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authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-03-17 05:21:20 -0700
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@@ -0,0 +1,4346 @@
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75641 ***
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+ ####################################################################
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+ Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1856 so weit
+ wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler
+ wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
+ verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert;
+ fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
+
+ Die Verwendung von gesperrter Schrift für Personen- und Ortsnamen
+ wurde im Original inkonsistent gehandhabt, dennoch wurden in der
+ vorliegenden Fassung dahingehend keinerlei Korrekturen vorgenommen.
+
+ Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der
+ folgenden Symbole gekennzeichnet:
+
+ gesperrt: +Pluszeichen+
+ Angiqua: ~Tilden~
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+
+
+[Illustration: Holzschnitt und Druck von Eduard Kretzschmar in Leipzig.
+
+Niagara-Fall.]
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+ Meine
+
+ Zweite Weltreise.
+
+
+ Von
+
+ Ida Pfeiffer,
+
+ Verfasserin der „Reise in das heilige Land“, der „Reise nach Island“
+ und der „Frauenfahrt um die Welt.“
+
+
+ Vierter Theil.
+
+ Vereinigte Staaten von Nordamerika.
+
+
+ Wien.
+
+ Carl Gerold’s Sohn.
+ 1856.
+
+
+
+
+ Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen behält sich die
+ Verfasserin vor.
+
+
+ Druck von Carl Gerold’s Sohn.
+
+
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+
+Inhalt des vierten Bandes.
+
+
+ Achtzehntes Kapitel. Seite
+
+ Neu-Orleans. -- Oeffentliche Gebäude. -- Hôtels. --
+ Der Französische Marktplatz. -- Oeffentliche Sklaven-Versteigerung.
+ -- Besuch einer Plantage. -- Die Sklaverei.
+ -- Beispiele von grausamer Behandlung der Sklaven.
+ -- Die freien Neger und Farbigen. -- Nachsicht
+ mit den weißen Verbrechern. 1
+
+ Neunzehntes Kapitel.
+
+ Abreise von Neu-Orleans. -- Napoleon. -- Fahrt auf
+ dem Arkansas. -- Little Rock. -- Gesellschaft auf den
+ Dampfern. -- Amerikanische Ungezwungenheit. -- Kinder-Emancipation.
+ -- Fort Smith. -- Die Cherokee-Indianer.
+ -- St. Louis. -- Highland. -- Die Farmer.
+ -- Pipin- und St. Croix-See. 32
+
+ Zwanzigstes Kapitel.
+
+ St. Paul. -- Die St. Antony-Fälle. -- Die Pelzjäger.
+ -- Die Fahrt in der Postkutsche. -- Stillwater. --
+ St. Croix. -- Rückkehr nach Galena. -- Amerikanische
+ Geduld. -- Chicago. -- Der Michigan-See. -- Milvaukee.
+ -- Die unterirdische Eisenbahn. -- Die Mormonen.
+ -- Der Lake Superior. -- Die Indianer. --
+ Der Huron- und Erie-See. -- Cleveland. --
+ Niagara-Falls-Village. 70
+
+ Einundzwanzigstes Kapitel. Seite
+
+ Die Fälle des Niagara. -- Der Ontario-See. -- Die
+ tausend Inseln. -- Montreal. -- Quebek. -- Die Amerikanischen
+ Eisenbahnen. -- Neu-York. -- Merkwürdigkeiten
+ der Stadt. -- Die Hôtels. -- Die schwarzen
+ Minstrels. -- Emancipation. -- Gerichtsverfahren. 104
+
+ Zweiundzwanzigstes Kapitel.
+
+ Die Umgebungen Neu-Yorks. -- Die öffentlichen Institute.
+ -- Blackwells- und Randalls-Island. -- Die Five-Points.
+ -- Reise nach Boston. -- Der Empfehlungsbrief.
+ -- Festessen der Massachusetts-Mechaniker-Gesellschaft.
+ -- Waisenhaus, Gefängniß u. s. w. -- Cambridge.
+ -- Lowell. -- Rückkehr nach Neu-York. -- Die
+ Wahl. -- Abschied von den Vereinigten Staaten. 141
+
+ Dreiundzwanzigstes Kapitel.
+
+ Ankunft in Liverpool. -- Reise nach St. Miguel. -- Punta-del-Gada.
+ -- Sonderbare alterthümliche Gebräuche.
+ -- Villa-Franca. -- Das Ilheo. -- Der Badeort Furnas.
+ -- Die heißen Quellen. -- Abreise von St. Miguel.
+ -- Die Einfahrt des Tajo. -- Lissabon. -- Ankunft
+ in England. -- Nachruf. 171
+
+
+
+
+Achtzehntes Kapitel.
+
+ Neu-Orleans. -- Oeffentliche Gebäude. -- Hôtels. -- Der französische
+ Marktplatz. -- Oeffentliche Sklaven-Versteigerung. -- Die
+ Sklavenhändler. -- Besuch einer Plantage. -- Die Sklaverei. --
+ Beispiele von grausamer Behandlung der Sklaven. -- Die freien Neger
+ und Farbigen. -- Nachsicht mit den weißen Verbrechern.
+
+
+Die Entfernung von Aspinwall nach Neu-Orleans beträgt 1440 Seemeilen,
+von welchen 1350 auf den Mexikanischen Meerbusen, 90 auf den
+Mississippi kommen. Die Fahrt bis an die Mündung dieses mächtigen
+Stromes legten wir ohne Unfall oder Abenteuer in fünf Tagen zurück.
+Die schmutzig gelben Wogen des Mississippi wälzen sich der See mit
+Ungestüm entgegen, und meilenweit vom Gestade erkennt man sein Gewässer
+an der Färbung. An der Mündung erscheint der Strom endlos wie die See.
+Auch höher hinauf noch breitet er sich schrankenlos über das tief
+liegende Erdreich aus, und gönnt kaum hie und da einer Sandbank, einem
+Erdfleckchen Platz. Nach und nach drängt sich mehr Land hervor, der
+kühne Fischer wagt es schon, sein bescheidenes hölzernes Hüttchen
+darauf zu bauen; noch höher hinauf beginnen die künstlichen Erdwälle,
+die den Strom einfassen und sein Bett beschränken. Einen ängstlichen
+Eindruck macht es zu Anfang auf den Reisenden, den Strom sechs bis
+acht Fuß über das Land emporragen zu sehen: statt auf das Ufer hinauf,
+blickt man auf dasselbe hinunter. Wie leicht kann er seine Fesseln
+brechen und Tod und Verderben über die sorglosen Ansiedler bringen! Den
+Fischerhütten folgt bald fetter Grasboden, diesem einzelnes Gestrüppe,
+das nach und nach Gruppen bildet und endlich in kleine Waldungen
+übergeht. Da kommt auch schon der Mensch mit seinem Fleiße. Mais und
+Zuckerpflanzungen wechseln mit den Waldparthien, und wie das Land an
+Räumlichkeit gewinnt, vermehrt sich die Kultur, bis zuletzt die schönst
+geordneten Pflanzungen sich ununterbrochen an einander reihen. Die
+netten Häuser der Pflanzer, die Zuckermühlen mit ihren hohen Kaminen,
+die kleinen, aber niedlich aussehenden Hütten der Sklaven verleihen dem
+Ganzen ein überaus freundliches Aussehen. Beneidenswerth möchte man
+das Loos der Bewohner nennen, wüßte man nicht, daß alle, die Pflanzer
+ausgenommen, -- Sklaven sind.
+
+Ungefähr auf halbem Wege zwischen der Mündung des Mississippi und
+Neu-Orleans kommt man an dem einfachen Fort „+Jackson+“ vorüber.
+
+Gegen Mitternacht fiel der Anker vor +Neu-Orleans+, der größten Stadt
+in dem Staate +Louisiana+.
+
+Ungeachtet der späten Stunde eilten die meisten Reisenden noch an’s
+Land, jeder hatte Freunde oder Verwandte und wußte, wohin zu gehen --
+ich hatte niemanden aufzusuchen, ich stand allein und verweilte daher
+bis zum folgenden Morgen ruhig in meiner Zelle.
+
+Bei der Landung bekam ich schon einen kleinen Vorgeschmack von der hier
+herrschenden republikanischen Gleichheit. Unter den Reisenden befand
+sich ein sehr hübsches Mädchen von etwa zwanzig Jahren, mit blendend
+weißer Hautfarbe und schönem, schwarzem Haar, das nur vorn ein wenig
+gekräuselt war und so dem scharfen Beobachter einigen Zweifel an der
+Reinheit des Blutes hätte einflößen können. Kaum hatte die Arme den Fuß
+an’s Land gesetzt, so wurde sie von einem Gerichtsdiener angehalten und
+in das Gefängniß gebracht, wo sie abwarten mußte, bis ihre Verwandten
+kamen, zu beweisen, daß sie frei sei.
+
+Ich hatte dieses Mädchen schon bemerkt, als ich mich in Aspinwall
+einschiffte; sie fiel mir durch ihre Schönheit und durch ihr
+bescheidenes Benehmen auf. Sie verschwand jedoch alsbald und kam
+während der ganzen Reise nicht wieder zum Vorschein. Als ich mich
+erkundigte, ob sie seekrank sei, daß sie gar nie zu Tisch käme, gab
+mir einer der Herren, die Nase rümpfend, zur Antwort: „Wie könnte eine
+Farbige es wagen, in unsere Gesellschaft zu kommen? Jede unserer Frauen
+würde vom Tische aufstehen.“ Und diese Weißen mit so abgeschmackten,
+inhumanen Ideen sind dieselben, die den ganzen Sonntag über nichts
+anderes thun, als Kirchen besuchen und die Bibel lesen, von der sie (so
+beweist wenigstens ihr Benehmen) wahrhaftig nicht mehr zu verstehen
+scheinen, als ein Papagei von den Worten, die er plappern lernt.
+
+Am letzten Tage der Reise, schon nahe der Gegend von Neu-Orleans, kam
+das arme, von der Gesellschaft verbannte Geschöpf manchmal auf das
+Deck; ich sprach mit dem Mädchen und fand sie höchst liebenswürdig und
+gebildet -- ich möchte allen weißen Mädchen wünschen, daß sie ihr an
+Bildung und Bescheidenheit glichen.
+
+Die Stadt Neu-Orleans steht auf morastigem Grunde, an manchen Stellen
+acht Fuß unter dem Niveau des Stromes. Sie nimmt sich sehr gut aus,
+ist regelrecht gebaut, besitzt viele schöne Häuser von Backsteinen,
+breite Straßen und einige hübsche Squares (Plätze) mit freundlichen
+Gartenanlagen. Schade, daß die Straßen, wenige ausgenommen, so
+schmutzig und unrein sind! Längs der Fußwege laufen wohl kleine Rinnen
+oder Kanäle für fließendes Wasser; aber theils sind sie ausgetrocknet,
+theils gleichen sie im vollsten Sinne des Wortes den ekelhaftesten
+Pfützen; man ist häufig gezwungen, das Tuch vor die Nase zu halten. Mit
+dem Unrathe nehmen es die Leute auch nicht so genau: sie werfen vieles
+auf die Straße. Im Regenwetter sind manche Straßen beinahe ganz unter
+Wasser. Bei dieser Unreinlichkeit, mit der sumpfigen Gegend rings umher
+und der glühenden Hitze, ist es nicht zu wundern, daß diese Stadt so
+oft von dem gelben Fieber besucht wird.
+
+Neu-Orleans zählt bei 150,000 Einwohner, von welchen ungefähr ein
+Drittheil Franzosen, ein Drittheil Amerikaner, ein Drittheil Deutsche
+und andere Nationalitäten. Unter dem Namen „Amerikaner“ versteht man
+eigentlich nur jene, die von den Engländern abstammen. Meiner Meinung
+nach gebührt dieser Name entweder allen von Einwanderern Abstammenden,
+die im Lande geboren, oder gar keinem, denn „Amerikaner“ ist eigentlich
+nur der Indianer. Allein der Stolz der Engländer verleugnet sich
+nirgends, und so haben sie sich ausschließend einen Namen zugeeignet,
+der ihnen so viel oder so wenig zukommt, wie allen übrigen Nationen.
+
+Neu-Orleans ist für den Welthandel der Vereinigten Staaten im Süden,
+was Neu-York im Norden. Es ist die drittgrößte Handelsstadt, aber die
+erste als Ausfuhrplatz.
+
+Der Strom ist meilenlang mit Dampfern und Schiffen jeder Art bedeckt.
+Achthundert Dampfer befahren von hier aus den Mississippi und dessen
+Nebenflüsse. Ein großer Theil dieser Dampfer hat vier- bis sechshundert
+Pferdekraft, zwei Stockwerke, schöne Gallerieen -- man glaubt eine
+Stadt von hölzernen Palästen vor sich zu sehen.
+
+Im Spätherbste soll es auf dem Mississippi noch ungleich lebhafter
+zugehen, als es zur jetzigen Zeit der Fall war. Da ist die Ernte
+vorüber, Zucker und Baumwolle, die Hauptartikel der Ausfuhr, liegen
+bereit und werden in alle Weltgegenden versendet. Im Jahre 1853 wurden
+gegen fünf Millionen Zentner Zucker ausgeführt.
+
+Seit kurzem haben die Pflanzer angefangen, mit der Guano-Düngung
+Versuche zu machen, wobei sich ein Gewinn von 100-150 Prozent ergab.
+Welch’ ungeheuere Steigerung wird dieß mit der Zeit in der Produktion
+bewirken!
+
+Außer dem Mississippi, dem mächtigsten Strome der Vereinigten Staaten,
+außer der Schiffswelt, die sich längs der Stadt ausbreitet, hat
+Neu-Orleans nicht viel Anziehendes. Die Umgebung ist eben, auch nicht
+durch den kleinsten Erdhügel unterbrochen.
+
+Unter den Gebäuden zeichnen sich die Hôtels (besonders das St.
+Charles-Hôtel), die Münze, die Banken, die Maurer- und andere Logen,
+das Charity-Hospital, die katholische Kathedrale aus. Beinahe alle
+diese Gebäude sind aus Quadersteinen erbaut.
+
+Die katholische Kathedrale nimmt sich sehr gut aus, ist in Gothischem
+Style gebaut und besitzt einen schönen, eisernen, durchbrochen
+gearbeiteten Thurm. Das Innere ist einfach und sauber, nur mißfiel mir
+die nach dem Vorbilde von London gemachte Eintheilung in Logen und
+Sperrsitze.
+
+Das Hôtel St. Charles ist überaus großartig angelegt: es hat ein
+herrliches Portal mit einer Säulenreihe. Die innere Einrichtung
+entspricht der äußeren Pracht. Hohe, große Empfangssäle, mit dem
+größten Luxus ausgestattet, Lese-Säle mit allen Zeitungen der Welt,
+dabei zahllose Dienerschaft und eine Kost, die selbst dem Verwöhntesten
+nichts zu wünschen übrig läßt. Man zahlt zwar drei Dollars per Tag;
+bedenkt man aber, was man alles dafür hat, so ist der Preis nicht gar
+so übertrieben. Ueber die Maßen theuer dagegen sind die Empfangszimmer,
+wenn man sie zu seinem ausschließenden Gebrauche miethen will:
+ein Empfangszimmer kostet per Tag acht Dollars. Doch werden sie
+selten gemietet. Der Amerikaner geht den größten Theil des Tages
+seinen Geschäften nach; kommt er nach Hause, so verweilt er in den
+allgemeinen Besuch- oder Lese-Zimmern. Da wird geschrieben, gelesen,
+Musik gemacht, Kinder tummeln sich umher, eins nimmt auf das andere
+keine Rücksicht, jeder benimmt sich, als wäre er in seinen eigenen
+Zimmern. Eben so ungezwungen geht es bei Tisch zu. Man ist in Betreff
+der Mahlzeiten nicht an bestimmte Stunden gebunden. Das Frühstück
+beginnt z. B. um 7 Uhr Morgens und währt bis 10, das Gabelfrühstück von
+12 bis 2 Uhr u. s. w. Man kommt in dieser Zeit je nach Belieben und
+läßt sich geben, was die Speisekarte enthält. Bei Tische geht es höchst
+einsilbig zu. Der Amerikaner betrachtet, wie bereits erwähnt, selbst
+das Essen als ein Geschäft und schlingt die Speisen so hastig hinunter,
+daß ihm für ein Gespräch keine Muße bleibt. Ueberdieß sprechen sich
+Leute, die sich nicht kennen oder einander nicht vorgestellt worden
+sind, gar nicht an; dieß würde für eine halbe Beleidigung gelten. Und
+so kann ein Fremder in dem größten Gasthause wohnen und täglich in
+zahlreicher Gesellschaft speisen, ohne Gelegenheit zu finden, auch nur
+eine Bekanntschaft zu machen oder ein Wort anzubringen.
+
+Das Charity-Hospital ist sehr gut eingerichtet; die Gemächer sind
+ziemlich groß, Betten und Wäsche weiß und rein. Ein Theil der
+Krankenpflege wird von barmherzigen Schwestern besorgt, welchen man
+vorwirft, mit gar zu großem Eifer aus den Kranken und Sterbenden
+Proselyten zu machen. Thun doch die Anglikaner, Presbyterianer, und
+wie alle die Sekten heißen, dasselbe! Jeder meint, daß die Form seiner
+Religion die einzig wahre und seligmachende sei.
+
+Außer dem Charity-Hospital gibt es viele sehr gut eingerichtete
+Privat-Spitäler, in welchen der Kranke täglich einen Dollar bezahlt.
+
+Die Münze ist die schönste in den Vereinigten Staaten. Das herrlichste
+Gebäude dürfte jedoch das Zollhaus werden, welches im Bau begriffen
+ist, an dessen Vollendung man aber leider zweifelt. Es nimmt einen
+ganzen Block[1] ein.
+
+Das Wasserwerk in +La Fayette+ besteht aus einem sehr großen Becken,
+welches aus dem Mississippi gefüllt wird. Von dem Becken ist das Wasser
+in die Häuser geleitet, wofür jede Familie sechs bis zehn und auch mehr
+Dollars per Jahr, je nach dem Bedarfe, bezahlt.
+
+Die Marktplätze, besonders der sogenannte „Französische,“ sind äußerst
+bequem und schön, die Hallen groß und luftig und in Reihen für die
+verschiedenen Artikel, als Fleisch, Gemüse, Fische u. s. w. getheilt.
+Auch an gekochten und gebratenen Eßwaaren gibt es keinen Mangel, alle
+sehr zierlich und reinlich aufgestellt. Thee, Kaffee und Chokolade
+werden ebenfalls ausgeschenkt; eine große Tasse dieser Getränke nebst
+drei kleinen Kuchen kostet nur fünf Cents. Nicht nur die Marktleute
+und Käufer, auch viele Geschäftsleute kommen hierher, ihr Frühstück
+einzunehmen.
+
+Der Französische Markt ist besonders Sonntags früh Morgens sehr
+interessant. Die Neger und Negerinnen strömen von weit und breit
+herbei, Naturerzeugnisse oder die Handprodukte, die sie in ihren
+Freistunden verfertigen, zum Verkauf zu bringen. Sie sind vorzüglich
+geschickt im Korbflechten.
+
+Wenn man die Sklaven auf diesem Markte sieht, sollte man gerade nicht
+glauben, daß es ihnen gar so hart ergeht, wie viele behaupten, und wie
+es leider im allgemeinen wirklich der Fall ist. Sie sind ordentlich und
+gut gekleidet, bringen viele Produkte auf den Markt, und umlagern die
+Kaffee- und Schenktische in großen Massen.
+
+Ich besuchte während meines Aufenthaltes zu Neu-Orleans zu
+verschiedenen Malen die Sklavenmärkte, so wie auch die Orte, wo die
+Sklaven öffentlich versteigert werden.
+
+Die Haupt-Sklavenversteigerungen finden jeden Sonnabend in einem
+prachtvollen, hohen Saale statt, der bequem an 500 bis 600 Personen
+fassen mag. In demselben Lokale werden an den andern Tagen der Woche
+Ländereien, Häuser u. s. w. versteigert. Rings herum in dem Saale
+sind drei Fuß hohe Tribünen errichtet, auf welchen die Ausrufer
+sammt den armen zu verkaufenden Opfern stehen. Die Sklaven sind gut
+gekleidet und herausgeputzt, und werden so gestellt, daß sie von den
+Kauflustigen vollkommen gut gesehen werden können. Der Ausrufer liest
+ihr Alter, ihre körperliche Beschaffenheit, Tugenden, Fähigkeiten
+u. s. w. ab, macht den Preis bekannt, und die Versteigerung beginnt.
+Der Ausrufspreis für eine junge Mutter mit einem Kinde auf dem Arme,
+einem andern an der Hand war 600 Dollars, das höchste Angebot 1280.
+Der Eigenthümer gab sie jedoch dafür nicht her; der Preis war ihm noch
+um einige hundert Dollars zu geringe. Mädchen von zwölf bis dreizehn
+Jahren sah ich für 600 Dollars verkaufen. Diese armen Geschöpfe sahen
+dem Verkaufe mit besonders fröhlichen Mienen entgegen, sie gefielen
+sich in ihren schönen Kleidern und dachten wohl, daß die ganze
+Gesellschaft sie bewundere -- es war vielleicht der seligste Tag ihres
+Lebens!! --
+
+Ich konnte diese Menschenversteigerung nicht lange mit ansehen -- ich
+fand es wahrhaftig gar zu empörend, daß Menschen so tief sinken, so
+ganz aller Moral, aller Humanität vergessen, ihres gleichen wie Thiere
+zu er- und verhandeln.
+
+Bei den Sklavenhändlern fand ich die Sklaven in Höfen sich aufhaltend.
+Sie arbeiteten nicht, waren gut gekleidet und stets zum Verkaufe
+bereit gehalten. Ich that, als hätte ich eine Köchin nebst einem
+Diener nöthig. Sogleich wurden alle Sklaven durch den Schall einer
+Glocke zusammen berufen und in zwei Reihen aufgestellt, in der einen
+die Männer, in der andern die Weiber und Mädchen, worauf das Loben
+und Anpreisen von Seite des Verkäufers anging. Für eine gute Köchin
+verlangte er 1200 Dollars, für einen Diener, der, wie er sagte, noch
+nicht ganz abgerichtet war, 1100 Dollars.
+
+Die Sklavenhändler werden, sonderbarer Weise, sehr verachtet;
+niemand geht mit ihnen um; sie sind beinahe wie von der menschlichen
+Gesellschaft ausgeschlossen. Ich möchte fragen, ob denn der
+Sklavenhalter achtbarer ist, als der Sklavenhändler? Kauft und verkauft
+der Herr nicht so gut wie der Händler? Lebt der eine nicht so gut
+wie der andere von dem Schweiße dieser Armen? Werden die Sklaven von
+beiden nicht als Vieh angesehen und behandelt? Wahrlich, wenn man
+die menschliche Gesellschaft betrachtet, mit ihren widersinnigen
+Unterschieden und Kleinlichkeiten, muß man sie oder sich selbst oft für
+irrsinnig halten.
+
+Auch auf Plantagen hatte ich Gelegenheit, die Lage der Sklaven zu
+beobachten; ich besuchte mehrere und brachte auf einer derselben,
+bei Herrn +Kok+, einem reichen Sklavenhalter, in der Nähe von
++Donaldsville+ mehrere Tage zu.
+
+Ich bin natürlich der Sklaverei so feind, wie jeder Mensch, der
+ein Herz im Leibe hat. Ich sehe in ihr den größten Schandfleck der
+Menschheit und möchte behaupten, daß jener, der Sklaven hält oder
+damit handelt, den Namen „Mensch“ oder gar „Christ“ nicht verdient.
+Ich war nicht das erste Mal in Sklavenstaaten, und überall erregte die
+Sklaverei meinen tiefsten Abscheu; aber hier noch ungleich mehr wie
+irgendwo, denn hier war ich von Republikanern umgeben, die auf ihre
+Freiheit, auf ihre Gleichheitsrechte so stolz thun, daß sie denjenigen
+gleich niederschießen möchten, der sie darin zu beeinträchtigen
+oder zu stören sucht. Und diese freien Männer können sich selbst so
+erniedrigen, können mit so öffentlicher Schamlosigkeit alle Grundsätze
+der Religion und Moral mit Füßen treten?! Mit diesen bittern Gefühlen
+besuchte ich die Pflanzungen, und war daher durchaus nicht geneigt, sie
+mit günstigen Augen zu betrachten.
+
+Doch muß ich gestehen, daß ich wenigstens auf jenen, die ich besuchte,
+das Schicksal der armen Sklaven minder hart fand, als ich mir
+vorstellte, was besonders der Fall auf Herrn Kok’s Pflanzungen war.
+Dieser Herr, so wie seine Gemahlin, mögen wohl zu den besten und
+menschenfreundlichsten Sklavenhaltern gehören; selbst ihre ganz jungen
+Kinder scheinen schon die Gefühle der Eltern zu theilen. Ich sah eines
+derselben, einen sechsjährigen Knaben, bei Tische von allen Gerichten
+etwas bei Seite legen. Als ich ihn frug, für wen das bestimmt sei, gab
+er mir zur Antworte „Für ein Negermädchen, unsere Gespielin, die etwas
+unwohl ist.“
+
+Die Negerwohnungen auf Herrn Kok’s Plantagen bestanden aus
+abgesonderten kleinen Hütten, deren jede ein geräumiges Gemach
+enthielt, in welchem entweder eine Familie, oder zwei bis drei
+Unverheirathete wohnten. Die Betten waren gut und mit Polster,
+Wolldecken, ja sogar mit Muskitonetzen versehen. In jeder Hütte gab
+es wenigstens einen Tisch, einige Schemel, eine hölzerne Truhe. Eine
+große Hütte in der Mitte des Dorfes war zur Aufbewahrung der kleinen
+Kinder bestimmt, deren Eltern zur Arbeit gingen. Eine muntere, kräftige
+Negerin führte die Aufsicht über sie. Nach einer Entbindung bleibt die
+Mutter vier Wochen ganz zu Hause, und so lange das Kind der Mutterbrust
+bedarf, sorgt man, daß sie in der Nähe der Wohnung Beschäftigung findet.
+
+Auch an einem Hospitale fehlte es nicht, aus zwei geräumigen Gemächern
+bestehend und mit recht guten Betten versehen. Ein Arzt kommt jede
+Woche, und wenn es die Nothwendigkeit erfordert, jeden Tag.
+
+Ich ging mehrere Male ohne Begleitung des Herrn Kok in das Dorf. Die
+Leute waren anständig gekleidet; ich sah manche vor der Thüre ihrer
+Hütte sitzen, mit einem tüchtigen Stücke Weißbrod in der Hand; auch
+gebratenes frisches Schweinefleisch bekommen sie von Zeit zu Zeit.
+Gegen sechs Uhr Abends kehrten sie von der Arbeit heim, munter und
+lachend; das Abendmahl, aus Maismehl und Fleisch bestehend, war
+bereitet und schmeckte gut, die Portionen waren reichlich. Nach
+eingenommenem Mahle gingen sie von einer Hütte zur andern, saßen
+zusammen, schwatzten und schäckerten -- sie schienen ihr Loos durchaus
+nicht unglücklich zu finden. Besonders gut hatten es die Haussklaven
+bei Herrn Kok. Ich bemerkte nie, daß sie stark ausgezankt oder gestraft
+wurden, und ich suchte doch unbeachtet so viel wie möglich alles zu
+beobachten.
+
+Wenn es auf allen Pflanzungen so zuginge, wäre Sklaverei freilich
+besser als die Lage vieler Bauern und Arbeitsleute in Europa. Man gehe
+nach Rußland und sehe, wie der Bauer behandelt wird. Der russische
+Bauer ist Sklave seines Herrn, Sklave der Regierung, Sklave der
+Beamten, Officiere, ja nicht selten des gemeinen Soldaten. Er muß dem
+Gutsherrn Frohndienste leisten, der Regierung Steuern zahlen, sich von
+jedem Beamten, Officier und Soldaten Schläge und Mißhandlungen gefallen
+lassen, und dabei für seinen Lebensunterhalt selbst sorgen. Kein Mensch
+schafft ihm ein Kleid, wenn das seine in Lumpen vom Körper fällt, kein
+Mensch reicht ihm einen Bissen Brod, zahlt seine Steuern, wenn sein
+Feld zu wenig gibt. Was die Mißhandlungen betrifft, die ihm zu Theil
+werden, könnte man davon so schauderhafte Geschichten erzählen, wie man
+sie von den Sklavenhaltern erzählt. Der Herr, die Frau, die Aufseher
+mißhandeln ihn nach Gefallen, der Beamte, der Officier, ja der gemeine
+Soldat bezahlen ihm die geleisteten Dienste mit Prügel und Fußtritten.
+Wenn ein Weib, ein Mädchen die Aufmerksamkeit des Gutsherrn erregt
+und seine Wünsche nicht gutwillig erfüllt, ist sie, sind alle ihre
+Verwandten der Rache desselben Preis gegeben. Der russische Bauer darf
+die Scholle Erde nicht verlassen, auf welcher er geboren ist; er wird
++nur+ auf 25 Jahre zum Soldatendienst gezwungen, er wird mit der Knute
+zum Frohndienste, zum Straßen- und Brückenbaue, zum Vorspann und andern
+Leistungen getrieben, für welche er keine Entschädigung erhält. Für ihn
+gibt es kein Gericht, seine Peiniger selbst sitzen als Richter an der
+Tafel. Dabei aber besitzt er nicht, gleich dem Sklaven, einen Herrn,
+der ihn theuer erkauft hat, und daher für ihn sorgt, wenigstens seine
+leiblichen Bedürfnisse befriedigt. Wahrhaftig, das Loos eines Sklaven
+könnte man noch für erträglicher halten als jenes eines Russischen
+Bauern! --
+
+Unverzeihlich finde ich es, daß sich die Regierung der Vereinigten
+Staaten gar nicht um das Schicksal der Sklaven bekümmert. Die
+Sklavengesetze sind höchst mangelhaft und schlecht, und selbst auf die
+Befolgung der wenigen und schlechten Gesetze wird nicht gesehen. Die
+Amerikaner sagen: „Da hätte die Regierung viel zu thun, sie kann sich
+nicht zum Spione machen; das wären Eingriffe in die Freiheit“ u. s. w.
+Ich meine aber, wenn sie sich in andern Zweigen der Verwaltung zum
+Spürhunde hergibt, und z. B. die Wirthe ausspionirt, die am Sonntage
+ein Glas Bier ausschenken, oder die Gäste, die es trinken, oder die
+Uebertreter des Maine-Gesetzes[2], so kann sie es auch thun, wo es
+sich um einen ganz ohne Vergleich wichtigeren Gegenstand handelt. Oder
+ist es vielleicht ein geringeres Verbrechen, einen Menschen zu Tode zu
+martern, als an einem Sonntage ein Glas Bier zu trinken? Warum vermag
+die Holländische Regierung in Indien die Sklaven so trefflich zu
+schützen? Ein despotischer Staat sorgt für die Milderung des Zustandes
+dieser des ersten Menschenrechtes beraubten Unglücklichen, und ein
+freier Staat, mit dessen Prinzip, dem gesunden Menschenverstande nach,
+Sklaverei unvereinbar sein sollte, erlaubt und begünstiget sie nicht
+bloß, sondern ermäßiget sie nicht einmal durch gute Gesetze! -- In
+den Vereinigten Staaten darf der Sklave nicht Zeugniß abgeben, ja
+unbegreiflicher Weise nicht einmal klagen. Das Gesetz erlaubt, den
+Mann von seinem Weibe, die Kinder (jedoch nicht vor dreizehn Jahren)
+von ihren Eltern zu reißen und zu verkaufen. Was für herzbrechende
+Scenen mag es bei ähnlichen Gelegenheiten geben! Möchte doch solchen
+Gesetzgebern, solchen Sklavenverkäufern dasselbe Schicksal widerfahren,
+damit ihr abgestumpftes Gefühl ein wenig aufgerüttelt würde!
+
+Ich will hier aus Hunderten von Beispielen, welche die grausame
+Behandlung der Sklaven von Seite der Weißen darthun, nur einige
+anführen. Ich ziehe sie aus: „Amerikanische Sklaverei, wie sie ist,
+bestätigt von tausend Augenzeugen,“-- herausgegeben in Neu-York 1839.
+
+ * * * * *
+
+Herr G..., Erzieher bei einer Pflanzerfamilie, die den Ruf der Milde
+hatte, schreibt im Juli 1832 ungefähr folgendes: „Eines Morgens, als
+das Tischgebet vor dem Frühstücke beendet war, verlangte eines der
+Kinder Syrup (Molasses). Die Sklavin gab ihm eine Portion auf den
+Teller, vielleicht ein wenig größer wie sonst, doch nicht mehr, als das
+Kind häufig zu essen pflegte. Der Herr ward darüber so aufgebracht,
+daß er aufstand, die Hände der Sklavin mit einer Hand festhaltend,
+sie mit der andern so lange aus allen Kräften schlug, bis er von der
+Anstrengung ermüdet auf den Stuhl sank und sagte, seine Hand sei zu
+schwach, um fortzufahren. Er zog hierauf seinen Schuh aus, und begann
+mit dem Absatze desselben auf die Arme loszuschlagen. Sie konnte sich
+endlich nicht enthalten zu schreien und suchte mit den Ellbogen den
+Kopf zu schützen. Der Herr rief einen Neger herbei, und ließ ihn die
+Hände der Sklavin hinter dem Rücken festhalten, damit er ungestört
+fortprügeln konnte. Die Sklavin fiel endlich vor Schmerzen zu Boden und
+rief Herrn G. um Hilfe an. Nichts desto weniger wurde mit dem Schlagen
+fortgefahren. Herr G. meinte schon, daß sie den Geist aufgeben müsse.
+Sie stand jedoch auf, ging hinaus, um sich vom Blute zu reinigen, und
+kam, bevor man vom Tische aufstand, wieder in den Saal. Kein Mensch
+würde sie erkannt haben, der Kopf war ganz aufgeschwollen, die Ohren
+handdick, die Augen mit Blut unterlaufen u. s. w.“
+
+Für dergleichen Kleinigkeiten hat sich der Pflanzer gar nicht zu
+verantworten.
+
+Eine andere Geschichte:
+
+Herr P. erzählt von einem Herrn +Benjamin Jakob Harris+, Sklavenhalter
+in Richmond, daß er ein Negermädchen von 15 Jahren zu Tode gepeitscht
+habe. Während er sie schlug, machte seine Gattin ein Eisen glühend und
+brannte sie damit an verschiedenen Theilen des Körpers. Das Verdikt
+lautete: „Gestorben in Folge zu harter Schläge“ -- und der Mörder wurde
+losgesprochen.
+
+Einige Jahre später peitschte derselbe +Harris+ einen Sklaven zu Tode.
+Er wurde abermals losgesprochen, da außer Sklaven niemand Zeuge dieser
+That war.
+
+Ein Kapitän von der Marine der Vereinigten Staaten zürnte einst über
+seinen Negerjungen. Er stellte ihn auf einen Stuhl, band ihm die
+Hände mit einem Stricke vorne zusammen, schlang den Strick um einen
+Balken, zog den Jungen so hoch auf, daß er gerade mit den Zehen auf dem
+Stuhle stehen blieb, und peitschte ihn in dieser Stellung mit kurzen
+Unterbrechungen so lange, bis er ohnmächtig wurde und starb.
+
+Auch dieser feige Henker wurde losgesprochen.
+
+In +Goochland+ (Virginia) band ein Aufseher einen Mann an einen Baum,
+schlug ihn in kurzen Zwischenräumen auf das grausamste, umgab den Baum
+hierauf mit Strauchwerk, zündete es an und verbrannte langsam das arme
+Schlachtopfer. Weil der Thäter ein Farbiger, nicht ein Weißer war,
+wurde er zwar nicht aufgehenkt, wie er es verdient hätte, aber doch
+wenigstens auf einige Monate eingesperrt.
+
+ * * * * *
+
+Mehr als tausend ähnliche Fälle enthält das Buch. Wenn man solche
+Unthaten sieht und erzählen hört, könnte man versucht werden zu
+wünschen, daß die Neger sich zusammenrotten und auch einmal an ihren
+grausamen Henkern das Richteramt ausüben, ihnen gleiches mit gleichem
+vergelten möchten! --
+
+Dasselbe Buch sagt auch, daß die Sklavenhalter eine Zusammenkunft
+gehabt hätten, um zu berathen, was mehr Nutzen brächte, die Sklaven gut
+zu halten und dadurch das Kapital zu schonen, oder sie zu überarbeiten
+und nach sieben bis acht Jahren zu verlieren. Leider soll das letztere
+als mehr Nutzen bringend befunden worden sein. Und so sterben viele
+Sklaven im Uebermaße körperlicher Anstrengung frühzeitig dahin. Das
+Gesetz erlaubt in +Süd-Karolina+, den Sklaven im Sommer fünfzehn, im
+Winter vierzehn Stunden täglich zur Arbeit anzuhalten, während der
+Verbrecher durchschnittlich nur neun Stunden zu arbeiten hat. Die
+meisten Sklavenstaaten haben jedoch keine Gesetze in dieser Beziehung;
+der Pflanzer kann seine Sklaven ungestraft zu Tode arbeiten lassen.
+
+Um den Unterricht der Sklaven bekümmern sich diese weisen und
+menschenfreundlichen Gesetze nur in so ferne, daß sie denselben
+verbieten. +Einen Sklaven lesen oder schreiben zu lehren, wird von dem
+Gesetze strenge bestraft[3].+ -- Hier ist das Gesetz kein Spion!
+
+Man ist aus allen Kräften bemüht, die Neger auf jener Stufe zu
+erhalten, auf der sie waren, als man sie aus ihrem Vaterlande riß.
+
+Auch über den Religionsunterricht ist nichts vorgeschrieben. Hie und
+da befaßt sich eine Pflanzersfrau damit und hält eine Sonntagsschule,
+d. h. sie liest den Sklaven aus der Bibel vor, lehrt sie Psalmen und
+heilige Lieder singen -- die Moral mögen sie selbst herausfinden (eine
+gewiß sehr schwierige Sache, da sie das christliche Betragen ihrer
+Herren stets vor Augen haben). Auch Priester gehen zeitweise auf die
+Pflanzungen, um zu lehren, d. h. zu predigen. Mehr darf nicht geschehen.
