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@@ -0,0 +1,5402 @@
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75670 ***
+
+
+ ####################################################################
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+ Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe so weit wie
+ möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden
+ stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
+ verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert;
+ fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
+
+ Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der
+ folgenden Symbole gekennzeichnet:
+
+ fett: =Gleichheitszeichen=
+ gesperrt: +Pluszeichen+
+ Antiqua: ~Tilden~
+
+ ####################################################################
+
+
+
+
+ Chemische
+ Unterhaltungen
+
+ Von
+
+ Ludwig Wunder
+
+ in Sendelbach bei Lohr a. M.
+
+ Mit 52 Abbildungen
+
+ Verlag Peter J. Oestergaard
+
+ Berlin-Schöneberg
+
+
+
+
+ +Alle Rechte+, insbesondere das Recht der
+ Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten.
+
+ == Nachdruck wird gerichtlich verfolgt. ==
+
+ ~Copyright by
+ Peter J. Oestergaard Verlag,
+ Berlin-Schöneberg.~
+
+
+ 8955. Berliner Buch- und Kunstdruckerei, G. m. b. H.,
+ Berlin W. 35–Zossen.
+
+
+
+
+Inhalt.
+
+
+ 1. Wie man chemische Kenntnisse erwirbt (ein Brief) 7
+
+ 2. Was ein Chemiker sich unter einer Verbrennung vorstellt 10
+
+ 3. Über die Unterschiede zwischen chemischen und physikalischen
+ Vorgängen (ein Brief) 22
+
+ 4. Atom und Molekül (ein Gespräch) 28
+
+ 5. Die Wärmeänderung bei chemischen Vorgängen 39
+
+ 6. Säuren, Basen und Salze (ein Gespräch) 48
+
+ 7. Die Salpetersäure und was man daraus macht 58
+
+ 8. Kohlehydrate und Alkohol 68
+
+ 9. Brennstoffe 84
+
+ 10. Fette, Öle, Seifen und Kitte 111
+
+ 11. Die größte chemische Fabrik der Welt (ein Gespräch) 123
+
+ 12. Das periodische System der Elemente (ein Gespräch) 144
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Dieses Buch bedarf einer kurzen Erläuterung; nicht sowohl wegen seines
+Inhalts (von dem ich mit der Eitelkeit des Verfassers hoffe, daß er
+für sich selbst spricht), als vielmehr wegen seiner Darstellung. Denn
+ich habe in zwei Kapiteln die Briefform und in vier Kapiteln die
+noch subjektivere Form des Zwiegesprächs angewendet, und dies gerade
+bei solchen Stoffen, die unzweifelhaft schwieriger zu erklären sind
+als der übrige Inhalt. Ich hoffe nicht, daß mir jemand daraus den
+Vorwurf schmiedet, ich wolle den Ernst der Wissenschaft durch eine
+theatermäßige Spielerei profanieren; aber vielleicht ist es doch gut,
+die Gründe zu nennen, warum ich diese uralte, von den griechischen
+Philosophen geübte, von unseren eigenen Vorfahren bis vor 100 Jahren
+viel gepflegte Darstellungsform wieder aufgreife. Wer immer sich mit
+der Kunst der volkstümlichen Darstellung befaßt hat, der wird zugeben
+müssen, daß das eigentliche Wesen alles Erklärens darin beruht, daß
+man die +Gegensätze+ betont und heraushebt; gerade, wie man eine
+mathematische Formel oft dadurch am besten begreift, daß man für die
+veränderliche Größe die gegensätzlichen Grenzwerte Null und Unendlich
+einsetzt. Für die Betonung der Gegensätze eignet sich nun nach
+meinen Erfahrungen die Form des Zwiegesprächs ganz außerordentlich;
+sie schneidet mit Messerschärfe die Gegensätze heraus und rundet
+so überraschend schnell alle Begriffe, auch solche, über die man
+sonst wohl lange vergeblich reden könnte. Freilich ist es nicht
+immer leicht, Klippen zu vermeiden, die den Fragensteller als bloßen
+Statisten erscheinen lassen könnten, oder die darin bestehen, daß der
+Fragende alle Schwierigkeiten des Stoffes geschickt umgeht, und so zwar
+leichte, aber den Leser wenig befriedigende Antworten erhält. Der Leser
+wird zweifellos selbst am besten beurteilen können, wieweit es mir
+gelungen ist, diese Fehler zu vermeiden.
+
+ +Sendelbach bei Lohr a. M.+
+
+ =L. Wunder.=
+
+
+
+
+1. Wie man chemische Kenntnisse erwirbt.
+
+(Ein Brief.)
+
+
+ Lieber Freund!
+
+Sie fragen mich, ob ein Laie, der noch niemals in Chemie unterrichtet
+worden ist, imstande sei, sich durch eigene Belehrung eine richtige
+Vorstellung von chemischen Vorgängen zu machen. Diese Frage darf
+ich getrost bejahen. Freilich handelt es sich bei der Belehrung
+in chemischen Fragen um wesentlich andere Methoden als etwa beim
+Selbststudium der Geschichte. Denn Geschichte kann man zur Not allein
+aus Büchern und mit Büchern lernen. Soll ich Ihnen klarmachen, warum
+diese Methode für das Studium der Chemie unbrauchbar ist, so möchte
+ich die Chemie mit einer modernen Fremdsprache, etwa Französisch oder
+Englisch, vergleichen. Wenn Sie versuchen wollten, diese Sprachen
++allein+ aus Lehrbüchern zu lernen, ohne jemals sich von einem Kundigen
+die Laute, Wörter und Sätze vorsprechen zu lassen und Ihr Ohr am
+lebendigen Klang der Sprache zu üben, so werden Sie mir zugeben,
+daß Ihre erste Unterhaltung in dieser Sprache mit einem wirklichen
+Beherrscher derselben recht merkwürdig klingen müßte. +Man muß also mit
+dem Ohr Erfahrungen sammeln, um mit dem Verstand Sprachen lernen zu
+können.+ In einer ganz ähnlichen Lage befinden Sie sich, wenn Sie die
+Sprache der Chemie lernen wollen: da müssen Sie die chemischen Vorgänge
+aus zahlreichen Experimenten zu sich reden lassen, um gleichsam Ihr
+Ohr an den Ton der chemischen Sprache zu gewöhnen, um eine Vorstellung
+davon zu bekommen, was im Bereich der Chemie möglich ist und was
+unmöglich ist. Das Experiment ist nicht bloß in der Chemie, sondern
+in allen Naturwissenschaften die Grundlage alles Lernens und die
+letzte, ja die einzige +maßgebende+ Instanz für die Beantwortung aller
+Fragen. In unseren Schulen wird das noch viel zu wenig beachtet. Dort
+herrscht leider auch bei zahllosen Lehrern noch der Irrglaube, als ob
+man chemische Tatsachen aus Büchern lernen könne, aus Büchern, die uns
+doch im besten Fall nur zum Studium der Natur +anregen+ können. Hätten
+diese Lehrer eine Ahnung davon, welch entsetzliche Vergewaltigung ihre
+unnatürliche Lehrmethode für den Geist der Schüler bedeutet, so müßte
+sich ihr Verantwortungsgefühl dagegen aufbäumen. Aber selbst wenn ihnen
+diese Ahnung aufdämmern möchte, stehen ihnen noch hundert Ausflüchte
+offen: die uralte scholastische Überlieferung, der Mangel an Zeit, an
+Geld und Laboratoriumseinrichtungen, Arbeitsüberhäufung, ungenügende
+Entschädigung für Vorbereitungsarbeit, Disziplinschwierigkeiten im
+Laboratoriumsunterricht, die Gefahren und die gesetzliche Haftpflicht
+des Lehrers für Unfälle usw. -- Da wird wohl noch eine lange Zeit
+vergehen, bis die Laboratorien unserer Schulen aus dem Stadium
+des „Renommierlaboratoriums“ in das der wirklichen Arbeitsstätte
+übergetreten sein werden. Und doch müssen wir unerbittlich an der
+Erkenntnis festhalten, daß es kein wirkliches Lernen der chemischen
+Sprache gibt, außer in jenem Zwiegespräch mit der Natur, welches
+durch die +eigene+ Experimentiertätigkeit des Lernenden geführt
+wird. Es genügt auch nicht, daß der Lernende bloß den Experimenten
+des Lehrers zusieht; er muß selbst nach eigenem Ermessen Fragen an
+die Natur stellen können. Denn die Experimentalvorträge des Lehrers
+sind recht häufig nichts anderes als eine ~pia fraus~, ein frommer
+Betrug gegen den Schüler, der dem Lehrer meistens gar nicht voll zum
+Bewußtsein kommt. Denn der Lehrer wird aus naheliegenden Gründen
+stets solche Versuche auswählen, welche für die von ihm vorgetragenen
+Behauptungen sprechen; er wird Versuche, welche dagegen sprechen,
+nicht machen, vielleicht in der redlichen Absicht, den Schüler nicht
+durch Widersprüche zu verwirren. So dient er wohl der Klarheit, aber
+gewiß nicht der Wahrheit. Drei Viertel aller Experimentalvorträge
+unserer naturwissenschaftlichen Hoch- und Mittelschullehrer sind mit
+diesem Fehler behaftet und zwingen unter dem Scheine der Objektivität
+das Gehirn des Schülers in ausgefahrene Geleise. Es gibt nur ein
+einziges wirksames Mittel gegen solche Selbsttäuschung: das ist die
++eigene+ Experimentiertätigkeit des Schülers, und zwar nicht jene
+„planvoll durch den Lehrer geleitete“ unserer an unfreiwilliger Komik
+so überreichen Schullehrpläne und Ministerialverordnungen, sondern die
+aus eigenem Denken hervorgegangene, vielleicht gerade durch die Lust
+am Widerspruch, durch den Zweifel an den einseitigen Ausführungen des
+Lehrers angeregte. In der Schule der Zukunft wird für diese eigene
+Versuchstätigkeit des Schülers unbeschränkte Zeit, unbeschränkte
+Gelegenheit und -- unbeschränkte Lust vorhanden sein. Dann wird auch
+kein Experimentalvortrag des Lehrers, sei er noch so einseitig und
+unwahr, Schaden anstiften können.
+
+Sie aber, lieber Freund, möchte ich mit diesen Worten angeregt haben,
+auch +meine+ folgenden Belehrungen und Behauptungen als einen Anreiz
+zum +Zweifel+ auf sich wirken zu lassen, der in Wahrheit der Vater
+aller Erkenntnis ist. Ich werde es mir zur Aufgabe machen, Ihren
+Zweifel förmlich herauszufordern. Ich werde Ihren Zweifel als den
+Stempel Ihres Geistes achten und ehren und werde Ihnen im Gefühl dieser
+Achtung nach meinen Kräften helfen, die Natur selbst zu befragen.
+
+ Ihr getreuer
+
+ L. W.
+
+
+
+
+2. Was ein Chemiker sich unter einer Verbrennung vorstellt.
+
+
+Die Verbrennung gilt dem Laien als das sicherste Mittel, um einen
+Gegenstand unwiderbringlich zu vernichten. Aber auch der Chemiker wird,
+wenn er unliebsame Briefe vernichten will, zum Feuer greifen, und es
+wird ihm auch nicht gelingen, die jammernde Hausfrau zu überzeugen,
+daß ein in die Tischdecke gebranntes Loch nur auf einer Täuschung
+beruhe. Holz und Kohle im Ofen verbrennen auf Nimmerwiederkehr, die
+brennende Kerze scheint wahrhaft spurlos zu verschwinden. Selbst die
+katholische Kirche, die doch den Glauben an unser Fortleben nach dem
+Tode unerschütterlich festhält, wußte in der Inquisitionszeit kein
+besseres Mittel zur vollständigen Vernichtung der Ketzer als den
+Feuertod. -- Angesichts solcher Tatsachen ist es keine leichte Aufgabe,
+nachzuweisen, daß die Substanz keines einzigen verbrannten Gegenstands
+von der Erde verschwunden ist, daß kein Brief, kein Holzscheit, keine
+Kohle noch Kerze, kein ketzerischer Leib durch das Verbrennen auch nur
+um ein Milligramm leichter geworden ist, daß alle seit Urzeiten auf
+Erden verbrannten Dinge noch mit ihrem vollen Gewicht und ihren ganzen
+Bestandteilen auf Erden vorhanden sind.
+
+Die Geschichte des Begriffs „Verbrennung“ ist nämlich geradezu ein
+Schulbeispiel für die Richtigkeit des Satzes, daß der Schein trügt.
+Wenn man das gerade Gegenteil von derjenigen Auffassung glaubt, die
+einem zunächst als die richtige erscheint, so kommt man auf diesem
+Gebiet in den meisten Fällen der Wahrheit am nächsten. Denn wenn z.
+B. ein Stück Schwefel verbrennt, so sieht es aus, als ob seine Masse
+beim Brennen leichter würde, und wird doch schwerer; die schöne blaue
+Flamme scheint anzudeuten, daß ein Stoff aus dem Schwefel entweicht --,
+aber in Wirklichkeit ist sie ein Zeichen der Verbindung des Sauerstoffs
+mit dem Schwefel, also kein Symbol des Abgangs, sondern vielmehr ein
+Symbol des Zugangs eines Stoffes zum Schwefel; beim Brennen sieht es
+aus, als ob der Schwefel auf Nimmerwiedersehen verschwände, aber die
+Wahrheit ist, daß man ihn aus dem gasförmigen Verbrennungsprodukt
+leicht wieder abscheiden kann. Also jede unserer ersten Vermutungen
+erweist sich bei genauerer Prüfung als trügerischer Schein.
+
+Ich will nun eine Reihe von Versuchen beschreiben, welche jedermann
+in den Stand setzen, sich von der Richtigkeit meiner Behauptungen zu
+überzeugen.
+
+Zunächst ist nachzuweisen, daß jeder brennbare Körper beim Verbrennen
+nicht an Gewicht verliert, sondern im Gegenteil zunimmt. Dieser
+Nachweis ist am leichtesten, wenn +sämtliche+ Verbrennungsprodukte
+des Körpers +fest+ sind, wenn er sich also ausschließlich in +Asche+
+verwandelt. Diese Eigenschaft besitzen die verbrennbaren Metalle, z.
+B. Eisen, Magnesium, Blei, Zinn. Nun brennen solche Metalle natürlich
+nicht so leicht, wie etwa Holz oder Kohle, und man muß sie daher
+in eine lockere Form bringen, am besten in Pulverform, um sie gut
+brennbar zu machen. Sehr gut eignet sich für unseren ersten Versuch
+das pulverförmige Magnesiummetall, welches in jeder Drogerie billig zu
+kaufen ist. Wir legen auf eine Tafelwage oder Briefwage, welche noch
+ein halbes Gramm Belastung deutlich durch einen Ausschlag erkennen
+läßt, ein Stückchen Ziegel oder Dachschiefer und schütten darauf etwa
+10 Gramm Magnesiumpulver, so daß es einen kleinen Berg bildet. Dann
+stellen wir die Wage, falls es eine Tafelwage ist, durch Belastung der
+anderen Schale genau ins Gleichgewicht und zünden sodann mit einem
+Streichholz den Gipfel unseres Magnesiumberges an. Der ganze Berg
+gerät in kurzer Zeit in schöne Rotglut, und durch die Hitze wird ein
+aufsteigender Luftstrom erzeugt, welcher zunächst die Wagschale mit
+emporreißt, so daß es aussieht, als ob das Magnesium beim Verbrennen
+leichter würde. Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, daß
+ein kleiner Teil der weißen Asche als Rauch emporgewirbelt wird und
+daß die übrige Asche merklich zusammensinkt und einen geringeren
+Raum einzunehmen scheint, als vorher das Metallpulver einnahm. Aber
+trotz dieser Verluste und Sinnestäuschungen erkennt man bereits nach
+wenigen Minuten, daß die Wagschale mit der Asche tiefer und tiefer
+herabsinkt und offensichtlich schwerer wird, als sie zuerst war. Die
+Gewichtszunahme wächst noch mehr, wenn man mit Hilfe einer Stricknadel
+den glühenden Berg vorsichtig auseinanderbreitet, so daß auch sein
+Inneres verbrennen kann.
+
+Auch mit pulverförmigem +Eisen+, welches in den Apotheken und Drogerien
+unter der lateinischen Bezeichnung ~Ferrum limatum~ zu kaufen ist,
+läßt sich der Versuch unter gewissen Bedingungen leicht anstellen.
+Diese Bedingungen bestehen darin, daß man das Eisenpulver mittels eines
++Magneten+ an einer Wage aufhängt. Man benutzt dazu einen sogenannten
+Hufeisenmagneten, den man, gewöhnlich ziegelrot lackiert, bei jedem
+Optiker bekommt, und taucht seine Pole in das Eisenpulver, welches
+in dicken Büscheln daran hängen bleiben muß. Dann befestigt man den
+Magneten vorsichtig so an einer Schale einer Hornschalenwage oder
+anderen Balkenwage, daß der „Bart von Eisen“ nirgends anstößt, sondern
+allseitig frei hängt. Nun wird die Wage in genaues Gleichgewicht
+gebracht. Dann hält man eine Flamme, am besten eine Spiritusflamme
+oder einen Bunsenbrenner, unter den Eisenbart. Er entzündet sich und
+verglimmt langsam, während zugleich der Wagenarm sich senkt, an dem er
+befestigt ist.
+
+[Illustration: Abb. 1. Gewinnung von Bleioxyd durch Veraschen von Blei.]
+
+Auch Blei und Zinn werden bedeutend schwerer, wenn man sie durch
+Erhitzen an der Luft in Asche verwandelt. Man füllt zu diesem Zweck
+einen kleinen Porzellantiegel, welchen man in der Regel beim Optiker
+kaufen kann, zu dreiviertel mit zusammengeknülltem Stanniol oder
+kleingehacktem Blei und wägt ihn auf einer Hornschalenwage oder guten
+Briefwage. Hornschalenwagen wägen mit einer Genauigkeit bis zu ¹⁄₁₀₀
+Gramm. Dann erhitzt man den Tiegel auf einem passenden Gestell in
++schräger+ Lage, wie Abb. 1 zeigt. Die Schrägstellung des Tiegels ist
+notwendig, damit die Luft gut über das schmelzende Metall streichen
+kann. Zum Erhitzen muß man eine rußfreie und heiße Flamme haben,
+also entweder einen Bunsenbrenner oder eine Benzingebläselampe. Das
+geschmolzene Metall wird mit einer Stricknadel fleißig umgerührt. Nach
+20–30 Minuten ist es größtenteils in Asche verwandelt, die sich beim
+Wägen (nach dem Erkalten) als bedeutend schwerer erweist.
+
+Niemand wird zweifeln, daß es sich in allen diesen Fällen um echte
+Verbrennungen handelt, wenn auch eine eigentliche Flamme nicht
+sichtbar wird. Die „Flamme“ entsteht nämlich nur dann, wenn der
+Brennstoff durch die Hitze oder durch andere Umstände wenigstens
+teilweise in Dampf verwandelt wird. Da nun Metalle, wie Eisen und
+Blei, nicht leicht verdampfen, so brennen sie auch nicht leicht mit
+Flamme. Schwefel dagegen oder Phosphor, welche leicht verdampfen, oder
+auch Wachs, Petroleum, Paraffin usw., bilden beim Brennen Flammen.
+Das Magnesiummetall nimmt eine Mittelstellung ein, da es in heller
+Glühhitze ebenfalls verdampft: zündet man einen Streifen Magnesiumband
+an, so kann man deutlich eine lodernde, blendend weiße Flamme
+beobachten. +Jede „Flamme“ ist ein brennender Dampf.+
+
+[Illustration: Abb. 2. Gewichtszunahme bei der Verbrennung einer Kerze.]
+
+Ein Stoff, der mit Flamme brennt, scheint nun merkwürdigerweise beim
+Brennen stets leichter zu werden. In Wahrheit wird er aber doch nicht
+leichter, sondern gleichfalls schwerer. Aber sein Verbrennungsprodukt,
+seine „Asche“, ist eben meistens gasförmig und entweicht unsichtbar
+in die Luft. Was wir aber nicht sehen, das glaubt bekanntlich unser
+Herz nicht gern, und so sträuben wir uns gegen die Annahme, daß
+eine Kerze beim Brennen schwerer wird, weil wir die gasförmige,
+unsichtbare „Asche“ der Kerze nicht beobachten können. Nun ist es
+aber gar nicht schwer, diesen Zweifel zu entkräften. Die gasförmigen
+Verbrennungsprodukte der Kerze haben nämlich die Eigenschaft, von
+festem +Ätznatron+ (auch „Laugenstein“ oder „scharfe Soda“, „kaustische
+Soda“ genannt) aufgeschluckt und festgehalten zu werden. Wenn man
+daher über einer brennenden Kerze einen Lampenzylinder befestigt,
+dessen Höhlung mit Stücken von festem Ätznatron gefüllt ist, so hält
+dieser alle Verbrennungsprodukte der Kerze fest. Nun kann man mit
+einer Wage leicht feststellen, ob Kerze und Lampenzylinder zusammen
+beim Verbrennen der Kerze leichter werden oder schwerer. Der Versuch
+ergibt das letztere. Man muß dabei, wie Abb. 2 zeigt, einen gewissen
+Kunstgriff anwenden. Das feste Ätznatron hat nämlich die Eigenschaft,
+an der Luft ganz von selbst schwerer zu werden, weil es die in der
+Luft stets vorhandene Feuchtigkeit begierig anzieht. Würden wir also
+auf die eine Wagschale die Kerze und den Zylinder voll Ätznatron,
+auf die andere aber nur die Tariergewichte setzen, so könnte man mit
+Recht gegen das Versuchsergebnis einwenden, daß das Ätznatron durch
+heftige Anziehung der Luftfeuchtigkeit schwerer geworden sei. Dieser
+Einwand wird dadurch entkräftet, daß man auch auf die andere Wagschale
+einen ebensogroßen Zylinder voll Ätznatron bringt. Nun zeigt sich,
+daß trotzdem die Wagschale mit der brennenden Kerze schwerer wird.
+Gegen diesen Befund kann auch der scharfsinnigste Kritiker nichts
+einwenden: +die Gewichtsabnahme der brennenden Kerze ist nur eine
+Sinnestäuschung+. Auch die mit Flamme brennenden Körper werden beim
+Brennen nicht leichter, sondern schwerer.
+
+Also sind die Holzscheite und Steinkohlen, welche wir und unsere
+Vorfahren in den Öfen verbrannt haben, und die Leiber der armen Ketzer
+und Hexen, welche die Inquisition durch den Flammentod zu vernichten
+glaubte, in Wahrheit nicht verschwunden, sondern sie schweben noch als
+unsichtbare Gase in der Luft -- wenn diese Gase nicht im Haushalt der
+Natur eine andere Verwendung gefunden haben. Darüber werden wir noch
+Näheres hören.
+
+Stellen wir als vorläufiges Ergebnis unserer Untersuchungen fest: +es
+gibt keinen einzigen brennbaren Körper, der nicht bei der Verbrennung
+an Gewicht zunimmt+.
+
+Die Gewichtszunahme ist nur dadurch erklärbar, daß der brennende Stoff
+während der Verbrennung einen anderen Stoff an sich zieht. Dieser
+andere Stoff kann nur in der Luft enthalten sein: es ist bekanntlich
+das +Sauerstoffgas+, welches ziemlich genau den fünften Teil der
+Luft ausmacht. Aus diesem Grund vermag kein Körper, der in der Luft
+brennbar ist, im luftleeren Raum oder in einer Luft zu brennen,
+aus welcher man das Sauerstoffgas entfernt hat. Aus diesem Grund
+verlöschen auch brennende Körper nach einiger Zeit, wenn man sie in
+einem abgeschlossenen Luftraum hat brennen lassen: z. B. verlischt
+eine kleine Kerze sehr bald, wenn man sie mit Hilfe eines Drahtes in
+eine leere Flasche versenkt, weil das in der Flaschenluft enthaltene
+Sauerstoffgas sich bald mit der Kerze chemisch verbunden hat. Taucht
+man einen brennenden Streifen Magnesiummetall in eine leere Weinflasche
+und stöpselt man sie sofort, gleichzeitig, fest zu, so ist es nicht
+schwer nachzuweisen, daß das Magnesium beim Brennen einen Teil der
+Luft in sich aufgenommen hat: wenn man nämlich nach 10 Minuten die
+Flasche mit der fest verschlossenen Mündung unter Wasser taucht und nun
+entkorkt, so strömt Wasser hinein. Also ist beim Brennen des Magnesiums
+soviel Luft verbraucht worden, als nun durch Wasser ersetzt wurde.
+Diese Luft, oder vielmehr dieser Luftbestandteil, der Sauerstoff, ist
+es, welcher die Gewichtszunahme brennender Stoffe verursacht.
+
+Eine derartige Behauptung bleibt unverständlich für jeden Menschen,
+der über die Natur der Gase noch keine Erfahrungen gesammelt hat.
+Denn er kann sich nicht vorstellen, daß Luft ein Gewicht haben soll,
+oder wenn er es für möglich hält, so glaubt er, daß dieses Gewicht
+viel zu gering sei, um mit der gewöhnlichen Wage meßbar zu sein.
+Nimmt doch eine brennende Kerze weit mehr an Gewicht zu (wenn man die
+Verbrennungsprodukte wiegt), als ihr eigenes Gewicht beträgt. Und hätte
+die Luft wirklich ein Gewicht, so müßte sie doch zu Boden sinken.
+Ferner müßte sie auf die Wagschalen, auf den Tisch, ja, auf unseren
+eigenen Körper einen Druck ausüben.
+
+Es ist nicht schwer, diese Einwände zu entkräften. Daß die Luft trotz
+ihres Gewichtes nicht zu Boden sinkt, ist auf denselben Zusammenhang
+zurückzuführen, durch welchen ein Fisch im Wasser nicht zu Boden sinkt,
+obgleich er doch sicherlich ein recht wahrnehmbares Gewicht besitzt.
+Daß sie auf die Wagschalen, auf den Tisch, auf unseren Körper drückt,
+entgeht der gewöhnlichen Beobachtung aus einem ähnlichen Grund: denn
+wenn man eine Wage in eine Kufe voll Wasser stellt, so zeigt sie auch
+keinen Ausschlag an, obwohl das Wasser auf die Wagschalen drückt. Es
+drückt eben in diesem Fall nicht bloß auf beide Wagschalen gleichstark,
+sondern es drückt auch von unten und von den Seiten gegen die Schalen.
+So spüren wir auch von dem gewaltigen Druck der Luft auf unseren Körper
+nichts, weil die Luft durch Mund und Nase in unsere Lungen und in unser
+Blut gelangt und von hier aus dem Druck auf die äußere Körperfläche
+das Gleichgewicht hält. Unsere sämtlichen Körpergewebe sind sozusagen
+mit Preßluft gesättigt und infiltriert; bringt man eine Schale voll
+frisches Blut in einen luftleeren Raum, so schäumt und moussiert es wie
+eine entkorkte Brauselimonadenflasche, weil die eingepreßte Luft durch
+keinen Gegendruck in der Flüssigkeit mehr festgehalten wird. Denn der
+Druck der Luft ist in der Nähe des Erdbodens (in hohen Luftschichten
+ist er viel geringer) gewaltig stark: er beträgt etwa 1 Kilogramm auf
+jeden Quadratzentimeter. Auf die Oberfläche des menschlichen Körpers
+ausgerechnet, macht dies für einen Erwachsenen von 1½–2 Quadratmeter
+Hautoberfläche wohl einen Druck von 15000 bis 20000 Kilogramm, also
+von 300 bis 400 Zentnern, aus. Es sieht fast merkwürdig aus, daß
+wir unter dieser entsetzlichen Last nicht zusammenbrechen. Folgende
+Tatsache wird uns das Verständnis erleichtern: Die Chemiker benutzen
+zum Erhitzen ihrer Flüssigkeiten sehr dünnwandige Glaskolben mit ebenem
+Boden, sogenannte Kochflaschen. Stellt man eine solche Kochflasche
+in ein großes Druckgefäß und läßt man nun in dieses Druckgefäß
+komprimierte Luft oder verdichtetes Kohlensäuregas einströmen, so
+platzt die Kochflasche nicht, trotz ihrer dünnen Wandung, auch wenn man
+den Druck der Preßluft auf 200 Atmosphären steigert. Denn der Druck
+wirkt ebensostark auf die Innenseite, wie auf die Außenfläche der
+Kochflasche. Schließt man sie jedoch vorher luftdicht zu, so wird sie
+durch den Außendruck zusammengepreßt.
+
+Aus diesen und vielen anderen Versuchen geht eindeutig hervor, daß die
+Luft einen Druck ausübt, und dieser Druck kann nur von ihrem Gewicht
+herrühren. Tatsächlich besitzt die Luft ein recht wahrnehmbares
+Gewicht, welches für den Liter 1¼ Gramm beträgt. Man kann es leicht
+mit Hilfe einer alten, ausgedienten Glühlampe nachweisen. Da diese
+Lampen luftleer gepumpt sind, so müssen sie, wenn man durch Abbrechen
+der Spitze Luft hineindringen läßt, schwerer werden um das Gewicht der
+eingedrungenen Luft. Man wäge also eine möglichst große, unversehrte
+Glühlampe ab oder tariere sie auf einer Hornschalenwage, breche dann
+die Spitze, nachdem man sie mit einer kleinen Dreikantfeile angefeilt
+hat, ab, und wäge nun die Glühlampe samt der abgebrochenen Spitze
+wieder. Sie ist sehr merkbar (um 0,2–0,3 Gramm für die 16kerzige Lampe
+gewöhnlicher Größe) schwerer geworden.
+
+Somit kann es nicht mehr zweifelhaft sein, daß die Gewichtszunahme
+brennender Stoffe durch das Hinzutreten einer bestimmten Menge Luft
+erfolgt. Demnach muß also in dem Verbrennungsprodukt einesteils der
+Brennstoff, andernteils die hinzugetretene Luft enthalten sein.
+Durch geeignete Mittel muß es also gelingen, aus der „Asche“ beide
+Bestandteile wieder abzuscheiden. Es muß möglich sein, die matte,
+graugelbe Bleiasche wieder in glänzendes metallisches Blei zu
+verwandeln, indem man den Sauerstoff herauslockt. Aus der weißgrauen,
+glanzlosen Zinnasche muß sich Zinnmetall, aus dem unsichtbar
+gasförmigen Kohlensäuregas schwarze Kohle wiedergewinnen lassen.
+Freilich hängt der Luftsauerstoff so fest an den Metallen und an der
+Kohle, daß die Trennung einige Schwierigkeiten macht. Nur die Aschen
+des Quecksilbers und der edlen Metalle zerfallen schon beim bloßen
+Erhitzen in Metall und Sauerstoffgas. Aber wir können uns diese Aschen
+nicht selbst herstellen, haben daher auch an ihrer Zerlegung kein
+rechtes Interesse. Wollen wir aber die Aschen unedler Metalle zerlegen,
+so müssen wir nicht bloß Hitze anwenden, sondern auch dem Sauerstoff
+sozusagen einen Ersatz anbieten für das Metall, das er freigeben soll.
+Ein solcher Ersatz ist z. B. gepulverte Holzkohle. Wir mischen unsere
+Bleiasche mit Holzkohlenpulver, füllen das Gemisch in einen Tiegel,
+decken ihn mit einem Blech oder Scherben zu und erhitzen ihn über dem
+Bunsenbrenner oder am Herdfeuer auf Rotglut: nach dem Erkalten finden
+wir am Grund des Tiegels schön glänzendes, metallisches Blei. Wie der
+Vogel Phönix ist es aus der Asche neu erstanden. (Mit Zinnasche ist
+dieser Versuch viel schwieriger, da das Zinn den Sauerstoff fester hält
+als Blei.)
+
+Ebenso können wir leicht aus dem unsichtbaren, gasförmigen
+Verbrennungsprodukt der Kohle, dem Kohlensäuregas, wieder schwarze
+Kohle abscheiden, wenn wir dem Sauerstoff als Ersatz für die
+freizugebende Kohle das Metall Magnesium anbieten. Wir benutzen dazu
+die Versuchsanordnung der Abbildung 3. Das Magnesiumpulver wird in eine
+sogenannte Kugelröhre aus schwer schmelzbarem Glas gefüllt (man bekommt
+sie in den Geschäften für chemische Apparate oder bei Optikern) und
+von außen durch eine Flamme erhitzt, nachdem man begonnen hat, durch
+die Röhre einen Strom von Kohlensäuregas zu leiten. Zwischen den rot
+erglühenden Metallspänen scheidet sich eine Menge schwarzer Kohle ab.
+
+[Illustration: Abb. 3. Zurückgewinnung der Kohle aus dem Kohlendioxyd
+durch glühendes Magnesiummetall.]
+
+In der Natur kommt eine große Anzahl von Erzen vor, welche ihrer
+Zusammensetzung nach nichts anderes sind als Metallaschen, verbrannte
+Metalle. Man kann aus allen diesen Erzen die darin enthaltenen Metalle
+gewinnen, indem man die Erze mit Kohle zusammen erhitzt. Manche von
+diesen Erzen geben das Metall schon bei mäßigem Erhitzen mit Kohle
+frei, z. B. der weiße Arsenik das Arsen: man bringt (Abb. 4) in ein
+spitz zulaufendes Glasrohr aus schwer schmelzbarem Glas eine Spur eines
+feinzerriebenen Gemisches von Arsenik und Holzkohle, überdeckt dieses
+Gemisch mit einem winzigen Holzkohlensplitter und erwärmt es in einem
+kleinen Flämmchen. Das abgeschiedene Arsen verdampft in der Hitze und
+scheidet sich etwas oberhalb an den kälteren Wänden des Glasrohrs als
+schwarzer, glänzender Spiegel ab. Da weißer Arsenik als Rattengift
+Verwendung findet und nicht selten durch Verwechslung mit Zucker zu
+Vergiftungsfällen Anlaß gibt, so kann man verdächtige Stoffe auf diese
+Weise leicht auf Arsenik prüfen.
+
+[Illustration: Abb. 4. Darstellung schwarzen Arsens.]
+
+Auch aus den Eisenerzen wird nach demselben Verfahren das Eisen
+abgeschieden, wozu nur deshalb eine größere Hitze erforderlich
+ist, weil das abgeschiedene Eisen erst bei Gelbglut schmilzt und
+zusammenfließt. Der riesenhafte chemische Apparat, in welchem dieser
+wichtige Vorgang stattfindet, heißt bekanntlich Hochofen. Abb. 5
+zeigt einen solchen aus Steiermark, dessen Höhe nicht weniger als
+25 Meter beträgt. Die innere Weite nahe der Mitte ist 6½ Meter. Der
+ganze, gemauerte Schacht wird mit abwechselnden Lagen von Kohle und
+Erz gefüllt. Da das Erz aber nicht bloß aus Eisenasche, sondern
+auch zum großen Teil aus Gestein („Gangart“) besteht, welches das
+Zusammenfließen des geschmolzenen Eisens erschweren oder verhindern
+würde, so muß es mit einem sogenannten „Zuschlag“ versetzt werden. Dies
+ist (je nach Beschaffenheit der Gangart) eine quarz- oder kalkreiche
+Gesteinsart, welche sich mit der Gangart zu einer leicht schmelzbaren
+Schlacke verbindet. Besteht die Gangart aus Quarz, so muß der Zuschlag
+ein Kalkgestein sein; ist die Gangart umgekehrt kalkreich, so muß der
+Zuschlag viel Quarz enthalten: denn stets verbinden sich Quarz und
+Kalk, die für sich fast unschmelzbar sind, miteinander zu einer leicht
+schmelzbaren Schlacke.
+
+[Illustration: Abb. 5. Hochofen.]
+
+Der Hochofen ist infolge seiner großen Höhe sozusagen sein eigener
+Kamin. Der Zug dieses Kamins würde aber bei weitem nicht ausreichen,
+um die Hitze zu liefern, welche um raschen Ausschmelzen des Eisens
+notwendig ist. Deshalb wird durch besondere Öffnungen („Düsen“) von
+unten in den Hochofen Preßluft („Wind“) eingeblasen. Eine dieser Düsen
+ist in unserer Abbildung rechts unten zu sehen. Diese Preßluft wird,
+um recht wirksam zu sein, vor dem Eintritt ins Feuer um den ganzen
+Hochofen herumgeleitet und dadurch vorgewärmt. Diese Vorwärmeleitung
+sieht man etwas unterhalb der Ofenmitte im Querschnitt. Aus der
+oberen Öffnung („Gicht“) des Hochofens sind früher ungeheure Mengen
+brennbarer Gase („Gichtgase“) ungenutzt in die Luft entwichen. Jetzt
+fängt man sie mit Hilfe der in der Abbildung sichtbaren Vorrichtung
+auf und benutzt sie teils zur Vorwärmung des Windes, teils zum
+Betrieb von Gasmotoren. Die Konstruktion dieser Gasmotoren ist eine
+der größten technischen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte.
+Denn die Gichtgase sind an und für sich minderwertig und so arm an
+brennbaren Bestandteilen, daß ihre Ausnutzung nur in Gasmotoren von
+riesenhafter Größe möglich war, die erst erfunden werden mußten. So
+werden jetzt bereits mehr als eine Million Pferdekräfte aus Gichtgasen
+gewonnen, die früher ungenutzt in die Luft entwichen. Obwohl erst
+ein Teil der deutschen Hochöfen mit Gichtgasmotoren verbunden ist,
+kann die so gewonnene Kraft in den eigenen Betrieben bei weitem
+nicht mehr verbraucht werden. Sie wird daher in unseren großen
+Eisenhüttenanlagen an Ort und Stelle in Elektrizität verwandelt und
+durch Überlandzentralen an die Städte und Ortschaften der weiteren
+Umgebung verteilt.
+
+Kehren wir nun zum Ausgangspunkt unserer Untersuchung zurück, so sehen
+wir ein Hauptkennzeichen aller Verbrennungsvorgänge darin, daß der
+brennende Körper sein Gewicht vermehrt um dasjenige einer gewissen
+Sauerstoffmenge, mit welcher er sich im Verbrennungsvorgang verbindet.
+Diese Sauerstoffmenge kann entweder aus der Luft entnommen werden,
+wie bei allen Verbrennungen gewöhnlicher Art; oder sie kann aus
+einem anderen Verbrennungsprodukt (einer Asche) stammen: so bei der
+Verbrennung von Kohle durch Eisenoxyd, bei welcher das Eisenoxyd in
+Eisen zurückverwandelt wird. Das Bild, welches sich ein Chemiker von
+einer Verbrennung macht, unterscheidet sich also recht wesentlich von
+der Auffassung der Laien: Der Brennstoff wird durch die Verbrennung
+nicht +vernichtet+, sondern nur +verwandelt+. Er wird dabei nicht
++leichter+, sondern +schwerer+.
+
+
+
+
+3. Über die Unterschiede zwischen chemischen und physikalischen
+Vorgängen.
+
+
+ Lieber Freund!
+
+Sie haben mir wieder eine Frage vorgelegt, deren Beantwortung (wenn
+sie überhaupt möglich ist) jedenfalls weit schwieriger ist, als Sie
+glauben. Ich soll Ihnen also eine scharfe Grenzlinie ziehen zwischen
+den Begriffen des physikalischen und des chemischen Vorgangs, woraus
+notwendig folgt, daß ich Ihnen erklären müßte, was ein physikalischer
+und was ein chemischer Vorgang ist. Dies kann ich aber gar nicht,
+wenigstens nicht in einer solchen Genauigkeit, daß die Erklärung für
+alle Fälle gilt. Sie müssen mir also erlauben, die Antwort auf Ihre
+Frage in dem Sinne einzuschränken, daß ich Ihnen die +scheinbaren+
+Unterschiede zwischen chemischen und physikalischen Vorgängen nenne.
+Sie werden mit dem Wachsen Ihrer chemischen Kenntnisse ganz von selbst
+bemerken, daß diese Unterschiede eben nur scheinbare sind.
+
+Betrachten wir als Beispiele für physikalische Vorgänge die Erhitzung
+eines Metallstücks bis zur Glut, das Schmelzen eines Metalls, die
+Verdampfung und das Gefrieren des Wassers. Was ist allen diesen
+verschiedenen Vorgängen gemeinsam? -- Kein Mensch wird behaupten
+können, daß ein Körper in einem +physikalischen+ Vorgang seine
+Eigenschaften +nicht+ ändere. Ändert sich doch schon beim Glühen
+das Aussehen aller Stoffe so außerordentlich, daß alle Farben und
+Oberflächeneigenschaften schwinden, der Glanz erlischt, die Härte sich
+außerordentlich verringert, die Leitfähigkeit für den elektrischen
+Strom ganz anders wird. Tatsächlich kann man dem Aussehen nach einen
+glühenden Stein von einem glühenden Eisenstück nicht unterscheiden, so
+groß die Unterschiede dieser beiden Stoffe in der Kälte sind. Und nun
+gar erst beim Schmelzen! Oder beim Verdampfen! Kann sich ein Körper
+stärker verändern in bezug auf Aussehen, spezifisches Gewicht, Härte,
+Zusammendrückbarkeit, Leitfähigkeit für den elektrischen Strom usw. als
+es ein verdampfender Stoff tut? --
+
+Man wird also nicht sagen dürfen, daß das Wesen eines chemischen
+Vorgangs dadurch gekennzeichnet sei, daß sich die Eigenschaften des
+Stoffes ändern, der dem Vorgang unterworfen wird. Denn wenn sich Blei
+oder Magnesium durch den chemischen Vorgang der Verbrennung in Asche
+verwandelt, so ist die Änderung der Eigenschaften kaum größer, als
+wenn diese Metalle sich durch einen physikalischen Vorgang in Dampf
+verwandeln.
+
+Somit müssen wir die Kennzeichen chemischer Vorgänge in etwas
+ganz anderem suchen. Nun ist es eine auffallende Tatsache, daß
+bei chemischen Vorgängen stets und ohne Ausnahmen entweder Wärme
++entwickelt+ oder Wärme +verbraucht+ wird. Alle Verbrennungen
+sind ja ein Beweis für den einen dieser Fälle, denn sie machen
+die freiwerdende Wärme deutlich erkennbar. Man hat eine Zeitlang
+geglaubt, in diesen Änderungen des Wärmeeinhalts das Hauptkennzeichen
++chemischer+ Vorgänge erblicken zu müssen. Aber wie unrichtig diese
+Auffassung war, werden Sie mir sofort zugeben, wenn ich Sie daran
+erinnere, daß auch die allerhäufigsten +physikalischen+ Vorgänge ohne
+Wärmeinhaltsveränderungen nicht möglich sind: +kein+ Körper auf der
+ganzen Welt kann schmelzen oder verdampfen, ohne gleichzeitig Wärme zu
+verbrauchen; kein Gas kann sich verflüssigen, keine Flüssigkeit kann
+erstarren, ohne zugleich Wärme an die Umgebung abzugeben. Kein Körper
+kann von einem elektrischen Strom durchflossen, von einem Lichtstrahl
+getroffen werden, ohne sich dadurch zu erwärmen, und es gibt auch
+keinen Stoff auf der Erde, den man pressen oder hämmern könnte,
+ohne ihn zugleich wärmer oder kälter (Eis wird durch Druck kälter)
+zu machen. Also sind auch die Wärmezustandsänderungen kein sicheres
+Kennzeichen der +chemischen+ Vorgänge allein.
+
+Nun bleibt aber doch noch eine Gruppe von drei Möglichkeiten übrig,
+welchen allein die chemischen Prozesse genügen können. Diese
+Möglichkeiten sind:
+
+ 1. das Zusammentreten zweier oder einiger Stoffe zu einem einzigen,
+ der in +allen+ Eigenschaften von seinen Bestandteilen abweicht,
+
+ 2. der Zerfall eines Stoffes in zwei oder einige, die in allen
+ Eigenschaften von ihm verschieden sind,
+
+ 3. der Austausch von Bestandteilen zwischen zwei Stoffen, so daß
+ beide dadurch in ganz neue Stoffe verwandelt werden.
+
+Für den ersten Fall haben wir in den Verbrennungen viele treffliche
+Beispiele kennen gelernt. Blei tritt mit Sauerstoffgas zu gelber
+Bleiasche zusammen, welche in allen ihren Eigenschaften gänzlich
+verschieden ist sowohl vom Blei als vom Sauerstoff. Ein prächtiger
+Versuch zum Beweis des gleichen Falles ist die Bildung des
+Jodquecksilbers aus Jod und Quecksilber. Sie kaufen sich eine
+Zweikugelröhre aus schwer schmelzbarem Glas, wie Abb. 6, und bringen in
+die eine Kugel etwas gepulvertes Jod, in die andere etwas Quecksilber.
+Wenn Sie nun erst das Quecksilber und dann das Jod erwärmen, so
+bilden sich prachtvoll glänzende Kristalle von rotem Jodquecksilber.
+Dieser Versuch zeigt Ihnen zugleich, wie töricht es wäre, Chemie aus
+Büchern lernen zu wollen, ohne Versuche zu machen. Denn der +Name+
+„Jodquecksilber“ läßt die beiden Bestandteile so leicht erkennen,
+daß man dadurch auf die falsche Meinung gebracht werden könnte, das
+wirkliche Jodquecksilber lasse seine Bestandteile ebenfalls leicht
+unterscheiden, so wie ein „Kesselwagen“ den Kessel und Wagen, ein
+„Motorrad“ den Motor und das Rad. Man sieht aber im Versuch mit
+Erstaunen, daß Jodquecksilber weder mit Jod, noch mit Quecksilber die
+geringste Ähnlichkeit hat.
+
+[Illustration: Abb. 6. Jod und Quecksilber.]
+
+Die zweite Reihe von chemischen Vorgängen ist durch den +Zerfall+ eines
+Stoffes in einige, von ihm verschiedene, gekennzeichnet. Beispiele
+dafür kennen Sie schon längst; denn Sie wissen, daß man Wolle, Haare,
+Kleiderstoffe, Holz usw. nicht erhitzen kann, ohne daß sie „sich
+zersetzen“, d. h. eben in solche anderen Stoffe chemisch zerfallen.
+
+Auch für die dritte Reihe von chemischen Vorgängen haben wir schon
+Beispiele kennen gelernt. Sie ist dadurch gekennzeichnet, daß zwei
+Stoffe durch den Austausch gewisser Bestandteile in zwei ganz neue
+Stoffe verwandelt werden. So entstand durch solchen Austausch aus
++Bleiasche+ und +Kohlenpulver+: +Bleimetall+ und +Kohlensäuregas+, aus
++Kohlensäuregas+ und +Magnesiummetall+: schwarze +Kohle+ und weiße
++Magnesiumasche+.
+
+Durch Nachdenken über Ihre Frage bin ich noch auf einen anderen
+Unterschied zwischen physikalischen und chemischen Vorgängen gekommen:
+durch physikalische Prozesse wird das Gewicht des Stoffes, welcher dem
+Prozeß unterworfen wird, nicht verändert: ein Kilo Wasser behält sein
+Gewicht bei, auch wenn es gefriert oder in Dampf verwandelt wird. Durch
+chemische Vorgänge wird aber das Gewicht eines Stoffes stets vermehrt
+oder vermindert, je nachdem er einem chemischen Aufbau oder Zerfall
+unterworfen wird. Diese Gewichtsänderungen sind nun sehr interessant,
+weil sie nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten erfolgen, welche ich mich
+nun bemühen will, Ihnen klar zu machen.
