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authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-03-17 04:22:11 -0700
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--- /dev/null
+++ b/75639-0.txt
@@ -0,0 +1,6252 @@
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75639 ***
+
+
+ ####################################################################
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+ Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1856 so weit
+ wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler
+ wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht
+ mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
+ unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
+
+ Die Verwendung von gesperrter Schrift für Personen- und Ortsnamen
+ wurde im Original inkonsistent gehandhabt, dennoch wurden in der
+ vorliegenden Fassung dahingehend keinerlei Korrekturen vorgenommen.
+
+ Das Original wurde in Frakturschrift gedruckt. Besondere
+ Schriftschnitte werden im Text mit Hilfe der folgenden Symbole
+ gekennzeichnet:
+
+ fett: =Gleichheitszeichen=
+ gesperrt: +Pluszeichen+
+ Antiqua: ~Tilden~
+
+ ####################################################################
+
+
+
+
+[Illustration: Holzschnitt und Druck von Eduard Kretzschmar in Leipzig.
+
+Eine Bambusbrücke.]
+
+
+
+
+ Meine
+
+ Zweite Weltreise.
+
+
+ Von
+
+ Ida Pfeiffer,
+
+ Verfasserin der „Reise in das heilige Land“, der „Reise nach Island“
+ und der „Frauenfahrt um die Welt.“
+
+
+ Zweiter Theil.
+ Sumatra. Java. Celebes. Die Molukken.
+
+
+ Wien.
+ Carl Gerold’s Sohn.
+ 1856.
+
+
+
+
+ Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen behält sich die
+ Verfasserin vor.
+
+
+ Druck von Carl Gerold’s Sohn.
+
+
+
+
+Inhalt des zweiten Bandes.
+
+
+ =Siebentes Kapitel.= Seite
+
+ Sumatra. -- Ankunft in Padang. -- Reise in das Innere.
+ -- Fort de Kock. -- Kotto-Godong. -- Seltsame
+ Gesetze. -- Muara-Sipongie. -- Widerrathen der
+ Reise. -- Die Battaker. -- Ihre Gebräuche und Gesetze.
+ -- Abschied von den letzten Europäern 1
+
+ =Achtes Kapitel.=
+
+ Fortsetzung der Reise auf Sumatra. -- Die Fußreise. --
+ Das Nachtlager im Urwalde. -- Erstes Zusammentreffen
+ mit den Kannibalen. -- Haly-Bonar. -- Opferung
+ eines Büffelkalbes. -- Das Thal Silindong. --
+ Feindseliger Empfang. -- Gezwungene Rückkehr. --
+ Wiederholte wilde Scenen. -- Wiederkehr nach den
+ Holländischen Besitzungen. -- Paija-Kombo. -- Besteigung
+ des Merapi. -- Rückkunft nach Padang 44
+
+ =Neuntes Kapitel.=
+
+ Java. -- Samarang. -- Die Schlammquellen von Grobogan.
+ -- Besuch der freien Fürstenthümer Djogokarta
+ und Surukarta. -- Der Tempel Boro-Budoo. -- Die
+ heilige Schildkröte. -- Audienz bei dem Sultan. --
+ Solo. -- Fürstliches Leichenbegängniß. -- Audienz bei
+ dem Susubunan. -- Rückkehr nach Samarang. -- Reise
+ nach Surabaya 101
+
+ =Zehntes Kapitel.=
+
+ Makassar. -- Banda. -- Erdbeben. -- Die Muskatnuß-Pflanzungen.
+ -- Ambon. -- Ausflug nach der Negeri
+ Emma. -- Saparua. -- Ceram. -- Fußreise durch das
+ Innere Cerams. -- Ankunft zu Wahai. -- Die Alforen.
+ -- Rückreise nach Ambon. -- Ternate. -- Besuch
+ bei dem Sultan 142
+
+ =Elftes Kapitel.=
+
+ Celebes. -- Menado. -- Reise nach den Oberlanden. --
+ Die holländischen Missionäre. -- Makassar. -- Reise
+ in das Innere von Celebes. -- Maros. -- Eine Regentenwahl.
+ -- Tanette. -- Baru. -- Fest der Zahnfeilung.
+ -- Pare-pare. -- Der gelehrte Malaische König 194
+
+ =Zwölftes Kapitel.=
+
+ Sidenring. -- Die Seen von Tempe. -- Lagusi. -- Ein
+ königliches Mahl. -- Rückkehr nach Sidenring. -- Die
+ Rehjagd. -- Besuch bei dem Sultan von Goa. -- Abreise
+ von Celebes. -- Surabaya. -- Eine Malaische
+ Hochzeit. -- Eine Spukgeschichte. -- Rückkehr nach
+ Batavia 242
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel.
+
+ Sumatra. -- Ankunft in Padang. -- Reise in das Innere. -- Fort de
+ Kock. -- Kotto-Godong. -- Seltsame Gesetze. -- Muara-Sipongie.
+ -- Widerrathen der Reise. -- Die Battaker. -- Ihre Gebräuche und
+ Gesetze. -- Abschied von den letzten Europäern.
+
+
+Schon seit einiger Zeit war der Wunsch in mir rege geworden, eine Reise
+nach +Sumatra+ (560 M.) zu machen; allein die Kosten des Dampfschiffes
+(fünfhundert Rupien für die Hin- und Rückfahrt) waren zu groß. Herr
+van Rees machte mir jedoch Hoffnung auf eine billige Ueberfahrt.
+Einige Stunden nach unserer Rückkunft von Tangerang fuhr er nach der
+Stadt, und sandte mir wirklich ein Briefchen, in welchem eine Karte
+eingeschlossen lag, lautend auf die Reise nach Sumatra und zurück. Wie
+groß meine Freude war, kann man sich leicht vorstellen.
+
+Herr van Rees hatte darüber mit den in Batavia etablirten deutschen
+Kaufleuten gesprochen; sie waren sogleich bereit, eine Karte für mich
+zu besorgen. Ich sage diesen Herrn meinen innigsten Dank, und kann sie
+versichern, daß diese Reise die interessanteste von allen war, die ich
+gemacht habe.
+
+Schon den folgenden Tag sollte der Dampfer Makassar, 120 Pferdekraft,
+Kapitän +Bergner+, absegeln. Meine Vorbereitungen waren schnell
+gemacht, und am 8. +Juli+ 1852, Morgens um sechs Uhr ging ich an
+Bord, begleitet von meinem unermüdlich gefälligen Freunde, Herrn van
+Rees.
+
+Denselben Tag noch bekamen wir die Küste von Sumatra zu Gesicht, ohne
+jene von Java zu verlieren. Beide Inseln sind sehr gebirgig, Java’s
+Berge aber höher und in Form und Gestalt abwechselnder.
+
+10. +Juli.+ Erst diesen Morgen verloren wir die Küste von Java aus dem
+Auge. Auf Sumatra zeigten sich zwei- bis dreifache Gebirgsketten. Ein
+schöner, ebener Landgürtel zog sich von der See bis an das Gebirge.
+Ebene und Gebirge waren üppig bewaldet.
+
+11. +Juli.+ Wir sollten zu +Benkula+, dem Hauptorte der Residentschaft
+gleichen Namens anlegen; allein der Ankerplatz ist selbst für
+Dampfschiffe nur bei ruhigem Wetter zu benützen; da uns dieses nicht
+begünstigte, mußten wir in die zwölf Meilen entfernte +Pulu-Bay+
+einlaufen. Der Kapitän ging zu Lande nach Benkula und kam erst den
+folgenden Nachmittag zurück. Gegen Abend ging die Reise weiter.
+
+13. +Juli.+ Morgens kamen wir zu +Padang+ an, dem Hauptorte der
+Holländischen Besitzungen auf Sumatra. Die Lage dieser Stadt ist
+außerordentlich reizend. Auf der Westseite sind liebliche Hügel und
+niedere Berge, darunter der +Gunang Batu+ der höchste (950 Fuß), der
+schroff aufsteigende 350 Fuß hohe +Affenberg+ der auffallendste.
+Dieser letztere ist in die See hinaus geschoben und mit dem Lande nur
+durch eine schmale Erdzunge verbunden. Gegen Norden erhebt sich in der
+Entfernung von vier bis fünf Paal ein schöner Gebirgszug; zwischen
+diesem und der Stadt breitet sich eine sehr fruchtbare Ebene aus.