+
+Höchst sonderbar finde ich es, daß die Weißen die Sklaven einerseits
+den Thieren gleich stellen, und andererseits ihnen das Theuerste,
+die Kinder, anvertrauen. Die Negerin säugt sie, pflegt ihre erste
+Kindheit, ja bleibt nicht selten die Vertraute des herangewachsenen
+Mädchens. Hiezu finden die Eltern die Schwarzen vollkommen geeignet.
+Muß dieser nahe Umgang mit so rohen sinnlichen Menschen nicht sehr
+schädlich auf Sitten, Charakter und Bildung der Kinder einwirken? Muß
+das Sittlichkeitsgefühl des Kindes, Mädchens oder Jünglings durch das
+Beispiel, durch die Redensarten dieser Leute nicht gänzlich untergehen?
+Ist dieß nicht von Seite der Eltern ein grenzenloser Leichtsinn, ein
+gänzliches Vergessen ihrer Pflichten? Aber weil +sie+ so erzogen
+wurden, mögen es ihre Kinder auch wieder werden: es ist gar zu bequem,
+diese schwere Sorge andern zu überlassen. Daß es unter den Eltern auch
+Ausnahmen gibt, versteht sich von selbst.
+
+Ich möchte beinahe glauben, daß sich das Sklavenwesen durch seine
+Folgen in manchen Beziehungen an den Weißen selbst rächt. Die Kinder
+werden gewöhnt, sich jeden Dienst leisten zu lassen: es wäre eine
+Schande, sich selbst auch nur ein Band zu binden, oder etwas von dem
+Boden aufzuheben, -- der Sklave ist des Kindes Hand. Natürlicher Weise
+werden die Kinder dadurch launenhaft, befehlshaberisch, träge, boshaft;
+jede Energie, die Kraft zu handeln, ja selbst zu denken, geht verloren
+und leider das Gefühl auch. Ein in den Sklavenstaaten erzogener
+Jüngling, ein daselbst erzogenes Mädchen unterscheidet sich sehr zu
+seinem Nachtheile von der in den freien Staaten erzogenen Jugend. Und
+wirkt die Erziehung, die man in der Kindheit genießt, nicht auf das
+ganze Leben?
+
+Nicht minder hart als Sklaverei ist das Loos der freien Neger und
+Farbigen, und zwar eben sowohl in den freien wie in den Sklavenstaaten.
+Sie sind theils durch das Gesetz, theils durch die albernen
+Vorurtheile der +duldsamen Christen+ von der menschlichen Gesellschaft
+ausgeschlossen, gehören eigentlich gar keinem Stande zu, weder dem
+Sklaven- noch dem Bürgerstande, und sind die Parias der Vereinigten
+Staaten.
+
+Um ihnen das Erniedrigende ihres Schicksals noch tiefer fühlen zu
+lassen, gab man ihnen die Erlaubniß, Schulen zu besuchen, sich zu
+bilden. Es ist dieß eine raffinirte Quälerei, der despotischsten
+Regierung unwürdig. Durch die Bildung wird der Ehrgeiz erweckt,
+der Neger und Farbige lernt sich als Mensch, lernt die Rechte der
+Menschheit kennen -- wozu? -- um zu sehen, daß er von den Menschen
+ausgestoßen, daß er der Rechte derselben beraubt ist. Denn das Gesetz
+läßt ihn nicht Bürger des Staates werden, gibt ihm keine Stimme bei
+den Wahlen, erkennt ihn nicht als Zeuge, ja ein Neger oder Farbiger
+darf sogar keine Ehe mit einer Weißen eingehen. Muß der Arme nicht zum
+Menschenfeinde werden? Muß durch so harte, widersinnige Gesetze nicht
+jedes bessere Gefühl in ihm erstickt werden? Und ist es nicht die erste
+Pflicht einer Regierung, mag sie was immer für einen Namen haben, auf
+die Moral, auf die Sittlichkeit der Menschen zu wirken? Hier ist es
+gerade das Gesetz, das der Moral Hohn spricht, und seine Verachtung des
+menschlichen Gefühls geht so weit, daß wenn ein Weißer Kinder mit einer
+Negerin oder Farbigen zeugt, er sie nicht einmal anerkennen darf. Will
+er die Achtung seiner Mitbürger erhalten, so muß er ihnen die Erziehung
+verweigern; verkauft er sie aber, allein oder sammt der Mutter, was
+nicht selten vorkommen soll, so bleibt er ein +Ehrenmann+.
+
+Oft sprach ich über das Schicksal dieser Unglücklichen, hörte aber die
+Amerikaner stets behaupten, daß das vollkommen in der Ordnung sei, und
+daß, wenn es den Leuten nicht gefalle, sie in ihr Vaterland gehen oder
+nach Europa auswandern könnten.
+
+In ihr Vaterland gehen?
+
+Wo ist denn ihr Vaterland? Etwa in Afrika? Sind sie dort geboren? Haben
+sie dort ihre Familie? Sprechen sie die Landessprache? Nichts von alle
+dem. Seit fünfzig Jahren darf kein Sklave mehr eingeführt werden.
+Die heutige Nachkommenschaft ist in Amerika geboren, Amerika ist ihr
+Vaterland, und nicht Afrika, denn meiner Meinung nach haben die in
+Amerika gebornen Neger so gut Anspruch auf den Namen „Amerikaner,“ als
+die von den Europäischen Einwanderern abstammenden Weißen. Das ihnen
+von den Amerikanern aufgedrungene Vaterland kennen sie nicht einmal dem
+Namen nach.
+
+Nach Europa auswandern?
+
+Wer gibt ihnen die Mittel dazu? Und was sollen sie in einem Welttheile
+machen, der übervölkert ist, der jährlich Hunderttausende von
+Auswanderern nach allen Weltgegenden sendet? Europa ist nicht Amerika.
+In Amerika bedarf man noch sehr der Hände und Köpfe. Die Einwanderung
+ist es, welcher die Vereinigten Staaten die Stufe der Macht und
+Bedeutung verdanken, auf der sie heut zu Tage stehen.
+
+Kaum sollte man glauben, daß es Leute gibt, die behaupten, daß das
+Sklavensystem in seinen Folgen sehr wohlthätig auf die Eingebornen
+Afrika’s einwirke. Die freien Neger, sagen sie, werden erzogen,
+erhalten guten Unterricht in der Religion. Sendet man sie dann nach der
+Neger-Republik +Liberia+ in Afrika, so können sie dort ihre Landsleute
+bekehren und gleichsam Missionär-Dienste verrichten.
+
+Eine sehr kluge, +fein erfundene+ Entschuldigung des Sklavensystems! --
+
+Wenn diese Abgesandten ihren Landsleuten erzählen, welches Heil ihnen
+durch die Christen widerfahren ist, wie sie, so lange sie Sklaven
+waren, von den meisten Weißen schlechter als deren Lastthiere behandelt
+wurden, wie man sie für die kleinsten Vergehungen grausam marterte und
+züchtigte, aus Spaß oft zu Tode prügelte, wie man sie mit Arbeiten bis
+zum Hinsinken überlud und als Belohnung für die geleisteten Dienste
+im Alter halb verhungern und verderben ließ, wie sie als freie Leute
+noch immer von den Weißen verachtet, aus der menschlichen Gesellschaft
+verstoßen, aller Rechte beraubt wurden, wie sie jedem weißen Schurken
+nachstanden, sich an keine Tafel, in keinen Omnibus setzen durften,
+im Theater abgesonderte Plätze hatten, als wären sie Aussätzige! --
+ja, wenn von diesen Erzählungen ihre Landsleute nicht begeistert und
+hingerissen werden und nicht haufenweise zum Christenthume übergehen,
+so müßte man ihnen wahrhaftig allen Verstand absprechen. Ewig schade,
+daß es nicht auch für uns Christen irgend wo einen Staat gibt, in
+welchem wir derselben menschenfreundlichen Behandlung theilhaftig
+werden könnten, gleich den Negern und Farbigen in den Vereinigten
+Staaten! Es wäre nur der höchst wohlthätigen Folgen wegen, die sie auf
+das Christenthum haben müßte.
+
+Es gibt bisher dreizehn Sklavenstaaten, nämlich: +Florida+, +Georgia+,
++Texas+, +Karolina+, +Virginia+, +Kentucky+, +Tennessee+, +Alabama+,
++Mississippi+, +Louisiana+, +Arkansas+, +Missouri+, +Maryland+, nebst
+einem Theile von +Kolumbia+. Vielleicht werden mit der Zeit noch
+einige zuwachsen, es wäre nur wegen des Glückes, welches Afrika daraus
+bevorstünde!! --
+
+Den schroffsten Gegensatz zu der Behandlung der schwarzen und
+farbigen Amerikaner bildet die Nachsicht der Regierung mit den weißen
+Verbrechern.
+
+Ich war drei Wochen in Neu-Orleans, und während dieser Zeit vergingen
+wenige Tage, an welchen nicht ein Mord, eine Brandlegung stattfand.
+
+Ich sprach einst empört über einen Mord, der in einer Nacht verübt
+wurde. Ein Arbeiter schnitt in Streit und Trunkenheit seinem Weibe
+den Hals ab. Man lachte mich über meine Gefühls-Aeußerungen beinahe
+aus, und sagte, daß wenn ich fünf bis sechs Monate hier bliebe, ich an
+dergleichen Dinge gewöhnt werden und gar nicht mehr darüber sprechen
+würde.
+
+Wirklich fand kaum einige Nächte später schon ein zweiter derartiger
+Fall statt, bei welchem der Mann nach verübter That sich aufzuhängen
+versuchte.
+
+Ein in Trunkenheit, Eifersucht oder Streit verübter Mord wird selten
+hart bestraft, und ganz besonders gilt das Laster der Trunkenheit als
+große Entschuldigung. Aber auch selbst nicht betrunkene Verbrecher
+kommen leicht durch, wenn sie reich sind und sich Freunde zu machen
+verstehen. So hatte z. B. vor mehreren Monaten in Kentucky ein gar
+schändlicher Mord statt, und der Mörder wurde dennoch gänzlich
+freigesprochen.
+
+Die Sache war folgende: Ein Knabe besuchte eine Schule, blieb häufig
+aus, machte die Aufgaben gar nicht oder schlecht und entschuldigte sich
+stets mit Lügen. Der Lehrer, hierüber aufgebracht, nannte ihn einst
+einen Lügner. Der Knabe erzählte dieß, wahrscheinlich seiner Gewohnheit
+nach mit Lügen und Uebertreibungen, seinem Vater und Bruder. Letzterer,
+ein Jüngling von achtzehn bis zwanzig Jahren, bewaffnete sich mit einer
+Pistole, gab seinem Bruder ein großes Messer, ging mit ihm nach dem
+Schulhause und schoß nach kurzem Wortwechsel den Lehrer nieder. Der
+Vater, ein reicher Mann, erkaufte die Jury, und der Mörder kam ohne
+die geringste Strafe davon. Dieser Fall war so empörend, daß das Volk
+die Jury-Männer, den Mörder und seinen Vater öffentlich beschimpfte,
+wodurch erstere gezwungen wurden, ihre Stellen aufzugeben, letztere
+ihre Besitzungen zu verkaufen und nach einem andern Staate
+überzusiedeln. Traurig, wenn das Volk den Richter machen muß! --
+
+Brandlegungen geschehen häufig von den Eigenthümern selbst, welche
+die kostbaren Waaren erst in Sicherheit bringen, Gebäude, Waarenlager
+u. s. w. überschätzen und auf diese Art aus derlei Schurkereien einen
+schönen Gewinn ziehen.
+
+Wenn ich über solche Gegenstände Bemerkungen machte, hieß es: „Was
+wollen Sie? Amerika ist noch ein junges Land; es wird mit der Zeit
+schon anders werden.“
+
+Ich weiß nicht, ich möchte glauben, daß es in seiner Kindheit, zur
+Zeit des großen +Washington+ besser war, als es jetzt in seiner Jugend
+ist. Gute Gerechtigkeitspflege ist die erste Pflicht eines Staates
+und vom größten Einflusse auf die Moralität seiner Bürger; schlechte
+Gerechtigkeitspflege verdirbt das Volk. Wo die Leute nach Aemtern
+und Stellen aus der einzigen Absicht streben, sich zu bereichern, wo
+der Reiche alles durchsetzen, alles erkaufen und ungestraft, oder
+doch beinahe so, Verbrechen begehen kann, gehen Vaterlandsliebe und
+Moralität verloren. Amerika war nach der Trennung von England mit
+einem reinen, makellosen Bogen Papier zu vergleichen -- Europa mit
+einem mit Tintenflecken besudelten. Was hätte auf diesem schönen Bogen
+nicht alles geschaffen werden können, und zwar um so leichter, als das
+alte Europa leider nur zu deutlich die Fehler und Mißbräuche aufweist,
+welche einer vollkommenen Gestaltung im Wege liegen. Was hätte aus
+einem Lande wie Amerika werden können, das von der Natur so reich
+ausgestattet ist und gegen keins der großen Uebel Europa’s zu kämpfen
+hatte! Leider aber ward der reine Bogen nicht so heilig bewahrt und ist
+mit der Zeit ziemlich stark besudelt worden!
+
+Der Eindruck, den die Vereinigten Staaten bei meinem ersten Eintritte
+auf mich machten, konnte nach dem, was ich hier in Neu-Orleans
+sah, unmöglich ein sehr günstiger sein. Obwohl ich mich über meine
+persönliche Aufnahme nicht zu beklagen hatte, und besonders von Herrn
++Dürmayer+ und der Familie +Höffer+, in deren Hause ich die letzten
+acht Tage zubrachte, viele Freundschaftsdienste erfuhr, so war ich doch
+herzlich froh, dieser Stadt den Rücken zu kehren, die man mit vollem
+Rechte auch eine Stadt der Wunder nennen könnte, denn wunderbar klingt
+es, Sklavenhändler, Sklavenbesitzer von Freiheit und Menschenrechten
+sprechen zu hören.
+
+
+ [1] Die Straßen in den Amerikanischen Städten bilden gleichmäßige
+ Vierecke, „Blocks“ genannt.
+
+ [2] Das Maine-Gesetz verbietet den Genuß geistiger Getränke. Es
+ entstand zuerst in dem Staate Maine, und erhielt daher seinen
+ Namen. Die Staaten, die dem Maine-Gesetze beigetreten sind,
+ werden Temperance-Staaten genannt.
+
+ [3] Ein Kind eines Pflanzers hatte einst den Einfall, seiner
+ Gespielin, einem Negermädchen, die Buchstaben kennen zu lehren.
+ Als die Mutter dieß zufällig sah, erschrack sie sehr darüber und
+ verbot ihrem Kinde streng, damit fortzufahren, -- ja die Angst
+ der Mutter war so groß, daß das Negermädchen aus dem Bereich der
+ Familie geschafft wurde, um das Bischen Wissen so schnell als
+ möglich zu vergessen.
+
+
+
+
+Neunzehntes Kapitel.
+
+ Abreise von Neu-Orleans. -- Napoleon. -- Fahrt auf dem Arkansas.
+ -- Little Rock. -- Gesellschaft auf den Dampfern. -- Amerikanische
+ Ungezwungenheit. -- Kinder-Emancipation. -- Fort Smith. -- Die
+ Cherokee-Indianer. -- St. Louis. -- Highland. -- Die Farmer. -- Pipin-
+ und St. Croix-See.
+
+
+Am +23. Juni+ verließ ich Neu-Orleans auf dem prachtvollen Dampfer
+„+Belfast+,“ der den Mississippi aufwärts ging. Kapitän +Taylor+,
+Eigenthümer des Schiffes, war so artig, keine Bezahlung von mir
+anzunehmen; mein Name war ihm durch die Zeitungsberichte bekannt.
+
+Die innere Einrichtung dieses Dampfers war sehr kostbar. Schwere
+Teppiche deckten den Boden, große Spiegel zierten die Wände, mit Sammt
+überzogene Möbel, ein schönes Piano die Säle. Die Kost bestand aus
+vier überaus reichen Mahlzeiten mit Backwerk, Eis u. s. w. Speisesaal,
+Schlafkabinen, Betten ließen an Pracht und Bequemlichkeit nichts zu
+wünschen übrig, und dabei war der Preis sehr billig: von Neu-Orleans
+bis St. Louis (1200 Seemeilen) 25 Dollars, stromabwärts gar nur 20. Die
+Amerikaner finden aber sogar diesen geringen Preis übertrieben.
+
+Ich fuhr nur den halben Weg nach dem Städtchen +Napoleon+, um von
+da aus auf dem +Arkansas+, der in den Mississippi mündet, nach Fort
++Smith+ zu gehen.
+
+Unterwegs wurde häufig an Städten und Ortschaften angehalten, von
+welchen die bedeutendste +Baton-Rouge+ mit ungefähr 30,000 Einwohnern.
+Obwohl viel kleiner als Neu-Orleans, wird diese Stadt als die
+Hauptstadt von Louisiana betrachtet, da sie mehr im Mittelpunkte
+liegt. Das Gouvernements-Gebäude gleicht einem Palaste; es steht auf
+einem kleinen Hügel, um welchen sich die Stadt lagert, und besitzt ein
+schönes Säulenportal.
+
+Die Stadt +Vicksburg+ scheint an Größe um ein geringes Baton-Rouge zu
+übertreffen; sie liegt auf niedrigen Hügeln.
+
+Am +26. Juni+ Abends gelangte ich nach +Napoleon+.
+
+Ich hatte nun von der Mündung des Mississippi bis Napoleon an 700
+Meilen gemacht, ohne auf dieser langen Strecke eine Ansicht zu finden,
+die mich nur im geringsten angesprochen, viel weniger bezaubert hätte.
+Der Strom als solcher ist erhaben: er gleitet majestätisch zwischen den
+reichen Urwäldern dahin; allein die fortdauernde Einförmigkeit seiner
+Ufer wird nur zu bald ermüdend, und man ist froh, die Fahrt auf dem
+raschen Dampfer zu machen. Die ersten hundert Meilen von Neu-Orleans
+an bieten nichts als große Pflanzungen von Zucker, Mais, Baumwolle in
+weiten Ebenen, die im Hintergrund von Waldungen begrenzt sind. Später
+werden die großen Pflanzungen seltener und kleiner, die Waldungen
+vorherrschend. Letztere sind zwar dicht und hübsch, aber Riesenstämme
+haben sie nicht aufzuweisen. Bei Baton-Rouge zeigen sich die ersten
+Hügelbildungen, Höhen von fünfzehn bis zwanzig Fuß, die sich aber bald
+wieder in den Ebenen verlieren. Bei Vicksburg erscheinen sie wieder auf
+eine kurze Strecke und mögen da ein Paar Fuß höher sein.
+
+Für den Pflanzer sind diese Ansichten gewiß überaus reizend, da er sie
+aus einem andern Gesichtspunkte als der Reisende betrachtet, und die
+unermeßlichen Strecken Landes, die seinem berechnenden Geiste Nahrung
+und Hoffnung geben, bewundert.
+
+Das einzige Originelle in diesem Lande mochten die Eingebornen
+gewesen sein, die aber, seit die Weißen hier hausen, beinah gänzlich
+verschwunden sind. Kein +Wig-wam+ steht mehr in den finstern Hainen,
+kein Indianer erscheint bewaffnet mit Bogen und Pfeil und dem
+Scalpirmesser an der Seite. Die wenigen Eingebornen, die man bei
+einigen Städtchen und Ortschaften noch sieht, kommen mir wie exotische
+Gewächse vor; sie waren mit Europäischen Lappen behangen und aller
+ihrer Volks-Eigenthümlichkeiten schon halb entfremdet.
+
+Obgleich die Reise nur drei Tage währte, hatten wir dennoch zwei
+traurige Fälle an Bord. Ein Mann starb an der Cholera, und ein freier
+Neger, Aufwärter am Tische, schlug im Streite einen seiner Gefährten
+todt. Die Ursache des Streites war folgende: Der Thäter schlief nahe
+an der Schiffsglocke, sein Gefährte band ihm aus Scherz die Füße an
+dieselbe, und rief ihm hierauf zu, daß es Zeit sei, die Tafel zu
+decken. Der Schläfer sprang auf, setzte dadurch die Glocke in Bewegung,
+und bekam natürlicher Weise von dem Steuermanne einen tüchtigen
+Verweis. Darüber erboßt, fing er mit seinem Kameraden einen Streit an,
+ergriff ein Stück Holz und versetzte ihm damit über den Kopf ein paar
+so tüchtige Schläge, daß er ihm die Hirnschale spaltete -- zwei Stunden
+später war der Arme todt.
+
+Die Reisenden sprachen über diese That mit einer empörenden
+Gleichgültigkeit. Die Jungen von acht bis zehn Jahren gingen hin,
+um den Erschlagenen anzusehen und kamen mit heiterer Miene zurück,
+erzählend was sie erblickten, als wären sie Zeuge irgend einer
+ergötzlichen Scene gewesen. Man weiß, daß Menschenleben in Amerika
+nicht hoch geschätzt wird; aber das Gefühl bei der Jugend schon so
+frühzeitig abgestumpft zu finden, ist doch traurig.
+
+Das Städtchen +Napoleon+, erst kürzlich dem Walde entstiegen, ist
+noch gänzlich von demselben umgeben. Ich blieb hier nur einen Tag und
+schiffte mich auf dem kleinen Dampfer „+Thomas P. Ray+“ nach +Little
+Rock+, dem Hauptstädtchen des +Arkansas+-Staates ein. Die Entfernung
+beträgt 300 Meilen, die wir in 42 Stunden zurücklegten.
+
+Auf dem Arkansas, so wie auf den meisten Nebenflüssen des Mississippi
+kann man sich nur kleiner Fahrzeuge bedienen, da die Flüsse im Sommer
+sehr wasserarm werden, und selbst die kleinsten Dampfer müssen durch
+einige Monate ihre Fahrten einstellen.
+
+Von einem großen Dampfer auf solch einen kleinen versetzt zu werden,
+ist ein Unterschied wie zwischen Tag und Nacht. Auf dem „Thomas P.
+Ray“ herrschte noch überdies wenig Ordnung. Es gab hier z. B. keine
+kleinen abgetheilten Schlafkabinen, sondern die Herren schliefen in
+einer gemeinschaftlichen Kabine, die Frauen ebenfalls. Außer mir befand
+sich nur eine Frau mit zwei Kindern an Bord. Man denke sich aber meine
+Verwunderung, als der Gemahl dieser Frau Abends in unsere Kabine kam
+und daselbst eine Schlafstelle einnahm. Wir hatten eine Hitze von 108
+Grad Fahrenheit, und ich war gezwungen, die schweren Vorhänge an meiner
+Schlafstelle zuzuziehen. Auch Morgens mußte ich mich mühsam hinter
+den Vorhängen ankleiden, und so an das Waschbecken treten, wo ich mir
+natürlich kaum die Augen und die Fingerspitzen waschen konnte. Freilich
+nehmen es die Damen in diesem Lande nicht so genau wie bei uns[4]. Die
+Sparsamkeit war auf diesem Dampfer ebenfalls sehr groß. Dem Trinkwasser
+wurde nur bei Tisch ein einziges Stückchen Eis beigegeben, während
+man auf den großen Dampfern zu jeder Stunde des Tages Eiswasser haben
+konnte. -- Kaffee, Thee wurde ohne Milch getrunken, obgleich wir zu
+verschiedenen Malen im Tage anlegten, und die Milch in diesem Lande ein
+so billiger Artikel ist, daß eine ganze Flasche voll nur einen Cent
+kostet. Das Mittagsmahl bestand am ersten Tage aus gebratenen Hühnern
+mit Kartoffeln, am zweiten gar nur aus etwas Schinken mit Kartoffeln.
+Dabei waren die Preise höher, als auf den Prachtdampfern, die den
+Mississippi befahren.
+
+Die beiden Ufer des Arkansas sind von dichten Waldungen eingesäumt, die
+sich noch über den größten Theil des Landes zu erstrecken scheinen. Der
+Fluß selbst ist so voll von hervorragenden oder, was für die Schiffe
+noch gefährlicher ist, kaum mit etwas Wasser überdeckten Baumstämmen,
+daß es der größten Vorsicht bedarf, hindurch zu steuern. Nachts wird
+nur bei hohem Wasserstande und hellem Mondscheine gefahren.
+
+Little Rock zählt 3000 Einwohner und gleicht mehr einem niedlichen
+Walddorfe, als einem Städtchen; die Häuser liegen weit von einander,
+meistens mitten in Gärten und Gebüschen.
+
+Ich fand hier als größte Merkwürdigkeit ein musikalisches Talent, ein
+sechsjähriges Mädchen, +Marie Schaar+, von deutschen Eltern, das erst
+seit fünf Monaten Klavierunterricht, und noch dazu sehr schlechten
+erhalten, und zum Erstaunen richtig und gut spielte. Jede Melodie, die
+man ihm einige Mal vorsang, spielte es nach, das Accordion behandelte
+es meisterhaft, obwohl es darauf gar keinen Unterricht bekommen hatte.
+Schade, daß das schöne Talent in dem kleinen Städtchen schwer eine
+höhere Ausbildung erlangen dürfte!
+
+Ich mußte in Little Rock bis 1. Juli auf den niedlichen Dampfer
+„Colonel Drennen“ warten, der von hier nach Fort +Smith+ (300 Meilen)
+fuhr. Auf diesem Dampfer war mehr Ordnung und eine hinreichend gute
+Kost.
+
+Die Fahrt auf dem Arkansas gefiel mir ungleich besser, als jene auf
+dem Mississippi. Der Arkansas ist zwar als Fluß mit jenem gar nicht zu
+vergleichen; im Gegentheil ist sein Wasserreichthum so geringe, daß die
+Dampfer häufig auf Sandbänke auffahren und nur mit großer Mühe wieder
+flott gemacht werden können. Das Auge aber hat hier, wegen der vielen
+und häufig aufsteigenden Hügel- und Bergketten (wenn auch diese von
+keiner bedeutenden Höhe), einen weiten und abwechselnden Spielraum; es
+herrscht nicht die tödtende Einförmigkeit wie auf dem Mississippi. Die
+Umgebung ist hier ebenfalls noch wilde Natur -- Wald, wohin das Auge
+blickt; nur hie und da erscheint ein kleines Maisfeld, gleich einem
+vorgeschobenen Posten der Cultur. Aermliche Holzhütten liegen unter den
+Bäumen halb versteckt; selten wird man einen ihrer Bewohner ansichtig.
+Niedere Hügelreihen treten auf, höhere Berge hinter ihnen. Schön nimmt
+sich eine Felsenparthie aus, sechs bis acht Meilen hinter Little Rock,
+von den Amerikanern mit Unrecht „+Big-Rock+“ (großer Felsen) genannt,
+denn ihre Höhe übersteigt nicht dreißig bis vierzig Fuß. Noch schöner
+sind die +Dardanellen+[5]. Felsen von ungefähr vierzig bis fünfzig Fuß
+Höhe stehen gleich Soldaten in Reihen an beiden Seiten des Flusses.
+Die Reisenden waren alle entzückt von diesem großen Naturwunder
+und meinten, daß es in der Welt nichts Schöneres geben könne. Im
+Hintergrunde zeigt sich der 500 Fuß hohe Berg +Magazine+, der höchste
+der ganzen Umgebung; er zeichnet sich durch einen langen, schmalen,
+ebenen Rücken von allen andern Bergen aus.
+
+In diesen Gegenden, wo man selten an einem Städtchen oder Oertchen
+vorüberfährt, wo alles noch wilde Natur ist, wo man nicht einmal
+die fällende Axt hört, hier machte es auf mich einen eigenthümlich
+erhabenen Eindruck, das große Kunstwerk menschlichen Schaffens, den
+Dampfer, stolz dahinbrausen zu sehen. Wenn seine Schaufelräder inne
+hielten, herrschte Todtenstille rings umher.
+
+Obwohl die Wälder überall dicht und üppig stehen, die wenigen
+Maisfelder schöne Früchte tragen, behauptet man dennoch, daß der Staat
+Arkansas nicht unter die fruchtbaren zu zählen sei, und daß es deßhalb
+so wenig Ansiedlungen gäbe. Einst, wenn Amerika das traurige Schicksal
+Europa’s haben und übervölkert sein wird, dürften sich die Züge der
+Einwanderer auch nach Arkansas wenden. Jetzt hat man es noch nicht
+nöthig, mit dem Lande zu sparen, da es für den üppigsten Boden noch zu
+wenig Hände gibt.
+
+Die Gesellschaften, die ich bisher auf den Dampfern traf, schienen eben
+nicht zu den gebildetsten zu gehören. Allgemein lachte man mich aus,
+wenn ich, während Holz geladen wurde, in den Wald ging, um Insekten zu
+fangen. Von einem Museum hatte selten jemand einen Begriff. Den ganzen
+Tag über wurde nichts als geplaudert; was die Leute in den Gasthöfen
+zu wenig sprachen, brachten sie hier ein. Man forschte mich mit großer
+Neugierde über meine Familienverhältnisse aus, man fragte mich, zu
+welcher Religion ich gehöre, wer mir das Geld zum Reisen gäbe, warum
+ich so große Reisen mache u. s. w. Nebstbei waren die Leute etwas gar
+zu ungezwungen. Wenn ich in einem Buche las, nahm man mir es ohne zu
+fragen aus der Hand, um den Titel, oder, wenn es Bilder enthielt, diese
+anzusehen. Während ich las, oder auf der Gallerie war, ging man ohne
+Umstände in meine Kabine, nahm die Insekten in die Hand und besah sie
+nicht bloß, sondern verdarb mir auch gar vieles. Am lästigsten aber
+waren die Kinder: die schrieen und lärmten um die Wette, wenn die
+Eltern nicht gleich thaten und erlaubten, was sie wünschten. Ich finde
+nichts schlechter, als Kindern die Erfüllung ihrer Wünsche erst zu
+verweigern, und wenn sie recht schreien und lärmen, dieselben am Ende
+doch zu gestatten. Sagt man den Kleinen: „Ja“ oder „Nein,“ so soll es
+dabei bleiben; das Kind wird dann schnell begreifen lernen, daß ihm die
+Unarten zu nichts helfen.
+
+Ein anderer Fehler der Amerikanischen Erziehung ist es, den Kindern
+so frühzeitig das Benehmen und die Gewohnheiten der Erwachsenen
+beizubringen. In manchen Ländern Europa’s bleiben die Kinder zu
+lange Kinder, was auch nicht gut, aber doch besser ist, als sie um
+ihre Kindheit ganz zu betrügen. Hier benimmt sich das achtjährige
+Mädchen schon wie eine angehende Frau, der zehnjährige Knabe wie ein
+erwachsener Jüngling. Das Mädchen heirathet in den südlichen Staaten
+oft schon im zwölften Jahre, die Knaben treten mit demselben Alter in
+das Geschäftsleben ein. In einigen der südlichen Staaten erlaubt sogar
+das Gesetz die Trauung zwölfjähriger Mädchen, welche dem elterlichen
+Hause entlaufen sind. Das Kind hat nur zu sagen oder zu beschwören, daß
+es dieses Alter habe, und wird von dem Priester getraut. Solche Ehen,
+die nicht selten vorkommen, heißen „~Run away matches~.“
+
+Eine natürliche Folge dieser Kinder-Emancipation ist, daß nicht nur
+die wissenschaftliche Ausbildung der Jugend vernachlässiget wird,
+sondern daß auch bei den Mädchen die Kindlichkeit, Bescheidenheit,
+bei den Frauen die zarte Weiblichkeit, die größten Zierden unseres
+Geschlechtes, nur zu häufig verloren gehen.
+
+Es gibt vielleicht in keinem Lande der Welt so viel öffentliche und
+Privat-Unterrichts-Anstalten, wie in den Vereinigten Staaten; dennoch
+kamen mir, wenigstens bisher, nicht viele gründlich gebildete Mädchen
+oder Frauen vor; denn ein Bischen Klavier klimpern, singen oder einige
+Französische Worte herplappern, nenne ich keine Bildung. Die größere
+Zahl begnügt sich mit einem oberflächlichen Anflug des Wissens, womit
+sie aber die echt republikanische Kühnheit verbindet, denselben überall
+zur Geltung zu bringen. So erschrack ich immer, wenn ich ein Klavier
+auf einem Dampfer sah. Jung und Alt setzte sich ohne Scheu hinzu; das
+Geklimper, der sogenannte Gesang nahmen den ganzen Tag kein Ende. Eben
+so wenig Kenntniß hatten sie von der Geographie. Wenn man mich fragte
+(was Hunderte thaten), von welchem Lande ich nach den Vereinigten
+Staaten gekommen, wo ich geboren sei u. s. w., und ich antwortete, ich
+sei von Peru gekommen, in Wien geboren, wußten sie weder wo Peru, noch
+wo die Stadt Wien liegt. Außer ihrem eigenen Lande kennen sie wenig
+von der Welt, von Europa kaum mehr als Paris und London, vielleicht
+einiges von Deutschland, und seit dem Kriege der Russen mit den Türken
+wohl auch St. Petersburg und Constantinopel. In den vielen Schulen, in
+welchen ich von den untersten bis zu den obersten Klassen Prüfungen
+aus der Geographie beiwohnte, hörte ich nichts als Fragen über die
+Vereinigten Staaten; man hätte glauben mögen, daß es gar keine andern
+Länder gäbe.
+
+Zu Anfange befremdete mich dieses oberflächliche Wissen sehr, um so
+mehr, als mich die Eltern versicherten, daß ihre Kinder schon mit vier
+Jahren die Schulen besuchten. Später sah ich wohl, woher es kam. Die
+meisten Eltern besitzen selbst keine höhere Bildung und glauben für
+die Erziehung ihrer Kinder genug zu thun, wenn sie dieselben nach der
+Schule senden. Die Mütter in der wohlhabenden Klasse sind wenig für
+Häuslichkeit erzogen; sie verbringen den größten Theil des Tages im
+Rocking-chair schaukelnd, eine Novelle lesend, oder einen Spaziergang
+machend, die Kaufläden besuchend, in welch letzteren sie Stunden
+zubringen, um die schönen Waaren zu besehen. Für Kinder-Erziehung Sorge
+zu tragen, dieselbe zu überwachen, haben sie weder Lust noch Zeit. In
+der Schule selbst werden die Kinder nicht sehr zum Arbeiten angehalten,
+denn beklagt sich das Kind über die Schule, über den Lehrer, so wird
+ihm stets Recht gegeben, und wünscht es die Schule, die es besucht, mit
+einer andern zu vertauschen, so erfüllt man seinen Willen. In Folge
+dieses Verfahrens sind die Lehrer gezwungen, gegen die Kinder weder
+Strenge noch Ernst zu gebrauchen, und sie wie erwachsene Leute zu
+behandeln. Thäten sie es nicht, so würden ihre Schulen bald leer sein.
+
+Als ich dieß alles gesehen und beobachtet hatte, befremdete mich
+das oberflächliche Wissen der Kinder nicht mehr; im Gegentheile, es
+wunderte mich, sie doch noch so unterrichtet zu finden, als es der Fall
+war.
+
+In Fort Smith angekommen, fand ich keine Gelegenheit mehr, die Reise
+zu Wasser fortzusetzen; der Fluß war schon zu seicht geworden. Ich
+miethete ein Pferd, um nach Fort Gibson (achtzig Meilen), in dessen
+Nähe die +Cherokee+-Indianer leben, zu reiten; allein in der Nacht
+hatte ich wieder einen Anfall des hartnäckigen Sumatra-Fiebers und
+mußte der Reise entsagen.
+
+Die Cherokee-Indianer zeichnen sich vor allen übrigen durch Schönheit
+und Bildung aus. Sie leben in Ortschaften und Städtchen, haben eine
+konstitutionelle Regierungsform, gute Schulen und senden ihre Söhne
+häufig in Amerikanische Handelshäuser; sie geben sogar eine Zeitung
+heraus. Ihr Häuptling ist mit einem weißen Mädchen aus guter Familie
+verheirathet. -- Eine Ehe mit einem Indianer wird nicht als entehrend
+angesehen.
+
+Ich traf in Fort Smith viele dieser Indianer, die theils in
+Handelsgeschäften, theils zum Vergnügen dahin gekommen waren. Mehrere
+speisten in dem Gasthofe, in welchem ich wohnte. Sie sprachen etwas
+Englisch und benahmen sich recht anständig; nur nahmen sie manchmal
+einzelne Stücke aus der Schüssel und führten sie gleich zum Munde;
+sie aßen mit Messer und Gabel. Ihre Gestalt und Gesichtsbildung war
+durchgehend hübsch; man hätte die meisten für Europäer halten können,
+wäre ihre Hautfarbe etwas lichter gewesen; diese aber war nicht hübsch,
+entweder lederartig oder schmutzig lichtbraun. Männer wie Weiber trugen
+Europäische Kleidung, manche der Männer über die Kleider eine Art
+weite, kurze Blouse mit reich garnirten großen Krägen; einer hatte ein
+zusammengedrehtes Tuch gleich einem Kranze um den Kopf geschlungen. Die
+Männer waren alle hübscher, als die Weiber.
+
+Während meines Aufenthaltes zu Fort Smith, am 4. Juli, wurde das Fest
+der Unabhängigkeit-Erklärung gefeiert, bei welcher Gelegenheit ein
+Negerball statt fand, an dem Freie wie Sklaven Theil nahmen. Sie waren
+alle Europäisch gekleidet, die Männer schwarz mit weißen Halsbinden
+und Westen, die Weiber und Mädchen in Tüll und andern hübschen weißen
+Stoffen; auch an Goldketten und Geschmeiden fehlte es nicht, eben
+so wenig an Bändern und Blumen in den Haaren. Der Saal war schön
+geschmückt und beleuchtet, der Speisen gab es in Fülle. Es machte einen
+höchst komischen Eindruck, alle die farbigen und schwarzen Gesichter in
+dem Europäischen Putze zu sehen.
