summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/75640-0.txt
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to '75640-0.txt')
-rw-r--r--75640-0.txt4548
1 files changed, 4548 insertions, 0 deletions
diff --git a/75640-0.txt b/75640-0.txt
new file mode 100644
index 0000000..1a9da13
--- /dev/null
+++ b/75640-0.txt
@@ -0,0 +1,4548 @@
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75640 ***
+
+
+
+
+
+[Illustration: ~Holzschnitt und Druck von Eduard Kretzschmar in
+Leipzig.~
+
+Eine Dame aus Lima.]
+
+
+
+
+ Meine
+
+ Zweite Weltreise.
+
+ Von
+
+ Ida Pfeiffer,
+
+ Verfasserin der „Reise in das heilige Land“, der „Reise nach Island“
+ und der „Frauenfahrt um die Welt.“
+
+
+ Dritter Theil.
+ Kalifornien. Peru. Ecuador.
+
+
+ Wien.
+ Carl Gerold’s Sohn.
+ 1856.
+
+
+
+
+ Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen behält sich die
+ Verfasserin vor.
+
+ Druck von Carl Gerold’s Sohn.
+
+
+
+
+Inhalt des dritten Bandes.
+
+
+ Dreizehntes Kapitel. Seite
+
+ Reise von Batavia nach Kalifornien. -- Ankunft in San
+ Francisco. -- Die Stadt der Wunder. -- Hohe Preise.
+ -- Die Spielhäuser -- Amerikanisches Gerichtsverfahren.
+ -- Die Plaza. -- Sacramento. -- Amerikanische
+ Reisegesellschaft. -- Besuch bei General Sutter. --
+ Mary’s Ville. -- Brown’s Valley. -- Die Goldwäschereien
+ am Yuba-Flusse. -- Die Indianer 1
+
+
+ Vierzehntes Kapitel.
+
+ Crescent-City. -- Ausflug zu den Rogue-river-Indianern.
+ -- Ein Nachtlager im Wig-wam. -- Gefährliche Lage
+ meines Reisegefährten. -- Rachsucht der Indianer. --
+ San José. -- Acapulco. -- Panama 44
+
+
+ Fünfzehntes Kapitel.
+
+ Reise nach Lima. -- Die Englischen Dampfer. -- Guayaquil.
+ -- Callao. -- Die Deutschen Auswanderer. --
+ Lima. -- Kirchen und öffentliche Gebäude. -- Die Peruanischen
+ Damen. -- Erdbeben. -- Unsicherheit. --
+ Der Badeort Chorillos. -- Die Ruinen des Sonnentempels
+ Pachacamac. -- Die Hazienda St. Pedro 91
+
+
+ Sechzehntes Kapitel.
+
+ Ecuador. -- Reise nach Quito. -- Fahrt auf dem Guaya.
+ -- Savanetta. -- Die Tambos. -- Der Camino real.
+ -- Guaranda. -- Uebergang über die Cordilleren nächst
+ dem Chimborazo-Gipfel. -- Die Hochebenen von Ambato
+ und Latacunga. -- Ausbruch des Cotopaxi. --
+ Haziendas-Besitzer 133
+
+
+ Siebzehntes Kapitel.
+
+ Quito. -- Rohheit des Volkes. -- Sehenswürdigkeiten.
+ -- Kirchliche Feste. -- Die Geistlichkeit und die Regierung.
+ -- Die Indianer. -- Theater. -- Rückreise
+ nach Guayaquil. -- Der Chimborazo. -- Ein Stiergefecht.
+ -- Todesgefahr. -- Panama. -- Reise über
+ den Isthmus. -- Aspinwall 173
+
+
+
+
+Dreizehntes Kapitel.
+
+ Reise von Batavia nach Kalifornien. -- Ankunft in San Francisco.
+ -- Stadt der Wunder. -- Hohe Preise. -- Die Spielhäuser. --
+ Amerikanisches Gerichtsverfahren. -- Die Plaza. -- Sacramento. --
+ Amerikanische Reisegesellschaft. -- Besuch bei General Sutter.
+ -- Mary’s Ville. -- Brown’s Valley. -- Die Goldwäschereien am
+ Yuba-Flusse. -- Die Indianer.
+
+
+Die Reise von +Batavia+ nach +San Francisco+ geht beinahe um die
+Hälfte des Erdkreises: 150 Meilen durch die Java-See, 2000 durch die
+Chinesische und bei 8000 durch den stillen Ocean, im ganzen 10,150
+Meilen.
+
+Am 6. +Juli+ Nachmittags begleiteten mich meine Freunde, Herr und Frau
++Steuerwald+, bis an das Boot, das mich an Bord des Dreimasters +Seneca
+Baltimore+, Kapitän +Feenhagen+, brachte.
+
+Es ging nun nach einem neuen Lande, zu einem neuen Volke. Bisher hatte
+sich das Glück mir treu bewährt, es begleitete mich auf allen meinen
+großen und langen Wanderungen. Ich hoffte, es werde mich gleich
+gute Aufnahme auch bei den Amerikanern finden lassen und mich ohne
+Unfall nach der weit entfernten Heimath in die Arme meiner Theueren
+zurückführen! --
+
+Am 7. +Juli+ früh Morgens wurden die Anker gelichtet, am 9. und
+10. schifften wir an den Banda-Inseln vorüber und lenkten in die
++Gaspar-Straße+, welche von den Inseln +Leat+ und +Lepa+ gebildet wird
+und in die Chinesische See leitet. Alle Waffen wurden in Stand gesetzt,
+da diese See nicht immer frei von Piraten ist.
+
+Am 12. +Juli+ passirten wir den Aequator. Die See war so ruhig, daß
+der Kapitän eines Schiffes, welches an unserer Seite segelte, zu uns
+an Bord kam. Kaum hatte er uns wieder verlassen, so erhob sich so
+plötzlich eine Bö, daß wir in Angst waren, er könne sein Schiff nicht
+mehr erreichen; nur mit Mühe gelang es ihm.
+
+Am 22. +Juli+ begann Nachmittags ein heftiger Sturm; wir zogen alle
+Segel ein und befürchteten einen +Tifoon+ (Orkan).
+
+Am folgenden Tage gelangten wir unter fortgesetztem Sturme zwischen
++Luzon+ und der Höhe von +Formosa+ in den stillen Ocean. Von nun an
+sahen wir durch zwei ewig lange Monate nichts als Himmel und Wasser;
+die einzigen lebenden Geschöpfe, die wir von Zeit zu Zeit zu Gesicht
+bekamen, waren einige Möven, welche unsere Segel umflatterten.
+
+Ich ward auf dieser Reise abermals vom Wechselfieber heimgesucht,
+obgleich weder die Kost noch sonst etwas mir Bekanntes Anlaß gab. Jene
+war so trefflich, daß ich auf der ganzen Reise nicht nöthig hatte, ein
+Stückchen Salzfleisch zu essen. Meine Schlafkabine war geräumig wie
+ein Kämmerchen, und für alle meine Bedürfnisse ward von dem guten und
+gefälligen Kapitän mit liebenswürdiger Aufmerksamkeit gesorgt. Welcher
+Unterschied zwischen dieser Reise und jener von London nach dem Kap der
+guten Hoffnung (Kapitän +Brodie+)! Mit Grausen denke ich der letzteren
+noch heut zu Tage.
+
+26. +September.+ Endlich erscholl der längst ersehnte Ruf „Land, Land!“
+Abends lag die Küste Kaliforniens vor unsern Augen. Und dennoch, obwohl
+ich beinahe drei Monate in dem hölzernen Gefängnisse zugebracht, mehr
+als zwei Monate kein Land gesehen hatte, machte diese Küste durchaus
+keinen angenehmen, im Gegentheile einen recht traurigen Eindruck auf
+mich. Sie war über alle Maßen öde und todt. Nackte Sandhügel stiegen
+von allen Seiten schroff auf, kein Baum, kein Strauch, nicht der
+ärmlichste Grashalm unterbrach die einförmige Farbe dieser unheimlichen
+Wüste. Hieher, dachte ich, verbannen sich die Menschen freiwillig
+-- warum? -- um ein Klümpchen Gold zu finden! Wie müßte wohl eine
+Gegend aussehen, die den golddürstigen Weißen fern hielte, wenn er den
+geliebten Mammon daselbst zu finden wüßte?
+
+27. +September.+ Morgens kam der Pilot an Bord und geleitete uns durch
+das „goldene Thor“ (so wird die Einfahrt genannt) in die Bay von +San
+Francisco+. Diese, obwohl so ziemlich denselben Charakter tragend, wie
+die Küste, der wir zuerst ansichtig wurden, ist doch im ganzen schön zu
+nennen. Sie ist von einer Fülle von Bergen, Hügeln und Felsparthieen
+umgeben, die in den mannigfaltigsten Gruppen bald vortreten, bald
+zurückweichen, ferner besitzt sie viele kleine Eilande und bildet
+Buchten, Becken und Straßen, so daß der Blick fortwährend gefesselt
+bleibt. Ihre Länge beträgt 45 Meilen, ihre größte Breite 12. Wir
+glitten an den Ziegen- und Vogel-Eiländchen vorüber und warfen endlich
+Anker vor der Stadt selbst, die zwölf Meilen von der Einfahrt liegt und
+sich in bedeutendem Umfange auf vielen Sandhügeln ausbreitet.
+
+Den zerstreut umher liegenden Häuschen gönnt man zwar noch nicht das
+Recht, zur eigentlichen Stadt gezählt zu werden; allein da die Stadt
+in so raschem Aufblühen ist und sich gewiß mehrere Meilen nach allen
+Richtungen ausbreiten wird, so werden sie wohl bald dazu gehören. Die
+eigentliche Stadt besteht blos aus den Theilen, welche knapp am Strande
+liegen, wo sich die hölzernen Quais und die Magazine befinden. Die
+Bevölkerung des Ganzen (der Stadt und der sogenannten Vorstädte) wird
+auf einige sechzigtausend Seelen gerechnet.
+
+Die Häuser in den Vorstädten und in der Umgebung sind sehr klein und
+von Holz; sie liegen ohne die geringste Regelmäßigkeit und Ordnung,
+das eine in der Tiefe, das andere auf steilen, spitzen Sandhügeln, was
+einen höchst erbärmlichen Anblick gewährt. Die Stadt dagegen besitzt
+schon viele große, zwei bis drei Stock hohe, gemauerte Häuser, die zum
+Theil auf Plätzen stehen, wo noch vor kurzem die See war, und zwar
+mit einer Tiefe, daß die größten Schiffe vor Anker gehen konnten.
+Da nämlich die Sandhügel auf allen Seiten beinahe senkrecht aus dem
+Meere stiegen, war man gezwungen, sie theilweise abzutragen, mit
+dem hinunter geworfenen Sande die See zurück zu drängen und so eine
+künstliche Fläche für die Geschäftsstadt zu bilden. Diese Arbeiten, so
+wie auch die hölzernen Quais und Werfte überraschten mich mehr noch,
+als die großen Häuser. Man kann nicht umhin, beide Unternehmungen als
+Riesenwerke zu betrachten, wenn man bedenkt, wie kurze Zeit das Land
+von Amerikanern[1] und Europäern in Besitz genommen ist, wie weit man
+das Holz für die Quais und Werfte zu führen hatte, und wie über alle
+Maßen theuer die Handwerker und gemeinen Arbeiter waren und noch heut
+zu Tage sind. Die ausgedehnten Quais und Werfte, in eine Linie neben
+einander gestellt, würden gewiß eine Länge von vielen Meilen betragen.
+Die See ist an der Küste so tief, daß Schiffe von zwei- bis dreitausend
+Tonnen an den Quais anlegen können.
+
+Kalifornien oder Neu-Mexiko gehörte zu dem Staate Mexiko, wurde im
+Jahre 1846 von den Amerikanern nach einjährigem Kriege erobert und im
+selben Jahre am 7. Juli zu +Monterey+ den Nordamerikanischen Staaten
+feierlich einverleibt. Die Bevölkerung dieses neuen Staates mochte
+damals an 150,000 Seelen betragen, von welchen der größte Theil
+Indianer waren; heut zu Tage wird sie auf 300,000 geschätzt.
+
+Das erste Goldlager wurde bei +Coloma+ im Distrikte +Eldorado+ durch
+General +Sutter+ bei Ziehung eines Mühlgrabens im Juli 1848 entdeckt.
+Man stieß mit der Schaufel auf einen harten Gegenstand, den man im
+ersten Augenblicke beinahe ununtersucht bei Seite geworfen hätte.
+Doch die besondere Schwere erregte Aufmerksamkeit, und bei genauerer
+Untersuchung ergab sich, daß es ein reiner Goldklumpen war. Die
+Goldausfuhr betrug bis Ende 1849 ungefähr zwanzig Millionen Dollars, im
+Jahre 1850 vierzig Millionen. Seitdem rechnet man sie durchschnittlich
+per Monat auf fünf Millionen, welche Schätze alle nach den Vereinigten
+Staaten und Europa gehen.
+
+Doch wieder zurück zu meiner Ankunft in San Francisco.
+
+Ich hatte gar keinen Empfehlungsbrief, konnte mich daher an niemanden
+wenden und wußte nur zu gut, daß dieser Platz ganz außergewöhnlich
+theuer und wohl für Geschäftsleute, aber nicht für Reisende geschaffen
+sei, deren Kasse stets ab- und nie zunimmt. Ich wanderte den ersten
+Tag von früh Morgens bis spät Abends umher, um eine nur einigermaßen
+billige Unterkunft zu finden. Ermüdet und ohne Erfolg kehrte ich auf
+das Schiff zurück, wo mir der gute Kapitän +Feenhagen+ so lange zu
+bleiben angeboten hatte, als er den Hafen nicht verließe. Aber noch
+denselben Abend erhielt ich eine äußerst liebenswürdige schriftliche
+Einladung, für die ganze Zeit meines Aufenthaltes in dieser Stadt von
+dem mir vollkommen unbekannten Englischen Hause +Colquhonn Smith+ und
++Morton+. Man kannte mich auch hier schon durch meine früheren Reisen,
+und kaum las man meinen Namen unter den Angekommenen, so sandte man die
+Einladung an Bord. Es bedarf wohl keiner Worte, um zu sagen, in welcher
+Art ich aufgenommen wurde, und wie man bemüht war, mir mit allem an
+die Hand zu gehen. Wahrlich, von wenig Familien trennte ich mich so
+schwer als von dieser! Auch der Oesterreichische Konsul, Herr +Eduard
+Vischer+, erwies mir viele und große Gefälligkeiten. Dieser Herr machte
+eine erfreuliche Ausnahme von den meisten Oesterreichischen Konsuln,
+welchen ich bisher auf meiner Reise begegnete; ich möchte von Herzen
+wünschen, daß es deren mehrere ähnliche gäbe. Herr Vischer hat aber
+auch allgemein den Ruf eines sehr guten und gefälligen Mannes.
+
+Einen äußerst drückenden und beängstigenden Eindruck machten anfänglich
+auf mich die engen, niedrigen Wohnungen, in welchen die Leute hier
+leben. Die größten Gemächer sind so winzig, daß man in den meisten
+Wohnungen gewiß in Verlegenheit käme, wenn zehn bis zwölf Personen zur
+Tafel eingeladen wären. Von den Kämmerchen und Nebengemächern will ich
+schon gar nicht reden, die sind alle wie für Liliputaner. Mir fiel
+dieß natürlich um so mehr auf, da ich gerade aus Batavia kam, wo jeder
+Empfangssaal so groß ist, daß man ganze hiesige Häuser hineinstellen
+könnte. Solche Grillenhäuser, aus welchen jetzt noch die Hälfte der
+Stadt besteht, besitzen gewöhnlich fünf bis sechs Behältnisse, die man
+mit großem Unrecht „Zimmer“ nennt. Die Einrichtung ist reich, meistens
+überreich, so daß die vielen schönen Möbel dem armen Bewohner beinahe
+den ganzen Raum stehlen. Die Fußböden sind mit kostbaren Teppichen
+belegt, die Wände mit Tapeten und Spiegeln bedeckt.
+
+Auch in den neugebauten großen Ziegelhäusern sind die meisten Gemächer
+sehr klein, besonders die Schlafkammern; man sagte mir, dieß sei
+Amerikanische Sitte.
+
+Ausgezeichnet groß und schön fand ich dagegen die Verkaufs-Lokale:
+viele können mit jenen der größten Europäischen Städte in die Schranken
+treten, so reich an Waaren, so zierlich arrangirt und so prachtvoll
+sind sie. Die größten und schönsten Waarenlager findet man in der
+Sacramento-Kle-Montgomery-Straße und auf der Plaza. An Spiel-, Kaffee-,
+Wein- und Tanzhäusern ist die Stadt überfüllt. Theater gibt es
+bereits sechs, in welchen Englisch, Französisch, Deutsch und Spanisch
+gespielt wird. Zeitungen erscheinen dreizehn, große Buchdruckereien
+bestehen achtzehn, außerdem noch viele kleine, die heute entstehen und
+morgen wieder verlöschen. Kirchen von allen denkbaren Sekten sind
+sechsundzwanzig erbaut, die meisten davon ganz unbedeutend.
+
+Das gesellschaftliche Leben ist sehr großartig. Wer sich darin gefällt,
+findet gewiß jeden Abend in häuslichen und öffentlichen Zirkeln mehr
+Unterhaltung, als er wünschen kann. Bei Einladungen wird in Hülle
+und Fülle aufgetischt. Was mir bei den Diners auffiel, war, daß es
+nirgends Servietten gab, oder so kleine, wie für Puppen. Dieß kommt
+von dem hohen Preise, der für das Waschen verlangt wird: man zahlt per
+Dutzend Stücke, groß oder klein, 3 Dollars (1 Dollar ~à~ 4 Schilling
+Englisch oder 2 fl. Oesterreichisch Geld); man gibt daher in den
+meisten Familien nur die größeren Stücke außer Haus und sucht allen
+überflüssigen Aufwand an Wäsche so viel wie möglich zu vermeiden.
+Ueberhaupt findet man hier, in Folge der übertrieben hohen Preise
+vieler Gegenstände, die höchste Oekonomie an der Seite der größten
+Verschwendung. Manche Familien mit vier bis sechs Kindern halten
+nur eine Magd, während es an prächtiger Hauseinrichtung, Garderobe,
+Gesellschaften und Unterhaltungen nicht fehlt.
+
+Ich füge hier die Preise verschiedener Gegenstände bei, die manche
+meiner Leser kaum für wahrscheinlich halten dürften.
+
+Eine Wohnung von fünf bis sechs Kämmerchen per Monat auf den besten
+Plätzen 250 Dollars, etwas abgelegener 150 bis 200; die größten
+Modemagazine per Monat 700 bis 1000 Dollars. In letzteren werden oft
+wieder kleine Eckchen von sechs bis sieben Fuß im Geviert per Monat
+für 100 Dollars abgelassen. Ein Diener, eine Magd 50 und 60 Dollars
+per Monat nebst Kost und Wohnung, ein Handlanger 4 Dollars, ein
+Zimmermann, Maurer 8 Dollars per Tag. Eine Kleidermacherin 4 Dollars
+per Tag nebst Kost. -- Ein Huhn kostete 2, ein Kalkuttischer Hahn 10
+Dollars, ein Dutzend Eier 2 Dollars. Ein Pfund Rindfleisch ¼ Dollar.
+Ein Pfund Hammel- oder Schweinefleisch 60 Cents (ein Dollar hat 100
+Cents), eine Flasche Milch 25 Cents, ein Pfund gesalzene Butter 75
+Cents u. s. w. In den Hotels bezahlt eine Person per Monat für Kost
+und Wohnung 100 Dollars. Der Preis eines Lohnwagens per Stunde 6
+Dollars, eines Reitpferdes, ob auf eine Stunde oder einen halben Tag,
+5 Dollars, Sonntags für Wagen oder Reitpferd das Doppelte. Nach einem
+Dampfboote zu fahren 10 Dollars, nach einem Balle hin und zurück 20
+Dollars. Für Reitpferde, die von den Eignern gewöhnlich in Miethställe
+zur Verpflegung gegeben werden, per Monat 50 Dollars. Ein Lohndiener
+erhält für jeden Gang 1 Dollar. Zwei bis drei Jahre früher waren die
+Preise noch ungemein höher. Verhältnißmäßig billig werden dagegen
+viele Fabrik- und Manufaktur-Gegenstände verkauft, und zwar in Folge
+der übergroßen Einfuhr, mit der die Bevölkerung in keinem Verhältnisse
+steht[2]. Viele Europäische und Amerikanische Handelshäuser sollen
+dabei großen Schaden erlitten haben. Die Einfuhrzölle sind sehr
+bedeutend; gewöhnliche Bedürfnisse zahlen zwanzig bis dreißig Prozent
+und so fort bis zu hundert; letzteres jedoch nur für geistige Getränke.
+
+Die Gründe der Stadt, wie die der nahen Umgebung, waren von der
+Regierung in Lots ~à~ 150 Fuß im Geviert getheilt worden. Wer das
+Glück hatte, solche Plätze im ersten Entstehen der Stadt zu kaufen,
+konnte mit einigen guten Lots reich werden. Man kaufte die besten
+zu 5- bis 8000 Dollars, die jetzt 150,000 kosten. Ein dreistöckiges
+Backsteinhaus auf ein ganzes Lot gebaut, das eine Ecke formt, kommt auf
+200,000 Dollars zu stehen, trägt aber einen jährlichen Zins von 130,000
+Dollars, so daß Haus und Grund in längstens drei Jahren gezahlt sind.
+
+San Francisco wurde sechsmal von Feuersbrünsten zerstört, von welchen
+die meisten angelegt waren. Die zwei größten hatten im Jahre 1852
+statt. Am 4. Mai des letztgenannten Jahres brannte jener Theil
+der Stadt ab, in welchem die größten Reichthümer in den Magazinen
+aufgespeichert lagen, nämlich von der Ecke der Montgomery-Straße bis
+an die Kerney-Straße. Das zweite Feuer im Juli legte den westlich
+gelegenen Theil der Stadt in Asche. Während das Feuer noch wüthete,
+kamen zu den Grundbesitzern schon Leute, um den Grund auf drei oder
+vier Jahre zu pachten. Sie bauten auf den beinahe noch glimmenden Boden
+hölzerne Häuschen, die sie vermieteten, und wenn der Kontrakt zu Ende
+war, hatten sie hinlänglich gewonnen, um den Grundbesitzern das Haus
+für nichts zu überlassen.
+
+Einstimmig wird San Francisco die Stadt der Wunder genannt. Die
+Amerikaner behaupten, daß ihre schnelle Entstehung, ihr oftmaliges
+Wiederaufbauen nach den Feuersbrünsten das Wunderbarste sei, was die
+Welt je gesehen habe. Dieß ist allerdings wahr. Es gibt auch nur zwei
+Kräfte, welche solche Wunder bewirken können -- Despotie und Gold.
+Hier war letzteres der Hebel. Der Durst nach Gold, dieser größte der
+Despoten, zog die Leute aus allen Weltgegenden herbei, und hölzerne
+oder gemauerte Obdächer entstanden überall wie durch Zauber. Was sind
+aber diese einfachen Werke gegen jene antiken Städte Hindostans,
+deren Ruinen noch heut zu Tage die vergangene Größe verkünden,
+und von welchen, wie uns die Geschichte lehrt, manche ebenfalls in
+unglaublich kurzer Zeit entstanden, wie z. B. +Fatipoor Sikri+, eine
+Stadt voll der schönsten Paläste mit Skulpturen ganz überdeckt, mit
+prachtvollen Tempeln und Minarets, mit hoch gewölbten Stadtthoren
+u. s. w., deren Umfang sechs Meilen betrug, die mit vierzig Fuß hohen
+massiven Steinwällen umgeben und in weniger als zehn Jahren erbaut
+wurde. Dergleichen Städte kann man Wunderwerke nennen, denn zu ihrer
+Ausführung muß eine ganze Bevölkerung von Künstlern und Architekten
+gehören.
+
+Die Wunderwerke San Francisco’s bestehen in ganz gewöhnlichen Wohn- und
+Zinshäusern, zu deren Erbauung die Goldminen Kaliforniens hinlänglich
+Mittel geschafft haben und täglich schaffen. Was mich in dieser reichen
+und luxuriösen Wunderstadt am meisten wunderte, ist, daß man auf zwei
+sehr große Bedürfnisse gar keine Rücksicht genommen hat, auf reinliche,
+geebnete Wege und auf Beleuchtung.
+
+Von den Löchern, Hügeln und Unebenheiten in den Straßen der Stadt
+kann man sich gar keine Vorstellung machen. Hier geht es Stufen
+hinauf, dort einige hinunter, hier ist der Fußweg erhöht, dort wieder
+nicht, hier werden Stellen abgegraben, dort liegen ganze Berge von
+Ziegeln, Bauholz, Kalk und Sand, und keine Lichter werden zur Warnung
+hingestellt. Dieß macht die Straßen bei Nacht nicht nur für Fahrende
+und Reiter, sondern auch für Fußgänger wahrhaft gefährlich, was ganz
+besonders von den hölzernen Quais gilt. Die See darunter ist nicht
+ausgefüllt, die Bretter sind so abgenützt, daß sie einbrechen. Selbst
+bei Tage muß man der vielen Löcher wegen mit größter Vorsicht fahren.
+Nachts ereignet es sich nicht selten, daß Fußgänger in die Tiefe
+stürzen und nie wieder zum Vorschein kommen.
+
+In den schönsten und befahrensten Straßen liegen alte Kleider,
+Wäsche, Stiefel, Flaschen, Geschirre, Kisten, todte Hunde, Katzen und
+ungeheuere Ratten, an welchen die Stadt überreich ist; aller Unrath
+wird vor die Thüre geworfen -- man könnte wirklich Konstantinopel im
+Vergleiche zu San Francisco die Stadt der Reinlichkeit nennen. Dort
+gibt es wenigstens Leute und Hunde genug, welche die Straßen säubern,
+erstere lesen die Kleider, Wäsche u. dgl. auf, letztere verzehren den
+Unrath.
+
+Zu allem diesem kommt noch die Ungebundenheit der Leute, jeder Mensch
+kann thun und machen, was er will; die Karren halten nicht selten
+an den schmalen, ausgetretenen Wegen, die über die bei Regenwetter
+grundlosen Straßen führen, Reiter befestigen ihre Pferde an den Häusern
+auf den Gehwegen, so daß der arme Fußgänger tief in den Koth treten
+muß, um sie zu umgehen. Derlei Willkürlichkeiten arten oft so aus, daß
+sie mitunter gefährlich werden. So ging ich eines Morgens durch die
+Stadt, als mir ein Fußgänger zurief. „Ein Bär, ein Bär!“ -- Ich wußte
+gar nicht, was das bedeuten sollte, und konnte mir nicht denken, in den
+Straßen einer so belebten Stadt einem Bären zu begegnen. Ich sah mich
+nach allen Seiten um -- wirklich kam ein Bär hinter mir her gelaufen
+und war nicht mehr als zwei Schritte von mir, so daß ich kaum Zeit
+hatte, auf die Seite zu flüchten. Das Thier war wohl an einem Stricke,
+der Strick an einem Karren befestigt; der Strick war aber so lang, daß
+der Bär rechts und links auf die Fußwege unter die Vorübergehenden
+gelangen konnte. Der Fuhrmann nahm sich nicht einmal die Mühe, die
+Leute anzurufen.
+
+Ein Geschäfts- oder Spaziergang in San Francisco ist meiner Meinung
+nach eine wahre Bußaufgabe. In der sogenannten Geschäftsstadt kann man
+sich kaum durch das Gewirre von Menschen, Reitern, Karren und Wagen
+winden; in jenen Theilen der Stadt oder Gegenden[3], wo die Straßen
+nicht mit Brettern belegt sind, muß man fußtief im Sande waten; dabei
+die ewig einförmige Ansicht der nackten Sandhügel -- wahrlich nur
+derjenige, der sein Glück im Golde findet, mag sich über alle diese
+Unannehmlichkeiten hinaus setzen und am Ende wohl gar vergessen, daß
+es Bäume und Wiesenteppiche gibt, die doch wohl schöner sind, als die
+Teppiche der goldbelasteten Spieltische.
+
+Im Frühling soll die Umgebung freilich einen anderen Anblick gewähren
+und der dürre Sandboden mit einer wunderbar schönen, üppigen Flora
+bekleidet sein; aber die Könige des Pflanzenreichs, die majestätischen
+Bäume, die zierlichen Gebüsche schafft doch keine Jahreszeit.
+
+Außerordentlich schön fand ich in San Francisco die Pferde und
+Maulthiere. Sie werden, wie die Ochsen und Kühe, alle zu Lande über die
+Plains (Ebenen) von Nordamerika herüber gebracht. Pferde und Maulthiere
+sind sehr hoch und kräftig. Es gibt Pferde, mit welchen man sechzig
+Meilen in einem Tage reiten kann, Maulthiere, die drei Centner tragen.
+Die Pferde in den Lohnkutschen und Omnibussen sind ungleich schöner als
+in London. Von einer besonderen Pracht sind die Lohnkutschen. Man kann
+nicht leicht etwas schöneres in dieser Art sehen; es soll aber auch ein
+solcher Wagen mit dem Gespann bis 4000 Dollars kosten.
+
+Der Verkehr ist schon sehr leicht und schnell. Dampfschiffe
+durchkreuzen die Bay, befahren die Flüsse; Stage-coaches, die gleich
+Postgelegenheiten die Pferde wechseln, gehen nach allen Richtungen des
+Landes. Auch eine Telegraphen-Linie ist bereits eröffnet und erstreckt
+sich über +St. José+ bis +Sacramento+, eine Länge von ungefähr 130
+Meilen.
+
+Eines Abends besuchte ich die öffentlichen Unterhaltungsorte, von
+welchen mich die Spielhäuser am meisten interessirten, da ich bisher
+noch keine öffentlichen gesehen hatte. Was mir in diesen vor allem
+in das Auge fiel, war die höchst gemischte Gesellschaft. Neben dem
+zierlichsten Dandy saß ein Matrose, ein Minenarbeiter im rothwollenen
+Hemde ohne Jacke, die Hände kaum vom Theer oder Schmutz gereinigt, die
+Stiefel bis hinauf voll Koth. Der Reiche wie der schmutzig Gekleidete
+hatten nur Gold und harte Thaler vor sich liegen. Noch vor zwei Jahren
+soll man blos Gold gesehen haben. In keiner Miene, selbst bei dem
+sanguinischen Franzosen, dem lebhaften Mexikaner las man Aufregung
+oder Leidenschaft, obwohl ich das Gegentheil häufig behaupten hörte.
+Aus den Gesichtern hätte ich nicht beurtheilen können, wer von der
+Glücksgöttin begünstigt oder vernachlässigt war. Was die Einrichtung
+dieser Spielhäuser anbelangt, so ist sie darauf angelegt, nicht nur
+die Leidenschaft des Spielers, sondern auch seine Sinne zu berauschen
+und zu betäuben. Abscheulich verführerische Oelgemälde hängen an den
+Wänden, lärmende Musik durchrauscht die geräumigen Säle, schöne Mädchen
+sitzen hie und da als Lockvögel an den Tischen.
+
+Ich bin weit und breit in der Welt herum gekommen, unter Völker,
+die in Folge des Klimas und aus Mangel an Erziehung und Religion
+zu den sinnlichsten gehören; aber solche öffentliche, schamlose
+Verführungsanstalten sah ich nirgends -- man findet sie nur unter
+christlichen Völkern, unter civilisirten Regierungen. Ich will damit
+nicht behaupten, daß die Unsittlichkeit unter nicht christlichen
+Völkern geringer sei; allein sie so öffentlich zur Schau zu legen, so
+weit geht ihre Schamlosigkeit nicht.
+
+Von den andern öffentlichen Unterhaltungsplätzen, den Tanzhäusern, den
+Chinesischen Spiel- und Erfrischungshäusern will ich schweigen; nur
+muß ich bemerken, daß es in den Chinesischen Spielhäusern anständiger
+zuging, als in den Amerikanischen. Da gab es weder Gemälde, noch Musik,
+noch Mädchen; letztere wenigstens nicht in den Spielzimmern.
+
+Der Goldüberfluß in San Francisco ist so groß, die Preise sind so hoch,
+daß gar keine Kupfermünze in Umlauf ist; die Leute wünschen auch nicht,
+daß es je dazu kommen möge. Jedermann findet hinlänglichen Verdienst;
+im Gegentheil, es fehlt noch überall an Händen. Dessen ungeachtet
+vergeht kaum eine Nacht, daß man nicht von Diebstählen hört. In allen
+Schlafzimmern sieht man Pistolen hängen, und Abends geht niemand
+ohne Stockdegen oder Pistolen aus, denn auch in den Straßen kommen
+manchmal Raubanfälle und selbst Morde vor. Die Polizei ist so schlecht
+organisirt, daß kein Dieb so leicht entdeckt wird, die Bestrafungen so
+geringe, daß sie kein Mensch fürchtet. Beinahe alle Vergehungen werden
+mit einigen Wochen Gefängnißstrafe abgebüßt. Sogar die Mörder kommen
+leicht durch. Der Thäter geht gewöhnlich selbst zum Richter, erzählt
+den Vorfall nach Belieben, wobei es natürlich immer heraus kommt, daß
+er den Mord aus Nothwehr begangen habe. Weiß er den Richter auf dem
+rechten Flecke zu packen (d. h. mit Gold), so kommt er oft nicht einmal
+in das Gefängniß.
+
+Während meines Aufenthaltes zu San Francisco schoß ein Herr, den ich
+persönlich kennen lernte, seinen Diener nieder. Die Kugel war in
+die Seite gegangen, und deshalb der Schuß zwar nicht augenblicklich
+tödtlich, doch hatte man am dritten Tage die Kugel noch nicht gefunden.
+Der Herr ging zu dem Richter, gab seine That an und erklärte sie
+ebenfalls für Nothwehr. Er führte an, daß sein Diener häufig betrunken
+sei, und daß er demselben in solch einem Zustande den Dienst kündete.
+Der Betrunkene, darüber erboßt, habe ihm geantwortet, daß er ohnehin
+nicht mehr bleiben wolle, daß er aber, bevor er das Haus verließe, ihn
+niederschießen werde; „+entweder+“, habe er hinzu gefügt, „+schieße ich
+Sie todt, oder Sie müssen mich todt schießen+.“ Bei diesen Worten habe
+der Diener ihm mit der Faust gedroht, worauf er (der Herr) eine Pistole
+ergriffen und auf ihn geschossen habe. Der Mörder wurde auf einen Tag
+eingesperrt, den zweiten gegen eine Kaution und das Versprechen, sich
+nicht aus dem Stadtgebiete zu entfernen, wieder frei gegeben.
+
+Kurze Zeit darauf verließ ich San Francisco und erlebte deshalb
+nicht den Ausgang der Geschichte; allein man versicherte mir, daß,
+selbst wenn der Diener stürbe, der Herr mit höchstens einigen Wochen
+Gefängnißstrafe davon käme.
+
+Vor zwei Jahren soll es noch ganz anders zugegangen sein, da war man
+seines Lebens am hellen Tage nicht sicher. Hatte einer einen Haß gegen
+jemanden, oder einen Streit, so schoß er seinen Gegner auf öffentlicher
+Straße nieder. Zweikämpfe wurden ohne weitere Umstände gleich auf
+der Plaza ausgemacht; die Kämpfer schossen da auf einander, ohne die
+Vorübergehenden anzurufen und zu warnen. Mitunter traf eine Kugel statt
+eines Kämpfers einen ganz Unschuldigen; das schadete aber nichts,
+deshalb wurde niemand zur Rechenschaft gezogen.
+
+Viel strenger verfuhr man zu jener Zeit mit den Dieben, zwar nicht
+das Gericht, das schlief so fest und wo möglich noch fester als heut
+zu Tage, sondern die Privatpersonen. Sie bildeten einen Verein und
+übten die Gerechtigkeitspflege selbst aus[4]. Den ersten Dieb, den
+sie erhaschten, hingen sie sogleich auf der Plaza auf. Dieß wirkte so
+kräftig, daß die Diebstähle auf lange Zeit aufhörten.
+
+Wie man sieht ist die Plaza ein höchst merkwürdiger Ort für die
+Stadtbewohner. Jetzt dient sie nicht mehr als Schauplatz so
+gewalttätiger Scenen; im Gegentheile kehrt mancher vielleicht ein
+wenig gebessert von ihr heim. Ein sehr wackerer, würdiger Missionär,
+Herr +Taylor+, hält nämlich jeden Sonntag Nachmittag kräftige, gute
+Predigten dort. Ich hörte mehrere und jede befriedigte mich sehr.
+Er sprach den Leuten so recht an das Herz und Gemüth, und nahm die
+zweckmäßigsten Beispiele aus dem gewöhnlichen Leben. Man sah es dem
+trefflichen Manne an, daß er Missionär aus wahrem, innerem Berufe war.
+Die Leute hörten ihm auch sehr aufmerksam zu, und mancher Händedruck
+von Zuhörern ward ihm zum Lohne. Meiner Meinung nach hätten die
+Christen gute Missionäre weit nöthiger als die Heiden. Ein altes
+deutsches Sprüchwort sagt: „Kehre zuerst vor deiner Thür.“
+
+Von den öffentlichen Anstalten besuchte ich das Gefängniß und das
+Stadthospital. Um diese Plätze besuchen zu dürfen, mußte ich eine Menge
+Gänge machen und ein halbes Dutzend Erlaubnißscheine begehren.
+
+Als ich in dem Gefängnisse dem Director meinen Schein vorwies, begab
+sich ein komisches Mißverständniß. Da sich in San Francisco niemand
+Zeit nimmt, eine öffentliche Anstalt zu besuchen, wenn ihn nicht ein
+Geschäft dahin ruft, dachte der Direktor, ich sei gekommen, um einen
+Gefangenen zu sprechen. Er las den Schein gar nicht durch, sein Blick
+blieb blos auf meinem Namen haften. Er dachte eine Weile nach und sagte
+endlich, er könne sich nicht entsinnen, daß ein Verbrecher dieses
+Namens in dem Gefängnisse säße, worauf dann natürlich die Erklärung
+folgte.
+
+Das Gefängniß besteht aus dunklen, feuchten Kämmerchen, jedes für
+sechs Personen und so klein und enge, daß die Leute kaum Platz zum
+Schlafen haben. Der Boden ist nicht gedielt, es gibt weder Bänke noch
+Schlafstellen, und wer Decke oder Polster nicht selbst mitbringt, muß
+sich ohne sie behelfen. Die Kost ist etwas besser: sie besteht aus
+Suppe, einem Stücke Fleisch und einer hinlänglichen Portion schönen
+Brodes.
+
+Vor ungefähr sechs Monaten bekam das Gefängniß einen ganz unerwarteten
+Besuch: eine zahlreiche Gesellschaft von Männern (achtzig bis neunzig)
+verlangten es zu besehen. Als man sie eingelassen hatte, bemächtigten
+sie sich der Schlüssel, holten einen Verbrecher heraus, den das Volk
+schon lange gerne gerichtet sehen wollte und der bei der üblichen
+Fahrlässigkeit der Regierung wahrscheinlich mit geringer Strafe
+entkommen wäre, und hingen ihn vor dem Gefängnisse auf.
+
+Das Hospital ist ziemlich gut, besonders wenn man auf die Zeit
+Rücksicht nimmt, zu welcher es errichtet wurde, im Jahre 1849. Es war
+damals in San Francisco noch alles so kostspielig, daß man sich wundern
+muß, wie die zur Errichtung eines anständig geordneten Krankenhauses
+(gegenwärtig schon mit dreihundert Betten) nöthige Summe durch
+freiwillige Beiträge zusammen gebracht werden konnte. Die Kranken
+bezahlen per Woche in den allgemeinen Zimmern 15, in einem besonderen
+25 Dollars; die meisten werden jedoch unentgeldlich aufgenommen. Was
+mir sehr gut gefiel, ist, daß man Unheilbare nicht fortschafft: sie
+bleiben bis zu ihrem Tode. Wer das Unglück hatte, vor Errichtung dieses
+Hospitales zu erkranken, der konnte sich noch glücklich schätzen, wenn
+man ihn in irgend einen Winkel trug und ruhig genesen oder sterben
+ließ. Kein Mensch hatte Zeit, sich nach einem Leidenden umzusehen, --
+Gold, Gold war das einzige Ziel und Streben.