+
+Padang ist die größte Stadt auf Sumatra: sie hat eine Bevölkerung
+von 27,000 Seelen und ist der Sitz des Gouverneurs, der vier Paal von
+der Stadt entfernt, nahe dem Gebirge zu „+Wellkom+“ ein schönes Haus
+bewohnt. Die Stadt ist nicht hübsch; die besten Gebäude sind die
+Magazine und Comptoir’s der Europäischen Kaufleute. Die Wohnhäuser
+der Europäer liegen nahe der Stadt in kleinen Gärten unter schattigen
+Kokospalmen, an welchen die ganze Gegend sehr reich ist.
+
+Ich stieg zu Padang bei Herrn Major +Kreling+ ab; allein kaum hatte der
+Gouverneur, Herr van +Switen+, meine Ankunft erfahren, als er selbst
+kam, mich nach seinem Hause einzuladen, wohin ich noch denselben Tag
+fuhr.
+
+Meine Absicht war, in Padang selbst nur kurze Zeit zu verweilen; ich
+wollte das sogenannte +Oberland+, +Benjol+, +Mandelling+, +Ankolla+,
++Groß-Toba+ u. s. w. besuchen, und bis zu den freien, wilden Battakern
+unter die Kannibalen gehen. Auch hier wie zu Sarawak suchte man mich
+zu bereden, diesen Plan aufzugeben; man sagte mir, daß, seit im
+Jahre 1835 zwei Missionäre, die Herren +Layman+ und +Mansor+, von
+den Battakern getödtet und auch gefressen worden seien, sich kein
+Europäer ohne Militärbegleitung unter sie wage. Man rieth mir, mich mit
+den Holländischen Besitzungen zu benügen, und mich nicht der beinah
+unvermeidlichen Gefahr auszusetzen, auf so gräßliche Art mein Leben zu
+verlieren. Allein gerade der Wunsch, unter die Battaker zu gehen, diese
+von den Europäern so wenig gekannten Völker zu besuchen, war es, was
+mich zu dieser Reise anspornte. Anderseits dachte ich, daß vielleicht
+die Schwäche meines Geschlechtes mein Schutz sein könnte. Ich gab den
+Warnungen kein Gehör, und trat am
+
+19. +Juli+ unter trübem, wolkenbedecktem Himmel die Reise zu Pferde
+an. Auch hier, wie zu Sarawak, stellte sich gleich am ersten Tage
+meiner Reise ein Hinderniß entgegen, das mich zur Rückkehr zwang.
+Als ich nämlich in die Nähe des Flusses +Udjong-Karang+ kam, fand
+ich die Gegend in Folge mehrtägigen ununterbrochenen Regens weit und
+breit überschwemmt -- das Wasser reichte den Pferden bis über die
+Brust. Ueber den Fluß selbst führte keine Brücke; sie war in der Nacht
+weggespült worden, und die Ueberfahrt auf einem Floße noch nicht
+geordnet. Ich mußte nach Padang zurück.
+
+20. +Juli.+ Mit wässerigem Sonnenschein zog ich aus; bald hatte ich
+beständigen Regen. Ich ging bis +Lubulong+, 20 Paal oder zwei Etappen.
+Auf Sumatra sind die Entfernungen in Etappen eingetheilt, d. h. in
+Militär-Stationen oder Märschen von je acht bis dreizehn Paal. Auf den
+Etappen findet man entweder einen Beamten oder ein kleines Fort, oder
+irgend ein der Regierung gehöriges Häuschen, in welchem man die Nacht
+zubringen kann. Auf manchen findet man auch Schreiber oder Aufseher,
+welche die Fremden gegen Bezahlung aufnehmen.
+
+Die Gegend fing, sechs bis acht Paal von Padang entfernt, an ein etwas
+wildes Aussehen zu haben: wenige Reispflanzungen, dagegen viel Waldung,
+Gestrüppe und Alang-Alang. Die Bevölkerung schien mir, im Verhältniß
+zur geringen Kultur, bedeutend: ich kam häufig an Kampon’s vorüber. Da
+ein großer Theil der Bevölkerung Sumatras aus Malaien besteht, so sind
+auch hier die Hütten überall auf Pfähle gebaut.
+
+In Sumatra wird, wie in Java, ebenfalls alles, Kaffee ausgenommen,
+von Menschen getragen, und zwar auf dem Kopfe. Der Kaffee wird durch
+Pferde und Büffel fortgeschafft. An der Straße liegen viele Hütten
+(Pasangruhan), an welchen fünf Fuß hohe Gestelle angebracht sind,
+auf die der Kulli die Last bequem vom Kopfe abschieben kann. Diese
+Hütten dienen ihnen zugleich als Schenke; sie finden da Thee, Kaffee
+(letzterer ein Abguß von den Blättern des Kaffeebaumes), gekochten Reis
+und Qué-qué (eine Art Kuchen oder Backwerk). Sie können daselbst auch
+die Nacht zubringen.
+
+Man bezahlt den Kullis hier, wie auf Java 2½ Deut per Paal, und
+vertraut ihnen unbedingt alles an. Man erzählte mir einen einzigen
+Fall, in welchem sie zwar nichts entwendeten, aber dennoch dem
+Eigentümer einen großen Schaden zugefügt hatten. Ein Mineralog sandte
+mehrere Kisten mit Mineralien nach Padang. Die Kisten waren nicht
+verschlossen, und als die Kulli sahen, daß sie nichts als Steine
+enthielten, kamen sie überein, die Steine wegzuwerfen und die Kisten
+vor Padang mit anderen Steinen anzufüllen -- sie meinten Steine wären
+Steine. Der Eigentümer blieb leider längere Zeit auf Reisen; als er
+zurück kam und den Verlust seiner Schätze entdeckte, war es zu spät,
+sie wieder aufzufinden.
+
+In den größeren Ortschaften fielen mir offene Hallen auf, die von
+Holz gebaut, mit einem zierlich geschnitzten Dache bedeckt und mit
+hellen Farben bemalt waren. In diesen Hallen halten die Rajah’s ihre
+Beratungen, in ihnen werden alle Klagen vorgebracht und an den Tagen
+des Bazar’s alle größeren Handelsgeschäfte abgeschlossen. Desgleichen
+findet man auch eine Art Trommel, Tabu genannt, aufgestellt, auf welche
+geschlagen wird, so bald sich die Gemeinde bei irgend einer Gelegenheit
+versammeln soll. Die Trommeln sind acht bis fünfzehn Fuß lang, und
+haben oben eine viel größere Oeffnung (oft drei Fuß im Durchmesser) als
+unten; die obere Oeffnung ist mit einem Felle überzogen.
+
+Der Hahnenkampf ist auf Sumatra erlaubt und scheint, je mehr man sich
+dem Innern nähert, immer beliebter zu werden. Ich begegnete nun schon
+vielen Männern und jungen Leuten, die ihre Streithähne stets unter dem
+Arme trugen.
+
+21. +Juli.+ Heute ging ich nicht weit, nur 10 Paal bis +Kaju-Tanam+.
+Schön und freundlich war es diesen Morgen; die Sonne schien so
+bescheiden, daß ich der Nähe des Aequators ganz vergaß. Einige Vögel
+sangen, zwar nicht mit so gewandter Kehle wie in Europa, allein für
+ein Tropenland artig genug; Affen schrien, lärmten und sprangen von
+Ast zu Ast. Auch die Gegend war schöner, die Gebirge großartiger und
+wechselnder in den Formen; die höchsten Berge, der +Singallang+ und
++Merapi+, sind 9 bis 10,000 Fuß hoch.
+
+Ich hatte für diese Reise keine Pferde gekauft, da man mir zu Padang
+sagte, daß mich die Herren, bei welchen ich jeden Tag einzusprechen
+hätte, stets mit Pferden und mit einem Führer versehen würden. Und so
+war es auch. Nur mußte ich oft an einem Tage zweimal Pferd und Führer
+wechseln. Kaum war ich mit den Launen eines Pferdes vertraut geworden,
+so hatte ich wieder ein anderes zu versuchen. Oft erhielt ich Thiere,
+die so lebhaft waren, daß sie nach allen Seiten ausschlugen und nicht
+aufsitzen lassen wollten. Man mußte ihnen einen Vorderfuß aufheben und
+sie an der Nase festhalten. Saß ich oben, dann ging es in gestrecktem
+Galopp über Stock und Stein. Ich ließ ihnen stets willig die Zügel,
+wohl wissend, daß nach dem ersten Paal das Feuer von selbst erlosch.
