches Herzlein. Und das war viel wert für das
+einsame Kind. Auf dem großen Hof waren so viele Knechte und Mägde, und
+sie waren nicht eben böse gegen das Gottswillenkind. Aber sie dachten,
+es müsse froh sein, wenn es überhaupt einen Unterschlupf habe, und es
+solle sich nur beizeiten daran gewöhnen, sich in anderer Leute Willen
+zu schicken. So übten sie es denn alle miteinander darin, daß es sich
+schicken lerne. »Vronik, treib die Hühner zusammen,« »Vronik, du kannst
+mir meine Stiefel schmieren,« »wo ist die Vronik? sie soll Kartoffeln
+waschen,« so hieß es den ganzen Tag. Und Vronik ließ sich das nicht zu
+sehr anfechten; sie war immer bei der Hand und wenn sie nicht zu müde
+war, sang sie noch zu ihrer Arbeit irgend eines der schönen Lieder,
+die sie die Mutter noch gelehrt hatte. Die schönste Zeit für sie war,
+wenn sie am Sonntag nachmittag mit den Kindern hinausziehen durfte an
+ein schönes Plätzchen. Da gab sie den Kleinen Blumen und Steinchen zum
+Spielen und dann konnte sie sich hinsetzen und viel Schönes ausdenken.
+Wie es früher gewesen war, und wie es später werden würde, wenn der
+Konrad groß war und Geld verdiente. Ja, daß der Konrad<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> nicht in den
+Wald konnte, das war freilich betrübt. Der mußte am Sonntag fast noch
+fleißiger sein als am Werktag; denn da mußte er den Bauernburschen die
+Kegel aufsetzen und noch vieles andere tun. Und dann kam er immer am
+späten Abend so verzagt heran, und Vroniks Trost wollte gar nicht bei
+ihm verfangen. Auch heute nicht. Er machte ein düsteres Gesicht und
+sagte: »Wenn wir nur fort könnten, Vronik. Wenn wir nur wieder in die
+Schweiz könnten oder irgendwohin, wo es anders ist. Der Lammwirt hat
+mich heute so oft am Ohr gerissen und dann noch gesagt: ›Du bist ein
+Nichtsnutz und dein Essen verdienst du nicht einmal.‹ Und ich habe
+immer Schlaf und immer Hunger. Ans Lernen komme ich auch nicht. Wenn
+ich dann im Winter wieder in die Schule muß, so setzt mich der Lehrer
+zu den Nichtskönnern. Und ich möchte doch so gern lernen.«</p>
+
+<p>Vronik wußte auch nicht gleich zu raten. Sie hätte ja gern Konrads
+Hand genommen und wäre mit ihm ins Land hinausgewandert. Die Sternlein
+schienen so hell und freundlich am Himmel und in den Bäumen rauschte
+der Nachtwind ganz weich und lieblich. Sie hätte sich nicht gefürchtet.
+Aber wohin? Und dann fiel ihr auch ein, daß die Mutter oft gesagt
+hatte: »Man muß mit dem zufrieden sein, was einem der liebe Gott gibt.
+Wenn man immer etwas anderes will, so kann er einem dann nicht mehr
+helfen.«</p>
+
+<p>So sagte Vronik nach einem Weilchen: »Nein, Konrad, fortgehen, das
+dürfen wir nicht. Und wir wissen auch nicht, wohin? Es dauert sicher
+nicht mehr so lang, bis du dann groß bist und Geld verdienen kannst.
+Und dann ziehen wir zusammen.«</p>
+
+<p>Dem Konrad schien das Leben immer wieder erträglich zu sein, wenn er
+bei Vronik war; denn sie fand an allem eine gute Seite heraus, wenn sie
+auch noch klein war und<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> jünger als er. Und sie wußte immer etwas zu
+erzählen, was sie erlebt hatte, so daß der Konrad oft nur zu staunen
+hatte.</p>
+
+<p>Heute wurde natürlich das Erlebnis im Walde ausführlich berichtet. In
+Vroniks Herzlein war ein großes Mitleid für die arme Frau aufgewacht,
+die nicht einmal mehr wußte, was ein Trost ist.</p>
+
+<p>»Wenn ich nur etwas wüßte, daß sie wieder ein bißchen froh wird,« sagte
+Vronik, als sie ihren Bericht vollendet hatte. »Und du auch, Konrad.
+Wenn ich vergnügt sein will, dann fällt mir immer der Lammwirt ein, wie
+er dich am Ohr reißt und daß du dann so ein trutziges Gesicht machst.
+Und jetzt auch noch die Frau da droben. Ich möchte nur allen helfen
+können.«</p>
+
+<p>»Der liebe Gott kann allen helfen,« hatte die Mutter oft gesagt.</p>
+
+<p>Und oft hilft er einem traurigen Menschenkind durch das andere, daß
+dann beide wieder fröhlich sein können. Man muß nur warten können, er
+macht es schon noch gut. —</p>
+
+<p>Als die beiden Waisenkinder sich in dieser Nacht trennten, waren sie
+beide fröhlicher als vorher; denn es war ihnen wieder in den Sinn
+gekommen, daß schon alles noch gut werde. Und als sie dann in ihrem
+Kämmerlein lagen und ihr Nachtgebet sprachen, da winkten die Sternlein
+tröstlich zu ihnen herein und die Gottswillenkinder schliefen so
+sanft, wie nur irgend wohlbehütete Kinder unter den Augen ihrer Eltern
+schlafen können.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ursula hantierte am frühen Morgen geräuschlos in dem weißen Häuschen
+herum. Sie fegte und stäubte ab und manchmal warf sie einen
+wohlgefälligen Blick auf die schöne Gegend, die sich an dem strahlenden
+Herbstmorgen so lieblich vor den Augen ausbreitete, wenn man nur zum
+Fenster hinaussah.<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> Drinnen im Schlafzimmer rührte sich noch nichts
+und Ursula war das gewöhnt; denn seit nicht mehr die fröhlichen
+Kinderstimmen in aller Frühe wach wurden und das Haus lebendig machten,
+wollte Frau Behrens den Morgen nicht mehr ansehen.</p>
+
+<p>»Ich habe keinen Mut mehr zum Aufstehen,« klagte sie oft. »Es treibt
+mich ja nichts mehr heraus.«</p>
+
+<p>Sie hätte wohl noch eine Pflicht gehabt, aber es war eine, die der
+armen Frau das Herz noch schwerer machte als es schon vorher war. In
+Ursulas Stübchen stand noch ein kleines Bett. Darin lag eine schmale,
+kleine Gestalt mit einem weißen, farblosen Gesichtchen, darin nichts
+lebendig schien, als ein Paar große, braune Augen. Sie lag Tag für Tag
+still und unbeweglich da, die kleine Gertrud, und man fürchtete, daß
+es auch niemals anders mit ihr werden würde. Das war das einzige Kind,
+das der armen Frau noch am Leben geblieben war. Es konnte nicht reden,
+sich nicht bewegen, lachte und weinte nicht. Frau Behrens konnte es
+nicht lieb haben. »Warum hat mir Gott die gesunden Kinder genommen und
+dieses gelassen, das nur zum Jammer auf der Welt ist, sich und mir zum
+Jammer?« So klagte sie oft, und Ursula hatte es längst aufgegeben, ihr
+zuzureden. Sie tat dem hilflosen Geschöpfchen alles, was sie konnte.
+Sie gab ihm die Nahrung, hielt es sauber und sorgte ihm für ein gutes
+Lager. »Wenn man nur wüßte, ob es einen versteht,« dachte sie oft, wenn
+die braunen Augen so ausdrucksvoll auf sie gerichtet waren.</p>
+
+<p>Eben hatte Ursula ein paar wimmernde Töne vernommen. Diese waren immer
+das Zeichen, daß Gertrud erwacht war. Sie wollte eben hineingehen, da
+sah sie eine kleine Gestalt unter der Haustür. Ein mächtiger Strauß
+fiel auf die Steinstaffel und dann huschte die Gestalt wieder hinunter.
+»Halt einmal, was ist denn da los?« fragte Ursula erstaunt, und schon
+hatte sie Vronik, denn diese war es, am Röckchen erfaßt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span></p>
+
+<figure class="figcenter illowp78" id="illu-055" style="max-width: 62.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-055.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<p>Das Kind strebte weiter; es war dunkelrot im Gesicht. »Laß mich,« sagte
+es, »ich muß schnell heim, die Bäuerin zankt sonst. Es ist nichts
+Böses, ich hab nur der Frau einen Strauß gebracht, weil sie so arm
+ist.« »Was weißt du, ob Frau Behrens arm ist,« sagte Ursula ein wenig
+unfreundlich. Denn sie wußte nichts von der Begegnung im Walde und
+dachte, es könne ihrer Herrin vielleicht unangenehm sein, wenn sich
+jemand um sie bekümmere. »Wo ist sie?« fragte Vronik etwas erschrocken.
+»Sie kennt mich schon und sie hat gesagt« — hier stockte sie. Denn
+Frau Behrens trat unter die Tür. Sie hatte das Kind gehört und winkte
+ihm freundlich zu. Ursula schüttelte erstaunt den Kopf. Hatte man so
+etwas je erlebt? Das barfüßige Mädchen kam strahlend auf die Dame zu
+und sagte fröhlich: »Ich habe dir den Strauß geholt. Ich habe den
+Knechten die Morgensuppe in die Au gebracht. Und es ist noch so lang
+bis an den Sonntag, drei Tage noch. Da hab' ich schnell das Heidekraut
+gepflückt. Und der Konrad hat gesagt, wenn<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> man nicht mehr wisse, was
+ein Trost sei, so müsse man es dem lieben Gott sagen, der wisse es dann
+schon. Der Konrad hat es auch nicht mehr gewußt, den reißt der Lammwirt
+oft am Ohr, daß es weh tut.«</p>
+
+<p>»So,« sagte Frau Behrens, »das ist freilich schlimm, wenn er das tut.
+Aber weiß denn der Konrad jetzt, was ihm gut tun kann?« »Ja, er weiß es
+schon,« sagte Vronik. »Er vergißt's nur allemal wieder, daß man alles
+dem lieben Gott sagen kann. Daß er machen soll, daß der Konrad lernen
+darf, weil er das so gern möchte. Und daß es nicht mehr lang dauert,
+bis er groß ist und Geld verdient.«</p>
+
+<p>Ursula traute ihren Augen und Ohren nicht, als nun Frau Behrens dem
+Kinde warm die Hand gab und sagte: »Den Konrad muß ich auch sehen. Und
+am Sonntag kommst du in den Wald. Vielleicht können wir schon etwas
+ausfindig machen, daß dein Bruder mehr lernen darf, wenn er das so gern
+will.«</p>
+
+<p>Vronik eilte leichtfüßig davon. Denn es war jetzt keine Zeit zum
+Plaudern. Im Pfleghof war große Wäsche, und Vronik hätte sich
+verdreifachen können und doch kaum alle Befehle ausführen, die man ihr
+gab. Aber sie tat heute alles noch viel vergnügter als sonst. Sie mußte
+an einemfort vor sich hinsingen. Sogar die alte Obermagd, die sonst
+nicht viel sagte, fragte verwundert:</p>
+
+<p>»Was freut jetzt auch das Mädchen so? Das hat doch einen Leichtsinn,
+man sollt's nicht glauben. Und hat's erst gar nicht nötig, das
+Leichtsinnigsein. Wenn man keinen Menschen hat und keinen Pfennig
+Geld.« Vronik brauchte aber gar kein Geld zum Vergnügtsein. Und daß
+eben erst, heute schon, ein Mensch freundlich und teilnehmend mit dem
+armen Gottswillenkind gesprochen hatte, das wußte die alte Obermagd
+nicht. Vronik hörte es immerfort noch in den Ohren<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> tönen: »Wir können
+dann vielleicht schon noch etwas ausfindig machen, daß der Konrad mehr
+lernen kann, wenn er das so gern möchte.«</p>
+
+<p>Das war ganz genug, um den ganzen Tag fröhlich zu sein, bis dann am
+Abend der Konrad kam und man es ihm mitteilen konnte. Vronik konnte
+sich nicht besinnen, was Frau Behrens wohl dazu tun könnte, daß der
+Konrad mehr lernen dürfe. Sie freute sich nur darüber und glaubte ganz
+sicher, daß es wahr werde. »Der liebe Gott kann alles machen,« hatte
+die Mutter oft gesagt, und Vronik zweifelte gar nicht, daß er das
+machen könne.</p>
+
+<p>Aber am Abend kam der Konrad nicht in den Hof und auch nicht an
+den beiden folgenden. Vronik wartete lange auf ihn und wurde immer
+unruhiger. Ins Lamm gehen, das durfte sie nicht. Der Lammwirt hatte ihr
+einmal gesagt: »Das Zusammengeläufe verbitte ich mir, und dich will ich
+nicht in meinem Haus antreffen.« Und dazu hatte der große Metzgerhund
+Flox so grimmig geknurrt, als ob er hätte sagen wollen: »Und ich dich
+auch nicht oder es geht dir dann schlecht.« Seither fürchtete sich das
+Kind vor beiden, dem Mann und dem Hund. Aber am Sonntagmorgen hielt es
+Vronik nicht mehr aus. Sobald sie ein Weilchen abkommen konnte, ging
+sie doch hinunter auf den freien Platz, an dem das stattliche Wirtshaus
+stand, dessen goldenes Lamm in der Sonne glänzte. Sie wollte nur sehen,
+ob sie nicht an irgend einem Fenster den Konrad entdecken könne. Aber
+da kam gerade der gefürchtete Lammwirt in hohen, blankgewichsten
+Stiefeln zum Haus heraus. Er führte den Hund an der Leine, hatte einen
+festen Stock in der Hand und eine Schildkappe auf und ging mit großen
+Schritten die Straße hinunter. Vronik hatte sich zitternd an die Wand
+gedrückt, als sie die beiden sah, nun atmete sie leicht auf, denn nun
+war nichts zu befürchten. Sie huschte schnell ins Haus,<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> sah sich im
+Flur und im Schenkraum um und fand endlich den Bruder in der Küche.
+Er saß auf einem Bänkchen und putzte Rüben. Sein Fuß lag auf einem
+Holzklotz und war dick mit Lappen umwickelt und sein Gesicht war noch
+blässer und finsterer als sonst. Vronik erschrak, als sie ihn so fand.
+»Was hast du, was ist, daß du nicht kommst?« sagte sie ängstlich. »Hat
+er dir etwas getan?« Konrad schüttelte den Kopf und sah sich zuerst
+nach allen Seiten um, ehe er antwortete. »Ich habe ein Glas zerbrochen,
+und bin noch in einen Scherben getreten,« sagte er. »Jetzt ist mein
+Fuß dick geschwollen. Und Schläge habe ich auch bekommen. O wenn ich
+nur gar nicht mehr am Leben wäre.« Und dabei rollten dem Konrad dicke
+Tränen über die bleichen Backen.</p>
+
+<p>Es war ein wenig schwer für Vronik, hier eine gute Seite an der Sache
+zu finden. Denn niemand pflegte den Konrad recht. Der Lammwirt hatte
+keine Frau. Vor seiner alten Mutter fürchteten sich die Kinder fast
+ebensosehr, wie vor dem Lammwirt selbst, denn sie hatte eine sehr
+unfreundliche Gemütsart. Und die Köchin dachte, der Fuß werde schon von
+selbst wieder gut werden. So war es kein Wunder, daß dem Konrad das
+Herz noch schwerer war, als sonst schon vorher. Denn er kam sich jetzt
+so verlassen und unglücklich vor, als ob es auch für ihn keinen Trost
+mehr gebe auf der ganzen Welt. Das konnte aber Vronik nicht ertragen.</p>
+
+<p>»Ich habe dir zwei Birnen gebracht,« sagte sie. »Sie sind gut, ich hab
+sie vom Stallknecht, weil ich ihm die Stiefel gewaschen habe. Du mußt
+jetzt nicht weinen. Ich habe ein frisches Halstüchlein, das mache ich
+naß und binde es um den Fuß, das tut dir gut.«</p>
+
+<p>Der Fuß war entzündet und tat weh. Und Konrads trauriges Herz konnte
+auch Vronik nicht so schnell hell und fröhlich machen. Aber es war
+doch gut, daß sie gekommen<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> war. Denn jetzt setzte sie sich noch ein
+Weilchen zu dem Bruder auf das niedrige Bänklein. Und wenn er sagte:
+»Es hilft doch nichts, wenn man sich auch Mühe gibt, so viel man kann.
+Und es dauert so lang, bis man groß wird, daß man es fast nicht erleben
+kann,« so wußte sie doch immer wieder einen Trost. Und heute hatte
+sie ja noch einen besonderen. »Die Frau Behrens hat gesagt, sie wolle
+dann schon etwas ausfindig machen, daß du lernen dürfest,« erzählte
+sie. »Vielleicht will sie den Lammwirt fragen, ob er's nicht erlaube.«
+»Der erlaubt's nicht,« sagte Konrad mutlos. »Jetzt mußt du dich einmal
+gar nicht mehr besinnen, die Frau Behrens besinnt sich schon selber,«
+ermahnte Vronik. »Heute nachmittag seh' ich sie im Wald. Und dann komme
+ich bald wieder zu dir und sage dir alles.«</p>
+
+<figure class="figcenter illowp77" id="illu-059" style="max-width: 62.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-059.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<p>Vronik mußte gehen. Denn sie hatte auf dem Hof noch viel zu tun. Und
+sie wollte auch lieber nicht abwarten, bis der Herr des Hauses mit dem
+Hund zurückkäme.</p>
+
+<p>Konrad blieb in seiner trübseligen Küche allein. Aber er<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> sah nicht
+mehr so finster aus als zuvor. Vronik hatte ihn ein wenig aufgeheitert
+mit ihrem Besuch und mit dem, was sie gesagt hatte. Und nun fingen
+die Glocken an zu läuten und auf dem Fenstersims zwitscherte lustig
+ein dicker Spatz, und ein heller Sonnenstrahl fiel auf den Steinboden
+der Küche und tanzte dort hin und her. Da kam es dem einsamen Buben
+wieder tröstlich in den Sinn, daß der liebe Gott sein Vater sein wolle
+und es schon noch gut mit ihm machen werde. Er wollte nur nicht immer
+vergessen, sich an ihn zu halten.</p>
+
+<p>Die Köchin war auch in sonntäglicher Stimmung. Sie konnte zwar nicht in
+die Kirche gehen, aber sie kam doch mit einer frischen Schürze angetan
+aus ihrer Kammer herunter und summte ein schönes Lied vor sich hin, als
+sie am Herde hantierte. Und als sie Waffeln buk, geschah das Unerhörte,
+daß sie dem Konrad eine davon, die noch warm und goldbraun war, mit
+Zucker bestreute und gab. »Da, du armer Schlucker,« sagte, »daß du auch
+weißt, daß Sonntag ist.«</p>
+
+<p>Nein, heute wollte der Konrad nicht mehr verdrießlich sein! Und er
+wußte erst noch nicht, daß schon alles auf dem besten Wege war für
+ihn und er nur noch ein Weilchen warten mußte, bis ihm der liebe Gott
+helfen wollte.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Der Abend dämmerte schon. Den schmalen Fußpfad vom Dorfe her nach
+dem »weißen Häuschen« ging langsam, mit gesenktem Kopf, ein kleines,
+barfüßiges Mädchen. Es war Vronik. Sie hatte ihre Schutzbefohlenen,
+den Daniel und das Regele, nach Hause geführt. Nun durfte sie noch ein
+Weilchen tun, was sie gern wollte.</p>
+
+<p>Vronik hatte den ganzen, langen Nachmittag im Wald an dem bekannten
+Plätzchen gewartet, ob Frau Behrens nicht komme, aber umsonst. Die
+Kinder konnten heute nicht so befriedigt<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> sein von ihrer Hüterin wie
+gewöhnlich. Denn diese horchte an einem fort, ob sich kein Tritt hören
+lasse, und dann ging sie wieder ein Stückchen weit den Berg hinauf,
+um zu sehen, ob nirgends eine schwarze Gestalt aus den Büschen trete.
+Denn sie hatte so viel auf dem Herzen, und es ist nicht leicht, ganz
+umsonst auf den einzigen Menschen zu warten, von dem man glaubt, daß
+er einem helfen könnte. Und Vronik wußte ja, daß es nun wieder eine
+ganze Woche anstehen werde, bis sie Frau Behrens sehen könne. Da war
+es nicht zu verwundern, daß sie nicht wie sonst auf die vielen Wünsche
+und Fragen der Kinder hörte, sondern nur allemal wieder sagte: »Ja,
+ja, spielet jetzt nur auch ein wenig allein. Immer kann ich euch auch
+nicht vorsingen.« So hatte die Vronik heute gar kein so sonntägliches
+Gefühl wie sonst, als sie ihr Wägelchen nach Hause schob. Sie mußte nur
+immer denken: »Warum ist die Frau nicht gekommen? Hat sie am Ende ganz
+vergessen, daß sie sich auf etwas Gutes für den Konrad besinnen wollte?«</p>
+
+<figure class="figright illowp62" id="illu-061" style="max-width: 20em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-061.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<p>Unter solchen Gedanken hatte die Vronik fast unbewußt den Waldweg
+eingeschlagen, als sie nun freie Zeit hatte. Nun stand sie vor dem
+Häuschen. Es saß niemand mehr auf dem Bänkchen vor der Türe, denn es
+war schon Dämmerung und kühl. Ein heller Lichtschein fiel aus dem
+Fenster. Da drinnen im Zimmer würde nun wohl die fremde Frau sitzen,
+die nicht mehr wußte, was ein Trost ist und die doch dem armen Kinde
+schon ein Trost<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> geworden war. Vronik konnte es nicht lassen, sie
+mußte sich auf das Bänkchen stellen, das gerade unter dem erleuchteten
+Fenster stand. Nur einen Augenblick hineinsehen wollte sie, es würde es
+ja niemand merken. Nur geschwind sehen, ob die Frau etwa krank sei oder
+ob sie nun gerade so traurig, wie sonst, vor dem Haus am Tisch unter
+der Lampe sitze und vor sich hinstarre.</p>
+
+<p>Es sah aber ein wenig anders aus in dem Zimmer, als Vronik sich
+vorgestellt hatte. So etwas Behagliches, Heimliches hatte das Kind noch
+nie gesehen, dem seither das einfache Stübchen daheim bei der Mutter
+und von noch früher her das Arbeiterhäuschen in der Schweiz als das
+Schönste, was es geben konnte, vorgeschwebt war.</p>
+
+<p>Vronik drückte das Gesicht fest an die Scheiben, um nur alles genau
+sehen zu können, die Bilder an den Wänden, die Blumen in Töpfen
+und Schalen, die da überall herumstanden, den ganzen zierlichen,
+behaglichen Schmuck des wohleingerichteten Wohnzimmers. Frau Behrens
+saß aber nicht allein darin. Ein alter Herr mit freundlichem Gesicht
+und schneeweißen Haaren saß neben ihr auf dem Sofa und hielt ihre Hand
+gefaßt. Und neben den Beiden lag, gerade hell vom Licht der Lampe
+beschienen, in einem Korbwagen eine kleine, schmale, weißgekleidete
+Gestalt, die gar nicht ausgesehen hätte, als ob sie lebe, wenn nicht
+die großen, aufmerksamen Augen sich ein wenig bewegt hätten. Vronik
+vergaß ganz, was sie da heraufgetrieben hatte, und auch, daß sie hatte
+gleich wieder heimgehen wollen. Sie sah nur immerfort auf die kleine
+Gruppe in dem erleuchteten Zimmer. Ursula ging hin und her, deckte den
+Tisch zum Abendessen und zupfte hier und da, wenn sie an dem Korbwagen
+vorüberging, eine Spitze an dem Kleidchen der kleinen Gertrud zurecht,
+weil sie dem Kinde jetzt gerade sonst nichts Gutes antun konnte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span></p>
+
+<p>In Vronik stieg ein brennendes Heimwehgefühl auf. Sie hatte sich so zu
+der fremden, traurigen Frau hingezogen gefühlt, weil sie glauben mußte,
+diese stehe ganz allein auf der Welt und weil sie gut wußte, wie es
+tut, verlassen zu sein. Und nun sah sie den alten Herrn bei ihr sitzen,
+der so väterlich die Hand der traurigen Frau hielt, sah das Kind in
+dem Wagen, das ein so feines, zartes Gesichtchen hatte und das doch
+wohl Frau Behrens gehören mußte, und das trauliche Zimmer, in dem diese
+Leute ungestört beisammensitzen konnten.</p>
+
+<p>»Da wird sie's freilich wohl vergessen haben, daß sie kommen wollte,«
+dachte das arme Gottswillenkind.</p>
+
+<p>»Vielleicht bleibt jetzt der alte Herr immer bei ihr und macht sie
+wieder ganz fröhlich. Und dann wird sie wohl nichts ausfindig machen
+für den Konrad.«</p>
+
+<p>Es wurde spät. Vronik war auf das Bänkchen niedergekniet, hatte den
+Kopf auf die Arme gestützt und mit begierigen Augen ins Zimmer gesehen,
+bis ihr die Augen zugefallen waren. Es sah so heimatlich aus da drin
+und wenn das Kind auch wußte, daß es da nicht hingehöre, so wollte es
+doch noch ein kleines Weilchen hineinsehen und ein wenig vergessen, daß
+es so allein sei. Und darüber war es eingeschlafen. Jetzt wogten die
+weißen Abendnebel um die schlafende Gestalt her und am Himmel glänzten
+die Sterne. Und Vronik träumte von einer Heimat, wo sie wirklich
+hingehörte, wo man sie lieb hatte und den Bruder auch.</p>
+
+<p>Drinnen im Zimmer saß der alte Herr, der ein Doktor war und ein
+väterlicher Freund der Frau Behrens, soweit diese sich zurückerinnern
+konnte, noch lange bei ihr auf dem Sofa. Er hatte im Frühjahr den
+Ankauf des weißen Häuschens besorgt, weil ihn die junge Frau gebeten
+hatte: »Lassen Sie mich fort, Herr Doktor, von allen Menschen weg.
+Vielleicht kann ich mich in der Einsamkeit besser zurechtfinden.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span></p>
+
+<p>Nun war er gekommen, um wieder einmal nach seiner Schutzbefohlenen zu
+sehen. Ursula hatte ihm heimlich geschrieben, weil sie den stummen
+Jammer nicht mehr so allein mitansehen konnte und weil sie auch hoffte,
+daß der Herr Doktor etwas für die kleine Gertrud zu tun wisse.</p>
+
+<p>Es war kein fröhlicher Tag gewesen für den alten Herrn, der ein so
+warmes, mitfühlendes Herz hatte und gern allen Traurigen geholfen
+hätte. Denn Frau Behrens sagte auf all seine liebreichen Worte nur:
+»Seien Sie mir nicht böse, ich kann nicht anders als traurig sein und
+niemand kann mir helfen.«</p>
+
+<p>Nun hatte der Herr Doktor heute abend noch ein Mittel versucht, Frau
+Behrens ein wenig aufzurütteln. Er hatte den Wagen mit der kleinen
+Gertrud ins Zimmer bringen lassen, und die Mutter selbst hatte ihm
+helfen müssen, das Kind ganz eingehend zu untersuchen. Sie hatte die
+Kleidchen auf- und zuknöpfen und die leichte Gestalt in den Armen
+halten müssen. Und nun sagte der Herr Doktor ernsthaft: »So, nun
+hören Sie mir einmal zu. Kein Mensch auf der ganzen Welt darf sich so
+hinsetzen und sein Leben mit Klagen zubringen. Der liebe Gott weiß,
+was er getan hat. Und er weiß auch, warum er Gertrud am Leben ließ
+und nicht eines von den gesunden Kindern, und niemand kann im voraus
+sagen, eines sei unnütz auf der Welt. Fangen Sie einmal an, das Kind
+lieb zu haben. Singen Sie ihm etwas vor. Nehmen Sie es in die Arme, es
+spürt vielleicht gut, wenn man es lieb hat. Es kann auch noch kräftiger
+werden, man weiß nie, was unser Herrgott noch im Sinn hat mit so einem
+schwachen Kindlein.«</p>
+
+<p>Und als Frau Behrens stumm vor sich hinsah, fuhr der alte Herr fort:
+»Wenn Sie es noch nicht recht lieb haben können, so tun Sie es um
+Gotteswillen; weil er es will. Es wird ihnen noch ein Trost werden, das
+weiß ich.«</p>
+
+<p>Frau Behrens hätte nicht gut sagen können, welche Gedanken<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> ihr an
+dem Abend schon durch den Sinn gegangen waren. Es war nicht mehr
+ganz so dunkel in ihrem Herzen wie vorher. Seit sie mit dem armen
+Gottswillenkind zusammengetroffen war, hatte sich manches in ihr
+geregt, was sie lang vergessen hatte. Und Vroniks Trost war ihr oft
+eingefallen, wenn sie auch selbst noch nicht recht sagen konnte: »daß
+der liebe Gott bei einem ist und einen nie verläßt, wenn man auch sonst
+allein ist, das ist ein Trost.« Nun bei den letzten Worten des Doktors
+fiel ihr das Gottswillenkind wieder ein. Das hatte man ja auch, samt
+seinem Bruder, »um Gotteswillen« aufgenommen und Frau Behrens wußte,
+daß es die Beiden nicht gut hatten. Und es kam ihr beschämend in den
+Sinn, daß sie ihr eigenes, armes Kind auch nicht liebevoller behandle,
+und sie dachte mit Recht, daß es doch Kinder, die man dem lieben Gott
+zulieb versorgen will, am besten von allen haben sollten.</p>
+
+<p>Frau Behrens hatte noch gar keine Antwort auf die ermahnenden Worte des
+Doktors gegeben. Denn sie kämpfte mit sich selbst und konnte noch nicht
+recht mit ihrer Traurigkeit fertig werden.</p>
+
+<p>Da kam Ursula ins Zimmer. Sie war hinausgegangen, um die Läden zu
+schließen. Nun trat sie etwas erregt ein und sagte: »Was soll man da
+anfangen? Es ist ein schlafendes Kind auf dem Bänkchen vor dem Hause.
+Das ist's, das schon einmal hier war. Man kann es doch nicht draußen
+lassen.«</p>
+
+<p>Ursula und der Doktor sahen einander erstaunt an, als hier Frau Behrens
+lebhaft aufstand und sagte: »Bring's herein, Ursula. Oder nein, ich
+will es selbst holen. Es kennt mich; es hat auf mich gewartet, das weiß
+ich.«</p>
+
+<p>Der Doktor sah ihr vergnügt nach, denn er dachte: »Man kann nicht
+wissen, auf welche Weise ihr der liebe Gott helfen will.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span></p>
+
+<p>Eine kleine Weile später trat Frau Behrens ein. Sie trat leise und
+sachte auf und trug auf beiden Armen das barfüßige Bauernkind. Sie
+legte es aufs Sofa nieder und dann sagte sie flüsternd: »Man darf es
+nicht wecken, es schläft so tief und fest. Ursula soll ins Dorf gehen
+und sagen, daß man das Kind nicht vergeblich sucht. Und morgen sieht
+man weiter.«</p>
+
+<p>Als der Herr Doktor in dieser Nacht zur Ruhe ging, oben in dem
+freundlichen Balkonzimmer, stand er noch eine Weile still am Fenster
+und sah in die schweigende Gegend hinaus. »Du machst es nicht, wie wir
+gedacht, du machst es besser als wir denken,« sagte er vor sich hin.
+Denn er hatte schon gemerkt, daß der liebe Gott beiden helfen wollte,
+den Kleinen und Großen, da konnte er sich wohl freuen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Das war am andern Morgen ein erstauntes Gesicht, mit dem sich Vronik
+beim Erwachen umsah. Sie glaubte immer noch zu träumen. Die Sonne
+schien hell durch die blanken Fenster und blütenweißen Vorhänge,
+beschien die weißen Kissen, in denen das arme Gottswillenkind lag, und
+das ganze, freundliche Zimmer. An der Wand hing ein großes Bild. Es
+war der Heiland, der ein Schäflein auf der Schulter trägt. Das mußte
+Vronik unverwandt ansehen. Das Schäflein schmiegte sich so dicht an den
+guten Hirten, der es trug, es wurde einem wohl, wenn man es nur ansah.
+Und Vronik fiel das Lied ein, das die Mutter so oft mit ihren Kindern
+gesungen hatte, die Stelle, wo es hieß: »Und nach diesen schönen Tagen
+werd ich endlich heimgetragen in des Hirten Arm und Schoß, Amen, ja,
+mein Glück ist groß.« Es war dem Kinde einen Augenblick zumute, als
+ob es auch »heimgetragen« wäre. Aber dann fiel ihm der ganze gestrige
+Abend wieder ein. Seine Kleider lagen auf dem Stuhl neben dem Sofa, und
+dann wußte Vronik</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span></p>
+
+<figure class="figcenter illowp94" id="illu-067" style="max-width: 62.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-067.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<p>plötzlich, daß sie wieder ins Dorf hinunter müsse, in den Pfleghof, wo
+jetzt längst die Gänse und Enten und Hühner auf ihr Futter warteten
+und wo alles nach der Vronik rief. Sie konnte nur gar nicht begreifen,
+wie sie da hereingekommen war. Sie hatte doch gestern abend nur zum
+Fenster hereingesehen. Leise schlüpfte sie in ihr Röckchen, da ging
+die Tür zum Nebenzimmer auf und Ursula kam herein. Sie machte heute
+ein ganz freundliches Gesicht, denn sie liebte die Kinder und es kam
+ihr vor, als ob etwas besonderes mit diesem Kinde sei. Und das war
+auch wahr. Denn wenn der liebe Gott ein barfüßiges Waisenkind an der
+Hand nimmt und führt es einer traurigen Mutter zu, daß sie einander
+wieder fröhlich machen sollen, so ist das schon etwas besonderes. Das
+wußte nun zwar Ursula noch nicht, daß ihre Herrin die ganze Nacht wach
+gelegen war und viele Gedanken in sich bewegt hatte. Daß sie sich
+vorgenommen hatte, nun nicht mehr an einem fort zu klagen und traurig
+zu sein, sondern den Trost hereinzulassen, der in ihr Herz hinein
+wollte. Ursula half dem Kind ein wenig beim Haarmachen, obgleich Vronik
+das sonst immer selbst tun mußte.<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> Dann nahm sie es mit in das Zimmer,
+wo die kleine Gertrud lag. »Da sieh,« sagte Ursula, »du hast's noch
+lang gut gegen dem armen Tröpflein, das nur immer so daliegen muß.«</p>
+
+<p>Vroniks weiches Herzlein war gleich ganz voll Teilnahme. »O, kann es
+nichts tun, gar nichts?« sagte sie. »Kann man nicht mit ihm spielen und
+lachen und ihm etwas vorsingen, daß es auch eine Freude hat?« Ursula
+sah verwundert in das lebhafte Gesichtchen. Zum Spielen und Lachen und
+Singen war man in dem weißen Häuschen schon lang nicht mehr aufgelegt
+gewesen. Es war alles so geräuschlos als möglich zugegangen. »Ich muß
+nun das Wohnzimmer schön machen,« sagte sie. »Du kannst so lang hier
+bleiben. Frau Behrens hat gesagt, daß ich dich nicht gehen lassen soll,
+ehe sie mit dir gesprochen hat. Angst brauchst du nicht zu haben. Es
+geschieht dir nichts im Pfleghof. Ich habe gesagt, daß du nicht so früh
+kommst.«</p>
+
+<p>Damit ging sie hinaus und Vronik blieb allein mit dem kranken Kinde. Es
+kam ihr alles ganz wunderbar vor, was mit ihr geschah. Am wunderbarsten
+aber erschien ihr dieses stille Gesichtchen, das nur so aufmerksame
+Augen hatte. Sie hätte so gern einen Versuch gemacht, mit Gertrud zu
+sprechen. Aber sie scheute sich davor, es zu probieren. So verfiel
+sie auf ihr altes Mittel, mit dem sie immer die Kinder im Pfleghof zu
+unterhalten wußte. Sie setzte sich auf das niedrige Stühlchen, das
+neben dem Wagen stand, und fing leise an zu singen. Vronik hatte ein
+liebliches Stimmchen und sie konnte viele schöne Lieder von der Mutter
+her. Jetzt sang sie:</p>
+
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Breit aus die Flügel beide,</div>
+ <div class="verse indent0">O Jesu, meine Freude,</div>
+ <div class="verse indent0">Und nimm dein Küchlein ein!</div>
+ <div class="verse indent0">Will mich der Feind verschlingen,</div>
+ <div class="verse indent0">So laß die Engel singen:</div>
+ <div class="verse indent0">›Dies Kind soll unverletzet sein!‹«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span></p>
+
+<p>Vronik war gewöhnt zu singen, deshalb kam es ihr ganz natürlich vor,
+daß sie es tat. Aber den anderen Hausbewohnern waren das ganz neue
+Töne. Der Herr Doktor kam gerade von oben herunter und blieb auf
+seinem Gang nach dem Wohnzimmer horchend stehen, Frau Behrens trat
+auf die Schwelle des Zimmers und lauschte leise, und Ursula hörte auf
+abzustäuben.</p>
+
+<p>Aber plötzlich hörte der Gesang auf, Vronik stieß einen fröhlichen Ruf
+aus. »Es lacht,« rief sie. »Es will noch mehr hören.« Man kann es kaum
+sagen, wie schnell die drei Leute von allen Seiten an das Wägelchen
+herankamen, um das Wunderbare zu sehen. Ja, es war so. Das bleiche
+Köpfchen hatte sich langsam nach der Seite gewendet, wo Vronik saß, und
+das Gesichtchen war zu einem Lächeln verzogen. Es war ganz deutlich.
+»Sing noch etwas, Kind, hör noch nicht auf,« sagte der Herr Doktor zu
+Vronik. Denn er wollte gern recht deutlich sehen, was das für eine
+Wirkung habe. Und aufs neue sahen alle drei Großen aufmerksam zu, wie
+Gertruds Augen so strahlend an Vronik hingen, als diese sang. Vronik
+hatte das kleine Händchen gefaßt und da geschah das weitere Wunder, daß
+sich die mageren Fingerlein um das braune Händchen des Bauernkindes
+schlossen.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-069" style="max-width: 62.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-069.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span></p>
+
+<p>»Jetzt erleben wir noch viel Schönes,« sagte der Doktor vergnügt. »Das
+wird man schon sehen.« Frau Behrens nahm Vronik an der Hand. »Dich
+müssen wir bei uns haben so viel wir nur können,« sagte sie liebreich.
+»Dich hat mir der liebe Gott zum Trost geschickt.« Vronik schüttelte
+leise den Kopf. »Ich habe keine Zeit zum Heraufkommen,« sagte sie. »Und
+jetzt muß ich schnell heimgehen, sonst zankt die Bäuerin.«</p>
+
+<p>Der Konrad fiel ihr ein, wie er so traurig in seiner Küche gesessen
+hatte, und es fiel ihr schwer aufs Herz, daß sie ihm noch keinen
+Bescheid gebracht hatte. Die Leute hier hatten einander, aber der
+Konrad hatte nur seine Vronik, sonst niemand. Und Frau Behrens schien
+ihn ganz vergessen zu haben.</p>
+
+<p>»Ich will die Bäuerin fragen, ob sie dich nicht manchmal kommen läßt,«
+sagte Frau Behrens jetzt. »Ich will selbst mit ihr reden.«</p>
+
+<p>Da platzte Vronik heraus: »Dann rede noch lieber mit dem Lammwirt,
+daß der Konrad in die Schule darf und daß er ihn nicht so oft schlägt
+und« — Vronik mußte gewaltig schlucken, sonst hätte sie hier vor den
+fremden Leuten angefangen zu weinen.</p>
+
+<p>»Nur heraus mit allem,« ermunterte der Herr Doktor freundlich. Er war
+ein großer Kinderfreund und konnte keine traurigen Gesichter sehen,
+ohne daß er hätte versuchen müssen, sie fröhlich zu machen. Und in
+Vronik sah er überhaupt eine Bundesgenossin. So kam denn alles an
+den Tag, was Vroniks Herzlein bedrückte, alles. Frau Behrens hörte
+mit gespannter Aufmerksamkeit zu, und Ursula vergaß ganz, wieder
+hinauszugehen, und ballte zornig die Faust, als sie hörte, daß niemand
+den kranken Fuß des Konrad pflege.</p>
+
+<p>»Da müssen wir abhelfen, soviel ist sicher,« sagte der Herr Doktor
+väterlich, als Vronik mit ihrem Bericht zu Ende war.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span></p>
+
+<p>»Ich gehe mit dir ins Dorf und zu dem Lammwirt. Was meinst du, mir wird
+der Hund schon nichts tun? Und dann wollen wir weiter sehen.« Vronik
+nickte ganz einverstanden. Sie hatte ja schon lange gewußt, daß der
+liebe Gott alles machen könne, da verwunderte sie sich jetzt nicht so
+sehr, daß er es nun auch tat. Und sie dachte nur, daß jetzt alles gut
+komme, über das Wie machte sie sich keine Gedanken.</p>
+
+<p>Das gab ein großes Staunen im Dorf, als Vronik an der Hand des fremden
+alten Herrn durch die Straße ging. Das kümmerte aber die beiden wenig.
+Denn sie hatten einander unterwegs so vieles mitzuteilen, daß sie gar
+keine Zeit hatten, nach den Leuten zu sehen. Hand in Hand schritten
+sie nach dem »goldenen Lamm«. Der Wirt stand unter der Tür. Er sah
+verwundert auf das Gottswillenkind, machte aber doch einen tiefen
+Bückling vor dem feingekleideten Herrn. »Sie haben einen Kranken im
+Haus, höre ich?« sagte der Herr Doktor sogleich. »Führen Sie mich zu
+ihm.« »Wenn der Herr den Buben meint, der ist im Keller und spült
+Flaschen,« antwortete der Wirt. »Krank ist er nicht, du meine Güte.
+Wegen so einem bißchen Geschwulst am Fuß macht man mit so einem Knirps
+nicht soviel Aufhebens.« »Ich bitte, daß Sie mir den Konrad in die
+Schenkstube bringen,« beharrte der Herr Doktor. »Was zu tun ist, wollen
+wir dann schon sehen; ich bin Arzt und gedenke schon zu sehen, was
+nötig ist.«</p>
+
+<p>Der Wirt zog brummend ab, nicht ohne daß er vorher noch bemerkt hatte:
+»Wer den Doktor bestellt hat, weiß ich nicht. Es wird dann niemand
+verlangen, daß ich ihm noch den Weg bezahle für so einen Bettelbuben.«</p>
+
+<p>Vronik nickte dem Konrad ermunternd zu, als er bald darauf
+hereinhinkte, bleich und ängstlich. Der Herr Doktor war aber keiner von
+denen, die nicht mit schüchternen Kindern<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> fertig werden. Er streckte
+dem verlegenen Buben ganz freundlich die Hand hin. »So, das ist ja
+ganz geschickt, daß ich gerade hier bin,« sagte er fröhlich, dann
+untersuchte er den kranken Fuß, machte aber ein ernsthaftes Gesicht
+dazu und schüttelte den Kopf. »Ganz unverantwortlich vernachlässigt ist
+die Wunde,« sagte er vor sich hin. Dann nahm er den Lammwirt besonders
+in ein Nebenzimmer und sprach dort eine Weile sehr erregt mit ihm.
+Als er wieder herauskam, wandte er sich an die Kinder. »So, nun seid
+einmal recht vernünftig,« sagte er. »Den Konrad muß ich mit mir nehmen
+in meinem Wagen. Drunten in der großen Stadt, in der ich lebe, ist
+ein schönes helles Haus, in dem kranke Kinder gepflegt und versorgt
+werden, daß sie dann wieder gesund und fröhlich werden können. Da will
+ich den Konrad hinbringen. Er hat's auch sonst nötig, denn er ist viel
+zu bleich und mager für so einen Buben. Da komme ich dann täglich zu
+ihm und sehe nach dem Fuß. Und schöne Bücher gibt's da und Spiele.«
+Der Herr Doktor hielt es für nötig, alles so schön auszumalen. Denn er
+war gewöhnt, daß sich die Kinder davor fürchteten, ins Krankenhaus zu
+kommen. Aber der Konrad saß mit leuchtenden Augen da, und man konnte
+ihm wohl ansehen, daß er mit dem freundlichen Herrn hingegangen wäre,
+wo dieser ihn hingebracht hätte.</p>
+
+<p>Vronik hatte zwar zu schlucken und zu drücken, daß keine Tränen
+heraufkommen konnten, denn sie wußte wohl, daß sie dann gar niemand
+mehr habe, wenn der Konrad fort sei. Aber als sie hörte, wie gut er
+es bekommen solle, da mußte sie sich so mitfreuen, daß sie fürs erste
+ihren eigenen Kummer ganz vergaß. Der Herr Doktor vergaß aber seine
+kleine Freundin nicht. Denn sie mußte ihm ja helfen, die traurige Frau
+in dem weißen Häuschen wieder fröhlich zu machen. Und er wußte schon
+lange, daß der liebe Gott dazu arme und reiche<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> Leute untereinander
+auf der Welt sein läßt, daß sie Liebe aneinander üben sollen und alle
+reich und glücklich werden. So sagte der Doktor jetzt dem Konrad, daß
+er in einer Stunde mit dem Wagen kommen und ihn abholen wolle, und nahm
+dann Vronik bei der Hand. »Sag jetzt deinem Bruder Lebewohl,« sagte
+er freundlich. »Und laß dich's nicht zu sehr anfechten; ich will dann
+schon sorgen, daß du ihn bald wieder siehst. Was meinst du, wenn du
+inzwischen ein Kindsmädchen für unsere arme Gertrud würdest? Wenn du
+ihr noch öfters etwas singen würdest, daß sie doch auch eine Freude
+hat?«</p>
+
+<p>Vronik wurde dunkelrot vor Freude. Sie war im Pfleghof nie am Ohr
+gerissen, nie gestoßen und geschlagen worden. Aber daheim sein war
+wieder ganz anders, ganz anders. Und in dem weißen Häuschen konnte man
+daheim sein, das hatte das Kind diesen Morgen beim Erwachen gefühlt.</p>
+
+<p>Sie klammerte sich einen Augenblick fest an Konrad an und flüsterte
+ihm zu: »Jetzt kommt's. Alles kommt. Die Mutter hat's gut gewußt. Freu
+dich nur, Konrad, jetzt wird alles noch viel schöner, man weiß noch gar
+nicht, wie schön es wird.«</p>
+
+<p>»So, und jetzt behüt dich Gott,« sagte der Herr Doktor liebreich zu
+Vronik. »Geh jetzt nur ganz fröhlich auf den Pfleghof. Da hast du ganz
+recht, es kommt alles, wie es gut ist, man muß nur ein wenig warten
+können. Du wirst dann schon hören, was weiter kommt.«</p>
+
+<p>Und Vronik ging und besann sich wieder nicht lange, wie es weiter
+komme. Denn sie wußte ja schon, daß eins ums andere ganz von selber
+komme und sie gar nichts dazu zu tun brauche. Im Pfleghof schnatterten
+die Enten und die Gänse, als Vronik ankam. Der Daniel und das Regele
+spielten vor dem Haus und die Ahne saß bei ihnen und sagte: »Eine
+ordentliche Tracht Schläge hättest du schon verdient<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> diesmal. Wenn
+man in der Nacht herumläuft und vor anderer Leute Haus schläft anstatt
+in seinem Bett.« Vronik machte sich nun schnell an ihre Arbeit und
+tat alles, was man ihr auftrug, so willig, daß der Bäuerin und den
+Mägden der Ärger bald wieder verging und sie zueinander sagten: »Für
+einmal hat sie genug am Fortlaufen, das sieht man deutlich. Man muß
+sie nur ein wenig drunten halten, daß sie daran denkt, daß man sie um
+Gottswillen im Haus hat. Dann kommen ihr keine hoffärtigen Gelüste
+mehr. So eins soll nur froh sein, wenn es überhaupt weiß, wo es
+hingehört.«</p>
+
+<p>Es war am Nachmittag des andern Tages. Vronik saß in der Küche und
+hatte eine riesige Schüssel voll Kartoffeln vor sich, die sie schälen
+sollte. Die Obermagd hatte schon zweimal den Kopf durchs Fenster
+hereingestreckt und nachgesehen, ob die Arbeit noch nicht fertig sei.
+Denn sie hatte auch noch Wünsche, und dann hatte die Ahne heraussagen
+lassen, es sei die höchste Zeit, daß ihr die Vronik ein Weilchen die
+Kinder abnehme. Vronik mußte sich tüchtig rühren, um fertig zu werden.
+Aber es war heute ganz gut für sie. Denn das Heimweh regte sich immer
+stärker in dem Kinde. Der Konrad war fort und der Herr Doktor mit. Und
+niemand hatte nach Vronik gefragt. Wie gern wäre sie nur geschwind nach
+dem weißen Häuschen gelaufen, nur um zu sehen, daß es noch dastehe und
+alles noch gut kommen könne. Aber das war ihr streng untersagt worden.
+Darum war es ganz gut, daß Vronik so viel zu tun hatte, daß nur immer
+eine Arbeit nach der andern abgetan werden mußte und gar keine Zeit zu
+müßigen Gedanken blieb.</p>
+
+<p>Jetzt waren die Kartoffeln fertig, und Vronik kehrte die Schalen
+zusammen, um sie den Schweinen zu bringen, da hörte sie plötzlich eine
+wohlbekannte Stimme. »Ich möchte mit der Bäuerin selbst reden,« sagte
+Frau Behrens, denn sie war es,<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> die im Hof draußen sprach zu der Magd,
+die da hantierte. Vronik stand wie angewurzelt. Sie wäre am liebsten in
+den Hof geeilt, denn sie fühlte wohl, daß Frau Behrens ihretwegen kam.
+Aber man hatte noch nicht nach ihr gefragt, und hier im Hause war sich
+Vronik in einemfort bewußt, daß sie nicht zur Familie gehöre. Da wagte
+sie sich nicht so hervor. So blieb sie denn am gleichen Fleck stehen,
+bis die Fremde in der Wohnstube verschwunden war und die Obermagd
+hereinrief: »Was ist denn eigentlich mit dir? Ich glaube, du schläfst
+am hellen Tag und mit offenen Augen wie die Hasen.«</p>
+
+<p>Da raffte Vronik ihre Arbeit zusammen und ging in den Stall und von
+da in den Keller und auf den Heuboden, wo man sie hinschickte. Aber
+ihr Herz klopfte stark, und ihre Gedanken waren immer in der großen
+Wohnstube. Was würde man über sie beschließen? Wann würde man sie
+hineinrufen? Sonst konnte sie nichts mehr denken. Da rief die Stimme
+der Ahne von der Haustüre her über den Hof hin: »Wo steckt nur auch das
+Mädchen? Vronik, geh einmal her, man muß etwas mit dir reden.«</p>
+
+<p>Vronik konnte kaum antworten, so stark klopfte ihr Herz. Aber dann
+kam sie doch mit eiligen Schritten heran und folgte der Ahne in die
+Wohnstube. Die Bäuerin saß mit Frau Behrens auf dem lederbezogenen
+Sofa und sah die Vronik nicht eben sehr freundlich an. »Ich meine dann
+nicht, daß du es schlecht gehabt hast bei uns,« sagte sie zu ihr.
+»Gekocht wird genug alle Tage, und niemand mißt den Leuten das Brot
+vor. Und ich denke, so als Gottswillenkind hättest du es schlechter
+antreffen können als bei uns.« — »Das glaube ich gern,« fiel Frau
+Behrens rasch ein. »Aber Sie brauchen die Veronika ja nicht, das sagen
+Sie selbst. Und mir könnte das Kind ein Trost und eine Freude sein.
+Veronika, komm<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> einmal her zu mir,« fuhr sie, zu Vronik gewendet, fort.
+»Siehst du, ich könnte dich notwendig brauchen und mein armes Kind
+auch. Und wenn dir's recht ist, dann kannst du bei mir daheim sein.«
+Vroniks Augen glänzten. Ihr kam es nicht so wunderbar vor, wie der
+Bäuerin und der Ahne, daß der liebe Gott es der einsamen, traurigen
+Frau ins Herz gegeben hatte, sich das Waisenkind ins Haus zu holen. Sie
+legte vertrauensvoll ihr braunes Händchen in die zarte, weiße Hand der
+Frau Behrens.</p>
+
+<p>»Ja, das will ich gern,« sagte sie. »Die Mutter hat's schon gewußt, daß
+es dann noch einmal gut kommt.«</p>
+
+<p>Frau Behrens hatte das nicht immer gewußt, das wissen wir schon. Aber
+das tut nichts. Der liebe Gott weiß es ja besser als wir alle, wie er
+uns helfen kann. Er hatte jetzt in ihr verzagtes Herz hinein eine neue
+Zuversicht gegeben, jetzt konnte es immer noch besser kommen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es war ein halbes Jahr später. Seit Vronik an der Hand ihrer neuen
+Beschützerin aus dem Pfleghof nach dem Waldhäuschen gezogen war, hatte
+der Schnee Wald und Flur bedeckt, hatte den Pfad nach dem Dorfe und
+den grünen Waldweg fast ungangbar gemacht und die kleine Familie dort
+draußen ganz nah um den warmen Ofen versammelt. Es waren aber keine
+sehnsüchtigen, traurigen Gesichter mehr, die da unter dem schönen
+Bild des guten Hirten beisammen waren. Frau Behrens hatte es noch nie
+bereut, daß sie das Gottswillenkind in ihr Haus geholt hatte. Wenn
+die Hängelampe brannte und die lebensgroßen Bilder von Hellmuth und
+Irma fast noch lebendiger als am Tage von der Wand heruntersahen, so
+starrte die Mutter jetzt nicht mehr unbeweglich vor sich hin, dazu
+hatte sie gar keine Zeit mehr. Sie mußte die<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> kleine Gertrud pflegen
+und versorgen, denn das tat sie jetzt immer selbst. Und Gertrud hatte
+noch allerlei Neues dazu gelernt, seit sie an jenem Morgen bei Vroniks
+Gesang gelächelt hatte. Sie konnte das Köpfchen ein wenig heben, konnte
+einen Ton hervorbringen, der wie »Mama« klang, und konnte mit den
+Händchen an einer Troddel spielen, die von der Decke herabhing. Die
+Mutter und Vronik fanden immer wieder etwas Neues zu bewundern, und
+Ursula teilte den Jubel getreulich. Ja, und Vronik! Es tat einem wohl,
+sie nur anzusehen, so wohl war es ihr in der neuen Heimat.</p>
+
+<p>Das Singen hatte sie nicht verlernt, denn das übte sie täglich, und
+es kam ihr jetzt recht von innen heraus, so fröhlich konnte sie sein.