+
+Ich hatte Gelegenheit, in San Francisco eine sehr schöne Ausstellung
+von Gemüsen, Früchten, Getreide-Gattungen und anderen Naturprodukten
+Kaliforniens zu sehen, die Herr +Warren+ veranstaltete. Ein Kürbis
+wog 125 Pfund, eine Runkelrübe 35 Pfund, eine weiße Rübe 25 Pfund,
+ein Blumenkohl 22 Pfund, eine gelbe Rübe 6 Pfund, eine Kartoffel 4
+Pfund, eine Zwiebel 2 Pfund, ein Krautkopf hatte 2½ Fuß im Durchmesser.
+Weizen- und Gerstenhalme gab es von 12 Fuß Höhe, mit sehr großen,
+reichgefüllten Aehren, Maisstengel von 17 Fuß Höhe mit 3 Kolben, wovon
+jeder zwischen 550 und 600 Körner zählte. Die Früchte waren weniger
+ausgezeichnet. Was kann Kalifornien nicht liefern, wenn sich die Leute
+mehr und mehr mit Ackerbau und Kultur beschäftigen werden!
+
+Nicht minder interessant war die Ausstellung eines
+Riesen-Eichenstammes. Der Baum kam aus der nördlichen Gegend
+Kaliforniens und war 250 Fuß hoch; der Stamm hatte am Grunde 97 Fuß,
+oberhalb des Grundes 85 Fuß im Umfange. Man schätzte sein Alter auf
+1500 Jahre. Als er gefällt wurde, war er noch vollkommen gesund. Man
+löste die achtzehn Zoll dicke Rinde in Streifen ab, stellte sie in San
+Francisco wieder zusammen und bildete daraus einen niedlichen Saal.
+Eine Durchschnittsscheibe des Stammes wurde daneben gelegt, damit man
+sich von dem Durchmesser des Baumes überzeugen konnte.
+
+ * * * * *
+
+Ich machte von San Francisco drei Ausflüge in das Innere von
+Kalifornien. Den ersten nach +Sacramento+, +Mary’s Ville+ und den
+Goldminen an dem +Yuba-Fluß+, den zweiten nach +Crescent-City+ und zu
+den +Rogue-River-Indianern+, den dritten nach +St. José+.
+
+Am +3. October+ Nachmittags 4 Uhr schiffte ich mich auf dem schönen
+Dampfer „+Senator+“ nach Sacramento (100 Meilen) ein.
+
+Die Amerikanischen Dampfer sind die schönsten, die man sehen kann.
+Sie verdienen mit vollem Rechte, „Wasserpaläste“ genannt zu werden,
+denn sie sehen vollkommen wie Häuser aus. Die Flußdampfer besonders
+haben Stockwerke mit großen Thüren, Fenstern und Galerieen. Ständen
+sie nicht im Wasser, so würde kein Mensch sie für Schiffe halten. Die
+innere Einrichtung gibt an Pracht und Vollkommenheit der äußeren nichts
+nach. Wenn man Nachts einem solchen Dampfer begegnet, gewährt dieß
+einen wahren Feenanblick; alles erglänzt im hellsten Lichte und die
+Schornsteine speien Feuer, gleich Vulkanen.
+
+Spät Abends lenkten wir in den +Sacramento-Fluß+, der bis zu der Stadt
+Sacramento für Dampfer von zwölf- bis fünfzehnhundert Tonnen fahrbar
+ist.
+
+Am +4. October+ Morgens 5 Uhr landeten wir an der Stadt. Die Reisenden
+stürzten wie besessen an’s Ufer, um ihre Reise mit Stage-coaches oder
+anderen kleineren Dampfbooten ohne Zeitverlust fortzusetzen. Auch ich
+folgte ihrem Beispiele, und eilte, um meinen Platz auf der Stage-coach
+nach +Gras-Vale+ zu erobern. Allein meine Eile war umsonst. Die Kutsche
+war schon um 4 Uhr abgegangen. Ich änderte meine Reise dahin ab, daß
+ich auf einem Dampfer nach Mary’s Ville (50 Meilen) ging.
+
+Die Zeit bis zur Abfahrt des Dampfers benutzte ich, die Stadt zu
+besehen, die in einer staubigen, sandigen Ebene liegt, in deren weitem
+Hintergrunde man dunkle Umrisse von Gebirgen entdeckt. Die Stadt
+zählt 20,000 Einwohner und bietet in kleinerem Maßstabe dasselbe
+unvollendete, unsaubere Bild wie San Francisco. Nach den Begriffen der
+Amerikaner gehört auch Sacramento zu den Wunderwerken der Welt, da
+sie gleich San Francisco eben so schnell entstanden und eben so oft
+abgebrannt ist.
+
+Um 11 Uhr ging es wieder an die Reise. Schon nach einigen Meilen
+lenkten wir in den +Feather-Fluß+, an welchem Mary’s Ville liegt. Die
+Ufer dieses Flusses bleiben sich so ähnlich, daß ich mich, nachdem
+ich sie einige Zeit betrachtet hatte, in den Saal begab, um auch über
+die Gesellschaft meine Bemerkungen zu machen. Ich befand mich hier
+zum ersten Male in einer großen Gesellschaft von freien Amerikanern.
+Wie in den Spielhäusern zu San Francisco fielen mir vor allem die
+Kontraste in der Kleidung auf. Die Damen waren durchgehend sehr geputzt
+und hätten in ihrem Reiseanzuge in den glänzendsten Gesellschaften
+erscheinen können. Ganz anders verhielt es sich mit den Männern. Manche
+waren wohl sehr anständig gekleidet; die meisten aber hatten Jacken
+an, die nicht selten zerrissen waren, derbe, schmutzige Stiefel über
+die Beinkleider gezogen und die Hände so außerordentlich plump und
+verbrannt (eine Sache, die mir selbst bei den best angekleideten Herren
+häufig auffiel), wie die gemeinsten Bauersleute. Man spielte Karten,
+man kaute Tabak, selbst Jungen von zehn bis zwölf Jahren thaten dieß;
+allein man spuckte nicht so herum, wie manche Reisende behaupten. Eine
+andere Gewohnheit aber, nicht minder häßlich als das Spucken, ist, daß
+sich die Leute wohl der Sacktücher, aber zuvor ihrer Finger bedienen;
+ich sah dieß sogar bei elegant gekleideten Herren.
+
+Der gesammten Männerwelt muß ich das Zeugniß geben, daß sie gegen
+mein Geschlecht, alt oder jung, reich oder ärmlich gekleidet, gleich
+artig und gefällig war. Die Amerikaner gleichen hierin nicht meinen
+Landsleuten, und überhaupt nicht den Europäern, die ihre Artigkeit
+gewöhnlich nur der Jugend, Schönheit und dem Putze widmen.
+
+Bei Tische blieb man nicht lange sitzen und sprach beinahe kein Wort;
+die Leute verschlangen die Speisen brühheiß und halb ungekaut. Sie
+gönnten sich keine Zeit, obwohl niemand etwas zu thun hatte; allein es
+ist nun einmal schon ihre Gewohnheit, alles als Geschäft zu betrachten
+und alles mit größter Hast und Eile zu verrichten. Getrunken wurde
+nichts als Wasser. Man sagte mir, daß der Amerikaner es vorziehe, die
+spirituosen Getränke zu verschiedenen Zeiten des Tages in kleinem Maße
+zu sich zu nehmen. Auf jeden Fall glaube ich jedoch, daß er hierin dem
+Engländer nachsteht, denn auch Kaffee und Thee wurde nicht sehr stark
+und nicht in großen Portionen genossen.
+
+Die Fahrt nach Mary’s Ville währte sehr lange, der Fluß hatte in
+dieser Jahreszeit wenig Wasser, und wir saßen alle Augenblicke auf
+Sandbänken auf. Es zeigten sich hie und da einige Hügel, später sogar
+Gebirgsketten.
+
+Ich hielt sechs Meilen von Mary’s Ville bei der dem General +Sutter+
+gehörigen Farm[5] an. Es war 10 Uhr Nachts, als ich an’s Ufer gesetzt
+wurde. Ich wußte weder Weg noch Steg; doch lag die Farm nicht weit
+entfernt. An dem Gartenzaune angekommen, stürmte ein halbes Dutzend
+großer Hunde auf mich ein. Ich verhielt mich ruhig, wohl wissend, daß
+es so bei dem Gebelle bleibe. Alles lag schon in tiefer Ruhe. Durch den
+Lärm der Hunde aufgeweckt, kam endlich jemand daher. Man empfing den
+späten Gast auf die zuvorkommendste Weise.
+
+General Sutter, ein Schweizer von Geburt, hat nicht nur, wie bereits
+erwähnt, die erste Goldmine entdeckt; er zeichnete sich auch als Soldat
+in dem letzten Kriege gegen die Mexikaner sehr aus. Er lebt seitdem auf
+seinen bedeutenden Ländereien.
+
+Sein jüngster Sohn, ein Mann von zweiundzwanzig Jahren, ist schon
+Oberst bei der Landmiliz. Uns Europäern kommt es sonderbar vor, in
+Amerika junge Leute so hohe Stellen bekleiden zu sehen. Der Amerikaner
+sagt: „Wenn junge Leute ihr Fach verstehen, sind sie den älteren
+vorzuziehen, da sie mehr Thätigkeit, Fleiß und Ausdauer besitzen.“ Man
+findet in Amerika Männer von sechsundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren,
+die sich als Kaufleute, Advokaten, Schiffskapitaine u. s. w. schon
+ein schönes Vermögen erworben haben. Freilich fangen sie auch in sehr
+frühen Jahren zu arbeiten an.
+
+Ich verweilte zwei Tage in der Rock-Farm. Hier wird schon ziemlich viel
+Getreide und Gemüse gebaut. Der Boden sieht in der trockenen Jahreszeit
+so unfruchtbar aus (nichts als Sand und Staub), daß man denken sollte,
+das wenige, was hier wachsen kann müsse mit der größten Sorgfalt
+gepflegt werden. Man versicherte mich des Gegentheiles. Der Boden wird
+weder gedüngt noch bewässert, und die Getreidehalme, welche man mir von
+der letzten Ernte wies, waren groß und überreich an Körnern. Doch muß
+man auch bedenken, daß der Boden erst vor ein Paar Jahren zum ersten
+Male aufgebrochen wurde. Wer weiß, wie er sich nach fünfzig Jahren
+zeigen mag.
+
+Mit Herrn Sutters älterem Sohne, der sich viel mit Botanik beschäftigt,
+machte ich einen Spaziergang nach einem nahe gelegenen Walde. Ich
+sah da sehr schöne und sehr verschiedenartige Eichen, an welchen
+Kalifornien überhaupt reich sein soll, ferner hübsche Schlinggewächse
+und sehr viele wilde Weinreben, die sich hoch hinauf mit den Bäumen
+verzweigten. Die Beeren waren klein und nicht sehr süß. Der Boden des
+Waldes hatte nicht den geringsten Anflug von Gras oder Grün.
+
+Ungefähr zwanzig Meilen von der Rock-Farm entfernt, erhebt sich eine
+majestätische Gebirgskette, deren höchste Spitze +Chasta+ heißt und
+14,000 Fuß hoch sein soll. Vor dieser Kette steigen mitten in der Ebene
+senkrechte Felswände auf, die man einem riesigen Walle vergleichen
+könnte. Sie bilden drei Hauptspitzen, welche die „drei Buds“ genannt
+werden.
+
+Am +7. Oktober+ ließ mich Herr Sutter nach Mary’s Ville führen. Dieses
+Städtchen liegt am Zusammenflusse des Feather- und Yuba-Flusses. Ein
+Privatmann ließ hier eine hölzerne Brücke von vielleicht 120 Fuß Länge
+bauen, deren Ueberschreitung per Pferd oder Stück Hornvieh einen halben
+Dollar kostet.
+
+Mary’s Ville, später entstanden als Sacramento, enthält bereits 6000
+Einwohner, hat schon zwei Zeitungen und ein Theater. Die Waarenlager
+sind so überfüllt, daß sie den Bedürfnissen einer zehnmal größeren
+Bevölkerung genügen würden. Es wird wohl viel hiervon nach den Minen
+gesandt; aber die Mode- und Luxus-Artikel finden doch nur bei den
+Städtern Absatz.
+
+Kaum in Mary’s Ville angekommen, war ich so glücklich, dem Herrn
+Baronet +Heinrich Huntley+ zu begegnen, einem Engländer, den ich in
+San Francisco kennen gelernt hatte. Dieser Herr besitzt Quarz-Goldminen
+zu +Brown’s-Valley+, nahe der Gebirgskette, 14 Meilen von Mary’s Ville,
+und ließ daselbst eine Dampfmühle zur Stampfung der Steine bauen. Er
+war so gefällig, mich auf sein Besitzthum mitzunehmen, um mir die
+Quarzminen, so wie auch die Goldwäschereien an dem Yuba-Flusse, die 6
+Meilen davon entfernt liegen, zu zeigen.
+
+Herr Huntley hat sich in Brown’s-Valley erst vor drei Monaten
+angesiedelt, zu welcher Zeit der Platz einer Wildniß glich. Jetzt
+standen schon drei kleine Holzhäuschen, und das Hauptwerk, die
+Dampf-Stampfmühle, war der Vollendung ziemlich nahe. Die Arbeitsleute
+wohnten in Zelten umher, und es sah recht belebt aus.
+
+Die ganze Umgebung besteht aus reichhaltigen Goldquarz-Lagern.
+Das Verfahren in den Minen ist wie in anderen Ländern. Man macht
+Schachten und Gänge, fördert das Gestein zu Tage, schafft es in die
+Mühle, stampft es zu Pulver, sondert durch Waschen das Metall von
+dem Quarzstaube, schmilzt es mit Schwefelsäure und bindet es mit
+Quecksilber. Herr Huntley war so gefällig, mir die ganze Verfahrungsart
+im Kleinen zu zeigen. Ein Quarzstein von fünf Pfund lieferte auf diese
+Weise dreizehn Cents Werth in Gold. Jedermann kann graben; da aber das
+Anlegen einer Mühle eine etwas bedeutende Summe kostet, verkaufen die
+Minengräber ihre Steine an Herrn Huntley.
+
+Den folgenden Tag führte man mich nach den großen Goldwäschereien an
+dem Yuba-Flusse. Das Gold wird hier auf zweierlei Arten gewonnen. Die
+Goldsucher graben Löcher an Stellen im Flußbette, in welche das Wasser
+nach einiger Zeit Erde und Schlamm absetzt; bei trockener Jahreszeit
+zieht es sich etwas zurück. Nun schürft man das Angeschwemmte heraus
+und sondert das sich vorfindende Gold durch Waschen ab. Die zweite,
+ungleich großartigere Weise besteht in dem Abdämmen des Flusses.
+Man baut zu diesem Zwecke mehrere hundert Klafter lange hölzerne
+Fluder, in welche man den Fluß leitet. Der ganze trocken gelegte
+Theil des Flußbettes wird dann durchwühlt und das Erdreich gewaschen.
+Zu allen diesen Unternehmungen verbinden sich die Leute in größeren
+Gesellschaften und theilen den Gewinn am Ende jeder Woche. Es geht
+dabei so ordentlich und redlich zu, daß nie ein Streit stattfindet.
+Jede Gesellschaft wählt ein Haupt, welches mit der Austheilung
+beauftragt ist. Mit nicht minderer Sicherheit kann der Eigenthümer
+seinen Schatz ohne Schloß und Riegel in seinem Zelte liegen lassen; er
+wird nie etwas davon vermissen. Nicht so sicher ging es in der ersten
+Zeit zu. Da wurde gestohlen und gemordet. Die Goldsucher sahen sich
+gezwungen, der Justiz vorzugreifen und selbst Ordnung zu schaffen. Sie
+hingen Diebe wie Mörder ohne Umstände auf, und dieses Mittel war probat.
+
+Wer nicht selbst arbeiten will, findet Leute, die sich verdingen. Viele
+ziehen einen gewissen Lohn dem ungewissen Gewinne vor; sie erhalten
+sechs bis acht Dollars per Tag.
+
+Jedermann und jede Gesellschaft kann einen freien Platz zum Goldsuchen
+auswählen; nur muß mit der Arbeit spätestens vierzehn Tage nach der
+Besitznahme angefangen werden. Wird dieser Zeitpunkt versäumt, so ist
+das Recht auf den Platz verloren, und jeder andere Liebhaber kann sich
+darauf niederlassen.
+
+Wenn jemand nur mit einiger Wahrscheinlichkeit anzugeben vermag, daß
+auf dieser oder jener Stelle Gold zu finden sei, selbst auf Plätzen,
+wo Häuser stehen, so muß sie der Besitzer gegen Schadenersatz dem
+Minengräber überlassen. Dieselben Gesetze bestehen auch in Chili und
+Peru.
+
+Es wurde an dem Flusse ungemein viel gearbeitet, und die Ufer sahen
+sehr belebt aus. Gegen fünftausend Menschen waren auf einer Strecke von
+höchstens drei bis fünf Meilen Länge beschäftigt. Zeltdörfer reihten
+sich an Zeltdörfer; die Leute können sich keine Holzhütten bauen, da
+sie, so wie eine Stelle ausgebeutet ist, zu einer anderen ziehen. Die
+verschiedenen Nationen halten sich in Arbeit und Wohnung meistens
+zusammen, so die Deutschen, die Amerikaner, die Chinesen u. s. w.
+
+Unter den Goldsuchern gibt es im Verhältniß nur wenige, die ein
+Vermögen zusammenbringen. Sie können nur acht Monate im Jahre arbeiten,
+bis zu dem Eintritte der Regenzeit. Die Arbeit ist sehr beschwerlich,
+die Leute müssen den ganzen Tag im Wasser stehen, und während der
+Dauer ihrer Arbeiten muß jeder auch der geringsten Annehmlichkeit und
+Erholung des Lebens entsagen. Gehen sie dann während der vier Monate
+in irgend eine Stadt, so leben sie da wie die Matrosen, die nach einer
+langen Seereise das Land betreten. Systematisch angelegte Verführungen
+lauern von allen Seiten auf sie, der Schwindel der Unterhaltung
+ergreift die Unglücklichen, und wenn sie aus dem Taumel erwachen, ist
+nur zu oft der schwer erworbene Gewinn verschwunden. Arm, wie das erste
+Mal, als sie von der Heimath kamen, aber geschwächt an Körper und Seele
+durch das wüste Leben in der Stadt, müssen sie nach der harten Arbeit
+zurückkehren, und glücklich noch derjenige, den die gemachte Erfahrung
+vor Wiederholung bewahrt!
+
+Die Gegend um Brown’s-Valley wie um den Yuba-Fluß gehört zu den
+waldigen und gebirgigen. Die Wälder sind aber sehr licht, alle vierzig
+bis sechzig Schritte steht ein Baum, meistens Eichen. Untergebüsch,
+Schlingpflanzen gibt es gar nicht; der Boden besteht aus Staub und
+kleinen Steinen.
+
+Nach einigen Tagen verließ ich diese Gegend und ging wieder nach Mary’s
+Ville zurück. In dem letzteren Landstriche ist es viel wärmer als in
+und um San Francisco, obwohl jener nicht bedeutend viel südlicher
+liegt. Ich war hier abermals so unglücklich, einen Anfall von dem
+hartnäckigen Sumatrafieber zu bekommen.
+
+In Mary’s Ville fand ich einen Landsmann, einen Wiener, Herrn +Rogler+.
+Unsere beiderseitige Freude, von der lieben Heimath sprechen zu können,
+war so groß, daß mir der gute Mann einen ganzen Tag schenkte und mich
+an alle Orte begleitete, wo es etwas zu sehen gab.
+
+Am meisten interessirten mich hier die Eingebornen, die noch reine
+Indianer sind und sich vor jeder Vermischung mit Spanischem Blute
+bewahrt haben. Diese sogenannten „Wilden“ vermindern sich von Jahr zu
+Jahr und werden überall von den harten Weißen verdrängt. Vor einigen
+Jahren lebten noch mehr als sechzig Familien bei Mary’s Ville, jetzt
+sind sie bis auf zwanzig zusammen geschmolzen[6].
+
+Ich fand diese Indianer noch viel häßlicher als die Malaien. Ihr
+Wuchs ist klein und gedrungen. Sie haben besonders kurze Hälse und
+plumpe Köpfe. Die Stirn ist niedrig, das Nasenbein wenig erhoben,
+die Nasenflügel breit, die Augen schmal gespalten, wenig Intelligenz
+ausdrückend, die Backenknochen breit, der Mund groß; die Zähne, zwar
+weiß, stehen selten in schönen Reihen. Die kurzen, dichten und straff
+um den Kopf herab hängenden Haare sehen gerade wie eine Pelzmütze aus.
+Die Farbe derselben ist braun, nicht selten lichter und dunkler auf
+einem und demselben Kopfe; sie pflegen sie wenig und scheinen sie mit
+keinem Fette zu schmieren. Kinder von vier bis sechs Wochen hatten
+schon einen ganzen Wald von Haaren auf dem Kopfe. Ihre Hautfarbe ist
+schmutzig gelbbräunlich; die Weiber sind sehr zum Fettwerden geneigt.
+Männer wie Weiber haben die Ohrläppchen sehr weit durchstochen und
+tragen lange, runde, fingerdicke Rollen darin, die mit Zeichnungen oder
+Glasperlen verziert sind. Sie schmücken sich außerdem mit Glasperlen,
+Knöpfen, Federn und allem, was sie von den Weißen erhalten können.
+Die Weiber waren am Kinn ganz wenig tätowirt. Ursprünglich gingen die
+Männer ganz nackt, die Weiber trugen blos eine fußlange Schürze um
+die Mitte des Leibes; seit sich jedoch die Weißen hier niedergelassen
+haben, lesen die Indianer die weggeworfenen Kleidungsstücke, Wäsche,
+Stiefel u. s. w., von den Straßen auf und bedecken ihren Körper damit
+oft auf die lächerlichste Weise.
+
+In Bildung und Lebensweise stehen diese Menschen sehr tief. Sie treiben
+weder Ackerbau noch Viehzucht noch Jagd, nichts als etwas Fischfang.
+Zu ihren Wohnungen graben sie runde, fünfzehn bis zwanzig Fuß breite,
+zwei Fuß tiefe Löcher in die Erde, über die sie ein zeltförmiges Dach
+von Holzwerk und Erdreich legen. Die Thüre ist ein kleines Loch, durch
+welches man auf Händen und Füßen kriechen muß; eine noch kleinere
+Oeffnung an der Spitze des Daches läßt den Rauch durchziehen. Sie haben
+weder Matten noch Geschirre und verstehen nichts als Körbe zu flechten.
+In dieser Kunst sind sie wahre Meister, wissen die Körbe vollkommen
+wasserdicht zu flechten und kochen sogar ihre Fische darin. Sie
+flechten große, um den Vorrath von getrockneten Fischen zu bewahren,
+kleinere, um Wasser zu holen, und ganz kleine, die ihnen zur Bedeckung
+des Kopfes dienen.
+
+Es war gegen Abend, als ich diesen Stamm besuchte. Die Leute saßen
+vor ihren Höhlen an kleinen Feuern und bereiteten und verzehrten
+ihr Abendessen, das aus gebratenen Fischen und Eichelbrot bestand.
+Letzteres war fest, schwer, sehr feucht, hatte die Farbe der Chocolade
+und einen etwas bitteren Geschmack. Sie zerstampfen hiezu die
+getrockneten Eicheln zu Pulver und verfertigen daraus das Brot ohne
+sonstige Beimischung als Wasser. Außer Fischen und Eicheln essen sie
+so ziemlich alles, was sie bekommen können. Eidechsen, Heuschrecken,
+Frösche, Käfer u. s. w. sind Leckerbissen für sie.
+
+Ich sah unter diesem Völkchen leider sehr viele Fieberkranke, auch eine
+Irrsinnige und auffallend wenig Kinder. Die Indianer, die in der Nähe
+der Weißen bleiben, sterben noch ungleich schneller aus, als jene, die
+in das Innere der Wälder fliehen. Erstere erhalten von den Weißen als
+Tauschmittel für Fische häufig Branntwein, der Gift für sie ist, und,
+wie man schon bemerkt hat, sie erkranken und selbst sterben macht.
+Ein zweites, noch größeres Unglück sind für sie die Blattern, eine
+Krankheit, die durch die Weißen eingeschleppt wurde, und an der die
+Eingebornen sehr häufig sterben.
+
+Ihre Armuth an Kindern rührt hauptsächlich davon her, daß sie sich
+gemeiniglich nur in ihrem eigenen Stamme verheirathen; sie sind oft
+ganz verschwistert und verwandt unter einander. Ihre Sitten sollen
+gut sein. Keine Indianerin wird freiwillig mit einem Weißen umgehen;
+sie würde von ihrem Stamme verstoßen oder wohl gar getödtet. Will ein
+Weißer ein Verhältniß mit einer Eingebornen eingehen, so muß er den
+Häuptling durch Geschenke zur Bewilligung zu gewinnen suchen.
+
+Eine recht malerische Gruppe bildeten die drei Aeltesten des Volkes.
+Sie hatten einige Europäische Kleidungsstücke an, einen reichen
+Federschmuck auf den Häuptern und saßen ruhig und ernst auf der Spitze
+einer ihrer Erdhöhlen. Es schien, als betrachteten sie in ihrem
+einfachen Naturverstande das rastlose Treiben der nahe wohnenden weißen
+Fremdlinge nicht mit Erstaunen und Bewunderung, sondern mit Verachtung
+und Geringschätzung. Ich werde die Blicke nie vergessen, welche diese
+drei Männer auf mich und meinen Begleiter warfen; als letzterer sie
+ansprach, würdigten sie ihn kaum einer Antwort.
+
+Von dem Werthe des Goldes haben die Leute noch keinen Begriff: die
+kleinste wie die größte Summe ist bei ihnen 5 Dollars. Ich wollte eine
+von den Rollen kaufen, die sie durch das Ohr stecken, so wie eines der
+wasserdichten Körbchen; sie verlangten für den einen wie für den andern
+Gegenstand 5 Dollars.
+
+Abends besuchte ich auch in Mary’s Ville die Spiel-, Tanz- und anderen
+öffentlichen Unterhaltungs-Häuser. Ich kann von ihnen nur wiederholen,
+was ich von jenen in San Francisco geschrieben habe: sie sind Kopien
+in kleinerem Style. Ich möchte wohl behaupten, daß in der kurzen Zeit,
+seit der Weiße nach Kalifornien kam, viel mehr Verbrechen und Laster
+begangen wurden, als in den Hunderten von Jahren, während der das Land
+nur von Eingebornen bewohnt war.
+
+Nach San Francisco zurück ging ich denselben Weg über Sacramento. Die
+Ufer des Flusses Sacramento werden von den Amerikanern als bezaubernd
+schön und üppig geschildert. Auf der Herreise konnte ich nicht viel
+sehen, ich machte sie bei Nacht. Mit großer Erwartung begab ich
+mich daher auf die Rückreise, bei welcher mich der hellste Tag, das
+glänzendste Sonnenlicht begünstigten. Ich bemühte mich aber vergebens,
+die schönen Landschaften zu erblicken, die von Hunderten und Tausenden
+bewundert werden. Die Ufer waren wohl von einer Reihe von Bäumen und
+von Gebüschen umsäumt; allein wenige Schritte nach dem Innern zu
+hörte die Vegetation auf, und der Blick verlor sich auf der sandigen,
+staubigen Ebene. Und selbst die Bäume, meistens Eichen, Weiden und
+Eschen, konnte man nicht schön nennen: sie hatten zwar zum Theil
+dicke Stämme und umfangsreiche Kronen und Aeste, welch letztere sich
+mitunter weit über das Wasser neigten; allein das Laubwerk war sehr
+klein, schmal und von schmutzig dunkelgrüner Farbe. Nur Leute, die
+beständig in der nackten, baumleeren, sandigen Gegend von San Francisco
+leben, können so viel Wesen aus diesen armseligen Ufern machen.
+
+
+ [1] Unter „Amerikaner“ versteht man nur die Bewohner der Vereinigten
+ Staaten; die übrigen Völker Amerika’s werden bei ihren
+ Völkernamen genannt, wie: Mexikaner, Brasilianer u. s. f.
+
+ [2] Die Einfuhr von Gütern jeder Art ist für eine Bevölkerung von
+ wenigstens einer Million, während in Kalifornien kaum 300,000
+ Seelen leben mögen.
+
+ [3] Es gibt Fahrstraßen in der Nähe der Stadt, die meilenlang mit
+ Brettern belegt sind.
+
+ [4] Das sogenannte Lynch-Gericht, auch in den Vereinigten Staaten,
+ besonders in früheren Zeiten, von dem Volke häufig ausgeübt.
+
+ [5] Farm heißt jeder Landsitz, groß oder klein.
+
+ [6] Nahe der Farm des General Sutter lebten, wie er mir selbst
+ erzählte, vor zwei Jahren über zweihundert Eingeborne in einem
+ großen Wig-wam (Dorf), jetzt sind sie bis auf einige dreißig
+ ausgestorben.
+
+
+
+
+Vierzehntes Kapitel.
+
+ Crescent-City. -- Ausflug zu den Rogue-river-Indianern.-- Ein
+ Nachtlager im Wig-wam. -- Gefährliche Lage meines Reisegefährten. --
+ Rachsucht der Indianer. -- San José. -- Acapulco. -- Panama.
+
+
+Mein zweiter Ausflug galt, wie bereits gesagt, dem neu angelegten
+Städtchen +Crescent-City+, nördlich, nahe an der Grenze von Oregon, und
+den +Rogue-river-Indianern+.
+
+Die Entfernung nach Crescent-City beträgt nur 300 Meilen; der Preis der
+Ueberfahrt 50 Thaler. Die Amerikaner sind aber mit freien Ueberfahrten
+nicht so karg wie die Engländer. Ich hatte oft nur nöthig, meinen Namen
+zu nennen, und man gab mir freie Fahrten, so auch hier zur Hin- und
+Rückreise für Crescent-City.
+
+Am +3. November+ begab ich mich an Bord des Dampfers „Thomas Hunt.“
+
+Wir liefen stets nahe der Küste, die meistens aus spitzen, steil
+abfallenden Hügeln besteht, welche lange Ketten bilden und wenig
+geeignete Plätze zu Ansiedelungen bieten. Es sah auch alles unbewohnt
+aus. Die Berge und Hügel sind stellenweise mit dünnen Nadelwaldungen
+bedeckt; doch ist die Sandregion noch vorherrschend. Wir kamen durch
+die +Humboldts-Bay+.
+
+Am +5. November+ früh Morgens lenkten wir in die Bucht oder den Hafen
+von +Trinidad+. Diese Bucht ist ausnehmend klein und niedlich; ich
+glaube kaum, daß sie eine Viertelmeile im Durchmesser hat. Sie ist
+von fünfzig bis sechzig Fuß hohen, steilen Felshügeln umfaßt, die
+Oeffnung gerade hinlänglich, daß ein Schiff einlaufen kann. In der
+Mitte erhebt sich ein hoher, schwarzer Fels, der den kärglichen Raum
+noch mehr beengt. Man könnte die ganze Bildung dieses Beckens für einen
+ausgebrannten Krater halten. Von dem Städtchen sieht man einige Dutzend
+hölzerne Häuser an den Säumen der Hügel. Ein schöner Nadelwald im
+Hintergrunde schließt das Miniaturgemälde.
+
+Das Städtchen Trinidad entstand vor zwei Jahren, geht aber jetzt schon
+dem Untergange zu. Der Handel nimmt keinen Aufschwung, wie man bei der
+Errichtung geglaubt hatte, und Ackerbau wird noch nicht betrieben.
+Viele der Ansiedler sind wieder hinweg gegangen.
+
+Von Trinidad an werden die Hügelreihen an der Küste niedriger, weniger
+steil und dichter mit Nadelwaldungen bedeckt.
+
+Unter heftigem Regen, stark bewegter See langten wir Nachmittags vor
+Crescent-City an. Eine schwere Aufgabe war es, an das Land zu kommen,
+da die Rhede sehr unsicher und jedem Winde oder Sturme ausgesetzt
+ist. Von April bis November bietet sie zwar einigen Schutz gegen die
+vorherrschenden Nordwinde; aber in den Wintermonaten ist sie den Winden
+ganz Preis gegeben.
+
+Die Lage des Städtchens ist überaus idyllisch. Die hölzernen Häuschen
+stehen zum Theil in einer Reihe an dem Saume des Meergestades; andere
+liegen zwischen Bäumen zerstreut umher. Das Ganze wird von hohen
+Nadelwaldungen überschattet. Gegen Südwesten steigen reichbewaldete
+Berge auf, auch an schönen Ebenen fehlt es nicht, und in der See liegen
+viele reizende Gruppen kleiner Eilande und Felsparthieen, von welchen
+manche nackt, andere bewaldet sind.
+
+Crescent-City wurde erst in diesem Jahre, im Monat Februar, angelegt.
+Der Wald mußte gelichtet und ein Blockhaus errichtet werden, denn
+rund umher gab es noch viele Indianer-Stämme. Im Monat August standen
+bereits neunzig Häuser, zwanzig Magazine waren eröffnet, mehrere Hotels
+errichtet. Der Handel nach den Minen, die an dem Smith’s-Flusse
+liegen, war schon in vollem Gange. Täglich sah ich viele Maulthiere mit
+Lebensmitteln und andern Gütern von hier beladen dahin abgehen. Wenn es
+sich bewährt, daß von diesem Punkte aus der sicherste und beste Verkehr
+nach dem Innern geht, so wird sich dieser Ort wunderschnell erheben.
+Aber auch zu Trinidad siedelten sich die Leute in dieser Hoffnung an,
+die sich dann nicht bewährte. Die Theuerung ist hier noch weit größer
+als in San Francisco, von woher alles zugeführt wird.
+
+Herr +Grubler+, ein Schweizer von Geburt, war so gefällig, mich
+in seinem Hause aufzunehmen. Dieser Mann gehörte unter die ersten
+Ansiedler und erbaute das Blockhaus. Er ist auch Präsident und
+hauptsächlicher Gründer eines sehr nützlichen und lobenswerthen
+Vereins zur Bildung angehender Redner. Die Mitglieder versammeln
+sich alle Wochen einen Abend in dem Schulsaale; es werden politische
+Fragen gegeben, erdichtete Prozesse, so wie auch Novellen und Gedichte
+vorgetragen, und in dieser Weise bieten diese Abende der ganzen
+Gesellschaft eine lehrreiche Unterhaltung.
+
+Ich war über die guten, fließenden Vorträge um so mehr erstaunt, als
+die meisten der Sprecher wie Matrosen oder Minenarbeiter aussahen.
+Sie hatten Jacken, rothe Wollhemden und dergleichen an. Auch das
+schöne Geschlecht erschien in ganz einfachen kattunenen Hauskleidern.
+Der Schulsaal sah ebenfalls nicht sehr elegant aus und ließ leider
+den rauhen Wind von allen Seiten dergestalt ein, daß man die
+Unschlittkerzen kaum vor dem Erlöschen bewahren konnte. Wie bald wird
+dieß alles vielleicht umgeschaffen sein und Pracht und Luxus die
+ländliche Einfachheit verdrängen! Werden sich die Leute dann wohl
+besser unterhalten?
+
+Obgleich Crescent-City nur vier Grad nördlicher liegt als San
+Francisco, äußert sich in Witterung und Temperatur ein viel mächtigerer
+Unterschied als man vermuthen sollte. Dicke Nebelwolken verhüllten die
+ganze Gegend, es regnete häufig und schwer, und eine sehr empfindliche
+Kälte machte sich fühlbar.
+
+Der Hauptzweck meiner Reise hierher war, die Indianer zu besuchen,
+welche in diesem Theile Kaliforniens noch in ziemlicher Anzahl zu
+finden sind. Seit sich die Weißen hier niederließen, haben sie sich
+jedoch etwas mehr in das Innere des Landes zurückgezogen, und man muß,
+will man größere Wig-wams sehen, wenigstens zehn bis zwanzig Meilen
+weit gehen.
+
+Ein halbes Dutzend Indianische Familien waren noch in der Nähe des
+Städtchens angesiedelt. Ich fand sie wie jene bei Mary’s Ville. Nichts
+erschien mir komischer, als die sonderbaren Anzüge, denn auch hier
+lasen sie alle von den Weißen weggeworfenen Kleidungsstücke auf. So
+sah ich einen Indianer, welcher ein Beinkleid, eine sehr schadhafte
+Mantille und einen zerknitterten Frauenhut trug. Ein anderer hatte
+weiter nichts als einen Frack an, den er nach eigenem Geschmacke auf
+der Rückseite ganz mit Glasperlen benäht hatte. Ein dritter trug
+wieder nur eine Weste, dazu einen alten Männerhut, in welchen er oben
+ein Loch geschnitten und viele Vogelfedern aufgesteckt hatte. Eben so
+geschmackvoll waren die Weiber gekleidet.
+
+Um weiter in das Land bis zu den Rogue-River-Indianern am Smith-Flusse
+vorzudringen, muß man, wie mir die Leute hier versicherten, in
+bewaffneter Gesellschaft gehen, da diese Indianer sehr wild und
+hinterlistig sind. Man versprach mir, acht oder zehn Herren zusammen zu
+bringen, die mich dahin begleiten sollten; allein es fanden sich nicht
+so viele, und eine geringere Anzahl wollte den Gang nicht wagen.
+
+Glücklicher Weise hörte ein Deutscher Matrose, Karl Braun, der sich
+vor einigen Monaten hier niedergelassen hatte, von meinem Wunsche. Er
+war so gut, zu mir zu kommen, um mir zu sagen, daß er Willens sei, zu
+jenen Indianern zu gehen. Er sei viel mit Indianern in Verbindung,
+von welchen er Fische gegen Glasperlen eintauschte, und verstehe ihre
+Sprache. Wenn ich es wagen wolle, könne ich ihn begleiten. Ich war über
+diesen unerwarteten Zufall sehr erfreut; die Reise ward beschlossen
+und, sobald der Regen aufgehört hatte, auch angetreten.
+
+Wir gingen am ersten Tage, +7. November+, ungefähr sechzehn Meilen,
+meistens an dem Seegestade, in tiefem Sande oder über Steine. Durch
+die Waldungen waren die Wege gut. Gegen Nachmittag wandten wir uns
+dem Innern zu und gelangten sehr bald an den Smith-Fluß, dessen Ufer
+ebenfalls aus Sand bestanden; doch kaum eine halbe Meile in das Land
+hinein fingen schon herrliche Nadelwaldungen an. Die Bäume waren
+sehr hoch und schlank, sie liefern das vorzüglichste Bauholz. Von
+Schlinggewächsen sah ich wenig, dagegen gab es dichtes Untergebüsch,
+unter welchem die Brombeer- und Heidelbeer-Staude und andere
+Waldbeeren. Die Heidelbeer-Staude wächst hier viel höher als bei uns in
+Europa; sie erreicht eine Höhe von vier Fuß.
+
+Wir kamen an mehreren Wig-wams vorüber, hielten aber nur kurz an, um wo
+möglich vor einbrechendem Regen, der in unfreundlichen Wolken über uns
+schwebte, das Nachtlager zu erreichen. Die Wig-wams waren klein, sie
+bestanden höchstens aus sechs bis acht Hütten oder Höhlen, jenen bei
+Mary’s Ville gleich, nur daß das hölzerne Dachgerippe statt mit Erde
+hier mit Blättern und Aesten überdeckt war.
+
+Den Smith-Fluß übersetzten wir in einem ausgehöhlten Baumstamme, statt
+der Ruder bedienten sich die Leute ganz schmaler Brettchen.
+
+Je weiter wir uns von den Niederlassungen der Weißen entfernten, desto
+weniger fanden wir die Leute bekleidet, endlich ganz im Naturzustande.