+
+Die Reise richtete ich folgendermaßen ein: Morgens zeitlich brach ich
+auf, durchritt meine Station, sie mochte kurz oder lang sein, ohne
+Unterbrechung und war gewöhnlich schon um zehn bis zwölf Uhr an Ort
+und Stelle. Nach einer halbstündigen Rast ging ich dann in die Umgebung
+auf die Insekten- und Schmetterling-Jagd.
+
+Zu Kuju-Tanam fand ich in dem Kontrolor, Herrn +Barthelemy+, der mich
+sehr freundlich aufnahm, einen emsigen Vogel-Sammler; er begleitete
+mich auf meiner Jagd und versprach mir, Insekten und Reptilien zu
+suchen und für meine Rückkehr bereit zu halten.
+
+22. +Juli.+ 20 Paal nach +Fort de Kock+, auch +Buckiet-tingi+ genannt.
+
+Die erste Hälfte des Weges ist sehr romantisch; eine herrliche Straße
+windet sich durch eine Schlucht (bei den Holländern „Kluft“ genannt),
+die bewaldete Hügel und Berge einengen; ein Waldbach stürmt tobend und
+schäumend über Felsen und Steingerölle, während ein anderer knapp am
+Wege von einer sechzig bis siebzig Fuß hohen Wand herabstürzt. Am Ende
+der Schlucht steigt die Straße spiralförmig zu einer Höhe von 3000 Fuß
+empor und führt auf einer Hochebene fort.
+
+Ich begegnete langen und vielen Zügen von Pferden und Büffeln (letztere
+vor Karren gespannt) mit Kaffee-Transporten, die nach +Priaman+ an die
+Seeküste geschafft wurden, von wo man sie nach Padang verschifft.
+Die Pferde sind etwas größer als auf Java, die Büffel sehr groß und
+schwerfällig; die einen wie die andern besitzen jedoch wenig Kraft und
+Ausdauer. Man ladet den Pferden, die hier nicht vor Karren gespannt
+werden, nur einen Pikul auf. Ein Paar Büffel ziehen höchstens acht
+Pikul, und dieß nur, wenn es auf guten Wegen geht. Pferde wie Büffel
+machen per Tag nicht mehr als sechs Paal und ruhen jeden fünften
+Tag. Trotz dieser wenig anstrengenden Arbeit leben die Thiere nicht
+lange. Man füttert sie mit Gras und mit dem Marke der Sagopalme. Ein
+gewöhnliches Pferd kostet fünfzehn bis zwanzig Rupien, ein Büffel bis
+dreißig. Pferde, die aus dem Battaker-Lande kommen, etwas größer und
+weit stärker sind, werden bis zu zwei- und dreihundert Rupien bezahlt.
+
+Fort de Kock liegt auf einer schönen Hochebene von beinahe 3000 Fuß
+Höhe und hat eine reizende Aussicht über weite Thäler und auf hohe
+majestätische Berge. Das Klima ist hier sehr gemäßigt mit kühlen
+Abenden und Nächten. Auf dieser Hochebene gedeiht die Weinrebe.
+
+In Fort de Kock stieg ich bei dem Residenten des Agamer-Gebietes,
+Herrn Oberst van der +Hardt+, ab, einem ausgezeichneten Offiziere, der
+alle Kriege auf Sumatra vom Jahre 1830 bis 1849 mitgemacht hat und
+zuerst mit seinen Truppen in dem Battaker-Lande bis an den Eingang
+des Thales +Silidong+ (Groß-Toba) vorgedrungen ist. Ich hatte Herrn
+van der Hardt[1] schon in Batavia, wohin er auf Urlaub gegangen war,
+kennen gelernt und in seiner Gesellschaft die Reise von Batavia
+nach Padang gemacht. Er überhäufte mich mit Aufmerksamkeiten und
+Gefälligkeiten jeder Art, und veranstaltete sogleich eine Partie, um
+mir die interessanteste Sehenswürdigkeit der Umgegend zu zeigen, den
+schönen und reichen Kampon +Kotto-Godong+ (drei Paal). Dieser Kampon
+ist wirklich der geschmackvollste und reichste von allen, die ich nicht
+nur auf Sumatra, sondern auch auf Java und den übrigen Holländischen
+Besitzungen sah. Am meisten fiel mir die Bauart der Häuser auf:
+viel länger als breit, mit schmal zulaufenden Endseiten, die das
+Mittelgebäude überragen, gleichen sie eher Schiffen als Häusern. Die
+Dächer sind zwei- bis dreimal ausgeschweift und jede Ausschweifung mit
+zwei Spitzen versehen, was ihnen das Ansehen Türkischer Sättel gibt.
+Die Häuser sind von Holz und mit hellen Oelfarben angestrichen, die
+Vorder- und Seitenwände mit kunstvoll ausgeschnittenen Arabesken oft
+ganz bedeckt. Sie stehen auf Pfählen, von welchen man aber nichts
+sieht, da sie von Bambus- und Bretterwänden umkleidet sind. Man kann
+sich wirklich nichts geschmackvolleres, nichts originelleres vorstellen.
+
+Das Innere besteht aus einem großen Gemache, das die ganze Länge
+und wenigstens drei Viertheile der Breite des Hauses einnimmt, und
+auf dessen äußerstem Ende ein kleines erhöhtes Plätzchen angebracht
+ist, welches dem Hause wie angehängt scheint und, mit Polstern,
+Matten und Teppichen reichlich belegt, der vornehmsten Frau zum
+Ehrenplatze dient. Der hintere Theil des Hauses ist in winzig kleine
+Kämmerchen abgetheilt, welche die Feuer- und Schlafstellen enthalten
+und stockfinster sind, da die Hinterwände keine Fenster haben. Jedem
+Hause gegenüber steht eine kleine, in derselben Art geschnitzte und
+angestrichene Hütte, welche zur Aufbewahrung des Reises dient.
+
+In den Häusern wohnt nicht, wie bei den Dayakern, ein ganzer Stamm,
+sondern nur was zu einer Familie gehört.
+
+Da der Rajah des Kampons[2] von unserm Kommen unterrichtet war, so
+fanden wir seine Familie in den kostbarsten Kleidern, die Wohngemächer
+mit Teppichen, Matten und Polstern belegt, alle Pracht, allen Reichthum
+entfaltet. Die Sarongs der Frauen waren von schwerer Seide und höchst
+geschmackvoll und reich mit Gold durchwirkt. Man zeigte uns Sarongs,
+die bis zu fünfhundert Rupien kosteten. Die Padjus waren von blauem,
+rothem oder grünem Seidensammt, mit Goldborden besetzt, die Kopftücher
+von Seide und so schwer an Gold, daß sie nicht um den Kopf gebunden,
+sondern mehr darauf gelegt wurden. Es gab deren bis zu dem Werthe von
+sechzig Rupien. Die Frauen weben die Sarongs und Kopftücher selbst, den
+Sammt kaufen sie. An den Handgelenken tragen sie kunstvoll gearbeitete
+goldene Armbänder und an dem kleinen Finger der linken Hand einige
+Ringe. Manche hatten diesen Finger auch mit einem zwei Zoll langen
+goldenen Nagel geschmückt, der gleich einem Ringe angesteckt wird und
+das Kennzeichen des Reichthums und Nichtsthuns ist.
+
+Der Malaische Oberpriester machte uns seine Aufwartung im vollen
+Staate. Eine lächerlichere Kleidung war mir noch nicht vorgekommen. Er
+trug ein langes rosenfarbenes Unterkleid, darüber ein Oberkleid von
+weißem Gaze, mit drei Reihen breiter Spitzenfalten besetzt; die Aermel,
+ebenfalls mit Spitzen garnirt, reichten bis an das Handgelenke. Den
+komischsten Kontrast zu diesem Anzuge, den jede Europäische Dame als
+Ballkleidung hätte gebrauchen können, bildeten eine weiße Männerweste,
+ein kostbarer Gürtel mit prächtigen Waffen und ein weißer Turban mit
+einem großen Spitzenschleier, der bis über den halben Körper herabfiel.
+Als uns diese Erscheinung ansprach und den Schleier zurückschlug,
+erblickten wir ein junges, bartloses Gesicht. Wären wir nicht
+versichert gewesen, daß der Oberpriester vor uns stehe, so hätten wir
+sie eben so gut für ein Mädchen als für einen Mann gehalten.