+
+Von dem bösen Fieber befreit, ging ich nach wenigen Tagen wieder
+nach Napoleon zurück, wo ich mich auf dem prachtvollen Dampfer
+„Crescent-City“ auf dem Mississippi einschiffte; der Kapitän Mr. +John+
+nahm ebenfalls keine Bezahlung von mir an.
+
+Die Ufer des Mississippi blieben fortwährend von gleicher Einförmigkeit
+-- dichte unermeßliche Waldungen deckten die Ebenen; man hatte gar
+keinen Anhaltspunkt einer hübschen Ansicht; nirgends bedeutende
+Pflanzungen. Dem Vorübersegelnden zeigten sich nur erbärmliche hölzerne
+Hütten, bei welchen Holz für die Dampfer zum Verkaufe aufgeschichtet
+lag.
+
+Oberhalb des Städtchens +Memphis+ stiegen die Ufer des Mississippi
+in senkrechten Sandwänden zu einer Höhe von fünfzig Fuß empor. Diese
+Strecke gilt als eine der schönen Scenen des Stromes. Der gute Kapitän
+John rief mich auf die Gallerie, dieses Naturwunder zu besehen; die
+Entzückungen unter den Reisenden nahmen kein Ende. Nach einer Strecke
+von einigen hundert Schritten fällt die Natur schon wieder erschöpft in
+ihre frühere Einförmigkeit zurück.
+
+Bei +Jeddo+ (300 Meilen unterhalb St. Louis, also 1000 Meilen von
+der Mündung des Flusses), einem Städtchen mit einem großen, schönen
+katholischen Collegium, einer katholischen Kirche in Gothischem Style
+und mehreren bedeutenden Ziegelhäusern, hat man zum ersten Male
+hübschere Ansichten. Der Strom wird durch liebliche Inselchen in Arme
+getheilt, bildet hie und da große Buchten gleich einem See, und kleine
+Hügelketten erscheinen im Hintergrunde. Leute, die in ihrem Leben
+nichts anderes als die unteren Gegenden des Mississippi gesehen haben,
+mögen freilich diese Ansichten hinreißend schön finden; aber mit den
+Donau-Gegenden z. B. halten sie keinen Vergleich aus.
+
+Bei dem Städtchen +Cairo+ (280 Meilen unterhalb St. Louis) mündet
+der +Ohio+ in den Mississippi. Sein Wasser ist rein, von schöner,
+grünlicher Farbe. Eine gute Strecke noch vor der Mündung kann man den
+Kampf der beiden Gewässer beobachten. Erst tauchen nur einzelne Wogen
+des trüben Mississippi in dem klaren Ohio auf, bald werden sie häufiger
+und häufiger und endlich geht das Reine ganz verloren. Das böse Princip
+erringt hier, wie meistens im irdischen Leben, die Oberhand.
+
+Das Städtchen Cairo liegt auf einer Erdzunge zwischen den beiden
+Strömen. Alle diese Amerikanischen Städtchen oder Ortschaften gleichen
+sich: man sieht ihnen die Eile, die Hast an, mit der sie gegründet
+wurden. Sie bestehen meistens aus zerstreut umherliegenden Häuschen,
+die von einfachen Bretterwänden zusammen gezimmert, klein und
+beschränkt, mit Zimmerchen gleich Zellen versehen sind. Die dünnen
+Bretterwände halten weder im Winter die Kälte, noch im Sommer die
+glühende Hitze ab[6]. Aber an diesem und jenem Platze will sich der
+Amerikaner ansiedeln, mit dem Willen beginnt er auch schon die That und
+baut natürlich nur, was die höchste Notwendigkeit erfordert. Steigt
+sein Bedarf, so vergrößert er allmählich seinen Bau; auch findet er
+oft nach kurzer Zeit den Platz seinen Wünschen und Hoffnungen nicht
+entsprechend, oder sein spekulirender Geist sehnt sich nach etwas
+anderem; er verläßt plötzlich alles, selbst wenn es ihm gut ergangen
+war, um sich an einem andern Orte niederzulassen. Die Amerikaner nennen
+dieß „~move~.“ Ich traf auf dem Dampfer mehrere dergleichen „movende
+Familien,“ die mir selbst gestanden, daß sie ihre Ansiedelungen aus
+keinem anderen Grunde verließen, als weil sie schon einige Jahre darin
+gelebt hatten.
+
+Am +14. Juli+ erreichten wir die Stadt St. Louis, die erst einige
+Meilen früher sichtbar wird, da der Strom beständig große Krümmungen
+macht. Der Anblick der gleichförmigen Häusermasse, die sich dem Strome
+entlang an einer kleinen Erhöhung ausbreitet, bietet eben nichts
+überraschendes. Die großen Amerikanischen Städte besitzen wohl schöne
+Gebäude und viele Kirchen; aber man sieht diese erst, wenn man durch
+die Straßen wandelt; hervorragende schöne Kuppeln, hohe, majestätische
+Thürme gibt es nur sehr wenige. Die nahe Umgebung von St. Louis ist
+sandig, die Waldungen liegen mehrere Meilen entfernt; das Land ist eben.
+
+Ich stieg hier bei Herrn +Charles Boyce+, Richter (~judge~) in
+Louisiana ab. Ich hatte diesen Herrn, wie seine Familie, in Neu-Orleans
+kennen gelernt, bei welcher Gelegenheit er so gütig war, mich in sein
+Haus einzuladen, weil er wußte, daß ich im Sinne hatte, nach St. Louis
+zu gehen.
+
+Die Stadt St. Louis zählt gegen 120,000 Einwohner, eine überraschend
+große Bevölkerung für die kurze Zeit ihrer eigentlichen Entwicklung,
+denn noch vor zehn bis fünfzehn Jahren hatte sie kaum einige Tausend.
+Unter den Gebäuden sind, wie in allen Amerikanischen Städten, die
+Banken, die Gasthöfe, das Zollhaus u. s. w. die bedeutendsten; auch
+unter den Privatgebäuden gibt es schöne; so steht z. B. in der vierten
+Straße[7] ein Haus, ganz aus weißem Marmor gebaut, der in der Nähe
+der Stadt gebrochen wird. Die katholische Kirche ist einfach, aber
+sehr hübsch. Mein erster Gang war dahin, denn ich hatte von ihr in
+dem Directory of St. Louis vom Jahre 1854 folgendes gelesen: „Die
+Kathedrale von St. Louis hat keine Nebenbuhlerin in den Vereinigten
+Staaten hinsichtlich ihrer Pracht, des Werthes und der Zierlichkeit
+ihrer heiligen Gefäße, ihrer Gemälde und Verzierungen, und gewiß haben
+wenige Kirchen in Europa werthvollere Gegenstände aufzuweisen. Sie
+besitzt Gemälde von Rubens, Raphael, Guido, Paul Veronese und eine
+Zahl anderer von den neuesten Meistern der Italienischen Schule.“
+-- Ich hoffte dieser Beschreibung nach eine kostbare Bildergallerie
+nebst andern großen Schätzen zu sehen; aber zu meinem Erstaunen fand
+ich von allen diesen Kostbarkeiten und Meisterwerken nichts, vier
+Oelgemälde ausgenommen, von welchen jedoch nur eines der älteren Zeit
+zuzuschreiben sein mochte. Ich weiß, daß wohl gar manche Reisende die
+Gewohnheit haben, mehr Poesie als Wahrheit in ihre Beschreibungen zu
+flechten; aber eine ähnlich starke Lüge ist mir bisher doch noch nicht
+vorgekommen.
+
+Das Gefängniß ist aus massiven Steinen aufgeführt. Das Innere besteht
+aus einer großen Halle, um welche die Zellen in zwei Stockwerken
+laufen. Die Zellen sind für zwei Personen; sie besitzen gar keine
+Einrichtung, nicht einmal einen Schragen zum Schlafen -- eine Kuhhaut
+vertritt dessen Stelle. Der Gefangene kann sich, so lange er nicht
+abgeurtheilt ist, mit seiner Börse alle Annehmlichkeiten verschaffen,
+was nach gefälltem Urtheil nicht mehr erlaubt ist. Allein ich sah doch
+bei manchen Abgeurtheilten mehr Comfort als bei andern. Leider ist der
+goldene Schlüssel in den freien Staaten so mächtig, wie überall in der
+Welt.
+
+Die Gefängnißkost wäre nicht schlecht gewesen; allein die Bereitung und
+die Art, auf welche man die Speisen den Leuten gab, fand ich unsauber
+und unpassend -- man fütterte sie wie Hunde ab. Ein großer Kübel, in
+welchem alles zusammen geschüttet war, wurde in die Halle gebracht, ein
+ekelhaft schmutziger Neger faßte vor jeder Zelle mit einem Löffel, wohl
+auch mit der Hand einige Brocken heraus, warf sie in ein Geschirr, und
+schob dieses durch eine kleine Oeffnung in der Thüre dem Verbrecher zu.
+
+Die Luft in der Halle war sehr unrein: wenn man an die Zellen kam,
+mußte man die Nase zuhalten. Die Hinrichtungen (Aufhängen) finden in
+dem Hofe des Gefängnisses statt.
+
+Von Lehr- und andern Anstalten, als: für Kinder, die man von der Straße
+aufliest, für alte arme Leute, für Mädchen und Frauen, die sich bessern
+wollen u. s. w., besah ich manche, die ich alle sehr zweckmäßig und
+trefflich eingerichtet fand. In dieser Hinsicht, besonders was die
+Anstalten für Arme anbelangt, wird in den Vereinigten Staaten sehr
+viel gethan. Viele Vereine bilden sich unter den Frauen, die emsig
+nachsehen und alles sehr genau überwachen. In diesem Punkte kann man
+den Amerikanischen Frauen wahrhaftig des Lobes nicht genug nachsagen.
+
+Die Zuckerraffinerie des Herrn +Belcher+ ist sehenswerth, da sie die
+größte im Westen ist: es werden wöchentlich bei 600 Tonnen[8] Syrup
+(Melasses) in raffinirten Zucker verwandelt. Herr Belcher beschäftigt
+gegen 700 Menschen nebst 140 Pferden und Maulthieren. Ich sah hier
+einen der tiefsten artesischen Brunnen, die bisher gegraben wurden:
+seine Tiefe beträgt 2200 Fuß. Man war zwar auf eine sehr starke Quelle
+gekommen, sie enthielt aber so viel Schwefel, daß man sie nicht
+benützen konnte; es wird daher mit der Bohrung des Brunnens noch
+fortgefahren.
+
+Die Markthalle ist groß und hübsch, steht aber jener von Neu-Orleans
+weit nach.
+
+Der Friedhof +Belle Fontaine+ ist einer der schönsten von allen, die
+ich bisher gesehen. Er besteht aus einem prachtvollen Naturparke von
+vielen hundert Acres Landes, in welchem die Kunst nichts anderes zu
+thun hatte, als das Untergebüsch zu vertilgen, den Wald ein wenig zu
+lichten und den Grasboden zu cultiviren. Auf diesem Friedhofe werden
+nur Plätze für Familiengräber um theure Preise verkauft. Die Plätze
+sind mit zierlichen leichten Eisengittern eingefaßt und mit Blumen
+geschmückt, in deren Mitte kunstvolle Marmor-Monumente aufsteigen,
+von welchen manche in Italien gearbeitet worden sind. Bis jetzt gibt
+es noch wenige Grabesplätze. Der ganze Park ist von schönen Fahr-
+und Gehwegen durchschnitten, und ein Spaziergang dahin sehr lohnend.
+Schade, daß es keine Bänke gibt, um sich mit einem Buche allda länger
+aufhalten zu können.
+
+Ich blieb einige Wochen in dem Hause des Herrn Boyce und war während
+dieser Zeit sehr aufmerksam auf die Behandlung der Dienerschaft, die
+aus lauter Sklaven bestand. Zu meiner großen Freude fand ich, daß die
+Leute behandelt wurden, als gehörten sie zur Familie, ja meiner Ansicht
+nach wurden sie sogar zu wenig mit Arbeit beschäftiget: ein Halbdutzend
+Sklaven arbeitete nicht so viel, als bei uns zwei Dienstleute. Die
+Kleidung, die Kost war gut und hinreichend. Freilich gehörten auch Herr
+und Frau Boyce zu den trefflichsten Menschen und ihre Kinder zu den
+sehr wohl erzogenen. Glücklich wäre das Loos der Sklaven, würden sie
+überall so gehalten!
+
+Ich machte von St. Louis einen kleinen Ausflug nach dem Städtchen
++Highland+ (32 Meilen) in dem Staate +Illinois+, jenseits des
+Mississippi gelegen. Zu diesem Ausfluge mußte ich einen Platz in der
+Postkutsche (Stage-coach) nehmen, welche Art zu reisen die unbequemste
+und lästigste ist. Der sonst mit der Zeit so geizende Amerikaner hat
+da eine mehr als himmlische Geduld. So ist es z. B. gebräuchlich, daß
+sich die Reisenden nicht an dem Orte der Abfahrt einfinden, sondern der
+Wagen fährt vor jedes Haus sie abzuholen, eine Einrichtung, die sehr
+langweilig ist und in großen Städten vielen Zeitverlust verursacht. Man
+fährt oft ein Paar Stunden kreuz und quer, ohne daß die eigentliche
+Reise begonnen hat. Eben so zeitraubend geht das Umspannen vor sich:
+die Pferde sind nicht bereit, die Herren treten in die Schenke, und so
+vergeht eine halbe Stunde, bevor man weiter kommt. Unterweges werden
+die Pferde noch überdies getränkt.
+
+Das Städtchen Highland mit 5000 Einwohnern ist vor fünfzehn Jahren
+von Deutschen und Schweizern gegründet worden. Vor dieser Zeit war
+das Land rings umher noch Prairie; jetzt ist der größte Theil schön
+cultivirt und mit üppigen Weizen-, Hafer- und Mais-Feldern bedeckt.
+
+Man erwies mir in Highland sehr viele Ehren[9]. Herr +Bernais+, ehemals
+bei der französischen Gesandtschaft in Wien angestellt, erwartete
+mich schon an der Station, und führte mich sogleich in sein Haus. Am
+ersten Abende brachten mir die Mitglieder des Musikvereins, am zweiten
+die Sänger ein Ständchen. Die Freundlichkeit und Herzlichkeit, mit
+welcher man mir entgegen kam, die Deutsche Sprache, die ich von allen
+Seiten hörte, die heimathlichen Lieder und Kompositionen, auf wirklich
+ausgezeichnete Weise vorgetragen, machten es mich beinahe vergessen,
+daß ich mich in einem fremden Welttheile befand: es war mir, als sei
+ein Stück von Deutschland hieher gezaubert worden.
+
+Fünf bis sechs Meilen von Highland landeinwärts sind die Prairien noch
+im Naturzustande zu sehen. Man führte mich dahin; meine Begriffe waren
+aber anders gewesen: ich hatte sie mir, den Beschreibungen zufolge,
+als unübersehbare Flächen vorgestellt, mit sechs bis sieben Fuß hohem
+Grase bedeckt, durch welches der Durchgang höchst beschwerlich sei.
+Dem war indeß nicht so. Das Land hatte eine wellenförmige Bildung,
+der Boden war zwar reich bewachsen; allein selten überstiegen die
+Pflanzen die Höhe von zwei bis drei Fuß, und überall konnte man leicht
+zu Fuße oder zu Wagen durchkommen. Die Aussicht von den zwanzig bis
+dreißig Fuß hohen Hügeln war reizend; ich hätte nie geglaubt, daß
+eine Landschaft ohne Gebirge, ohne Flüsse und Seen so schön sein
+könnte. Die wellenförmige Bildung gestattete dem Auge eine weite
+Fernsicht und brachte dabei doch hinreichende Abwechslung hervor. Nette
+Farmhäuschen standen auf manchen Höhen, in Mitte blühender Pflanzungen;
+im Vordergrunde breitete sich das Städtchen aus, kleine Boskette von
+Frucht- und anderen Bäumen bildeten die Schlagschatten, und dunkle
+Waldungen faßten in weiter Ferne das ganze Bild ein!
+
+Auf der großen Besitzung des Herrn +Köpfli+ wurden vor einigen Jahren
+sogar Weingärten angelegt. Der Versuch gelang vortrefflich; allein
+es zeigte sich, daß der gewonnene Wein nicht die Kosten deckte und
+billiger aus fremden Ländern zu beziehen war; es wurde daher die
+Weincultur vor der Hand aufgegeben.
+
+Ich besuchte mehrere Farms, um die Lebensweise der Farmer
+(Grundbesitzer, Bauern) kennen zu lernen. Wer so viel besitzt, sich
+Grund und Boden zu kaufen, ein Häuschen zu bauen und seinen Bedarf
+für das erste Jahr zu decken, hat in den Vereinigten Staaten gewiß
+die schönste Zukunft vor sich. Die Ländereien, die man in noch
+uncultivirten Ländern von dem Staate kauft, kosten per Acre 1¼ Dollar.
+Auf seinem Grunde kann der Farmer schaffen und bauen, was er nur immer
+will: nichts ist in diesem schönen, freien Lande Monopol, nichts ist
+verboten oder hoch besteuert; außer einer ganz unbedeutenden Abgabe
+gibt es gar keine andern Leistungen und Pflichten.
+
+Die Farmers besorgen mit den Knechten die äußeren Geschäfte, denn nie
+sieht man in den Vereinigten Staaten ein Bauernweib auf dem Felde
+arbeiten, Gras für das Vieh heimschleppen, die Erzeugnisse nach dem
+Markte bringen u. dgl. Der Amerikaner hat für das weibliche Geschlecht
+zu viel Schonung, um ihm dergleichen schwere Arbeiten aufzubürden. Die
+Frauen besorgen die Hauswirthschaft, das Melken der Kühe, das Buttern
+u. s. w. Sie leben sehr gut und sind durchschnittlich sauber gekleidet,
+ja letzteres artet bei den Frauen oft nur zu sehr aus; sie erscheinen
+Sonntags in stattlichem Putze mit goldenen Ketten, Uhren und Ringen.
+
+Die Kost der Farmers besteht Morgens gewöhnlich aus kaltem Fleische
+oder Schinken, Brot, Butter und Thee oder Kaffee, Mittags aus
+gebratenem Fleische und Kartoffeln, Abends wie Morgens aus kaltem
+Fleische, Thee u. s. w. Was am ersten Tage erscheint, kommt das ganze
+Jahr hindurch, so daß die Küche den Frauen weder viel Kopfzerbrechen
+noch Arbeit verursacht.
+
+Beinahe jeder Farmer hat in seinem Hause ein nettes Zimmerchen, seine
+Freunde zu empfangen; trotzdem darf man aber von Gastfreundschaft nicht
+zu viel erwarten. Kommt man gerade zu einer ihrer Mahlzeiten, so wird
+man zwar eingeladen; aber außer den Eßstunden wird den Besuchern nicht
+einmal ein Glas Milch angeboten. Man sagte mir, daß jedermann auf Farms
+aufgenommen werde, aber gewöhnlich zahle, wenn er über Nacht bleibe, --
+worin besteht dann die gerühmte Gastfreundschaft? --
+
+Ich kann von Highland nicht scheiden, ohne auch der liebenswürdigen
+Familie +Bandelier+ zu gedenken. Jedermann, mit dem ich bekannt wurde,
+lernte bald meine Leidenschaft für Insekten kennen. Seit ich aber die
+Holländisch-Indischen Besitzungen verlassen hatte, war man nirgends so
+gütig gewesen, mir deren weder aus Gefälligkeit noch gegen Bezahlung
+zu verschaffen oder abzulassen; ja ich mußte wirklich oft über die
+Angst lachen, mit der man mir zuweilen ein Paar elende Stücke zeigte:
+die Leute fürchteten sich, mir ein Käferchen, einen Schmetterling
+anbieten zu müssen. Vergebens gab ich den geehrten Sammlern schon im
+voraus mein Wort, nichts zu begehren, mich mit dem Ansehen zu begnügen;
+aber wie es schien, trauten sie meinem Worte nicht, und jeder hatte
+seine Sammlung gerade vor einigen Tagen irgend einem Museum oder einem
+Freunde als +Geschenk+ gesandt.
+
+Nur der fünfzehnjährige Sohn des Herrn Bandelier machte eine Ausnahme;
+er zeigte mir seine Sammlung mit größter Freude, und bat mich mit
+wirklich rührender Innigkeit, davon zu nehmen, was ich brauchen könne.
+
+Von Highland fuhr ich nach +Libanon+ (10 Meilen), einem neu angelegten
+Städtchen, das bis jetzt noch aus nichts als aus einer kleinen Reihe
+hölzerner Häuschen besteht, die am Waldsaume liegen. Der größte
+Theil des Weges führt durch Prairien. Vier Meilen weiter liegt die
+Farm des Herrn +Hecker+. Mit Erstaunen sah ich diesen talentvollen,
+hochgebildeten Mann, den bekanntlich die politischen Verhältnisse
+zwangen, sein Vaterland (Baden) zu verlassen, sich in das Landleben
+fügen, als wäre er von Geburt an ein Farmer gewesen. Wenn er in seinem
+Farmeranzuge, mit seinem langen Barte mitten unter seine Landsleute,
+ja unter seine Freunde träte, niemand würde ihn erkennen. Beinahe noch
+mehr bewunderte ich seine Frau: sie hat sich mit derselben Ergebung
+und Fassung in die neue Lebensweise geschickt. Wie hart mag es beiden
+fallen, mit nichts als Feld und Vieh zu schaffen zu haben, von nichts
+anderem sprechen zu hören, jedes geistigen Umgangs zu entbehren?! --
+
+Ich kehrte von diesem Ausfluge wieder nach St. Louis zurück, wo ich
+noch einige Tage verweilte. Am +29. Juli+ setzte ich meine Reise auf
+dem schönen Dampfer „+Excelsior+“ fort, der von hier nach +St. Paul+
+(825 Meilen) ging.
+
+Kaum dreißig Meilen oberhalb St. Louis mündet der Missouri in den
+Mississippi, und dieser Fluß ist es, welcher dem Mississippi das
+schmutzige Gewässer bringt; oberhalb der Einmündung des Missouri ist
+der Mississippi klar und rein.
+
+Am +30. Juli+ früh Morgens legten wir an dem winzigen, aus höchstens
+einem Dutzend kleiner Häuser bestehenden Städtchen +Hamburg+ an, das
+sich ungemein reizend um einen ungefähr hundert Fuß hohen Hügel lagert.
+
+Noch schöner ist die Lage des Städtchens +Clarksville+. Wir kamen
+an mehreren Ortschaften vorüber, die alle, wenn auch nur einige
+hölzerne Häuschen zählend, in der Hoffnung auf die zukünftige Größe
+und Bevölkerung schon jetzt „Städte“ genannt werden. Der Amerikaner
+lebt überhaupt so sehr in der Zukunft, daß er von der Gegenwart wenig
+genießt.
+
+Von Hamburg bis zu dem Städtchen +Quincy+, welches wir am +31. Juli+
+erreichten, wird die Fahrt auf dem Mississippi angenehmer. Der Strom
+ist reich an größeren und kleineren Inseln; es zeigen sich abwechselnd
+Hügelketten, und die Waldungen sind ungleich schöner, da die Bäume an
+Höhe und Umfang zunehmen. Bei Quincy treten die Flächen wieder in den
+Vordergrund. Bei +Keokuk+ wurde der Wasserstand schon so niedrig, daß
+der größte Theil der Ladung auf ein Schleppschiff übertragen werden
+mußte.
+
+Das Städtchen +Madison+ mit dem Fort gleichen Namens gehört schon zu
+den größeren und mag 3-4000 Einwohner zählen. Bedeutender noch ist
++Burlington+, mit ziemlich großen Backsteinhäusern und breiten Straßen.
++Rock-Island+ und +Davenport+, einander gegenüber gelegen und nur durch
+den Mississippi getrennt, tragen den Namen „Stadt“ schon mit Recht.
+Doch haben alle diese Städte und Städtchen nichts Eigenthümliches oder
+Anziehendes. Das Land war auf beiden Seiten des Stromes noch wenig
+aufgebrochen, die Waldung nur an den Stellen gelichtet, auf welchen
+die Ortschaften standen; entweder wird noch wenig Land bebaut oder es
+geschieht dieß mehr im Innern.
+
+Wir blieben die Nacht vor Davenport liegen. Gegen 11 Uhr erhob sich
+ein starker Sturm, der in einen Orkan auszuarten drohte. Die Blitze
+folgten sich unausgesetzt, der Donner grollte wild durch das Brausen
+des Windes. Der Kapitän und die Offiziere eilten aus ihren Kabinen auf
+der obersten Terrasse in die tieferen hinab, befürchtend, der Sturm
+möchte jene sammt dem Schornstein der Maschine mit sich fortführen, wie
+es bei einem ähnlichen Sturme drei Wochen früher der Fall gewesen war.
+Wir sahen noch am Ufer die zerstörten Kamine liegen, und am Lande ein
+Backsteinhaus, das durch den Orkan seines Daches beraubt worden war.
+Wir kamen jedoch dießmal mit der bloßen Angst davon, schon nach einer
+Stunde zügelte der Sturm seine Wuth und hatte bald gänzlich ausgetobt.
+In der heißen Jahreszeit sollen diese Gegenden öfter von Orkanen
+heimgesucht werden.
+
+Am +4. August+ Morgens lenkten wir in das +Fieber-Flüßchen+ und
+landeten unfern seiner Mündung an dem Städtchen +Galena+. Die Lage
+dieses Städtchens ist reizend: ein Theil windet sich an dem Fuße eines
+schönen Hügels fort, während der andere sich in malerischen Gruppen bis
+an dessen Spitze zieht.
+
+Von Galena kehrten wir wieder in den Mississippi zurück, der nun schon
+bedeutend an Breite abnimmt, dessen Ufer aber dafür an Reiz gewinnen.
+
+Von Neu-Orleans bis hierher bietet dieser Strom der großen, schönen
+Scenen wahrhaftig so wenige, daß ein Maler in Verzweiflung gerathen
+müßte, würde ihm die Aufgabe gestellt, irgend eine überraschende,
+reizende Ansicht davon zu liefern. Der Reisende hat für die lange Fahrt
+(von der Mündung bis hierher 1600 Meilen) keine andere Entschädigung,
+als sich an dem Gedanken zu laben, daß es doch großartig ist, zwischen
+diesen Urwäldern und Prairien den Rücken eines der mächtigsten Ströme
+der Erde von Hunderten von Dampfern befahren, in diesen Gegenden, die
+noch vor zwanzig Jahren größtentheils von wilden Indianern, von Bären
+und anderen Bestien bewohnt waren, überall Städte und Ortschaften
+gleich Pilzen aus der Erde entstanden zu sehen. Allerdings ist dieser
+Gedanke mächtig; aber schon nach wenig Tagen wird man mit den sich ewig
+wiederholenden Wundern so vertraut, daß man ihrer am Ende gar nicht
+mehr gedenkt und nur von der Einförmigkeit der Naturscenen gelangweilt
+wird.
+
+In Galena vermehrte sich unsere Gesellschaft um zwei Mädchen oder
+Frauen von etwa zwanzig Jahren, deren Benehmen gleich zu erkennen gab,
+zu welcher Klasse sie gehörten. Sie sprangen umher, liefen einander
+nach, haschten sich u. s. w. Ich hielt mich fern von ihnen, denn noch
+war ich so albern, die Menschen nicht nach Farbe und Blut, sondern
+nach Bildung und Sittlichkeit zu schätzen. Als diese beiden Geschöpfe
+den nächsten Tag den Dampfer verließen, gingen sie ganz nahe an mir
+vorüber, klopften mir lachend auf die Achsel und schrieen mir in die
+Ohren, als wäre ich taub gewesen: „Sie gleichen unserer Großmutter auf
+ein Haar.“ Den Jahren nach hätte dieß wohl sein können: ich verläugne
+mein Alter nicht; allein die Art und Weise, in welcher mir die Mädchen
+dieß sagten, war so auffallend beleidigend, daß ich nicht umhin konnte,
+ihnen zu antworten: „Und Sie gleichen zwei Affen, die ich von meinen
+Reisen nach Hause gebracht habe, so vollkommen, daß ich schon dachte,
+Sie seien mir entsprungen.“
+
+Ueberhaupt befand sich auf diesem Dampfer wieder eine sehr gemischte
+Gesellschaft. Ein Paar andere junge Frauen warfen sich bei Tische mit
+den abgenagten Maiskolben -- die Nebensitzenden waren nicht sicher,
+daß ihnen ein Stück davon an den Kopf flog. Und Abends erst, wenn sich
+alle in den Schaukelstühlen (~Rocking-chairs~) wiegten, da hätte ich
+ein Maler sein mögen, um den Frauen ein Bild zu zeichnen, wie anmuthig
+sie sich in diesen Stellungen ausnahmen. Es waren zehn solcher Stühle,
+die Frauen schoben sie in einen Kreis zusammen, setzten sich recht tief
+hinein, streckten die Füße weit vor, ja manche hielten auch noch den
+Arm über den Kopf, und so schaukelten sie sich, so viel es der Stuhl
+zuließ. Wie unzart, wie unweiblich das aussah, ist nicht zu beschreiben.
+
+Man sagte mir freilich, daß ich die Amerikaner nicht nach dem Benehmen
+auf den Dampfern beurtheilen solle.
+
+Das will ich gern glauben. In den Gesellschaften in Neu-Orleans oder
+Neu-York hätte ich sie nicht so in ihrem natürlichen Gehenlassen
+gesehen wie auf den Dampfern. In den Gesellschaften hätte ich nicht
+gesehen, daß die Herren es sehr lieben, die Füße auf Stühle, ja
+selbst auf Tische zu strecken -- ein eben so reizendes Bild, wie das
+der weiblichen Jugend in den Schaukelstühlen. In den Gesellschaften
+hätte ich nicht gesehen, wie die Leute die Achtung für sich und die
+Gesellschaft so ganz außer Augen setzen, daß sie in beschmutzten,
+ja selbst zerrissenen Kleidern, mit schmutziger Wäsche, ungeputzten
+Stiefeln an die Tafel kommen. In den Gesellschaften hätte ich nicht
+gesehen, daß selbst nett gekleidete Herren gleich Matrosen beständig
+Tabak kauen, daß sich gar viele ihrer Finger statt des Taschentuches
+bedienen, und daß sie bei Tische die Knochen des Geflügels, die
+Schalen der Kartoffeln u. s. w. auf das Tischtuch neben den Teller
+legen. In den Gesellschaften hätte ich nicht gesehen, wie unartig und
+naseweis sich die Kinder benehmen. Und schwerlich hätte ich in den
+Gesellschaften Gelegenheit gefunden, zu bemerken, daß die Leute gar
+so orthodox und von der Sucht befallen sind, alles bekehren zu wollen,
+was in ihr Bereich kommt. Kaum war ich oft auf das Deck eines Dampfers
+gestiegen, so kam schon eine Frau oder ein Herr mit der Frage daher.
+„Zu welcher Kirche gehören Sie?“ Ich fand diese Frage so unhöflich, so
+unbescheiden, daß ich meistens zur Antwort gab: „Ich bekümmere mich
+nichts, zu welcher Sekte Sie gehören, folgen Sie meinem Beispiele.“
+Wünschte ich ein Buch zu haben, so gab man mir nicht selten religiöse
+Abhandlungen oder die Bibel. Ich finde nichts ungeschickter, als, wie
+man zu sagen pflegt, sogleich mit der Thüre in das Haus zu fallen: es
+gibt dieß einen ungünstigen Begriff von den Leuten, und man hört gar
+nicht oder mit Unwillen auf ihre Worte. Ich für meinen Theil floh diese
+Bekehrer wie das böse Fieber, denn nichts ist mir unerträglicher, als
+ein von seinem Glauben aufgeblasener Fanatiker.
+
++6. August.+ Früh Morgens fuhren wir in einen kleinen See, aus dessen
+Mitte ein Inselchen steigt. Die Gegend war so still und romantisch,
+das Inselchen von der Welt so abgeschieden, daß nichts als eine Klause
+sammt dem Eremiten fehlte, das Bild vollkommen zu machen. Dieser
+kleine See ist das Vorspiel eines größern, des +Pipin-Sees+ (zwanzig
+Meilen lang vier Meilen breit); beide werden von dem Mississippi
+gebildet. Die Ansicht des letzteren entschädigte mich zum großen Theile
+für die lange, einförmige Strom-Reise. Südwestlich ist sein Becken
+von einer hohen Hügelkette eingefaßt, die oft in steilen Felswänden
+von drei- bis vierhundert Fuß Höhe abfällt. An eine derselben,
+„+Maiden’s-Rock+“ (Mädchen-Fels) genannt, knüpft sich eine traurige
+Sage. Ein Indianisches Mädchen war bestimmt, mit einem ihrer Landsleute
+verheirathet zu werden. Da kam zufällig ein Weißer, der sich in der
+Gegend verirrt hatte, in den Wig-wam (Dorf) des Mädchens. Er hielt
+sich da einige Zeit auf, lernte das Mädchen kennen und lieben und
+fand Gegenliebe. Als die Eltern so wie der Bräutigam dieß bemerkten,
+verfolgten sie das Mädchen mit Vorstellungen und Drohungen, und
+suchten die Hochzeit zu beeilen, um der Geschichte ein Ende zu machen.
+Eines Tages, als das arme Geschöpf von dem Bräutigam besonders stark
+gepeinigt wurde und sich nicht zu retten wußte, floh es auf den Fels
+und stürzte sich in den See, der den Körper nur als Leiche wiedergab.
+
+Die anderen Seiten des Sees sind theils von Hügeln, theils von sanft
+aufsteigenden, gut kultivirten Flächen umgeben, deren Hintergrund eine
+niedere Bergkette bildet. Städtchen, einzelne Farms liegen an den
+Ufern. Ich konnte des Anblicks der reizenden Landschaft, des schönen
+Wasserspiegels nicht müde werden, und zu schnell fuhren wir in den
+dritten See ein, den +St. Croix+, welcher von dem Flusse gleichen
+Namens gebildet wird und noch länger, aber bedeutend schmäler als der
+Pipin-See ist. Gleich einem langen, weißen Tuche schlingt er sich
+zwischen Hügeln, Flächen und Wäldern durch, und gestattet kaum einigen
+kleinen Inseln Raum in seinem Bette. Auch +seine+ Ufer sind schön und
+abwechselnd.
+
+Am +7. August+ Morgens trafen wir in +St. Paul+ ein.
+
+
+ [4] Später, als ich auf dem Ohio fuhr, rief eines Morgens eine junge
+ Dame einen Herrn in den Damensalon, mit welchem sie keineswegs in
+ naher Verwandtschaft stand, denn sie nannte ihn „Mister“ (Herr)
+ und er sie „Miß“ (Fräulein), und ließ sich von ihm ohne Umstände
+ das Kleid zuschnüren, obwohl eine Dienerin und viele Frauen da
+ waren, die ihr denselben Dienst hätten leisten können.
+
+ [5] Die Amerikaner pflegen Gegenden, Berge, Städte, Ortschaften mit
+ den Namen der berühmtesten Gegenden, Gebirge, Städte oder selbst
+ Personen der ganzen Welt aus alter und neuer Zeit zu benennen.
+
+ [6] Bekanntlich ist in den Vereinigten Staaten im Sommer die Hitze,
+ im Winter die Kälte viel heftiger als in andern Ländern, die
+ unter denselben Breitegraden liegen.
+
+ [7] Viele Straßen sind in den Amerikanischen Städten durch Nummern
+ bezeichnet.
+
+ [8] Eine Tonne gleich zwanzig Centner.
+
+ [9] Man verzeihe mir, wenn ich dergleichen erwähne; es geschieht aber
+ nur in der Absicht, allen den guten Menschen, deren ich auf
+ meinen Reisen unter allen Nationen so viele traf, meine dankbare
+ Erinnerung zu bezeigen.
+
+
+
+
+Zwanzigstes Kapitel
+
+ St. Paul. -- Die St. Antony-Fälle. -- Die Pelzjäger. -- Die Fahrt
+ in der Postkutsche. -- Stillwater. -- St. Croix. -- Rückkehr nach
+ Galena. -- Amerikanische Geduld. -- Chicago. -- Der Michigan-See.
+ -- Milvaukee. -- Die unterirdische Eisenbahn. -- Die Mormonen. --
+ Der Lake Superior. -- Die Indianer. -- Der Huron- und Erie-See. --
+ Cleveland. -- Niagara-Falls-Village.
+
+
++St. Paul+ ist das Hauptstädtchen des +Minnesota-Distriktes+. Es
+besteht aus zwei Theilen, von welchen der eine, der untere, an dem
+Ufer, der andere (obere) auf Hügelland liegt. Dieses Städtchen, erst
+vor fünf Jahren entstanden, nimmt, wie fast alle Anlagen in diesem
+Distrikte, mit überraschender Schnelligkeit zu: es zählt bereits über
+5000 Einwohner, und zwischen den hölzernen Häuschen stehen schon gar
+manche stattliche Backsteingebäude. Bis auf zwei Meilen im Umkreise
+gibt es hübsche Landhäuser, die in jung gepflanzten Gärten, in neu
+aufgebrochenem Lande liegen.
+
+Der Distrikt Minnesota ist den Vereinigten Staaten noch nicht als
+Staat eingereiht. Eine Masse Landes muß, um als Staat anerkannt zu
+werden, von einer gewissen Anzahl Weißer bewohnt sein (sechzig-
+bis hunderttausend). So lange dieß nicht der Fall ist, bleibt
+sie „Distrikt.“ In den Distrikten kann sich jedermann ansiedeln,
+Land aufbrechen so viel und wo es ihm gefällt, man bedarf keiner
+Bewilligung hierzu, hat nicht das geringste dafür zu bezahlen und
+ist ganz steuerfrei; wird aber der Distrikt als Staat erklärt, so
+muß man für das in Besitz genommene Land 1¼ Dollar per Acre bezahlen
+oder es abgeben. Bevor der Distrikt zum Staate wird, entscheiden die
+Einwohner durch Stimmenmehrheit für oder gegen die Einführung der
+Sklaverei. Von Minnesota weiß man schon jetzt, daß die Sklaverei nicht
+eingeführt wird, was nicht so sehr aus Menschenliebe geschieht, als in
+Folge der klimatischen Verhältnisse. Das Klima ist gesund und für die
+Europäischen Einwanderer vollkommen geeignet; sie können hier so gut
+alle Feldarbeit bestellen, wie in ihrer Heimath, und wo dieß der Fall
+ist, kommt die Arbeit billiger zu stehen, als mit Sklaven.