+Nur die Weiber trugen um die Hüften eine kurze bauschige Schürze, die
+aus Grasfasern oder aus Elenthierfell verfertigt war. Das Fell wird in
+sehr feine Streifen geschnitten und nur oben in einer Breite von drei
+Zoll ganz gelassen. Sie schlagen es zwei Mal um die Mitte, es sieht
+aus wie ein recht zottiger Pelz. Dergleichen Schürzen sah ich schon
+an den kleinsten Mädchen, wenn sie noch kaum gehen konnten. Von den
+Häuptlingen trug hie und da einer ein Thierfell um die Achsel geworfen.
+
+Gegen Abend erreichten wir ein großes Wig-wam, dessen Bewohner
+sich „Hüna-Indianer“ nannten. Mein Begleiter war bisher auf seinen
+Wanderungen nicht so weit gekommen; er kannte aber dennoch einen jungen
+Mann unter ihnen, mit dem er in andern Wig-wams zusammen getroffen
+war und Fische gegen Glasperlen umgetauscht hatte. Wir beschlossen,
+hier die Nacht zuzubringen. Es fing wieder an zu regnen, die Kälte
+wurde unleidlich, und ich mußte daher noch froh sein, ein Plätzchen in
+solch einem Erdloche mitten unter den ekelhaften, nackten Eingebornen
+zu finden. Wir lagerten uns an das Feuer, welches in der Mitte der
+Hütte lustig loderte und um das bereits ein halbes Dutzend Indianer
+hockten. Bald füllte sich die Hütte so mit Neugierigen, daß die Hitze,
+die Ausdünstung zum Ersticken wurde. Ging ich halb verzweifelnd in’s
+Freie, so hatte ich noch mehr zu leiden, nicht nur von der Kälte und
+dem Regen, sondern von den Bewohnern des ganzen Wig-wams, die sich so
+um mich drängten, daß ich wie in einem festen Kreise eingeschlossen
+war und mich kaum bewegen konnte. Sie zogen mich hin und her, sie
+befühlten jedes meiner Kleidungsstücke vom Hute bis zum Schuhe. Ja ein
+Mal schleppten sie mich sogar ein Stück weit in den Wald hinein zu
+entfernten Hütten; nur mit Mühe kam ich wieder unter das Dach meines
+Wirthes.
+
+Mein Reisegefährte hatte Zucker, Kaffee und Brod bei sich, ich führte
+ein Stückchen Käse und Brod mit. Der Matrose kochte einen ganzen
+kleinen Kessel (er trug einen solchen von Weißblech mit sich) voll
+Kaffee, aber so schwach, daß das Wasser blos einen leichten Anflug von
+brauner Farbe bekam; nichtsdestoweniger fanden die Indianer dieses
+heiße, bräunliche Wasser so köstlich, daß der Kessel bald geleert war
+und eine zweite Auflage erfolgte, denn sie sahen, daß der Matrose noch
+ein solches braunes Pulver hatte, und jeder wollte davon haben. Sie
+griffen darnach, um es zu essen, und eher war keine Ruhe, bis alles
+verzehrt war. Mein Führer konnte nichts von seinen Lebensmitteln für
+den folgenden Morgen retten. Den Zucker warfen sie nicht in den Kaffee;
+sie aßen ihn mit größter Begierde, eben so das Brod. Nach diesem
+Mahle begannen sie ihre Kocherei. Sie brachten große, schöne Lachse
+herbei, an welchen die Flüsse Kaliforniens überreich sind. Die Köpfe
+und Schwänze wurden abgehauen, die Körper aufgeschlitzt mit Hölzchen
+ausgespannt, an größere Hölzer gesteckt und am Feuer gebraten. Aus
+den Köpfen und Schwänzen bereiteten sie eine Art Suppe. Sie füllten
+ein Körbchen mit Wasser und warfen glühende Steine hinein, die sie
+fortwährend durch frische ersetzten; als das Wasser hoch aufbrodelte,
+warfen sie die Köpfe und Schwänze hinein und ließen sie einige Zeit
+kochen. Dieses Verfahren erforderte sehr wenig Zeit, weniger als das
+an unsern Sparheerden. Die Suppe sah gräulich und dick aus, denn mit
+den Steinen kam mitunter auch eine Portion Asche in das Körbchen;
+das nahmen die Leute aber nicht so genau. Sie langten die Suppe mit
+Muscheln heraus und tranken sie. Die gebratenen Fische rissen sie mit
+den Händen in Stücke und legten sie auf flache Körbchen, die ihnen
+als Teller dienten. Hierauf rösteten sie Eicheln in der heißen Asche.
+Diese, nebst dünnen, langen Graswurzeln, dienten als Dessert. Die
+Wurzeln wurden nicht nur roh, sondern ungewaschen, mit der daran
+klebenden Erde genossen. Sie schmeckten ungemein zart und fein; man
+konnte sie mit der Zunge zerdrücken. Dieses Mahl wäre hinlänglich
+reich und auch schmackhaft gewesen, hätten ihm nicht zwei Hauptwürzen
+gefehlt: Reinlichkeit und Salz -- beide sind diesen Menschen unbekannt.
+
+Nach dem Essen bemalten sich die Männer und Jünglinge das Gesicht ganz
+abscheulich mit brauner, rother, blauer oder schwarzer Farbe. Sie
+bestrichen sich das Gesicht zuerst mit Fischfett, dann rieben sie mit
+den Händen die Farbe ein, und um verschiedene Zeichnungen hervor zu
+bringen, fuhren sie hie und da mit dem Finger über die bemalte Stelle,
+wodurch die Farbe verschwand. Daß dadurch ihre angeborne Häßlichkeit
+noch um vieles widerlicher wurde, bedarf wohl keiner Erwähnung. Nach
+dieser Operation fingen sie zu singen an. Ihre Gesänge fand ich
+melodischer und besser vorgetragen, als ich es bei einem so rohen Volke
+vermuthet hätte. Die Unterhaltung währte bis tief in die Nacht. Man
+war dann doch so galant, mir eine der Höhlen insofern zu überlassen,
+als sich die Männer entfernten und nur die Weiber bei mir blieben.
+Eine derselben legte sich so knapp an meine Seite, daß ich mich
+kaum umwenden konnte. Auf der andere Seite standen große Körbe voll
+geräucherter Fische, über unsern Köpfen hingen die zu räuchernden,
+man kann sich daher das angenehme Nachtlager auf dem kalten Boden ohne
+Polster und Decke vorstellen.
+
+Ich hatte an dem Mahle wenig Theil genommen, da ich beabsichtigte,
+mich Nachts, wenn alles schliefe, mit einem Stückchen Käse und Brod
+schadlos zu halten. So lange die Leute wach waren, wagte ich es nicht,
+diese Kleinodien aus der Tasche zu ziehen; jeder hätte davon kosten
+wollen, und am Ende wäre für mich selbst nichts übrig geblieben. Als
+ich die Weiber schlafen, d. h. schnarchen hörte, richtete ich mich ein
+wenig auf und zog meinen Schatz behutsam hervor; allein der Schlaf
+meiner Nachbarin war entweder sehr leise oder Verstellung: sie erwachte
+sogleich, frug mich, was ich thue und bedeutete mir, daß ich mich
+niederlegen und nicht rühren solle. Sie schürte das Feuer an, bis ich
+mich wieder auf die Erde hingestreckt und schlafend gestellt hatte,
+und legte sich dann abermals an meine Seite. Vermuthlich hatte man
+Mißtrauen gegen mich.
+
+Am Morgen fing das Leben und Treiben schon vor Tagesanbruch an. Es
+wurde reichlich gekocht und tapfer gespeist. Die Zeit während des
+Kochens benutzte ich, mit einem Indianer auf den Fischfang zu gehen.
+Er nahm eine zwanzig Fuß lange Stange mit, an welcher ein Speer aus
+Knochen mittelst einer langen Schnur befestigt war. Sobald er den
+Speer geworfen hatte, ließ er die Stange, je nach der Kraft und Größe
+des Fisches, entweder in das Wasser fallen oder er behielt sie in der
+Hand. Er warf den Speer, ohne je zu fehlen. Die Schnur war von den
+Gedärmen des Elenthieres ausnehmend schön gearbeitet und glich einer
+starken Musiksaite.
+
++8. November.+ Nach dem Frühstücke setzten wir unsere Reise fort. Wir
+gingen auch heute sechzehn bis achtzehn Meilen stets durch herrliche
+Waldungen. Schon nach einigen Meilen betraten wir das Oregon-Gebiet
+und stießen bald auf Stämme der Rogue-River-Indianer. Wir kehrten
+in mehreren ihrer Wig-wams ein; mein Begleiter suchte Fische
+einzutauschen; er hatte bisher noch keine bekommen.
+
+Ich kroch heute wie gestern in viele der Höhlen, um der Leute Thun und
+Treiben zu beobachten.
+
+Die Indianer im Norden Kaliforniens und besonders in dieser Gegend
+stehen auf der tiefsten Stufe der Bildung; sie sollen gar keine
+Begriffe einer Religion, keine Ahnung eines künftigen Lebens haben. In
+manchen Wig-wams findet man eine Art Zauber- oder Wundermann, der die
+Krankheiten heilen, bei Diebstählen die Diebe ausfindig machen und die
+Orte angeben soll, wo die gestohlenen Sachen verborgen liegen.
+
+Die Indianer von Kalifornien und Oregon skalpiren nicht und machen
+keine Gefangenen; sie tödten die Männer, doch nie die Weiber. Kommt
+zufällig während ihrer Kämpfe ein Weib, ein Kind in die Schußweite der
+Pfeile, so schreien sie ihnen zu, sich zu entfernen, da sie nur gegen
+Männer und nicht gegen Wehrlose kämpfen wollen.
+
+Ich fand die Leute hier ein weniges größer und stärker als im südlichen
+Kalifornien, doch nicht hübscher. Unter den Weibern, die nicht nur
+am Kinn, sondern auch an den Händen und Armen etwas tätowirt waren,
+gab es sehr fette, überaus plumpe Gestalten. Die Haare trugen Männer,
+Weiber wie Mädchen in langen Wülsten. Da sie Kämme nicht kennen,
+fahren sie sich mit den Händen durch die Haare, streichen sie glatt,
+drehen sie auf jeder Seite des Kopfes zusammen und umwickeln sie mit
+einem Streifen Thierfell oder sonst einem Lappen. Die Mädchen tragen
+dieselben Haarwülste, nur haben sie die Haare vorn etwas abgeschnitten;
+die Männer tragen nur eine Haarwulst im Nacken. Durch die Ohrläppchen
+stecken sie runde Holz- oder Messingscheiben, die Männer und Knaben
+hängen auch verschiedene Zierathen von Perlen an den unteren
+Nasenknorpel. Beide Geschlechter schmücken sich leidenschaftlich gern
+mit Glasperlen und Vogelfedern. An Waffen besitzen sie blos Bogen und
+Pfeile, seit sich die Weißen überall niederlassen, auch Messer. Die
+Elenthiere fangen sie in Schlingen.
+
+Sie sind überaus unrein, suchen sich gegenseitig das Ungeziefer vom
+Kopfe und geben jeden Fund gewissenhaft dem Eigenthümer, der ihn gierig
+verspeist. Die Männer gehen zwar häufig Morgens in den Fluß; aber sie
+tauchen nur ein Mal und kommen, gleich den Malaien, eben so schmutzig
+von dem Bade zurück, als sie hingegangen sind. Dennoch sah ich unter
+diesem Volke bei weitem nicht so viele Hautkrankheiten wie bei den
+Malaien oder Dayakern. Dieß ist meiner Meinung nach den Schwitzbädern
+zuzuschreiben, die sie häufig gebrauchen und deren jeder Wig-wam
+wenigstens eins besitzt. Diese Schwitzbäder bestehen in Erdhöhlen,
+ähnlich ihren Wohnplätzen, aber kleiner. Sie schließen den Zugang,
+machen ein tüchtiges Feuer an und bleiben so lange darin hocken, bis
+sie recht in Schweiß gerathen.
+
+Auch bei allen diesen Stämmen, die ich sah, gab es auffallend wenig
+Kinder, obwohl die Leute gesund und kräftig aussahen. Die kleinen
+Kinder werden in schmale, längliche Körbchen, die mit einem Deckel
+versehen sind, gebunden und so von den Müttern auf dem Rücken getragen.
+Diese Last hindert die Frauen nicht, alle Arbeit zu verrichten, die
+ihnen, wie bei den meisten rohen Völkern, größtentheils zufällt, aber
+sehr gering ist. Sie haben zu kochen, Körbe zu flechten und Eicheln
+zu sammeln. Letzteres Geschäft ist das beschwerlichste; sie müssen oft
+viele Meilen danach gehen und große Lasten heimschleppen, denn wenn der
+Mann auch mitgeht, trägt er doch gar keine, oder höchstens eine kleine
+Last.
+
+In vielen Hütten traf ich die Männer spielend. Sie saßen im Kreise um
+ein kleines Feuer und hielten feine, kleine Stäbchen in den Händen,
+von welchen die meisten weiß, einige wenige schwarz waren. Jeder warf
+seine Stäbchen derart vor sich hin, daß die schwarzen alle weit aus
+dem Kreise der weißen flogen. Er faßte sie hierauf wieder zusammen,
+gab sie hinter dem Rücken von der linken in die rechte Hand und
+begann das Werfen von neuem. Es gab viele Zuschauer und auch zwei
+Musikanten, welche getrocknete Krebsscheeren auf ein Stöckchen gefaßt
+hatten und damit an ein Brettchen schlugen. Ein anderes Spiel ist
+eine Art Errathen mittelst Lehmkügelchen. Sie spielen um Muschelgeld,
+das einzige, welches sie kennen und das Werth bei ihnen hat. Mit
+diesem kaufen sie auch ihre Weiber. Wenn sie spielen, geschieht dieß
+gewöhnlich in der Häuptlings-Hütte. Die Weiber sind für die Dauer des
+Spieles aus der Hütte gebannt. Ihre Leidenschaft für das Spiel ist so
+stark, daß sie es Tage und Nächte fortsetzen. Diese unglückselige
+Beschäftigung war Ursache, daß mein armer Gefährte auch hier keine
+Fische bekommen konnte.
+
+In einem der Wig-wams blieben wir über Nacht. Ich schlief wieder in
+einer Hütte mit mehreren Weibern. Meinem Gefährten wäre es aber diese
+Nacht beinahe sehr schlecht ergangen: er war nahe daran, ermordet zu
+werden. Eine Ahnung, wie er mir am folgenden Morgen sagte, flüsterte
+ihm zu, vorsichtig zu sein, er traute den Leuten nicht und hatte
+sich eine Hütte ausgebeten, um allein zu schlafen. Das Gefühl der
+Unsicherheit ließ ihn nur leicht schlummern, und das war sein Glück,
+denn gegen die Mitte der Nacht hörte er in den Zweigen, mit welchen er
+den Eingang der Höhle vermacht hatte, ein leises Knistern und Rauschen,
+und als er hin blickte, war schon ein Indianer auf Händen und Füßen in
+die Hütte gekrochen, eben im Begriffe sich aufzurichten und ein Messer
+zu zücken. Der Matrose sprang sogleich auf, hielt ihm eine Pistole
+entgegen und drohte ihn niederzuschießen; der Indianer zog sich zurück,
+vorgebend, daß er nur gekommen sei, nachzusehen, ob der Fremde genug
+Holz zum Unterhalte des Feuers hätte.
+
+Man schildert die Indianer als falsch, hinterlistig, rachsüchtig und
+feig, und sagt, daß sie die Weißen nur dann zu tödten suchen, wenn sie
+selbe einzeln finden. Wie können sich aber diese armen Menschen gegen
+die wohlbewaffneten Weißen, gegen diese übermüthige Raçe, von der sie
+so viel Unbill erleiden, anders rächen? Rache liegt nun einmal in der
+Natur des Menschen. Was würde wohl der Weiße thun, wenn man so mit
+ihm verführe, wie er mit dem armen Wilden? Auf dieser kleinen Strecke
+Landes, die ich durchwanderte, sah ich mehrere zerstörte, abgebrannte
+Wig-wams, aus welchen die Indianer von den weißen Ansiedlern mit
+Gewalt vertrieben worden waren, weil sie nicht freiwillig von ihrem
+heimatlichen Boden wichen. Die Weißen verführen ihre Weiber und
+Töchter, und wo ihnen dieß nicht gelingt, nehmen sie dieselben ihnen
+mit Gewalt weg. Während ich in Crescent-City war, ereignete sich ein
+ähnlicher Fall. Drei Meilen von der Stadt hatten sich einige Amerikaner
+als Farmer (Landbebauer) angesiedelt. Ein Eingeborner kam mit seinem
+Weibe vorüber auf seinem Wege nach der Stadt. Die Männer sprangen aus
+ihrer Hütte, rissen das Weib von seiner Seite, schleppten es in ihre
+Wohnung und schlossen die Thüre. Der arme Wilde schrie und heulte,
+schlug an die Thür und forderte sein Weib; statt dessen kamen die
+Männer heraus, prügelten ihn derb durch und jagten ihn fort. Mit
+zerschlagenem Körper kam er nach der Stadt und klagte. Und was geschah
+den feigen, weißen Missethätern? Sie wurden verurtheilt, sich mit dem
+Wilden abzufinden, d. h. ihm einige Glasperlen und andern werthlosen
+Kram zu geben. Derlei Grausamkeiten werden natürlich von Stamm zu Stamm
+erzählt, und so geschieht es öfter, daß wenn einzelne Weiße unter sie
+kommen, die Uebermacht auf der Indianer Seite ist, diese gleiches
+mit gleichem vergelten und den Unschuldigen für den Schuldigen büßen
+lassen. Viele unpartheiische Männer gestanden mir, daß die Eingeborenen
+überall, wo man ihnen mit Liebe und Güte entgegenkam, harmlos gefunden
+wurden.
+
++9. November.+ Morgens verließen wir den gefährlichen Wig-wam. Wir
+waren auf die Rückreise bedacht, mein Begleiter wagte sich nicht
+weiter. Wir schlugen eine andere Richtung ein und kamen Nachmittags
+an eine kleine Niederlassung von einem Dutzend Weißen. Auch hier war
+das erste, was ich sah, ein großer in Asche gelegter Wig-wam. Die
+Farmer lebten, der Weiber wegen, in stetem Streite mit den Indianern.
+Letztere rächten sich, wo sie konnten, und erschlugen zu Ende einen der
+Weißen, worauf diese an den Wig-wam Feuer legten und die Eingebornen
+fortjagten. Seitdem gehen sie nie ohne scharfgeladene Gewehre an die
+Arbeit, um so mehr, da seit einiger Zeit von andern nachbarlichen
+Ansiedlern vier Männer vermißt wurden. Von zweien wurden die Körper
+kürzlich an verschiedenen Plätzen im Walde unter Laub und Aesten
+verborgen gefunden, ein dritter Körper eine weite Strecke von der
+Farmer Wohnplatz in dem Flüßchen, aus welchem sie ihren Wasserbedarf
+nehmen. Die Ansiedler sagten uns, daß sie, als sie den halbverwesten
+Körper da zufällig fanden, vor Ekel alle erkrankten. Den vierten
+Leichnam hatten sie noch nicht aufgefunden.
+
+Wir kehrten bei den Farmern ein; sie wohnten in zwei kleinen Hütten,
+Blockhäusern ähnlich, hatten aber schon den Bau einiger Häuser
+begonnen. Die Leute lebten sehr gut. Sie hatten die schönsten
+Wildgänse, die sie selbst schossen, herrliche Fische, die sie für
+Kleinigkeiten von den Indianern eintauschten, Kartoffeln, Brod, Thee
+und Kaffee, kurz wir hielten Abends ein köstliches Mahl, ein gleiches
+Morgens.
+
+Die Kälte war sehr empfindlich; Nachts stieg sie beinahe auf einen Grad
+unter Null (Réaumur). Morgens war alles weiß vom Reife. Dennoch ist das
+Land immer grün. Schnee fällt sehr selten, und wenn er fällt, berührt
+er kaum den Boden, er schmilzt schon während des Fallens. Die Farmer
+versicherten mir, daß der Grund eine reiche Ernte zu geben verspreche.
+Sie waren erst sehr kurze Zeit angesiedelt und hatten kürzlich einen
+Strich Landes angebaut. In der Umgebung von Crescent-City sah ich
+in dieser vorgerückten Jahreszeit noch alle möglichen Gemüse im
+Freien gedeihen, darunter so große und schöne, wie in Herrn Warren’s
+Prachtausstellung zu San Francisco.
+
+Ich glaube, daß der größte Theil Kaliforniens, besonders der nördliche,
+für Europäische Ansiedler sehr vortheilhaft wäre. Das Klima ist gesund,
+der Boden sehr ergiebig, selbst wo er sandig und trocken aussieht. Die
+üppigen Waldungen zeugen von seiner Fruchtbarkeit. Er ist Urboden und
+benöthigt daher weder Bewässerung noch Düngung; bis es zur letzteren
+käme, könnten die Ansiedler bereits einen schönen Viehstand haben.
+
+Nahe dem Oregon-Gebiete wird der Acker von der Regierung um einen
+Dollar verkauft, in dem Oregon-Gebiete noch umsonst gegeben, da sie
+auf alle Weise Ansiedler dahin zu bekommen sucht. Möchten die Leute
+doch mehr in der Absicht des Ackerbaues als des Goldsuchens nach diesen
+Ländern kommen! Farmer können sich mit einiger Ausdauer und Umsicht in
+kurzer Zeit einen ausreichenden Wohlstand, ein angenehmes häusliches
+Leben verschaffen; von den Goldsuchern sind im Verhältniß zu der großen
+Zahl nur gar wenige reich heimgekehrt, bei den meisten kann man sagen:
+„Wie gewonnen, so zerronnen!“
+
+Am vierten Tage, +10. November+, kam ich von meinem Ausfluge wieder
+nach Crescent-City zurück, das Loos des armen, ausgestoßenen Indianers
+tief bedauernd. Man muß zwar gestehen, daß sich die Regierung um die
+Indianer bekümmert; allein ihre Hauptsorge geht dahin, sie nach
+entfernteren Plätzen zu schaffen, ihnen für das abgenommene Land einige
+Entschädigungen zu geben und an die Ansiedler Befehle zu erlassen, sie
+gut zu behandeln. Jedes Jahr werden Beamte nach ihren neuen Wohnplätzen
+gesendet, um ihnen einige Geschenke zu bringen und nachzusehen, ob sie
+nicht Hungers sterben. Aber ein bedeutender Fehler der Regierung ist
+die allzugroße Nachsicht mit den Ansiedlern, da letztere, meistens
+roher und weniger gutartig als die Wilden, diese Nachsicht nicht
+vertragen, ohne sich zu übernehmen. So lange es der Gerichte noch so
+wenige im Lande gibt, daß der Eingeborne nicht leicht zu ihnen gelangen
+kann, und so lange dieselben den Ansiedlern gegenüber nicht größere
+Strenge bezeugen, wird der arme Indianer immer der Spielball des
+übermüthigen Weißen sein.
+
+Das Land fand ich, wie gesagt, nicht nur sehr fruchtbar, sondern auch
+romantisch. Die schöne Gebirgskette +Siskïyon+, die sich im Osten von
+Mary’s Ville zeigt, erstreckt sich bis hieher, steigt in mehrfachen
+Ketten auf, und fruchtbare Thäler und Ebenen breiten sich überall
+dazwischen aus. Die höheren Spitzen waren in dieser Jahreszeit mit
+Schnee bedeckt, dem ersten, den ich sah, seit ich mein Vaterland
+verlassen hatte.
+
+Als ich nach Crescent-City zurück kam, fand ich den Dampfer, mit
+welchem ich die Reise von San Francisco machte, bereit, Abends die
+Anker zu lichten. Das Wetter, das schon den ganzen Tag stürmte, wurde
+so schlecht, daß wir erst am +11. November+ mit Mühe an Bord gelangen
+konnten. Auf der Reise begleiteten uns Stürme und Nebel, so daß wir zu
+Trinidad gar nicht einlaufen konnten. Als kleine Entschädigung dieses
+bösen Wetters sah ich einen schönen Nebelregenbogen.
+
+Den dritten kleineren Ausflug nach +St. José+ (60 Meilen) verdanke ich
+der gefälligen Einladung des Oesterreichischen Konsuls, Herrn Vischer.
+Es war dieß eine sehr große Aufmerksamkeit von seiner Seite, wenn man
+bedenkt, wie hoch hier die Zeit geschätzt wird und wie theuer jede
+Unterhaltung ist.
+
++22. November.+ Die Reise ging zu Lande. Wir setzten uns auf die
+Außenseite des Omnibus, um die Schönheiten der Gegend, die als ganz
+bezaubernd geschildert wird, recht genießen zu können.
+
+Die Ebene, in welcher St. José liegt, erstreckt sich bis San Francisco
+auf der einen, bis +Monterey+ auf der andern Seite, ist bei 120 Meilen
+lang, zehn bis fünfzehn breit, und wird ihrer großen Fruchtbarkeit
+wegen schon jetzt die Kornkammer des nördlichen Kaliforniens genannt.
+
+Das erste Drittheil der Reise kann ich nicht für schön erklären.
+Das wellenförmige Land ist ohne Vegetation, hie und da sieht man
+verkrüppelte Bäumchen, deren Kronen ganz nach einer Seite stehen. Diese
+seltsame Erscheinung verursachen die anhaltend starken Nord-Ost-Winde,
+die das Klima von San Francisco so unangenehm machen. Der Boden ist
+noch wenig bebaut und größtentheils eine magere Viehweide, auf welcher
+die armen Thiere nur während des Frühlings genügende Nahrung finden.
+Man behauptet jedoch, daß das Erdreich vortrefflich sei und daß es ihm
+blos an Kultur fehle.
+
+Drei Meilen von San Francisco liegt die Missionsstation +Dolores+,
+in die ich schon früher durch Madame +Morton+ eingeführt wurde. Das
+Kloster, die Kirche und einige Häuser der noch da wohnenden Spanier[7]
+sind von ungebrannten Ziegeln erbaut, die Thüren und Fenster alle so
+niedrig, die Häuser selbst so erbärmlich, daß ich sie, das Kloster
+nicht ausgenommen, eher für Scheunen als für menschliche Wohnungen
+gehalten hätte. Die Kirche enthält ein schönes Seitenaltar-Bild,
+welches ich der Altspanischen Schule zuschreiben möchte.
+
+In dem Gebiete +San Mateo+ (22 Meilen) fängt die Landschaft an,
+hübscher zu werden. Der Berg +Diabolo+, 3600 Fuß, überragt die ihn
+umgebenden Gebirge. Große, umfangreiche Bäume, meistens Eichen, bilden
+parkähnliche Parthieen; Landsitze, Gasthäuser, kleine Farmer-Wohnungen
+beleben die Gegend. Der Boden bestand zwar aus Sand und Staub,
+in welchem die Pferde oft fußtief einsanken; doch konnte ich mir
+vorstellen, daß nach der Regenzeit, im Frühlinge, wann die Felder
+grünen, die Blumen blühen, das Gras sich überall hervor drängt, die
+Bäume mit frischem Laube prangen, diese Landschaft recht lieblich und
+freundlich sein und dem durch den Anblick von Naturschönheiten wenig
+verwöhnten Städter bezaubernd erscheinen mag.
+
++St. Clara+, durch das der Weg führte, ist ein nettes Oertchen mit
+einer hübschen Kirche und einem Jesuiten-Collegium für Knaben. Schon
+das Wörtchen „San“ vor den Namen der Städtchen und Dörfer zeigt, daß
+Kalifornien einst zu dem katholischen Mexiko gehörte. In den meisten
+größeren Orten findet man hübsche Kirchen und Schulgebäude.
+
+Eine vier Meilen lange Baum-Allee, von der Geistlichkeit gepflanzt,
+führt von St. Clara nach St. José. Letzteres Städtchen ist etwas
+bedeutender als ersteres, besitzt einige hundert Häuschen, die zum
+größeren Theile neu und von den kürzlich eingewanderten Ansiedlern
+bewohnt sind.
+
+Wir fuhren noch vier Meilen weiter nach der großen Farm des Herrn
+Vischer. Diese Farm von 750 Akres würde bei uns gewiß schon zu den
+großen gehören; hier wird sie zwar auch nicht zu den ganz kleinen
+gezählt; doch gibt es noch aus den Zeiten der Mexikanischen Regierung,
+wo Grund und Boden so viel wie keinen Werth hatte, Landbesitzer, deren
+Gründe sich sieben bis zehn Leguas (eine Legua = drei Meilen Englisch)
+in die Länge, vier bis sechs in die Breite erstrecken. Der Werth dieser
+Besitzungen steigt mit jedem Tage bedeutend; Leute, deren Ländereien
+vor der Goldentdeckung kaum 50,000 Dollars werth waren, gehören heut
+zu Tage zu den Millionären. Was die Besitzungen sehr vertheuert, sind
+die Umzäunungen. Jeder Eigenthümer muß sein Land aus zwei Gründen
+umzäunen lassen. Erstlich wird alles Hornvieh, so wie auch die Pferde,
+Maulthiere, Schafe, Schweine, auf freie Plätze zur Weide getrieben,
+zweitens lassen sich auf offenen Plätzen die neuen Ankömmlinge nieder,
+bauen sich Zelte und Hütten, pflanzen u. s. w., ohne um Erlaubniß
+anzufragen. Der Eigenthümer hat nach Amerikanischen Gesetzen kein
+Recht, die Eindringlinge von uneingefaßten Räumen zu vertreiben, und
+selbst wenn er diese später einzäunen läßt, geht die Vertreibung sehr
+schwer, oft nur mit kostspieliger Proceßführung oder gar mit Gewalt ab.
+An manchen Orten schlug und schoß man sich, wie im Kriege. Ueberhaupt
+kann man sich von den Eigenmächtigkeiten und Gewaltthätigkeiten der
+Ansiedler gar keine Vorstellung machen. Manche treiben die Freiheit so
+weit, sogar leer stehende Hütten und Häuser in Besitz zu nehmen.
+
+Diese Umzäunungen, hier Pfänzen genannt, kosten in einem Lande, wo die
+Arbeit so theuer ist, ein schweres Geld. Herr Vischer z. B. benöthigte
+für die Umzäunung seines Landes 30,000 acht Fuß hohe Pflöcke. Der Preis
+per 1000 Stück im Walde war 50 Dollars, das Zuführen und Zuspitzen
+kam auf 30, das Einschlagen in die Erde auf 20 zu stehen, so daß die
+Umzäunung 3000 Dollars kostete.
+
+Zwölf Meilen von San José liegt ein sehr großes, bedeutendes
+Quecksilber-Bergwerk. Wir sollten es besuchen, der Wagen stand schon
+vor der Thüre; allein unausgesetzter, heftiger Regen machte die
+Parthie im wahren Sinne des Wortes zu Wasser, die Wege waren unfahrbar
+geworden, und ich mußte mich mit der Beschreibung begnügen, die mir
+Herr Vischer davon machte.
+
+In dieses Bergwerk fährt man auf einem 1500 Fuß hohen Berge in die
+Stollen ein und kommt 800 Fuß tiefer wieder an das Tageslicht. Die
+Zinnobererze enthalten fünfunddreißig bis fünfundvierzig Prozent. Das
+Bergwerk gehört einer Gesellschaft in Mexiko, deren Betriebskapital auf
+eine Million Thaler geschätzt wird. Das Gewerk ist so reich, daß es
+den Bedarf der ganzen Welt decken könnte. Seit es bearbeitet wird (seit
+ungefähr zehn oder zwölf Jahren), ist der Preis des Quecksilbers in
+Peru von achtzig auf fünfzig Dollars gefallen.
+
+Das Wetter klärte sich auch den folgenden Tag nicht auf, es blieb uns
+daher nichts anderes übrig, als das Merkwürdigste der Reise, den Besuch
+der Minen, aufzugeben, und im wohlverschlossenen Omnibus nach der Stadt
+zurück zu kehren.
+
+Wenige Tage, bevor ich San Francisco verließ, brachten die Zeitungen
+ganz wunderbare Berichte aus Unterkalifornien, das noch zu Mexiko
+gehört.
+
+Einige fünfzig Amerikaner hatten San Francisco auf einer Schaluppe
+verlassen, bei +Félipe+ in dem Distrikte +Sonora+ gelandet, daselbst
+eine Standarte aufgepflanzt und das Land förmlich in Besitz genommen.
+Das friedliche Völkchen, eines solchen Piraten-Einfalls nicht gewärtig,
+war nicht einmal mit Waffen versehen; es setzte sich bei +Guaymas+ kaum
+zur Wehre, um so mehr, als die Piraten vorgaben, der Vortrab einer
+bedeutenden Macht zu sein. Die fünfzig Amerikaner blieben Sieger und
+erklärten einen Länderstrich mit einer Bevölkerung von 10,000 Seelen
+für unabhängig von Mexiko.
+
+Die Veranlassung dieses widerrechtlichen Zuges war der Durst nach
+Gold, denn es ging die Sage, daß es da Gold und Silber in großer Menge
+gäbe.
+
+Und was sagte man in San Francisco zu diesem Raubanfalle? Die
+Einen nahmen die Parthie der Räuber, die Anderen sahen darin einen
+Geniestreich! --
+
+Gerade den Tag vor meiner Abreise, am +15. December+, ging, ungehindert
+von der Regierung, ein zweiter Trupp solchen Gesindels, 256 an der
+Zahl, nach Sonora ab, um den Vorgängern zu helfen. Wie ich später
+hörte, ist der Raubzug verunglückt. Die Mexikanische Regierung sandte
+Truppen gegen diese Leute aus, mit dem Befehle, sie gleich Räubern
+überall niederzuschießen, wo sie ihrer ansichtig würden. Die meisten
+der Flibustier sind auch zu Grunde gegangen.
+
+ * * * * *
+
+Die Gesellschaft der Linie, deren Dampfer nach +Panama+ gehen, gab mir
+auf einfaches Ansuchen des Herrn +Mathes+, eines dabei Angestellten,
+freie Ueberfahrt von San Francisco nach Panama.
+
+Am +16. December+ ging ich Nachmittags, in Begleitung der mir so
+überaus theuer gewordenen Familie Morton, an Bord des Prachtdampfers
+„+Golden Gate+,“ Kapitän +Isham+. Um 4 Uhr wurden die Anker gelichtet.
+
+In meinem Leben habe ich kein schöneres Schiff gesehen. Es hatte 800
+Pferdekraft oder 2500 Tonnen Gehalt, und faßte mit Bequemlichkeit 800,
+im Nothfalle auch tausend Reisende. Der Verbrauch an Kohlen war per
+Tag fünfzig Tonnen, die Schnelligkeit zwölf Meilen per Stunde. Seine
+Länge betrug 300, die größte Breite 75 Fuß. Der Hauptsaal war 130
+Fuß lang. Man konnte diesen Dampfer wahrhaftig einem großen Palaste
+vergleichen -- er hatte vier Stockwerke, von welchen zwei sich über
+dem Wasser befanden. Es liefen breite Galerien längs dem Borde, auf
+die sich geräumige Thüren und Fenster öffneten. Die Einrichtung des
+ersten Platzes war in jeder Beziehung prachtvoll, nicht minder die des
+zweiten; selbst der dritte war in seiner Art vollkommen. Die Tafel, für
+die erste und zweite Klasse dieselbe, war verschwenderisch besetzt,
+die Gerichte köstlich bereitet, zwei Mal des Tages frisches Brod. Und
+wie das Schiff durch seine Pracht und Bequemlichkeit, zeichneten sich
+Kapitän und Schiffsoffiziere durch ihr zuvorkommendes, aufmerksames
+Benehmen gegen die Reisenden aus. Mit Freuden sprachen wir bei der
+Ankunft in Panama diesen Herren unseren Dank in einer öffentlichen
+Adresse aus.
+
++17. December.+ Wir segelten an den Eilanden +St. Catarina+, +St.
+Clemens+, +St. Barbara+ und +St. Anacapa+ vorüber. Am letzteren ging
+vor vierzehn Tagen der prachtvolle Dampfer „+Winfield Scott+“ (2500
+Tonnen) zu Grunde. Die Nacht war ungemein finster und neblig, und der
+Kapitän hatte die große Unvorsichtigkeit, bei diesem Wetter nicht
+außerhalb der Inseln, sondern zwischen denselben und dem Festlande zu
+fahren. Glücklicher Weise ging dabei kein Menschenleben verloren. Doch
+sank das Schiff so schnell, daß gar kein Gepäck und kaum die Goldbarren
+und die Hälfte der Postpackete gerettet werden konnten.
+
+Auch wir fuhren durch die enge Straße; allein der freundliche Mond
+leuchtete uns aus allen Kräften, und die See war so ruhig, als schliefe
+sie und träume höchstens von dem Unheil, das sie zeitweise anrichtet.
+
++18. December.+ Diesen Morgen hielten wir eine halbe Stunde vor +St.
+Diego+ an, einige Reisende abzusetzen. Wir waren aber so weit von der
+Küste entfernt, daß ich von dem neu angelegten Städtchen der Amerikaner
+wenig, von dem älteren der Mexikaner, welches vier Meilen höher liegt,
+gar nichts sah.
+
+In der Nähe von St. Diego steigt eine sehr hohe Gebirgskette auf, deren
+Spitzen die Schneeregion erreichen. Die ganze Küste, die wir bisher nie
+aus dem Auge verloren, so wie die Gebirge sind wenig mit Vegetation und
+Wald bedeckt.
+
++19. December.+ Fern dem Festlande, dagegen nah dem bedeutenden Eilande
++Cerroo+ und dem kleinen +Bonnitos+. Ersteres hat sechsundzwanzig
+Meilen Länge, sieht schön und fruchtbar aus, ist aber dennoch
+unbewohnt, da es ihm an Wasser fehlen soll. Bonnitos ist ein in vielen
+Zacken aufsteigender Fels, ohne Baum und Busch mit spärlichem Grün.
+
++20. December.+ Meistens auf hoher See, das Kap +Lazaro+ passirt und in
+die +Magdalenen-Bay+ gelenkt.
+
++21. und 22. December.+ Fortwährend auf hoher See.
+
+Schon seit einigen Tagen fing die rauhe Witterung Kaliforniens der
+Wärme zu weichen an. Mit jedem Schwunge des Rades fühlte man die
+Annäherung der Tropen; ein warmes Kleidungsstück nach dem andern wurde
+verbannt. Abends bildete das Deck einen schönen Vereinigungsplatz, man
+drängte sich durch einander, man spazierte auf und nieder, größere und
+kleinere Gruppen bildeten sich, Kinder sprangen und spielten umher, die
+ganze Scene war reich beleuchtet von dem vollen Monde und von Tausenden
+von Sternen. Wahrlich, der Reise auf diesem Wasserpalaste werde ich
+stets mit großer Freude gedenken!
+
+Die Gesellschaft bestand fast ausschließend aus Amerikanern, und
+wiederholt muß ich sagen, daß die Herren durchgehend gegen mein
+Geschlecht überaus artig und gefällig waren. In keinem Lande kam mir
+Aehnliches vor. Die gemeinsten Amerikaner, Jungen von zehn Jahren,
+standen hierin dem gebildetsten Europäer nicht nach. Auch in allem
+übrigen ging es höchst anständig zu. Kein Mensch kam je mit einer
+brennenden Cigarre in den Salon, niemand kaute da Tabak oder spuckte
+zu Boden, nie wurde eine Ursache zur leisesten Rüge gegeben. Dieß
+Benehmen setzte mich um so mehr in Erstaunen, als man wohl nirgends
+eine gemischtere Gesellschaft finden mag, als auf Reisen von und nach
+Kalifornien. Bei Tafel gab es die beste Gelegenheit, dieses Gemisch zu
+beobachten. Der reich gewordene Minenarbeiter, Handwerker oder Krämer
+saß neben dem großen Kaufmanne oder Spekulanten. Mit aufgestützten
+Ellbogen saßen die Leute am Nachtische; mit Händen, welchen man es
+hundert Schritte weit ansehen konnte, daß sie nur den Spaten, die
+Schaufel zu führen gewohnt waren, langten sie nach den Schüsseln.