+
+Wir haben im Anfang unserer Unterhaltungen auf einer Wage einen kleinen
+Berg aus Magnesiumpulver errichtet, haben ihn dann angezündet und
+festgestellt, daß er durch Sauerstoffaufnahme aus der Luft sein Gewicht
+vermehrte und dabei in weiße Magnesiumasche verwandelt wurde. Wir
+können uns nun fragen: wieviel Sauerstoff enthält diese Asche? Gibt es
+davon etwa verschiedene Qualitäten von verschiedenem Sauerstoffgehalt,
+so wie man fettreichen und fettarmen Käse kennt? Wird etwa die weiße
+Magnesiumasche noch reicher an Sauerstoff und noch schwerer, wenn
+man sie an der Luft weiterhin glüht? -- Oder gibt es stets dieselbe,
+einzigartige Verbindung einer ganz bestimmten Menge Magnesium mit einer
+unabänderlichen Menge Sauerstoff? --
+
+Diese Frage hat die Chemiker erst um die Wende vom 18. zum 19.
+Jahrhundert zu interessieren angefangen, obgleich sie von so
+beispielloser Wichtigkeit ist, daß erst von ihrer Beantwortung an
+die Chemie ihren ungeheuren Aufschwung nehmen konnte. Da haben denn
+zahllose Untersuchungen ergeben, daß es allerdings von einem und
+demselben Metall verschiedene Aschen mit verschiedenem Sauerstoffgehalt
+gibt. So gibt es z. B. vom Blei nicht weniger als drei verschiedene
+Aschen, nämlich die gelbe Bleiglätte, das braunschwarze Bleisuperoxyd
+und die rote Mennige. Aber trotzdem hat es damit eine ganz andere
+Bewandtnis als mit den Käsesorten von verschiedenem Fettgehalt.
+Denn der Fettgehalt eines Käses kann in jeder beliebigen Abstufung
+reguliert werden; ist mir ein Käse von 20 % Fettgehalt noch ein wenig
+zu mager, so kann ich den Fabrikanten veranlassen, den Fettgehalt um
+1, 2 oder 3 % zu erhöhen -- ganz nach meinen Wünschen. Finde ich aber
+die Bleiglätte, welche stets unabänderlich 7,17 % Sauerstoff enthält,
+für meine Zwecke zu arm an Sauerstoff, so kann ich ihren Gehalt daran
+allerdings auch erhöhen, +aber nicht nach Belieben+: ich kann sie nur
+in +Mennige+ verwandeln, welche außer dem Metall Blei noch 9,34 %
+Sauerstoff enthält, oder in Bleisuperoxyd, welches 13,81 % Sauerstoff
+enthält. +Mittelstufen zwischen diesen gibt es nicht.+ Auch besteht
+noch ein wichtiger Unterschied gegenüber den Käsesorten: diese sind
+doch im Grund, trotz ihres verschiedenen Bleigehalts, von gleicher Art
+und gleichartigen Eigenschaften. Die drei Sauerstoffverbindungen des
+Bleis sind dagegen +grundverschieden+ voneinander: Bleiglätte ist gelb,
+Mennige zinnoberrot, Bleisuperoxyd dunkelbraun. Bleiglätte löst sich
+in Essigsäure und in Salpetersäure leicht auf, Bleisuperoxyd in keiner
+von beiden Säuren, Mennige wird durch Salpetersäure in Bleisuperoxyd
+verwandelt usw.
+
+Es werden also die Verhältnisse bei chemischen Vorgängen von einem
+Gesetz beherrscht, welches der Engländer +John Dalton+, Lehrer in
+Manchester, um 1803 herum entdeckte und als „+Gesetz der bestimmten
+Gewichtsverhältnisse+“ bezeichnete.
+
+Etwas schwieriger war die Entdeckung eines zweiten Gesetzes über
+denselben Gegenstand, welche durch denselben Forscher wenige
+Jahre später erfolgte. Ich kann sie Ihnen ebenfalls an den drei
+Sauerstoffverbindungen des Bleis klarmachen. Wir haben vorhin folgende
+Prozentgehalte Sauerstoff für diese drei Verbindungen erwähnt:
+
+ Bleiglätte 7,17
+ Mennige 9,34
+ Bleisuperoxyd 13,81
+
+Rechnet man nun diese Sauerstoffgehalte um auf je einen Gewichtsteil
+Bleimetall, so findet man:
+
+ in +Bleiglätte+ sind mit 1 g Blei verbunden: 0,0773 ~g~ Sauerstoff
+ „ +Mennige+ „ „ „ „ „ „ 0,1030 „ „
+ „ +Bleisuperoxyd+ „ „ „ „ „ „ 0,1546 „ „
+
+Betrachtet man diese Zahlen genauer, so erkennt man leicht, daß das
+Bleisuperoxyd genau doppelt soviel, die Mennige genau um ein Drittel
+mehr Sauerstoff enthält als die Bleiglätte. Dieselbe Beobachtung
+macht man, wenn man die Aschen anderer Metalle, z. B. des Eisens, mit
+der Wage und rechnerisch kontrolliert. +Stets ergeben sich zunächst
+komplizierte Zahlen, die aber stets untereinander in einem einfachen
+Verhältnis stehen.+ Diese Verhältnisse sind so einfach, daß man sie
+stets durch einstellige ganze Zahlen bezeichnen kann, also z. B. 1 : 2,
+oder 3 : 4, oder 4 : 7 usw.
+
+Dieses Gesetz heißt: „+Gesetz der mehrfachen Gewichtsverhältnisse+“.
+
+Durch die beiden Gesetze der „bestimmten“ und der „mehrfachen“
+Gewichtsverhältnisse sind alle chemischen Vorgänge scharf
+gekennzeichnet. Ich hoffe, damit Ihre Frage in verständlicher Form
+beantwortet zu haben, und bitte Sie nur, mir Ihre Zweifel stets
+mitzuteilen.
+
+ Mit herzlichen Grüßen
+
+ Ihr
+
+ L. W.
+
+
+
+
+4. Atom und Molekül.
+
+(Eine Unterhaltung zwischen einem Laien und einem Chemieprofessor im
+Laboratorium.)
+
+
++Der Laie+: Lieber Professor, gestatten Sie mir, daß ich Ihren
+wissenschaftlichen Theorien den Vorwurf mache, daß sie unserem
+Laienverstand oft ein wenig +naiv+ vorkommen. Was will Ihre
+Wissenschaft z. B. mit der +Atomtheorie+ sagen! Ist es wirklich Ihr
+Ernst zu behaupten, daß die Teilbarkeit einmal eine Grenze haben soll?
+Daß man z. B. den Feinheitsgrad eines Pulvers durch Mahlen nicht
+über eine gewisse Stufe erhöhen könne? Uns Laien erscheint, offen
+gesagt, die Annahme geradezu lächerlich, daß ein so winziges Teilchen
+plötzlich gegen jeden weiteren Teilungsversuch eine unüberwindliche
+Widerstandskraft entwickeln soll, während wir mit unseren Sprengstoffen
+doch sogar Nickelstahlpanzer bequem in Teile zerlegen können. Wer ist
+eigentlich zuerst auf diesen absurden Gedanken gekommen?
+
++Der Professor+: Der Gedanke lag am Ende des 18. Jahrhunderts sozusagen
+in der Luft; klar ausgesprochen wurde er am Beginn des 19. Jahrhunderts
+zum erstenmal von demselben +John Dalton+ in Manchester, der die beiden
+Gesetze der einfachen und mehrfachen Gewichtsverhältnisse zuerst
+entdeckt hat. Was nun Ihre Einwände betrifft, so können Sie sich mit
+der Tatsache trösten, daß auch wir Fachgelehrten in der Anfangszeit
+unseres Chemiestudiums ebenso gedacht haben, wie Sie jetzt denken. Um
+so mehr dürfte es Sie interessieren, daß die Atomlehre in den hundert
+Jahren ihrer Entwicklung an Wahrscheinlichkeit nicht verloren, sondern
+im Gegenteil soviel gewonnen hat, daß heute wohl kein Chemiker im Ernst
+daran zu zweifeln wagt.
+
++Der Laie+: Das ist mir ganz unbegreiflich, und Sie machen mich
+ordentlich neugierig, die Gründe zu hören.
+
++Der Professor+: Die ältesten und noch immer nicht widerlegbaren
+Gründe für die Atomtheorie liefern uns die beiden Daltonschen
+Verbindungsgesetze (das der bestimmten und das der vielfachen
+Gewichtsverhältnisse). Hätte nämlich die Teilbarkeit der Stoffe keine
+Grenze, so müßten sich z. B. Blei und Sauerstoff in beliebigen Mengen
+miteinander verbinden lassen, so wie man etwa Spiritus und Wasser in
+beliebigen Verhältnissen miteinander mischen kann. Denn wenn schon das
+Blei den Sauerstoff anzieht und sich chemisch mit ihm verbindet, so
+ist nicht einzusehen, warum diese Verbindung nicht +kontinuierlich+
+bis zu einem gewissen Sättigungsgrad erfolgt. Daltons Gedanke, die
+Eigenschaft der Teilbarkeit der Stoffe nur bis zur Größe der Atome
+gelten zu lassen, erklärt diese Tatsache augenblicklich in einer
+verblüffend einfachen Weise: ein kleinstes Bleiteilchen (Blei+atom+)
+verhält sich zu einem kleinsten Sauerstoffteilchen (Sauerstoffatom)
+dem Gewichte nach wie 1 zu 0,0773. Also besteht der chemische Prozeß
+bei der Verbrennung des Bleis einfach darin, daß sich je ein Bleiatom
+mit einem Sauerstoffatom verkettet. So erklärt sich sozusagen spielend
+das bestimmte Gewichtsverhältnis zwischen Blei und Sauerstoff, denn
+das sind eben die Gewichte der Atome. So erklärt es sich auch, warum
+es keine Übergangszustände gibt zwischen reinem Blei und reiner
+Bleiglätte, so etwa, wie man solche Übergangszustände zwischen reinem
+und verdünntem Spiritus kennt.
+
++Der Laie+: Das scheint mir wirklich überzeugend. -- Woher kommt denn
+der sonderbare Name „Atom“ für diese kleinsten Teilchen?
+
++Der Professor+: Das Wort kommt aus dem Griechischen und bedeutet
+„unteilbar“, unzerschneidbar.
+
++Der Laie+: Wie erklärt aber Daltons Atomtheorie die Tatsache, daß es
+außer der Bleiglätte noch zwei andere Sauerstoffverbindungen des Bleies
+gibt?
+
++Der Professor+: Hier gerade zeigt sich die Stärke dieser Lehre: sie
+betrachtet die kleinsten Teilchen des Bleisuperoxyds als Verkettungen
+von je +einem+ Bleiatom mit +zwei+ Sauerstoffatomen, wie folgende
+Zeichnung andeutet:
+
+[Illustration: Abb. 7. Ein Molekül Bleisuperoxyd, wie es nach Daltons
+Vorstellung aussieht.]
+
+und die Mennige als eine Verkettung von +drei+ Bleiatomen mit +vier+
+Sauerstoffatomen:
+
+[Illustration: Abb. 8. Ein Molekül Mennige enthält dagegen ein
+vierarmiges und zwei zweiarmige Bleiatome.]
+
+Wenn Sie die Gewichtsverhältnisse dieser Atome nachrechnen, werden Sie
+genau dieselben Zahlen finden, welche wir früher als kennzeichnend für
+die drei Sauerstoffverbindungen des Bleis kennengelernt haben.
+
++Der Laie+: Nach Ihren Figuren zu schließen, würden diese Atome
+miteinander durch eine Art von +Armen+ verkettet sein.
+
++Der Professor+: Ja. Man nimmt dies an und nennt diese Striche
+„+Wertigkeits+“arme oder „+Valenzen+“ oder schlechthin „+Bindungen+“.
+Über sie wäre noch manches zu sagen.
+
++Der Laie+: An Ihren Zeichnungen fällt mir etwas auf, was ich mir
+nicht erklären kann. Angenommen, die Atome hätten wirklich solche
+Wertigkeitsarme, womit sie einander fassen und festhalten: so müssen
+wir doch annehmen, daß die Anzahl dieser Arme für jedes Atom Blei
+gleich groß bleibt. In Ihrer Abbildung 7 hat aber das Bleiatom vier
+Arme, ebenso das mittlere Bleiatom der Abbildung 8, während die beiden
+äußeren Bleiatome dieser Abbildung nur je zwei Arme haben. -- Wie geht
+das zu?
+
++Der Professor+: Ihre Frage rührt an eine kritische Stelle der
+Atomtheorie. Diese Lehre nimmt nämlich allerdings an, daß die Anzahl
+dieser Arme oder „+Valenzen+“ beim gleichen Atom wechseln kann. Sie
+nennt das Bleiatom in der Bleiglätte +zweiwertig+, weil es zwei
+Arme hat, dasjenige im Bleisuperoxyd vierwertig, weil es vier Arme
+hat; und sie nimmt mit gutem Grund an, daß in der +Mennige+ ein
+vierwertiges und zwei zweiwertige Bleiatome enthalten sind. Auf den
+ersten Blick erscheint diese Erweiterung der Atomlehre durch die
++Wertigkeits+theorie, welche wir dem Chemiker +Kekulé+ verdanken, sehr
+willkürlich. Allein es sprechen gewichtige Tatsachen dafür. Bleiglätte
+löst sich nämlich in Salpetersäure auf, Bleisuperoxyd nicht. Behandelt
+man nun die zinnoberrote Mennige mit Salpetersäure, so lösen sich darin
+zwei Drittel ihres Bleigehalts auf, während das letzte Drittel ungelöst
+übrig bleibt. Dieses ist aber nun nicht mehr zinnoberrot, sondern
+dunkelbraun gefärbt: es besteht aus reinem Bleisuperoxyd.
+
++Der Laie+: Dieses Versuchsergebnis spricht allerdings sehr für die
+Richtigkeit der Wertigkeitslehre. Wenn nun, wie ich vermute, jedes Atom
+seine eigene und besondere Wertigkeit hat und damit auch noch wechseln
+kann, wie sollen wir Anfänger uns dies alles merken? Jod und Magnesium
+und Quecksilber und Eisen haben doch gewiß auch alle verschiedene
+Wertigkeiten?
+
++Der Professor+: Das „Merken“ ist hier, wie überall, Sache der
+praktischen Erfahrung und Übung. Jedoch werden wir vielleicht später
+im „+periodischen System der Elemente+“ ein Hilfsmittel kennen lernen,
+welches uns dieses Merken ganz außerordentlich erleichtert.
+
++Der Laie+: Von „+Atomen+“ kann man aber jedenfalls nur bei einfachen,
+chemisch unteilbaren Stoffen reden; denn die kleinsten Teilchen
+chemischer Verbindungen, wie z. B. der Mennige, bestehen offenbar aus
+einer Mehrzahl von Atomen.
+
++Der Professor+: Ja. Die Atome sind stets die kleinsten Teilchen
+der unzerlegbaren Stoffe, der „+Elemente+“. Die zerlegbaren
+Stoffe, welche aus Verbindungen der Elemente bestehen, müssen natürlich
+auch in ihren kleinsten Teilchen von jedem Element wenigstens ein
+Atom enthalten. Die kleinsten Teilchen solcher Verbindungen nennt man
++Moleküle+ (vom lateinischen Wort ~molecula~, die kleine Masse).
+
++Der Laie+: Wie ist das nun: haben die Atome der verschiedenen Elemente
+lauter verschiedene Gewichte, oder gibt es auch gleich schwere darunter?
+
++Der Professor+: Sie sind alle voneinander verschieden, wenn auch
+manchmal nur um geringe Beträge, wie z. B. Nickel und Kobalt.
+
++Der Laie+: Ich habe in chemischen Lehrbüchern schon manchmal solche
+Zahlen gesehen, die als „Atomgewichte“ bezeichnet waren. Ich konnte und
+kann mir noch immer nicht vorstellen, wie man gerade auf diese Zahlen
+gekommen ist. Ich erinnere mich z. B., für Blei die Zahl 207 gesehen zu
+haben. Das soll doch heißen, daß das Bleiatom 207 mal schwerer ist als
+etwas anderes. Aber was ist dieses andere? Womit hat man sich die Atome
+gewogen zu denken?
+
++Der Professor+: Dieses andere ist das Wasserstoffatom. Es ist
+gewissermaßen das Grammgewicht im Gewichtskasten des theoretischen
+Chemikers. Blei hat wirklich das Atomgewicht 207; das heißt: sein Atom
+ist 207 mal schwerer als das Wasserstoffatom. -- Können Sie sich denn
+denken, wie man diese Wägung gemacht hat?
+
++Der Laie+: Ich denke, man hat sie überhaupt nicht gemacht, denn die
+Atome sind natürlich viel zu klein, um gewogen werden zu können. Aber
+das ist wohl auch gar nicht nötig, denn das Gesetz der bestimmten
+Gewichtsverhältnisse erspart uns ja diese Wägung. Man braucht wohl nur
+gemessen zu haben, wieviel Gramm Blei sich mit einem Gramm Wasserstoff
+verbinden, und so wird man wohl die Zahl 207 gefunden haben.
+
++Der Professor+: Sie haben beinahe recht. Die Sache wird nur dadurch
+ein wenig umständlicher, daß Blei und Wasserstoff sich anscheinend
+überhaupt nicht miteinander verbinden, wenigstens ist es bis jetzt
+nicht gelungen, eine solche Verbindung herzustellen. Man mußte
+daher das Atomgewicht des Bleis auf einem Umweg bestimmen. Man
+hat den Wasserstoff einer anderen chemischen Verbindung, nämlich
+der Schwefelsäure, durch Blei ersetzt und hat mit der Wage leicht
+feststellen können, wieviel Blei zum Ersatz von einem Gramm Wasserstoff
+notwendig war. Dabei war allerdings noch darauf Rücksicht zu nehmen,
+daß das Wasserstoffatom nach allen chemischen Erfahrungen stets
+nur einen Wertigkeitsarm besitzt, das Bleiatom aber in den meisten
+Verbindungen zwei solche hat. Also tritt in der Schwefelsäure ein
+Bleiatom stets an die Stelle von zwei Wasserstoffatomen. Das wahre
+Atomgewicht des Bleis muß daher doppelt so groß sein als die Zahl 103½,
+welche man auf diesem Umweg findet.
+
++Der Laie+: Das ist ja ein förmliches Schulbeispiel für die Wahrheit
+des Satzes: „Nah beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume
+stoßen sich die Sachen.“ -- Gibt es denn nun noch weitere Beweise für
+das Vorhandensein der Atome? Denn wir haben uns bisher doch nur auf
+die, allerdings sehr ernst zu nehmenden, Daltonschen Gesetze gestützt.
+
++Der Professor+: Die Gründe sind so zahlreich wie der Sand am Meer. Ich
+will ein paar von den auffallendsten herausgreifen. Da ist zunächst
+das sonderbare Verhalten der Gase in physikalischer und chemischer
+Hinsicht. Es weist geradezu auf eine Zusammensetzung aus kleinsten
+Teilchen hin. Es ist nämlich höchst merkwürdig, daß +alle+ Gase in
+physikalischen Beziehungen sich ganz gleichartig verhalten, wenn sie
+auch chemisch noch so verschieden zusammengesetzt sind. Sie werden von
+gleichen Drücken gleich stark zusammengepreßt und dehnen sich durch
+gleich starke Erwärmung um den gleichen Betrag aus. Dies gilt ebenso
+für das einfache, leichte Wasserstoffgas, wie für das schwere und
+zusammengesetzte Kohlensäuregas. Also muß dieses gleichartige Verhalten
+von der +chemischen+ Natur der Gase unabhängig sein.
+
++Der Laie+: Mit der +physikalischen+ Beschaffenheit der Atome kann es
+wohl auch nicht zusammenhängen: denn ein Wasserstoffatom ist doch viel
+kleiner und leichter als ein Kohlensäuremolekül? Ich kann mir nicht
+denken, welche physikalische Eigenschaft der Atome da noch ins Gewicht
+fallen könnte?
+
++Der Professor+: Sie vergessen die wichtigste Eigenschaft dieser
+kleinen Teilchen, nämlich ihre +Zahl+. Tatsächlich erklären sich
+alle gemeinsamen Eigenschaften der Gase geradezu spielend, wenn man
+annimmt, daß gleich große Räume verschiedener Gase die gleiche Anzahl
+kleinster Teilchen enthalten, seien es nun Atome oder Moleküle. Diese
+Teilchen befinden sich in fortwährender, rascher Bewegung, und ihr
+heftiger Anprall an die Gefäßwände erscheint uns als der Druck, welchen
+das Gas auf diese ausübt. Gleich viele Teilchen müssen natürlich den
+gleichen Druck ausüben. Durch +Erwärmen+ wird die Geschwindigkeit
+der Bewegung, also auch die Heftigkeit des Aufprallens auf die Wände
+gesteigert: tatsächlich wächst der Druck jedes Gases mit der Temperatur.
+
++Der Laie+: Dies klingt freilich sehr bestechend. Aber die Wucht des
+Anpralls an die Gefäßwände hängt doch nicht bloß von der Anzahl der
+Teilchen ab; da kommt doch auch ihr Gewicht und ihre Geschwindigkeit in
+Betracht?
+
++Der Professor+: Gewiß. Je schwerer ein Teilchen ist, um so langsamer
+muß seine Bewegung sein, wenn es mit der gleichen Wucht aufprallen
+soll, wie ein leichtes Teilchen. Tatsächlich ist nun der Gasdruck
+des leichten Wasserstoffgases und des schweren Kohlensäuregases
+gleich groß. Da die Kohlensäureteilchen 22 mal schwerer als die
+Wasserstoffteilchen sind, so müssen wir annehmen, daß sie sich viel
+langsamer bewegen als diese.
+
++Der Laie+: Mir scheint, Ihre Theorien bedürfen doch einer zu großen
+Anzahl von Voraussetzungen, und sie verlieren dadurch recht erheblich
+an Wahrscheinlichkeit.
+
++Der Professor+: Ich will Ihnen aber zeigen, daß jede dieser
+Voraussetzungen zu Folgerungen führt, welche mit den Tatsachen
+übereinstimmen. So haben wir eben festgestellt, daß die schweren
+Kohlensäureteilchen sich langsamer bewegen als die leichten
+Wasserstoffteilchen, weil sie sonst bei gleicher Anzahl nicht den
+gleichen Druck auf die Gefäßwände erzeugen könnten. Vorher hatte
+ich erwähnt, daß Erwärmung die Geschwindigkeit der Teilchen erhöht,
+Abkühlung infolgedessen sie verringert. Die Kohlensäureteilchen müssen
+also durch starke Abkühlung leichter und früher zur völligen Ruhe
+kommen als die rascher bewegten Wasserstoffteilchen. Tatsächlich ballen
+sich die Kohlensäureteilchen, wenn man sie auf 80 ° unter Null abkühlt,
+zu einem weißen Schnee zusammen, der zu Boden sinkt. Um das gleiche
+Ergebnis beim Wasserstoff zu erzielen, muß man dieses Gas viel stärker,
+nämlich auf 260 ° unter Null, abkühlen.
+
++Der Laie+: Dies ist freilich sehr merkwürdig. Besteht dieses
+Verhältnis zwischen Schwere und Verdichtbarkeit bei allen Gasen?
+
++Der Professor+: Bei allen, wäre wohl zuviel gesagt. Es gibt erklärbare
+Ausnahmen. Aber trotzdem werden Sie fast niemals fehl gehen, wenn Sie
+die schweren Gase als leicht verdichtbar, die leichten als schwer
+verdichtbar betrachten. Zum Beweis stelle ich Ihnen für einige Gase die
+entsprechenden Zahlen zusammen:
+
+ ----------------+-------+-----------+----------+----------+-----------
+ | Chlor | Kohlen- |Sauerstoff|Stickstoff|Wasserstoff
+ | | säuregas | | |
+ ----------------+-------+-----------+----------+----------+-----------
+ Molekulargewicht| 70,4 | 44 | 32 | 28 | 2
+ ----------------+-------+-----------+----------+----------+-----------
+ wird flüssig | | | | |
+ (od. fest) bei: |-34 ° | -79 ° | -183 ° | -196 ° | -259 °
+
++Der Laie+: Gibt es noch andere Gründe für die Annahme, daß die
+verschiedenen Gase im gleichen Raum gleichviel Moleküle enthalten?
+
++Der Professor+: Allerdings! Sie erinnern sich wohl, wie wir am Anfang
+zu dem Begriff „Atomgewicht“ gelangt sind: nicht etwa durch Wägung der
+Atome, sondern durch das Gesetz der bestimmten Gewichtsverhältnisse
+bei chemischen Verbindungen. Wenn wir z. B. +Silber+ mit +Chlorgas+
+zusammenbringen, so beobachten wir, daß 108 Gramm Silber sich mit
+35,2 Gramm Chlor verbinden. Lassen wir aber Silber etwa in der
+Salpetersäure an die Stelle von Wasserstoffgas eintreten, so finden
+wir, daß 108 Gramm Silber genau 1 Gramm Wasserstoffgas ersetzen.
+Daraus hat bekanntlich Dalton den Schluß gezogen, daß das Silberatom
+108 mal schwerer ist als das Wasserstoffatom, während das Chloratom
+35,2 mal so schwer als dieses ist. Ist es nun nicht merkwürdig, daß
+auch +ein Liter+ Chlorgas genau 35,2 mal schwerer ist als +ein Liter+
+Wasserstoffgas?
+
++Der Laie+: Das ist allerdings sonderbar; denn die Zahl 35,2 haben
+wir doch auf +chemischem+ Weg aus den Vorgängen zwischen Silber,
+Salpetersäure und Chlorgas gefunden.
+
++Der Professor+: Ganz richtig! Und nun begegnen wir derselben Zahl
+durch eine rein physikalische Vergleichung der Gewichte von Chlor und
+Wasserstoffgas wieder. Dies +kann+ doch nur dadurch erklärt werden,
+daß gleiche Raumteile der beiden Gase gleichviel Atome enthalten.
+Denn wenn 1 Atom Chlor 35,2 mal schwerer ist als 1 Atom Wasserstoff,
+so ist natürlich auch eine Milliarde Chloratome 35,2 mal schwerer als
+eine Milliarde Wasserstoffatome. Ist umgekehrt 1 Liter Chlor 35,2 mal
+schwerer als 1 Liter Wasserstoff, so müssen beide gleichviel Atome
+enthalten.
+
++Der Laie+: Dieser Beweis befriedigt mich schon besser. Gibt es noch
+weitere Gründe für die Atomtheorie?
+
++Der Professor+: Wenn Sie die letzterwähnte Tatsache eingesehen haben,
+bin ich eigentlich erst in den Stand gesetzt, Sie mit den wichtigsten
+Gründen vertraut zu machen. Solche wurden besonders durch das genaue
+Studium der Eigenschaften der +Lösungen+ erschlossen. Es handelt sich
+dabei nur um +echte+ Lösungen, worunter wir solche verstehen wollen,
+welche beim Verdunsten des Lösungsmittels den gelösten Stoff wieder
+in Kristallen abscheiden. Diese Lösungen haben folgende sonderbare
+Eigenschaften gemeinsam:
+
+ 1. Der gelöste Stoff erniedrigt den Gefrierpunkt des Lösungsmittels,
+
+ 2. der gelöste Stoff erhöht den Siedepunkt des Lösungsmittels,
+
+ 3. der gelöste Stoff macht das Lösungsmittel zu einem Leiter der
+ Elektrizität,
+
+ 4. der gelöste Stoff übt im Lösungsmittel einen eigentümlichen Druck,
+ den +osmotischen+ Druck, aus;
+
+Sie erkennen ihn am einfachsten an der gewaltigen Aufblähung, welche
+eine mit Salzwasser gefüllte Schweinsblase erleidet, wenn man sie
+in reines Wasser legt. -- Diese vier Eigenschaften sind nun im
+allgemeinen derart von der Menge des gelösten Stoffes abhängig, daß
+die doppelte Menge auch die doppelte Wirkung ausübt. Reines Wasser z.
+B. gefriert bekanntlich bei 0 ° und kocht unter normalen Verhältnissen
+bei 100 ° Celsius; löse ich nun 100 Gramm Zucker in einem Liter
+Wasser, so wird diese Lösung erst unterhalb von 0 ° gefrieren und erst
+oberhalb von 100 ° kochen. Löse ich aber 200 Gramm Zucker im Liter,
+so bewirkt diese doppelte Zuckermenge auch eine doppelt so große
+Gefrierpunktserniedrigung und Siedepunktserhöhung, aber auch eine
+Verdoppelung der elektrischen Leitfähigkeit und des Quellungsdrucks
+(osmotischen Drucks).
+
++Der Laie+: Aber dies hat doch mit der Atomlehre eigentlich nichts zu
+schaffen? --
+
++Der Professor+: Mehr, als Sie denken. Es hat nämlich neugierige
+Menschen gegeben, welche sich die Frage vorlegten: welche Mengen
+muß man von +zwei verschiedenen+ Stoffen in der gleichen Menge des
+Lösungsmittels auflösen, damit sie dessen Eigenschaften um den gleichen
+Betrag ändern? Also, z. B., wieviel Traubenzucker muß in 1 Liter Wasser
+gelöst werden, damit dessen Gefrierpunkt um ebensoviel erniedrigt
+wird, wie durch 100 Gramm Rohrzucker? -- Das Experiment hat nun die
+sonderbare Antwort erteilt, daß in diesem Fall die Mengen der gelösten
+Stoffe im +Verhältnis ihrer Molekulargewichte+ stehen müssen. Da der
+Rohrzucker fast das doppelte Molekulargewicht des Traubenzuckers hat,
+so braucht man von ihm in der Tat fast doppelt soviel.
+
++Der Laie+: Dieses Gesetz erinnert ja geradezu an die Verhältnisse der
+Gase, deren Gewicht ebenfalls vom Molekulargewicht abhängt.
+
++Der Professor+: Dieser nämliche Gedanke veranlaßte den Chemieprofessor
+van’t Hoff, einmal die Frage zu prüfen, ob vielleicht der
+Quellungsdruck (osmotische Druck) gelöster Stoffe dieselbe Ursache
+habe, wie der Druck der Gase. Er wollte also prüfen, ob auch der
+Quellungsdruck durch den Anprall der Moleküle des gelösten Stoffes
+verursacht würde.
+
++Der Laie+: Ich kann mir gar nicht denken, wie diese Frage durch
+Versuche zu entscheiden wäre.
+
++Der Professor+: Darin zeigte sich gerade die Genialität van’t
+Hoffs. Er entschied und beantwortete die Frage klar, ohne einen
+einzigen Versuch auszuführen, allein durch Umrechnungen aus alten
+Versuchsergebnissen des Botanikers +Pfeffer+ über den osmotischen
+Druck, den Pfeffer entdeckt hatte. Er sagte sich: wenn der Druck in
+Gasen und Lösungen nur von der Anzahl der Moleküle abhängt, so müssen
+44 Gramm Kohlensäuregas, wenn man sie auf den Raum eines Liters
+zusammenpreßt, denselben Druck als Gasdruck zeigen, welchen 180 Gramm
+Traubenzucker, in einem Liter Wasser gelöst, als osmotischen Druck
+ausüben. Denn 180 ist das Molekulargewicht des Traubenzuckers.
+
++Der Laie+: Und was haben die Zahlen Pfeffers darauf geantwortet?
+
++Der Professor+: Was im Sinn der Atomlehre zu erwarten war: +die beiden
+Drucke stimmten überein+.
+
++Der Laie+: Aber das ist ja wunderbar, das ist ein Triumph der
+Atomtheorie, ein Triumph des menschlichen Geistes!
+
+
+
+
+5. Die Wärmeänderungen bei chemischen Vorgängen.
+
+
+Es ist für alle chemischen Vorgänge sehr kennzeichnend, daß dabei
+entweder Wärme entwickelt oder Wärme verschluckt wird. Es gibt keinen
+einzigen chemischen Vorgang, der nicht das eine oder das andere
+täte. Diese Veränderungen des Wärmeinhalts der Stoffe sind zwar
+kein Unterscheidungsmerkmal zwischen chemischen und physikalischen
+Vorgängen, wie schon früher erklärt wurde; aber sie sind für die Frage
+der Beständigkeit und für gewisse andere Eigenschaften der Stoffe von
+so hoher Bedeutung, daß wir uns etwas eingehender damit befassen wollen.
+
+Betrachten wir zuerst diejenigen chemischen Vorgänge, bei welchen Wärme
++entwickelt+ wird. Man nennt sie „+exothermische+“ Vorgänge. Beachten
+wir ferner, daß jeder chemische Vorgang entweder in einem +Zerfall+
+oder in einer +Neubildung+ (oder einer Vereinigung beider) besteht,
+und beschäftigen wir uns zunächst nur mit den Neubildungen. Wir wollen
+also solche Neubildungen betrachten, welche unter Wärme+entbindung+
+erfolgen. Sie liefern stets sehr +beständige+ Produkte, d. h. solche
+Stoffe, welche nur schwierig in ihre Bestandteile zerlegbar sind. Ein
+gutes Beispiel ist die Bildung des Wassers aus Wasserstoffgas und
+Sauerstoffgas. Diese beiden Gase kann man bei gewöhnlicher Temperatur
+miteinander vermischen, ohne daß sie sich chemisch verbinden. Bringt
+man aber das Gemisch mit einer Flamme in Berührung, so erfolgt die
+Vereinigung beider Gase zu Wasserdampf. Dabei wird plötzlich eine
+ungeheure Wärmemenge frei, welche die Gase auf hohe Glut erhitzt
+--: die Vereinigung erfolgt deshalb unter starker Explosion. Daraus
+schließen wir zunächst, daß es falsch ist zu sagen:
+
+ Wasserstoffgas + Sauerstoffgas = Wasser.
+
+Denn das Wasser ist doch um den Betrag der freigewordenen Wärme ärmer
+als das Gemisch der beiden Gase. Diese freigewordene Wärme ist sogar
+das eigentlich Unterscheidende zwischen dem Gasgemisch und dem daraus
+gebildeten Wasser. Wir müssen daher die Wasserbildung so formulieren:
+
+ (Wasserstoffgas + Sauerstoffgas) − =Wärme= = Wasser.
+
+Haben wir uns diese Tatsache fest eingeprägt, so begreifen wir leicht,
+warum das Wasser eine so beständige Verbindung ist: es kann in seine
+beiden Elemente nicht zerfallen, ohne daß ihm die entwichene Wärme
+zuvor wieder zugeführt wird. Da nun diese Wärmemenge sehr groß ist,
+so muß das Wasser (als Dampf) bis auf 1800 ° erhitzt werden, damit es
+wieder in Wasserstoff und Sauerstoff zerfällt. So riesige Wärmemengen
+bieten sich dem Wasser nicht leicht dar, deshalb kann es von selbst
+nicht wieder zerfallen.
+
+Es ist aber ohne weiteres klar, daß schon bei der Entstehung des
+Wassers infolge der dabei auftretenden hohen Temperaturen die
+Möglichkeit gegeben ist, daß es wenigstens teilweise wieder zerfällt.
+Dadurch müßte ein Teil der freigewordenen Wärme wieder verbraucht
+oder, wie der Fachausdruck lautet, „latent“ werden. In der Tat hat man
+ausgerechnet, daß eine mit Sauerstoff gespeiste Flamme eine Temperatur
+von nahezu 10000 ° ~C~ erzeugen müßte, wenn alle im ersten Augenblick
+freiwerdende Wärme frei bliebe. Tatsächlich aber gibt diese Flamme kaum
+2000 °, weil der Hauptteil der Wärme sofort wieder zur Spaltung des
+Wasserdampfs verbraucht wird.
+
+Diese Tatsache wirft ein eigentümliches Licht auf den Vorgang der
+Wärmeentwicklung überhaupt: dieser Vorgang richtet sich in seiner
+ganzen Wirkung offenkundig gegen denjenigen chemischen Vorgang,
+welchen er begleitet, nämlich gegen die Wasserbildung aus Wasserstoff
+und Sauerstoff. Es ist, als ob die Natur nicht damit einverstanden
+wäre, daß diese beiden Stoffe sich zu einem neuen Körper verbinden.
+Sie entwickelt daher aus den Bestandteilen heraus die Wärme als
+einen Widerstand gegen die Vereinigung, eine Kraft, welche das
+Vereinigungsprodukt wieder in seine Bestandteile zu zerlegen strebt.
+Sie erreicht jedoch diesen Zweck nur teilweise und unvollkommen, weil
+viel Wärme in die Umgebung abgeleitet wird.
+
+Die „exothermischen“ Verbindungen sind also sehr beständig und können
+nur durch große Energiezufuhr wieder in ihre Elemente gespalten
+werden. Bei vielen von ihnen, z. B. bei den meisten Verbindungen des
+Sauerstoffs mit den Metallen, reicht die höchste Glut unserer Öfen
+zu dieser Zerlegung noch nicht aus. Doch dürfen wir mit Sicherheit
+annehmen, daß in der Glut der +Sonne+ alle exothermischen Stoffe in
+ihre Elemente gespalten sind. Deshalb hat man noch vor 20 Jahren
+allgemein geglaubt, daß auf der Sonne überhaupt nur chemische Elemente
+als Dämpfe existieren könnten.
+
+Diese Ansicht hat sich jedoch nach genauerer Untersuchung der
+zweiten Gruppe chemischer Verbindungen, der „+endothermischen+“,
+als Irrtum erwiesen. Darunter versteht man diejenigen chemischen
+Verbindungen, welche bei ihrer Entstehung aus den Elementen Wärme
+aufnehmen, welche also energiereicher als ihre Elemente sind. Zu
+ihnen gehört das bekannte +Azetylengas+, welches aus Kohlenstoff und
+Wasserstoff besteht, ferner das +Ozon+ und vor allem die sämtlichen
++Sprengstoffe+, also +Schießbaumwolle, Nitroglyzerin, Ammoniaksalpeter+
+und +Knallquecksilber+ und viele andere. Der Grund für die Explosivität
+dieser Substanzen liegt in dem Wärmeüberschuß, den sie „latent“,
+also innerlich gebunden, enthalten. Beim Zerfall müssen sie diesen
+Wärmeüberschuß abgeben; er ist die Quelle der Explosionsenergie, der
+Zertrümmerungsarbeit. Diese Verbindungen brauchen sich nur in ihre
+Elemente umzulagern, um in einer viel energieärmeren Form bestehen zu
+können. Die endothermischen Verbindungen verhalten sich also in jeder
+Beziehung umgekehrt, wie die exothermischen. Diese entwickeln bei ihrem
+Aufbau Wärme, jene bei ihrem Zerfall. Die Wärme, welche die beständigen
+exothermischen Stoffe bei ihrer Entstehung abgeben, haben wir als
+einen Widerstand gegen diese Bildung kennen gelernt. Ist vielleicht
+auch die Explosionswärme, welche beim Zerfall der endothermischen
+Stoffe frei wird, ein Widerstand der Natur gegen diesen Zerfall?! --
+Dies wäre nur dann möglich, wenn die Explosivstoffe in großer Hitze
+beständig wären. Diese Annahme erscheint auf den ersten Blick ganz
+widersinnig, weil man die meisten Explosivstoffe doch gerade durch
+Erwärmen zur Explosion bringen kann. Aus diesem Grund hat man solche
+Erwägungen lange ins Reich der Unmöglichkeit verbannt. Man hat sogar
+in der Wärmeentwicklung beim Zerfall der Sprengstoffe einen Grund für
+ihre Unbeständigkeit gesucht; man folgerte dabei etwa so: beim Zerfall
+des ersten Sprengstoffteilchens entwickelt sich Wärme, welche die
+Nachbarteilchen erhitzt und deren Zerfall beschleunigt; dadurch wird
+noch mehr Wärme frei, welche auf weitere Nachbarteilchen im gleichen
+Sinne wirkt, und so steigert sich spontan die Energie der Zerfalls.
+Diese Steigerung erfolgt so blitzschnell, daß alle ihre Stufen zusammen
+den einen Vorgang der Explosion bilden.
+
+Nun ist aber schon seit längerer Zeit bekannt, daß einige Sprengstoffe
+mit besonderer Vorliebe in der ungeheuren Hitze des elektrischen
+Funkens entstehen: so das +Azetylen+, wenn man eine Kohlenbogenlampe
+in Wasserstoffgas brennen läßt; das +Ozon+, wenn elektrische Funken
+durch Sauerstoffgas schlagen; die verschiedenen +Stickstoffoxyde+, wenn
+dem Sauerstoff Stickstoff beigemischt wird usw. Zunächst glaubte man,
+daß die Elektrizität hierbei nur die Wärmemenge liefere, welche alle
+endothermischen Verbindungen bei ihrer Entstehung aus den Elementen
+aufnehmen. Man glaubte, daß diese starke Aufschluckung der Wärme die
+Sprengstoffe im Augenblick ihres Entstehens vor der Wirkung der Hitze
+gewissermaßen schütze. Man glaubte somit, daß diese Sprengstoffe
+der Einwirkung des elektrischen Funkens nur einen Augenblick lang,
+nämlich für den Augenblick ihrer Entstehung, ausgesetzt sein dürften,
+solange sie nämlich diese Wärme durch Aufschluckung unschädlich
+machten. Man hielt es also für eine unerläßliche Bedingung des
+Gelingens, daß die gebildeten Sprengstoffe der weiteren Einwirkung der
+elektrischen Gluthitze durch sofortige Abkühlung entzogen würden. Man
+war so unerschütterlich von dem Dogma der „Unbeständigkeit“ dieser
+Sprengstoffe überzeugt, daß man es Jahrzehnte hindurch gar nicht
+für nötig hielt, die Frage überhaupt nur aufzuwerfen, ob denn die
+endothermischen Verbindungen bei ihrer hohen Entstehungstemperatur
+nicht auch bestehen könnten. Als diese Frage einmal aufgeworfen wurde,
+war sie auch gleich beantwortet: +die Sprengstoffe denken gar nicht
+daran, in der Blauglut des elektrischen Lichtbogens zu zerfallen,
+sondern sie sind gerade bei den höchsten Temperaturen unzerstörbar
+feste Verbindungen+. Sie verlieren also in der höchsten Glut ihren
+unbeständigen Charakter und fangen an, beständig zu werden, wenn die
+„beständigen“ exothermischen Verbindungen anfangen zu zerfallen.
+Dieses sonderbare Gesetz gilt nicht bloß für chemisch einheitliche
+Verbindungen, sondern es gilt auch für explosive +Gemische+ von
+Elementen: das bekannte +Knallgas+, die höchst explosive Mischung von
+zwei Raumteilen Wasserstoffgas mit einem Raumteil Sauerstoffgas, ist
+oberhalb von 1800 ° nicht mehr explosionsfähig. Deshalb erzählt der
+berühmte nordische Chemiker +Svante Arrhenius+ in seinem Buche über
+die Chemie der Himmelskörper, daß es in der glühenden Sonne nur zwei
+Arten von Stoffen gibt: chemische +Elemente+ und +endo+thermische
+Verbindungen. Die gewöhnlichen, bei uns so beständigen exothermischen
+Verbindungen zerfallen bei dieser Glut sämtlich in ihre Elemente.
+
+Wärme kann also bei zwei Arten von chemischen Vorgängen auftreten:
+entweder bei der +Entstehung+ exothermischer Verbindungen, oder beim
++Zerfall+ endothermischer Verbindungen. Die erste Art haben wir bereits
+als einen Widerstand gegen die bevorstehende Veränderung erkannt. Nach
+diesen Ausführungen wird es uns nicht schwer fallen, auch die zweite
+Art der Wärmebildung als einen solchen Widerstand zu erkennen. Denn
+die zerfallenden Sprengstoffe, welche Wärme abgeben, nähern sich doch
+gerade dadurch demjenigen Zustand, in welchem sie nicht mehr zerfallen
+können: dem Zustand höchster Erhitzung. Aber wie in jenem, so wird auch
+in diesem Falle der Widerstand durch die Ableitung der Wärme in die
+Umgebung teilweise wirkungslos gemacht.
+
+Die Sprengstoffe haben, soweit ihr Verhältnis zur Wärme in Betracht
+kommt, auf physikalischem Gebiet ein Gleichnis: dies sind die
+unterkühlten Schmelzen. Wenn nämlich ein schmelzender Körper erstarrt,
+so gibt er dabei beträchtliche Mengen Wärme ab. Er kann überhaupt nur
+unter der Bedingung erstarren, daß ihn diese Wärme verläßt. Wir sind
+aber an diesen Vorgang so gewöhnt, daß wir meistens ihm nicht viel
+Beachtung schenken, sondern wir begnügen uns mit der Feststellung: „Die
+Schmelze erstarrt, weil sie kalt wird“. Nun gibt es aber Schmelzen,
+welche kalt werden können, ohne zu erstarren. Schmilzt man z. B. das
+in der Photographie verwendete Fixiernatron, oder auch essigsaures
+Natron, das man mit wenig Wasser durchfeuchtet hat, so kann man die
+Schmelzflüssigkeit in einer Flasche kalt werden lassen, ohne daß sie
+erstarrt. Es läßt sich aber leicht nachweisen, daß sich die erkaltete
+Flüssigkeit in einem gleichsam erzwungenen, unnatürlichen Zustand
+befindet: denn wenn man in sie ein einziges Kriställchen des festen
+Salzes hineinwirft, so fängt sie augenblicklich an, zu erstarren. Aber
+dabei entwickelt sich nun die ganze Wärmemenge, welche den flüssigen
+Zustand der Körper vom festen unterscheidet, und das Gefäß wird so
+warm, daß nur ein Teil seines Inhalts erstarren kann. Der Rest bleibt
+infolge der freigewordenen Erstarrungswärme flüssig. -- Aus diesen
+Vorgängen müssen wir schließen, daß die unter ihren Erstarrungspunkt
+abgekühlten Schmelzen, welche dabei nicht erstarrt sind, sich in
+thermischer Beziehung in einem ganz ähnlichen Zustand befinden wie
+die Sprengstoffe; beide enthalten überflüssige Wärme in verborgenem
+(latentem) Zustand. Beide geben diese Wärme bei entsprechender Reizung
+ab und nähern sich infolge der auftretenden Erwärmung wieder dem
+Zustand ihrer wahren Beständigkeit. Die endothermischen Verbindungen
+sind also auf chemischem Gebiet das, was die unterkühlten Schmelzen auf
+physikalischem sind.
+
+Bis jetzt wurde nur von solchen chemischen Vorgängen gesprochen,
+welche zwischen zwei Elementen stattfinden. Sie bestehen entweder in
+einer Vereinigung oder in einem Zerfall. Weitaus die Mehrzahl aller
+chemischen Vorgänge sind jedoch anderer Art: an ihnen beteiligen
+sich nicht bloß chemische Elemente, sondern auch Verbindungen, und
+zwar immer in der Art, daß Vereinigung und Zerfall gleichzeitig
+nebeneinander einherschreiten. Solch einen Vorgang haben wir schon
+kennen gelernt, als wir Bleiasche mit Holzkohle im Tiegel glühten.
+Da +zerfiel+ die Bleiasche in metallisches Blei und Sauerstoff;
+gleichzeitig +vereinigte+ sich dieser Sauerstoff mit der Kohle zu
+Kohlensäuregas. Es hat also ein Austausch stattgefunden: das Blei
+hat die Bleiasche verlassen, die Kohle ist an seine Stelle getreten.
+Solche Austauschprozesse können entweder +einseitig+ sein, wie der
+eben genannte, oder auch +wechselseitig+, wenn es sich nämlich um
+zwei Verbindungen handelt, welche je einen Bestandteil gegeneinander
+austauschen und dadurch in zwei neue Verbindungen übergehen. Es findet
+dann also ein doppelter Zerfall und ein doppelter Wiederaufbau von
+chemischen Verbindungen statt. Diese Vorgänge sind stets von sehr
+interessanten Wärmebewegungen begleitet, welche wir jetzt näher
+betrachten wollen.