+
+Außer dem Hause des Rajah besuchten wir einige andere Hütten, in
+welchen wir die Frauen und Mädchen mit kunstvollen Goldwebereien
+beschäftiget fanden. Auch bei einem Goldarbeiter traten wir ein, der
+wahre Kunstwerke verfertigte, und zwar zu unserem größten Erstaunen
+blos mit Hilfe eines kleinen Amboses, einiger Hämmer, Nägel und anderer
+Kleinigkeiten. Alle seine Werkzeuge faßte ein kleines Kästchen, das
+er unter den Arm nehmen konnte, um seine Werkstätte nöthigen Falles
+überall aufzuschlagen.
+
+Die gewöhnliche Tracht der Malaien auf Sumatra besteht ebenfalls aus
+einem Sarong nebst einer Kabai oder Padju; der einzige Unterschied
+ist, daß sie hier die Stoffe sehr dunkelblau, beinahe schwarz färben,
+während dieselben auf Java mehr buntfärbig getragen werden.
+
+An Schönheit, oder besser gesagt Häßlichkeit, wetteifern sie mit ihren
+Stammgenossen auf Java und Borneo. Dieselbe breite Gesichtsbildung,
+dieselben weit hervorragenden Zahnkiefer, dieselben abgefeilten,
+schwarz gefärbten Zähne. Viele junge Leute haben schon Zahnlücken;
+die Reichen lassen sich goldene Zähne machen; aber nicht so sehr um
+die verlornen zu ersetzen, als um damit zu prunken; sie setzen sie
+blos bei besonderen Feierlichkeiten ein. Das weibliche Geschlecht hat
+hier die Ohrläppchen nur einmal durchstochen; dagegen wird aber alle
+Kunst angewandt, die Löcher so groß als möglich zu machen. Um dieß zu
+Stande zu bringen, stecken sie in die durchstochenen Ohrläppchen ein
+zusammengerolltes Blatt oder ein Stückchen Holz, das stets an Umfang
+zunimmt, bis die Oeffnung einen Zoll weit geworden ist. Diese Löcher
+sind in ihren Augen ein so vollkommener Schmuck, daß sie nicht nöthig
+finden, ihn durch Ohrgehänge zu verschönern; nur wenige hängen Gold-,
+Silber- oder Messingplatten daran, oder stecken ein rund geschnitztes
+Stück Holz durch.
+
+Eine besondere Merkwürdigkeit des Agamer-Distriktes ist, daß hier die
+Weiber viele Rechte der Männer besitzen; letztere sind ihnen sogar in
+mancher Hinsicht unterworfen. In jedem Lande der Welt gewiß höchst
+originell, wird diese Erscheinung um so wunderbarer bei Mohamedanern,
+die uns armen Geschöpfen sogar die Seele absprechen wollen.
+
+Wenn z. B. ein Mädchen heiratsfähig ist, so sucht die Mutter nach dem
+Bräutigam und bespricht sich mit der Mutter desselben, worauf die
+beiden Frauen die Sache abmachen, ohne den Vätern Stimme zu geben. Am
+Tage der Hochzeit holt die Mutter der Braut den Bräutigam ab; derselbe
+folgt der Braut in das elterliche Haus und geht ganz in ihre Familie
+über. Dieß hindert ihn jedoch nicht, mehrere Ehen zu schließen, nur
+nicht in demselben Kampon, so daß ein Mann, der mehrere Frauen besitzt,
+keinen festen Wohnplatz hat und bald in diesem, bald in einem andern
+Kampon wohnt.
+
+Ein Mann weigert sich nie, die ihm gebotene Braut zu nehmen; mißfällt
+sie ihm, so kann er sie am Tage nach der Hochzeit verlassen. Die Braut
+hat nicht dasselbe Recht: sie kann ihrem Bräutigam, sollte die Wahl sie
+gereuen, nur vor der Hochzeit den Abschied geben und muß sich in diesem
+Falle mit einem Theile ihrer beweglichen Güter, wie Hornvieh, Geflügel,
+Hausgeräthe, mitunter auch mit Geld loskaufen.
+
+Der Mann kann auch in der Folge seine Frau ohne die geringste Ursache
+verlassen; die Frau darf hier nur die Initiative ergreifen, wenn sie
+erlittene Mißhandlungen zu beweisen vermag. Bereuen die Eheleute die
+Trennung innerhalb vierzig Tagen, so können sie sich ohne Ceremonien
+wieder vereinigen. Sind aber die vierzig Tage vorüber, so müssen sie
+neuerdings durch den Priester getraut werden. Die geschiedene Frau kann
+sich nach drei Monaten und zehn Tagen wieder mit einem andern Manne
+verbinden[3].
+
+Wenn die Frau stirbt, erbt der Mann nur die Hälfte der ihr gehörigen
+beweglichen Güter, außerdem nur, was sie ihm besonders vermacht. Die
+eigentlichen Erben sind die Kinder; hat sie deren keine, so geht das
+Vermögen auf die Kinder ihrer Schwester oder sonstigen weiblichen
+Verwandten über. Der Mann kann nur von seinem Stamme, seiner Mutter,
+oder seinen weiblichen Verwandten erben. Das Vermögen des Mannes erben
+dem zu Folge auch nicht seine Kinder, sondern die seiner Schwester oder
+weiblichen Verwandten.
+
+Zu diesen sonderbaren Erbschafts-Gesetzen soll der Sage nach folgendes
+Ereigniß Anlaß gegeben haben:
+
+Ein großer Fürst, dessen Wohnsitz weit von der See entfernt lag,
+träumte durch mehrere Nächte, daß er, um sein Glück zu befestigen, ein
+großes Prauh bauen lassen müsse. Der Traum verkündete ihm zu gleicher
+Zeit, sein nächster Blutsverwandter würde dieses Prauh mit leichter
+Mühe in die See schaffen. Der Fürst that, wie das Traumgesicht gebot.
+Als das Prauh fertig war, lud er alle seine Verwandten, so wie viele
+Rajah’s aus der Umgegend ein, da die Fortschaffung des Prauh’s unter
+großen Feierlichkeiten statt finden sollte. Er rief hierauf seinen
+ältesten Sohn herbei, und befahl ihm, das Prauh nach der See zu
+bringen. Der Arme wandte alle Kräfte an, doch vergebens: er vermochte
+es nicht von der Stelle zu bewegen. In dieser Weise rief der Fürst
+einen Sohn nach dem andern herbei; aber keinem gelang es. Zornentbrannt
+forderte er den Sohn seiner Schwester auf, und siehe -- mit leichter
+Mühe schob es dieser an den Ort seiner Bestimmung!
+
+In den Holländischen Besitzungen auf Sumatra herrscht eine
+eigenthümliche Art Sklaverei: sie darf nicht länger als zehn Jahre
+dauern. Die Sklaven kommen alle von der nahen Insel +Nias+, sind
+entweder Kriegsgefangene oder Schuldner und Verbrecher oder auch freie
+Leute und werden von dem Sultane dieser Insel verkauft. Sklave wie
+Sklavin kosten den festgesetzten Preis von 100 Rupien. Der Käufer muß
+sie ordentlich kleiden und nähren, darf sie mit Arbeit nicht überladen
+und muß jedem pr. Monat zwei Gulden Kupfer für Siri geben. Nach zehn
+Jahren sind sie frei, kehren aber selten in ihre Heimat zurück, da sie
+fürchten, von ihrem Sultane neuerdings verkauft zu werden.
+
+Die Holländische Regierung sieht sehr darauf, daß die Sklaven nicht
+mißhandelt werden. Kurz vor meiner Ankunft wurde zu Padang eine Frau,
+die einen ihrer Sklaven arg mißhandelt hatte, wohlverdienter Weise
+auf fünf Jahre in das Strafhaus gesperrt und des Rechtes für immer
+verlustig erklärt, Sklaven zu halten. Den Sklaven, die sie hatte, wurde
+die Freiheit gegeben.
+
++Wollte Gott, daß es in allen Sklavenstaaten so wäre!+
+
+Beinahe in jedem Hause sieht man Niaser; ich fand sie minder häßlich
+als die Malaien; nur sind die Weiber etwas gar zu klein.
