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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-03-17 04:22:11 -0700 |
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Ungewöhnliche und heute nicht + mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original + unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert. + + Die Verwendung von gesperrter Schrift für Personen- und Ortsnamen + wurde im Original inkonsistent gehandhabt, dennoch wurden in der + vorliegenden Fassung dahingehend keinerlei Korrekturen vorgenommen. + + Das Original wurde in Frakturschrift gedruckt. Besondere + Schriftschnitte werden im Text mit Hilfe der folgenden Symbole + gekennzeichnet: + + fett: =Gleichheitszeichen= + gesperrt: +Pluszeichen+ + Antiqua: ~Tilden~ + + #################################################################### + + + + +[Illustration: Holzschnitt und Druck von Eduard Kretzschmar in Leipzig. + +Eine Bambusbrücke.] + + + + + Meine + + Zweite Weltreise. + + + Von + + Ida Pfeiffer, + + Verfasserin der „Reise in das heilige Land“, der „Reise nach Island“ + und der „Frauenfahrt um die Welt.“ + + + Zweiter Theil. + Sumatra. Java. Celebes. Die Molukken. + + + Wien. + Carl Gerold’s Sohn. + 1856. + + + + + Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen behält sich die + Verfasserin vor. + + + Druck von Carl Gerold’s Sohn. + + + + +Inhalt des zweiten Bandes. + + + =Siebentes Kapitel.= Seite + + Sumatra. -- Ankunft in Padang. -- Reise in das Innere. + -- Fort de Kock. -- Kotto-Godong. -- Seltsame + Gesetze. -- Muara-Sipongie. -- Widerrathen der + Reise. -- Die Battaker. -- Ihre Gebräuche und Gesetze. + -- Abschied von den letzten Europäern 1 + + =Achtes Kapitel.= + + Fortsetzung der Reise auf Sumatra. -- Die Fußreise. -- + Das Nachtlager im Urwalde. -- Erstes Zusammentreffen + mit den Kannibalen. -- Haly-Bonar. -- Opferung + eines Büffelkalbes. -- Das Thal Silindong. -- + Feindseliger Empfang. -- Gezwungene Rückkehr. -- + Wiederholte wilde Scenen. -- Wiederkehr nach den + Holländischen Besitzungen. -- Paija-Kombo. -- Besteigung + des Merapi. -- Rückkunft nach Padang 44 + + =Neuntes Kapitel.= + + Java. -- Samarang. -- Die Schlammquellen von Grobogan. + -- Besuch der freien Fürstenthümer Djogokarta + und Surukarta. -- Der Tempel Boro-Budoo. -- Die + heilige Schildkröte. -- Audienz bei dem Sultan. -- + Solo. -- Fürstliches Leichenbegängniß. -- Audienz bei + dem Susubunan. -- Rückkehr nach Samarang. -- Reise + nach Surabaya 101 + + =Zehntes Kapitel.= + + Makassar. -- Banda. -- Erdbeben. -- Die Muskatnuß-Pflanzungen. + -- Ambon. -- Ausflug nach der Negeri + Emma. -- Saparua. -- Ceram. -- Fußreise durch das + Innere Cerams. -- Ankunft zu Wahai. -- Die Alforen. + -- Rückreise nach Ambon. -- Ternate. -- Besuch + bei dem Sultan 142 + + =Elftes Kapitel.= + + Celebes. -- Menado. -- Reise nach den Oberlanden. -- + Die holländischen Missionäre. -- Makassar. -- Reise + in das Innere von Celebes. -- Maros. -- Eine Regentenwahl. + -- Tanette. -- Baru. -- Fest der Zahnfeilung. + -- Pare-pare. -- Der gelehrte Malaische König 194 + + =Zwölftes Kapitel.= + + Sidenring. -- Die Seen von Tempe. -- Lagusi. -- Ein + königliches Mahl. -- Rückkehr nach Sidenring. -- Die + Rehjagd. -- Besuch bei dem Sultan von Goa. -- Abreise + von Celebes. -- Surabaya. -- Eine Malaische + Hochzeit. -- Eine Spukgeschichte. -- Rückkehr nach + Batavia 242 + + + + +Siebentes Kapitel. + + Sumatra. -- Ankunft in Padang. -- Reise in das Innere. -- Fort de + Kock. -- Kotto-Godong. -- Seltsame Gesetze. -- Muara-Sipongie. + -- Widerrathen der Reise. -- Die Battaker. -- Ihre Gebräuche und + Gesetze. -- Abschied von den letzten Europäern. + + +Schon seit einiger Zeit war der Wunsch in mir rege geworden, eine Reise +nach +Sumatra+ (560 M.) zu machen; allein die Kosten des Dampfschiffes +(fünfhundert Rupien für die Hin- und Rückfahrt) waren zu groß. Herr +van Rees machte mir jedoch Hoffnung auf eine billige Ueberfahrt. +Einige Stunden nach unserer Rückkunft von Tangerang fuhr er nach der +Stadt, und sandte mir wirklich ein Briefchen, in welchem eine Karte +eingeschlossen lag, lautend auf die Reise nach Sumatra und zurück. Wie +groß meine Freude war, kann man sich leicht vorstellen. + +Herr van Rees hatte darüber mit den in Batavia etablirten deutschen +Kaufleuten gesprochen; sie waren sogleich bereit, eine Karte für mich +zu besorgen. Ich sage diesen Herrn meinen innigsten Dank, und kann sie +versichern, daß diese Reise die interessanteste von allen war, die ich +gemacht habe. + +Schon den folgenden Tag sollte der Dampfer Makassar, 120 Pferdekraft, +Kapitän +Bergner+, absegeln. Meine Vorbereitungen waren schnell +gemacht, und am 8. +Juli+ 1852, Morgens um sechs Uhr ging ich an +Bord, begleitet von meinem unermüdlich gefälligen Freunde, Herrn van +Rees. + +Denselben Tag noch bekamen wir die Küste von Sumatra zu Gesicht, ohne +jene von Java zu verlieren. Beide Inseln sind sehr gebirgig, Java’s +Berge aber höher und in Form und Gestalt abwechselnder. + +10. +Juli.+ Erst diesen Morgen verloren wir die Küste von Java aus dem +Auge. Auf Sumatra zeigten sich zwei- bis dreifache Gebirgsketten. Ein +schöner, ebener Landgürtel zog sich von der See bis an das Gebirge. +Ebene und Gebirge waren üppig bewaldet. + +11. +Juli.+ Wir sollten zu +Benkula+, dem Hauptorte der Residentschaft +gleichen Namens anlegen; allein der Ankerplatz ist selbst für +Dampfschiffe nur bei ruhigem Wetter zu benützen; da uns dieses nicht +begünstigte, mußten wir in die zwölf Meilen entfernte +Pulu-Bay+ +einlaufen. Der Kapitän ging zu Lande nach Benkula und kam erst den +folgenden Nachmittag zurück. Gegen Abend ging die Reise weiter. + +13. +Juli.+ Morgens kamen wir zu +Padang+ an, dem Hauptorte der +Holländischen Besitzungen auf Sumatra. Die Lage dieser Stadt ist +außerordentlich reizend. Auf der Westseite sind liebliche Hügel und +niedere Berge, darunter der +Gunang Batu+ der höchste (950 Fuß), der +schroff aufsteigende 350 Fuß hohe +Affenberg+ der auffallendste. +Dieser letztere ist in die See hinaus geschoben und mit dem Lande nur +durch eine schmale Erdzunge verbunden. Gegen Norden erhebt sich in der +Entfernung von vier bis fünf Paal ein schöner Gebirgszug; zwischen +diesem und der Stadt breitet sich eine sehr fruchtbare Ebene aus. + +Padang ist die größte Stadt auf Sumatra: sie hat eine Bevölkerung +von 27,000 Seelen und ist der Sitz des Gouverneurs, der vier Paal von +der Stadt entfernt, nahe dem Gebirge zu „+Wellkom+“ ein schönes Haus +bewohnt. Die Stadt ist nicht hübsch; die besten Gebäude sind die +Magazine und Comptoir’s der Europäischen Kaufleute. Die Wohnhäuser +der Europäer liegen nahe der Stadt in kleinen Gärten unter schattigen +Kokospalmen, an welchen die ganze Gegend sehr reich ist. + +Ich stieg zu Padang bei Herrn Major +Kreling+ ab; allein kaum hatte der +Gouverneur, Herr van +Switen+, meine Ankunft erfahren, als er selbst +kam, mich nach seinem Hause einzuladen, wohin ich noch denselben Tag +fuhr. + +Meine Absicht war, in Padang selbst nur kurze Zeit zu verweilen; ich +wollte das sogenannte +Oberland+, +Benjol+, +Mandelling+, +Ankolla+, ++Groß-Toba+ u. s. w. besuchen, und bis zu den freien, wilden Battakern +unter die Kannibalen gehen. Auch hier wie zu Sarawak suchte man mich +zu bereden, diesen Plan aufzugeben; man sagte mir, daß, seit im +Jahre 1835 zwei Missionäre, die Herren +Layman+ und +Mansor+, von +den Battakern getödtet und auch gefressen worden seien, sich kein +Europäer ohne Militärbegleitung unter sie wage. Man rieth mir, mich mit +den Holländischen Besitzungen zu benügen, und mich nicht der beinah +unvermeidlichen Gefahr auszusetzen, auf so gräßliche Art mein Leben zu +verlieren. Allein gerade der Wunsch, unter die Battaker zu gehen, diese +von den Europäern so wenig gekannten Völker zu besuchen, war es, was +mich zu dieser Reise anspornte. Anderseits dachte ich, daß vielleicht +die Schwäche meines Geschlechtes mein Schutz sein könnte. Ich gab den +Warnungen kein Gehör, und trat am + +19. +Juli+ unter trübem, wolkenbedecktem Himmel die Reise zu Pferde +an. Auch hier, wie zu Sarawak, stellte sich gleich am ersten Tage +meiner Reise ein Hinderniß entgegen, das mich zur Rückkehr zwang. +Als ich nämlich in die Nähe des Flusses +Udjong-Karang+ kam, fand +ich die Gegend in Folge mehrtägigen ununterbrochenen Regens weit und +breit überschwemmt -- das Wasser reichte den Pferden bis über die +Brust. Ueber den Fluß selbst führte keine Brücke; sie war in der Nacht +weggespült worden, und die Ueberfahrt auf einem Floße noch nicht +geordnet. Ich mußte nach Padang zurück. + +20. +Juli.+ Mit wässerigem Sonnenschein zog ich aus; bald hatte ich +beständigen Regen. Ich ging bis +Lubulong+, 20 Paal oder zwei Etappen. +Auf Sumatra sind die Entfernungen in Etappen eingetheilt, d. h. in +Militär-Stationen oder Märschen von je acht bis dreizehn Paal. Auf den +Etappen findet man entweder einen Beamten oder ein kleines Fort, oder +irgend ein der Regierung gehöriges Häuschen, in welchem man die Nacht +zubringen kann. Auf manchen findet man auch Schreiber oder Aufseher, +welche die Fremden gegen Bezahlung aufnehmen. + +Die Gegend fing, sechs bis acht Paal von Padang entfernt, an ein etwas +wildes Aussehen zu haben: wenige Reispflanzungen, dagegen viel Waldung, +Gestrüppe und Alang-Alang. Die Bevölkerung schien mir, im Verhältniß +zur geringen Kultur, bedeutend: ich kam häufig an Kampon’s vorüber. Da +ein großer Theil der Bevölkerung Sumatras aus Malaien besteht, so sind +auch hier die Hütten überall auf Pfähle gebaut. + +In Sumatra wird, wie in Java, ebenfalls alles, Kaffee ausgenommen, +von Menschen getragen, und zwar auf dem Kopfe. Der Kaffee wird durch +Pferde und Büffel fortgeschafft. An der Straße liegen viele Hütten +(Pasangruhan), an welchen fünf Fuß hohe Gestelle angebracht sind, +auf die der Kulli die Last bequem vom Kopfe abschieben kann. Diese +Hütten dienen ihnen zugleich als Schenke; sie finden da Thee, Kaffee +(letzterer ein Abguß von den Blättern des Kaffeebaumes), gekochten Reis +und Qué-qué (eine Art Kuchen oder Backwerk). Sie können daselbst auch +die Nacht zubringen. + +Man bezahlt den Kullis hier, wie auf Java 2½ Deut per Paal, und +vertraut ihnen unbedingt alles an. Man erzählte mir einen einzigen +Fall, in welchem sie zwar nichts entwendeten, aber dennoch dem +Eigentümer einen großen Schaden zugefügt hatten. Ein Mineralog sandte +mehrere Kisten mit Mineralien nach Padang. Die Kisten waren nicht +verschlossen, und als die Kulli sahen, daß sie nichts als Steine +enthielten, kamen sie überein, die Steine wegzuwerfen und die Kisten +vor Padang mit anderen Steinen anzufüllen -- sie meinten Steine wären +Steine. Der Eigentümer blieb leider längere Zeit auf Reisen; als er +zurück kam und den Verlust seiner Schätze entdeckte, war es zu spät, +sie wieder aufzufinden. + +In den größeren Ortschaften fielen mir offene Hallen auf, die von +Holz gebaut, mit einem zierlich geschnitzten Dache bedeckt und mit +hellen Farben bemalt waren. In diesen Hallen halten die Rajah’s ihre +Beratungen, in ihnen werden alle Klagen vorgebracht und an den Tagen +des Bazar’s alle größeren Handelsgeschäfte abgeschlossen. Desgleichen +findet man auch eine Art Trommel, Tabu genannt, aufgestellt, auf welche +geschlagen wird, so bald sich die Gemeinde bei irgend einer Gelegenheit +versammeln soll. Die Trommeln sind acht bis fünfzehn Fuß lang, und +haben oben eine viel größere Oeffnung (oft drei Fuß im Durchmesser) als +unten; die obere Oeffnung ist mit einem Felle überzogen. + +Der Hahnenkampf ist auf Sumatra erlaubt und scheint, je mehr man sich +dem Innern nähert, immer beliebter zu werden. Ich begegnete nun schon +vielen Männern und jungen Leuten, die ihre Streithähne stets unter dem +Arme trugen. + +21. +Juli.+ Heute ging ich nicht weit, nur 10 Paal bis +Kaju-Tanam+. +Schön und freundlich war es diesen Morgen; die Sonne schien so +bescheiden, daß ich der Nähe des Aequators ganz vergaß. Einige Vögel +sangen, zwar nicht mit so gewandter Kehle wie in Europa, allein für +ein Tropenland artig genug; Affen schrien, lärmten und sprangen von +Ast zu Ast. Auch die Gegend war schöner, die Gebirge großartiger und +wechselnder in den Formen; die höchsten Berge, der +Singallang+ und ++Merapi+, sind 9 bis 10,000 Fuß hoch. + +Ich hatte für diese Reise keine Pferde gekauft, da man mir zu Padang +sagte, daß mich die Herren, bei welchen ich jeden Tag einzusprechen +hätte, stets mit Pferden und mit einem Führer versehen würden. Und so +war es auch. Nur mußte ich oft an einem Tage zweimal Pferd und Führer +wechseln. Kaum war ich mit den Launen eines Pferdes vertraut geworden, +so hatte ich wieder ein anderes zu versuchen. Oft erhielt ich Thiere, +die so lebhaft waren, daß sie nach allen Seiten ausschlugen und nicht +aufsitzen lassen wollten. Man mußte ihnen einen Vorderfuß aufheben und +sie an der Nase festhalten. Saß ich oben, dann ging es in gestrecktem +Galopp über Stock und Stein. Ich ließ ihnen stets willig die Zügel, +wohl wissend, daß nach dem ersten Paal das Feuer von selbst erlosch. + +Die Reise richtete ich folgendermaßen ein: Morgens zeitlich brach ich +auf, durchritt meine Station, sie mochte kurz oder lang sein, ohne +Unterbrechung und war gewöhnlich schon um zehn bis zwölf Uhr an Ort +und Stelle. Nach einer halbstündigen Rast ging ich dann in die Umgebung +auf die Insekten- und Schmetterling-Jagd. + +Zu Kuju-Tanam fand ich in dem Kontrolor, Herrn +Barthelemy+, der mich +sehr freundlich aufnahm, einen emsigen Vogel-Sammler; er begleitete +mich auf meiner Jagd und versprach mir, Insekten und Reptilien zu +suchen und für meine Rückkehr bereit zu halten. + +22. +Juli.+ 20 Paal nach +Fort de Kock+, auch +Buckiet-tingi+ genannt. + +Die erste Hälfte des Weges ist sehr romantisch; eine herrliche Straße +windet sich durch eine Schlucht (bei den Holländern „Kluft“ genannt), +die bewaldete Hügel und Berge einengen; ein Waldbach stürmt tobend und +schäumend über Felsen und Steingerölle, während ein anderer knapp am +Wege von einer sechzig bis siebzig Fuß hohen Wand herabstürzt. Am Ende +der Schlucht steigt die Straße spiralförmig zu einer Höhe von 3000 Fuß +empor und führt auf einer Hochebene fort. + +Ich begegnete langen und vielen Zügen von Pferden und Büffeln (letztere +vor Karren gespannt) mit Kaffee-Transporten, die nach +Priaman+ an die +Seeküste geschafft wurden, von wo man sie nach Padang verschifft. +Die Pferde sind etwas größer als auf Java, die Büffel sehr groß und +schwerfällig; die einen wie die andern besitzen jedoch wenig Kraft und +Ausdauer. Man ladet den Pferden, die hier nicht vor Karren gespannt +werden, nur einen Pikul auf. Ein Paar Büffel ziehen höchstens acht +Pikul, und dieß nur, wenn es auf guten Wegen geht. Pferde wie Büffel +machen per Tag nicht mehr als sechs Paal und ruhen jeden fünften +Tag. Trotz dieser wenig anstrengenden Arbeit leben die Thiere nicht +lange. Man füttert sie mit Gras und mit dem Marke der Sagopalme. Ein +gewöhnliches Pferd kostet fünfzehn bis zwanzig Rupien, ein Büffel bis +dreißig. Pferde, die aus dem Battaker-Lande kommen, etwas größer und +weit stärker sind, werden bis zu zwei- und dreihundert Rupien bezahlt. + +Fort de Kock liegt auf einer schönen Hochebene von beinahe 3000 Fuß +Höhe und hat eine reizende Aussicht über weite Thäler und auf hohe +majestätische Berge. Das Klima ist hier sehr gemäßigt mit kühlen +Abenden und Nächten. Auf dieser Hochebene gedeiht die Weinrebe. + +In Fort de Kock stieg ich bei dem Residenten des Agamer-Gebietes, +Herrn Oberst van der +Hardt+, ab, einem ausgezeichneten Offiziere, der +alle Kriege auf Sumatra vom Jahre 1830 bis 1849 mitgemacht hat und +zuerst mit seinen Truppen in dem Battaker-Lande bis an den Eingang +des Thales +Silidong+ (Groß-Toba) vorgedrungen ist. Ich hatte Herrn +van der Hardt[1] schon in Batavia, wohin er auf Urlaub gegangen war, +kennen gelernt und in seiner Gesellschaft die Reise von Batavia +nach Padang gemacht. Er überhäufte mich mit Aufmerksamkeiten und +Gefälligkeiten jeder Art, und veranstaltete sogleich eine Partie, um +mir die interessanteste Sehenswürdigkeit der Umgegend zu zeigen, den +schönen und reichen Kampon +Kotto-Godong+ (drei Paal). Dieser Kampon +ist wirklich der geschmackvollste und reichste von allen, die ich nicht +nur auf Sumatra, sondern auch auf Java und den übrigen Holländischen +Besitzungen sah. Am meisten fiel mir die Bauart der Häuser auf: +viel länger als breit, mit schmal zulaufenden Endseiten, die das +Mittelgebäude überragen, gleichen sie eher Schiffen als Häusern. Die +Dächer sind zwei- bis dreimal ausgeschweift und jede Ausschweifung mit +zwei Spitzen versehen, was ihnen das Ansehen Türkischer Sättel gibt. +Die Häuser sind von Holz und mit hellen Oelfarben angestrichen, die +Vorder- und Seitenwände mit kunstvoll ausgeschnittenen Arabesken oft +ganz bedeckt. Sie stehen auf Pfählen, von welchen man aber nichts +sieht, da sie von Bambus- und Bretterwänden umkleidet sind. Man kann +sich wirklich nichts geschmackvolleres, nichts originelleres vorstellen. + +Das Innere besteht aus einem großen Gemache, das die ganze Länge +und wenigstens drei Viertheile der Breite des Hauses einnimmt, und +auf dessen äußerstem Ende ein kleines erhöhtes Plätzchen angebracht +ist, welches dem Hause wie angehängt scheint und, mit Polstern, +Matten und Teppichen reichlich belegt, der vornehmsten Frau zum +Ehrenplatze dient. Der hintere Theil des Hauses ist in winzig kleine +Kämmerchen abgetheilt, welche die Feuer- und Schlafstellen enthalten +und stockfinster sind, da die Hinterwände keine Fenster haben. Jedem +Hause gegenüber steht eine kleine, in derselben Art geschnitzte und +angestrichene Hütte, welche zur Aufbewahrung des Reises dient. + +In den Häusern wohnt nicht, wie bei den Dayakern, ein ganzer Stamm, +sondern nur was zu einer Familie gehört. + +Da der Rajah des Kampons[2] von unserm Kommen unterrichtet war, so +fanden wir seine Familie in den kostbarsten Kleidern, die Wohngemächer +mit Teppichen, Matten und Polstern belegt, alle Pracht, allen Reichthum +entfaltet. Die Sarongs der Frauen waren von schwerer Seide und höchst +geschmackvoll und reich mit Gold durchwirkt. Man zeigte uns Sarongs, +die bis zu fünfhundert Rupien kosteten. Die Padjus waren von blauem, +rothem oder grünem Seidensammt, mit Goldborden besetzt, die Kopftücher +von Seide und so schwer an Gold, daß sie nicht um den Kopf gebunden, +sondern mehr darauf gelegt wurden. Es gab deren bis zu dem Werthe von +sechzig Rupien. Die Frauen weben die Sarongs und Kopftücher selbst, den +Sammt kaufen sie. An den Handgelenken tragen sie kunstvoll gearbeitete +goldene Armbänder und an dem kleinen Finger der linken Hand einige +Ringe. Manche hatten diesen Finger auch mit einem zwei Zoll langen +goldenen Nagel geschmückt, der gleich einem Ringe angesteckt wird und +das Kennzeichen des Reichthums und Nichtsthuns ist. + +Der Malaische Oberpriester machte uns seine Aufwartung im vollen +Staate. Eine lächerlichere Kleidung war mir noch nicht vorgekommen. Er +trug ein langes rosenfarbenes Unterkleid, darüber ein Oberkleid von +weißem Gaze, mit drei Reihen breiter Spitzenfalten besetzt; die Aermel, +ebenfalls mit Spitzen garnirt, reichten bis an das Handgelenke. Den +komischsten Kontrast zu diesem Anzuge, den jede Europäische Dame als +Ballkleidung hätte gebrauchen können, bildeten eine weiße Männerweste, +ein kostbarer Gürtel mit prächtigen Waffen und ein weißer Turban mit +einem großen Spitzenschleier, der bis über den halben Körper herabfiel. +Als uns diese Erscheinung ansprach und den Schleier zurückschlug, +erblickten wir ein junges, bartloses Gesicht. Wären wir nicht +versichert gewesen, daß der Oberpriester vor uns stehe, so hätten wir +sie eben so gut für ein Mädchen als für einen Mann gehalten. + +Außer dem Hause des Rajah besuchten wir einige andere Hütten, in +welchen wir die Frauen und Mädchen mit kunstvollen Goldwebereien +beschäftiget fanden. Auch bei einem Goldarbeiter traten wir ein, der +wahre Kunstwerke verfertigte, und zwar zu unserem größten Erstaunen +blos mit Hilfe eines kleinen Amboses, einiger Hämmer, Nägel und anderer +Kleinigkeiten. Alle seine Werkzeuge faßte ein kleines Kästchen, das +er unter den Arm nehmen konnte, um seine Werkstätte nöthigen Falles +überall aufzuschlagen. + +Die gewöhnliche Tracht der Malaien auf Sumatra besteht ebenfalls aus +einem Sarong nebst einer Kabai oder Padju; der einzige Unterschied +ist, daß sie hier die Stoffe sehr dunkelblau, beinahe schwarz färben, +während dieselben auf Java mehr buntfärbig getragen werden. + +An Schönheit, oder besser gesagt Häßlichkeit, wetteifern sie mit ihren +Stammgenossen auf Java und Borneo. Dieselbe breite Gesichtsbildung, +dieselben weit hervorragenden Zahnkiefer, dieselben abgefeilten, +schwarz gefärbten Zähne. Viele junge Leute haben schon Zahnlücken; +die Reichen lassen sich goldene Zähne machen; aber nicht so sehr um +die verlornen zu ersetzen, als um damit zu prunken; sie setzen sie +blos bei besonderen Feierlichkeiten ein. Das weibliche Geschlecht hat +hier die Ohrläppchen nur einmal durchstochen; dagegen wird aber alle +Kunst angewandt, die Löcher so groß als möglich zu machen. Um dieß zu +Stande zu bringen, stecken sie in die durchstochenen Ohrläppchen ein +zusammengerolltes Blatt oder ein Stückchen Holz, das stets an Umfang +zunimmt, bis die Oeffnung einen Zoll weit geworden ist. Diese Löcher +sind in ihren Augen ein so vollkommener Schmuck, daß sie nicht nöthig +finden, ihn durch Ohrgehänge zu verschönern; nur wenige hängen Gold-, +Silber- oder Messingplatten daran, oder stecken ein rund geschnitztes +Stück Holz durch. + +Eine besondere Merkwürdigkeit des Agamer-Distriktes ist, daß hier die +Weiber viele Rechte der Männer besitzen; letztere sind ihnen sogar in +mancher Hinsicht unterworfen. In jedem Lande der Welt gewiß höchst +originell, wird diese Erscheinung um so wunderbarer bei Mohamedanern, +die uns armen Geschöpfen sogar die Seele absprechen wollen. + +Wenn z. B. ein Mädchen heiratsfähig ist, so sucht die Mutter nach dem +Bräutigam und bespricht sich mit der Mutter desselben, worauf die +beiden Frauen die Sache abmachen, ohne den Vätern Stimme zu geben. Am +Tage der Hochzeit holt die Mutter der Braut den Bräutigam ab; derselbe +folgt der Braut in das elterliche Haus und geht ganz in ihre Familie +über. Dieß hindert ihn jedoch nicht, mehrere Ehen zu schließen, nur +nicht in demselben Kampon, so daß ein Mann, der mehrere Frauen besitzt, +keinen festen Wohnplatz hat und bald in diesem, bald in einem andern +Kampon wohnt. + +Ein Mann weigert sich nie, die ihm gebotene Braut zu nehmen; mißfällt +sie ihm, so kann er sie am Tage nach der Hochzeit verlassen. Die Braut +hat nicht dasselbe Recht: sie kann ihrem Bräutigam, sollte die Wahl sie +gereuen, nur vor der Hochzeit den Abschied geben und muß sich in diesem +Falle mit einem Theile ihrer beweglichen Güter, wie Hornvieh, Geflügel, +Hausgeräthe, mitunter auch mit Geld loskaufen. + +Der Mann kann auch in der Folge seine Frau ohne die geringste Ursache +verlassen; die Frau darf hier nur die Initiative ergreifen, wenn sie +erlittene Mißhandlungen zu beweisen vermag. Bereuen die Eheleute die +Trennung innerhalb vierzig Tagen, so können sie sich ohne Ceremonien +wieder vereinigen. Sind aber die vierzig Tage vorüber, so müssen sie +neuerdings durch den Priester getraut werden. Die geschiedene Frau kann +sich nach drei Monaten und zehn Tagen wieder mit einem andern Manne +verbinden[3]. + +Wenn die Frau stirbt, erbt der Mann nur die Hälfte der ihr gehörigen +beweglichen Güter, außerdem nur, was sie ihm besonders vermacht. Die +eigentlichen Erben sind die Kinder; hat sie deren keine, so geht das +Vermögen auf die Kinder ihrer Schwester oder sonstigen weiblichen +Verwandten über. Der Mann kann nur von seinem Stamme, seiner Mutter, +oder seinen weiblichen Verwandten erben. Das Vermögen des Mannes erben +dem zu Folge auch nicht seine Kinder, sondern die seiner Schwester oder +weiblichen Verwandten. + +Zu diesen sonderbaren Erbschafts-Gesetzen soll der Sage nach folgendes +Ereigniß Anlaß gegeben haben: + +Ein großer Fürst, dessen Wohnsitz weit von der See entfernt lag, +träumte durch mehrere Nächte, daß er, um sein Glück zu befestigen, ein +großes Prauh bauen lassen müsse. Der Traum verkündete ihm zu gleicher +Zeit, sein nächster Blutsverwandter würde dieses Prauh mit leichter +Mühe in die See schaffen. Der Fürst that, wie das Traumgesicht gebot. +Als das Prauh fertig war, lud er alle seine Verwandten, so wie viele +Rajah’s aus der Umgegend ein, da die Fortschaffung des Prauh’s unter +großen Feierlichkeiten statt finden sollte. Er rief hierauf seinen +ältesten Sohn herbei, und befahl ihm, das Prauh nach der See zu +bringen. Der Arme wandte alle Kräfte an, doch vergebens: er vermochte +es nicht von der Stelle zu bewegen. In dieser Weise rief der Fürst +einen Sohn nach dem andern herbei; aber keinem gelang es. Zornentbrannt +forderte er den Sohn seiner Schwester auf, und siehe -- mit leichter +Mühe schob es dieser an den Ort seiner Bestimmung! + +In den Holländischen Besitzungen auf Sumatra herrscht eine +eigenthümliche Art Sklaverei: sie darf nicht länger als zehn Jahre +dauern. Die Sklaven kommen alle von der nahen Insel +Nias+, sind +entweder Kriegsgefangene oder Schuldner und Verbrecher oder auch freie +Leute und werden von dem Sultane dieser Insel verkauft. Sklave wie +Sklavin kosten den festgesetzten Preis von 100 Rupien. Der Käufer muß +sie ordentlich kleiden und nähren, darf sie mit Arbeit nicht überladen +und muß jedem pr. Monat zwei Gulden Kupfer für Siri geben. Nach zehn +Jahren sind sie frei, kehren aber selten in ihre Heimat zurück, da sie +fürchten, von ihrem Sultane neuerdings verkauft zu werden. + +Die Holländische Regierung sieht sehr darauf, daß die Sklaven nicht +mißhandelt werden. Kurz vor meiner Ankunft wurde zu Padang eine Frau, +die einen ihrer Sklaven arg mißhandelt hatte, wohlverdienter Weise +auf fünf Jahre in das Strafhaus gesperrt und des Rechtes für immer +verlustig erklärt, Sklaven zu halten. Den Sklaven, die sie hatte, wurde +die Freiheit gegeben. + ++Wollte Gott, daß es in allen Sklavenstaaten so wäre!+ + +Beinahe in jedem Hause sieht man Niaser; ich fand sie minder häßlich +als die Malaien; nur sind die Weiber etwas gar zu klein. + +In dem Distrikte von Agam wird schon sehr viel Kaffee gebaut. In den +hiezu geeigneten Gegenden muß, wie zu Java, jedes Familienhaupt 300 +Bäume pflanzen und pflegen. Der Kaffee wird in gereinigtem Zustande an +die Magazine geliefert, die von den Pflanzungen oft zehn bis zwölf Paal +entfernt liegen. Der Pflanzer erhält per Pikul sieben Kupfergulden. Für +den Transport von den Magazinen an die Seeküste bezahlt man per Pikul +und per Meile drei Deut. Dieses Geschäft ist gewöhnlich verpachtet. + +Im Jahre 1851 wurden auf Sumatra schon 120,000 Pikul Kaffee gewonnen, +was für die kurze Zeit, seit der man mit dem Kaffeebaue anfing, +sehr bedeutend war. Die Regierung verkauft den Kaffee zu Padang +im Versteigerungswege, gewöhnlich zu 20½ Rupien per Pikul. Der +Ausfuhrszoll beträgt per Pikul für Holland zwölf, für das Ausland sechs +Rupien. + +Da Sumatra viel weniger bekannt ist als Java, und es manche meiner +Leser vielleicht interessiren dürfte, zu wissen, welche Produkte +hauptsächlich von dieser Insel ausgeführt und zu welchen Preisen sie +angenommen werden, so füge ich hier eine kurze Uebersicht bei. + +Im Jahre 1851 wurden ausgeführt: + + Kaffee der Pikul ~à~ 20½ Rupien 120000 Pikul, + Reis „ „ „ 2½ „ 50000 „ + Benzoe, 1. Sorte, der Pikul ~à~ 250 Rupien, 250 „ + Benzoe, 2. Sorte, „ „ „ 75-100 R., 4000 „ + Drachenblut „ „ „ 75 Rupien, + Cassia „ „ „ 10 „ + Schwarzer Pfeffer „ „ „ 14 „ + Weißer „ „ „ „ 22 „ + Gutta-Percha „ „ „ 30 „ + Gummi-Elastique „ „ „ 25 „ + Gambir „ „ „ 18 „ + Muskatnüsse (hier frei) der Pikul ~à~ 90 Rupien. + +Von Kampfer (auf Sumatra am besten und theuersten) kommen im Handel +jährlich höchstens zwei bis drei Pikul vor, die bis zu dem Preise von 7 +bis 10,000 Rupien bezahlt werden. Ich komme hierauf später zurück. + +Am +24. Juli+ setzte ich meine Reise wieder fort. + +Herr van der Hardt war so gefällig, mir eine Reiseroute vorzuzeichnen, +mich mit Empfehlungsbriefen für die Beamten und Offiziere zu versehen +und mir Pferde nebst einen Führer bis +Palembajang+ (20 Paal) zu geben. + +Ganz nahe bei Fort de Kock führt der Weg durch ein kleines Thal, +welches weit und breit durch seine eigentümliche Einfassung bekannt +ist. Ungefähr 200 Fuß hohe, senkrechte, wie mit dem Meißel behauene +Sandwände umgeben es; durch eine Spalte der Wände windet sich ein +steiler Weg. Unten angekommen, durchreitet man üppige Reispflanzungen, +von einem niedlichen Flusse bewässert, und ersteigt nach einer Meile +auf eben so steilen Wegen wieder die Hochebene. Man nennt dieß kleine +Thal +Karbauwengat+. + +Von hier an bis Palembajang war das Land so hügelig, daß man es einer +stürmisch wogenden See hätte vergleichen können. Hie und da an den +Hügeln waren künstliche Terrassen angelegt, um das Wasser von einer +Reispflanzung zur andern zu leiten. Der Weg führte häufig die Höhen +hinauf und gewährte schöne Uebersichten der unzähligen Hügel und +Terrassen, die zum Theile in dem saftigen Grün der jungen, noch kaum +einen halben Fuß hohen Reispflanze prangten. + ++25. Juli.+ +Bonjol+, dreizehn Paal. Die ersten sechs bis sieben Paal +ging es durch ein so enges Thal, daß man es eine Schlucht nennen +konnte. Selten sah man eine Hütte, ein Reisfeld; das Gemurmel des +Flusses +Massang+, das Geschrei der Affen waren die einzigen Töne, die +mein Ohr trafen. Vor dem Ausgange der Schlucht führt eine Brücke über +den Massang, dessen Ufer aus hoch aufgetürmten, von frischen, ewig +grünen Schlingpflanzen überdeckten Felsen bestehen. Tief unten schäumt +der Fluß durch das enge Felsbett. + +Bald verläßt man den Massang, und kommt an den etwas bedeutenderen ++Alahan-Bajang+, der eine kurze Strecke vor seiner Mündung in die See +für Prauh’s schiffbar wird. Die wenigsten Flüsse auf der Westküste +Sumatra’s sind selbst für kleine Boote befahrbar; sie haben einen zu +kurzen Lauf um bedeutend zu werden, und einen sehr starken, von Gestein +und Felsmassen unterbrochenen Fall. + +Die Gebirgszüge, die Sumatra von Süden nach Norden durchziehen, +verliert man nie aus dem Gesichte; bald ist man ihnen näher, bald +ferner. Sie wechseln an Form und Höhe; mitunter erheben sie sich zu +5-7000 Fuß. Der +Ophir+ auf der Westküste mißt sogar 9500 Fuß. + +Bonjol liegt in einem weiten, zum Theil noch unkultivirten Thalkessel. +Es steht hier ein kleines Fort. An vielen Weibern in dieser Gegend +fiel mir die sonderbare Kopfbedeckung auf. Sie falten ein großes Tuch +mehrfach zusammen und legen es gleich einer Last ganz lose auf den Kopf. + ++26. Juli.+ +Lubuskoping+, 10 Paal. Der Kontrolor, bei dem ich +abgestiegen war, so wie einige Offiziere, begleiteten mich eine Strecke +Weges. Als wir an den Fluß +Alahan-Bajang+ kamen (zwei Paal), fanden +wir ihn so angeschwollen, daß an keine Ueberfahrt zu denken war; wir +mußten zurück nach Bonjol. + +Innerhalb der Grenzen von vier bis fünf Grad nördlich und südlich des +Aequators tritt die Regenzeit nicht so regelmäßig ein, und es regnet da +viel häufiger als in den weiter von dem Aequator entfernten Gegenden. +Ich hatte auf Borneo nichts als Regen, auf Java vergingen wenige Abende +ohne Regen, und eben so war es hier auf Sumatra. Für Reisende kann es +nichts Unangenehmeres geben, besonders wenn die Wege schlecht sind und +man über Flüsse ohne Brücken oder durch Waldungen muß. Selten verging +ein Tag, ohne daß ich vollkommen durchnäßt wurde. + +Nachmittags kam die Nachricht, daß der Fluß gefallen sei, und daß man +ihn übersetzen könne. Ich eilte fort und wurde glücklich in einem +kleinen Boote hinüber gefahren; die Pferde mußten schwimmen. + +Ich passirte heute den Aequator zu Pferde. + +Gestern wie heute waren die Wege theilweise sehr schlecht. Der Regen +hatte den lehmigen Boden so schlüpfrig gemacht, daß es schwer und +gefährlich wurde, mit den unbeschlagenen Pferden über die oft sehr +steilen Hügel zu kommen. Auch fand ich die Pferde nirgends in der Welt +so ungeschickt wie hier: sie stolperten über jeden Stein, fielen in +jedes Gräbchen und fanden auf den Brücken gewiß die morscheste Stelle, +um den Fuß darauf zu setzen. Dabei erschracken sie über alles, oft über +ein großes Blatt, das am Wege lag. Ich kann den Pferden Sumatras mit +gutem Rechte dieses schlechte Zeugniß geben, ich habe sie erprobt, wie +wenig Männer, da ich sehr viel ritt und alle Paar Stunden ein anderes +Pferd bekam. + +Lubuskoping liegt in einem schönen großen Thale. Man sieht hier den +Ophir besser als von jeder andern Seite, da die Vorgebirge sich +zertheilen und hierdurch einen vollkommenen Anblick dieses Berges vom +Fuße bis zur Spitze gestatten. + +In dieser Gegend tragen die Leute sehr große Hüte von zwei bis drei Fuß +im Durchmesser. Sie sind aus Palmenblättern gemacht, ganz flach und +haben in der Mitte eine nur sechs Zoll hohe Spitze, die mit Blumen oder +andern Kleinigkeiten geziert ist. + ++27. Juli.+ +Panty+, 18 Paal. Die Hälfte des Weges führte durch schöne +Waldthäler, und meistens durch Alang-Alang. Ueberall gab es häufige +Spuren von Elephanten-Tritten und Tigerklauen. Sumatra ist an Tigern +sehr reich. Die Leute, welche die Briefe durch das Land tragen, gehen +Abends nie ohne Feuerbrände. Sonderbarer Weise veranstalten weder die +Europäer noch die Eingebornen Tigerjagden wie in Brittisch-Indien. + +Die Regierung zahlt für jeden erlegten Tiger zehn Rupien. Die +Eingebornen fangen sie in Fallen. + ++Panty+ liegt mitten in den herrlichsten Waldungen; dessen ungeachtet +sind die Hütten der Eingebornen überaus klein und elend: die Leute sind +zu träge, das zum Baue nöthige Holz zu fällen. Sie leben hier überhaupt +in der größten Armuth, besitzen kaum ein Paar irdene Töpfe und einige +Matten, gehen halb nackt oder in Lumpen gekleidet und sehen sehr +schmutzig aus. An alledem ist ihre Trägheit schuld. Sie haben zwar +der Regierung viele Händearbeit zu leisten, aber sonst keine Abgaben. +Die Männer ergeben sich größtentheils dem Spiele und dem Müssiggange, +unterhalten sich mit Hahnenkämpfen, werfen, wie bei uns die Kinder, +Kupfermünzen oder Steinchen in kleine Löcher, lassen Drachen steigen, +schlagen die Zeit mit einer Art Bretterspiel mit kleinen Steinchen +todt, schlafen viel und sitzen mitunter auch Tage lang beisammen, ohne +etwas anders zu thun als Siri zu kauen oder zu schwatzen. Hätte unser +herrlicher Schiller in diesem Lande das Licht der Welt erblickt, er +würde die Männer „das leer geschwätzige Geschlecht“ genannt haben, und +nicht uns Frauen. + +Die Weiber arbeiten viel mehr als die Männer. Bei den +Straßen-Ausbesserungen zählte ich durchschnittlich drei Weiber auf +einen Mann; in den Kaffeegärten haben sie die meisten Verrichtungen, +auf dem Felde schneiden sie den Reis, treten und stampfen ihn aus den +Aehren und tragen alle Lasten nach Hause. Ich sah manches Weib mit +einer schweren Last auf dem Kopfe, einer zweiten unter dem Arme und +einem auf den Rücken gebundenen Kinde mühsam einherschreiten, während +der Mann leer daneben ging. + +Ich will damit nicht sagen, daß die Männer gar nichts thun; aber sie +arbeiten gewiß nicht halb so viel als die Weiber. Erstere pflügen +mit Büffeln das Feld und pflanzen den Reis, -- allerdings eine +beschwerliche Arbeit, da sie dabei bis über die Schenkel im Wasser +stehen müssen. + +An den Bauten der Straßen und Brücken, der Kaffeemagazine und der +Wohnhäuser der Beamten darf auf Befehl der Regierung kein Weib Theil +nehmen. Dieser menschenfreundliche Befehl wurde in der Absicht gegeben, +das schwache Geschlecht doch einigermaßen zu schützen. + +Auf Sumatra schneidet man den Reis nicht Halm für Halm, wie auf Java, +sondern man nimmt mit einem sichelförmigen Messer so viel Halme auf +einmal ab, als mit der Hand gefaßt werden können. Die Aehren werden auf +dem Felde selbst ausgetreten; zu diesem Zwecke sind kleine Gestelle von +Bambus errichtet, die neun Fuß hoch und fünf Fuß breit sein mögen. Zwei +Fuß von der Erde ist an dem Gestelle ein hölzerner Boden angebracht, +mit kleinen Löchern, durch welche die Reiskörner durchfallen können. +Auf diesem Boden werden die Aehren mit den Füßen ausgestampft. Ein +Blätterdach an der Spitze des Gestelles schützt die Arbeiter vor der +Sonne. + +Man rechnet in Sumatra die Reisernte durchschnittlich auf sechzig bis +achtzig Prozent, während sie in Java hundert bis zweihundert gibt. + ++28. Juli.+ +Rau+, 13. Paal. Ein ziemlich ausgedehnter Kampon mit +einigen angestrichenen, mit Schnitzwerk versehenen Bretterhäusern +und einem kleinen Fort. Die Lage dieses Ortes ist sehr ungesund; es +herrschen böse, hartnäckige Wechselfieber, die bei den Europäern häufig +in Auszehrung oder Wassersucht übergehen. + +Hier beginnt die Provinz +Mandelling+, mit dem Distrikte +Ulu+ (von +den Eingebornen „Lubu“ genannt). Die Uluaner oder Lubuaner werden von +manchen für ein Stammvolk gehalten, von andern für verwilderte Malaien. +In diesem Distrikte fangen auch schon die Battaker an. + ++29. Juli.+ +Muara-Sipongie+, 10 Paal. Langweiliger Ritt durch +wellenförmige, schmale, mit kurzen Alang-Alang bewachsene Thäler. Man +sah keine menschliche Wohnung, man hörte keinen Laut -- alles war +todtenstille wie in den Sandwüsten Afrika’s. + +Ich befand mich nun schon mitten unter den Battakern; jedoch könnte man +diese die „gezähmten“ nennen, da sie unter der Holländischen Regierung +stehen (seit zehn Jahren) und daher natürlich ihrer Begierde nach +Menschenfleisch entsagen müssen. + +Zu Muara-Sipongie empfing mich Herr Kontrolor +Schoggers+ auf die +zuvorkommendste Weise: er kam mir mehrere Paale entgegen geritten. Da +ich früh eintraf, und gerade großer Bazar gehalten wurde, ging ich +mit ihm dahin. Man sieht bei solchen Gelegenheiten viel Volk; auch +sagte mir Herr Schoggers, daß in den kleinen Flüssen dieses Distriktes +viel Gold gefunden und zum Verkaufe nach dem Bazar gebracht werde. Wir +fragten nach dieser Waare. Die glücklichen Besitzer waren so lumpig +gekleidet, daß ich keine Kupfermünzen, viel weniger Gold bei ihnen +gesucht hätte. Sie brachten Päckchen zum Vorscheine, so groß, daß +man einige Pfund Goldes hätte vermuthen können; allein da gab es der +Umwicklungen so viele, daß am Ende ein winziges Säckchen mit etwas +Goldstaub, oder ein erbsengroßes Goldklümpchen zum Vorschein kam. Für +das größte Stück, das ich sah, verlangte man siebzehn spanische Thaler. +Jederman hat das Recht, Gold zu suchen; nur muß er von dem Funde die +Hälfte an seinen Rajah abgeben. + +Neben dem Bazar (einer offenen Halle mit einem Blätter-Dache) war ein +kleiner umzäunter Raum, wo die Hahnenkämpfe stattfanden. Eine Menge +Menschen standen gedrängt umher; es gab sehr viele Kämpfe und Wetten, +und zwar wetteten die Leute keine Kupfermünzen, sondern Spanische +Thaler. Dieses Reichthums ungeachtet waren sie alle so armselig +gekleidet, daß man sie für Bettler hätte halten mögen. + +Die Vorbereitungen zum Kampfe, die Aufreizung der Thiere u. s. w. +gingen in derselben Art vor sich, wie auf Java; nur machten hier die +Hahnenbesitzer hinter ihren Hähnen schreckliche Grimassen mit Gesicht, +Händen und Füßen. Einer unter ihnen blies während des Gefechtes auf +seinen Hahn; die Wettenden wie die Zuseher nahmen dies sehr übel, und +es entstand ein allgemeines Gemurmel. Nach kaum einer Minute verließ +der eine Hahn das Schlachtfeld; der andere wurde als Sieger erklärt, +obwohl er, zu Tode verwundet, bald zusammenstürzte und früher den Geist +aufgab als der Besiegte. Andere Hähne ersetzten sogleich die Stelle der +geopferten. Halbe Tage lang unterhalten sich die Menschen mit diesem +grausamen Spiele und verlieren Summen, mit welchen sie ihrem häuslichen +Elende vollkommen aufhelfen könnten. Unter den Battakern ist der +Hahnenkampf viel weniger beliebt als unter den Malaien. Hier gibt es +noch viele Malaien, daher auch viele Hahnenkämpfe. + +Herr Schoggers hatte die Güte, Nachmittags mehrere Battakische +Rajah’s von den umliegenden Dörfern zusammen zu berufen, um mit +ihnen über meine Reise zu sprechen. Er selbst hielt die Reise in +das unabhängige Battaker-Land für höchst gefährlich und führte das +gräßliche Schicksal der beiden Missionare an; doch fügte er hinzu, +daß dieser Mord zum Theile aus Mißverständniß geschehen sei. Einige +Zeit vor den Missionären hatten nämlich mahomedanische Priester mit +Kriegsgefolge einen Einfall in das Battaker-Land gemacht und die Leute +auf die grausamste Weise mit Feuer und Schwert (gleich unsern edlen +Vorfahren in Mexiko und Peru) zur Annahme ihrer Religion gezwungen. +Als hierauf die Amerikanischen Missionäre als Religionslehrer in ihr +Land kamen, geriethen die Battaker in große Wuth, sahen in ihnen neue +Religionsquäler, mordeten sie und fraßen sie auf. + +Des Abends saßen wir in Gesellschaft mehrerer Rajahs, umgeben von +vielem Volke, denn weit und breit hatte man schon gehört, eine Frau +sei hier, die sich in das verrufene Land wagen wolle. Die Rajah’s, +so wie viele aus dem Volke, riethen mir die Reise ab. Da ich jedoch +fest dazu entschlossen war, fragte ich nur, ob es wahr sei (wie manche +Reisebeschreibungen behaupten), daß die Battaker die Leute nicht gleich +tödteten, sondern lebend an Pfähle bänden, ihnen das Fleisch stückweise +vom Körper schnitten und es warm mit Tabak und Salz verzehrten. +Dieses langsame Hinmorden hätte mich doch ein wenig abgeschreckt. +Aber man betheuerte mir einstimmig, daß dies nur mit jenen geschähe, +die schwerer Verbrechen wegen zum Tode verurtheilt seien. Die +Kriegsgefangenen werden an einen Baum gebunden und enthauptet; dann +fängt man ihr Blut sorgfältig auf und trinkt es warm oder verzehrt es +mit gekochtem Reise gemischt. Hierauf geht es an die Theilung. Die +Ohren, die Nase, die Leber und die Fußsohlen sind ein ausschließendes +Vorrecht des Rajah’s, der außerdem noch seinen Antheil an dem Körper +erhält. Die schmackhaftesten Theile sind die Fußsohlen, das Innere der +Hand, das Fleisch am Kopfe, das Herz und die Leber. Gewöhnlich rösten +sie das Fleisch und verzehren es mit Salz. Den Weibern ist es nicht +erlaubt, an diesem Festessen Theil zu nehmen. + +Die Rajah’s versicherten mir mit höchst begehrlichen Mienen, daß +Menschenfleisch sehr gut schmecke und daß sie es gerne essen würden. + +Aus dem Baumstamme, an welchen die Unglücklichen ihr Leben enden, +werden gewöhnlich vier bis sechs Fuß hohe Stöcke geschnitten, mit einer +Figur oder einigen Arabesken verziert und mit Menschenhaaren oder +Federn geschmückt. Ein solcher Stock heißt „Tungal-Panaluan,“ d. i. +Zauberstock. Sie legen ihm wunderbare Kräfte bei und besuchen keine +Kranken, geben keine Arzneien, ohne ihn zur Hand zu nehmen. + +Die Battaker beobachten gleich den Dayakern keine religiösen Gebräuche; +sie beten nicht und haben weder Priester noch Tempel. Sie glauben an +gute und böse Geister. Von ersteren nehmen sie eine sehr kleine, von +letzteren eine sehr große Zahl an. Wird ein Mensch krank, so behaupten +sie, der böse Geist sitze in ihm; jedes Unglück wird einem solchen +Dämon zugeschrieben. Manchmal fährt, ihrer Meinung nach, der böse Geist +auch in einen Menschen, ohne ihn krank zu machen; dieser wird dann hoch +verehrt, da man fürchtet, in dem Menschen den Geist zu beleidigen. +Alles, was ein solcher Besessener spricht, wird als Orakelspruch +angenommen und getreu erfüllt. Gewöhnlich hat der Rajah die Ehre vom +Bösen besucht zu werden. Er zeigt dabei viele Grimassen und Zuckungen, +geberdet sich besonders bei den Tänzen wilder als alle übrigen und +benützt in diesem Zustande die Leichtgläubigkeit des Volkes, seine +Wünsche in Orakelsprüchen kund zu geben. Man zeigte mir unter den +Anwesenden mit vieler Hochachtung einen Knaben, der „der Sohn des +Bösen“ genannt wurde, da sein Vater von diesem Unholde besessen war. + +Bei Taufen, Vermählungen, Sterbefällen gibt es keine Ceremonien. Nur +wenn ein bedeutender Rajah stirbt, werden die Rajah’s der Umgegend zur +Beerdigung eingeladen. Jeder kommt in Begleitung mehrerer Lanzenknechte +und bringt ein Büffelkalb mit. Die Kälber schlachtet man, vertheilt das +Fleisch unter die ganze Gemeinde, und durch mehrere Tage, oft Wochen +hindurch wird nichts als gegessen, Suri getrunken[4] und getanzt. + +Ihre Regierungsform ist konstitutionell-monarchisch; der Rajah ist +das Oberhaupt; doch geht jedermann, selbst der Sklave, mit ihm +wie mit seines gleichen um; auch seinen Befehlen wird nicht immer +strenger Gehorsam geleistet, obwohl seine Person hoch geachtet ist. +Bei wichtigen Angelegenheiten kommen viele Rajah’s zusammen, um Rath +zu halten. Der älteste Sohn ist Haupterbe; er erbt alle Weiber seines +Vaters, die er zu den seinigen machen kann. + +Die Männer müssen ihre Frauen kaufen. Die Tochter eines Rajah wird +nicht selten mit 40 Piaster in Gold und einigen Büffeln bezahlt. Die +Männer kaufen ihre künftigen Frauen oft schon im zartesten Alter; sie +nehmen sie in ihr Haus und behandeln sie wie ihre Kinder. Ist ein Mann +zu arm, um sich eine Frau zu kaufen, so zieht er zu der Familie seiner +Frau und arbeitet da wie ein Sklave. Selten nimmt ein Mann mehr als +eine Frau, weil ihm die Mittel zum Ankaufe gewöhnlich fehlen. + +Die Battaker sind in vielen Dingen andern wilden Völkern voraus: sie +lesen und schreiben, ihre Gesetze sollen im allgemeinen sehr gut und +zweckmäßig sein, -- bei alle dem aber sind sie Menschenfresser. + +Herr Schogger fügte diesen Berichten noch bei, daß die der +Holländischen Regierung unterworfenen Battaker jede Verpflichtung +genau und willig erfüllen, daß man den Kulli’s Gut und Geld sicher +anvertrauen könne, und daß Diebstähle, Morde und überhaupt Verbrechen +höchst selten vorkommen. Für einen Diebstahl ist die ganze Gemeinde, +in welcher er vorfällt, verantwortlich; letztere muß das Gestohlene +ersetzen, oder den Thäter überliefern. Morde finden nur aus Eifersucht +statt. Ein Verbrecher wird nicht eingesperrt, sondern bis einige Tage +vor Vollziehung der Strafe seiner Familie übergeben, die für ihn bürgt. +Gerichtet werden die Battaker, auch unter der Holländischen Regierung, +noch nach ihren Gesetzen, die leider für den Reichen sehr vortheilhaft +sind, da er sich sogar von der Todesstrafe loskaufen kann. Der größte +Theil der Summe kommt in diesem Falle dem Beleidigten oder seiner +Familie zu. Die zum Tode Verurtheilten werden auf dem Bazar enthauptet. +Sie gehen dem Tode nicht nur mit Muth, sondern sogar mit Fröhlichkeit +entgegen. Sie schmücken sich auf’s beste, bekränzen sich mit Blumen und +kommen singend und tanzend in Begleitung ihrer Verwandten und Freunde +auf den Richtplatz. + +Diese Gleichgültigkeit für den Tod ist auch den Malaien und überhaupt +den meisten rohen Völkern eigen. Viele schreiben sie ihrem Stumpfsinne +zu. + ++30. Juli.+ +Kotto-Nopau+, 11 Paal. Das Land fortwährend hügelig und +größtentheils mit Alang-Alang bedeckt. An Kampons war kein Mangel, +die Hütten aber elend, kaum fünfzehn Fuß im Gevierte. Da kauert alles +auf einer schmutzigen, zerrissenen Matte, in einer Ecke glimmt ein +Feuer, an dem höchstens ein irdener Topf steht, der den ganzen Hausrath +ausmacht. Die Bewohner sind sehr ärmlich in zerrissenes, dunkelblaues +Zeug gekleidet. Die Kinder gehen ganz nackt, die Mädchen und Weiber +häufig bis an den Gürtel. Zwei Hütten, wenig größer als Taubenschläge, +sah ich sogar auf hohen Bäumen zwischen den Aesten -- sie dienten +ebenfalls zu Wohnungen. + +Ich kam an vielen kleinen Bächen mit gelbem, trüben Wasser vorüber; in +diesen suchen und finden die Leute das Gold. Gerade hier, wo die Leute +an der Quelle des Goldes saßen, war die Armuth am größten. Führt doch +dieses Metall statt Segen, überall nur Fluch mit sich. + +Vier oder fünf Meilen von +Muara-Sipongie+ besah ich abseits der Straße +in einem Kaffeegarten einige Battakische Grabmäler. Sie bestanden aus +viereckigen Stein- oder Erdhügeln von drei bis vier Fuß Höhe, auf +welchen ein einfacher, hölzerner Sarg stand. Die Ecken waren mit vier +Fuß hohen, aus Holz geschnitzten Menschenfiguren geschmückt, die den +jämmerlichsten Fratzen glichen. Jede Grabesstätte war mit einem Dache +bedeckt und von einem hölzernen Geländer umgeben. Die Leiche liegt +nicht in dem Sarge, sondern unter der Erde. + ++31. Juli.+ Fort +Elout+ (Panjabungan), achtzehn Paal. Waldparthien, +Gesträuche, junge Kaffeepflanzungen verdrängten an vielen Stellen das +traurige, einförmige Alang-Alang. Fort Elout liegt in einem großen, +hügeligen, von schönen Gebirgen umgebenen Thale und ist der Sitz eines +Assistent-Residenten. + +Noch in keinem Distrikte fand ich so nette, reinliche Kampons als +in diesem. Man schreibt dies der Aufsicht und den Bemühungen des +gegenwärtigen Assistent-Residenten Herrn +Godoon+ zu. Die Hütten sind +zwar klein, aber sehr rein gehalten, und stehen in langen, regelmäßigen +Reihen, eine von der andern etwas getrennt. Der Unrath darf nicht unter +die Hütte oder vor dieselbe geworfen werden, und das Hornvieh hat +seinen Aufenthalt außerhalb des Kampons. Früher war diese Gegend sehr +ungesund; seit aber die Menschen einiger Maßen an Reinlichkeit gewöhnt +sind, herrschen viel weniger Krankheiten. + +Auch die Brücken und Straßen zeigen von der Sorgfalt des Residenten. +Die Brücken sind alle gemauert, die Straßen sehr gut unterhalten. +Letztere haben eine Breite von wenigstens zwanzig Fuß, was mir +überflüssig erschien, in einem Lande, wo noch kein Fuhrwerk im +Gebrauche ist. Die Holländische Regierung läßt aber alle Straßen so +bauen, für den Fall, daß Militär-Züge hindurch zu gehen haben. + +Das Bauen der Straßen ist für die Eingebornen eine harte Aufgabe, da +ihre einfachen Werkzeuge zu derlei Arbeiten gar nicht geschaffen sind. +Zum Brechen der Felsen haben sie eiserne Stangen, zum Graben in der +Erde handbreite, unten scharf zugehauene Hölzer. Die Erde schaffen sie +mit den Händen aus den Gruben. Das Alang-Alang, das die wenig benützten +Wege fortwährend überwuchert, schneiden sie mit kleinen Messern ab. So +mühsam wie die Straßen bauen sie auch die Wohnhäuser der Beamten und +die Kaffeemagazine. Ich sah oft sechs bis acht Menschen an einem Balken +oder einigen Brettern schleppen. + +Wenn ich Bemerkungen über die Mangelhaftigkeit der Werkzeuge, über die +Art des Arbeitens machte, gab man mir zur Antwort: „Die Leute sind +es so gewöhnt.“ Warum sucht man sie denn in andern Sachen von ihren +Gewohnheiten abzubringen? An das Bauen der Straßen und Gebäude, an das +Anlegen der Kaffeegärten, Zucker- und Gewürz-Pflanzungen waren sie, +bevor die Europäer kamen, gewiß noch nicht gewöhnt. Aber leider wird in +vielen Ländern auf die Gewohnheiten und Nicht-Gewohnheiten der Völker +nur in so ferne Rücksicht genommen, als sie der Regierung Nutzen oder +Schaden bringen. Das Wohl der Unterthanen selbst kümmert sie nicht +viel. So ist es auch hier; die Straßen, die Brücken, die Gebäude müssen +unentgeldlich hergestellt werden; ob fünfzig oder hundert Menschen, und +auf welche Art sie daran arbeiten, ist der Regierung gleichgültig. + +Ein anderer Druck für die Eingebornen, in deren Nähe Beamten wohnen, +ist, daß sie diesen viele häusliche Dienste, Gartenarbeiten, Botengänge +u. dgl., überall unentgeldlich, verrichten müssen. Die Zahl solcher +Leute, auf welche der Beamte ein Recht hat, ist nicht bestimmt; es +mißbrauchen daher gar manche ihre Macht und nehmen viel mehr Leute, als +sie eigentlich sollten. + +Der jetzige Gouverneur-General, Herr Deimar van Twist, soll eifrig +bemüht sein, alle diese Mißbräuche und Bedrückungen so viel wie +möglich abzustellen. Er hat den Taglohn, so wie den Preis der von den +Eingebornen gelieferten Materialien erhöht und will es dahin bringen, +daß niemand ohne Lohn zu arbeiten habe. + ++1. August.+ +Surumentingi+, 20 Paal. Obwohl sich der Charakter des +Landes ziemlich gleich blieb, gab es doch einige hübsche Ansichten. +Ich kam durch große, äußerst rein gehaltene Kampons, durch viele +Reispflanzungen und durch ein Wäldchen, das bloß aus Bambus, und zwar +von außerordentlicher Größe und Höhe (70 bis 80 Fuß), bestand. Die +Rohre sollen viel Wasser enthalten. + +Zu Surumentingi fand ich nur ein einfaches Bambushäuschen mit der +nothdürftigsten Einrichtung, das den durchreisenden Beamten und +Offizieren als Unterkunft dient. Da ich nicht, gleich den verwöhnten +Europäern, meinen ganzen Haushalt mit mir führte, sondern nur so wenig +Gepäck, daß ich es im Nothfalle selbst fortschaffen konnte, hätte +ich mich heute mit einem höchst einfachen Mahle und einer harten +Schlafstelle begnügen müssen, wenn nicht Herr Godoon so gefällig und +aufmerksam gewesen wäre, mir alle Bedürfnisse nebst einigen Dienern +voraus zu senden. Ich fand ein treffliches Mahl, Thee und Kaffee und +konnte mich in einem weichen Bette ausruhen. + ++2. August.+ +Padang-Sidimpuang+, 20 Paal. Fortgesetztes Hügelland, +jedoch von größeren Flächen unterbrochen. Die Gebirgskette nimmt stets +an Höhe ab. + +Padang-Sidimpuang liegt bereits in Ankola und besitzt ebenfalls ein +kleines Fort. Ich traf hier die letzten Europäer; einige Offiziere und +einen Kontrolor, Herrn +Hammers+, bei welchem ich abstieg. + +Die letzten drei Tage hatte ich Pferde bekommen, die entsetzlich +stießen; ich kam ganz erschöpft an und hatte nicht die geringste +Eßlust. Bei Tische konnte ich mich kaum aufrecht halten; mein Stolz +gab aber nicht zu, diese Schwäche zu gestehen. Ich warf den Katzen, +die den Tisch umschwärmten, heimlich einen Bissen nach dem andern zu. +Glücklicher Weise war es auch hier, wie auf ganz Java, Sitte, nach +dem Mittagsmahle eine kleine Siesta zu halten. Nie segnete ich diese +Gewohnheit so sehr als heute -- ich fiel auf mein Lager. Zwei Stunden +Ruhe stärkten mich so, daß ich gänzlich erholt zur Theestunde erschien +und Abends mit den Herren sogar eine Parthie Whist spielte. + +Ich sah hier ein neues Beispiel der Gefühllosigkeit einer Javanesin. An +dem Tage, an welchem ich ankam, begrub man den Kapitän der Garnison. Er +hinterließ eine sogenannte Wirthschafterin mit vier Kindern. Durch zehn +Jahre hatte diese Person an seiner Seite das bequemste Leben geführt +-- heute, da man den Vater ihrer Kinder in’s Grab senkte, da sie nicht +wußte, wie ihre und ihrer Kinder Zukunft sich gestalten würde, sah sie +so fröhlich und heiter aus, lachte und scherzte so ungenirt, als ob in +ihrem Schicksale nicht das geringste vorgefallen wäre. + +Ich blieb drei Tage zu Padang-Sidimpuang. Auch hier kamen, als mein +Vorsatz, das Battaker-Land zu betreten, bekannt wurde, viele Eingeborne +mich zu sehen. Sie warnten mich ebenfalls vor dieser Reise, um so mehr +als erst noch im vergangenen Jahre einige Uneinigkeiten zwischen den +Battakern und Holländern vorgefallen waren. Die Battaker hatten einen +Einfall in das Holländische Gebiet gemacht, einen Kampon zerstört und +27 Menschen mit sich fortgeführt. Die Holländer sandten zwar einige +Truppen, die Schuldigen aufzusuchen; sie fanden aber die Kampons leer, +die Bewohner waren, wie dieß bei solchen Gelegenheiten bei ihnen +üblich ist, in die unzugänglichsten Schluchten und Wälder entflohen. +Die einzige Rache, welche die Verfolger nehmen konnten, bestand im +Niederbrennen einiger Kampons. Herr +Hammers+ erzählte mir, daß vor +kaum zwei Jahren vier Menschen sogar von den Battakern, die unter der +Holländischen Regierung stehen, getödtet und verzehrt worden seien. + +Nichts desto weniger blieb ich bei meinem Entschlusse stehen. Ich +wollte durch das große Thal +Silindong+ bis an den Land-See +Eier-Tau+ +(großes Wasser) vordringen, welchen noch kein Europäer gesehen hat, +und von dessen Vorhandensein man bloß durch die Erzählungen der +Eingebornen unterrichtet ist. Von seiner Lage, Größe, von den an seinen +Ufern wohnenden Stämmen hat man nur ganz unvollständige Begriffe. Ich +konnte dem zu Folge keinen Plan dieser Reise machen und mußte alles +dem Schicksale und meinem bisher stets treuen Glücke überlassen. Herr +Hammers war so gütig, mich mit Briefen für einige Rajah’s, die mit den +Holländern in Verkehr standen, so wie mit einem Führer zu versehen. Ich +ordnete einige Papiere, die ich im Falle des Nichtwiederkehrens für +meine Familie zurückließ, und nahm recht herzlichen Abschied von den +Europäern. Sie konnten vielleicht die letzten sein, die mir auf dieser +Welt zu Gesicht kamen. + + + [1] Er wurde im folgenden Jahre Gouverneur auf Celebes. + + [2] Jeder Kampon auf den holländischen Besitzungen in Sumatra hat + seinen Rajah beibehalten. Letzterer bezieht von der Regierung + einen kleinen Gehalt und trägt dafür Sorge, daß seine Gemeinde + die Gesetze und Befehle der Regierung erfüllt und ausführt. + + [3] Diese Gesetze für Ehescheidungen, Wiedervereinigungen oder neu zu + schließende Ehen sind bei allen Malaien dieselben. + + [4] Der Suri wird aus der Arenga-Palme gezogen. Auch Zucker wird aus + dem Safte dieser Palme gewonnen. + + + + +Achtes Kapitel. + + Fortsetzung der Reise auf Sumatra. -- Die Fußreise. -- Das Nachtlager + im Urwalde. -- Erstes Zusammentreffen mit den Kannibalen. -- + Haly-Bonar. -- Opferung eines Büffelkalbes. -- Das Thal Silindong. + -- Feindseliger Empfang. -- Gezwungene Rückkehr. -- Wiederholte + wilde Scenen. -- Wiederkehr nach den Holländischen Besitzungen. -- + Paija-Kombo. -- Besteigung des Merapi. -- Rückkunft nach Padang. + + +Am +5. August+ trat ich diese gefahrvolle Reise an. Ich ging bis ++Sipirok+, 20 Paal. Alles war Wald und Alang-Alang. Von einer kleinen +Hügelkette, über welche der Weg führte, übersah ich eines der größten +Thäler Sumatras, das wellenförmige +Lawas-Thal+. + +Ich war nun schon durch einen großen Theil Sumatras gekommen. Ich +fand diese Insel, was Naturschönheiten anbelangt, eben so reizend, wo +nicht reizender als Java. Welch herrliches Land könnte nicht daraus +werden! Bis jetzt ist es verhältnißmäßig menschenleer und, die wenigen +Pflanzungen ausgenommen, unkultivirt. Wilde Thiere (Elephanten, +Rhinozerosse) bewohnen die mächtigen Waldungen des Innern, +blutdürstige Tiger durchstreichen das ausgedehnte Alang-Alang. + +Man sollte glauben, daß ein Theil von Sumatra ein günstiges Land für +Europäische Auswanderer wäre. Auf den großen Hochebenen, deren es +viele gibt, bleibt das Klima, obwohl der Aequator so nahe ist, sehr +gemäßigt; die dichten, üppigen Wälder, das hohe Alang-Alang zeigen von +der Fruchtbarkeit des Bodens. Gewiß würde hier, wo die Natur so reich +ist, mit Nachhilfe der Kultur Großartiges zu schaffen sein. Allein +die Holländische Regierung begünstiget die Ansiedlung von Europäern, +selbst von ihren eigenen Unterthanen, durchaus nicht. Sie gibt vor +(mit vollem Rechte), daß die Eingebornen durch das Beispiel der Weißen +nur verdorben würden. Ich möchte noch einen zweiten Grund dahinter +suchen, und zwar -- die Furcht, daß die Weißen mit der Zeit dem kleinen +Vaterlande gegenüber zu mächtig würden und, mit den Eingebornen +vereint, sich unabhängig erklären könnten. + ++Sipirok+ liegt in einem kleinen regelmäßigen Thale. Hier steht das +letzte Kaffeemagazin, unter der Aufsicht eines eingebornen Schreibers. +Ich kam gerade an, als eine große Lieferung statt fand, was mir +Gelegenheit gab, viel Volk (meist Battaker) zu sehen. Der Anblick war +eben nicht reizend. Derselbe Gesichtstypus wie bei den Malaien, nur +noch häßlicher, das weibliche Geschlecht auffallend klein. In der +Kunst die Zähne zu feilen, schwarz zu färben, mit einem Worte, sich +so häßlich als möglich zu machen, gebührt ihnen die Palme. Sie waren +sehr wenig, höchst dürftig und überaus schmutzig bekleidet. Alle hatten +die Backen mit Siri vollgestopft und spieen rechts und links neben den +ausgebreiteten Kaffee. Zum Zeitvertreibe suchten sie das Ungeziefer von +Kopf und Kleidung, und Kinder voll ekelhafter Hautausschläge warfen +sich mit Kaffeebohnen. + +Nachdem der Kaffee besichtiget, in Säcke gefüllt, in das Magazin +abgeliefert war und die Leute das Geld empfangen hatten, verwandelte +sich der Platz in einen Bazar. Aus dem Gemache des Schreibers wurden +allerlei Waaren herausgeschafft, Krämer, die schon stundenlange auf +die Wegschaffung des Kaffees gelauert hatten, packten bunte Stoffe, +Glasperlen, Messingreifen, Eßwaaren u. dgl. aus. Mit gierigen Blicken +sahen die glücklichen Geldbesitzer auf alle die Gegenstände; die +Armen wußten nicht, woran sie sich halten sollten, -- es gab der +verführerischen Dinge gar zu viele, des Geldes gar zu wenig. Nach einer +Stunde war der Bazar zu Ende, d. h. die Pflanzer waren ihr Geld los. + +Zu Sipirok hörte das Reisen zu Pferde auf; ich mußte wieder wie in +Borneo allen Bequemlichkeiten des Lebens auf einige Zeit entsagen und +meine Fußwanderungen beginnen. + ++6. August.+ +Danau+, 12 Paal. Der Weg führte durch lauter Waldungen +über steile Berge und Hügel auf schlüpfrigen, schrecklichen Pfaden. + +In Danau angekommen, wies man mich in eine halb verfallene Hütte, +die zwei Schlafstellen enthielt. Ich war von nun an in jedem Utta +(die Battaker nennen so ihre Dörfer) von Menschen umringt. Schon zu +Muara-Sipongie hatte diese Begierde mich zu sehen begonnen, da noch +keine Europäerin bis dahin gekommen war. Hier war es noch ärger, und +die Hütte so voll Leute, daß ich im ersten Augenblicke gar nicht +gewahrte, mit welchen Bewohnern ich sie theilte. Ein Mörder und ein +Sterbender waren ihre Inwohner. Ersterer hatte einen seiner Nachbaren +in einem Anfalle von Eifersucht getödtet und sollte in zwei Tagen auf +dem Bazar enthauptet werden. Er lag nackt auf dem Boden, an einen +Pfosten gebunden, die Füße durch einen Block gezogen und geberdete +sich wie närrisch; bald schrie, bald lachte, bald weinte er, dabei +warf er sich, so viel er konnte, von einer Seite zur andern, -- ein +grauenvoller Anblick. Der Kranke, ein Jüngling von achtzehn Jahren, lag +ebenfalls auf der Erde, ohne Matte, ohne Bedeckung; er litt an einem +Brustübel und hatte schreckliche Anfälle von Husten. Leider konnte ich +dem Armen keine Erleichterung verschaffen, da ich weder Arzeneien noch +sonstigen Bedarf für Leidende bei mir hatte. + +Ich beobachtete bei dieser Gelegenheit, daß man mit dem Mörder viel +mehr Mitleid hatte, als mit dem Kranken. Die Weiber bereiteten das +Siri für ihn, sie brachten ihm zum Mahle Reis und getrocknete Fische, +fütterten ihn, da er die Hände gebunden hatte, gleich einem kleinen +Kinde, wehrten ihm die Fliegen ab u. s. w. Die Männer führten ihn zum +nahen Flusse, damit er sich baden könne. Den armen Kranken beachtete +niemand. Man ließ ihn liegen, husten und stöhnen, reichte ihm weder +Speise noch Trank und schien ihn zu betrachten, als ob er nicht mehr +unter die Lebenden gehörte. Ich konnte ihm auch nichts anderes geben +als Reis und Wasser; dieß war alles, was ich selbst erhielt. + +Brustkrankheiten scheinen überhaupt in den hochgelegenen Gegenden +Sumatra’s zu herrschen; die Leute husteten viel und oft sehr heftig. +Die Hitze ist am Tage groß, die Nächte sind beinahe kalt, es regnet +viel und die Eingebornen gehen so leicht bekleidet wie in den heißen +Gegenden, haben jedoch nicht einmal eine Bedeckung für die Nacht. + +Ich wollte mit dem Mörder nicht in einem Gemache bleiben und ließ +den Rajah ersuchen, mir eine andere Hütte anzuweisen. Er war so +gefällig, den Gefangenen und den Kranken entfernen zu lassen. Das Volk +aber konnte nicht abgehalten werden, mich zu umringen; ich war von +nun an, selbst während der Nacht, nicht einen Augenblick allein. Bis +Mitternacht brannten die Feuer und wurde geschwätzt; dann legten sich +die meisten hin, wo sie Platz fanden, zogen den Sarong über sich und +schnarchten um die Wette. + +Den +7. August+ mußte ich in Danau bleiben. Der Rajah, dem Namen nach +noch unter Holländischer Botmäßigkeit, versicherte mir, daß ich ohne +seine Begleitung das freie Battaker-Land, welches einige Paal von hier +beginnt, nicht betreten könne. Er wolle mit mir gehen und sich bei den +Rajah’s, mit welchen er bekannt sei, persönlich für meine Aufnahme +verwenden. + +Diesem Entschlusse zu Folge ließ er mir zu Ehren ein Büffelkalb +schlachten, um dabei die bösen Geister anzurufen, unserer gefahrvollen +Reise keine Hindernisse, kein Unglück in den Weg zu legen. + +Früh Morgens besuchte er mich mit einem Gefolge von einem Dutzend +Weiber und vielen erwachsenen Mädchen, zum Theile seine Verwandten. +Die Weiber und Mädchen traten in tief gebeugter Stellung, die Hände +halb vor das Gesicht haltend, an mir vorüber. Es ist dieß der Gruß der +Niederen gegen die Höheren. Sie setzten sich im Hintergrunde der Hütte +zu Boden und packten aus schön geflochtenen Strohtaschen Siri, das für +mich bestimmt war. + +Die Mädchen trugen zehn bis fünfzehn bleierne Ringe in den Ohrläppchen, +hatten auch die oberen Theile des Ohres durchstochen und mit einem +Knopfe oder einer kleinen Schnur von Glasperlen geziert. Am Halse, an +den Armen und an den Füßen trugen sie Messingringe und Glasperlen. All +dieß Geschmeide legen sie ab, wenn sie heirathen. Die Mädchen gingen +mit bedeckten Busen, die Weiber meistens entblößt. Weiber und Mädchen +hatten die Haare in einen Knoten geschürzt, in welchen sie Strohwülste +stecken, um ihn zu vergrößern. Auch die Männer lassen die Haare +lang wachsen und binden sie ebenfalls in einen Knoten, tragen aber +Strohkappen oder Tücher darüber. Diese Kopfbedeckung ist das einzige +Zeichen, an welchen man den Mann von dem Weibe unterscheiden kann, da +die Männer keine Bärte haben und beide Geschlechter die Sarongs auf +dieselbe Weise um den Körper schlagen. + +Unter den Mädchen gab es einige sehr beleibte, wie mir ähnliche +unter den Malaien nicht vorgekommen waren; manche hatten die erste +Jugendblüthe schon abgestreift, ohne Männer gefunden zu haben. Dieß +rührt davon her, daß die Battaker ihre Weiber kaufen müssen. + +Der Rajah war gekommen, um mich zu der feierlichen Schlachtung des +Büffelkalbes einzuladen. Ich folgte ihm in seine Hütte. Die Ceremonie +bestand in einem tollen Tanze, den der achtzehnjährige Sohn des Rajah’s +unter lärmender Musik aufführte. Die Hütte war so voll von Menschen, +daß man sich kaum bewegen konnte. Jedermann wollte den Jüngling +tanzen sehen, der, wie man mir sagte, vom bösen Geiste besessen war. +Er raste auch wirklich wie besessen umher, bis er vor Erschöpfung +beinahe hinsank. Ein anderer, nicht besessener Tänzer nahm seinen Platz +ein, bis sich jener wieder erholte, was sehr bald der Fall war. Dann +begann er zum zweitenmal dieselbe Raserei. Man reichte ihm eine mit +ungekochtem Reis gefüllte Schale die er mehrmals über den Kopf erhob, +als wolle er ihren Inhalt den Geistern opfern oder deren Segen darüber +erflehen; hierauf nahm er einige kleine Portionen heraus, streute sie +in die Luft, stürmte plötzlich aus der Hütte, streute vor derselben +ebenfalls einen Theil des Reises in die Luft und den Rest über das +Kalb, das, auf ein Gerüst gebunden, zum Schlachten bereit lag. Er +kehrte hierauf wieder in die Hütte zurück und raste so lange fort, bis +er am Ende ganz erschöpft den erbauten Zusehern in die Arme fiel. Das +Kalb wurde nun geschlachtet, in viele kleine Stücke zerschnitten und +größtentheils unter das Volk vertheilt. Für mich ward die Leber, als +das beste Stück, zur Seite gelegt. Ich erhielt sie Abends zum Imbiße, +aber leider ungenießbar; sie war zu einem Steine verbraten. Ich mußte +daher mich auch heute, obwohl mir zu Ehren das Kalb geschlachtet worden +war, mit Reis und Salz begnügen. + ++8. August.+ Ich verließ Danau mit einem Gefolge von mehr als zwanzig +Personen, von welchen jedoch der größere Theil an der Grenze (drei +Paal) zurückkehrte. Sie reichten mir beim Abschiede die Hand und +wünschten mir eine glückliche Wiederkehr. Alle betrachteten meine +Reise als ein großes Wagestück, wiesen an den Hals und gaben mir durch +Zeichen zu verstehen, daß sie befürchteten, man würde mir den Kopf +abschneiden und mich auffressen. Obwohl diese Pantomime nicht sehr +ermuthigend war, kam mir doch kein einziges Mal der Gedanke in den +Sinn, von der Reise abzustehen. + +Meine Begleitung bestand nur aus dem Rajah, aus fünf seiner Leute, +meinem Führer, einem Kulli für mich und einem für den Führer. + +Der Weg ging durch die sogenannte „Wildniß“, durch finstere, beinahe +undurchdringliche Wälder oder durch sechs Fuß hohen Alang-Alang. Wir +sahen nirgends weder eine Hütte, noch einen Menschen, dagegen viele +Spuren von wilden Thieren, besonders von Tigern. Bei einem Flusse +angekommen, mußten wir auf einen Baum klettern und die überhängenden +Aeste, die sich mit jenen eines andern am jenseitigen Ufer kreuzten, +benützen, um hinüber zu kommen. Diese natürliche Brücke erhob sich +gewiß an zwanzig Fuß über das Wasser. + +Von Zeit zu Zeit gelangten wir an Waldausschnitte, von welchen wir die +herrlichsten Ueberblicke großer, schöner Thäler hatten, die von dem +Flusse +Padang-Toru+ in unzähligen Krümmungen durchschnitten waren. +Ein kleiner See, wenig größer als ein Teich, schimmerte in schöner +Sonnenbeleuchtung auf einer der Höhen. Dem Padang-Toru kamen wir oft +ganz nahe; es ist ein schöner, breiter Strom, aber kein Boot schaukelte +sich auf seinem Rücken; wohin der Blick fiel, war alles menschenleer -- +es schien, als wären wir die einzigen Bewohner der Erde. + +In dieser Jahreszeit regnet es beinah regelmäßig jeden Nachmittag, und +leider traf uns der Regen stets auf dem Wege, denn hier wie in Borneo +war an ein frühes Fortkommen nicht zu denken. Dieses schlechte Wetter +belästigte mich um so mehr, als ich auf Kleider- und Wäsche-Wechsel +verzichten mußte -- einerseits verließen mich die Leute weder bei Tag +noch bei Nacht, anderseits hatte ich mein kleines Gepäck gewöhnlich +nicht zur Hand, wenn ich es am nothwendigsten brauchte. Mein Führer, +der, gleich jenem von Sarawak, nur that was ihm beliebte, verlangte +stets zuerst einen Kulli für sich, von welchem er sich vollkommen +bedienen ließ; für meine Reisetasche ward der nächste beste Mensch +genommen -- fand sich keiner, so ließ er sie zurück, mit dem Bedeuten, +sie nachzubringen. + +Heute war der Regen schon über alle Maßen lästig. Wir mußten noch dazu +im Walde unser Nachtquartier aufschlagen. Man errichtete zwar schnell +ein kleines Blätterdach und bedeckte den Boden mit großen Blättern; +allein ich war schon durch und durch naß, als wir ankamen, und bis über +die Knie voll Schlamm und Morast; ich mußte an dem kleinem Flusse, +an dem wir uns gelagert hatten, den Schmutz von Füßen und Kleidern +waschen, und von Wasser triefend, zitternd vor Kälte (die Abende und +Nächte waren sehr kalt) das Feuer suchen, das aus Mangel an trockenem +Holze mehr glimmte als brannte. + +Meine Begleiter trugen Holz für die Nacht zusammen, fingen in +dem Flüßchen einige kleine Fische und brachten einige ganz grüne +Bambusrohre herbei, deren Nutzen oder Gebrauch mir nicht erklärlich +war; bald sah ich, daß sie statt der Kochgeschirre dienten. Die Leute +legten Reis nebst etwas Wasser auf Bisangblätter, machten lange Wülste +daraus und schoben sie in die Rohre; dasselbe thaten sie mit den +kleinen Fischen. Die Rohre wurden auf das Feuer gelegt und so lange +liegen gelassen, bis sie zu brennen anfingen, was eine sehr geraume +Zeit währte, da sie viele Feuchtigkeit enthielten. Man spaltete dann +die Rohre und nahm die köstlichen Gerichte heraus. Einige der größeren +Fische wurden an kleine Holzstäbchen gespießt, die man neben dem Feuer +in die Erde steckte, und ein wenig gebraten. + +Das Mahl war schlecht und unsauber; den Reis hatte man nicht gewaschen, +die Fische weder gereinigt noch gesalzen; allein den ganzen Tag hatte +ich nichts genossen, meine Eßlust war überdieß durch den mühevollen +Marsch (achtzehn Paal) sehr gesteigert worden; ich fand daher das Essen +dennoch vortrefflich. + +Bevor wir uns zur Ruhe begaben, empfahl ich den Leuten, die Nacht +hindurch ein tüchtiges Feuer zu unterhalten, um die Tiger von uns zu +scheuchen. Aber bald fielen sie in tiefen Schlaf, mein Rufen erweckte +sie nicht, ich konnte das Feuer nicht unterhalten, weil das Holz zu naß +war, und so umgab uns bald undurchdringliche Finsterniß. Ich schlief +keine Minute, weniger einen Ueberfall von Menschen als von Thieren +fürchtend. So oft ich im Gebüsche ein Feuerkäferchen sah, meinte +ich das glühende Auge eines Tigers zu erblicken, so oft es im Laube +raschelte, dachte ich an Schlangen -- es war eine schauderhafte Nacht! + ++9. August.+ +Soßor-Doluk+, siebzehn Paal. Wenig gestärkt durch das +gestrige Mahl, erschöpft vom nächtlichen Wachen, ging ich ohne Imbiß +fort und Mühen sonder gleichen entgegen. Wege, wie mir noch keine +ärgeren vorgekommen waren, führten durch undurchdringliche Waldungen, +voll von dichtem Untergebüsch, durch hochaufgeschossenes Alang-Alang, +durch Sümpfe und Flüsse, die oft der Länge nach durchwatet werden +mußten. Die Bäume und Gebüsche troffen noch vom nächtlichen Regen. Ganz +steil abfallende Hügel sperrten das Vordringen und waren gefährlich +zu übersteigen, da alles so glatt und schlüpfrig war, daß man keinen +festen Fuß fassen konnte. Zu diesen Uebeln gesellte sich noch ein +hochstämmiges Schilf (~Saccharum Koenigri~), das in einer Höhe von +vier bis fünf Fuß so dicht in einander verflochten war, daß man nur +in gebückter Stellung durchkommen konnte. Der Pfad bestand an solchen +Stellen aus einer schmalen Rinne mit Löchern und Gruben voll Schlamm +und Morast. Man hatte kaum so viel Raum, um einen Fuß vor den andern +zu setzen. Glitt man in ein Loch, in eine Grube, und wollte man sich +am Schilfe oder am Gebüsche fest halten, so erging es einem noch +schlimmer. Das Schilf brach, und unter dem Gebüsche gab es Stämmchen +mit großen Stacheln, an welchen man sich die Hände blutig riß. +Springende Blutsauger kamen in solcher Menge vor, daß ich am ganzen +Körper, besonders an den Füßen, heftig blutete. Den größten Theil +dieser Fußreise, besonders jenen durch die Wüstenei, mußte ich mit +bloßen Füßen machen, da es unmöglich ist, sich auf diesen morastigen, +theilweise tief unter Wasser stehenden Wegen irgend eines Schuhzeuges +zu bedienen, das dem Fortkommen nicht hinderlich wäre. Meine Füße +wurden in Folge dessen von dem scharfkantigen Alang-Alang ganz +zerschnitten, von Dornen zerstochen. Nach jeder vollbrachten Tagereise +mußte ich mir von einem der Eingebornen die Dornen ausziehen lassen. +Sie machten die Sache gut, aber auf sehr schmerzhafte Weise; die +großen, wenig spitzen Parangs dienten ihnen als Instrumente. Oft waren +meine Füße so wund, daß ich dachte, am folgenden Morgen nicht fort zu +können -- dennoch ging es täglich weiter. + +Als wir dem Ausgange der Wildniß nahe kamen, hörten wir ein heftiges +Geschrei von vielen Menschenstimmen. Dies erschreckte uns sehr. Wir +verhielten uns eine Zeit lang ganz ruhig und stille und schlichen +endlich, gleich Dieben, mit großer Vorsicht dem Ausgange zu. Aus +dem Walde tretend, befanden wir uns an dem Ufer des Flusses +Puli+, +und sahen die Schreier, vierzig bis fünfzig an der Zahl, beinahe im +Naturzustande, im Wasser stehen und mit Fischen beschäftiget. Der +Rajah hieß mich mit den Leuten zurückbleiben, ging allein zu dem +fischenden Häuptlinge und ersuchte ihn um die Gnade, mir den Eintritt +in sein Land zu gewähren. Nach vielen Fragen und Erläuterungen erhielt +ich die Bewilligung. Wir gingen durch den ziemlich breiten Fluß und +machten am jenseitigen Ufer unter dem Prachtexemplar eines Baumes aus +der Familie der Dilleniacen (auch Colbertia genannt) Rast. Dieser Baum +hat mehr als faustgroße Blüthenknospen, die wie Früchte aussahen. Ich +öffnete eine derselben und fand eine wunderschöne Blume darinnen. Wenn +die Kapsel gereift ist, springt sie von selbst auf. + +Außer dieser Gattung schöner Bäume fielen mir in Sumatra’s Wäldern +wenige ihres besondern Umfanges oder auch ihrer besondern Höhe wegen +auf. Ich habe wohl Bäume von hundert und vielleicht hundertzwanzig Fuß +Höhe gesehen, aber gewiß nicht von zweihundert, wie manche Reisende +behaupten wollen. Auch die wildwachsenden Blumen mußte ich emsig +suchen; sie schaffen hier bei weiten nicht, wie in Brasilien, die +Wälder zu natürlichen Gärten um. + +Was den Weg anbelangt, so war nun wohl das Schlimmste der Reise +glücklich überstanden; jetzt begann aber der ungleich gefährlichere +Kampf mit den Menschen. + +Wir setzten alsbald unsere Wanderung fort. Das Land war noch immer +hügelig, doch freier und offener, und gute Pfade führten uns der +Nachtstation zu. Wir kamen an einigen schrecklichen Erd-Spalten oder +Rissen vorüber, in deren Tiefe sich der Blick mit Schauder verlor. + +Als wir in Soßor-Doluk anlangten, machte man einige Schwierigkeiten, +uns, das heißt, mich aufzunehmen; endlich wies man uns doch eine Ruine +von einer Hütte an, die so schief und krumm stand, daß ich jeden +Augenblick ihres Einsturzes gewärtig war. Das Dach glich einem Siebe, +ich konnte in der Nacht die Sterne über meinem Haupte zählen; allein es +war ein herrliches Nachtquartier im Vergleiche zu jenem in dem nassen, +finsteren Walde. + +Abends kam der Rajah des Ortes in Begleitung des Rajah von ++Sigumpolang+ (einem nahe gelegenen Orte), der zufällig hier auf +Besuch war, zu mir. Beide machten große Schwierigkeiten, mir die +Erlaubniß zu ertheilen, weiter in dem Lande vorzudringen. Am Ende +verdankte ich diese Erlaubniß meinem Geschlechte; wäre ich ein Mann +gewesen, so hätten sie mich ohne Zweifel für einen Spion gehalten und +zurückgewiesen, wo nicht gar getödtet. + +Nahe bei Soßor-Doluk ist eine heiße Quelle, doch ohne Schwefelgeruch. +Die Leute baden sich häufig darin und halten sie für jede Krankheit +heilsam. + ++10. August.+ Sigumpolang (Klein-Toba), fünf Paal. Der Rajah dieses +Utta’s, Hali-Bonar, ein sechs Fuß hoher, kräftiger Greis, begleitete +uns. Wir überschritten den Padang-Toru auf einer Hängebrücke, die aus +einem einzigen, wenigstens siebenzig Fuß langen Bambusrohre bestand, +das kaum sechs Zoll im Durchmesser haben mochte. Dünne Stämmchen +formten an den Seiten ein Geländer, welches jedoch, gleich jenem auf +der Brücke zu Borneo, nicht als Stütze, sondern nur dazu diente, +das Gleichgewicht zu erhalten. Ich konnte den einfachen Bau, sowie +die Stärke dieser Brücke nicht genug bewundern. Das Rohr schwebte +vollkommen frei in der Luft, bloß die Endpunkte ruhten auf Baumstämmen. +Je mehr man sich der Mitte näherte, desto mehr schwankte es -- ich +dankte Gott, als ich das jenseitige Ufer glücklich erreichte. Dieses +einzige Rohr trug zu gleicher Zeit ungefähr ein Dutzend Menschen. + +Die Landschaft war reizend, das Thal groß und wellenförmig; aber auch +an Flächen fehlte es nicht, die reich mit Reis bepflanzt waren. + +Hali-Bonar führte mich an seinem Utta vorüber, einen halben Paal weiter +nach einem großen freien Platze, auf welchem Bazar gehalten wurde, um +mich da dem Volke und mehreren Rajah’s[5] vorzustellen. Er that dieß +in der Absicht, daß, wenn ich im Laufe der Reise durch eines der Utta +dieser Leute käme, sie mich freundlich aufnähmen. Die Rajah’s, die sich +auf dem Bazar befanden, setzten sich um mich auf den Boden, und ihre +Lanzenträger, deren jeder Rajah ein halbes Dutzend mit sich hatte, +schlossen einen Kreis um uns, eine höchst nothwendige Vorsicht, da das +Volk mit wildem Geschrei von allen Seiten herandrang. Die Verkäufer +verließen ihre Waaren, die Käufer vergaßen ihre Geschäfte; alles wollte +mich sehen; Männer und Kinder, die nicht in meine Nähe kommen konnten, +kletterten auf die Bäume. Es war ein Gewirre, ein Lärmen, von dem man +sich keine Vorstellung machen kann. Ich verstand kein Wort von dem, was +sie sprachen und befand mich fast allein unter diesen wilden Menschen +-- der Rajah von Danau war mit seinen Leuten und meinem Führer im Utta +zurückgeblieben. + +Unter dem Volke sah ich viele sechs Fuß hohe, starke Männer; auch die +Weiber waren kräftiger als alle, die ich bisher auf Sumatra gesehen +hatte. Die Gesichtsbildung fand ich aber häßlich wie überall, die +Zahnkiefer breit und ganz besonders hervorragend, die Hautfarbe nicht +sehr dunkel. Gekleidet gingen beide Geschlechter in Sarongs. Die +Weiber trugen in den Ohrläppchen große Messingbleche oder runde Stücke +Holz; auf den Kopf legten sie ein, auch zwei große, zusammengefaltete +Tücher. Die Männer hatten hier die Ohrläppchen eben so weit +durchlöchert wie die Weiber, meistens aber nur eines. Die Rajah’s +trugen schwere Goldreifen daran, die Uebrigen steckten Strohzigarren +durch. Eine zweite Auszeichnung des Rajah bestand in einer großen +Tabakspfeife von Messing, die an einem schweren Messingrohre hing. + +Ich bemerkte bei den Battakern dieselben aus weißen Muscheln +geschnittenen Armbänder, dieselben Korbgeflechte, dieselbe Art +Maultrommeln, dieselben aus Bast geschlagenen Zeuge, wie bei den +Dayakern. + +Nachdem ich über eine Stunde unter diesem Volke zugebracht hatte, +führte mich Hali-Bonar nach seinem Utta. + +Die Häuser der Battaker sind auf Pfählen gebaut, gleich jenen der +Malaien, aber ohne Vergleich größer, schöner und solider. Sie haben +sehr hohe Dächer, die das Haus an fünf Fuß überragen. Die beiden Enden +der Dächer gehen in hohen Spitzen aus. Ich möchte die Höhe der Häuser, +so wie ebenfalls das Gevierte auf vierzig bis fünfzig Fuß annehmen. +Sie bestehen aus Bretterwänden, die Dächer sind mit der Faser der +Aranga-Palme gedeckt. An manchen Häusern waren die Vorderseiten +angestrichen und ebenso geschmackvoll ausgeschnitzt, wie in dem Kampon +Kotto-Godong nächst Fort de Kock. Man sieht weder Fenster noch Thüren. +Nur in der Höhe ist an der Außenseite eine kleine hölzerne Gallerie +angebracht, von dem Vorsprunge des Daches gedeckt, auf welche nach +der innern Seite des Hauses eine Thüre führt, zu der man auf Leitern +steigen muß. Der Aufgang in das Haus ist unter demselben und mit einer +Fallthüre zu schließen. Das Innere besteht aus einem einzigen großen +Gemache, in welchem meistens drei auch vier Familien wohnen, jede +in einer Ecke. In diesen Häusern ist es natürlich ganz finster, man +gewahrt im ersten Augenblicke nichts als einige Luftlöcher in der Höhe, +die dem Rauche Ausgang gestatten, von welchem das Gemach stets voll +ist, da, obwohl die Leute wenig zu kochen haben, doch in jeder Ecke das +Feuer beinahe fortwährend brennt. + +In dem Raume unter dem Hause werden Schweine, Geflügel, Kühe (alle +schwarz), Büffel, Hunde, hie und da auch ein Pferd gehalten. Die +Schweine sind von ganz eigenthümlicher Art: sie haben sehr spitz +zulaufende Rüssel, einen etwas eingebogenen Rücken, kurze Füße, wenig +Borsten, dagegen eine dicke, kurze Mähne, wie Pferde. + +Die Vorräthe an Vieh und Reis fand ich bedeutend, ja sehr reich +im Vergleiche zu jenen der Javanesen oder der Sumatra-Malaien. Der +Hausrath bestand aus eisernen Kesseln, irdenen Töpfen, Tellern, Näpfen, +vielen Matten und Körben, einigen Spinnrädern, Holztruhen u. s. w. + +Beinahe jedem Hause gegenüber steht ein Soppo, das ist eine offene +Hütte mit einem untertheilten Dache, auf welchem der Reis in Säcken und +Körben aufgespeichert ist. Dieser Soppo ist der eigentliche Wohnplatz +der Leute während des Tages. Hier weben die Weiber die Sarongs, die +Männer versammeln sich, um die Zeit im Geschwätze und Nichtsthun +hinzubringen, denn auch unter den Battakern muß das Weib beinahe +alle Arbeit verrichten. Abends finden hier die Zusammenkünfte der +heirathsmäßigen Mädchen mit den jungen Leuten statt. Dem Fremden wird +ebenfalls in den Soppos das Nachtquartier angewiesen. Auch ich schlug +das meinige hier auf. + +Hali-Bonar erbot sich, mich bis +Silindong+ (Groß-Toba) zu begleiten, +ein Anerbieten, das ich mit um so größerer Freude annahm, als mich der +Rajah von Danau mit seinem Gefolge hier verließ. + +Ich mußte gleichfalls wie zu Danau einen Tag verweilen, denn auch +Hali-Bonar schlachtete am folgenden Morgen ein Büffelkalb, theils mir +zu Ehren, theils um die bösen Geister anzuflehen, unserer Reise nichts +in den Weg zu legen. Er holte mich persönlich zu dieser Feierlichkeit +ab und führte mich in einen saubern, mit Matten belegten Soppo, der +seinem Hause gegenüber stand. Die Feierlichkeit fand hier unter freiem +Himmel statt. Ein ganzes Musikcorps war versammelt; man schlug auf +Trommeln und Gongs, man blies eine Art Dudelsack und lange Pfeife. Das +Kalb wurde unter voller Musik geschlachtet, die Eingeweide (der größte +Leckerbissen) in das Haus des Rajahs getragen und das übrige unter das +Volk vertheilt. Der Rajah von Danau bekam natürlich nebst seinen Leuten +auch seinen Theil. + +Ein Mann trat hierauf, einfach und dennoch malerisch gekleidet, auf den +Schauplatz. Er trug einen schönen Sarong, der von den Hüften bis an die +Füße reichte, ein weißes Tuch kranzartig um den Kopf geschlungen und +eine Art von schwarzem Shawl, an den Rändern mit Glasperlen besetzt, um +den Oberkörper in reichen Falten geworfen. Die Shawls, an 5 Fuß lang +und 2½ breit, werden nur von den Männern getragen und dürfen bei +Feierlichkeiten und wenn die Krieger zu Felde ziehen, nicht fehlen. +Der Mann hielt in der einen Hand ein mit Wasser gefülltes Büffelhorn, +in der andern ein Betelblatt. Nach einer langen Rede, die einem Gebete +glich, fing er einen recht hübschen Tanz an, hob Horn und Blatt mehrmal +gegen den Himmel und schlug seine Augen zu demselben auf. Er goß +hierauf einiges Wasser gegen mich und die Musiker, den Rest über das +Betelblatt. Das Horn wurde ein zweites Mal mit Wasser gefüllt und +dieselbe Ceremonie wiederholt, worauf er einen Teller voll Reis nahm, +mit welchem er nach einer abermaligen Rede dasselbe that, wie mit dem +Wasser. Der Rajah trat nun auf den Schauplatz, gefolgt von einem Manne, +der stets nahe hinter ihm blieb und ein Diener zu sein schien. Der +Rajah ahmte den ersten Tänzer in allem nach, nur daß er das zweite Mal +das Horn gegen einen Teller mit Reiskuchen vertauschte, und es am Ende +des Tanzes vor mich hinstellte. Zum Schlusse begannen der Rajah und der +Tänzer vereint einen artigen Tanz aufzuführen, bei welchem sie mehrmals +die Hände wie bittend gegen den Himmel erhoben und diese Pantomime mit +ehrfurchtsvollen Blicken begleiteten. Der Diener folgte auch hiebei +dem Rajah stets wie sein Schatten. Wer nicht gewußt hätte, daß diese +Anrufung dem Haupte der bösen Geister oder, wie wir sagen würden, dem +Lucifer galt, würde das ganze für einen recht schönen, andächtigen +Gottesdienst gehalten haben. Bei keinem Volke sah ich eine anscheinend +so feierliche Ceremonie. + +Nachdem die beiden Tänzer abgetreten waren, kamen andere, die +einfache, langweilige, den Malaischen sehr ähnliche Tänze aufführten. + +Bei diesem Feste waren die Weiber nicht gegenwärtig; sie erhielten +jedoch ihren Antheil bei der Vertheilung des Fleisches. Nach dem Feste +wurde in dem Soppo, in welchem ich wohnte, das Festmahl bereitet +und verzehrt. Man kochte Reismehl in dem Blute des Büffels und ließ +Fleisch und Eingeweide an hölzernen Spießen braten. Ich bekam von allen +Gerichten, von der Leber ein besonders großes Stück. Was ich übrig +ließ, wurde mir so oft wieder vorgestellt, bis es aufgezehrt war -- man +gab mir nichts anderes. Manche von den Gästen tranken nach dem Essen +sehr warmes, beinahe heißes Wasser, das gleich unserm schwarzen Kaffee, +die Verdauung befördern soll. + +Nachmittags ersuchte ich Hali-Bonar, einige Volkstänze ausführen +zu lassen. Der Schwert-Tanz glich zu meinem Erstaunen vollkommen +jenem, den ich auf Borneo von den Dayakern hatte aufführen sehen. +Dem Schwert-Tanze ganz ähnlich war der Messer-Tanz; der einzige +Unterschied bestand darin, daß die Messer nicht auf der Erde lagen, +sondern in Scheiden stacken, welche die Tänzer am Gürtel befestiget +hatten, und aus welchen während des Tanzes die Messer gezogen wurden. +Ein hierauf folgender Faustkampf gab dem Publikum sehr viel zu lachen. +Die beiden Kämpfer oder Tänzer schlugen und stießen sich auf höchst +vorsichtige Weise unter grotesken Grimassen und Wendungen mit Händen +und Füßen. Sehr wild und belebt war der Teufels-Tanz. Diese vier Tänze +wurden von zwei Männern aufgeführt. Nun kam ein Tanz, an welchem vier +Männer und ein Weib Theil nahmen; letzteres machte jedoch nur einige +Bewegungen mit den Händen und kauerte sich zeitweise auf den Boden; +die Männer tanzten um sie herum. Alle diese Tänze waren lebhaft, +mit abwechselnden, recht hübschen Figuren und Stellungen. Auch hier +schlugen die Tänzer die Augen stets zu Boden. + +Ich hatte nun alle Tänze gesehen, bis auf jenen, den sie bei der +Tödtung eines Menschen aufführen, der zum Verzehren bestimmt ist. +Diesen Tanz wollte man mir nicht zeigen, gab aber am Ende doch meinen +Bitten nach. Sie banden zu diesem Zwecke an einen Pflock ein großes +Stück Holz, welches das Schlachtopfer vorstellte, und setzten ihm eine +Strohkappe auf. Ehe sie zu tanzen anfingen, streuten sie sich etwas +Erde auf den Kopf. Der Tanz selbst war sehr lebhaft und von vielen +Grimassen begleitet; sie hoben dabei die Füße so viel sie konnten in +die Höhe und zückten ihre Parangs nach dem Opfer. Endlich gab ihm +einer den ersten Stoß, die andern folgten sogleich seinem Beispiele, +das Blut wurde sorgfältig aufgefangen. Sie hieben dann den Kopf (die +Strohkappe) vom Rumpfe, legten ihn auf eine ausgebreitete Matte, +tanzten darum her, und stießen dabei wild-fröhliche Töne aus. Einige +hoben den Kopf auch auf und führten ihn zum Munde, als leckten sie +das Blut ab, andere warfen sich zur Erde, als saugten sie das vom +Kopfe rieselnde Blut auf, oder sie tauchten die Finger in dasselbe und +führten sie zum Munde. Alles dieß geschah nicht so sehr mit wilden als +mit fröhlichen Geberden; auch ihre Gesichtszüge drückten eher Vergnügen +als Grausamkeit aus. Freilich war dieß nur ein Spiel; ganz anders mag +es sich verhalten, wenn ein wirklicher Mensch getödtet wird. + +Nichts desto weniger machte dieses schauerliche Spiel einen großen +Eindruck auf mich. Ich betrachtete unwillkührlich die wilden Gestalten, +in deren Macht ich war; unheimliche Bilder drängten sich vor meinen +Geist, und, in mein Soppo zurückgekehrt, fiel ich erst spät in einen +unruhigen Schlaf mit aufgeregten, beängstigenden Träumen. + ++12. August.+ +Si-Pijarajah+, 10 Paal. Die klare Morgensonne +verscheuchte die nächtlichen Visionen und mit neuem Muthe trat ich +die Tagereise an. Wir mußten heute über den tiefen, reißenden Strom ++Padang-Toru+, eine schwere Sache für mich, die nicht schwimmen +konnte. Zwei Eingeborne reichten mir jeder eine Hand, ich hielt den +Kopf über dem Wasser, und so zogen sie mich hinter sich her. Die Wege +waren gut; wir kamen über einige niedrige Hügelketten und durch schöne +Thäler mit Hügeln. Die Gebirgskette, die wir selten aus dem Gesichte +verloren, wurde stets niedriger, die höchsten Spitzen mochten 1200 bis +1500 Fuß hoch sein. Uttas sahen wir wenige; sie waren mit Erdwällen +oder hölzernen Zäunen umgeben. Wir mußten am Eingange stets um die +Erlaubniß des Eintrittes ansuchen. Ich litt heute sehr von der Hitze, +da der größte Theil des Weges in der Sonne oder durch glühend heißes +Alang-Alang ging. Der Thermometer zeigte vierzig Grad (Reaumur). + +In Si-Pijarajah brachte ich die Nacht wieder in einem Soppo zu. Ich +wußte nie, welchen Wohnort ich wählen sollte, ob den Soppo oder das +Haus des Rajah. Im ersteren war ich unausgesetzt wie auf offener Schau. +Die Leute blieben nicht nur vor dem Soppo stehen, sie traten auch in +denselben. Abends wurde Feuer angezündet, und man schwatzte bis tief in +die Nacht. Jeder neu Hinzukommende wollte aus dem Munde meines Führers +selbst vernehmen, „warum, woher ich käme u. s. w.“ Keiner traute den +Ueberlieferungen seines Nachbars. Die Erscheinung einer Europäerin war +ihnen zu außerordentlich, sie konnten sie nicht begreifen. Auch diese +Barbaren thaten mir die Ehre an, mich für ein außergewöhnliches Wesen +zu halten. Viele unter den Neugierigen, die von andern Uttas gekommen +waren, streckten sich gleich auf dem Platze nieder, wo sie saßen, und +verschliefen da den Rest der Nacht. + +In dem Hause eines Rajahs hatte ich einst nicht geringere +Unannehmlichkeiten. Die Weiber, in Gegenwart der Männer scheu und +zurückgezogen, mit ihren Kindern fliehend wenn ich mich näherte, +wurden, sobald ich allein in ihrer Mitte war, nicht nur gleich +zutraulich, sondern so zudringlich, daß sie meine ganze kleine Habe +forderten, die Kleidungsstücke nicht ausgenommen, die ich am Körper +trug. Ich wußte nicht, wie ich mich ihrer erwehren sollte, denn der +Anfang des Gebens wäre für sie das Signal des gewaltsamen Nehmens +gewesen. Ich schob mein Ränzchen hinter mich und mußte einige Male +die Weiber kräftig zurückweisen. Gewöhnlich zogen sie dann drohend +und heftige Reden gegen mich ausstoßend ab. Ich hütete mich so viel +als möglich allein mit ihnen zu sein. Unter den Männern war ich viel +sicherer: sie gafften mich stundenlang an, schwatzten fortwährend über +mich, verhielten sich aber im übrigen höchst anständig. + +Eine weitere Unannehmlichkeit in den Häusern war während des Tages +die Dunkelheit, Abends, wenn die vier Feuer brannten, der Rauch; ich +konnte die Augen kaum öffnen. Auch sah ich hier so viel Schmutz und +Unreinlichkeit, daß ich die mir gebotene Mahlzeit nur mit dem größten +Ekel verzehrte. Der Reis wurde ungewaschen in den Topf geschüttet, der +Topf selbst gleichfalls nicht gereinigt, da die Leute glauben, daß, +wenn stets etwas Reis in dem Topfe zurückbleibe, es nie daran fehle. +Morgens kochten sie Milch, in die sie Kräuter und Blätter warfen, um +sie in Käse zu verwandeln. Sie preßten mit ihren schmutzigen Händen +den Käse aus, schütteten die Molken über den Reis und vermengten dieß +ebenfalls mit den Händen. Wurde für mich und meinen Führer ein Huhn +getödtet, so rissen sie es in vier Theile, die sie ins Feuer warfen, +wo dieselben gewöhnlich zu Kohlen verbrannten; die Eingeweide wuschen +sie ein wenig aus und bereiteten sie für sich. Sie aßen alles was lebt, +sogar Regenwürmer und alle Arten größerer Käfer. Ich konnte diese +ekelhafte Gefräßigkeit um so weniger begreifen, als ich in allen Uttas +Ueberfluß an Hornvieh, Geflügel, Schweinen, Reis u. s. w. sah. + +Die Weiber werden hier, wo möglich noch mehr als in Mandelling oder +Ankola, wie Lastthiere betrachtet. Die Männer bauen nur die Häuser +und pflanzen den Reis; fast alles übrige fällt den Weibern zu. Am +meisten war ich erstaunt zu sehen, wie lange die Weiber die Kinder +säugten und auf dem Rücken trugen. Kinder von drei Jahren nahmen +noch die Mutterbrust und stritten sich oft mit den jüngeren darum. +Manches zweijährige kräftige Kind sah ich vom Spiele wegeilen, wenn +es die Mutter gewahrte, und sich auf ihren Rücken hängen. Diese band +es mittelst eines alten Tuches oder Sarongs fest und verrichtete mit +dieser Last ihre Arbeiten. Morgens rissen Mütter oft große Kinder +aus dem Schlafe, banden sich selbe auf den Rücken und begannen ihre +Hausgeschäfte. + ++13. August.