+
+[Illustration: Abb. 9. Wie man im Zimmer dünnflüssiges Eisen darstellen
+kann, welches so heiß ist, daß es durch eine schmiedeeiserne Platte
+hindurchschmilzt.]
+
+Schon die +einseitigen+ Austauschprozesse verlaufen am liebsten
+in einer solchen Richtung, daß dabei Wärme entwickelt wird. Ein
+überraschend schönes Beispiel dieser Art ist seit einiger Zeit unter
+dem Namen des +Goldschmidtschen Eisenschmelzverfahrens+ bekannt
+geworden. Wir haben schon früher gesehen, daß man das Eisen aus seinen
+in der Natur vorkommenden Erzen mit Kohle im Hochofen ausschmilzt.
+Die hierfür in Betracht kommenden Erze sind Verbindungen des Eisens
+mit Sauerstoff und geben in der Glühhitze ihren Sauerstoff an die
+Kohle ab. Es ist also ein einseitiger Austauschprozeß, der erst in der
+Glühhitze vor sich geht. Nimmt man aber Aluminiummetall statt Kohle,
+so braucht man das Gemisch nicht in einen Hochofen zu füllen, sondern
+man kann die Reaktion im offenen Tontiegel erfolgen lassen. Es ist
+nur nötig, das innige Gemisch von Eisenerzpulver und Aluminiumgrieß
+an einer kleinen Stelle heftig zu erhitzen, indem man z. B. in den
+gefüllten Tiegel ein Stück Magnesiumdraht steckt und ihn anzündet.
+Sobald das brennende Magnesium mit dem Gemisch in Berührung kommt,
+entzündet sich dieses und brennt mit ungeheurer Glutentwicklung langsam
+nieder, ohne daß man von außen zu erhitzen braucht. Die freiwerdende
+Wärme ist so groß, daß nicht bloß das sich bildende Eisen, sondern
+auch das entstehende Aluminiumoxyd weißglühend und so dünnflüssig wie
+Wasser werden. Das geschmolzene Eisen ist sogar dermaßen überhitzt,
+daß man damit eine schmiedeeiserne Platte durchschmelzen kann, wenn
+man es durch ein Loch im Tiegelboden auf diese Platte fließen läßt.
+(Abb. 9.) Das geschmolzene Aluminiumoxyd, die Verbindung des Aluminiums
+mit dem Sauerstoff des Eisenoxyds, erstarrt dabei zu einer ungeheuer
+harten Masse, welche in allen Eigenschaften mit dem natürlichen
+Mineral +Korund+ übereinstimmt. Seine Härte übertrifft die des besten
+Stahls und wird selbst nur von der des Diamanten überragt. Man kann
+mit den zerschlagenen Stücken dieser Masse auf Glas schreiben und
+man kann Glasplatten damit fast ebenso gut zerschneiden, wie mit
+einem Diamanten. Der Erfinder Goldschmidt hat sich dieses Verfahren
+patentieren lassen zum Zusammenschweißen von großen Eisenstücken,
+z. B. von Schienenstößen. Denn das flüssige Eisen im Tiegel ist so
+entsetzlich heiß, daß man es nur in den Zwischenraum zwischen den
+beiden Schienenköpfen fließen zu lassen braucht, um diese dauerhaft
+miteinander zu verschmelzen. Man kann die außerordentliche Weißglut des
+Tiegelinhalts nur durch dunkelgefärbte Brillengläser ohne Gefahr für
+die Augen betrachten.
+
+Was ist nun der Grund, daß man mit Kohle das Eisen aus dem Erz nur
+unter großer Wärmezufuhr ausschmelzen kann, während die Ausschmelzung
+durch Aluminium von selbst unter heftiger Wärmeabgabe erfolgt? --
+Diesen Grund erkennen wir leicht in den Wärmewanderungen, welche bei
+unserem Versuch erfolgen. Wir müssen uns nur darüber klar werden, daß
+unsere Austauschreaktion eigentlich aus +zwei+ verschiedenen chemischen
+Vorgängen besteht, nämlich:
+
+ I. Eisenerz = Eisen + Sauerstoff,
+ II. Sauerstoff + Aluminium = Aluminiumoxyd.
+
+Der erste Vorgang, die Zerspaltung des Eisenerzes in seine beiden
+Bestandteile, erfordert eine große Wärme+zufuhr+, da das Eisenoxyd eine
+stark exothermische Verbindung ist. Der zweite Vorgang, die Bildung
+des Aluminiumoxyds, +liefert+ eine noch viel größere Wärmemenge, als
+für den ersten Vorgang verbraucht wird. Infolgedessen schließt die
+Bilanz zwischen beiden Reaktionen mit einem starken Überschuß an
+freigewordener Wärme ab. Nimmt man statt des Aluminiums Kohle an, so
+liegt die Sache weniger günstig, und es ist dann notwendig, dem Gemisch
+noch Wärme zuzuführen. Man könnte sich nun fragen, warum das Gemisch
+aus Eisenoxyd und Aluminiumpulver so schwierig zu entzünden ist, da
+es doch einen so gewaltigen Wärmeüberschuß in sich trägt. Denn es ist
+eine ganz auffallende Tatsache, daß diese Mischung wenigstens an einer,
+wenn auch noch so kleinen, Stelle bis auf Weißglut erhitzt werden muß,
+um in Reaktion zu treten. Deshalb haben wir die Entzündung mit einem
+brennenden Magnesiumdraht vorgenommen, welcher eine außerordentlich
+hohe Temperatur erzeugt. Denn ein Zündholz oder eine glühende Kohle
+würde ganz wirkungslos bleiben; ja, man könnte sogar den ganzen Tiegel
+ohne Gefahr auf Rotglut erhitzen. Dies erklärt sich daraus, daß die
+Aluminiumteilchen mit einer sehr dünnen, aber sehr schwer schmelzbaren
+Haut von Aluminiumoxyd umhüllt sind, welche sie vor der Einwirkung des
+Eisenerzes schützt, wenn nicht diese Hülle zuvor durch große Hitze
+geschmolzen wird. Ist dies aber an einer noch so kleinen Stelle einmal
+geschehen, so schreitet der Prozeß infolge der von ihm selbst erzeugten
+Hitze selbsttätig vorwärts. +Die ganze Masse+ dürfte man auf keinen
+Fall von außen her bis zur Weißglut erhitzen: sonst würde ohne Zweifel
+eine heftige Explosion erfolgen, weil der große Wärmeüberschuß an allen
+Stellen zugleich frei würde. --
+
+Dieses Beispiel hat uns die thermischen Vorgänge bei einem
++einseitigen+ Austauschprozeß erläutert. Wie die Verhältnisse bei
++zweiseitigen+ Austauschvorgängen liegen, werden wir in einem späteren
+Abschnitt kennenlernen.
+
+
+
+
+6. Säuren, Basen und Salze.
+
+(Ein Gespräch zwischen einem Laien und einem Chemieprofessor im
+Laboratorium.)
+
+
++Der Laie+: Was ist eine +Säure+? Ist mit diesem Wort ein chemischer
+Begriff verbunden, oder versteht man darunter schlechthin alles, was
+sauer schmeckt?
+
++Der Professor+: Die Säure ist ein chemischer Begriff, und zwar, genau
+betrachtet, ein recht verwickelter. Aber ich hoffe, daß ich Ihnen doch
+eine Vorstellung davon geben kann. Sie wissen doch, was ein +Oxyd+ ist?
+
++Der Laie+: Ich denke, die Verbindung eines Elements mit Sauerstoff.
+
++Der Professor+: Ja. Und ferner ist Ihnen wohl bekannt, daß man
+die Elemente nach ihren Eigenschaften oft in +Metalle+ und in
++Nichtmetalle+ unterscheidet?
+
++Der Laie+: Die Unterscheidung ist mir wohl bekannt, aber ich muß
+gestehen, daß ich sie nicht gerade als scharf empfinde. Welche
+Eigenschaften sollen für diese Unterscheidung maßgebend sein? Ich
+denke, für die Metalle wird man wohl ihren Glanz, ihre Schwere, ihr
+Leitungsvermögen für Wärme und Elektrizität als maßgebend betrachten.
+Aber gibt es nicht auch leichte Metalle einerseits und glänzende und
+schwere Nichtmetalle andrerseits?
+
++Der Professor+: Allerdings, z. B. die Metalle +Natrium+ und +Kalium+
+und das nichtmetallische Element +Jod+. Der Unterschied zwischen
+Metallen und Nichtmetallen ist in der Tat nicht scharf, und man kann
+bei manchem Element im Zweifel sein, wohin man es rechnen soll. Aber
+im großen und ganzen ist es doch eine berechtigte Unterscheidung, wenn
+man sich nur nicht auf eine einzige Eigenschaft bei der Beurteilung
+stützt, sondern vielmehr ihre Gesamtheit in Betracht zieht. Auch muß
+man die Eigenschaften richtig bewerten: für die Metalle ist namentlich
+ihre +Undurchsichtigkeit+ und ihr Leitungsvermögen für Elektrizität
+kennzeichnend.
+
++Der Laie+: Die Undurchsichtigkeit soll eine metallische Eigenschaft
+sein? Aber Schwefel, Kohle, Porzellan sind doch gewiß keine Metalle
+trotz ihrer Undurchsichtigkeit?
+
++Der Professor+: Jeder nichtmetallische Stoff läßt sich durch gewisse
+Kunstgriffe, wie Umschmelzen oder Umkristallisieren aus Lösungen, in
+eine durchsichtige Form verwandeln; ganz leicht gelingt dies bei den
+Nichtmetallen Schwefel, Phosphor, Kohle, Bor, Silizium! Denken Sie
+nur an den Diamanten, der die durchsichtige Form der Kohle ist. Auch
+das Porzellan besteht aus an und für sich durchsichtigen, freilich
+sehr kleinen Kristallen, die nur infolge ihres ungleichwertigen
+Lichtbrechungsvermögens ein weißes Gemisch geben. Ein durchsichtiges
+Metall gibt es dagegen nicht; zwar sind auch die Metalle in sehr
+dünnen Lagen etwas durchscheinend, aber niemals, auch in den dünnsten
+Schichten nicht, klar durchsichtig.
+
++Der Laie+: Also, den Unterschied zwischen Metallen und Nichtmetallen
+zugegeben, wie kommen wir zum Begriff der Säure?
+
++Der Professor+: Sehr einfach: Sie brauchen nur das Oxyd eines
+nichtmetallischen Elements in Wasser zu lösen.
+
++Der Laie+: Demnach wäre Schwefelsäure eine Verbindung von Schwefeloxyd
+mit Wasser?
+
++Der Professor+: Ja.
+
++Der Laie+: Und Phosphorsäure eine Verbindung von Phosphoroxyd mit
+Wasser?
+
++Der Professor+: Ja, und ebenso erhalten Sie Kohlensäure aus Wasser
+und einem Oxyd des Kohlenstoffs, Borsäure aus Boroxyd und Wasser,
+Salpetersäure aus Stickstoffoxyd und Wasser, Chlorsäure aus Chloroxyd
+und Wasser usw.
+
++Der Laie+: Und was entsteht, wenn man ein Metalloxyd in Wasser auflöst?
+
++Der Professor+: Da kommt es zunächst darauf an, ob sich das Oxyd
+in Wasser löst, was in verhältnismäßig wenigen Fällen erfolgt. Dann
+kommt es darauf an, ob das Metalloxyd viel oder wenig Sauerstoff
+enthält. Enthält es wenig, so gibt es mit Wasser eine +Lauge+ oder
++Base+. Enthält es viel, so hat seine Verbindung mit Wasser häufig die
+Eigenschaften einer Säure.
+
++Der Laie+: Da ist es wohl möglich, daß die sauerstoffarmen Oxyde eines
+Metalls basische Eigenschaften haben, während die sauerstoffreichen mit
+Wasser Säuren geben?
+
++Der Professor+: Dies könnte man sogar fast als die Regel bezeichnen.
+Jedenfalls gilt es für Chrom, Mangan, Eisen und viele andere
+Metalle. Ihre „niederen“, d. h. sauerstoffarmen Oxyde sind in Wasser
+unlöslich, haben aber trotzdem basische Eigenschaften; die höheren,
+sauerstoffreichen Oxyde sind in Wasser löslich und bilden damit echte
+Säuren.
+
++Der Laie+: Wie erkennt man eine Säure? Wodurch unterscheidet sie sich
+praktisch von einer Base?
+
++Der Professor+: Zunächst ist es auffallend, daß die wässerigen
+Lösungen der Säuren fast alle einen sauren Geschmack haben, obgleich
+sie oft ungeheuer verschieden zusammengesetzt sind. Auch einige andere
+Eigenschaften sind den meisten Säuren gemeinsam: sie färben blauen
+Lakmusfarbstoff rot, sie lösen Metalle und Metalloxyde auf, sie
+entwickeln mit Metallen, die sie lösen, Wasserstoffgas. Viele von ihnen
+wirken auch wasserentziehend auf wasserhaltige Stoffe. Es läßt sich
+nun nicht leugnen, daß manche von diesen Eigenschaften auch den Basen
+zukommen: auch sie lösen manche Metalle unter Wasserstoffentwicklung,
+auch sie wirken ätzend und wasserentziehend auf viele Stoffe. Aber
+gegen Lakmus und andere Farbstoffe verhalten sich die Basen stets
+umgekehrt und entgegengesetzt wie die Säuren: sie färben Lakmus, das
+von Säure gerötet ist, wieder blau, Methylorange, das durch Säuren
+gerötet ist, wieder gelb. Der Geschmack der Basen ist ebenfalls ganz
+anders als der der Säuren.
+
++Der Laie+: Wie verhalten sich nun diese beiden gegnerischen Stoffe
+zu einander? Was tritt ein, wenn man eine Säure und eine Base
+zusammenbringt?
+
++Der Professor+: Sie vereinigen sich miteinander, oft unter sehr
+heftiger Reaktion, zu einem +Salz+. Dabei wird stets das Wasser,
+welches in der Säure und in der Base chemisch gebunden ist, wieder
+abgestoßen.
+
++Der Laie+: Also bestehen die Salze aus Verbindungen von Metalloxyden
+mit Nichtmetalloxyden?
+
++Der Professor+: Ja, und man kann sie dementsprechend ebenso gut aus
+diesen durch Zusammenschmelzen darstellen. So können Sie z. B. das
+Kupfersalz der Phosphorsäure, welches man phosphorsaures Kupfer oder
+Kupferphosphat nennt, entweder so herstellen, daß Sie die Kupferbase in
+Phosphorsäure auflösen, oder durch Zusammenschmelzen von Kupferoxyd mit
+Phosphoroxyd.
+
++Der Laie+: Warum heißt man diese Stoffe +Salze+? Hat dieser Name etwas
+mit dem Kochsalz zu tun, womit wir die Speisen salzen?
+
++Der Professor+: Ja. Das Kochsalz entsteht beim Zusammenbringen von
+Natronlauge und Salzsäure. Es ist sozusagen ein Normaltypus des
+Begriffes „Salz“, denn es vereinigt alle kennzeichnenden Eigenschaften
+der Salze in sich. Es löst sich in Wasser und kristallisiert aus
+dieser Lösung beim Verdunsten des Lösungsmittels aus; es erhöht den
+Siedepunkt, den osmotischen Druck und die elektrische Leitfähigkeit
+des Lösungsmittels und erniedrigt seinen Gefrierpunkt. Es rötet weder
+blauen, noch bläut es geröteten Lakmusfarbstoff. Es tauscht gegen
+stärkere Säuren seine Säure, gegen stärkere Basen seine Base aus.
+
++Der Laie+: Sind denn diese Eigenschaften wirklich kennzeichnend für
+die Salze? Gibt es nicht auch unlösliche Salze?
+
++Der Professor+: Allerdings, sogar recht viele. Aber selbst die
+„unlöslichsten“ unter ihnen, wie das schwefelsaure Barium, sind eben
+doch nicht ganz unlöslich; sie sind in Wasser nur so wenig löslich,
+daß wir es nur schwierig bemerken. Aber in der Natur sind selbst diese
+schwerlöslichen Stoffe aus wässerigen Lösungen im Lauf langer Zeiten
+in prächtigen, großen Kristallen abgeschieden worden. Wir können daher
+auch die sogenannten unlöslichen Salze nur als schwerlöslich betrachten
+und müssen für sie dieselben Gesetze als gültig annehmen, welche für
+die löslichen Salze gelten.
+
++Der Laie+: Sie sagten vorhin, das Kochsalz röte weder den blauen,
+nach bläue es den geröteten Lakmusfarbstoff. Ist dies auch für alle
+Salze kennzeichnend? Ich dächte, ein Salz, das aus einer sehr starken
+Säure und einer sehr schwachen Base besteht, müßte auch noch saure
+Eigenschaften besitzen.
+
++Der Professor+: Dies ist auch tatsächlich der Fall. Das Kupfersulfat
+und überhaupt viel Schwermetallsalze der Schwefelsäure, Salzsäure und
+Salpetersäure reagieren noch deutlich sauer, weil diese drei Säuren
+viel stärker sind als die Schwermetallbasen. Dagegen reagieren z.
+B. das phosphorsaure und das borsaure Natrium wie Basen, weil die
+Natronlauge als Base in diesen Salzen viel stärker ist als die Säuren,
+an die sie gebunden ist.
+
++Der Laie+: Solche Salze nennt man dann wohl „+saure Salze+“, bzw.
+„+basische Salze+“?
+
++Der Professor+: O nein! Diese Namen bedeuten etwas ganz anderes,
+nämlich chemische Verbindungen von Salzen mit einem Überschuß ihrer
+eigenen Säuren bzw. Basen. So kann sich z. B. 1 Molekül Kaliumsulfat
+mit 1 Molekül Schwefelsäure zu „+saurem Kaliumsulfat+“ verbinden;
+ebenso 1 Molekül Kohlensäure mit 1 Molekül kohlensaurem Natrium zu
+„+saurem kohlensaurem Natrium+“ (Natriumbikarbonat). Viele dieser
+sauren Salze reagieren gegen Lakmus durchaus nicht sauer, sondern
+alkalisch, weil ihre Säure viel schwächer als ihre Base ist. Dies
+gilt z. B. vom Natriumbikarbonat, vom Borax, der sogar einen großen
+Überschuß an Borsäure enthält, vom sauren Natriumphosphat und vielen
+anderen Salzen.
+
++Der Laie+: Sie erwähnten vorhin, daß man den Säurebestandteil eines
+Salzes durch eine stärkere Säure austreiben könne. Ich denke mir, daß
+dies eine vorteilhafte Darstellungsweise für alle schwächeren Säuren
+sein müßte.
+
++Der Professor+: Sie haben recht. Die Methode ist für den Chemiker
+geradezu unersetzlich, weil er durch die +Kristallisation+ unreine
+Säuren auf dem Umweg über ihre Salze leicht und vollständig reinigen
+kann. Die Säuren haben nämlich häufig nur eine geringe Neigung zu
+kristallisieren, oder sie tun es, wie z. B. Essigsäure, nur in ganz
+reinem Zustand. Ihre Salze kristallisieren dagegen meistens leicht und
+hinterlassen dabei alle Unreinigkeiten in der „Mutterlauge“, d. i.
+in dem nicht kristallisierenden Rest der Lösung. Will man also z. B.
+aus dem stinkenden, braungefärbten, rohen Holzessig reine Essigsäure
+darstellen, so verfährt man etwa folgendermaßen: man schüttet in den
+Holzessig Natronlauge oder kohlensaures Natrium und erhält so eine ganz
+unreine Lösung von essigsaurem Natrium. Diese läßt man in der Wärme
+solange eindunsten, bis beim Abkühlen der größte Teil des essigsauren
+Natriums sich in Kristallen abscheidet. Dieses beständige Salz kann
+man nun beträchtlich erhitzen, so daß die meisten Verunreinigungen
+herausdestillieren, ohne daß es selbst Schaden leidet. Dann löst man es
+nochmals in Wasser auf und „kristallisiert es um“, d. h., man scheidet
+aus dieser Lösung abermals durch Eindampfen die Hauptmasse des Salzes
+in Kristallen ab. Diese sind nun fast als ganz rein zu betrachten.
+Erhitzt man sie mit Schwefelsäure, so verdrängt diese durch ihre große
+Stärke die Essigsäure, und es hinterbleibt schwefelsaures Natrium,
+während die Essigsäure herausdestilliert. So kann man viele Säuren
+chemisch rein darstellen.
+
++Der Laie+: Ist denn die Essigsäure eine Verbindung eines
+Nichtmetall-Oxydes mit Wasser?
+
++Der Professor+: Nein. Sie hat eine viel kompliziertere
+Zusammensetzung. Sie werden sich erinnern, daß ich Ihnen ausdrücklich
+sagte, ich vermöchte Ihnen nur einen Begriff von dem zu geben, was
+Säuren und Basen sind. Dieser Begriff ist aber nicht erschöpfend; es
+gibt noch viele Säuren und auch viele Basen, die weder ein Metalloxyd
+noch ein Nichtmetalloxyd enthalten. Um auch diese zu verstehen, müßten
+wir uns zuerst mit der +Ionen-Theorie+ vertraut machen. Dies wollen wir
+aber, wegen der erforderlichen bedeutenden Vorkenntnisse, lieber auf
+später vertagen.
+
++Der Laie+: Können zwei verschiedene Salze ebenfalls aufeinander
+einwirken?
+
++Der Professor+: O ja. Sie tun es sehr häufig, um nicht zu sagen:
+immer. Dabei erfolgt dann ein wechselseitiger Austausch derart, daß
+beide Salze ihre Säuren miteinander vertauschen. Ich möchte Ihnen da
+doch ein prachtvolles Beispiel im Versuch vorführen. Sehen Sie diese
+farblose Lösung: sie enthält salpetersaures Quecksilberoxyd. Und hier
+eine zweite, ebenfalls farblose Flüssigkeit: es ist eine Lösung von
+Jodkalium in Wasser (Jodkalium = jodwasserstoffsaures Kalium, das Salz
+aus Jodwasserstoffsäure und Kalilauge). Nun schütte ich beide Lösungen
+zusammen, und Sie sehen eine herrlich scharlachrote Färbung. Sie setzt
+sich als dickes Pulver zu Boden, während die überstehende Flüssigkeit
+farblos ist. Was ist dieses scharlachrote Pulver?
+
++Der Laie+: Wenn das jodwasserstoffsaure Kalium und das salpetersaure
+Quecksilberoxyd ihre Säuren gegenseitig ausgetauscht haben, so kann
+nur salpetersaures Kalium und jodwasserstoffsaures Quecksilberoxyd
+entstanden sein. Der Niederschlag muß aus einem dieser beiden Stoffe
+bestehen.
+
++Der Professor+: So ist es auch. Er besteht aus Jodquecksilber, wie
+man der Kürze halber statt „jodwasserstoffsaures Quecksilber“ sagt.
+Das andere Umsetzungsprodukt, das salpetersaure Kalium, ist in der
+überstehenden, farblosen Flüssigkeit gelöst.
+
++Der Laie+: Wenn man also diese farblose Flüssigkeit vorsichtig vom
+roten Bodensatz abgießt und eindampft, so erhält man Kristalle von
+salpetersaurem Kalium?
+
++Der Professor+: Jawohl. Und das Jodquecksilber ist nur deshalb zu
+Boden gesunken, weil es zu den „unlöslichen“ Salzen gehört. Es ist in
+Wasser nur sehr wenig löslich. Setzt man aber mehr Jodkaliumlösung
+hinzu, so sehen Sie, wie es sich darin wieder völlig auflöst.
+
++Der Laie+: Und die Lösung ist wieder ganz farblos geworden! Die
+Farbe dieser Umsetzungsstoffe tritt offenbar nur dann zutage, wenn
+sie unlöslich sind und infolgedessen als Niederschläge aus der Lösung
+ausfallen.
+
++Der Professor+: Hier sind Sie entschieden im Irrtum. Ich zeige
+Ihnen hier eine gelbe Lösung von salzsaurem Eisen und eine farblose
+von rhodanwasserstoffsaurem Ammonium. Lassen Sie sich durch die
+schrecklichen Namen nicht irre machen, es sind zwei echte, einfache
+Salze. Wenn ich diese Lösungen zusammenschütte, so sehen Sie eine
+prächtig blutrote +Lösung+ von rhodanwasserstoffsaurem Eisen. Hier
+zeigt nur die +Farbe+ die Umsetzung an, denn ein Niederschlag ist
+nicht entstanden. -- Ein zweites Beispiel: Hier ist eine farblose
+Lösung von Chlorkalzium (salzsaurem Kalzium), und hier eine blaue von
+salpetersaurem Kupfer. Ich gieße beide zusammen: es entsteht eine
+grasgrüne Lösung von salzsaurem Kupfer.
+
++Der Laie+: Ich bin mir in dieser interessanten Sache über eine Frage
+noch nicht im klaren: wenn ich salpetersaures Kalium mit Schwefelsäure
+mische, so erwarte ich, daß schwefelsaures Kalium und Salpetersäure
+entstehen. Wenn ich, umgekehrt, schwefelsaures Kalium mit Salpetersäure
+mische, so erwarte ich aus denselben Gründen, daß salpetersaures
+Kalium und Schwefelsäure entstehen. Was gilt nun? Beides zugleich kann
+doch nicht richtig sein? Wie kann ich mir merken, welcher von beiden
+Vorgängen der richtige ist?
+
++Der Professor+: Sie berühren hier eine außerordentlich wichtige Sache,
+die ich Ihnen ausführlich erklären möchte. Wir wollen bei dem von Ihnen
+gewählten Beispiel bleiben und wollen es in der Form einer Gleichung
+anschreiben:
+
+ Salpetersaures Kalium + Schwefelsäure = schwefelsaures Kalium
+ + Salpetersäure.
+
+Liest man die Gleichung von links nach rechts, so bedeutet sie den
+einen, von rechts nach links aber den anderen Vorgang. Tatsächlich sind
+nun beide Vorgänge möglich, beide finden auch wirklich statt, aber
+unter merklich verschiedenen Begleitumständen. Ich vermische hier in
+diesem Glasgefäß trockenes salpetersaures Kalium mit konzentrierter
+Schwefelsäure: Sie sehen Dämpfe von Salpetersäure aufsteigen und
+bemerken beim Anfassen des Gefäßes eine beträchtliche Erwärmung. Nun
+vermische ich in einem zweiten Gefäß trockenes schwefelsaures Kalium
+mit konzentrierter Salpetersäure. Sie sehen keine Dämpfe aufsteigen,
+denn die vorhandene Salpetersäure verschwindet zum Teil, und Sie
+bemerken, daß das Gefäß in diesem Fall sehr +kalt+ wird.
+
+Aus dem ersten Vorgang müssen Sie schließen, daß reines salpetersaures
+Kalium und reine Schwefelsäure nicht nebeneinander bestehen können,
+ohne aufeinander einzuwirken. Also können diese beiden Stoffe unmöglich
+allein als Endergebnis des zweiten Vorgangs auftreten. Aus dem zweiten
+Vorgang erkennen Sie dagegen, daß auch schwefelsaures Kalium und
+Salpetersäure unmöglich nebeneinander bestehen können, ohne aufeinander
+einzuwirken. Also können diese beiden Stoffe nicht das ausschließliche
+Endergebnis des ersten Vorgangs sein.
+
++Der Laie+: Demnach müßte man annehmen, daß in einem solchen Gemisch
+alle vier Stoffe zugleich vorhanden sind: nämlich salpetersaures
+Kalium, Schwefelsäure, schwefelsaures Kalium und Salpetersäure.
+
++Der Professor+: Dies ist auch tatsächlich der Fall. Aus dem ersten
+Paar bildet sich fortwährend das zweite, aus dem zweiten bildet sich
+gleichzeitig fortwährend das erste zurück. Somit halten die vier
+Stoffe einander sozusagen das Gleichgewicht. Dies ist aber nicht
+immer so möglich, wie in unserem Beispiel. Wenn nämlich einer der
+neugebildeten Stoffe +unlöslich+ ist, so entzieht er sich dadurch dem
+Einfluß des anderen. Das ist z. B. bei unserem schönen, scharlachroten
+Jodquecksilber der Fall, wenn Sie Jodkalium mit salpetersaurem
+Quecksilber zusammenbringen.
+
++Der Laie+: Sie wollen sagen, daß in diesem Fall das gebildete
+Jodquecksilber sich mit dem ebenfalls neugebildeten salpetersauren
+Kalium nicht wieder rückläufig umsetzen kann, weil das Jodquecksilber
+unlöslich ist?
+
++Der Professor+: Ja. Dasselbe gilt für alle diejenigen chemischen
+Vorgänge, bei welchen einer der neugebildeten Stoffe entweder unlöslich
+ist, oder sich als Gas aus dem Wirkungsbereich der anderen Stoffe
+entfernt. In allen diesen Fällen verläuft der chemische Vorgang
+nur in einer Richtung und dauert so lange, bis die letzte Spur der
+Ausgangsstoffe verschwunden ist, bis sich also kein unlöslicher oder
+gasförmiger Stoff mehr neu bilden kann. In allen anderen Fällen
+entsteht ein chemischer Gleichgewichtszustand.
+
++Der Laie+: Nun bleibt immer noch die Frage offen, wie weit in diesen
+anderen Fällen der Prozeß in einer Richtung fortschreitet. Dauert dies
+so lange, bis die vier Stoffe in gleichen Mengen vorhanden sind, oder
+müssen sie im Verhältnis ihrer Molekulargewichte stehen, oder von
+welchen Umständen sonst hängt das Gleichgewicht ab?
+
++Der Professor+: Dafür sind +drei+ Umstände maßgebend: die
++Konzentration+ der Lösungen, ihre +Temperatur+ und der +Druck+, unter
+welchem sie stehen. Denken Sie nur an die Darstellung der Salpetersäure
+aus salpetersaurem Kalium und Schwefelsäure. Je mehr man dieses Gemisch
+erwärmt, um so vollständiger wird die Salpetersäure aus dem Salpeter
+„ausgetrieben“. Denn die Salpetersäure ist in der Hitze bestrebt,
+sich als Dampf der Reaktion zu entziehen. Durch +Druck+anwendung kann
+dies aufgehalten werden, weil Druck den Salpetersäuredampf wieder
+verflüssigt. Denken Sie ferner an den Vorgang des +Kalkbrennens+.
+Wenn man kohlensauren Kalk glüht, so zerfällt er in seine beiden
+Oxydkomponenten, nämlich in das Metalloxyd +Kalziumoxyd+ und in
+das Nichtmetalloxyd +Kohlendioxyd+. Dieses entweicht als Gas.
+Schließt man aber das zu brennende Kalkstück in ein Gefäß ein, so
+daß das Kohlendioxydgas nicht entweichen kann, so übt es auf seinen
+Entstehungsherd einen Druck aus. Dieser Druck verhindert den weiteren
+Zerfall des Kalkstücks.
+
++Der Laie+: Das sieht ja gerade so aus, als ob sich das zerfallende
+Kalkstück einen Widerstand gegen seinen eigenen Zerfall in Gestalt
+dieses Druckes erzeugt?
+
++Der Professor+: So ist es auch. Der ganze „+Satz vom chemischen
+Gleichgewicht+“, den +Guldberg+ und +Waage+ in Christiania entdeckt und
+als „+Massenwirkungsgesetz+“ bezeichnet haben, besagt nichts anderes,
+als daß sich jeder chemische Vorgang während seiner Abwicklung von
+selbst einen Widerstand erzeugt, der diese Abwicklung zu hemmen sucht.
+Entsteht bei einem solchen Vorgang Wärme, so sind die neugebildeten
+Körper ganz gewiß in der Hitze unbeständig; wird Wärme verbraucht, so
+ist ebenso sicher anzunehmen, daß sie in der Kälte unbeständig sind.
+Entsteht ein Gas, welches einen Druck ausübt, so hemmt dieser Druck
+den Prozeß; wird aber dabei ein Gas verschluckt, so daß ein luftleerer
+Raum entsteht, so ist dieses Vakuum bestrebt, die weitere Absorption
+des Gases zu hindern. Und wenn in einer Lösung die neugebildeten Stoffe
+aufeinander einwirken und die Ausgangsstoffe rückbilden, so ist dies
+eben auch nichts anderes, als ein Widerstand gegen die Neubildung.
+
++Der Laie+: Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet. Sie haben mir
+verwickelte Vorgänge, die ich niemals glaubte verstehen zu können, auf
+ein großartig einfaches Grundgesetz zurückgeführt.
+
+
+
+
+7. Die Salpetersäure und was man daraus macht.
+
+
+Wenige Stoffe haben für unsere Zivilisation eine so große Bedeutung,
+wie die Salpetersäure. Wir wollen uns daher mit ihr, mit ihrer
+Darstellung und Anwendung etwas gründlicher befassen.
+
+Die Salpetersäure wurde früher ausschließlich durch Erhitzen von
+Salpeter mit Schwefelsäure dargestellt. Man benutzt dazu den billigen,
+sogenannten „Natronsalpeter“ oder „Chilisalpeter“, welcher in Chile in
+ungeheuren Lagern bergmännisch gewonnen wird. Diesen salzartigen Stoff
+könnte man sich aus Natronlauge und Salpetersäure entstanden denken;
+wenn man ihn mit konzentrierter Schwefelsäure erhitzt, so verbindet
+sich die Natronlauge mit der Schwefelsäure zu schwefelsaurem Natrium,
+während die Salpetersäure herausdampft und durch Abkühlung der Dämpfe
+gewonnen werden kann. Man kann dies z. B. in gläsernen Gefäßen machen,
+wie Abb. 10 zeigt.
+
+Diese Darstellungsweise der Salpetersäure hängt von der Einfuhr des
+Chilisalpeters ab, also von einem ausländischen Rohstoff. Dies war
+schon in Friedenszeiten ein Anlaß, nach einer anderen Darstellungsart
+zu suchen. Der Krieg hat dieses Bestreben der Deutschen mit Erfolg
+gekrönt: sie benutzen jetzt als Ausgangsstoff für die Gewinnung der
+Salpetersäure das Billigste, was man sich denken kann, nämlich die
++Luft+.
+
+Um diese wertvolle Entdeckung zu verstehen, erinnern wir uns, daß sich
+die Salpetersäure bildet, wenn man ein Oxyd des Stickstoffgases, also
+eine Verbindung von Stickstoffgas mit Sauerstoffgas, in Wasser löst.
+Nun besteht die Luft zufälligerweise aus einem +Gemeng+ dieser beiden
+Gase. In der Luft sind sie nur miteinander gemengt, aber nicht chemisch
+verbunden. Denn wenn man Luft z. B. in kaltem Wasser sich auflösen
+läßt und dann durch Erwärmen wieder austreibt, so zeigt sich, daß
+sich der Sauerstoff in reichlicherem Maße in Wasser gelöst hat als der
+Stickstoff. Dies wäre nicht möglich, wenn in der Luft Sauerstoff und
+Stickstoff chemisch aneinander gebunden wären.
+
+Läßt man aber durch die Luft elektrische Funken schlagen, wozu sich
+namentlich Wechselstrom von etwa 1000 Volt Spannung gut eignet, so
+verbinden sich beide miteinander zu einem rotbraunen Gas, welches sich
+in Wasser zu Salpetersäure auflöst. Dieses Gas zeigt so recht, wie
+verschieden eine chemische Verbindung von einem bloßen Gemeng ihrer
+Bestandteile ist: das +Gemeng+ ist farblos und für unsere Lunge zum
+Atmen notwendig; die Verbindung dagegen ist rotbraun, für die Lunge
+höchst giftig, und löst sich in Wasser zu Salpetersäure.
+
+[Illustration: Abb. 10. Darstellung der Salpetersäure aus Salpeter und
+Schwefelsäure.]
+
+Als diese Erfindung, Salpetersäure aus Luft und Wasser darzustellen,
+gemacht war, war sie noch lange nicht lebensfähig. Denn die
+Geschicke solcher Erfindungen sind immer auf das engste mit der
+Preis- und Rentabilitätsfrage verknüpft: es mußte gelingen, die
+„Luft“-Salpetersäure zum gleichen Preis oder billiger herzustellen
+als die Salpetersäure aus Chilisalpeter, dann war erst die Erfindung
+technisch wertvoll. Wovon hängt nun der Preis beider Produkte
+ab? -- Die Gewinnung des Chilisalpeters ist an der Fundstelle
+ungemein einfach und billig; sein Preis wird daher, außer durch die
+Nachfrage, im wesentlichen durch die Transportkosten bestimmt. Der
+Preis der Luftsalpetersäure richtet sich hauptsächlich nach den
+Gestehungskosten der verwendeten Elektrizität. Stellt man diese, wie
+bei uns in Deutschland, durch Umwandlung aus Dampfmaschinenarbeit
+her, so ist sie für die Salpetersäuregewinnung in der Regel zu
+teuer. Dies ist aber nicht mehr der Fall, wenn die Elektrizität, wie
+in Norwegen, aus natürlichen Wasserkräften gewonnen wird. Deshalb
+ist Norwegen („~Norge~“ auf norwegisch) der eigentliche Sitz der
+Luftsalpetersäuregewinnung. Es hat bereits im Jahre 1910 mehr als
+260000 Zentner Kalksalpeter (sog. Norgesalpeter) im Wert von über
+2 Millionen Mark ausgeführt. Die Erzeugung von Chilisalpeter hat
+allerdings zurzeit noch etwa den vierzigfachen Wert.
+
+Man verwendet die Salpetersäure sowohl im freien Zustand als flüssige
+Säure, als auch in Form ihrer festen Salze. Sprechen wir zuerst von
+dieser zweiten Anwendung. Es sind nur drei Salze der Salpetersäure,
+welche in sehr großen Mengen angewendet werden: das salpetersaure
+Natrium (Natronsalpeter oder Chilisalpeter), das salpetersaure
+Kalium (Kalisalpeter) und das salpetersaure Kalzium (Kalksalpeter,
+Norgesalpeter). Die wichtigste Anwendung des Natron- und des
+Kalksalpeters ist die als +Düngemittel+. Er kräftigt durch seinen
+Stickstoffgehalt das Blattwachstum außerordentlich, ist daher bei Mais,
+Rüben, Kartoffeln und Klee mit Vorteil zu verwenden. Da aber beide
+Salpeterarten im Regenwasser leicht löslich sind, gibt man nicht die
+ganze Jahresdüngung auf einmal, sondern besser in kleineren Mengen
+nach und nach. Der Kalksalpeter enthält um ⅐ weniger Stickstoff als
+der Chilisalpeter; diese Tatsache ist beim Einkauf der Berechnung
+des Preises und bei der Düngung der Berechnung der erforderlichen
+Menge zugrunde zu legen. Bei der Gewinnung der Luftsalpetersäure
+entsteht zugleich eine kleine Menge +salpetrige Säure+; diese verhält
+sich ihrer chemischen Zusammensetzung nach zur Salpetersäure etwa
+so, wie Mennige zum Bleisuperoxyd, d. h. sie ist etwas ärmer an
+Sauerstoff. Die salpetrige Säure und ihre Salze sind aber für die
+Pflanzen giftig. Wenn daher im Norgesalpeter etwas salpetrigsaurer
+Kalk enthalten ist, so verschlechtert dies seine Wirkung beträchtlich.
+Dieser Umstand erschwerte anfangs den Wettbewerb des Kalksalpeters
+mit dem Chilisalpeter; inzwischen jedoch hat man gelernt, den Gehalt
+des Kalksalpeters an dieser schädlichen Substanz auf ein Mindestmaß
+herabzudrücken.
+
+Während also die Salze der Salpetersäure für fast alle Pflanzen ein
+hervorragendes Nahrungsmittel bilden, sind sie für den tierischen
+Körper, also auch für den menschlichen, starke Gifte. Trinkt man
+eine, wenn auch sehr verdünnte, Lösung von Salpetersäure, so wird
+einem fast augenblicklich schlecht, und es folgt Erbrechen mit allen
+Erscheinungen einer Vergiftung. Die Salze der Salpetersäure, also
+alle Arten von Salpeter, wirken nicht so giftig wie die freie Säure.
+Da aber im tierischen Magensaft etwas freie Salzsäure enthalten ist,
+welche aus einer Salpeterlösung stets etwas Salpetersäure frei macht,
+so ist auch der Genuß von Salpeterlösung gesundheitsgefährlich. Es ist
+nicht überflüssig, dies zu wissen, weil der Salpeter die Eigenschaft
+hat, geräucherte Fleischwaren mit schön roter Farbe zu konservieren.
+Obgleich seine Anwendung verboten ist, findet man in den Rauchfleisch-
+und Wurstwaren nicht selten Salpeter, dessen Genuß besonders für Kinder
+schädlich ist.
+
+Die hauptsächlichste Anwendung fand der Salpeter in vergangenen
+Zeiten zur Bereitung des Schwarzpulvers. Dazu kann man aber weder den
+Natronsalpeter noch den Kalksalpeter verwenden, weil diese beiden
+Salze die Eigentümlichkeit haben, aus der Luft Wasser anzuziehen
+und zu zerfließen. Man benutzt daher zur Schießpulverbereitung den
+luftbeständigen Kalisalpeter. Dieser wird aus dem überseeischen
+Natronsalpeter durch eine Wechselumsetzung in der Weise gewonnen,
+daß man heißgesättigte wässerige Lösungen von Natronsalpeter und
++Chlorkalium+ miteinander vermischt. Dann findet folgende Umsetzung
+statt:
+
+ salpetersaures Natrium + Chlorkalium = salpetersaures Kalium
+ (Chilisalpeter) (Kalisalpeter)
+ + Chlornatrium.
+ (Kochsalz)
+
+Es bildet sich also neben dem Kalisalpeter noch Kochsalz. Nach
+dem Satz vom chemischen Gleichgewicht kann die Umsetzung keine
+vollständige sein, weil die beiden neugebildeten Stoffe sich wieder
+rückwärts miteinander zu den Ausgangsstoffen umsetzen. Indessen, ein
+besonderer Umstand sorgt doch dafür, daß die Ausbeute an Kalisalpeter
+reichlich genug ist: denn der Kalisalpeter ist in heißem Wasser viel
+leichter löslich als das Kochsalz (etwa achtmal mehr), in kaltem
+dagegen schwerer. Infolgedessen scheidet sich beim Vermischen der
+heißgesättigten Lösungen von Chilisalpeter und Chlorkalium eine Menge
+Kochsalz in fester Form aus, wodurch der rückläufige Prozeß sehr
+eingeschränkt wird.
+
+Diesen Kalisalpeter, der also durch eine Umwandlung (Inversion) aus
+dem Chilisalpeter gewonnen wird, nennt man +Inversions+salpeter. Das
+Chlorkalium, welches zu seiner Darstellung gebraucht wird, findet sich
+in Deutschland in den Steinsalzlagern in ungeheuren Mengen. Obgleich
+nun das aus Kalisalpeter, Schwefel und Holzkohle zusammengesetzte
+Schwarzpulver seit der Erfindung des rauchschwachen Pulvers bei weitem
+nicht mehr in so großen Mengen verbraucht wird, wie früher, gehen doch
+noch etwa 1½ Millionen Zentner jährlich durch den Handel, die einen
+Wert von 30 Millionen Mark bedeuten.
+
+Weit umfangreicher und bedeutungsvoller ist die Verwendung der +freien
+Salpetersäure+. Sie hat nämlich die Eigenschaft, eine große Anzahl von
+Stoffen, wie Baumwolle, Holzstoff, Papier, Stärke- und Zuckerarten,
+Glyzerin, Benzol usw. in +Sprengstoffe+ umzuwandeln, wenn man sie damit
+kurze Zeit in Berührung läßt. Diesen Umwandlungsvorgang nennt der
+Chemiker das +Nitrieren+ der Stoffe (vom lateinischen Wort ~nitrum~,
+der Salpeter). Beim Nitrieren entsteht als Nebenprodukt immer Wasser,
+welches als Widerstand gegen den Nitrierungsvorgang wirkt, weil es
+die Salpetersäure verdünnt und schwächt. Deshalb setzt man stets eine
+gewisse Menge konzentrierte Schwefelsäure hinzu, welche bekanntlich
+auf das Wasser eine stark anziehende Kraft ausübt und dadurch
+seine schädliche Wirkung wieder aufhebt. Will man also einen Stoff
+nitrieren, so legt man ihn eine Viertelstunde lang in ein Gemisch von
+konzentrierter Salpetersäure (1 Teil) und konzentrierter Schwefelsäure
+(1–2 Teile). Dann gießt man die Säure ab und wäscht nun den nitrierten
+Stoff in kaltem, fließendem Wasser so lange und so gründlich aus, bis
+ein aus ihm herausgepreßter Tropfen auf der Zunge keine Spur von saurem
+Geschmack mehr erzeugt.
+
+So kann man z. B. Watte, Löschpapier, baumwollene Stoffe sehr
+leicht und bequem in +Schießbaumwolle+ verwandeln, welche nach dem
+Trocknen eine drei- bis viermal größere Sprengkraft besitzt als das
+Schießpulver. Man muß, wenn man diese Versuche selbst ausführen will,
+nur beachten, daß die „konzentrierte“ Salpetersäure des Handels in der
+Regel etwa 40 % Wasser enthält und dann zur Nitrierung unbrauchbar
+ist, auch wenn man sie mit Schwefelsäure vermischt. Ist man nicht
+sicher, ob man genügend starke Salpetersäure vor sich hat, so ist es
+am besten, sie aus Salpeter und Schwefelsäure selbst herzustellen oder
+man benutzt als Nitriergemisch ein Gemeng von zerriebenem Salpeter mit
+konzentrierter Schwefelsäure, welches in jeder Beziehung dieselben
+Dienste tut.
+
+[Illustration: Abb. 11. Darstellung von Schießbaumwolle durch Eintragen
+von Watte in Salpeterschwefelsäure.]
+
+Diese nitrierten Körper bilden die Grundlage aller Sprengstoffe und
+rauchschwachen Pulverarten. Es ist unnötig, auf ihre Wichtigkeit
+besonders hinzuweisen; wurden doch in diesem Weltkrieg von
+Sprengstoffen dieser Art so ungeheure Mengen angefertigt, daß sie alle
+anderen künstlichen Erzeugnisse weit hinter sich lassen. Aber auch
+für die friedliche Arbeit spielen die Sprengstoffe eine große Rolle:
+der Abbau der Steinbrüche, die Anlage von Weg- und Tunnelbauten
+erfordern mitten im Frieden gewaltige Mengen von Sprengstoffen.
+Derjenige von ihnen, welcher am meisten von sich reden gemacht hat, ist
+das +Dynamit+ (auf deutsch etwa soviel wie „Kraftstoff“ bedeutend).
+Die Erfindung des Dynamits durch den Schweden +Alfred Nobel+ war
+eigentlich insofern +keine+ Erfindung, als der wirksame Bestandteil
+dieses Sprengstoffes, das +Nitroglyzerin+, schon lange bekannt war.
+Man hat dieses Nitroglyzerin oder +Sprengöl+ schon jahrelang in
+amerikanischen Apotheken als -- Kopfwehmittel (!) kaufen können,
+ohne daß man von seiner Gefährlichkeit viel Aufhebens gemacht hätte.
+Diese Gefährlichkeit trat eben erst durch Nobels Versuche zutage,
+das Nitroglyzerin in großen Mengen für Sprengzwecke zu verwenden.
+Es erwies sich in größeren Mengen, bei ballonweiser Verpackung, als
+zu empfindlich gegen Stöße und gegen schroffen Temperaturwechsel.