+
+In dem Distrikte von Agam wird schon sehr viel Kaffee gebaut. In den
+hiezu geeigneten Gegenden muß, wie zu Java, jedes Familienhaupt 300
+Bäume pflanzen und pflegen. Der Kaffee wird in gereinigtem Zustande an
+die Magazine geliefert, die von den Pflanzungen oft zehn bis zwölf Paal
+entfernt liegen. Der Pflanzer erhält per Pikul sieben Kupfergulden. Für
+den Transport von den Magazinen an die Seeküste bezahlt man per Pikul
+und per Meile drei Deut. Dieses Geschäft ist gewöhnlich verpachtet.
+
+Im Jahre 1851 wurden auf Sumatra schon 120,000 Pikul Kaffee gewonnen,
+was für die kurze Zeit, seit der man mit dem Kaffeebaue anfing,
+sehr bedeutend war. Die Regierung verkauft den Kaffee zu Padang
+im Versteigerungswege, gewöhnlich zu 20½ Rupien per Pikul. Der
+Ausfuhrszoll beträgt per Pikul für Holland zwölf, für das Ausland sechs
+Rupien.
+
+Da Sumatra viel weniger bekannt ist als Java, und es manche meiner
+Leser vielleicht interessiren dürfte, zu wissen, welche Produkte
+hauptsächlich von dieser Insel ausgeführt und zu welchen Preisen sie
+angenommen werden, so füge ich hier eine kurze Uebersicht bei.
+
+Im Jahre 1851 wurden ausgeführt:
+
+ Kaffee der Pikul ~à~ 20½ Rupien 120000 Pikul,
+ Reis „ „ „ 2½ „ 50000 „
+ Benzoe, 1. Sorte, der Pikul ~à~ 250 Rupien, 250 „
+ Benzoe, 2. Sorte, „ „ „ 75-100 R., 4000 „
+ Drachenblut „ „ „ 75 Rupien,
+ Cassia „ „ „ 10 „
+ Schwarzer Pfeffer „ „ „ 14 „
+ Weißer „ „ „ „ 22 „
+ Gutta-Percha „ „ „ 30 „
+ Gummi-Elastique „ „ „ 25 „
+ Gambir „ „ „ 18 „
+ Muskatnüsse (hier frei) der Pikul ~à~ 90 Rupien.
+
+Von Kampfer (auf Sumatra am besten und theuersten) kommen im Handel
+jährlich höchstens zwei bis drei Pikul vor, die bis zu dem Preise von 7
+bis 10,000 Rupien bezahlt werden. Ich komme hierauf später zurück.
+
+Am +24. Juli+ setzte ich meine Reise wieder fort.
+
+Herr van der Hardt war so gefällig, mir eine Reiseroute vorzuzeichnen,
+mich mit Empfehlungsbriefen für die Beamten und Offiziere zu versehen
+und mir Pferde nebst einen Führer bis +Palembajang+ (20 Paal) zu geben.
+
+Ganz nahe bei Fort de Kock führt der Weg durch ein kleines Thal,
+welches weit und breit durch seine eigentümliche Einfassung bekannt
+ist. Ungefähr 200 Fuß hohe, senkrechte, wie mit dem Meißel behauene
+Sandwände umgeben es; durch eine Spalte der Wände windet sich ein
+steiler Weg. Unten angekommen, durchreitet man üppige Reispflanzungen,
+von einem niedlichen Flusse bewässert, und ersteigt nach einer Meile
+auf eben so steilen Wegen wieder die Hochebene. Man nennt dieß kleine
+Thal +Karbauwengat+.
+
+Von hier an bis Palembajang war das Land so hügelig, daß man es einer
+stürmisch wogenden See hätte vergleichen können. Hie und da an den
+Hügeln waren künstliche Terrassen angelegt, um das Wasser von einer
+Reispflanzung zur andern zu leiten. Der Weg führte häufig die Höhen
+hinauf und gewährte schöne Uebersichten der unzähligen Hügel und
+Terrassen, die zum Theile in dem saftigen Grün der jungen, noch kaum
+einen halben Fuß hohen Reispflanze prangten.
+
++25. Juli.+ +Bonjol+, dreizehn Paal. Die ersten sechs bis sieben Paal
+ging es durch ein so enges Thal, daß man es eine Schlucht nennen
+konnte. Selten sah man eine Hütte, ein Reisfeld; das Gemurmel des
+Flusses +Massang+, das Geschrei der Affen waren die einzigen Töne, die
+mein Ohr trafen. Vor dem Ausgange der Schlucht führt eine Brücke über
+den Massang, dessen Ufer aus hoch aufgetürmten, von frischen, ewig
+grünen Schlingpflanzen überdeckten Felsen bestehen. Tief unten schäumt
+der Fluß durch das enge Felsbett.
+
+Bald verläßt man den Massang, und kommt an den etwas bedeutenderen
++Alahan-Bajang+, der eine kurze Strecke vor seiner Mündung in die See
+für Prauh’s schiffbar wird. Die wenigsten Flüsse auf der Westküste
+Sumatra’s sind selbst für kleine Boote befahrbar; sie haben einen zu
+kurzen Lauf um bedeutend zu werden, und einen sehr starken, von Gestein
+und Felsmassen unterbrochenen Fall.
+
+Die Gebirgszüge, die Sumatra von Süden nach Norden durchziehen,
+verliert man nie aus dem Gesichte; bald ist man ihnen näher, bald
+ferner. Sie wechseln an Form und Höhe; mitunter erheben sie sich zu
+5-7000 Fuß. Der +Ophir+ auf der Westküste mißt sogar 9500 Fuß.
+
+Bonjol liegt in einem weiten, zum Theil noch unkultivirten Thalkessel.
+Es steht hier ein kleines Fort. An vielen Weibern in dieser Gegend
+fiel mir die sonderbare Kopfbedeckung auf. Sie falten ein großes Tuch
+mehrfach zusammen und legen es gleich einer Last ganz lose auf den Kopf.
+
++26. Juli.+ +Lubuskoping+, 10 Paal. Der Kontrolor, bei dem ich
+abgestiegen war, so wie einige Offiziere, begleiteten mich eine Strecke
+Weges. Als wir an den Fluß +Alahan-Bajang+ kamen (zwei Paal), fanden
+wir ihn so angeschwollen, daß an keine Ueberfahrt zu denken war; wir
+mußten zurück nach Bonjol.
+
+Innerhalb der Grenzen von vier bis fünf Grad nördlich und südlich des
+Aequators tritt die Regenzeit nicht so regelmäßig ein, und es regnet da
+viel häufiger als in den weiter von dem Aequator entfernten Gegenden.
+Ich hatte auf Borneo nichts als Regen, auf Java vergingen wenige Abende
+ohne Regen, und eben so war es hier auf Sumatra. Für Reisende kann es
+nichts Unangenehmeres geben, besonders wenn die Wege schlecht sind und
+man über Flüsse ohne Brücken oder durch Waldungen muß. Selten verging
+ein Tag, ohne daß ich vollkommen durchnäßt wurde.
+
+Nachmittags kam die Nachricht, daß der Fluß gefallen sei, und daß man
+ihn übersetzen könne. Ich eilte fort und wurde glücklich in einem
+kleinen Boote hinüber gefahren; die Pferde mußten schwimmen.
+
+Ich passirte heute den Aequator zu Pferde.
+
+Gestern wie heute waren die Wege theilweise sehr schlecht. Der Regen
+hatte den lehmigen Boden so schlüpfrig gemacht, daß es schwer und
+gefährlich wurde, mit den unbeschlagenen Pferden über die oft sehr
+steilen Hügel zu kommen. Auch fand ich die Pferde nirgends in der Welt
+so ungeschickt wie hier: sie stolperten über jeden Stein, fielen in
+jedes Gräbchen und fanden auf den Brücken gewiß die morscheste Stelle,
+um den Fuß darauf zu setzen. Dabei erschracken sie über alles, oft über
+ein großes Blatt, das am Wege lag. Ich kann den Pferden Sumatras mit
+gutem Rechte dieses schlechte Zeugniß geben, ich habe sie erprobt, wie
+wenig Männer, da ich sehr viel ritt und alle Paar Stunden ein anderes
+Pferd bekam.
+
+Lubuskoping liegt in einem schönen großen Thale. Man sieht hier den
+Ophir besser als von jeder andern Seite, da die Vorgebirge sich
+zertheilen und hierdurch einen vollkommenen Anblick dieses Berges vom
+Fuße bis zur Spitze gestatten.