+Und noch viel anderes lernte sie dazu, denn die Mutter wollte ihr eine
+rechte Mutter sein, und sie wollte eine geschickte, fleißige Tochter
+heranziehen. Sie hatte es immer besser verstanden, was es heißt, wenn
+man ein Kind um Gottswillen aufnimmt, und sie wurde immer fröhlicher
+und dankbarer dabei.</p>
+
+<p>Die Dorfleute konnten jetzt nicht mehr sagen, daß die fremde Frau nicht
+»bei Trost« sei, denn Frau Behrens konnte jetzt sogar noch andere
+Menschen trösten, die betrübt und in Not waren. Es war schon manches
+Arme hungrig in das weiße Häuschen gegangen und war satt und froh
+wieder herausgekommen.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp89" id="illu-078" style="max-width: 62.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-078.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<p>Jetzt schmolz der Schnee, und der Frühling kam wieder. An den Rainen
+guckte überall das grüne Gras heraus, und an sonnigen Stellen blühten
+schon Gänseblümchen und sogar Veilchen. Die Vogesen hatten zwar noch
+weiße Schneekappen auf den hohen Gipfeln, aber sonst schimmerte die
+schöne Rheinebene schon in frischem Grün. Es konnte einem recht wohl
+zumute werden, wenn man in das schöne Land hinaussah. Auf dem Bänkchen
+vor dem Hause saß Vronik oder vielmehr Veronika, wie sie jetzt hieß,
+denn die <span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> Mutter sprach den schönen
+Namen gern ganz aus. Sie hatte ein Strickzeug in den Händen, und während die
+Nadeln eifrig klapperten, sang sie ein fröhliches Liedchen dazu. Und
+danebenher konnte Veronika noch ganz gut den Weg zum Dorfe übersehen,
+dort schien sie nach jemand auszuschauen. Der ließ denn auch nicht lang
+auf sich warten. Es war der Briefbote, der immer um diese Zeit mit
+den Zeitungen ankam und der ein ganz guter Freund von Veronika war.
+Denn oft brachte er auch Briefe mit in seiner ledernen Tasche, und
+es war schon hie und da vorgekommen, daß einer an das kleine Mädchen
+dabei gewesen war. Der kam allemal vom Konrad, und es war darum kein
+Wunder, daß Veronika so oft den Weg hinuntersah, wenn es Zeit für den
+Briefboten war. Denn die Kinder hielten auch jetzt noch getreulich
+zusammen, obgleich sie einander fern waren. Heute streckte der
+Briefbote schon von weitem einen Brief in die Höhe, als er Veronika auf
+dem Bänkchen erblickte. Er hatte selbst auch Kinder, und es freute ihn
+immer, wenn er sah,<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> wie fröhlich das arme Gottswillenkind aufblühte
+in seiner neuen Heimat. Veronika ließ das Strickzeug fallen, daß der
+Garnknäuel über den Boden hinrollte, und rannte mit großen Sprüngen
+dem Boten entgegen. »O vom Konrad!« rief sie schon von weitem. »Gib
+ihn her, er ist an mich.« Die Mutter stand lächelnd am Fenster und
+nickte dem Boten freundlich zu. Sie trug jetzt eine weiße Schürze auf
+dem schwarzen Kleide und eine kleine weiße Krause am Hals. Kein Mensch
+hätte mehr die traurige Frau vom vorigen Jahr erkannt. »O Mutter,« rief
+Veronika während des Lesens, »es kommt so viel Schönes, man kann gar
+nicht alles aufzählen.« Und sie schwang den Brief hoch in der Luft.</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p class="center">
+»Liebe Vronik!« schrieb Konrad.<br>
+</p>
+
+<p>»Diesmal mußt Du staunen, das weiß ich sicher. Denn ich muß Dir sehr
+viel sagen. Wenn ich noch acht Tage damit gewartet hätte, so hätte
+ich Dir alles selbst erzählen können. Und das wollte der Herr Doktor
+eigentlich auch gern haben, denn er freute sich darauf, daß er dann
+Dein vergnügtes Gesicht sehen könnte. Aber ich kann nicht mehr warten.
+Und wenn wir kommen, gibt es auch noch genug zu freuen, das habe ich
+dem Herrn Doktor gesagt. Also das weißt Du, daß mein Fuß wieder ganz
+gut ist. Es hat lang gedauert. Aber es war mir eigentlich ganz recht,
+denn ich glaubte immer im stillen, wann ich dann gesund sei, so müsse
+ich wieder zu dem Lammwirt oder sonst so. Ich mochte es zu keinem
+Menschen sagen, nicht zu Schwester Lore und nicht zu dem Herrn Doktor.
+Aber als sich beide so freuten, daß die Wunde endlich heile, da konnte
+ich gar nicht mehr vergnügt sein. Ich mochte kein Buch mehr ansehen
+und nicht essen und nicht spielen. Denn ich dachte immer: ›Jetzt ist
+ja doch alles aus.‹ Da kam einmal der Herr Doktor, ließ mich im Saal
+auf und ab marschieren<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> und sagte dann: ›Ja, da ist nun nichts mehr
+zu tun für den Doktor, der Bub ist gesund. Das kann einen freuen.‹
+Ich habe vielleicht kein sehr erfreutes Gesicht gemacht, Vronik, denn
+ich hätte nächstens angefangen zu weinen, weil ich glaubte, jetzt
+schicke mich der Herr Doktor wieder zurück. Da sagte er aber: ›Und da
+habe ich denn gedacht, wenn du doch wieder so gut gehen kannst, so
+könntest du mir deine Füße ein wenig leihen, denn die meinigen wollen
+nicht mehr so recht fort.‹ Und dann sagte er mir, daß er mich mit
+sich in sein schönes Haus nehmen und in die Schule schicken wolle.
+Und in den Freistunden solle ich dann im Garten helfen, denn der Herr
+Doktor ist ein ganz besonders geschickter Gärtner. Du hast oft gesagt,
+Vronik, ich soll's nicht immer wieder vergessen, daß der liebe Gott
+alles machen kann, und daß er an uns denkt. Und die Mutter hat's auch
+immer gesagt. Und ich hab's doch vergessen und war so betrübt in der
+Zeit. Vielleicht kann ich's jetzt gut behalten. Denn das hat doch
+sicher der liebe Gott gemacht, daß ich's jetzt so gut habe und so viel
+lernen kann. Mein Herr Doktor hat in seinem Schlafzimmer einen Spruch
+hängen, der heißt: ›Wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der
+nimmt mich auf.‹ Jetzt schäme ich mich gar nicht mehr wie früher, daß
+ich ein Gottswillenkind bin. Solch einen großen Brief habe ich noch
+nie geschrieben. Aber ich mußte es Dir alles sagen. Und am nächsten
+Sonntag kommen wir beide, mein Herr Doktor und ich, auf Besuch zu
+euch. Ich will sehen, ob Du auch sagst, daß ich so stark gewachsen
+sei. Man wird es schon erleben können, bis ich dann groß bin.</p>
+
+<p>Jetzt grüßt Dich Dein treuer Bruder Konrad.«</p><br>
+</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Das war alles schon vor zehn Jahren. Seither hat sich äußerlich
+nichts an dem weißen Häuschen verändert, wenn man nicht die vielen
+blühenden Pflanzen, die vor allen Fenstern stehen, für eine Veränderung
+gelten lassen will. Hinter dem Hause, ja, da ist das dichte Gestrüpp
+ausgerottet und ein freundliches Gärtlein ist erstanden mit einer Laube
+und blumigen Rabatten und mit sauberen Gemüsebeeten. An einem hellen,
+sonnigen Sommermorgen hantiert ein blühendes, junges Mädchen fleißig
+darin. Sie hat dicke, braune Zöpfe, die ihr den Rücken hinabhängen und
+singt leise ein Liedchen vor sich hin zu ihrer Arbeit. Wär's nicht an
+dem, so könnte man die magere, bleiche Vronik von einst nicht mehr
+erkennen, so groß und stattlich ist sie geworden und so rund und
+rot sind ihre Wangen. Vom Bücken sind sie jetzt fast so rot wie die
+Monatrettiche, die sie aus der Erde zieht und triumphierend in die Höhe
+hält. Unter der Türe steht eine Frau mit freundlichem, liebreichem
+Gesicht, die bewundernd die Hände zusammenschlägt ob den wohlgeratenen
+Früchten des Gartens. »Wenn du jetzt kommen könntest, Veronika,« ruft
+sie dann. »Es ist warm genug für Gertrud, um in der Sonne zu sitzen.
+Und du kannst sie leichter heben als ich, das weißt du.« »Will's
+meinen, Mütterlein,« erwidert Veronika fröhlich. »Das soll mir niemand
+abnehmen.« Und sie läuft eilig dem Hause zu.</p>
+
+<p>Gertrud ist nicht mehr das elende Kindlein, das wir vor zehn Jahren
+im Wagen liegen sahen und dessen größtes Kunststück es war, mit den
+Händchen zu spielen.</p>
+
+<p>Es ist ein feines, bleiches Gesichtchen immer noch, das von den Kissen
+des bequemen Lehnstuhls aufsieht, als Veronika eintritt. Aber es
+strahlt ihr zu, wie einst bei dem ersten Gesang des Gottswillenkindes.
+Das Lächeln hat Gertrud nicht mehr verlernt, ja, man kann manchmal ein
+leises, fröhliches Lachen von ihr hören. Jetzt ist Gertrud dreizehn
+Jahre alt.<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> Ihre Glieder sind immer noch schwach, sie kann nicht allein
+gehen und stehen. Aber es fällt der Mutter nicht mehr ein, zu sagen,
+das Kind sei sich selbst und ihr zum Jammer auf der Welt. Nein, das
+blasse, zarte Mägdlein ist so recht der Mittelpunkt des ganzen Hauses
+geworden. Wenn sie so still und geduldig daliegt in den Zeiten, wo sie
+Schmerzen am Rücken und in den Gliedern hat, und wenn sie an leichten,
+guten Tagen sich an jedem Blümlein freut und an jedem Sonnenstrahl,
+dann streicht die Mutter oft sachte mit der Hand über das blonde Haar
+und sagt: »Mein Trostkind.« Denn dann fällt es ihr wieder ein, wie
+an jenem Sonntagabend der alte Herr Doktor gesagt hatte: »Das Kind
+kann ihnen noch ein rechter Trost werden.« Und das ist nun auch wahr
+geworden. Sie wollen alle beide gern und fröhlich ihre Last tragen, die
+Mutter und das Kind, sie haben ja doch einander, und »der liebe Gott
+wird wissen, warum er mich so sein läßt und nicht anders,« sagt Gertrud
+zuversichtlich, wann es der Mutter doch einmal schwer fallen will,
+daß ihr Töchterlein nicht fröhlich herumspielen, nicht stark und groß
+werden soll, wie Veronika und all die andern Kinder des Dorfes.</p>
+
+<p>Veronika hat es nie anders gewußt, als daß man dem lieben Gott
+ganz fröhlich vertrauen könne, und so hat sie es ganz einfach und
+natürlich auch dem Schwesterlein Gertrud wieder gesagt, als es nach
+und nach heranwuchs und doch zart blieb. Und Gertrud, die nie schwere
+Schulaufgaben lernen konnte, hat doch ihre eigene Lebensaufgabe
+gut begriffen, die manchen als das Allerschwerste erscheint, was
+man lernen kann, nämlich ohne Fragen und Zagen dem lieben Gott zu
+vertrauen, auch wenn er es anders macht, als wir gern möchten. Aber
+heute ist Sonnenschein auf der Welt draußen, und Gertrud soll hinaus
+und freut sich schon darauf. Sie läßt sich so gern anscheinen und ganz
+durchwärmen und sieht so gern den<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> Schwalben nach, die oben an der
+Dachrinne nisten, wenn sie hinausfliegen in die schöne Welt und sich
+hoch, hoch im Blau verlieren.</p>
+
+<p>Veronika hat heute nicht zum erstenmal das Amt, Gertrud hinauszubetten,
+das kann man wohl sehen. So leicht und sachte stützt und hebt sie das
+schwache Kind, so bequem legt sie es in den Stuhl, der schon eine
+ganze Weile im Sonnenschein steht — kein Mensch könnte sorglicher und
+geschickter damit umgehen. Die Mutter weiß es wohl. Sie hat schon oft
+im stillen dem lieben Gott gedankt, daß er ihr das verlassene Kind
+zugeführt hat, das ihr nun zur Hilfe und Freude herangewachsen ist.
+Ursula ist schon seit Jahren nicht mehr in dem weißen Häuschen. Ihre
+alten Eltern riefen sie nach Hause. »Ich ginge ja nicht, ich verließe
+meine Gertrud nicht,« sagte sie beim Abschied unter Schluchzen, »aber
+Veronika kann sie besser versorgen als ich, das muß man ihr lassen.«
+Jetzt hantiert ein junges Mägdlein aus dem Dorfe im Haus und in der
+Küche. Und Veronika geht es immer noch manchmal, wie einst im Pfleghof,
+daß sie mehr Arme und Füße brauchen könnte, um alles auszuführen, was
+getan sein sollte. Denn die Mutter ist oft recht schonungsbedürftig.
+Die schweren Zeiten sind doch nicht spurlos an ihr vorübergegangen.
+Aber es ist ein fröhliches Schaffen für Veronika, und das haben wir
+schon gehört, sie singt immer noch zu ihrer Arbeit.</p>
+
+<p>Der Briefbote, der ist in all den Jahren ihr immer besserer Freund
+geworden. Denn er trägt ja immer noch in seiner Tasche die Nachrichten
+von dem fernen Bruder zu ihr. Konrad ist kräftig herangewachsen in
+der guten heimatlichen Luft, die ihn bei seinem Herrn Doktor umgab.
+Er hat auch fleißig gelernt und gute Zeugnisse mitgebracht. Aber als
+es dann Zeit war, an einen Beruf zu denken, da stellte es sich doch
+heraus, daß er sein Latein am liebsten dazu verwenden<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> wollte, seine
+lieben Blumen und seltenen Pflanzen mit gelehrten Namen zu nennen. Er
+wollte ein Gärtner werden. »Aber einer aus dem Fundament.« sagte der
+Herr Doktor. Und das erste Fundament, die Liebe zu den Pflanzen und das
+Verständnis für ihr Wachsen und Gedeihen, das hatte der Herr Doktor
+selbst in den Konrad gelegt. Die beiden waren hie und da miteinander
+in den Schwarzwald gereist und hatten in dem weißen Häuschen fröhliche
+Feiertage erlebt. Jetzt ist Konrad in der Fremde, um da und dort noch
+Neues zu seinem schönen Handwerk hinzuzulernen. Und seine Briefe sind
+immer die Freude der Schwester und ihr Glück. Sie pflegt inzwischen
+die Blumen in den Töpfen am Fenster, sein Vermächtnis. Denn es ist ihr
+Stolz, sie recht üppig und gedeihlich zu erhalten, bis Konrad dann
+wieder einmal kommt. Wenn die Zeit kommt, daß die Geschwister einmal
+ganz zusammenleben, das kann noch niemand sagen. Aber das tut nichts.
+Sie wissen beide, daß es kommt, wie es gut ist. Und sie wollen gern ihr
+Lebenlang »Gottswillenkinder« bleiben, nämlich solche, die fröhlich in
+der guten Zuversicht leben: »Sein Will', der ist der beste.«</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span></p>
+
+<h2>7. Zweierlei Reichtum.</h2>
+</div>
+
+
+<p>Der Bandweber Hartmann wohnte in einem niedrigen Häuschen, das zwischen
+zwei hohen Gebäuden so eingeklemmt stand, als ob es jetzt gleich
+erdrückt werden sollte. Gerade gegenüber stand ebenfalls ein hohes
+Haus, das mit seinen hellen blanken Fenstern, an denen luftige Vorhänge
+befestigt waren, vornehm auf das kleine Häuschen heruntersah. Zwar
+blanke Fenster hatte das auch, nur waren sie niedrig, wie alles an dem
+Häuschen, und statt der eleganten Vorhänge waren nur ganz kleine, kurze
+Vorhängchen dran, solche, die man Neidhämmel heißt. Sie waren nur zum
+Schutz da, daß nicht alle Leute, die vorbeigingen, durch die Fenster in
+die Stube sehen konnten.</p>
+
+<p>Es war Abend und die Familie saß um den Tisch, auf dem schon das
+dampfende Essen stand. Die Mutter hatte den kleinsten Buben auf dem
+Schoß und hatte nur immerfort den Breilöffel aus dem Teller ins
+Mäulchen des Kleinen und von da wieder in den Teller zu führen,
+so hungrig war der Dicke. Die größeren Kinder warteten noch, denn
+die Mahlzeit sollte, erst beginnen, wann der Vater kam. Man hörte
+immer noch den Webstuhl rasseln, an dem er arbeitete, und die Mutter
+schüttelte ein wenig den Kopf: »Er macht heute wieder lang keinen
+Feierabend.« Dann sagte sie zu Mariele, dem größten Töchterlein: »Geh
+einmal hinein und frag den Vater, ob er noch nicht komme!« »Ja und ich
+sag auch, daß man gebrannte Suppe hat und Kartoffeln und Butter,« sagte
+Mariele noch im Hineingehen, »das ist sein Leibessen!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span></p>
+
+<p>Es war eine ziemlich lebhafte Unterhaltung am Tisch. Paul, der
+neunjährige Schüler, hatte ein glänzendes Zwanzigpfennigstück in der
+Hand und beriet schon seit einer halben Stunde mit dem jüngeren Eugen,
+was man damit anfangen könne. Es war ein ziemlich schwieriger Fall,
+denn es kam fast nie vor, daß eins der Kinder Geld in der Hand hatte
+zur freien Verfügung. Heute aber war Pauls Patin dagewesen und hatte
+ihm das Geldstück ausdrücklich mit dem Bemerken gegeben: »Du mußt dir
+etwas dafür kaufen, was dir Freude macht.«</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-086" style="max-width: 62.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-086.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<p>Eugen hatte vorgeschlagen, sieben Laugenbretzeln dafür zu kaufen
+oder dann eine große Wurst. Denn das dünkte ihm die beste Verwendung
+für das Geld zu sein. »Aber wenn man's gegessen hat, ist's vorbei,«
+sagte Paul verständig, und das mußte auch zugegeben werden. »Einen
+Gummiball möchte ich auch schon lang und ein rotes Federnbüchschen.
+Oder einen Bleistift zum Einschieben mit einem Radiergummi dran.
+Oder eine Farbenschachtel, aber zu dem langt das Geld nicht.« Paul
+mußte tief aufseufzen. Denn man konnte das Geld nur einmal<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> ausgeben,
+und solang man es in der Hand hatte, war noch die Wahl zwischen all
+den begehrten Dingen offen. »O wenn ich nur eine große Kiste voll
+Zwanzigpfennigstücke hätte,« brach er auf einmal los. »Dann könnte ich
+alles kaufen, was ich möchte, und noch vieles andere. Auch für dich,
+Mutter, und für den Vater und die Kleinen.«</p>
+
+<p>Die kleinen Geschwister horchten mit glänzenden Augen. Es war sehr
+genußreich, sich auszudenken, was man alles um eine Kiste voll
+Zwanziger kaufen könnte.</p>
+
+<p>»Gelt, Mutter, das wär' recht, wenn wir das hätten?« wandte sich nun
+Paul an die Mutter, die eben anfing, den Kleinen auszuziehen, der
+seine Äuglein kaum noch offen halten konnte. Die Mutter sah ein wenig
+müde aus. Sie hatte den ganzen Nachmittag gebügelt und dazwischen den
+kleinen Laden besorgt. Jetzt sagte sie nur: »Es gäbe noch vieles, was
+einem recht wäre, man kann aber auch so vergnügt und zufrieden sein!«
+Paul war nicht so ganz zufrieden mit der Antwort. Die Mutter sagte
+immer so etwas Ähnliches, wenn man sich manchmal gern gewünscht hätte,
+ein wenig reicher zu sein.</p>
+
+<p>»Und wenn wir alles hätten, was wir jetzt gern möchten,« sagte sie oft,
+»dann fiele uns auf einmal noch etwas ein, was wir auch noch wollten
+und dann noch etwas und dann wären wir erst nicht glücklich, weil wir
+ja doch nicht alles haben können.«</p>
+
+<p>»Aber Mutter,« hob Paul noch einmal an, »viel Geld haben ist auch
+schön. Die Hofrats drüben haben viel. Der Alfred hat zu seinem
+Geburtstag eine Uhr bekommen, die ganz richtig geht, und eine Kette
+dazu. Und einen Schlitten haben sie mit einer Eisbärendecke und mit
+silbernen Glöckchen.« »Ja,« fiel Eugen ein, »und heute hat der Konditor
+eine Schokoladentorte ins Haus hineingetragen. Der Erich ist unter der<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span>
+Haustüre gestanden und hat noch das Gesicht verzogen und gesagt: ›Das
+mag ich erst nicht besonders.‹«</p>
+
+<p>Die Kleinen staunten. Denn das dünkte ihnen der Gipfel des Guthabens zu
+sein, wenn man nicht einmal mehr Schokoladentorte möge.</p>
+
+<p>Die Mutter hatte nichts mehr erwidert, sie hatte genug mit dem Kleinen
+zu tun, und jetzt kam der Vater herein. Er sah fröhlich aus, denn er
+war froh, daß er sein Tagewerk vollendet hatte, und freute sich nun,
+die Kinder alle so gesund und rotbackig um den Tisch her sitzen zu
+sehen. »Jetzt soll mir's aber schmecken,« sagte er. Dann sprach er das
+Tischgebet und die Mahlzeit konnte beginnen.</p>
+
+<p>Eine Weile hörte man nur die Löffel hin- und hergehen. Aber lang
+dauerte die Stille nie in dem lebhaften Kinderkreis. »Vater, morgen ist
+Examen in der Schule,« fing Mariele an, »die Eltern sollen auch kommen.
+Kommst du?«</p>
+
+<p>»Das werde ich wohl lassen müssen,« sagte der Vater, »die Arbeit eilt
+gerade und dann, da sind andere Leute genug. Vornehmere und klügere,
+die würden schön aufsehen, wenn ich käme.« Mariele war ein fleißiges
+und begabtes Kind und die Eltern schickten sie in eine gute Schule,
+damit sie etwas Tüchtiges lernen solle. Sie kam auch gut voran, das
+Lernen machte ihr Freude, aber da gab es daneben noch etwas zu lernen,
+das manchmal sehr bitter war. Denn in der Schule waren so viele Kinder
+wohlhabender Eltern, die schönere Kleider und Bücher hatten und in
+schöneren Häusern wohnten. Und da kam sich das Mariele manchmal ein
+wenig beklagenswert vor, wenn es nicht auch Geburtstagsvisiten halten
+und hübsche Geschenke machen und von schönen Ausflügen erzählen konnte,
+wie die andern Mädchen.</p>
+
+<p>»Das tut nichts,« sagte die Mutter zwar. »Wir haben so viel Vergnügen
+daheim, daß wir sonst gar nichts brauchen.<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> Martha Heinrichs wäre
+glücklich, wenn sie ein nettes, kleines Brüderlein zu hüten hätte wie
+unser Fritz ist. Und Hofrats Ella, was meinst du, wie die sich freuen
+würde, wenn ihre Eltern mit ihr und den Brüdern am Sonntag spazieren
+gehen und abends Gesellschaftsspiele machen würden? Du hast soviel
+Gutes, daß man gar nicht alles aufzählen kann, wenn man anfängt.«</p>
+
+<p>Mariele gab das aber nicht immer zu. Es ging ihr wie Paul. Viel Geld
+haben ist aber auch schön! Und sie dachte sich gern aus, wie herrlich
+das wäre, wenn sie des reichen Hofrats Töchterlein wäre und all die
+schönen Sachen besitzen könnte, die der Ella gar nicht so viel Freude
+zu machen schienen. Natürlich die Eltern müßten mit dabei sein und die
+Geschwister.</p>
+
+<p>Daß man nicht alles Gute auf einmal haben kann, sah Mariele noch nicht
+recht ein, und was das beste von allem ist, was alle Menschen haben
+können, das verstand sie auch noch nicht so recht. Die Mutter verstand
+es, aber sie dachte, sie wolle es den Kindern nur immer an sich selber
+zeigen, wie man vergnügt und zufrieden sein könne, dann würde ihnen das
+so gefallen, daß sie dann von selber auch anfangen würden, darnach zu
+streben.</p>
+
+<p>Dem Vater ging es auch so. Er war den ganzen Tag an der Arbeit am
+Webstuhl, und wenn dieser recht rasselte, so sang er gern mit seiner
+schönen vollen Stimme ein Lied dazu und das machte ihn immer wieder
+fröhlich, wenn er auch manchmal ein wenig sorgenvoll war.</p>
+
+<p>Die Mutter besorgte den Hausstand, und so oft das Glöckchen an der
+Ladentür bimmelte, ging sie da hinaus und bediente die Kunden. Man
+konnte neben den selbstgewobenen Bändern auch noch Knöpfe und Faden und
+Nadeln in dem Laden haben. Die Leute kamen gern zu der freundlichen
+Frau,<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> und so war immer alles Nötige in dem kleinen Häuschen. Die
+Schüsseln waren immer zur rechten Zeit auf dem Tisch und auch genug
+darin für die hungrige Kinderschar.</p>
+
+<p>»Ich kann's nicht begreifen, daß der Erich so etwas Gutes nicht gern
+ißt,« sagte jetzt Eugen, der völlig satt war und dem nun wieder die
+Torte vorschwebte. »Aber ich kann,« sagte der Vater. »Wenn du einmal
+ein paar Tage in eine Kammer voll süßer Sachen eingesperrt würdest und
+sonst nichts bekämest, als nur Torte und dergleichen, dann hättest du
+für lange Zeit genug davon, und ein Stück schwarzes Brot käme dir dann
+als der größte Leckerbissen vor.« Die Kinder lachten und hätten gern
+einmal die Probe gemacht. Dann wurden die Schulaufgaben vollendet,
+die Mutter brachte inzwischen die kleinen Buben und das dreijährige
+Lieschen zur Ruhe und dann kam die Reihe des Zubettgehens an die Großen.</p>
+
+<p>»Mutter, singst du uns noch etwas? gelt, ja?« bettelten die Brüder. Das
+war der größte Genuß, den es geben konnte, behaglich zugedeckt im Bett
+zu liegen und den schönen Liedern der Mutter zu lauschen, bis man daran
+einschlief.</p>
+
+<p>Die Mutter wollte gern. Sie machte den Kindern gern eine Freude, und
+ein schönes Lied machte sie selbst immer wieder frisch und munter. So
+setzte sie sich zwischen die Betten und fing an:</p>
+
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Wie herrlich ist's, ein Schäflein Christi werden</div>
+ <div class="verse indent0">Und in der Hut des treusten Hirten stehn!</div>
+ <div class="verse indent0">Kein schönrer Stand ist auf der ganzen Erden,</div>
+ <div class="verse indent0">Als unverrückt dem Lamme nachzugehn.</div>
+ <div class="verse indent0">Was alle Welt nicht geben kann,</div>
+ <div class="verse indent0">Das trifft ein solches Schaf bei seinem Hirten an.«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+<p>Bei den ersten Tönen des Liedes hatte der Vater seine Zeitung weggelegt
+und andächtig zugehört. Dann griff er nach der Flöte, die an der Wand
+hing, und als die Mutter den<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> zweiten Vers anfing, begleitete er sie
+mit weichen, lieblichen Tönen. Das Lied hieß weiter:</p>
+
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Hier findet es die angenehmsten Auen,</div>
+ <div class="verse indent0">Hier wird ihm stets ein frischer Quell entdeckt,</div>
+ <div class="verse indent0">Kein Auge kann die Gnade überschauen,</div>
+ <div class="verse indent0">Die es allhier in reicher Fülle schmeckt,</div>
+ <div class="verse indent0">Hier wird ein Leben mitgeteilt,</div>
+ <div class="verse indent0">Das unaufhörlich ist und nie vorüber eilt!«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+<p>Die Mutter horchte nach den Betten hin. Aus denen der Buben drangen
+tiefe regelmäßige Atemzüge. Das Lied hatte sie in den Schlaf gewiegt.
+Mariele rief halblaut aus ihrem Kämmerlein: »Das war schön! Gute Nacht,
+Mutter!« Dann wurde alles still. Der Vater drückte der Mutter die Hand.</p>
+
+<p>»Ich wollte, die Kinder wüßten, wie gut sie es haben,« sagte er. »Sie
+werden's schon noch einsehen lernen,« sagte die Mutter freundlich. »Wir
+haben's ja auch nur nach und nach gemerkt!«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Aus dem stattlichen Nachbarhause drang auch Musik in die stille Nacht
+hinaus. Rauschende, volle Klänge von Geigen und einem prachtvollen
+Flügel waren es. Die hohen Fenster warfen trotz der Verhüllung einen
+hellen Schein auf die Straße und hinter den Vorhängen schwebten
+tanzende Gestalten vorüber. Es war der Geburtstag des Herrn Hofrat
+und eine vornehme Gesellschaft war zu der Feier desselben eingeladen.
+Als die Nachbarskinder in ihren Bettchen dem Gesang ihrer Mutter
+lauschten, wurden die drei Kinder dieses Hauses eben von Fräulein
+Weiß, Ellas Erzieherin, in den Empfangssalon geführt, um sich der
+Gesellschaft vorzustellen. Sie waren im schönsten Staat und durften
+sich, als sie allen Bekannten höfliche Knixe und Diener gemacht hatten,
+im Speisezimmer an ein zierlich gedecktes Tischchen mit allerlei guten
+Sachen setzen.<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> »So, ihr dürft euch selbst vorlegen,« sagte Fräulein
+Weiß. »In einer Viertelstunde hole ich euch zu Bett. Seid artig und
+manierlich und laßt's euch schmecken! Ella, mache dir keine Flecken in
+das Kleid!« Damit ging sie und die kleine Tafelrunde war sich selbst
+überlassen.</p>
+
+<p>Das wäre nun an sich ein seltener Genuß gewesen. Denn die Kinder
+speisten sonst nie allein, sondern immer mit Fräulein Weiß oder auch
+manchmal mit den Eltern.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-092" style="max-width: 62.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-092.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<p>Ella hätte nun das Hausmütterchen machen und die Brüder versorgen
+können. Aber sie hatte ein wenig Zahnweh und dann war sie auch böse auf
+Erich, der gesagt hatte: »Du benimmst dich wie ein Affe.« Sie hatte
+zwar darauf gesagt: »Und du dich wie ein Bär,« aber sie glaubte doch
+noch mit Recht zu zürnen, denn Erich war wirklich ein wenig zu plump
+und Ella hatte doch schon Tanzstunde und wußte, wie man auftreten mußte.</p>
+
+<p>Alfred allein horchte auf die Musik und saß ganz ruhig da, denn er
+liebte Musik über alles. Er sagte zu den beiden<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> Streitenden nur: »Seid
+doch endlich still, daß man auch zuhören kann,« und davon wurden sie
+zwar still, aber nicht vergnügt.</p>
+
+<p>Alfred war der Älteste von den drei Kindern. Er war schon zwölf Jahre
+alt und ein sehr strebsamer Schüler, den man nie zum Lernen zwingen
+mußte, wie Ella und Erich, die alle beide nicht viel Geschmack daran
+fanden. Erich mochte sich am allerliebsten im Stall bei den Pferden
+aufhalten oder auch mit andern Kindern seines Alters auf der Straße
+spielen. Daß er beides nicht sollte, ärgerte ihn fortwährend und so
+war er selten vergnügt zu sehen. Ella war immer ein wenig bleich und
+mager und erkältete sich sehr leicht, so daß sie dann öfters die
+Schule versäumen mußte. Deshalb hatte sie nun seit einiger Zeit eine
+eigene Erzieherin, die ihr im Haus Stunden gab, mit ihr im Wagen oder
+Schlitten ausfuhr und auch die Brüder beaufsichtigte.</p>
+
+<p>Denn die Mama hatte nur sehr selten Zeit, nach den Kindern zu sehen.
+Sie mußte immer sehr viele Besuche machen und es kamen auch so oft
+Gäste ins Haus und blieben noch da, wenn die Kinder längst schliefen.
+Da war dann die Mama morgens meist sehr müde und mußte Ruhe haben und
+so kam es, daß die Kinder fast immer mit Fräulein Weiß zusammen waren.
+Das heißt, die Brüder gingen ja in die Schule, aber wenn sie dann nach
+Hause kamen, so saßen alle drei zusammen im Lernzimmer und machten ihre
+Aufgaben und nachher konnten sie sich mit den vielen schönen Büchern
+und Spielsachen vergnügen, die in den hohen Schränken hinter grünen
+Vorhängen bereit waren. Es war auch ein hübscher Garten hinten am Haus,
+mit schön gepflegten Blumenbeeten und einem Springbrunnen. Er zog
+aber die Kinder nicht so sehr an, weil da nicht viel Gelegenheit zum
+Spielen und Lustigsein war. Nur Alfred setzte sich manchmal mit seinen
+Büchern<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> in die Rosenlaube, da konnte er ganz ungestört lernen. Jetzt,
+im Winter, konnte man das freilich nicht tun und Alfred hatte an diesem
+Abend schon mehrmals Fräulein Weiß zu Hilfe holen müssen, weil es ihn
+störte, wenn Erich und Ella neben ihm laut sprachen und sich auf ihre
+Weise vergnügten. So war die Gesellschaft an dem kleinen Tischchen im
+Speisezimmer nicht so vergnügt, als man hätte denken können. Und als
+Fräulein Weiß wieder kam, um mitzuteilen, daß es nun Schlafenszeit
+sei, dachte sie bei sich selbst, sie möchte wohl wissen, was man noch
+anfangen müsse, um diese verdrossenen Gesichter hell und fröhlich zu
+machen.</p>
+
+<p>Fräulein Weiß liebte die Kinder so auf ihre Art, sie wußte es nur nicht
+recht zu zeigen und dachte, wenn man, wie diese Kinder, alles um sich
+her habe, was man sich nur Erfreuliches denken könne, so müsse man auch
+vergnügt und befriedigt sein, oder es sei dann nicht zu helfen.</p>
+
+<p>Sie zündete jetzt den Brüdern das Licht in ihrem Schlafzimmer an, gab
+Ella ein schmerzstillendes Mittel gegen das Zahnweh und zog sich dann
+auch zurück.</p>
+
+<p>»Du, Alfred,« fing Erich an, als er mit einem großen Sprung sein Bett
+eingenommen hatte, »ich gehe nicht mehr hinunter, wenn so was ist wie
+heute. Es ist schauderhaft langweilig!«</p>
+
+<p>»Bei dir ist alles schauderhaft langweilig, was ein wenig fein ist,«
+sagte Alfred weise. Er mochte sehr gern belehrend mit den jungen
+Geschwistern sprechen.</p>
+
+<p>»O, dir war's auch langweilig, du sagst's nur nicht,« beharrte Erich.
+»Der Ella auch. Es ist zwar fast alles langweilig; ich möchte am
+liebsten Pferdebahnkutscher sein oder dann Seemann. Eins von beiden.«</p>
+
+<p>»Das sieht dir ähnlich,« sagte Alfred etwas verächtlich. »Natürlich,
+wenn man zweitletzt ist in der Klasse und außerdem<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> der reinste
+Gassenbub. Will der Paul Hartmann auch Kutscher werden? Mit dem hast du
+ja so eine große Freundschaft.«</p>
+
+<p>Erich war zuerst ein wenig zornig aufgefahren, als Alfred so von oben
+herunter sprach. Aber als dieser dann den Nachbarsohn nannte, wurde er
+auf einmal wieder ruhig und lachte wohlgefällig. »Ja der,« sagte er,
+»der und Kutscher! Der ist anders gescheit! So viel kann fast keiner
+in der ganzen Klasse, wie der Hartmann. Schon zweimal hat er ein
+Prämium gekriegt. Und erst noch ein ganz netter Kerl ist's, gar kein
+Tugendbold!«</p>
+
+<p>Das letzte sollte auf Alfred gemünzt sein, der sich immer sehr
+vollkommen vorkam.</p>
+
+<p>Dieser tat aber gar nicht, als ob er es merke, sondern zog sich ruhig
+vollends aus und suchte ebenfalls sein Lager auf.</p>
+
+<p>Erich war aber noch nicht gesonnen, sich zum Schlafen hinzulegen. »Du,
+Alfred,« begann er nochmals, »bei Hartmanns ist's erst noch nett! Du
+kannst's glauben! Die Buben haben in ihrem Hof so eine nette Mühle,
+die man von der Wasserleitung treiben lassen kann. Ihr Vater hat ihnen
+daran geholfen. Und abends und Sonntags machen sie alle zusammen
+Spiele. Es ist ihnen nie langweilig.« »Mir auch nicht,« bemerkte
+Alfred. »Ja, aber weißt du,« fuhr Erich unbeirrt fort, »Papa kann ja
+natürlich nicht ›Schwarzer Peter‹ spielen und so Sachen, Mama auch
+nicht, das könnte ich mir nicht denken. Aber nett ist das doch, ich
+wollte, es wäre bei uns auch so.«</p>
+
+<p>»Sag's zu Fräulein Weiß, sie soll mit dir spielen,« schlug Alfred vor.
+»Die muß, wenn wir wollen, ich glaube schon, daß sie Domino kann und so
+etwas.«</p>
+
+<p>Erich sah groß auf. »Sie habe ich nicht gemeint,« sagte er dann
+und drehte sich gegen die Wand. Er hätte gern noch<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> etwas anderes
+erzählt. Die Buben drüben konnten jederzeit zu ihrer Mutter gelangen
+und ihr alle Schulgeschichten und alles, was sie wollten, erzählen.
+Und sie nahm an allem Anteil, so wichtig, als ob sie selbst noch mit
+Steinnüssen spielen und in der Schule hinauf- oder hinunterkommen
+könnte. Aber Erich wollte es nun doch nicht sagen. Er schloß nur die
+Augen und fing an, sich auszudenken — was, wußte er am andern Morgen
+selbst nicht mehr.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Fräulein Weiß ging rastlos durch das ganze Haus. Treppauf, treppab,
+so oft, daß man es gar nicht zählen konnte. Sie trug ganze Lasten
+von Kleidern und Wäsche zusammen, alle in ein Zimmer zu ebener Erde,
+wo große Koffer standen, die gepackt werden sollten. Minna, das
+Stubenmädchen, saß am Fenster und stichelte eifrig drauf los, und
+die Frau Hofrätin saß in einem blauen Morgenrock auf einem niedrigen
+Stühlchen und überwachte alle Arbeiten, die in diesem Zimmer vor sich
+gingen. Heinrich, der Diener, schloß soeben einen gepackten Koffer
+und Fräulein Weiß sagte aufatmend: »So, ich denke, nun ist hier alles
+beisammen, Minna und Sie können ebenfalls anfangen zu packen.«</p>
+
+<p>Es war nicht das Amt von Fräulein Weiß, all die vielen Sachen, die
+man zu einer Reise braucht, aus Kisten und Kasten zusammenzutragen.
+Aber die Sache hatte Eile, da mußte sich jedes beteiligen. Denn der
+Herr Hofrat hatte eine Reise nach Italien zu machen, zum Teil in
+Geschäften. Und nun hatte er sich auf einmal entschlossen, diese
+Reise nicht, wie er anfangs wollte, in wenigen Tagen auszuführen und
+dann wieder heimzukehren, sondern er wollte nun etwa fünf bis sechs
+Wochen fortbleiben und seine Frau sollte ihn begleiten. Für diese
+lange Zeit war nun vieles erforderlich, und der Frau<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> Hofrätin fiel
+immer noch anderes ein, was man mitnehmen mußte. Dazwischen hatte sie
+noch viele Vorschriften zu geben für die Zeit ihrer Abwesenheit, und
+Fräulein Weiß, die das ganze Haus überwachen sollte, hatte gewiß schon
+fünfzigmal gesagt: »Jawohl, Frau Hofrat, das soll genau so geschehen,
+wie Sie wünschen!« Sie wußte nächstens selber nicht mehr, was sie alles
+versprochen hatte.</p>
+
+<p>Oben im Lernzimmer war großer Aufruhr. Der Papa hatte die wichtige
+Neuigkeit erst vorhin verkündigt und heute Nacht schon wollten die
+Eltern abreisen. Jetzt waren die drei Geschwister allein. »Und gerade
+noch über Weihnachten bleiben sie fort,« sagte Ella kläglich, und Erich
+fügte hinzu: »Ja und dann wird man sehen, wie langweilig es bei uns
+ist. Ich wollte nur —« Das übrige verschluckte er, denn die Mama trat
+ein.</p>
+
+<p>»O, o Mama,« rief ihr Ella entgegen, »warum sollen wir ganz allein mit
+Fräulein Weiß bleiben? Das ist schrecklich!«</p>
+
+<p>Und Alfred sah von seiner Zeichnung auf und sagte: »Weshalb soll ich
+nicht mitkommen? Papa hat mir schon lang eine Reise versprochen. Sag
+doch, daß ich mitdarf!«</p>
+
+<p>»Du bist nicht klug, mein Junge,« sagte die Mama. »Wir reisen soviel
+hin und her, da können wir dich gewiß nicht gebrauchen.«</p>
+
+<p>»Wir werden selbst sehr froh sein, wenn wir glücklich zurück sind.
+Und auf Weihnachten kommt eine große Kiste an mit schönen Sachen. Ihr
+werdet sehen, was das für eine Lust sein wird, sie auszupacken.«</p>
+
+<p>Diese Aussicht beschwichtigte die aufgeregten Gemüter wieder etwas.
+Man konnte sich so herrliche Dinge wünschen, die in der Kiste ankommen
+sollten, und die Mama versprach, sich alles zu merken.</p>
+
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es war noch drei Tage bis Weihnachten. Draußen wirbelten die
+Schneeflocken so lustig in der Luft herum, als ob eine zur andern sagen
+wollte: »Freust du dich?« und die zweite zur dritten: »Wie magst du nur
+fragen?«</p>
+
+<p>Wenn es aber auch selbstverständlich ist, daß man sich freut, so ist es
+einem doch manchmal eine Erleichterung, wenn man so fragen kann. Denn
+die freudige Erwartung läßt sich eher aushalten, wenn man sich immer
+wieder versichert, daß es anderen Leuten ganz gleich geht, wie einem
+selbst.</p>
+
+<p>Es war also nicht zu verwundern, daß die Hartmannschen Kinder in diesen
+Tagen immer wieder die gleiche Frage aneinander stellten. Jetzt eben
+ging es sehr festlich her im Hause. Der Laden war eben geschlossen
+worden und der Webstuhl rasselte auch nicht mehr, aber der Vater war
+doch noch in der Werkstatt, und die Mutter hatte ihm soeben mit ganz
+geheimnisvollem Lächeln heißen Leim in einem Pfännchen hineingetragen.
+Natürlich durfte ihr keines der Kinder dorthin folgen, denn der Vater
+hatte mit dem Christkindchen Geheimnisvolles zu schaffen. Es war aber
+auch ohnehin jedes emsig beschäftigt. Denn heute wurden Springerlein
+gebacken und das konnte nur geschehen, wenn alle Kinder mithalfen,
+die Teigschüssel beim Rühren hielten, den Anis auslasen und zuletzt,
+aber das war nur den drei Großen gestattet, mit kleinen Teigstückchen
+wunderbare Gebilde aus den tiefen Mödeln hervorbrachten.</p>
+
+<p>Dieses Werk ging in der Küche vor sich, und Tante Luise führte hier
+den Vorsitz. Tante Luise war die Schwester des Vaters und war heute
+angekommen, um über die ganzen Feiertage, bis nach dem Neujahrsfest
+dazubleiben. Ihr Dasein erhöhte die Festfreude sehr, denn man konnte
+sich keine heiterere Gefährtin bei allen Spielen denken, als sie war,
+und mit niemand, als natürlich mit der Mutter, konnte man so eingehend
+beraten, wie es dieses Jahr werden würde.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span></p>
+
+<p>Tante Luise war Lehrerin an einer Dorfschule, und nicht mehr jung. Sie
+hatte schon zu beiden Seiten der Stirne ein wenig graues Haar und mußte
+eine Brille tragen. Aber es fiel keinem Menschen ein, zu denken, sie
+passe nicht mehr recht zum Spielen und Geschichtenerzählen; behüte, sie
+war die allervergnügteste von allen, und sie wußte auch verdrießliche
+Leute damit anzustecken.</p>
+
+<p>Heute war außer ihren eigenen Neffen und Nichten noch ein
+Festteilnehmer bei dem wichtigen Werk anwesend. Erich, der
+Nachbarssohn, hatte sich's flehentlich von Fräulein Weiß erbeten, bis
+zum Abendessen hier bleiben zu dürfen.</p>
+
+<p>Man hatte in dem reichen Hause schon große Massen von feinem Konfekt
+gebacken, Erich wußte es. Aber das ging in der Küche vor sich, die im
+Erdgeschoß lag, und dorthin zog es die Kinder nie, denn da waren sie
+nur im Wege.</p>
+
+<p>Hier aber, bei Hartmanns, gestaltete sich alles zu einem Fest, und
+Erich fühlte sich nie wohler als in den niedrigen Räumen unter der
+vergnügten Schar.</p>
+
+<p>»Gelt, Tante, man muß noch dreimal schlafen, bis es Christtag ist?«
+fragte der vierjährige Ludwig zum soundsovieltenmal. »Wenn ich nur
+gewiß wüßte, ob ich eine Farbenschachtel bekomme,« seufzte Eugen und
+hüpfte vor Ungeduld von einem Fuß auf den andern. »O Tantele,« rief
+Mariele und schlang von hinten her den Arm um die Tante, »ist das nicht
+herrlich? ich bin mit allen Arbeiten fertig und,« flüsterte sie ihr ins
+Ohr, »ich habe für alle etwas, sogar für der Huberin ihr krankes Kind
+und für die Knorpsbuben!« Das Flüstern war etwas deutlich gewesen, Paul
+kam von der andern Seite heran und konnte desgleichen versichern, daß
+er das ganze Haus und noch darüber hinaus zu bedenken habe.</p>
+
+<p>»Ei seht, was wir für reiche Leute sind,« sagte die Tante<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span>
+wohlgefällig, und alle Kinder lachten. Denn das war ihnen ein ganz
+neuer Gedanke, daß sie reich sein sollten.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp85" id="illu-100" style="max-width: 62.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-100.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<p>»Es ist mir ernst damit,« fuhr die Tante fort und sah ganz ernsthaft
+aus. »Wenn man hat, was man braucht, und sogar noch etwas zu
+verschenken, so ist man reich.«</p>
+
+<p>»Ja, aber es sind nur angemalte Papiersoldaten und gestrickte
+Pulswärmer und so Sachen,« sagten die Kinder ein wenig zaghaft, »reiche
+Leute schenken Geld her und ganze Körbe voll guter Sachen, es ist erst
+so eine Geschichte im ›Jugendfreund‹ gestanden.«</p>
+
+<p>Aber die Tante wußte herrlich zu trösten und nach und nach alle zu
+überzeugen, daß es eigentlich gar nicht so sehr darauf ankomme, ob man
+viel oder wenig herzugeben habe.</p>
+
+<p>»Wenn man nur spürt, daß es aus Liebe geschieht,« sagte sie, »das ist
+die Hauptsache.« Und damit mußte für heute die Sache erledigt sein,
+denn jetzt war das letzte Springerlein aufs Brett gesetzt, und es war
+hohe Zeit, daß die kleine Schar ihr Abendessen bekam und ins Bett
+geschafft wurde.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span></p>
+
+<p>Erich mußte nun auch nach Hause. Er konnte sich fast nicht trennen und
+zögerte immer noch ein wenig. Das fiel der Tante auf; es war ihr schon
+den ganzen Abend aufgefallen, daß er so still unter der lebhaften Schar
+gewesen war.</p>
+
+<p>»Wenn du willst, kannst du morgen wiederkommen,« sagte sie freundlich.
+»Du kannst uns helfen, silberne und farbige Sterne und Körbchen an
+unser Verschenkbäumchen zu machen.«</p>
+
+<p>Erich nickte glücklich und reichte der Tante die Hand, da bog sich
+diese plötzlich zu dem kleinen Buben herunter und küßte ihn auf die
+Stirne. »Grüße Fräulein Weiß, ich kenne sie gut,« sagte sie zum
+Abschied. »Und nun geh und freue dich auf das Christfest, ich komme
+dann einmal hinüber und sehe mir an, was dir das Christkind gebracht
+hat.«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Das Christfest war gekommen und alles war so schön gewesen, wie nur
+einmal. Es war ans Tageslicht, oder vielmehr ans Christbaumlicht
+gekommen, was der Vater so geheimnisvoll in der Werkstatt geschafft
+hatte. Eine solch schöne Krippe mit einer ganzen Landschaft drum herum
+hatte noch keines der Kinder gesehen. Da war der Stall, ganz aus Rinde
+erbaut, mit einer Futterraufe für die Ochsen und Esel, und unter der
+Tür saß Maria und sah mit Joseph dem Jesuskindlein in dem heiligen
+Kripplein zu. Dann führte ein Weg über steinerne Felsen zu einem Moos-
+und Rasenplatz, wo die Schäflein weideten und Schäfer die Schalmei
+bliesen, und über einen kleinen See führte ein zierliches Brücklein,
+dem schritten von weitem her die Weisen aus dem Morgenlande zu. Und
+über dem Ganzen schwebte von der Decke herunter ein golden glänzender
+Stern, der funkelte im Christbaumlicht so hell wie die Augen der
+Kinder. Heute dachte<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> niemand mehr daran, daß es vielleicht anderswo
+reichere Gaben und größere Pracht gebe. O nein, es konnte nirgends,
+nirgends schöner sein als hier. Und nichts war erfreulicher, als die
+neuen Mützen und Hosenträger der Buben und die rosafarbigen Schürzchen
+der Mädchen. Nur einmal, als man sich zum Gesang um den Vater mit der
+Flöte sammelte, zupfte Paul seinen Bruder Eugen am Ärmel. »Du, jetzt
+ist der Erich doch nicht gekommen. Er hat's doch versprochen.« Und
+Eugen gab zurück: »Vielleicht ist jetzt gerade die italienische Kiste
+angekommen, da wird er den ganzen Abend auszupacken haben.« Denn in den
+Gedanken der Kinder war die Kiste immer größer geworden, und stellten
+sie sich dieselbe ungefähr so groß wie ein Schilderhaus vor.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es war aber nicht die Kiste, die den Erich abgehalten hatte, zur
+Bescherung zu kommen. Als im Hartmannschen Hause der Christbaum brannte
+und alle in Liebe und Freude vereinigt waren, lag er im matt erhellten
+Zimmer zu Bett, und Minna, das Stubenmädchen, machte ihm Umschläge um
+die fieberheiße Stirne. Eben war der Arzt dagewesen, hatte den Kranken
+untersucht und gesagt: »Es wird wohl Scharlachfieber geben oder so
+etwas. Natürlich darf keines von den andern Kindern ins Zimmer.« Das
+war nun ein trauriger Heiligabend! Man hatte die Kiste, die richtig
+angekommen war, in den Saal getragen und den Kronleuchter angezündet.
+Der Christbaum stand schön geputzt auf dem Boden und reichte bis zur
+Decke. Aber es mochte ihn niemand anzünden. Alfred und Ella saßen
+am Boden vor der geöffneten Kiste, die allerdings sehr viel Schönes
+enthielt. Aber es war keine rechte Freude, das alles auszupacken, wenn
+Erich krank zu Bette<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> lag, Fräulein Weiß sorgenvoll und bekümmert
+umherging und die Eltern in weiter Ferne waren. Für Ella war ein
+prachtvoller Anzug eines italienischen Bauernmädchens angekommen,
+alles in Samt und Seide und mit goldenen Behängen. Alfred bekam eine
+wertvolle Muschelsammlung, ein schönes Buch mit vielen Bildern und
+noch allerlei. Und dazwischen duftete es in allen Ecken nach Veilchen
+und Rosen, die zwischen den Gaben lagen, und der Boden der Kiste war
+ganz mit Orangen und Datteln ausgelegt. Mit fröhlichen Gefährten und
+in glücklicher Stimmung hätte es ein Genuß sein müssen, die Kiste
+auszupacken, und ich wüßte manchen, der da gern mitgetan hätte. Aber es
+fehlte den reichen Kindern beides. Fräulein Weiß hatte Erichs Anteil an
+den Geschenken auf die Seite getan und zu Alfred und Ella gesagt: »So,
+nun freut euch an den schönen Sachen; es gibt nicht viele Kinder, die
+so reich beschenkt werden.« Aber damit hatte sie den Kindern noch nicht
+gezeigt, wie sie es machen sollten, sich zu freuen. Und von selbst
+wußten sie es nicht recht.</p>
+
+<p>Man konnte es nicht anders verlangen von Fräulein Weiß. Sie war
+wirklich in schwerer Sorge wegen des kranken Erich und wußte nicht,
+ob sie den Eltern von der Sache schreiben sollte oder nicht. Dazu
+kam noch die Frage, wer den Kranken pflegen solle. Denn sich selbst
+ganz abzusondern vom Haus und den größeren Kindern, das erschien ihr
+unausführbar. Und dann hatte sie selbst auch noch nie Scharlachfieber
+gehabt und fürchtete sich ein wenig vor der Ansteckung.</p>
+
+<p>Da konnte sie denn nicht auch noch eine aufheiternde Gefährtin sein.
+Den Dienstboten bescherte sie die für sie bestimmten Geschenke ohne
+rechte Festfeier im Saal; dann sah sie ab und zu in das Zimmer hinein,
+wo der kranke Erich lag, zog sich aber jedesmal wieder rasch zurück,
+denn da besorgte für jetzt noch Minna das Nötige. Morgen mußte<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> eine
+Pflegerin her, das hatte sich Fräulein Weiß schon ausgedacht.</p>
+
+<p>Alfred und Ella standen ein wenig verdrossen vor ihren prächtigen
+Sachen und hatten auch nicht recht Lust, all die Süßigkeiten zu
+versuchen, die in silbernen Körbchen auf dem Tisch standen. Sie hatten
+beide Heimweh, ohne daß sie es recht wußten.</p>
+
+<p>Da wurde auf dem Vorplatz eine freundliche Stimme hörbar. »Wo habt
+ihr denn das arme Büblein?« fragte Tante Luise, die vom Nachbarhaus
+herübergekommen war, als sie durch eins der Dienstmädchen von Erichs
+Krankheit gehört hatte. Tante Luise war von früher her gut bekannt
+mit Fräulein Weiß. Nun wollte sie ihr ein wenig beistehen in dieser
+Sorgenzeit.</p>
+
+<p>Ella öffnete neugierig die Türe und sah etwas erstaunt auf das fremde
+Fräulein. Aber Tante Luise war nicht so verlegen, wie ihre kleinen
+Neffen und Nichten den reichen Kindern gegenüber waren. Sie sah
+sogleich, um wieviel reicher und glücklicher die Kinder des kleinen
+Häuschens drüben waren, als die Kinder des reichen Hauses, die heute
+am Heiligabend allein und freudlos unter dem funkelnden Kronleuchter
+standen trotz der schönen Geschenke. Und in Tante Luisens Herzen wallte
+ein großes Mitleid auf.</p>
+
+<p>»Darf ich zuerst ein bißchen zu euch hereinkommen?« sagte sie
+freundlich und trat in den Saal. »Habt ihr die Christbaumlichter schon
+wieder ausgelöscht?« fragte sie erstaunt. »Ach nein, was seh' ich, die
+haben ja noch gar nicht gebrannt!« fuhr sie lebhaft fort. »Das müssen
+wir noch nachholen. Ich glaub's wohl, daß niemand dazu Zeit hatte,
+und auch keine Lust. Aber so traurig wollen wir doch nicht sein am
+Heiligabend. Christtag ist's doch, wenn auch der arme Erich krank ist.