+ +Silindong+, Groß Toba, zwölf Paal. Die erste Hälfte +der Reise ging, wie gestern, durch wenig bevölkerte, hügelige Thäler; +dann erstiegen wir einen niedrigen Gebirgskamm, und das überraschend +schöne Silindong-Thal lag in seiner ganzen Größe zu unseren Füßen. Ich +hatte bisher auf dieser Reise keine größeren Flächen als von einigen +Paal Länge (das Lavas-Thal ausgenommen) gesehen. Hier erblickte ich +eine Ebene, die gewiß über zwanzig Paal lang und acht Paal breit sein +mochte; sie war von dem Padang-Toru in mehreren Armen durchschnitten +und bewässert, und mit üppig grünen Reisfeldern bedeckt. Eine unzählige +Menge kleiner Boskette lagen wie Blumen über den großen, grünen Teppich +gestreut. Jedes Boskett barg, wie ich später sah, ein Utta. + +Bevor wir in das Thal hinab stiegen, bedeutete mir Hali-Bonar, mich +nicht von ihm zu entfernen und stets hinter seinen Rücken zu bleiben. +Den Zug eröffneten seine sechs Lanzenknechte, dann kam er, dann ich, +mein Führer und noch einige Leute von irgend einem Utta. An dem ersten +Utta angekommen, gab es schon Anstände mit dem Weiterkommen. Ueberall +war es bereits bekannt, daß ich im Lande sei und wohin ich gehen wolle. +Vor jedem Utta, an dem mein Weg vorüber führte, standen die Männer +versammelt, mit Lanzen und Parangs bewaffnet, und versperrten mir den +Durchzug. Doch am Ende wußte Hali-Bonar die Leute stets zu bewegen, +mich weiter gehen zu lassen. + +An einem Orte aber schien es ernster zu werden. Mehr als achtzig +bewaffnete Männer standen am Wege und erwarteten uns. Als wir an ihnen +vorüber wollten, verstellten sie den Weg, und in einem Augenblicke +hatten viele Lanzenknechte einen Kreis um mich geschlossen. Die +Leute sahen über alle Beschreibung wild und fürchterlich aus. Sie +waren groß und kräftig, viele an sechs Fuß hoch, die Gesichtszüge +leidenschaftlich bewegt, was sie noch viel häßlicher machte -- das +große Maul mit den hervorstehenden Zähnen glich wahrlich mehr dem +Rachen eines wilden Thieres als einem menschlichen Munde. Sie schrieen +und lärmten so auf mich los, daß, wäre ich mit dergleichen Scenen nicht +schon vertraut gewesen, ich das äußerste hätte befürchten müssen. Ich +hatte zwar Angst -- die Scene war zu entsetzlich -- doch verlor ich +nicht meine Geistesgegenwart und setzte mich, anscheinend ruhig und +vertrauungsvoll, auf einen Stein, der am Wege lag. Einige Rajahs traten +auf mich zu, mir mit Worten und Zeichen drohend, daß, wenn ich nicht +umkehre, man mich tödten und verzehren würde. Die Worte verstand ich +nicht; aber die Zeichen ließen mir keinen Zweifel, denn sie wiesen mit +einem Messer an den Hals, mit den Zähnen an die Arme und bewegten die +Zahnkiefer, als hätten sie den Mund schon voll von meinem Fleische. Ich +war natürlich schon seit dem Eintritte in dieses Land auf solche Scenen +gefaßt, und hatte zu diesem Zwecke einen kleinen Satz in ihrer Sprache +gelernt. Mein Gedanke war, wenn ich etwas sagen könnte, was ihnen +gefiele, was sie lachen machen würde, hätte ich einen großen Vortheil +über sie, denn die Wilden sind wie die Kinder -- eine Kleinigkeit ist +oft hinreichend sie zu Freunden zu machen. Ich erhob mich also, klopfte +dem Vordersten der sich am meisten an mich heran drängte, freundlich +auf die Achsel und sagte mit heiterer, lächelnder Miene, halb Malaisch, +halb Battakisch: „Ihr werdet eine Frau nicht tödten und auffressen, am +wenigsten eine so alte wie ich bin, deren Fleisch schon hart und zähe +ist.“ Durch Zeichen und Worte gab ich ihnen ferner zu verstehen, daß +ich keine Furcht vor ihnen hätte, daß ich bereit sei, meinen Führer +zurück zu lassen und allein mit ihnen zu gehen; sie sollten mich nur +bis +Eier-Tau+ führen. Glücklicherweise fingen sie an, über mein +Kauderwelsch, über meine Pantomine zu lachen. Meine Furchtlosigkeit, +mein Zutrauen gefiel ihnen -- ich hatte gesiegt. Sie reichten mir die +Hände, die Reihen der Lanzenknechte öffneten sich, und froh und heiter, +im Gefühle der überstandenen Gefahr, setzte ich mit meinen Leuten die +Wanderung fort. Wir kamen unbelästigt bis +Tugala+, wo mich der Rajah +Ompu-Soubun in seinem Hause aufnahm. + ++14. August.+ Nur sechs Paal zurückgelegt. Wiederholte wilde Scenen +unterbrachen den Marsch. Nur mit der größten Mühe gelangte ich bis zu +dem Rajah Ompu-nimar-longus, in dessen Utta ich diesen Tag und die +Hälfte des folgenden bleiben mußte. + +Hier fanden meinetwegen große Berathungen statt. Jeden Augenblick +kam ein neuer Rajah mit einer kleinen Anzahl Lanzenknechte an; bald +war das Utta voll von Männern und Bewaffneten. In dem hohen Rathe +wurde leider beschlossen, daß ich nicht weiter vordringen dürfe. +So nahe am Ziele, nach so vielen glücklich überstandenen Gefahren +und Mühseligkeiten umkehren -- das war doch sehr hart! Nach der +Beschreibung der Eingebornen war ich nicht mehr als zehn bis zwölf +Paal von dem See Eier-Tau entfernt. Ich hätte nur eine niedrige +Hügelkette zu übersteigen gehabt und wäre an seinem Ufer gestanden. Sie +sagten mir, daß sich „das große Wasser,“ wie sie den See nannten, weit +ausbreite, daß das umliegende Land sehr fruchtbar und von mächtigen +Völkern bewohnt sei, die unter der Regierung einer Königin stünden. +Vergebens war mein erneuerter Antrag, meinen Führer zurückzulassen und +allein mit einem ihrer Leute zu gehen, vergebens suchte ich sie durch +Bitten zu bewegen, mich nur die Hügelkette ersteigen zu lassen, um doch +wenigstens einen Blick auf den See werfen zu können. Sie erwiderten +mir, daß sie mit den Battakern zu Eier-Tau beständige Uneinigkeiten +hätten, und daß keiner von ihnen es wagen würde, mit mir dahin zu +gehen. Sie versicherten mich, daß bisher noch kein Holländer (bei ihnen +ist jeder Europäer ein Holländer) so weit gekommen sei wie ich, ohne +feindlich behandelt, das heißt getödtet und aufgegessen worden zu sein. + +Später hörte ich, daß die Königin von Eier-Tau einen Friedensbund mit +den Silindongern unter der Bedingung geschlossen hatte, keinem Fremden +zu erlauben, bis an die Grenze ihres Landes vorzudringen. Was an der +Sache wahr oder falsch war, konnte ich nicht ergründen. + +Den folgenden Tag ward der Zulauf des Volkes noch stärker; es schien, +als versammelten sich alle streitfähigen Männer des Thales; man +sah nichts als Lanzen, Parangs, die viele aus der Scheide gezogen +hatten, sogar einige sehr lange Gewehre. Das Ganze glich einer echt +kriegerischen Scene, die ich mit großem Gefallen betrachtet hätte, +wäre meine Lage weniger kritisch gewesen. Ich sah aus ihren Mienen +und Geberden, daß alles mir galt, und konnte keinen Augenblick sicher +sein, daß nicht einem oder dem andern die Lust ankäme, mich zu morden, +denn so wie es nur einer Kleinigkeit bedarf, die Wilden zu Freunden +zu machen, eben so bedarf es auch nur wieder einer Kleinigkeit, sie +in die grausamsten Feinde zu verwandeln. Am unheimlichsten war mir +der Gedanke, mich unter Kannibalen zu befinden. Ich begriff in solchen +Augenblicken oft selbst nicht, woher ich den Muth genommen hatte, mich +unter dieses Volk zu wagen. + +Während der Nacht war in dem Hause neben jenem des Rajah, bei dem ich +wohnte, ein Weib gestorben; ich ging Morgens hin, um zu sehen, was mit +der Leiche vorgenommen wurde. Sie lag ausgestreckt auf einer Matte und +war in zwei Sarongs so eingeschlagen, daß man nur das Gesicht sah. Drei +Weiber (wie man mir sagte, die Töchter der Verstorbenen) bewegten sich +langsam um die Leiche, stießen taktmäßig mit den Füßen auf den Boden, +murmelten dabei einige Worte und kniffen sich mit den Nägeln in die +entblößte Brust, bis hier und da etwas Blut zum Vorschein kam. Jeden +Augenblick beugten sie sich über die Leiche und berührten sie. Die +übrigen weiblichen Verwandten saßen an den Füßen der Todten und heulten +von Zeit zu Zeit; der Mann saß abseits und zeigte eine sehr betrübte +Miene. Vor dem Hause stand der Sarg, ein ausgehöhlter Baumstamm, der +aber so schmal war, daß die Leiche mit aller Gewalt hinein gepreßt +werden mußte. Die Leichen begraben sie gewöhnlich am Saume der Wälder +oder in Gebüschen; in einem einzigen Utta sah ich ein Grab neben einem +Hause. + +Im grellen Widerspruche zu den Umständen, welche die Leute mit den +Verstorbenen machen, steht die Theilnahmslosigkeit, die sie für die +Kranken haben. Ich sah in mehreren Uttas halb sterbende Geschöpfe, die +sich mit größter Anstrengung über die kleine Hausleiter schleppten, um +an die Sonne zu gelangen. Niemand sah nach ihnen, kein Mensch reichte +ihnen Hilfe. + ++15. August.+ Gegen Mittag verließ ich mit meinen Begleitern das +Utta. Man führte mich nun zurück, aber nicht auf demselben Wege, auf +welchem ich gekommen war; im Gegentheile schleppte man mich im Zickzack +von einem Utta zum andern; es war als wollten mir die Battaker die +Erlaubniß, ihr Land zu verlassen, noch schwerer ertheilen, als jene, es +zu betreten. + +Die Uttas sind in diesem Thale mit acht Fuß hohen Erdwällen umgeben und +mit so hohen und dichten Bambuspflanzungen umzäumt, daß man außerhalb +derselben weder die Häuser noch die Wälle sieht. Manche sind noch +überdieß von einer Wasserpfütze umgeben. Jedes Utta hat nur einen ganz +schmalen Eingang mit einer Thüre, die Nachts geschlossen wird. + +Daß mein Leben, trotz meiner Verzichtleistung auf weiteres Vordringen +und trotz des eingetretenen Rückwegs noch nicht in Sicherheit war, +zeigte sich heute. Ein hoher, sehr wild aussehender Mann empfing uns, +umgeben von bewaffnetem Volke, an dem Eingang eines Utta. Auch hier, +wie Tags zuvor, schloß man einen Kreis um mich. Der Wilde sprach mit +großer Heftigkeit und ließ meine Leute kaum zu Worte kommen, ja einmal +sah ich das gelbliche Gesicht meines Führers noch mehr erbleichen und +die Worte auf seinen Lippen ersterben. Mich selbst stieß der Wilde +mehrmal an und bedeutete mir gebieterisch, ihm in sein Haus zu folgen; +er faßte mich sogar einmal am Arme. Hali-Bonar winkte mir mit den +Augen, nicht von seiner Seite zu weichen und ja nicht jenem zu folgen. +Erst nach langen Erläuterungen und lebhaftem Wortwechsel, erwirkte +Hali-Bonar den Durchzug. Hier schien mein Leben nur an einem Haare +gehangen zu haben. + +Als wir das Utta im Rücken hatten, hieß mich mein treuer Beschützer +knapp vor ihm gehen; er mochte vielleicht befürchten, daß dieser +blutdürstige Häuptling nachkommen und mir von rückwärts den Parang +durch den Leib stoßen könnte. Auch befahl er uns, so schnell als +möglich zu gehen. Wir liefen an fünf Stunden durch Wald und Alang +unausgesetzt fort bis zu einem Utta, wo die Leute freundlicher und +bereit waren, uns über Nacht aufzunehmen. Allein Hali-Bonar hielt +die Entfernung noch nicht für groß genug, und weiter ging es auf +beschwerlichen Kreuz- und Quer-Wegen. Erst spät Abends erreichten wir +ein Utta, dessen Namen mir jedoch entfiel, denn auf der Rückkehr kamen +wir durch so viele Uttas, daß ich ihre Namen nicht behalten konnte. Zu +schreiben wagte ich nicht, um nicht für eine Spionin gehalten zu werden. + ++16. August.+ Diesen Morgen sah ich ein Mädchen aus einem der Häuser +stürzen und sich heulend und weinend zur Erde werfen, als wäre ihr das +größte Unglück begegnet. Dabei löste es ein Stück seines Schmuckes +nach dem andern von Hals, Arm und Ohr, und wickelte alles sorgfältig +in ein Tuch. Es sprang dann auf, lief ein Haus weiter, warf sich da +neuerdings unter Geschrei und Geheul nieder, raffte sich wieder auf und +eilte in das Haus zurück, aus welchem es gekommen war. Ich hielt dieses +Geschöpf für wahnsinnig; allein mein Führer sagte mir, daß es diesen +Abend heirathen und daher allem Schmuck (Glasperlen und Messingringe) +Lebewohl sagen müsse. Diesem Geschmeide weinte es bittere Thränen, +während beim Abschiede vom elterlichen Hause das Auge vielleicht +trocken bleibt! -- + +Auch heute kamen wir nur wenig vorwärts. Von einem Utta ging es zum +andern. Mitunter machten wir große Umwege, um irgend ein Utta zu +vermeiden, dessen Bewohner, wie Hali-Bonar schon unterrichtet sein +mochte, feindselig gegen uns gestimmt waren. Ich konnte nie erfahren, +warum wir zurück nicht denselben Weg nahmen, auf welchem wir gekommen +waren. + +In den Utta’s, in welchen man uns über Nacht aufnahm, wurden wir stets +auch gastfreundlich bewirthet und erhielten nebst Reis manchmal Ubi +(süße Kartoffeln) oder wohl gar ein Huhn, Morgens Tadi, die bereits +beschriebene geronnene Milch. Das Huhn, die Ubi und den Tadi gab der +Rajah, den Reis lieferte die Gemeinde. In jenen Utta’s aber, in welchen +wir nicht gastlich aufgenommen wurden, hielt es oft schwer, einen Trunk +Wasser zu erlangen. + ++17. August.+ Wie gestern und vorgestern von einem Utta zum andern +gezogen, mehr oder minder freundliche Aufnahme gefunden. + ++18. August.+ Endlich war das schöne Thal +Silindong+, dessen Anblick +mir so viele Freude gemacht hatte, dessen Durchwandern von so +gefährlichen, schrecklichen Scenen begleitet war, glücklich im Rücken. +Alle Gefahr war zwar nicht vorüber, doch wenigstens der bei weitem +größere Theil[6]. + +Ich zählte auf dieser meiner Treibjagd durch das Silindong-Thal mehr +als fünfzig Utta’s rings umher. Eben so viele, wenn nicht mehr, mögen +noch weiter im Thale gelegen haben. Manche der Utta’s bestanden aus +zwanzig bis vierzig Häusern, die kleinsten aus fünf bis sechs. In den +großen Häusern zählte ich in den vier Ecken des Gemaches zwanzig bis +fünfundzwanzig Personen (natürlich die Kinder mitgerechnet). Doch +ist die Größe der Häuser nicht überall gleich, da in manchem nur +eine Familie wohnt. Nimmt man, sehr gering gerechnet, auf jedes Utta +durchschnittlich 150 Seelen an, so stellt sich für das ganze Thal eine +Bevölkerung von 15,000 Seelen heraus, eine Berechnung, die gewiß nicht +übertrieben ist. Auf keiner Insel des Indischen Archipels, Java nicht +ausgenommen, sah ich eine ähnlich bevölkerte und reichbepflanzte Gegend. + +Schade, daß gerade in diesem herrlichen Thale die Menschen so wild +und kannibalisch sind. Ich fand die Leute im allgemeinen sehr groß und +kräftig, was besonders von den Rajahs gilt, auf deren Wahl Größe und +Stärke den meisten Einfluß haben sollen. Die Hautfarbe der Battaker ist +lichtbraun oder bräunlichgelb. Die Männer tragen die Haare entweder +lang und fliegend, oder halb abgeschnitten und wie Borsten von dem +Kopfe abstehend. Männer und Weiber gehen in Sarongs gekleidet, die von +schwarzer Farbe und mitunter an den Rändern mit Glasperlen besetzt +sind. Ein mit Glasperlen besetzter Sarong kostet bis fünfunddreißig und +vierzig Rupien. Die Männer tragen beständig eine Lanze und den Parang +und verlassen selten das Haus ohne diese Waffen. Siri kauen, Tabak +rauchen ist ihre Hauptbeschäftigung, der Mund ruht auch nicht einen +Augenblick. Dies gilt eben so gut von den Weibern (die gleichfalls +rauchen), ja sogar schon von den fünf- bis sechsjährigen Kindern. Ich +glaube, die Kinder verwechseln hier die Mutterbrust mit der Cigarre und +dem Siri. Ich sah Kinder von fünf Jahren, die ihre kleine Strohtasche +mit allen Bestandtheilen für Siri und Cigarre schon über den Schultern +hängen hatten. Die Battaker sind, wie ich bereits bemerkt habe, über +alle Maßen schmutzig und unrein. Der Sarong wird nie gewaschen, nie +geflickt und nicht gewechselt, bis er in Stücken vom Leibe fällt. Sie +baden sich wohl, d. h. sie schütten Wasser über sich, ohne sich zu +waschen und abzutrocknen, wie die Malaien, und damit ist alles gethan. +Ihre Behausung, ihre Matten und Kochgeschirre werden nie gereinigt. In +letztere greifen sie mit schmutzigen Händen, die Kinder nehmen daraus +und halten sich darüber, wobei oft ein Theil der Nahrung aus dem Munde +in den Topf zurückfällt. Zuweilen kömmt wohl auch ein Hund geschlichen +und spricht den Töpfen verstohlen zu. Ich will nur eine Scene +erzählen, die ich gesehen habe. Meine Leser werden sich vielleicht +wundern, wie man Aehnliches niederschreiben kann; allein sie ist zu +charakteristisch, um verschwiegen zu werden. + +Ich saß in einem Soppo neben einem Weibe, das mit Weben beschäftigt +war und ein Kind von etwa zehn Monaten auf den Rücken gebunden hatte. +Das Kind fing zu weinen an und die Mutter legte es an die Brust. Es +mochte jedoch kurz zuvor mit einer guten Portion Reis vollgestopft +worden sein, denn die Muttermilch war ihm zu viel -- es entleerte sich +von allen Seiten in der Mutter Schooß. Diese blieb gelassen sitzen, +rief einen Hund herbei, schlug den Sarong auseinander und ließ den Hund +alles aufzehren. Sie hielt ihm dann das Kind von allen Seiten hin, daß +er es rein lecke. Das Kind ward wieder auf den Rücken gebunden und das +Weib fuhr in seiner Arbeit fort. Unter einem solchen Volke brachte ich +einige Wochen zu, mit diesen Leuten mußte ich aus einer Schüssel essen! +Man wird mir gern glauben, daß dieß das größte Opfer war, welches ich +meiner Reiselust bringen konnte, daß ich alle übrigen Beschwerden und +Mühseligkeiten, ja die Gefahren selbst, leichter ertrug, als diese +unbeschreibliche Unreinlichkeit. + +Wir brachten die Nacht ungefähr sechs Paal von der Grenze des +Silindong-Thales, in dem Utta Kaßan zu. + ++19. August. Bolanahito.+ Hier nahm ich Abschied von meinem wackeren +Freunde Hali-Bonar, dessen kräftigem Schutze ich wohl mehr als einmal +das Leben dankte. Es hieß nun abermals den Wald, die „Wüstenei“ +durchziehen, die als natürliche Grenze das Land der freien Battaker +von den Holländischen Besitzungen trennt. Als letzten Dienst gab mir +Hali-Bonar noch vier seiner Leute mit, die mich bis Danau begleiten +sollten. + +20. und +21. August+. Gewöhnt, wie ich es war, an alle Mühen und +Entbehrungen, an Regen und Hitze, an die ermüdendsten Märsche, +überfiel mich dennoch fast ein Fieberschauer, als ich an den Wald +gelangte, der fürchterlichen Wege, der Gefahren, der schlaflosen Nacht +gedachte, die ich das erstemal da zugebracht hatte. Doch glücklich +kamen wir Abends am zweiten Tage zu Danau an, wo mich die Leute mit +großer Freude und Herzlichkeit begrüßten. Jeder drängte sich an mich, +mir die Hand zu drücken. Sie wiederholten einstimmig, daß sie nicht +gedacht hatten, mich wiederzusehen. + +Auf dieser Reise unter den Battakern hatte ich stets nach dem +Kampferbaume gefragt, der, wie man mir sagte, im Norden Sumatras bis +zu einer Höhe von 120 Fuß vorkommen soll. Man zeigte mir einige, die +aber kaum 70 Fuß haben mochten. Der Kampfer sitzt zwischen der Rinde +und dem Baste. Die Rinde wird abgelöst und der Kampfer mittelst eines +großen Besens herabgekehrt; dieß muß mit großer Sorgfalt geschehen, +denn wenn der Besen zu tief eingreift, geht der Baum zu Grunde. Manche +hauen den Baum um, um für den Augenblick mehr Kampfer zu gewinnen. Der +stärkste Baum liefert auf die erste Art höchstens ein Pfund Kampfer, +auf die letztere das doppelte. Der Pikul dieses Kampfers kostet +sechs- bis zehntausend Rupien. Er kommt als Arznei in dem Handel gar +nicht vor[7], da ihn die Chinesen begierig aufkaufen, von diesen die +Japanesen, welche ihn mit dem Japanischen Kampfer vermengen und zur +Bereitung ihres durch seine außerordentliche Feinheit bewährten Lacks +verwenden. Als Arznei soll der Kampfer von Sumatra um nichts besser +sein, als jener von Japan oder China. + +Sago-Palmen sah ich ziemlich viele in Sumatra’s Waldungen; sie sollen +aber viel weniger Mark enthalten als jene auf den Molukken, wo ihr +eigentliches Vaterland ist. + ++22. August.+ In Danau ließ ich meinen Führer zurück, der mir wo +möglich noch unausstehlicher war, als jener von Sarawak. Ich forderte +nur einen Kulli, um mein kleines Gepäck zu tragen; man wies mir einen +zehnjährigen Knaben an. Ich weigerte mich das Kind zu nehmen und wich +nicht vom Platze, bis mich mein Führer mit einem kräftigeren Träger +versehen hatte. Kaum aber waren wir einen Paal im Walde, so kam der +Junge nachgelaufen, der Träger setzte mein Ränzchen ab und ging davon. +Dieß war, wie mir der Junge sagte, zwischen dem Träger und meinem +Führer so abgemacht. Ich erwähne diese Geringfügigkeit nur, um zu +zeigen, wie man oft mit den Führern hintergangen und der Willkür und +Bosheit derselben ausgesetzt ist. Ich beschwerte mich wohl, als ich zu +Herrn Hammers zurückkam, über die schlechten Dienste jenes Mannes. Ich +hatte ihn auch sehr im Verdachte, daß er Ursache war, warum man mich +nicht bis Eier-Tau ließ, und ich vermuthe, er hat die Leute ersucht mir +Hindernisse in den Weg zu legen, damit es schneller an die Heimkehr +ginge. Allein was nützten meine Klagen! Der Mensch hütete sich wohl +während meiner Anwesenheit zum Vorscheine zu kommen. Erst lange nachdem +ich fort war, ließ er sich sehen und gab vor, in Folge der großen Mühen +in Danau schwer erkrankt gelegen zu haben. + +Ich ging diesen Tag bis +Sipirok+, wo die Fußreise ein Ende hatte. +Im Ganzen war ich an 150 Paal gegangen, was auf guten Wegen gerade +nicht so anstrengend gewesen wäre; so aber war es einer wahren +Herkules-Arbeit zu vergleichen. + ++23. August.+ +Padang-Sidimpuang.+ Nachmittags vier Uhr kam ich +glücklich aber ausgehungert bei Herrn Hammers an, -- ich hatte seit +gestern drei Uhr nicht die geringste Nahrung gesehen. Meine erste +Bitte war um eine Tasse Kaffee mit guter Büffelmilch und um ein +tüchtiges Stück Brot. Man kann sich gar keine Vorstellung machen von +dem angenehmen Gefühle, das ich empfand, als ich mich wieder in voller +Sicherheit sah, mich an eine reinliche Tafel mit guten Gerichten +setzte, in ein herrliches Bett zur Nachtruhe ging. Wer keine Mühen +und Gefahren ausgestanden hat, vermag das Gute nie in solchem Maße zu +schätzen und zu würdigen. + +Ich verweilte einige Tage bei Herrn Hammers, und auch auf dem Wege +nach Fort de Kock ruhte ich hie und da einen Tag aus. Erst am +9. +September+ traf ich sehr leidend in Fort de Kock ein, wo ich in ein +heftiges Fieber fiel. Allein der trefflichen Pflege der liebenswürdigen +Gemahlin des Residenten, der ärztlichen Hilfe und meiner guten, +wirklich unzerstörbaren Natur, hatte ich es zu danken, daß ich bald +wieder hergestellt war. Die Sumatra-Fieber (Wechselfieber) sind sehr +hartnäckig und bösartig, wie es die Folge leider auch an mir zeigte. +Man verliert sie oft Jahre lang nicht; sie gehen häufig in Auszehrung +und andere Krankheiten über und sind vielen sogar tödtlich. + +Kaum fühlte ich meine Gesundheit zurückgekehrt, so richteten sich +meine Gedanken schon wieder auf einen kleinen Ausflug. Doktor ++Bauer+, ein Deutscher, ausgezeichnet durch seine medicinischen und +botanischen Kenntnisse, war zu +Paya-Kombo+ stationirt. Ich wollte die +Bekanntschaft dieses Mannes machen und zugleich diese Gegend Sumatras +sehen, die einen ganz eigenthümlichen Charakter haben soll. + +Am +18. September+ saß ich wieder zu Pferde und ritt zweiundzwanzig +Paal nach +Paya-Kombo+. Das wellenförmige Hügelland verschwindet +allmählig und gibt schönen Thälern, großen Ebenen Raum. Herrliche +Gebirgsketten steigen in mehrfachen Reihen auf: der +Merapi+, der ++Singallang+, die höchsten, der +Sago+, minder hoch, aber seiner +besonderen Form wegen in die Augen fallend. Sein Sattel zieht sich +ziemlich in die Länge, viele Felskuppen und Felsparthieen zieren ihn +und bewirken einen schönen Kontrast zu den üppigen Waldungen, die seine +Nachbarn bekleiden. + +Wahrhaft pittoresk wird die Gegend in der Nähe des Kampon +Titti+. +Einzelne Felsstücke, bedeutende Felsgruppen liegen wie auf die Ebene +geworfen, -- welch fürchterliche Revolution mag sie von den Bergen so +weit weggeschleudert haben! + +Unfern von Titti stürzt sich der +Pattang-Agam+ wild brausend und +schäumend durch einen tiefen, engen Felsspalt. Eine hoch gemauerte +Brücke führt darüber, welcher gegenüber sich eine wunderbar malerische +Felsgruppe, theilweise mit schönen Gewinden von Schling-Gewächsen +und anderen Pflanzen übersponnen aufthürmt. Lange weilte ich auf +der Brücke, um das grause Bild des tobenden Stromes, die ruhig milde +Landschaft um mich her, die Gebirgswelt in der Ferne mit einem Blicke +zu überschauen. + +Die letzten Paal von Paya-Kombo geht es unausgesetzt zwischen Alleen +von Kokospalmen, viele Kampons liegen am Wege oder in den umliegenden +Reisfeldern. Die ganze Gegend vom Fort de Kock bis Paya-Kombo ist sehr +belebt und reich kultivirt. + +Dieser kleine Ausflug machte einen höchst angenehmen Eindruck auf mich, +alles, was mich umgab, war lieblich -- eine Landschaft in rosigem +Lichte. + +Zu Paya-Kombo stieg ich bei Dr. +Bauer+ ab. Auch er hatte schon manches +von mir gehört; wir waren uns daher gegenseitig nicht fremd. Die Tage, +die ich in dieses hochgebildeten Mannes Gesellschaft zubrachte, werden +mir unvergeßlich bleiben. + +Ich fand bei Dr. Bauer zufällig einen zweiten Deutschen, Lieutenant +Freiherrn +von Bülow+, der von +Fort de Kapellen+ auf Besuch gekommen +war. Wir sprachen viel von den Naturschönheiten Sumatra’s. Unter +anderem kam die Rede auch auf den Merapi, seine Krater und seine +schönen Aussichten. Herr von Bülow, der Berg und Krater schon oft +besucht hatte, machte uns davon eine so reizende Schilderung, daß wir +sogleich den Entschluß faßten, ihn gemeinschaftlich zu besteigen. +Herr von Bülow ritt denselben Tag nach Fort de Kapellen, um den +Assistent-Residenten Herrn +Netscher+ zu ersuchen, auf dem Berge eine +kleine Laubhütte für unser Unterkommen errichten zu lassen. + +Am nächsten Tag verweilte ich noch zu Paya-Kombo, den folgenden Tag, ++20. September+, ritten wir, Dr. Bauer und ich, nach Fort de Kapellen, +auf Malaisch +Pagar-udjong+, im Distrikte +Tanar-Dater+, zwanzig Paal. + +Herr Netscher nahm mich nicht nur auf die freundlichste Weise bei +sich auf, er war auch so überaus gefällig gewesen, den Rajah von ++Sungi-djambu+ zu ersuchen, die auf den Berg führenden Pfade ein wenig +in Ordnung bringen, so wie auf halber Höhe die erwähnte Laubhütte +errichten zu lassen. + +Abends machten wir einen Spaziergang nach dem Kampon +Pugger-zuijong+, +in welchem mehrere große Steine mit eingehauenen Inschriften liegen, +die bisher noch von niemandem entziffert werden konnten. Mich erinnerte +die Form dieser Steine an die Runensteine, die ich in Island und +Norwegen gesehen hatte. + ++21. September.+ Von Fort de Kapellen konnten wir noch sieben Paal +reiten bis an die Kaffeegärten, die an den Abhängen des Merapi +angepflanzt sind. Unterwegs verweilten wir einige Zeit in dem Kampon +Sungi-djambu, der gleich jenem von +Kotto-Godong+ seiner Wohlhabenheit +wegen bekannt ist. Ich fand hier, wie dort, die Häuser mit Oelfarben +angestrichen, mit Holzschnitzwerk geziert, und bei den Bewohnern +schwerseidene Sarongs, Kopftücher mit Gold durchwirkt und viel echtes +Geschmeide. Wir mußten bei dem Rajah ein kleines Mahl einnehmen. + +Bei den Kaffeegärten, die so wie die Wege besonders gut angelegt und +gehalten waren, begann die Fußreise. Ein schöner Steig, zum Theil für +uns ausgebessert, führte bis zur neugeschaffenen Hütte, die so bequem +und solid gemacht war, als sollte sie für Monate und nicht für Tage +dienen. Mehr als siebzig Menschen hatten gestern und heute am Steig und +an der Hütte gearbeitet; sie waren, als wir anlangten, noch im vollen +Schaffen begriffen. Jeder von uns fand sein eigenes, winzig kleines +Schlafkämmerchen. Da Herr von Bülow Diener, Koch, Lebensmittel u. s. +w. vorausgesandt hatte, so erfrischten wir uns sogleich an Speise und +Trank. + +Die Reise ging diesen Tag nicht weiter; dessen ungeachtet gönnten wir +uns aber nicht die geringste Ruhe. Wir suchten Blumen und Insekten, +wir kletterten auf freie Punkte, um die Gegend zu überschauen. +Die dreifache Gebirgskette, welche Sumatra von Süden nach Norden +durchschneidet, lag mit allen ihren merkwürdigen pittoresken Spitzen +und Zacken, Kuppen und Einsenkungen vor uns aufgedeckt. Die klare +Spiegelfläche des +Sinkara-Sees+[8] schimmerte gleich einem Silberflor +aus der Mitte des ihn umgebenden Hügelkranzes, das Meer begrenzte in +weiter Ferne den wolkenlosen Himmel, und große, fruchtbare Thäler +breiteten sich aus zwischen Berg, Hügel und Meer. Lange hielt uns +dieses Rundgemälde fest gebannt, wir waren so in der Anschauung von +Gottes schöner Natur vertieft, daß jedes Wort auf unsern Lippen +erstarb. Die Natur selbst schien uns in der Betrachtung, in der +Bewunderung nicht stören zu wollen: kein Laut schlug an unser Ohr, kein +Lüftchen bewegte sich. Zu früh erstarb der letzte Strahl der Sonne, +zu schnell verblich ein Gegenstand nach dem andern in der schnell +heranrückenden Dämmerung. + +Als sich die Nacht gänzlich herabgesenkt hatte, ward ein tüchtiger +Holzstoß angezündet, um Herrn Netscher unsere Anwesenheit auf der Höhe +kund zu machen. Nach kurzer Zeit loderte auch in der Tiefe ein Feuer +als Antwort auf. + ++22. September.+ Nur drei- bis viertausend Fuß hatten wir heute zu +steigen -- eine geringe Mühe, hätte sich ein Pfad hinauf geschlängelt; +allein so weit konnte die Arbeit in diesen zwei Tagen nicht gefördert +werden. Es galt daher steil aufgethürmte Stein- und Erdwälle zu +erklimmen. Zuerst kamen wir an einen Krater, der schon lange ausgetobt +haben mochte -- seine Tiefe schlief ruhig unter einer Wasserdecke. +Dr. Bauer sah an dem Wassersaume einige Blumen und wäre gerne hinab +geklettert; allein die Wände fielen etwas zu steil ab, waren mit losem +Gerölle bedeckt und die Führer versicherten uns, daß ohne Stricke und +Leitern an ein Hinabsteigen nicht zu denken sei. + +Ein zweiter Krater von bedeutendem Umfange, doch nicht tief, lag in +einiger Entfernung vom ersten. Auch dieser war schon lange erstorben; +aber gewaltig mag einst die Wuth und Kraft seiner Elemente gewesen +sein, denn weit und breit war alles mit großen Steinen überdeckt. Noch +wagte es beinahe kein Grashalm, keine Blume in dieser ausgebrannten +Werkstätte Wurzel zu fassen. + +Endlich gelangten wir an den Hauptkrater. Ich hatte schon viele +Krater, besonders auf Island gesehen; aber keiner ließ sich mit diesem +vergleichen. Eine regelmäßigere, man könnte sagen, kunstgerechtere +Trichterform, als die Natur hier gebildet hat, kann sie nicht mehr +schaffen. Die Tiefe, die der Krater im gegenwärtigen Augenblicke +hatte, mochte 400 Fuß betragen, der obere Durchmesser 300 Fuß. Aus +zwei Oeffnungen steigen unausgesetzt dicke, schwarze Rauchsäulen. Ein +beständiges Zischen und Brausen verrieth die große Thätigkeit des nie +ruhenden Feuerheerdes. An ein Hinabklettern war nicht zu denken: wir +mußten uns damit begnügen, diese großartige Naturscene von dem Rande zu +betrachten. Der Krater liegt 8500 Fuß hoch. + +Wir hielten uns lange bei jeder Gelegenheit auf und kamen erst spät +nach unserer Laubhütte zurück, viel zu spät, um noch nach Fort de +Kapellen gehen zu können; wir blieben also auch diese Nacht auf der +Höhe und gaben, wie gestern, der Gesellschaft zu Fort de Kapellen durch +Anzünden eines großen Feuers unser Dasein kund[9]. + +Am +23. September+ waren wir früh Morgens auf Fort de Kapellen und +am folgenden Tag ritt ich, ohne Paija-Kombo zu berühren, in gerader +Richtung nach Fort de Kock. + +Ich sah auf diesem Ritte eine seltsame Naturerscheinung, die +hauptsächlich nur Sumatra eigen sein soll. Ein weißer, undurchdringlich +dicker Nebel lag über einer Fläche und deckte dermaßen alles, daß nicht +der geringste Umriß irgend eines Gegenstandes durchschien. Man könnte +wetten, einen See vor sich zu sehen, so ruhig und silberweiß ist der +Nebel und so scharf abgegrenzt. Ich wußte, daß ich ein Nebelmeer vor +mir hatte und wollte es doch nicht eher glauben, bis ich hinein ritt. +Diese Nebel bleiben viele Stunden unbeweglich liegen. + +Am +30. September+ verließ ich Fort de Kock, um nach Padang zurück zu +kehren. Ich änderte jedoch unterwegs meinen Entschluß und machte einen +Abstecher nach +Priaman+ und +Tiku+ an die See, um meine noch sehr +unbedeutende Fischsammlung zu vermehren. + +Fünf Paal von Priaman führt eine 360 Fuß lange, gedeckte Brücke über +den +Mangui+; diese Brücke ist die längste auf Sumatra. + +In Priaman stieg ich bei dem Assistent-Residenten Herrn +Godin+ ab, +ritt aber gleich den folgenden Tag weiter nach Tiku (24 Paal), mit der +Hoffnung, eine reiche Ernte zu machen. Beständiges Regenwetter verdarb +mir jedoch nicht nur die Ernte, sondern überhaupt den ganzen Ausflug, +der mir bei schönem Wetter gewiß großes Vergnügen gemacht hätte, denn +das Land war angenehm; viele Kokos-Alleen umschatteten schöne Wege, und +zahlreiche, sehr reinliche Kampons belebten sie. Ich fand keine Gegend +auf Sumatra, das Thal Silindong ausgenommen, so bevölkert, wie diese +längs des Seegestades. + +Die Weiber hatten hier die Ohrläppchen mehr durchlöchert als irgendwo. +Ich war stets froh, diese häßliche Zierde mit einer Messingplatte +oder einer Holzscheibe verdeckt zu sehen. Leider muß das weibliche +Geschlecht auch hier mit der Heirath allem Schmucke und somit dieser +dem Auge wohlthuenden Messingplatte oder Holzscheibe entsagen. + +Nachdem ich zwei Tage vergebens auf besseres Wetter gewartet hatte, +ritt ich unter Regen wieder nach Priaman. Ich mußte nun bald an meine +Rückkehr nach Padang denken, um das Dampfboot nicht zu versäumen, das +jeden Monat nach Batavia geht. Ich blieb daher zu Priaman ebenfalls nur +zwei Tage. + +Herr Godin brachte mir das große Opfer, mich unter dem heftigsten +Regen nach einem nahen, kleinen Eilande zu begleiten, welches Priaman +gegenüber liegt. Wir gingen in die See und suchten mehrere Stunden +hindurch zwischen den Riffen und Korallen nach Fischen und Crustaceen; +zuletzt kamen wir von Wasser triefend, zitternd vor Kälte, aber auch +reich beladen nach Hause. Obwohl ich mich Abends etwas unwohl fühlte, +hielt mich dies doch nicht ab, den Besuch nach diesem Eilande, das +meiner Sammlung so reiche Beträge lieferte, am nächsten Tage zu +wiederholen[10]. + +Am +7. Oktober+ langte ich in Padang an. Unterwegs erfaßte mich ein so +heftiges Fieber, daß ich Wellkom nicht mehr erreichen konnte und in +Padang selbst die höchst erfreuliche Einladung des Herrn van +Genepp+, +in seinem Hause abzusteigen, mit vielem Danke annahm. Freundliche, +sorgfältige Pflege, für welche ich dieser liebenswürdigen Familie aus +vollem Herzen danke, und ärztliche Hilfe bekämpften auch hier wie auf +Fort de Kock das Fortschreiten meiner Krankheit, und als nach acht +Tagen das Dampfschiff nach Batavia segelte, war ich schon so weit +hergestellt, um mitzugehen. + +Ich habe auf Sumatra an 700 Paal zu Pferde und 150 zu Fuße gemacht. An +allen Orten wurde ich von den Holländischen Beamten und Officieren auf +die gastfreundlichste und liebevollste Weise aufgenommen, ich mochte +mit oder ohne Empfehlungsbrief kommen. Man half mir überall fort, man +gab mir Leute und Pferde -- mit einem Worte alles was ich benöthigte. + +Sowohl in Hinsicht der herrlichen Naturscenen, die ich gesehen, der +interessanten Ereignisse, die ich erlebt, als auch wegen der überaus +zuvorkommenden Aufnahme, die ich bei den Europäern gefunden, gehört +diese Reise zu meinen liebsten und schönsten Erinnerungen. + + + [5] Auch in den Battaker-Ländern hat jedes Utta seinen Rajah. Dieser + vielen Rajahs wegen ist das Reisen so beschwerlich; alle + Augenblicke muß man den Schutz eines neuen zu erhalten suchen. + + [6] Einige Zeit später begaben sich drei Französische Missionäre in + das unabhängige Battaker-Land. Während ich bis Klein- und + Groß-Toba vorgedrungen war, kamen sie nur bis Tapanola. + Sie wurden von den Kannibalen erschlagen und unter großen + Freudenfesten verzehrt. + + [7] Ganz Sumatra liefert, wie bereits erwähnt, jährlich höchstens + zwei Pikul. + + [8] Dieser See ist 15 Paal lang, 5 Paal breit, und liegt 1300 Fuß + über der Meeresfläche. + + [9] Dr. Bauer erlaubte mir bereitwilligst, Folgendes über die + Vegetation auf dem Merapi aus seinem Tagebuch zu entnehmen. + + „Die sich bald verlierende Kokospalme wird durch die Arengpalme + (aus der man den Suri und braunen Zucker gewinnt) ersetzt. Die + etwas tiefer häufigen Feigenbäume kommen allmählig seltener + vor. Die rauhblätterigen Teraströmiaceen (~Saurauja~) mögen + zuerst den Beginn der Bergvegetation bezeichnen. Später traten + die schöne, unten an den Blättern weiße Nessel ~Urtica nivea + Bl.~, noch später herrliche, rothe und gelbe Balsaminen auf. Die + parasitischen Orchideen sind seltener als auf Java. In einer + Höhe von 2500 bis 4000 Fuß sieht man viele Eichen und Kastanien, + deren Früchte den Europäischen bald mehr bald minder gleichen. + Die Laurineen (Lorbeergewächse) und die Rubiaceen scheinen hier + so zahlreich wie auf Java zu sein; dagegen vermißt man die + schöne, dort einheimische Rasamala (~Liquidambar Altingiana~). + Reich vertreten sind die Aroideen, Scitamineen, Acanthaceen, + Araliaceen, Sapindaceen, Meliaceen, Terebinthiaceen und + Leguminosen. -- In einer Höhe von etwa 6800 Fuß beginnt die, + der Javanischen ähnliche Alpenflora. Man sieht vor allem das + zierliche ~Rhododendron retusum Benn.~ und viele schöne Arten + von ~Gautiana~, ~Thibaudia~ oder ~Agapetes~ u. a. ~Graphalium~ + und verschiedene neue Arten von Synanthereen zeigen sich bis + hoch hinauf.“ + + [10] Schon bei meinem frühern Aufenthalte in Batavia hatte ich das + Vergnügen, die Bekanntschaft des Herrn Doktor +Blecker+ zu + machen, der unter die ersten Ichthyologen unserer Zeit zu zählen + ist. Herrn Bleckers Sammeln beschränkt sich hauptsächlich auf + Indien; er hat in dieser Beziehung gewiß die reichste Sammlung, + die bisher besteht. Ich war so glücklich, ihm mehrere neue + Gegenstände von Borneo, Sumatra und von den Molukken zu bringen. + Er beschenkte mich dagegen reichlich mit Fischen von Java und + andern Plätzen. + + + + +Neuntes Kapitel. + + Java. -- Samarang. -- Die Schlammquellen von Grobogan. -- Besuch + der freien Fürstenthümer Djogokarta und Surukarta. -- Der Tempel + Boro-Budoo. -- Die heilige Schildkröte. -- Audienz bei dem Sultan. -- + Solo. -- Fürstliches Leichenbegängniß. -- Audienz bei dem Susuhunan. + -- Rückkehr nach Samarang. -- Reise nach Surabaya. + + +In Batavia angekommen wollte ich die Güte des Residenten Herrn van Rees +nicht mißbrauchen und stieg bei der Familie des Herrn Obrist Steuerwald +ab. + +Meines Bleibens war aber nicht lange; ermuthigt durch die gute +Aufnahme, die ich auf Java und Sumatra gefunden, durch die +Bereitwilligkeit, mit welcher man mir überall das Reisen so viel als +möglich zu erleichtern gesucht hatte, wünschte ich nun auch das Innere +Javas, so wie Celebes, die Molukken u. s. w. zu besuchen. + +Es gibt auf Batavia zwei Dampfschifffahrts-Gesellschaften, +deren Schiffe alle Inseln und etwas bedeutenderen Punkte der +Holländisch-Indischen Besitzungen berühren. Ich ging zu den Direktoren +beider, den Herren +Cores de Vries+ und +Fraser+, um sie zu ersuchen, +mir die Ueberfahrtspreise etwas billiger zu stellen. Wer stellt sich +meine Ueberraschung, meine Freude vor, als mir die Herren die Erlaubniß +ertheilten, von ihren Schiffen unentgeldlich überall, wohin sie gingen, +Gebrauch zu machen[11]! + +Schon am +18. November+ verließ ich wieder Batavia auf der „Königin +der Niederlande,“ Kapitän Chevalier, mit der Bestimmung für +Samarang+ +auf der Ostküste Java’s (210 Meilen). Wir hatten herrliches Wetter und +legten die Reise in 37 Stunden zurück. Das Land verloren wir selten +aus dem Gesicht. Es breitete sich als unübersehbare Ebene längs +dem Seegestade aus; erst nahe bei Samarang kam wieder ein Theil der +Gebirgswelt zum Vorschein, dabei der 5000 Fuß hohe +Ungarang+. + +In Samarang fand ich bei Dr. +Schmitz+ die herzlichste Aufnahme. Er wie +seine Gemahlin waren Deutsche, hatten mir, der ihnen ganz Fremden, nach +Batavia geschrieben und mich in ihr Haus eingeladen für den Fall, daß +mich mein Weg nach Samarang führe. Von der Frau hatte ich schon viel in +Batavia als von einer ausgezeichneten Sängerin sprechen gehört. + +Die Stadt Samarang liegt in einer sehr fruchtbaren Ebene und ist von +prachtvollen Alleen von Tamarinden-Bäumen umgeben, die hier zu einer +seltenen Höhe und Ueppigkeit gelangen. Die Europäer wohnen auch hier, +wie zu Batavia, außerhalb der Stadt. + +Zu den ausgezeichnetsten Gebäuden gehört das Haus des Residenten[12]. +In früheren Zeiten, als auch auf der Ostküste Java’s ein Gouverneur +residirte, war es dessen Palast. Ein großer, schöner Garten umgibt es. + +Nach diesem Gebäude ist das Hospital, die ehemalige Wohnung des +Residenten, zu erwähnen. + +Ich besuchte die Hospitäler beinahe in allen Holländischen +Niederlassungen und fand sie überall, selbst in den kleinsten +Orten, ausgezeichnet, vollkommen gut eingerichtet und die Kranken +trefflich gehalten. Ich müßte von jenen herrlichen Anstalten nur +immer wiederholen, was ich von der ersten geschrieben habe. In +dieser Hinsicht scheinen mir die Holländer alle übrigen Nationen zu +übertreffen. + +In der erwähnten Anstalt hatten es die Irrsinnigen vorzüglich gut: +sie wohnten zu vier oder sechs gemeinschaftlich in hohen, geräumigen +Zimmern. Als ich in ihre Abtheilung kam, hatte ich gar keine Ahnung, +mich unter Irren zu befinden. Früher wurden die Unglücklichen bei +starken Ausbrüchen gebunden; unter der Leitung des Dr. Schmitz hat +diese Behandlung aufgehört. Er bestraft sie wie ungezogene Kinder und +beschränkt sie auf einen oder mehrere Tage in der Kost, was stets den +besten Erfolg hat. + +Das Merkwürdigste in der Residentschaft Samarang sind die aufbrodelnden +Schlammquellen in der Nähe des Districtes +Grobogan+. Herr Resident ++Potter+ gewährte mir Postpferde dahin (66 Paal), Frau Schmitz war so +liebenswürdig, mich zu begleiten, und gut ausgerüstet verließen wir am +22. November Samarang. + +Man kann leicht in einem Tage nach Grobogan kommen; da aber unterwegs +zu +Pennwangan+ (36 Paal) eine bedeutende Tabakfabrik lag, mit deren +Inhaber, Herrn +Klein+, Frau Schmitz bekannt war, fuhren wir am ersten +Tage nur bis dahin. Herr Klein zeigte uns die ganze Anstalt. Der Tabak +ist auf Java nicht gänzlich Monopol; man ist nicht gezwungen, ihn gegen +festgesetzte Preise an die Regierung zu liefern. Man miethet nur die +Ländereien auf zwanzig Jahre von ihr, mit welchem Pachte zugleich das +Recht auf eine gewisse Anzahl Arbeiter zu bestimmten Preisen verbunden +ist. + +Herr Klein hat auf den von ihm gepachteten Ländereien acht große +Trockenhäuser von Holz aufgeführt, jedes 750 Fuß lang, 106 breit und +42 hoch. Die Tabaksblätter werden hier nicht gepflückt, sondern die +Pflanze wird an dem Stengel abgeschnitten und so aufgehangen. Wenn +die Blätter trocken sind, werden sie abgenommen, in große Haufen +aufgeschichtet und so lange liegen gelassen, bis sie durch ihre eigene +Wärme zu gähren beginnen. Die Verfertigung der Cigarren ist höchst +einfach. Die großen, schönen Blätter werden mit feinem Reiskleister +bestrichen, kleinere Blätter darein gerollt, die Cigarren oben und +unten nach einem Maße abgeschnitten, nochmals getrocknet und verpackt. + +Den +23. November+ ging es weiter durch die Districte Damak und +Grobogan bis zu den Schlammquellen. Der Weg führte gestern wie heute +durch große, unübersehbare Ebenen, deren Einförmigkeit mir etwas +langweilig wurde. In weiter Ferne nach dem Inneren zu sah man den ++Ungarang+, +Merapi+, +Merbabu+, längs der Seeküste die niedrigen +Vorgebirge von +Sumbing+ und +Sindoro+. + +Diese Gegend wird ihrer Fruchtbarkeit wegen die Reiskammer von Java +genannt, und doch fand hier im Jahre 1849 eine furchtbare Hungersnoth +statt. Die Reisernte war mißglückt, und Tausende von Menschen starben +dahin. Augenzeugen erzählten mir, daß man sich von dem Elende, von +den schauderhaften Scenen dieser Zeit gar keine Vorstellung machen +könne. In jeder Hütte lagen Todte, Sterbende, Halbverweste; die +Lebendigen waren oft nicht mehr im Stande, die Verstorbenen hinweg zu +schaffen. Ueberall begegnete man nur Gerippen; ausgehungerte Kinder, +die Eltern und Freunde verloren hatten, irrten jammernd umher und +schrieen nach Brot. Männer und Weiber fielen auf den Straßen nieder +und gaben den Geist auf. Man beraubte die Kokospalmen ihrer Kronen, um +die Blätter zu kochen und zu essen. Und so groß war dabei der Glaube +dieser Unglücklichen an ihre Bestimmung, daß sie neben den vollen +Reissäcken, die in und vor den Kaufläden standen, hinsanken und mit +dem Hungertodte kämpfend ausriefen: „Gott hat dieses Schicksal über +uns verhängt!“ -- Kein Kaufladen wurde geplündert. + +Mehrere Privatleute sandten Berichte über diese grenzenlose Noth an +die Regierung und selbst an den Gouverneur-General (Herr +Deimar+ van ++Twist+ war zu dieser Zeit noch nicht in Indien; er kam erst im Jahre +1851). Die Regierung schien aber nur ihren eigenen Organen glauben +zu wollen und forderte officielle Berichte von dem Residenten zu +Samarang, Herrn Be..... Sollte man es glauben, daß dieser Mann die +Grausamkeit hatte, alles für unwahr zu erklären? Er wollte sogar die +Namen jener wissen, welche die Berichte geschrieben hatten, um sie +zu bestrafen[13]. Als die Regierung hinter die Wahrheit kam, war es +für Tausende und Tausende schon zu spät[14]. Viele der Unglücklichen +waren schon so schwach, daß sie die Nahrung nicht mehr vertragen +konnten. Die Straßen, die Dörfer lagen voll Leichen; bösartige Seuchen +entstanden in Folge der verpesteten Luft, und 120,000 Menschen +starben in der Zeit von 13 Monaten (September 1849 bis Oktober 1850); +außerdem wanderten über 20,000 aus. Und was geschah dem Residenten +und dem Assistent-Residenten? -- Ersterer wurde pensionirt, mit einem +jährlichen Gehalte von 6000 Recepissen, letzterer als +Resident+ in +eine andere Provinz versetzt. + +Noch jetzt sah es in dem Bezirke Grobogan, wo die Noth am größten +war, düster und traurig aus. Obwohl die nie ermüdende Natur mit ihrem +grünen Teppiche die Leichenfelder überdeckt hatte, konnte sie weder die +Hütten beleben und vor dem Einsturze bewahren, noch den Bäumen ihre +Kronen wiedergeben. Alang-Alang und Gestrüppe wucherte auf dem größten +Theile des Bodens, zahllosen Heerden von Wildschweinen zum Tummelplatze +dienend. In wenig Jahren wird freilich wieder alles reich ersetzt sein; +die Geflüchteten kehren bereits zu ihren verfallenen Hütten zurück, der +ausgeruhte Boden wird doppelt tragen, und der Reisende durch die Ebene +ziehen, ohne im geringsten zu ahnen, von welchen Schreckensscenen sie +Zeuge war. Wird auch Herr Be..... diese Scenen aus seiner Erinnerung +streichen können? + +Das Aufbrodeln der Schlammquellen sieht man schon einige Paal weit +von der Straße aus; es gleicht der Brandung des Meeres. Der Schlamm +steigt wie eine Woge in die Höhe, und der Dampf ist mit dem feinen +Staubregen der schäumenden Welle zu vergleichen. Wir fuhren den Quellen +bis einen halben Paal nahe. Tragstühle, durch die Vorsorge des Herrn +Assistent-Residenten, der uns begleitete, bereit gehalten, brachten uns +an Ort und Stelle. + +Auf gelegten Brettern konnten wir bis an den Rand der Hauptquelle +gehen. Ihr Becken mag über 100 Fuß im Durchmesser haben. Das ganze +Becken ist zwar mit Schlamm gefüllt; allein nur ein kleiner Theil +brodelt gleich einer Woge auf, das übrige ist halb verhärtet. Die +Schlammquelle in diesem Becken hat 15 Fuß im Durchmesser; sie brodelte +höchstens 4 Fuß auf; bei anhaltendem Regenwetter soll sie einige +Fuß höher aufsteigen. Unbedeutende Aufbrodelungen von Schlamm gibt +es an vielen Stellen in dem Becken; Gas- oder Luftblasen steigen +beinahe überall auf. Ein zweites kleines Schlammbecken, von sechs bis +sieben Fuß im Durchmesser, liegt unfern dem großen. Man kann ihm ganz +nahe kommen; der kaum fußhoch aufwirbelnde Schlamm ist lauwarm. Wir +steckten ein sehr langes Bambusrohr in das Becken, welches von der +unterirdischen Kraft alsbald gehoben und über den Rand geworfen wurde. +Die große Schlammquelle ist viel heißer als die kleine. Der Schlamm +schmeckt sehr salzig. Viele Leute aus der Umgebung tragen davon nach +Hause und ziehen durch Abwässerung die Salztheile heraus. Diese Quellen +verdienen allerdings besucht zu werden; für mich waren sie jedoch nicht +so überraschend, da ich auf Island viel Wunderbareres der Art gesehen +hatte. + +In der Nähe der Schlammquellen sind auch Salzquellen, oder besser +gesagt Salzbrunnen, denn vierkantige Oeffnungen von 4 Fuß Breite und 40 +Fuß Tiefe leiten zu ihnen. Sie haben in der trockenen Jahreszeit eine +Wärme von 45 Grad Reaumur, in der Regenzeit von 39. Die Oeffnungen sind +mit Balken ausgezimmert, um das Einstürzen des Erdreichs zu verhindern. +Das Wasser wird herausgeschöpft und in große Becken geleitet, wo es +so lange bleibt, bis sich der wenige Schlamm, den es mit sich führt, +gesetzt hat. Man läßt es dann in ganz seichte, auf drei Fuß hohen +Gestellen ruhende Rinnen laufen und an der Sonne verdampfen. Das Salz +bleibt in kleinen, weißen Krystallen zurück und wird mit Muscheln +zusammengefaßt. + +Es gibt viele solche Salzbrunnen in dieser Gegend. Der Reingewinnst im +Jahre beträgt 10,000 Pikul Salz. Man konnte mir nicht sagen, wie viel +Procent reines Salz dies Wasser liefert. + +Von den Salzquellen kehrten wir mit dem Herrn Assistent-Residenten nach +Grobogan zurück und nahmen seine freundliche Einladung, die Nacht in +seinem Hause zuzubringen, gern an. + +Am +24. November+ zogen wir wieder in Samarang ein, um sogleich +Vorbereitungen zu einer bedeutenderen Reise nach dem Innern des Landes +zu treffen. Herr Resident Potter gestattete mir Postpferde für seinen +ganzen Distrikt und versicherte mir, daß die übrigen Residenten +gewiß dasselbe thun würden. Er rieth mir besonders, die herrlichen +Hindu-Tempel, so wie die freien Fürstenthümer +Djogokarta+ und ++Surakarta+ zu besuchen. + +Auf dieser Reise begleitete mich Herr und Frau Schmitz. + +Wir verließen Samarang am +26. November+ und fuhren 48 Paal bis ++Magelang+, in der Residentschaft +Kadu+. Zu diesen 48 Paal benöthigten +wir neun Stunden, denn stets ging es über Gebirge von mehr als 2000 +Fuß, ja zwischen +Salatiga+ und Magelang über eine Höhe von 4550 Fuß. +Unserem Sechsgespanne wurden häufig tüchtige Büffel zugesellt. + +Diese langsame Fahrt war uns allen höchst angenehm, denn die Ansichten +waren überaus reich und wechselnd. Das Meer mit seinem endlosen Spiegel +lag tief unter uns, ein zweites Meer von Bergen, Hügeln und Thälern +umgab uns. Im Westen prangte der +Sumbing+ (10,770 Fuß), im Osten +der +Merapi+ (8240 Fuß), der +Merbabu+, im Norden der +Onclong+, das ++Telo-mayo-+ und +Jambu-+, im Süden das +Minore-Gebirge+. Unter den +Thälern war das schönste jenes von +Ambarawa+; es ist mit herrlichem +Grün, mit lieblichen Bosketen bedeckt. Leider ist diese Schönheit zum +Theil nur Larve, da der größte Theil dieses Thales einen trügerischen +Sumpf bildet, der an manchen Stellen unergründlich tief sein soll. + +Einige Paal früher kamen wir an dem kleinen Fort +Ungarang+ vorüber, +welches seiner hohen Lage wegen so gesund ist, daß viel krankes Militär +hieher gesandt wird. Auch für Privatleute ist ein geräumiges Hotel +errichtet. + +In dem Thale Ambarawa liegt die Festung „Wilhelm der Erste“; sie bildet +ein regelrechtes Viereck und ist die größte auf Java. + +Um drei Uhr Nachmittag kamen wir in Magelang an (1200 Fuß hoch +gelegen). Herr Resident +Gaillard+ war so gütig, mich aufzunehmen. +Dr. Schmitz mit seiner Frau stieg bei einem Freunde ab. Das Gebäude, +welches der Resident bewohnt, gehört zu den sehr schönen, die Lage +zu den reizendsten, da sie das großartige Rundgemälde der herrlichen +Gebirgswelt beherrscht. Der dazu gehörige große Garten verdiente den +Namen eines Parkes; er ist sehr geschmackvoll angelegt und mit vielen +Alterthümern aus den nahen Hindu-Tempeln ausgeschmückt, unter welchen +auch der heilige Stier nicht fehlt. + +Ganz nahe bei Magelang liegt ein einzelner Hügel, von welchem die +Eingebornen behaupten, daß er gerade den Mittelpunkt Java’s bezeichne; +sie nennen ihn deshalb „den Nabel von Java.“ + +In Magelang wurde mir das große Vergnügen zu Theil, meinen lieben +Landsmann Herrn Wilson kennen zu lernen, dessen Arbeiten ich in Batavia +gesehen und bewundert hatte. + +Herr Wilson war von der Holländischen Regierung beauftragt worden, +die Hindu-Denkmäler und ganz besonders den Tempel +Boro-Budoo+ von +Innen und Außen auf das genaueste aufzunehmen. Diese kolossale Aufgabe +hatte er so eben beendet, und in wenig Tagen sollte er nach Batavia +zurückkehren. + +Wir blieben einen Tag in Magelang; den nächsten Morgen begleitete uns +Herr Wilson nach dem zwölf Paal entfernten Tempel Boro-Budoo, und war +so gefällig unsern Führer und Erklärer abzugeben. + +Der Tempel, als Gebäude betrachtet, hat gar nichts Kunstvolles oder +Schönes an sich. Er besteht aus zehn bis zwölf Fuß hohen Steinwänden, +die an einem kleinen Hügel, den sie ganz einnehmen, stufenweise +aufgeführt sind und ein regelmäßiges Viereck von 362 Fuß Durchmesser +bilden. In fünf Gallerien erheben sich die Wände eine über der andern +bis zu einer kleinen Fläche, von welcher wieder drei Terrassen +aufsteigen; den Schluß bildet das Sanktuarium, eine große Glocke +(leider schon größtenteils eingestürzt), unter welcher ein Buddha +sitzt, der vorsätzlich unvollendet blieb, denn die Hindu sagen, daß das +Allerheiligste von Menschenhänden nicht vollendet werden kann[15]. + +Die Höhe der ersten fünf aufsteigenden Terrassen beträgt 90 Fuß, +des ganzen Tempels mit den letzten drei Terrassen und der obersten +Glocke 120 Fuß. Auf der obersten Terrasse stehen 24 durchbrochen +gebaute Glocken, auf der zweiten 28, auf der dritten 32, jede mit +einem sitzenden Buddha. Im Ganzen enthält der Tempel 505 große Statuen +des Buddha und 4000 Basreliefs, die an den In- und Außenseiten der +Gallerien ausgehauen sind. Kein leeres Plätzchen zeigt sich an den +Wänden; alles ist mit menschlichen Figuren, Arabesken u. s. w. bedeckt. + +Zu dem Zeichnen dieser ungeheuern Menge von Statuen, Basreliefs, +Figuren und Arabesken hat Herr Wilson nur vier Jahre verwendet. Der +ganze Tempel ist mit seinen unzähligen Einzelheiten auf 400 große +Velinbogen mit der Feder gezeichnet und auf diese Weise für die +Nachwelt bewahrt, wenn er selbst schon lange in Schutt gefallen sein +wird. + +Aus den Basreliefs kann man die ganze Schöpfungsgeschichte der +Indier, die Erschaffung des ersten Menschen, die nach und nach sich +vervollkommnende Heiligkeit des Buddha u. s. w. ersehen. Diese +Schöpfungsgeschichte hat sehr viel Aehnlichkeit mit der unsrigen. + +Die Figuren und Gruppen auf den Basreliefs kommen mir hier viel +richtiger, geschmackvoller und kunstreicher in Ausführung und +Zusammenstellung vor, als ich sie an den Tempeln zu +Elora+, ++Adjunta+ und andern in Brittisch Indien gesehen habe; dagegen fand +ich dort die Arabesken ungleich zierlicher, die Glocken und Figuren +bei weitem kolossaler. Was den Tempel als Gebäude anbelangt, kann +man ihn natürlich mit den großartigen Hindostanischen Tempeln nicht +vergleichen, da er, wie gesagt, nur aus parallel laufenden Steinwänden +besteht. Die Bauart ohne Mörtel, die Wölbung durch Vorschiebung der +übereinander gelegten Steine ist hier wie dort dieselbe. + +Man vermuthet, daß der Tempel +Boro-Budoo+, wie auch die übrigen +Hindu-Tempel auf Java, im achten Jahrhundert nach Christi Geburt erbaut +worden seien. Welche Unzahl von Künstlern muß es zu jener Zeit gegeben +haben, um solche Riesen-Kunstwerke zu Stande zu bringen! + +Obwohl der Hindu-Gottesdienst schon im 15. Jahrhundert von dem +Mohamedanismus verdrängt und ausgerottet wurde, und ganz Java seit +dieser Zeit mohamedanisch ist, so kommen doch noch Tausende von +Javanesen zu gewissen Zeiten im Jahre nach den Tempeln, um Gebete zu +verrichten. Die +Buddha’s+ in dem Tempel Boro-Budoo werden besonders +von dem weiblichen Geschlechte hoch verehrt. Viele Mütter pilgern +hieher, um vor ihrer Niederkunft zu bitten, nach derselben zu danken; +Bräute tragen ihre geheimen Anliegen vor. Ein Theil des alten +Gottesdienstes ist auf diese Art in den neuen übergegangen und hat sich +mit ihm verschmolzen. + +Der Tempel Boro-Budoo ist leider schon ziemlich in Verfall; ein starker +Erdstoß -- und das Ganze kann ein Schutthaufen werden. Viele Wände und +Steine hängen in so losen Fugen und Geschieben über- und aneinander, +daß man mit Angst bei denselben stehen bleibt oder vorübergeht-- +ein Luftzug scheint hinlänglich zu sein, sie umzuwerfen. Nur der +begeisterte Künstler konnte die Gefahr vergessen und Jahre lang hier +verweilen. Häufig fielen Steine aus ihren Fugen neben ihm zu Boden, ja +kürzlich bei einer schwachen Erderschütterung eine ganze Nische. Auch +hatte Herr Wilson von der glühenden Hitze viel zu leiden, die sich +zwischen den engen Wänden bildete und von keinem Lufthauche gemildert +wurde. + +In der Entfernung von nur einem Paal steht der zierliche kleine Tempel ++Mendut+. Er mag zwanzig Fuß im Durchmesser und fünfzig in der Höhe +haben und geht in einer Kuppel aus; die Steine halten sich durch ihre +eigene Schwere, wie in den Glocken zu Boro-Budoo. Sachverständige +erteilen diesem Tempelchen ein besonders großes Lob; sie bewundern +die Wölbung, die Zierlichkeit der Arabesken, die drei darin sitzenden +Figuren, welche, wenn in aufrechter Stellung, sechzehn Fuß hoch wären. +Die Rundung der Formen, das höchst richtige Ebenmaß der Glieder, die +edlen Gesichtsbildungen dieser Statuen sollen das Vollendetste sein, +was man bisher von der Bildhauerarbeit der Hindu gesehen hat. Die +mittlere Figur stellt einen Buddha, die beiden anderen stellen Könige +vor. + +An diesem Kleinode der Kunst nahmen wir Abschied von Herrn Wilson und +fuhren noch 18 Paal weiter nach +Djogokarta+, der Hauptstadt des freien +Fürstenthumes gleichen Namens. + +Die beiden Fürstenthümer +Djogokarta+ und +Surakarta+ bildeten vor +etwas mehr als hundert Jahren ein mächtiges Reich unter dem Namen ++Mataran+. Zwei Brüder führten zu dieser Zeit einen Krieg um dasselbe, +welcher fünfzehn Jahre währte. Im Jahre 1752 schlossen sie Frieden +und theilten das Reich unter sich. Beide standen zwar damals schon +unter dem Schutze (?) der Holländischen Compagnie, genossen aber +ungleich mehr Freiheit und Selbstständigkeit, als heut zu Tage, bis +sich im Jahre 1825 der Prinz +Diepo Negoro+ zu Djogokarta, theils aus +Ehrsucht, theils beleidigt durch die zurücksetzende Behandlung der +Holländischen Beamten, empörte und die beiden Reiche in einen Krieg mit +den Holländern verwickelte, welcher fünf Jahre dauerte, sechstausend +Menschenleben und viele Millionen Rupien kostete. Die Folge war für die +eingeborenen Fürsten, daß die Holländer ihnen einen großen Theil der +Ländereien abnahmen und sie gänzlich abhängig machten. Sie führen zwar +noch den Titel „selbstständige“ Fürsten, haben aber einen Holländischen +Residenten zur Seite, der sie eben so beschränkt und überwacht, wie die +Engländer ihre „freien Könige“ in Hindostan. Sie dürfen ohne Vorwissen +des Residenten keinen Besuch, keinen Brief empfangen, ja nicht einmal +ihre Paläste verlassen; dafür bekommen sie aber von der Holländischen +Regierung einen jährlichen Gehalt oder eine Entschädigung, und zwar der +Sultan von Djogokarta 480,000 Rupien, der Susuhunan[16] von Surakarta +648,000 Rupien. + +Ich stieg in Djogokarta, einer gütigen Einladung des Residenten Herrn ++Hasselmann+ zu Folge, in seinem Hause ab. Eine schönere Residenz als +diese (höchstens jene von Samarang ausgenommen) ist mir noch nicht +vorgekommen. Vermutlich hat man sie absichtlich in einem so großartigen +Style gebaut, um den Javanischen Fürsten Achtung vor den Europäern +einzuflößen, um so mehr, da der Sultan dem Residenten einige Mal im +Jahre feierliche Besuche abstattet und bei dieser Gelegenheit mit einem +Gefolge von drei- bis vierhundert Personen kommt, von welchen mehr als +hundert an die Tafel gezogen werden. + +Außer den ceremoniellen macht der Sultan auch viele Privatbesuche, +nicht nur bei dem Residenten, sondern auch in anderen Europäischen +Häusern. Er kommt sogar in den Club und nimmt gern Theil am Billard- +und Karten-Spiel, wie überhaupt an jeder Europäischen Unterhaltung. +Wenn er die Europäische Welt zu sich ladet, wird nicht selten +getanzt. Seine Gemahlin und Töchter sind von diesem Vergnügen nicht +ausgeschlossen. Dieß mag vielleicht der einzige Ort in der Welt sein, +wo man die Gemahlin, die Töchter eines mohamedanischen Sultans in den +Armen Europäischer Herren und Offiziere walzen sehen kann. Die Sultanin +soll dem Whist- und L’hombre-Spiele ebenfalls nicht abhold sein. + ++29. November.+ Wir brachten den ganzen Tag mit Besehen des +Merkwürdigen, mit Besuchen u. s. w. zu. Die Mutter der Frau Hasselmann, +Frau +Parvé+, eine muntere, sehr gefällige Dame, übernahm es, uns die +Sehenswürdigkeiten von Djogokarta zu zeigen. Wir begannen mit dem +Lustpalaste des Sultans. Jeder seiner Paläste wird „+Kraton+“ genannt +und ist mit hohen Mauerwällen umgeben, welche die Gärten, Badehäuser, +alle möglichen Nebengebäude, ja oft einen kleinen Kampon in sich +schließen. Dieser Palast heißt auch „+Wasserpalast+“ (Tamansari), weil +er bis an das erste Stockwerk unter Wasser gesetzt werden konnte. Von +Portugiesischen Baumeistern im Jahre 1754 gebaut, zeichnet er sich +weniger durch große, schöne Gemächer, als durch feste kasemattirte +Wölbungen und Gänge aus, die, wie man glauben sollte, Jahrhunderten +widerstehen können. Dennoch fängt er schon zu verfallen an; er wird +nicht mehr bewohnt, und ein unbewohntes Gebäude bessert der Malaie +so wenig wie jeder Orientale aus. An Einrichtung findet sich nichts +vor, als eine alte hölzerne Bettstelle, die man gewarnt wird, nicht +zu berühren, da derjenige, der es thäte, alsbald sterben müßte. Dieß +mag vielleicht wohl nur gesagt werden, um die Europäer auf höfliche +Weise abzuhalten, ein Bett zu berühren, welches die Eingebornen für +heilig halten, da der erste der dieses Reich regierenden Sultane darin +geschlafen hat. + +Von dem Tamansari fuhren wir nach +Gédé+, dem Begräbnißplatze der +Familie des Sultans wie auch der Vornehmsten des Reiches. Dieser +Ort ist ebenfalls, gleich dem Kraton, mit hohen Mauern umgeben. Die +Gräber sind mit einfachen Steinplatten bedeckt, an deren beiden Enden +zwei bis drei Fuß hohe Steine aufrecht stehen. Ueber manche sah ich +winzig kleine hölzerne Hütten gebaut, vielleicht um die Steine vor dem +Einflusse der Witterung zu schützen. Die Gräber der Sultane sind in +einem großen hölzernen Hause; mehrere davon waren mit Betthimmeln und +weißen Vorhängen geschmückt. + +In einem der Nebenhöfe wird in einem Teiche ein sehr merkwürdiges +Thier, eine große weiße Schildkröte gehalten, welche die Eingebornen +als heilig verehren. Sie ist so zahm, daß sie, wenn man sie ruft und +sie Hunger hat, sogleich erscheint, um die Gabe, die man ihr reicht, +aus der Hand zu nehmen. Dieß Kunststück wurde natürlich auch vor uns +aufgeführt, damit wir sie zu sehen bekämen. Sie erschien zweimal an der +Oberfläche des Wassers, ohne jedoch die Speise zu berühren, die man +ihr dicht vor den Mund hielt. Die Führer und die wenigen Eingebornen, +die uns begleiteten und die von Frau Parvé gehört hatten, daß ich in +Stambul und andern ihnen heiligen und interessanten Plätzen gewesen +war, sahen nach mir und sagten, daß ich eine ganz besondere Person +sein müsse, da die Schildkröte zweimal erschienen sei, ohne Hunger zu +haben. Es sei gerade, sagten sie, als wollte sie mich sehen und von mir +gesehen werden. Ich erzähle dergleichen geringfügige Dinge, weil ich +glaube, daß sie zur Charakteristik des Volkes gehören. + +Die Auszeichnung, welche mir die Schildkröte erwies, wurde sogleich +in der ganzen Gegend als ein Wunder erzählt. Als ich Nachmittags dem +Sultan und seiner jungen, neunzehnjährigen, kinderlosen Gemahlin +vorgestellt wurde, faßte letztere, dieser Begebenheit wegen, ein +solches Vertrauen zu mir, daß sie mir leise in das Ohr flüsterte. +„O, bete für mich zu Deinem Gotte, daß er mich segnet und den Baum +nicht ohne Früchte dahin welken läßt!“ -- Dieß war doch der schönste +und rührendste Beweis von Zutrauen, der mir als Christin von einer +Mohamedanerin werden konnte. + +Die Schildkröte war bei zwei Fuß lang, Schale und Körper ziemlich weiß, +erstere nicht horn-, sondern lederartig, die Augen roth. Sie hatte +mehrere Junge, die alle ebenfalls weiß waren. Durch die besondere +Verwendung der Frau Parvé erhielt ich eines, das ich sogleich in +Spiritus verwahrte. + +Man hat die Behauptung aufgestellt, daß diese Thiere hier deshalb weiß +seien, weil der Wasserplatz, in welchem sie leben, nie von der Sonne +beschienen würde. Es wäre belehrend, einen Versuch mit einer dunklen +Schildkröte zu machen; ich glaube kaum, daß ihre Nachkommenschaft die +Farbe wechseln dürfte. + +Ein zweiter fürstlicher Begräbnißplatz, auf welchen auch die Susuhunans +von Surakarta nebst ihren Familien kommen, liegt drei Paal von hier +entfernt; er heißt +Imo-Giri+. Die Gräber ziehen sich längs eines +Hügels von einigen hundert Fuß in die Höhe. Die Verwandten der +fürstlichen Häuser werden je nach dem Grade ihrer Verwandtschaft höher +oder tiefer auf dem Hügel begraben. + +Bei der Rückkehr nach Hause fuhren wir über den großen Platz, auf +welchem Bazar gehalten wurde, der durch die vielen und schönen +Kupferarbeiten im ganzen Lande berühmt ist; sie werden in der Umgegend +verfertigt und hierher zum Verkaufe gebracht. + +Nachmittags wurden wir von dem Sultan in seinem Palaste empfangen. Wir +kamen durch drei Höfe, in welchen baufällige Häuschen, erbärmliche +hölzerne Hütten, Pferdeställe u. s. w. standen. + +Der Palast eines Javanesischen Fürsten oder Sultans besteht aus dem +Pendopo, Dalem und Probojekso. Der Pendopo ist eine ganz offene Halle, +über die sich ein hohes Dach wölbt, und zu welcher einige Stufen +führen. Er ist für die Festlichkeiten bestimmt und nur mit Tischen und +Stühlen meublirt. Dem Pendopo gegenüber steht der Dalem, ebenfalls eine +große Halle, die aber, allein von vorne offen, und daher etwas finster +ist, denn sie hat gewöhnlich keine oder wenige niedrige Fensterchen. +Der Dalem ist der Aufenthaltsort des Fürsten und zugleich der +Empfangssaal; er ist mit Kanapes, Stühlen, Spiegeln, Uhren, Gemälden u. +s. w. meistens überladen. Mehrere Thüren, im Hintergrunde angebracht, +führen in den Probojekso, den innern Aufenthaltsort des Fürsten, seiner +Frauen und Familie. Er besteht aus einem kleinen Saale mit vielen +Kämmerchen und Winkelwerk, alles düster und enge; einige Bettstellen, +Matten, Polster und Kissen bilden die ganze Einrichtung. + +Alle fürstlichen Paläste, die ich auf Java sah, waren von Holz. Sie +sind nicht im entferntesten mit der Pracht, dem Reichthume, der Kunst +und dem Aufwande der Bengalischen und Hindostanischen Fürstensitze zu +vergleichen. + +Der Sultan kam uns bis einige Schritte vor dem Dalem entgegen; er +reichte jedem von uns die Hand, führte uns in den Saal und wies +uns neben sich Plätze zum Sitzen an. Er zählte 32 Jahre, war von +mittlerer Größe, etwas beleibt, das Gesicht hübsch. Er hatte eine +Art Schlafrock an, darüber einen Sarong, beide, so wie das Kopftuch, +von Seidenstoffen. An Schmuck trug er eine Brosche und einige +Diamantenringe. + +Ich war sehr erstaunt, in dem Dalem lauter weibliche Diener zu sehen; +zu Dutzenden kauerten sie halb nackt überall umher. Sie hatten nichts +als einen Sarong an, der kaum die halbe Brust deckte. Daß sich die +mohamedanischen Fürsten in ihren innersten Gemächern nur von Weibern +oder Eunuchen bedienen lassen, ist weltbekannt; aber sie auch in +den Empfangssälen nur von Weibern umgeben zu sehen, kam mir gar zu +unmännlich vor. + +Nachdem sich der Sultan einige Zeit mit uns unterhalten hatte, führte +er uns in den Probojekso. Er ist so loyal, selbst den Europäischen +Herren das Betreten des innersten Heiligthumes zu gestatten. Wir +wurden seiner Gemahlin vorgestellt, einer Frau von 19 Jahren, dem +schönsten Geschöpfe, das ich bisher unter den Malaien oder Javanesinnen +gesehen hatte. Ihr Näschen war allerliebst, der Mund ziemlich klein, +mit glänzend weißen, schön geformten Zähnen, die Augen groß und +feuersprühend; die etwas breiten, hervorstehenden Backenknochen allein +erinnerten an die Javanesische Abkunft. Der Sultan verbietet seiner +Familie das Sirikauen, sowie das Schwärzen und Feilen der Zähne. Außer +der Sultanin sahen wir noch zwei Töchter des Sultans aus andern Ehen, +hübsche Mädchen von zwölf bis dreizehn Jahren. + +Die Sultanin, wie die beiden Mädchen, waren nach der Sitte des +Landes in Sarongs und Kabays gekleidet. Sie trugen viele Haarnadeln, +Ohrgehänge, Ringe u. dgl. mit Diamanten. Die Sultanin sprach nie mit +ihrem Gemahle, ohne die Augen zu Boden zu schlagen und die Hände wie +bittend gegen die Stirne zu erheben. + +Nachdem wir Thee getrunken hatten, zeigte uns der Sultan seine Waffen +und Kostbarkeiten; auch die golddurchwirkten Kleider seiner Gemahlin +bekamen wir zu sehen. Auf seinem Bette lagen vier der schönsten +Kriese[17], in der Ecke des Bettes am oberen Theil stand die Büste +des Königs von Holland. Das wird doch ein getreuer Verehrer seines +Europäischen königlichen Bruders sein! + +Die höheren Diener und Beamten dieses, sowie auch anderer +Javanesischer Fürsten zeichnen sich durch eine eigentümliche +Kopfbedeckung aus: sie besteht in einer zehn Zoll hohen Kappe von +Strohgeflecht, Seide oder Goldstoff, je nach dem Range der Person. + +Am +30. November+ fuhren wir nach +Solo+, der Hauptstadt von Surakarta +(40 Paal). Auf dem Wege dahin kommt man den „tausend Tempeln“ nahe +vorüber, die unweit des Oertchens +Brambanang+ liegen. Sie bilden eine +ganze Gruppe. In der Zahl ist man nicht übereingekommen; die Einen +geben 170, die Andern 300 an, auf jeden Fall weit weniger als tausend. +Die Tempel sind klein, im Style des Mendut. Der Haupttempel soll 67 +Fuß hoch gewesen sein, ist aber schon beinahe zu einem Schutthaufen +verfallen. Wir kletterten bis an die obere Abtheilung, von welcher wir +in das Innere sehen konnten. In einer kleinen, gewölbten Halle stand +noch ein Buddha und hie und da entdeckte man einige Arabesken. Die +übrigen Tempel sollen nicht höher als 24 Fuß gewesen sein, und in jedem +soll ein Buddha gestanden haben. + +In Solo konnte mich der Resident Herr +Büschkens+ nicht aufnehmen: +man war gerade beschäftigt, seine etwas baufällige Residenz +herzustellen. Ich ward in das Haus des Herrn +Göreke+, Missionärs +und Bibelübersetzers, gebracht, eines überaus gemüthlichen und +menschenfreundlichen Mannes. Ganz besonders gefiel mir seine Toleranz: +er war einer jener leider so seltenen Geistlichen, die den Menschen +mehr nach seinen Handlungen schätzen, als nach dem Glauben, zu welchem +er sich bekennt. + +Die Lage von Solo ist nicht so hübsch, als jene von +Djogokarta+. Die +Ebene ist zu groß, die Gebirge sind zu fern, den 10,400 Fuß hohen Lawas +ausgenommen, dessen Formen man ziemlich deutlich sieht. + +Ich fand in den freien Fürstenthümern Grund und Boden durchgehend gut +kultivirt. Dieß mag wohl daher kommen, daß die Fürsten ihre Ländereien +verpachten und die Pächter fleißig arbeiten müssen, um den hohen Pacht +heraus zu bringen. Man baut in beiden Fürstenthümern ziemlich viel +Indigo. Die Hütten der Eingebornen, so wie ihre Kleidung, fand ich +nicht schlechter und ärmlicher als im übrigen Java. Es gibt unter den +Reisenden viele, die in den Holländischen Besitzungen alles besser +bebaut und kultivirt finden wollen. Ich kann indeß nur so schildern, +wie mir die Sache erscheint, und bemühe mich stets, mein Urtheil so +viel als möglich vor Partheilichkeiten zu bewahren. Wege und Brücken +sind gleichfalls gut unterhalten. Hierzu werden die freien Fürsten +freilich von der Holländischen Regierung verhalten, die in den beiden +Städten Solo und Djogokarta bedeutende Forts hat. + +Man macht einen Unterschied zwischen den Malaien und Javanesen. +Letztere leben mehr in dem Inneren von Java und den beiden freien +Fürstenthümern. Man behauptet von ihnen, daß sie schöner und von +besserem Charakter als die Malaien und einer größeren Anhänglichkeit +fähig seien. Ich hatte zufällig Gelegenheit, das Volk in großer Menge +zu sehen, da während meiner Anwesenheit in Djogokarta Bazar gehalten +wurde und hier in +Solo+ zwei Feierlichkeiten stattfanden. Ich muß +jedoch aufrichtig gestehen, daß mir das Volk eben so häßlich vorkam, +als auf Batavia. Man rühmt ihre kleinen Hände und Füße. Es ist wahr, +der Malaie wie der Javanese haben kleine Hände und Füße; aber in der +Kleinheit allein besteht nicht die Schönheit. Die Hände sind so mager, +daß jeder Knöchel hervorsteht, die Fingerspitzen ein wenig aufwärts +gebogen. Finger, Hände und Arme können sie so verdrehen, daß es häßlich +anzusehen ist. Diese Schlappheit in den Gliedern und Muskeln ist auch +den Europäern eigen, die in diesen Ländern geboren und erzogen werden. +Die Füße sind nicht minder häßlich, sehr platt und die Fußzehen stehen +weit aus einander. + +Unter den Hochgebornen so wie unter der Dienerschaft in den Harems +der Fürsten sieht man wohl mitunter hübsche Leute, schöne Kinder; das +darf aber nicht als Maßstab angenommen werden. Alles was schön ist, +Männer wie Weiber, sucht man in die Fürstenhäuser zu bringen. Will +ein Javanese seine Tochter vor dem Harem schützen, so muß er sie sehr +jung verheirathen oder eine öffentliche Tänzerin aus ihr machen; als +solche ist sie für jeden Mann, den sie nicht selbst begünstigt, ein +Heiligthum. Dieser sonderbare Gebrauch geht so weit, daß, wenn eine +Frau sich von ihrem Manne gegen dessen Willen scheiden will, sie nur +eine öffentliche Tänzerin zu werden braucht. Dann hat der Mann keine +Ansprüche mehr auf sie. Gewöhnlich schätzen es sich jedoch die Eltern +zur Ehre, wenn ihre Töchter in den Harem eines Sultans aufgenommen +werden. + +In keinem Lande sah ich so viel Blinde und Lahme als in Surakarta; auch +an Lepre-Kranken soll es nicht fehlen, für welche unfern von Solo ein +eigenes Hospital errichtet ist. + +Man erzählt hinsichtlich dieser Gebrechen eine sehr grausame Sage von +einem der letztregierenden Susuhunans: Eine Europäische Dame machte +eine Reise durch Surakarta. Zu Solo wurde sie dem Fürsten vorgestellt, +der sie fragte, wie ihr das Land gefallen habe. Sie erwiederte: „sehr +wohl, bis auf die vielen Blinden, Lahmen und Lepre-Kranken, welchen +man überall begegnet.“ „Dieser Anblick,“ rief der Susuhunan aus, +„soll in Zukunft niemanden mehr stören.“ Er ließ die Unglücklichen +zusammenrufen, sie auf Boote laden, in die Mitte des Flusses führen, +die Böden der Boote, die besonders dazu eingerichtet waren, wurden +geöffnet, und alle die Armen ertränkt. + +Der jetzt regierende Susuhunan, Paku der Siebente, hat den allgemeinen +Ruf eines höchst edlen und gerechten Fürsten; er soll, gleich Titus, +jeden Tag für verloren halten, an welchem er nicht etwas Gutes ausgeübt +hat. + +Unter seinen Vasallen zeichnet sich der Fürst Mangku-Negoro besonders +aus, welcher der Unabhängige genannt wird, weil er doch einige +Freiheit genießt; er darf z.B. seinen Palast verlassen, ohne erst bei +dem Residenten um Erlaubniß anzufragen. Er hält 800 Mann Fußvolk und +400 Mann zu Pferde -- eine größere Anzahl als der Susuhunan selbst. +Ferner ist er Oberst in Holländischem Dienste und Ehren-Adjutant des +Gouverneur-Generals. Er bekommt den Gehalt eines Obersten nebst einer +bedeutenden Zulage für die Unterhaltung seiner Truppen, muß aber +dagegen auch jeden Augenblick zum Ausrücken bereit sein. + +Alle diese Auszeichnungen wurden ihm als Belohnung für seine Treue +verliehen, die er den Holländern in dem letzten Kriege bewiesen hatte. +Er hielt sich nämlich auf ihrer Seite und war ihnen mit seinen +wohleingeübten Truppen von großem Nutzen. Inländische, gut eingeschulte +Truppen sind den Europäischen weit vorzuziehen. Das Klima ist ihnen +nicht schädlich, sie begnügen sich mit wenig und höchst einfacher +Nahrung und ertragen die Märsche und Mühen ohne großen Nachtheil. + +Unsere erste Bitte an den Residenten war, dem Susuhunan, so wie einigen +der vornehmsten Prinzen vorgestellt zu werden. Wir erhielten auch die +Zusage einer Audienz für den folgenden Tag; sie fand aber leider nicht +statt, da kaum eine Stunde, bevor wir kommen sollten, die einzige +Schwester des Fürsten starb, die er, wie man sagte, überaus liebte. + +In den wenigen Tagen, die wir zu Solo zubrachten, waren wir so +glücklich, zwei Feierlichkeiten zu sehen. Die erste bestand in der +Ueberreichung eines Briefes, den der Sultan von Djogokarta an den +Susuhunan von Surakarta geschrieben hatte. Nachdem sich der Resident +zuerst mit dem Inhalte bekannt gemacht, wurde der Brief in schöne +Seidenzeuge gewickelt, auf einen silbernen Teller gelegt und von +dem ersten Adjutanten des Susuhunans in einem sechsspännigen Wagen +abgeholt; in einem zweiten Wagen folgte der Resident. Dreizehn +Kanonenschüsse begleiteten diese Ceremonie. + +Die zweite Feierlichkeit war die Fortschaffung der verstorbenen +Schwester des Susuhunans nach dem Begräbnißplatze Imo-Giri. Die Farbe +der Trauer ist hier, wie bei den Chinesen, weiß. Alles was zu dem Zuge +gehörte, Wagen, Pferde u. s. w. war mit weißem Kattun überhangen. +Jedermann, der ihn begleitete, mit einem weißen Kopftuche, Sarong, +Schürze oder sonst einem Lappen weißen Zeuges angethan. + +Den Zug eröffneten Träger, die mit Balken, Brettern, Stangen u. dgl. +beladen waren. Diese Gegenstände gehörten zur Errichtung eines Daches +über dem Sarg der Verstorbenen auf den Stationen der Reise. Hierauf kam +berittenes Militär[18] mit weißen Binden und Schürzen. Diesem folgte +des Susuhunans leerer Staatswagen, das Leibpferd der Verstorbenen, der +Betthimmel für den Sarg und endlich der Sarg selbst, der mit einer +weißen, golddurchwirkten Atlasdecke überhangen war. Der Sarg wurde +bis an die äußerste Pforte des Kraton von den kaiserlichen Prinzen +getragen; hier übernahmen ihn die Minister und so abwärts bis zu den +Dienern. Viele Lanzenträger, deren Lanzen mit weißem Kammertuche +umwickelt waren, umgaben den Sarg; große Schirme wurden über ihn, +so wie über die Köpfe der Prinzen gehalten, und von den Knöpfen der +Schirme flatterten weiße Tücher. Hinter dem Sarge kam ein großer +viereckiger Kasten, welcher die Speisen enthielt, die Abends, der +Sitte gemäß, auf den Sarg der Verstorbenen gesetzt werden. Den Schluß +des Zuges machte ein großer Haufen Volkes. Der Gemahl, die Kinder der +Verstorbenen, so wie ihre Verwandten, den Susuhunan ausgenommen, waren +bis zur ersten Nachtstation vorausgefahren. Wie man mir sagte, brauchte +der Zug drei Tage, um nach Imo-Giri zu gelangen. (40 Paal.) + +Es war allerdings interessant, diesen Trauerzug gesehen zu haben; +allein eben so gern hätte ich den guten, ehrwürdigen Susuhunan kennen +gelernt, woran nicht mehr zu denken war, da wir schon am folgenden +Morgen abreisen sollten. Zu meiner größten Ueberraschung brachte mir +Herr Göreke die Nachricht, daß uns der Fürst diesen Abend ausnahmsweise +empfangen wolle. Diese Gunst verdankten wir einzig und allein dem +guten Missionär, den der Susuhunan hoch schätzt, und dessen Bitte ihm +hinlänglich war, unsern Wunsch zu erfüllen. + +Bevor wir zu dem Susuhunan fuhren, statteten wir noch zwei Besuche bei +andern Prinzen ab. + +Der erste galt dem Fürsten Mangku-Negoro, dessen ich schon erwähnt +habe. Ich war im höchsten Grade über den edlen, feinen Anstand +erstaunt, mit welchem sich dieser Prinz zu benehmen wußte; er stand +hierin dem gebildetsten Europäer nicht nach. Seine Gesichtszüge +drückten Verstand, Scharfblick und Güte aus. Er nahm großes Interesse +an meinen Reisen und machte Fragen und Bemerkungen, die von vielen +Kenntnissen zeigten. In seiner Orientalischen Artigkeit verglich er +mich mit einer leichten, schwebenden Wolke. + +Der zweite Besuch galt dem Fürsten Ngabchi, einem natürlichen +Bruder des Susuhunans, den man, da letzterer keinen Sohn hat, den +„wahrnehmenden Kronprinzen“ nennt. Diesen Fürsten trafen wir nicht zu +Hause, da er von dem Leichenzuge noch nicht zurückgekommen war. + +Um halb acht Uhr war unsere Stunde, bei Hofe zu erscheinen. Die +Etikette ist hier ungleich größer als zu Djogokarta; die Herren Schmitz +und Göreke hielten die Uhren stets in der Hand, um nicht eine Minute zu +früh oder zu spät zu kommen. + +An dem Eingange des innersten Hofes kamen uns zwei Hofdamen entgegen, +uns meldend, daß der Susuhunan bereit sei, uns zu empfangen. Im Dalem +kam er uns selbst zwei Schritte von seinem Lehnstuhl entgegen, +reichte uns die Hand und wies uns Plätze zum Sitzen an. Der Dalem +wie der Pendopo waren schön erleuchtet; Europäische Militär-Musik, +von den Eingebornen ziemlich gut aufgeführt, erschallte bei unserem +Eintritte und ward während unserer Anwesenheit öfter wiederholt. Einige +Schritte im Hintergrunde zur Linken des Fürsten saßen drei Hofdamen, +gleich den übrigen Dienerinnen bloß in einen Sarong gekleidet, welche +die Insignien des Reiches hielten, ein Schwert, einen Schild und ein +Scepter. Sie standen so steif und unbeweglich wie Statuen. Unter den +vielen Weibern, die überall umher kauerten, befanden sich auch zwei +Neffen des Susuhunan, Jünglinge von 14 bis 15 Jahren. Ich hielt sie für +recht hübsche Mädchen, denn sie trugen wie diese einen einfachen Sarong +und hatten die Haare zurückgekämmt, in einen Knoten geschlungen und mit +einem Kamme befestiget. + +Wir hatten kaum Platz genommen, so kam ein Weib (vermuthlich auch +eine Hofdame) auf den Knieen hergerutscht und recitirte eine lange, +ununterbrochene Rede, die ich für ein Gebet hielt; spätem erfuhr ich, +daß es ein Bericht über den Leichenzug war, der ungefähr lautete „daß +die Prinzessin bis an den und den Ort gegangen sei, daselbst unter dem +Schatten eines Baldachinen so und so lange ausgeruht und hierauf die +Reise wieder an den und den Ort fortgesetzt habe, wo sie die Nacht +zubringen werde.“ Von einer so vornehmen Person wird nämlich, so lange +sie nicht begraben ist, ebenso gesprochen, als ob sie noch am Leben +wäre; auch für ihre leiblichen Bedürfnisse und Bequemlichkeiten wird +mit derselben Aufmerksamkeit gesorgt. + +Alles, was sich dem Susuhunan nahte, seine Neffen nicht ausgenommen, +rutschte auf den Knieen. Die Leute standen vermuthlich erst auf, wenn +sie aus seinem Gesichtskreise kamen, denn ich blickte ihnen nach, so +weit als ich konnte, und sah sie nicht aufstehen. + +Die Züge des Fürsten sprachen vollkommen aus, was man mir von ihm +gesagt hatte: ich sah nicht bald ein ehrwürdigeres, gutmüthigeres +Gesicht als das seine. Nur wunderte es mich, keinen Kummer an +ihn wahrzunehmen über den schweren Verlust, der ihn so kürzlich +betroffen. Er hörte den Bericht über den Leichenzug seiner Schwester +mit derselben Ruhe an, als hätte man ihm eine ganz gleichgiltige +Sache verkündet. Nachdem er sich eine Weile mit uns unterhalten und +uns mit Thee bewirthet hatte, der zu meiner Verwunderung nicht von +Dienerinnen, sondern von Dienern servirt wurde, bot er Frau Schmitz +und mir an, seiner Gemahlin einen Besuch zu machen. Wir fanden in +ihr eine noch junge Frau von vielleicht 25 Jahren; sie saß in einer +wenig erleuchteten Kammer auf einem Stuhle, ihr zur Seite eine +achtzehnjährige Stieftochter auf der Erde. Beide waren minder hübsch +als die fürstlichen Frauen zu Djogokarta, doch für Javanesinnen schön +genug. Die Kämmerchen in dem Probojekso fand ich sehr klein, dürftig +eingerichtet und erleuchtet. Nach einer halben Stunde kehrten wir in +den Dalem zurück. + +Beim Abschiede hielt der Susuhunan eine sehr lange Rede an mich, +während welcher er mich bei der Hand nahm; am Ende derselben zog er +einen Ring von seinem Finger und steckte ihn mir an. Herr Göreke saß +leider zu weit entfernt, um etwas von dieser Rede zu hören; sie ging +daher für mich verloren, da der Susuhunan Hoch-Malaisch sprach, das ich +nicht verstand. Der Besuch währte über zwei Stunden. + +Die Tracht des Susuhunans, seiner Frau und Tochter war sehr einfach, +ungefähr wie die an dem Hofe zu Djogokarta; der Susuhunan trug zwei +reich mit Brillanten besetzte Orden. + +Am +3. December+ fuhren wir den kürzeren Weg über Salatiga nach +Samarang zurück (66 Paal), wo ich in dem Hause meiner liebenswürdigen +Begleiter noch eine Nacht zubrachte. Am folgenden Tage, um ein Uhr +Nachmittag, saß ich schon wieder auf dem Dampfer, um nach +Surabaya+ zu +gehen (180 M.). + +Am Bord des Dampfers „Ambon“ wurde ich vom Kapitän Bergner als alte +Bekannte herzlichst begrüßt. Ich war mit ihm von Batavia nach Sumatra +gefahren, und er hatte kurz darauf den „Makassar“ mit dem „Ambon“ +vertauscht. Es ist immer eine große Freude, auf einer Reise Bekannte +zu finden, und eine um so größere, wenn es so gute, gefällige Menschen +sind, wie Herr Bergner. + +Von der Reise ist nicht viel zu sagen; wir hielten uns der Küste +Java’s fortwährend nahe, die abwechselnd eben und bergig ist. Vier +Hügel, die näher an Surabaya als an Samarang liegen, werden ihrer Form +wegen die vier Särge genannt; sie stehen von einander abgesondert, +mitten in einer Ebene. Zwölf Meilen von Surabaya sieht man, an eine +freundliche Hügelkette gelehnt, das Städtchen +Grisée+; hier gehen die +nicht-europäischen Schiffe gewöhnlich vor Anker. + +Am +6. December+ Morgens warfen wir Anker auf der Rhede von Surabaya. + +Alle Ankerplätze Java’s, die ich gesehen, Batavia, Surabaya und +Samarang, liegen drei bis vier Paal von den Städten entfernt; man muß +nach letzteren in Kähnen die Flüsse stromaufwärts fahren; in Surabaya +kann man von der Mündung des Flusses bis zur Stadt auch zu Wagen +fahren. + +Herr Resident von +Perez+ war so gütig, mich aufzunehmen. Dieser +überaus gefällige Herr wußte von meinem Kommen; er hatte jedoch gehört, +daß ich zu Grisée vor Anker gehen würde und sandte mir sogar bis +dorthin einen Wagen entgegen. + +Die Residenz, ein prächtiges Gebäude, leider mit einem ganz kleinen +Garten, liegt drei Paal von der Stadt. Eine herrliche Wiese breitet +sich davor aus, an deren Ende ein großes, wohlerhaltenes Steinbild +eines Hindu-Götzen steht, welches von den Malaien noch sehr verehrt +wird. + +Ich blieb bis +14. December+ in Surabaya, ohne das Geringste zu sehen. +Die Regenzeit war eingetreten, und durch sie wurden alle meine Projekte +vereitelt. Es blieb mir nichts anderes übrig, als die Reise nach +Celebes und den Molukken fortzusetzen und mich mit der Hoffnung zu +trösten, bei der Wiederkehr glücklicher zu sein. + + + [11] Die mir ertheilten Freikarten lauteten: + + ~De onder geteekende verleent by deze vrye passage als passagier + der eerste klasse, aan Mevrouw Ida Pfeiffer vor eene reis von + Sourabaya over den Mollukschen Archipel met eene der Stoomschepe + zyner onderneming. Batavia 9. November 1852.~ + + ~+W. Cores de Vries.+~ + + * * * * * + + ~The bearer of these lines Madame Pfeiffer has free passage as + cabin passenger on board of any of the boats of this company. + Batavia 9. November 1852.~ + + ~+Maclain Watson+ & Co., Directors of the N. I. Steamboat + Company.~ + + ~The agents of the company at Samarang and Sourabaya are + requested to offer Madame Pfeiffer all the assistance in their + power in the persecution of her travels.~ + + [12] Die Gebäude, in welchen die Gouverneure und Residenten wohnen, + gehören alle der Regierung; der Resident von Batavia allein muß + eine Wohnung miethen. + + [13] Hätte man nicht schnell und leicht einen zuverlässigen Beamten + abschicken können, um sich von dem wahren Bestande zu + unterrichten? Freilich handelte es sich bloß um Menschenleben + und nicht um Frohndienste oder Rückstände von Steuern. + + [14] Ich führe dies natürlich nur auf Grundlage der Aussagen + vollkommen zuverlässiger Männer, deren Wort über jeden Zweifel + erhaben ist, hier an. + + [15] Auf der höchsten Spitze des Tempels ersuchte ich Herrn Wilson, + seinen Namen in mein Album zu zeichnen. + + [16] Susuhunan ist ein höherer Titel als „Sultan.“ + + [17] Kries, ein schlangenförmiges Messer in einer Scheide von 10 bis + 15 Zoll Länge, die gewöhnliche Waffe der Malaien und Javanesen. + + [18] Das Militär der freien Fürsten trägt Holländische Uniform, die + Offiziere haben Schuhe, die Soldaten nicht. Letztere tragen + unter dem Helme das landesübliche Kopftuch, manche schlingen das + Haar rückwärts in einen großen Knoten zusammen. + + + + +Zehntes Kapitel. + + Makassar. -- Banda. -- Erdbeben. -- Die Muskatnuß-Pflanzungen. + -- Ambon. -- Ausflug nach der Negeri Emma. -- Saparua. -- Ceram. + -- Fußreise durch das Innere Cerams. -- Ankunft zu Wahai. -- Die + Alforen. -- Rückreise nach Ambon. -- Ternate. -- Besuch bei dem + Sultan. + + +Am +14. December+ schiffte ich mich auf dem Dampfer „Banda“ nach ++Makassar+ ein (440 Seemeilen), der Hauptniederlassung der Holländer +auf Celebes. + +Von Surabaya bis an die Küste von Celebes sah ich wenig. Das Schiff +war sehr klein, die See höchst stürmisch, und obwohl ich viele Jahre +gereist, Tausende von Meilen auf Segel- und Dampfschiffen gemacht, ohne +dem Meere meinen Tribut zu bezahlen, ward ich nichts desto weniger so +seekrank, wie es nur immer ein Neuling werden kann. + +Erst am +17. December+ am frühen Morgen kam ich auf das Deck, um die +Küste von Celebes zu begrüßen, eine einförmige Ebene, im Hintergrunde +von niedrigen Bergen begrenzt. + +Makassar (Udjang-Pandang), der Sitz des Holländischen Gouverneurs +auf Celebes, ist ein kleines, dem Ansehen nach beinahe Europäisches +Städtchen mit einem Fort. Die Europäer wohnen in erbärmlichen +Steinhäuschen nahe beisammen, längs des schönen Wiesenplatzes ++Hendrikspad+. Auch das Haus des Gouverneurs ist klein und unbedeutend. + +Domine +Mathes+ (der protestantische Geistliche) nahm mich +gastfreundlich auf. + +Ich war hier ebenfalls so unglücklich, gerade zum Beginn der Regenzeit +einzutreffen, und konnte nichts als den Bazar besuchen, auf welchem ich +eine ziemliche Menge Volkes sah. Ich fand die Eingebornen, Makassaren +und Buginesen, obwohl auch zur Malaischen Race gehörig, minder häßlich +als die Javanesen, groß und kräftig gebaut, das Gesicht etwas besser +geformt, die Hautfarbe lichter. + +Da wenig Tage später der Dampfer „Ambon“ von hier nach +Banda+, einer +der Molukken ging, und während der Regenzeit an Ausflüge in das Innere +von Celebes nicht zu denken war, entschloß ich mich, diese Gelegenheit +zu benützen und meine Reise fortsetzen, mich wie zu Surabaya der +Hoffnung hingebend, auf der Rückfahrt günstigeres Wetter zu finden. + +Am +21. December+ war ich schon wieder an Bord bei meinem guten +Kapitän Herrn Bergner. Wir machten die Reise nach der Insel Banda (690 +Meilen) in 3½ Tagen. Außer einigen kleinen gebirgigen Eilanden kam uns +nichts zu Gesicht. + +Am +24. December+ tauchte der +Gunong-Api+ vor uns auf, der höchste +Berg Bandas (1800 F.), dessen nordwestlicher Seite beständig +Rauchsäulen entsteigen. Abends um neun Uhr liefen wir bei herrlichen +Mondschein in die Bai ein, die auf der einen Seite von dem Feuerberge, +auf der andern von einer freundlichen Hügelkette begrenzt wird, welch +letztere ganz mit Muskatbäumen bepflanzt ist. Das kleine Städtchen +Banda liegt so gefährlich an dem Abhange des Gunong-Api, daß ein +Ausbruch es unausbleiblich zertrümmern würde; sonderbarer Weise raucht +der Berg beständig, ohne daß je ein Ausbruch stattgefunden hätte. Ist +aber wohl diesem Frieden immer zu trauen? + +Da wir so spät angekommen waren, ging der Kapitän allein mit dem +Postpackete an’s Land. Wir Reisende verweilten auf dem Decke und +sprachen viel von der Freude, die in den Kreisen unserer Lieben +diesen Abend (Christabend) herrschen werde, von den fröhlichen +Spielen der über die Geschenke so freudig überraschten Kinder. Da kam +ganz unerwartet ein Araber an Bord. Erstaunt über den späten Besuch +umringten wir ihn, um zu hören was die Ursache hievon sei. Ach, wie +ward so plötzlich unsere heitere Stimmung in Wehmuth und Schrecken +verwandelt! Der Araber erzählte uns, daß am 26. November Morgens acht +Uhr ein fürchterliches Erdbeben auf dieser Insel stattfand, in Folge +dessen mehrere Häuser zusammenstürzten und alle dermaßen beschädigt +wurden, daß niemand mehr darin wohnen könne. Glücklicherweise +ereignete sich dies bei Tage, wo jedermann gleich fliehen konnte, +und es ging daher wenigstens kein Menschenleben verloren; aber alle +gebrechlichen Güter, Spiegel, Lampen, Gläser, Geschirre, die in +Flaschen gefüllten Getränke u. s. w. gingen zu Grunde. Noch war man +unter dem Eindrucke dieser furchtbaren Scene, als um halb neun Uhr +die Erde ein zweitesmal erbebte, das Wasser in der Bay zurück wich +und dann mit unwiderstehlicher Gewalt an die Küste stürzte, sie 24 +Fuß hoch übersteigend. Zweimal sah man den Boden der See blos gelegt; +alle kleinen Boote und Barken wurden an die Küste geschleudert, wo sie +als Trümmer liegen blieben. Bei dieser Gelegenheit ertranken mehr als +achtzig Menschen. Ein großes Schiff, das in der Bay vor Anker lag, +gerieth zweimal auf den Grund und wurde nur durch die Geistesgegenwart +des Kapitäns gerettet, der das Ankertau sogleich nachließ; allein +vor einem bedeutenden Leck konnte er es doch nicht bewahren. Es lag +noch zur Ausbesserung in der Bucht. Dieses zweite Erdbeben zerstörte +ebenfalls viele Gebäude und vernichtete Tausende von Muskatbäumen, die +durch das sie überfluthende Salzwasser abstarben. + +Die Erzählung des Arabers war schrecklich. Leider wurde sie Wort +für Wort von dem Kapitän bestätigt, als er zurückkam. Auf einige +der Reisenden machte sie einen so großen Eindruck, daß sie Morgens +gestanden, die ganze Nacht nicht geschlafen zu haben; sie fürchteten +ein wiederholtes Erd- oder Seebeben. + +Morgens gingen wir an’s Land und konnten uns persönlich von den +stattgehabten Verwüstungen überzeugen. Mehrere Häuser lagen in Schutt, +alle waren mehr oder minder beschädigt, die Einrichtungen zum Theile +zertrümmert, zum Theile vor den Häusern unter freiem Himmel in Haufen +aufgeschichtet; die Leute wohnten daneben in kleinen Bambushütten, die +sie eilig aufrichten ließen. Die Kasernen und Wohnungen der Officiere +allein, einige hundert Schritte von dem Städtchen entfernt gelegen +und von Holz gebaut, blieben beinahe unbeschädigt. Sonderbar, daß auf +dieser Insel, wo starke Erdbeben nicht selten vorkommen, alle Häuser +von Stein gebaut sind[19]. + +Der Resident konnte mich nicht aufnehmen, da auch sein Haus zu +sehr beschädigt war; ein Deutscher, der Militärarzt Herr +Krause+, +beherbergte mich in seinem hölzernen Häuschen. + +Ich machte denselben Tag noch einen Spaziergang um den Feuerberg +„Gunong-Api.