+Ich gestehe aufrichtig, daß ich mich unter dieser natürlichen, aber
+dennoch anständigen Gesellschaft weit fröhlicher und heimischer fühlte,
+als auf einem der Englischen Dampfer, welche von Europa nach Indien
+gehen. Dort herrschte auf dem ersten Platze durchgehends ein Putz (noch
+ärger als bei den Frauen auf den kleinen Reisen von San Francisco nach
+Sacramento und Mary’s Ville), als ginge es täglich nach einem Balle.
+Hier waren die Frauen anständig, aber einfach gekleidet. Auch nimmt es
+der Amerikaner ziemlich gleich auf, ob man mit dem Messer oder mit der
+Gabel nach dem Munde fährt, ob man anders sitzt, geht und steht wie er.
+Er hat noch nicht die kleinliche Schwäche des Britten, welcher jeden,
+der nicht gerade alles so thut wie er, für roh und ungebildet hält.
+
++23. December.+ In die niedliche Bucht von +Acapulco+ eingelaufen. Die
+Berge umher sind zwar nicht hoch, auch nicht so üppig bekleidet, wie im
+Indischen Archipel, doch herrlich im Vergleiche zu den öden Sandhügeln
+Kaliforniens. Die hoch gefiederte Cocos-Palme, die umfangreiche Mango,
+die zarte Banane und andere Bäume und Gebüsche umgürten theilweise die
+See und steigen die Hügel hinan.
+
+Hier setzte ich den Fuß zum ersten und wahrscheinlich auch zum letzten
+Male auf Mexikanischen Grund und Boden.
+
+Das Städtchen Acapulco liegt auf hügeligem Grunde in einem Winkel der
+Bucht, so verborgen, daß man es von Bord aus kaum gewahrt. Dagegen
+thront das Fort recht stattlich auf dem äußersten Ende eines weit in
+die See vorgeschobenen Hügels. Das Städtchen, mit 1500 Einwohnern,
+hat ein höchst armseliges Ansehen. Die Häuser sind von Holz, Lehm
+oder ungebrannten Ziegeln erbaut und haben nur ein Erdgeschoß, das
+mit stark vergitterten Fenstern versehen ist. Das Innere sieht etwas
+freundlicher aus; die Zimmer sind hoch, luftig und gegen den Hofraum
+mit Veranden umgeben, in welchen die Leute speisen und den größten
+Theil des Tages verbringen.
+
+Auf dem Platze, welcher als Markt dient, und durch viele kleine Buden
+sehr verunstaltet ist, prangt eine ziemlich hübsche katholische Kirche
+von ungebrannten Ziegeln. Dieß Material scheint bei den Spaniern sehr
+beliebt zu sein; alle ihre Bauten in Kalifornien waren damit aufgeführt.
+
+Der ganze Ort sah sehr ruinenhaft aus: ein heftiges Erdbeben hatte am
+4. December vergangenen Jahres die meisten Gebäude mehr oder minder
+beschädigt, manche der Ziegelhäuser sogar theilweise eingestürzt. Zum
+Glück fand das Erdbeben Abends 9 Uhr statt, während noch alles wach war
+und augenblicklich fliehen konnte. In Folge dessen kam niemand dabei
+um. Auch die Festung, die ich bestieg, um den Ueberblick über die Bucht
+und Gegend zu haben, hatte stark gelitten; ihre festen Steinwälle und
+Mauern waren zum Theil geborsten und eingestürzt.
+
+Acapulco ist berühmt durch die Perlen, welche auf verschiedenen,
+zwanzig bis dreißig Meilen entfernt gelegenen Eilanden gefischt
+werden. Die Perlenfischerei geht auf sehr einfache Weise vor sich.
+Die Fischer sind mit Messer und Körbchen versehen, tauchen in die
+Tiefe, oft fünfzig bis achtzig Fuß, lösen die Schaalthiere, die zu
+dem Austergeschlechte gehören und gegessen werden, los, und kommen
+nach ein bis zwei Minuten mit oder ohne Beute wieder an die Oberfläche
+des Wassers. Die einzige Gefahr, die sie zu bekämpfen haben, sind die
+die Küste umschwärmenden Haifische, welchen sie jedoch auf geschickte
+Weise zu entgehen wissen. Sie führen, wie sie mir sagten, beständig ein
+langes, abgerundetes Stück Holz mit sich und stecken es, können sie
+dem Unthiere nicht durch Tauchen oder Schwimmen entkommen, in seinen
+aufgesperrten Rachen; bis sich das Thier dieser Maulsperre entledigt,
+hat der Taucher genügend Zeit, aus seiner gefährlichen Nähe zu kommen.
+
+Das Schaalthier wird geöffnet, die Perle in dem Thiere und nicht, wie
+viele fälschlich glauben, in der Schaale gesucht -- letztere enthält
+nur die sogenannte „Perlmutter“. In vielen Schaalen gibt es Auswüchse,
+welche ungeformten Perlen gleichen. Diese Auswüchse rühren von andern
+Thieren her, gleich den Auswüchsen an Blättern oder Pflanzen. Obwohl
+jede Auster Perlenstoff und manche sogar acht bis neun Perlen enthält,
+bedarf es doch gar vieler Thiere, bis der Fischer so glücklich ist,
+eine schön geformte, reine Perle zu finden. Je mehr Stücke eine Auster
+enthält, desto sicherer, daß sie unbrauchbar sind. Man glaubt, daß die
+Perle durch eine Krankheit des Thieres erzeugt wird; wenn daher ein
+Thier viele Stücke enthält, genießen es die Leute nicht, sie halten es
+für der Gesundheit schädlich.
+
+Die Perlen an den Küsten Mexiko’s und Granada’s zeichnen sich durch ihr
+besonders reines Wasser aus. Sie sind selbst am Platze sehr theuer.
+
+Ich sah in Acapulco auch sehr schöne, aus ganz kleinen Muscheln
+verfertigte Blumen, so wie auch graziöse, höchst richtig geformte
+Wachsfigürchen, die Mexikaner in ihren Trachten und Handthierungen
+vorstellend. Die Wachsfigürchen kommen aus der Stadt Mexiko.
+
+Die Einwohner von Acapulco kann man gar keiner Race zuzählen; sie haben
+sich aus der Verzweigung der Stammbewohner, der Neger und der Spanier,
+welche vor etwas mehr als dreihundert Jahren das Land eroberten,
+gebildet. Je nach der näheren oder ferneren Vermischung mit der einen
+oder andern Nation ist ihre Hautfarbe braun, schwarz oder weiß, eben so
+verhält es sich mit den Gesichtsbildungen.
+
+Nach sechsstündigem Aufenthalte am Lande gingen wir wieder an Bord,
+wo wir uns viel mit den jugendlichen Tauchern unterhielten, die das
+Schiff von allen Seiten umschwärmten und uns Reisenden zuriefen, Geld
+in die See zu werfen, in dessen Auffangen sie große Geschicklichkeit
+bewiesen. Die Jungen machen sich schon frühzeitig mit dem Meere
+vertraut, um für die Perlenfischerei tüchtig zu werden.
+
+Von Acapulco an hielten wir uns stets auf hoher See und wurden des
+Landes erst kurz vor +Panama+ wieder ansichtig.
+
+Den heiligen Abend brachten wir ruhig wie jeden andern zu; am
+Christtage gab es bei Tische viele Hurrah’s mit Champagner und andern
+Weinen.
+
++28. December.+ Heute erschien wieder Land; es zeigte sich anfänglich
+in hohen Gebirgen, welche später großen Ebenen wichen. Auch hier
+gehörte die Vegetation nicht zu den üppigsten; die Flächen sahen sogar
+mitunter etwas nackt aus. Abends 9 Uhr lagen wir vor Panama. Wir hatten
+die 3300 Meilen von San Francisco hierher (den Aufenthalt abgerechnet)
+in elf Tagen und neunzehn Stunden zurückgelegt.
+
++29. December.+ Schon um 4 Uhr Morgens begann das rege Leben auf unserm
+Wasserpalaste. Alles wollte eilig an’s Land, um die besten Maulthiere
+zu dem Uebergange über den Isthmus zu bekommen. Auch ich that dieß
+frühzeitig, obwohl ich nicht im Sinne hatte, den Isthmus zu passiren;
+aber Land bleibt Land: man zieht festen Grund und Boden dem besten
+Schiffe vor.
+
+Ich war so glücklich, bei Dr. +Autenrieth+ eine herzliche Aufnahme zu
+finden.
+
+Mein erster Gang war nach dem Platze, wo ich die ganze
+Schiffsgesellschaft versammelt fand, sich zur Reise anschickend. Da
+ging es munter her, alles drängte durch einander, der Platz war voll
+von Menschen, Maulthieren, Pferden, Trägern und Gepäck. Die Bemittelten
+ritten, die kleinen Kinder wurden getragen, die Armen folgten zu Fuße
+nach, das Gepäck ward auf Maulthiere geladen.
+
+Die Breite des Isthmus beträgt etwas über hundert Meilen, von welchen
+man 23 zu Maulthier, einige vierzig in Booten und den Rest auf der
+erst kürzlich begonnenen Eisenbahn zurücklegt. Diese kleine Reise, so
+wie alles in dieser Gegend, kommt sehr hoch zu stehen, da des starken
+Zudrangs wegen alles sehr theuer ist. So kostete z. B. die kleine
+Fahrt von dem Dampfer an das Land (drei Meilen) per Kopf zwei Dollars;
+für das Tragen durch das Wasser von dem Boote, welches bei Ebbezeit
+nicht ganz an das Ufer gelangen kann, hatte man einen halben Dollar
+zu bezahlen, eben so viel für das an’s Land Schaffen des Koffers.
+Noch ärger ist es, wenn jemand an Bord eines Schiffes zu gehen hat,
+da begehren die Leute oft das Zwei- und Dreifache. Es ist ein großer
+Fehler, daß die Gesellschaft der Dampfschiffe nicht Anstalt trifft,
+die Reisenden vor diesen Plünderungen zu bewahren.
+
+Die Miethe eines Maulthieres für die dreiundzwanzig Meilen betrug, weil
+es nicht sehr viele Reisende gab, achtzehn Thaler; sind der Reisenden
+viele, dann steigt sie auf zwanzig und mehr. Ein Platz in dem Boot auf
+dem Flusse kostet fünf, die Eisenbahn acht Thaler, das Gepäck zwanzig
+Cents per Pfund, so daß diese kleine Reise ohne Kost und Nachtlager auf
+nicht viel weniger als vierzig Thaler kommt.
+
+Die Lage Panama’s[8] ist schön, das Land rings umher blühend. Kleine
+Eilande und Felsen, darunter +Taboga+, +Taboguilla+, steigen von allen
+Seiten aus dem Meere; eine Hügelkette, deren höchster Punkt der +Aneon+
+(500 Fuß), zieht sich bis nahe an das Seegestade. Die Gebirgskette von
+Mexiko und Neu-Granada ist hier schon sehr abgeflacht; man sieht sie in
+der Ferne.
+
+Die Stadt zählt mit den Vorstädten und der nächsten Umgebung gegen
+10,000 Seelen. Sie hat bedeutende Festungswerke, welche auf der
+Seeseite mit einem halben Dutzend Kanonen und einigen Bombenkesseln
+versehen sind. Von den drei Plätzen zeichnet sich der Hauptplatz durch
+Größe, Reinlichkeit und die Kathedrale mit einer hübschen Façade aus.
+Einen angenehmen Eindruck machte es auf mich, die Straßen gesäubert zu
+sehen von alten Kleidungsstücken, Wäsche, Schuhwerk, todten Hunden,
+Katzen und Ratten und anderem Plunder, über welchen man in San
+Francisco bei jedem Schritte zu klettern hatte. Auch über die Wohnungen
+war ich entzückt, obwohl sie weder mit schönen Einrichtungen noch mit
+Teppichen u. dgl. prangten; die Zimmer waren hoch und groß, man konnte
+doch wieder frei athmen und sich bewegen.
+
+An Kirchen und Kapellen ist die Stadt überreich; man zählt mehr als ein
+Dutzend, die im Gebrauche sind, und eine ganze Menge, die in Ruinen
+liegen. Wenn Kirchen allein die Menschen gut machten, so müßte dieß
+hier der Fall sein.
+
+Die größte Kirche ist die Kathedrale, die am meisten ausgeschmückte die
+sogenannte „Negerkirche.“ An dieser ist sehr viel Silber angebracht,
+aber geschmacklos und ohne Wirkung. Die hölzernen Statuen der Heiligen
+sind gräßlich geschnitzt und bemalt, mit Menschenhaaren verziert und
+in Seide, Sammet, Spitzen u. dgl. so barock gekleidet, daß man mit
+Erstaunen nach ihnen sieht.
+
+Am Sonntage wurde bei der großen Messe viel musicirt und gesungen,
+aber so ohrenzerreißend, daß nach dieser musikalischen Ausführung mir
+die Malaische Musik sicher gefallen hätte und ich mein über letztere
+gefälltes strenges Urtheil zurücknehmen muß. Die Melodien während der
+Wandlung klangen so munter, daß ich mich im Theater und nicht in einer
+Kirche zu befinden wähnte.
+
+Schon auf meinen früheren Reisen in +Chili+ und +Brasilien+ habe ich
+bemerkt, daß viele der dortigen Priester so tief an Bildung und nur
+zu häufig auch an Charakter stehen, daß man ihnen eher alles, als den
+Gottesdienst und den Volksunterricht anvertrauen sollte. Nicht einmal
+bei den Eingebornen, weder dort noch hier, stehen sie in Achtung oder
+Ansehen. Da gehe man nach Batavia oder Padang, dort gibt es Männer, die
+ihr Amt auf wahrhaft würdige Weise vertreten, dagegen auch bei Hohen
+und Niederen in unbestrittener Achtung stehen. -- Wäre in den Spanisch-
+oder Portugiesisch-Amerikanischen Ländern die Zahl der wackeren
+Priester nicht gar so gering, so würde es mit der Volks-Erziehung und
+Modalität nicht so schlecht stehen, wie es leider der Fall ist.
+
+Unter den Ruinen sind die schönsten: das ehemalige Kollegium sammt
+Kirche und die St. Domingo-Kirche. Beide würden herrliche Skizzen
+zu Bildern geben. Sie sind noch nicht so sehr zerstört, daß man
+nicht theilweise ihre schönen Formen, kühne Kuppel-Wölbungen, hohe
+Portici sehen könnte. Zierliche Schlingpflanzen ranken sich an halb
+eingestürzten Wänden auf, Bananen, Strauchwerk, Blüthen und Blumen
+decken den Boden und blicken aus den verfallenen Thüren und Fenstern.
+In der Ruine der St. Domingo-Kirche zeichnet sich einer der gewölbten
+Bogen durch seine besondere Bauart aus und zieht die Aufmerksamkeit
+aller Sachverständigen in hohem Grade an. Seine Wölbung ist so gering,
+daß sie auf dreißig Fuß Länge kaum drei Fuß Höhe beträgt.
+
+Das Volk in Panama besteht aus demselben Gemische von Alt-Spaniern,
+Indianern, Negern u. s. w., wie in Acapulco. Unter den Mischlingen
+gibt es viele hübsche Leute mit schönen Augen, Haaren und Zähnen. Man
+rühmt auch ihre kleinen Hände und Füße. Dieselben sind wohl klein, aber
+selten schön; man sieht, wie bei den Malaien, zu viel Knochen, die
+runde Form fehlt, auch sind die Finger etwas zu lang.
+
+Seit solche Massen von Reisenden den Isthmus hier durchziehen, gibt es
+so viel Verdienst, daß das Volk nicht den geringsten Mangel zu leiden
+hätte, wenn es arbeiten wollte; aber es ist träge, wie in allen heißen
+Ländern. Es zieht die Armuth, die Unreinlichkeit der Arbeit vor. Seine
+Hauptnahrung besteht aus Reis und Früchten. Sehr gern essen die Leute
+frisches Schweine- und getrocknetes Ochsenfleisch. Letzteres wird
+meistens von +Buenos-Aires+ eingeführt. Es ist in lange, schmale Stücke
+geschnitten und wird nach der Elle verkauft.
+
+Die Tracht des Volkes ist Europäisch. Der Mann hat das Europäische
+Beinkleid, die Jacke an, das Weib ein die Straße fegendes, langes
+Kleid, welches sehr weit ausgeschnitten und mit einer oder zwei so
+breiten Falben versehen ist, daß solche bis tief unter die Brust
+fallen. Wäre dieser Anzug rein und nett gehalten, so stände er ziemlich
+gut; allein das Kleid hängt so lose, daß es von der einen Schulter
+gewöhnlich hinab gleitet und Brust und Schulter entblößt, während es
+auf der andern beinahe bis an den Hals reicht. Sie wischen mit den
+breiten Falben den Schweiß vom Gesichte, bedienen sich derselben statt
+der Taschentücher und putzen den Staub u. dgl. überall damit ab. Beide
+Geschlechter tragen runde, kleine Strohhüte, die sie sehr schön zu
+flechten verstehen. Dem weiblichen Geschlechte passen sie nicht gut,
+da sie zu klein sind und kaum auf dem dickgeflochtenen Haare sitzen.
+Weiber und Mädchen tragen sehr gern Blumen im Haar; in Ermangelung
+frischer ersetzen sie selbe durch künstliche. Das Rauchen von Cigarren
+ist eine Hauptleidenschaft beider Geschlechter: man sieht schon
+zehnjährige Kinder mit der Cigarre im Munde. Eigenthümlich ist es,
+daß die Leute, vorzüglich wenn sie mit Arbeiten beschäftigt sind, den
+brennenden Theil der Cigarre in den Mund stecken, wodurch sie länger
+währt. Ich würde diese Sonderbarkeit wohl nicht beobachtet haben, hätte
+Dr. Autenrieth mich nicht darauf aufmerksam gemacht.
+
+Die beliebteste Unterhaltung des Volkes sollen Hahnenkämpfe sein; doch
+scheint die Leidenschaft dafür nicht gar so groß zu sein, da ich weder
+Streithähne noch Gefechte sah.
+
+Von den öffentlichen Anstalten Panama’s besuchte ich nur die Spitäler,
+deren es zwei gibt, das eine für das Volk, das andere für Fremdlinge.
+Ersteres ist von der Regierung, letzteres von den Europäern gegründet.
+Das Volkshospital ist unter aller Kritik. Es besteht eigentlich
+bloß aus einem langen, breiten, auf einer Seite ganz offenen Gange,
+in welchem der von ansteckender Krankheit Befallene neben dem
+leicht Erkrankten liegt. Unreinlichkeit und Armseligkeit sind die
+Haupteigenschaften dieses Ortes, der mehr einem Gefängnisse als einer
+Heilanstalt gleicht. Jeden andern als den im tiefsten Schmutze und
+Elend aufgewachsenen Eingebornen müßte schon sein Anblick tödten. Ich
+sah da ein Dutzend Menschen, meistens mit bösen Augen, abscheulichen
+Geschwüren und Hautkrankheiten behaftet, in den ekelhaftesten,
+schmutzigsten Verbänden auf dem ungedielten Boden kauern.
+
+Einen ganz andern Anblick gewährt das Fremden-Hospital. Man hat zwar
+nur ein abgetakeltes Schiff dazu verwendet; aber alles ist schön, rein
+und wohlgeordnet, und der Kranke sehr gut gepflegt.
+
+Unter den nahen Ausflügen Panama’s fand ich einen Spaziergang nach dem
+Berge +Aneon+ höchst lohnend. Man kann mit größter Bequemlichkeit in
+einer Stunde auf seine Spitze gelangen und genießt eine der reizendsten
+Aussichten: stundenlang möchte man da sitzen und schauen. Man überblickt
+die ganze Stadt, von welcher ein Theil weit in die See vordringt,
+in deren Hintergrunde sich ein großes, höchst fruchtbares, üppiges
+Thal anschließt, von einem Flusse durchschnitten. Leider deckt noch
+Wald und Gebüsch den größten Theil des Grundes. Der weite Ocean mit
+vielen Inseln und Eilanden auf der einen Seite, Reihen von Hügeln und
+Bergketten auf der andern rahmen das liebliche und zugleich großartige
+Bild ein. Kein ähnlicher Naturgenuß ward mir in Kalifornien zu Theil,
+obwohl ich durch bedeutende Strecken jenes Landes reiste.
+
+Schade, daß Panama so ungesund und das Klima so heiß ist. Der Fremde
+wird leicht und schnell von dem hartnäckigen, bösartigen Panama-Fieber
+befallen, und häufig bringt dieß ihm sogar den Tod. Die Ursache soll in
+der geringen Kultur des Bodens liegen, und das große, schöne Thal ist
+zum großen Theil sumpfiger Grund.
+
+
+ [7] So nennen sich alle Eingebornen, die nicht reine Neger oder
+ Indianer sind.
+
+ [8] Panama ist der Hauptort und größte Hafen des Distriktes gleichen
+ Namens in der Republik Neu-Granada, welche über zwei Millionen
+ Einwohner zählt, und deren Hauptstadt +Bogota+ im Innern liegt.
+
+
+
+
+Fünfzehntes Kapitel.
+
+ Reise nach Lima. -- Die Englischen Dampfer. -- Guayaquil. -- Callao.
+ -- Die Deutschen Auswanderer. -- Lima. -- Kirchen und öffentliche
+ Gebäude. -- Die Peruanischen Damen. -- Erdbeben. -- Unsicherheit. --
+ Der Badeort Chorillos. -- Die Ruinen des Sonnentempels Pachacamac. --
+ Die Hazienda St. Pedro.
+
+
+Am +7. Januar 1854+[9] ging ich von Panama mit dem Dampfer „+Bolivia+,“
+750 Tonnen, Kapitän +Straham+, nach +Lima+.
+
+Eine Englische Gesellschaft hat bisher noch immer den Vortheil,
+die Linie von Panama nach +Valparaiso+ allein, ohne Amerikanische
+Konkurrenz, zu befahren. Dieß ist Ursache, daß die Preise sehr hoch,
+die Versorgung der Reisenden sehr schlecht ist. Obwohl der Engländer
+stets von Philanthropie mit Begeisterung spricht, zeigt er auf seinen
+Dampfern doch ganz das Gegentheil. Recht von Herzen würde es mich
+freuen, eine Amerikanische Gesellschaft erstehen zu sehen. Man wirft
+den Amerikanern vor, daß sie nur Dollar-Menschen seien -- auf ihren
+Schiffen ziehe ich sie den Engländern bei weitem vor.
+
+Ich will hier nur wieder eine kleine Skizze von der Einrichtung dieses
+Dampfers geben.
+
+Die Schlafkabinen auf dem ersten Platze sind so beschränkt, besonders
+jene der Frauen, daß sich diese nur eine nach der andern aus- und
+ankleiden können. Sind die Kabinen besetzt, so müssen die Nachkommenden
+in dem Speisesaale schlafen, denn aufgenommen werden so viele Reisende
+als kommen. Ist auch der Speisesaal schon voll, so stopft man die Leute
+auf dem Vorderdeck in eine Kajüte, die zwar rein und hübsch, aber nicht
+in Kabinen getheilt ist; einfache Vorhänge bergen jede Schlafstelle.
+Beide Geschlechter werden dahin gewiesen, obgleich der Engländer
+in seinem eigenen Lande so empfindlich ist, daß z. B. auf manchen
+Eisenbahnen in die Wartezimmer der Frauen kein Herr gehen darf. Aber wo
+es Geld zu verdienen gibt, schweigen alle andern Rücksichten.
+
+Die Kost war sehr gut, der Kapitän äußerst gefällig und aufmerksam.
+
+Der zweite Platz ist gar unter aller Kritik; er besteht aus einem
+Loche, in welches nicht einmal eine Treppe, sondern nur eine Leiter
+führt. Die Leute haben weder Schlafstellen noch Polster oder Teppiche,
+sie können sich auf den nackten, schmutzigen Boden hinstrecken. Die
+ganze Einrichtung ist ein langer Tisch und eine lange Bank, die Kost
+besteht aus den Resten der Speisen, die von der Tafel des ersten
+Platzes abgenommen werden. Tischzeug, Gläser und ähnliche Dinge
+mangeln gänzlich; dieß würde Ueberfluß sein. Die Aufwärter bilden die
+Gesellschaft der Reisenden.
+
+Der dritte Platz ist das offene Deck, über welches sich kein Linnendach
+spannte, die armen Reisenden gegen Regen oder die Tropensonne zu
+schützen. Wahrlich, eine echt philanthropische Behandlung! Welcher
+Gegensatz zu dem Amerikanischen Dampfer „Golden Gate,“ wo selbst der
+Deckreisende eine geräumige Kajüte, ein gutes Bett und eine treffliche
+Kost findet, und dafür nicht mehr zu bezahlen hat, als auf dem
+Englischen Dampfer!
+
+Bis +11. Januar+ fuhren wir stets auf hoher See. Am 10. Mittags
+passirten wir den Aequator, ohne von der Hitze im geringsten zu leiden.
+Der Kapitän, der schon seit mehreren Jahren die Reise von Panama nach
+Valparaiso macht, versicherte mir, daß er die Temperatur längs der
+Küste nie heiß gefunden habe; der Himmel sei meistens bedeckt, die
+Kraft der Sonne dadurch gelähmt.
+
+Am +11. Januar+ traten wir in den Golf von +Guayaquil+ und bekamen
+Land von der Republik +Ecuador+ zu sehen. Im Vordergrunde liegt
+ein abgeplatteter Felshügel, an welchen sich das Festland in
+unübersehbaren, öden Flächen schließt. Später kamen wir an einem langen
+Fels vorüber, der seiner merkwürdigen Gestaltung wegen der „todte Mann“
+genannt wird.
+
++12. Januar.+ Früh Morgens in dem Städtchen Guayaquil angekommen,
+welches an dem schönen Flusse +Guaya+, 50 Meilen stromaufwärts, liegt.
+
+Guayaquil, mit 12,000 Einwohnern, ist der erste Hafenplatz und die
+zweite Stadt des Landes; die Hauptstadt +Quito+ liegt jenseits des
++Chimborasso+ in einer Höhe von 10,000 Fuß.
+
+Die Lage von Guayaquil ist recht artig: der Strom breitet sich gewiß
+über eine halbe Meile aus, die Umgebung ist sehr fruchtbar; den
+Hintergrund bildet eine schön bewachsene Hügelkette. In weiter Ferne
+steigen die mächtigen Cordilleren auf. Bei ganz heiterem Wetter soll
+man den 21,000 Fuß hohen Chimborasso sehen.
+
+Die Bauart der Häuser fand ich sehr zweckmäßig: sie sind beinahe
+durchgehend einstöckig, gegen die Straße zu mit breiten Galerien
+versehen, die auf Säulen oder Bogen ruhen, unter welchen man geht und
+auf diese Weise jederzeit vor der Sonne geschützt ist. Die Wohnungen
+sind geräumig und ebenfalls gegen den Hof zu mit breiten Galerien
+umgeben, die Zimmer hoch und luftig. Hier ist die Hitze sehr bedeutend.
+
+Mein erster Gang in den Städten ist gewöhnlich nach den Bazaren
+und Märkten: man hat da den besten Ueberblick des Volkes und der
+Landesprodukte. Ich benutzte die kurze Zeit unseres Aufenthaltes hier
+zum Besuche dieser Orte. Der Markt von Guayaquil liegt an dem Flusse.
+Ich war überrascht von der Mannigfaltigkeit und dem großen Ueberflusse
+der Lebensmittel. Es gab ganze Boote voll mit Ananas[10] oder andern
+Früchten, Getreide aller Art, Reis, Mais, Gemüse, Jamswurzeln, Fleisch,
+Fische, Geflügel, Eier, Chocolade u. s. w. Alles ist hier ungleich
+billiger als in Panama, dessen ungeachtet gibt es hier wie dort keine
+Kupfermünzen. Die kleinste Silbermünze ist ein +Quarto medio+ (2½
+Cents), deren man aber so wenige sieht, daß man sagen könnte, sie seien
+gar nicht im Kurse.
+
++13. Januar.+ Gegen Abend kamen wir nach +Payta+ (Peru), einem elenden
+Orte mit der traurigsten Umgebung. So weit das Auge reicht, sieht es
+weder einen Grashalm, noch viel weniger einen Busch oder Baum. Die
+einigen Dutzend Häuser oder Hütten sind von Rohr, mit Lehm überklebt,
+flach gedeckt; man unterscheidet sie kaum von dem sandigen, staubigen
+Grund und Boden. Das Land ist hügelig und durchaus sandig.
+
+Wir hielten hier, wie in Guayaquil, einige Stunden an; der gute Kapitän
+Straham nahm mich überall mit an’s Land. Ich hatte nichts eiliger
+zu thun, als einige der Hügelchen (dreißig bis vierzig Fuß hoch) zu
+besteigen, weil ich hoffte, vielleicht doch im Hintergrunde einiges
+Grün zu erspähen; allein vergebens, stets neu aufsteigende Hügelchen
+bildeten eine Fortsetzung dieser todten, grauenvollen Wüste. Das
+Trinkwasser wird auf Eseln 14 Meilen weit hergebracht, eben so weit
+wird die Wäsche zum Waschen gesandt. Um nur einige Vegetation zu sehen,
+muß man 21 Meilen weit nach einem Flusse wandern. -- Und an einem
+solchen Orte lassen sich Menschen nieder!
+
++14. und 15. Januar.+ Häufig Land gesehen, denselben traurigen,
+einförmigen Charakter tragend, theils niedrige Küsten, theils Hügel und
+Berge, alles öde und wüstenartig.
+
++16. Januar.+ +Casma+, ein Landungsplatz an der See mit ein paar
+erbärmlichen Laubhütten, den Reisenden Schutz verleihend, die auf den
+Dampfer warten; die Stadt selbst liegt 6 Meilen landeinwärts. Hier
+beginnen wieder höhere Gebirge, doch sind sie gleichfalls öde.
+
+Wir hielten nur eine Stunde an, um Reisende und Fracht einzunehmen. Je
+näher wir Lima kamen, desto mehr glich das Deck einem Bivouak. Die Zahl
+der Reisenden stieg außerordentlich; man errichtete Nothzelte; Kisten,
+Koffer und Körbe beengten den Raum so sehr, daß für die Leute selbst
+wenig Platz blieb. Auch die Kabinen wurden voll bis zum Erdrücken. Das
+Uebelste dabei war, daß die Leute trotz der vollkommen ruhigen See mehr
+seekrank wurden, als ich dieß irgend wo in der Welt bemerkt hatte.
+
+Die Frauen und Mädchen kamen in großem Putze an Bord; allenthalben
+rauschten seidne Kleider, schöne Chinesische Umschlagetücher;
+Edelsteine und Perlen fehlten auch nicht. Gestickte Schuhe, seidene
+Strümpfe sah man sogar an Dienerinnen. Viele der so reich geschmückten
+Frauen trugen das kleine, runde Männer-Strohhütchen, das ganz
+abscheulich stand. Alle die Pracht und Herrlichkeit machte jedoch wenig
+Effekt: es fehlte an geschmackvoller Zusammenstellung, und die Farben
+waren meistens sehr grell und unpassend gewählt. Die Peruanischen
+Frauen haben sehr kleine und wohlgeformte Füße. Sie wechseln auch, wie
+man mir sagte, zweimal in der Woche die Schuhe und ziehen dieselben so
+mühsam an, wie unsere Modewelt die Handschuhe. Sie stülpen den halben
+Schuh rückwärts um und zwängen ihn dann mit der größten Anstrengung
+über die Ferse.
+
++17. Januar.+ Der hohen, öden Gebirge blieben wir stets ansichtig; sie
+nahmen an Höhe zu, je näher wir +Callao+ kamen.
+
+Bei +Huacho+, einer kleinen befestigten Stadt, gleich Payta von einer
+Wüste umgeben, wurde ebenfalls kurzer Halt gemacht. Der Kapitän
+beeilte sich, Callao zu erreichen, wo wir schon Tags zuvor hätten
+eintreffen sollen; allein der Dampfer fuhr sehr langsam, wir machten
+durchschnittlich per Stunde nicht mehr als sechs Meilen. Da, wie
+gesagt, keine Konkurrenz existirt, werden natürlich alte, schlechte
+Dampfer benützt, -- der Reisende muß sich alles gefallen lassen.
+
+Callao ist der bedeutendste Hafen von Peru. Die Rhede ist schön durch
+die Masse der sie umgebenden Gebirge; doch fehlt es auch hier an Wald
+und Vegetation.
+
+Das Städtchen Callao, mit 7000 Einwohnern, erinnerte mich beim ersten
+Anblick durch seine Bauart einigermaßen an den Orient. Die Häuser
+haben nur ein Erdgeschoß oder höchstens einen Stock mit unregelmäßig
+angebrachten Fenstern, oft nur mit hölzernen, dicht vergitterten
+Balkons, die wie Verschläge an den Wänden hängen, und mit platten
+Dächern (Terrassen). Sie sind theils aus ungebrannten Ziegeln erbaut,
+theils aus Rohrwänden und mit Lehm beworfen. Die Zimmer sind etwas
+düster, da sie ihr Licht gewöhnlich nur von einem Fenster erhalten,
+mitunter nur von einem Verschlage, der auf die Terrasse mündet. Diese
+Verschläge sind statt der Glasscheiben mit hölzernen Gittern und Läden
+versehen, welch letztere man mittelst einer Schnur, die tief in das
+Zimmer hinab hängt, öffnen und schließen kann.
+
+Die Festung, die seit der Unabhängigkeits-Erklärung von Peru den Namen
++Independenzia+ führt, gehört zu den bedeutenderen. Sie bildet ein
+regelmäßiges Achteck, ist umfangreich, gut erhalten, und von einem
+breiten, tiefen Graben umgeben, der mittelst einer Verbindung mit der
+See unter Wasser gesetzt werden kann.
+
+Ich verweilte nur einen Tag in Callao. Vor allem besuchte ich auch
+hier den Wochenmarkt, der mich durch die reiche und mannigfaltige
+Zusammenstellung von Lebensprodukten beider Hemisphären noch mehr
+in Erstaunen setzte, als jener von Guayaquil. Die Abstufungen der
+Cordilleren (denen man hier sehr nahe ist) bieten so zu sagen alle
+Klimate der Welt, und so kommt es, daß man hier neben der saftigen
+Traube die hochgelbe Granadilla, neben dem Pfirsich die Mango, neben
+der Aprikose oder dem Apfel die Platane oder Chirimoya u. s. w. sieht.
+Letztere Frucht (von den Engländern Custod-apple genannt) wird von
+mehreren Reisenden für die Königin aller Früchte erklärt. Ich würde
+der Mangostan den Preis ertheilen, die auf Java vorkommt; sie schmeckt
+ungleich feiner und ist dabei leicht und gesund. Die Granadilla ist
+die Frucht einer Passions-Blume, an Geschmack unserer Stachelbeere
+ganz ähnlich. Pfirsiche, Aepfel, Aprikosen stehen den Europäischen bei
+weitem nach: man kann sie kaum anders als gekocht genießen. Die Ursache
+mag wohl an der vernachlässigten Kultur liegen, da der Eingeborne zur
+Arbeit zu träge ist und es wenige, beinahe keine Europäischen Pflanzer
+gibt.
+
+Von den Getreidegattungen wird Gerste und Mais am meisten gebaut; sie
+bilden auch den Hauptnahrungszweig des gemeinen Volkes. Auffallend
+waren mir Kolben ganz schwarzen Maises, die ich unter den Haufen der
+gelben, weißlichen, braunen und andern liegen sah. Dieser schwarze Mais
+kommt nur in ganz kleinen Kolben und zwar selten vor; er wird nur zu
+Backwerken verwendet.
+
+Nachmittags wanderte ich nach dem Platze (unweit der Festung), wo einst
+Alt-Callao stand, das im Jahre 1746 durch ein schreckliches Erdbeben
+zu Grunde ging. Ein Theil sank in die See, der andere in Trümmer; 3000
+Menschen sollen dabei das Leben verloren haben. Von den Resten der
+Stadt ist nichts mehr zu sehen, als hie und da kleine Bruchstücke einer
+Wand oder Schichten von Ziegeln. Manche Reisende wollen behaupten, daß
+man den in die See gesunkenen Theil der Stadt noch sähe -- eine der
+gewöhnlichen romantischen Uebertreibungen.
+
+Freundlicher war ein Gang nach den Gärten und andern Pflanzungen, die
+in der Nähe von Callao am Saume eines Bächleins liegen. So sandig, wüst
+und öde die Gegend rings umher ist, so schnell erscheint Leben und
+Vegetation an Orten, die nur einigermaßen bewässert werden können. Ein
+Dutzend Deutscher Ansiedler hat sich da niedergelassen und erzielt sehr
+ergiebige Ernten. Sie bauen besonders viele Weinreben, die sich auf dem
+Gestein fortranken, es wie ein Netz überziehen und sich kaum einen Fuß
+hoch über die Erde erheben.
+
+Vor ungefähr zwei Jahren erging von der Regierung Peru’s eine
+Aufforderung nach Deutschland, Ansiedler hierher zu senden; man machte
+ihnen gute, vortheilhafte Bedingungen, und diesem zu Folge schifften
+sich alsbald über zweitausend Auswanderer nach dem fernen Lande ein.
+Schon auf der Reise starb beinahe die Hälfte. Die Schiffe waren
+überfüllt, die Lebensvorräthe, das Wasser schlecht und verdorben, und
+die Leute wurden nicht besser behandelt als die Sklaven, die man von
+Afrika bringt. In Peru angekommen, fanden die Ueberlebenden, daß man
+sie von allen Seiten betrogen und belogen hatte. Statt sie in ein ihnen
+angemessenes Klima zu weisen, gab man ihnen Ländereien bei Callao und
+Lima, wo die große Hitze Europäischen Arbeitern tödtlich ist. Die ihnen
+gebotenen Geldunterstützungen standen in keinem Verhältnisse zu der
+Theuerung des Landes; nur zu bald versanken die Armen in Elend und
+Krankheit. Der Hamburger Konsul in Lima, Herr +Rodewald+, nahm sich
+ihrer mit aller Macht an, verwendete sich für sie bei der Regierung,
+schrieb um Hülfe nach Deutschland, veranstaltete Sammlungen und
+unterstützte sie kräftig aus seinen eigenen Mitteln. Dessen ungeachtet
+starben die meisten, trostlose Witwen und Kinder hinterlassend, welche
+das Klima natürlich besser vertrugen, da sie mit Feldarbeiten wenig
+oder nichts zu thun hatten. Unverzeihlich ist es von der Regierung
+eines Landes, durch Lüge und Betrug Leute, Familien zur Auswanderung
+zu bewegen und sie dann so gewissenlos ihrem Schicksale zu überlassen.
+Könnte ich doch allen Auswanderern zurufen, sich, bevor sie solch einen
+wichtigen Schritt unternehmen, Kenntnisse von dem Lande, dem Klima, den
+Kosten und den Hülfsmitteln, die ihnen daselbst zu Gebote stehen, zu
+verschaffen, und nicht unbedingt den Vorspiegelungen zu glauben, die
+ihnen von gewissenlosen, gewinnsüchtigen Agenten gemacht werden. Ist
+der arme Mann einmal von seiner Heimath weg, so hat er nicht leicht
+mehr die Mittel zur Heimkehr und muß bleiben, wo ihn sein Schicksal
+hingeworfen hat.
+
+Freilich ist die Schuld auch häufig an den Ansiedlern. Viele haben
+die falsche Meinung, daß, wenn sie in einen fremden Welttheil gehen,
+ihnen gleich, wie das Sprüchwort sagt, die gebratenen Tauben in den
+Mund fliegen müssen; ist dieß dann nicht der Fall, so ergreift sie
+Unzufriedenheit und Mißmuth. Gerade der Ansiedler muß sich, wenigstens
+in den ersten Jahren, auf mehr Mühen, Arbeiten und Beschwerden gefaßt
+machen, als in seiner Heimath. Aber so sind die Menschen, nie genügsam
+und bescheiden in ihren Wünschen und Anforderungen. Sah ich doch selbst
+bei manchen Auswanderern, die sich erst seit kurzer Zeit angesiedelt
+hatten, den Tisch mit schönem Fleische, Gemüse, gutem Brot u. s. w.