+Es zeigte sich die Unmöglichkeit, durch bloße Vorschriften über die
+Behandlung dieses Stoffes seine Explosion zu verhindern, und Alfred
+Nobel mußte es wiederholt erleben, daß seine Fabriken in die Luft
+flogen und sozusagen spurlos verschwanden. Dies hatte seinerseits
+zur Folge, daß ihm die Errichtung solcher Fabriken wegen der damit
+verbundenen Gefahren nach und nach in den meisten Ländern verboten
+wurde. Die ungeheure Bedeutung der Erfindung des Dynamits liegt nun
+darin, daß diese Erfindung dem Sprengöl alle Gefährlichkeit benahm,
+ohne seine Explosivkraft wesentlich zu schwächen. Man macht sich davon,
+ohne Versuche gesehen zu haben, nicht leicht eine richtige Vorstellung.
+Bringt man einen Tropfen Nitroglyzerin auf eine glatte, etwas
+angefeuchtete Steinfläche und schlägt man mit einem Hämmerchen darauf,
+so erfolgt eine starke Detonation, und der Stein wird zertrümmert.
+Dagegen ist Dynamit gegen Schlag und Stoß so unempfindlich, daß Nobel
+in Gegenwart des Königs von Schweden ein Faß voll Dynamit von einem
+Kirchturm herab auf das Straßenpflaster fallen und zerschellen lassen
+konnte, ohne daß es explodierte. Es ist nicht leicht möglich, Dynamit
+durch bloßen Schlag zur Explosion zu bringen. Aber auch Feuer ist
+dem Dynamit nicht ohne weiteres gefährlich: hält man ein brennendes
+Streichholz an einen nußgroßen Klumpen Dynamit, so brennt er langsam,
+völlig geräuschlos, mit großer, gelbgrüner Flamme ab, welche einen
+feinen Sprühregen von Kieselgurteilchen ausstößt. Dynamit ist also
+in bezug auf Ungefährlichkeit der Handhabung geradezu ein idealer
+Sprengstoff: Kinder und Narren können ihn mit dem besten Willen nicht
+zu Unfug verwenden. Man muß sich geradezu fragen: was muß man tun,
+um diesen Stoff überhaupt zur Explosion zu bringen? -- Die Antwort
+heißt: man muß +Initialzündung+ anwenden. Man muß die Explosion an
+einem Punkte einleiten (~initium~ = Anfang, Einleitung). Dies geschieht
+durch Entzündung einer kleinen Menge Knallquecksilber, welches sich
+durch Stoß, Schlag oder Erhitzen ziemlich leicht zur Explosion bringen
+läßt. Dabei reißt es die Dynamitmasse gleichsam mit sich und bewirkt,
+daß diese vollständig explodiert. Durch solche Initialzündung kann man
+sogar manche Stoffe, die auf andere Weise gar nicht explodierbar sind,
+zur Explosion bringen, so z. B. das Azetylengas.
+
+Nobels Erfindung, die so gewaltige Folgen haben sollte, war im Grunde
+verblüffend einfach: sie besteht nämlich darin, das flüssige Sprengöl
+mit einer möglichst geringen Menge (25 %) eines feinen, sehr porösen
+Sandes (der sog. Infusorienerde) zu einem Brei zu vermengen. Dieser
+einfache Gedanke hat auf der Erde geradezu Umwälzungen hervorgebracht.
+Nun erst war es möglich, die Sprengkraft des Nitroglyzerins unbegrenzt
+auszunützen, da man nun den Sprengstoff ohne Gefahr in beliebigen
+Mengen herstellen, transportieren und aufbewahren konnte.
+
+Nobel verdiente mit dieser Erfindung nach der langen Reihe von
+Mißerfolgen und Enttäuschungen ein mehr als fürstliches Vermögen. Da er
+ohne Leibeserben starb, errichtete er in seinem Testament die berühmte
+Nobelstiftung, welche alle zwei Jahre die bedeutendsten Leistungen
+auf den wichtigsten Kulturgebieten mit einem recht ansehnlichen Preis
+belohnt. --
+
+Es wäre ganz falsch, aus dem bisher Gesagten zu folgern, daß die
+Salpetersäure nur dem Krieg und der Zerstörungswut der Menschen
+dient. Selbst wenn die Salpetersäure nur zur Fabrikation von
+Sprengstoffen diente, dürfte man dies nicht behaupten, weil eben
+auch die Sprengstoffe eine geradezu unersetzliche, friedliche Arbeit
+leisten. Aber das Nitriergemisch dient gar nicht bloß zur Herstellung
+von Sprengstoffen, sondern mindestens in gleichem Betrag zur
+Gewinnung unzähliger Farben, Medikamente und anderer unentbehrlicher
+Chemikalien. Aber auch die Sprengstoffe werden nicht allein zu
+explosiven Zwecken verwendet, sondern ein Teil von ihnen wird wieder
+in harmlose Gebrauchsstoffe des täglichen Lebens verwandelt: so macht
+man aus Schießbaumwolle, indem man sie in einem Gemisch von Alkohol und
+Äther auflöst, das +Kollodium+, und durch gewisse Beimengungen (von
+Kampfer) das wichtige Hornersatzmittel +Zelluloid+, ohne das man heute
+längst nicht mehr auskommen könnte. Auf ganz ähnliche Weise werden die
+rauchschwachen Pulverarten hergestellt, die demnach dem Kollodium und
+Zelluloid sehr nahe verwandt sind. Sie entwickeln ihre Sprengkraft erst
+bei der Entzündung im geschlossenen Raum (der Patrone), zündet man
+dagegen rauchschwaches Pulver in offener Aufschüttung an, so brennt
+es langsam mit großer, lohender Flamme ab -- ganz ähnlich wie ein
+angezündetes Stück Zelluloid. Diese rauchschwachen Pulver haben die
+drei- bis vierfache Brisanz (Sprengkraft) des alten Schwarzpulvers.
+Aber da sie beim Abbrennen braune, salpeterhaltige Dämpfe liefern,
+greifen sie den Flintenlauf stärker an als das Schwarzpulver. Aus
+diesem Grund können sie für die Jagd das Schwarzpulver durchaus nicht
+ganz ersetzen.
+
+[Illustration: Abb. 12. Spinndüse zur Kunstseideherstellung.]
+
+Schüttet man Kollodium -- also sozusagen flüssige Schießbaumwolle
+-- in Wasser, so gerinnt es; das Wasser entzieht ihm die
+Alkohol-Äthermischung, infolgedessen scheidet sich die Schießbaumwolle
+als weißliche Gallerte ab. Ein findiger Franzose namens Chardonnet
+kam nun auf den Gedanken, auf diese Weise feine +Fäden+ herzustellen,
+indem er das Kollodium durch ein sehr enges Metallrohr in Wasser
+preßte. (Abbildung 12.) Aus der Rohrmündung trat ein weißer, wie Seide
+glänzender Faden von Schießbaumwolle. Die Fäden ließen sich spinnen
+wie Seide und hatten auch ihren Glanz. So wurde die erste +Kunstseide+
+erfunden und nach ihrem Entdecker Chardonnet-Seide genannt. Sie hatte
+aber den fatalen Fehler, explosionsartig zu verpuffen, wenn man ihr ein
+Zündholz zu nahe brachte. Diese Eigenschaft war für Raucher, wenn sie
+etwa eine Halsbinde aus Chardonnetseide trugen, nicht angenehm. Man
+konnte indessen der Kunstseide ihre Explosivität, freilich nicht ohne
+Schaden für die Haltbarkeit und zum Teil auch den Glanz, wieder nehmen,
+wenn man sie in Schwefelammonium badete.
+
+Heute bestehen nur noch wenige Fabriken, welche Chardonnetseide
+herstellen. Ein anderes Verfahren hat dieses erste verdrängt, aber
+für die Geschichte der chemischen Technologie wird es nie seine
+Bedeutung verlieren. Zeigt uns diese Erfindung doch die unglaublichsten
+Verwandlungskünste der Chemie, welche aus Baumwolle nicht bloß Pulver,
+sondern auch Kollodiumballons, Zelluloidkämme und „echt“ seidene
+Krawatten hervorzaubert.
+
+
+
+
+8. Kohlehydrate und Alkohol.
+
+
+Daß man heute das Holz der Waldbäume in Zeitungspapier umwandelt, weiß
+jedes Kind. Daß man es aber auch in +Kunsthonig+ und in +Spiritus+
+verwandeln kann, ist weniger bekannt. Ebensowenig wissen die meisten
+Leute, daß Schießbaumwolle, rauchloses Pulver, Kollodium und Zelluloid
+heutzutage viel weniger aus Baumwolle als aus Fichtenholz hergestellt
+werden. Dies alles wollen wir uns nun klarzumachen versuchen.
+
+Es gibt drei große Gruppen von Stoffen in der Natur, welche chemisch
+ganz gleich zusammengesetzt sind und nur aus Kohlenstoff und den
+Bestandteilen des Wassers bestehen. Verbindungen mit Wasser nennt man
+in der Chemie „+Hydrate+“, deshalb heißt man diese drei Stoffgruppen
+mit einer gemeinsamen Bezeichnung +Kohlehydrate+. Sie sind so
+zusammengesetzt, als ob sie nur aus Kohle und Wasser beständen. Diese
+drei Gruppen sind:
+
+1. Die +Zellulose+ oder der +Zellstoff+. Er bildet den Hauptbestandteil
+der +Baumwolle+ und des +Papiers+. Entfettete Verbandwatte ist fast
+chemisch reiner Zellstoff, ebenso das Filtrierpapier der Chemiker. Aus
+Zellstoff bestehen die Wände der Pflanzenzellen.
+
+2. Die +Stärke-+ und +Gummiarten+. Während die Gummiarten, wie
+arabisches Gummi und Kirschgummi, in heißem Wasser löslich sind, quillt
+die Stärke in heißem Wasser nur zu Kleister auf.
+
+3. Die +Zuckerarten+.
+
+In bezug auf die chemische Zusammensetzung wurde schon erwähnt,
+daß alle drei Stoffgruppen aus Kohlenstoff und den Elementen des
+Wassers bestehen. Verrührt man in einem Weinglas einen Eßlöffel voll
+gestoßenen Zucker mit konzentrierter Schwefelsäure zu einem Brei, so
+entzieht die Schwefelsäure dem Zucker das Wasser, und es hinterbleibt
+eine löcherige, gequollene Masse von schwarzer Kohle. Genauere
+Untersuchungen haben ergeben, daß im Zellstoff, in den Stärke- und
+Gummiarten auf 6 Atome Kohlenstoff ziemlich genau 5 Moleküle Wasser
+enthalten sind, während die wichtigsten Zuckerarten auf dieselbe
+Kohlenstoffmenge 6 Moleküle Wasser enthalten. Dies muß man wissen,
+wenn man die märchenhaften Umwandlungsvorgänge verstehen will, welche
+am Beginn dieses Abschnittes erwähnt worden sind. Denn man versteht
+nun, daß der Zellstoff und die Stärke, welche doch beide die gleiche
+Zusammensetzung haben, nur ein Molekül Wasser in sich aufnehmen müssen,
+um in eine Zuckerart überzugehen. Beim bloßen Kochen erfolgt diese
+Wasseraufnahme nicht leicht, man müßte zu diesem Zweck schon in einem
+Druckkessel den Stärkekleister oder die Zellulose mit überhitztem
+Wasser behandeln. Viel schneller geht die Verzuckerung vor sich, wenn
+man sich gewisser chemischer Stoffe als Wasserüberträger bedient.
+Solch ein Stoff ist z. B. die Schwefelsäure. Sie wirkt nicht nur
+wasserentziehend, sondern ebensooft auch wasseraddierend. Wenn man
+daher Baumwolle oder Filtrierpapier oder Leinen mit konzentrierter
+Schwefelsäure beträufelt, so lösen sie sich darin auf; aber die
+Lösung enthält nun nicht mehr Zellstoff, sondern -- Traubenzucker.
+Dieselbe Wirkung erzielt man durch andauerndes Kochen mit verdünnter
+Schwefelsäure. Da die Schwefelsäure bei diesem Vorgang nur als
+Wasserüberträger wirkt und selbst nicht angegriffen wird, so genügen
+wenige Tropfen von ihr zur Verzuckerung großer Mengen von Zellstoff
+oder von Stärkekleister. Um auf diese Weise Kunsthonig zu bereiten,
+kann man z. B. einen Liter dicken Stärkekleister mit einigen Tropfen
+Schwefelsäure verrühren und nun zwei Stunden lang kochen. Schon
+unmittelbar nach dem Zusatz der Schwefelsäure wird der dicke Kleister
+ganz dünnflüssig, weil die Stärke in ein gummiartiges Zwischenprodukt
+zwischen Stärke und Zucker, nämlich in Dextrin, übergeht. Dieses wird
+bei längerem Kochen ganz in Traubenzucker, den Hauptbestandteil des
+Kunsthonigs, umgewandelt. Zuletzt entfernt man die Schwefelsäure wieder
+aus dem Gemisch, indem man gepulverte Kreide hineinschüttet und dann
+das Feste vom Flüssigen durch Filtrieren trennt. Die Schwefelsäure
+treibt aus der Kreide unter Schäumen Kohlensäuregas aus und verwandelt
+sie in schwefelsauren Kalk (Gips), wodurch sie selbst in eine
+unlösliche Form gebracht wird. Die verbleibende Lösung muß nun in der
+Wärme so lange eingedunstet werden, bis ein dicker, honigartiger Brei
+von Traubenzucker übrigbleibt.
+
+Will man aus Filtrierpapier oder Verbandwatte Kunsthonig bereiten, so
+löst man am besten möglichst große Menge dieser Stoffe nach und nach,
+unter Umrühren, in einer kleinen Menge konzentrierter Schwefelsäure
+auf, verdünnt die Lösung mit Wasser, kocht sie einige Zeit und verfährt
+dann mit Kreide wie vorhin.
+
+Schwieriger ist es, Sägespäne in Kunsthonig zu verwandeln. Im Holz
+sind nämlich neben dem Zellstoff noch 30–40 % andere Stoffe enthalten,
+welche aus korkartigen und schleimigen Substanzen bestehen. Sie
+verhalten sich gegen konzentrierte Schwefelsäure ganz anders als die
+reine Zellulose: sie werden von ihr verkohlt, wie die Zuckerarten. Man
+kann daher am Grad der Schwarzfärbung eines Papiers nach dem Betropfen
+mit konzentrierter Schwefelsäure leicht erkennen, wieviel von diesen
+Stoffen noch in dem Papier steckt. Um das Holz von ihnen zu reinigen
+und in reinen Zellstoff umzuwandeln, gibt es zwei Wege: entweder
+durch Erhitzen mit Natronlauge (Natronzellulose) oder durch Kochen
+mit schwefligsaurem Kalk (Sulfitzellulose). Beide Reinigungsmittel
+wirken lösend auf die zucker- und korkartigen Stoffe im Holz und
+lassen den Zellstoff als eine graue, sehr mürbe Masse zurück, die sich
+vom künftigen Zeitungspapier nicht sehr viel unterscheidet. Da aber
+das Verfahren mit Natronlauge viel teurer ist, so ist es durch das
+Sulfitverfahren fast ganz verdrängt worden. Deutschland allein erzeugt
+so jährlich etwa 6 Millionen Zentner Zellstoff, der größtenteils zur
+Papiererzeugung verwendet wird. Den meisten Kunsthonig stellt man
+durch Verzuckerung von Stärkekleister her, namentlich in Amerika aus
+Maisstärke. Dabei wird das Schwefelsäureverfahren angewendet.
+
+Es gibt noch eine zweite Methode, um stärkeartige Stoffe in Zucker
+umzuwandeln. Sie spielt in der Natur und in der Technik eine große
+Rolle. Dies ist die Verzuckerung mittels der sogenannten Enzyme.
+Dies sind Eiweißstoffe von einer meist unbekannten Zusammensetzung,
+welche auf die Stärkearten genau so wasseranlagernd wirken wie die
+Schwefelsäure und dabei selbst ebensowenig verändert werden wie
+diese. Ein solches Enzym ist z. B. im Speichel enthalten. Spuckt
+man auf dicken, warmen Stärkekleister und rührt um, so wird er
+schnell dünnflüssig, weil er sich in löslichen Zucker unwandelt.
+Wenn wir also Brot, Kartoffeln oder andere stärkehaltige Speisen
+essen, so werden sie bereits während des Kauens im Mund verflüssigt
+und in Zucker umgewandelt. Große Mengen solcher Enzyme mit
+stärkeverflüssigender Wirkung finden sich im Pflanzenreich mit allen
++Keimen+ vergesellschaftet. Sie liegen im Getreidekorn im Gewebe des
+Keims (Abb. 13) und begleiten die Keimanlagen der Kartoffeln, die
+sogenannten Augen. Ihre Aufgabe beginnt im Frühjahr, wenn der Keim
+wächst und treibt. Dann braucht er Nahrung und hat doch selbst noch
+keine Wurzeln und Blätter, mit welchen er sich aus dem Boden und aus
+der Luft Nahrung besorgen könnte. Gerade aus diesem Grund ist ihm ein
+förmlicher Speicher von Nahrungsvorräten angelagert: das Stärkemehl
+im Getreidekorn, in der Kartoffel und in der Rübe hat diese Aufgabe.
+Als Stärke können aber diese Nahrungsvorräte nicht in den Stoffwechsel
+der jungen Pflanze eintreten, weil Stärke als solche nicht löslich
+ist, weil aber Pflanze und Tier so eingerichtet sind, daß ihre
+Nahrungsstoffe zunächst stets in den flüssigen Zustand gebracht werden
+müssen, um durch die Adern und Saftgefäße fließen zu können. Deshalb
+vermehren sich die Enzymeinlagerungen der Keime im Frühjahr und wirken
+im gleichen Maße verzuckernd, verflüssigend auf die Vorratsstärke.
+Je mehr der Keim wächst, um so mehr schwindet der Stärkevorrat, der
+gerade so lange ausreicht, bis die junge Pflanze kräftig genug ist,
+sich selbst zu ernähren. Bei den Kartoffeln macht sich die Verzuckerung
+im Frühjahr unangenehm bemerkbar, denn sie schmecken in dieser Zeit
+bekanntlich etwas süßlich.
+
+[Illustration: Abb. 13. Roggenkorn (Längsschnitt).]
+
+Diese Enzymvorräte in den Keimpflanzen macht man sich nun in der
+chemischen Technik dienstbar, um damit Stärke in Zucker umzuwandeln.
+Man benutzt dazu meistens die sogenannte +Diastase+, d. i. das Enzym
+der keimenden Gerste. Angefeuchtete Gerstenkörner läßt man in Haufen
+keimen, bis der Keim eine gewisse Länge erreicht hat, von der man
+erfahrungsgemäß weiß, daß sie dem erreichbaren Höchstgehalt des Keims
+an Diastase entspricht. Denn die Menge dieses Enzyms wächst mit der
+Keimung. Dann wird die weitere Keimung unterbrochen, indem man die
+gekeimte Gerste durch Erhitzen tötet. Sie heißt nun +Malz+. Um daraus
+Diastase herzustellen, behandelt man es mit verdünntem Alkohol, welcher
+die Diastase löst, und setzt dann zu der klaren Lösung absoluten
+Alkohol, wodurch das Enzym als weißes Pulver ausgefällt wird. Dieses
+etwas teure Gewinnungsverfahren ist übrigens in den meisten Fällen
+entbehrlich, weil zerschrotetes Malz bereits alle Wirkungen der
+Diastase zeigt. Setzt man daher solches Malzschrot zu einem Brei von
+gekochten Kartoffeln, so zergeht dieser Brei in kurzer Zeit zu einem
+flüssigen Gemisch von Dextrinlösung und Zuckerlösung, welches durch
+weitere Einwirkung des Malzes bei etwa 60 ° größtenteils in Zucker
+(Malzzucker) übergeführt wird.
+
+Dieser chemische Prozeß bildet die Grundlage für zwei ungeheure
+Gewerbe: für die +Bier+bereitung und für die +Spiritus+herstellung.
+Diese beiden Prozesse beruhen nämlich darauf, daß Malz- und
+Traubenzucker durch +Gärung+ in Alkohol (Spiritus) übergeführt werden.
+Dagegen vermögen die Stärkearten als solche nicht zu gären, auch nicht
+alle Zuckerarten sind gärbar: gerade z. B. der Rüben- oder Rohrzucker,
+unser beliebter Speisezucker, ist +nicht+ gärungsfähig. Um also Stärke,
+Zellulose oder Rohrzucker in Alkohol zu verwandeln, muß man diese
+Verbindungen zuerst in +Trauben-+ oder +Malz+zucker überführen. Diesen
+Vorgang nennt der Chemiker +Inversion+, den so gewonnenen Trauben- und
+Malzzucker auch wohl +Invert+zucker.
+
+Bei der =Bierbereitung= scheint die Sache besonders einfach zu liegen,
+weil das Korn der Gerste sowohl die Stärke als auch das zu ihrer
+Invertierung nötige Enzym, die Diastase, enthält. Aber es ist klar,
+daß gerade aus demselben Grund alles darauf ankommt, die +Keimung+
+der Gerste, bei welcher die Diastase gebildet und ein großer Teil
+der Stärke in Zucker verwandelt wird, im richtigen Augenblick zu
+unterbrechen. Auch die Art dieser Unterbrechung ist nicht gleichgültig:
+tötet man die Gerste durch heiße Luft oder Rauch, so wird ein
+erheblicher Teil der Diastase zerstört, aber die Verzuckerung der
+Stärke begünstigt. Will man möglichst viel Diastase haben, um die
+Verzuckerung der Stärke erst später erfolgen zu lassen, so tötet man
+das Malz nur durch Trocknen an der Luft bei gewöhnlicher Temperatur.
+Man nennt solches enzymreiches Malz: Grünmalz. Die vollständige
+Umwandlung der Gerstenstärke in Zucker erfolgt erst beim +Einmaischen+
+(Maischen = altes Wort für Mischen). Dieser Vorgang ist ziemlich
+einfach und besteht nur darin, das geschrotete Malz etwa eine Stunde
+lang mit heißem Wasser von 50–60 ° zu verrühren. Dazu dienen besondere
+Bottiche mit mechanischen Rührwerken, die Maischbottiche. Die so
+hergestellte Zuckerlösung heißt +Würze+. Ihr wird auf das Hektoliter
+etwa 1 Kilogramm +Hopfen+ zugesetzt, um sie vor zu schnellem Verderben
+zu bewahren. Die Hopfenblüte enthält nämlich Bitterstoffe von stark
+konservierenden Eigenschaften. Diese Würze muß nun bloß noch der Gärung
+unterworfen werden, um in Bier überzugehen.
+
+[Illustration: Abb. 14. Ein Stückchen roher Kartoffel in 400fach.
+Vergröß. (zeigt die geschichteten Stärkekörner innerhalb geschlossener
+Zellwände.)]
+
+Die Verzuckerung der +Kartoffelstärke+ für die Spiritus- und
+Schnapsbereitung ist wesentlich weniger schwierig als die
+Bierwürzebereitung. In den +rohen+ Kartoffeln ist die Stärke von
+Zellhäuten umschlossen, welche sie vor dem Angriff der Enzyme
+vollkommen schützt. (Abb. 14.) Kocht man die Kartoffeln, so wird
+dadurch ein Teil dieser Zellhäute zersprengt und geöffnet, weil die
+Stärke im heißen Wasser mit großer Kraft zu Kleister aufquillt. +Ganz+
+findet diese Sprengung jedoch nur dann statt, wenn man die Kartoffeln
+mit überhitztem Dampf von etwa 2–3 Atmosphären Druck behandelt. Der
+Dampf erfüllt allmählich auch die stärkehaltigen Zellen, deren Wände
+er langsam durchdringt. Öffnet man nun plötzlich ein Bodenventil des
+Kartoffeldämpfers, so werden die Kartoffeln nicht bloß durch diese
+Öffnung herausgepreßt, sondern zugleich ganz fein zerstäubt. Denn durch
+das Öffnen des Ventils wird der Druck des Dampfes auf die Außenfläche
+der Kartoffeln plötzlich aufgehoben, während der in den Zellen
+befindliche gespannte Dampf nicht so rasch durch die Zellwände dringen
+kann und sie daher explosionsartig zersprengt.
+
+Diesen „aufgeschlossenen“ Kartoffelstaub versetzt man nun mit
+geschrotetem Grünmalz (d. i. mit diastasereichem, an der Luft
+getrocknetem Malz). Er wird dadurch sofort zu einer gärungsfähigen,
+zuckerreichen Masse verflüssigt.
+
+=Die Gärung.= -- Rein chemisch betrachtet, besteht die Gärung in
+einem Zerfall des Zuckermoleküls in +Alkohol+ und +Kohlensäure+. Die
+Kohlensäure entweicht unter Schäumen, der Alkohol sammelt sich in
+der gärenden Flüssigkeit an. Dieser Zerfall wird durch die +Hefe+
+bewirkt. Die Hefe, eine breiige, säuerlich riechende Masse, besteht
+aus mikroskopisch kleinen Lebewesen, welche zu den Pilzen gerechnet
+werden müssen, und zwar zu den +Spaltpilzen+ oder Bakterien. Der Name
+„Spalt“pilze bezieht sich auf ihre wichtige Fortpflanzungsweise, welche
+darin besteht, daß sich jede Hefezelle durch Abschnürung in zwei
+Stücke spaltet, welche durch rasches Wachstum bald wieder die Größe
+der Mutterzelle erreichen. Durch diese Spaltung wächst die Menge der
+Hefezellen ganz außerordentlich schon in wenigen Stunden an.
+
+Was nun den Gärungsvorgang betrifft, so hat man früher geglaubt, er
+sei an das +Leben+ der Hefepilze gebunden. Man glaubte, die lebenden
+Hefezellen ernährten sich mit dem gärbaren Zucker, und den Alkohol und
+die Kohlensäure hielt man sozusagen für die Fäkalstoffe dieser Zellen.
+In gewissem Sinne ist diese Auffassung auch richtig; falsch ist nur
+die Anschauung, als ob zur Zuckerspaltung das Leben, die „Seele“ der
+Hefezellen notwendig wäre. Denn Professor +Buchner+ hat Hefezellen
+ausgepreßt und mit dem sorgsam filtrierten Preßsaft, in welchem
+durchaus keine lebenden oder toten Hefeorganismen mehr enthalten
+waren, hat er in Zuckerlösungen genau die gleichen Gärungsvorgänge
+hervorgerufen, welche darin durch lebende Hefe erzeugt werden. Damit
+hat er bewiesen, daß die Gärung -- ähnlich der Inversion von Stärke
+in Zucker -- durch chemische Stoffe im Hefeleib, durch Enzyme,
+hervorgerufen wird. Diese Enzyme haben sich bei näherer Untersuchung
+als sehr verwickelt gebaute Eiweißstoffe erwiesen. Sie werden beim
+Gärungsvorgang nicht verändert. Die Enzyme des Hefeleibes wirken am
+besten bei Blutwärme, also bei etwa 37 °, und werden durch Erhitzen
+über 60 ° zerstört, also genau wie die zuckerbildenden Enzyme des
+Speichels und des Malzkeims und die verdauenden Enzyme des Darmsaftes.
+
+Praktisch betrachtet ist das Leben der Hefezellen aber doch für den
+Gärungsvorgang nicht bedeutungslos, weil die Hefezellen, indem sie
+sich selbst vermehren, auch die wirksamen Mengen der gärungserregenden
+Enzyme vermehren und somit die Gärung beschleunigen.
+
+Das Ende der Gärung tritt nicht etwa dann ein, wenn der ganze
+vorhandene Zucker in Alkohol und Kohlensäure gespalten ist, sondern es
+hängt von einem anderen Umstand ab. Der erzeugte Alkohol wirkt nämlich
+lähmend auf seinen Erzeuger und hemmt sowohl die Vermehrung der Hefe,
+als auch die alkoholbildende Wirkung ihres Enzyms. Die Gärung erzeugt
+also in ihren Produkten sich selbst einen Widerstand.
+
+[Illustration: Abb. 15. Bierhefe (Saccharomyces cerevisiae).]
+
+[Illustration: Abb. 16. Carlsberger Unterhefe Nr. 1 (nach Fischer,
+Technologie).]
+
+Theoretisch gibt es also gar nichts Einfacheres als die Herstellung
+von Bier und von Spiritus durch Gärung: man braucht nur die oben
+beschriebene Bierwürze und die süße Kartoffelmaische mit Hefe zu
+versetzen und gären zu lassen, bis die Gärung von selbst aufhört. In
+Wirklichkeit müssen aber doch noch einige Umstände berücksichtigt
+werden, die freilich zum Interessantesten gehören, was die
+naturwissenschaftliche Forschung der letzten drei Jahrzehnte entdeckt
+hat. Man hat nämlich gefunden, daß es eine ungeheure Anzahl von
+verschiedenen Hefearten gibt, die sich zwar ihrem Aussehen nach
+nicht viel voneinander unterscheiden (Abb. 15 u. 16), um so mehr
+aber nach ihrem Verhalten bei der Gärung. Zwar spalten sie alle die
+Hauptmengen des Zuckers in Alkohol und Kohlensäure; aber neben diesem
+Hauptvorgang erzeugt jede Hefeart noch einen gewissen Prozentsatz von
+Nebenprodukten. Diese Nebenprodukte sind z. B. Fuselöle, Buttersäure,
+Weinsäure, Essigsäure, Glyzerin und viele andere Substanzen von mehr
+oder weniger auffallendem Geschmack und Geruch. Die Menge und die
+Zusammenstellung dieser Nebenprodukte ist für jede der vielen Hefearten
+anders, aber auch kennzeichnend, so daß man unter Umständen sofort am
+Geschmack des Bieres erkennen kann, welche Hefeart die Gärung erregt
+hat. Aber nicht bloß der Geschmack des Bieres hängt von der Hefeart
+ab, sondern auch seine Klarheit, die Beschaffenheit und Haltbarkeit
+seiner Schaumdecke, sein Geruch, seine Haltbarkeit. Nach diesen
+Feststellungen ist es begreiflich, daß gerade den großen Brauereien
+daran gelegen war, sich diese wissenschaftlichen Erkenntnisse für die
+Bierbereitung nutzbar zu machen. Denn vorher kam es gar oft vor, daß
+die Eigenschaften des Bieres durch eingedrungene fremde Hefesorten
+verdorben wurden, welche bei der Gärungstemperatur üppig wucherten.
+So findet sich z. B. in den Pferdeställen eine Bakterienart, welche
+dadurch gekennzeichnet ist, daß sie unter dem Mikroskop stets in
+paketartigen Bündeln von 4–8 Einzelpilzen erscheint (Abb. 17). Daher
+hat sie den wissenschaftlichen Namen ~Sarcinae~ (= das Gepäckstück)
+erhalten. Diese Sarcinen verursachen eine Gärung mit widerlich
+schmeckenden Nebenprodukten. Da nun die Brauereien für den Vertrieb
+des Bieres stets mit Pferden arbeiten müssen, so war es früher fast
+unvermeidbar, daß mit dem aufwirbelnden Straßenstaub Sarcinenkeime in
+die Gärbottiche gerieten und dem Bier einen Stallgeschmack gaben.
+
+[Illustration: Abb. 17. Das Aussehen der Sarcinen.]
+
+Bei der Gärung tritt, wie schon erwähnt wurde, zugleich eine ungeheure
+Vermehrung der Hefe ein, welche sich als grauer Schlamm in den
+Gärgefäßen zu Boden setzt. Dieser Hefeschlamm wurde früher ohne
+weitere Umstände wieder zur Gärung neuer Würze verwendet. Waren nun
+unerwünschte Hefearten hineingeraten, so beeinflußten sie natürlich
+auch die neue Gärung ungünstig. Jetzt verfährt man daher ganz anders.
+Jetzt besitzt jede bessere Brauerei Einrichtungen zur +Reinzucht+ ihrer
+spezifischen Hefeart und zur fortlaufenden Kontrolle der Reinheit ihrer
+Zucht. Der „Spatengeschmack“ des Münchener Spatenbräus, der Löwenbräu-,
+Hofbräu-, Kindlbräu-Geschmack wird also gewissermaßen im Laboratorium
+reingezüchtet. Das Verfahren ist aus der Bakteriologie übernommen.
+Es wurde von den großen Bakteriologen Robert +Koch+ und +Pasteur+
+ausgearbeitet und ist merkwürdig genug, um hier ausführlich beschrieben
+zu werden. Es beruht auf der Entdeckung der sogenannten +festen
+Nährböden+. Unter dem Nährboden bzw. der Nährflüssigkeit versteht man
+den Stoff, auf welchem sich die Bakterien entwickeln und vermehren
+sollen. Dieser Stoff kann entweder flüssig sein, wie die Bierwürze,
+oder fest, wie z. B. Kartoffeln oder Gelatine. Voraussetzung ist nur,
+daß er alle diejenigen Stoffe in genügender Menge enthält, welche
+das Bakterium zu seiner Entwicklung braucht. Einer der brauchbarsten
+Nährböden für die meisten Bakterienarten besteht aus einer kräftigen
+Fleischbrühe, in welcher man so viel Gelatine aufgelöst hat, daß
+sie beim Erkalten fest wird. Diese „Nährgelatine“ ist gewissermaßen
+zugleich ein flüssiger und ein fester Nährboden, je nach der
+Temperatur, bei welcher man sie anwendet. Ihre Anwendung hat umwälzend
+in der Bakteriologie gewirkt und hat die planmäßige Erforschung der
+Bakterientätigkeit erst möglich gemacht. Wenn man nämlich ein Gemisch
+verschiedener Bakterienarten in einen +flüssigen+ Nährboden bringt, so
+vermehren sie sich darin nicht bloß, sondern die Vermehrungsprodukte
++vermischen+ sich auch fortwährend miteinander. Hat aber der Nährboden
+die Eigenschaft, nach kurzer Zeit zu erstarren, so muß jeder Keim sich
+an derjenigen Stelle vermehren, an welcher er durch den erstarrten
+Nährboden festgehalten wird. Die einzelnen Bakterien sind nun wegen
+ihrer winzigen Größe (¹⁄₅₀₀ Millimeter und weniger) nicht mit bloßem
+Auge sichtbar. Sobald sie aber, nach 2–3 Tagen, durch die Vermehrung
+zu einer Kolonie angewachsen sind, kann man diese in der Nährgelatine
+schon mit unbewaffnetem Auge als einen kleinen, grauen Fleck erkennen.
+Es ist klar, daß jeder solche Fleck aus einer „Reinzucht“ derjenigen
+Bakterienart bestehen muß, die sich im Augenblick des Erstarrens
+der Gelatine an der betreffenden Stelle befunden hat. Entnimmt man
+also diesem Fleck mittels einer Nadel so viel Bakterien, als an der
+Nadel hängen bleiben, und überträgt man diese auf eine neue Portion
+bakterienfreien Nährbodens, so können sich auf diesem nur Bakterien
+dieser +einen+ Art entwickeln, die man in Reinzucht zu haben wünscht.
+
+Diese Kochsche Methode der fest-flüssigen Nährböden gestattet uns also
+auf allereinfachste Weise, uns aus einem Gemisch der verschiedensten
+Bakteriensorten jede Art in Reinzucht oder „Reinkultur“ herzustellen.
+Freilich muß man dabei manche Vorsichtsmaßregeln beachten, wenn nicht
+unliebe Überraschungen eintreten sollen. Denn wir müssen bedenken,
+daß nicht bloß in der Luft Millionen von Bakterienkeimen schweben,
+sondern daß auch jeder feste Gegenstand damit besät ist, und daß auch
+das reinste Trinkwasser von solchen Keimen geradezu wimmelt. Würden
+wir also unsere Versuche ohne Rücksicht auf diese Umstände ausführen,
+so würden zahllose Keime aus der Luft und aus dem Wasser und aus den
+Oberflächen unserer Gefäße alle Reinkulturversuche vereiteln. Aber
+glücklicherweise lassen sich alle Bakterien und ihre Keime durch bloßes
+Erhitzen auf 80–100 ° leicht töten. Man braucht also die Glasgefäße
+und Instrumente, welche keimfrei sein sollen, bloß in kochendes Wasser
+zu tauchen oder besser in trockener Luft auf 100 ° zu erhitzen, dann
+sind sie solange keimfrei, bis aus der Luft oder durch Berührung mit
+anderen Gegenständen neue Keime daran kommen. Die Flüssigkeiten werden
+durch Kochen keimfrei gemacht. Deshalb ist frisch abgekochtes Wasser
+stets keimfrei, und in dieser Beziehung dem reinsten Quellwasser
+vorzuziehen. Schwieriger ist es, die Ansteckung eines Nährbodens durch
+diejenigen Bakterien zu verhindern, welche aus der Luft hineinfallen
+oder mit den Luftströmungen hineingerissen werden. Das bloße Zustopfen
+der Flaschen nützt deshalb nicht viel, weil die Luft bei verschiedenen
+Temperaturen und Barometerständen einen verschiedenen Raum einnimmt,
+und weil daher häufig beim Öffnen des Stopfens die Luft stürmisch in
+die Flasche eindringt und dabei Bakterien mitreißt. Deshalb kam Pasteur
+auf den ausgezeichneten Gedanken, solche Flaschen mit einem trockenen
+Wattebausch zu verschließen. Die Watte läßt die Luft ungehindert durch
+sich hindurchtreten, nicht aber die Bakterien, obwohl es unter diesen
+solche gibt, welche kleiner als ¹⁄₁₀₀₀ Millimeter sind. Sie bleiben
+alle in den obersten Schichten des Wattebauschs zurück. Der Wattebausch
+ist also ein richtiges Filter für die Bakterien. Unsere Abbildungen
+18 und 19 zeigen, in welcher Weise man Glaskolben und Reagensgläser
+mit solchen Wattepfropfen bakteriendicht verschließt. Man stellt
+dabei, namentlich beim Öffnen, die Gefäße gern schief, damit nicht
+aus der Luft Keime hineinsinken; auch verkohlt man die Unterseite
+der Wattepfröpfe gern ein wenig über einer Flamme, damit alle daran
+hängenden Keime verbrannt werden.
+
+[Illustration: Abb. 18. Glaskolben mit bakteriendichtem Watteverschluß.]
+
+[Illustration: Abb. 19. Schiefgestelltes Reagensrohr mit Nährgelatine.]
+
+[Illustration: Abb. 20. Petrischale zum Herstellen von Reinkulturen.]
+
+Wenn man nun aus einer unreinen Hefe eine bestimmte Sorte reinzüchten
+will, verfährt man folgendermaßen: man bringt ein wenig von der Hefe
+in einen Glaskolben, der keimfreie („sterile“ oder „sterilisierte“)
+Nährgelatine enthält, welche man bei möglichst niederer Temperatur,
+durch Eintauchen in warmes Wasser, verflüssigt hat. Die Hefe wird
+vor dem Einbringen mit etwas Wasser fein zerrieben und dann durch
+Umschwenken des Kolbens gut mit der Gelatine vermengt. Nun gießt man
+den Inhalt des Glaskolbens auf eine sauber gereinigte, keimfreie
+Glasplatte und läßt ihn dort in dünner Schicht unter dem Schutze einer
+Glasglocke erstarren. An Stelle der Glasplatte und der Glasglocke
+kann man auch eine sogenannte +Petri+-Schale (vergl. Abb. 20) nehmen,
+das sind zwei flache Glasschalen mit zylindrischem Rand, von welchen
+die größere als Deckel über die kleinere gestülpt wird, während in
+diese die Nährgelatine gefüllt wird. Nach einigen Tagen zeigt sich
+die Gelatine ganz mit grauen Pünktchen besät, deren jedes aus einer
+Kolonie von Bakterien bzw. Hefezellen einer Art besteht. Meistens
+lassen sich verschiedene Arten schon am verschiedenen Aussehen ihrer
+Kolonien erkennen, zumal wenn man das Vergrößerungsglas zu Hilfe nimmt.
+Man sucht sich die gewünschte Art aus und überträgt sie mit einer
+sogenannten Impfnadel in ein Kölbchen mit steriler Nährflüssigkeit (z.
+B. Bierwürze). Die Impfnadel besteht aus einem 5 ~cm~ langen Stück
+Platindraht von ½ ~mm~ Dicke, der mit einem Ende in einen langen
+Glasstab eingeschmolzen, am anderen Ende zu einer Öse gebogen ist (vgl.
+Abb. 21). Der Draht muß aus Platin sein, damit er durch Ausglühen in
+einer Flamme keimfrei gemacht werden kann, ohne dabei zu oxydieren. Man
+glüht die Öse aus und überträgt mit ihr ein wenig von der zu züchtenden
+Kolonie in die neue Nährlösung, wo sie sich nun ganz rein und frei von
+fremden Keimen entwickeln muß.
+
+[Illustration: Abb. 21. Impfnadel zum Uebertragen von Reinkulturen.]
+
+Nebenbei sei bemerkt, daß man die Kochschen festen Nährböden auch
+benutzt, um die Bakterien in der Luft, im Trinkwasser, im Erdboden zu
++zählen+: denn so viel Bakterien in einer gewissen Menge dieser Stoffe
+sind, so viel sichtbare Kolonien müssen auf der Glasplatte nach dem
+Vermischen mit Nährgelatine oder Pflanzengelatine (Agar-Agar) entstehen.
+
+Erst seit der Einführung dieser Hefereinzucht ist es möglich, Biere
+und destillierte Schnäpse von stets gleichen Eigenschaften mit aller
+Sicherheit herzustellen. Auch für die Weingewinnung aus den Trauben
+wendet man seit langem schon reingezüchtete Hefen an. Auf den reifen
+Beeren der Weintrauben und auf den Zwetschen liegt ein Reif, welcher
+aus Hefezellen besteht, die den Preßsaft dieser Früchte von selbst in
+Gärung versetzen. Daher kommen zerquetschte Früchte stets von selbst in
+Gärung, wobei, je nach ihrem Zuckergehalt, mehr oder weniger Alkohol
+entsteht. Durch Abdestillieren gewinnt man dann die destillierten
+Schnäpse daraus. Da aber die natürlichen Hefen auf der Fruchthaut in
+verschiedenen Jahren von verschiedener Beschaffenheit sind, so ist es
+zuverlässiger, auch diese Gärungen mit Reinzuchthefe von erprobten
+Eigenschaften vorzunehmen. --
+
+Es wurde schon oben gesagt, daß durch Gärung zuckerhaltiger
+Flüssigkeiten der Alkoholgehalt nicht höher als auf etwa 10–12 %
+steigen kann. Wenn also ein „natürlich“ vergorenes Getränk, etwa ein
+Wein, 15 % oder mehr Alkohol enthält, so können wir mit Bestimmtheit
+sagen, daß er künstliche Zusätze von Sprit erhalten hat. Es gibt aber
+noch ein anderes Verfahren, um den Alkoholgehalt einer vergorenen
+Maische zu erhöhen: das +Destillieren+. Während nämlich Wasser
+bekanntlich erst bei 100 ° siedet, kocht der Alkohol schon bei 78 °.
+Erhitzt man nun Gemische von Alkohol und Wasser zum Sieden und kühlt
+man die Dämpfe vorsichtig ab, so wird zuerst der Wasserdampf wieder zu
+Wasser, während der Alkoholdampf erst unterhalb von 78 ° verflüssigt
+wird. Dieses Verdampfen und Wiederflüssigmachen des Dampfes nennt man
+bekanntlich Destillieren. Die Erfahrung hat gezeigt, daß, wenn man
+aus einer solchen Maische die Hälfte abdestilliert, darin +aller+
+Alkohol enthalten ist. Das Destillat nimmt aber nur die Hälfte Raum
+ein, ist also in bezug auf seinen Alkoholgehalt doppelt so stark als
+die ursprüngliche Maische. So kann man +Branntwein+ und Schnäpse von
+hohem Alkoholgehalt destillieren. Man kann aber auch aus ordinärer
+Kartoffelmaische reinen Spiritus, der nur noch 4–5 % Wasser enthält,
+abdestillieren, wenn man die Dämpfe in sogenannten Kolonnenapparaten
+sehr vorsichtig abkühlt. In Deutschland werden auf diese Weise jährlich
+etwa 5 Millionen Hektoliter reiner Alkohol erzeugt.
+
+[Illustration: Abb. 22. Senkwage, um den Alkoholgehalt einer
+Flüssigkeit zu messen (nach Erdmann).]
+
+Nebenbei erwähnt sei, wie man den Alkoholgehalt einer Flüssigkeit
+bestimmt. Alkohol ist leichter als Wasser. Daher wird eine
+Schwimmvorrichtung aus Glas, eine sogenannte +Senkwage+ (Aräometer),
+in Alkohol und in alkoholhaltigen Mischungen tiefer einsinken als
+in reinem Wasser. (Abb. 22.) Diese Aräometer werden in der hier
+abgebildeten Form aus Glas geblasen; damit sie aufrecht schwimmen,
+ist die untere Kugel mit Bleischrot oder Quecksilber gefüllt, während
+die bauchige Erweiterung das Schwimmen erleichtert. In der oberen,
+röhrenartigen Verlängerung des Schwimmers ist eine Papierskala mit
+Ziffern angebracht, welche gleich den Alkoholgehalt der betreffenden
+Flüssigkeit angeben. Sinkt das Aräometer also z. B. bis zur Marke 20
+ein, so hat die Flüssigkeit 20 % Alkohol. Dabei ist aber folgendes
+zu beachten: die Zahlen stimmen nur, wenn die Mischung nur Wasser
+und Alkohol enthält. Dies ist immer bei denjenigen Flüssigkeiten der
+Fall, welche man durch +Destillation+ gegorener Maischen erhält. Die
+Maischen selbst, also Bier und Wein z. B., enthalten noch eine Menge
+anderer Stoffe, wie Dextrin, Gerbsäuren, Fruchtsäuren, Zucker usw.