“ Ich wollte ihn selbst besteigen; allein Dr. Krause, der +schon mehrmals oben war, um zu botanisiren, widerrieth es mir, indem er +mir versicherte, daß es nicht der Mühe lohne: der Berg ende in einer +geschlossenen Kegelform und habe an den Seiten einige Spalten, aus +welchen starker Schwefeldampf aufwirble. + +Am folgenden Tage besuchte ich die große Muskatpflanzung des Herrn ++Meyer+, welche 15,000 Muskatbäume zählt. Die Muskatpflanzungen +werden „Perken,“ die Besitzer „Perkenier“ genannt. Eine solche +Pflanzung gleicht vollkommen einem Walde. Die Bäume sind vierzig bis +fünfzig Fuß hoch, umfangreich und nicht in Reihen gepflanzt. Große +Nanarinenbäume[20] schützen die Muskatbäume, die keine tiefen Wurzeln +schlagen, vor den starken, häufig wehenden Winden. + +Die Insel Banda ist das eigentliche Vaterland des Muskatbaumes. Dieser +Baum bedarf hier gar keiner Pflege und wird bei weitem stärker und +höher als auf Singapore. Er fängt mitunter im zwölften, gewöhnlich aber +erst im fünfzehnten Jahre an Früchte zu tragen und erreicht ein Alter +von 80 Jahren. Das Jahr vor seinem Absterben soll er außergewöhnlich +viel tragen. Man rechnet durchschnittlich auf jeden Baum im Jahre 2500 +Nüsse. Es giebt auch einige, die bis 4000 liefern. Die Ernte währt das +ganze Jahr hindurch. Man geht jeden Morgen in die Perken, pflückt die +reifen Nüsse, löst die Blüthe, von der sie ganz umsponnen sind, ab und +läßt Nuß und Blüthe an der Sonne trocknen. Die Nüsse, welche von selbst +abfallen, sind nicht halb so viel werth als die gepflückten. Ungefähr +hundert Nüsse sammt den Blüthen gehen auf ein Pfund; fünf Pfund Nüsse +geben ein Pfund Blüthe. Der Perkenier erhält von der Regierung für ein +Pfund Blüthe und vier Pfund Nüsse einen Kupfergulden. + +Die Muskatnuß ist auf Banda und den dazu gehörenden kleinen Eilanden +Monopol. Der Eigenthümer kann die Perken verpachten oder verkaufen; +allein er darf keinen Baum ohne Bewilligung des Regierungsaufsehers +umhauen. Letzterer besucht jedes Jahr die Perken, bezeichnet die Bäume, +welche auszurotten sind und bestimmt die Zahl der neu zu pflanzenden. +Um die Leute zu den Muskatpflanzungen anzuregen, gibt die Regierung das +Land umsonst und unterstützt die Pflanzer mit billigen Arbeitern, die +aus den Verbrechern bestehen, welche von Java und anderen Orten hieher +verbannt und per Monat vermiethet werden. + +Am +27. December+ segelte der Dampfer wieder ab. Da es auf dieser +kleinen Insel wenig zu sehen gab und ich, wollte ich das Schiff nicht +benutzen, einen Monat auf ein anderes hätte warten müssen, so besann +ich mich nicht lange und begab mich an Bord. + +Wir verließen Nachmittags Banda, um nach der ebenfalls kleinen Insel ++Ambon+ (144 M.) zu segeln. Das Wetter war herrlich, so daß wir schon +am 28. December Morgens vor Ambon lagen. + +Die Bucht von Ambon ist sechzehn Meilen lang, an der Einfahrt sechs, +bei Ambon, das ungefähr in der Mitte liegt, eine Meile breit. Die ganze +Bucht ist von niedrigen Hügelketten und Gebirgen umgeben, die höchsten +Punkte, der +Sytham+ und der +Sirymohu+ werden auf 3000 und 4000 Fuß +geschätzt. Die Hügelketten zeichnen sich durch reiche Vegetation aus; +Wälder wechseln mit Wiesenplätzen und Gewürzpflanzungen; die schöne +gefiederte Sago-Palme drängt sich überall hervor; die schlankstämmige +Areka-Palme, die Kokospalme überragen die umfangreichen Blätterbäume. + +Ich hörte behaupten, daß die Einfahrt von Banda, besonders aber die von +Ambon an Schönheit mit jener von +Rio de Janeiro+ wetteifern könne. +Die Einfahrt von Banda ist reizend, die von Ambon wohl noch etwas +reizender, aber eine wie die andere sind in keiner Beziehung mit der +großartigen, einzig schönen Einfahrt von Rio de Janeiro zu vergleichen. +Eher könnte man eine Aehnlichkeit mit jener von +Santos+ (400 Meilen +von Rio de Janeiro) aufstellen. + +Das Städtchen Ambon, Sitz des Gouverneurs der Molukken, zählt nur +1500 Einwohner und sieht mehr wie ein Dorf aus. Es ist von dem Fort ++Viktoria+ beschützt. Die Residenz des Gouverneurs, einen Paal von dem +Städtchen entfernt, zu +Batugadja+ gelegen, besteht aus einem ganz +unbedeutenden kleinen Bambus-Hause. Der Gouverneur, Herr +Vischer+, +konnte mich gar nicht aufnehmen, da das einzige Fremden-Kämmerchen +schon besetzt war; ich kam zu Herrn +Roskolt+, dem Direktor des +Institutes zur Bildung der Volksschullehrer. + +Herr Roskolt wurde im Jahre 1835 von der Holländischen Regierung nach +Ambon gesandt, um dieses Institut zu errichten, welches zur Aufnahme +von zwölf eingebornen Jünglingen bestimmt war, die hier Unterricht, +Kleidung, Kost u. s. w. erhalten sollten. Die zu dem Zwecke angewiesene +Summe wurde in die Hände des Herrn Roskolt gegeben, und zwar ohne +daß die Regierung eine Verrechnung verlangte. Schon am Ende des +ersten Jahres fand Herr Roskolt, daß die Summe für achtzehn Jünglinge +ausreichen würde, und stellte das Ersuchen, sechs Zöglinge mehr +aufnehmen zu dürfen. Nebst diesen bestimmten Zöglingen erlaubt Herr +Roskolt auch noch zehn bis fünfzehn jungen Leuten an dem Unterrichte +Theil zu nehmen, aus welchen er dann immer die fähigsten zur gänzlichen +Aufnahme wählt. Der Unterricht besteht in richtiger Kenntniß und +Schreibung der Malaischen Sprache, in Religion, Arithmetik, Geographie +und im Gesange der Psalmen. + +Die Eingebornen auf Ambon und den nahen Inselchen sind Christen; +zu den Zeiten der Portugiesen waren sie Katholiken, jetzt sind sie +Protestanten. In jedem größeren Dorfe (hier Negeri genannt) ist ein +Schullehrer angestellt, der zugleich die Stelle des Priesters vertritt +und in dem Gotteshause die Gebete und Gesänge abhält. Es gibt mitunter +so große Dörfer, daß ein Schullehrer bis 250 Kinder unter sich hat. +Ich besuchte auf meinen Ausflügen auf Ambon, Saparua und Ceram mehrere +Dorfschulen, deren Schullehrer Zöglinge des Herrn Roskolt waren. Die +Kinder schrieben recht hübsch, rechneten richtig, sangen die Psalmen +ganz gut u. s. w. Unwillkürlich stieg der Wunsch in mir auf, daß alle +Europäischen Dorfkinder so gut unterrichtet sein möchten, als es diese +Malaische Jugend war. Herr Roskolt hat sich nicht erfolglos bemüht; +seine Arbeiten tragen jetzt schon gute Früchte. + +So wie Banda das Vaterland des Muskat-Baumes, so ist Ambon das des +Gewürznelken-Baumes. Die Pflanzung desselben ist daher auch ein +Hauptaugenmerk der Regierung und zugleich Monopol. Jedes Familienhaupt +muß, je nach der Güte des Bodens, dreißig bis achtzig Bäume pflanzen +und vollzählig unterhalten. + +In frühern Zeiten wurde der Muskatbaum ausschließend auf Banda und den +dazu gehörigen kleinen Inseln, der Gewürznelken-Baum ausschließend auf +Ambon und Saparua gepflanzt; auf den übrigen Molukken wurden beide +Bäume ausgerottet. Jetzt können sie auf allen Inseln gepflanzt werden +und sind nur auf den obgenannten Monopol. + +Der Gewürznelken-Baum beginnt im zwölften bis fünfzehnten Jahre +zu tragen und stirbt erst mit hundert Jahren. Er liefert ein bis +zwanzig Pfund. Die Ernte hat nur einmal im Jahre statt, von November +bis Januar. Die Nelken werden im Schatten getrocknet. Der Pflanzer +erhält seit kurzem dreißig Deut per Pfund, während er früher sich +mit vierundzwanzig begnügen mußte. Diese Erhöhung ist dem jetzigen +Gouverneur-General, Herrn Deimar van Twist zu danken[21]. + +Die Eingebornen wissen aus den Gewürznelken ganz hübsche Gegenstände zu +machen: Vasen, Schiffe, Körbchen u. s. w. Die Gewürznelken müssen sie +hiezu von der Regierung kaufen, und zwar zu einem unmäßig hohen Preise. +In Holland soll das Pfund dieses Gewürzes eine halbe Rupie kosten, hier +bezahlen die Leute zwei Rupien dafür. Außerdem ist noch die Ausfuhr von +dergleichen Spielzeug sehr hoch besteuert. + +Auch der Muskat-Baum wird auf Ambon ziemlich häufig gepflanzt; +vorzüglich gut gedeiht der Kakao-Baum; der Pikul Bohnen wird +mit sechzig Rupien bezahlt. Der wichtigste Baum jedoch für die +Eingebornen, nicht nur auf Ambon, sondern auf allen Molukken, ist die +Sagopalme. Das Mark derselben macht die Hauptnahrung der Eingebornen +aus; es ist ihnen, was den Chinesen und Indiern der Reis, was andern +Völkern das Getreide. Diese Palme wird gewöhnlich im fünfzehnten +Jahre reif; man haut sie dann um, spaltet den Baum, und arbeitet +das Mark mittelst einer einfachen Haue von Bambus heraus. Der ganze +Stamm besteht aus Mark, das kaum von einer zolldicken Rinde umgeben +ist. Das Mark wird theilweise in eine Art Trog gelegt, der aus dem +ausgehöhlten Sagostamme verfertiget ist, und dessen Endseiten man mit +Stücken geschlagenen Bastes verstopft. Durch Waschen und Kneten des +Markes sondern sich die mehligen Theile von den faserigen ab. Das +von dem Mehle geschwängerte Wasser läuft durch den Bast, welcher die +Stelle eines Siebes vertritt, in einen zweiten Trog, in welchem mit dem +Waschen so lange fortgefahren wird, bis sich alle Mehltheile von den +Fasern gesondert haben. Sobald sich das Mehl gesetzt hat, läßt man das +Wasser ab, und die Arbeit ist beendet. Das Mehl wird in nassem Zustande +zu fünfundzwanzig bis dreißig Pfund in Körbe verpackt, die gleich an +Ort und Stelle von den grünen Blättern der Sagopalme gemacht werden. +Eine besondere Eigenschaft dieses Markes oder Mehles ist, daß es nie +trocken werden darf; man muß die Körbe mit dem Mehle von Zeit zu Zeit +in Wasser stellen. + +Man bereitet aus diesem Mehle Brot und Papeta. Zur Bereitung des +ersteren bedient man sich eiserner oder irdener Geschirre, mit kleinen +Abtheilungen, die man erst glühend erhitzt, dann von innen mit etwas +Wasser befeuchtet. Man füllt sie hierauf ganz mit dem Mehle an, +bedeckt sie mit Blättern, legt ein Brettchen darauf, das mit einem +Steine beschwert wird, und läßt sie so lange stehen, bis sich Dunst +entwickelt, ein Zeichen, daß die Brötchen gar sind. Noch einfacher ist +die Bereitung der Papeta. Man schüttet anfänglich etwas kaltes Wasser +auf das Mehl, rührt es zu einem dicken Teige, gießt dann so viel heißes +Wasser zu, bis es sehr flüssig wird, und läßt es erkalten. Die Papeta +gleicht einer Sulze oder einem steifen Kleister. Beide Gerichte, ohne +andere pikante Ingredienzien genossen, schmecken überaus leer und fade. + +Aus diesem Nahrungszweige ist ersichtlich, daß das Volk für Leben +und Unterhalt wenig zu thun braucht. Familien, die wenig oder keine +Sagobäume besitzen, können sich leicht mehrere hundert Pfund Mehl +mit wenig Arbeit erwerben. Es ist nämlich Sitte, daß wenn ein Mann +zu dem Eigenthümer eines reifen Sagobaumes geht und ihm sagt, daß er +einen reifen Baum habe, den er (der Mann) für ihn umhauen wolle, der +Eigenthümer stets seine Einwilligung gibt. Der Mann kommt dann mit +einigen Gehülfen, schlägt den Baum, bereitet und packt das Mehl, eine +Arbeit von drei bis vier Tagen; dafür erhält er die Hälfte des Mehles +nebst der Verköstigung während der Arbeit. + +Die Sagopalme, der Pisang (Bananen-Baum) gedeihen ohne alle Nachhülfe, +das Meer ist überreich an Fischen, es wird daher begreiflich, daß +das Volk auf den Molukken träger ist, als irgendwo. Wenn man z. B. +mit dem Dampfer ankommt, ist der Landungsplatz voll von müssigen +Gaffern; keiner würde aber, selbst für übertrieben gute Bezahlung, das +Reisegepäck nach dem Städtchen tragen. Man muß erst in das Haus gehen, +in welchem man absteigt und von dort aus nach Trägern suchen. Oftmals +ging ich Nachmittags in mehr als ein Dutzend Hütten, um einiges von den +aus Gewürznelken gefertigten Arbeiten zu kaufen -- überall fand ich die +Leute entweder Karten spielend oder schlafend. + +Den Neujahrstag (1853) feierten wir mit einem Spaziergange nach +dem nahen Wasserfalle „+Batu-Gontung+.“ Der Wasserfall ist höchst +unbedeutend, eben so eine dabei gelegene Grotte. Ein kaltes Bad im +Flüßchen und der Spaziergang durch die schönen Waldungen waren jedoch +sehr lohnend. + +Um die Insel Ambon ein wenig kennen zu lernen, durchschnitt ich sie von +Norden nach Süden und ging nach der Negeri Emma, ungefähr acht Paal. +Man bedient sich auf Ambon zum Reisen einer Art Tragstühle, da die +Wege zum Fahren oder Reiten nur einige Paal um das Städtchen gut sind. +Ich wollte keinen Tragstuhl nehmen, indem mir nichts unangenehmer ist, +als mich von Menschen tragen zu lassen; allein man behauptete, daß die +Berge zu schroff seien, um von Europäern überklommen werden zu können. + +Ich nahm also zur Vorsorge einen Tragstuhl mit, lief aber daneben her. +Es ist wahr, die Berge und Hügel steigen sehr schroff und steil auf, +man muß wirklich schwindellos sein, um hinüber zu kommen; ich hatte +jedoch ungleich Aergeres auf Borneo und Sumatra erlebt. In drei Stunden +war ich in Emma. + +Die ganze Gegend zwischen dem Städtchen Ambon und Emma besteht aus +Schluchten und trichterförmigen Vertiefungen; man mußte stets auf- und +niederklettern oder auf äußerst schmalen Bergkanten fortschreiten. +Alles war mit schönen Waldungen, mit üppigem Untergesträuch bedeckt. +Man sah viele +Dusons+[22] mit Gewürznelken-Bäumen; in den Wäldern gab +es viele Sagopalmen. Von den Höhen erblickte man das Meer dies- und +jenseits der Insel. Die Berge bestehen zum Theil aus Sand, den man sehr +leicht herab arbeiten kann. + +Die Negeris liegen an den Kanten der Schluchten oder auf den Spitzen +der Berge. Die Leute haben im Dorfe oft nicht einen Schritt ebene +Fläche. Die kleinsten Kinder hier würden manchen Erwachsenen aus den +Ebenen im Bergklettern beschämen. Das läuft und springt auf und ab +gleich Gemsen. + +Ich blieb vier Tage auf Emma, um Insekten zu sammeln. Die Hitze war +zwar sehr drückend, ich ertrug sie jedoch so gut, als hätte ich mein +ganzes Leben unter dem Aequator zugebracht. + +Nach Ambon zurückgekehrt, unternahm ich einen etwas größeren Ausflug +nach +Saparua+ und der Insel +Ceram+, einer der größten von den +Molukken. Letztere wollte ich vorzüglich ihrer Bewohner, der wilden +Alforen, wegen besuchen. + +Am +11. Januar+ Nachts fuhr ich zur See nach dem Oertchen +Paseo+, +welches östlich von Ambon, an dem kaum einige hundert Fuß breiten +Isthmus liegt, der diese Insel in zwei Theile theilt. Ich kam um +zwei Uhr Nachts an. Die Prauhs wurden hier bei der Fluth über den +Isthmus gezogen und die Reise früh Morgens nach +Ihamahu+ (35 Meilen) +einer Negeri auf Saparua fortgesetzt. Von da ging ich zu Fuße nach +der Negeri-Saparua (7 Paal), wo ein kleines Fort und der Sitz eines +Assistent-Residenten ist. + +Einen angenehmeren Spaziergang als von Ihamahu nach Saparua kann es +nicht leicht geben. Das ganze Inselchen gleicht einem freundlichen +Garten. Der Weg ist trefflich und führt durch kleine Waldungen von +Fruchtbäumen, durch bedeutende Negeris, in welchen die Häuser in Reihen +stehen, aber durch Bäume und grüne Plätze von einander geschieden und +mit lebendigen Hecken eingezäunt sind. Die Aussichten, die man von +den kleinen Höhen genießt, sind über alle Beschreibung herrlich. Man +sieht Ambon, Ceram, Haraku und viele andere Eilande; man sieht das Meer +bald als Bucht, bald als Bay oder Canal und über Saparua hinaus als +endlosen Wasserspiegel. Ich fand viel Aehnlichkeit mit den +Kykladen+ +in Griechenland. Nur sind die Inselgruppen hier durch ihre üppige +Vegetation ungleich schöner als dort. + +In Saparua traf ich den Gouverneur, Herrn +Vischer+, der auf einem +Kriegsschiffe von Ambon hieher gekommen war, weil man einen Aufstand +der Eingebornen befürchtete. Letztere sind in den entfernteren +Kolonieen oft den Eigenmächtigkeiten und Bedrückungen harter und +eigennütziger Beamten ausgesetzt. Auch hier schien dies der Fall zu +sein, und der Gouverneur wollte die Sache persönlich untersuchen. +Ich habe bereits bei der Erwähnung der Hungersnoth in dem Gebiete +von Samarang bemerkt, daß die Beamten, die sich Vergehungen oder +Eigenmächtigkeiten zu Schulden kommen lassen, meistens wenig, +mitunter gar nicht bestraft werden. In den Streitigkeiten mit den +Eingebornen erhält fast immer der Beamte, selten der Eingeborne Recht. +Bei der kleinsten Unachtsamkeit werden die Leute oft angefahren und +ausgescholten, als hätten sie das größte Verbrechen begangen. Ich +selbst sah einst einen Eingebornen an einen Pflock gebunden; er sollte +mit einem Rohre 50 Hiebe auf den nackten Rücken bekommen. Als ich +nach dem Verbrechen des Sträflings frug, wich man mit der Antwort +aus, woraus zu schließen war, daß die Strafe dem Verbrechen nicht +angemessen war. Zuverlässige Männer versicherten mir, daß nicht selten +bis 100 Stockschläge ausgetheilt würden, obwohl die von der Regierung +erlaubte höchste Zahl 30 sei. Die armen Leute erzittern manchmal so, +wenn sie von Beamten oder Officieren gerufen werden, daß ihnen das +Wort im Munde erstirbt. Auch in Brittisch-Indien hatte ich häufig +Gelegenheit, dasselbe zu bemerken. Sollten Beamten und Officiere, +die auf Außenposten angestellt sind, wo ihr Thun und Lassen nicht so +überwacht werden kann, nicht ungleich strenger bestraft werden, wenn +sie ihre Pflichten überschreiten, als der Eingeborne, dem die Gesetze +mit Waffengewalt aufgedrungen wurden? Aber so ist es fast in der ganzen +Welt. Der gemeine, arme Mann, der oft aus Unwissenheit, aus Unkenntniß +der Gesetze fehlt, wird für das geringste Vergehen strenge bestraft; +der Vornehme, der Gebildete findet Nachsicht und Milde. Verdiente +Letzterer, gerade weil er gebildet ist, weil er volles Bewußtsein +seines Vergehens hat, nicht doppelte Strafe? + +Eine für den Reisenden sehr unangenehme Sache, die mich an Neapel, so +wie auch an mein liebes Vaterland Oesterreich erinnerte, ist auf den +Holländischen Besitzungen das ewige Abverlangen des Passes. In Batavia +ließ ich den Paß für die Reise nach den Molukken visiren, in Samarang +mußte dasselbe geschehen, in Surabaya, Ambon ebenso, ja beinahe in +jedem Neste, wo nur ein Beamter residirte. Auf Saparua soll die +Passomanie so weit gehen, daß kein Fischer ohne Paß auf den Fischzug +ausgehen darf. Wahrlich, eine unerhörte Plackerei! + +Schon auf Ambon hatte ich den Gouverneur ersucht, meine Reise nach ++Wahay+ an der Nordküste Cerams zu unterstützen. Ich wollte zu Lande +durch das Innere dieser Insel gehen, die von den wilden Alforen +bewohnt ist, welche auf Köpfe noch gieriger sind als die Dayaker. +Bisher wagten es nur zwei Europäer diese höchst gefährliche Reise zu +unternehmen, von welchen der eine 150 Mann zum Schutze mitnahm. Ohne +Hilfe der Regierung kann man gar keine Leute als Begleiter finden, +da sich ein Stamm vor dem andern fürchtet. Ich wollte mich dessen +ungeachtet mit vier Leuten begnügen; allein der Gouverneur versicherte +mir, daß ich wenigstens 20 haben müßte, weil unter dieser Zahl niemand +mit mir ginge. Er fügte bei, daß, wenn eine dringende Nachricht zu +Lande nach Wahay zu senden sei (gewöhnlich geschieht dieß zur See), +stets 20 Mann geschickt werden. + +Mit Briefen an einige Regenten, die auf Ceram ungefähr so viel wie +Dorfrichter sind, und den herzlichsten Glückwünschen trat ich am +17. +Januar+ Nachmittags die Reise zu Fuß an. Ich ging nur bis nach der +Negeri +Noloth+ auf +Saparua+ (7 Paal). + +Am folgenden Tag, +18. Januar+, fuhr ich in einem Prauh über die See +nach +Makariki+ auf der Insel Ceram (32 Meilen). Ich kam da so spät an, +daß ich die Nacht in dem Prauh zubrachte. + +Den +19. Januar+ mußte ich in Makariki bleiben. Der eingeborne +Häuptling hatte die zwanzig Leute zusammen zu suchen, die mich +begleiten sollten. Den Rest des Tages brauchten die Leute, meistens +Alforen und einige Malaien, dazu, sich für die Reise mit Lebensmitteln +zu versehen. Wir nahmen nichts als Sago-Brote, Pisangs und kleine +getrocknete Fischchen mit. + ++20. Januar.+ Morgens begann die beschwerliche und gefahrvolle Reise. +Die Leute in Makariki machten mir von den Wegen eine schauerliche +Beschreibung: sie sagten, daß ich beständig über Steingerölle, durch +Wasser, über sehr schroffe Gebirge zu gehen, die Nächte in den Wäldern +unter freiem Himmel zuzubringen hätte, und prophezeiten mir, ich würde +gewiß bald umkehren. + +Kaum waren wir eine Stunde gegangen, so begegneten wir schon einem +Hinderniß, das für mich wenigstens sehr unangenehm war: der breite, +tiefe und ziemlich reißende Fluß +Ruata+ mußte durchschwommen werden. +Wie bei Sigumpulang auf Sumatra kam ich mit Hilfe zweier Eingebornen, +die mir die Hand reichten und mich nach sich zogen, glücklich hindurch. +Diesen ersten Tag verließen wir zwar die Ebene nicht, deßhalb war +jedoch der Weg nicht minder schrecklich: er führte beständig in einem +breiten Strombette fort, das jetzt in der trocknen Jahreszeit nur von +einem schmalen, seichten Flüßchen eingenommen war. Wir hatten fast +immer großes Steingerölle zu überklettern und unzählige Mal den Fluß +nicht nur zu durchkreuzen, sondern mitunter lange Strecken in ihm zu +gehen. Gewiß ein Drittheil dieser Tagereise (18 Paal) ging durch +Wasser. Dabei litt ich viel von der Hitze, denn obwohl von Waldungen +umgeben, war das Strombett, in dessen Mitte wir uns halten mußten, zu +breit, als daß der kühlende Schatten bis zu uns hätte gelangen können. +An Aussichten war der Tag arm, da wir stets zwischen Waldungen und +Schluchten wandelten. + +Nachmittags um 4 Uhr machten wir Halt[23]. Das Nachtlager wurde +im Flußbette aufgeschlagen. Die Alforen errichteten schnell drei +Laubdächer, unter die wir uns vertheilten, und lustige Feuer, an denen +es leider nichts zu kochen gab, loderten bald empor. Der Anblick der +finstern Waldungen, deren schwarze Schatten durch den aufgehenden Mond +noch mehr herausgehoben wurden, war wohl etwas unheimlich; allein es +halten sich auf dieser Insel keine wilden Thiere auf, und vor dem +Ueberfalle eines Alforen-Stammes hatte ich keine Furcht. Ruhig legte +ich mich auf das harte Steinlager und ließ mich von dem Gemurmel des +Flusses bald in schöne Träume wiegen. + ++21. Januar+ (19 Paal). Heute hatten wir die erste Gebirgskette, ++Rothlong-Batai+, zu übersteigen; die Höhe des Uebergangs mochte 800 +bis 900 Fuß betragen. Obgleich kein Pfad durch die Waldungen führte, so +gehörte der Weg dennoch nicht zu den schlechtesten: das Untergebüsch +war dünn, man konnte sich leicht überall durchwinden, auch waren die +Berge nicht so schroff und steil wie jene von Ambon. Ich bewunderte +sehr die Ortskenntniß der Leute: sie fanden durch das Labyrinth der +Bäume den Weg so sicher, als wären wir auf einer gebahnten Straße +gegangen. + +Auf den Höhen sah man hie und da kleine Gruppen verfallener +Alforen-Hütten, die aus weiter nichts als Laubdächern bestanden, unter +welchen fußhohe Schlafstellen errichtet waren. Die Bewohner hatten da +wahrscheinlich schon allen Sago aufgezehrt und ihre Wohnsitze nach +einer neuen, fruchtbareren Gegend verlegt. + +Nachdem die Gebirgskette überstiegen war, ging es beständig in engen +Klüften, in schmalen, stein- und wasserreichen Flußbetten fort, ja +wie gestern, so häufig im Wasser selbst, daß unsere Füße gar nicht +trocken wurden. Gegen Mittag ruhten wir ein halbes Stündchen aus, um +den magern Imbiß zu verzehren. Das harte Sagobrot mußte erst einige +Minuten im Wasser erweicht werden, um es genießbar zu machen; dazu ein +Paar Pisangs (Bananen), und die Tafel war Mittags, wie Morgens oder +Abends fertig. Mein Hunger zeigte sich jedoch in Folge der gehabten +Anstrengung stets so groß, daß ich die Entbehrung besserer Gerichte +nicht im Geringsten fühlte. + +An Rehen und Wildschweinen muß diese Insel überreich sein; von +ersteren sahen wir viele, von letzteren fast nur die Spuren. Einige +meiner Leute hatten Gewehre mit; es ging aber keines los. Ich sah +bei dieser Gelegenheit, wie die Eingebornen die flüchtigsten Rehe im +schnellsten Laufe so zu erschrecken oder stutzig zu machen wußten, +daß die Thiere eine halbe Minute wie angewurzelt stehen blieben +und das Auge von ihnen nicht abzogen. Die Leute schwenkten nur ein +hochrothes Tuch und spannten es plötzlich auf. Trotz des sichern +Zielpunktes, den die Thiere der Art abgeben, mußten wir uns doch +die Lust auf einen Rehbraten vergehen lassen, da, wie gesagt, die +unglücklichen Gewehre stets versagten. Dagegen fingen meine braven +Alforen ein junges Wildschweinchen und ein Kussu (Baum- oder wilde +Katze). Ersterem liefen sie über Stock und Stein so behende und flink +nach, bis sie es ermüdeten und erhaschten. Letzteres holten sie von +einem gewiß über hundert Fuß hohen Baume herab. Es war ängstlich und +zugleich bewunderungswürdig zu sehen, mit welcher Leichtigkeit sie bis +auf die höchste Spitze des Baumes kletterten. Das Thier selbst war +nicht schwer zu erlegen: bei Tage sieht es nicht und bleibt ganz ruhig +sitzen. Sie gaben ihm einen Schlag auf den Kopf und warfen es zur Erde, +wo es gänzlich getödtet wurde. + +Gestern wie heute begegneten wir keiner Seele. Das Nachtlager wurde +abermals in einem Flußbette aufgeschlagen. Die Feuer brannten jedoch +diesen Abend nicht umsonst. Dem Wildschweinchen wurde zwar vor der Hand +das Leben geschenkt (mit diesem Braten sollte die Ankunft in Wahay +gefeiert werden); aber das Kussu wurde geopfert. Die Leute schlitzten +es auf, nahmen die Eingeweide und Gedärme heraus, wuschen es aus und +legten es über das Feuer, um den Pelz einigermaßen abzubrennen. Sie +legten dann das Eingeweide sammt den ausgewaschenen Gedärmen wieder in +das Thier, steckten es an ein Holz und brieten es. Der Braten wurde +ohne Salz verzehrt, da wir nichts dergleichen mit uns führten. Die +guten Leute brachten mir ein ganzes Schenkelchen; ich nahm ein kleines +Stück, um ihre Gabe nicht zu verschmähen und um das Fleisch zu kosten. +Es hatte einen starken Geruch; nichts desto weniger schmeckte es mir. +Die Malaien essen dieses Thier nicht: sie finden den Geruch zu stark. + ++22. Januar+ (achtzehn Paal). Heute gab es zwei Gebirgsketten zu +übersteigen. Die Höhe der ersteren, +Gorolehuway+, mochte 1500, die +der letzteren, +Hurali+, 500 Fuß betragen. Die Waldungen auf Ceram +zeichnen sich durch hohe, schlanke, ziemlich umfangreiche Bäume aus; +ich blieb häufig bewundernd stehen, um diese himmelanstrebenden +Giganten zu betrachten. Viele Stämme waren mit Schlingpflanzen und +Orchideen bedeckt; doch Blumen sah ich nicht. Dagegen fiel mir ein +Schwamm auf, wie ich nie zuvor einen gesehen. Er war nicht groß, hatte +die Form eines Fingerhutes und saß auf einem drei Zoll hohen Stängel. +Von der untern Kante hing rund herum ein zwei Finger breites, blendend +weißes Netz, das so durchbrochen war wie das feinste Spitzengewebe. Es +kam mir nie mehr ein zweites Exemplar vor. + +Von der Höhe des Gorolehuway sah man weit in das Land hinein. Der +größte Theil war sehr gebirgig, die Thäler lang, aber schmal; überall +finstere Waldung, keine Spur einer Hütte oder eines Feldes. + +Am schroffsten und gefährlichsten war der Uebergang über den Hurali. +Dieses Gebirge, das letzte, das wir zu übersteigen hatten, fiel an +manchen Stellen so senkrecht in die See, daß man kaum für den Fuß +Raum fand; wäre ich dem Schwindel unterworfen gewesen, so hätte ich +da gewiß meine Grabstätte gefunden. Auf dem Hurali sah ich das erste +Alforische Dorf; es soll das größte auf ganz Ceram sein und enthielt +an dreißig Hütten. Es schien aber wie ausgestorben: man sah und hörte +keine Seele, so daß ich glaubte, es sei verlassen. Meine Begleiter +sagten mir jedoch, daß das Dorf bewohnt und die Leute zu Hause wären; +nur seien sie so scheu und furchtsam, daß sie bei dem geringsten Laute +menschlicher Stimmen oder Fußtritte in die Hütten flöhen und die Thüren +verschlössen. Wir wurden hier von einem starken Regen überfallen und +suchten Schutz unter den Hütten, die auf Pfählen gebaut waren. Wir +klopften auch an manche Thür und riefen nach den Bewohnern. Einige +gaben uns zwar Antwort; aber keiner öffnete seine Thür. Und so war ich +über eine Stunde in einem großen Alforischen Dorfe, ohne eine Seele zu +Gesicht zu bekommen. Ich mußte die Neugierde, die Alforen kennen zu +lernen, auf die Rückreise verschieben, für die ich mir vornahm, mich +von irgend einem Rajah begleiten zu lassen, welcher Einfluß auf die +Leute hätte. + +Als wir den +Hurali+ im Rücken hatten und an die See kamen, dachte +ich, daß nun alles Böse überstanden wäre; allein dem war nicht so. Die +Berge und Hügel Ceram’s haben die Eigenthümlichkeit, daß sie meistens +ganz schroff und steil gleich Wänden gegen die See abfallen. Wir mußten +noch einen ganzen Paal in der Brandung der See selbst über Felsen, +Riffe und Klippen steigen. Die Wogen schlugen heftig an, man hatte +Mühe, sich zu erhalten, um so mehr, als Klippen und Steine vom Wasser +spiegelglatt geschliffen waren, und auf diese Weise bot uns das Ende +der Reise mehr Schwierigkeiten als der Anfang. Doch auch dieß wurde +glücklich überwunden und ein lieblicher Pfad durch kleine Wiesen führte +den letzten Paal nach der Negeri Passanea. + +Man wird es vielleicht für Großsprecherei halten, wenn ich sage, daß +mich diese Fußreise von einigen fünfzig Paal nicht im geringsten +ermüdete. Ich hatte stets so viel zu sehen, jeder Gegenstand, wenn +auch noch so klein und unbedeutend, interessirte mich so sehr, daß +ich alle Mühseligkeiten vergaß. In solchen Fällen bewunderte ich oft +selbst meine eisenfeste Natur, die mir erlaubte, ähnliche Strapazen +auszuhalten. Ich lebte nur von Sagobrot und Pisangs, schlief auf hartem +Boden und ging täglich achtzehn bis neunzehn Paal, was auf guten Wegen +wohl nichts sagen würde, auf diesen steinigen, schroffen Gebirgspfaden +aber im höchsten Grade beschwerlich war. + +Passanea ist von Malaien bewohnt. Die Malaien lassen sich an +Küstengegenden, die Alforen im Gebirge nieder. In Passanea kehrte ich +bei dem Regenten ein. + +Am folgenden Tage, +23. Januar+, fuhr ich in einem winzig kleinen Prauh +nach +Wahay+ (40 M.). Die See war ruhig, und ohne Unfall erreichte ich +Abends acht Uhr diesen Ort. + +Wahay ist die einzige Niederlassung der Holländer auf Ceram; sie haben +hier ein kleines Fort mit einer Besatzung von 30 Mann. + +Ich blieb in dem Prauh sitzen und sandte den Empfehlungsbrief, den mir +der Gouverneur Vischer für den Kommandanten, Herrn +Kern+, gegeben +hatte, an letztgenannten Herrn ab. + +Der gute Mann wollte meinem Führer gar nicht glauben, als ihm dieser +verkündete, daß +eine Frau+ die Reise nach Wahay über Land gemacht +habe; er versicherte mir später zu wiederholten Malen, daß er eher den +Einsturz des Himmels als ein solches Ereigniß erwartet hätte. + +Ich blieb sechs Tage auf Wahay, während welcher ich meine +Insekten-Sammlung sehr vermehrte; allein von den Alforen bekam ich +immer noch nichts zu sehen: sie wohnten zu weit ab von Wahay. Herr +Kern versprach mir, mich auf meiner Rückreise bis +Saway+ (nahe bei +Passanea) zu begleiten und von dort aus zwei Alforische Negeris mit mir +zu besuchen. + +Herr Kern, der bereits seit zwei Jahren auf Wahay lebte und manches von +den Sitten und Gebräuchen der Alforen gesehen und gehört hatte, machte +mir davon ungefähr folgende Schilderung, die ich so übereinstimmend +fand mit dem, was ich bei den Dayakern beobachtet hatte, daß ich die +Alforen für Abkömmlinge oder Stammverwandte der Dayaker halten möchte. + +Die Alforen sind Kopfjäger wie die Dayaker; sie schätzen einen +abgehauenen Menschenkopf höher als die kostbarste Beute. Hier muß +wirklich jeder Jüngling seiner Auserwählten als Brautgeschenk einen +Kopf oder wenigstens einen Theil eines Kopfes bringen. Gewöhnlich +ziehen fünf bis sechs Jünglinge gemeinschaftlich auf die Kopfjagd aus, +begnügen sich mit einer solchen Trophäe und theilen sie dann. Die +Hütte, in welcher sie die eroberten Köpfe aufbewahren, heißt Baileo. +Wenn der Baileo zu verfallen beginnt und ein neuer gebaut wird, bleibt +dieser ungedeckt, bis man ihn mit einem neuen Kopfe schmücken kann; +dann erst wird er gedeckt, und die Köpfe werden aus dem alten Baileo +übertragen. + +Der Alfore, welcher einzeln auf die Kopfjagd geht, verbirgt sich +gleich den Dayakern hinter Bäumen oder Gesträuchen, legt sich flach +auf die Erde, bedeckt sich ganz mit Laub und Zweigen, und harrt Tage +lang, ohne Nahrung und Trank, auf seine Beute. Er schleudert nach dem +Unglücklichen aus seinem Verstecke mit nie fehlender Geschicklichkeit +seine Lanze, deren Spitze zwar nur von Bambus, aber scharf wie Eisen +ist. Dann stürzt er von rückwärts über sein Opfer her und haut ihm +den Kopf ab. Den Körper verbirgt er höchst sorgfältig in Klüften und +abgelegenen Orten, um die Entdeckung des Mordes so viel als möglich zu +verhindern. + +Geht ein ganzer Stamm oder die Bewohnerschaft eines Dorfes auf +die Kopfjagd, so suchen sie das feindliche Dorf zu einer Zeit zu +überfallen, wenn die Männer auswärts mit Feldarbeit beschäftigt sind. +Die Alforen schätzen die Köpfe der Weiber, ja der Kinder eben so hoch, +wie die der Männer. Mit der Beute heimkehrend, kündigen sie ihr Glück +schon von fern durch gellende Pfiffe auf einer Muschel an. Die Weiber +und Kinder eilen den Siegern singend und jubelnd entgegen und führen +sie im Triumphe nach dem Baileo. Hier werden die Köpfe den Knaben und +Mädchen, die das zehnte Jahr nicht erreicht haben, überlassen; diese +saugen jeden Blutstropfen begierig aus, was ihnen nach der Eltern +Meinung Muth und Tapferkeit verleiht. Die Köpfe werden dann etwas +geröstet, von dem Fleische gereinigt und in dem Baileo aufgehangen. +Das Fleisch wird nicht gegessen, da die Alforen keine Kannibalen sind. +Die Feste dauern einige Tage; man verzehrt dabei Wildschweine, Rehe +und Kussus. Die Kinnbacken der verzehrten Thiere hängen sie ebenfalls +an den Wänden des Baileo auf. Bei solchen festlichen Gelegenheiten +erhalten die zehnjährigen Kinder ihr erstes Kleidungsstück, die +Knaben eine handbreite Leibbinde von Bast, die Mädchen ein enges, kaum +fußlanges Röckchen. Leibbinde wie Röckchen werden +Tijdaks+ genannt. + +Wenn ein Mann einen Kopf erjagt hat, darf er als Auszeichnung +sein blankes hölzernes Schild mit weißen Muscheln, sein Tijdak +mit Zeichnungen verzieren. Man könnte diese Zeichen füglich die +„+Alforischen Militärorden+“ nennen, denn sie werden gleich den +Europäischen nur nach glorreichen Thaten verliehen, wenn die Hände des +Siegers Menschenblut vergossen haben. + +Die Religion der Alforen ist mit vielen Göttern und Geistern belebt. +Einige Stämme haben Priester und eine Hütte als Tempel. Beide +dienen jedoch nicht für Gottesdienst, sondern für die Zeremonie des +Tätowirens, die an allen Kindern im zehnten Jahre vorgenommen wird. Die +Kinder werden zu diesem Zwecke mit +Sagower+ (Palmwein) berauscht, in +diesem Zustande in den Tempel gebracht und auf der Brust oder den Armen +etwas tätowirt. Wenn sie vom Schlafe erwachen, sagt man ihnen, der gute +Geist habe dieß gethan. Die Tätowirungshütte darf nur von dem Priester +und dem Rajah betreten werden. Die Stämme, die sich nicht tätowiren, +haben weder Tempel noch Priester. + +Die Alforen können mehrere Weiber nehmen und sich ohne Schwierigkeit +wieder scheiden; gewöhnlich aber begnügen sie sich mit einer Frau. +Scheidungen sollen selten vorkommen. Die Weiber werden gekauft, zwar +nicht mit Geld, denn sie haben gar keines und trachten auch nicht +darnach, aber mit Reis und Tabak. + +Sie tödten zuweilen die schwer Erkrankten, von welchen sie keine +Genesung mehr hoffen, spannen dabei die Unglücklichen gleichsam in den +Bock, indem sie ihnen die Arme durch die Knie ziehen, und lassen sie in +dieser Stellung, bis die Seele vom Körper geschieden ist. Die Todten +tragen sie entweder auf die höchsten Spitzen der Berge, am liebsten auf +hohe, steile Felsen, oder sie verbrennen sie. + +Ihre Gesetzgebung soll ziemlich weise und gut sein. Die verschiedenen +Stämme bilden eine Art Konföderation, haben einen König für die ganze +Insel und Rajah’s für jedes Dorf. Sie erweisen ihren Vorgesetzten viele +Ehrfurcht; dennoch sollen diese nur wenig Einfluß auf das Volk haben. +Im Ganzen schildert man die Alforen als ehrlich, gut, verträglich +und als gut gesittet. Sie sind die einzigen, die auf Ceram einige +Bodenkultur betreiben: sie pflanzen etwas Reis, Tabak, Ubi und Mais, +welche Artikel sie an die trägen Malaien, die beinahe nichts bauen, +gegen Kokosnüsse, Pisangs, bunte Tücher und Glasperlen vertauschen. + +Während meiner Anwesenheit zu Wahay kam die Nachricht an den +Kommandanten, daß Alforen in eines ihrer stammverwandten Dörfer +eingefallen und fünf Köpfe erobert hätten. Die Holländische Regierung +nimmt keine Notiz, wenn sich die Alforen unter einander köpfen, und +selbst sehr wenig, wenn sie über die Malaien herfallen. Sie hat auf +dieser Insel zu wenig Macht, um mit einigem Ernste auftreten zu +können. Auch mit zahlreicheren Truppen, als ihr zu Gebote stehen, +würde es schwer sein, diese Bergvölker zum Gehorsam zu bringen. +Bei der geringsten Verfolgung ziehen sie sich auf die höchsten, +unzugänglichsten Berge zurück und finden dabei überall Nahrung, da +die Sagopalme allenthalben in solchem Uebermaße gedeiht, daß ungleich +mehr verdirbt, als aufgezehrt wird. Auch an Wild fehlt es nicht auf +dieser Insel, wo es keine reißenden Thiere gibt, die dessen Vermehrung +verhindern. + +Kurze Zeit, bevor ich nach Wahay gekommen war, wurden drei Malaien von +Alforen getödtet. Man zog zwar zwei Rajahs von dem Stamme ein, welche +der Morde beschuldiget wurden; allein die Leute gestanden nichts, und +am Ende mußte man sich begnügen, sie nach ihren Gesetzen zu bestrafen. +Diese verurtheilen den schuldigen Stamm, den Verwandten der Gemordeten +zur Sühnung einige irdene Töpfe und Schüsseln, etwas Tabak und Reis zu +geben. + +Die Holländische Regierung zieht von Ceram nicht den geringsten Nutzen. +Es werden keine Gewürze gebaut, keine Abgaben bezahlt. Das Fort zu +Wahay dient bloß dazu, festen Fuß auf der Insel zu haben, und sie +derart als Holländisches Besitzthum erklären zu können. + +Am +30. Januar+ verließ ich Wahay, begleitet von Herrn Kern. Wir +waren kaum einige Stunden zur See, als sich ein so stürmischer Wind +erhob, daß wir das Land suchen mußten. Dieß war eine sehr schwierige +Aufgabe, obwohl wir längs der Küste in der Entfernung von kaum einer +Viertelmeile fuhren; überall gab es Riffe, hohe Felswände, steil +abfallende Berge. Mit vieler Mühe und Gefahr gelangten wir endlich +in eine kleine Bucht, wo wir den ganzen Tag und die halbe Nacht +zubrachten. Den folgenden Morgen fuhren wir nach +Saway+, das wir sehr +früh erreichten. Wir besuchten von hier aus zwei Alforische Dörfer, ++Massitulan+ und +Opin+, die auf niederen, aber beinahe senkrecht +aufsteigenden Hügeln nahe bei Saway liegen. + +Die Hütten der Alforen sind klein und wie jene der Malaien auf Pfählen +gebaut; die Wände bestehen aus den Rippen der Sagoblätter, die Dächer +aus den Sagoblättern. Im Innern sieht man nichts als einige Matten, +einige Töpfe und Teller, einen Parang, Bogen und Pfeile, eine Lanze +und einen hölzernen Schild (vier Fuß lang und sechs bis acht Zoll +breit). + +Die Alforen sind minder häßlich als die Malaien; ich fand mitunter +recht wohlgeformte Gesichtsbildungen. Der Körper ist schlank und +ebenmäßig; unter den Mädchen gibt es höchst zierliche Gestalten. Ihre +Hautfarbe ist sehr lichtbraun; sie haben schöne schwarze Augen, weiße +Zähne und dichtes schwarzes Haar, das nicht geschnitten wird. Die +Männer wickeln die Haare vorne zusammen in Form einer Scheibe, die sie +durch hinein gestecktes Reisstroh vergrößern. Um den Kopf winden sie +ein Tuch so geschickt und zierlich, daß die Haarscheibe gleich einer +Kokarde frei in der Höhe steht. Ein Mann, der zwei Köpfe erobert hat, +darf auch das Kopftuch mit weißen Muscheln verzieren. Doch tragen nicht +alle das Kopftuch oder die Haarscheibe; viele lassen das Haar frei +flattern, was ihnen ein etwas wildes Aussehen verleiht. Das dichte, +lange, etwas struppige Haar fällt über das Gesicht und fliegt bei jeder +Bewegung umher. So reich ihr Kopfhaar ist, so arm ist der Bart. Es +scheint nicht, daß sie wie die Malaien das Barthaar ausraufen; ich sah +im Gegentheile einige unter ihnen, die ein Schnurrbärtchen hatten und +sich viel darauf einzubilden schienen. Die Weiber haben das Haar hinten +in einen Knoten gedreht und aufgesteckt. + +Beide Geschlechter gehen beinahe im Naturzustande; nur die Mädchen +kleiden sich in das fußlange, enge Röckchen. Die Männer tragen einen +handbreiten Gürtel von Bast, die Weiber legen, wenn sie heirathen, den +Tijdak ab und gehen beinahe ohne alle Bedeckung. + +In diesen beiden Alforischen Dörfern gab es noch wenig eroberte Köpfe. +In dem einen stand ein neugebauter Baileo, der einstweilen ungedeckt +war und des zu liefernden Kopfes harrte. Der Rajah des Dorfes Opin +ist der Holländischen Regierung sehr ergeben. Er gestattet seinen +Leuten nicht, ihre Opfer unter den Malaien zu suchen, ja er wünscht +sogar, wie er sagt, das Kopfjagen ganz aufhören zu machen; doch +wurde bisher seinen Vorstellungen kein Gehör gegeben. Er erhielt +von dem Kommandanten für seine Anhänglichkeit an die Regierung +einige alte Europäische Kleidungsstücke und andere Kleinigkeiten zum +Geschenke. Da er von unserm Kommen unterrichtet war, hatte er alle +diese Kostbarkeiten an seinen Körper gehangen. Man konnte nichts +Lächerlicheres sehen. Ein altes Beinkleid reichte ihm bis an die +Knöchel; in die Weste hätte er sich zweimal wickeln können, eben +so in den Rock, an welchem die ursprüngliche Farbe kaum mehr zu +erkennen war. Auf letzteren hatte er mehrere bunte Schnüre, sowie ein +Stückchen Goldtresse als Orden geheftet. An der Seite trug er einen +alten Stoßdegen, auf dem Kopfe eine kleine, spitze Mütze mit weißen +Hahnenfedern. In diesem großen Putze erscheint er nur, wenn er mit +dem Kommandanten in Berührung kommt; sonst geht er nackt wie sein +Volk. Auch die Mädchen und Frauen, deren sich nur wenige auf vieles +Zureden des Rajah zeigten, erschienen, weil der Besuch des Kommandanten +angekündiget war, in Tücher und Kleidungsstücke eingehüllt. Ich sah sie +erst später auf Hurali, wo der Kommandant nicht bei mir war, in ihrem +Naturzustande. + +Nachmittags fuhren wir nach +Passaneo+. + ++1. Februar.+ Zu Passaneo trennten wir uns: der Kommandant fuhr zur See +nach Wahay, ich trat die Fußreise nach +Makariki+ an. Vor dem Abschiede +ersuchte ich noch den Kommandanten, mir den Regenten von Passaneo +bis Hurali mit zu senden, damit er die Alforen bewege, ihre Hütten +zu öffnen und mir Gelegenheit zu geben, dieses wilde und scheue Volk +einigermaßen zu sehen. + +Ich kam in Passaneo wieder mit meinen Alforischen Begleitern zusammen, +die daselbst auf mich gewartet hatten. Nun erst, da ich den Werth der +Muscheln und Zeichnungen verstand, sah ich, welche tüchtige Kopfjäger +es unter ihnen gab; ich zählte sechs, deren Schilde (Tijdokos) und +Kopftücher mit vielen weißen Muscheln und Zeichnungen prangten. + +Als wir zu Hurali ankamen, war richtig wieder keine Seele zu sehen; der +Regent mußte beinahe mit Gewalt die Leute aus ihren Hütten treiben. Ich +stieg in mehrere Behausungen und hoffte mehr Wohlhabenheit zu finden, +als in Massitulan und Opin, indem Hurali, wie gesagt, das bedeutendste +Alforische Dorf ist; allein die Einfachheit oder Armuth war hier wie +dort dieselbe. Die Kinder flohen vor mir, schrieen und heulten, als +kostete es ihr Leben. Auch die erwachsenen Mädchen reichten mir nur auf +wiederholte Zusprache des Regenten die Hand zum Gruße. Das Mißtrauen, +die Scheu dieser Leute rühren von ihrer Angst her: sie leben in steter +Besorgniß feindlicher Ueberfälle. + +Man führte mich in den Baileo, der an Größe gegen die ihn umgebenden +Hütten einem wahren Palaste glich: seine Länge mochte sechzig, seine +Breite vierzig Fuß betragen. Mit Schauder zählte ich hier in einer +langen Reihe 156 Schädel, die seit vielen Jahren zusammen gebracht +wurden. An den Wänden hingen zahllose Kinnbacken der Wildschweine, +Rehe u. s. w. die bei den stattgehabten Festlichkeiten verzehrt worden +waren. Der Saal enthielt nichts weiter als die Köpfe, die Kinnbacken +und die Feuerstelle, an welcher die Köpfe geröstet werden. + +In der Hütte des Rajahs hingen ebenfalls noch ein Dutzend +Menschenschädel. + +Ich wünschte sehr den Festtanz zu sehen, den die Alforen um die +eroberten Köpfe aufführen. Die Jünglinge waren auch dazu gleich bereit, +und fanden sich alsbald mit den Instrumenten ein, die aus Muscheln und +einer Trommel bestanden. Sie begannen schon auf die Trommel zu schlagen +und den Muscheln gellende Töne zu entlocken; allein die älteren Leute, +besonders der Rajah, gaben ihre Einwilligung zu dem Tanze nicht: sie +meinten, daß, wenn dieser Tanz aus Scherz aufgeführt würde, einer von +ihnen bald als Opfer fallen müsse. Ich sah daraus, daß die Alforen, wie +alle rohen und unwissenden Völker, sehr abergläubisch sind. + +Als Entschädigung zeigte mir der Rajah persönlich den Angriff eines +Feindes. Er bewaffnete sich mit Schild, Parang und Lanze; Schild und +Parang hielt er in der linken, die Lanze in der rechten Hand. Er +verbarg sich hinter einem Baum, spähte mit großer Vorsicht nach allen +Seiten, warf sich zu Boden, bedeckte sich mit Blättern und Zweigen und +legte das Ohr an die Erde. Nach kurzer Zeit richtete er sich etwas auf, +als gewahre er sein Opfer, zog sich für einen Augenblick noch mehr +zurück, warf plötzlich seine Lanze, stürzte hervor und führte mit dem +Parang einen kräftigen Streich durch die Luft. Dann bückte er sich und +raffte einen Stein auf, den er mir als eroberten Kopf überreichte. + +Ich bat den Rajah hierauf, mir die berühmtesten Kopfjäger seines +Stammes vorzustellen. Er wies auf einige Männer, die um mich herum +saßen und sagte mir, dieser habe zwei, jener drei, er selbst erst einen +Kopf erbeutet. Es gibt keine Worte, mein Erstaunen zu schildern, als +ich dieß hörte und dabei die gutmüthigen, sanften Gesichter dieser +Menschen betrachtete. Die gerühmten Helden lächelten bei der Erwähnung +ihrer Traten so wohlgefällig und bescheiden, als wäre von den edelsten +Handlungen die Rede gewesen. Freilich ist in ihren Augen das Erjagen +eines Kopfes dieselbe Heldenthat, wie in den Augen eines Europäischen +Generals eine gewonnene Schlacht, in den Augen eines Soldaten das +Niedermetzeln seiner Gegner. Im Grunde ist die Sache auch hier wie dort +dieselbe. + +Mit Herzlichkeit nahm ich Abschied von diesen sonst so harmlosen +Menschen und setzte die Reise fort. Wir hatten uns heute kaum zur Ruhe +gelagert, als wir von dem Wache stehenden Manne erweckt wurden, der +nach dem Walde wies. Dort sahen wir zu unserm Schrecken ein Licht +schimmern. Meine Leute sprangen auf und griffen zu den Waffen. Bald +erschienen ein halbes Dutzend Alforen mit brennenden Holzspänen und +erzählten uns, daß sie unfern unseres Lagers viele Alforen gesehen +hätten, die vermuthlich auf das Fällen der Sagobäume ausgegangen wären. +Sie empfahlen uns Vorsicht und gingen ihres Weges. Mein Führer, den +man mir in +Saparua+ mitgegeben hatte, und der der braveste und beste +Malaie war, der mir je vorgekommen, ließ unsere noch glimmenden Feuer +sogleich gänzlich auslöschen, beorderte an jede meiner Seiten drei Mann +als Wache, und auch die übrigen mußten sich ganz in meine Nähe legen. +Wir waren aber von der beschwerlichen Tagereise (wir hatten die beiden +Gebirgsketten überstiegen) alle so ermüdet, daß wir trotz der Gefahr +bald wieder zu schlafen begannen, wie ich glaube, die Wache nicht +ausgenommen. + +Die Rückreise betrieb mein Führer mit solcher Eile, ich weiß nicht, ob +aus Furcht oder aus einem anderen Grunde, daß wir am dritten Tage schon +um 11 Uhr Vormittags in +Makariki+ waren. Die letzten sechs bis acht +Paal machten wir auf einem anderen Wege, der durch ganze Waldungen von +Sago-Palmen führte. + +Ich ruhte in Makariki einen Tag aus, den folgenden kehrte ich nach ++Noloth+ auf +Saparua+ zurück und am + +6. +Februar+ traf ich in der Negeri Saparua selbst ein, wo ich den +Gouverneur noch fand, der mich mit freudigem Erstaunen empfing. Seine +erste Frage war: „Sind Sie denn wirklich in +Wahay+ gewesen?“ -- „Hier +ist meine Bestätigung“, erwiderte ich lächelnd und reichte ihm einen +Brief des dortigen Kommandanten. + +Zu Saparua war diesen Abend große Tafel. Der Gouverneur verließ am +folgenden Morgen die Insel und hatte zum Abschiede alle Regenten und +Schullehrer eingeladen. Diese Leute, sämmtlich Eingeborne, erschienen +in schwarzer, Europäischer Kleidung, drei unter ihnen in militärischer +Uniform: letztere waren Offiziere der Bürgermiliz. Ich bewunderte ihre +Haltung in den ihnen fremden, steifen Anzügen, so wie ihren Anstand +und ihr Benehmen bei der Tafel. Sie handhabten das Eßbesteck mit einer +Geschicklichkeit, als wären sie von Jugend auf daran gewöhnt gewesen. +Die Malaische Gesichtsform, die bräunliche Hautfarbe allein verrieth +sie; sonst hätte man meinen können, sich in Europäischer Gesellschaft +zu befinden. + +Am folgenden Morgen war schon sehr frühzeitig vieles Volk vor dem +Hause versammelt, das dem Gouverneur durch allerlei Tänze seinen Dank +für dessen Besuch der Insel bezeugen wollte. Da gab es Tänzer und +Tänzerinnen in Menge. Letztere waren voll Flitterwerk; man sah, daß +sie alles auf sich gehangen hatten, was sie zusammen bringen konnten. +Auf dem Kopfe trugen sie Kronen von Messingblech mit Fransen oder +Blumen verziert, bunte Lappen prangten als Schürzen und Schärpen. Sie +führten den schläfrigen, einförmigen Malaischen Tanz auf, dessen Ende +nie zu erleben ist. Die Tänzer sahen wo möglich noch komischer aus. +Sie trugen messingene Pickelhauben mit himmelhohen Hahnenfedern, bunte +Schärpen, kleine, runde, hölzerne Schilde, mit weißen Papierschnitzeln +beklebt und hölzerne Parangs, mit Blumen geschmückt. Der Tanz, den sie +aufführten, war etwas lebhafter und abwechselnder als jener der Mädchen. + +Die Besetzung des Forts (50 Mann) war ebenfalls aufgestellt, die +Regenten und Schullehrer umgaben den Gouverneur, und der ganze Zug +begleitete ihn unter Tanz und Musik bis an das Seegestade. Der +Gouverneur bereiste von hier noch einige andere Inseln. + +Auch ich verließ Saparua noch denselben Abend, und am folgenden Tage +begrüßte ich zu Ambon wieder die liebenswürdige Familie Roskolt. + +Ich hatte nun schon viel Gelegenheit gehabt, das Volk auf den Molukken +zu sehen. Ich fand die Malaien, aus welchen der größte Theil der +Bevölkerung bestand, hier minder häßlich als auf Java, Borneo und +Sumatra. Die Hautfarbe ist lichtbraun, der Körper wohlgeformt, wie +man ihn häufig bei Völkern findet, die ihn nicht in unnatürliche +Kleidertrachten zwingen. Sie verderben die Zähne nicht durch Feilen und +Schwärzen und kauen weniger Siri; die Weiber sah ich nirgends Tabak +rauchen. Die Hauptfarbe ihres Anzuges ist dunkelblau oder schwarz. + +Ich hatte gehört und auch gelesen, daß die Christen unter den +Eingebornen aus Ambon höchst lächerlich gekleidet seien und nichts +lieber trügen als Europäische Kleider, besonders die Männer den +Europäischen runden Hut. Ich fand dieß aber nicht so auffallend. Die +Weiber zeichnen sich vor den übrigen Malaiinnen höchstens durch längere +Kabays aus; die Männer tragen mitunter Beinkleider, aber höchst selten +eine Kappe, einen Stroh- oder Filzhut; gewöhnlich gehen sie ohne +Kopfbedeckung. -- Aber so ist der Reisende: in allen Ländern will er +Sonderbarkeiten finden. Es würde mich nicht wundern, wenn Jemand ein +unbekanntes Land durchreist, und unter Tausenden von Eingebornen zwei +bis drei mit Klumpfüßen gefunden hätte, ihn sogleich die Behauptung +aufstellen zu hören, daß in diesem Lande die Leute alle an Klumpfüßen +litten. + +Auf den Molukken sieht man bei den Eingebornen wenig Geflügel, sehr +selten Schweine und kein Hornvieh[24]; sie begnügen sich mit Sago, +rothem Pfeffer, Fischen und einigen Früchten. + +Vor kurzem wurde auf Ambon eine Sagofabrik errichtet, in welcher das +schönste weiße Sagomehl, so wie der Perlsago producirt wird. Diese +Fabrik kann jedoch nicht so billig arbeiten, wie jene aus Singapore, +obwohl der Sago hier heimisch ist, und dort eingeführt werden muß. Auf +Singapore gibt es nämlich der arbeitsamen Chinesen genug, die sich mit +einem geringen Lohne begnügen, während hier der träge Malaie nur durch +Ueberzahlung zur Arbeit bewogen werden kann. + +Am +3. März+ verließ ich Ambon, und zwar abermals auf dem Dampfer +Ambon, Kapitän Bergner. Ich ging über +Ternate+, das noch zu den +Molukken gehört, nach +Kema+ auf Celebes. Die Fahrt nach Ternate (260 +Meil.) machten wir in 54 Stunden. Wir kamen an vielen Inseln und +Eiländchen vorüber; auf manchen sah ich ganz schroffe, vollkommen +kegelförmige Berge, die mitunter gerade aus der See emporstiegen. Viele +standen frei ohne alle Verbindung, sie erinnerten mich an jene um +Sarawak. + +Die Einfahrt von Ternate ist sehr pittoresk. Die Bay erscheint von +mehreren über 5000 Fuß hohen Bergen umkränzt, darunter +Tidore+, ++Ternate+, letzterer ein Vulkan, der häufig raucht. An seinem Fuße +liegt das Städtchen Ternate. + +Die Holländer haben hier ein Fort und einen Residenten; doch ist diese +Insel gleich +Ceram+ für die Holländische Regierung nur ein Lastposten, +den sie aus politischen Rücksichten beibehält. + +Es residirt hier ein Sultan, welchem sie bisher sein ganzes Land +gelassen hat, und dem sie überdieß noch eine jährliche Pension von +10,800 Rupien gibt. + +Wir blieben auf Ternate ein und einen halben Tag, die ich höchst +angenehm in dem Hause des Residenten, Herrn +Goldmann+, zubrachte. + +Abends machten wir dem Sultan von Ternate einen Besuch. Er sandte, um +uns abzuholen, einen bequemen Europäischen Wagen, den er einst von dem +König von Holland zum Geschenke erhalten hatte. Da es aber auf der +Insel Ternate keine Pferde gibt, woran man in Holland nicht gedacht +hatte, mußten, wenn man den Wagen gebrauchen wollte, an die Stelle +der Pferde Menschen gespannt werden. Zu meinem Erstaunen sah ich auch +wirklich das Fuhrwerk vor das Haus rollen, von mehr als zwanzig Dienern +oder Unterthanen des Sultans gezogen und geschoben. Wir saßen ein +und fuhren so rasch, daß uns der Abgang der vierbeinigen Laufer kaum +bemerkbar wurde. + +Das Haus des Sultans war von Stein in Europäischem Style ausgeführt, +der Sultan Europäisch gekleidet, mit Ausnahme des Turbans auf seinem +Kopfe. Er empfing uns unten an der Treppe, bot mir den Arm und +geleitete mich mit vielem Anstande in den Empfangssaal; hier mußte +ich mich von ihm trennen, da ich als Frau nicht an seiner Seite Platz +nehmen durfte. Es empfingen mich seine Töchter (die Sultanin ließ sich +krank melden), und führten mich an das eine Ende des Saales. Die Herren +saßen uns gegenüber an dem anderen Ende. Nachdem Thee und Backwerk +gereicht worden war, führte man uns zu Ehren zwei Tänze auf, den Menaré +und den Tjakalele. + +Der Menaré wurde von zwölf hübsch gekleideten Mädchen getanzt. Sie +hatten hochrote seidene Blousen an, um den Hals einen sehr breiten +weißen Kragen, nebstdem noch rothe und grüne Schürzen und Schärpen. Um +die Taille trugen sie einen breiten Goldblech-Gürtel, vom Halse bis an +die Brust ein Goldblech, und von demselben Metalle Armbänder, auf dem +Kopfe einen schmalen Reif mit vielen Spitzen und Zacken. Nach hinten +hing noch ein Goldblech über die Haare, die mit Blumen geschmückt +waren; in dem Gürtel hatten sie Fächer stecken. Der Tanz war für +Malaiinnen ziemlich bewegt. Sie machten Figuren wie bei der Quadrille +und bedienten sich hiezu sogar ihrer Schärpen und Fächer. Alles +geschah jedoch mit gesenkten Augen ohne Grazie, und unter Begleitung +kreischender Gesänge. Die Musik bestand aus zwei Tamburinen und einer +Pfeife, die Musiker waren Weiber. + +Der +Tjakalele+ rührt noch, mit einigen Abänderungen, aus den Zeiten +der Portugiesen her. Dieser Tanz, von einem Vortänzer und zehn Tänzern +ausgeführt, ist so hübsch, daß man ihn einem civilisirten Ballettanze +vergleichen könnte. Der Anzug der Tänzer bestand aus orangegelben +Beinkleidern und Kaftanen, letztere auf vier Seiten aufgeschlitzt, +aus bunten Binden und Schärpen und dreieckigen Filzhüten mit weißen +Federbüschen. Jeder Tänzer hielt ein hölzernes Schwert in der Hand und +hatte an jedem Arme ein buntes seidenes Tuch befestigt. Der Vortänzer +trug statt eines orangegelben Kaftans einen hochrothen, statt einer +Schärpe zwei, auf dem Hute zwei Federbüsche und an jedem Arme zwei +Tücher. Die Tänzer machten sehr künstliche, verwickelte Figuren und +Gruppen; sie stampften zeitweise mit den Füßen auf den Boden und +schlugen mit den Schwertern wie bei einem Gefechte aneinander. Auch +begleiteten sie den Tanz mit kurzen Gesängen, die etwas weniges +besser klangen als jene der Mädchen. Zum Schluß bildeten sie mit den +Schwertern eine Art Tragbahre, auf welche der Vortänzer sprang, und +trugen diesen im Triumphe von der Scene. Die Musik bestand aus zwei +Violinen und einer Pfeife und wurde von Männern gespielt. + +Die Unterwürfigkeit ist an diesem Hofe nicht so groß wie zu Surakarta. +Die Leute fingen erst an, auf den Knien zu rutschen, wenn sie dem +Sultan schon ganz nahe waren. Den Sultan fand ich nicht von Weibern, +sondern von Männern umgeben, die hinter ihm aufrecht standen. + +Beim Abschiede begleiteten mich die Töchter des Sultans bis an den +Ausgang des Saales; hier bot mir der Sultan wieder den Arm und +geleitete mich bis an den Wagen. + +Ich sah mit Erstaunen die Straßen beleuchtet, obwohl ich im Hinfahren +den Luxus von Laternen nicht bemerkt hatte. Als wir bei dem ersten +Lichte vorüber fuhren, löste sich das Räthsel -- die Laternen waren +gleich den Pferden von Menschen vertreten, die an beiden Seiten der +Straße mit Fackeln standen. + +Die Eingeborenen von Ternate leben noch viel von Sago; doch wird +auch Reis und Mais gebaut. Das Land ist fruchtbar, aber noch wenig +kultivirt. Daß an dergleichen Orten die Lebensmittel, an welche wir +Europäer gewöhnt sind, übertrieben viel kosten, versteht sich von +selbst, da wenig oder nichts gepflanzt wird und sich selten jemand +mit Aufziehung von Geflügel, Schweinen oder Hornvieh beschäftigt. So +bezahlt man hier z. B. für ein Pfund Rindfleisch sechzig Deut, für eine +Flasche Milch vierzig. Der Lohn der Dienerschaft ist ebenfalls sehr +hoch; man muß die Leute meistens von Java kommen lassen. + +Am +7. März+ Abends verließen wir Ternate und am folgenden Morgen lagen +wir vor +Kema+ (94 Meilen) auf Celebes. + + + [19] Als ich später nach Java zurückkam, las ich in den Zeitungen, + daß in Folge dieses Erdbebens die Hälfte der Molukken zerstört + worden sei. Welche Uebertreibung! + + [20] Der Nanarinen-Baum gehört zum Geschlecht der Kanarien-Bäume; er + trägt eine sehr fette Mandel, aus welcher Oel gepreßt wird, das + viel feiner als Kokos-Oel ist und auch zum Kochen verwendet wird. + + [21] Bei dieser Gelegenheit muß ich bemerken, daß unter diesem + Gouverneur-General auch die Abgaben aufgehoben wurden, welche + die Kleinverkäufer auf allen Holländisch-Indischen Besitzungen + von den Lebensmitteln bezahlen mußten, die sie zu Markte + brachten. Dieses Gesetz war um so drückender, als der Bazarpacht + meistens in den Händen der Chinesen war, die unglaublich + geldgierig und hartherzig sind und das Volk schrecklich quälten, + ja nicht selten betrogen. + + [22] Jede Pflanzung, jeder Garten wird auf Ambon „Duson“ genannt. + + [23] In Gegenden, die nahe am Aequator liegen, muß man frühzeitig + Halt machen, da die Sonne um 6 Uhr untergeht und die Dunkelheit + plötzlich ohne vorhergehende Dämmerung eintritt. + + [24] Es giebt Hornvieh; dasselbe wird aber nur von den Holländern + gehalten. + + + + +Elftes Kapitel. + + Celebes. -- Menado. -- Reise nach den Oberlanden. -- Die + Holländischen Missionäre. -- Makassar. -- Reise in das Innere von + Celebes. -- Maros. -- Eine Regentenwahl. -- Tanette. -- Baru. -- Fest + der Zahnfeilung. -- Pare-pare. -- Der gelehrte Malaische König. + + +Celebes ist eine große Insel, die sich ungefähr von dem zweiten +Breitengrade, nördlich des Aequators, bis zu dem sechsten Grade südlich +von demselben erstreckt und durch tiefe Einschnitte des Meeres in vier +Halbinseln getheilt wird. + +Kema liegt auf der nordöstlichen Spitze in der Residentschaft ++Menehassa+. Der Sitz des Residenten ist zu +Menado+ (zwanzig Paal). In +dem Ostmonsun gehen die Schiffe vor Menado, in dem Westmonsun vor Kema +vor Anker[25]. + +Kema ist ein ganz unbedeutendes Oertchen; ich fand hier nur einen +Beamten und einen Missionär, den ersten, welchem ich in den +Holländischen Besitzungen begegnete. Der Missionär, Herr +Hardig+, ein +Deutscher, lud mich sogleich in sein Haus ein. Ich blieb daselbst zwei +Tage und ritt dann ganz allein nach Menado. Der Weg führt durch schöne, +breite Thäler, die mit Reis, Kaffee und Mais bepflanzt sind. Hübsche +Berge erheben sich auf beiden Seiten, unter welchen der +Klabat+, die +beiden Brüder an 5000 Fuß hoch sind. Obwohl auch hier die Sagopalme +noch wild gedeiht, arbeiten die Leute doch bei weitem mehr als auf den +Molukken. Sie nähren sich hauptsächlich von Reis und Mais. Mit dem +Kaffeebaue haben sie mehr zu thun, als irgendwo: jedes Familienhaupt +muß 500 Bäume pflanzen und erhalten. Sie erhalten zwar für den Pikul +Kaffee zehn Kupfergulden, müssen aber davon an die Regenten und +Aufseher 1 Gulden 25 Deut abgeben. Jeder Eingeborne muß außerdem für +seine Hütte der Regierung jährlich sechs, dem Regenten zwei Gulden +bezahlen und an den Weg-, Brücken- und andern Bauten unentgeldlich +arbeiten. Es scheint, daß die Leute hier von der Holländischen +Regierung etwas stiefmütterlich behandelt werden. + +Für Menado hatte ich eine Einladung vom Residenten Herrn +Andriesen+. + +Da ich von Menehassa, das seiner schönen Natur wegen sehr gerühmt +wird, etwas sehen wollte, unternahm ich eine kleine Reise nach den +Oberlanden (2300 Fuß hoch gelegen) und dem See +Tondano+. + +Am +14. März+ ritt ich in Gesellschaft des Missionärs, Herrn ++Schwarz+ (eines Deutschen), über +Lotho+, +Tomohan+ und +Lahendon+ +nach +Sonder+ (23 Paal). Bei Lotho fängt die Steigung des Weges an; +man hat einige wunderbar schöne Aussichten über Land und Meer. Der +schönste Punkt aber ist auf der Höhe von Lahendon. Zu Füßen liegt ein +großes, fruchtbares Thal, von schönen Bergen umsäumt, darunter der ++Saputan+ oder +Frauenberg+, der +Lokon+ mit 5000 Fuß Höhe. Bepflanzte +Hügel, Waldungen, Boskette mit reichen Mais- und Reisfeldern, große, +nette Dörfer erscheinen überall dazwischen, und das freundliche +Lahendoner-Seelein schimmert gleich einem Diamanten aus der grünen +Einfassung. + +Zu Tomohan blieben wir bei dem Missionär Herrn +Wilken+, ebenfalls +einem Deutschen, über Mittag. Nach Tische machten wir den kurzen +Umweg von einer Meile, um an den kleinen See zu kommen, der ungefähr +einen Paal im Durchmesser haben mag. Jenseits des Sees liegen einige +Schlammquellen. Ich ließ mich in einem ausgehöhlten Baumstamme +übersetzen; allein es war nichts als vertrockneter Schlamm zu sehen; +nicht das geringste Dampfwölkchen verkündete einiges Leben. Bei +Regenwetter sollen die Quellen noch etwas wirksam sein, aber lange +nicht mehr so stark als vor zehn Jahren. Zu jener Zeit bezahlte ein +Italienischer Graf den Besuch der Quellen mit seinem Leben. Er wagte +sich, ungeachtet der Warnungen seines Führers, zu nahe, sank bis an die +Schenkel in den kochenden Schlamm und starb nach einigen Monaten an den +Brandwunden. + +Außer diesen Schlammquellen ist noch eine kleine heiße Schwefelquelle +nahe an dem See zu sehen. + +Zu Sonder blieb ich bei dem Missionär Herrn +Graafland+. Herr Schwarz +ritt noch elf Paal weiter nach +Langowang+, wo er wohnte. + ++15. März.+ Herr Graafland begleitete mich bis Langowang. Ungefähr +zwei Paal vor diesem Orte, einige hundert Schritte vom Wege ab, liegen +ebenfalls Schlammquellen. Es haben sich mehrere Becken gebildet, +von welchen das größte vielleicht zwanzig Fuß im Durchmesser ist. +Hier brodelt der Schlamm noch etwas auf. Nahe bei Langowang liegen +auch einige, beinahe kochend heiße Schwefelquellen. Das Wasser ist +krystallhell -- man kann tief hinab in die Felsbecken schauen. Der +Geruch nach Schwefel ist viel stärker als der Geschmack. Die Leute, +die in der Nähe dieser Quellen wohnen, bedienen sich des Wassers zum +Trinken und Kochen. Sie sagen, daß wer daran nicht gewöhnt sei, +anfangs nach dem Genuß häufig Leibschmerzen bekomme. + +In Langowang stieg ich bei dem guten und biedern Herrn Schwarz ab und +hielt in seinem Hause einen Ruhetag. + +Am +17. März+ ritt ich nach +Romboken+ (acht Paal), an dem schönen See +Tondano gelegen, der neun Paal lang und vier breit ist. Dieser See, ein +einstiger Krater, erhält seinen Wasserreichthum durch dreißig kleine +Flüsse; außerdem hat er selbst in seiner Mitte eine Quelle, an einer +Stelle, wo man mit dem Senkblei keinen Grund gefunden haben soll. Er +ist von lieblichen Bergen und Hügeln eingefaßt, die in immerwährendem +Grün prangen. + +Aus Romboken erwartete mich der Missionär Herr +Noe+ mit einem Boote, +um mich nach Tondano (vier Paal), seinem Wohnsitze, zu führen. Unter +Weges überfiel uns ein echt tropischer Regenguß, begleitet von einem +sehr kühlen Winde; es erfaßte mich ein heftiger Frost, und das böse +Sumatra-Fieber stellte sich zum siebenten Male ein (ich hatte es +auch auf Ambon). Mit großer Sehnsucht sah ich der Ankunft zu Tondano +entgegen und eilte von dem Boote sogleich in das Bett. Gegen Abend war +der Anfall vorüber, und ich besuchte noch Herrn +Riedl+, ebenfalls +einen Deutschen Missionär. + +Da ich das dreitägige Fieber hatte, konnte ich am folgenden Morgen +ruhig einen Spaziergang nach dem zwei Paal entfernten Wasserfall von +Tondano machen. Die Umgebung ist wild romantisch; der Fluß stürzt sich +über eine achtzig Fuß hohe Felswand in einen Kessel, der von allen +Seiten senkrecht abfällt und unzugänglich ist. Man kann diesen Fall nur +von oben besehen, wo eine offene Hütte für die Neugierigen errichtet +ist. Ein zweiter Fall ist weniger bedeutend. Ungefähr hundert Fuß von +letzterem führt ein Brückchen über den Fluß, von welchem man beide +Fälle überblickt. Der Fluß ist zwischen einige Felswände eingeengt, +in welche die Kraft des stark abfallenden Wassers große Oeffnungen +gebrochen hat, und durch diese stürzt er sich wie durch Schleußen fort. + +Nachmittags durchschiffte ich den See in seiner ganzen Länge bis ++Kakas+, von wo ich nach Langowang zu Fuß ging. Hier nahm mich wieder +Herr Schwarz auf. + +Mit dieser Parthie schloß sich meine Reise in der Residentschaft +Menehassa. Ich wäre noch weiter gekommen, wenn das Fieber nicht +wiederholt aufgetreten wäre. Alles was ich von diesem Lande sah, gefiel +mir unendlich. Es ist reich an Naturschönheiten, hat ein gemäßigtes +Klima und trefflichen Grund und Boden. Die Dorfschaften sind schön +und reinlich, die Häuser auf Pfähle gebaut, geräumig und so gut in +Stand gehalten, wie ich noch in keinem dieser Länder gesehen hatte. +Obwohl nur aus Holz oder von den Rippen der Sagoblätter, sehen viele +Häuser der Eingebornen, ihrer Größe und Sauberkeit wegen, wie Wohnungen +von Europäern aus. Es gibt Dorfschaften von 2 bis 3000 Seelen; die +Häuser stehen in Reihen, sind aber durch Bäume und Hecken von einander +geschieden. Die schönsten lebendigen Zäune von gefüllten Rosen laufen +längs den Häuserreihen hin. Sehr gute, breite Wege durchschneiden +Menehassa in allen Richtungen. In siebzehn Ortschaften sind sogenannte +„Loger-Häuser“ für den Residenten gebaut, der häufig im Lande herum +reisen muß, um nach den Kaffee-Pflanzungen zu sehen. + +Die Eingebornen sind theils Christen, theils Heiden. Man nennt sie +Alforen; ich fand aber wenig Aehnlichkeit zwischen ihnen und den +Alforen auf Ceram. Auch sind sie keine Kopfjäger. Sie sind etwas minder +häßlich als die Malaien und lassen ihre Zähne weiß und ungefeilt. +Betel wird zwar überall gekaut, doch ziemlich mäßig. Die Kleidung der +Christen ist wie jene der Christen auf den Molukken. Die Nichtchristen +bekleiden sich weniger, immerhin aber mehr als ihre Namensverwandten +auf Ceram. Den Charakter des Volkes hörte ich allgemein loben; man +rühmt die Alforen als ehrliche, treue Menschen; ihre Sitten sind rein +und unverdorben und sie arbeiten mit gutem Willen für die Regierung. + ++Menehassa+ hat eine Bevölkerung von 110,000 Seelen, von welcher +seit ungefähr zwanzig Jahren ein Drittheil zur christlichen Religion +übergegangen ist. Schon zu den Zeiten der Portugiesen soll es viele +Christen unter ihnen gegeben haben, die aber später aus Mangel an +Priestern und Lehrern wieder in das Heidenthum zurückfielen. Im Jahre +1831 wurden die ersten Missionäre, die Herren +Schwarz+ und +Riedl+, +von der Holländischen Missionsgesellschaft nach Menehassa gesandt. Herr +Schwarz allein hat in den zweiundzwanzig Jahren seines hiesigen Wirkens +9000 Menschen getauft. + +Das Leben und Wirken der Missionäre, wie ich es hier sah, befriedigte +mich ungleich mehr als jenes der Amerikanischen und Englischen +Missionäre in Indien, China und Persien. Der Missionär setzt sich hier +an einem Orte fest und reist nicht bald 100, bald 200 Meilen hier und +dort hin, um Leuten zu predigen, die keinen Vorunterricht genossen +haben und daher von seinen langen Reden so viel wie nichts verstehen. +Hat sich sein Wirkungskreis so weit ausgedehnt, daß er seinen Gemeinden +nicht mehr genügen kann, so ersucht er die Missionsgesellschaft um +einen neuen Mitarbeiter, und so geht die Sache Schritt vor Schritt +vorwärts. + +Die Herren Schwarz und Riedl haben die Arbeiten hier begonnen; jetzt +ist die Zahl der Missionäre schon auf zehn gestiegen, und auch diese +reichen nicht mehr aus. + +Die Holländischen Missionäre beziehen von ihrer Gesellschaft einen +sehr mäßigen Gehalt: sie führen einen sehr bescheidenen Haushalt und +leben nicht in Pracht und Luxus wie die vornehmen Amerikanischen +und Englischen Missionäre. Die Folge davon ist, daß sich das Volk +mit Vertrauen dem Geistlichen und Lehrer nähert, den keine so hohe +Scheidewand von ihm trennt. In die Zeit, die ich bei Herrn Schwarz +zubrachte, fiel auch ein Sonntag. Ich sah da Nachmittags nach dem +Gottesdienste viele Eingeborne zu Besuch kommen und sich stundenlang so +herzlich und ohne Zwang mit der Familie unterhalten, als gehörten sie +dazu. + +Jeder Missionär hält vier bis acht Jünglinge und eben so viele +Mädchen in seinem Hause. Die Jünglinge bildet er zu Schullehrern; die +Mädchen werden in allen nützlichen häuslichen Arbeiten unterrichtet, +die feinen, für das gewöhnliche Leben unnützen, wie Sticken, +Schlingen u. s. w. ausgenommen. Diese jungen Leute leben beständig in +Gemeinschaft mit der Familie, sie sind fast wie Kinder des Hauses zu +betrachten; doch wird auch andererseits wieder Sorge dafür getragen, +daß sie nicht durch zu hohen Unterricht oder durch eine zu bequeme +Lebensweise aus ihrer Sphäre gerissen werden. + +Die Missionäre haben hier nicht jede Woche ein bis zwei Meetings +(Zusammenkünfte), sondern nur zwei im ganzen Jahre, und zu diesen +kommen weder die Frauen, Kinder, noch der ganze Hausstand mit. Die +Herren vereinigen sich auf zwei bis drei Tage, und jeder reitet dann +wieder heim. Sie finden es hier auch nicht unter ihrer Würde, sich mit +eingebornen, wohlerzogenen Mädchen zu verheirathen. Frau Schwarz war +nicht so glücklich, von Europäischen Eltern abzustammen; sie stand +aber ihrem Berufe eben so gut, wo nicht besser vor, als die meisten +Europäischen Missionärs-Frauen, denn weder sie noch ihre Kinder hatten +Klimawechsel, Reisen nach Europa u. s. w. nöthig. Was kostet dem +Englischen und Amerikanischen Missionsfond nicht das beständige Reisen +der Missionärs-Frauen und Kinder?! + +Die Frauen der Missionäre sah ich die Kranken besuchen, die +abscheulichsten Wunden und Geschwüre verbinden. Hier bekam ich mehr +Achtung vor den Missionären, als ich bisher gehabt hatte, hier ward es +mir begreiflich, daß sie des Guten unendlich viel wirken können, wenn +sie diesen Stand aus wahrem, innerem Berufe ergriffen, und nicht, wie +es leider oft der Fall ist, aus der eigennützigen Absicht, sich eine +leichte Existenz, ein reichliches Auskommen zu verschaffen. + +Die Regierung scheint auf Menehassa leider wenig Antheil an dem +Volksunterricht zu nehmen. Die Schullehrer, die ihre geringen Gehalte +(per Monat vier bis sieben Rupien, nur die beiden ersten Lehrer +erhalten zehn) von dem Missionsfonde beziehen, sind nicht einmal +von der Hüttensteuer ausgenommen, die sie an die Regierung und ihre +eingebornen Regenten bezahlen müssen. + +Ich brachte fünf Tage bei der lieben, biedern Familie Schwarz zu; am +23. März trat ich den Rückweg nach Menado an. Herr Schwarz begleitete +mich zehn Paal weit; dann nahmen wir so innig wehmüthigen Abschied, als +wären wir jahrelange Freunde gewesen. + +Ueber Mittag blieb ich bei Herrn Wilken, der mich schon früher in sein +Haus eingeladen hatte; Abends erreichte ich Menado (34 Paal). + +In Menado hielt ich mich dießmal größtentheils bei dem Missionär Herrn ++Linemann+ auf, der ebenfalls ein Deutscher ist. Ich sollte mit ihm +die noch übrigen Stationen besuchen. Wir waren schon reisefertig, +als es verlautete, daß der Dampfer für Makassar noch diesen Monat +kommen würde. Ich mußte in Menado bleiben und den Ausflug, von dem +ich mir viel Vergnügen versprach, aufgeben, was ich später um so mehr +bedauerte, als ein Tag nach dem andern verging und der Dampfer nicht +anlangte. + +Erst am 9. April berichtete man seine Ankunft; am 8. Abends ritt ich +nach Kema, und am folgenden Morgen ging ich an Bord. + +Die Reise nach Makassar (600 Meil.) machten wir in drei Tagen. + +Ich hatte schon früher gehört, daß Dr. Schmitz nach Makassar als +Direktor des Hospitales versetzt worden und daselbst mit seiner +Gemahlin bereits angelangt sei. Ich wußte, man werde mich da mit +offenen Armen aufnehmen und eilte bei meiner Ankunft sogleich in sein +Haus. + +Da ich Makassar bereits gesehen hatte, blieb ich daselbst nur einige +Tage; ich war begierig, eine Reise in das Innere von Celebes zu +unternehmen. + +Der von den Holländern unabhängige Theil dieser Insel ist in drei große +Reiche, +Bonni+, +Goa+ und +Sidenring+ getheilt, welche wieder in viele +kleine Staaten zerfallen, deren Könige oder Rajah’s den Regenten der +großen Reiche unterworfen sind. Die Sultane oder Könige dieser drei +Reiche sind Bundesgenossen der Holländer; sie dulden aber weder Forts +noch Residenten in ihren Ländern und haben bisher ihre vollkommene +Unabhängigkeit zu bewahren gewußt. Ich wollte diese Reiche, so wie +auch den Bergdistrikt +Duri+ besuchen, dessen wilde Bewohner in Höhlen +wohnen und noch auf einer sehr tiefen Stufe der Zivilisation stehen +sollen. Ich ersuchte den Gouverneur, Herrn +Bick+, um die Erlaubniß +zu dieser Reise, denn ohne dessen Bewilligung darf man weder in den +Besitzungen der Holländer auf Celebes noch zu deren Bundesgenossen +reisen. Der Gouverneur war sogleich bereit, mir die Erlaubniß für Goa +und Sidenring zu geben. Bonni schloß er aus, da die Regierung jetzt +eben nicht am besten mit diesem Sultan stand, welcher der mächtigste +von den Dreien ist und, wie man mir sagte, in kurzer Zeit eine Macht +von 40,000 tüchtigen Streitern zusammenbringen kann. + +Mit Briefen vom Gouverneur an verschiedene Könige und Rajah’s versehen, +trat ich in Begleitung eines Sendlings (Dragomans) und eines Kulis am +17. April die Reise zu Pferde an. Ich ritt bis +Maros+ (17 Paal), dem +Sitze eines Assistent-Residenten. Maros und Makassar liegen auf einer +und derselben Ebene, die mit unübersehbaren Reisfeldern überdeckt ist. +Ich war über diese große Kultur um so mehr erstaunt, als ich nur wenige +Ortschaften sah und das Pflanzen des Reises, besonders aber die Ernte, +vieler Menschenhände bedarf, denn auch hier, wie auf Java, wird jede +Aehre einzeln abgeschnitten. + +In dieser Ebene gab es weder gebahnte Wege noch Brücken; die Flüsse +Tello und Maros mußten wir in Booten übersetzen; die Pferde schwammen +hindurch. + +Auf Maros stieg ich bei dem Assistent-Residenten Grafen Bentheim ab. +Dieser Herr wohnte in einem sehr schönen Gebäude, dessen Architekt +und Baumeister er selbst war, und das an Schönheit die Residenzen der +Gouverneure von Makassar und Ambon bei weitem übertrifft. Es ist von +massiven Steinen aufgeführt, hat einen artigen Säulengang und große, +hohe Gemächer. + +Ich wollte auf Maros nur einen Tag bleiben; allein anhaltende Regen +hielten mich sechs Tage zurück. Welch ein Glück, daß mich dieß Wetter +nicht bei irgend einem Malaischen oder Buginesischen Könige oder Rajah +traf! Hier in der Mitte einer so überaus liebenswürdigen Familie, +wie die des Grafen, war das schlechte Wetter leicht zu ertragen, und +beinahe mit Bedauern sah ich die Sonne wieder erglänzen und mich an die +Fortsetzung meiner Wanderungen mahnen. + +Während meines Aufenthaltes zu Maros besuchte ich die drei Paal +entfernt gelegene Grotte +Bulu Sepong+. Der Fels, in welchem sich diese +Grotte befindet, steht ganz vereinzelt, wie vom Himmel gefallen, in +der schönen Ebene. Er mag achtzig Fuß hoch sein und dreihundert Fuß im +Umfange haben. Als die Engländer das Land in Besitz hatten, benützten +sie ihn als Festung. Die Grotte war die Kaserne, auf der Spitze standen +die Kanonen. Die Grotte ist niedlich, von der Decke senken sich viele +Zacken und einige unregelmäßige Säulen von Stalaktit herab. Jetzt ist +sie der Tummelplatz von Fledermäusen und allerlei Nachtvögeln. + +Auch einer Regentenwahl wohnte ich in dem Hause des Grafen bei. Einer +der Rajah’s wünschte von der Regierung wie von seinem Volke die +Zusicherung zu erhalten, daß nach seinem Ableben sein Titel auf seinen +Sohn übergehen möge; er wollte letzteren deßhalb noch bei Lebzeiten +für seinen Nachfolger erklären lassen. Die Regenten und Aeltesten des +Volkes von dem ganzen Bezirke versammelten sich zu diesem Zwecke in +dem Hause des Grafen. Jeder wurde einzeln und abgesondert um seine +Meinung und Stimme befragt. Alle stimmten zu Gunsten des Sohnes. Dieser +saß während der Verhandlung bei Seite und wurde, als die Stimmen +gesammelt waren, herbeigerufen, worauf man ihm den glücklichen Erfolg +verkündete. Er zog seinen Kries und legte den Eid der Treue ab. + +Das Volk ist hier nicht sehr von der Regierung geplagt; es hat nur +den zehnten Theil der Ernte in Geldeswerth zu entrichten und weder +an Straßen-, noch Brücken- oder Häuserbauten zu arbeiten. Kaffee-, +Zucker- und Gewürzpflanzungen sind frei, und daher sieht man von diesen +Produkten auch nichts. Reis ist das einzige Bedürfniß der Eingeborenen +und in Folge dessen pflanzen sie nichts anderes, da sie ihre +Bequemlichkeit dem Verdienste oder Gewinne vorziehen. Damit wäre ein +Beweis geliefert, daß, wenn die Regierung ihr Monopol-System aufgäbe +und die Leute nicht zu der Arbeit zwänge, nicht, wie manche behaupten, +mehr gepflanzt und zu billigeren Preisen erzeugt würde, sondern im +Gegentheile auf allen Inseln, Java nicht ausgenommen, die meisten +Pflanzungen nur zu bald eingehen dürften. + +Was überhaupt über das Monopol-System so wie über die Regierungsweise +der Holländer Gutes oder Böses zu sagen ist, wage ich als schlichte +Frau mit meinen ungenügenden Kenntnissen nicht zu beurtheilen. Meiner +Meinung nach ist jede Art Zwang eine Ungerechtigkeit, die nirgends +statt haben sollte. Wo ist aber eine Regierung in der Welt, die Zwang +nicht anwendet, wenn es in ihrer Macht steht? Ich möchte glauben, +daß bisher noch keine Regierung ein Land in der menschenfreundlichen +Absicht in Besitz genommen hat, das Volk zu beglücken -- die einzige +Frage war und ist stets: „Welchen Nutzen kann man aus dem Lande, aus +seinen Bewohnern ziehen?“ England sucht aus seinen überseeischen +Besitzungen so viel als möglich zu erpressen, die Spanier, Franzosen +u. s. w. eben so, und natürlich machen die Holländer von der +allgemeinen Regel keine Ausnahme. + +Warum man aber gerade von der harten Regierung der Holländer in Indien +so viel spricht, weiß ich wahrlich nicht zu erklären. Ich fand sie +minder hart als in gar manchen andern Ländern. In Brittisch-Indien +z. B. wird jeder Fruchtbaum einzeln besteuert, das Pachtsystem ist +dort für den Kleinpächter ungemein drückend. Freilich haben auch auf +den Holländisch-Indischen Besitzungen die Eingeborenen mitunter viel +zu leiden; doch bestehen ihre Leistungen meistens in Handarbeit, was +weniger drückend ist, als wenn sie in Zahlungen beständen. Auch muß +man andererseits zugeben, daß besonders in neuerer Zeit viel für die +Verbesserung ihrer Lage gethan wird. In vielen Provinzen hat der +Bauer Eigenthumsrecht; er kann seine Hütte, seinen Grund verkaufen. +In anderen wird der Boden patriarchalisch bearbeitet und die Ernte +getheilt. In Gegenden, wo weder Kaffee, Zucker, Thee noch Gewürze +gebaut werden können, oder wo diese Produkte nicht Monopol sind, muß +gewöhnlich der fünfte Theil der Ernte, in einigen Distrikten auch nur +der zehnte Theil in Geldeswerth an die Regierung geliefert werden. In +jenen Gegenden, in welchen das erwähnte Monopol besteht, hat der Bauer +für sein eigenes Besitzthum äußerst geringe, meistens gar keine Abgaben +zu entrichten, muß aber dafür in den der Regierung gehörigen oder von +ihr verpachteten Pflanzungen arbeiten und erhält eine Vergütung. + +Die härtesten Lasten sind für die Eingeborenen die Arbeiten in den +Kaffeegärten und die Bauten der Straßen, Brücken, Magazine, Gebäude +der Beamten u. s. w. Bei ersteren müssen die Leute oft zwei bis drei +Monate im Jahre, mitunter fünfzehn bis zwanzig Paal von ihren Wohnungen +entfernt bleiben. Die Regierung bezahlt ihnen dagegen für jeden Pikul +gelieferten Kaffee eine bestimmte Summe. Die verschiedenen Arbeiten an +den Bauten aber mußten bisher ganz unentgeldlich geleistet werden; nur +die Werkführer, wie Maurer-, Zimmer- und Schlossermeister, erhalten für +den Tag eine angemessene Bezahlung. Wie ich schon früher erwähnt habe, +ist das Trachten des jetzigen Gouverneur-Generals dahin gerichtet, +einen genügenden Tagelohn für alle der Regierung zu leistenden Dienste +aufzustellen, und es soll diese wohlthätige Maßregel bei meiner +Abreise der Ausführung schon ganz nahe gewesen sein. + +Die Bürger sind von jeder Last befreit: sie haben keine Frohndienste zu +leisten und nichts als jährlich für Grund und Boden eine kleine Summe +zu entrichten. Jeder Bauer kann Bürger werden, sobald er zwölf Jahre +Militärdienste leistet. Gerade über die Bürger hört man die meisten +Klagen: sie sind außerordentlich träge und in einigen Distrikten, +besonders auf Ambon, dem Kartenspiele sehr ergeben. + +Die Sclaven sind auf den Holländischen Besitzungen gut gehalten: +sie können ihre Herren verklagen und werden von der Regierung sehr +in Schutz genommen. Die Gesetze für sie stehen hier nicht blos auf +dem Papiere, wie in den meisten Sclavenländern, sondern werden auch +ausgeführt. + +Nach allem, was ich bisher auf meinen Reisen nicht nur in +Holländisch-Indien, sondern in allen außereuropäischen Ländern +beobachtet habe, möchte ich am Ende beinahe behaupten, daß das Loos +jener Völker glücklicher sei, die nicht unter die Herrschaft der +Weißen gerathen sind. Sie haben zwar auch ihre Leiden und Erpressungen +zu erdulden, aber gewiß keine ärgeren, als unter den habsüchtigen +Europäern. + +Am +23. April+ trat ich die Weiterreise an. Graf Bentheim bestand +ungeachtet meiner Weigerung darauf, mir noch einen „Tolk“ +(Dolmetscher) mitzugeben, welcher Buginesisch und Holländisch sprach. +Von letzterer Sprache hatte ich bereits so viel in meinen alten Kopf +gebracht, um mich verständlich machen zu können. Ich ging mit einem +Gefolge von neun Nichtsthuern auf den Weg, nämlich: Sendling, Tolk, +von welchen jeder zwei Kulli und einen Diener hatte; ich selbst hatte +nur einen Kulli. Dieser große Zug war mir sehr unangenehm, denn je +zahlreicher das Gefolge, desto mehr Mühe kostet es, die Leute in +Ordnung zu halten, desto schwieriger ist es, überall die nöthigen +Pferde zu erhalten. + +Wir ritten nicht weiter als bis +Padkadjene+ (sechzehn Paal), beständig +in großen Ebenen zwischen Reispflanzungen. Man könnte die beiden +Distrikte von Maros und Makassar mit vollem Rechte die Reiskammern +der Insel nennen. Die Ebene von Maros erfreut sich eines besondern +Reichthums, was die Eingebornen zum größten Theile dem Grafen Bentheim +zu danken haben, da er mehrere Wasserleitungen anlegen ließ, welche die +Felder hinlänglich bewässern. + +Obwohl mich Graf Bentheim auf die schlechten Wege vorbereitet hatte, +fand ich sie dennoch über meine Erwartung schlecht. Es gibt eigentlich +gar keine Wege: wir wanden uns beständig durch Reisfelder, die alle +durch die künstliche Bewässerung tief unter Wasser standen. Die Felder +waren durch schmale Erddämme getrennt, kaum so breit, daß die Pferde +einen Fuß vor den andern setzen konnten. Fast bei jedem Schritte mußte +man auf einen Sturz gefaßt sein. Das Pferd konnte leicht vom Damme +abgleiten oder mit demselben einbrechen, da er nur aus einer weichen +Erdmasse bestand. Ging es nicht auf diesen Erddämmen, so ging es durch +Pfützen und Moräste, in welche die Thiere bis an die Brust einsanken. +Oft waren sie kaum im Stande, sich heraus zu arbeiten. Dabei wurde +man natürlicher Weise vom Kopfe bis zu den Füßen mit Koth und Schlamm +bespritzt. Die Beamten bereisen diese Gegenden nie vor dem Monate +August, wann die Reisernte vorüber und alles trocken ist. + +Schön nimmt sich eine kleine Gebirgskette von fünfzehn Paal Länge aus, +die sich vor einer größeren aufstellt, und deren Eigenthümlichkeit in +langen, senkrecht aufsteigenden Wänden besteht, welche sich hie und da +weit auseinanderspalten und reizende Durchblicke gewähren. Die höchste +Spitze der dahinter gelegenen größeren Gebirgskette ist der Maros mit +4800 Fuß. Auch dieser Berg steigt senkrecht in die Höhe. + ++24. April.+ Wir ritten bis +Mendalle+ (28 Paal). Den Fluß Padkadjene +übersetzten wir in einem Boote, den Fluß Segéri mußten wir durchreiten. +Das Wasser ging den Pferden bis über die Brust; sie hatten beinahe den +Boden unter den Füßen verloren; die eigentliche Gefahr war jedoch, von +den Kaimans angefallen zu werden, an welchen es in den Flüssen dieser +Insel nicht fehlt. Aus dem Dorfe Segéri allein wurden im vergangenen +Jahre neunzehn Menschen von diesen Unthieren aufgezehrt. Dieß hindert +aber die Leute nicht, den Fluß zu durchschwimmen oder sich in demselben +zu baden. Sie sagen, wer bestimmt sei, von einem Kaiman gefressen zu +werden, könne seinem Schicksale nicht entgehen, selbst wenn er sich +keinem Flusse nähere. + +Zu Segéri blieben wir bei dem Regenten über Mittag; es gab daselbst +weder Löffel noch Gabel; die Hände mußten deren Stelle vertreten. + +In dieser Gegend beginnt schon wieder die häßliche Sitte, die Zähne +schwarz zu färben und abzufeilen. Auch die Nägel an Händen und Füßen +färben viele rothbraun. Die Tracht der Eingebornen ist durchgängig +ziemlich dieselbe. Die Männer tragen ein kurzes Beinkleid, das bis auf +den halben Schenkel reicht, darüber einen Sarong; der Oberkörper ist +selten bedeckt, der Kopf in ein Tuch geschlagen. Kein Mann geht vor +die Hütte ohne den Parang und eine große Tasche, welche die Siri- und +Rauch-Gegenstände enthält. Parang und Tasche werden unter dem Sarong +getragen, was den Leuten ein ganz eckiges Aussehen gibt. Nebst den +Parangs sind viele auch mit Lanzen bewaffnet. + +Die Sarongs der Weiber sind hier viel länger als ich sie irgendwo +gesehen habe. Letztere ziehen sie zuweilen bis über den Kopf, +gewöhnlich aber schlagen sie selbe nur ganz lose um den Körper, wobei +oft ein langes Stück nachschleppt. Es ist nicht möglich, sich dieses +Kleidungsstückes alberner zu bedienen. Sie mußten stets eine Hand frei +haben, um es zusammen zu halten und aufzuheben. Außer dem Sarong tragen +sie noch ein ganz kurzes Oberhemd, das bis an die Hüften reicht und +bei den Mädchen aus sehr durchsichtigen, bei den Weibern aus dichteren +Stoffen besteht. + +Nach der Mahlzeit machten wir uns wieder auf den Weg; der Regent von +Segéri begleitete uns. Man konnte nicht leicht ein schöneres Bild sehen +als diesen Makassaren[26] auf seinem prächtigen Schimmel. Der Mann +war sechs Fuß hoch, kräftig gebaut, und hatte ausdrucksvolle, ernste +Züge. Er trug einen blendend weißen Sarong höchst malerisch um den +bräunlichen Körper, ein weißes Tuch um den Kopf geschlagen. Sein Pferd +hatte weder Sattel noch sonstiges Reitzeug, außer einem kleinen Zaum, +der durch das Maul gezogen war. Und dennoch saß er so fest und dabei +so ungezwungen oben, wie der geübteste Reiter. Die Leute auf Celebes +sind durchgehend treffliche Reiter; man sieht schon zehnjährige Knaben +die Pferde wacker herumtummeln. Sie reiten ohne Sattel und Zeug; nur +ein kleiner Zaum, wie gerade bemerkt, wird den Pferden durch das Maul +gezogen, auch wohl manchmal eine kleine Decke ganz lose auf den Rücken +des Thieres gelegt. Wenn sie langsam reiten, stemmen sie gewöhnlich +einen Fuß in die Seite des Thieres -- ein höchst origineller Anblick. +Es gibt sehr viele Gestüte auf Celebes; die Pferde dieser Insel werden +häufig ausgeführt, da sie in ganz Indien die größten und ausdauerndsten +sind. Der Preis eines schönen Pferdes ist dreihundert Rupien. + +Wir kamen auch heute viel durch Reisfelder, so wie durch Mais-, Ubi- +und Pisang-Pflanzungen. Große Strecken Alang-Alang, hie und da kleine +Waldparthien zogen sich dazwischen hin. Wir gingen stets in großen +Thälern fort und ließen die Gebirgsketten einige Paal seitwärts liegen. + ++25. April.+ Die heutige Tagereise war nicht länger als sieben Paal, +aber desto unangenehmer. Die Wege um Mendalle waren durch die häufigen +Regen ganz unpraktisch geworden; wir mußten daher an das Meeresufer +hinabsteigen und zum Theile in der See selbst reiten; der Korallenriffe +halber konnten wir nicht einmal der Küste nahe bleiben, und ritten oft +einige hundert Schritte von ihr entfernt. Die Brandung war sehr stark, +das Wasser so trübe, daß man den Grund nicht sehen konnte. Ich dankte +Gott, als ich ohne Unfall aus dem feindlichen Elemente kam und unter +den Hufen meines Pferdes wieder Erde sah[27]. + +Vormittags erreichten wir +Tanette+, ein unabhängiges Fürstenthum oder +Königreich auf der Ostküste von Celebes und seit dem Jahre 1840 ein +treuer Bundesgenosse Hollands. + +Das Oertchen Tanette liegt in einer freundlichen Ebene. Man zeigte mir +eine große Bambushütte mitten in Reisfeldern als den Palast der Königin. + +Auf Celebes ist es gebräuchlich, daß man nicht geradezu nach der +Wohnung eines regierenden Hauptes geht; man muß sich ansagen lassen +und um die Erlaubniß einer Vorstellung ersuchen. Ich sandte also einen +meiner Leute an den königlichen Hof; die Einladung erfolgte, und ich +hatte nichts eiliger zu thun, als davon Gebrauch zu machen. + +Tanette wird von einer Königin regiert. Sie empfing mich sehr +herzlich und führte mich sogleich zu ihrer Tochter, die nicht in das +Empfangsgemach kam. Die Prinzessin zählte schon neunzehn Jahre und +war noch nicht verheirathet. Sie war zwar Braut; doch schob man die +Vermählung noch auf ein Jahr hinaus. Bei der vornehmen Klasse ist es +Sitte, daß die Mädchen erst mit zwanzig und mehr Jahren heirathen, +während dieß in der geringen schon mit elf und zwölf Jahren geschieht. + +Die Königin und ihre Tochter waren nicht anders oder besser gekleidet +als die Dienerinnen. Das Gefolge (Mädchen und Weiber) hielt sich stets +hinter der Königin auf wie ihr Schatten; zwei Mädchen darunter trugen +die königlichen Insignien, welche aus ein Paar Cimbeln und einem +Scepter bestanden. Die Cimbeln hatte das eine Mädchen am Halse hängen +und schlug sie von Zeit zu Zeit aneinander. + +Der Palast war ungefähr siebzig Fuß lang, dreißig breit und stand, +wie alle Hütten und Häuser in Celebes, auf Pfählen. Das Innere war in +drei Kammern und eine Küche getheilt. Die erste Kammer, ziemlich groß, +stellte den Empfangssaal vor. Da stand ein Tisch nebst einigen Stühlen, +die Wände und die Decke waren mir zu Ehren mit buntfarbigem Kammertuche +behangen, eine Decorirung, welche vorgenommen wurde, während ich bei +der Prinzessin meinen Besuch abstattete. Die beiden kleinen Gemächer +dienten der königlichen Familie sammt einem Theile des Gefolges, das +sich überall hinlagerte, wo es Platz fand, als Schlaf- und eigentliche +Wohnplätze. In diesen Kammern herrschte eine jämmerliche Unordnung; +aller Hausbedarf, alle Vorräthe lagen durcheinander. Theile eines +schönen Thee- oder Speise-Services[28], geschliffene Gläser und +Flaschen standen neben irdenen Geschirren und anderem Kram, Kisten und +Körbe waren überall aufgeschichtet, mehrere Klambus aufgehangen, so daß +für die Bewohner selbst kaum Platz blieb. Und da sitzen die Leute von +Morgens bis Abends mit nichts als Schwatzen und Sirikauen beschäftigt. +Die einzige Arbeit, die eine Königin oder Prinzessin verrichtet, ist +das Gewebe eines Bandes, mit welchem die Männer die Kriese oder Parangs +an den Leib befestigen. Die Königin zeigte mir eines, das sie gerade +webte, und das ich in Zeichnung und Farben ungemein geschmackvoll fand. + +Die Königin war so eben im Begriffe, nach +Baru+, einem benachbarten +Königreich zu gehen, wo sie zu einem Feste eingeladen war. Da mich +mein Weg ebenfalls dahin führte, ging ich mit ihr. Wir fuhren noch +denselben Tag auf dem Flusse Tanette in die See (14 Paal), auf welcher +die Reise bis zur Mündung des Baru fortgesetzt werden sollte; da jedoch +der Wind sehr ungünstig war, lenkten wir bald in eine kleine Bay, wo +wir die Nacht vor Anker gingen. Die Königin sammt einem Theil ihrer +Leute brachten die Nacht auf dem Lande zu. + +Sie führte ein so zahlreiches Gefolge mit sich, daß ein halbes Dutzend +Europäischer Königinnen kein größeres benöthigt hätten. Da gab es mehr +als dreißig Mädchen und Weiber (letzteren folgten ihre Ehemänner), die +alle die Ehre hatten, Hofdamen, Kammermädchen u. s. w. vorzustellen. +Manche davon waren so lumpig gekleidet und dabei so unrein, daß ich +mich fürchtete, unangenehme Erbschaften zu machen, wenn sie in meine +Nähe kamen. An Gepäck hatte die hohe Gesellschaft so viel mit sich, als +handle es sich um eine Uebersiedelung und nicht um einen Besuch von +einigen Tagen. Das ganze große Boot war voll von Körben und Körbchen, +Kistchen und Taschen, Töpfen, Kochgeschirr, Polstern, Matten u. s. w., +so daß man gar nicht wußte, wo Platz finden; wir saßen wie Pikelhäringe +zusammengepreßt -- eine abscheuliche Tour! + +Die Mädchen waren während der ganzen Reise mit der Verfertigung des +Siri beschäftigt, das hier nicht in Päckchen, sondern in Cigarrenform +gemacht wird. Sie bestreichen ein Betelblatt mit etwas Kalk (aus +gebrannten Muscheln), legen ein Stückchen Arekanuß nebst Gambir darauf, +rollen es zusammen und umwickeln es mit einer Faser. Wenn ein Blatt +zu feucht war, schürzte die Hofdame den Sarong auf und streifte die +überflüssige Feuchtigkeit an dem Schenkel ab. Wenn ein Mädchen die +Liebeserklärung eines Jünglings günstig aufnimmt, beglückt sie ihn mit +Siri-Zigarren; wenn sie ihm keine reicht, ist er abgewiesen. + +Die ganze Gesellschaft kaute beständig Siri; sie spuckten dabei fleißig +in kleine messingene Töpfe, die als Spucknäpfe dienten und von Hand zu +Hand gingen. Die Königin ließ sich den Kopf von Ungeziefer reinigen, +und dasselbe thaten die Hofdamen und Kammerzofen unter sich. Bei +der großen Unsauberkeit, die in allem herrschte, was ich hier wie +in Tanette sah, kam mir die Sorgfalt höchst lächerlich vor, die auf +die Trinkgefäße der Königin verwendet wurde. Sie hatte ein eigenes +Gefäß, aus welchem nur sie trank; das Wasser wurde mit einem besondern +Schöpflöffel, jedoch aus dem allgemeinen Wasserkübel geschöpft +und durch ein leinenes Säckchen geseiht. Für das Säckchen und den +Schöpflöffel war ein Gestell mitgenommen, auf welchem man sie trocknete +und bewahrte. + ++26. April+ ging es früh auf die Reise. Wir lenkten alsbald in den +Fluß +Baru+ und fuhren sechs bis acht Paal stromaufwärts bis in die +Nähe der Residenz, die einen Paal seitwärts des Flusses liegt (35 Paal +von Tanette). Die Zeit, während welcher die Botschaft nach Hofe ging, +unsere Ankunft zu melden, benutzte die Königin mit ihrem Gefolge zum +Baden. Sie kamen aber von dem Bade eben so unsauber zurück, als sie +hingegangen waren, denn sie übergossen sich, gleich den Malaien, nur +mit Wasser, ohne sich zu waschen. Um dem Körper einen angenehmen Duft +zu verleihen, durchräucherten sie sich mit wohlriechenden Harzen. Zu +diesem Zwecke war ein eigenes Räucher-Pfännchen mitgenommen worden, +über welches die Königin, wie jede Hofdame, sich erst stellte und dann +Gesicht und Hände hielt. + +Auch in Baru regierte eine Königin. Ich hatte gleichfalls meinen +Sendling mit dem in lichtgelben Atlas eingenähten Briefe des +Gouverneurs an den Hof geschickt. + +Mit dem Sendlinge zurück kam ein Tragstuhl, nebst einem Abgesandten der +Königin und einigem Gefolge. Man trug mich bis zum Palaste, auch nur +einer Bambushütte, wo mich der erste Minister des Reiches empfing und +der Königin vorstellte. Der Empfangssaal mochte ungefähr neunzig Fuß +lang und über vierzig breit sein; er sah düster und drückend aus. Die +Decke, auf viele Stämme gestützt, war sehr niedrig; kleine Oeffnungen, +welche die Fenster vorstellten, gab es nur wenige. Auch hier waren die +Wände, wie die Decke des Saales, mit farbigem Kammertuch behangen. +Im Hintergrunde saß die achtzehnjährige Königin in einer Art offener +Loge, ihr zur Seite eine alte, sehr beleibte Duenna, die ihr mit einem +großen Fächer Luft zufächelte. An jeder Seite der Loge stand ein aus +Holz geschnitzter, großer Vogel, mit vielen Blumen geschmückt. Die +Königin lud mich sehr freundlich ein, an ihrer Seite Platz zu nehmen. +Sie war in einen weiten Sarong von dunkelrothem Mousselin mit einigen +Goldstickereien gekleidet. Ihr Gesicht fand ich angenehm, aber nicht +hübsch; sie war noch unverheirathet. + +Die Königin von Tanette war mit ihrem Gefolge am Landungsplatze +zurückgeblieben, als man mich abholte. Vermuthlich hatte man nur den +einzigen Tragstuhl, den man für mich sandte. Während meiner Anwesenheit +bei Hofe, die doch einige Stunden dauerte, kam die Königin von +Tanette auch nicht zum Vorschein; sie mochte wohl sogleich in die ihr +angewiesene Wohnung gegangen sein, um sich von der beschwerlichen Reise +auszuruhen. + +Ich kam zu dem großen Feste gerade recht. Es fand den folgenden Tag +statt und bestand darin, daß der jugendlichen Königin die oberen Zähne +gefeilt werden sollten, eine Handlung, die hier so wichtig ist, wie +z. B. in Brasilien die Taufe eines kaiserlichen Prinzen, oder in Europa +eine königliche Hochzeit. Alle Fürsten und Rajahs der ganzen Umgebung +waren dazu eingeladen. Eine kleine Vorunterhaltung gab es schon heute. +Auf einer Seite des Saales, nahe der königlichen Loge, tanzten ein +Dutzend Mädchen, auf der anderen, etwas weiter entfernt, zwölf- bis +vierzehnjährige Knaben die gewöhnlichen langweiligen Malaischen Tänze. +Viele Männer und Weiber, wahrscheinlich lauter hochgeborene Personen, +hockten in Gruppen umher und sahen den Tänzen gedankenlos zu; keine +Seele sprach ein Wort. + +Ich allein wurde nebst meinen beiden Begleitern (Sendling und Tolk) +mit Kaffee, Thee, einer Art guten, süßen Scherbets und verschiedenen +Leckereien bewirthet. Unter letzteren gab es kleine Früchte in Zucker +eingekocht, eben so schmackhaft, wie man sie immer nur in Europa finden +kann. + +Die Königin bedauerte sehr, mich nicht bei sich aufnehmen zu können; +allein sie hatte der Gäste schon so viele, daß alles über und über +besetzt war. Man führte mich in die Hütte eines Eingebornen und sandte +sogleich Matten, Polster und Klambu zu meiner Einrichtung, Hühner nebst +anderen Gegenständen zum Kochen. Wenn man in ein Privathaus gewiesen +wird, müssen die Bewohner dem Gaste sogleich die große Stube einräumen. +Dieß hindert jedoch weder sie noch alle Neugierigen, die den Fremdling +sehen wollen, sich beständig darin aufzuhalten. Ich mußte mich, wollte +ich nur einigermaßen Ruhe haben, unter mein Klambu flüchten, und selbst +da ließen mich die Leute nicht ungestört -- sie hoben den Klambu auf +und steckten die Köpfe darunter. + +Die Hütten des Volkes sind auf Celebes ungleich größer als auf Java, +Sumatra, den Molukken u. s. w. Im Innern bestehen sie gewöhnlich aus +einem Gemache von fünfzehn bis zwanzig Fuß im Gevierte, an welches sich +ein bis zwei kleinere anschließen. Längs der rechten Seite des großen +Gemaches läuft ein sechs Fuß breiter Raum, in dem sich die Feuerstelle, +Wassergefäße und dergleichen befinden. + +Die Ortschaften sind sehr unrein, voll Schmutz und Pfützen; dabei haben +die Leute nicht den guten Gebrauch der Dayaker, sich vor dem Eingange +der Hütte die Füße zu waschen, wozu stets Wasser bereit steht, sondern +sie treten mit ungewaschenen Füßen ein. + +Ganz nahe der Hütte, die ich bewohnte, waren die Lagerplätze der +Büffel. Diese Plätze bestanden aus vier Fuß tiefen Sümpfen, in welchen +die Thiere ganz begraben lagen. Man sah nichts als die Hörner und die +Nase. Obwohl es in diesem Lande überall genug Büffel gibt, kann man +doch nirgends Butter oder Milch bekommen, da die Eingebornen keine +Kuh melken. Zum Kochen gebrauchen sie Oele, die aus den Kokosnüssen, +Kanarinen und anderen Früchten gewonnen werden. + +Was Kleidung, Kost und Wohnung anbelangt, könnte man die Bewohner von +Celebes alle für gleich reich oder arm halten, da man im gewöhnlichen +Leben in nichts einen Unterschied bemerkt. Ihre Reichthümer bestehen in +einigem Gold- und Silbergeschmeide, in goldenen Kästchen und Büchsen, +welche die Bestandtheile des Siri enthalten, in seidenen Sarongs, in +schönen Parangs und Lanzen. Aber alles dieß sieht man nur bei großen +Festen und feierlichen Gelegenheiten, wie z. B. bei der Zahnfeilung, +der Hochzeit, dem Begräbnisse eines fürstlichen Hauptes. Das Gold +färben sie so dunkel, daß es gerade wie Kupfer aussieht. + +Die Sarongs werden hier ebenfalls von den Weibern gewoben und gleichen +an Muster und Feinheit der sogenannten Englischen oder Schottischen +Leinwand. Eine geschickte fleißige Weberin arbeitet einen ganzen +Monat an einem Sarong. Bei Hofe werden die Sarongs von den Hofdienern +und Dienerinnen gewoben. Jeder Fremde, der bei Hofe vorgestellt +wird, erhält einen Sarong zum Geschenk; auch mir ward überall diese +Bescherung zu Theil. + ++27. April.