+besetzt, den Kaffee- und Theetopf zweimal des Tages auf dem Feuer
+stehen, und dennoch waren die Leute nicht zufrieden. Warum? -- Weil sie
+hier wie in der Heimath arbeiten mußten. Daheim mochte es ihnen an der
+Arbeit wohl noch weniger gefehlt haben, wohl aber an den trefflichen
+Lebensmitteln; wie oft mögen sie ihren Hunger kaum nothdürftig mit
+Kartoffeln oder schlechtem Brote gestillt haben!
+
+Bevor ich +Lima+, die Hauptstadt von Peru, betrete, will ich dieses
+Reiches mit wenigen Worten erwähnen.
+
+Peru faßt auf 2300 Quadratmeilen eine Bevölkerung von 2,150,000 Seelen
+und ist in elf Departements, diese in 63 Provinzen getheilt. Die
+Staatseinkünfte werden auf 10 Millionen Dollars gerechnet, eben so hoch
+die Ausgaben. Die Staatsschuld beträgt gegen 60 Millionen Dollars. Auf
+die Tilgung dieser Schuld wird nur ein ganz kleiner Theil der Einnahmen
+verwendet.
+
+Die legislative Gewalt besitzt der Kongreß, welcher sich alle zwei
+Jahre in Lima versammelt und aus zwei Kammern besteht, der Kammer der
+Senatoren (21) und jener der Deputirten (81).
+
+Die executive Gewalt und das Recht, die Minister zu ernennen, liegt in
+den Händen des Präsidenten, welcher alle vier Jahre neu erwählt wird.
+Der jetzige Präsident heißt +José Rufino Echenique+.
+
+Diese Regierungsform besteht seit dem Jahre 1824, in welchem sich das
+Land von der Spanischen Regentschaft lossagte. Die einzige Festung
++Callao+ hielt sich unter General +Bodin+ bis Februar 1826 und ergab
+sich unter sehr ehrenvollen Bedingungen. Obgleich dieser General große
+Tapferkeit bewies, hinterließ er doch einen sehr schlechten Ruf. Man
+schreibt die lange Vertheidigung mehr seinem Eigennutze als der Treue
+und Anhänglichkeit an seinen Monarchen zu. Er soll nämlich große
+Vorräthe von Lebensmitteln aufgespeichert und sie zur Zeit der Noth den
+Reichen, die in die Festung geflohen waren, zu den unverschämtesten
+Preisen überlassen haben. Die Leute mußten die Lebensmittel, wie man
+erzählt, beinahe mit Gold aufwiegen. Mit ungeheueren Reichthümern
+beladen ist der General nach der Uebergabe der Festung nach Spanien,
+seinem Vaterlande, gegangen.
+
+Seit der Unabhängigkeits-Erklärung fanden in Peru so viele Revolutionen
+statt, daß eine Ruhe von ein paar Jahren unter die Seltenheiten gehört,
+und daß man der politischen Bewegungen am Ende schon nicht mehr viel
+achtet. Alle Revolutionen gingen bisher vom Militär aus. Hochgestellte
+Offiziere, lüstern nach der Präsidenten-Würde, suchten das Militär zu
+gewinnen, und die Unruhen begannen. Auch jetzt, als ich nach Peru kam,
+war das Land im Aufstande, und diese Revolution war die erste, die
+vom Civil ausging. Sie hatte ihren Anfang im September vorigen Jahres
+genommen. Ursache der Revolution war die schlechte Verwaltung der
+Staatseinkünfte, die sich seit der Auffindung des Guano (Vogeldünger)
+auf den +Chincha+- und andern Eilanden[11] sehr vermehrt hatten und
+doch weder für das allgemeine Wohl noch zur Tilgung der Staatsschulden
+verwendet wurden. Man wirft dem gegenwärtigen Präsidenten vor, einen
+großen Theil der Reichthümer des Landes in seine und seiner Anhänger
+Hände zu leiten. Um dieß leichter zu bewirken, hat er die Leute
+aufgefordert, unberichtigte Rechnungen aus den Zeiten vergangener
+Revolutionen für gelieferte Lebensmittel, Schadenersätze u. dgl.
+vorzubringen. Die Gläubiger, die solche Schulden einzufordern hatten,
+dachten daran schon lange nicht mehr, viele hatten die Papiere verloren
+oder zerrissen, andere waren gestorben und den Erben fehlte es an
+Beweisen. Es wurde jedoch den Leuten unter der Hand gesagt, daß man
+ihre Forderungen leicht anerkennen würde; nur möchten sie höhere Summen
+angeben, damit man, einer scheinbaren Gerechtigkeit wegen, einiges
+streichen könne.
+
+Die Agenten des Präsidenten und dessen Anhang kauften diese Papiere
+insgeheim um geringe Summen, und durch diese Umtriebe, so wie mit der
+Manipulation der Staatspapiere und dem Guano-Handel soll sich der
+Präsident allein schon einige Millionen Dollars erworben haben.
+
+Die jetzige Revolution war noch nicht bis Lima gedrungen. Der Präsident
+hatte das Militär noch auf seiner Seite; auch besoldete er theils aus
+der Staats-, theils aus eigener Kasse eine Legion Spione, die sogleich
+jede Person, auf die der leiseste Verdacht fiel, ergriffen und der
+Regierung überlieferten. Viele schmachten in den Gefängnissen, andere
+wurden des Landes verwiesen[12].
+
+Schon seit vielen Jahren hat Peru das Unglück, von habsüchtigen,
+eigennützigen Beamten regiert zu werden, die auf nichts anderes bedacht
+sind, als ihre Taschen zu füllen.
+
+Am +19. Januar+ fuhr ich nach Lima, wo der Hamburger Konsul,
+Herr Rodewald, so gütig war, mich in sein Haus einzuladen, eine
+Gefälligkeit, die für mich von um so größerem Werthe war, als man in
+diesem Lande ausschließlich die Spanische Sprache spricht, mit welcher
+ich mich noch nicht vertraut gemacht hatte.
+
+Von Callao nach Lima (zwei Leguas, sechs Englische Meilen) führt seit
+dem Jahre 1851 eine Eisenbahn, deren Steigung so bedeutend ist (450
+Fuß), daß man auf der Fahrt von Lima nach Callao gar nicht des Dampfes
+bedarf. Was mir bei dieser Eisenbahn am meisten auffiel, ist, daß sie
+durch einen großen Theil der Vorstädte Lima’s geht, ohne durch Geländer
+abgesperrt zu sein. Die Dampfwagen fahren hier durch die Straßen wie in
+andern Städten die mit Pferden bespannten Kutschen. Kinder spielen an
+den Hausthüren, Reiter lenken die Thiere eilig zur Seite, Leute laufen
+über die Schienen, und lärmend braust die Lokomotive mitten hindurch.
+Ungeachtet dieser augenscheinlichen Gefahr ereignete sich erst +ein+
+Unglück. Ein Esel wurde überfahren und die Maschine kam dadurch aus dem
+Geleise, bei welcher Gelegenheit mehrere Menschen verwundet wurden und
+einer das Leben verlor.
+
+Die Stadt Lima, mit 96,300 Einwohnern, wurde am 6. Januar des Jahres
+1534 von Pizarro gegründet; am 18. Januar desselben Jahres legte er den
+Grundstein zu der Kathedrale. Die Stadt ist in regelmäßige Quadrate
+eingeteilt; der Fluß +Rimac+, über welchen eine einzige, aber schöne,
+auf fünf Bogen ruhende Steinbrücke führt, theilt sie in zwei ungleiche
+Theile. Die Straßen sind lang, ziemlich breit und gerade.
+
+Der Hauptplatz ist ein schönes Viereck. Auf zwei Seiten laufen an den
+Häusern Bogengänge hin, unter welchen es einige reiche, geschmackvolle
+Waarenlager gibt; auf der dritten Seite steht die Kathedrale nebst dem
+bischöflichen Palaste, auf der vierten Seite der Palast des Präsidenten
+und das Haus der Senatoren. Diese Paläste gleichen von außen so
+erbärmlichen Gebäuden, daß ich wirklich nicht weiß, wie man ihnen den
+hochtrabenden Titel „Palast“ beilegen konnte. Im Hofraume sehen sie
+etwas besser aus. Der Palast des Präsidenten ist überdieß noch durch
+viele kleine Verkaufsbuden verunziert, die wie Kleckse daran hängen. In
+der Mitte des Platzes prangt ein leidlicher Springbrunnen, der zu jeder
+Zeit des Tages von Eseln und deren Treibern umgeben ist, denn kein Haus
+in Lima hat einen eigenen Brunnen: alles Wasser wird mittelst Esel in
+die Häuser gebracht. Manche Familie gibt für den Wasserbedarf allein im
+Monat vier bis sechs Dollars aus.
+
+An der Südseite dieses Platzes, wo jetzt Wohnhäuser stehen, stand der
+Palast Pizarro’s. In demselben wurde Pizarro am 26. Juni 1546 ermordet.
+Er saß mit einigen Freunden an der Tafel, als die Verschwornen den
+Palast umringten und der Ruf: „Nieder mit dem Tyrannen!“ erscholl. Er
+fiel mit dem Schwerte in der Hand. Die Stelle, wo er fiel, ist nicht
+genau bezeichnet, eben so wenig der Ort, wo er begraben liegt. Einige
+behaupten, in der Kathedrale, andere in der Franziskaner-Kirche. Ich
+suchte und fragte in beiden Kirchen vergebens nach seiner Grabesstätte.
+
+Kirchen und Klöster hat Lima in großer Menge aufzuweisen. Die
+Geistlichkeit ist im Besitze unzähliger Gebäude und ausgedehnter
+Ländereien; ein Fünftheil der Stadt soll ihr Eigenthum sein. Manche
+Klöster schätzt man auf achtzig- bis hunderttausend Dollars Einkünfte.
+
+Unter den Kirchen gefielen mir die Kathedrale, die Franziskaner-
+und die St. Petri-Kirche am besten. Die der Augustiner und die der
+Dominikaner gehören ebenfalls zu den vorzüglichen, so wie viele andere
+in allen Gegenden der Stadt sehenswerth sind. Ihre Bauart ist imposant,
+ihre Kuppeln sind hohe, herrliche Wölbungen, und im Innern findet man
+vieles und schönes Schnitzwerk in Holz, alles Basrelief und sehr reich
+vergoldet. Der innere Reichthum an Silber, Gold und Edelsteinen ist
+nicht mehr so groß, als er gewesen sein soll. Die silbernen Tabernakel,
+so wie die silbernen Säulen an den Altären in der Kathedrale sind so
+schmutzig, daß man sie, wenn man auf ihre Kostbarkeit nicht aufmerksam
+gemacht wird, gewiß ganz übersehen würde. Bei großen Festen sollen die
+Kirchen prachtvoll mit Sammt, Blumen u. s. w. geschmückt, feenartig
+erleuchtet sein, die Heiligen in großem Pomp mit Gold und Edelsteinen
+prangen und die Priester in überreichen, goldgestickten Meßkleidern
+erscheinen. Leider gab es während meiner Anwesenheit kein Fest, ich
+mußte mich mit den schlecht geschnitzten hölzernen Heiligen in ihrem
+Alltagsputze begnügen. Dessen ungeachtet machten die Kirchen einen
+imposanten Eindruck. Die majestätischen Wölbungen, die langgezogenen,
+hohen Schiffe, die Seitenaltäre und Nischen mit den sie stützenden
+Pfeilern und Säulen, die mit Gemälden und Statuen gezierten Wände
+(besonders wo dieß nicht übertrieben ist und nicht Bilder in grotesken
+Anzügen mehr an das Heidenthum, als an das Christenthum erinnern), das
+Halbdunkel, durch welches hie und da ein Lämpchen gleich einem Sterne
+schimmert, die tiefe Stille oder der am Altar fungirende Priester im
+würdigen Ornate erheben das Gemüth unstreitig mehr, als Tempel mit ganz
+einfachen, weißen Wänden in prosaischer Nacktheit.
+
+Die äußere Religiosität des Volkes ist noch ziemlich groß. Viele nehmen
+die Hüte ab, wenn sie an einer Kirche vorüber gehen, aber gewiß thun
+es alle, wenn Morgens oder Abends die Glocke zum Gebete ruft. Der
+Fußgänger bleibt stehen, der Eseltreiber steigt von seinem Thiere ab,
+das Gespräch erstirbt, alles fleht zum unsichtbaren Wesen. Ist aber
+dieser Augenblick vorüber, so kehrt das gewöhnliche Getreibe wieder,
+der Eseltreiber mißhandelt sein Thier wie zuvor, der Verkäufer betrügt
+den Käufer, böse Nachrede tritt an die Stelle des Gebetes.
+
+Außer den Kirchen ist gar kein öffentliches Gebäude hübsch zu nennen.
+Im ganzen macht Lima auf den Ankömmling keinen sehr vortheilhaften
+Eindruck. Die Vorstädte zeigen gleich den Orientalischen Städten
+nichts als lange Mauerwände mit Eingangsthüren und sehr wenigen
+Fenstern. Erst mehr gegen das Innere der Stadt wird der Anblick etwas
+freundlicher. Die Häuser sind da meistens stockhoch, haben große,
+hochgewölbte Eingangspforten und zahlreichere Fenster. Die angehängten,
+eng vergitterten hölzernen Balkons findet man überall. Die Dächer sind
+platt, wie in Callao; die meisten Zimmer erhalten hier wie dort das
+Licht durch Verschläge, die auf das Dach münden.
+
+Auch hier, wie im Orient, geht die eigentliche Façade der Häuser
+auf den Hofraum. Die Empfangsgemächer (durchgehend im Erdgeschosse)
+liegen dem großen Hausthore gegenüber; die Hallen unter dem Thore, die
+Mauerwände in dem Hofe sind hie und da mit hübschen Fresken bemalt,
+die Höfe nett gepflastert und mit Blumentöpfen geziert. Der Salon,
+in welchen man von der Hausthüre gerade hinein sieht, ist niedlich
+ausgestattet, die Fenster und Glasthüren werden mit Draperien versehen,
+durch die Saalthüren hindurch erblickt man im Hintergrunde ein kleines
+Gärtchen; mit wahrem Vergnügen bleibt man bei jedem Hausthore stehen,
+um diesen lieblichen Anblick länger zu genießen. Abends ist ein Gang
+durch die Straßen noch anziehender: die Gemächer sind erleuchtet,
+Thüren und Fenster geöffnet, und die graziösen Gestalten der
+Peruanischen Damen beleben die freundlichen Bilder.
+
+Das schönste Haus ist jenes der Alt-Spanischen Familie +Torre-Tagle+;
+es zeichnet sich durch seine schöne Façade und architektonischen
+Verzierungen gegen die Straße zu aus. Jetzt ist das Haus auf einen
+Seitenzweig der Familie übergegangen.
+
+Von den öffentlichen Anstalten sah ich das Museum, die Akademie der
+bildenden Künste und die Bibliothek. Das Hospital besuchte ich nicht,
+es herrschte das gelbe Fieber und viele daran Erkrankte lagen in
+demselben.
+
+Das Museum als solches ist eins der erbärmlichsten von allen, die
+ich bisher gesehen hatte. Jede Gattung aus dem Naturreiche ist mit
+einigen schlechten, ganz verwahrlosten Exemplaren angedeutet. Aus
+dem Insekten- und Crustaceen-Reiche fehlen sogar diese. Statt der
+Peruanischen Insekten sieht man ein halbes Dutzend Kästchen mit den
+gewöhnlichsten Chinesischen Käfern; von Seeprodukten ist gar nichts
+vorhanden. Das Werthvollste sind vier sehr gut erhaltene Mumien in
+hockender Stellung, wie sie in den Inkas-Gräbern aufgefunden wurden,
+desgleichen eine ziemliche Anzahl Alt-Peruanischer Trink- und anderer
+Gefäße. Aus acht Oelgemälden von einst regierenden Inkas ersieht man,
+daß dieselben schöne, wohlgebildete Leute mit edlen Gesichtszügen
+waren. Auch die lebensgroßen Bildnisse aller Spanischen Vicekönige sind
+hier aufgestellt; aber gerade jenes von Pizarro steht im ungünstigsten
+Lichte und ist vom Alter so geschwärzt, daß man kaum mehr als die
+Umrisse unterscheiden kann.
+
+Die „Akademie der bildenden Künste“ ist nichts weiter als eine
+erbärmliche Zeichenschule für die ersten Anfänger. Aus welchem Grunde
+sie den Namen „Akademie“ führt, konnte ich nicht ermitteln, denn sie
+besitzt weder eine Büste oder Statue, noch ein Gemälde, noch eine
+größere Zeichnung. Alles, was ich sah, waren einige angehende Künstler,
+die sich mit dem Zeichnen von Nasen, Augen und Ohren beschäftigten.
+
+Die Bibliothek enthält in zwei schönen Sälen 30,000 Bände. Es sollen
+darunter werthvolle Handschriften sein.
+
+An öffentlichen Spaziergängen besitzt Lima die +Alameda+ und die
+Brücke. Die Alameda besteht aus Baum-Alleen längs des Rimac-Flusses.
+An einer Seite steht die Arena für die Stiergefechte. An dem Ende der
+Alameda befindet sich eine Anstalt für kalte Bäder. Die Gebirgswelt
+sieht man nicht nur von hier aus, sondern beinahe von jeder Straße,
+vorzüglich den 1275 Fuß hohen „+Cerro de San Cristoval+,“ auf dessen
+Spitze ein Kreuz errichtet ist, zu welchem jedes Jahr eine große
+Wallfahrt stattfindet.
+
+Sehr schön ist der außerhalb der Stadt gelegene Friedhof oder das
+„Pantheon.“ Es wurde im Jahre 1807 gegründet. Die Kapelle so wie das
+Haus des Aufsehers sind sehr niedlich, die Gärten in verschiedene
+Abtheilungen gesondert, von schönen Baum-Alleen durchschnitten und mit
+hohen Mauern eingefaßt. Sie enthalten mehr als tausend Nischen zur
+Aufnahme von Verstorbenen, nebst vielen andern Grabesplätzen. Unter den
+Nischen gibt es solche, die für immerwährend angekauft werden können;
+in den anderen bleiben die Leichen nur so lange, bis man den Platz
+für die Nachfolgenden benöthigt. Die Gebeine werden dann in gemauerte
+Gewölbe oder große Gräber geschafft. Die Leichen der Kinder werden in
+einem hölzernen Thurm aufgeschichtet. Ich hob die Thüröffnung auf und
+sah eine große Anzahl solcher kleiner Geschöpfe, in Tücher geschlagen,
+aufgehäuft. Die Armen werden in große Gruben begraben.
+
+Vor Erbauung des Pantheons wurden viele Verstorbene in den Kirchen
+beigesetzt.
+
+Außer dieser äußerst zweckmäßigen Einrichtung, daß die Todten nicht
+mehr innerhalb der Stadt beerdigt werden, erfreut sich Lima zweier
+Vortheile, die sehr zur Gesundheit beitragen. Der eine besteht in
+vielen künstlich gezogenen Wassergräben, die, von dem Rimac gefüllt,
+die Straßen von Osten nach Westen durchschneiden; der zweite in
+einer Gattung ganz schwarzer Vögel von der Größe eines Huhnes,
+deshalb auch +Gallinazo+ genannt, welche Thiere, gleich den Hunden in
+Konstantinopel, die Straßen von allem aasartigen Unrathe säubern. Schon
+in Callao fielen mir diese zahmen Raubvögel auf, die dort wie hier sich
+mitten in den Straßen unter den Leuten bewegen.
+
+Den Wochenmarkt besuchte ich mehrere Male. Eine große, gemauerte,
+schöne Halle dient vorzüglich zum Fleisch-, geschlachtetem Geflügel-
+und Gemüse-Verkauf. Die Verschiedenartigkeit der Lebensmittel ist
+noch größer und natürlich die Menge bedeutender, als in Callao. Den
+vielen Fleischbuden nach zu urtheilen, muß das Volk hier ziemlich
+häufig Fleisch genießen. Sonderbar kam es mir vor, in den Fleischbuden
+statt der Männer Weiber zu sehen, welche die schwersten Ochsenkeulen
+handhabten und den Käufern pfundweise den Bedarf zutheilten. Das
+Geflügel wird wie in Italien nicht nur in ganzen, sondern auch in
+halben und Viertel-Stücken verkauft.
+
+Das Leben in Lima ist theuer; man kann annehmen, daß ein Haushalt,
+der in Deutschland 1500 Thaler kostet, hier gewiß auf 4000 zu stehen
+kommt. In jedem wohlhabenden Hause wird ein Mayordomo gehalten, welcher
+das Silberzeug, die Wäsche, so wie die Dienerschaft unter seiner
+Aufsicht hat und die Einkäufe der Lebensmittel besorgt.
+
+Außerordentlich ist der Verbrauch des Eises; man braucht per Tag
+für etwa 1000 Dollars. Es wird von Nordamerika gebracht und kommt
+auf diesem Wege billiger, als von den nahen Cordilleren, von wo es
+durch Maulthiere getragen werden müßte. Man genießt es nicht blos
+mit Wasser oder Wein, man bereitet auch Eis aus Milch und Früchten.
+Schon am frühesten Morgen sind die zahlreichen Eisbuden belebt. Die
+Milch-, Obst- und Fleischhändlerin, den Koch, den Mayordomo kann
+man da in gemüthlicher Ruhe beisammen sitzend finden. Das Eis ist
+durchschnittlich schlecht bereitet, grob, wenig consistent und fade.
+
+Das Volk besteht hier wie zu Acapulco, Callao und gewiß allen
+Spanisch-Südamerikanischen Staaten, aus einem solchen Gemische, einer
+solchen Verzweigung Indianischen, Europäischen und Afrikanischen
+Blutes, wie man es in keinem anderen Theile der Welt finden kann.
+Unter der reichen Klasse, den Kreolen und Alt-Spaniern[13] gibt es
+sehr schöne Mädchen und Frauen. Die Damenwelt von Lima hat den Ruf,
+ihre Reize durch eine sehr geschmackvolle und kostbare Toilette zu
+erhöhen; ihr Gang, ihr Benehmen wird als graziös geschildert. Daß
+sie ganz besonders kleine, wohlgeformte Hände und Füße haben, nur
+seidene Strümpfe und die engsten Schuhe tragen, habe ich bereits
+erwähnt. Auch mit geistigen Fähigkeiten, mit natürlichem Verstande
+und Witz, desgleichen mit Talenten, besonders für Musik, soll sie die
+Natur reichlich ausgestattet haben. Leider sollen sie wenig Ausdauer
+besitzen, dieselben auszubilden.
+
+Ich selbst kann darüber kein Urtheil fällen, ich war zu kurze Zeit in
+Lima, um in mehrere echt Alt-Spanische Häuser eingeführt werden zu
+können; auch ist für Fremde der Zutritt nicht sehr leicht zu erhalten.
+Ich sah nur in den Logen im Theater, wo ich die berühmte Sängerin Fr.
++Hayes+, den nicht minder geschätzten Tenoristen Herrn +Mengis+ und
+den ausgezeichneten Violinkünstler Herrn +Hauser+ hörte, einen Theil
+der eleganten Gesellschaft und fand an Schönheit und Grazie alles
+bestätigt, was mir die Herren von der Frauenwelt gesagt hatten.
+
+Vor noch wenig Jahren bedienten sich die Frauen, wenn sie auf der
+Straße oder nach der Kirche gingen, einer eigenthümlichen Tracht,
+die aus einem langen, schwarzseidenen Oberkleide (Saya) und dem Manto
+bestand, der den Körper von den Hüften bis über den Kopf verhüllte
+und nur einem Auge Raum zum Sehen gestattete. In diesem Anzuge soll
+die Frau dem Manne unkenntlich geblieben sein, selbst wenn sie neben
+ihm stand. Jetzt ist diese Tracht wie verschwunden, man sieht sie
+kaum zuweilen in der Kirche oder bei Prozessionen. Man sagt, sie habe
+gar zu leicht Anlaß zu unbescheidenen Zusammenkünften gegeben; die
+Herren suchten die Saya bei Gemahlinnen und Töchtern abzuschaffen.
+Jetzt ersetzen die Frauen den Manto durch ein großes Umschlagetuch,
+das sie über Kopf und Kleid schlagen. Diese großen, aber nicht sehr
+reizend stehenden Tücher tragen sie nicht nur in der Kirche und auf den
+Straßen, sondern sogar im Parterre des Theaters.
+
+Die Weiber aus dem Volke sah ich nirgends so reich und verschwenderisch
+gekleidet wie hier. Milch- und Obst-Verkäuferinnen saßen in Barège-
+oder Seidenkleidern, Chinesischen Tüchern, seidenen Strümpfen,
+gestickten Schuhen auf den Eseln, mit dem Verkaufskram an der Seite.
+Alles hing jedoch nachlässig, auch zerrissen am Körper, die Farben
+waren höchst grell oder verschossen, alles stand schlecht zu der
+dunklen oder gelben Gesichtsfarbe. Ich gedachte jedesmal der etwas
+derben, aber passenden Worte Sancho Panso’s, welcher, als er Hoffnung
+hatte, zum König einer noch unentdeckten Insel gemacht zu werden,
+von seiner Frau sagte: „Sie wird sich als Königin ausnehmen, wie ein
+Schwein mit einem goldenen Halsbande.“
+
+Die Männer, Europäer wie Eingeborne, reich oder arm, tragen über
+ihrem Anzug auf Reisen oder auch nur bei gewöhnlichen Reitparthieen
+den Poncho wie in Chili. Selbst Frauen bedienen sich dieses
+Kleidungsstückes, wenn sie einen Ausflug zu Pferde machen.
+
+Die reichen und vornehmen Frauen gehen nur zur Kirche zu Fuß, sonst
+fahren sie in Calezas, zweiräderigen, von Maulthieren gezogenen
+Gläserwagen. Die Maulthiere sind weit vor die Kutsche gespannt, und der
+Kutscher sitzt auf einem der Thiere.
+
+Die Herren, die viel außer Hause zu thun haben, wie z. B. Aerzte,
+reiten auf Maulthieren oder Pferden.
+
+Die Kleinverkäufer, Wassermänner u. s. w. bedienen sich der Esel, die
+hier sehr mißhandelt werden. Oft hängt auf einem solchen armen Thiere
+die ganze Familie, Mann, Weib und Kind, nebst den größten Lasten als
+Zugabe. Ein Peruanisches Sprichwort sagt: „Lima ist die Hölle der Esel,
+das Fegefeuer der Ehemänner, der Himmel der Frauen.“ Wenn es eine
+Seelenwanderung gäbe, müßte der Gedanke, in einen Peruanischen Esel
+oder in ein Javanesisches Postpferd verwandelt werden zu können, zur
+Verzweiflung bringen.
+
+Ungleich besser geht der Eingeborne mit dem Llama um: er gebraucht
+es zwar auch als Lastthier; allein er behandelt es mit Liebe und
+Zärtlichkeit, man möchte beinahe sagen, er habe Hochachtung für dieses
+Thier. Das Llama ist von dem Fuße bis zum Scheitel fünf Schuh hoch und
+gehört zu dem Geschlechte der Kameele. Die Llamas werden als Lastthiere
+gebraucht, sie sind für die schlechten Wege in den Cordilleren ungleich
+brauchbarer, als Esel und Maulthiere, und bringen gewöhnlich die Erze
+in die Niederungen. Ein Llama geht per Tag drei bis vier Leguas und
+trägt hundert Pfund; ladet man ihm mehr auf, so legt es sich nieder und
+steht nicht eher auf, als bis ihm die Ueberfracht abgenommen ist[14].
+
+Selten bekommt man diese schönen, sanften Thiere in Lima zu sehen, denn
+das warme Klima vertragen sie nicht. Zufällig kam doch während meiner
+Anwesenheit eine kleine Heerde von vierzig bis fünfzig Stück nach der
+Stadt, um Salz nach den Gebirgen zu bringen.
+
+Wenn diese Thiere gereizt werden, spucken sie um sich. Der Speichel
+soll so scharf und ätzend sein, daß er auf der Haut einen brennenden
+Schmerz verursacht.
+
+Außer der Seltenheit, Llamas in Lima zu sehen, erlebte ich auch noch
+eine andere Merkwürdigkeit, nämlich einen ziemlich starken Regen, der
+fünf bis sechs Stunden anhielt -- eine Erscheinung, deren sich die
+ältesten Leute nicht zu entsinnen wußten. Es regnet hier im Sommer
+nie, im sogenannten Winter höchst selten, und da fällt meistens mehr
+feuchter Nebel als Regen, der kaum die Steine befeuchtet. Donnerwetter
+gibt es diesseits der Cordilleren nie.
+
+Die Temperatur ist, obwohl Lima nur zwölf Grad südlich vom Aequator
+liegt, nie drückend heiß. Ich war in der Mitte des Sommers hier[15],
+und fand den Thermometer im Zimmer nie über 20 Grad Réaumur. Man
+schreibt diese gemäßigte Temperatur den Luftströmungen von den nur
+achtundzwanzig Leguas von der Stadt entfernten, mit ewigem Schnee
+bedeckten Cordilleren zu. Dagegen gibt es häufig Erdbeben. Ich erlebte
+in den fünf Wochen meines Aufenthaltes drei. Das erste war sehr
+bedeutend, richtete aber doch keinen Schaden an; bei dem zweiten ließ
+sich ein starkes, donnerähnliches, unterirdisches Geräusch vernehmen,
+welches gegen vierzig Sekunden anhielt; das dritte bestand aus ein
+paar ganz leichten Stößen. Bei jedem Erdbeben stürzt das Volk auf
+die Straßen, wirft sich auf die Knie und schreit, während es sich
+beständig an die Brust schlägt: „~Misericordia!~“ Die Glocken läutet
+man in allen Kirchen.
+
+Eine große Unannehmlichkeit Lima’s ist die Unsicherheit (das
+Räuberunwesen). Gegen 6 Uhr Nachmittags, wo es kaum dunkelt, darf
+man sich weder vor ein Stadtthor, noch auf die Alameda oder sonst
+einen einsamen Ort allein wagen; sogar zu Pferde wird man angefallen
+und beraubt. Bei Hausberaubungen, die jedoch seltener vorfallen,
+brechen die Diebe nicht immer durch Fenster und Thüren ein, sondern
+sie ersteigen die Terrassen (meistens aus einer leichten Rohrdecke
+bestehend), machen eine kleine Oeffnung und lassen sich in das Zimmer
+hinab.
+
+Vor noch wenig Jahren ging das Raubsystem viel großartiger vor sich.
+Berittene oder unberittene Banden von dreißig bis vierzig Mann
+kamen Abends zu irgend einem Hause (gerade nicht in den belebtesten
+Straßen); die Hälfte der Leute stellte sich vor demselben auf, die
+übrigen gingen hinein, schlossen schnell die Thüre und ersuchten die
+erschrockenen Bewohner ganz höflich, sich nicht stören zu lassen,
+ihnen nur alle Schlüssel zu geben, da sie schon selbst finden würden,
+was sie benöthigten. Bis die Nachbarn oder Vorübergehenden, durch
+die aufgestellte Wache aufmerksam gemacht, bewaffnete Hülfe bringen
+konnten, waren die Vögel mit ihrer Beute schon längst davon geflogen.
+
+Auf dem sehr besuchten Wege von Lima nach +Chorillos+ (zwei Leguas)
+sind beständig berittene Patrouillen im Gange; dessen ungeachtet ist es
+für einen einzelnen Reiter gefährlich, sich nach 6 Uhr auf der Straße
+blicken zu lassen.
+
+Die Peruanische Kavallerie, größtentheils aus Negern bestehend, soll
+von geringem Werthe sein. Besser als diese ist, wie man mir sagte, die
+Infanterie, zu welcher meistens Gebirgs-Indianer genommen werden. Man
+schildert sie als tapfer und ausharrend, Hunger und Beschwerden lange
+und leicht ertragend, und zählt sie zu den besten Truppen der Welt.
+Im gewöhnlichen Dienste sehen die Truppen nicht sehr glänzend und
+kriegerisch aus; hätten sie nicht ein Schwert umgegürtet, so würde man
+sie kaum von den Tagelöhnern unterscheiden. Bei Paraden dagegen nimmt
+sich das Militär, besonders die Kavallerie, recht gut aus: es ist mit
+weißem Linnenzeug uniformirt, die Pferde sind hübsch und gut gezäumt.
+
+Herr Konsul Rodewald war außerdem, daß er mir den angenehmsten
+Aufenthalt in seinem Hause bot, auch noch so gefällig, einen
+kleinen Ausflug zu veranstalten, um mir den Badeort Chorillos und
+die Ruinen eines Peruanischen Sonnentempels zu zeigen, welche vier
+Leguas von Chorillos bei dem Oertchen +Lurin+ stehen und unter die
+interessantesten gezählt werden, von jenen, die noch längs der Küste
+vorhanden sind.
+
+Nach Chorillos (zwei Leguas) geht täglich ein Omnibus. Ich fuhr in
+demselben, die Herren waren zu Pferde. Der Weg zieht sich durch
+eine sandige Ebene, auf welcher man nur hie und da kleine grüne
+Fleckchen gleich Oasen gewahrt. Auch die über einander geschichteten
+Gebirgsmassen zur Seite sind ohne alle Vegetation. Der Badeort selbst
+macht einen ungefälligen, traurigen Eindruck: erbärmliche Lehmhäuschen
+stehen in schmutzigen, staubigen Straßen zusammen gedrängt. Ich würde
+Chorillos eher für einen Verbannungs- als Belustigungs-Ort gehalten
+haben. Man sollte glauben, daß wohl nur wirklich Kranke, welchen
+die Seebäder verordnet sind, hierher kommen. Dem ist aber nicht so:
+das zarte Geschlecht sucht, ohne krank zu sein, Vergnügen in diesem
+traurigen Badeorte, Erholung in dem Luftwechsel, und die Herren zieht
+nicht nur die Damenwelt, sondern auch der grüne Tisch an, auf dem sie
+oft bedeutende Summen zurücklassen. So sucht der Mensch Wechsel in das
+Leben zu bringen und vertauscht oft das Bessere gegen das Schlechtere.
+Aber Licht und Schatten schaffen ein schönes Bild; eines wie das andere
+allein ist eintönig und wird mit der Zeit unerträglich.
+
+Am folgenden Morgen ging es zu Pferde nach Lurin. Wir wählten
+den Weg über die +Pampas+, das heißt: „Sandsteppen,“ in welchen
+nichtsdestoweniger einige hübsche Zuckerrohr-Pflanzungen (Haziendas)
+liegen.
+
+Eine Legua hinter Chorillos zeigt noch eine kleine Reihe gemauerter
+Bogengänge, daß hier einst eine Wasserleitung existirte.
+
+Kurz vor dem Oertchen Lurin lenkten wir unsere Rosse etwas rechts
+nach dem 555 Fuß hohen Hügel +Pachacamac+, auf welchem die Ruinen des
+umfangreichen Sonnentempels stehen.
+
+Pachacamac (Schöpfer der Erde) war der mächtigste Gott der +Yunkas+.
+Als die Yunkas von den +Inkas+ überwunden wurden, warfen diese die
+Götzenbilder aus dem Tempel, weihten ihn der Sonne und bestimmten
+königliche Jungfrauen (Sonnen-Jungfrauen) ein ewiges Feuer darin zu
+unterhalten. So wie die Inkas die Yunkas vertrieben, ihre Götzenbilder
+zerstört, sie gezwungen hatten, die Sonne anzubeten, eben so erging es
+den Inkas später durch die Christen, als Pizarro das Land eroberte.
+Die christlichen Horden verfuhren jedoch mit dem Volke noch grausamer,
+als die Inkas mit den Yunkas. Die Sonnen-Jungfrauen wurden den rohen
+Kriegern übergeben und das Volk durch Feuer und Schwert zur Annahme
+einer neuen Religion gezwungen, die es hassen und verabscheuen mußte,
+da es die Anhänger derselben die schändlichsten Gräuelthaten verüben
+sah! --
+
+Von dem Tempel, den wir von allen Seiten untersuchten, bestehen nur
+mehr einfache Mauerreste, die gleichwohl von seiner ehemaligen Größe
+zeugen. Die wenigen erkennbaren Kämmerchen gleichen kleinen Zellen
+ohne Fenster und erhielten das Licht wahrscheinlich von oben. Auch
+zwei kleine Feuerstellen waren noch zu erkennen. Die Mauern, Wände und
+Wälle sind aus ungebrannten Ziegeln aufgeführt: hie und da besteht
+die unterste Lage aus behauenen Steinen. An einer einzigen Wand
+fanden wir noch ein kleines Stückchen sehr feines und hartes Plaster
+von ziegelrother Farbe, ganz ähnlich wie ich es in den ausgegrabenen
+Häusern zu +Pompeji+ bei Neapel gesehen hatte.
+
+Die schönen Monumente der Peruanischen Bauart stehen bei +Cusco+ im
+Innern des Landes, zweihundert Leguas von Lima. Die Hauptkunst der
+Peruanischen Baumeister bestand darin, die größten Steine ohne Mörtel
+so ineinander zu fügen, daß sie eine Festigkeit bekamen, als wäre das
+Ganze aus einem Stücke gehauen. Noch heut zu Tage liegen die Steine so
+fest auf einander, daß man mit keiner Messerklinge dazwischen dringen
+kann.
+
+Erheiternd ist der Blick von den Ruinen über das zu Füßen liegende
+Thal. Die Umgebung von Lurin ist lieblich; blühende Felder, zartes
+Gebüsch bedecken den ursprünglich sandigen Boden. Als die Spanier
+Peru eroberten, war das Thal von Pachacamac das fruchtbarste an der
+Küste und reich bevölkert. Die Wasserleitung in der Nähe von Chorillos
+spricht noch von jenen schönen Zeiten.
+
+Von den interessanten Denkmälern einer zerstörten Vergangenheit hinweg
+begaben wir uns nach der prosaischen Hazienda +St. Pedro+, die zu dem
+Kloster St. Pedro gehört, große Zuckerpflanzungen und viele Sklaven
+besitzt.
+
+Dergleichen Haziendas werden auf eine bedeutende Anzahl von Jahren
+verpachtet. Jede Verbesserung, die der Pächter anbringt, erhält er zu
+gut gerechnet. Oft belaufen sich zu Ende des Pachtes die Forderungen
+so hoch, daß der Besitzer froh ist, wenn der Pächter um einen geringen
+Preis den Pacht fortbehält. In dieser Hazienda hat der Pächter eine
+Dampfmaschine zum Zuckerpressen (die erste im Lande) errichtet.
+
+Es war Sonntag, und als wir ankamen, endete so eben der Gottesdienst.
+Der ganze Haufen der Sklaven wurde von der Kirche in eine Abtheilung
+des Hofes getrieben und diese geschlossen. Sie gingen singend, lachend
+und lärmend nach ihrem Gefängnisse, aber gerade dadurch kamen sie mir
+wie eine Heerde Vieh vor. Nie ergriff mich eine Scene so sehr, wie
+diese, denn an keinem Orte sah ich die Menschheit so erniedrigt, so
+ganz dem Thiere gleich gestellt. Jede Freude war nun für mich dahin:
+ich konnte dieß Bild nicht aus dem Gedächtnisse streichen.
+
+Die Armen sandten nach Branntwein, den ihnen ihr Herr verkauft; sie
+wollten den Tag mit Trunk, Tanz und Gesang verbringen.
+
+Ich war in Brasilien und in andern Ländern auf vielen Plantagen, die
+mit Sklaven bearbeitet wurden; allein überall sah ich diese besser
+gekleidet, als hier, und nirgends wurden sie eingesperrt.
+
+Die Sklaverei ist in Peru bei der Unabhängigkeits-Erklärung nicht
+aufgehoben, sondern dahin bestimmt worden, daß die von Sklaven
+erzeugten Kinder nach fünfundzwanzig Jahren frei sein sollen. Später
+wurden jedoch statt der fünfundzwanzig Jahre fünfzig festgesetzt.
+Eingeführt darf kein Sklave mehr werden. Betritt ein Sklave
+Peruanischen Boden, so ist er frei; dieß gilt auch von jenem, der
+z. B. von seinem Herrn in ein fremdes Land oder über See mitgenommen
+und wieder zurückgebracht wird. Im allgemeinen sollen die Sklaven gut
+behandelt werden, besonders die Haussklaven, und von den Gesetzen sehr
+in Schutz genommen sein. Der Sklave kann sich, wenn er hart behandelt
+wird, selbst an einen andern Herrn verkaufen; auch läßt man ihnen
+Zeit und Gelegenheit, sich Geld zu verdienen, damit sie sich selbst
+loskaufen können. Die meisten aber ziehen es vor, das Verdiente in
+Branntwein zu vertrinken und den Brodherrn für ihre Bedürfnisse sorgen
+zu lassen.