+Der liebe Gott macht ihn hoffentlich bald wieder gesund.<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> Ich will
+ihn helfen pflegen. Und jetzt singen wir zuerst ein Weihnachtslied,
+das könnt ihr doch?« Während sie das sagte, hatte Tante Luise schon
+angefangen, an dem hohen Baum die Lichter anzustecken. Nun brannten
+sie hell und licht, wie das ja alle Christbaumlichter tun, und Tante
+Luise sah sich fragend um: »Wollt ihr nicht auch den Diener heraufrufen
+und den Kutscher und vielleicht die Köchin? Die würden gewiß auch
+gern mitsingen.« »O ja, das würden wir gern,« sagte hier auf einmal
+Franz, der Diener, der sich gerade am Ofen zu schaffen gemacht hatte.
+Und er ging schnell, die anderen zu holen. Das war jetzt doch auch
+noch ein fröhlicher Kreis, der sich um das Klavier sammelte, und es
+klang feierlich in die Nacht hinaus: »Halleluja, denn uns ist heut ein
+göttlich Kind geboren.« Fräulein Weiß hatte sich auch eingefunden. Und
+wenn sie auch einen Augenblick dachte, daß das eigentlich ihre Sache
+gewesen wäre, so fühlte sie sich doch ein wenig erleichtert. Alfred und
+Ella wußten nicht recht, wie ihnen geschah. Zuerst hatten sie gedacht,
+Tante Luise sehe etwas einfach aus, lange nicht so elegant wie Fräulein
+Weiß oder gar die Mama. Aber es tat ihnen doch wohl, daß sie so frisch
+und lebendig da hereinkam und für eine richtige Christfeier sorgte, so,
+als ob sie schon lange im Hause sei. Jetzt kamen ihnen auch die Gaben
+der Eltern wieder begehrenswert vor, da Tante Luise sie so aufrichtig
+bewunderte. Zwar wunderte es Ella ein wenig, daß diese so viel
+Aufhebens von einem goldgerahmten Bildchen, Maria mit dem Jesuskind auf
+dem Schoß darstellend, machte. Der Anzug war doch gewiß viel kostbarer.
+Aber das schien Tante Luise gar nicht zu bedenken. »Das Bildchen hängen
+wir nachher über deinem Bett auf, Ella,« sagte sie. »Dann kannst du
+dich immer daran freuen. Und auf einmal ist dann die Zeit da, wo deine
+Mutter wiederkommt, und dann kannst du es gerade so machen wie das<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span>
+Jesuskindlein auf dem Bilde. Wenn du auch ein bißchen groß bist für ein
+Schoßkindchen,« fügte sie lächelnd hinzu.</p>
+
+<p>Ella schüttelte leise den Kopf. Das war doch wieder ein bißchen anders
+bei ihnen. Was wohl Mama gesagt hätte, wenn sie begehrt hätte, auf
+ihren Schoß zu sitzen? Aber das wußte ja Tante Luise nicht so genau.
+Sie kannte wohl nur das trauliche Familienleben in dem kleinen Häuschen
+drüben, wo die Mutter immer für alle zu haben war und sonst gar keine
+Pflichten hatte, als nur für ihre Lieben zu sorgen.</p>
+
+<p>Alfred hatte den Gesang mit seiner Violine begleitet. Jetzt sagte er:
+»Wenn Sie mich begleiten würden, würde ich gern noch ein Weihnachtslied
+spielen. Ich kann schon manches.«</p>
+
+<p>Es war ihm kaum schon einmal so erfreulich gewesen wie heute, daß
+er ein wenig Musik machen konnte. Denn in Gesellschaft durfte er ja
+noch nicht spielen, dazu hatte er noch nicht genug gelernt. Und im
+Lernzimmer oben waren nur die Geschwister und etwa Fräulein Weiß, und
+keins von ihnen hatte eine rechte Freude an seinem Spiel. Heute aber,
+wo er etwas zur Erhöhung der Festfreude beitragen konnte, machte ihn
+das stolz und glücklich. »So,« sagte Tante Luise, als der letzte Ton
+des Liedes »Stille Nacht, heilige Nacht« verklungen war, »nun will
+ich zu Erich gehen. Ich denke, ich bleibe die Nacht bei ihm. Seine
+Bescherung können wir erst später halten. Das könnt ihr beiden nun euch
+recht hübsch ausdenken.«</p>
+
+<p>Das war nun alles völlig neu, sowohl für die Kinder als für Fräulein
+Weiß. Denn es war keines von ihnen daran gewöhnt, so einfach fröhlich
+zu sein, so ohne besondere Veranstaltungen sich zu freuen und festlich
+zu fühlen. Und auch das nicht, was Tante Luise zuletzt noch gesagt
+hatte, nämlich sich darauf zu besinnen, womit man einander erfreuen
+könne. Aber es war ihnen allen angenehm und wohltuend gewesen,<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> so zu
+sein wie heute abend. Fräulein Weiß gab Ella sogar einen Kuß, als diese
+warm zugedeckt im Bett lag, und sagte zu ihr: »Was meinst du, wenn wir
+morgen nachmittag den großen Kochherd herunterholten und einmal tüchtig
+kochten?« Und Ella wollte gern und besann sich noch im Einschlafen auf
+das Fest.</p>
+
+<p>Alfred hatte ein wunderliches Gefühl, als er allein in der Eltern
+Schlafzimmer trat, das er während Erichs Krankheit benützen sollte. Er
+war sich gar nicht mehr recht als Kind vorgekommen in letzter Zeit. Er
+wurde im Haus schon so viel als junger Herr behandelt, und alles, was
+kindlich war, hatte ihm langweilig geschienen. Aber er wußte nichts
+Rechtes, was ihn denn dafür hätte erfreuen können. Erich, ja der hatte
+Gefallen an Knabenspielen und allerlei lustigem Zeitvertreib, sei's
+auch nur mit dem Kutscher oder sogar mit Ella, dem empfindlichen
+Mädchen. Das kam Alfred immer ein wenig verächtlich vor. Und doch
+fiel es ihm noch hie und da ein, wie er einmal bei Hartmanns durch
+die zurückgeschobene Gardine gesehen hatte, wie die ganze Familie,
+sein Bruder Erich mitten darunter, sich um den Tisch geschart und das
+»Fuchs- und Hühnerspiel« um Nüsse eifrig betrieben hatte. Und wie ihn
+damals auch nach so etwas verlangt hatte, wenn er's auch nicht gestand.
+Als Erich damals nach Hause kam, hatte er ihn verhöhnt: »Willst du
+nicht lieber ganz da hinüberziehen, wenn dir das vornehm genug ist?
+Nüsse könntest du auch daheim haben und dann gleich mehr.«</p>
+
+<p>Und Erich hatte nur erwidert: »Du weißt etwas Rechtes vom Vergnügtsein!
+Da sei nur ganz still davon.«</p>
+
+<p>Das kam dem Alfred heute abend wieder in den Sinn. Es war wahr, er
+wußte etwas Rechtes vom Vergnügtsein! Und es stieg eine Sehnsucht in
+ihm auf, nach was, das wußte er selbst noch nicht so recht. Es ist nur
+gut, daß der liebe Gott<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> besser weiß als die Menschenkinder, was ihnen
+fehlt. Er hatte jetzt auch Tante Luise herübergeschickt, damit man
+in dem reichen Hause erfahre, daß man ohne rechte Liebe und ohne die
+Zufriedenheit, die tief im Herzen wohnen muß, arm ist bei aller Pracht
+und Herrlichkeit.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es war an einem stillen, dämmerigen Nachmittag. Draußen wirbelte
+der Schnee in der Luft umher und legte sich dann leise und sachte
+auf die Erde, wo schon eine dicke, weiche Decke davon lag. Drinnen
+im Krankenzimmer saß Tante Luise an Erichs Bett, hatte den Arm um
+den kleinen Buben geschlungen und plauderte mit ihm von allerlei,
+was ihm schon lang am Herzen lag. So schön hätte sich Erich das
+Kranksein gewiß nicht träumen lassen. Die schlimmsten Fiebertage
+waren glücklich überstanden, davon wußte er nicht mehr viel, wußte
+kaum noch, daß ein paar Nächte lang eine Diakonissin an seinem Bett
+gewaltet und ihn gepflegt hatte. Das konnte er sich eher noch denken,
+daß am Tag Fräulein Weiß und Tante Luise miteinander abgewechselt
+hatten, und daß letztere ihn allemal wieder wie ein kleines Kind in
+den Schlaf gesungen hatte. Aber jetzt, jetzt konnte es der Erich gar
+nicht schöner begehren, als er's schon hatte. Denn er mußte zwar noch
+ganz ruhig im Bett liegen, aber das wollte er ja gern tun, wenn er
+dazu die allerbeste, liebste Gesellschaft hatte, die man sich denken
+konnte. Denn Tante Luise hatte wirklich ihre schönen Vakanztage dazu
+hergegeben, den kleinen Burschen zu verpflegen, der sie doch eigentlich
+gar nichts anging, nur weil er sonst nicht viel Liebe um sich her hatte.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp80" id="illu-109" style="max-width: 62.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-109.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<p>Jetzt saß sie an seinem Bett, und Erich hielt ihre Hand fest, so,
+als wäre sie im Begriff, ihm gleich wieder zu entschlüpfen,<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> und er
+müßte es mit seiner schwachen Kraft verhindern. Tante Luise dachte
+aber nicht ans Entschlüpfen. Sie hatte frische, rote Backen, denn sie
+war eben erst von einem Ausgang heimgekommen. Da sie der Ansteckung
+wegen nicht mehr zu ihren Angehörigen in das kleine Häuschen hinüber
+durfte, so hatten sie alle zusammen sich im Freien getroffen, am Saum
+eines kleinen Wäldchens in der Nähe der Stadt, wo die Kinder sich mit
+Schneeballwerfen belustigten und die die Großen in einer Schutzhütte
+miteinander plaudern konnten. »Und denk einmal, was wir für ein
+Genesungsfest ausgemacht haben!« erzählte Tante Luise, nachdem sie das
+alles berichtet hatte. »Weißt du, Alfred ist mein ganz guter Freund
+geworden und mit Ella ist das auch auf dem besten Wege. Da haben wir
+nun ein Fest geplant, zu dem wir alle Hartmannschen Kinder laden
+wollen. Das halten wir im Saal. Alfred<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> will seine Laterna magica
+vorführen, so etwas haben die kleinen Buben noch nie gesehen. Und dann
+singe ich den Struwelpeter und Alfred geigt dazu. Natürlich gibt es
+dann auch etwas Gutes zu schnabulieren, und wir machen zusammen die
+hübschesten Spiele, die uns nur einfallen. Und zum Schluß zünden wir
+den Christbaum an. Denn das Christkind kommt dann erst noch zu dir. Es
+hat ja nicht herein dürfen,« setzte sie lachend hinzu.</p>
+
+<p>»Aber <em class="gesperrt">du</em>, Tante Luise, gelt?« sagte Erich vergnügt. Es war jetzt
+alles und jedes ein Fest, und er wunderte sich kaum noch, daß Alfred
+es nicht zu langweilig und zu gewöhnlich fand, den kleinen Buben vom
+Nachbarhaus seine Herrlichkeiten vorzuführen.</p>
+
+<p>Alfred hatte es ja nur nicht gewußt, wie man recht vergnügt sein könne.
+Und Erich war froh, daß nun jemand da war, um es ihm zu zeigen.</p>
+
+<p>Er hatte aber noch viel auf dem Herzen, was heute besprochen werden
+mußte. So fing er sogleich wieder an:</p>
+
+<p>»Wenn du nur immer dabliebest. Wenn du nur gar nie mehr in deine Schule
+müßtest. Du glaubst nicht, wie es bei uns ist. Dann sitzt Alfred
+mit seinem Buch am Tisch, und Ella gähnt hinter der Hand, weil sie
+Französisch lernen soll, und ich soll immer still sein und manierlich.
+Und Fräulein Weiß sagt dann jedesmal, wenn wir mit den Aufgaben fertig
+sind: ›So verdrießliche Kinder sind mir noch nie vorgekommen, wie ihr
+seid.‹« Tante Luise dachte einen Augenblick an die fröhliche Tafelrunde
+bei ihren Verwandten. Sie wußte wohl, wo es fehlte, daß es in dem
+reichen Hause niemals heiter zuging wie dort. Und sie konnte es nicht
+gut ertragen, wenn Kinder nicht so vergnügt waren, wie sie eigentlich
+sein konnten.</p>
+
+<p>»Ja, da möchte ich freilich manchmal dabei sein,« sagte sie liebevoll.
+»Da möchte ich schon hie und da nachsehen, wo<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> das fehlt. Aber weißt
+du, ich kann dir doch ein Mittelchen sagen, daß es nicht so unlustig
+bleibt bei euch, wie seither. Fang du selbst einmal an, dir immer etwas
+Schönes auszudenken, das nun anzufangen ist. Zum Beispiel, bis die
+Eltern heimkommen; da kann man sich schon wieder besinnen, womit man
+sie erfreuen will, daß sie merken, ihr habt an sie gedacht, solang sie
+so herumreisen mußten mitten im Winter.«</p>
+
+<p>Erich horchte auf. Denn der Gedanke war ihm neu, daß es die Eltern am
+Ende freuen könne, wenn sie sähen, daß man an sie gedacht habe. Sie
+kamen ihm beide gar nicht recht eigen vor, so wie den Hartmannskindern
+Vater und Mutter. Und es dünkte ihn plötzlich ein Reichtum zu sein, daß
+er das auch habe.</p>
+
+<p>»Und,« fuhr Tante Luise fort, »Fräulein Weiß kann man auch zeigen,
+daß es denn schon noch verdrießlichere Kinder gibt, als ihr seid.
+Übernächste Woche ist ihr Geburtstag. Da soll ihr Alfred ein hübsches
+Gedicht machen, und du kannst ihr ein auswendiggelerntes hersagen,
+und ein bekränzter Kuchen müßte mir her an deiner Stelle und allerlei
+kleine Geschenke. Das kann man alles so vergnüglich gestalten, daß
+immer wieder ein Fest kommt, ehe man sich's versieht. Merk dir's nur,
+man muß nur alle Leute lieb haben, die um einen herum sind, dann kann
+es gar nie langweilig sein, weil einem dann immer etwas einfällt, das
+man ihnen zu Gefallen tun kann.«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es ist merkwürdig, aber es ist wahr: Ein liebevolles und fröhliches
+Gemüt ist wie ein Zauberstäbchen. Wen man damit berührt, der wird
+angesteckt. Und da Tante Luise allen Hausgenossen mit ihrem heiteren
+Wesen nahegekommen war, so fingen auch alle an, ihr ein wenig
+nachzustreben. Fräulein Weiß dachte immer: »Wenn ich auch so wäre, so
+wären gewiß<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> alle vergnügter und ich mit.« Und sie bat den lieben Gott,
+sie auch so frisch und liebevoll zu machen. Und solche Bitten erhört er
+gern.</p>
+
+<p>Wenn aber alle zusammenhelfen, so muß man sich nur wundern, wie schnell
+es anders wird im Haus.</p>
+
+<p>Das Genesungsfest war gekommen. Die Frau Hofrat hatte gern erlaubt, daß
+die Kinder des Nachbarhauses eingeladen wurden. Denn sie war sehr froh,
+daß sie hörte, Erich habe die Krankheit so gut überstanden und Tante
+Luise habe ihn so gut gepflegt. Sie hatte nun allmählich auch Heimweh
+nach ihren Kindern. Fräulein Weiß hatte den sehr liebevollen Brief
+vorgelesen und gesagt: »So, nun können wir uns jeden Tag freuen, bis
+die Eltern kommen. Ich habe schon einen schönen Plan zum Empfang.« Denn
+Fräulein Weiß wollte jetzt nicht mehr warten, ob sich die Kinder von
+selbst freuten, sondern sie wollte ihnen den Weg dazu zeigen.</p>
+
+<p>Nun war die Familie Hartmann da. Erich hatte schon lang mit
+verlangendem Blick nach der Tür gesehen. Nicht nur wegen seines
+Freundes Paul. Der hatte ihn schon einmal besucht und Alfred hatte
+nachher gesagt: »Der Hartmann ist erst noch ganz nett. Man kann schon
+etwas mit ihm anfangen.« Das war ein großes Zugeständnis. Aber heute
+wartete Erich noch auf jemand anderes, der erst ganz zuletzt kam. Das
+war die Mutter, die den Kleinen trug. Sie kam auch sogleich zu dem
+bleichen Erich her und sagte liebreich: »Gottlob, daß du wieder so weit
+bist. Und jetzt wollen wir uns recht freuen.« Auf diesen Augenblick
+hatte Erich gewartet, denn er trug den Brief von seiner Mutter in der
+Tasche und nun zeigte er ihn mit großem Stolz. Er hatte das Gefühl, als
+ob ihn diese glücklichen Leute ein wenig bemitleideten. Und das war ja
+nun nicht nötig, wenn doch seine Mutter auch Heimweh nach ihm hatte!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span></p>
+
+<p>Jetzt war er erst recht imstand, das fröhliche Fest mitzugenießen.
+Vergnügtere Menschen hatte der elegante Saal wohl noch nie gesehen,
+soviele Gesellschaften schon darin gewesen waren. Heute kam die
+Fröhlichkeit recht von Herzen. Ella schloß große Freundschaft mit
+Mariele und sagte nur dazwischenhinein immer wieder: »O wenn ich nur
+auch so ein herziges Brüderlein hätte, wie dein Fritz ist. Das wäre
+mir dann schon noch lieber, als alle Puppen.« Und Mariele sagte ganz
+verständig darauf: »Ja, alles kann man auch nicht haben, sagte meine
+Mutter immer. Sonst fällt einem immer noch etwas ein und dann noch
+etwas. Und dann ist man erst nicht zufrieden.« Die Mutter mußte vor
+sich hin lachen, als sie dieses Zwiegespräch mit anhörte. Denn sie
+wußte gut, daß ihr Töchterlein manchmal gern getauscht hätte. Und sie
+wußte auch, daß alle großen und kleinen Leute von ihrem Vater im Himmel
+das bekommen, was gut für sie ist, und daß alle erst nach und nach
+lernen müssen, das allerbeste davon herauszufinden. Nämlich das, daß
+sie ganz getrost und zufrieden sein können, weil er für sie sorgt und
+sie lieb hat. Und die Leute, die das wissen, sind dann am reichsten von
+allen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Nun möchte man gern noch erzählen, daß Mariele von nun an ganz
+zufrieden und fröhlich gewesen sei, trotz ihrer einfachen Kleider und
+trotz den engen niedrigen Stuben und den vielen kleinen Geschwistern.</p>
+
+<p>Und daß die reichen Kinder von jetzt an ihre rechte Freude und
+Zufriedenheit darin gesucht hätten, einander Liebes und Gutes zu
+erweisen. Daß das Familienleben des großen Hauses nun so warm und innig
+geworden sei, wie das des kleinen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span></p>
+
+<p>Aber das geht nicht nur so.</p>
+
+<p>Wenn ein Samenkörnlein anfängt zu treiben, so kommt zuerst ein zartes,
+hellgrünes Keimlein aus dem Boden. Und wer Augen dafür hat, der kann
+sich wohl daran freuen. Aber bis dann ein Halm hervorwächst und eine
+Ähre treibt, und die Ähre reif wird, das dauert noch lange.</p>
+
+<p>Und bei den Menschenkindern muß man auch warten, bis die Samenkörnlein
+aufgehen und Liebe und Freude daraus hervorwachsen. Wer weiß, was aus
+Erichs Krankheitszeit für fröhliche Saat aufwächst in den jungen und
+alten Herzen? Das muß man jetzt erst abwarten.</p>
+
+<p>Und wer weiß, was aus den schönen Liedern der Mutter und dem
+liebevollen Wesen der beiden Eltern und dem fröhlichen Gesicht der
+Tante Luise für ein Blumengärtlein treibt in dem kleinen Hause?
+Vielleicht erfahren wir's noch.</p>
+
+<p>Und einstweilen wollen wir unser eigenes Gärtlein pflegen. Denn wir
+sind alle reicher, als wir wissen.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span></p>
+
+<h2>8. Gretels Ferientage.</h2>
+</div>
+
+
+<p>Gretel stand im Hof hinter dem Haus, sah durch das Eisengitter in das
+trübe Gäßchen, das da vorbeiführte, und war beschäftigt, ihr rotes
+Zopfband immer wieder um den Finger und wieder herunterzuwickeln. Das
+war keine besonders vergnügliche Beschäftigung, es konnte einen nicht
+wundern, daß Gretel gar kein sehr heiteres Gesicht dazu machte. Sie
+hätte gern etwas anderes getan, wenn sie etwas gewußt hätte. Aber das
+war gerade das Traurige, daß ihr kein Mensch sagen konnte, was sie mit
+ihrem Vormittag beginnen sollte. Gretel hatte Schulferien, heute war
+der zweite Tag davon, und vier Wochen lang sollten sie dauern. Sie
+hatte sich schon lange auf diese Zeit gefreut und immer ausgerechnet,
+wie lang es noch sei, bis sie komme, und nun fing sie gar nicht schön
+an. Alle Leute im Haus hatten ihre Beschäftigung. Der Vater ging gleich
+nach dem Frühstück ins Kontor, Bruder Ernst gleichfalls; die Mutter
+war fast den ganzen Tag im Laden, bediente die Kunden und regierte die
+Ladenfräulein. Da hätte sich Gretel auch sehr gern aufgehalten, aber
+das war ihr verboten. Es war so nett, zuzuhören, was die Leute sagten,
+und zuzusehen, wie sie sich Stoffe vorlegen ließen, wie sie wählten und
+kauften. »Aber das ist kein Aufenthalt für Kinder,« sagten die Eltern,
+und dabei blieb es. In der Küche regierte die Christine. Es war alles
+hell und glänzend sauber darin, nur schade, daß Christine so bärbeißig
+war und für Gretels Wunsch, ihr manchmal ein bißchen Gesellschaft zu
+leisten, immer<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> die gleiche Rede hatte: »Kann keine Kinder unter den
+Füßen herum haben, bin froh, wenn ich fertig werde.«</p>
+
+<p>Dann war noch Lotte da, das Zimmermädchen. Die konnte ja nichts dagegen
+haben, wenn Gretel im Zimmer war. Aber heute war sie böse. Gretel
+hatte beim Aufräumen helfen wollen und dabei ein Glas vom Waschtisch
+zerbrochen und Wasser auf den frisch gewichsten Boden verschüttet. Und
+Lotte hatte gesagt: »Es gibt gewiß kein so unmüßiges, langweiliges
+Kind mehr, wie du eins bist. Wenn man so viel schöne Bücher hat und
+Spielsachen und so eine nette Häkelarbeit und es ist einem doch noch
+langweilig!«</p>
+
+<p>Nun stand Gretel da und seufzte. Sie hatte ein gutes Vesperbrot neben
+sich liegen und ein neues Kleid an und ihre Backen waren rot und rund.
+Und doch kam sie sich ein wenig beklagenswert vor. Sie hatte wohl auch
+Freundinnen, aber die waren zum Teil verreist und zum Teil wohnten sie
+in einem ganz andern Stadtteil; zum Spielen zusammen kommen konnte man
+da nicht. Der Hausknecht ging vorbei, er hieß Frieder und war sonst
+ein ganz guter Freund von Gretel. Heute brummte er: »Du hast gewiß die
+große Papierschere verschleppt, Gretel. Man kann sie nirgends finden,
+und nun soll ich sie verräumt haben.« Gretel hatte die Schere nicht
+gehabt, und daß Frieder nun auch noch unfreundlich gegen sie war,
+machte sie nicht vergnügter. Und sie dachte im stillen, es sei noch
+lang nicht das Ärgste, in der dumpfen Schulstube zu sitzen. Dort wußte
+man wenigstens den ganzen Tag, was anfangen.</p>
+
+<p>Da hörte sie auf einmal ein lautes, klägliches Geschrei. Es kam aus dem
+Gäßchen, das Gretel kaum je betrat, und in dem lauter alte, ärmliche
+Häuser standen. Ein kleines Geschwisterpaar kam aus dem nächsten Haus
+heraus. Es war ein Bube und ein Mädchen, und alle beide waren etwas<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span>
+schmierig anzusehen. Das Mädchen konnte etwa sechs Jahre alt sein und
+zog aus Leibeskräften das dreijährige Brüderlein hinter sich her, das
+auf krummen Beinen mühsam daher wackelte. Oben herunter schallte aus
+einem geöffneten Fenster eine scheltende Stimme: »Daß ihr mir nicht
+mehr unter die Augen kommt, bis ich euch rufe! Es ist ein Elend mit
+euch unnützen Dingern.«</p>
+
+<p>Und dann fingen alle beide Kinder wieder an zu weinen und aufs
+Geratewohl in das Gäßchen hineinzulaufen. Gretel mußte genau hinsehen.
+Sonst hatte sie sich nie um die Bewohner des Gäßchens bekümmert;
+vorne lag ihr Elternhaus an einem schönen, freien Platz, wo in gelben
+Sandwegen unter grünen Büschen gut gekleidete Kinder spielten, und wo
+hübsche Häuser standen, deren Bewohner ganz anders aussahen, als die
+»Gäßlesleut«. Aber heute war das anders. Gretel wußte ja auch nicht
+recht, wo sie hingehörte, da konnte sie mitfühlen. Sie drängte ihr
+Gesicht dicht an das Gitter und fragte das Mädchen: »Warum weinet ihr
+alle zwei?« Die Kinder blieben erstaunt stehen. Der Kleine rieb sich
+mit beiden Fäusten die Tränen im Gesicht herum, und das Mädchen sagte:
+»Weil wir immer auf d' Gaß sollen, und mein Fritzle hat so Hunger und
+ich einen bösen Finger.« Das war viel Jammer auf einmal. Gretel vergaß
+ganz, Mitleid mit sich zu haben. Sie streckte ihr Butterbrot durchs
+Gitter hinaus. »Da,« sagte sie, »ich kann mir wieder eins holen. Wenn
+ihr wollet, dann könnet ihr ein wenig in den Hof herein kommen. Der
+Tyras tut euch nichts.« Der Tyras war ein großer Hofhund, der in seiner
+Hütte an der Kette lag und verdächtig damit rasselte. Aber Gretel gab
+ihm nur im Vorbeigehen einen kleinen Schlag auf den zottigen Kopf. »Sei
+fein still,« sagte sie, »sonst haben die armen Kinder Angst.« Dann ging
+sie und öffnete das Türchen. Merkwürdig, auf einmal kam es ihr wieder
+in den Sinn, wie viel Gutes sie habe. Da<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> war das kleine Gärtchen, das
+an den Hof anstieß. Es war nicht sehr sonnig, und viel Blumen gab es
+auch nicht darin. Aber es hatte eine Laube, und darin stand ein Tisch
+mit einer Schublade voll alten Spielzeugs, das längst unbeachtet dalag.
+Dorthin zog sie ihre Schützlinge. Fritz hatte längst seine Tränen
+getrocknet und sah mit großen Augen auf die neue Herrlichkeit. Gretel
+gab ihm einen Haufen farbiger Bauklötzchen und rückte ihm ein Kistchen
+vor die Bank hin. »Da, nun baust du einen Turm,« sagte sie. »Vorher
+kannst du noch das Butterbrot essen.« Das ließ sich der kleine Bursche
+nicht zweimal sagen. Das Mädchen hieß Sofie. Es sah fröhlich zu, wie
+der Kleine in sein Brot einbiß und wickelte daneben die Schürze um den
+entzündeten Finger.</p>
+
+<p>Gretel kam sich wie ein Mütterlein vor. »Bleibt einmal ruhig sitzen,«
+sagte sie. »Lotte hat eine gute Salbe, und ich will dir den Finger
+verbinden. Dann hole ich einen ganzen Pack farbige Flecke, und wir
+machen miteinander ein Kleid für meine Ida.« Letzteres war eine alte
+Puppe, die auch in der Schublade des Gartentisches lag und allerdings
+ein neues Kleid nötig hatte.</p>
+
+<p>Sofie kam sich vor wie im Traum. Sie ging noch nicht in die Schule,
+und es war jeden Tag ihre Pflicht, das Brüderlein zu hüten, und
+gezankt wurde sie auch jeden Tag. Die Mutter nähte Handschuhe für eine
+Fabrik, und der Vater war auch in einer Fabrik, und eigentlich sollten
+die Kinder nur zum Essen und Schlafen heimkommen. Da saßen sie denn
+meistens miteinander auf einer Hausstaffel und sahen zu, was sich auf
+der Straße ereignete, und das war nicht gerade viel. Und jetzt saßen
+sie in dem Gärtchen, das ihnen wunderschön vorkam, und das Mädchen in
+dem schönen blauen Kleid spielte mit ihnen, und man wußte gar nicht,
+was nun alles noch kommen würde.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span></p>
+
+<p>Für einmal begann nun ein fröhliches Spiel der drei miteinander.
+Fritzchens trübseliges Gesicht leuchtete hell auf, als ihm Gretel
+einen hohen Turm bauen half, den er dann mit glatten Kieselsteinen
+wieder einstürzen durfte. Und Sofie drückte die Puppe Ida so zärtlich
+an sich, daß Gretel großmütig sagte: »Du kannst sie behalten, ich
+habe noch viele.« Das neue Kleid war etwas mangelhaft geraten, man
+mußte es hinten künstlich zusammenbinden, daß es hielt, aber dem armen
+Kinde dünkte es ein Prachtstück zu sein. »Ja ganz behalten und mit
+heimnehmen?« fragte Sofie zaghaft. »Ja, freilich.« Gretel mußte ein
+wenig lachen. »Und heute Nachmittag kommet ihr wieder und alle Tage, so
+lang ich Vakanz habe.«</p>
+
+<p>Da ertönte im Haus die Essensglocke, Gretel mußte hinein, und aus
+dem hochgelegenen Fenster des trübseligen Hauses, in dem die Kinder
+wohnten, rief eine Männerstimme: »Wo steckt ihr nur auch? Flugs zum
+Essen!«</p>
+
+<p>Man konnte es kaum glauben, daß der Vormittag schon vergangen sei, der
+so trüb und langweilig begonnen hatte. Die armen Kinder waren noch
+nicht leicht so vergnügt ihre Treppen hinaufgestolpert wie heute, und
+sie hatten immer noch etwas zu erzählen und dann noch etwas, als sie
+dann mit Vater und Mutter am Tisch saßen. Die Mutter hatte das kleinste
+Brüderlein aus dem Wagen genommen. Sie sah auch ein wenig aufgeheitert
+aus, denn sie hatte heute vormittag so ungestört arbeiten können, wie
+schon lang nicht mehr. Der Kleine hatte geschlafen, und die beiden
+größeren Kinder hatten sich auch nicht blicken lassen. Und daß diese
+jetzt so vergnügt heimkamen, freute die Mutter auch. Sie wollte ja
+nicht böse sein und hatte ihre Kinder auch lieb, aber sie mußte helfen,
+Geld zu verdienen, da wußte sie oft nicht recht, wo anfangen, und schob
+dann die Kinder aus dem Weg, wo sie nur konnte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span></p>
+
+<p>»Und heut nachmittag dürfen wir wieder kommen und alle Tage,« schloß
+Sofie ihren Bericht, und Fritz fügte hinzu: »Ja und ein Gesälzbrot
+kriegen wir; die Gretel hat's gesagt.«</p>
+
+<p>Daheim hatte man sich nicht wenig gewundert, als Gretel so vergnügt
+zum Essen kam. Sie hatte den ganzen langen Vormittag niemand belästigt
+und keinerlei Unfug angestiftet, und nun erklärte sie, daß sie auch
+am Nachmittag so viel zu tun habe, daß sie kaum wisse, wo beginnen.
+Die Mutter sah erfreut auf ihr Töchterlein. Sie war selbst so viel in
+Anspruch genommen, und es bedrückte sie oft, daß sie sich nicht mehr
+um Gretel annehmen konnte, und über diese Vakanzzeit hatte sie sich
+schon viele Gedanken gemacht. Jetzt sagte sie liebreich: »Das ist
+recht, Gretel, daß du so ein nettes Amt gefunden hast. Ich komme dann
+einmal zu euch hinaus und sehe nach, was das für Kinder sind und was
+ihr treibet. Und an einem Vesperbrot soll's auch nicht fehlen.« Das war
+der erste schöne Tag, und ihm folgten noch viele. Gretel hat niemand
+mehr langweilig und verdrießlich gesehen. Denn früh am Morgen mußten
+die Aufgaben gemacht werden, darauf hielt die Mutter streng. Und dann
+ließ sich Gretel mit großer Bereitwilligkeit zum Bäcker und Metzger
+schicken, denn es lag ihr daran, die mächtige Christine gut zu stimmen;
+es gab so oft etwas Gutes, das sie gern ihren Schützlingen bringen
+wollte.</p>
+
+<p>Diese standen, wenn Gretel hinunterkam, allemal schon wartend am
+Gitterpförtchen, jetzt immer mit glänzend sauberen Gesichtern und
+reinen Schürzen, und dann ging das Freudenleben immer wieder von neuem
+an. Das einjährige Brüderlein war jetzt auch oft dabei. Sofie hatte es
+eines Tages auf dem Arm gehabt und zaghaft gefragt: »Dürfen wir mit
+dem Kleinen auch noch herein? Ich muß ihn jetzt auch hüten!« Sie hatte
+nicht begreifen können, daß Gretel in hellen Jubel ausgebrochen war.
+Ihr kam es nie so besonders nett vor, den<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> schweren Paul zu schleppen,
+und sonst wußte sie nichts mit ihm anzufangen. Gretel hatte sich aber
+schon lang ein kleines Brüderlein gewünscht, und nun trug sie in lauter
+Freude den kleinen Buben ins Gärtchen, spielte mit ihm am Sandhaufen,
+ließ sich die Haare von ihm zausen und erfand immer wieder neue
+Belustigungen. Sofie hatte nur zu staunen. So unterhaltend war ihr das
+Brüderlein noch nie vorgekommen. »Mutter,« sagte sie eines Tages beim
+Heimkommen, »die Gretel sagt, Paul sei das nettste Kindlein, das es
+geben könne, sie möchte es nur ganz behalten.« »Das glaube ich,« sagte
+die Mutter, »daß sie das möchte.« Sie nahm den Kleinen auf den Schoß
+und zog eins seiner blonden Löckchen über den Finger: »Aber wir geben's
+nicht her, gelt?«</p>
+
+<p>Die Mutter war überhaupt viel vergnügter seit einiger Zeit. Sofie
+fürchtete sich gar nicht mehr vor dem Heimkommen. Sie wußte nicht,
+daß die Mutter oft dachte, wenn andere Leute so eine Freude an ihren
+Kindern haben, so könne sie es wohl auch, denn ihr gehören sie ja doch
+zuerst. Und der Vater sah auch heiterer aus, wenn er heimkam, und
+jedes etwas Vergnügliches zu erzählen wußte, und die Kinder so sauber
+aussahen, und die Stube aufgeräumt war. —</p>
+
+<p>Es war an einem der letzten Ferientage, da kam Sofie eines Nachmittags
+allein an. »Wir können heut nicht kommen,« sagte sie. »Der Vater
+hat im Geschäft frei und jetzt machen wir einen Spaziergang alle
+miteinander. Man nimmt den Kinderwagen mit, und dann kommen wir
+vielleicht bis in den Wald.« Sofie sah stolz und glücklich aus und
+sprang lustig davon. Merkwürdig, Gretel war gar nicht betrübt, daß
+heute ihre kleine Gesellschaft nicht kam. Sie hatte heute morgen eine
+ihrer Schulfreundinnen entdeckt, die von der Reise zurück war, und
+es gelüstete sie nun stark, einmal wieder mit Mädchen ihres Alters
+zu spielen und zu plaudern. Sie war doch auch<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> schon zehn Jahre
+alt, und den armen Kindern gegenüber war sie immer so eine Art von
+Mütterlein gewesen. So sah sie ganz vergnügt zu, wie die Familie drüben
+miteinander auszog, und als bald nachher die Freundin kam, meinte sie,
+noch nie so vergnügt gespielt zu haben, wie heute. Aber als Klara, so
+hieß die Freundin, von den Freuden ihrer Reise erzählte und ein wenig
+mitleidig sagte: »Dir wird's auch oft langweilig gewesen sein!« da
+schüttelte Gretel den Kopf. »Behüte,« sagte sie, »ich habe so viel
+Nettes erlebt, man kann es gar nicht aufzählen. Aber auf die Schule
+freue ich mich doch auch wieder.«</p>
+
+<p>Jetzt hat die Schule schon lang wieder angefangen, und wer weiß, ob
+Gretel nicht die nächste Ferienzeit irgendwo auf dem Lande verlebt.
+Denn eine liebe Tante hat sie schon lang eingeladen. Aber so oder so,
+vor Langeweile braucht sie sich nie mehr zu fürchten. Es gibt überall
+große oder kleine Leute, denen man eine Freude machen kann, es müssen
+nicht gerade ein paar arme »Gäßleskinder« sein. Und wer andern Freude
+macht, wird selber auch vergnügt, das weiß man schon lang, und Gretel
+weiß es auch.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span></p>
+
+<h2>9. Wie Heini den Rückweg fand.</h2>
+</div>
+
+
+<p>Der Heini stand ganz oben auf der Bühne, sah zu einem kleinen
+Guckfenster hinaus und seufzte. Man hätte sich ein wenig wundern
+können, daß er seufzte, denn er sah gar nicht aus, als ob ihm etwas
+fehle. Er hatte dicke rote Backen und war stark und gesund. Und dazu
+steckte er in einem nagelneuen, blau und weiß gestreiften Anzug und
+neben ihm auf einer Kiste lag ein mächtig großes Butterbrot. Der
+kleine Eseltreiber, der unten am Haus vorbeizog, wäre glücklich
+gewesen, wenn er es gehabt hätte. Aber der Heini war noch eher geneigt,
+den Eseltreiber zu beneiden, als daß er sich selbst beneidenswert
+vorgekommen wäre. Denn der Hansjörg konnte doch mit seinem Esel nach
+Herzenslust die schönen Wälder durchstreifen und kam auf all die hohen
+Berge, die der Heini nur von unten ansehen durfte, und keine ängstliche
+Tante rief den ganzen Tag hinter ihm drein: »Heini, geh mir ja nicht zu
+weit! Heini, iß nur ja keine Beeren im Wald! Falle mir nur ja nicht an
+der Ruine hinunter!«</p>
+
+<p>So arg, wie sich das der Heini nun ausdachte, war es in Wirklichkeit
+auch nicht. Er steigerte sich nur jetzt unmutig in den Gedanken hinein,
+daß er zu bedauern sei, und wenn man das tut, so vergißt man dann ganz,
+wie viel Gutes und Schönes man hat.</p>
+
+<p>Heini war seit vierzehn Tagen hier in einem wunderschön gelegenen
+Luftkurort im Schwarzwald. Seine Tante hatte ihn mitgenommen und er
+sollte die ganze lange Sommervakanz<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> hier zubringen dürfen. Sein Name
+stand gedruckt in der Fremdenliste: Heinrich Speidel aus Stuttgart.
+Und Heini hatte die Liste mit Stolz an seinen besten Kameraden nach
+Hause geschickt und fühlte sich sehr als Badegast. Dazu bewohnte er
+ein kleines Stübchen ganz allein und konnte darin treiben, was er nur
+wollte. Zu Hause teilte er das Zimmer mit den beiden jüngeren Brüdern,
+und ein eigenes Kämmerchen war schon lang seine Sehnsucht. Daheim
+hatte man vom Fenster aus nur den Metzgerladen gegenüber gesehen,
+hier brauchte Heini nur im Bett die Augen zu öffnen, um dann schon
+die prächtigen, bewaldeten Vorberge des Blauen zu sehen, auf denen
+zum Teil noch Ruinen alter Ritterburgen waren. Diese Aussicht war
+wirklich etwas sehr Erfreuliches; wäre sie nur nicht gar so verlockend
+gewesen! Den Heini trieb Tag und Nacht das Verlangen, einmal selbst
+auf diesen Gipfeln zu sein, in dem alten Gemäuer umherzustreichen und
+dann vielleicht wunderbare Entdeckungen zu machen. Aber die Tante hatte
+ihn bis jetzt immer auf später vertröstet. Sie war ein wenig leidend
+und sollte in den ersten Wochen ihres Aufenthalts nicht so große Wege
+machen. Und sie wollte den achtjährigen Buben durchaus nicht, wie er
+sich so stürmisch wünschte, allein oder auch nur mit ein paar Kameraden
+ausziehen lassen, die nicht viel älter waren als er selbst.</p>
+
+<p>Heute waren drei der hier gewonnenen Freunde zusammen nach dem
+Neuenfels gewandert, einer bewaldeten Bergkuppe, auf der sich eine
+besonders weitläufige, guterhaltene Ruine befand. Und sie waren für den
+ganzen Tag ausgezogen, mit kaltem Mittagessen in den Tornistern! Heini
+hatte flehentlich gebeten, mitzudürfen, umsonst. »Die hiesige Ruine ist
+noch viel schöner,« hatte die Tante gesagt. »Und du hast dir noch nicht
+die Hälfte von all den wunderschönen Wegen, Sitz- und Spielplätzen
+angesehen, die es rings um den Ort her gibt!«<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> Dabei war sie geblieben,
+trotz allen Aufwands an Bitten und Tränen und zornigem Fußstampfen, den
+der Heini veranstaltet hatte.</p>
+
+<p>Das war der Schmerz, der den Heini so tief aufseufzen ließ an seinem
+Guckloch auf der Bühne. Er hatte, soweit man von hier aus konnte, den
+Weg seiner Freunde mit den Augen verfolgt und dabei düstere Gedanken
+ausgebrütet. Er wollte doch noch auf den Neuenfels kommen! Auch ohne
+die Tante! Er war kein solches Wickelkindchen mehr, das man immer an
+der Hand führen mußte!</p>
+
+<p>Dabei war er gerade, als Fräulein Jettchen auf die Bühne kam, eine
+der drei alten Schwestern, denen die Fremdenpension gehörte. Fräulein
+Jettchen war sonst eine sehr gute Freundin von Heini. Sie besorgte die
+Küche und es verging nicht leicht ein Tag, wo sie das Büblein nicht
+heranrief: »Komm, komm, Kleiner, da hast du ein warmes Flädchen! Guck
+einmal, Heini, da habe ich nun gerade noch so ein kleines Lebküchlein
+gefunden, das mußt du haben!« Sie hatte eine humoristische Art und alle
+drei Schwestern hatten die Kinder lieb und der Heini konnte es bei
+ihnen so gut haben, wie er sich nur denken konnte.</p>
+
+<p>Jetzt war Fräulein Jettchen hoch erstaunt, den Wildfang Heini einsam da
+oben zu finden. Er war sonst fast nur bei den Mahlzeiten im Hause und
+hatte so viele Kameraden, daß er sie kaum aufzählen konnte.</p>
+
+<p>»Ja, was in aller Welt hat denn das Büblein da oben zu schaffen? Und
+gar kein vergnügtes Gesicht? Und das Vesperbrot noch unberührt?«
+Fräulein Jettchen setzte ihren Korb mit Dörrbohnen ab und trat zu Heini
+heran. Der biß sich fest auf die Unterlippe und sah angelegentlich vor
+sich hin. Er konnte nicht gut sagen, was er soeben gedacht hatte.</p>
+
+<p>»Unzufrieden? Ei, ei, ei!« Nun mußte das alte Fräulein sehr bedenklich
+den Kopf schütteln.</p>
+
+<p>»Wenn man's so gut hat, wie du! So eine schöne<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> Vakanzzeit und eine so
+liebe Tante, die einem so viel Freude macht!«</p>
+
+<p>»Ja, aber auf den Neuenfels hat sie mich nicht mitgelassen,« murrte
+Heini, »die andern Buben lachen mich aus! Ich hätte gut so weit laufen
+können! Und ich gehe doch auch noch hin, ich bin auch nicht mehr so
+klein!«</p>
+
+<p>Fräulein Jettchen hatte sich auf einen Koffer gesetzt und sah sehr
+feierlich aus. Manche Leute sagten, sie habe manchmal eine Stimme wie
+ein Pfarrer, und das hatte sie jetzt auch, als sie warnend den Finger
+aufhob und sagte:</p>
+
+<p>»Kind, Kind, paß wohl auf, daß du dich nicht verläufst! Wenn die
+Schäflein gar nicht mehr wissen, wie gut sie es auf der Weide haben und
+wollen's immer <em class="gesperrt">noch</em> besser finden, dann verirren sie sich und
+der Schäfer muß den Hund hinter ihnen drein jagen. Und manchmal sind
+sie dann so weit von der Herde weg, daß man sie gar nimmer findet, und
+dann möchten sie wohl wieder gehorsam und zufrieden auf der Weide sein,
+wenn sie nur wieder könnten.«</p>
+
+<p>»Ich bin kein Schaf,« sagte Heini trutzig, »und verirren tue ich mich
+auch nicht, ich finde den Weg schon!«</p>
+
+<p>»Du hast dich schon ein bißchen verirrt, Büblein,« sagte Fräulein
+Jettchen liebreich, »du bist trutzig und eigensinnig und weißt schon
+gar nicht mehr recht, wie gut du es hast. Komm jetzt mit mir, Heini,
+komm! Wir wollen es der Tante gar nicht sagen, daß du unartig gewesen
+bist, es würde sie betrüben, sie ist schon <em class="gesperrt">so</em> gar nicht wohl!
+Wer weiß, wenn du jetzt fröhlich und dankbar bist, dann freut sie sich
+so, daß sie ganz bald mit dir auf die hohen Berge kann, und dann kannst
+du dich ganz anders freuen!«</p>
+
+<p>Damit faßte das alte Fräulein den Trotzkopf Heini bei der Hand und
+stieg mit ihm die Treppe hinunter.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>»Was denken Sie, Herr Doktor, könnte ich nicht morgen eine Fahrt nach
+dem Blauen machen? Es ist mir nicht um mich, ich könnte schon noch
+warten mit solchen Ausflügen. Aber mein kleiner Neffe brennt so sehr
+darauf, ein bißchen in die Umgegend zu kommen! Es ist noch ein kleiner
+Kerl, aber ein fester, stämmiger Bursch, und ich möchte gern, daß er
+mit recht viel Freude an diese Zeit hier zurückdenkt!«</p>
+
+<p>Tante Julie saß in einem Korbstuhl an der sonnigsten Stelle des Gartens
+und sah erwartungsvoll den alten Doktor an, der im Vorübergehen ein
+kleines Gespräch mit ihr angefangen hatte. Doktor Stieler schüttelte
+ein klein wenig den Kopf. »Es wäre mir lieber gewesen, wenn Sie noch
+eine Woche gewartet hätten,« sagte er dann. »Die Ruhe scheint Ihnen so
+gut zu bekommen.«</p>
+
+<p>»Meines Bruders Geburtstag ist morgen,« fuhr die Tante fort, »der
+wird zu Hause auch festlich begangen. Aber freilich, wir wollen ja
+nicht unvernünftig sein!« — Der Doktor sah zuerst prüfend den Himmel
+und dann seine Patientin an. »Wenn sehr schönes Wetter ist und Sie
+eine gute Nacht haben, so will ich denn auf morgen nichts dagegen
+einwenden,« war seine Antwort. Und freundlich grüßend schritt der
+Doktor weiter.</p>
+
+<p>Tante Julie saß noch ein Weilchen ruhig in dem warmen Sonnenschein und
+überlegte sich ihren Plan auf morgen.</p>
+
+<p>Sie wollte noch eine Bekannte zu der Fahrt einladen, die mit ihrem
+eigenen kleinen Jungen, einem schmächtigen, zarten Kind in Heinis
+Alter, ebenfalls zur Kur hier war. Und dann wollte sie einen Esel dazu
+bestellen, den Liebling aller jugendlichen Gäste, »Lips«, samt seinem
+sonnverbrannten Führer, Hansjörg. Da konnten dann die kleinen Buben
+abwechselnd daneben herreiten, und Tante Julie lächelte vergnügt vor
+sich hin, wenn sie sich Heinis Jubel vorstellte. Eselreiten! das war
+auch einer der sehnsüchtig erstrebten Genüsse!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span></p>
+
+<p>Wo der Junge nur steckte? Er hatte sich seit dem abgeschlagenen »Sturm
+auf den Neuenfels« nicht mehr sehen lassen! Es tat der Tante aber
+keinen Augenblick leid, daß sie nicht nachgegeben hatte. Im Gegenteil!
+Heute wollte sie den Heini ganz ruhig seinem Trotzkopf überlassen
+und dann morgen, ehe sie ihm die große Freude verkündete, ein paar
+ernsthafte Worte mit ihm reden. Tante Julie verstand sehr gut mit
+Kindern umzugehen und Heinis Neigung zum Eigensinn war ihr gar nichts
+Neues. »Es wird schon noch eine Weile dauern, bis er einsieht, daß man
+nicht mit dem Kopf durch die Wand kann,« dachte sie. Dann stand sie auf
+und ging ins Haus.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Inzwischen hatte sich der Heini langweilig vor dem Haus umhergetrieben.
+Er hätte Erlaubnis gehabt, auf den Spielplatz im Kurpark zu gehen,
+wo es immer viele Unterhaltung gab. Oder er hätte die Tante gut um
+Erlaubnis fragen können, ob er mit dem Kutscher Ernst ins Heu fahren
+dürfe. Das hätte sie gern gestattet. Aber es gefiel ihm besser, sich
+auszudenken, wie hart die Tante sei und wie schlecht er es habe. Und
+dann dachte er sich noch etwas anderes aus. Der Hansjörg war dem Heini
+einmal vor kurzem begegnet, als er gleich nach dem Frühstück mit der
+Tante in den Wald ging. »Woher kommst du schon so bald?« hatte damals
+die Tante gefragt, die mit allen Leuten gern ein freundliches Wort
+sprach. Der Hansjörg hatte staubige Füße gehabt und gesagt: »Vom
+Neuenfels.« »Ist's möglich?« hatte sich Tante Julie gewundert, »da mußt
+du ja vor Tag aufgestanden sein?« »Vor Tag nicht. Um drei Uhr ist's
+schon fast hell und ich bin erst um vier Uhr fortgegangen,« sagte der
+Hansjörg. »Es ist ein Fräulein auf dem Esel hinaufgeritten, das will
+nachher zu Fuß heimgehen. Und ich muß jetzt gleich mit dem ›Lips‹<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> auf
+den ›alten Mann‹!« Damit war der Eseltreiber wichtig weitergeschritten,
+denn das Geschäft blühte jetzt.</p>
+
+<p>Daran dachte der Heini, als er sich jetzt so allein herumtrieb. Er
+konnte so gut wie der Eseltreiber, der noch den störrigen »Lips« zu
+besorgen hatte, in aller Morgenfrühe die Wanderung unternehmen und
+wieder da sein, ehe man ihn vermißte. Die Tante stand manchmal sehr
+spät auf, und das tat sie vielleicht morgen auch. Die Richtung, die man
+einzuschlagen hatte, kannte der Heini gut, und dann sah man ja auch
+die Ruine immer vor Augen und konnte sich gewiß nicht verirren. Er kam
+immer mehr in seinen Plan hinein und saß, gegen seine Gewohnheit, eine
+ganze Weile still auf der Hausstaffel, um sich alles genau auszudenken.</p>
+
+<p>Zwar dem Vater hatte er versprochen, der Tante in allen Stücken zu
+gehorchen. »Aber ich glaube sicher, der Vater hätte mich mitgelassen,«
+beschwichtigte der Heini sein mahnendes Gewissen; »und dann, ich bin
+ja schon wieder da, wenn die Tante aufwacht! Warum ist sie auch so
+ängstlich und erlaubt einem gar nichts!« Und Heini beschloß, nicht mehr
+auf die unangenehmen Stimmen zu hören und sich »wie andere Buben auch«
+auf die Wanderung zu freuen. »Und der Papa kann's erst noch leiden,
+wenn man kein so Hasenfuß ist! Und ich will auch keiner sein!« — Damit
+schloß der Heini seine Selbstbetrachtung. Fräulein Jettchen rief eben
+zum Abendessen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es war ein strahlend sonniger Morgen. Heini glaubte, als er erwachte,
+noch ganz unerhört früh daran zu sein und staunte höchlich, daß andere
+Leute auch schon wach waren. Auf der Wiese, die sich hinter dem Haus
+hinaufzog, saß der Taglöhner Friedrich und dengelte seine Sense; er
+hatte schon ein großes Stück gemäht. Und im Hof hörte der Heini das
+Küchenmädchen<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> am Pumpbrunnen. Leise, um die Tante nicht zu wecken,
+schlüpfte Heini in seine Kleider und schlich sich zur Tür hinaus, die
+er nur anlehnte. Tante Julie schlief nämlich im Zimmer daneben und
+sagte oft, daß sie einen sehr leichten Schlaf habe und gut höre, was um
+sie her vorgehe.</p>
+
+<p>Merkwürdig, es zog den Heini jetzt am Morgen nicht mehr halb so sehr,
+wie am Tag zuvor, nach dem ersehnten Neuenfels. Und einen Augenblick
+besann er sich, ob er nicht lieber dableiben wolle. Es war doch
+auch sehr hübsch in der Nähe. Und das Frühstück im Garten und die
+Trompetermusik im Kurpark, das war doch auch beides ein Genuß! Aber
+dann regte sich der böse Trotz wieder. »Ich will aber,« sagte Heini
+halblaut und schlüpfte zu der angelehnten Haustüre hinaus.</p>
+
+<p>Da lag die Straße vor ihm im hellen Morgensonnenschein. An allen
+Gräslein und Büschen und Bäumen hingen noch die schimmernden,
+glitzernden Tautropfen und an den Bergen wogten noch die Morgennebel
+hin und her, wie weiße Schleier. Und gerade vor dem Heini, hell
+beschienen, weiß glänzend, stand der Neuenfels, dessen Steinmassen und
+Mauerstücke aus dem grünen Wald förmlich herausleuchteten. Es sah aus,
+als ob er ganz nah da wäre. »O, ich kann noch zum Frühstück wieder da
+sein,« dachte Heini und fing an zu rennen. Er wollte sich die Sache
+absolut nicht gereuen lassen.</p>
+
+<p>Die weiße, staubige Landstraße, mit frisch gemähten Wiesen zu beiden
+Seiten, lag hinter dem kleinen Wandersmann. Er trat jetzt in den
+dämmerigen, kühlen Wald ein, den er auf dieser Seite noch nie betreten
+hatte. »Fehlen kann man da nicht,« dachte Heini, »die Straße geht ja
+ganz gleich weiter und der nette kleine Fußweg läuft gerade daneben
+her, und der ist ganz weich und moosig.« Er schlug jetzt diesen ein,
+man konnte so schnell gehen auf dem weichen Teppich.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span></p>
+
+<p>Es war ganz still im Wald, nur hie und da huschte ein Eichhörnchen an
+den hohen Stämmen hinauf. Deren gab es viele in der Gegend. Heini hätte
+schon so lange gern eins besessen. Eben jetzt kam ein ganz reizendes
+Tierchen mit langem buschigem Schwanz ganz nahe heran. Es machte einen
+possierlichen Satz um den andern, flüchtete sich dann wieder in die
+Höhe und schwang sich von einem Baum zum andern. Der Heini war ganz
+hingerissen. »O, o, wenn ich nur so ein Tierchen hätte,« sagte er laut.