+ Nachmittags verkündeten einige Böllerschüsse den Anfang +der Feierlichkeit. Ich begab mich in den Palast, den ich vom Volk ganz +umringt fand. Es waren da viele Lanzenträger (Begleiter der Prinzen und +Vornehmen benachbarter Staaten), von welchen einer sogar ein eisernes +Panzerhemd[29] trug. Der Saal war so überfüllt, daß ich Mühe hatte, +durchzukommen. Mein Platz ward mir in der obersten Reihe unter den +zahllosen Königen, Fürsten und Fürstinnen angewiesen, die das Fest +weit und breit herbeigezogen hatte. Man stellte mir eine ganze Menge +regierender Häupter vor, darunter den künftigen Erben oder, wie die +Holländer sagen, den „wahrnehmenden“ Thronfolger von Bonni. Es ist +unglaublich, welche Menge von Fürsten, Prinzen und dergleichen hohe +Personen es auf Celebes gibt. Und alle diese Leute wollen mit einem +gewissen Aufwande leben und natürlich nichts thun; sie sind die wahren +Blutsauger des Volkes. + +Die Königin war noch nicht gegenwärtig; auch sie verstand es, das +Publikum eine geraume Zeit warten zu lassen. Von ihrem Gemache +bis an den Ort, wo sie Platz nehmen sollte, war der Boden mit +weißem Kammertuche belegt. An der Thüre hielten sechs Mädchen einen +Baldachin von Gold durchwirktem, schwerem Seidenstoffe bereit. Einen +grellen Kontrast zu diesem reichen Baldachine bildeten die sechs +Stangen, mittelst welcher er getragen wurde: sie bestanden aus dünnen +Bambusstückchen, die ganz roh waren, wie man sie im Walde geschnitten +hatte. + +Musik und wiederholte Böllerschüsse verkündeten endlich das Erscheinen +der Königin. Mit langsamen, gemessenen Schritten, mit beinah +geschlossenen Augen wankte sie unter dem Baldachine, gleich einer +zu opfernden Dulderin, ihrem Platze zu. Sie war in zwei purpurrothe +Sarongs gekleidet, von welchen der eine den oberen, der andere den +unteren Theil des Körpers deckte. In den Haaren trug sie Kränze von +Melati[30], nebst künstlich gearbeiteten Blumen von Gold, außerdem +Ringe, Armbänder und anderes Geschmeide. + +Die Königin blieb stumm und bewegungslos sitzen und schlug den Blick +kein einziges Mal auf. In ihrer Nähe bildeten ein Dutzend Mädchen ein +halbes Viereck und sangen ein religiöses Lied. Man brachte hierauf +eine alte abgenützte Matratze, breitete ein Tuch darüber und legte +einige Polster nebst einer Decke darauf zurecht. In diesem Augenblicke +entstand plötzlich an der Eingangsthüre ein heftiger Lärm, große +Bewegung; es schien mir, daß Leute mit Gewalt eindringen wollten und +abgewehrt wurden. Ich dachte schon, daß dieser Aufstand mir gelte, daß +es das Volk übel nähme, mich als Fremde, dieser großen Feierlichkeit +beiwohnen zu lassen. Die Ruhe wurde indeß bald wieder hergestellt; ich +konnte leider die Ursache dieser Unruhe nicht erfahren, und auch mein +Tolk vermochte nicht, mir darüber Auskunft zu geben. Letzterer war +überhaupt sehr mit Dummheit geschlagen, denn ich mochte ihn fragen was +ich wollte, er war beinahe nie im Stande, meine Fragen zu beantworten. + +Man führte nun einen ältlichen Mann, ebenfalls unter dem Baldachine +an das Bett, stellte an seine Seite ein mit Wasser gefülltes Becken +und legte verschiedene Instrumente daneben. Die Königin schob sich +in sitzender Stellung nach dem Bette. Die Duenna nahm ihr die +Blumen aus den Haaren und reichte eine kleine goldene Untertasse +einer nahe sitzenden, sehr alten Frau (der ältesten Königin aus der +Verwandtschaft), welche darein einen ganzen Mund voll blutrothen +Speichels spuckte. Mit diesem kostbaren Safte salbte sie die Königin +an den Schläfen und an der Stirne, goß auch etwas davon auf einen +Riemen, den sie nach ihr schnellte, um ihren Körper von allen Seiten +zu besprengen. Hierauf nahm sie eine Räucherpfanne mit Rauchwerk, +reichte sie dreimal von der rechten zur linken Seite um die Königin, +ein viertes Mal in umgekehrter Richtung. Die Königin mußte sich nun +der Länge nach niederlegen, wurde leichthin mit der Decke bedeckt und +mit Melati bestreut. Die Duenna hockte sich rechts zu ihrem Kopfe, der +Arzt nahm die linke Seite ein, und mich setzte man neben die Duenna, +ebenfalls der Königin ganz nahe, welche mich bei der Hand faßte und +diese während der ganzen Operation nicht mehr los ließ. Sie sah überaus +betrübt aus, drückte mir zeitweise die Hand und blickte mich dabei so +wehmüthig an, als wollte sie Hülfe von mir erheischen. Fast mit Angst +harrte ich der kommenden Dinge. + +Der Arzt warf drei Feilen von verschiedener Größe in das Wasserbecken, +schob der Königin eine kleine Walze von Palmkohl zwischen die Zähne, +nahm die größte der Feilen, und fing damit so kräftig an auf die Zähne +loszuarbeiten, als hätte er einen Holzblock unter den Händen. Mit einer +zweiten, kleineren Feile setzte er die Operation fort. Bevor er an die +kleinste kam, nahm er die Walze aus dem Munde und schob an deren Stelle +ein um die Hälfte dünneres Röllchen von Betelblättern. Im ganzen +machte er seine Sache gut und schnell, besonders wenn man die plumpen +Instrumente betrachtete, deren er sich bediente. Was aber die arme +Königin dabei gelitten haben mag, wissen die Götter! Dennoch verzog sie +keine Miene: ich fühlte nicht einmal ihre Hand erzittern. + +Als die Operation vorüber war, reichte man dem Arzte einen Hahn; +er riß ihm ein Stückchen von dem Kamme los und bestrich mit dem +herausquellenden Blute die Zähne und Lippen der Dulderin. Zu Ende +wiederholte die Duenna mit drei angebrannten, zusammengebundenen Kerzen +dieselbe Ceremonie, die sie mit der Räucherpfanne vorgenommen hatte, +worauf die Königin wieder auf ihren alten Platz zurück rutschte[31]. + +Die Operation der Zahnfeilung wurde außer an der Königin noch an sechs +Mädchen (wahrscheinlich aus dem königlichen Gefolge) vorgenommen; dabei +fanden jedoch nicht die geringsten Ceremonien statt. Die Mädchen legten +sich auf eine Matte, ohne Polster oder Decke, der Arzt schob ihnen +eine Walze in den Mund, feilte tüchtig darauf los, und die Sache war +abgethan. + +Der ganzen großen Gesellschaft, die in dem Saale versammelt war +(bei 400 Personen) wurde Thee und Backwerk vorgesetzt. Mir ließ +die Königin außerdem eine Tasse des süßen Scherbets, wie auch eine +Portion der in Zucker gekochten Früchte reichen. Sie schien wirklich +einiges persönliche Interesse an mir genommen zu haben. Der Thee wie +die Leckereien wurden nicht eher berührt, als bis wieder ein langes +religiöses Lied herabgeheult war. Dann aß und trank man mit großer +Bescheidenheit. + +Ich begab mich bald darauf nach Hause, denn außer langweiligen, +einförmigen Tänzen gab es nichts weiter zu sehen. Die Leckereien, die +man mir bei Hofe vorgesetzt hatte, wurden mir, wie es hier Sitte ist, +in meine Wohnung nachgesandt. Ich berührte sie hier eben so wenig wie +dort; sie waren aus Reismehl, Zucker, Oel, Kanarinen u. s. w. gemacht, +und schmeckten sehr fett und ranzig. + ++28. April+ blieb ich zu Baru. Der Tolk sagte mir, daß es heute noch +Feste über Feste gebe, und daß es der Königin daher unmöglich sei, +mir Leute und Pferde zur Weiterreise zu verschaffen. Später sah ich, +daß er mich belogen hatte; es gefiel ihm hier sehr wohl. Die Königin +sandte beständig gute und viele Lebensmittel, er fand stets große +Gesellschaft zum Schwatzen, und so wäre er nicht Tage, sondern Wochen +hier geblieben. Keine einzige Unterhaltung hatte statt, nichts gab es +als Abends ein einfaches Hahnengefecht auf dem Bazar, wie es bei jedem +Markte gebräuchlich ist. + ++29. April.+ Mein ärgster Verdruß auf dieser Reise war das Gefolge. +Die Leute hatten für mich als Frau nicht die geringste Aufmerksamkeit +oder Folgsamkeit. Wenn ich von dem Tolk etwas forderte, sagte er es +dem Sendling, dieser dem Diener, der Diener oft wieder dem Kulli, kurz +ich hatte einen Haufen von Leuten um mich und war so schlecht als +möglich bedient. Die Kerls wollten nicht einmal mein Schmetterlingsnetz +nehmen, ich mußte es meistens selbst tragen. Ein zweiter Uebelstand mit +so zahlreichem Gefolge war, daß wir überall vieler Pferde und Träger +bedurften. Daß der Tolk und Sendling nicht zu Fuß gingen, versteht sich +von selbst; aber auch ihre Diener mußten Pferde haben, wenn wir auch +nur acht oder neun Paal den Tag machten. Die Herbeischaffung der Pferde +nahm stets die schönen Morgenstunden weg. Wir kamen erst fort, wenn die +Sonne recht brannte. Anders verhält es sich freilich mit den Leuten, +wenn sie mit ihrem Herrn oder Vorgesetzten reisen. Da fürchten sie den +Stock oder sonstige Strafen, da hat alles Hände und Füße. Ich hatte +das aus Erfahrung kennen gelernt und deßhalb blos einen gewöhnlichen +Führer und einen Kulli mitnehmen wollen; allein der Gouverneur wie +Graf Bentheim, die es beide sehr gut mit mir meinten und ihre Leute +für besser hielten als sie waren, überredeten mich zur Mitnahme dieses +lästigen Gefolges. + +Erst um zehn Uhr Morgens kamen wir heute in das Prauh. Man gab vor, daß +es nach Pare-pare, wohin ich wollte, zu Wasser näher sei als zu Lande; +dann aber erfuhr ich, daß man dieß vorgab, weil man nicht so viele +Pferde schnell genug herbeischaffen konnte, als der Tolk verlangte. + +Kaum waren wir einige Stunden auf der See gefahren, so lenkten die +Leute in eine Bucht und wollten die Reise für diesen Tag beschließen. +Ich war darüber so aufgebracht, daß ich alle Scheltworte, die mir in +der Malaischen und Holländischen Sprache bekannt waren, zusammennahm, +den Leuten ihr elendes Betragen tüchtig zu verweisen. Ich drohte Briefe +nach Maros und Makassar zu schreiben, ja selbst Tolk und Sendling +zurück zu senden. Dieß bewirkte doch so viel, daß wir nach einer kurzen +Rast wieder weiter fuhren, erst gegen Abend in eine Bay lenkten und in +der Nähe eines Dorfes vor Anker gingen. Der Tolk sagte mir, daß man +Nachts nicht fahren könne, weil die Küsten voll Piraten seien. Dieß +wußte ich, wir blieben daher hier über Nacht. + +Ich schlief in dem kleinen Prauh. Zum Imbiß erhielt ich nichts als +Reis, die Leute hatten nicht einmal für Lebensmittel gesorgt. + +Außer unserem Prauh lagen noch zwei ganz kleine vor Anker. Mitten +in der Nacht erweckte uns ein fürchterliches Geschrei. Wir fuhren +erschrocken empor, meine Leute griffen nach ihren Waffen, da wir +dachten, von Piraten überfallen zu werden. Glücklicherweise kam niemand +an unser Prauh. Was auf den beiden andern vorging, woher das Geschrei +kam, darum bekümmerten sich meine Leute nicht, obwohl ich sehr darauf +drang, zu sehen, ob jene nicht unserer Hülfe bedürften. Morgens +vernahmen wir, daß Diebe vom Lande an die Prauhs geschwommen waren und +verschiedenes gestohlen hatten. Die Leute wurden erst wach, als die +Diebe mit ihrem Raube bereits dem Lande zuschwammen. + ++30. April.+ Nachmittags drei Uhr kamen wir zu Pare-pare an (30 +Meil.). Dieses Oertchen liegt in einer reizenden Bucht, welche von +kleinen, fruchtreichen Ebenen, von sanft anschwellenden Hügeln, und +im Hintergrunde von bedeutenden Gebirgen umgeben ist. Im Hafen lagen +ziemlich viele Prauhs und kleine Barken, die von Makassar und den +umliegenden Inseln handeltreibend hieher kommen. Der König dieses +kleinen Reiches zieht außer dem Zolle auch aus seinen eigenen +Handelsgeschäften großen Nutzen und soll für Celebes ziemlich +wohlhabend sein. + +Als der Tolk an’s Land stieg, um nach des Königs Wohnung zu fragen, +wies man auf ein kleines Canoe, welches gerade im Ankommen begriffen +war, und sagte dem Tolk, daß der König so eben vom Fischfange +heimkehre. Ich hätte ihn wahrhaftig für nichts anderes, als einen ganz +gewöhnlichen Fischer gehalten: er trug bloß einen schmutzigen Sarong +nebst einem Kopftuche. Auch seinem Wohnsitze sah man nichts weniger +als Wohlhabenheit an. Derselbe bestand in einer höchst baufälligen +Bambushütte, der Zugang führte durch eine Pfütze. Vor der Eingangsthüre +saßen auf einem kleinen Vorplatze mehrere Jungen und Mädchen, die im +Koran-Lesen[32] unterrichtet wurden. Das Sonderbarste bei der Sache +ist, daß der Koran in Arabischer Sprache gelehrt wird, von welcher die +Lehrer selbst nichts verstehen. Sie lesen oder schreien die Gebete +herab, ohne das geringste Verständniß von dem zu haben, was sie +plappern. + +Von dem Vorplatze ging es in des Königs Gemach, eine ganz gewöhnliche +Malaische Wohnstube, von welcher ein Theil durch Bambuswände in +Verschläge abgetheilt, die anderen von mehreren Klambus eingenommen +waren. Im Vordergrunde lagen viele Kaufmannsgüter in Kisten und Ballen +aufgestapelt, und überall machte sich ein Schmutz und eine Unordnung +sondergleichen breit. + +Ich verstand von der Malaischen Sprache schon so viel, um mich mit +dem Könige unterhalten zu können. Er hatte einige Kenntniß in der +Geographie, besaß mehrere Landkarten und wußte so ziemlich die +Hauptreiche Europa’s zu nennen (der König wurde in Makassar erzogen). +Er legte mir die beiden Hemisphären vor und war höchst erstaunt, +als ich ihm in Kürze alle Welttheile, so wie die vorzüglichsten +Reiche derselben wies. Er ersuchte mich auch, in seiner Gegenwart zu +schreiben. Ich bemühte mich, sehr schnell zu schreiben, wohl wissend, +daß ihn dieß um so mehr in Erstaunen setzen würde, als die Malaien +alles, was sie thun, höchst gelassen verrichten. Ich mußte ihm meinen +Namen, Vaterland und Geburtsort aufschreiben, was ich in deutscher +und lateinischer Schrift that. Er fragte mich auch über verschiedene +Naturerscheinungen und bat mich, ihm einiges von den Sitten und +Gebräuchen fremder Völker und ganz besonders von meinem Volke zu +erzählen; kurz -- ich hatte Gelegenheit, mein Bischen Wissen so viel +wie möglich auszukramen -- Eitelkeit nimmt überall gern Huldigungen +an. Dafür ward mir die Ehre zu Theil, auch von diesem Manne für ein +ganz besonders bevorzugtes Wesen gehalten zu werden, wozu freilich in +einem Lande nicht viel gehört, in welchem die Männer wenig, die Weiber +so viel wie nichts wissen. Er ersuchte mich, ihm den Tag meiner Geburt +aufzuschreiben, welcher, wie er behauptete, unter die glücklichsten +gehören müsse. + +Als er vernahm, daß meine Reisen gedruckt seien, sagte er, daß er +gern hundert Rupien geben würde, wenn er sie in seiner Sprache haben +könnte. War das doch ein galanter König! -- Wie hätte ich meine Reisen +ausdehnen können, was wäre mir nicht alles möglich geworden, wenn es +viele so freigebige Monarchen gäbe! + +Ich äußerte den Wunsch, der Königin vorgestellt zu werden. Nach +geraumer Zeit erschien ein Weib, so alt, runzelicht und zu einem +Skelette zusammengeschrumpft, daß ich im Zweifel war, ob dieß die +Mutter oder die Großmutter des Königs sei, welch letzterer doch auch +schon ein Mann von einigen dreißig Jahren sein mochte. Dazu war sie +auf einem Auge blind, die Haare hatte sie zum Theile rothbraun gefärbt, +zum Theile waren sie schwarz und grau, und in größter Unordnung, als +hätten sie wochenlang keinen Kamm gesehen, hingen sie ihr bis an die +Schultern hinab -- es konnte nicht leicht ein häßlicheres Bild des +Alters geben. + +Erst um sechs Uhr Abends kam ich in die mir angewiesene Wohnung. + +In Folge der Nachlässigkeit meines Gefolges hatte ich seit +sechsundzwanzig Stunden nichts gegessen. Die Leute waren so sorglos +gewesen, auf die Reise nicht hinlänglich Wasser mitzunehmen, um den +Reis kochen zu können; für den gestrigen Tag waren sie mit gekochtem +Reis versehen, der Abends kalt gespeist worden war. Heute Morgens +wartete ich vergebens auf eine Mahlzeit. Als ich darnach verlangte, kam +es erst heraus, daß das Wasser zum Kochen fehlte. Ein Diener verließ +sich auf den andern, und keiner sah nach. In Pare-pare angekommen, +beauftragte ich den Tolk, so schnell als möglich ein Mahl zu besorgen. +Mit wahrem Heißhunger begab ich mich von dem Könige weg in meine +Wohnung, sah die Schüsseln schon dampfen und rauchen, glaubte den +würzigen Geruch der Speisen schon einzuathmen, da hieß es: „noch nicht +fertig.“-- Und so mußte ich noch zwei ewig lange Stunden warten. +Für meine Geduld hoffte ich doch wenigstens mit köstlichen Gerichten +belohnt zu werden. Ich täuschte mich jedoch abermals, da ich nichts +als Reis und einen Fisch in einer inländischen Brühe erhielt, die aus +gestampften, mit Wasser und Kokosöl ausgekochten, säuerlichen Blättern +bestand. Wahrlich, man mußte sechsundzwanzig Stunden gefastet haben, um +dieses Essen genießbar zu finden! + ++1. Mai.+ Diesen Morgen machte ich dem Könige den Abschiedsbesuch und +verehrte seiner Gemahlin einige Fläschchen Kölnerwasser, ihm selbst +ein großes illuminirtes Bild, welches den Glaspalast in Hydepark +vorstellte. Um ihm einen Begriff von der Größe meines Sultans (Kaisers) +zu geben, sagte ich: „Sieh’, dieß ist der Palast meines Sultans, er +ist so hoch, daß die höchsten Bäume darinnen stehen können, und so +groß, daß man eine halbe Stunde braucht, ihn zu umgehen.“ Er war sehr +erstaunt und that viele Fragen über Sultan und Palast; nur meinte er, +daß der Palast gar zu durchsichtig sei. Die Sonne müsse da hinein +brennen und leuchten, daß man bei Tage gar nicht schlafen könne; er +möchte nicht darinnen wohnen. + +Noch manche Stunde plauderten wir, erst um eilf Uhr kam ich fort. + + + [25] Ost- und Westwind wechseln ungefähr alle sechs Monate. + + [26] Die Bewohner von Celebes sind im Süden Makassaren und Buginesen + (alle Mohamedaner), im Norden Alforen. Uebrigens findet man + Buginesen über die ganze Insel zerstreut. + + [27] Die vier Halbinseln, aus welchen Celebes besteht, sind lang, + aber schmal, so daß man häufig wieder an die Meeresküste kommt. + + [28] Die Bundesgenossen erhalten von der Holländischen Regierung + beinahe alle Jahre dergleichen Geschenke. + + [29] Im Kriege sollen viele der Eingebornen Panzerhemden tragen. + + [30] Melati heißt der gefüllte Jasmin; er ist die Lieblingsblume der + Malaien und Chinesen und riecht angenehm, aber etwas stark. + + [31] Wenn Zahnfeilungen bei hohen Häuptern statthaben, gibt es in + Zwischenräumen von mehreren Monaten drei Feste. Bei dem ersten + werden die Zähne bezeichnet, wie weit sie zu feilen sind, bei + dem zweiten werden die unteren, bei dem dritten die oberen Zähne + gefeilt. + + [32] Die Malaien, und mit sehr geringer Ausnahme (Menehassa) alle + Bewohner von Celebes, sind Mohamedanischer Religion. Doch + genießt hier das weibliche Geschlecht dieselben Rechte, wie + das männliche. Das erstgeborne Kind eines Königs, Knabe oder + Mädchen, folgt dem Vater in der Regierung. Hinterläßt er + eine Witwe, so regiert diese, wenn auch der Sohn schon das + Mannesalter erreicht hat. Mädchen besuchen die Schule so gut wie + die Knaben. + + + + +Zwölftes Kapitel. + + Sidenring. -- Die Seen von Tempe. -- Lagusi. -- Ein königliches Mahl. + -- Rückkehr nach Sidenring. -- Die Rehjagd. -- Besuch bei dem Sultan + von Goa. -- Abreise von Celebes. -- Surabaya. -- Eine Malaische + Hochzeit. -- Eine Spukgeschichte. -- Rückkehr nach Batavia. + + +Von Pare-pare ging ich zu Pferde nach +Batu-Masapaija+ (zwölf Paal) +einem Landsitze des Königs von +Sidenring+, welcher abwechselnd hier +und in der eigentlichen Residenz zu +Tete-adje+ an dem See +Tempe+ +wohnt. + +Die Wege führten theilweise über niedrige Gebirge, welche, Alang-Alang +und kurzes Gras ausgenommen, von Vegetation beinahe entblößt, dagegen +voll Steine und Gerölle waren, so daß unsere armen Thiere wie Gemsen +klettern mußten. Wir begegneten vielen Saumpferden, die hauptsächlich +Reis nach dem Hafen Pare-pare trugen. Außerdem war das Land nur von +Pferden belebt, die sich lustig im Zustande der Freiheit herum +tummelten. Die Könige in diesen Gegenden haben große Gestüte und +treiben sehr gewinnreichen Pferdehandel. + +Schon seit mehreren Stunden zog sich der Weg einförmig bergauf, +zwischen Hügeln fort, die jede freie Aussicht versperrten; dagegen +wurden wir bei dem Ausgange eines engen Thales überreich belohnt, +denn eine der herrlichsten Ansichten, vielleicht die schönste von +ganz Celebes, lag vor unsern Blicken. Eine beinahe unabsehbare Ebene +breitete sich aus, in ihrer Mitte glänzten die Wasserspiegel der +beiden Seen +Tamparang-Urai+ und +Tamparang-Cabaija+, gewöhnlich die +Seen von Tempe genannt. Der erstere dieser Seen bildet ein langes, +unregelmäßiges, der letztere ein schönes, rundes Becken. Reiche +Reispflanzungen, große Ortschaften verkündeten den Wohlstand der +Gegend. Im Vordergrunde stiegen viele vereinzelte, kleine, spitze Hügel +und Felsen auf, die man aus der Ferne und der Höhe, auf welcher wir +uns befanden, für Tumuli hätte halten mögen, so klein und niedlich +erschienen sie auf dieser ungeheuren Ebene. Im Hintergrunde erhoben +sich schöne Gebirgsketten gleich hohen Mauern, als wollten sie das +friedliche Thal vor den Stürmen der Außenwelt bewahren. + +Langsam ritt ich nach der Ebene hinab, denn jeder Schritt verlöschte +einen Zug des herrlichen Bildes. Das Großartige verschwand, unser +Pfad ging wieder zwischen niedern Hügeln in die Tiefe, und bald sahen +wir weiter nichts, als einzelne Hütten, einige Stallungen, die dem +Könige zugehörten, kleine Mais- und Reisfelder. Dies ging so fort bis +Batu-Masapaija, wo wir den König auch wirklich antrafen. + +Obwohl der König von Sidenring zu den drei größten auf Celebes gehört, +wohnte er eben so erbärmlich wie der kleinste, ärmste Rajah. Sein +Palast, aus dünnem Bambusgeflechte, mit Stroh gedeckt, glich einer halb +verfallenen Scheune. Das Innere bestand aus einem großen Gemache, von +durchlöcherten Halbwänden untertheilt, und voll schmutziger Klambus. Am +Eingange gab es einige Feuerstellen, auf welchen halb erloschene Brände +einen abscheulichen Rauch verbreiteten, im Vordergrunde wimmelte es +von Faullenzern aller Art, Männer, Weiber und Kinder. Hier hockte eine +Gruppe, Siri kauend und schwatzend, dort lagen Schläfer auf dem Boden +ausgestreckt und um die Wette schnarchend, hier erschien hinter einem +geöffneten Klambu ein zerraufter Kopf, dort balgten sich nackte Kinder, +mit Finnen und Schmutz bedeckt -- wo man hinsah ein erbärmlicher +ekelhafter Anblick. + +Das königliche Ehepaar hockte im Hintergrunde auf einer zwei Fuß hohen +Tribune, gleich der Dienerschaft mit Sirikauen beschäftiget und in +den lieben langen Tag hinein schauend. In der Nähe der Tribune waren +hier und da Kisten und Körbe aufgestapelt, zerrissene Kleidungsstücke +hingen umher, dazwischen auch eine schöne gestickte Militärs-Uniform, +die der König von der Holländischen Regierung zum Geschenke erhalten +hatte. Der König zeigte mir dies Kleidungsstück und ersuchte mich, ihm +ein derartiges einfacheres zu verfertigen. So sind die Schicksale des +Reisenden! Der König von Pare-pare hätte mir hundert Rupien für meine +Bücher gegeben, während dieser hier mich zu seinem Hofschneider erheben +wollte! Ich wich der bescheidenen Bitte dadurch aus, daß ich sagte, ich +sei zum Arbeiten zu vornehm. + +Man beherbergte mich in diesem scheunenartigen Palaste unter einem +Klambu. Die Kost war ziemlich schlecht; man brachte mir auf handgroßen +Täßchen einige winzig kleine Stückchen Fleisch, ein Paar fingerlange +Fische und den Hals, Kopf und die Flügelspitzen eines Hühnchens. + +Nach der Tafel besuchte mich der König. Als er zufällig einige Insekten +sah, die ich unterweges gefangen hatte, und hörte, daß ich Werth darauf +legte, versprach er mir ganz unaufgefordert, Leute in die Waldungen zu +senden und für meine Rückkehr eine kleine Sammlung bereit zu halten. + +Schon in einigen Tagen sollte ich wieder hier sein, denn meine Reise +ging nun nicht mehr weiter als über die beiden Seen bis +Lagusi+, der +Residenz der Königin von +Wadjo+, deren Königreich an jenes von +Bonni+ +grenzt. Der Besuch des letzteren, wie bereits erwähnt, war mir nicht +gestattet. + +Beim Abschied versprach mir der König noch, wenn ich wiederkehre, mir +zu Ehren auch eine Rehjagd zu veranstalten. + ++2. Mai.+ Wir ritten heute nicht mehr als neun Paal in der großen Ebene +beinah unausgesetzt zwischen Reisfeldern bis in die Nähe des ersten +Sees, wo wir in einer offenen Hütte, d. h. unter einem Blätterdache +unsere Wohnung aufschlugen. Wir kamen durch mehrere große Ortschaften, +darunter besonders +Awaritij+ mit mehr als 200 Häusern. Ich fand in +diesem Königreiche Dörfer und Häuser durchgehends sehr groß. + +Auch heute bestand meine Mahlzeit nur aus einigen kleinen Fischchen +nebst Reis, und zwar ebenfalls wieder durch die Schuld meiner Leute, +denn wenn man in diesen Ländern irgendwo gastfreundlich aufgenommen +wird, ist es Sitte, alles zu begehren, was man nöthig hat; hätten meine +Leute einige Hühner, Früchte u. dgl. verlangt, so würde man sie ihnen +mit Freuden gegeben haben; allein sie thaten es nicht, selbst wenn ich +es ihnen befahl -- sie wollten nicht die Mühe der Zubereitung haben. + ++3. Mai.+ Lagusi (dreißig Paal). Heute ward ich über meine Leute im +höchsten Grade aufgebracht. Als ich Morgens an das Ufer des Flusses +kam, auf welchem wir noch ein kleines Stück bis in den See zu fahren +hatten, war nicht einmal das Prauh in Bereitschaft: eine ganze Stunde +mußte ich in der glühenden Sonne stehen und die Leute zur Arbeit +antreiben. Mit größtmöglichster Langsamkeit schoben sie endlich einen +ausgehöhlten Baumstamm in das Wasser und deckten ihn mit einem so +niedrigen Blätterdach, daß ich darunter kaum aufrecht sitzen konnte. +Ich betrat mit Widerstreben dieses gefährliche und unbequeme Fahrzeug; +wie aber stieg erst meine Angst, nachdem ich so viele Menschen folgen +sah, als der hohle Baumstamm fassen konnte! Ich wehrte mich dagegen; +doch weder Tolk noch Sendling hörten auf mich; sie ließen mitfahren +wem es beliebte. Einundzwanzig Personen saßen in dem engen Raume. Ich +mußte während der ganzen Fahrt, die über neun Stunden dauerte, gleich +den übrigen, auf meinen unterschlagenen Beinen hocken. Den Eingebornen +macht dieß freilich keine Unbequemlichkeit, die sind an diese Stellung +gewöhnt; ich litt aber unaussprechlich. + +Unter den Mitreisenden befand sich ein Greis, der, obwohl er eben nicht +sehr gebrechlich aussah, nicht lange sitzen konnte. Er mußte sich +legen, und in Folge dessen waren wir gezwungen, noch mehr zusammen zu +rücken. Später sah ich, woher die Schwäche des Alten rührte: er war ein +starker Opiumraucher. Er führte Pfeife, Opium und Lampe mit sich und +rauchte und schlief abwechselnd während der ganzen Fahrt. + +Die beiden Seen, deren vereinigte Länge ich auf ungefähr dreißig, +die höchste Breite auf zehn Paal rechne, sind durch den Fluß Watta +verbunden, ihre Entfernung von einander beträgt höchstens 1½ Paal. Die +Seen, besonders der große, haben wenig Tiefe; letzterer dürfte sich +mit der Zeit in einen Sumpf verwandeln, denn jetzt schon ist der ganze +Grund und Boden mit Pflanzen dicht überwachsen, und ganze Parthieen +derselben schwimmen gleich Inseln auf der Oberfläche umher. Die Ufer +bieten wenig Reiz; an vielen Stellen sind sie mit Alang-Alang bedeckt. +An dem großen See liegen bedeutende Ortschaften; sie nehmen sich aber +in der nackten Umgebung, die weder Gebüsche noch Baum besitzt, ganz +armselig aus. Die die Seen umgrenzenden Länder bilden Bestandtheile +von Sidenring, Wadjo und andern kleinen Königreichen. Man sieht auch +die Gebirge von Bonni, von welchen ich nur eine Tagreise entfernt war. +Lagusi liegt am Tjenrana, achtzehn Paal stromaufwärts. Als ich das +Boot verließ, um nach der königlichen Residenz zu gehen (¼ Paal) +begleitete mich die ganze Dorfgemeinde; man hatte hier noch kein +Europäisches Gesicht gesehen. Die Leute wollten alle mit mir in den +Palast (natürlich auch nur eine Bambushütte) -- man mußte sie mit +Gewalt forttreiben. + +Die Königin ließ lange auf sich warten. Sie war alt, aber kräftig, +überaus lebhaft und sprach sehr eifrig und viel. Sie behauptete, +sechsundsiebenzig Jahre zu zählen; aber ihrem jüngsten Sohne nach zu +urtheilen, mochte sie es mit den Jahren wohl nicht so genau nehmen. +Wenn die Leute hier alt sind, machen sie sich gerne noch älter: sie +glauben dadurch an Würde zu gewinnen. Im allgemeinen haben sie auch +wenig Begriff von Zeitrechnung und wissen meistens selbst nicht, wie +viel Jahre sie zählen. + +Nach der üblichen Bewirthung mit Thee und Süßigkeiten wollte ich mich +zurückziehen, da ich halb lahm von dem neun Stunden langen unbequemen +Sitzen in dem Baumstamme war; allein die hohe Frau gab es nicht zu: +sie unterhielt sich zu gut mit meinen Leuten, die ihr alle Neuigkeiten +aus der großen Stadt Makassar erzählen mußten. Sie war sehr munter +und heiter, obwohl sie, wie sie mir selbst mit wahrhaft stoischer +Gleichgültigkeit erzählte, erst vor drei Tagen einen Sohn begraben +hatte. So sind diese Menschen! -- So lange die Leiche im Hause ist, +heulen, schreien und geberden sie sich wie Wahnsinnige; ist der +Verstorbene einmal der Erde übergeben, so begraben sie den Schmerz mit +ihm, Heiterkeit und Frohsinn kehren wieder. + +Die Königin trug Trauer um ihren Sohn. Dieselbe bestand in einem +dunklen Tuche, das um den Kopf geschlagen war, die Haare ganz verbarg +und bis über die Schultern fiel. + +Sehr gegen meinen Willen war ich gezwungen, die Abendmahlzeit bei der +Königin einzunehmen. Auch hier war das Essen unter aller Kritik. Es +gab eine Menge kleiner Schüsselchen, deren Gesammtinhalt den Magen +eines ganz gewöhnlichen Essers nicht überladen hätte. Ein Schüsselchen +enthielt ein hartgekochtes Ei in vier Theile geschnitten, ein anderes +drei winzig kleine Kartoffeln, ein drittes die Hälfte eines drei Zoll +langen Fischchens, ein viertes ein paar Scheibchen von Gurken, ein +fünftes zwei gekochte nußgroße Zwiebelchen u. s. w. Mitten unter dieses +Puppenmahl setzte man einen sehr großen, fest zugedeckten Suppentopf +und legte daneben einen großen Suppenschöpflöffel. Diesem Riesentopfe +weihte ich meine ganze Aufmerksamkeit; mein erwartungsvoller Magen +hoffte auf gekochte Hühner oder sonst ein herrliches Gericht. In dieser +schwelgerischen Erwartung nahm ich eine gute Portion Reis auf meinen +Teller, um ihn mit der köstlichen Sauce, mit dem zarten Hühnerfleische +zu mengen; doch der Deckel des Topfes wurde lange Zeit nicht gehoben. +Ich verlangte nach etwas Salz, um meinen Reis vorläufig zu würzen. Da +endlich -- ging der Deckel auf, man griff nach dem großen Schöpflöffel +und langte -- -- einen Fingerhut voll weißen Salzes heraus[33]. Bald +wäre ich aus Schmerz über die getäuschte Hoffnung selbst zur Salzsäule +geworden. + +Nicht minder komisch ging es mit dem Wasser zu: man stellte zwei +sehr schön geschliffene Flaschen in Futteralen vor uns. Da Flaschen +gewöhnlich von Gläsern begleitet sind, wartete ich lange auf letztere. +Als sie nicht erschienen, verlangte ich darnach; die Königin aber sagte +mir, ich möchte nur aus der Flasche trinken, und nicht nur sie und ich, +sondern Tolk, Sendling, alles trank aus den Flaschen. + +Unter den Früchten gab es eine, Durian genannt, in Form und Umfange +einer Melone von mittlerer Größe ähnlich und mit sehr rauher Schale, +die dermaßen nach Knoblauch stank, daß man die Frucht schon roch, als +sie dreißig bis vierzig Schritte entfernt war. Das Innere besteht aus +weißen, an einander gereihten, sehr großen Bohnen. Ich hatte die Frucht +schon auf Borneo wie auch auf den Molukken gesehen. Die Europäer +versicherten mir, daß, wenn man sich an den starken Geruch gewöhnt +habe, diese Frucht sehr fein schmecke, und fügten hinzu, wenn man sie +so recht ~con amore~ genießen wolle, müsse man dieß auf einem Flusse in +einem Boote sitzend thun, um die Hände jeden Augenblick in das Wasser +tauchen zu können, damit der Geruch sich leichter verlöre. Ich konnte +ihr, selbst nach wiederholten Versuchen, des Geruches wegen, keinen +Geschmack abgewinnen. + +Die bei Tische aufwartende Hofdame oder Dienerin trug auf dem Daumen +der linken Hand ein wenigstens fünf Zoll langes Nagelfutteral. Ich gab +ihr meine Verwunderung über diesen ungeheuren Nagel zu erkennen, sie +versichernd, daß ich ähnliches nicht einmal in China, dem Lande der +Nagelkultur gesehen hätte. Lächelnd zog sie das Futteral ab, und ich +sah, daß es eigentlich mehr als Zierde diente: der Nagel selbst hatte +höchstens einen halben Zoll Länge. Eben so verhielt es sich mit den +übrigen Futteral-Trägern; nur der Sohn der Königin machte hievon eine +Ausnahme: sein Finger prangte mit einem zwei Zoll langen Nagel. Die +Mode der Nagelfutterale sah ich nur in dieser Gegend. + +Als das Mahl vorüber war, setzte ich die Ceremonie bei Seite und +verlangte, mich zurückziehen zu dürfen. Die Königin entschuldigte sich, +mich nicht in ihrer Ruine von Palast aufnehmen zu können, ich möchte +ihrem Sohne nach dem seinigen folgen; dort sei schon alles für mich +bereit. Daselbst angekommen, sollte ich noch seiner Frau vorgestellt +werden und abermals Thee und Backwerk genießen. Allein ich wich dieser +Ehre für heute aus und schlüpfte unter meinen Klambu, wo ich mich der +nöthigen Ruhe erfreute. + ++4. Mai.+ Der Prinz war ein noch junger Mann; Gesichtsfarbe und Züge +verriethen aber schon den starken Opiumraucher. Sein erstes Geschäft +Morgens war auch die Opiumpfeife anzuzünden. Leider wird dieses Gift +auf Celebes häufig gebraucht. + +Nach dem Frühstücke, das der gestrigen Abendmahlzeit würdig an die +Seite zu stellen war, ging ich mit dem Prinzen zur Königin, um Abschied +zu nehmen. Beim Eintritte in den Palast fielen mir drei Kisten in die +Augen, die ich gestern nicht bemerkt hatte; zwei dienten als Stühle für +die Königin und mich, die dritte als Tisch. + +Ich mußte über eine halbe Stunde auf die Königin warten; es hieß, sie +mache Toilette. Und worin bestand diese Toilette? In einer weißen +Blouse, die sie über den Sarong gezogen hatte, der Kopf war wie gestern +in ein Tuch gehüllt. An Schmuck trug sie zwei Reihen hohler Kugeln +aus Goldblech, in Form und Größe kleiner Hühnereier, die kreuzweise +über Brust und Schulter hingen, an jeder Seite der Brust ein rundes, +handgroßes, mit Edelsteinen besetztes Goldblech, das man für Orden +hätte halten können, wenn die Leute auf Celebes schon auf diesem +Höhepunkte der Civilisation stünden. Am meisten fiel mir jedoch die +Fußbekleidung auf: sie bestand aus ausgeschnittenen Schuhen nach Art +der Europäischen; nur waren sie, statt von Stoff, ganz von Goldblech, +die Sohle nicht ausgenommen, und mit Edelsteinen besetzt. + +Als mich die Königin begrüßte, sagte sie mir, daß sie es für ihre +Pflicht gehalten habe, mich im königlichen Staate zu empfangen. + +Auch bei dieser Gelegenheit mußte wieder gespeist werden. Während +der Mahlzeit wurde ihr Sohn abgeholt, um ein Haus zu besichtigen, in +welches diese Nacht Diebe eingebrochen, und an Silber, Geschmeide +u. dgl. bei 800 Rupien im Werthe gestohlen hatten. + +Die Buginesen, Hauptbevölkerung dieser Gegenden, sind die +berüchtigtsten Diebe und Piraten im ganzen Archipel, übrigens +die gewandtesten und hübschesten Leute, die ich auf dieser Insel +gesehen. Männer und Weiber sind groß, sehr gut gewachsen, auch ihre +Gesichtsbildung ist bei weitem besser, als die der Malaien. Das +Nasenbein thut sich doch ein bischen hervor; manche haben mitunter ganz +hübsch geformte Nasen, und die Zahnkiefer ragen nicht so heraus. Ihre +Augen sind schön und verrathen viel Intelligenz. Ihre Hautfarbe ist +licht röthlich braun. + +Wie ich bereits bemerkt habe, genießen die Weiber auf Celebes so +ziemlich die Rechte der Männer: ein Mann darf ohne die Bewilligung +seiner ersten Frau keine zweite nehmen. Auch von den öffentlichen +Angelegenheiten sind sie nicht ausgeschlossen. Die Bewohner des +Königreiches +Wadjo+ (Lagusi), ein handeltreibendes, friedliches Volk, +ziehen es sogar vor, von Königinnen regiert zu werden; sie sagen, daß +deren Regierung weniger kriegslustig, treuer und ruhiger sei, als die +der Männer. + +Um 11 Uhr sagte ich der Königin Lebewohl. + +Ich hatte meinen Leuten schon am frühen Morgen befohlen, alles zur +Rückreise in Bereitschaft zu halten; trotzdem fand ich, als ich an’s +Ufer kam, nicht einmal ein Boot vor. Mit vielem Gezänke kam erst unser +ausgehöhlter Baumstamm um Mittag zum Vorschein. Die Rückreise war wo +möglich noch unangenehmer als die Herreise, da die Leute so träge +ruderten, daß wir nicht von der Stelle kamen. Ich mußte in dem engen +Gefängnisse zwanzig Stunden, von Mittag zwölf bis nächsten Morgen +acht Uhr zubringen. Während der Nacht wurden die Ruder zur Seite +gelegt, und alles schlief. Glücklicherweise war das Wetter schön und +der See ruhig, dennoch schwankte das gefährliche Fahrzeug bei jeder +Bewegung eines Schläfers so heftig, daß ich oft fürchtete, es könne das +Gleichgewicht verlieren. + ++5. Mai.+ In der offenen Hütte wieder angekommen, rasteten wir zwei +Stunden, dann bestiegen wir Pferde und ritten nach +Batu-Massapaija+, +zu dem König von Sidenring zurück. + +Meine erste Frage war nach den Insekten. Der König reichte mir -- die +leere Flasche[34]. Ich erinnerte ihn an die Rehjagd -- „Uebermorgen“ +hieß es. + +Ich dankte ihm für die vielen Insekten und für die schöne Jagd und +ersuchte ihn, mir einige Leute zu geben, um nach dem Bergdistrikte ++Duri+ gehen zu können, dessen Bewohner eine Art Alforen und ein noch +als sehr wild bekannter Volksstamm, Bundesgenossen des Königs von +Sidenring sind. Sie sollen in Höhlen wohnen. Diese Reise gefiel aber +dem Tolk und Sendling nicht. Man mußte sie zu Fuße machen und obwohl +ich von der +Buginesischen+ Sprache, in welcher meine Leute mit dem +Könige verkehrten, so viel wie nichts verstand, entnahm ich doch, daß +sie den König ersuchten, mir Schwierigkeiten zu machen. Der König +sagte mir dann in Malaischer Sprache, daß er jetzt mit diesem Volke +gerade nicht im besten Einvernehmen stehe und daher meinen Wunsch nicht +erfüllen könne. Hätte ich diese trägen, faulen Leute nicht bei mir +gehabt, so würde ich meinen Willen durchgesetzt haben, denn ich sah es +dem Könige an, daß er der Erfüllung meines Ersuchens nicht ungeneigt +war. Er bemerkte wohl, daß ich böse wurde, und um mich ein wenig zu +erheitern, versprach er mir, die Rehjagd auf den morgigen Tag zu +veranstalten. + +Ich brachte den ganzen Abend mit der königlichen Familie zu und +bemerkte mit Vergnügen, daß das königliche Ehepaar, obwohl schon lange +verheirathet (sie hatten vierzehn Kinder), in einer überaus glücklichen +Ehe lebte. Ich hörte auch, der König habe nur +eine+ Frau, und +überhaupt sei das Familienleben auf Celebes besser als auf irgend einer +der anderen Inseln dieses Archipels. Gewöhnlich begnügt sich der Mann +mit +einer+ Gattin, und Scheidungen finden auch nicht so häufig statt. + +Die beiden Eheleute richteten unzählige Fragen an mich; vor allem +andern aber baten sie mich um die Arznei, die ich ihrer Meinung nach +nähme, um in meinem Alter so kräftig zu sein. Der König sagte, daß er +nicht im Stande wäre, es mir gleich zu thun, viel weniger die Königin, +obwohl sie beide um so viel jünger seien als ich. Vergebens betheuerte +ich, daß dieß nur Folge der von der ihrigen so ganz verschiedenen +Lebensweise wäre. Dann kam auch hier wieder die Rede auf meinen Sultan +(ein besonderes Lieblingsthema aller dieser Fürsten); sie fragten +mich, wie er wohne, was er speise, ob ich ihn oft besuche u. s. w. Ich +erzählte ihnen mit aller Ausführlichkeit das kaiserliche Familienleben. + ++6. Mai.+ Gestern hatte die Königin erklärt, sie wolle ebenfalls an +der Jagd Theil nehmen. Ich war über diesen heldenmüthigen Entschluß +sehr erstaunt, denn daß eine Königin ihre Hütte ohne eine bedeutende +Veranlassung verläßt, gehört unter diesen Völkern zu den Wundern. +So erzählte mir z. B. die achtzehnjährige Königin von Baru, daß sie +seit acht Jahren nicht über zweihundert Schritte weit von ihrer Hütte +gekommen sei. + +Als es zur Jagd ging, fragte ich nach der Königin. Der König sagte mir, +daß sie uns nicht begleiten könne, sie habe das Fieber (vermuthlich das +Trägheitsfieber). + +Wir begaben uns auf einen großen, schönen Wiesenplatz, der ringsum +von Waldungen eingesäumt war. Die Rehe wurden getrieben, von Hunden +gefangen, welche die armen Thiere gräßlich zerfleischten, und von den +Leuten mit Lanzen getödtet. Viele von den Jägern waren zu Pferde und +jagten den Thieren nach. Der König und ich saßen im Schatten eines +Baumes und sahen zu, -- es war eine abscheuliche Unterhaltung, der ich +kein zweites Mal beiwohnen möchte! + +Nach der Jagd versammelten sich die Reiter und Treiber um uns. Diese +Gruppe war so malerisch, daß ich vieles gegeben hätte, ein Zeichner +zu sein. Die Reiter ruhten auf ihren schönen, unbeweglich stehenden +Thieren in den verschiedenartigsten Stellungen. Sie schlugen einen Fuß, +oft wohl beide unter, hockten auf den Fersen oder stemmten die Füße +in die Seiten der Thiere, kurz geberdeten sich wie auf festem Grund +und Boden. So wie die Leute zu Pferde, so lagerten die Treiber auf der +Wiese umher. Die Kopftücher hatten sie in der mannigfaltigsten Weise um +den Kopf geschlagen. Sie stärken diese Tücher und vermögen ihnen daher +jede beliebige Form zu geben; die langen, weiten Sarongs umhüllten die +kräftigen Körper bald ganz, bald theilweise, oder hingen als Schärpen +in reichem Faltenwurfe von der Schulter hinab. Das Betrachten dieses +Bildes ergötzte mich ungleich mehr als die grausame Jagd. + +Zur Abendmahlzeit setzte man uns schon das Schulterstück eines +der erlegten Rehe vor. Leider war es durch die Bereitung beinahe +ungenießbar geworden. Man hatte das Fleisch, ohne es zuvor zu waschen +und zu salzen, in das brennende Feuer geworfen und kaum so lange darin +gelassen, bis es warm wurde. Es war ganz schwarz, stank nach Rauch, +und das Blut quoll überall heraus. Von solchen Speisen lebt ein König, +der, wie er mir selbst erzählte, im vergangenen Jahre 8000 Rupien in +den Hahnenkämpfen verloren, das Jahr zuvor 10,000 Rupien in demselben +Spiele gewonnen hatte! -- + ++7. Mai+ Morgens nahm ich Abschied von dem königlichen Spieler. Die +Rückreise ging sehr rasch von Statten. Ich machte in Pare-pare, +Baru und Tanette nur die nöthige Rast und erreichte schon am 9. Mai +wieder die Grenze der Holländischen Besitzungen, die zwei Paal von +der Residenz des Königreichs Tanette beginnen. Um zwei Uhr war ich +zu Mandelle, und um eine Tagereise zu gewinnen, ging ich zu Fuß noch +sechs Paal weiter bis +Segeri+, denn bis frische Pferde herbeigeschafft +worden wären, würde es Nacht gewesen sein, und die Wege waren zu +gräßlich, um sich bei Nacht darauf zu wagen. Meinen Leuten kam dieß +nicht sehr gelegen; allein ich bekümmerte mich nicht darum, und begab +mich ohne sie auf den Weg, wohl wissend, daß sie mir folgen würden. Wir +kamen durch so tiefe Sümpfe, daß man an einer Stelle Mühe hatte, mich +durch zu bringen. Bei jedem Schritte sank ich bis an den Oberleib ein, +zwei meiner Leute mußten mir stets heraushelfen. Am nächsten Morgen +fühlte ich mich so wenig ermüdet, daß ich zweiunddreißig Paal zwar zu +Pferde, aber ebenfalls wie gestern, durch die schrecklichsten Sümpfe +machte, was selbst für Reiter sehr ermüdend ist. Ich kam glücklich und +wohlbehalten zu Maros an; Tolk und Sendling wurden dagegen von den +Beschwerden dieser eiligen Rückreise so angegriffen, daß sie beide +einige Tage unwohl waren. + +Zu Maros blieb ich noch einige Tage und besuchte von hier aus +den Fürsten +Aru-Sinri+, den früheren Minister von Bonni, der +sechs Paal von Maros entfernt wohnt. Die Gemahlin dieses Fürsten, ++Aru-Palengerang+, hatte die gerechtesten Ansprüche auf das Reich +Bonni: sie war die Schwester des letztverstorbenen Königs, der keine +Kinder hinterließ; auch sie war kinderlos und hatte einen Neffen +adoptirt. Als aber der König starb, wußte letzterer sich einen solchen +Anhang zu verschaffen, daß er sich der Regierung bemächtigte und seine +Wohltäterin vertrieb. Sie warf sich mit ihrem Gemahl in die Arme der +Holländischen Regierung, welche ihnen ein niedliches Bambushaus bauen +ließ und eine jährliche Pension gibt. + +Auf ganz Celebes fand ich kein Fürstenhaus so schön gehalten wie +dieses. Das Innere war in Gemächer getheilt, die Küche abgesondert, die +Dienerschaft sehr sauber gekleidet, der Tisch höchst zierlich gedeckt, +die Gerichte gut, man hätte in keinem Europäischen Hause mehr Ordnung +und Reinlichkeit finden können. + +Der Prinz Aru-Sinri und seine Gemahlin werden auch allgemein als +ausgezeichnete Leute, sowohl in Bezug auf Herz als auf Verstand gerühmt. + +Am +13. Mai+ ritt ich nach Makassar zurück, wo ich bis +20. Mai+ blieb. +Ich stattete vor meiner Abreise in Begleitung des Herrn +Weiergang+, +eines hiesigen Kaufmannes, noch dem Sultan von Goa einen Besuch ab. Das +Reich Goa stößt an Makassar an; die Residenz des Fürsten ist nur vier +Paal von letzterem entfernt. Dieses Reich besteht aus den Trümmern des +Königreiches Makassar, welches in früheren Zeiten das mächtigste von +Celebes war, eine treffliche Armee und viele Kutter besaß und einen +großen Theil der umliegenden Inseln beherrschte. + +Der Sultan von Goa bewohnt ein weit hübscheres Haus, als seine +königlichen Kollegen von Sidenring und Pare-pare, da es von Brettern +und mit Schnitzwerk verziert ist. Im Innern sah es jedoch eben so aus, +wie bei allen übrigen Fürsten: eine Ueberfülle von Hofgesinde und +Dienerschaft, ein Chaos von Klambus und übereinander geschichteten +Kisten und Kasten. + +Der Sultan ließ gerade ein neues Haus bauen, obwohl das alte noch ganz +gut erhalten schien; er wollte letzteres nicht mehr bewohnen, weil sein +Vater darin gestorben war. Soll man dieß Zartgefühl nennen? Ich wäre +eher geneigt, es für Aberglauben zu halten, denn Gefühl für Verstorbene +habe ich unter diesen Völkern nirgends gefunden. + +Nahe an der Residenz sind die Gräber des Fürstenhauses. Sie enthalten +einfache steinerne Grabesmonumente, die zum Theile in kleinen +gemauerten Hallen stehen. + +Am +20. Mai+ verließ ich Makassar auf dem Dampfer „Banda“, um zum +dritten und letzten Male die gastfreundlichen Küsten Java’s zu betreten. + +Nach 2½tägiger Fahrt ankerten wir auf der Rhede von Surabaya. Während +meines ersten Aufenthaltes an diesem Orte hatte ich die Bekanntschaft +der Frau Brumond, Gattin des Domine Brumond, gemacht, welche so +freundlich war, mich in ihr Haus einzuladen, wenn ich von der Reise +nach den Molukken und Celebes zurück käme. Herr Resident von Perez, bei +welchem ich damals abgestiegen war, hatte nämlich den Ruf nach Batavia +als Rath von Indien (höchste Stelle nach dem Gouverneur-General; +es sind deren vier, jede mit einem jährlichen Gehalte von 36,000 +Rupien) erhalten. Ich fand bei dieser liebenswürdigen Familie eine +so herzliche Aufnahme, und während der Krankheit die mich hier +befiel, eine so sorgfältige Pflege, daß ich gar nicht glaubte, mich +in einem fremden Lande zu befinden. Zu dem Fieber, das mich seit +meinem Aufenthalt in Sumatra häufig belästigte, gesellte sich ein +Anthrax auf dem Rücken, eine Folge der beschwerlichen Wanderungen und +ausgestandenen Mühseligkeiten auf den Molukken und auf Celebes. Durch +diese Krankheit wurde mir der Aufenthalt auf Surabaya sehr verbittert, +und es war an meine Reise ins Gebirge, nach dem Feuerberge +Brumo+ +u. s. f. nicht mehr zu denken; ich benützte nur die Zeit meiner +Rekonvaleszenz, Surabaya selbst und seine nahe Umgebung ein wenig zu +besehen. + +Der gute Herr Brumond war so gefällig, meinen Cicerone zu machen. Wir +begannen mit der Moschee, welche die schönste auf Java sein soll und +in ganz neuester Zeit von einem Holländischen Baumeister aufgeführt +wurde. Sie nimmt sich sehr gut aus, obwohl ihre Bauart weder rein +Maurisch noch Gothisch, sondern ein Gemisch von beiden ist. Sie bildet +mit den beiden Minarets, die durch vierzig Fuß lange, schöne Gänge +verbunden sind, ein Achteck. Das Gebäude ist von Backsteinen (Ziegeln) +aufgeführt, die Vorderseite des Daches, so wie die Eingangsthüre mit +hübschem Holzschnitzwerk verziert. + +Der Diener verweigerte uns zwar nicht den Eintritt in die Moschee; +allein er verlangte, daß wir die Schuhe ausziehen sollten. Herr +Brumond, meiner Rekonvaleszenz gedenkend, reichte ihm eine Rupie, +und dieser silberne Schlüssel öffnete uns die Thüre ohne weitere +Anforderung. Wir sahen im Innern nichts weiter als eine hübsche Halle +mit einer kleinen Kanzel, einigen Lampen, Matten und vielen messingenen +Spucknäpfen. Letztere fallen einem Fremden gar sehr in die Augen; +allein ein Sirikauer kann ihrer nicht entbehren, und an einem so +heiligen Orte darf er nicht auf den Boden spucken. + +Von der Moschee gingen wir in den nah gelegenen Malaischen Kampon. +Dieser gefiel mir ganz und gar nicht. Die Bambushütten, hier nicht +auf Pfähle gebaut, stehen in zwei Reihen enge an einander und bilden +eine Straße. Der Unrath wird vor alle Thüren geworfen, gegen Abend vor +jedem Hause zusammengefegt und verbrannt. Wir kamen gerade zu dieser +unglückseligen Stunde in den Kampon und konnten deshalb vor Rauch und +Gestank kaum durch die Straße dringen. Wie mag es da in der Regenzeit +aussehen, wann nicht gefegt und verbrannt werden kann? Es ist ganz und +gar nicht zu wundern, daß die Leute beständig mit Fiebern, Haut- und +andern Krankheiten zu kämpfen haben. + +Die Hütten sind außerordentlich klein und gedrückt, ohne Fenster und +mit einem so niedrigen Pförtchen, daß man ungebückt nicht durchkommt. +Im Innern ist jedes dieser Schneckenhäuser noch in drei Theile +getheilt, die wahren Löchern gleichen. Das erste Loch, das einzige, in +welches durch die geöffnete Thüre Licht fällt, enthält links und rechts +eine Schlafstelle, die während des Tages als Werkstätte oder Sitzplatz +dient. In dem zweiten Loche ist an einer Seite die Schlafstelle des +Hausherrn, an der andern eine hölzerne Bank, in dem dritten die +Feuerstelle. Es bleibt überall gerade nur so viel Raum, um hindurch +schlüpfen zu können. Die Einrichtung besteht aus einigen Matten, +Polstern, irdenen Kochtöpfen und einer hölzernen Truhe auf Rädern, die +alle Schätze der Familie, Kleidungsstücke, Waffen, Geschmeide u. s. w. +enthält und im Falle einer Feuersgefahr leicht fortgerollt werden kann. + +Das Volk kam mir minder häßlich vor, als im Beginne meiner Reise auf +Borneo, Java u. s. f. Ich sah nun schon seit mehr als einem Jahre +größtentheils nur Malaien und möchte daher meine Geschmacksänderung +der Gewohnheit zuschreiben, die am Ende das Häßliche minder häßlich +erscheinen läßt. Geht es doch mit dem Schönen eben so -- die +herrlichste Landschaft, alle Tage gesehen, macht mit der Zeit nicht +halb so viel Eindruck als im ersten Augenblicke. + +Wir besuchten diesen Abend auch noch den Chinesischen Kampon, der mit +seinen niedlichen Häuschen, durch seine außerordentliche Reinlichkeit +den größten Kontrast zu dem Malaischen bildete. Die Häuschen aus +Backsteinen waren alle so weiß und nett, als wäre der ganze Kampon erst +kürzlich beendet worden. Sie sind zwar auch nicht groß, aber geräumig +genug, selbst eine zahlreiche Familie anständig unterzubringen. Es +fehlt weder an Fenstern noch Thüren, von welchen erstere mit schönen +Läden versehen sind; alles Holz- und Rohrwerk ist mit dunkler Oelfarbe +angestrichen. Den Vordertheil des Hauses umgibt eine Veranda; von +dieser tritt man in das Empfangszimmer, welches die ganze Länge des +Hauses einnimmt. Hier findet man den Boden mit Matten belegt, die +Wände mit Spiegeln und Bildern geziert, und eine genügende Einrichtung +an Tischen, Stühlen und Schränken. Im Hintergrunde führen links und +rechts Thüren in die Wohnstübchen. Beinahe in jedem Hause ist in dem +Empfangszimmer ein kleiner Altar aufgerichtet. + +Wir betraten mehrere Häuschen, deren Bewohner schon bei der +Abendmahlzeit saßen. (Die Weiber der Chinesen sind ebenso wie jene +der Malaien von der Tischgesellschaft ausgeschlossen; sie speisen in +der Küche oder in ihren Kämmerchen.) Der Tisch war mit einem weißen +Tuche gedeckt und trug Gläser, Flaschen, Teller und gute Gerichte; mit +Vergnügen hätte man an ihrer Tafel theilnehmen können, während es Ekel +erregt, den Malaien zuzusehen, wie sie bei ihren Mahlzeiten irgendwo +auf dem Boden kauern und große Portionen in Wasser gekochten Reises mit +den Händen in den weit geöffneten Schlund stopfen. + +Die Chinesen in den Städten sind Kaufleute, Pächter oder Handwerker; +sie sind arbeitsam und unermüdlich, gönnen sich aber auch einige +häusliche Bequemlichkeiten. Nicht so die Malaien; bei diesen +leben Wohlhabende wie Arme in demselben Schmutze, in derselben +Beschränktheit. Der einzige Aufwand, die einzige Liebhaberei der +Reichen besteht in kostbaren Waffen, in Gold- und Silbergeschmeide, das +sie sorgfältig verschließen und bewahren, und das man höchstens bei +außerordentlichen Festen und Begebenheiten, oder wenn man sie darum +ersucht, zu sehen bekommt. Außerdem begnügen sie sich mit einem alten +Sarong und einem schmutzigen Kopftuche. Eine Ausnahme davon machen nur +die von der Regierung als Regenten u. s. w. Angestellten: diese suchen +gewöhnlich den Aufwand und die Lebensweise der Holländischen Residenten +nachzuahmen. + +Einen der folgenden Tage gingen wir nach dem großen Malaischen +Friedhof, der zum Theile auch der heilige genannt wird. Er ist mit +einer Mauer umgeben. Das Innere ist in viele Plätze getheilt, die +ebenfalls durch Mauern oder Staketen von einander gesondert sind und je +nach der Heiligkeit oder dem hohen Stande der daselbst Ruhenden mehr +oder weniger in Ordnung gehalten werden. Es gibt noch viele Grabmäler +von Sultanen aus der guten alten Zeit, als Sultane auf Surabaya +herrschten. Sie sind alle höchst einfach und bestehen aus Steinplatten +oder aufrecht stehenden Steinen, von welchen die meisten schon +beschädiget oder eingesunken sind. Von diesen Gräbern wird eines für +so heilig gehalten, daß keine Ehe unter dem Volke Surabaya’s und der +nähern Umgebung geschlossen wird, ohne daß das Brautpaar hieher kommt, +um durch ein kurzes Gebet den Segen zu dem Bunde zu erflehen. Wir waren +so glücklich, einem dieser Brautpaare zu begegnen. Die Braut, ein +etwas beleibtes, sehr häßliches, zwölfjähriges Mädchen, wurde in einer +kleinen Sänfte getragen, die von beiden Seiten offen war, damit sie +von dem Volke in ihrer bräutlichen Herrlichkeit gesehen werden konnte. +Sie trug einen seidenen Sarong, der etwas über die Hüfte reichte; von +da an war sie unbekleidet und mit einer gelben Farbe ganz bemalt, +was dieselbe Wirkung hervorbrachte, wie enge anliegender Tricot. Der +Kopf, Hals, die Ohren und Arme waren mit Schmuck beladen. Sowohl der +seidene Sarong wie der Schmuck sind selten Eigenthum der Braut: diese +Gegenstände werden für die Feierlichkeit gemiethet. Ihre Begleitung +bestand aus vielen Weibern und Mädchen, wahrscheinlich Verwandte. Der +Bräutigam, ein hübscher Mann von einigen zwanzig Jahren, folgte zu Fuße +in Gesellschaft vieler Jünglinge und Männer. Er war sauber, aber nicht +anders als seine Begleiter gekleidet. + +Ich sah in Surabaya nicht nur dieses Brautpaar aus dem Volke, ich +wohnte auch einem vornehmen Hochzeitsfeste bei, wo es des Prunkes nicht +wenig gab. Die Braut war die Schwester des Regenten. + +Dieses Fest währte mehrere Tage. Am ersten fand die Ceremonie in dem +Tempel statt, bei welcher ich nicht zugegen sein konnte, da ich gerade +das Fieber hatte. Die Braut folgt an diesem Tage nicht ihrem Gemahl in +sein Haus, sondern kehrt in das ihrige zurück. Am zweiten Tage ward das +eigentliche Fest in dem Hause der Braut gefeiert. Der Gatte kam gegen +Abend in feierlichem Zuge zu seiner Gemahlin. Den Zug eröffneten viele +Jünglinge und Knaben aus dem Volke in ihrer gewöhnlichen Kleidung; sie +trugen Palmenzweige oder sehr hohe Stangen mit bunten Tüchern, die +wie Fahnen flatterten. Ihnen folgte Musik, Gongs und Trommeln und +hierauf eine Art Leibwache mit sehr schönen Lanzen, von welcher eine +Abtheilung dunkelbraune, die andere zimmetbraune Sarongs trug, die in +faltenreichen Spitzen bis an die Waden hinab fielen. Der Oberkörper und +die Füße waren mit lichtgelber Farbe bemalt; auf dem Kopfe trugen sie +eine Art Krone von Goldblech oder Messing. Sie sahen sehr geschmackvoll +und kriegerisch aus. Zwischen jeder Abtheilung ging Musik. Der +Bräutigam kam in einem vierspännigen Europäischen Wagen gefahren, +von zwei Frauen (Verwandten) begleitet. An dem Hause angekommen, +stellte sich das Gefolge in Reihen auf, und der Bräutigam schritt mit +gesenktem Haupte und beinahe geschlossenen Augen in den Empfangssaal, +in dessen Hintergrunde die Braut, umgeben von Frauen und Mädchen, auf +einem schönen Teppiche saß. Stillschweigend, ohne Gruß, ohne die Augen +aufzuschlagen, nahm der Bräutigam an der Seite der Braut Platz. Beide +blieben bis neun Uhr so stumm und unbeweglich wie Statuen sitzen. + +Braut und Bräutigam waren beinahe gleich gekleidet; sie trugen lange, +golddurchwirkte seidene Sarongs. Der Bräutigam hatte den Oberkörper +unbekleidet und gelb bemalt, die Braut trug ein lichtgelbes, seidenes, +sehr knapp anschließendes Leibchen, die Arme hatte sie bis an die +Achseln ebenfalls nackt und gelb bemalt. Auf dem Kopfe trugen beide +Kränze von Melati. Drei Reihen dieser Blumen fielen von den Schläfen +bis an die Brust hinab. Außer den Blumen hatten sie noch einige +Verzierungen auf dem Kopfe. Das Brautpaar war von vielen Verwandten +umgeben, aber alle saßen stumm und bewegungslos da. Um acht Uhr wurde +Thee und Backwerk gereicht; die ganze Gesellschaft aß und trank, ohne +auch nur ein Wort zu sprechen. Um neun Uhr verschwand das Brautpaar auf +einige Augenblicke, um sich umzukleiden, erschien wieder in einfachen +Hauskleidern und blieb dann noch ungefähr eine Stunde sitzen. An diesem +Tage wird zwar die Braut dem Bräutigam übergeben; allein er darf sie +noch nicht in sein Haus führen; er muß sogar noch einen dritten Abend +in dem ihrigen zubringen. + +Auch hier ist es wie auf Celebes bei Reichen und Vornehmen nicht Sitte, +die Mädchen gar zu jung zu verheirathen; gewöhnlich geschieht es +zwischen dem achtzehnten und zwanzigsten Jahre[35]. Manche beobachten +den Gebrauch, daß die Braut den Bräutigam erst in der Moschee kennen +lernt. + +Ein großes Fest bei den reichen Javanesen wird auch gefeiert, wenn ein +Jüngling seine Schulzeit vollendet hat. Der Jüngling sitzt obenan, die +Eltern und Verwandten um ihn, dann alle seine Lehrer; erstere fragen +ihn über alles aus, was er gelernt hat. + +Von den öffentlichen Anstalten Surabayas gefiel mir am besten das +Hospital: es ist in jeder Hinsicht das vollkommenste, das ich sah, und +dieß will viel sagen, denn in allen Holländisch-Indischen Besitzungen +sind die Hospitäler vortrefflich eingerichtet. Dieses hat für +achthundert Kranke Raum und ist in mehrere Gebäude abgetheilt, deren +jedes von Wiesen und Gärten, mit Blumen und Bäumen umgeben ist. In +einem der Gärten sah ich eine Wasserpalme, die merkwürdigste unter den +Palmen, die mir auf Java und Sumatra vorkamen. Die Blätter sind zwölf +bis fünfzehn Fuß lang und schießen einzeln aus dem Stamme, der kaum +fünfzehn Fuß hoch sein mag, gerade in die Höhe. Sie schließen sich +eines an das andere und bilden einen vollkommenen regelmäßigen Fächer. +Der untere Theil der Blätter so wie der Stamm enthalten Wasser. Diese +Palme ist auf Madagascar heimisch; auf Sumatra und Java fand ich sie +nur als Zierde in den Gärten der Europäer. + +Die Strafhäuser sind gleich jenen in Batavia der Art eingerichtet, daß +man beinahe sagen könnte, für Verbrecher sei die Menschlichkeit zu +weit getrieben. Die Holländischen Soldaten[36] haben hübsche Zimmer, +nette Gärtchen und erhalten eine sehr gute Kost. Die eingebornen +Verbrecher sind gemeinschaftlich in große Räume gesperrt und werden zu +verschiedenen Arbeiten in- und außerhalb des Gefängnisses verwendet, +wofür sie per Tag einige Deute für Siri bekommen. Keiner der Gefangenen +ist geschlossen; die Eingebornen tragen nur um den Hals einen eisernen +Ring; dessen ungeachtet soll das Entfliehen zu den sehr seltenen Fällen +gehören. Die Eingebornen haben vor den Gesetzen viel mehr Achtung, als +die Weißen. + +Die Gefängnisse waren stark besetzt, wie man mir sagte, mit +zwölfhundert Sträflingen, meistens Dieben. Die schweren Verbrecher +werden nach der Aburtheilung nach verschiedenen Inseln, besonders nach +den Molukken verwiesen, wo sie für die Regierung arbeiten, oder gegen +Lohn an Privatleute vermiethet werden. Todesstrafen haben höchst selten +statt. + +Die Fabrik für Ausbesserung und Zusammenstellung von Dampf- und anderen +Maschinen besuchte ich ebenfalls. Diese Fabrik ist für Java sehr +nothwendig, da es der Dampfschiffe, Zuckermühlen und andern Anstalten +schon in großer Menge gibt. Man könnte hier die Dampfmaschinen auch +ganz neu verfertigen; allein sie würden höher zu stehen kommen als in +Europa, denn da die Eingebornen nicht gezwungen sind, in den Fabriken +zu arbeiten, muß man sie gut bezahlen, um sie dazu zu bewegen. Es waren +in dieser Fabrik täglich an sechshundert Arbeiter beschäftiget, welche, +die Werkmeister ausgenommen, alle Eingeborne sind und per Tag von +dreißig bis hundertzwanzig Deut erhalten. + +Nicht minder vollkommen eingerichtet ist das Arsenal, in welchem +alle Gattungen Kugeln für Kanonen, Bomben und Gewehre gegossen, die +Wagengestelle für die Artillerie, alles Riemwerk für Soldaten und +Pferde gemacht werden. Auch hier arbeiten beinahe nur Eingeborne; +man zieht sie den Europäern bedeutend vor. Sie sind sehr gelehrig +und besonders im Nachahmen sehr geschickt, arbeiten ruhig, fleißig +und höchst genau, und schwatzen, zanken und trinken nicht. Ich sah +in beiden Fabriken die vollendetsten Arbeiten aus den Händen der +Eingebornen hervorgehen, unter andern ein großes Staatssiegel in +Messing gestochen, welches von dem besten Siegelstecher in Europa nicht +besser hätte ausgearbeitet werden können[37]. + +Ich besah auch das Trockendock, eine herrliche Anstalt zur Ausbesserung +der Schiffe. Das Becken, groß genug für das größte Schiff, steht durch +einen Canal mit der See in Verbindung; das Wasser wird, wenn das Schiff +im Becken liegt, mittelst einer Dampfmaschine in fünf bis sechs Stunden +gänzlich ausgepumpt. Wenn keine Regierungsschiffe in der Ausbesserung +liegen, werden auch Handelsschiffe angenommen, für welche per Tag und +per Tonne eine bestimmte Summe zu bezahlen ist. Es lag eben ein Schiff +von zwölfhundert Tonnen in dem Becken, das täglich dreihundert Rupien +für nichts als den Platz bezahlte. Diese Anstalt mag großen Nutzen +tragen, denn der Kostenaufwand ist sehr gering, und an Schiffen, die +der Ausbesserung bedürfen, fehlt es nie. + +Leider konnte ich, wie gesagt, weder den Feuerberg Brumo, noch das von +manchen Reisenden so schauervoll beschriebene „Todtenthal“ besuchen, in +welchem der Baum Upas steht. Die Ausdünstung dieses Giftbaumes soll, +nach deren Behauptung, jedem lebendem Wesen, das sich in seine Nähe +wagt, Mensch oder Thier, Tod und Verderben bringen. + +Der Saft des Baumes diente zur Vergiftung der Pfeile, und um das Gift +zu erlangen, sollen die Sultane dieses Landes den schweren Verbrechern +die Strafe auferlegt haben, eine gewisse Menge Saftes von dem Baume +zu bringen. Hatte der Verbrecher das Glück, mit dem Winde in das +Thal zu gehen, so konnte er den Auftrag vollführen, mit dem Leben +zurückkehren, und jede weitere Strafe war ihm in diesem Falle erlassen. +Kam ihm jedoch bei diesem Gang der Wind in’s Gesicht, so war sein Tod +unvermeidlich. + +Ich selbst erinnere mich, Beschreibungen dieser Art gelesen zu haben; +es hieß ferner, daß dieses Thal voll von Skeletten von Menschen und +Thieren sei. Jeder Vogel, der über das Thal fliege, stürze als Leiche +nieder u. s. w. -- Sehr glaubwürdige Leute versicherten mir, daß +an allem diesem Geschwätze kein wahres Wort sei. Es stehe zwar ein +Upas-Baum in einem kleinen Thale; allein Mensch und Thier kann sich ihm +ohne die geringste Gefahr nahen, der Wind mag kommen, von welcher Seite +er will. Hier und da ströme zwar aus dem Boden dieses Thales einiges +Gas aus, das sich aber nicht über zwei Fuß erhebe. Man führt, um dem +Fremden dieß zu zeigen, gleich wie in die Hundsgrotte zu Neapel, kleine +Hunde dahin, die nach einigen Minuten von Zuckungen ergriffen dem Tode +verfallen würden, zöge man sie nicht sogleich aus der Stickluft. + +Auf Java habe ich keinen Upas-Baum gesehen, dagegen in Borneo mehrere, +an welchen ich oft ganz nahe vorbei kam. Die Eingebornen warnten mich +bloß, weder den Stamm noch die Aeste zu berühren; sie sagten, die Hand +schwölle auf und schmerze einige Stunden. Vielleicht ist auch dieß +nicht wahr; ich wagte aber doch nicht, es zu versuchen. + +Da ich gerade von so Sonderbarem spreche, will ich auch eines +rätselhaften Ereignisses erwähnen, das sich vor mehreren Jahren +auf Java zutrug und so viel Aufsehen machte, daß es sogar die +Aufmerksamkeit der Regierung in Anspruch nahm. + +In der Cheriboner Residentschaft lag ein Häuschen, in welchem es, wie +die Leute behaupteten, arg spukte. Sobald der Abend einbrach, begann +ein Steinregen und Sirigespuck von allen Seiten in dem Gemache. Die +Steine, wie das Gespuck fielen knapp neben den Leuten, die sich darin +befanden, nieder, ohne jedoch Jemanden zu treffen. Dieser Spuk schien +hauptsächlich gegen ein kleines Kind gerichtet. Es wurde von dieser +unerklärlichen Sache so viel gesprochen, daß am Ende die Regierung +einen verläßlichen Stabs-Officier beauftragte, sie zu untersuchen. +Dieser ließ das Häuschen von auserwählten, treuen Soldaten umstellen, +welche niemand den Aus- oder Eingang gestatteten, untersuchte alles +genau, und setzte sich dann, das Kind auf den Schooß nehmend, in das +verrufene Gemach. Zu Abend begann der Stein- und Siri-Regen wie +immer, alles fiel knapp um den Officier und das Kind nieder, ohne +sie zu berühren. Abermals wurde jeder Winkel, jedes Loch untersucht +und -- nichts gefunden. Der Officier konnte aus der Sache nicht klug +werden. Er ließ die Steine aufheben, sie bezeichnen und sie an einem +weit entfernten Orte verbergen -- vergebens, dieselben bezeichneten +Steine flogen zur selben Stunde wieder in das Gemach. Um dieser +unbegreiflichen Geschichte ein Ende zu machen ließ die Regierung das +Häuschen niederreißen. + + * * * * * + +Nach Batavia zurückgekommen, war ich abermals unentschlossen, wohin +ich meinen Wanderstab wenden sollte. Von Indien hatte ich das +Interessanteste gesehen (Englisch Indien auf meiner ersten Reise +um die Welt), nach Australien verlangte ich nicht sehr, auch lagen +keine Schiffe für dorthin im Hafen, wohl aber gab es deren zwei für +Nord-Amerika, und zwar eines für Baltimore (Vereinigte Staaten), das +zweite für San Francisco in Kalifornien. + +Ich wandte mich an den Amerikanischen Consul, Herrn Reed, ihn +ersuchend, mit den Kapitänen dieser Schiffe zu sprechen und mir, +wo möglich, einen billigen Ueberfahrtspreis zu erwirken. Herr Reed +überbrachte mir schon nach einigen Tagen die erfreuliche Nachricht, +daß der Kapitän des für San Francisco bestimmten Schiffes bereit sei, +mich ohne die geringste Vergütung auf diese lange Reise (über 10,000 +Seemeilen) mitzunehmen. + +Beinahe mit wehmüthiger Empfindung nahm ich Abschied von den +Holländisch-Indischen Besitzungen. Ich sah in diesen Ländern viel des +Herrlichen und Großen in der wundervollen Natur, ich kam mit neuen +Völkern in Berührung, deren Bekanntschaft mir, trotz der Gefahren, mit +welchen ich sie mitunter erkaufte, höchst genußreiche und interessante +Beobachtungen bot. Und nicht nur Geist und Auge fanden Genüsse auf +dieser Reise, auch das Herz hatte seinen Theil, denn überall begegnete +ich unter den Holländern vielen guten Menschen, die mir auf die +liebevollste Weise mit Rath und That an die Hand gingen. Diesen, wie +auch den Deutschen, die ich an einigen Orten traf, verdanke ich es, daß +mir das Reisen nicht nur überhaupt ausführbar, sondern auch (die Länder +der wilden Dayaker, Battaker und, Alforen ausgenommen, wo es keine +Europäer gab) so leicht und angenehm gemacht wurde, als es nur immer +möglich war. + +So lange ich lebe, werden die Eindrücke dieser schönen Reise eben so +wenig aus meinem Gedächtnisse schwinden, wie die Erinnerung an die +Zuvorkommenheit und wahre Gastfreundschaft der Holländer. + + + [33] Man findet sehr selten weißes Salz, gewöhnlich ist es so + schmutzig und dunkel wie Asche. + + [34] Die Leute versprechen alles mit der größten Bereitwilligkeit; + ersucht man sie um etwas, so bekommt man stets „Ja“ zur Antwort; + allein höchst selten halten sie Wort. + + [35] Bei den Europäern scheint frühes Heirathen sehr Sitte gewesen + zu sein. Die Regierung hat in neuerer Zeit einen Befehl + erlassen, welchem zu Folge kein Europäisches Mädchen vor dem + fünfzehnten Jahre heirathen darf. + + [36] Die eingebornen Soldaten werden nicht mit den Holländischen in + dasselbe Gefängniß gesperrt. + + [37] Ich sah bei Oberst +von Schierbrandt+ in Batavia eine + Haus-Einrichtung in Gothischem Style, die er in Surabaya + verfertigen ließ. Die Stühle, Kanapees, Schränke u. s. w. waren + höchst kunstvoll ausgeschnitzt, die Tapezierer-Arbeit nicht + minder vollkommen. Aber bis auf die kleinsten Details mußte Herr + Schierbrandt den Leuten Zeichnungen geben, aus eigner Erfindung + können sie nichts schaffen. + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75639 *** diff --git a/75639-h/75639-h.htm b/75639-h/75639-h.htm new file mode 100644 index 0000000..a7cfe34 --- /dev/null +++ b/75639-h/75639-h.htm @@ -0,0 +1,7119 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Meine Zweite Weltreise. Zweiter Theil | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + +div.eng { + width: 70%; + margin: auto 15%;} +.x-ebookmaker div.eng { + width: 95%; + margin: auto 2.5%;} + +h1,h2 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; + font-weight: normal;} + +h1 {font-size: 275%;} +h2,.s2 {font-size: 175%;} +.s3 {font-size: 125%;} +.s4 {font-size: 110%;} +.s5 {font-size: 90%;} +.s5a {font-size: 80%;} +.s6 {font-size: 70%;} + +p { + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em; +} + +h1 {page-break-before: always;} + +h2 { + padding-top: 0; + page-break-before: avoid;} + +h2.nobreak { + padding-top: 3em; + margin-bottom: 1.5em;} + +p { + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em; + text-indent: 1.5em;} + +p.p0,p.center {text-indent: 0;} + +.hang2 { + padding-left: 2em; + text-indent: -2em;} + +.mtop2 {margin-top: 2em;} +.mbot-0_3 {margin-bottom: -0.3em;} +.mbot-0_5 {margin-bottom: -0.5em;} +.mbot1 {margin-bottom: 1em;} +.mbot2 {margin-bottom: 2em;} +.mbot3 {margin-bottom: 3em;} +.mleft2 {margin-left: 2em;} + +.padtop1 {padding-top: 1em;} +.padtop5 {padding-top: 5em;} + +hr { + width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 33.5%; + margin-right: 33.5%; + clear: both; +} + +hr.tb { + width: 25%; + margin: 1em 37.5%;} + +hr.titel1 { + width: 15%; + margin: 2em 42.5%;} + +hr.titel2 { + width: 75%; + margin: 2em 12.5%; + height: 2px; + color: transparent; + border: thin black solid;} + +div.chapter {page-break-before: always;} + +.break-before {page-break-before: always;} + +table { + margin-left: auto; + margin-right: auto; +} + +table.toc { + width: 36em; + margin: auto;} +.x-ebookmaker table.toc { + width: 95%; + margin: auto 2.5%;} + +.synopsis { + padding-left: 2em; + text-indent: -1em; + text-align: justify;} + +.vab {vertical-align: bottom;} +.vat {vertical-align: top;} + +.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + left: 94%; + font-size: 70%; + color: #777777; + text-align: right; + font-style: normal; + font-weight: normal; + font-variant: normal; + text-indent: 0; +} /* page numbers */ + +.blockquot { + margin-left: 5%; + margin-right: 10%; +} + +.center {text-align: center;} + +.right {text-align: right;} + +.left {text-align: left;} + +.antiqua {font-style: italic;} + +.gesperrt { + letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em;} + +.x-ebookmaker .gesperrt { + letter-spacing: 0.15em; + margin-right: -0.25em;} + +em.gesperrt { + font-style: normal;} + +.x-ebookmaker em.gesperrt { + font-family: sans-serif, serif; + font-size: 90%; + margin-right: 0;} + +.caption { + text-align: center; + font-size: 90%;} + +/* Images */ + +.linkedimage { + font-size: 75%; + text-align: center; + text-indent: 0; + margin: 0.5em auto 0.5em auto;} +.x-ebookmaker .linkedimage {display: none;} + +img { + max-width: 100%; + height: auto; +} +img.w100 {width: 100%;} + +.figcenter { + margin: auto; + text-align: center; + page-break-inside: avoid; + max-width: 100%; +} + +/* Footnotes */ + +.footnotes { + border: thin black dotted; + background-color: #dadada; + color: black; + margin-top: 1.5em;} + +.footnote { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; + font-size: 0.9em;} + +.footnote p {text-indent: 0;} + +.footnote .label { + position: absolute; + right: 84%; + text-align: right;} + +.fnanchor { + vertical-align: top; + font-size: .7em; + text-decoration: none; +} + +/* Transcriber's notes */ +.transnote { + background-color: #E6E6FA; + color: black; + font-size: smaller; + padding: 0.5em; + margin-bottom: 5em; + page-break-before: always;} + +.hidehtml {display: none} +.x-ebookmaker .hidehtml {display: block} + +/* Illustration classes */ +.illowe1_2 {width: 1.2em;} +.illowe6 {width: 6em;} +.illowe50 {width: 50em;} + +/* Illustration classes; e-books */ +.illowe6 {width: 12%; margin: auto 44%;} +.illowe50 {width: 100%; margin: auto;} + + </style> +</head> +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75639 ***</div> + +<div class="transnote mbot3"> + +<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> + +<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von +1856 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische +Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute +nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original +unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.</p> + +<p class="p0">Die Verwendung von gesperrter Schrift für Personen- +und Ortsnamen wurde im Original inkonsistent gehandhabt, dennoch +wurden in der vorliegenden Fassung dahingehend keinerlei Korrekturen +vorgenommen.</p> + +<p class="p0 hidehtml">Abhängig von der im jeweiligen +Lesegerät installierten Schriftart können die im Original <em +class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in +serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt +erscheinen.</p> + +</div> + +<figure class="figcenter illowe50 break-before" id="frontispiz"> + <img class="w100" src="images/frontispiz.jpg" alt=""> + <figcaption class="caption"><p class="center s5">Holzschnitt und Druck von + Eduard Kretzschmar in Leipzig.</p> + <p class="center">Eine Bambusbrücke.</p> + <div class="linkedimage s5 mbot3"><a href="images/frontispiz_gross.jpg" + id="frontispiz_gross" rel="nofollow">⇒<br> + LARGER IMAGE</a></div></figcaption> +</figure> + +<div class="eng"> + +<h1><span class="s6">Meine</span><br> +Zweite Weltreise.</h1> + +<hr class="titel1"> + +<p class="center mbot1">Von</p> + +<p class="s2 center">Ida Pfeiffer,</p> + +<p class="s5 center">Verfasserin der „Reise in das heilige Land“, der „Reise nach Island“ +und der „Frauenfahrt um die Welt.“</p> + +<hr class="titel1"> + +<p class="s3 center mtop2"><span class="s4">Zweiter Theil.</span></p> + +<p class="s4 center mbot2">Sumatra. Java. Celebes. Die Molukken.</p> + +<hr class="titel2"> + +<p class="s3 center"><span class="s4">Wien.</span></p> + +<p class="s4 center"><em class="gesperrt">Carl Gerold’s Sohn.</em><br> +1856.</p> + +<p class="s5 center padtop5 break-before">Das Recht der Uebersetzung in fremde +Sprachen behält sich die Verfasserin vor.</p> + +<p class="s5a center padtop5">Druck von Carl Gerold’s Sohn.</p> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_iv">[S. iv]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Inhalt_des_zweiten_Bandes">Inhalt des zweiten Bandes.</h2> + +</div> + +<table class="toc"> + <tr> + <td class="s4" colspan="2"> + <div class="left"><b>Siebentes Kapitel.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="synopsis">Sumatra. — Ankunft in Padang. — Reise in das Innere. + — Fort de Kock. — Kotto-Godong. — Seltsame Gesetze. — Muara-Sipongie. + — Widerrathen der Reise. — Die Battaker. — Ihre Gebräuche und Gesetze. + — Abschied von den letzten Europäern</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Siebentes_Kapitel">1</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s4" colspan="2"> + <div class="left padtop1"><b>Achtes Kapitel.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="synopsis">Fortsetzung der Reise auf Sumatra. — Die + Fußreise. — Das Nachtlager im Urwalde. — Erstes Zusammentreffen + mit den Kannibalen. — Haly-Bonar. — Opferung eines Büffelkalbes. — Das + Thal Silindong. — Feindseliger Empfang. — Gezwungene Rückkehr. — + Wiederholte wilde Scenen. — Wiederkehr nach den Holländischen + Besitzungen. — Paija-Kombo. — Besteigung des Merapi. — Rückkunft nach + Padang</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Achtes_Kapitel">44</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s4" colspan="2"> + <div class="left padtop1"><b>Neuntes Kapitel.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="synopsis">Java. — Samarang. — Die Schlammquellen von Grobogan. + — Besuch der freien Fürstenthümer Djogokarta und Surukarta. — Der + Tempel Boro-Budoo. — Die heilige Schildkröte. — Audienz bei dem + Sultan. — Solo. — Fürstliches Leichenbegängniß. — Audienz bei dem + Susubunan. — Rückkehr nach Samarang. — Reise nach Surabaya</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Neuntes_Kapitel">101</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s4" colspan="2"> +<span class="pagenum" id="Seite_v">[S. v]</span> + <div class="left padtop1"><b>Zehntes Kapitel.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="synopsis">Makassar. — Banda. — Erdbeben. — Die + Muskatnuß-Pflanzungen. — Ambon. — Ausflug nach der Negeri Emma. — + Saparua. — Ceram. — Fußreise durch das Innere Cerams. — Ankunft zu + Wahai. — Die Alforen. — Rückreise nach Ambon. — Ternate. — Besuch + bei dem Sultan</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zehntes_Kapitel">142</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s4" colspan="2"> + <div class="left padtop1"><b>Elftes Kapitel.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="synopsis">Celebes. — Menado. — Reise nach den Oberlanden. + — Die holländischen Missionäre. — Makassar. — Reise in das Innere von + Celebes. — Maros. — Eine Regentenwahl. — Tanette. — Baru. — Fest der + Zahnfeilung. — Pare-pare. — Der gelehrte Malaische König</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Elftes_Kapitel">194</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s4" colspan="2"> + <div class="left padtop1"><b>Zwölftes Kapitel.</b></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="synopsis">Sidenring. — Die Seen von Tempe. — Lagusi. — Ein + königliches Mahl. — Rückkehr nach Sidenring. — Die Rehjagd. — Besuch + bei dem Sultan von Goa. — Abreise von Celebes. — Surabaya. — Eine + Malaische Hochzeit. — Eine Spukgeschichte. — Rückkehr nach Batavia</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zwoelftes_Kapitel">242</a></div> + </td> + </tr> +</table> + +<figure class="figcenter illowe6" id="a005_deko"> + <img class="w100 padtop1" src="images/a005_deko.jpg" alt="" data-role="presentation"> +</figure> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[S. 1]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Siebentes_Kapitel">Siebentes Kapitel.</h2> + +</div> + +<p class="s5 hang2 mbot2">Sumatra. — Ankunft in Padang. — Reise in das Innere. — Fort de +Kock. — Kotto-Godong. — Seltsame Gesetze. — Muara-Sipongie. +— Widerrathen der Reise. — Die Battaker. — Ihre Gebräuche und +Gesetze. — Abschied von den letzten Europäern.</p> + +<p><img class="illowe1_2 mbot-0_3" src="images/p001_init.jpg" alt="S">chon seit einiger Zeit war der Wunsch in mir rege geworden, eine +Reise nach <em class="gesperrt">Sumatra</em> (560 M.) zu machen; allein die Kosten des +Dampfschiffes (fünfhundert Rupien für die Hin- und Rückfahrt) waren +zu groß. Herr van Rees machte mir jedoch Hoffnung auf eine billige +Ueberfahrt. Einige Stunden nach unserer Rückkunft von Tangerang fuhr +er nach der Stadt, und sandte mir wirklich ein Briefchen, in welchem +eine Karte eingeschlossen lag, lautend auf die Reise nach Sumatra und +zurück. Wie groß meine Freude war, kann man sich leicht vorstellen.</p> + +<p>Herr van Rees hatte darüber mit den in Batavia etablirten deutschen +Kaufleuten gesprochen; sie waren sogleich bereit, eine Karte für mich +zu besorgen. Ich<span class="pagenum" id="Seite_2">[S. 2]</span> sage diesen Herrn meinen innigsten Dank, und kann sie +versichern, daß diese Reise die interessanteste von allen war, die ich +gemacht habe.</p> + +<p>Schon den folgenden Tag sollte der Dampfer Makassar, 120 Pferdekraft, +Kapitän <em class="gesperrt">Bergner</em>, absegeln. Meine Vorbereitungen waren schnell +gemacht, und am 8. <em class="gesperrt">Juli</em> 1852, Morgens um sechs Uhr ging ich an +Bord, begleitet von meinem unermüdlich gefälligen Freunde, Herrn van +Rees.</p> + +<p>Denselben Tag noch bekamen wir die Küste von Sumatra zu Gesicht, ohne +jene von Java zu verlieren. Beide Inseln sind sehr gebirgig, Java’s +Berge aber höher und in Form und Gestalt abwechselnder.</p> + +<p>10. <em class="gesperrt">Juli.</em> Erst diesen Morgen verloren wir die Küste von Java aus +dem Auge. Auf Sumatra zeigten sich zwei- bis dreifache Gebirgsketten. +Ein schöner, ebener Landgürtel zog sich von der See bis an das Gebirge. +Ebene und Gebirge waren üppig bewaldet.</p> + +<p>11. <em class="gesperrt">Juli.</em> Wir sollten zu <em class="gesperrt">Benkula</em>, dem Hauptorte der +Residentschaft gleichen Namens anlegen; allein der Ankerplatz ist +selbst für Dampfschiffe nur bei ruhigem Wetter zu benützen; da uns +dieses nicht begünstigte, mußten wir in die zwölf Meilen entfernte +<em class="gesperrt">Pulu-Bay</em> einlaufen. Der Kapitän ging zu Lande<span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span> nach Benkula und +kam erst den folgenden Nachmittag zurück. Gegen Abend ging die Reise +weiter.</p> + +<p>13. <em class="gesperrt">Juli.</em> Morgens kamen wir zu <em class="gesperrt">Padang</em> an, dem Hauptorte +der Holländischen Besitzungen auf Sumatra. Die Lage dieser Stadt +ist außerordentlich reizend. Auf der Westseite sind liebliche Hügel +und niedere Berge, darunter der <em class="gesperrt">Gunang Batu</em> der höchste (950 +Fuß), der schroff aufsteigende 350 Fuß hohe <em class="gesperrt">Affenberg</em> der +auffallendste. Dieser letztere ist in die See hinaus geschoben und +mit dem Lande nur durch eine schmale Erdzunge verbunden. Gegen Norden +erhebt sich in der Entfernung von vier bis fünf Paal ein schöner +Gebirgszug; zwischen diesem und der Stadt breitet sich eine sehr +fruchtbare Ebene aus.</p> + +<p>Padang ist die größte Stadt auf Sumatra: sie hat eine Bevölkerung von +27,000 Seelen und ist der Sitz des Gouverneurs, der vier Paal von +der Stadt entfernt, nahe dem Gebirge zu „<em class="gesperrt">Wellkom</em>“ ein schönes +Haus bewohnt. Die Stadt ist nicht hübsch; die besten Gebäude sind die +Magazine und Comptoir’s der Europäischen Kaufleute. Die Wohnhäuser +der Europäer liegen nahe der Stadt in kleinen Gärten unter schattigen +Kokospalmen, an welchen die ganze Gegend sehr reich ist.</p> + +<p>Ich stieg zu Padang bei Herrn Major <em class="gesperrt">Kreling</em> ab; allein kaum +hatte der Gouverneur, Herr van<span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span> <em class="gesperrt">Switen</em>, meine Ankunft erfahren, +als er selbst kam, mich nach seinem Hause einzuladen, wohin ich noch +denselben Tag fuhr.</p> + +<p>Meine Absicht war, in Padang selbst nur kurze Zeit zu verweilen; +ich wollte das sogenannte <em class="gesperrt">Oberland</em>, <em class="gesperrt">Benjol</em>, +<em class="gesperrt">Mandelling</em>, <em class="gesperrt">Ankolla</em>, <em class="gesperrt">Groß-Toba</em> u. s. w. besuchen, +und bis zu den freien, wilden Battakern unter die Kannibalen gehen. +Auch hier wie zu Sarawak suchte man mich zu bereden, diesen Plan +aufzugeben; man sagte mir, daß, seit im Jahre 1835 zwei Missionäre, die +Herren <em class="gesperrt">Layman</em> und <em class="gesperrt">Mansor</em>, von den Battakern getödtet und +auch gefressen worden seien, sich kein Europäer ohne Militärbegleitung +unter sie wage. Man rieth mir, mich mit den Holländischen Besitzungen +zu benügen, und mich nicht der beinah unvermeidlichen Gefahr +auszusetzen, auf so gräßliche Art mein Leben zu verlieren. Allein +gerade der Wunsch, unter die Battaker zu gehen, diese von den Europäern +so wenig gekannten Völker zu besuchen, war es, was mich zu dieser Reise +anspornte. Anderseits dachte ich, daß vielleicht die Schwäche meines +Geschlechtes mein Schutz sein könnte. Ich gab den Warnungen kein Gehör, +und trat am</p> + +<p>19. <em class="gesperrt">Juli</em> unter trübem, wolkenbedecktem Himmel die Reise zu +Pferde an. Auch hier, wie zu Sarawak, stellte sich gleich am ersten +Tage meiner Reise<span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span> ein Hinderniß entgegen, das mich zur Rückkehr +zwang. Als ich nämlich in die Nähe des Flusses <em class="gesperrt">Udjong-Karang</em> +kam, fand ich die Gegend in Folge mehrtägigen ununterbrochenen Regens +weit und breit überschwemmt — das Wasser reichte den Pferden bis über +die Brust. Ueber den Fluß selbst führte keine Brücke; sie war in der +Nacht weggespült worden, und die Ueberfahrt auf einem Floße noch nicht +geordnet. Ich mußte nach Padang zurück.</p> + +<p>20. <em class="gesperrt">Juli.</em> Mit wässerigem Sonnenschein zog ich aus; bald hatte +ich beständigen Regen. Ich ging bis <em class="gesperrt">Lubulong</em>, 20 Paal oder zwei +Etappen. Auf Sumatra sind die Entfernungen in Etappen eingetheilt, +d. h. in Militär-Stationen oder Märschen von je acht bis dreizehn Paal. +Auf den Etappen findet man entweder einen Beamten oder ein kleines +Fort, oder irgend ein der Regierung gehöriges Häuschen, in welchem man +die Nacht zubringen kann. Auf manchen findet man auch Schreiber oder +Aufseher, welche die Fremden gegen Bezahlung aufnehmen.</p> + +<p>Die Gegend fing, sechs bis acht Paal von Padang entfernt, an ein etwas +wildes Aussehen zu haben: wenige Reispflanzungen, dagegen viel Waldung, +Gestrüppe und Alang-Alang. Die Bevölkerung schien mir, im Verhältniß +zur geringen Kultur, bedeutend: ich kam häufig an Kampon’s vorüber. Da +ein großer<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> Theil der Bevölkerung Sumatras aus Malaien besteht, so sind +auch hier die Hütten überall auf Pfähle gebaut.</p> + +<p>In Sumatra wird, wie in Java, ebenfalls alles, Kaffee ausgenommen, +von Menschen getragen, und zwar auf dem Kopfe. Der Kaffee wird durch +Pferde und Büffel fortgeschafft. An der Straße liegen viele Hütten +(Pasangruhan), an welchen fünf Fuß hohe Gestelle angebracht sind, +auf die der Kulli die Last bequem vom Kopfe abschieben kann. Diese +Hütten dienen ihnen zugleich als Schenke; sie finden da Thee, Kaffee +(letzterer ein Abguß von den Blättern des Kaffeebaumes), gekochten Reis +und Qué-qué (eine Art Kuchen oder Backwerk). Sie können daselbst auch +die Nacht zubringen.</p> + +<p>Man bezahlt den Kullis hier, wie auf Java 2½ Deut per Paal, und +vertraut ihnen unbedingt alles an. Man erzählte mir einen einzigen +Fall, in welchem sie zwar nichts entwendeten, aber dennoch dem +Eigentümer einen großen Schaden zugefügt hatten. Ein Mineralog sandte +mehrere Kisten mit Mineralien nach Padang. Die Kisten waren nicht +verschlossen, und als die Kulli sahen, daß sie nichts als Steine +enthielten, kamen sie überein, die Steine wegzuwerfen und die Kisten +vor Padang mit anderen Steinen anzufüllen — sie meinten Steine wären<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span> +Steine. Der Eigentümer blieb leider längere Zeit auf Reisen; als er +zurück kam und den Verlust seiner Schätze entdeckte, war es zu spät, +sie wieder aufzufinden.</p> + +<p>In den größeren Ortschaften fielen mir offene Hallen auf, die von +Holz gebaut, mit einem zierlich geschnitzten Dache bedeckt und mit +hellen Farben bemalt waren. In diesen Hallen halten die Rajah’s ihre +Beratungen, in ihnen werden alle Klagen vorgebracht und an den Tagen +des Bazar’s alle größeren Handelsgeschäfte abgeschlossen. Desgleichen +findet man auch eine Art Trommel, Tabu genannt, aufgestellt, auf welche +geschlagen wird, so bald sich die Gemeinde bei irgend einer Gelegenheit +versammeln soll. Die Trommeln sind acht bis fünfzehn Fuß lang, und +haben oben eine viel größere Oeffnung (oft drei Fuß im Durchmesser) als +unten; die obere Oeffnung ist mit einem Felle überzogen.</p> + +<p>Der Hahnenkampf ist auf Sumatra erlaubt und scheint, je mehr man sich +dem Innern nähert, immer beliebter zu werden. Ich begegnete nun schon +vielen Männern und jungen Leuten, die ihre Streithähne stets unter dem +Arme trugen.</p> + +<p>21. <em class="gesperrt">Juli.</em> Heute ging ich nicht weit, nur 10 Paal bis +<em class="gesperrt">Kaju-Tanam</em>. Schön und freundlich war es diesen Morgen; die +Sonne schien so bescheiden,<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> daß ich der Nähe des Aequators ganz +vergaß. Einige Vögel sangen, zwar nicht mit so gewandter Kehle wie in +Europa, allein für ein Tropenland artig genug; Affen schrien, lärmten +und sprangen von Ast zu Ast. Auch die Gegend war schöner, die Gebirge +großartiger und wechselnder in den Formen; die höchsten Berge, der +<em class="gesperrt">Singallang</em> und <em class="gesperrt">Merapi</em>, sind 9 bis 10,000 Fuß hoch.</p> + +<p>Ich hatte für diese Reise keine Pferde gekauft, da man mir zu Padang +sagte, daß mich die Herren, bei welchen ich jeden Tag einzusprechen +hätte, stets mit Pferden und mit einem Führer versehen würden. Und so +war es auch. Nur mußte ich oft an einem Tage zweimal Pferd und Führer +wechseln. Kaum war ich mit den Launen eines Pferdes vertraut geworden, +so hatte ich wieder ein anderes zu versuchen. Oft erhielt ich Thiere, +die so lebhaft waren, daß sie nach allen Seiten ausschlugen und nicht +aufsitzen lassen wollten. Man mußte ihnen einen Vorderfuß aufheben und +sie an der Nase festhalten. Saß ich oben, dann ging es in gestrecktem +Galopp über Stock und Stein. Ich ließ ihnen stets willig die Zügel, +wohl wissend, daß nach dem ersten Paal das Feuer von selbst erlosch.</p> + +<p>Die Reise richtete ich folgendermaßen ein: Morgens zeitlich brach ich +auf, durchritt meine Station, sie mochte kurz oder lang sein, ohne +Unterbrechung<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> und war gewöhnlich schon um zehn bis zwölf Uhr an Ort +und Stelle. Nach einer halbstündigen Rast ging ich dann in die Umgebung +auf die Insekten- und Schmetterling-Jagd.</p> + +<p>Zu Kuju-Tanam fand ich in dem Kontrolor, Herrn <em class="gesperrt">Barthelemy</em>, +der mich sehr freundlich aufnahm, einen emsigen Vogel-Sammler; er +begleitete mich auf meiner Jagd und versprach mir, Insekten und +Reptilien zu suchen und für meine Rückkehr bereit zu halten.</p> + +<p>22. <em class="gesperrt">Juli.</em> 20 Paal nach <em class="gesperrt">Fort de Kock</em>, auch +<em class="gesperrt">Buckiet-tingi</em> genannt.</p> + +<p>Die erste Hälfte des Weges ist sehr romantisch; eine herrliche Straße +windet sich durch eine Schlucht (bei den Holländern „Kluft“ genannt), +die bewaldete Hügel und Berge einengen; ein Waldbach stürmt tobend und +schäumend über Felsen und Steingerölle, während ein anderer knapp am +Wege von einer sechzig bis siebzig Fuß hohen Wand herabstürzt. Am Ende +der Schlucht steigt die Straße spiralförmig zu einer Höhe von 3000 Fuß +empor und führt auf einer Hochebene fort.</p> + +<p>Ich begegnete langen und vielen Zügen von Pferden und Büffeln (letztere +vor Karren gespannt) mit Kaffee-Transporten, die nach <em class="gesperrt">Priaman</em> an +die Seeküste geschafft wurden, von wo man sie nach Padang<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> verschifft. +Die Pferde sind etwas größer als auf Java, die Büffel sehr groß und +schwerfällig; die einen wie die andern besitzen jedoch wenig Kraft und +Ausdauer. Man ladet den Pferden, die hier nicht vor Karren gespannt +werden, nur einen Pikul auf. Ein Paar Büffel ziehen höchstens acht +Pikul, und dieß nur, wenn es auf guten Wegen geht. Pferde wie Büffel +machen per Tag nicht mehr als sechs Paal und ruhen jeden fünften +Tag. Trotz dieser wenig anstrengenden Arbeit leben die Thiere nicht +lange. Man füttert sie mit Gras und mit dem Marke der Sagopalme. Ein +gewöhnliches Pferd kostet fünfzehn bis zwanzig Rupien, ein Büffel bis +dreißig. Pferde, die aus dem Battaker-Lande kommen, etwas größer und +weit stärker sind, werden bis zu zwei- und dreihundert Rupien bezahlt.</p> + +<p>Fort de Kock liegt auf einer schönen Hochebene von beinahe 3000 Fuß +Höhe und hat eine reizende Aussicht über weite Thäler und auf hohe +majestätische Berge. Das Klima ist hier sehr gemäßigt mit kühlen +Abenden und Nächten. Auf dieser Hochebene gedeiht die Weinrebe.