+
+Der Distrikt Minnesota hat 166,000 Quadratmeilen oder 106 Millionen
+Acres Land; er wurde, obwohl den Weißen schon seit mehr als hundert
+Jahren bekannt, doch eigentlich erst im Jahre 1849 von der Regierung
+mit einiger Aufmerksamkeit untersucht und für sehr fruchtbar erklärt.
+Sie kaufte den Eingebornen das Land ab, kleine Strecken ausgenommen,
+und schickte sie größtenteils nach dem Indianer-Territorium. Die
+Regierung bezahlt den Indianischen Häuptlingen gewöhnlich per Acre
+fünf bis sechs Cents, ungefähr eben so hoch belaufen sich die Kosten
+der Bemessung, Unterhandlung, Versendung der Eingeboren, Geschenke
+u. s. w., so daß ihr der Acre Landes auf zehn bis zwölf Cents zu stehen
+kommt. Sie verkauft ihn dann, wie gesagt, zu 1¼ Dollar.
+
+Seit einigen Jahren bevölkert sich Minnesota mit reißender
+Schnelligkeit und dürfte in kurzer Zeit zum Staate wenden. Im Jahre
+1852 zählte man kaum zwanzigtausend Weiße; in dem darauf folgenden
+Jahre ergab sich schon beinahe die doppelte Zahl.
+
+Bisher sind die einzigen Ausfuhrartikel Bretter und Bauhölzer aller
+Gattung, die erst nach St. Louis verflößt werden, von wo man sie
+weiter versendet. Man kann sagen, daß in diesem Lande Dampf- und
+Wasser-Sägemühlen an Stellen arbeiten, wo man beinahe noch die
+rauchende Hütte des Indianers, die Spuren des wilden Büffels, des
+flüchtigen Hirsches gewahrt. Hier ist der Menschenfleiß mit der
+Natur im regsten Kampfe. Ich glaube kaum, daß je ein Land so schnell
+angegriffen wurde, wie Minnesota. Es wird zwar noch viel an Getreide,
+Kartoffeln u. s. w. von den Nachbarstaaten eingeführt, weil die
+Ansiedler noch zu sehr mit der Lichtung der Wälder, mit den Sägemühlen
+beschäftigt sind; doch hofft man schon in wenig Jahren nicht nur den
+eigenen Bedarf zu decken, sondern sogar auszuführen, da der Boden sich
+als außerordentlich fruchtbar zeigt.
+
+Schönes, glückliches Land, das jedem Auswanderer mit gutem Gewissen
+zu empfehlen ist, besonders solchen, die kräftige Hände, Arbeitsliebe
+und Ordnungssinn mitbringen! Hier kann der Ansiedler auf baldigen Lohn
+hoffen, das Klima ist nicht tödtend, die Arbeit nicht so beschwerlich
+und langjährig, wie in manchen andern Ländern, wo oft erst die Kinder
+den Fleiß der Eltern ernten.
+
+Ich kam nach St. Paul mit einem Empfehlungsbriefe an Herrn
++Holingshead+, der sich sein Haus eine kleine Strecke von der Stadt auf
+einem Hügelchen gebaut hat, von welchem er das reizendste Rundgemälde
+überblickt. Das ganze Land ist wellenförmig und noch von großen
+Prairien und mächtigen Wäldern bedeckt. Die wellenförmige Bildung
+gestattet ausnehmend weite Fernsichten. Ein Hügel, welchen mir Herr
+Holingshead zeigte, soll hundert Meilen im Umkreise sichtbar sein und
+den verirrten Wanderern als Leitstern dienen.
+
+Herr Holingshead war so freundlich, mich sogleich zu einer Fahrt nach
+den berühmten Wasserfällen des Mississippi (den +St. Antony-Fällen+, 9
+Meilen) einzuladen. Die lieblichsten Wege führen dahin über Ebenen und
+Hügel, zwischen Prairien, Bosketten und neu aufgebrochenen Feldern,
+in deren Mitte der kürzlich angekommene Farmer vorläufig seine
+Bretterhütte aufgeschlagen hat. Jeder Schritt, der mich den Fällen
+näherbrachte, steigerte meine Neugierde, denn ich hatte sie von den
+Amerikanern als höchst merkwürdig schildern hören. Ich konnte zwar
+keine mächtige Wassermasse erwarten, da der Fluß so seicht war, daß
+wir kurz vor seinen Fällen durchfahren konnten; doch war seine Breite
+noch ziemlich bedeutend; was an Wasserfülle mangeln mochte, hoffte ich
+an Höhe ersetzt zu sehen. Bald stand ich vor den Fällen, über alle
+Maßen erstaunt -- aber nicht über deren Großartigkeit, sondern über
+deren Unbedeutendheit. Ueberdieß gab es nicht mehrere, sondern nur
+einen Fall. Die Höhe des Sturzes mochte kaum zwanzig Fuß betragen,
+die Breite war zwar bedeutend, aber eben dadurch verlor sich die Höhe
+noch mehr. Zudem war der Fall durch eine Brettermühle und durch eine
+Menge angeschwemmter Baumstämme sehr verunstaltet. Das schönste ist
+die Felswand, über die er sich stürzt: sie schien wie mit einem Meisel
+senkrecht abgeschnitten. Die nahe Umgebung bot nichts Romantisches:
+sie bestand aus Waldungen, die alle Aussicht versperrten.
+
+Und so sah ich abermals eine Naturscene, aus welcher die Amerikaner ein
+Wunder machen, und abermals muß ich gestehen, daß nur Leute, die nichts
+weiter gesehen haben, so urtheilen können. Aus Gefälligkeit in das
+allgemeine Horn zu blasen, wie viele Reisende es thun, ist meine Sache
+nicht; ich schreibe wie ich sehe und fühle, bin jedoch weit entfernt zu
+glauben, daß meine Ansichten und Gefühle immer die richtigen sind.
+
+Von dem Falle des Mississippi fuhren wir mit einem kleinen Umwege an
+dem Falle des +Minne-ha-ha+ (lachendes Wasser) vorüber, nach St. Paul
+zurück. Dieses Wässerchen hat kaum drei Fuß in der Breite, stürzt
+sich jedoch senkrecht über eine Wand von sechzig Fuß, in ein Becken,
+das von dicht bewachsenem Hügeln, oder eigentlich Felswänden, enge
+umschlossen ist. Das Ganze gleicht einem eingestürzten Krater, allein
+keine ausgeworfene Lava ist sichtbar. Man kann zwischen dem Falle und
+der Felswand durchgehen. Mir gefiel beinahe dieser Miniatur-Wasserfall
+besser, als jener gerühmte des Mississippi; von ersterem erwartete
+ich nichts, von letzterem sehr viel. Besonders reizend waren die
+Ansichten von den kleinen Höhen: der Blick schweifte ungefesselt weit
+hin über das wellenförmige Prairien-Land, auf der einen Seite den Fluß
+Minnesota, auf der andern den Mississippi verfolgend, der nach dem
+Sturze seinen Lauf in einem engen Felsbette fortsetzt.
+
+Auch an dem Fort +Snelling+ kamen wir vorüber, das auf erhöhtem
+Felsgrunde steht, aus Stein gebaut und mit seinen vier Eckthürmen für
+Indianer gewiß uneinnehmbar ist. Bei diesem Fort ergießt sich der
+Minnesota in den Mississippi.
+
+Wir fanden hier einige der sogenannten „Pelzjäger“ gelagert. Diese
+Leute führen ein ganz eigenthümliches Leben. Sie halten sich beständig
+unter den Indianern auf, wählen ihre Weiber aus ihnen und beschäftigen
+sich nur mit Jagd und Tauschhandel. Sie halten sich Wochen und Monate
+lang in den dichtesten Wäldern auf, wandern hoch nach dem Norden hinauf
+und suchen mit allen Stämmen in Verbindung zu kommen. Sie nehmen von
+den Eingeborenen Pelzwerk gegen Glasperlen, Messing, gefärbte Stoffe
+u. s. w. Wenn sie der Waaren genug gesammelt haben, beladen sie damit
+kleine, zweirädrige Karren, mit einem Pferde bespannt, und ziehen nach
+den großen Städten, um zu verkaufen. Zurück bringen sie Kaffee, Zucker,
+Thee u. dgl. für ihren Bedarf, und andere Waaren für die Indianer.
+Während der Reise lagern sie stets in kleinen Zelten unter Gottes
+freiem Himmel. Sie gewinnen ihre Lebensweise meistens so lieb, daß sie
+dieselbe gegen die bequemste und angenehmste nicht vertauschen würden.
+Obwohl sie oft viel Geld für ihre Pelze lösen, kehren sie doch häufig
+arm zurück, da sie wie die Minenarbeiter in Californien sind, und in
+kurzer Zeit den schwer verdienten Gewinn durchbringen. Glücklich noch
+jener, der davon so viel erübrigt, einige Waaren für den Tauschhandel
+mit nach Hause zu bringen. Die meisten dieser Pelzjäger sind Franzosen.
+
+Mit trefflichem Appetit kamen wir von diesem Ausflug zurück nach
+Herrn +Holingshead’s+ Haus, wo ein ausgezeichnetes Mittagsmahl unsrer
+harrte. Nach Tische führte mich noch Frau Holingshead nach einer
+kleinen Grotte, zwei Meilen von St. Paul, die eine halbe Meile weit in
+einen Sandhügel dringt. Ein Bächlein, das seinen Lauf durch die Grotte
+nimmt und kein eigentliches Bett hat, verbreitet überall Nässe und
+Feuchtigkeit, so daß der Gang in das Innere sehr unangenehm und dabei
+nicht lohnend ist, denn nirgends wird die Gestaltung eines Tropfsteins
+sichtbar. Das hübscheste ist eine unregelmäßige Halle am Eintritte,
+welche die Städter manchmal an heißen Tagen zu geselligen Vergnügungen
+benützen.
+
+Am +9. August+ verließ ich St. Paul, um nach dem Lake +Superior+ zu
+gehen. Diese Reise wird theils auf dem Flusse +St. Croix+ und theils
+zu Lande gemacht. Ich hatte mich zu St. Paul mit einem Herrn, der
+gleichfalls dahin wollte, besprochen, den Ausflug gemeinschaftlich zu
+unternehmen, und sollte zu Stillwater (16 Meilen von St. Paul) zwei
+Tage auf ihn warten.
+
+Nach Stillwater fuhr ich mit dem Postwagen. Ich fand da einen jungen
+Mann, der kein Wort sprach, und eine junge Frau, die keinen Augenblick
+schwieg. Schon in der ersten Viertelstunde hatte sie uns alle ihre
+Verhältnisse erzählt. Nachdem wir kaum zwei Meilen gefahren waren,
+vermehrte sich unsere Gesellschaft um eine dritte Person, eine junge
+Frau, dem Putze nach zur reichen Klasse gehörend, denn sie war in Seide
+gekleidet und mit Schmuck reichlich versehen. Allein ihr Benehmen
+verrieth sie nur zu schnell. Die eine Seite ihres Gesichtes wies noch
+große blaue Flecken, die sie vermuthlich in irgend einer Schenke
+erbeutet hatte. Sie kaute Tabak trotz dem derbsten Amerikaner, zog ein
+Fläschchen mit Branntwein aus der Tasche, labte sich ohne Umstände
+damit und lud uns freundschaftlich zum Mitgenuß ein. Sie richtete an
+uns alle das Wort. Von dem stummen Herrn und mir erhielt sie zwar
+keine Antwort; aber mit dem geschwätzigen jungen Weibe gerieth sie
+alsbald in tiefes Gespräch. Doch diese Gesellschaft genügte der Dirne
+nicht, sie rief dem Kutscher zu, anzuhalten, stieg aus und gesellte
+sich zu einigen Männern, die oben auf dem Wagen saßen. Mittags wurde
+an einem Gasthofe angehalten, wir setzten uns an die Tafel und mußten
+diese Person in unserer Mitte dulden -- sie war ja +eine Weiße+! --
+Nach Tische kam ein hübscher, junger Mann in unsere Kutsche, und als
+die edle Dame dieß sah, stieg auch sie wieder ein. Die beiden Leutchen
+wurden bald so vertraut mit einander, daß man bedauern mußte, Ohren
+und Augen zu haben. Ich erzähle dieses schöne Intermezzo nur, um
+zum Nachdenken darüber aufzufordern, ob man die Menschen nach ihrer
+Hautfarbe, oder nach ihrem Benehmen beurtheilen solle.
+
+Die kurze Reise[10] nach Stillwater ist so lieblich, daß ich sie (nur
+in keiner Stage-coach) aus Vergnügen oft wiederholen könnte. Hübsche
+Wege führen durch einen natürlichen Wiesenpark, an kleinen Seen
+vorüber, die sehr reich an Fischen sein sollen, und hin und wieder
+eröffnen sich Aussichten auf den schönen St. Croix See, auf Prairien
+und weite Strecken Landes.
+
+Zu Stillwater nahm mich Herr +Schulenburg+ freundlich in seinem
+Hause auf, und ich wartete verabredeter Weise zwei Tage auf meinen
+Reisegefährten; als aber weder er noch einige Zeilen von ihm kamen (die
+erste Unhöflichkeit, die ich von einem Amerikaner erfuhr), ging ich am
+dritten Tage den +12. August+, auf einem kleinen Dampfer nach St. Croix
+(30 Meilen).
+
+Stillwater liegt nahe dem Ende des Sees, und bald kamen wir in den St.
+Croix-Fluß, der nur bis St. Croix, und zwar nur für ganz kleine Dampfer
+befahrbar ist; bei St. Croix bildet er Stürze und Wasserfälle, und
+oberhalb dieser ist er seicht und voll Felsen, durch welche sich kaum
+kleine Boote durcharbeiten können.
+
+Die Fahrt ist hübsch, man ist von wilden, pittoresken Fels- und
+Waldparthien umgeben; aber den nur einigermaßen verzärtelten Reisenden
+würde sie wohl nicht für die Unannehmlichkeiten entschädigen, welchen
+er auf diesen ganz beschränkten Dampfern ausgesetzt ist. Bis jetzt ist
+die Gegend meistens nur von Holzschlägern und Holzhändlern besucht,
+die in ihren ganz beschmutzten und zerrissenen Anzügen nicht selten
+betrunken an Bord kommen. Da nur ein Platz existirt, muß man in ihrer
+Gesellschaft leben. Der Tisch war jämmerlich bestellt, ein ekelhaftes
+Tischtuch ausgebreitet, Theetassen dienten statt der Trinkgläser. Ich
+werde dieses Dampfers, dieser Gesellschaft nicht leicht vergessen; ein
+Betrunkener saß mit am Tische, ein zweiter lag daneben im Bette und
+schnarchte nach dem Takte. --
+
+Wir saßen mehrmals auf Sandbänken auf und erreichten diesen Tag nicht
+St. Croix, obwohl wir Stillwater schon Morgens acht Uhr verlassen
+hatten. Man wies mir für die Nacht ein schmutziges Bett an, das so hart
+und knollicht war, als wäre es mit Steinen ausgefüllt gewesen.
+
++13. August.+ Um neun Uhr Morgens erreichten wir St. Croix. Der
+Dampfer hielt in einem Wasserbecken, das von sechzig bis siebenzig
+Fuß hohen Felsen so enge umschlossen ist, daß man kaum die Ein- und
+Ausfahrt gewahren konnte. Eine der Felsspitzen, von den übrigen etwas
+abgesondert, führt den Namen „des Teufels Schornstein.“
+
+Als ich an’s Land stieg, bat ich sogleich jemanden, mich nach den
+zwei Fällen des St. Croix-Flusses, dem Taylor- und dem obern Falle zu
+führen, von welchen beiden man mir in Stillwater und St. Paul viel
+gesprochen hatte. Wenn wir Europäer von einem Wasserfalle sprechen,
+verstehen wir darunter doch eine hübsche Masse Wassers, die sich über
+eine Höhe von wenigstens zwanzig bis dreißig Fuß stürzt. Die Amerikaner
+sind in ihren Ansprüchen viel bescheidener: sie ersetzen an dem Namen,
+was der Sache fehlt. Man wies mir eine Wasserschnelle (Rapid) von
+kaum drei Fuß Höhe, vor welcher der Dampfer anhielt, und die ich,
+ihrer Unbedeutendheit wegen, gar nicht beachtet hätte, dieß war der
+Taylor-Fall; auch der obere Fall, eine Meile höher, war eher einer
+Schnelle zu vergleichen: seine Höhe betrug sieben bis acht Fuß.
+
+St. Croix besteht bis jetzt nur aus einem Gasthause[11], einem Dutzend
+hölzerner Hütten und ein Paar Sägemühlen, die im Walde umherliegen.
+Man hofft, daß sich hier bald eine bedeutende Stadt bilden wird. Diese
+Hoffnung hegen die Amerikaner überall, wo einige Hütten entstehen.
+
+Die Witterung in St. Paul, Stillwater und hier war bereits so rauh,
+neblicht und regnerisch wie kaum bei uns im Monat November, so daß man
+mir abrieth, die Reise nach dem Lake Superior zu Lande zu machen; sie
+wäre auch unter diesen Umständen, des bösen Sumatra-Fiebers wegen, das
+ich nicht los werden konnte, wirklich gefährlich für mich gewesen. Ich
+kehrte daher wieder über Stillwater nach St. Paul und von da mit dem
+Dampfer +Galena+ auf dem Mississippi nach Galena (300 Meilen) zurück.
+Von Galena fuhr ich mit der Stage-coach nach +Warren+ (25 Meilen)
+und von da mit der Eisenbahn nach +Chicago+ (175 Meilen), wo ich am
+20. August ankam. Ueber diese Reise läßt sich nichts sagen, als daß
+das Land durchgehends wellenförmig gebildet, zum Theil mit Waldungen
+bedeckt ist und sehr fruchtbar scheint; die üppigen Felder versprachen
+überall reiche Ernten.
+
+Ungleich größeres Interesse fand ich darin, den Amerikaner zu
+beobachten, der mir mit seinen widersprechenden Eigenschaften ewig ein
+Räthsel bleiben wird. Auf einer Seite ist oft ein Wort hinreichend,
+sein Blut in Wallung zu bringen, ja ihn bis zu Mord und Todtschlag zu
+führen, auf der andern besitzt er die unendlichste Geduld. Letzteres
+namentlich den Dienstleuten gegenüber, die beinahe die eigentlichen
+Herren im Hause zu sein scheinen: um jede Dienstleistung muß man
+sie bitten und ersuchen, als wäre es eine Gnade, selbe von ihnen zu
+erhalten. Ich sehe es gewiß von Herzen gerne, daß Dienstleute wie zur
+Familie gehörend, behandelt werden, würde aber auch strenge darauf
+halten, daß sie die Pflichten, die sie gegen mich übernommen haben,
+eben so genau erfüllen, wie ich die meinigen gegen sie.
+
+Eine eben so ungemessene Nachsicht zeigen die Amerikaner, wie ich zum
+Theile schon erwähnt habe, mit den Ungezogenheiten nicht nur ihrer
+eigenen, sondern auch der fremden Kinder. Um die Geduld meines Lesers
+nicht zu ermüden, will ich von den vielen Beispielen, die mir vorkamen,
+nur eines erwähnen. Ich fuhr einst in einer Stage-coach an einer
+einsamen Farm vorüber. Ein Junge kam heraus gesprungen, schrie dem
+Kutscher zu, anzuhalten und lief dann zurück in das Haus. Der Kutscher
+hielt einige Minuten, kein Mensch kam, -- es war ein Scherz des Knaben.
+Anstatt abzusteigen und den Jungen zu züchtigen, begnügte sich der
+Kutscher ein „~Goddam~“ auszurufen, und fuhr weiter.
+
+Mit wahrer Entrüstung aber war ich Zeuge der Gelassenheit, mit welcher
+sich auf der Fahrt von Galena nach Warren neun Herren den Launen eines
+der Kutscher unterwarfen. Auf der letzten Station, auf welcher die
+Pferde gewechselt werden, pflegen die Reisenden, wenn sie frühzeitig
+ankommen, Thee oder sonstige Erfrischungen zu nehmen. Wir waren aber
+später von Galena fortgefahren, hatten Angst, den Zug auf der Eisenbahn
+zu versäumen, und sagten dem Kutscher, der ebenfalls auf jeder Station
+gewechselt wird, er solle gleich weiterfahren. Dieser jedoch, mit dem
+Wirthe vermutlich einverstanden, befahl uns fast, den Thee zu nehmen
+und erklärte, daß er vor einer halben Stunde nicht weiterfahren würde.
+Wir nahmen zwar keinen Thee; allein der Kutscher verschwand, und
+all unser Rufen brachte ihn nicht zur Stelle. Als er endlich kam,
+ersuchten ihn die Herren auf die höflichste Weise, die Fahrt so viel
+wie möglich zu beschleunigen. Die Straße war herrlich, die Pferde waren
+frisch -- der Kutscher aber fuhr im langsamsten Schritte. Keine Bitte
+half, nicht einmal Geld, das man ihm gab. Die Herren stießen zeitweise
+ein halblautes „~Goddam~“ aus, und damit war es abgethan. Ich als
+Frau konnte nichts machen; aber ein Halbdutzend meiner phlegmatischen
+Deutschen Landsleute hätte ich an die Stelle zaubern mögen, und bin
+überzeugt, die hätten sich zu helfen gewußt.
+
+Glücklicher Weise kamen wir drei Minuten vor dem Abgange des Zuges an,
+und da niemand Reisekoffer mit sich führte, hatten wir nur von Wagen zu
+Wagen zu steigen. Das Versäumen des Zuges hätte uns einen ganzen Tag
+gekostet, denn es war Sonnabend, und am Sonntage geht in dem Staate
++Illinois+ kein Zug.
+
+Die Stadt Chicago liegt in einer Ebene an dem +Michigan+-See. Das
+einzige Merkwürdige an ihr ist ihr schnelles Emporwachsen. Im Jahre
+1830 entstanden die ersten hölzernen Hütten, vier Jahre später fing
+man an zu vermuten, daß der Platz vortheilhaft werden könnte, nahm ihn
+rasch in Angriff, und nun zählt die Stadt schon an 60,000 Einwohner.
+
+Ueberhaupt erfreut sich der ganze Staat Illinois einer reißend
+schnellen Entwicklung. Man kann von ihm dasselbe sagen, wie vom
+Distrikte Minnesota: das wellenförmige Land ist vortrefflich, die
+Prairien sind leicht in Felder umzuschaffen, das Klima ist gut und
+daher das Zuströmen der Einwanderer sehr bedeutend. Dabei ist der
+Amerikaner unternehmend wie kein anderer Mensch in der Welt, baut
+gleich Eisenbahnen nach allen Richtungen und befährt Flüsse und Seen
+mit Dampfern. Die Verbindungen sind früher im Gange, als die Gegend
+bevölkert ist; aber eben diese Verbindungen erleichtern das Ansiedeln.
+Ueberall wird Land aufgebrochen, werden Farms errichtet, und wie durch
+Zauber entstehen Ortschaften und Städte.
+
+Am +22. August+ setzte ich die Reise auf dem Michigan-See fort. Ich
+fuhr bis +Milvaukee+ (96 Meilen) in dem Staate +Wisconsin+. Auch diese
+Stadt, erst im Jahre 1833 entstanden, zählt bereits 35,000 Einwohner,
+von welchen ein Dritttheil Deutsche sind.
+
+Ich fand hier den ersten guten Deutschen Gasthof, Herrn
++Wetzstein+ gehörig, in welchem man treffliche Kost, sehr hübsche
+reinliche Zimmer für den billigen Preis von einem Thaler per Tag bekam.
+In den andern Städten, wo ich bisher nach Deutschen Gasthöfen gefragt
+hatte, waren es schmutzige Kneipen für arme Einwanderer.
+
+In Milvaukee verweilte ich einige Tage und erfuhr von den Deutschen,
+ganz besonders von den Frauen, sehr viele Aufmerksamkeiten. Ihr
+freundlich zuvorkommendes Wesen, ihr Bestreben mir gefällig zu
+sein, wird nie in meinem Gedächtnisse erlöschen. Herr +Napastek+
+veranstaltete jeden Nachmittag eine Parthie nach den schönsten Punkten
+der Umgebung, nach Melm’s Garten, nach Pest’s Pavillon u. s. w.
+Die Fernsichten waren reizend, obwohl es der Landschaft an Hügeln
+und Bergen gebrach. Aber der herrliche Wasserspiegel des Sees, der
+in unübersehbarer Weite mit dem Horizonte verschwamm, ersetzte die
+fehlende Gebirgswelt.
+
+Außer den Deutschen Frauen lernte ich auch eine sehr liebenswürdige
+junge Amerikanerin kennen, deren Gemahl, Herr +Booth+, Herausgeber
+des „Demokraten“ und wüthender Abolutionist, sich vor kurzem an einem
+Aufstande betheiligte, welcher eines entlaufenen Sklaven wegen hier
+statt hatte. Der Fall war folgender: Ein Neger, aus den Sklavenstaaten
+entflohen, wurde hier entdeckt und gefangen gesetzt. Er sollte seinem
+Herrn, der gekommen war, ihn abzuholen, ausgeliefert werden. An dem
+dazu bestimmten Tage vereinigten sich viele Abolutionisten, Herrn
+Booth an der Spitze, stürmten das Gefängniß, befreiten den Neger und
+verhalfen ihm zur Flucht nach Canada.
+
+Herr Booth wurde eingesperrt, später jedoch auf Ehrenwort und gegen
+eine Erlegung von 2000 Thaler bis zur Beendigung des Prozesses frei
+gelassen. Sollte er den Prozeß verlieren, so muß er auf sechs Monate in
+das Gefängniß und 1000 Thaler Strafe bezahlen[12].
+
+Wie widersprechend sind doch die Gesetze, oder vielmehr wie leicht
+umgangen in diesem Lande! Wenn jemand einen Brand anlegt, ein
+betrügerisches Falliment macht, ja einen Mord oder was immer für ein
+großes Verbrechen begeht, kann er leichter durchzukommen hoffen, als
+wenn er sich eines entlaufenen Sklaven annimmt, demselben zur Flucht
+behülflich ist. Könnte man ein Verbrechen sittlich nennen, so würde es
+dieses sein, und gerade da sind die Richter unerbittlich. Wie empörend
+ist nicht ein solches Gesetz in einem republikanischen jungen Staate,
+welcher der ganzen Welt als Muster aufgestellt werden sollte! --
+
+In dem Staate Illinois hat sich eine geheime Gesellschaft gebildet, die
+den aus den nachbarlichen Sklavenstaaten entlaufenen Negern zur Flucht
+nach Canada behülflich ist. Zu diesem Zwecke gibt es verschiedene
+Stationen, auf welchen stets Pferde und Wagen bereit stehen, die
+Flüchtlinge in größtmöglichster Eile über die Grenze zu bringen. Man
+nennt diese Art der Beförderung „die unterirdische Eisenbahn.“ Wenn der
+Sklave so glücklich ist, die erste Station zu erreichen, kann er sich
+für so viel wie gerettet halten. Ist das Gericht auf seiner Spur, daß
+man ihn nicht gleich fortschaffen kann, so hält man ihn verborgen und
+bietet alle Mittel auf, sein Entkommen zu bewerkstelligen.
+
+Am +26. August+ verließ ich Milvaukee auf dem Dampfer +Troi+, der den
+ganzen Michigan-See entlang bis Sault St. Maria (304 Meilen) führt. Der
+Michigan-See ist, als Wasserfläche betrachtet, unstreitig großartig und
+einem Meere zu vergleichen, da seine Länge 400, seine größte Breite 80
+Meilen beträgt. Die Umgebung dagegen ist im höchsten Grade einförmig --
+nichts als unübersehbare Ebenen. Die Ufer steigen höchstens bis 30 Fuß
+auf, und die Städte, die allein das ewige Einerlei unterbrechen, bieten
+eben so wenig Interesse, da sie eine der andern vollkommen gleichen.
+
+Gegen das Ende des See’s gibt es viele Inseln, darunter die
+„Biber-Insel,“ welche von Mormonen[13] bewohnt wird. Wir hielten hier,
+wie überhaupt an vielen Orten an. Ich stieg an’s Land, um diese Leute
+zu besuchen, deren Lebensweise als gänzlich verschieden von jener
+aller andern christlichen Sekten geschildert wird. Man sagt von ihnen,
+daß sie Weiber- und Güter-Gemeinschaft haben, daß sie gemeinschaftlich
+essen und arbeiten, daß die Kinder der Mutter im dritten Jahre
+weggenommen und der Gesellschaft übergeben werden u. s. w.
+
+Ich fragte einen alten, ehrwürdig aussehenden Mormonen hierüber.
+Derselbe wollte von alledem nichts wissen; nur was Feld- und andere
+Arbeiten anbelange, sei Gemeinschaft eingeführt. Er erzählte
+mir ferner, daß ihr Chef oder Priester ein Prophet sei, der die
+Krankheiten, mit Ausnahme der Beinbrüche (da reicht die Kraft des
+heiligen Mannes vermuthlich nicht aus) durch Auflegen der Hände heile,
+daß derselbe jeder Arbeit enthoben sei und dessen ungeachtet mehr
+arbeite, als der fleißigste unter ihnen, denn er sei nicht nur den
+ganzen Tag, sondern auch den größten Theil der Nacht mit Schreiben
+beschäftiget. Als ich ihn fragte, was jener denn so viel zu schreiben
+habe, ob es religiöse Tractate und Uebersetzungen derselben in
+verschiedene Sprachen wären, um sie hinaus in alle Welt zu senden
+und Proseliten zu machen, erhielt ich zur Antwort, daß er niemanden
+offenbare, was er schreibe, daß dieß ein heiliges Geheimniß sei. Zum
+Mormonenthum gehört also auch eine tüchtige Portion Glauben.
+
+Ferner vernahm ich von diesem Manne, daß wenn ihr Prophet oder
+Priester stürbe, ein anderer unmittelbar von Gott gewählt und die Wahl
+durch einen Engel verkündet würde. Bei näherer Befragung zeigte es sich
+jedoch, daß der Prophet Gott und Engel selbst vorstellt, daß er seinen
+Nachfolger bestimmt, den guten Leuten vorgebend, es sei ihm die Wahl im
+Traume von einem Engel zugeflüstert worden(!!)
+
+Am +28. August+ erreichten wir das Ende, oder besser gesagt, den Anfang
+des Michigan-Sees, der mit dem Lake Superior durch den Fluß +Sault
+St. Maria+ (nur einige Meilen lang) verbunden ist. Unmittelbar vor
+dem Eingange in den Lake Superior bildet der Fluß starke Schnellen
+oder Abfälle, auch ist das Bett voll von Riffen und Felsen, über die
+sich das Wasser mit großer Gewalt stürzt, so daß die Schiffahrt auf
+die Strecke von einer Meile unterbrochen wird. Man arbeitete gerade
+an einem Schleußen-Kanale, welcher die Schiffe von einem See in den
+andern fördern wird. Die Kosten dieses Baues sind auf 650,000 Dollars
+veranschlagt. Der Obere See (Lake Superior) liegt 792 Fuß über der
+Meeresfläche und einige dreißig Fuß höher als der Michigan.
+
+Zu Sault St. Maria mußte ich einen Tag auf den Dampfer warten, der den
+Oberen See befährt. Ich wohnte da bei Herrn +Johnson+, welcher ein
+kleines, aber sehr nettes +Boarding-house+ hält und mit seiner Familie
+zu den trefflichsten Menschen gehört. Jeder Reisende wird sich bei ihm
+heimisch und zufrieden fühlen.
+
+Am +29. August+ spät Abends trat der Dampfer „Baltimore“ seine
+Rundfahrt um den See an. Die Nacht war sehr neblicht, und durch
+Unvorsichtigkeit des Steuermannes, der sich dem Lande zu nahe hielt,
+fuhren wir auf eine vor dem Oertchen +White fish points+ gelegene
+Sandbank hart auf. Wir mußten den Tag erwarten, die ganze Ladung
+herausnehmen und wurden erst nach zwölf Stunden angestrengter Arbeit
+wieder flott. Wir waren kaum hundert Fuß vom Ufer entfernt und hätten
+eben so gut, wie auf die Sandbank, auf das feste Land auffahren können.
+Dergleichen Unvorsichtigkeiten und noch bei weitem größere, kommen
+jedoch in den Vereinigten Staaten so häufig vor, daß man gar nicht viel
+Wesens davon macht.
+
+Bei dieser Gelegenheit sah ich das Oertchen White fish points, welches
+von Indianern bewohnt ist, die sich ausschließlich mit dem Fischfange
+beschäftigen. Auch ein Paar Amerikaner haben sich da angesiedelt, um
+von den Eingebornen die Fische einzutauschen, welche getrocknet und
+eingesalzen werden. Der Obere See zeichnet sich durch seinen Reichthum
+an äußerst schmackhaften Fischen aus. Dieser Nahrungsquelle zufolge war
+auch in früheren Zeiten die ganze Umgebung des Sees sehr bevölkert,
+und als die Französischen Jesuiten im 17. Jahrhunderte bis hierher
+vordrangen, fanden sie Wig-wams mit einer Bevölkerung von 2000 Seelen.
+Jetzt ist das freilich schon lange anders. Die Weißen brachten ihnen
+Seuchen und Branntwein, so daß die Bevölkerung bald zusammen schmolz,
+und von den Resten dieses unglücklichen Volkes werden noch in der
+neuesten Zeit manchmal kleine Transporte nach dem „Indian Territory“
+gesendet. Ein Indianer dürfte auch an diesem unermeßlichen See bald zur
+seltenen Erscheinung werden.
+
+Der +Superior-See+ ist der größte Süßwasser-See in der bekannten Welt,
+er hat 355 Meilen Länge, 160 Meilen größte Breite, seine Wasserfläche
+beträgt 32,000 Quadratmeilen, die tiefste Stelle 900 Fuß. Von den
+Jesuiten im Jahre 1641 entdeckt, wurde das umliegende Land im Jahre
+1671 von der Französischen Regierung in Besitz genommen. Im Jahre 1659
+geschah die erste Erwähnung des daselbst vorkommenden Kupfers: die
+Eingebornen zeigten den Jesuiten ein Stück reines Kupfer von sechs-
+bis siebenhundert Pfund. Doch wurde erst in unserem Jahrhundert, im
+Jahre 1845, angefangen, dieses Metall auf bergmännische Art zu Tage zu
+fördern. Die Bergwerke liegen alle mehrere Meilen von dem See entfernt,
+der tiefste Schacht mißt 700 Fuß, die größte Masse reinen Kupfers, die
+bisher gefunden wurde, soll 50 Tonnen schwer gewesen sein.
+
+Wir machten auf dem Lake Superior wenigstens fünfhundert Meilen, bis
+wir an sein Ende kamen, denn wir lenkten in viele Buchten ein und
+brachten den erst kürzlich entstandenen Oertchen (von den Amerikanern
+bereits Städte genannt) Lebensmittel und sonstige Bedürfnisse.
+
+Bei +Lepointe+, in dessen Nähe zwölf Inselchen liegen, die „+zwölf
+Apostel+“ genannt, fanden wir zufällig sehr viele Indianer. Die
+Amerikanische Regierung theilt nämlich alljährlich im Monat September
+an die Chefs und Vornehmsten der Stämme, welche noch in diesen Gegenden
+leben, Geschenke an Lebensmitteln, Kleidungsstücken, Geld u. s. w. aus.
+Die Vertheilung findet zu Lepointe statt, wo sich alle zu beschenkenden
+Indianer versammeln.
+
+Ich sah deren eine ziemlich bedeutende Anzahl; sie gehörten zu den
+Chipewa- und Sioux-Indianern und waren hübscher, kräftiger und höher
+an Wuchs, als die meisten, besonders die südwestlichen, die mir bisher
+vorgekommen waren. Doch hatten sie auch breite Backenknochen und straff
+herabfallende Haare, die einen Theil des Gesichtes verbargen. Das
+Häßlichste an ihnen war die Hautfarbe: eine recht schmutzig blaßgelbe
+Lederfarbe. Wie sie zu dem Namen „Rothhäute“ gekommen sind, mögen die
+Götter wissen. Es gab zwar manche rothbraune Gestalt unter ihnen, man
+hätte die Hautfarbe für natürlich halten können, so fein war sie am
+ganzen Körper eingerieben; allein bei näherer Betrachtung sah man wohl,
+daß es nicht die Naturfarbe war. Nichtsdestoweniger fand ich gar manche
+dieser Wilden mit ziemlich regelmäßigen, hübschen Gesichtszügen. Einige
+hatten etwas von der Kultur der Weißen angenommen, gingen Europäisch
+gekleidet, trugen die Haare zierlich gekämmt, sprachen Französisch oder
+Englisch, verstanden diese Sprachen sogar zu schreiben, und hatten
+Handwerke gelernt oder sich dem Handel gewidmet. Der große Haufe aber
+zieht es vor, schlecht zu leben, halb nackt zu gehen, nur nicht zu
+arbeiten. Die Indianer in den kalten Gegenden sind eben so wenig zum
+Ackerbau und zu Handwerken zu bewegen, wie die Völker unter der heißen
+Zone.