+»O, wenn ich nur eins mit heimnehmen könnte!«</p>
+
+<p>Man kam sehr schnell vorwärts auf diese Art. Nur hatte der Heini
+gar nicht bemerkt, daß der Fußweg schon lange von der weißen Straße
+abgebogen war. Er sah es erst, als das Eichhörnchen ganz in der hohen
+Krone einer riesigen Eiche verschwand. Zuerst erschrak er ein wenig,
+denn er hatte ja immer der Straße nach gehen wollen. Aber dann sah er
+wieder etwas Weißes durch die Stämme leuchten und ging gleich darauf
+zu. Es war auch eine Straße, aber es war nicht die richtige, das wußte
+aber der Heini nicht. Er ging nun lange auf dieser weiter und wunderte
+sich nur immer im stillen, daß es so lange eben fortging. Der Berg
+hätte seiner Meinung nach schon längst beginnen sollen.</p>
+
+<figure class="figright illowp61" id="illu-131" style="max-width: 31.25em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-131.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span></p>
+
+<p>Heini fing auch schon an, etwas müde zu werden. »Ich könnte ein ganz
+klein wenig hinsitzen,« dachte er. »Nicht lange, sonst komme ich am
+Ende doch zu spät.«</p>
+
+<p>Es gab schöne Brombeeren am Wege. Sie waren erst halbreif, aber dem
+Heini schmeckten sie doch. Es war sonderbar, er hatte Hunger, und
+es konnte doch noch lange nicht Frühstückszeit sein. »Das kommt vom
+Frühaufstehen,« dachte Heini. »Ich bin es nicht gewöhnt.«</p>
+
+<p>Dann zog er wieder weiter. Er hatte jetzt einen schmalen Fußweg
+gefunden, der richtig ziemlich steil in die Höhe ging. »Auf der
+langweiligen Straße hätte ich noch lang weiterlaufen können,« sagte
+sich Heini. Er war ganz froh, daß es wenigstens jetzt in die Höhe
+ging. »Ein bißchen weit ist's doch,« gab er jetzt zu. »Hätte mich
+Tante Julie mit den andern Buben gelassen, so müßte ich jetzt nicht
+allein auf diesen Neuenfels!« Merkwürdig, nächstens mußte die Tante
+noch schuldig sein, daß der Heini davonlief! Der Fußweg machte
+wieder allerlei Windungen; manchmal war er fast ganz überhangen von
+Brombeergesträuch und endlich hörte er ganz auf. Da stand nun der
+Heini mitten im Wald und nichts rührte sich weit und breit um ihn
+her. Doch, oben über den Tannen flogen ein paar Raben und krächzten
+laut. Und er wußte nicht weiter. Den Neuenfels sah man ja schon lange
+nicht mehr, und Heini hatte nur immer gehofft, der Wald werde sich
+jetzt dann auf einmal lichten und dann werde er gerade an der Ruine
+herauskommen. Jetzt getraute er sich gar nicht mehr vorwärts. Es war
+überall hoher, dichter Tannenwald. Und durch die hohen Stämme drang das
+Sonnenlicht in einzelnen Strahlen. Da fiel dem Heini ein, daß es wohl
+schon jetzt Frühstückszeit sei, und daß die Tante ihn nun suchen würde.
+Und Fräulein Jettchen und Luischen und Lina würden ebenfalls nach ihm
+suchen und ihn überall rufen: »Heini, Büblein, so komm doch, komm!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span></p>
+
+<p>Und er stand im Wald und hatte sich verirrt! Das hatte er, es war so!
+Was hatte Fräulein Jettchen gestern gesagt?</p>
+
+<p>O, es fiel dem Heini wieder alles ein, sie hatte es so feierlich gesagt
+wie ein Herr Pfarrer. Er hatte es nicht ausstehen können, aber es war
+doch wahr. Und jetzt hatte er sich richtig verirrt und mußte noch froh
+sein, wenn er sich schnell wieder auf dem gleichen Weg heimfand. Den
+andern Buben wollte es der Heini lieber gar nicht sagen, daß er den Weg
+nicht gefunden habe. Und die Tante würde ja wohl zanken! Oder am Ende
+machte sie auch so ein betrübtes Gesicht, wie die Mama zu Hause allemal
+tat, wenn der Heini eigensinnig und trotzig war. »Da möcht' ich dann
+schon noch lieber gezankt werden,« dachte der kleine Ausreißer.</p>
+
+<p>»Vielleicht, wenn ich ganz schnell auf dem gleichen Weg zurücklaufe,
+immerfort, ohne Aufhören, dann komme ich doch noch bald genug. Und dann
+kann Tante Julie nichts sagen, nein, dann kann sie nicht! Denn dann bin
+ich gar nicht auf dem Neuenfels gewesen, nur im Wald!« Unter solchen
+Gedanken war der Heini umgekehrt, hatte auch endlich die ebene Straße
+wieder erreicht und rannte darauf fort, so müde er auch war. »Lieber
+Gott, laß mich auch noch bald genug heimkommen,« betete er drunter
+hinein. Aber dann kam man an so sonderbaren Felsstücken vorbei und an
+einer kleinen Schutzhütte, die der Heini noch nie gesehen hatte, und
+auf einmal merkte er, daß er wieder die falsche Richtung eingeschlagen
+hatte. Und da war es ganz zu Ende mit allem kecken Mut und allem Trotz
+des kleinen Buben. Er setzte sich ganz hilflos auf einen Rain und fing
+an zu weinen.</p>
+
+<p>»Manche verlaufen sich auch so weit, daß man sie gar nimmer finden
+kann,« hatte Fräulein Jettchen gesagt. »Und dann möchten sie gerne
+zufrieden und dankbar auf der Weide sein, wenn sie nur könnten.« Und
+dann hatte sie auch noch<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> gesagt: »Du bist auch jetzt schon ein bißchen
+verirrt, Büblein. Denn du bist unzufrieden und trutzig und siehst nicht
+recht, wie gut du es hast.«</p>
+
+<p>Als das dem Heini alles nacheinander einfiel, weinte er immer noch
+stärker. Jetzt war es so, jetzt konnte man ihn vielleicht gar nicht
+mehr finden! Und die Tante mußte nach Hause schreiben: »Der Heini ist
+im Wald verloren gegangen. Er war unfolgsam.« Und dann würde die Mutter
+immer zu den Kleinen sagen: »Machet es nur niemals wie der Heini!«</p>
+
+<p>Und dann fiel ihm auch noch ein, wie gut und lieb die Tante immer
+gegen ihn gewesen war. Ja, gestern abend noch, beim Gutenachtsagen,
+da hatte sie zu ihm gesagt: Du wirst schon noch sehen, was wir noch
+Schönes zusammen erleben. Er hatte sich aber gegen die Wand gekehrt und
+nur ganz schnell sein Vaterunser hergesagt. Und dann war er trutzig
+eingeschlafen. Ja, das Vaterunser! Das hatte der Heini natürlich heute
+morgen auch vergessen! Wenn man etwas vorhat, das nicht recht ist,
+denkt man nicht an den lieben Gott. Und der liebe Gott will auch nicht
+hören, daß man sagt: Dein Wille geschehe, wenn man jetzt gerade so
+ernstlich denkt: Ich will aber tun, was ich will!</p>
+
+<p>Heini war gar nicht recht so keck, jetzt noch das Vaterunser zu beten.
+Und doch wollte er so gern, daß der liebe Gott ihm wieder helfe, und
+er wollte auch ganz gewiß nicht mehr unzufrieden sein und trotzig
+und unfolgsam. Da fiel ihm ein Verslein ein, er sagte es laut mit
+gefalteten Händen unter sein Schluchzen hinein:</p>
+
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Alle Schritt und alle Tritt</div>
+ <div class="verse indent0">Geh du, lieber Heiland, mit!</div>
+ <div class="verse indent0">Gehe mit mir ein und aus,</div>
+ <div class="verse indent0">Führe du mich selbst nach Haus!«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+<p>Und dann fügte er noch hinzu: »Und mach auch, daß die Tante keine so
+arge Angst hat und daß sie mir's gewiß glaubt, daß ich jetzt brav sein
+will.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span></p>
+
+<p>Als der Heini so gebetet hatte, war er schon ein wenig getroster
+geworden. Das Verslein hatte er immer als kleines Büblein gebetet.
+Seit er in der Schule das Vaterunser gelernt hatte, überließ er das
+»Kleinkinderverslein«, wie er sagte, den Kleinen. Er durfte nun immer
+am Morgen und Abend das Vaterunser laut beten. Nur dachte er oft gar
+nicht an seinen schönen Inhalt. Die Gedanken flogen oft schon voraus
+auf den Spielplatz oder zu einem Geschichtenbuch. So kam es, daß der
+Heini im Vaterunser gar nicht so recht daheim war. Aber solang er mit
+der Mutter »alle Schritt und alle Tritt« gebetet hatte, da hatte diese
+ihm jedesmal dann nachher einen Kuß gegeben und gesagt: »So wird dir
+dann auch nichts geschehen! Und jetzt geh und sei vergnügt und brav!«
+Und der Heini setzte in Gedanken nun auch hinzu: So wird mir dann auch
+nichts geschehen! Es war ihm jetzt viel leichter als vorher, es kam
+ihm gar nicht mehr vor, als ob er den Heimweg nicht finden könnte. Er
+hatte ja auch schon den Rückweg von seinem bösen Eigensinn gefunden, da
+konnte es ihm freilich wohler sein als zuvor.</p>
+
+<p>Als er sich gerade daran machen wollte, auf dem seitherigen Weg
+zurückzugehen, und immer noch ein wenig vor sich hinschluchzte, da
+hörte er hinter sich ein lautes: »Hüoh!« Ein schwerer Wagen rumpelte
+daher und der Fuhrmann im langen blauen Leinenkittel ging daneben her
+und rauchte seine kurze Pfeife dazu. Heini atmete tief auf. Jetzt war
+doch ein Mensch da, mit dem man sprechen konnte! Bescheidentlich ging
+er auf den Bauern zu: »Möchten Sie mir vielleicht sagen, wo der Weg
+nach Badenweiler geht? Ich — ich habe auf den Neuenfels gewollt und
+jetzt —« Heini konnte seine Tränen nicht mehr hinunterschlucken, sie
+stürzten jetzt wieder ganz unaufhaltsam hervor.</p>
+
+<p>»Auf den Neuenfels? Du meine Güte, Büblein! Der<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> liegt ja ganz
+da drüben!« Der Fuhrmann beschrieb einen großen Bogen mit seinem
+Peitschenstiel. »Und ganz allein bist du? Und kommst von Badenweiler?
+Am Ende durchgegangen, was?«</p>
+
+<p>Heini konnte nur immer nicken, es drückte ihn doch noch sehr, daß er so
+weit weg war von daheim. Der Fuhrmann nahm den Heini aber jetzt ganz
+väterlich bei der Hand. Er hatte selber einen kleinen Buben daheim
+und Heini sah so zerknirscht aus, daß er ihm keine Strafrede halten
+konnte. »Da sitz auf, Kleiner,« sagte er. »Du wirst wohl müde sein.
+In fünf Minuten ist auf dieser Seite der Wald aus und dann sieht man
+Badenweiler liegen. Nur kommst du jetzt gerade von der andern Seite
+hinein, als du herausgegangen bist. Wenn du schnell gehst, langt's noch
+zum Mittagessen.«</p>
+
+<p>Heini hätte lachen und weinen mögen auf einmal. Lachen, weil er richtig
+nach kurzer Frist die bekannte Schloßruine und alle die bekannten
+Häuser vor sich liegen sah und er gar kein großes Stück mehr zu gehen
+hatte, um heimzukommen. Und weinen, weil es schon nächstens Mittagszeit
+war und die Tante gewiß schon nach allen Richtungen hin nach ihm
+geschickt hatte und nun in großen Ängsten war.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es war aber anders gegangen daheim, als der Heini befürchtete. Tante
+Julie hatte eine schlechte Nacht gehabt und war erst am frühen Morgen
+eingeschlafen. Als sie erwachte, war schon ein gutes Stück vom
+Vormittag vorbei. »Der Heini ist so still heute,« hatte sie zu Anna,
+dem Stubenmädchen, gesagt, das ihr den Kaffee brachte. »Ist er denn
+schon fort? Das ist mir ganz merkwürdig!«</p>
+
+<p>Anna war ein wenig verlegen. Es war ihr streng anbefohlen, nichts von
+dem Fehlen des Buben zu sagen; Fräulein<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> Jettchen hatte schon da und
+dorthin geschickt, wo man ihn vermutete, und wartete nun erst auf die
+Boten. So sagte Anna nur: »Ich denke, er wird auf dem Spielplatz sein,«
+und die Tante nickte müde. Eigentlich war sie froh, daß der kleine
+Plagegeist gerade heute so ruhig war. Sie hatte immer noch Kopfweh und
+konnte notwendig etwas Ruhe brauchen. »Es tut mir leid, aber es kann
+nichts aus der Blauenfahrt werden für heute,« dachte sie noch. »Ich
+bin doch froh, daß ich's ihm noch nicht gesagt habe.« Dann schloß sie
+die Augen wieder und ließ die Zeit ganz still an sich vorbeigehen. Auf
+einmal fuhr sie erschreckt auf.</p>
+
+<p>Auf der Straße wurden allerlei Stimmen laut, die tiefe, starke von
+Fräulein Jettchen und dann die hohe von Fräulein Lina und noch die
+liebevolle von Fräulein Luischen. »Ach Gott, das Büblein? Aber Heini,
+was ist das mit dir? Halb tot ist man vor lauter Angst um dich!« So
+tönte es durcheinander. Den Heini hörte man gar nicht gleich. Endlich
+vernahm die Tante seine Stimme, aber sie tat so leise, man verstand
+kein Wort oben. Was konnte nur mit dem Jungen sein? Ehe sich die Tante
+aber recht besinnen konnte, flog die Tür auf und der Heini herein.
+»Ach Tantele, sei doch nur wieder gut, ich will ganz gewiß nicht mehr
+fortlaufen! Und auch nicht mehr so sein, so, du weißt schon wie! Und
+schreib's auch nicht heim, gelt?« Die Tante wußte sich fast nicht zu
+retten vor den stürmischen Umarmungen des stämmigen Heini. »So sag
+mir nur zuerst, was du hast und wo du gewesen bist?« sagte sie. Und
+der Heini mußte nun seine ganze Geschichte von Anfang an erzählen. Er
+stockte manchmal ein wenig, denn er mußte sich doch noch schämen, daß
+er so böse Gedanken gehabt und sie dann auch ausgeführt hatte. Die
+Tante half ihm aber ganz liebreich wieder zurecht. »So wirst du's ja
+jetzt selber wissen, was ich dir heute noch sagen wollte,«<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> sagte sie.
+»Du hast jetzt selber gesehen, wie's einem geht, wenn man im Trotz
+erzwingen will, was man nicht soll. Dann läuft man sich ab und wird
+müde und macht einen weiten Umweg und kommt erst nicht dahin, wo man
+gerne hinwollte. Am Ende muß man dann noch recht froh sein, wenn man
+den Heimweg wieder findet.« Der Heini verstand das jetzt sehr gut. Er
+wollte sich die Lehre auch sein Leben lang merken.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es kam dann später noch einmal ein wunderschöner Tag, an dem die
+Blauenfahrt richtig zur Ausführung kam.</p>
+
+<p>Heini ritt stramm neben dem Wagen her auf seinem Esel, denn der kleine
+Kamerad, der miteingeladen war, saß lieber auf den weichen Polstern und
+begehrte nicht zu reiten.</p>
+
+<p>Den Heini dünkte aber Reiten und durch die Wälder streifen das
+Allerschönste, und weil er es heute mit gutem Gewissen konnte, so war
+er auch so fröhlich, daß er laut hinausjodeln mußte. Und das Echo gab
+jeden Ton getreulich wieder.</p>
+
+<p>Heini hätte fast wieder angefangen, den Hansjörg zu beneiden, der
+barfuß neben ihm herschritt. Der mußte ja nicht wieder nach Hause, in
+die Stadt und in die Schule, sondern konnte immer hier bleiben und alle
+Tage in den Wäldern umherschweifen.</p>
+
+<p>Das sagte er auch zu ihm. Aber der Hansjörg schüttelte den Kopf. »Und
+ich gäbe gleich den Lips her und noch mein Schnitzmesser dazu, wenn
+ich's hätte wie du,« sagte er. »Immer genug zu essen und lernen dürfen,
+soviel man will, und deine Tante ist immer brav und schlägt dich
+nie!« »Nein,« gab Heini zu, »das tut sie nie, und meine Mama schlägt
+mich auch nie und der Papa nur selten, wenn es sein muß. Es muß aber
+natürlich fast nie sein. Ich bin ja nicht mehr so klein.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span></p>
+
+<p>»Du hast's lang gut,« seufzte der Hansjörg. »Ich habe niemand als nur
+die Base und den Vetter. Ich kriege oft Schläge und — —«</p>
+
+<p>In diesem Augenblick machte Lips einen gewaltigen Satz und das Gespräch
+wurde abgebrochen.</p>
+
+<p>Dem Heini ging es aber noch lang durch den Kopf. Als er am Abend seine
+Freundin, Fräulein Jettchen, in der Küche besuchte, um ihr von dem
+schönen Tag zu berichten, konnte er fast kein Ende finden. »Es war
+einfach alles schön,« sagte Heini, »nicht einmal der Hansjörg möchte
+ich mehr sein, und keiner von den andern Buben, ich möchte am liebsten
+ich selbst sein, denn ich hab's doch am allerbesten!«</p>
+
+<p>Fräulein Jettchen warf gerade Küchlein in heißes Schmalz und ließ sie
+goldbraun backen. So konnte sie jetzt nicht viel sagen. Sie nickte nur
+ganz zustimmend: »Das ist auch wahr.« Und es war auch so, denn der
+Heini hatte jetzt ein zufriedenes und dankbares Herz. Und besser als
+ein zufriedener und dankbarer Mensch kann's überhaupt niemand haben, er
+sei groß oder klein.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span></p>
+
+<h2>10. Ein Ersatz.</h2>
+</div>
+
+<p>»Großmutterle, denk dir nur, das Dorle kommt in die Hölle! Weißt du,
+das Dorle, das immer bei Wolfs im Stall ist und die Milch ausmißt!«</p>
+
+<p>Agnes stellte ihren vollen Milchtopf sehr energisch auf den Tisch und
+atmete tief auf. Es war keine Kleinigkeit gewesen, diese wichtige
+Mitteilung bis ins Haus und noch zwei Treppen hoch zu tragen und dabei
+noch aufzupassen, daß man nichts verschüttete. Jetzt pflanzte sie sich
+mit blitzenden Augen vor der Großmutter auf.</p>
+
+<p>»So, so,« sagte diese, »das ist aber sehr betrübt! Woher weiß man's
+denn so genau?«</p>
+
+<p>»Wilhelm Schluchter hat's gesagt! Der geht schon in die große Schule.
+Sechs Junge hat Wolfs Katze gehabt, o so nette Tierlein, graue und
+schwarze und ein gelbes und dann noch ein schwarz und weißes. Das
+Dorle hat ihr aber alle genommen bis auf eines und hat sie in einen
+Sack mit Steinen getan und in den Neckar geworfen! Wilhelm Schluchter
+hat gesagt, es sei eine Sünde und eine Schande. Wenn man so etwas tut,
+kommt man in die Hölle, hat er gesagt. Und das geschieht ihr auch
+recht!«</p>
+
+<p>Agnes hatte das alles hervorgesprudelt, ohne abzusetzen, denn die Sache
+lag ihr sehr am Herzen.</p>
+
+<p>»Da bin ich nun gar nicht mit dem Wilhelm einig,« sagte die Großmutter
+bedächtig und strich dem aufgeregten Kind über das kurzgeschnittene
+braune Haar, das sich förmlich in die Höhe gestellt hatte vor Eifer.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span></p>
+
+<p>»Siehst du, wenn nun diese Kätzlein alle am Leben geblieben wären und
+wären alle groß geworden, so hätte sie dann das Dorle auch alle füttern
+müssen. Denk einmal, wieviel Milch man da an jedem Tag gebraucht hätte
+und wieviel Brot!«</p>
+
+<p>»Und es gibt so viel arme Kinder, die froh sind, wenn sie sich satt
+essen können. Da gibt dann das Dorle lieber den Kindern der armen
+Meierin eine Milch oder ein Brot und da tut sie ganz recht daran.
+Kätzlein gibt es auch so noch genug auf der Welt!«</p>
+
+<p>Agnes hatte dieser Erklärung aufmerksam gelauscht und auch ein paarmal
+einverstanden genickt.</p>
+
+<p>»So will ich das dem Schluchter sagen,« schlug sie vor. »Er wird's
+nicht so recht gewußt haben. Er hat keine Großmutter, nur seine Mutter
+und die ist fast gar nie daheim.« Aber dann stieg noch ein neuer
+Gedanke in Agnes auf, den der letzte Satz der Großmutter erweckt hatte:
+»Es gibt noch Kätzlein genug auf der Welt.«</p>
+
+<p>»Großmutter,« fing sie wieder an, »wir haben aber keins. Das schwarz
+und weiße lebt noch. Es ist das nettste von allen, es hat so ein
+herziges rotes Zünglein. O wenn ich das nur hätte! Großmutter, glaubst
+du, daß die Mutter erlaubt, daß ich mir das Kätzlein holen darf? Das
+Dorle gibt mir's sicher! Es hat gesagt, an der alten Katze sei es ganz
+genug im Haus.«</p>
+
+<p>Die Großmutter zweifelte nicht, daß die Mutter die Aufnahme des
+Kätzleins gestatten werde, und sprach das auch aus. In diesem
+Augenblick rief die Mutter auch schon nach der kleinen Tochter, und
+diese folgte dem Ruf diesmal sehr schnell und sehr willig, denn sie
+wollte gerne auch gleich ihre Bitte vortragen. Man hörte schon auf der
+Treppe ihre erregte Stimme: »O Mutter, das muß ich dir ganz zuerst
+sagen — — —«</p>
+
+<p>Die Großmutter blieb allein zurück. Sie strickte an einem braunen
+Kinderstrumpf. Wer sie oft gesehen hätte, der hätte<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> am Ende denken
+können, sie brauche sehr lang, bis dieser Strumpf fertig sei. Es war
+aber allemal wieder ein neuer, denn es waren so viele Füße zu bedenken,
+daß die Großmutter niemals mit Stricken fertig werden konnte. Da waren
+schon große Enkelsöhne, die nur in den Ferien nach Hause kamen, dann
+trippelte es im Hause selbst den ganzen Tag von Buben und Mädchen. Sie
+gingen zum Teil schon in die Schule, zum Teil waren sie noch klein und
+mußten gehütet werden. Aber alle wußten gut den Weg zur Großmutter,
+die im zweiten Stock wohnte und die immer für die Großen und für die
+Kleinen zu sprechen war.</p>
+
+<p>Agnes war nun nicht mehr so klein, daß man sie hüten mußte wie die
+beiden jüngsten Schwesterlein. Für die Schule war sie aber auch noch
+nicht groß genug, da sollte sie erst nächsten Frühling hinkommen.
+So konnte sie sehr oft die Treppe zur Großmutter hinaufsteigen,
+denn diese wußte fast immer etwas, mit dem sich das lebhafte Kind
+unterhalten konnte. Und der »Sturmwind«, wie Agnes von den Brüdern
+geheißen war, weil sie so schnell hin- und herfuhr, konnte hier oben
+wirklich manchmal eine ganze Weile stillsitzen und sich auf ruhige Art
+beschäftigen.</p>
+
+<p>Jetzt nickte die Großmutter ganz befriedigt vor sich hin. »Das ist ganz
+gut für das Kind, wenn es das Kätzlein zu versorgen hat,« sagte sie zu
+sich selbst, »das gibt eine gute Übung.«</p>
+
+<p>Daß es eine gute Übung gäbe, daran hatte nun Agnes allerdings nicht
+gedacht. Sir hatte ein Wohlgefallen an dem munteren, zierlichen
+Tierchen gefunden, und sie dachte sich nun, solang sie zum Bäcker und
+Kaufmann unterwegs war, mit großem Genuß aus, wie man mit dem Kätzlein
+spielen könne, es im Puppenwagen ausfahren, mit einem Halsbändchen
+schmücken und — ja, wie konnte man es nur heißen? Das gab sehr vielen
+Stoff zum Nachdenken!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span></p>
+
+<p>»Siehst du, Großmutter, da ist's! Ist es nicht herzig?« Agnes kam am
+andern Tag in aller Frühe mit strahlendem Gesicht an. Das Kätzchen,
+das sich noch ein wenig scheu und ängstlich zeigte, trug sie sachte
+im Schürzchen. »Man muß jetzt immer ›Mimi‹ zu ihm sagen, Großmutter.
+So heißt's jetzt, gelt, das ist ein schöner Name! Soll ich eine Taufe
+halten, was meinst du? Tätest du es bei dir in deinem Bett schlafen
+lassen, Großmutter, wenn du mich wärest?«</p>
+
+<p>Die Großmutter hatte lächelnd all die vielen Fragen an sich
+vorbeischwirren lassen, jetzt sagte sie: »Das ist ein bißchen viel auf
+einmal gefragt, Kind! Eine Taufe hält man nicht bei Katzen. Ich habe
+einmal eine gehabt, die hieß Peter. Mimi ist aber auch schön. Ins Bett
+darfst du das Kätzlein aber nie nehmen, nicht einmal ins Schlafzimmer.
+Es könnte einmal dem Schwesterlein aufs Gesicht sitzen und es tot
+drücken. Aber ich weiß doch ein nettes Plätzchen. Sieh, da habe ich
+ein altes Körbchen, das darfst du halb mit Spreuer füllen auf der
+Bühne. Und dann legen wir noch ein kleines Deckchen aus der Puppenwiege
+hinein, das ist dann ein prächtiges Bett. Und dann stellen wir's in
+die Kammer, wo die Kleiderkästen stehen, da kann das Kätzlein —«
+»Großmutter, du mußt jetzt immer sagen: die Mimi«, fiel Agnes ein, —
+»da kann die Mimi nichts verderben,« vollendete die Großmutter gelassen
+ihren Satz. »Und siehst du, jetzt muß ich dir gleich noch etwas sagen,«
+fuhr sie fort, »du hast jetzt die Mimi ganz allein zu versorgen. Das
+ist noch ganz anders, als wenn man Puppen hat, die nie Hunger bekommen.
+Katzen sind etwas lebendiges und müssen ihr Futter haben. Und an das
+mußt du immer denken. Sieh, da habe ich ein ganz nettes Schüsselchen.
+Es hat nur keine Handhabe mehr, aber es sind Rosen darauf gemalt. Das
+soll der Mimi ihr Trögchen sein, und eh' du dich ans Essen setzt, mußt
+du immer denken, daß dein Pflegling auch etwas braucht. Und immer das
+Bettchen<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> und das Schüsselchen sauber halten und« — »Ja, ja, das tu'
+ich ganz gewiß immer,« versicherte Agnes, »und ich tue sonst noch
+vieles mit der Mimi, ich hab' mir schon alles ausgedacht.«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Mimi hatte sich bald im Hause eingelebt und wuchs schnell heran. Bei
+Kätzlein dauert es nicht sehr lang, bis sie alles gelernt haben, was
+sie wissen müssen. Mimi konnte sehr hübsch mit einem Ball spielen und
+ihrem eigenen Schwanz nachjagen und wenn man sagte: Gib ein Pfötchen!
+so streckte sie ihr weiches Tätzchen aus und man konnte es dann in
+die Hand nehmen. Agnes war sehr beglückt von ihrem Pflegling und die
+Großmutter freute sich im stillen über das Kind, denn es vergaß nie,
+für Mimis Futter zu sorgen und hob auch sorgfältig übrige Fleisch- und
+Brotbröckchen dazu auf. Nur konnte sich Agnes oft recht schwer von dem
+interessanten Spiel mit dem Kätzchen trennen, wenn die Mutter rief oder
+die kleinen Schwestern gerne ein wenig unterhalten sein wollten.</p>
+
+<p>Eines Morgens kam sie aber sehr erstaunt aus der Kammer, in der Mimis
+Bettchen stand: »Mimi ist nicht da und ihr Schüsselchen ist von gestern
+Abend her noch voll!« Und nun begann ein großes Suchen, Rufen und
+Locken durchs ganze Haus.</p>
+
+<p>»Wenn du deine Katze suchst,« sagte Gottlieb, der Knecht, »die habe ich
+auf der Gartenmauer gesehen. Ich glaube, sie geht auf die Vögel, sie
+lauert, das sieht man ihr an!«</p>
+
+<p>»O, o,« rief Agnes entrüstet, »meine Mimi braucht nicht auf Vögel zu
+lauern und das tut sie auch nicht! Ich habe ihr gestern Abend mein
+Wursträdchen gegeben und überhaupt, so ein liebes Kätzchen, wie sie
+ist! Es fällt ihr nicht ein, so etwas zu tun!« Es war aber doch so.
+Mimi ging auf die Jagd nach Vögeln, und alle Bitten ihrer kleinen
+Pflegerin konnten sie nicht davon abhalten. Wenn sie entwischen konnte,
+huschte sie auf die<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> Mauer und horchte in den Nachbargarten hinüber, wo
+die Vögelein ganz fröhlich in den Zweigen sangen und an keine Gefahr
+dachten. Einmal hatte sie einen Blutfleck an dem schönen schwarz und
+weißen Pelz und der Vater sagte, als er zum Mittagessen kam: »Du mußt
+die Mimi gut hüten, Agnes. Der Nachbar hat gesagt, er wolle sie schon
+abhalten, seine Finken zu ermorden. Er wisse schon ein Mittel.«</p>
+
+<p>Aber es half alles nichts. Eines Morgens saß Agnes im Gärtchen hinter
+dem Haus. Sie hatte zwei Freundinnen bei sich und einen großen Korb
+voll Feuerbohnen neben sich. Es war eine sehr nette Beschäftigung, die
+glänzenden, gesprenkelten Kerne, die die Mutter zu Samen fürs nächste
+Jahr aufheben wollte, aus den dürren Hülsen herauszuschälen und die
+Kinder waren ganz vergnügt dabei. Plötzlich knallte im Nachbargarten
+ein Schuß. Und als die kleinen Mädchen erschreckt aufsahen, konnten
+sie eben noch sehen, wie Mimi auf der Mauer einen hohen Sprung machte,
+und dann, sich überpurzelnd, herunterfiel, gerade in den Rosenbusch,
+der unter der Mauer stand. »Meine Mimi, mein Kätzlein!« schrie Agnes
+entsetzt und stürzte sich auf den Rosenbusch. Da war nun nichts mehr zu
+machen. Mimi hatte ihre Raublust mit dem Leben bezahlen müssen.</p>
+
+<p>Agnes war in großem Jammer. Die Freundinnen waren nach Hause gegangen
+und hatten dort erzählt, daß »Mimi Schieber« gestorben sei, und daß
+man sie morgen im Hof begraben wolle. Und das Begräbnis war auch noch
+ein wichtiges Ereignis, auf das es sehr viel vorzubereiten gab. Aber
+dann war alles aus und Agnes saß schon eine ganze Weile still auf ihrem
+Schemelchen bei der Großmutter und seufzte zuweilen tief auf. Das
+ging der Großmutter zu Herzen. Sie hatte schon versucht, das Kind auf
+ihre liebreiche Art zu trösten; es wollte aber nicht recht gelingen.
+Jetzt fiel ihr ein guter Gedanke<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> ein. »So, nun mußt du nicht immer
+an das tote Kätzlein denken,« sagte sie freundlich, aber entschieden.
+»Es gibt sonst noch genug zu schaffen auf der Welt, als nur die Mimi
+zu besorgen.« »Ich will keine neue Mimi,« sagte Agnes kläglich. »Des
+Wolfen Katze hat schon wieder Junge, ich könnte alle haben, aber ich
+will keins davon. Sonst werden sie auch groß und stehlen auch Vögel und
+werden auch erschossen!«</p>
+
+<p>»Das meine ich auch gar nicht,« sagte die Großmutter und mußte ein
+wenig lachen. »Ich weiß etwas ganz anderes. Denk einmal, die Leute
+im Hinterhaus haben ein kleines Kindchen! Ein ganz kleines, in einem
+Tragkissen und mit winzigen Fäustchen und blauen Äuglein.« »Das man
+herumtragen muß und ihm die Milch geben und so?« Agnes sah ganz
+begierig auf.</p>
+
+<p>»Ja,« bestätigte die Großmutter, »aber die Leute können gar nicht
+vergnügt sein darüber. Die Frau ist so krank, daß man noch gar nicht
+weiß, ob sie nur wieder gesund wird, und niemand ist da, der das
+Kindlein ein wenig wiegt, wenn es schreit, und ihm die Milch gibt, wenn
+es Hunger hat, und der ein wenig auf das größere Büblein achtgibt.«
+»Warum haben sie keine Magd?« wollte Agnes wissen. Sie fing schon an,
+über den Fall nachzudenken.</p>
+
+<p>»Ja, siehst du, das ist gerade das Traurige,« sagte die Großmutter.
+»Die Leute haben kein Geld dazu. Der Mann kann selber nur ganz wenig
+verdienen, und jetzt muß man noch Arznei holen und den Herrn Doktor
+zahlen und die Milch für das kleine Kindlein.«</p>
+
+<p>»So will ich das Kindlein zu uns herüberholen,« schlug Agnes vor. »Ich
+möchte schon lang gern ein Schwesterlein, ein ganz kleines, das noch
+nicht laufen kann und noch gar nichts als lachen und schreien.«</p>
+
+<p>»Das geht nicht nur so, wie du meinst,« sagte die Großmutter. »Glaubst
+du, die Leute geben ihr liebes Kindlein her<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> das ihnen der liebe Gott
+erst geschenkt hat? Und glaubst du, deine Mutter wolle noch so ein
+winziges Schwesterlein besorgen? Sie weiß selber kaum, wo anfangen mit
+euch allen! Nein, nein, so macht man das nicht! Aber siehst du, ich
+gehe nachher ein wenig hinüber, und da könntest du mich begleiten. Und
+ich will dir dann zeigen, wie du ein wenig helfen kannst, das Kleine zu
+versorgen und das größere Büblein zu hüten und noch allerlei!«</p>
+
+<p>Agnes war sehr einverstanden. Sie zog die Großmutter noch am Kleid
+voran, als diese unterwegs ein wenig mit dem Vater sprach, der eben zur
+Haustüre hereinkam, so wichtig war es ihr, schnell ins Hinterhaus und
+zu dem kleinen Kindlein zu kommen.</p>
+
+<p>Da war nun freilich für die Großmutter vieles zu tun. Der Mann war
+heute nicht in die Fabrik gegangen, weil er die Frau zu pflegen
+hatte. Er stand aber eben am Ofen, der mächtig rauchte, und hielt
+ein Pfännchen in der Hand, aus dem ein ganz angebrannter Geruch kam.
+»Gottlob!« sagte er, als er die Großmutter sah, »ich habe meiner Frau
+die Suppe aufwärmen wollen, die noch von gestern Abend da ist. Aber es
+hat sich alles am Pfännchen angehängt. So kann man die Suppe nicht mehr
+essen und ich weiß nicht, was ich anfangen soll.«</p>
+
+<p>Er sah ganz sorgenvoll und bekümmert aus, Agnes mußte ihn mit rechtem
+Mitleid betrachten.</p>
+
+<p>»Für heute habe ich nun schon eine Suppe besorgt, die für alle reicht,«
+sagte die Großmutter freundlich. »Und für morgen und die ganze nächste
+Zeit muß eben Rat geschafft werden. Jetzt wollen wir zuerst das Kleine
+besorgen, das wird nicht umsonst so schreien.«</p>
+
+<p>Damit nahm sie auch schon das großgeblumte Tragkissen mit dem laut
+schreienden Kindlein aus der Wiege, packte dieses in saubere, trockene
+Windeln, wärmte ihm die Milch und zeigte<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> dann Agnes, wie sie dem
+Kleinen das Fläschchen hinhalten solle. Diese war auch bald mit rechtem
+Eifer bei der Sache und vergaß für jetzt ganz den Kummer um die tote
+Mimi.</p>
+
+<p>Das kleine dreijährige Büblein, das bisher trübselig in einer Ecke
+gesessen hatte, wackelte jetzt auch herbei und sah dem merkwürdigen
+Vergnügen zu.</p>
+
+<p>»Gibst du mir dein Schwesterlein?« fragte Agnes, als das Kleine seine
+Milch getrunken hatte und sofort wieder die Augen schloß.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-148" style="max-width: 62.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-148.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<p>»Nein,« sagte Ernstchen entschieden und schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>»Ich möcht's aber gern,« sagte Agnes, »ich gebe dir, was du willst,
+dafür.« Statt aller Antwort fing Ernstchen an, ganz jämmerlich zu
+weinen, daß die Großmutter nur schnell kommen und trösten mußte.</p>
+
+<p>»Gehet ein bißchen miteinander hinaus, ihr zwei,« sagte die Großmutter
+dann. »Spiele du ein wenig mit dem Büblein, Agnes, man muß jetzt hier
+ein wenig Ruhe haben.«</p>
+
+<p>Das war nur gar nicht nach Agnes' Geschmack. Sie hätte viel lieber das
+kleine Kindlein gewiegt oder gar ein wenig herumgetragen, und jetzt
+fiel ihr plötzlich Mimi wieder ein. Sie setzte sich auf die Treppe und
+seufzte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span></p>
+
+<p>»Jetzt spiel mit mir!« begehrte Ernstchen.</p>
+
+<p>»Ich mag nicht spielen, meine Mimi ist gestorben,« sagte Agnes und
+seufzte wieder.</p>
+
+<p>»Wer ist das, deine Mimi?« fragte der Kleine.</p>
+
+<p>»Das ist so ein nettes Kätzlein, wie du noch gar keins gesehen hast,«
+fing Agnes an, und ehe sie sich's versah, war sie mitten drin, dem
+mäuschenstill aufhorchenden Ernstchen alles zu erzählen, was man
+nur von der Mimi sagen konnte, und auch ihr trauriges Ende. Die
+Großmutter fand die beiden einträchtig auf der Treppe sitzend und sagte
+wohlgefällig: »So ist's recht, so gefällt mir's, Agnes, das kannst du
+noch öfter tun.«</p>
+
+<p>Dann gingen die beiden wieder zusammen ins Vorderhaus.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>»Großmutter, das möchte ich lieber nicht noch öfter tun,« fing Agnes
+an, als sie am nächsten Morgen ihren Besuch bei der Großmutter
+abstattete.</p>
+
+<p>Diese wußte zwar nicht gleich, um was es sich handelte, aber sie wußte
+schon, daß es noch kommen werde, und so strickte sie ruhig weiter.
+»Großmutter,« sagte Agnes ein wenig dringlicher, »ich möchte viel
+lieber das ganz kleine Kindlein herumtragen und ihm seine Milch geben
+und zusehen, wenn man es badet, als mit dem Ernstchen spielen. Das ist
+ein bißchen langweilig!«</p>
+
+<p>»So?« Die Großmutter sah das Kind freundlich an, dann sagte sie: »Wenn
+aber das ganz Kleine schlafen soll und die kranke Frau auch und der
+Ernstchen ist unruhig und stört sie alle beide? Gelt, dann willst du
+gern ganz vernünftig und lieb sein und aufpassen, daß der kleine Bub'
+ruhig ist, und ein wenig mit ihm spielen?«</p>
+
+<p>Agnes zögerte ein wenig. »Ja, schon,« sagte sie, »aber das Kleine ist
+viel netter!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span></p>
+
+<p>»Jetzt muß ich dir etwas sagen« — die Großmutter legte ihr Strickzeug
+einen Augenblick in den Schoß und hob das Gesichtchen, das im
+Augenblick ein wenig finster aussah, in die Höhe. »Weißt, liebes Kind,
+das müssen schon kleine Leute lernen, daß man nicht nur immer so tun
+kann, wie man möchte. Und das mußt du auch! Ich möchte gern, daß du mir
+ein bißchen hilfst, den armen Leuten da drüben zu helfen. Und ich will
+dir auch sagen wie?«</p>
+
+<p>Agnes sah erwartungsvoll aus. Sie mochte immer sehr gern neue Pläne
+machen.</p>
+
+<p>»Die kranke Frau hatte nichts Ordentliches zu essen,« fuhr die
+Großmutter fort, »und der Mann und Ernstchen auch nicht.«</p>
+
+<p>»So will ich gleich zur Mutter sagen, daß sie hinüberschickt,« sagte
+Agnes schnell. Der Gedanke war ihr sofort gekommen, denn es durfte doch
+nicht sein, daß jemand nichts zu essen hatte.</p>
+
+<p>»Nein, nein,« beschwichtigte die Großmutter. »So alle Tage kann die
+Mutter doch nicht für die ganze Familie kochen! Denk' einmal, wie große
+Schüsseln voll ihr selber brauchet! Da müßte man reicher sein, als wir
+sind, um noch eine Familie versorgen zu können, aber —«</p>
+
+<p>»Ich weiß was,« fiel das Kind wieder eifrig ein, »das Dorle soll wieder
+seine Kätzlein ins Wasser werfen und alle Milch und alles Brot dafür
+hergeben!«</p>
+
+<p>»Jetzt mußt du mich einmal sagen lassen, was ich für einen Plan habe,
+und mich nicht immer unterbrechen,« sagte die Großmutter. »Sieh,
+weil es soviel arme Leute gibt, denen man helfen möchte, haben sich
+wohlhabende Frauen zusammengetan, die wechseln dann miteinander ab im
+Kochen. So kann man dann am Montag bei der einen das Essen holen, am
+Dienstag bei der andern und so fort bis zum Sonntag. Und am Montag
+fängt man wieder vornen an.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span></p>
+
+<p>Das konnte Agnes sehr gut verstehen und es gefiel ihr auch wohl. Aber
+es kam noch etwas nach.</p>
+
+<p>»So habe ich denn unsere armen Leute auch dazu angemeldet,« fuhr die
+Großmutter fort. »Die Mutter macht den Anfang und dann habe ich noch
+sechs andere Frauen aufgeschrieben. Es ist aber niemand, der das Essen
+holen könnte, denn der Mann muß in die Fabrik und das Ernstchen ist
+noch zu klein.«</p>
+
+<p>Agnes merkte allmählich, was kommen sollte, und rückte unruhig auf
+ihrem niedrigen Stühlchen hin und her.</p>
+
+<p>»Und da möchte ich nun, daß mein großes Mädele den armen Leuten ein
+wenig helfen soll. Was meinst du, wenn du alle Tage um zwölf Uhr den
+netten emaillierten Einsatz nähmest und das Essen holtest? Und dann
+würde der kranken Frau das gute Essen so schmecken, daß sie vielleicht
+bald wieder aufstehen könnte. Und der Mann könnte sich freuen, wenn
+er heimkäme und wüßte, daß etwas da ist für seinen großen Hunger. Was
+meinst du?«</p>
+
+<p>»O Großmutterle, das kann ich doch nicht! Das kann ich gewiß nicht!«
+Agnes war ganz erregt aufgestanden und sah sehr kläglich aus. »Ich
+geniere mich so und vielleicht verschütte ich fast alles, weil du immer
+sagst, daß ich so schnell laufe. Und ich muß auch den Tisch decken!«</p>
+
+<p>»Dann kann eben die arme Frau ihr Essen nicht haben, und die guten
+Frauen kochen alles umsonst,« sagte die Großmutter ruhig. »Du mußt aber
+nicht, wenn du nicht kannst, ich habe nur geglaubt, du wollest mir
+helfen.«</p>
+
+<p>Agnes zupfte unruhig an den Fransen der Tischdecke. »Ich muß jetzt
+schnell auf die Gasse, die Mutter hat's gesagt. Ich soll nur vorher
+›Guten Morgen‹ sagen,« brachte sie dann heraus.</p>
+
+<p>»Ja, dann mußt du freilich gehen,« gab die Großmutter in unveränderter
+Freundlichkeit zu. »Sei nur recht vergnügt und lieb und erzähle mir
+nachher auch etwas Nettes.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span></p>
+
+<p>Agnes ging. Sie war aber nicht so lustig wie sonst. Zuerst besuchte sie
+Mimis Grab. Die hineingesteckten Blumen hingen welk die Köpfe, und das
+schöngeschriebene Kärtchen mit der Aufschrift: »Hier ruht Mimi,« war
+vom Regen, der in der Nacht gefallen war, durchweicht.</p>
+
+<p>Es waren schon allerlei vergnügte Kinder auf dem großen Spielplatz
+in der Nähe des Hauses, wohin sich Agnes nun begab. Ein paar kleine
+Mädchen kamen ihr sogleich entgegen. »Komm, wir wollen Seil springen;
+wenn du willst, darfst du anfangen.« »Es ist mir gleich,« sagte Agnes
+in so freudlosem Ton, daß man gut merkte, daß sie etwas drücke.</p>
+
+<p>»Ist's wegen deiner Mimi?« fragte ihre allerbeste Freundin Lydia
+teilnehmend. »Nein,« sagte Agnes, »wegen gar nichts.«</p>
+
+<p>Sie konnte nicht gut sagen, was ihr fehlte. Jetzt fing eine Glocke an
+zu läuten. »Ist das zwölf Uhr?« fragte Agnes erschrocken. »Behüte, erst
+elf Uhr,« sagte Lydia, »und überhaupt, dir ruft man ja immer, wenn du
+kommen sollst.«</p>
+
+<p>»Elf Uhr,« dachte Agnes. »Da kann ich mich schon noch ein Weilchen
+besinnen. Und das Essenholen ist das Allerärgste, was es gibt, ich
+möchte lieber weiß nicht was tun!«</p>
+
+<p>Es gibt viele Leute, auch manchmal große, die lieber — weiß nicht was
+— täten, als was sie jetzt gerade tun sollen. Das ging Agnes nicht
+allein so.</p>
+
+<p>Und sie konnte auch keinen Augenblick mehr so recht vergnügt spielen.
+Sie mußte immer den leeren Tisch vor sich sehen, den der Mann beim
+Heimkommen finden würde, und dann dachte sie an das gute Essen, das
+nun umsonst auf dem Herd stand und das der kranken Frau nichts helfen
+konnte.</p>
+
+<p>Und plötzlich konnte sie es nicht mehr aushalten. Mit einem großen Satz
+sprang sie aus dem Seil, in dem noch mehr Mädchen im Takte hüpften, und
+lief schnell davon, ohne sich noch einmal umzusehen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span></p>
+
+<p>»Wohin? Warum gehst du?« rief es ihr von allen Seiten nach, aber Agnes
+hörte schon nicht mehr viel. Sie wollte sich jetzt nicht über die Sache
+besinnen.</p>
+
+<p>»Großmutter,« rief sie schon auf der Treppe, »wo ist der Einsatz? Es
+ist gewiß gleich zwölf Uhr, ich muß schnell gehen.«</p>
+
+<p>Die Großmutter sah das Kind mit strahlendem Gesicht an; sie hatte schon
+gewußt, daß es noch so weit kommen werde.</p>
+
+<p>»Ja, so geh,« sagte sie nur. »Heute ist die Frau Rektor Pfaff dran,
+die kennst du gut! Sag ihr einen recht schönen Gruß, und komm, du
+kannst ihr auch ein paar Äpfel mitnehmen. Das sei ein Muster von den
+diesjährigen Fleinern.«</p>
+
+<p>Agnes zog ab. Zu Frau Rektor Pfaff wollte sie gern gehen, das war eine
+ganz gute Freundin der Großmutter und ebenso liebreich und freundlich
+wie diese.</p>
+
+<p>Sie kam strahlend zurück. »Gut ist's gegangen,« sagte sie schon unten
+zur Mutter und dann oben noch einmal zur Großmutter. »Das sei aber
+recht, daß ich selber komme, hat die Frau Rektor gesagt. Und ob ich
+schon in die große Schule gehe, hat sie gefragt. Vielleicht hat sie
+gedacht, daß ich gut hinein könnte, wenn ich schon den großen Einsatz
+tragen kann.«</p>
+
+<p>Noch viel größer war der Jubel, als Agnes aus dem Hinterhaus wiederkam,
+wo der reichliche Inhalt der Schüsseln so dankbar aufgenommen worden
+war, daß es ihr nun erst recht leicht wurde. Es war zwar immer noch
+ein wenig schmerzlich, daß keine Veranlassung mehr vorlag, das
+Rosenschüsselchen mit Suppe zu füllen, aber Agnes hatte nun wieder so
+viel anderes zu denken, daß die Trauer um Mimi doch ziemlich in den
+Hintergrund trat.</p>
+
+<p>Der Vater wußte auch von der Unternehmung mit dem Einsatz und sagte
+zufrieden: »Man kann dich scheint's doch schon zu etwas brauchen, das
+ist recht.« Ein väterliches Lob war selten, das tat Agnes in allen
+Tiefen wohl.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span></p>
+
+<p>Die erste Woche war glücklich vorbei. Es war je länger, je besser
+gegangen. »Es war nur, bis ich mich nicht mehr geniert habe,« gab
+Agnes selber zu. Im Hinterhaus waltete jetzt einige Stunden am Tage
+eine freundliche Diakonissin, Schwester Margarete. »Ich könnte ja gar
+nicht fertig werden ohne mein kleines Mägdelein,« sagte diese oft.
+Damit meinte sie Agnes, die es schon lang nicht mehr langweilig fand,
+mit Ernstchen zu spielen. »Er ist so drollig, du glaubst nicht, wie,«
+versicherte sie der Großmutter eines Tages.</p>
+
+<p>»So, aber das freut mich,« sagte die Großmutter, »so war es zuerst
+nicht, gelt?«</p>
+
+<p>»Nein,« sagte Agnes nachdenklich, »gar nicht. Am Anfang hat er mich gar
+nicht gern gehabt und jetzt läßt er mich fast nicht mehr von sich weg.«
+Die Großmutter konnte sich wohl denken, wodurch sich der kleine Bube
+so verändert habe. Sie sagte aber nichts, denn Agnes dachte gar nicht
+daran, daß sie selber jetzt so nett und heiter mit Ernstchen verkehrte,
+wie sie vorher nie getan hatte.</p>
+
+<p>Das gute Essen und die sorgfältige Pflege hatten bei der kranken
+Frau sehr gut angeschlagen. Sie konnte wieder aufstehen und als
+Agnes eines Morgens hinüberkam, saß sie unter der Haustüre im warmen
+Herbstsonnenschein und hatte das kleine Kindlein auf dem Schoß.</p>
+
+<p>»O, darf es jetzt spazieren getragen werden?« rief Agnes fröhlich.
