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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-03-17 05:21:20 -0700 |
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diff --git a/75641-0.txt b/75641-0.txt new file mode 100644 index 0000000..6115f46 --- /dev/null +++ b/75641-0.txt @@ -0,0 +1,4346 @@ + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75641 *** + + + #################################################################### + + Anmerkungen zur Transkription + + Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1856 so weit + wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler + wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr + verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; + fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert. + + Die Verwendung von gesperrter Schrift für Personen- und Ortsnamen + wurde im Original inkonsistent gehandhabt, dennoch wurden in der + vorliegenden Fassung dahingehend keinerlei Korrekturen vorgenommen. + + Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der + folgenden Symbole gekennzeichnet: + + gesperrt: +Pluszeichen+ + Angiqua: ~Tilden~ + + #################################################################### + + + + +[Illustration: Holzschnitt und Druck von Eduard Kretzschmar in Leipzig. + +Niagara-Fall.] + + + + + Meine + + Zweite Weltreise. + + + Von + + Ida Pfeiffer, + + Verfasserin der „Reise in das heilige Land“, der „Reise nach Island“ + und der „Frauenfahrt um die Welt.“ + + + Vierter Theil. + + Vereinigte Staaten von Nordamerika. + + + Wien. + + Carl Gerold’s Sohn. + 1856. + + + + + Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen behält sich die + Verfasserin vor. + + + Druck von Carl Gerold’s Sohn. + + + + +Inhalt des vierten Bandes. + + + Achtzehntes Kapitel. Seite + + Neu-Orleans. -- Oeffentliche Gebäude. -- Hôtels. -- + Der Französische Marktplatz. -- Oeffentliche Sklaven-Versteigerung. + -- Besuch einer Plantage. -- Die Sklaverei. + -- Beispiele von grausamer Behandlung der Sklaven. + -- Die freien Neger und Farbigen. -- Nachsicht + mit den weißen Verbrechern. 1 + + Neunzehntes Kapitel. + + Abreise von Neu-Orleans. -- Napoleon. -- Fahrt auf + dem Arkansas. -- Little Rock. -- Gesellschaft auf den + Dampfern. -- Amerikanische Ungezwungenheit. -- Kinder-Emancipation. + -- Fort Smith. -- Die Cherokee-Indianer. + -- St. Louis. -- Highland. -- Die Farmer. + -- Pipin- und St. Croix-See. 32 + + Zwanzigstes Kapitel. + + St. Paul. -- Die St. Antony-Fälle. -- Die Pelzjäger. + -- Die Fahrt in der Postkutsche. -- Stillwater. -- + St. Croix. -- Rückkehr nach Galena. -- Amerikanische + Geduld. -- Chicago. -- Der Michigan-See. -- Milvaukee. + -- Die unterirdische Eisenbahn. -- Die Mormonen. + -- Der Lake Superior. -- Die Indianer. -- + Der Huron- und Erie-See. -- Cleveland. -- + Niagara-Falls-Village. 70 + + Einundzwanzigstes Kapitel. Seite + + Die Fälle des Niagara. -- Der Ontario-See. -- Die + tausend Inseln. -- Montreal. -- Quebek. -- Die Amerikanischen + Eisenbahnen. -- Neu-York. -- Merkwürdigkeiten + der Stadt. -- Die Hôtels. -- Die schwarzen + Minstrels. -- Emancipation. -- Gerichtsverfahren. 104 + + Zweiundzwanzigstes Kapitel. + + Die Umgebungen Neu-Yorks. -- Die öffentlichen Institute. + -- Blackwells- und Randalls-Island. -- Die Five-Points. + -- Reise nach Boston. -- Der Empfehlungsbrief. + -- Festessen der Massachusetts-Mechaniker-Gesellschaft. + -- Waisenhaus, Gefängniß u. s. w. -- Cambridge. + -- Lowell. -- Rückkehr nach Neu-York. -- Die + Wahl. -- Abschied von den Vereinigten Staaten. 141 + + Dreiundzwanzigstes Kapitel. + + Ankunft in Liverpool. -- Reise nach St. Miguel. -- Punta-del-Gada. + -- Sonderbare alterthümliche Gebräuche. + -- Villa-Franca. -- Das Ilheo. -- Der Badeort Furnas. + -- Die heißen Quellen. -- Abreise von St. Miguel. + -- Die Einfahrt des Tajo. -- Lissabon. -- Ankunft + in England. -- Nachruf. 171 + + + + +Achtzehntes Kapitel. + + Neu-Orleans. -- Oeffentliche Gebäude. -- Hôtels. -- Der französische + Marktplatz. -- Oeffentliche Sklaven-Versteigerung. -- Die + Sklavenhändler. -- Besuch einer Plantage. -- Die Sklaverei. -- + Beispiele von grausamer Behandlung der Sklaven. -- Die freien Neger + und Farbigen. -- Nachsicht mit den weißen Verbrechern. + + +Die Entfernung von Aspinwall nach Neu-Orleans beträgt 1440 Seemeilen, +von welchen 1350 auf den Mexikanischen Meerbusen, 90 auf den +Mississippi kommen. Die Fahrt bis an die Mündung dieses mächtigen +Stromes legten wir ohne Unfall oder Abenteuer in fünf Tagen zurück. +Die schmutzig gelben Wogen des Mississippi wälzen sich der See mit +Ungestüm entgegen, und meilenweit vom Gestade erkennt man sein Gewässer +an der Färbung. An der Mündung erscheint der Strom endlos wie die See. +Auch höher hinauf noch breitet er sich schrankenlos über das tief +liegende Erdreich aus, und gönnt kaum hie und da einer Sandbank, einem +Erdfleckchen Platz. Nach und nach drängt sich mehr Land hervor, der +kühne Fischer wagt es schon, sein bescheidenes hölzernes Hüttchen +darauf zu bauen; noch höher hinauf beginnen die künstlichen Erdwälle, +die den Strom einfassen und sein Bett beschränken. Einen ängstlichen +Eindruck macht es zu Anfang auf den Reisenden, den Strom sechs bis +acht Fuß über das Land emporragen zu sehen: statt auf das Ufer hinauf, +blickt man auf dasselbe hinunter. Wie leicht kann er seine Fesseln +brechen und Tod und Verderben über die sorglosen Ansiedler bringen! Den +Fischerhütten folgt bald fetter Grasboden, diesem einzelnes Gestrüppe, +das nach und nach Gruppen bildet und endlich in kleine Waldungen +übergeht. Da kommt auch schon der Mensch mit seinem Fleiße. Mais und +Zuckerpflanzungen wechseln mit den Waldparthien, und wie das Land an +Räumlichkeit gewinnt, vermehrt sich die Kultur, bis zuletzt die schönst +geordneten Pflanzungen sich ununterbrochen an einander reihen. Die +netten Häuser der Pflanzer, die Zuckermühlen mit ihren hohen Kaminen, +die kleinen, aber niedlich aussehenden Hütten der Sklaven verleihen dem +Ganzen ein überaus freundliches Aussehen. Beneidenswerth möchte man +das Loos der Bewohner nennen, wüßte man nicht, daß alle, die Pflanzer +ausgenommen, -- Sklaven sind. + +Ungefähr auf halbem Wege zwischen der Mündung des Mississippi und +Neu-Orleans kommt man an dem einfachen Fort „+Jackson+“ vorüber. + +Gegen Mitternacht fiel der Anker vor +Neu-Orleans+, der größten Stadt +in dem Staate +Louisiana+. + +Ungeachtet der späten Stunde eilten die meisten Reisenden noch an’s +Land, jeder hatte Freunde oder Verwandte und wußte, wohin zu gehen -- +ich hatte niemanden aufzusuchen, ich stand allein und verweilte daher +bis zum folgenden Morgen ruhig in meiner Zelle. + +Bei der Landung bekam ich schon einen kleinen Vorgeschmack von der hier +herrschenden republikanischen Gleichheit. Unter den Reisenden befand +sich ein sehr hübsches Mädchen von etwa zwanzig Jahren, mit blendend +weißer Hautfarbe und schönem, schwarzem Haar, das nur vorn ein wenig +gekräuselt war und so dem scharfen Beobachter einigen Zweifel an der +Reinheit des Blutes hätte einflößen können. Kaum hatte die Arme den Fuß +an’s Land gesetzt, so wurde sie von einem Gerichtsdiener angehalten und +in das Gefängniß gebracht, wo sie abwarten mußte, bis ihre Verwandten +kamen, zu beweisen, daß sie frei sei. + +Ich hatte dieses Mädchen schon bemerkt, als ich mich in Aspinwall +einschiffte; sie fiel mir durch ihre Schönheit und durch ihr +bescheidenes Benehmen auf. Sie verschwand jedoch alsbald und kam +während der ganzen Reise nicht wieder zum Vorschein. Als ich mich +erkundigte, ob sie seekrank sei, daß sie gar nie zu Tisch käme, gab +mir einer der Herren, die Nase rümpfend, zur Antwort: „Wie könnte eine +Farbige es wagen, in unsere Gesellschaft zu kommen? Jede unserer Frauen +würde vom Tische aufstehen.“ Und diese Weißen mit so abgeschmackten, +inhumanen Ideen sind dieselben, die den ganzen Sonntag über nichts +anderes thun, als Kirchen besuchen und die Bibel lesen, von der sie (so +beweist wenigstens ihr Benehmen) wahrhaftig nicht mehr zu verstehen +scheinen, als ein Papagei von den Worten, die er plappern lernt. + +Am letzten Tage der Reise, schon nahe der Gegend von Neu-Orleans, kam +das arme, von der Gesellschaft verbannte Geschöpf manchmal auf das +Deck; ich sprach mit dem Mädchen und fand sie höchst liebenswürdig und +gebildet -- ich möchte allen weißen Mädchen wünschen, daß sie ihr an +Bildung und Bescheidenheit glichen. + +Die Stadt Neu-Orleans steht auf morastigem Grunde, an manchen Stellen +acht Fuß unter dem Niveau des Stromes. Sie nimmt sich sehr gut aus, +ist regelrecht gebaut, besitzt viele schöne Häuser von Backsteinen, +breite Straßen und einige hübsche Squares (Plätze) mit freundlichen +Gartenanlagen. Schade, daß die Straßen, wenige ausgenommen, so +schmutzig und unrein sind! Längs der Fußwege laufen wohl kleine Rinnen +oder Kanäle für fließendes Wasser; aber theils sind sie ausgetrocknet, +theils gleichen sie im vollsten Sinne des Wortes den ekelhaftesten +Pfützen; man ist häufig gezwungen, das Tuch vor die Nase zu halten. Mit +dem Unrathe nehmen es die Leute auch nicht so genau: sie werfen vieles +auf die Straße. Im Regenwetter sind manche Straßen beinahe ganz unter +Wasser. Bei dieser Unreinlichkeit, mit der sumpfigen Gegend rings umher +und der glühenden Hitze, ist es nicht zu wundern, daß diese Stadt so +oft von dem gelben Fieber besucht wird. + +Neu-Orleans zählt bei 150,000 Einwohner, von welchen ungefähr ein +Drittheil Franzosen, ein Drittheil Amerikaner, ein Drittheil Deutsche +und andere Nationalitäten. Unter dem Namen „Amerikaner“ versteht man +eigentlich nur jene, die von den Engländern abstammen. Meiner Meinung +nach gebührt dieser Name entweder allen von Einwanderern Abstammenden, +die im Lande geboren, oder gar keinem, denn „Amerikaner“ ist eigentlich +nur der Indianer. Allein der Stolz der Engländer verleugnet sich +nirgends, und so haben sie sich ausschließend einen Namen zugeeignet, +der ihnen so viel oder so wenig zukommt, wie allen übrigen Nationen. + +Neu-Orleans ist für den Welthandel der Vereinigten Staaten im Süden, +was Neu-York im Norden. Es ist die drittgrößte Handelsstadt, aber die +erste als Ausfuhrplatz. + +Der Strom ist meilenlang mit Dampfern und Schiffen jeder Art bedeckt. +Achthundert Dampfer befahren von hier aus den Mississippi und dessen +Nebenflüsse. Ein großer Theil dieser Dampfer hat vier- bis sechshundert +Pferdekraft, zwei Stockwerke, schöne Gallerieen -- man glaubt eine +Stadt von hölzernen Palästen vor sich zu sehen. + +Im Spätherbste soll es auf dem Mississippi noch ungleich lebhafter +zugehen, als es zur jetzigen Zeit der Fall war. Da ist die Ernte +vorüber, Zucker und Baumwolle, die Hauptartikel der Ausfuhr, liegen +bereit und werden in alle Weltgegenden versendet. Im Jahre 1853 wurden +gegen fünf Millionen Zentner Zucker ausgeführt. + +Seit kurzem haben die Pflanzer angefangen, mit der Guano-Düngung +Versuche zu machen, wobei sich ein Gewinn von 100-150 Prozent ergab. +Welch’ ungeheuere Steigerung wird dieß mit der Zeit in der Produktion +bewirken! + +Außer dem Mississippi, dem mächtigsten Strome der Vereinigten Staaten, +außer der Schiffswelt, die sich längs der Stadt ausbreitet, hat +Neu-Orleans nicht viel Anziehendes. Die Umgebung ist eben, auch nicht +durch den kleinsten Erdhügel unterbrochen. + +Unter den Gebäuden zeichnen sich die Hôtels (besonders das St. +Charles-Hôtel), die Münze, die Banken, die Maurer- und andere Logen, +das Charity-Hospital, die katholische Kathedrale aus. Beinahe alle +diese Gebäude sind aus Quadersteinen erbaut. + +Die katholische Kathedrale nimmt sich sehr gut aus, ist in Gothischem +Style gebaut und besitzt einen schönen, eisernen, durchbrochen +gearbeiteten Thurm. Das Innere ist einfach und sauber, nur mißfiel mir +die nach dem Vorbilde von London gemachte Eintheilung in Logen und +Sperrsitze. + +Das Hôtel St. Charles ist überaus großartig angelegt: es hat ein +herrliches Portal mit einer Säulenreihe. Die innere Einrichtung +entspricht der äußeren Pracht. Hohe, große Empfangssäle, mit dem +größten Luxus ausgestattet, Lese-Säle mit allen Zeitungen der Welt, +dabei zahllose Dienerschaft und eine Kost, die selbst dem Verwöhntesten +nichts zu wünschen übrig läßt. Man zahlt zwar drei Dollars per Tag; +bedenkt man aber, was man alles dafür hat, so ist der Preis nicht gar +so übertrieben. Ueber die Maßen theuer dagegen sind die Empfangszimmer, +wenn man sie zu seinem ausschließenden Gebrauche miethen will: +ein Empfangszimmer kostet per Tag acht Dollars. Doch werden sie +selten gemietet. Der Amerikaner geht den größten Theil des Tages +seinen Geschäften nach; kommt er nach Hause, so verweilt er in den +allgemeinen Besuch- oder Lese-Zimmern. Da wird geschrieben, gelesen, +Musik gemacht, Kinder tummeln sich umher, eins nimmt auf das andere +keine Rücksicht, jeder benimmt sich, als wäre er in seinen eigenen +Zimmern. Eben so ungezwungen geht es bei Tisch zu. Man ist in Betreff +der Mahlzeiten nicht an bestimmte Stunden gebunden. Das Frühstück +beginnt z. B. um 7 Uhr Morgens und währt bis 10, das Gabelfrühstück von +12 bis 2 Uhr u. s. w. Man kommt in dieser Zeit je nach Belieben und +läßt sich geben, was die Speisekarte enthält. Bei Tische geht es höchst +einsilbig zu. Der Amerikaner betrachtet, wie bereits erwähnt, selbst +das Essen als ein Geschäft und schlingt die Speisen so hastig hinunter, +daß ihm für ein Gespräch keine Muße bleibt. Ueberdieß sprechen sich +Leute, die sich nicht kennen oder einander nicht vorgestellt worden +sind, gar nicht an; dieß würde für eine halbe Beleidigung gelten. Und +so kann ein Fremder in dem größten Gasthause wohnen und täglich in +zahlreicher Gesellschaft speisen, ohne Gelegenheit zu finden, auch nur +eine Bekanntschaft zu machen oder ein Wort anzubringen. + +Das Charity-Hospital ist sehr gut eingerichtet; die Gemächer sind +ziemlich groß, Betten und Wäsche weiß und rein. Ein Theil der +Krankenpflege wird von barmherzigen Schwestern besorgt, welchen man +vorwirft, mit gar zu großem Eifer aus den Kranken und Sterbenden +Proselyten zu machen. Thun doch die Anglikaner, Presbyterianer, und +wie alle die Sekten heißen, dasselbe! Jeder meint, daß die Form seiner +Religion die einzig wahre und seligmachende sei. + +Außer dem Charity-Hospital gibt es viele sehr gut eingerichtete +Privat-Spitäler, in welchen der Kranke täglich einen Dollar bezahlt. + +Die Münze ist die schönste in den Vereinigten Staaten. Das herrlichste +Gebäude dürfte jedoch das Zollhaus werden, welches im Bau begriffen +ist, an dessen Vollendung man aber leider zweifelt. Es nimmt einen +ganzen Block[1] ein. + +Das Wasserwerk in +La Fayette+ besteht aus einem sehr großen Becken, +welches aus dem Mississippi gefüllt wird. Von dem Becken ist das Wasser +in die Häuser geleitet, wofür jede Familie sechs bis zehn und auch mehr +Dollars per Jahr, je nach dem Bedarfe, bezahlt. + +Die Marktplätze, besonders der sogenannte „Französische,“ sind äußerst +bequem und schön, die Hallen groß und luftig und in Reihen für die +verschiedenen Artikel, als Fleisch, Gemüse, Fische u. s. w. getheilt. +Auch an gekochten und gebratenen Eßwaaren gibt es keinen Mangel, alle +sehr zierlich und reinlich aufgestellt. Thee, Kaffee und Chokolade +werden ebenfalls ausgeschenkt; eine große Tasse dieser Getränke nebst +drei kleinen Kuchen kostet nur fünf Cents. Nicht nur die Marktleute +und Käufer, auch viele Geschäftsleute kommen hierher, ihr Frühstück +einzunehmen. + +Der Französische Markt ist besonders Sonntags früh Morgens sehr +interessant. Die Neger und Negerinnen strömen von weit und breit +herbei, Naturerzeugnisse oder die Handprodukte, die sie in ihren +Freistunden verfertigen, zum Verkauf zu bringen. Sie sind vorzüglich +geschickt im Korbflechten. + +Wenn man die Sklaven auf diesem Markte sieht, sollte man gerade nicht +glauben, daß es ihnen gar so hart ergeht, wie viele behaupten, und wie +es leider im allgemeinen wirklich der Fall ist. Sie sind ordentlich und +gut gekleidet, bringen viele Produkte auf den Markt, und umlagern die +Kaffee- und Schenktische in großen Massen. + +Ich besuchte während meines Aufenthaltes zu Neu-Orleans zu +verschiedenen Malen die Sklavenmärkte, so wie auch die Orte, wo die +Sklaven öffentlich versteigert werden. + +Die Haupt-Sklavenversteigerungen finden jeden Sonnabend in einem +prachtvollen, hohen Saale statt, der bequem an 500 bis 600 Personen +fassen mag. In demselben Lokale werden an den andern Tagen der Woche +Ländereien, Häuser u. s. w. versteigert. Rings herum in dem Saale +sind drei Fuß hohe Tribünen errichtet, auf welchen die Ausrufer +sammt den armen zu verkaufenden Opfern stehen. Die Sklaven sind gut +gekleidet und herausgeputzt, und werden so gestellt, daß sie von den +Kauflustigen vollkommen gut gesehen werden können. Der Ausrufer liest +ihr Alter, ihre körperliche Beschaffenheit, Tugenden, Fähigkeiten +u. s. w. ab, macht den Preis bekannt, und die Versteigerung beginnt. +Der Ausrufspreis für eine junge Mutter mit einem Kinde auf dem Arme, +einem andern an der Hand war 600 Dollars, das höchste Angebot 1280. +Der Eigenthümer gab sie jedoch dafür nicht her; der Preis war ihm noch +um einige hundert Dollars zu geringe. Mädchen von zwölf bis dreizehn +Jahren sah ich für 600 Dollars verkaufen. Diese armen Geschöpfe sahen +dem Verkaufe mit besonders fröhlichen Mienen entgegen, sie gefielen +sich in ihren schönen Kleidern und dachten wohl, daß die ganze +Gesellschaft sie bewundere -- es war vielleicht der seligste Tag ihres +Lebens!! -- + +Ich konnte diese Menschenversteigerung nicht lange mit ansehen -- ich +fand es wahrhaftig gar zu empörend, daß Menschen so tief sinken, so +ganz aller Moral, aller Humanität vergessen, ihres gleichen wie Thiere +zu er- und verhandeln. + +Bei den Sklavenhändlern fand ich die Sklaven in Höfen sich aufhaltend. +Sie arbeiteten nicht, waren gut gekleidet und stets zum Verkaufe +bereit gehalten. Ich that, als hätte ich eine Köchin nebst einem +Diener nöthig. Sogleich wurden alle Sklaven durch den Schall einer +Glocke zusammen berufen und in zwei Reihen aufgestellt, in der einen +die Männer, in der andern die Weiber und Mädchen, worauf das Loben +und Anpreisen von Seite des Verkäufers anging. Für eine gute Köchin +verlangte er 1200 Dollars, für einen Diener, der, wie er sagte, noch +nicht ganz abgerichtet war, 1100 Dollars. + +Die Sklavenhändler werden, sonderbarer Weise, sehr verachtet; +niemand geht mit ihnen um; sie sind beinahe wie von der menschlichen +Gesellschaft ausgeschlossen. Ich möchte fragen, ob denn der +Sklavenhalter achtbarer ist, als der Sklavenhändler? Kauft und verkauft +der Herr nicht so gut wie der Händler? Lebt der eine nicht so gut +wie der andere von dem Schweiße dieser Armen? Werden die Sklaven von +beiden nicht als Vieh angesehen und behandelt? Wahrlich, wenn man +die menschliche Gesellschaft betrachtet, mit ihren widersinnigen +Unterschieden und Kleinlichkeiten, muß man sie oder sich selbst oft für +irrsinnig halten. + +Auch auf Plantagen hatte ich Gelegenheit, die Lage der Sklaven zu +beobachten; ich besuchte mehrere und brachte auf einer derselben, +bei Herrn +Kok+, einem reichen Sklavenhalter, in der Nähe von ++Donaldsville+ mehrere Tage zu. + +Ich bin natürlich der Sklaverei so feind, wie jeder Mensch, der +ein Herz im Leibe hat. Ich sehe in ihr den größten Schandfleck der +Menschheit und möchte behaupten, daß jener, der Sklaven hält oder +damit handelt, den Namen „Mensch“ oder gar „Christ“ nicht verdient. +Ich war nicht das erste Mal in Sklavenstaaten, und überall erregte die +Sklaverei meinen tiefsten Abscheu; aber hier noch ungleich mehr wie +irgendwo, denn hier war ich von Republikanern umgeben, die auf ihre +Freiheit, auf ihre Gleichheitsrechte so stolz thun, daß sie denjenigen +gleich niederschießen möchten, der sie darin zu beeinträchtigen +oder zu stören sucht. Und diese freien Männer können sich selbst so +erniedrigen, können mit so öffentlicher Schamlosigkeit alle Grundsätze +der Religion und Moral mit Füßen treten?! Mit diesen bittern Gefühlen +besuchte ich die Pflanzungen, und war daher durchaus nicht geneigt, sie +mit günstigen Augen zu betrachten. + +Doch muß ich gestehen, daß ich wenigstens auf jenen, die ich besuchte, +das Schicksal der armen Sklaven minder hart fand, als ich mir +vorstellte, was besonders der Fall auf Herrn Kok’s Pflanzungen war. +Dieser Herr, so wie seine Gemahlin, mögen wohl zu den besten und +menschenfreundlichsten Sklavenhaltern gehören; selbst ihre ganz jungen +Kinder scheinen schon die Gefühle der Eltern zu theilen. Ich sah eines +derselben, einen sechsjährigen Knaben, bei Tische von allen Gerichten +etwas bei Seite legen. Als ich ihn frug, für wen das bestimmt sei, gab +er mir zur Antworte „Für ein Negermädchen, unsere Gespielin, die etwas +unwohl ist.“ + +Die Negerwohnungen auf Herrn Kok’s Plantagen bestanden aus +abgesonderten kleinen Hütten, deren jede ein geräumiges Gemach +enthielt, in welchem entweder eine Familie, oder zwei bis drei +Unverheirathete wohnten. Die Betten waren gut und mit Polster, +Wolldecken, ja sogar mit Muskitonetzen versehen. In jeder Hütte gab +es wenigstens einen Tisch, einige Schemel, eine hölzerne Truhe. Eine +große Hütte in der Mitte des Dorfes war zur Aufbewahrung der kleinen +Kinder bestimmt, deren Eltern zur Arbeit gingen. Eine muntere, kräftige +Negerin führte die Aufsicht über sie. Nach einer Entbindung bleibt die +Mutter vier Wochen ganz zu Hause, und so lange das Kind der Mutterbrust +bedarf, sorgt man, daß sie in der Nähe der Wohnung Beschäftigung findet. + +Auch an einem Hospitale fehlte es nicht, aus zwei geräumigen Gemächern +bestehend und mit recht guten Betten versehen. Ein Arzt kommt jede +Woche, und wenn es die Nothwendigkeit erfordert, jeden Tag. + +Ich ging mehrere Male ohne Begleitung des Herrn Kok in das Dorf. Die +Leute waren anständig gekleidet; ich sah manche vor der Thüre ihrer +Hütte sitzen, mit einem tüchtigen Stücke Weißbrod in der Hand; auch +gebratenes frisches Schweinefleisch bekommen sie von Zeit zu Zeit. +Gegen sechs Uhr Abends kehrten sie von der Arbeit heim, munter und +lachend; das Abendmahl, aus Maismehl und Fleisch bestehend, war +bereitet und schmeckte gut, die Portionen waren reichlich. Nach +eingenommenem Mahle gingen sie von einer Hütte zur andern, saßen +zusammen, schwatzten und schäckerten -- sie schienen ihr Loos durchaus +nicht unglücklich zu finden. Besonders gut hatten es die Haussklaven +bei Herrn Kok. Ich bemerkte nie, daß sie stark ausgezankt oder gestraft +wurden, und ich suchte doch unbeachtet so viel wie möglich alles zu +beobachten. + +Wenn es auf allen Pflanzungen so zuginge, wäre Sklaverei freilich +besser als die Lage vieler Bauern und Arbeitsleute in Europa. Man gehe +nach Rußland und sehe, wie der Bauer behandelt wird. Der russische +Bauer ist Sklave seines Herrn, Sklave der Regierung, Sklave der +Beamten, Officiere, ja nicht selten des gemeinen Soldaten. Er muß dem +Gutsherrn Frohndienste leisten, der Regierung Steuern zahlen, sich von +jedem Beamten, Officier und Soldaten Schläge und Mißhandlungen gefallen +lassen, und dabei für seinen Lebensunterhalt selbst sorgen. Kein Mensch +schafft ihm ein Kleid, wenn das seine in Lumpen vom Körper fällt, kein +Mensch reicht ihm einen Bissen Brod, zahlt seine Steuern, wenn sein +Feld zu wenig gibt. Was die Mißhandlungen betrifft, die ihm zu Theil +werden, könnte man davon so schauderhafte Geschichten erzählen, wie man +sie von den Sklavenhaltern erzählt. Der Herr, die Frau, die Aufseher +mißhandeln ihn nach Gefallen, der Beamte, der Officier, ja der gemeine +Soldat bezahlen ihm die geleisteten Dienste mit Prügel und Fußtritten. +Wenn ein Weib, ein Mädchen die Aufmerksamkeit des Gutsherrn erregt +und seine Wünsche nicht gutwillig erfüllt, ist sie, sind alle ihre +Verwandten der Rache desselben Preis gegeben. Der russische Bauer darf +die Scholle Erde nicht verlassen, auf welcher er geboren ist; er wird ++nur+ auf 25 Jahre zum Soldatendienst gezwungen, er wird mit der Knute +zum Frohndienste, zum Straßen- und Brückenbaue, zum Vorspann und andern +Leistungen getrieben, für welche er keine Entschädigung erhält. Für ihn +gibt es kein Gericht, seine Peiniger selbst sitzen als Richter an der +Tafel. Dabei aber besitzt er nicht, gleich dem Sklaven, einen Herrn, +der ihn theuer erkauft hat, und daher für ihn sorgt, wenigstens seine +leiblichen Bedürfnisse befriedigt. Wahrhaftig, das Loos eines Sklaven +könnte man noch für erträglicher halten als jenes eines Russischen +Bauern! -- + +Unverzeihlich finde ich es, daß sich die Regierung der Vereinigten +Staaten gar nicht um das Schicksal der Sklaven bekümmert. Die +Sklavengesetze sind höchst mangelhaft und schlecht, und selbst auf die +Befolgung der wenigen und schlechten Gesetze wird nicht gesehen. Die +Amerikaner sagen: „Da hätte die Regierung viel zu thun, sie kann sich +nicht zum Spione machen; das wären Eingriffe in die Freiheit“ u. s. w. +Ich meine aber, wenn sie sich in andern Zweigen der Verwaltung zum +Spürhunde hergibt, und z. B. die Wirthe ausspionirt, die am Sonntage +ein Glas Bier ausschenken, oder die Gäste, die es trinken, oder die +Uebertreter des Maine-Gesetzes[2], so kann sie es auch thun, wo es +sich um einen ganz ohne Vergleich wichtigeren Gegenstand handelt. Oder +ist es vielleicht ein geringeres Verbrechen, einen Menschen zu Tode zu +martern, als an einem Sonntage ein Glas Bier zu trinken? Warum vermag +die Holländische Regierung in Indien die Sklaven so trefflich zu +schützen? Ein despotischer Staat sorgt für die Milderung des Zustandes +dieser des ersten Menschenrechtes beraubten Unglücklichen, und ein +freier Staat, mit dessen Prinzip, dem gesunden Menschenverstande nach, +Sklaverei unvereinbar sein sollte, erlaubt und begünstiget sie nicht +bloß, sondern ermäßiget sie nicht einmal durch gute Gesetze! -- In +den Vereinigten Staaten darf der Sklave nicht Zeugniß abgeben, ja +unbegreiflicher Weise nicht einmal klagen. Das Gesetz erlaubt, den +Mann von seinem Weibe, die Kinder (jedoch nicht vor dreizehn Jahren) +von ihren Eltern zu reißen und zu verkaufen. Was für herzbrechende +Scenen mag es bei ähnlichen Gelegenheiten geben! Möchte doch solchen +Gesetzgebern, solchen Sklavenverkäufern dasselbe Schicksal widerfahren, +damit ihr abgestumpftes Gefühl ein wenig aufgerüttelt würde! + +Ich will hier aus Hunderten von Beispielen, welche die grausame +Behandlung der Sklaven von Seite der Weißen darthun, nur einige +anführen. Ich ziehe sie aus: „Amerikanische Sklaverei, wie sie ist, +bestätigt von tausend Augenzeugen,“-- herausgegeben in Neu-York 1839. + + * * * * * + +Herr G..., Erzieher bei einer Pflanzerfamilie, die den Ruf der Milde +hatte, schreibt im Juli 1832 ungefähr folgendes: „Eines Morgens, als +das Tischgebet vor dem Frühstücke beendet war, verlangte eines der +Kinder Syrup (Molasses). Die Sklavin gab ihm eine Portion auf den +Teller, vielleicht ein wenig größer wie sonst, doch nicht mehr, als das +Kind häufig zu essen pflegte. Der Herr ward darüber so aufgebracht, +daß er aufstand, die Hände der Sklavin mit einer Hand festhaltend, +sie mit der andern so lange aus allen Kräften schlug, bis er von der +Anstrengung ermüdet auf den Stuhl sank und sagte, seine Hand sei zu +schwach, um fortzufahren. Er zog hierauf seinen Schuh aus, und begann +mit dem Absatze desselben auf die Arme loszuschlagen. Sie konnte sich +endlich nicht enthalten zu schreien und suchte mit den Ellbogen den +Kopf zu schützen. Der Herr rief einen Neger herbei, und ließ ihn die +Hände der Sklavin hinter dem Rücken festhalten, damit er ungestört +fortprügeln konnte. Die Sklavin fiel endlich vor Schmerzen zu Boden und +rief Herrn G. um Hilfe an. Nichts desto weniger wurde mit dem Schlagen +fortgefahren. Herr G. meinte schon, daß sie den Geist aufgeben müsse. +Sie stand jedoch auf, ging hinaus, um sich vom Blute zu reinigen, und +kam, bevor man vom Tische aufstand, wieder in den Saal. Kein Mensch +würde sie erkannt haben, der Kopf war ganz aufgeschwollen, die Ohren +handdick, die Augen mit Blut unterlaufen u. s. w.“ + +Für dergleichen Kleinigkeiten hat sich der Pflanzer gar nicht zu +verantworten. + +Eine andere Geschichte: + +Herr P. erzählt von einem Herrn +Benjamin Jakob Harris+, Sklavenhalter +in Richmond, daß er ein Negermädchen von 15 Jahren zu Tode gepeitscht +habe. Während er sie schlug, machte seine Gattin ein Eisen glühend und +brannte sie damit an verschiedenen Theilen des Körpers. Das Verdikt +lautete: „Gestorben in Folge zu harter Schläge“ -- und der Mörder wurde +losgesprochen. + +Einige Jahre später peitschte derselbe +Harris+ einen Sklaven zu Tode. +Er wurde abermals losgesprochen, da außer Sklaven niemand Zeuge dieser +That war. + +Ein Kapitän von der Marine der Vereinigten Staaten zürnte einst über +seinen Negerjungen. Er stellte ihn auf einen Stuhl, band ihm die +Hände mit einem Stricke vorne zusammen, schlang den Strick um einen +Balken, zog den Jungen so hoch auf, daß er gerade mit den Zehen auf dem +Stuhle stehen blieb, und peitschte ihn in dieser Stellung mit kurzen +Unterbrechungen so lange, bis er ohnmächtig wurde und starb. + +Auch dieser feige Henker wurde losgesprochen. + +In +Goochland+ (Virginia) band ein Aufseher einen Mann an einen Baum, +schlug ihn in kurzen Zwischenräumen auf das grausamste, umgab den Baum +hierauf mit Strauchwerk, zündete es an und verbrannte langsam das arme +Schlachtopfer. Weil der Thäter ein Farbiger, nicht ein Weißer war, +wurde er zwar nicht aufgehenkt, wie er es verdient hätte, aber doch +wenigstens auf einige Monate eingesperrt. + + * * * * * + +Mehr als tausend ähnliche Fälle enthält das Buch. Wenn man solche +Unthaten sieht und erzählen hört, könnte man versucht werden zu +wünschen, daß die Neger sich zusammenrotten und auch einmal an ihren +grausamen Henkern das Richteramt ausüben, ihnen gleiches mit gleichem +vergelten möchten! -- + +Dasselbe Buch sagt auch, daß die Sklavenhalter eine Zusammenkunft +gehabt hätten, um zu berathen, was mehr Nutzen brächte, die Sklaven gut +zu halten und dadurch das Kapital zu schonen, oder sie zu überarbeiten +und nach sieben bis acht Jahren zu verlieren. Leider soll das letztere +als mehr Nutzen bringend befunden worden sein. Und so sterben viele +Sklaven im Uebermaße körperlicher Anstrengung frühzeitig dahin. Das +Gesetz erlaubt in +Süd-Karolina+, den Sklaven im Sommer fünfzehn, im +Winter vierzehn Stunden täglich zur Arbeit anzuhalten, während der +Verbrecher durchschnittlich nur neun Stunden zu arbeiten hat. Die +meisten Sklavenstaaten haben jedoch keine Gesetze in dieser Beziehung; +der Pflanzer kann seine Sklaven ungestraft zu Tode arbeiten lassen. + +Um den Unterricht der Sklaven bekümmern sich diese weisen und +menschenfreundlichen Gesetze nur in so ferne, daß sie denselben +verbieten. +Einen Sklaven lesen oder schreiben zu lehren, wird von dem +Gesetze strenge bestraft[3].