+
+In dieser Gegend tragen die Leute sehr große Hüte von zwei bis drei Fuß
+im Durchmesser. Sie sind aus Palmenblättern gemacht, ganz flach und
+haben in der Mitte eine nur sechs Zoll hohe Spitze, die mit Blumen oder
+andern Kleinigkeiten geziert ist.
+
++27. Juli.+ +Panty+, 18 Paal. Die Hälfte des Weges führte durch schöne
+Waldthäler, und meistens durch Alang-Alang. Ueberall gab es häufige
+Spuren von Elephanten-Tritten und Tigerklauen. Sumatra ist an Tigern
+sehr reich. Die Leute, welche die Briefe durch das Land tragen, gehen
+Abends nie ohne Feuerbrände. Sonderbarer Weise veranstalten weder die
+Europäer noch die Eingebornen Tigerjagden wie in Brittisch-Indien.
+
+Die Regierung zahlt für jeden erlegten Tiger zehn Rupien. Die
+Eingebornen fangen sie in Fallen.
+
++Panty+ liegt mitten in den herrlichsten Waldungen; dessen ungeachtet
+sind die Hütten der Eingebornen überaus klein und elend: die Leute sind
+zu träge, das zum Baue nöthige Holz zu fällen. Sie leben hier überhaupt
+in der größten Armuth, besitzen kaum ein Paar irdene Töpfe und einige
+Matten, gehen halb nackt oder in Lumpen gekleidet und sehen sehr
+schmutzig aus. An alledem ist ihre Trägheit schuld. Sie haben zwar
+der Regierung viele Händearbeit zu leisten, aber sonst keine Abgaben.
+Die Männer ergeben sich größtentheils dem Spiele und dem Müssiggange,
+unterhalten sich mit Hahnenkämpfen, werfen, wie bei uns die Kinder,
+Kupfermünzen oder Steinchen in kleine Löcher, lassen Drachen steigen,
+schlagen die Zeit mit einer Art Bretterspiel mit kleinen Steinchen
+todt, schlafen viel und sitzen mitunter auch Tage lang beisammen, ohne
+etwas anders zu thun als Siri zu kauen oder zu schwatzen. Hätte unser
+herrlicher Schiller in diesem Lande das Licht der Welt erblickt, er
+würde die Männer „das leer geschwätzige Geschlecht“ genannt haben, und
+nicht uns Frauen.
+
+Die Weiber arbeiten viel mehr als die Männer. Bei den
+Straßen-Ausbesserungen zählte ich durchschnittlich drei Weiber auf
+einen Mann; in den Kaffeegärten haben sie die meisten Verrichtungen,
+auf dem Felde schneiden sie den Reis, treten und stampfen ihn aus den
+Aehren und tragen alle Lasten nach Hause. Ich sah manches Weib mit
+einer schweren Last auf dem Kopfe, einer zweiten unter dem Arme und
+einem auf den Rücken gebundenen Kinde mühsam einherschreiten, während
+der Mann leer daneben ging.
+
+Ich will damit nicht sagen, daß die Männer gar nichts thun; aber sie
+arbeiten gewiß nicht halb so viel als die Weiber. Erstere pflügen
+mit Büffeln das Feld und pflanzen den Reis, -- allerdings eine
+beschwerliche Arbeit, da sie dabei bis über die Schenkel im Wasser
+stehen müssen.
+
+An den Bauten der Straßen und Brücken, der Kaffeemagazine und der
+Wohnhäuser der Beamten darf auf Befehl der Regierung kein Weib Theil
+nehmen. Dieser menschenfreundliche Befehl wurde in der Absicht gegeben,
+das schwache Geschlecht doch einigermaßen zu schützen.
+
+Auf Sumatra schneidet man den Reis nicht Halm für Halm, wie auf Java,
+sondern man nimmt mit einem sichelförmigen Messer so viel Halme auf
+einmal ab, als mit der Hand gefaßt werden können. Die Aehren werden auf
+dem Felde selbst ausgetreten; zu diesem Zwecke sind kleine Gestelle von
+Bambus errichtet, die neun Fuß hoch und fünf Fuß breit sein mögen. Zwei
+Fuß von der Erde ist an dem Gestelle ein hölzerner Boden angebracht,
+mit kleinen Löchern, durch welche die Reiskörner durchfallen können.
+Auf diesem Boden werden die Aehren mit den Füßen ausgestampft. Ein
+Blätterdach an der Spitze des Gestelles schützt die Arbeiter vor der
+Sonne.
+
+Man rechnet in Sumatra die Reisernte durchschnittlich auf sechzig bis
+achtzig Prozent, während sie in Java hundert bis zweihundert gibt.
+
++28. Juli.+ +Rau+, 13. Paal. Ein ziemlich ausgedehnter Kampon mit
+einigen angestrichenen, mit Schnitzwerk versehenen Bretterhäusern
+und einem kleinen Fort. Die Lage dieses Ortes ist sehr ungesund; es
+herrschen böse, hartnäckige Wechselfieber, die bei den Europäern häufig
+in Auszehrung oder Wassersucht übergehen.
+
+Hier beginnt die Provinz +Mandelling+, mit dem Distrikte +Ulu+ (von
+den Eingebornen „Lubu“ genannt). Die Uluaner oder Lubuaner werden von
+manchen für ein Stammvolk gehalten, von andern für verwilderte Malaien.
+In diesem Distrikte fangen auch schon die Battaker an.
+
++29. Juli.+ +Muara-Sipongie+, 10 Paal. Langweiliger Ritt durch
+wellenförmige, schmale, mit kurzen Alang-Alang bewachsene Thäler. Man
+sah keine menschliche Wohnung, man hörte keinen Laut -- alles war
+todtenstille wie in den Sandwüsten Afrika’s.
+
+Ich befand mich nun schon mitten unter den Battakern; jedoch könnte man
+diese die „gezähmten“ nennen, da sie unter der Holländischen Regierung
+stehen (seit zehn Jahren) und daher natürlich ihrer Begierde nach
+Menschenfleisch entsagen müssen.
+
+Zu Muara-Sipongie empfing mich Herr Kontrolor +Schoggers+ auf die
+zuvorkommendste Weise: er kam mir mehrere Paale entgegen geritten. Da
+ich früh eintraf, und gerade großer Bazar gehalten wurde, ging ich
+mit ihm dahin. Man sieht bei solchen Gelegenheiten viel Volk; auch
+sagte mir Herr Schoggers, daß in den kleinen Flüssen dieses Distriktes
+viel Gold gefunden und zum Verkaufe nach dem Bazar gebracht werde. Wir
+fragten nach dieser Waare. Die glücklichen Besitzer waren so lumpig
+gekleidet, daß ich keine Kupfermünzen, viel weniger Gold bei ihnen
+gesucht hätte. Sie brachten Päckchen zum Vorscheine, so groß, daß
+man einige Pfund Goldes hätte vermuthen können; allein da gab es der
+Umwicklungen so viele, daß am Ende ein winziges Säckchen mit etwas
+Goldstaub, oder ein erbsengroßes Goldklümpchen zum Vorschein kam. Für
+das größte Stück, das ich sah, verlangte man siebzehn spanische Thaler.
+Jederman hat das Recht, Gold zu suchen; nur muß er von dem Funde die
+Hälfte an seinen Rajah abgeben.
+
+Neben dem Bazar (einer offenen Halle mit einem Blätter-Dache) war ein
+kleiner umzäunter Raum, wo die Hahnenkämpfe stattfanden. Eine Menge
+Menschen standen gedrängt umher; es gab sehr viele Kämpfe und Wetten,
+und zwar wetteten die Leute keine Kupfermünzen, sondern Spanische
+Thaler. Dieses Reichthums ungeachtet waren sie alle so armselig
+gekleidet, daß man sie für Bettler hätte halten mögen.
+
+Die Vorbereitungen zum Kampfe, die Aufreizung der Thiere u. s. w.