+»Darf es auf die Gasse, daß es alle anderen Kinder auch sehen?« Sie
+bewunderte das kleine Kindlein immer noch so sehr wie im Anfang oder
+noch mehr, und sie hätte den Anblick auch andern gegönnt.</p>
+
+<p>Die Frau lächelte vergnügt und sagte: »Komm, setz dich ein bißchen her
+zu mir, Kind, ich muß dir etwas sagen!«</p>
+
+<p>Agnes wollte aber nicht sitzen, sie stellte sich erwartungsvoll vor der
+Frau auf und diese begann: »Es ist jetzt schon vier<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> Wochen alt, das
+Kleine. Und es gedeiht, siehst du, wie dick und rund seine Bäckchen
+sind? Aber es ist ja noch nicht getauft. Das muß jetzt sein, man hat's
+nur immer hinausgeschoben, weil ich so krank war. Und jetzt soll am
+Sonntag die Taufe sein, das habe ich dir sagen wollen.« Agnes nahm
+diese Nachricht sehr wichtig auf, aber die Frau fuhr noch fort:</p>
+
+<p>»Ich habe gedacht, du könntest, wenn du gerne wolltest, das Kindlein in
+die Kirche tragen. Schwester Margarete geht dann mit dir und nimmt es
+gleich, wenn dir's zu schwer wird.«</p>
+
+<p>»O, das wird mir nicht zu schwer,« rief Agnes in lautem Jubel. »So
+ein kleines Dinglein ist nicht schwer. Der Einsatz ist auch nicht so
+leicht,« setzte sie mit bescheidenem Stolz hinzu.</p>
+
+<p>»Ja, ich weiß,« sagte die Frau. »Den brauchst du jetzt aber auch nur
+noch diese Woche zu holen. Dann kann ich wieder selber kochen. Gott Lob
+und Dank für alles! Und dir danke ich auch für alles!«</p>
+
+<p>Agnes wurde rot; es brachte sie in Verlegenheit, daß die Frau so sagte,
+so kürzte sie das Gespräch ab und hüpfte weiter. Die Freundinnen mußten
+es ja auch gleich wissen, daß sie das Kindlein tragen dürfe. Und dann
+war es noch der Mutter zu erzählen und der Großmutter und dann noch den
+Geschwistern und Mina, der Magd, und Gottlieb, dem Knecht. Dem Vater
+konnte man es erst am Mittagessen sagen, er war nicht früher zu Hause.</p>
+
+<p>Diese Mitteilung war am Mittwoch gemacht worden und Agnes konnte den
+Sonntag kaum erwarten.</p>
+
+<p>An Mimi zu denken, war gar keine Zeit mehr. Sie konnte sogar ohne
+Schmerz die netten, übereinander purzelnden Kätzlein ansehen, die
+das Dorle noch immer am Leben ließ, vielleicht in der Hoffnung, daß
+jemand das eine oder das andere aufziehen wolle. Denn das Dorle war
+eine große<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> Tierfreundin und Wilhelm Schluchter hatte ihr damals sehr
+Unrecht getan. Am Samstag traf Agnes diesen, der ein großer, kräftiger
+Bube war, im Stall, als sie die Milch holte.</p>
+
+<p>Er hatte eben zwei Kätzlein auf dem Arm. »Wohin damit?« wollte Agnes
+wissen. »Das Dorle hat sie mir geschenkt,« sagte er.</p>
+
+<p>»Ich verhandle sie in der Schule um Äpfel.« »Au, du drückst sie ja
+ganz zusammen,« rief Agnes. »Du plagst die Tierchen. Und in der Schule
+plagen sie die Buben gewiß auch.«</p>
+
+<p>»Das geht dich nichts an,« sagte der große Bube. »Umbringen tue ich
+keins!« Damit rannte er davon. Agnes gelüstete es stark, die andern
+Kätzlein mit nach Hause zu nehmen, denn sie wollte gern ein jedes
+beschützen, daß es nicht in die Hände der Buben falle.</p>
+
+<p>»Aber ich kann gewiß keins brauchen,« dachte sie und trat mit ihrem
+Milchtopf den Heimweg an. Sie hatte noch so viel zu tun, daß sie nicht
+wußte, wo anfangen, und die Mutter hatte schon oft gesagt, daß man
+nicht so vielerlei auf einmal beginnen solle.</p>
+
+<p>Der Sonntag kam und auch die Zeit des Kirchgangs. Agnes schritt stolz
+und glücklich mit ihrer Last zur Kirche. Ein bißchen schwer wurde ihr
+das Kindlein doch nach und nach, aber sie hielt wacker aus. Erst in der
+Kirche nahm es Schwester Margarete auf den Arm. Sie war die Patin und
+das Kindlein bekam auch ihren Namen, und seine Mutter sagte: »Wenn es
+nur so geschickt und fromm und fröhlich wird wie seine Patin, dann kann
+man zufrieden sein!«</p>
+
+<p>»O Großmutter,« sagte Agnes am Abend, als sie miteinander von dem
+Festkaffee, den die Großmutter gespendet hatte, nach Haus gingen, »o
+Großmutter, manchmal denke ich, daß es immer netter wird! Zuerst habe
+ich immer nur die Puppen gehabt, dann die Mimi, das war auch sehr nett!
+Und<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> jetzt habe ich das kleine Margretle! Seine Mutter sagt, es gehöre
+mir auch mit! Und man kann noch gar nicht wissen, was dann noch kommt!«</p>
+
+<p>»Das ist wahr,« sagte die Großmutter. »Es kommt gewiß noch viel
+Schönes.« Und Agnes legte sich glücklich und froh zur Ruhe und dachte
+noch im Einschlafen daran, daß gewiß noch viel Schönes komme. Und es
+kam auch eins nach dem andern. Man sah nicht immer gleich, daß es schön
+war, man mußte oft etwas hergeben, aber dann gab der liebe Gott etwas
+zum Ersatz dafür und das war allemal schöner als das vorige.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span></p>
+
+<h2>11. Eine Reise in die Welt.</h2>
+</div>
+
+<p>Im Pfarrgarten zu Teufenrot wurde eine wichtige Beratung gehalten.
+Auf einem niedrigen Mäuerchen saß das Pfarriele und hatte einen
+Strickstrumpf in der Hand, ohne zu stricken.</p>
+
+<p>Das Pfarriele hieß eigentlich Maria, aber da man im Haus Mariele zu
+ihm sagte, so hatten die Leute im Dorf auch angefangen so zu sagen und
+da es zu umständlich war, jedesmal »des Herrn Pfarrers Mariele« zu
+sagen, und man doch wissen mußte, von welchem Mariele man sprach, so
+hatte man alles in ein Wort zusammengezogen und Marie hieß im ganzen
+Dorf »Pfarriele.« Also das Pfarriele strickte nicht, sondern unterhielt
+sich sehr eifrig mit ihrem Bruder Rudolf, der den ganzen Inhalt
+seiner Taschen, Schnüre, Kürbiskerne, einen blauen Glasscherben und
+dergleichen wertvolle Dinge, auf dem Mäuerchen ausgebreitet hatte. »Ich
+brauche fast alles,« sagte Rudolf jetzt ernsthaft, »ich muß alles, bis
+auf die alten Brotrinden, in meine Sonntagshosen stecken. Man kann nie
+wissen, was man unterwegs braucht.« »Aber man kriegt vielleicht auch
+etwas geschenkt,« sagte Pfarriele. »Und dann hast du gar keinen Platz
+in den Taschen.« Das war nun auch wieder wahr und das Ende vom Lied
+war, daß Rudolf die Kürbiskerne in die Obhut seiner Schwester gab. »Den
+Scherben brauche ich aber nötig, ich will in der Eisenbahn immer durch
+das blaue Glas sehen, es ist so schön, wenn alles blau aussieht, die
+Bäume und die Häuser und alles,« meinte er und dawider konnte Pfarriele
+nichts sagen. Die Pfarrerskinder<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> hatten, seit sie lebten, die Welt
+immer grün gesehen, das kam ihnen nun nicht mehr so besonders prächtig
+vor. Teufenrot liegt ganz tief im Schwarzwald versteckt. Gleich am Ende
+des Dorfes fängt der Wald an, hoher, dichter, prächtiger Tannenwald.
+Es ist nicht aufzuzählen, wieviel Schönes und Lustiges der Wald bot.
+Erdbeeren und Heidelbeeren konnte man in Menge finden und später auch
+Himbeeren und Brombeeren. Und Stechpalmenzweige mit roten Beeren daran
+konnte man ins Haus holen und im Winter alle Stuben damit schmücken,
+so daß es immer festlich aussah. Wie gesagt, man kann lang nicht
+alles aufzählen. Aber die Kinder waren doch mit ihren Gedanken viel
+in der Welt draußen und stellten sich das Land, das gleich hinter dem
+Schwarzwald anfange, ganz wunderschön vor.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-159" style="max-width: 62.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-159.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<p>Daran war zum großen Teil die Babett schuldig, die einst zwanzig
+Jahre lang bei der Tante Oberkonsistorialrätin in Stuttgart gedient
+hatte. Jetzt war sie, seit Mariele auf der Welt war, im Pfarrhaus in
+Teufenrot und versorgte Küche und Garten und half der Frau Pfarrer bei
+den Kindern und im Haus, als ob sie ihr Leben lang Pfarrmagd gewesen
+wäre. Aber das hielt sie nicht ab, den aufhorchenden Kindern immer<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span>
+wieder aufs neue vorzuerzählen, wie so gar schön und prächtig es sei in
+Stuttgart. Vom Königsschloß und den Springbrunnen und Blumenbeeten auf
+dem Schloßplatz, von den Anlagen und dem Schwanenteich, vom Tiergarten
+ganz besonders, und dann noch von den Soldaten in blitzenden Uniformen
+und von der Musik der Wachtparade, von dem allem wußte die Babette
+immer wieder neues zu sagen. Da war es denn kein Wunder, daß Rudolf
+und Mariele kein höheres Verlangen mehr kannten, als einmal diese
+Herrlichkeit mit Augen zu sehen. Das sollte nun morgen dem Rudolf
+widerfahren. Mariele war älter, sie war schon sieben Jahre alt und
+Rudolf erst sechs, und es war der Schwester zuerst etwas bedenklich
+gewesen, daß sie nicht zuerst verreisen dürfe. Aber der Papa mußte mit
+Rudolf zum Arzt, denn dieser hatte ein schlimmes Ohr. »Ein Trommelfell
+hab ich drin,« hatte Rudolf den Bauernbuben erzählt, und diese hatten
+es zu Hause weitergesagt und im ganzen Dorf war großes Bedauern, daß
+das Pfarrersbüblein so etwas ungutes in sich drin habe. Denn sie
+verstanden die Sache nicht so recht. Da aber das Trommelfell nicht weh
+tat und sonst sehr viel Verlockendes mit der Reise zusammenhing, so
+konnte sich Rudolf ungestört auf dieselbe freuen. Und Mariele, das die
+Mutter ermahnte, es solle froh und dankbar sein, daß es ganz gesund
+sei, freute sich mit und hatte mit Rudolf eine ganze Menge zu bereden,
+lauter Dinge, die das große Ereignis betrafen.</p>
+
+<p>Jetzt kam Eduard, das kleine Brüderlein, von der Mama ausgesandt. »Ihr
+sollet jetzt auch zum Nachtessen kommen,« berichtete er. »Man ißt heute
+bald, weil du morgen früh aufstehen mußt, Rudolf, wann es noch Nacht
+ist.« Das war auch wieder etwas Neues! Zunachtessen, wann noch ganz
+heller Tag ist! Um sechs Uhr, statt um sieben!</p>
+
+<p>»Mama, ich täte lieber gar nicht ins Bett gehen,« meinte<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> Rudolf zwar.
+»Bis ich mich ganz richte, ist die Nacht bald herum. Man könnte sonst
+am Ende verschlafen.«</p>
+
+<p>Aber davon wollte die Mama nichts wissen. »Mein Bub schläft jetzt
+gleich ein und schläft die ganze Nacht,« sagte sie. »Und am Morgen
+weckt ihn der Papa und fertig ist man schnell.« Dabei blieb's. Und
+Rudolf lag auch wirklich bald in tiefem, gesundem Schlaf.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es war fast noch ganz dunkel, als am andern Morgen der Vater seinen
+Sohn auf das Wägelein hob, das die Reisenden nach der Station führen
+sollte.</p>
+
+<p>Am Himmel stand noch die blasse Mondsichel und es wehte ein kühler
+Wind. Und in Rudolf stieg ein wonnevolles Gruseln auf; was konnte man
+alles erleben an diesem Tag!</p>
+
+<p>»Behüt euch Gott miteinander,« rief die Mama nochmals zum Fenster
+hinaus. »Und kommet mir gesund wieder!«</p>
+
+<p>Dann zog des Lindenwirts »Bläß«, der vor das Wägelein gespannt war, an,
+und fort ging's in die weite Welt.</p>
+
+<p>So lang der Weg durch den Wald ging, immer zwischen hohen Tannen
+bergab, war er dem Rudolf nicht so besonders interessant; diese Gegend
+kannte er wohl. Und der Papa mußte unzählige Fragen beantworten über
+alles, was wahrscheinlich geschehen werde und was nicht. Aber als man
+ins Tal kam, wo nun die Sonne hell und freundlich schien, an einer
+Sägmühle vorbei mit hohen Bretterstößen davor und einem rauschenden
+Bächlein, das die Säge trieb, als der Weg durch einen kleinen
+Luftkurort führte, mit zierlichen Villen und lustwandelnden Menschen,
+da verstummten für einmal alle Fragen. Rudolf hatte nur immer nach
+rechts und links zu sehen, um alles im Vorüberfahren zu erfassen. Und
+da tauchte auch schon das rote Stationsgebäude auf und im Sonnenschein<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span>
+glänzten die Schienen und durch die frische Morgenluft drang ein langer
+Pfiff der Lokomotive.</p>
+
+<p>Das war nun erst der richtige Hochgenuß, im Eisenbahnwagen zu sitzen
+und durchs Land zu sausen.</p>
+
+<p>»Papa, die Bäume fahren auch mit, sieh nur und das Bahnwärterhäuschen,«
+rief Rudolf zuerst und mußte sich nun erst belehren lassen, daß nur er
+sich fortbewege und alles andere, was er sehe, stillstehe. Es gab jetzt
+immerfort viel Wichtiges zu sehen. Zuerst noch hohe Berge voll dunkler
+Tannen und verstreute Häuser mit tief heruntergehenden Schindeldächern,
+dann kamen breite Kornfelder und grüne Wiesen, Wäldchen von Obstbäumen
+und dann brauste der Zug über eine breite eiserne Brücke, unter der
+rauschend der Neckar floß. Rudolf kam keinen Augenblick vom Fenster
+weg. Es war alles so interessant, die vielen Dörfer und kleinen
+Städte, an denen man vorbeisauste, ohne anzuhalten, die farbenreichen
+Gärtchen der Bahnwärterhäuschen, die Neckarfähre, die einen Wagen
+samt den Pferden übersetzte. Es regte sich dann auch der Hunger, und
+die Vorräte, die Rudolf in der grünen Botanisierbüchse trug, mußten
+hervorgeholt werden. »O Papa, was würde der Wagnerhansjörg sagen und
+der Philipp, wenn sie das alles sehen könnten! Die wissen gewiß gar
+nicht, daß es so viel Sach gibt.« Dazu mußte Rudolf tief aufseufzen.
+Er konnte es doch nicht gut erwarten, bis er wieder nach Hause kam und
+allen Menschen erzählen konnte, wie es aussehe »auf der Welt draußen«.</p>
+
+<p>»Ich möchte nur immerfort Eisenbahn fahren und sonst nichts, Papa.«
+»Ich werde vielleicht dann, wenn ich groß bin, Kondukteur.« Der Papa
+mußte ein wenig lachen, denn er wußte schon, daß diese Berufswahl heut
+am Tag wohl noch ein paarmal würde umgestoßen werden; es stand ja noch
+viel Neues bevor.</p>
+
+<p>Jetzt holte der Sohn seinen blauen Glasscherben heraus.<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> Man fuhr
+gerade an schönen hellgrünen Weinbergen vorbei und darüber hingen am
+Himmel lichte weiße Wolken. Die mußten sich schön machen in der blauen
+Beleuchtung.</p>
+
+<p>»O, o sieh nur wie schön! Alles ist blau, Papa, alles,« rief er
+entzückt. Aber in lauter Hast, dem Papa diesen merkwürdigen Genuß auch
+zu verschaffen, machte Rudolf eine ungeschickte Bewegung und draußen
+lag der wertvolle Scherben und kollerte über den Bahndamm hinunter.</p>
+
+<p>»Schadet nichts, mein Sohn,« tröstete der Papa. »Siehst du, deswegen
+hat der liebe Gott die Weinberge grün gemacht und die Sonne golden und
+die Wolken weiß, daß wir uns an den schönen Farben erfreuen sollen. Es
+wäre ja sehr langweilig, wenn alles ganz gleich aussähe, das mußt du
+dir nicht wünschen.« Rudolf hatte sich auch gleich wieder beruhigt,
+denn nun hielt der Zug in einem großen Bahnhof und so viele Leute
+wimmelten da umher, wie er noch gar nie auf einem Fleck beisammen
+gesehen hatte. »Ist das jetzt Stuttgart, Papa? Müssen wir jetzt
+aussteigen?« fragte er dringlich. Er hatte das schon fast an jeder
+Station gefragt. »Nein,« sagte der Papa, »aber wenn's wieder hält,
+dann. Mach dich nur bereit.«</p>
+
+<p>Rudolf setzte seinen Strohhut auf und faßte die Botanisierbüchse mit
+beiden Händen, damit sie ihm nicht etwa abhanden komme. Sonst war
+nichts zu rüsten, denn Gepäckstücke waren für den einen Tag nicht
+mitgenommen worden. Jetzt tat die Lokomotive einen langen Pfiff, Rudolf
+meinte, sie habe »Juhuu« gerufen und er hätte es ihr gern nachgetan.
+Denn nun tauchten so endlos viele Häuser auf, der Zug fuhr langsamer,
+jetzt in eine hohe, glasbedeckte Halle ein, dann hielt er. Man war in
+Stuttgart.</p>
+
+<p>Ein wenig betäubt und verwirrt war das Schwarzwaldbüblein doch, als es
+an des Vaters Hand durch das Gewühl der aussteigenden. und abholenden
+Menschen schritt. Es mochte<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> jetzt nicht rechts und nicht links sehen,
+es konnte nur sein kleines Händchen ganz fest in die beschützende Hand
+des Vaters stecken. So hohe Häuser, eins am andern! Und immer kamen
+noch neue! Und dazwischen auf den Straßen, wo kamen nur all die vielen
+Leute her? Sie sahen alle aus, als ob sie in den Sonntagskleidern
+wären! Und die Menge Kutschen und Wagen! Es war wirklich kein Wunder,
+daß Rudolf sich in eine ganz neue Welt versetzt glaubte, in der er noch
+gar nicht zu Hause war.</p>
+
+<p>Es war Zeit zur Sprechstunde, so suchten die beiden zuerst den Arzt
+auf, der in einer freundlichen, etwas stilleren Straße wohnte. »Tut
+er mir nichts, Papa? Bleibst du dabei, daß er mir nichts tun kann?«
+fragte Rudolf ein wenig ängstlich, als er im Wartezimmer saß, das durch
+dunkelgrüne Vorhänge und grün bezogene Möbel einen etwas feierlichen
+Anstrich bekam. Der Vater versicherte alles Gute und die Angst verging
+auch von selbst, als der Herr Doktor dem Büblein freundlich die Hand
+gab. Er sah ganz und gar nicht aus, als ob etwas von ihm zu befürchten
+sei, und Rudolf war bald wieder so zutraulich und fröhlich, wie sonst.</p>
+
+<p>Als die Untersuchung des kranken Ohres vorbei war, wollte der Vater
+noch ein wenig allein mit dem Herrn Doktor reden. Das Sprechzimmer
+hatte eine Türe, die in den Garten führte. »Komm, Kleiner, du kannst so
+lang da hinaus,« sagte der Herr Doktor freundlich, denn er hatte schon
+gemerkt, daß Rudolf ein großes Verlangen hatte, so viel als möglich von
+all dem Neuen zu sehen, das auf der Straße vor sich ging. »Du kannst
+durch das Gitter auf die Straße sehen! Paß auf, was da alles zu sehen
+ist!«</p>
+
+<p>Rudolf wollte das gern und die Herren unterredeten sich eine Zeitlang
+miteinander, denn der Vater hatte auch sonst noch allerlei Anliegen
+und der Herr Doktor war ein alter<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> Freund von ihm. Rudolf hatte sich
+gehorsam an das Eisengitter gestellt und drückte nun seinen Kopf
+fest an die Stäbe, um ja nichts zu versäumen, das etwa draußen vor
+sich gehen konnte. Da kam etwas die Straße entlang gesaust, das ihn
+in höchstes Erstaunen versetzte. Es war ein Wagen mit einer langen
+Fensterreihe, fast wie ein Postwagen anzusehen, nur größer. Und es
+waren keine Pferde dran! Er lief auf Schienen, es konnte am Ende auch
+ein Eisenbahnwagen sein, aber dann fehlte die Lokomotive! Das versetzte
+Rudolf in einige Aufregung. »O, ein Wagen ohne Pferd und alles und
+kann selber laufen,« rief er unwillkürlich laut aus und dann fiel es
+ihm erst ein, daß ihn der Vater jetzt nicht hören konnte. Der Wagen
+hielt an der nächsten Ecke. Es stiegen Leute aus und andere ein und
+Rudolf ergriff ein mächtiges Verlangen, das Wunderbare nur auch einen
+Augenblick in der Nähe zu sehen.</p>
+
+<p>Den Garten zu verlassen, war ihm nicht verboten worden, es hatte keiner
+der beiden Herren an diese Möglichkeit gedacht.</p>
+
+<p>»Nur ganz geschwind dorthin laufen und den Wagen ansehen,« dachte
+Rudolf und klinkte das Türchen auf. Aber als er an die Ecke kam, fuhr
+der Wagen ab und ein anderer, der auch dagestanden war, schlug die
+entgegengesetzte Richtung ein. Das war so schade und Rudolf machte ein
+ganz enttäuschtes Gesicht. »Hast du etwa mitfahren wollen?« fragte
+ein etwas größerer Knabe, der mit dem Schulranzen auf dem Rücken des
+Wegs daher kam, den Kleinen. Denn es kam ihm so vor, weil er so einen
+betrübten Blick hinter dem Wagen hersandte. Rudolf schüttelte den Kopf.
+»Nein,« sagte er, »ich habe ihn nur ansehen wollen, weil er selber
+laufen kann ohne Pferde.« »Das ist ja ein elektrischer Wagen,« belehrte
+der Stuttgarter das Landkind. »Das weiß mein kleiner Bruder schon, der
+ist erst drei!« Rudolf wußte gar nicht, was ein elektrischer Wagen
+sei, aber er mochte nicht mehr fragen, weil es der dreijährige<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> Bruder
+schon wußte. So wollte er denn wieder umkehren, denn der Papa konnte
+nun am Ende beim Herrn Doktor fertig sein. Er sah sich prüfend um, hier
+mündeten so viele Straßen, welche war nun die richtige?</p>
+
+<p>»Wo mußt du denn hin?« fragte der neue Kamerad. »Wieder zum Herrn
+Doktor, mein Papa ist dort,« sagte Rudolf und sah sich immer
+ängstlicher um. »O das weiß ich gut, der wohnt ganz gerade aus,« sagte
+der Stuttgarter zuversichtlich. »Es ist ein Haus in einem Garten,
+gelt?« Rudolf nickte. »Ja und eine goldene Kugel zum Herausziehen an
+der Haustüre.« »Das ist die Glocke, du weißt auch noch nicht viel,«
+lachte der Schüler. »Jetzt geh nur ganz geradeaus, siehst du, das
+ist das Haus, das ein wenig vorsteht. Den Garten sieht man erst von
+der andern Seite, nicht von hier aus.« Es kam Rudolf nicht ganz so
+vor, aber der große Junge mußte es ja wissen, so ging er denn auf das
+bezeichnete Haus los.</p>
+
+<p>Der Wegweiser hatte es aber nicht recht gewußt. Er hatte nicht daran
+gedacht, daß es viele Doktoren gibt in der großen Stadt, und der Arzt,
+der hier wohnte, war ein anderer als der, bei dem Rudolf vorher gewesen
+war. Ratlos sah sich das Büblein um, denn es wußte nun gar nicht mehr,
+wo es hergekommen war. So viele fremde Leute gingen vorüber, keiner
+achtete darauf, daß der kleine Fremdling angefangen hatte. bitterlich
+zu weinen.</p>
+
+<p>Plötzlich kam ein Soldat auf Rudolf zu. Er hatte einen Helm auf und
+glänzende Knöpfe an seinem Rock und sein Gesicht glänzte auch, aber vor
+Freude. »Grüß Gott, Rudölfle,« sagte er, »ja wie kommst denn du daher?
+Und weinst so?« Es war Stiftungspflegers Gottlieb von Teufenrot, ein
+ganz guter Freund der Pfarrerskinder, der hier beim Regiment stand.</p>
+
+<p>Rudolf lachte durch seine Tränen hindurch. Denn der Gottlieb kam ihm
+vor wie ein Engel, er faßte seine Hand ganz<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> fest. »Ich bin mit dem
+Papa gekommen, er ist noch im Zimmer beim Herrn Doktor und ich habe
+den Wagen sehen wollen, der von selber laufen kann. Und jetzt weiß ich
+nicht mehr, wo er wohnt, zeig mir's jetzt!«</p>
+
+<p>Das war nun nicht ganz so leicht für den Gottlieb, und wenn nicht
+der Herr Pfarrer soeben eilig und atemlos an der Straßenkreuzung
+erschienen wäre, um nach allen Seiten hin zu spähen, so wäre es mit dem
+Wiedersehen am Ende nicht so schnell gegangen.</p>
+
+<p>Der Vater konnte nicht viel sagen, als: »Gott Lob und Dank!«</p>
+
+<p>Denn er konnte den Rudolf im Augenblick nicht zanken, daß er aus dem
+Garten gegangen war. Landkinder wissen nicht so recht, wie leicht man
+in einer großen Stadt weit, weit auseinander kommen kann, und diese
+Belehrung bekam Rudolf erst, als er mit dem Papa und Gottlieb zusammen
+beim Mittagessen saß. Daß der Junge einmal fürs erste nicht mehr von
+ihm weichen würde, konnte der Herr Pfarrer deutlich merken, denn Rudolf
+hielt mit der einen Hand den Löffel und mit der andern den Ärmel des
+väterlichen Rocks gefaßt und verwandte keinen Blick von dem Vater.</p>
+
+<p>Jetzt kam mit Trommeln und Trompeten die Wachtparade gezogen. Rudolf
+war längst wieder soweit getröstet, daß er sich für so etwas Herrliches
+begeistern konnte. Im Nu war er mit dem Vater auf der Straße und
+marschierte, immer die beschützende Hand festhaltend, »in gleichem
+Schritt und Tritt,« so gut es die kleinen Füße erlaubten, mit die
+Königstraße hinunter bis zum Schloßplatz. Da sprangen die Wasser der
+Springbrunnen hoch in die Höhe, und die kunstreichen Beete leuchteten
+in allen Farben, und im Trompeterhäuschen schmetterte die Musik, und
+dem Büblein zersprengte es fast das Herz vor Hochgefühl. »O, wenn nur
+die Mama da wäre und das Mariele<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> und die Babett,« brachte er endlich
+heraus. »Und dann noch der Philipp und der Hansjörg!«</p>
+
+<p>Denn der Rudolf sah wohl ein, daß er es dann doch nicht ganz so
+sagen könne, wenn er nach Hause komme. Ganz so schön, wie es in
+Wirklichkeit war! Ein kleiner Trost war noch, daß der Vater eine
+Schokoladetafel kaufte für das Mariele, mit einem schönen, bunten Bild
+des Schloßplatzes darauf.</p>
+
+<p>Es kam immer noch schöner. Rudolfs Patin sollte besucht werden, und
+da diese weit weg, fast am Ende der Stadt wohnte, da, wo diese sich
+am Hasenberg hinaufzieht, so stieg der Vater mit ihm in einen der
+interessanten Wagen. Das war fast noch schöner als Eisenbahnfahren. So
+durch die ganze Stadt zu sausen durch schöne Straßen mit hohen Häusern
+und prachtvollen Läden! Der Wagenführer, ja der kam Rudolf nun wieder
+beneidenswert vor! Den ganzen Tag nichts zu tun, als auf dem luftigen
+Vorplatz stehen und mit der Glocke bimmeln, daß alle Leute schnell
+ausweichen, und dazu hin und her sausen, schnell wie der Wind! Wenn
+sich Rudolf nicht erst vor einer Weile entschlossen gehabt hätte,
+Trommler oder Trompeter bei den Soldaten zu werden, so hätte er jetzt
+gewiß gleich mit dem Papa ausgemacht, daß er Wagenführer werden wolle.</p>
+
+<p>Jetzt war man bei der Patin angelangt. Sie wohnte in einem hohen,
+stattlichen Hause. »Gelt, Papa, das ist noch viel höher als des Königs
+Schloß?« meinte der Sohn, und das mußte der Vater auch zugeben. Des
+Königs Schloß hatte aber jedenfalls den Vorzug, daß es da nicht so
+viele Treppen zu ersteigen gab, wie bei der Patin. Denn diese wohnte im
+vierten Stock.</p>
+
+<p>»Warum wohnt sie ganz oben auf der Bühne?« wollte Rudolf wissen und
+erstaunte sehr, daß es da oben gar nicht aussah wie auf der Bühne,
+sondern recht zierlich und hell und freundlich. Die Patin war schon
+einmal in Teufenrot gewesen, Rudolf kannte sie wohl. »Aber da war ich
+noch ein bißchen<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> klein,« sagte er nur. »Ja,« sagte die Patin und mußte
+ein wenig lachen, »jetzt bist du freilich schon recht groß, du kannst
+schon auf den Tisch heraufsehen!«</p>
+
+<p>Es waren auch Kinder da, ein Töchterlein Adele, das einen langen
+Hängezopf hatte und französisch lernte, drei Buben von sieben, acht und
+neun Jahren und dann noch ein fünfjähriges Schwesterlein. Rudolf war
+bald daheim unter der lustigen Schar, besah sich mit ihr vom Balkon aus
+die Stadt, die dem Landkind fast unendlich vorkam und staunte nur, daß
+das kleine Annchen schon so sicher alle Kirchtürme und Aussichtspunkte
+zeigen konnte.</p>
+
+<p>Überhaupt kam es ihm immer begehrenswerter vor, in der Stadt zu leben!
+Die Buben erzählten vom Tiergarten, den Affen, Eisbären und Löwen, die
+es da gibt. »Wir können hinein, so oft wir wollen, wir sind abonniert,«
+sagte Richard, der älteste der Brüder.</p>
+
+<p>Und Hans setzte hinzu: »Ja und der Elefant kennt uns schon!« Das dünkte
+den Rudolf ein unerreichbares Glück! Was waren dagegen die Eichhörnchen
+im Teufenroter Wald? Und die Hasen und Rehe, die man hie und da durchs
+Gebüsch huschen sah?</p>
+
+<p>Rudolf wußte nicht, daß die Erwachsenen einstweilen im Zimmer wirklich
+Pläne schmiedeten, die ihn betrafen und die davon handelten, ihn aus
+dem Stillleben der Heimat in die Stadt zu versetzen. Er sollte ja jetzt
+ein Schüler werden und die Eltern hatten beschlossen, ihn das erste
+Jahr in Teufenrot in die Schule zu schicken, dann wollte ihn die Patin
+aufnehmen und das Patchen sollte ein fleißiger Stuttgarter Schüler
+werden.</p>
+
+<p>Aber davon wußte, wie gesagt, Rudolf nichts. Heute hätte ihn der
+Plan vielleicht gefreut, weil er sich schwer von den neuentdeckten
+Herrlichkeiten trennte. Wir wollen aber<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> einmal in zwei Jahren wieder
+anfragen, ob da nicht manchmal ein kleiner Junge mit dem Ranzen auf dem
+Rücken daherkommt und unterwegs noch einmal seine Aufgabe wiederholt
+und nebenher ein wenig seufzt: »O wenn ich nur wieder daheim wäre und
+könnte ganz tief in den Wald hineinlaufen und Heidelbeeren schmausen,
+frisch vom Stock!« Denn es ist nicht allemal schön und herrlich, wenn
+unsere Wünsche in Erfüllung gehen, das müssen auch schon kleine Leute
+erfahren.</p>
+
+<p>Für jetzt sah der Rudolf aber noch lauter Freude und Sonnenschein um
+sich her. Der Papa trat auch zu der jugendlichen Schar und fragte
+lächelnd: »Nun, Buben, wer von euch will denn nächsten Sommer in der
+langen Vakanz zu uns in den Schwarzwald kommen. Sagt's nur,« fuhr er
+ermunternd fort, als die Buben vor Freude dunkelrote Köpfe bekamen und
+sich doch nicht getrauten, hinauszujubeln, denn das konnte ja nicht
+im Ernst gemeint sein! Die ganze lange Vakanz durch aufs Land! Und in
+einem Pfarrhaus wohnen, das ganz in einem großen Garten steht! Und
+Schiffchen schwimmen lassen im Röhrenbrunnen! Und Eichhörnchen fangen
+im Wald!</p>
+
+<p>Die Mutter nickte bestätigend, und daraufhin riefen alle drei mit
+solchem Jauchzen: »Ich, ich, ich!« daß der Herr Pfarrer befriedigt
+sagte: »Am guten Willen fehlt's da nicht, das sehe ich schon.« Und es
+wurde gleich beschlossen, daß im nächsten Sommer alle drei Brüder über
+die ganze Vakanzzeit nach Teufenrot kommen sollten, denn wenn der Herr
+Pfarrer aus guten Gründen darnach strebte, seinen Sohn in die Stadt zu
+bringen, so wollten die Eltern der Stadtkinder dagegen gern, daß diese
+eine Zeitlang aufs Land kommen sollten. Und dazu hatten sie auch gute
+Gründe; denn die Backen der drei Schüler waren etwas schmal und blaß
+und Rudolfs dagegen so frisch und rund, daß es einen wohl gelüsten
+konnte, auch solche zu bekommen!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span></p>
+
+<p>»Aber jetzt wird Abschied genommen, es ist höchste Zeit,« mahnte der
+Papa und sah nach der Uhr. Und die Patin steckte dem Rudolf alles, was
+er von den guten Vesperbrocken nicht hatte aufessen können, in die
+Botanisierbüchse für unterwegs. »Und siehst du,« sagte sie noch, »da
+sind drei Orangen, eine für die Mama, eine für Mariele und eine für den
+Eduard. Die kannst du vielleicht in die Tasche stecken!« Das konnte
+Rudolf. Es war doch gut, daß er die Kürbiskerne nicht eingesteckt
+hatte, Mariele hatte doch recht gehabt!</p>
+
+<p>Jetzt saßen die Reisenden wieder im Eisenbahnwagen. Rudolf war etwas
+müde, er warf kaum einen Blick zum Fenster hinaus. Immer näher kroch
+er an den Vater heran, jetzt lehnte er den Kopf an dessen Arm und dann
+schlief er ein, tief und fest.</p>
+
+<p>An der Station stand das wohlbekannte Wägelein, als der Zug ankam. Der
+Mond stand hoch am Himmel und sah zu, wie ein schlafendes Büblein aus
+einem Wagen in den andern getragen wurde. Dann knallte die Peitsche
+und der »Bläß« schlug einen munteren Trab an, denn er wußte wohl, daß
+es dem Stall zuging und freute sich gerade so gut auf seine Streu
+und den Haber und das Heu in der Krippe, als ein müdes und hungriges
+Menschenkind auf sein Bett und auf ein warmes Abendessen. Nur daß das
+Menschenkind von einer lieben Mama in Empfang genommen und gepflegt,
+erquickt und sorglich zugedeckt wird.</p>
+
+<p>Das Pfarriele schlief schon lang, als die Reisenden ankamen. Die Babett
+stand unter der Haustüre und leuchtete, und die Mama rief, wie beim
+Abschied, zum Fenster heraus: »Grüß Gott! Jetzt seid ihr doch wieder
+glücklich da! Gott Lob und Dank!« Rudolf ließ sich wie im Traum mit
+warmer Milch und Weißbrot füttern und ins Bett legen. Erst, als am
+andern Morgen der kleine Bruder hereinkam, weil er gar nicht mehr
+warten konnte und leise sagte: »Rudolf, du mußt nicht aufwachen,<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> du
+mußt mir bloß geschwind geben, was du mir mitgebracht hast!« da fuhr
+er verwundert in die Höhe und sah, daß er wieder daheim war. Er hatte
+soeben geträumt, er stehe mit einer Trommel in der Hand auf einem
+Straßenbahnwagen und besinne sich, ob er lieber trommeln oder lieber
+mit der Glocke klingeln sollte. Denn beides war sehr verlockend.</p>
+
+<p>Aber daheim zu sein, war auch schön! So schön, daß er's gar nicht mehr
+recht gewußt hatte, so lang er fort war.</p>
+
+<p>Und Rudolf schlang beide Arme um die Mama, die eben zu ihm trat und
+sagte: »O Mama, es ist so schön gewesen, man kann es gar nicht recht
+sagen, wie schön! Und der Elefant kennt die Buben schon, den Richard
+und den Hans und den Julius. Und es gibt Postwägen mit einer Schelle
+dran, die selber laufen können und ich werde dann vielleicht ein
+Wagenführer. Du darfst dann immer umsonst fahren, Mama! Und du auch,
+Mariele!« Denn die Schwester war auch dazu gekommen und freute sich
+sehr über diese Aussicht.</p>
+
+<p>Aber als die Mama sagte: »Ja, möchte denn mein Bub' immer in Stuttgart
+bleiben und lieber gar nicht mehr hier sein, und nicht mehr in den Wald
+können und in den Garten und zu den Spatzen auf den Kirchturm?« — da
+kam das Heimatsgefühl wieder, das dem Rudolf schon vorhin beim Erwachen
+aufgestiegen war, und er sagte mit einem tiefen Atemzug: »Nein, nein,
+das möchte ich gar nicht! Ich möchte nur daheim sein und sonst nirgends
+auf der ganzen Welt!«</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span></p>
+
+<h2>12. Die Botenflori.</h2>
+</div>
+
+<p>Die Botenflori saß vor ihrem Häuslein auf einem dreibeinigen Stühlchen
+und ließ sich von der Sonne anscheinen. Sonst tat sie anscheinend
+nichts; die Hände hatte sie in den Schoß gelegt und den Kopf an die
+Wand des Häusleins gelehnt. Das war man sonst an der Flori nicht
+gewöhnt. Sie war ein altes Weiblein, und so lang sich die Leute im Dorf
+denken konnten, war sie jeden Tag mit ihrem Tragkorb auf dem Rücken in
+die Stadt gewandert und hatte dort alles eingekauft, was die Leute etwa
+brauchten, und außerdem noch die Postsachen mit heraufgebracht. Die
+Flori hieß eigentlich Floriane, man hatte ihren Namen nur so abgekürzt,
+weil das bequemer zu sagen war. Sie war in allen Häusern des Dorfes gut
+bekannt, und wer sie so mit ihrem schweren Korb daherkommen sah, sagte
+dann allemal freundlich zu ihr: »Ei, grüß Gott, Flori! So munter, wie
+Ihr, ist kein Junges! Und wenn Ihr einmal Feierabend macht, dann habt
+Ihr ihn auch verdient!«</p>
+
+<p>Aber die Flori wollte noch keinen Feierabend machen. Sie wollte gern
+noch arbeiten und meinte, niemand könne so gut wie sie alles in den
+Läden besorgen und so gut die Postsachen austeilen. Und doch atmete
+sie so schwer, wenn es den Berg heraufging, und da und dort sagte eine
+Bäuerin: »Bei der Flori nimmt das Gedächtnis auch ab, das merkt man
+wohl! Sie hat mir heute schwarzes Garn gebracht anstatt braunem, und
+die Düte mit dem Griesmehl ist ihr unterwegs aufgegangen! Es tut's
+nicht mehr lang so!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span></p>
+
+<p>So hatten die Leute nichts dagegen, als in dem Frühjahr, von dem jetzt
+gesagt ist, die Nachricht vom Städtlein heraufkam, daß von jetzt an
+ein wohlbestellter Postbote jeden Tag heraufkommen solle, ein fester,
+starker Mann, der einen verschlossenen Karren mit sich zu führen hatte,
+in dem dann alles, was zu besorgen war, bequem Platz finden konnte.</p>
+
+<p>Aber der Flori war die Nachricht ein harter Schlag. Es kam ihr vor,
+als ob ihr ein großes Unrecht widerfahren und als ob die ganze Welt
+undankbar und schlecht sei. »Jetzt hab' ich mich geplagt und geschunden
+meiner Lebtag,« sagte sie zum Herrn Pfarrer, der sie in ihrem Häuslein
+besucht hatte, »und zum Dank dafür wird man einfach abgedankt. Bei
+Lebzeiten noch abgedankt.« Und die Flori fing an zu weinen, und es half
+nicht viel, daß der Herr Pfarrer tröstend sagte: »Ei, Flori, der liebe
+Gott meint's gut mit Euch, daß er Euch noch einen ruhigen Feierabend
+gönnen will! Und Mangel leiden müsset Ihr sicher nicht! Dafür sorgt das
+ganze Dorf miteinander.«</p>
+
+<p>Denn es war dem fleißigen Weiblein nicht nur ums tägliche Brot zu tun,
+es hätte gern noch etwas nützen wollen auf der Welt, und sein Beruf lag
+ihm am Herzen.</p>
+
+<p>Heute war nun zum erstenmal der neue Bote ins Dorf gekommen. Er hatte
+einen blauen Rock an mit blanken Knöpfen und eine Mütze auf mit einer
+Silberborte, und sein Schiebkarren war schön grün angestrichen.
+Jetzt kam es der Flori erst recht in den Sinn, daß sie gar kein Amt
+mehr habe, und das drückte sie schwer. So kam es, daß sie am hellen
+Werktag vor ihrem Häuslein saß und die Hände in den Schoß legte. Es
+kam ihr vor, als ob sie nun gar nichts mehr zu tun habe im Leben,
+und sie dachte, daß sie dann am liebsten gleich sterben möchte. Weil
+sie so starr auf ihre Hände sah und nicht rechts und nicht links,
+hatte die Flori gar nicht bemerkt, daß ein kleines<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> Fuhrwerk des Wegs
+dahergekommen war und ganz in ihrer Nähe hielt. Es war ein kleines,
+höchst einfaches Pritschenwägelchen, darin zwei dicke, kleine Buben
+von ein und zwei Jahren saßen. An der Deichsel zog ein barfüßiges
+Mädchen, das ungefähr acht Jahre alt war und dem noch ein dreijähriger
+Bube am Kleid hing. Das Mädchen sah bleich und mager aus und hatte
+ein finsteres Gesicht, und als es jetzt stehen blieb, um ein wenig
+auszuruhen, sah man, daß es hart atmete, so, als ob es sehr müde sei.</p>
+
+<p>Die Flori sah erst auf, als der dreijährige Bube weinerlich sagte:
+»Trag mich, Christine, ich sag's der Mutter sonst!«</p>
+
+<p>»Ich kann nicht, Peterle, du mußt laufen,« sagte das Mädchen, »guck,
+dort kommt bald ein Rain, da sitzen wir hin.«</p>
+
+<p>Aber der Dicke wollte jetzt getragen sein und fing aus Leibeskräften
+an zu schreien. Das mußte er schon öfters probiert haben, denn das
+Schreien half, und Christine bückte sich mit einem ganz verzagten
+Gesicht herunter, um den schweren Buben auf den Arm zu nehmen.</p>
+
+<figure class="figright illowp66" id="illu-175" style="max-width: 31.25em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-175.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<p>Flori hatte sich eigentlich nicht um die Kinder bekümmern wollen, sie
+hatte sich fest vorgenommen, daß sie jetzt von niemand mehr etwas
+wissen wolle, wenn doch die Leute so undankbar seien. Aber daß das
+schwächliche Mägdelein den dicken Schreier auf den Arm nahm, das konnte
+sie doch nicht sehen, da mußte sie<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> schon eine Ausnahme machen. »Bist
+du im Augenblick still und stehst fest auf deine dicken Füße?« rief sie
+mit grimmiger Stimme zu dem Dicken hinüber. Der strampelte immer noch,
+die kleine Kindsmagd konnte ihn kaum regieren. Da mußte sich die Flori
+schon erheben. Im Augenblick war sie an dem Wägelchen, nahm den Peterle
+auf den Arm und stellte ihn so nachdrücklich auf den Boden, daß er wohl
+einsah, daß er da fürs erste zu bleiben habe. Christine sah ein wenig
+erleichtert aus, aber sie war zu verlegen, um etwas zu sagen, so zog
+sie nur wieder an ihrer Deichsel, um weiter zu kommen.</p>
+
+<p>Aber nun war die Flori schon in Tätigkeit. Sie kannte die Kinder
+wohl. Sie kamen aus einem der ärmlichsten Häuschen am andern Ende des
+Dorfes. Hier wenigstens hatte sie keine Kundschaft verloren, denn die
+Frau des Wegknechts Häberle brauchte selten etwas aus der Stadt, und
+wenn es dann sein mußte, so trug sie etliche Büschel Kienholz oder
+Wacholderbeeren auf den Markt und brachte dafür das Nötigste mit. Das
+Mägdlein war ein Bruderkind des Wegknechts, das verwaist war und gegen
+ein billiges Kostgeld, das die Gemeinde bezahlte, von ihm aufgenommen
+war.</p>
+
+<p>Es machte nicht umsonst ein so finsteres Gesicht und es war auch kein
+Wunder, daß es mager und bleich aussah. Denn in dem Häuslein des
+Wegknechts ging es nicht sehr freudenreich zu. Die Frau war nicht
+gerade böse, aber sie hatte von Natur ein etwas unfreundliches Wesen
+und dann konnte sie auch die Arbeit mit den drei kleinen Buben und
+der Haushaltung und dem Äckerlein nicht gut bewältigen. Da hatte sie
+sich denn angewöhnt, fast den ganzen Tag zu brummen und zu zanken, und
+besonders Christine hatte noch nicht viel gute Worte von ihr gehört.
+Diese ging jetzt in die Schule, aber da war fast immer ein Grund
+vorhanden, daß sie zum<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> Lehrer gehen und um Urlaub anhalten solle. Das
+war dem Lehrer auch nicht lieb und so war er denn auch nicht besonders
+freundlich gegen das Kind. War sie dann im Haus, so hatte die Christine
+fast den ganzen Tag eines der Kleinen auf dem Arm. Herumspielen mit
+anderen Kindern, das gab es nicht für sie. »Möcht dann auch wissen,
+zu was ich die viele Last und Mühe mit dem Mädchen haben soll, wenn
+sie mir nicht ein bißchen hilft,« sagte die Base oft und dachte nicht
+daran, daß Christine selber noch ein zartes, schwächliches Kind sei,
+das so nicht kräftig und groß werden konnte. Es gab ja auch nicht viel
+anderes zu essen für sie als Kartoffeln. Denn die Milch brauchte man
+für die Kleinen und das Stückchen Speck oder Fleisch, das man hie und
+da kaufen konnte, mußten nötig die Hauseltern haben, die hart arbeiten
+mußten. Christine hatte sich nach und nach daran gewöhnt, daß ein Tag
+um den andern gleich dahinging und nichts Erfreuliches geschah. Aber
+sie hatte dabei einen so freudlosen Ausdruck in ihr Gesicht bekommen,
+daß die Leute, die sie sahen, öfters zueinander sagten: »Wie nur ein so
+junges Kind schon so verdrießlich und unfreundlich aussehen kann!« Und
+sie sagten dann zu ihren Kindern, die fröhlich herumsprangen: »Merket's
+euch nur, daß man so nicht sein darf, sondern daß man vergnügt und
+dankbar sein muß.«</p>
+
+<p>Die Botenflori hatte sich noch nie besonders für Christine umgesehen,
+so lang sie ihre täglichen Gänge machte. Da hatte sie viel wichtigeres
+zu bedenken als so ein armes Waisenkind.</p>
+
+<p>Heute, wo sie selber so traurig war und auch gut Zeit zum Aufmerken
+hatte, fiel es ihr plötzlich auf, wie elend das Mädchen aussah. Sie
+konnte die Christine nicht nur so vorbeigehen lassen. So sagte sie
+freundlich zu ihr: »Wo willst du denn hin mit deinem Wagen voll Leut?
+Komm, da sitz ein bißchen auf mein Bänklein ab. Den Dicken darfst du
+nicht<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> tragen, es könnte dir ja einen Schaden antun.« Christine sah
+verwundert auf. Es war schon lang her, seit jemand so freundlich mit
+ihr gesprochen hatte. Es tat ihr aber wohl und sie nickte bereitwillig
+und zog ihr Wägelchen dicht an das Häuslein her. Peterle bekam eine
+Hand voll Waschklammern zum spielen und Christine durfte zur Flori
+auf das Bänklein sitzen. Es kam dieser nun selbst verwunderlich vor,
+daß sie sich diesen Besuch herbeigeholt hatte, sie hatte doch allein
+sein wollen. Aber jetzt wollte sie sich nicht mehr lang besinnen, es
+gab außer ihr noch mehr betrübte Leute auf der Welt, das merkte sie
+wohl. »Also jetzt, wohin hast du gewollt mit deinem Buben?« fragte sie
+nochmals. »Weiß selber nicht,« gab Christine zurück. »Wir sollen den
+ganzen Nachmittag fortbleiben, bis es dunkel wird. Die Base liegt im
+Bett, man hat wieder einen kleinen Buben.«</p>
+
+<p>»Ei, was du sagst!« Flori nahm diese Nachricht sehr lebhaft auf. »Und
+da freust du dich gar kein bißchen und machst so ein Gesicht dazu?« Daß
+man sich da freuen könne, hatte Christine nicht gewußt. Der Wegknecht
+hatte mürrisch gesagt: »Jetzt wird mir's nächstens zu viel mit dem
+Geschrei,« und die Base hatte auch gebrummelt: »Wenn's noch ein Mädchen
+wär, daß man auch eine Hilfe bekäme!«</p>
+
+<p>Und sie selber, die Christine, wußte nur, daß es noch einen kleinen
+Schreihals herumzutragen gebe. Nein, erfreulich war ihr das nicht
+vorgekommen. So sah sie die Flori erstaunt an und schüttelte den Kopf.
+»Es ist mir ganz entleidet,« sagte sie statt aller Antwort.</p>
+
+<p>Der Flori war es erst vorhin auch noch ganz entleidet gewesen, sie
+wußte gut, wie das ist. Aber daran dachte sie jetzt nicht mehr. »So
+darf man nicht sagen, das ist eine Sünde,« sagte sie strafend. »Das
+Büblein hat euch der liebe Gott geschickt und was der einem schickt,
+darf einem nicht entleidet sein.<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> Und es ist gewiß ein nettes Kindlein,
+du hast's nur noch nicht recht angesehen. Gib acht, wenn es die Äuglein
+auf und zu macht und mit den Füßen zappelt, wenn man's badet.«</p>
+
+<p>Christine mußte sich immer mehr wundern, so hatte sie freilich das
+Kindlein noch nicht angesehen.</p>
+
+<p>»Und die größeren darfst du jetzt ganz allein versorgen wie ein rechtes
+Mütterlein,« fuhr die Flori fort. »Das ist gewiß ein nettes Geschäft,
+das freut dich sicher.« Christine schüttelte wieder den Kopf. »Sie
+schreien so,« sagte sie, »und der Peterle kratzt mich und die Base
+zankt mich immer.«</p>
+
+<p>»Ei, du wirst's noch nicht recht können,« sagte Flori. »Wart einmal,
+morgen früh will ich einmal zu euch kommen, dann tun wir's miteinander.
+Das gibt ein Vergnügen!«</p>
+
+<p>In Christines Gesicht war ein ganz anderer Ausdruck gekommen, sie kam
+sich jetzt schon nicht mehr so allein und hilflos vor. Und zu der Flori
+konnte sie ein rechtes Vertrauen fassen, denn sie war der erste Mensch,
+der liebreich mit ihr gesprochen hatte, seit sie aus ihrer Heimat fort
+war.</p>
+
+<p>So tat sie der Flori recht ihr Herz auf und erzählte ihr noch vieles
+von ihrem Leben und auch, wie sie's daheim, als ihre Eltern noch
+lebten, so gut und schön gehabt habe. Und in der Flori stieg ein fester
+Entschluß auf, dem armen Kind ein wenig aufzuhelfen, so gut als möglich.</p>
+
+<p>Es war ihr am andern Tag lang nicht so schmerzlich wie gestern, als
+sie dem Postboten mit seinem Karren begegnete. Sie war auf dem Weg
+nach dem Häuslein des Wegknechts und ging gar nicht so daher wie
+jemand, der nichts mehr zu schaffen hat, sondern mit recht gewichtigen
+Schritten. Wer sie sah, konnte denken, die Flori habe etwas Wichtiges
+vor. Und das konnte sie wohl auch haben, denn in dem Raum, in den sie
+nun eintrat, sah es ganz so aus, als ob man eine rechte Hilfe brauchen
+könne. Peterle saß am Boden und schrie aus<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> Leibeskräften und der
+zweijährige Georg schrie in seinem Bett zur Gesellschaft mit. Den
+einjährigen Michel hatte Christine auf dem Arm und mühte sich zugleich
+mit dem Feuer im Ofen ab, das nicht brennen wollte. Es rauchte und
+roch nach Ruß in der Stube und die Frau rief mit scharfer Stimme aus
+dem Bett: »So ein ungeschicktes Ding, wie du bist, ist mir noch nicht
+vorgekommen. Gar keine Hilfe hat man an dir!«</p>
+
+<p>»Guten Morgen, beieinander,« sagte in diesem Augenblick die Flori, die
+bei dem Lärm ungehört hereingekommen war. Sie trat an das Bett der
+Frau und sagte freundlich: »Am Ende könnte ich ein bißchen nach der
+Sache sehen, die Christine ist noch wohl klein zur Haushälterin.« Das
+war der Frau noch nie vorgekommen, daß sich jemand um ihre Haushaltung
+angenommen hatte. Es konnte ihr schon recht sein, sie sagte aber
+brummig: »Wir könnten schon allein fertig werden. Arme Leute haben
+keine Zeit zum Kranksein, ich stehe dann schon wieder auf.« Aber die
+Flori ließ sich nicht draus bringen. Zuerst half sie dem Feuer auf,
+daß dieses lustig flammte, und kochte die Morgensuppe; dann ging es an
+die Reinigung der kleinen Schreihälse. Christine wußte nicht, wie ihr
+geschah, so hatte ihr noch niemand gezeigt, wie man alles angreifen
+mußte. Heute ging es noch einmal so leicht. »Jetzt lassen wir aber
+auch den schönen Sonnenschein herein,« sagte Flori und öffnete das
+Fenster, denn draußen schien jetzt die Sonne warm und hell, gerade auf
+den Tisch, auf dem jetzt die Suppe stand. Christine meinte, so gut
+sei noch keine Suppe gewesen und die Stube noch nie so freundlich wie
+heute, und die Kinder noch nie so folgsam. Sie mußte einmal ums andere
+tief aufatmen, und das sah die Flori mit Wohlgefallen. Auch die Frau
+legte sich behaglich in die Kissen zurück und ließ sich versorgen,
+denn sie wußte nun, daß für heute einmal alles Nötige geschehe. Sie
+wollte ja nicht böse sein, sie hatte nur immer so<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> viele Sorgen und
+viele Arbeit, und dann hatte sie schon lang nicht mehr gesehen, wie gut
+es tut, wenn man freundlich und liebreich ist. Das sah sie nun an der
+Flori, die gar nicht viel zu sagen brauchte, so folgten ihr die Kinder,
+und die die ungeschickte Christine so nett und verständig anwies, daß
+die Arbeit ging wie am Schnürchen. Jetzt war die Stube gefegt und das
+kleinste Kindlein gebadet. Es war wirklich so, wie die Flori gestern
+gesagt hatte, es gefiel der Christine sehr, wie das Kleine mit den
+Gliedern zappelte in dem warmen Wasser und mit den blauen Äuglein die
+Flori groß ansah. Überhaupt kam ihr heute das Leben viel erfreulicher
+vor als seither, sogar die größeren Buben sahen so nett und frisch aus.