+ -- Hier ist das Gesetz kein Spion! + +Man ist aus allen Kräften bemüht, die Neger auf jener Stufe zu +erhalten, auf der sie waren, als man sie aus ihrem Vaterlande riß. + +Auch über den Religionsunterricht ist nichts vorgeschrieben. Hie und +da befaßt sich eine Pflanzersfrau damit und hält eine Sonntagsschule, +d. h. sie liest den Sklaven aus der Bibel vor, lehrt sie Psalmen und +heilige Lieder singen -- die Moral mögen sie selbst herausfinden (eine +gewiß sehr schwierige Sache, da sie das christliche Betragen ihrer +Herren stets vor Augen haben). Auch Priester gehen zeitweise auf die +Pflanzungen, um zu lehren, d. h. zu predigen. Mehr darf nicht geschehen. + +Höchst sonderbar finde ich es, daß die Weißen die Sklaven einerseits +den Thieren gleich stellen, und andererseits ihnen das Theuerste, +die Kinder, anvertrauen. Die Negerin säugt sie, pflegt ihre erste +Kindheit, ja bleibt nicht selten die Vertraute des herangewachsenen +Mädchens. Hiezu finden die Eltern die Schwarzen vollkommen geeignet. +Muß dieser nahe Umgang mit so rohen sinnlichen Menschen nicht sehr +schädlich auf Sitten, Charakter und Bildung der Kinder einwirken? Muß +das Sittlichkeitsgefühl des Kindes, Mädchens oder Jünglings durch das +Beispiel, durch die Redensarten dieser Leute nicht gänzlich untergehen? +Ist dieß nicht von Seite der Eltern ein grenzenloser Leichtsinn, ein +gänzliches Vergessen ihrer Pflichten? Aber weil +sie+ so erzogen +wurden, mögen es ihre Kinder auch wieder werden: es ist gar zu bequem, +diese schwere Sorge andern zu überlassen. Daß es unter den Eltern auch +Ausnahmen gibt, versteht sich von selbst. + +Ich möchte beinahe glauben, daß sich das Sklavenwesen durch seine +Folgen in manchen Beziehungen an den Weißen selbst rächt. Die Kinder +werden gewöhnt, sich jeden Dienst leisten zu lassen: es wäre eine +Schande, sich selbst auch nur ein Band zu binden, oder etwas von dem +Boden aufzuheben, -- der Sklave ist des Kindes Hand. Natürlicher Weise +werden die Kinder dadurch launenhaft, befehlshaberisch, träge, boshaft; +jede Energie, die Kraft zu handeln, ja selbst zu denken, geht verloren +und leider das Gefühl auch. Ein in den Sklavenstaaten erzogener +Jüngling, ein daselbst erzogenes Mädchen unterscheidet sich sehr zu +seinem Nachtheile von der in den freien Staaten erzogenen Jugend. Und +wirkt die Erziehung, die man in der Kindheit genießt, nicht auf das +ganze Leben? + +Nicht minder hart als Sklaverei ist das Loos der freien Neger und +Farbigen, und zwar eben sowohl in den freien wie in den Sklavenstaaten. +Sie sind theils durch das Gesetz, theils durch die albernen +Vorurtheile der +duldsamen Christen+ von der menschlichen Gesellschaft +ausgeschlossen, gehören eigentlich gar keinem Stande zu, weder dem +Sklaven- noch dem Bürgerstande, und sind die Parias der Vereinigten +Staaten. + +Um ihnen das Erniedrigende ihres Schicksals noch tiefer fühlen zu +lassen, gab man ihnen die Erlaubniß, Schulen zu besuchen, sich zu +bilden. Es ist dieß eine raffinirte Quälerei, der despotischsten +Regierung unwürdig. Durch die Bildung wird der Ehrgeiz erweckt, +der Neger und Farbige lernt sich als Mensch, lernt die Rechte der +Menschheit kennen -- wozu? -- um zu sehen, daß er von den Menschen +ausgestoßen, daß er der Rechte derselben beraubt ist. Denn das Gesetz +läßt ihn nicht Bürger des Staates werden, gibt ihm keine Stimme bei +den Wahlen, erkennt ihn nicht als Zeuge, ja ein Neger oder Farbiger +darf sogar keine Ehe mit einer Weißen eingehen. Muß der Arme nicht zum +Menschenfeinde werden? Muß durch so harte, widersinnige Gesetze nicht +jedes bessere Gefühl in ihm erstickt werden? Und ist es nicht die erste +Pflicht einer Regierung, mag sie was immer für einen Namen haben, auf +die Moral, auf die Sittlichkeit der Menschen zu wirken? Hier ist es +gerade das Gesetz, das der Moral Hohn spricht, und seine Verachtung des +menschlichen Gefühls geht so weit, daß wenn ein Weißer Kinder mit einer +Negerin oder Farbigen zeugt, er sie nicht einmal anerkennen darf. Will +er die Achtung seiner Mitbürger erhalten, so muß er ihnen die Erziehung +verweigern; verkauft er sie aber, allein oder sammt der Mutter, was +nicht selten vorkommen soll, so bleibt er ein +Ehrenmann+. + +Oft sprach ich über das Schicksal dieser Unglücklichen, hörte aber die +Amerikaner stets behaupten, daß das vollkommen in der Ordnung sei, und +daß, wenn es den Leuten nicht gefalle, sie in ihr Vaterland gehen oder +nach Europa auswandern könnten. + +In ihr Vaterland gehen? + +Wo ist denn ihr Vaterland? Etwa in Afrika? Sind sie dort geboren? Haben +sie dort ihre Familie? Sprechen sie die Landessprache? Nichts von alle +dem. Seit fünfzig Jahren darf kein Sklave mehr eingeführt werden. +Die heutige Nachkommenschaft ist in Amerika geboren, Amerika ist ihr +Vaterland, und nicht Afrika, denn meiner Meinung nach haben die in +Amerika gebornen Neger so gut Anspruch auf den Namen „Amerikaner,“ als +die von den Europäischen Einwanderern abstammenden Weißen. Das ihnen +von den Amerikanern aufgedrungene Vaterland kennen sie nicht einmal dem +Namen nach. + +Nach Europa auswandern? + +Wer gibt ihnen die Mittel dazu? Und was sollen sie in einem Welttheile +machen, der übervölkert ist, der jährlich Hunderttausende von +Auswanderern nach allen Weltgegenden sendet? Europa ist nicht Amerika. +In Amerika bedarf man noch sehr der Hände und Köpfe. Die Einwanderung +ist es, welcher die Vereinigten Staaten die Stufe der Macht und +Bedeutung verdanken, auf der sie heut zu Tage stehen. + +Kaum sollte man glauben, daß es Leute gibt, die behaupten, daß das +Sklavensystem in seinen Folgen sehr wohlthätig auf die Eingebornen +Afrika’s einwirke. Die freien Neger, sagen sie, werden erzogen, +erhalten guten Unterricht in der Religion. Sendet man sie dann nach der +Neger-Republik +Liberia+ in Afrika, so können sie dort ihre Landsleute +bekehren und gleichsam Missionär-Dienste verrichten. + +Eine sehr kluge, +fein erfundene+ Entschuldigung des Sklavensystems! -- + +Wenn diese Abgesandten ihren Landsleuten erzählen, welches Heil ihnen +durch die Christen widerfahren ist, wie sie, so lange sie Sklaven +waren, von den meisten Weißen schlechter als deren Lastthiere behandelt +wurden, wie man sie für die kleinsten Vergehungen grausam marterte und +züchtigte, aus Spaß oft zu Tode prügelte, wie man sie mit Arbeiten bis +zum Hinsinken überlud und als Belohnung für die geleisteten Dienste +im Alter halb verhungern und verderben ließ, wie sie als freie Leute +noch immer von den Weißen verachtet, aus der menschlichen Gesellschaft +verstoßen, aller Rechte beraubt wurden, wie sie jedem weißen Schurken +nachstanden, sich an keine Tafel, in keinen Omnibus setzen durften, +im Theater abgesonderte Plätze hatten, als wären sie Aussätzige! -- +ja, wenn von diesen Erzählungen ihre Landsleute nicht begeistert und +hingerissen werden und nicht haufenweise zum Christenthume übergehen, +so müßte man ihnen wahrhaftig allen Verstand absprechen. Ewig schade, +daß es nicht auch für uns Christen irgend wo einen Staat gibt, in +welchem wir derselben menschenfreundlichen Behandlung theilhaftig +werden könnten, gleich den Negern und Farbigen in den Vereinigten +Staaten! Es wäre nur der höchst wohlthätigen Folgen wegen, die sie auf +das Christenthum haben müßte. + +Es gibt bisher dreizehn Sklavenstaaten, nämlich: +Florida+, +Georgia+, ++Texas+, +Karolina+, +Virginia+, +Kentucky+, +Tennessee+, +Alabama+, ++Mississippi+, +Louisiana+, +Arkansas+, +Missouri+, +Maryland+, nebst +einem Theile von +Kolumbia+. Vielleicht werden mit der Zeit noch +einige zuwachsen, es wäre nur wegen des Glückes, welches Afrika daraus +bevorstünde!! -- + +Den schroffsten Gegensatz zu der Behandlung der schwarzen und +farbigen Amerikaner bildet die Nachsicht der Regierung mit den weißen +Verbrechern. + +Ich war drei Wochen in Neu-Orleans, und während dieser Zeit vergingen +wenige Tage, an welchen nicht ein Mord, eine Brandlegung stattfand. + +Ich sprach einst empört über einen Mord, der in einer Nacht verübt +wurde. Ein Arbeiter schnitt in Streit und Trunkenheit seinem Weibe +den Hals ab. Man lachte mich über meine Gefühls-Aeußerungen beinahe +aus, und sagte, daß wenn ich fünf bis sechs Monate hier bliebe, ich an +dergleichen Dinge gewöhnt werden und gar nicht mehr darüber sprechen +würde. + +Wirklich fand kaum einige Nächte später schon ein zweiter derartiger +Fall statt, bei welchem der Mann nach verübter That sich aufzuhängen +versuchte. + +Ein in Trunkenheit, Eifersucht oder Streit verübter Mord wird selten +hart bestraft, und ganz besonders gilt das Laster der Trunkenheit als +große Entschuldigung. Aber auch selbst nicht betrunkene Verbrecher +kommen leicht durch, wenn sie reich sind und sich Freunde zu machen +verstehen. So hatte z. B. vor mehreren Monaten in Kentucky ein gar +schändlicher Mord statt, und der Mörder wurde dennoch gänzlich +freigesprochen. + +Die Sache war folgende: Ein Knabe besuchte eine Schule, blieb häufig +aus, machte die Aufgaben gar nicht oder schlecht und entschuldigte sich +stets mit Lügen. Der Lehrer, hierüber aufgebracht, nannte ihn einst +einen Lügner. Der Knabe erzählte dieß, wahrscheinlich seiner Gewohnheit +nach mit Lügen und Uebertreibungen, seinem Vater und Bruder. Letzterer, +ein Jüngling von achtzehn bis zwanzig Jahren, bewaffnete sich mit einer +Pistole, gab seinem Bruder ein großes Messer, ging mit ihm nach dem +Schulhause und schoß nach kurzem Wortwechsel den Lehrer nieder. Der +Vater, ein reicher Mann, erkaufte die Jury, und der Mörder kam ohne +die geringste Strafe davon. Dieser Fall war so empörend, daß das Volk +die Jury-Männer, den Mörder und seinen Vater öffentlich beschimpfte, +wodurch erstere gezwungen wurden, ihre Stellen aufzugeben, letztere +ihre Besitzungen zu verkaufen und nach einem andern Staate +überzusiedeln. Traurig, wenn das Volk den Richter machen muß! -- + +Brandlegungen geschehen häufig von den Eigenthümern selbst, welche +die kostbaren Waaren erst in Sicherheit bringen, Gebäude, Waarenlager +u. s. w. überschätzen und auf diese Art aus derlei Schurkereien einen +schönen Gewinn ziehen. + +Wenn ich über solche Gegenstände Bemerkungen machte, hieß es: „Was +wollen Sie? Amerika ist noch ein junges Land; es wird mit der Zeit +schon anders werden.“ + +Ich weiß nicht, ich möchte glauben, daß es in seiner Kindheit, zur +Zeit des großen +Washington+ besser war, als es jetzt in seiner Jugend +ist. Gute Gerechtigkeitspflege ist die erste Pflicht eines Staates +und vom größten Einflusse auf die Moralität seiner Bürger; schlechte +Gerechtigkeitspflege verdirbt das Volk. Wo die Leute nach Aemtern +und Stellen aus der einzigen Absicht streben, sich zu bereichern, wo +der Reiche alles durchsetzen, alles erkaufen und ungestraft, oder +doch beinahe so, Verbrechen begehen kann, gehen Vaterlandsliebe und +Moralität verloren. Amerika war nach der Trennung von England mit +einem reinen, makellosen Bogen Papier zu vergleichen -- Europa mit +einem mit Tintenflecken besudelten. Was hätte auf diesem schönen Bogen +nicht alles geschaffen werden können, und zwar um so leichter, als das +alte Europa leider nur zu deutlich die Fehler und Mißbräuche aufweist, +welche einer vollkommenen Gestaltung im Wege liegen. Was hätte aus +einem Lande wie Amerika werden können, das von der Natur so reich +ausgestattet ist und gegen keins der großen Uebel Europa’s zu kämpfen +hatte! Leider aber ward der reine Bogen nicht so heilig bewahrt und ist +mit der Zeit ziemlich stark besudelt worden! + +Der Eindruck, den die Vereinigten Staaten bei meinem ersten Eintritte +auf mich machten, konnte nach dem, was ich hier in Neu-Orleans +sah, unmöglich ein sehr günstiger sein. Obwohl ich mich über meine +persönliche Aufnahme nicht zu beklagen hatte, und besonders von Herrn ++Dürmayer+ und der Familie +Höffer+, in deren Hause ich die letzten +acht Tage zubrachte, viele Freundschaftsdienste erfuhr, so war ich doch +herzlich froh, dieser Stadt den Rücken zu kehren, die man mit vollem +Rechte auch eine Stadt der Wunder nennen könnte, denn wunderbar klingt +es, Sklavenhändler, Sklavenbesitzer von Freiheit und Menschenrechten +sprechen zu hören. + + + [1] Die Straßen in den Amerikanischen Städten bilden gleichmäßige + Vierecke, „Blocks“ genannt. + + [2] Das Maine-Gesetz verbietet den Genuß geistiger Getränke. Es + entstand zuerst in dem Staate Maine, und erhielt daher seinen + Namen. Die Staaten, die dem Maine-Gesetze beigetreten sind, + werden Temperance-Staaten genannt. + + [3] Ein Kind eines Pflanzers hatte einst den Einfall, seiner + Gespielin, einem Negermädchen, die Buchstaben kennen zu lehren. + Als die Mutter dieß zufällig sah, erschrack sie sehr darüber und + verbot ihrem Kinde streng, damit fortzufahren, -- ja die Angst + der Mutter war so groß, daß das Negermädchen aus dem Bereich der + Familie geschafft wurde, um das Bischen Wissen so schnell als + möglich zu vergessen. + + + + +Neunzehntes Kapitel. + + Abreise von Neu-Orleans. -- Napoleon. -- Fahrt auf dem Arkansas. + -- Little Rock. -- Gesellschaft auf den Dampfern. -- Amerikanische + Ungezwungenheit. -- Kinder-Emancipation. -- Fort Smith. -- Die + Cherokee-Indianer. -- St. Louis. -- Highland. -- Die Farmer. -- Pipin- + und St. Croix-See. + + +Am +23. Juni+ verließ ich Neu-Orleans auf dem prachtvollen Dampfer +„+Belfast+,“ der den Mississippi aufwärts ging. Kapitän +Taylor+, +Eigenthümer des Schiffes, war so artig, keine Bezahlung von mir +anzunehmen; mein Name war ihm durch die Zeitungsberichte bekannt. + +Die innere Einrichtung dieses Dampfers war sehr kostbar. Schwere +Teppiche deckten den Boden, große Spiegel zierten die Wände, mit Sammt +überzogene Möbel, ein schönes Piano die Säle. Die Kost bestand aus +vier überaus reichen Mahlzeiten mit Backwerk, Eis u. s. w. Speisesaal, +Schlafkabinen, Betten ließen an Pracht und Bequemlichkeit nichts zu +wünschen übrig, und dabei war der Preis sehr billig: von Neu-Orleans +bis St. Louis (1200 Seemeilen) 25 Dollars, stromabwärts gar nur 20. Die +Amerikaner finden aber sogar diesen geringen Preis übertrieben. + +Ich fuhr nur den halben Weg nach dem Städtchen +Napoleon+, um von +da aus auf dem +Arkansas+, der in den Mississippi mündet, nach Fort ++Smith+ zu gehen. + +Unterwegs wurde häufig an Städten und Ortschaften angehalten, von +welchen die bedeutendste +Baton-Rouge+ mit ungefähr 30,000 Einwohnern. +Obwohl viel kleiner als Neu-Orleans, wird diese Stadt als die +Hauptstadt von Louisiana betrachtet, da sie mehr im Mittelpunkte +liegt. Das Gouvernements-Gebäude gleicht einem Palaste; es steht auf +einem kleinen Hügel, um welchen sich die Stadt lagert, und besitzt ein +schönes Säulenportal. + +Die Stadt +Vicksburg+ scheint an Größe um ein geringes Baton-Rouge zu +übertreffen; sie liegt auf niedrigen Hügeln. + +Am +26. Juni+ Abends gelangte ich nach +Napoleon+. + +Ich hatte nun von der Mündung des Mississippi bis Napoleon an 700 +Meilen gemacht, ohne auf dieser langen Strecke eine Ansicht zu finden, +die mich nur im geringsten angesprochen, viel weniger bezaubert hätte. +Der Strom als solcher ist erhaben: er gleitet majestätisch zwischen den +reichen Urwäldern dahin; allein die fortdauernde Einförmigkeit seiner +Ufer wird nur zu bald ermüdend, und man ist froh, die Fahrt auf dem +raschen Dampfer zu machen. Die ersten hundert Meilen von Neu-Orleans +an bieten nichts als große Pflanzungen von Zucker, Mais, Baumwolle in +weiten Ebenen, die im Hintergrund von Waldungen begrenzt sind. Später +werden die großen Pflanzungen seltener und kleiner, die Waldungen +vorherrschend. Letztere sind zwar dicht und hübsch, aber Riesenstämme +haben sie nicht aufzuweisen. Bei Baton-Rouge zeigen sich die ersten +Hügelbildungen, Höhen von fünfzehn bis zwanzig Fuß, die sich aber bald +wieder in den Ebenen verlieren. Bei Vicksburg erscheinen sie wieder auf +eine kurze Strecke und mögen da ein Paar Fuß höher sein. + +Für den Pflanzer sind diese Ansichten gewiß überaus reizend, da er sie +aus einem andern Gesichtspunkte als der Reisende betrachtet, und die +unermeßlichen Strecken Landes, die seinem berechnenden Geiste Nahrung +und Hoffnung geben, bewundert. + +Das einzige Originelle in diesem Lande mochten die Eingebornen +gewesen sein, die aber, seit die Weißen hier hausen, beinah gänzlich +verschwunden sind. Kein +Wig-wam+ steht mehr in den finstern Hainen, +kein Indianer erscheint bewaffnet mit Bogen und Pfeil und dem +Scalpirmesser an der Seite. Die wenigen Eingebornen, die man bei +einigen Städtchen und Ortschaften noch sieht, kommen mir wie exotische +Gewächse vor; sie waren mit Europäischen Lappen behangen und aller +ihrer Volks-Eigenthümlichkeiten schon halb entfremdet. + +Obgleich die Reise nur drei Tage währte, hatten wir dennoch zwei +traurige Fälle an Bord. Ein Mann starb an der Cholera, und ein freier +Neger, Aufwärter am Tische, schlug im Streite einen seiner Gefährten +todt. Die Ursache des Streites war folgende: Der Thäter schlief nahe +an der Schiffsglocke, sein Gefährte band ihm aus Scherz die Füße an +dieselbe, und rief ihm hierauf zu, daß es Zeit sei, die Tafel zu +decken. Der Schläfer sprang auf, setzte dadurch die Glocke in Bewegung, +und bekam natürlicher Weise von dem Steuermanne einen tüchtigen +Verweis. Darüber erboßt, fing er mit seinem Kameraden einen Streit an, +ergriff ein Stück Holz und versetzte ihm damit über den Kopf ein paar +so tüchtige Schläge, daß er ihm die Hirnschale spaltete -- zwei Stunden +später war der Arme todt. + +Die Reisenden sprachen über diese That mit einer empörenden +Gleichgültigkeit. Die Jungen von acht bis zehn Jahren gingen hin, +um den Erschlagenen anzusehen und kamen mit heiterer Miene zurück, +erzählend was sie erblickten, als wären sie Zeuge irgend einer +ergötzlichen Scene gewesen. Man weiß, daß Menschenleben in Amerika +nicht hoch geschätzt wird; aber das Gefühl bei der Jugend schon so +frühzeitig abgestumpft zu finden, ist doch traurig. + +Das Städtchen +Napoleon+, erst kürzlich dem Walde entstiegen, ist +noch gänzlich von demselben umgeben. Ich blieb hier nur einen Tag und +schiffte mich auf dem kleinen Dampfer „+Thomas P. Ray+“ nach +Little +Rock+, dem Hauptstädtchen des +Arkansas+-Staates ein. Die Entfernung +beträgt 300 Meilen, die wir in 42 Stunden zurücklegten. + +Auf dem Arkansas, so wie auf den meisten Nebenflüssen des Mississippi +kann man sich nur kleiner Fahrzeuge bedienen, da die Flüsse im Sommer +sehr wasserarm werden, und selbst die kleinsten Dampfer müssen durch +einige Monate ihre Fahrten einstellen. + +Von einem großen Dampfer auf solch einen kleinen versetzt zu werden, +ist ein Unterschied wie zwischen Tag und Nacht. Auf dem „Thomas P. +Ray“ herrschte noch überdies wenig Ordnung. Es gab hier z. B. keine +kleinen abgetheilten Schlafkabinen, sondern die Herren schliefen in +einer gemeinschaftlichen Kabine, die Frauen ebenfalls. Außer mir befand +sich nur eine Frau mit zwei Kindern an Bord. Man denke sich aber meine +Verwunderung, als der Gemahl dieser Frau Abends in unsere Kabine kam +und daselbst eine Schlafstelle einnahm. Wir hatten eine Hitze von 108 +Grad Fahrenheit, und ich war gezwungen, die schweren Vorhänge an meiner +Schlafstelle zuzuziehen. Auch Morgens mußte ich mich mühsam hinter +den Vorhängen ankleiden, und so an das Waschbecken treten, wo ich mir +natürlich kaum die Augen und die Fingerspitzen waschen konnte. Freilich +nehmen es die Damen in diesem Lande nicht so genau wie bei uns[4]. Die +Sparsamkeit war auf diesem Dampfer ebenfalls sehr groß. Dem Trinkwasser +wurde nur bei Tisch ein einziges Stückchen Eis beigegeben, während +man auf den großen Dampfern zu jeder Stunde des Tages Eiswasser haben +konnte. -- Kaffee, Thee wurde ohne Milch getrunken, obgleich wir zu +verschiedenen Malen im Tage anlegten, und die Milch in diesem Lande ein +so billiger Artikel ist, daß eine ganze Flasche voll nur einen Cent +kostet. Das Mittagsmahl bestand am ersten Tage aus gebratenen Hühnern +mit Kartoffeln, am zweiten gar nur aus etwas Schinken mit Kartoffeln. +Dabei waren die Preise höher, als auf den Prachtdampfern, die den +Mississippi befahren. + +Die beiden Ufer des Arkansas sind von dichten Waldungen eingesäumt, die +sich noch über den größten Theil des Landes zu erstrecken scheinen. Der +Fluß selbst ist so voll von hervorragenden oder, was für die Schiffe +noch gefährlicher ist, kaum mit etwas Wasser überdeckten Baumstämmen, +daß es der größten Vorsicht bedarf, hindurch zu steuern. Nachts wird +nur bei hohem Wasserstande und hellem Mondscheine gefahren. + +Little Rock zählt 3000 Einwohner und gleicht mehr einem niedlichen +Walddorfe, als einem Städtchen; die Häuser liegen weit von einander, +meistens mitten in Gärten und Gebüschen. + +Ich fand hier als größte Merkwürdigkeit ein musikalisches Talent, ein +sechsjähriges Mädchen, +Marie Schaar+, von deutschen Eltern, das erst +seit fünf Monaten Klavierunterricht, und noch dazu sehr schlechten +erhalten, und zum Erstaunen richtig und gut spielte. Jede Melodie, die +man ihm einige Mal vorsang, spielte es nach, das Accordion behandelte +es meisterhaft, obwohl es darauf gar keinen Unterricht bekommen hatte. +Schade, daß das schöne Talent in dem kleinen Städtchen schwer eine +höhere Ausbildung erlangen dürfte! + +Ich mußte in Little Rock bis 1. Juli auf den niedlichen Dampfer +„Colonel Drennen“ warten, der von hier nach Fort +Smith+ (300 Meilen) +fuhr. Auf diesem Dampfer war mehr Ordnung und eine hinreichend gute +Kost. + +Die Fahrt auf dem Arkansas gefiel mir ungleich besser, als jene auf +dem Mississippi. Der Arkansas ist zwar als Fluß mit jenem gar nicht zu +vergleichen; im Gegentheil ist sein Wasserreichthum so geringe, daß die +Dampfer häufig auf Sandbänke auffahren und nur mit großer Mühe wieder +flott gemacht werden können. Das Auge aber hat hier, wegen der vielen +und häufig aufsteigenden Hügel- und Bergketten (wenn auch diese von +keiner bedeutenden Höhe), einen weiten und abwechselnden Spielraum; es +herrscht nicht die tödtende Einförmigkeit wie auf dem Mississippi. Die +Umgebung ist hier ebenfalls noch wilde Natur -- Wald, wohin das Auge +blickt; nur hie und da erscheint ein kleines Maisfeld, gleich einem +vorgeschobenen Posten der Cultur. Aermliche Holzhütten liegen unter den +Bäumen halb versteckt; selten wird man einen ihrer Bewohner ansichtig. +Niedere Hügelreihen treten auf, höhere Berge hinter ihnen. Schön nimmt +sich eine Felsenparthie aus, sechs bis acht Meilen hinter Little Rock, +von den Amerikanern mit Unrecht „+Big-Rock+“ (großer Felsen) genannt, +denn ihre Höhe übersteigt nicht dreißig bis vierzig Fuß. Noch schöner +sind die +Dardanellen+[5]. Felsen von ungefähr vierzig bis fünfzig Fuß +Höhe stehen gleich Soldaten in Reihen an beiden Seiten des Flusses. +Die Reisenden waren alle entzückt von diesem großen Naturwunder +und meinten, daß es in der Welt nichts Schöneres geben könne. Im +Hintergrunde zeigt sich der 500 Fuß hohe Berg +Magazine+, der höchste +der ganzen Umgebung; er zeichnet sich durch einen langen, schmalen, +ebenen Rücken von allen andern Bergen aus. + +In diesen Gegenden, wo man selten an einem Städtchen oder Oertchen +vorüberfährt, wo alles noch wilde Natur ist, wo man nicht einmal +die fällende Axt hört, hier machte es auf mich einen eigenthümlich +erhabenen Eindruck, das große Kunstwerk menschlichen Schaffens, den +Dampfer, stolz dahinbrausen zu sehen. Wenn seine Schaufelräder inne +hielten, herrschte Todtenstille rings umher. + +Obwohl die Wälder überall dicht und üppig stehen, die wenigen +Maisfelder schöne Früchte tragen, behauptet man dennoch, daß der Staat +Arkansas nicht unter die fruchtbaren zu zählen sei, und daß es deßhalb +so wenig Ansiedlungen gäbe. Einst, wenn Amerika das traurige Schicksal +Europa’s haben und übervölkert sein wird, dürften sich die Züge der +Einwanderer auch nach Arkansas wenden. Jetzt hat man es noch nicht +nöthig, mit dem Lande zu sparen, da es für den üppigsten Boden noch zu +wenig Hände gibt. + +Die Gesellschaften, die ich bisher auf den Dampfern traf, schienen eben +nicht zu den gebildetsten zu gehören. Allgemein lachte man mich aus, +wenn ich, während Holz geladen wurde, in den Wald ging, um Insekten zu +fangen. Von einem Museum hatte selten jemand einen Begriff. Den ganzen +Tag über wurde nichts als geplaudert; was die Leute in den Gasthöfen +zu wenig sprachen, brachten sie hier ein. Man forschte mich mit großer +Neugierde über meine Familienverhältnisse aus, man fragte mich, zu +welcher Religion ich gehöre, wer mir das Geld zum Reisen gäbe, warum +ich so große Reisen mache u. s. w. Nebstbei waren die Leute etwas gar +zu ungezwungen. Wenn ich in einem Buche las, nahm man mir es ohne zu +fragen aus der Hand, um den Titel, oder, wenn es Bilder enthielt, diese +anzusehen. Während ich las, oder auf der Gallerie war, ging man ohne +Umstände in meine Kabine, nahm die Insekten in die Hand und besah sie +nicht bloß, sondern verdarb mir auch gar vieles. Am lästigsten aber +waren die Kinder: die schrieen und lärmten um die Wette, wenn die +Eltern nicht gleich thaten und erlaubten, was sie wünschten. Ich finde +nichts schlechter, als Kindern die Erfüllung ihrer Wünsche erst zu +verweigern, und wenn sie recht schreien und lärmen, dieselben am Ende +doch zu gestatten. Sagt man den Kleinen: „Ja“ oder „Nein,“ so soll es +dabei bleiben; das Kind wird dann schnell begreifen lernen, daß ihm die +Unarten zu nichts helfen. + +Ein anderer Fehler der Amerikanischen Erziehung ist es, den Kindern +so frühzeitig das Benehmen und die Gewohnheiten der Erwachsenen +beizubringen. In manchen Ländern Europa’s bleiben die Kinder zu +lange Kinder, was auch nicht gut, aber doch besser ist, als sie um +ihre Kindheit ganz zu betrügen. Hier benimmt sich das achtjährige +Mädchen schon wie eine angehende Frau, der zehnjährige Knabe wie ein +erwachsener Jüngling. Das Mädchen heirathet in den südlichen Staaten +oft schon im zwölften Jahre, die Knaben treten mit demselben Alter in +das Geschäftsleben ein. In einigen der südlichen Staaten erlaubt sogar +das Gesetz die Trauung zwölfjähriger Mädchen, welche dem elterlichen +Hause entlaufen sind. Das Kind hat nur zu sagen oder zu beschwören, daß +es dieses Alter habe, und wird von dem Priester getraut. Solche Ehen, +die nicht selten vorkommen, heißen „~Run away matches~.“ + +Eine natürliche Folge dieser Kinder-Emancipation ist, daß nicht nur +die wissenschaftliche Ausbildung der Jugend vernachlässiget wird, +sondern daß auch bei den Mädchen die Kindlichkeit, Bescheidenheit, +bei den Frauen die zarte Weiblichkeit, die größten Zierden unseres +Geschlechtes, nur zu häufig verloren gehen. + +Es gibt vielleicht in keinem Lande der Welt so viel öffentliche und +Privat-Unterrichts-Anstalten, wie in den Vereinigten Staaten; dennoch +kamen mir, wenigstens bisher, nicht viele gründlich gebildete Mädchen +oder Frauen vor; denn ein Bischen Klavier klimpern, singen oder einige +Französische Worte herplappern, nenne ich keine Bildung. Die größere +Zahl begnügt sich mit einem oberflächlichen Anflug des Wissens, womit +sie aber die echt republikanische Kühnheit verbindet, denselben überall +zur Geltung zu bringen. So erschrack ich immer, wenn ich ein Klavier +auf einem Dampfer sah. Jung und Alt setzte sich ohne Scheu hinzu; das +Geklimper, der sogenannte Gesang nahmen den ganzen Tag kein Ende. Eben +so wenig Kenntniß hatten sie von der Geographie. Wenn man mich fragte +(was Hunderte thaten), von welchem Lande ich nach den Vereinigten +Staaten gekommen, wo ich geboren sei u. s. w., und ich antwortete, ich +sei von Peru gekommen, in Wien geboren, wußten sie weder wo Peru, noch +wo die Stadt Wien liegt. Außer ihrem eigenen Lande kennen sie wenig +von der Welt, von Europa kaum mehr als Paris und London, vielleicht +einiges von Deutschland, und seit dem Kriege der Russen mit den Türken +wohl auch St. Petersburg und Constantinopel. In den vielen Schulen, in +welchen ich von den untersten bis zu den obersten Klassen Prüfungen +aus der Geographie beiwohnte, hörte ich nichts als Fragen über die +Vereinigten Staaten; man hätte glauben mögen, daß es gar keine andern +Länder gäbe. + +Zu Anfange befremdete mich dieses oberflächliche Wissen sehr, um so +mehr, als mich die Eltern versicherten, daß ihre Kinder schon mit vier +Jahren die Schulen besuchten. Später sah ich wohl, woher es kam. Die +meisten Eltern besitzen selbst keine höhere Bildung und glauben für +die Erziehung ihrer Kinder genug zu thun, wenn sie dieselben nach der +Schule senden. Die Mütter in der wohlhabenden Klasse sind wenig für +Häuslichkeit erzogen; sie verbringen den größten Theil des Tages im +Rocking-chair schaukelnd, eine Novelle lesend, oder einen Spaziergang +machend, die Kaufläden besuchend, in welch letzteren sie Stunden +zubringen, um die schönen Waaren zu besehen. Für Kinder-Erziehung Sorge +zu tragen, dieselbe zu überwachen, haben sie weder Lust noch Zeit. In +der Schule selbst werden die Kinder nicht sehr zum Arbeiten angehalten, +denn beklagt sich das Kind über die Schule, über den Lehrer, so wird +ihm stets Recht gegeben, und wünscht es die Schule, die es besucht, mit +einer andern zu vertauschen, so erfüllt man seinen Willen. In Folge +dieses Verfahrens sind die Lehrer gezwungen, gegen die Kinder weder +Strenge noch Ernst zu gebrauchen, und sie wie erwachsene Leute zu +behandeln. Thäten sie es nicht, so würden ihre Schulen bald leer sein. + +Als ich dieß alles gesehen und beobachtet hatte, befremdete mich +das oberflächliche Wissen der Kinder nicht mehr; im Gegentheile, es +wunderte mich, sie doch noch so unterrichtet zu finden, als es der Fall +war. + +In Fort Smith angekommen, fand ich keine Gelegenheit mehr, die Reise +zu Wasser fortzusetzen; der Fluß war schon zu seicht geworden. Ich +miethete ein Pferd, um nach Fort Gibson (achtzig Meilen), in dessen +Nähe die +Cherokee+-Indianer leben, zu reiten; allein in der Nacht +hatte ich wieder einen Anfall des hartnäckigen Sumatra-Fiebers und +mußte der Reise entsagen. + +Die Cherokee-Indianer zeichnen sich vor allen übrigen durch Schönheit +und Bildung aus. Sie leben in Ortschaften und Städtchen, haben eine +konstitutionelle Regierungsform, gute Schulen und senden ihre Söhne +häufig in Amerikanische Handelshäuser; sie geben sogar eine Zeitung +heraus. Ihr Häuptling ist mit einem weißen Mädchen aus guter Familie +verheirathet. -- Eine Ehe mit einem Indianer wird nicht als entehrend +angesehen. + +Ich traf in Fort Smith viele dieser Indianer, die theils in +Handelsgeschäften, theils zum Vergnügen dahin gekommen waren. Mehrere +speisten in dem Gasthofe, in welchem ich wohnte. Sie sprachen etwas +Englisch und benahmen sich recht anständig; nur nahmen sie manchmal +einzelne Stücke aus der Schüssel und führten sie gleich zum Munde; +sie aßen mit Messer und Gabel. Ihre Gestalt und Gesichtsbildung war +durchgehend hübsch; man hätte die meisten für Europäer halten können, +wäre ihre Hautfarbe etwas lichter gewesen; diese aber war nicht hübsch, +entweder lederartig oder schmutzig lichtbraun. Männer wie Weiber trugen +Europäische Kleidung, manche der Männer über die Kleider eine Art +weite, kurze Blouse mit reich garnirten großen Krägen; einer hatte ein +zusammengedrehtes Tuch gleich einem Kranze um den Kopf geschlungen. Die +Männer waren alle hübscher, als die Weiber. + +Während meines Aufenthaltes zu Fort Smith, am 4. Juli, wurde das Fest +der Unabhängigkeit-Erklärung gefeiert, bei welcher Gelegenheit ein +Negerball statt fand, an dem Freie wie Sklaven Theil nahmen. Sie waren +alle Europäisch gekleidet, die Männer schwarz mit weißen Halsbinden +und Westen, die Weiber und Mädchen in Tüll und andern hübschen weißen +Stoffen; auch an Goldketten und Geschmeiden fehlte es nicht, eben +so wenig an Bändern und Blumen in den Haaren. Der Saal war schön +geschmückt und beleuchtet, der Speisen gab es in Fülle. Es machte einen +höchst komischen Eindruck, alle die farbigen und schwarzen Gesichter in +dem Europäischen Putze zu sehen. + +Von dem bösen Fieber befreit, ging ich nach wenigen Tagen wieder +nach Napoleon zurück, wo ich mich auf dem prachtvollen Dampfer +„Crescent-City“ auf dem Mississippi einschiffte; der Kapitän Mr. +John+ +nahm ebenfalls keine Bezahlung von mir an. + +Die Ufer des Mississippi blieben fortwährend von gleicher Einförmigkeit +-- dichte unermeßliche Waldungen deckten die Ebenen; man hatte gar +keinen Anhaltspunkt einer hübschen Ansicht; nirgends bedeutende +Pflanzungen. Dem Vorübersegelnden zeigten sich nur erbärmliche hölzerne +Hütten, bei welchen Holz für die Dampfer zum Verkaufe aufgeschichtet +lag. + +Oberhalb des Städtchens +Memphis+ stiegen die Ufer des Mississippi +in senkrechten Sandwänden zu einer Höhe von fünfzig Fuß empor. Diese +Strecke gilt als eine der schönen Scenen des Stromes. Der gute Kapitän +John rief mich auf die Gallerie, dieses Naturwunder zu besehen; die +Entzückungen unter den Reisenden nahmen kein Ende. Nach einer Strecke +von einigen hundert Schritten fällt die Natur schon wieder erschöpft in +ihre frühere Einförmigkeit zurück. + +Bei +Jeddo+ (300 Meilen unterhalb St. Louis, also 1000 Meilen von +der Mündung des Flusses), einem Städtchen mit einem großen, schönen +katholischen Collegium, einer katholischen Kirche in Gothischem Style +und mehreren bedeutenden Ziegelhäusern, hat man zum ersten Male +hübschere Ansichten. Der Strom wird durch liebliche Inselchen in Arme +getheilt, bildet hie und da große Buchten gleich einem See, und kleine +Hügelketten erscheinen im Hintergrunde. Leute, die in ihrem Leben +nichts anderes als die unteren Gegenden des Mississippi gesehen haben, +mögen freilich diese Ansichten hinreißend schön finden; aber mit den +Donau-Gegenden z. B. halten sie keinen Vergleich aus. + +Bei dem Städtchen +Cairo+ (280 Meilen unterhalb St. Louis) mündet +der +Ohio+ in den Mississippi. Sein Wasser ist rein, von schöner, +grünlicher Farbe. Eine gute Strecke noch vor der Mündung kann man den +Kampf der beiden Gewässer beobachten. Erst tauchen nur einzelne Wogen +des trüben Mississippi in dem klaren Ohio auf, bald werden sie häufiger +und häufiger und endlich geht das Reine ganz verloren. Das böse Princip +erringt hier, wie meistens im irdischen Leben, die Oberhand. + +Das Städtchen Cairo liegt auf einer Erdzunge zwischen den beiden +Strömen. Alle diese Amerikanischen Städtchen oder Ortschaften gleichen +sich: man sieht ihnen die Eile, die Hast an, mit der sie gegründet +wurden. Sie bestehen meistens aus zerstreut umherliegenden Häuschen, +die von einfachen Bretterwänden zusammen gezimmert, klein und +beschränkt, mit Zimmerchen gleich Zellen versehen sind. Die dünnen +Bretterwände halten weder im Winter die Kälte, noch im Sommer die +glühende Hitze ab[6]. Aber an diesem und jenem Platze will sich der +Amerikaner ansiedeln, mit dem Willen beginnt er auch schon die That und +baut natürlich nur, was die höchste Notwendigkeit erfordert. Steigt +sein Bedarf, so vergrößert er allmählich seinen Bau; auch findet er +oft nach kurzer Zeit den Platz seinen Wünschen und Hoffnungen nicht +entsprechend, oder sein spekulirender Geist sehnt sich nach etwas +anderem; er verläßt plötzlich alles, selbst wenn es ihm gut ergangen +war, um sich an einem andern Orte niederzulassen. Die Amerikaner nennen +dieß „~move~.