+
+Erst am fünften Tage der Reise erreichten wir +Fond of lake+, die
+äußerste südwestliche Spitze des Sees. Ich war nun den ganzen See
+entlang gefahren, konnte aber in die stete Begeisterung der mich
+umgebenden Gesellschaft nicht einstimmen. Wenn die Leute nur einige
+hölzerne Hütten beisammen stehen sahen, ging es wie aus einem Munde:
+„Ach wie schön, wie herrlich! Welches Bild könnte man da entwerfen!“
+Es ist wahr, der Lake Superior ist ungleich pittoresker, als der
+Michigan-See, die ihn umgebende, noch größtentheils im Schlummer
+ruhende Natur, die finster aufsteigenden Wälder, die Hügelketten
+verleihen ihm vielen Reiz; doch herrscht zu wenig Abwechselung, um
+von der Umgebung begeistert werden zu können. Die Hügel sind meistens
+niedrig, der höchste Berg, der +St. Ignacio+ an der Neepigon-Bay soll
+1300 Fuß hoch sein; diesen Koloß bekamen wir jedoch nicht zu sehen.
+
+Die neu angelegten Oertchen sind alle sehr unbedeutend: sie bestehen
+vor der Hand noch aus kleinen Holzhäuschen, die mitten in den Waldungen
+liegen. Das Land wurde noch nirgends aufgebrochen, die Dampfer bringen
+allen Lebensbedarf für die neuen Ansiedler mit.
+
+Unter den Reisenden gab es auch wieder gar manche, die begierig
+waren, zu wissen, welcher Religion ich angehörte, wer mir Geld zum
+Reisen gäbe u. s. w. Diese unzarte Neugierde berührte mich jedesmal
+sehr unangenehm, und ich fand mich wirklich oft gezwungen, in meinen
+Antworten ein wenig derb zu werden, um den unverschämten Fragen ein
+Ende zu machen.
+
+Am zweiten Tage der Reise kam eine Frau von ungefähr dreißig Jahren an
+Bord. Sie war für ihr Alter etwas zu jugendlich gekleidet, trug die
+Haare in langen Locken bis über die Schultern hinab und einen großen
+runden Strohhut. Kaum hatten die übrigen Frauen sie gesehen, so kam
+sogleich eine derselben zu mir, vor einem Gespräche mit dieser Fremden
+warnend: man glaube, sie habe keinen guten Ruf. Ich erwiderte ihr,
+daß das Glauben nicht genug sei, jemanden zu beleidigen; aber außer
+mir sprach auch richtig niemand mit ihr. Abends wurden wie gewöhnlich
+einige Quadrillen getanzt. Bei der dritten Quadrille führte ein Herr
+die Fremde auf den Tanzplatz. Die Musik begann; aber kein anderes Paar
+erschien. Der Herr trat vor und frug, warum man diese Frau absichtlich
+so beleidige, er kenne sie und wisse, daß sie bei Verwandten zum
+Besuche gewesen sei und nun zu ihrem Gemahl nach Fond of lake gehe;
+ihr Charakter sei tadellos. Keine Antwort erfolgte, und der Tänzer war
+gezwungen, mit der Frau abzutreten.
+
+Hätten doch die anderen religiösen, tugendhaften Frauen wenigstens so
+viel Zartgefühl gehabt, nicht mehr zu tanzen: das wäre doch eine kleine
+Entschädigung für die schwere Beleidigung gewesen; aber weit entfernt
+davon -- kaum war der Platz geräumt, so fing das Tanzen wieder an.
+
+Zufälliger Weise bestürmte mich den nächsten Morgen gerade wieder eine
+der neugierigsten Frauen mit der Frage, zu welcher Religion ich gehöre.
+Ich erwiderte ihr ganz erzürnt: „Gewiß nicht zu jener, zu welcher Sie
+und die ganze Gesellschaft gehören, denn meine Religion verbietet mir,
+einen Nebenmenschen zu beschimpfen, ihm die Ehre zu rauben.“ -- Von
+diesem Augenblick an hatte ich Ruhe.
+
+In Fond of lake sind in einem kleinen Halbkreise bereits fünf Plätze
+an dem See für Städte abgesteckt; an manchen stehen schon einige
+hölzerne Häuschen. Sollten die Städte zu Stande kommen, so dürften sie
+sich beinahe berühren; doch bezweifle ich die Erbauung, denn außer den
+Kupferminen wird, da der Boden schlecht ist, keine Erwerbsquelle sein.
+Leicht dürften einige von ihnen das Schicksal des Städtchens Trinidad
+in Kalifornien haben und eingehen, bevor sie noch zu Städten werden.
+
+Am +6. September+ traf ich wieder zu Sault St. Maria ein. Ich hatte nun
+zehn Tage beinahe in derselben Gesellschaft gelebt und mit Erstaunen
+bemerkt, wie freundlich und zärtlich die Frauen mit einander thaten,
+gerade als wären sie alte Bekannte gewesen. Auch mich luden jene, die
+in St. Maria wohnten, in ihr Haus auf eine Tasse Thee ein. Kaum aber
+fiel der Anker, so lief alles auf und davon, und die neuen Freundinnen
+nahmen sich gar nicht einmal Zeit, einander Adieu zuzurufen. Um
+mich kümmerte sich schon gar keine Seele, man vergaß (vielleicht
+vorsätzlich), mir die Wohnungen zu sagen, wo ich die Tasse Thee nehmen
+sollte. Doch an derlei Artigkeiten war ich schon gewöhnt, und ruhig
+ging ich wieder in das nette Häuschen des Herrn Johnson.
+
+Am +7. September+ traf mich der frühe Morgen schon am Bord des Dampfers
+„+Illinois+,“ um meine Reise nach dem Norden fortzusetzen.
+
+Die Fahrt geht erst auf dem Flusse +St. Maria+, der sich oft zu kleinen
+Seen ausbreitet und recht artige Ufer bespült. Dieser Fluß führt in die
+Straße +Mackinac+, und diese in den zweitgrößten See Amerika’s, den
++Huron+, welcher 260 Meilen lang, 160 breit ist, 20,000 Quadratmeilen
+einnimmt und 578 Fuß über der Meeresfläche liegt. Die Umgebung dieses
+Sees ist etwas hübscher als jene des Michigan, doch ebenfalls ziemlich
+einförmig. Das Land ist von wellenförmiger Bildung, viel mit Waldungen
+bedeckt und hin und wieder mit niedlichen Hügelketten durchzogen.
+
+Am +8. September+ verließen wir den Huron-See und traten in den Fluß
++St. Clair+, an dessen einem Ufer sich beinahe Städtchen an Städtchen
+reiht, mit Wiesen und fruchtbaren Feldern dazwischen, während auf dem
+andern zahllose Sägemühlen nebst mehreren Indianer-Dörfern liegen.
+Selbst die Indianer scheinen hier aus ihrer Trägheit aufgerüttelt, denn
+auch um ihre Dörfer war der Grund aufgebrochen und bepflanzt. Auf dem
+Flusse war bedeutendes Leben, es fuhren viele Segelschiffe, meistens
+mit Bauholz befrachtet, Dampfer schleppten sie durch den kurzen Fluß
+in den kleinen St. Clair-See, welcher so voller Untiefen und Sandbänke
+ist, daß er nur bei Tage befahren werden kann. Die Ufer dieses Sees
+sind an manchen Stellen so flach, daß sich das Wasser entfesselt über
+das Land ergießt und Sümpfe und Moräste bildet. Von dem St. Clair-See
+führt der +Detroit-Fluß+ in den +Erie-See+. Die Entfernung von dem
+Huron- bis zu dem Erie-See beträgt achtzig Meilen.
+
+Gegen Mittag landeten wir zu +Cleveland+, dem Stolze des Staates Ohio,
+am Eingange des Erie-Sees gelegen. In den wenigen Stunden meines
+Aufenthaltes machte mich Dr. +Langsdorf+ mit dieser Stadt und deren
+naher Umgebung bekannt.
+
+Cleveland besteht aus zwei Städten, der eigentlichen Stadt Cleveland
+und der Stadt +Ohio+, die durch eine Kluft von ersterer getrennt ist,
+aber kürzlich zu dem Stadtgebiete Clevelands gezogen wurde und dadurch
+ihren Namen verlor. Der Anblick der beiden blühenden Städte mit der
+dazwischen liegenden merkwürdigen Schlucht, in deren Tiefe ein artiger
+Fluß sein Bett gewühlt hat, ist höchst reizend. Die Kluft mag ungefähr
+fünfzig Fuß Tiefe haben und ist mit Gesträuchen und Bäumen reich
+bewachsen. Ein Kanal führt bis in den Erie-See.
+
+Von den Einzelnheiten Clevelands bewunderte ich am meisten die Straße
+Euclid. In dieser stehen die nettesten, geschmackvollsten Häuser,
+welche freundlichen Villen gleichen und durch Boskette und Wiesen von
+einander getrennt sind. In wenig Jahren mögen Gärten und Wiesen wohl
+schon von neu entstandenen Häusern verdrängt sein.
+
+Spät Abends setzte ich meine Reise auf dem schönen Dampfer
+„+Crescent-City+“ fort. So viel ich bei scharfer Mondbeleuchtung sehen
+konnte, scheinen sich auch die Ufer des Erie-Sees in nichts von jenen
+des Michigan zu unterscheiden.
+
+Der Dampfer „Crescent-City“ war eins der prachtvollsten Fahrzeuge,
+die ich je bestiegen. Wo man nur hinsah, nichts als Sammt und Gold,
+kostbare Teppiche, Spiegel von ungeheuerer Größe; eine hohe, schön
+gewölbte Kuppel von farbigem Glase verbreitete über alle diese
+Herrlichkeiten ein mattes Licht. Die Räume faßten an 1200 Personen.
+Man lebte da nicht wie in einer geschlossenen Gesellschaft, sondern
+wie in einer Stadt; man ging an den Leuten so fremd und unbekümmert
+vorüber, wie auf einem öffentlichen Spaziergange. Aber bequem fand ich
+diesen Dampfer nicht eingerichtet. Darauf scheinen indeß die Amerikaner
+weniger zu halten, als auf Pracht, Luxus und Prunk. Die Fensterscheiben
+z. B. rings auf die Gallerie hinaus waren von buntem Glase und mit
+Arabesken so ausgefüllt, daß man gar nicht durchsehen konnte, weder
+auf den See noch auf die Landschaft. Ja sogar das Licht von außen
+war dadurch fast ganz vor dem Eindringen gehemmt. In den Kabinen des
+unteren Stockwerkes (auch erste Klasse) schliefen je sechs Personen,
+und für eine Zahl von fünfzig bis sechzig Frauen gab es nur ein kleines
+gemeinschaftliches Waschzimmerchen mit nur zwei Waschbecken. Man mußte
+sich anstellen, um die Gelegenheit zu erhaschen, sich die Augen und
+Fingerspitzen ein wenig zu benetzen, und Glas und Handtuch selbst
+mitbringen, denn ein Glas war nicht vorhanden und die Paar Handtücher
+so durchnäßt, daß man sich ihrer nicht bedienen konnte. Die Aufwärterin
+schien nur zur Aufsicht da zu sein. Sie saß, wie eine Dame gekleidet,
+auf einem Sopha und häkelte. Zum Glück währte die Fahrt über den
+Erie-See nicht lange, denn schon am
+
++9. September+ Morgens kamen wir nach +Buffalo+, einer hübschen
+Stadt mit 60,000 Einwohnern. Meine Ungeduld, mich den berühmten
+Fällen des Niagara zu nahen, war so groß, daß ich, des schlechten
+Wetters ungeachtet, gleich auf die Eisenbahn ging, um nach dem Orte
++Niagara-Falls-Village+ (22 Meilen) zu fahren. Ich war da so glücklich,
+ein überaus niedliches, kleines Hôtel, Madame +Teuscher+ gehörig, an
+den Schnellen des mächtigen Stromes zu finden, der sich hier in zwei
+Theile theilt und in wüthend stürmischer Eile seinen Fällen zu eilt.
+
+Für diesen Tag aber mußte ich, selbst wenn sich das Wetter aufgeheitert
+hätte, dem Gange nach den Fällen entsagen und mein Bett aufsuchen,
+denn in letzterer Zeit hatte ich häufige Anfälle des unermüdlichen
+Sumatra-Fiebers gehabt, und fühlte mich davon sehr angegriffen[14].
+
+
+ [10] Zu einer Reise von sechzehn Englischen oder vier Deutschen
+ Meilen benöthigten wir sechs Stunden, hielten über Mittag an und
+ wechselten die Pferde. Das nenne ich doch schnell reisen! --
+
+ [11] Ein Gasthof oder Boarding-house bildet sich gleich bei ein Paar
+ Häusern. Der Amerikanische Arbeitsmann, Tischler, Maurer
+ u. s. w. will gute Kost, ein gutes Bett haben und bezieht
+ sogleich den Gasthof, wo er per Woche zahlt.
+
+ [12] Von den freien Negern in Milvaukee erhielt Herr Booth einen
+ werthvollen, schönen Stock, den sie ihm als Vertheidiger ihrer
+ armen schwarzen Brüder verehrten.
+
+ [13] Auf dieser Insel lebt nur ein kleiner Zweig dieser Sekte; der
+ Hauptsitz der Mormonen ist am Salz-See, tief im Innern des
+ Landes.
+
+ [14] Bisher nahm ich immerwährend Chinin gegen das Fieber; allein ich
+ konnte es nur auf kurze Zwischenräume damit vertreiben. In
+ Buffalo rieth mir jemand folgendes Mittel dagegen: „Man nehme
+ auf ein halbes Wasserglas voll starken, guten Brandy einen
+ Theelöffel rothen, pulveristrten Pfeffer (Cayenne) und fünf
+ bis sechs Theelöffel voll weißen Zucker, mische es gut durch
+ einander, bis der Zucker gänzlich aufgelöst ist, und lasse es
+ dann vier bis fünf Stunden stehen. Man beginne diese Arznei
+ ein bis zwei Stunden, ehe das Fieber kommen soll, einzunehmen,
+ und zwar jede Stunde zwei Theelöffel voll, bis das Ganze
+ genommen ist. Man schüttle es bei jedesmaligem Nehmen gut durch
+ einander.“ -- Das Fieber blieb, nachdem ich dieses Mittel
+ genommen hatte, ganze zwei Monate aus; dann hatte ich einen
+ abermaligen Anfall, ich nahm dieselbe Arznei, und das Fieber
+ blieb gänzlich aus. -- Sollte gegen das Wechselfieber nichts
+ mehr helfen, so wage man gleich mir dieß letzte Mittel.
+
+
+
+
+Einundzwanzigstes Kapitel.
+
+ Die Fälle des Niagara. -- Der Ontario-See. -- Die tausend Inseln. --
+ Montreal. -- Quebek.-- Die Amerikanischen Eisenbahnen. -- Neu-York.
+ -- Merkwürdigkeiten der Stadt. -- Die Hôtels. -- Die schwarzen
+ Minstrels. -- Emancipation. -- Gerichtsverfahren.
+
+
++10. September.+ Der heutige Tag war wieder einer der unvergeßlichen in
+den Annalen meines Lebens, einer von jenen, die mich glänzend belohnten
+für die Mühen und Beschwerden, mit welchen ich sie erkaufte -- ich sah
+eine der wunderbarsten, erhabensten Naturscenen in Gottes schöner Welt,
+die +Niagara-Fälle+. Unmöglich ist es auszudrücken, was das Auge da
+erblickt, was die Seele da fühlt. Der Maler muß hier an seiner Kunst
+verzweifeln, der Dichter seine Feder weglegen. Aber wenn man einem
+Todfeinde hier begegnete, müßte man ihm vergeben, oder kein Mensch
+sein, und wer je an Gott gezweifelt, der gehe an diesen erhabensten
+seiner Altäre, und gewiß wird er bekehrt, beruhigt heimkehren. O, daß
+ich doch die Anschauung dieses Wunders mit meinen Angehörigen, mit
+meinen Freunden, ja mit allen Menschen hätte theilen können! --
+
+Zuerst führte mich die gefällige Frau +Teuscher+ an den Amerikanischen
+Fall, und ich dachte, es könne nichts Herrlicheres geben als diesen.
+Die ungeheuere Wassermasse stürzt sich über eine riesig breite,
+senkrechte Wand. Die Staubwolken sind so mächtig als wollte sich der
+Strom ein zweitesmal erheben, und doch kaum hundert Schritte von dem
+Sturze entfernt, fließt er schon wieder so ruhig dahin, daß sich das
+kleinste Boot sorglos auf seinem Rücken schaukeln kann.
+
+Noch mächtiger aber ist die Wassermasse auf der Canadischen Seite,
+noch bedeutender ist hier der Umfang des Falles (der die Form eines
+Hufeisens bildet, und deßhalb „Hufeisenfall“ genannt wird), ich möchte
+daher doch dem Canadischen Falle die Palme reichen.
+
+Bei Sonnenschein bilden sich an beiden Fällen in den Sprühregen-Wolken
+die schönsten Regenbogen. Eine ganz eigenthümliche Färbung zeigt das
+Wasser unmittelbar an den Fällen selbst. Ein schöneres, helleres Grün,
+durchsichtig wie der reinste, feurigste Chrysolit, sah ich bisher noch
+bei keiner Wassermasse. Das Getöse der Stürze fand ich jedoch nicht so
+betäubend und so weit vernehmbar, wie viele behaupten[15].
+
+Auf der Canadischen Seite kann man ein Stück unter den Fall
+hineingehen. Man erhält zu diesem Zwecke einen Führer und Kleider. Das
+Schauspiel unter dem Falle ist nicht nur ergreifend und großartig,
+sondern grauenhaft. Die über dem Haupte rollende Wassermasse, das
+fürchterliche Toben und Brausen des milchweiß schäumenden Elementes,
+die schmale, durch die beständige Nässe schlüpfrige Felskante, auf
+welcher man vor dem Abgrunde steht, in den sich das Wasser stürzt, die
+überhängenden Felstrümmer, die sich von Zeit zu Zeit lösen, machen
+diese Parthie wirklich gefährlich und so ergreifend, daß ich nicht
+jedermann rathen möchte, sie zu unternehmen.
+
+Nachdem ich vor allem die Fälle besucht hatte, nahm ich mir erst Zeit,
+die Umgebung zu betrachten. Wie bereits bemerkt, theilt sich der Strom
+kurz oberhalb seines Falles in zwei Arme, von welchen der eine den Fall
+auf der Amerikanischen, der andere jenen auf der Canadischen Seite
+bildet. Die beiden Fälle sind sich jedoch ganz nahe und nur durch ein
+kleines Inselchen getrennt. Die ganze Umgebung der Fälle (eine Insel
+von einer halben Meile in der Breite und über eine Meile in der Länge)
+paßt vollkommen zu der erhabenen Naturscene. Sie ist von einem üppigen
+Urwalde mit majestätischen Bäumen, beinahe den umfangreichsten, die ich
+in den Vereinigten Staaten sah (Kalifornien ausgenommen), bedeckt; es
+gab viele Stämme von vier Fuß Durchmesser darunter. Die Menschenhand
+hat dieses Heiligthum der Natur bisher geachtet und kaum gewagt einige
+Fahrwege zu bahnen. Gott gebe, daß es immer so bleiben möge; allein
+schwerlich dürften die künftigen Besitzer dem jetzigen gleichen, der
+von der Mehrzahl der Menschen eine schöne Ausnahme macht und mehr
+Achtung für die Natur, als Liebe zu den Thalern hat. Hohe Summen wurden
+ihm schon für dieß Fleckchen Erde geboten; man wollte da Gasthöfe,
+Belustigungsorte, Bade-Anstalten u. dgl. mehr errichten, aber gerade
+deßhalb gab er es nicht her. Die heilige Stille des Haines sollte
+durch das rastlose Treiben der Menschen nicht entweiht werden, und dem
+Wunderwerke stets als Vortempel dienen.
+
+In den Schnellen des Hufeisen-Falles steht von dem Sturze kaum
+vierzig Fuß entfernt, ein kleines Thürmchen aufgemauert, zu welchem
+eine Brücke führt. Gar manche Stunde stand ich da oben, die sich
+verfolgenden, überstürzenden Wogen betrachtend. Ich blieb fünf Tage
+in +Niagara-Falls-Village+, brachte meine Zeit größtenteils an den
+Fällen zu, und je länger ich sie sah, desto schwerer ward es mir, mich
+von ihnen zu trennen. So geht es mit allem Großen und Erhabenen; man
+braucht Zeit, bis man es zu verstehen und in sich aufzunehmen vermag.
+
+Leider vergeht selten ein Jahr, ohne daß die Fälle des Niagara ein
+Opfer fordern, so vor wenig Monaten drei junge Leute, die eines Abends
+zum Vergnügen auf dem Strome oberhalb der Fälle spazieren fuhren. Sie
+wurden in die Schnellen gerissen, und keine menschliche Hülfe war mehr
+möglich. Einem von ihnen gelang es, während der gräßlichen Fahrt einen
+in den Schnellen wurzelnden Baumstamm zu erfassen und sich hinauf zu
+schwingen. Er schrie um Hülfe; doch hörte man die Stimme zu undeutlich
+durch das Brausen des Wassers, und die Nacht war zu finster, um den
+Gegenstand zu sehen; erst Morgens entdeckte man den armen Menschen. Da
+auch er keinen Zuruf würde deutlich vernommen haben, schrieb man auf
+eine Tafel mit ellenlangen Buchstaben, daß man Vorkehrungen treffe, ihn
+zu retten. Nach vielfältigen Versuchen gelang es endlich Nachmittags
+gegen fünf Uhr, ein Boot in seine Nähe zu bringen. Der Arme saß schon
+darinnen, man zog das Boot mittelst eines Seiles dem Lande zu, allein
+unglücklicher Weise erfaßte es eine Sturzwoge mit solcher Gewalt, daß
+das Seil sprang und das Boot mit seinem Opfer in den Fall gerissen
+wurde. Keine Spur kam mehr zum Vorscheine, weder von ihm noch von
+seinen Gefährten; nie findet man eine Leiche oder nur das Bret eines
+Bootes, alles wird von der Gewalt des Sturzes zu Atomen zertrümmert.
+
+Zwei Meilen von Niagara-Falls-Village ist eine Drahtbrücke über die
+Schlucht gespannt, in welcher der Niagara dem nahen +Ontario-See+
+zueilt. Die Schlucht ist enge, und der Strom soll hier an 900 Fuß Tiefe
+haben. Die Brücke ist ein wahres Meisterwerk, die zusammengeflochtenen
+Drähte haben die Dicke von starken Tauen und tragen die schwersten
+Lastwagen. Eine Fahrt dahin sollte man nicht nur wegen der Brücke,
+sondern auch wegen der reizenden Ansichten machen, die sich überall
+darbieten. Von der Brücke selbst übersieht man die pittoreske
+Felsenschlucht einerseits bis beinahe an die Fälle, andererseits bis
+an den Ontario-See, ja der Blick schweift wie durch ein Fernrohr über
+einen Theil des Sees bis auf die dahinter liegende lachende Landschaft.
+
+Das Indianische Dorf +Tuscarora+ (sieben Meilen von den Fällen
+entfernt) ist eines Besuches weniger werth. Seine Bewohner haben nichts
+eigenthümliches mehr: sie sind Christen geworden, gehen gekleidet wie
+die Weißen, und bauen und pflegen wie diese ihre Felder.
+
+Am +13. September+ um zwei Uhr Mittags verließ ich
+Niagara-Falls-Village in einer Postkutsche und fuhr nach dem Städtchen
++Lewistown+ (sieben Meilen). Das Städtchen liegt an dem Ausgange der
+Schlucht, und der Strom nimmt sogleich derart an Breite zu, daß man
+sich schon in dem See vermuthet, bevor man an ihn gelangt.
+
+In Lewistown bestieg ich den Dampfer +Bay-State+, um nach +Montreal+
+zu fahren. Schon sieben Meilen von Lewistown mündet der Niagara in den
+Ontario-See und verliert sein kurzes aber thatenreiches Dasein. An
+seinem Ausflusse liegt auf der Amerikanischen Seite die schöne Festung
++Georg+, auf der Canadischen die minder schöne Festung +Niagara+.
+
+In dem Ontario-See, welcher 180 Meilen lang, 35 breit ist, hielten wir
+uns stets der Küste der Vereinigten Staaten nahe. Sie bietet, außer
+vielen Ortschaften, nichts Sehenswertes.
+
++14. September.+ Mit Sonnenaufgang ertönte die Schiffsglocke und weckte
+die Reisenden, daß sie das Ende des See’s, die tausend Inselchen und
+die Einfahrt in den +Lorenzo-Strom+ nicht verschlafen und übersehen
+sollten. Bei +Ogdensburg+ vertauschten wir unsern Dampfer mit einem
+kleineren, +British Queen+, um leichter über die Schnellen des
+Lorenzo-Stromes zu kommen. Die Fahrt zwischen den tausend Inselchen ist
+allerdings reizend: die Landschaft wird jeden Augenblick verändert, ein
+Bild verdrängt das andere; aber mit den tausend Inseln des Mälar-Sees
+in Schweden hält sie keinen Vergleich aus. Dort besteht die Einfassung
+des Sees aus herrlichen Bergen, in den verschiedenartigsten Formen,
+mit finstergrünen Waldungen bedeckt, zwischen welchen pittoresk
+aufgethürmte Felskolosse, reiche Triften und Wiesen liegen, die Inseln
+selbst sind ungemein schön und gewähren die abwechselndsten Bilder.
+Hier ist alles flach und eben, und die Ufer der Inseln, wie des festen
+Landes überragen kaum die Wasserfläche.
+
+Der Lorenzo-Strom bildet mehrere Schnellen, die aber doch nicht so
+stark sind, den Dampfern die Fahrt zu sperren. Kunst und Kühnheit
+errangen den Sieg über sie, und furchtlos steuerte unser Kapitän
+darüber hin.
+
+Etwas gefährlich ist die Schnelle bei +Lachine+, wo wir spät Abends
+ankamen. Da es stark regnete, und die Nacht stockfinster war, gingen
+wir erst den folgenden Morgen darüber. Diese Schnelle sieht weniger
+drohend aus, als die vorigen, ihre Hauptgefahr besteht in der geringen
+Tiefe des Stromes. Wir nahmen bei Lachine einen Indianer als Lootsen an
+Bord. Wenn über die Schnellen gefahren wird, arbeiten stets vier Mann
+am Steuerruder.
+
+Da Lachine nur neun Meilen von Montreal liegt, kamen wir sehr
+frühzeitig an. Glücklicherweise hatte das Wetter sich aufgeheitert,
+und die Sonne beleuchtete den schönen Berg Montreal, an dessen
+Fuß sich die Stadt ausbreitet. Sie nimmt sich gut aus mit ihren
+Gothischen Kirchen und den Zinndächern, die bei Sonnenschein eine so
+blendende Wirkung hervorbringen, als wären sie mit den feinstpolirten
+Silberplatten belegt.
+
+Wir fuhren in einen schönen Dock ein und wurden durch eine Schleuse dem
+Quai gleich gebracht.
+
+In Montreal kaum ans Land gestiegen, hatte ich gleich einige
+Unannehmlichkeiten. Ich fuhr nach dem ersten Gasthofe, Montreal-House,
+und verlangte ein Zimmer. Der Buchhalter sah mich vom Kopfe bis zu
+den Füßen an und sagte endlich: „Wir haben keines.“ -- Die Ursache
+war, weil ich allein, nur mit einem kleinen Reisesacke kam und nicht
+ein halbes Dutzend Koffer und Schachteln mit mir schleppte. In einem
+zweiten Hotel (einem Temperance-House) ward mir dieselbe Antwort zu
+Theil. Ich legte ein Goldstück von zehn Dollars auf den Tisch, den
+galanten Wirth versichernd, daß ich stets voraus bezahlen würde, wenn
+er glaube, es fehle mir an Geld. Dieser Talisman half. Er schob das
+Geld zurück und ließ mir ein Zimmer geben. Wie doppelt grell fiel mir
+diese Behandlung auf, da ich gerade aus den Vereinigten Staaten kam, wo
+man die ärmste Frau mit Achtung, Güte und Zuvorkommenheit behandelt!
+
+Wenn ich in Montreal ausging und auf den Straßen nach einem Wege
+fragte, gab man mir entweder gar keine Antwort, oder man fertigte
+mich ganz kurz mit den Worten ab: „~I don’t know~“ (ich weiß es
+nicht). So viel ich sah, befand ich mich gerade nicht in dem Lande
+der Höflichkeit. Da ich einige Auskünfte zu haben wünschte, niemanden
+kannte und keine Empfehlungsbriefe mitgebracht hatte, dachte ich, es
+sei am besten, mich an eines der größten Zeitungsbureau’s zu wenden.
+In den Vereinigten Staaten kannte jeder Herausgeber meinen Namen,
+ich mochte in das kleinste Städtchen kommen, und dann war ich schon
+geborgen, da jeder mich freundlich aufnahm. Hier war es anders: der
+Herausgeber des ersten Blattes kannte mich nicht, und dabei war er eben
+so höflich, wie alle Leute, auf welche zu stoßen ich bisher das Unglück
+hatte. Endlich fand ich doch ein Paar gefällige Menschen, gebrauchte
+aber dabei die Vorsicht, sie gleich nach Nennung meines Namens zu
+versichern, daß ich nicht arm sei und wohl freundschaftlicher Dienste,
+aber keiner Gabe benöthige. Der Herausgeber des Transcoast, der
+Belgische Consul Herr +Josef+ und Dr. +Visher+ machten mich die Unart
+ihrer Landsleute vergessen. Dr. Visher, den ich erst zwei Tage vor
+meiner Abreise kennen lernte, lud mich sogar in sein Haus ein, wohin
+ich sogleich übersiedeln mußte. Auch danke ich es seiner Verwendung,
+daß ich eine Freikarte zur Reise nach +Quebek+ hin und zurück erhielt.
+
+Die Stadt Montreal mit 75,000 Einwohnern, ist nicht wie die Städte in
+den Vereinigten Staaten, in regelmäßige Blocks getheilt, und zeigt in
+ihrer ganzen Bauart, daß sie aus ältern Zeiten stammt. Ihre Häuser
+haben eine alt-französische Form, mit hochaufsteigenden steilen
+Dachungen; sie sind meistens aus Quadersteinen und so solide gebaut,
+als sollten sie für die Ewigkeit währen; doch fehlt es ihnen dabei
+weder an Zierlichkeit noch an Geschmack. Neben manchem palastähnlichen
+Steinhause stehen wohl auch mitunter bescheidene, halbverfallene
+Holzhäuser. Die Straßen sind sauber und rein, und das geschäftige Leben
+in denselben ist nicht störend, die Leute scheinen sich hier mehr
+Zeit zu gönnen und überstürzen sich nicht so, wie in den Vereinigten
+Staaten, oder in England. Alles hat einen ruhigen gelassenen Anstrich.
+In den Nebenstraßen ist es sogar menschenleer.
+
+Die Kirchen sind alle im Gothischen Style gehalten; die schönste ist
+die katholische Kathedrale, nach dem Muster der Notre-Dame-Kirche in
+Paris erbaut.
+
+Von den Gebäuden fallen besonders das Jesuiten-Collegium, die Banken,
+einige Gasthöfe, das Postgebäude, die Markthalle u. s. w. in die Augen.
+
+Das Museum lohnt kaum die Mühe, es zu besehen. Als das Merkwürdigste
+wurde mir ein Elenthier von ungewöhnlicher Größe und ein Paar kleiner
+Wallfische gezeigt, die man in dem Lorenzostrome gefangen hat.
+
+Das sogenannte Englische Hospital, eine allerdings gute Anstalt, läßt
+noch manches zu wünschen übrig. Die Halbgenesenen z. B. haben zur
+Erholung in frischer Luft nichts als einen leeren Wiesenplatz ohne Baum
+und ohne Bank. Auch die Luft in den Zimmern fand ich nicht sehr rein,
+was freilich in kalten Ländern, wo man die Fenster nicht beständig
+offen haben kann, schwieriger zu erreichen ist, als in den Tropen.
+
+In dem Nonnenkloster der „grauen Nonnen“ gibt es zwei sehr zweckmäßige
+Anstalten, die eine für arme alte Männer und Weiber, welche da bis zu
+ihrem Absterben verpflegt werden, die andere für Kinder, die entweder
+Waisen oder von ihren Eltern ganz vernachläßigt sind. Ich kam um zehn
+Uhr Morgens dahin, und sonderbarer Weise war dieß gerade die Stunde des
+Mittagmahles. Die Kost sah sehr schmackhaft aus und bestand aus Suppe,
+Fleisch und noch einem Gerichte nebst schönem Brode. Eine Klosterfrau
+theilte die Portionen aus.
+
+Die Säle waren groß und hoch, die Betten bis hinab mit Vorhängen
+versehen, nur fand ich die Säle ein wenig überfüllt.
+
+Die schönste Ansicht der Stadt und Umgebung hat man von dem
++Montreal+-Berge oder von dem Thurme der Kathedrale. Ich war auf beiden
+Punkten, und meinte kaum sie wieder verlassen zu können, so sehr
+fesselte mich das vor dem Blicke sich entfaltende Bild. Die ehrwürdig
+alterthümliche Stadt, die sich traulich an den Fuß des Berges schmiegt,
+der Hafen mit seinen Schiffen und Dampfern, das rege Treiben auf dem
+Lorenzostrome, der unfern der Stadt einen See mit vielen Inseln bildet,
+das reichkultivirte Land umher, und in der Ferne einzeln auftauchende
+Berge von wenigstens 1000 Fuß Höhe, machen diese Ansicht gewiß zu einer
+der reizendsten Nordamerika’s.
+
+Herr Konsul Josef war so zuvorkommend mich in seinem Wagen rund um
+den Berg Montreal (9 Meilen) zu führen. Diese Gegend ist, der schönen
+Ansichten wegen, die besuchteste und beliebteste; überall liegen
+niedliche Sommerhäuser mitten in hübschen Gärten.
+
+Canada wäre ebenfalls ein gutes Land für Europäische Ansiedler. Der
+Boden soll sehr fruchtbar sein, das Klima ist zwar kalt und rauh,
+doch höchst gesund, der Ankauf des Landes noch billiger als in den
+Vereinigten Staaten, die Abgaben geringe und die Freiheit ziemlich
+unbeschränkt. Bei diesen Vortheilen einerseits, besteht jedoch
+andrerseits ein Gesetz, welches die Einwanderer abhält, Englische
+Untertanen ausgenommen. Diesem Gesetze zufolge kann nämlich der
+Einwanderer, wenn er früher stirbt, als er das Bürgerrecht erworben
+hat (wozu, so viel ich mich entsinne, ein Aufenthalt von zehn Jahren
+gehört), über seinen festen Nachlaß nicht verfügen. Land, Haus u. s. w.
+fallen an die Regierung zurück.
+
++18. September.+ Abends ging ich mit dem großen Dampfer „Quebek“ von
+Montreal nach Quebek. Es war dieser Dampfer auch wieder einer von den
+„~splendid ones~,“ gleich dem „Crescent City“ auf dem Erie-See, wo man
+vor lauter Pracht und Herrlichkeit gar keine Bequemlichkeit fand.
+
++19. September.+ Um 9 Uhr Morgens kam ich in Quebek an. Die Lage dieser
+Stadt ist noch bei weitem reizender als jene von Montreal. Zum Theil in
+demselben Style gebaut, nur noch älter, sind die Straßen etwas enger
+und winklichter. Quebek besteht aus der obern und untern Stadt. Zu
+ersterer führen hohe Treppen, doch schlängelt sich auch ein Fahrweg
+hinauf. Selbst die untere Stadt ist etwas hügelig. Die Bevölkerung
+zählt 45,000 Seelen, von welchen zwei Drittheile Franzosen, die noch
+aus den Zeiten stammen, als Canada zu Frankreich gehörte[16].
+
+Für Quebek hatte ich einen Brief mitgenommen, da ich besorgte, wie in
+Montreal in keinem Gasthofe aufgenommen zu werden. Letzteres war nichts
+desto weniger der Fall, aber nicht wegen Mißtrauens der Hôtelbesitzer,
+denn der Herr, an den ich empfohlen war, sandte seinen Neffen mit mir
+in ein Dutzend Boarding-Houses; wir fanden aber alle überfüllt. Die
+Parlamentssitzungen hatten gerade begonnen, und viele Fremde waren
+zugeströmt. Der Herr an welchen mein Brief lautete, schien auch kein
+Kämmerchen für mich zu haben, obwohl ich hörte, daß er ein schönes Haus
+bewohnte. Es blieb mir nichts anderes übrig, als den Tag über die Stadt
+ein wenig zu besehen und Abends mit dem Dampfer wieder nach Montreal
+zurückzukehren.
+
+Ich bestieg vor allem das Kap +Diamant+, 345 Fuß hoch, auf dessen
+Spitze das Fort Diamant liegt. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, daß
+die Quebeker den Montrealern an Höflichkeit nicht nachstanden. Geizend
+mit der kurzen Zeit, über die ich zu gebieten hatte, wollte ich mich an
+keine Speisestunde binden, und ging in einen Laden, einige Kuchen zu
+essen. Dem Laden gegenüber lag die abgebrannte Ruine eines mächtigen
+Gebäudes. Ich frug das Ladenmädchen, was das für ein Gebäude gewesen
+sei. Sie antwortete mir: „Da hätte ich gerade Zeit, Ihnen Auskunft zu
+geben,“ -- an Zeit fehlte es ihr wohl nicht, denn außer mir war kein
+Käufer im Laden. (Später erfuhr ich, daß diese Ruine des Gouverneurs
+Palast war.) Als ich das Kap zu besteigen anfing, überall nur grünen
+Rasen und keinen Weg sah, fragte ich einen Mann, ob es erlaubt sei, da
+hinauf zu gehen. „~Try it~“ (versucht es) war seine Antwort, und damit
+ließ er mich stehen.
+
+Doch auf der Spitze des Kaps angekommen, vergaß ich schnell der
+erfahrenen Unhöflichkeiten, -- lange schon hatte sich mir kein so
+überraschendes Bild dargeboten, wie ich es hier überblickte. Die
+ehrwürdige Stadt lag zu meinen Füßen, sich terrassenförmig um das
+Kap lagernd. Eines der schönsten, lachendsten Thäler verfolgte ich
+bis an die Ausläufer der grünen Gebirge (25 Meilen), deren Kuppen
+und langgezogene Rücken einen Theil desselben umfaßten, und der
+Lorenzostrom, der an der Stadt eine mächtige Bucht bildet, schlängelte
+sich andererseits durch mit Wald und Triften bedeckte Hügelketten fort.