+Christine mußte dem kleinen Michele einen Kuß geben. Da sah er sie groß
+an und verzog das Mäulchen zum Lachen.</p>
+
+<p>»So, den Peterle und den Georg nehme ich mit mir,« sagte die Flori, als
+alles sauber und in Ordnung war. »Ich koche dann einen Milchbrei zum
+Mittagessen für die ganze Haushaltung. Den Michele läßt man im Wägelein
+schlafen draußen vor dem Hans, der ist schon wieder müde. Und die
+Christine bleibt bei der Hand, daß die Base jemand hat, der ihr etwas
+bringen kann.«</p>
+
+<p>Damit zog sie ab.</p>
+
+<p>Christine setzte sich mit ihrer Schreibtafel auf die Staffel vor der
+Haustüre. Sie lernte gern und hätte nie die Schule versäumt, wenn sie
+nicht gemußt hätte. So war sie bald sehr im Eifer an ihrer Arbeit; sie
+schrieb schöne lange Zahlenreihen untereinander und rechnete sie dann
+zusammen.</p>
+
+<p>Auf einmal stand der Herr Schullehrer vor ihr, der mit Verwunderung
+gesehen hatte, wie wichtig dieser Schülerin, die so oft fehlte, das
+Lernen war. Christine erschrak ein wenig, aber der Lehrer sagte
+freundlich: »So ist's recht! Gib dir nur recht Mühe, dann kommst du
+schon noch nach. Ich will<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> dann bald einmal mit dem Wegknecht sprechen,
+daß du nicht so oft die Schule versäumen mußt.« Darauf reichte er dem
+Kinde ganz väterlich die Hand, und Christine blieb so glücklich zurück,
+wie sie schon lange nicht mehr gewesen war.</p>
+
+<p>Diesem schönen Morgen folgten noch viele solche. Denn was die Flori
+einmal unternahm, das führte sie gern auch aus. So erschien sie jeden
+Morgen, solang die Frau noch nicht so gesund war, in dem Häuslein
+des Wegknechts, versorgte die Frau und die Kinder, zeigte Christine
+liebreich, wie sie alles, was zu tun war, machen müsse. »Siehst du, mit
+Klötzchen und Steinen spielen sie ganz nett allein,« sagte sie, »und
+dann kannst du ein wenig stricken oder rechnen.« Christine war eine
+ganz neue Welt aufgegangen, seit sie so eine treue Hilfe hatte. Sie sah
+gar nicht mehr finster und verzagt aus und manchmal konnte sie sogar
+mit den Kleinen lustig lachen.</p>
+
+<p>Es war auch wunderbar; die Base zankte gar nicht mehr oft, sie war
+viel freundlicher geworden, und seither hätte ihr die Christine alles
+zuliebe getan, was sie nur gewußt hätte.</p>
+
+<p>Denn die Botenflori hatte einmal, als sie recht geruhig allein mit
+der Frau zusammen in der Stube saß, recht eindringlich mit dieser
+gesprochen und ihr gesagt, daß sie mit Freundlichkeit noch einmal so
+viel erreiche, als mit Zorn. Und die Frau konnte sich das wohl sagen
+lassen, denn die Flori hatte es ihr zuerst vorgemacht. So sagte sie nur
+ganz bewegt: »Euch hat mir der liebe Gott geschickt, Flori! Vergelt's
+Gott, tausendmal.«</p>
+
+<p>Als an diesem Abend die Flori heimwärts wanderte, war sie so froh und
+glücklich, wie sie nie mehr gewesen war, seit sie die Sache mit dem
+Postboten gedrückt hatte, und auch vorher lange nicht. Denn Flori hatte
+es selber gut gespürt, daß es nicht mehr gehe, und hatte sich immerfort
+dagegen gewehrt, ihr Amt abzutreten. So war sie oft recht elend
+gewesen, trotzdem<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> sie sich in den vielen Jahren etwas Ordentliches
+erspart hatte und keine Not zu fürchten brauchte. Jetzt hatte ihr der
+liebe Gott die Last abgenommen und hatte ihr gezeigt, daß er doch
+noch da und dort etwas für sie zu tun habe. Und weil die Flori das
+nun einsah, war sie so getrost und fröhlich und ließ ruhig den neuen
+Postboten seinen Schiebkarren den Berg heraufschieben, es tat ihr nicht
+mehr weh.</p>
+
+<p>Die Kinder hingen an ihr wie die Kletten, und als das die andern Kinder
+im Dorf sahen, machten sie es auch so. Aber die Christine blieb doch
+ihre beste Freundin, denn die beiden, Flori und Christine, hatten
+einander dazu verholfen, daß sie wieder fröhlich sein konnten.</p>
+
+<p>Man kann die Flori jetzt auch noch Botenflori heißen, denn sie ist ja
+des lieben Gottes Botin bei den armen Leuten geworden.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span></p>
+
+<h2>13. Augenblicklich.</h2>
+</div>
+
+<p>»Else, Kind, es ist Zeit zum Tischdecken! Fang gleich an, du weißt, der
+Vater ärgert sich, wenn er nach Hause kommt und es ist nicht fertig!«
+Die Mutter steckte einen Augenblick ihr vom Herdfeuer erhitztes Gesicht
+durch die Türöffnung. »Gleich, Mutter, im Augenblick,« antwortete Else,
+die an einer zierlichen Handarbeit stichelte, ohne damit aufzuhören.
+Die Mutter ging wieder an ihre Arbeit zurück. Else sah nach der
+Wanduhr. Erst halb zwölf! Und fünf Minuten nach zwölf kommt der Vater
+nach Hause, zehn Minuten allerhöchstens brauche ich zum Tischdecken,
+also kann ich ruhig noch die Schleifen an das Kissen nähen. Was sich
+nur Mama denkt, wie lang' ich brauche?</p>
+
+<p>Else war schon zwölf Jahre alt, die Älteste von fünf Geschwistern,
+und fand, daß sie's im allgemeinen doch recht unruhig habe! Alle
+Augenblicke begehrte jemand anderes ihre Dienste, von einer schönen
+Geschichte konnte sie wohl zehnmal abgerufen werden. Sie wußte keine
+von all' ihren Freundinnen, der so viel zugemutet wurde. Heute war
+sie mit einer Geburtstagsarbeit für Alice Baumann, ihre liebste
+Freundin, beschäftigt; sie wurde so hübsch, Else mochte sich nicht
+von dem zierlichen Nadelkissen trennen, eh' es fertig war. Blaue
+Seide mit weißen Spitzen und Schleifchen! Sie hob wieder den Blick
+zur Uhr. Dreiviertel! Da reichte es gut auch noch zur Aufhängeschnur.
+Nein, wie diese dumme Schnur sich verwickelte! Einen so aufzuhalten!
+Und nun hatte sie dieselbe<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> gar auf die verkehrte Seite genäht vor
+Aufregung und Eile! Wenn man sich auch so abhetzen muß! Else hatte
+ordentlich Mitleid mit sich selbst. Zwei Minuten bis zwölf! Jetzt galt
+es aber, voran zu machen. Schnell das Tischtuch aus dem Schrank, die
+Teller vom Büffet, wie dumm das Salzfaß im Wege stand, es fiel bei der
+kleinsten Berührung mit dem Ellbogen um und streute seinen Inhalt auf
+den Fußboden! Zum Aufkehren hatte man jetzt keine Zeit, nur schnell
+das ganze Häufchen unter den Schrank, gleich nach Tisch wollte Else es
+wegnehmen. Da, ein Geschrei im Nebenzimmer. Natürlich, nun mußte Hans
+aufwachen, er wachte ja immer auf, wenn er möglichst ungeschickt kam.
+Else hatte das Amt, ihn alsdann in sein Kleidchen zu stecken und ihm,
+ehe sich die Großen zu Tisch setzten, seine Suppe zu geben. Das hatte
+sie vorhin in ihrer Zeitrechnung vergessen, wer kann aber auch an alles
+denken? »Sei still, Hänschen,« rief sie eilig ins Schlafzimmer hinein,
+»ich komme im Augenblick.« Der Kleine fuhr aber fort zu schreien und
+die Mutter ließ ihre Küche im Stich, um nachzusehen, wo es fehle. In
+diesem Augenblick ging die Haustür, der Vater trat ein, gefolgt von
+einem Herrn, den er als Gast mitbrachte. Er ließ auch zugleich Max
+und Konrad, die aus der Schule kamen und Klein-Gretchen, das sich im
+Garten vergnügt hatte, herein. »Else, weshalb siehst du nicht nach
+dem Kleinen?« rief die Mutter; aber sie schwieg traurig, als sie den
+ungedeckten Tisch sah, der erst schwache Anfänge zu einer Eßgelegenheit
+zeigte. Nun wußte sie schon, woran sie war. »Komm Konrad, hilf schnell,
+den Tisch zu decken, aber sieh, daß nichts fehlt,« damit eilte die
+Mutter nochmals in die Küche, um dem Mädchen die letzten Anweisungen
+zu geben, und dann zu Hänschen, um ihn zu beruhigen und anzuziehen.
+Der Vater war mit dem Gast eingetreten. Er liebte es sehr, wenn er in
+den wenigen Stunden,<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> die er im Kreis seiner Familie zubringen konnte,
+alles gemütlich und hübsch in Ordnung, die Kinder fröhlich, den Tisch
+gedeckt und seine Frau »für ihn zu haben« fand. Und dazu heute, wo
+er einen Jugendfreund, den er lange nicht gesehen hatte, mitbrachte!
+So zog er unwillig die Augenbrauen zusammen, als im Wohnzimmer ein
+Gelaufe, wie im Ameisenhaufen, war. Konrad vollzog seine Mithilfe an
+der Arbeit mit großem Geräusch und nicht ohne anzügliche Bemerkungen
+gegen Else. »Wieder einmal gelesen?« fragte er sachverständig. Else
+hatte aber nicht gelesen, sondern fleißig gearbeitet und brauchte sich
+derartige Bemerkungen nicht gefallen zu lassen. Sie war überhaupt
+aufgeregt, gab dem Bruder eine heftige Antwort und zerbrach auch
+ein Glas, eins von den geschliffenen, die Mama zu Ehren des Gastes
+herausgegeben hatte.</p>
+
+<p>Die Mutter erschien, als sie den Kleinen endlich beruhigt und sich
+selbst und Hänschen etwas präsentabel gemacht hatte, müde und
+abgespannt bei Tisch und mußte Hänschen auf dem Schoß haben, weil er
+seine Suppe nun erst mit den Großen essen konnte.</p>
+
+<p>Schade, es war lang nicht so gemütlich wie sonst, der Gast hätte
+einen besseren Eindruck vom Hause bekommen können, und das bedrückte
+die Mutter, die wohl wußte, wie viel der Vater darauf hielt. Die
+Herren mußten auch gleich nach Tisch wieder fort, es hatte vorher
+so lang gedauert; nun war auch das behagliche Viertelstündchen nach
+Tisch, das der Vater so liebte, für heute verscherzt. Else ging mit
+unglücklichem Gesicht umher, sie hätte gern gewußt, ob es noch jemanden
+gehe wie ihr. Immer kam alles Unangenehme zusammen! Die Mutter hatte
+nicht gescholten, sie hatte nur gesagt: »Wann wirst du je anfangen,
+zuverlässig zu werden?« Und Else leistete doch so viel für ihr Alter,
+nur allerdings nicht immer gerade das, was man von ihr voraussetzte und
+nicht immer genau zu der Zeit, wo man es erwartete.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span></p>
+
+<p>Es war am Nachmittag, der heute schulfrei war. Auf vier Uhr war Else
+zu der Geburtstagfeier eingeladen. Das Kissen lag hübsch verpackt in
+Seidenpapier, warum war ihr nur die ganze Freude daran verdorben?
+Elsens Blick fiel auf den Bücherschrank. Eigentlich hätte sie jetzt
+ihre Aufgaben machen sollen, ja so, und die Mutter hatte sie gebeten,
+Hänschen ein wenig zu beaufsichtigen, da sie ein Weilchen ruhen
+wollte. Aber da war noch das Buch, das Max, wie er sagte, heute abend
+seinem Kameraden zurückgeben wollte, und Else hatte solch eine schöne
+Geschichte darin angefangen. Das ließ sich ja auch alles ganz gut
+vereinigen. Mit den Aufgaben wurde sie noch lange fertig und im Notfall
+konnten sie auch abends gemacht werden. Ausnahmsweise, gewöhnlich
+sollte das ja nicht sein. Und Hänschen? Nun der krabbelte vergnüglich
+am Boden umher und konnte sich ganz schön selbst beschäftigen. Else
+fand, daß er viel liebenswürdiger war, wenn man ihn sich selbst
+überließ. So konnte sie gut ein Weilchen lesen. Einen Augenblick
+hatte sie zwar ein unbestimmtes Gefühl, als ob es vorher noch etwas
+Dringendes für sie zu erledigen gäbe; was war es nur gleich? Ach
+richtig, das Salzhäufchen unter dem Schrank! Das mußte weg, gleich
+nachher. Dann war sie mitten im Urwald, unter Schlangen und mutigen
+Reisenden, die große Taten vollbrachten. Was waren das für herrliche
+Menschen! Else wollte später auch viel Gutes und Schönes ausführen, sie
+wußte nur für den Augenblick nicht recht, was? Aber das fand sich!</p>
+
+<p>Aus der einen Geschichte wurden zwei. Else saß mit glühendem Gesicht
+und atmete kaum. Es waren zu schöne Geschichten! Und Hänschen war so
+artig und still, wunderbar! Aber jetzt war's halb vier Uhr. Und Else
+mußte sich noch umziehen, die Mutter hatte das neue Sonntagskleid
+gestattet. Flugs hinein, das Kissen zur Hand und dann fort! Denn<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> Alice
+wohnte ziemlich weit weg und Else wollte nicht zuletzt kommen.</p>
+
+<p>So ganz behaglich war's ihr diesmal nicht in der fröhlichen
+Gesellschaft. Erstens hatte sie einen ganz heißen Kopf und erregte
+Sinne von dem hastigen Lesen, dann waren auch noch die Schulaufgaben
+sämtlich unerledigt und dann, sie hatte gar nicht gemerkt, daß Mama
+das am Ofen sitzende Hänschen mit beschmutztem Kleidchen und schwarzen
+Händchen weggenommen und stillschweigend gereinigt hatte. Sie hatte
+es erst nachträglich durch Max erfahren, natürlich nicht ohne
+brüderliche Seitenhiebe. Aber es war doch nicht ganz angenehm. Wenn
+Mama nicht schalt, war sie traurig, und merkwürdig, das war noch viel
+unbehaglicher, obgleich sich Else nicht gern schelten ließ.</p>
+
+<p>In der Gesellschaft war viel die Rede von einem großen Zirkus, der für
+einige Zeit in der Stadt war. Else wußte auch davon, der Vater hatte
+so halb und halb versprochen, einmal mit seinen drei größeren Kindern
+und der Mutter hinzugehen, und sie freute sich längst darauf. Sie nahm
+sich auch vor, gleich heute noch beim Abendessen den Vater darum zu
+bestürmen, es war ein großartiges, anziehendes Programm, das mußte man
+gesehen haben.</p>
+
+<p>Ganz hingenommen von diesen Gedanken kam sie nach Hause.</p>
+
+<p>Die Brüder hatten Sonntagskleider an, blätterten in merkwürdiger
+Eintracht in dem großen zoologischen Atlas des Vaters und machten
+dazu eifrige Bemerkungen. Else wunderte sich darüber, bekam aber
+sogleich die Mahnung: »Leise, Hänschen ist krank, Mama sitzt bei ihm am
+Bettchen.«</p>
+
+<p>»Du kannst dein Sonntagskleid anbehalten, Else,« empfing die Mutter das
+Töchterlein, »Papa will mit euch dreien und seinem Freund, der auch ein
+Töchterlein mit hierher gebracht hat, in den Zirkus gehen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span></p>
+
+<p>»Deine Aufgaben sind ja doch wohl fertig? Eigentlich sollte ich dir
+heute das Vergnügen nicht gestatten, denn du versäumst jetzt gerade so
+oft deine kleinen Pflichten, aber ich hoffe, du merkst dir's endlich —
+ich kann ja leider auch nicht mitgehen. Hänschen ist nicht wohl, ich
+weiß nicht, was mit dem Kind ist, es muß etwas Unpassendes gegessen
+haben.« Else wurde es heiß und kalt! Erstens keine Möglichkeit, mit
+in den Zirkus zu gehen, denn die Aufgaben standen noch riesengroß da
+zur Erledigung. Und der Vater, wie würde der unzufrieden sein! Und die
+Brüder würden spotten! Und auf morgen früh verschieben ging nicht, das
+gestatteten die Eltern nie.</p>
+
+<p>Und zudem! Was hatte Hänschen wohl geschluckt? Else erinnerte sich
+jetzt deutlich, daß sie während des Lesens immer ein Gefühl gehabt
+habe, als stecke der kleine Bursche etwas ins Mäulchen, das nicht
+hineingehöre, es hatte so geknirscht! Ja richtig, das Salz! Else
+stürzte fort, die Mutter kam ihr erstaunt nach. Da kniete sie am Boden
+und brachte die Reste des Häufchens zum Vorschein, den weitaus größten
+Teil hatte der Kleine geschluckt.</p>
+
+<p>Erstaunt und betrübt hörte die Mutter den Bericht mit an, den
+Else gab. Es war eine Kette von kleinen Versäumnissen. Else hatte
+alles tun wollen, was sie sollte, »im Augenblick,« nur nicht im
+zunächstliegenden, und so war es dann gar nicht geschehen.</p>
+
+<p>Das war ein gestörter Abend. Der Vater ging mit den Brüdern allein, er
+hatte nur gesagt: »Hoffentlich muß der arme kleine Kerl nicht zu sehr
+den Leichtsinn seiner Schwester büßen,« nichts davon, daß es ihm leid
+sei, Else nicht mitnehmen zu können.</p>
+
+<p>Das war dieser noch das härteste. Sie saß im einsamen Wohnzimmer und
+schrieb und rechnete, aber dazwischen tropften schwere Tränen auf die
+Hefte. Da trat die Mutter ein.<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> »Hänschen schläft jetzt,« sagte sie,
+»ich hoffe, es schadet ihm weiter nichts; nun ich wußte, womit er sich
+den Magen verdorben, konnte ich dagegen wirken.«</p>
+
+<p>Dann gegenseitige Stille. Else kämpfte mit sich. Eigentlich hatte sie
+doch nichts verbrochen, es war nur ungeschickt gegangen! Nein, doch,
+sie wußte es ja besser, gewiß, es sollte anders werden.</p>
+
+<p>»Mama,« Else hob das verweinte Gesicht. »Ja? Was ist's?« fragte die
+Mutter ein wenig müde, sie hatte heute schon so viel Aufregung gehabt.
+»Ich möchte, — ich will gewiß, — ach, Mama, kannst du mich denn noch
+lieb haben?«</p>
+
+<p>Jetzt war Else ein ganzes Kind, reuig, trost- und liebebedürftig; sie
+hatte den Kopf in der Mutter Schoß gelegt und schluchzte sich alles vom
+Herzen herunter, was Drückendes, Unartiges, Störendes drin war. Und
+die Mutter tröstete jetzt das große Kind, wie vorher das kleine, und
+half ihm mit mütterlichen Worten ins rechte Geleise. Denn es ist bei
+der Mutter gleich, ob sich die Kleinen oder die Großen verirren, die
+Hauptsache ist, daß das Kind den Heimweg sucht und dazu nach der Hand
+der Mutter greift.</p>
+
+<p>Und als Else hernach beschwichtigt und erleichtert in ihrem Bett lag,
+gab ihr die Mutter noch als Schutz- und Trutzmittel für den neuen Weg,
+den sie wandern wollte, ein Verslein mit, »das bete jeden Tag von
+Herzen, so wird dir's der liebe Gott gelingen lassen:</p>
+
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Gib, daß ich tu' mit Fleiß,</div>
+ <div class="verse indent0">Was mir zu tun gebühret,</div>
+ <div class="verse indent0">Wozu mich dein Befehl in meinem Stande führet,</div>
+ <div class="verse indent0">Gib, daß ich's tue bald, zu der Zeit, da ich soll,</div>
+ <div class="verse indent0">Und dann gerate mir's durch deinen Segen wohl.«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span></p>
+
+<h2>14. Angelika.</h2>
+</div>
+
+
+<p>»Aufgepaßt!«</p>
+
+<p>Christian, der stämmige Stallknecht, rief aus den dichten Zweigen
+des großen Apfelbaums, der so voll hing mit reifen Äpfeln, daß er im
+Sonnenschein aussah wie ein rotes Dach. Dann rüttelte und schüttelte er
+so nachdrücklich an den Ästen, daß es anfing zu prasseln und in kurzer
+Zeit der Boden ringsumher ganz bedeckt war mit den schönen Früchten.</p>
+
+<p>»Au, au, hör auf! Hör einmal auf, Christian! Die Äpfel zerfallen
+aufeinander, so viele liegen schon da! Man muß zuerst diese auflesen!«</p>
+
+<p>So tönte es nun durcheinander, denn es war eine große Gesellschaft in
+dem Obstgarten versammelt. Da waren zuerst die sechs Kinder des Herrn
+Amtmanns, dem der Garten gehörte, von Wilhelm, dem großen Lateinschüler
+an, bis herab zu dem jüngsten, zweijährigen Schwesterlein. Dann
+waren noch die Buben aus dem Pfarrhaus da und die Kinder des Herrn
+Schultheißen. Es war ein lustiges, lebhaftes Häuflein, das da
+durcheinander purzelte, krabbelte, lachte und sich neben der fleißigen
+Arbeit her die Äpfel schmecken ließ.</p>
+
+<p>Das Oberkommando führte Heinerike, die alte Magd des Amtshauses. Sie
+verstand das Regieren aus dem Fundament, und wenn ihr auch selber das
+Bücken ein wenig sauer geschah, so konnte sie die Kinder um so besser
+dazu anleiten. So wurde in hellem Vergnügen ein Sack nach dem andern
+gefüllt. Angelika, das siebenjährige Töchterlein des Hauses, hatte
+schon seit einer<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> Weile angefangen, die allergrößten Äpfel auf ein
+besonderes Häufchen zu legen. Jetzt schienen es genug zu sein, denn
+sie packte alle zusammen in ihre weite Ärmelschürze und steuerte, so
+schnell es mit der gewaltigen Last ging, auf das Lattentürchen zu, das
+aus dem Obstgarten nach dem Blumengärtlein hinführte. Dort stand eine
+dichtbewachsene Laube und in diese trat Angelika ein.</p>
+
+<p>»Großvater,« rief sie schon von weitem, »sieh nur, Großvater, so
+große prachtvolle Äpfel gibt's heute! Ich habe dir die allerschönsten
+herausgelesen, du mußt sie behalten!«</p>
+
+<p>Der Großvater stellte lächelnd seine lange Pfeife neben sich an die
+Wand und strich leise mit der Hand über die frischen runden Backen des
+kleinen Mädchens.</p>
+
+<p>»So, und die schönsten bringst du mir? Das ist brav,« lobte er dann.
+»Aber was soll denn der Großvater damit anfangen? Er kann die Äpfel ja
+nicht mehr beißen!«</p>
+
+<p>Daran hatte Angelika freilich nicht gedacht. Sie sah bedauernd in
+ihr Schürzchen und sagte dann: »Dann mußt du sie wenigstens ansehen,
+Großvater! Sie sind ganz furchtbar groß, du siehst sie schon!« Und sie
+hielt dem Großvater einen der schönsten ganz dicht vor die Augen.</p>
+
+<p>Der Großvater griff mit der Hand nach dem Apfel. »Daß er groß ist, das
+fühle ich schon,« sagte er. »Aber sehen kann ich ihn doch nicht. Du
+mußt aber deswegen nicht traurig sein. Ich habe in meinem Leben schon
+so viele schöne Äpfel gesehen, da kann ich mir nun ganz gut denken, wie
+dieser aussieht.«</p>
+
+<p>Der Großvater war nämlich schwer krank gewesen und als es ihm sonst
+wieder besser ging, da waren seine Augen ganz allmählich immer
+schwächer geworden. Jetzt hatte er noch einen Schein in dem einen Auge,
+so daß er unterscheiden konnte, ob es hell oder dunkel um ihn her sei.</p>
+
+<p>Weil er aber schon die ganze Zeit seines Lebens in diesem Haus
+und Garten gewohnt hatte, so konnte er, ohne daß man<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> ihn führte,
+umhergehen und seine Lieblingsplätzchen aufsuchen. Am liebsten saß er
+in der Laube, und die Kinder waren dann oft bei ihm, besonders Angelika.</p>
+
+<p>Den Großvater hatte seine Blindheit nicht unglücklich oder auch
+verdrießlich und mürrisch gemacht. Er dachte, der liebe Gott werde
+schon wissen, wozu er ihm das geschickt habe, und so wolle er dann
+damit zufrieden und geduldig sein. Und dann fiel dem Großvater, wenn er
+so still für sich dasaß, so vieles aus seinem vergangenen Leben ein,
+er dachte an alle seine Lieben, die niemand auf der Welt mehr sehen
+konnte, weil sie schon lang vom lieben Gott heimgeholt worden waren.
+Und alles wurde ihm so lebendig, daß er es wirklich zu sehen meinte; da
+vergaß er dann manchmal ganz, daß er blind war.</p>
+
+<p>Für Angelika war es herrlich, daß der Großvater so viel Zeit hatte.
+Es ereignete sich immer so viel, was notwendig mit jemand besprochen
+werden mußte; das konnte man alles sehr gut beim Großvater anbringen.
+Und es war schöner als alle Geschichten, die es gab, wenn der Großvater
+anfing, aus seiner Kindheit zu erzählen. Aus dem Hungerjahr, wo
+die Leute Klee- und Baumrinde unter das Brotmehl mischten, und aus
+Kriegszeiten und dann auch noch viel Erfreuliches.</p>
+
+<p>Heute hatte das Kind etwas Besonderes auf dem Herzen. Es legte die
+Äpfel alle auf den Tisch, zog sich dann ein Schemelchen heran und
+sagte: »Großvater, warum heiße ich Angelika? Niemand heißt so, als nur
+ich! Des Schultheißen Christoph hat gesagt, vielleicht habe einmal, wie
+ich noch klein gewesen sei, jemand so geheißen und dann habe man mich
+deshalb so getauft.«</p>
+
+<p>»Da hat der Christoph nicht so unrecht,« sagte der Großvater. »Es hat
+einmal jemand so geheißen wie du, aber das ist schon so lange her, so
+lang, daß außer mir niemand mehr lebt, der sie gekannt hat.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span></p>
+
+<figure class="figcenter illowp80" id="illu-194" style="max-width: 62.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-194.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<p>Es war so ein merkwürdiger Ausdruck in des Großvaters Gesicht gekommen,
+wie ihn Angelika noch nie gesehen hatte. Fast wie wenn er weinen
+wollte. Das durfte nicht sein! »Großvater, sei nur zufrieden, es macht
+nichts. Ich will dann gern so heißen. Die Mutter hat auch gesagt, es
+sei gar nicht ungeschickt, man wisse gleich, wen man meine, wenn sonst
+niemand da sei, der Angelika heiße.«</p>
+
+<p>Aber der Großvater war noch nicht gleich wieder wie sonst. Er fühlte
+den dicken braunen Zopf an, der bei Angelika hinten gerade hinausstand
+und die kurzen, krausen Härchen, die sich überall herausdrängten, und
+schüttelte immer den Kopf dazu. »Sie sah ganz anders aus,« sagte er
+leise vor sich hin, »ganz anders.«</p>
+
+<p>Das alles erweckte Angelikas Interesse. »Wer, Großvater?« fragte sie
+fast ein wenig schüchtern.</p>
+
+<p>»Die, nach der man dich geheißen hat,« sagte der Großvater.<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> »Sie war
+mein Schwesterlein, ich habe nie mehr so etwas Liebliches gesehen.«</p>
+
+<p>»O, erzähl' mir von ihr? War sie so groß wie ich? O, erzähl' mir alles,
+was du weißt von ihr!« Angelika kam ganz in Eifer, denn nun auf einmal
+von jemand zu hören, der so hieß wie sie, und der keine alte Frau war,
+sondern ein kleines Mädchen, das war ein wichtiges Ereignis.</p>
+
+<p>»Sie war so groß wie du, als sie zu den Engelein ging,« sagte der
+Großvater. »Hast du schon deine Aufgaben gelernt? Ja? Dann kannst du
+dableiben und ich will dir von ihr erzählen.«</p>
+
+<p>»Ich war,« fing der Großvater an, »vier Jahre alt, so alt wie Martin
+jetzt ist, aber größer und fester als er. Geschwister hatte ich noch
+nicht und ich dachte auch nicht daran, daß mir das fehle. An einem
+Sonntagmorgen aber kam der Vater an mein Bettchen und hielt ein großes,
+weißes Bündel im Arm. Das war ein Tragkissen, und darin lag ein ganz
+kleines, zartes Menschenkindlein, das guckte mit großen blauen Augen
+hell um sich. ›Freu dich, Hermann,‹ sagte der Vater, ›Du hast ein
+Schwesterlein bekommen. Gib ihm einen Kuß aufs Bäckchen, aber sachte,
+sachte, daß es nicht schreit.‹</p>
+
+<p>»War das ein Jubel! Es gab so viel Neues, Ungewohntes jetzt, das
+Schwesterlein war so interessant! Wenn es gebadet wurde und dann wohlig
+plätscherte und strampelte, oder wenn es seine Milch trank und nachher
+anfing zu ›krägeln‹, du weißt ja, wie das ist.« »Ja, ja, man meint, es
+wolle anfangen zu sprechen und kann doch noch nicht,« sagte Angelika
+eifrig. Sie war ganz bei der Sache.</p>
+
+<p>»Einmal fragte ich die Mutter: ›Sag, heißt es nur Schwesterlein und
+sonst nichts?‹ Da lachte sie und sagte: ›Am Sonntag soll es getauft
+werden! Paß nur gut auf, wie der Herr Pfarrer dann sagt, so heißt es
+dann immer.‹ Von da<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> an war ich sehr begierig auf den Sonntag. In der
+Nacht hörte ich aber ein Gespräch der Eltern mit an.</p>
+
+<p>»›Nein, nicht nach mir,‹ sagte die Mutter. ›Siehst du, es ist so zart
+und lieblich und fein, es sieht aus wie die Engelein, und da möchte ich
+so gern, daß es auch der Engelein Namen trage. Wir wollen es Angelika
+heißen.‹</p>
+
+<p>»›Ich habe nichts dagegen,‹ sagte der Vater. ›Und Gott behüte unser
+Kindlein, daß die Engelein allezeit bei ihm bleiben.‹</p>
+
+<p>»Da wußte ich, wie der Herr Pfarrer das Schwesterlein heißen werde. Das
+wuchs fröhlich heran. Ich sei, sagte die Mutter, ein rechter kleiner
+Schreihals gewesen, da kam es ihr fast wunderbar vor, wie sanft und
+still das Schwesterlein war. Es konnte stundenlang in seinem Wägelchen
+liegen und mit den Händchen spielen, und wenn man dann herkam, lachte
+es einen an. Ich war ganz glücklich, als es mich zum erstenmal am
+Haar zupfte und meine Finger mit seinen Händchen umschloß. ›Gelt, es
+ist nur <em class="gesperrt">mein</em> Schwesterlein und sonst gar niemands?‹ fragte ich
+die Mutter immer wieder und dann war ich froh und stolz, wenn sie es
+bejahte.</p>
+
+<p>»Als es ein Jahr alt war, trippelte mein Schwesterlein schon ganz flink
+auf seinen eigenen Füßchen daher. Ich brauchte ihm nur einen Finger zu
+geben, so durchwanderte es den ganzen Garten mit mir.</p>
+
+<p>»Wir hatten damals einen alten Kutscher Namens Leonhard. Der blieb
+allemal stehen, wenn das Kleine aus dem Haus kam und kratzte sich
+hinter den Ohren. ›Wenn's nur nicht davonfliegt, das Engelein,‹ sagte
+er dann vor sich hin. ›Es tun ihm nur noch die Flügel fehlen.‹</p>
+
+<p>»Ich lachte vergnügt darüber, denn das gefiel mir, daß der alte
+Brummbär das Schwesterlein mit einem Engelein verglich. Mit dem
+Davonfliegen, dachte ich, habe das keine Not.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span></p>
+
+<p>»Ja, gelt, es hat ja keine Flügel gehabt,« bestätigte Angelika.</p>
+
+<p>»Wenigstens damals noch nicht,« sagte der Großvater so vor sich hin.
+Dann fuhr er fort: »Ich kann dir das nicht mehr alles erzählen,
+obgleich ich's noch ganz genau weiß, wie es sprechen lernte und fast
+von selbst alle kleinen Liedchen der Mutter nachsingen konnte. Und
+wie es dann anfing, mit seinen Puppen gerade so zu hausen, wie es das
+bei den großen Leuten sah. Als ich sechs Jahre alt war, mußte ich zur
+Schule. Und es gab einen großen Jammer, als das Schwesterlein einsehen
+mußte, daß es da nicht mit konnte.</p>
+
+<p>»Aber eines Tages ging die Türe auf, als wir tüchtig am Einmaleins
+waren und herein trippelte, gerade auf mich los, ›das Engele‹, wie es
+im Dorf allgemein hieß, mein kleines Schwesterlein mit seinen langen
+goldigen Locken. Es trug ein Stückchen Backwerk im Händchen. Das hatte
+es geschenkt bekommen und ich sollte, wie immer, die Hälfte abbeißen.</p>
+
+<p>»Von da an neckten mich die Buben immer. Und ich dachte dann machmal,
+daß ich nun auch zu groß sei, um immer mit einem kleinen Mädchen zu
+spielen. Auf dem großen Spielplatz am Brunnen war es so lustig. Ich war
+der Anführer bei allen wilden Spielen, und Angelika konnte da nicht
+mittun. Sie blieb daheim bei der Mutter und unterhielt sich stundenlang
+allein im Garten. Wenn ich manchmal am Sonntag oder so mit ihr
+hinunterging, so war ich ganz verwundert, was sie mir alles zu erzählen
+wußte.</p>
+
+<p>»Du bist ein Fabelhans, Engele,« sagte ich einmal, als sie mir ganz
+ernsthaft berichtete, was ihr die Vögelein, die ihr Nest in der
+Stachelbeerhecke bauten, erzählt hätten und daß das grüne Eidechschen,
+das zu unsern Füßen durchs Laub raschelte, eine Mama sei und kleine
+Kinder zu Haus habe.</p>
+
+<p>»Angelika war vier Jahre alt, als des Bachbauern Liesle starb,
+ein kleines schwächliches Dinglein. ›Dem armen Tröpfle<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> ist's
+wohlgegangen,‹ sagte Kätter unsere Magd, als sie von der Beerdigung
+heimkam.</p>
+
+<p>»Angelika war mitgewesen. ›Warum ist's ihm wohlgegangen?‹ wollte sie
+wissen. ›Wenn man's doch in das tiefe Loch hinunter getan hat?‹ ›Ach
+du lieber Gott, paßt das Kind auf,‹ sagte die Kätter, und die Mutter
+erklärte: ›Der liebe Heiland läßt es nicht in dem Loch, er schickt
+seine Engelein, die tragen es in den Himmel.‹</p>
+
+<p>»Am andern Tag begrub Angelika ihre liebste Puppe Toni im Garten unter
+einem Himbeerbusch. Dann saß sie lange mäuschenstill gegenüber. Und als
+ich sie holen wollte, legte sie ihr Fingerchen auf den Mund: ›Bscht!
+Sei leise! Ich muß warten, bis die Engelein kommen und die Toni in den
+Himmel tragen.‹ Damals war ich schon ein großer Schüler, der nächstens
+in die Stadtschule kommen sollte, so konnte ich mit großer Weisheit
+erklären: ›Dumms Dingle, Puppen kommen nicht in den Himmel.‹</p>
+
+<p>»Ich nehme aber die Toni mit, wenn ich hineingehe, beharrte Angelika
+und dabei blieb sie, obgleich ich versicherte, wenn man einmal ganz alt
+sei und in den Himmel komme, brauche man keine Puppen mehr.</p>
+
+<p>»Als ich das erstemal nach halbjähriger Abwesenheit wieder nach Hause
+kam, war Angelika fünf Jahre alt. Ich war jetzt für die ganze Schulzeit
+bei dem Onkel in der Stadt einquartiert und kam nur in den Ferien heim.
+In der Stadt lebte ich mit so viel Buben zusammen und Mädchen sah ich
+nur von weitem. Da war ich's gar nicht mehr gewöhnt, mit Puppen und
+Kochgeschirren umzugehen, und sagte das auch dem Schwesterlein, als es
+mich feierlich zum Puppenvater ernannte.</p>
+
+<p>»Das ›Engele‹ sah mich mit seinen großen blauen Augen nachdenklich
+an, dann sagte es: ›O das tut nichts; die Kinder setzen wir nur ins
+Rondell, sie sind sehr artig. Dann kann ich<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> gut mit dir spazieren
+gehen, Hermännle. Es sind junge Geißlein bei der Webergret, die müssen
+wir ansehen.‹ Da wußte ich, daß Angelika ganz und gar Beschlag auf mich
+legen wollte, und es fiel mir ein, daß es nur <em class="gesperrt">mein</em> Schwesterlein
+sei und sonst niemand's, und wir verbrachten unsere Zeit wieder
+zusammen, wie früher.</p>
+
+<p>»Bei der Webergret war es nun allerdings genußreich. Die zwei kleinen
+Geißlein, die im Stall herumhüpften, waren so zierlich und possierlich,
+daß wir uns fast nicht trennen konnten. Angelika sprach mit ihnen
+wie mit Menschen. ›Komm, komm, du Kleines,‹ sagte sie und tätschelte
+das Weiße mit ihrem kleinen Händchen, ›du mußt das Schwarze auch zum
+Tröglein herlassen! Denk einmal, wie bös das ist, wenn man alles allein
+haben will!‹</p>
+
+<p>»Die Webergret sah immerfort ganz entzückt mein Schwesterlein an. Das
+tat mir wohl, es war mir fast, als ob ich mit schuld sei, daß es so
+herzig war. Aber dann schüttelte das Weib ernsthaft den Kopf. ›Auch
+gar nichts hinwachsen tut an das Kindlein,‹ brummte es. ›So feine
+Gliedlein wie von Wachs, und so Augen, so Augen! Und hat doch eine
+Pfleg! ich weiß, eine Pfleg wie ein Prinzeßlein!‹ Es wurde mir ein
+wenig unheimlich, ich zog das Engele mit mir fort und erzählte daheim
+bei Tisch den Eltern, was die Webergret gesagt habe. Sie tauschten
+einen langen Blick und die Mutter drückte heftig das blonde Köpflein an
+sich. Ich verstand das damals nicht, es ist mir aber später noch oft
+eingefallen.«</p>
+
+<p>Der Großvater schwieg eine Weile und nickte ein paarmal mit dem Kopf,
+so, als ob ihm immer wieder etwas einfalle, was zu der Geschichte
+gehöre. Das wilde kleine Mädchen, das sonst, wie jedes behauptete, gar
+nicht wußte, was still sein heißt, rührte sich nicht. Es hatte sich
+so in des Großvaters Erzählung hineingelebt, daß es nicht mehr daran
+dachte, daß<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> man drüben im Garten Äpfel schüttle und daß es sich hatte
+ein ›Maugennest‹ anlegen wollen. »Weiter, o weiter, Großvater,« sagte
+Angelika endlich und tat einen tiefen Atemzug.</p>
+
+<p>»Ja so, ja,« sagte der Großvater.</p>
+
+<p>»Einmal kam ich auch in die Vakanz. Es war einige Tage vor Ostern.
+Ich war nicht recht wohl, hatte Kopfweh und war müde und der Vater
+sagte: ›Das ist wohl vom Wachsen und vom Lernen zusammen.‹ ›Wollen
+ihn schon herauspflegen,‹ sagte die Kätter, die gerade durchs Zimmer
+ging. Angelika war ein wenig blaß und war gewachsen, seit ich sie nicht
+gesehen hatte. ›Sie ist fast den ganzen Winter im Zimmer gewesen,‹
+sagte die Mutter. ›Sie hatte soviel Husten. Aber jetzt, wo die
+Sonne so warm scheint, darf mein Vögelein wieder hinaus.‹ Da wurden
+die schmalen Bäckchen rot vor Freude. ›Hermännle,‹ sagte Angelika,
+›am allerschönsten ist's draußen am Steinbühl. Dort gibt's jetzt
+Palmkätzchen und Schäfchen und Schlüsselblumen. Gelt, wir gehen gleich
+nach dem Essen hinaus? Es ist nicht so weit, das ist recht, weil du so
+müde bist. Und ich auch,‹ setzte sie hinzu.</p>
+
+<p>»Es war ein wunderschöner Frühlingstag, der Gründonnerstag, an dem
+wir zwei Hand in Hand an den Steinbühl gingen. Leonhard stand unter
+der Stalltüre, als wir den Hof verließen. Er hatte inzwischen ganz
+weiße Haare bekommen und hatte sich angewöhnt, halblaut vor sich hin
+zu reden. Als er uns beide sah, fuhr er sich über die Augen und sagte:
+›Ja, ja, werden's schon sehen! Hab's schon lang gesagt! Es fliegt schon
+noch davon! Werden's schon sehen!‹</p>
+
+<p>»Da lachte das ›Engele‹ hell und lustig: ›Wer fliegt davon, Leonhard?
+Paß auch gut auf, wenn der Osterhase in den Garten läuft, daß du ihn
+nicht verscheuchst! Und sag: er soll mir ein Springseil legen und einen
+Bücherranzen, ich komme jetzt dann in die große Schule!‹ Aber der Alte
+brummelte weiter und wir zogen aus.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span></p>
+
+<p>»›Weißt du, Hermännle,‹ plauderte Angelika, als wir auf der Lattenbank
+unter der Buche am Steinbühl saßen, ›weißt du, manches ist so
+sonderbar! Gestern hat die Kätter Zwiebel gesteckt und Gelbrüben
+gesät. Wie können denn da große Stöcke herauswachsen aus so kleinen
+Kernlein?‹ ›Das läßt eben der liebe Gott wachsen,‹ sagte ich ein wenig
+gedankenlos. Ich wollte gern von lustigeren Sachen schwatzen. Aber
+mein Schwesterlein war noch nicht fertig. ›Die Kätter sagt,‹ fuhr sie
+fort, ›die Engelein kommen in der Nacht und gießen mit silbernen Kannen
+Wasser auf die Beete. Ich möchte sie nur ein einziges Mal sehen und den
+lieben Gott!‹ ›Das kann man nicht,‹ belehrte ich. ›Das kann man erst im
+Himmel. Komm, wir nehmen junge Brennessel mit heim für die Hasen. Man
+kann sie mit dem Taschentuch abrupfen.‹</p>
+
+<p>»Angelika legte gehorsam mit Hand an und pflückte dann noch ein
+Sträußchen für die Mutter. Auf einmal tat sie einen lauten Ausruf des
+Entzückens. ›O, o, sieh nur,‹ rief sie. ›Lauter weiße und rosa und
+goldene Wölkchen am Himmel. Da wo er aufhört, es ist gar nicht weit! O,
+wenn wir nur geschwind hinlaufen könnten! Die Kätter hat gesagt, wenn
+es so aussehe, dann sei das Himmelsfenster offen und die Engelein sehen
+heraus!‹</p>
+
+<p>»›Die Kätter versteht etwas rechtes davon,‹ sagte ich etwas brummig.
+Es war mir gar nicht wohl und ich wollte viel lieber nach Haus, als
+den Engelein nachlaufen, die man ja doch nicht finden konnte. Als ich
+das sagte, sah mich Angelika so eigen an, daß ich beinahe nachgegeben
+hätte. Aber dann sagte sie: ›Weißt du was, Hermännle, dann geh du
+voraus heim. Ich <em class="gesperrt">muß</em> nur noch ein ganz kleines Weilchen zusehen.
+Siehst du, man sieht die Sonne gut noch! Und die Mutter hat gesagt, ich
+dürfe draußen bleiben, so lang die Sonne scheint!‹</p>
+
+<p>»Ich wollte nicht gern allein nach Hause, aber ich fühlte<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> mich immer
+übler und Angelika konnte ja schon noch eine Weile die farbigen
+Wölkchen ansehen. So ging ich richtig voraus. Als ich mich noch einmal
+umsah, stand sie immer noch am gleichen Fleck und sah regungslos in den
+Himmel hinein.«</p>
+
+<p>Der Großvater machte wieder eine Pause. Dann sagte er: »Und dann habe
+ich sie nicht mehr gesehen. Als ich nach Hause kam, schlugen mir die
+Zähne zusammen vor Frost und mein Kopf glühte. ›Ich sag's ja, der Bub
+ist krank und das rechtschaffen,‹ rief die Kätter, als sie mich sah.
+Dann wurde ich zu Bett geschafft und der Leonhard nach dem Doktor
+geschickt. ›Wo ist Angelika?‹ fragte die Mutter, und wie im Traum sagte
+ich: ›Sie kommt dann gleich nach!‹ Als ich wieder erwachte, saß die
+Mutter an meinem Bett und hatte ein schwarzes Kleid an. Sie küßte mich
+viele Male und rief den Vater herbei und der schloß mich auch in die
+Arme. ›Wo ist Angelika?‹ begehrte ich dann zu wissen und wunderte mich,
+daß sich die Mutter abwandte und der Vater so ernst sagte: ›Du kannst
+sie jetzt nicht sehen!‹ Aber dann schloß ich wieder die Augen. Ich war
+noch so müde, denn ich war am Scharlachfieber lange krank gewesen, ohne
+etwas von mir zu wissen.«</p>
+
+<p>»Aber wo war denn die Angelika,« rief die Enkelin in großer Erregung.
+»Ist sie damals nicht heimgekommen?«</p>
+
+<p>»Doch,« sagte der Großvater. »Sie kam, als es dunkel war, in des
+Doktors Wagen nach Hause. Das weiß ich, die Mutter hat mir's später
+erzählt. Sie hatte lange die flammenden Wölkchen angesehen und es war
+ein immer größeres Verlangen in ihr aufgestiegen, sie in der Nähe zu
+betrachten, da, wo sie die Erde berührten. Es könnte ja am Ende doch
+sein, daß die Engelein da herausschauen, dachte sie. So fing sie an,
+zu laufen. Über die Brachfelder hin, dem Wald zu, über dem der Himmel
+in flammender Röte stand. Nur zog sich der Weg so sehr in die Länge
+und Angelika wurde immer<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> müder. Es fing auch an, dunkel zu werden
+und nun schwand eines der prächtigen Wölkchen nach dem andern. Da
+blieb das Kind auf dem Felde stehen und schaute sehnsüchtig nach der
+verschwindenden Pracht. So fand es der Doktor, der, zu mir gerufen,
+vorbeifuhr und dem die kleine Gestalt bekannt vorkam. »Ich bringe noch
+einen Patienten mit,« sagte er, als ihn der Vater an der Haustüre
+empfing. Das ›Engele‹ war blaß und müde und hustete stark. Am Abend
+kam ein heftiges Fieber und am Osterfest haben die Engelein unser
+›Engele‹ in den Himmel getragen. ›Du darfst nicht böse sein, Mutter,
+ich wollte nur geschwind die Engelein sehen,‹ sagte Angelika einmal in
+ihrer Krankheit. ›Ich möchte sie so gern sehen.‹ ›Sie kommen zu dir,
+liebes Kind, du brauchst sie nicht zu suchen,‹ antwortete die Mutter.
+Da glänzten die großen blauen Augen noch einmal wie früher. Und dann
+schlossen sie sich, um sich im Himmel wieder aufzutun. Als ich wieder
+hinaus durfte in den Sonnenschein, führte mich die Mutter an der Hand.
+Es war schon acht Wochen her, seit unser ›Engele‹ davongeflogen war.
+Wir gingen durch das dunkle Gitter in den sonnigen Friedhof und setzten
+uns auf ein Mäuerchen, dem kleinen Grab gegenüber. Es hatte heute ein
+weißes Marmorkreuz bekommen mit goldenen Buchstaben.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p class="center">›Angelika‹</p>
+</div>
+
+<p>las ich.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p>›Heimgetragen in des Hirten Arm und Schoß.‹</p>
+</div>
+
+<p>Und wir weinten zusammen.«</p>
+
+<p>Es war fast dunkel geworden in der Laube, als der Großvater seine
+Erzählung beendigt hatte. Angelika schmiegte sich an ihn und er hatte
+seine Hand an ihren Kopf gelegt.</p>
+
+<p>»Großvater, ist das wahr,« fragte das Kind nach einer Weile, »ist das
+wahr, daß die Engel zu den rosa Wölkchen<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> heraussehen? Ich werde nicht
+müde, ich könnte gut so weit laufen, ich möchte sie auch so gern sehen.«</p>
+
+<p>Der Großvater schüttelte den Kopf. »Die Engel kann man nicht sehen,
+solang man auf der Welt ist. Es ist auch nicht nötig. Wenn es der liebe
+Gott wollte, so würde er sie uns schon zeigen. Sie sind aber doch da.
+Bitte nur den lieben Gott, daß er dir ein frommes und gehorsames,
+liebevolles Herz schenkt, so sind auch die Engelein um dich her. Und
+nun wollen wir miteinander hineingehen.«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>»Das Kind wird mir doch nicht krank werden,« sagte Heinerike
+kopfschüttelnd, als Angelika am Abend so gar fügsam und willig war
+beim Zubettegehen. Sie war sonst ein wenig heftig und eigenwillig und
+Heinerike hatte viel zu brutteln über das Mädchen. Die Mutter hörte es
+und sagte ruhig: »Nein, es wird nicht krank. Es hat nur etwas gelernt
+heute!«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Angelika ist schon lang kein kleines Mädchen mehr. Sie ist eine
+fleißige, große Tochter.</p>
+
+<p>Neulich kam ich zu einer alten Frau, der sie einen großen Strauß
+Frühlingsblumen gebracht hatte und eine Schüssel Suppe dazu.</p>
+
+<p>»Es ist mir alleweil, als ob ein guter Engel komme, so oft das Fräulein
+kommt,« sagte die Alte.</p>
+
+<p>So haben scheint's die Engelein den Weg zu Angelika gefunden.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span></p>
+
+<h2>15. In die Sonne.</h2>
+</div>
+
+<p>Der Tag fing erst an zu grauen. Der Mond stand noch blaß und
+übernächtig am Himmel und in den Bäumen rauschte der Morgenwind. Aber
+in dem niederen Häuslein der Frau Judith, das ganz allein draußen
+im Felde stand, brannte schon ein lustiges Feuer auf dem Herd und
+das Lämpchen warf seinen Lichtschein durch die Fensterscheiben. Frau
+Judith kochte die Morgensuppe für sich und ihr Büblein und daneben
+noch einen Brei, der zum Mittagessen für den Jockele bestimmt war.
+Denn sie mußte heut ihr Büblein den ganzen Tag allein lassen und da
+sorgte sie denn, derweil es noch schlief, daß ihm nichts Nötiges
+fehle. Judith war eine geschickte Näherin und verdiente das Brot für
+sich und das Kind mit ihrer Hände Arbeit. Manchmal nähte sie in den
+Bauernhäusern der Nachbardörfer, und das war ihr am liebsten, obgleich
+es weniger eintrug, denn da konnte sie den Jockele mitnehmen und auf
+ihn acht haben. Aber sehr oft führte sie ihr Tagewerk auch in die
+Stadt und da durfte sie ihr Büblein nicht mitbringen und es war ihr
+nicht zu verdenken, daß sie heute morgen ein wenig seufzte, wenn sie
+daran denken mußte, daß das Kind nun wieder den ganzen Tag ohne Schutz
+und Aufsicht ganz allein in dem Häuschen sei. Sie reinigte nun noch
+die Stube mit dem Besen und brachte alles in gehörige Ordnung, dann
+setzte sie sich an den Tisch und fing an, ein Paar zerrissene Höschen
+zu flicken, die auch dem Jockele gehörten. Und dabei seufzte sie so
+tief und schwer, daß es der Jockele in der Kammer hörte und<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> schnell
+aus seinem Bettchen stieg, um zu sehen, was etwa der Mutter zugestoßen
+sein könnte. Da saß sie am Tisch und hatte den Kopf in die eine Hand
+gestützt und schaute so kummervoll vor sich hin, wie es der Jockele
+noch gar nie gesehen hatte. »Mutter, was hast du denn?« sagte er
+verwundert, »tust du vielleicht so wegen den Hosen? Sicher, ich habe
+sie nicht zerreißen wollen, sie sind von selber so aufgeplatzt.« Und
+dabei drängte er sich ganz nah an die Mutter her und streckte sich an
+ihr in die Höhe, um ihr Gesicht zu streicheln.</p>
+
+<p>»Ach du arm's Büblein,« sagte die Mutter und fuhr dem Jockele durch
+sein dichtes, blondes Lockenhaar, »die Höschen, die kann ich wieder
+flicken, da wollte ich nicht seufzen; wenn ich nur alles, was
+auseinander ist, so zusammennähen könnte!« »Was ist denn sonst noch
+auseinander?« wollte der Jockele wissen, »und warum sagst du immer
+›arm's Büblein‹ zu mir?« »Weil du noch so klein bist und hast schon
+deinen Vater verloren, und er ist erst nicht beim lieben Gott, sondern
+in der weiten Welt — und ich kann auch nicht bei dir bleiben, weil ich
+Geld verdienen muß zu Brot und Kleidern und kann dich nicht beschützen
+und zum Guten erziehen — und es könnte dir etwas passieren, so lang
+ich fort bin.« Judith sah so niedergeschlagen und unglücklich aus, daß
+das Büblein gewaltsam nach einem Trostgrund suchte. »Mutter,« sagte es
+nach einer Weile, »sei du nur wieder ganz fröhlich, ich will fortgehen
+und den Vater suchen und dann sage ich ihm, daß er wieder zu uns kommen
+muß, und dann kannst du wieder bei mir bleiben, alle Tage, und alles
+wird wieder, wie es vorher war.« Der Jockele war noch klein, erst
+fünf Jahr alt, aber er war ein sinniges, nachdenkliches Kind und er
+mochte am liebsten bei der Mutter sitzen und sich mit ihr unterhalten.
+Da hatte er dann, solang der Vater da war, es schön gehabt. Da hatte
+die Mutter immer Zeit für ihn gehabt, er war ihr,<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> wenn sie im Hause
+herumhantierte, den ganzen Tag nachgelaufen, aus der Küche in die Stube
+und aus der Stube ins Gärtchen und umgekehrt. Und wenn die Hausarbeit
+getan war und die Mutter setzte sich nieder mit einer Näharbeit, dann
+zog der Jockele sein Bänkchen herbei und die Mutter mußte Geschichten
+erzählen, alte und neue, davon hatte er nie genug bekommen. Vom Vater
+hatte er wenig gewußt, er schlief immer schon, wenn dieser abends von
+der Arbeit nach Hause kam. Das schwebte ihm noch dunkel vor, daß er
+manchmal nachts an einem lauten Gepolter und Geschrei erwacht war und
+des Vaters Stimme war ihm dann unheimlich und furchterregend gewesen.