“ Ich traf auf dem Dampfer mehrere dergleichen „movende +Familien,“ die mir selbst gestanden, daß sie ihre Ansiedelungen aus +keinem anderen Grunde verließen, als weil sie schon einige Jahre darin +gelebt hatten. + +Am +14. Juli+ erreichten wir die Stadt St. Louis, die erst einige +Meilen früher sichtbar wird, da der Strom beständig große Krümmungen +macht. Der Anblick der gleichförmigen Häusermasse, die sich dem Strome +entlang an einer kleinen Erhöhung ausbreitet, bietet eben nichts +überraschendes. Die großen Amerikanischen Städte besitzen wohl schöne +Gebäude und viele Kirchen; aber man sieht diese erst, wenn man durch +die Straßen wandelt; hervorragende schöne Kuppeln, hohe, majestätische +Thürme gibt es nur sehr wenige. Die nahe Umgebung von St. Louis ist +sandig, die Waldungen liegen mehrere Meilen entfernt; das Land ist eben. + +Ich stieg hier bei Herrn +Charles Boyce+, Richter (~judge~) in +Louisiana ab. Ich hatte diesen Herrn, wie seine Familie, in Neu-Orleans +kennen gelernt, bei welcher Gelegenheit er so gütig war, mich in sein +Haus einzuladen, weil er wußte, daß ich im Sinne hatte, nach St. Louis +zu gehen. + +Die Stadt St. Louis zählt gegen 120,000 Einwohner, eine überraschend +große Bevölkerung für die kurze Zeit ihrer eigentlichen Entwicklung, +denn noch vor zehn bis fünfzehn Jahren hatte sie kaum einige Tausend. +Unter den Gebäuden sind, wie in allen Amerikanischen Städten, die +Banken, die Gasthöfe, das Zollhaus u. s. w. die bedeutendsten; auch +unter den Privatgebäuden gibt es schöne; so steht z. B. in der vierten +Straße[7] ein Haus, ganz aus weißem Marmor gebaut, der in der Nähe +der Stadt gebrochen wird. Die katholische Kirche ist einfach, aber +sehr hübsch. Mein erster Gang war dahin, denn ich hatte von ihr in +dem Directory of St. Louis vom Jahre 1854 folgendes gelesen: „Die +Kathedrale von St. Louis hat keine Nebenbuhlerin in den Vereinigten +Staaten hinsichtlich ihrer Pracht, des Werthes und der Zierlichkeit +ihrer heiligen Gefäße, ihrer Gemälde und Verzierungen, und gewiß haben +wenige Kirchen in Europa werthvollere Gegenstände aufzuweisen. Sie +besitzt Gemälde von Rubens, Raphael, Guido, Paul Veronese und eine +Zahl anderer von den neuesten Meistern der Italienischen Schule.“ +-- Ich hoffte dieser Beschreibung nach eine kostbare Bildergallerie +nebst andern großen Schätzen zu sehen; aber zu meinem Erstaunen fand +ich von allen diesen Kostbarkeiten und Meisterwerken nichts, vier +Oelgemälde ausgenommen, von welchen jedoch nur eines der älteren Zeit +zuzuschreiben sein mochte. Ich weiß, daß wohl gar manche Reisende die +Gewohnheit haben, mehr Poesie als Wahrheit in ihre Beschreibungen zu +flechten; aber eine ähnlich starke Lüge ist mir bisher doch noch nicht +vorgekommen. + +Das Gefängniß ist aus massiven Steinen aufgeführt. Das Innere besteht +aus einer großen Halle, um welche die Zellen in zwei Stockwerken +laufen. Die Zellen sind für zwei Personen; sie besitzen gar keine +Einrichtung, nicht einmal einen Schragen zum Schlafen -- eine Kuhhaut +vertritt dessen Stelle. Der Gefangene kann sich, so lange er nicht +abgeurtheilt ist, mit seiner Börse alle Annehmlichkeiten verschaffen, +was nach gefälltem Urtheil nicht mehr erlaubt ist. Allein ich sah doch +bei manchen Abgeurtheilten mehr Comfort als bei andern. Leider ist der +goldene Schlüssel in den freien Staaten so mächtig, wie überall in der +Welt. + +Die Gefängnißkost wäre nicht schlecht gewesen; allein die Bereitung und +die Art, auf welche man die Speisen den Leuten gab, fand ich unsauber +und unpassend -- man fütterte sie wie Hunde ab. Ein großer Kübel, in +welchem alles zusammen geschüttet war, wurde in die Halle gebracht, ein +ekelhaft schmutziger Neger faßte vor jeder Zelle mit einem Löffel, wohl +auch mit der Hand einige Brocken heraus, warf sie in ein Geschirr, und +schob dieses durch eine kleine Oeffnung in der Thüre dem Verbrecher zu. + +Die Luft in der Halle war sehr unrein: wenn man an die Zellen kam, +mußte man die Nase zuhalten. Die Hinrichtungen (Aufhängen) finden in +dem Hofe des Gefängnisses statt. + +Von Lehr- und andern Anstalten, als: für Kinder, die man von der Straße +aufliest, für alte arme Leute, für Mädchen und Frauen, die sich bessern +wollen u. s. w., besah ich manche, die ich alle sehr zweckmäßig und +trefflich eingerichtet fand. In dieser Hinsicht, besonders was die +Anstalten für Arme anbelangt, wird in den Vereinigten Staaten sehr +viel gethan. Viele Vereine bilden sich unter den Frauen, die emsig +nachsehen und alles sehr genau überwachen. In diesem Punkte kann man +den Amerikanischen Frauen wahrhaftig des Lobes nicht genug nachsagen. + +Die Zuckerraffinerie des Herrn +Belcher+ ist sehenswerth, da sie die +größte im Westen ist: es werden wöchentlich bei 600 Tonnen[8] Syrup +(Melasses) in raffinirten Zucker verwandelt. Herr Belcher beschäftigt +gegen 700 Menschen nebst 140 Pferden und Maulthieren. Ich sah hier +einen der tiefsten artesischen Brunnen, die bisher gegraben wurden: +seine Tiefe beträgt 2200 Fuß. Man war zwar auf eine sehr starke Quelle +gekommen, sie enthielt aber so viel Schwefel, daß man sie nicht +benützen konnte; es wird daher mit der Bohrung des Brunnens noch +fortgefahren. + +Die Markthalle ist groß und hübsch, steht aber jener von Neu-Orleans +weit nach. + +Der Friedhof +Belle Fontaine+ ist einer der schönsten von allen, die +ich bisher gesehen. Er besteht aus einem prachtvollen Naturparke von +vielen hundert Acres Landes, in welchem die Kunst nichts anderes zu +thun hatte, als das Untergebüsch zu vertilgen, den Wald ein wenig zu +lichten und den Grasboden zu cultiviren. Auf diesem Friedhofe werden +nur Plätze für Familiengräber um theure Preise verkauft. Die Plätze +sind mit zierlichen leichten Eisengittern eingefaßt und mit Blumen +geschmückt, in deren Mitte kunstvolle Marmor-Monumente aufsteigen, +von welchen manche in Italien gearbeitet worden sind. Bis jetzt gibt +es noch wenige Grabesplätze. Der ganze Park ist von schönen Fahr- +und Gehwegen durchschnitten, und ein Spaziergang dahin sehr lohnend. +Schade, daß es keine Bänke gibt, um sich mit einem Buche allda länger +aufhalten zu können. + +Ich blieb einige Wochen in dem Hause des Herrn Boyce und war während +dieser Zeit sehr aufmerksam auf die Behandlung der Dienerschaft, die +aus lauter Sklaven bestand. Zu meiner großen Freude fand ich, daß die +Leute behandelt wurden, als gehörten sie zur Familie, ja meiner Ansicht +nach wurden sie sogar zu wenig mit Arbeit beschäftiget: ein Halbdutzend +Sklaven arbeitete nicht so viel, als bei uns zwei Dienstleute. Die +Kleidung, die Kost war gut und hinreichend. Freilich gehörten auch Herr +und Frau Boyce zu den trefflichsten Menschen und ihre Kinder zu den +sehr wohl erzogenen. Glücklich wäre das Loos der Sklaven, würden sie +überall so gehalten! + +Ich machte von St. Louis einen kleinen Ausflug nach dem Städtchen ++Highland+ (32 Meilen) in dem Staate +Illinois+, jenseits des +Mississippi gelegen. Zu diesem Ausfluge mußte ich einen Platz in der +Postkutsche (Stage-coach) nehmen, welche Art zu reisen die unbequemste +und lästigste ist. Der sonst mit der Zeit so geizende Amerikaner hat +da eine mehr als himmlische Geduld. So ist es z. B. gebräuchlich, daß +sich die Reisenden nicht an dem Orte der Abfahrt einfinden, sondern der +Wagen fährt vor jedes Haus sie abzuholen, eine Einrichtung, die sehr +langweilig ist und in großen Städten vielen Zeitverlust verursacht. Man +fährt oft ein Paar Stunden kreuz und quer, ohne daß die eigentliche +Reise begonnen hat. Eben so zeitraubend geht das Umspannen vor sich: +die Pferde sind nicht bereit, die Herren treten in die Schenke, und so +vergeht eine halbe Stunde, bevor man weiter kommt. Unterweges werden +die Pferde noch überdies getränkt. + +Das Städtchen Highland mit 5000 Einwohnern ist vor fünfzehn Jahren +von Deutschen und Schweizern gegründet worden. Vor dieser Zeit war +das Land rings umher noch Prairie; jetzt ist der größte Theil schön +cultivirt und mit üppigen Weizen-, Hafer- und Mais-Feldern bedeckt. + +Man erwies mir in Highland sehr viele Ehren[9]. Herr +Bernais+, ehemals +bei der französischen Gesandtschaft in Wien angestellt, erwartete +mich schon an der Station, und führte mich sogleich in sein Haus. Am +ersten Abende brachten mir die Mitglieder des Musikvereins, am zweiten +die Sänger ein Ständchen. Die Freundlichkeit und Herzlichkeit, mit +welcher man mir entgegen kam, die Deutsche Sprache, die ich von allen +Seiten hörte, die heimathlichen Lieder und Kompositionen, auf wirklich +ausgezeichnete Weise vorgetragen, machten es mich beinahe vergessen, +daß ich mich in einem fremden Welttheile befand: es war mir, als sei +ein Stück von Deutschland hieher gezaubert worden. + +Fünf bis sechs Meilen von Highland landeinwärts sind die Prairien noch +im Naturzustande zu sehen. Man führte mich dahin; meine Begriffe waren +aber anders gewesen: ich hatte sie mir, den Beschreibungen zufolge, +als unübersehbare Flächen vorgestellt, mit sechs bis sieben Fuß hohem +Grase bedeckt, durch welches der Durchgang höchst beschwerlich sei. +Dem war indeß nicht so. Das Land hatte eine wellenförmige Bildung, +der Boden war zwar reich bewachsen; allein selten überstiegen die +Pflanzen die Höhe von zwei bis drei Fuß, und überall konnte man leicht +zu Fuße oder zu Wagen durchkommen. Die Aussicht von den zwanzig bis +dreißig Fuß hohen Hügeln war reizend; ich hätte nie geglaubt, daß +eine Landschaft ohne Gebirge, ohne Flüsse und Seen so schön sein +könnte. Die wellenförmige Bildung gestattete dem Auge eine weite +Fernsicht und brachte dabei doch hinreichende Abwechslung hervor. Nette +Farmhäuschen standen auf manchen Höhen, in Mitte blühender Pflanzungen; +im Vordergrunde breitete sich das Städtchen aus, kleine Boskette von +Frucht- und anderen Bäumen bildeten die Schlagschatten, und dunkle +Waldungen faßten in weiter Ferne das ganze Bild ein! + +Auf der großen Besitzung des Herrn +Köpfli+ wurden vor einigen Jahren +sogar Weingärten angelegt. Der Versuch gelang vortrefflich; allein +es zeigte sich, daß der gewonnene Wein nicht die Kosten deckte und +billiger aus fremden Ländern zu beziehen war; es wurde daher die +Weincultur vor der Hand aufgegeben. + +Ich besuchte mehrere Farms, um die Lebensweise der Farmer +(Grundbesitzer, Bauern) kennen zu lernen. Wer so viel besitzt, sich +Grund und Boden zu kaufen, ein Häuschen zu bauen und seinen Bedarf +für das erste Jahr zu decken, hat in den Vereinigten Staaten gewiß +die schönste Zukunft vor sich. Die Ländereien, die man in noch +uncultivirten Ländern von dem Staate kauft, kosten per Acre 1¼ Dollar. +Auf seinem Grunde kann der Farmer schaffen und bauen, was er nur immer +will: nichts ist in diesem schönen, freien Lande Monopol, nichts ist +verboten oder hoch besteuert; außer einer ganz unbedeutenden Abgabe +gibt es gar keine andern Leistungen und Pflichten. + +Die Farmers besorgen mit den Knechten die äußeren Geschäfte, denn nie +sieht man in den Vereinigten Staaten ein Bauernweib auf dem Felde +arbeiten, Gras für das Vieh heimschleppen, die Erzeugnisse nach dem +Markte bringen u. dgl. Der Amerikaner hat für das weibliche Geschlecht +zu viel Schonung, um ihm dergleichen schwere Arbeiten aufzubürden. Die +Frauen besorgen die Hauswirthschaft, das Melken der Kühe, das Buttern +u. s. w. Sie leben sehr gut und sind durchschnittlich sauber gekleidet, +ja letzteres artet bei den Frauen oft nur zu sehr aus; sie erscheinen +Sonntags in stattlichem Putze mit goldenen Ketten, Uhren und Ringen. + +Die Kost der Farmers besteht Morgens gewöhnlich aus kaltem Fleische +oder Schinken, Brot, Butter und Thee oder Kaffee, Mittags aus +gebratenem Fleische und Kartoffeln, Abends wie Morgens aus kaltem +Fleische, Thee u. s. w. Was am ersten Tage erscheint, kommt das ganze +Jahr hindurch, so daß die Küche den Frauen weder viel Kopfzerbrechen +noch Arbeit verursacht. + +Beinahe jeder Farmer hat in seinem Hause ein nettes Zimmerchen, seine +Freunde zu empfangen; trotzdem darf man aber von Gastfreundschaft nicht +zu viel erwarten. Kommt man gerade zu einer ihrer Mahlzeiten, so wird +man zwar eingeladen; aber außer den Eßstunden wird den Besuchern nicht +einmal ein Glas Milch angeboten. Man sagte mir, daß jedermann auf Farms +aufgenommen werde, aber gewöhnlich zahle, wenn er über Nacht bleibe, -- +worin besteht dann die gerühmte Gastfreundschaft? -- + +Ich kann von Highland nicht scheiden, ohne auch der liebenswürdigen +Familie +Bandelier+ zu gedenken. Jedermann, mit dem ich bekannt wurde, +lernte bald meine Leidenschaft für Insekten kennen. Seit ich aber die +Holländisch-Indischen Besitzungen verlassen hatte, war man nirgends so +gütig gewesen, mir deren weder aus Gefälligkeit noch gegen Bezahlung +zu verschaffen oder abzulassen; ja ich mußte wirklich oft über die +Angst lachen, mit der man mir zuweilen ein Paar elende Stücke zeigte: +die Leute fürchteten sich, mir ein Käferchen, einen Schmetterling +anbieten zu müssen. Vergebens gab ich den geehrten Sammlern schon im +voraus mein Wort, nichts zu begehren, mich mit dem Ansehen zu begnügen; +aber wie es schien, trauten sie meinem Worte nicht, und jeder hatte +seine Sammlung gerade vor einigen Tagen irgend einem Museum oder einem +Freunde als +Geschenk+ gesandt. + +Nur der fünfzehnjährige Sohn des Herrn Bandelier machte eine Ausnahme; +er zeigte mir seine Sammlung mit größter Freude, und bat mich mit +wirklich rührender Innigkeit, davon zu nehmen, was ich brauchen könne. + +Von Highland fuhr ich nach +Libanon+ (10 Meilen), einem neu angelegten +Städtchen, das bis jetzt noch aus nichts als aus einer kleinen Reihe +hölzerner Häuschen besteht, die am Waldsaume liegen. Der größte +Theil des Weges führt durch Prairien. Vier Meilen weiter liegt die +Farm des Herrn +Hecker+. Mit Erstaunen sah ich diesen talentvollen, +hochgebildeten Mann, den bekanntlich die politischen Verhältnisse +zwangen, sein Vaterland (Baden) zu verlassen, sich in das Landleben +fügen, als wäre er von Geburt an ein Farmer gewesen. Wenn er in seinem +Farmeranzuge, mit seinem langen Barte mitten unter seine Landsleute, +ja unter seine Freunde träte, niemand würde ihn erkennen. Beinahe noch +mehr bewunderte ich seine Frau: sie hat sich mit derselben Ergebung +und Fassung in die neue Lebensweise geschickt. Wie hart mag es beiden +fallen, mit nichts als Feld und Vieh zu schaffen zu haben, von nichts +anderem sprechen zu hören, jedes geistigen Umgangs zu entbehren?! -- + +Ich kehrte von diesem Ausfluge wieder nach St. Louis zurück, wo ich +noch einige Tage verweilte. Am +29. Juli+ setzte ich meine Reise auf +dem schönen Dampfer „+Excelsior+“ fort, der von hier nach +St. Paul+ +(825 Meilen) ging. + +Kaum dreißig Meilen oberhalb St. Louis mündet der Missouri in den +Mississippi, und dieser Fluß ist es, welcher dem Mississippi das +schmutzige Gewässer bringt; oberhalb der Einmündung des Missouri ist +der Mississippi klar und rein. + +Am +30. Juli+ früh Morgens legten wir an dem winzigen, aus höchstens +einem Dutzend kleiner Häuser bestehenden Städtchen +Hamburg+ an, das +sich ungemein reizend um einen ungefähr hundert Fuß hohen Hügel lagert. + +Noch schöner ist die Lage des Städtchens +Clarksville+. Wir kamen +an mehreren Ortschaften vorüber, die alle, wenn auch nur einige +hölzerne Häuschen zählend, in der Hoffnung auf die zukünftige Größe +und Bevölkerung schon jetzt „Städte“ genannt werden. Der Amerikaner +lebt überhaupt so sehr in der Zukunft, daß er von der Gegenwart wenig +genießt. + +Von Hamburg bis zu dem Städtchen +Quincy+, welches wir am +31. Juli+ +erreichten, wird die Fahrt auf dem Mississippi angenehmer. Der Strom +ist reich an größeren und kleineren Inseln; es zeigen sich abwechselnd +Hügelketten, und die Waldungen sind ungleich schöner, da die Bäume an +Höhe und Umfang zunehmen. Bei Quincy treten die Flächen wieder in den +Vordergrund. Bei +Keokuk+ wurde der Wasserstand schon so niedrig, daß +der größte Theil der Ladung auf ein Schleppschiff übertragen werden +mußte. + +Das Städtchen +Madison+ mit dem Fort gleichen Namens gehört schon zu +den größeren und mag 3-4000 Einwohner zählen. Bedeutender noch ist ++Burlington+, mit ziemlich großen Backsteinhäusern und breiten Straßen. ++Rock-Island+ und +Davenport+, einander gegenüber gelegen und nur durch +den Mississippi getrennt, tragen den Namen „Stadt“ schon mit Recht. +Doch haben alle diese Städte und Städtchen nichts Eigenthümliches oder +Anziehendes. Das Land war auf beiden Seiten des Stromes noch wenig +aufgebrochen, die Waldung nur an den Stellen gelichtet, auf welchen +die Ortschaften standen; entweder wird noch wenig Land bebaut oder es +geschieht dieß mehr im Innern. + +Wir blieben die Nacht vor Davenport liegen. Gegen 11 Uhr erhob sich +ein starker Sturm, der in einen Orkan auszuarten drohte. Die Blitze +folgten sich unausgesetzt, der Donner grollte wild durch das Brausen +des Windes. Der Kapitän und die Offiziere eilten aus ihren Kabinen auf +der obersten Terrasse in die tieferen hinab, befürchtend, der Sturm +möchte jene sammt dem Schornstein der Maschine mit sich fortführen, wie +es bei einem ähnlichen Sturme drei Wochen früher der Fall gewesen war. +Wir sahen noch am Ufer die zerstörten Kamine liegen, und am Lande ein +Backsteinhaus, das durch den Orkan seines Daches beraubt worden war. +Wir kamen jedoch dießmal mit der bloßen Angst davon, schon nach einer +Stunde zügelte der Sturm seine Wuth und hatte bald gänzlich ausgetobt. +In der heißen Jahreszeit sollen diese Gegenden öfter von Orkanen +heimgesucht werden. + +Am +4. August+ Morgens lenkten wir in das +Fieber-Flüßchen+ und +landeten unfern seiner Mündung an dem Städtchen +Galena+. Die Lage +dieses Städtchens ist reizend: ein Theil windet sich an dem Fuße eines +schönen Hügels fort, während der andere sich in malerischen Gruppen bis +an dessen Spitze zieht. + +Von Galena kehrten wir wieder in den Mississippi zurück, der nun schon +bedeutend an Breite abnimmt, dessen Ufer aber dafür an Reiz gewinnen. + +Von Neu-Orleans bis hierher bietet dieser Strom der großen, schönen +Scenen wahrhaftig so wenige, daß ein Maler in Verzweiflung gerathen +müßte, würde ihm die Aufgabe gestellt, irgend eine überraschende, +reizende Ansicht davon zu liefern. Der Reisende hat für die lange Fahrt +(von der Mündung bis hierher 1600 Meilen) keine andere Entschädigung, +als sich an dem Gedanken zu laben, daß es doch großartig ist, zwischen +diesen Urwäldern und Prairien den Rücken eines der mächtigsten Ströme +der Erde von Hunderten von Dampfern befahren, in diesen Gegenden, die +noch vor zwanzig Jahren größtentheils von wilden Indianern, von Bären +und anderen Bestien bewohnt waren, überall Städte und Ortschaften +gleich Pilzen aus der Erde entstanden zu sehen. Allerdings ist dieser +Gedanke mächtig; aber schon nach wenig Tagen wird man mit den sich ewig +wiederholenden Wundern so vertraut, daß man ihrer am Ende gar nicht +mehr gedenkt und nur von der Einförmigkeit der Naturscenen gelangweilt +wird. + +In Galena vermehrte sich unsere Gesellschaft um zwei Mädchen oder +Frauen von etwa zwanzig Jahren, deren Benehmen gleich zu erkennen gab, +zu welcher Klasse sie gehörten. Sie sprangen umher, liefen einander +nach, haschten sich u. s. w. Ich hielt mich fern von ihnen, denn noch +war ich so albern, die Menschen nicht nach Farbe und Blut, sondern +nach Bildung und Sittlichkeit zu schätzen. Als diese beiden Geschöpfe +den nächsten Tag den Dampfer verließen, gingen sie ganz nahe an mir +vorüber, klopften mir lachend auf die Achsel und schrieen mir in die +Ohren, als wäre ich taub gewesen: „Sie gleichen unserer Großmutter auf +ein Haar.“ Den Jahren nach hätte dieß wohl sein können: ich verläugne +mein Alter nicht; allein die Art und Weise, in welcher mir die Mädchen +dieß sagten, war so auffallend beleidigend, daß ich nicht umhin konnte, +ihnen zu antworten: „Und Sie gleichen zwei Affen, die ich von meinen +Reisen nach Hause gebracht habe, so vollkommen, daß ich schon dachte, +Sie seien mir entsprungen.“ + +Ueberhaupt befand sich auf diesem Dampfer wieder eine sehr gemischte +Gesellschaft. Ein Paar andere junge Frauen warfen sich bei Tische mit +den abgenagten Maiskolben -- die Nebensitzenden waren nicht sicher, +daß ihnen ein Stück davon an den Kopf flog. Und Abends erst, wenn sich +alle in den Schaukelstühlen (~Rocking-chairs~) wiegten, da hätte ich +ein Maler sein mögen, um den Frauen ein Bild zu zeichnen, wie anmuthig +sie sich in diesen Stellungen ausnahmen. Es waren zehn solcher Stühle, +die Frauen schoben sie in einen Kreis zusammen, setzten sich recht tief +hinein, streckten die Füße weit vor, ja manche hielten auch noch den +Arm über den Kopf, und so schaukelten sie sich, so viel es der Stuhl +zuließ. Wie unzart, wie unweiblich das aussah, ist nicht zu beschreiben. + +Man sagte mir freilich, daß ich die Amerikaner nicht nach dem Benehmen +auf den Dampfern beurtheilen solle. + +Das will ich gern glauben. In den Gesellschaften in Neu-Orleans oder +Neu-York hätte ich sie nicht so in ihrem natürlichen Gehenlassen +gesehen wie auf den Dampfern. In den Gesellschaften hätte ich nicht +gesehen, daß die Herren es sehr lieben, die Füße auf Stühle, ja +selbst auf Tische zu strecken -- ein eben so reizendes Bild, wie das +der weiblichen Jugend in den Schaukelstühlen. In den Gesellschaften +hätte ich nicht gesehen, wie die Leute die Achtung für sich und die +Gesellschaft so ganz außer Augen setzen, daß sie in beschmutzten, +ja selbst zerrissenen Kleidern, mit schmutziger Wäsche, ungeputzten +Stiefeln an die Tafel kommen. In den Gesellschaften hätte ich nicht +gesehen, daß selbst nett gekleidete Herren gleich Matrosen beständig +Tabak kauen, daß sich gar viele ihrer Finger statt des Taschentuches +bedienen, und daß sie bei Tische die Knochen des Geflügels, die +Schalen der Kartoffeln u. s. w. auf das Tischtuch neben den Teller +legen. In den Gesellschaften hätte ich nicht gesehen, wie unartig und +naseweis sich die Kinder benehmen. Und schwerlich hätte ich in den +Gesellschaften Gelegenheit gefunden, zu bemerken, daß die Leute gar +so orthodox und von der Sucht befallen sind, alles bekehren zu wollen, +was in ihr Bereich kommt. Kaum war ich oft auf das Deck eines Dampfers +gestiegen, so kam schon eine Frau oder ein Herr mit der Frage daher. +„Zu welcher Kirche gehören Sie?“ Ich fand diese Frage so unhöflich, so +unbescheiden, daß ich meistens zur Antwort gab: „Ich bekümmere mich +nichts, zu welcher Sekte Sie gehören, folgen Sie meinem Beispiele.“ +Wünschte ich ein Buch zu haben, so gab man mir nicht selten religiöse +Abhandlungen oder die Bibel. Ich finde nichts ungeschickter, als, wie +man zu sagen pflegt, sogleich mit der Thüre in das Haus zu fallen: es +gibt dieß einen ungünstigen Begriff von den Leuten, und man hört gar +nicht oder mit Unwillen auf ihre Worte. Ich für meinen Theil floh diese +Bekehrer wie das böse Fieber, denn nichts ist mir unerträglicher, als +ein von seinem Glauben aufgeblasener Fanatiker. + ++6. August.+ Früh Morgens fuhren wir in einen kleinen See, aus dessen +Mitte ein Inselchen steigt. Die Gegend war so still und romantisch, +das Inselchen von der Welt so abgeschieden, daß nichts als eine Klause +sammt dem Eremiten fehlte, das Bild vollkommen zu machen. Dieser +kleine See ist das Vorspiel eines größern, des +Pipin-Sees+ (zwanzig +Meilen lang vier Meilen breit); beide werden von dem Mississippi +gebildet. Die Ansicht des letzteren entschädigte mich zum großen Theile +für die lange, einförmige Strom-Reise. Südwestlich ist sein Becken +von einer hohen Hügelkette eingefaßt, die oft in steilen Felswänden +von drei- bis vierhundert Fuß Höhe abfällt. An eine derselben, +„+Maiden’s-Rock+“ (Mädchen-Fels) genannt, knüpft sich eine traurige +Sage. Ein Indianisches Mädchen war bestimmt, mit einem ihrer Landsleute +verheirathet zu werden. Da kam zufällig ein Weißer, der sich in der +Gegend verirrt hatte, in den Wig-wam (Dorf) des Mädchens. Er hielt +sich da einige Zeit auf, lernte das Mädchen kennen und lieben und +fand Gegenliebe. Als die Eltern so wie der Bräutigam dieß bemerkten, +verfolgten sie das Mädchen mit Vorstellungen und Drohungen, und +suchten die Hochzeit zu beeilen, um der Geschichte ein Ende zu machen. +Eines Tages, als das arme Geschöpf von dem Bräutigam besonders stark +gepeinigt wurde und sich nicht zu retten wußte, floh es auf den Fels +und stürzte sich in den See, der den Körper nur als Leiche wiedergab. + +Die anderen Seiten des Sees sind theils von Hügeln, theils von sanft +aufsteigenden, gut kultivirten Flächen umgeben, deren Hintergrund eine +niedere Bergkette bildet. Städtchen, einzelne Farms liegen an den +Ufern. Ich konnte des Anblicks der reizenden Landschaft, des schönen +Wasserspiegels nicht müde werden, und zu schnell fuhren wir in den +dritten See ein, den +St. Croix+, welcher von dem Flusse gleichen +Namens gebildet wird und noch länger, aber bedeutend schmäler als der +Pipin-See ist. Gleich einem langen, weißen Tuche schlingt er sich +zwischen Hügeln, Flächen und Wäldern durch, und gestattet kaum einigen +kleinen Inseln Raum in seinem Bette. Auch +seine+ Ufer sind schön und +abwechselnd. + +Am +7. August+ Morgens trafen wir in +St. Paul+ ein. + + + [4] Später, als ich auf dem Ohio fuhr, rief eines Morgens eine junge + Dame einen Herrn in den Damensalon, mit welchem sie keineswegs in + naher Verwandtschaft stand, denn sie nannte ihn „Mister“ (Herr) + und er sie „Miß“ (Fräulein), und ließ sich von ihm ohne Umstände + das Kleid zuschnüren, obwohl eine Dienerin und viele Frauen da + waren, die ihr denselben Dienst hätten leisten können. + + [5] Die Amerikaner pflegen Gegenden, Berge, Städte, Ortschaften mit + den Namen der berühmtesten Gegenden, Gebirge, Städte oder selbst + Personen der ganzen Welt aus alter und neuer Zeit zu benennen. + + [6] Bekanntlich ist in den Vereinigten Staaten im Sommer die Hitze, + im Winter die Kälte viel heftiger als in andern Ländern, die + unter denselben Breitegraden liegen. + + [7] Viele Straßen sind in den Amerikanischen Städten durch Nummern + bezeichnet. + + [8] Eine Tonne gleich zwanzig Centner. + + [9] Man verzeihe mir, wenn ich dergleichen erwähne; es geschieht aber + nur in der Absicht, allen den guten Menschen, deren ich auf + meinen Reisen unter allen Nationen so viele traf, meine dankbare + Erinnerung zu bezeigen. + + + + +Zwanzigstes Kapitel + + St. Paul. -- Die St. Antony-Fälle. -- Die Pelzjäger. -- Die Fahrt + in der Postkutsche. -- Stillwater. -- St. Croix. -- Rückkehr nach + Galena. -- Amerikanische Geduld. -- Chicago. -- Der Michigan-See. + -- Milvaukee. -- Die unterirdische Eisenbahn. -- Die Mormonen. -- + Der Lake Superior. -- Die Indianer. -- Der Huron- und Erie-See. -- + Cleveland. -- Niagara-Falls-Village. + + ++St. Paul+ ist das Hauptstädtchen des +Minnesota-Distriktes+. Es +besteht aus zwei Theilen, von welchen der eine, der untere, an dem +Ufer, der andere (obere) auf Hügelland liegt. Dieses Städtchen, erst +vor fünf Jahren entstanden, nimmt, wie fast alle Anlagen in diesem +Distrikte, mit überraschender Schnelligkeit zu: es zählt bereits über +5000 Einwohner, und zwischen den hölzernen Häuschen stehen schon gar +manche stattliche Backsteingebäude. Bis auf zwei Meilen im Umkreise +gibt es hübsche Landhäuser, die in jung gepflanzten Gärten, in neu +aufgebrochenem Lande liegen. + +Der Distrikt Minnesota ist den Vereinigten Staaten noch nicht als +Staat eingereiht. Eine Masse Landes muß, um als Staat anerkannt zu +werden, von einer gewissen Anzahl Weißer bewohnt sein (sechzig- +bis hunderttausend). So lange dieß nicht der Fall ist, bleibt +sie „Distrikt.