</p> + +<p>In Fort de Kock stieg ich bei dem Residenten des Agamer-Gebietes, Herrn +Oberst van der <em class="gesperrt">Hardt</em>, ab, einem ausgezeichneten Offiziere, +der alle Kriege auf Sumatra vom Jahre 1830 bis 1849 mitgemacht<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> +hat und zuerst mit seinen Truppen in dem Battaker-Lande bis an den +Eingang des Thales <em class="gesperrt">Silidong</em> (Groß-Toba) vorgedrungen ist. +Ich hatte Herrn van der Hardt<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a> schon in Batavia, wohin er auf +Urlaub gegangen war, kennen gelernt und in seiner Gesellschaft +die Reise von Batavia nach Padang gemacht. Er überhäufte mich mit +Aufmerksamkeiten und Gefälligkeiten jeder Art, und veranstaltete +sogleich eine Partie, um mir die interessanteste Sehenswürdigkeit der +Umgegend zu zeigen, den schönen und reichen Kampon <em class="gesperrt">Kotto-Godong</em> +(drei Paal). Dieser Kampon ist wirklich der geschmackvollste und +reichste von allen, die ich nicht nur auf Sumatra, sondern auch auf +Java und den übrigen Holländischen Besitzungen sah. Am meisten fiel +mir die Bauart der Häuser auf: viel länger als breit, mit schmal +zulaufenden Endseiten, die das Mittelgebäude überragen, gleichen +sie eher Schiffen als Häusern. Die Dächer sind zwei- bis dreimal +ausgeschweift und jede Ausschweifung mit zwei Spitzen versehen, was +ihnen das Ansehen Türkischer Sättel gibt. Die Häuser sind von Holz +und mit hellen Oelfarben angestrichen, die Vorder- und Seitenwände +mit kunstvoll ausgeschnittenen Arabesken oft ganz bedeckt. Sie stehen +auf Pfählen, von welchen man<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> aber nichts sieht, da sie von Bambus- +und Bretterwänden umkleidet sind. Man kann sich wirklich nichts +geschmackvolleres, nichts originelleres vorstellen.</p> + +<p>Das Innere besteht aus einem großen Gemache, das die ganze Länge +und wenigstens drei Viertheile der Breite des Hauses einnimmt, und +auf dessen äußerstem Ende ein kleines erhöhtes Plätzchen angebracht +ist, welches dem Hause wie angehängt scheint und, mit Polstern, +Matten und Teppichen reichlich belegt, der vornehmsten Frau zum +Ehrenplatze dient. Der hintere Theil des Hauses ist in winzig kleine +Kämmerchen abgetheilt, welche die Feuer- und Schlafstellen enthalten +und stockfinster sind, da die Hinterwände keine Fenster haben. Jedem +Hause gegenüber steht eine kleine, in derselben Art geschnitzte und +angestrichene Hütte, welche zur Aufbewahrung des Reises dient.</p> + +<p>In den Häusern wohnt nicht, wie bei den Dayakern, ein ganzer Stamm, +sondern nur was zu einer Familie gehört.</p> + +<p>Da der Rajah des Kampons<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a> von unserm Kommen unterrichtet war, so +fanden wir seine Familie<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> in den kostbarsten Kleidern, die Wohngemächer +mit Teppichen, Matten und Polstern belegt, alle Pracht, allen Reichthum +entfaltet. Die Sarongs der Frauen waren von schwerer Seide und höchst +geschmackvoll und reich mit Gold durchwirkt. Man zeigte uns Sarongs, +die bis zu fünfhundert Rupien kosteten. Die Padjus waren von blauem, +rothem oder grünem Seidensammt, mit Goldborden besetzt, die Kopftücher +von Seide und so schwer an Gold, daß sie nicht um den Kopf gebunden, +sondern mehr darauf gelegt wurden. Es gab deren bis zu dem Werthe von +sechzig Rupien. Die Frauen weben die Sarongs und Kopftücher selbst, den +Sammt kaufen sie. An den Handgelenken tragen sie kunstvoll gearbeitete +goldene Armbänder und an dem kleinen Finger der linken Hand einige +Ringe. Manche hatten diesen Finger auch mit einem zwei Zoll langen +goldenen Nagel geschmückt, der gleich einem Ringe angesteckt wird und +das Kennzeichen des Reichthums und Nichtsthuns ist.</p> + +<p>Der Malaische Oberpriester machte uns seine Aufwartung im vollen +Staate. Eine lächerlichere Kleidung war mir noch nicht vorgekommen. Er +trug ein langes rosenfarbenes Unterkleid, darüber ein Oberkleid von +weißem Gaze, mit drei Reihen breiter Spitzenfalten besetzt; die Aermel, +ebenfalls mit Spitzen garnirt, reichten bis an das Handgelenke. Den +komischsten<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> Kontrast zu diesem Anzuge, den jede Europäische Dame als +Ballkleidung hätte gebrauchen können, bildeten eine weiße Männerweste, +ein kostbarer Gürtel mit prächtigen Waffen und ein weißer Turban mit +einem großen Spitzenschleier, der bis über den halben Körper herabfiel. +Als uns diese Erscheinung ansprach und den Schleier zurückschlug, +erblickten wir ein junges, bartloses Gesicht. Wären wir nicht +versichert gewesen, daß der Oberpriester vor uns stehe, so hätten wir +sie eben so gut für ein Mädchen als für einen Mann gehalten.</p> + +<p>Außer dem Hause des Rajah besuchten wir einige andere Hütten, in +welchen wir die Frauen und Mädchen mit kunstvollen Goldwebereien +beschäftiget fanden. Auch bei einem Goldarbeiter traten wir ein, der +wahre Kunstwerke verfertigte, und zwar zu unserem größten Erstaunen +blos mit Hilfe eines kleinen Amboses, einiger Hämmer, Nägel und anderer +Kleinigkeiten. Alle seine Werkzeuge faßte ein kleines Kästchen, das +er unter den Arm nehmen konnte, um seine Werkstätte nöthigen Falles +überall aufzuschlagen.</p> + +<p>Die gewöhnliche Tracht der Malaien auf Sumatra besteht ebenfalls aus +einem Sarong nebst einer Kabai oder Padju; der einzige Unterschied +ist, daß sie hier die Stoffe sehr dunkelblau, beinahe schwarz färben,<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> +während dieselben auf Java mehr buntfärbig getragen werden.</p> + +<p>An Schönheit, oder besser gesagt Häßlichkeit, wetteifern sie mit ihren +Stammgenossen auf Java und Borneo. Dieselbe breite Gesichtsbildung, +dieselben weit hervorragenden Zahnkiefer, dieselben abgefeilten, +schwarz gefärbten Zähne. Viele junge Leute haben schon Zahnlücken; +die Reichen lassen sich goldene Zähne machen; aber nicht so sehr um +die verlornen zu ersetzen, als um damit zu prunken; sie setzen sie +blos bei besonderen Feierlichkeiten ein. Das weibliche Geschlecht hat +hier die Ohrläppchen nur einmal durchstochen; dagegen wird aber alle +Kunst angewandt, die Löcher so groß als möglich zu machen. Um dieß zu +Stande zu bringen, stecken sie in die durchstochenen Ohrläppchen ein +zusammengerolltes Blatt oder ein Stückchen Holz, das stets an Umfang +zunimmt, bis die Oeffnung einen Zoll weit geworden ist. Diese Löcher +sind in ihren Augen ein so vollkommener Schmuck, daß sie nicht nöthig +finden, ihn durch Ohrgehänge zu verschönern; nur wenige hängen Gold-, +Silber- oder Messingplatten daran, oder stecken ein rund geschnitztes +Stück Holz durch.</p> + +<p>Eine besondere Merkwürdigkeit des Agamer-Distriktes ist, daß hier die +Weiber viele Rechte der Männer besitzen; letztere sind ihnen sogar in +mancher<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> Hinsicht unterworfen. In jedem Lande der Welt gewiß höchst +originell, wird diese Erscheinung um so wunderbarer bei Mohamedanern, +die uns armen Geschöpfen sogar die Seele absprechen wollen.</p> + +<p>Wenn z. B. ein Mädchen heiratsfähig ist, so sucht die Mutter nach dem +Bräutigam und bespricht sich mit der Mutter desselben, worauf die +beiden Frauen die Sache abmachen, ohne den Vätern Stimme zu geben. Am +Tage der Hochzeit holt die Mutter der Braut den Bräutigam ab; derselbe +folgt der Braut in das elterliche Haus und geht ganz in ihre Familie +über. Dieß hindert ihn jedoch nicht, mehrere Ehen zu schließen, nur +nicht in demselben Kampon, so daß ein Mann, der mehrere Frauen besitzt, +keinen festen Wohnplatz hat und bald in diesem, bald in einem andern +Kampon wohnt.</p> + +<p>Ein Mann weigert sich nie, die ihm gebotene Braut zu nehmen; mißfällt +sie ihm, so kann er sie am Tage nach der Hochzeit verlassen. Die Braut +hat nicht dasselbe Recht: sie kann ihrem Bräutigam, sollte die Wahl sie +gereuen, nur vor der Hochzeit den Abschied geben und muß sich in diesem +Falle mit einem Theile ihrer beweglichen Güter, wie Hornvieh, Geflügel, +Hausgeräthe, mitunter auch mit Geld loskaufen.</p> + +<p>Der Mann kann auch in der Folge seine Frau ohne die geringste Ursache +verlassen; die Frau darf<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> hier nur die Initiative ergreifen, wenn sie +erlittene Mißhandlungen zu beweisen vermag. Bereuen die Eheleute die +Trennung innerhalb vierzig Tagen, so können sie sich ohne Ceremonien +wieder vereinigen. Sind aber die vierzig Tage vorüber, so müssen sie +neuerdings durch den Priester getraut werden. Die geschiedene Frau kann +sich nach drei Monaten und zehn Tagen wieder mit einem andern Manne +verbinden<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a>.</p> + +<p>Wenn die Frau stirbt, erbt der Mann nur die Hälfte der ihr gehörigen +beweglichen Güter, außerdem nur, was sie ihm besonders vermacht. Die +eigentlichen Erben sind die Kinder; hat sie deren keine, so geht das +Vermögen auf die Kinder ihrer Schwester oder sonstigen weiblichen +Verwandten über. Der Mann kann nur von seinem Stamme, seiner Mutter, +oder seinen weiblichen Verwandten erben. Das Vermögen des Mannes erben +dem zu Folge auch nicht seine Kinder, sondern die seiner Schwester oder +weiblichen Verwandten.</p> + +<p>Zu diesen sonderbaren Erbschafts-Gesetzen soll der Sage nach folgendes +Ereigniß Anlaß gegeben haben:</p> + +<p>Ein großer Fürst, dessen Wohnsitz weit von der See entfernt lag, +träumte durch mehrere Nächte, daß<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> er, um sein Glück zu befestigen, ein +großes Prauh bauen lassen müsse. Der Traum verkündete ihm zu gleicher +Zeit, sein nächster Blutsverwandter würde dieses Prauh mit leichter +Mühe in die See schaffen. Der Fürst that, wie das Traumgesicht gebot. +Als das Prauh fertig war, lud er alle seine Verwandten, so wie viele +Rajah’s aus der Umgegend ein, da die Fortschaffung des Prauh’s unter +großen Feierlichkeiten statt finden sollte. Er rief hierauf seinen +ältesten Sohn herbei, und befahl ihm, das Prauh nach der See zu +bringen. Der Arme wandte alle Kräfte an, doch vergebens: er vermochte +es nicht von der Stelle zu bewegen. In dieser Weise rief der Fürst +einen Sohn nach dem andern herbei; aber keinem gelang es. Zornentbrannt +forderte er den Sohn seiner Schwester auf, und siehe — mit leichter +Mühe schob es dieser an den Ort seiner Bestimmung!</p> + +<p>In den Holländischen Besitzungen auf Sumatra herrscht eine +eigenthümliche Art Sklaverei: sie darf nicht länger als zehn Jahre +dauern. Die Sklaven kommen alle von der nahen Insel <em class="gesperrt">Nias</em>, sind +entweder Kriegsgefangene oder Schuldner und Verbrecher oder auch freie +Leute und werden von dem Sultane dieser Insel verkauft. Sklave wie +Sklavin kosten den festgesetzten Preis von 100 Rupien. Der Käufer muß +sie ordentlich kleiden und nähren, darf sie mit Arbeit<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> nicht überladen +und muß jedem pr. Monat zwei Gulden Kupfer für Siri geben. Nach zehn +Jahren sind sie frei, kehren aber selten in ihre Heimat zurück, da sie +fürchten, von ihrem Sultane neuerdings verkauft zu werden.</p> + +<p>Die Holländische Regierung sieht sehr darauf, daß die Sklaven nicht +mißhandelt werden. Kurz vor meiner Ankunft wurde zu Padang eine Frau, +die einen ihrer Sklaven arg mißhandelt hatte, wohlverdienter Weise +auf fünf Jahre in das Strafhaus gesperrt und des Rechtes für immer +verlustig erklärt, Sklaven zu halten. Den Sklaven, die sie hatte, wurde +die Freiheit gegeben.</p> + +<p><em class="gesperrt">Wollte Gott, daß es in allen Sklavenstaaten so wäre!</em></p> + +<p>Beinahe in jedem Hause sieht man Niaser; ich fand sie minder häßlich +als die Malaien; nur sind die Weiber etwas gar zu klein.</p> + +<p>In dem Distrikte von Agam wird schon sehr viel Kaffee gebaut. In den +hiezu geeigneten Gegenden muß, wie zu Java, jedes Familienhaupt 300 +Bäume pflanzen und pflegen. Der Kaffee wird in gereinigtem Zustande an +die Magazine geliefert, die von den Pflanzungen oft zehn bis zwölf Paal +entfernt liegen. Der Pflanzer erhält per Pikul sieben Kupfergulden. Für +den Transport von den Magazinen an die Seeküste<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> bezahlt man per Pikul +und per Meile drei Deut. Dieses Geschäft ist gewöhnlich verpachtet.</p> + +<p>Im Jahre 1851 wurden auf Sumatra schon 120,000 Pikul Kaffee gewonnen, +was für die kurze Zeit, seit der man mit dem Kaffeebaue anfing, +sehr bedeutend war. Die Regierung verkauft den Kaffee zu Padang +im Versteigerungswege, gewöhnlich zu 20½ Rupien per Pikul. Der +Ausfuhrszoll beträgt per Pikul für Holland zwölf, für das Ausland sechs +Rupien.</p> + +<p>Da Sumatra viel weniger bekannt ist als Java, und es manche meiner +Leser vielleicht interessiren dürfte, zu wissen, welche Produkte +hauptsächlich von dieser Insel ausgeführt und zu welchen Preisen sie +angenommen werden, so füge ich hier eine kurze Uebersicht bei.</p> + +<p>Im Jahre 1851 wurden ausgeführt:</p> + +<table> + <tr> + <td> + <div class="left">Kaffee</div> + </td> + <td> + <div class="center">der</div> + </td> + <td> + <div class="center">Pikul</div> + </td> + <td> + <div class="center"><span class="antiqua">à</span></div> + </td> + <td colspan="2"> + <div class="center">20½</div> + </td> + <td> + <div class="center">Rupien</div> + </td> + <td> + <div class="center">120000</div> + </td> + <td> + <div class="center">Pikul,</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="left">Reis</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 2½</div> + </td> + <td colspan="2"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 50000</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="left">Benzoe,</div> + </td> + <td> + <div class="center">1. Sorte</div> + </td> + <td> + <div class="center">der</div> + </td> + <td> + <div class="center">Pikul</div> + </td> + <td> + <div class="center"><span class="antiqua">à</span></div> + </td> + <td colspan="2"> + <div class="center">250 Rupien,</div> + </td> + <td> + <div class="center">   250</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="left">Benzoe,</div> + </td> + <td> + <div class="center">2. Sorte</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td colspan="2"> + <div class="center">75–100 R.,</div> + </td> + <td> + <div class="center">  4000</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td colspan="2"> + <div class="left">Drachenblut</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td colspan="2"> + <div class="center">75</div> + </td> + <td> + <div class="center">Rupien,</div> + </td> + <td> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td colspan="2"> + <div class="left">Cassia</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td colspan="2"> + <div class="center">10</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td colspan="2"> + <div class="left">Schwarzer Pfeffer</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td colspan="2"> + <div class="center">14</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td colspan="2"> + <div class="left">Weißer <span class="mleft2"> „</span></div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td colspan="2"> + <div class="center">22</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td colspan="2"> + <div class="left">Gutta-Percha</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td colspan="2"> + <div class="center">30</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td colspan="2"> +<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> + <div class="left">Gummi-Elastique</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td colspan="2"> + <div class="center">25</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td colspan="2"> + <div class="left">Gambir</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td colspan="2"> + <div class="center">18</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td colspan="9"> + <div class="left">Muskatnüsse (hier frei) der Pikul + <span class="antiqua">à</span> 90 Rupien.</div> + </td> + </tr> +</table> + +<p>Von Kampfer (auf Sumatra am besten und theuersten) kommen im Handel +jährlich höchstens zwei bis drei Pikul vor, die bis zu dem Preise von 7 +bis 10,000 Rupien bezahlt werden. Ich komme hierauf später zurück.</p> + +<p>Am <em class="gesperrt">24. Juli</em> setzte ich meine Reise wieder fort.</p> + +<p>Herr van der Hardt war so gefällig, mir eine Reiseroute vorzuzeichnen, +mich mit Empfehlungsbriefen für die Beamten und Offiziere zu versehen +und mir Pferde nebst einen Führer bis <em class="gesperrt">Palembajang</em> (20 Paal) zu +geben.</p> + +<p>Ganz nahe bei Fort de Kock führt der Weg durch ein kleines Thal, +welches weit und breit durch seine eigentümliche Einfassung bekannt +ist. Ungefähr 200 Fuß hohe, senkrechte, wie mit dem Meißel behauene +Sandwände umgeben es; durch eine Spalte der Wände windet sich ein +steiler Weg. Unten angekommen, durchreitet man üppige Reispflanzungen, +von einem niedlichen Flusse bewässert, und ersteigt nach einer Meile +auf eben so steilen Wegen wieder die Hochebene. Man nennt dieß kleine +Thal <em class="gesperrt">Karbauwengat</em>.</p> + +<p>Von hier an bis Palembajang war das Land so hügelig, daß man es einer +stürmisch wogenden See<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> hätte vergleichen können. Hie und da an den +Hügeln waren künstliche Terrassen angelegt, um das Wasser von einer +Reispflanzung zur andern zu leiten. Der Weg führte häufig die Höhen +hinauf und gewährte schöne Uebersichten der unzähligen Hügel und +Terrassen, die zum Theile in dem saftigen Grün der jungen, noch kaum +einen halben Fuß hohen Reispflanze prangten.</p> + +<p><em class="gesperrt">25. Juli.</em> <em class="gesperrt">Bonjol</em>, dreizehn Paal. Die ersten sechs bis +sieben Paal ging es durch ein so enges Thal, daß man es eine Schlucht +nennen konnte. Selten sah man eine Hütte, ein Reisfeld; das Gemurmel +des Flusses <em class="gesperrt">Massang</em>, das Geschrei der Affen waren die einzigen +Töne, die mein Ohr trafen. Vor dem Ausgange der Schlucht führt eine +Brücke über den Massang, dessen Ufer aus hoch aufgetürmten, von +frischen, ewig grünen Schlingpflanzen überdeckten Felsen bestehen. Tief +unten schäumt der Fluß durch das enge Felsbett.</p> + +<p>Bald verläßt man den Massang, und kommt an den etwas bedeutenderen +<em class="gesperrt">Alahan-Bajang</em>, der eine kurze Strecke vor seiner Mündung in die +See für Prauh’s schiffbar wird. Die wenigsten Flüsse auf der Westküste +Sumatra’s sind selbst für kleine Boote befahrbar; sie haben einen zu +kurzen Lauf um bedeutend zu werden, und einen sehr starken, von Gestein +und Felsmassen unterbrochenen Fall.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span></p> + +<p>Die Gebirgszüge, die Sumatra von Süden nach Norden durchziehen, +verliert man nie aus dem Gesichte; bald ist man ihnen näher, bald +ferner. Sie wechseln an Form und Höhe; mitunter erheben sie sich zu +5-7000 Fuß. Der <em class="gesperrt">Ophir</em> auf der Westküste mißt sogar 9500 Fuß.</p> + +<p>Bonjol liegt in einem weiten, zum Theil noch unkultivirten Thalkessel. +Es steht hier ein kleines Fort. An vielen Weibern in dieser Gegend +fiel mir die sonderbare Kopfbedeckung auf. Sie falten ein großes Tuch +mehrfach zusammen und legen es gleich einer Last ganz lose auf den Kopf.</p> + +<p><em class="gesperrt">26. Juli.</em> <em class="gesperrt">Lubuskoping</em>, 10 Paal. Der Kontrolor, bei dem +ich abgestiegen war, so wie einige Offiziere, begleiteten mich eine +Strecke Weges. Als wir an den Fluß <em class="gesperrt">Alahan-Bajang</em> kamen (zwei +Paal), fanden wir ihn so angeschwollen, daß an keine Ueberfahrt zu +denken war; wir mußten zurück nach Bonjol.</p> + +<p>Innerhalb der Grenzen von vier bis fünf Grad nördlich und südlich des +Aequators tritt die Regenzeit nicht so regelmäßig ein, und es regnet da +viel häufiger als in den weiter von dem Aequator entfernten Gegenden. +Ich hatte auf Borneo nichts als Regen, auf Java vergingen wenige Abende +ohne Regen, und eben so war es hier auf Sumatra. Für Reisende kann es<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> +nichts Unangenehmeres geben, besonders wenn die Wege schlecht sind und +man über Flüsse ohne Brücken oder durch Waldungen muß. Selten verging +ein Tag, ohne daß ich vollkommen durchnäßt wurde.</p> + +<p>Nachmittags kam die Nachricht, daß der Fluß gefallen sei, und daß man +ihn übersetzen könne. Ich eilte fort und wurde glücklich in einem +kleinen Boote hinüber gefahren; die Pferde mußten schwimmen.</p> + +<p>Ich passirte heute den Aequator zu Pferde.</p> + +<p>Gestern wie heute waren die Wege theilweise sehr schlecht. Der Regen +hatte den lehmigen Boden so schlüpfrig gemacht, daß es schwer und +gefährlich wurde, mit den unbeschlagenen Pferden über die oft sehr +steilen Hügel zu kommen. Auch fand ich die Pferde nirgends in der Welt +so ungeschickt wie hier: sie stolperten über jeden Stein, fielen in +jedes Gräbchen und fanden auf den Brücken gewiß die morscheste Stelle, +um den Fuß darauf zu setzen. Dabei erschracken sie über alles, oft über +ein großes Blatt, das am Wege lag. Ich kann den Pferden Sumatras mit +gutem Rechte dieses schlechte Zeugniß geben, ich habe sie erprobt, wie +wenig Männer, da ich sehr viel ritt und alle Paar Stunden ein anderes +Pferd bekam.</p> + +<p>Lubuskoping liegt in einem schönen großen Thale. Man sieht hier den +Ophir besser als von jeder andern Seite, da die Vorgebirge sich +zertheilen und hierdurch<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> einen vollkommenen Anblick dieses Berges vom +Fuße bis zur Spitze gestatten.</p> + +<p>In dieser Gegend tragen die Leute sehr große Hüte von zwei bis drei Fuß +im Durchmesser. Sie sind aus Palmenblättern gemacht, ganz flach und +haben in der Mitte eine nur sechs Zoll hohe Spitze, die mit Blumen oder +andern Kleinigkeiten geziert ist.</p> + +<p><em class="gesperrt">27. Juli.</em> <em class="gesperrt">Panty</em>, 18 Paal. Die Hälfte des Weges führte +durch schöne Waldthäler, und meistens durch Alang-Alang. Ueberall gab +es häufige Spuren von Elephanten-Tritten und Tigerklauen. Sumatra +ist an Tigern sehr reich. Die Leute, welche die Briefe durch das +Land tragen, gehen Abends nie ohne Feuerbrände. Sonderbarer Weise +veranstalten weder die Europäer noch die Eingebornen Tigerjagden wie in +Brittisch-Indien.</p> + +<p>Die Regierung zahlt für jeden erlegten Tiger zehn Rupien. Die +Eingebornen fangen sie in Fallen.</p> + +<p><em class="gesperrt">Panty</em> liegt mitten in den herrlichsten Waldungen; dessen +ungeachtet sind die Hütten der Eingebornen überaus klein und elend: die +Leute sind zu träge, das zum Baue nöthige Holz zu fällen. Sie leben +hier überhaupt in der größten Armuth, besitzen kaum ein Paar irdene +Töpfe und einige Matten, gehen halb nackt oder in Lumpen gekleidet und +sehen sehr schmutzig aus. An alledem ist ihre Trägheit schuld. Sie +haben<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> zwar der Regierung viele Händearbeit zu leisten, aber sonst +keine Abgaben. Die Männer ergeben sich größtentheils dem Spiele und +dem Müssiggange, unterhalten sich mit Hahnenkämpfen, werfen, wie bei +uns die Kinder, Kupfermünzen oder Steinchen in kleine Löcher, lassen +Drachen steigen, schlagen die Zeit mit einer Art Bretterspiel mit +kleinen Steinchen todt, schlafen viel und sitzen mitunter auch Tage +lang beisammen, ohne etwas anders zu thun als Siri zu kauen oder +zu schwatzen. Hätte unser herrlicher Schiller in diesem Lande das +Licht der Welt erblickt, er würde die Männer „das leer geschwätzige +Geschlecht“ genannt haben, und nicht uns Frauen.</p> + +<p>Die Weiber arbeiten viel mehr als die Männer. Bei den +Straßen-Ausbesserungen zählte ich durchschnittlich drei Weiber auf +einen Mann; in den Kaffeegärten haben sie die meisten Verrichtungen, +auf dem Felde schneiden sie den Reis, treten und stampfen ihn aus den +Aehren und tragen alle Lasten nach Hause. Ich sah manches Weib mit +einer schweren Last auf dem Kopfe, einer zweiten unter dem Arme und +einem auf den Rücken gebundenen Kinde mühsam einherschreiten, während +der Mann leer daneben ging.</p> + +<p>Ich will damit nicht sagen, daß die Männer gar nichts thun; aber sie +arbeiten gewiß nicht halb so viel als die Weiber. Erstere pflügen +mit Büffeln das<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> Feld und pflanzen den Reis, — allerdings eine +beschwerliche Arbeit, da sie dabei bis über die Schenkel im Wasser +stehen müssen.</p> + +<p>An den Bauten der Straßen und Brücken, der Kaffeemagazine und der +Wohnhäuser der Beamten darf auf Befehl der Regierung kein Weib Theil +nehmen. Dieser menschenfreundliche Befehl wurde in der Absicht gegeben, +das schwache Geschlecht doch einigermaßen zu schützen.</p> + +<p>Auf Sumatra schneidet man den Reis nicht Halm für Halm, wie auf Java, +sondern man nimmt mit einem sichelförmigen Messer so viel Halme auf +einmal ab, als mit der Hand gefaßt werden können. Die Aehren werden auf +dem Felde selbst ausgetreten; zu diesem Zwecke sind kleine Gestelle von +Bambus errichtet, die neun Fuß hoch und fünf Fuß breit sein mögen. Zwei +Fuß von der Erde ist an dem Gestelle ein hölzerner Boden angebracht, +mit kleinen Löchern, durch welche die Reiskörner durchfallen können. +Auf diesem Boden werden die Aehren mit den Füßen ausgestampft. Ein +Blätterdach an der Spitze des Gestelles schützt die Arbeiter vor der +Sonne.</p> + +<p>Man rechnet in Sumatra die Reisernte durchschnittlich auf sechzig bis +achtzig Prozent, während sie in Java hundert bis zweihundert gibt.</p> + +<p><em class="gesperrt">28. Juli.</em> <em class="gesperrt">Rau</em>, 13. Paal. Ein ziemlich ausgedehnter<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> +Kampon mit einigen angestrichenen, mit Schnitzwerk versehenen +Bretterhäusern und einem kleinen Fort. Die Lage dieses Ortes ist sehr +ungesund; es herrschen böse, hartnäckige Wechselfieber, die bei den +Europäern häufig in Auszehrung oder Wassersucht übergehen.</p> + +<p>Hier beginnt die Provinz <em class="gesperrt">Mandelling</em>, mit dem Distrikte +<em class="gesperrt">Ulu</em> (von den Eingebornen „Lubu“ genannt). Die Uluaner oder +Lubuaner werden von manchen für ein Stammvolk gehalten, von andern für +verwilderte Malaien. In diesem Distrikte fangen auch schon die Battaker +an.</p> + +<p><em class="gesperrt">29. Juli.</em> <em class="gesperrt">Muara-Sipongie</em>, 10 Paal. Langweiliger Ritt +durch wellenförmige, schmale, mit kurzen Alang-Alang bewachsene Thäler. +Man sah keine menschliche Wohnung, man hörte keinen Laut — alles war +todtenstille wie in den Sandwüsten Afrika’s.</p> + +<p>Ich befand mich nun schon mitten unter den Battakern; jedoch könnte man +diese die „gezähmten“ nennen, da sie unter der Holländischen Regierung +stehen (seit zehn Jahren) und daher natürlich ihrer Begierde nach +Menschenfleisch entsagen müssen.</p> + +<p>Zu Muara-Sipongie empfing mich Herr Kontrolor <em class="gesperrt">Schoggers</em> auf die +zuvorkommendste Weise: er kam mir mehrere Paale entgegen geritten. Da +ich früh eintraf, und gerade großer Bazar gehalten<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> wurde, ging ich +mit ihm dahin. Man sieht bei solchen Gelegenheiten viel Volk; auch +sagte mir Herr Schoggers, daß in den kleinen Flüssen dieses Distriktes +viel Gold gefunden und zum Verkaufe nach dem Bazar gebracht werde. Wir +fragten nach dieser Waare. Die glücklichen Besitzer waren so lumpig +gekleidet, daß ich keine Kupfermünzen, viel weniger Gold bei ihnen +gesucht hätte. Sie brachten Päckchen zum Vorscheine, so groß, daß +man einige Pfund Goldes hätte vermuthen können; allein da gab es der +Umwicklungen so viele, daß am Ende ein winziges Säckchen mit etwas +Goldstaub, oder ein erbsengroßes Goldklümpchen zum Vorschein kam. Für +das größte Stück, das ich sah, verlangte man siebzehn spanische Thaler. +Jederman hat das Recht, Gold zu suchen; nur muß er von dem Funde die +Hälfte an seinen Rajah abgeben.</p> + +<p>Neben dem Bazar (einer offenen Halle mit einem Blätter-Dache) war ein +kleiner umzäunter Raum, wo die Hahnenkämpfe stattfanden. Eine Menge +Menschen standen gedrängt umher; es gab sehr viele Kämpfe und Wetten, +und zwar wetteten die Leute keine Kupfermünzen, sondern Spanische +Thaler. Dieses Reichthums ungeachtet waren sie alle so armselig +gekleidet, daß man sie für Bettler hätte halten mögen.</p> + +<p>Die Vorbereitungen zum Kampfe, die Aufreizung der Thiere u. s. w. +gingen in derselben Art vor sich,<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> wie auf Java; nur machten hier die +Hahnenbesitzer hinter ihren Hähnen schreckliche Grimassen mit Gesicht, +Händen und Füßen. Einer unter ihnen blies während des Gefechtes auf +seinen Hahn; die Wettenden wie die Zuseher nahmen dies sehr übel, und +es entstand ein allgemeines Gemurmel. Nach kaum einer Minute verließ +der eine Hahn das Schlachtfeld; der andere wurde als Sieger erklärt, +obwohl er, zu Tode verwundet, bald zusammenstürzte und früher den Geist +aufgab als der Besiegte. Andere Hähne ersetzten sogleich die Stelle der +geopferten. Halbe Tage lang unterhalten sich die Menschen mit diesem +grausamen Spiele und verlieren Summen, mit welchen sie ihrem häuslichen +Elende vollkommen aufhelfen könnten. Unter den Battakern ist der +Hahnenkampf viel weniger beliebt als unter den Malaien. Hier gibt es +noch viele Malaien, daher auch viele Hahnenkämpfe.</p> + +<p>Herr Schoggers hatte die Güte, Nachmittags mehrere Battakische +Rajah’s von den umliegenden Dörfern zusammen zu berufen, um mit +ihnen über meine Reise zu sprechen. Er selbst hielt die Reise in +das unabhängige Battaker-Land für höchst gefährlich und führte das +gräßliche Schicksal der beiden Missionare an; doch fügte er hinzu, +daß dieser Mord zum Theile aus Mißverständniß geschehen sei. Einige +Zeit vor den Missionären hatten nämlich mahomedanische Priester<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> mit +Kriegsgefolge einen Einfall in das Battaker-Land gemacht und die Leute +auf die grausamste Weise mit Feuer und Schwert (gleich unsern edlen +Vorfahren in Mexiko und Peru) zur Annahme ihrer Religion gezwungen. +Als hierauf die Amerikanischen Missionäre als Religionslehrer in ihr +Land kamen, geriethen die Battaker in große Wuth, sahen in ihnen neue +Religionsquäler, mordeten sie und fraßen sie auf.</p> + +<p>Des Abends saßen wir in Gesellschaft mehrerer Rajahs, umgeben von +vielem Volke, denn weit und breit hatte man schon gehört, eine Frau +sei hier, die sich in das verrufene Land wagen wolle. Die Rajah’s, +so wie viele aus dem Volke, riethen mir die Reise ab. Da ich jedoch +fest dazu entschlossen war, fragte ich nur, ob es wahr sei (wie manche +Reisebeschreibungen behaupten), daß die Battaker die Leute nicht gleich +tödteten, sondern lebend an Pfähle bänden, ihnen das Fleisch stückweise +vom Körper schnitten und es warm mit Tabak und Salz verzehrten. +Dieses langsame Hinmorden hätte mich doch ein wenig abgeschreckt. +Aber man betheuerte mir einstimmig, daß dies nur mit jenen geschähe, +die schwerer Verbrechen wegen zum Tode verurtheilt seien. Die +Kriegsgefangenen werden an einen Baum gebunden und enthauptet; dann +fängt man ihr Blut sorgfältig auf und trinkt es warm oder verzehrt es +mit gekochtem Reise gemischt. Hierauf<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> geht es an die Theilung. Die +Ohren, die Nase, die Leber und die Fußsohlen sind ein ausschließendes +Vorrecht des Rajah’s, der außerdem noch seinen Antheil an dem Körper +erhält. Die schmackhaftesten Theile sind die Fußsohlen, das Innere der +Hand, das Fleisch am Kopfe, das Herz und die Leber. Gewöhnlich rösten +sie das Fleisch und verzehren es mit Salz. Den Weibern ist es nicht +erlaubt, an diesem Festessen Theil zu nehmen.</p> + +<p>Die Rajah’s versicherten mir mit höchst begehrlichen Mienen, daß +Menschenfleisch sehr gut schmecke und daß sie es gerne essen würden.</p> + +<p>Aus dem Baumstamme, an welchen die Unglücklichen ihr Leben enden, +werden gewöhnlich vier bis sechs Fuß hohe Stöcke geschnitten, mit einer +Figur oder einigen Arabesken verziert und mit Menschenhaaren oder +Federn geschmückt. Ein solcher Stock heißt „Tungal-Panaluan,“ d. i. +Zauberstock. Sie legen ihm wunderbare Kräfte bei und besuchen keine +Kranken, geben keine Arzneien, ohne ihn zur Hand zu nehmen.</p> + +<p>Die Battaker beobachten gleich den Dayakern keine religiösen Gebräuche; +sie beten nicht und haben weder Priester noch Tempel. Sie glauben an +gute und böse Geister. Von ersteren nehmen sie eine sehr kleine, von +letzteren eine sehr große Zahl an. Wird ein Mensch krank, so behaupten +sie, der böse Geist<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> sitze in ihm; jedes Unglück wird einem solchen +Dämon zugeschrieben. Manchmal fährt, ihrer Meinung nach, der böse Geist +auch in einen Menschen, ohne ihn krank zu machen; dieser wird dann hoch +verehrt, da man fürchtet, in dem Menschen den Geist zu beleidigen. +Alles, was ein solcher Besessener spricht, wird als Orakelspruch +angenommen und getreu erfüllt. Gewöhnlich hat der Rajah die Ehre vom +Bösen besucht zu werden. Er zeigt dabei viele Grimassen und Zuckungen, +geberdet sich besonders bei den Tänzen wilder als alle übrigen und +benützt in diesem Zustande die Leichtgläubigkeit des Volkes, seine +Wünsche in Orakelsprüchen kund zu geben. Man zeigte mir unter den +Anwesenden mit vieler Hochachtung einen Knaben, der „der Sohn des +Bösen“ genannt wurde, da sein Vater von diesem Unholde besessen war.</p> + +<p>Bei Taufen, Vermählungen, Sterbefällen gibt es keine Ceremonien. Nur +wenn ein bedeutender Rajah stirbt, werden die Rajah’s der Umgegend zur +Beerdigung eingeladen. Jeder kommt in Begleitung mehrerer Lanzenknechte +und bringt ein Büffelkalb mit. Die Kälber schlachtet man, vertheilt das +Fleisch unter die ganze Gemeinde, und durch mehrere Tage, oft Wochen +hindurch wird nichts als gegessen, Suri getrunken<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a> und getanzt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span></p> + +<p>Ihre Regierungsform ist konstitutionell-monarchisch; der Rajah ist +das Oberhaupt; doch geht jedermann, selbst der Sklave, mit ihm +wie mit seines gleichen um; auch seinen Befehlen wird nicht immer +strenger Gehorsam geleistet, obwohl seine Person hoch geachtet ist. +Bei wichtigen Angelegenheiten kommen viele Rajah’s zusammen, um Rath +zu halten. Der älteste Sohn ist Haupterbe; er erbt alle Weiber seines +Vaters, die er zu den seinigen machen kann.</p> + +<p>Die Männer müssen ihre Frauen kaufen. Die Tochter eines Rajah wird +nicht selten mit 40 Piaster in Gold und einigen Büffeln bezahlt. Die +Männer kaufen ihre künftigen Frauen oft schon im zartesten Alter; sie +nehmen sie in ihr Haus und behandeln sie wie ihre Kinder. Ist ein Mann +zu arm, um sich eine Frau zu kaufen, so zieht er zu der Familie seiner +Frau und arbeitet da wie ein Sklave. Selten nimmt ein Mann mehr als +eine Frau, weil ihm die Mittel zum Ankaufe gewöhnlich fehlen.</p> + +<p>Die Battaker sind in vielen Dingen andern wilden Völkern voraus: sie +lesen und schreiben, ihre Gesetze sollen im allgemeinen sehr gut und +zweckmäßig sein, — bei alle dem aber sind sie Menschenfresser.</p> + +<p>Herr Schogger fügte diesen Berichten noch bei, daß die der +Holländischen Regierung unterworfenen Battaker jede Verpflichtung +genau und willig erfüllen,<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> daß man den Kulli’s Gut und Geld sicher +anvertrauen könne, und daß Diebstähle, Morde und überhaupt Verbrechen +höchst selten vorkommen. Für einen Diebstahl ist die ganze Gemeinde, +in welcher er vorfällt, verantwortlich; letztere muß das Gestohlene +ersetzen, oder den Thäter überliefern. Morde finden nur aus Eifersucht +statt. Ein Verbrecher wird nicht eingesperrt, sondern bis einige Tage +vor Vollziehung der Strafe seiner Familie übergeben, die für ihn bürgt. +Gerichtet werden die Battaker, auch unter der Holländischen Regierung, +noch nach ihren Gesetzen, die leider für den Reichen sehr vortheilhaft +sind, da er sich sogar von der Todesstrafe loskaufen kann. Der größte +Theil der Summe kommt in diesem Falle dem Beleidigten oder seiner +Familie zu. Die zum Tode Verurtheilten werden auf dem Bazar enthauptet. +Sie gehen dem Tode nicht nur mit Muth, sondern sogar mit Fröhlichkeit +entgegen. Sie schmücken sich auf’s beste, bekränzen sich mit Blumen und +kommen singend und tanzend in Begleitung ihrer Verwandten und Freunde +auf den Richtplatz.</p> + +<p>Diese Gleichgültigkeit für den Tod ist auch den Malaien und überhaupt +den meisten rohen Völkern eigen. Viele schreiben sie ihrem Stumpfsinne +zu.</p> + +<p><em class="gesperrt">30. Juli.</em> <em class="gesperrt">Kotto-Nopau</em>, 11 Paal. Das Land fortwährend +hügelig und größtentheils mit Alang-Alang<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> bedeckt. An Kampons war kein +Mangel, die Hütten aber elend, kaum fünfzehn Fuß im Gevierte. Da kauert +alles auf einer schmutzigen, zerrissenen Matte, in einer Ecke glimmt +ein Feuer, an dem höchstens ein irdener Topf steht, der den ganzen +Hausrath ausmacht. Die Bewohner sind sehr ärmlich in zerrissenes, +dunkelblaues Zeug gekleidet. Die Kinder gehen ganz nackt, die Mädchen +und Weiber häufig bis an den Gürtel. Zwei Hütten, wenig größer als +Taubenschläge, sah ich sogar auf hohen Bäumen zwischen den Aesten — +sie dienten ebenfalls zu Wohnungen.</p> + +<p>Ich kam an vielen kleinen Bächen mit gelbem, trüben Wasser vorüber; in +diesen suchen und finden die Leute das Gold. Gerade hier, wo die Leute +an der Quelle des Goldes saßen, war die Armuth am größten. Führt doch +dieses Metall statt Segen, überall nur Fluch mit sich.</p> + +<p>Vier oder fünf Meilen von <em class="gesperrt">Muara-Sipongie</em> besah ich abseits +der Straße in einem Kaffeegarten einige Battakische Grabmäler. Sie +bestanden aus viereckigen Stein- oder Erdhügeln von drei bis vier Fuß +Höhe, auf welchen ein einfacher, hölzerner Sarg stand. Die Ecken waren +mit vier Fuß hohen, aus Holz geschnitzten Menschenfiguren geschmückt, +die den jämmerlichsten Fratzen glichen. Jede Grabesstätte war mit einem +Dache bedeckt und von einem hölzernen<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> Geländer umgeben. Die Leiche +liegt nicht in dem Sarge, sondern unter der Erde.</p> + +<p><em class="gesperrt">31. Juli.</em> Fort <em class="gesperrt">Elout</em> (Panjabungan), achtzehn Paal. +Waldparthien, Gesträuche, junge Kaffeepflanzungen verdrängten an vielen +Stellen das traurige, einförmige Alang-Alang. Fort Elout liegt in einem +großen, hügeligen, von schönen Gebirgen umgebenen Thale und ist der +Sitz eines Assistent-Residenten.</p> + +<p>Noch in keinem Distrikte fand ich so nette, reinliche Kampons als +in diesem. Man schreibt dies der Aufsicht und den Bemühungen des +gegenwärtigen Assistent-Residenten Herrn <em class="gesperrt">Godoon</em> zu. Die Hütten +sind zwar klein, aber sehr rein gehalten, und stehen in langen, +regelmäßigen Reihen, eine von der andern etwas getrennt. Der Unrath +darf nicht unter die Hütte oder vor dieselbe geworfen werden, und +das Hornvieh hat seinen Aufenthalt außerhalb des Kampons. Früher war +diese Gegend sehr ungesund; seit aber die Menschen einiger Maßen an +Reinlichkeit gewöhnt sind, herrschen viel weniger Krankheiten.</p> + +<p>Auch die Brücken und Straßen zeigen von der Sorgfalt des Residenten. +Die Brücken sind alle gemauert, die Straßen sehr gut unterhalten. +Letztere haben eine Breite von wenigstens zwanzig Fuß, was mir +überflüssig erschien, in einem Lande, wo noch kein Fuhrwerk im +Gebrauche ist. Die Holländische Regierung<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> läßt aber alle Straßen so +bauen, für den Fall, daß Militär-Züge hindurch zu gehen haben.</p> + +<p>Das Bauen der Straßen ist für die Eingebornen eine harte Aufgabe, da +ihre einfachen Werkzeuge zu derlei Arbeiten gar nicht geschaffen sind. +Zum Brechen der Felsen haben sie eiserne Stangen, zum Graben in der +Erde handbreite, unten scharf zugehauene Hölzer. Die Erde schaffen sie +mit den Händen aus den Gruben. Das Alang-Alang, das die wenig benützten +Wege fortwährend überwuchert, schneiden sie mit kleinen Messern ab. So +mühsam wie die Straßen bauen sie auch die Wohnhäuser der Beamten und +die Kaffeemagazine. Ich sah oft sechs bis acht Menschen an einem Balken +oder einigen Brettern schleppen.</p> + +<p>Wenn ich Bemerkungen über die Mangelhaftigkeit der Werkzeuge, über die +Art des Arbeitens machte, gab man mir zur Antwort: „Die Leute sind +es so gewöhnt.“ Warum sucht man sie denn in andern Sachen von ihren +Gewohnheiten abzubringen? An das Bauen der Straßen und Gebäude, an das +Anlegen der Kaffeegärten, Zucker- und Gewürz-Pflanzungen waren sie, +bevor die Europäer kamen, gewiß noch nicht gewöhnt. Aber leider wird in +vielen Ländern auf die Gewohnheiten und Nicht-Gewohnheiten der Völker +nur in so ferne Rücksicht genommen, als sie der Regierung Nutzen oder +Schaden<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> bringen. Das Wohl der Unterthanen selbst kümmert sie nicht +viel. So ist es auch hier; die Straßen, die Brücken, die Gebäude müssen +unentgeldlich hergestellt werden; ob fünfzig oder hundert Menschen, und +auf welche Art sie daran arbeiten, ist der Regierung gleichgültig.</p> + +<p>Ein anderer Druck für die Eingebornen, in deren Nähe Beamten wohnen, +ist, daß sie diesen viele häusliche Dienste, Gartenarbeiten, Botengänge +u. dgl., überall unentgeldlich, verrichten müssen. Die Zahl solcher +Leute, auf welche der Beamte ein Recht hat, ist nicht bestimmt; es +mißbrauchen daher gar manche ihre Macht und nehmen viel mehr Leute, als +sie eigentlich sollten.</p> + +<p>Der jetzige Gouverneur-General, Herr Deimar van Twist, soll eifrig +bemüht sein, alle diese Mißbräuche und Bedrückungen so viel wie +möglich abzustellen. Er hat den Taglohn, so wie den Preis der von den +Eingebornen gelieferten Materialien erhöht und will es dahin bringen, +daß niemand ohne Lohn zu arbeiten habe.</p> + +<p><em class="gesperrt">1. August.</em> <em class="gesperrt">Surumentingi</em>, 20 Paal. Obwohl sich der +Charakter des Landes ziemlich gleich blieb, gab es doch einige hübsche +Ansichten. Ich kam durch große, äußerst rein gehaltene Kampons, durch +viele Reispflanzungen und durch ein Wäldchen, das bloß aus Bambus, und +zwar von außerordentlicher<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> Größe und Höhe (70 bis 80 Fuß), bestand. +Die Rohre sollen viel Wasser enthalten.</p> + +<p>Zu Surumentingi fand ich nur ein einfaches Bambushäuschen mit der +nothdürftigsten Einrichtung, das den durchreisenden Beamten und +Offizieren als Unterkunft dient. Da ich nicht, gleich den verwöhnten +Europäern, meinen ganzen Haushalt mit mir führte, sondern nur so wenig +Gepäck, daß ich es im Nothfalle selbst fortschaffen konnte, hätte +ich mich heute mit einem höchst einfachen Mahle und einer harten +Schlafstelle begnügen müssen, wenn nicht Herr Godoon so gefällig und +aufmerksam gewesen wäre, mir alle Bedürfnisse nebst einigen Dienern +voraus zu senden. Ich fand ein treffliches Mahl, Thee und Kaffee und +konnte mich in einem weichen Bette ausruhen.</p> + +<p><em class="gesperrt">2. August.</em> <em class="gesperrt">Padang-Sidimpuang</em>, 20 Paal. Fortgesetztes +Hügelland, jedoch von größeren Flächen unterbrochen. Die Gebirgskette +nimmt stets an Höhe ab.</p> + +<p>Padang-Sidimpuang liegt bereits in Ankola und besitzt ebenfalls ein +kleines Fort. Ich traf hier die letzten Europäer; einige Offiziere und +einen Kontrolor, Herrn <em class="gesperrt">Hammers</em>, bei welchem ich abstieg.</p> + +<p>Die letzten drei Tage hatte ich Pferde bekommen, die entsetzlich +stießen; ich kam ganz erschöpft an und hatte nicht die geringste +Eßlust. Bei Tische konnte ich mich kaum aufrecht halten; mein Stolz +gab aber<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> nicht zu, diese Schwäche zu gestehen. Ich warf den Katzen, +die den Tisch umschwärmten, heimlich einen Bissen nach dem andern zu. +Glücklicher Weise war es auch hier, wie auf ganz Java, Sitte, nach +dem Mittagsmahle eine kleine Siesta zu halten. Nie segnete ich diese +Gewohnheit so sehr als heute — ich fiel auf mein Lager. Zwei Stunden +Ruhe stärkten mich so, daß ich gänzlich erholt zur Theestunde erschien +und Abends mit den Herren sogar eine Parthie Whist spielte.</p> + +<p>Ich sah hier ein neues Beispiel der Gefühllosigkeit einer Javanesin. An +dem Tage, an welchem ich ankam, begrub man den Kapitän der Garnison. Er +hinterließ eine sogenannte Wirthschafterin mit vier Kindern. Durch zehn +Jahre hatte diese Person an seiner Seite das bequemste Leben geführt +— heute, da man den Vater ihrer Kinder in’s Grab senkte, da sie nicht +wußte, wie ihre und ihrer Kinder Zukunft sich gestalten würde, sah sie +so fröhlich und heiter aus, lachte und scherzte so ungenirt, als ob in +ihrem Schicksale nicht das geringste vorgefallen wäre.</p> + +<p>Ich blieb drei Tage zu Padang-Sidimpuang. Auch hier kamen, als mein +Vorsatz, das Battaker-Land zu betreten, bekannt wurde, viele Eingeborne +mich zu sehen. Sie warnten mich ebenfalls vor dieser Reise, um so mehr +als erst noch im vergangenen Jahre einige<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> Uneinigkeiten zwischen den +Battakern und Holländern vorgefallen waren. Die Battaker hatten einen +Einfall in das Holländische Gebiet gemacht, einen Kampon zerstört und +27 Menschen mit sich fortgeführt. Die Holländer sandten zwar einige +Truppen, die Schuldigen aufzusuchen; sie fanden aber die Kampons leer, +die Bewohner waren, wie dieß bei solchen Gelegenheiten bei ihnen +üblich ist, in die unzugänglichsten Schluchten und Wälder entflohen. +Die einzige Rache, welche die Verfolger nehmen konnten, bestand im +Niederbrennen einiger Kampons. Herr <em class="gesperrt">Hammers</em> erzählte mir, daß +vor kaum zwei Jahren vier Menschen sogar von den Battakern, die unter +der Holländischen Regierung stehen, getödtet und verzehrt worden seien.</p> + +<p>Nichts desto weniger blieb ich bei meinem Entschlusse stehen. Ich +wollte durch das große Thal <em class="gesperrt">Silindong</em> bis an den Land-See +<em class="gesperrt">Eier-Tau</em> (großes Wasser) vordringen, welchen noch kein +Europäer gesehen hat, und von dessen Vorhandensein man bloß durch +die Erzählungen der Eingebornen unterrichtet ist. Von seiner Lage, +Größe, von den an seinen Ufern wohnenden Stämmen hat man nur ganz +unvollständige Begriffe. Ich konnte dem zu Folge keinen Plan dieser +Reise machen und mußte alles dem Schicksale und meinem bisher stets +treuen Glücke überlassen. Herr Hammers war so gütig, mich mit Briefen +für einige Rajah’s,<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> die mit den Holländern in Verkehr standen, so wie +mit einem Führer zu versehen. Ich ordnete einige Papiere, die ich im +Falle des Nichtwiederkehrens für meine Familie zurückließ, und nahm +recht herzlichen Abschied von den Europäern. Sie konnten vielleicht die +letzten sein, die mir auf dieser Welt zu Gesicht kamen.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Er wurde im folgenden Jahre Gouverneur auf Celebes.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Jeder Kampon auf den holländischen Besitzungen in Sumatra +hat seinen Rajah beibehalten. Letzterer bezieht von der Regierung einen +kleinen Gehalt und trägt dafür Sorge, daß seine Gemeinde die Gesetze +und Befehle der Regierung erfüllt und ausführt.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Diese Gesetze für Ehescheidungen, Wiedervereinigungen oder +neu zu schließende Ehen sind bei allen Malaien dieselben.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Der Suri wird aus der Arenga-Palme gezogen. Auch Zucker +wird aus dem Safte dieser Palme gewonnen.</p> + +</div> + +</div> + +<figure class="figcenter illowe6" id="p043_ende"> + <img class="w100 padtop1" src="images/p043_ende.jpg" alt="" data-role="presentation"> +</figure> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Achtes_Kapitel">Achtes Kapitel.</h2> + +</div> + +<p class="s5 hang2 mbot2">Fortsetzung der Reise auf Sumatra. — Die Fußreise. — Das Nachtlager +im Urwalde. — Erstes Zusammentreffen mit den Kannibalen. — +Haly-Bonar. — Opferung eines Büffelkalbes. — Das Thal Silindong. +— Feindseliger Empfang. — Gezwungene Rückkehr. — Wiederholte +wilde Scenen. — Wiederkehr nach den Holländischen Besitzungen. — +Paija-Kombo. — Besteigung des Merapi. — Rückkunft nach Padang.</p> + +<p><img class="illowe1_2 mbot-0_3" src="images/p044_init.jpg" alt="A">m <em class="gesperrt">5. August</em> trat ich diese gefahrvolle Reise an. Ich ging bis +<em class="gesperrt">Sipirok</em>, 20 Paal. Alles war Wald und Alang-Alang. Von einer +kleinen Hügelkette, über welche der Weg führte, übersah ich eines der +größten Thäler Sumatras, das wellenförmige <em class="gesperrt">Lawas-Thal</em>.</p> + +<p>Ich war nun schon durch einen großen Theil Sumatras gekommen. Ich +fand diese Insel, was Naturschönheiten anbelangt, eben so reizend, wo +nicht reizender als Java. Welch herrliches Land könnte nicht daraus +werden! Bis jetzt ist es verhältnißmäßig menschenleer und, die wenigen +Pflanzungen ausgenommen, unkultivirt. Wilde Thiere (Elephanten, +Rhinozerosse)<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> bewohnen die mächtigen Waldungen des Innern, +blutdürstige Tiger durchstreichen das ausgedehnte Alang-Alang.</p> + +<p>Man sollte glauben, daß ein Theil von Sumatra ein günstiges Land für +Europäische Auswanderer wäre. Auf den großen Hochebenen, deren es +viele gibt, bleibt das Klima, obwohl der Aequator so nahe ist, sehr +gemäßigt; die dichten, üppigen Wälder, das hohe Alang-Alang zeigen von +der Fruchtbarkeit des Bodens. Gewiß würde hier, wo die Natur so reich +ist, mit Nachhilfe der Kultur Großartiges zu schaffen sein. Allein +die Holländische Regierung begünstiget die Ansiedlung von Europäern, +selbst von ihren eigenen Unterthanen, durchaus nicht. Sie gibt vor +(mit vollem Rechte), daß die Eingebornen durch das Beispiel der Weißen +nur verdorben würden. Ich möchte noch einen zweiten Grund dahinter +suchen, und zwar — die Furcht, daß die Weißen mit der Zeit dem kleinen +Vaterlande gegenüber zu mächtig würden und, mit den Eingebornen +vereint, sich unabhängig erklären könnten.</p> + +<p><em class="gesperrt">Sipirok</em> liegt in einem kleinen regelmäßigen Thale. Hier steht +das letzte Kaffeemagazin, unter der Aufsicht eines eingebornen +Schreibers. Ich kam gerade an, als eine große Lieferung statt fand, was +mir Gelegenheit gab, viel Volk (meist Battaker) zu sehen. Der Anblick +war eben nicht reizend. Derselbe Gesichtstypus<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> wie bei den Malaien, +nur noch häßlicher, das weibliche Geschlecht auffallend klein. In der +Kunst die Zähne zu feilen, schwarz zu färben, mit einem Worte, sich +so häßlich als möglich zu machen, gebührt ihnen die Palme. Sie waren +sehr wenig, höchst dürftig und überaus schmutzig bekleidet. Alle hatten +die Backen mit Siri vollgestopft und spieen rechts und links neben den +ausgebreiteten Kaffee. Zum Zeitvertreibe suchten sie das Ungeziefer von +Kopf und Kleidung, und Kinder voll ekelhafter Hautausschläge warfen +sich mit Kaffeebohnen.</p> + +<p>Nachdem der Kaffee besichtiget, in Säcke gefüllt, in das Magazin +abgeliefert war und die Leute das Geld empfangen hatten, verwandelte +sich der Platz in einen Bazar. Aus dem Gemache des Schreibers wurden +allerlei Waaren herausgeschafft, Krämer, die schon stundenlange auf +die Wegschaffung des Kaffees gelauert hatten, packten bunte Stoffe, +Glasperlen, Messingreifen, Eßwaaren u. dgl. aus. Mit gierigen Blicken +sahen die glücklichen Geldbesitzer auf alle die Gegenstände; die +Armen wußten nicht, woran sie sich halten sollten, — es gab der +verführerischen Dinge gar zu viele, des Geldes gar zu wenig. Nach einer +Stunde war der Bazar zu Ende, d. h. die Pflanzer waren ihr Geld los.</p> + +<p>Zu Sipirok hörte das Reisen zu Pferde auf; ich mußte wieder wie in +Borneo allen Bequemlichkeiten<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> des Lebens auf einige Zeit entsagen und +meine Fußwanderungen beginnen.</p> + +<p><em class="gesperrt">6. August.</em> <em class="gesperrt">Danau</em>, 12 Paal. Der Weg führte durch lauter +Waldungen über steile Berge und Hügel auf schlüpfrigen, schrecklichen +Pfaden.</p> + +<p>In Danau angekommen, wies man mich in eine halb verfallene Hütte, +die zwei Schlafstellen enthielt. Ich war von nun an in jedem Utta +(die Battaker nennen so ihre Dörfer) von Menschen umringt. Schon zu +Muara-Sipongie hatte diese Begierde mich zu sehen begonnen, da noch +keine Europäerin bis dahin gekommen war. Hier war es noch ärger, und +die Hütte so voll Leute, daß ich im ersten Augenblicke gar nicht +gewahrte, mit welchen Bewohnern ich sie theilte. Ein Mörder und ein +Sterbender waren ihre Inwohner. Ersterer hatte einen seiner Nachbaren +in einem Anfalle von Eifersucht getödtet und sollte in zwei Tagen auf +dem Bazar enthauptet werden. Er lag nackt auf dem Boden, an einen +Pfosten gebunden, die Füße durch einen Block gezogen und geberdete +sich wie närrisch; bald schrie, bald lachte, bald weinte er, dabei +warf er sich, so viel er konnte, von einer Seite zur andern, — ein +grauenvoller Anblick. Der Kranke, ein Jüngling von achtzehn Jahren, lag +ebenfalls auf der Erde, ohne Matte, ohne Bedeckung; er litt an einem +Brustübel und hatte schreckliche Anfälle von<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> Husten. Leider konnte ich +dem Armen keine Erleichterung verschaffen, da ich weder Arzeneien noch +sonstigen Bedarf für Leidende bei mir hatte.</p> + +<p>Ich beobachtete bei dieser Gelegenheit, daß man mit dem Mörder viel +mehr Mitleid hatte, als mit dem Kranken. Die Weiber bereiteten das +Siri für ihn, sie brachten ihm zum Mahle Reis und getrocknete Fische, +fütterten ihn, da er die Hände gebunden hatte, gleich einem kleinen +Kinde, wehrten ihm die Fliegen ab u. s. w. Die Männer führten ihn zum +nahen Flusse, damit er sich baden könne. Den armen Kranken beachtete +niemand. Man ließ ihn liegen, husten und stöhnen, reichte ihm weder +Speise noch Trank und schien ihn zu betrachten, als ob er nicht mehr +unter die Lebenden gehörte. Ich konnte ihm auch nichts anderes geben +als Reis und Wasser; dieß war alles, was ich selbst erhielt.</p> + +<p>Brustkrankheiten scheinen überhaupt in den hochgelegenen Gegenden +Sumatra’s zu herrschen; die Leute husteten viel und oft sehr heftig. +Die Hitze ist am Tage groß, die Nächte sind beinahe kalt, es regnet +viel und die Eingebornen gehen so leicht bekleidet wie in den heißen +Gegenden, haben jedoch nicht einmal eine Bedeckung für die Nacht.</p> + +<p>Ich wollte mit dem Mörder nicht in einem Gemache bleiben und ließ +den Rajah ersuchen, mir eine<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> andere Hütte anzuweisen. Er war so +gefällig, den Gefangenen und den Kranken entfernen zu lassen. Das Volk +aber konnte nicht abgehalten werden, mich zu umringen; ich war von +nun an, selbst während der Nacht, nicht einen Augenblick allein. Bis +Mitternacht brannten die Feuer und wurde geschwätzt; dann legten sich +die meisten hin, wo sie Platz fanden, zogen den Sarong über sich und +schnarchten um die Wette.</p> + +<p>Den <em class="gesperrt">7. August</em> mußte ich in Danau bleiben. Der Rajah, dem Namen +nach noch unter Holländischer Botmäßigkeit, versicherte mir, daß ich +ohne seine Begleitung das freie Battaker-Land, welches einige Paal von +hier beginnt, nicht betreten könne. Er wolle mit mir gehen und sich bei +den Rajah’s, mit welchen er bekannt sei, persönlich für meine Aufnahme +verwenden.</p> + +<p>Diesem Entschlusse zu Folge ließ er mir zu Ehren ein Büffelkalb +schlachten, um dabei die bösen Geister anzurufen, unserer gefahrvollen +Reise keine Hindernisse, kein Unglück in den Weg zu legen.</p> + +<p>Früh Morgens besuchte er mich mit einem Gefolge von einem Dutzend +Weiber und vielen erwachsenen Mädchen, zum Theile seine Verwandten. +Die Weiber und Mädchen traten in tief gebeugter Stellung, die Hände +halb vor das Gesicht haltend, an mir vorüber. Es ist dieß der Gruß der +Niederen gegen die<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> Höheren. Sie setzten sich im Hintergrunde der Hütte +zu Boden und packten aus schön geflochtenen Strohtaschen Siri, das für +mich bestimmt war.</p> + +<p>Die Mädchen trugen zehn bis fünfzehn bleierne Ringe in den Ohrläppchen, +hatten auch die oberen Theile des Ohres durchstochen und mit einem +Knopfe oder einer kleinen Schnur von Glasperlen geziert. Am Halse, an +den Armen und an den Füßen trugen sie Messingringe und Glasperlen. All +dieß Geschmeide legen sie ab, wenn sie heirathen. Die Mädchen gingen +mit bedeckten Busen, die Weiber meistens entblößt. Weiber und Mädchen +hatten die Haare in einen Knoten geschürzt, in welchen sie Strohwülste +stecken, um ihn zu vergrößern. Auch die Männer lassen die Haare +lang wachsen und binden sie ebenfalls in einen Knoten, tragen aber +Strohkappen oder Tücher darüber. Diese Kopfbedeckung ist das einzige +Zeichen, an welchen man den Mann von dem Weibe unterscheiden kann, da +die Männer keine Bärte haben und beide Geschlechter die Sarongs auf +dieselbe Weise um den Körper schlagen.</p> + +<p>Unter den Mädchen gab es einige sehr beleibte, wie mir ähnliche +unter den Malaien nicht vorgekommen waren; manche hatten die erste +Jugendblüthe schon abgestreift, ohne Männer gefunden zu haben. Dieß +rührt davon her, daß die Battaker ihre Weiber kaufen müssen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span></p> + +<p>Der Rajah war gekommen, um mich zu der feierlichen Schlachtung des +Büffelkalbes einzuladen. Ich folgte ihm in seine Hütte. Die Ceremonie +bestand in einem tollen Tanze, den der achtzehnjährige Sohn des Rajah’s +unter lärmender Musik aufführte. Die Hütte war so voll von Menschen, +daß man sich kaum bewegen konnte. Jedermann wollte den Jüngling +tanzen sehen, der, wie man mir sagte, vom bösen Geiste besessen war. +Er raste auch wirklich wie besessen umher, bis er vor Erschöpfung +beinahe hinsank. Ein anderer, nicht besessener Tänzer nahm seinen Platz +ein, bis sich jener wieder erholte, was sehr bald der Fall war. Dann +begann er zum zweitenmal dieselbe Raserei. Man reichte ihm eine mit +ungekochtem Reis gefüllte Schale die er mehrmals über den Kopf erhob, +als wolle er ihren Inhalt den Geistern opfern oder deren Segen darüber +erflehen; hierauf nahm er einige kleine Portionen heraus, streute sie +in die Luft, stürmte plötzlich aus der Hütte, streute vor derselben +ebenfalls einen Theil des Reises in die Luft und den Rest über das +Kalb, das, auf ein Gerüst gebunden, zum Schlachten bereit lag. Er +kehrte hierauf wieder in die Hütte zurück und raste so lange fort, bis +er am Ende ganz erschöpft den erbauten Zusehern in die Arme fiel. Das +Kalb wurde nun geschlachtet, in viele kleine Stücke zerschnitten und +größtentheils unter das Volk<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> vertheilt. Für mich ward die Leber, als +das beste Stück, zur Seite gelegt. Ich erhielt sie Abends zum Imbiße, +aber leider ungenießbar; sie war zu einem Steine verbraten. Ich mußte +daher mich auch heute, obwohl mir zu Ehren das Kalb geschlachtet worden +war, mit Reis und Salz begnügen.</p> + +<p><em class="gesperrt">8. August.</em> Ich verließ Danau mit einem Gefolge von mehr als +zwanzig Personen, von welchen jedoch der größere Theil an der Grenze +(drei Paal) zurückkehrte. Sie reichten mir beim Abschiede die Hand +und wünschten mir eine glückliche Wiederkehr. Alle betrachteten meine +Reise als ein großes Wagestück, wiesen an den Hals und gaben mir durch +Zeichen zu verstehen, daß sie befürchteten, man würde mir den Kopf +abschneiden und mich auffressen. Obwohl diese Pantomime nicht sehr +ermuthigend war, kam mir doch kein einziges Mal der Gedanke in den +Sinn, von der Reise abzustehen.</p> + +<p>Meine Begleitung bestand nur aus dem Rajah, aus fünf seiner Leute, +meinem Führer, einem Kulli für mich und einem für den Führer.</p> + +<p>Der Weg ging durch die sogenannte „Wildniß“, durch finstere, beinahe +undurchdringliche Wälder oder durch sechs Fuß hohen Alang-Alang. Wir +sahen nirgends weder eine Hütte, noch einen Menschen, dagegen viele +Spuren von wilden Thieren, besonders<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> von Tigern. Bei einem Flusse +angekommen, mußten wir auf einen Baum klettern und die überhängenden +Aeste, die sich mit jenen eines andern am jenseitigen Ufer kreuzten, +benützen, um hinüber zu kommen. Diese natürliche Brücke erhob sich +gewiß an zwanzig Fuß über das Wasser.</p> + +<p>Von Zeit zu Zeit gelangten wir an Waldausschnitte, von welchen wir +die herrlichsten Ueberblicke großer, schöner Thäler hatten, die von +dem Flusse <em class="gesperrt">Padang-Toru</em> in unzähligen Krümmungen durchschnitten +waren. Ein kleiner See, wenig größer als ein Teich, schimmerte in +schöner Sonnenbeleuchtung auf einer der Höhen. Dem Padang-Toru kamen +wir oft ganz nahe; es ist ein schöner, breiter Strom, aber kein Boot +schaukelte sich auf seinem Rücken; wohin der Blick fiel, war alles +menschenleer — es schien, als wären wir die einzigen Bewohner der Erde.</p> + +<p>In dieser Jahreszeit regnet es beinah regelmäßig jeden Nachmittag, und +leider traf uns der Regen stets auf dem Wege, denn hier wie in Borneo +war an ein frühes Fortkommen nicht zu denken. Dieses schlechte Wetter +belästigte mich um so mehr, als ich auf Kleider- und Wäsche-Wechsel +verzichten mußte — einerseits verließen mich die Leute weder bei Tag +noch bei Nacht, anderseits hatte ich mein kleines Gepäck gewöhnlich +nicht zur Hand, wenn ich es am nothwendigsten brauchte.<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> Mein Führer, +der, gleich jenem von Sarawak, nur that was ihm beliebte, verlangte +stets zuerst einen Kulli für sich, von welchem er sich vollkommen +bedienen ließ; für meine Reisetasche ward der nächste beste Mensch +genommen — fand sich keiner, so ließ er sie zurück, mit dem Bedeuten, +sie nachzubringen.</p> + +<p>Heute war der Regen schon über alle Maßen lästig. Wir mußten noch dazu +im Walde unser Nachtquartier aufschlagen. Man errichtete zwar schnell +ein kleines Blätterdach und bedeckte den Boden mit großen Blättern; +allein ich war schon durch und durch naß, als wir ankamen, und bis über +die Knie voll Schlamm und Morast; ich mußte an dem kleinem Flusse, +an dem wir uns gelagert hatten, den Schmutz von Füßen und Kleidern +waschen, und von Wasser triefend, zitternd vor Kälte (die Abende und +Nächte waren sehr kalt) das Feuer suchen, das aus Mangel an trockenem +Holze mehr glimmte als brannte.</p> + +<p>Meine Begleiter trugen Holz für die Nacht zusammen, fingen in +dem Flüßchen einige kleine Fische und brachten einige ganz grüne +Bambusrohre herbei, deren Nutzen oder Gebrauch mir nicht erklärlich +war; bald sah ich, daß sie statt der Kochgeschirre dienten. Die Leute +legten Reis nebst etwas Wasser auf Bisangblätter, machten lange Wülste +daraus und schoben sie in die Rohre; dasselbe thaten sie mit den +kleinen<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> Fischen. Die Rohre wurden auf das Feuer gelegt und so lange +liegen gelassen, bis sie zu brennen anfingen, was eine sehr geraume +Zeit währte, da sie viele Feuchtigkeit enthielten. Man spaltete dann +die Rohre und nahm die köstlichen Gerichte heraus. Einige der größeren +Fische wurden an kleine Holzstäbchen gespießt, die man neben dem Feuer +in die Erde steckte, und ein wenig gebraten.</p> + +<p>Das Mahl war schlecht und unsauber; den Reis hatte man nicht gewaschen, +die Fische weder gereinigt noch gesalzen; allein den ganzen Tag hatte +ich nichts genossen, meine Eßlust war überdieß durch den mühevollen +Marsch (achtzehn Paal) sehr gesteigert worden; ich fand daher das Essen +dennoch vortrefflich.</p> + +<p>Bevor wir uns zur Ruhe begaben, empfahl ich den Leuten, die Nacht +hindurch ein tüchtiges Feuer zu unterhalten, um die Tiger von uns zu +scheuchen. Aber bald fielen sie in tiefen Schlaf, mein Rufen erweckte +sie nicht, ich konnte das Feuer nicht unterhalten, weil das Holz zu naß +war, und so umgab uns bald undurchdringliche Finsterniß. Ich schlief +keine Minute, weniger einen Ueberfall von Menschen als von Thieren +fürchtend. So oft ich im Gebüsche ein Feuerkäferchen sah, meinte +ich das glühende Auge eines Tigers zu erblicken, so oft es im Laube +raschelte, dachte ich an Schlangen — es war eine schauderhafte Nacht!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span></p> + +<p><em class="gesperrt">9. August.</em> <em class="gesperrt">Soßor-Doluk</em>, siebzehn Paal. Wenig gestärkt +durch das gestrige Mahl, erschöpft vom nächtlichen Wachen, ging ich +ohne Imbiß fort und Mühen sonder gleichen entgegen. Wege, wie mir +noch keine ärgeren vorgekommen waren, führten durch undurchdringliche +Waldungen, voll von dichtem Untergebüsch, durch hochaufgeschossenes +Alang-Alang, durch Sümpfe und Flüsse, die oft der Länge nach durchwatet +werden mußten. Die Bäume und Gebüsche troffen noch vom nächtlichen +Regen. Ganz steil abfallende Hügel sperrten das Vordringen und waren +gefährlich zu übersteigen, da alles so glatt und schlüpfrig war, daß +man keinen festen Fuß fassen konnte. Zu diesen Uebeln gesellte sich +noch ein hochstämmiges Schilf (<span class="antiqua">Saccharum Koenigri</span>), das in einer +Höhe von vier bis fünf Fuß so dicht in einander verflochten war, daß +man nur in gebückter Stellung durchkommen konnte. Der Pfad bestand +an solchen Stellen aus einer schmalen Rinne mit Löchern und Gruben +voll Schlamm und Morast. Man hatte kaum so viel Raum, um einen Fuß +vor den andern zu setzen. Glitt man in ein Loch, in eine Grube, und +wollte man sich am Schilfe oder am Gebüsche fest halten, so erging es +einem noch schlimmer. Das Schilf brach, und unter dem Gebüsche gab es +Stämmchen mit großen Stacheln, an welchen man sich die Hände blutig +riß.<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> Springende Blutsauger kamen in solcher Menge vor, daß ich am +ganzen Körper, besonders an den Füßen, heftig blutete. Den größten +Theil dieser Fußreise, besonders jenen durch die Wüstenei, mußte +ich mit bloßen Füßen machen, da es unmöglich ist, sich auf diesen +morastigen, theilweise tief unter Wasser stehenden Wegen irgend eines +Schuhzeuges zu bedienen, das dem Fortkommen nicht hinderlich wäre. +Meine Füße wurden in Folge dessen von dem scharfkantigen Alang-Alang +ganz zerschnitten, von Dornen zerstochen. Nach jeder vollbrachten +Tagereise mußte ich mir von einem der Eingebornen die Dornen ausziehen +lassen. Sie machten die Sache gut, aber auf sehr schmerzhafte Weise; +die großen, wenig spitzen Parangs dienten ihnen als Instrumente. Oft +waren meine Füße so wund, daß ich dachte, am folgenden Morgen nicht +fort zu können — dennoch ging es täglich weiter.</p> + +<p>Als wir dem Ausgange der Wildniß nahe kamen, hörten wir ein heftiges +Geschrei von vielen Menschenstimmen. Dies erschreckte uns sehr. Wir +verhielten uns eine Zeit lang ganz ruhig und stille und schlichen +endlich, gleich Dieben, mit großer Vorsicht dem Ausgange zu. Aus dem +Walde tretend, befanden wir uns an dem Ufer des Flusses <em class="gesperrt">Puli</em>, +und sahen die Schreier, vierzig bis fünfzig an der Zahl, beinahe im +Naturzustande, im Wasser stehen und mit Fischen beschäftiget.<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> Der +Rajah hieß mich mit den Leuten zurückbleiben, ging allein zu dem +fischenden Häuptlinge und ersuchte ihn um die Gnade, mir den Eintritt +in sein Land zu gewähren. Nach vielen Fragen und Erläuterungen erhielt +ich die Bewilligung. Wir gingen durch den ziemlich breiten Fluß und +machten am jenseitigen Ufer unter dem Prachtexemplar eines Baumes aus +der Familie der Dilleniacen (auch Colbertia genannt) Rast. Dieser Baum +hat mehr als faustgroße Blüthenknospen, die wie Früchte aussahen. Ich +öffnete eine derselben und fand eine wunderschöne Blume darinnen. Wenn +die Kapsel gereift ist, springt sie von selbst auf.</p> + +<p>Außer dieser Gattung schöner Bäume fielen mir in Sumatra’s Wäldern +wenige ihres besondern Umfanges oder auch ihrer besondern Höhe wegen +auf. Ich habe wohl Bäume von hundert und vielleicht hundertzwanzig Fuß +Höhe gesehen, aber gewiß nicht von zweihundert, wie manche Reisende +behaupten wollen. Auch die wildwachsenden Blumen mußte ich emsig +suchen; sie schaffen hier bei weiten nicht, wie in Brasilien, die +Wälder zu natürlichen Gärten um.</p> + +<p>Was den Weg anbelangt, so war nun wohl das Schlimmste der Reise +glücklich überstanden; jetzt begann aber der ungleich gefährlichere +Kampf mit den Menschen.</p> + +<p>Wir setzten alsbald unsere Wanderung fort. Das<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> Land war noch immer +hügelig, doch freier und offener, und gute Pfade führten uns der +Nachtstation zu. Wir kamen an einigen schrecklichen Erd-Spalten oder +Rissen vorüber, in deren Tiefe sich der Blick mit Schauder verlor.</p> + +<p>Als wir in Soßor-Doluk anlangten, machte man einige Schwierigkeiten, +uns, das heißt, mich aufzunehmen; endlich wies man uns doch eine Ruine +von einer Hütte an, die so schief und krumm stand, daß ich jeden +Augenblick ihres Einsturzes gewärtig war. Das Dach glich einem Siebe, +ich konnte in der Nacht die Sterne über meinem Haupte zählen; allein es +war ein herrliches Nachtquartier im Vergleiche zu jenem in dem nassen, +finsteren Walde.</p> + +<p>Abends kam der Rajah des Ortes in Begleitung des Rajah von +<em class="gesperrt">Sigumpolang</em> (einem nahe gelegenen Orte), der zufällig hier +auf Besuch war, zu mir. Beide machten große Schwierigkeiten, mir die +Erlaubniß zu ertheilen, weiter in dem Lande vorzudringen. Am Ende +verdankte ich diese Erlaubniß meinem Geschlechte; wäre ich ein Mann +gewesen, so hätten sie mich ohne Zweifel für einen Spion gehalten und +zurückgewiesen, wo nicht gar getödtet.</p> + +<p>Nahe bei Soßor-Doluk ist eine heiße Quelle, doch ohne Schwefelgeruch. +Die Leute baden sich häufig darin und halten sie für jede Krankheit +heilsam.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span></p> + +<p><em class="gesperrt">10. August.</em> Sigumpolang (Klein-Toba), fünf Paal. Der Rajah +dieses Utta’s, Hali-Bonar, ein sechs Fuß hoher, kräftiger Greis, +begleitete uns. Wir überschritten den Padang-Toru auf einer +Hängebrücke, die aus einem einzigen, wenigstens siebenzig Fuß langen +Bambusrohre bestand, das kaum sechs Zoll im Durchmesser haben mochte. +Dünne Stämmchen formten an den Seiten ein Geländer, welches jedoch, +gleich jenem auf der Brücke zu Borneo, nicht als Stütze, sondern nur +dazu diente, das Gleichgewicht zu erhalten. Ich konnte den einfachen +Bau, sowie die Stärke dieser Brücke nicht genug bewundern. Das Rohr +schwebte vollkommen frei in der Luft, bloß die Endpunkte ruhten auf +Baumstämmen. Je mehr man sich der Mitte näherte, desto mehr schwankte +es — ich dankte Gott, als ich das jenseitige Ufer glücklich erreichte. +Dieses einzige Rohr trug zu gleicher Zeit ungefähr ein Dutzend Menschen.</p> + +<p>Die Landschaft war reizend, das Thal groß und wellenförmig; aber auch +an Flächen fehlte es nicht, die reich mit Reis bepflanzt waren.</p> + +<p>Hali-Bonar führte mich an seinem Utta vorüber, einen halben Paal weiter +nach einem großen freien Platze, auf welchem Bazar gehalten wurde, um +mich da dem Volke und mehreren Rajah’s<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a> vorzustellen. Er that dieß<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> +in der Absicht, daß, wenn ich im Laufe der Reise durch eines der Utta +dieser Leute käme, sie mich freundlich aufnähmen. Die Rajah’s, die sich +auf dem Bazar befanden, setzten sich um mich auf den Boden, und ihre +Lanzenträger, deren jeder Rajah ein halbes Dutzend mit sich hatte, +schlossen einen Kreis um uns, eine höchst nothwendige Vorsicht, da das +Volk mit wildem Geschrei von allen Seiten herandrang. Die Verkäufer +verließen ihre Waaren, die Käufer vergaßen ihre Geschäfte; alles wollte +mich sehen; Männer und Kinder, die nicht in meine Nähe kommen konnten, +kletterten auf die Bäume. Es war ein Gewirre, ein Lärmen, von dem man +sich keine Vorstellung machen kann. Ich verstand kein Wort von dem, was +sie sprachen und befand mich fast allein unter diesen wilden Menschen +— der Rajah von Danau war mit seinen Leuten und meinem Führer im Utta +zurückgeblieben.</p> + +<p>Unter dem Volke sah ich viele sechs Fuß hohe, starke Männer; auch die +Weiber waren kräftiger als alle, die ich bisher auf Sumatra gesehen +hatte. Die Gesichtsbildung fand ich aber häßlich wie überall, die +Zahnkiefer breit und ganz besonders hervorragend, die Hautfarbe nicht +sehr dunkel. Gekleidet gingen beide<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> Geschlechter in Sarongs. Die +Weiber trugen in den Ohrläppchen große Messingbleche oder runde Stücke +Holz; auf den Kopf legten sie ein, auch zwei große, zusammengefaltete +Tücher. Die Männer hatten hier die Ohrläppchen eben so weit +durchlöchert wie die Weiber, meistens aber nur eines. Die Rajah’s +trugen schwere Goldreifen daran, die Uebrigen steckten Strohzigarren +durch. Eine zweite Auszeichnung des Rajah bestand in einer großen +Tabakspfeife von Messing, die an einem schweren Messingrohre hing.</p> + +<p>Ich bemerkte bei den Battakern dieselben aus weißen Muscheln +geschnittenen Armbänder, dieselben Korbgeflechte, dieselbe Art +Maultrommeln, dieselben aus Bast geschlagenen Zeuge, wie bei den +Dayakern.</p> + +<p>Nachdem ich über eine Stunde unter diesem Volke zugebracht hatte, +führte mich Hali-Bonar nach seinem Utta.</p> + +<p>Die Häuser der Battaker sind auf Pfählen gebaut, gleich jenen der +Malaien, aber ohne Vergleich größer, schöner und solider. Sie haben +sehr hohe Dächer, die das Haus an fünf Fuß überragen. Die beiden Enden +der Dächer gehen in hohen Spitzen aus. Ich möchte die Höhe der Häuser, +so wie ebenfalls das Gevierte auf vierzig bis fünfzig Fuß annehmen. +Sie bestehen aus Bretterwänden, die Dächer sind mit der Faser der +Aranga-Palme gedeckt.<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> An manchen Häusern waren die Vorderseiten +angestrichen und ebenso geschmackvoll ausgeschnitzt, wie in dem Kampon +Kotto-Godong nächst Fort de Kock. Man sieht weder Fenster noch Thüren. +Nur in der Höhe ist an der Außenseite eine kleine hölzerne Gallerie +angebracht, von dem Vorsprunge des Daches gedeckt, auf welche nach +der innern Seite des Hauses eine Thüre führt, zu der man auf Leitern +steigen muß. Der Aufgang in das Haus ist unter demselben und mit einer +Fallthüre zu schließen. Das Innere besteht aus einem einzigen großen +Gemache, in welchem meistens drei auch vier Familien wohnen, jede +in einer Ecke. In diesen Häusern ist es natürlich ganz finster, man +gewahrt im ersten Augenblicke nichts als einige Luftlöcher in der Höhe, +die dem Rauche Ausgang gestatten, von welchem das Gemach stets voll +ist, da, obwohl die Leute wenig zu kochen haben, doch in jeder Ecke das +Feuer beinahe fortwährend brennt.</p> + +<p>In dem Raume unter dem Hause werden Schweine, Geflügel, Kühe (alle +schwarz), Büffel, Hunde, hie und da auch ein Pferd gehalten. Die +Schweine sind von ganz eigenthümlicher Art: sie haben sehr spitz +zulaufende Rüssel, einen etwas eingebogenen Rücken, kurze Füße, wenig +Borsten, dagegen eine dicke, kurze Mähne, wie Pferde.</p> + +<p>Die Vorräthe an Vieh und Reis fand ich bedeutend,<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> ja sehr reich +im Vergleiche zu jenen der Javanesen oder der Sumatra-Malaien. Der +Hausrath bestand aus eisernen Kesseln, irdenen Töpfen, Tellern, Näpfen, +vielen Matten und Körben, einigen Spinnrädern, Holztruhen u. s. w.</p> + +<p>Beinahe jedem Hause gegenüber steht ein Soppo, das ist eine offene +Hütte mit einem untertheilten Dache, auf welchem der Reis in Säcken und +Körben aufgespeichert ist. Dieser Soppo ist der eigentliche Wohnplatz +der Leute während des Tages. Hier weben die Weiber die Sarongs, die +Männer versammeln sich, um die Zeit im Geschwätze und Nichtsthun +hinzubringen, denn auch unter den Battakern muß das Weib beinahe +alle Arbeit verrichten. Abends finden hier die Zusammenkünfte der +heirathsmäßigen Mädchen mit den jungen Leuten statt. Dem Fremden wird +ebenfalls in den Soppos das Nachtquartier angewiesen. Auch ich schlug +das meinige hier auf.</p> + +<p>Hali-Bonar erbot sich, mich bis <em class="gesperrt">Silindong</em> (Groß-Toba) zu +begleiten, ein Anerbieten, das ich mit um so größerer Freude annahm, +als mich der Rajah von Danau mit seinem Gefolge hier verließ.</p> + +<p>Ich mußte gleichfalls wie zu Danau einen Tag verweilen, denn auch +Hali-Bonar schlachtete am folgenden Morgen ein Büffelkalb, theils mir +zu Ehren, theils um die bösen Geister anzuflehen, unserer Reise<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> nichts +in den Weg zu legen. Er holte mich persönlich zu dieser Feierlichkeit +ab und führte mich in einen saubern, mit Matten belegten Soppo, der +seinem Hause gegenüber stand. Die Feierlichkeit fand hier unter freiem +Himmel statt. Ein ganzes Musikcorps war versammelt; man schlug auf +Trommeln und Gongs, man blies eine Art Dudelsack und lange Pfeife. Das +Kalb wurde unter voller Musik geschlachtet, die Eingeweide (der größte +Leckerbissen) in das Haus des Rajahs getragen und das übrige unter das +Volk vertheilt. Der Rajah von Danau bekam natürlich nebst seinen Leuten +auch seinen Theil.</p> + +<p>Ein Mann trat hierauf, einfach und dennoch malerisch gekleidet, auf den +Schauplatz. Er trug einen schönen Sarong, der von den Hüften bis an die +Füße reichte, ein weißes Tuch kranzartig um den Kopf geschlungen und +eine Art von schwarzem Shawl, an den Rändern mit Glasperlen besetzt, um +den Oberkörper in reichen Falten geworfen. Die Shawls, an 5 Fuß lang +und 2½ breit, werden nur von den Männern getragen und dürfen bei +Feierlichkeiten und wenn die Krieger zu Felde ziehen, nicht fehlen. +Der Mann hielt in der einen Hand ein mit Wasser gefülltes Büffelhorn, +in der andern ein Betelblatt. Nach einer langen Rede, die einem Gebete +glich, fing er einen recht hübschen Tanz an, hob Horn und Blatt mehrmal +gegen den<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> Himmel und schlug seine Augen zu demselben auf. Er goß +hierauf einiges Wasser gegen mich und die Musiker, den Rest über das +Betelblatt. Das Horn wurde ein zweites Mal mit Wasser gefüllt und +dieselbe Ceremonie wiederholt, worauf er einen Teller voll Reis nahm, +mit welchem er nach einer abermaligen Rede dasselbe that, wie mit dem +Wasser. Der Rajah trat nun auf den Schauplatz, gefolgt von einem Manne, +der stets nahe hinter ihm blieb und ein Diener zu sein schien. Der +Rajah ahmte den ersten Tänzer in allem nach, nur daß er das zweite Mal +das Horn gegen einen Teller mit Reiskuchen vertauschte, und es am Ende +des Tanzes vor mich hinstellte. Zum Schlusse begannen der Rajah und der +Tänzer vereint einen artigen Tanz aufzuführen, bei welchem sie mehrmals +die Hände wie bittend gegen den Himmel erhoben und diese Pantomime mit +ehrfurchtsvollen Blicken begleiteten. Der Diener folgte auch hiebei +dem Rajah stets wie sein Schatten. Wer nicht gewußt hätte, daß diese +Anrufung dem Haupte der bösen Geister oder, wie wir sagen würden, dem +Lucifer galt, würde das ganze für einen recht schönen, andächtigen +Gottesdienst gehalten haben. Bei keinem Volke sah ich eine anscheinend +so feierliche Ceremonie.</p> + +<p>Nachdem die beiden Tänzer abgetreten waren,<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> kamen andere, die +einfache, langweilige, den Malaischen sehr ähnliche Tänze aufführten.</p> + +<p>Bei diesem Feste waren die Weiber nicht gegenwärtig; sie erhielten +jedoch ihren Antheil bei der Vertheilung des Fleisches. Nach dem Feste +wurde in dem Soppo, in welchem ich wohnte, das Festmahl bereitet +und verzehrt. Man kochte Reismehl in dem Blute des Büffels und ließ +Fleisch und Eingeweide an hölzernen Spießen braten. Ich bekam von allen +Gerichten, von der Leber ein besonders großes Stück. Was ich übrig +ließ, wurde mir so oft wieder vorgestellt, bis es aufgezehrt war — man +gab mir nichts anderes. Manche von den Gästen tranken nach dem Essen +sehr warmes, beinahe heißes Wasser, das gleich unserm schwarzen Kaffee, +die Verdauung befördern soll.</p> + +<p>Nachmittags ersuchte ich Hali-Bonar, einige Volkstänze ausführen +zu lassen. Der Schwert-Tanz glich zu meinem Erstaunen vollkommen +jenem, den ich auf Borneo von den Dayakern hatte aufführen sehen. +Dem Schwert-Tanze ganz ähnlich war der Messer-Tanz; der einzige +Unterschied bestand darin, daß die Messer nicht auf der Erde lagen, +sondern in Scheiden stacken, welche die Tänzer am Gürtel befestiget +hatten, und aus welchen während des Tanzes die Messer gezogen wurden. +Ein hierauf folgender Faustkampf gab dem Publikum sehr viel zu lachen. +Die beiden Kämpfer<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> oder Tänzer schlugen und stießen sich auf höchst +vorsichtige Weise unter grotesken Grimassen und Wendungen mit Händen +und Füßen. Sehr wild und belebt war der Teufels-Tanz. Diese vier Tänze +wurden von zwei Männern aufgeführt. Nun kam ein Tanz, an welchem vier +Männer und ein Weib Theil nahmen; letzteres machte jedoch nur einige +Bewegungen mit den Händen und kauerte sich zeitweise auf den Boden; +die Männer tanzten um sie herum. Alle diese Tänze waren lebhaft, +mit abwechselnden, recht hübschen Figuren und Stellungen. Auch hier +schlugen die Tänzer die Augen stets zu Boden.</p> + +<p>Ich hatte nun alle Tänze gesehen, bis auf jenen, den sie bei der +Tödtung eines Menschen aufführen, der zum Verzehren bestimmt ist. +Diesen Tanz wollte man mir nicht zeigen, gab aber am Ende doch meinen +Bitten nach. Sie banden zu diesem Zwecke an einen Pflock ein großes +Stück Holz, welches das Schlachtopfer vorstellte, und setzten ihm eine +Strohkappe auf. Ehe sie zu tanzen anfingen, streuten sie sich etwas +Erde auf den Kopf. Der Tanz selbst war sehr lebhaft und von vielen +Grimassen begleitet; sie hoben dabei die Füße so viel sie konnten in +die Höhe und zückten ihre Parangs nach dem Opfer. Endlich gab ihm +einer den ersten Stoß, die andern folgten sogleich seinem Beispiele, +das Blut wurde sorgfältig<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> aufgefangen. Sie hieben dann den Kopf (die +Strohkappe) vom Rumpfe, legten ihn auf eine ausgebreitete Matte, +tanzten darum her, und stießen dabei wild-fröhliche Töne aus. Einige +hoben den Kopf auch auf und führten ihn zum Munde, als leckten sie +das Blut ab, andere warfen sich zur Erde, als saugten sie das vom +Kopfe rieselnde Blut auf, oder sie tauchten die Finger in dasselbe und +führten sie zum Munde. Alles dieß geschah nicht so sehr mit wilden als +mit fröhlichen Geberden; auch ihre Gesichtszüge drückten eher Vergnügen +als Grausamkeit aus. Freilich war dieß nur ein Spiel; ganz anders mag +es sich verhalten, wenn ein wirklicher Mensch getödtet wird.</p> + +<p>Nichts desto weniger machte dieses schauerliche Spiel einen großen +Eindruck auf mich. Ich betrachtete unwillkührlich die wilden Gestalten, +in deren Macht ich war; unheimliche Bilder drängten sich vor meinen +Geist, und, in mein Soppo zurückgekehrt, fiel ich erst spät in einen +unruhigen Schlaf mit aufgeregten, beängstigenden Träumen.</p> + +<p><em class="gesperrt">12. August.</em> <em class="gesperrt">Si-Pijarajah</em>, 10 Paal. Die klare Morgensonne +verscheuchte die nächtlichen Visionen und mit neuem Muthe trat ich +die Tagereise an. Wir mußten heute über den tiefen, reißenden Strom +<em class="gesperrt">Padang-Toru</em>, eine schwere Sache für mich, die nicht schwimmen +konnte. Zwei Eingeborne reichten mir<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> jeder eine Hand, ich hielt den +Kopf über dem Wasser, und so zogen sie mich hinter sich her. Die Wege +waren gut; wir kamen über einige niedrige Hügelketten und durch schöne +Thäler mit Hügeln. Die Gebirgskette, die wir selten aus dem Gesichte +verloren, wurde stets niedriger, die höchsten Spitzen mochten 1200 bis +1500 Fuß hoch sein. Uttas sahen wir wenige; sie waren mit Erdwällen +oder hölzernen Zäunen umgeben. Wir mußten am Eingange stets um die +Erlaubniß des Eintrittes ansuchen. Ich litt heute sehr von der Hitze, +da der größte Theil des Weges in der Sonne oder durch glühend heißes +Alang-Alang ging. Der Thermometer zeigte vierzig Grad (Reaumur).</p> + +<p>In Si-Pijarajah brachte ich die Nacht wieder in einem Soppo zu. Ich +wußte nie, welchen Wohnort ich wählen sollte, ob den Soppo oder das +Haus des Rajah. Im ersteren war ich unausgesetzt wie auf offener Schau. +Die Leute blieben nicht nur vor dem Soppo stehen, sie traten auch in +denselben. Abends wurde Feuer angezündet, und man schwatzte bis tief in +die Nacht. Jeder neu Hinzukommende wollte aus dem Munde meines Führers +selbst vernehmen, „warum, woher ich käme u. s. w.“ Keiner traute den +Ueberlieferungen seines Nachbars. Die Erscheinung einer Europäerin war +ihnen zu außerordentlich, sie konnten sie nicht begreifen. Auch diese +Barbaren thaten mir<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> die Ehre an, mich für ein außergewöhnliches Wesen +zu halten. Viele unter den Neugierigen, die von andern Uttas gekommen +waren, streckten sich gleich auf dem Platze nieder, wo sie saßen, und +verschliefen da den Rest der Nacht.</p> + +<p>In dem Hause eines Rajahs hatte ich einst nicht geringere +Unannehmlichkeiten. Die Weiber, in Gegenwart der Männer scheu und +zurückgezogen, mit ihren Kindern fliehend wenn ich mich näherte, +wurden, sobald ich allein in ihrer Mitte war, nicht nur gleich +zutraulich, sondern so zudringlich, daß sie meine ganze kleine Habe +forderten, die Kleidungsstücke nicht ausgenommen, die ich am Körper +trug. Ich wußte nicht, wie ich mich ihrer erwehren sollte, denn der +Anfang des Gebens wäre für sie das Signal des gewaltsamen Nehmens +gewesen. Ich schob mein Ränzchen hinter mich und mußte einige Male +die Weiber kräftig zurückweisen. Gewöhnlich zogen sie dann drohend +und heftige Reden gegen mich ausstoßend ab. Ich hütete mich so viel +als möglich allein mit ihnen zu sein. Unter den Männern war ich viel +sicherer: sie gafften mich stundenlang an, schwatzten fortwährend über +mich, verhielten sich aber im übrigen höchst anständig.</p> + +<p>Eine weitere Unannehmlichkeit in den Häusern war während des Tages +die Dunkelheit, Abends, wenn die vier Feuer brannten, der Rauch; ich +konnte die<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> Augen kaum öffnen. Auch sah ich hier so viel Schmutz und +Unreinlichkeit, daß ich die mir gebotene Mahlzeit nur mit dem größten +Ekel verzehrte. Der Reis wurde ungewaschen in den Topf geschüttet, der +Topf selbst gleichfalls nicht gereinigt, da die Leute glauben, daß, +wenn stets etwas Reis in dem Topfe zurückbleibe, es nie daran fehle. +Morgens kochten sie Milch, in die sie Kräuter und Blätter warfen, um +sie in Käse zu verwandeln. Sie preßten mit ihren schmutzigen Händen +den Käse aus, schütteten die Molken über den Reis und vermengten dieß +ebenfalls mit den Händen. Wurde für mich und meinen Führer ein Huhn +getödtet, so rissen sie es in vier Theile, die sie ins Feuer warfen, +wo dieselben gewöhnlich zu Kohlen verbrannten; die Eingeweide wuschen +sie ein wenig aus und bereiteten sie für sich. Sie aßen alles was lebt, +sogar Regenwürmer und alle Arten größerer Käfer. Ich konnte diese +ekelhafte Gefräßigkeit um so weniger begreifen, als ich in allen Uttas +Ueberfluß an Hornvieh, Geflügel, Schweinen, Reis u. s. w. sah.</p> + +<p>Die Weiber werden hier, wo möglich noch mehr als in Mandelling oder +Ankola, wie Lastthiere betrachtet. Die Männer bauen nur die Häuser +und pflanzen den Reis; fast alles übrige fällt den Weibern zu. Am +meisten war ich erstaunt zu sehen, wie lange die Weiber die Kinder +säugten und auf dem Rücken<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> trugen. Kinder von drei Jahren nahmen +noch die Mutterbrust und stritten sich oft mit den jüngeren darum. +Manches zweijährige kräftige Kind sah ich vom Spiele wegeilen, wenn +es die Mutter gewahrte, und sich auf ihren Rücken hängen. Diese band +es mittelst eines alten Tuches oder Sarongs fest und verrichtete mit +dieser Last ihre Arbeiten. Morgens rissen Mütter oft große Kinder +aus dem Schlafe, banden sich selbe auf den Rücken und begannen ihre +Hausgeschäfte.</p> + +<p><em class="gesperrt">13. August.</em> <em class="gesperrt">Silindong</em>, Groß Toba, zwölf Paal. Die +erste Hälfte der Reise ging, wie gestern, durch wenig bevölkerte, +hügelige Thäler; dann erstiegen wir einen niedrigen Gebirgskamm, und +das überraschend schöne Silindong-Thal lag in seiner ganzen Größe zu +unseren Füßen. Ich hatte bisher auf dieser Reise keine größeren Flächen +als von einigen Paal Länge (das Lavas-Thal ausgenommen) gesehen. Hier +erblickte ich eine Ebene, die gewiß über zwanzig Paal lang und acht +Paal breit sein mochte; sie war von dem Padang-Toru in mehreren Armen +durchschnitten und bewässert, und mit üppig grünen Reisfeldern bedeckt. +Eine unzählige Menge kleiner Boskette lagen wie Blumen über den großen, +grünen Teppich gestreut. Jedes Boskett barg, wie ich später sah, ein +Utta.</p> + +<p>Bevor wir in das Thal hinab stiegen, bedeutete<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> mir Hali-Bonar, mich +nicht von ihm zu entfernen und stets hinter seinen Rücken zu bleiben. +Den Zug eröffneten seine sechs Lanzenknechte, dann kam er, dann ich, +mein Führer und noch einige Leute von irgend einem Utta. An dem ersten +Utta angekommen, gab es schon Anstände mit dem Weiterkommen. Ueberall +war es bereits bekannt, daß ich im Lande sei und wohin ich gehen wolle. +Vor jedem Utta, an dem mein Weg vorüber führte, standen die Männer +versammelt, mit Lanzen und Parangs bewaffnet, und versperrten mir den +Durchzug. Doch am Ende wußte Hali-Bonar die Leute stets zu bewegen, +mich weiter gehen zu lassen.</p> + +<p>An einem Orte aber schien es ernster zu werden. Mehr als achtzig +bewaffnete Männer standen am Wege und erwarteten uns. Als wir an ihnen +vorüber wollten, verstellten sie den Weg, und in einem Augenblicke +hatten viele Lanzenknechte einen Kreis um mich geschlossen. Die +Leute sahen über alle Beschreibung wild und fürchterlich aus. Sie +waren groß und kräftig, viele an sechs Fuß hoch, die Gesichtszüge +leidenschaftlich bewegt, was sie noch viel häßlicher machte — das +große Maul mit den hervorstehenden Zähnen glich wahrlich mehr dem +Rachen eines wilden Thieres als einem menschlichen Munde. Sie schrieen +und lärmten so auf mich los, daß, wäre ich mit dergleichen Scenen nicht +schon vertraut gewesen, ich das äußerste hätte befürchten<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> müssen. Ich +hatte zwar Angst — die Scene war zu entsetzlich — doch verlor ich +nicht meine Geistesgegenwart und setzte mich, anscheinend ruhig und +vertrauungsvoll, auf einen Stein, der am Wege lag. Einige Rajahs traten +auf mich zu, mir mit Worten und Zeichen drohend, daß, wenn ich nicht +umkehre, man mich tödten und verzehren würde. Die Worte verstand ich +nicht; aber die Zeichen ließen mir keinen Zweifel, denn sie wiesen mit +einem Messer an den Hals, mit den Zähnen an die Arme und bewegten die +Zahnkiefer, als hätten sie den Mund schon voll von meinem Fleische. Ich +war natürlich schon seit dem Eintritte in dieses Land auf solche Scenen +gefaßt, und hatte zu diesem Zwecke einen kleinen Satz in ihrer Sprache +gelernt. Mein Gedanke war, wenn ich etwas sagen könnte, was ihnen +gefiele, was sie lachen machen würde, hätte ich einen großen Vortheil +über sie, denn die Wilden sind wie die Kinder — eine Kleinigkeit ist +oft hinreichend sie zu Freunden zu machen. Ich erhob mich also, klopfte +dem Vordersten der sich am meisten an mich heran drängte, freundlich +auf die Achsel und sagte mit heiterer, lächelnder Miene, halb Malaisch, +halb Battakisch: „Ihr werdet eine Frau nicht tödten und auffressen, am +wenigsten eine so alte wie ich bin, deren Fleisch schon hart und zähe +ist.“ Durch Zeichen und Worte gab ich ihnen ferner zu verstehen,<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> daß +ich keine Furcht vor ihnen hätte, daß ich bereit sei, meinen Führer +zurück zu lassen und allein mit ihnen zu gehen; sie sollten mich nur +bis <em class="gesperrt">Eier-Tau</em> führen. Glücklicherweise fingen sie an, über mein +Kauderwelsch, über meine Pantomine zu lachen. Meine Furchtlosigkeit, +mein Zutrauen gefiel ihnen — ich hatte gesiegt. Sie reichten mir die +Hände, die Reihen der Lanzenknechte öffneten sich, und froh und heiter, +im Gefühle der überstandenen Gefahr, setzte ich mit meinen Leuten die +Wanderung fort. Wir kamen unbelästigt bis <em class="gesperrt">Tugala</em>, wo mich der +Rajah Ompu-Soubun in seinem Hause aufnahm.</p> + +<p><em class="gesperrt">14. August.</em> Nur sechs Paal zurückgelegt. Wiederholte wilde +Scenen unterbrachen den Marsch. Nur mit der größten Mühe gelangte ich +bis zu dem Rajah Ompu-nimar-longus, in dessen Utta ich diesen Tag und +die Hälfte des folgenden bleiben mußte.</p> + +<p>Hier fanden meinetwegen große Berathungen statt. Jeden Augenblick +kam ein neuer Rajah mit einer kleinen Anzahl Lanzenknechte an; bald +war das Utta voll von Männern und Bewaffneten. In dem hohen Rathe +wurde leider beschlossen, daß ich nicht weiter vordringen dürfe. +So nahe am Ziele, nach so vielen glücklich überstandenen Gefahren +und Mühseligkeiten umkehren — das war doch sehr hart! Nach der +Beschreibung der Eingebornen war ich nicht mehr als<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> zehn bis zwölf +Paal von dem See Eier-Tau entfernt. Ich hätte nur eine niedrige +Hügelkette zu übersteigen gehabt und wäre an seinem Ufer gestanden. Sie +sagten mir, daß sich „das große Wasser,“ wie sie den See nannten, weit +ausbreite, daß das umliegende Land sehr fruchtbar und von mächtigen +Völkern bewohnt sei, die unter der Regierung einer Königin stünden. +Vergebens war mein erneuerter Antrag, meinen Führer zurückzulassen und +allein mit einem ihrer Leute zu gehen, vergebens suchte ich sie durch +Bitten zu bewegen, mich nur die Hügelkette ersteigen zu lassen, um doch +wenigstens einen Blick auf den See werfen zu können. Sie erwiderten +mir, daß sie mit den Battakern zu Eier-Tau beständige Uneinigkeiten +hätten, und daß keiner von ihnen es wagen würde, mit mir dahin zu +gehen. Sie versicherten mich, daß bisher noch kein Holländer (bei ihnen +ist jeder Europäer ein Holländer) so weit gekommen sei wie ich, ohne +feindlich behandelt, das heißt getödtet und aufgegessen worden zu sein.</p> + +<p>Später hörte ich, daß die Königin von Eier-Tau einen Friedensbund mit +den Silindongern unter der Bedingung geschlossen hatte, keinem Fremden +zu erlauben, bis an die Grenze ihres Landes vorzudringen. Was an der +Sache wahr oder falsch war, konnte ich nicht ergründen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span></p> + +<p>Den folgenden Tag ward der Zulauf des Volkes noch stärker; es schien, +als versammelten sich alle streitfähigen Männer des Thales; man +sah nichts als Lanzen, Parangs, die viele aus der Scheide gezogen +hatten, sogar einige sehr lange Gewehre. Das Ganze glich einer echt +kriegerischen Scene, die ich mit großem Gefallen betrachtet hätte, +wäre meine Lage weniger kritisch gewesen. Ich sah aus ihren Mienen +und Geberden, daß alles mir galt, und konnte keinen Augenblick sicher +sein, daß nicht einem oder dem andern die Lust ankäme, mich zu morden, +denn so wie es nur einer Kleinigkeit bedarf, die Wilden zu Freunden +zu machen, eben so bedarf es auch nur wieder einer Kleinigkeit, sie +in die grausamsten Feinde zu verwandeln. Am unheimlichsten war mir +der Gedanke, mich unter Kannibalen zu befinden. Ich begriff in solchen +Augenblicken oft selbst nicht, woher ich den Muth genommen hatte, mich +unter dieses Volk zu wagen.