+gingen in derselben Art vor sich, wie auf Java; nur machten hier die
+Hahnenbesitzer hinter ihren Hähnen schreckliche Grimassen mit Gesicht,
+Händen und Füßen. Einer unter ihnen blies während des Gefechtes auf
+seinen Hahn; die Wettenden wie die Zuseher nahmen dies sehr übel, und
+es entstand ein allgemeines Gemurmel. Nach kaum einer Minute verließ
+der eine Hahn das Schlachtfeld; der andere wurde als Sieger erklärt,
+obwohl er, zu Tode verwundet, bald zusammenstürzte und früher den Geist
+aufgab als der Besiegte. Andere Hähne ersetzten sogleich die Stelle der
+geopferten. Halbe Tage lang unterhalten sich die Menschen mit diesem
+grausamen Spiele und verlieren Summen, mit welchen sie ihrem häuslichen
+Elende vollkommen aufhelfen könnten. Unter den Battakern ist der
+Hahnenkampf viel weniger beliebt als unter den Malaien. Hier gibt es
+noch viele Malaien, daher auch viele Hahnenkämpfe.
+
+Herr Schoggers hatte die Güte, Nachmittags mehrere Battakische
+Rajah’s von den umliegenden Dörfern zusammen zu berufen, um mit
+ihnen über meine Reise zu sprechen. Er selbst hielt die Reise in
+das unabhängige Battaker-Land für höchst gefährlich und führte das
+gräßliche Schicksal der beiden Missionare an; doch fügte er hinzu,
+daß dieser Mord zum Theile aus Mißverständniß geschehen sei. Einige
+Zeit vor den Missionären hatten nämlich mahomedanische Priester mit
+Kriegsgefolge einen Einfall in das Battaker-Land gemacht und die Leute
+auf die grausamste Weise mit Feuer und Schwert (gleich unsern edlen
+Vorfahren in Mexiko und Peru) zur Annahme ihrer Religion gezwungen.
+Als hierauf die Amerikanischen Missionäre als Religionslehrer in ihr
+Land kamen, geriethen die Battaker in große Wuth, sahen in ihnen neue
+Religionsquäler, mordeten sie und fraßen sie auf.
+
+Des Abends saßen wir in Gesellschaft mehrerer Rajahs, umgeben von
+vielem Volke, denn weit und breit hatte man schon gehört, eine Frau
+sei hier, die sich in das verrufene Land wagen wolle. Die Rajah’s,
+so wie viele aus dem Volke, riethen mir die Reise ab. Da ich jedoch
+fest dazu entschlossen war, fragte ich nur, ob es wahr sei (wie manche
+Reisebeschreibungen behaupten), daß die Battaker die Leute nicht gleich
+tödteten, sondern lebend an Pfähle bänden, ihnen das Fleisch stückweise
+vom Körper schnitten und es warm mit Tabak und Salz verzehrten.
+Dieses langsame Hinmorden hätte mich doch ein wenig abgeschreckt.
+Aber man betheuerte mir einstimmig, daß dies nur mit jenen geschähe,
+die schwerer Verbrechen wegen zum Tode verurtheilt seien. Die
+Kriegsgefangenen werden an einen Baum gebunden und enthauptet; dann
+fängt man ihr Blut sorgfältig auf und trinkt es warm oder verzehrt es
+mit gekochtem Reise gemischt. Hierauf geht es an die Theilung. Die
+Ohren, die Nase, die Leber und die Fußsohlen sind ein ausschließendes
+Vorrecht des Rajah’s, der außerdem noch seinen Antheil an dem Körper
+erhält. Die schmackhaftesten Theile sind die Fußsohlen, das Innere der
+Hand, das Fleisch am Kopfe, das Herz und die Leber. Gewöhnlich rösten
+sie das Fleisch und verzehren es mit Salz. Den Weibern ist es nicht
+erlaubt, an diesem Festessen Theil zu nehmen.
+
+Die Rajah’s versicherten mir mit höchst begehrlichen Mienen, daß
+Menschenfleisch sehr gut schmecke und daß sie es gerne essen würden.
+
+Aus dem Baumstamme, an welchen die Unglücklichen ihr Leben enden,
+werden gewöhnlich vier bis sechs Fuß hohe Stöcke geschnitten, mit einer
+Figur oder einigen Arabesken verziert und mit Menschenhaaren oder
+Federn geschmückt. Ein solcher Stock heißt „Tungal-Panaluan,“ d. i.
+Zauberstock. Sie legen ihm wunderbare Kräfte bei und besuchen keine
+Kranken, geben keine Arzneien, ohne ihn zur Hand zu nehmen.
+
+Die Battaker beobachten gleich den Dayakern keine religiösen Gebräuche;
+sie beten nicht und haben weder Priester noch Tempel. Sie glauben an
+gute und böse Geister. Von ersteren nehmen sie eine sehr kleine, von
+letzteren eine sehr große Zahl an. Wird ein Mensch krank, so behaupten
+sie, der böse Geist sitze in ihm; jedes Unglück wird einem solchen
+Dämon zugeschrieben. Manchmal fährt, ihrer Meinung nach, der böse Geist
+auch in einen Menschen, ohne ihn krank zu machen; dieser wird dann hoch
+verehrt, da man fürchtet, in dem Menschen den Geist zu beleidigen.
+Alles, was ein solcher Besessener spricht, wird als Orakelspruch
+angenommen und getreu erfüllt. Gewöhnlich hat der Rajah die Ehre vom
+Bösen besucht zu werden. Er zeigt dabei viele Grimassen und Zuckungen,
+geberdet sich besonders bei den Tänzen wilder als alle übrigen und
+benützt in diesem Zustande die Leichtgläubigkeit des Volkes, seine
+Wünsche in Orakelsprüchen kund zu geben. Man zeigte mir unter den
+Anwesenden mit vieler Hochachtung einen Knaben, der „der Sohn des
+Bösen“ genannt wurde, da sein Vater von diesem Unholde besessen war.
+
+Bei Taufen, Vermählungen, Sterbefällen gibt es keine Ceremonien. Nur
+wenn ein bedeutender Rajah stirbt, werden die Rajah’s der Umgegend zur
+Beerdigung eingeladen. Jeder kommt in Begleitung mehrerer Lanzenknechte
+und bringt ein Büffelkalb mit. Die Kälber schlachtet man, vertheilt das
+Fleisch unter die ganze Gemeinde, und durch mehrere Tage, oft Wochen
+hindurch wird nichts als gegessen, Suri getrunken[4] und getanzt.
+
+Ihre Regierungsform ist konstitutionell-monarchisch; der Rajah ist
+das Oberhaupt; doch geht jedermann, selbst der Sklave, mit ihm
+wie mit seines gleichen um; auch seinen Befehlen wird nicht immer
+strenger Gehorsam geleistet, obwohl seine Person hoch geachtet ist.
+Bei wichtigen Angelegenheiten kommen viele Rajah’s zusammen, um Rath
+zu halten. Der älteste Sohn ist Haupterbe; er erbt alle Weiber seines
+Vaters, die er zu den seinigen machen kann.
+
+Die Männer müssen ihre Frauen kaufen. Die Tochter eines Rajah wird
+nicht selten mit 40 Piaster in Gold und einigen Büffeln bezahlt. Die
+Männer kaufen ihre künftigen Frauen oft schon im zartesten Alter; sie
+nehmen sie in ihr Haus und behandeln sie wie ihre Kinder. Ist ein Mann
+zu arm, um sich eine Frau zu kaufen, so zieht er zu der Familie seiner
+Frau und arbeitet da wie ein Sklave. Selten nimmt ein Mann mehr als
+eine Frau, weil ihm die Mittel zum Ankaufe gewöhnlich fehlen.
+
+Die Battaker sind in vielen Dingen andern wilden Völkern voraus: sie
+lesen und schreiben, ihre Gesetze sollen im allgemeinen sehr gut und
+zweckmäßig sein, -- bei alle dem aber sind sie Menschenfresser.
+
+Herr Schogger fügte diesen Berichten noch bei, daß die der
+Holländischen Regierung unterworfenen Battaker jede Verpflichtung
+genau und willig erfüllen, daß man den Kulli’s Gut und Geld sicher
+anvertrauen könne, und daß Diebstähle, Morde und überhaupt Verbrechen
+höchst selten vorkommen. Für einen Diebstahl ist die ganze Gemeinde,
+in welcher er vorfällt, verantwortlich; letztere muß das Gestohlene
+ersetzen, oder den Thäter überliefern. Morde finden nur aus Eifersucht
+statt. Ein Verbrecher wird nicht eingesperrt, sondern bis einige Tage
+vor Vollziehung der Strafe seiner Familie übergeben, die für ihn bürgt.