+
+Herr Rodewald hatte einen Sklaven, dem er die Freiheit schenken wollte;
+dieser wies das Geschenk zurück, mit der Bemerkung, daß er sorgenloser
+lebe, wenn ihn sein Herr behalte.
+
+Den Rückweg nach Chorillos nahmen wir durch die +Playas+, d. h. an der
+Meeresküste.
+
+Die Nacht blieb ich in dem Badeorte und am folgenden Morgen fuhr ich
+nach +Miraflores+, einem Dörfchen, auf halbem Wege zwischen Chorillos
+und Lima gelegen. Auch hieher ziehen viele Familien aus der Stadt,
+um in den Sommermonaten eine bessere, frischere Luft zu genießen.
+Niedliche Ranchos (Sommerhäuschen) mit Gärten und ein hübscher Platz
+zieren das freundliche Oertchen; im Vergleich zu Chorillos könnte man
+Miraflores ein kleines Eden nennen.
+
+Ich verlebte hier zwei sehr angenehme Tage in Gesellschaft der beiden
+geistreichen, höchst gebildeten Frauen +Smiths+ und +Dardnell+. Erstere
+Dame ist eine ausgezeichnete Malerin, Madame Dardnell mit einer schönen
+Stimme begabt, und beide sind höchst achtungswerthe, liebenswürdige
+Hausfrauen.
+
+Nach Lima zurückgekehrt, dachte ich an die Fortsetzung meiner
+Wanderungen.
+
+Ich war mit der Absicht nach Lima gekommen, von hier aus die
+Cordilleren zu überschreiten, nach +Loretto+ an den Amazonenstrom, und
+von dort mit den Brasilianischen Dampfern nach +Para+ (an der Ostküste
+Amerika’s) zu reisen. Allein die Revolution hinderte die Ausführung
+dieses Planes. Sie hatte sich gerade nach den Gegenden gezogen, durch
+die ich sollte. Ich hätte weder Führer noch Maulthiere bekommen, denn
+bei Revolutionen oder Kriegen nimmt hier Freund wie Feind Leute und
+Thiere in Beschlag; erstere werden den Soldaten eingereiht, letztere
+für die Kavallerie oder Artillerie benützt.
+
+Vergebens wartete ich bis gegen Ende Februar, die Lage der Dinge
+änderte sich nicht, man rieth mir daher, mein Glück über +Quito+ zu
+versuchen. Ich war dazu um so mehr geneigt, als mir Herr +Muncajo+,
+~Chargé d’affaires~ der Republik Ecuador, sehr viel von Seite
+seines Gouvernements versprach. Er sagte mir, daß der Präsident
+sein besonderer Freund sei, daß er mir Briefe an ihn, wie auch an
+andere hochgestellte, wichtige Personen geben, daß sich der Präsident
+sicher selbst sehr für meine Reise interessiren und sie auf alle Art
+unterstützen werde.
+
+Im Vertrauen auf diese Versicherungen und wohl ausgerüstet mit einem
+Dutzend, wie ich meinte, sehr gewichtiger Briefe, begab ich mich
+fröhlichen Muthes auf die Reise, und ging auf dem Dampfer +Santiago+,
+Kapitän +Joy+, wieder zurück nach Guayaquil.
+
+
+ [9] Den Antritt des neuen Jahres feierte ich in Panama bei Dr.
+ Autenrieth.
+
+ [10] Aber nicht so süß und aromatisch, wie im Ostindischen Archipel.
+
+ [11] Man hat berechnet, daß auf den Chincha-Inseln allein noch ein
+ Vorrath von mehr als zwölf Millionen Tonnen Guano vorhanden
+ sei. Die Regierung verkauft den Guano auf eigene Rechnung in
+ Europa und Nordamerika und gewinnt per Tonne fünfzehn bis
+ fünfundzwanzig Dollars.
+
+ [12] Wie ich später in Zeitungen las, endete die Revolution mit dem
+ Sturze des Präsidenten.
+
+ [13] Alle, deren Hautfarbe der weißen nur etwas nahe kommt, nennen
+ sich „Alt-Spanier,“ sie wünschen sehr, zu dieser Race gezählt zu
+ werden. Kreolen heißen jene, die von echt Europäischen Eltern
+ geboren sind.
+
+ [14] Ein Esel trägt für gewöhnlich zweihundert, ein Maulthier
+ dreihundert Pfund.
+
+ [15] Die Jahreszeiten, bekanntlich jene der nördlichen Hemisphäre,
+ sind entgegengesetzt.
+
+
+
+
+Sechzehntes Kapitel.
+
+ Ecuador. -- Reise nach Quito. -- Fahrt auf dem Guaya. -- Savanetta.
+ -- Die Tambos. -- Der Camino real. -- Guaranda. -- Uebergang über
+ die Cordilleren nächst dem Chimborazo-Gipfel. -- Die Hochebenen von
+ Ambato und Latacungo. -- Ausbruch des Cotopari. -- Haziendas-Besitzer.
+
+
+Auf dem Dampfer Santiago fand ich die Kabinen besetzt und bekam
+einen Platz in der bereits beschriebenen Kajüte auf dem Vorderdecke
+angewiesen. Ich kam Abends an Bord und mußte den Weg dahin im Finstern
+suchen -- der Zugang war nicht einmal mit einem Lämpchen erleuchtet.
+Ich tappte über die Achsen der Wasserräder durch Kohlenschmutz und
+Nässe, gerieth zu weit links, und stieß -- an die Hörner von Ochsen,
+die, wie ich am folgenden Morgen sah, kaum zwei Schritte von dem
+Eingange der Kajüte standen. Mich rechts wendend, fiel ich über einen
+Kohlenhaufen, der noch nicht eingeräumt war und gerade vor unserer
+Thüre lag -- eine höchst comfortable Einrichtung, die der Reisende aber
+auch mit schwerem Gelde bezahlen muß.
+
+Am +1. März+ erreichten wir Guayaquil.
+
+In dieser, der wichtigsten Hafenstadt des Reiches Ecuador, gibt es
+keinen Gasthof. Jeder Reisende muß sich mit Briefen an Familien
+versehen, um irgend wo aufgenommen zu werden. Ich wagte es, ohne Brief
+zu dem Hamburger Konsul Herrn +Garbe+ zu gehen, der mir sein Haus auch
+gastfreundlich öffnete.
+
+Ecuador hat sich im Jahre 1830 von dem Spanischen Mutterlande
+losgesagt und als Republik erklärt. Die Bevölkerung des Landes besteht
+aus 400,000 Seelen, die Staatseinkünfte betragen 900,000 Dollars,
+die Ausgaben bedeutend mehr; dessen ungeachtet hat der Staat keine
+Schulden. Die Regierung macht einen kurzen Prozeß und zahlt die Gehalte
+meistens nur zur Hälfte. Die Regierungsform ist dieselbe wie in Peru.
+
+Die Hauptausfuhr des Landes besteht in Cacao (jährlich fünfzehn,
+sogar bis fünfundzwanzig Millionen Pfund), Kaffee noch wenig, aber
+von vorzüglicher Güte, vielen heilsamen Kräutern und Pflanzen,
+schön geflochtenen und sehr dauerhaften Strohhüten (dreißig bis
+vierzigtausend Stück per Jahr), die in ganz Südamerika von Männern und
+Frauen getragen werden.
+
+Ich kam unglücklicher Weise nach Guayaquil zur Regenzeit, die im Monat
+December beginnt, bis halben April währt, und natürlich zur Reise in
+das Innere die ungünstigste ist. Man sagte mir, die Wege seien so
+schlecht, daß jeder Verkehr mit der Hauptstadt des Landes (Quito),
+die Post ausgenommen, für diese Zeit unterbrochen werde. Der Postbote
+selbst habe die größte Mühe durchzukommen und müsse oft auf Bäume
+klettern und sich von einem zum andern an den Aesten fortschwingen, um
+derart über die grundlosen Sümpfe zu gelangen. Ich dachte aber, daß
+manches von der Beschreibung übertrieben sein möge; auch traute ich mir
+noch so viel Kraft und Ausdauer zu, eben so gut fortkommen zu können,
+wie der Postbote, und traf meine Anstalten zur Reise.
+
+Wider meinen Willen war ich gezwungen, meine Reise drei Wochen
+zu verzögern, da ich abermals einige Anfälle des abscheulichen
+Sumatra-Fiebers hatte.
+
+Während meines Aufenthalts zu Guayaquil wurde der Unabhängigkeits-Tag
+(+6. März+) gefeiert. Vormittags fand in der Kirche ein Hochamt statt,
+Abends eine Beleuchtung. Letztere war über alle Maßen erbärmlich, kaum,
+daß hie und da ein Paar Kerzen an einem Fenster prangten. Am folgenden
+Abend ward dasselbe Kinderspiel wiederholt. Zugleich mit diesem
+Feste wurde die Sklaverei gänzlich aufgehoben, welche, vermöge eines
+Vertrages bei der Unabhängigkeits-Erklärung, noch zehn Jahre länger,
+nämlich bis 1864, hätte dauern sollen.
+
+Am +22. März+ ging ich Abends 5 Uhr mit dem Postboten in einem kleinen
+Boote nach dem Städtchen +Bodegas+ ab.
+
+Man hatte mich zu überreden gesucht, einen Diener mitzunehmen,
+besonders weil ich der Spanischen Sprache nicht mächtig sei, und weil
+in den Gebirgen während der Regenzeit, wo jeder Verkehr unterbrochen
+ist, die Tambos (Schenken) unbewohnt wären; die Leute gingen für diese
+Zeit in die Niederungen, ich könnte daher weder einen Trunk Wasser,
+noch Feuer oder sonst etwas bekommen. Trotz meinem Abscheu gegen solche
+Diener ließ ich mich leider dazu bewegen -- die Folge zeigte, daß ich
+auch dießmal Unrecht hatte, nachzugeben.
+
+Bodegas liegt 15 Leguas stromaufwärts an dem Flusse Guaya. Wir hatten
+eine häßliche Nacht: es war stockfinster und der Regen strömte
+unausgesetzt auf uns herab.
+
++23. März.+ Nachmittags landeten wir an der Treppe des ersten Beamten
+von Bodegas. Das ganze Städtchen steht während der Regenzeit so tief
+unter Wasser, daß man in Booten von einem Hause zum andern fährt. Die
+Häuser sind auf Pfähle gebaut.
+
+Als ich die wenigen Stufen hinan stieg, hob ein Neger mein kleines
+Gepäck aus dem Boote und trug es mir nach; ich hielt ihn für den Diener
+des Hauses. Kaum hatte er es jedoch abgelegt, so verlangte er zwei
+Realen[16] für diese unbedeutende Mühe. Der Beamte so wie mein Diener
+hörten dieß unverschämte Begehren; allein weder der eine noch der
+andere machten die geringste Einwendung: weil das Zahlen nur mich und
+nicht sie anging, waren sie zu träge, den Mund zu öffnen. Ich erzähle
+absichtlich dergleichen Prellereien und Betrügereien, um meinen Lesern
+einen Begriff von diesem abscheulichen Volke zu geben, und zugleich zu
+beweisen, daß ich Recht habe, wenn ich behaupte, mich als einzelne,
+schutzlose Frau unter den Wilden überall besser befunden zu haben, als
+unter Christen. Ueberall, wo ich hinkam, hieß es zwar in diesem Lande:
+„~Pobrezita Sennorita~;“ dabei war man aber schon bedacht, wie man
+dieser „armen Frau“ ihr bischen Geld abnehmen könnte.
+
+So hatte ich z. B. einen Brief an einen Kaufmann in Bodegas, Herrn
++Verdesotto+. Dieser Mann kam zu mir, und seine erste Frage war, ob
+ich einen Sattel habe. Als ich es verneinte, sagte er, ich müsse
+durchaus einen solchen haben, da man mir keinen mit den Maulthieren
+vermiethen werde; er besitze einen sehr guten, beinahe ganz neuen,
+den er mit einer Unze bezahlt habe; aus Rücksicht der Empfehlung wolle
+er ihn mir um die Hälfte überlassen. Als er sah, daß ich zu dem Handel
+nicht geneigt war, erklärte er, mich ohne Sattel nicht fortlassen zu
+können, und wollte mir denselben um acht Thaler geben. Ich bezahlte das
+Geld, und er sandte mir einen Sattel, der so schlecht, zerrissen und
+erbärmlich war, daß man ihn kaum mehr gebrauchen konnte[17]. Derselbe
+ehrliche Mann wollte mich auch noch um einen halben Thaler mehr
+betrügen. Er hatte für mich für den kommenden Tag ein Boot von hier
+nach +Savanetta+ bestellt, sagte der Preis sei 2½ Thaler und verlangte
+im voraus das Geld. Zufällig erfuhr ich von dem Beamten, bei welchem
+ich wohnte, daß man nur zwei Thaler zu bezahlen habe; der Betrüger
+mußte mir daher einen halben Thaler wiedergeben.
+
+In dem Hause des Beamten aß ich zum ersten Male nach der Landessitte.
+Das Mahl fing mit der Sopa an, einer Art Wassersuppe mit Fett,
+Kartoffeln und vielem rothen Pfeffer, dann kamen kleine Stückchen
+geröstetes Fleisch, Reis, geröstete Pisangs, und zum Schlusse Locro,
+ein Mittelding zwischen Sauce und Suppe, aus kleinen Fleischstückchen,
+Brod, Käse, ein Paar hart gekochten Eiern und rothem Pfeffer
+bestehend. Als Nachtisch fungirte eine Süßigkeit unter dem allgemeinen
+Namen Dulce (Früchte, zu einer Sulze in Zucker gekocht), ohne welche
+der Reichste wie der Aermste (den Indianer ausgenommen) keine Mahlzeit
+schließen kann; der Arme begnügt sich mit Syrup (Molasses); aber süß
+muß die Mahlzeit enden.
+
+Zum Schlafen wurde mir eine Hängematte angewiesen; glücklicher Weise
+gab es keine Mosquitos, weshalb ich auch ohne Netz schlafen konnte.
+
+Die Hängematten sind hier wie in Peru so beliebt und so im Gebrauche,
+daß eher jedes Möbel, nur dieses nicht, fehlen darf. Den ganzen Tag
+über wiegt sich alles in Hängematten, jeder Besucher trachtet einer
+solchen habhaft zu werden. Mädchen und Frauen verrichten sogar die
+Handarbeiten in schaukelnder Bewegung.
+
++24. März.+ Savanetta, 5 Leguas. Von dem Postboten hatten wir uns schon
+gestern getrennt; dieser setzte seine Reise ohne Unterlaß fort.
+
+Savanetta ist ein kleines, schmutziges Oertchen mit elend gebauten,
+strohgedeckten Bambushütten. Aus seinem Aeußeren würde man auf größte
+Armuth schließen; dessen ungeachtet soll sein Handel ziemlich bedeutend
+sein. Es ist der Hauptstapelplatz der Lebensmittel und Waaren, welche
+von und nach den Cordilleren gebracht werden. Die höher gelegenen
+Gegenden liefern hauptsächlich Kartoffeln, Butter, Käse, Schweinefett,
+Eier, Geflügel; auch die meisten Säcke zur Verpackung der Cacaobohnen
+werden in den Gebirgen verfertigt. Alles wird hier in kleine Boote oder
+auf Thiere geladen, erstere gehen auf dem Savanetta-Flusse nach dem
+Guaya, auf diesem nach Guayaquil, letztere mit Salz, Zucker, Kaffee und
+anderen Waaren nach Quito und anderen Gegenden.
+
+Mädchen und Frauen sahen durch die Nachlässigkeit in der Kleidung
+ekelhaft aus. Sie tragen Kleider nach Französischem Schnitt, sind
+aber zu bequem, sich in die engen Leiber derselben zu pressen. Sie
+lassen sie lose herab fallen; eben so luftig hängt das Hemd über die
+Achseln. Die Leute kamen mir wie Megären vor. Die Negerinnen bedienen
+sich derselben Tracht, nie aber sah ich sie an einer Indianerin.
+Letztere tragen gefärbte wollene Röcke und ein drei Ellen langes, eine
+Elle breites Stück Wollenstoff, das sie gleich einem Shawl über den
+Obertheil des Körpers schlagen.
+
+In der trockenen Jahreszeit macht man die Reise schon von Bodegas aus
+zu Lande; in der jetzigen aber ging es noch eine Legua über Savanetta
+hinaus zu Boot. Doch mußte ich hier Maulthiere miethen. Bei dieser
+Gelegenheit zeigte es sich, daß mich mein Diener betrogen hatte. Ich
+nahm ihn nach Quito, wohin er ohnedieß zu gehen hatte, unter der
+Bedingung mit, daß ich nur ein Maulthier für ihn, aber keins für sein
+Gepäck zu bezahlen habe. Als ich bei der Abreise von Guayaquil in dem
+Boote vieles Gepäck sah, sagte er, es gehöre nicht ihm; der Bootführer
+habe es da- oder dorthin zu bringen. Hier erwies es sich, daß es dem
+Schurken, meinem Diener gehörte, der nach Quito ging, um zu handeln. Er
+mußte für sein Gepäck ein Thier miethen, dessen Zahlung natürlich bei
+der meinigen eingerechnet wurde. Zum Glück kam die Reise doch nicht so
+hoch zu stehen, als ich dachte; der Preis per Maulthier bis Quito (62
+Leguas) betrug nur zehn Thaler.
+
+Die Nacht in Savanetta gehörte zu den schlechtesten, obwohl ich nicht
+ohne Empfehlungsbrief gekommen war. Ich fing schon früh an, einen
+geringen Begriff von der Gastfreundschaft dieses Landes zu bekommen.
+Sie steht bei weitem nicht auf dem Höhepunkt, auf welchem ich sie unter
+den Arabern, Beduinen oder den wilden Völkern Borneo’s und anderer
+Länder gefunden habe. In Bodegas betrog mich der eine, an den ich einen
+Brief hatte, mit dem Sattel, der andere, bei dem ich wohnte, wies mir
+eine Hängematte zum Schlafen an, während die Uebrigen vom Hause in
+Betten unter Mosquito-Netzen schliefen, und ließ mich Morgens, obwohl
+es schon gegen 9 Uhr war, ohne Imbiß aus seinem Hause ziehen. Hier
+mußte ich in eine Garküche gehen, um meinen Hunger zu stillen, und
+Nachts auf dem Boden schlafen, in einem Gemache mit vielen Leuten, die
+rund um mich ihre Mosquito-Netze aufzogen. Mir gab man keins, obwohl es
+hier ganze Schwärme dieser abscheulichen Thiere gab.
+
++25. März.+ +Playas+, 4 Leguas. Erst um 9 Uhr kamen wir fort. Die
+erste Legua machten wir in einem kleinen Kahne, der von den Leuten
+mehr fortgestoßen und gezogen, als gerudert wurde. Dann ward meine
+Geduld noch eine ganze Stunde auf die Probe gestellt, bis die Thiere
+erschienen. Die Umgebung glich einem Sumpfe, wir setzten uns auf
+abgehauene Baumstämme und erwarteten so die Maulesel. Die ferneren
+drei Leguas waren zwar sehr schlecht: es ging beständig durch Morast
+und Wasser, allein der Beschreibung nach hatte ich es mir noch ärger
+vorgestellt. Eine große Entschädigung für den schlechten Weg bot mir
+der Anblick der schönen Waldungen, durch die wir ritten. Obgleich
+die Bäume weder sehr hoch noch sehr umfangreich waren, fand ich hier
+doch eine so reiche, herrliche Vegetation, eine solche Fülle der
+schönsten, mannigfaltigsten Flora, wie sie mir auf allen meinen Reisen
+nur in Brasilien vorgekommen ist. Wenn die Sonne nur einigermaßen
+durch das Gewölk drang, schwärmte sogleich eine große Anzahl der
+verschiedenartigsten, buntgefärbtesten Schmetterlinge und Libellen
+umher, sich scherzend verfolgend oder auf den Blumen wiegend. Einige
+dieser holden Schwärmer fielen mir zur Beute; wie ein tüchtiger Jäger
+nie ohne Gewehr, war ich nie ohne Schmetterlingsnetz, und da das Reiten
+sehr langsam ging, konnte ich, auf dem Maulthiere sitzend, gar manchen
+Gefangenen machen.
+
+In Playas betrat ich zum ersten Male einen Tambo, d. h. eine Art
+Schenke, meistens eine erbärmliche Hütte, gerade groß genug, den
+Eigenthümer sammt Familie nebst einigen Gästen gegen das Unwetter zu
+schützen. In derlei Schenken findet der Arriero (Eseltreiber) ein Glas
+Branntwein, die Thiere Klee, der Reisende, wenn es gut geht, eine
+Portion Sopa. Wir waren nicht so glücklich. Die Bewohner hatten keine
+Reisenden erwartet und so wenig gekocht, daß sie uns nichts überlassen
+konnten. Ein zweites Mal ihre Kochkunst zu entfalten, dazu waren sie
+viel zu faul. Ich hatte Käse und Brod bei mir, an Wasser fehlte es
+nicht, und ich gab mich daher zufrieden. Für die Nacht mußte ich mit
+der offenen Veranda vorlieb nehmen, die das Wohngemach umgab.
+
++26. März.+ +Jorje+, 6 Leguas. Heute erhielt ich schon einen
+richtigeren Begriff von den hiesigen Wegen in der Regenzeit, und
+fand es sehr natürlich, daß niemand reist, wenn nicht das wichtigste
+Geschäft ruft. Wir hatten viel bergauf zu steigen, das Erdreich war
+weich und lehmig, die Thiere glitten vor- und rückwärts aus, sanken
+von einem Loch in’s andere, von Pfütze in Pfütze; es galt noch als
+ein Glück, wenn Löcher und Pfützen nicht grundlos waren, und die
+Thiere sich herausarbeiten konnten; aber oft versanken sie so tief,
+daß man absteigen und ihnen die Lasten abnehmen mußte. Gerade an den
+schlechtesten Stellen hieß es: zu Fuße gehen. Ich kam kaum vorwärts,
+glitt und fiel fast bei jedem Schritte. Zwar rief ich meinen Diener;
+aber weil ich nur eine Frau war und seine Maulthiere leider schon
+bezahlt hatte, ging er ruhig seines Weges und überließ mich meinem
+Schicksale. Einer der Arrieros, ein Indianer, nahm sich meiner an,
+zog mich aus den Pfützen und half mir fort. Wir hatten zu einer Legua
+durchschnittlich zwei starke Stunden nöthig. Auch mehrere Gießbäche
+warfen sich über den Weg; sie waren jetzt tief und reißend, mitunter
+höchst gefährlich; im Sommer soll von den meisten das Flußbett kaum
+benetzt sein.
+
+Die Gegend war schön: man hatte herrliche Ueberblicke üppiger
+Gebirgsthäler, von Hügeln durchzogen und von den ersten Ketten der
+Cordilleren umschlossen.
+
+In dem Tambo zu Jorje fand ich ausnahmsweise ein gedieltes Zimmer
+zum Schlafen und eine Sopa. Alles war zwar ekelhaft und schmutzig;
+aber das muß man in diesen Ländern nicht so genau nehmen, und dem
+Himmel danken, wenn man ein Obdach und ein dampfendes Gericht findet,
+besonders in solcher Jahreszeit, wo die Tambos häufig geschlossen oder
+die Leute auf den Besuch der Reisenden nicht vorbereitet sind.
+
+Wir waren diesen Tag so unvorsichtig gewesen, unserem Arriero voraus zu
+reiten; zur Strafe hatte ich für die Nacht nichts von meinem Gepäcke,
+nicht einmal meine wollene Decke; ich vermochte kaum zu schlafen vor
+Kälte, die hier Nachts schon sehr empfindlich ist. Die beladenen Thiere
+konnten der gräßlichen Wege halber nicht bis Jorje gelangen.
+
++27. März.+ +Bogia+, 2 Leguas. Diesen Morgen kamen wir erst nach 9
+Uhr fort, da wir unsere Thiere erwarten mußten. Die Wege waren heute
+noch schrecklicher als gestern; wir hatten den sehr bedeutenden Berg
++Angos+ zu ersteigen. Glücklicher Weise trafen wir zu Jorje einen Zug
+leer gehender Thiere, die demselben Eigenthümer gehörten, von welchem
+wir die unseren gemiethet hatten. Das Gepäck wurde abgetheilt und den
+leeren Thieren aufgebürdet. Trotz dieser Abhilfe verzweifelten die
+Leute beinahe, an einigen Stellen durchzukommen. Nachdem wir die Hälfte
+des Berges erstiegen hatten, wozu wir sieben Stunden benöthigten, wurde
+beschlossen, in dem ersten besten Tambo einzukehren, weil weder wir
+noch die Thiere weiter konnten.
+
+Ich kam so durchaus beschmutzt an, daß ich aussah, als hätte ich
+ein Schlammbad genommen. Die Schuhe nebst dem Regenmantel gab ich
+meinem Diener, sie zu reinigen; allein er ließ sie liegen und that
+mir durchaus keine Dienste. Es war gerade, als hätte ich ihn nur
+mitgenommen, um das Vergnügen zu haben, seine Maulthiere und seine Kost
+zu bezahlen. Ich mußte Schuhe und Mantel selbst waschen, und konnte mir
+sogar das hierzu nöthige Wasser nur mit Mühe verschaffen, denn obwohl
+in diesen Gegenden überall der größte Ueberfluß an Holz und Wasser ist,
+findet man davon in den Hütten doch keine Vorräthe. Die Trägheit der
+Leute geht so weit, daß sie nicht einmal hinein schaffen, was vor der
+Thüre liegt. Das Wasser holen sie in Töpfen, die kaum zwei Flaschen
+enthalten; ein größeres Gefäß zu tragen, wäre schon eine viel zu
+beschwerliche Arbeit. Zum Waschen der Hände und des Gesichts erhält man
+höchstens eine kleine Tasse voll. Ich sah nicht selten die Kartoffeln
+in dem Wasser waschen, in welchem die Leute erst sich selbst, dann
+das Kochgeschirr gereinigt hatten. Eben so sparsam wird mit dem Holze
+umgegangen. An ein Trocknen der durchnäßten Kleidung ist nicht zu
+denken, da kaum so viel Feuer vorhanden ist, um die Sopa zu kochen.
+
+Der Tambo Bogia war einer der schlechtesten. Die Hütte hatte kaum
+Raum für die Familie und die Feuerstelle. Ich mußte mein Quartier vor
+der Hütte auf einer hölzernen Bank aufschlagen. Gewöhnlich springt
+das Dach so weit vor, daß man gegen den Regen geschützt ist, was wir
+wahrhaftig sehr nöthig hatten, denn Regen war auf dieser Reise unser
+steter Begleiter. Selten zerstoben die schweren Wolken auf Augenblicke
+und ließen uns die wundervollen Naturschönheiten gewahren. Welch’
+entzückende Gebirgswelt! Welche Massen von Bergen und Bergketten. Die
+niedlichsten, üppigsten Thäler lagerten dazwischen, oft tief, tief
+unter uns. Das Geräusch der tosenden Wildbäche schlug nicht einmal
+an unser Ohr, wir sahen nur den Lichtstreifen in der Tiefe, gleich
+einem Silberfaden. Was für einen hinreißenden Zauber muß diese Reise
+in schöner Jahreszeit entfalten! Entschädigten mich doch jetzt die
+seltenen Momente der Anschauung überreich für die unzähligen Mühen und
+Leiden. --
+
+Diese Nacht um 11 Uhr fühlte ich vier gleichmäßige Erdstöße von Süden
+nach Norden; sie folgten ziemlich rasch auf einander; kaum hatte ich
+Zeit, zur Ueberzeugung zu gelangen, daß es ein Erdbeben sei. Ich
+sprang von meinem Lager auf -- in demselben Augenblicke stürzten die
+Einwohner unter dem Rufe „~Misericordia!~“ aus der Hütte und warfen
+sich auf die Kniee.
+
+Nach überstandener Gefahr sagten sie mir, daß dieses Erdbeben wie
+zwei andere, die sie kürzlich verspürten, von dem Vulkane +Cotopaxi+
+herrühre, welcher gegenwärtig so thätig sei, wie er es seit 57 Jahren
+nicht gewesen.
+
++28. März.+ +Tamboco+, 6 Leguas. Lange ging es noch den Angos hinauf
+-- wir hatten heute wie gestern zu steigen. Einen Theil des Weges
+nannte man „+Camino real+.“ Ein ähnlich schlechter, unausgesetzt
+halsbrecherischer Weg wie dieser ist mir nirgends vorgekommen. Ich
+stieg oft von meinem Thiere ab, und mußte, um nicht fortwährend
+zu gleiten, gleich den Indianern mit bloßen Füßen gehen -- eine
+unangenehme Aufgabe, da es beständig regnete und kalt war. Besonders
+eisig waren die Gebirgswässer, die sich respektlos über den
+„königlichen Weg“ ergossen.
+
+Statt schöner Aussichten umhüllten uns Nebel und Wolken. Bald senkten
+sie sich in dichten Massen auf uns nieder, daß wir kaum dreißig
+Schritt weit sehen konnten, bald ließen sie die Höhen etwas freier,
+verdeckten dagegen die Tiefe unter uns. Zuweilen zerriß wohl auch das
+graue Leichentuch, und wie durch Fensterchen sahen wir dann auf die
+blühenden, in der Sonne erglänzenden Landschaften. Besonders reizend
+war dieses Bild durch den auffallend bezeichneten Uebergang der
+Vegetation von der tropischen Zone in die gemäßigte; hier wucherten die
+Palme, der Kaffee- und Cacaobaum, die Banane, das saftige Zuckerrohr,
+etwas höher hinauf erinnerten mich die mit Getreide, Kartoffeln,
+Feldbohnen, Klee[18] bepflanzten Felder an meine Heimath.
+
+Wenn man so schöne, reiche Gegenden sieht, sollte man meinen, die
+Bewohner müßten damit übereinstimmen -- leider ist dieß hier weniger
+der Fall als irgendwo. Die erbärmlichen Hütten des Volkes sind von
+Strauchwerk geflochten, mit Erde überworfen; keine Oeffnung außer dem
+Eingange verbreitet Licht über die grenzenlose innere Dürftigkeit. Da
+gibt es weder Betten noch Hausgeräth, noch Kisten und Körbe, da die
+Leute nichts zu bewahren haben. Sie schlafen entweder auf dem nackten
+Erdboden oder höchstens auf einem Bambus-Gestelle mit einer Strohmatte
+überlegt, in den einzigen Kleidungsstücken, die sie besitzen, und die
+sie so lange tragen, bis sie als Lumpen vom Körper fallen. So dürftig
+wie ihre Wohnung und Kleidung ist ihre Nahrung. Sie leben durchgehends
+schlecht, die Indianer beinahe ausschließend nur von Gerste, die sie
+ein wenig rösten und zu Pulver stoßen. Dieses Mehl essen sie für
+gewöhnlich ohne alle Beimischung in trockenem Zustande, oder sie rühren
+es mit Wasser ab und trinken es. Wenn sie auf einige Zeit vom Hause
+gehen, nehmen sie nichts mit als solches Mehl in einem ledernen Sacke.
+Auch der wohlhabende Alt-Spanier genießt es zuweilen, mischt dann aber
+gewöhnlich etwas Zucker bei, wodurch es einen ziemlich guten Geschmack
+erhält. Auf langen Reisen nimmt er es gleichfalls mit, und mischt dann
+nebst Zucker zerriebenen Cacao und Zimmet bei. Auf diese Art bereitet,
+ist es nicht nur ein sehr schmackhaftes, sondern auch ein sehr gesundes
+und nahrhaftes Gericht. Man braucht wenig Raum, um es mitzuführen und
+weder Feuer noch Topf zum Kochen. Der Soldat auf Märschen hat selten
+eine andere Nahrung als Gerstenmehl.
+
+Daß die Indianer die Parias dieses Landes sind, ist leicht
+begreiflich; aber selbst bei den Alt-Spanischen Bauern, ja sogar
+bei den Hazienda-Besitzern sieht man selten äußerlich anscheinende
+Wohlhabenheit. Und doch stehen sich viele, z. B. die Eigenthümer von
+Tambos, gewiß nicht so schlecht, um in einem so elenden Zustande zu
+leben. Sie lassen sich ihre Sopa, ihren Klee verhältnißmäßig sehr
+gut bezahlen. Sie begehren für ein paar Löffel dieser erbärmlichen
+Wassersuppe, die nichts als einige Kartoffeln und etwas rothen
+Pfeffer enthält, einen Medio[19], eben so viel für die Fütterung eines
+Maulthieres. Im Sommer nehmen sie des Tages oft mehrere Thaler ein,
+ohne Ausgaben zu haben, denn jeder Wirth ist zugleich der Erzeuger der
+Produkte, die er verkauft.
+
+Diesen Nachmittag stieß ein kleiner Trupp von acht Llamas zu uns. Ich
+fühlte mich ganz glücklich, diese lieben Thiere mit ihren schlanken
+Hälsen, ihrer stolzen Haltung, ihren sanften Augen um mich zu sehen.
+Ich schreibe meine Vorliebe für die Llamas der Geschichte Robinson
+Crusoe’s zu, die ich als Kind gelesen. In Verbindung mit dieser
+Geschichte kehrten bei dem Anblicke dieser Thiere die Erinnerungen
+meiner frühen Jugend in mein Gedächtniß zurück.
+
+Der Tambo zu Tamboco war im Vergleich zu dem vorigen ein Palast. Er
+war aus ungebrannten Ziegeln erbaut und bestand aus einem großen
+Gemache mit einem halben Dutzend hölzerner Schragen zum Schlafen. Ein
+Theil des Gemaches diente zwar zur Bewahrung der Feldgeräthschaften,
+und das ganze war voll Schmutz und Unrath; doch war man vor Wind und
+Wetter wohl geschützt und nicht gezwungen, mit den Tambo-Besitzern in
+Gemeinschaft zu leben.
+
+Eine sonderbare Sitte herrscht in diesem Lande. In den Tambos, wo man
+übernachtet und Abends etwas genießt, muß man sogleich bezahlen, da
+der Wirth dem Gaste nicht bis zur Abreise traut, obgleich er dessen
+Thier nebst der Ladung unter seinen Händen hat, ein Beweis, welche hohe
+Meinung die Leute selbst von einander haben.
+
++29. März.+ +Guaranda+, 5 Leguas. Heute gab es nur hie und da schlechte
+Stellen; der größte Theil des Weges war ziemlich gut. Wir waren nun der
+schönen Gebirgskette, deren Haupt der Chimborazo ist, schon ganz nahe;
+allein Nebel und Wolken hielten uns den edlen Ahnherrn sammt seiner
+riesigen Verwandtschaft gänzlich verborgen. Wir mußten uns mit dem
+Anblicke der nahen Thäler begnügen, deren Hügelreihen mit den üppigsten
+Pflanzungen prangten.
+
+Der Pueblo (Markt, Dorf) Guaranda liegt in einem schönen, beinahe
+zirkelrunden Thale, am Fuße des Chimborazo. Ich stieg hier bei einem
+ziemlich wohlhabenden Hazienda-Besitzer ab und wurde freundlich
+aufgenommen.
+
+Ich kam gerade zu einer kleinen Feierlichkeit zurecht; es wurde ein
+acht Monate altes Kind reicher Leute begraben. Da in kleinen Orten
+alles Aufsehen erregt und das Volk erscheinen macht, besonders in
+einem Lande wie dieses, wo die Leute an Arbeiten nicht gewöhnt sind
+und daher Zeit genug haben, so sah ich bei dieser Gelegenheit die
+schöne und unschöne Welt vereint. Das Kindchen saß in einer Art kleiner
+Loge, die mit weißem Musselin drapirt, mit Gold- und Silberfransen und
+Blumen verziert war, und mittelst Stangen getragen wurde. Der Kopf des
+Kindes war durch eine Schlinge um den Hals an den oberen Theil der Loge
+befestigt, aber so lose, daß er hin und her schwankte. Dieß machte
+einen abscheulichen Eindruck, denn es sah aus, als wäre das Kindchen
+aufgehangen. Dem Zuge folgte Musik, aus zwei Violinen und einer
+Harfe bestehend, welch’ letztere auf den Rücken zweier Jungen ruhte.
+Der Spieler riß von Zeit zu Zeit einen jämmerlich klingenden Accord
+herunter. Auf dem Friedhofe wurde das Kind in einen kleinen Sarg gelegt.
+
+Die Leute sahen hier schon viel blühender aus als in der heißen Gegend
+von Guayaquil. Die Kinder besonders waren mit ihren rothen Backen, den
+großen, feurigen Augen gar hübsch anzusehen. Auch an schönen Frauen
+und Mädchen gab es keinen Mangel, besonders unter der wohlhabenden
+Klasse. Die reinen Indianer sind gerade nicht hübsch, doch auch nicht
+unangenehm. Der Kopf ist ein klein wenig zusammen geschoben, der Körper
+gedrungen, die Augen bei vielen etwas schmal geschlitzt (doch haben
+sie mitunter auch schöne Augen), die Nase etwas breit, aber bei weitem
+nicht so gequetscht, wie bei den Malaien. Auch der Mund ist nicht gar
+so groß und häßlich wie der Malaische, die Zahnkiefer sind gut geformt,
+die Zähne glänzend weiß. Ihre Hautfarbe ist schmutzig bräunlich-gelb.
+Am meisten entstellt sie das Haar, welches in größter Unordnung um das
+Gesicht flattert; hätten sie es besser geordnet, so würden sie sich im
+ganzen nicht übel ausnehmen.
+
+Die Kleidung der Alt-Spanier, desgleichen der Indianer, ist wie in
+Peru. Die Frauen und Mädchen tragen hier Umschlagetücher, die zugleich
+den Kopf und das halbe Gesicht verbergen. Sogar zu Hause lieben sie
+es, ihren höchst nachlässigen Anzug mit solch einem Tuche zu bedecken.
+Sie sind beständig so eingewickelt, daß sie kaum die Hände gebrauchen
+können. Freilich haben sie dieß auch nicht nöthig, denn arbeiten ist
+nicht ihre Leidenschaft. Ich sah bei Familien, in welchen es drei bis
+vier erwachsene Töchter gab, Kleider und Wäsche in dem elendesten
+Zustande, die Kinder in Lumpen herum laufen, mit nackten Füßen oder
+ganz zerrissenen Schuhen; man hätte sie für Bettelkinder halten
+können. Dergleichen beleidigt das Auge der Leute nicht, weder Mütter
+noch Töchter gewahrte ich je beschäftigt, zerrissene Wäsche oder
+Kleidungsstücke auszubessern; dagegen ist das Hemd oft oben und unten
+mühsam ausgenäht und gestickt, welche nutzlose Arbeit sich bis auf die
+Polsterüberzüge, ja bis auf die Handtücher erstreckt.
+
+In Guaranda war ich genöthigt, die Thiere zu wechseln. Man muß sich nie
+bereden lassen, dieselben Thiere von Savanetta bis Quito zu behalten,
+außer man ruht hie und da einen Tag aus, denn mit abgematteten Thieren
+ist es nicht möglich, den Uebergang über den Chimborazo zu machen.
+
++30. März.+ Der heutige Tag gehörte unter die besonders merkwürdigen
+meines Lebens; ich überstieg die Riesenkette der Cordilleren oder
++Anden+ an einem der interessantesten Punkte, dem Chimborazo. Zur
+Zeit, als ich jung war, galt dieser Berg für den höchsten der Welt
+(21,000 Fuß); seit man aber die Spitzen des Himalaja-Gebirges in Asien
+gemessen, ist er in die zweite Klasse getreten.
+
+Wir brachen sehr zeitlich auf, da wir elf Leguas auf theilweise
+schrecklichen Wegen, beinahe unausgesetzt bergan, zu machen hatten. Vor
+diesen elf Leguas gab es kein Obdach für die Nacht.