+Diese anderen Stoffe machen die Mischung schwerer, so daß die Senkwage
+zu wenig Alkohol angeben würde. Will man also den Alkoholgehalt eines
+Weines bestimmen, so destilliert man ein Drittel davon ab, setzt die
+Senkwage in das Destillat und teilt das Ergebnis durch die Zahl 3. --
+
+Bevor wir unsere Unterhaltung über den Alkohol schließen, wollen wir
+uns noch ein wenig mit der +Hefe+ beschäftigen. Die Hefe vermehrt sich
+bekanntlich bei der Gärung und setzt sich in den Gärbottichen als
+grauer Schlamm zu Boden, mit dem man lange Zeit nichts Ordentliches
+anzufangen wußte. Man bekam davon viel mehr, als man beim besten Willen
+verbrauchen konnte. Dies wird verständlich, wenn man bedenkt, daß in
+Deutschland jährlich an Bier allein etwa ein Hektoliter auf den Kopf
+der Bevölkerung, im ganzen also etwa 65 Millionen Hektoliter, erzeugt
+wird. Was soll mit der vielen Hefe gemacht werden? Zwar zum Brot- und
+Kuchenbacken wird viel gebraucht, aber doch bei weitem nicht so viel,
+als in den Gärungsgewerben erzeugt wird. Dazu kommt, daß die Hefe nicht
+lange haltbar ist, selbst nicht in gepreßter Form (als +Preßhefe+,
+jährlich in Deutschland allein 450000 Zentner Erzeugung!). Aber die
+chemische Untersuchung hat gezeigt, daß die Hefe die Eigenschaften
+eines ganz vorzüglichen +Nahrungsmittels+ besitzt, nämlich wegen ihres
++Stickstoff+reichtums, wodurch sie dem Rindfleisch nahezu gleichwertig
+ist. Sie direkt zu essen, geht wegen der Gärungen, die sie im Darmkanal
+erregen würde, nicht wohl an; aber man kann sie durch überhitzten Dampf
+töten und kann dann vorzügliche +Fleischbrühen+ und +Fleischextrakte+
+aus solcher Hefe machen, die an Wohlgeschmack und Nährwert nicht hinter
+Liebigs Präparaten zurückstehen. Und unter den landwirtschaftlichen
+Futtermitteln spielt die stickstoffreiche „+Futterhefe+“ schon lange
+eine bedeutende Rolle. Aber damit ist die Zukunft der Hefe noch
+nicht erschöpft. Neuerdings, während des Krieges, ist nämlich durch
+den Chemiker der Universität Königsberg, Professor Lassar-Cohn, ein
+bedeutender Fortschritt erzielt worden, den uns folgende Überlegung
+verständlich machen wird. Bei der Fütterung des Viehs spielen die
+stickstoffhaltigen Futtermittel, die Klee-, Lupinen- und Wickenarten
+eine bedeutende Rolle als Mastmittel. Andrerseits geben die Tiere im
+Harn und in den Fäkalien große Stickstoffmengen von sich, die dadurch
+wieder für die Fütterung nutzbar gemacht werden, daß man die Klee-
+und Lupinenfelder damit düngt. Auf diesem Umwege dauert es freilich
+ein halbes Jahr, bis der Fäkalstickstoff von den Tieren wieder als
+Nahrung aufgenommen wird. Lassar-Cohn kam auf den Gedanken, diese Zeit
+dadurch abzukürzen, daß er den Harn der Kühe als Nährflüssigkeit für
++Hefekulturen+ benutzte. Der Harn wird aus dem Stall in ein Bassin
+geleitet und darin mit einer geeigneten Hefeart besät. Nach einigen
+Stunden wird die vermehrte Hefe abgesiebt, gewaschen und sogleich
+wieder verfüttert. Die Tiere nehmen das nahrhafte Futter gern, und
+der Landwirt nutzt so den Stickstoff der Jauche nicht bloß schneller,
+sondern auch viel besser aus als bei ihrer Anwendung als Düngemittel.
+
+Die Hefe hat auch noch in anderer Beziehung eine Zukunft. Man hat
+nämlich (Prof. +Lintner+ in Charlottenburg) die Beobachtung gemacht,
+daß es Hefearten gibt, welche +Fett+ erzeugen, obwohl sie auf ganz
+billigem fettfreiem Nährboden wachsen, und man hat daran berechtigte
+Hoffnungen geknüpft, auf diese Weise dereinst aus Kartoffelmehl Fett
+darstellen zu können.
+
+
+
+
+9. Brennstoffe.
+
+
+Unsere wichtigsten Brennstoffe sind das +Holz+, die +Kohle+ und das
++Erdöl+. Solange diese Stoffe, namentlich die beiden erstgenannten,
+unmittelbar und ausschließlich zum Brennen verwendet wurden, gab es
+keine Chemie der Brennstoffe. Aber teils durch Zufall, teils gezwungen
+durch die Not der besten Ausnutzung, hat man gelernt, diese Stoffe
+vor dem Verbrennen gar vielseitig zu behandeln und eine Menge der
+wichtigsten Nebenprodukte aus ihnen zu gewinnen, nämlich (um nur einige
+zu nennen): +Leuchtgas+, +Benzol+, +Naphthalin+, +Teerfarbstoffe+,
++Ammoniak+, +Essigsäure+, +Blutlaugensalz+, +Benzin+, +Petroleum+,
++Vaseline+, +Paraffin+, +Schmieröle+, +Ceresin+ usw. So entstand eine
+Chemie der Brennstoffe, deren Ergebnissen wir dieses Kapitel widmen
+wollen.
+
+
+1. Die Kohle.
+
+Holz und Kohle verhalten sich zueinander wie Gegenwart und
+Vergangenheit. Denn jedes Holz geht unter gewissen Umständen im Laufe
+der Zeit in Kohle über. Das Wesentliche für diese Verwandlung ist, daß
+das Holz +feucht+ erhalten und vor der Berührung mit der Luft geschützt
+werden muß. Dann wird es schon nach einigen Jahrhunderten dunkelbraun,
+nach Jahrtausenden schwarz, und noch später verliert es seine faserige
+Beschaffenheit und geht in +Braunkohle+ über. Der Übergang dieser
+Braunkohle in +Steinkohle+ scheint allerdings eine fast unermeßlich
+lange Zeit beansprucht zu haben, die sich jedenfalls über viele
+Jahrhunderttausende erstreckt.
+
+Man kann also das Werden der Kohle in drei Stufen teilen: es beginnt
+mit der +Vertorfung+ des Holzes, wodurch es zwar schwarz wird, aber
+seine Struktur noch behält; darauf folgt die Bildung der +Braunkohle+
+und dann die der +Steinkohle+. Der Vorgang der Vertorfung ist oft genug
+in geschichtlicher Zeit erfolgt: in den großen Mooren Jütlands und
+Schleswigs finden wir vertorfte Eichbaumstämme und Sumpfföhren neben
+den Geweih- und Knochenresten der ausgestorbenen Riesenhirsche, Elche
+und Rentiere; auch Reste von normannischen (Wikinger-) Schiffen aus
+vertorftem Eichenholz haben sich gefunden. Aus dem Bett des Rheins
+wurden die unteren, ganz schwarzbraun vertorften Teile der Eichenpfähle
+gehoben, auf welche Cäsar vor fast 2000 Jahren seine Rheinbrücke hatte
+bauen lassen.
+
+Die Bildung der Braunkohle, welche die Holzstruktur verloren hat, geht
+fast immer auf die +Tertiärzeit+ zurück, also auf jene Zeit vor etwa
+200000–300000 Jahren mit italienischem Klima, in welcher wir die ersten
+Menschenspuren bei uns nachweisen können, und in welcher die vielen
+vulkanischen Basaltergüsse in der Eifel, im Vogelsgebirge, in der Rhön
+und im böhmischen Mittelgebirge erfolgten und die Alpen entstanden sind.
+
+Die Entstehung der Steinkohle aber reicht zurück bis in die ältesten
+Zeiten organischen Lebens auf der Erde, als sich Böhmerwald,
+Fichtelgebirge und Erzgebirge als höchste Gebirge Europas erhoben und
+von Jura und Alpen noch keine Spuren vorhanden waren.
+
+Welche chemischen Veränderungen mit dem Holz während dieser
+Verwandlungen vor sich gegangen sind, das lehrt am besten ein Vergleich
+der Analysen von Holz, Braunkohle und Steinkohle. Wir erinnern uns
+dabei, daß der Hauptbestandteil des Holzes, der +Zellstoff+, aus
+Kohlenstoff und Wasser im Verhältnis von 6 Atomen Kohlenstoff zu 5
+Molekülen Wasser zusammengesetzt ist. Wir werden also beim Vergleich
+unser Augenmerk hauptsächlich auf das Verhältnis dieser drei Elemente
+Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff zu richten haben.
+
+
+Zusammensetzung:
+
+ ---------------+---------+---------+--------+--------+---------+------
+ | Kohlen- | Wasser- | Sauer- | Stick- |Schwefel |Asche
+ | stoff | stoff | stoff | stoff | |
+ ---------------+---------+---------+--------+--------+---------+------
+ Eichenholz | 50,22 | 6,0 | 43,4 | 0,1 | -- | 0,3
+ ---------------+---------+---------+--------+--------+---------+------
+ Braunkohle vom | 60,44 | 5,3 | 22,0 | Spur | 0,86 | 0,65
+ Bauersberg | | | | | |
+ ---------------+---------+---------+--------+--------+---------+------
+ Steinkohle von | 83,63 | 5,2 | 9,1 | 0,6 | -- | 1,53
+ Duttweiler | | | | | |
+ ---------------+---------+---------+--------+--------+---------+------
+ Englischer | 93,00 | 3,1 | 1,7 | 0,5 | 0,7 | 1,0
+ Anthrazit | | | | | |
+ ---------------+---------+---------+--------+--------+---------+------
+
+Wir sehen, daß mit fortschreitender Verkohlung der Kohlenstoffgehalt
+scheinbar zunimmt, weil der Gehalt an Wasserstoff und Sauerstoff
+abnimmt. Daraus könnte man zunächst schließen, daß die natürliche
+Verkohlung des Holzes bei der Braun- und Steinkohlenbildung der gleiche
+Vorgang sei, wie die künstliche Verkohlung beim Erhitzen des Holzes,
+z. B. die Meilerverkohlung. Aber dieser Schluß wäre ganz falsch.
+Denn bei der künstlichen Verkohlung bleiben wirklich nur Kohle und
+Aschenbestandteile zurück, aber in der natürlichen Steinkohle sind noch
+eine Menge anderer Stoffe, die gerade beim Erhitzen erst verdampfen.
+Diese Stoffe sind es, welche die Chemie der Steinkohle so interessant
+machen.
+
+Holz, Torf und Braunkohle haben die gemeinsame Eigenschaft, Kali- oder
+Natronlauge in der Hitze braun zu färben. Die echten Steinkohlen tun
+dies in der Regel nicht mehr, und man kann auf diese Weise im großen
+und ganzen Steinkohlen und Braunkohlen gut unterscheiden; Farbe und
+Aussehen sind nicht kennzeichnend, denn die Braunkohlen sind oft ganz
+schwarz wie echte Steinkohle.
+
+Erhitzt man Holz in einem Gefäße bis zum Glühen des Gefäßes, so
+entweichen brenzliche Dämpfe, und es hinterbleibt lockere, poröse,
+federleichte Holzkohle. Erhitzt man aber eine der natürlich
+vorkommenden Kohlearten, so entweichen zwar ganz ähnliche Dämpfe,
+aber es hinterbleibt eine viel dichtere, schwerere und härtere
+Kohle, welche man bekanntlich +Koks+ nennt. Auch die Dämpfe
+lassen in ihrer Beschaffenheit wichtige Unterschiede erkennen:
+die Verflüchtigungsprodukte des Holzes sind +sauer+ und röten
+angefeuchtetes Lakmuspapier deutlich; die der Steinkohle sind dagegen
+infolge ihres Ammoniaküberschusses +alkalisch+ und bewirken, daß
+gerötetes Lakmuspapier wieder blau wird. Kühlt man die brenzlichen
+Dämpfe ab, so erhält man in beiden Fällen eine braunschwarze
+Flüssigkeit, welche deutlich aus zwei übereinandergelagerten Schichten
+besteht, die sich offenbar nicht miteinander mischen können, weil sie
+sich zueinander verhalten wie Öl und Wasser. Die obere, leichtere
+Schicht ist ganz schwarz und besteht aus dickem Teer; die untere,
+mehr braun gefärbte Flüssigkeit, ist dagegen wässerig und läßt sich
+mit Wasser in jedem Verhältnis mischen. Außer dem kohligen Rückstand
+und diesen beiden Flüssigkeiten entsteht beim Erhitzen des Holzes
+und der Kohlearten noch ein vierter, sehr wichtiger Stoff, nämlich
+das +Leuchtgas+. Die Gewinnung und weitere Verarbeitung dieser
+vier Produkte hat eine gewaltige und sehr interessante Industrie
+hervorgerufen, mit der wir uns nun etwas näher beschäftigen wollen.
+
+[Illustration: Abb. 23. Leuchtgasgewinnung im kleinen.]
+
+Betrachten wir zunächst das +Leuchtgas+. Seine Gewinnung aus Steinkohle
+wurde um die Mitte des 18. Jahrhunderts in England entdeckt. Unsere
+Abbildung 23 zeigt, wie man sich das Gas selbst bereiten kann.
+Man füllt eine kleine gläserne Retorte, am besten eine aus schwer
+schmelzbarem, sog. böhmischem Glas, halb mit Steinkohlengrus und
+erhitzt sie kräftig mit einer großen Spiritus- oder Gasflamme. An den
+Retortenhals ist eine sogenannte „Vorlage“, ein Glasballon mit zwei
+Halsöffnungen, mittels Korks luftdicht angeschlossen. In dieser Vorlage
+sammelt sich der Teer und das Teerwasser, während das Gas durch ein
+Glasröhrchen entweicht, das man in den zweiten Hals eingesetzt hat.
+
+Die Zusammensetzung des Leuchtgases wechselt in sehr weiten Grenzen,
+je nach der Kohlensorte, welche man zu seiner Darstellung verwendet.
+Durchschnittlich besteht es +zur Hälfte+ aus +Wasserstoffgas+,
+welches bekanntlich 14½mal leichter als Luft ist. Infolgedessen
+ist auch das Leuchtgas ⅓ bis ½mal leichter als Luft. Die andere
+Hälfte des Leuchtgases besteht zum größeren Teil aus „Methan“ oder
++Sumpfgas+, einer Verbindung von Kohlenstoff und Wasserstoff, aus
+welcher auch die Gasblasen bestehen, welche aus den schlammigen
+Böden der Seen oft emporsteigen. Der Rest besteht vorwiegend aus dem
+giftigen +Kohlenoxydgas+ sowie aus ein wenig Kohlensäuregas und aus
+komplizierteren Verbindungen von Kohlenstoff mit Wasserstoff, wie
+Äthylen, Azetylen usw. Das Kohlenoxydgas, dessen Menge im Leuchtgas
+zwischen 6 und 12 % schwankt, ist sein gefährlichster und schädlichster
+Bestandteil, denn er verursacht die zahllosen Leuchtgasvergiftungen,
+welche in unseren Großstädten meistens von den Beteiligten absichtlich
+herbeigeführt werden, und in ihrem Gefolge viele, zwar in der Regel
+nicht beabsichtigte, aber darum nicht minder gefährliche Explosionen.
+Es ist vielleicht sehr wenig schmerzhaft, aber gewiß nicht sehr
+anständig, sich durch Öffnen der Gashähne mit Leuchtgas zu vergiften;
+denn in vielen Fällen fordert diese Methode des Selbstmords noch
+weitere Opfer an Menschenleben, wenn ahnungslose Hausgenossen das
+betreffende Zimmer mit brennendem Licht betreten und dadurch eine
+Explosion des gefährlichen Leuchtgas-Luft-Gemisches hervorrufen. Leider
+hat man diesen üblen Bestandteil des Leuchtgases bis jetzt nicht in
+befriedigender Weise beseitigen können.
+
+Eine Leuchtgasanalyse zeigt folgende Prozentgehalte der genannten Gase:
+
+ Wasserstoffgas 52,79 %
+ Sumpfgas 34,43 %
+ Kohlenoxydgas 7,19 %
+ Äthylen, Azetylen usw. 4,01 %
+ Kohlensäuregas 1,58 %
+ --------
+ 100,00 %
+
+[Illustration: Abb. 24. Schematische Darstellung der
+Leuchtgas-Fabrikation. a = Ofen, b = Kühler, c = Gaswäscher, d =
+Reiniger, f = Gasometer, g = Ableitung mit Brenner.]
+
+Im rohen, ungereinigten Leuchtgas sind noch einige Stoffe enthalten,
+welche seine Anwendung zum Brennen ganz unmöglich machen würden,
+nämlich +Schwefelwasserstoff+ und +Zyan+. Denn diese Stoffe sind
+nicht bloß sehr übelriechend und ungewöhnlich giftig, sondern das
+Schwefelwasserstoffgas wird auch beim Verbrennen nicht angenehmer, weil
+es sich in ein stechend riechendes, saures, die Metalle angreifendes
+Gas (schweflige Säure) verwandelt, welches noch obendrein die Farben
+der Kleider, Teppiche und Vorhänge ausbleicht. Deshalb muß das rohe
+Gas vor der Verwendung zum Brennen gereinigt werden. Dies geschieht,
+indem man das Rohgas über natürlichen Raseneisenstein leitet, der im
+wesentlichen aus der +Eisenbase+ besteht. Dieser geht zum Teil (durch
+die Einwirkung des Schwefelwasserstoffes) in +Schwefeleisen+, zum
+Teil (durch die Einwirkung der Zyanverbindungen) in +Berlinerblau+
+über. Wenn die Gasreinigungsmasse nach einiger Zeit unwirksam geworden
+ist, so breitet man sie an der Luft aus und schaufelt sie öfters
+um. Dadurch nimmt das Schwefeleisen, in welches sich die Hauptmenge
+der Reinigungsmasse verwandelt hatte, Sauerstoff auf und geht in
+schwefelsaures Eisen über, welches wieder von neuem als Reinigungsmasse
+verwendbar ist. Dies nennt man die +Regenerierung+ (Wiederherstellung)
+der Reinigungsmasse. Schließlich, wenn die Masse nach mehrfacher
+Regenerierung ziemlich erschöpft ist, ist sie erst recht wertvoll
+geworden durch ihren Gehalt an Berlinerblau, der nicht selten bis 10 %
+der Masse beträgt. Dieser wertvolle, aber noch unreine Bestandteil
+wird nun durch Kochen mit Kalkmilch usw. in +gelbes Blutlaugensalz+
+(Ferrozyankalium) umgewandelt, woraus man wieder einerseits
+(durch Vermischen mit Eisenchloridlösung) das reine Berlinerblau,
+andrerseits (durch Schmelzen) das wichtige +Zyankalium+ gewinnt.
+Zyankalium und Zyannatrium werden in ungeheuren Mengen als goldlösende
+Auslaugungsmittel für goldführende Gesteine in Südafrika verbraucht,
+ferner in der Herstellung galvanischer Metallüberzüge (Vernickeln,
+Versilbern, Vergolden) zum Zusammensetzen der Bäder. So liefert in der
+chemischen Technologie ein Gebiet Hilfsstoffe für ein anderes.
+
+Auf diese Weise erhält man schließlich das technisch „reine“ Leuchtgas.
+Es wird bekanntlich in großen, schmiedeeisernen Gasometern aufgefangen
+und durch deren Gewicht in das Rohrleitungsnetz gepreßt. Dabei ergeben
+sich aus dem Gesetz der Druckverteilung höchst eigentümliche Folgen.
+Man sollte nämlich erwarten, daß die ungeheuer schwere Gasometerglocke,
+deren Gewicht bei großstädtischen Anlagen in die Hunderttausende
+von Zentnern geht, das Gas mit viel zu hohem Druck in die
+Verbraucherleitungen preßte. Das gerade Gegenteil ist der Fall. Gerade
+die größten Leitungsnetze haben den geringsten Gasdruck aufzuweisen.
+Dies erklärt sich daraus, daß der Leitungsdruck und der Druck der
+Gasometerglocke zueinander im Verhältnis der Flächen stehen, auf welche
+sie wirken. Hat die Leitung einen Querschnitt von 1 Quadratzentimeter,
+die Gasometerglocke aber eine Innenfläche von 1 Quadratmeter = 10000
+Quadratzentimeter, so entströmt das Gas aus der Leitung mit einem
+Druck, welcher den zehntausendsten Teil vom Gewicht der Gasometerglocke
+beträgt. Nun haben aber die Gasometerglocken eine ganz andere
+Innenfläche als 1 Quadratmeter, nämlich den tausendfachen Betrag oder
+noch mehr. Infolgedessen müssen diese Glocken ein gewaltiges Gewicht
+haben, um das Gas in die Verbraucherleitung mit einem solchen Druck
+pressen zu können, wie er für Brennzwecke erforderlich ist (6–12 ~cm~
+Wasserhöhe).
+
+[Illustration: Abb. 25. Gasometer im Durchschnitt.]
+
+[Illustration: Abb. 26. Eine Kerzenflamme.]
+
+[Illustration: Abb. 27. Alter Schwalbenschwanzbrenner für Leuchtgas.]
+
+Die Anwendung des Leuchtgases hat eine außerordentlich interessante
+Geschichte. Zunächst brannte man es unmittelbar und offen als
+Lichtquelle und trieb so eine ungeheure Verschwendung, denn die
+Leuchtkraft einer einfachen Gasflamme ist recht gering, weil der
+Hauptbestandteil des Leuchtgases, der Wasserstoff, fast nichtleuchtend
+verbrennt. Denn das +Leuchten+ der Flamme kommt fast stets dadurch
+zustande, daß darin irgendwelche feine Staubteilchen -- meistens
+sind es Kohlenteilchen -- zur Glut erhitzt werden. Daher können nur
+solche Gase mit helleuchtender Flamme verbrennen, welche sich in der
+Hitze unter Rußbildung, also unter Abscheidung von Kohlenstäubchen,
+zersetzen. Solche Gase sind die sogenannten Kohlenwasserstoffe,
+also Verbindungen von Kohlenstoff und Wasserstoff. Sie zerfallen
+in der Glühhitze ihrer eigenen Flamme in ihre beiden Elemente, von
+welchen der Wasserstoff mit sehr heißer, aber nichtleuchtender Flamme
+verbrennt, während die abgeschiedenen Rußteilchen zunächst durch das
+Wasserstoffgas vor dem Verbrennen geschützt werden; dies hindert
+aber nicht, daß sie durch die Hitze der Wasserstofflamme in hohe
+Glut versetzt werden und dadurch diese Flamme leuchtend machen. Dann
+aber kommen auch diese Teilchen am Rand der Flamme mit der Außenluft
+in Berührung und verbrennen dadurch zu Kohlensäuregas, werden also
+nichtleuchtend. Diese Vorgänge kann man in jeder leuchtenden Flamme,
+z. B. in der Kerzenflamme (Abb. 26) und der Leuchtgasflamme alten
+Stils (Abb. 27) gut erkennen. Man sieht zunächst dem Docht bzw. der
+Gasausströmungsöffnung einen nichtleuchtenden Kern unverbrannten
+„+kalten+“ (d. h. noch nicht glühenden) Gases. Dieser Kern ist umgeben
+von der leuchtenden Zone der abgeschiedenen, glühenden Kohleteilchen,
+und diese wieder ist von einer nichtleuchtenden, sehr heißen Zone
+der verbrennenden Rußteilchen umgeben. Es ist demnach klar, daß die
+Leuchtkraft einer Flamme davon abhängt, wieviel Kohlenstoffteilchen
+in ihr abgeschieden und zum Glühen gebracht werden. Diese Frage ist
+aber innig verknüpft mit dem Gehalt des Gases an „schweren“, d. i.
+kohlenstoffreichen Kohlenwasserstoffverbindungen. Sobald man sich
+darüber im klaren war, nämlich um die Mitte des 19. Jahrhunderts,
+begann man die Leuchtkraft des Gases planmäßig zu erhöhen, indem
+man ihm „schwere“ Kohlenwasserstoffe beimengte. Solche sind z. B.
+das Azetylengas und der Benzoldampf. Diesen Vorgang nannte man das
++Karburieren+ des Leuchtgases (~carbo~ = die Kohle). Die Abbildungen
+28 und 29 zeigen, wie man Wasserstoff darstellen und durch Überleiten
+über benzolgetränkte Watte karburieren kann. -- Als nun seit dem
+letzten Viertel des 19. Jahrhunderts die elektrische Bogenlampe und
+die Kohlenfadenglühlampe dem Gaslicht energische Konkurrenz machten,
+bekamen es die Gastechniker mit der Angst zu tun und erfanden in der
+Not die +Regenerativlampen+. Bei diesen wird die Leuchtkraft dadurch
+erheblich gesteigert, daß sowohl das Gas als die Verbrennungsluft
+vor ihrem Zusammentreffen durch die eigene Flammenhitze kräftig
+vorgewärmt werden. Aber gegenüber der bequemen, billigen und die
+Luft nicht verderbenden Glühlampe konnten auch die Siemensschen
+Regenerativbrenner nicht standhalten, und es schien fast, als ob der
+Gasbeleuchtung das Todesurteil gesprochen wäre. Der Gasverbrauch ging
+in allen Städten gewaltig zurück. Da machte ein genialer Chemiker, Auer
+von Welsbach in Wien, gerade rechtzeitig eine gewaltige Erfindung:
+das Gasglühlicht. Er holte sozusagen aus den leuchtenden Flammen das
+leuchtende Prinzip heraus, das glühende Kohlenstoffteilchen, fand es
+für seinen Zweck (Wärme in Licht umzuwandeln) ganz unzulänglich und
+ersetzte es daher durch eine viel wirksamere Substanz in einer viel
+wirksameren Anordnung: durch die seltenen Erdmetalloxyde in der Form
+des Glühstrumpfes. Seitdem, besonders auch seit der Erfindung des
+Hängeglühlichts, ist die Gasbeleuchtung unbestritten die billigste
+Beleuchtungsart der Gegenwart, mit welcher das elektrische Licht trotz
+Metallfadenlampen, trotz Halbwattlampen und Intensivflammenbogenlampen
+nicht mehr voll konkurrieren kann. Dies ergibt sich aus der
+folgenden Tabelle, welche wir dem Werkchen von H. +Lux+ „Das moderne
+Beleuchtungswesen“ (Leipzig 1914) entnehmen:
+
+[Illustration: Abb. 28. Aus Zinkblechschnitzeln und verdünnter
+Salzsäure entwickelt sich Wasserstoff, der mit nichtleuchtender Flamme
+brennt.]
+
+[Illustration: Abb. 29. Das Wasserstoffgas wird mit Benzol karburiert
+und leuchtet nun sehr hell beim Brennen.]
+
+
+Kosten einer Zimmerbeleuchtung von 200-Kerzenstärken-Helligkeit.
+
+ ---------------------+----------------+----------------
+ | Zahl der | Betriebskosten
+ Lampenart | erforderlichen | für
+ | Lampen | 10 Stunden
+ ---------------------+----------------+----------------
+ Petroleum | 10 | 1,75 M.
+ Spiritusglühlicht | 6 | 3,00 „
+ Gasglühlicht: | |
+ 1. stehend | 3 | 0,53 „
+ 2. hängend | 3 | 0,46 „
+ Kohlenfadenglühlampe | 10 | 3,20 „
+ Osramlampe | 5 | 1,17 „
+
+[Illustration: Abb. 30. Normaler Auerbrenner (nach Lux).]
+
+Dieser Sieg des Gases auf dem Gebiet des Beleuchtungswesens wurde noch
+verstärkt durch seine Verwendbarkeit für Kochzwecke. Fällt es doch in
+der Großstadt heutzutage keiner Frau mehr ein, Feuer auf dem Herd zu
+machen! Denn überall hat sich der außerordentlich bequeme, reinliche
+und billige +Gasherd+ eingebürgert. --
+
+[Illustration: Abb. 31. Prinzip des Gasherds]
+
+Bei der Herstellung des Gases entstehen auch +flüssige+ Nebenprodukte,
+nämlich +Teer+ und +Gaswasser+ und +Koks+. Über die Mengenverhältnisse
+gibt folgende Tabelle Aufschluß:
+
+100 ~kg~ englische (Derbyshire-Silkstone-)Kohle liefern nach +Fischer+
+(Chem. Technologie, Leipzig 1900) bei 800 ° Destillationstemperatur:
+
+ Koks 65 kg
+ Teer 7⅓ „
+ Gaswasser 10 „
+ Leuchtgas 21 cbm
+
+Das wichtigste dieser Nebenprodukte ist der +Teer+, von dem auf diese
+Weise in Europa jährlich etwa 40 Millionen Zentner gewonnen werden
+(davon in Deutschland 10, in England 20 Millionen). Er bildet eine
+tiefschwarze, glänzende Flüssigkeit von einer etwas dickflüssigen
+Beschaffenheit, der man wirklich nicht ansieht, welche ungeheuren
+Werte in ihr enthalten und aus ihr gewonnen werden. Um nur einige
+seiner wichtigsten Bestandteile anzuführen, seien genannt: +Benzol+,
++Toluol+, +Naphthalin+, +Karbolsäure+ (Phenol), +Anthrazen+, +Kreosole+
+(Karbolineum), +Pyridin+; aber was bedeuten diese fremdklingenden
+Namen dem, der nicht Chemiker ist! Aber auch er wird aufhorchen, wenn
+ich ihm erzähle, daß fast alle die prachtvollen Farbstoffe, womit
+unsere Kleider und Stoffe und Papiere gefärbt sind, aus dem Teer
+gewonnen werden. Aber auch +Schwerbenzin+, +Pech+, +Asphalt+ und
++schwarzer Eisenlack+ werden aus Bestandteilen des Teers gewonnen. Die
+Scheidekunst, mittels deren der Teer in seine wichtigsten Bestandteile
+zerlegt wird, ist im Grund ein sehr einfaches Verfahren, das uns
+schon aus der Spiritusindustrie bekannt ist: die +Destillation+. Der
+Teer wird in riesigen eisernen Kesseln zum Kochen erhitzt, die Dämpfe
+werden in gekühlten Rohrschlangen verdichtet. So erhält man (nach
++Lunge+) hauptsächlich drei Destillate: den „+Vorlauf+“ (das, was
+aus der Kühlschlange zuerst abläuft, also am leichtesten verdampfbar
+ist), dann das „+Leichtöl+“, und schließlich das „+Schweröl+“. Was im
+Teerkessel zurückbleibt, ist +Pech+ und wird zu Asphalt und Eisenlack
+verarbeitet. Aus dem Vorlauf und Leichtöl gewinnt man durch wiederholte
+Destillation die Flüssigkeiten +Benzol+ und +Toluol+, woraus viele der
+obengenannten Teerfarbstoffe hergestellt werden. Das Schweröl enthält
+dagegen mehr +Naphthalin+ und +Kreosole+. Diese vier Stoffe sind die
+Muttersubstanzen nicht bloß für die Farbstoffindustrie, sondern auch
+für die Gewinnung zahlloser Arzneimittel, mit welchen Deutschland die
+ganze Welt versorgt hat. Außer den bekannten Desinfektionsmitteln
++Karbolsäure+, +Lysol+ und +Salizylsäure+ seien hier nur noch die
+technisch wichtigen Teerabkömmlinge +Kumaronharz+ und +Solventnaphtha+
+erwähnt. Das Kumaronharz, ein Bestandteil des Teerpechs, ist zwar kein
+echtes Harz, hat aber so harzartige Eigenschaften, daß es jetzt während
+des Weltkrieges die in Deutschland knapp gewordenen Harzvorräte für die
++Seifensiederei+ und +Papierleimung+ strecken hilft. Das Solventnaphtha
+ist eine benzolartige Flüssigkeit von bedeutender Lösungsfähigkeit für
+Harze, Fette und andere Stoffe (~solvere~ = auflösen).
+
+Nicht so reich an verschiedenen Stoffen, wie der Teer, aber
+dennoch sehr wichtig und wertvoll ist das +Gaswasser+ der
+Steinkohlengasdestillation. Denn dieses Gaswasser enthält und liefert
+fast alles +Ammoniak+, welches für die Industrie und Landwirtschaft von
+größter Wichtigkeit ist. Man destilliert zu diesem Zweck das Gaswasser
+mit Kalkbrei und erhält so das Ammoniak als Gas von dem bekannten
+stechend scharfen Geruch, wie er in Pferde- und Kuhställen herrscht,
+in welchen sich Ammoniak durch Zersetzung des Harns bildet. Das
+Ammoniakgas wird entweder durch Druck zu einer Flüssigkeit verdichtet
+oder in Wasser, welches es sehr begierig aufnimmt, gelöst. Es wird zur
+Herstellung zahlloser chemischer Präparate und wichtiger Sprengstoffe
+(Roburit usw.) benutzt. In der Landwirtschaft bildet das schwefelsaure
+Ammoniak eines der wirkungsvollsten Kunstdüngemittel, dessen Bedeutung
+von Jahr zu Jahr wächst. --
+
+Alle bisher genannten Nebenprodukte der Leuchtgasgewinnung bezogen
+sich auf beste +Steinkohle+ als Ausgangsstoff. Wendet man aber an
+ihrer Statt +Braunkohle+, Torf oder Holz an, so erhält man wohl
+ebenfalls die Nebenprodukte Teer und Gaswasser, aber doch von
+wesentlich anderer Zusammensetzung. Namentlich in Sachsen wird eine
+besondere Braunkohle, die sogenannte Schwelkohle, auf Teer und Koks
+verarbeitet („geschwelt“). Das entwickelte Gas dient teils zum Heizen
+der Schwelretorten, teils zum Betrieb großer Gaskraftmaschinen. Das
+Gaswasser ist in der Regel wertlos. Aber um so wertvoller ist der
+geschwelte Teer, denn er ist die Muttersubstanz des +Paraffins+ und
+wertvoller „Mineral“öle, die als +Schmieröle+ für Maschinen, zum Teil
+auch als +Leuchtöle+ für Lampen („Solaröl“) und als +Benzin+ Verwendung
+finden. Man gewinnt sie aus dem Schwelteer durch Destillation unter
+vermindertem Luftdruck und durch Reinigen mittels konzentrierter
+Schwefelsäure. Diese zerstört nämlich alle Unreinigkeiten und
+verwandelt sie durch Wasserentziehung in Kohle, während sie das
+Paraffin, Schmieröl, Petroleum und Benzin ganz unverändert läßt.
+Nebenbei gesagt, kommt von diesem Verhalten der Name Paraffin:
+„~parum affinis~“ heißt im Lateinischen soviel wie „wenig geneigt
+zu (chemischen) Verbindungen“. Aus dem Paraffin werden dann die
+bekannten durchscheinenden Kerzen gegossen. Wer sieht ihnen an, daß
+sie einst einen Bestandteil der ordinären Braunkohle bildeten? -- Die
+Öle, Solaröl und Benzin, sind etwas anders zusammengesetzt als die
+eigentlichen Petroleum- und Benzinarten, welche aus dem Rohpetroleum
+gewonnen werden; wegen ihrer Neigung zur Rußbildung eignen sie sich
+nicht so gut wie diese zum Brennen, wohl aber zu chemischen Zwecken als
+Auflösungsmittel für Harze und Fette.
+
+Was bei der Schwelerei der Braunkohle in den Retorten zurückbleibt,
+wird mit Wasser abgelöscht und bildet nun eine eigentümliche Art von
+Koks, den sogenannten „+Grudekoks+“. Er ist zwar im Vergleich mit
+Steinkohlenkoks minderwertig, hat aber doch gegenüber der Braunkohle
+alle Vorteile des Koks, von welchen wir bald noch sprechen werden.
+
+[Illustration: Abb. 32. Kohlenmeiler.]
+
+Wieder anders und eigenartig verläuft die Schwelerei, die trockene
+Destillation, beim +Holz+. Sie wird hauptsächlich des Rückstandes, der
+wertvollen +Holzkohle+ wegen, vorgenommen, und jahrhundertelang hat
+man den Prozeß in der +Meiler+verkohlung so roh betrieben, daß die
+flüssigen und gasförmigen Nebenprodukte überhaupt nicht aufgefangen
+wurden, sondern in die Luft verdampften. Mit dem Teer, der in der
+Braunkohlendestillation so wertvoll ist, weiß man in der Holzschwelerei
+auch heute noch nicht viel anzufangen; man verbrennt ihn, um ihn los
+zu werden. Anders ist es aber mit dem +Gaswasser+. Es ist eine der
+wichtigsten Quellen für die +Essig+gewinnung, denn es enthält, neben
+1 % Methylalkohol („Holzgeist“), etwa 10 % Essigsäure. Der Speiseessig
+besteht aus einer dreiprozentigen Lösung der Essigsäure. Man darf aber
+nun beileibe nicht glauben, daß man das Gaswasser der Holzschwelerei
+nur dreifach zu verdünnen brauchte, um es als Essig dem Salat zusetzen
+zu können. Das gäbe einen üblen Salat, denn dieses Gaswasser ist durch
+dunkelbraune, abscheulich stinkende Holzteerbestandteile verunreinigt
+und mit einem Geruch behaftet, den man so leicht nicht wieder vergessen
+wird, wenn man einmal nähere Bekanntschaft mit ihm gemacht hat. Aber
+der Chemiker weiß sich zu helfen. Umdestillieren würde nichts nützen,
+denn da würden neben Essigsäure und Wasser auch diese stinkenden
+Stoffe mit überdestillieren. Also muß man versuchen, sie auf eine
+andere Weise zu trennen. Man setzt Kalkbrei (die billigste Base)
+hinzu und verwandelt dadurch die Essigsäure in ihr festes Kalksalz,
+welches mäßiges Erhitzen verträgt und in ziemlich reinem Zustand
+zurückbleibt, wenn man die anderen Bestandteile abdestilliert. Diese
+Salzform der Essigsäure bietet auch den Vorteil, daß man sie durch
+Umkristallisieren (vgl. das 6. Kapitel!) reinigen kann. Um daraus
+wieder Essigsäure, und zwar in ganz reiner Beschaffenheit, zu erhalten,
+braucht man den essigsauren Kalk nur mit verdünnter Schwefelsäure zu
+destillieren. Die „Essigessenz“ des Handels wird häufig so dargestellt,
+ist also ein Produkt der Holzschwelerei. Ihr fehlen natürlich die
+aromatischen Stoffe, welche der „natürliche“ Essig enthält, den man
+durch saure Gärung alkoholischer Flüssigkeiten gewinnt. Solcher Essig
+ist aber teurer, und zwar nicht bloß wegen der teureren Ausgangsstoffe,
+sondern auch deshalb, weil Gärungsessig in der Regel nicht mehr als
+4–5 % Essigsäure enthält (ein höherer Gehalt wirkt lähmend auf den
+Erreger der Essiggärung). Wenn man also im Handel Essigessenz mit 30 %
+Essigsäure gekauft hat, so kann man sicher sein, daß sie aus Holz
+gemacht ist.
+
+ * * * * *
+
+Wir müssen nun unsere Aufmerksamkeit auch den Rückständen der
+Leuchtgasgewinnung schenken, dem +Koks+. Koks und Steinkohle zeigen
+gegeneinander sehr wichtige Unterschiede. Beide sind ungemein wichtige
+Brennstoffe, beide in ihrer Art unersetzlich, von beiden kann keiner
+den anderen vertreten. +Die Steinkohle brennt mit Flamme, der Koks
+glüht nur.+ Aus diesem Grunde kann der Koks seine wirksamste Hitze nur
+unmittelbar da entwickeln, wo er liegt. Die Flammen der brennenden
+Steinkohle dagegen tragen ihre Hitze so weit, als sie reichen. Sie
+umspülen die Bratröhre und das Wasserschiff des Herdes, und sie tragen
+ihre Wärme auch zu denjenigen Kochstellen der Herdplatte, welche vom
+Rost weit entfernt sind. Ganz unentbehrlich sind die Steinkohlen
+wegen ihrer Flammenbildung für die großen Muffel- und Tiegelöfen der
+keramischen und der chemischen Industrie; denn diese Öfen heizen
+sehr große Räume mit Feuerungen, welche verhältnismäßig sehr klein
+sind. Dies ist also ein großer Vorteil der Steinkohlen vor dem Koks.
+Aber diesem Vorteil stehen bedeutende Nachteile gegenüber: Die
+Steinkohle +erweicht+ in der Wärme teigartig und bildet infolgedessen
+auf dem Rost dicke und große Klumpen. Diese breiigen Klumpen können
+natürlich nur an ihrer Außenseite brennen, weil das Innere für die
+Verbrennungsluft unzugänglich ist. Deshalb ist das Schüren großer
+Feuerungen mit Steinkohle nicht so ganz einfach und erfordert Übung
+und Sachkenntnis vom Heizer. Im Gegensatz zum Koks erzeugt die
+Steinkohle da, wo sie brennt, also auf dem Rost, zunächst am wenigsten
+Hitze, weil die verdampfenden Teerbestandteile einen großen Teil der
+Wärme zur Vergasung beanspruchen. Erst wenn die Kohle ihre flüchtigen
+Bestandteile verloren hat und ganz verkokt ist, gibt sie auch auf dem
+Rost eine große Hitze.
+
+[Illustration: Abb. 33. Durchschnitt durch einen Koksvergaser.]
+
+Die Steinkohle neigt dazu, in der Hitze zu zerspringen; sie zerfällt
+in Blätter und Staub, welche der Verbrennungsluft den Durchgang
+erschweren und welche das Erweichen und Zusammenbacken zu großen
+Kuchen begünstigen. Man erzielt daher mit groben und staubfreien
+Steinkohlenbrocken viel bessere Ergebnisse als mit kleinstückiger
+Ware; Staub und Grus von Steinkohle ist überhaupt wertlos, weil er
+in der Hitze sofort zu unverbrennlichen Kuchen zusammenbackt. Aber
+auch grobe Stücke können nur auf flachen Herden mit weit getrennten
+Roststäben verbrannt werden, nicht aber in Füllöfen. Beschickt man
+einen Füllofen mit Steinkohle, so geht das Feuer nach einiger Zeit ganz
+aus, weil sich der enge Schacht des Füllofens durch einen teerigen
+Kuchen verstopft, der keine Verbrennungsluft hindurchläßt. Für solche
+Ofenarten ist das beste Brennmaterial +Koks+. Infolge seiner lockeren
+Beschaffenheit, und weil er alle teerigen Bestandteile bereits verloren
+hat, gestattet er der Luft ungehinderten Durchgang und brennt daher
+am besten in dicker, hoher Aufschüttung, wie z. B. in den bekannten
+Füllöfen für Zimmerheizung. Auf flachen Herden Koks zu schüren, ist
+nicht ratsam, weil dieses Brennmaterial bei guten Zugverhältnissen
+unmittelbar auf dem Rost eine so gewaltige Hitze liefert, daß der
+Schlackenrückstand mit den Roststäben verschmilzt. Der Rost wird
+dadurch sehr schnell unbrauchbar. Aus diesem Grund ist es unmöglich,
+große technische Ofenanlagen, welche für Steinkohlen eingerichtet
+sind, mit Koks zu heizen. Nun sprechen aber viele Umstände dagegen,
+die Steinkohle als solche zum Heizen zu verwenden. Denn wir haben oben
+gesehen, welch ungeheure Mengen wertvoller Stoffe da mitverbrannt
+werden, die wir als Farben, Arzneimittel und Rohstoffe der chemischen
+Industrie wirklich nützlicher anwenden können. Dazu kommt der Umstand,
+daß wir mit unseren Kohlen keine Verschwendung treiben dürfen, weil die
+Kohlenlager der Erde recht deutlich ihrer Erschöpfung entgegengehen.
+Denn selbst wenn unsere Industrie nicht von Jahr zu Jahr mehr Kohlen
+verbrauchte, so würden doch die deutschen Kohlen in 700–800 Jahren
+(die sächsischen schon in 100), die englischen in 600–700 Jahren
+zu Ende gehen. Also handelt es sich für uns darum, die vorhandenen
+Kohlenmengen so wirtschaftlich als möglich auszunützen. Dies geschieht
+erfahrungsgemäß am besten dadurch, daß man sie in Gas, Teer und Koks
+zerlegt und auch den Koks zum Teil wieder in Gasform umwandelt. Denn
+Gas ist und bleibt der idealste aller Brennstoffe, weil er rauch-, ruß-
+und aschenfrei verbrannt werden kann. Die Zerlegung der Kohle in Gas,
+Teerprodukte und Koks ist also schon eine Art Veredlungsprozeß, der
+durch die Vergasung des Koks vollends beendet wird. Diese Vergasung
+des Koks erfolgt in den sogenannten +Generatoren+ dadurch, daß man
+einen Turm voll Koks am unteren Ende entzündet und nun von unten nach
+oben Luft durchbläst, während gleichzeitig von oben Wasser auf den
+Koks tropft. Am oberen Ende entweicht dann aus dem Turm ein Strom
+brennbaren Gases. Dieses Gas, Generatorgas genannt, besteht allerdings
+zum Teil aus dem unverbrennlichen und daher wertlosen Stickstoff der
+eingeblasenen Luft; außerdem enthält es aber die brennbaren Gase
++Wasserstoff+ und +Kohlenoxyd+. Die chemischen Vorgänge, welche dabei
+stattfinden, sind folgende: Zunächst bildet sich über dem Rost (Abb.
+33), da, wo die Gebläseluft auf den glühenden Koks einwirkt, das
+wertlose Kohlensäuregas als Verbrennungsprodukt der Kohle. Dieses
+Kohlensäuregas besteht aus einer Verbindung von einem Atom Kohlenstoff
+mit zwei Atomen Sauerstoff. Sobald aber etwa die untere Hälfte des
+Generatorinhalts in Glut geraten ist, muß das gebildete Kohlensäuregas
+über glühenden Koks streichen. Dabei nimmt es noch ein Atom Kohlenstoff
+auf und verwandelt sich in brennbares Kohlenoxydgas. In der untersten
+Zone, dicht über dem Rost, wo helle Weißglut herrscht, findet außer der
+Bildung des Kohlensäuregases noch ein zweiter Vorgang statt, nämlich
+die Zerlegung des von oben zugeführten Wassers durch die glühende Kohle
+in Wasserstoffgas und Kohlenoxyd. Denn der Sauerstoff des Wassers
+verbindet sich mit der glühenden Kohle zu Kohlenoxyd. Die Zerlegung des
+Wassers ist ein +endothermischer+ Vorgang, also ein Prozeß, bei welchem
+Wärme verbraucht wird. Bläst man z. B. Wasserdampf über glühenden Koks,
+so verschwindet die Glut sehr schnell, und die Kohlen werden schwarz.
+Das dabei entstehende Gasgemisch von Wasserstoff und Kohlenoxyd wäre
+von höchstem Brennwert, weil es gar keine unverbrennlichen Bestandteile
+(Luftstickstoff) enthält; aber da sich bei seiner Bildung die Glut
+schnell abkühlt, kann man dieses reine „Wassergas“ technisch leider
+nur portionenweise und in geringen Mengen gewinnen. Dann muß man den
+Wasserdampfstrom abstellen und Luft einblasen, um die erkaltenden
+Kohlen wieder in Weißglut zu bringen, bevor man von neuem Wasserdampf
+darauf wirken läßt. Bei unserem oben beschriebenen Generator für
+„Mischgas“ ist dies aber nicht notwendig, weil die weißglühenden Kohlen
+nicht mit Wasser allein, sondern zugleich mit Luft in Berührung kommen.
+Da muß nur die Wasserzuführung so geregelt und eingestellt werden, daß
+durch die Zerlegung des Wassers nicht ganz so viel Wärme verbraucht
+wird, als durch die Einwirkung der Luft auf den Koks gebildet wird.
+
+So erhält man aus einem Kilogramm gewöhnlichem Koks 1,13 Kubikmeter
+Wassergas und 3,13 Kubikmeter Generatorgas, welche zusammen (als
+Mischgas) 84 % der Verbrennungswärme des Koks in sich tragen. 16 %
+der Heizkraft des Koks gehen also bei seiner Vergasung verloren.
+Dieser Verlust ist aber praktisch deshalb bedeutungslos, weil beim
+direkten Verfeuern von Koks in den Öfen meistens viel mehr als 16 %
+von seinem Brennwert verloren gehen, während Gasfeuerungen mit
+außerordentlicher Sparsamkeit und fast ohne alle Verluste arbeiten.
+Rechnet man dazu noch die anderen, wiederholt genannten Vorteile
+der Gasfeuerungen, so versteht man leicht die immer ausgebreitetere
+Verwendung von Vergasungsapparaten in der Technik. Auch muß man
+bedenken, daß 1 Kilogramm guter Kohle gegen 0,3 Kubikmeter Leuchtgas
+liefert und sich durch den Wert dieses Gases und der Teerprodukte
+allein schon besser bezahlt macht, als wenn man es direkt verfeuert.