“ In den Distrikten kann sich jedermann ansiedeln, +Land aufbrechen so viel und wo es ihm gefällt, man bedarf keiner +Bewilligung hierzu, hat nicht das geringste dafür zu bezahlen und +ist ganz steuerfrei; wird aber der Distrikt als Staat erklärt, so +muß man für das in Besitz genommene Land 1¼ Dollar per Acre bezahlen +oder es abgeben. Bevor der Distrikt zum Staate wird, entscheiden die +Einwohner durch Stimmenmehrheit für oder gegen die Einführung der +Sklaverei. Von Minnesota weiß man schon jetzt, daß die Sklaverei nicht +eingeführt wird, was nicht so sehr aus Menschenliebe geschieht, als in +Folge der klimatischen Verhältnisse. Das Klima ist gesund und für die +Europäischen Einwanderer vollkommen geeignet; sie können hier so gut +alle Feldarbeit bestellen, wie in ihrer Heimath, und wo dieß der Fall +ist, kommt die Arbeit billiger zu stehen, als mit Sklaven. + +Der Distrikt Minnesota hat 166,000 Quadratmeilen oder 106 Millionen +Acres Land; er wurde, obwohl den Weißen schon seit mehr als hundert +Jahren bekannt, doch eigentlich erst im Jahre 1849 von der Regierung +mit einiger Aufmerksamkeit untersucht und für sehr fruchtbar erklärt. +Sie kaufte den Eingebornen das Land ab, kleine Strecken ausgenommen, +und schickte sie größtenteils nach dem Indianer-Territorium. Die +Regierung bezahlt den Indianischen Häuptlingen gewöhnlich per Acre +fünf bis sechs Cents, ungefähr eben so hoch belaufen sich die Kosten +der Bemessung, Unterhandlung, Versendung der Eingeboren, Geschenke +u. s. w., so daß ihr der Acre Landes auf zehn bis zwölf Cents zu stehen +kommt. Sie verkauft ihn dann, wie gesagt, zu 1¼ Dollar. + +Seit einigen Jahren bevölkert sich Minnesota mit reißender +Schnelligkeit und dürfte in kurzer Zeit zum Staate wenden. Im Jahre +1852 zählte man kaum zwanzigtausend Weiße; in dem darauf folgenden +Jahre ergab sich schon beinahe die doppelte Zahl. + +Bisher sind die einzigen Ausfuhrartikel Bretter und Bauhölzer aller +Gattung, die erst nach St. Louis verflößt werden, von wo man sie +weiter versendet. Man kann sagen, daß in diesem Lande Dampf- und +Wasser-Sägemühlen an Stellen arbeiten, wo man beinahe noch die +rauchende Hütte des Indianers, die Spuren des wilden Büffels, des +flüchtigen Hirsches gewahrt. Hier ist der Menschenfleiß mit der +Natur im regsten Kampfe. Ich glaube kaum, daß je ein Land so schnell +angegriffen wurde, wie Minnesota. Es wird zwar noch viel an Getreide, +Kartoffeln u. s. w. von den Nachbarstaaten eingeführt, weil die +Ansiedler noch zu sehr mit der Lichtung der Wälder, mit den Sägemühlen +beschäftigt sind; doch hofft man schon in wenig Jahren nicht nur den +eigenen Bedarf zu decken, sondern sogar auszuführen, da der Boden sich +als außerordentlich fruchtbar zeigt. + +Schönes, glückliches Land, das jedem Auswanderer mit gutem Gewissen +zu empfehlen ist, besonders solchen, die kräftige Hände, Arbeitsliebe +und Ordnungssinn mitbringen! Hier kann der Ansiedler auf baldigen Lohn +hoffen, das Klima ist nicht tödtend, die Arbeit nicht so beschwerlich +und langjährig, wie in manchen andern Ländern, wo oft erst die Kinder +den Fleiß der Eltern ernten. + +Ich kam nach St. Paul mit einem Empfehlungsbriefe an Herrn ++Holingshead+, der sich sein Haus eine kleine Strecke von der Stadt auf +einem Hügelchen gebaut hat, von welchem er das reizendste Rundgemälde +überblickt. Das ganze Land ist wellenförmig und noch von großen +Prairien und mächtigen Wäldern bedeckt. Die wellenförmige Bildung +gestattet ausnehmend weite Fernsichten. Ein Hügel, welchen mir Herr +Holingshead zeigte, soll hundert Meilen im Umkreise sichtbar sein und +den verirrten Wanderern als Leitstern dienen. + +Herr Holingshead war so freundlich, mich sogleich zu einer Fahrt nach +den berühmten Wasserfällen des Mississippi (den +St. Antony-Fällen+, 9 +Meilen) einzuladen. Die lieblichsten Wege führen dahin über Ebenen und +Hügel, zwischen Prairien, Bosketten und neu aufgebrochenen Feldern, +in deren Mitte der kürzlich angekommene Farmer vorläufig seine +Bretterhütte aufgeschlagen hat. Jeder Schritt, der mich den Fällen +näherbrachte, steigerte meine Neugierde, denn ich hatte sie von den +Amerikanern als höchst merkwürdig schildern hören. Ich konnte zwar +keine mächtige Wassermasse erwarten, da der Fluß so seicht war, daß +wir kurz vor seinen Fällen durchfahren konnten; doch war seine Breite +noch ziemlich bedeutend; was an Wasserfülle mangeln mochte, hoffte ich +an Höhe ersetzt zu sehen. Bald stand ich vor den Fällen, über alle +Maßen erstaunt -- aber nicht über deren Großartigkeit, sondern über +deren Unbedeutendheit. Ueberdieß gab es nicht mehrere, sondern nur +einen Fall. Die Höhe des Sturzes mochte kaum zwanzig Fuß betragen, +die Breite war zwar bedeutend, aber eben dadurch verlor sich die Höhe +noch mehr. Zudem war der Fall durch eine Brettermühle und durch eine +Menge angeschwemmter Baumstämme sehr verunstaltet. Das schönste ist +die Felswand, über die er sich stürzt: sie schien wie mit einem Meisel +senkrecht abgeschnitten. Die nahe Umgebung bot nichts Romantisches: +sie bestand aus Waldungen, die alle Aussicht versperrten. + +Und so sah ich abermals eine Naturscene, aus welcher die Amerikaner ein +Wunder machen, und abermals muß ich gestehen, daß nur Leute, die nichts +weiter gesehen haben, so urtheilen können. Aus Gefälligkeit in das +allgemeine Horn zu blasen, wie viele Reisende es thun, ist meine Sache +nicht; ich schreibe wie ich sehe und fühle, bin jedoch weit entfernt zu +glauben, daß meine Ansichten und Gefühle immer die richtigen sind. + +Von dem Falle des Mississippi fuhren wir mit einem kleinen Umwege an +dem Falle des +Minne-ha-ha+ (lachendes Wasser) vorüber, nach St. Paul +zurück. Dieses Wässerchen hat kaum drei Fuß in der Breite, stürzt +sich jedoch senkrecht über eine Wand von sechzig Fuß, in ein Becken, +das von dicht bewachsenem Hügeln, oder eigentlich Felswänden, enge +umschlossen ist. Das Ganze gleicht einem eingestürzten Krater, allein +keine ausgeworfene Lava ist sichtbar. Man kann zwischen dem Falle und +der Felswand durchgehen. Mir gefiel beinahe dieser Miniatur-Wasserfall +besser, als jener gerühmte des Mississippi; von ersterem erwartete +ich nichts, von letzterem sehr viel. Besonders reizend waren die +Ansichten von den kleinen Höhen: der Blick schweifte ungefesselt weit +hin über das wellenförmige Prairien-Land, auf der einen Seite den Fluß +Minnesota, auf der andern den Mississippi verfolgend, der nach dem +Sturze seinen Lauf in einem engen Felsbette fortsetzt. + +Auch an dem Fort +Snelling+ kamen wir vorüber, das auf erhöhtem +Felsgrunde steht, aus Stein gebaut und mit seinen vier Eckthürmen für +Indianer gewiß uneinnehmbar ist. Bei diesem Fort ergießt sich der +Minnesota in den Mississippi. + +Wir fanden hier einige der sogenannten „Pelzjäger“ gelagert. Diese +Leute führen ein ganz eigenthümliches Leben. Sie halten sich beständig +unter den Indianern auf, wählen ihre Weiber aus ihnen und beschäftigen +sich nur mit Jagd und Tauschhandel. Sie halten sich Wochen und Monate +lang in den dichtesten Wäldern auf, wandern hoch nach dem Norden hinauf +und suchen mit allen Stämmen in Verbindung zu kommen. Sie nehmen von +den Eingeborenen Pelzwerk gegen Glasperlen, Messing, gefärbte Stoffe +u. s. w. Wenn sie der Waaren genug gesammelt haben, beladen sie damit +kleine, zweirädrige Karren, mit einem Pferde bespannt, und ziehen nach +den großen Städten, um zu verkaufen. Zurück bringen sie Kaffee, Zucker, +Thee u. dgl. für ihren Bedarf, und andere Waaren für die Indianer. +Während der Reise lagern sie stets in kleinen Zelten unter Gottes +freiem Himmel. Sie gewinnen ihre Lebensweise meistens so lieb, daß sie +dieselbe gegen die bequemste und angenehmste nicht vertauschen würden. +Obwohl sie oft viel Geld für ihre Pelze lösen, kehren sie doch häufig +arm zurück, da sie wie die Minenarbeiter in Californien sind, und in +kurzer Zeit den schwer verdienten Gewinn durchbringen. Glücklich noch +jener, der davon so viel erübrigt, einige Waaren für den Tauschhandel +mit nach Hause zu bringen. Die meisten dieser Pelzjäger sind Franzosen. + +Mit trefflichem Appetit kamen wir von diesem Ausflug zurück nach +Herrn +Holingshead’s+ Haus, wo ein ausgezeichnetes Mittagsmahl unsrer +harrte. Nach Tische führte mich noch Frau Holingshead nach einer +kleinen Grotte, zwei Meilen von St. Paul, die eine halbe Meile weit in +einen Sandhügel dringt. Ein Bächlein, das seinen Lauf durch die Grotte +nimmt und kein eigentliches Bett hat, verbreitet überall Nässe und +Feuchtigkeit, so daß der Gang in das Innere sehr unangenehm und dabei +nicht lohnend ist, denn nirgends wird die Gestaltung eines Tropfsteins +sichtbar. Das hübscheste ist eine unregelmäßige Halle am Eintritte, +welche die Städter manchmal an heißen Tagen zu geselligen Vergnügungen +benützen. + +Am +9. August+ verließ ich St. Paul, um nach dem Lake +Superior+ zu +gehen. Diese Reise wird theils auf dem Flusse +St. Croix+ und theils +zu Lande gemacht. Ich hatte mich zu St. Paul mit einem Herrn, der +gleichfalls dahin wollte, besprochen, den Ausflug gemeinschaftlich zu +unternehmen, und sollte zu Stillwater (16 Meilen von St. Paul) zwei +Tage auf ihn warten. + +Nach Stillwater fuhr ich mit dem Postwagen. Ich fand da einen jungen +Mann, der kein Wort sprach, und eine junge Frau, die keinen Augenblick +schwieg. Schon in der ersten Viertelstunde hatte sie uns alle ihre +Verhältnisse erzählt. Nachdem wir kaum zwei Meilen gefahren waren, +vermehrte sich unsere Gesellschaft um eine dritte Person, eine junge +Frau, dem Putze nach zur reichen Klasse gehörend, denn sie war in Seide +gekleidet und mit Schmuck reichlich versehen. Allein ihr Benehmen +verrieth sie nur zu schnell. Die eine Seite ihres Gesichtes wies noch +große blaue Flecken, die sie vermuthlich in irgend einer Schenke +erbeutet hatte. Sie kaute Tabak trotz dem derbsten Amerikaner, zog ein +Fläschchen mit Branntwein aus der Tasche, labte sich ohne Umstände +damit und lud uns freundschaftlich zum Mitgenuß ein. Sie richtete an +uns alle das Wort. Von dem stummen Herrn und mir erhielt sie zwar +keine Antwort; aber mit dem geschwätzigen jungen Weibe gerieth sie +alsbald in tiefes Gespräch. Doch diese Gesellschaft genügte der Dirne +nicht, sie rief dem Kutscher zu, anzuhalten, stieg aus und gesellte +sich zu einigen Männern, die oben auf dem Wagen saßen. Mittags wurde +an einem Gasthofe angehalten, wir setzten uns an die Tafel und mußten +diese Person in unserer Mitte dulden -- sie war ja +eine Weiße+! -- +Nach Tische kam ein hübscher, junger Mann in unsere Kutsche, und als +die edle Dame dieß sah, stieg auch sie wieder ein. Die beiden Leutchen +wurden bald so vertraut mit einander, daß man bedauern mußte, Ohren +und Augen zu haben. Ich erzähle dieses schöne Intermezzo nur, um +zum Nachdenken darüber aufzufordern, ob man die Menschen nach ihrer +Hautfarbe, oder nach ihrem Benehmen beurtheilen solle. + +Die kurze Reise[10] nach Stillwater ist so lieblich, daß ich sie (nur +in keiner Stage-coach) aus Vergnügen oft wiederholen könnte. Hübsche +Wege führen durch einen natürlichen Wiesenpark, an kleinen Seen +vorüber, die sehr reich an Fischen sein sollen, und hin und wieder +eröffnen sich Aussichten auf den schönen St. Croix See, auf Prairien +und weite Strecken Landes. + +Zu Stillwater nahm mich Herr +Schulenburg+ freundlich in seinem +Hause auf, und ich wartete verabredeter Weise zwei Tage auf meinen +Reisegefährten; als aber weder er noch einige Zeilen von ihm kamen (die +erste Unhöflichkeit, die ich von einem Amerikaner erfuhr), ging ich am +dritten Tage den +12. August+, auf einem kleinen Dampfer nach St. Croix +(30 Meilen). + +Stillwater liegt nahe dem Ende des Sees, und bald kamen wir in den St. +Croix-Fluß, der nur bis St. Croix, und zwar nur für ganz kleine Dampfer +befahrbar ist; bei St. Croix bildet er Stürze und Wasserfälle, und +oberhalb dieser ist er seicht und voll Felsen, durch welche sich kaum +kleine Boote durcharbeiten können. + +Die Fahrt ist hübsch, man ist von wilden, pittoresken Fels- und +Waldparthien umgeben; aber den nur einigermaßen verzärtelten Reisenden +würde sie wohl nicht für die Unannehmlichkeiten entschädigen, welchen +er auf diesen ganz beschränkten Dampfern ausgesetzt ist. Bis jetzt ist +die Gegend meistens nur von Holzschlägern und Holzhändlern besucht, +die in ihren ganz beschmutzten und zerrissenen Anzügen nicht selten +betrunken an Bord kommen. Da nur ein Platz existirt, muß man in ihrer +Gesellschaft leben. Der Tisch war jämmerlich bestellt, ein ekelhaftes +Tischtuch ausgebreitet, Theetassen dienten statt der Trinkgläser. Ich +werde dieses Dampfers, dieser Gesellschaft nicht leicht vergessen; ein +Betrunkener saß mit am Tische, ein zweiter lag daneben im Bette und +schnarchte nach dem Takte. -- + +Wir saßen mehrmals auf Sandbänken auf und erreichten diesen Tag nicht +St. Croix, obwohl wir Stillwater schon Morgens acht Uhr verlassen +hatten. Man wies mir für die Nacht ein schmutziges Bett an, das so hart +und knollicht war, als wäre es mit Steinen ausgefüllt gewesen. + ++13. August.+ Um neun Uhr Morgens erreichten wir St. Croix. Der +Dampfer hielt in einem Wasserbecken, das von sechzig bis siebenzig +Fuß hohen Felsen so enge umschlossen ist, daß man kaum die Ein- und +Ausfahrt gewahren konnte. Eine der Felsspitzen, von den übrigen etwas +abgesondert, führt den Namen „des Teufels Schornstein.“ + +Als ich an’s Land stieg, bat ich sogleich jemanden, mich nach den +zwei Fällen des St. Croix-Flusses, dem Taylor- und dem obern Falle zu +führen, von welchen beiden man mir in Stillwater und St. Paul viel +gesprochen hatte. Wenn wir Europäer von einem Wasserfalle sprechen, +verstehen wir darunter doch eine hübsche Masse Wassers, die sich über +eine Höhe von wenigstens zwanzig bis dreißig Fuß stürzt. Die Amerikaner +sind in ihren Ansprüchen viel bescheidener: sie ersetzen an dem Namen, +was der Sache fehlt. Man wies mir eine Wasserschnelle (Rapid) von +kaum drei Fuß Höhe, vor welcher der Dampfer anhielt, und die ich, +ihrer Unbedeutendheit wegen, gar nicht beachtet hätte, dieß war der +Taylor-Fall; auch der obere Fall, eine Meile höher, war eher einer +Schnelle zu vergleichen: seine Höhe betrug sieben bis acht Fuß. + +St. Croix besteht bis jetzt nur aus einem Gasthause[11], einem Dutzend +hölzerner Hütten und ein Paar Sägemühlen, die im Walde umherliegen. +Man hofft, daß sich hier bald eine bedeutende Stadt bilden wird. Diese +Hoffnung hegen die Amerikaner überall, wo einige Hütten entstehen. + +Die Witterung in St. Paul, Stillwater und hier war bereits so rauh, +neblicht und regnerisch wie kaum bei uns im Monat November, so daß man +mir abrieth, die Reise nach dem Lake Superior zu Lande zu machen; sie +wäre auch unter diesen Umständen, des bösen Sumatra-Fiebers wegen, das +ich nicht los werden konnte, wirklich gefährlich für mich gewesen. Ich +kehrte daher wieder über Stillwater nach St. Paul und von da mit dem +Dampfer +Galena+ auf dem Mississippi nach Galena (300 Meilen) zurück. +Von Galena fuhr ich mit der Stage-coach nach +Warren+ (25 Meilen) +und von da mit der Eisenbahn nach +Chicago+ (175 Meilen), wo ich am +20. August ankam. Ueber diese Reise läßt sich nichts sagen, als daß +das Land durchgehends wellenförmig gebildet, zum Theil mit Waldungen +bedeckt ist und sehr fruchtbar scheint; die üppigen Felder versprachen +überall reiche Ernten. + +Ungleich größeres Interesse fand ich darin, den Amerikaner zu +beobachten, der mir mit seinen widersprechenden Eigenschaften ewig ein +Räthsel bleiben wird. Auf einer Seite ist oft ein Wort hinreichend, +sein Blut in Wallung zu bringen, ja ihn bis zu Mord und Todtschlag zu +führen, auf der andern besitzt er die unendlichste Geduld. Letzteres +namentlich den Dienstleuten gegenüber, die beinahe die eigentlichen +Herren im Hause zu sein scheinen: um jede Dienstleistung muß man +sie bitten und ersuchen, als wäre es eine Gnade, selbe von ihnen zu +erhalten. Ich sehe es gewiß von Herzen gerne, daß Dienstleute wie zur +Familie gehörend, behandelt werden, würde aber auch strenge darauf +halten, daß sie die Pflichten, die sie gegen mich übernommen haben, +eben so genau erfüllen, wie ich die meinigen gegen sie. + +Eine eben so ungemessene Nachsicht zeigen die Amerikaner, wie ich zum +Theile schon erwähnt habe, mit den Ungezogenheiten nicht nur ihrer +eigenen, sondern auch der fremden Kinder. Um die Geduld meines Lesers +nicht zu ermüden, will ich von den vielen Beispielen, die mir vorkamen, +nur eines erwähnen. Ich fuhr einst in einer Stage-coach an einer +einsamen Farm vorüber. Ein Junge kam heraus gesprungen, schrie dem +Kutscher zu, anzuhalten und lief dann zurück in das Haus. Der Kutscher +hielt einige Minuten, kein Mensch kam, -- es war ein Scherz des Knaben. +Anstatt abzusteigen und den Jungen zu züchtigen, begnügte sich der +Kutscher ein „~Goddam~“ auszurufen, und fuhr weiter. + +Mit wahrer Entrüstung aber war ich Zeuge der Gelassenheit, mit welcher +sich auf der Fahrt von Galena nach Warren neun Herren den Launen eines +der Kutscher unterwarfen. Auf der letzten Station, auf welcher die +Pferde gewechselt werden, pflegen die Reisenden, wenn sie frühzeitig +ankommen, Thee oder sonstige Erfrischungen zu nehmen. Wir waren aber +später von Galena fortgefahren, hatten Angst, den Zug auf der Eisenbahn +zu versäumen, und sagten dem Kutscher, der ebenfalls auf jeder Station +gewechselt wird, er solle gleich weiterfahren. Dieser jedoch, mit dem +Wirthe vermutlich einverstanden, befahl uns fast, den Thee zu nehmen +und erklärte, daß er vor einer halben Stunde nicht weiterfahren würde. +Wir nahmen zwar keinen Thee; allein der Kutscher verschwand, und +all unser Rufen brachte ihn nicht zur Stelle. Als er endlich kam, +ersuchten ihn die Herren auf die höflichste Weise, die Fahrt so viel +wie möglich zu beschleunigen. Die Straße war herrlich, die Pferde waren +frisch -- der Kutscher aber fuhr im langsamsten Schritte. Keine Bitte +half, nicht einmal Geld, das man ihm gab. Die Herren stießen zeitweise +ein halblautes „~Goddam~“ aus, und damit war es abgethan. Ich als +Frau konnte nichts machen; aber ein Halbdutzend meiner phlegmatischen +Deutschen Landsleute hätte ich an die Stelle zaubern mögen, und bin +überzeugt, die hätten sich zu helfen gewußt. + +Glücklicher Weise kamen wir drei Minuten vor dem Abgange des Zuges an, +und da niemand Reisekoffer mit sich führte, hatten wir nur von Wagen zu +Wagen zu steigen. Das Versäumen des Zuges hätte uns einen ganzen Tag +gekostet, denn es war Sonnabend, und am Sonntage geht in dem Staate ++Illinois+ kein Zug. + +Die Stadt Chicago liegt in einer Ebene an dem +Michigan+-See. Das +einzige Merkwürdige an ihr ist ihr schnelles Emporwachsen. Im Jahre +1830 entstanden die ersten hölzernen Hütten, vier Jahre später fing +man an zu vermuten, daß der Platz vortheilhaft werden könnte, nahm ihn +rasch in Angriff, und nun zählt die Stadt schon an 60,000 Einwohner. + +Ueberhaupt erfreut sich der ganze Staat Illinois einer reißend +schnellen Entwicklung. Man kann von ihm dasselbe sagen, wie vom +Distrikte Minnesota: das wellenförmige Land ist vortrefflich, die +Prairien sind leicht in Felder umzuschaffen, das Klima ist gut und +daher das Zuströmen der Einwanderer sehr bedeutend. Dabei ist der +Amerikaner unternehmend wie kein anderer Mensch in der Welt, baut +gleich Eisenbahnen nach allen Richtungen und befährt Flüsse und Seen +mit Dampfern. Die Verbindungen sind früher im Gange, als die Gegend +bevölkert ist; aber eben diese Verbindungen erleichtern das Ansiedeln. +Ueberall wird Land aufgebrochen, werden Farms errichtet, und wie durch +Zauber entstehen Ortschaften und Städte. + +Am +22. August+ setzte ich die Reise auf dem Michigan-See fort. Ich +fuhr bis +Milvaukee+ (96 Meilen) in dem Staate +Wisconsin+. Auch diese +Stadt, erst im Jahre 1833 entstanden, zählt bereits 35,000 Einwohner, +von welchen ein Dritttheil Deutsche sind. + +Ich fand hier den ersten guten Deutschen Gasthof, Herrn ++Wetzstein+ gehörig, in welchem man treffliche Kost, sehr hübsche +reinliche Zimmer für den billigen Preis von einem Thaler per Tag bekam. +In den andern Städten, wo ich bisher nach Deutschen Gasthöfen gefragt +hatte, waren es schmutzige Kneipen für arme Einwanderer. + +In Milvaukee verweilte ich einige Tage und erfuhr von den Deutschen, +ganz besonders von den Frauen, sehr viele Aufmerksamkeiten. Ihr +freundlich zuvorkommendes Wesen, ihr Bestreben mir gefällig zu +sein, wird nie in meinem Gedächtnisse erlöschen. Herr +Napastek+ +veranstaltete jeden Nachmittag eine Parthie nach den schönsten Punkten +der Umgebung, nach Melm’s Garten, nach Pest’s Pavillon u. s. w. +Die Fernsichten waren reizend, obwohl es der Landschaft an Hügeln +und Bergen gebrach. Aber der herrliche Wasserspiegel des Sees, der +in unübersehbarer Weite mit dem Horizonte verschwamm, ersetzte die +fehlende Gebirgswelt. + +Außer den Deutschen Frauen lernte ich auch eine sehr liebenswürdige +junge Amerikanerin kennen, deren Gemahl, Herr +Booth+, Herausgeber +des „Demokraten“ und wüthender Abolutionist, sich vor kurzem an einem +Aufstande betheiligte, welcher eines entlaufenen Sklaven wegen hier +statt hatte. Der Fall war folgender: Ein Neger, aus den Sklavenstaaten +entflohen, wurde hier entdeckt und gefangen gesetzt. Er sollte seinem +Herrn, der gekommen war, ihn abzuholen, ausgeliefert werden. An dem +dazu bestimmten Tage vereinigten sich viele Abolutionisten, Herrn +Booth an der Spitze, stürmten das Gefängniß, befreiten den Neger und +verhalfen ihm zur Flucht nach Canada. + +Herr Booth wurde eingesperrt, später jedoch auf Ehrenwort und gegen +eine Erlegung von 2000 Thaler bis zur Beendigung des Prozesses frei +gelassen. Sollte er den Prozeß verlieren, so muß er auf sechs Monate in +das Gefängniß und 1000 Thaler Strafe bezahlen[12]. + +Wie widersprechend sind doch die Gesetze, oder vielmehr wie leicht +umgangen in diesem Lande! Wenn jemand einen Brand anlegt, ein +betrügerisches Falliment macht, ja einen Mord oder was immer für ein +großes Verbrechen begeht, kann er leichter durchzukommen hoffen, als +wenn er sich eines entlaufenen Sklaven annimmt, demselben zur Flucht +behülflich ist. Könnte man ein Verbrechen sittlich nennen, so würde es +dieses sein, und gerade da sind die Richter unerbittlich. Wie empörend +ist nicht ein solches Gesetz in einem republikanischen jungen Staate, +welcher der ganzen Welt als Muster aufgestellt werden sollte! -- + +In dem Staate Illinois hat sich eine geheime Gesellschaft gebildet, die +den aus den nachbarlichen Sklavenstaaten entlaufenen Negern zur Flucht +nach Canada behülflich ist. Zu diesem Zwecke gibt es verschiedene +Stationen, auf welchen stets Pferde und Wagen bereit stehen, die +Flüchtlinge in größtmöglichster Eile über die Grenze zu bringen. Man +nennt diese Art der Beförderung „die unterirdische Eisenbahn.“ Wenn der +Sklave so glücklich ist, die erste Station zu erreichen, kann er sich +für so viel wie gerettet halten. Ist das Gericht auf seiner Spur, daß +man ihn nicht gleich fortschaffen kann, so hält man ihn verborgen und +bietet alle Mittel auf, sein Entkommen zu bewerkstelligen. + +Am +26. August+ verließ ich Milvaukee auf dem Dampfer +Troi+, der den +ganzen Michigan-See entlang bis Sault St. Maria (304 Meilen) führt. Der +Michigan-See ist, als Wasserfläche betrachtet, unstreitig großartig und +einem Meere zu vergleichen, da seine Länge 400, seine größte Breite 80 +Meilen beträgt. Die Umgebung dagegen ist im höchsten Grade einförmig -- +nichts als unübersehbare Ebenen. Die Ufer steigen höchstens bis 30 Fuß +auf, und die Städte, die allein das ewige Einerlei unterbrechen, bieten +eben so wenig Interesse, da sie eine der andern vollkommen gleichen. + +Gegen das Ende des See’s gibt es viele Inseln, darunter die +„Biber-Insel,“ welche von Mormonen[13] bewohnt wird. Wir hielten hier, +wie überhaupt an vielen Orten an. Ich stieg an’s Land, um diese Leute +zu besuchen, deren Lebensweise als gänzlich verschieden von jener +aller andern christlichen Sekten geschildert wird. Man sagt von ihnen, +daß sie Weiber- und Güter-Gemeinschaft haben, daß sie gemeinschaftlich +essen und arbeiten, daß die Kinder der Mutter im dritten Jahre +weggenommen und der Gesellschaft übergeben werden u. s. w. + +Ich fragte einen alten, ehrwürdig aussehenden Mormonen hierüber. +Derselbe wollte von alledem nichts wissen; nur was Feld- und andere +Arbeiten anbelange, sei Gemeinschaft eingeführt. Er erzählte +mir ferner, daß ihr Chef oder Priester ein Prophet sei, der die +Krankheiten, mit Ausnahme der Beinbrüche (da reicht die Kraft des +heiligen Mannes vermuthlich nicht aus) durch Auflegen der Hände heile, +daß derselbe jeder Arbeit enthoben sei und dessen ungeachtet mehr +arbeite, als der fleißigste unter ihnen, denn er sei nicht nur den +ganzen Tag, sondern auch den größten Theil der Nacht mit Schreiben +beschäftiget. Als ich ihn fragte, was jener denn so viel zu schreiben +habe, ob es religiöse Tractate und Uebersetzungen derselben in +verschiedene Sprachen wären, um sie hinaus in alle Welt zu senden +und Proseliten zu machen, erhielt ich zur Antwort, daß er niemanden +offenbare, was er schreibe, daß dieß ein heiliges Geheimniß sei. Zum +Mormonenthum gehört also auch eine tüchtige Portion Glauben. + +Ferner vernahm ich von diesem Manne, daß wenn ihr Prophet oder +Priester stürbe, ein anderer unmittelbar von Gott gewählt und die Wahl +durch einen Engel verkündet würde. Bei näherer Befragung zeigte es sich +jedoch, daß der Prophet Gott und Engel selbst vorstellt, daß er seinen +Nachfolger bestimmt, den guten Leuten vorgebend, es sei ihm die Wahl im +Traume von einem Engel zugeflüstert worden(!!) + +Am +28. August+ erreichten wir das Ende, oder besser gesagt, den Anfang +des Michigan-Sees, der mit dem Lake Superior durch den Fluß +Sault +St. Maria+ (nur einige Meilen lang) verbunden ist. Unmittelbar vor +dem Eingange in den Lake Superior bildet der Fluß starke Schnellen +oder Abfälle, auch ist das Bett voll von Riffen und Felsen, über die +sich das Wasser mit großer Gewalt stürzt, so daß die Schiffahrt auf +die Strecke von einer Meile unterbrochen wird. Man arbeitete gerade +an einem Schleußen-Kanale, welcher die Schiffe von einem See in den +andern fördern wird. Die Kosten dieses Baues sind auf 650,000 Dollars +veranschlagt. Der Obere See (Lake Superior) liegt 792 Fuß über der +Meeresfläche und einige dreißig Fuß höher als der Michigan. + +Zu Sault St. Maria mußte ich einen Tag auf den Dampfer warten, der den +Oberen See befährt. Ich wohnte da bei Herrn +Johnson+, welcher ein +kleines, aber sehr nettes +Boarding-house+ hält und mit seiner Familie +zu den trefflichsten Menschen gehört. Jeder Reisende wird sich bei ihm +heimisch und zufrieden fühlen. + +Am +29. August+ spät Abends trat der Dampfer „Baltimore“ seine +Rundfahrt um den See an. Die Nacht war sehr neblicht, und durch +Unvorsichtigkeit des Steuermannes, der sich dem Lande zu nahe hielt, +fuhren wir auf eine vor dem Oertchen +White fish points+ gelegene +Sandbank hart auf. Wir mußten den Tag erwarten, die ganze Ladung +herausnehmen und wurden erst nach zwölf Stunden angestrengter Arbeit +wieder flott. Wir waren kaum hundert Fuß vom Ufer entfernt und hätten +eben so gut, wie auf die Sandbank, auf das feste Land auffahren können. +Dergleichen Unvorsichtigkeiten und noch bei weitem größere, kommen +jedoch in den Vereinigten Staaten so häufig vor, daß man gar nicht viel +Wesens davon macht. + +Bei dieser Gelegenheit sah ich das Oertchen White fish points, welches +von Indianern bewohnt ist, die sich ausschließlich mit dem Fischfange +beschäftigen. Auch ein Paar Amerikaner haben sich da angesiedelt, um +von den Eingebornen die Fische einzutauschen, welche getrocknet und +eingesalzen werden. Der Obere See zeichnet sich durch seinen Reichthum +an äußerst schmackhaften Fischen aus. Dieser Nahrungsquelle zufolge war +auch in früheren Zeiten die ganze Umgebung des Sees sehr bevölkert, +und als die Französischen Jesuiten im 17. Jahrhunderte bis hierher +vordrangen, fanden sie Wig-wams mit einer Bevölkerung von 2000 Seelen. +Jetzt ist das freilich schon lange anders. Die Weißen brachten ihnen +Seuchen und Branntwein, so daß die Bevölkerung bald zusammen schmolz, +und von den Resten dieses unglücklichen Volkes werden noch in der +neuesten Zeit manchmal kleine Transporte nach dem „Indian Territory“ +gesendet. Ein Indianer dürfte auch an diesem unermeßlichen See bald zur +seltenen Erscheinung werden. + +Der +Superior-See+ ist der größte Süßwasser-See in der bekannten Welt, +er hat 355 Meilen Länge, 160 Meilen größte Breite, seine Wasserfläche +beträgt 32,000 Quadratmeilen, die tiefste Stelle 900 Fuß. Von den +Jesuiten im Jahre 1641 entdeckt, wurde das umliegende Land im Jahre +1671 von der Französischen Regierung in Besitz genommen. Im Jahre 1659 +geschah die erste Erwähnung des daselbst vorkommenden Kupfers: die +Eingebornen zeigten den Jesuiten ein Stück reines Kupfer von sechs- +bis siebenhundert Pfund. Doch wurde erst in unserem Jahrhundert, im +Jahre 1845, angefangen, dieses Metall auf bergmännische Art zu Tage zu +fördern. Die Bergwerke liegen alle mehrere Meilen von dem See entfernt, +der tiefste Schacht mißt 700 Fuß, die größte Masse reinen Kupfers, die +bisher gefunden wurde, soll 50 Tonnen schwer gewesen sein. + +Wir machten auf dem Lake Superior wenigstens fünfhundert Meilen, bis +wir an sein Ende kamen, denn wir lenkten in viele Buchten ein und +brachten den erst kürzlich entstandenen Oertchen (von den Amerikanern +bereits Städte genannt) Lebensmittel und sonstige Bedürfnisse. + +Bei +Lepointe+, in dessen Nähe zwölf Inselchen liegen, die „+zwölf +Apostel+“ genannt, fanden wir zufällig sehr viele Indianer. Die +Amerikanische Regierung theilt nämlich alljährlich im Monat September +an die Chefs und Vornehmsten der Stämme, welche noch in diesen Gegenden +leben, Geschenke an Lebensmitteln, Kleidungsstücken, Geld u. s. w. aus. +Die Vertheilung findet zu Lepointe statt, wo sich alle zu beschenkenden +Indianer versammeln. + +Ich sah deren eine ziemlich bedeutende Anzahl; sie gehörten zu den +Chipewa- und Sioux-Indianern und waren hübscher, kräftiger und höher +an Wuchs, als die meisten, besonders die südwestlichen, die mir bisher +vorgekommen waren. Doch hatten sie auch breite Backenknochen und straff +herabfallende Haare, die einen Theil des Gesichtes verbargen. Das +Häßlichste an ihnen war die Hautfarbe: eine recht schmutzig blaßgelbe +Lederfarbe. Wie sie zu dem Namen „Rothhäute“ gekommen sind, mögen die +Götter wissen. Es gab zwar manche rothbraune Gestalt unter ihnen, man +hätte die Hautfarbe für natürlich halten können, so fein war sie am +ganzen Körper eingerieben; allein bei näherer Betrachtung sah man wohl, +daß es nicht die Naturfarbe war. Nichtsdestoweniger fand ich gar manche +dieser Wilden mit ziemlich regelmäßigen, hübschen Gesichtszügen. Einige +hatten etwas von der Kultur der Weißen angenommen, gingen Europäisch +gekleidet, trugen die Haare zierlich gekämmt, sprachen Französisch oder +Englisch, verstanden diese Sprachen sogar zu schreiben, und hatten +Handwerke gelernt oder sich dem Handel gewidmet. Der große Haufe aber +zieht es vor, schlecht zu leben, halb nackt zu gehen, nur nicht zu +arbeiten. Die Indianer in den kalten Gegenden sind eben so wenig zum +Ackerbau und zu Handwerken zu bewegen, wie die Völker unter der heißen +Zone. + +Erst am fünften Tage der Reise erreichten wir +Fond of lake+, die +äußerste südwestliche Spitze des Sees. Ich war nun den ganzen See +entlang gefahren, konnte aber in die stete Begeisterung der mich +umgebenden Gesellschaft nicht einstimmen. Wenn die Leute nur einige +hölzerne Hütten beisammen stehen sahen, ging es wie aus einem Munde: +„Ach wie schön, wie herrlich! Welches Bild könnte man da entwerfen!