+
+Zu Anfang war der Weg wirklich fürchterlich, ich sah mich abermals
+genöthigt, auf den schlechtesten Parthien vom Maulthier zu steigen
+und zu Fuß zu gehen, was mir um so beschwerlicher fiel, als die
+kalte Gebirgsluft sehr auf meine Brust wirkte. Ich fühlte große
+Beängstigungen, Athemlosigkeit und Zittern am Körper -- ich fürchtete
+jeden Augenblick, hinzusinken; allein es hieß: Vorwärts, und nur mit
+der größten Mühe schleppte ich mich fort durch Koth und Schlamm, durch
+Gießbäche, Löcher, Sümpfe und über Gestein. Wenn ich mich schon auf der
+Höhe befunden hätte, würde ich mein Uebelbefinden der zu feinen Luft
+zugeschrieben haben, die bei vielen dieselbe Erscheinung bewirkt. Man
+nennt dieses Uebel „Veta.“ Es währt bei manchen nur einige Tage, bei
+anderen, wenn sie auf den Höhen verbleiben, wohl auch einige Wochen.
+
+Nach den ersten zwei Leguas fing der Weg an, mehr felsig und steinig
+zu werden; ich konnte dann wenigstens auf meinem Thiere sitzen
+bleiben. Wir hatten fortwährend Regengüsse, Schauer, sogar einen
+kurzen Schneefall. Der Schnee löste sich sogleich auf, als er die Erde
+berührte; nur an sehr wenig Stellen blieb er liegen; ich kann daher
+doch sagen, daß ich über Schnee ging. Die Wolken und Nebel lüfteten
+sich leider kein einziges Mal; ich bekam die Kuppe des Chimborazo nicht
+zu sehen, ein Unglück, das mir noch ungleich empfindlicher war, als
+mein körperliches Leiden.
+
+Bis auf den höchsten Punkt des Ueberganges rechnet man von Guaranda
+sechs Leguas. Der Rücken des Berges bildet da eine kleine Ebene von ein
+paar hundert Schritten, die von allen Seiten abfällt, die Nordseite
+ausgenommen, auf welcher die Kuppe des Chimborazo beinahe senkrecht
+emporsteigt.
+
+Auf dieser kleinen Hochebene ist ein Haufen Steine zusammengeworfen,
+nach einigen als Zeichen, daß man hier den Höhenpunkt des Ueberganges
+erreicht habe, nach andern als Denkmal eines Mordes, der hier im
+vorigen Jahre an einem Engländer verübt wurde. Dieser Mann ging von
+einem Arriero allein begleitet über die Cordilleren. Wahrscheinlich
+wäre ihm nichts widerfahren, hätte er nicht die Unvorsichtigkeit
+gehabt, bei jeder Gelegenheit, wo es etwas zu zahlen gab, seine mit
+Gold wohlgefüllte Börse sehen zu lassen. Diesem Schimmer konnte der
+Führer nicht widerstehen, und als er sich mit dem Krösus in dieser
+verlassenen Gegend allein sah, schlug er ihn von rückwärts mit einem
+großen, in ein Tuch gewickelten Stein (gewöhnliche Art des Todtschlags
+hier zu Lande) auf’s Haupt. Die Leiche verbarg er im Schnee. That und
+Thäter wurden jedoch bald entdeckt, letzterer durch das Gold, von
+welchem er einige Stücke wechseln ließ.
+
+Ich stieg, obwohl im höchsten Grade ermüdet, von meinem Thiere ab,
+trug einen Stein herbei und fügte ihn dem Denkmale hinzu; ich dachte:
+der Stein wird noch da ruhen, wenn meine Gebeine schon längst in Staub
+verwandelt sind. Dann kletterte ich an der Westseite des Berges hinab,
+bis ich Wasser fand, füllte damit meinen Becher, trank einige Mund
+voll, eilte mit dem Rest auf die Ostseite und goß ihn in das erste
+Bächlein. Dasselbe that ich mit einem Becher Wasser von der Ostseite
+des Berges. Ich hatte in den Reisen des Herrn +v. Tschudi+ gelesen, daß
+er dieß auf der Wasserscheide bei +Passeo de serro+ auf den Cordilleren
+gethan habe. Der Gedanke, daß ein Becher Wasser, der nach dem stillen
+Meere fließen sollte, auf diese Art nach dem atlantischen Ocean floß,
+und so umgekehrt, machte ihm Vergnügen und gefiel auch mir so gut, daß
+ich ihn gleichfalls in Ausführung brachte[20].
+
+Die Höhe des Ueberganges konnte ich nicht mit Bestimmtheit erfahren;
+die einen gaben 14,000, die andern 16,000 Fuß an. Ich möchte sie auf
+nicht ganz 15,000 schätzen. Die Schneelinie wird unter dem Aequator
+auf 15,000 Fuß gerechnet. Wir kamen über kein eigentliches Schneefeld,
+hätten jedoch, um zur ewigen Schneelinie zu gelangen, höchstens noch
+zwei- bis dreihundert Fuß zu steigen gehabt; sie lag ganz nahe an
+unserer Seite. Der Thermometer stand auf Null (Réaumur).
+
+Die Vegetation hört nur auf dieser kleinen Hochebene gänzlich auf.
+Bis drei Leguas von Guaranda findet man Feldbau, dann folgen magere
+Waldungen mit vielen schönen Blumen. Farrenbäume, wie auf den Höhen
+von Sumatra oder Java, fand ich nirgends; das höchste Farrenkraut maß
+hier nur drei Fuß. Dagegen rankten sich noch sehr verkrüppelte, dünne
+Bäumchen bis zu einer Höhe von 14,000 Fuß, aber nur auf der Westseite;
+auf der Ostseite zeigte sich lange kein Baum. Die Bäumchen hatten ein
+merkwürdiges Aussehen: sie waren beinahe von Rinde ganz entblößt und
+trugen gar kein Moos.
+
+Auf der kleinen Hochebene des Chimborazo herrschen häufig rauhe, sehr
+heftige Winde, die dem Reisenden Sand und Steinchen in großer Menge in
+das Gesicht werfen. Man bindet deshalb gewöhnlich eine seidene Maske
+vor, die an den Augenstellen mit Gläsern versehen ist. In den Monaten
+August und September ist der Uebergang mitunter sogar lebensgefährlich:
+plötzliche Winde kommen nicht selten mit solcher Kraft, daß sie die
+Maulthiere sammt der Last in die Luft führen und weit vom Platze erst
+wieder zur Erde setzen.
+
+Von dieser Hochebene bis zur Nachtstation +Chacquiporgo+, einem
+einzelnen, elenden Hause, rechnet man noch fünf Leguas. Die Wege waren
+nun gut, es ging zeitweise sachte nach abwärts oder über Hügelland;
+allein der beständige Regen, die kalten Winde machten diesen Ritt im
+höchsten Grade unangenehm. In meinem Leben kam ich nie so gänzlich
+erschöpft an, wie diesen Abend. Ich litt sehr von Brustbeschwerden,
+dabei klapperten mir die Zähne vor Kälte, ich war so steif und starr,
+daß ich mich nur mit Mühe von meinem Maulthiere bis zur Schlafstelle
+schleppen konnte. Obgleich von Koth und Schmutz ganz bedeckt, Gesicht
+und Hände nicht ausgenommen, fühlte ich mich unfähig, mir selbst Wasser
+zu holen, mein Diener brachte mir keins, ich sank hin auf die hölzerne
+Lagerstätte und hüllte mich in meinen Mantel. Doch fand ich wenig
+Erholung, die Brustbeschwerden zwangen mich oft, aufzusitzen. Erst
+nach einigen Stunden war ich im Stande, einige Bissen Brot und Käse
+zu mir zu nehmen. Ich erhielt nichts Warmes, weder zu essen noch zu
+trinken; auch Morgens mußte ich ohne warmen Imbiß weiter ziehen. In der
+Winterszeit hält sich kein Wirth hier auf, denn es reist Niemand.
+
+Das Haus +Chacquiporgo+ auf dem Chimborazo ist das einzige Gebäude,
+welches zwischen Guayaquil und Quito von der Regierung für Reisende
+errichtet ist. Es besteht aus zwei Gemächern mit einigen hölzernen
+Schlafstellen und Bänken und einem großen Raume für die Arrieros. In
+keinem Lande der Welt, von allen, die ich bisher bereiste, sah ich so
+wenig, oder, besser gesagt, nichts für Reisende gethan, wie in diesem.
+Die Tambos sind so über alle Maßen klein und unsauber, daß man sie
+für Schweineställe und nicht für menschliche Wohnungen halten möchte.
+Der Reisende findet darin nichts weiter, als ein Obdach gegen Regen
+und Sturm und, wenn es gut geht, zum Imbiß die elende Sopa. Dem armen
+Arriero ist in den Tambos nicht einmal ein Plätzchen gegönnt; er kann
+von Glück sagen, wenn er neben dem Tambo ein Dach findet, das auf vier
+Pfählen ohne Seitenwände ruht. Sein Loos ist wirklich bedauernswerth.
+Den ganzen Tag muß er auf den schrecklichsten Wegen neben seinen
+Thieren herlaufen; kommt er Abends an, und hat er die Thiere abgeladen,
+so muß er fort, das Futter für sie zu schneiden (der Wirth thut dieß
+nicht; nur in Ortschaften, wo die Kleefelder entfernter sind, findet
+man den Klee in gebundenen Büscheln). Hat er sein Tagwerk vollbracht,
+so kann er sich auf die nasse Erde hinstrecken, mit seinem zerrissenen
+Poncho bedecken und seinen Hunger mit Gerstenmehl stillen.
+
+Nicht minder bemitleidete ich die armen Lastthiere. Man nennt Lima
+„die Hölle der Esel;“ man kann diesen Namen auf ganz Peru und Ecuador
+ausdehnen, und nicht nur auf die Esel allein, sondern auch in Bezug auf
+Maulthiere, Pferde und Arrieros anwenden.
+
+Man beladet hier z. B. ein Maulthier, ein Pferd mit acht bis zehn
+Arobas (eine Aroba = 25 Pfund), einen Esel mit vier bis sechs. Die
+Ladung muß hinauf, die Thiere mögen auf Rücken und Seiten ganz wund
+sein, das kümmert nicht. Eines Tages empfand ich während des Reitens
+einen beständigen, starken, unangenehmen Geruch; als ich Abends
+abgestiegen war, fand ich mein Kleid voll Blut, das von einer Wunde
+meines armen Thieres herrührte. Ich sah mehrmals auf schlechten Wegen
+zwei Personen auf einem Pferde oder Maulthiere, auch wohl auf einem
+Esel sitzen.
+
+Wie ganz anders sorgt der Türke, der Perser, der Hindu, ja sogar der
+Kannibale auf Sumatra (der Battaker) für Reisende und Thiere. In den
+Karavansereien der Türken und Perser, in den Serai’s der Hindu findet
+der Reisende ein Kämmerchen für sich, der Treiber ein gleiches mit
+seinen Gefährten, die Thiere einen gedeckten Stall; der Battaker
+hat in jedem Dorfe Hütten (Soppo) für die Reisenden errichtet. Und
+diese Hütten sind ohne Unterschied dem Eingebornen wie dem Fremdlinge
+geöffnet, ohne daß er dafür etwas zu bezahlen hat. Wie höchst nöthig
+wären nicht dergleichen menschenfreundliche Anstalten zwischen
+Guayaquil und Quito, einer Straße, die von vielen Reisenden begangen
+wird, auf welcher im Sommer täglich große Züge von Lastthieren
+verkehren! Und mit wie geringen Kosten könnten mehrere hölzerne Häuser
+aufgeführt werden, in einem Lande, wie dieses, wo es nirgends an
+Baumaterial fehlt.
+
++31. März.+ +Ambato+, 8 Leguas. Schon gestern fiel mir der merkwürdig
+grelle Unterschied zwischen der Ost- und Westseite der Cordilleren auf.
+Auf der Westseite ist das gebirgige Element vorherrschend, mit Klüften
+und Pässen und meistens schmalen Thälern, die wie zwischen die Berge
+eingeschoben erscheinen; dabei die üppigste Vegetation, Ebenen und
+Höhen mit den schönsten Waldungen, und die Berge selbst in bedeutender
+Höhe mit üppigen Feldern bedeckt. -- Ganz anders ist es auf der
+Ostseite; Berge und Hügel werden von großen Hochebenen zurückgedrängt,
+die wegen ihrer geringen Vegetation das Auge durch ihre Einförmigkeit
+ermüden. Die schönen Wälder verschwinden, die Blumen sind seltener, und
+Haidegras, das jedes Thier verschmäht, bedeckt große Strecken. Drei
+Leguas von dem Uebergangspunkte entfernt, sah ich wohl schon wieder in
+den Tiefen hie und da kleine Viehheerden weiden; den ersten Anbau fand
+ich aber erst sieben Leguas hinter dem Uebergangspunkte. Eine Strecke
+von neun bis zehn Leguas ist daher unangebautes Land, von welchem
+jedoch gewiß ein großer Theil urbar gemacht werden könnte, wäre die
+Bevölkerung nicht so geringe.
+
+Wir ritten heute viel zwischen Alleen von Kaktus und Aloe. Die Kaktus
+wachsen hier zu einer Höhe von acht bis zehn Fuß; die Aloes glichen
+jenen, die ich um Neapel gesehen habe; der Blüthenstamm schoß aus der
+Mitte der Blätter zu einer Höhe von einigen zwanzig Fuß.
+
+Die Hochebene von Ambato gehört zu den schönen; sie ist von dem
+Chimborazo, dem +Tungaragua+ und andern majestätischen Bergen
+eingefaßt. Die Temperatur ist hier schon wieder so mild, daß die Banane
+und andere südliche Früchte vorkommen.
+
+Das Städtchen Ambato liegt in einem Kessel dieser Hochebene und
+gewährt, von der Höhe gesehen, mit seinen Gärten und Fruchtbäumen,
+die es von allen Seiten umsäumen und durchschneiden, einen wahrhaft
+überraschenden Anblick. Ich hielt mein Thier mehrmals an und
+betrachtete mit Vergnügen das liebliche Bild. Das Städtchen ist
+ungemein ausgedehnt, die Häuser sind jedoch über alle Beschreibung
+erbärmlich und klein, da die meisten gar keine Fenster und nur eine
+Thür haben; erst gegen den Platz zu gestaltet sich das Ganze ein wenig
+besser.
+
+Ich stieg hier ebenfalls bei einem Hazienda-Besitzer ab. Die guten
+Leute verstehen noch nicht, daß man einem Reisenden, besonders wenn er
+von Regen triefend ankommt, wie es mit mir der Fall war, ein Fleckchen
+anweist, wo er sich waschen und umkleiden kann. Hier bietet man ihm
+nicht einmal eine Erfrischung an, wenn man auch weiß, daß er vielleicht
+ein Dutzend Leguas mit leerem Magen gemacht hat. Er muß unter der
+Familie in seinen nassen, beschmutzten Kleidern oft zwei bis drei
+Stunden sitzen bleiben und mit Geduld die Mahlzeitstunde erwarten. Die
+Familie, die sich den ganzen Tag in den Hängematten schaukelt und die
+Zeit mit Schwatzen verbringt, ist froh, wenigstens ein neues Gesicht
+angaffen zu können. Bei mir, die ich der Spanischen Sprache nicht
+mächtig war, hatten sie wahrhaftig kein anderes Vergnügen.
+
++1. April.+ +Latacunga+, 8 Leguas. Aus der Tiefe des Kessels steigend,
+gelangten wir an einen schönen Gebirgsfluß, der sich in eine
+natürliche Grotte verlor und nach einigen hundert Schritten wieder
+zum Vorschein kam. Einige tiefe Schluchten oder Erdspalten hatten
+wir auf lebensgefährlichen Brückchen zu überschreiten, andere zu
+durchziehen. In solchen Schluchten ist ein Zusammentreffen, selbst mit
+einzelnen Reitern, sehr unangenehm, da die Wege so schmal sind, daß
+gerade nur ein Thier Platz hat. Der Arriero schreit, pfeift und lärmt
+auch beständig, wenn er an einen solchen natürlichen Hohlweg gelangt,
+um sein Dasein so weit als möglich zu verkünden. Diese Stellen
+abgerechnet, war der Weg gut, und zum ersten Male trübte kein Regen
+unsere Tagereise.
+
+Ein großer Theil der Hochebene von Ambato war kultivirt; Dörfer oder
+Hütten gab es jedoch nur sehr wenige. Der Tungaragua, der sich aus den
+Wolken immer mehr und mehr heraus arbeitete, stieg ohne Verbindung mit
+den andern Bergen als kolossaler Kegel majestätisch vor uns auf.
+
+Von der Hochebene Ambato kamen wir in die noch weit bedeutendere und
+schönere von +Latacunga+, an deren Eingange das Städtchen gleichen
+Namens liegt. Den Chimborazo verliert man nun schon aus dem Gesichte,
+dagegen tauchen andere hohe Berge auf, unter welchen besonders der
++Cotopaxi+ und der +Iliniza+.
+
+In Latacunga, einem gleich Ambato sehr ausgedehnten Neste, stieg ich
+ebenfalls wieder bei einem Hazienda-Besitzer ab. Ich wurde zwar überall
+freundlich aufgenommen, allein Morgens ließ man mich stets fortziehen,
+ohne mir auch nur eine Tasse Thee oder Chocolade zu reichen, obgleich
+die Morgen kalt, nebelig oder gar regnerisch waren, und man wohl
+wußte, daß ich oft bis Abend keinen Ort finden würde, wo ich einige
+Erfrischungen erhalten konnte.
+
+Ich war nun schon viel mit Hazienda-Besitzern in Berührung gekommen,
+brachte ganze Tage unter ihnen zu und hatte daher Gelegenheit, ihre
+Lebensweise zu beobachten. Die Mehrzahl lebt in einer Unordnung, in
+einer Dürftigkeit und Unsauberkeit, die jede Beschreibung übertrifft.
+Ich ziehe das Haus eines nur einigermaßen bemittelten Deutschen
+Bauers den meisten dieser Hazienda’s vor. In ersterem findet man doch
+so viel Reinlichkeit, daß man sich mit Lust an den Tisch setzt, um
+das einfache, aber gut gekochte Mahl zu verzehren. Nicht so in den
+letzteren. Da wird der Tisch mit einem zerrissenen Tuche gedeckt, das
+vor Schmutzflecken kaum eine weiße Stelle mehr aufzuweisen hat. Auch
+an den anderen Tischgeräthschaften ist selten das Nöthigste vorhanden.
+So fand ich z. B. in einer Hazienda elf Personen an der Tafel, und
+ich glaube nicht, daß es drei ganze Bestecke der gemeinsten Art gab.
+Eine Person besaß einen Löffel, die andere eine Gabel, die dritte
+ein Messer. Hatte der Löffelbesitzer seine Suppe gegessen, so gab er
+den Löffel seinem Nachbar, eben so ging es mit Messer und Gabel; die
+Kinder aßen zum Theil mit den Fingern. Eine zerbrochene Waschkanne
+enthielt das Trinkwasser, ein Glas diente der ganzen Gesellschaft.
+Die Kinder kamen in zerlumpten Kleidern zu Tische, mit bloßen Füßen
+oder mit abgenützten Schuhen, mit beschmutzten Händen und Gesichtern;
+dabei hatten sie aber ein so hübsches, blühendes Aussehen, so feurige,
+schöne Augen, daß ich mit wahrem Vergnügen diesen bausbackigen
+Engelsköpfen zusah, wie sie einen Bissen nach dem andern mit wahrer
+Herzenslust verschlangen. Eine in Lumpen gehüllte Negerin oder ein paar
+kleine, halbnackte Negerkinder besorgten die Aufwartung bei Tische.
+
+In demselben Hause wurde mir ein Zimmer zum Schlafen angewiesen, das
+Gott weiß wie lange nicht gereinigt worden war, und außer dem Bett
+nichts als zwei zerbrochene Stühle nebst dem Fragmente eines Tischchens
+enthielt. Alles, was ich benöthigte, mußte ich begehren; ich fand nicht
+einmal Wasser, und als man es mir brachte, mußte ich vor die Thür
+gehen, mich zu waschen, denn ein Waschbecken war nicht vorhanden.
+
+In einem andern Hause lag ich kaum ein halbes Stündchen im Bette,
+so sprang ich wieder heraus -- ich war im vollsten Sinne des Wortes
+von Ungeziefer bedeckt. Die ganze Nacht brachte ich auf einem Stuhle
+zu, und Morgens war ich so voll rother Flecke, als hätte ich einen
+Ausschlag bekommen. Und beinahe in jedem Hause traf ich eine, auch
+mehrere erwachsene Töchter, die ohne große Mühe das Hauswesen in guter
+Ordnung hätten halten können. Allein das ist nicht ihre Sache. Das
+große Tuch um Kopf, Schultern und Arm geworfen, sitzen sie den ganzen
+Tag umher, und stehlen, wie wir Deutsche sagen, unserem lieben Gott
+die Zeit. Bei der grenzenlosen Bettelhaftigkeit einerseits findet man
+andererseits mitunter einigen Luxus zur Schau gestellt. In einem Hause
+war der Empfangssaal mit Teppichen, Spiegeln u. s. w. geschmückt, in
+einem andern fand ich ein ziemlich gutes Klavier, eine sehr schöne
+Englische Reiseschatulle -- alles Gegenstände, die hier sehr hoch
+kommen, da man sie mühsam über die Gebirge schleppen muß. Die Frauen,
+die Töchter zeigten mir kostbare Kleider, Chinesische Shawls u. s. w.
+Mich wunderte dieß um so mehr, als die Hazienda-Besitzer hier zu Land
+durchschnittlich nicht sehr wohlhabend sind. Sie besitzen wohl viel
+Grund; aber es fehlt an Märkten und an Straßen. Große Städte gibt es
+nicht, und die Wege sind so schlecht, daß es kaum die Mühe lohnt,
+Lebensmittel drei bis vier Tagereisen weit zu senden.
+
++2. April.+ +Machacha+, 11 Leguas. Heute ging es fortgesetzt auf
+der Hochebene von Latacunga. Die Wege waren sehr gut und führten
+größtentheils zwischen Hecken von Kaktus und Aloe, reich untermischt
+mit schönen Blumen, hindurch. Umfaßt von dem Kranze der herrlichsten
+Gebirge, von welchen, wie bemerkt, der Cotopaxi und Iliniza die
+hervorragendsten, würde diese Hochebene entzückend schön sein, hätte
+die eigensinnige Natur nicht zwei Hauptsachen vergessen: Waldparthien
+und Wasser. Kultivirt ist wenig; es mag wohl an Händen fehlen. Der
+Boden scheint auch nicht aus so fetter Erde zu bestehen, wie auf der
+Westseite der Cordilleren. Der größere Theil des Thales zeigt wohl
+ein frisches, saftiges Grün; doch gibt es auch viel Staub und Sand
+und genug Strecken voll großer Steine und Felsstücke, die gewiß einst
+der Cotopaxi in seiner Wuth rings umher geschleudert hat. Dieser
+Riesen-Vulkan hielt den ganzen Tag meine Aufmerksamkeit gefesselt.
+Die mächtigsten Rauchsäulen entwirbelten seinem Krater, umfangreichen
+Baumstämmen mit reichen Kronen, oder Aehren vergleichbar, oder in wild
+sich auf einander folgenden Wolken aufsteigend. Leider zerstoben die
+pittoresken Gebilde eben so schnell, als sie entstanden.
+
+Der Cotopaxi war bis an den Krater mit einer leichten Schneedecke
+bekleidet; der ihm gegenüber stehende Iliniza aber prangte in einer so
+dichten, weißen Hülle, daß man sah, wie die Strahlen der Sonne keine
+Macht über ihn ausübten.
+
+Die Nacht brachte ich sehr schlecht in einem Tambo zu.
+
++3. April.+ +Quito+, 8 Leguas. Morgens, bevor ich das Maulthier
+bestieg, blickte ich noch einmal nach dem Vulkan zurück, um ihm
+Lebewohl zu sagen, denn der Weg leitete uns nun in die Hochebene von
+Quito. Der Feuerspeier schien meine Aufmerksamkeit dankbar anzuerkennen
+und lohnte mir mit einem prachtvollen Ausbruche. Dichte Rauchwolken
+wirbelten auf, das Feuer schlängelte sich gleich blitzenden Flammen
+hindurch, überstieg die Rauchwolken und senkte sich in einem dichten
+Regen zur Erde. Wie herrlich müßte dieses Schauspiel bei Nacht gewesen
+sein! Doch auch so war ich reichlich befriedigt, und dankte Gott,
+daß er mir gestattete, von vielen Wundern der Natur auch dieses zu
+erblicken.
+
+Wenn man anstatt über Ambato über Riobamba nach Quito geht, kommt
+man dem Cotopaxi um vieles näher, und sieht bei dieser Gelegenheit
+die Ruinen dreier kleiner Gebäude, die noch aus den Zeiten der Inkas
+stammen. Der Zeichnung nach, die ich später zu Gesicht bekam, würde
+sich jedoch der Umweg nicht lohnen, am wenigsten in der Regenzeit.
+
+Das Wetter war heute herrlich, die Wege trefflich, drei Leguas
+ausgenommen, welche wieder zu den sehr schlechten gehörten. Es gab
+Schluchten, steile Hügel, große Steine mitten auf dem Wege. Nicht
+einmal so nahe der Stadt sorgt die Regierung für einige Abhilfe. Für
+Wege und Brücken wird in diesem Lande gar nichts gethan. Findet man
+hie und da eine feste, gemauerte Brücke, einen etwas besseren Weg, so
+kann man versichert sein, daß sie noch aus den Zeiten der Spanischen
+Regierung rühren.
+
+
+ [16] Ein Thaler hat hier acht Realen, auf eine Unze gehen zwanzig bis
+ einundzwanzig Thaler, je nach dem Kurse. Ein hiesiger Thaler ist
+ um ein Fünftheil weniger werth, als ein Spanischer Thaler.
+
+ [17] In Quito gab man mir, im Umtausche gegen einen andern, einen
+ halben Thaler dafür.
+
+ [18] Der Klee erreicht hier eine Höhe von 2½ Fuß.
+
+ [19] Auf einen Thaler gehen sechzehn Medios.
+
+ [20] Gut war es, daß ich es dießmal that, wo der Regen sehr stark
+ und ich um Wasser nicht verlegen war; auf der Rückreise hätte
+ ich ungleich größere Mühe gehabt, denn die Quellen, die hier die
+ Wasserscheide bilden, liegen weit auseinander.
+
+
+
+
+Siebzehntes Kapitel.
+
+ Quito. -- Rohheit des Volkes. -- Sehenswürdigkeiten. -- Kirchliche
+ Feste. -- Die Geistlichkeit und die Regierung. -- Die Indianer. --
+ Theater. -- Rückreise nach Guayaquil. -- Der Chimborazo. -- Ein
+ Stiergefecht. -- Todesgefahr. -- Panama. -- Reise über den Isthmus.
+ -- Aspinwall.
+
+
+Quito liegt ebenfalls in einer Hochebene, die zwar auch groß und schön,
+aber bei weitem nicht so ausgedehnt und von keinen solchen Riesenbergen
+eingesäumt ist, wie jene von Latacunga. Die Stadt selbst sieht man
+erst zwei Leguas, bevor man sie erreicht. Ihr Anblick hat nichts
+überraschendes. Die Häuser sind niedrig und mit leicht aufsteigenden
+Ziegeldächern gedeckt. Ein Paar Thürme oder Kuppeln unterbrechen diesen
+Steinhaufen. Die beiden Berge +Panicillo+ und +Pinchincha+, an welche
+sich die Stadt lehnt, sind weder mit Bäumen noch mit Untergebüsch
+bewachsen; eben so ist das ganze Gebirge beschaffen, das die Hochebene
+einfaßt. Die einzige Schönheit dieser Gegend besteht in dem Kreise
+der angehäuften Berge, von welchen einer über den andern blickt. Es
+breiten sich wohl überall in dem Thale schöne Wiesenteppiche aus,
+und viele kultivirte Felder liegen dazwischen; doch erwartet man
+unter diesem himmlischen Klima eine ungleich mehr in’s Auge fallende
+Vegetation, herrliche Waldungen, Hecken, Gebüsche, Blumen u. s. w. Die
+Berge sind nur mit ganz kurzem Grase bewachsen; die Kultur bemerkt
+man natürlich erst bei genauerer Betrachtung, und so kommt es, daß
+der Reisende, der von dieser Stadt und deren Lage die übertriebensten
+Beschreibungen gelesen hat, durch den Anblick sehr enttäuscht wird.
+
+So ging es auch mir, je näher ich kam, desto mehr fiel meine
+Begeisterung. Die nächste Umgebung hat außer Feldern und Wiesen wenig
+Gärten oder Fruchtbäume. Die Häuschen in der Vorstadt sind klein, halb
+zerfallen und über alle Beschreibung unrein gehalten, die Straßen so
+voll Pfützen und Unrath, daß man sich die Nase hätte verhalten mögen,
+das Volk in die ekelhaftesten Lumpen gekleidet. Letzteres gaffte mich
+an, lachte mich aus, wies mit den Fingern nach mir, lief mir nach --
+Fremdlinge kommen selten in dieß vergessene Land, und sind sie nicht
+ganz so gekleidet, wie der Eingeborne (ich trug wohl den Poncho, allein
+der kleine Strohhut fehlte mir), so treibt das Volk sein Gespött mit
+ihnen.
+
+Näher dem Platze werden die Häuser etwas stattlicher: sie zeigen ein
+Stockwerk und statt der Fenster Glasthüren mit Balkonen. Der Platz
+weist einige hübsche Gebäude auf, darunter die Kathedrale, der Palast
+des Bischofs und jener des Präsidenten. Beide Gebäude haben eine
+Säulenkolonnade. Der Palast des Präsidenten würde sich nicht übel
+ausnehmen, wäre er nicht schon halb in Ruinen zerfallen, was besonders
+von der Treppe an der Façade gilt. Er ist jedoch wenigstens nicht wie
+jener in Lima durch die angehängten kleinen Kaufmannsbuden verunziert.
+Den Platz schmückt ferner ein Kunstbrunnen, welchem jedoch eine
+Kleinigkeit fehlt -- das Wasser.
+
+In der Stadt Quito, die gegen 50,000 Einwohner zählen soll, gibt es
+keinen Gasthof. Ich war wohl mit vielen Empfehlungsbriefen versehen;
+allein ich hatte nur einen, an Herrn +Algierre+ lautend, bei der Hand;
+die übrigen lagen im Koffer, der in Wachstuch eingenäht war.
+
+Wir hielten vor dem Hause des Herrn Algierre an, fanden es aber
+verlassen. Herr Algierre war vor einigen Tagen mit seiner Familie nach
+seiner Hazienda gegangen. Für den ersten Augenblick wußte ich nun
+nicht, wohin mich wenden. Mein Schlingel von Diener kümmerte sich nicht
+im geringsten um mich, das Volk fing an, sich um mich zu versammeln,
+bestürmte mich mit neugierigen Fragen, schrie und lachte -- ich war
+eine Frau, allein, ohne männlichen Schutz, es ließ daher ohne Rückhalt
+seiner Ausgelassenheit die Zügel schießen. Die Unannehmlichkeit meiner
+Lage stieg von Minute zu Minute, da trat endlich ein Herr herbei,
+reichte mir schnell einen kleinen Strohhut, wie ihn die Leute hier zu
+Lande tragen, und sagte meinem Diener, mich in sein Haus zu bringen.
+Daselbst angekommen, packte ich meinen Koffer schnell aus, zog mich ein
+wenig an, nahm unter den Briefen jenen an den Amerikanischen ~Chargé
+d’affaires~, Herrn +White+, heraus, und eilte, von einem Indianerjungen
+begleitet, nach dessen Wohnung. Mein Diener war bereits verschwunden.
+
+Noch war nicht alles Unangenehme überstanden. Mein Anzug gab diesem
+civilisirten Volke abermals Anlaß zu Gespött. Ich trug nämlich eine
+Mantille und einen seidenen Hut, nicht das landesübliche große Tuch,
+und ging ohne Begleitung, denn den Indianerjungen beachtete man nicht.
+Glücklicher Weise lag Herrn White’s Wohnung nicht sehr entfernt, und
+nach einigen Minuten war ich in Sicherheit.
+
+Herr White und seine Frau boten mir sogleich ihr Haus an. Auch Herr +de
+Paz+, der Spanische Minister, und seine Gemahlin erwiesen mir in der
+Folge sehr viele Aufmerksamkeiten.
+
+Ich kam in Quito häufig in Häuser der Alt-Spanier. Bei den Reichen
+sieht man, wenigstens in den Empfangssälen, viel Luxus. Die Wohnungen
+bestehen aus großen Gemächern, was man, der Außenseite der Häuser nach
+zu urtheilen, nicht vermuthen würde; aber auch hier, wie in Peru, geht
+die eigentliche Façade nach dem Inneren zu, auf hübsche Höfe, die mit
+Blumen, Springbrunnen u. dgl. geschmückt sind.
+
+Die Frauen fand ich liebenswürdig, nur sehr wenig gebildet, woran wohl
+zum Theil die Abgelegenheit ihrer Stadt Schuld sein mag. Es verliert
+sich dahin nicht so leicht ein guter Lehrer, viel weniger ein Künstler
+oder Gelehrter; daher hören und sehen die Leute wenig oder nichts von
+Künsten und Wissenschaften, um so weniger, als sie der Literatur nicht
+hold sind. Ich glaube, daß die ganze Damenwelt Quitos kein anderes,
+als ein Gebetbuch zur Hand nimmt. Was geistige Auffassungskraft und
+Talente betrifft, sollen sie, gleich den Peruanischen Frauen, das
+männliche Geschlecht übertreffen. Sie mengen sich auch in alles, und
+ganz besonders in die Staatsangelegenheiten, für welche sie oft mehr
+Interesse zeigen, als die Männer. Dafür werden hier aber auch Mädchen
+und Frauen für politische Vergehen eben so gut gestraft, wie die
+Männer, und nicht selten auf Monate und Jahre in Klöster gesperrt. Ich
+lernte eine junge, sehr interessante Frau kennen (Schwiegertochter
+des Generals +Algierre+), die auf ein ganzes Jahr in ein Kloster
+gesperrt werden sollte; sie hielt sich jedoch lange Zeit verborgen, bis
+die Geschichte halb in Vergessenheit gerieth, und entging glücklich
+der Strafe. Gegen die Verbannung der Jesuiten, die vor ungefähr zwei
+Jahren statt hatte, kämpften die Frauen mit aller Macht; doch blieben
+die Männer Sieger, und die geistlichen Herren mußten den Wanderstab
+ergreifen und dem schönen Lande Lebewohl sagen.
+
+Die einzigen Sehenswürdigkeiten Quitos sind die Kirchen. Die Jesuiten-,
+Franziskaner-, St. Domingo-Kirche und die Kathedrale zeichnen sich
+besonders aus. Sie sind ganz im Geschmacke der Augustinerkirche zu
+Lima, im Innern reich und fein vergoldet von der Decke bis zum Grunde,
+mit schönem Holzschnitzwerk bedeckt, die Statuen abgerechnet, die
+hier wie in Lima wahren Fratzengestalten gleichen. Zu meinem größten
+Erstaunen hörte ich dessen ungeachtet stets von den vielen guten
+Bildhauern und Bilderschnitzern sprechen, die Quito besitzen soll[21].
+Die Hauptaltäre, desgleichen die Säulen rings um den Tabernakel, sind
+mit Silberplatten belegt. Außer diesen vier Kirchen gibt es noch
+mehrere andere, die reich an Vergoldung und innerer Ausstattung und
+nur etwas klein sind. An den Festtagen erscheinen die Heiligen in
+kostbaren Kleidern, mit echtem Schmucke. Der Schmuck, den die heilige
+Maria am Grün-Donnerstage trägt, soll über 200,000 Thaler werth sein.
+Das ausgezeichnetste Stück daran ist ein Rosenkranz von sehr großen,
+schönen Perlen.
+
+Die Spitäler für Kranke, Irrsinnige und Aussätzige fand ich unter
+aller Kritik. Es wäre gewiß Gott viel wohlgefälliger, wenn die Leute
+etwas weniger auf die Ausschmückung seiner Tempel verwendeten und
+dagegen jene Anstalten etwas besser bedächten. Ich bediene mich nie
+wohlriechender Wässer; aber bei dem Besuche der Spitäler hätte ich
+gern ein Fläschchen Kölner Wasser herzaubern mögen. Die verpestete
+Luft, die in den Gemächern herrschte, wäre allein hinreichend, Gesunde
+krank zu machen. Die sogenannten Säle bestehen aus langen Gängen mit
+Nischen, in welchen die armen Kranken auf hölzernen, mit Ochsenhäuten
+überspannten Schragen liegen, ohne Polster und Decke. Die Unreinigkeit
+war grenzenlos, die Luft dick von Gestank. Jeder der Gänge hatte blos
+zwei winzige Fensterchen, das eine am oberen, das andere am unteren
+Ende, und selbst diese waren fest verschlossen.
+
+Eben so beschaffen ist das Irrenhospital, in welchem sich auch die
+Leprekranken, jedoch in einer besonderen Abtheilung, befinden. Die
+Irrsinnigen liefen im Hofe, der gegen die Straße zu nicht einmal
+geschlossen war, frei herum; die Leprekranken sind eingesperrt. Wenn
+sich ein Paar Leprekranke verheirathen wollen, wird es ihnen gestattet,
+und so finden sogar an diesem Orte des größten Elendes manchmal
+Hochzeiten statt. Zum Glück für die Nachkommenschaft erfreut sich ein
+solches Ehepaar nie eines Kindes.
+
+Weder in diesem noch in dem andern Hospitale sah ich eine Arznei an
+der Seite eines Kranken stehen. Es ist wohl eine Apotheke vorhanden;
+aber Gott mag dem beistehen, der etwas von den Heiltränken nimmt, die
+da zusammen gemischt werden. Die Unordnung ist so groß, daß die Leute
+gar nicht finden, was man verlangt. Ich benöthigte Terpentingeist
+für meine Insekten und Senfmehl für mich. Ich fühlte mich nämlich,
+vielleicht in Folge der feinen Luft oder der beschwerlichen Reise,
+während der ersten vierzehn Tage sehr unwohl, konnte nur sehr langsam
+gehen, der Athem fehlte mir; auch hatte ich Stechen auf der Brust und
+Husten. Nichtsdestoweniger ging ich jeden Tag aus und schleppte mich
+überall hin, wo es etwas zu sehen gab. Doch wieder auf die Apotheke
+zurück zu kommen -- beim Suchen nach dem Terpentingeist wurde von ein
+Paar Dutzend Flaschen jede geöffnet und dazu gerochen, denn sie waren
+nicht einmal mit Etiketten versehen; das Senfmehl wollte gar nicht
+zum Vorschein kommen. Nachdem ich eine Viertelstunde gewartet hatte
+und eben fortgehen wollte, fand man es in einem Winkel. Die Preise
+sind ungefähr zehnfach so hoch als bei uns in Deutschland, so daß die
+Armen keine Arznei kaufen können und (vielleicht zu ihrem Glücke) zu
+Hausmitteln ihre Zuflucht nehmen müssen.
+
+Das Kollegium ist nicht groß, aber für die Zahl der Schüler
+hinreichend. Schon in Guayaquil erzählte man mir von einem Museum,
+das sich in dem Kollegium Quito’s befinden solle; in Quito selbst
+bestätigte man mir sein Vorhandensein. Als ich in das Kollegium ging,
+um es zu besehen, führte man mich in -- +einen ganz leeren Saal+, der
+vielleicht einst zu einem Museum bestimmt und schon in vorhinein mit
+diesem Namen getauft worden ist.
+
+Auch eine Münze wird den Besuchern gezeigt, die aber den größten Theil
+des Jahres friedlich ruht.