</p> + +<p>Während der Nacht war in dem Hause neben jenem des Rajah, bei dem ich +wohnte, ein Weib gestorben; ich ging Morgens hin, um zu sehen, was mit +der Leiche vorgenommen wurde. Sie lag ausgestreckt auf einer Matte und +war in zwei Sarongs so eingeschlagen, daß man nur das Gesicht sah. Drei +Weiber (wie man mir sagte, die Töchter der Verstorbenen) bewegten sich +langsam um die Leiche, stießen<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> taktmäßig mit den Füßen auf den Boden, +murmelten dabei einige Worte und kniffen sich mit den Nägeln in die +entblößte Brust, bis hier und da etwas Blut zum Vorschein kam. Jeden +Augenblick beugten sie sich über die Leiche und berührten sie. Die +übrigen weiblichen Verwandten saßen an den Füßen der Todten und heulten +von Zeit zu Zeit; der Mann saß abseits und zeigte eine sehr betrübte +Miene. Vor dem Hause stand der Sarg, ein ausgehöhlter Baumstamm, der +aber so schmal war, daß die Leiche mit aller Gewalt hinein gepreßt +werden mußte. Die Leichen begraben sie gewöhnlich am Saume der Wälder +oder in Gebüschen; in einem einzigen Utta sah ich ein Grab neben einem +Hause.</p> + +<p>Im grellen Widerspruche zu den Umständen, welche die Leute mit den +Verstorbenen machen, steht die Theilnahmslosigkeit, die sie für die +Kranken haben. Ich sah in mehreren Uttas halb sterbende Geschöpfe, die +sich mit größter Anstrengung über die kleine Hausleiter schleppten, um +an die Sonne zu gelangen. Niemand sah nach ihnen, kein Mensch reichte +ihnen Hilfe.</p> + +<p><em class="gesperrt">15. August.</em> Gegen Mittag verließ ich mit meinen Begleitern das +Utta. Man führte mich nun zurück, aber nicht auf demselben Wege, auf +welchem ich gekommen war; im Gegentheile schleppte man mich im Zickzack +von einem Utta zum andern; es war als<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> wollten mir die Battaker die +Erlaubniß, ihr Land zu verlassen, noch schwerer ertheilen, als jene, es +zu betreten.</p> + +<p>Die Uttas sind in diesem Thale mit acht Fuß hohen Erdwällen umgeben und +mit so hohen und dichten Bambuspflanzungen umzäumt, daß man außerhalb +derselben weder die Häuser noch die Wälle sieht. Manche sind noch +überdieß von einer Wasserpfütze umgeben. Jedes Utta hat nur einen ganz +schmalen Eingang mit einer Thüre, die Nachts geschlossen wird.</p> + +<p>Daß mein Leben, trotz meiner Verzichtleistung auf weiteres Vordringen +und trotz des eingetretenen Rückwegs noch nicht in Sicherheit war, +zeigte sich heute. Ein hoher, sehr wild aussehender Mann empfing uns, +umgeben von bewaffnetem Volke, an dem Eingang eines Utta. Auch hier, +wie Tags zuvor, schloß man einen Kreis um mich. Der Wilde sprach mit +großer Heftigkeit und ließ meine Leute kaum zu Worte kommen, ja einmal +sah ich das gelbliche Gesicht meines Führers noch mehr erbleichen und +die Worte auf seinen Lippen ersterben. Mich selbst stieß der Wilde +mehrmal an und bedeutete mir gebieterisch, ihm in sein Haus zu folgen; +er faßte mich sogar einmal am Arme. Hali-Bonar winkte mir mit den +Augen, nicht von seiner Seite zu weichen und ja nicht jenem zu folgen. +Erst nach langen Erläuterungen und<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> lebhaftem Wortwechsel, erwirkte +Hali-Bonar den Durchzug. Hier schien mein Leben nur an einem Haare +gehangen zu haben.</p> + +<p>Als wir das Utta im Rücken hatten, hieß mich mein treuer Beschützer +knapp vor ihm gehen; er mochte vielleicht befürchten, daß dieser +blutdürstige Häuptling nachkommen und mir von rückwärts den Parang +durch den Leib stoßen könnte. Auch befahl er uns, so schnell als +möglich zu gehen. Wir liefen an fünf Stunden durch Wald und Alang +unausgesetzt fort bis zu einem Utta, wo die Leute freundlicher und +bereit waren, uns über Nacht aufzunehmen. Allein Hali-Bonar hielt +die Entfernung noch nicht für groß genug, und weiter ging es auf +beschwerlichen Kreuz- und Quer-Wegen. Erst spät Abends erreichten wir +ein Utta, dessen Namen mir jedoch entfiel, denn auf der Rückkehr kamen +wir durch so viele Uttas, daß ich ihre Namen nicht behalten konnte. Zu +schreiben wagte ich nicht, um nicht für eine Spionin gehalten zu werden.</p> + +<p><em class="gesperrt">16. August.</em> Diesen Morgen sah ich ein Mädchen aus einem der +Häuser stürzen und sich heulend und weinend zur Erde werfen, als wäre +ihr das größte Unglück begegnet. Dabei löste es ein Stück seines +Schmuckes nach dem andern von Hals, Arm und Ohr, und wickelte alles +sorgfältig in ein Tuch. Es sprang dann auf, lief ein Haus weiter, warf +sich da<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> neuerdings unter Geschrei und Geheul nieder, raffte sich +wieder auf und eilte in das Haus zurück, aus welchem es gekommen war. +Ich hielt dieses Geschöpf für wahnsinnig; allein mein Führer sagte +mir, daß es diesen Abend heirathen und daher allem Schmuck (Glasperlen +und Messingringe) Lebewohl sagen müsse. Diesem Geschmeide weinte es +bittere Thränen, während beim Abschiede vom elterlichen Hause das Auge +vielleicht trocken bleibt! —</p> + +<p>Auch heute kamen wir nur wenig vorwärts. Von einem Utta ging es zum +andern. Mitunter machten wir große Umwege, um irgend ein Utta zu +vermeiden, dessen Bewohner, wie Hali-Bonar schon unterrichtet sein +mochte, feindselig gegen uns gestimmt waren. Ich konnte nie erfahren, +warum wir zurück nicht denselben Weg nahmen, auf welchem wir gekommen +waren.</p> + +<p>In den Utta’s, in welchen man uns über Nacht aufnahm, wurden wir stets +auch gastfreundlich bewirthet und erhielten nebst Reis manchmal Ubi +(süße Kartoffeln) oder wohl gar ein Huhn, Morgens Tadi, die bereits +beschriebene geronnene Milch. Das Huhn, die Ubi und den Tadi gab der +Rajah, den Reis lieferte die Gemeinde. In jenen Utta’s aber, in welchen +wir nicht gastlich aufgenommen wurden, hielt es oft schwer, einen Trunk +Wasser zu erlangen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span></p> + +<p><em class="gesperrt">17. August.</em> Wie gestern und vorgestern von einem Utta zum andern +gezogen, mehr oder minder freundliche Aufnahme gefunden.</p> + +<p><em class="gesperrt">18. August.</em> Endlich war das schöne Thal <em class="gesperrt">Silindong</em>, dessen +Anblick mir so viele Freude gemacht hatte, dessen Durchwandern von so +gefährlichen, schrecklichen Scenen begleitet war, glücklich im Rücken. +Alle Gefahr war zwar nicht vorüber, doch wenigstens der bei weitem +größere Theil<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a>.</p> + +<p>Ich zählte auf dieser meiner Treibjagd durch das Silindong-Thal mehr +als fünfzig Utta’s rings umher. Eben so viele, wenn nicht mehr, mögen +noch weiter im Thale gelegen haben. Manche der Utta’s bestanden aus +zwanzig bis vierzig Häusern, die kleinsten aus fünf bis sechs. In den +großen Häusern zählte ich in den vier Ecken des Gemaches zwanzig bis +fünfundzwanzig Personen (natürlich die Kinder mitgerechnet). Doch +ist die Größe der Häuser nicht überall gleich, da in manchem nur +eine Familie wohnt. Nimmt man, sehr gering gerechnet, auf jedes Utta +durchschnittlich 150 Seelen an, so stellt sich für das ganze Thal eine +Bevölkerung von<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> 15,000 Seelen heraus, eine Berechnung, die gewiß nicht +übertrieben ist. Auf keiner Insel des Indischen Archipels, Java nicht +ausgenommen, sah ich eine ähnlich bevölkerte und reichbepflanzte Gegend.</p> + +<p>Schade, daß gerade in diesem herrlichen Thale die Menschen so wild +und kannibalisch sind. Ich fand die Leute im allgemeinen sehr groß und +kräftig, was besonders von den Rajahs gilt, auf deren Wahl Größe und +Stärke den meisten Einfluß haben sollen. Die Hautfarbe der Battaker ist +lichtbraun oder bräunlichgelb. Die Männer tragen die Haare entweder +lang und fliegend, oder halb abgeschnitten und wie Borsten von dem +Kopfe abstehend. Männer und Weiber gehen in Sarongs gekleidet, die von +schwarzer Farbe und mitunter an den Rändern mit Glasperlen besetzt +sind. Ein mit Glasperlen besetzter Sarong kostet bis fünfunddreißig und +vierzig Rupien. Die Männer tragen beständig eine Lanze und den Parang +und verlassen selten das Haus ohne diese Waffen. Siri kauen, Tabak +rauchen ist ihre Hauptbeschäftigung, der Mund ruht auch nicht einen +Augenblick. Dies gilt eben so gut von den Weibern (die gleichfalls +rauchen), ja sogar schon von den fünf- bis sechsjährigen Kindern. Ich +glaube, die Kinder verwechseln hier die Mutterbrust mit der Cigarre und +dem Siri. Ich sah Kinder von fünf Jahren, die ihre kleine Strohtasche +mit allen Bestandtheilen für Siri und Cigarre<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> schon über den Schultern +hängen hatten. Die Battaker sind, wie ich bereits bemerkt habe, über +alle Maßen schmutzig und unrein. Der Sarong wird nie gewaschen, nie +geflickt und nicht gewechselt, bis er in Stücken vom Leibe fällt. Sie +baden sich wohl, d. h. sie schütten Wasser über sich, ohne sich zu +waschen und abzutrocknen, wie die Malaien, und damit ist alles gethan. +Ihre Behausung, ihre Matten und Kochgeschirre werden nie gereinigt. In +letztere greifen sie mit schmutzigen Händen, die Kinder nehmen daraus +und halten sich darüber, wobei oft ein Theil der Nahrung aus dem Munde +in den Topf zurückfällt. Zuweilen kömmt wohl auch ein Hund geschlichen +und spricht den Töpfen verstohlen zu. Ich will nur eine Scene +erzählen, die ich gesehen habe. Meine Leser werden sich vielleicht +wundern, wie man Aehnliches niederschreiben kann; allein sie ist zu +charakteristisch, um verschwiegen zu werden.</p> + +<p>Ich saß in einem Soppo neben einem Weibe, das mit Weben beschäftigt +war und ein Kind von etwa zehn Monaten auf den Rücken gebunden hatte. +Das Kind fing zu weinen an und die Mutter legte es an die Brust. Es +mochte jedoch kurz zuvor mit einer guten Portion Reis vollgestopft +worden sein, denn die Muttermilch war ihm zu viel — es entleerte sich +von allen Seiten in der Mutter Schooß. Diese blieb gelassen<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> sitzen, +rief einen Hund herbei, schlug den Sarong auseinander und ließ den Hund +alles aufzehren. Sie hielt ihm dann das Kind von allen Seiten hin, daß +er es rein lecke. Das Kind ward wieder auf den Rücken gebunden und das +Weib fuhr in seiner Arbeit fort. Unter einem solchen Volke brachte ich +einige Wochen zu, mit diesen Leuten mußte ich aus einer Schüssel essen! +Man wird mir gern glauben, daß dieß das größte Opfer war, welches ich +meiner Reiselust bringen konnte, daß ich alle übrigen Beschwerden und +Mühseligkeiten, ja die Gefahren selbst, leichter ertrug, als diese +unbeschreibliche Unreinlichkeit.</p> + +<p>Wir brachten die Nacht ungefähr sechs Paal von der Grenze des +Silindong-Thales, in dem Utta Kaßan zu.</p> + +<p><em class="gesperrt">19. August. Bolanahito.</em> Hier nahm ich Abschied von meinem +wackeren Freunde Hali-Bonar, dessen kräftigem Schutze ich wohl mehr als +einmal das Leben dankte. Es hieß nun abermals den Wald, die „Wüstenei“ +durchziehen, die als natürliche Grenze das Land der freien Battaker +von den Holländischen Besitzungen trennt. Als letzten Dienst gab mir +Hali-Bonar noch vier seiner Leute mit, die mich bis Danau begleiten +sollten.</p> + +<p>20. und <em class="gesperrt">21. August</em>. Gewöhnt, wie ich es war, an alle Mühen +und Entbehrungen, an Regen<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> und Hitze, an die ermüdendsten Märsche, +überfiel mich dennoch fast ein Fieberschauer, als ich an den Wald +gelangte, der fürchterlichen Wege, der Gefahren, der schlaflosen Nacht +gedachte, die ich das erstemal da zugebracht hatte. Doch glücklich +kamen wir Abends am zweiten Tage zu Danau an, wo mich die Leute mit +großer Freude und Herzlichkeit begrüßten. Jeder drängte sich an mich, +mir die Hand zu drücken. Sie wiederholten einstimmig, daß sie nicht +gedacht hatten, mich wiederzusehen.</p> + +<p>Auf dieser Reise unter den Battakern hatte ich stets nach dem +Kampferbaume gefragt, der, wie man mir sagte, im Norden Sumatras bis +zu einer Höhe von 120 Fuß vorkommen soll. Man zeigte mir einige, die +aber kaum 70 Fuß haben mochten. Der Kampfer sitzt zwischen der Rinde +und dem Baste. Die Rinde wird abgelöst und der Kampfer mittelst eines +großen Besens herabgekehrt; dieß muß mit großer Sorgfalt geschehen, +denn wenn der Besen zu tief eingreift, geht der Baum zu Grunde. Manche +hauen den Baum um, um für den Augenblick mehr Kampfer zu gewinnen. Der +stärkste Baum liefert auf die erste Art höchstens ein Pfund Kampfer, +auf die letztere das doppelte. Der Pikul dieses Kampfers kostet +sechs- bis zehntausend Rupien. Er kommt als Arznei in<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> dem Handel gar +nicht vor<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a>, da ihn die Chinesen begierig aufkaufen, von diesen die +Japanesen, welche ihn mit dem Japanischen Kampfer vermengen und zur +Bereitung ihres durch seine außerordentliche Feinheit bewährten Lacks +verwenden. Als Arznei soll der Kampfer von Sumatra um nichts besser +sein, als jener von Japan oder China.</p> + +<p>Sago-Palmen sah ich ziemlich viele in Sumatra’s Waldungen; sie sollen +aber viel weniger Mark enthalten als jene auf den Molukken, wo ihr +eigentliches Vaterland ist.</p> + +<p><em class="gesperrt">22. August.</em> In Danau ließ ich meinen Führer zurück, der mir wo +möglich noch unausstehlicher war, als jener von Sarawak. Ich forderte +nur einen Kulli, um mein kleines Gepäck zu tragen; man wies mir einen +zehnjährigen Knaben an. Ich weigerte mich das Kind zu nehmen und wich +nicht vom Platze, bis mich mein Führer mit einem kräftigeren Träger +versehen hatte. Kaum aber waren wir einen Paal im Walde, so kam der +Junge nachgelaufen, der Träger setzte mein Ränzchen ab und ging davon. +Dieß war, wie mir der Junge sagte, zwischen dem Träger und meinem +Führer so abgemacht. Ich erwähne diese Geringfügigkeit nur, um zu +zeigen, wie man oft mit den Führern<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> hintergangen und der Willkür und +Bosheit derselben ausgesetzt ist. Ich beschwerte mich wohl, als ich zu +Herrn Hammers zurückkam, über die schlechten Dienste jenes Mannes. Ich +hatte ihn auch sehr im Verdachte, daß er Ursache war, warum man mich +nicht bis Eier-Tau ließ, und ich vermuthe, er hat die Leute ersucht mir +Hindernisse in den Weg zu legen, damit es schneller an die Heimkehr +ginge. Allein was nützten meine Klagen! Der Mensch hütete sich wohl +während meiner Anwesenheit zum Vorscheine zu kommen. Erst lange nachdem +ich fort war, ließ er sich sehen und gab vor, in Folge der großen Mühen +in Danau schwer erkrankt gelegen zu haben.</p> + +<p>Ich ging diesen Tag bis <em class="gesperrt">Sipirok</em>, wo die Fußreise ein Ende +hatte. Im Ganzen war ich an 150 Paal gegangen, was auf guten Wegen +gerade nicht so anstrengend gewesen wäre; so aber war es einer wahren +Herkules-Arbeit zu vergleichen.</p> + +<p><em class="gesperrt">23. August.</em> <em class="gesperrt">Padang-Sidimpuang.</em> Nachmittags vier Uhr kam +ich glücklich aber ausgehungert bei Herrn Hammers an, — ich hatte +seit gestern drei Uhr nicht die geringste Nahrung gesehen. Meine +erste Bitte war um eine Tasse Kaffee mit guter Büffelmilch und um ein +tüchtiges Stück Brot. Man kann sich gar keine Vorstellung machen von +dem angenehmen Gefühle, das ich empfand, als ich mich wieder in voller<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> +Sicherheit sah, mich an eine reinliche Tafel mit guten Gerichten +setzte, in ein herrliches Bett zur Nachtruhe ging. Wer keine Mühen +und Gefahren ausgestanden hat, vermag das Gute nie in solchem Maße zu +schätzen und zu würdigen.</p> + +<p>Ich verweilte einige Tage bei Herrn Hammers, und auch auf dem Wege +nach Fort de Kock ruhte ich hie und da einen Tag aus. Erst am <em class="gesperrt">9. +September</em> traf ich sehr leidend in Fort de Kock ein, wo ich in ein +heftiges Fieber fiel. Allein der trefflichen Pflege der liebenswürdigen +Gemahlin des Residenten, der ärztlichen Hilfe und meiner guten, +wirklich unzerstörbaren Natur, hatte ich es zu danken, daß ich bald +wieder hergestellt war. Die Sumatra-Fieber (Wechselfieber) sind sehr +hartnäckig und bösartig, wie es die Folge leider auch an mir zeigte. +Man verliert sie oft Jahre lang nicht; sie gehen häufig in Auszehrung +und andere Krankheiten über und sind vielen sogar tödtlich.</p> + +<p>Kaum fühlte ich meine Gesundheit zurückgekehrt, so richteten sich meine +Gedanken schon wieder auf einen kleinen Ausflug. Doktor <em class="gesperrt">Bauer</em>, +ein Deutscher, ausgezeichnet durch seine medicinischen und botanischen +Kenntnisse, war zu <em class="gesperrt">Paya-Kombo</em> stationirt. Ich wollte die +Bekanntschaft dieses Mannes machen und<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> zugleich diese Gegend Sumatras +sehen, die einen ganz eigenthümlichen Charakter haben soll.</p> + +<p>Am <em class="gesperrt">18. September</em> saß ich wieder zu Pferde und ritt +zweiundzwanzig Paal nach <em class="gesperrt">Paya-Kombo</em>. Das wellenförmige Hügelland +verschwindet allmählig und gibt schönen Thälern, großen Ebenen +Raum. Herrliche Gebirgsketten steigen in mehrfachen Reihen auf: der +<em class="gesperrt">Merapi</em>, der <em class="gesperrt">Singallang</em>, die höchsten, der <em class="gesperrt">Sago</em>, +minder hoch, aber seiner besonderen Form wegen in die Augen fallend. +Sein Sattel zieht sich ziemlich in die Länge, viele Felskuppen und +Felsparthieen zieren ihn und bewirken einen schönen Kontrast zu den +üppigen Waldungen, die seine Nachbarn bekleiden.</p> + +<p>Wahrhaft pittoresk wird die Gegend in der Nähe des Kampon <em class="gesperrt">Titti</em>. +Einzelne Felsstücke, bedeutende Felsgruppen liegen wie auf die Ebene +geworfen, — welch fürchterliche Revolution mag sie von den Bergen so +weit weggeschleudert haben!</p> + +<p>Unfern von Titti stürzt sich der <em class="gesperrt">Pattang-Agam</em> wild brausend und +schäumend durch einen tiefen, engen Felsspalt. Eine hoch gemauerte +Brücke führt darüber, welcher gegenüber sich eine wunderbar malerische +Felsgruppe, theilweise mit schönen Gewinden von Schling-Gewächsen +und anderen Pflanzen übersponnen<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> aufthürmt. Lange weilte ich auf +der Brücke, um das grause Bild des tobenden Stromes, die ruhig milde +Landschaft um mich her, die Gebirgswelt in der Ferne mit einem Blicke +zu überschauen.</p> + +<p>Die letzten Paal von Paya-Kombo geht es unausgesetzt zwischen Alleen +von Kokospalmen, viele Kampons liegen am Wege oder in den umliegenden +Reisfeldern. Die ganze Gegend vom Fort de Kock bis Paya-Kombo ist sehr +belebt und reich kultivirt.</p> + +<p>Dieser kleine Ausflug machte einen höchst angenehmen Eindruck auf mich, +alles, was mich umgab, war lieblich — eine Landschaft in rosigem +Lichte.</p> + +<p>Zu Paya-Kombo stieg ich bei Dr. <em class="gesperrt">Bauer</em> ab. Auch er hatte schon +manches von mir gehört; wir waren uns daher gegenseitig nicht fremd. +Die Tage, die ich in dieses hochgebildeten Mannes Gesellschaft +zubrachte, werden mir unvergeßlich bleiben.</p> + +<p>Ich fand bei Dr. Bauer zufällig einen zweiten Deutschen, Lieutenant +Freiherrn <em class="gesperrt">von Bülow</em>, der von <em class="gesperrt">Fort de Kapellen</em> auf Besuch +gekommen war. Wir sprachen viel von den Naturschönheiten Sumatra’s. +Unter anderem kam die Rede auch auf den Merapi, seine Krater und seine +schönen Aussichten. Herr von Bülow, der Berg und Krater schon oft +besucht hatte, machte uns davon eine so reizende Schilderung, daß wir +sogleich den Entschluß faßten, ihn<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> gemeinschaftlich zu besteigen. +Herr von Bülow ritt denselben Tag nach Fort de Kapellen, um den +Assistent-Residenten Herrn <em class="gesperrt">Netscher</em> zu ersuchen, auf dem Berge +eine kleine Laubhütte für unser Unterkommen errichten zu lassen.</p> + +<p>Am nächsten Tag verweilte ich noch zu Paya-Kombo, den folgenden +Tag, <em class="gesperrt">20. September</em>, ritten wir, Dr. Bauer und ich, nach +Fort de Kapellen, auf Malaisch <em class="gesperrt">Pagar-udjong</em>, im Distrikte +<em class="gesperrt">Tanar-Dater</em>, zwanzig Paal.</p> + +<p>Herr Netscher nahm mich nicht nur auf die freundlichste Weise bei +sich auf, er war auch so überaus gefällig gewesen, den Rajah von +<em class="gesperrt">Sungi-djambu</em> zu ersuchen, die auf den Berg führenden Pfade ein +wenig in Ordnung bringen, so wie auf halber Höhe die erwähnte Laubhütte +errichten zu lassen.</p> + +<p>Abends machten wir einen Spaziergang nach dem Kampon +<em class="gesperrt">Pugger-zuijong</em>, in welchem mehrere große Steine mit eingehauenen +Inschriften liegen, die bisher noch von niemandem entziffert werden +konnten. Mich erinnerte die Form dieser Steine an die Runensteine, die +ich in Island und Norwegen gesehen hatte.</p> + +<p><em class="gesperrt">21. September.</em> Von Fort de Kapellen konnten wir noch sieben +Paal reiten bis an die Kaffeegärten, die an den Abhängen des Merapi +angepflanzt sind. Unterwegs verweilten wir einige Zeit in dem<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> +Kampon Sungi-djambu, der gleich jenem von <em class="gesperrt">Kotto-Godong</em> seiner +Wohlhabenheit wegen bekannt ist. Ich fand hier, wie dort, die Häuser +mit Oelfarben angestrichen, mit Holzschnitzwerk geziert, und bei den +Bewohnern schwerseidene Sarongs, Kopftücher mit Gold durchwirkt und +viel echtes Geschmeide. Wir mußten bei dem Rajah ein kleines Mahl +einnehmen.</p> + +<p>Bei den Kaffeegärten, die so wie die Wege besonders gut angelegt und +gehalten waren, begann die Fußreise. Ein schöner Steig, zum Theil für +uns ausgebessert, führte bis zur neugeschaffenen Hütte, die so bequem +und solid gemacht war, als sollte sie für Monate und nicht für Tage +dienen. Mehr als siebzig Menschen hatten gestern und heute am Steig und +an der Hütte gearbeitet; sie waren, als wir anlangten, noch im vollen +Schaffen begriffen. Jeder von uns fand sein eigenes, winzig kleines +Schlafkämmerchen. Da Herr von Bülow Diener, Koch, Lebensmittel u. s. w. +vorausgesandt hatte, so erfrischten wir uns sogleich an Speise und +Trank.</p> + +<p>Die Reise ging diesen Tag nicht weiter; dessen ungeachtet gönnten wir +uns aber nicht die geringste Ruhe. Wir suchten Blumen und Insekten, +wir kletterten auf freie Punkte, um die Gegend zu überschauen. +Die dreifache Gebirgskette, welche Sumatra von Süden nach Norden +durchschneidet, lag mit allen ihren merkwürdigen<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> pittoresken Spitzen +und Zacken, Kuppen und Einsenkungen vor uns aufgedeckt. Die klare +Spiegelfläche des <em class="gesperrt">Sinkara-Sees</em><a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a> schimmerte gleich einem +Silberflor aus der Mitte des ihn umgebenden Hügelkranzes, das Meer +begrenzte in weiter Ferne den wolkenlosen Himmel, und große, fruchtbare +Thäler breiteten sich aus zwischen Berg, Hügel und Meer. Lange hielt +uns dieses Rundgemälde fest gebannt, wir waren so in der Anschauung +von Gottes schöner Natur vertieft, daß jedes Wort auf unsern Lippen +erstarb. Die Natur selbst schien uns in der Betrachtung, in der +Bewunderung nicht stören zu wollen: kein Laut schlug an unser Ohr, kein +Lüftchen bewegte sich. Zu früh erstarb der letzte Strahl der Sonne, +zu schnell verblich ein Gegenstand nach dem andern in der schnell +heranrückenden Dämmerung.</p> + +<p>Als sich die Nacht gänzlich herabgesenkt hatte, ward ein tüchtiger +Holzstoß angezündet, um Herrn Netscher unsere Anwesenheit auf der Höhe +kund zu machen. Nach kurzer Zeit loderte auch in der Tiefe ein Feuer +als Antwort auf.</p> + +<p><em class="gesperrt">22. September.</em> Nur drei- bis viertausend Fuß hatten wir heute zu +steigen — eine geringe Mühe, hätte sich ein Pfad hinauf geschlängelt; +allein so weit<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> konnte die Arbeit in diesen zwei Tagen nicht gefördert +werden. Es galt daher steil aufgethürmte Stein- und Erdwälle zu +erklimmen. Zuerst kamen wir an einen Krater, der schon lange ausgetobt +haben mochte — seine Tiefe schlief ruhig unter einer Wasserdecke. +Dr. Bauer sah an dem Wassersaume einige Blumen und wäre gerne hinab +geklettert; allein die Wände fielen etwas zu steil ab, waren mit losem +Gerölle bedeckt und die Führer versicherten uns, daß ohne Stricke und +Leitern an ein Hinabsteigen nicht zu denken sei.</p> + +<p>Ein zweiter Krater von bedeutendem Umfange, doch nicht tief, lag in +einiger Entfernung vom ersten. Auch dieser war schon lange erstorben; +aber gewaltig mag einst die Wuth und Kraft seiner Elemente gewesen +sein, denn weit und breit war alles mit großen Steinen überdeckt. Noch +wagte es beinahe kein Grashalm, keine Blume in dieser ausgebrannten +Werkstätte Wurzel zu fassen.</p> + +<p>Endlich gelangten wir an den Hauptkrater. Ich hatte schon viele +Krater, besonders auf Island gesehen; aber keiner ließ sich mit diesem +vergleichen. Eine regelmäßigere, man könnte sagen, kunstgerechtere +Trichterform, als die Natur hier gebildet hat, kann sie nicht mehr +schaffen. Die Tiefe, die der Krater im gegenwärtigen Augenblicke +hatte, mochte 400 Fuß betragen, der obere Durchmesser 300 Fuß. Aus +zwei Oeffnungen<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> steigen unausgesetzt dicke, schwarze Rauchsäulen. Ein +beständiges Zischen und Brausen verrieth die große Thätigkeit des nie +ruhenden Feuerheerdes. An ein Hinabklettern war nicht zu denken: wir +mußten uns damit begnügen, diese großartige Naturscene von dem Rande zu +betrachten. Der Krater liegt 8500 Fuß hoch.</p> + +<p>Wir hielten uns lange bei jeder Gelegenheit auf und kamen erst spät +nach unserer Laubhütte zurück, viel zu spät, um noch nach Fort de +Kapellen gehen zu können; wir blieben also auch diese Nacht auf der +Höhe und gaben, wie gestern, der Gesellschaft zu Fort de Kapellen durch +Anzünden eines großen Feuers unser Dasein kund<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a>.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span></p> + +<p>Am <em class="gesperrt">23. September</em> waren wir früh Morgens auf Fort de Kapellen und +am folgenden Tag ritt ich, ohne Paija-Kombo zu berühren, in gerader +Richtung nach Fort de Kock.</p> + +<p>Ich sah auf diesem Ritte eine seltsame Naturerscheinung, die +hauptsächlich nur Sumatra eigen sein soll. Ein weißer, undurchdringlich +dicker Nebel lag über einer Fläche und deckte dermaßen alles, daß nicht +der geringste Umriß irgend eines Gegenstandes durchschien. Man könnte +wetten, einen See vor sich zu sehen, so ruhig und silberweiß ist der +Nebel und so scharf abgegrenzt. Ich wußte, daß ich ein Nebelmeer vor +mir hatte und wollte es doch nicht eher glauben, bis ich hinein ritt. +Diese Nebel bleiben viele Stunden unbeweglich liegen.</p> + +<p>Am <em class="gesperrt">30. September</em> verließ ich Fort de Kock, um nach Padang zurück +zu kehren. Ich änderte jedoch unterwegs meinen Entschluß und machte +einen Abstecher nach <em class="gesperrt">Priaman</em> und <em class="gesperrt">Tiku</em> an die See, um<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> +meine noch sehr unbedeutende Fischsammlung zu vermehren.</p> + +<p>Fünf Paal von Priaman führt eine 360 Fuß lange, gedeckte Brücke über +den <em class="gesperrt">Mangui</em>; diese Brücke ist die längste auf Sumatra.</p> + +<p>In Priaman stieg ich bei dem Assistent-Residenten Herrn <em class="gesperrt">Godin</em> +ab, ritt aber gleich den folgenden Tag weiter nach Tiku (24 Paal), mit +der Hoffnung, eine reiche Ernte zu machen. Beständiges Regenwetter +verdarb mir jedoch nicht nur die Ernte, sondern überhaupt den ganzen +Ausflug, der mir bei schönem Wetter gewiß großes Vergnügen gemacht +hätte, denn das Land war angenehm; viele Kokos-Alleen umschatteten +schöne Wege, und zahlreiche, sehr reinliche Kampons belebten sie. Ich +fand keine Gegend auf Sumatra, das Thal Silindong ausgenommen, so +bevölkert, wie diese längs des Seegestades.</p> + +<p>Die Weiber hatten hier die Ohrläppchen mehr durchlöchert als irgendwo. +Ich war stets froh, diese häßliche Zierde mit einer Messingplatte +oder einer Holzscheibe verdeckt zu sehen. Leider muß das weibliche +Geschlecht auch hier mit der Heirath allem Schmucke und somit dieser +dem Auge wohlthuenden Messingplatte oder Holzscheibe entsagen.</p> + +<p>Nachdem ich zwei Tage vergebens auf besseres Wetter gewartet hatte, +ritt ich unter Regen wieder<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> nach Priaman. Ich mußte nun bald an meine +Rückkehr nach Padang denken, um das Dampfboot nicht zu versäumen, das +jeden Monat nach Batavia geht. Ich blieb daher zu Priaman ebenfalls nur +zwei Tage.</p> + +<p>Herr Godin brachte mir das große Opfer, mich unter dem heftigsten +Regen nach einem nahen, kleinen Eilande zu begleiten, welches Priaman +gegenüber liegt. Wir gingen in die See und suchten mehrere Stunden +hindurch zwischen den Riffen und Korallen nach Fischen und Crustaceen; +zuletzt kamen wir von Wasser triefend, zitternd vor Kälte, aber auch +reich beladen nach Hause. Obwohl ich mich Abends etwas unwohl fühlte, +hielt mich dies doch nicht ab, den Besuch nach diesem Eilande, das +meiner Sammlung so reiche Beträge lieferte, am nächsten Tage zu +wiederholen<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[10]</a>.</p> + +<p>Am <em class="gesperrt">7. Oktober</em> langte ich in Padang an. Unterwegs erfaßte mich +ein so heftiges Fieber, daß ich Wellkom nicht mehr erreichen konnte +und in Padang<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> selbst die höchst erfreuliche Einladung des Herrn van +<em class="gesperrt">Genepp</em>, in seinem Hause abzusteigen, mit vielem Danke annahm. +Freundliche, sorgfältige Pflege, für welche ich dieser liebenswürdigen +Familie aus vollem Herzen danke, und ärztliche Hilfe bekämpften auch +hier wie auf Fort de Kock das Fortschreiten meiner Krankheit, und als +nach acht Tagen das Dampfschiff nach Batavia segelte, war ich schon so +weit hergestellt, um mitzugehen.</p> + +<p>Ich habe auf Sumatra an 700 Paal zu Pferde und 150 zu Fuße gemacht. An +allen Orten wurde ich von den Holländischen Beamten und Officieren auf +die gastfreundlichste und liebevollste Weise aufgenommen, ich mochte +mit oder ohne Empfehlungsbrief kommen. Man half mir überall fort, man +gab mir Leute und Pferde — mit einem Worte alles was ich benöthigte.</p> + +<p>Sowohl in Hinsicht der herrlichen Naturscenen, die ich gesehen, der +interessanten Ereignisse, die ich erlebt, als auch wegen der überaus +zuvorkommenden Aufnahme, die ich bei den Europäern gefunden, gehört +diese Reise zu meinen liebsten und schönsten Erinnerungen.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Auch in den Battaker-Ländern hat jedes Utta seinen Rajah. +Dieser vielen Rajahs wegen ist das Reisen so beschwerlich; alle +Augenblicke muß man den Schutz eines neuen zu erhalten suchen.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Einige Zeit später begaben sich drei Französische +Missionäre in das unabhängige Battaker-Land. Während ich bis Klein- und +Groß-Toba vorgedrungen war, kamen sie nur bis Tapanola. Sie wurden von +den Kannibalen erschlagen und unter großen Freudenfesten verzehrt.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> Ganz Sumatra liefert, wie bereits erwähnt, jährlich +höchstens zwei Pikul.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Dieser See ist 15 Paal lang, 5 Paal breit, und liegt 1300 +Fuß über der Meeresfläche.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> Dr. Bauer erlaubte mir bereitwilligst, Folgendes über die +Vegetation auf dem Merapi aus seinem Tagebuch zu entnehmen.</p> + +<p>„Die sich bald verlierende Kokospalme wird durch die Arengpalme (aus +der man den Suri und braunen Zucker gewinnt) ersetzt. Die etwas tiefer +häufigen Feigenbäume kommen allmählig seltener vor. Die rauhblätterigen +Teraströmiaceen (<span class="antiqua">Saurauja</span>) mögen zuerst den Beginn der +Bergvegetation bezeichnen. Später traten die schöne, unten an den +Blättern weiße Nessel <span class="antiqua">Urtica nivea Bl.</span>, noch später herrliche, +rothe und gelbe Balsaminen auf. Die parasitischen Orchideen sind +seltener als auf Java. In einer Höhe von 2500 bis 4000 Fuß sieht man +viele Eichen und Kastanien, deren Früchte den Europäischen bald mehr +bald minder gleichen. Die Laurineen (Lorbeergewächse) und die Rubiaceen +scheinen hier so zahlreich wie auf Java zu sein; dagegen vermißt man +die schöne, dort einheimische Rasamala (<span class="antiqua">Liquidambar Altingiana</span>). +Reich vertreten sind die Aroideen, Scitamineen, Acanthaceen, +Araliaceen, Sapindaceen, Meliaceen, Terebinthiaceen und Leguminosen. — +In einer Höhe von etwa 6800 Fuß beginnt die, der Javanischen ähnliche +Alpenflora. Man sieht vor allem das zierliche <span class="antiqua">Rhododendron retusum +Benn.</span> und viele schöne Arten von <span class="antiqua">Gautiana</span>, <span class="antiqua">Thibaudia</span> +oder <span class="antiqua">Agapetes</span> u. a. <span class="antiqua">Graphalium</span> und verschiedene neue +Arten von Synanthereen zeigen sich bis hoch hinauf.“</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[10]</a> Schon bei meinem frühern Aufenthalte in Batavia hatte ich +das Vergnügen, die Bekanntschaft des Herrn Doktor <em class="gesperrt">Blecker</em> zu +machen, der unter die ersten Ichthyologen unserer Zeit zu zählen ist. +Herrn Bleckers Sammeln beschränkt sich hauptsächlich auf Indien; er hat +in dieser Beziehung gewiß die reichste Sammlung, die bisher besteht. +Ich war so glücklich, ihm mehrere neue Gegenstände von Borneo, Sumatra +und von den Molukken zu bringen. Er beschenkte mich dagegen reichlich +mit Fischen von Java und andern Plätzen.</p> + +</div> + +</div> + +<figure class="figcenter illowe6" id="p101_ende"> + <img class="w100 padtop1" src="images/p101_ende.jpg" alt="" data-role="presentation"> +</figure> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Neuntes_Kapitel">Neuntes Kapitel.</h2> + +</div> + +<p class="s5 hang2 mbot2">Java. — Samarang. — Die Schlammquellen von Grobogan. — Besuch +der freien Fürstenthümer Djogokarta und Surukarta. — Der Tempel +Boro-Budoo. — Die heilige Schildkröte. — Audienz bei dem Sultan. — +Solo. — Fürstliches Leichenbegängniß. — Audienz bei dem Susuhunan. +— Rückkehr nach Samarang. — Reise nach Surabaya.</p> + +<p><img class="illowe1_2 mbot-0_5" src="images/p102_init.jpg" alt="I">n Batavia angekommen wollte ich die Güte des Residenten Herrn van Rees +nicht mißbrauchen und stieg bei der Familie des Herrn Obrist Steuerwald +ab.</p> + +<p>Meines Bleibens war aber nicht lange; ermuthigt durch die gute +Aufnahme, die ich auf Java und Sumatra gefunden, durch die +Bereitwilligkeit, mit welcher man mir überall das Reisen so viel als +möglich zu erleichtern gesucht hatte, wünschte ich nun auch das Innere +Javas, so wie Celebes, die Molukken u. s. w. zu besuchen.</p> + +<p>Es gibt auf Batavia zwei Dampfschifffahrts-Gesellschaften, +deren Schiffe alle Inseln und etwas bedeutenderen Punkte der +Holländisch-Indischen Besitzungen<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> berühren. Ich ging zu den Direktoren +beider, den Herren <em class="gesperrt">Cores de Vries</em> und <em class="gesperrt">Fraser</em>, um sie zu +ersuchen, mir die Ueberfahrtspreise etwas billiger zu stellen. Wer +stellt sich meine Ueberraschung, meine Freude vor, als mir die Herren +die Erlaubniß ertheilten, von ihren Schiffen unentgeldlich überall, +wohin sie gingen, Gebrauch zu machen<a id="FNAnker_11" href="#Fussnote_11" class="fnanchor">[11]</a>!</p> + +<p>Schon am <em class="gesperrt">18. November</em> verließ ich wieder Batavia auf der +„Königin der Niederlande,“ Kapitän Chevalier, mit der Bestimmung für +<em class="gesperrt">Samarang</em> auf der Ostküste Java’s (210 Meilen). Wir hatten +herrliches Wetter und legten die Reise in 37 Stunden zurück. Das +Land verloren wir selten aus dem Gesicht. Es<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> breitete sich als +unübersehbare Ebene längs dem Seegestade aus; erst nahe bei Samarang +kam wieder ein Theil der Gebirgswelt zum Vorschein, dabei der 5000 Fuß +hohe <em class="gesperrt">Ungarang</em>.</p> + +<p>In Samarang fand ich bei Dr. <em class="gesperrt">Schmitz</em> die herzlichste Aufnahme. +Er wie seine Gemahlin waren Deutsche, hatten mir, der ihnen ganz +Fremden, nach Batavia geschrieben und mich in ihr Haus eingeladen für +den Fall, daß mich mein Weg nach Samarang führe. Von der Frau hatte ich +schon viel in Batavia als von einer ausgezeichneten Sängerin sprechen +gehört.</p> + +<p>Die Stadt Samarang liegt in einer sehr fruchtbaren Ebene und ist von +prachtvollen Alleen von Tamarinden-Bäumen umgeben, die hier zu einer +seltenen Höhe und Ueppigkeit gelangen. Die Europäer wohnen auch hier, +wie zu Batavia, außerhalb der Stadt.</p> + +<p>Zu den ausgezeichnetsten Gebäuden gehört das Haus des Residenten<a id="FNAnker_12" href="#Fussnote_12" class="fnanchor">[12]</a>. +In früheren Zeiten, als auch auf der Ostküste Java’s ein Gouverneur +residirte, war es dessen Palast. Ein großer, schöner Garten umgibt es.</p> + +<p>Nach diesem Gebäude ist das Hospital, die ehemalige Wohnung des +Residenten, zu erwähnen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span></p> + +<p>Ich besuchte die Hospitäler beinahe in allen Holländischen +Niederlassungen und fand sie überall, selbst in den kleinsten +Orten, ausgezeichnet, vollkommen gut eingerichtet und die Kranken +trefflich gehalten. Ich müßte von jenen herrlichen Anstalten nur +immer wiederholen, was ich von der ersten geschrieben habe. In +dieser Hinsicht scheinen mir die Holländer alle übrigen Nationen zu +übertreffen.</p> + +<p>In der erwähnten Anstalt hatten es die Irrsinnigen vorzüglich gut: +sie wohnten zu vier oder sechs gemeinschaftlich in hohen, geräumigen +Zimmern. Als ich in ihre Abtheilung kam, hatte ich gar keine Ahnung, +mich unter Irren zu befinden. Früher wurden die Unglücklichen bei +starken Ausbrüchen gebunden; unter der Leitung des Dr. Schmitz hat +diese Behandlung aufgehört. Er bestraft sie wie ungezogene Kinder und +beschränkt sie auf einen oder mehrere Tage in der Kost, was stets den +besten Erfolg hat.</p> + +<p>Das Merkwürdigste in der Residentschaft Samarang sind die aufbrodelnden +Schlammquellen in der Nähe des Districtes <em class="gesperrt">Grobogan</em>. Herr +Resident <em class="gesperrt">Potter</em> gewährte mir Postpferde dahin (66 Paal), Frau +Schmitz war so liebenswürdig, mich zu begleiten, und gut ausgerüstet +verließen wir am 22. November Samarang.</p> + +<p>Man kann leicht in einem Tage nach Grobogan<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> kommen; da aber unterwegs +zu <em class="gesperrt">Pennwangan</em> (36 Paal) eine bedeutende Tabakfabrik lag, mit +deren Inhaber, Herrn <em class="gesperrt">Klein</em>, Frau Schmitz bekannt war, fuhren wir +am ersten Tage nur bis dahin. Herr Klein zeigte uns die ganze Anstalt. +Der Tabak ist auf Java nicht gänzlich Monopol; man ist nicht gezwungen, +ihn gegen festgesetzte Preise an die Regierung zu liefern. Man miethet +nur die Ländereien auf zwanzig Jahre von ihr, mit welchem Pachte +zugleich das Recht auf eine gewisse Anzahl Arbeiter zu bestimmten +Preisen verbunden ist.</p> + +<p>Herr Klein hat auf den von ihm gepachteten Ländereien acht große +Trockenhäuser von Holz aufgeführt, jedes 750 Fuß lang, 106 breit und +42 hoch. Die Tabaksblätter werden hier nicht gepflückt, sondern die +Pflanze wird an dem Stengel abgeschnitten und so aufgehangen. Wenn +die Blätter trocken sind, werden sie abgenommen, in große Haufen +aufgeschichtet und so lange liegen gelassen, bis sie durch ihre eigene +Wärme zu gähren beginnen. Die Verfertigung der Cigarren ist höchst +einfach. Die großen, schönen Blätter werden mit feinem Reiskleister +bestrichen, kleinere Blätter darein gerollt, die Cigarren oben und +unten nach einem Maße abgeschnitten, nochmals getrocknet und verpackt.</p> + +<p>Den <em class="gesperrt">23. November</em> ging es weiter durch die<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> Districte Damak und +Grobogan bis zu den Schlammquellen. Der Weg führte gestern wie heute +durch große, unübersehbare Ebenen, deren Einförmigkeit mir etwas +langweilig wurde. In weiter Ferne nach dem Inneren zu sah man den +<em class="gesperrt">Ungarang</em>, <em class="gesperrt">Merapi</em>, <em class="gesperrt">Merbabu</em>, längs der Seeküste die +niedrigen Vorgebirge von <em class="gesperrt">Sumbing</em> und <em class="gesperrt">Sindoro</em>.</p> + +<p>Diese Gegend wird ihrer Fruchtbarkeit wegen die Reiskammer von Java +genannt, und doch fand hier im Jahre 1849 eine furchtbare Hungersnoth +statt. Die Reisernte war mißglückt, und Tausende von Menschen starben +dahin. Augenzeugen erzählten mir, daß man sich von dem Elende, von +den schauderhaften Scenen dieser Zeit gar keine Vorstellung machen +könne. In jeder Hütte lagen Todte, Sterbende, Halbverweste; die +Lebendigen waren oft nicht mehr im Stande, die Verstorbenen hinweg zu +schaffen. Ueberall begegnete man nur Gerippen; ausgehungerte Kinder, +die Eltern und Freunde verloren hatten, irrten jammernd umher und +schrieen nach Brot. Männer und Weiber fielen auf den Straßen nieder +und gaben den Geist auf. Man beraubte die Kokospalmen ihrer Kronen, um +die Blätter zu kochen und zu essen. Und so groß war dabei der Glaube +dieser Unglücklichen an ihre Bestimmung, daß sie neben den vollen +Reissäcken, die in und vor den Kaufläden standen, hinsanken und mit +dem<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> Hungertodte kämpfend ausriefen: „Gott hat dieses Schicksal über +uns verhängt!“ — Kein Kaufladen wurde geplündert.</p> + +<p>Mehrere Privatleute sandten Berichte über diese grenzenlose Noth an +die Regierung und selbst an den Gouverneur-General (Herr <em class="gesperrt">Deimar</em> +van <em class="gesperrt">Twist</em> war zu dieser Zeit noch nicht in Indien; er kam erst +im Jahre 1851). Die Regierung schien aber nur ihren eigenen Organen +glauben zu wollen und forderte officielle Berichte von dem Residenten +zu Samarang, Herrn Be..... Sollte man es glauben, daß dieser Mann die +Grausamkeit hatte, alles für unwahr zu erklären? Er wollte sogar die +Namen jener wissen, welche die Berichte geschrieben hatten, um sie +zu bestrafen<a id="FNAnker_13" href="#Fussnote_13" class="fnanchor">[13]</a>. Als die Regierung hinter die Wahrheit kam, war es +für Tausende und Tausende schon zu spät<a id="FNAnker_14" href="#Fussnote_14" class="fnanchor">[14]</a>. Viele der Unglücklichen +waren schon so schwach, daß sie die Nahrung nicht mehr vertragen +konnten. Die Straßen, die Dörfer lagen voll Leichen; bösartige Seuchen +entstanden in Folge der verpesteten Luft,<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> und 120,000 Menschen +starben in der Zeit von 13 Monaten (September 1849 bis Oktober 1850); +außerdem wanderten über 20,000 aus. Und was geschah dem Residenten +und dem Assistent-Residenten? — Ersterer wurde pensionirt, mit einem +jährlichen Gehalte von 6000 Recepissen, letzterer als <em class="gesperrt">Resident</em> +in eine andere Provinz versetzt.</p> + +<p>Noch jetzt sah es in dem Bezirke Grobogan, wo die Noth am größten +war, düster und traurig aus. Obwohl die nie ermüdende Natur mit ihrem +grünen Teppiche die Leichenfelder überdeckt hatte, konnte sie weder die +Hütten beleben und vor dem Einsturze bewahren, noch den Bäumen ihre +Kronen wiedergeben. Alang-Alang und Gestrüppe wucherte auf dem größten +Theile des Bodens, zahllosen Heerden von Wildschweinen zum Tummelplatze +dienend. In wenig Jahren wird freilich wieder alles reich ersetzt sein; +die Geflüchteten kehren bereits zu ihren verfallenen Hütten zurück, der +ausgeruhte Boden wird doppelt tragen, und der Reisende durch die Ebene +ziehen, ohne im geringsten zu ahnen, von welchen Schreckensscenen sie +Zeuge war. Wird auch Herr Be..... diese Scenen aus seiner Erinnerung +streichen können?</p> + +<p>Das Aufbrodeln der Schlammquellen sieht man schon einige Paal weit +von der Straße aus; es gleicht der Brandung des Meeres. Der Schlamm +steigt wie<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> eine Woge in die Höhe, und der Dampf ist mit dem feinen +Staubregen der schäumenden Welle zu vergleichen. Wir fuhren den Quellen +bis einen halben Paal nahe. Tragstühle, durch die Vorsorge des Herrn +Assistent-Residenten, der uns begleitete, bereit gehalten, brachten uns +an Ort und Stelle.</p> + +<p>Auf gelegten Brettern konnten wir bis an den Rand der Hauptquelle +gehen. Ihr Becken mag über 100 Fuß im Durchmesser haben. Das ganze +Becken ist zwar mit Schlamm gefüllt; allein nur ein kleiner Theil +brodelt gleich einer Woge auf, das übrige ist halb verhärtet. Die +Schlammquelle in diesem Becken hat 15 Fuß im Durchmesser; sie brodelte +höchstens 4 Fuß auf; bei anhaltendem Regenwetter soll sie einige +Fuß höher aufsteigen. Unbedeutende Aufbrodelungen von Schlamm gibt +es an vielen Stellen in dem Becken; Gas- oder Luftblasen steigen +beinahe überall auf. Ein zweites kleines Schlammbecken, von sechs bis +sieben Fuß im Durchmesser, liegt unfern dem großen. Man kann ihm ganz +nahe kommen; der kaum fußhoch aufwirbelnde Schlamm ist lauwarm. Wir +steckten ein sehr langes Bambusrohr in das Becken, welches von der +unterirdischen Kraft alsbald gehoben und über den Rand geworfen wurde. +Die große Schlammquelle ist viel heißer als die kleine. Der Schlamm +schmeckt sehr salzig. Viele Leute aus der<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> Umgebung tragen davon nach +Hause und ziehen durch Abwässerung die Salztheile heraus. Diese Quellen +verdienen allerdings besucht zu werden; für mich waren sie jedoch nicht +so überraschend, da ich auf Island viel Wunderbareres der Art gesehen +hatte.</p> + +<p>In der Nähe der Schlammquellen sind auch Salzquellen, oder besser +gesagt Salzbrunnen, denn vierkantige Oeffnungen von 4 Fuß Breite und 40 +Fuß Tiefe leiten zu ihnen. Sie haben in der trockenen Jahreszeit eine +Wärme von 45 Grad Reaumur, in der Regenzeit von 39. Die Oeffnungen sind +mit Balken ausgezimmert, um das Einstürzen des Erdreichs zu verhindern. +Das Wasser wird herausgeschöpft und in große Becken geleitet, wo es +so lange bleibt, bis sich der wenige Schlamm, den es mit sich führt, +gesetzt hat. Man läßt es dann in ganz seichte, auf drei Fuß hohen +Gestellen ruhende Rinnen laufen und an der Sonne verdampfen. Das Salz +bleibt in kleinen, weißen Krystallen zurück und wird mit Muscheln +zusammengefaßt.</p> + +<p>Es gibt viele solche Salzbrunnen in dieser Gegend. Der Reingewinnst im +Jahre beträgt 10,000 Pikul Salz. Man konnte mir nicht sagen, wie viel +Procent reines Salz dies Wasser liefert.</p> + +<p>Von den Salzquellen kehrten wir mit dem Herrn Assistent-Residenten nach +Grobogan zurück und nahmen<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> seine freundliche Einladung, die Nacht in +seinem Hause zuzubringen, gern an.</p> + +<p>Am <em class="gesperrt">24. November</em> zogen wir wieder in Samarang ein, um sogleich +Vorbereitungen zu einer bedeutenderen Reise nach dem Innern des Landes +zu treffen. Herr Resident Potter gestattete mir Postpferde für seinen +ganzen Distrikt und versicherte mir, daß die übrigen Residenten +gewiß dasselbe thun würden. Er rieth mir besonders, die herrlichen +Hindu-Tempel, so wie die freien Fürstenthümer <em class="gesperrt">Djogokarta</em> und +<em class="gesperrt">Surakarta</em> zu besuchen.</p> + +<p>Auf dieser Reise begleitete mich Herr und Frau Schmitz.</p> + +<p>Wir verließen Samarang am <em class="gesperrt">26. November</em> und fuhren 48 Paal bis +<em class="gesperrt">Magelang</em>, in der Residentschaft <em class="gesperrt">Kadu</em>. Zu diesen 48 Paal +benöthigten wir neun Stunden, denn stets ging es über Gebirge von mehr +als 2000 Fuß, ja zwischen <em class="gesperrt">Salatiga</em> und Magelang über eine Höhe +von 4550 Fuß. Unserem Sechsgespanne wurden häufig tüchtige Büffel +zugesellt.</p> + +<p>Diese langsame Fahrt war uns allen höchst angenehm, denn die Ansichten +waren überaus reich und wechselnd. Das Meer mit seinem endlosen Spiegel +lag tief unter uns, ein zweites Meer von Bergen, Hügeln und Thälern +umgab uns. Im Westen prangte<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> der <em class="gesperrt">Sumbing</em> (10,770 Fuß), im +Osten der <em class="gesperrt">Merapi</em> (8240 Fuß), der <em class="gesperrt">Merbabu</em>, im Norden der +<em class="gesperrt">Onclong</em>, das <em class="gesperrt">Telo-mayo-</em> und <em class="gesperrt">Jambu-</em>, im Süden das +<em class="gesperrt">Minore-Gebirge</em>. Unter den Thälern war das schönste jenes von +<em class="gesperrt">Ambarawa</em>; es ist mit herrlichem Grün, mit lieblichen Bosketen +bedeckt. Leider ist diese Schönheit zum Theil nur Larve, da der größte +Theil dieses Thales einen trügerischen Sumpf bildet, der an manchen +Stellen unergründlich tief sein soll.</p> + +<p>Einige Paal früher kamen wir an dem kleinen Fort <em class="gesperrt">Ungarang</em> +vorüber, welches seiner hohen Lage wegen so gesund ist, daß viel +krankes Militär hieher gesandt wird. Auch für Privatleute ist ein +geräumiges Hotel errichtet.</p> + +<p>In dem Thale Ambarawa liegt die Festung „Wilhelm der Erste“; sie bildet +ein regelrechtes Viereck und ist die größte auf Java.</p> + +<p>Um drei Uhr Nachmittag kamen wir in Magelang an (1200 Fuß hoch +gelegen). Herr Resident <em class="gesperrt">Gaillard</em> war so gütig, mich aufzunehmen. +Dr. Schmitz mit seiner Frau stieg bei einem Freunde ab. Das Gebäude, +welches der Resident bewohnt, gehört zu den sehr schönen, die Lage +zu den reizendsten, da sie das großartige Rundgemälde der herrlichen +Gebirgswelt beherrscht. Der dazu gehörige große Garten verdiente den +Namen eines Parkes; er ist sehr geschmackvoll<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> angelegt und mit vielen +Alterthümern aus den nahen Hindu-Tempeln ausgeschmückt, unter welchen +auch der heilige Stier nicht fehlt.</p> + +<p>Ganz nahe bei Magelang liegt ein einzelner Hügel, von welchem die +Eingebornen behaupten, daß er gerade den Mittelpunkt Java’s bezeichne; +sie nennen ihn deshalb „den Nabel von Java.“</p> + +<p>In Magelang wurde mir das große Vergnügen zu Theil, meinen lieben +Landsmann Herrn Wilson kennen zu lernen, dessen Arbeiten ich in Batavia +gesehen und bewundert hatte.</p> + +<p>Herr Wilson war von der Holländischen Regierung beauftragt worden, die +Hindu-Denkmäler und ganz besonders den Tempel <em class="gesperrt">Boro-Budoo</em> von +Innen und Außen auf das genaueste aufzunehmen. Diese kolossale Aufgabe +hatte er so eben beendet, und in wenig Tagen sollte er nach Batavia +zurückkehren.</p> + +<p>Wir blieben einen Tag in Magelang; den nächsten Morgen begleitete uns +Herr Wilson nach dem zwölf Paal entfernten Tempel Boro-Budoo, und war +so gefällig unsern Führer und Erklärer abzugeben.</p> + +<p>Der Tempel, als Gebäude betrachtet, hat gar nichts Kunstvolles oder +Schönes an sich. Er besteht aus zehn bis zwölf Fuß hohen Steinwänden, +die an einem kleinen Hügel, den sie ganz einnehmen, stufenweise +aufgeführt sind und ein regelmäßiges Viereck<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> von 362 Fuß Durchmesser +bilden. In fünf Gallerien erheben sich die Wände eine über der andern +bis zu einer kleinen Fläche, von welcher wieder drei Terrassen +aufsteigen; den Schluß bildet das Sanktuarium, eine große Glocke +(leider schon größtenteils eingestürzt), unter welcher ein Buddha +sitzt, der vorsätzlich unvollendet blieb, denn die Hindu sagen, daß das +Allerheiligste von Menschenhänden nicht vollendet werden kann<a id="FNAnker_15" href="#Fussnote_15" class="fnanchor">[15]</a>.</p> + +<p>Die Höhe der ersten fünf aufsteigenden Terrassen beträgt 90 Fuß, +des ganzen Tempels mit den letzten drei Terrassen und der obersten +Glocke 120 Fuß. Auf der obersten Terrasse stehen 24 durchbrochen +gebaute Glocken, auf der zweiten 28, auf der dritten 32, jede mit +einem sitzenden Buddha. Im Ganzen enthält der Tempel 505 große Statuen +des Buddha und 4000 Basreliefs, die an den In- und Außenseiten der +Gallerien ausgehauen sind. Kein leeres Plätzchen zeigt sich an den +Wänden; alles ist mit menschlichen Figuren, Arabesken u. s. w. bedeckt.</p> + +<p>Zu dem Zeichnen dieser ungeheuern Menge von Statuen, Basreliefs, +Figuren und Arabesken hat Herr Wilson nur vier Jahre verwendet. Der +ganze Tempel ist mit seinen unzähligen Einzelheiten auf 400 große<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> +Velinbogen mit der Feder gezeichnet und auf diese Weise für die +Nachwelt bewahrt, wenn er selbst schon lange in Schutt gefallen sein +wird.</p> + +<p>Aus den Basreliefs kann man die ganze Schöpfungsgeschichte der +Indier, die Erschaffung des ersten Menschen, die nach und nach sich +vervollkommnende Heiligkeit des Buddha u. s. w. ersehen. Diese +Schöpfungsgeschichte hat sehr viel Aehnlichkeit mit der unsrigen.</p> + +<p>Die Figuren und Gruppen auf den Basreliefs kommen mir hier viel +richtiger, geschmackvoller und kunstreicher in Ausführung und +Zusammenstellung vor, als ich sie an den Tempeln zu <em class="gesperrt">Elora</em>, +<em class="gesperrt">Adjunta</em> und andern in Brittisch Indien gesehen habe; dagegen +fand ich dort die Arabesken ungleich zierlicher, die Glocken und +Figuren bei weitem kolossaler. Was den Tempel als Gebäude anbelangt, +kann man ihn natürlich mit den großartigen Hindostanischen Tempeln +nicht vergleichen, da er, wie gesagt, nur aus parallel laufenden +Steinwänden besteht. Die Bauart ohne Mörtel, die Wölbung durch +Vorschiebung der übereinander gelegten Steine ist hier wie dort +dieselbe.</p> + +<p>Man vermuthet, daß der Tempel <em class="gesperrt">Boro-Budoo</em>, wie auch die übrigen +Hindu-Tempel auf Java, im achten Jahrhundert nach Christi Geburt erbaut +worden seien. Welche Unzahl von Künstlern muß es zu jener<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> Zeit gegeben +haben, um solche Riesen-Kunstwerke zu Stande zu bringen!</p> + +<p>Obwohl der Hindu-Gottesdienst schon im 15. Jahrhundert von dem +Mohamedanismus verdrängt und ausgerottet wurde, und ganz Java seit +dieser Zeit mohamedanisch ist, so kommen doch noch Tausende von +Javanesen zu gewissen Zeiten im Jahre nach den Tempeln, um Gebete +zu verrichten. Die <em class="gesperrt">Buddha’s</em> in dem Tempel Boro-Budoo werden +besonders von dem weiblichen Geschlechte hoch verehrt. Viele Mütter +pilgern hieher, um vor ihrer Niederkunft zu bitten, nach derselben zu +danken; Bräute tragen ihre geheimen Anliegen vor. Ein Theil des alten +Gottesdienstes ist auf diese Art in den neuen übergegangen und hat sich +mit ihm verschmolzen.</p> + +<p>Der Tempel Boro-Budoo ist leider schon ziemlich in Verfall; ein starker +Erdstoß — und das Ganze kann ein Schutthaufen werden. Viele Wände und +Steine hängen in so losen Fugen und Geschieben über- und aneinander, +daß man mit Angst bei denselben stehen bleibt oder vorübergeht— +ein Luftzug scheint hinlänglich zu sein, sie umzuwerfen. Nur der +begeisterte Künstler konnte die Gefahr vergessen und Jahre lang hier +verweilen. Häufig fielen Steine aus ihren Fugen neben ihm zu Boden, ja +kürzlich bei einer schwachen Erderschütterung eine ganze Nische. Auch +hatte Herr Wilson<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> von der glühenden Hitze viel zu leiden, die sich +zwischen den engen Wänden bildete und von keinem Lufthauche gemildert +wurde.</p> + +<p>In der Entfernung von nur einem Paal steht der zierliche kleine Tempel +<em class="gesperrt">Mendut</em>. Er mag zwanzig Fuß im Durchmesser und fünfzig in der +Höhe haben und geht in einer Kuppel aus; die Steine halten sich durch +ihre eigene Schwere, wie in den Glocken zu Boro-Budoo. Sachverständige +erteilen diesem Tempelchen ein besonders großes Lob; sie bewundern +die Wölbung, die Zierlichkeit der Arabesken, die drei darin sitzenden +Figuren, welche, wenn in aufrechter Stellung, sechzehn Fuß hoch wären. +Die Rundung der Formen, das höchst richtige Ebenmaß der Glieder, die +edlen Gesichtsbildungen dieser Statuen sollen das Vollendetste sein, +was man bisher von der Bildhauerarbeit der Hindu gesehen hat. Die +mittlere Figur stellt einen Buddha, die beiden anderen stellen Könige +vor.</p> + +<p>An diesem Kleinode der Kunst nahmen wir Abschied von Herrn Wilson und +fuhren noch 18 Paal weiter nach <em class="gesperrt">Djogokarta</em>, der Hauptstadt des +freien Fürstenthumes gleichen Namens.</p> + +<p>Die beiden Fürstenthümer <em class="gesperrt">Djogokarta</em> und <em class="gesperrt">Surakarta</em> +bildeten vor etwas mehr als hundert Jahren ein mächtiges Reich unter +dem Namen <em class="gesperrt">Mataran</em>. Zwei Brüder führten zu dieser Zeit einen<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> +Krieg um dasselbe, welcher fünfzehn Jahre währte. Im Jahre 1752 +schlossen sie Frieden und theilten das Reich unter sich. Beide standen +zwar damals schon unter dem Schutze (?) der Holländischen Compagnie, +genossen aber ungleich mehr Freiheit und Selbstständigkeit, als +heut zu Tage, bis sich im Jahre 1825 der Prinz <em class="gesperrt">Diepo Negoro</em> +zu Djogokarta, theils aus Ehrsucht, theils beleidigt durch die +zurücksetzende Behandlung der Holländischen Beamten, empörte und +die beiden Reiche in einen Krieg mit den Holländern verwickelte, +welcher fünf Jahre dauerte, sechstausend Menschenleben und viele +Millionen Rupien kostete. Die Folge war für die eingeborenen Fürsten, +daß die Holländer ihnen einen großen Theil der Ländereien abnahmen +und sie gänzlich abhängig machten. Sie führen zwar noch den Titel +„selbstständige“ Fürsten, haben aber einen Holländischen Residenten zur +Seite, der sie eben so beschränkt und überwacht, wie die Engländer ihre +„freien Könige“ in Hindostan. Sie dürfen ohne Vorwissen des Residenten +keinen Besuch, keinen Brief empfangen, ja nicht einmal ihre Paläste +verlassen; dafür bekommen sie aber von der Holländischen Regierung +einen jährlichen Gehalt oder eine Entschädigung, und zwar der Sultan +von Djogokarta 480,000 Rupien, der Susuhunan<a id="FNAnker_16" href="#Fussnote_16" class="fnanchor">[16]</a> von Surakarta 648,000 +Rupien.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span></p> + +<p>Ich stieg in Djogokarta, einer gütigen Einladung des Residenten Herrn +<em class="gesperrt">Hasselmann</em> zu Folge, in seinem Hause ab. Eine schönere Residenz +als diese (höchstens jene von Samarang ausgenommen) ist mir noch nicht +vorgekommen. Vermutlich hat man sie absichtlich in einem so großartigen +Style gebaut, um den Javanischen Fürsten Achtung vor den Europäern +einzuflößen, um so mehr, da der Sultan dem Residenten einige Mal im +Jahre feierliche Besuche abstattet und bei dieser Gelegenheit mit einem +Gefolge von drei- bis vierhundert Personen kommt, von welchen mehr als +hundert an die Tafel gezogen werden.</p> + +<p>Außer den ceremoniellen macht der Sultan auch viele Privatbesuche, +nicht nur bei dem Residenten, sondern auch in anderen Europäischen +Häusern. Er kommt sogar in den Club und nimmt gern Theil am Billard- +und Karten-Spiel, wie überhaupt an jeder Europäischen Unterhaltung. +Wenn er die Europäische Welt zu sich ladet, wird nicht selten +getanzt. Seine Gemahlin und Töchter sind von diesem Vergnügen nicht +ausgeschlossen. Dieß mag vielleicht der einzige Ort in der Welt sein, +wo man die Gemahlin, die Töchter eines mohamedanischen Sultans in den +Armen Europäischer Herren und Offiziere walzen sehen kann. Die Sultanin +soll dem Whist- und L’hombre-Spiele ebenfalls nicht abhold sein.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span></p> + +<p><em class="gesperrt">29. November.</em> Wir brachten den ganzen Tag mit Besehen des +Merkwürdigen, mit Besuchen u. s. w. zu. Die Mutter der Frau Hasselmann, +Frau <em class="gesperrt">Parvé</em>, eine muntere, sehr gefällige Dame, übernahm es, uns +die Sehenswürdigkeiten von Djogokarta zu zeigen. Wir begannen mit dem +Lustpalaste des Sultans. Jeder seiner Paläste wird „<em class="gesperrt">Kraton</em>“ +genannt und ist mit hohen Mauerwällen umgeben, welche die Gärten, +Badehäuser, alle möglichen Nebengebäude, ja oft einen kleinen Kampon +in sich schließen. Dieser Palast heißt auch „<em class="gesperrt">Wasserpalast</em>“ +(Tamansari), weil er bis an das erste Stockwerk unter Wasser gesetzt +werden konnte. Von Portugiesischen Baumeistern im Jahre 1754 gebaut, +zeichnet er sich weniger durch große, schöne Gemächer, als durch +feste kasemattirte Wölbungen und Gänge aus, die, wie man glauben +sollte, Jahrhunderten widerstehen können. Dennoch fängt er schon zu +verfallen an; er wird nicht mehr bewohnt, und ein unbewohntes Gebäude +bessert der Malaie so wenig wie jeder Orientale aus. An Einrichtung +findet sich nichts vor, als eine alte hölzerne Bettstelle, die man +gewarnt wird, nicht zu berühren, da derjenige, der es thäte, alsbald +sterben müßte. Dieß mag vielleicht wohl nur gesagt werden, um die +Europäer auf höfliche Weise abzuhalten, ein Bett zu berühren, welches +die Eingebornen<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> für heilig halten, da der erste der dieses Reich +regierenden Sultane darin geschlafen hat.</p> + +<p>Von dem Tamansari fuhren wir nach <em class="gesperrt">Gédé</em>, dem Begräbnißplatze +der Familie des Sultans wie auch der Vornehmsten des Reiches. Dieser +Ort ist ebenfalls, gleich dem Kraton, mit hohen Mauern umgeben. Die +Gräber sind mit einfachen Steinplatten bedeckt, an deren beiden Enden +zwei bis drei Fuß hohe Steine aufrecht stehen. Ueber manche sah ich +winzig kleine hölzerne Hütten gebaut, vielleicht um die Steine vor dem +Einflusse der Witterung zu schützen. Die Gräber der Sultane sind in +einem großen hölzernen Hause; mehrere davon waren mit Betthimmeln und +weißen Vorhängen geschmückt.</p> + +<p>In einem der Nebenhöfe wird in einem Teiche ein sehr merkwürdiges +Thier, eine große weiße Schildkröte gehalten, welche die Eingebornen +als heilig verehren. Sie ist so zahm, daß sie, wenn man sie ruft und +sie Hunger hat, sogleich erscheint, um die Gabe, die man ihr reicht, +aus der Hand zu nehmen. Dieß Kunststück wurde natürlich auch vor uns +aufgeführt, damit wir sie zu sehen bekämen. Sie erschien zweimal an der +Oberfläche des Wassers, ohne jedoch die Speise zu berühren, die man +ihr dicht vor den Mund hielt. Die Führer und die wenigen Eingebornen, +die uns begleiteten und die von Frau Parvé gehört hatten,<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> daß ich in +Stambul und andern ihnen heiligen und interessanten Plätzen gewesen +war, sahen nach mir und sagten, daß ich eine ganz besondere Person +sein müsse, da die Schildkröte zweimal erschienen sei, ohne Hunger zu +haben. Es sei gerade, sagten sie, als wollte sie mich sehen und von mir +gesehen werden. Ich erzähle dergleichen geringfügige Dinge, weil ich +glaube, daß sie zur Charakteristik des Volkes gehören.</p> + +<p>Die Auszeichnung, welche mir die Schildkröte erwies, wurde sogleich +in der ganzen Gegend als ein Wunder erzählt. Als ich Nachmittags dem +Sultan und seiner jungen, neunzehnjährigen, kinderlosen Gemahlin +vorgestellt wurde, faßte letztere, dieser Begebenheit wegen, ein +solches Vertrauen zu mir, daß sie mir leise in das Ohr flüsterte. +„O, bete für mich zu Deinem Gotte, daß er mich segnet und den Baum +nicht ohne Früchte dahin welken läßt!“ — Dieß war doch der schönste +und rührendste Beweis von Zutrauen, der mir als Christin von einer +Mohamedanerin werden konnte.</p> + +<p>Die Schildkröte war bei zwei Fuß lang, Schale und Körper ziemlich weiß, +erstere nicht horn-, sondern lederartig, die Augen roth. Sie hatte +mehrere Junge, die alle ebenfalls weiß waren. Durch die besondere +Verwendung der Frau Parvé erhielt ich eines, das ich sogleich in +Spiritus verwahrte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span></p> + +<p>Man hat die Behauptung aufgestellt, daß diese Thiere hier deshalb weiß +seien, weil der Wasserplatz, in welchem sie leben, nie von der Sonne +beschienen würde. Es wäre belehrend, einen Versuch mit einer dunklen +Schildkröte zu machen; ich glaube kaum, daß ihre Nachkommenschaft die +Farbe wechseln dürfte.</p> + +<p>Ein zweiter fürstlicher Begräbnißplatz, auf welchen auch die Susuhunans +von Surakarta nebst ihren Familien kommen, liegt drei Paal von hier +entfernt; er heißt <em class="gesperrt">Imo-Giri</em>. Die Gräber ziehen sich längs +eines Hügels von einigen hundert Fuß in die Höhe. Die Verwandten der +fürstlichen Häuser werden je nach dem Grade ihrer Verwandtschaft höher +oder tiefer auf dem Hügel begraben.</p> + +<p>Bei der Rückkehr nach Hause fuhren wir über den großen Platz, auf +welchem Bazar gehalten wurde, der durch die vielen und schönen +Kupferarbeiten im ganzen Lande berühmt ist; sie werden in der Umgegend +verfertigt und hierher zum Verkaufe gebracht.</p> + +<p>Nachmittags wurden wir von dem Sultan in seinem Palaste empfangen. Wir +kamen durch drei Höfe, in welchen baufällige Häuschen, erbärmliche +hölzerne Hütten, Pferdeställe u. s. w. standen.</p> + +<p>Der Palast eines Javanesischen Fürsten oder Sultans besteht aus dem +Pendopo, Dalem und Probojekso.<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> Der Pendopo ist eine ganz offene +Halle, über die sich ein hohes Dach wölbt, und zu welcher einige +Stufen führen. Er ist für die Festlichkeiten bestimmt und nur mit +Tischen und Stühlen meublirt. Dem Pendopo gegenüber steht der Dalem, +ebenfalls eine große Halle, die aber, allein von vorne offen, und daher +etwas finster ist, denn sie hat gewöhnlich keine oder wenige niedrige +Fensterchen. Der Dalem ist der Aufenthaltsort des Fürsten und zugleich +der Empfangssaal; er ist mit Kanapes, Stühlen, Spiegeln, Uhren, +Gemälden u. s. w. meistens überladen. Mehrere Thüren, im Hintergrunde +angebracht, führen in den Probojekso, den innern Aufenthaltsort des +Fürsten, seiner Frauen und Familie. Er besteht aus einem kleinen Saale +mit vielen Kämmerchen und Winkelwerk, alles düster und enge; einige +Bettstellen, Matten, Polster und Kissen bilden die ganze Einrichtung.</p> + +<p>Alle fürstlichen Paläste, die ich auf Java sah, waren von Holz. Sie +sind nicht im entferntesten mit der Pracht, dem Reichthume, der Kunst +und dem Aufwande der Bengalischen und Hindostanischen Fürstensitze zu +vergleichen.</p> + +<p>Der Sultan kam uns bis einige Schritte vor dem Dalem entgegen; er +reichte jedem von uns die Hand, führte uns in den Saal und wies +uns neben<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> sich Plätze zum Sitzen an. Er zählte 32 Jahre, war von +mittlerer Größe, etwas beleibt, das Gesicht hübsch. Er hatte eine +Art Schlafrock an, darüber einen Sarong, beide, so wie das Kopftuch, +von Seidenstoffen. An Schmuck trug er eine Brosche und einige +Diamantenringe.</p> + +<p>Ich war sehr erstaunt, in dem Dalem lauter weibliche Diener zu sehen; +zu Dutzenden kauerten sie halb nackt überall umher. Sie hatten nichts +als einen Sarong an, der kaum die halbe Brust deckte. Daß sich die +mohamedanischen Fürsten in ihren innersten Gemächern nur von Weibern +oder Eunuchen bedienen lassen, ist weltbekannt; aber sie auch in +den Empfangssälen nur von Weibern umgeben zu sehen, kam mir gar zu +unmännlich vor.</p> + +<p>Nachdem sich der Sultan einige Zeit mit uns unterhalten hatte, führte +er uns in den Probojekso. Er ist so loyal, selbst den Europäischen +Herren das Betreten des innersten Heiligthumes zu gestatten. Wir +wurden seiner Gemahlin vorgestellt, einer Frau von 19 Jahren, dem +schönsten Geschöpfe, das ich bisher unter den Malaien oder Javanesinnen +gesehen hatte. Ihr Näschen war allerliebst, der Mund ziemlich klein, +mit glänzend weißen, schön geformten Zähnen, die Augen groß und +feuersprühend; die etwas breiten,<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> hervorstehenden Backenknochen allein +erinnerten an die Javanesische Abkunft. Der Sultan verbietet seiner +Familie das Sirikauen, sowie das Schwärzen und Feilen der Zähne. Außer +der Sultanin sahen wir noch zwei Töchter des Sultans aus andern Ehen, +hübsche Mädchen von zwölf bis dreizehn Jahren.</p> + +<p>Die Sultanin, wie die beiden Mädchen, waren nach der Sitte des +Landes in Sarongs und Kabays gekleidet. Sie trugen viele Haarnadeln, +Ohrgehänge, Ringe u. dgl. mit Diamanten. Die Sultanin sprach nie mit +ihrem Gemahle, ohne die Augen zu Boden zu schlagen und die Hände wie +bittend gegen die Stirne zu erheben.</p> + +<p>Nachdem wir Thee getrunken hatten, zeigte uns der Sultan seine Waffen +und Kostbarkeiten; auch die golddurchwirkten Kleider seiner Gemahlin +bekamen wir zu sehen. Auf seinem Bette lagen vier der schönsten +Kriese<a id="FNAnker_17" href="#Fussnote_17" class="fnanchor">[17]</a>, in der Ecke des Bettes am oberen Theil stand die Büste +des Königs von Holland. Das wird doch ein getreuer Verehrer seines +Europäischen königlichen Bruders sein!</p> + +<p>Die höheren Diener und Beamten dieses, sowie<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> auch anderer +Javanesischer Fürsten zeichnen sich durch eine eigentümliche +Kopfbedeckung aus: sie besteht in einer zehn Zoll hohen Kappe von +Strohgeflecht, Seide oder Goldstoff, je nach dem Range der Person.</p> + +<p>Am <em class="gesperrt">30. November</em> fuhren wir nach <em class="gesperrt">Solo</em>, der Hauptstadt von +Surakarta (40 Paal). Auf dem Wege dahin kommt man den „tausend Tempeln“ +nahe vorüber, die unweit des Oertchens <em class="gesperrt">Brambanang</em> liegen. Sie +bilden eine ganze Gruppe. In der Zahl ist man nicht übereingekommen; +die Einen geben 170, die Andern 300 an, auf jeden Fall weit weniger als +tausend. Die Tempel sind klein, im Style des Mendut. Der Haupttempel +soll 67 Fuß hoch gewesen sein, ist aber schon beinahe zu einem +Schutthaufen verfallen. Wir kletterten bis an die obere Abtheilung, von +welcher wir in das Innere sehen konnten. In einer kleinen, gewölbten +Halle stand noch ein Buddha und hie und da entdeckte man einige +Arabesken. Die übrigen Tempel sollen nicht höher als 24 Fuß gewesen +sein, und in jedem soll ein Buddha gestanden haben.</p> + +<p>In Solo konnte mich der Resident Herr <em class="gesperrt">Büschkens</em> nicht +aufnehmen: man war gerade beschäftigt, seine etwas baufällige Residenz +herzustellen. Ich ward in das Haus des Herrn <em class="gesperrt">Göreke</em>, Missionärs +und Bibelübersetzers, gebracht, eines überaus gemüthlichen und +menschenfreundlichen Mannes. Ganz besonders gefiel<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> mir seine Toleranz: +er war einer jener leider so seltenen Geistlichen, die den Menschen +mehr nach seinen Handlungen schätzen, als nach dem Glauben, zu welchem +er sich bekennt.</p> + +<p>Die Lage von Solo ist nicht so hübsch, als jene von <em class="gesperrt">Djogokarta</em>. +Die Ebene ist zu groß, die Gebirge sind zu fern, den 10,400 Fuß hohen +Lawas ausgenommen, dessen Formen man ziemlich deutlich sieht.</p> + +<p>Ich fand in den freien Fürstenthümern Grund und Boden durchgehend gut +kultivirt. Dieß mag wohl daher kommen, daß die Fürsten ihre Ländereien +verpachten und die Pächter fleißig arbeiten müssen, um den hohen Pacht +heraus zu bringen. Man baut in beiden Fürstenthümern ziemlich viel +Indigo. Die Hütten der Eingebornen, so wie ihre Kleidung, fand ich +nicht schlechter und ärmlicher als im übrigen Java. Es gibt unter den +Reisenden viele, die in den Holländischen Besitzungen alles besser +bebaut und kultivirt finden wollen. Ich kann indeß nur so schildern, +wie mir die Sache erscheint, und bemühe mich stets, mein Urtheil so +viel als möglich vor Partheilichkeiten zu bewahren. Wege und Brücken +sind gleichfalls gut unterhalten. Hierzu werden die freien Fürsten +freilich von der Holländischen Regierung verhalten, die in den beiden +Städten Solo und Djogokarta bedeutende Forts hat.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span></p> + +<p>Man macht einen Unterschied zwischen den Malaien und Javanesen. +Letztere leben mehr in dem Inneren von Java und den beiden freien +Fürstenthümern. Man behauptet von ihnen, daß sie schöner und von +besserem Charakter als die Malaien und einer größeren Anhänglichkeit +fähig seien. Ich hatte zufällig Gelegenheit, das Volk in großer Menge +zu sehen, da während meiner Anwesenheit in Djogokarta Bazar gehalten +wurde und hier in <em class="gesperrt">Solo</em> zwei Feierlichkeiten stattfanden. Ich muß +jedoch aufrichtig gestehen, daß mir das Volk eben so häßlich vorkam, +als auf Batavia. Man rühmt ihre kleinen Hände und Füße. Es ist wahr, +der Malaie wie der Javanese haben kleine Hände und Füße; aber in der +Kleinheit allein besteht nicht die Schönheit. Die Hände sind so mager, +daß jeder Knöchel hervorsteht, die Fingerspitzen ein wenig aufwärts +gebogen. Finger, Hände und Arme können sie so verdrehen, daß es häßlich +anzusehen ist. Diese Schlappheit in den Gliedern und Muskeln ist auch +den Europäern eigen, die in diesen Ländern geboren und erzogen werden. +Die Füße sind nicht minder häßlich, sehr platt und die Fußzehen stehen +weit aus einander.</p> + +<p>Unter den Hochgebornen so wie unter der Dienerschaft in den Harems +der Fürsten sieht man wohl mitunter hübsche Leute, schöne Kinder; das +darf aber<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> nicht als Maßstab angenommen werden. Alles was schön ist, +Männer wie Weiber, sucht man in die Fürstenhäuser zu bringen. Will +ein Javanese seine Tochter vor dem Harem schützen, so muß er sie sehr +jung verheirathen oder eine öffentliche Tänzerin aus ihr machen; als +solche ist sie für jeden Mann, den sie nicht selbst begünstigt, ein +Heiligthum. Dieser sonderbare Gebrauch geht so weit, daß, wenn eine +Frau sich von ihrem Manne gegen dessen Willen scheiden will, sie nur +eine öffentliche Tänzerin zu werden braucht. Dann hat der Mann keine +Ansprüche mehr auf sie. Gewöhnlich schätzen es sich jedoch die Eltern +zur Ehre, wenn ihre Töchter in den Harem eines Sultans aufgenommen +werden.</p> + +<p>In keinem Lande sah ich so viel Blinde und Lahme als in Surakarta; auch +an Lepre-Kranken soll es nicht fehlen, für welche unfern von Solo ein +eigenes Hospital errichtet ist.</p> + +<p>Man erzählt hinsichtlich dieser Gebrechen eine sehr grausame Sage von +einem der letztregierenden Susuhunans: Eine Europäische Dame machte +eine Reise durch Surakarta. Zu Solo wurde sie dem Fürsten vorgestellt, +der sie fragte, wie ihr das Land gefallen habe. Sie erwiederte: „sehr +wohl, bis auf die vielen Blinden, Lahmen und Lepre-Kranken, welchen +man überall begegnet.“ „Dieser Anblick,“ rief der<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> Susuhunan aus, +„soll in Zukunft niemanden mehr stören.“ Er ließ die Unglücklichen +zusammenrufen, sie auf Boote laden, in die Mitte des Flusses führen, +die Böden der Boote, die besonders dazu eingerichtet waren, wurden +geöffnet, und alle die Armen ertränkt.</p> + +<p>Der jetzt regierende Susuhunan, Paku der Siebente, hat den allgemeinen +Ruf eines höchst edlen und gerechten Fürsten; er soll, gleich Titus, +jeden Tag für verloren halten, an welchem er nicht etwas Gutes ausgeübt +hat.</p> + +<p>Unter seinen Vasallen zeichnet sich der Fürst Mangku-Negoro besonders +aus, welcher der Unabhängige genannt wird, weil er doch einige +Freiheit genießt; er darf z.B. seinen Palast verlassen, ohne erst bei +dem Residenten um Erlaubniß anzufragen. Er hält 800 Mann Fußvolk und +400 Mann zu Pferde — eine größere Anzahl als der Susuhunan selbst. +Ferner ist er Oberst in Holländischem Dienste und Ehren-Adjutant des +Gouverneur-Generals. Er bekommt den Gehalt eines Obersten nebst einer +bedeutenden Zulage für die Unterhaltung seiner Truppen, muß aber +dagegen auch jeden Augenblick zum Ausrücken bereit sein.</p> + +<p>Alle diese Auszeichnungen wurden ihm als Belohnung für seine Treue +verliehen, die er den Holländern in dem letzten Kriege bewiesen hatte. +Er<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> hielt sich nämlich auf ihrer Seite und war ihnen mit seinen +wohleingeübten Truppen von großem Nutzen. Inländische, gut eingeschulte +Truppen sind den Europäischen weit vorzuziehen. Das Klima ist ihnen +nicht schädlich, sie begnügen sich mit wenig und höchst einfacher +Nahrung und ertragen die Märsche und Mühen ohne großen Nachtheil.</p> + +<p>Unsere erste Bitte an den Residenten war, dem Susuhunan, so wie einigen +der vornehmsten Prinzen vorgestellt zu werden. Wir erhielten auch die +Zusage einer Audienz für den folgenden Tag; sie fand aber leider nicht +statt, da kaum eine Stunde, bevor wir kommen sollten, die einzige +Schwester des Fürsten starb, die er, wie man sagte, überaus liebte.</p> + +<p>In den wenigen Tagen, die wir zu Solo zubrachten, waren wir so +glücklich, zwei Feierlichkeiten zu sehen. Die erste bestand in der +Ueberreichung eines Briefes, den der Sultan von Djogokarta an den +Susuhunan von Surakarta geschrieben hatte. Nachdem sich der Resident +zuerst mit dem Inhalte bekannt gemacht, wurde der Brief in schöne +Seidenzeuge gewickelt, auf einen silbernen Teller gelegt und von +dem ersten Adjutanten des Susuhunans in einem sechsspännigen Wagen +abgeholt; in einem zweiten Wagen folgte der Resident. Dreizehn +Kanonenschüsse begleiteten diese Ceremonie.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span></p> + +<p>Die zweite Feierlichkeit war die Fortschaffung der verstorbenen +Schwester des Susuhunans nach dem Begräbnißplatze Imo-Giri. Die Farbe +der Trauer ist hier, wie bei den Chinesen, weiß. Alles was zu dem Zuge +gehörte, Wagen, Pferde u. s. w. war mit weißem Kattun überhangen. +Jedermann, der ihn begleitete, mit einem weißen Kopftuche, Sarong, +Schürze oder sonst einem Lappen weißen Zeuges angethan.</p> + +<p>Den Zug eröffneten Träger, die mit Balken, Brettern, Stangen u. dgl. +beladen waren. Diese Gegenstände gehörten zur Errichtung eines Daches +über dem Sarg der Verstorbenen auf den Stationen der Reise. Hierauf kam +berittenes Militär<a id="FNAnker_18" href="#Fussnote_18" class="fnanchor">[18]</a> mit weißen Binden und Schürzen. Diesem folgte +des Susuhunans leerer Staatswagen, das Leibpferd der Verstorbenen, der +Betthimmel für den Sarg und endlich der Sarg selbst, der mit einer +weißen, golddurchwirkten Atlasdecke überhangen war. Der Sarg wurde +bis an die äußerste Pforte des Kraton von den kaiserlichen Prinzen +getragen; hier übernahmen ihn die Minister und so abwärts bis zu den +Dienern. Viele Lanzenträger, deren Lanzen mit weißem Kammertuche<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> +umwickelt waren, umgaben den Sarg; große Schirme wurden über ihn, +so wie über die Köpfe der Prinzen gehalten, und von den Knöpfen der +Schirme flatterten weiße Tücher. Hinter dem Sarge kam ein großer +viereckiger Kasten, welcher die Speisen enthielt, die Abends, der +Sitte gemäß, auf den Sarg der Verstorbenen gesetzt werden. Den Schluß +des Zuges machte ein großer Haufen Volkes. Der Gemahl, die Kinder der +Verstorbenen, so wie ihre Verwandten, den Susuhunan ausgenommen, waren +bis zur ersten Nachtstation vorausgefahren. Wie man mir sagte, brauchte +der Zug drei Tage, um nach Imo-Giri zu gelangen. (40 Paal.)</p> + +<p>Es war allerdings interessant, diesen Trauerzug gesehen zu haben; +allein eben so gern hätte ich den guten, ehrwürdigen Susuhunan kennen +gelernt, woran nicht mehr zu denken war, da wir schon am folgenden +Morgen abreisen sollten. Zu meiner größten Ueberraschung brachte mir +Herr Göreke die Nachricht, daß uns der Fürst diesen Abend ausnahmsweise +empfangen wolle. Diese Gunst verdankten wir einzig und allein dem +guten Missionär, den der Susuhunan hoch schätzt, und dessen Bitte ihm +hinlänglich war, unsern Wunsch zu erfüllen.</p> + +<p>Bevor wir zu dem Susuhunan fuhren, statteten wir noch zwei Besuche bei +andern Prinzen ab.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span></p> + +<p>Der erste galt dem Fürsten Mangku-Negoro, dessen ich schon erwähnt +habe. Ich war im höchsten Grade über den edlen, feinen Anstand +erstaunt, mit welchem sich dieser Prinz zu benehmen wußte; er stand +hierin dem gebildetsten Europäer nicht nach. Seine Gesichtszüge +drückten Verstand, Scharfblick und Güte aus. Er nahm großes Interesse +an meinen Reisen und machte Fragen und Bemerkungen, die von vielen +Kenntnissen zeigten. In seiner Orientalischen Artigkeit verglich er +mich mit einer leichten, schwebenden Wolke.</p> + +<p>Der zweite Besuch galt dem Fürsten Ngabchi, einem natürlichen +Bruder des Susuhunans, den man, da letzterer keinen Sohn hat, den +„wahrnehmenden Kronprinzen“ nennt. Diesen Fürsten trafen wir nicht zu +Hause, da er von dem Leichenzuge noch nicht zurückgekommen war.</p> + +<p>Um halb acht Uhr war unsere Stunde, bei Hofe zu erscheinen. Die +Etikette ist hier ungleich größer als zu Djogokarta; die Herren Schmitz +und Göreke hielten die Uhren stets in der Hand, um nicht eine Minute zu +früh oder zu spät zu kommen.</p> + +<p>An dem Eingange des innersten Hofes kamen uns zwei Hofdamen entgegen, +uns meldend, daß der Susuhunan bereit sei, uns zu empfangen. Im Dalem +kam er uns selbst zwei Schritte von seinem Lehnstuhl<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> entgegen, +reichte uns die Hand und wies uns Plätze zum Sitzen an. Der Dalem +wie der Pendopo waren schön erleuchtet; Europäische Militär-Musik, +von den Eingebornen ziemlich gut aufgeführt, erschallte bei unserem +Eintritte und ward während unserer Anwesenheit öfter wiederholt. Einige +Schritte im Hintergrunde zur Linken des Fürsten saßen drei Hofdamen, +gleich den übrigen Dienerinnen bloß in einen Sarong gekleidet, welche +die Insignien des Reiches hielten, ein Schwert, einen Schild und ein +Scepter. Sie standen so steif und unbeweglich wie Statuen. Unter den +vielen Weibern, die überall umher kauerten, befanden sich auch zwei +Neffen des Susuhunan, Jünglinge von 14 bis 15 Jahren. Ich hielt sie für +recht hübsche Mädchen, denn sie trugen wie diese einen einfachen Sarong +und hatten die Haare zurückgekämmt, in einen Knoten geschlungen und mit +einem Kamme befestiget.</p> + +<p>Wir hatten kaum Platz genommen, so kam ein Weib (vermuthlich auch +eine Hofdame) auf den Knieen hergerutscht und recitirte eine lange, +ununterbrochene Rede, die ich für ein Gebet hielt; spätem erfuhr ich, +daß es ein Bericht über den Leichenzug war, der ungefähr lautete „daß +die Prinzessin bis an den und den Ort gegangen sei, daselbst unter dem +Schatten eines Baldachinen so und so lange ausgeruht und hierauf die +Reise wieder an den und den Ort fortgesetzt<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> habe, wo sie die Nacht +zubringen werde.“ Von einer so vornehmen Person wird nämlich, so lange +sie nicht begraben ist, ebenso gesprochen, als ob sie noch am Leben +wäre; auch für ihre leiblichen Bedürfnisse und Bequemlichkeiten wird +mit derselben Aufmerksamkeit gesorgt.</p> + +<p>Alles, was sich dem Susuhunan nahte, seine Neffen nicht ausgenommen, +rutschte auf den Knieen. Die Leute standen vermuthlich erst auf, wenn +sie aus seinem Gesichtskreise kamen, denn ich blickte ihnen nach, so +weit als ich konnte, und sah sie nicht aufstehen.</p> + +<p>Die Züge des Fürsten sprachen vollkommen aus, was man mir von ihm +gesagt hatte: ich sah nicht bald ein ehrwürdigeres, gutmüthigeres +Gesicht als das seine. Nur wunderte es mich, keinen Kummer an +ihn wahrzunehmen über den schweren Verlust, der ihn so kürzlich +betroffen. Er hörte den Bericht über den Leichenzug seiner Schwester +mit derselben Ruhe an, als hätte man ihm eine ganz gleichgiltige +Sache verkündet. Nachdem er sich eine Weile mit uns unterhalten und +uns mit Thee bewirthet hatte, der zu meiner Verwunderung nicht von +Dienerinnen, sondern von Dienern servirt wurde, bot er Frau Schmitz +und mir an, seiner Gemahlin einen Besuch zu machen. Wir fanden in +ihr eine noch junge Frau von vielleicht 25 Jahren; sie saß in einer +wenig erleuchteten Kammer<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> auf einem Stuhle, ihr zur Seite eine +achtzehnjährige Stieftochter auf der Erde. Beide waren minder hübsch +als die fürstlichen Frauen zu Djogokarta, doch für Javanesinnen schön +genug. Die Kämmerchen in dem Probojekso fand ich sehr klein, dürftig +eingerichtet und erleuchtet. Nach einer halben Stunde kehrten wir in +den Dalem zurück.</p> + +<p>Beim Abschiede hielt der Susuhunan eine sehr lange Rede an mich, +während welcher er mich bei der Hand nahm; am Ende derselben zog er +einen Ring von seinem Finger und steckte ihn mir an. Herr Göreke saß +leider zu weit entfernt, um etwas von dieser Rede zu hören; sie ging +daher für mich verloren, da der Susuhunan Hoch-Malaisch sprach, das ich +nicht verstand. Der Besuch währte über zwei Stunden.</p> + +<p>Die Tracht des Susuhunans, seiner Frau und Tochter war sehr einfach, +ungefähr wie die an dem Hofe zu Djogokarta; der Susuhunan trug zwei +reich mit Brillanten besetzte Orden.</p> + +<p>Am <em class="gesperrt">3. December</em> fuhren wir den kürzeren Weg über Salatiga nach +Samarang zurück (66 Paal), wo ich in dem Hause meiner liebenswürdigen +Begleiter noch eine Nacht zubrachte. Am folgenden Tage, um ein +Uhr Nachmittag, saß ich schon wieder auf dem Dampfer, um nach +<em class="gesperrt">Surabaya</em> zu gehen (180 M.).</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span></p> + +<p>Am Bord des Dampfers „Ambon“ wurde ich vom Kapitän Bergner als alte +Bekannte herzlichst begrüßt. Ich war mit ihm von Batavia nach Sumatra +gefahren, und er hatte kurz darauf den „Makassar“ mit dem „Ambon“ +vertauscht. Es ist immer eine große Freude, auf einer Reise Bekannte +zu finden, und eine um so größere, wenn es so gute, gefällige Menschen +sind, wie Herr Bergner.</p> + +<p>Von der Reise ist nicht viel zu sagen; wir hielten uns der Küste Java’s +fortwährend nahe, die abwechselnd eben und bergig ist. Vier Hügel, die +näher an Surabaya als an Samarang liegen, werden ihrer Form wegen die +vier Särge genannt; sie stehen von einander abgesondert, mitten in +einer Ebene. Zwölf Meilen von Surabaya sieht man, an eine freundliche +Hügelkette gelehnt, das Städtchen <em class="gesperrt">Grisée</em>; hier gehen die +nicht-europäischen Schiffe gewöhnlich vor Anker.</p> + +<p>Am <em class="gesperrt">6. December</em> Morgens warfen wir Anker auf der Rhede von +Surabaya.</p> + +<p>Alle Ankerplätze Java’s, die ich gesehen, Batavia, Surabaya und +Samarang, liegen drei bis vier Paal von den Städten entfernt; man muß +nach letzteren in Kähnen die Flüsse stromaufwärts fahren; in Surabaya +kann man von der Mündung des Flusses bis zur Stadt auch zu Wagen +fahren.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span></p> + +<p>Herr Resident von <em class="gesperrt">Perez</em> war so gütig, mich aufzunehmen. Dieser +überaus gefällige Herr wußte von meinem Kommen; er hatte jedoch gehört, +daß ich zu Grisée vor Anker gehen würde und sandte mir sogar bis +dorthin einen Wagen entgegen.</p> + +<p>Die Residenz, ein prächtiges Gebäude, leider mit einem ganz kleinen +Garten, liegt drei Paal von der Stadt. Eine herrliche Wiese breitet +sich davor aus, an deren Ende ein großes, wohlerhaltenes Steinbild +eines Hindu-Götzen steht, welches von den Malaien noch sehr verehrt +wird.</p> + +<p>Ich blieb bis <em class="gesperrt">14. December</em> in Surabaya, ohne das Geringste zu +sehen. Die Regenzeit war eingetreten, und durch sie wurden alle meine +Projekte vereitelt. Es blieb mir nichts anderes übrig, als die Reise +nach Celebes und den Molukken fortzusetzen und mich mit der Hoffnung zu +trösten, bei der Wiederkehr glücklicher zu sein.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_11" href="#FNAnker_11" class="label">[11]</a> Die mir ertheilten Freikarten lauteten:</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><span class="antiqua">De onder geteekende verleent by deze vrye passage als passagier +der eerste klasse, aan Mevrouw Ida Pfeiffer vor eene reis von +Sourabaya over den Mollukschen Archipel met eene der Stoomschepe +zyner onderneming. Batavia 9. November 1852.</span></p> + +<p class="right"> +<span class="antiqua"><em class="gesperrt">W. Cores de Vries.</em></span></p> + +<hr class="tb"> + +<p><span class="antiqua">The bearer of these lines Madame Pfeiffer has free passage as +cabin passenger on board of any of the boats of this company. Batavia +9. November 1852.</span></p> + +<p class="right"><span class="antiqua"><em class="gesperrt">Maclain Watson</em> & Co.,<br> +Directors of the N. I. Steamboat Company.</span></p> + +<p><span class="antiqua">The agents of the company at Samarang and Sourabaya are requested +to offer Madame Pfeiffer all the assistance in their power in the +persecution of her travels.</span></p> + +</div> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_12" href="#FNAnker_12" class="label">[12]</a> Die Gebäude, in welchen die Gouverneure und Residenten +wohnen, gehören alle der Regierung; der Resident von Batavia allein muß +eine Wohnung miethen.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_13" href="#FNAnker_13" class="label">[13]</a> Hätte man nicht schnell und leicht einen zuverlässigen +Beamten abschicken können, um sich von dem wahren Bestande zu +unterrichten? Freilich handelte es sich bloß um Menschenleben und nicht +um Frohndienste oder Rückstände von Steuern.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_14" href="#FNAnker_14" class="label">[14]</a> Ich führe dies natürlich nur auf Grundlage der Aussagen +vollkommen zuverlässiger Männer, deren Wort über jeden Zweifel erhaben +ist, hier an.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_15" href="#FNAnker_15" class="label">[15]</a> Auf der höchsten Spitze des Tempels ersuchte ich Herrn +Wilson, seinen Namen in mein Album zu zeichnen.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_16" href="#FNAnker_16" class="label">[16]</a> Susuhunan ist ein höherer Titel als „Sultan.“</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_17" href="#FNAnker_17" class="label">[17]</a> Kries, ein schlangenförmiges Messer in einer Scheide von +10 bis 15 Zoll Länge, die gewöhnliche Waffe der Malaien und Javanesen.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_18" href="#FNAnker_18" class="label">[18]</a> Das Militär der freien Fürsten trägt Holländische +Uniform, die Offiziere haben Schuhe, die Soldaten nicht. Letztere +tragen unter dem Helme das landesübliche Kopftuch, manche schlingen das +Haar rückwärts in einen großen Knoten zusammen.</p> + +</div> + +</div> + +<figure class="figcenter illowe6" id="p141_ende"> + <img class="w100 padtop1" src="images/p141_ende.jpg" alt="" data-role="presentation"> +</figure> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Zehntes_Kapitel">Zehntes Kapitel.</h2> + +</div> + +<p class="s5 hang2 mbot2">Makassar. — Banda. — Erdbeben. — Die Muskatnuß-Pflanzungen. +— Ambon. — Ausflug nach der Negeri Emma. — Saparua. — Ceram. +— Fußreise durch das Innere Cerams. — Ankunft zu Wahai. — Die +Alforen. — Rückreise nach Ambon. — Ternate. — Besuch bei dem +Sultan.</p> + +<p><img class="illowe1_2 mbot-0_3" src="images/p142_init.jpg" alt="A">m <em class="gesperrt">14. December</em> schiffte ich mich auf dem Dampfer „Banda“ +nach <em class="gesperrt">Makassar</em> ein (440 Seemeilen), der Hauptniederlassung der +Holländer auf Celebes.</p> + +<p>Von Surabaya bis an die Küste von Celebes sah ich wenig. Das Schiff +war sehr klein, die See höchst stürmisch, und obwohl ich viele Jahre +gereist, Tausende von Meilen auf Segel- und Dampfschiffen gemacht, ohne +dem Meere meinen Tribut zu bezahlen, ward ich nichts desto weniger so +seekrank, wie es nur immer ein Neuling werden kann.</p> + +<p>Erst am <em class="gesperrt">17. December</em> am frühen Morgen kam ich auf das Deck, +um die Küste von Celebes zu begrüßen, eine einförmige Ebene, im +Hintergrunde von niedrigen Bergen begrenzt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span></p> + +<p>Makassar (Udjang-Pandang), der Sitz des Holländischen Gouverneurs +auf Celebes, ist ein kleines, dem Ansehen nach beinahe Europäisches +Städtchen mit einem Fort. Die Europäer wohnen in erbärmlichen +Steinhäuschen nahe beisammen, längs des schönen Wiesenplatzes +<em class="gesperrt">Hendrikspad</em>. Auch das Haus des Gouverneurs ist klein und +unbedeutend.</p> + +<p>Domine <em class="gesperrt">Mathes</em> (der protestantische Geistliche) nahm mich +gastfreundlich auf.</p> + +<p>Ich war hier ebenfalls so unglücklich, gerade zum Beginn der Regenzeit +einzutreffen, und konnte nichts als den Bazar besuchen, auf welchem ich +eine ziemliche Menge Volkes sah. Ich fand die Eingebornen, Makassaren +und Buginesen, obwohl auch zur Malaischen Race gehörig, minder häßlich +als die Javanesen, groß und kräftig gebaut, das Gesicht etwas besser +geformt, die Hautfarbe lichter.</p> + +<p>Da wenig Tage später der Dampfer „Ambon“ von hier nach <em class="gesperrt">Banda</em>, +einer der Molukken ging, und während der Regenzeit an Ausflüge in das +Innere von Celebes nicht zu denken war, entschloß ich mich, diese +Gelegenheit zu benützen und meine Reise fortsetzen, mich wie zu +Surabaya der Hoffnung hingebend, auf der Rückfahrt günstigeres Wetter +zu finden.</p> + +<p>Am <em class="gesperrt">21. December</em> war ich schon wieder an<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> Bord bei meinem guten +Kapitän Herrn Bergner. Wir machten die Reise nach der Insel Banda (690 +Meilen) in 3½ Tagen. Außer einigen kleinen gebirgigen Eilanden kam uns +nichts zu Gesicht.</p> + +<p>Am <em class="gesperrt">24. December</em> tauchte der <em class="gesperrt">Gunong-Api</em> vor uns auf, der +höchste Berg Bandas (1800 F.), dessen nordwestlicher Seite beständig +Rauchsäulen entsteigen. Abends um neun Uhr liefen wir bei herrlichen +Mondschein in die Bai ein, die auf der einen Seite von dem Feuerberge, +auf der andern von einer freundlichen Hügelkette begrenzt wird, welch +letztere ganz mit Muskatbäumen bepflanzt ist. Das kleine Städtchen +Banda liegt so gefährlich an dem Abhange des Gunong-Api, daß ein +Ausbruch es unausbleiblich zertrümmern würde; sonderbarer Weise raucht +der Berg beständig, ohne daß je ein Ausbruch stattgefunden hätte. Ist +aber wohl diesem Frieden immer zu trauen?</p> + +<p>Da wir so spät angekommen waren, ging der Kapitän allein mit dem +Postpackete an’s Land. Wir Reisende verweilten auf dem Decke und +sprachen viel von der Freude, die in den Kreisen unserer Lieben +diesen Abend (Christabend) herrschen werde, von den fröhlichen +Spielen der über die Geschenke so freudig überraschten Kinder. Da kam +ganz unerwartet ein Araber an Bord. Erstaunt über den späten Besuch +umringten wir ihn, um zu hören was die Ursache<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> hievon sei. Ach, wie +ward so plötzlich unsere heitere Stimmung in Wehmuth und Schrecken +verwandelt! Der Araber erzählte uns, daß am 26. November Morgens acht +Uhr ein fürchterliches Erdbeben auf dieser Insel stattfand, in Folge +dessen mehrere Häuser zusammenstürzten und alle dermaßen beschädigt +wurden, daß niemand mehr darin wohnen könne. Glücklicherweise +ereignete sich dies bei Tage, wo jedermann gleich fliehen konnte, +und es ging daher wenigstens kein Menschenleben verloren; aber alle +gebrechlichen Güter, Spiegel, Lampen, Gläser, Geschirre, die in +Flaschen gefüllten Getränke u. s. w. gingen zu Grunde. Noch war man +unter dem Eindrucke dieser furchtbaren Scene, als um halb neun Uhr +die Erde ein zweitesmal erbebte, das Wasser in der Bay zurück wich +und dann mit unwiderstehlicher Gewalt an die Küste stürzte, sie 24 +Fuß hoch übersteigend. Zweimal sah man den Boden der See blos gelegt; +alle kleinen Boote und Barken wurden an die Küste geschleudert, wo sie +als Trümmer liegen blieben. Bei dieser Gelegenheit ertranken mehr als +achtzig Menschen. Ein großes Schiff, das in der Bay vor Anker lag, +gerieth zweimal auf den Grund und wurde nur durch die Geistesgegenwart +des Kapitäns gerettet, der das Ankertau sogleich nachließ; allein +vor einem bedeutenden Leck konnte er es doch nicht bewahren. Es lag +noch zur Ausbesserung in der Bucht. Dieses zweite Erdbeben<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> zerstörte +ebenfalls viele Gebäude und vernichtete Tausende von Muskatbäumen, die +durch das sie überfluthende Salzwasser abstarben.