“ +Es ist wahr, der Lake Superior ist ungleich pittoresker, als der +Michigan-See, die ihn umgebende, noch größtentheils im Schlummer +ruhende Natur, die finster aufsteigenden Wälder, die Hügelketten +verleihen ihm vielen Reiz; doch herrscht zu wenig Abwechselung, um +von der Umgebung begeistert werden zu können. Die Hügel sind meistens +niedrig, der höchste Berg, der +St. Ignacio+ an der Neepigon-Bay soll +1300 Fuß hoch sein; diesen Koloß bekamen wir jedoch nicht zu sehen. + +Die neu angelegten Oertchen sind alle sehr unbedeutend: sie bestehen +vor der Hand noch aus kleinen Holzhäuschen, die mitten in den Waldungen +liegen. Das Land wurde noch nirgends aufgebrochen, die Dampfer bringen +allen Lebensbedarf für die neuen Ansiedler mit. + +Unter den Reisenden gab es auch wieder gar manche, die begierig +waren, zu wissen, welcher Religion ich angehörte, wer mir Geld zum +Reisen gäbe u. s. w. Diese unzarte Neugierde berührte mich jedesmal +sehr unangenehm, und ich fand mich wirklich oft gezwungen, in meinen +Antworten ein wenig derb zu werden, um den unverschämten Fragen ein +Ende zu machen. + +Am zweiten Tage der Reise kam eine Frau von ungefähr dreißig Jahren an +Bord. Sie war für ihr Alter etwas zu jugendlich gekleidet, trug die +Haare in langen Locken bis über die Schultern hinab und einen großen +runden Strohhut. Kaum hatten die übrigen Frauen sie gesehen, so kam +sogleich eine derselben zu mir, vor einem Gespräche mit dieser Fremden +warnend: man glaube, sie habe keinen guten Ruf. Ich erwiderte ihr, +daß das Glauben nicht genug sei, jemanden zu beleidigen; aber außer +mir sprach auch richtig niemand mit ihr. Abends wurden wie gewöhnlich +einige Quadrillen getanzt. Bei der dritten Quadrille führte ein Herr +die Fremde auf den Tanzplatz. Die Musik begann; aber kein anderes Paar +erschien. Der Herr trat vor und frug, warum man diese Frau absichtlich +so beleidige, er kenne sie und wisse, daß sie bei Verwandten zum +Besuche gewesen sei und nun zu ihrem Gemahl nach Fond of lake gehe; +ihr Charakter sei tadellos. Keine Antwort erfolgte, und der Tänzer war +gezwungen, mit der Frau abzutreten. + +Hätten doch die anderen religiösen, tugendhaften Frauen wenigstens so +viel Zartgefühl gehabt, nicht mehr zu tanzen: das wäre doch eine kleine +Entschädigung für die schwere Beleidigung gewesen; aber weit entfernt +davon -- kaum war der Platz geräumt, so fing das Tanzen wieder an. + +Zufälliger Weise bestürmte mich den nächsten Morgen gerade wieder eine +der neugierigsten Frauen mit der Frage, zu welcher Religion ich gehöre. +Ich erwiderte ihr ganz erzürnt: „Gewiß nicht zu jener, zu welcher Sie +und die ganze Gesellschaft gehören, denn meine Religion verbietet mir, +einen Nebenmenschen zu beschimpfen, ihm die Ehre zu rauben.“ -- Von +diesem Augenblick an hatte ich Ruhe. + +In Fond of lake sind in einem kleinen Halbkreise bereits fünf Plätze +an dem See für Städte abgesteckt; an manchen stehen schon einige +hölzerne Häuschen. Sollten die Städte zu Stande kommen, so dürften sie +sich beinahe berühren; doch bezweifle ich die Erbauung, denn außer den +Kupferminen wird, da der Boden schlecht ist, keine Erwerbsquelle sein. +Leicht dürften einige von ihnen das Schicksal des Städtchens Trinidad +in Kalifornien haben und eingehen, bevor sie noch zu Städten werden. + +Am +6. September+ traf ich wieder zu Sault St. Maria ein. Ich hatte nun +zehn Tage beinahe in derselben Gesellschaft gelebt und mit Erstaunen +bemerkt, wie freundlich und zärtlich die Frauen mit einander thaten, +gerade als wären sie alte Bekannte gewesen. Auch mich luden jene, die +in St. Maria wohnten, in ihr Haus auf eine Tasse Thee ein. Kaum aber +fiel der Anker, so lief alles auf und davon, und die neuen Freundinnen +nahmen sich gar nicht einmal Zeit, einander Adieu zuzurufen. Um +mich kümmerte sich schon gar keine Seele, man vergaß (vielleicht +vorsätzlich), mir die Wohnungen zu sagen, wo ich die Tasse Thee nehmen +sollte. Doch an derlei Artigkeiten war ich schon gewöhnt, und ruhig +ging ich wieder in das nette Häuschen des Herrn Johnson. + +Am +7. September+ traf mich der frühe Morgen schon am Bord des Dampfers +„+Illinois+,“ um meine Reise nach dem Norden fortzusetzen. + +Die Fahrt geht erst auf dem Flusse +St. Maria+, der sich oft zu kleinen +Seen ausbreitet und recht artige Ufer bespült. Dieser Fluß führt in die +Straße +Mackinac+, und diese in den zweitgrößten See Amerika’s, den ++Huron+, welcher 260 Meilen lang, 160 breit ist, 20,000 Quadratmeilen +einnimmt und 578 Fuß über der Meeresfläche liegt. Die Umgebung dieses +Sees ist etwas hübscher als jene des Michigan, doch ebenfalls ziemlich +einförmig. Das Land ist von wellenförmiger Bildung, viel mit Waldungen +bedeckt und hin und wieder mit niedlichen Hügelketten durchzogen. + +Am +8. September+ verließen wir den Huron-See und traten in den Fluß ++St. Clair+, an dessen einem Ufer sich beinahe Städtchen an Städtchen +reiht, mit Wiesen und fruchtbaren Feldern dazwischen, während auf dem +andern zahllose Sägemühlen nebst mehreren Indianer-Dörfern liegen. +Selbst die Indianer scheinen hier aus ihrer Trägheit aufgerüttelt, denn +auch um ihre Dörfer war der Grund aufgebrochen und bepflanzt. Auf dem +Flusse war bedeutendes Leben, es fuhren viele Segelschiffe, meistens +mit Bauholz befrachtet, Dampfer schleppten sie durch den kurzen Fluß +in den kleinen St. Clair-See, welcher so voller Untiefen und Sandbänke +ist, daß er nur bei Tage befahren werden kann. Die Ufer dieses Sees +sind an manchen Stellen so flach, daß sich das Wasser entfesselt über +das Land ergießt und Sümpfe und Moräste bildet. Von dem St. Clair-See +führt der +Detroit-Fluß+ in den +Erie-See+. Die Entfernung von dem +Huron- bis zu dem Erie-See beträgt achtzig Meilen. + +Gegen Mittag landeten wir zu +Cleveland+, dem Stolze des Staates Ohio, +am Eingange des Erie-Sees gelegen. In den wenigen Stunden meines +Aufenthaltes machte mich Dr. +Langsdorf+ mit dieser Stadt und deren +naher Umgebung bekannt. + +Cleveland besteht aus zwei Städten, der eigentlichen Stadt Cleveland +und der Stadt +Ohio+, die durch eine Kluft von ersterer getrennt ist, +aber kürzlich zu dem Stadtgebiete Clevelands gezogen wurde und dadurch +ihren Namen verlor. Der Anblick der beiden blühenden Städte mit der +dazwischen liegenden merkwürdigen Schlucht, in deren Tiefe ein artiger +Fluß sein Bett gewühlt hat, ist höchst reizend. Die Kluft mag ungefähr +fünfzig Fuß Tiefe haben und ist mit Gesträuchen und Bäumen reich +bewachsen. Ein Kanal führt bis in den Erie-See. + +Von den Einzelnheiten Clevelands bewunderte ich am meisten die Straße +Euclid. In dieser stehen die nettesten, geschmackvollsten Häuser, +welche freundlichen Villen gleichen und durch Boskette und Wiesen von +einander getrennt sind. In wenig Jahren mögen Gärten und Wiesen wohl +schon von neu entstandenen Häusern verdrängt sein. + +Spät Abends setzte ich meine Reise auf dem schönen Dampfer +„+Crescent-City+“ fort. So viel ich bei scharfer Mondbeleuchtung sehen +konnte, scheinen sich auch die Ufer des Erie-Sees in nichts von jenen +des Michigan zu unterscheiden. + +Der Dampfer „Crescent-City“ war eins der prachtvollsten Fahrzeuge, +die ich je bestiegen. Wo man nur hinsah, nichts als Sammt und Gold, +kostbare Teppiche, Spiegel von ungeheuerer Größe; eine hohe, schön +gewölbte Kuppel von farbigem Glase verbreitete über alle diese +Herrlichkeiten ein mattes Licht. Die Räume faßten an 1200 Personen. +Man lebte da nicht wie in einer geschlossenen Gesellschaft, sondern +wie in einer Stadt; man ging an den Leuten so fremd und unbekümmert +vorüber, wie auf einem öffentlichen Spaziergange. Aber bequem fand ich +diesen Dampfer nicht eingerichtet. Darauf scheinen indeß die Amerikaner +weniger zu halten, als auf Pracht, Luxus und Prunk. Die Fensterscheiben +z. B. rings auf die Gallerie hinaus waren von buntem Glase und mit +Arabesken so ausgefüllt, daß man gar nicht durchsehen konnte, weder +auf den See noch auf die Landschaft. Ja sogar das Licht von außen +war dadurch fast ganz vor dem Eindringen gehemmt. In den Kabinen des +unteren Stockwerkes (auch erste Klasse) schliefen je sechs Personen, +und für eine Zahl von fünfzig bis sechzig Frauen gab es nur ein kleines +gemeinschaftliches Waschzimmerchen mit nur zwei Waschbecken. Man mußte +sich anstellen, um die Gelegenheit zu erhaschen, sich die Augen und +Fingerspitzen ein wenig zu benetzen, und Glas und Handtuch selbst +mitbringen, denn ein Glas war nicht vorhanden und die Paar Handtücher +so durchnäßt, daß man sich ihrer nicht bedienen konnte. Die Aufwärterin +schien nur zur Aufsicht da zu sein. Sie saß, wie eine Dame gekleidet, +auf einem Sopha und häkelte. Zum Glück währte die Fahrt über den +Erie-See nicht lange, denn schon am + ++9. September+ Morgens kamen wir nach +Buffalo+, einer hübschen +Stadt mit 60,000 Einwohnern. Meine Ungeduld, mich den berühmten +Fällen des Niagara zu nahen, war so groß, daß ich, des schlechten +Wetters ungeachtet, gleich auf die Eisenbahn ging, um nach dem Orte ++Niagara-Falls-Village+ (22 Meilen) zu fahren. Ich war da so glücklich, +ein überaus niedliches, kleines Hôtel, Madame +Teuscher+ gehörig, an +den Schnellen des mächtigen Stromes zu finden, der sich hier in zwei +Theile theilt und in wüthend stürmischer Eile seinen Fällen zu eilt. + +Für diesen Tag aber mußte ich, selbst wenn sich das Wetter aufgeheitert +hätte, dem Gange nach den Fällen entsagen und mein Bett aufsuchen, +denn in letzterer Zeit hatte ich häufige Anfälle des unermüdlichen +Sumatra-Fiebers gehabt, und fühlte mich davon sehr angegriffen[14]. + + + [10] Zu einer Reise von sechzehn Englischen oder vier Deutschen + Meilen benöthigten wir sechs Stunden, hielten über Mittag an und + wechselten die Pferde. Das nenne ich doch schnell reisen! -- + + [11] Ein Gasthof oder Boarding-house bildet sich gleich bei ein Paar + Häusern. Der Amerikanische Arbeitsmann, Tischler, Maurer + u. s. w. will gute Kost, ein gutes Bett haben und bezieht + sogleich den Gasthof, wo er per Woche zahlt. + + [12] Von den freien Negern in Milvaukee erhielt Herr Booth einen + werthvollen, schönen Stock, den sie ihm als Vertheidiger ihrer + armen schwarzen Brüder verehrten. + + [13] Auf dieser Insel lebt nur ein kleiner Zweig dieser Sekte; der + Hauptsitz der Mormonen ist am Salz-See, tief im Innern des + Landes. + + [14] Bisher nahm ich immerwährend Chinin gegen das Fieber; allein ich + konnte es nur auf kurze Zwischenräume damit vertreiben. In + Buffalo rieth mir jemand folgendes Mittel dagegen: „Man nehme + auf ein halbes Wasserglas voll starken, guten Brandy einen + Theelöffel rothen, pulveristrten Pfeffer (Cayenne) und fünf + bis sechs Theelöffel voll weißen Zucker, mische es gut durch + einander, bis der Zucker gänzlich aufgelöst ist, und lasse es + dann vier bis fünf Stunden stehen. Man beginne diese Arznei + ein bis zwei Stunden, ehe das Fieber kommen soll, einzunehmen, + und zwar jede Stunde zwei Theelöffel voll, bis das Ganze + genommen ist. Man schüttle es bei jedesmaligem Nehmen gut durch + einander.“ -- Das Fieber blieb, nachdem ich dieses Mittel + genommen hatte, ganze zwei Monate aus; dann hatte ich einen + abermaligen Anfall, ich nahm dieselbe Arznei, und das Fieber + blieb gänzlich aus. -- Sollte gegen das Wechselfieber nichts + mehr helfen, so wage man gleich mir dieß letzte Mittel. + + + + +Einundzwanzigstes Kapitel. + + Die Fälle des Niagara. -- Der Ontario-See. -- Die tausend Inseln. -- + Montreal. -- Quebek.-- Die Amerikanischen Eisenbahnen. -- Neu-York. + -- Merkwürdigkeiten der Stadt. -- Die Hôtels. -- Die schwarzen + Minstrels. -- Emancipation. -- Gerichtsverfahren. + + ++10. September.+ Der heutige Tag war wieder einer der unvergeßlichen in +den Annalen meines Lebens, einer von jenen, die mich glänzend belohnten +für die Mühen und Beschwerden, mit welchen ich sie erkaufte -- ich sah +eine der wunderbarsten, erhabensten Naturscenen in Gottes schöner Welt, +die +Niagara-Fälle+. Unmöglich ist es auszudrücken, was das Auge da +erblickt, was die Seele da fühlt. Der Maler muß hier an seiner Kunst +verzweifeln, der Dichter seine Feder weglegen. Aber wenn man einem +Todfeinde hier begegnete, müßte man ihm vergeben, oder kein Mensch +sein, und wer je an Gott gezweifelt, der gehe an diesen erhabensten +seiner Altäre, und gewiß wird er bekehrt, beruhigt heimkehren. O, daß +ich doch die Anschauung dieses Wunders mit meinen Angehörigen, mit +meinen Freunden, ja mit allen Menschen hätte theilen können! -- + +Zuerst führte mich die gefällige Frau +Teuscher+ an den Amerikanischen +Fall, und ich dachte, es könne nichts Herrlicheres geben als diesen. +Die ungeheuere Wassermasse stürzt sich über eine riesig breite, +senkrechte Wand. Die Staubwolken sind so mächtig als wollte sich der +Strom ein zweitesmal erheben, und doch kaum hundert Schritte von dem +Sturze entfernt, fließt er schon wieder so ruhig dahin, daß sich das +kleinste Boot sorglos auf seinem Rücken schaukeln kann. + +Noch mächtiger aber ist die Wassermasse auf der Canadischen Seite, +noch bedeutender ist hier der Umfang des Falles (der die Form eines +Hufeisens bildet, und deßhalb „Hufeisenfall“ genannt wird), ich möchte +daher doch dem Canadischen Falle die Palme reichen. + +Bei Sonnenschein bilden sich an beiden Fällen in den Sprühregen-Wolken +die schönsten Regenbogen. Eine ganz eigenthümliche Färbung zeigt das +Wasser unmittelbar an den Fällen selbst. Ein schöneres, helleres Grün, +durchsichtig wie der reinste, feurigste Chrysolit, sah ich bisher noch +bei keiner Wassermasse. Das Getöse der Stürze fand ich jedoch nicht so +betäubend und so weit vernehmbar, wie viele behaupten[15]. + +Auf der Canadischen Seite kann man ein Stück unter den Fall +hineingehen. Man erhält zu diesem Zwecke einen Führer und Kleider. Das +Schauspiel unter dem Falle ist nicht nur ergreifend und großartig, +sondern grauenhaft. Die über dem Haupte rollende Wassermasse, das +fürchterliche Toben und Brausen des milchweiß schäumenden Elementes, +die schmale, durch die beständige Nässe schlüpfrige Felskante, auf +welcher man vor dem Abgrunde steht, in den sich das Wasser stürzt, die +überhängenden Felstrümmer, die sich von Zeit zu Zeit lösen, machen +diese Parthie wirklich gefährlich und so ergreifend, daß ich nicht +jedermann rathen möchte, sie zu unternehmen. + +Nachdem ich vor allem die Fälle besucht hatte, nahm ich mir erst Zeit, +die Umgebung zu betrachten. Wie bereits bemerkt, theilt sich der Strom +kurz oberhalb seines Falles in zwei Arme, von welchen der eine den Fall +auf der Amerikanischen, der andere jenen auf der Canadischen Seite +bildet. Die beiden Fälle sind sich jedoch ganz nahe und nur durch ein +kleines Inselchen getrennt. Die ganze Umgebung der Fälle (eine Insel +von einer halben Meile in der Breite und über eine Meile in der Länge) +paßt vollkommen zu der erhabenen Naturscene. Sie ist von einem üppigen +Urwalde mit majestätischen Bäumen, beinahe den umfangreichsten, die ich +in den Vereinigten Staaten sah (Kalifornien ausgenommen), bedeckt; es +gab viele Stämme von vier Fuß Durchmesser darunter. Die Menschenhand +hat dieses Heiligthum der Natur bisher geachtet und kaum gewagt einige +Fahrwege zu bahnen. Gott gebe, daß es immer so bleiben möge; allein +schwerlich dürften die künftigen Besitzer dem jetzigen gleichen, der +von der Mehrzahl der Menschen eine schöne Ausnahme macht und mehr +Achtung für die Natur, als Liebe zu den Thalern hat. Hohe Summen wurden +ihm schon für dieß Fleckchen Erde geboten; man wollte da Gasthöfe, +Belustigungsorte, Bade-Anstalten u. dgl. mehr errichten, aber gerade +deßhalb gab er es nicht her. Die heilige Stille des Haines sollte +durch das rastlose Treiben der Menschen nicht entweiht werden, und dem +Wunderwerke stets als Vortempel dienen. + +In den Schnellen des Hufeisen-Falles steht von dem Sturze kaum +vierzig Fuß entfernt, ein kleines Thürmchen aufgemauert, zu welchem +eine Brücke führt. Gar manche Stunde stand ich da oben, die sich +verfolgenden, überstürzenden Wogen betrachtend. Ich blieb fünf Tage +in +Niagara-Falls-Village+, brachte meine Zeit größtenteils an den +Fällen zu, und je länger ich sie sah, desto schwerer ward es mir, mich +von ihnen zu trennen. So geht es mit allem Großen und Erhabenen; man +braucht Zeit, bis man es zu verstehen und in sich aufzunehmen vermag. + +Leider vergeht selten ein Jahr, ohne daß die Fälle des Niagara ein +Opfer fordern, so vor wenig Monaten drei junge Leute, die eines Abends +zum Vergnügen auf dem Strome oberhalb der Fälle spazieren fuhren. Sie +wurden in die Schnellen gerissen, und keine menschliche Hülfe war mehr +möglich. Einem von ihnen gelang es, während der gräßlichen Fahrt einen +in den Schnellen wurzelnden Baumstamm zu erfassen und sich hinauf zu +schwingen. Er schrie um Hülfe; doch hörte man die Stimme zu undeutlich +durch das Brausen des Wassers, und die Nacht war zu finster, um den +Gegenstand zu sehen; erst Morgens entdeckte man den armen Menschen. Da +auch er keinen Zuruf würde deutlich vernommen haben, schrieb man auf +eine Tafel mit ellenlangen Buchstaben, daß man Vorkehrungen treffe, ihn +zu retten. Nach vielfältigen Versuchen gelang es endlich Nachmittags +gegen fünf Uhr, ein Boot in seine Nähe zu bringen. Der Arme saß schon +darinnen, man zog das Boot mittelst eines Seiles dem Lande zu, allein +unglücklicher Weise erfaßte es eine Sturzwoge mit solcher Gewalt, daß +das Seil sprang und das Boot mit seinem Opfer in den Fall gerissen +wurde. Keine Spur kam mehr zum Vorscheine, weder von ihm noch von +seinen Gefährten; nie findet man eine Leiche oder nur das Bret eines +Bootes, alles wird von der Gewalt des Sturzes zu Atomen zertrümmert. + +Zwei Meilen von Niagara-Falls-Village ist eine Drahtbrücke über die +Schlucht gespannt, in welcher der Niagara dem nahen +Ontario-See+ +zueilt. Die Schlucht ist enge, und der Strom soll hier an 900 Fuß Tiefe +haben. Die Brücke ist ein wahres Meisterwerk, die zusammengeflochtenen +Drähte haben die Dicke von starken Tauen und tragen die schwersten +Lastwagen. Eine Fahrt dahin sollte man nicht nur wegen der Brücke, +sondern auch wegen der reizenden Ansichten machen, die sich überall +darbieten. Von der Brücke selbst übersieht man die pittoreske +Felsenschlucht einerseits bis beinahe an die Fälle, andererseits bis +an den Ontario-See, ja der Blick schweift wie durch ein Fernrohr über +einen Theil des Sees bis auf die dahinter liegende lachende Landschaft. + +Das Indianische Dorf +Tuscarora+ (sieben Meilen von den Fällen +entfernt) ist eines Besuches weniger werth. Seine Bewohner haben nichts +eigenthümliches mehr: sie sind Christen geworden, gehen gekleidet wie +die Weißen, und bauen und pflegen wie diese ihre Felder. + +Am +13. September+ um zwei Uhr Mittags verließ ich +Niagara-Falls-Village in einer Postkutsche und fuhr nach dem Städtchen ++Lewistown+ (sieben Meilen). Das Städtchen liegt an dem Ausgange der +Schlucht, und der Strom nimmt sogleich derart an Breite zu, daß man +sich schon in dem See vermuthet, bevor man an ihn gelangt. + +In Lewistown bestieg ich den Dampfer +Bay-State+, um nach +Montreal+ +zu fahren. Schon sieben Meilen von Lewistown mündet der Niagara in den +Ontario-See und verliert sein kurzes aber thatenreiches Dasein. An +seinem Ausflusse liegt auf der Amerikanischen Seite die schöne Festung ++Georg+, auf der Canadischen die minder schöne Festung +Niagara+. + +In dem Ontario-See, welcher 180 Meilen lang, 35 breit ist, hielten wir +uns stets der Küste der Vereinigten Staaten nahe. Sie bietet, außer +vielen Ortschaften, nichts Sehenswertes. + ++14. September.+ Mit Sonnenaufgang ertönte die Schiffsglocke und weckte +die Reisenden, daß sie das Ende des See’s, die tausend Inselchen und +die Einfahrt in den +Lorenzo-Strom+ nicht verschlafen und übersehen +sollten. Bei +Ogdensburg+ vertauschten wir unsern Dampfer mit einem +kleineren, +British Queen+, um leichter über die Schnellen des +Lorenzo-Stromes zu kommen. Die Fahrt zwischen den tausend Inselchen ist +allerdings reizend: die Landschaft wird jeden Augenblick verändert, ein +Bild verdrängt das andere; aber mit den tausend Inseln des Mälar-Sees +in Schweden hält sie keinen Vergleich aus. Dort besteht die Einfassung +des Sees aus herrlichen Bergen, in den verschiedenartigsten Formen, +mit finstergrünen Waldungen bedeckt, zwischen welchen pittoresk +aufgethürmte Felskolosse, reiche Triften und Wiesen liegen, die Inseln +selbst sind ungemein schön und gewähren die abwechselndsten Bilder. +Hier ist alles flach und eben, und die Ufer der Inseln, wie des festen +Landes überragen kaum die Wasserfläche. + +Der Lorenzo-Strom bildet mehrere Schnellen, die aber doch nicht so +stark sind, den Dampfern die Fahrt zu sperren. Kunst und Kühnheit +errangen den Sieg über sie, und furchtlos steuerte unser Kapitän +darüber hin. + +Etwas gefährlich ist die Schnelle bei +Lachine+, wo wir spät Abends +ankamen. Da es stark regnete, und die Nacht stockfinster war, gingen +wir erst den folgenden Morgen darüber. Diese Schnelle sieht weniger +drohend aus, als die vorigen, ihre Hauptgefahr besteht in der geringen +Tiefe des Stromes. Wir nahmen bei Lachine einen Indianer als Lootsen an +Bord. Wenn über die Schnellen gefahren wird, arbeiten stets vier Mann +am Steuerruder. + +Da Lachine nur neun Meilen von Montreal liegt, kamen wir sehr +frühzeitig an. Glücklicherweise hatte das Wetter sich aufgeheitert, +und die Sonne beleuchtete den schönen Berg Montreal, an dessen +Fuß sich die Stadt ausbreitet. Sie nimmt sich gut aus mit ihren +Gothischen Kirchen und den Zinndächern, die bei Sonnenschein eine so +blendende Wirkung hervorbringen, als wären sie mit den feinstpolirten +Silberplatten belegt. + +Wir fuhren in einen schönen Dock ein und wurden durch eine Schleuse dem +Quai gleich gebracht. + +In Montreal kaum ans Land gestiegen, hatte ich gleich einige +Unannehmlichkeiten. Ich fuhr nach dem ersten Gasthofe, Montreal-House, +und verlangte ein Zimmer. Der Buchhalter sah mich vom Kopfe bis zu +den Füßen an und sagte endlich: „Wir haben keines.“ -- Die Ursache +war, weil ich allein, nur mit einem kleinen Reisesacke kam und nicht +ein halbes Dutzend Koffer und Schachteln mit mir schleppte. In einem +zweiten Hotel (einem Temperance-House) ward mir dieselbe Antwort zu +Theil. Ich legte ein Goldstück von zehn Dollars auf den Tisch, den +galanten Wirth versichernd, daß ich stets voraus bezahlen würde, wenn +er glaube, es fehle mir an Geld. Dieser Talisman half. Er schob das +Geld zurück und ließ mir ein Zimmer geben. Wie doppelt grell fiel mir +diese Behandlung auf, da ich gerade aus den Vereinigten Staaten kam, wo +man die ärmste Frau mit Achtung, Güte und Zuvorkommenheit behandelt! + +Wenn ich in Montreal ausging und auf den Straßen nach einem Wege +fragte, gab man mir entweder gar keine Antwort, oder man fertigte +mich ganz kurz mit den Worten ab: „~I don’t know~“ (ich weiß es +nicht). So viel ich sah, befand ich mich gerade nicht in dem Lande +der Höflichkeit. Da ich einige Auskünfte zu haben wünschte, niemanden +kannte und keine Empfehlungsbriefe mitgebracht hatte, dachte ich, es +sei am besten, mich an eines der größten Zeitungsbureau’s zu wenden. +In den Vereinigten Staaten kannte jeder Herausgeber meinen Namen, +ich mochte in das kleinste Städtchen kommen, und dann war ich schon +geborgen, da jeder mich freundlich aufnahm. Hier war es anders: der +Herausgeber des ersten Blattes kannte mich nicht, und dabei war er eben +so höflich, wie alle Leute, auf welche zu stoßen ich bisher das Unglück +hatte. Endlich fand ich doch ein Paar gefällige Menschen, gebrauchte +aber dabei die Vorsicht, sie gleich nach Nennung meines Namens zu +versichern, daß ich nicht arm sei und wohl freundschaftlicher Dienste, +aber keiner Gabe benöthige. Der Herausgeber des Transcoast, der +Belgische Consul Herr +Josef+ und Dr. +Visher+ machten mich die Unart +ihrer Landsleute vergessen. Dr. Visher, den ich erst zwei Tage vor +meiner Abreise kennen lernte, lud mich sogar in sein Haus ein, wohin +ich sogleich übersiedeln mußte. Auch danke ich es seiner Verwendung, +daß ich eine Freikarte zur Reise nach +Quebek+ hin und zurück erhielt. + +Die Stadt Montreal mit 75,000 Einwohnern, ist nicht wie die Städte in +den Vereinigten Staaten, in regelmäßige Blocks getheilt, und zeigt in +ihrer ganzen Bauart, daß sie aus ältern Zeiten stammt. Ihre Häuser +haben eine alt-französische Form, mit hochaufsteigenden steilen +Dachungen; sie sind meistens aus Quadersteinen und so solide gebaut, +als sollten sie für die Ewigkeit währen; doch fehlt es ihnen dabei +weder an Zierlichkeit noch an Geschmack. Neben manchem palastähnlichen +Steinhause stehen wohl auch mitunter bescheidene, halbverfallene +Holzhäuser. Die Straßen sind sauber und rein, und das geschäftige Leben +in denselben ist nicht störend, die Leute scheinen sich hier mehr +Zeit zu gönnen und überstürzen sich nicht so, wie in den Vereinigten +Staaten, oder in England. Alles hat einen ruhigen gelassenen Anstrich. +In den Nebenstraßen ist es sogar menschenleer. + +Die Kirchen sind alle im Gothischen Style gehalten; die schönste ist +die katholische Kathedrale, nach dem Muster der Notre-Dame-Kirche in +Paris erbaut. + +Von den Gebäuden fallen besonders das Jesuiten-Collegium, die Banken, +einige Gasthöfe, das Postgebäude, die Markthalle u. s. w. in die Augen. + +Das Museum lohnt kaum die Mühe, es zu besehen. Als das Merkwürdigste +wurde mir ein Elenthier von ungewöhnlicher Größe und ein Paar kleiner +Wallfische gezeigt, die man in dem Lorenzostrome gefangen hat. + +Das sogenannte Englische Hospital, eine allerdings gute Anstalt, läßt +noch manches zu wünschen übrig. Die Halbgenesenen z. B. haben zur +Erholung in frischer Luft nichts als einen leeren Wiesenplatz ohne Baum +und ohne Bank. Auch die Luft in den Zimmern fand ich nicht sehr rein, +was freilich in kalten Ländern, wo man die Fenster nicht beständig +offen haben kann, schwieriger zu erreichen ist, als in den Tropen. + +In dem Nonnenkloster der „grauen Nonnen“ gibt es zwei sehr zweckmäßige +Anstalten, die eine für arme alte Männer und Weiber, welche da bis zu +ihrem Absterben verpflegt werden, die andere für Kinder, die entweder +Waisen oder von ihren Eltern ganz vernachläßigt sind. Ich kam um zehn +Uhr Morgens dahin, und sonderbarer Weise war dieß gerade die Stunde des +Mittagmahles. Die Kost sah sehr schmackhaft aus und bestand aus Suppe, +Fleisch und noch einem Gerichte nebst schönem Brode. Eine Klosterfrau +theilte die Portionen aus. + +Die Säle waren groß und hoch, die Betten bis hinab mit Vorhängen +versehen, nur fand ich die Säle ein wenig überfüllt. + +Die schönste Ansicht der Stadt und Umgebung hat man von dem ++Montreal+-Berge oder von dem Thurme der Kathedrale. Ich war auf beiden +Punkten, und meinte kaum sie wieder verlassen zu können, so sehr +fesselte mich das vor dem Blicke sich entfaltende Bild. Die ehrwürdig +alterthümliche Stadt, die sich traulich an den Fuß des Berges schmiegt, +der Hafen mit seinen Schiffen und Dampfern, das rege Treiben auf dem +Lorenzostrome, der unfern der Stadt einen See mit vielen Inseln bildet, +das reichkultivirte Land umher, und in der Ferne einzeln auftauchende +Berge von wenigstens 1000 Fuß Höhe, machen diese Ansicht gewiß zu einer +der reizendsten Nordamerika’s. + +Herr Konsul Josef war so zuvorkommend mich in seinem Wagen rund um +den Berg Montreal (9 Meilen) zu führen. Diese Gegend ist, der schönen +Ansichten wegen, die besuchteste und beliebteste; überall liegen +niedliche Sommerhäuser mitten in hübschen Gärten. + +Canada wäre ebenfalls ein gutes Land für Europäische Ansiedler. Der +Boden soll sehr fruchtbar sein, das Klima ist zwar kalt und rauh, +doch höchst gesund, der Ankauf des Landes noch billiger als in den +Vereinigten Staaten, die Abgaben geringe und die Freiheit ziemlich +unbeschränkt. Bei diesen Vortheilen einerseits, besteht jedoch +andrerseits ein Gesetz, welches die Einwanderer abhält, Englische +Untertanen ausgenommen. Diesem Gesetze zufolge kann nämlich der +Einwanderer, wenn er früher stirbt, als er das Bürgerrecht erworben +hat (wozu, so viel ich mich entsinne, ein Aufenthalt von zehn Jahren +gehört), über seinen festen Nachlaß nicht verfügen. Land, Haus u. s. w. +fallen an die Regierung zurück. + ++18. September.+ Abends ging ich mit dem großen Dampfer „Quebek“ von +Montreal nach Quebek. Es war dieser Dampfer auch wieder einer von den +„~splendid ones~,“ gleich dem „Crescent City“ auf dem Erie-See, wo man +vor lauter Pracht und Herrlichkeit gar keine Bequemlichkeit fand. + ++19. September.+ Um 9 Uhr Morgens kam ich in Quebek an. Die Lage dieser +Stadt ist noch bei weitem reizender als jene von Montreal. Zum Theil in +demselben Style gebaut, nur noch älter, sind die Straßen etwas enger +und winklichter. Quebek besteht aus der obern und untern Stadt. Zu +ersterer führen hohe Treppen, doch schlängelt sich auch ein Fahrweg +hinauf. Selbst die untere Stadt ist etwas hügelig. Die Bevölkerung +zählt 45,000 Seelen, von welchen zwei Drittheile Franzosen, die noch +aus den Zeiten stammen, als Canada zu Frankreich gehörte[16]. + +Für Quebek hatte ich einen Brief mitgenommen, da ich besorgte, wie in +Montreal in keinem Gasthofe aufgenommen zu werden. Letzteres war nichts +desto weniger der Fall, aber nicht wegen Mißtrauens der Hôtelbesitzer, +denn der Herr, an den ich empfohlen war, sandte seinen Neffen mit mir +in ein Dutzend Boarding-Houses; wir fanden aber alle überfüllt. Die +Parlamentssitzungen hatten gerade begonnen, und viele Fremde waren +zugeströmt. Der Herr an welchen mein Brief lautete, schien auch kein +Kämmerchen für mich zu haben, obwohl ich hörte, daß er ein schönes Haus +bewohnte. Es blieb mir nichts anderes übrig, als den Tag über die Stadt +ein wenig zu besehen und Abends mit dem Dampfer wieder nach Montreal +zurückzukehren. + +Ich bestieg vor allem das Kap +Diamant+, 345 Fuß hoch, auf dessen +Spitze das Fort Diamant liegt. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, daß +die Quebeker den Montrealern an Höflichkeit nicht nachstanden. Geizend +mit der kurzen Zeit, über die ich zu gebieten hatte, wollte ich mich an +keine Speisestunde binden, und ging in einen Laden, einige Kuchen zu +essen. Dem Laden gegenüber lag die abgebrannte Ruine eines mächtigen +Gebäudes. Ich frug das Ladenmädchen, was das für ein Gebäude gewesen +sei. Sie antwortete mir: „Da hätte ich gerade Zeit, Ihnen Auskunft zu +geben,“ -- an Zeit fehlte es ihr wohl nicht, denn außer mir war kein +Käufer im Laden. (Später erfuhr ich, daß diese Ruine des Gouverneurs +Palast war.) Als ich das Kap zu besteigen anfing, überall nur grünen +Rasen und keinen Weg sah, fragte ich einen Mann, ob es erlaubt sei, da +hinauf zu gehen. „~Try it~“ (versucht es) war seine Antwort, und damit +ließ er mich stehen. + +Doch auf der Spitze des Kaps angekommen, vergaß ich schnell der +erfahrenen Unhöflichkeiten, -- lange schon hatte sich mir kein so +überraschendes Bild dargeboten, wie ich es hier überblickte. Die +ehrwürdige Stadt lag zu meinen Füßen, sich terrassenförmig um das +Kap lagernd. Eines der schönsten, lachendsten Thäler verfolgte ich +bis an die Ausläufer der grünen Gebirge (25 Meilen), deren Kuppen +und langgezogene Rücken einen Theil desselben umfaßten, und der +Lorenzostrom, der an der Stadt eine mächtige Bucht bildet, schlängelte +sich andererseits durch mit Wald und Triften bedeckte Hügelketten fort. + +Von dem Kap herabgestiegen, besuchte ich des Gouverneurs niedlichen +Garten, der dem Volke geöffnet und mit vielen Bänken versehen ist -- +ein wahrhaft schöner Ruhepunkt, denn auch hier hat man das herrliche +Amphitheater vor sich. + +Unter den Gebäuden fielen mir besonders die katholische Kirche und das +Parlamentshaus auf, welch’ letzteres einen sehr schönen Sitzungssaal +hat. + +Schon um 5 Uhr Abends mußte ich wieder auf den Dampfer zurückkehren. +Obwohl ich den ganzen Tag umher gelaufen und davon sehr ermüdet war, +hielten mich dennoch die reizenden Scenerieen des Lorenzostromes bis +tief in die Nacht auf dem Deck gefesselt. Ich glaube bestimmt, daß +die Ufer dieses Stromes an Naturschönheiten so reich und wechselnd +sind, wie jene des Rheins; doch fehlt hier der Zauber der Romantik, +das Ohr des Reisenden kann keiner Sage lauschen, kein Schloß, keine +Ruine zeigt sich seinem Auge. Merkwürdig und eigentümlich ist dafür +das Farbenspiel, welches im Herbst die Baumblätter haben. Da gibt es +rothe und braune, gelbe und grüne Blätter von allen Abstufungen und +Uebergängen; dazwischen schimmern weiße durch, die oft wie Silber +glänzen. Ich sah von diesen Blättern ganz allein gemachte Kränze, die +sich herrlich ausnahmen. + +Am +20. September+ Morgens traf ich wieder in Montreal ein, und schon +Nachmittags setzte ich meine Reise nach Neu-York fort. + +Beinahe alle Fahrten auf den Dampfern Nordamerika’s, von Neu-Orleans +bis St. Louis, von Milvaukee über alle Seen und bis Montreal, von +Montreal nach Quebek und zurück hatte ich bisher unentgeldlich gehabt. +In den Vereinigten Staaten genügte die Nennung meines Namens; jeder +Kapitän nahm mich zuvorkommend auf, ohne erst eine Bittschrift an einen +Agenten oder Direktor einzureichen. In Montreal war es Dr. +Visher+, +dessen Verwendung ich die freie Fahrt nach Quebek und zurück verdankte +(es war, wie ich glaube, ebenfalls ein Amerikanischer Dampfer). +Er versuchte auch, mir eine Freikarte auf dem Englischen Dampfer +„+Canada+“ zu verschaffen, der den kleinen +Champlain-See+ befährt; +allein hier half keine Empfehlung, es hieß: „Bezahlen.“ + +Ich setzte bei Montreal in einem kleinen Dampfer über den Lorenzostrom, +fuhr dann auf der Eisenbahn nach +Rouses point+ (60 Meilen), von da auf +dem schönen Dampfer „Canada“ über den Champlain-See und eine kleine +Strecke den +Hudson-Strom+ abwärts bis +Whitehall+, und von Whitehall +wieder auf der Eisenbahn nach Neu-York, im ganzen eine Reise von +ungefähr dreihundert Meilen, die man in 24 Stunden zurücklegt. + +Die Fahrt auf dem Hudson hat viel ähnliches mit jener auf dem Lorenzo. +Die Eisenbahn von Whitehall nach Neu-York läuft beständig längs des +Flusses. Leider fährt sie so rasch, daß man kaum flüchtige Blicke auf +die schnell wechselnden Landschaften werfen kann. + +Man macht auf den Amerikanischen Eisenbahnen mit dem Postzuge sechzig, +mit den gewöhnlichen Zügen fünfundzwanzig bis dreißig Meilen per +Stunde. Die Wagen sind sehr bequem eingerichtet, die Preise ungemein +billig. Die Geleise laufen, wie auf der Bahn von Callao nach Lima, +durch Städte und Ortschaften, ohne durch ein Geländer von Geh- und +Fahrwegen abgesondert zu sein. Daß dieß zu manchen Unglücksfällen +Veranlassung gibt, ist nicht zu wundern. Aber Gefahr, Achtung für das +Menschenleben kennt der Amerikaner nicht[17]. + +Die Einfahrt in die Weltstadt Amerikas (Neu-York) ist, wenigstens von +dieser Seite, so unter aller Beschreibung, daß ich mich schon lange in +dem Stadtgebiete befand und noch immer des Eintritts gewärtig war. +Man fährt beständig über Plätze, wo nichts als Bauholz aufgeschichtet +liegt, an hölzernen Hütten vorüber, zwischen welchen hie und da ein +Steinhaus wie verloren steht, durch schmutzige, von Unrath strotzende +Straßen. + +Auf dem Bahnhofe wird die Dampfmaschine mit Pferden gewechselt; +Schienen laufen durch einen großen Theil der Stadt, auf welchen die +Reisenden nicht nur von einem Bahnhofe zu dem andern gebracht werden, +sondern auch, wie ich später sah, Waggons die Stelle der Omnibus +vertreten und nach verschiedenen Richtungen verkehren. Diese höchst +zweckmäßige Einrichtung ist durchaus gefahrlos, da die Waggons langsam +gehen, jeden Augenblick angehalten werden können, und die Geleise in +den breiten Straßen kein Hinderniß sind, um so mehr, als die anderen +Wagen kreuz und quer über sie hinfahren, als wären die Geleise gar +nicht vorhanden. + +Der Eintritt in eine große Stadt, wo man weder Oertlichkeit noch +Menschen kennt, ist besonders für eine Frau überaus lästig. Ich war so +glücklich, gleich für den ersten Augenblick eine freundliche Aufnahme +bei Herrn +Wutschel+ zu finden, und des folgenden Tages schon von +Herrn Dr. +Krakowitzer+ auf die zuvorkommendste Weise in das Haus +eingeladen zu werden. Da dieses jedoch in +Williamsburg+ lag, von +der eigentlichen Stadt Neu-York zu weit entfernt, und ich in der +Folge auch von Herrn +Aigner+, so wie von dem österreichischen Consul +Herrn +Loosey+, die beide in der Mitte der Stadt wohnten, Einladungen +erhielt, so verweilte ich abwechselnd bei diesen liebenswürdigen +Familien, die mir den Aufenthalt so angenehm machten, als hätte ich +unter lang bewährten Freunden gelebt. + +Die Stadt Neu-York, mit einer Bevölkerung von beinahe 600,000 Seelen +liegt, wie bekannt, auf einer Insel, die im Westen und Osten von dem +Hudson, im Norden von dem Harlem-Flusse und im Süden von der Bay +bespült wird. + +Ich kann von dieser Stadt nicht viel mehr sagen, als daß sie schön +gelegen und größer und bevölkerter ist, als alle Städte, die ich bisher +in den Vereinigten Staaten gesehen, und daß mir das Geschäftsleben +in den Hauptstraßen, besonders in +Broad-way+ und +Wall-Street+ noch +bedeutender vorkam, als in der City in London. Das Gedränge von +Menschen, Omnibus, Waggons, Lastwagen, macht jeden Gang durch diese +Straßen beschwerlich, und sonderbarer Weise lieben es die Frauen +sehr, sich gerade auf dem Broad-way, in Mitte der Geschäftsstunden im +vollsten Putze zu zeigen, wodurch das Gedränge noch vermehrt wird, da +sie langsam gehen und vor den Laden stehen bleiben, die Auslagen zu +betrachten. + +Die Straßen sind sehr breit und häufig mit großen Bäumen besetzt, +was ihnen viel Reiz verleiht; die Gehwege sind von den Fahrwegen wie +in London durch einige Zoll hohe Trottoirs geschieden. Ueberall, die +Hauptstraßen nicht ausgenommen, herrscht sehr viel Schmutz, und dieß +muß auf die Gesundheit, besonders im heißen Sommer, höchst schädlich +einwirken. So ist es z. B. hier üblich, den Kehricht jeden Morgen in +Kisten oder Kübeln vor das Haus zu setzen. Die Wagen, die das wegfahren +sollen, kommen oft erst gegen Mittag und noch später, daher stößt man +bei jedem Schritte darauf. Darneben gibt es viele kleine Pfützen, die +sich in den schmalen Rinnen zwischen den Fahr- und Gehwegen sammeln und +eben keine aromatischen Gerüche verbreiten. + +Gebäude sieht man viele und sehr bedeutende; doch besteht ihre +Schönheit hauptsächlich in der Größe, höchstens, daß einige einen +Portikus, von Säulen getragen, besitzen. Die ausgezeichnesten sind +auch hier wieder die Börse, die Banken und die ersten Gasthöfe, als ++Metropolis+, +St. Nicolas+, +Irvinghouse+ u. s. w. Von den Kirchen +sieht die +Trinidad-Kirche+ mit ihrem hohen Thurme viel versprechend +aus; das Schiff ist jedoch weder lang noch hoch. Unter den Häusern +gibt es einige von Eisen, auch ein Paar von Marmor, dazwischen aber gar +manche hölzerne Hütte. + +Die meisten Familien wohnen hier wie in England, in schmalen hohen +Häusern, die sie für sich allein haben; doch fangen sie mitunter schon +an einzusehen, daß es etwas unbequem sei, beständig Treppen auf- und +nieder zu steigen, denn gespeist wird für gewöhnlich eine Treppe tief +unter dem Erdgeschoß, neben der Küche, die Empfangszimmer liegen zu +ebener Erde, die Schlafzimmer in den obern Stockwerken. Die neuen +Häuser sind allerdings mit allen Einrichtungen versehen, das Wasser, +kalt wie warm, wird bis in die obern Stockwerke geleitet, die Speisen +werden mittelst eines Aufzuges in das erste Stockwerk gebracht, und +von jedem Stockwerke kann man, vermöge kleiner Oeffnungen, welche die +Wände durchziehen, bis unter das Erdgeschoß mit den Dienstleuten auf +die leichteste Art verkehren: man spricht, den Mund an die Oeffnung +haltend, ganz leise hinein, und erhält eben so die Antwort. Das ganze +Haus ist mit Gas erleuchtet. + +Von Museen, Bildergallerien u. dgl. ist in Neu-York nicht viel zu +sehen. Das Privat-Museum des Herrn +Barnum+, als Museum nicht viel zu +beachten, ist jedoch eines Besuches werth; man findet da bald einen +Zwerg, bald irgend ein seltenes Thier, bald eine Komödie nebst einer +Zusammenstellung von ausgestopften Vögeln, Thieren, Kleidungsstücken +der Chinesen, ja sogar eine gut erhaltene Mumie, kurz von allem etwas. +In diesem Museum sind überall Tafeln angeschlagen, welche die Besucher +vor den Taschendieben warnen. Auch in manchen großen Verkaufslokalen +gibt es derlei Plakate. Für mich war dieß ganz neu, ich hatte bisher an +solchen Orten noch keine ähnliche Warnung gelesen. + +Verkaufslokale besitzt Neu-York in großer Menge und zwar der +prachtvollsten Art. Das großartigste ist jenes des Herrn +Steward+. +Da können sich Frauen und Herren Stoffe und Luxusartikel jeder +Art verschaffen; außer Schmuck und Schuhzeug ist alles zu haben. +Ein großer Theil der Waaren ist in großen schönen Sälen auf das +zierlichste aufgestellt -- es kam mir hier beinahe wie in einer kleinen +Industrie-Ausstellung vor. Mehr als 250 Leute finden bei diesem +Geschäfte Anstellung. + +Nicht minder großartig ist Herrn +Taylors+ Zuckerbäckerei- und +Erfrischungs-Lokal. Hier kann man nicht nur alle möglichen Bäckereien, +Eis und Getränke haben, sondern auch Mittags- und Abend-Mahlzeiten. Bei +Nacht bei der glänzenden Gasbeleuchtung sieht es wahrhaft feenartig aus. + +Die Druckerei der „Tribune“ (das am meisten gelesene Zeitungsblatt in +den Vereinigten Staaten, 35,000 Exemplare, und von dem Wochenblatte +120,000), nimmt ein ganzes Haus von vier Stockwerken ein und +beschäftiget 293 Personen. Das Interessanteste ist hier die von Herrn ++Hoe+ erfundene Cylinder-Presse, welche vier Seiten zu gleicher Zeit +in weniger als vier Sekunden druckt. Herr Hoe hat auch für Paris eine +solche Maschine verfertiget. In England soll jedoch, wie man mir sagte, +in der Druckerei der „Times“ schon seit längerer Zeit eine ähnliche +Cylinder-Presse im Gebrauche sein, man kann daher diese Erfindung +eigentlich nicht ganz Herrn Hoe zuschreiben, wahrscheinlich hat er sie +nur bedeutend verbessert. + +Ueberhaupt ist es hier zu Lande ebenso gut wie in Europa der Fall, +daß, wenn an irgend einer Maschine oder Erfindung eine Verbesserung +angebracht wird, man das Ganze gleich als eine ganz neue Erfindung +rühmen hört. + +Bei dem Besuche der Druckerei hatte ich das Vergnügen, einen der +Theilhaber an der „Tribune,“ Herrn Bayard +Taylor+ kennen zu lernen. +Dieser noch junge Mann hat sich nicht nur als Poet ausgezeichnet, +sondern mit gleichem Talente auch den Orient, Indien, Abyssinien +beschrieben, welche Länder er kürzlich bereiste. Selten liefert ein +Poet getreue Reisebilder, gewöhnlich reißt ihn seine Phantasie hin, +-- nicht so bei Herrn Taylor; er wußte das Gesehene wahr, ohne +Uebertreibung darzustellen, und doch den Zauber der Poesie darüber zu +hauchen. + +Auch die +Novelty-Iron-Works+ der Herrn +Stillman+, +Allen+ und Komp. +besuchte ich. Sie sind die größten Amerika’s: nicht nur alle denkbaren +Dampfmaschinen werden in ihnen verfertiget, sondern die größten +Dampfschiffe gebaut und vollkommen ausgerüstet und eingerichtet. +Tausend Menschen finden daselbst Beschäftigung, von welchen die +geringen Arbeiter 1 Dollar per Tag, die Meister bis zu 4 Dollars +verdienen; 400,000 Tonnen Roheisen werden jedes Jahr verarbeitet. Als +Herr Stillman die Güte hatte, mich in dieser Riesen-Anstalt umher zu +führen, lag gerade ein halbfertiger Dampfer auf der Werfte; seine Größe +betrug 3400 Tonnen, er enthielt 1000 Schlafstellen und wird den Namen +„+Metropolis+“ führen. + +Was die großen Gasthöfe Neu-Yorks betrifft, so kann ich nur +wiederholen, was ich von jenen in Neu-Orleans erwähnte: sie sind +die prachtvollsten, die ich je gesehen habe. Aber auch hier geht, +wie auf den Amerikanischen Dampfschiffen, vor lauter Pracht und +Herrlichkeit gar mancher Comfort verloren. So findet man z. B. +nirgends ein Fleckchen, um ruhig und bequem schreiben zu können. In +den Empfangssälen berauben die großen, schweren, damastenen Vorhänge, +welche mehr als das halbe Fenster beschatten, das Gemach des Lichtes, +die Tische sind mit Marmorplatten überlegt, auf welchen in der kalten +Jahreszeit der darauf ruhende Arm beinahe selbst zu Marmor wird. In +den Schlafzimmern findet man alles, nur keinen Schreibtisch, und +jeden andern Tisch ebenfalls mit Marmorplatten belegt. Ich sah zu +verschiedenen Malen die Leute ihr Schreibbuch auf den Knieen haltend, +so auf die mühevollste Weise schreiben. Heißt das doch dem Luxus Opfer +bringen! -- Wie gemüthlich saß ich dagegen in dem kleinen Hotel der +Frau Teuscher an den Schnellen des Niagara. Mein Zimmerchen war auch +mit Teppichen ausgelegt, es enthielt ebenfalls reine, zierliche Möbel, +einen schönen Spiegel; aber ich hatte dabei nicht nöthig auf den Knieen +zu schreiben -- ein bequemer Tisch, freilich ohne Marmorplatten, diente +mir hiezu. + +Das größte Gasthaus ist das +Neu-York-Hotel+, welches an 1000 Zimmer +enthalten soll. Auch das +St. Nikolas-Hotel+, das +Irvinghouse+ +haben bei 400 Gastzimmer und 300 Leute Dienerschaft. Das ganze Haus +wird mittelst Dampf geheizt, überall genießt man einer angenehmen, +gleichmäßigen Wärme. Die Kamine sind überflüssig und werden nur +beibehalten, weil der Amerikaner gleich dem Engländer gerne ein +lustiges Kaminfeuer sieht. + +Neu-York besitzt mehrere schöne Theater, in welchen Englische, +Französische und Deutsche Stücke, auch Italienische Opern aufgeführt +werden. Am beliebtesten aber scheinen die sogenannten „schwarzen +Minstrels“ zu sein. Die Schauspieler sind Weiße, aber schwarz gefärbt, +und stellen Neger dar, die bemüht sind, sich in die Sitten und +Gebräuche der Weißen hinein zu finden. In der Vorstellung, welcher +ich beiwohnte, erschienen zehn Schauspieler in zierlich schwarzem +Anzuge mit weißen Westen und Halsbinden; sie saßen im Halbkreise und +sangen mit Begleitung eines Tamburins und einer Guitarre komische +Lieder. Nach jedem Liede hielten zwei von ihnen witzig sein sollende +Gespräche. Diese Unterhaltung währte eine ganze Stunde fort. Eine Art +Komödie folgte darauf, bei welcher ich weder Sinn noch Zusammenhang +heraus fand; dabei wurde auch ein wenig getanzt. Das Publikum (und sehr +gewähltes, das verriethen nicht nur der geschmackvolle Anzug, sondern +auch die Wagen in Menge, die vor dem Schauspielhause standen) schien +sich sehr gut zu unterhalten und lachte fortwährend aus vollem Halse. +Daß das schöne Geschlecht in diesem Lande eine ganz besondere Lachlust +besitzt, wußte ich schon aus Erfahrung von den Dampfern her; aber an +den Männern war es mir eine ganz neue Erscheinung. + +Das +Castle-Garden-Theater+, in welchem gewöhnlich Ballete gegeben +werden, gefiel mir durch seine Lage. Es steht an der südöstlichen +Spitze der Stadt auf einer einstigen Batterie, die in die Bay etwas +vorgeschoben und durch eine kleine Brücke mit der Stadt verbunden ist. +Eine breite Gallerie läuft von außen rund umher, auf die man in den +Zwischenakten treten kann, und von welcher man bei Mondbeleuchtung eine +herrliche Uebersicht der Stadt und Bay genießt. + +Wie ich bereits früher erwähnt habe, ist in den Vereinigten Staaten die +Zahl der öffentlichen und Privat-Unterrichts-Anstalten außerordentlich +groß. Neu-York selbst hat deren in Menge aufzuweisen. Ich besah +mehrere, und unter anderen auch das +Free-College+ für Jünglinge. Es +ist ein Gebäude in Gothischem Style, mit hohen, großen Lehrsälen und +Gängen. Diesem Institute stehen die ausgezeichnetsten Professoren +vor, es werden bis zu fünfhundert Zöglinge aufgenommen, aber nur zum +Unterrichte, nicht in Kost und Verpflegung. Sie bringen sechs Stunden +täglich in dem Kollegium zu, lernen alle Gegenstände, die zur höheren +Ausbildung gehören, und erhalten sowohl den Unterricht als die nöthigen +Bücher, Papier, Federn u. s. w. unentgeldlich. Bevor ein Zögling +aufgenommen wird, muß er sich einer strengen Prüfung unterwerfen, +besteht er sie nicht sehr gut, so nützt keine Verwendung. Um hierbei +jedem Unterschleife vorzubeugen, sollen die Professoren die Namen der +zu Prüfenden nicht wissen und auch der Geprüfte eben so wenig seinen +Erfolg erfahren, als bis derselbe im Rathe entschieden ist. Möglich, +daß auf diese Art Bevorzugungen ausgewichen wird; allein der Mensch +bleibt überall Mensch, und der Mittel der Bestechung gibt es gar +viele, deshalb gefällt es mir nicht, daß der Reiche mit dem Armen hier +gleichsteht. Der Reiche könnte bezahlen; die fünfhundert Plätze sollten +nur für Mittellose bestimmt sein. + +In den Privat-Mädchen-Instituten, hier Seminarien genannt, können die +Mädchen in allen Zweigen der Wissenschaften und Künste Unterricht +erhalten, und lernen sogar die lateinische und griechische Sprache. +Auf meine Frage, wie es komme, daß man die Mädchen mit diesen todten +Sprachen quäle, hieß es: „Damit sie in der Folge die Töchtersprachen, +Italienisch, Französisch u. s. w., desto leichter erlernen.“ Man sollte +daraus schließen, daß alle Mädchen der letztgenannten Sprachen mächtig +seien; doch weit davon entfernt -- ich hörte nirgends so wenig fremde +Sprachen sprechen, als unter den Amerikanern. + +Diese einseitige Erziehung, in welcher das Weibliche gänzlich +vernachlässiget wird, möchte ich als Hauptursache jenes Hanges nach +Emancipation betrachten, der die Amerikanischen Mädchen und Frauen so +stark charakterisirt. + +Ich sollte denken, daß die Frauen vorerst anfingen, sich in ihrem +Hause vollkommen zu emancipiren. Die häuslichen Geschäfte müssen am +Ende von jemanden verrichtet werden, und meiner Meinung nach sind +dazu doch die Frauen passender als die Männer. Ich bin weit entfernt, +damit sagen zu wollen, daß die Frauen die Dienste der Mägde leisten +sollen; aber verstehen müssen sie dieselben, sonst sind die letzteren +die eigentlichen Herren im Hause. Die Mädchen in meinem Lande studiren +ebenfalls Sprachen, Musik, Geschichte u. s. w., finden aber dabei Zeit, +sich auch mit den weiblichen Beschäftigungen bekannt zu machen. + +Ich ging einst in Neu-York eine Frau besuchen und fand sie nicht zu +Hause: die Magd sagte mir, sie sei auf das Land gegangen (da die +Wohnung gewechselt werde) und werde erst wiederkommen, wenn in der +neuen Wohnung alles in Ordnung gebracht sei. Und wer besorgte die +Uebersiedlung? Natürlich der Gatte, der Geschäftsmann! -- + +Es sollte mich nicht wundern, wenn mit der Zeit der Mann es sein wird, +welcher der neu eintretenden Magd zeigt, wie sie das Kind zu baden, +anzukleiden, die Küche zu beschicken habe, mit einem Worte, wie ihre +ganze Arbeit einzutheilen sei. Vielleicht kommt dieß jetzt schon vor! + +Weil die Amerikanischen Frauen sich häufig von der Führung des +Hauswesens emancipiren, die Männer nicht immer Zeit und Lust haben, +die Pflichten ihrer Frauen zu übernehmen, gehen Eheleute nicht selten +in Boarding-Houses, um da zu leben -- eine abscheuliche Gewohnheit, +die oft die fürchterlichsten Folgen nach sich zieht. Müssiggang ist, +wie bekannt, aller Laster Anfang. Eine junge hübsche Frau[18] wohnt da +mit Leuten in Gemeinschaft, deren Charakter oft nicht der beste ist, +das Hauswesen beschäftigt sie nicht, und hat sie Kinder, so sendet sie +dieselben schon in dem Alter von vier Jahren nach der Schule. + +Zu dem Lobe der Amerikanischen Frauen muß ich jedoch anführen, daß sie +(ausgenommen in den Sklavenstaaten) ihre Kleinen selten einer Amme +anvertrauen und die Mutterpflicht selbst verrichten. In dieser Hinsicht +gebührt ihnen der Preis vor allen andern Nationen. Gott erhalte diese +schöne Sitte! + +Fühlen Mädchen einerseits Abscheu für die weiblichen Beschäftigungen, +andrerseits einen besondern Drang nach einer Kunst oder +Wissenschaft[19], die sie bis zur Vollkommenheit studiren und ausüben +wollen, so mögen sie es thun, aber in diesem Falle nicht auf halbem +Wege stehen bleiben, sondern sich vollkommen emancipiren, und so lange +sie Professoren, Doktoren u. s. w. sind, dem Ehestande entsagen, denn +schwer, wo nicht unmöglich ist es, die Pflichten des Mannes und der +Frau zu gleicher Zeit zu erfüllen. + +Und möchten doch alle Emancipations-Proselytinnen bedenken, daß gerade +der Beruf, von welchem sie sich emancipiren wollen, zu den schönsten +und edelsten gehört. Oder kann es etwas Edleres geben, als den Beruf +einer Mutter?[20] Liegt nicht in ihren Händen der kostbarste Schatz +jedes Staates -- die Erziehung der Jugend? Ist es nicht die Mutter, +die dem Kinde schon im zartesten Alter Liebe für Pflicht und Tugend +einflößt, es auf den Weg leitet, ein würdiges Mitglied des großen +Menschenvereines zu werden? Eine besonnene Hausfrau, eine vernünftige, +liebende Mutter war und wird ewig das Ideal des Weibes bleiben. + +Doch wieder zurück zu den Seminarien. + +Das Schulgeld für ein Mädchen in den ersten Anstalten ist per +Jahr (zehn Monate) 500 Dollars; dafür erhält es Kost, Wohnung und +den Unterricht in den gewöhnlichen Lehrgegenständen. Musik- und +Tanzunterricht, Nebenrechnungen belaufen sich auf 200-300 Dollars, +und bei dieser hohen Bezahlung herrscht die schöne Gewohnheit, daß +zwei sich ganz fremde Zöglinge eine Schlafstelle theilen müssen. Ich +fand leider diesen Uebelstand schon in London; doch erstreckt er +sich dort gemeiniglich nur auf ein Schwesterpaar; in den Vereinigten +Staaten aber geht diese Manie so weit, daß Knaben und Männer sogar +die Schlafstellen theilen. Ich sah in manchen Familien, die zu den +wohlhabenden gehörten, eine Magd und zwei Kinder, oder auch drei +Kinder zusammen schlafen. Ich konnte mich oft nicht enthalten, diese +abscheuliche Gewohnheit zu rügen. Man gab mir zur Antwort, es geschehe +aus Zeitersparniß. Immer hört man dieses Wort in jedermanns Munde, +und doch fand ich, daß Frauen und Dienstleute hier ungleich weniger +arbeiten, als bei uns in Deutschland. Und muß man, um ein wenig Zeit zu +ersparen, die Sittlichkeit, die Gesundheit zum Opfer bringen?! -- + +Die Gerichtsverhandlungen besuchte ich einige Male. Es ging da ungefähr +so zu, wie in meiner Vaterstadt (Wien) nach der Revolution im Jahre +1848: es gab Richter und Geschworne, Advokaten von beiden Theilen, +Zeugen und ein sehr aufmerksames Publikum. Ich wohnte einem wichtigen +Prozesse bei, in welchem es sich um die Verurteilung eines Mörders +handelte. Der Sachverhalt war folgender: + +Der Verbrecher Dr. Gr., ein Ausschweifungen jeder Art ergebener Mann, +wohnte in dem +St. Nicolas+-Gasthofe; mit ihm zu gleicher Zeit Obrist ++Loring+ sammt Frau. Dr. Gr. kam beinahe jede Nacht betrunken nach +Hause. In einer Nacht, gegen drei Uhr Morgens ging er in die Gallerie +und schellte mit Heftigkeit einem Diener, und zwar durch anhaltend +lange Zeit. Obrist Loring trat endlich aus seinem Zimmer, den Doktor +ersuchend, mit dem Schellen aufzuhören, da es vergebens sei, denn die +Diener wohnten nicht in diesem Theile des Hauses, überdieß habe seine +Frau starke Kopfschmerzen und könne den Lärm nicht vertragen. Doch +nach kurzem ging das Schellen wieder an, und wie später Frau Loring +bei dem Verhöre aussagte, ging ihr Mann abermals aus dem Zimmer mit +dem Vorsatze, einen Diener zu holen und so der Ruhestörung ein Ende zu +machen. Dr. Gr. aber behauptete, der Oberst habe ihm einige Scheltworte +gesagt (eine Sache, die höchst natürlich gewesen wäre, und die der +rohe Wüstling vollkommen verdient hätte). Kurz Dr. Gr. lief in sein +Zimmer, kam mit einem Degenstocke wieder und stieß diesen Herrn Loring +durch den Leib. Der Stich ging durch das Herz, und der Oberst wurde als +Leiche in sein Zimmer zurück getragen. + +Ich habe schon auf meiner Reise durch die südlichen Staaten erwähnt, +daß in Amerika das Laster der Trunkenheit als große Entschuldigung +gilt. Auch hier hörte ich viele, die das Benehmen des Mörder gerade +durch seine Lebensweise entschuldigten. Sie sagten: „Er that dieß in +der Trunkenheit, wer weiß, wie ihn Loring gereizt hat“ u. s. w. + +Bei dem Verhör sah der Doctor so ruhig und unbefangen umher, als wäre +er schuldlos gewesen. Die Zeitungen schrieben, daß er vermutlich ganz +frei gesprochen werde, da er Geld und Freunde besitze. Er wurde zwar +auf sieben Jahre Gefängniß verurtheilt, appellirte aber dagegen, und +sogleich ward das Urtheil auf vier Jahre herabgesetzt. Ich verließ +Neu-York vor der vollkommenen Entscheidung des Prozesses; allein die +allgemeine Stimme sagte, daß wohl schon nach einigen Monaten gänzliche +Verzeihung erfolgen dürfte. Nur müsse der Mörder in diesem Falle +Neu-York verlassen, sonst würde er von dem Volke überall beleidigt +werden. + +Es gibt manche, die an dem Volke rühmen, daß es seinen Unwillen derart +zu erkennen gibt, die dieses Gefühl für Gerechtigkeit in ihm bewundern. +Aber wenn das Volk die Gerechtigkeit erkennt und liebt, warum gestattet +es, daß so unrechtmäßige Nachsicht mit den Verbrechern geübt wird, +warum wählt es nicht ehrliche, unbeugsame Männer zu Richtern und +Geschwornen? -- An der Macht hierzu fehlt es ihm in einem freien Lande, +wie die Vereinigten Staaten es sind, doch gewiß nicht! -- + + + [15] Ich las in Beschreibungen, daß man das Getöse 40 Meilen weit + höre. Ich vernahm es kaum mehr in der Entfernung von einer + Meile. -- Der Hufeisen-Fall ist 2100 Fuß breit, die Höhe 149 + Fuß. Der Amerikanische ist 1140 Fuß breit, 164 Fuß hoch. Man + schätzt die Wassermasse, die von beiden Fällen per Minute + herabstürzt, auf 670,250 Tonnen. + + [16] Die Franzosen gründeten in Canada die erste Kolonie im Jahre + 1607; sie blieben im Besitz des Landes bis 1759, wo es ihnen von + den Engländern abgenommen wurde. + + [17] Herr +Chapin+, einer der berühmtesten Amerikanischen Prediger, + sagt in einer seiner Predigten nach einem großen Unfalle auf + einer Eisenbahn: „Und gegen dieses Ungestüm sollte auf jede + Weise gearbeitet, vor allem das Menschenleben geachtet werden. + Dieß Gefühl sollte, wie ich mit Schmerz gestehen muß, in unserem + Zeitalter und unserem Lande weiter und tiefer verbreitet sein. + Das Leben ist kostbar. O! herzlose Korporationen, stellt eueren + Dollars die Menschlichkeit gegenüber, und wenn ein kleiner + Gewinn wichtiger ist als ein etwas fester gemachter Keil + oder ein extra aufgestellter Aufseher an einem gefährlichen + Punkte, so sagt nicht, daß der Staat nur seiner Aufregung Gehör + gibt, wenn er die Lebensnerven durchschneidet, mittelst deren + Korporationen bestehen.