+
+Um einen gesammten Ueberblick der Stadt und Umgebung zu haben, muß
+man den nicht sehr hohen Berg +Panicillo+ ersteigen. Man übersieht
+die ganze Hochebene mit den sie begrenzenden, übereinander gehäuften
+Gebirgszügen und vielen einzelnen Gebirgsstöcken. Die Gebirge haben
+keine auffallenden oder pittoresken Formen. Die ganze Gegend scheint
+wasserarm zu sein: nirgends zeigt sich ein Fluß; ein winziges, kleines
+Bächlein stürzt sich von dem Pinchincha in eine Schlucht und versieht
+ganz Quito mit Trink- und Waschwasser. Morgens und Abends wird es in
+offene Kanäle geleitet, welche die Straßen der Stadt durchlaufen, und
+säubert sie so wenigstens einigermaßen vom Unrathe.
+
+Auf dem Panicillo sind noch Mauerreste einer Festung zu sehen, die
+unter der Spanischen Regierung erbaut worden war.
+
+Neben dem Panicillo erhebt sich der bedeutend höhere Pinchincha, ein
+einstiger Vulkan, der aber seit mehreren hundert Jahren erloschen
+schien. Zwei Tage, bevor ich Quito verließ, öffnete sich an einer Seite
+des Berges, und zwar gerade an jener der Stadt zugewandten, eine kleine
+Spalte, welcher Rauch entstieg. Man kann sich denken, in welche Unruhe
+diese Erscheinung die Stadtbewohner versetzte. Ich habe in der Folge
+nicht vernommen, ob die gefahrdrohenden unterirdischen Kräfte eine
+fernere Thätigkeit entwickelten.
+
+Das Leben in Quito ist sehr billig; dennoch gibt es hier, wie in Peru,
+Chili, Neu-Granada u. s. w., keine Kupfermünzen. Als die kleinste Münze
+kann man den Medio betrachten. Es existiren zwar Quartillos (zwei
+auf einen Medio); sie sind aber so selten, daß man sie kaum zu sehen
+bekommt. Man pflegt statt der Scheidemünze Brot oder Eier heraus zu
+geben, welche Gegenstände auch der Verkäufer an Geldesstatt annimmt.
+
+Man findet in Quito ganz eingerichtete Miethhäuser, mit Spiegeln,
+Teppichen, Möbeln, Lampen u. s. w. Für ein sehr wohleingerichtetes
+Haus mit acht bis zehn Zimmern zahlt man per Monat höchstens 50
+Thaler -- ein sehr billiger Preis, wenn man bedenkt, wie hoch Möbel,
+Teppiche, Spiegel u. dgl. durch den Transport über die Cordilleren zu
+stehen kommen, denn obgleich es in Quito der Sculpteurs in Menge gibt,
+ist doch niemand im Stande, einen ordentlichen Stuhl oder Tisch zu
+verfertigen.
+
+Auch die Dienerschaft wird nicht besonders theuer bezahlt. Ein Diener,
+eine Magd erhalten nebst Kost drei Thaler per Monat, ein Koch sechs
+Thaler. Letzterem gibt man gewöhnlich für den Unterhalt des Hauses
+eine bestimmte Summe. In Familien z. B., die aus Mann, Frau, einem
+Kinde und ein Paar Dienstleuten bestehen, erhält er einen Thaler per
+Tag, wofür er zwei reichliche Mahlzeiten schafft, Morgens eine Suppe,
+Sancochado genannt, die aus Fleisch, Mais und Juka (Jams-Wurzeln)
+bereitet wird, dann noch zwei Fleischgerichte, Kartoffeln, Eier, Brot,
+Butter und Milch; zur zweiten Mahlzeit Hühnersuppe mit Reis, dreierlei
+Fleischgerichte, Kartoffeln, Brot und oft noch eine Mehlspeise, und
+Abends Brot und Milch zum Thee. Wahrlich genug für einen Thaler, der
+nur achtzig Cents gilt!
+
+Ich befand mich gerade in der Charwoche zu Quito und hatte deshalb
+Gelegenheit, den wichtigsten kirchlichen Festen beizuwohnen.
+
+Die erste feierliche Prozession fand am Palmsonntage nach der
+Kathedrale statt; sie stellte den Einzug des Erlösers in Jerusalem dar.
+Den Zug eröffnete die Geistlichkeit, ihr folgten der Präsident, die
+Stabsoffiziere, Beamten und Honoratioren, dann kam ein lebensgroßes,
+aus Holz geschnitztes Christusbild, auf eine Eselin gebunden; das Thier
+erwartete jedoch die Prozession vor der Kirchenthüre und trat erst in
+ihre Reihe, als sie in die Kirche einzog. Den Schluß machte das Volk.
+Ich sah hier zum ersten Male einem Esel den Eintritt in eine Kirche
+gestattet.
+
+Am Montage sollte die Indianische Prozession statthaben. Indianer,
+Mischlinge, Alt-Spanier, mit einem Worte alle Ecuadorianer bekennen
+sich zwar zur katholischen Religion; allein die Alt-Spanier wollen
+nicht mit den Indianern auf eine Stufe gestellt werden, und daher haben
+letztere ihre besondere Prozession. Machen es ja die Anglikaner und
+Protestanten auch nicht anders, die haben gar Sperrsitze und Logen in
+den Kirchen, und wehe dem Armen, der sich in die aristokratischen
+Plätze eindrängen wollte! In den katholischen Kirchen Ecuador’s wie
+Peru’s findet doch wenigstens keine Absonderung der Reichen und Armen
+statt. Der Sklave kann sich neben seinen Herrn setzen, wenn er einen
+Platz an seiner Seite leer findet. Es gibt wenig Bänke in der Kirche;
+man pflegt kleine Teppiche mitzunehmen, um darauf zu knieen.
+
+Die Indianische Prozession bekam ich leider nicht zu sehen; sie wurde
+von dem Bischof zum ersten Male verboten, weil es in den vergangenen
+Jahren gar zu toll dabei zugegangen war. Die Anzüge der Leute sollen
+so barock und komisch gewesen sein, daß der Zug der lächerlichsten
+Maskerade, nicht aber einer heiligen Prozession glich.
+
+Die Hauptprozession fand am Grün-Donnerstag Nachmittags statt. Bei
+dieser machte das Militär den Anfang, hierauf folgten Beamte und
+Honoratioren, Laienbrüder, Geistliche und eine bildlich dargestellte
+Scene aus der Leidensgeschichte Jesu. Nach dieser kamen abermals
+Beamte, Honoratioren, Geistliche und Laienbrüder, eine zweite Scene
+u. s. w.; ich zählte im ganzen sechs verschiedene Scenen. In einer sah
+man Christus am Oelberge, wie ihm der Engel den Labebecher reicht,
+während die drei Jünger im Hintergrunde schlafen; in einer andern
+sah man ihn, das Kreuz tragend, in einer dritten an die Schandsäule
+gebunden, gegeißelt u. s. w. Die Schmerzens-Mutter war mit dem Dolche
+in der Brust dargestellt, hatte aber dabei ein langes Schleppkleid von
+schwarzem Sammet an und war mit Edelsteinen und dem bereits erwähnten
+kostbaren Rosenkranze geschmückt. Die Figuren dieser Scenen waren
+lebensgroß in Holz geschnitzt und vollkommen bekleidet; auf dem Kopfe
+trugen sie sogar Perücken. Sie waren auf Tribünen befestigt und wurden
+mittelst vieler Stangen zu meinem Erstaunen von Indianern getragen. Ich
+sage: zu meinem Erstaunen, denn die stolzen Alt-Spanier, die sich mit
+den Indianern nicht vermengen wollen und eine besondere Prozession für
+sie veranstalten, sollten ihnen um so weniger gestatten, die Bildnisse
+Gottes und seiner Heiligen zu tragen.
+
+Den Schluß der Prozession machten neun Domherren in langen, schwarzen
+Kleidern mit zwölf Fuß langen Schleppen, die sie nachzogen. Hinter
+jeder Schleppe gingen vier Jungen, die nichts anderes zu thun hatten,
+als die Schleppen gehörig auszubreiten, wenn sie sich aufschlugen oder
+zusammenrollten.
+
+Ich fand an dieser Prozession durchaus nichts erbauliches; sie kam mir
+im Gegentheile eher wie ein theatralisches Gepränge vor.
+
+Am Charfreitag Abends ging das Kirchen- und Gräberbesuchen an. Die
+Beleuchtung der Kirchen war wahrhaft blendend, der ganze Hintergrund
+strahlte in dem Glanze von Hunderten von Lichtern. Auch bei dieser
+Gelegenheit waren Scenen aus dem Leben Jesu dargestellt, z. B. das
+letzte Abendmahl, die Brotaustheilung, die sieben Sakramente u. s. w.
+Lächeln kann man über solche Scenen nicht, der Gegenstand ist zu ernst,
+zu würdig; aber bis in das Innerste muß sich jeder nur einigermaßen
+denkende Mensch verletzt fühlen, wenn er mit dem Heiligsten solch
+ein schmachvolles Spiel treiben sieht. Eine Beschreibung der
+fratzenhaften Figuren, der barocken Stellungen, der überaus komischen
+Zusammenstellung der Kleidertrachten aus ältester und neuester Zeit
+zu machen, wäre schwer, wenigstens für meine Feder. Die Figur z. B.,
+die in den sieben Sakramenten die letzte Oelung empfing, hatte die
+vollsten, schön gefärbtesten Wangen und leuchtende Augen, gleich
+funkelnden Sternen. Gar abscheulich nahm sich die Ehe aus: Braut
+und Bräutigam hatten die Gesichter ganz verzogen und so unsichere
+Stellungen, daß man meinte, jetzt und jetzt müßte das eine vor-, das
+andere rückwärts sinken. In der Scene, wo Jesus die Kindlein zu sich
+kommen läßt, hatten diese Banditenmäntel um, die ihnen bis über die
+Füße hingen, und dazu auf den Köpfen Strohhütchen oder Käppchen.
+
+Es wäre nöthig, daß der Papst einige ernste, würdige Priester hierher
+sendete, um so manchem unsinnigen Treiben Schranken zu setzen. Unter
+den bestehenden Verhältnissen ist es freilich nicht zu wundern, daß das
+Volk so verdummt und charakterlos ist. Die Geistlichkeit schiebt die
+Verderbtheit des Volkes auf die Regierung. Unzweifelhaft tragen beide
+Schuld. Noch sind diese Länder viel zu weit zurück und vor allem zu
+demoralisirt, um einer republikanischen Verfassung fähig zu sein.
+
+Jede andere Regierungsform, auch die absoluteste, wäre für solche
+Staaten besser, als diese republikanische Karikatur. Ich bin nun
+schon zu alt, um in meinem Leben noch Gutes von jenen Gegenden zu
+hören; aber ich hoffe, daß sie mit der Zeit alle von den Amerikanern
+der Vereinigten Staaten verschlungen werden, die mit einem Theile
+Mexiko’s bereits den Anfang gemacht haben. Es ist wahr, ich sah auch
+in Kalifornien mitunter abscheuliche Handlungen, es waren aber mehr
+Einzelnheiten, wie sie unter jeder Regierung vorkommen, und besonders
+unter einer neuen und in einem Lande, in welches der Golddurst so viele
+Abenteurer lockt.
+
+Am traurigsten ist in Ecuador das Loos der Indianer, dieser armen
+Nachkommen der rechtmäßigen Besitzer des Landes.
+
+Ich habe bereits erwähnt, daß während meines Aufenthaltes zu Guayaquil
+die Sklaverei aufgehoben wurde. Gänzliche Freiheit! Welche schöne
+Worte! -- Man sollte glauben, daß Ecuador den übrigen Republiken
+weit voraus sei. Leider ist dem nicht so. Die Lage der Indianer ist
+schlechter als Sklaverei. Diese unglücklichen Menschen haben nicht
+einen, sondern mehrere Herren, denen sie dienen müssen, von welchen
+sie aber keiner kleidet oder speiset. Für ihre Bedürfnisse müssen sie
+selbst sorgen, das ist der einzige Vortheil, den sie von der Freiheit
+haben. Jeder männliche Indianer muß jährlich eine Kopfsteuer von drei
+Thalern zahlen, die mit seinem neunzehnten Jahre beginnt und mit dem
+fünfzigsten aufhört. Der sogenannte Alt-Spanier[22], er mag Bauer
+oder was immer sein, ist von dieser Steuer befreit. Eine Geldtaxe
+ist in diesem Lande, wo der Verkehr durch die hohen Gebirge, durch
+die grenzenlos schlechten Wege, durch Mangel an Brücken u. s. w. so
+erschwert ist, die härteste Last, besonders für den Indianer, der ohne
+Besitzthum, gedrückt und niedergehalten ist.
+
+Die philanthropischen Ecuadorianer behaupten zwar, daß der Indianer,
+die Kopfsteuer ausgenommen, dieselben Rechte besitze, wie der
+Alt-Spanier, daß er Land bekommen könne, soviel er im Stande sei zu
+bebauen. Wie kann er aber Land begehren, wenn er keine Mittel hat es
+urbar zu machen, wie kann er die Zeit abwarten, bis es ihm Ernten gibt,
+und dabei noch der Regierung, die ihn mit nichts unterstützt, sondern
+nur von ihm haben will, die schwere Kopfsteuer zahlen?! --
+
+Gewöhnlich vermiethet er sich als Arbeiter bei den Haziendas-Besitzern.
+Diese geben ihm ein Stückchen Land zum Unterhalte, unterstützen
+ihn mit allem was er bedarf, natürlich gegen Abrechnung, bezahlen
+seine Kopfsteuer und geben ihm einen jährlichen kleinen Gehalt. Der
+Hazienden-Besitzer sucht dem Indianer in Lebensmitteln, Branntwein,
+Kleidungsstücken fortwährend so viel vorzustrecken, daß letzterer sein
+Schuldner bleibt, denn so lange der Indianer Schuldner seines Herrn
+ist, kann er ihn nicht verlassen. Im entgegengesetzten Falle kann
+er es thun. Stirbt er als Schuldner seines Herrn, so ist die Schuld
+aufgehoben: sie wird nie von seiner Familie gefordert.
+
+Ein ferneres großes Uebel für diese armen Menschen sind die
+Truppenmärsche. Der Indianer ist zwar als Ersatz für diese schwere
+Kopfsteuer von dem Soldaten-Dienste befreit; allein er muß bei den
+Märschen die Effekten, Lebensmittel der Soldaten auf seinem Rücken
+tragen und erhält als Entschädigung, Schimpfworte und Rippenstöße.
+Geht ein freier Indianer zufällig in dem Augenblicke an einer Kaserne
+vorüber, in welcher man eines Arbeitsmannes oder eines Gehülfen bedarf,
+so springt ein Soldat auf ihn zu und reißt ihm den Strohhut vom Kopfe,
+als Zeichen, daß er ihm folgen müsse. Folgt er nicht gutwillig, so
+wird er mit Prügeln dazu gezwungen. Ich selbst war in Quito mehrmalen
+Augenzeuge solcher barbarischer, widerrechtlicher Handlungen.
+
+Kommt ein Indianer zum ersten Male von den Gebirgen in die Ebenen, so
+kann er von jedermann mit Gewalt auf eine bestimmte Zeit in Dienst
+genommen werden. Er wird zwar dafür bezahlt, aber natürlich sehr
+schlecht. Ich sah in einem Hause einen Indianer sammt seinem Weibe
+für einen Thaler per Monat ohne Kost und Kleider dienen. Die armen
+Menschen kamen mir wie die Parias in Hindostan vor; sie aßen alles was
+man im Hause weg warf, sie kochten die äußeren Blätter des Kohles, des
+Krautes, mischten etwas Gerstenmehl bei und genossen das Gericht ohne
+alle andere Zuthat, ja sogar ohne Salz; sie schliefen auf der Erde in
+einem Winkel der Küche oder der offenen Veranda, kaum zur Hälfte mit
+ihren zerrissenen Ponchos zugedeckt.
+
+Diese bedauernswerthe Menschenklasse, noch die beste und
+rechtschaffenste im ganzen Lande, wird nicht nur von Alt-Spaniern,
+sondern auch von den Mischlingen, ja sogar von den Negern, als tief
+unter ihnen stehend betrachtet und mit Verachtung behandelt.
+
+Während meines Aufenthaltes in Quito fügte es der Zufall, daß eine
+Theatervorstellung angekündigt wurde, eine Sache, die sich in dieser
+Stadt selten ereignet, da sich nicht leicht ein Trupp Schauspieler oder
+Künstler über die Cordilleren verliert. Ich freute mich sehr auf diese
+Vorstellung, da ich erwartete eine Gesellschaft zu sehen, wie sie bei
+uns auf dem Lande von Dorf zu Dorf wandern, die Bühne in der ersten
+besten Scheune aufschlagend.
+
+Hier diente das Museum als Theater. Man stellte hölzerne Bänke hinein,
+brachte Stühle auf die Gallerie und zündete Talglichter an, die den
+Leuten die Kleider beschmutzten. Am Eingang des Vorsaales, in welchem
+man die Billete löste, paradirte ein wachthabender Soldat, sein Gewehr
+vor den Eingang pflanzend und die Leute mit dem „~A donde va~“ (Wohin
+geht Ihr?), so derb anschreiend, daß man ordentlich zurückprallte. Man
+mußte antworten: „In das Theater!“ Bei dem wirklichen Eingang in das
+Theater stand ein zweiter Posten, ebenfalls das Gewehr vor die Thür
+pflanzend und denselben martialischen Anruf wiederholend. Ist mir doch
+in meinem Leben kein ähnlicher Unsinn vorgekommen!
+
+Das Publikum war echt republikanisch. Da sah man lumpig gekleidete
+Indianer, deren Weiber sogar ihre Säuglinge mitbrachten, Neger, deren
+Ausdünstung gerade keine Wohlgerüche verbreitete, Gassenjungen, die
+sich um Plätze balgten, als wären sie auf offener Straße; dazwischen
+saßen Herren und Offiziere mit ihren Frauen und Töchtern, erstere
+in ihren Ponchos, letztere in den großen Umschlagetüchern, die sie
+zugleich über den Kopf gezogen hatten. Nur eine Gesellschaft von
+drei Frauen und einigen Herren machte eine Ausnahme. Diese Leute
+waren geschmückt, als hätte es einen Besuch des Opernhauses in
+Paris oder London gegolten -- die Damen sehr entblößt und beladen
+mit Schmuck, Federn und Blumen, die Herren in schwarzem Anzuge mit
+Glacé-Handschuhen. Das sah wirklich komisch aus inmitten dieser
+schmutzigen, etwas gar zu gemischten Gesellschaft.
+
+Die Vorstellung selbst war nicht ein Theaterstück, wie ich erwartete;
+ein Taschenspieler machte die erbärmlichsten Kunststücke, die man nur
+sehen kann. Jedes Kind hätte sie zum besten geben können; es fand
+auch nicht die geringste Täuschung statt. Aber das Publikum war damit
+zufrieden, es klatschte dem Pfuscher aus Leibeskräften Beifall zu,
+erhob sich und stieg sogar auf die Bänke. Bei einem der Kunststücke
+wurde eine Pistole losgeschossen. Dieser unvermuthete Lärm schreckte
+die schlummernden Säuglinge auf, und sie fingen alle plötzlich aus
+vollen Kehlen zu schreien an, so daß der große Künstler mit seiner
+Vorstellung einhalten mußte, bis die kleinen Störer von ihren Müttern
+beschwichtiget und wieder eingeschlummert waren.
+
+Nach dem ersten Akte verließ ich das Haus, es war mir nicht möglich
+länger zu bleiben. Die einzige Freude, die mir diese Unterhaltung
+verschaffte, war zu sehen, daß der Eintritt niemand versagt war.
+Der Indianer, der Neger hatte, sobald er bezahlen konnte, dieselben
+Rechte, wie jene geputzte und geschmückte Gesellschaft. Die Preise
+waren für Quito so hoch (der erste Platz einen halben, der zweite
+einen Viertel-Thaler), daß es mir ein wahres Räthsel wurde, woher
+das Bettelvolk und die Gassenjungen das Geld hiezu aufgebracht haben
+mochten.
+
+Vor meiner Abreise von Quito besuchte ich noch die Hazienda des
+Generals +Algierre+, die von allen Hazienda’s, die ich in Ecuador
+gesehen, eine glänzende Ausnahme macht. Da herrscht doch geregelte
+Ordnung, Reinlichkeit und Wohlhabenheit. Das Wohnhaus ist eines der
+schönsten im Lande. Der älteste Sohn des Generals, Herr Carlos Algierre
+hat einen Theil seiner Erziehung in Paris genossen; er ist ein feiner,
+gebildeter Weltmann und verbindet damit, wie man mir allgemein
+versicherte, einen sehr gediegenen Charakter, wie überhaupt die ganze
+Familie. Ich fand bei ihm die auserlesensten Werke der französischen
+Literatur.
+
+Vater und Sohn haben sich durch Anlegung einer Fabrik, in welcher
+weißes Kammertuch erzeugt wird, um ihr Vaterland verdient gemacht.
+Sie ließen die hiezu nöthigen Maschinen von Belgien kommen. Ueber
+neunhundert Lastthiere waren nöthig, sie von Guayaquil nach Chillo (so
+heißt die Hazienda) zu schaffen. Die größeren Maschinen mußten von
+Menschen getragen werden. Die Baumwolle wird angekauft, wie sie von
+der Ernte kömmt, und verläßt als fertiges Kammertuch die Fabrik. Ein
+Belgier leitet das ganze Werk. Außer dieser Fabrik gibt es nur noch
+eine im Lande, in welcher grobes Tuch für die Ponchos gemacht wird.
+
+Chillos liegt fünf Meilen von Quito in einem herrlichen, fruchtbaren
+Thale, von mächtigen Gebirgen eingefaßt, über welche die Spitze des
+Cotopaxi ragt.
+
+Die Briefe, die mir der Ecuadorianische ~Chargé d’affaires~ in Lima,
+Herr +Muncayo+, für den Präsidenten und die hohen Beamten mitgab,
+brachten mir nicht den geringsten Nutzen. Der Präsident dieser großen
+Republik von 400,000 Seelen fand sich im Gefühle seiner hohen Stellung
+zu stolz und zu gewichtig, mir den Anblick seiner Person zu gönnen. Er
+gab mir, nachdem ich ihm den Empfehlungsbrief gesandt hatte, weder eine
+Antwort, noch ließ er mich zu sich bescheiden. Ein anderer Großer des
+kleinen Reiches, ein Herr +Larrea+, an den ich ebenfalls einen Brief
+hatte, trieb die Höflichkeit noch weiter: er lud Herrn und Frau +White+
+zu einer Abendunterhaltung ein, ohne meiner zu erwähnen, obgleich ich
+Herrn White’s Gast war. Unter solchen Umständen war natürlich an meine
+projectirte Reise nach dem Amozonenstrom nicht zu denken, denn ohne
+kräftige Hilfe der Regierung, nicht etwa mit Geld, sondern mit sichern
+Leuten, konnte ich sie nicht unternehmen. Die wilden Indianer-Stämme,
+durch deren Länder die Reise geht, geben den Reisenden weder Boote noch
+Leute; man muß alles mit Gewalt erzwingen, oder durch seine eigenen
+Leute Boote zimmern lassen, und sogar die nöthige Nahrung theils
+mitnehmen, theils sich durch Erlegung von Wild verschaffen.
+
+Ich war zu meinem großen Leidwesen gezwungen, diesem Plane zu entsagen,
+und wollte dafür zu Lande nach +Bogota+, der Hauptstadt Neu-Granadas,
+gehen. Diese Reise, fortwährend zwischen den Cordilleren hinführend,
+soll im Sommer herrlich, in der Regenzeit aber fürchterlich sein.
+Nichts destoweniger war ich dazu entschlossen, denn das schöne Wetter
+abzuwarten, dauerte mir zu lange, die Regenzeit endigte, nach dieser
+Richtung erst im Monate Juni, und jetzt waren wir noch im April.
+Ich handelte von dem Koche des Herrn White einen guten Sattel aus,
+bei welcher Gelegenheit ich abermals sah, wie geneigt dieses Volk
+zu Betrügereien ist. Der Mann verlangte drei Thaler für den Sattel
+in Gegenwart zweier Herren. Ich sagte ihm selbe zu, wenn der Sattel
+gut befunden würde (den Sattel hatten wir nicht gesehen, da er ihn
+in einem andern Hause bewahrte). Als ich ihn gesehen und bezahlen
+wollte, schob der Verkäufer die drei Thaler zurück, dreist behauptend,
+daß er vier Thaler gefordert habe. Alle diese Schlechtigkeiten und
+viele andere, mit deren Erzählung ich meine Leser verschone, ärgerten
+mich so sehr, daß ich sehnlichst wünschte, bald aus dem Bereiche
+der südamerikanischen Republiken zu kommen. Die größten Mühen und
+Beschwerden sind nicht vermögend meine Reiselust zu vermindern; allein
+Völker mit so schlechtem, nichtswürdigem Charakter würden es nur zu
+bald bewirken. Ich fühlte mich unter den Kannibalen Sumatras ungleich
+zufriedener, als unter diesem christlichen Gesindel.
+
+Ich hatte schon Thiere gemiethet zur Reise nach Bogota, und ging nur
+noch zu dem Spanischen Minister, Herrn +de Paz+, um Abschied zu nehmen.
+Dieser gute Mann bot seine ganze Beredsamkeit auf, mich von der Reise
+abzubringen. Er sagte mir, daß ich sie, obwohl die Entfernung nur 250
+Leguas (750 englische Meilen) betrage, in der jetzigen Jahreszeit nicht
+unter fünfzig Tagen machen könne, daß ich die größten Schwierigkeiten
+finden dürfte, einige der vorkommenden bedeutenden Flüsse zu
+übersetzen, und daß ich als Frau den unverschämtesten Betrügereien
+und Schlechtigkeiten von Seite der Eingebornen ausgesetzt wäre, da in
+dieser Entfernung Briefe oder selbst Befehle der Regierung sehr wenig
+oder gar nicht geachtet werden. Ich gab seinen Vorstellungen Gehör,
+wozu wohl auch mein Wunsch, diesen erbärmlichen Völkern baldigst den
+Rücken zu kehren, viel beitrug, und änderte meinen Reiseplan dahin ab,
+daß ich nach Guayaquil zurückkehrte.
+
+Ich kann wohl sagen, daß ich Herrn de Paz mein Leben danke, da
+mich seine Vorstellungen dieser Reise entsagen machten. Meine
+Gesundheit hatte durch die beständig sich wiederholenden Anfälle des
+Sumatra-Fiebers sehr gelitten, und ich glaube kaum, daß ich fünfzig
+Tage voll Mühen und Entbehrungen mit stetem Regen und Klimawechsel
+hätte überstehen können.
+
+Am +25. April+ verließ ich Quito, und zwar bloß in der Begleitung eines
++Arrieros+. Ich hatte gelobt, keinen Diener mehr mit mir zu nehmen.
+Die Reise ließ sich sehr gut an, und ich genoß das Glück, viermal den
+Chimborazo in voller Schönheit zu sehen, das erste Mal bei meiner
+Ankunft in Ambato, das zweite Mal bei der Abreise, das dritte Mal
+bei dem Uebergange und das vierte Mal in Guaranda. Die Sonne selbst
+schien entzückt zu sein, das herrliche Werk Gottes beleuchten zu
+können; sie goß ihr ganzes Feuer, ihr volles Licht auf ihn und machte
+sein jungfräulich-schneeiges Haupt in unbeschreiblichem Schimmer
+erglänzen. Ich versank in Anschauung und tiefe Bewunderung. Leider
+währten diese erhabenen Anblicke stets zu kurz -- Wolken und Nebel
+umschwebten bald die Spitzen, senkten sich immer tiefer und tiefer und
+verhüllten nur gar zu rasch dieß Heiligthum der Cordilleren mit ihrem
+undurchdringlichen Schleier. --
+
+Ich bemerkte, daß der Chimborazo nicht in einer Spitze ausgeht: er hat
+eine Hauptkuppe und drei kleinere; zwischen der Hauptkuppe und den
+kleineren scheint sich eine ziemlich bedeutende schiefe Fläche von
+Westen nach Osten zu ziehen.
+
+Am überraschendsten ist der Anblick des Berges von Ambato aus, welcher
+Ort bedeutend tiefer liegt, als Guaranda. Man glaubt wahrlich, den
+Koloß beinahe an die Himmelsdecke stoßen zu sehen. Das letzte Drittel
+seiner Höhe steigt in wunderbar ebenmäßiger, kuppelartiger Form empor.
+
+Das Vergnügen, das ich in der Anschauung dieses herrlichen Berges
+fand, ließ mich alle Gefahr vergessen. Erst als ich auf die kleine
+Hochebene, an die Stelle gelangte, wo der Engländer von seinem Arriero
+ermordet worden war, machten mir die die ganze Gegend verdeckenden
+Nebelwolken die grausige Einsamkeit fühlbar, in der ich mich befand.
+Doch glücklich ward auch diese Tagereise (die vierte von Quito)
+vollbracht, und ohne Unfall erreichte ich Guaranda.
+
+Hier kam ich abermals zu einer mir ganz neuen Scene zurecht. Es
+war gerade Sonntag, und die Leute unterhielten sich mit einem sein
+sollenden Stiergefecht, das aber eben so läppisch und erbärmlich
+war, wie die Künste des Taschenspielers in Quito. Dem Stier waren an
+den Hörnern Stricke befestigt, die von vielen Männern an zwei Seiten
+gehalten wurden, so daß er sich weder links noch rechts einen Schritt
+weiter bewegen konnte, als man es für gut fand. Man suchte ihn durch
+Zuwerfen von bunten Tüchern und anderen Gegenständen aufzureizen,
+allein ohne Erfolg; er blieb ruhig stehen und blickte die versammelte
+Volksmenge wie verblüfft an. Am Ende warf man ihm gar eine Schlinge um
+den Hals und band ihm die Füße. Nachdem er so gefesselt war, stürmten
+die Männer und Jungen auf ihn ein und quälten ihn auf allerlei Weise.
+Viele waren auch zu Pferde und jagten im Triumphe um ihn herum; es
+konnte kein grausameres und zugleich alberneres Kinderspiel geben
+als dieses. Was würden die guten, gemütlichen Hindostaner von diesen
+Menschen gedacht haben, wenn sie dieselben eine so schmähliche
+Tierquälerei hätten verüben sehen! Nachdem das Spiel mehrere Stunden
+gewährt, die Männer, gleich Schuljungen dem gefesselten Thiere
+gegenüber ihren Muth und ihre Unerschrockenheit gezeigt, machte die
+Nacht dieser edlen Unterhaltung ein Ende.
+
+Ich mußte in Guaranda einen Tag bleiben, um frische Thiere zu miethen.
+Ich verstand nun schon so viel von der Spanischen Sprache, um mit den
+Leuten ein wenig verkehren zu können und ihre Gespräche aufzufassen.
+Zu meinem Erstaunen hörte ich Frauen in Gegenwart ihrer Kinder, in
+Gegenwart von Männern und Jünglingen Gegenstände besprechen, die bei
+uns kaum zwischen Frauen allein besprochen werden. Diese Leute haben
+nicht das geringste Zartgefühl. Ein Herr, der auf Besuch zu der Familie
+kam, bei welcher ich wohnte, zog ohne Umstände sein Reitbeinkleid, das
+er über ein anderes Beinkleid trug, vor der ganzen Gesellschaft aus.
+
+Ich fand in Guaranda einen Italiener, den ich ersuchte, die Thiere
+für mich auszuhandeln, und die Dauer der Reise auf vier Tage
+festzustellen. Man macht sie, wenn die Regenzeit im Abnehmen ist,
+gewöhnlich in drei Tagen; ich wollte aber vier Tage dazu verwenden,
+weil man durch viele Waldungen und Gebüsche kommt, die von Insekten und
+Schmetterlingen reich belebt sind, so daß ich mir eine ausgiebige Jagd
+versprechen konnte. Ich bezahlte deshalb für die Thiere auch mehr als
+den gewöhnlichen Preis. Der Vermiether verlangte die ganze Summe in
+vorhinein; ich wollte nur die Hälfte erlegen, um den Arriero in meiner
+Gewalt zu haben. Allein der Italiener gab vor, den Mann gut zu kennen,
+und versicherte mir, daß ich nichts dabei wage, wenn ich das ganze Geld
+sogleich gäbe. Leider that ich es. Kaum waren wir eine Tagereise von
+Guaranda entfernt, so sagte mir der Arriero, daß ich die Reise in drei
+Tagen machen müsse, sein Herr habe es ihm so aufgetragen. Vergebens
+berief ich mich auf die Versicherung des Italieners, auf die größere
+Bezahlung. Das Geld war in den Händen des Eigentümers, und wie mir der
+Arriero sagte, hatte sein Herr dem Italiener einen kleinen Theil davon
+abgegeben, damit er mich zur Vorausbezahlung bewege. Gegen dergleichen
+Betrügereien ist freilich nichts zu machen -- kein Mensch hätte meine
+Klage angehört, niemand mir Recht verschafft.
+
+Die Wege von Guaranda nach Savanetta waren noch gefährlicher als auf
+der Herreise, da es viel und stark bergab ging. Die Thiere glitten
+beinahe bei jedem Schritte aus, oder stolperten über die Steine, oder
+fielen in die Löcher, von welchen die Straße voll war. Ich hatte das
+Unglück, daß mein Maulthier gerade an einem sehr steilen Abhange in ein
+Loch stürzte, wobei der Sattelgurt riß, so daß ich mit dem Sattel über
+den Kopf des Thieres flog. Der Arriero, statt mir zu helfen, lachte aus
+vollem Halse über meinen Sturz. Glücklicherweise kam ich unbeschädigt
+davon.
+
+In die größte Lebensgefahr aber geriet ich auf dem Flusse Guaya. Ich
+mußte nämlich von Savanetta bis Guayaquil in einem kleinen Boote fahren
+(drei Tage). Während des Fahrens an die Außenseite steigend, hatte
+ich das Unglück auszugleiten und in den Fluß zu stürzen, der voll von
+Kaimans ist. Im ersten Augenblicke erschrack ich nicht so sehr, obwohl
+ich nicht schwimmen konnte, da ich dachte, daß die Bootsleute gute
+Schwimmer seien und mich gewiß augenblicklich heraus holen würden.
+Ich wußte auch, daß ich zweimal an die Oberfläche des Wassers käme,
+und sie mich derart leicht sehen könnten. Die Kaimans hatte ich ganz
+vergessen. Als ich aber das erste Mal an die Oberfläche kam, sah ich
+mich vergebens nach einem Retter um -- ich hatte gerade nur so viel
+Zeit, das Boot zu gewahren und zu bemerken, daß die Leute gar keine
+Miene machten, mir zu Hülfe zu kommen. Ich sank das zweite Mal. Nun
+bekam ich wohl Angst, verlor aber zum Glück die Besinnung nicht; ich
+wußte, daß man die Hände vor sich strecken und gleich Rudern gebrauchen
+müsse -- ich versuchte, was in meinen Kräften lag -- auf menschliche
+Hülfe hatte ich nicht mehr zu rechnen. Und siehe -- als ich zum zweiten
+Male auftauchte, befand ich mich unmittelbar an dem Boote; ich hatte
+nur nöthig, mich daran zu klammern. Die Bootsleute betrachteten dieß
+alles ruhig und gelassen; keiner reichte mir die Hand oder ein Ruder.
+Einer der Reisenden (ein Eingeborner) half mir in das Boot. Ich gestehe
+aufrichtig, daß, wenn ich dieser Scene gedenke, es mich heute noch
+kalt überläuft. Gottes Schutz schien mich auf allen meinen Reisen zu
+geleiten, bewahrte mich in zahllosen Gefahren; aber so augenscheinlich,
+so unverkennbar ruhte seine Hand nie auf mir wie dießmal. Ich kann
+mit Worten meine Gefühle nicht ausdrücken, aber tief fühle ich seine
+unendliche Güte und Barmherzigkeit.
+
+Kaum war ich gerettet, so stürzten sich zwei Bootsleute in den Strom,
+um sich zu baden. Sie schwammen die längste Zeit um das Boot herum;
+es war gerade, als wollten sie mir zeigen, daß sie mir hätten helfen
+können, wenn sie gewollt.
+
+Als ich in Guayaquil meinen Unglücksfall erzählte, und mich über die
+Schlechtigkeit der Bootsleute beklagte, wunderte man sich noch, daß sie
+mich wieder in das Boot gelassen und nicht weggestoßen hatten. Es soll
+sich manchmal ereignen, daß die Leute einen Reisenden, vorzüglich wenn
+er fremd ist, vorsätzlich in das Wasser werfen, um sich seiner Habe zu
+bemächtigen.
+
+In Guayaquil widerfuhr mir zum Abschiede noch der letzte Betrug von
+Seite eines edlen Ecuadorianers. Das Boot, in welchem ich die Fahrt von
+Savanetta nach Guayaquil machte, gehörte einem reichen Kaufmann, Namens
++Alvaro+, der gleichfalls nach Guayaquil fuhr, jedoch in einem andern
+Boote. In dem Preise der Ueberfahrt hatte ich mein kleines Gepäck
+ausdrücklich mit einbedungen. Nichts destoweniger war der reiche Mann
+so unverschämt, mir bei der Ankunft zu Guayaquil meinen Koffer nicht
+auszuliefern, bis ich ihm einen halben Thaler mehr bezahlte.
+
+Geld, Geld ist das einzige, wornach die Leute in diesem Lande
+streben; die Menschen thun es zwar überall, aber doch nicht auf so
+niederträchtige Weise, durch ähnlich unverschämte Betrügereien wie hier.
+
+Von Guayaquil fuhr ich mit dem Dampfer wieder nach Panama, wo ich
+am 21. Mai anlangte und von ~Dr.~ +Autenrieth+ herzlich willkommen
+geheißen wurde. Wenige Tage später ging ich über den Isthmus nach
++Aspinwall+, eine sehr kleine Reise (117 englische Meilen), die aber,
+wie ich bereits beschrieben, sehr großes Geld kostet. Eine Eisenbahn
+war nun schon zum größten Theile vollendet, man war der lästigen
+Flußfahrt überhoben und hatte nur mehr sechszehn englische Meilen zu
+reiten. Diese kleine Strecke kostete fünfzehn Thaler. Für das Gepäck
+mußte man per Pfund fünfzehn Cents (hundert auf einen Dollar) bezahlen.
+Ein Platz auf der Eisenbahn kostete 12½ Thaler. Glücklicherweise
+gehört die Eisenbahn einer Amerikanischen und nicht einer Englischen
+Gesellschaft; in Folge dessen gab man mir mit größter Bereitwilligkeit
+unentgeldlich eine Karte.
+
+In einigen Monaten wird die Eisenbahn bis Panama beendet sein, und der
+Reisende diesen vor kurzem noch so beschwerlichen Uebergang in wenigen
+Stunden machen können.
+
+In Aspinwall wird man von Trägern, Wirthen und dergleichen Volk auf
+wahrhaft Kalifornische Art mitgenommen. In den ersten Gasthöfen zahlt
+man per Tag vier und fünf, in den billigsten zwei Dollars.
+
+Aspinwall besteht erst seit anderthalb Jahren. Dieses junge Städtchen
+hat ein ganz Nordamerikanisches Ansehen; die Häuser sind alle von
+Holz und wurden aus den Vereinigten Staaten herüber gebracht, wodurch
+sie billiger zu stehen kommen, als wenn sie bei der übertrieben
+theuern Arbeit hier angefertigt worden wären. Wo der Amerikaner
+etwas zu verdienen hofft, ist er flink bei der Hand; nur will er
+die Gelegenheiten gar zu gut benützen, und prellt den Reisenden wo
+er kann -- das thut aber der Amerikaner nicht allein, das thun alle
+civilisirten und uncivilisirten christlichen Völker.
+
+Am +31. Mai+ Abends verließ ich Aspinwall auf dem schönen Dampfer
+„Eldorado“, Kapitän +Grey+, mit der Bestimmung nach Neu-Orleans.
+
+
+ [21] Ich besuchte einige der vorzüglichsten Ateliers und fand überall
+ die gleich schlecht geschnitzten, hölzernen Figuren, wie in den
+ Kirchen.
+
+ [22] Hier wie in Peru nennt sich zwar alles „Alt-Spanier“, was nur
+ einige Tropfen Spanischen Blutes in seinen Adern hat, und nicht
+ reiner Indianer oder Neger ist; allein die Regierung geht, der
+ jährlichen drei Thaler wegen, dabei etwas genauer zu Werke.
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75640 ***