+Die Verkokung der Kohle und die Vergasung des Koks bilden also zusammen
+einen Veredelungsprozeß, der für unsere Zukunft von der größten
+Bedeutung sein wird. Hat man doch schon allen Ernstes daran gedacht,
+die Kohlen in Zukunft gleich an den Gruben so zu vergasen und, statt
+die Kohlen auf Eisenbahnzügen durch das Land zu schicken, gewaltige
+Gasleitungen für Kraft- und Leuchtgas zu erbauen und die Städte von
+den Kohlengruben aus mit Gas zu versorgen. Denn die Transportkosten
+verteuern die Kohlen durchschnittlich so, daß sie im Lande mehr als
+doppelt so viel kosten als an der Förderstelle. Deutschland verbraucht
++täglich+ für etwa 2¼ Millionen Mark Kohlen, welche an den Gruben,
+unmittelbar nach ihrer Förderung, erst etwa 1 Million Mark kosten. Aber
+zurzeit wogt noch ein unentschiedener Streit zwischen den Fachleuten,
+ob derartige riesengroße Vergasungsanlagen nebst den dazu gehörigen
+Leitungen nicht durch ihre Amortisation die Kosten des Gases um soviel
+verteuern, daß der Unternehmer gegenüber der direkten Verfeuerung
+keinen wesentlichen Gewinn hätte. Aber selbst in diesem Falle würde die
+Zentralisation der Vergasung doch den Vorteil bieten, daß mit unseren
+Kohlenvorräten sparsamer umgegangen würde. Denn gegenwärtig gehen noch
+unverantwortlich große Brennstoffmengen als Rauch und Ruß in die Luft.
+
+Die gasförmige Gestalt eines Brennstoffes hat noch einen anderen
+Vorzug: man kann damit Explosionsmotoren treiben. Wir haben schon
+früher auf die Bedeutung der +Hochofengichtgase+ hingewiesen, welche so
+lange unbenutzt in die Luft entwichen sind und jetzt zum Betrieb von
+Riesengasmotoren dienen. Die Erfindung dieser Motoren für Gasmischungen
+von sehr geringem Brennwert gründet sich auf den Gedanken, daß sich der
+Brennwert solcher Mischungen unter Druck, also in verdichtetem Zustand,
+erhöht. Man kann z. B. zeigen, daß eine sehr luftreiche Mischung von
+Leuchtgas und Luft, welche im gewöhnlichen (nicht zusammengepreßten)
+Zustande nicht mehr explosiv ist, beim Zusammenpressen auf ⅓ oder
+¼ ihres Raumes die Fähigkeit erlangt, beim Anzünden heftig zu
+explodieren. Die weitere Entwicklung dieser Riesengasmotoren wird
+vielleicht auf die Lösung eines anderen Problems Einfluß gewinnen,
+welche zur Streckung unserer Kohlenvorräte beitragen könnte: die
+Ausnützung des +Torfs+ unserer Moore.
+
+
+2. Das Erdöl.
+
+Im Mittelalter wurden als Brennstoffe allein Holz und Holzkohlen
+benutzt; um die Mitte des 18. Jahrhunderts fing man an, die Steinkohlen
+zu benutzen; aber erst tief im 19. Jahrhundert wurde man auf das Erdöl
+aufmerksam. Noch 1843 kostete in +Pittsburg+ der Liter Erdöl 1 Mark,
+und erst in den Jahren 1859–61 wurden dort so viele Ölbrunnen erbohrt,
+daß die Produktion in Pennsylvanien allein auf 2 Millionen Fässer
+anschwoll, so daß das Faß zu 160 Liter Inhalt an Ort und Stelle nur
+noch 10 Cents kostete! Freilich hatte man schon vorher, um 1850 herum,
+in Deutschland und Österreich viel Lampenöl durch Braunkohlen- und
+Teerschwelerei gewonnen und hatte bereits geeignete Lampen erfunden, um
+diese Öle darin zu brennen: es waren die Schnittbrennerlampen, die man
+noch heute in ländlichen Haushaltungen antrifft, die Vorläufer unserer
+modernen (und doch schon wieder unmodernen) Petroleumlampen. Jetzt
+beträgt die gesamte Erdölgewinnung in den Vereinigten Staaten etwa 170
+Millionen Zentner, im Kaukasus 140 Millionen, in Galizien 4 Millionen,
+in Rumänien 2 Millionen Zentner jährlich.
+
+[Illustration: Abb. 34. Alte Schnittbrennerlampe im Durchschnitt.]
+
+Die Erdölquellen haben die Eigentümlichkeit, nach einiger Zeit (z. B.
+3 Jahren) zu versiegen. Jedoch haben einige von ihnen trotzdem einen
+ungeheuren Ertrag gegeben. So lieferte die Mammutquelle von Baku
+anfangs pro Stunde nicht weniger als 100000 Zentner Röhöl, welches in
+einem über 60 Meter hohen Strahl aus dem Bohrloch sprang.
+
+Die Frage, wie so ungeheure Mengen Erdöl entstanden sein können, wird
+verschieden beantwortet. Die größte Wahrscheinlichkeit hat die Theorie
+von +Müller+ und +Engler+, welche im Rohpetroleum das umgewandelte
++Fett+ von Fischen, Schnecken und Muscheln erblickt. Denn nicht bloß
+ist es Engler gelungen, durch Erhitzen von Fischtran unter hohem Druck
+Rohpetroleum künstlich darzustellen, sondern es wurde auch beobachtet,
+daß die Petroleumquellen stets versteinerte Reste von solchen
+Meerestieren und salzhaltiges Wasser auswerfen.
+
+Das rohe Erdöl bildet eine dunkelbraune oder schwarze, etwas dickliche
+Flüssigkeit, für die man lange Zeit keine andere Verwendung hatte,
+als daß man damit durch Einreiben des Haarbodens die Läuse vertrieb.
+Als Lampenöl war es nicht bloß durch seine schmierige Beschaffenheit,
+sondern auch wegen seiner Feuergefährlichkeit unbrauchbar; Rohöl brennt
+in den Lampen flackernd und rußend, verschlackt den Docht sehr schnell
+und gibt zu häufigen und sehr gefährlichen Explosionen Anlaß. Ein
+schlechteres Füllungsmittel für Petroleumlampen könnte kaum künstlich
+zusammengestellt werden. Trotzdem ist gerade dieses rohe Erdöl seit
+einiger Zeit einer der allerwichtigsten Brennstoffe geworden: man
+betreibt damit die riesigen Explosionsmotoren der Kriegsschiffe. Das Öl
+wird in Gestalt eines feinen Nebels, mit Luft vermischt, im Zylinder
+zur Explosion gebracht, wodurch der Kolben herausgetrieben und das
+Schwungrad in Umdrehung versetzt wird. Allein, diese Anwendung des
+Rohöls ist doch eine rechte Vergeudung, vergleichbar dem Verheizen
+der Steinkohle. Denn wie aus dieser, so lassen sich auch aus dem
+Rohöl durch Destillation eine Menge der wichtigsten Stoffe gewinnen:
++Petroleumäther+, +Gasolin+, +Benzin+, +Lampenpetroleum+, +Ligroin+,
++Schmieröl+, +Vaseline+, +Paraffin+. Alle diese Stoffe bestehen nur
+aus Kohlenstoff und Wasserstoff, unterscheiden sich aber durch ihre
+Siedepunkte in der Weise, daß Petroleumäther am leichtesten siedet
+(zwischen 40 ° und 70 °), und daß der Siedepunkt in der angegebenen
+Reihenfolge immer höher steigt. Schon vom Lampenpetroleum ab muß die
+Destillation unter vermindertem Druck, also unter der Luftpumpe,
+vorgenommen werden, weil bei gewöhnlichem Druck Zersetzung eintritt.
+Wenn man Lampenpetroleum in einer gewöhnlichen Retorte mit Vorlage
+destillieren würde, wie wir es früher mit der Salpetersäure machten
+(Abb. 10), so würden wir aus einem Liter Lampenpetroleum vielleicht
+¾ Liter Destillat erhalten; der Rest würde sich zu einem Gemisch
+brennbarer Gase zersetzen. Pumpt man aber während der Destillation
+die Luft aus der Retorte und Vorlage, so wird die Ausbeute bedeutend
+größer. In noch höherem Grade gilt dies für die Destillation der feinen
+Maschinenöle, welche daher seit einiger Zeit unter der amerikanischen
+Bezeichnung „~Vacuum-Oil~“ in den Handel kommen.
+
+Die Reinigung oder „Raffinierung“ des Rohpetroleums geschieht jedoch
+nicht bloß durch Destillation, sondern außerdem noch durch eine
+chemische Behandlung mit konzentrierter Schwefelsäure, mit Wasser,
+Soda und Natronlauge. Schüttelt man nämlich Rohöl andauernd mit
+konzentrierter, noch besser mit rauchender Schwefelsäure, so wird es
+allmählich wasserhell, während sich die Säure schwarz färbt. Dabei
+werden alle braunen Farbstoffe des Rohöls durch die Säure in harzige
+Massen verwandelt, welche dann ausgewaschen werden. Man macht diese
+Reinigung jedoch erst mit den Destillaten, um nicht zuviel Säure zu
+verbrauchen. Schließlich entfernt man den Säureüberschuß aus dem Öl
+durch Schütteln mit Natronlauge und diese durch Nachbehandlung mit
+Wasser. Immerhin können von dieser Reinigung Spuren der Säure im
+Petroleum und sogar im Maschinenöl verbleiben und bewirken, daß die
+damit geölten Maschinenteile später rosten. Mit +Petroleum+ geputztes
+Eisen rostet aus diesem Grund ganz bestimmt nach kurzer Zeit. Man muß
+daher das Petroleum von blanken Eisenteilen stets wieder durch Benzin
+abwaschen, bevor man als endgültigen Rostschutz feines, säurefreies
+Vakuumöl anwendet.
+
+Im allgemeinen kann man rechnen, daß man aus dem Rohöl etwa 5–7 %
+Gasolin und Benzin und etwa 40 % Lampenpetroleum gewinnt. Der Rest
+besteht aus den schweren, paraffinhaltigen Schmierölen und aus Asphalt.
+
+Das +Benzin+ benützt man bekanntlich als Betriebsstoff für Automobile,
+in zweiter Linie zum Auflösen von Fetten und Ölen in der chemischen
+Industrie und in der chemischen Wäscherei. Man könnte, wenn es nicht
+zu teuer wäre, auch die +Hände+ mit Benzin sehr sauber waschen; der
+Schmutz wird nämlich in der Wäsche und an den Händen hauptsächlich
+durch +Fett+ festgehalten und fällt wie Staub ab, sobald man das Fett
+durch Benzin auflöst.
+
+Das +Gasolin+ dient, wie sein Name andeutet, zur Erzeugung von Gas.
+Wenn man nämlich in eine leere Flasche ein wenig Gasolin bringt und
+dann die Flasche schüttelt, so entsteht nicht, wie man erwarten
+sollte, eine +explosive+ Mischung von Luft und Gasolindampf, sondern
+man kann das Gemisch ohne Sorge anzünden: es brennt ruhig, ohne zu
+explodieren, mit leuchtender Flamme, wie Gas. Dies hat seinen Grund
+darin, daß die Luft viel mehr Gasolindampf in sich aufnimmt, als sie
+durch ihren geringen Sauerstoffgehalt verbrennen kann. Das Gemisch
+verhält sich also beim Anzünden so, als ob es bloß Gasolindampf wäre.
+Die Luft spielt dabei nur die Rolle eines Trägers, eines Mittels,
+das das Gasolin zum Verdampfen zwingt. Die Abb. 35 verdeutlicht uns
+das Prinzip, auf welchem die +Gasolingas+- oder +Leuchtgas+-Apparate
+beruhen: ein Gefäß A ist zur Hälfte mit Gasolin gefüllt. Durch das Rohr
+a, welches bis auf den Boden des Gefäßes reicht, wird ein Luftstrom
+eingeblasen, der sich beim Durchgang durch das Gasolin ganz mit dem
+Dampf dieser Flüssigkeit sättigt. Er verläßt das Gefäß durch das Rohr
+b und kann am oberen Ende dieses Rohrs angezündet werden. Gasolingas
+ist nicht wesentlich teurer als Leuchtgas, hat aber den Vorzug, nicht
+giftig zu sein. Es eignet sich sehr gut zur Beleuchtung und als Kochgas
+für einzelne Villen usw., welche keinen Anschluß an Leuchtgas bekommen
+können. --
+
+[Illustration: Abb. 35. Ein einfacher Gaserzeugungsapparat (mit
+Gasolinfüllung).]
+
+Wichtige Dinge sind über das +Petroleum+ als Beleuchtungsmittel zu
+sagen. Petroleum, Benzin, Spiritus sind bekannt als brennbare und
+daher feuergefährliche Flüssigkeiten; aber brennbar und brennbar ist
+doch zweierlei, und es ist kein kleiner Triumph der Technik und der
+Gesetzgebung, daß sie dem Petroleum die Eigenschaft der Brennbarkeit
+belassen und ihm die der Feuergefährlichkeit in hohem Grade benommen
+haben. Dies ist eine Sache, die sich ganz gut mit Alfred +Nobels+
+Tat vergleichen läßt, der dem Nitroglyzerin durch die Erfindung des
+Dynamits seine Gefährlichkeit nahm, ohne seine Sprengkraft wesentlich
+einzuschränken. Mit dem Petroleum verhält es sich aber so: wenn man
+eine Kaffeetasse mit Petroleum füllt und ein brennendes Zündholz
+hineintaucht, so geht das Zündholz aus. Nimmt man aber Rohpetroleum
+oder Benzin oder guten Spiritus statt des Petroleums, so geht das
+Zündholz nicht aus, und der ganze Tasseninhalt brennt lichterloh.
+Die Ursache ist, daß diese verschiedenen Flüssigkeiten durch die
+Hitze recht verschieden schnell verdampft werden. Wenn nämlich eine
+Flüssigkeit brennen soll, muß immer zuerst die Dampfschicht entzündet
+werden, welche über der Flüssigkeit lagert. Flüssigkeiten, auf welchen
+bei gewöhnlicher Temperatur keine merkliche Dampfschicht lagert, können
+sich daher auch nicht entzünden, wenn man ein brennendes Zündholz
+in sie taucht. So ist es mit dem Lampenpetroleum. Dagegen verdampft
+Benzin schon bei gewöhnlicher Temperatur so stark, daß es stets mit
+einer Schicht brennbarer Dämpfe überlagert ist. Ein angenähertes
+Zündholz bringt diese Dämpfe, und mit ihnen die Flüssigkeit, sofort
+zum Brennen. Dasselbe tritt mit Mischungen von Petroleum und Benzin
+ein. Rohpetroleum ist eine solche Mischung. Aus dem Lampenpetroleum
+dagegen sind durch Destillation alle diejenigen Kohlenwasserstoffe
+entfernt, welche bei gewöhnlicher Temperatur brennbare Dämpfe bilden.
+Erhitzt man aber Lampenpetroleum auf, ich glaube 28 °, so entwickeln
+sich solche Dämpfe, und das Petroleum entzündet sich nun sofort auf
+der ganzen Fläche, wenn man ihm ein brennendes Zündholz nähert. Diese
+Dinge sind von großer Wichtigkeit für die Entscheidung der Frage, ob
+Petroleumlampen feuergefährlich sind. Solange das Petroleum nicht die
+Temperatur des „Entflammungspunktes“ (28 °) erreicht, kann das Feuer
+auch nicht vom Docht aus auf die Füllung des Behälters überspringen;
+die Lampe kann nicht explodieren, weil über dem Petroleum keine
+entzündliche Dampfschicht lagert. Der Entflammungspunkt ist nun in
+Deutschland gesetzlich so hoch gelegt, daß sich das Petroleum in
+richtig gebauten Lampen niemals bis zu ihm erwärmen kann. Wenn trotzdem
+noch manchmal Petroleumlampenexplosionen vorkommen, so sind daran
+ungünstige Nebenumstände schuld. Z. B. pflegen die Mechaniker, wenn
+sie Fahrradteile mit Petroleum geputzt haben, das Petroleum mit Benzin
+abzuspülen. Solches benzinhaltiges Petroleum wird dann manchmal aus
+Sparsamkeitsgründen noch in die Lampe gefüllt. Dies ist außerordentlich
+gefährlich und sollte unter keinen Umständen geduldet werden. Auch
+sollte man niemals Petroleumlampen auf den Ofen stellen.
+
+Unsere besondere Aufmerksamkeit verdient im Zusammenhang mit dem
+soeben Gesagten die Wirkung des +Lampendochts+. Diese Wirkung,
+das Aufsaugen des Petroleums, ist eine physikalische Erscheinung,
+welche zu den Haarröhrchenwirkungen gehört und auf den Gesetzen
+der Oberflächenspannung beruht. Wir haben diese an anderer Stelle
+ausführlich besprochen. Aber am Docht gibt es auch außerdem noch
+manches Merkwürdige. Ein neu eingezogener Docht kann länger als eine
+Stunde gebrannt werden, ohne daß er oben schwarz wird. Warum verkohlt
+er nicht? -- Warum verkohlt er später? -- Diese beiden Tatsachen
+scheinen einander zu widersprechen. Außerdem müssen wir uns auch
+darüber wundern, daß das Petroleum am Docht sofort durch ein Zündholz
+entflammt wird, während dasselbe Zündholz in einer Tasse voll Petroleum
+sich auslöscht.
+
+[Illustration: Abb. 36. Zur Erklärung der Saugwirkung des Dochtes. In
+den drei Glasröhren 1, 2, 3 steigt das Wasser um so höher, je enger sie
+sind.]
+
+[Illustration: Abb. 37. Ein Sandhäufchen inmitten eines Tellers voll
+Petroleum brennt mit hoher Flamme.]
+
+Zunächst wollen wir uns durch einen einfachen Versuch überzeugen,
+daß es gar nicht der Docht ist, welcher in der Lampe brennt, sondern
+allein das Petroleum in den Poren des Dochtes. Wir schütten zu diesem
+Zweck auf einen Teller ein Häufchen Sand, gießen rings um dasselbe
+in den Teller eine Schicht Petroleum, und zünden nun das Sandhäufchen
+an. So unglaublich das klingt, es geht: der Sand brennt ruhig, mit
+großer, schwelender Flamme. Natürlich brennt hier in Wirklichkeit der
+Sand so wenig, wie dort der Docht in der Petroleumlampe, sondern es
+ist allein das Petroleum, welches in beiden Fällen brennt. Der Docht
+braucht also gar nicht aus einem brennbaren Stoff zu sein, es ist
+sozusagen reiner Zufall, daß die Baumwolle neben der Saugkraft, die sie
+zum Docht geeignet macht, auch noch die Eigenschaft der Brennbarkeit
+hat. Es ist also nicht so, als ob das Petroleum nur deshalb am Docht
+leichter brennte, weil der Docht gleichsam ein bißchen mitbrennt. Der
+Docht brennt nicht mit, sondern das Petroleum brennt ganz allein,
+dasselbe Petroleum, in welchem ein eingetauchtes Zündholz verlischt,
+ohne es zum Brennen zu bringen. Dieser scheinbare Widerspruch klärt
+sich durch folgende Betrachtung auf: jeder Stoff, der ganz dicht an
+eine Flamme gehalten wird, wird durch die +strahlende+ Wärme dieser
+Flamme erhitzt. Dieses Erhitzen erfolgt besonders leicht, wenn man
+den betreffenden Stoff auf eine Unterlage aufstreicht, von welcher
+die Wärme zurückgestrahlt wird. Der Stoff befindet sich dann zwischen
+der Unterlage und der Flamme im Kreuzfeuer der Wärmestrahlen. Dies
+ist die Lage des Petroleums am oberen Dochtende einer brennenden
+Lampe: der Docht ist die Unterlage, welche von der Flamme durch
+eine ganz dünne Schicht Petroleum getrennt ist. Deshalb erhitzt die
+strahlende Wärme diese dünne Ölschicht fast augenblicklich auf den
+Entflammungspunkt, so daß fortwährend brennbare Dämpfe da sind.
+Das verdampfende Petroleum hält dabei den Docht so kühl, daß er gar
+nicht selbst zum Brennen kommen kann. Wie wenig der Docht erwärmt
+wird, kann man durch zwei sehr verblüffende Versuche beweisen: wenn
+man nämlich statt des Sandhäufchens ein gleiches aus Magnesiumpulver
+errichtet, welches bekanntlich sehr leicht und heftig brennt, so kann
+man diesen Magnesiumdocht ebenso anzünden, und das Petroleum brennt
+darauf ebenso wie auf Sand, ohne daß auch nur eine Spur des Magnesiums
+verbrennt. Noch auffälliger ist es aber, daß man auch trockene
+Schießbaumwolle, diesen gefährlichen Explosivstoff, ohne alle Gefahr
+als Docht für Petroleum verwenden kann. Man fragt sich angesichts
+dieser Tatsachen, wie es nur möglich ist, daß die Dochte schließlich,
+bei längerem Gebrauch, am oberen Ende doch verkohlen. Dies erklärt
+sich aber leicht aus folgender Überlegung: Das obere Dochtende ist die
+Verdampfungsstelle für eine große Menge Erdöl; obgleich dieses Erdöl
+im Handel in sehr reiner Beschaffenheit vorkommt, hinterläßt es beim
+Verdampfen doch geringe Rückstände, zumal da es sich ja beim Erhitzen
+unter gewöhnlichem Druck etwas zersetzt. Diese harzigen oder teerigen
+Rückstände verstopfen die Poren des Dochts und bewirken dadurch eine
+Verminderung der Kühlung, weil aus den verstopften Teilen weniger
+Öl verdampft. So kommt es, daß diese Teile durch die Flamme stärker
+erhitzt und verkohlt werden. --
+
+Mit dieser etwas altväterisch scheinenden Untersuchung des Dochtes
+wollen wir unsere Betrachtung über das Erdöl schließen. Wir wollen auch
+im Scheine der elektrischen und Gasglühlichtlampen nicht vergessen,
+daß die gewaltigen Produktions- und Exportziffern der Erdölindustrie
+deutlich genug beweisen, daß die Stunde der Petroleumlampe noch nicht
+geschlagen hat.
+
+
+
+
+10. Fette, Öle, Seifen und Kitte.
+
+
+Nun, haben wir nicht soeben von Fetten und Ölen gesprochen? Ist etwa
+Schmieröl kein Öl, ist Vaseline kein Fett? -- So könnte man beim
+Lesen der Überschrift dieses Abschnittes erstaunt fragen. Nach dem
+Sprachgebrauch besteht allerdings kein Gattungsunterschied zwischen den
+soeben behandelten „mineralischen“ Ölen und den Fetten und Ölen des
+Pflanzen- und Tierreichs, von welchen wir jetzt reden wollen. Aber die
+chemische Zusammensetzung und die Eigenschaften beider Gruppen sind
+doch recht verschieden.
+
+Die aus der Erde stammenden „Mineral“öle zeichnen sich, wie wir gesehen
+haben, durch eine außerordentliche Widerstandskraft gegen chemische
+Mittel, namentlich gegen Schwefelsäure (sogar rauchende!), Natronlauge
+und Soda aus. Deshalb nennt der Chemiker die sämtlichen Bestandteile
+des Rohpetroleums „Paraffine“, was auf deutsch soviel heißt wie „Stoffe
+mit geringer Neigung zu chemischer Umsetzung“. Die pflanzlichen
+und tierischen -- sagen wir kurz: die +organischen+ -- Fette und
+Öle werden dagegen durch Säuren, durch Laugen, durch überhitzten
+Wasserdampf, durch gärungsartige Vorgänge usw. recht leicht in zwei
+Hauptbestandteile gespalten: in +Glyzerin+ einerseits und in eine
+sogenannte +Fettsäure+ andrerseits. Das Glyzerin ist der nie fehlende
+und durch nichts anderes vertretbare eine Bestandteil aller organischen
+Fette und Öle, so verschieden sie auch sonst voneinander sein mögen
+(denken wir nur an Olivenöl und Rindertalg). Dieses Glyzerin, eine
+dicke, süßschmeckende, ölige Flüssigkeit, ist seiner chemischen Natur
+nach eine ganz schwache Lauge. Die Fette sind also als salzartige
+Stoffe, als Verbindungen einer Lauge mit einer Säure, aufzufassen. Ihr
+zweiter Bestandteil, die Fettsäure, kommt in der Natur in verschiedenen
+Arten vor: in der Butter findet sich die +Buttersäure+; die meisten
+übrigen Fette und Öle enthalten drei verschiedene, aber einander
+ziemlich ähnliche Fettsäuren in wechselnden Mengenverhältnissen: die
++Palmitinsäure+, die +Stearinsäure+ und die +Ölsäure+. Die Ölsäure ist
+bei Zimmertemperatur flüssig, Palmitin- und Stearinsäure sind fest. Die
+Stearinsäure ist wohl jedem bekannt, denn aus ihr sind die bekannten
+weißen Stearinkerzen gemacht. Je mehr ein Fett von der flüssigen
+Ölsäure enthält, um so weicher, ja flüssiger ist es: Schweinefett z. B.
+enthält mehr als die Hälfte, Rindertalg etwa ein Viertel Ölsäure.
+
+Die Fette und Öle werden beim Kochen mit verdünnten Säuren, oder
+wenn man sie mit überhitztem Wasserdampf unter Druck behandelt, in
+ihre beiden Bestandteile gespalten. Diesen Vorgang nennt man die
++Verseifung+ der Fette, obwohl sich dabei keine Seife bildet. Die
+Verseifbarkeit ist der wichtigste Unterschied zwischen den echten,
+organischen Fetten und den Mineralölen. +Mineralöle sind nicht
+verseifbar.+ Auf der Verseifbarkeit beruhen fast alle Anwendungen der
+organischen Fette und Öle. Die Verseifung tritt unter Mitwirkung von
+Bakterien von selbst ein, wenn die Fette, namentlich in der Wärme,
+mit Luft und Licht in Berührung kommen: dann sagt man, sie werden
++ranzig+. Sie strömen dann einen üblen Geruch aus und sind auch
+wegen ihres schlechten Geschmacks ungenießbar. Geruch und Geschmack
+verraten, daß das Ranzigwerden nicht bloß in einer Spaltung der
+Fette besteht, sondern daß die beiden Spaltungsprodukte durch den
+Sauerstoff der Luft noch weiter verändert werden. Ranzige Butter riecht
+allerdings vorwiegend nach Buttersäure. Durch +Einsalzen+ kann man das
+Ranzigwerden der Fette bekanntlich ebenso verzögern, wie das Faulen
+des Fleisches. Diese Wirkung des Salzes beruht darauf, daß es die
+Bakterien, welche die Zersetzung erregen, lähmt und hemmt.
+
+Die Verseifung tierischen Talgs durch hochgespannten und überhitzten
+Wasserdampf bildet eine der großartigsten Industrien der Erde. Sie
+blüht in den Präriedistrikten Südamerikas und der Union, wo das
+Fleisch der Herdentiere auf Büchsenkonserven, Fleischextrakt und
+Kraftfuttermittel, ihr Fett auf Glyzerin und Fettsäuren verarbeitet
+wird. Das Glyzerin geht in den Handel über zur weiteren Verwendung in
+der Sprengstoffindustrie; die Gemische von Palmitin- und Stearinsäure
+wandern teils in die Kerzenfabriken, teils in die Seifenfabriken. Die
+weicheren oder flüssigen, ölsäurereichen Mischungen von Fettsäuren
+werden neuerdings in einem großartigen chemischen Prozeß in harte
+Fettsäuren umgewandelt, weil man die flüssigen Fettsäuren nicht
+brauchen kann, während die festen sowohl für die Kerzen- als für die
+Seifenfabrikation von größtem Wert sind.
+
+Seitdem man die Fette durch überhitzten Dampf in Glyzerin und
+Fettsäuren spaltet, ist die +Seifensiederei+ ein einfacher Prozeß
+geworden. Man braucht nämlich die Fettsäure nur mit Natronlauge zu
+erhitzen, um sofort die schönste, härteste Kernseife ohne jeden
+Abfall zu erhalten. Die +Seifen+ sind nämlich nichts anderes als die
+Metallsalze der Fettsäuren. Früher, als die Seifensiederei noch ein
+Kleingewerbe war, stellte man die Seife durch Kochen von +Fett+ mit
++Lauge+ dar. Dabei verband sich die Fettsäure des Fettes mit der
+Lauge zu Seife, und das Glyzerin schied sich als Flüssigkeit ab. Die
+Seife schwamm, da sie sich in Wasser nur in geringer Menge löst, oben
+auf, während sich das Glyzerin in der darunterliegenden, braunen
+Brühe (der sogenannten +Unterlauge+) vorfand. Als Lauge benutzten die
+Seifensieder in der ältesten Zeit ein selbstbereitetes Präparat, das
+aus +Holzasche+ durch Kochen mit gelöschtem Kalk gewonnen wurde. Die
+Holzasche enthält kohlensaures Kalium, welches sich mit der Kalkbase
+zu kohlensaurem Kalk und Kalilauge umsetzt. Der wirksame Bestandteil
+in der alten Seifensiederlauge war also die +Kalilauge+. Da sie
+zugleich die stärkste aller Laugen ist, so verseift sie die Fette
+verhältnismäßig schnell und vollständig. Aber die Kaliseifen haben samt
+und sonders die Eigenart, nicht hart zu werden, sondern schmierig zu
+bleiben. Man nennt sie daher auch +Schmierseifen+. Dagegen sind die
++Natronseifen+ fest. Alle festen Seifen des Handels sind Natronseifen.
+Zu ihrer Herstellung hat man zwei Wege: entweder, man verseift das
+entsprechende Fett unmittelbar mit starker Natronlauge, oder man
+stellt zuerst eine Kaliseife her und kocht diese dann mit starkem
+Salzwasser. Diesen Vorgang nennt man das +Aussalzen+ der Seife. Dabei
+tauschen das Kochsalz (Chlornatrium) und die Kaliseife ihre Metalle
+gegeneinander aus. Außerdem erhöht das Aussalzen auch die Ausbeute,
+weil die Seife in Salzwasser fast ganz unlöslich ist, während in einer
+salzfreien Unterlauge noch immer ziemlich viel Seife gelöst bleibt.
+Durch das Aussalzen erhält man aber niemals reine Natronseife, weil
+ein erheblicher Teil des fettsauren Kalis nach dem Satz vom chemischen
+Gleichgewicht (vgl. das 6. Kapitel) sich immer wieder aus Chlorkalium
+und fettsaurem Natrium rückbildet. Aber dies ist kein Nachteil, sondern
+ein Vorteil für die praktische Verwendung, weil reine Natronseife sehr
+hart und bröckelig ist. Durch einen Gehalt an weicher Kaliseife wird
+das Fabrikat geschmeidiger, es verliert seine Brüchigkeit. Für den
+Weichheitsgrad ist auch das verwendete Fett von Bedeutung: harte Fette
+geben harte Seifen, während die Öle sehr weiche, schmierige Seifen
+(Marseiller Seifen) bilden.
+
+Die Seifen haben die Eigenschaft, gewisse Stoffe in sich aufzunehmen,
+so daß man sie mit diesen Stoffen „füllen“ kann. Solche Verdünnungs-
+oder Füllmittel sind: Wasserglas, Kaliumsulfat und namentlich +Ton+.
+Wasserglas und Ton lassen sich einer guten Seife fast in beliebigen
+Mengen zusetzen, ohne daß sich die Seife bei der Abkühlung wieder
+vom Füllmittel trennt. So darf den deutschen Seifen während der
+Kriegszeit nicht mehr als 20 %, das ist ein Fünftel ihres Gewichts,
+an Fett zugrunde gelegt werden. Nahezu vier Fünftel werden also von
+den Füllmitteln, namentlich von Ton, gebildet. Das Fett, welches für
+Seifensiedereizwecke zugelassen ist, ist Abschöpf- und Abfallfett
+der übelsten Sorte, ranzig und angefault und von pestilenzartigem
+Geruch. Aber durch Umschmelzen mit oxydierenden Mitteln läßt es
+sich soweit reinigen, daß man den fertigen Seifen nicht mehr viel
+anmerkt von den übelduftenden Bestandteilen. Ich habe gesehen, wie in
+Seifensiedereien Abfallfette von einer Metzgerei abgeliefert wurden,
+welche von Springmaden geradezu wimmelten und einen entsetzlichen
+Geruch verbreiteten. Diese Fette lieferten nach ihrer Reinigung eine
+ausgezeichnete Kernseife.
+
+Der Geruch einer Seife ist, auch wenn reines Fett dazu verwendet
+wurde, nicht angenehm; ranzige Fette verstärken seine unangenehme
+Eigenart. Deshalb ist es üblich, die Seifen zu parfümieren, wenigstens
+diejenigen für den persönlichen Gebrauch. Das Parfümieren billiger,
+gewöhnlicher Seifen geschieht in der Wärme, indem man der geschmolzenen
+Seife die Duftlösung zusetzt. Dieses Verfahren ist für feinere
+Ware nicht anwendbar, weil gerade die feinen Duftstoffe durch die
+Wärme verflüchtigt oder so verändert werden, daß ihr Wert dadurch
+herabgemindert wird. Deshalb werden solche Seifen durch ein sehr
+merkwürdiges Verfahren +kalt+ parfümiert. Man zerreibt die kalte Seife
+zunächst zu einem feinen Pulver, vermengt es mit dem Parfüm und preßt
+es dann mit großen Pressen unter gewaltigem Druck wieder zu festen
+Handstücken zusammen. Dieses Verfahren nennt man „Pilieren“. Es ist
+nur auf reine, ungefüllte Seifen anwendbar, weil sich gefüllte nicht
+pulverisieren lassen, sondern dabei schmieren.
+
+Die Seifensiederei ist ein Gewerbe, das in seinen meisten
+Gepflogenheiten auf uralte Erfahrungen, die wenigstens bis ins
+gotische Mittelalter zurückreichen, aufgebaut ist. Zu diesen
+ältesten Erfahrungen gehört namentlich das Grundprinzip der alten
+Seifensiederei, die Verseifung der +Fette+ durch Kochen mit Laugen.
+Dagegen bedeutete die Einführung der +Fettspaltung+ einen geradezu
+ungeheuren Fortschritt, der im Seifensiedergewerbe einen völligen
+Umschwung hervorrief: er bewirkte, daß die kleinen, zünftig geleiteten
+Betriebe samt und sonders vor etwa 25 Jahren durch die großen
+Seifenfabriken aufgeschluckt wurden, weil die Fettspaltung wegen der
+teuren Anlagen nur im Großbetrieb möglich ist. Da aber die Fettspaltung
+das Glyzerin besser und vollständiger zu gewinnen gestattet, so
+erzeugen die Großbetriebe schon aus diesem Grunde die Seifen billiger
+als die zünftigen Seifensiedereien aus Großvaters Zeiten. Das Wesen
+der Fettspaltung haben wir schon kennengelernt: es besteht darin,
+daß die Fette durch überhitzten und hochgespannten Wasserdampf in
+Glyzerin und Fettsäure zerlegt werden. Diese Vorbehandlung der Fette
+ermöglicht nicht nur die vollständige Gewinnung des Glyzerins, sondern
+sie erleichtert auch die eigentliche Herstellung der Seife bedeutend.
+Denn die freie Fettsäure verbindet sich mit der Lauge viel leichter
+als die an Glyzerin gebundene. Ja, zur Verseifung der freien Fettsäure
+braucht man nicht einmal die teure, konzentrierte Natronlauge zu
+nehmen, sondern man kann billigere, verdünnte Laugen und sogar Soda
+(kohlensaures Natrium) dazu benutzen, welches noch viel billiger ist.
+Denn beim Kochen von Soda mit freien Fettsäuren wird die Kohlensäure
+der Soda durch die Fettsäure verdrängt, indem sich gleichzeitig Seife
+bildet.
+
+Versucht man, eine Seife mit einer anderen Base als Kali- oder
+Natronlauge zu machen, so gelingt dies zwar, aber alle anderen Seifen
+sind in Wasser unlöslich oder so schwer löslich, daß sie nicht
+schäumen können. Dies gilt also von der +Kalkseife+, +Magnesiaseife+,
++Kupferseife+, +Eisenseife+ usw. Sie sind alle in Wasser unlöslich.
+Dies ist wichtig zu wissen, wenn man gewisse Vorgänge verstehen will,
+die man beim Waschen beobachten kann. Da ist es nämlich eine alte
+Erfahrung, daß man nur mit +weichem+ Wasser gut waschen kann, während
+mit +hartem+ Wasser die Seife durchaus nicht schäumen will. Weiches
+Wasser ist reines Wasser. Hartes enthält kleine Mengen von Salzen des
+Kalziums, Magnesiums oder Eisens aufgelöst. Diese Salze gehen mit der
+Seife eine Wechselumsetzung ein, derart, daß z. B. aus schwefelsaurem
+Kalzium und Natronseife sich schwefelsaures Natrium und Kalziumseife
+bildet. Die Kalkseife ist aber in Wasser unlöslich. Infolgedessen
+überzieht sich jedes Seifenstück und jeder eingeseifte Gegenstand in
+hartem Wasser mit einer unlöslichen Kruste von Kalkseife. Erst wenn
+auf diese Weise die letzte Spur von Kalk-, Magnesia- und Eisensalzen
+in Form von unlöslicher Seife aus dem harten Wasser ausgeschieden
+ist, erst dann löst sich die Alkaliseife und schäumt. Die Quellen und
+Flüsse der Kalkgebirge führen stets hartes Wasser. Mit solchem dauert
+es zuweilen sehr lange, bis Schäumen eintritt, und sehr viel Seife wird
+zur Erreichung dieses Zieles vergeudet. Weich, d. h. nahezu chemisch
+rein, sind die Quellen im Sandstein- und im Granitgebirge. Ist man auf
+hartes Wasser angewiesen, so empfiehlt sich folgendes Verfahren beim
+Waschen, das auch bei weichem Wasser Seife sparen hilft: man macht den
+schmutzigen Gegenstand (z. B. die Hand) tüchtig naß und reibt ihn dann
+an der Seife, +ohne weiter Wasser hinzufließen zu lassen+. Denn bei
+so sparsamer Wasseranwendung tritt auch mit hartem Wasser rasch das
+Schäumen ein, weil die Schwermetallsalze in einer kleinen Wassermenge
+nicht viel Seife zu ihrer Bindung brauchen. Taucht man aber während des
+Waschens die Hand immer wieder in die Wasserschüssel, so hilft alles
+Reiben an der Seife nichts, und es kann nicht schäumen, weil mit dem
+neuen Wasser auch neue Mengen von Kalk- oder Magnesiasalzen gebunden
+werden müssen.
+
+Die merkwürdige Reinigungskraft der Seife beruht weniger auf
+chemischen als auf physikalischen Vorgängen. Als chemische Wirkung
+muß es gelten, daß Seifenlösung, besonders warme, ein gewisses
+Lösungsvermögen für Fette besitzt. Doch ist dieses chemische
+Lösungsvermögen (von dem man beim Kochen der Wäsche Gebrauch macht)
+verhältnismäßig gering gegenüber der physikalischen Auflösungskraft
+des Seifen+schaums+. Diese beruht auf der Oberflächenspannung zwischen
+Seifenlösung und Luft. Diese merkwürdige Kraft, welche auch die
+Ursache davon ist, daß man eine Nähnadel oder ein Stück Weißblech auf
+Wasser schwimmen lassen kann, obwohl diese Stoffe acht- bis neunmal
+schwerer als Wasser sind -- diese Kraft zieht den Schmutz an und hält
+ihn in den millionenfachen, zarten Häutchen fest, aus welchen sich
+der Seifenschaum zusammensetzt. Gleichzeitig löst die Seife das Fett,
+welches den Schmutz am Körper und in der Wäsche festhält. Wendet man
+zum Waschen warmes Wasser an, so schmilzt dadurch dieses Fett und wird
+infolgedessen noch leichter von der Seife entfernt. Auch aus einem
+anderen Grunde ist es besser, mit warmem Wasser zu waschen: in kaltem
+Wasser löst sich nur ölsaures Natrium; palmitin- und stearinsaures
+Natrium lösen sich nur in warmem Wasser auf. Die Seifen bestehen nun,
+da sie meistens aus Talg hergestellt werden, aus solchen Gemischen
+dieser drei Stoffe, welche nur etwa ein Viertel an ölsaurem Natrium
+enthalten. Verwäscht man also gute Kernseife mit kaltem Wasser, so
+löst sich und wirkt nur ein Viertel der Seife, die übrigen drei
+Viertel scheiden sich ungelöst in Flocken ab und helfen nichts zur
+Schaumbildung und Fettauflösung. Wendet man aber heißes Wasser an, so
+beteiligt sich die ganze Seife am Reinigungsprozeß, weil sich alles
+auflöst.
+
+Den Seifen sehr nahe verwandt sind die +Pflaster+. Das meistgebrauchte
+und bekannteste von ihnen, das +Bleipflaster+, wird hergestellt, indem
+man Bleioxyd (oder auch Bleiweiß) mit Schweineschmalz kocht. Das
+anfangs dünnflüssige Schmalz wird rasch dick, zäh und dunkelbraun.
+Das Fett wird dabei zerlegt in Glyzerin und seine Fettsäuren;
+diese verbinden sich mit dem Bleioxyd zu fettsaurem Blei, also zu
+Bleiseife, und das gleichzeitig freiwerdende Glyzerin macht diese
+Seife bis zu einem gewissen Grade geschmeidig. In diesem Sinne
+wirkt auch der stets vorhandene Fettüberschuß. Demnach sind also
+die Pflaster nichts anderes als unreine Schwermetallseifen. Die
+Pflaster dienen als Wundheilmittel, ihr wesentlicher Bestandteil ist
+das Schwermetall. Damit dieses seine heilende Wirkung ausüben kann,
+muß es in einer Verbindung enthalten sein, welche in die Gewebe des
+Körpers einzudringen vermag. Eine solche Verbindung ist die +Seife+,
+aus der das Pflaster besteht. Sie ist, als organische Verbindung,
+den organischen Stoffen des Körpers näher verwandt als die einfacher
+zusammengesetzten anorganischen Salze der Schwermetalle.
+
+In diesem Zusammenhange wollen wir auch der +Kitte+ gedenken. Sie
+werden aus +Leinöl+ und einem Metalloxyd oder Metallkarbonat bereitet.
+Der gewöhnliche Glaserkitt besteht z. B. aus Leinöl und Kreide, die
+zu einem dicken Brei verknetet sind. Diese Kitte haben die wertvolle
+Eigenschaft, nach einiger Zeit allmählich ganz fest und steinhart zu
+werden, ohne dabei zu schwinden. Diese Eigenschaft erklärt sich genau
+so, wie die Entstehung der Pflaster: das Leinöl wird in Glyzerin
+und seine Fettsäure zerlegt; diese Fettsäure verbindet sich mit der
+Schwermetallbase -- in diesem Falle dem Kalziumoxyd -- zu fettsaurem
+Kalk, während die Kohlensäure aus der Kreide in die Luft entweicht.
+Der fettsaure Kalk ist der erhärtete Kitt. Wer diesen Vorgang einmal
+verstanden hat, begreift ohne weiteres, wie sinnlos es wäre, einen
+Kitt aus Kreide und Mineralöl herstellen zu wollen. Denn das Mineralöl
+kann nicht ranzig werden, es enthält überhaupt keine Fettsäure, kann
+also auch niemals mit der Kreide zu fettsaurem Kalk erhärten. Trotzdem
+werden solche „Kitte“ als grobe Fälschungen von betrügerischen Händlern
+verkauft. Sie „erhärten“ auch bis zu einem gewissen -- natürlich sehr
+geringen -- Grad, weil die Mineralöle durch Eintrocknen und geringe
+Sauerstoffaufnahme verharzen. Aber diese Verhärtung ist viel zu gering,
+als daß sie praktisch überhaupt in Betracht gezogen werden könnte. --
+Selbstverständlich ist aus dem gleichen Grunde auch jede Beimengung von
+Mineralölen zum Leinöl unstatthaft.
+
++Leinöl+ und andere Pflanzensamenöle haben noch eine zweite, viel
+wichtigere Anwendung: zur Herstellung der +Ölfarben+ und +Lacke+. Eine
+Ölfarbe erhält man durch Zusammenreiben eines Farbpulvers mit Leinöl.
+Diese Farben, mit rohem Leinöl hergestellt, sind zwar außerordentlich
+schön (weil das rohe Leinöl heller und klarer ist als das gekochte),
+aber sie haben die fatale Eigenschaft, nur sehr langsam zu trocknen.
+Das Trocknen der Ölfarben hat nämlich eine ganz andere Ursache als
+das Erhärten der Kitte. Bei der Ölfarbe wünscht man durchaus nicht,
+daß das Öl ranzig wird, und daß sich die Ölsäure mit dem Farbpulver
+chemisch verbindet: denn dies würde den Farbton des Farbpulvers
+zweifellos unerwünscht verändern. Das Trocknen der Ölfarbe kann also
+nicht denselben Grund haben wie das Hartwerden der Kitte. Das Trocknen
+der Ölfarbe kann aber auch nicht darauf beruhen, daß das Öl verdunstet,
+wie das Wasser beim Trocknen der Aquarellfarbe. Denn dagegen spricht
+der Umstand, daß die getrocknete Ölfarbe ganz dick und schön glänzend
+und fest aufliegt und keineswegs bloß aus dem rückständigen Farbpulver
+besteht. Vielmehr sieht man an der getrockneten Ölfarbe deutlich, daß
+das Leinöl selbst sich in eine harte, glänzende, durchsichtige Masse
+verwandelt hat. Diese Umwandlung erfolgt unter Aufnahme von Sauerstoff
+aus der Luft. Es ist ein Oxydationsvorgang, den man (obgleich er
+ganz anders verläuft) mit demselben Ausdruck bezeichnet, der für das
+Dickwerden der Mineralöle gilt: als +Verharzung+. Man hat nun die
+Beobachtung gemacht, daß das Leinöl viel schneller verharzt, wenn man
+es vorher längere Zeit gekocht hat. Leider wird es dabei aber bedeutend
+dunkler braun, so daß es den Farbton der meisten Farben unerwünscht
+verändert. Ganz unbrauchbar ist solches dunkle Öl zum Anmachen weißer
+Ölfarbe, weil es sie schmutzig gelb färbt. Man hat also von jeher
+darauf gesonnen, nicht bloß das Leinöl so hell als möglich zu machen,
+sondern auch seine Verharzung durch andere Mittel als das Kochen zu
+beschleunigen. Was nun das Hellmachen anbelangt, so gelingt dieses
+gar nicht schwer durch Ausbleichen. Man bleicht das gelbe Leinöl, wie
+man Wäsche bleicht: an der Sonne, indem man es in flachen Kästen mit
+hellem Boden dem direkten Sonnenlicht aussetzt. Schwieriger ist es, das
+Leinöl ohne wesentliche Beeinträchtigung seiner hellen Farbe schnell
+trocknend zu machen, oder, wie man sagt, in +Firnis+ zu verwandeln.
+Dies geschieht durch Erwärmen mit kleinen Mengen von Braunstein oder
+Zinkoxyd oder Bleiglätte. Dadurch wird das Leinölmolekül gleichsam
+angenagt und ist nun der Oxydation durch die Luft viel zugänglicher
+als vorher. Je stärker das Öl dabei erwärmt wird, um so besser
+trocknet es nachher, aber um so dunkler wird es auch. Der bleihaltige
+Firnis trocknet am schnellsten, weil er bei der Darstellung am
+stärksten erhitzt werden muß, ist aber aus der gleichen Ursache auch
+am dunkelsten. Man läßt deshalb gewöhnlich nicht das Leinöl, sondern
+erst den fertigen Firnis bleichen. Indessen hat sich gezeigt, daß das
+schnelle Trocknen eines Firnisses seiner Dauerhaftigkeit Nachteil
+bringt: am dauerhaftesten ist der Firnis, der nur aus gekochtem Leinöl
+besteht. Hat man aber Schwermetalloxyde hineingekocht, so soll es von
+Blei nicht mehr als ½ %, von Mangan nicht mehr als ⅒ % sein. In der
+Regel setzt man eine stärkere Auflösung dieser Metalloxyde in gekochtem
+Leinöl, den sogenannten +Sikkativ+, zum reinen Leinölfirnis hinzu. Die
+zuweilen angepriesene Verwendung +trockener+ Sikkative in Pulverform
+ist zwecklos, weil ein Sikkativ die Trocknung des Leinöls nur dann
+beschleunigt, wenn er darin klar (ohne Bodensatz) gelöst ist. Solche
+Lösung erfolgt aber beim einfachen Vermischen trockener Sikkativpulver
+mit dem kalten Leinöl niemals.