“ + + [18] Nicht selten ziehen auch junge Mädchen, welchen es in + dem elterlichen Hause nicht gefällt oder zu still zugeht, in + Boarding-Houses. + + [19] In den Vereinigten Staaten gibt es eine außerordentliche Anzahl + von Dichterinnen, Schriftstellerinnen und Komponistinnen. + Wenn ich die Namen aller jener aufgezeichnet hätte, die man + mir als solche vorstellte, so würde ich bogenlange Register + zusammengebracht haben. Gewiß gibt es darunter viele sehr + talentvolle; aber die auch nur ein Verschen, einen kleinen + Aufsatz, einen Walzer, eine Polka geschrieben hat, nennt sich + schon Dichterin, Komponistin. Die Unbedeutendheit des Werkchens + ersetzt ein großer, viel versprechender Titel. Hierauf scheint + man in den Vereinigten Staaten überhaupt sehr viel zu halten. + Als ich mit einem Verleger betreffs meiner Reisebeschreibung + sprach, war seine erste Frage nach dem Titel. Lächelnd erwiderte + ich ihm, daß ich daran erst denken würde, wenn die Arbeit + vollendet sei. Er meinte aber, dieß wäre eine sehr wichtige + Sache, das Publikum sähe viel auf den Titel, und klänge dieser + gut, so sei dem Buche schon im vorhinein eine gute Aufnahme + gesichert. + + [20] Man wird mir vielleicht zurufen, daß ich mich selbst in gewisser + Beziehung emancipirt habe, indem ich so große Reisen allein + unternahm und jahrelang vom Hause abwesend blieb; -- ich that + dieß jedoch erst, als meine Kinder herangewachsen, selbständig + waren, als sie meiner Pflege und Sorgfalt nicht mehr bedurften, + und als mir überhaupt keine häuslichen Pflichten mehr oblagen. + + + + +Zweiundzwanzigstes Kapitel. + + Die Umgebungen Neu-Yorks. -- Die öffentlichen Institute. + -- Blackwells- und Randalls-Island. -- Die Five-Points. -- + Reise nach Boston. -- Der Empfehlungsbrief. -- Festessen der + Massachusetts-Mechaniker-Gesellschaft. -- Waisenhaus, Gefängniß + u. s. w. -- Cambridge. -- Lowell. -- Rückkehr nach Neu-York. -- Die + Wahl. -- Abschied von den Vereinigten Staaten. + + +Ich benützte meinen Aufenthalt in Neu-York zu wiederholten Besuchen +der nahen Umgebung, so wie auch zu zwei kleinen Ausflügen, den einen +nach Herrn +Bryant’s+ Landsitze auf +Long-Island+, den andern nach dem +Landhause des berühmten Dichters +Washington Irving+. + +Die nächste Umgebung der Stadt bilden die Städte +Broklyn+, ++Williamsburg+ und +Hoboken+, die man eigentlich als Theile Neu-Yorks +betrachten könnte, denn sie sind nur durch den Fluß davon getrennt. +Viele Leute wohnen da, welche ihre Geschäfte täglich nach Neu-York +rufen, und Dampfer fahren jeden Augenblick hin und her. + +Etwas weiter über der Bay liegt +States’ Island+. Aus der Bay machen +die Amerikaner gar viel, und wollen sie mit jener von Neapel oder +Konstantinopel vergleichen. Davon kann wohl keine Rede sein. Sie ist +allerdings hübsch; allein ihre Breite ist zu groß, die Hügelkette zu +niedrig. Von der Stadt aus erscheint die gegenüberliegende Hügelkette +noch viel unbedeutender als sie ist, und von States’ Island aus +verschwimmt Neu-York zu einem Steinhaufen, und man sieht von den +Schiffen nichts als den Mastenwald. + +Auf States’ Island selbst gibt es hübsche Landsitze mit schönen +Aussichten. Schade daß alles mit Bretterwänden eingefaßt ist und man +nirgend durch die Wäldchen und Wiesen gehen kann, sondern sich mit der +staubigen Straße begnügen muß. + ++Greenwood+ (6 Meilen von Neu-York) ist der prachtvollste Friedhof +nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern in der ganzen Welt. Die +ehrwürdigsten Bäume beschatten die saftigsten Wiesen, spiegelhelle +Teiche blicken dazwischen durch. Unter den Bäumen zeichnen sich ganz +besonders die Trauerweiden aus: in keinem Lande sah ich sie so groß und +umfangreich, als in den nördlichen Theilen der Vereinigten Staaten. Von +den Hügeln hat man die bezauberndste Uebersicht der Bay und der Stadt +sammt ihrer Umgebung. Wahrlich, ich würde meinen Wohnsitz ungleich +lieber hier bei den Todten aufschlagen, als in der geräuschvollen Stadt! + +Ohne Einlaßkarte erhält man keinen Zutritt in diesen Ort der Ruhe; an +Sonntagen wird er leider ganz geschlossen, und somit ist der schönste +Punkt um Neu-York für die arbeitende Klasse, die nur über den Sonntag +gebieten kann, so viel wie gar nicht vorhanden. + +Zu +High-Bridge+ (10 Meilen) sind die großen Wasserwerke, welche den +Bedarf Neu-Yorks decken; ein hoch gespannter Aquädukt leitet das +Quellwasser über einen Arm des Hudson-Flusses nach der Stadt. Ueberdieß +verdient dieser Ort auch seiner Landschaft wegen besucht zu werden, die +zu einer der schönsten um Neu-York gehört. + +Ich fuhr in einem Omnibus dahin, welcher im Innern Plätze für zwölf +Personen enthielt. Dieser Omnibus geht nur alle halbe Stunden ab und +weist niemanden zurück[21]. Ich zählte vierzehn Erwachsene und fünf +Kinder, von welchen das jüngste über vier Jahre alt war. Zu meinem +Erstaunen setzten sich Mädchen, junge Frauen ohne alle Umstände auf +den Schooß ihnen ganz fremder Männer. Das nenne ich doch etwas gar zu +frei! -- Sittlichkeitsgefühl, Frauenwürde, sind dieß hier nur leere +Worte? Ich würde eine solche Sache für kaum möglich gehalten haben, +hätte ich es nicht selbst gesehen. + +Herrn +Bryant’s+ Landsitz liegt bei +Roslin+ auf +Long-Island+ (30 +Meilen von Neu-York). Es gereichte mir zum größten Vergnügen, diesen +Herrn kennen zu lernen, der als Herausgeber einer der gelesensten +Zeitungen und als Schriftsteller, Poet und Uebersetzer Deutscher +Dichter nicht nur in seinem Vaterlande, sondern auch außerhalb +desselben rühmlichst bekannt ist. Er war so freundlich, mich auf einige +Tage zu sich auf das Land einzuladen. Die kleine Reise dahin kann man +auf der Eisenbahn oder zur See auf kleinen Dampfern machen. Beide Wege +bieten viele hübsche Ansichten, besonders letzterer. + +Das Landhaus liegt überaus reizend auf einer kleinen Anhöhe, nahe +der See; Parthieen des Dörfleins Roslin umgeben es von allen Seiten, +frische Laubbäume, stattliche Trauerweiden (mit Stämmen bis zu fünf +Fuß im Durchmesser) gruppiren sich dazwischen. Das Ganze hat einen +so ländlich stillen, ruhigen Anstrich, als gäbe es Hunderte von +Meilen weit keine Stadt. Hier kann sich das Gemüth erholen und neue +Kräfte für das stürmische Leben sammeln. Aber abgesehen von diesen +Annehmlichkeiten fühlte ich mich von der herzlich guten Familie +Bryant so angezogen, daß ich alles andere nur als schöne Zugabe +betrachtete. In Frau Bryant lernte ich das vollkommenste Muster einer +Hausfrau kennen. Sie beweist, wie gut man Häuslichkeit mit Bildung, +Bescheidenheit und Anmuth mit Willensmeinung und Kraft verbinden kann. +Wollte Gott, es gäbe nicht nur in Amerika, sondern überall viele so +gediegene Hausfrauen! + +Wie gern hätte ich auch hier wieder der Zeit in die Speichen gegriffen; +die wenigen Tage eilten nur zu rasch dahin! + ++Washington Irving’s+ Landhaus liegt ebenfalls ungefähr 30 Meilen von +Neu-York, aber in einer andern Richtung, am Hudson-Flusse. Auch dieser +große Dichter nahm mich sehr zuvorkommend auf. In seinen ruhigen, +freundlichen, wohlwollenden Zügen hätte ich eher einen gemütlichen +Landmann als einen genialen Schriftsteller gesucht; wenn er aber +zu sprechen begann, erglänzten seine Augen in Jugendfeuer, seine +Gesichtszüge nahmen den geistreichsten Ausdruck an. Glücklich hat hier +die Natur Geist und Gemüth zugleich begabt. + +Washington Irving führt ein Junggesellen-Leben; doch wußte er sein +Alter herrlich auszuschmücken. Mehrere sehr liebenswürdige Nichten +(Töchter seiner Schwester) theilen die reizend gelegene Villa mit ihrem +Oheim, der selbst im Winter diesen Ort der Zurückgezogenheit nicht +verläßt. + +Nun blieb mir von Neu-York nicht viel mehr zu besehen übrig, als die +öffentlichen Institute, die Volksschulen, Armen- und Waisen-Häuser, +Irren-Hospital, Gefängnisse u. s. w. + +Mein Glücksstern führte mich zuerst nach den +Tombs+ +(Stadtgefängnissen). Ich sage „mein Glücksstern,“ weil ich da an +der Oberaufseherin (Matrone) M. +Flora Forster+, eine der besten, +treuherzigsten Frauen kennen lernte: ihr Charakter sprach mich sehr an, +und gar manche Stunde, ganze Abende brachte ich bei ihr in den Tombs +und in ihrem Hause zu. + +Das Stadtgefängniß ist ein in Egyptischem Style gehaltenes Gebäude. +Ich dachte, es hätte den Namen „Tombs“ von seiner Aehnlichkeit mit den +Egyptischen Grab-Monumenten erhalten; das ist aber nicht der Fall. Man +nennt es Tombs, weil es zur Zeit seiner Entstehung von Sümpfen ganz +umgeben war, welche die Luft so ungesund machten, daß die meisten der +Gefangenen starben. + +In dieses Gefängniß kommen Verbrecher jeder Art und besonders alle +Betrunkenen, die man auf der Straße findet. Die Verbrecher bleiben bis +zu ihrer Aburtheilung. Sie haben nette, luftige Kämmerchen (in jedem +Kämmerchen lebt nur ein Gefangener), mit Betten und einem Stuhle und +eine einfache gesunde, genügende Kost. Die leichteren Verbrecher können +einige Stunden des Tages im Hofe umhergehen, die schweren in den innern +Gängen. So lange sie nicht verurtheilt sind, wird ihnen gestattet, sich +so viele Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten zu verschaffen, als es +ihre Börse oder die Sorge ihrer Freunde erlaubt. + +Die Betrunkenen kommen auf fünf Tage hieher, nach mehrmals +wiederholtem Falle werden sie auf sechs Monate nach dem Strafhause auf ++Blackwells-Island+ verurtheilt. + +Zu meinem Leidwesen sah ich in der Abtheilung für das weibliche +Geschlecht meistens junge Mädchen und Weiber. Die Zahl solcher +bedauernswerther Geschöpfe soll sich manchen Tag auf dreißig und +vierzig belaufen. Im vergangenen Jahre wurden bei 6000 Weiber und +Mädchen hieher gebracht. Wer das Laster der Trunkenheit in seiner +vollen Entwürdigung sehen will, der komme hieher! -- Ich begreife +wirklich nicht, wie man ihm in den Vereinigten Staaten so viel zu Gute +halten kann. + +Die Oberaufseherin der weiblichen Abtheilung ist M. +Forster+, und +wenn die Leute nicht gebessert herauskommen, ist es gewiß nicht ihre +Schuld, denn sie sucht sie mit wahrer Herzlichkeit und Menschenliebe +auf den Weg des Guten zu leiten. Ich hatte oft Gelegenheit, sie in der +Ausübung ihres Berufes zu sehen und nahm den größten Antheil an ihrem +Schalten und Walten. + +Unter den Amerikanischen Frauen und Mädchen herrscht, wie in England +und Deutschland, die schöne Sitte, daß sich gar manche unter ihnen +zu zeitweiligen Besuchen der weiblichen Lehr- und Straf-Anstalten +verbinden. Sie sehen nicht nur nach, ob die dabei Angestellten ihre +Pflichten erfüllen, sondern sie bemühen sich auch selbst, durch +gemüthliches Zusprechen, durch gute Lehren die Leute zu bessern, und +wenn die Gefangenen ihre Strafzeit überstanden haben, sie an anständige +Orte zu bringen, wo sie sich ihren Unterhalt verdienen können. Unter +diesen Frauen, welche sich der Hülflosen und der Verbrecherinnen so +liebevoll annehmen, lernte ich vorzugsweise Frau +Gibbons+ (Gemahlin +des Herrn J. S. Gibbons) und Fräulein +Curtis+ kennen. Schon die +Väter dieser beiden genannten Damen widmeten den Armen den größten +Theil ihrer Zeit und vieles Geld, und bemühten sich besonders, die +herangewachsenen Waisen, die gebesserten Sträflinge bei tugendhaften +Familien unterzubringen; Frau Gibbons’ Vater ist bereits gestorben, +Herr Curtis schon ein 81jähriger Greis. Die beiden Damen wirken aber +ganz in dem Geiste dieser wahren Wohlthäter fort. + +Ich besuchte mit ihnen und Frau Forster +Blackwells-Island+, ein +winziges Inselchen, unferne von der Stadt, freundlich gelegen und mit +einer herrlich gesunden Luft. Dieses Fleckchen Erde (eine Meile lang, +eine halbe Meile breit) enthält ausschließend öffentliche Anstalten für +alte, gebrechliche Leute, für Geisteskranke und solche Verbrecher, die +auf sechs Monate verurtheilt sind. + +Die drei Gebäude, in gehöriger Entfernung stehend und durch Gärten und +Steinwänden von einander getrennt, gleichen an Größe und solidem Bau +Palästen. Sie sind von Quadersteinen aufgeführt und wurden, wie man mir +sagte, von den Verbrechern selbst gebaut. + +Alle diese drei Anstalten kann man in jeder Hinsicht vollkommen nennen. +Die Säle zum Arbeiten, zum Aufenthalte während des Tages, zum Speisen +und Schlafen sind hoch und geräumig, die Kost ist gut, gesund und +reichlich, die Ordnung und Reinlichkeit überaus groß. Wer arbeitsfähig +ist, muß täglich eine bestimmte Zahl von Stunden arbeiten. + +Unter den Verbrecherinnen fiel mir ein junges Mädchen von 18 bis 20 +Jahren auf: sie trug das Haar kurzgeschnitten, nach Art der Männer. Als +ich nach der Ursache frug, hieß es, daß sie sechs Monate als Matrose +auf einem Schiffe gedient habe. Dieß war auch das Vergehen, wegen +dessen sie sich an diesem Orte befand. + +Die Verbrecher, Männer wie Weiber, verhielten sich äußerst anständig, +man hörte weder Geflüster, noch Gelächter, wenn man in die Säle +trat. Man behandelt aber auch die Leute nicht mit bösen Worten und +mit Rohheit wie Verbrecher, sondern wie bereits Gebesserte. Man hat +den Grundsatz, des Verbrechers That zu vergessen, kein Mensch darf +derselben erwähnen. Die Frauen, mit welchen ich kam, reichten den +Leuten die Hände und sprachen mit ihnen auf die herzlichste Weise. +Gewiß muß solche Behandlungsart von guten Folgen sein. + +Am allerbesten gefiel mir das Hospital für die Irren; ich ziehe es bei +weitem +Bedlam+ in London vor. Die Unglücklichen werden Nachts nicht +in kleine Zellen gesperrt, sondern schlafen in luftigen, geräumigen +Zimmern und (obwohl durchgehend Arme) in blendend weißen guten Betten. +Die Fenster sind derart vergittert, daß man es gar nicht gewahrt; die +eisernen Stäbe passen nämlich gerade auf die hölzernen Fensterrahmen. +Die Mahlzeiten werden in Gemeinschaft eingenommen, auf reinlich +gedeckten Tafeln, mit weißem Geschirre, mit Gläsern und Eßbestecken; +nur den gefährlichen Irren wird dergleichen nicht anvertraut: diese +speisen auf Blechgeschirr, und das Fleisch wird ihnen in Stückchen +geschnitten, auf den Tisch gebracht. + ++Randall’s-Island+, ein anderes Inselchen, enthält ebenfalls nur +öffentliche Anstalten und zwar meistens für Kinder. Die größte hievon +(~Home of refuge~) ein prachtvolles Gebäude, so eben beendet, ist +für Kinder bestimmt, die wegen Vergehungen hieher kommen. Die andern +kleinen Häuser sind für Waisen oder von ihren Eltern ganz verwahrloste, +für blödsinnige und eines auch für kranke, besonders scrophulöse Kinder. + +Alle diese Anstalten sind schön und trefflich eingerichtet; nur fand +ich bei den kranken und blödsinnigen Kindern der Wärterinnen zu wenig, +und deshalb die Pflege nicht ganz so, wie sie sein sollte. Wie kann +eine Wärterin zwanzig und mehr solcher kleiner Geschöpfe besorgen! Auch +die Bezahlung der Wärterinnen ist zu gering. + +In dem +~Home of refuge~+ werden die Kinder vom zehnten Jahre an +aufgenommen, und je nach ihrer Besserung und Bekehrung kürzere oder +längere Zeit behalten. Oft erlangen sie schon nach drei Monaten ihre +Freiheit wieder, oft bleiben sie bis zur Mündigkeit, die bei Jünglingen +mit dem vollendeten einundzwanzigsten, bei Mädchen mit dem achtzehnten +Jahre eintritt. Wenn dergleichen Kinder aus der Anstalt austreten, +sucht man sie bei Farmers in Dienst zu bringen. + +Außer dem Waisenhause auf Randall’s-Island, gibt es in Neu-York noch +zwei, eines für farbige, eines für weiße Kinder. Letzteres liegt im +Herzen der Stadt, in den „~five points~,“ dem verrufensten Theile +Neu-York’s. Kein wohlgekleideter Mensch dürfte es wagen, Abends dahin +zu gehen, außer in Begleitung eines Polizei-Mannes. Beraubungen, +Morde, alle möglichen Verbrechen werden da besprochen und verabredet. +Und inmitten dieser überirdischen Hölle hat die Missions-Gesellschaft +das Waisenhaus errichtet, in dessen einer Abtheilung auch Mädchen +und Weiber aufgenommen werden, die auf unrechten Wegen gewandelt und +sich bessern wollen. Man versieht sie mit Arbeit; einen Theil ihres +Wochenlohnes geben sie an die Anstalt für Kost und Verpflegung. + +An dem Schulunterrichte der Waisen können auch Kinder Theil nehmen, die +nicht in Kost und Verpflegung sind. Diese Anstalt erfreut sich eines +sehr schönen Erfolges; schon senden viele der verworfensten Eltern ihre +Kinder zur Schule, und gar manche jugendliche Sünderin verließ den +schlechten Pfad. + +In dem Waisenhause der farbigen Kinder werden diese von dem zweiten +bis zum zwölften Jahre behalten; dann sucht man sie auf Farms, +bei Handwerkern oder in braven Familien unterzubringen. Für den +Schulunterricht gibt es sonderbarer Weise nur einen gemeinschaftlichen +Saal; die Kinder sitzen zwar in Klassen eingeteilt, aber ohne +durch eine Wand von einander getrennt zu sein. Das Geschrei der +Lehrerinnen[22] und der Kinder ist so arg wie in einer Judenschule. +Wenn eine Lehrerin eine Frage stellt, gibt die ganze Klasse die +Antwort, ob recht oder nicht, das kann man, des Lärmens wegen, gar +nicht unterscheiden. Die unzweckmäßigste Methode, daß ganze Klassen +antworten, fand ich nicht nur in diesem Waisenhause, sondern auch in +andern öffentlichen Schulen. + +Das Amt einer Lehrerin oder Professorin ist in den Amerikanischen +Schulen (die hohen Mädchen-Seminarien nicht ausgenommen) sehr leicht +und bequem. Die Lehrbücher sind der Art eingerichtet, daß der +Unterricht ganz einfach aus den Büchern herausgelesen wird, und damit +ist die Sache abgethan. + +In der Gegend der ~five points~ sind für die Jungen, welche die +Zeitungen austragen, einige Säle eingerichtet, in welchen sie gute +Betten, Beleuchtung, Heizung und Unterricht in den Normal-Gegenständen +und in der Religion für die geringe Bezahlung von zweiundvierzig Cents +per Woche finden. -- + +Das Taubstummen-Institut unter der Leitung des Direktors +Peck+ ist +ausgezeichnet. Die Zöglinge sind in den verschiedenen Zweigen des +Wissens so ausgebildet, als hätten sie nicht weniger, sondern mehr +als fünf Sinne. Besonders thaten sie sich in der Aufsatzlehre und +Arithmetik hervor. Einige sprachen wenige Worte, eine Erscheinung, +die mir nicht neu war, da ich sie schon vor vielen Jahren in dem +Taubstummen-Institute zu Wien beobachtet hatte. + +Herr Peck Vater war abwesend. Die Anstalt wurde mir mit größter +Bereitwilligkeit von seinem Sohne gezeigt, der an Jahren kaum +das Jünglingsalter überschritten hatte, in der Art und Weise mit +den Unglücklichen umzugehen, ihre Liebe zu gewinnen und sie zu +unterrichten, aber den gediegensten und erfahrensten Männern an die +Seite zu setzen ist. -- Die Amerikaner werden schon in jungen Jahren +für das praktische Leben gleich erfahrenen Männern ausgebildet, was +hauptsächlich durch den frühen Eintritt in das Geschäftsleben geschieht. + +Herr Peck Sohn hat sich ein sehr liebenswürdiges Mädchen aus den +Zöglingen zur Lebensgefährtin gewählt. + +Ich war nun schon drei Wochen in Neu-York und hatte das Merkwürdigste +so ziemlich gesehen; man forderte mich auf, auch einige Ausflüge nach +den andern großen Städten, +Boston+, +Philadelphia+, +Washington+ zu +machen. Aber aufrichtig gesagt, ohne Unterlaß große Städte besuchen, +ermüdet mich; zudem bieten die Amerikanischen Städte, groß oder klein, +zu wenig Abwechslung: sie gleichen einer der andern gar zu sehr. Doch +gab ich endlich der Ueberredung meiner Freunde nach und entschloß mich, +wenigstens Boston, das „Athen“ der Vereinigten Staaten zu besuchen. + +Am +10. Oktober+ ging ich Nachmittags auf dem großen Dampfer „+Van +der Bilt+“ den östlichen Hudson-Fluß 65 Meilen aufwärts, bis zur +Eisenbahn. Diese Fahrt ist nur Anfangs hübsch durch die Ansichten +der Städte Neu-York und Broklyn, durch kleine Hügelparthieen und die +umherliegenden Landhäuser; später werden die Ufer flach und einförmig. + +Sehr praktisch fand ich die Art und Weise, in welcher die Güter und +das Gepäcke der Reisenden auf dem Dampfer geordnet werden, um allem +Zeitverlust und allen Unordnungen bei dem Wechsel mit der Eisenbahn +vorzubeugen. Es gab kleine Waggons, in welche das Gepäcke je nach den +verschiedenen Stationen gelegt wurde. Bei der Ankunft an der Eisenbahn +standen die Pferde schon bereit, die Waggons wurden herausgezogen und +an den Zug angehängt. Dadurch ging alles schnell und ordentlich, ohne +Gedränge und Laufen vor sich. + +Was das Praktische in allen Einrichtungen anbelangt, sind die +Amerikaner wirklich bewundernswürdig: in dieser Beziehung könnten alle +Nationen bei ihnen in die Lehre gehen. + +Um 2 Uhr Nachts wechselten wir den Dampfer mit der Eisenbahn, und nach +ungefähr vier Stunden (120 Meilen) waren wir in Boston. + +Ich stieg hier auch wieder in einem Boarding-house ab. Doch kaum hatte +Dr. +Hoffendahl+ (ein Deutscher) von meiner Ankunft gehört, als er mich +sogleich in sein Haus einlud, obwohl ich keinen Empfehlungsbrief an +ihn hatte. Ich sage ihm, wie allen Familien, die mich von dem lästigen +Gasthofsleben befreiten, wiederholt meinen herzlichsten Dank. + +Die Stadt Boston, mit einer Bevölkerung von 150,000 Seelen, liegt auf +drei Hügelchen, und da die Straßen beinah durchgehends mit schönen +Baumalleen bepflanzt sind, nimmt sie sich sehr gut aus; auch ist +sie so rein gehalten, daß man sie im Vergleiche zu Neu-York ein +„Schmuckkästchen“ nennen könnte. In den Geschäftsstraßen +Washington-+ +und +Hannover-Street+ ist das Gedränge wohl auch bedeutend, aber nicht +übermäßig. Ein Park in der Mitte der Stadt, mit wahren Prachtexemplaren +von Bäumen, mit einem Teiche und vielen Bänken, bietet einen +freundlichen Spaziergang und gewährt einen geräumigen Tummelplatz +für die Jugend. Die öffentlichen Gebäude sind, wie in allen großen +Städten der Vereinigten Staaten, schön und meistens aus Quadersteinen +aufgeführt. An Museen, Bildergallerien u. dgl. ist nicht viel zu sehen. +Das Lese-Athenäum enthält eine kleine Sammlung von Statuen, Büsten, +Oelgemälden u. s. w., doch ohne besondern Werth; bedeutend ist dagegen +die Bibliothek. + +Dr. +Warren+, rühmlichst bekannt als Naturforscher, besitzt eine +Sammlung seltener Fossilien, unter andern ein vollkommenes Skelett des +Mastodon, welches auch zugleich das größte sein soll, das von dieser +Gattung Thiere bisher gefunden wurde (Fundort: Nordamerika). Dr. Warren +hatte die Gefälligkeit, mir selbst seine schöne Sammlung zu zeigen. + +Das +Bunka-Hill-Monument+, für die Geschichte der Vereinigten Staaten +gewiß das merkwürdigste, besteht aus einem einfachen Obelisken von +grauem Stein. Es steht auf einem Hügelchen in der Stadt und wurde +zur Erinnerung der Helden gesetzt, die in dem ersten Freiheitskampfe +(1774), der wie bekannt von hier ausging, fielen. Gewiß ist dieser +einfache Obelisk die schönste Zierde der Stadt und der Stolz der +Vereinigten Staaten. Man kann bis an die Spitze des Monuments steigen, +eine zwar etwas mühsame Arbeit, die aber durch einen schönen Ueberblick +über Stadt und Umgebung belohnt wird. + +Ich war so glücklich, in Boston die Bekanntschaft des Geistlichen +Herrn +Bernard+ zu machen. Derselbe war so überaus gütig, nahm so viel +Antheil an mir, daß er mich persönlich überall hinführte. Wenn es seine +Zeit erlaubte, kam er schon Morgens mich abzuholen. + +Ich hatte zwar in Neu-York einen Empfehlungsbrief für eines der ersten +Bostoner-Häuser (Ad. und Komp.) erhalten, mit der Versicherung, daß man +mich da nicht nur sehr zuvorkommend empfangen, sondern mir auch vieles +von Boston zeigen würde. Als ich aber den Brief abgab, betrachtete mich +der reiche Herr höchst kaltblütig (ich war einfach gekleidet und kam +nicht gefahren), las an den Paar Zeilen des Briefes eine ganze Ewigkeit +(vermutlich überlegte er, wie er mich empfangen sollte) und fragte +mich endlich: „Was wollen Sie?“ -- gerade als wäre eine Arme vor ihm +gestanden, mit irgend einem Anliegen. Ich antwortete ihm in demselben +Tone: „Ich will nichts. Man hat mir diesen Brief an Sie gegeben, und +zwar unaufgefordert, ich glaubte daher, ihn abgeben zu müssen.“ Als er +sah, daß ich mit keinem Anliegen gekommen war (aus dem Briefe schien +er das nicht heraus buchstabirt zu haben), fügte er in herablassendem +Tone hinzu: „Wenn Sie einer Auskunft bedürfen, werde ich solche Ihnen +ertheilen.“ Und damit schieden wir, ohne daß ich von diesem Herrn +ferner etwas gesehen oder gehört hätte. + +Das war ein echtes Beispiel eines Geldaristokraten, wie sie nicht +nur in den Vereinigten Staaten, sondern in der ganzen Welt sind. Ihr +Hochmuth erscheint noch ungleich unerträglicher, als jener der wahren +Aristokratie, die doch gewöhnlich Bildung und Benehmen hat, was dem +Geldadel nur zu häufig fehlt. In Boston scheint diese Klasse von +Menschen ärger zusammen zu halten, als irgendwo. In ihre Gesellschaft +zu kommen, soll unendlich schwer sein, die Heirathen schließen sie nur +unter ihres gleichen, ja sie wohnen sogar alle in einer Straße (Beacon +Street). Und dennoch entschuldige ich den Stolzen eher, als jenen, der +ihm huldigt. Wie bald müßten Geld- und Geburts-Adel von ihren Höhen +herabsteigen, wenn es keine Speichellecker gäbe, die ihnen Ehrfurcht +und Bewunderung bezeigten. + +Ich kam, wie gesagt, am 11. October Morgens um sechs Uhr in +Boston an und wurde noch denselben Tag dem Stadt-Mayor, Herrn +Dr. +Smith+ vorgestellt. Abends hatte ein großes Festessen der +„+Massachusetts+-Mechaniker-Gesellschaft“ (wie alle drei Jahre) +statt, welches in der +Faneuil-Hall+ abgehalten wurde. Diese Halle ist +geschichtlich eben so berühmt, wie das +Bunka-Hill+-Monument, denn hier +fanden die ersten Zusammenkünfte, Berathungen und Beschlüsse statt, von +hier zog man zu dem ersten Freiheitskampfe aus, und dem zu Folge trägt +diese jedem Amerikaner unvergeßliche Halle auch den schönen Namen: +„Wiege der Freiheit.“ + +Herr Dr. Smith lud mich zu dem Feste ein. + +Mit tiefer Ehrfurcht der Vergangenheit gedenkend, betrat ich die Halle: +sie war geschmackvoll ausgeziert und reich erleuchtet, auf der Gallerie +befand sich ein Musikchor. Die Tafeln waren für 800 Personen gedeckt. +An Gerichten gab es eine große Auswahl; statt der geistigen Getränke +aber wurde Wasser, Kaffee und Thee gereicht. Der Staat Massachusetts +gehört nämlich dem Temperance-Vereine an. Die Mahlzeit war in einer +Stunde abgethan. Dann wurden durch zwei Stunden Gelegenheitsreden +gehalten. Herr Mayor Smith hatte die große Aufmerksamkeit, in seiner +Rede von mir sehr schmeichelhafte Erwähnung zu machen und mich der +Gesellschaft vorzustellen. Als ich seinem Wunsche zufolge aufstand, +empfing mich sogleich ein lautes Beifallklatschen, und wenn ich bisher +nie bedauert hätte, der Englischen Sprache nicht vollkommen mächtig zu +sein, so wäre es in diesem Augenblicke der Fall gewesen; ich konnte +der Gesellschaft meinen Dank für ihr freundliches Wohlwollen nur durch +stumme Verbeugungen bezeugen. + +Zwischen den Reden wurden Hymnen, Arien und das berühmte Volkslied +„Yankee-Doodle“ vorgetragen. Um elf Uhr ging die Gesellschaft +auseinander. + +Die öffentlichen Anstalten in Boston sind durchgehends musterhaft +eingerichtet. + +Das Blindeninstitut, welches zu den ausgezeichnetsten seiner Art +gehören soll, fand ich leider geschlossen, die Ferien waren noch nicht +beendet. Ich hatte aber dennoch das Vergnügen, den Direktor desselben, +Herrn +Howe+ kennen zu lernen, der sich hinsichtlich der Erziehung und +Behandlung der Blinden einen großen Ruf erworben hat. + +Unweit des Blinden-Institutes steht jenes der Blödsinnigen. Wahrhaft +bewundernswürdig ist hier die Macht der Erziehung. Alle diese +Blödsinnigen waren rein in Kleidung und Haltung, viele unter ihnen +konnten lesen, wenige auch schreiben, manche hatten sogar Begriffe von +der Erdbeschreibung. + +Ein Geschwister-Paar fiel mir durch die auffallend kleine Bildung +des Kopfes auf. Dieser Form und dem Gesichtsausdrucke zufolge, hätte +man die Unglücklichen für vollkommen dumm halten mögen; sie konnten +jedoch ein wenig lesen, die Farben unterscheiden, die Tage der Wochen +hersagen u. s. w. Ein bildschönes, blondlockiges, sechsjähriges Mädchen +war irrsinnig. Man sah diesem Kinde weder in den Augen noch in den +Gesichtszügen an, daß es der Vernunft beraubt war. Das feurige blaue +Auge schien eher das Gegentheil zu verrathen; aber außer kleinen +Gesängen war ihm bisher nichts beizubringen gewesen -- es hatte eine +rastlose Beweglichkeit. + +So lange diese Armen in der menschenfreundlichen Anstalt sind, geht es +ihnen freilich gut; aber wenn sie in die Welt hinausgestoßen werden, in +deren Kette sie kein Glied bilden, dann ist ihr Schicksal schrecklich. +Und leider erreichen solche unglückliche Geschöpfe gewöhnlich ein hohes +Alter, denn keine Sorge, keine Leidenschaft trübt ihre Ruhe. + +Das Massachusetts-General-Hospital ist unstreitig das schönste und best +eingerichtete, das ich in den Vereinigten Staaten sah. Ich stelle es +beinahe den Hospitälern in +Surabaya+ und +Samarang+ auf Java gleich -- +das höchste Lob, das ich ihm ertheilen kann. + +Das Bostoner Gefängniß gehört ebenfalls zu den prachtvollsten, die +ich sah. Von außen sieht es einer herrlichen Kirche mit einer schönen +Kuppel ähnlich. Das Innere bildet eine lange, hohe Halle, in deren +Mitte ein schmales, dreistöckiges Gebäude steht, welches auf beiden +Seiten durch alle Stockwerke in kleine Zellen getheilt ist. Jede Zelle +hat ein Fenster und eine Thüre, die durch eiserne Gitter geschlossen +sind und auf die ringsum laufenden Gallerien münden. Das Ganze gleicht +einem eisernen Käfige. + +Die Gefangenen erhalten hinlänglich Licht und Luft von der Halle und +finden auch einige Zerstreuung, da es in der Halle immer etwas zu sehen +gibt. Mit einander können sie nicht verkehren. Der Gefangenwärter sitzt +unten in der Halle, von wo er alle Zellen mit einem Blicke übersieht. +Ich war in der Küche bei der Austheilung der Kost gegenwärtig, und fand +diese sehr gut. Es gibt fünfmal in der Woche Fleisch nebst guter Suppe, +die andern zwei Tage Fische. Jeder Mann erhält Morgens Kaffee nebst +einem Pfund Brot, Mittags ein Pfund Fleisch, drei große Kartoffeln +und ein Stück gutes Brot, Abends Thee und Brot. Es sollte mich nicht +wundern, wenn die Leute kleine Verbrechen begingen, blos in der +Absicht, auf einige Zeit hierher zu kommen. Sie essen und wohnen gut +und haben nichts zu arbeiten. + +Das Hospital für Irre besteht aus drei Gebäuden, jedes mit einem +abgeschlossenen, schönen Garten. Die beiden Seitengebäude sind nur +für wohlhabende Leute errichtet, das eine für acht Herren, das +andere für acht Frauen. Jeder Kranke hat zwei überaus prachtvoll +eingerichtete Zimmer, einen Badeplatz, einen eigenen Aufwärter und eine +sehr gewählte, gute Kost. Für dieß alles, die ärztliche Pflege mit +einbegriffen, werden per Woche zwanzig Dollars gefordert. + +Das dritte Gebäude enthält billigere Plätze, für drei Dollars per +Woche, und sehr viele unentgeldliche Plätze. + +Von den Schulen, die ich in Boston besuchte, kann ich nur dasselbe +wiederholen, was ich von jenen in Neu-York gesagt habe: sie sind alle +als Musterschulen aufzustellen. Großes Vergnügen machte es mir, hier +auch die farbigen Kinder so gut unterrichtet zu finden, daß man farbige +Mädchen und Jünglinge als Lehrerinnen und Lehrer gebrauchen kann. + +In der großen Volksschule, welche über 600 Schüler zählt und unter +der Leitung Herrn +Bernard’s+ steht, sah ich zum ersten Male, daß den +Mädchen auch weibliche Handarbeiten, Nähen, Sticken u. s. w. gelehrt +wurden. So viel ich glaube, ist diese vernünftige Einrichtung Frau +Bernard zu danken, welche die Oberaufsicht über die Mädchen hat. +Während der Tagesstunden wird die Schule von Kindern besucht, und drei +bis vier Mal in der Woche sind zwei Stunden Abends (von sieben bis neun +Uhr) für solche junge Leute bestimmt, die in ihren Kinderjahren keinen +Unterricht genossen haben. + +Herr Bernard ist von seinen Zöglingen so geliebt und geachtet, daß +sie ihn nicht nur in der Schule freudig begrüßen, sondern ihm überall +entgegen eilen, wo sie ihm begegnen. Häufig sah ich dieß mit eigenen +Augen auf unsern Wanderungen durch die Stadt. + +Der Gefälligkeit meines unermüdlichen Freundes verdanke ich auch +zwei interessante Ausflüge in Boston’s Umgebung, den ersten nach ++Cambridge+, den andern nach +Lowell+. + ++Cambridge+ (4 Meilen von Boston) ist das größte und bedeutendste +Kollegium[23] in den Vereinigten Staaten. Die Zahl der Schüler betrug +in diesem Jahre 900, von welchen 700 in Kost und Wohnung aufgenommen +waren. Dieses Kollegium gleicht einer kleinen Kolonie: es besteht +nicht aus einem einzigen Gebäude, sondern aus vielen Häusern, die auf +Wiesenplätzen oder in niedlichen Gärten liegen. In einigen Häusern +befinden sich die Lehrsäle für die verschiedenen Gegenstände, die +andern dienen den Studenten zu Wohnungen; auch jeder Professor bewohnt +ein eigenes Häuschen. + +Die Bibliothek ist ebenfalls die größte und interessanteste in +den Vereinigten Staaten: sie enthält 80,000 Bände, darunter zwei +geschriebene Bibeln, von welchen die eine aus dem neunten, die andere +aus dem vierzehnten Jahrhundert datirt, viele andere werthvolle alte +Bücher mit schönen Handzeichnungen und Malereien, so wie auch die Kopie +eines kleinen Werkchens von Hypokrates, mit der Feder dem Original so +täuschend nachgeahmt, daß man sie davon nicht zu unterscheiden vermag. +Man soll für dieses Kunstwerk 1500 £ St. geboten haben. + +Ich lernte in Cambridge den Professor und rühmlichst bekannten +Naturforscher Herrn +Agassiz+ kennen, der, als er noch in seinem +Vaterlande, der Schweiz, lebte, die vorzüglichsten Berge und Gletscher, +darunter auch den Montblanc, bestiegen hat. Die Bekanntschaft dieses +ausgezeichneten Mannes war mir um so werther, als ich auf meiner ersten +Reise um die Welt im Jahre 1847 in China (+Canton+) von einem seiner +nahen Verwandten, auch einem Herrn Agassiz, gar freundlich aufgenommen +worden war. + +Hier beschäftigt sich Herr Agassiz außer der Ausübung seines Lehramtes +mit Sammeln von Insekten, Reptilien und allem, was in das Naturreich +gehört. Er soll eine der reichsten Sammlungen von Insekten und +Schmetterlingen, die in Nordamerika vorkommen, haben. Ich konnte leider +wenig davon sehen, da gerade alles gepackt war, um in ein anderes Lokal +gebracht zu werden. + +Lowell, die berühmteste Fabrikstadt der Vereinigten Staaten, mit +einer Bevölkerung von 33,000 Seelen, liegt 25 Meilen von Boston. Man +verfertiget hier die ausgezeichnetsten Teppiche, Weiß- und Druckwaaren. +Im Ganzen sind 11 Fabriken im Gange, welche 8476 Mädchen und 4507 +Männer beschäftigen, und deren Betriebskapital man auf 14 Millionen +Dollars schätzt. + +Die Mädchen wohnen beinahe durchgehends in Boarding-Houses, die zu +den Fabriken gehören, und in welchen eben so wie in den Fabriken die +wohlgeordnetste Aufsicht über sie geführt wird. Ein Mädchen bezahlt per +Monat für gute Kost und Wohnung 5 Dollars, ihr Erwerb beläuft sich auf +13 bis 14. Jene, die nicht in den Kosthäusern leben, müssen sich einen +wöchentlichen Abzug von 25 Cents (¼ Dollar) gefallen lassen. Man will +sie durch diesen Abzug zu bewegen suchen, in den Kosthäusern zu wohnen, +wo sie mehr unter Aufsicht sind. + +Die Arbeiterinnen haben hier ein so sittiges Aussehen und Benehmen, +daß viele Eltern, der wohlerzogenen Klasse angehörend, keinen Anstand +nehmen, ihre Töchter in die Fabriken zur Arbeit zu senden. Dieses +schöne, sittige Benehmen der Arbeiterinnen war mir so neu, daß es mich +bei weitem mehr überraschte als das Maschinenwesen, welches