+
+Von dem Kap herabgestiegen, besuchte ich des Gouverneurs niedlichen
+Garten, der dem Volke geöffnet und mit vielen Bänken versehen ist --
+ein wahrhaft schöner Ruhepunkt, denn auch hier hat man das herrliche
+Amphitheater vor sich.
+
+Unter den Gebäuden fielen mir besonders die katholische Kirche und das
+Parlamentshaus auf, welch’ letzteres einen sehr schönen Sitzungssaal
+hat.
+
+Schon um 5 Uhr Abends mußte ich wieder auf den Dampfer zurückkehren.
+Obwohl ich den ganzen Tag umher gelaufen und davon sehr ermüdet war,
+hielten mich dennoch die reizenden Scenerieen des Lorenzostromes bis
+tief in die Nacht auf dem Deck gefesselt. Ich glaube bestimmt, daß
+die Ufer dieses Stromes an Naturschönheiten so reich und wechselnd
+sind, wie jene des Rheins; doch fehlt hier der Zauber der Romantik,
+das Ohr des Reisenden kann keiner Sage lauschen, kein Schloß, keine
+Ruine zeigt sich seinem Auge. Merkwürdig und eigentümlich ist dafür
+das Farbenspiel, welches im Herbst die Baumblätter haben. Da gibt es
+rothe und braune, gelbe und grüne Blätter von allen Abstufungen und
+Uebergängen; dazwischen schimmern weiße durch, die oft wie Silber
+glänzen. Ich sah von diesen Blättern ganz allein gemachte Kränze, die
+sich herrlich ausnahmen.
+
+Am +20. September+ Morgens traf ich wieder in Montreal ein, und schon
+Nachmittags setzte ich meine Reise nach Neu-York fort.
+
+Beinahe alle Fahrten auf den Dampfern Nordamerika’s, von Neu-Orleans
+bis St. Louis, von Milvaukee über alle Seen und bis Montreal, von
+Montreal nach Quebek und zurück hatte ich bisher unentgeldlich gehabt.
+In den Vereinigten Staaten genügte die Nennung meines Namens; jeder
+Kapitän nahm mich zuvorkommend auf, ohne erst eine Bittschrift an einen
+Agenten oder Direktor einzureichen. In Montreal war es Dr. +Visher+,
+dessen Verwendung ich die freie Fahrt nach Quebek und zurück verdankte
+(es war, wie ich glaube, ebenfalls ein Amerikanischer Dampfer).
+Er versuchte auch, mir eine Freikarte auf dem Englischen Dampfer
+„+Canada+“ zu verschaffen, der den kleinen +Champlain-See+ befährt;
+allein hier half keine Empfehlung, es hieß: „Bezahlen.“
+
+Ich setzte bei Montreal in einem kleinen Dampfer über den Lorenzostrom,
+fuhr dann auf der Eisenbahn nach +Rouses point+ (60 Meilen), von da auf
+dem schönen Dampfer „Canada“ über den Champlain-See und eine kleine
+Strecke den +Hudson-Strom+ abwärts bis +Whitehall+, und von Whitehall
+wieder auf der Eisenbahn nach Neu-York, im ganzen eine Reise von
+ungefähr dreihundert Meilen, die man in 24 Stunden zurücklegt.
+
+Die Fahrt auf dem Hudson hat viel ähnliches mit jener auf dem Lorenzo.
+Die Eisenbahn von Whitehall nach Neu-York läuft beständig längs des
+Flusses. Leider fährt sie so rasch, daß man kaum flüchtige Blicke auf
+die schnell wechselnden Landschaften werfen kann.
+
+Man macht auf den Amerikanischen Eisenbahnen mit dem Postzuge sechzig,
+mit den gewöhnlichen Zügen fünfundzwanzig bis dreißig Meilen per
+Stunde. Die Wagen sind sehr bequem eingerichtet, die Preise ungemein
+billig. Die Geleise laufen, wie auf der Bahn von Callao nach Lima,
+durch Städte und Ortschaften, ohne durch ein Geländer von Geh- und
+Fahrwegen abgesondert zu sein. Daß dieß zu manchen Unglücksfällen
+Veranlassung gibt, ist nicht zu wundern. Aber Gefahr, Achtung für das
+Menschenleben kennt der Amerikaner nicht[17].
+
+Die Einfahrt in die Weltstadt Amerikas (Neu-York) ist, wenigstens von
+dieser Seite, so unter aller Beschreibung, daß ich mich schon lange in
+dem Stadtgebiete befand und noch immer des Eintritts gewärtig war.
+Man fährt beständig über Plätze, wo nichts als Bauholz aufgeschichtet
+liegt, an hölzernen Hütten vorüber, zwischen welchen hie und da ein
+Steinhaus wie verloren steht, durch schmutzige, von Unrath strotzende
+Straßen.
+
+Auf dem Bahnhofe wird die Dampfmaschine mit Pferden gewechselt;
+Schienen laufen durch einen großen Theil der Stadt, auf welchen die
+Reisenden nicht nur von einem Bahnhofe zu dem andern gebracht werden,
+sondern auch, wie ich später sah, Waggons die Stelle der Omnibus
+vertreten und nach verschiedenen Richtungen verkehren. Diese höchst
+zweckmäßige Einrichtung ist durchaus gefahrlos, da die Waggons langsam
+gehen, jeden Augenblick angehalten werden können, und die Geleise in
+den breiten Straßen kein Hinderniß sind, um so mehr, als die anderen
+Wagen kreuz und quer über sie hinfahren, als wären die Geleise gar
+nicht vorhanden.
+
+Der Eintritt in eine große Stadt, wo man weder Oertlichkeit noch
+Menschen kennt, ist besonders für eine Frau überaus lästig. Ich war so
+glücklich, gleich für den ersten Augenblick eine freundliche Aufnahme
+bei Herrn +Wutschel+ zu finden, und des folgenden Tages schon von
+Herrn Dr. +Krakowitzer+ auf die zuvorkommendste Weise in das Haus
+eingeladen zu werden. Da dieses jedoch in +Williamsburg+ lag, von
+der eigentlichen Stadt Neu-York zu weit entfernt, und ich in der
+Folge auch von Herrn +Aigner+, so wie von dem österreichischen Consul
+Herrn +Loosey+, die beide in der Mitte der Stadt wohnten, Einladungen
+erhielt, so verweilte ich abwechselnd bei diesen liebenswürdigen
+Familien, die mir den Aufenthalt so angenehm machten, als hätte ich
+unter lang bewährten Freunden gelebt.
+
+Die Stadt Neu-York, mit einer Bevölkerung von beinahe 600,000 Seelen
+liegt, wie bekannt, auf einer Insel, die im Westen und Osten von dem
+Hudson, im Norden von dem Harlem-Flusse und im Süden von der Bay
+bespült wird.
+
+Ich kann von dieser Stadt nicht viel mehr sagen, als daß sie schön
+gelegen und größer und bevölkerter ist, als alle Städte, die ich bisher
+in den Vereinigten Staaten gesehen, und daß mir das Geschäftsleben
+in den Hauptstraßen, besonders in +Broad-way+ und +Wall-Street+ noch
+bedeutender vorkam, als in der City in London. Das Gedränge von
+Menschen, Omnibus, Waggons, Lastwagen, macht jeden Gang durch diese
+Straßen beschwerlich, und sonderbarer Weise lieben es die Frauen
+sehr, sich gerade auf dem Broad-way, in Mitte der Geschäftsstunden im
+vollsten Putze zu zeigen, wodurch das Gedränge noch vermehrt wird, da
+sie langsam gehen und vor den Laden stehen bleiben, die Auslagen zu
+betrachten.
+
+Die Straßen sind sehr breit und häufig mit großen Bäumen besetzt,
+was ihnen viel Reiz verleiht; die Gehwege sind von den Fahrwegen wie
+in London durch einige Zoll hohe Trottoirs geschieden. Ueberall, die
+Hauptstraßen nicht ausgenommen, herrscht sehr viel Schmutz, und dieß
+muß auf die Gesundheit, besonders im heißen Sommer, höchst schädlich
+einwirken. So ist es z. B. hier üblich, den Kehricht jeden Morgen in
+Kisten oder Kübeln vor das Haus zu setzen. Die Wagen, die das wegfahren
+sollen, kommen oft erst gegen Mittag und noch später, daher stößt man
+bei jedem Schritte darauf. Darneben gibt es viele kleine Pfützen, die
+sich in den schmalen Rinnen zwischen den Fahr- und Gehwegen sammeln und
+eben keine aromatischen Gerüche verbreiten.
+
+Gebäude sieht man viele und sehr bedeutende; doch besteht ihre
+Schönheit hauptsächlich in der Größe, höchstens, daß einige einen
+Portikus, von Säulen getragen, besitzen. Die ausgezeichnesten sind
+auch hier wieder die Börse, die Banken und die ersten Gasthöfe, als
++Metropolis+, +St. Nicolas+, +Irvinghouse+ u. s. w. Von den Kirchen
+sieht die +Trinidad-Kirche+ mit ihrem hohen Thurme viel versprechend
+aus; das Schiff ist jedoch weder lang noch hoch. Unter den Häusern
+gibt es einige von Eisen, auch ein Paar von Marmor, dazwischen aber gar
+manche hölzerne Hütte.
+
+Die meisten Familien wohnen hier wie in England, in schmalen hohen
+Häusern, die sie für sich allein haben; doch fangen sie mitunter schon
+an einzusehen, daß es etwas unbequem sei, beständig Treppen auf- und
+nieder zu steigen, denn gespeist wird für gewöhnlich eine Treppe tief
+unter dem Erdgeschoß, neben der Küche, die Empfangszimmer liegen zu
+ebener Erde, die Schlafzimmer in den obern Stockwerken. Die neuen
+Häuser sind allerdings mit allen Einrichtungen versehen, das Wasser,
+kalt wie warm, wird bis in die obern Stockwerke geleitet, die Speisen
+werden mittelst eines Aufzuges in das erste Stockwerk gebracht, und
+von jedem Stockwerke kann man, vermöge kleiner Oeffnungen, welche die
+Wände durchziehen, bis unter das Erdgeschoß mit den Dienstleuten auf
+die leichteste Art verkehren: man spricht, den Mund an die Oeffnung
+haltend, ganz leise hinein, und erhält eben so die Antwort. Das ganze
+Haus ist mit Gas erleuchtet.
+
+Von Museen, Bildergallerien u. dgl. ist in Neu-York nicht viel zu
+sehen. Das Privat-Museum des Herrn +Barnum+, als Museum nicht viel zu
+beachten, ist jedoch eines Besuches werth; man findet da bald einen
+Zwerg, bald irgend ein seltenes Thier, bald eine Komödie nebst einer
+Zusammenstellung von ausgestopften Vögeln, Thieren, Kleidungsstücken
+der Chinesen, ja sogar eine gut erhaltene Mumie, kurz von allem etwas.
+In diesem Museum sind überall Tafeln angeschlagen, welche die Besucher
+vor den Taschendieben warnen. Auch in manchen großen Verkaufslokalen
+gibt es derlei Plakate. Für mich war dieß ganz neu, ich hatte bisher an
+solchen Orten noch keine ähnliche Warnung gelesen.
+
+Verkaufslokale besitzt Neu-York in großer Menge und zwar der
+prachtvollsten Art. Das großartigste ist jenes des Herrn +Steward+.
+Da können sich Frauen und Herren Stoffe und Luxusartikel jeder
+Art verschaffen; außer Schmuck und Schuhzeug ist alles zu haben.
+Ein großer Theil der Waaren ist in großen schönen Sälen auf das
+zierlichste aufgestellt -- es kam mir hier beinahe wie in einer kleinen
+Industrie-Ausstellung vor. Mehr als 250 Leute finden bei diesem
+Geschäfte Anstellung.
+
+Nicht minder großartig ist Herrn +Taylors+ Zuckerbäckerei- und
+Erfrischungs-Lokal. Hier kann man nicht nur alle möglichen Bäckereien,
+Eis und Getränke haben, sondern auch Mittags- und Abend-Mahlzeiten. Bei
+Nacht bei der glänzenden Gasbeleuchtung sieht es wahrhaft feenartig aus.
+
+Die Druckerei der „Tribune“ (das am meisten gelesene Zeitungsblatt in
+den Vereinigten Staaten, 35,000 Exemplare, und von dem Wochenblatte
+120,000), nimmt ein ganzes Haus von vier Stockwerken ein und
+beschäftiget 293 Personen. Das Interessanteste ist hier die von Herrn
++Hoe+ erfundene Cylinder-Presse, welche vier Seiten zu gleicher Zeit
+in weniger als vier Sekunden druckt. Herr Hoe hat auch für Paris eine
+solche Maschine verfertiget. In England soll jedoch, wie man mir sagte,
+in der Druckerei der „Times“ schon seit längerer Zeit eine ähnliche
+Cylinder-Presse im Gebrauche sein, man kann daher diese Erfindung
+eigentlich nicht ganz Herrn Hoe zuschreiben, wahrscheinlich hat er sie
+nur bedeutend verbessert.
+
+Ueberhaupt ist es hier zu Lande ebenso gut wie in Europa der Fall,
+daß, wenn an irgend einer Maschine oder Erfindung eine Verbesserung
+angebracht wird, man das Ganze gleich als eine ganz neue Erfindung
+rühmen hört.
+
+Bei dem Besuche der Druckerei hatte ich das Vergnügen, einen der
+Theilhaber an der „Tribune,“ Herrn Bayard +Taylor+ kennen zu lernen.
+Dieser noch junge Mann hat sich nicht nur als Poet ausgezeichnet,
+sondern mit gleichem Talente auch den Orient, Indien, Abyssinien
+beschrieben, welche Länder er kürzlich bereiste. Selten liefert ein
+Poet getreue Reisebilder, gewöhnlich reißt ihn seine Phantasie hin,
+-- nicht so bei Herrn Taylor; er wußte das Gesehene wahr, ohne
+Uebertreibung darzustellen, und doch den Zauber der Poesie darüber zu
+hauchen.
+
+Auch die +Novelty-Iron-Works+ der Herrn +Stillman+, +Allen+ und Komp.
+besuchte ich. Sie sind die größten Amerika’s: nicht nur alle denkbaren
+Dampfmaschinen werden in ihnen verfertiget, sondern die größten
+Dampfschiffe gebaut und vollkommen ausgerüstet und eingerichtet.
+Tausend Menschen finden daselbst Beschäftigung, von welchen die
+geringen Arbeiter 1 Dollar per Tag, die Meister bis zu 4 Dollars
+verdienen; 400,000 Tonnen Roheisen werden jedes Jahr verarbeitet. Als
+Herr Stillman die Güte hatte, mich in dieser Riesen-Anstalt umher zu
+führen, lag gerade ein halbfertiger Dampfer auf der Werfte; seine Größe
+betrug 3400 Tonnen, er enthielt 1000 Schlafstellen und wird den Namen
+„+Metropolis+“ führen.
+
+Was die großen Gasthöfe Neu-Yorks betrifft, so kann ich nur
+wiederholen, was ich von jenen in Neu-Orleans erwähnte: sie sind
+die prachtvollsten, die ich je gesehen habe. Aber auch hier geht,
+wie auf den Amerikanischen Dampfschiffen, vor lauter Pracht und
+Herrlichkeit gar mancher Comfort verloren. So findet man z. B.
+nirgends ein Fleckchen, um ruhig und bequem schreiben zu können. In
+den Empfangssälen berauben die großen, schweren, damastenen Vorhänge,
+welche mehr als das halbe Fenster beschatten, das Gemach des Lichtes,
+die Tische sind mit Marmorplatten überlegt, auf welchen in der kalten
+Jahreszeit der darauf ruhende Arm beinahe selbst zu Marmor wird. In
+den Schlafzimmern findet man alles, nur keinen Schreibtisch, und
+jeden andern Tisch ebenfalls mit Marmorplatten belegt. Ich sah zu
+verschiedenen Malen die Leute ihr Schreibbuch auf den Knieen haltend,
+so auf die mühevollste Weise schreiben. Heißt das doch dem Luxus Opfer
+bringen! -- Wie gemüthlich saß ich dagegen in dem kleinen Hotel der
+Frau Teuscher an den Schnellen des Niagara. Mein Zimmerchen war auch
+mit Teppichen ausgelegt, es enthielt ebenfalls reine, zierliche Möbel,
+einen schönen Spiegel; aber ich hatte dabei nicht nöthig auf den Knieen
+zu schreiben -- ein bequemer Tisch, freilich ohne Marmorplatten, diente
+mir hiezu.
+
+Das größte Gasthaus ist das +Neu-York-Hotel+, welches an 1000 Zimmer
+enthalten soll. Auch das +St. Nikolas-Hotel+, das +Irvinghouse+
+haben bei 400 Gastzimmer und 300 Leute Dienerschaft. Das ganze Haus
+wird mittelst Dampf geheizt, überall genießt man einer angenehmen,
+gleichmäßigen Wärme. Die Kamine sind überflüssig und werden nur
+beibehalten, weil der Amerikaner gleich dem Engländer gerne ein
+lustiges Kaminfeuer sieht.
+
+Neu-York besitzt mehrere schöne Theater, in welchen Englische,
+Französische und Deutsche Stücke, auch Italienische Opern aufgeführt
+werden. Am beliebtesten aber scheinen die sogenannten „schwarzen
+Minstrels“ zu sein. Die Schauspieler sind Weiße, aber schwarz gefärbt,
+und stellen Neger dar, die bemüht sind, sich in die Sitten und
+Gebräuche der Weißen hinein zu finden. In der Vorstellung, welcher
+ich beiwohnte, erschienen zehn Schauspieler in zierlich schwarzem
+Anzuge mit weißen Westen und Halsbinden; sie saßen im Halbkreise und
+sangen mit Begleitung eines Tamburins und einer Guitarre komische
+Lieder. Nach jedem Liede hielten zwei von ihnen witzig sein sollende
+Gespräche. Diese Unterhaltung währte eine ganze Stunde fort. Eine Art
+Komödie folgte darauf, bei welcher ich weder Sinn noch Zusammenhang
+heraus fand; dabei wurde auch ein wenig getanzt. Das Publikum (und sehr
+gewähltes, das verriethen nicht nur der geschmackvolle Anzug, sondern
+auch die Wagen in Menge, die vor dem Schauspielhause standen) schien
+sich sehr gut zu unterhalten und lachte fortwährend aus vollem Halse.
+Daß das schöne Geschlecht in diesem Lande eine ganz besondere Lachlust
+besitzt, wußte ich schon aus Erfahrung von den Dampfern her; aber an
+den Männern war es mir eine ganz neue Erscheinung.
+
+Das +Castle-Garden-Theater+, in welchem gewöhnlich Ballete gegeben
+werden, gefiel mir durch seine Lage. Es steht an der südöstlichen
+Spitze der Stadt auf einer einstigen Batterie, die in die Bay etwas
+vorgeschoben und durch eine kleine Brücke mit der Stadt verbunden ist.
+Eine breite Gallerie läuft von außen rund umher, auf die man in den
+Zwischenakten treten kann, und von welcher man bei Mondbeleuchtung eine
+herrliche Uebersicht der Stadt und Bay genießt.
+
+Wie ich bereits früher erwähnt habe, ist in den Vereinigten Staaten die
+Zahl der öffentlichen und Privat-Unterrichts-Anstalten außerordentlich
+groß. Neu-York selbst hat deren in Menge aufzuweisen. Ich besah
+mehrere, und unter anderen auch das +Free-College+ für Jünglinge. Es
+ist ein Gebäude in Gothischem Style, mit hohen, großen Lehrsälen und
+Gängen. Diesem Institute stehen die ausgezeichnetsten Professoren
+vor, es werden bis zu fünfhundert Zöglinge aufgenommen, aber nur zum
+Unterrichte, nicht in Kost und Verpflegung. Sie bringen sechs Stunden
+täglich in dem Kollegium zu, lernen alle Gegenstände, die zur höheren
+Ausbildung gehören, und erhalten sowohl den Unterricht als die nöthigen
+Bücher, Papier, Federn u. s. w. unentgeldlich. Bevor ein Zögling
+aufgenommen wird, muß er sich einer strengen Prüfung unterwerfen,
+besteht er sie nicht sehr gut, so nützt keine Verwendung. Um hierbei
+jedem Unterschleife vorzubeugen, sollen die Professoren die Namen der
+zu Prüfenden nicht wissen und auch der Geprüfte eben so wenig seinen
+Erfolg erfahren, als bis derselbe im Rathe entschieden ist. Möglich,
+daß auf diese Art Bevorzugungen ausgewichen wird; allein der Mensch
+bleibt überall Mensch, und der Mittel der Bestechung gibt es gar
+viele, deshalb gefällt es mir nicht, daß der Reiche mit dem Armen hier
+gleichsteht. Der Reiche könnte bezahlen; die fünfhundert Plätze sollten
+nur für Mittellose bestimmt sein.
+
+In den Privat-Mädchen-Instituten, hier Seminarien genannt, können die
+Mädchen in allen Zweigen der Wissenschaften und Künste Unterricht
+erhalten, und lernen sogar die lateinische und griechische Sprache.
+Auf meine Frage, wie es komme, daß man die Mädchen mit diesen todten
+Sprachen quäle, hieß es: „Damit sie in der Folge die Töchtersprachen,
+Italienisch, Französisch u. s. w., desto leichter erlernen.“ Man sollte
+daraus schließen, daß alle Mädchen der letztgenannten Sprachen mächtig
+seien; doch weit davon entfernt -- ich hörte nirgends so wenig fremde
+Sprachen sprechen, als unter den Amerikanern.
+
+Diese einseitige Erziehung, in welcher das Weibliche gänzlich
+vernachlässiget wird, möchte ich als Hauptursache jenes Hanges nach
+Emancipation betrachten, der die Amerikanischen Mädchen und Frauen so
+stark charakterisirt.
+
+Ich sollte denken, daß die Frauen vorerst anfingen, sich in ihrem
+Hause vollkommen zu emancipiren. Die häuslichen Geschäfte müssen am
+Ende von jemanden verrichtet werden, und meiner Meinung nach sind
+dazu doch die Frauen passender als die Männer. Ich bin weit entfernt,
+damit sagen zu wollen, daß die Frauen die Dienste der Mägde leisten
+sollen; aber verstehen müssen sie dieselben, sonst sind die letzteren
+die eigentlichen Herren im Hause. Die Mädchen in meinem Lande studiren
+ebenfalls Sprachen, Musik, Geschichte u. s. w., finden aber dabei Zeit,
+sich auch mit den weiblichen Beschäftigungen bekannt zu machen.
+
+Ich ging einst in Neu-York eine Frau besuchen und fand sie nicht zu
+Hause: die Magd sagte mir, sie sei auf das Land gegangen (da die
+Wohnung gewechselt werde) und werde erst wiederkommen, wenn in der
+neuen Wohnung alles in Ordnung gebracht sei. Und wer besorgte die
+Uebersiedlung? Natürlich der Gatte, der Geschäftsmann! --
+
+Es sollte mich nicht wundern, wenn mit der Zeit der Mann es sein wird,
+welcher der neu eintretenden Magd zeigt, wie sie das Kind zu baden,
+anzukleiden, die Küche zu beschicken habe, mit einem Worte, wie ihre
+ganze Arbeit einzutheilen sei. Vielleicht kommt dieß jetzt schon vor!
+
+Weil die Amerikanischen Frauen sich häufig von der Führung des
+Hauswesens emancipiren, die Männer nicht immer Zeit und Lust haben,
+die Pflichten ihrer Frauen zu übernehmen, gehen Eheleute nicht selten
+in Boarding-Houses, um da zu leben -- eine abscheuliche Gewohnheit,
+die oft die fürchterlichsten Folgen nach sich zieht. Müssiggang ist,
+wie bekannt, aller Laster Anfang. Eine junge hübsche Frau[18] wohnt da
+mit Leuten in Gemeinschaft, deren Charakter oft nicht der beste ist,
+das Hauswesen beschäftigt sie nicht, und hat sie Kinder, so sendet sie
+dieselben schon in dem Alter von vier Jahren nach der Schule.
+
+Zu dem Lobe der Amerikanischen Frauen muß ich jedoch anführen, daß sie
+(ausgenommen in den Sklavenstaaten) ihre Kleinen selten einer Amme
+anvertrauen und die Mutterpflicht selbst verrichten. In dieser Hinsicht
+gebührt ihnen der Preis vor allen andern Nationen. Gott erhalte diese
+schöne Sitte!
+
+Fühlen Mädchen einerseits Abscheu für die weiblichen Beschäftigungen,
+andrerseits einen besondern Drang nach einer Kunst oder
+Wissenschaft[19], die sie bis zur Vollkommenheit studiren und ausüben
+wollen, so mögen sie es thun, aber in diesem Falle nicht auf halbem
+Wege stehen bleiben, sondern sich vollkommen emancipiren, und so lange
+sie Professoren, Doktoren u. s. w. sind, dem Ehestande entsagen, denn
+schwer, wo nicht unmöglich ist es, die Pflichten des Mannes und der
+Frau zu gleicher Zeit zu erfüllen.
+
+Und möchten doch alle Emancipations-Proselytinnen bedenken, daß gerade
+der Beruf, von welchem sie sich emancipiren wollen, zu den schönsten
+und edelsten gehört. Oder kann es etwas Edleres geben, als den Beruf
+einer Mutter?[20] Liegt nicht in ihren Händen der kostbarste Schatz
+jedes Staates -- die Erziehung der Jugend? Ist es nicht die Mutter,
+die dem Kinde schon im zartesten Alter Liebe für Pflicht und Tugend
+einflößt, es auf den Weg leitet, ein würdiges Mitglied des großen
+Menschenvereines zu werden? Eine besonnene Hausfrau, eine vernünftige,
+liebende Mutter war und wird ewig das Ideal des Weibes bleiben.
+
+Doch wieder zurück zu den Seminarien.
+
+Das Schulgeld für ein Mädchen in den ersten Anstalten ist per
+Jahr (zehn Monate) 500 Dollars; dafür erhält es Kost, Wohnung und
+den Unterricht in den gewöhnlichen Lehrgegenständen. Musik- und
+Tanzunterricht, Nebenrechnungen belaufen sich auf 200-300 Dollars,
+und bei dieser hohen Bezahlung herrscht die schöne Gewohnheit, daß
+zwei sich ganz fremde Zöglinge eine Schlafstelle theilen müssen. Ich
+fand leider diesen Uebelstand schon in London; doch erstreckt er
+sich dort gemeiniglich nur auf ein Schwesterpaar; in den Vereinigten
+Staaten aber geht diese Manie so weit, daß Knaben und Männer sogar
+die Schlafstellen theilen. Ich sah in manchen Familien, die zu den
+wohlhabenden gehörten, eine Magd und zwei Kinder, oder auch drei
+Kinder zusammen schlafen. Ich konnte mich oft nicht enthalten, diese
+abscheuliche Gewohnheit zu rügen. Man gab mir zur Antwort, es geschehe
+aus Zeitersparniß. Immer hört man dieses Wort in jedermanns Munde,
+und doch fand ich, daß Frauen und Dienstleute hier ungleich weniger
+arbeiten, als bei uns in Deutschland. Und muß man, um ein wenig Zeit zu
+ersparen, die Sittlichkeit, die Gesundheit zum Opfer bringen?! --
+
+Die Gerichtsverhandlungen besuchte ich einige Male. Es ging da ungefähr
+so zu, wie in meiner Vaterstadt (Wien) nach der Revolution im Jahre
+1848: es gab Richter und Geschworne, Advokaten von beiden Theilen,
+Zeugen und ein sehr aufmerksames Publikum. Ich wohnte einem wichtigen
+Prozesse bei, in welchem es sich um die Verurteilung eines Mörders
+handelte. Der Sachverhalt war folgender:
+
+Der Verbrecher Dr. Gr., ein Ausschweifungen jeder Art ergebener Mann,
+wohnte in dem +St. Nicolas+-Gasthofe; mit ihm zu gleicher Zeit Obrist
++Loring+ sammt Frau. Dr. Gr. kam beinahe jede Nacht betrunken nach
+Hause. In einer Nacht, gegen drei Uhr Morgens ging er in die Gallerie
+und schellte mit Heftigkeit einem Diener, und zwar durch anhaltend
+lange Zeit. Obrist Loring trat endlich aus seinem Zimmer, den Doktor
+ersuchend, mit dem Schellen aufzuhören, da es vergebens sei, denn die
+Diener wohnten nicht in diesem Theile des Hauses, überdieß habe seine
+Frau starke Kopfschmerzen und könne den Lärm nicht vertragen. Doch
+nach kurzem ging das Schellen wieder an, und wie später Frau Loring
+bei dem Verhöre aussagte, ging ihr Mann abermals aus dem Zimmer mit
+dem Vorsatze, einen Diener zu holen und so der Ruhestörung ein Ende zu
+machen. Dr. Gr. aber behauptete, der Oberst habe ihm einige Scheltworte
+gesagt (eine Sache, die höchst natürlich gewesen wäre, und die der
+rohe Wüstling vollkommen verdient hätte). Kurz Dr. Gr. lief in sein
+Zimmer, kam mit einem Degenstocke wieder und stieß diesen Herrn Loring
+durch den Leib. Der Stich ging durch das Herz, und der Oberst wurde als
+Leiche in sein Zimmer zurück getragen.
+
+Ich habe schon auf meiner Reise durch die südlichen Staaten erwähnt,
+daß in Amerika das Laster der Trunkenheit als große Entschuldigung
+gilt. Auch hier hörte ich viele, die das Benehmen des Mörder gerade
+durch seine Lebensweise entschuldigten. Sie sagten: „Er that dieß in
+der Trunkenheit, wer weiß, wie ihn Loring gereizt hat“ u. s. w.
+
+Bei dem Verhör sah der Doctor so ruhig und unbefangen umher, als wäre
+er schuldlos gewesen. Die Zeitungen schrieben, daß er vermutlich ganz
+frei gesprochen werde, da er Geld und Freunde besitze. Er wurde zwar
+auf sieben Jahre Gefängniß verurtheilt, appellirte aber dagegen, und
+sogleich ward das Urtheil auf vier Jahre herabgesetzt. Ich verließ
+Neu-York vor der vollkommenen Entscheidung des Prozesses; allein die
+allgemeine Stimme sagte, daß wohl schon nach einigen Monaten gänzliche
+Verzeihung erfolgen dürfte. Nur müsse der Mörder in diesem Falle
+Neu-York verlassen, sonst würde er von dem Volke überall beleidigt
+werden.
+
+Es gibt manche, die an dem Volke rühmen, daß es seinen Unwillen derart
+zu erkennen gibt, die dieses Gefühl für Gerechtigkeit in ihm bewundern.
+Aber wenn das Volk die Gerechtigkeit erkennt und liebt, warum gestattet
+es, daß so unrechtmäßige Nachsicht mit den Verbrechern geübt wird,
+warum wählt es nicht ehrliche, unbeugsame Männer zu Richtern und
+Geschwornen? -- An der Macht hierzu fehlt es ihm in einem freien Lande,
+wie die Vereinigten Staaten es sind, doch gewiß nicht! --
+
+
+ [15] Ich las in Beschreibungen, daß man das Getöse 40 Meilen weit
+ höre. Ich vernahm es kaum mehr in der Entfernung von einer
+ Meile. -- Der Hufeisen-Fall ist 2100 Fuß breit, die Höhe 149
+ Fuß. Der Amerikanische ist 1140 Fuß breit, 164 Fuß hoch. Man
+ schätzt die Wassermasse, die von beiden Fällen per Minute
+ herabstürzt, auf 670,250 Tonnen.
+
+ [16] Die Franzosen gründeten in Canada die erste Kolonie im Jahre
+ 1607; sie blieben im Besitz des Landes bis 1759, wo es ihnen von
+ den Engländern abgenommen wurde.
+
+ [17] Herr +Chapin+, einer der berühmtesten Amerikanischen Prediger,
+ sagt in einer seiner Predigten nach einem großen Unfalle auf
+ einer Eisenbahn: „Und gegen dieses Ungestüm sollte auf jede
+ Weise gearbeitet, vor allem das Menschenleben geachtet werden.
+ Dieß Gefühl sollte, wie ich mit Schmerz gestehen muß, in unserem
+ Zeitalter und unserem Lande weiter und tiefer verbreitet sein.
+ Das Leben ist kostbar. O! herzlose Korporationen, stellt eueren
+ Dollars die Menschlichkeit gegenüber, und wenn ein kleiner
+ Gewinn wichtiger ist als ein etwas fester gemachter Keil
+ oder ein extra aufgestellter Aufseher an einem gefährlichen
+ Punkte, so sagt nicht, daß der Staat nur seiner Aufregung Gehör
+ gibt, wenn er die Lebensnerven durchschneidet, mittelst deren
+ Korporationen bestehen.“
+
+ [18] Nicht selten ziehen auch junge Mädchen, welchen es in
+ dem elterlichen Hause nicht gefällt oder zu still zugeht, in
+ Boarding-Houses.
+
+ [19] In den Vereinigten Staaten gibt es eine außerordentliche Anzahl
+ von Dichterinnen, Schriftstellerinnen und Komponistinnen.
+ Wenn ich die Namen aller jener aufgezeichnet hätte, die man
+ mir als solche vorstellte, so würde ich bogenlange Register
+ zusammengebracht haben. Gewiß gibt es darunter viele sehr
+ talentvolle; aber die auch nur ein Verschen, einen kleinen
+ Aufsatz, einen Walzer, eine Polka geschrieben hat, nennt sich
+ schon Dichterin, Komponistin. Die Unbedeutendheit des Werkchens
+ ersetzt ein großer, viel versprechender Titel. Hierauf scheint
+ man in den Vereinigten Staaten überhaupt sehr viel zu halten.
+ Als ich mit einem Verleger betreffs meiner Reisebeschreibung
+ sprach, war seine erste Frage nach dem Titel. Lächelnd erwiderte
+ ich ihm, daß ich daran erst denken würde, wenn die Arbeit
+ vollendet sei. Er meinte aber, dieß wäre eine sehr wichtige
+ Sache, das Publikum sähe viel auf den Titel, und klänge dieser
+ gut, so sei dem Buche schon im vorhinein eine gute Aufnahme
+ gesichert.
+
+ [20] Man wird mir vielleicht zurufen, daß ich mich selbst in gewisser
+ Beziehung emancipirt habe, indem ich so große Reisen allein
+ unternahm und jahrelang vom Hause abwesend blieb; -- ich that
+ dieß jedoch erst, als meine Kinder herangewachsen, selbständig
+ waren, als sie meiner Pflege und Sorgfalt nicht mehr bedurften,
+ und als mir überhaupt keine häuslichen Pflichten mehr oblagen.
+
+
+
+
+Zweiundzwanzigstes Kapitel.
+
+ Die Umgebungen Neu-Yorks. -- Die öffentlichen Institute.
+ -- Blackwells- und Randalls-Island. -- Die Five-Points. --
+ Reise nach Boston. -- Der Empfehlungsbrief. -- Festessen der
+ Massachusetts-Mechaniker-Gesellschaft. -- Waisenhaus, Gefängniß
+ u. s. w. -- Cambridge. -- Lowell. -- Rückkehr nach Neu-York. -- Die
+ Wahl. -- Abschied von den Vereinigten Staaten.
+
+
+Ich benützte meinen Aufenthalt in Neu-York zu wiederholten Besuchen
+der nahen Umgebung, so wie auch zu zwei kleinen Ausflügen, den einen
+nach Herrn +Bryant’s+ Landsitze auf +Long-Island+, den andern nach dem
+Landhause des berühmten Dichters +Washington Irving+.
+
+Die nächste Umgebung der Stadt bilden die Städte +Broklyn+,
++Williamsburg+ und +Hoboken+, die man eigentlich als Theile Neu-Yorks
+betrachten könnte, denn sie sind nur durch den Fluß davon getrennt.
+Viele Leute wohnen da, welche ihre Geschäfte täglich nach Neu-York
+rufen, und Dampfer fahren jeden Augenblick hin und her.
+
+Etwas weiter über der Bay liegt +States’ Island+. Aus der Bay machen
+die Amerikaner gar viel, und wollen sie mit jener von Neapel oder
+Konstantinopel vergleichen. Davon kann wohl keine Rede sein. Sie ist
+allerdings hübsch; allein ihre Breite ist zu groß, die Hügelkette zu
+niedrig. Von der Stadt aus erscheint die gegenüberliegende Hügelkette
+noch viel unbedeutender als sie ist, und von States’ Island aus
+verschwimmt Neu-York zu einem Steinhaufen, und man sieht von den
+Schiffen nichts als den Mastenwald.
+
+Auf States’ Island selbst gibt es hübsche Landsitze mit schönen
+Aussichten. Schade daß alles mit Bretterwänden eingefaßt ist und man
+nirgend durch die Wäldchen und Wiesen gehen kann, sondern sich mit der
+staubigen Straße begnügen muß.
+
++Greenwood+ (6 Meilen von Neu-York) ist der prachtvollste Friedhof
+nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern in der ganzen Welt. Die
+ehrwürdigsten Bäume beschatten die saftigsten Wiesen, spiegelhelle
+Teiche blicken dazwischen durch. Unter den Bäumen zeichnen sich ganz
+besonders die Trauerweiden aus: in keinem Lande sah ich sie so groß und
+umfangreich, als in den nördlichen Theilen der Vereinigten Staaten. Von
+den Hügeln hat man die bezauberndste Uebersicht der Bay und der Stadt
+sammt ihrer Umgebung. Wahrlich, ich würde meinen Wohnsitz ungleich
+lieber hier bei den Todten aufschlagen, als in der geräuschvollen Stadt!