+
+Laien pflegen keinen großen Unterschied zu machen zwischen Ölfarbe und
++Lack+. Aber in Wirklichkeit ist dieser Unterschied recht bedeutend,
+nicht bloß in Zusammensetzung und Herstellung, sondern besonders in
+den Eigenschaften. Die wichtigsten Eigenschaften beider sind Glanz
+und Haltbarkeit. Die Ölfarbe besitzt auch nach dreimaligem Aufstrich
+nur einen sehr mäßigen, matten Glanz, der Lack dagegen einen sehr
+hohen, der (bei den Kutschenlacken) bis zum vollendeten Spiegelglanz
+gesteigert sein kann. Würde die +Haltbarkeit+ der Lacke auch nur im
+entferntesten ihrem Glanz entsprechen, so würde kein Mensch mehr
+Ölfarbe zum Anstreichen verwenden. Aber darin liegt der zweite
+Unterschied: die Lacke sind nur im geschlossenen Raum, und selbst da
+nur für beschränkte Zeit, haltbar; dem Wetter ausgesetzt, verlieren sie
+in kurzer Zeit ihren Glanz und bekommen zahlreiche Sprünge. Die Ölfarbe
+dagegen hält sich, wenn sie mit reinem Leinölfirnis hergestellt war,
+auch im Wetter beträchtlich lang und bildet einen vorzüglichen Schutz
+gegen Rost und Fäulnis. Lack und Ölfarbe ergänzen also einander in
+bezug auf Haltbarkeit und Glanz.
+
+Für die Herstellung der Lacke ist maßgebend, daß sie stets ein
+Harz oder eine harzartige Substanz enthalten: Bernstein, Kopal,
+Fichtenharz, Dammar, Schellack, Asphalt usw. In den billigsten (und
+schlechtesten) Lacken ist dieser Stoff einfach in Terpentinöl, Benzin
+oder Spiritus aufgelöst, wozu oft nicht einmal erwärmt werden muß.
+Beim Trocknen verdunstet das Lösungsmittel ganz, der Lacküberzug
+besteht also nur aus der harzigen Substanz. Er ist oft wunderschön
+glänzend, aber meistens von sehr geringer Haltbarkeit; er ist brüchig
+und springt ab, oder er erblindet beim Zusammentreffen mit Wasser.
+Diesen „mageren“ Lacken sind gegenüberzustellen die sogenannten
++fetten+ Lacke, welche stets mit Leinölfirnis gekocht sind. Einen
+fetten Lack erhält man also z. B. durch Auflösen von Fichtenharz in
+heißem Leinölfirnis. Diese fetten Lacke sind viel haltbarer als die
+vorher beschriebenen. Die wertvollsten Sorten werden mit Kopal (selten
+mit Bernstein) hergestellt, welches ein in Indien gewonnenes Harz ist.
+Es löst sich nicht, wie das gewöhnliche Fichtenharz, einfach beim
+Erwärmen im Leinöl auf, sondern erst, wenn man aus dem Kopal durch
+andauerndes Erhitzen eine gewisse Menge flüchtiger Stoffe abdestilliert
+hat. Der Rückstand (70 bis 88 % vom ursprünglichen Kopal) ist dann in
+heißem Leinöl löslich. Die Kunst der Lacksieder besteht nun darin,
+beim Erhitzen des Kopals und Bernsteins das richtige Maß zu finden.
+Jetzt wird dies häufig so gemacht, daß man die herausdampfenden
+Stoffe in einer gekühlten Vorlage auffängt und wägt. Wenn diejenige
+Menge herausdestilliert ist, welche man durch die Erfahrung für die
+betreffende Kopalsorte als richtig kennt, so ist der Rückstand zum
+Auflösen im fetten Öl geeignet. -- Man sieht also, der Lackhandel
+ist bis zu einem gewissen Grade eine Vertrauenssache, weil man ohne
+genaueste Fachkenntnis nicht feststellen kann, ob bei der Herstellung
+des Lacks mit der genügenden Sorgfalt verfahren worden ist.
+
+Vorhin wurde erwähnt, daß der Lacküberzug im Laufe der Zeit Sprünge
+und Risse bekommt. Dies gilt, wenn auch in viel geringerem Grade, auch
+für die Ölfarben und hat bei Ölfarbenanstrichen und Ölfarbenbildern
+eine ganz besondere Nebenwirkung: sie +dunkeln+ im Laufe der Zeit. Über
+den wahren Grund des Dunkelwerdens alter Ölbilder war man sich lange
+Zeit nicht im klaren. Man vermutete eine chemische Veränderung des
+Firnisses, eine Art von Verharzung unter Aufnahme von Sauerstoff aus
+der Luft, und man behandelte deshalb gedruckte Ölbilder mit chemischen
+Mitteln, z. B. mit Wasserstoffsuperoxyd. Viele wertvolle Gemälde alter
+Meister sind dadurch für alle Zeiten verdorben worden. Eine Wendung
+vollzog sich, als der berühmte Münchener Hygieniker und Chemiker
++Pettenkofer+ beauftragt wurde zu untersuchen, warum so viele Gemälde
+der Schleißheimer Galerie dem Verfall entgegengingen. Er fand als den
+wahren Grund des Dunkelwerdens einen physikalischen: die getrocknete
+Ölfarbe bekommt Risse, und die Firnisteilchen lösen sich dabei von
+den Farbpartikelchen los, so daß zwischen beiden ein haarfeiner Spalt
+entsteht, der mit Luft gefüllt ist. An diesem dünnen Lufthäutchen,
+welches jedes Farbteilchen eines gealterten Ölgemäldes umgibt,
+erfährt das Tageslicht eine totale Reflexion: ein Teil des Lichtes
+wird zurückgeworfen, bevor es überhaupt die Farbteilchen erreicht.
+Dieser Umstand bewirkt den Eindruck, daß die Farbpartikelchen dunkler
+aussehen, als sie in Wahrheit sind.
+
+Nachdem Pettenkofer einmal diese Ursache des Dunkelwerdens entdeckt
+hatte, fand er auch im unmittelbaren Anschluß daran die Abhilfe. Sie
+besteht in einem höchst einfachen Verfahren: das gedunkelte Ölbild
+wird, mit der Bildseite nach unten, als Deckel auf eine Schüssel
+gelegt, in welcher sich eine kleine Menge Brennspiritus befindet. Die
+Spiritusdämpfe dringen bei gewöhnlicher Temperatur in die Haarrisse
+des Ölbildes ein, bringen die Firnisteilchen zum Quellen und bewirken,
+daß sich die Außenflächen der Firnisteilchen untereinander und mit den
+Farbteilchen wieder fest verbinden. Diese Verbindung bleibt auch nach
+dem Abdunsten des Alkohols dauerhaft. Der Erfolg ist ganz überraschend:
+das Ölbild sieht nun wieder fast ebenso frisch aus, wie unmittelbar
+nach seiner Entstehung. Außerdem ist diese Art der Auffrischung
+unabhängig vom künstlerischen Können des Restaurators, sie ist objektiv
+im wahrsten Sinne des Wortes; Fälschungen, Entstellungen des Kunstwerks
+sind dabei ganz ausgeschlossen. Pettenkofers Methode hat daher
+gewaltiges Aufsehen in der Sammlerwelt erregt und einen beispiellosen
+Siegeslauf durch die Welt gehalten. Die allergröbsten Risse und
+Sprünge im Ölbild schließen sich freilich auch durch die Behandlung
+mit Spiritusdämpfen nicht. Um sie zu beseitigen, tränkt man nach
+Pettenkofer die betreffenden Stellen wiederholt mit +Kopaivabalsam+.
+
+
+
+
+11. Die größte chemische Fabrik der Welt.
+
+(Ein Gespräch zwischen einem Kommerzienrat und einem Botanikprofessor
+über den Chemismus der Pflanzen, über Wachstum und Düngung und den
+Kreislauf des Kohlenstoffs und Stickstoffs in der Natur.)
+
+
++Der Professor+: Lieber Kommerzienrat, wenn es Ihnen recht ist, so
+gehen wir ein Stündchen spazieren, und ich will dabei versuchen,
+Ihre Fragen über den Chemismus der Pflanzen so gut als möglich zu
+beantworten. Besser wäre es freilich, wenn Ihnen Ihr Beruf gestatten
+würde, in meinem Laboratorium fortlaufende Versuche über dieses Gebiet
+anzustellen.
+
++Der Kommerzienrat+: Dies wird mir leider vorläufig nicht möglich sein.
+Aber ich bin Ihnen, lieber Professor, schon sehr dankbar, wenn Sie mir
+mit einigen mündlichen Aufklärungen helfen wollen. Wenn man soviel
+mit Holz und Kohlen zu schaffen hat, wie ich, dann muß man ja für die
+Entstehungsgeschichte dieser Stoffe Interesse bekommen. Sehen Sie, wir
+führen aus den russischen, rumänischen und bosnischen Wäldern jährlich
+viele Hunderttausende von Kubikmetern Holz in unsere Papiermühlen.
+Sooft ich nun die riesigen Ziffern in unserem Frachtkonto betrachte,
+kommt mir eine Frage in den Sinn, auf die ich mir eine Antwort
+schlechterdings nicht vorstellen kann. +Woher stammen diese riesigen
+Holzmassen?+ Woraus sind sie entstanden? -- Wenn ich morgens in meinem
+Garten die Bohnen gieße (wissen Sie, das bekommt mir jetzt besser als
+früher die Marienbader Kur!), dann denke ich mir, das bißchen Gewicht
+dieser Bohnen und Kohlköpfe könnte wohl aus dem Dung sich entwickelt
+haben, den ich im Frühjahr und Herbst in meinen Garten fahren lasse.
+Aber wer düngt den Wald, worin das Holz wächst? Die Blätter, die da
+im Herbst fallen, könnten doch höchstenfalls im nächsten Frühjahr den
+Stoff zur Bildung der neuen +Blätter+ liefern. Aber woher stammen
+die ungeheuren +Holzmassen+ der Bäume? -- Ich bin kein Chemiker und
+kann mir nicht wohl vorstellen, daß das verbrennliche Holz aus den
+unverbrennlichen Gesteinen des Erdbodens entstanden sein soll. Welche
+Möglichkeiten sollte es aber sonst geben? -- Wenn Sie mir in dieses
+Fragendunkel Licht bringen könnten, wäre ich Ihnen wirklich herzlich
+dankbar.
+
++Der Professor+: Ihre Fragestellung nebst Begründung macht Ihnen alle
+Ehre und ist ganz klar und logisch durchdacht. Nur erschrecken Sie
+bloß nicht über meine Antwort: Die wichtigste Substanz im Holz, die
+Kohle, stammt aus der +Luft+. Das übrige besteht größtenteils aus
+umgewandeltem +Wasser+. Nur ein ganz kleiner Bruchteil vom Gewicht des
+trockenen Holzes (etwa 8 bis 10 %) entstammen als Mineralstoffe dem
+Erdboden.
+
++Der Kommerzienrat+: Verzeihen Sie, wenn Ihre Behauptungen, die
+wissenschaftlich wohl sehr richtig sein mögen, meinem mehr auf das
+Praktische gehenden Verstand nicht sofort einleuchten. Ich bin ein Mann
+der Zahlen und Gewichte und weiß, daß die Luft nichts oder nicht viel
+wiegt, das Holz aber sehr viel. Wie reimt sich das zusammen?
+
++Der Professor+: Ich glaube doch, daß Sie das Gewicht der Luft
+unterschätzen. Ein Liter Luft wiegt 1¼ Gramm, ein Kubikmeter also 1¼
+Kilogramm. Ein Zimmer von mäßiger Größe faßt leicht 80 Kubikmeter Luft,
+welche zusammen 2 Zentner wiegen. Wenn also die ganze Luft durch den
+Baum in Kohle verwandelt würde, so könnte ein großer Waldbaum seinen
+gesamten Kohlebedarf ganz leicht aus der Luftmenge decken, welche in
+ein paar Häusern enthalten ist. Tatsächlich braucht er jedoch viel mehr
+Luft, weil die für den Baum notwendige Kohle nur in einem ganz winzigen
+Bruchteil der Luft enthalten ist, nämlich in dem Kohlensäuregas,
+welches nur ¹⁄₂₅ % der Luft ausmacht. Zur Bildung von einem Kilogramm
+der Holzkohle, welche man durch Erhitzen von Holz erhält, müßte also
+der betreffende Baum nicht weniger als 2500 Kilogramm Luft verarbeiten.
+Für seine ganze Holzmenge braucht er wohl einige Millionen Kubikmeter
+-- aber was bedeutet dies angesichts des unermeßlichen Luftmeers? Es
+enthält weit mehr Kohlensäuregas, als der ganze Pflanzenwuchs der Erde
+jemals aufzuzehren vermöchte.
+
++Der Kommerzienrat+: Ich bin nun wirklich neugierig, wie es die Pflanze
+macht, um dieses Kohlensäuregas aus der Luft in sich aufzunehmen.
+
++Der Professor+: Ganz einfach: sie +atmet+, wie wir auch. Nur mit
+dem Unterschied, daß wir den Sauerstoff der Luft einatmen und dafür
+Kohlensäure ausatmen, während die Pflanze -- wenigstens scheinbar --
+das Umgekehrte macht: sie atmet Kohlensäure ein und Sauerstoff aus. Die
+Kohlensäure besteht nämlich aus Kohle und Sauerstoff; die Kohle wird
+von der Pflanze zurückbehalten, der Sauerstoff wird wieder abgegeben.
+
++Der Kommerzienrat+: Warum sagten Sie soeben, die Pflanze atme nur
+scheinbar in umgekehrtem Sinne wie wir?
+
++Der Professor+: Weil der Gasaustausch der Pflanze in Wahrheit
+aus zwei Prozessen besteht, welche nebeneinander und gleichzeitig
+stattfinden: der eine Vorgang entspricht unserer +Ernährung+, ich habe
+ihn soeben geschildert, er besteht in der Aufnahme von Kohlensäuregas
+und Abscheidung von Sauerstoffgas. Daneben findet ein zweiter, viel
+schwächer entwickelter Vorgang statt, welcher eine wirkliche +Atmung+
+bedeutet. Er besteht, wie unsere Atmung auch, in der Aufnahme von
+Sauerstoffgas aus der Luft und in der Abgabe von Kohlensäuregas an
+sie. Dieser Atmungsprozeß ist viel schwächer als der Ernährungsvorgang
+und wird daher gewöhnlich durch diesen in den Schatten gestellt. Aber
+nachts, wenn die Ernährung der Pflanzen stillsteht, kann man sehr
+deutlich die Atmung an der Umkehrung der Gasausscheidung beobachten.
+
++Der Kommerzienrat+: Warum steht die Ernährung der Pflanzen nachts
+still, da doch die Luft auch nachts zu ihrer Verfügung steht?
+
+[Illustration: Abb. 38. Nachweis der Atmung bei Pflanzen. Ein
+Glaskolben voll Wucherblumen taucht in Kalilauge. Diese steigt im
+Kolbenhals auf, indem sie die ausgeatmete Kohlensäure verschluckt.]
+
++Der Professor+: Weil zur „Verdauung“ des Kohlensäuregases die
+Mitwirkung des Sonnenlichts notwendig ist. Die Zerspaltung des
+Kohlensäuregases in Kohle und Sauerstoff ist ein sogenannter
++endothermischer+ Vorgang (vgl. das 5. Kapitel), d. h. ein Vorgang,
+der nur dann erfolgen kann, wenn dem Kohlensäuregas Energie
+zugeführt wird. Diese Energie strömt der Pflanze im Sonnenlicht bei
+Tage reichlich zu. Sie verschwindet in der Pflanze, hilft bei der
+Zerspaltung des Kohlensäuregases und ist dann in den Spaltungsprodukten
+-- in der Kohle und im Sauerstoff -- enthalten.
+
++Der Kommerzienrat+: Diese Vorgänge finden wohl in den Blättern statt?
+
++Der Professor+: Ja. Sie sind zugleich der Verdauungsapparat und
+die Lunge der Pflanze. An der Unterseite der Blätter befinden sich
+sehr kleine, spaltförmige Öffnungen in ungeheurer Anzahl; durch sie
+vollzieht sich der Austausch der Gase.
+
++Der Kommerzienrat+: Verzeihen Sie, wenn ich jetzt eine recht dumme
+Frage stelle: Warum sind eigentlich die Blätter grün?
+
+[Illustration: Abb. 39. Spaltöffnungen an der Unterseite eines Blattes.]
+
++Der Professor+: Diese Frage ist sehr berechtigt und ist auch von der
+Wissenschaft schon gestellt und durch Versuche beantwortet worden.
+Man hat gefunden, daß der grüne Farbstoff (Blattgrün oder Chlorophyll
+genannt) für den Ernährungsvorgang der Pflanzen wesentlich ist. Wo er
+fehlt, ist auch das Sonnenlicht nicht imstande, das Kohlensäuregas
+in Kohle und Sauerstoff zu spalten. Das Blattgrün ist für die
+Pflanzen gewissermaßen das, was für die Tiere das Blut ist. Nach den
+Untersuchungen Willstätters besteht sogar eine gewisse Ähnlichkeit in
+der chemischen Zusammensetzung beider.
+
++Der Kommerzienrat+: Also könnte eine Pflanze ohne Blattgrün überhaupt
+nicht wachsen? Demnach gibt es solche Pflanzen gar nicht?
+
++Der Professor+: Dies wäre zuviel behauptet. Es gibt eine ganze Menge
+Pflanzen ohne Blattgrün, und sie können auch ganz gut wachsen: aber
+ihre Ernährung beruht nicht auf der Verdauung des Kohlensäuregases
+mit Hilfe des Lichts, sondern auf der Ausnutzung anderer Stoffe.
+Diese Pflanzen leben entweder als +Schmarotzer+ auf anderen Pflanzen
+oder Tieren, oder sie ernähren sich von denjenigen Stoffen, welche
+bei der Fäulnis und Verwesung entstehen. Zu diesen blattgrünfreien
+Pflanzen gehören sämtliche +Pilze+ und +Bakterien+ und viele höher
+organisierte Pflanzen, wie der Fichtenspargel, viele Orchideen usw.
+Aber auch die meisten übrigen Pflanzen, welche sich im erwachsenen
+Zustande der Kohlensäure, des Lichts und des Chlorophylls zur Ernährung
+bedienen, ernähren sich in der frühesten Jugend ohne Chlorophyll;
+sie leben in der ersten Jugend von den Vorräten, welche die Natur
+zu diesem Zweck um den Keim herumgelagert hat. So lebt die junge
+Getreidepflanze, bevor sie durch die Erde ans Tageslicht dringt,
+vom Mehl des Getreidekorns; die Kartoffelpflanze nützt die großen
+Nahrungsvorräte der Kartoffelknolle aus, und überhaupt alle Zwiebel-
+und Knollengewächse sind in ihrer ersten Jugend mit einem förmlichen
+Speicher von Nahrungsvorräten umgeben. Bis diese verbraucht sind, haben
+die jungen Pflanzen genügend Blattgrün gebildet, um dann größtenteils
+von der Luftkohlensäure weiter leben zu können.
+
+[Illustration: Abb. 40. (Nach C. W. Schmidt.) Die Blattgrünkörner einer
+Wasserlinse stellen sich auf wechselnde Beleuchtung ein (oben schwach,
+unten stark beleuchtet).]
+
++Der Kommerzienrat+: Eine gewisse Vorliebe für die schmarotzende
+Lebensweise ihrer Jugendzeit scheinen sich die meisten Pflanzen doch
+auch mit ins spätere Leben zu nehmen, denn sonst könnte eine +Jauche+-
+oder +Mistdüngung+ doch ihr Wachstum nicht so sehr fördern? Ist denn
+das, was Sie über die Luftnahrung sagen, wirklich so wörtlich zu
+nehmen? Mir scheint, meine Gartengewächse sind doch mehr auf den Dung
+angewiesen und würden elend zugrunde gehen, wenn ich ihnen bloß die
+Luft als Nahrung überlassen wollte.
+
++Der Professor+: Hier haben Sie ein Schulbeispiel eines Trugschlusses.
+Der Beweis ist durch folgende Versuche leicht zu führen: Hängen Sie
+einen Bohnenkern mit Hilfe von etwas Watte in ein Glas voll Wasser.
+Er wird auskeimen, aber die Bohnenpflanze wird bald zugrunde gehen.
+Sie werden sagen: Das ist ganz klar, Wasser allein ist keine Nahrung,
+und von der Luft kann nicht einmal eine Pflanze leben. Aber Sie irren
+sich wirklich. Wiederholen Sie den Versuch, und setzen Sie dem Wasser
++winzige Spuren+ von Salpeter, Ammoniumphosphat und Eisenvitriol hinzu,
+im ganzen nicht mehr als ein halbes Gramm von allen drei Stoffen:
+nun wird die Bohne üppig und schnell wachsen, wie mit der besten
+Jauchedüngung im Garten, und wird an Gewicht gar bald die zugesetzten
+Nährsalze um ein Hundertfaches überragen. Sie können nun unmöglich
+behaupten, die Bohne nehme an Substanz zu auf Kosten der zugesetzten
+Nährsalze: denn diese machen an Gewicht nur einen winzigen Bruchteil
+der Gewichtszunahme unserer zweiten Bohne aus. Diese Bohne wächst
+offenbar auf Kosten der Kohlensäure der Luft, wie übrigens auch
+zweifelfrei durch direkte Luftwägungen nachgewiesen wurde.
+
++Der Kommerzienrat+: Das ist in der Tat eine wunderbare Sache. Also
+darf man wohl annehmen, daß auch im Mist solche Nährsalze enthalten
+sind, und daß sie ein beschleunigtes Verdauen der Luftkohlensäure durch
+die Pflanzen erleichtern?
+
++Der Professor+: Ja. Es ist sehr wohl möglich und sogar wahrscheinlich,
+daß außerdem auch noch ein Teil der Dungstoffe von der Pflanze
+schmarotzerisch aufgenommen wird. Aber wesentlich ist dieser Teil
+nicht, sonst würden die Kunst- oder Mineraldünger (Superphosphat,
+Kainit, Salpeter, Ammoniumphosphat) auf unseren Wiesen und Feldern
+nicht so großen Erfolg haben, auch wenn gar keine Mistdüngung
+gleichzeitig gegeben wird.
+
++Der Kommerzienrat+: Also könnte man die Mistdüngung wohl ganz
+entbehren und durch Kunstdüngung ersetzen?
+
++Der Professor+: Das wäre wohl zu viel behauptet. Der Mist und der aus
+ihm entstehende Humusboden haben die Eigenschaft, solche Nährsalze
+festzuhalten, die sonst vom Regen aufgelöst und fortgeschwemmt würden.
+Außerdem ist es vielleicht möglich, daß der natürliche Dünger für die
+Pflanzen eine ähnliche Bedeutung hat wie für uns der Genuß des Obstes,
+das beinahe gar keinen Nährwert hat, aber auf die Zusammensetzung
+unserer Körpersäfte regulierend wirkt.
+
++Der Kommerzienrat+: Nun sagten Sie wiederholt, die Kohlensäure würde
+in den Blättern der Pflanzen gespalten in Kohle und Sauerstoff, und
+Sie erwähnten auch, daß der Sauerstoff wieder ausgeatmet würde. Aber
+was geschieht mit der Kohle? Als Kohle ist sie doch gewiß nicht in den
+Pflanzen, sonst müßte sie sich durch ihre schwarze Farbe verraten.
+
++Der Professor+: Der Kohlenstoff (so nennt der Chemiker die reine
+Kohle) ist natürlich in den Pflanzen nicht als solcher, sondern er
+ist mit anderen Elementen zu chemischen Verbindungen vereinigt. Die
+wichtigsten dieser Verbindungen sind: der +Formaldehyd+, welcher so
+zusammengesetzt ist, als ob 1 Atom Kohlenstoff mit einem Molekül Wasser
+verbunden wäre; der +Trauben+- und +Fruchtzucker+ und der +Malzzucker+,
+welche auf 6 Kohlenstoffatome 6 Wassermoleküle, und der Zellstoff,
+welcher auf 6 Kohlenstoffatome 5 Wassermoleküle enthält. Alle diese
+Verbindungen enthalten also nur Kohle und Wasser in wechselnden Mengen;
+wahrscheinlich entsteht aus Wasser und Kohlensäuregas unter dem
+Einfluß des Lichtes und des Blattgrüns zuerst Formaldehyd, aus welchem
+sich dann durch Verdichtung und mehrfache chemische Umlagerungen die
+Zuckerarten bilden. Diese werden teils durch Umwandlung in Zellstoff
+zum Aufbau des Holzes verwendet, teils in Form von +Stärke+ (welche dem
+Zellstoff an chemischer Zusammensetzung gleich ist) als Nahrungsvorräte
+aufgespeichert.
+
++Der Kommerzienrat+: Ich verstehe nun, warum die Kartoffelknollen, die
+Rüben, Getreidekörner, Zwiebeln usw. so reich an Stärke sind. Aber wie
+wird dieser Nahrungsvorrat von der Pflanze wieder nutzbar gemacht? Oder
+ist dies nicht der Zweck des Vorrats?
+
++Der Professor+: Doch! Es geschieht in der Weise, daß die Stärke
+wieder in Zuckerlösung zurückverwandelt wird. Deshalb schmecken
+keimende Zwiebeln und Kartoffeln süß, weil darin ein Teil der Stärke
+in Verzuckerung begriffen ist, um dem wachsenden Keim als Nahrung zu
+dienen. (Vgl. das 8. Kapitel.) Diese Verzuckerung der Stärke wird durch
+gewisse chemische Verbindungen bewirkt, welche man Enzyme nennt. Sie
+werden dabei merkwürdigerweise selbst nicht verändert.
+
++Der Kommerzienrat+: Ist man schon dahintergekommen, warum diese
+abermalige Umwandlung der Stärke in Zucker notwendig ist? Ich meine
+dies: warum wandelt sich nicht die Stärke direkt in Pflanzenfasermasse,
+in Zellstoff, um?
+
+[Illustration: Abb. 41. Ein Zwiebelkeim, von stärkereichen,
+chlorophyllfreien Blättern umhüllt.]
+
+[Illustration: Abb. 42. Eine aus drei Augen keimende Kartoffel. Die
+blinden (chlorophyllfreien) Keime leben vom Stärkevorrat der Kartoffel.
+Die Schuppen („Augen“) am Grund der Keime sind Blattanlagen.]
+
++Der Professor+: Dies hat einen sehr einfachen Grund: Stärke ist in
+Wasser als solche nicht löslich, während Zucker löslich ist. Wenn nun
+z. B. ein Kartoffelkeim an seiner Spitze neue Substanz ansetzt, so
+muß diese in irgendeiner löslichen Form aus der Knolle in die Spitze
+befördert werden. Diese Aufgabe fällt der Zuckerlösung zu. Sie ist
+gleichsam das Blut der Pflanze. Die Stärkeablagerungen in der Knolle
+sind dagegen mit dem Fett der Tiere vergleichbar.
+
++Der Kommerzienrat+: Braucht nun die Pflanze zu ihrer Ernährung
+wirklich gar nichts weiter als Kohlensäuregas und Wasser?
+
++Der Professor+: Es wäre ein sehr verhängnisvoller Irrtum, dies zu
+glauben. Wir erwähnten schon vorhin die Bedeutung der Nährsalze im
+natürlichen und künstlichen Dünger. Von mindestens gleicher Wichtigkeit
+ist für das Wachstum der Pflanze die Aufnahme eines weiteren Elements,
+des Stickstoffs. Der Stickstoff ist nämlich, neben Kohlenstoff,
+Wasserstoff und Sauerstoff, der wichtigste Bestandteil der sogenannten
++Eiweißverbindungen+. Diese bilden den wertvollsten Inhalt der
+tierischen und pflanzlichen Zellen und sind die eigentlichen Träger
+des Lebens. In den Pflanzen bilden sie einen schleimigen Belag auf der
+Innenwand der Zelle, den man +Protoplasma+ nennt. Von diesem Belag aus
+geht alles Wachstum und überhaupt alles Leben. Dieser Belag enthält und
+verbraucht andauernd eine gewisse Menge Stickstoffgas.
+
+[Illustration: Abb. 43. Eine junge Pflanzenzelle. Das Plasma füllt noch
+fast die ganze Zelle, mit Ausnahme weniger Safträume.]
+
+[Illustration: Abb. 44. Ältere Pflanzenzelle. Das Plasma ist dem
+Wachstum der Zelle nicht gefolgt und liegt der Zellwand als dünner,
+schleimiger Belag an. Die Vakuolen nehmen fast den ganzen Zellraum ein.]
+
++Der Kommerzienrat+: Dies ist doch, wenn ich mich recht erinnere, der
+Hauptbestandteil der Luft?
+
++Der Professor+: Jawohl, ⅘ der Luft bestehen aus Stickstoff.
+
++Der Kommerzienrat+: Nun, da hat es die Pflanze leicht genug mit der
+Befriedigung ihres Stickstoffhungers, denn sie wird das Gas wohl
+einfach aus der Luft aufnehmen.
+
++Der Professor+: Doch nicht so einfach, wie Sie sich jetzt denken.
+Das Stickstoffgas als solches ist nämlich für die Pflanzen völlig
+unverdaulich. Die Chemiker haben diesem Gas schon lang angemerkt,
+daß es eine unglaublich geringe Neigung hat, chemische Verbindungen
+einzugehen. Die Pflanzen nehmen den Stickstoff deshalb niemals aus der
+Luft, sondern stets durch die Wurzel aus dem Boden auf. Der Boden muß
+ihn entweder in Form von +Nitraten+ (Salzen der Salpetersäure) oder in
+Form von +Ammoniakverbindungen+ enthalten.
+
++Der Kommerzienrat+: Jetzt verstehe ich auch von neuem, warum der
++Mist+ so gut düngend wirkt. Der enthält ja so viel Ammoniak, daß es
+einem in Augen und Nase beißt.
+
++Der Professor+: Diesmal hat Sie Ihre sinnliche Wahrnehmung auf den
+richtigen Weg geführt.
+
++Der Kommerzienrat+: Wie machen es aber die Bäume des Waldes und
+überhaupt die wildwachsenden Gewächse mit der Befriedigung ihres
+Stickstoffbedarfs?
+
++Der Professor+: Sie ziehen, wohl durch den Geruch ihrer Wurzeln,
+gewisse Pilze und Bakterien an. Eine ausgerissene Fichtenwurzel ist
+z. B. meist von einem dichten, weißen Pilzgeflecht (~Mykorrhiza~)
+bedeckt, welches mit der Wurzel in innigster Lebensgemeinschaft
+steht. Diese stickstoffreichen Pilze bilden dann, absterbend, einen
+stickstoffhaltigen Dünger für die Baumwurzel. Ganz ähnlich ist es bei
+den Hülsenfruchtgewächsen; sie haben fast sämtlich an ihren Wurzeln
+kleine Knöllchen, in welchen eine Unmenge von Bakterien eingeschlossen
+sind, die durch ihr Absterben die Pflanze mit Stickstoff versorgen.
+
++Der Kommerzienrat+: Ich denke, durch diesen Befund ist das Problem
+nicht gelöst, sondern nur verschoben: denn nun müssen wir fragen, wie
+es diese Pilze und Bakterien anfangen, stickstoffhaltig zu werden?
+
+[Illustration: Abb. 45. Bohnenwurzel, dicht mit Bakterienknöllchen
+besetzt.]
+
+[Illustration: Abb. 46. Normale Stickstoffbakterien (nach Jost).]
+
+[Illustration: Abb. 47. Degenerierte Stickstoffbakterien aus einer
+Bohnenwurzel (nach Jost).]
+
++Der Professor+: Sie haben ganz recht. Ich vergaß, Ihnen zu sagen,
+daß man von einigen dieser Bakterien mit aller Sicherheit nachgewiesen
+hat, daß sie den Stickstoff der Luft in salpetrige und in Salpetersäure
+umwandeln. Die so entstehenden Salze der Salpetersäure sind aber eines
+der verdaulichsten stickstoffhaltigen Nahrungsmittel für alle Arten von
+Pflanzen.
+
++Der Kommerzienrat+: Sagten Sie nicht soeben, daß das Stickstoffgas
+eine sehr geringe Neigung habe, chemische Verbindungen einzugehen? Wie
+machen es wohl diese Bakterien, um den trägen Stickstoff zur Verbindung
+mit Sauerstoff zu nötigen?
+
++Der Professor+: Dies ist vorläufig ein völliges Rätsel. Es ist um
+so merkwürdiger, als diese Vereinigung künstlich nur unter Anwendung
+hoher elektrischer Spannungen bei der Temperatur des elektrischen
+Funkens (ca. 4000 °) möglich ist. Man könnte vielleicht, wie bei der
+Kohlensäurespaltung, an die Mitwirkung des Lichts denken. Aber es
+ist durch Versuche fast einwandfrei festgestellt, daß die Verdauung
+des Stickstoffs ohne Mitwirkung des Lichts erfolgt (vgl. Jost,
+Pflanzenphysiologie, in Strasburgers Lehrbuch der Botanik, 11. Aufl.,
+S. 193). Wir stehen also vor der für jeden Chemiker unglaublich
+klingenden Tatsache, daß die Pflanze es fertig bringt, kaltes
+Stickstoffgas ohne jede Anwendung von Licht, Wärme oder Elektrizität
+in beliebigem Grade zu oxydieren. Dies ist eine Leistung, welche
+schlechthin alles in Schatten stellt, was die Chemiker bisher erreicht
+haben.
+
+[Illustration: Abb. 48. Eine unförmig aufgetriebene Bakterienzelle
+aus einem Wurzelknöllchen der Bohne, gefüllt mit Millionen
+Stickstoffbakterien.]
+
++Der Kommerzienrat+: Ist es nicht überhaupt wunderbar, daß die Pflanze
+ihre Vorräte an Zellulose, Stärke und Zucker auf kaltem Wege erzeugt?
+Wenn ich nicht irre, können die Chemiker auch diese Prozesse nicht ohne
+Anwendung von Hitze durchführen.
+
++Der Professor+: Sie haben ganz recht. Die chemische Küche der Pflanze
+ist kalt. Dabei leistet sie so Unglaubliches, daß sie damit den blassen
+Neid aller Chemiker weckt. Sie verwandelt auf dem Weg von der Knolle
+bis zum Blatt wenigstens ein dutzendmal Stärke in Zucker und Zucker in
+Stärke um, während den Chemikern zwar das erste, niemals aber bis jetzt
+das zweite gelungen ist. Kein Chemiker vermag Stärke oder Zellulose
+künstlich darzustellen. Dabei sind diese Dinge verhältnismäßig
+als Kleinigkeiten zu bewerten im Vergleich mit der beispiellosen
+Mannigfaltigkeit von Farb-, Duft- und Konservierungsstoffen, welche in
+den Wurzeln, Blättern und Blüten erzeugt werden. Das Pflanzenkleid der
+Erde ist in der Tat das gewaltigste chemische Laboratorium, vor welchem
+sich selbst unsere leistungsfähigsten chemischen Fabriken wie ärmliche
+Alchimistenküchen verkriechen müssen.
+
++Der Kommerzienrat+: Hat man denn gar keine Vorstellung, welcher
+Hilfsmittel sich die Pflanze bei ihren chemischen Darstellungen
+bedient? Sie haben mir doch früher (vgl. das 8. Kapitel) erzählt, daß
+man die +Gärungsvorgänge+ und die +Verzuckerung der Stärke+ mit Hilfe
+der sogenannten Enzyme künstlich bewirken könne, ohne Mithilfe des
+lebenden Pflanzenkörpers. Wäre es nicht denkbar, daß alle chemischen
+Vorgänge in der Pflanze auf die Mitwirkung von Enzymen zurückführbar
+sind?
+
++Der Professor+: Dies ist deshalb ganz ausgeschlossen, weil die bis
+jetzt bekannten Enzyme sämtlich den +Abbau+, d. h. die Zerlegung
+einer komplizierten in verschiedene einfache Verbindungen, bewirken.
++Aufbauende+ Enzyme sind meines Wissens bis jetzt überhaupt unbekannt.
+Gerade die wichtigsten chemischen Vorgänge in der Pflanze sind jedoch
+solche +Synthesen+, d. h. aufbauende Prozesse. Das ist der Unterschied
+zwischen der Verdauung bei Pflanzen und bei Tieren: die Pflanze verdaut
++einfache+ Stoffe, wie Kohlensäure, Wasser und Stickstoff, zu sehr
+komplizierten; das Tier aber verdaut komplizierte Nährstoffe (Fleisch,
+Pflanzeneiweiß) zu einfachen Endprodukten (Aminosäuren). Freilich baut
+dann auch der tierische Körper aus diesen Zerlegungsstoffen wieder
+komplizierte Eiweißmoleküle des Blutes und Fleisches auf.
+
++Der Kommerzienrat+: Ich bin Ihnen, lieber Professor, für Ihre
+interessanten Belehrungen sehr dankbar. Nun kann ich mir nur eine Sache
+noch nicht recht vorstellen: wenn jede Pflanze während ihres Wachstums
+Kohlensäure aus der Luft zieht, und wenn sich dieser Vorgang Jahr um
+Jahr mit der ganzen, gewaltigen Pflanzendecke der Erde wiederholt: da
+muß doch schließlich die Luft die geringe Menge Kohlensäure, welche
+sie noch enthält, nach und nach ganz verlieren. Dann wäre wohl kein
+Pflanzenwuchs und infolgedessen auch kein Tierleben mehr möglich.
+
++Der Professor+: Sie übersehen in Ihrer Schlußfolgerung nur die
+wichtige Tatsache, daß alle von den Pflanzen aufgenommene Kohlensäure
+schließlich doch wieder als solche in die Luft zurückströmt. Denn
+fast alle Pflanzensubstanz fällt schließlich der +Verwesung+ anheim,
+und dabei wird nahezu aller Kohlenstoff schließlich in Kohlensäuregas
+verwandelt, welches in die Luft zurückströmt. Auch das faulende Holz
+der Wälder unterliegt dieser Veränderung. Diejenige Pflanzensubstanz,
+welche nicht unmittelbar verwest, wird entweder von Tieren gefressen
+oder verbrannt oder allmählich in Kohle verwandelt und dann auch
+verbrannt. Da bei der Verwesung des Tierkörpers auch Kohlensäure
+entsteht, so ist in allen diesen Fällen das Endprodukt wieder die
+Kohlensäure. Deshalb kann der Kohlensäuregehalt der Luft nicht
+abnehmen. +Der Kohlenstoff vollendet also in der Natur einen ewigen,
+sich immer wiederholenden Kreislauf.+
+
++Der Kommerzienrat+: Ich dächte aber, ich hätte einmal gelesen oder
+gehört, daß die Luft in einer älteren Periode der Erdgeschichte reicher
+an Kohlensäure gewesen sei. Damals, ich glaube, es war in der Zeit der
+Entstehung der Steinkohlen, sollen ja aus diesem Grunde die Pilze und
+Farnkräuter und Bärlappgewächse eine ungeheure Größe erreicht haben.
+Ist dies richtig, so widerspricht es doch der Lehre vom Kreislauf des
+Kohlenstoffs.
+
++Der Professor+: Ihr Einwand ist in der Tat richtig; während aber
+diese, ich möchte sagen: +säkulare+ Abnahme des Kohlensäuregehaltes
+der Luft Millionen von Jahren beansprucht hat, so können wir für
+unsere geschichtlichen Zeiträume keine erkennbare Abnahme nachweisen.
+Wir können also mit dieser Einschränkung die Lehre vom Kreislauf des
+Kohlenstoffs wohl aufrechterhalten.
+
+[Illustration: Abb. 49. Der Siegelbaum (~Sigillaria~), ein baumgroßes
+Bärlappgewächs der Steinkohlenzeit.]
+
+[Illustration: Abb. 50. ~Alethopteris lonchitidis~, ein
+steinkohlenbildender Farn.]
+
++Der Kommerzienrat+: Woher stammten denn jene großen Kohlensäuremengen?
+
++Der Professor+: Man vermutet, daß die ursprüngliche Atmosphäre
+hauptsächlich aus Kohlensäure und Stickstoff bestand, welche beiden
+Gase von der erkaltenden Erdmasse ausgehaucht wurden. Ob Sauerstoff
+schon dabei war, oder ob er erst durch Zersetzung der Kohlensäure
+gebildet wurde, ist nicht sicher entschieden.
+
++Der Kommerzienrat+: Aber wohin sind diese großen Kohlensäuremengen
+geraten?
+
++Der Professor+: Man vermutet, daß sie in den Kalkgebirgen stecken,
+deren Gestein aus kohlensaurem Kalk besteht. Diese Gebirge und ihr
+Material sind nämlich zweifellos erst nach jener Zeit entstanden, in
+welcher die Luft so reich an Kohlensäure war.
+
++Der Kommerzienrat+: Da müßte man also annehmen, daß auf der Erde
+ehemals gebrannter oder gelöschter Kalk vorhanden war, und daß dieser
+sich mit der Kohlensäure allmählich zu kohlensaurem Kalk verbunden hat?
+
++Der Professor+: O nein, das ist ganz anders vor sich gegangen. Die
+Kalkgebirge sind voll versteinerter Meerestiere; diese hätten niemals
+auf gebranntem oder gelöschtem Kalk leben können, weil diese Verbindung
+eine sehr scharfe, ätzende Base ist. Vielmehr weisen alle Umstände
+darauf hin, daß bei der Entstehung des Kalksteins dem +Meer+ eine
+wichtige Rolle zukommt. Untersucht man irgendeine Art von Kalkstein
+oder Kreide unter dem Mikroskop, so erkennt man leicht, daß diese
+Stoffe ganz und gar aus den Kalkschalen winziger Pflanzen (Kalkalgen)
+und Tiere (Urtierchen) zusammengesetzt sind, die ohne Zweifel im Wasser
+gelebt haben.
+
++Der Kommerzienrat+: Zugegeben; aber diese Erklärung kann doch
+unmöglich für solche Kalkgesteine gelten, welche von hohen Berggipfeln,
+wie z. B. von der Zugspitze, stammen.
+
++Der Professor+: Wenn Sie vom Gipfel der Zugspitze ein Stück
+Wettersteinkalk abschlagen und mikroskopisch prüfen, so werden Sie
+erkennen, daß es nahezu gänzlich aus den Schalen zweier Kalkalgen,
+nämlich der Gattungen ~Gyroporella~ und ~Diplopora~, zusammengesetzt
+ist.
+
++Der Kommerzienrat+: Also müßte auch der Gipfel der Zugspitze ehemals
+Meeresboden gewesen sein?
+
+[Illustration: Abb. 51. ~Diplopora annulata~, eine Kalkalge des
+Wettersteingebirges.]
+
++Der Professor+: Dies ist ganz unbezweifelbar. Die Erhebung der Alpen
+ist als ein Faltungs- und Schrumpfungsvorgang der Erdrinde erst in
+sehr später Zeit (in der Tertiärzeit) erfolgt; es ist sogar möglich,
+daß in dieser Zeit bereits das jüngste aller irdischen Geschöpfe, der
+Mensch, vorhanden oder in der Entwicklung begriffen war. Vorher waren
+die Alpenlande ebener Boden, eingetrockneter Meeresboden. Und in dem
+Meer, das ehemals diesen Boden überdeckte, lebten und starben jene
+Kalkalgen in ungeheuren Mengen. Die toten sanken darin langsam zu
+Boden und verwesten; aber ihre Kalkschalen konnten nicht verwesen und
+bildeten einen tiefen und dicken Schlamm, aus welchem allmählich durch
+Austrocknung und Erhärtung der Kalkstein wurde.
+
++Der Kommerzienrat+: Dies klingt sehr wunderbar, ist aber immerhin
+verständlich. Aber wie soll ich mir vorstellen, daß die Kalkschalen der
+Algen sich mittels der Kohlensäure der Luft gebildet haben? Denn so war
+es doch, so soll doch der ehemals so große Kohlensäuregehalt der Luft
+sich vermindert haben?
+
++Der Professor+: Auch dieser Vorgang ist an lebenden Kalkalgen
+recht klar erforscht worden. Diese Kalkalgen können nur in einem
+Wasser leben, welches sogenannten doppeltkohlensauren Kalk gelöst
+enthält. Dies ist eine chemische Verbindung von kohlensaurem Kalk
+mit Kohlensäure; sie unterscheidet sich von kohlensaurem Kalk (der
+in Wasser unlöslich ist) durch ihre beträchtliche Löslichkeit. Die
+Kalkalgen nun, als Pflanzen, brauchen zu ihrer Ernährung Kohlensäure.
+Da sie nicht in der Luft leben, sondern im Wasser, so entziehen sie
+ihren Kohlensäurebedarf aus dem doppeltkohlensauren Kalk, welcher in
+ihrer wässerigen Umgebung gelöst ist. Dadurch verwandelt sich aber der
+lösliche doppeltkohlensaure Kalk in unlöslichen kohlensauren Kalk,
+der nun auf irgendeine Weise zum Vorschein kommen muß. Die allzeit
+erfinderische Natur verwendet ihn zum Bau steinerner Gehäuse und
+Stützgerüste: der Kalkschalen dieser Algen.
+
++Der Kommerzienrat+: Das ist freilich ein merkwürdiger Vorgang, auf den
+man durch bloßes Nachdenken nicht kommen kann. Nun fragt sich bloß, wie
+die Kohlensäure der Luft dazu kommt, als doppeltkohlensaurer Kalk in
+das Wasser einzutreten?
+
++Der Professor+: Diese Frage ist durch die Geologie recht zuverlässig
+beantwortet worden. Das Regenwasser löst beim Niederfallen um so
+mehr Kohlensäure auf, je kälter es ist und je reicher die Luft an
+Kohlensäure ist. Diese Lösung wirkt auf die meisten Gesteine zersetzend
+ein und entzieht ihnen langsam, aber sicher alle Basen, indem es diese
+in doppeltkohlensaure Salze verwandelt und in gelöster Form fortführt.
+Der Kalkgehalt unserer Kalkgebirge stammt also vermutlich aus den
+Urgneisen und vielleicht auch aus den älteren Graniten. Die Kohlensäure
+stammt aus der Luft.
+
++Der Kommerzienrat+: Wie kam aber die Kohlensäure in die Luft?
+
++Der Professor+: Sie ist ein Entgasungsprodukt der erkaltenden Erde.
+Noch heute strömt die Erde an allen Orten früherer vulkanischer
+Tätigkeit große Mengen von Kohlensäure aus (z. B. in der Eifel am
+Rhein). Da die vulkanischen Vorgänge in früheren Erdperioden viel
+stärker und weiter verbreitet waren, so muß dadurch auch viel mehr
+Kohlensäure in die Luft gekommen sein. Noch heute hält dieses aus der
+Erde kommende („juvenile“) Kohlensäuregas dem durch den Pflanzenwuchs
+verbrauchten das Gleichgewicht, so daß der Kohlensäuregehalt der Luft
+nicht merklich abnimmt.