+Aber weil das schon lange her war, und weil, seit der Vater eines Tages
+nicht nach Hause gekommen und dann ganz ausgeblieben war, die Mutter
+fast gar keine Zeit mehr für den Jockele hatte, sondern nur immer
+Geld verdienen mußte, so wob sich in seinem Kopf die Zeit, da er noch
+einen Vater hatte, zu einem Bild voll Behagen zusammen und es kam ihm
+ganz ausführbar vor, daß er den Vater wieder holen und damit die alten
+Zustände wieder einsetzen könne. — Die Mutter schüttelte den Kopf und
+zog den Jockele an sich. »Ach damit ist's nichts, Kind,« sagte sie.
+»Wir wissen ja gar nicht, wo wir den Vater suchen müßten, die Welt ist
+groß und weit und kein Mensch weiß, wo er hingewandert ist. Und er
+will ja gar nicht mehr heim zu uns; das ist ja grad' das Elend, daß er
+nur für sich allein leben will und hätte doch daheim ein Häuslein und
+ein Weib und so ein herziges Büblein. Nein, nein, holen kannst du den
+Vater nicht, auch wenn du größer wärest und könntest so in die weite
+Welt gehen. Bleib' du nur bei mir und sei mein Trost und meine Freude
+und werde recht brav und fromm, dann können wir zusammen auch wieder
+fröhlich werden.« Jetzt waren unterdessen die Löcher gestopft und der
+Jockele konnte<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> mit den Höslein bekleidet werden. Sonst brauchte er
+nichts anzuziehen, als ein leichtes Kittelchen, denn es war trotz des
+Herbstes noch warmes, sonniges Wetter und er lief leichter davon mit
+seinen nackten Füßchen, als wenn er Schuhe und Strümpfe angehabt hätte.
+Dann wurde noch die Morgensuppe miteinander gegessen und zum Schluß
+betete die Mutter noch einen andächtigen Morgensegen mit dem Kinde und
+befahl es in die Hut des Vaters im Himmel, daß der ihm seine Engelein
+zu Wächtern bestelle, und darüber wurde es ihr selbst auch leichter ums
+Herz.</p>
+
+<p>Sie mußte sich jetzt auf den Weg machen, denn sie hatte fast eine
+Stunde zu gehen und es war inzwischen heller, sonniger Morgen geworden.
+So befahl sie dem Jockele noch einmal an, sich ja nicht zu verlaufen
+und auf alles gut acht zu geben, und trat dann ihre Wanderung an. Sie
+hatte gar vieles zu bedenken bei sich selbst, wie sie da so ganz allein
+auf der Landstraße dahinschritt. Das Gespräch mit dem Kinde hatte
+wieder alle vergangenen Zeiten in ihr wachgerufen. Wie sie einst als
+junges, fröhliches Mädchen im Dienst in der Stadt ihren Daniel kennen
+gelernt und sich gegen den Willen seiner Eltern, die dem einzigen Sohn
+eine reiche Partie gewünscht hatten, mit ihm verheiratet hatte; wie
+sie dann zuerst in allem Glück mit ihm in dem kleinen Häuschen gewohnt
+und sich nicht viel darum gekümmert hatte, daß die Eltern ihres Mannes
+jeden Verkehr mit ihnen abgebrochen hatten. Dann kamen trübe Bilder
+vor ihre Augen, Zeiten, in denen der Daniel, der sonst ein fleißiger,
+geschickter Zimmerarbeiter war, sich, von bösen Kameraden verführt, ans
+Wirtshausleben gewöhnt und ihr und dem kleinen Büblein, das inzwischen
+geboren war, das Leben gar sehr verbittert hatte. Es war noch viel
+schlimmer gekommen; Daniel, bei der fetten Küche und dem stets offenen
+Keller eines Wirtshauses aufgewachsen, bereute jetzt nachträglich,
+daß er ein armes Mädchen geheiratet<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> und sich damit ein einfaches Los
+bereitet hatte; die Eltern hatten ihn verstoßen, das Weib daheim bat
+und weinte, die Kameraden hetzten —, da faßte er eines Tages den
+Entschluß, allem Elend zu entlaufen und sich in der Neuen Welt ein
+neues Leben voll Freiheit und Genuß zu verschaffen. —</p>
+
+<p>Seither lebte Frau Judith mit ihrem Büblein allein in dem Häuschen,
+mühte sich redlich, das tägliche Brot für sich und das Kind zu
+erwerben und den Zins für das Häuschen aufzubringen — es war ein
+arbeitsvolles Leben, und ihre einzige Freude und ihr Trost war der
+fröhlich gedeihende Bub' mit den lachenden blauen Augen und dem
+blonden Krauskopf. Frau Judiths Augen wurden feucht, wenn sie an ihr
+Büblein dachte, und sie faltete fast unbewußt die Hände; sie wollte
+so gern etwas Rechtes, Tüchtiges aus ihm machen und ihn fromm und
+gottesfürchtig heranziehen, daß er ihr nicht auch einmal Kummer und
+Herzweh machte, wie der Daniel seinen Eltern. Denn das hatte sie in
+all' der Trübsal längst eingesehen, daß der Elternsegen ihrem Haus
+gefehlt hatte, und es zog sie mächtig, mit den alten Eltern ihres
+Daniel ins Einvernehmen zu kommen, aber deren Haus war ja für sie
+verschlossen. —</p>
+
+<p>Inzwischen hatte der Jockele zu Haus genußreiche Stunden verlebt.
+Allein gewesen war er schon oft, es war ihm gar nicht bänglich. Zuerst
+fütterte er die drei Hühner, das einzige lebende Besitztum des Hauses,
+dann lief er hinunter an den Bach und warf Kiesel in das klare Wasser,
+vergnüglich die Ringe und Blasen betrachtend, die sich darin bildeten.
+Das nahm ihn solang in Anspruch, bis er Hunger verspürte. Dann ging er
+ins Häuschen zurück und aß seinen Brei, unbekümmert, ob es schon Mittag
+war oder nicht. Er hatte keine andere Uhr als seinen Magen, wenn der
+sich bemerkbar machte, dann aß er. Nach der Mahlzeit grub er in seinem
+kleinen Gärtchen und setzte abgebrochene Blumen hinein, dann fiel ihm
+wieder<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> das Gespräch mit der Mutter und ihr trauriges Gesicht ein, und
+er mußte stark nachdenken, wie es wäre, wenn's anders wäre. Das wollte
+dem Jockele nicht recht einleuchten, daß es gar nicht möglich sein
+sollte, den Vater wieder zu holen. Man mußte nur suchen, bis man ihn
+fand, und ihm dann sagen, daß die Mutter seinetwegen so seufze, dann
+würde er schon mitkommen. Wenn er nur gewußt hätte, wo hinaus man gehen
+müßte! Rechts ging der Weg in die Stadt, dort war er nicht, denn die
+Mutter ging ja so oft dorthin und hatte ihn noch nie gesehen, links kam
+man in einen großen Wald und vor ihm und hinter ihm dehnte sich weithin
+das Ackerland aus. Jockele nahm sich vor, alle Leute, die des Wegs
+daher kämen, zu fragen, vielleicht hatte doch einer den Vater gesehen.
+Es kam aber lang niemand. Erst gegen Abend kam die Kräuterliese mit
+einem Korb voll Hagebutten aus dem Wald. Die lachte nur auf Jockeles
+Frage: »O Kind,« sagte sie, »das weiß nur der liebe Herrgott, wo dein
+Vater hin ist! Guck, dahinten am Wald kommt gerade der Mond herauf,
+wenn man da hinaufsteigen und heruntersehen könnte, da könnte man ihn
+vielleicht finden. Sei du nur froh, Büblein, daß du allein mit deiner
+Mutter bist, so ein Gutedel, wie dein Vater war!« Damit trottete sie
+weiter. Jockele wußte nicht, was ein Gutedel sei, es war ihm auch eins,
+er hatte nur verstanden, daß man vom Mond aus vielleicht sehen könnte,
+wo der Vater sei, und da gerade jetzt die leuchtende Kugel ganz hinten
+am Berg heraufkam, so dachte er, wenn man nur schnell auf den Berg
+liefe, so könnte man ganz leicht hineinsteigen. Das war ja nicht sehr
+weit, bis die Mutter heimkäme, konnte man wieder zurück sein.</p>
+
+<p>Jockele besann sich nicht lang, er lief nur noch schnell ins Haus und
+holte sich seine Kappe, dann zog er aus, gerade auf den Mond zu, in
+den dichten Wald hinein. Er war schon ein<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> gutes Stück fortmarschiert,
+der Weg ging längst zwischen hohen Tannen dahin, nun machte er eine
+scharfe Biegung; von dort aus kam man nicht zum Mond, merkte Jockele,
+so verließ er die Straße und schlüpfte zwischen den Bäumen durch, immer
+das silberne Licht im Auge, das da durchschimmerte. Es stieg höher und
+höher, nun schwebte die silberne Kugel hoch über den Tannen, sonst war
+es ganz dunkel geworden. Das erschreckte den Jockele, so hoch hinauf
+konnte er nicht klettern, das sah er wohl und er mußte nun wohl wieder
+umkehren. Aber woher war er denn gekommen und wo war denn die Straße
+geblieben? Jockele fing an zu laufen, immer — immerfort, nur wußte er
+nicht, daß es gerade die verkehrte Richtung war, die er eingeschlagen
+hatte. Der Wald wollte gar kein Ende nehmen, die Füße taten ihm weh
+und er hatte auch Hunger. Da lichtete sich plötzlich das Dickicht, er
+stand an einem Kreuzweg, den er noch nie gesehen hatte und daran war
+ein Wegzeiger mit einem Ruhebänklein drunter. Es war auch ganz hell,
+denn der Mond stand jetzt ganz hoch am Himmel und lachte dem Jockele
+freundlich zu. Das tröstete das verlassene Büblein wieder ein wenig;
+nun wollte er immer auf dem Weg fortlaufen, bis der Wald ein Ende
+hatte, und am Ende des Waldes sah man ja schon das Häuslein, wo die
+Mutter war. Nur vorher ein wenig ausruhen mußte der Jockele, er war
+sehr müde geworden; so setzte er sich auf das Bänkchen, lehnte den
+Lockenkopf an den Wegzeiger — und schlief ein, süß und fest.</p>
+
+<p>»Hü, Schimmel, vorwärts,« schallte es durch den Wald, eine Peitsche
+knallte und ein schwerer Wagen knarrte auf der stillen Straße. Ein
+weißer Spitzerhund sprang bellend voran, plötzlich blieb er stehen,
+umschnüffelte das Ruhebänklein von allen Seiten und schlug ein solch
+lebhaftes Gekläff an, daß der Fuhrmann verwundert seine Pfeife aus dem
+Mund nahm:<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> »Was hast du nur, Spitz?« fragte er, aber da sah er auch
+schon das schlafende Büblein, das sich durch keinen Lärm in seiner
+Ruhe hatte stören lassen. »Potz tausend,« sagte der Sonnenwirt von
+Kaltenbach, das war der Fuhrmann, und kratzte sich hinter den Ohren,
+»was macht man jetzt da? Ich schätz', das Büble kann man nicht so
+allein liegen lassen, es muß ja doch einem gehören!« Er war abgestiegen
+und zupfte den Jockele an seinem Lockenhaar. »Wem g'hörst, Kleiner?«
+»Meiner Mutter,« sagte der Kleine und blinzelte schlaftrunken in das
+Licht der Wagenlaterne, mit der ihn der Sonnenwirt beleuchtete. »Wie
+heißt denn?« ging das Examen weiter. »Jockele,« war die Antwort.
+»Wie weiter, du mußt doch auch sonst noch einen Namen haben? Ruhig,
+Spitz, kusch dich,« sagte der Sonnenwirt, als er sah, daß Jockele mit
+ängstlichen Augen auf den Hund sah. »Nein, sonst heiße ich nichts
+mehr,« sagte der Jockele nun bestimmt. Er war völlig wach geworden und
+sah groß um sich. »Ja, wo willst denn hin heut nacht noch und wo wohnst
+du?« Jetzt fiel dem Jockele wieder alles ein. »Drum hab' ich wollen
+geschwind in den Mond hineinsteigen, ob ich mein' Vater nicht sehe,
+aber er ist so hoch hinaufgestiegen, da hab' ich nimmer weiter können.
+Und jetzt muß ich ganz schnell heim zur Mutter, sie ist jetzt daheim.
+Zeig' mir den Weg, ich weiß ihn nimmer,« sagte er ganz unerschrocken.
+Der Sonnenwirt war ein bißchen ängstlich geworden, er betrachtete den
+Buben forschend, ob er im Fieber spreche oder am Ende einen »Mondstich«
+habe. Der stand aber schon auf den Füßen und faßte nach seiner Hand und
+sah so hell um sich, krank oder verwirrt war der nicht, das sah man
+wohl.</p>
+
+<p>»Jetzt will ich dir etwas sagen, Büble,« sagte der Sonnenwirt nach
+kurzem Bedenken, »heim kannst du heut nacht nimmer, du weißt den Weg
+nicht und ich auch nicht und 's ist schon nach Mitternacht. Jetzt
+sitzst du da hinauf auf mein' Wagen<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> und kommst mit mir heim in mein
+Haus, da kannst bei mir schlafen.« Der Kleine ließ sich willig in den
+Wagen heben, wo ihm der Sonnenwirt ein Lager von Säcken machte, und
+schlief bald wieder weiter, fest und tief. Er erwachte auch nicht,
+als ihn sein Beschützer aus dem Wagen nahm und ins Haus hineintrug,
+auch nicht, als er entkleidet und in das mächtig große Himmelbett
+gelegt wurde. Er schlief noch lang in den hellen Morgen hinein. Als er
+erwachte, saß in dem Großvaterstuhl an seinem Bett eine alte Frau, die
+hatte die Hände und Füße dick mit Tüchern umwickelt und betrachtete ihn
+aufmerksam. Der Sonnenwirt ging auch schon mit schwerem Tritt in der
+Stube auf und ab.</p>
+
+<p>»Und ich sage dir, das ist dem Daniel sein Bub' und kein anderer,«
+sagte die Sonnenwirtin, denn sie war es, die in dem Großvaterstuhl saß,
+»so sieh doch nur einmal die Augen an und das Kraushaar und das ganze
+Gesicht, der ausgeschnittene Daniel.« »Was weiß man denn, was man sich
+da bei der Nacht ins Haus führt,« sagte der Sonnenwirt mürrisch, »so
+ist's, wenn man so ein mitleidiges Herz hat! Und jetzt wie machen, daß
+man den kleinen Racker wieder los wird?« »Sag' jetzt einmal, Büble,«
+sagte die Sonnenwirtin, als sie sah, daß der Jockele erwacht war und
+mit großen Augen um sich sah, »sag' jetzt einmal, wie deine Mutter
+heißt und wer dein Vater ist und warum du ihn hast suchen wollen.«
+Sofort richtete sich der Jockele auf und berichtete haarklein das
+Gespräch mit der Mutter, und wie er am Abend ausgezogen sei, den Vater
+zu suchen, und verschwieg auch nicht, daß er eben gar keinen anderen
+Wunsch habe, als daß die Mutter wieder immer bei ihm sei.</p>
+
+<p>Das Ehepaar sah einander an, da war ja gar kein Zweifel mehr, das war
+ihr Enkelein; ganz genau das verjüngte Abbild des Sohnes, der einst
+ihres Herzens Freude<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> und nun der Kummer ihrer alten Tage war. »Warum
+hast du deine Händ' so eingewickelt und deine Füß?« unterbrach Jockele,
+der nicht lang still sein konnte, das verlegene Schweigen der beiden
+Alten. »Weil ich die Gicht drin habe und so arge Schmerzen,« seufzte
+die Sonnenwirtin. »Meine Mutter kann einem immer wieder wohl machen,
+wenn's einem weh tut,« sagte Jockele mitleidig, »ich will's ihr nur
+sagen, so kommt sie zu dir; soll sie?«</p>
+
+<p>Die Alten sahen einander wieder an, es hatte jedes so seine Gedanken
+für sich und mochte doch nicht anfangen, sie auszusprechen. »Meine
+Mutter kann gut laufen, der tun die Füße nicht weh und die Hände auch
+nicht, sie kann den ganzen Tag schaffen; kannst du gar nicht?« Jockele
+wurde plötzlich von einem großen Mitleid erfaßt, daß die Sonnenwirtin
+nun so den ganzen Tag dasitzen müsse und sich nicht rühren könne, und
+er hätte ihr am liebsten sogleich die Mutter hergebracht, die nach
+seiner Meinung für alle Schäden Rat und Hilfe wußte. »Nein, du gut's
+Büblein, ich kann nicht laufen und nicht schaffen, alles tut mir weh,«
+sagte die Sonnenwirtin; »aber da wollt' ich noch gar nicht klagen, das
+könnt' ich schon aushalten, aber der ärgste Schmerz, der sitzt mir da
+drinnen, da hab' ich einen Kummer, und da kann mir niemand helfen,«
+und dabei machte sie gerade so ein trostloses Gesicht, wie die Mutter
+gestern früh. »Ach laß doch, das versteht so ein Kleines nicht,« sagte
+der Mann ein bißchen brummig, aber Jockele wußte gut, wie es war, wenn
+man einen Kummer hatte, die Mutter hatte ja auch einen; so sagte er
+ganz verständnisvoll: »Die Mutter hat gesagt, ich soll nur brav sein
+und immer folgen, dann werde sie auch wieder fröhlich. Hast du kein
+Büble?« »Das ist ja gerad' mein Kummer, daß ich einmal eins gehabt habe
+und als es groß war, ist's von mir fortgegangen, weit, weit in die Welt
+hinaus, kein Mensch weiß,<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> wohin.« »Der liebe Gott weiß es aber doch,
+die Mutter hat's gesagt, der wisse alles. Die Kräuterliese hat gesagt,
+man könne es auch sehen, wenn man in den Mond steigt und heruntersieht,
+aber ich komme nicht hinauf. Vielleicht könntest du mit einer Leiter
+hinauf,« wandte sich Jockele an den Sonnenwirt.</p>
+
+<p>Die Alten mußten ein wenig lachen bei dem Vorschlag, die Frau aber
+zupfte ihren Ehegatten verstohlen am Ärmel: »Mein', was das für ein
+gescheiter Kerl ist und so weichherzig. Ich hätte so meine Gedanken;
+den hast du nicht umsonst heut nacht finden müssen. Das Weib muß sich
+plagen und schinden, die wäre am Ende froh, wenn wir für den Buben
+sorgten. Jockele, willst du nicht bei uns bleiben und unser Büble sein,
+da hättest du's gut und dürftest mit den Gäulen fahren und kriegtest
+zu essen, was du magst?« Sie zog bei diesen Worten den Kleinen näher
+an sich und sah ihn erwartungsvoll an. Auch der Sonnenwirt machte ein
+gespanntes Gesicht und stellte sich vor die beiden hin. Jockele war
+gleich fertig mit seinem Entschluß. »Ja, das will ich ganz gern,«
+sagte er bereitwillig, »so komm, so wollen wir gleich fortfahren und
+die Mutter holen. Kann sie dann auch immer mit den Gäulen fahren
+und alles so gut haben?« So war's nicht gemeint gewesen, die Alten
+hatten nur das Büblein gewollt, die Mutter aber nicht; sie sahen sich
+ein wenig verblüfft an, der Jockele fuhr aber fort: »und dann macht
+sie auch gleich, daß deine Hände und Füße nicht mehr so arg weh tun
+müssen und — sie kann dann auch deine Stube ein wenig sauber machen,
+die Mutter macht immer alles ganz sauber.« »Der weiß, wie eine Sache
+sein muß,« sagte beifällig der Sonnenwirt, »der hat nicht umsonst so
+helle Augen im Kopf!« Es war wahr, es sah nicht am schönsten aus in
+der Schlafstube; seit die Frau immer von Gicht geplagt war und selber
+nichts tun konnte, ging es mit der Haushaltung ein wenig zurück. Die
+Mägde hatten<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> mit dem Feld und dem Vieh und der Wirtschaft zu tun, es
+war da auch nicht, wie es sein sollte. Da hätten ein paar junge Hände
+und Füße und ein guter Wille vieles zu bessern und zu helfen gefunden.
+Die Gedanken gingen in aller Eile durch die Köpfe der beiden Gatten,
+sie wußten aber nicht recht, was sie dazu sagen sollten, so schwiegen
+sie wieder still.</p>
+
+<p>Das war nicht nach Jockeles Geschmack, der immer auf alle seine Fragen
+von der Mutter Antwort bekam. Er sprang eifrig aus dem Bett, fing an,
+sich anzuziehen und ermahnte den Sonnenwirt noch einmal: »So komm doch
+und mach' dich auch fertig, ich muß jetzt gleich zur Mutter, sie hat
+sonst Angst, wenn ich so lang nicht heimkomme.« Jetzt fing der Mann
+endlich an zu reden, er hatte einen großen Anlauf dazu nehmen müssen:
+»Weißt, Büblein,« sagte er, »deine Mutter will gar nicht zu uns, zu so
+alten Leuten, die will lieber immer in die Stadt gehen und nähen, du
+könntest ganz gut allein bei uns bleiben, dann wäre ich dein Großvater
+und das deine Großmutter. Paß auf, wieviel Schönes du da findest,
+ich kaufe dir eine Trommel und eine Peitsche und was du sonst noch
+willst.« »Nein, nein, das will meine Mutter gar nicht, sie will nur
+bei mir bleiben,« sagte Jockele entrüstet. »Und ich habe auch selber
+einen Großvater und eine Großmutter, ich muß alle Abend beten: Und
+mach' auch, lieber Gott, daß meine Großeltern nicht mehr bös sind auf
+die Mutter und mich.« »So, so, das betest du? Ja warum sind denn die
+Großeltern bös auf euch?« fragte die Frau, es war ein eigentümlicher
+Ausdruck in ihr Gesicht gekommen, man wußte nicht, ob sie lachen oder
+weinen wollte. »Weil sie so reich sind und so viel Geld haben, und
+meine Mutter hat keins und ich auch nicht, deswegen wollen sie uns gar
+nicht sehen. Aber der liebe Gott kann schon noch machen, daß sie uns
+noch<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> lieb haben, hat die Mutter gesagt. Und ich muß sie auch lieb
+haben, denn sie sind so arm, weil sie keinen Menschen mehr haben, der
+ihnen gehört,« berichtete Jockele ernsthaft. Der Sonnenwirtin waren
+Tränen in die Augen getreten, und ihr Gatte ging mit starken Schritten
+auf und ab und räusperte sich stark.</p>
+
+<p>Der Sonnenwirt blieb vor dem Jockele stehen, strich ihm mit der Hand
+über das Lockenhaar und sagte: »Geh du jetzt nur einmal hinaus und sag
+der Küchenmagd, daß sie dir ein großes Butterbrot und eine Schüssel
+Milch geben soll. Und dann gehst du zu dem Johann in den Stall und
+siehst, ob die Gäule schon gefressen haben. Ich rufe dir dann, wann
+ich fertig bin.« Das war eine neue Aussicht! Jockele ging eifrig auf
+den Vorschlag ein, und nun waren die Alten allein. »Was sagst du jetzt
+dazu, Mann? so red' doch auch ein Wort,« fing endlich die Frau an, als
+der Sonnenwirt immer am Fenster stand und so angelegentlich hinaussah,
+als ob da draußen etwas ganz Neues, Interessantes zu sehen wäre. Der
+Angeredete drehte sich um: »Das sag' ich dazu, daß wir alle beide uns
+selber den größten Schaden täten, wenn wir das Büblein nicht zu uns
+nähmen. Ist's doch unser leibhaftiges Enkelein, und ich meine, wir
+haben nicht viel übriges an eigenen Leuten. Der Bub hat mir ganz wohl
+gemacht, so etwas haben wir schon lang nicht mehr um uns gehabt.« »Aber
+die Mutter, die Judith?« warf die Frau zweifelnd ein; »du siehst's ja,
+der Bub will nicht bei uns sein ohne sie und sie selber — ich sag'
+dir, die gibt das Kind nicht her und wenn man ihr die Stube mit Talern
+pflastern wollte.«</p>
+
+<p>»Ja, siehst du,« der Sonnenwirt stockte ein wenig, es fiel ihm gerade
+nicht leicht, das zu sagen, was er jetzt wollte — »siehst du, mit der
+Judith — ich hab' schon oft gedacht, ob wir nicht doch einen Fehler
+gemacht haben mit ihr. Sie soll<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> so brav sein und fleißig, hab' ich
+schon oft sagen hören, und wenn ich sehe, wie sie den Buben aufzieht
+und lehrt ihn gegen uns auch gar keinen Groll und Zorn hegen, es ist
+ein Prachtskerl! Und dann hab' ich gedacht, sie hat junge Füße und
+Hände und könnte bei uns nach dem Rechten sehen, wenn du doch nicht
+fort kannst!« Die Sonnenwirtin ließ den Mann nicht ausreden. »Komm
+her zu mir, Alter,« sagte sie, »und gib mir eine Hand! Wenn die
+Judith will — und wegen dem Kind wird sie wohl wollen, so soll sie
+uns Gottwillkommen sein im Haus. Und jetzt spanne nur gleich ein, ich
+denke nicht, es könnte uns gereuen, aber denk, in was für einer Angst
+das Weib sein muß um den kleinen Buben. Das muß ihr ja fast das Herz
+abdrücken!«</p>
+
+<p>Es dauerte kaum fünf Minuten, so standen die stattlichen Braunen
+im Geschirr vor dem Bernerwägele, und Jockele saß stolz auf dem
+Kutscherbock und hatte die Zügel in den Händen. »Da sieh, was das
+für einen Fuhrwerker gibt,« sagte der Sonnenwirt wohlgefällig zu
+seiner Frau, die sich nicht satt sehen konnte an dem Buben. »Bring
+ihn auch gewiß wieder mit, komm mir nicht heim ohne ihn,« sagte sie
+immer wieder, sie wäre am liebsten selbst mitgefahren. »Ich sag's
+ihm erst unterwegs, daß wir die Großeltern sind, ich muß ihn vorher
+noch zutraulicher machen,« sagte der Sonnenwirt beim Abschied. Er
+nahm sich vor, beim Krämer des großen Marktfleckens, durch den sie
+zu fahren hatten, allerlei einzukaufen, was ein Kinderherz erfreuen
+konnte. Der alte Mann hatte plötzlich in seinem Herzen einen ganzen
+Schatz von Liebe für den helläugigen Burschen entdeckt, es war ihm ganz
+warm geworden davon. Jockele sah aber nicht aus, als ob er zutraulich
+gemacht werden müßte. Er lachte mit dem ganzen Gesicht, als die Braunen
+anzogen! »Adieu, wir kommen ganz bald wieder und bringen die Mutter
+mit,« rief er der nachschauenden<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> Sonnenwirtin fröhlich zu bei der
+Abfahrt. Dann entschwand das Fuhrwerk ihren Blicken.</p>
+
+<p>Frau Judith war in großem Jammer gewesen, als sie bei ihrer Heimkunft
+das Häuschen leer fand und auch ihr Büblein nicht an seinem gewohnten
+Spielplatz am Bächlein entdecken konnte. Sie hatte überall gesucht, wo
+sie nur denken konnte, daß er möglicherweise zu finden sein könnte.
+Bis in die tiefe Nacht hinein war sie gelaufen und gelaufen, an den
+Erdbeerplatz im Wald, wo sie mit Jockele einmal gewesen war, ins
+nächste Dorf, wo er schon mit ihr in einige Kundenhäuser gegangen war
+— umsonst. Niemand hatte den Kleinen gesehen, keine Spur fand sich
+von ihm. Sie kehrte immer wieder ins Häuschen zurück, jedes Winkelchen
+aussuchend, wohl hundertmal seinen Namen rufend. Dann machte sie der
+Jammer ganz starr. Auf dem Bänklein vor dem Haus saß sie vollends
+die ganze Nacht, zusammenfahrend, so oft ein Vögelein schlaftrunken
+in seinem Nest zwitscherte oder ein fernes Wagengerassel sich hören
+ließ. »Das ist eine Strafe von Gott, der dir jetzt auch noch dein
+einziges Kind wegnimmt, wie du den Eltern deines Mannes das einzige
+Kind genommen hast,« kam es über sie und wieder ging sie ruhelos auf
+und ab und rief lauthin durch die Nacht: »Jockele, mein Büble, wo
+bist du?« — bis sie, übermüdet, auf dem Bänklein einschlief, noch im
+Halbschlaf betend, als säße sie am Bettchen ihres Kindes: »Breit aus
+die Flügel beide, o Jesu meine Freude, und nimm dein Küchlein ein. Will
+es der Feind verschlingen, so laß die Englein singen: Dies Kind soll
+unverletzet sein!«</p>
+
+<p>Die Sonne stand hoch am Himmel. Frau Judith hatte sich eben zum
+Fortgehen gerüstet. Sie wollte in alle Nachbardörfer gehen und Anzeige
+machen; spurlos konnte ja doch so ein Kind nicht verschwinden. Da fuhr
+mit lautem Peitschenknall ein Wagen vor dem Häuschen vor und — Frau
+Judith<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> mußte sich am Tisch halten, so zitterte ihr das Herz vor Freude
+— schon von weitem hallte laut die fröhliche Stimme ihres Bübleins:
+»Mutterle, Mutterle! da bin ich und das ist der Großvater und bös ist
+er gar nicht mehr!« Das war ein fröhliches Wiedersehen! Frau Judith
+verstand's zwar nicht gleich, was es heißen sollte, als Jockele anfing
+zu erzählen: »Weißt, Mutterle, zuerst habe ich wollen in den Mond
+hineinsteigen und den Vater suchen, aber ich habe dann doch nicht
+können — und dann ist der Großvater gekommen, aber ich habe nicht
+gewußt, daß er's ist, und dann habe ich in der Sonne geschlafen, die
+gehört dem Großvater. Und du mußt jetzt gleich mitkommen und machen,
+daß der Großmutter ihre Hände und Füße nicht mehr so wehe tun« — aber
+der Großvater wird's ihr ja wohl erklärt haben. Wenigstens fuhren auf
+dem Bernerwägelein drei fröhliche Menschen der Sonne zu und haben
+nachher einander die Heimat darinnen lieb und wert gemacht.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span></p>
+
+<h2>16. Aus dürrem Erdreich.</h2>
+</div>
+
+<p>Die Schulkinder von Rötenberg hatten heute einen wichtigen Tag. Zuerst
+war am Morgen keine Schule gewesen, weil der alte Herr Schullehrer
+schon gestern abgereist war, um seine neue Stelle an der Stadtschule
+anzutreten. Und nun, am Nachmittag, gab es ungeheuer viel zu sehen, da
+konnte man das Schulhaus keinen Augenblick aus den Augen lassen.</p>
+
+<p>Denn da sollte der neue Lehrer einziehen, der nun jede Minute ankommen
+konnte, und damit hing vielerlei Merkwürdiges zusammen. Vor einer
+Stunde war der hochbepackte Frachtwagen angekommen und mit ihm, vorn
+auf dem Kutschbock beim Fuhrmann sitzend, ein junges Mädchen, das flink
+abgestiegen war und nun schon tüchtig unter den Möbeln und Betten
+hantierte. Der Fuhrmann half beim Abladen und der Kirchendiener mit
+seinem Weib war gleichfalls zur Hilfe angestellt und die Schuljugend
+hatte es wichtig mit dem Zusehen. Das junge Mädchen war die Schwester
+des neuen Lehrers und sie wollte bei ihm bleiben und ihm den Haushalt
+führen, denn er hatte keine Frau. Da mußte man sie schon aufmerksam
+betrachten. Sie trug ein einfaches blaues Kleid und hatte einen dicken
+braunen Zopf hinten aufgesteckt und ihr Gesicht sah ernsthaft, aber
+gar nicht unfreundlich aus. Zur Arbeit hatte sie eine große gestreifte
+Schürze angezogen und jetzt wendete sie sich an die müßigen Buben und
+Mädchen: »Höret, wenn ihr so gut Zeit habet, so könnet ihr mir ein
+bißchen helfen. Da, die vielen Blumentöpfe stellt man hinten in den<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span>
+Garten, alle auf das niedrige Mäuerchen. Und die Besen und Kochtöpfe
+könnet ihr in die Küche tragen, ihr habt junge Füße. Halt, nicht alle
+auf einmal. Zwei Buben und zwei Mädchen, das ist genug. Wer will?«</p>
+
+<figure class="figcenter illowp87" id="illu-222" style="max-width: 62.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-222.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<p>Es gab eine Verlegenheitspause. Die Mädchen zupften an ihren Schürzen
+und kicherten und die Buben stießen und pufften einander, aber helfen
+wollten sie doch gern, sie mochten es nur nicht sagen. Fräulein Margret
+kannte das aber schon. Sie suchte sich ein paar feste Buben aus und
+unter den Mädchen zwei, die schon ein wenig verständig und besonnen
+aussahen; die andern tröstete sie: »An euch kommt's schon auch noch.
+Wenn es dann Holz zu tragen gibt, dann kann man viele Helfer brauchen.«</p>
+
+<p>Die Auserwählten gingen mit Eifer ans Werk und die Arbeit schritt
+rüstig voran.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span></p>
+
+<p>Das Schulhaus war groß, aber alt und ein wenig verwahrlost. Es sah
+nicht besonders freundlich aus mit seinen trüben Fenstern und dem
+wackeligen Lattenzaun am Vorgärtchen. Jetzt war noch Frühjahr, und
+der Garten, der dieses Jahr noch gar nicht angepflanzt war, machte
+auch einen unordentlichen Eindruck. Wer wollte, konnte hier viel zu
+tun finden. Fräulein Margret sah sich um und machte nicht gerade ein
+erfreutes Gesicht. Es werde schon eine Weile dauern, bis man sich hier
+heimisch fühlen könne, dachte sie. Da sah sie, ein wenig entfernt von
+den andern Kindern stehend, einen barfüßigen Buben, der am Zaun lehnte.
+Er stand ganz allein und sein Gesicht sah mindestens so aus, als ob
+er sich nicht heimisch fühlen könne. Als das junge Mädchen sich die
+Hilfstruppen ausgewählt hatte, war er ein bißchen näher hergekommen.
+Er hätte sich auch gern anstellen lassen. Aber man hatte ihn nicht
+bemerkt und so war er wieder an den Zaun zurückgekehrt. Fräulein
+Margret mußte noch ein paarmal zu ihm hinübersehen. Er hatte rotes
+Haar und ein sommersprossiges Gesicht und mit den Zähnen biß er fest
+auf die Unterlippe. »Wer ist der Bub? Warum steht er ganz allein und
+abseits von den andern?« fragte Fräulein Margret einmal das Mädchen,
+das ihr einen Korb tragen half. Das Mädchen machte ein geringschätziges
+Gesicht. »O, das ist der Geißlipp,« sagte sie. »Der weiß, warum er so
+allein ist. Es will keiner etwas von ihm wissen, er ist unartig für
+zwei und faul für drei. So hat immer der Herr Lehrer gesagt.« Fräulein
+Margret sagte nichts auf den Bericht. Es gab jetzt gerade so viel zu
+tun und dann mißfiel ihr auch das Urteil.</p>
+
+<p>Jetzt entstand eine Bewegung auf dem freien Platz vor dem Hause. Denn
+um die Ecke am Rathaus war eben ein offenes Fuhrwerk gefahren und darin
+saß der Herr Lehrer und noch der Schultheiß und der Stiftungspfleger,
+die ihn an der Bahn abgeholt hatten. Fräulein Margret winkte grüßend
+zum<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span> Fenster heraus und die Schuljugend ballte sich auf einen Knäuel
+zusammen, denn jetzt wollte keines gern ganz vornen stehen. Das war der
+ganze Empfang. Er war nicht besonders festlich, aber man war es eben in
+Rötenberg nicht anders gewöhnt. Der Herr Lehrer stieg aus, schüttelte
+den Männern noch die Hand und dann schritt er auf das Haus zu.</p>
+
+<p>Zum Fürchten sah er nicht gerade aus. Er war ein bißchen klein und
+hatte ein freundliches, rundes Gesicht und blondes Haar. Der alte
+Lehrer hatte einen langen schwarzen Bart gehabt. Die kecksten Buben
+sagten schon untereinander: »Der tut einem nichts,« da wandte sich der
+Lehrer noch einmal um und sah sich sein Häuflein prüfend an. »Grüß
+Gott, ihr Kinder,« sagte er. »Morgen kommen wir dann schon zusammen, da
+wollen wir einander dann kennen lernen.« Ein paar von den Buben rissen
+jetzt noch die Kappen herunter und dann zerstreute sich die Schar nach
+und nach. Denn für heute gab es da nichts Besonderes mehr zu erfahren.</p>
+
+<p>Es war am späten Abend dieses Tages. Vom Kirchturm her hallte die
+Betglocke. Da und dort trieb noch ein Knecht seine Kühe vom Brunnen
+in den Stall und knallte so ein wenig dazu mit der Peitsche.
+Die Hauptstraße herauf kam langsam der Botenfuhrmann mit seinem
+hochbepackten Wagen und den festen Gäulen davor gefahren und unter den
+Haustüren saßen die Leute und hatten Feierabend. Vor dem Schulhaus
+sah man nichts mehr, was an den Einzug hätte erinnern können. Die
+Schulkinder hatten ihre Hilfeleistung damit beschlossen, daß sie den
+Platz schön reingekehrt hatten. Und dann waren sie mit vergnügten
+Gesichtern abgezogen, denn sie hatten ja nicht umsonst geschafft. »Der
+Lehrer ist brav, da ist mir's nicht angst,« sagte des Polizeidieners
+Andres zu seinem Kameraden. »Aber seine Schwester ist eine Stolze,«
+meinte der, »ich bin schon froh, daß man nicht zu ihr in die Schule
+muß.« Das war auf dem Heimweg<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> gewesen. Eben kamen sie an dem kleinen
+Häuschen vorbei, in dem der Geißlipp wohnte. Eigentlich hieß er Philipp
+Berner und sein Vater hieß auch so. Aber er hieß im ganzen Dorfe nur
+der Geißlipp, weil er hinten in dem Bretterverschlag am Häuschen
+zwei Geißen stehen hatte, die sein ganzer Reichtum waren. Der Vater
+arbeitete im Taglohn bei der Gemeinde und der Sohn versorgte neben
+der Schule her die zwei Geißen. Und beide waren sie nicht beliebt im
+Dorf. Der Geißlipp saß, als die Buben herankamen, auf dem Bänkchen an
+der niedrigen Haustür. Er hatte einen Tafelscherben auf den Knien und
+kritzelte darauf. Als er die Kameraden sah, fuhr er schnell mit der
+Hand darüber, denn sie sollten nicht sehen, was er tat. Die andern
+aber blieben nicht bei ihm stehen. »Du kannst dich dann in acht nehmen
+morgen,« rief des Bachbauern Jakob herüber. »Der Lehrer wird's bald
+wissen, was du für einer bist.« »Ja und an deinem Namen steht im Buch
+ein rotes Kreuz, der Büttel hat's gesagt, der hat's gesehen,« fügte
+Andreas hinzu. »Dich möcht' ich nicht sein.«</p>
+
+<p>Der Geißlipp fuhr mit der Hand in die Tasche und brachte einen Stein
+heraus. Das mußte aber den andern nichts Neues sein, denn sie merkten
+gleich, was er wollte, und verschwanden schnell hinter der Hecke. Da
+war der Geißlipp wieder allein. Er ließ den Stein fallen und biß die
+Zähne wieder übereinander. »Ich krieg euch doch noch,« murmelte er
+dann. »Ich finde dann schon noch etwas aus, daß ihr eine Weile genug
+habt.« Aus dem Häuschen rief eine tiefe Stimme: »Marsch herein jetzt
+ins Bett.« Das war der Vater, der sich schon zur Ruhe begeben hatte.
+Da verbarg der Bub seinen Tafelscherben in einem sicheren Versteck und
+ging ins Haus.</p>
+
+<p>Die beiden sprachen nicht viel miteinander. Der Vater war ein
+finsterer, wortkarger Mann. Er war einmal, als sein Sohn noch ganz
+klein war, ein paar Jahre im Zuchthaus gewesen,<span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span> weil er im Zorn einen
+verwundet hatte. In der Zeit war sein Weib gestorben und den Kleinen
+hob man so lang im Armenhaus auf. Seit der Vater wieder da war, lebten
+die zwei miteinander in dem Häuschen und waren fast mit niemand gut
+Freund. Der Sohn wußte es gar nicht anders, als daß er ein böser Bube
+sei, vor dem man sich in acht nehmen müsse. Das hatten die Leute
+schon zu ihm gesagt, seit er sich denken konnte. »Der wird gerade wie
+sein Vater,« sagten sie. Und Philipp gab sich gar keine Mühe, anders
+zu sein, als so, wie er war. Wenn ihn die andern Buben neckten und
+höhnten, so fuhr er unter sie mit geballten Fäusten oder warf mit
+Steinen und es gab fast keinen in der Schule, dem er nicht schon einen
+Schabernack angetan hatte. So kam es denn, daß auch der Lehrer kein
+Freund des Geißlipp gewesen war, und er zweifelte gar nicht, daß das
+mit dem neuen ebenso werden würde. Nämlich so, daß er fast jeden Tag
+irgend eine Strafe bekommen und im übrigen der schlechteste Schüler
+sein werde. Er ging jetzt drei Jahre in die Schule und seither war es
+immer so gewesen. Manchmal blieb er dann auch ein paar Tage ganz weg,
+bis der Vater dahinterkam und ihn hineintrieb.</p>
+
+<p>Jetzt kroch der Sohn in sein Bett. Er hatte ein gutes, eigenes, denn
+es war das seiner Mutter. Aber es sagte ihm niemand freundlich und
+liebevoll gute Nacht und so war sein Gesicht auch im Schlaf noch
+finster.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es war eine Woche später. Fräulein Margret hantierte emsig im Garten.
+Dort waren am Tag vorher die Beete umgegraben worden und nun mußte sie
+sich tüchtig umtun, daß da etwas hineinkomme. Sie sah überhaupt so viel
+Arbeit vor sich für die nächste Zeit, daß sie kaum wußte, wo anfangen.
+Aber es machte ihr Freude, so fleißig zu sein. Denn sie hatte<span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span> seither
+fremden Leuten gedient und nun hatte sie ein eigenes Reich und konnte
+mit ihrem Bruder darin wohnen. Es wurde ihr immer heimlicher in dem
+alten Schulhaus. Sie war jetzt mit ihrem Samensäckchen ganz nahe an den
+Lattenzaun hergekommen, da sah sie zwischen den Stäben, fest an den
+Zaun gedrückt, den gleichen Bubenkopf in den Garten hereinstarren, der
+ihr beim Einzug schon aufgefallen war. »Faul für zwei und unartig für
+drei,« hatte das Mädchen damals gesagt. Das fiel dem Fräulein nun ein.
+Von der Schule her tönte Gesang, sie war noch lange nicht aus. Also
+hatte der Junge den Unterricht geschwänzt.</p>
+
+<p>Als er sah, daß Fräulein Margret den Kopf nach ihm hinwandte, drehte
+der Geißlipp sich langsam um und wollte davonschleichen.</p>
+
+<p>Aber Fräulein Margret hatte nicht im Sinn, ihn nur so laufen zu lassen.
+»Halt einmal,« rief sie. »Warum läufst du mir davon? Ich tue dir ja
+sicher nichts.« Der Bube blieb stehen und sah sich zweifelnd um, was
+er nun tun solle. »Komm hierher,« fuhr Fräulein Margret fort, »hast du
+mir zusehen wollen? Oder hättest du gern etwas gehabt?« Der Geißlipp
+schüttelte nur stumm den Kopf und sah scheu auf. Merkwürdig, Fräulein
+Margret dachte nun gar nicht, daß das unartig von dem Buben sei, ihr
+keine Antwort zu geben; sie streckte die Hand durch den Lattenzaun
+und bot sie dem Geißlipp. »Du kannst durch das Türchen hereinkommen,«
+sagte sie. »Ich könnte gerade einen Helfer brauchen, der den Korb voll
+Steine und Unkraut mit mir wegträgt. Willst du?« Der Geißlipp drehte
+den Kopf nach der Richtung hin, aus der die Töne des Gesangs herkamen,
+und sah unsicher aus. Er wäre gern hereingekommen, aber er konnte ja
+nicht, er hätte vom Lehrer entdeckt werden können. »Jetzt will ich dir
+etwas sagen,« sagte Fräulein Margret. »Du hast die Schule geschwänzt,
+gelt? Und jetzt mußt du Angst haben, gesehen zu werden und Strafe zu
+bekommen. Ist's<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> nicht so?« Der Bube nickte nur und hob schon den
+Fuß zum Davonlaufen, aber Fräulein Margret machte gar kein drohendes
+Gesicht. Und sie fuhr auch gleich fort: »Du mußt mir sagen warum du
+das tust. Denn es freut dich selber nicht, das sieht man deutlich an
+deinem Gesicht. Gelt, es wäre dir selber auch lieber, wenn du wie die
+andern ordentlich in der Schule sitzen würdest und man dann auch eine
+Freude an dir haben könnte?« Diesen letzteren Fall konnte sich nun der
+Geißlipp nicht recht vorstellen, es hatte noch nie jemand eine Freude
+an ihm gehabt. Er wollte aber nun doch Antwort geben und sagte: »Der
+Lehrer haut mich, wenn ich hineingehe. Der Schulzenfritz findet seine
+Kappe nimmer und sie sagen alle, ich habe sie genommen. Sie haben's
+schon dem Lehrer gesagt.«</p>
+
+<p>»Und es ist nicht wahr?« fragte Fräulein Margret.</p>
+
+<p>Der Geißlipp schüttelte den Kopf und biß sich auf die Unterlippe.</p>
+
+<p>»Dann sag's doch dem Lehrer, daß es nicht wahr ist,« ermunterte sie.
+»Siehst du, ich glaub dir's, daß du die Kappe nicht hast, und er glaubt
+dir's auch, sicher.«</p>
+
+<p>Der Geißlipp sah erstaunt auf. So etwas sagte sonst niemand zu ihm.
+Ganz einfach: »ich glaub dir's, daß du es nicht getan hast.« Er hätte
+es laut hinausschreien mögen. Aber es kam nicht heraus.</p>
+
+<p>»Und jetzt kommst du da herein und hilfst mir den Korb tragen,« sagte
+Fräulein Margret. »Wenn dich der Lehrer sieht, sagen wir ihm, wie es
+ist. Und heute nachmittag gehst du in die Schule. Er glaubt dir, wenn
+du sagst, was wahr ist, ich verspreche dir's.«</p>
+
+<p>Dem Geißlipp war zumute, als ob es sich auf einmal wieder verlohne, zu
+leben. Er kam in den Garten herein und half den Korb tragen, und als er
+die vielen Brennesseln hinten an der Mauer sah, sagte er: »Die Geißen
+fressen's erst noch<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span> gern und« — er wurde rot. Er hatte noch sagen
+wollen: »Ich will sie alle herausreißen, daß da der Platz sauber wird.«
+Aber es fiel ihm ein wenig schwer, so viel zu sagen. Fräulein Margret
+hatte aber eine merkwürdige Gabe, auch das nicht Ausgesprochene zu
+verstehen. Sie sagte freundlich: »Ja, so komm dann morgen nachmittag.
+Da hast du frei. Es ist uns beiden geholfen, wenn du die Nesseln holst.«</p>
+
+<p>Jetzt mußte sie ins Haus, denn da erschien eine Bäuerin unter der Tür.
+Diese trug eine Schüssel mit Mehl und hatte Eier in der Schürze und
+ein Anliegen wegen ihrer drei Buben auf dem Herzen. Sie warf einen
+erstaunten Blick auf den Geißlipp, der da im Garten stand und sagte zu
+Fräulein Margret: »Das ist ein Heimtückischer, vor dem muß man sich
+in acht nehmen. Das ganze Dorf kann davon sagen.« Fräulein Margret
+sah gar nicht so aus, als ob sie sich nun auch vor dem Heimtücker in
+acht nehmen wolle. Sie hatte ganz andere Gedanken. Aber sie sagte nur
+ruhig: »So viel ich weiß, hat der Bub keine Mutter. Da wird ein Kind
+leicht anders, als man es gern hätte. Man kann Gott danken, wenn man es
+in seiner Kindheit besser gehabt hat.« »Ist auch wahr,« gab das Weib
+zu, »wiewohl, bei dem Geißlipp liegt's im Blut, der Vater ist ein ganz
+Schlimmer.«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<figure class="figcenter illowp85" id="illu-230" style="max-width: 62.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-230.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<p>Der Geißlipp lag lang ausgestreckt an einem grasigen Rain. Das Grastuch
+mit dem Geißenfutter, das er jetzt gerade gesammelt hatte, lag daneben
+und die Sichel steckte im Boden. Es war ein schöner, sonniger Abend. In
+der blauen Luft flogen die Schwalben und haschten sich Mücklein und im
+Gras zirpten die Grillen, und der Geißlipp sah den weißen, ziehenden
+Wolken nach. Vom Spielplatz her tönten laute, lustige Stimmen bis hier
+heraus. Die Dorfkinder belustigten sich da, die großen und
+<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span>
+die kleinen, es war ein fröhliches Durcheinander von Tönen. Der
+Geißlipp hatte auch schon probiert, mitanzukommen, aber das Vergnügen
+war meist kurz gewesen. Denn wenn ihn die andern Buben zu stark geneckt
+hatten, so hatte er sie dann geschlagen oder mit Steinen geworfen und
+dann waren alle auf ihn eingedrungen. Sie hielten eben zusammen gegen
+ihn. Jetzt war er schon lange nicht mehr hingegangen. Es war auch so
+eine Art von Vergnügen, hier außen zu liegen und sich auszudenken, was
+für seltsame Gebilde die Wolken gaben. Da war eine große Anzahl kleiner
+Lämmerwölkchen, hinter denen eine einzige, große Wolke herkam. Nun
+stieß sie daran und nun überzog sie die kleinen. »Das könnten die Buben
+sein,« dachte der Geißlipp beifällig, »und das große der Lehrer mit dem
+Stock. Oder ein Bär, wenn's das gäbe bei uns. Ich möchte dann schon,
+daß sie<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> einmal alle« — Der Geißlipp konnte seine schlimmen Gedanken
+nicht mehr ganz ausdenken, denn es wurden auf einmal Stimmen laut
+und als er aufsah, standen der Lehrer und Fräulein Margret vor ihm.
+Aufspringen und davonlaufen, das wäre sonst das erste gewesen bei dem
+Geißlipp. Heute machte er keinen Versuch dazu. Er erhob sich langsam
+und zupfte sich ein wenig am Haar. Das mußte als Gruß gelten, weil er
+keine Kappe auf hatte. Und über sein Gesicht kam ein Freudenschein, der
+rührte von Fräulein Margret her. Denn diese konnte gar nicht glauben,
+daß der Geißlipp ein so ganz verdorbener Bube sein sollte, und so oft
+sie ihn sah, sagte sie freundlich: »Grüß Gott, Philipp« und wußte ihn
+nach allem Möglichen zu fragen, was sonst niemand von ihm wissen wollte.</p>
+
+<p>Sie war auch schuld, daß der Geißlipp schon seit ein paar Wochen keinen
+Tag mehr die Schule versäumt hatte. Denn sie hatte ihn einmal zu sich
+in die Laube genommen und gesagt: »So, nun merk wohl auf. Kein Mensch
+muß faul und ungehorsam sein, wenn er nicht will. Du auch nicht. Du
+mußt nicht meinen, weil du schon lang so seiest, müssest du nun immer
+so sein. Und fürchten mußt du dich auch nicht und vor niemand. Siehst
+du, etwas steckt in dir, etwas Gutes, ich kann's schon deutlich merken.
+Jetzt gehst du immer in die Schule und tust nur ganz ruhig, wie du
+sollst und denkst nicht immer daran, wo etwa Streit anzufangen wäre.
+Paß auf, dann wird's nach und nach besser. Und auf einmal merken es
+die andern auch, daß das nicht mehr der alte Philipp ist, sondern ein
+anderer.«</p>
+
+<p>Der Geißlipp hatte der Unterweisung aufmerksam zugehört und obgleich
+er noch lang nicht glauben konnte, daß das so gut kommen werde, wie
+seine Beschützerin sagte, so wollte er es doch probieren. Sie hatte
+ja gesagt: »Ich kann es jetzt schon merken,« da war es vielleicht
+doch wahr. Und wenn der Geißlipp am Garten vorbeiging, so nickte ihm
+Fräulein Margret jedesmal so<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> aufmunternd zu, daß es ihn den ganzen Tag
+freute. Der Lehrer wußte bis jetzt noch nichts von seiner heimlichen
+Helferin, aber so ganz schlimm kam ihm der Bube auch nicht mehr vor.
+Nur waren es so viele Kinder, daß er bis jetzt unmöglich die einzelnen
+so genau hatte kennen lernen können. Aber er hatte ein freundliches und
+mildes Wesen und brauchte den Stock nur, wenn er mußte. Der Geißlipp
+fürchtete ihn nicht, wenigstens lange nicht so sehr wie die Leute im
+Dorf und vor allem die Buben, und das Leben kam ihm jetzt schöner vor
+als früher.</p>
+
+<p>»So, das ist ganz geschickt, daß wir dich gerade da treffen,« fing
+Fräulein Margret sogleich an, als sich der Geißlipp aus dem Gras
+erhob. »Siehst du, wir haben so große Sträuße im Wald geholt und nun
+möchten wir noch einen Besuch machen und können sie da natürlich nicht
+brauchen. Du könntest sie uns vielleicht heimtragen.« Der Geißlipp sah
+etwas besorgt auf sein Grasbündel und die Sichel. Er wußte sich nicht
+recht zu helfen damit. »Wenn du das Futter zuerst heimtragen mußt,«
+sagte der Lehrer, »das schadet nichts. Bis an dein Haus haben wir doch
+den gleichen Weg, dann gehen wir so weit mit dir.«</p>
+
+<p>Der Geißlipp hätte nur gewünscht, daß die Dorfbuben zusehen könnten,
+wie er so dahinschritt, das Grasbündel auf dem Kopf und die Sichel
+in der Hand, zwischen dem Lehrer und dem Fräulein. Er, der allezeit
+verachtete und ausgestoßene Geißlipp, zu dem nur allein Fräulein
+Margret immer seinen ganzen Taufnamen sagte. Der Vater sagte meistens
+nur »Bub«, aber er sagte überhaupt nicht viel.</p>
+
+<p>Er schien eben vom Taglohn heimgekommen zu sein, denn die Haustür stand
+offen und ein qualmender Rauch kam da heraus.</p>
+
+<p>Als er Schritte hörte, streckte er den Kopf einen Augenblick zu dem
+kleinen Schiebfensterchen neben der Haustüre heraus, zog ihn aber
+schnell wieder zurück.</p>
+
+<p>»So,« sagte Fräulein Margret unbefangen, als sie an dem<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span> Häuschen
+waren, »jetzt kannst du geschwind dein Futter hineintragen und so
+lang setzen wir uns auf das Bänklein, denn wir haben einen weiten Weg
+gemacht. Das darf man doch?«</p>
+
+<p>Der Geißlipp sah so maßlos verwundert aus, daß die beiden lachen
+mußten. Das sah man deutlich, daß er nicht gewohnt war, Gäste zu haben.