+
+Ohne Einlaßkarte erhält man keinen Zutritt in diesen Ort der Ruhe; an
+Sonntagen wird er leider ganz geschlossen, und somit ist der schönste
+Punkt um Neu-York für die arbeitende Klasse, die nur über den Sonntag
+gebieten kann, so viel wie gar nicht vorhanden.
+
+Zu +High-Bridge+ (10 Meilen) sind die großen Wasserwerke, welche den
+Bedarf Neu-Yorks decken; ein hoch gespannter Aquädukt leitet das
+Quellwasser über einen Arm des Hudson-Flusses nach der Stadt. Ueberdieß
+verdient dieser Ort auch seiner Landschaft wegen besucht zu werden, die
+zu einer der schönsten um Neu-York gehört.
+
+Ich fuhr in einem Omnibus dahin, welcher im Innern Plätze für zwölf
+Personen enthielt. Dieser Omnibus geht nur alle halbe Stunden ab und
+weist niemanden zurück[21]. Ich zählte vierzehn Erwachsene und fünf
+Kinder, von welchen das jüngste über vier Jahre alt war. Zu meinem
+Erstaunen setzten sich Mädchen, junge Frauen ohne alle Umstände auf
+den Schooß ihnen ganz fremder Männer. Das nenne ich doch etwas gar zu
+frei! -- Sittlichkeitsgefühl, Frauenwürde, sind dieß hier nur leere
+Worte? Ich würde eine solche Sache für kaum möglich gehalten haben,
+hätte ich es nicht selbst gesehen.
+
+Herrn +Bryant’s+ Landsitz liegt bei +Roslin+ auf +Long-Island+ (30
+Meilen von Neu-York). Es gereichte mir zum größten Vergnügen, diesen
+Herrn kennen zu lernen, der als Herausgeber einer der gelesensten
+Zeitungen und als Schriftsteller, Poet und Uebersetzer Deutscher
+Dichter nicht nur in seinem Vaterlande, sondern auch außerhalb
+desselben rühmlichst bekannt ist. Er war so freundlich, mich auf einige
+Tage zu sich auf das Land einzuladen. Die kleine Reise dahin kann man
+auf der Eisenbahn oder zur See auf kleinen Dampfern machen. Beide Wege
+bieten viele hübsche Ansichten, besonders letzterer.
+
+Das Landhaus liegt überaus reizend auf einer kleinen Anhöhe, nahe
+der See; Parthieen des Dörfleins Roslin umgeben es von allen Seiten,
+frische Laubbäume, stattliche Trauerweiden (mit Stämmen bis zu fünf
+Fuß im Durchmesser) gruppiren sich dazwischen. Das Ganze hat einen
+so ländlich stillen, ruhigen Anstrich, als gäbe es Hunderte von
+Meilen weit keine Stadt. Hier kann sich das Gemüth erholen und neue
+Kräfte für das stürmische Leben sammeln. Aber abgesehen von diesen
+Annehmlichkeiten fühlte ich mich von der herzlich guten Familie
+Bryant so angezogen, daß ich alles andere nur als schöne Zugabe
+betrachtete. In Frau Bryant lernte ich das vollkommenste Muster einer
+Hausfrau kennen. Sie beweist, wie gut man Häuslichkeit mit Bildung,
+Bescheidenheit und Anmuth mit Willensmeinung und Kraft verbinden kann.
+Wollte Gott, es gäbe nicht nur in Amerika, sondern überall viele so
+gediegene Hausfrauen!
+
+Wie gern hätte ich auch hier wieder der Zeit in die Speichen gegriffen;
+die wenigen Tage eilten nur zu rasch dahin!
+
++Washington Irving’s+ Landhaus liegt ebenfalls ungefähr 30 Meilen von
+Neu-York, aber in einer andern Richtung, am Hudson-Flusse. Auch dieser
+große Dichter nahm mich sehr zuvorkommend auf. In seinen ruhigen,
+freundlichen, wohlwollenden Zügen hätte ich eher einen gemütlichen
+Landmann als einen genialen Schriftsteller gesucht; wenn er aber
+zu sprechen begann, erglänzten seine Augen in Jugendfeuer, seine
+Gesichtszüge nahmen den geistreichsten Ausdruck an. Glücklich hat hier
+die Natur Geist und Gemüth zugleich begabt.
+
+Washington Irving führt ein Junggesellen-Leben; doch wußte er sein
+Alter herrlich auszuschmücken. Mehrere sehr liebenswürdige Nichten
+(Töchter seiner Schwester) theilen die reizend gelegene Villa mit ihrem
+Oheim, der selbst im Winter diesen Ort der Zurückgezogenheit nicht
+verläßt.
+
+Nun blieb mir von Neu-York nicht viel mehr zu besehen übrig, als die
+öffentlichen Institute, die Volksschulen, Armen- und Waisen-Häuser,
+Irren-Hospital, Gefängnisse u. s. w.
+
+Mein Glücksstern führte mich zuerst nach den +Tombs+
+(Stadtgefängnissen). Ich sage „mein Glücksstern,“ weil ich da an
+der Oberaufseherin (Matrone) M. +Flora Forster+, eine der besten,
+treuherzigsten Frauen kennen lernte: ihr Charakter sprach mich sehr an,
+und gar manche Stunde, ganze Abende brachte ich bei ihr in den Tombs
+und in ihrem Hause zu.
+
+Das Stadtgefängniß ist ein in Egyptischem Style gehaltenes Gebäude.
+Ich dachte, es hätte den Namen „Tombs“ von seiner Aehnlichkeit mit den
+Egyptischen Grab-Monumenten erhalten; das ist aber nicht der Fall. Man
+nennt es Tombs, weil es zur Zeit seiner Entstehung von Sümpfen ganz
+umgeben war, welche die Luft so ungesund machten, daß die meisten der
+Gefangenen starben.
+
+In dieses Gefängniß kommen Verbrecher jeder Art und besonders alle
+Betrunkenen, die man auf der Straße findet. Die Verbrecher bleiben bis
+zu ihrer Aburtheilung. Sie haben nette, luftige Kämmerchen (in jedem
+Kämmerchen lebt nur ein Gefangener), mit Betten und einem Stuhle und
+eine einfache gesunde, genügende Kost. Die leichteren Verbrecher können
+einige Stunden des Tages im Hofe umhergehen, die schweren in den innern
+Gängen. So lange sie nicht verurtheilt sind, wird ihnen gestattet, sich
+so viele Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten zu verschaffen, als es
+ihre Börse oder die Sorge ihrer Freunde erlaubt.
+
+Die Betrunkenen kommen auf fünf Tage hieher, nach mehrmals
+wiederholtem Falle werden sie auf sechs Monate nach dem Strafhause auf
++Blackwells-Island+ verurtheilt.
+
+Zu meinem Leidwesen sah ich in der Abtheilung für das weibliche
+Geschlecht meistens junge Mädchen und Weiber. Die Zahl solcher
+bedauernswerther Geschöpfe soll sich manchen Tag auf dreißig und
+vierzig belaufen. Im vergangenen Jahre wurden bei 6000 Weiber und
+Mädchen hieher gebracht. Wer das Laster der Trunkenheit in seiner
+vollen Entwürdigung sehen will, der komme hieher! -- Ich begreife
+wirklich nicht, wie man ihm in den Vereinigten Staaten so viel zu Gute
+halten kann.
+
+Die Oberaufseherin der weiblichen Abtheilung ist M. +Forster+, und
+wenn die Leute nicht gebessert herauskommen, ist es gewiß nicht ihre
+Schuld, denn sie sucht sie mit wahrer Herzlichkeit und Menschenliebe
+auf den Weg des Guten zu leiten. Ich hatte oft Gelegenheit, sie in der
+Ausübung ihres Berufes zu sehen und nahm den größten Antheil an ihrem
+Schalten und Walten.
+
+Unter den Amerikanischen Frauen und Mädchen herrscht, wie in England
+und Deutschland, die schöne Sitte, daß sich gar manche unter ihnen
+zu zeitweiligen Besuchen der weiblichen Lehr- und Straf-Anstalten
+verbinden. Sie sehen nicht nur nach, ob die dabei Angestellten ihre
+Pflichten erfüllen, sondern sie bemühen sich auch selbst, durch
+gemüthliches Zusprechen, durch gute Lehren die Leute zu bessern, und
+wenn die Gefangenen ihre Strafzeit überstanden haben, sie an anständige
+Orte zu bringen, wo sie sich ihren Unterhalt verdienen können. Unter
+diesen Frauen, welche sich der Hülflosen und der Verbrecherinnen so
+liebevoll annehmen, lernte ich vorzugsweise Frau +Gibbons+ (Gemahlin
+des Herrn J. S. Gibbons) und Fräulein +Curtis+ kennen. Schon die
+Väter dieser beiden genannten Damen widmeten den Armen den größten
+Theil ihrer Zeit und vieles Geld, und bemühten sich besonders, die
+herangewachsenen Waisen, die gebesserten Sträflinge bei tugendhaften
+Familien unterzubringen; Frau Gibbons’ Vater ist bereits gestorben,
+Herr Curtis schon ein 81jähriger Greis. Die beiden Damen wirken aber
+ganz in dem Geiste dieser wahren Wohlthäter fort.
+
+Ich besuchte mit ihnen und Frau Forster +Blackwells-Island+, ein
+winziges Inselchen, unferne von der Stadt, freundlich gelegen und mit
+einer herrlich gesunden Luft. Dieses Fleckchen Erde (eine Meile lang,
+eine halbe Meile breit) enthält ausschließend öffentliche Anstalten für
+alte, gebrechliche Leute, für Geisteskranke und solche Verbrecher, die
+auf sechs Monate verurtheilt sind.
+
+Die drei Gebäude, in gehöriger Entfernung stehend und durch Gärten und
+Steinwänden von einander getrennt, gleichen an Größe und solidem Bau
+Palästen. Sie sind von Quadersteinen aufgeführt und wurden, wie man mir
+sagte, von den Verbrechern selbst gebaut.
+
+Alle diese drei Anstalten kann man in jeder Hinsicht vollkommen nennen.
+Die Säle zum Arbeiten, zum Aufenthalte während des Tages, zum Speisen
+und Schlafen sind hoch und geräumig, die Kost ist gut, gesund und
+reichlich, die Ordnung und Reinlichkeit überaus groß. Wer arbeitsfähig
+ist, muß täglich eine bestimmte Zahl von Stunden arbeiten.
+
+Unter den Verbrecherinnen fiel mir ein junges Mädchen von 18 bis 20
+Jahren auf: sie trug das Haar kurzgeschnitten, nach Art der Männer. Als
+ich nach der Ursache frug, hieß es, daß sie sechs Monate als Matrose
+auf einem Schiffe gedient habe. Dieß war auch das Vergehen, wegen
+dessen sie sich an diesem Orte befand.
+
+Die Verbrecher, Männer wie Weiber, verhielten sich äußerst anständig,
+man hörte weder Geflüster, noch Gelächter, wenn man in die Säle
+trat. Man behandelt aber auch die Leute nicht mit bösen Worten und
+mit Rohheit wie Verbrecher, sondern wie bereits Gebesserte. Man hat
+den Grundsatz, des Verbrechers That zu vergessen, kein Mensch darf
+derselben erwähnen. Die Frauen, mit welchen ich kam, reichten den
+Leuten die Hände und sprachen mit ihnen auf die herzlichste Weise.
+Gewiß muß solche Behandlungsart von guten Folgen sein.
+
+Am allerbesten gefiel mir das Hospital für die Irren; ich ziehe es bei
+weitem +Bedlam+ in London vor. Die Unglücklichen werden Nachts nicht
+in kleine Zellen gesperrt, sondern schlafen in luftigen, geräumigen
+Zimmern und (obwohl durchgehend Arme) in blendend weißen guten Betten.
+Die Fenster sind derart vergittert, daß man es gar nicht gewahrt; die
+eisernen Stäbe passen nämlich gerade auf die hölzernen Fensterrahmen.
+Die Mahlzeiten werden in Gemeinschaft eingenommen, auf reinlich
+gedeckten Tafeln, mit weißem Geschirre, mit Gläsern und Eßbestecken;
+nur den gefährlichen Irren wird dergleichen nicht anvertraut: diese
+speisen auf Blechgeschirr, und das Fleisch wird ihnen in Stückchen
+geschnitten, auf den Tisch gebracht.
+
++Randall’s-Island+, ein anderes Inselchen, enthält ebenfalls nur
+öffentliche Anstalten und zwar meistens für Kinder. Die größte hievon
+(~Home of refuge~) ein prachtvolles Gebäude, so eben beendet, ist
+für Kinder bestimmt, die wegen Vergehungen hieher kommen. Die andern
+kleinen Häuser sind für Waisen oder von ihren Eltern ganz verwahrloste,
+für blödsinnige und eines auch für kranke, besonders scrophulöse Kinder.
+
+Alle diese Anstalten sind schön und trefflich eingerichtet; nur fand
+ich bei den kranken und blödsinnigen Kindern der Wärterinnen zu wenig,
+und deshalb die Pflege nicht ganz so, wie sie sein sollte. Wie kann
+eine Wärterin zwanzig und mehr solcher kleiner Geschöpfe besorgen! Auch
+die Bezahlung der Wärterinnen ist zu gering.
+
+In dem +~Home of refuge~+ werden die Kinder vom zehnten Jahre an
+aufgenommen, und je nach ihrer Besserung und Bekehrung kürzere oder
+längere Zeit behalten. Oft erlangen sie schon nach drei Monaten ihre
+Freiheit wieder, oft bleiben sie bis zur Mündigkeit, die bei Jünglingen
+mit dem vollendeten einundzwanzigsten, bei Mädchen mit dem achtzehnten
+Jahre eintritt. Wenn dergleichen Kinder aus der Anstalt austreten,
+sucht man sie bei Farmers in Dienst zu bringen.
+
+Außer dem Waisenhause auf Randall’s-Island, gibt es in Neu-York noch
+zwei, eines für farbige, eines für weiße Kinder. Letzteres liegt im
+Herzen der Stadt, in den „~five points~,“ dem verrufensten Theile
+Neu-York’s. Kein wohlgekleideter Mensch dürfte es wagen, Abends dahin
+zu gehen, außer in Begleitung eines Polizei-Mannes. Beraubungen,
+Morde, alle möglichen Verbrechen werden da besprochen und verabredet.
+Und inmitten dieser überirdischen Hölle hat die Missions-Gesellschaft
+das Waisenhaus errichtet, in dessen einer Abtheilung auch Mädchen
+und Weiber aufgenommen werden, die auf unrechten Wegen gewandelt und
+sich bessern wollen. Man versieht sie mit Arbeit; einen Theil ihres
+Wochenlohnes geben sie an die Anstalt für Kost und Verpflegung.
+
+An dem Schulunterrichte der Waisen können auch Kinder Theil nehmen, die
+nicht in Kost und Verpflegung sind. Diese Anstalt erfreut sich eines
+sehr schönen Erfolges; schon senden viele der verworfensten Eltern ihre
+Kinder zur Schule, und gar manche jugendliche Sünderin verließ den
+schlechten Pfad.
+
+In dem Waisenhause der farbigen Kinder werden diese von dem zweiten
+bis zum zwölften Jahre behalten; dann sucht man sie auf Farms,
+bei Handwerkern oder in braven Familien unterzubringen. Für den
+Schulunterricht gibt es sonderbarer Weise nur einen gemeinschaftlichen
+Saal; die Kinder sitzen zwar in Klassen eingeteilt, aber ohne
+durch eine Wand von einander getrennt zu sein. Das Geschrei der
+Lehrerinnen[22] und der Kinder ist so arg wie in einer Judenschule.
+Wenn eine Lehrerin eine Frage stellt, gibt die ganze Klasse die
+Antwort, ob recht oder nicht, das kann man, des Lärmens wegen, gar
+nicht unterscheiden. Die unzweckmäßigste Methode, daß ganze Klassen
+antworten, fand ich nicht nur in diesem Waisenhause, sondern auch in
+andern öffentlichen Schulen.
+
+Das Amt einer Lehrerin oder Professorin ist in den Amerikanischen
+Schulen (die hohen Mädchen-Seminarien nicht ausgenommen) sehr leicht
+und bequem. Die Lehrbücher sind der Art eingerichtet, daß der
+Unterricht ganz einfach aus den Büchern herausgelesen wird, und damit
+ist die Sache abgethan.
+
+In der Gegend der ~five points~ sind für die Jungen, welche die
+Zeitungen austragen, einige Säle eingerichtet, in welchen sie gute
+Betten, Beleuchtung, Heizung und Unterricht in den Normal-Gegenständen
+und in der Religion für die geringe Bezahlung von zweiundvierzig Cents
+per Woche finden. --
+
+Das Taubstummen-Institut unter der Leitung des Direktors +Peck+ ist
+ausgezeichnet. Die Zöglinge sind in den verschiedenen Zweigen des
+Wissens so ausgebildet, als hätten sie nicht weniger, sondern mehr
+als fünf Sinne. Besonders thaten sie sich in der Aufsatzlehre und
+Arithmetik hervor. Einige sprachen wenige Worte, eine Erscheinung,
+die mir nicht neu war, da ich sie schon vor vielen Jahren in dem
+Taubstummen-Institute zu Wien beobachtet hatte.
+
+Herr Peck Vater war abwesend. Die Anstalt wurde mir mit größter
+Bereitwilligkeit von seinem Sohne gezeigt, der an Jahren kaum
+das Jünglingsalter überschritten hatte, in der Art und Weise mit
+den Unglücklichen umzugehen, ihre Liebe zu gewinnen und sie zu
+unterrichten, aber den gediegensten und erfahrensten Männern an die
+Seite zu setzen ist. -- Die Amerikaner werden schon in jungen Jahren
+für das praktische Leben gleich erfahrenen Männern ausgebildet, was
+hauptsächlich durch den frühen Eintritt in das Geschäftsleben geschieht.
+
+Herr Peck Sohn hat sich ein sehr liebenswürdiges Mädchen aus den
+Zöglingen zur Lebensgefährtin gewählt.
+
+Ich war nun schon drei Wochen in Neu-York und hatte das Merkwürdigste
+so ziemlich gesehen; man forderte mich auf, auch einige Ausflüge nach
+den andern großen Städten, +Boston+, +Philadelphia+, +Washington+ zu
+machen. Aber aufrichtig gesagt, ohne Unterlaß große Städte besuchen,
+ermüdet mich; zudem bieten die Amerikanischen Städte, groß oder klein,
+zu wenig Abwechslung: sie gleichen einer der andern gar zu sehr. Doch
+gab ich endlich der Ueberredung meiner Freunde nach und entschloß mich,
+wenigstens Boston, das „Athen“ der Vereinigten Staaten zu besuchen.
+
+Am +10. Oktober+ ging ich Nachmittags auf dem großen Dampfer „+Van
+der Bilt+“ den östlichen Hudson-Fluß 65 Meilen aufwärts, bis zur
+Eisenbahn. Diese Fahrt ist nur Anfangs hübsch durch die Ansichten
+der Städte Neu-York und Broklyn, durch kleine Hügelparthieen und die
+umherliegenden Landhäuser; später werden die Ufer flach und einförmig.
+
+Sehr praktisch fand ich die Art und Weise, in welcher die Güter und
+das Gepäcke der Reisenden auf dem Dampfer geordnet werden, um allem
+Zeitverlust und allen Unordnungen bei dem Wechsel mit der Eisenbahn
+vorzubeugen. Es gab kleine Waggons, in welche das Gepäcke je nach den
+verschiedenen Stationen gelegt wurde. Bei der Ankunft an der Eisenbahn
+standen die Pferde schon bereit, die Waggons wurden herausgezogen und
+an den Zug angehängt. Dadurch ging alles schnell und ordentlich, ohne
+Gedränge und Laufen vor sich.
+
+Was das Praktische in allen Einrichtungen anbelangt, sind die
+Amerikaner wirklich bewundernswürdig: in dieser Beziehung könnten alle
+Nationen bei ihnen in die Lehre gehen.
+
+Um 2 Uhr Nachts wechselten wir den Dampfer mit der Eisenbahn, und nach
+ungefähr vier Stunden (120 Meilen) waren wir in Boston.
+
+Ich stieg hier auch wieder in einem Boarding-house ab. Doch kaum hatte
+Dr. +Hoffendahl+ (ein Deutscher) von meiner Ankunft gehört, als er mich
+sogleich in sein Haus einlud, obwohl ich keinen Empfehlungsbrief an
+ihn hatte. Ich sage ihm, wie allen Familien, die mich von dem lästigen
+Gasthofsleben befreiten, wiederholt meinen herzlichsten Dank.
+
+Die Stadt Boston, mit einer Bevölkerung von 150,000 Seelen, liegt auf
+drei Hügelchen, und da die Straßen beinah durchgehends mit schönen
+Baumalleen bepflanzt sind, nimmt sie sich sehr gut aus; auch ist
+sie so rein gehalten, daß man sie im Vergleiche zu Neu-York ein
+„Schmuckkästchen“ nennen könnte. In den Geschäftsstraßen +Washington-+
+und +Hannover-Street+ ist das Gedränge wohl auch bedeutend, aber nicht
+übermäßig. Ein Park in der Mitte der Stadt, mit wahren Prachtexemplaren
+von Bäumen, mit einem Teiche und vielen Bänken, bietet einen
+freundlichen Spaziergang und gewährt einen geräumigen Tummelplatz
+für die Jugend. Die öffentlichen Gebäude sind, wie in allen großen
+Städten der Vereinigten Staaten, schön und meistens aus Quadersteinen
+aufgeführt. An Museen, Bildergallerien u. dgl. ist nicht viel zu sehen.
+Das Lese-Athenäum enthält eine kleine Sammlung von Statuen, Büsten,
+Oelgemälden u. s. w., doch ohne besondern Werth; bedeutend ist dagegen
+die Bibliothek.
+
+Dr. +Warren+, rühmlichst bekannt als Naturforscher, besitzt eine
+Sammlung seltener Fossilien, unter andern ein vollkommenes Skelett des
+Mastodon, welches auch zugleich das größte sein soll, das von dieser
+Gattung Thiere bisher gefunden wurde (Fundort: Nordamerika). Dr. Warren
+hatte die Gefälligkeit, mir selbst seine schöne Sammlung zu zeigen.
+
+Das +Bunka-Hill-Monument+, für die Geschichte der Vereinigten Staaten
+gewiß das merkwürdigste, besteht aus einem einfachen Obelisken von
+grauem Stein. Es steht auf einem Hügelchen in der Stadt und wurde
+zur Erinnerung der Helden gesetzt, die in dem ersten Freiheitskampfe
+(1774), der wie bekannt von hier ausging, fielen. Gewiß ist dieser
+einfache Obelisk die schönste Zierde der Stadt und der Stolz der
+Vereinigten Staaten. Man kann bis an die Spitze des Monuments steigen,
+eine zwar etwas mühsame Arbeit, die aber durch einen schönen Ueberblick
+über Stadt und Umgebung belohnt wird.
+
+Ich war so glücklich, in Boston die Bekanntschaft des Geistlichen
+Herrn +Bernard+ zu machen. Derselbe war so überaus gütig, nahm so viel
+Antheil an mir, daß er mich persönlich überall hinführte. Wenn es seine
+Zeit erlaubte, kam er schon Morgens mich abzuholen.
+
+Ich hatte zwar in Neu-York einen Empfehlungsbrief für eines der ersten
+Bostoner-Häuser (Ad. und Komp.) erhalten, mit der Versicherung, daß man
+mich da nicht nur sehr zuvorkommend empfangen, sondern mir auch vieles
+von Boston zeigen würde. Als ich aber den Brief abgab, betrachtete mich
+der reiche Herr höchst kaltblütig (ich war einfach gekleidet und kam
+nicht gefahren), las an den Paar Zeilen des Briefes eine ganze Ewigkeit
+(vermutlich überlegte er, wie er mich empfangen sollte) und fragte
+mich endlich: „Was wollen Sie?“ -- gerade als wäre eine Arme vor ihm
+gestanden, mit irgend einem Anliegen. Ich antwortete ihm in demselben
+Tone: „Ich will nichts. Man hat mir diesen Brief an Sie gegeben, und
+zwar unaufgefordert, ich glaubte daher, ihn abgeben zu müssen.“ Als er
+sah, daß ich mit keinem Anliegen gekommen war (aus dem Briefe schien
+er das nicht heraus buchstabirt zu haben), fügte er in herablassendem
+Tone hinzu: „Wenn Sie einer Auskunft bedürfen, werde ich solche Ihnen
+ertheilen.“ Und damit schieden wir, ohne daß ich von diesem Herrn
+ferner etwas gesehen oder gehört hätte.
+
+Das war ein echtes Beispiel eines Geldaristokraten, wie sie nicht
+nur in den Vereinigten Staaten, sondern in der ganzen Welt sind. Ihr
+Hochmuth erscheint noch ungleich unerträglicher, als jener der wahren
+Aristokratie, die doch gewöhnlich Bildung und Benehmen hat, was dem
+Geldadel nur zu häufig fehlt. In Boston scheint diese Klasse von
+Menschen ärger zusammen zu halten, als irgendwo. In ihre Gesellschaft
+zu kommen, soll unendlich schwer sein, die Heirathen schließen sie nur
+unter ihres gleichen, ja sie wohnen sogar alle in einer Straße (Beacon
+Street). Und dennoch entschuldige ich den Stolzen eher, als jenen, der
+ihm huldigt. Wie bald müßten Geld- und Geburts-Adel von ihren Höhen
+herabsteigen, wenn es keine Speichellecker gäbe, die ihnen Ehrfurcht
+und Bewunderung bezeigten.
+
+Ich kam, wie gesagt, am 11. October Morgens um sechs Uhr in
+Boston an und wurde noch denselben Tag dem Stadt-Mayor, Herrn
+Dr. +Smith+ vorgestellt. Abends hatte ein großes Festessen der
+„+Massachusetts+-Mechaniker-Gesellschaft“ (wie alle drei Jahre)
+statt, welches in der +Faneuil-Hall+ abgehalten wurde. Diese Halle ist
+geschichtlich eben so berühmt, wie das +Bunka-Hill+-Monument, denn hier
+fanden die ersten Zusammenkünfte, Berathungen und Beschlüsse statt, von
+hier zog man zu dem ersten Freiheitskampfe aus, und dem zu Folge trägt
+diese jedem Amerikaner unvergeßliche Halle auch den schönen Namen:
+„Wiege der Freiheit.“
+
+Herr Dr. Smith lud mich zu dem Feste ein.
+
+Mit tiefer Ehrfurcht der Vergangenheit gedenkend, betrat ich die Halle:
+sie war geschmackvoll ausgeziert und reich erleuchtet, auf der Gallerie
+befand sich ein Musikchor. Die Tafeln waren für 800 Personen gedeckt.
+An Gerichten gab es eine große Auswahl; statt der geistigen Getränke
+aber wurde Wasser, Kaffee und Thee gereicht. Der Staat Massachusetts
+gehört nämlich dem Temperance-Vereine an. Die Mahlzeit war in einer
+Stunde abgethan. Dann wurden durch zwei Stunden Gelegenheitsreden
+gehalten. Herr Mayor Smith hatte die große Aufmerksamkeit, in seiner
+Rede von mir sehr schmeichelhafte Erwähnung zu machen und mich der
+Gesellschaft vorzustellen. Als ich seinem Wunsche zufolge aufstand,
+empfing mich sogleich ein lautes Beifallklatschen, und wenn ich bisher
+nie bedauert hätte, der Englischen Sprache nicht vollkommen mächtig zu
+sein, so wäre es in diesem Augenblicke der Fall gewesen; ich konnte
+der Gesellschaft meinen Dank für ihr freundliches Wohlwollen nur durch
+stumme Verbeugungen bezeugen.
+
+Zwischen den Reden wurden Hymnen, Arien und das berühmte Volkslied
+„Yankee-Doodle“ vorgetragen. Um elf Uhr ging die Gesellschaft
+auseinander.
+
+Die öffentlichen Anstalten in Boston sind durchgehends musterhaft
+eingerichtet.
+
+Das Blindeninstitut, welches zu den ausgezeichnetsten seiner Art
+gehören soll, fand ich leider geschlossen, die Ferien waren noch nicht
+beendet. Ich hatte aber dennoch das Vergnügen, den Direktor desselben,
+Herrn +Howe+ kennen zu lernen, der sich hinsichtlich der Erziehung und
+Behandlung der Blinden einen großen Ruf erworben hat.
+
+Unweit des Blinden-Institutes steht jenes der Blödsinnigen. Wahrhaft
+bewundernswürdig ist hier die Macht der Erziehung. Alle diese
+Blödsinnigen waren rein in Kleidung und Haltung, viele unter ihnen
+konnten lesen, wenige auch schreiben, manche hatten sogar Begriffe von
+der Erdbeschreibung.
+
+Ein Geschwister-Paar fiel mir durch die auffallend kleine Bildung
+des Kopfes auf. Dieser Form und dem Gesichtsausdrucke zufolge, hätte
+man die Unglücklichen für vollkommen dumm halten mögen; sie konnten
+jedoch ein wenig lesen, die Farben unterscheiden, die Tage der Wochen
+hersagen u. s. w. Ein bildschönes, blondlockiges, sechsjähriges Mädchen
+war irrsinnig. Man sah diesem Kinde weder in den Augen noch in den
+Gesichtszügen an, daß es der Vernunft beraubt war. Das feurige blaue
+Auge schien eher das Gegentheil zu verrathen; aber außer kleinen
+Gesängen war ihm bisher nichts beizubringen gewesen -- es hatte eine
+rastlose Beweglichkeit.
+
+So lange diese Armen in der menschenfreundlichen Anstalt sind, geht es
+ihnen freilich gut; aber wenn sie in die Welt hinausgestoßen werden, in
+deren Kette sie kein Glied bilden, dann ist ihr Schicksal schrecklich.
+Und leider erreichen solche unglückliche Geschöpfe gewöhnlich ein hohes
+Alter, denn keine Sorge, keine Leidenschaft trübt ihre Ruhe.
+
+Das Massachusetts-General-Hospital ist unstreitig das schönste und best
+eingerichtete, das ich in den Vereinigten Staaten sah. Ich stelle es
+beinahe den Hospitälern in +Surabaya+ und +Samarang+ auf Java gleich --
+das höchste Lob, das ich ihm ertheilen kann.
+
+Das Bostoner Gefängniß gehört ebenfalls zu den prachtvollsten, die
+ich sah. Von außen sieht es einer herrlichen Kirche mit einer schönen
+Kuppel ähnlich. Das Innere bildet eine lange, hohe Halle, in deren
+Mitte ein schmales, dreistöckiges Gebäude steht, welches auf beiden
+Seiten durch alle Stockwerke in kleine Zellen getheilt ist. Jede Zelle
+hat ein Fenster und eine Thüre, die durch eiserne Gitter geschlossen
+sind und auf die ringsum laufenden Gallerien münden. Das Ganze gleicht
+einem eisernen Käfige.
+
+Die Gefangenen erhalten hinlänglich Licht und Luft von der Halle und
+finden auch einige Zerstreuung, da es in der Halle immer etwas zu sehen
+gibt. Mit einander können sie nicht verkehren. Der Gefangenwärter sitzt
+unten in der Halle, von wo er alle Zellen mit einem Blicke übersieht.
+Ich war in der Küche bei der Austheilung der Kost gegenwärtig, und fand
+diese sehr gut. Es gibt fünfmal in der Woche Fleisch nebst guter Suppe,
+die andern zwei Tage Fische. Jeder Mann erhält Morgens Kaffee nebst
+einem Pfund Brot, Mittags ein Pfund Fleisch, drei große Kartoffeln
+und ein Stück gutes Brot, Abends Thee und Brot. Es sollte mich nicht
+wundern, wenn die Leute kleine Verbrechen begingen, blos in der
+Absicht, auf einige Zeit hierher zu kommen. Sie essen und wohnen gut
+und haben nichts zu arbeiten.
+
+Das Hospital für Irre besteht aus drei Gebäuden, jedes mit einem
+abgeschlossenen, schönen Garten. Die beiden Seitengebäude sind nur
+für wohlhabende Leute errichtet, das eine für acht Herren, das
+andere für acht Frauen. Jeder Kranke hat zwei überaus prachtvoll
+eingerichtete Zimmer, einen Badeplatz, einen eigenen Aufwärter und eine
+sehr gewählte, gute Kost. Für dieß alles, die ärztliche Pflege mit
+einbegriffen, werden per Woche zwanzig Dollars gefordert.
+
+Das dritte Gebäude enthält billigere Plätze, für drei Dollars per
+Woche, und sehr viele unentgeldliche Plätze.
+
+Von den Schulen, die ich in Boston besuchte, kann ich nur dasselbe
+wiederholen, was ich von jenen in Neu-York gesagt habe: sie sind alle
+als Musterschulen aufzustellen. Großes Vergnügen machte es mir, hier
+auch die farbigen Kinder so gut unterrichtet zu finden, daß man farbige
+Mädchen und Jünglinge als Lehrerinnen und Lehrer gebrauchen kann.
+
+In der großen Volksschule, welche über 600 Schüler zählt und unter
+der Leitung Herrn +Bernard’s+ steht, sah ich zum ersten Male, daß den
+Mädchen auch weibliche Handarbeiten, Nähen, Sticken u. s. w. gelehrt
+wurden. So viel ich glaube, ist diese vernünftige Einrichtung Frau
+Bernard zu danken, welche die Oberaufsicht über die Mädchen hat.
+Während der Tagesstunden wird die Schule von Kindern besucht, und drei
+bis vier Mal in der Woche sind zwei Stunden Abends (von sieben bis neun
+Uhr) für solche junge Leute bestimmt, die in ihren Kinderjahren keinen
+Unterricht genossen haben.
+
+Herr Bernard ist von seinen Zöglingen so geliebt und geachtet, daß
+sie ihn nicht nur in der Schule freudig begrüßen, sondern ihm überall
+entgegen eilen, wo sie ihm begegnen. Häufig sah ich dieß mit eigenen
+Augen auf unsern Wanderungen durch die Stadt.
+
+Der Gefälligkeit meines unermüdlichen Freundes verdanke ich auch
+zwei interessante Ausflüge in Boston’s Umgebung, den ersten nach
++Cambridge+, den andern nach +Lowell+.
+
++Cambridge+ (4 Meilen von Boston) ist das größte und bedeutendste
+Kollegium[23] in den Vereinigten Staaten. Die Zahl der Schüler betrug
+in diesem Jahre 900, von welchen 700 in Kost und Wohnung aufgenommen
+waren. Dieses Kollegium gleicht einer kleinen Kolonie: es besteht
+nicht aus einem einzigen Gebäude, sondern aus vielen Häusern, die auf
+Wiesenplätzen oder in niedlichen Gärten liegen. In einigen Häusern
+befinden sich die Lehrsäle für die verschiedenen Gegenstände, die
+andern dienen den Studenten zu Wohnungen; auch jeder Professor bewohnt
+ein eigenes Häuschen.
+
+Die Bibliothek ist ebenfalls die größte und interessanteste in
+den Vereinigten Staaten: sie enthält 80,000 Bände, darunter zwei
+geschriebene Bibeln, von welchen die eine aus dem neunten, die andere
+aus dem vierzehnten Jahrhundert datirt, viele andere werthvolle alte
+Bücher mit schönen Handzeichnungen und Malereien, so wie auch die Kopie
+eines kleinen Werkchens von Hypokrates, mit der Feder dem Original so
+täuschend nachgeahmt, daß man sie davon nicht zu unterscheiden vermag.
+Man soll für dieses Kunstwerk 1500 £ St. geboten haben.
+
+Ich lernte in Cambridge den Professor und rühmlichst bekannten
+Naturforscher Herrn +Agassiz+ kennen, der, als er noch in seinem
+Vaterlande, der Schweiz, lebte, die vorzüglichsten Berge und Gletscher,
+darunter auch den Montblanc, bestiegen hat. Die Bekanntschaft dieses
+ausgezeichneten Mannes war mir um so werther, als ich auf meiner ersten
+Reise um die Welt im Jahre 1847 in China (+Canton+) von einem seiner
+nahen Verwandten, auch einem Herrn Agassiz, gar freundlich aufgenommen
+worden war.
+
+Hier beschäftigt sich Herr Agassiz außer der Ausübung seines Lehramtes
+mit Sammeln von Insekten, Reptilien und allem, was in das Naturreich
+gehört. Er soll eine der reichsten Sammlungen von Insekten und
+Schmetterlingen, die in Nordamerika vorkommen, haben. Ich konnte leider
+wenig davon sehen, da gerade alles gepackt war, um in ein anderes Lokal
+gebracht zu werden.
+
+Lowell, die berühmteste Fabrikstadt der Vereinigten Staaten, mit
+einer Bevölkerung von 33,000 Seelen, liegt 25 Meilen von Boston. Man
+verfertiget hier die ausgezeichnetsten Teppiche, Weiß- und Druckwaaren.
+Im Ganzen sind 11 Fabriken im Gange, welche 8476 Mädchen und 4507
+Männer beschäftigen, und deren Betriebskapital man auf 14 Millionen
+Dollars schätzt.
+
+Die Mädchen wohnen beinahe durchgehends in Boarding-Houses, die zu
+den Fabriken gehören, und in welchen eben so wie in den Fabriken die
+wohlgeordnetste Aufsicht über sie geführt wird. Ein Mädchen bezahlt per
+Monat für gute Kost und Wohnung 5 Dollars, ihr Erwerb beläuft sich auf
+13 bis 14. Jene, die nicht in den Kosthäusern leben, müssen sich einen
+wöchentlichen Abzug von 25 Cents (¼ Dollar) gefallen lassen. Man will
+sie durch diesen Abzug zu bewegen suchen, in den Kosthäusern zu wohnen,
+wo sie mehr unter Aufsicht sind.