+
++Der Kommerzienrat+: Da sollte man eigentlich erwarten, daß die Luft
+im Winter mehr Kohlensäure enthält als im Sommer, weil im Winter der
+Verbrauch durch die Pflanzen größtenteils wegfällt, während der Zustrom
+aus dem Erdinnern doch in gleicher Stärke weiter besteht.
+
++Der Professor+: Ihre Vermutung ist tatsächlich richtig (vgl. Jost,
+Pflanzenphysiologie, in Strasburgers Lehrbuch der Botanik, 11. Aufl.,
+S. 186). In 10000 Liter Luft sind im Winter 3,0 bis 3,6, im Sommer nur
+2,7 bis 2,9 Liter Kohlensäure enthalten.
+
++Der Kommerzienrat+: Ich wundere mich jetzt geradezu, daß der
+Kohlensäuregehalt der Luft nicht fortwährend +größer+ wird. Denn die
+von den Pflanzen verzehrte Luftkohlensäure gelangt doch, wenn die
+Pflanzen verwesen, wieder unvermindert in die Luft zurück; und die
+gewaltigen Kohlensäuremengen, welche der Erde entströmen, kommen doch
+hinzu.
+
++Der Professor+: Sie vergessen, daß der Kreislauf der Kohlensäure sich
+in einer Bahn vollzieht, welche, sozusagen, nicht ganz dicht hält.
+Sie hat zwei undichte Stellen, an welchen viel Kohlensäure aus dem
+Kreislauf nach außen sickert: die eine Stelle ist Ihnen schon bekannt,
+es ist die Bildung der Kalkgesteine aus dem Meeresbodenschlamm. Das
+andere Leck in der Bahn des Kreislaufs der Kohlensäure ist die Bildung
+der +Kohlenlagerstätten+ der Erde. Hier verwandeln sich ungeheure
+Mengen von Pflanzensubstanz durch mangelhafte Verwesung in Torf,
+Braunkohle, Steinkohle, Anthrazit und Graphit und binden so eine Menge
+Kohlenstoff in der Erdrinde, der ehedem als Kohlensäuregas in der Luft
+war.
+
++Der Kommerzienrat+: Sie erwähnten vor einiger Zeit, daß der
+Sauerstoffgehalt der Luft möglicherweise auf jene großen
+Kohlensäuremengen zurückzuführen ist, welche früher in der Luft
+enthalten waren. Wie wäre dies zu erklären?
+
++Der Professor+: Wenn die Kohlensäure durch Kalkalgen gebunden und
+als Nahrung aufgenommen wurde, so muß eine entsprechende Menge von
+Sauerstoff von ihnen abgeschieden worden sein. Dieser Sauerstoff, das
+Verdauungsprodukt der kohlensäureverzehrenden Pflanzen, kann nur in die
+Luft entwichen sein.
+
++Der Kommerzienrat+: Freilich haben dieselben Pflanzen zum Zweck der
++Atmung+ Sauerstoff verbraucht und Kohlensäure abgeschieden. Aber
+anscheinend ist die Atmung der Pflanzen weniger rege als ihre Ernährung.
+
++Der Professor+: So ist es tatsächlich. Wohl werden durch die
+Atmung, namentlich durch die der Bodenbakterien, ungeheure Mengen
+Kohlensäuregas in die Luft geschickt; aber diese Mengen sind dennoch
+verschwindend klein im Verhältnis zu denjenigen, welche bei der
+Ernährung derselben Pflanzen verbraucht werden. Für die Bewegung des
+Sauerstoffs gilt natürlich dasselbe im umgekehrten Sinn: bei der
+Ernährung wird viel mehr Sauerstoff frei, als bei der Atmung verzehrt
+wird.
+
++Der Kommerzienrat+: Das Nebeneinanderbestehen dieser beiden Vorgänge,
+der Atmung und der Ernährung, mit ihren entgegengesetzt verlaufenden
+Stoffwechselprozessen erscheint einem doch recht unverständlich. Was
+hat es für einen Sinn, daß bei der Atmung einer Pflanze Kohlensäure
+entbunden wird, welche von derselben Pflanze zum Zweck der Ernährung
+wieder verbraucht wird?
+
+[Illustration: Abb. 52. Aus den abgeschnittenen Stielenden der
+Wasserpflanze ~Helodea canadensis~ entweicht im Sonnenlicht
+Sauerstoffgas.]
+
++Der Professor+: Der Sinn dieser einander widersprechenden
+Vorgänge ist in den thermochemischen Beziehungen, also in den
+Bewegungen der Wärme bei diesen chemischen Prozessen, zu suchen. Der
+Ernährungsvorgang ist ein endothermischer Prozeß; bei der Spaltung
+der Kohlensäure wird Energie (in Form von Sonnenlicht) verbraucht.
+Der Atmungsvorgang ist dagegen ein exothermischer Prozeß, bei welchem
+Energie frei wird. Diese freiwerdende Energie wird von der Pflanze
+verbraucht, um ihre sämtlichen +Bewegungen+ zu bestreiten, nämlich die
+Wachstumsbewegungen, das Aufrichten und Strecken, das Entrollen der
+Blätter aus den Knospen usw. Bewegungen erzeugen wir ja auch in den
+Maschinen durch freiwerdende Energie, z. B. in der Dampfmaschine durch
+die freiwerdende Wärme der brennenden Kohlen. Diese Wärme ist, nebenbei
+bemerkt, nichts anderes als die Energie des Sonnenlichts, welche in
+der Karbonzeit in den Blättern der Steinkohlenbäume die Kohlensäure
+in Kohlenstoff und Sauerstoff gespalten hat. Indem wir die Kohle
+verbrennen, gewinnen wir diese aufgestapelte Sonnenenergie als Wärme
+wieder.
+
++Der Kommerzienrat+: Wenn ich Sie also recht verstehe, so
+atmet die Pflanze nur, um dadurch Verbrennungsenergie für ihre
+Wachstumsbewegungen zu gewinnen?
+
++Der Professor+: Daß sie +nur+ deshalb atmet, wäre wohl zu viel gesagt.
+Denn die Atmung wird, wie bei den Tieren, wohl auch die Reinigung des
+Körpers durch Oxydation unbrauchbarer Stoffe bewirken.
+
++Der Kommerzienrat+: Nach allem, was Sie soeben gesagt haben, könnte
+man wohl auch von einem +Kreislauf der Wärme+ sprechen? Denn die Wärme,
+welche bei der Verbrennung der Kohlen an die Natur zurückgegeben wird,
+ist doch nichts anderes als die Sonnenenergie, welche ehemals die
+Kohlensäure in Kohlenstoff und Sauerstoff spaltete?
+
++Der Professor+: So ist es allerdings; aber die Bezeichnung
+„+Kreislauf+“ können wir für diesen Weg der Wärme doch nicht gut
+anwenden, weil diese Wärme nicht wieder an ihren ursprünglichen Platz
+(die Sonne) zurückgelangt. Nach dem bisherigen Stand unseres Wissens
+ist es ganz unmöglich, daß die Wärme von einem kälteren auf einen
+wärmeren Körper übertragen wird. Diese Tatsache ist deshalb wichtig,
+weil die Umwandlung der Wärme in die Energie der Bewegung nach unseren
+Erfahrungen nur bei ihrem Übertritt von einem Körper auf einen anderen
+möglich ist. Also haben alle Bewegungen, welche wir überhaupt kennen,
+ihren letzten Ursprung darin, daß Wärme (und zwar verwandelte oder
+aufgespeicherte Sonnenwärme) von einem wärmeren auf einen kälteren
+Körper übergetreten ist.
+
++Der Kommerzienrat+: Meinen Sie damit auch z. B. die Bewegung eines
+Wasserrades im Fluß?
+
++Der Professor+: Ja. Das Wasserrad kann nur so lange getrieben werden,
+als das Wasser bergab läuft. Das Wasser läuft aber nur so lange bergab,
+als es durch Regengüsse aus den Wolken auf die Gipfel der Berge
+befördert wird. Es ist die Sonnenwärme, welche das zu Tal geflossene
+Wasser immer wieder in Dampf- und Dunstform auf Wolkenhöhen erhebt. Sie
+ist es also letzten Endes, welche das Wasserrad treibt.
+
++Der Kommerzienrat+: Wie ist es aber mit der Bewegung eines
+Elektromotors, in den ich elektrischen Strom sende? Das hat doch gewiß
+nichts mit der Sonnenwärme zu tun?
+
++Der Professor+: Doch insofern, als Sie Elektrizität auf keine
+andere Weise erzeugen können als durch Umwandlung aus Sonnenwärme:
+denn Sie müssen die Dynamo entweder mit Wasserkraft betreiben, deren
+Zusammenhang mit der Sonnenwärme wir soeben dargelegt haben; oder Sie
+verwenden Dampfmaschinen oder Gasmotoren, deren Energie aus der Kohle
+stammt, also wieder indirekt aus der Sonne. -- Alle Energie stammt von
+der Sonne und ist in ihrer Entstehung an die Bedingung gebunden, daß
+die Sonne ihre Wärme an einen kälteren Körper abgibt; denn nur bei
+diesem Übergang können Umwandlungen in andere Energieformen erfolgen.
+
++Der Kommerzienrat+: Dann müßte also die Welt einmal zum Stillstand
+kommen, wenn alle Körper ihre Temperatur gegenseitig ausgeglichen
+haben, weil dann keine Wärme mehr von einem wärmeren auf einen kälteren
+Körper übertreten könnte. Widerspricht dies nicht dem Gesetz der
+Erhaltung der Energie? Denn die Wärme ist dann doch in der Welt noch
+vorhanden, nur ist sie nicht mehr in Arbeit umwandelbar.
+
++Der Professor+: Der Streit über diese Frage (des Physikers
++Boltzmann+), ob die Welt am „Wärmetod“ zugrunde gehen wird oder nicht,
+ist auch unter den Gelehrten noch nicht entschieden. Für uns ist sie
+deshalb nicht gerade aktuell, weil der Sonnenball ein so ungeheures
+Reservoir von Energie darstellt, daß das Menschengeschlecht keine
+„Energieteuerung“ erleben wird.
+
+
+
+
+12. Das periodische System der Elemente.
+
+(Ein Gespräch zwischen einem Chemiker und einem Studenten.)
+
+
++Der Chemiker+: Sie möchten also gern von mir wissen, ob und wie die
+chemischen Eigenschaften der Elemente mit ihren +Atomgewichten+ (vgl.
+das 4. Kapitel) zusammenhängen.
+
++Der Student+: Ja, denn ich bilde mir ein, diesem Zusammenhang bereits
+auf die Spur gekommen zu sein. Ich glaube entdeckt zu haben, daß die
+chemischen Elemente um so +metallischere+ Eigenschaften haben, je
+größer ihr Atomgewicht ist.
+
++Der Chemiker+: Diese Entdeckung läßt sich freilich bestreiten. Ich
+führe Ihnen zum Beleg meines Widerspruchs drei nichtmetallische
+und drei ausgesprochen metallische Elemente an, deren Atomgewichte
+das Gegenteil beweisen könnten: die Metalle Lithium, Natrium und
+Magnesium haben die (abgerundeten) Atomgewichte 7, 23 und 24; die
+nichtmetallischen Elemente Phosphor, Schwefel und Brom haben die viel
+höheren Atomgewichte 31, 32 und 80!?
+
++Der Student+: Meine Vermutung gründete sich darauf, daß die
+Mehrzahl der hohen Atomgewichte doch unzweifelhaft zu metallischen
+Elementen gehört, während die Mehrzahl der niederen Atomgewichte den
+nichtmetallischen Elementen eigen ist.
+
++Der Chemiker+: In dieser unbestimmten Form ausgesprochen, ist Ihre
+Ansicht zweifellos richtig und enthält ein Naturgesetz. Nur, sobald
+Sie dieses Gesetz genau beschreiben wollen, so daß es ohne Ausnahme
+gelten soll --: da entschlüpft es Ihnen unter den Händen und läßt sich
+nicht fassen. Dies ist in einer sehr merkwürdigen Tatsache begründet,
+welche zuerst im Jahr 1865 von John A. B. Newlands erkannt wurde.
+Er ordnete die chemischen Elemente nach der Größe der Atomgewichte
+in eine fortlaufende Reihe derart, daß die Reihe mit dem kleinsten
+Atomgewicht begann und mit dem größten endigte. Er fand nun, daß zwar
+die benachbarten Elemente keine besonders deutliche Ähnlichkeit in
+ihren Eigenschaften zeigten, daß aber diese Ähnlichkeit ganz auffallend
+bemerkbar wurde, wenn man sieben Elemente übersprang. Also das +achte+
+war dem +ersten+, das +neunte+ dem +zweiten+, das +zehnte+ dem dritten
+Element ähnlich usw., und diese Ähnlichkeit wiederholte sich beim
+fünfzehnten Element mit dem ersten und achten, beim sechzehnten mit dem
+zweiten und neunten, usf. -- Newlands nannte seine Entdeckung deshalb
+das +Gesetz der Oktaven+. Damit Sie sich von der Richtigkeit überzeugen
+können, schreibe ich Ihnen den Anfang der Oktavenreihe hier und setze
+über den Namen jedes Elements sein Atomgewicht:
+
+ 7 9 11 12 14 16 19
+ Lithium Beryllium Bor Kohlenstoff Stickstoff Sauerstoff Fluor
+
+ 23 24 27 28 31 32 35,4
+ Natrium Magnesium Aluminium Silizium Phosphor Schwefel Chlor
+
+ 39 40 44 48 51 52 55
+ Kalium Kalzium Skandium Titan Vanadin Chrom Mangan
+
+Außerdem habe ich in jede Zeile nur sieben Elemente geschrieben
+und die drei Zeilen so untereinander gesetzt, daß die ähnlichen
+Elemente untereinander zu stehen kommen. Ich weiß nicht, ob Ihnen die
+Ähnlichkeit dieser untereinanderstehenden Elemente überall überzeugend
+klar ist.
+
++Der Student+: Ich könnte dies eigentlich nur von den drei Elementen
+sagen, welche ganz links stehen. Sie sind mir als +Alkalimetalle+
+wohlbekannt.
+
++Der Chemiker+: Um die Ähnlichkeit zu erkennen, bedarf es nur eines
+kleinen Fingerzeigs: Sie müssen auf die +Wertigkeit+ achten (vgl. das
+4. Kapitel). Die Elemente der ersten Gruppe (von links) sind Ihnen
+zweifellos als +einwertig+ bekannt: jedes Atom von ihnen vermag in
+einer Säure nur +ein+ Atom Wasserstoff zu ersetzen. Wenn Sie nun auch
+nur wenig mit den Eigenschaften der übrigen Elemente vertraut sind,
+so werden Sie leicht erkennen, daß die Elemente der zweiten Gruppe
+(von links) sämtlich zweiwertig, die der dritten Gruppe dreiwertig,
+der vierten vierwertig sind. Die Elemente der drei letzten Gruppen
+treten, wie Ihnen bekannt sein wird, in verschiedenen Wertigkeiten
+auf. Untersucht man aber ihre +beständigsten+ Verbindungen, so findet
+man eine sehr auffallende Tatsache: in ihnen sind die Elemente der
+fünften Gruppe entweder fünfwertig oder dreiwertig, die der sechsten
+Gruppe entweder sechswertig oder zweiwertig, die der siebenten entweder
+sieben- oder einwertig.
+
++Der Student+: Dies ist ganz unbegreiflich wunderbar, da wir doch bei
+der Zusammenstellung der Oktaven nur von den Atomgewichten ausgegangen
+sind und auf die Wertigkeit gar keine Rücksicht genommen haben.
+
++Der Chemiker+: Beachten Sie auch, daß die Wertigkeit nicht nur von
+links über die Mitte nach rechts stetig und gleichmäßig ansteigt,
+sondern auch von rechts nach links, allerdings nur bis zur Mitte.
+
++Der Student+: Es ist gerade so, als ob die Natur zwischen links und
+rechts keinen Unterschied gelten lassen wollte.
+
++Der Chemiker+: Dieser Eindruck wird noch durch die Tatsache verstärkt,
+daß die Elemente der +vierten+ Gruppe ganz überwiegend, in ihren
+meisten Verbindungen, +vierwertig+ sind. Die vierte Gruppe ist als
+Mittelgruppe sowohl von links als auch von rechts aus die vierte,
+wodurch sich dieses Überwiegen der Vierwertigkeit sehr interessant
+erklärt.
+
++Der Student+: Bezieht sich die Ähnlichkeit der Elemente jeder solchen
+Gruppe auch noch auf andere Eigenschaften als die Wertigkeit?
+
++Der Chemiker+: Selbstverständlich! Sie umfaßt alle Eigenschaften, und
+zwar nicht bloß der Elemente selbst, sondern auch ihrer Verbindungen.
+Also: die Elemente der ersten Gruppe sind einander nicht bloß
+darin ähnlich, daß sie leichte Metalle sind, welche das Wasser bei
+gewöhnlicher Temperatur zersetzen, sondern auch ihre Verbindungen (z.
+B. mit Chlor) haben eine unverkennbare Ähnlichkeit in Aussehen und
+Kristallform, Wasserlöslichkeit, Schmelzpunkt usw.
+
++Der Student+: Gilt nun dieses Newlandssche Gesetz der Oktaven auch für
+alle übrigen Elemente, die Sie oben nicht angeschrieben haben?
+
++Der Chemiker+: Es gilt für alle Elemente; aber es hat vieler
+Untersuchungen bedurft, um dies klar zu erkennen. Es war das Verdienst
+des russischen Chemieprofessors Mendelejeff (von der Universität St.
+Petersburg) und des Deutschen Lothar Meyer, hier einige Klarheit
+geschaffen zu haben. Die Schwierigkeiten beginnen nämlich gerade da,
+wo unsere dritte Periode endigt, also hinter dem Element +Mangan+.
+Dieses und das vorhergehende +Chrom+ gleichen den beiden übergeordneten
+Elementen ihrer Gruppen bei weitem nicht in dem Grade, wie man erwarten
+sollte, wenn auch in der Wertigkeit und in den sauerstoffreichsten
+Oxyden eine unverkennbare Ähnlichkeit besteht. Verlängert man aber
+die dritte Periode von 7 auf 17 Elemente, so zeigt sich sowohl in den
+Eigenschaften der ersten als auch der letzten Glieder dieser 17teiligen
+Periode eine geradezu verblüffende Ähnlichkeit mit den Gliedern der
+beiden kurzen Perioden. Diese „große“ Periode heißt also (unter
+Verwendung der Abkürzungszeichen für die Namen der Elemente):
+
+ ~K~ ~Ca~ ~Sc~ ~Ti~ ~V~ ~Cr~ ~Mn~ ~Fe~ ~Co~
+ ~Ni~ ~Cu~ ~Zn~ ~Ga~ ~Ge~ ~As~ ~Se~ ~Br~.
+
++Der Student+: Aber 17 Elemente können doch nicht mit 7 zur
+Deckung gebracht werden? Wie kann man in dieser Anordnung von
+korrespondierenden Eigenschaften sprechen?
+
++Der Chemiker+: Die kurzen, siebengliedrigen Perioden stimmen in ihren
+Eigenschaften sowohl mit den sieben ersten als auch mit den sieben
+letzten Elementen dieser langen Periode überein. Die lange Periode
+zerfällt also sozusagen in zwei kurze und ein Mittelstück, das aus den
+drei Elementen Eisen, Nickel und Kobalt besteht.
+
++Der Student+: Wenn ich mir diese kurzen Perioden betrachte, die Sie
+aus der langen herausschneiden, so finde ich, daß ihre Elemente mit den
+beiden ersten kurzen Perioden nur teilweise übereinstimmen wollen. Die
+vordere Hälfte, ~K~–~Mn~, stimmt nur in ihren drei ersten, die hintere
+mit den Elementen ~Cu~–~Br~ nur in ihren drei letzten Elementen gut mit
+den beiden kurzen Perioden zusammen. Dagegen scheint mir das Ende der
+~K~–~Mn~-Periode und der Anfang der ~Cu~–~Br~-Periode nicht so gut zu
+passen: denn ~Mn~ müßte doch ein Halogen sein, wie ~Cl~ und ~Br~, und
+~Cu~ müßte ein Alkalimetall sein, wie ~Li~, ~Na~ und ~K~.
+
++Der Chemiker+: Sie haben ganz recht, die Übereinstimmung dieser
+Elemente mit den Halogenen bzw. Alkalimetallen läßt zu wünschen übrig.
+Immerhin wollen Sie bedenken, daß das +Kupfer+ im einwertigen Zustand
+Salze bildet, welche im Aussehen und Verhalten den Alkalimetallsalzen
+nicht unähnlich sind: so ist das Kupferchlorür, ~CuCl~, +weiß+
+und nähert sich damit einigermaßen dem Chlornatrium, ~NaCl~, und
+Chlorkalium, ~KCl~. Denn die zweiwertigen Kupfersalze sind doch alle
+blau oder grün. Andrerseits bildet das +Mangan+ mit viel Sauerstoff
+ein flüssiges, leicht verdampfendes Oxyd ~Mn~_{2}~O~_{7}, welches
+den entsprechenden Oxyden des Chlors und Broms nicht unähnlich ist.
+Wenn Sie nun überhaupt die Wertigkeit der Elemente durch die ganze
+17gliedrige Periode verfolgen, so können Sie an der Berechtigung dieser
+Unterteilung nicht wohl mehr zweifeln.
+
++Der Student+: Gibt es denn noch mehr große Perioden?
+
++Der Chemiker+: Ja; mindestens noch +eine+ mit den folgenden Elementen:
+~Rb~ ~Sr~ ~Y~ ~Zr~ ~Nb~ ~Mo~ -- ~Ru~ ~Rh~ ~Pd~ ~Ag~ ~Cd~ ~In~ ~Sn~ ~Sb~
+~Te~ ~J~. Sie sehen: in dieser Periode ist +ein+ Element, zwischen
+Molybdän und Ruthenium, noch nicht entdeckt. Es müßte dem Mangan der
+ersten großen Periode entsprechen.
+
++Der Student+: Offenbar gilt für diese zweite große Periode dasselbe
+wie für die erste: das dreigliederige Mittelstück ~Ru~, ~Rh~, ~Pd~ muß
+ausgeschaltet werden; die beiden Reste sind kleine Perioden, welche
+wiederum nur in den drei ersten bzw. den drei letzten Gliedern gut mit
+den eigentlichen kleinen Perioden zusammenstimmen.
+
++Der Chemiker+: Ja; aber beachten Sie die gute Übereinstimmung in
++allen+ Gliedern der beiden großen Perioden. Auch die Mittelstücke
+Eisen, Nickel, Kobalt und Ruthenium, Rhodium, Palladium stimmen doch
+auffallend gut überein. -- Ich will Ihnen nun das ganze „periodische
+System“ mit allen Atomgewichten anschreiben (nach B. Brauner):
+
+ --------+------+------+------+------+-------+------+------+------+--------------
+ |Gruppe|Gruppe|Gruppe|Gruppe|Gruppe |Gruppe|Gruppe|Gruppe| Gruppe
+ | 0 | I | II | III | IV | V | VI | VII | VIII
+ --------+------+------+------+------+-------+------+------+------+--------------
+ Reihe 1 | | 1 | | | | | | |
+ | | H | | | | | | |
+ --------+------+------+------+------+-------+------+------+------+--------------
+ Reihe 2 | | 7 | 9 | 11 | 12 | 14 | 16 | 19 |
+ | | Li | Be | B | C | N | O | F |
+ --------+------+------+------+------+-------+------+------+------+--------------
+ Reihe 3 | | 23 | 24 | 27 | 28 | 31 | 32 | 35,5|
+ | | Na | Mg | Al | Si | P | S | Cl |
+ --------+------+------+------+------+-------+------+------+------+--------------
+ Reihe 4 | | 39 | 40 | 44 | 48 | 51 | 52 | 55 |56 58,97 58,63
+ | | K | Ca | Sc | Ti | V | Cr | Mn | Fe Co Ni
+ --------+------+------+------+------+-------+------+------+------+--------------
+ Reihe 5 | | 63 | 65 | 70 | 72 | 75 | 79 | 80 |
+ | | Cu | Zn | Ga | Ge | As | Se | Br |
+ --------+------+------+------+------+-------+------+------+------+--------------
+ Reihe 6 | | 85 | 87 | 89 | 90 | 94 | 96 |100 | 102 103 106
+ | | Rb | Sr | Y | Zr | Nb | Mo | ? | Ru Rh Pd
+ --------+------+------+------+------+-------+------+------+------+--------------
+ Reihe 7 | | 108 | 112 | 114 | 119 | 120 | 127,5|126,92|
+ | | Ag | Cd | In | Sn | Sb | Te | J |
+ --------+------+------+------+------+-------+------+------+------+--------------
+ Reihe 8 | |133 |137 |138 |140–178| 182 |184 | 190 | 191 193 195
+ | | Cs | Ba | La |Ce usw.| Ta |W | ? | Os Ir Pt
+ --------+------+------+------+------+-------+------+------+------+--------------
+ Reihe 9 | | 197 | 200 | 204 | 207 | 209 | 212 | 214 |
+ | | Au | Hg | Tl | Pb | Bi | ? | ? |
+ --------+------+------+------+------+-------+------+------+------+--------------
+ Reihe 10| |220 |225? |230 |233 |235 |239 | |
+ | | ? |Ra | ? |Th | ? | U | |
+ --------+------+------+------+------+-------+------+------+------+--------------
+
++Der Student+: Das soll also nun bedeuten, daß die untereinander
+stehenden Elemente in jeder Gruppe einander chemisch verwandt sind und
+diejenige Wertigkeit besitzen, welche der Gruppenzahl entspricht?
+
++Der Chemiker+: So ist es. Bei genauerem Zusehen werden Sie erkennen,
+daß ich die Elemente der Gruppen I–VII nicht genau untereinander
+geschrieben habe, sondern abwechselnd etwas nach links und nach rechts
+gerückt habe. Die links untereinanderstehenden bilden die sogenannte
++Hauptgruppe+, die nach rechts ausgerückten faßt man als „Nebengruppe“
+zusammen.
+
++Der Student+: Aber ist das nicht eine rein willkürliche Maßregel?
+
++Der Chemiker+: Nicht so ganz. Denn obwohl dieses Ausrücken nach links
+und rechts mit mathematischer Strenge genau abwechselnd erfolgte,
+ist es offenbar kein Zufall, daß jede dieser beiden Teilgruppen eine
+unverkennbare Verwandtschaftsgruppe bildet. In der I. Hauptgruppe
+stehen z. B. nur Alkalimetalle, in der II. Hauptgruppe nur alkalische
+Erdmetalle, in der VII. Nebengruppe nur Halogene. Dagegen umfaßt die
+erste Nebengruppe die unter sich ähnlichen Schwermetalle ~Cu~, ~Ag~,
+~Au~, welche zu den Elementen der Hauptgruppe eine viel geringere
+Ähnlichkeit haben als zueinander. Dieselbe Erscheinung wiederholt sich
+in jeder der sieben ersten Gruppen.
+
++Der Student+: Ich verstehe! Diese Anordnung trägt also auch den
+Unstimmigkeiten Rechnung, welchen wir oben bei der Zerschneidung der
+großen Perioden begegneten: das Mangan, als Element der siebenten
+Hauptgruppe, braucht den Elementen der siebenten Nebengruppe nicht
+völlig zu gleichen. Außerdem sehe ich, daß die mittleren drei Elemente
+der großen Perioden dadurch ganz von selbst in eine achte Gruppe nach
+rechts hinaus gedrängt werden. Stimmen diese Elemente denn in ihren
+Eigenschaften so zusammen, daß sie mit Recht in eine Gruppe vereinigt
+werden dürfen?
+
++Der Chemiker+: Ohne Zweifel. Die Elemente Eisen, Nickel, Kobalt und
+die sechs Platinmetalle haben sowohl in ihren metallischen als auch
+in ihren chemischen Eigenschaften eine unverkennbare Verwandtschaft.
+Die Platinmetalle finden sich z. B. in der Natur fast stets mit Eisen
+legiert, in den Meteoriten sind Eisen, Nickel und Kobalt miteinander
+vergesellschaftet. Ganz besonders zeigt sich die Verwandtschaft
+dieser Metalle der achten Gruppe miteinander in ihrer großen Neigung
+zur Bildung sogenannter komplexer Salze, in welchen um ein zentrales
+Metallatom 6 Atomgruppen gelagert sind. Auch die +Farben+ ihrer
+einfachen Salze, die meist grün, braun oder weinrot sind, zeigen eine
+große Ähnlichkeit. Endlich ist die Zuteilung dieser Metalle zur achten
+Gruppe dadurch gerechtfertigt, daß sie wohl die einzigen Elemente
+sind, bei welchen zweifellos die Achtwertigkeit beobachtet wurde: so im
+Osmiumtetroxyd ~OsO₄~.
+
++Der Student+: Die Existenz einer solchen achten Gruppe stört aber das
+Wertigkeits-Gleichgewicht unseres Systems, denn nun ist die vierte
+Gruppe nicht mehr die Mitte.
+
++Der Chemiker+: Dieser schwerwiegende Einwand wurde durch die
+Entdeckung der sogenannten +Edelgase+ entkräftet. Dies sind die
+Elemente mit den Atomgewichten: Helium 4, Neon 20, Argon 40, Krypton
+82, Xenon 128. Da sie sich absolut gar nicht mit anderen Elementen
+verbinden lassen, so besitzen sie offenbar gar keine Wertigkeit: sie
+sind +nullwertig+ und müssen, wenn sie überhaupt dem periodischen
+System zugeteilt werden sollen, eine +nullte+ Gruppe bilden. Diese
+stellt dann das durch die achte Gruppe gestörte Gleichgewicht wieder
+her.
+
++Der Student+: Sollte man denn nicht erwarten dürfen, daß auch die
+Elemente der achten Gruppe als nullwertig im Sinne der Symmetrie
+auftreten?
+
++Der Chemiker+: Sie entsprechen auch dieser Anforderung insofern, als
+sie -- wenigstens die Platinmetalle -- +edle+ Eigenschaften haben, also
+eine gewisse Neigung, blank und unverbunden zu bleiben.
+
++Der Student+: Das ist in der Tat sehr merkwürdig. -- Gibt es noch
+weitere gesetzmäßige Beziehungen zwischen den chemischen Elementen,
+welche ihren Ausdruck im periodischen System finden?
+
++Der Chemiker+: O, eine ganze Menge. Zunächst haben Sie wohl selbst
+schon beobachtet, daß innerhalb jeder Gruppe sich die Eigenschaften
+der Elemente mit den steigenden Atomgewichten beträchtlich ändern. Das
+spezifische Gewicht, der Glanz und überhaupt der metallische Charakter
+nimmt zu, die Farben werden dunkler. Betrachten Sie z. B. die Elemente
+der siebenten Gruppe +Fluor+, +Chlor+, +Brom+ und +Jod+. Ich stelle
+hier in einer Tabelle ihre wichtigsten Eigenschaften zusammen:
+
+ ===================+================+=========+========+==============
+ | +Fluor+ | +Chlor+ | +Brom+ | +Jod+
+ -------------------+----------------+---------+--------+--------------
+ Farbe |schwach gelbgrün|gelbgrün |braunrot|schwarzviolett
+ -------------------+----------------+---------+--------+--------------
+ Spez. Gewicht | 1,108 | 1,33 | 3,18 | 4,97
+ (fest oder flüssig)| | | |
+ -------------------+----------------+---------+--------+--------------
+ Schmelzpunkt | -233 ° |-102 ° | -7 ° | +113 °
+ -------------------+----------------+---------+--------+--------------
+ Siedepunkt | -187 ° | -33 ° | +63 ° | +200 °
+ -------------------+----------------+---------+--------+--------------
+ Atomgewicht | 18,91 | 35,18 | 79,36 | 126,01
+
+Sie sehen, wie alle Eigenschaften sich im gleichen Sinne verändern wie
+das Atomgewicht.
+
++Der Student+: Das ist so merkwürdig, daß man fast versucht wäre zu
+prüfen, ob die Abstufung dieser Zahlen nach einem mathematischen Gesetz
+erfolgt.
+
++Der Chemiker+: Sie haben einen guten Spürsinn, denn ein solches Gesetz
+besteht in der Tat. Wenn Sie die Atomgewichte der drei Elemente Chlor,
+Brom und Jod betrachten, so erkennen Sie leicht, daß das Atomgewicht
+des Broms das arithmetische Mittel zwischen den beiden andern ist:
+
+ Chlor = 35,18
+ Jod = 126,01
+ --------
+ Summe = 161,19 : 2 = 80,59 (statt 79,36).
+
+Die Rechnung stimmt nicht +ganz+ genau, aber doch sehr angenähert.
+Dieselbe Gesetzmäßigkeit gilt mit etwa gleicher Genauigkeit für
+die spezifischen Gewichte und die Schmelzpunkte und sogar für die
+Wasserlöslichkeit der Metallverbindungen.
+
++Der Student+: Wer hat dieses merkwürdige Gesetz entdeckt?
+
++Der Chemiker+: Es rührt von dem deutschen Chemiker Döbereiner, der es
+als „Gesetz der Triaden“ bezeichnet hat. Denn selbstverständlich können
+daran stets nur drei Elemente beteiligt sein. Sie können sich daher
+leicht überzeugen, daß das vierte Halogen, das Fluor, im Atomgewicht
+und in den übrigen Eigenschaften einen geradezu sprunghaften Abstand
+von unserer Triade hält.
+
++Der Student+: Gibt es noch andere solche Triaden?
+
++Der Chemiker+: Fast in jeder Gruppe ist eine enthalten.
+
+Die wichtigsten sind wohl: Argon, Krypton, Xenon; Kalium, Rubidium,
+Zäsium; Kalzium, Strontium, Baryum; Aluminium, Gallium, Indium;
+Silizium, Germanium, Zinn; Phosphor, Arsen, Antimon; Schwefel, Selen,
+Tellur.
+
++Der Student+: Was sagt nun das periodische System der Elemente über
+den Unterschied zwischen Metallen und Nichtmetallen?
+
++Der Chemiker+: Ziehen Sie von der linken oberen Ecke bis zur rechten
+unteren einen Diagonalstrich durch das System, dann befinden sich
+oberhalb des Striches die Metalloide, unterhalb die Metalle.
+
++Der Student+: Das ist allerdings eine verblüffend klare Antwort auf
+unsere Frage. Aber welche Stellung nehmen diejenigen Elemente dazu,
+welche von diesem Strich geschnitten werden oder ganz nahe bei ihm
+stehen? Vermutlich bilden sie Übergänge in ihren Eigenschaften zwischen
+Metallen und Metalloiden?
+
++Der Chemiker+: Sie meinen also Elemente, wie das Arsen, Antimon,
+Molybdän, Wolfram, Tellur. Diese zeigen zugleich metallische und
+nichtmetallische Eigenschaften in sich vereinigt. Als Metalle lösen
+sie sich in Säuren meistens unter Wasserstoffentwicklung auf und gehen
+in kristallisierende Salze über. Als Nichtmetalle bilden sie durch
+die Vereinigung ihrer Oxyde mit Wasser Säuren, welche ihrerseits mit
+Basen Salze bilden können. So gibt es z. B. einerseits +schwefelsaures
+Antimon+, andrerseits +antimonsaures Kalium+. Je höher ein Element über
+dem Diagonalstrich steht, um so mehr überwiegen seine säurebildenden
+Eigenschaften über die metallischen (basenbildenden). Wenn Sie das
+System allerdings sehr aufmerksam betrachten, kann Ihnen eine gewisse
+Ungleichförmigkeit in dieser Beziehung nicht entgehen.
+
++Der Student+: Sie meinen wahrscheinlich das ungleiche Verhalten von
+Haupt- und Nebengruppen in bezug auf diesen Unterschied zwischen
+Metall- und Nichtmetallcharakter?
+
++Der Chemiker+: Allerdings. Links von der Mitte des Systems enthalten
+die Nebengruppen viel schwerere, glänzendere, „metallischere“ Metalle
+als die Hauptgruppen; rechts von der Mitte ist es umgekehrt. Betrachten
+Sie nur die V., VI. und VII. Gruppe: da stehen die drei ausgesprochen
+metallischen Elemente Vanadin, Chrom und Mangan zwischen ebenso
+ausgesprochen nichtmetallische eingekeilt: zwischen Phosphor und Arsen,
+Schwefel und Selen, Chlor und Brom. Der metallische Charakter eilt also
+in der Nebengruppe dem in der Hauptgruppe voraus.
+
++Der Student+: In dem, was Sie da sagen, scheint mir ein gewisser
+Widerspruch zu liegen, wenn ich es auf die erste Gruppe anwende. Was
+soll da das eigentliche Kennzeichen des Metallischen sein? -- Ist es
+Glanz und Dichte, so ist die Nebengruppe (Kupfer, Silber, Gold) die
+metallischere. Ist es aber die Neigung zur Basenbildung, so muß die
+Hauptgruppe (Kalium, Rubidium, Zäsium) als die metallischere gelten,
+weil ihre Oxyde nicht bloß die stärksten Basen, sondern schlechthin
++nur+ Basen sind. Dagegen bildet das Gold doch bereits ein saures Oxyd.
+Also, was soll nun gelten?
+
++Der Chemiker+: Sie haben ganz recht. Hier liegt ein offenkundiger
+Widerspruch verborgen. Die chemische und die physikalische Definition
+des Begriffs „metallisch“ decken sich zwar häufig, aber nicht
+immer, und hier handelt es sich um einen Fall, in dem sie merklich
+auseinandergehen.
+
++Der Student+: Gibt es auch innerhalb der wagrechten Reihen solche oder
+ähnliche Gesetzmäßigkeiten, wie wir sie in den senkrechten Gruppen
+festgestellt haben?
+
++Der Chemiker+: Allerdings. Beobachten Sie nur z. B. die Unterschiede
+der Atomgewichte zweier benachbarter Elemente in den Reihen 2 und 3:
+
+ Reihe 2: 2--2--1--2--2--3,
+ Reihe 3: 1--3--1--3--1--3,5.
+
++Der Student+: Das sind allerdings sehr regelmäßige Sprünge, aber mir
+scheint, sie sind doch nicht ganz symmetrisch verteilt: sonst müßte
+am Anfang der beiden Reihen noch eine Differenz von derselben Größe
+stehen, wie am Schluß?
+
++Der Chemiker+: Sie haben sehr richtig beobachtet; aber diese Forderung
+ist inzwischen durch die Entdeckung der Edelgase bereits erfüllt
+worden. In der nullten Gruppe steht nämlich am Anfang der Reihe 2 das
+Helium mit dem Atomgewicht 4; die Differenz zum benachbarten Lithium
+beträgt also 3, wie es die Theorie fordert. Am Anfang der Reihe 3 steht
+aber das Neon mit dem Atomgewicht 20, seine Differenz zum benachbarten
+Natrium beträgt 3.
+
++Der Student+: Entspricht dieser auffallenden Gesetzmäßigkeit auch eine
+solche in den physikalischen oder chemischen Eigenschaften?
+
++Der Chemiker+: Sie wollen also wissen, ob bestimmte physikalische oder
+chemische Eigenschaften der Elemente einer wagrechten Reihe gegen die
+Mitte ab- oder zunehmen? -- In bezug auf die +Wertigkeit+ der Elemente
+konnten wir diese Frage schon insofern bejahen, als wir gesehen
+haben, daß die Wertigkeit gegenüber dem Wasserstoff für alle Elemente
+der zweiten Reihe von beiden Seiten her gegen die Mitte anwächst
+bis zum Höchstwert der Vierwertigkeit. Dasselbe gilt aber auch für
+physikalische Eigenschaften, z. B. für die spezifischen Gewichte, wie
+folgende Vergleichung zeigt:
+
+ Reihe 3: ~Na~ ~Mg~ ~Al~ ~Si~ ~P~ ~S~ ~Cl~
+ spez. Gewicht: 0,97 1,7 2,5 2,5 2,0 1,9 1,3
+
+Diese dritte Reihe ist, wie wir wissen, eine vollständige Periode.
+Für die vierte und fünfte Reihe gilt das Gesetz scheinbar nicht, da
+in der vierten Reihe die spezifischen Gewichte von links nach rechts
+fortwährend zunehmen, in der fünften aber ebenso gleichmäßig abnehmen.
+Der Grund ist, daß die vierte und fünfte Reihe zusammen eine große
+Periode bilden, für welche das Gesetz des Anwachsens der spezifischen
+Gewichte bis zur Mitte genau so gilt, wie für die kleinen Perioden:
+
+ ~K~ ~Ca~ ~Sc~ ~Ti~ ~V~ ~Cr~ ~Mn~ ~Fe~ ~Co~
+ 0,86 1,6 3,8 ? 5,5 6,8 7,2 7,9 8,5
+
+
+ ~Ni~ ~Cu~ ~Zn~ ~Ga~ ~Ge~ ~As~ ~Se~ ~Br~
+ 8,8 8,8 7,1 5,9 5,5 5,6 4,6 2,9
+
++Der Student+: Sie haben in unserer Tabelle des periodischen Systems
+an einigen Stellen Fragezeichen statt der Symbole von Elementen
+angebracht, weil die betreffenden Elemente offenbar noch nicht bekannt
+sind. Aber wenn ich die Fülle von Gesetzmäßigkeiten bedenke, welche
+wir bis jetzt am periodischen System erkannt haben, so sollte ich doch
+meinen, daß man damit die Eigenschaften dieser Elemente ziemlich gut
+voraussagen könnte.
+
++Der Chemiker+: Dies ist auch möglich, und zwar mit um so größerer
+Sicherheit, je vollständiger die Umgebung des unbekannten Elements
+bekannt ist. +Mendelejeff+ hat auf diese Weise die wichtigsten
+Eigenschaften der drei Elemente +Skandium+, +Germanium+ und +Gallium+
+vor ihrer Entdeckung vorausgesagt, und es war geradezu verblüffend,
+wie genau die meisten seiner Angaben mit den späteren Beobachtungen
+übereinstimmten. Er hatte für das noch unentdeckte Skandium den Namen
+Ekabor, für das Gallium Ekaaluminium, für das Germanium Ekasilizium
+gewählt. Seine so überraschend eingetroffenen Prophezeiungen
+beschränkten sich durchaus nicht bloß auf die Eigenschaften der
+Elemente selbst, sondern sie beschrieben auch diejenigen einiger
+Verbindungen.
+
++Der Student+: Wie konnte er diese Angaben so genau machen?
+
++Der Chemiker+: Er leitete sie als arithmetisches Mittel aus denjenigen
+vier Elementen ab, welche das zu bestimmende umgeben. Diese vier nannte
+er die Atomanaloge. Für das Germanium (Mendelejeffs Ekasilizium)
+waren es die vier Elemente Silizium, Zinn, Gallium und Arsen. Die
+Atomgewichtsbestimmung erfolgte in diesem Fall also dadurch, daß er die
+Atomgewichte dieser vier Elemente addierte und durch vier teilte:
+
+ ~Si~ 28 + ~Sn~ 119 + ~Ga~ 70 + ~As~ 75 = 292
+ 292 : 4 = 73.
+
+Das wirkliche Atomgewicht des Germaniums wurde als 72 bestimmt.
+
++Der Student+: Sind nun solche kleinen Abweichungen der berechneten
+und gefundenen Werte, wie wir sie auch an den Döbereinerschen
+Triaden beobachtet haben, als Fehler in den Atomgewichtsbestimmungen
+zu betrachten, oder kann man sagen, daß die Gesetze selbst nicht
+mathematisch genau verlaufen?
+
++Der Chemiker+: Noch vor 20 Jahren glaubte man allgemein, daß diese
+Unstimmigkeiten auf Beobachtungsfehler, also auf ungenau bestimmte
+Atomgewichte, zurückgeführt werden müßten. Jetzt ist diese Ansicht
+endgültig als Irrtum erkannt. Die Atomgewichte der meisten Elemente
+sind mit so außerordentlicher Zuverlässigkeit bestimmt, daß die
+Ungenauigkeiten der Triaden unbedingt nicht auf Bestimmungsfehler
+zurückgeführt werden können. Noch merkwürdiger sind aber einige andere
+Ausnahmen. Das +Tellur+ müßte, da es in der sechsten Gruppe steht, ein
+kleineres Atomgewicht haben als das in derselben Reihe folgende Element
++Jod+ der siebenten Gruppe. Das Atomgewicht des Tellurs ist aber 127,5,
+das des Jods 126,92. Vertauscht können diese Elemente natürlich nicht
+werden, denn ihre Zugehörigkeit zur sechsten bzw. siebenten Gruppe ist
+über alle Zweifel erhaben. Also bleibt nur die Annahme möglich, daß die
+Eigenschaften der Elemente zwar im großen und ganzen, aber doch nicht
+im einzelnen als periodische Funktionen der Atomgewichte zu betrachten
+sind.
+
++Der Student+: Das ist ja ungemein merkwürdig! Sie sprachen davon, daß
+es noch andere solche Fälle gäbe?
+
++Der Chemiker+: Ja. Dasselbe gilt, wie Sie aus unserer Tabelle ersehen,
+für das Paar Kobalt (58,97) -- Nickel (58,68) und für das Paar Argon
+(39,6) -- Kalium (38,85), endlich für das in unserer Tabelle nicht
+enthaltene Paar Neodym (143,6) -- Praseodym (140,5). Ja, selbst in
+diesen Unstimmigkeiten offenbart sich eine Gesetzlichkeit: nicht
+bloß darin, daß es stets Element-+Paare+ sind, sondern auch in ihrer
+symmetrischen Verteilung im periodischen System; das Paar Argon --
+Kalium liegt am Ende der zweiten +kleinen+ Periode, das Paar Tellur --
+Jod am Ende der zweiten +großen+ Periode. Um fünf bis sechs Elemente
+hinter jedem dieser beiden Paare folgen, gleichsam als Trabanten, die
+beiden anderen Atompaare Kobalt -- Nickel und Neodym -- Praseodym.
+Diese beiden sind noch überdies durch eine andere Eigenschaft in
+korrespondierende Beziehungen zueinander gebracht; das erste Element
+beider Paare bildet rote, das zweite grüne Salze. -- Doch alle diese
+Unregelmäßigkeiten sind noch weit davon entfernt, erklärt oder auch nur
+genauer erforscht zu sein. Dies bleibt eine Aufgabe der zukünftigen
+Chemie.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Welt und Wissen-Bibliothek
+
+
+Bis jetzt sind folgende Bände erschienen:
+
+ =1. Illustrierte Himmelskunde= von +Felix Erber+.
+
+ =2. Entdeckungsreisen am Nord- und Südpol= von ~Dr.~ +J.
+ Wiese+.
+
+ =3. Das illustrierte Buch der Technik= von +Oskar Hoffmann+.
+
+ =4. Luftschiffahrt und Flugtechnik= von +A. V. von
+ Frankenberg+ und +Ludwigsdorff+.
+
+ =5. Asien, Land und Leute= von ~Dr.~ +Alfred Berg+.
+
+ =6. Der Bau des menschlichen Körpers= von ~Dr.~ +G.
+ Zehden+.
+
+ =7. Illustrierte Tierkunde= von ~Dr.~ +Heinz Welten+.
+
+ =8. Illustriertes Buch der Chemie= von ~Dr.~ +Heinrich
+ Wiesenthal+.
+
+ =9. Körper- und Schönheitspflege= von +Reinhold Gerling+.
+
+ =10. Afrika, Land und Leute= von ~Dr.~ +Alfred Berg+.
+
+ =11. Streifzüge im Reiche der Physik= von +L. Wunder+.
+
+ =12. Bilder aus dem Leben der Pflanze= von ~Dr.~ +C. W.
+ Schmidt+.
+
+Jeder Band ist abgeschlossen und reich illustriert.
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75670 ***