</p> + +<p>Die Erzählung des Arabers war schrecklich. Leider wurde sie Wort +für Wort von dem Kapitän bestätigt, als er zurückkam. Auf einige +der Reisenden machte sie einen so großen Eindruck, daß sie Morgens +gestanden, die ganze Nacht nicht geschlafen zu haben; sie fürchteten +ein wiederholtes Erd- oder Seebeben.</p> + +<p>Morgens gingen wir an’s Land und konnten uns persönlich von den +stattgehabten Verwüstungen überzeugen. Mehrere Häuser lagen in Schutt, +alle waren mehr oder minder beschädigt, die Einrichtungen zum Theile +zertrümmert, zum Theile vor den Häusern unter freiem Himmel in Haufen +aufgeschichtet; die Leute wohnten daneben in kleinen Bambushütten, die +sie eilig aufrichten ließen. Die Kasernen und Wohnungen der Officiere +allein, einige hundert Schritte von dem Städtchen entfernt gelegen +und von Holz gebaut, blieben beinahe unbeschädigt. Sonderbar, daß auf +dieser Insel, wo starke Erdbeben nicht selten vorkommen, alle Häuser +von Stein gebaut sind<a id="FNAnker_19" href="#Fussnote_19" class="fnanchor">[19]</a>.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span></p> + +<p>Der Resident konnte mich nicht aufnehmen, da auch sein Haus zu sehr +beschädigt war; ein Deutscher, der Militärarzt Herr <em class="gesperrt">Krause</em>, +beherbergte mich in seinem hölzernen Häuschen.</p> + +<p>Ich machte denselben Tag noch einen Spaziergang um den Feuerberg +„Gunong-Api.“ Ich wollte ihn selbst besteigen; allein Dr. Krause, der +schon mehrmals oben war, um zu botanisiren, widerrieth es mir, indem er +mir versicherte, daß es nicht der Mühe lohne: der Berg ende in einer +geschlossenen Kegelform und habe an den Seiten einige Spalten, aus +welchen starker Schwefeldampf aufwirble.</p> + +<p>Am folgenden Tage besuchte ich die große Muskatpflanzung des Herrn +<em class="gesperrt">Meyer</em>, welche 15,000 Muskatbäume zählt. Die Muskatpflanzungen +werden „Perken,“ die Besitzer „Perkenier“ genannt. Eine solche +Pflanzung gleicht vollkommen einem Walde. Die Bäume sind vierzig bis +fünfzig Fuß hoch, umfangreich und nicht in Reihen gepflanzt. Große +Nanarinenbäume<a id="FNAnker_20" href="#Fussnote_20" class="fnanchor">[20]</a> schützen die Muskatbäume, die keine tiefen Wurzeln +schlagen, vor den starken, häufig wehenden Winden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span></p> + +<p>Die Insel Banda ist das eigentliche Vaterland des Muskatbaumes. Dieser +Baum bedarf hier gar keiner Pflege und wird bei weitem stärker und +höher als auf Singapore. Er fängt mitunter im zwölften, gewöhnlich aber +erst im fünfzehnten Jahre an Früchte zu tragen und erreicht ein Alter +von 80 Jahren. Das Jahr vor seinem Absterben soll er außergewöhnlich +viel tragen. Man rechnet durchschnittlich auf jeden Baum im Jahre 2500 +Nüsse. Es giebt auch einige, die bis 4000 liefern. Die Ernte währt das +ganze Jahr hindurch. Man geht jeden Morgen in die Perken, pflückt die +reifen Nüsse, löst die Blüthe, von der sie ganz umsponnen sind, ab und +läßt Nuß und Blüthe an der Sonne trocknen. Die Nüsse, welche von selbst +abfallen, sind nicht halb so viel werth als die gepflückten. Ungefähr +hundert Nüsse sammt den Blüthen gehen auf ein Pfund; fünf Pfund Nüsse +geben ein Pfund Blüthe. Der Perkenier erhält von der Regierung für ein +Pfund Blüthe und vier Pfund Nüsse einen Kupfergulden.</p> + +<p>Die Muskatnuß ist auf Banda und den dazu gehörenden kleinen Eilanden +Monopol. Der Eigenthümer kann die Perken verpachten oder verkaufen; +allein er darf keinen Baum ohne Bewilligung des Regierungsaufsehers +umhauen. Letzterer besucht jedes Jahr die Perken, bezeichnet die Bäume, +welche auszurotten<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> sind und bestimmt die Zahl der neu zu pflanzenden. +Um die Leute zu den Muskatpflanzungen anzuregen, gibt die Regierung das +Land umsonst und unterstützt die Pflanzer mit billigen Arbeitern, die +aus den Verbrechern bestehen, welche von Java und anderen Orten hieher +verbannt und per Monat vermiethet werden.</p> + +<p>Am <em class="gesperrt">27. December</em> segelte der Dampfer wieder ab. Da es auf dieser +kleinen Insel wenig zu sehen gab und ich, wollte ich das Schiff nicht +benutzen, einen Monat auf ein anderes hätte warten müssen, so besann +ich mich nicht lange und begab mich an Bord.</p> + +<p>Wir verließen Nachmittags Banda, um nach der ebenfalls kleinen Insel +<em class="gesperrt">Ambon</em> (144 M.) zu segeln. Das Wetter war herrlich, so daß wir +schon am 28. December Morgens vor Ambon lagen.</p> + +<p>Die Bucht von Ambon ist sechzehn Meilen lang, an der Einfahrt sechs, +bei Ambon, das ungefähr in der Mitte liegt, eine Meile breit. Die +ganze Bucht ist von niedrigen Hügelketten und Gebirgen umgeben, die +höchsten Punkte, der <em class="gesperrt">Sytham</em> und der <em class="gesperrt">Sirymohu</em> werden +auf 3000 und 4000 Fuß geschätzt. Die Hügelketten zeichnen sich +durch reiche Vegetation aus; Wälder wechseln mit Wiesenplätzen und +Gewürzpflanzungen; die schöne gefiederte Sago-Palme drängt sich<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> +überall hervor; die schlankstämmige Areka-Palme, die Kokospalme +überragen die umfangreichen Blätterbäume.</p> + +<p>Ich hörte behaupten, daß die Einfahrt von Banda, besonders aber die +von Ambon an Schönheit mit jener von <em class="gesperrt">Rio de Janeiro</em> wetteifern +könne. Die Einfahrt von Banda ist reizend, die von Ambon wohl noch +etwas reizender, aber eine wie die andere sind in keiner Beziehung +mit der großartigen, einzig schönen Einfahrt von Rio de Janeiro +zu vergleichen. Eher könnte man eine Aehnlichkeit mit jener von +<em class="gesperrt">Santos</em> (400 Meilen von Rio de Janeiro) aufstellen.</p> + +<p>Das Städtchen Ambon, Sitz des Gouverneurs der Molukken, zählt nur +1500 Einwohner und sieht mehr wie ein Dorf aus. Es ist von dem Fort +<em class="gesperrt">Viktoria</em> beschützt. Die Residenz des Gouverneurs, einen Paal +von dem Städtchen entfernt, zu <em class="gesperrt">Batugadja</em> gelegen, besteht +aus einem ganz unbedeutenden kleinen Bambus-Hause. Der Gouverneur, +Herr <em class="gesperrt">Vischer</em>, konnte mich gar nicht aufnehmen, da das einzige +Fremden-Kämmerchen schon besetzt war; ich kam zu Herrn <em class="gesperrt">Roskolt</em>, +dem Direktor des Institutes zur Bildung der Volksschullehrer.</p> + +<p>Herr Roskolt wurde im Jahre 1835 von der Holländischen Regierung nach +Ambon gesandt, um dieses Institut zu errichten, welches zur Aufnahme +von zwölf<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> eingebornen Jünglingen bestimmt war, die hier Unterricht, +Kleidung, Kost u. s. w. erhalten sollten. Die zu dem Zwecke angewiesene +Summe wurde in die Hände des Herrn Roskolt gegeben, und zwar ohne +daß die Regierung eine Verrechnung verlangte. Schon am Ende des +ersten Jahres fand Herr Roskolt, daß die Summe für achtzehn Jünglinge +ausreichen würde, und stellte das Ersuchen, sechs Zöglinge mehr +aufnehmen zu dürfen. Nebst diesen bestimmten Zöglingen erlaubt Herr +Roskolt auch noch zehn bis fünfzehn jungen Leuten an dem Unterrichte +Theil zu nehmen, aus welchen er dann immer die fähigsten zur gänzlichen +Aufnahme wählt. Der Unterricht besteht in richtiger Kenntniß und +Schreibung der Malaischen Sprache, in Religion, Arithmetik, Geographie +und im Gesange der Psalmen.</p> + +<p>Die Eingebornen auf Ambon und den nahen Inselchen sind Christen; +zu den Zeiten der Portugiesen waren sie Katholiken, jetzt sind sie +Protestanten. In jedem größeren Dorfe (hier Negeri genannt) ist ein +Schullehrer angestellt, der zugleich die Stelle des Priesters vertritt +und in dem Gotteshause die Gebete und Gesänge abhält. Es gibt mitunter +so große Dörfer, daß ein Schullehrer bis 250 Kinder unter sich hat. +Ich besuchte auf meinen Ausflügen auf Ambon, Saparua und Ceram mehrere +Dorfschulen,<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> deren Schullehrer Zöglinge des Herrn Roskolt waren. Die +Kinder schrieben recht hübsch, rechneten richtig, sangen die Psalmen +ganz gut u. s. w. Unwillkürlich stieg der Wunsch in mir auf, daß alle +Europäischen Dorfkinder so gut unterrichtet sein möchten, als es diese +Malaische Jugend war. Herr Roskolt hat sich nicht erfolglos bemüht; +seine Arbeiten tragen jetzt schon gute Früchte.</p> + +<p>So wie Banda das Vaterland des Muskat-Baumes, so ist Ambon das des +Gewürznelken-Baumes. Die Pflanzung desselben ist daher auch ein +Hauptaugenmerk der Regierung und zugleich Monopol. Jedes Familienhaupt +muß, je nach der Güte des Bodens, dreißig bis achtzig Bäume pflanzen +und vollzählig unterhalten.</p> + +<p>In frühern Zeiten wurde der Muskatbaum ausschließend auf Banda und den +dazu gehörigen kleinen Inseln, der Gewürznelken-Baum ausschließend auf +Ambon und Saparua gepflanzt; auf den übrigen Molukken wurden beide +Bäume ausgerottet. Jetzt können sie auf allen Inseln gepflanzt werden +und sind nur auf den obgenannten Monopol.</p> + +<p>Der Gewürznelken-Baum beginnt im zwölften bis fünfzehnten Jahre +zu tragen und stirbt erst mit hundert Jahren. Er liefert ein bis +zwanzig Pfund. Die Ernte hat nur einmal im Jahre statt, von November<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> +bis Januar. Die Nelken werden im Schatten getrocknet. Der Pflanzer +erhält seit kurzem dreißig Deut per Pfund, während er früher sich +mit vierundzwanzig begnügen mußte. Diese Erhöhung ist dem jetzigen +Gouverneur-General, Herrn Deimar van Twist zu danken<a id="FNAnker_21" href="#Fussnote_21" class="fnanchor">[21]</a>.</p> + +<p>Die Eingebornen wissen aus den Gewürznelken ganz hübsche Gegenstände zu +machen: Vasen, Schiffe, Körbchen u. s. w. Die Gewürznelken müssen sie +hiezu von der Regierung kaufen, und zwar zu einem unmäßig hohen Preise. +In Holland soll das Pfund dieses Gewürzes eine halbe Rupie kosten, hier +bezahlen die Leute zwei Rupien dafür. Außerdem ist noch die Ausfuhr von +dergleichen Spielzeug sehr hoch besteuert.</p> + +<p>Auch der Muskat-Baum wird auf Ambon ziemlich häufig gepflanzt; +vorzüglich gut gedeiht der Kakao-Baum; der Pikul Bohnen wird +mit sechzig Rupien bezahlt. Der wichtigste Baum jedoch für die +Eingebornen,<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> nicht nur auf Ambon, sondern auf allen Molukken, ist die +Sagopalme. Das Mark derselben macht die Hauptnahrung der Eingebornen +aus; es ist ihnen, was den Chinesen und Indiern der Reis, was andern +Völkern das Getreide. Diese Palme wird gewöhnlich im fünfzehnten +Jahre reif; man haut sie dann um, spaltet den Baum, und arbeitet +das Mark mittelst einer einfachen Haue von Bambus heraus. Der ganze +Stamm besteht aus Mark, das kaum von einer zolldicken Rinde umgeben +ist. Das Mark wird theilweise in eine Art Trog gelegt, der aus dem +ausgehöhlten Sagostamme verfertiget ist, und dessen Endseiten man mit +Stücken geschlagenen Bastes verstopft. Durch Waschen und Kneten des +Markes sondern sich die mehligen Theile von den faserigen ab. Das +von dem Mehle geschwängerte Wasser läuft durch den Bast, welcher die +Stelle eines Siebes vertritt, in einen zweiten Trog, in welchem mit dem +Waschen so lange fortgefahren wird, bis sich alle Mehltheile von den +Fasern gesondert haben. Sobald sich das Mehl gesetzt hat, läßt man das +Wasser ab, und die Arbeit ist beendet. Das Mehl wird in nassem Zustande +zu fünfundzwanzig bis dreißig Pfund in Körbe verpackt, die gleich an +Ort und Stelle von den grünen Blättern der Sagopalme gemacht werden. +Eine besondere Eigenschaft dieses Markes oder Mehles ist, daß es nie +trocken<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> werden darf; man muß die Körbe mit dem Mehle von Zeit zu Zeit +in Wasser stellen.</p> + +<p>Man bereitet aus diesem Mehle Brot und Papeta. Zur Bereitung des +ersteren bedient man sich eiserner oder irdener Geschirre, mit kleinen +Abtheilungen, die man erst glühend erhitzt, dann von innen mit etwas +Wasser befeuchtet. Man füllt sie hierauf ganz mit dem Mehle an, +bedeckt sie mit Blättern, legt ein Brettchen darauf, das mit einem +Steine beschwert wird, und läßt sie so lange stehen, bis sich Dunst +entwickelt, ein Zeichen, daß die Brötchen gar sind. Noch einfacher ist +die Bereitung der Papeta. Man schüttet anfänglich etwas kaltes Wasser +auf das Mehl, rührt es zu einem dicken Teige, gießt dann so viel heißes +Wasser zu, bis es sehr flüssig wird, und läßt es erkalten. Die Papeta +gleicht einer Sulze oder einem steifen Kleister. Beide Gerichte, ohne +andere pikante Ingredienzien genossen, schmecken überaus leer und fade.</p> + +<p>Aus diesem Nahrungszweige ist ersichtlich, daß das Volk für Leben +und Unterhalt wenig zu thun braucht. Familien, die wenig oder keine +Sagobäume besitzen, können sich leicht mehrere hundert Pfund Mehl +mit wenig Arbeit erwerben. Es ist nämlich Sitte, daß wenn ein Mann +zu dem Eigenthümer eines reifen Sagobaumes geht und ihm sagt, daß er +einen<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> reifen Baum habe, den er (der Mann) für ihn umhauen wolle, der +Eigenthümer stets seine Einwilligung gibt. Der Mann kommt dann mit +einigen Gehülfen, schlägt den Baum, bereitet und packt das Mehl, eine +Arbeit von drei bis vier Tagen; dafür erhält er die Hälfte des Mehles +nebst der Verköstigung während der Arbeit.</p> + +<p>Die Sagopalme, der Pisang (Bananen-Baum) gedeihen ohne alle Nachhülfe, +das Meer ist überreich an Fischen, es wird daher begreiflich, daß +das Volk auf den Molukken träger ist, als irgendwo. Wenn man z. B. +mit dem Dampfer ankommt, ist der Landungsplatz voll von müssigen +Gaffern; keiner würde aber, selbst für übertrieben gute Bezahlung, das +Reisegepäck nach dem Städtchen tragen. Man muß erst in das Haus gehen, +in welchem man absteigt und von dort aus nach Trägern suchen. Oftmals +ging ich Nachmittags in mehr als ein Dutzend Hütten, um einiges von den +aus Gewürznelken gefertigten Arbeiten zu kaufen — überall fand ich die +Leute entweder Karten spielend oder schlafend.</p> + +<p>Den Neujahrstag (1853) feierten wir mit einem Spaziergange nach dem +nahen Wasserfalle „<em class="gesperrt">Batu-Gontung</em>.“ Der Wasserfall ist höchst +unbedeutend, eben so eine dabei gelegene Grotte. Ein kaltes Bad<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> im +Flüßchen und der Spaziergang durch die schönen Waldungen waren jedoch +sehr lohnend.</p> + +<p>Um die Insel Ambon ein wenig kennen zu lernen, durchschnitt ich sie von +Norden nach Süden und ging nach der Negeri Emma, ungefähr acht Paal. +Man bedient sich auf Ambon zum Reisen einer Art Tragstühle, da die +Wege zum Fahren oder Reiten nur einige Paal um das Städtchen gut sind. +Ich wollte keinen Tragstuhl nehmen, indem mir nichts unangenehmer ist, +als mich von Menschen tragen zu lassen; allein man behauptete, daß die +Berge zu schroff seien, um von Europäern überklommen werden zu können.</p> + +<p>Ich nahm also zur Vorsorge einen Tragstuhl mit, lief aber daneben her. +Es ist wahr, die Berge und Hügel steigen sehr schroff und steil auf, +man muß wirklich schwindellos sein, um hinüber zu kommen; ich hatte +jedoch ungleich Aergeres auf Borneo und Sumatra erlebt. In drei Stunden +war ich in Emma.</p> + +<p>Die ganze Gegend zwischen dem Städtchen Ambon und Emma besteht aus +Schluchten und trichterförmigen Vertiefungen; man mußte stets auf- und +niederklettern oder auf äußerst schmalen Bergkanten fortschreiten. +Alles war mit schönen Waldungen, mit üppigem Untergesträuch bedeckt. +Man sah viele <em class="gesperrt">Dusons</em><a id="FNAnker_22" href="#Fussnote_22" class="fnanchor">[22]</a> mit<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> Gewürznelken-Bäumen; in den +Wäldern gab es viele Sagopalmen. Von den Höhen erblickte man das Meer +dies- und jenseits der Insel. Die Berge bestehen zum Theil aus Sand, +den man sehr leicht herab arbeiten kann.</p> + +<p>Die Negeris liegen an den Kanten der Schluchten oder auf den Spitzen +der Berge. Die Leute haben im Dorfe oft nicht einen Schritt ebene +Fläche. Die kleinsten Kinder hier würden manchen Erwachsenen aus den +Ebenen im Bergklettern beschämen. Das läuft und springt auf und ab +gleich Gemsen.</p> + +<p>Ich blieb vier Tage auf Emma, um Insekten zu sammeln. Die Hitze war +zwar sehr drückend, ich ertrug sie jedoch so gut, als hätte ich mein +ganzes Leben unter dem Aequator zugebracht.</p> + +<p>Nach Ambon zurückgekehrt, unternahm ich einen etwas größeren Ausflug +nach <em class="gesperrt">Saparua</em> und der Insel <em class="gesperrt">Ceram</em>, einer der größten von +den Molukken. Letztere wollte ich vorzüglich ihrer Bewohner, der wilden +Alforen, wegen besuchen.</p> + +<p>Am <em class="gesperrt">11. Januar</em> Nachts fuhr ich zur See nach dem Oertchen +<em class="gesperrt">Paseo</em>, welches östlich von Ambon, an dem kaum einige hundert +Fuß breiten Isthmus liegt, der diese Insel in zwei Theile theilt. Ich +kam um zwei Uhr Nachts an. Die Prauhs wurden hier bei der Fluth über +den Isthmus gezogen und die Reise früh<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> Morgens nach <em class="gesperrt">Ihamahu</em> +(35 Meilen) einer Negeri auf Saparua fortgesetzt. Von da ging ich zu +Fuße nach der Negeri-Saparua (7 Paal), wo ein kleines Fort und der Sitz +eines Assistent-Residenten ist.</p> + +<p>Einen angenehmeren Spaziergang als von Ihamahu nach Saparua kann es +nicht leicht geben. Das ganze Inselchen gleicht einem freundlichen +Garten. Der Weg ist trefflich und führt durch kleine Waldungen von +Fruchtbäumen, durch bedeutende Negeris, in welchen die Häuser in Reihen +stehen, aber durch Bäume und grüne Plätze von einander geschieden und +mit lebendigen Hecken eingezäunt sind. Die Aussichten, die man von den +kleinen Höhen genießt, sind über alle Beschreibung herrlich. Man sieht +Ambon, Ceram, Haraku und viele andere Eilande; man sieht das Meer bald +als Bucht, bald als Bay oder Canal und über Saparua hinaus als endlosen +Wasserspiegel. Ich fand viel Aehnlichkeit mit den <em class="gesperrt">Kykladen</em> +in Griechenland. Nur sind die Inselgruppen hier durch ihre üppige +Vegetation ungleich schöner als dort.</p> + +<p>In Saparua traf ich den Gouverneur, Herrn <em class="gesperrt">Vischer</em>, der +auf einem Kriegsschiffe von Ambon hieher gekommen war, weil man +einen Aufstand der Eingebornen befürchtete. Letztere sind in den +entfernteren Kolonieen oft den Eigenmächtigkeiten und Bedrückungen +harter und eigennütziger Beamten ausgesetzt.<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> Auch hier schien dies +der Fall zu sein, und der Gouverneur wollte die Sache persönlich +untersuchen. Ich habe bereits bei der Erwähnung der Hungersnoth in dem +Gebiete von Samarang bemerkt, daß die Beamten, die sich Vergehungen +oder Eigenmächtigkeiten zu Schulden kommen lassen, meistens wenig, +mitunter gar nicht bestraft werden. In den Streitigkeiten mit den +Eingebornen erhält fast immer der Beamte, selten der Eingeborne Recht. +Bei der kleinsten Unachtsamkeit werden die Leute oft angefahren und +ausgescholten, als hätten sie das größte Verbrechen begangen. Ich +selbst sah einst einen Eingebornen an einen Pflock gebunden; er sollte +mit einem Rohre 50 Hiebe auf den nackten Rücken bekommen. Als ich +nach dem Verbrechen des Sträflings frug, wich man mit der Antwort +aus, woraus zu schließen war, daß die Strafe dem Verbrechen nicht +angemessen war. Zuverlässige Männer versicherten mir, daß nicht selten +bis 100 Stockschläge ausgetheilt würden, obwohl die von der Regierung +erlaubte höchste Zahl 30 sei. Die armen Leute erzittern manchmal so, +wenn sie von Beamten oder Officieren gerufen werden, daß ihnen das +Wort im Munde erstirbt. Auch in Brittisch-Indien hatte ich häufig +Gelegenheit, dasselbe zu bemerken. Sollten Beamten und Officiere, +die auf Außenposten angestellt sind, wo ihr Thun und Lassen nicht so +überwacht werden kann,<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> nicht ungleich strenger bestraft werden, wenn +sie ihre Pflichten überschreiten, als der Eingeborne, dem die Gesetze +mit Waffengewalt aufgedrungen wurden? Aber so ist es fast in der ganzen +Welt. Der gemeine, arme Mann, der oft aus Unwissenheit, aus Unkenntniß +der Gesetze fehlt, wird für das geringste Vergehen strenge bestraft; +der Vornehme, der Gebildete findet Nachsicht und Milde. Verdiente +Letzterer, gerade weil er gebildet ist, weil er volles Bewußtsein +seines Vergehens hat, nicht doppelte Strafe?</p> + +<p>Eine für den Reisenden sehr unangenehme Sache, die mich an Neapel, so +wie auch an mein liebes Vaterland Oesterreich erinnerte, ist auf den +Holländischen Besitzungen das ewige Abverlangen des Passes. In Batavia +ließ ich den Paß für die Reise nach den Molukken visiren, in Samarang +mußte dasselbe geschehen, in Surabaya, Ambon ebenso, ja beinahe in +jedem Neste, wo nur ein Beamter residirte. Auf Saparua soll die +Passomanie so weit gehen, daß kein Fischer ohne Paß auf den Fischzug +ausgehen darf. Wahrlich, eine unerhörte Plackerei!</p> + +<p>Schon auf Ambon hatte ich den Gouverneur ersucht, meine Reise nach +<em class="gesperrt">Wahay</em> an der Nordküste Cerams zu unterstützen. Ich wollte zu +Lande durch das Innere dieser Insel gehen, die von den wilden Alforen +bewohnt ist, welche auf Köpfe noch gieriger<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> sind als die Dayaker. +Bisher wagten es nur zwei Europäer diese höchst gefährliche Reise zu +unternehmen, von welchen der eine 150 Mann zum Schutze mitnahm. Ohne +Hilfe der Regierung kann man gar keine Leute als Begleiter finden, +da sich ein Stamm vor dem andern fürchtet. Ich wollte mich dessen +ungeachtet mit vier Leuten begnügen; allein der Gouverneur versicherte +mir, daß ich wenigstens 20 haben müßte, weil unter dieser Zahl niemand +mit mir ginge. Er fügte bei, daß, wenn eine dringende Nachricht zu +Lande nach Wahay zu senden sei (gewöhnlich geschieht dieß zur See), +stets 20 Mann geschickt werden.</p> + +<p>Mit Briefen an einige Regenten, die auf Ceram ungefähr so viel wie +Dorfrichter sind, und den herzlichsten Glückwünschen trat ich am <em class="gesperrt">17. +Januar</em> Nachmittags die Reise zu Fuß an. Ich ging nur bis nach der +Negeri <em class="gesperrt">Noloth</em> auf <em class="gesperrt">Saparua</em> (7 Paal).</p> + +<p>Am folgenden Tag, <em class="gesperrt">18. Januar</em>, fuhr ich in einem Prauh über die +See nach <em class="gesperrt">Makariki</em> auf der Insel Ceram (32 Meilen). Ich kam da so +spät an, daß ich die Nacht in dem Prauh zubrachte.</p> + +<p>Den <em class="gesperrt">19. Januar</em> mußte ich in Makariki bleiben. Der eingeborne +Häuptling hatte die zwanzig Leute zusammen zu suchen, die mich +begleiten sollten. Den Rest des Tages brauchten die Leute, meistens +Alforen und einige Malaien, dazu, sich für die Reise<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> mit Lebensmitteln +zu versehen. Wir nahmen nichts als Sago-Brote, Pisangs und kleine +getrocknete Fischchen mit.</p> + +<p><em class="gesperrt">20. Januar.</em> Morgens begann die beschwerliche und gefahrvolle +Reise. Die Leute in Makariki machten mir von den Wegen eine +schauerliche Beschreibung: sie sagten, daß ich beständig über +Steingerölle, durch Wasser, über sehr schroffe Gebirge zu gehen, die +Nächte in den Wäldern unter freiem Himmel zuzubringen hätte, und +prophezeiten mir, ich würde gewiß bald umkehren.</p> + +<p>Kaum waren wir eine Stunde gegangen, so begegneten wir schon einem +Hinderniß, das für mich wenigstens sehr unangenehm war: der breite, +tiefe und ziemlich reißende Fluß <em class="gesperrt">Ruata</em> mußte durchschwommen +werden. Wie bei Sigumpulang auf Sumatra kam ich mit Hilfe zweier +Eingebornen, die mir die Hand reichten und mich nach sich zogen, +glücklich hindurch. Diesen ersten Tag verließen wir zwar die Ebene +nicht, deßhalb war jedoch der Weg nicht minder schrecklich: er führte +beständig in einem breiten Strombette fort, das jetzt in der trocknen +Jahreszeit nur von einem schmalen, seichten Flüßchen eingenommen war. +Wir hatten fast immer großes Steingerölle zu überklettern und unzählige +Mal den Fluß nicht nur zu durchkreuzen, sondern mitunter lange Strecken +in ihm zu gehen.<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> Gewiß ein Drittheil dieser Tagereise (18 Paal) ging +durch Wasser. Dabei litt ich viel von der Hitze, denn obwohl von +Waldungen umgeben, war das Strombett, in dessen Mitte wir uns halten +mußten, zu breit, als daß der kühlende Schatten bis zu uns hätte +gelangen können. An Aussichten war der Tag arm, da wir stets zwischen +Waldungen und Schluchten wandelten.</p> + +<p>Nachmittags um 4 Uhr machten wir Halt<a id="FNAnker_23" href="#Fussnote_23" class="fnanchor">[23]</a>. Das Nachtlager wurde +im Flußbette aufgeschlagen. Die Alforen errichteten schnell drei +Laubdächer, unter die wir uns vertheilten, und lustige Feuer, an denen +es leider nichts zu kochen gab, loderten bald empor. Der Anblick der +finstern Waldungen, deren schwarze Schatten durch den aufgehenden Mond +noch mehr herausgehoben wurden, war wohl etwas unheimlich; allein es +halten sich auf dieser Insel keine wilden Thiere auf, und vor dem +Ueberfalle eines Alforen-Stammes hatte ich keine Furcht. Ruhig legte +ich mich auf das harte Steinlager und ließ mich von dem Gemurmel des +Flusses bald in schöne Träume wiegen.</p> + +<p><em class="gesperrt">21. Januar</em> (19 Paal). Heute hatten wir die erste Gebirgskette, +<em class="gesperrt">Rothlong-Batai</em>, zu übersteigen;<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> die Höhe des Uebergangs mochte +800 bis 900 Fuß betragen. Obgleich kein Pfad durch die Waldungen +führte, so gehörte der Weg dennoch nicht zu den schlechtesten: das +Untergebüsch war dünn, man konnte sich leicht überall durchwinden, +auch waren die Berge nicht so schroff und steil wie jene von Ambon. +Ich bewunderte sehr die Ortskenntniß der Leute: sie fanden durch +das Labyrinth der Bäume den Weg so sicher, als wären wir auf einer +gebahnten Straße gegangen.</p> + +<p>Auf den Höhen sah man hie und da kleine Gruppen verfallener +Alforen-Hütten, die aus weiter nichts als Laubdächern bestanden, unter +welchen fußhohe Schlafstellen errichtet waren. Die Bewohner hatten da +wahrscheinlich schon allen Sago aufgezehrt und ihre Wohnsitze nach +einer neuen, fruchtbareren Gegend verlegt.</p> + +<p>Nachdem die Gebirgskette überstiegen war, ging es beständig in engen +Klüften, in schmalen, stein- und wasserreichen Flußbetten fort, ja +wie gestern, so häufig im Wasser selbst, daß unsere Füße gar nicht +trocken wurden. Gegen Mittag ruhten wir ein halbes Stündchen aus, um +den magern Imbiß zu verzehren. Das harte Sagobrot mußte erst einige +Minuten im Wasser erweicht werden, um es genießbar zu machen; dazu ein +Paar Pisangs (Bananen), und die Tafel war Mittags,<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> wie Morgens oder +Abends fertig. Mein Hunger zeigte sich jedoch in Folge der gehabten +Anstrengung stets so groß, daß ich die Entbehrung besserer Gerichte +nicht im Geringsten fühlte.</p> + +<p>An Rehen und Wildschweinen muß diese Insel überreich sein; von +ersteren sahen wir viele, von letzteren fast nur die Spuren. Einige +meiner Leute hatten Gewehre mit; es ging aber keines los. Ich sah +bei dieser Gelegenheit, wie die Eingebornen die flüchtigsten Rehe im +schnellsten Laufe so zu erschrecken oder stutzig zu machen wußten, +daß die Thiere eine halbe Minute wie angewurzelt stehen blieben +und das Auge von ihnen nicht abzogen. Die Leute schwenkten nur ein +hochrothes Tuch und spannten es plötzlich auf. Trotz des sichern +Zielpunktes, den die Thiere der Art abgeben, mußten wir uns doch +die Lust auf einen Rehbraten vergehen lassen, da, wie gesagt, die +unglücklichen Gewehre stets versagten. Dagegen fingen meine braven +Alforen ein junges Wildschweinchen und ein Kussu (Baum- oder wilde +Katze). Ersterem liefen sie über Stock und Stein so behende und flink +nach, bis sie es ermüdeten und erhaschten. Letzteres holten sie von +einem gewiß über hundert Fuß hohen Baume herab. Es war ängstlich und +zugleich bewunderungswürdig zu sehen, mit welcher Leichtigkeit sie bis +auf die höchste Spitze des Baumes kletterten. Das Thier<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> selbst war +nicht schwer zu erlegen: bei Tage sieht es nicht und bleibt ganz ruhig +sitzen. Sie gaben ihm einen Schlag auf den Kopf und warfen es zur Erde, +wo es gänzlich getödtet wurde.</p> + +<p>Gestern wie heute begegneten wir keiner Seele. Das Nachtlager wurde +abermals in einem Flußbette aufgeschlagen. Die Feuer brannten jedoch +diesen Abend nicht umsonst. Dem Wildschweinchen wurde zwar vor der Hand +das Leben geschenkt (mit diesem Braten sollte die Ankunft in Wahay +gefeiert werden); aber das Kussu wurde geopfert. Die Leute schlitzten +es auf, nahmen die Eingeweide und Gedärme heraus, wuschen es aus und +legten es über das Feuer, um den Pelz einigermaßen abzubrennen. Sie +legten dann das Eingeweide sammt den ausgewaschenen Gedärmen wieder in +das Thier, steckten es an ein Holz und brieten es. Der Braten wurde +ohne Salz verzehrt, da wir nichts dergleichen mit uns führten. Die +guten Leute brachten mir ein ganzes Schenkelchen; ich nahm ein kleines +Stück, um ihre Gabe nicht zu verschmähen und um das Fleisch zu kosten. +Es hatte einen starken Geruch; nichts desto weniger schmeckte es mir. +Die Malaien essen dieses Thier nicht: sie finden den Geruch zu stark.</p> + +<p><em class="gesperrt">22. Januar</em> (achtzehn Paal). Heute gab es zwei Gebirgsketten zu +übersteigen. Die Höhe der ersteren, <em class="gesperrt">Gorolehuway</em>, mochte 1500, +die der letzteren,<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> <em class="gesperrt">Hurali</em>, 500 Fuß betragen. Die Waldungen auf +Ceram zeichnen sich durch hohe, schlanke, ziemlich umfangreiche Bäume +aus; ich blieb häufig bewundernd stehen, um diese himmelanstrebenden +Giganten zu betrachten. Viele Stämme waren mit Schlingpflanzen und +Orchideen bedeckt; doch Blumen sah ich nicht. Dagegen fiel mir ein +Schwamm auf, wie ich nie zuvor einen gesehen. Er war nicht groß, hatte +die Form eines Fingerhutes und saß auf einem drei Zoll hohen Stängel. +Von der untern Kante hing rund herum ein zwei Finger breites, blendend +weißes Netz, das so durchbrochen war wie das feinste Spitzengewebe. Es +kam mir nie mehr ein zweites Exemplar vor.</p> + +<p>Von der Höhe des Gorolehuway sah man weit in das Land hinein. Der +größte Theil war sehr gebirgig, die Thäler lang, aber schmal; überall +finstere Waldung, keine Spur einer Hütte oder eines Feldes.</p> + +<p>Am schroffsten und gefährlichsten war der Uebergang über den Hurali. +Dieses Gebirge, das letzte, das wir zu übersteigen hatten, fiel an +manchen Stellen so senkrecht in die See, daß man kaum für den Fuß +Raum fand; wäre ich dem Schwindel unterworfen gewesen, so hätte ich +da gewiß meine Grabstätte gefunden. Auf dem Hurali sah ich das erste +Alforische Dorf; es soll das größte auf ganz Ceram sein und enthielt +an dreißig Hütten. Es schien aber wie<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> ausgestorben: man sah und hörte +keine Seele, so daß ich glaubte, es sei verlassen. Meine Begleiter +sagten mir jedoch, daß das Dorf bewohnt und die Leute zu Hause wären; +nur seien sie so scheu und furchtsam, daß sie bei dem geringsten Laute +menschlicher Stimmen oder Fußtritte in die Hütten flöhen und die Thüren +verschlössen. Wir wurden hier von einem starken Regen überfallen und +suchten Schutz unter den Hütten, die auf Pfählen gebaut waren. Wir +klopften auch an manche Thür und riefen nach den Bewohnern. Einige +gaben uns zwar Antwort; aber keiner öffnete seine Thür. Und so war ich +über eine Stunde in einem großen Alforischen Dorfe, ohne eine Seele zu +Gesicht zu bekommen. Ich mußte die Neugierde, die Alforen kennen zu +lernen, auf die Rückreise verschieben, für die ich mir vornahm, mich +von irgend einem Rajah begleiten zu lassen, welcher Einfluß auf die +Leute hätte.</p> + +<p>Als wir den <em class="gesperrt">Hurali</em> im Rücken hatten und an die See kamen, dachte +ich, daß nun alles Böse überstanden wäre; allein dem war nicht so. Die +Berge und Hügel Ceram’s haben die Eigenthümlichkeit, daß sie meistens +ganz schroff und steil gleich Wänden gegen die See abfallen. Wir mußten +noch einen ganzen Paal in der Brandung der See selbst über Felsen, +Riffe und Klippen steigen. Die Wogen schlugen heftig an, man hatte +Mühe, sich zu erhalten, um<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> so mehr, als Klippen und Steine vom Wasser +spiegelglatt geschliffen waren, und auf diese Weise bot uns das Ende +der Reise mehr Schwierigkeiten als der Anfang. Doch auch dieß wurde +glücklich überwunden und ein lieblicher Pfad durch kleine Wiesen führte +den letzten Paal nach der Negeri Passanea.</p> + +<p>Man wird es vielleicht für Großsprecherei halten, wenn ich sage, daß +mich diese Fußreise von einigen fünfzig Paal nicht im geringsten +ermüdete. Ich hatte stets so viel zu sehen, jeder Gegenstand, wenn +auch noch so klein und unbedeutend, interessirte mich so sehr, daß +ich alle Mühseligkeiten vergaß. In solchen Fällen bewunderte ich oft +selbst meine eisenfeste Natur, die mir erlaubte, ähnliche Strapazen +auszuhalten. Ich lebte nur von Sagobrot und Pisangs, schlief auf hartem +Boden und ging täglich achtzehn bis neunzehn Paal, was auf guten Wegen +wohl nichts sagen würde, auf diesen steinigen, schroffen Gebirgspfaden +aber im höchsten Grade beschwerlich war.</p> + +<p>Passanea ist von Malaien bewohnt. Die Malaien lassen sich an +Küstengegenden, die Alforen im Gebirge nieder. In Passanea kehrte ich +bei dem Regenten ein.</p> + +<p>Am folgenden Tage, <em class="gesperrt">23. Januar</em>, fuhr ich in einem winzig kleinen +Prauh nach <em class="gesperrt">Wahay</em> (40 M.).<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> Die See war ruhig, und ohne Unfall +erreichte ich Abends acht Uhr diesen Ort.</p> + +<p>Wahay ist die einzige Niederlassung der Holländer auf Ceram; sie haben +hier ein kleines Fort mit einer Besatzung von 30 Mann.</p> + +<p>Ich blieb in dem Prauh sitzen und sandte den Empfehlungsbrief, den mir +der Gouverneur Vischer für den Kommandanten, Herrn <em class="gesperrt">Kern</em>, gegeben +hatte, an letztgenannten Herrn ab.</p> + +<p>Der gute Mann wollte meinem Führer gar nicht glauben, als ihm dieser +verkündete, daß <em class="gesperrt">eine Frau</em> die Reise nach Wahay über Land gemacht +habe; er versicherte mir später zu wiederholten Malen, daß er eher den +Einsturz des Himmels als ein solches Ereigniß erwartet hätte.</p> + +<p>Ich blieb sechs Tage auf Wahay, während welcher ich meine +Insekten-Sammlung sehr vermehrte; allein von den Alforen bekam ich +immer noch nichts zu sehen: sie wohnten zu weit ab von Wahay. Herr Kern +versprach mir, mich auf meiner Rückreise bis <em class="gesperrt">Saway</em> (nahe bei +Passanea) zu begleiten und von dort aus zwei Alforische Negeris mit mir +zu besuchen.</p> + +<p>Herr Kern, der bereits seit zwei Jahren auf Wahay lebte und manches von +den Sitten und Gebräuchen der Alforen gesehen und gehört hatte, machte +mir davon ungefähr folgende Schilderung, die ich so übereinstimmend<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> +fand mit dem, was ich bei den Dayakern beobachtet hatte, daß ich die +Alforen für Abkömmlinge oder Stammverwandte der Dayaker halten möchte.</p> + +<p>Die Alforen sind Kopfjäger wie die Dayaker; sie schätzen einen +abgehauenen Menschenkopf höher als die kostbarste Beute. Hier muß +wirklich jeder Jüngling seiner Auserwählten als Brautgeschenk einen +Kopf oder wenigstens einen Theil eines Kopfes bringen. Gewöhnlich +ziehen fünf bis sechs Jünglinge gemeinschaftlich auf die Kopfjagd aus, +begnügen sich mit einer solchen Trophäe und theilen sie dann. Die +Hütte, in welcher sie die eroberten Köpfe aufbewahren, heißt Baileo. +Wenn der Baileo zu verfallen beginnt und ein neuer gebaut wird, bleibt +dieser ungedeckt, bis man ihn mit einem neuen Kopfe schmücken kann; +dann erst wird er gedeckt, und die Köpfe werden aus dem alten Baileo +übertragen.</p> + +<p>Der Alfore, welcher einzeln auf die Kopfjagd geht, verbirgt sich +gleich den Dayakern hinter Bäumen oder Gesträuchen, legt sich flach +auf die Erde, bedeckt sich ganz mit Laub und Zweigen, und harrt Tage +lang, ohne Nahrung und Trank, auf seine Beute. Er schleudert nach dem +Unglücklichen aus seinem Verstecke mit nie fehlender Geschicklichkeit +seine Lanze, deren Spitze zwar nur von Bambus, aber scharf wie Eisen +ist. Dann stürzt er von rückwärts über sein<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> Opfer her und haut ihm +den Kopf ab. Den Körper verbirgt er höchst sorgfältig in Klüften und +abgelegenen Orten, um die Entdeckung des Mordes so viel als möglich zu +verhindern.</p> + +<p>Geht ein ganzer Stamm oder die Bewohnerschaft eines Dorfes auf +die Kopfjagd, so suchen sie das feindliche Dorf zu einer Zeit zu +überfallen, wenn die Männer auswärts mit Feldarbeit beschäftigt sind. +Die Alforen schätzen die Köpfe der Weiber, ja der Kinder eben so hoch, +wie die der Männer. Mit der Beute heimkehrend, kündigen sie ihr Glück +schon von fern durch gellende Pfiffe auf einer Muschel an. Die Weiber +und Kinder eilen den Siegern singend und jubelnd entgegen und führen +sie im Triumphe nach dem Baileo. Hier werden die Köpfe den Knaben und +Mädchen, die das zehnte Jahr nicht erreicht haben, überlassen; diese +saugen jeden Blutstropfen begierig aus, was ihnen nach der Eltern +Meinung Muth und Tapferkeit verleiht. Die Köpfe werden dann etwas +geröstet, von dem Fleische gereinigt und in dem Baileo aufgehangen. +Das Fleisch wird nicht gegessen, da die Alforen keine Kannibalen sind. +Die Feste dauern einige Tage; man verzehrt dabei Wildschweine, Rehe +und Kussus. Die Kinnbacken der verzehrten Thiere hängen sie ebenfalls +an den Wänden des Baileo auf. Bei solchen festlichen Gelegenheiten +erhalten die zehnjährigen<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> Kinder ihr erstes Kleidungsstück, die +Knaben eine handbreite Leibbinde von Bast, die Mädchen ein enges, +kaum fußlanges Röckchen. Leibbinde wie Röckchen werden <em class="gesperrt">Tijdaks</em> +genannt.</p> + +<p>Wenn ein Mann einen Kopf erjagt hat, darf er als Auszeichnung +sein blankes hölzernes Schild mit weißen Muscheln, sein Tijdak +mit Zeichnungen verzieren. Man könnte diese Zeichen füglich die +„<em class="gesperrt">Alforischen Militärorden</em>“ nennen, denn sie werden gleich den +Europäischen nur nach glorreichen Thaten verliehen, wenn die Hände des +Siegers Menschenblut vergossen haben.</p> + +<p>Die Religion der Alforen ist mit vielen Göttern und Geistern belebt. +Einige Stämme haben Priester und eine Hütte als Tempel. Beide +dienen jedoch nicht für Gottesdienst, sondern für die Zeremonie des +Tätowirens, die an allen Kindern im zehnten Jahre vorgenommen wird. Die +Kinder werden zu diesem Zwecke mit <em class="gesperrt">Sagower</em> (Palmwein) berauscht, +in diesem Zustande in den Tempel gebracht und auf der Brust oder den +Armen etwas tätowirt. Wenn sie vom Schlafe erwachen, sagt man ihnen, +der gute Geist habe dieß gethan. Die Tätowirungshütte darf nur von dem +Priester und dem Rajah betreten werden. Die Stämme, die sich nicht +tätowiren, haben weder Tempel noch Priester.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span></p> + +<p>Die Alforen können mehrere Weiber nehmen und sich ohne Schwierigkeit +wieder scheiden; gewöhnlich aber begnügen sie sich mit einer Frau. +Scheidungen sollen selten vorkommen. Die Weiber werden gekauft, zwar +nicht mit Geld, denn sie haben gar keines und trachten auch nicht +darnach, aber mit Reis und Tabak.</p> + +<p>Sie tödten zuweilen die schwer Erkrankten, von welchen sie keine +Genesung mehr hoffen, spannen dabei die Unglücklichen gleichsam in den +Bock, indem sie ihnen die Arme durch die Knie ziehen, und lassen sie in +dieser Stellung, bis die Seele vom Körper geschieden ist. Die Todten +tragen sie entweder auf die höchsten Spitzen der Berge, am liebsten auf +hohe, steile Felsen, oder sie verbrennen sie.</p> + +<p>Ihre Gesetzgebung soll ziemlich weise und gut sein. Die verschiedenen +Stämme bilden eine Art Konföderation, haben einen König für die ganze +Insel und Rajah’s für jedes Dorf. Sie erweisen ihren Vorgesetzten viele +Ehrfurcht; dennoch sollen diese nur wenig Einfluß auf das Volk haben. +Im Ganzen schildert man die Alforen als ehrlich, gut, verträglich +und als gut gesittet. Sie sind die einzigen, die auf Ceram einige +Bodenkultur betreiben: sie pflanzen etwas Reis, Tabak, Ubi und Mais, +welche Artikel sie an die trägen Malaien, die beinahe nichts bauen, +gegen Kokosnüsse, Pisangs, bunte Tücher und Glasperlen vertauschen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span></p> + +<p>Während meiner Anwesenheit zu Wahay kam die Nachricht an den +Kommandanten, daß Alforen in eines ihrer stammverwandten Dörfer +eingefallen und fünf Köpfe erobert hätten. Die Holländische Regierung +nimmt keine Notiz, wenn sich die Alforen unter einander köpfen, und +selbst sehr wenig, wenn sie über die Malaien herfallen. Sie hat auf +dieser Insel zu wenig Macht, um mit einigem Ernste auftreten zu +können. Auch mit zahlreicheren Truppen, als ihr zu Gebote stehen, +würde es schwer sein, diese Bergvölker zum Gehorsam zu bringen. +Bei der geringsten Verfolgung ziehen sie sich auf die höchsten, +unzugänglichsten Berge zurück und finden dabei überall Nahrung, da +die Sagopalme allenthalben in solchem Uebermaße gedeiht, daß ungleich +mehr verdirbt, als aufgezehrt wird. Auch an Wild fehlt es nicht auf +dieser Insel, wo es keine reißenden Thiere gibt, die dessen Vermehrung +verhindern.</p> + +<p>Kurze Zeit, bevor ich nach Wahay gekommen war, wurden drei Malaien von +Alforen getödtet. Man zog zwar zwei Rajahs von dem Stamme ein, welche +der Morde beschuldiget wurden; allein die Leute gestanden nichts, und +am Ende mußte man sich begnügen, sie nach ihren Gesetzen zu bestrafen. +Diese verurtheilen den schuldigen Stamm, den Verwandten der Gemordeten +zur Sühnung einige irdene Töpfe und Schüsseln, etwas Tabak und Reis zu +geben.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span></p> + +<p>Die Holländische Regierung zieht von Ceram nicht den geringsten Nutzen. +Es werden keine Gewürze gebaut, keine Abgaben bezahlt. Das Fort zu +Wahay dient bloß dazu, festen Fuß auf der Insel zu haben, und sie +derart als Holländisches Besitzthum erklären zu können.</p> + +<p>Am <em class="gesperrt">30. Januar</em> verließ ich Wahay, begleitet von Herrn Kern. Wir +waren kaum einige Stunden zur See, als sich ein so stürmischer Wind +erhob, daß wir das Land suchen mußten. Dieß war eine sehr schwierige +Aufgabe, obwohl wir längs der Küste in der Entfernung von kaum einer +Viertelmeile fuhren; überall gab es Riffe, hohe Felswände, steil +abfallende Berge. Mit vieler Mühe und Gefahr gelangten wir endlich +in eine kleine Bucht, wo wir den ganzen Tag und die halbe Nacht +zubrachten. Den folgenden Morgen fuhren wir nach <em class="gesperrt">Saway</em>, das +wir sehr früh erreichten. Wir besuchten von hier aus zwei Alforische +Dörfer, <em class="gesperrt">Massitulan</em> und <em class="gesperrt">Opin</em>, die auf niederen, aber +beinahe senkrecht aufsteigenden Hügeln nahe bei Saway liegen.</p> + +<p>Die Hütten der Alforen sind klein und wie jene der Malaien auf Pfählen +gebaut; die Wände bestehen aus den Rippen der Sagoblätter, die Dächer +aus den Sagoblättern. Im Innern sieht man nichts als einige Matten, +einige Töpfe und Teller, einen Parang, Bogen<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> und Pfeile, eine Lanze +und einen hölzernen Schild (vier Fuß lang und sechs bis acht Zoll +breit).</p> + +<p>Die Alforen sind minder häßlich als die Malaien; ich fand mitunter +recht wohlgeformte Gesichtsbildungen. Der Körper ist schlank und +ebenmäßig; unter den Mädchen gibt es höchst zierliche Gestalten. Ihre +Hautfarbe ist sehr lichtbraun; sie haben schöne schwarze Augen, weiße +Zähne und dichtes schwarzes Haar, das nicht geschnitten wird. Die +Männer wickeln die Haare vorne zusammen in Form einer Scheibe, die sie +durch hinein gestecktes Reisstroh vergrößern. Um den Kopf winden sie +ein Tuch so geschickt und zierlich, daß die Haarscheibe gleich einer +Kokarde frei in der Höhe steht. Ein Mann, der zwei Köpfe erobert hat, +darf auch das Kopftuch mit weißen Muscheln verzieren. Doch tragen nicht +alle das Kopftuch oder die Haarscheibe; viele lassen das Haar frei +flattern, was ihnen ein etwas wildes Aussehen verleiht. Das dichte, +lange, etwas struppige Haar fällt über das Gesicht und fliegt bei jeder +Bewegung umher. So reich ihr Kopfhaar ist, so arm ist der Bart. Es +scheint nicht, daß sie wie die Malaien das Barthaar ausraufen; ich sah +im Gegentheile einige unter ihnen, die ein Schnurrbärtchen hatten und +sich viel darauf einzubilden schienen. Die Weiber haben das Haar hinten +in einen Knoten gedreht und aufgesteckt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span></p> + +<p>Beide Geschlechter gehen beinahe im Naturzustande; nur die Mädchen +kleiden sich in das fußlange, enge Röckchen. Die Männer tragen einen +handbreiten Gürtel von Bast, die Weiber legen, wenn sie heirathen, den +Tijdak ab und gehen beinahe ohne alle Bedeckung.</p> + +<p>In diesen beiden Alforischen Dörfern gab es noch wenig eroberte Köpfe. +In dem einen stand ein neugebauter Baileo, der einstweilen ungedeckt +war und des zu liefernden Kopfes harrte. Der Rajah des Dorfes Opin +ist der Holländischen Regierung sehr ergeben. Er gestattet seinen +Leuten nicht, ihre Opfer unter den Malaien zu suchen, ja er wünscht +sogar, wie er sagt, das Kopfjagen ganz aufhören zu machen; doch +wurde bisher seinen Vorstellungen kein Gehör gegeben. Er erhielt +von dem Kommandanten für seine Anhänglichkeit an die Regierung +einige alte Europäische Kleidungsstücke und andere Kleinigkeiten zum +Geschenke. Da er von unserm Kommen unterrichtet war, hatte er alle +diese Kostbarkeiten an seinen Körper gehangen. Man konnte nichts +Lächerlicheres sehen. Ein altes Beinkleid reichte ihm bis an die +Knöchel; in die Weste hätte er sich zweimal wickeln können, eben +so in den Rock, an welchem die ursprüngliche Farbe kaum mehr zu +erkennen war. Auf letzteren hatte er mehrere bunte Schnüre, sowie ein +Stückchen Goldtresse als Orden<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> geheftet. An der Seite trug er einen +alten Stoßdegen, auf dem Kopfe eine kleine, spitze Mütze mit weißen +Hahnenfedern. In diesem großen Putze erscheint er nur, wenn er mit +dem Kommandanten in Berührung kommt; sonst geht er nackt wie sein +Volk. Auch die Mädchen und Frauen, deren sich nur wenige auf vieles +Zureden des Rajah zeigten, erschienen, weil der Besuch des Kommandanten +angekündiget war, in Tücher und Kleidungsstücke eingehüllt. Ich sah sie +erst später auf Hurali, wo der Kommandant nicht bei mir war, in ihrem +Naturzustande.</p> + +<p>Nachmittags fuhren wir nach <em class="gesperrt">Passaneo</em>.</p> + +<p><em class="gesperrt">1. Februar.</em> Zu Passaneo trennten wir uns: der Kommandant fuhr +zur See nach Wahay, ich trat die Fußreise nach <em class="gesperrt">Makariki</em> an. Vor +dem Abschiede ersuchte ich noch den Kommandanten, mir den Regenten von +Passaneo bis Hurali mit zu senden, damit er die Alforen bewege, ihre +Hütten zu öffnen und mir Gelegenheit zu geben, dieses wilde und scheue +Volk einigermaßen zu sehen.</p> + +<p>Ich kam in Passaneo wieder mit meinen Alforischen Begleitern zusammen, +die daselbst auf mich gewartet hatten. Nun erst, da ich den Werth der +Muscheln und Zeichnungen verstand, sah ich, welche tüchtige Kopfjäger +es unter ihnen gab; ich zählte sechs, deren<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> Schilde (Tijdokos) und +Kopftücher mit vielen weißen Muscheln und Zeichnungen prangten.</p> + +<p>Als wir zu Hurali ankamen, war richtig wieder keine Seele zu sehen; der +Regent mußte beinahe mit Gewalt die Leute aus ihren Hütten treiben. Ich +stieg in mehrere Behausungen und hoffte mehr Wohlhabenheit zu finden, +als in Massitulan und Opin, indem Hurali, wie gesagt, das bedeutendste +Alforische Dorf ist; allein die Einfachheit oder Armuth war hier wie +dort dieselbe. Die Kinder flohen vor mir, schrieen und heulten, als +kostete es ihr Leben. Auch die erwachsenen Mädchen reichten mir nur auf +wiederholte Zusprache des Regenten die Hand zum Gruße. Das Mißtrauen, +die Scheu dieser Leute rühren von ihrer Angst her: sie leben in steter +Besorgniß feindlicher Ueberfälle.</p> + +<p>Man führte mich in den Baileo, der an Größe gegen die ihn umgebenden +Hütten einem wahren Palaste glich: seine Länge mochte sechzig, seine +Breite vierzig Fuß betragen. Mit Schauder zählte ich hier in einer +langen Reihe 156 Schädel, die seit vielen Jahren zusammen gebracht +wurden. An den Wänden hingen zahllose Kinnbacken der Wildschweine, +Rehe u. s. w. die bei den stattgehabten Festlichkeiten verzehrt worden +waren. Der Saal enthielt nichts weiter als die Köpfe,<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> die Kinnbacken +und die Feuerstelle, an welcher die Köpfe geröstet werden.</p> + +<p>In der Hütte des Rajahs hingen ebenfalls noch ein Dutzend +Menschenschädel.</p> + +<p>Ich wünschte sehr den Festtanz zu sehen, den die Alforen um die +eroberten Köpfe aufführen. Die Jünglinge waren auch dazu gleich bereit, +und fanden sich alsbald mit den Instrumenten ein, die aus Muscheln und +einer Trommel bestanden. Sie begannen schon auf die Trommel zu schlagen +und den Muscheln gellende Töne zu entlocken; allein die älteren Leute, +besonders der Rajah, gaben ihre Einwilligung zu dem Tanze nicht: sie +meinten, daß, wenn dieser Tanz aus Scherz aufgeführt würde, einer von +ihnen bald als Opfer fallen müsse. Ich sah daraus, daß die Alforen, wie +alle rohen und unwissenden Völker, sehr abergläubisch sind.</p> + +<p>Als Entschädigung zeigte mir der Rajah persönlich den Angriff eines +Feindes. Er bewaffnete sich mit Schild, Parang und Lanze; Schild und +Parang hielt er in der linken, die Lanze in der rechten Hand. Er +verbarg sich hinter einem Baum, spähte mit großer Vorsicht nach allen +Seiten, warf sich zu Boden, bedeckte sich mit Blättern und Zweigen und +legte das Ohr an die Erde. Nach kurzer Zeit richtete er sich etwas auf, +als gewahre er sein Opfer, zog sich für<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> einen Augenblick noch mehr +zurück, warf plötzlich seine Lanze, stürzte hervor und führte mit dem +Parang einen kräftigen Streich durch die Luft. Dann bückte er sich und +raffte einen Stein auf, den er mir als eroberten Kopf überreichte.</p> + +<p>Ich bat den Rajah hierauf, mir die berühmtesten Kopfjäger seines +Stammes vorzustellen. Er wies auf einige Männer, die um mich herum +saßen und sagte mir, dieser habe zwei, jener drei, er selbst erst einen +Kopf erbeutet. Es gibt keine Worte, mein Erstaunen zu schildern, als +ich dieß hörte und dabei die gutmüthigen, sanften Gesichter dieser +Menschen betrachtete. Die gerühmten Helden lächelten bei der Erwähnung +ihrer Traten so wohlgefällig und bescheiden, als wäre von den edelsten +Handlungen die Rede gewesen. Freilich ist in ihren Augen das Erjagen +eines Kopfes dieselbe Heldenthat, wie in den Augen eines Europäischen +Generals eine gewonnene Schlacht, in den Augen eines Soldaten das +Niedermetzeln seiner Gegner. Im Grunde ist die Sache auch hier wie dort +dieselbe.</p> + +<p>Mit Herzlichkeit nahm ich Abschied von diesen sonst so harmlosen +Menschen und setzte die Reise fort. Wir hatten uns heute kaum zur Ruhe +gelagert, als wir von dem Wache stehenden Manne erweckt wurden, der +nach dem Walde wies. Dort sahen wir zu<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span> unserm Schrecken ein Licht +schimmern. Meine Leute sprangen auf und griffen zu den Waffen. Bald +erschienen ein halbes Dutzend Alforen mit brennenden Holzspänen und +erzählten uns, daß sie unfern unseres Lagers viele Alforen gesehen +hätten, die vermuthlich auf das Fällen der Sagobäume ausgegangen wären. +Sie empfahlen uns Vorsicht und gingen ihres Weges. Mein Führer, den +man mir in <em class="gesperrt">Saparua</em> mitgegeben hatte, und der der braveste und +beste Malaie war, der mir je vorgekommen, ließ unsere noch glimmenden +Feuer sogleich gänzlich auslöschen, beorderte an jede meiner Seiten +drei Mann als Wache, und auch die übrigen mußten sich ganz in meine +Nähe legen. Wir waren aber von der beschwerlichen Tagereise (wir hatten +die beiden Gebirgsketten überstiegen) alle so ermüdet, daß wir trotz +der Gefahr bald wieder zu schlafen begannen, wie ich glaube, die Wache +nicht ausgenommen.</p> + +<p>Die Rückreise betrieb mein Führer mit solcher Eile, ich weiß nicht, ob +aus Furcht oder aus einem anderen Grunde, daß wir am dritten Tage schon +um 11 Uhr Vormittags in <em class="gesperrt">Makariki</em> waren. Die letzten sechs bis +acht Paal machten wir auf einem anderen Wege, der durch ganze Waldungen +von Sago-Palmen führte.</p> + +<p>Ich ruhte in Makariki einen Tag aus, den folgenden<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> kehrte ich nach +<em class="gesperrt">Noloth</em> auf <em class="gesperrt">Saparua</em> zurück und am</p> + +<p>6. <em class="gesperrt">Februar</em> traf ich in der Negeri Saparua selbst ein, wo ich den +Gouverneur noch fand, der mich mit freudigem Erstaunen empfing. Seine +erste Frage war: „Sind Sie denn wirklich in <em class="gesperrt">Wahay</em> gewesen?“ — +„Hier ist meine Bestätigung“, erwiderte ich lächelnd und reichte ihm +einen Brief des dortigen Kommandanten.</p> + +<p>Zu Saparua war diesen Abend große Tafel. Der Gouverneur verließ am +folgenden Morgen die Insel und hatte zum Abschiede alle Regenten und +Schullehrer eingeladen. Diese Leute, sämmtlich Eingeborne, erschienen +in schwarzer, Europäischer Kleidung, drei unter ihnen in militärischer +Uniform: letztere waren Offiziere der Bürgermiliz. Ich bewunderte ihre +Haltung in den ihnen fremden, steifen Anzügen, so wie ihren Anstand +und ihr Benehmen bei der Tafel. Sie handhabten das Eßbesteck mit einer +Geschicklichkeit, als wären sie von Jugend auf daran gewöhnt gewesen. +Die Malaische Gesichtsform, die bräunliche Hautfarbe allein verrieth +sie; sonst hätte man meinen können, sich in Europäischer Gesellschaft +zu befinden.</p> + +<p>Am folgenden Morgen war schon sehr frühzeitig vieles Volk vor dem +Hause versammelt, das dem Gouverneur durch allerlei Tänze seinen Dank +für dessen<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> Besuch der Insel bezeugen wollte. Da gab es Tänzer und +Tänzerinnen in Menge. Letztere waren voll Flitterwerk; man sah, daß +sie alles auf sich gehangen hatten, was sie zusammen bringen konnten. +Auf dem Kopfe trugen sie Kronen von Messingblech mit Fransen oder +Blumen verziert, bunte Lappen prangten als Schürzen und Schärpen. Sie +führten den schläfrigen, einförmigen Malaischen Tanz auf, dessen Ende +nie zu erleben ist. Die Tänzer sahen wo möglich noch komischer aus. +Sie trugen messingene Pickelhauben mit himmelhohen Hahnenfedern, bunte +Schärpen, kleine, runde, hölzerne Schilde, mit weißen Papierschnitzeln +beklebt und hölzerne Parangs, mit Blumen geschmückt. Der Tanz, den sie +aufführten, war etwas lebhafter und abwechselnder als jener der Mädchen.</p> + +<p>Die Besetzung des Forts (50 Mann) war ebenfalls aufgestellt, die +Regenten und Schullehrer umgaben den Gouverneur, und der ganze Zug +begleitete ihn unter Tanz und Musik bis an das Seegestade. Der +Gouverneur bereiste von hier noch einige andere Inseln.</p> + +<p>Auch ich verließ Saparua noch denselben Abend, und am folgenden Tage +begrüßte ich zu Ambon wieder die liebenswürdige Familie Roskolt.</p> + +<p>Ich hatte nun schon viel Gelegenheit gehabt, das Volk auf den Molukken +zu sehen. Ich fand die Malaien,<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> aus welchen der größte Theil der +Bevölkerung bestand, hier minder häßlich als auf Java, Borneo und +Sumatra. Die Hautfarbe ist lichtbraun, der Körper wohlgeformt, wie +man ihn häufig bei Völkern findet, die ihn nicht in unnatürliche +Kleidertrachten zwingen. Sie verderben die Zähne nicht durch Feilen und +Schwärzen und kauen weniger Siri; die Weiber sah ich nirgends Tabak +rauchen. Die Hauptfarbe ihres Anzuges ist dunkelblau oder schwarz.</p> + +<p>Ich hatte gehört und auch gelesen, daß die Christen unter den +Eingebornen aus Ambon höchst lächerlich gekleidet seien und nichts +lieber trügen als Europäische Kleider, besonders die Männer den +Europäischen runden Hut. Ich fand dieß aber nicht so auffallend. Die +Weiber zeichnen sich vor den übrigen Malaiinnen höchstens durch längere +Kabays aus; die Männer tragen mitunter Beinkleider, aber höchst selten +eine Kappe, einen Stroh- oder Filzhut; gewöhnlich gehen sie ohne +Kopfbedeckung. — Aber so ist der Reisende: in allen Ländern will er +Sonderbarkeiten finden. Es würde mich nicht wundern, wenn Jemand ein +unbekanntes Land durchreist, und unter Tausenden von Eingebornen zwei +bis drei mit Klumpfüßen gefunden hätte, ihn sogleich die Behauptung +aufstellen zu hören, daß in diesem Lande die Leute alle an Klumpfüßen +litten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span></p> + +<p>Auf den Molukken sieht man bei den Eingebornen wenig Geflügel, sehr +selten Schweine und kein Hornvieh<a id="FNAnker_24" href="#Fussnote_24" class="fnanchor">[24]</a>; sie begnügen sich mit Sago, +rothem Pfeffer, Fischen und einigen Früchten.</p> + +<p>Vor kurzem wurde auf Ambon eine Sagofabrik errichtet, in welcher das +schönste weiße Sagomehl, so wie der Perlsago producirt wird. Diese +Fabrik kann jedoch nicht so billig arbeiten, wie jene aus Singapore, +obwohl der Sago hier heimisch ist, und dort eingeführt werden muß. Auf +Singapore gibt es nämlich der arbeitsamen Chinesen genug, die sich mit +einem geringen Lohne begnügen, während hier der träge Malaie nur durch +Ueberzahlung zur Arbeit bewogen werden kann.</p> + +<p>Am <em class="gesperrt">3. März</em> verließ ich Ambon, und zwar abermals auf dem Dampfer +Ambon, Kapitän Bergner. Ich ging über <em class="gesperrt">Ternate</em>, das noch zu den +Molukken gehört, nach <em class="gesperrt">Kema</em> auf Celebes. Die Fahrt nach Ternate +(260 Meil.) machten wir in 54 Stunden. Wir kamen an vielen Inseln und +Eiländchen vorüber; auf manchen sah ich ganz schroffe, vollkommen +kegelförmige Berge, die mitunter gerade aus der See emporstiegen. Viele +standen frei ohne alle Verbindung, sie erinnerten mich an jene um +Sarawak.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span></p> + +<p>Die Einfahrt von Ternate ist sehr pittoresk. Die Bay erscheint von +mehreren über 5000 Fuß hohen Bergen umkränzt, darunter <em class="gesperrt">Tidore</em>, +<em class="gesperrt">Ternate</em>, letzterer ein Vulkan, der häufig raucht. An seinem Fuße +liegt das Städtchen Ternate.</p> + +<p>Die Holländer haben hier ein Fort und einen Residenten; doch ist diese +Insel gleich <em class="gesperrt">Ceram</em> für die Holländische Regierung nur ein +Lastposten, den sie aus politischen Rücksichten beibehält.</p> + +<p>Es residirt hier ein Sultan, welchem sie bisher sein ganzes Land +gelassen hat, und dem sie überdieß noch eine jährliche Pension von +10,800 Rupien gibt.</p> + +<p>Wir blieben auf Ternate ein und einen halben Tag, die ich höchst +angenehm in dem Hause des Residenten, Herrn <em class="gesperrt">Goldmann</em>, zubrachte.</p> + +<p>Abends machten wir dem Sultan von Ternate einen Besuch. Er sandte, um +uns abzuholen, einen bequemen Europäischen Wagen, den er einst von dem +König von Holland zum Geschenke erhalten hatte. Da es aber auf der +Insel Ternate keine Pferde gibt, woran man in Holland nicht gedacht +hatte, mußten, wenn man den Wagen gebrauchen wollte, an die Stelle +der Pferde Menschen gespannt werden. Zu meinem Erstaunen sah ich auch +wirklich das Fuhrwerk vor das Haus rollen, von mehr als zwanzig Dienern +oder Unterthanen des Sultans gezogen und geschoben. Wir<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> saßen ein +und fuhren so rasch, daß uns der Abgang der vierbeinigen Laufer kaum +bemerkbar wurde.</p> + +<p>Das Haus des Sultans war von Stein in Europäischem Style ausgeführt, +der Sultan Europäisch gekleidet, mit Ausnahme des Turbans auf seinem +Kopfe. Er empfing uns unten an der Treppe, bot mir den Arm und +geleitete mich mit vielem Anstande in den Empfangssaal; hier mußte +ich mich von ihm trennen, da ich als Frau nicht an seiner Seite Platz +nehmen durfte. Es empfingen mich seine Töchter (die Sultanin ließ sich +krank melden), und führten mich an das eine Ende des Saales. Die Herren +saßen uns gegenüber an dem anderen Ende. Nachdem Thee und Backwerk +gereicht worden war, führte man uns zu Ehren zwei Tänze auf, den Menaré +und den Tjakalele.</p> + +<p>Der Menaré wurde von zwölf hübsch gekleideten Mädchen getanzt. Sie +hatten hochrote seidene Blousen an, um den Hals einen sehr breiten +weißen Kragen, nebstdem noch rothe und grüne Schürzen und Schärpen. Um +die Taille trugen sie einen breiten Goldblech-Gürtel, vom Halse bis an +die Brust ein Goldblech, und von demselben Metalle Armbänder, auf dem +Kopfe einen schmalen Reif mit vielen Spitzen und Zacken. Nach hinten +hing noch ein Goldblech über die Haare, die mit Blumen geschmückt +waren; in dem<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> Gürtel hatten sie Fächer stecken. Der Tanz war für +Malaiinnen ziemlich bewegt. Sie machten Figuren wie bei der Quadrille +und bedienten sich hiezu sogar ihrer Schärpen und Fächer. Alles +geschah jedoch mit gesenkten Augen ohne Grazie, und unter Begleitung +kreischender Gesänge. Die Musik bestand aus zwei Tamburinen und einer +Pfeife, die Musiker waren Weiber.</p> + +<p>Der <em class="gesperrt">Tjakalele</em> rührt noch, mit einigen Abänderungen, aus den +Zeiten der Portugiesen her. Dieser Tanz, von einem Vortänzer und zehn +Tänzern ausgeführt, ist so hübsch, daß man ihn einem civilisirten +Ballettanze vergleichen könnte. Der Anzug der Tänzer bestand aus +orangegelben Beinkleidern und Kaftanen, letztere auf vier Seiten +aufgeschlitzt, aus bunten Binden und Schärpen und dreieckigen +Filzhüten mit weißen Federbüschen. Jeder Tänzer hielt ein hölzernes +Schwert in der Hand und hatte an jedem Arme ein buntes seidenes Tuch +befestigt. Der Vortänzer trug statt eines orangegelben Kaftans einen +hochrothen, statt einer Schärpe zwei, auf dem Hute zwei Federbüsche +und an jedem Arme zwei Tücher. Die Tänzer machten sehr künstliche, +verwickelte Figuren und Gruppen; sie stampften zeitweise mit den Füßen +auf den Boden und schlugen mit den Schwertern wie bei einem Gefechte +aneinander. Auch begleiteten sie den Tanz mit kurzen Gesängen, die +etwas weniges besser<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> klangen als jene der Mädchen. Zum Schluß bildeten +sie mit den Schwertern eine Art Tragbahre, auf welche der Vortänzer +sprang, und trugen diesen im Triumphe von der Scene. Die Musik bestand +aus zwei Violinen und einer Pfeife und wurde von Männern gespielt.</p> + +<p>Die Unterwürfigkeit ist an diesem Hofe nicht so groß wie zu Surakarta. +Die Leute fingen erst an, auf den Knien zu rutschen, wenn sie dem +Sultan schon ganz nahe waren. Den Sultan fand ich nicht von Weibern, +sondern von Männern umgeben, die hinter ihm aufrecht standen.</p> + +<p>Beim Abschiede begleiteten mich die Töchter des Sultans bis an den +Ausgang des Saales; hier bot mir der Sultan wieder den Arm und +geleitete mich bis an den Wagen.</p> + +<p>Ich sah mit Erstaunen die Straßen beleuchtet, obwohl ich im Hinfahren +den Luxus von Laternen nicht bemerkt hatte. Als wir bei dem ersten +Lichte vorüber fuhren, löste sich das Räthsel — die Laternen waren +gleich den Pferden von Menschen vertreten, die an beiden Seiten der +Straße mit Fackeln standen.</p> + +<p>Die Eingeborenen von Ternate leben noch viel von Sago; doch wird +auch Reis und Mais gebaut. Das Land ist fruchtbar, aber noch wenig +kultivirt. Daß an dergleichen Orten die Lebensmittel, an welche wir +Europäer gewöhnt sind, übertrieben viel kosten,<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> versteht sich von +selbst, da wenig oder nichts gepflanzt wird und sich selten jemand +mit Aufziehung von Geflügel, Schweinen oder Hornvieh beschäftigt. So +bezahlt man hier z. B. für ein Pfund Rindfleisch sechzig Deut, für eine +Flasche Milch vierzig. Der Lohn der Dienerschaft ist ebenfalls sehr +hoch; man muß die Leute meistens von Java kommen lassen.</p> + +<p>Am <em class="gesperrt">7. März</em> Abends verließen wir Ternate und am folgenden Morgen +lagen wir vor <em class="gesperrt">Kema</em> (94 Meilen) auf Celebes.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_19" href="#FNAnker_19" class="label">[19]</a> Als ich später nach Java zurückkam, las ich in den +Zeitungen, daß in Folge dieses Erdbebens die Hälfte der Molukken +zerstört worden sei. Welche Uebertreibung!</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_20" href="#FNAnker_20" class="label">[20]</a> Der Nanarinen-Baum gehört zum Geschlecht der +Kanarien-Bäume; er trägt eine sehr fette Mandel, aus welcher Oel +gepreßt wird, das viel feiner als Kokos-Oel ist und auch zum Kochen +verwendet wird.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_21" href="#FNAnker_21" class="label">[21]</a> Bei dieser Gelegenheit muß ich bemerken, daß unter +diesem Gouverneur-General auch die Abgaben aufgehoben wurden, welche +die Kleinverkäufer auf allen Holländisch-Indischen Besitzungen von +den Lebensmitteln bezahlen mußten, die sie zu Markte brachten. Dieses +Gesetz war um so drückender, als der Bazarpacht meistens in den Händen +der Chinesen war, die unglaublich geldgierig und hartherzig sind und +das Volk schrecklich quälten, ja nicht selten betrogen.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_22" href="#FNAnker_22" class="label">[22]</a> Jede Pflanzung, jeder Garten wird auf Ambon „Duson“ +genannt.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_23" href="#FNAnker_23" class="label">[23]</a> In Gegenden, die nahe am Aequator liegen, muß man +frühzeitig Halt machen, da die Sonne um 6 Uhr untergeht und die +Dunkelheit plötzlich ohne vorhergehende Dämmerung eintritt.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_24" href="#FNAnker_24" class="label">[24]</a> Es giebt Hornvieh; dasselbe wird aber nur von den +Holländern gehalten.</p> + +</div> + +</div> + +<figure class="figcenter illowe6" id="p193_ende"> + <img class="w100 padtop1" src="images/p193_ende.jpg" alt="" data-role="presentation"> +</figure> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Elftes_Kapitel">Elftes Kapitel.</h2> + +</div> + +<p class="s5 hang2 mbot2">Celebes. — Menado. — Reise nach den Oberlanden. — Die +Holländischen Missionäre. — Makassar. — Reise in das Innere von +Celebes. — Maros. — Eine Regentenwahl. — Tanette. — Baru. — Fest +der Zahnfeilung. — Pare-pare. — Der gelehrte Malaische König.</p> + +<p><img class="illowe1_2 mbot-0_3" src="images/p194_init.jpg" alt="C">elebes ist eine große Insel, die sich ungefähr von dem zweiten +Breitengrade, nördlich des Aequators, bis zu dem sechsten Grade südlich +von demselben erstreckt und durch tiefe Einschnitte des Meeres in vier +Halbinseln getheilt wird.</p> + +<p>Kema liegt auf der nordöstlichen Spitze in der Residentschaft +<em class="gesperrt">Menehassa</em>. Der Sitz des Residenten ist zu <em class="gesperrt">Menado</em> (zwanzig +Paal). In dem Ostmonsun gehen die Schiffe vor Menado, in dem Westmonsun +vor Kema vor Anker<a id="FNAnker_25" href="#Fussnote_25" class="fnanchor">[25]</a>.</p> + +<p>Kema ist ein ganz unbedeutendes Oertchen; ich fand hier nur einen +Beamten und einen Missionär,<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> den ersten, welchem ich in den +Holländischen Besitzungen begegnete. Der Missionär, Herr <em class="gesperrt">Hardig</em>, +ein Deutscher, lud mich sogleich in sein Haus ein. Ich blieb daselbst +zwei Tage und ritt dann ganz allein nach Menado. Der Weg führt durch +schöne, breite Thäler, die mit Reis, Kaffee und Mais bepflanzt +sind. Hübsche Berge erheben sich auf beiden Seiten, unter welchen +der <em class="gesperrt">Klabat</em>, die beiden Brüder an 5000 Fuß hoch sind. Obwohl +auch hier die Sagopalme noch wild gedeiht, arbeiten die Leute doch +bei weitem mehr als auf den Molukken. Sie nähren sich hauptsächlich +von Reis und Mais. Mit dem Kaffeebaue haben sie mehr zu thun, als +irgendwo: jedes Familienhaupt muß 500 Bäume pflanzen und erhalten. +Sie erhalten zwar für den Pikul Kaffee zehn Kupfergulden, müssen aber +davon an die Regenten und Aufseher 1 Gulden 25 Deut abgeben. Jeder +Eingeborne muß außerdem für seine Hütte der Regierung jährlich sechs, +dem Regenten zwei Gulden bezahlen und an den Weg-, Brücken- und andern +Bauten unentgeldlich arbeiten. Es scheint, daß die Leute hier von der +Holländischen Regierung etwas stiefmütterlich behandelt werden.</p> + +<p>Für Menado hatte ich eine Einladung vom Residenten Herrn +<em class="gesperrt">Andriesen</em>.</p> + +<p>Da ich von Menehassa, das seiner schönen Natur wegen sehr gerühmt +wird, etwas sehen wollte, unternahm<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> ich eine kleine Reise nach den +Oberlanden (2300 Fuß hoch gelegen) und dem See <em class="gesperrt">Tondano</em>.</p> + +<p>Am <em class="gesperrt">14. März</em> ritt ich in Gesellschaft des Missionärs, Herrn +<em class="gesperrt">Schwarz</em> (eines Deutschen), über <em class="gesperrt">Lotho</em>, <em class="gesperrt">Tomohan</em> +und <em class="gesperrt">Lahendon</em> nach <em class="gesperrt">Sonder</em> (23 Paal). Bei Lotho fängt die +Steigung des Weges an; man hat einige wunderbar schöne Aussichten +über Land und Meer. Der schönste Punkt aber ist auf der Höhe von +Lahendon. Zu Füßen liegt ein großes, fruchtbares Thal, von schönen +Bergen umsäumt, darunter der <em class="gesperrt">Saputan</em> oder <em class="gesperrt">Frauenberg</em>, der +<em class="gesperrt">Lokon</em> mit 5000 Fuß Höhe. Bepflanzte Hügel, Waldungen, Boskette +mit reichen Mais- und Reisfeldern, große, nette Dörfer erscheinen +überall dazwischen, und das freundliche Lahendoner-Seelein schimmert +gleich einem Diamanten aus der grünen Einfassung.</p> + +<p>Zu Tomohan blieben wir bei dem Missionär Herrn <em class="gesperrt">Wilken</em>, +ebenfalls einem Deutschen, über Mittag. Nach Tische machten wir den +kurzen Umweg von einer Meile, um an den kleinen See zu kommen, der +ungefähr einen Paal im Durchmesser haben mag. Jenseits des Sees liegen +einige Schlammquellen. Ich ließ mich in einem ausgehöhlten Baumstamme +übersetzen; allein es war nichts als vertrockneter Schlamm zu sehen; +nicht das geringste Dampfwölkchen verkündete einiges Leben. Bei +Regenwetter sollen die Quellen noch<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> etwas wirksam sein, aber lange +nicht mehr so stark als vor zehn Jahren. Zu jener Zeit bezahlte ein +Italienischer Graf den Besuch der Quellen mit seinem Leben. Er wagte +sich, ungeachtet der Warnungen seines Führers, zu nahe, sank bis an die +Schenkel in den kochenden Schlamm und starb nach einigen Monaten an den +Brandwunden.</p> + +<p>Außer diesen Schlammquellen ist noch eine kleine heiße Schwefelquelle +nahe an dem See zu sehen.</p> + +<p>Zu Sonder blieb ich bei dem Missionär Herrn <em class="gesperrt">Graafland</em>. Herr +Schwarz ritt noch elf Paal weiter nach <em class="gesperrt">Langowang</em>, wo er wohnte.</p> + +<p><em class="gesperrt">15. März.</em> Herr Graafland begleitete mich bis Langowang. Ungefähr +zwei Paal vor diesem Orte, einige hundert Schritte vom Wege ab, liegen +ebenfalls Schlammquellen. Es haben sich mehrere Becken gebildet, +von welchen das größte vielleicht zwanzig Fuß im Durchmesser ist. +Hier brodelt der Schlamm noch etwas auf. Nahe bei Langowang liegen +auch einige, beinahe kochend heiße Schwefelquellen. Das Wasser ist +krystallhell — man kann tief hinab in die Felsbecken schauen. Der +Geruch nach Schwefel ist viel stärker als der Geschmack. Die Leute, +die in der Nähe dieser Quellen wohnen, bedienen sich des Wassers zum +Trinken und Kochen. Sie sagen, daß wer daran<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> nicht gewöhnt sei, +anfangs nach dem Genuß häufig Leibschmerzen bekomme.</p> + +<p>In Langowang stieg ich bei dem guten und biedern Herrn Schwarz ab und +hielt in seinem Hause einen Ruhetag.</p> + +<p>Am <em class="gesperrt">17. März</em> ritt ich nach <em class="gesperrt">Romboken</em> (acht Paal), an dem +schönen See Tondano gelegen, der neun Paal lang und vier breit ist. +Dieser See, ein einstiger Krater, erhält seinen Wasserreichthum durch +dreißig kleine Flüsse; außerdem hat er selbst in seiner Mitte eine +Quelle, an einer Stelle, wo man mit dem Senkblei keinen Grund gefunden +haben soll. Er ist von lieblichen Bergen und Hügeln eingefaßt, die in +immerwährendem Grün prangen.</p> + +<p>Aus Romboken erwartete mich der Missionär Herr <em class="gesperrt">Noe</em> mit einem +Boote, um mich nach Tondano (vier Paal), seinem Wohnsitze, zu führen. +Unter Weges überfiel uns ein echt tropischer Regenguß, begleitet von +einem sehr kühlen Winde; es erfaßte mich ein heftiger Frost, und das +böse Sumatra-Fieber stellte sich zum siebenten Male ein (ich hatte es +auch auf Ambon). Mit großer Sehnsucht sah ich der Ankunft zu Tondano +entgegen und eilte von dem Boote sogleich in das Bett. Gegen Abend war +der Anfall vorüber, und ich besuchte noch Herrn <em class="gesperrt">Riedl</em>, ebenfalls +einen Deutschen Missionär.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span></p> + +<p>Da ich das dreitägige Fieber hatte, konnte ich am folgenden Morgen +ruhig einen Spaziergang nach dem zwei Paal entfernten Wasserfall von +Tondano machen. Die Umgebung ist wild romantisch; der Fluß stürzt sich +über eine achtzig Fuß hohe Felswand in einen Kessel, der von allen +Seiten senkrecht abfällt und unzugänglich ist. Man kann diesen Fall nur +von oben besehen, wo eine offene Hütte für die Neugierigen errichtet +ist. Ein zweiter Fall ist weniger bedeutend. Ungefähr hundert Fuß von +letzterem führt ein Brückchen über den Fluß, von welchem man beide +Fälle überblickt. Der Fluß ist zwischen einige Felswände eingeengt, +in welche die Kraft des stark abfallenden Wassers große Oeffnungen +gebrochen hat, und durch diese stürzt er sich wie durch Schleußen fort.</p> + +<p>Nachmittags durchschiffte ich den See in seiner ganzen Länge bis +<em class="gesperrt">Kakas</em>, von wo ich nach Langowang zu Fuß ging. Hier nahm mich +wieder Herr Schwarz auf.</p> + +<p>Mit dieser Parthie schloß sich meine Reise in der Residentschaft +Menehassa. Ich wäre noch weiter gekommen, wenn das Fieber nicht +wiederholt aufgetreten wäre. Alles was ich von diesem Lande sah, gefiel +mir unendlich. Es ist reich an Naturschönheiten, hat ein gemäßigtes +Klima und trefflichen Grund und Boden. Die Dorfschaften sind schön +und reinlich, die<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> Häuser auf Pfähle gebaut, geräumig und so gut in +Stand gehalten, wie ich noch in keinem dieser Länder gesehen hatte. +Obwohl nur aus Holz oder von den Rippen der Sagoblätter, sehen viele +Häuser der Eingebornen, ihrer Größe und Sauberkeit wegen, wie Wohnungen +von Europäern aus. Es gibt Dorfschaften von 2 bis 3000 Seelen; die +Häuser stehen in Reihen, sind aber durch Bäume und Hecken von einander +geschieden. Die schönsten lebendigen Zäune von gefüllten Rosen laufen +längs den Häuserreihen hin. Sehr gute, breite Wege durchschneiden +Menehassa in allen Richtungen. In siebzehn Ortschaften sind sogenannte +„Loger-Häuser“ für den Residenten gebaut, der häufig im Lande herum +reisen muß, um nach den Kaffee-Pflanzungen zu sehen.</p> + +<p>Die Eingebornen sind theils Christen, theils Heiden. Man nennt sie +Alforen; ich fand aber wenig Aehnlichkeit zwischen ihnen und den +Alforen auf Ceram. Auch sind sie keine Kopfjäger. Sie sind etwas minder +häßlich als die Malaien und lassen ihre Zähne weiß und ungefeilt. +Betel wird zwar überall gekaut, doch ziemlich mäßig. Die Kleidung der +Christen ist wie jene der Christen auf den Molukken. Die Nichtchristen +bekleiden sich weniger, immerhin aber mehr als ihre Namensverwandten +auf Ceram. Den Charakter des Volkes hörte ich allgemein loben; man +rühmt die Alforen<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> als ehrliche, treue Menschen; ihre Sitten sind rein +und unverdorben und sie arbeiten mit gutem Willen für die Regierung.</p> + +<p><em class="gesperrt">Menehassa</em> hat eine Bevölkerung von 110,000 Seelen, von welcher +seit ungefähr zwanzig Jahren ein Drittheil zur christlichen Religion +übergegangen ist. Schon zu den Zeiten der Portugiesen soll es viele +Christen unter ihnen gegeben haben, die aber später aus Mangel an +Priestern und Lehrern wieder in das Heidenthum zurückfielen. Im Jahre +1831 wurden die ersten Missionäre, die Herren <em class="gesperrt">Schwarz</em> und +<em class="gesperrt">Riedl</em>, von der Holländischen Missionsgesellschaft nach Menehassa +gesandt. Herr Schwarz allein hat in den zweiundzwanzig Jahren seines +hiesigen Wirkens 9000 Menschen getauft.</p> + +<p>Das Leben und Wirken der Missionäre, wie ich es hier sah, befriedigte +mich ungleich mehr als jenes der Amerikanischen und Englischen +Missionäre in Indien, China und Persien. Der Missionär setzt sich hier +an einem Orte fest und reist nicht bald 100, bald 200 Meilen hier und +dort hin, um Leuten zu predigen, die keinen Vorunterricht genossen +haben und daher von seinen langen Reden so viel wie nichts verstehen. +Hat sich sein Wirkungskreis so weit ausgedehnt, daß er seinen Gemeinden +nicht mehr genügen kann, so ersucht er die Missionsgesellschaft um<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> +einen neuen Mitarbeiter, und so geht die Sache Schritt vor Schritt +vorwärts.</p> + +<p>Die Herren Schwarz und Riedl haben die Arbeiten hier begonnen; jetzt +ist die Zahl der Missionäre schon auf zehn gestiegen, und auch diese +reichen nicht mehr aus.</p> + +<p>Die Holländischen Missionäre beziehen von ihrer Gesellschaft einen +sehr mäßigen Gehalt: sie führen einen sehr bescheidenen Haushalt und +leben nicht in Pracht und Luxus wie die vornehmen Amerikanischen +und Englischen Missionäre. Die Folge davon ist, daß sich das Volk +mit Vertrauen dem Geistlichen und Lehrer nähert, den keine so hohe +Scheidewand von ihm trennt. In die Zeit, die ich bei Herrn Schwarz +zubrachte, fiel auch ein Sonntag. Ich sah da Nachmittags nach dem +Gottesdienste viele Eingeborne zu Besuch kommen und sich stundenlang so +herzlich und ohne Zwang mit der Familie unterhalten, als gehörten sie +dazu.</p> + +<p>Jeder Missionär hält vier bis acht Jünglinge und eben so viele +Mädchen in seinem Hause. Die Jünglinge bildet er zu Schullehrern; die +Mädchen werden in allen nützlichen häuslichen Arbeiten unterrichtet, +die feinen, für das gewöhnliche Leben unnützen, wie Sticken, +Schlingen u. s. w. ausgenommen. Diese jungen Leute leben beständig in +Gemeinschaft mit<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> der Familie, sie sind fast wie Kinder des Hauses zu +betrachten; doch wird auch andererseits wieder Sorge dafür getragen, +daß sie nicht durch zu hohen Unterricht oder durch eine zu bequeme +Lebensweise aus ihrer Sphäre gerissen werden.</p> + +<p>Die Missionäre haben hier nicht jede Woche ein bis zwei Meetings +(Zusammenkünfte), sondern nur zwei im ganzen Jahre, und zu diesen +kommen weder die Frauen, Kinder, noch der ganze Hausstand mit. Die +Herren vereinigen sich auf zwei bis drei Tage, und jeder reitet dann +wieder heim. Sie finden es hier auch nicht unter ihrer Würde, sich mit +eingebornen, wohlerzogenen Mädchen zu verheirathen. Frau Schwarz war +nicht so glücklich, von Europäischen Eltern abzustammen; sie stand +aber ihrem Berufe eben so gut, wo nicht besser vor, als die meisten +Europäischen Missionärs-Frauen, denn weder sie noch ihre Kinder hatten +Klimawechsel, Reisen nach Europa u. s. w. nöthig. Was kostet dem +Englischen und Amerikanischen Missionsfond nicht das beständige Reisen +der Missionärs-Frauen und Kinder?!</p> + +<p>Die Frauen der Missionäre sah ich die Kranken besuchen, die +abscheulichsten Wunden und Geschwüre verbinden. Hier bekam ich mehr +Achtung vor den Missionären, als ich bisher gehabt hatte, hier ward es +mir begreiflich, daß sie des Guten unendlich viel<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> wirken können, wenn +sie diesen Stand aus wahrem, innerem Berufe ergriffen, und nicht, wie +es leider oft der Fall ist, aus der eigennützigen Absicht, sich eine +leichte Existenz, ein reichliches Auskommen zu verschaffen.</p> + +<p>Die Regierung scheint auf Menehassa leider wenig Antheil an dem +Volksunterricht zu nehmen. Die Schullehrer, die ihre geringen Gehalte +(per Monat vier bis sieben Rupien, nur die beiden ersten Lehrer +erhalten zehn) von dem Missionsfonde beziehen, sind nicht einmal +von der Hüttensteuer ausgenommen, die sie an die Regierung und ihre +eingebornen Regenten bezahlen müssen.</p> + +<p>Ich brachte fünf Tage bei der lieben, biedern Familie Schwarz zu; am +23. März trat ich den Rückweg nach Menado an. Herr Schwarz begleitete +mich zehn Paal weit; dann nahmen wir so innig wehmüthigen Abschied, als +wären wir jahrelange Freunde gewesen.</p> + +<p>Ueber Mittag blieb ich bei Herrn Wilken, der mich schon früher in sein +Haus eingeladen hatte; Abends erreichte ich Menado (34 Paal).</p> + +<p>In Menado hielt ich mich dießmal größtentheils bei dem Missionär Herrn +<em class="gesperrt">Linemann</em> auf, der ebenfalls ein Deutscher ist. Ich sollte mit +ihm die noch übrigen Stationen besuchen. Wir waren schon reisefertig,<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> +als es verlautete, daß der Dampfer für Makassar noch diesen Monat +kommen würde. Ich mußte in Menado bleiben und den Ausflug, von dem +ich mir viel Vergnügen versprach, aufgeben, was ich später um so mehr +bedauerte, als ein Tag nach dem andern verging und der Dampfer nicht +anlangte.</p> + +<p>Erst am 9. April berichtete man seine Ankunft; am 8. Abends ritt ich +nach Kema, und am folgenden Morgen ging ich an Bord.</p> + +<p>Die Reise nach Makassar (600 Meil.) machten wir in drei Tagen.</p> + +<p>Ich hatte schon früher gehört, daß Dr. Schmitz nach Makassar als +Direktor des Hospitales versetzt worden und daselbst mit seiner +Gemahlin bereits angelangt sei. Ich wußte, man werde mich da mit +offenen Armen aufnehmen und eilte bei meiner Ankunft sogleich in sein +Haus.</p> + +<p>Da ich Makassar bereits gesehen hatte, blieb ich daselbst nur einige +Tage; ich war begierig, eine Reise in das Innere von Celebes zu +unternehmen.</p> + +<p>Der von den Holländern unabhängige Theil dieser Insel ist in drei +große Reiche, <em class="gesperrt">Bonni</em>, <em class="gesperrt">Goa</em> und <em class="gesperrt">Sidenring</em> getheilt, +welche wieder in viele kleine Staaten zerfallen, deren Könige oder +Rajah’s den Regenten der großen Reiche unterworfen sind. Die Sultane +oder Könige dieser drei Reiche sind Bundesgenossen<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> der Holländer; sie +dulden aber weder Forts noch Residenten in ihren Ländern und haben +bisher ihre vollkommene Unabhängigkeit zu bewahren gewußt. Ich wollte +diese Reiche, so wie auch den Bergdistrikt <em class="gesperrt">Duri</em> besuchen, +dessen wilde Bewohner in Höhlen wohnen und noch auf einer sehr tiefen +Stufe der Zivilisation stehen sollen. Ich ersuchte den Gouverneur, +Herrn <em class="gesperrt">Bick</em>, um die Erlaubniß zu dieser Reise, denn ohne dessen +Bewilligung darf man weder in den Besitzungen der Holländer auf Celebes +noch zu deren Bundesgenossen reisen. Der Gouverneur war sogleich +bereit, mir die Erlaubniß für Goa und Sidenring zu geben. Bonni +schloß er aus, da die Regierung jetzt eben nicht am besten mit diesem +Sultan stand, welcher der mächtigste von den Dreien ist und, wie man +mir sagte, in kurzer Zeit eine Macht von 40,000 tüchtigen Streitern +zusammenbringen kann.</p> + +<p>Mit Briefen vom Gouverneur an verschiedene Könige und Rajah’s versehen, +trat ich in Begleitung eines Sendlings (Dragomans) und eines Kulis am +17. April die Reise zu Pferde an. Ich ritt bis <em class="gesperrt">Maros</em> (17 Paal), +dem Sitze eines Assistent-Residenten. Maros und Makassar liegen auf +einer und derselben Ebene, die mit unübersehbaren Reisfeldern überdeckt +ist. Ich war über diese große Kultur um so mehr erstaunt, als ich nur +wenige Ortschaften<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> sah und das Pflanzen des Reises, besonders aber die +Ernte, vieler Menschenhände bedarf, denn auch hier, wie auf Java, wird +jede Aehre einzeln abgeschnitten.</p> + +<p>In dieser Ebene gab es weder gebahnte Wege noch Brücken; die Flüsse +Tello und Maros mußten wir in Booten übersetzen; die Pferde schwammen +hindurch.</p> + +<p>Auf Maros stieg ich bei dem Assistent-Residenten Grafen Bentheim ab. +Dieser Herr wohnte in einem sehr schönen Gebäude, dessen Architekt +und Baumeister er selbst war, und das an Schönheit die Residenzen der +Gouverneure von Makassar und Ambon bei weitem übertrifft. Es ist von +massiven Steinen aufgeführt, hat einen artigen Säulengang und große, +hohe Gemächer.</p> + +<p>Ich wollte auf Maros nur einen Tag bleiben; allein anhaltende Regen +hielten mich sechs Tage zurück. Welch ein Glück, daß mich dieß Wetter +nicht bei irgend einem Malaischen oder Buginesischen Könige oder Rajah +traf! Hier in der Mitte einer so überaus liebenswürdigen Familie, +wie die des Grafen, war das schlechte Wetter leicht zu ertragen, und +beinahe mit Bedauern sah ich die Sonne wieder erglänzen und mich an die +Fortsetzung meiner Wanderungen mahnen.</p> + +<p>Während meines Aufenthaltes zu Maros besuchte<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> ich die drei Paal +entfernt gelegene Grotte <em class="gesperrt">Bulu Sepong</em>. Der Fels, in welchem sich +diese Grotte befindet, steht ganz vereinzelt, wie vom Himmel gefallen, +in der schönen Ebene. Er mag achtzig Fuß hoch sein und dreihundert +Fuß im Umfange haben. Als die Engländer das Land in Besitz hatten, +benützten sie ihn als Festung. Die Grotte war die Kaserne, auf der +Spitze standen die Kanonen. Die Grotte ist niedlich, von der Decke +senken sich viele Zacken und einige unregelmäßige Säulen von Stalaktit +herab. Jetzt ist sie der Tummelplatz von Fledermäusen und allerlei +Nachtvögeln.</p> + +<p>Auch einer Regentenwahl wohnte ich in dem Hause des Grafen bei. Einer +der Rajah’s wünschte von der Regierung wie von seinem Volke die +Zusicherung zu erhalten, daß nach seinem Ableben sein Titel auf seinen +Sohn übergehen möge; er wollte letzteren deßhalb noch bei Lebzeiten +für seinen Nachfolger erklären lassen. Die Regenten und Aeltesten des +Volkes von dem ganzen Bezirke versammelten sich zu diesem Zwecke in +dem Hause des Grafen. Jeder wurde einzeln und abgesondert um seine +Meinung und Stimme befragt. Alle stimmten zu Gunsten des Sohnes. Dieser +saß während der Verhandlung bei Seite und wurde, als die Stimmen +gesammelt waren, herbeigerufen, worauf man ihm den glücklichen<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> Erfolg +verkündete. Er zog seinen Kries und legte den Eid der Treue ab.</p> + +<p>Das Volk ist hier nicht sehr von der Regierung geplagt; es hat nur +den zehnten Theil der Ernte in Geldeswerth zu entrichten und weder +an Straßen-, noch Brücken- oder Häuserbauten zu arbeiten. Kaffee-, +Zucker- und Gewürzpflanzungen sind frei, und daher sieht man von diesen +Produkten auch nichts. Reis ist das einzige Bedürfniß der Eingeborenen +und in Folge dessen pflanzen sie nichts anderes, da sie ihre +Bequemlichkeit dem Verdienste oder Gewinne vorziehen. Damit wäre ein +Beweis geliefert, daß, wenn die Regierung ihr Monopol-System aufgäbe +und die Leute nicht zu der Arbeit zwänge, nicht, wie manche behaupten, +mehr gepflanzt und zu billigeren Preisen erzeugt würde, sondern im +Gegentheile auf allen Inseln, Java nicht ausgenommen, die meisten +Pflanzungen nur zu bald eingehen dürften.</p> + +<p>Was überhaupt über das Monopol-System so wie über die Regierungsweise +der Holländer Gutes oder Böses zu sagen ist, wage ich als schlichte +Frau mit meinen ungenügenden Kenntnissen nicht zu beurtheilen. Meiner +Meinung nach ist jede Art Zwang eine Ungerechtigkeit, die nirgends +statt haben sollte. Wo ist aber eine Regierung in der Welt, die Zwang +nicht anwendet, wenn es in ihrer Macht steht? Ich möchte<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> glauben, +daß bisher noch keine Regierung ein Land in der menschenfreundlichen +Absicht in Besitz genommen hat, das Volk zu beglücken — die einzige +Frage war und ist stets: „Welchen Nutzen kann man aus dem Lande, aus +seinen Bewohnern ziehen?“ England sucht aus seinen überseeischen +Besitzungen so viel als möglich zu erpressen, die Spanier, Franzosen +u. s. w. eben so, und natürlich machen die Holländer von der +allgemeinen Regel keine Ausnahme.</p> + +<p>Warum man aber gerade von der harten Regierung der Holländer in Indien +so viel spricht, weiß ich wahrlich nicht zu erklären. Ich fand sie +minder hart als in gar manchen andern Ländern. In Brittisch-Indien +z. B. wird jeder Fruchtbaum einzeln besteuert, das Pachtsystem ist +dort für den Kleinpächter ungemein drückend. Freilich haben auch auf +den Holländisch-Indischen Besitzungen die Eingeborenen mitunter viel +zu leiden; doch bestehen ihre Leistungen meistens in Handarbeit, was +weniger drückend ist, als wenn sie in Zahlungen beständen. Auch muß +man andererseits zugeben, daß besonders in neuerer Zeit viel für die +Verbesserung ihrer Lage gethan wird. In vielen Provinzen hat der +Bauer Eigenthumsrecht; er kann seine Hütte, seinen Grund verkaufen. +In anderen wird der Boden patriarchalisch bearbeitet und die Ernte +getheilt. In Gegenden, wo weder Kaffee, Zucker, Thee noch<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> Gewürze +gebaut werden können, oder wo diese Produkte nicht Monopol sind, muß +gewöhnlich der fünfte Theil der Ernte, in einigen Distrikten auch nur +der zehnte Theil in Geldeswerth an die Regierung geliefert werden. In +jenen Gegenden, in welchen das erwähnte Monopol besteht, hat der Bauer +für sein eigenes Besitzthum äußerst geringe, meistens gar keine Abgaben +zu entrichten, muß aber dafür in den der Regierung gehörigen oder von +ihr verpachteten Pflanzungen arbeiten und erhält eine Vergütung.</p> + +<p>Die härtesten Lasten sind für die Eingeborenen die Arbeiten in den +Kaffeegärten und die Bauten der Straßen, Brücken, Magazine, Gebäude +der Beamten u. s. w. Bei ersteren müssen die Leute oft zwei bis drei +Monate im Jahre, mitunter fünfzehn bis zwanzig Paal von ihren Wohnungen +entfernt bleiben. Die Regierung bezahlt ihnen dagegen für jeden Pikul +gelieferten Kaffee eine bestimmte Summe. Die verschiedenen Arbeiten an +den Bauten aber mußten bisher ganz unentgeldlich geleistet werden; nur +die Werkführer, wie Maurer-, Zimmer- und Schlossermeister, erhalten für +den Tag eine angemessene Bezahlung. Wie ich schon früher erwähnt habe, +ist das Trachten des jetzigen Gouverneur-Generals dahin gerichtet, +einen genügenden Tagelohn für alle der Regierung zu leistenden Dienste +aufzustellen, und es soll diese wohlthätige Maßregel bei<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> meiner +Abreise der Ausführung schon ganz nahe gewesen sein.</p> + +<p>Die Bürger sind von jeder Last befreit: sie haben keine Frohndienste zu +leisten und nichts als jährlich für Grund und Boden eine kleine Summe +zu entrichten. Jeder Bauer kann Bürger werden, sobald er zwölf Jahre +Militärdienste leistet. Gerade über die Bürger hört man die meisten +Klagen: sie sind außerordentlich träge und in einigen Distrikten, +besonders auf Ambon, dem Kartenspiele sehr ergeben.</p> + +<p>Die Sclaven sind auf den Holländischen Besitzungen gut gehalten: +sie können ihre Herren verklagen und werden von der Regierung sehr +in Schutz genommen. Die Gesetze für sie stehen hier nicht blos auf +dem Papiere, wie in den meisten Sclavenländern, sondern werden auch +ausgeführt.</p> + +<p>Nach allem, was ich bisher auf meinen Reisen nicht nur in +Holländisch-Indien, sondern in allen außereuropäischen Ländern +beobachtet habe, möchte ich am Ende beinahe behaupten, daß das Loos +jener Völker glücklicher sei, die nicht unter die Herrschaft der +Weißen gerathen sind. Sie haben zwar auch ihre Leiden und Erpressungen +zu erdulden, aber gewiß keine ärgeren, als unter den habsüchtigen +Europäern.</p> + +<p>Am <em class="gesperrt">23. April</em> trat ich die Weiterreise an. Graf Bentheim +bestand ungeachtet meiner Weigerung darauf,<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> mir noch einen „Tolk“ +(Dolmetscher) mitzugeben, welcher Buginesisch und Holländisch sprach. +Von letzterer Sprache hatte ich bereits so viel in meinen alten Kopf +gebracht, um mich verständlich machen zu können. Ich ging mit einem +Gefolge von neun Nichtsthuern auf den Weg, nämlich: Sendling, Tolk, +von welchen jeder zwei Kulli und einen Diener hatte; ich selbst hatte +nur einen Kulli. Dieser große Zug war mir sehr unangenehm, denn je +zahlreicher das Gefolge, desto mehr Mühe kostet es, die Leute in +Ordnung zu halten, desto schwieriger ist es, überall die nöthigen +Pferde zu erhalten.</p> + +<p>Wir ritten nicht weiter als bis <em class="gesperrt">Padkadjene</em> (sechzehn Paal), +beständig in großen Ebenen zwischen Reispflanzungen. Man könnte +die beiden Distrikte von Maros und Makassar mit vollem Rechte die +Reiskammern der Insel nennen. Die Ebene von Maros erfreut sich eines +besondern Reichthums, was die Eingebornen zum größten Theile dem Grafen +Bentheim zu danken haben, da er mehrere Wasserleitungen anlegen ließ, +welche die Felder hinlänglich bewässern.</p> + +<p>Obwohl mich Graf Bentheim auf die schlechten Wege vorbereitet hatte, +fand ich sie dennoch über meine Erwartung schlecht. Es gibt eigentlich +gar keine Wege: wir wanden uns beständig durch Reisfelder, die alle +durch die künstliche Bewässerung tief unter Wasser<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> standen. Die Felder +waren durch schmale Erddämme getrennt, kaum so breit, daß die Pferde +einen Fuß vor den andern setzen konnten. Fast bei jedem Schritte mußte +man auf einen Sturz gefaßt sein. Das Pferd konnte leicht vom Damme +abgleiten oder mit demselben einbrechen, da er nur aus einer weichen +Erdmasse bestand. Ging es nicht auf diesen Erddämmen, so ging es durch +Pfützen und Moräste, in welche die Thiere bis an die Brust einsanken. +Oft waren sie kaum im Stande, sich heraus zu arbeiten. Dabei wurde +man natürlicher Weise vom Kopfe bis zu den Füßen mit Koth und Schlamm +bespritzt. Die Beamten bereisen diese Gegenden nie vor dem Monate +August, wann die Reisernte vorüber und alles trocken ist.</p> + +<p>Schön nimmt sich eine kleine Gebirgskette von fünfzehn Paal Länge aus, +die sich vor einer größeren aufstellt, und deren Eigenthümlichkeit in +langen, senkrecht aufsteigenden Wänden besteht, welche sich hie und da +weit auseinanderspalten und reizende Durchblicke gewähren. Die höchste +Spitze der dahinter gelegenen größeren Gebirgskette ist der Maros mit +4800 Fuß. Auch dieser Berg steigt senkrecht in die Höhe.</p> + +<p><em class="gesperrt">24. April.</em> Wir ritten bis <em class="gesperrt">Mendalle</em> (28 Paal). Den Fluß +Padkadjene übersetzten wir in einem Boote, den Fluß Segéri mußten wir +durchreiten. Das Wasser ging den Pferden bis über die Brust; sie hatten +beinahe<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> den Boden unter den Füßen verloren; die eigentliche Gefahr +war jedoch, von den Kaimans angefallen zu werden, an welchen es in den +Flüssen dieser Insel nicht fehlt. Aus dem Dorfe Segéri allein wurden im +vergangenen Jahre neunzehn Menschen von diesen Unthieren aufgezehrt. +Dieß hindert aber die Leute nicht, den Fluß zu durchschwimmen oder sich +in demselben zu baden. Sie sagen, wer bestimmt sei, von einem Kaiman +gefressen zu werden, könne seinem Schicksale nicht entgehen, selbst +wenn er sich keinem Flusse nähere.