+
+Die Arbeiterinnen haben hier ein so sittiges Aussehen und Benehmen,
+daß viele Eltern, der wohlerzogenen Klasse angehörend, keinen Anstand
+nehmen, ihre Töchter in die Fabriken zur Arbeit zu senden. Dieses
+schöne, sittige Benehmen der Arbeiterinnen war mir so neu, daß es mich
+bei weitem mehr überraschte als das Maschinenwesen, welches allerdings
+in den Vereinigten Staaten auf einen sehr hohen Punkt gebracht ist,
+von dem ich aber viel zu wenig verstehe, um darüber etwas sagen zu
+können.
+
+Am +19. Oktober+ ging ich wieder nach Neu-York zurück, wo ich noch bis
+zum +10. November+ blieb.
+
+Am +7. November+ hatte in Neu-York die Wahl des Bürgermeisters,
+Gouverneurs und noch einiger Beamten statt. Man fürchtete, daß es
+bei dieser Gelegenheit sehr stürmisch hergehen würde, man war sogar
+auf kleine Gefechte gefaßt, denn nie standen sich die Partheien
+bisher so schroff gegenüber: es handelte sich um die Einführung oder
+Ausschließung des Temperance-Gesetzes. Ich ging einen großen Theil
+des Tages in der Stadt, besonders in den +five Points+ und auf dem
+sechsten +Ward+[24] umher, um das stimmende Volk zu sehen. Der Anblick
+der Wähler war gerade nicht geeignet, das Gemüth zu beruhigen: der
+anständigen Leute gab es nur wenige auf den Wahlplätzen.
+
+Glücklicherweise gestaltete sich die Wahl diesmal ruhiger als je, und
+zwar selbst in den „five Points“ und in der sechsten Ward, welche
+Plätze sich bei derlei Gelegenheiten stets durch fürchterliche
+Schlägereien auszeichnen, besonders letztere, die dadurch den Namen
+„blutige Ward“ errungen hat.
+
+Die Ursache dieser unerwarteten Friedlichkeit war gerade, daß jedermann
+sich auf das ärgste gefaßt, und daher sein Haus nicht ohne Schuß- oder
+Stich-Waffen verlassen hatte. Jede der Partheien hütete sich, den
+Anfang zu machen, und so ging der Tag, einen Todten und ein Paar schwer
+Verwundete in Williamsburg ausgenommen, ohne blutige Ereignisse vorüber.
+
+Am +10. November+ verließ ich Neu-York auf dem prachtvollen
+Amerikanischen Dampfer „+Pacific+,“ der von hier nach +Liverpool+ fährt.
+
+Ich hatte nun das Land gesehen, dessen Besuch schon lange einen meiner
+sehnlichsten Wünsche bildete. Weniger reich an Naturschönheiten als die
+Länder der südlichen Hemisphäre, ist es mehr durch das industrielle
+und geschäftige Treiben seiner Bewohner, und vor allem durch seine
+Verfassung interessant.
+
+Manches fand ich wohl anders, als ich es mir gedacht hatte, anders
+als es sein sollte und sein könnte, wenig übereinstimmend mit den
+Grundsätzen von Freiheit und Gleichheit, die den Grundpfeiler seiner
+Einrichtungen bilden. So die Sklaverei in den Sklavenstaaten -- so in
+den freien Staaten die Ausschließung des freien Negers und Farbigen von
+aller Gesellschaft, von jeder bürgerlichen Bedeutung -- so das grausame
+Gesetz, welches entflohene Sklaven gleich wilden Thieren aufzufangen
+und ihren barbarischen Peinigern auszuliefern befiehlt -- so die nicht
+zu entschuldigende Nachsicht der Richter und Jury-Männer mit den weißen
+Verbrechern, die, wie die Amerikanischen Zeitungen selbst schreiben,
+ohne, oder mit höchst geringen Strafen davon kommen, sobald sie Geld
+oder gute Freunde haben -- so die streng gebotene Feier des Sonntags,
+die den Armen, der die ganze Woche an seine Arbeit gefesselt ist, jeder
+Erheiterung beraubt.
+
+Aber bei allen diesen Gebrechen und Unvollkommenheiten kann man
+doch nicht umhin, zu bekennen, daß (die Sklavenstaaten ausgenommen)
+das Gleichgewicht durch das Gute, welches der großen Mehrzahl der
+Menschen aus den freien Einrichtungen und Gesetzen erwächst, nicht nur
+hergestellt, sondern bei weitem überwogen wird, und daß die Vereinigten
+Staaten als Staat bisher einzig in der Welt dastehen.
+
+Mit Recht ist der Amerikaner stolz auf sein Vaterland, in welchem der
+Mensch auf jener Stufe der Gleichberechtigung steht, auf die ihn Gott
+gestellt, und die in der Geschichte ihres gleichen nicht findet.
+
+
+ [21] Man sagt in den Vereinigten Staaten, daß ein Omnibus nie voll
+ wird.
+
+ [22] In den Amerikanischen Schulen sind statt der Lehrer sehr
+ häufig Lehrerinnen angestellt, selbst bei den unteren Schulen
+ der Knaben. Man sucht in diesen Staaten auf alle mögliche Weise
+ dem weiblichen Geschlecht Mittel und Wege zu verschaffen, sich
+ anständig fortzubringen.
+
+ [23] Es wurde noch unter der Englischen Regierung gestiftet.
+
+ [24] Die Stadt ist in zwölf Wards eingetheilt.
+
+
+
+
+Dreiundzwanzigstes Kapitel.
+
+ Ankunft in Liverpool. -- Reise nach St. Miguel. -- Punta-del-Gada. --
+ Sonderbare alterthümliche Gebräuche. -- Villa-Franca. -- Das Ilheo.
+ -- Der Badeort Furnas. -- Die heißen Quellen. -- Abreise von St.
+ Miguel. -- Die Einfahrt des Tajo. -- Lissabon. -- Ankunft in England.
+ -- Nachruf.
+
+
+Durch die freundliche Fürsprache des würdigen Greises Herrn +Curtis+
+erhielt ich für die Fahrt von Neu-York nach Liverpool (3200 Meilen) von
+der Amerikanischen Linie der Herrn +Collins+ und Komp. eine Freikarte.
+
+Die Amerikaner fand ich in dieser Beziehung ungleich galanter als die
+Engländer -- auf keinem Englischen Schiffe, weder Segler noch Dampfer,
+gab man mir, selbst für ganz kurze Reisen, einen freien Platz. Ich
+sage den Amerikanern wiederholt meinen herzlichen Dank; durch ihre und
+der nicht minder galanten Holländer Unterstützung allein ward es mir
+möglich, meinen Reisen eine Ausdehnung zu geben, auf die ich Anfangs
+nicht zu hoffen wagte.
+
+Nach einer raschen Fahrt von 10½ Tagen trafen wir glücklich in
+Liverpool ein. Kapitän +Nye+ hatte die ausnehmende Gefälligkeit, mich
+persönlich in den „+Adelphi+-Gasthof“ (wo man keine Bezahlung von mir
+annahm) zu führen, und von diesem am folgenden Morgen bis auf die
+Eisenbahn zu begleiten. Er gehört auch zu jenen Menschen, von welchen
+mir der Abschied schwer wurde, wie von lang bewährten Freunden.
+
+In London ward ich herzlich von Herrn +Waterhouse+ (einem der
+Direktoren im Britischen Museum) bewillkommnet, und verweilte einige
+Wochen in dem Kreise seiner freundlichen Familie, mich erholend von den
+Fieberanfällen, die mich auf der Seereise wieder heimsuchten[25]. Aber
+noch war meine Reise nicht zu Ende, noch wollte ich vor der Rückkehr
+in die Heimath einen meiner Söhne besuchen, der auf der Insel +St.
+Miguel+, einer der Azoren, lebte. Lange fand ich keine Gelegenheit
+dahin, bis endlich ein kleines Fruchtschiff (Schooner), deren jährlich
+gegen 200 von Englands Häfen nach St. Miguel gehen, daselbst Orangen
+zu holen, mich aufnahm. Diese Schiffe sind zwar nicht im geringsten
+für Reisende eingerichtet, und der Kapitän Herr +Livingston+ sagte mir
+selbst, daß er mir durchaus keine Bequemlichkeit anbieten, und nur
+das Loch einräumen könne, in welchem der Koch schlafe. Was war aber zu
+machen? Nach St. Miguel wollte ich, ich setzte mich daher über diese
+Unannehmlichkeiten hinaus und entschloß mich zu der Reise. Sie dauerte
+leider 20 Tage, und während dieser langen Zeit konnte ich nicht einmal
+mein Kleid ablegen -- der enge Raum, in welchem ich schlief, gestattete
+mir hierzu keine Möglichkeit. Dazu das fürchterliche Rollen des kleinen
+Schiffes in der beinahe fortwährend stürmischen See, der Kohlendampf
+vom Kamine, die schlechte Luft in der winzig kleinen Kabine, die der
+Kälte und des Sturmes wegen stets geschlossen bleiben mußte -- ich
+dachte wahrhaftig kaum die Ankunft in St. Miguel zu erleben.
+
+Doch über alles dies klage ich nicht, das hatte man mir im vorhinein
+gesagt; aber das Benehmen des Eigenthümers, oder eines der Eigenthümer
+des Schiffes (+Royal Blue Jacket+), des Herrn +Chessel+ aus Bristol
+kann ich nicht ungerügt lassen: es war gar zu grob und gemein. Ich
+hatte die Ueberfahrt mit dem Kapitän und dem Rheder oder Agenten Herrn
++Chessel’s+, Herrn +Burnett+, für 3 Livres St. ohne Kost abgeschlossen.
+Als ich am Tage der Abreise mit meinem Gepäck an Bord kam, sagte mir
+der Kapitän, wie es schien mit einiger Verlegenheit, daß ich nochmals
+auf das Office des Rheders gehen solle. Ich ging hin und traf da Herrn
+Chessel, der mich in ziemlich rauhem Tone anfuhr, mir erklärend, daß
+ich die Ueberfahrt unter 5 Livres St. ohne Kost nicht machen könne.
+Vergebens erwiderte ich ihm, daß der Vertrag bereits abgeschlossen sei,
+er fuhr in demselben höflichen Tone fort, daß das nichts zu sagen habe,
+ich möge entweder die 5 Livres St. zahlen, oder mein Gepäck wieder
+holen. Ich hätte nun freilich nur zum Richter zu gehen gebraucht, und
+das Recht wäre mir zugesprochen worden; allein das Schiff lag zum
+Absegeln bereit, die Zeit drängte, ich war deshalb gezwungen, mir diese
+unverschämte Prellerei gefallen zu lassen. Ich hatte nur die 3 Livres
+St. mit mir genommen und gab sie ab, mit dem Bemerken, daß ich den Rest
+an den Kapitän erlegen würde. Allein der edle Herr Chessel mochte mich
+für seines gleichen halten: er traute meinem Worte nicht und kam selbst
+an Bord, die 2 Livres St. in Empfang zu nehmen. Mit vielen Menschen
+haben mich meine Reisen in Berührung gebracht, aber Leute mit solchem
+Charakter sind mir glücklicher Weise nur wenige vorgekommen.
+
+Am +31. December+ wurden wir der freundlichen Insel +St. Miguel+[26]
+ansichtig. Ich schmeichelte mir schon mit der Hoffnung, den
+Sylvester-Abend mit meinem Sohne feiern zu können, den ich seit sechs
+Jahren nicht gesehen hatte; allein die stets feindlichen Winde zwangen
+uns, hin und her zu kreuzen und gegen Einbruch der Nacht sogar das
+Weite zu suchen.
+
+Am +1. Januar+, obwohl die Winde noch heftig waren, gelang es uns,
+der Hauptstadt +Punta-del-Gada+ nahe zu kommen, wir sahen schon das
+Boot des Arztes aus dem Hafen laufen und auf uns zurudern, und es
+stand unserer Meinung nach der Landung nichts mehr im Wege. Aber wie
+schmerzlich wurden wir durch den Schreckensruf überrascht, daß wir auf
+einige Tage der Quarantaine unterworfen seien -- der Cholera wegen, die
+in England schon lange aufgehört hatte!
+
+Glücklicher Weise kam schon am nächsten Tage, +2. Januar+, der Arzt
+wieder, uns verkündend, daß die Quarantaine aufgehoben und daß wir frei
+seien.
+
+Später erfuhr ich, daß an demselben Tage, an welchem wir ankamen (1.
+Januar), zu derselben Zeit, ja noch etwas früher, ein Schiff aus
+Lissabon anlangte, welches der Gesundheits-Behörde die offizielle
+Nachricht überbrachte, die Quarantaine sei aufgehoben. Um zehn Uhr
+Morgens waren, wie man mir sagte, schon alle Briefe und Zeitungen
+ausgetheilt und folglich wohl auch die offiziellen Befehle. Ob der
+Arzt aus Nachlässigkeit dieselben nicht geöffnet oder aus irgend einem
+andern Grunde vorsätzlich verschwiegen, weiß ich nicht; nur das weiß
+ich, daß ihm jeder Besuch eines Schiffes vier bis fünf Thaler einträgt,
+und daß er auf diese Art Gelegenheit bekam, zwei Besuche zu machen,
+den einen, das Schiff in Quarantaine zu erklären, den andern, die
+Quarantaine wieder aufzuheben. Ob aus Nachlässigkeit oder Eigennutz,
+ist eine solche Handlungsweise gleich unverzeihlich, und besonders an
+einem Platze, wie St. Miguel, wo es keinen Hafen, keine sichere Rhede
+gibt, und wo zur Winterszeit plötzliche und anhaltende Stürme die
+Schiffe oft wochenlang vom Lande abhalten. Was mich sehr bei dieser
+Sache wunderte, war, daß niemand, nicht einmal der Englische Konsul,
+den Arzt hierüber zur Rechenschaft zog.
+
+Die Insel St. Miguel ist sehr hübsch: sie besitzt eine Fülle von
+Hügeln und Gebirgen, die mit frischem Grün bedeckt und in reizender
+Unordnung durcheinander geworfen sind. Auf den ersten Blick sieht man,
+daß diese Insel vulkanischen Ursprungs ist; die Form der Gebirge,
+die dunklen Meeresgestade hie und da (Lava) bezeugen es. Aber kein
+rauchender Krater ist mehr vorhanden, und lange müssen die Vulkane
+ausgetobt haben, denn schon ist die Lava so verhärtet, daß sie wieder
+halb zu Stein wurde, und beinahe überall mit Erde so bedeckt, daß die
+herrlichsten Orangenhaine, die üppigsten Getreide-Felder darauf wuchern.
+
+Die Insel hat achtzehn Leguas (eine Legua = drei Meilen) in der Länge,
+drei bis vier in der Breite und eine Bevölkerung von 90,000 Seelen.
+Ihr Handel ist bedeutender, als man ihrer Größe nach vermuthen würde.
+Die Hauptausfuhr besteht in Orangen, jährlich zwischen 120,000 bis
+140,000 Kisten, deren jede durchschnittlich 800 Stücke enthält, was die
+ungeheure Summe von mehr als hundert Millionen Orangen gibt. Ueber 200
+Englische Schiffe kommen jährlich von dem Monate November bis gegen
+Ende März an, um die Frucht zu laden. Alle Orangen gehen nach England,
+ein einziges Schiff wird nach Hamburg, eines, höchstens zwei nach den
+Vereinigten Staaten gesendet.
+
+Den nächst bedeutenden Artikel bildet das Türkische Korn, und nebstdem
+werden noch viele Getreidearten und Bohnen ausgeführt. Im Ganzen
+besuchen diese Insel jedes Jahr bei 450 Schiffe, und der Werth der
+jährlichen Ausfuhr beträgt an 500 Contos de Reis (90,000 £. St.)
+
+Trotz dieses großen Verkehrs ist doch das Volk sehr arm, was
+hauptsächlich davon herrührt, daß der Bauer nicht Eigenthümer
+des Bodens, sondern Pächter ist, und das nicht einmal für seine
+Lebenszeit, sondern nur für eine bestimmte kurze Anzahl von Jahren.
+
+Von dem Städtchen Punta-del-Gada (mit 12,000, die nahe Umgebung
+inbegriffen 16,000 Seelen) ist nicht viel zu sagen. Die Bauart ist der
+Europäischen ähnlich, die Häuser sind meistens unansehlich mit kleinen
+Balkons und abscheulich großen umfangsreichen Rauchfängen. Doch gibt es
+auch einige hübsche Gebäude. Den Nutzen der großen Rauchfänge konnte
+ich mir nicht erklären, um so weniger, als das Küchenfeuer das einzige
+im Hause ist. Kamine fand ich zu meinem Bedauern nicht im Gebrauche,
+obwohl die Wintermonate November bis März ziemlich rauh, regnerisch
+und stürmisch sind. Ich hatte das Unglück, einen, wie man mir sagte,
+außergewöhnlich strengen Winter zu finden und litt viel von der Kälte.
+Es gab zwar weder Schnee noch Eis; doch fehlten hiezu wenige Grade. Die
+fürchterlichsten Stürme hausten, und freundliche Tage gehörten zu den
+Seltenheiten; selbst noch zu Anfang des Maimonates war die Wärme nicht
+viel bedeutender, als in meinem Vaterlande. Daß dieß jedoch nicht immer
+so ist, davon zeigen außer den Orangen noch viele Früchte der wärmeren
+Zone, von welchen besonders die Banane hier zur vollkommenen Reife
+gelangt, weniger der +Custod-apple+, der hart und unschmackhaft bleibt.
+Die Ananas-Frucht gedeiht in Glashäusern ohne Beihülfe einer Heizung
+und erreicht einen außerordentlichen Umfang. Eine Portugiesische Dame,
+die Gemahlin des Herrn Dr. +Agostinho Mochado+, sandte mir einen
+Ananas, der an Größe alle übertraf, die ich in Indien gesehen; doch
+stand er ihnen an Süßigkeit nach. Die Europäischen Gemüse, Rüben, Kohl,
+Erbsen u. s. w. kommen ohne besondere Pflege fort.
+
+Die Azorianer, von den Portugiesen abstammend, haben schöne dunkle
+Augen und Haare. Ich fand hier im Gegensatze zu allen Ländern, die
+ich bereist habe, das Volk hübscher, als die höhere Klasse. Die
+Tracht der letzteren ist die französische; das Volk trägt sich auch
+nach Europäischer Sitte, jedoch mit Ausnahme der Kopfbedeckung.
+Diese besteht bei den Männern aus steifen Tuchkappen mit einem weit
+hervorragenden, komisch ausgeschnittenen Schilde und rings herum mit
+einem acht bis zehn Zoll breiten Tuch- oder Sammtstreifen, der über
+die Achsel herunter hängt und den Hals gegen Sonne und Regen schützt.
+Noch grotesker ist die Kopfbedeckung der Weiber, eine Art Kapuze von
+blauem Tuche, bei zehn Zoll hoch und gewiß einen und einen halben
+Fuß lang, welcher Tracht mittelst eines starken Fischbeines ungefähr
+die Form eines mehr als riesenhaften Hahnenkammes gegeben ist. Außer
+diesem sinnreichen Kopfputze tragen sie über die Europäischen Kleider
+auch noch einen langen schweren Männermantel, durchgehend von blauem
+Tuche, der bis auf die Erde reicht und nie, auch bei der größten Hitze,
+abgelegt wird. Diese lächerliche, geschmacklose Kleidung hat namentlich
+den Uebelstand, daß eine Mutter ihre Tochter darin nicht erkennen
+würde, denn den großen Hahnenkamm, in welchem der Kopf steckt, ziehen
+sie nach vorne, so daß man von dem Gesichte beinahe nichts sieht, und
+die Mäntel gleichen einer dem andern. Kein Frauenzimmer aus dem Volke
+würde sich ohne Mantel und Kapuze auf die Straße begeben; jeder Pfennig
+wird emsig zusammen gespart, sich diese Kleinodien zu verschaffen; die
+nicht so glücklich ist, sie zu besitzen, sucht sie von Freundinnen oder
+gegen Bezahlung auszuborgen.
+
+Nicht minder sonderbar ist die Sitte hier, daß kein Mädchen, kein
+junges Weib allein ausgehen darf; keine Magd würde allein über die
+Straße gehen, viel weniger etwas holen oder einkaufen. In jedem Hause
+muß man einen Diener halten, die Einkäufe und Ausgänge zu besorgen. Ich
+bedauerte wirklich die armen Mägde, die hier wie in einem Gefängniß
+eingesperrt sind; wenn sie nicht irgend eine alte Verwandte haben, die
+sich ihrer erbarmt und sie von Zeit zu Zeit ein halbes Stündchen auf
+die Straße führt, können sie das ganze Jahr zu Hause sitzen bleiben,
+denn nicht einmal Sonntags wagen sie es, allein nach der Kirche zu
+gehen.
+
+Ueberhaupt sollen auf dieser Insel, wie man mir erzählte, vor noch
+kaum vierzig Jahren selbst unter der sogenannten gebildeten Welt gar
+sonderbare Gebräuche geherrscht haben.
+
+So wurde z. B. wenn eine Frau einer andern einen Staats-Besuch machen
+wollte, Tags zuvor ein Diener zu der letzteren gesandt, ihr anzumelden,
+daß die Besuchende zu einer bestimmten Stunde an dem Hause vorüber
+fahren würde. Sie kam dann zu dieser Zeit in großem Putze, jedoch in
+einer mit Vorhängen dicht verschlossenen Kutsche angefahren, die zu
+besuchende Frau saß schon bereit an dem ebenfalls wohlgeschlossenen
+Fenster. Vor dem Hause angelangt, hielt der Wagen einen Augenblick an,
+der Vorhang wurde auf die Seite geschoben, das Fenster geöffnet, die
+beiden Frauen begrüßten sich -- und sogleich wurden Vorhang und Fenster
+wieder geschlossen, und der Wagen fuhr weiter.
+
+Die Frauen scheinen zu dieser Zeit eine solche Scheu vor Herren gehabt
+zu haben, daß diese bei den Besuchen der Frauen nicht zugegen sein
+durften. Kam eine Frau eine andere besuchen und es war zufällig ein
+Herr, selbst ein Verwandter, zugegen, so fuhr sie wieder fort, oder
+die Frau des Hauses ersuchte die Herren, fort zu gehen.
+
+Noch lächerlicher ging es bei Hausbällen zu (öffentliche Bälle wurden
+gar nicht gegeben). Die weiblichen Gäste nahmen an dem Tanze selbst gar
+keinen Antheil, sondern saßen mit den Frauen und Töchtern des Hauses
+in einem an den Tanzsaal stoßenden Zimmer, und zwar im Finstern, um
+von den Herren nicht gesehen zu werden. Die Herren -- tanzten mit
+den Dienerinnen des Hauses und andern von der Ballgeberin geladenen
+Dienerinnen! --
+
+Ich verweilte einige Monate auf St. Miguel und machte außer einigen
+Spaziergängen in die nahe Umgebung auch einen Ausflug nach dem Badeorte
++Furnas+ (9 Leguas von Punta-del-Gada), berühmt durch seine heißen
+Quellen. Die vornehme Welt der Insel geht jedes Jahr auf einige Wochen
+oder Monate dahin, weniger um zu baden, als sich zu ergötzen, wie dieß
+überhaupt in den meisten Badeorten der Fall ist.
+
+Wir machten die kleine Reise, wie es in diesem Lande Sitte ist, zu
+Esel, und nahmen unsern Weg über +Villa-Franca+ (5 Leguas), längs
+der Seeküste. Villa-Franca ist ein kleines Städtchen mit derselben
+reizenden Lage, wie Punta-del-Gada. Wir blieben hier die Nacht in dem
+Hause des Herrn +Gago+, wo alles freundlich zu unserer Aufnahme bereit
+war.
+
+Am folgenden Morgen fuhren wir in einem Boote nach dem kaum zwei- bis
+dreihundert Schritte von dem Lande gelegenen „+Ilheo+,“ einer winzig
+kleinen Insel oder vielmehr Bay, von einem Felsengürtel umschlossen,
+in welchem nur eine ganz schmale Oeffnung frei geblieben, kaum breit
+genug, ein kleines Fruchtschiff einzulassen. Augenscheinlich stand hier
+unmittelbar in der See einst ein kleiner Vulkan, der ausgetobt hat und
+eingestürzt ist. Mit wenig Kosten könnte man aus dieser Miniatur-Bay
+einen herrlichen Dock zur Ausbesserung der Schiffe machen; doch für
+dergleichen Sachen hat man hier keinen Sinn.
+
+Gegen Mittag setzten wir die Reise fort und langten nach einem
+angenehmen Ritte schon früh Nachmittags in Furnas an. Ungefähr eine
+Viertelstunde vor dem Orte liegt ein artiger See, von schön geformten
+Gebirgen umgürtet, an dessen nordöstlichem Ende gleichfalls heiße
+Quellen aufbrodeln, die wir aber nicht besahen, da uns gerade ein
+kleiner Regen überfiel.
+
+Furnas selbst liegt in einem wunderlieblichen, freundlichen Thale,
+eingeschlossen von über einander aufsteigenden Gebirgen; schöne
+Waldungen, üppige Felder, Wiesen und Triften im frischesten Grün decken
+Berge, Hügel und Thal -- ich sah mich ganz in eines jener schönen
+Gebirgsthäler versetzt, an welchen Steiermark, Kärnthen und Tyrol so
+reich sind. Aufsteigende Rauchwolken verkünden die unweit des Dorfes
+gelegenen heißen Quellen (Caldeiras), und begierig eilt der Fremdling
+dahin, eine Erscheinung zu sehen, von welcher die ganze Bevölkerung St.
+Miguels mit Entzücken und zugleich mit Grausen spricht.
+
+Meine Neugierde, meine Erwartung, ich gestehe es, waren eben nicht sehr
+groß, ich hatte in dieser Art das Vollkommenste was die bekannte Welt
+bietet, auf Island gesehen. Aber gerade, weil ich mir nicht zu viel
+versprach, ward ich überrascht. Eine der kochenden Quellen brodelt
+reich und gewaltig zu einer Höhe von vier bis sechs Fuß auf, eine
+zweite minder hoch, andere nicht mehr als gewöhnlich kochendes Wasser.
+Am merkwürdigsten unter allen ist die Schlammquelle „+Pedro Botelko+“
+genannt. Schon ihre Umgebung ist pittoresk: sie ist von finstern
+Felsen eingefaßt, in welchen das Getöse wiederhallt, und gleicht einem
+wahren Höllenschlunde; ein großer Fels neigt sich weit über sie und
+hindert ihr senkrechtes Aufsteigen. Ihre Kraft schleudert den kochenden
+Schlamm nach allen Seiten in eine Weite von zwölf bis fünfzehn Fuß.
+Unbedeutende, kleine Quellen gibt es in der Umgebung viele; einige
+davon brodeln sogar in der Mitte eines kalten Bächleins auf. Auch
+eisenhaltige Quellen und ein Sauerbrunnen (+Aqua azeda+) kommen vor.
+
+An einer glücklich gewählten Stelle des reizenden Thales hat Herr
+Vicomte +da Praia+, einer der größten Grundbesitzer der Insel, ein
+Landhaus gebaut und einen Garten angelegt. Beide waren noch nicht ganz
+vollendet. Das zierliche Gebäude steht auf einem kleinen Hügel und
+bietet von jedem Fenster die herrlichsten Ansichten des Thales und der
+es umgebenden Gebirgswelt; der Garten, im großen Style angelegt, mit
+Teichen, dunklen Baumparthieen und freundlichen Blumenbosketten, zeigt
+schon jetzt von dem guten Geschmacke seines Gründers.
+
+Wir machten von Furnas aus auch noch eine kleine Parthie auf eine der
+Bergkuppen, ungefähr 2000 Fuß über der Meeresfläche. Wir sahen hier
+Gebirge über Gebirge vor uns aufsteigen, darunter den höchsten Berg
+der Insel, den „+Pico de Vara+“ (4000 Fuß); zu unsern Füßen lag das
+liebliche Thal von Furnas mit seinen Caldeiras, dem See, so wie auch
+einige andere Thäler mit freundlichen Ortschaften, und auf beiden
+Seiten der Insel breitete sich das Meer ins Unermeßliche aus. Auf der
+Südseite entdeckt man auch die Insel +Santa-Maria+, ungefähr vierzig
+Meilen von St. Miguel gelegen.
+
+Den Rückweg nach +Punta-del-Gada+ nahmen wir längs der Nordküste über
++Ribeira-Grande+. Als Weg ist er besser, als der längs der Südküste,
+aber an schönen Ansichten weniger reich und abwechselnd.
+
+Die Karnevals-Zeit ging auf St. Miguel ganz unbeachtet vorüber. Nur
+in den letzten drei Tagen herrscht hier, wie in Brasilien die alberne
+Gewohnheit, sich gegenseitig mit Wasser zu übergießen. Statt sich
+während dieser drei Tage zu unterhalten, muß man sich in sein Zimmer
+einschließen, und kann nicht einmal an das offene Fenster treten, denn
+sogleich ist man der Gefahr ausgesetzt, von des Nachbars Fenster, von
+der Straße eine Ladung des nassen Elements zu erhalten. Die Leute
+blasen Eier aus, oder verfertigen von Wachs Orangen, Citronen, füllen
+sie mit Wasser und bewerfen sich damit, ja aus den Häusern schütten
+sie ganze Töpfe voll auf die Vorübergehenden. Keine Frau ist in diesen
+Tagen auf der Straße zu sehen, und die wenigen Herren, die auszugehen
+wagen, suchen sich durch aufgespannte Regenschirme zu schützen.
+
+Erst am +21. Mai+ verließ ich St. Miguel. Die Fruchtschiffe für England
+hatten schon gegen Ende März aufgehört; ich war daher gezwungen, über
++Lissabon+ nach London zu gehen.
+
+Auf dem kleinen Portugiesischen Schiffe „+Michaelense+“ (110 Tonnen,
+Kapitän +Fonseca+) fand ich zu meiner höchsten Verwunderung alles so
+bequem eingerichtet, wie es auf manchem Dampfer kaum der Fall ist. Die
+Schlafstellen waren hoch und geräumig, die Kost reich und gut bereitet,
+der Tisch rein gedeckt, die Bedienung rasch. Es war dies das erste
+Portugiesische Schiff, auf welchem ich fuhr. Wenn alle ihm gleichen,
+kann man sie den Reisenden mit gutem Gewissen empfehlen.
+
+Die Fahrt währte acht Tage (720 Meilen), und außer einem todten
+Wallfische, der gleich einem emporragenden Felsen an unserm Schiffe
+vorbeitrieb, und um welchen Hunderte von Raubvögeln schwärmten,
+unterbrach nichts ihre Einförmigkeit. Wir sahen nicht eher Land als bis
+wir der Portugiesischen Küste nahe kamen.
+
+Am +28. Mai+ liefen wir in den +Tajo+ ein, der an der Mündung nur
+durch die Farbe von der See zu unterscheiden war. Die Stadt Lissabon
+liegt zwei Leguas stromaufwärts; doch geht die Fahrt beinahe noch eine
+Legua weiter, da die Schiffe an der Düne im Mittelpunkt der Stadt
+vor Anker gehen. An diesen drei Leguas segelten wir sieben bis acht
+Stunden; allein man konnte dies keinen Zeitverlust nennen, da die Fahrt
+wirklich gar zu reizend ist. Der Strom entfaltet eine mächtige Breite,
+sein Rücken ist voll von schaukelnden Fahrzeugen, zwischen welchen
+hie und da ein Dampfer eilt, und die Ufer bestehen aus freundlichen
+Hügelketten, welchen man den einzigen Vorwurf machen kann, daß weder
+Bäume noch Gebüsch sie decken.
+
+An der Mündung steht auf der einen Seite das Fort St. Julian, hinter
+welchem sich in geringer Entfernung die schön geformten Berge der
++Serra de Cintra+ erheben; auf der andern Seite steigt ein Leuchtthurm,
+umgeben von einer Batterie (Torre de Bugia) unmittelbar aus der
+See. An malerisch gelegenen Ortschaften, kleinen Festungen vorüber
+gleitend, gelangt man nach Belem, wo der Strom von seiner Breite
+etwas abnehmend, die Mauern eines prachtvollen Thurmes bespült, der
+in Gothisch-Maurischem Style gehalten, ein herrliches Schaustück
+der älteren Zeiten ist. Während nun auf der Südseite noch immer
+einzelne Ortschaften mit zum Theile schon halbverfallenen Kastellen
+und Festungswerken wechseln, breitet sich auf der Nordseite die
+Stadt Lissabon aus, nicht nur den schmalen ebenen Gürtel zwischen
+dem Strome und der Hügelkette, sondern auch die Höhen und Seiten der
+Hügel selbst deckend. Dem Mittelpunkte der Stadt gegenüber treten
+die Ufer des Stromes weit zurück, und dieser bildet eine große Bay,
+an deren Rande man in der Entfernung Ortschaften, Baumgruppen und im
+Hintergrunde einzelne Berge entdeckt. Stundenlange saß ich später an
+den Fenstern des am Meere liegenden Gasthofes, in welchem ich abstieg,
+und betrachtete mit unendlichem Gefallen das großartige und doch dabei
+lieblich schöne Rundgemälde. --
+
+Anmuthig sind bei der Ankunft in Lissabon die Plackereien mit den
+Beamten. Schon bei Belem kömmt der Besuch des Gesundheits-Offiziers an
+Bord, dann jener des Zollamtes, der Schiffspolizei, des Hafenmeisters,
+der Paß-Besichtigung -- das nimmt kein Ende. Wir kamen von einer
+Portugiesischen Besitzung und wurden so strenge behandelt, als wären
+wir aus dem Monde gekommen. Für die Pässe hat man ein schweres Geld
+zu entrichten, und die Zollgesetze sind so strenge, daß man nicht den
+kleinsten Nachtsack mit sich nehmen darf. Wahrlich es ist unglaublich,
+daß gerade in dem auf sein Fortschreiten so stolzen Europa die
+Regierungen den Leuten das Reisen auf alle Art zu verleiden suchen!
+
+Von der Stadt Lissabon sah ich nur sehr wenig, obgleich ich zwölf
+Tage daselbst verweilte; ich kam unwohl an und war gezwungen, den
+größten Theil dieser Zeit mein Zimmer zu hüten. Mit Mühe erstieg ich
+einige der steilen hügeligen Straßen, welche die Eigenthümlichkeit
+Lissabons bilden, um vollkommene Ansichten über Stadt, Strom und
+Umgebung zu haben; ich sah, daß die Stadt auch jenseits der Hügelkette
+sich fortzieht und ausbreitet. Die Häuser haben keine eigenthümliche
+Bauart, die Kirchen weder schöne Thürme noch Kuppeln. Reizend liegen
+hie und da auf hohen Hügeln mitten in der Stadt noch Ruinen halb
+eingestürzter großer Paläste und Kirchen aus der schaurigen Zeit
+des Jahres 1755, in welchem bekanntlich ein furchtbares Erdbeben
+den größten Theil der Stadt in Schutt legte, und wobei Tausende von
+Menschen ihr Grab fanden.
+
+Die öffentlichen Gärten zeichnen sich durch schöne Blumenparthien,
+jener in der untern Stadt auch durch alte ehrwürdige Bäume aus. Die
+Portugiesen scheinen überhaupt große Blumenfreunde zu sein; schon auf
+St. Miguel hatte ich dieß bemerkt, und hier sah ich diese lieblichen
+Frühlingsboten überall in Menge, selbst auf Plätzen, wie z. B. in dem
+Hofe und an dem Landungsplatze des Zollgebäudes.
+
+Eine Fahrt nach der +Serra de Cintra+, berühmt durch die reiche
+Vegetation und als Sommersitz der königlichen Familie, konnte ich
+nicht unternehmen. Ich brachte mehrere Tage im Bette zu und verließ
+erst am 9. Juni mein Zimmer, um mich auf dem Dampfer +Iberia+ nach
++Southampton+ (900 Meilen) einzuschiffen.
+
+Dieser Dampfer gehörte leider keiner Amerikanischen oder Holländischen,
+sondern einer Englischen Gesellschaft an, ich mußte daher bezahlen,
+und zwar zehn £ St. für eine kleine Schlafstelle in einer kleinen,
+dumpfen, finstern Kabine, in welcher sich außer mir noch elf Frauen
+nebst vier Kindern befanden. Wie ungleich bequemer hatte ich es auf dem
+kleinen Portugiesischen Segelschiffe, wo ich für eine beinah eben so
+weite Fahrt nur 3½ £. St. bezahlte. Meinem Sohne wurde die Schlafstelle
+gar auf dem zweiten Platze angewiesen, dafür aber nichts destoweniger
+die volle Bezahlung des ersten abgenommen.
+
+Am +14. Juni+ Morgens langten wir in Southampton an, denselben Tag
+fuhr ich mit der Eisenbahn nach London, wo ich abermals von der lieben
+Familie Waterhouse auf das herzlichste aufgenommen wurde, und somit war
+meine Reise glücklich vollendet.
+
+ * * * * *
+
+Sollten in meinem Tagebuche gegen das eine oder das andere Volk, gegen
+Sitten und Gebräuche der verschiedenen Länder, die ich durchwandert, zu
+starke Ausdrücke vorkommen, sollten unrichtige Ansichten geäußert sein,
+so bitte ich meine Leser um große, sehr große Nachsicht. Ich rufe ihnen
+wie bei Gelegenheit meiner ersten Reise nach dem gelobten Lande zu, daß
+ich weit entfernt bin, mich zu der Zahl der glücklich begabten Personen
+zu rechnen.
+
+Mein Wesen ist Einfachheit, mein ganzes Streben schlichte Wahrheit
+und Vermeidung jeder Uebertreibung. Der Zweck meiner Schriften kann
+unter diesen Umständen kein anderer sein, als das von mir Gesehene und
+Erlebte ganz so wiederzugeben, wie es sich meinem Geiste und Gefühle
+darstellte.
+
+
+ [25] Ich nahm wieder Brandy mit rothem Pfeffer, und das Fieber blieb
+ endlich ganz weg.
+
+ [26] Die Azoren-Gruppe besteht aus neun Inseln, von welchen St.
+ Miguel die größte. Die Azoren werden zu Afrika gerechnet und
+ sind von den Portugiesen im Jahre 1446 entdeckt und in Besitz
+ genommen worden.
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75641 ***