allerdings +in den Vereinigten Staaten auf einen sehr hohen Punkt gebracht ist, +von dem ich aber viel zu wenig verstehe, um darüber etwas sagen zu +können. + +Am +19. Oktober+ ging ich wieder nach Neu-York zurück, wo ich noch bis +zum +10. November+ blieb. + +Am +7. November+ hatte in Neu-York die Wahl des Bürgermeisters, +Gouverneurs und noch einiger Beamten statt. Man fürchtete, daß es +bei dieser Gelegenheit sehr stürmisch hergehen würde, man war sogar +auf kleine Gefechte gefaßt, denn nie standen sich die Partheien +bisher so schroff gegenüber: es handelte sich um die Einführung oder +Ausschließung des Temperance-Gesetzes. Ich ging einen großen Theil +des Tages in der Stadt, besonders in den +five Points+ und auf dem +sechsten +Ward+[24] umher, um das stimmende Volk zu sehen. Der Anblick +der Wähler war gerade nicht geeignet, das Gemüth zu beruhigen: der +anständigen Leute gab es nur wenige auf den Wahlplätzen. + +Glücklicherweise gestaltete sich die Wahl diesmal ruhiger als je, und +zwar selbst in den „five Points“ und in der sechsten Ward, welche +Plätze sich bei derlei Gelegenheiten stets durch fürchterliche +Schlägereien auszeichnen, besonders letztere, die dadurch den Namen +„blutige Ward“ errungen hat. + +Die Ursache dieser unerwarteten Friedlichkeit war gerade, daß jedermann +sich auf das ärgste gefaßt, und daher sein Haus nicht ohne Schuß- oder +Stich-Waffen verlassen hatte. Jede der Partheien hütete sich, den +Anfang zu machen, und so ging der Tag, einen Todten und ein Paar schwer +Verwundete in Williamsburg ausgenommen, ohne blutige Ereignisse vorüber. + +Am +10. November+ verließ ich Neu-York auf dem prachtvollen +Amerikanischen Dampfer „+Pacific+,“ der von hier nach +Liverpool+ fährt. + +Ich hatte nun das Land gesehen, dessen Besuch schon lange einen meiner +sehnlichsten Wünsche bildete. Weniger reich an Naturschönheiten als die +Länder der südlichen Hemisphäre, ist es mehr durch das industrielle +und geschäftige Treiben seiner Bewohner, und vor allem durch seine +Verfassung interessant. + +Manches fand ich wohl anders, als ich es mir gedacht hatte, anders +als es sein sollte und sein könnte, wenig übereinstimmend mit den +Grundsätzen von Freiheit und Gleichheit, die den Grundpfeiler seiner +Einrichtungen bilden. So die Sklaverei in den Sklavenstaaten -- so in +den freien Staaten die Ausschließung des freien Negers und Farbigen von +aller Gesellschaft, von jeder bürgerlichen Bedeutung -- so das grausame +Gesetz, welches entflohene Sklaven gleich wilden Thieren aufzufangen +und ihren barbarischen Peinigern auszuliefern befiehlt -- so die nicht +zu entschuldigende Nachsicht der Richter und Jury-Männer mit den weißen +Verbrechern, die, wie die Amerikanischen Zeitungen selbst schreiben, +ohne, oder mit höchst geringen Strafen davon kommen, sobald sie Geld +oder gute Freunde haben -- so die streng gebotene Feier des Sonntags, +die den Armen, der die ganze Woche an seine Arbeit gefesselt ist, jeder +Erheiterung beraubt. + +Aber bei allen diesen Gebrechen und Unvollkommenheiten kann man +doch nicht umhin, zu bekennen, daß (die Sklavenstaaten ausgenommen) +das Gleichgewicht durch das Gute, welches der großen Mehrzahl der +Menschen aus den freien Einrichtungen und Gesetzen erwächst, nicht nur +hergestellt, sondern bei weitem überwogen wird, und daß die Vereinigten +Staaten als Staat bisher einzig in der Welt dastehen. + +Mit Recht ist der Amerikaner stolz auf sein Vaterland, in welchem der +Mensch auf jener Stufe der Gleichberechtigung steht, auf die ihn Gott +gestellt, und die in der Geschichte ihres gleichen nicht findet. + + + [21] Man sagt in den Vereinigten Staaten, daß ein Omnibus nie voll + wird. + + [22] In den Amerikanischen Schulen sind statt der Lehrer sehr + häufig Lehrerinnen angestellt, selbst bei den unteren Schulen + der Knaben. Man sucht in diesen Staaten auf alle mögliche Weise + dem weiblichen Geschlecht Mittel und Wege zu verschaffen, sich + anständig fortzubringen. + + [23] Es wurde noch unter der Englischen Regierung gestiftet. + + [24] Die Stadt ist in zwölf Wards eingetheilt. + + + + +Dreiundzwanzigstes Kapitel. + + Ankunft in Liverpool. -- Reise nach St. Miguel. -- Punta-del-Gada. -- + Sonderbare alterthümliche Gebräuche. -- Villa-Franca. -- Das Ilheo. + -- Der Badeort Furnas. -- Die heißen Quellen. -- Abreise von St. + Miguel. -- Die Einfahrt des Tajo. -- Lissabon. -- Ankunft in England. + -- Nachruf. + + +Durch die freundliche Fürsprache des würdigen Greises Herrn +Curtis+ +erhielt ich für die Fahrt von Neu-York nach Liverpool (3200 Meilen) von +der Amerikanischen Linie der Herrn +Collins+ und Komp. eine Freikarte. + +Die Amerikaner fand ich in dieser Beziehung ungleich galanter als die +Engländer -- auf keinem Englischen Schiffe, weder Segler noch Dampfer, +gab man mir, selbst für ganz kurze Reisen, einen freien Platz. Ich +sage den Amerikanern wiederholt meinen herzlichen Dank; durch ihre und +der nicht minder galanten Holländer Unterstützung allein ward es mir +möglich, meinen Reisen eine Ausdehnung zu geben, auf die ich Anfangs +nicht zu hoffen wagte. + +Nach einer raschen Fahrt von 10½ Tagen trafen wir glücklich in +Liverpool ein. Kapitän +Nye+ hatte die ausnehmende Gefälligkeit, mich +persönlich in den „+Adelphi+-Gasthof“ (wo man keine Bezahlung von mir +annahm) zu führen, und von diesem am folgenden Morgen bis auf die +Eisenbahn zu begleiten. Er gehört auch zu jenen Menschen, von welchen +mir der Abschied schwer wurde, wie von lang bewährten Freunden. + +In London ward ich herzlich von Herrn +Waterhouse+ (einem der +Direktoren im Britischen Museum) bewillkommnet, und verweilte einige +Wochen in dem Kreise seiner freundlichen Familie, mich erholend von den +Fieberanfällen, die mich auf der Seereise wieder heimsuchten[25]. Aber +noch war meine Reise nicht zu Ende, noch wollte ich vor der Rückkehr +in die Heimath einen meiner Söhne besuchen, der auf der Insel +St. +Miguel+, einer der Azoren, lebte. Lange fand ich keine Gelegenheit +dahin, bis endlich ein kleines Fruchtschiff (Schooner), deren jährlich +gegen 200 von Englands Häfen nach St. Miguel gehen, daselbst Orangen +zu holen, mich aufnahm. Diese Schiffe sind zwar nicht im geringsten +für Reisende eingerichtet, und der Kapitän Herr +Livingston+ sagte mir +selbst, daß er mir durchaus keine Bequemlichkeit anbieten, und nur +das Loch einräumen könne, in welchem der Koch schlafe. Was war aber zu +machen? Nach St. Miguel wollte ich, ich setzte mich daher über diese +Unannehmlichkeiten hinaus und entschloß mich zu der Reise. Sie dauerte +leider 20 Tage, und während dieser langen Zeit konnte ich nicht einmal +mein Kleid ablegen -- der enge Raum, in welchem ich schlief, gestattete +mir hierzu keine Möglichkeit. Dazu das fürchterliche Rollen des kleinen +Schiffes in der beinahe fortwährend stürmischen See, der Kohlendampf +vom Kamine, die schlechte Luft in der winzig kleinen Kabine, die der +Kälte und des Sturmes wegen stets geschlossen bleiben mußte -- ich +dachte wahrhaftig kaum die Ankunft in St. Miguel zu erleben. + +Doch über alles dies klage ich nicht, das hatte man mir im vorhinein +gesagt; aber das Benehmen des Eigenthümers, oder eines der Eigenthümer +des Schiffes (+Royal Blue Jacket+), des Herrn +Chessel+ aus Bristol +kann ich nicht ungerügt lassen: es war gar zu grob und gemein. Ich +hatte die Ueberfahrt mit dem Kapitän und dem Rheder oder Agenten Herrn ++Chessel’s+, Herrn +Burnett+, für 3 Livres St. ohne Kost abgeschlossen. +Als ich am Tage der Abreise mit meinem Gepäck an Bord kam, sagte mir +der Kapitän, wie es schien mit einiger Verlegenheit, daß ich nochmals +auf das Office des Rheders gehen solle. Ich ging hin und traf da Herrn +Chessel, der mich in ziemlich rauhem Tone anfuhr, mir erklärend, daß +ich die Ueberfahrt unter 5 Livres St. ohne Kost nicht machen könne. +Vergebens erwiderte ich ihm, daß der Vertrag bereits abgeschlossen sei, +er fuhr in demselben höflichen Tone fort, daß das nichts zu sagen habe, +ich möge entweder die 5 Livres St. zahlen, oder mein Gepäck wieder +holen. Ich hätte nun freilich nur zum Richter zu gehen gebraucht, und +das Recht wäre mir zugesprochen worden; allein das Schiff lag zum +Absegeln bereit, die Zeit drängte, ich war deshalb gezwungen, mir diese +unverschämte Prellerei gefallen zu lassen. Ich hatte nur die 3 Livres +St. mit mir genommen und gab sie ab, mit dem Bemerken, daß ich den Rest +an den Kapitän erlegen würde. Allein der edle Herr Chessel mochte mich +für seines gleichen halten: er traute meinem Worte nicht und kam selbst +an Bord, die 2 Livres St. in Empfang zu nehmen. Mit vielen Menschen +haben mich meine Reisen in Berührung gebracht, aber Leute mit solchem +Charakter sind mir glücklicher Weise nur wenige vorgekommen. + +Am +31. December+ wurden wir der freundlichen Insel +St. Miguel+[26] +ansichtig. Ich schmeichelte mir schon mit der Hoffnung, den +Sylvester-Abend mit meinem Sohne feiern zu können, den ich seit sechs +Jahren nicht gesehen hatte; allein die stets feindlichen Winde zwangen +uns, hin und her zu kreuzen und gegen Einbruch der Nacht sogar das +Weite zu suchen. + +Am +1. Januar+, obwohl die Winde noch heftig waren, gelang es uns, +der Hauptstadt +Punta-del-Gada+ nahe zu kommen, wir sahen schon das +Boot des Arztes aus dem Hafen laufen und auf uns zurudern, und es +stand unserer Meinung nach der Landung nichts mehr im Wege. Aber wie +schmerzlich wurden wir durch den Schreckensruf überrascht, daß wir auf +einige Tage der Quarantaine unterworfen seien -- der Cholera wegen, die +in England schon lange aufgehört hatte! + +Glücklicher Weise kam schon am nächsten Tage, +2. Januar+, der Arzt +wieder, uns verkündend, daß die Quarantaine aufgehoben und daß wir frei +seien. + +Später erfuhr ich, daß an demselben Tage, an welchem wir ankamen (1. +Januar), zu derselben Zeit, ja noch etwas früher, ein Schiff aus +Lissabon anlangte, welches der Gesundheits-Behörde die offizielle +Nachricht überbrachte, die Quarantaine sei aufgehoben. Um zehn Uhr +Morgens waren, wie man mir sagte, schon alle Briefe und Zeitungen +ausgetheilt und folglich wohl auch die offiziellen Befehle. Ob der +Arzt aus Nachlässigkeit dieselben nicht geöffnet oder aus irgend einem +andern Grunde vorsätzlich verschwiegen, weiß ich nicht; nur das weiß +ich, daß ihm jeder Besuch eines Schiffes vier bis fünf Thaler einträgt, +und daß er auf diese Art Gelegenheit bekam, zwei Besuche zu machen, +den einen, das Schiff in Quarantaine zu erklären, den andern, die +Quarantaine wieder aufzuheben. Ob aus Nachlässigkeit oder Eigennutz, +ist eine solche Handlungsweise gleich unverzeihlich, und besonders an +einem Platze, wie St. Miguel, wo es keinen Hafen, keine sichere Rhede +gibt, und wo zur Winterszeit plötzliche und anhaltende Stürme die +Schiffe oft wochenlang vom Lande abhalten. Was mich sehr bei dieser +Sache wunderte, war, daß niemand, nicht einmal der Englische Konsul, +den Arzt hierüber zur Rechenschaft zog. + +Die Insel St. Miguel ist sehr hübsch: sie besitzt eine Fülle von +Hügeln und Gebirgen, die mit frischem Grün bedeckt und in reizender +Unordnung durcheinander geworfen sind. Auf den ersten Blick sieht man, +daß diese Insel vulkanischen Ursprungs ist; die Form der Gebirge, +die dunklen Meeresgestade hie und da (Lava) bezeugen es. Aber kein +rauchender Krater ist mehr vorhanden, und lange müssen die Vulkane +ausgetobt haben, denn schon ist die Lava so verhärtet, daß sie wieder +halb zu Stein wurde, und beinahe überall mit Erde so bedeckt, daß die +herrlichsten Orangenhaine, die üppigsten Getreide-Felder darauf wuchern. + +Die Insel hat achtzehn Leguas (eine Legua = drei Meilen) in der Länge, +drei bis vier in der Breite und eine Bevölkerung von 90,000 Seelen. +Ihr Handel ist bedeutender, als man ihrer Größe nach vermuthen würde. +Die Hauptausfuhr besteht in Orangen, jährlich zwischen 120,000 bis +140,000 Kisten, deren jede durchschnittlich 800 Stücke enthält, was die +ungeheure Summe von mehr als hundert Millionen Orangen gibt. Ueber 200 +Englische Schiffe kommen jährlich von dem Monate November bis gegen +Ende März an, um die Frucht zu laden. Alle Orangen gehen nach England, +ein einziges Schiff wird nach Hamburg, eines, höchstens zwei nach den +Vereinigten Staaten gesendet. + +Den nächst bedeutenden Artikel bildet das Türkische Korn, und nebstdem +werden noch viele Getreidearten und Bohnen ausgeführt. Im Ganzen +besuchen diese Insel jedes Jahr bei 450 Schiffe, und der Werth der +jährlichen Ausfuhr beträgt an 500 Contos de Reis (90,000 £. St.) + +Trotz dieses großen Verkehrs ist doch das Volk sehr arm, was +hauptsächlich davon herrührt, daß der Bauer nicht Eigenthümer +des Bodens, sondern Pächter ist, und das nicht einmal für seine +Lebenszeit, sondern nur für eine bestimmte kurze Anzahl von Jahren. + +Von dem Städtchen Punta-del-Gada (mit 12,000, die nahe Umgebung +inbegriffen 16,000 Seelen) ist nicht viel zu sagen. Die Bauart ist der +Europäischen ähnlich, die Häuser sind meistens unansehlich mit kleinen +Balkons und abscheulich großen umfangsreichen Rauchfängen. Doch gibt es +auch einige hübsche Gebäude. Den Nutzen der großen Rauchfänge konnte +ich mir nicht erklären, um so weniger, als das Küchenfeuer das einzige +im Hause ist. Kamine fand ich zu meinem Bedauern nicht im Gebrauche, +obwohl die Wintermonate November bis März ziemlich rauh, regnerisch +und stürmisch sind. Ich hatte das Unglück, einen, wie man mir sagte, +außergewöhnlich strengen Winter zu finden und litt viel von der Kälte. +Es gab zwar weder Schnee noch Eis; doch fehlten hiezu wenige Grade. Die +fürchterlichsten Stürme hausten, und freundliche Tage gehörten zu den +Seltenheiten; selbst noch zu Anfang des Maimonates war die Wärme nicht +viel bedeutender, als in meinem Vaterlande. Daß dieß jedoch nicht immer +so ist, davon zeigen außer den Orangen noch viele Früchte der wärmeren +Zone, von welchen besonders die Banane hier zur vollkommenen Reife +gelangt, weniger der +Custod-apple+, der hart und unschmackhaft bleibt. +Die Ananas-Frucht gedeiht in Glashäusern ohne Beihülfe einer Heizung +und erreicht einen außerordentlichen Umfang. Eine Portugiesische Dame, +die Gemahlin des Herrn Dr. +Agostinho Mochado+, sandte mir einen +Ananas, der an Größe alle übertraf, die ich in Indien gesehen; doch +stand er ihnen an Süßigkeit nach. Die Europäischen Gemüse, Rüben, Kohl, +Erbsen u. s. w. kommen ohne besondere Pflege fort. + +Die Azorianer, von den Portugiesen abstammend, haben schöne dunkle +Augen und Haare. Ich fand hier im Gegensatze zu allen Ländern, die +ich bereist habe, das Volk hübscher, als die höhere Klasse. Die +Tracht der letzteren ist die französische; das Volk trägt sich auch +nach Europäischer Sitte, jedoch mit Ausnahme der Kopfbedeckung. +Diese besteht bei den Männern aus steifen Tuchkappen mit einem weit +hervorragenden, komisch ausgeschnittenen Schilde und rings herum mit +einem acht bis zehn Zoll breiten Tuch- oder Sammtstreifen, der über +die Achsel herunter hängt und den Hals gegen Sonne und Regen schützt. +Noch grotesker ist die Kopfbedeckung der Weiber, eine Art Kapuze von +blauem Tuche, bei zehn Zoll hoch und gewiß einen und einen halben +Fuß lang, welcher Tracht mittelst eines starken Fischbeines ungefähr +die Form eines mehr als riesenhaften Hahnenkammes gegeben ist. Außer +diesem sinnreichen Kopfputze tragen sie über die Europäischen Kleider +auch noch einen langen schweren Männermantel, durchgehend von blauem +Tuche, der bis auf die Erde reicht und nie, auch bei der größten Hitze, +abgelegt wird. Diese lächerliche, geschmacklose Kleidung hat namentlich +den Uebelstand, daß eine Mutter ihre Tochter darin nicht erkennen +würde, denn den großen Hahnenkamm, in welchem der Kopf steckt, ziehen +sie nach vorne, so daß man von dem Gesichte beinahe nichts sieht, und +die Mäntel gleichen einer dem andern. Kein Frauenzimmer aus dem Volke +würde sich ohne Mantel und Kapuze auf die Straße begeben; jeder Pfennig +wird emsig zusammen gespart, sich diese Kleinodien zu verschaffen; die +nicht so glücklich ist, sie zu besitzen, sucht sie von Freundinnen oder +gegen Bezahlung auszuborgen. + +Nicht minder sonderbar ist die Sitte hier, daß kein Mädchen, kein +junges Weib allein ausgehen darf; keine Magd würde allein über die +Straße gehen, viel weniger etwas holen oder einkaufen. In jedem Hause +muß man einen Diener halten, die Einkäufe und Ausgänge zu besorgen. Ich +bedauerte wirklich die armen Mägde, die hier wie in einem Gefängniß +eingesperrt sind; wenn sie nicht irgend eine alte Verwandte haben, die +sich ihrer erbarmt und sie von Zeit zu Zeit ein halbes Stündchen auf +die Straße führt, können sie das ganze Jahr zu Hause sitzen bleiben, +denn nicht einmal Sonntags wagen sie es, allein nach der Kirche zu +gehen. + +Ueberhaupt sollen auf dieser Insel, wie man mir erzählte, vor noch +kaum vierzig Jahren selbst unter der sogenannten gebildeten Welt gar +sonderbare Gebräuche geherrscht haben. + +So wurde z. B. wenn eine Frau einer andern einen Staats-Besuch machen +wollte, Tags zuvor ein Diener zu der letzteren gesandt, ihr anzumelden, +daß die Besuchende zu einer bestimmten Stunde an dem Hause vorüber +fahren würde. Sie kam dann zu dieser Zeit in großem Putze, jedoch in +einer mit Vorhängen dicht verschlossenen Kutsche angefahren, die zu +besuchende Frau saß schon bereit an dem ebenfalls wohlgeschlossenen +Fenster. Vor dem Hause angelangt, hielt der Wagen einen Augenblick an, +der Vorhang wurde auf die Seite geschoben, das Fenster geöffnet, die +beiden Frauen begrüßten sich -- und sogleich wurden Vorhang und Fenster +wieder geschlossen, und der Wagen fuhr weiter. + +Die Frauen scheinen zu dieser Zeit eine solche Scheu vor Herren gehabt +zu haben, daß diese bei den Besuchen der Frauen nicht zugegen sein +durften. Kam eine Frau eine andere besuchen und es war zufällig ein +Herr, selbst ein Verwandter, zugegen, so fuhr sie wieder fort, oder +die Frau des Hauses ersuchte die Herren, fort zu gehen. + +Noch lächerlicher ging es bei Hausbällen zu (öffentliche Bälle wurden +gar nicht gegeben). Die weiblichen Gäste nahmen an dem Tanze selbst gar +keinen Antheil, sondern saßen mit den Frauen und Töchtern des Hauses +in einem an den Tanzsaal stoßenden Zimmer, und zwar im Finstern, um +von den Herren nicht gesehen zu werden. Die Herren -- tanzten mit +den Dienerinnen des Hauses und andern von der Ballgeberin geladenen +Dienerinnen! -- + +Ich verweilte einige Monate auf St. Miguel und machte außer einigen +Spaziergängen in die nahe Umgebung auch einen Ausflug nach dem Badeorte ++Furnas+ (9 Leguas von Punta-del-Gada), berühmt durch seine heißen +Quellen. Die vornehme Welt der Insel geht jedes Jahr auf einige Wochen +oder Monate dahin, weniger um zu baden, als sich zu ergötzen, wie dieß +überhaupt in den meisten Badeorten der Fall ist. + +Wir machten die kleine Reise, wie es in diesem Lande Sitte ist, zu +Esel, und nahmen unsern Weg über +Villa-Franca+ (5 Leguas), längs +der Seeküste. Villa-Franca ist ein kleines Städtchen mit derselben +reizenden Lage, wie Punta-del-Gada. Wir blieben hier die Nacht in dem +Hause des Herrn +Gago+, wo alles freundlich zu unserer Aufnahme bereit +war. + +Am folgenden Morgen fuhren wir in einem Boote nach dem kaum zwei- bis +dreihundert Schritte von dem Lande gelegenen „+Ilheo+,“ einer winzig +kleinen Insel oder vielmehr Bay, von einem Felsengürtel umschlossen, +in welchem nur eine ganz schmale Oeffnung frei geblieben, kaum breit +genug, ein kleines Fruchtschiff einzulassen. Augenscheinlich stand hier +unmittelbar in der See einst ein kleiner Vulkan, der ausgetobt hat und +eingestürzt ist. Mit wenig Kosten könnte man aus dieser Miniatur-Bay +einen herrlichen Dock zur Ausbesserung der Schiffe machen; doch für +dergleichen Sachen hat man hier keinen Sinn. + +Gegen Mittag setzten wir die Reise fort und langten nach einem +angenehmen Ritte schon früh Nachmittags in Furnas an. Ungefähr eine +Viertelstunde vor dem Orte liegt ein artiger See, von schön geformten +Gebirgen umgürtet, an dessen nordöstlichem Ende gleichfalls heiße +Quellen aufbrodeln, die wir aber nicht besahen, da uns gerade ein +kleiner Regen überfiel. + +Furnas selbst liegt in einem wunderlieblichen, freundlichen Thale, +eingeschlossen von über einander aufsteigenden Gebirgen; schöne +Waldungen, üppige Felder, Wiesen und Triften im frischesten Grün decken +Berge, Hügel und Thal -- ich sah mich ganz in eines jener schönen +Gebirgsthäler versetzt, an welchen Steiermark, Kärnthen und Tyrol so +reich sind. Aufsteigende Rauchwolken verkünden die unweit des Dorfes +gelegenen heißen Quellen (Caldeiras), und begierig eilt der Fremdling +dahin, eine Erscheinung zu sehen, von welcher die ganze Bevölkerung St. +Miguels mit Entzücken und zugleich mit Grausen spricht. + +Meine Neugierde, meine Erwartung, ich gestehe es, waren eben nicht sehr +groß, ich hatte in dieser Art das Vollkommenste was die bekannte Welt +bietet, auf Island gesehen. Aber gerade, weil ich mir nicht zu viel +versprach, ward ich überrascht. Eine der kochenden Quellen brodelt +reich und gewaltig zu einer Höhe von vier bis sechs Fuß auf, eine +zweite minder hoch, andere nicht mehr als gewöhnlich kochendes Wasser. +Am merkwürdigsten unter allen ist die Schlammquelle „+Pedro Botelko+“ +genannt. Schon ihre Umgebung ist pittoresk: sie ist von finstern +Felsen eingefaßt, in welchen das Getöse wiederhallt, und gleicht einem +wahren Höllenschlunde; ein großer Fels neigt sich weit über sie und +hindert ihr senkrechtes Aufsteigen. Ihre Kraft schleudert den kochenden +Schlamm nach allen Seiten in eine Weite von zwölf bis fünfzehn Fuß. +Unbedeutende, kleine Quellen gibt es in der Umgebung viele; einige +davon brodeln sogar in der Mitte eines kalten Bächleins auf. Auch +eisenhaltige Quellen und ein Sauerbrunnen (+Aqua azeda+) kommen vor. + +An einer glücklich gewählten Stelle des reizenden Thales hat Herr +Vicomte +da Praia+, einer der größten Grundbesitzer der Insel, ein +Landhaus gebaut und einen Garten angelegt. Beide waren noch nicht ganz +vollendet. Das zierliche Gebäude steht auf einem kleinen Hügel und +bietet von jedem Fenster die herrlichsten Ansichten des Thales und der +es umgebenden Gebirgswelt; der Garten, im großen Style angelegt, mit +Teichen, dunklen Baumparthieen und freundlichen Blumenbosketten, zeigt +schon jetzt von dem guten Geschmacke seines Gründers. + +Wir machten von Furnas aus auch noch eine kleine Parthie auf eine der +Bergkuppen, ungefähr 2000 Fuß über der Meeresfläche. Wir sahen hier +Gebirge über Gebirge vor uns aufsteigen, darunter den höchsten Berg +der Insel, den „+Pico de Vara+“ (4000 Fuß); zu unsern Füßen lag das +liebliche Thal von Furnas mit seinen Caldeiras, dem See, so wie auch +einige andere Thäler mit freundlichen Ortschaften, und auf beiden +Seiten der Insel breitete sich das Meer ins Unermeßliche aus. Auf der +Südseite entdeckt man auch die Insel +Santa-Maria+, ungefähr vierzig +Meilen von St. Miguel gelegen. + +Den Rückweg nach +Punta-del-Gada+ nahmen wir längs der Nordküste über ++Ribeira-Grande+. Als Weg ist er besser, als der längs der Südküste, +aber an schönen Ansichten weniger reich und abwechselnd. + +Die Karnevals-Zeit ging auf St. Miguel ganz unbeachtet vorüber. Nur +in den letzten drei Tagen herrscht hier, wie in Brasilien die alberne +Gewohnheit, sich gegenseitig mit Wasser zu übergießen. Statt sich +während dieser drei Tage zu unterhalten, muß man sich in sein Zimmer +einschließen, und kann nicht einmal an das offene Fenster treten, denn +sogleich ist man der Gefahr ausgesetzt, von des Nachbars Fenster, von +der Straße eine Ladung des nassen Elements zu erhalten. Die Leute +blasen Eier aus, oder verfertigen von Wachs Orangen, Citronen, füllen +sie mit Wasser und bewerfen sich damit, ja aus den Häusern schütten +sie ganze Töpfe voll auf die Vorübergehenden. Keine Frau ist in diesen +Tagen auf der Straße zu sehen, und die wenigen Herren, die auszugehen +wagen, suchen sich durch aufgespannte Regenschirme zu schützen. + +Erst am +21. Mai+ verließ ich St. Miguel. Die Fruchtschiffe für England +hatten schon gegen Ende März aufgehört; ich war daher gezwungen, über ++Lissabon+ nach London zu gehen. + +Auf dem kleinen Portugiesischen Schiffe „+Michaelense+“ (110 Tonnen, +Kapitän +Fonseca+) fand ich zu meiner höchsten Verwunderung alles so +bequem eingerichtet, wie es auf manchem Dampfer kaum der Fall ist. Die +Schlafstellen waren hoch und geräumig, die Kost reich und gut bereitet, +der Tisch rein gedeckt, die Bedienung rasch. Es war dies das erste +Portugiesische Schiff, auf welchem ich fuhr. Wenn alle ihm gleichen, +kann man sie den Reisenden mit gutem Gewissen empfehlen. + +Die Fahrt währte acht Tage (720 Meilen), und außer einem todten +Wallfische, der gleich einem emporragenden Felsen an unserm Schiffe +vorbeitrieb, und um welchen Hunderte von Raubvögeln schwärmten, +unterbrach nichts ihre Einförmigkeit. Wir sahen nicht eher Land als bis +wir der Portugiesischen Küste nahe kamen. + +Am +28. Mai+ liefen wir in den +Tajo+ ein, der an der Mündung nur +durch die Farbe von der See zu unterscheiden war. Die Stadt Lissabon +liegt zwei Leguas stromaufwärts; doch geht die Fahrt beinahe noch eine +Legua weiter, da die Schiffe an der Düne im Mittelpunkt der Stadt +vor Anker gehen. An diesen drei Leguas segelten wir sieben bis acht +Stunden; allein man konnte dies keinen Zeitverlust nennen, da die Fahrt +wirklich gar zu reizend ist. Der Strom entfaltet eine mächtige Breite, +sein Rücken ist voll von schaukelnden Fahrzeugen, zwischen welchen +hie und da ein Dampfer eilt, und die Ufer bestehen aus freundlichen +Hügelketten, welchen man den einzigen Vorwurf machen kann, daß weder +Bäume noch Gebüsch sie decken. + +An der Mündung steht auf der einen Seite das Fort St. Julian, hinter +welchem sich in geringer Entfernung die schön geformten Berge der ++Serra de Cintra+ erheben; auf der andern Seite steigt ein Leuchtthurm, +umgeben von einer Batterie (Torre de Bugia) unmittelbar aus der +See. An malerisch gelegenen Ortschaften, kleinen Festungen vorüber +gleitend, gelangt man nach Belem, wo der Strom von seiner Breite +etwas abnehmend, die Mauern eines prachtvollen Thurmes bespült, der +in Gothisch-Maurischem Style gehalten, ein herrliches Schaustück +der älteren Zeiten ist. Während nun auf der Südseite noch immer +einzelne Ortschaften mit zum Theile schon halbverfallenen Kastellen +und Festungswerken wechseln, breitet sich auf der Nordseite die +Stadt Lissabon aus, nicht nur den schmalen ebenen Gürtel zwischen +dem Strome und der Hügelkette, sondern auch die Höhen und Seiten der +Hügel selbst deckend. Dem Mittelpunkte der Stadt gegenüber treten +die Ufer des Stromes weit zurück, und dieser bildet eine große Bay, +an deren Rande man in der Entfernung Ortschaften, Baumgruppen und im +Hintergrunde einzelne Berge entdeckt. Stundenlange saß ich später an +den Fenstern des am Meere liegenden Gasthofes, in welchem ich abstieg, +und betrachtete mit unendlichem Gefallen das großartige und doch dabei +lieblich schöne Rundgemälde. -- + +Anmuthig sind bei der Ankunft in Lissabon die Plackereien mit den +Beamten. Schon bei Belem kömmt der Besuch des Gesundheits-Offiziers an +Bord, dann jener des Zollamtes, der Schiffspolizei, des Hafenmeisters, +der Paß-Besichtigung -- das nimmt kein Ende. Wir kamen von einer +Portugiesischen Besitzung und wurden so strenge behandelt, als wären +wir aus dem Monde gekommen. Für die Pässe hat man ein schweres Geld +zu entrichten, und die Zollgesetze sind so strenge, daß man nicht den +kleinsten Nachtsack mit sich nehmen darf. Wahrlich es ist unglaublich, +daß gerade in dem auf sein Fortschreiten so stolzen Europa die +Regierungen den Leuten das Reisen auf alle Art zu verleiden suchen! + +Von der Stadt Lissabon sah ich nur sehr wenig, obgleich ich zwölf +Tage daselbst verweilte; ich kam unwohl an und war gezwungen, den +größten Theil dieser Zeit mein Zimmer zu hüten. Mit Mühe erstieg ich +einige der steilen hügeligen Straßen, welche die Eigenthümlichkeit +Lissabons bilden, um vollkommene Ansichten über Stadt, Strom und +Umgebung zu haben; ich sah, daß die Stadt auch jenseits der Hügelkette +sich fortzieht und ausbreitet. Die Häuser haben keine eigenthümliche +Bauart, die Kirchen weder schöne Thürme noch Kuppeln. Reizend liegen +hie und da auf hohen Hügeln mitten in der Stadt noch Ruinen halb +eingestürzter großer Paläste und Kirchen aus der schaurigen Zeit +des Jahres 1755, in welchem bekanntlich ein furchtbares Erdbeben +den größten Theil der Stadt in Schutt legte, und wobei Tausende von +Menschen ihr Grab fanden. + +Die öffentlichen Gärten zeichnen sich durch schöne Blumenparthien, +jener in der untern Stadt auch durch alte ehrwürdige Bäume aus. Die +Portugiesen scheinen überhaupt große Blumenfreunde zu sein; schon auf +St. Miguel hatte ich dieß bemerkt, und hier sah ich diese lieblichen +Frühlingsboten überall in Menge, selbst auf Plätzen, wie z. B. in dem +Hofe und an dem Landungsplatze des Zollgebäudes. + +Eine Fahrt nach der +Serra de Cintra+, berühmt durch die reiche +Vegetation und als Sommersitz der königlichen Familie, konnte ich +nicht unternehmen. Ich brachte mehrere Tage im Bette zu und verließ +erst am 9. Juni mein Zimmer, um mich auf dem Dampfer +Iberia+ nach ++Southampton+ (900 Meilen) einzuschiffen. + +Dieser Dampfer gehörte leider keiner Amerikanischen oder Holländischen, +sondern einer Englischen Gesellschaft an, ich mußte daher bezahlen, +und zwar zehn £ St. für eine kleine Schlafstelle in einer kleinen, +dumpfen, finstern Kabine, in welcher sich außer mir noch elf Frauen +nebst vier Kindern befanden. Wie ungleich bequemer hatte ich es auf dem +kleinen Portugiesischen Segelschiffe, wo ich für eine beinah eben so +weite Fahrt nur 3½ £. St. bezahlte. Meinem Sohne wurde die Schlafstelle +gar auf dem zweiten Platze angewiesen, dafür aber nichts destoweniger +die volle Bezahlung des ersten abgenommen. + +Am +14. Juni+ Morgens langten wir in Southampton an, denselben Tag +fuhr ich mit der Eisenbahn nach London, wo ich abermals von der lieben +Familie Waterhouse auf das herzlichste aufgenommen wurde, und somit war +meine Reise glücklich vollendet. + + * * * * * + +Sollten in meinem Tagebuche gegen das eine oder das andere Volk, gegen +Sitten und Gebräuche der verschiedenen Länder, die ich durchwandert, zu +starke Ausdrücke vorkommen, sollten unrichtige Ansichten geäußert sein, +so bitte ich meine Leser um große, sehr große Nachsicht. Ich rufe ihnen +wie bei Gelegenheit meiner ersten Reise nach dem gelobten Lande zu, daß +ich weit entfernt bin, mich zu der Zahl der glücklich begabten Personen +zu rechnen. + +Mein Wesen ist Einfachheit, mein ganzes Streben schlichte Wahrheit +und Vermeidung jeder Uebertreibung. Der Zweck meiner Schriften kann +unter diesen Umständen kein anderer sein, als das von mir Gesehene und +Erlebte ganz so wiederzugeben, wie es sich meinem Geiste und Gefühle +darstellte. + + + [25] Ich nahm wieder Brandy mit rothem Pfeffer, und das Fieber blieb + endlich ganz weg. + + [26] Die Azoren-Gruppe besteht aus neun Inseln, von welchen St. + Miguel die größte. Die Azoren werden zu Afrika gerechnet und + sind von den Portugiesen im Jahre 1446 entdeckt und in Besitz + genommen worden. + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75641 *** |