</p> + +<p>Zu Segéri blieben wir bei dem Regenten über Mittag; es gab daselbst +weder Löffel noch Gabel; die Hände mußten deren Stelle vertreten.</p> + +<p>In dieser Gegend beginnt schon wieder die häßliche Sitte, die Zähne +schwarz zu färben und abzufeilen. Auch die Nägel an Händen und Füßen +färben viele rothbraun. Die Tracht der Eingebornen ist durchgängig +ziemlich dieselbe. Die Männer tragen ein kurzes Beinkleid, das bis auf +den halben Schenkel reicht, darüber einen Sarong; der Oberkörper ist +selten bedeckt, der Kopf in ein Tuch geschlagen. Kein Mann geht vor +die Hütte ohne den Parang und eine große Tasche, welche die Siri- und +Rauch-Gegenstände enthält. Parang und Tasche werden unter dem Sarong +getragen, was den Leuten ein ganz eckiges Aussehen<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> gibt. Nebst den +Parangs sind viele auch mit Lanzen bewaffnet.</p> + +<p>Die Sarongs der Weiber sind hier viel länger als ich sie irgendwo +gesehen habe. Letztere ziehen sie zuweilen bis über den Kopf, +gewöhnlich aber schlagen sie selbe nur ganz lose um den Körper, wobei +oft ein langes Stück nachschleppt. Es ist nicht möglich, sich dieses +Kleidungsstückes alberner zu bedienen. Sie mußten stets eine Hand frei +haben, um es zusammen zu halten und aufzuheben. Außer dem Sarong tragen +sie noch ein ganz kurzes Oberhemd, das bis an die Hüften reicht und +bei den Mädchen aus sehr durchsichtigen, bei den Weibern aus dichteren +Stoffen besteht.</p> + +<p>Nach der Mahlzeit machten wir uns wieder auf den Weg; der Regent von +Segéri begleitete uns. Man konnte nicht leicht ein schöneres Bild sehen +als diesen Makassaren<a id="FNAnker_26" href="#Fussnote_26" class="fnanchor">[26]</a> auf seinem prächtigen Schimmel. Der Mann +war sechs Fuß hoch, kräftig gebaut, und hatte ausdrucksvolle, ernste +Züge. Er trug einen blendend weißen Sarong höchst malerisch um den +bräunlichen Körper, ein weißes Tuch um den Kopf geschlagen. Sein Pferd +hatte weder Sattel noch sonstiges Reitzeug, außer<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> einem kleinen Zaum, +der durch das Maul gezogen war. Und dennoch saß er so fest und dabei +so ungezwungen oben, wie der geübteste Reiter. Die Leute auf Celebes +sind durchgehend treffliche Reiter; man sieht schon zehnjährige Knaben +die Pferde wacker herumtummeln. Sie reiten ohne Sattel und Zeug; nur +ein kleiner Zaum, wie gerade bemerkt, wird den Pferden durch das Maul +gezogen, auch wohl manchmal eine kleine Decke ganz lose auf den Rücken +des Thieres gelegt. Wenn sie langsam reiten, stemmen sie gewöhnlich +einen Fuß in die Seite des Thieres — ein höchst origineller Anblick. +Es gibt sehr viele Gestüte auf Celebes; die Pferde dieser Insel werden +häufig ausgeführt, da sie in ganz Indien die größten und ausdauerndsten +sind. Der Preis eines schönen Pferdes ist dreihundert Rupien.</p> + +<p>Wir kamen auch heute viel durch Reisfelder, so wie durch Mais-, Ubi- +und Pisang-Pflanzungen. Große Strecken Alang-Alang, hie und da kleine +Waldparthien zogen sich dazwischen hin. Wir gingen stets in großen +Thälern fort und ließen die Gebirgsketten einige Paal seitwärts liegen.</p> + +<p><em class="gesperrt">25. April.</em> Die heutige Tagereise war nicht länger als sieben +Paal, aber desto unangenehmer. Die Wege um Mendalle waren durch die +häufigen Regen ganz unpraktisch geworden; wir mußten daher an das<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> +Meeresufer hinabsteigen und zum Theile in der See selbst reiten; der +Korallenriffe halber konnten wir nicht einmal der Küste nahe bleiben, +und ritten oft einige hundert Schritte von ihr entfernt. Die Brandung +war sehr stark, das Wasser so trübe, daß man den Grund nicht sehen +konnte. Ich dankte Gott, als ich ohne Unfall aus dem feindlichen +Elemente kam und unter den Hufen meines Pferdes wieder Erde sah<a id="FNAnker_27" href="#Fussnote_27" class="fnanchor">[27]</a>.</p> + +<p>Vormittags erreichten wir <em class="gesperrt">Tanette</em>, ein unabhängiges Fürstenthum +oder Königreich auf der Ostküste von Celebes und seit dem Jahre 1840 +ein treuer Bundesgenosse Hollands.</p> + +<p>Das Oertchen Tanette liegt in einer freundlichen Ebene. Man zeigte mir +eine große Bambushütte mitten in Reisfeldern als den Palast der Königin.</p> + +<p>Auf Celebes ist es gebräuchlich, daß man nicht geradezu nach der +Wohnung eines regierenden Hauptes geht; man muß sich ansagen lassen +und um die Erlaubniß einer Vorstellung ersuchen. Ich sandte also einen +meiner Leute an den königlichen Hof; die Einladung erfolgte, und ich +hatte nichts eiliger zu thun, als davon Gebrauch zu machen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span></p> + +<p>Tanette wird von einer Königin regiert. Sie empfing mich sehr +herzlich und führte mich sogleich zu ihrer Tochter, die nicht in das +Empfangsgemach kam. Die Prinzessin zählte schon neunzehn Jahre und +war noch nicht verheirathet. Sie war zwar Braut; doch schob man die +Vermählung noch auf ein Jahr hinaus. Bei der vornehmen Klasse ist es +Sitte, daß die Mädchen erst mit zwanzig und mehr Jahren heirathen, +während dieß in der geringen schon mit elf und zwölf Jahren geschieht.</p> + +<p>Die Königin und ihre Tochter waren nicht anders oder besser gekleidet +als die Dienerinnen. Das Gefolge (Mädchen und Weiber) hielt sich stets +hinter der Königin auf wie ihr Schatten; zwei Mädchen darunter trugen +die königlichen Insignien, welche aus ein Paar Cimbeln und einem +Scepter bestanden. Die Cimbeln hatte das eine Mädchen am Halse hängen +und schlug sie von Zeit zu Zeit aneinander.</p> + +<p>Der Palast war ungefähr siebzig Fuß lang, dreißig breit und stand, +wie alle Hütten und Häuser in Celebes, auf Pfählen. Das Innere war in +drei Kammern und eine Küche getheilt. Die erste Kammer, ziemlich groß, +stellte den Empfangssaal vor. Da stand ein Tisch nebst einigen Stühlen, +die Wände und die Decke waren mir zu Ehren mit buntfarbigem Kammertuche +behangen, eine Decorirung, welche vorgenommen<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> wurde, während ich bei +der Prinzessin meinen Besuch abstattete. Die beiden kleinen Gemächer +dienten der königlichen Familie sammt einem Theile des Gefolges, das +sich überall hinlagerte, wo es Platz fand, als Schlaf- und eigentliche +Wohnplätze. In diesen Kammern herrschte eine jämmerliche Unordnung; +aller Hausbedarf, alle Vorräthe lagen durcheinander. Theile eines +schönen Thee- oder Speise-Services<a id="FNAnker_28" href="#Fussnote_28" class="fnanchor">[28]</a>, geschliffene Gläser und +Flaschen standen neben irdenen Geschirren und anderem Kram, Kisten und +Körbe waren überall aufgeschichtet, mehrere Klambus aufgehangen, so daß +für die Bewohner selbst kaum Platz blieb. Und da sitzen die Leute von +Morgens bis Abends mit nichts als Schwatzen und Sirikauen beschäftigt. +Die einzige Arbeit, die eine Königin oder Prinzessin verrichtet, ist +das Gewebe eines Bandes, mit welchem die Männer die Kriese oder Parangs +an den Leib befestigen. Die Königin zeigte mir eines, das sie gerade +webte, und das ich in Zeichnung und Farben ungemein geschmackvoll fand.</p> + +<p>Die Königin war so eben im Begriffe, nach <em class="gesperrt">Baru</em>, einem +benachbarten Königreich zu gehen, wo sie zu einem Feste eingeladen war. +Da mich mein Weg ebenfalls dahin führte, ging ich mit ihr. Wir fuhren +noch<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> denselben Tag auf dem Flusse Tanette in die See (14 Paal), auf +welcher die Reise bis zur Mündung des Baru fortgesetzt werden sollte; +da jedoch der Wind sehr ungünstig war, lenkten wir bald in eine kleine +Bay, wo wir die Nacht vor Anker gingen. Die Königin sammt einem Theil +ihrer Leute brachten die Nacht auf dem Lande zu.</p> + +<p>Sie führte ein so zahlreiches Gefolge mit sich, daß ein halbes Dutzend +Europäischer Königinnen kein größeres benöthigt hätten. Da gab es mehr +als dreißig Mädchen und Weiber (letzteren folgten ihre Ehemänner), die +alle die Ehre hatten, Hofdamen, Kammermädchen u. s. w. vorzustellen. +Manche davon waren so lumpig gekleidet und dabei so unrein, daß ich +mich fürchtete, unangenehme Erbschaften zu machen, wenn sie in meine +Nähe kamen. An Gepäck hatte die hohe Gesellschaft so viel mit sich, als +handle es sich um eine Uebersiedelung und nicht um einen Besuch von +einigen Tagen. Das ganze große Boot war voll von Körben und Körbchen, +Kistchen und Taschen, Töpfen, Kochgeschirr, Polstern, Matten u. s. w., +so daß man gar nicht wußte, wo Platz finden; wir saßen wie Pikelhäringe +zusammengepreßt — eine abscheuliche Tour!</p> + +<p>Die Mädchen waren während der ganzen Reise mit der Verfertigung des +Siri beschäftigt, das hier nicht in Päckchen, sondern in Cigarrenform +gemacht<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> wird. Sie bestreichen ein Betelblatt mit etwas Kalk (aus +gebrannten Muscheln), legen ein Stückchen Arekanuß nebst Gambir darauf, +rollen es zusammen und umwickeln es mit einer Faser. Wenn ein Blatt +zu feucht war, schürzte die Hofdame den Sarong auf und streifte die +überflüssige Feuchtigkeit an dem Schenkel ab. Wenn ein Mädchen die +Liebeserklärung eines Jünglings günstig aufnimmt, beglückt sie ihn mit +Siri-Zigarren; wenn sie ihm keine reicht, ist er abgewiesen.</p> + +<p>Die ganze Gesellschaft kaute beständig Siri; sie spuckten dabei fleißig +in kleine messingene Töpfe, die als Spucknäpfe dienten und von Hand zu +Hand gingen. Die Königin ließ sich den Kopf von Ungeziefer reinigen, +und dasselbe thaten die Hofdamen und Kammerzofen unter sich. Bei +der großen Unsauberkeit, die in allem herrschte, was ich hier wie +in Tanette sah, kam mir die Sorgfalt höchst lächerlich vor, die auf +die Trinkgefäße der Königin verwendet wurde. Sie hatte ein eigenes +Gefäß, aus welchem nur sie trank; das Wasser wurde mit einem besondern +Schöpflöffel, jedoch aus dem allgemeinen Wasserkübel geschöpft +und durch ein leinenes Säckchen geseiht. Für das Säckchen und den +Schöpflöffel war ein Gestell mitgenommen, auf welchem man sie trocknete +und bewahrte.</p> + +<p><em class="gesperrt">26. April</em> ging es früh auf die Reise. Wir<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> lenkten alsbald in +den Fluß <em class="gesperrt">Baru</em> und fuhren sechs bis acht Paal stromaufwärts +bis in die Nähe der Residenz, die einen Paal seitwärts des Flusses +liegt (35 Paal von Tanette). Die Zeit, während welcher die Botschaft +nach Hofe ging, unsere Ankunft zu melden, benutzte die Königin +mit ihrem Gefolge zum Baden. Sie kamen aber von dem Bade eben so +unsauber zurück, als sie hingegangen waren, denn sie übergossen +sich, gleich den Malaien, nur mit Wasser, ohne sich zu waschen. Um +dem Körper einen angenehmen Duft zu verleihen, durchräucherten sie +sich mit wohlriechenden Harzen. Zu diesem Zwecke war ein eigenes +Räucher-Pfännchen mitgenommen worden, über welches die Königin, wie +jede Hofdame, sich erst stellte und dann Gesicht und Hände hielt.</p> + +<p>Auch in Baru regierte eine Königin. Ich hatte gleichfalls meinen +Sendling mit dem in lichtgelben Atlas eingenähten Briefe des +Gouverneurs an den Hof geschickt.</p> + +<p>Mit dem Sendlinge zurück kam ein Tragstuhl, nebst einem Abgesandten der +Königin und einigem Gefolge. Man trug mich bis zum Palaste, auch nur +einer Bambushütte, wo mich der erste Minister des Reiches empfing und +der Königin vorstellte. Der Empfangssaal mochte ungefähr neunzig Fuß +lang und über vierzig breit sein; er sah düster und drückend aus.<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span> Die +Decke, auf viele Stämme gestützt, war sehr niedrig; kleine Oeffnungen, +welche die Fenster vorstellten, gab es nur wenige. Auch hier waren die +Wände, wie die Decke des Saales, mit farbigem Kammertuch behangen. +Im Hintergrunde saß die achtzehnjährige Königin in einer Art offener +Loge, ihr zur Seite eine alte, sehr beleibte Duenna, die ihr mit einem +großen Fächer Luft zufächelte. An jeder Seite der Loge stand ein aus +Holz geschnitzter, großer Vogel, mit vielen Blumen geschmückt. Die +Königin lud mich sehr freundlich ein, an ihrer Seite Platz zu nehmen. +Sie war in einen weiten Sarong von dunkelrothem Mousselin mit einigen +Goldstickereien gekleidet. Ihr Gesicht fand ich angenehm, aber nicht +hübsch; sie war noch unverheirathet.</p> + +<p>Die Königin von Tanette war mit ihrem Gefolge am Landungsplatze +zurückgeblieben, als man mich abholte. Vermuthlich hatte man nur den +einzigen Tragstuhl, den man für mich sandte. Während meiner Anwesenheit +bei Hofe, die doch einige Stunden dauerte, kam die Königin von +Tanette auch nicht zum Vorschein; sie mochte wohl sogleich in die ihr +angewiesene Wohnung gegangen sein, um sich von der beschwerlichen Reise +auszuruhen.</p> + +<p>Ich kam zu dem großen Feste gerade recht. Es fand den folgenden Tag +statt und bestand darin, daß<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> der jugendlichen Königin die oberen Zähne +gefeilt werden sollten, eine Handlung, die hier so wichtig ist, wie +z. B. in Brasilien die Taufe eines kaiserlichen Prinzen, oder in Europa +eine königliche Hochzeit. Alle Fürsten und Rajahs der ganzen Umgebung +waren dazu eingeladen. Eine kleine Vorunterhaltung gab es schon heute. +Auf einer Seite des Saales, nahe der königlichen Loge, tanzten ein +Dutzend Mädchen, auf der anderen, etwas weiter entfernt, zwölf- bis +vierzehnjährige Knaben die gewöhnlichen langweiligen Malaischen Tänze. +Viele Männer und Weiber, wahrscheinlich lauter hochgeborene Personen, +hockten in Gruppen umher und sahen den Tänzen gedankenlos zu; keine +Seele sprach ein Wort.</p> + +<p>Ich allein wurde nebst meinen beiden Begleitern (Sendling und Tolk) +mit Kaffee, Thee, einer Art guten, süßen Scherbets und verschiedenen +Leckereien bewirthet. Unter letzteren gab es kleine Früchte in Zucker +eingekocht, eben so schmackhaft, wie man sie immer nur in Europa finden +kann.</p> + +<p>Die Königin bedauerte sehr, mich nicht bei sich aufnehmen zu können; +allein sie hatte der Gäste schon so viele, daß alles über und über +besetzt war. Man führte mich in die Hütte eines Eingebornen und sandte +sogleich Matten, Polster und Klambu zu meiner Einrichtung, Hühner nebst +anderen Gegenständen zum<span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span> Kochen. Wenn man in ein Privathaus gewiesen +wird, müssen die Bewohner dem Gaste sogleich die große Stube einräumen. +Dieß hindert jedoch weder sie noch alle Neugierigen, die den Fremdling +sehen wollen, sich beständig darin aufzuhalten. Ich mußte mich, wollte +ich nur einigermaßen Ruhe haben, unter mein Klambu flüchten, und selbst +da ließen mich die Leute nicht ungestört — sie hoben den Klambu auf +und steckten die Köpfe darunter.</p> + +<p>Die Hütten des Volkes sind auf Celebes ungleich größer als auf Java, +Sumatra, den Molukken u. s. w. Im Innern bestehen sie gewöhnlich aus +einem Gemache von fünfzehn bis zwanzig Fuß im Gevierte, an welches sich +ein bis zwei kleinere anschließen. Längs der rechten Seite des großen +Gemaches läuft ein sechs Fuß breiter Raum, in dem sich die Feuerstelle, +Wassergefäße und dergleichen befinden.</p> + +<p>Die Ortschaften sind sehr unrein, voll Schmutz und Pfützen; dabei haben +die Leute nicht den guten Gebrauch der Dayaker, sich vor dem Eingange +der Hütte die Füße zu waschen, wozu stets Wasser bereit steht, sondern +sie treten mit ungewaschenen Füßen ein.</p> + +<p>Ganz nahe der Hütte, die ich bewohnte, waren die Lagerplätze der +Büffel. Diese Plätze bestanden aus vier Fuß tiefen Sümpfen, in welchen +die Thiere ganz begraben lagen. Man sah nichts als die Hörner und<span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span> die +Nase. Obwohl es in diesem Lande überall genug Büffel gibt, kann man +doch nirgends Butter oder Milch bekommen, da die Eingebornen keine +Kuh melken. Zum Kochen gebrauchen sie Oele, die aus den Kokosnüssen, +Kanarinen und anderen Früchten gewonnen werden.</p> + +<p>Was Kleidung, Kost und Wohnung anbelangt, könnte man die Bewohner von +Celebes alle für gleich reich oder arm halten, da man im gewöhnlichen +Leben in nichts einen Unterschied bemerkt. Ihre Reichthümer bestehen in +einigem Gold- und Silbergeschmeide, in goldenen Kästchen und Büchsen, +welche die Bestandtheile des Siri enthalten, in seidenen Sarongs, in +schönen Parangs und Lanzen. Aber alles dieß sieht man nur bei großen +Festen und feierlichen Gelegenheiten, wie z. B. bei der Zahnfeilung, +der Hochzeit, dem Begräbnisse eines fürstlichen Hauptes. Das Gold +färben sie so dunkel, daß es gerade wie Kupfer aussieht.</p> + +<p>Die Sarongs werden hier ebenfalls von den Weibern gewoben und gleichen +an Muster und Feinheit der sogenannten Englischen oder Schottischen +Leinwand. Eine geschickte fleißige Weberin arbeitet einen ganzen +Monat an einem Sarong. Bei Hofe werden die Sarongs von den Hofdienern +und Dienerinnen gewoben. Jeder Fremde, der bei Hofe vorgestellt +wird, erhält einen<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> Sarong zum Geschenk; auch mir ward überall diese +Bescherung zu Theil.</p> + +<p><em class="gesperrt">27. April.</em> Nachmittags verkündeten einige Böllerschüsse den +Anfang der Feierlichkeit. Ich begab mich in den Palast, den ich vom +Volk ganz umringt fand. Es waren da viele Lanzenträger (Begleiter der +Prinzen und Vornehmen benachbarter Staaten), von welchen einer sogar +ein eisernes Panzerhemd<a id="FNAnker_29" href="#Fussnote_29" class="fnanchor">[29]</a> trug. Der Saal war so überfüllt, daß ich +Mühe hatte, durchzukommen. Mein Platz ward mir in der obersten Reihe +unter den zahllosen Königen, Fürsten und Fürstinnen angewiesen, die das +Fest weit und breit herbeigezogen hatte. Man stellte mir eine ganze +Menge regierender Häupter vor, darunter den künftigen Erben oder, wie +die Holländer sagen, den „wahrnehmenden“ Thronfolger von Bonni. Es ist +unglaublich, welche Menge von Fürsten, Prinzen und dergleichen hohe +Personen es auf Celebes gibt. Und alle diese Leute wollen mit einem +gewissen Aufwande leben und natürlich nichts thun; sie sind die wahren +Blutsauger des Volkes.</p> + +<p>Die Königin war noch nicht gegenwärtig; auch sie verstand es, das +Publikum eine geraume Zeit warten zu lassen. Von ihrem Gemache +bis an den Ort,<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span> wo sie Platz nehmen sollte, war der Boden mit +weißem Kammertuche belegt. An der Thüre hielten sechs Mädchen einen +Baldachin von Gold durchwirktem, schwerem Seidenstoffe bereit. Einen +grellen Kontrast zu diesem reichen Baldachine bildeten die sechs +Stangen, mittelst welcher er getragen wurde: sie bestanden aus dünnen +Bambusstückchen, die ganz roh waren, wie man sie im Walde geschnitten +hatte.</p> + +<p>Musik und wiederholte Böllerschüsse verkündeten endlich das Erscheinen +der Königin. Mit langsamen, gemessenen Schritten, mit beinah +geschlossenen Augen wankte sie unter dem Baldachine, gleich einer +zu opfernden Dulderin, ihrem Platze zu. Sie war in zwei purpurrothe +Sarongs gekleidet, von welchen der eine den oberen, der andere den +unteren Theil des Körpers deckte. In den Haaren trug sie Kränze von +Melati<a id="FNAnker_30" href="#Fussnote_30" class="fnanchor">[30]</a>, nebst künstlich gearbeiteten Blumen von Gold, außerdem +Ringe, Armbänder und anderes Geschmeide.</p> + +<p>Die Königin blieb stumm und bewegungslos sitzen und schlug den Blick +kein einziges Mal auf. In ihrer Nähe bildeten ein Dutzend Mädchen ein +halbes Viereck und sangen ein religiöses Lied. Man brachte hierauf +eine alte abgenützte Matratze, breitete<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> ein Tuch darüber und legte +einige Polster nebst einer Decke darauf zurecht. In diesem Augenblicke +entstand plötzlich an der Eingangsthüre ein heftiger Lärm, große +Bewegung; es schien mir, daß Leute mit Gewalt eindringen wollten und +abgewehrt wurden. Ich dachte schon, daß dieser Aufstand mir gelte, daß +es das Volk übel nähme, mich als Fremde, dieser großen Feierlichkeit +beiwohnen zu lassen. Die Ruhe wurde indeß bald wieder hergestellt; ich +konnte leider die Ursache dieser Unruhe nicht erfahren, und auch mein +Tolk vermochte nicht, mir darüber Auskunft zu geben. Letzterer war +überhaupt sehr mit Dummheit geschlagen, denn ich mochte ihn fragen was +ich wollte, er war beinahe nie im Stande, meine Fragen zu beantworten.</p> + +<p>Man führte nun einen ältlichen Mann, ebenfalls unter dem Baldachine +an das Bett, stellte an seine Seite ein mit Wasser gefülltes Becken +und legte verschiedene Instrumente daneben. Die Königin schob sich +in sitzender Stellung nach dem Bette. Die Duenna nahm ihr die +Blumen aus den Haaren und reichte eine kleine goldene Untertasse +einer nahe sitzenden, sehr alten Frau (der ältesten Königin aus der +Verwandtschaft), welche darein einen ganzen Mund voll blutrothen +Speichels spuckte. Mit diesem kostbaren Safte salbte sie die Königin +an den Schläfen und an der Stirne, goß auch etwas davon auf einen +Riemen,<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> den sie nach ihr schnellte, um ihren Körper von allen Seiten +zu besprengen. Hierauf nahm sie eine Räucherpfanne mit Rauchwerk, +reichte sie dreimal von der rechten zur linken Seite um die Königin, +ein viertes Mal in umgekehrter Richtung. Die Königin mußte sich nun +der Länge nach niederlegen, wurde leichthin mit der Decke bedeckt und +mit Melati bestreut. Die Duenna hockte sich rechts zu ihrem Kopfe, der +Arzt nahm die linke Seite ein, und mich setzte man neben die Duenna, +ebenfalls der Königin ganz nahe, welche mich bei der Hand faßte und +diese während der ganzen Operation nicht mehr los ließ. Sie sah überaus +betrübt aus, drückte mir zeitweise die Hand und blickte mich dabei so +wehmüthig an, als wollte sie Hülfe von mir erheischen. Fast mit Angst +harrte ich der kommenden Dinge.</p> + +<p>Der Arzt warf drei Feilen von verschiedener Größe in das Wasserbecken, +schob der Königin eine kleine Walze von Palmkohl zwischen die Zähne, +nahm die größte der Feilen, und fing damit so kräftig an auf die Zähne +loszuarbeiten, als hätte er einen Holzblock unter den Händen. Mit einer +zweiten, kleineren Feile setzte er die Operation fort. Bevor er an die +kleinste kam, nahm er die Walze aus dem Munde und schob an deren Stelle +ein um die Hälfte dünneres Röllchen von Betelblättern. Im ganzen<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> +machte er seine Sache gut und schnell, besonders wenn man die plumpen +Instrumente betrachtete, deren er sich bediente. Was aber die arme +Königin dabei gelitten haben mag, wissen die Götter! Dennoch verzog sie +keine Miene: ich fühlte nicht einmal ihre Hand erzittern.</p> + +<p>Als die Operation vorüber war, reichte man dem Arzte einen Hahn; +er riß ihm ein Stückchen von dem Kamme los und bestrich mit dem +herausquellenden Blute die Zähne und Lippen der Dulderin. Zu Ende +wiederholte die Duenna mit drei angebrannten, zusammengebundenen Kerzen +dieselbe Ceremonie, die sie mit der Räucherpfanne vorgenommen hatte, +worauf die Königin wieder auf ihren alten Platz zurück rutschte<a id="FNAnker_31" href="#Fussnote_31" class="fnanchor">[31]</a>.</p> + +<p>Die Operation der Zahnfeilung wurde außer an der Königin noch an sechs +Mädchen (wahrscheinlich aus dem königlichen Gefolge) vorgenommen; dabei +fanden jedoch nicht die geringsten Ceremonien statt. Die Mädchen legten +sich auf eine Matte, ohne Polster oder Decke, der Arzt schob ihnen +eine Walze in den Mund, feilte tüchtig darauf los, und die Sache war +abgethan.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span></p> + +<p>Der ganzen großen Gesellschaft, die in dem Saale versammelt war +(bei 400 Personen) wurde Thee und Backwerk vorgesetzt. Mir ließ +die Königin außerdem eine Tasse des süßen Scherbets, wie auch eine +Portion der in Zucker gekochten Früchte reichen. Sie schien wirklich +einiges persönliche Interesse an mir genommen zu haben. Der Thee wie +die Leckereien wurden nicht eher berührt, als bis wieder ein langes +religiöses Lied herabgeheult war. Dann aß und trank man mit großer +Bescheidenheit.</p> + +<p>Ich begab mich bald darauf nach Hause, denn außer langweiligen, +einförmigen Tänzen gab es nichts weiter zu sehen. Die Leckereien, die +man mir bei Hofe vorgesetzt hatte, wurden mir, wie es hier Sitte ist, +in meine Wohnung nachgesandt. Ich berührte sie hier eben so wenig wie +dort; sie waren aus Reismehl, Zucker, Oel, Kanarinen u. s. w. gemacht, +und schmeckten sehr fett und ranzig.</p> + +<p><em class="gesperrt">28. April</em> blieb ich zu Baru. Der Tolk sagte mir, daß es heute +noch Feste über Feste gebe, und daß es der Königin daher unmöglich sei, +mir Leute und Pferde zur Weiterreise zu verschaffen. Später sah ich, +daß er mich belogen hatte; es gefiel ihm hier sehr wohl. Die Königin +sandte beständig gute und viele Lebensmittel, er fand stets große +Gesellschaft zum Schwatzen, und so wäre er nicht Tage, sondern Wochen<span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span> +hier geblieben. Keine einzige Unterhaltung hatte statt, nichts gab es +als Abends ein einfaches Hahnengefecht auf dem Bazar, wie es bei jedem +Markte gebräuchlich ist.</p> + +<p><em class="gesperrt">29. April.</em> Mein ärgster Verdruß auf dieser Reise war das +Gefolge. Die Leute hatten für mich als Frau nicht die geringste +Aufmerksamkeit oder Folgsamkeit. Wenn ich von dem Tolk etwas forderte, +sagte er es dem Sendling, dieser dem Diener, der Diener oft wieder +dem Kulli, kurz ich hatte einen Haufen von Leuten um mich und war so +schlecht als möglich bedient. Die Kerls wollten nicht einmal mein +Schmetterlingsnetz nehmen, ich mußte es meistens selbst tragen. Ein +zweiter Uebelstand mit so zahlreichem Gefolge war, daß wir überall +vieler Pferde und Träger bedurften. Daß der Tolk und Sendling nicht +zu Fuß gingen, versteht sich von selbst; aber auch ihre Diener mußten +Pferde haben, wenn wir auch nur acht oder neun Paal den Tag machten. +Die Herbeischaffung der Pferde nahm stets die schönen Morgenstunden +weg. Wir kamen erst fort, wenn die Sonne recht brannte. Anders verhält +es sich freilich mit den Leuten, wenn sie mit ihrem Herrn oder +Vorgesetzten reisen. Da fürchten sie den Stock oder sonstige Strafen, +da hat alles Hände und Füße. Ich hatte das aus Erfahrung kennen gelernt +und deßhalb<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> blos einen gewöhnlichen Führer und einen Kulli mitnehmen +wollen; allein der Gouverneur wie Graf Bentheim, die es beide sehr +gut mit mir meinten und ihre Leute für besser hielten als sie waren, +überredeten mich zur Mitnahme dieses lästigen Gefolges.</p> + +<p>Erst um zehn Uhr Morgens kamen wir heute in das Prauh. Man gab vor, daß +es nach Pare-pare, wohin ich wollte, zu Wasser näher sei als zu Lande; +dann aber erfuhr ich, daß man dieß vorgab, weil man nicht so viele +Pferde schnell genug herbeischaffen konnte, als der Tolk verlangte.</p> + +<p>Kaum waren wir einige Stunden auf der See gefahren, so lenkten die +Leute in eine Bucht und wollten die Reise für diesen Tag beschließen. +Ich war darüber so aufgebracht, daß ich alle Scheltworte, die mir in +der Malaischen und Holländischen Sprache bekannt waren, zusammennahm, +den Leuten ihr elendes Betragen tüchtig zu verweisen. Ich drohte Briefe +nach Maros und Makassar zu schreiben, ja selbst Tolk und Sendling +zurück zu senden. Dieß bewirkte doch so viel, daß wir nach einer kurzen +Rast wieder weiter fuhren, erst gegen Abend in eine Bay lenkten und in +der Nähe eines Dorfes vor Anker gingen. Der Tolk sagte mir, daß man +Nachts nicht fahren könne, weil die Küsten voll Piraten seien. Dieß +wußte ich, wir blieben daher hier über Nacht.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span></p> + +<p>Ich schlief in dem kleinen Prauh. Zum Imbiß erhielt ich nichts als +Reis, die Leute hatten nicht einmal für Lebensmittel gesorgt.</p> + +<p>Außer unserem Prauh lagen noch zwei ganz kleine vor Anker. Mitten +in der Nacht erweckte uns ein fürchterliches Geschrei. Wir fuhren +erschrocken empor, meine Leute griffen nach ihren Waffen, da wir +dachten, von Piraten überfallen zu werden. Glücklicherweise kam niemand +an unser Prauh. Was auf den beiden andern vorging, woher das Geschrei +kam, darum bekümmerten sich meine Leute nicht, obwohl ich sehr darauf +drang, zu sehen, ob jene nicht unserer Hülfe bedürften. Morgens +vernahmen wir, daß Diebe vom Lande an die Prauhs geschwommen waren und +verschiedenes gestohlen hatten. Die Leute wurden erst wach, als die +Diebe mit ihrem Raube bereits dem Lande zuschwammen.</p> + +<p><em class="gesperrt">30. April.</em> Nachmittags drei Uhr kamen wir zu Pare-pare an +(30 Meil.). Dieses Oertchen liegt in einer reizenden Bucht, welche +von kleinen, fruchtreichen Ebenen, von sanft anschwellenden Hügeln, +und im Hintergrunde von bedeutenden Gebirgen umgeben ist. Im Hafen +lagen ziemlich viele Prauhs und kleine Barken, die von Makassar +und den umliegenden Inseln handeltreibend hieher kommen. Der König +dieses kleinen Reiches zieht außer dem Zolle auch aus seinen<span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span> eigenen +Handelsgeschäften großen Nutzen und soll für Celebes ziemlich +wohlhabend sein.</p> + +<p>Als der Tolk an’s Land stieg, um nach des Königs Wohnung zu fragen, +wies man auf ein kleines Canoe, welches gerade im Ankommen begriffen +war, und sagte dem Tolk, daß der König so eben vom Fischfange +heimkehre. Ich hätte ihn wahrhaftig für nichts anderes, als einen ganz +gewöhnlichen Fischer gehalten: er trug bloß einen schmutzigen Sarong +nebst einem Kopftuche. Auch seinem Wohnsitze sah man nichts weniger +als Wohlhabenheit an. Derselbe bestand in einer höchst baufälligen +Bambushütte, der Zugang führte durch eine Pfütze. Vor der Eingangsthüre +saßen auf einem kleinen Vorplatze mehrere Jungen und Mädchen, die im +Koran-Lesen<a id="FNAnker_32" href="#Fussnote_32" class="fnanchor">[32]</a> unterrichtet wurden. Das Sonderbarste bei der Sache +ist, daß der Koran in Arabischer Sprache gelehrt wird, von welcher die +Lehrer selbst nichts verstehen. Sie lesen oder schreien die Gebete +herab,<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span> ohne das geringste Verständniß von dem zu haben, was sie +plappern.</p> + +<p>Von dem Vorplatze ging es in des Königs Gemach, eine ganz gewöhnliche +Malaische Wohnstube, von welcher ein Theil durch Bambuswände in +Verschläge abgetheilt, die anderen von mehreren Klambus eingenommen +waren. Im Vordergrunde lagen viele Kaufmannsgüter in Kisten und Ballen +aufgestapelt, und überall machte sich ein Schmutz und eine Unordnung +sondergleichen breit.</p> + +<p>Ich verstand von der Malaischen Sprache schon so viel, um mich mit +dem Könige unterhalten zu können. Er hatte einige Kenntniß in der +Geographie, besaß mehrere Landkarten und wußte so ziemlich die +Hauptreiche Europa’s zu nennen (der König wurde in Makassar erzogen). +Er legte mir die beiden Hemisphären vor und war höchst erstaunt, +als ich ihm in Kürze alle Welttheile, so wie die vorzüglichsten +Reiche derselben wies. Er ersuchte mich auch, in seiner Gegenwart zu +schreiben. Ich bemühte mich, sehr schnell zu schreiben, wohl wissend, +daß ihn dieß um so mehr in Erstaunen setzen würde, als die Malaien +alles, was sie thun, höchst gelassen verrichten. Ich mußte ihm meinen +Namen, Vaterland und Geburtsort aufschreiben, was ich in deutscher +und lateinischer Schrift that. Er fragte mich auch über verschiedene<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> +Naturerscheinungen und bat mich, ihm einiges von den Sitten und +Gebräuchen fremder Völker und ganz besonders von meinem Volke zu +erzählen; kurz — ich hatte Gelegenheit, mein Bischen Wissen so viel +wie möglich auszukramen — Eitelkeit nimmt überall gern Huldigungen +an. Dafür ward mir die Ehre zu Theil, auch von diesem Manne für ein +ganz besonders bevorzugtes Wesen gehalten zu werden, wozu freilich in +einem Lande nicht viel gehört, in welchem die Männer wenig, die Weiber +so viel wie nichts wissen. Er ersuchte mich, ihm den Tag meiner Geburt +aufzuschreiben, welcher, wie er behauptete, unter die glücklichsten +gehören müsse.</p> + +<p>Als er vernahm, daß meine Reisen gedruckt seien, sagte er, daß er +gern hundert Rupien geben würde, wenn er sie in seiner Sprache haben +könnte. War das doch ein galanter König! — Wie hätte ich meine Reisen +ausdehnen können, was wäre mir nicht alles möglich geworden, wenn es +viele so freigebige Monarchen gäbe!</p> + +<p>Ich äußerte den Wunsch, der Königin vorgestellt zu werden. Nach +geraumer Zeit erschien ein Weib, so alt, runzelicht und zu einem +Skelette zusammengeschrumpft, daß ich im Zweifel war, ob dieß die +Mutter oder die Großmutter des Königs sei, welch letzterer doch auch +schon ein Mann von einigen dreißig<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> Jahren sein mochte. Dazu war sie +auf einem Auge blind, die Haare hatte sie zum Theile rothbraun gefärbt, +zum Theile waren sie schwarz und grau, und in größter Unordnung, als +hätten sie wochenlang keinen Kamm gesehen, hingen sie ihr bis an die +Schultern hinab — es konnte nicht leicht ein häßlicheres Bild des +Alters geben.</p> + +<p>Erst um sechs Uhr Abends kam ich in die mir angewiesene Wohnung.</p> + +<p>In Folge der Nachlässigkeit meines Gefolges hatte ich seit +sechsundzwanzig Stunden nichts gegessen. Die Leute waren so sorglos +gewesen, auf die Reise nicht hinlänglich Wasser mitzunehmen, um den +Reis kochen zu können; für den gestrigen Tag waren sie mit gekochtem +Reis versehen, der Abends kalt gespeist worden war. Heute Morgens +wartete ich vergebens auf eine Mahlzeit. Als ich darnach verlangte, kam +es erst heraus, daß das Wasser zum Kochen fehlte. Ein Diener verließ +sich auf den andern, und keiner sah nach. In Pare-pare angekommen, +beauftragte ich den Tolk, so schnell als möglich ein Mahl zu besorgen. +Mit wahrem Heißhunger begab ich mich von dem Könige weg in meine +Wohnung, sah die Schüsseln schon dampfen und rauchen, glaubte den +würzigen Geruch der Speisen schon einzuathmen, da hieß es: „noch nicht +fertig.“— Und so mußte ich<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> noch zwei ewig lange Stunden warten. +Für meine Geduld hoffte ich doch wenigstens mit köstlichen Gerichten +belohnt zu werden. Ich täuschte mich jedoch abermals, da ich nichts +als Reis und einen Fisch in einer inländischen Brühe erhielt, die aus +gestampften, mit Wasser und Kokosöl ausgekochten, säuerlichen Blättern +bestand. Wahrlich, man mußte sechsundzwanzig Stunden gefastet haben, um +dieses Essen genießbar zu finden!</p> + +<p><em class="gesperrt">1. Mai.</em> Diesen Morgen machte ich dem Könige den Abschiedsbesuch +und verehrte seiner Gemahlin einige Fläschchen Kölnerwasser, ihm selbst +ein großes illuminirtes Bild, welches den Glaspalast in Hydepark +vorstellte. Um ihm einen Begriff von der Größe meines Sultans (Kaisers) +zu geben, sagte ich: „Sieh’, dieß ist der Palast meines Sultans, er +ist so hoch, daß die höchsten Bäume darinnen stehen können, und so +groß, daß man eine halbe Stunde braucht, ihn zu umgehen.“ Er war sehr +erstaunt und that viele Fragen über Sultan und Palast; nur meinte er, +daß der Palast gar zu durchsichtig sei. Die Sonne müsse da hinein +brennen und leuchten, daß man bei Tage gar nicht schlafen könne; er +möchte nicht darinnen wohnen.</p> + +<p>Noch manche Stunde plauderten wir, erst um eilf Uhr kam ich fort.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_25" href="#FNAnker_25" class="label">[25]</a> Ost- und Westwind wechseln ungefähr alle sechs Monate.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_26" href="#FNAnker_26" class="label">[26]</a> Die Bewohner von Celebes sind im Süden Makassaren und +Buginesen (alle Mohamedaner), im Norden Alforen. Uebrigens findet man +Buginesen über die ganze Insel zerstreut.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_27" href="#FNAnker_27" class="label">[27]</a> Die vier Halbinseln, aus welchen Celebes besteht, sind +lang, aber schmal, so daß man häufig wieder an die Meeresküste kommt.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_28" href="#FNAnker_28" class="label">[28]</a> Die Bundesgenossen erhalten von der Holländischen +Regierung beinahe alle Jahre dergleichen Geschenke.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_29" href="#FNAnker_29" class="label">[29]</a> Im Kriege sollen viele der Eingebornen Panzerhemden +tragen.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_30" href="#FNAnker_30" class="label">[30]</a> Melati heißt der gefüllte Jasmin; er ist die +Lieblingsblume der Malaien und Chinesen und riecht angenehm, aber etwas +stark.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_31" href="#FNAnker_31" class="label">[31]</a> Wenn Zahnfeilungen bei hohen Häuptern statthaben, gibt +es in Zwischenräumen von mehreren Monaten drei Feste. Bei dem ersten +werden die Zähne bezeichnet, wie weit sie zu feilen sind, bei dem +zweiten werden die unteren, bei dem dritten die oberen Zähne gefeilt.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_32" href="#FNAnker_32" class="label">[32]</a> Die Malaien, und mit sehr geringer Ausnahme (Menehassa) +alle Bewohner von Celebes, sind Mohamedanischer Religion. Doch genießt +hier das weibliche Geschlecht dieselben Rechte, wie das männliche. Das +erstgeborne Kind eines Königs, Knabe oder Mädchen, folgt dem Vater in +der Regierung. Hinterläßt er eine Witwe, so regiert diese, wenn auch +der Sohn schon das Mannesalter erreicht hat. Mädchen besuchen die +Schule so gut wie die Knaben.</p> + +</div> + +</div> + +<figure class="figcenter illowe6" id="p241_ende"> + <img class="w100 padtop1" src="images/p241_ende.jpg" alt="" data-role="presentation"> +</figure> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Zwoelftes_Kapitel">Zwölftes Kapitel.</h2> + +</div> + +<p class="s5 hang2 mbot2">Sidenring. — Die Seen von Tempe. — Lagusi. — Ein königliches Mahl. +— Rückkehr nach Sidenring. — Die Rehjagd. — Besuch bei dem Sultan +von Goa. — Abreise von Celebes. — Surabaya. — Eine Malaische +Hochzeit. — Eine Spukgeschichte. — Rückkehr nach Batavia.</p> + +<p><img class="illowe1_2 mbot-0_3" src="images/p242_init.jpg" alt="V">on Pare-pare ging ich zu Pferde nach <em class="gesperrt">Batu-Masapaija</em> (zwölf +Paal) einem Landsitze des Königs von <em class="gesperrt">Sidenring</em>, welcher +abwechselnd hier und in der eigentlichen Residenz zu <em class="gesperrt">Tete-adje</em> +an dem See <em class="gesperrt">Tempe</em> wohnt.</p> + +<p>Die Wege führten theilweise über niedrige Gebirge, welche, Alang-Alang +und kurzes Gras ausgenommen, von Vegetation beinahe entblößt, dagegen +voll Steine und Gerölle waren, so daß unsere armen Thiere wie Gemsen +klettern mußten. Wir begegneten vielen Saumpferden, die hauptsächlich +Reis nach dem Hafen Pare-pare trugen. Außerdem war das Land nur von +Pferden belebt, die sich lustig im Zustande<span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span> der Freiheit herum +tummelten. Die Könige in diesen Gegenden haben große Gestüte und +treiben sehr gewinnreichen Pferdehandel.</p> + +<p>Schon seit mehreren Stunden zog sich der Weg einförmig bergauf, +zwischen Hügeln fort, die jede freie Aussicht versperrten; dagegen +wurden wir bei dem Ausgange eines engen Thales überreich belohnt, +denn eine der herrlichsten Ansichten, vielleicht die schönste von +ganz Celebes, lag vor unsern Blicken. Eine beinahe unabsehbare Ebene +breitete sich aus, in ihrer Mitte glänzten die Wasserspiegel der +beiden Seen <em class="gesperrt">Tamparang-Urai</em> und <em class="gesperrt">Tamparang-Cabaija</em>, +gewöhnlich die Seen von Tempe genannt. Der erstere dieser Seen bildet +ein langes, unregelmäßiges, der letztere ein schönes, rundes Becken. +Reiche Reispflanzungen, große Ortschaften verkündeten den Wohlstand +der Gegend. Im Vordergrunde stiegen viele vereinzelte, kleine, spitze +Hügel und Felsen auf, die man aus der Ferne und der Höhe, auf welcher +wir uns befanden, für Tumuli hätte halten mögen, so klein und niedlich +erschienen sie auf dieser ungeheuren Ebene. Im Hintergrunde erhoben +sich schöne Gebirgsketten gleich hohen Mauern, als wollten sie das +friedliche Thal vor den Stürmen der Außenwelt bewahren.</p> + +<p>Langsam ritt ich nach der Ebene hinab, denn jeder Schritt verlöschte +einen Zug des herrlichen Bildes.<span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span> Das Großartige verschwand, unser +Pfad ging wieder zwischen niedern Hügeln in die Tiefe, und bald sahen +wir weiter nichts, als einzelne Hütten, einige Stallungen, die dem +Könige zugehörten, kleine Mais- und Reisfelder. Dies ging so fort bis +Batu-Masapaija, wo wir den König auch wirklich antrafen.</p> + +<p>Obwohl der König von Sidenring zu den drei größten auf Celebes gehört, +wohnte er eben so erbärmlich wie der kleinste, ärmste Rajah. Sein +Palast, aus dünnem Bambusgeflechte, mit Stroh gedeckt, glich einer halb +verfallenen Scheune. Das Innere bestand aus einem großen Gemache, von +durchlöcherten Halbwänden untertheilt, und voll schmutziger Klambus. Am +Eingange gab es einige Feuerstellen, auf welchen halb erloschene Brände +einen abscheulichen Rauch verbreiteten, im Vordergrunde wimmelte es +von Faullenzern aller Art, Männer, Weiber und Kinder. Hier hockte eine +Gruppe, Siri kauend und schwatzend, dort lagen Schläfer auf dem Boden +ausgestreckt und um die Wette schnarchend, hier erschien hinter einem +geöffneten Klambu ein zerraufter Kopf, dort balgten sich nackte Kinder, +mit Finnen und Schmutz bedeckt — wo man hinsah ein erbärmlicher +ekelhafter Anblick.</p> + +<p>Das königliche Ehepaar hockte im Hintergrunde auf einer zwei Fuß hohen +Tribune, gleich der Dienerschaft mit Sirikauen beschäftiget und in +den lieben<span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span> langen Tag hinein schauend. In der Nähe der Tribune waren +hier und da Kisten und Körbe aufgestapelt, zerrissene Kleidungsstücke +hingen umher, dazwischen auch eine schöne gestickte Militärs-Uniform, +die der König von der Holländischen Regierung zum Geschenke erhalten +hatte. Der König zeigte mir dies Kleidungsstück und ersuchte mich, ihm +ein derartiges einfacheres zu verfertigen. So sind die Schicksale des +Reisenden! Der König von Pare-pare hätte mir hundert Rupien für meine +Bücher gegeben, während dieser hier mich zu seinem Hofschneider erheben +wollte! Ich wich der bescheidenen Bitte dadurch aus, daß ich sagte, ich +sei zum Arbeiten zu vornehm.</p> + +<p>Man beherbergte mich in diesem scheunenartigen Palaste unter einem +Klambu. Die Kost war ziemlich schlecht; man brachte mir auf handgroßen +Täßchen einige winzig kleine Stückchen Fleisch, ein Paar fingerlange +Fische und den Hals, Kopf und die Flügelspitzen eines Hühnchens.</p> + +<p>Nach der Tafel besuchte mich der König. Als er zufällig einige Insekten +sah, die ich unterweges gefangen hatte, und hörte, daß ich Werth darauf +legte, versprach er mir ganz unaufgefordert, Leute in die Waldungen zu +senden und für meine Rückkehr eine kleine Sammlung bereit zu halten.</p> + +<p>Schon in einigen Tagen sollte ich wieder hier<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span> sein, denn meine Reise +ging nun nicht mehr weiter als über die beiden Seen bis <em class="gesperrt">Lagusi</em>, +der Residenz der Königin von <em class="gesperrt">Wadjo</em>, deren Königreich an jenes +von <em class="gesperrt">Bonni</em> grenzt. Der Besuch des letzteren, wie bereits erwähnt, +war mir nicht gestattet.</p> + +<p>Beim Abschied versprach mir der König noch, wenn ich wiederkehre, mir +zu Ehren auch eine Rehjagd zu veranstalten.</p> + +<p><em class="gesperrt">2. Mai.</em> Wir ritten heute nicht mehr als neun Paal in der +großen Ebene beinah unausgesetzt zwischen Reisfeldern bis in die Nähe +des ersten Sees, wo wir in einer offenen Hütte, d. h. unter einem +Blätterdache unsere Wohnung aufschlugen. Wir kamen durch mehrere große +Ortschaften, darunter besonders <em class="gesperrt">Awaritij</em> mit mehr als 200 +Häusern. Ich fand in diesem Königreiche Dörfer und Häuser durchgehends +sehr groß.</p> + +<p>Auch heute bestand meine Mahlzeit nur aus einigen kleinen Fischchen +nebst Reis, und zwar ebenfalls wieder durch die Schuld meiner Leute, +denn wenn man in diesen Ländern irgendwo gastfreundlich aufgenommen +wird, ist es Sitte, alles zu begehren, was man nöthig hat; hätten meine +Leute einige Hühner, Früchte u. dgl. verlangt, so würde man sie ihnen +mit Freuden gegeben haben; allein sie thaten es nicht, selbst wenn ich +es ihnen befahl — sie wollten nicht die Mühe der Zubereitung haben.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span></p> + +<p><em class="gesperrt">3. Mai.</em> Lagusi (dreißig Paal). Heute ward ich über meine Leute +im höchsten Grade aufgebracht. Als ich Morgens an das Ufer des Flusses +kam, auf welchem wir noch ein kleines Stück bis in den See zu fahren +hatten, war nicht einmal das Prauh in Bereitschaft: eine ganze Stunde +mußte ich in der glühenden Sonne stehen und die Leute zur Arbeit +antreiben. Mit größtmöglichster Langsamkeit schoben sie endlich einen +ausgehöhlten Baumstamm in das Wasser und deckten ihn mit einem so +niedrigen Blätterdach, daß ich darunter kaum aufrecht sitzen konnte. +Ich betrat mit Widerstreben dieses gefährliche und unbequeme Fahrzeug; +wie aber stieg erst meine Angst, nachdem ich so viele Menschen folgen +sah, als der hohle Baumstamm fassen konnte! Ich wehrte mich dagegen; +doch weder Tolk noch Sendling hörten auf mich; sie ließen mitfahren +wem es beliebte. Einundzwanzig Personen saßen in dem engen Raume. Ich +mußte während der ganzen Fahrt, die über neun Stunden dauerte, gleich +den übrigen, auf meinen unterschlagenen Beinen hocken. Den Eingebornen +macht dieß freilich keine Unbequemlichkeit, die sind an diese Stellung +gewöhnt; ich litt aber unaussprechlich.</p> + +<p>Unter den Mitreisenden befand sich ein Greis, der, obwohl er eben nicht +sehr gebrechlich aussah, nicht lange sitzen konnte. Er mußte sich +legen, und in Folge<span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span> dessen waren wir gezwungen, noch mehr zusammen zu +rücken. Später sah ich, woher die Schwäche des Alten rührte: er war ein +starker Opiumraucher. Er führte Pfeife, Opium und Lampe mit sich und +rauchte und schlief abwechselnd während der ganzen Fahrt.</p> + +<p>Die beiden Seen, deren vereinigte Länge ich auf ungefähr dreißig, +die höchste Breite auf zehn Paal rechne, sind durch den Fluß Watta +verbunden, ihre Entfernung von einander beträgt höchstens 1½ Paal. Die +Seen, besonders der große, haben wenig Tiefe; letzterer dürfte sich +mit der Zeit in einen Sumpf verwandeln, denn jetzt schon ist der ganze +Grund und Boden mit Pflanzen dicht überwachsen, und ganze Parthieen +derselben schwimmen gleich Inseln auf der Oberfläche umher. Die Ufer +bieten wenig Reiz; an vielen Stellen sind sie mit Alang-Alang bedeckt. +An dem großen See liegen bedeutende Ortschaften; sie nehmen sich aber +in der nackten Umgebung, die weder Gebüsche noch Baum besitzt, ganz +armselig aus. Die die Seen umgrenzenden Länder bilden Bestandtheile +von Sidenring, Wadjo und andern kleinen Königreichen. Man sieht auch +die Gebirge von Bonni, von welchen ich nur eine Tagreise entfernt war. +Lagusi liegt am Tjenrana, achtzehn Paal stromaufwärts. Als ich das +Boot verließ, um nach der königlichen Residenz zu gehen (¼ Paal) +begleitete mich die ganze Dorfgemeinde;<span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span> man hatte hier noch kein +Europäisches Gesicht gesehen. Die Leute wollten alle mit mir in den +Palast (natürlich auch nur eine Bambushütte) — man mußte sie mit +Gewalt forttreiben.</p> + +<p>Die Königin ließ lange auf sich warten. Sie war alt, aber kräftig, +überaus lebhaft und sprach sehr eifrig und viel. Sie behauptete, +sechsundsiebenzig Jahre zu zählen; aber ihrem jüngsten Sohne nach zu +urtheilen, mochte sie es mit den Jahren wohl nicht so genau nehmen. +Wenn die Leute hier alt sind, machen sie sich gerne noch älter: sie +glauben dadurch an Würde zu gewinnen. Im allgemeinen haben sie auch +wenig Begriff von Zeitrechnung und wissen meistens selbst nicht, wie +viel Jahre sie zählen.</p> + +<p>Nach der üblichen Bewirthung mit Thee und Süßigkeiten wollte ich mich +zurückziehen, da ich halb lahm von dem neun Stunden langen unbequemen +Sitzen in dem Baumstamme war; allein die hohe Frau gab es nicht zu: +sie unterhielt sich zu gut mit meinen Leuten, die ihr alle Neuigkeiten +aus der großen Stadt Makassar erzählen mußten. Sie war sehr munter +und heiter, obwohl sie, wie sie mir selbst mit wahrhaft stoischer +Gleichgültigkeit erzählte, erst vor drei Tagen einen Sohn begraben +hatte. So sind diese Menschen! — So lange die Leiche im Hause ist, +heulen, schreien und geberden sie sich wie Wahnsinnige; ist der +Verstorbene<span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span> einmal der Erde übergeben, so begraben sie den Schmerz mit +ihm, Heiterkeit und Frohsinn kehren wieder.</p> + +<p>Die Königin trug Trauer um ihren Sohn. Dieselbe bestand in einem +dunklen Tuche, das um den Kopf geschlagen war, die Haare ganz verbarg +und bis über die Schultern fiel.</p> + +<p>Sehr gegen meinen Willen war ich gezwungen, die Abendmahlzeit bei der +Königin einzunehmen. Auch hier war das Essen unter aller Kritik. Es +gab eine Menge kleiner Schüsselchen, deren Gesammtinhalt den Magen +eines ganz gewöhnlichen Essers nicht überladen hätte. Ein Schüsselchen +enthielt ein hartgekochtes Ei in vier Theile geschnitten, ein anderes +drei winzig kleine Kartoffeln, ein drittes die Hälfte eines drei Zoll +langen Fischchens, ein viertes ein paar Scheibchen von Gurken, ein +fünftes zwei gekochte nußgroße Zwiebelchen u. s. w. Mitten unter dieses +Puppenmahl setzte man einen sehr großen, fest zugedeckten Suppentopf +und legte daneben einen großen Suppenschöpflöffel. Diesem Riesentopfe +weihte ich meine ganze Aufmerksamkeit; mein erwartungsvoller Magen +hoffte auf gekochte Hühner oder sonst ein herrliches Gericht. In dieser +schwelgerischen Erwartung nahm ich eine gute Portion Reis auf meinen +Teller, um ihn mit der köstlichen Sauce, mit dem zarten<span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span> Hühnerfleische +zu mengen; doch der Deckel des Topfes wurde lange Zeit nicht gehoben. +Ich verlangte nach etwas Salz, um meinen Reis vorläufig zu würzen. Da +endlich — ging der Deckel auf, man griff nach dem großen Schöpflöffel +und langte — — einen Fingerhut voll weißen Salzes heraus<a id="FNAnker_33" href="#Fussnote_33" class="fnanchor">[33]</a>. Bald +wäre ich aus Schmerz über die getäuschte Hoffnung selbst zur Salzsäule +geworden.</p> + +<p>Nicht minder komisch ging es mit dem Wasser zu: man stellte zwei +sehr schön geschliffene Flaschen in Futteralen vor uns. Da Flaschen +gewöhnlich von Gläsern begleitet sind, wartete ich lange auf letztere. +Als sie nicht erschienen, verlangte ich darnach; die Königin aber sagte +mir, ich möchte nur aus der Flasche trinken, und nicht nur sie und ich, +sondern Tolk, Sendling, alles trank aus den Flaschen.</p> + +<p>Unter den Früchten gab es eine, Durian genannt, in Form und Umfange +einer Melone von mittlerer Größe ähnlich und mit sehr rauher Schale, +die dermaßen nach Knoblauch stank, daß man die Frucht schon roch, als +sie dreißig bis vierzig Schritte entfernt war. Das Innere besteht aus +weißen, an einander gereihten, sehr großen Bohnen. Ich hatte die Frucht +schon auf Borneo wie auch auf den Molukken gesehen.<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span> Die Europäer +versicherten mir, daß, wenn man sich an den starken Geruch gewöhnt +habe, diese Frucht sehr fein schmecke, und fügten hinzu, wenn man sie +so recht <span class="antiqua">con amore</span> genießen wolle, müsse man dieß auf einem +Flusse in einem Boote sitzend thun, um die Hände jeden Augenblick in +das Wasser tauchen zu können, damit der Geruch sich leichter verlöre. +Ich konnte ihr, selbst nach wiederholten Versuchen, des Geruches wegen, +keinen Geschmack abgewinnen.</p> + +<p>Die bei Tische aufwartende Hofdame oder Dienerin trug auf dem Daumen +der linken Hand ein wenigstens fünf Zoll langes Nagelfutteral. Ich gab +ihr meine Verwunderung über diesen ungeheuren Nagel zu erkennen, sie +versichernd, daß ich ähnliches nicht einmal in China, dem Lande der +Nagelkultur gesehen hätte. Lächelnd zog sie das Futteral ab, und ich +sah, daß es eigentlich mehr als Zierde diente: der Nagel selbst hatte +höchstens einen halben Zoll Länge. Eben so verhielt es sich mit den +übrigen Futteral-Trägern; nur der Sohn der Königin machte hievon eine +Ausnahme: sein Finger prangte mit einem zwei Zoll langen Nagel. Die +Mode der Nagelfutterale sah ich nur in dieser Gegend.</p> + +<p>Als das Mahl vorüber war, setzte ich die Ceremonie bei Seite und +verlangte, mich zurückziehen zu dürfen. Die Königin entschuldigte sich, +mich nicht in<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> ihrer Ruine von Palast aufnehmen zu können, ich möchte +ihrem Sohne nach dem seinigen folgen; dort sei schon alles für mich +bereit. Daselbst angekommen, sollte ich noch seiner Frau vorgestellt +werden und abermals Thee und Backwerk genießen. Allein ich wich dieser +Ehre für heute aus und schlüpfte unter meinen Klambu, wo ich mich der +nöthigen Ruhe erfreute.</p> + +<p><em class="gesperrt">4. Mai.</em> Der Prinz war ein noch junger Mann; Gesichtsfarbe und +Züge verriethen aber schon den starken Opiumraucher. Sein erstes +Geschäft Morgens war auch die Opiumpfeife anzuzünden. Leider wird +dieses Gift auf Celebes häufig gebraucht.</p> + +<p>Nach dem Frühstücke, das der gestrigen Abendmahlzeit würdig an die +Seite zu stellen war, ging ich mit dem Prinzen zur Königin, um Abschied +zu nehmen. Beim Eintritte in den Palast fielen mir drei Kisten in die +Augen, die ich gestern nicht bemerkt hatte; zwei dienten als Stühle für +die Königin und mich, die dritte als Tisch.</p> + +<p>Ich mußte über eine halbe Stunde auf die Königin warten; es hieß, sie +mache Toilette. Und worin bestand diese Toilette? In einer weißen +Blouse, die sie über den Sarong gezogen hatte, der Kopf war wie gestern +in ein Tuch gehüllt. An Schmuck trug sie zwei Reihen hohler Kugeln +aus Goldblech, in Form und Größe kleiner Hühnereier, die kreuzweise<span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span> +über Brust und Schulter hingen, an jeder Seite der Brust ein rundes, +handgroßes, mit Edelsteinen besetztes Goldblech, das man für Orden +hätte halten können, wenn die Leute auf Celebes schon auf diesem +Höhepunkte der Civilisation stünden. Am meisten fiel mir jedoch die +Fußbekleidung auf: sie bestand aus ausgeschnittenen Schuhen nach Art +der Europäischen; nur waren sie, statt von Stoff, ganz von Goldblech, +die Sohle nicht ausgenommen, und mit Edelsteinen besetzt.</p> + +<p>Als mich die Königin begrüßte, sagte sie mir, daß sie es für ihre +Pflicht gehalten habe, mich im königlichen Staate zu empfangen.</p> + +<p>Auch bei dieser Gelegenheit mußte wieder gespeist werden. Während +der Mahlzeit wurde ihr Sohn abgeholt, um ein Haus zu besichtigen, in +welches diese Nacht Diebe eingebrochen, und an Silber, Geschmeide +u. dgl. bei 800 Rupien im Werthe gestohlen hatten.</p> + +<p>Die Buginesen, Hauptbevölkerung dieser Gegenden, sind die +berüchtigtsten Diebe und Piraten im ganzen Archipel, übrigens +die gewandtesten und hübschesten Leute, die ich auf dieser Insel +gesehen. Männer und Weiber sind groß, sehr gut gewachsen, auch ihre +Gesichtsbildung ist bei weitem besser, als die der Malaien. Das +Nasenbein thut sich doch ein bischen hervor; manche haben mitunter ganz +hübsch geformte<span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span> Nasen, und die Zahnkiefer ragen nicht so heraus. Ihre +Augen sind schön und verrathen viel Intelligenz. Ihre Hautfarbe ist +licht röthlich braun.</p> + +<p>Wie ich bereits bemerkt habe, genießen die Weiber auf Celebes so +ziemlich die Rechte der Männer: ein Mann darf ohne die Bewilligung +seiner ersten Frau keine zweite nehmen. Auch von den öffentlichen +Angelegenheiten sind sie nicht ausgeschlossen. Die Bewohner des +Königreiches <em class="gesperrt">Wadjo</em> (Lagusi), ein handeltreibendes, friedliches +Volk, ziehen es sogar vor, von Königinnen regiert zu werden; sie sagen, +daß deren Regierung weniger kriegslustig, treuer und ruhiger sei, als +die der Männer.</p> + +<p>Um 11 Uhr sagte ich der Königin Lebewohl.</p> + +<p>Ich hatte meinen Leuten schon am frühen Morgen befohlen, alles zur +Rückreise in Bereitschaft zu halten; trotzdem fand ich, als ich an’s +Ufer kam, nicht einmal ein Boot vor. Mit vielem Gezänke kam erst unser +ausgehöhlter Baumstamm um Mittag zum Vorschein. Die Rückreise war wo +möglich noch unangenehmer als die Herreise, da die Leute so träge +ruderten, daß wir nicht von der Stelle kamen. Ich mußte in dem engen +Gefängnisse zwanzig Stunden, von Mittag zwölf bis nächsten Morgen +acht Uhr zubringen. Während der Nacht wurden die Ruder zur Seite +gelegt, und alles schlief. Glücklicherweise war das Wetter<span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span> schön und +der See ruhig, dennoch schwankte das gefährliche Fahrzeug bei jeder +Bewegung eines Schläfers so heftig, daß ich oft fürchtete, es könne das +Gleichgewicht verlieren.</p> + +<p><em class="gesperrt">5. Mai.</em> In der offenen Hütte wieder angekommen, rasteten +wir zwei Stunden, dann bestiegen wir Pferde und ritten nach +<em class="gesperrt">Batu-Massapaija</em>, zu dem König von Sidenring zurück.</p> + +<p>Meine erste Frage war nach den Insekten. Der König reichte mir — die +leere Flasche<a id="FNAnker_34" href="#Fussnote_34" class="fnanchor">[34]</a>. Ich erinnerte ihn an die Rehjagd — „Uebermorgen“ +hieß es.</p> + +<p>Ich dankte ihm für die vielen Insekten und für die schöne Jagd und +ersuchte ihn, mir einige Leute zu geben, um nach dem Bergdistrikte +<em class="gesperrt">Duri</em> gehen zu können, dessen Bewohner eine Art Alforen und ein +noch als sehr wild bekannter Volksstamm, Bundesgenossen des Königs von +Sidenring sind. Sie sollen in Höhlen wohnen. Diese Reise gefiel aber +dem Tolk und Sendling nicht. Man mußte sie zu Fuße machen und obwohl +ich von der <em class="gesperrt">Buginesischen</em> Sprache, in welcher meine Leute mit +dem Könige verkehrten, so viel wie nichts verstand, entnahm ich doch, +daß sie den König ersuchten, mir Schwierigkeiten zu machen.<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span> Der König +sagte mir dann in Malaischer Sprache, daß er jetzt mit diesem Volke +gerade nicht im besten Einvernehmen stehe und daher meinen Wunsch nicht +erfüllen könne. Hätte ich diese trägen, faulen Leute nicht bei mir +gehabt, so würde ich meinen Willen durchgesetzt haben, denn ich sah es +dem Könige an, daß er der Erfüllung meines Ersuchens nicht ungeneigt +war. Er bemerkte wohl, daß ich böse wurde, und um mich ein wenig zu +erheitern, versprach er mir, die Rehjagd auf den morgigen Tag zu +veranstalten.</p> + +<p>Ich brachte den ganzen Abend mit der königlichen Familie zu und +bemerkte mit Vergnügen, daß das königliche Ehepaar, obwohl schon lange +verheirathet (sie hatten vierzehn Kinder), in einer überaus glücklichen +Ehe lebte. Ich hörte auch, der König habe nur <em class="gesperrt">eine</em> Frau, und +überhaupt sei das Familienleben auf Celebes besser als auf irgend einer +der anderen Inseln dieses Archipels. Gewöhnlich begnügt sich der Mann +mit <em class="gesperrt">einer</em> Gattin, und Scheidungen finden auch nicht so häufig +statt.</p> + +<p>Die beiden Eheleute richteten unzählige Fragen an mich; vor allem +andern aber baten sie mich um die Arznei, die ich ihrer Meinung nach +nähme, um in meinem Alter so kräftig zu sein. Der König sagte, daß er +nicht im Stande wäre, es mir gleich zu thun, viel weniger die Königin, +obwohl sie beide um so viel<span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span> jünger seien als ich. Vergebens betheuerte +ich, daß dieß nur Folge der von der ihrigen so ganz verschiedenen +Lebensweise wäre. Dann kam auch hier wieder die Rede auf meinen Sultan +(ein besonderes Lieblingsthema aller dieser Fürsten); sie fragten +mich, wie er wohne, was er speise, ob ich ihn oft besuche u. s. w. Ich +erzählte ihnen mit aller Ausführlichkeit das kaiserliche Familienleben.</p> + +<p><em class="gesperrt">6. Mai.</em> Gestern hatte die Königin erklärt, sie wolle ebenfalls +an der Jagd Theil nehmen. Ich war über diesen heldenmüthigen Entschluß +sehr erstaunt, denn daß eine Königin ihre Hütte ohne eine bedeutende +Veranlassung verläßt, gehört unter diesen Völkern zu den Wundern. +So erzählte mir z. B. die achtzehnjährige Königin von Baru, daß sie +seit acht Jahren nicht über zweihundert Schritte weit von ihrer Hütte +gekommen sei.</p> + +<p>Als es zur Jagd ging, fragte ich nach der Königin. Der König sagte mir, +daß sie uns nicht begleiten könne, sie habe das Fieber (vermuthlich das +Trägheitsfieber).</p> + +<p>Wir begaben uns auf einen großen, schönen Wiesenplatz, der ringsum +von Waldungen eingesäumt war. Die Rehe wurden getrieben, von Hunden +gefangen, welche die armen Thiere gräßlich zerfleischten, und von den +Leuten mit Lanzen getödtet. Viele von den Jägern<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span> waren zu Pferde und +jagten den Thieren nach. Der König und ich saßen im Schatten eines +Baumes und sahen zu, — es war eine abscheuliche Unterhaltung, der ich +kein zweites Mal beiwohnen möchte!</p> + +<p>Nach der Jagd versammelten sich die Reiter und Treiber um uns. Diese +Gruppe war so malerisch, daß ich vieles gegeben hätte, ein Zeichner +zu sein. Die Reiter ruhten auf ihren schönen, unbeweglich stehenden +Thieren in den verschiedenartigsten Stellungen. Sie schlugen einen Fuß, +oft wohl beide unter, hockten auf den Fersen oder stemmten die Füße +in die Seiten der Thiere, kurz geberdeten sich wie auf festem Grund +und Boden. So wie die Leute zu Pferde, so lagerten die Treiber auf der +Wiese umher. Die Kopftücher hatten sie in der mannigfaltigsten Weise um +den Kopf geschlagen. Sie stärken diese Tücher und vermögen ihnen daher +jede beliebige Form zu geben; die langen, weiten Sarongs umhüllten die +kräftigen Körper bald ganz, bald theilweise, oder hingen als Schärpen +in reichem Faltenwurfe von der Schulter hinab. Das Betrachten dieses +Bildes ergötzte mich ungleich mehr als die grausame Jagd.</p> + +<p>Zur Abendmahlzeit setzte man uns schon das Schulterstück eines +der erlegten Rehe vor. Leider war es durch die Bereitung beinahe +ungenießbar geworden. Man hatte das Fleisch, ohne es zuvor zu waschen +und<span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span> zu salzen, in das brennende Feuer geworfen und kaum so lange darin +gelassen, bis es warm wurde. Es war ganz schwarz, stank nach Rauch, +und das Blut quoll überall heraus. Von solchen Speisen lebt ein König, +der, wie er mir selbst erzählte, im vergangenen Jahre 8000 Rupien in +den Hahnenkämpfen verloren, das Jahr zuvor 10,000 Rupien in demselben +Spiele gewonnen hatte! —</p> + +<p><em class="gesperrt">7. Mai</em> Morgens nahm ich Abschied von dem königlichen Spieler. +Die Rückreise ging sehr rasch von Statten. Ich machte in Pare-pare, +Baru und Tanette nur die nöthige Rast und erreichte schon am 9. Mai +wieder die Grenze der Holländischen Besitzungen, die zwei Paal von +der Residenz des Königreichs Tanette beginnen. Um zwei Uhr war ich zu +Mandelle, und um eine Tagereise zu gewinnen, ging ich zu Fuß noch sechs +Paal weiter bis <em class="gesperrt">Segeri</em>, denn bis frische Pferde herbeigeschafft +worden wären, würde es Nacht gewesen sein, und die Wege waren zu +gräßlich, um sich bei Nacht darauf zu wagen. Meinen Leuten kam dieß +nicht sehr gelegen; allein ich bekümmerte mich nicht darum, und begab +mich ohne sie auf den Weg, wohl wissend, daß sie mir folgen würden. Wir +kamen durch so tiefe Sümpfe, daß man an einer Stelle Mühe hatte, mich +durch zu bringen. Bei jedem Schritte sank ich bis an den Oberleib ein, +zwei meiner<span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span> Leute mußten mir stets heraushelfen. Am nächsten Morgen +fühlte ich mich so wenig ermüdet, daß ich zweiunddreißig Paal zwar zu +Pferde, aber ebenfalls wie gestern, durch die schrecklichsten Sümpfe +machte, was selbst für Reiter sehr ermüdend ist. Ich kam glücklich und +wohlbehalten zu Maros an; Tolk und Sendling wurden dagegen von den +Beschwerden dieser eiligen Rückreise so angegriffen, daß sie beide +einige Tage unwohl waren.</p> + +<p>Zu Maros blieb ich noch einige Tage und besuchte von hier aus den +Fürsten <em class="gesperrt">Aru-Sinri</em>, den früheren Minister von Bonni, der +sechs Paal von Maros entfernt wohnt. Die Gemahlin dieses Fürsten, +<em class="gesperrt">Aru-Palengerang</em>, hatte die gerechtesten Ansprüche auf das Reich +Bonni: sie war die Schwester des letztverstorbenen Königs, der keine +Kinder hinterließ; auch sie war kinderlos und hatte einen Neffen +adoptirt. Als aber der König starb, wußte letzterer sich einen solchen +Anhang zu verschaffen, daß er sich der Regierung bemächtigte und seine +Wohltäterin vertrieb. Sie warf sich mit ihrem Gemahl in die Arme der +Holländischen Regierung, welche ihnen ein niedliches Bambushaus bauen +ließ und eine jährliche Pension gibt.</p> + +<p>Auf ganz Celebes fand ich kein Fürstenhaus so schön gehalten wie +dieses. Das Innere war in Gemächer getheilt, die Küche abgesondert, die +Dienerschaft<span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span> sehr sauber gekleidet, der Tisch höchst zierlich gedeckt, +die Gerichte gut, man hätte in keinem Europäischen Hause mehr Ordnung +und Reinlichkeit finden können.</p> + +<p>Der Prinz Aru-Sinri und seine Gemahlin werden auch allgemein als +ausgezeichnete Leute, sowohl in Bezug auf Herz als auf Verstand gerühmt.</p> + +<p>Am <em class="gesperrt">13. Mai</em> ritt ich nach Makassar zurück, wo ich bis <em class="gesperrt">20. +Mai</em> blieb. Ich stattete vor meiner Abreise in Begleitung des Herrn +<em class="gesperrt">Weiergang</em>, eines hiesigen Kaufmannes, noch dem Sultan von Goa +einen Besuch ab. Das Reich Goa stößt an Makassar an; die Residenz des +Fürsten ist nur vier Paal von letzterem entfernt. Dieses Reich besteht +aus den Trümmern des Königreiches Makassar, welches in früheren Zeiten +das mächtigste von Celebes war, eine treffliche Armee und viele Kutter +besaß und einen großen Theil der umliegenden Inseln beherrschte.</p> + +<p>Der Sultan von Goa bewohnt ein weit hübscheres Haus, als seine +königlichen Kollegen von Sidenring und Pare-pare, da es von Brettern +und mit Schnitzwerk verziert ist. Im Innern sah es jedoch eben so aus, +wie bei allen übrigen Fürsten: eine Ueberfülle von Hofgesinde und +Dienerschaft, ein Chaos von Klambus und übereinander geschichteten +Kisten und Kasten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span></p> + +<p>Der Sultan ließ gerade ein neues Haus bauen, obwohl das alte noch ganz +gut erhalten schien; er wollte letzteres nicht mehr bewohnen, weil sein +Vater darin gestorben war. Soll man dieß Zartgefühl nennen? Ich wäre +eher geneigt, es für Aberglauben zu halten, denn Gefühl für Verstorbene +habe ich unter diesen Völkern nirgends gefunden.</p> + +<p>Nahe an der Residenz sind die Gräber des Fürstenhauses. Sie enthalten +einfache steinerne Grabesmonumente, die zum Theile in kleinen +gemauerten Hallen stehen.</p> + +<p>Am <em class="gesperrt">20. Mai</em> verließ ich Makassar auf dem Dampfer „Banda“, um zum +dritten und letzten Male die gastfreundlichen Küsten Java’s zu betreten.</p> + +<p>Nach 2½tägiger Fahrt ankerten wir auf der Rhede von Surabaya. Während +meines ersten Aufenthaltes an diesem Orte hatte ich die Bekanntschaft +der Frau Brumond, Gattin des Domine Brumond, gemacht, welche so +freundlich war, mich in ihr Haus einzuladen, wenn ich von der Reise +nach den Molukken und Celebes zurück käme. Herr Resident von Perez, bei +welchem ich damals abgestiegen war, hatte nämlich den Ruf nach Batavia +als Rath von Indien (höchste Stelle nach dem Gouverneur-General; +es sind deren vier, jede mit einem jährlichen Gehalte von 36,000 +Rupien) erhalten. Ich fand bei dieser liebenswürdigen<span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span> Familie eine +so herzliche Aufnahme, und während der Krankheit die mich hier +befiel, eine so sorgfältige Pflege, daß ich gar nicht glaubte, mich +in einem fremden Lande zu befinden. Zu dem Fieber, das mich seit +meinem Aufenthalt in Sumatra häufig belästigte, gesellte sich ein +Anthrax auf dem Rücken, eine Folge der beschwerlichen Wanderungen und +ausgestandenen Mühseligkeiten auf den Molukken und auf Celebes. Durch +diese Krankheit wurde mir der Aufenthalt auf Surabaya sehr verbittert, +und es war an meine Reise ins Gebirge, nach dem Feuerberge <em class="gesperrt">Brumo</em> +u. s. f. nicht mehr zu denken; ich benützte nur die Zeit meiner +Rekonvaleszenz, Surabaya selbst und seine nahe Umgebung ein wenig zu +besehen.</p> + +<p>Der gute Herr Brumond war so gefällig, meinen Cicerone zu machen. Wir +begannen mit der Moschee, welche die schönste auf Java sein soll und +in ganz neuester Zeit von einem Holländischen Baumeister aufgeführt +wurde. Sie nimmt sich sehr gut aus, obwohl ihre Bauart weder rein +Maurisch noch Gothisch, sondern ein Gemisch von beiden ist. Sie bildet +mit den beiden Minarets, die durch vierzig Fuß lange, schöne Gänge +verbunden sind, ein Achteck. Das Gebäude ist von Backsteinen (Ziegeln) +aufgeführt, die Vorderseite des Daches, so wie die Eingangsthüre mit +hübschem Holzschnitzwerk verziert.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span></p> + +<p>Der Diener verweigerte uns zwar nicht den Eintritt in die Moschee; +allein er verlangte, daß wir die Schuhe ausziehen sollten. Herr +Brumond, meiner Rekonvaleszenz gedenkend, reichte ihm eine Rupie, +und dieser silberne Schlüssel öffnete uns die Thüre ohne weitere +Anforderung. Wir sahen im Innern nichts weiter als eine hübsche Halle +mit einer kleinen Kanzel, einigen Lampen, Matten und vielen messingenen +Spucknäpfen. Letztere fallen einem Fremden gar sehr in die Augen; +allein ein Sirikauer kann ihrer nicht entbehren, und an einem so +heiligen Orte darf er nicht auf den Boden spucken.</p> + +<p>Von der Moschee gingen wir in den nah gelegenen Malaischen Kampon. +Dieser gefiel mir ganz und gar nicht. Die Bambushütten, hier nicht +auf Pfähle gebaut, stehen in zwei Reihen enge an einander und bilden +eine Straße. Der Unrath wird vor alle Thüren geworfen, gegen Abend vor +jedem Hause zusammengefegt und verbrannt. Wir kamen gerade zu dieser +unglückseligen Stunde in den Kampon und konnten deshalb vor Rauch und +Gestank kaum durch die Straße dringen. Wie mag es da in der Regenzeit +aussehen, wann nicht gefegt und verbrannt werden kann? Es ist ganz und +gar nicht zu wundern, daß die Leute beständig mit Fiebern, Haut- und +andern Krankheiten zu kämpfen haben.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span></p> + +<p>Die Hütten sind außerordentlich klein und gedrückt, ohne Fenster und +mit einem so niedrigen Pförtchen, daß man ungebückt nicht durchkommt. +Im Innern ist jedes dieser Schneckenhäuser noch in drei Theile +getheilt, die wahren Löchern gleichen. Das erste Loch, das einzige, in +welches durch die geöffnete Thüre Licht fällt, enthält links und rechts +eine Schlafstelle, die während des Tages als Werkstätte oder Sitzplatz +dient. In dem zweiten Loche ist an einer Seite die Schlafstelle des +Hausherrn, an der andern eine hölzerne Bank, in dem dritten die +Feuerstelle. Es bleibt überall gerade nur so viel Raum, um hindurch +schlüpfen zu können. Die Einrichtung besteht aus einigen Matten, +Polstern, irdenen Kochtöpfen und einer hölzernen Truhe auf Rädern, die +alle Schätze der Familie, Kleidungsstücke, Waffen, Geschmeide u. s. w. +enthält und im Falle einer Feuersgefahr leicht fortgerollt werden kann.</p> + +<p>Das Volk kam mir minder häßlich vor, als im Beginne meiner Reise auf +Borneo, Java u. s. f. Ich sah nun schon seit mehr als einem Jahre +größtentheils nur Malaien und möchte daher meine Geschmacksänderung +der Gewohnheit zuschreiben, die am Ende das Häßliche minder häßlich +erscheinen läßt. Geht es doch mit dem Schönen eben so — die +herrlichste Landschaft,<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span> alle Tage gesehen, macht mit der Zeit nicht +halb so viel Eindruck als im ersten Augenblicke.</p> + +<p>Wir besuchten diesen Abend auch noch den Chinesischen Kampon, der mit +seinen niedlichen Häuschen, durch seine außerordentliche Reinlichkeit +den größten Kontrast zu dem Malaischen bildete. Die Häuschen aus +Backsteinen waren alle so weiß und nett, als wäre der ganze Kampon erst +kürzlich beendet worden. Sie sind zwar auch nicht groß, aber geräumig +genug, selbst eine zahlreiche Familie anständig unterzubringen. Es +fehlt weder an Fenstern noch Thüren, von welchen erstere mit schönen +Läden versehen sind; alles Holz- und Rohrwerk ist mit dunkler Oelfarbe +angestrichen. Den Vordertheil des Hauses umgibt eine Veranda; von +dieser tritt man in das Empfangszimmer, welches die ganze Länge des +Hauses einnimmt. Hier findet man den Boden mit Matten belegt, die +Wände mit Spiegeln und Bildern geziert, und eine genügende Einrichtung +an Tischen, Stühlen und Schränken. Im Hintergrunde führen links und +rechts Thüren in die Wohnstübchen. Beinahe in jedem Hause ist in dem +Empfangszimmer ein kleiner Altar aufgerichtet.</p> + +<p>Wir betraten mehrere Häuschen, deren Bewohner schon bei der +Abendmahlzeit saßen. (Die Weiber der Chinesen sind ebenso wie jene +der Malaien von der Tischgesellschaft ausgeschlossen; sie speisen in +der Küche<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span> oder in ihren Kämmerchen.) Der Tisch war mit einem weißen +Tuche gedeckt und trug Gläser, Flaschen, Teller und gute Gerichte; mit +Vergnügen hätte man an ihrer Tafel theilnehmen können, während es Ekel +erregt, den Malaien zuzusehen, wie sie bei ihren Mahlzeiten irgendwo +auf dem Boden kauern und große Portionen in Wasser gekochten Reises mit +den Händen in den weit geöffneten Schlund stopfen.</p> + +<p>Die Chinesen in den Städten sind Kaufleute, Pächter oder Handwerker; +sie sind arbeitsam und unermüdlich, gönnen sich aber auch einige +häusliche Bequemlichkeiten. Nicht so die Malaien; bei diesen +leben Wohlhabende wie Arme in demselben Schmutze, in derselben +Beschränktheit. Der einzige Aufwand, die einzige Liebhaberei der +Reichen besteht in kostbaren Waffen, in Gold- und Silbergeschmeide, das +sie sorgfältig verschließen und bewahren, und das man höchstens bei +außerordentlichen Festen und Begebenheiten, oder wenn man sie darum +ersucht, zu sehen bekommt. Außerdem begnügen sie sich mit einem alten +Sarong und einem schmutzigen Kopftuche. Eine Ausnahme davon machen nur +die von der Regierung als Regenten u. s. w. Angestellten: diese suchen +gewöhnlich den Aufwand und die Lebensweise der Holländischen Residenten +nachzuahmen.</p> + +<p>Einen der folgenden Tage gingen wir nach dem<span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span> großen Malaischen +Friedhof, der zum Theile auch der heilige genannt wird. Er ist mit +einer Mauer umgeben. Das Innere ist in viele Plätze getheilt, die +ebenfalls durch Mauern oder Staketen von einander gesondert sind und je +nach der Heiligkeit oder dem hohen Stande der daselbst Ruhenden mehr +oder weniger in Ordnung gehalten werden. Es gibt noch viele Grabmäler +von Sultanen aus der guten alten Zeit, als Sultane auf Surabaya +herrschten. Sie sind alle höchst einfach und bestehen aus Steinplatten +oder aufrecht stehenden Steinen, von welchen die meisten schon +beschädiget oder eingesunken sind. Von diesen Gräbern wird eines für +so heilig gehalten, daß keine Ehe unter dem Volke Surabaya’s und der +nähern Umgebung geschlossen wird, ohne daß das Brautpaar hieher kommt, +um durch ein kurzes Gebet den Segen zu dem Bunde zu erflehen. Wir waren +so glücklich, einem dieser Brautpaare zu begegnen. Die Braut, ein +etwas beleibtes, sehr häßliches, zwölfjähriges Mädchen, wurde in einer +kleinen Sänfte getragen, die von beiden Seiten offen war, damit sie +von dem Volke in ihrer bräutlichen Herrlichkeit gesehen werden konnte. +Sie trug einen seidenen Sarong, der etwas über die Hüfte reichte; von +da an war sie unbekleidet und mit einer gelben Farbe ganz bemalt, +was dieselbe Wirkung hervorbrachte, wie enge anliegender Tricot. Der +Kopf,<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> Hals, die Ohren und Arme waren mit Schmuck beladen. Sowohl der +seidene Sarong wie der Schmuck sind selten Eigenthum der Braut: diese +Gegenstände werden für die Feierlichkeit gemiethet. Ihre Begleitung +bestand aus vielen Weibern und Mädchen, wahrscheinlich Verwandte. Der +Bräutigam, ein hübscher Mann von einigen zwanzig Jahren, folgte zu Fuße +in Gesellschaft vieler Jünglinge und Männer. Er war sauber, aber nicht +anders als seine Begleiter gekleidet.</p> + +<p>Ich sah in Surabaya nicht nur dieses Brautpaar aus dem Volke, ich +wohnte auch einem vornehmen Hochzeitsfeste bei, wo es des Prunkes nicht +wenig gab. Die Braut war die Schwester des Regenten.</p> + +<p>Dieses Fest währte mehrere Tage. Am ersten fand die Ceremonie in dem +Tempel statt, bei welcher ich nicht zugegen sein konnte, da ich gerade +das Fieber hatte. Die Braut folgt an diesem Tage nicht ihrem Gemahl in +sein Haus, sondern kehrt in das ihrige zurück. Am zweiten Tage ward das +eigentliche Fest in dem Hause der Braut gefeiert. Der Gatte kam gegen +Abend in feierlichem Zuge zu seiner Gemahlin. Den Zug eröffneten viele +Jünglinge und Knaben aus dem Volke in ihrer gewöhnlichen Kleidung; sie +trugen Palmenzweige oder sehr hohe Stangen mit bunten Tüchern, die +wie Fahnen flatterten.<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span> Ihnen folgte Musik, Gongs und Trommeln und +hierauf eine Art Leibwache mit sehr schönen Lanzen, von welcher eine +Abtheilung dunkelbraune, die andere zimmetbraune Sarongs trug, die in +faltenreichen Spitzen bis an die Waden hinab fielen. Der Oberkörper und +die Füße waren mit lichtgelber Farbe bemalt; auf dem Kopfe trugen sie +eine Art Krone von Goldblech oder Messing. Sie sahen sehr geschmackvoll +und kriegerisch aus. Zwischen jeder Abtheilung ging Musik. Der +Bräutigam kam in einem vierspännigen Europäischen Wagen gefahren, +von zwei Frauen (Verwandten) begleitet. An dem Hause angekommen, +stellte sich das Gefolge in Reihen auf, und der Bräutigam schritt mit +gesenktem Haupte und beinahe geschlossenen Augen in den Empfangssaal, +in dessen Hintergrunde die Braut, umgeben von Frauen und Mädchen, auf +einem schönen Teppiche saß. Stillschweigend, ohne Gruß, ohne die Augen +aufzuschlagen, nahm der Bräutigam an der Seite der Braut Platz. Beide +blieben bis neun Uhr so stumm und unbeweglich wie Statuen sitzen.</p> + +<p>Braut und Bräutigam waren beinahe gleich gekleidet; sie trugen lange, +golddurchwirkte seidene Sarongs. Der Bräutigam hatte den Oberkörper +unbekleidet und gelb bemalt, die Braut trug ein lichtgelbes, seidenes, +sehr knapp anschließendes Leibchen,<span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span> die Arme hatte sie bis an die +Achseln ebenfalls nackt und gelb bemalt. Auf dem Kopfe trugen beide +Kränze von Melati. Drei Reihen dieser Blumen fielen von den Schläfen +bis an die Brust hinab. Außer den Blumen hatten sie noch einige +Verzierungen auf dem Kopfe. Das Brautpaar war von vielen Verwandten +umgeben, aber alle saßen stumm und bewegungslos da. Um acht Uhr wurde +Thee und Backwerk gereicht; die ganze Gesellschaft aß und trank, ohne +auch nur ein Wort zu sprechen. Um neun Uhr verschwand das Brautpaar auf +einige Augenblicke, um sich umzukleiden, erschien wieder in einfachen +Hauskleidern und blieb dann noch ungefähr eine Stunde sitzen. An diesem +Tage wird zwar die Braut dem Bräutigam übergeben; allein er darf sie +noch nicht in sein Haus führen; er muß sogar noch einen dritten Abend +in dem ihrigen zubringen.</p> + +<p>Auch hier ist es wie auf Celebes bei Reichen und Vornehmen nicht Sitte, +die Mädchen gar zu jung zu verheirathen; gewöhnlich geschieht es +zwischen dem achtzehnten und zwanzigsten Jahre<a id="FNAnker_35" href="#Fussnote_35" class="fnanchor">[35]</a>. Manche beobachten +den Gebrauch, daß die Braut den Bräutigam erst in der Moschee kennen +lernt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span></p> + +<p>Ein großes Fest bei den reichen Javanesen wird auch gefeiert, wenn ein +Jüngling seine Schulzeit vollendet hat. Der Jüngling sitzt obenan, die +Eltern und Verwandten um ihn, dann alle seine Lehrer; erstere fragen +ihn über alles aus, was er gelernt hat.</p> + +<p>Von den öffentlichen Anstalten Surabayas gefiel mir am besten das +Hospital: es ist in jeder Hinsicht das vollkommenste, das ich sah, und +dieß will viel sagen, denn in allen Holländisch-Indischen Besitzungen +sind die Hospitäler vortrefflich eingerichtet. Dieses hat für +achthundert Kranke Raum und ist in mehrere Gebäude abgetheilt, deren +jedes von Wiesen und Gärten, mit Blumen und Bäumen umgeben ist. In +einem der Gärten sah ich eine Wasserpalme, die merkwürdigste unter den +Palmen, die mir auf Java und Sumatra vorkamen. Die Blätter sind zwölf +bis fünfzehn Fuß lang und schießen einzeln aus dem Stamme, der kaum +fünfzehn Fuß hoch sein mag, gerade in die Höhe. Sie schließen sich +eines an das andere und bilden einen vollkommenen regelmäßigen Fächer. +Der untere Theil der Blätter so wie der Stamm enthalten Wasser. Diese +Palme ist auf Madagascar heimisch; auf Sumatra und Java fand ich sie +nur als Zierde in den Gärten der Europäer.</p> + +<p>Die Strafhäuser sind gleich jenen in Batavia der Art eingerichtet, daß +man beinahe sagen könnte,<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span> für Verbrecher sei die Menschlichkeit zu +weit getrieben. Die Holländischen Soldaten<a id="FNAnker_36" href="#Fussnote_36" class="fnanchor">[36]</a> haben hübsche Zimmer, +nette Gärtchen und erhalten eine sehr gute Kost. Die eingebornen +Verbrecher sind gemeinschaftlich in große Räume gesperrt und werden zu +verschiedenen Arbeiten in- und außerhalb des Gefängnisses verwendet, +wofür sie per Tag einige Deute für Siri bekommen. Keiner der Gefangenen +ist geschlossen; die Eingebornen tragen nur um den Hals einen eisernen +Ring; dessen ungeachtet soll das Entfliehen zu den sehr seltenen Fällen +gehören. Die Eingebornen haben vor den Gesetzen viel mehr Achtung, als +die Weißen.</p> + +<p>Die Gefängnisse waren stark besetzt, wie man mir sagte, mit +zwölfhundert Sträflingen, meistens Dieben. Die schweren Verbrecher +werden nach der Aburtheilung nach verschiedenen Inseln, besonders nach +den Molukken verwiesen, wo sie für die Regierung arbeiten, oder gegen +Lohn an Privatleute vermiethet werden. Todesstrafen haben höchst selten +statt.</p> + +<p>Die Fabrik für Ausbesserung und Zusammenstellung von Dampf- und anderen +Maschinen besuchte ich ebenfalls. Diese Fabrik ist für Java sehr +nothwendig, da es der Dampfschiffe, Zuckermühlen und<span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span> andern Anstalten +schon in großer Menge gibt. Man könnte hier die Dampfmaschinen auch +ganz neu verfertigen; allein sie würden höher zu stehen kommen als in +Europa, denn da die Eingebornen nicht gezwungen sind, in den Fabriken +zu arbeiten, muß man sie gut bezahlen, um sie dazu zu bewegen. Es waren +in dieser Fabrik täglich an sechshundert Arbeiter beschäftiget, welche, +die Werkmeister ausgenommen, alle Eingeborne sind und per Tag von +dreißig bis hundertzwanzig Deut erhalten.</p> + +<p>Nicht minder vollkommen eingerichtet ist das Arsenal, in welchem +alle Gattungen Kugeln für Kanonen, Bomben und Gewehre gegossen, die +Wagengestelle für die Artillerie, alles Riemwerk für Soldaten und +Pferde gemacht werden. Auch hier arbeiten beinahe nur Eingeborne; +man zieht sie den Europäern bedeutend vor. Sie sind sehr gelehrig +und besonders im Nachahmen sehr geschickt, arbeiten ruhig, fleißig +und höchst genau, und schwatzen, zanken und trinken nicht. Ich sah +in beiden Fabriken die vollendetsten Arbeiten aus den Händen der +Eingebornen hervorgehen, unter andern ein großes Staatssiegel in +Messing gestochen, welches von dem besten Siegelstecher in Europa nicht +besser hätte ausgearbeitet werden können<a id="FNAnker_37" href="#Fussnote_37" class="fnanchor">[37]</a>.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span></p> + +<p>Ich besah auch das Trockendock, eine herrliche Anstalt zur Ausbesserung +der Schiffe. Das Becken, groß genug für das größte Schiff, steht durch +einen Canal mit der See in Verbindung; das Wasser wird, wenn das Schiff +im Becken liegt, mittelst einer Dampfmaschine in fünf bis sechs Stunden +gänzlich ausgepumpt. Wenn keine Regierungsschiffe in der Ausbesserung +liegen, werden auch Handelsschiffe angenommen, für welche per Tag und +per Tonne eine bestimmte Summe zu bezahlen ist. Es lag eben ein Schiff +von zwölfhundert Tonnen in dem Becken, das täglich dreihundert Rupien +für nichts als den Platz bezahlte. Diese Anstalt mag großen Nutzen +tragen, denn der Kostenaufwand ist sehr gering, und an Schiffen, die +der Ausbesserung bedürfen, fehlt es nie.</p> + +<p>Leider konnte ich, wie gesagt, weder den Feuerberg Brumo, noch das von +manchen Reisenden so schauervoll beschriebene „Todtenthal“ besuchen, in +welchem der Baum Upas steht. Die Ausdünstung dieses Giftbaumes soll, +nach deren Behauptung, jedem lebendem Wesen, das sich in seine Nähe +wagt, Mensch oder Thier, Tod und Verderben bringen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span></p> + +<p>Der Saft des Baumes diente zur Vergiftung der Pfeile, und um das Gift +zu erlangen, sollen die Sultane dieses Landes den schweren Verbrechern +die Strafe auferlegt haben, eine gewisse Menge Saftes von dem Baume +zu bringen. Hatte der Verbrecher das Glück, mit dem Winde in das +Thal zu gehen, so konnte er den Auftrag vollführen, mit dem Leben +zurückkehren, und jede weitere Strafe war ihm in diesem Falle erlassen. +Kam ihm jedoch bei diesem Gang der Wind in’s Gesicht, so war sein Tod +unvermeidlich.</p> + +<p>Ich selbst erinnere mich, Beschreibungen dieser Art gelesen zu haben; +es hieß ferner, daß dieses Thal voll von Skeletten von Menschen und +Thieren sei. Jeder Vogel, der über das Thal fliege, stürze als Leiche +nieder u. s. w. — Sehr glaubwürdige Leute versicherten mir, daß +an allem diesem Geschwätze kein wahres Wort sei. Es stehe zwar ein +Upas-Baum in einem kleinen Thale; allein Mensch und Thier kann sich ihm +ohne die geringste Gefahr nahen, der Wind mag kommen, von welcher Seite +er will. Hier und da ströme zwar aus dem Boden dieses Thales einiges +Gas aus, das sich aber nicht über zwei Fuß erhebe. Man führt, um dem +Fremden dieß zu zeigen, gleich wie in die Hundsgrotte zu Neapel, kleine +Hunde dahin, die nach einigen Minuten von Zuckungen ergriffen dem Tode +verfallen würden, zöge man sie nicht sogleich aus der Stickluft.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span></p> + +<p>Auf Java habe ich keinen Upas-Baum gesehen, dagegen in Borneo mehrere, +an welchen ich oft ganz nahe vorbei kam. Die Eingebornen warnten mich +bloß, weder den Stamm noch die Aeste zu berühren; sie sagten, die Hand +schwölle auf und schmerze einige Stunden. Vielleicht ist auch dieß +nicht wahr; ich wagte aber doch nicht, es zu versuchen.</p> + +<p>Da ich gerade von so Sonderbarem spreche, will ich auch eines +rätselhaften Ereignisses erwähnen, das sich vor mehreren Jahren +auf Java zutrug und so viel Aufsehen machte, daß es sogar die +Aufmerksamkeit der Regierung in Anspruch nahm.</p> + +<p>In der Cheriboner Residentschaft lag ein Häuschen, in welchem es, wie +die Leute behaupteten, arg spukte. Sobald der Abend einbrach, begann +ein Steinregen und Sirigespuck von allen Seiten in dem Gemache. Die +Steine, wie das Gespuck fielen knapp neben den Leuten, die sich darin +befanden, nieder, ohne jedoch Jemanden zu treffen. Dieser Spuk schien +hauptsächlich gegen ein kleines Kind gerichtet. Es wurde von dieser +unerklärlichen Sache so viel gesprochen, daß am Ende die Regierung +einen verläßlichen Stabs-Officier beauftragte, sie zu untersuchen. +Dieser ließ das Häuschen von auserwählten, treuen Soldaten umstellen, +welche niemand den Aus- oder Eingang gestatteten, untersuchte alles +genau, und setzte sich dann, das Kind auf den Schooß nehmend, in das +verrufene<span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span> Gemach. Zu Abend begann der Stein- und Siri-Regen wie +immer, alles fiel knapp um den Officier und das Kind nieder, ohne +sie zu berühren. Abermals wurde jeder Winkel, jedes Loch untersucht +und — nichts gefunden. Der Officier konnte aus der Sache nicht klug +werden. Er ließ die Steine aufheben, sie bezeichnen und sie an einem +weit entfernten Orte verbergen — vergebens, dieselben bezeichneten +Steine flogen zur selben Stunde wieder in das Gemach. Um dieser +unbegreiflichen Geschichte ein Ende zu machen ließ die Regierung das +Häuschen niederreißen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Nach Batavia zurückgekommen, war ich abermals unentschlossen, wohin +ich meinen Wanderstab wenden sollte. Von Indien hatte ich das +Interessanteste gesehen (Englisch Indien auf meiner ersten Reise +um die Welt), nach Australien verlangte ich nicht sehr, auch lagen +keine Schiffe für dorthin im Hafen, wohl aber gab es deren zwei für +Nord-Amerika, und zwar eines für Baltimore (Vereinigte Staaten), das +zweite für San Francisco in Kalifornien.</p> + +<p>Ich wandte mich an den Amerikanischen Consul, Herrn Reed, ihn +ersuchend, mit den Kapitänen dieser Schiffe zu sprechen und mir, +wo möglich, einen billigen Ueberfahrtspreis zu erwirken. Herr Reed +überbrachte mir schon nach einigen Tagen die erfreuliche Nachricht, +daß der Kapitän des für San Francisco bestimmten<span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span> Schiffes bereit sei, +mich ohne die geringste Vergütung auf diese lange Reise (über 10,000 +Seemeilen) mitzunehmen.</p> + +<p>Beinahe mit wehmüthiger Empfindung nahm ich Abschied von den +Holländisch-Indischen Besitzungen. Ich sah in diesen Ländern viel des +Herrlichen und Großen in der wundervollen Natur, ich kam mit neuen +Völkern in Berührung, deren Bekanntschaft mir, trotz der Gefahren, mit +welchen ich sie mitunter erkaufte, höchst genußreiche und interessante +Beobachtungen bot. Und nicht nur Geist und Auge fanden Genüsse auf +dieser Reise, auch das Herz hatte seinen Theil, denn überall begegnete +ich unter den Holländern vielen guten Menschen, die mir auf die +liebevollste Weise mit Rath und That an die Hand gingen. Diesen, wie +auch den Deutschen, die ich an einigen Orten traf, verdanke ich es, daß +mir das Reisen nicht nur überhaupt ausführbar, sondern auch (die Länder +der wilden Dayaker, Battaker und, Alforen ausgenommen, wo es keine +Europäer gab) so leicht und angenehm gemacht wurde, als es nur immer +möglich war.</p> + +<p>So lange ich lebe, werden die Eindrücke dieser schönen Reise eben so +wenig aus meinem Gedächtnisse schwinden, wie die Erinnerung an die +Zuvorkommenheit und wahre Gastfreundschaft der Holländer.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_33" href="#FNAnker_33" class="label">[33]</a> Man findet sehr selten weißes Salz, gewöhnlich ist es so +schmutzig und dunkel wie Asche.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_34" href="#FNAnker_34" class="label">[34]</a> Die Leute versprechen alles mit der größten +Bereitwilligkeit; ersucht man sie um etwas, so bekommt man stets „Ja“ +zur Antwort; allein höchst selten halten sie Wort.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_35" href="#FNAnker_35" class="label">[35]</a> Bei den Europäern scheint frühes Heirathen sehr +Sitte gewesen zu sein. Die Regierung hat in neuerer Zeit einen +Befehl erlassen, welchem zu Folge kein Europäisches Mädchen vor dem +fünfzehnten Jahre heirathen darf.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_36" href="#FNAnker_36" class="label">[36]</a> Die eingebornen Soldaten werden nicht mit den +Holländischen in dasselbe Gefängniß gesperrt.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_37" href="#FNAnker_37" class="label">[37]</a> Ich sah bei Oberst <em class="gesperrt">von Schierbrandt</em> in Batavia +eine Haus-Einrichtung in Gothischem Style, die er in Surabaya +verfertigen ließ. Die Stühle, Kanapees, Schränke u. s. w. waren höchst +kunstvoll ausgeschnitzt, die Tapezierer-Arbeit nicht minder vollkommen. +Aber bis auf die kleinsten Details mußte Herr Schierbrandt den Leuten +Zeichnungen geben, aus eigner Erfindung können sie nichts schaffen.</p> + +</div> + +</div> + +<figure class="figcenter illowe6" id="p280_ende"> + <img class="w100 padtop1" src="images/p280_ende.jpg" alt="" data-role="presentation"> +</figure> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75639 ***</div> +</body> +</html> + diff --git a/75639-h/images/a005_deko.jpg b/75639-h/images/a005_deko.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..6167351 --- /dev/null +++ b/75639-h/images/a005_deko.jpg diff --git a/75639-h/images/cover.jpg b/75639-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..8144d5b --- /dev/null +++ b/75639-h/images/cover.jpg diff --git a/75639-h/images/frontispiz.jpg b/75639-h/images/frontispiz.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..3343f86 --- /dev/null +++ b/75639-h/images/frontispiz.jpg diff --git a/75639-h/images/frontispiz_gross.jpg b/75639-h/images/frontispiz_gross.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..49185f3 --- /dev/null +++ b/75639-h/images/frontispiz_gross.jpg diff --git a/75639-h/images/p001_init.jpg b/75639-h/images/p001_init.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..4122ce5 --- /dev/null +++ b/75639-h/images/p001_init.jpg diff --git a/75639-h/images/p043_ende.jpg b/75639-h/images/p043_ende.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..90c2b8a --- /dev/null +++ b/75639-h/images/p043_ende.jpg diff --git a/75639-h/images/p044_init.jpg b/75639-h/images/p044_init.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..427eef4 --- /dev/null +++ b/75639-h/images/p044_init.jpg diff --git a/75639-h/images/p101_ende.jpg b/75639-h/images/p101_ende.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..f60641c --- /dev/null +++ b/75639-h/images/p101_ende.jpg diff --git a/75639-h/images/p102_init.jpg b/75639-h/images/p102_init.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..62d0925 --- /dev/null +++ b/75639-h/images/p102_init.jpg diff --git a/75639-h/images/p141_ende.jpg b/75639-h/images/p141_ende.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..c106eeb --- /dev/null +++ b/75639-h/images/p141_ende.jpg diff --git a/75639-h/images/p142_init.jpg b/75639-h/images/p142_init.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..d562f1c --- /dev/null +++ b/75639-h/images/p142_init.jpg diff --git a/75639-h/images/p193_ende.jpg b/75639-h/images/p193_ende.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..ebf2dd5 --- /dev/null +++ b/75639-h/images/p193_ende.jpg diff --git a/75639-h/images/p194_init.jpg b/75639-h/images/p194_init.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..6291c88 --- /dev/null +++ b/75639-h/images/p194_init.jpg diff --git a/75639-h/images/p241_ende.jpg b/75639-h/images/p241_ende.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..18d4341 --- /dev/null +++ b/75639-h/images/p241_ende.jpg diff --git a/75639-h/images/p242_init.jpg b/75639-h/images/p242_init.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..72bee2e --- /dev/null +++ b/75639-h/images/p242_init.jpg diff --git a/75639-h/images/p280_ende.jpg b/75639-h/images/p280_ende.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5b5480d --- /dev/null +++ b/75639-h/images/p280_ende.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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