+»Es raucht so,« brachte er nur heraus. »Schadet nichts,« sagte Fräulein
+Margret gleichmütig, »das Holz wird naß sein. Kocht dein Vater?«</p>
+
+<p>Der Geißlipp nickte nur und dann verschwand er im Stall.</p>
+
+<p>Unterdessen war der Vater in keiner kleinen Aufregung in seiner
+halbdunkeln Küche. Er hatte seit Jahren niemand mehr in seinem Haus
+gesehen und hatte sich allmählich daran gewöhnt, am Tag allein bei
+seiner Arbeit an der Landstraße oder im Gemeindewald oder auf seinem
+Äckerlein zu sein und abends allein mit dem Buben in seinem Häuschen.
+»Ich will von niemand etwas und die Leut sollen mich in Ruh lassen,«
+war so seine Rede. Und doch sehnte er sich so manchmal heimlich, auch
+wie ein anderer Mensch unter Menschen zu leben. Die neuen Lehrersleute
+hatten ihn auf der Straße schon ein paarmal freundlich gegrüßt und
+jetzt besann er sich, ob er herauskommen solle und sie auch grüßen oder
+nicht. Aber Fräulein Margret besann sich gewöhnlich nicht lang, bis sie
+mit jemand ein Gespräch anfing. Ihr Bruder mußte sich immer ein wenig
+über seine junge Schwester wundern, denn ihm fiel das nicht so leicht.
+»Ach, mir kommt ein guter Gedanke,« rief sie lebhaft. »Da sind wir nun
+ganz geschickt hergekommen. Das Annele muß Geißmilch trinken, wenn es
+hierher kommt. Natürlich, das ist höchst nötig.«</p>
+
+<p>Das Annele war ein schwächliches Stadtkind, das einer Schwester
+gehörte und das sich Fräulein Margret kommen lassen wollte, um es
+herauszupflegen.</p>
+
+<p>»Darf ich ein wenig hereinkommen?« rief sie zur Tür hinein. Es drang
+ein Brummen heraus, das man so oder so verstehen<span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span> konnte, aber weil
+Fräulein Margret gern wollte, so drang sie ganz kecklich ein und grüßte
+den Vater Geißlipp freundlich. »Ich habe einen großen Wunsch,« sagte
+sie sogleich nach der Begrüßung. »Und niemand im ganzen Dorf kann mir
+den erfüllen als Sie.« Und dann setzte sie dem finster aussehenden
+Manne die Angelegenheit mit dem Milchtrinken auseinander.</p>
+
+<p>»Die Geißen geben nicht viel Milch,« sagte der Mann, als er sich eine
+Weile besonnen hatte. »Es ist keine rechte Pfleg für sie da. Ich hab
+schon lang eine verkaufen wollen und am Viehmarkt tu ich's auch und das
+ist bald jetzt. Aber für das Kind reicht's doch noch.« Fräulein Margret
+schien gar nicht zu merken, daß es den Vater Geißlipp eine große
+Anstrengung kostete, so viel zu reden. Er machte sich drunterhinein am
+Herd zu schaffen und zog die Stirn noch mehr zusammen als sonst. Manche
+Leute hätten vielleicht gedacht, der Mann sehe zum Fürchten aus, wie er
+so dastand mit seinem wilden, schwarzen Bart und Haar und den sehnigen,
+braunen Armen, an denen er die Hemdärmel hinaufgeschlagen hatte. Aber
+Fräulein Margret fühlte nur ein großes Mitleid in sich und obgleich
+sie nicht viel sagte, drückte sie doch dem einsamen Mann beim Abschied
+so kräftig die Hand und sah ihn so warm und freundlich an, daß er noch
+lange daran denken mußte.</p>
+
+<p>»Es gibt noch gute Leut' auf der Welt, Bub,« sagte der Vater, als
+er nachher mit Philipp bei dem einfachen Nachtmahl, Geißmilch und
+Kartoffeln saß. »Aber rar sind sie.« Der Philipp nickte einverstanden.
+Es kam ihm allmählich auch so vor.</p>
+
+<p>Solang Fräulein Margret mit dem Vater in der Küche verhandelt hatte,
+war der Lehrer um das Häuschen herumgegangen. Dieses stieß hinten ein
+Stück weit an eine alte Mauer an, die mit allerlei Schutt und Geröll
+bedeckt war. Oben auf der Mauer blühten rote und weiße Taubnesseln und
+da und dort ein Stechapfel und unter allerlei Gras und Unkraut auch<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span>
+hie und da ein Ringelblümchen. Und über den Rand herunter hingen die
+rosafarbigen Blüten des Mauerpfeffers, die man zu Lande Sonnenblitze
+nennt. Der Lehrer betrachtete das Ganze aufmerksam und machte sich so
+seine Gedanken darüber. Er dachte, daß dieser Garten auf der Mauer
+vielleicht ganz passend für den Vater und Sohn sei, denen er gehöre.
+Und daß der liebe Gott manchmal da, wo man es gar nicht suche, unter
+Schutt und Unkraut und aus dürrem Erdreich ein freundliches Blümlein
+wachsen lasse, an dem man sich erfreuen könne. Der Lehrer nahm sich
+vor, sich so gut als möglich des scheuen und störrischen Buben
+anzunehmen. »Vielleicht kommt doch etwas Gutes dabei heraus,« dachte
+er und wußte nicht, daß in des Geißlipps verschlossenem Gemüt schon
+allerlei trieb und keimte, von dem er nichts wußte.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Das Annele war angekommen. Es war »ein kleines, bleiches Dinglein«,
+so sagten die Leute im Dorf von ihm. Kurz vorher hatte es das
+Scharlachfieber überstanden und davon war es noch etwas zart und blaß.
+Aber es machte sich nichts daraus. Am Morgen nach seiner Ankunft lief
+es schon so lustig, als wäre es von jeher in Rötenberg daheim gewesen,
+vors Haus hinaus und von da in den Garten, machte einen Besuch bei den
+Himbeeren und Stachelbeeren und setzte sich dann still auf das niedrige
+Mäuerchen im Garten, um dem Gesang der Schulkinder zuzuhören.</p>
+
+<p>Das Annele war auch ein Schulkind. Es ging schon seit einem Jahr
+in der Stadt in die Schule und jetzt war keine Ferienzeit. Dieser
+Landaufenthalt war nur vom Doktor vorgeschrieben, Annele ließ ihn sich
+aber gern gefallen. Es war so schön hier, wie sonst nirgends. In der
+Stadt konnte man nur auf der Straße spielen, wo immer Wagen fuhren und
+viele Leute gingen, und die Mutter erlaubte das nur selten. Hier aber
+kam<span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span> immer wieder ein Garten und eine Wiese und den Wald sah man vom
+Fenster aus und im Schulhausgarten selbst konnte man sich so ungestörte
+Spielplätze einrichten. Annele hätte überall zugleich sein mögen. Ab
+und zu erschien auch die Tante am Fenster und rief dem Nichtchen etwas
+zu. Und in den Bäumen sangen die Vögel. Es war wunderschön.</p>
+
+<p>Jetzt ging die Schultür auf und alle Buben und Mädchen kamen heraus.
+Die Türe war nicht gerade eng und doch kam es Annele vor, als ob sie
+noch einmal so weit sein müßte. Denn alle Kinder strebten ins Freie
+nach dem langen Stillsitzen und so drängten sie sich auf einen dichten
+Knäuel zusammen, bis der Lehrer rief: »Halt, so macht man's nicht.
+Jetzt sollen zuerst alle Kleinen hinausgehen und nicht mehr als zwei
+auf einmal, dann kommen die Großen.«</p>
+
+<p>Das Annele wurde ein wenig rot, als es so von allen Seiten angesehen
+wurde, als wäre etwas besonders Merkwürdiges an ihm. Es hatte sich
+nämlich an dem Schuleingang aufgestellt, um sogleich zu dem Onkel
+gelangen zu können. Und es war nun froh und erleichtert, als dieser
+herankam und seine Hand faßte. So konnte man sich wohl ein bißchen
+anstaunen lassen. Eben kam auch die Tante die Treppe herunter.
+»Philipp Berner,« rief sie, »halt ein wenig. Ich muß noch etwas mit
+dir sprechen,« Der Geißlipp blieb stehen und die Buben machten große
+Augen, daß man mit <em class="gesperrt">dem</em> etwas sprechen wollte. Es war so wie so
+seit einiger Zeit anders geworden. Man konnte nicht mehr so bequem wie
+früher alle dummen und unartigen Streiche auf ihn schieben, der Lehrer
+duldete keinen Sündenbock. Und einmal war es dem Andres übel bekommen,
+als er das große Lineal des Lehrers bei einer Prügelei zerbrochen hatte
+und dann gesagt: »Der Geißlipp hat's getan.« Merkwürdig, der neue
+Lehrer sah gar nicht furchtbar aus, im Gegenteil, und doch konnte man
+sich fürchten, wenn er einen so ernst und fest ansah.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span></p>
+
+<p>»Es ist wegen der Milch für das Annele,« sagte die Tante jetzt. »Am
+Morgen und am Abend soll es trinken, ganz frischgemolken. Morgens
+bringst du sie vor der Schule herauf, denn da darf das Annele
+noch nicht heraus. Abends kann es dann bei schönem Wetter zu euch
+hinauskommen.« Der Philipp nickte zu allem. Das kam ihm Antwort genug
+vor, denn er war immer noch gar kein Redner. Dem Annele schien es aber
+etwas zu wenig zu sein. Es hatte aufmerksam zugehört und sagte nun:
+»Warum sagst du gar nichts? Man muß doch auch ja sagen, wenn man so tun
+will.«</p>
+
+<p>Die Tante mußte im stillen ein wenig lachen. Das sah sie schon, bei dem
+Annele konnte der Geißlipp nicht so stumm bleiben, das würde ihn schon
+gesprächig machen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Jetzt war es nicht mehr leer und öd in den großen Zimmern oben im
+Schulhaus. Je kräftiger und gesünder das Nichtchen wurde, desto
+vergnügter sang und sprang es umher und ganz still war es eigentlich
+nur, wenn es in seinem Bett lag und schlief. Der Onkel dachte schon
+daran, das Annele nun mit in die Schule hinunterzunehmen, damit es
+nicht ganz aus der Übung komme, aber jetzt hatte es noch Ferien.</p>
+
+<p>Die Tage waren herrlich ausgefüllt. Ganz früh am Morgen, wenn das
+Stadtkind kaum aufgestanden war, kam der Geißlipp (das Annele sagte
+aber immer wie die Tante Philipp zu ihm) und brachte die frische Milch.
+Das war immer ein Hauptvergnügen. Die Tante hatte jetzt schon Recht
+behalten. Es war ein ganz anderer Bub als vor einem halben Jahr, wenn
+man es auch noch lange nicht überall merkte. Bei den Dorfleuten stand
+das Urteil über den Geißlipp viel zu fest, als daß man darauf geachtet
+hätte, ob er sich nach und nach ein wenig<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span> bessere. Aber im Schulhaus
+war das anders. Annele hatte noch nie gehört, daß der Philipp anders
+sei als andere Buben.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp60" id="illu-238" style="max-width: 50.25em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-238.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<p>»Laß sie nur,« hatte Fräulein Margret zu dem Lehrer gesagt. »Sie lernt
+nichts Böses von ihm, darauf will ich schon achten. Und man weiß
+nicht, was es für den Buben wert ist, wenn er auch einmal harmlos mit
+einem andern Kinde verkehren kann.« So konnten die beiden ungestört
+Bekanntschaft schließen.</p>
+
+<p>Annele hatte zwar bald Freundinnen gefunden, Schultheißens Sophie und
+des Krämers Karoline, die alles mitspielten, was<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> sie angab, und die
+sie gern ein wenig hin und her kommandierte. Aber es war noch viel
+genußreicher, am Morgen an das hintere Gartentürchen hinunterzuhuschen
+und dort auf den Philipp zu warten, bis er in schnellem Schritt, daß ja
+die Milch noch warm sei, um die Ecke kam. Sie brachte dann schon ihren
+Becher mit und trank im Garten, und dann hatte sie dem Philipp hundert
+Dinge zu zeigen und noch viel mehr zu fragen. — Warum die Kirschen
+zuerst grün sind und dann rot werden? Warum die kleinen Entchen gleich
+von selber ins Wasser gehen? Ob die kleinen Vögelein in dem Nestchen
+hinten in der Haselnußhecke jetzt bald fliegen können?</p>
+
+<p>Und dann mußte er helfen zählen, wieviel Tag- und Nachtblümlein
+über Nacht aufgegangen seien, und mit Annele das Wespennest in der
+Kirchhofsmauer besichtigen, natürlich nur aus sicherer Entfernung.
+So etwas konnte man mit den Freundinnen nicht besprechen. Sophie riß
+nur die Augen weit auf und Karoline sagte auf die schwierigen Fragen:
+»Ha, das ist von selber so. Komm, wir tun lieber Fangerles.« Und dem
+Stadtkind war doch alles neu und wichtig. Der Geißlipp aber konnte
+über vieles Bescheid geben. Er war so viel allein, da waren ihm schon
+allerlei Gedanken gekommen, die anderen Kindern nicht einfallen, und
+wenn er gewiß wußte, daß niemand sonst zuhörte, so konnte er dem Annele
+ganz verständigen Bescheid geben.</p>
+
+<p>Schöner war's aber doch noch, am Abend mit der Tante an das kleine
+Häuschen des Geißlipp hinauszuwandern. Die Milch schmeckte so ganz
+frischgemolken auf dem Bänklein vor der Haustür am allerbesten. Annele
+fürchtete sich gar kein bißchen vor Philipps Vater.</p>
+
+<p>»Du, der ist bös, er hat einmal etwas Arges getan,« hatte einmal
+eines der Mädchen zu Annele gesagt, als diese im höchsten Vergnügen
+erzählt hatte, wie nett es sei, wenn »der große Geißlipp' ihr die
+Milch in den Becher melke, und wenn<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> er sie auf den Arm nehme, daß sie
+das Schwalbennest an der Dachrinne genau sehen könne. »Ist das wahr,
+Tante? Tut er einem nichts?« hatte Annele darauf ein wenig erschrocken
+gefragt. Und die Tante hatte das Kind zu sich herangezogen. »Siehst
+du, Annele,« hatte sie gesagt, »wenn du einmal ungehorsam und unartig
+gewesen bist und du willst dann wieder lieb sein, gelt, dann verzeiht
+dir's die Mutter? Und dann mußt du nur den lieben Gott bitten, dann
+verzeiht er's dir auch, und dann ist alles wieder gut und niemand darf
+mehr sagen, du seiest ein böses Kind.« Annele war sehr einverstanden.
+»Und so ist das auch bei dem armen Mann, den gar niemand lieb hat, weil
+er einmal bös gewesen ist. Er will jetzt wieder gut sein und vielleicht
+hat es ihm der liebe Gott schon lang verziehen, da dürfen wir nicht
+mehr sagen, er sei bös. Und fürchten müssen wir ihn auch nicht, gar
+nicht.«</p>
+
+<p>Annele war mit dieser Erklärung sehr zufrieden und teilte sie auch
+den Kamerädinnen mit. Es war nur schade, daß diese sie nicht so
+recht verstanden. Aber die neue Freundschaft machte desto bessere
+Fortschritte, und Fräulein Margret ließ es sich gar nicht anfechten,
+daß sich die Leute im Dorf so sehr darüber verwunderten.</p>
+
+<p>Wenn das Annele seine Milch hatte, so ging die Tante dann meistens
+ein Weilchen in die rauchige Küche. Denn wenn der Vater des Philipp
+auch immer noch ein wenig knurrig und brummig war, und auch nicht viel
+sagte, so tat es ihm doch wohl, daß ein Mensch nach ihm sah und mit
+ihm redete wie mit seinesgleichen. Und das, merkte die Tante wohl und
+machte sich nichts daraus, daß er nicht so besonders freundlich tat.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es war an einem schönen, klaren Abend. Die Tante war zum erstenmal von
+dem Mann in die Stube geführt worden. Er war nie recht so keck gewesen,
+es vorzuschlagen. Aber sie<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> hatte ihn heute nach seinem Weib gefragt,
+und jetzt wollte er der Tante ihr Bild zeigen, das in der Stube hing.
+Sie saßen einander gegenüber am Tisch. Der Mann hatte den Kopf in
+die Hand gestützt und sah finster vor sich hin, und Fräulein Margret
+betrachtete ihn mitleidig. Sie hätte ihm so gern etwas Liebes gesagt
+und doch wollte ihr nichts Rechtes einfallen. Draußen hörte man die
+lustige Stimme des Annele und dazwischenhinein allemal wieder ein paar
+bedächtige Worte des Buben. Und von Zeit zu Zeit streckte Annele den
+Kopf durch die Fensteröffnung herein und wollte wissen, ob die Geißen
+gern Vergißmeinnicht fressen und ob die Schwalben die Mücklein lebendig
+verschlucken?</p>
+
+<p>»So eines hätt ich jetzt auch,« fing der Mann auf einmal an und drückte
+gewaltsam die Fäuste an die Augen, daß da nichts heraustropfen konnte.
+»So groß wie das Annele wär mein Dorle auch, wenn es noch am Leben wär!
+Ist ihm aber gut gegangen, daß es bald gestorben ist. Dann kann man
+wenigstens nicht von klein auf prophezeien, daß nichts aus ihm werde,
+wie meinem Buben. Mein Weib ist ihm bald nachgegangen, es hat's auch
+nicht aushalten können.« Er wollte noch mehr sagen, er wollte noch
+sagen: »Ich halt's auch nicht mehr aus so, das Leben ist ein Elend,
+wenn man immerfort denken muß: Du bist an allem schuldig.« Aber er
+konnte nichts mehr herausbringen. Er legte den Kopf auf den Tisch und
+weinte wie ein Kind. Fräulein Margret ließ ihn eine ganze Weile in
+Ruhe, sie wußte, daß da manches heraus- und vom Herzen hinunterkomme,
+und das wollte sie nicht stören. Endlich aber sagte sie freundlich: »So
+jetzt wollen wir einmal nicht mehr immer an dem hängen bleiben, was
+vergangen ist. Und nicht nur denken, es müsse alles so bleiben, wie
+es jetzt ist. Was die Leute im Dorf sagen, darauf wollen wir einmal
+eine Weile gar nicht hören. Und daß etwas aus dem Philipp wird und<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span>
+das etwas Rechtes, dazu wollen wir zusammenhelfen. Dann kommt alles
+nach und nach besser.« Sie bot dem Taglöhner die Hand und sah ihn so
+aufmunternd und entschlossen an, daß es ihm selber auch ein wenig
+hoffnungsvoll ums Herz wurde.</p>
+
+<p>Er strich sich mit der Hand über die Stirn, als ob er da etwas
+wegwischen wollte, und sagte: »Ihnen könnt man's fast gar glauben.« In
+diesem Augenblick ertönte ein lauter Jubelruf von Annele. Und gleich
+darauf kam das Kind ans Fenster, eifrig etwas in die Höhe streckend,
+das ihm Philipp entreißen wollte. Philipp hatte ein rotes Gesicht und
+war aufgeregter, als ihn Fräulein Margret je gesehen hatte. »Gib's
+her,« sagte er heftig. Aber Annele rief lustig: »Nein, nein, keine
+Rede, die Tante muß es auch sehen und vielleicht auch noch der Onkel.«</p>
+
+<p>Die beiden großen Leute waren ans Fenster getreten. Der Vater erschrak,
+denn auf des Buben Gesicht malte sich deutlich ein großer Zorn, und den
+Ausdruck kannte er wohl und mußte ihn ja fürchten, weil der Zorn ihn
+selber auch so unglücklich gemacht hatte. Die Tante sah den Zorn auch.
+»Wenn das, was du in der Hand hast, dem Philipp gehört,« sagte sie
+ruhig zu Annele, »dann gib es ihm. Ich will es nur sehen, wenn er mir's
+selber zeigt.« Annele gehorchte nur ungern, aber es mußte wohl sein.</p>
+
+<p>Es war das Stück von einer Schiefertafel, das der Geißlipp immer so
+sorgfältig verbarg. Annele hatte es entdeckt und jetzt sagte sie: »Ich
+sag aber doch, was drauf ist. So etwas Nettes, Tante, es ist nur dumm,
+daß er es nicht sehen läßt.«</p>
+
+<p>Philipp wurde noch röter als vorher und dann ein wenig blaß, und er biß
+sich fest mit den Zähnen auf die Unterlippe. Und dem Annele warf er
+einen Blick zu, daß man denken konnte, er wolle ihm etwas antun, und
+das nichts Gutes. Aber er sagte nichts.</p>
+
+<p>»Nein, lassen Sie den Philipp,« sagte Fräulein Margret,<span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span> als der Vater
+auffahren wollte über den störrischen Buben. »Komm, Annele, für heut
+müssen wir heim. Gib dem Philipp die Hand, du darfst ihn nicht zwingen,
+daß er zeigt, was er nicht gern will. Willst du mir's nicht morgen
+selber zeigen, Philipp? Gelt, es ist doch nichts Böses? Und daß ich
+dich nicht auslache, weißt du.«</p>
+
+<p>Dann ging sie, und das Annele ging ganz zahm an ihrer Hand, denn es war
+ein wenig erschrocken.</p>
+
+<p>Der Philipp stand noch lang am gleichen Fleck und starrte den beiden
+nach. Auf einmal fuhr er zusammen, denn da geschah etwas, das noch nie
+gewesen war. Der Vater strich ihm traurig mit der Hand über das Haar
+und sagte: »Du armes Tröpflein! Wenn du auch eine Mutter hättest!« Und
+dann ging er ins Haus, ohne zu schelten.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Am andern Morgen kam der Geißlipp viel früher als sonst mit seiner
+Milch an. Das Annele war noch nicht aufgestanden und der Herr Lehrer
+hatte erst vor einer kleinen Weile das Haus verlassen, um einen kleinen
+Morgenspaziergang zu machen. Aber das war beides dem Geißlipp ganz
+recht. So hatte er es gerade gewollt. Man konnte seinem Gesicht wohl
+ansehen, daß er etwas Besonderes vorhatte, und das Haar hatte er sich
+ganz naß gemacht, daß es fest und dunkel am Kopf anlag. Das schien dem
+Geißlipp besonders geordnet vorzukommen.</p>
+
+<p>Fräulein Margret war in der Küche. Sie hatte die Ärmel hinaufgeschlagen
+und knetete einen Teig. Als der Geißlipp eintrat, wandte sie sich um
+und begrüßte ihn so freundlich, als ob gar nichts Besonderes gewesen
+wäre. Sie nahm ihm die Milch ab und trug sie dem Annele hinein, und
+als sie wieder herauskam und den Buben noch auf derselben Stelle fand<span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span>
+sagte sie: »Hast du noch etwas sagen wollen, Philipp? Nur kecklich
+heraus damit.« Es schien dem Philipp nicht leicht zu gehen, denn er
+mußte tief aufatmen. Und dann griff er nur in seinen blauen Kittel und
+zog den Tafelscherben hervor. »Da,« sagte er. »Aber« — er sah Fräulein
+Margret zaghaft an. Er hatte noch sagen wollen: »Aber niemand zeigen,«
+und dann kam es ihm so in den Sinn, daß er ihr gewiß gut vertrauen
+könne und sich gar nicht zu fürchten brauche.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp69" id="illu-244" style="max-width: 58.125em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-244.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<p>Auf Fräulein Margrets Gesicht prägte sich eine große Verwunderung aus.
+Sie sah den Geißlipp erstaunt an, so, als ob sie etwas nicht recht
+begreifen könne. »Hast <em class="gesperrt">du</em> das gemacht?«<span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span> fragte sie. Der Philipp
+nickte nur. »Ja aber, lieber Bub', das muß man so zufällig finden, und
+du sperrst dich noch dagegen, daß man's ansieht? Du kannst ja zeichnen!
+Das sind junge Spatzen, die sperren ihre Schnäbel auf und wollen
+gefüttert sein! Und das auf der andern Seite ist unsere Laube, und auf
+dem Dach sitzt die Mieze und putzt sich. Und das davor wird wohl das
+Annele sein, das kennt man nicht so recht!«</p>
+
+<p>Fräulein Margret wurde ganz lebhaft, und ihr Gesicht war so freudig,
+daß es der Geißlipp nur immer ansehen mußte. Er hatte sich die Sache
+ganz anders vorgestellt. Er hatte schon immer, seit er sich denken
+konnte, mit Rötelstückchen und Griffel- oder Bleistiftrestchen, oder
+was nur irgend einen Strich gab, überall herumgekritzelt. An Haustüren
+und Fensterläden und, als er in die Schule kam, an den Bänken und an
+der Wandtafel. Und das hatte ihm schon viele Schläge eingetragen. Der
+Lehrer hatte einmal den Vater Geißlipp auf der Straße getroffen und zu
+ihm gesagt: »Wenn das Gesudel überall herum jetzt nicht aufhört und
+alle meine Prügel nichts nützen, so lasse ich Euch dann einmal Strafe
+zahlen, Berner. Das ganze Dorf beklagt sich darüber.« Darauf hatte
+der Vater den Philipp am Abend tüchtig durchgeprügelt und ihm gesagt:
+»So, das ist <em class="gesperrt">einmal</em>. Wenn ich wieder etwas von deinen dummen
+Sudeleien sehe, so gibt's wieder.«</p>
+
+<p>Seither hatte der Philipp nur noch auf seinen alten Tafelscherben
+gekritzelt, und je mehr und öfter er allein war, desto lieber wurde
+ihm diese Beschäftigung. Als nun das Annele den kostbaren Scherben
+entdeckte, stand es dem Philipp schrecklich vor Augen, daß er am Ende
+nun auch <em class="gesperrt">den</em> hergeben müsse und dann gar nicht mehr zeichnen
+könne, und daß dann vielleicht auch noch Fräulein Margret böse auf
+ihn sei und nichts mehr von ihm wissen wolle. Darum war er so zornig
+geworden, daß er das Annele am liebsten gekratzt hätte. Aber<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span> als er
+gestern abend noch eine Weile wach in seinem Bett lag und über das
+Erlebnis nachdachte, stand immer Fräulein Margret vor ihm. Er konnte
+sie deutlich sehen, wenn er auch die Augen zumachte, und sie sagte:
+»Gelt, es ist ja doch nichts Böses? Und daß ich dich nicht auslache,
+das weißt du!«</p>
+
+<p>Und Philipp beschloß, ihr seinen Schatz zu zeigen. Sie sollte nicht
+denken, es sei etwa <em class="gesperrt">doch</em> etwas Böses und er habe kein Vertrauen
+zu ihr.</p>
+
+<p>Aber daß es so gehe, das hätte er sich nicht träumen lassen. Es wäre
+dem armen Buben schon ganz genug gewesen, wenn sie ruhig gesagt hätte:
+»Nein, das ist nicht schlimm, das darfst du wohl tun, wenn doch niemand
+mit dir spielt.« Daß ihm aber Fräulein Margret auf die Schulter klopfte
+und sagte: »Du kannst nicht wissen, wie mich das freut, Philipp. Das
+ist eine gute Gabe, die du da hast. Da müssen wir den Herrn Lehrer
+bitten, daß er sich um dich annimmt,« das alles überwältigte den
+Geißlipp so, daß er zur Küche hinausrannte, die Treppe hinunter und
+dann wieder herauf. Denn zu sagen wußte er für den Augenblick nichts,
+und doch mußte er seinem Herzen Luft machen.</p>
+
+<p>Den Tafelscherben bekam der Philipp heute noch nicht zurück. Aber
+das tat nichts, er war in guten Händen. Und wenn heute ein Fremder
+in die Schule gekommen wäre und hätte den Philipp gesehen mit seinen
+aufmerksamen Augen und dem glänzenden Gesicht, so hätte er gewiß nicht
+gedacht, daß das der allgemein bekannte Nichtsnutz des Dorfes sei,
+der »faul für zwei und unartig für drei« sei. Denn dem Philipp war
+ein neuer Lebensmut ins Herz gekommen, und für heute einmal fürchtete
+er sich vor niemand und nichts. Vielleicht war jetzt schon etwas von
+dem wahr, was Fräulein Margret einst gesagt hatte: »Auf einmal müssen
+es auch die andern merken, daß das nicht mehr der alte Philipp ist,
+sondern ein ganz anderer.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Das Annele konnte seit einiger Zeit nicht mehr so recht zufrieden sein
+mit seinem Kameraden. Er war zwar munterer als je, und sein Gesicht sah
+jetzt immer aus, als ob er ein besonderes Vergnügen wisse. Aber wenn
+ihn das kleine Mädchen im ganzen Garten herumschleppen wollte und bald
+bei den frühen Pflaumen, bald bei der Haselnußhecke einen Aufenthalt
+machte, so sagte der Philipp jetzt meistens bald: »Jetzt muß ich
+gehen und lernen« oder: »Heut kann ich nicht, ich muß noch an meiner
+Zeichnung schaffen.« Das hatte er früher nie getan, und dem Annele kam
+es langweilig vor, denn es hatte sich ganz daran gewöhnt, den Philipp
+alles Mögliche zu fragen und ihn oft um sich zu haben. Am liebsten
+wäre es nun auch in die Schule gegangen, es hörte sich von außen so
+lustig an, wenn die vielen Stimmen zusammen sangen: »Kuckuck, Kuckuck
+ruft's aus dem Wald« oder: »Alle Vögel sind schon da«. Und wenn in
+der Freizeit die ganze Schar herauskam und sich im Schulhof tummelte,
+so war das Annele zwar mitten drunter, aber es wäre dann auch gern
+mit ihnen hineingegangen, wenn die Freistunde aus war, und sah dann
+manchmal noch sehnsüchtig nach der verschlossenen Tür. Aber die Mutter
+hatte geschrieben, daß sie nun bald kommen wolle, um das Töchterlein
+nach Hause zu holen, und daß es bis dahin noch so viel als möglich in
+der freien Luft sein solle, denn die Mutter wolle rote Backen sehen,
+wenn sie komme. So kam es, daß sich das Stadtkind je länger, je mehr
+aufs Heimkommen freute, und auch das rot und weiße Strickzeug samt
+den schönen Geschichten, die die Tante zu erzählen wußte, konnte die
+Langeweile nicht mehr bannen.</p>
+
+<p>Das kam jetzt nie mehr vor, daß der Geißlipp ganz allein und entfernt
+von allen fröhlichen Menschen stand und finster zusah, wie andere
+vergnügt waren. Wenn man sein freudloses Kinderleben mit dem wilden
+Mauergärtlein hinten an dem Häuschen des Geißlipp vergleichen
+wollte, so konnte man jetzt<span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span> deutlich merken, daß der liebe Gott
+da einen Gärtner angestellt habe, der den Schutt wegräumen und das
+Unkraut ausreißen und freundliche Blümlein da anpflanzen mußte, wo
+vorher Stechäpfel und Nesseln standen. Es war jetzt so mancherlei
+Erfreuliches, man konnte es kaum aufzählen, und daher kam es, daß dem
+Philipp die Freude zum Gesicht heraussah.</p>
+
+<p>Zuerst war ein Tag gekommen, da saß der Lehrer bei Philipps Vater auf
+dem Bänklein vor der Haustür, und wer vorüberging, der konnte deutlich
+sehen, daß die beiden ein wichtiges Gespräch miteinander hatten. Ein
+paar Tage nachher wußte man es im ganzen Dorf, daß der Lehrer dem
+Geißlipp Privatstunden im Zeichnen geben wolle, und daß er gesagt habe,
+als er von dem Vater wegging: »Aus dem Buben wird noch etwas, das könnt
+Ihr glauben, Berner.« Man wußte jetzt nächstens nicht mehr recht, was
+man von dem Vater und dem Sohn halten sollte. Am Ende wurde der Bub'
+doch noch wie andere, und es war ja auch wahr, daß er keine Mutter
+gehabt hatte. »Am End' kommt's nur drauf an, daß man sich ein bißle
+nach ihm umsieht,« sagten die Weiber zueinander, und die Bachbäuerin,
+die drei Buben in der Schule hatte, sagte zu diesen: »Lasset doch den
+Geißlipp auch manchmal mittun. Ich meine, der Bub' sei nicht so bös,
+wie man immer tut.«</p>
+
+<p>Es war merkwürdig: vorher hatte in ganz Rötenberg niemand daran
+gedacht, daß man dem Philipp ein wenig zurechthelfen sollte, und jetzt
+hatten es auf einmal alle bemerkt, daß er kein solcher Nichtsnutz
+werden müsse, wie die andern geglaubt hatten. Fräulein Margret mußte
+manchmal ein wenig lachen, wenn sie die Leute reden hörte, aber sie
+war froh genug, daß der Philipp jetzt öfters fröhlich mit den andern
+spielte, und daß sein Gesicht einen ganz andern Ausdruck bekam, und
+sie dachte, es sei ja gleich, wer zuerst angefangen habe, sich um ihn
+anzunehmen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span></p>
+
+<p>Es geschah noch mehr Gutes. Der Vater Berner ging lange nicht mehr
+so finster und drohend einher wie früher. Er hatte einen ganz neuen
+Lebensmut bekommen, seit er nicht mehr so ganz allein stand und seit er
+neue Hoffnungen auf seinen Sohn setzen konnte. Und es fiel ihm vieles
+ein, was ihm der Herr Pfarrer aus dem Nachbarort (denn Rötenberg hatte
+keinen eigenen) früher oft umsonst gesagt hatte: nämlich daß der liebe
+Gott keinen Menschen ganz verlasse, der ihn nicht verlasse, und daß er
+auch die Herzen der Mitmenschen lenken könne, daß sie sich einem wieder
+auftun, wenn man selber auch friedfertig sei und nicht mehr hochmütig
+und feindselig. »Ich verlang' nichts, als daß man mich in Ruh' läßt,«
+hatte Berner damals immer gesagt, und so hatte ihn endlich auch der
+Pfarrer in Ruhe gelassen.</p>
+
+<p>Jetzt war das nicht mehr so. »Es ist halt ein Elend, wenn man so
+allein hausen soll, man ist in seiner eigenen Stub' nicht daheim,«
+sagte er ein paarmal zu Fräulein Margret. Und eines Tages sah ihn zu
+ihrem höchsten Erstaunen die alte Kätter, die in einem Hinterstübchen
+beim Metzger wohnte, bei sich eintreten. Kätter war ein verwachsenes
+Weiblein, das sich mit Flicken ehrlich und spärlich durchbrachte, und
+sie war ganz weitläufig mit dem Geißlipp verwandt.</p>
+
+<p>Der Vetter drehte seine Kappe verlegen in den Händen hin und her,
+und endlich sagte er: »Kätter, du könntest wohl zu mir ziehen. Platz
+gäb's da noch, und das Essen langt auch für uns drei, und an dem Buben
+könntest du dir einen Gotteslohn verdienen. So allein mit mir, das ist
+nichts für so ein Junges.«</p>
+
+<p>Die Kätter mußte nicht lang fragen, ob der Vetter auch ordentlich mit
+ihr sein werde, und ob sie sich nicht vor seinem zornigen Wesen zu
+fürchten habe. Sie sah wohl, daß da allerlei anders geworden sei, und
+so zog sie denn mit ihrem<span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span> Bett und der bemalten Holzkiste, in der
+ihre Kleider waren, mit dem großen Nähkissen und der Hornbrille in das
+Häuschen des Geißlipp ein.</p>
+
+<p>Und nun konnten sie beide, der große und der kleine Geißlipp, erfahren,
+was eine Heimat ist. Der Vater freute sich, wenn er den Schornstein
+rauchen sah, wenn er heimkam, denn nun wußte er, daß da jemand für ihn
+sorge und zu ihm gehöre. Und der Philipp konnte mit seinen Löchern im
+Kittel und in den Hosen immer zur Base kommen und brauchte sich nicht
+mehr von den Buben nachrufen zu lassen: »Geißlipp, deine Geiß hat dir
+die Hosen zerrissen.«</p>
+
+<p>Es war noch viel Gutes an der neuen Einrichtung. Denn die Kätter hatte
+zwar einen ganz krummen Rücken, aber ein freundliches Gesicht und ein
+liebevolles Herz, und das war mehr wert.</p>
+
+<p>Es wurde Herbst. Das Annele reiste ab und nahm sehr warmen Abschied
+von seinem guten Kameraden. Und es war bereits beschlossen, daß es
+in der nächsten Sommervakanz wiederkomme, und daß dann viel Schönes
+auszuführen sei. Der Geißlipp winkte lange dem Wagen nach, in dem
+das Annele mit seiner Mutter saß. Er hatte seiner kleinen Freundin
+zum Abschied ein Blättchen gezeichnet, darauf waren in der Mitte die
+beiden Geißen zu sehen, die ein Büschel sehr große und deutliche
+Vergißmeinnicht vor sich hatten und lustig fraßen. Und außen herum
+stand mit großen Buchstaben: »So schön es diesen Sommer war, so schön
+wird's wieder übers Jahr.« Den Reim hatten die Kinder miteinander
+ausgedacht, und er gefiel ihnen sehr gut, und Fräulein Margret hatte
+ihn ebenfalls belobt.</p>
+
+<p>Als der Wagen verschwunden war, kehrte der Philipp ins Haus zurück und
+ging geradeswegs auf das Zimmer des Herrn Lehrers zu. Er mußte sich
+nicht verlassen vorkommen,<span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span> wenn auch das Annele fort war, das konnte
+man ihm wohl ansehen. Und er hatte auch gar nicht Zeit, sich darüber
+zu besinnen, denn es galt, tüchtig zu arbeiten. In der Schule durfte
+nichts versäumt werden, das hatte der Lehrer festgesetzt, und nur dann
+sollte das Zeichnen vorwärtsgehen.</p>
+
+<p>Das war ein guter Sporn für den Philipp, denn das Zeichnen war ihm
+das Liebste von allem, was es zu tun gab, und es war ihm gar nicht zu
+langweilig, ganz vorne anzufangen mit geraden und schrägen Strichen.
+»Wer groß werden will, muß klein anfangen,« sagte der Lehrer. Und
+Philipp wollte gern klein anfangen, es war ihm Freude genug, daß er
+überhaupt durfte.</p>
+
+<p>Wenn er jetzt Fräulein Margret sah, so winkten die beiden einander
+so verständnisvoll zu, als ob das eine sagen wollte: »Hab' ich dir's
+nicht gesagt, daß du probieren sollst, recht zu tun, und daß dann alles
+besser werde?« Und das andere: »Du kannst mir sagen, was du willst, ich
+glaub' dir alles.«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es ging ein Jahr ums andere dahin. Man konnte denken, es sei in
+Rötenberg alles ganz gleich geblieben, denn es ging alles so seinen
+gewohnten Gang. An jedem Morgen kamen von allen Seiten her die
+Schulkinder mit ihren Tafeln und Büchern unter dem Arm, und dann kam
+der Lehrer die Treppe herunter und begann den Unterricht mit einem
+schönen Lied. Und Fräulein Margret stand dann am offenen Fenster oder
+arbeitete im Garten und horchte auf den Gesang. Aber wer genau hinsah,
+der konnte wohl merken, daß es immer wieder andere Kinder waren, die
+sich zusammenfanden. Von denen, die einst neugierig dem Einzug des
+Lehrers zugesehen hatten, saßen nun schon manche nicht mehr in den
+Schulbänken, sondern fuhren geißelknallend mit den Kühen aufs Feld
+oder schafften<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span> in Haus und Hof, und einige waren auch nach der Stadt
+gegangen, um da ein Handwerk zu lernen oder sonst Geld zu verdienen.</p>
+
+<p>In den oberen Räumen des Schulhauses war es recht still geworden. Das
+Annele kam je länger, je seltener mehr. Denn es hatte solche Freude
+am Schulleben gewonnen, daß es nun selber gern eine Lehrerin werden
+wollte, und dazu mußte man tüchtig lernen. Und der Geißlipp stieg
+auch nicht mehr täglich mit seiner Mappe und seinem stillvergnügten
+Gesicht die Treppe empor. Es verlangte Fräulein Margret oft nach den
+alten Zeiten, und wenn es auch immer wieder Kinder gab, denen man
+etwas Gutes tun konnte, so fehlten ihr doch die ersten Schützlinge.
+Dann ging sie manchmal nach dem Häuschen des Geißlipp hinaus, wo
+immer noch die alte Kätter am Fenster saß und flickte oder in der
+räucherigen Küche hantierte. Oft kam dann auch der Vater Berner heim,
+und dann schüttelten die drei einander die Hände wie alte Freunde. Sie
+hatten immer etwas Wichtiges miteinander zu verhandeln. Denn Philipps
+Vater hielt es immer noch für eine wunderbare Sache, daß sein Bub'
+kein Nichtsnutz, sondern ein tüchtiger Mensch werde, und obgleich er
+ja sonst nicht viel sprach, sagte er doch immer wieder zu Fräulein
+Margret: »Das hat Sie unser Herrgott angewiesen, daß Sie an dem Buben
+tun sollen wie eine Mutter, das kann Ihnen kein Mensch vergelten.« Und
+die Kätter nickte eifrig dazu, und ihr Faden ging dann noch einmal so
+schnell auf und nieder, denn sie wollte auch ihren Teil an der Sache
+haben und konnte doch nichts anderes mehr für den Philipp tun, als ihn
+immer wieder tüchtig herausflicken. Der Philipp war nämlich nicht mehr
+zu Hause.</p>
+
+<p>Er war zwar nicht gerade drauf und dran, ein großer, berühmter Künstler
+zu werden, aber man konnte doch jetzt schon sehen, daß einmal ein
+tüchtiger Mann aus ihm werde,<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> an dem man sich wohl freuen konnte.
+Jetzt war er in einer großen Tapetenfabrik und zeichnete schöne Muster
+mit Blumen und Vögeln, auch hie und da freundliche Häuschen mit
+Blumengärtlein davor oder weidende Kühe auf einer grünen Matte für
+Fenstervorhänge, und man konnte allem, was er machte, wohl ansehen, daß
+es mit Lust und Liebe getan war.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es war einmal an einem schönen, sonnigen Abend im Herbst. Die
+Kinder spielten wie sonst auch unter dem großen Kastanienbaum beim
+Röhrenbrunnen, und die Erwachsenen kamen vom Feld heim, und der Vater
+Geißlipp nahm seine Hacke, mit der er an der Straße gearbeitet hatte,
+auf die Achsel und ging ebenfalls heimzu. Er ging jetzt nicht mehr
+stumm und mürrisch an den Leuten vorbei und die Leute nicht an ihm.
+Denn was schwer und dunkel in seinem Leben gewesen war, das lag jetzt
+dahinten.</p>
+
+<p>Um diese Zeit schritt ein junger Wanderer dem Dorf zu. Er mußte da
+bekannt sein, denn als er an den kleinen Feldweg kam, der ein tüchtiges
+Stück vom Weg abschneidet, ging er sogleich dahinein. Es sah aus, als
+ob ihn etwas vorwärts treibe, so große Schritte nahm er. Und doch blieb
+er hie und da stehen und sah den ziehenden Wolken nach oder horchte
+einen Augenblick still auf den fröhlichen Kinderlärm, den man bis hier
+heraus hörte. Der Wanderer hatte nur eine leichte Tasche umhängen, und
+aus dieser nahm er ein Büchlein und blätterte während des Weitergehens
+ein wenig darin. »Es stimmt alles,« sagte er heiter. »Ich hab's doch
+noch gut im Gedächtnis gehabt.« Mancher hätte vielleicht gedacht,
+das sei ein sonderbares Bilderbuch. Denn da waren mit flüchtigen
+Bleistiftstrichen allerlei unscheinbare Dinge aufgezeichnet: ein Stück
+zerbrochenen Lattenzauns, davor ein barfüßiger Bube<span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span> stand, ein Stück
+Grasrain, in dem eine Sichel steckte, ein verwittertes Mauerstück, auf
+dem allerlei Unkraut blühte, und noch mehr derartiges. »Es freut sie
+doch,« sagte er lächelnd vor sich hin und steckte das Büchlein wieder
+ein.</p>
+
+<p>Und dann sah er einige Schritte vor sich einen Mann gehen, der trug
+eine Hacke auf der Schulter und legte die Hand vor die Augen, um besser
+die Landstraße entlang sehen zu können, hinter der die Sonne unterging.</p>
+
+<p>»Vater!« rief der Philipp laut, denn der war der Wanderer. Er war mit
+wenigen großen Sprüngen bei dem Mann, und dann gab es ein Wiedersehen,
+wie sich weder der alte noch der junge Geißlipp vor Jahren hätten eins
+träumen lassen.</p>
+
+<p>Ob Fräulein Margret das Bilderbuch gefreut hat, das ihr der Philipp am
+andern Morgen brachte?</p>
+
+<p>Es wird wohl so sein. Wenn ein Gärtner auch weiß, daß er nicht selber
+seiner Pflanzung fröhliches Gedeihen geben kann, freuen darf er sich
+doch ihrer, wenn sie wohl gerät.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><em class="gesperrt">Von Anna Schieber sind ferner erschienen</em>:</h2>
+</div>
+
+<div class="hang">
+
+<p><b><span class="s3">Annegret.</span></b> Eine Kindergeschichte mit Bildern von <em class="gesperrt">Elisabeth
+Sauer</em>. Gebunden Grundpreis M. —.60.</p>
+
+<p class="s5">Eine <em class="gesperrt">neue</em>, gemütvolle Geschichte in reizender Ausstattung.</p>
+
+<p><b><span class="s3">Sonnenhunger.</span></b> Geschichten von der Schattenseite. Gebunden Grundpreis M. 2.—.</p>
+
+<p class="s5">Ein köstliches Buch, allerdings nicht von glücklichem Genießen, sondern
+vom Entbehren erzählend. Es könnte wohl manchem Herzen einen Wink
+geben, wie man auch an der Schattenseite des Lebens guten Mutes bleiben
+kann. Einige Erzählungen sind ergreifend in ihrer echten Lebenswahrheit.</p>
+<p class="s5 right">Bücherschatz.</p>
+
+<p><span class="s3"><b>Guckkastenbilder</b> — <b>Warme Herzen</b> — <b>Zugvögel</b> —
+<b>Was des andern ist</b></span>. Gebunden Grundpreis je M. 1.—.</p>
+
+<p class="s5">Jedes der hübschen Geschenkbändchen enthält eine Reihe gehaltvoller,
+liebenswürdiger Erzählungen, die alt und jung Freude und Gewinn bringen
+werden.</p><br>
+
+
+<p class="center">Die vier Bändchen sind auch in einem geschmackvollen Sammelband<br>
+lieferbar unter dem Titel:</p>
+
+<p><span class="s3"><b>Allerlei Kraut und Unkraut.</b></span> 34 Bilder und Geschichten für große
+und kleine Leute. Gebunden Grundpreis M. 3.50.</p>
+
+<p>Wie oft ist man in Verlegenheit, weil man kurze, spannende Geschichten
+braucht zum <em class="gesperrt">Vorlesen</em> in der Kinderstube oder in Vereinen und an
+Krankenbetten! Dieser stattliche Band aus der Feder der bekannten und
+beliebten schwäbischen Dichterin bietet da für alle Fälle reichen Stoff.</p>
+
+<p class="s5 right">Vierteljahrsberichte aus dem Gebiet der schönen Literatur.</p><br>
+
+</div>
+<p><i>Ausführliches Verlagsverzeichnis kostenlos!</i></p>
+
+
+<p class="s3 center"><em class="gesperrt">Verlag von D. Gundert in Stuttgart</em></p>
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75672 ***</div>
+</body>
+</html>
+
diff --git a/75672-h/images/cover.jpg b/75672-h/images/cover.jpg
new file mode 100644
index 0000000..a7f3c87
--- /dev/null
+++ b/75672-h/images/cover.jpg
Binary files differ
diff --git a/75672-h/images/illu-005.jpg b/75672-h/images/illu-005.jpg
new file mode 100644
index 0000000..f1c4ec0
--- /dev/null
+++ b/75672-h/images/illu-005.jpg
Binary files differ
diff --git a/75672-h/images/illu-008.jpg b/75672-h/images/illu-008.jpg
new file mode 100644
index 0000000..b095f18
--- /dev/null
+++ b/75672-h/images/illu-008.jpg
Binary files differ
diff --git a/75672-h/images/illu-012.jpg b/75672-h/images/illu-012.jpg
new file mode 100644
index 0000000..5aaf847
--- /dev/null
+++ b/75672-h/images/illu-012.jpg
Binary files differ
diff --git a/75672-h/images/illu-017.jpg b/75672-h/images/illu-017.jpg
new file mode 100644
index 0000000..cecf3b3
--- /dev/null
+++ b/75672-h/images/illu-017.jpg
Binary files differ
diff --git a/75672-h/images/illu-020.jpg b/75672-h/images/illu-020.jpg
new file mode 100644
index 0000000..6bc75d8
--- /dev/null
+++ b/75672-h/images/illu-020.jpg
Binary files differ
diff --git a/75672-h/images/illu-023.jpg b/75672-h/images/illu-023.jpg
new file mode 100644
index 0000000..e35250e
--- /dev/null
+++ b/75672-h/images/illu-023.jpg
Binary files differ
diff --git a/75672-h/images/illu-029.jpg b/75672-h/images/illu-029.jpg
new file mode 100644
index 0000000..536fd20
--- /dev/null
+++ b/75672-h/images/illu-029.jpg
Binary files differ
diff --git a/75672-h/images/illu-035.jpg b/75672-h/images/illu-035.jpg
new file mode 100644
index 0000000..d359f47
--- /dev/null
+++ b/75672-h/images/illu-035.jpg
Binary files differ
diff --git a/75672-h/images/illu-041.jpg b/75672-h/images/illu-041.jpg
new file mode 100644
index 0000000..726bad6
--- /dev/null
+++ b/75672-h/images/illu-041.jpg
Binary files differ
diff --git a/75672-h/images/illu-046.jpg b/75672-h/images/illu-046.jpg
new file mode 100644
index 0000000..581b01c
--- /dev/null
+++ b/75672-h/images/illu-046.jpg
Binary files differ
diff --git a/75672-h/images/illu-055.jpg b/75672-h/images/illu-055.jpg
new file mode 100644
index 0000000..038cc81
--- /dev/null
+++ b/75672-h/images/illu-055.jpg
Binary files differ
diff --git a/75672-h/images/illu-059.jpg b/75672-h/images/illu-059.jpg
new file mode 100644
index 0000000..2b18794
--- /dev/null
+++ b/75672-h/images/illu-059.jpg
Binary files differ
diff --git a/75672-h/images/illu-061.jpg b/75672-h/images/illu-061.jpg
new file mode 100644
index 0000000..bf1413f
--- /dev/null
+++ b/75672-h/images/illu-061.jpg
Binary files differ
diff --git a/75672-h/images/illu-067.jpg b/75672-h/images/illu-067.jpg
new file mode 100644
index 0000000..bfd3899
--- /dev/null
+++ b/75672-h/images/illu-067.jpg
Binary files differ
diff --git a/75672-h/images/illu-069.jpg b/75672-h/images/illu-069.jpg
new file mode 100644
index 0000000..e2c8f1e
--- /dev/null
+++ b/75672-h/images/illu-069.jpg
Binary files differ
diff --git a/75672-h/images/illu-078.jpg b/75672-h/images/illu-078.jpg
new file mode 100644
index 0000000..5bda19c
--- /dev/null
+++ b/75672-h/images/illu-078.jpg
Binary files differ
diff --git a/75672-h/images/illu-086.jpg b/75672-h/images/illu-086.jpg
new file mode 100644
index 0000000..c1c3e62
--- /dev/null
+++ b/75672-h/images/illu-086.jpg
Binary files differ
diff --git a/75672-h/images/illu-092.jpg b/75672-h/images/illu-092.jpg
new file mode 100644
index 0000000..acce52b
--- /dev/null
+++ b/75672-h/images/illu-092.jpg
Binary files differ
diff --git a/75672-h/images/illu-100.jpg b/75672-h/images/illu-100.jpg
new file mode 100644
index 0000000..ec13b57
--- /dev/null
+++ b/75672-h/images/illu-100.jpg
Binary files differ
diff --git a/75672-h/images/illu-109.jpg b/75672-h/images/illu-109.jpg
new file mode 100644
index 0000000..23edf88
--- /dev/null
+++ b/75672-h/images/illu-109.jpg
Binary files differ
diff --git a/75672-h/images/illu-131.jpg b/75672-h/images/illu-131.jpg
new file mode 100644
index 0000000..58e2114
--- /dev/null
+++ b/75672-h/images/illu-131.jpg
Binary files differ
diff --git a/75672-h/images/illu-148.jpg b/75672-h/images/illu-148.jpg
new file mode 100644
index 0000000..6b6b1ab
--- /dev/null
+++ b/75672-h/images/illu-148.jpg
Binary files differ
diff --git a/75672-h/images/illu-159.jpg b/75672-h/images/illu-159.jpg
new file mode 100644
index 0000000..f8c191c
--- /dev/null
+++ b/75672-h/images/illu-159.jpg
Binary files differ
diff --git a/75672-h/images/illu-175.jpg b/75672-h/images/illu-175.jpg
new file mode 100644
index 0000000..81dfb45
--- /dev/null
+++ b/75672-h/images/illu-175.jpg
Binary files differ
diff --git a/75672-h/images/illu-194.jpg b/75672-h/images/illu-194.jpg
new file mode 100644
index 0000000..54e5e3d
--- /dev/null
+++ b/75672-h/images/illu-194.jpg
Binary files differ
diff --git a/75672-h/images/illu-222.jpg b/75672-h/images/illu-222.jpg
new file mode 100644
index 0000000..c00b3f6
--- /dev/null
+++ b/75672-h/images/illu-222.jpg
Binary files differ
diff --git a/75672-h/images/illu-230.jpg b/75672-h/images/illu-230.jpg
new file mode 100644
index 0000000..2c682ba
--- /dev/null
+++ b/75672-h/images/illu-230.jpg
Binary files differ
diff --git a/75672-h/images/illu-238.jpg b/75672-h/images/illu-238.jpg
new file mode 100644
index 0000000..2b40157
--- /dev/null
+++ b/75672-h/images/illu-238.jpg
Binary files differ
diff --git a/75672-h/images/illu-244.jpg b/75672-h/images/illu-244.jpg
new file mode 100644
index 0000000..ce5f7fa
--- /dev/null
+++ b/75672-h/images/illu-244.jpg
Binary files differ
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..b5dba15
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This book, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this book outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..ecd286d
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+book #75672 (https://www.gutenberg.org/ebooks/75672)