+Gerichtet werden die Battaker, auch unter der Holländischen Regierung,
+noch nach ihren Gesetzen, die leider für den Reichen sehr vortheilhaft
+sind, da er sich sogar von der Todesstrafe loskaufen kann. Der größte
+Theil der Summe kommt in diesem Falle dem Beleidigten oder seiner
+Familie zu. Die zum Tode Verurtheilten werden auf dem Bazar enthauptet.
+Sie gehen dem Tode nicht nur mit Muth, sondern sogar mit Fröhlichkeit
+entgegen. Sie schmücken sich auf’s beste, bekränzen sich mit Blumen und
+kommen singend und tanzend in Begleitung ihrer Verwandten und Freunde
+auf den Richtplatz.
+
+Diese Gleichgültigkeit für den Tod ist auch den Malaien und überhaupt
+den meisten rohen Völkern eigen. Viele schreiben sie ihrem Stumpfsinne
+zu.
+
++30. Juli.+ +Kotto-Nopau+, 11 Paal. Das Land fortwährend hügelig und
+größtentheils mit Alang-Alang bedeckt. An Kampons war kein Mangel,
+die Hütten aber elend, kaum fünfzehn Fuß im Gevierte. Da kauert alles
+auf einer schmutzigen, zerrissenen Matte, in einer Ecke glimmt ein
+Feuer, an dem höchstens ein irdener Topf steht, der den ganzen Hausrath
+ausmacht. Die Bewohner sind sehr ärmlich in zerrissenes, dunkelblaues
+Zeug gekleidet. Die Kinder gehen ganz nackt, die Mädchen und Weiber
+häufig bis an den Gürtel. Zwei Hütten, wenig größer als Taubenschläge,
+sah ich sogar auf hohen Bäumen zwischen den Aesten -- sie dienten
+ebenfalls zu Wohnungen.
+
+Ich kam an vielen kleinen Bächen mit gelbem, trüben Wasser vorüber; in
+diesen suchen und finden die Leute das Gold. Gerade hier, wo die Leute
+an der Quelle des Goldes saßen, war die Armuth am größten. Führt doch
+dieses Metall statt Segen, überall nur Fluch mit sich.
+
+Vier oder fünf Meilen von +Muara-Sipongie+ besah ich abseits der Straße
+in einem Kaffeegarten einige Battakische Grabmäler. Sie bestanden aus
+viereckigen Stein- oder Erdhügeln von drei bis vier Fuß Höhe, auf
+welchen ein einfacher, hölzerner Sarg stand. Die Ecken waren mit vier
+Fuß hohen, aus Holz geschnitzten Menschenfiguren geschmückt, die den
+jämmerlichsten Fratzen glichen. Jede Grabesstätte war mit einem Dache
+bedeckt und von einem hölzernen Geländer umgeben. Die Leiche liegt
+nicht in dem Sarge, sondern unter der Erde.
+
++31. Juli.+ Fort +Elout+ (Panjabungan), achtzehn Paal. Waldparthien,
+Gesträuche, junge Kaffeepflanzungen verdrängten an vielen Stellen das
+traurige, einförmige Alang-Alang. Fort Elout liegt in einem großen,
+hügeligen, von schönen Gebirgen umgebenen Thale und ist der Sitz eines
+Assistent-Residenten.
+
+Noch in keinem Distrikte fand ich so nette, reinliche Kampons als
+in diesem. Man schreibt dies der Aufsicht und den Bemühungen des
+gegenwärtigen Assistent-Residenten Herrn +Godoon+ zu. Die Hütten sind
+zwar klein, aber sehr rein gehalten, und stehen in langen, regelmäßigen
+Reihen, eine von der andern etwas getrennt. Der Unrath darf nicht unter
+die Hütte oder vor dieselbe geworfen werden, und das Hornvieh hat
+seinen Aufenthalt außerhalb des Kampons. Früher war diese Gegend sehr
+ungesund; seit aber die Menschen einiger Maßen an Reinlichkeit gewöhnt
+sind, herrschen viel weniger Krankheiten.
+
+Auch die Brücken und Straßen zeigen von der Sorgfalt des Residenten.
+Die Brücken sind alle gemauert, die Straßen sehr gut unterhalten.
+Letztere haben eine Breite von wenigstens zwanzig Fuß, was mir
+überflüssig erschien, in einem Lande, wo noch kein Fuhrwerk im
+Gebrauche ist. Die Holländische Regierung läßt aber alle Straßen so
+bauen, für den Fall, daß Militär-Züge hindurch zu gehen haben.
+
+Das Bauen der Straßen ist für die Eingebornen eine harte Aufgabe, da
+ihre einfachen Werkzeuge zu derlei Arbeiten gar nicht geschaffen sind.
+Zum Brechen der Felsen haben sie eiserne Stangen, zum Graben in der
+Erde handbreite, unten scharf zugehauene Hölzer. Die Erde schaffen sie
+mit den Händen aus den Gruben. Das Alang-Alang, das die wenig benützten
+Wege fortwährend überwuchert, schneiden sie mit kleinen Messern ab. So
+mühsam wie die Straßen bauen sie auch die Wohnhäuser der Beamten und
+die Kaffeemagazine. Ich sah oft sechs bis acht Menschen an einem Balken
+oder einigen Brettern schleppen.
+
+Wenn ich Bemerkungen über die Mangelhaftigkeit der Werkzeuge, über die
+Art des Arbeitens machte, gab man mir zur Antwort: „Die Leute sind
+es so gewöhnt.“ Warum sucht man sie denn in andern Sachen von ihren
+Gewohnheiten abzubringen? An das Bauen der Straßen und Gebäude, an das
+Anlegen der Kaffeegärten, Zucker- und Gewürz-Pflanzungen waren sie,
+bevor die Europäer kamen, gewiß noch nicht gewöhnt. Aber leider wird in
+vielen Ländern auf die Gewohnheiten und Nicht-Gewohnheiten der Völker
+nur in so ferne Rücksicht genommen, als sie der Regierung Nutzen oder
+Schaden bringen. Das Wohl der Unterthanen selbst kümmert sie nicht
+viel. So ist es auch hier; die Straßen, die Brücken, die Gebäude müssen
+unentgeldlich hergestellt werden; ob fünfzig oder hundert Menschen, und
+auf welche Art sie daran arbeiten, ist der Regierung gleichgültig.
+
+Ein anderer Druck für die Eingebornen, in deren Nähe Beamten wohnen,
+ist, daß sie diesen viele häusliche Dienste, Gartenarbeiten, Botengänge
+u. dgl., überall unentgeldlich, verrichten müssen. Die Zahl solcher
+Leute, auf welche der Beamte ein Recht hat, ist nicht bestimmt; es
+mißbrauchen daher gar manche ihre Macht und nehmen viel mehr Leute, als
+sie eigentlich sollten.
+
+Der jetzige Gouverneur-General, Herr Deimar van Twist, soll eifrig
+bemüht sein, alle diese Mißbräuche und Bedrückungen so viel wie
+möglich abzustellen. Er hat den Taglohn, so wie den Preis der von den
+Eingebornen gelieferten Materialien erhöht und will es dahin bringen,
+daß niemand ohne Lohn zu arbeiten habe.
+
++1. August.+ +Surumentingi+, 20 Paal. Obwohl sich der Charakter des
+Landes ziemlich gleich blieb, gab es doch einige hübsche Ansichten.
+Ich kam durch große, äußerst rein gehaltene Kampons, durch viele
+Reispflanzungen und durch ein Wäldchen, das bloß aus Bambus, und zwar
+von außerordentlicher Größe und Höhe (70 bis 80 Fuß), bestand. Die
+Rohre sollen viel Wasser enthalten.
+
+Zu Surumentingi fand ich nur ein einfaches Bambushäuschen mit der
+nothdürftigsten Einrichtung, das den durchreisenden Beamten und
+Offizieren als Unterkunft dient. Da ich nicht, gleich den verwöhnten
+Europäern, meinen ganzen Haushalt mit mir führte, sondern nur so wenig
+Gepäck, daß ich es im Nothfalle selbst fortschaffen konnte, hätte
+ich mich heute mit einem höchst einfachen Mahle und einer harten
+Schlafstelle begnügen müssen, wenn nicht Herr Godoon so gefällig und
+aufmerksam gewesen wäre, mir alle Bedürfnisse nebst einigen Dienern
+voraus zu senden. Ich fand ein treffliches Mahl, Thee und Kaffee und
+konnte mich in einem weichen Bette ausruhen.
+
++2. August.+ +Padang-Sidimpuang+, 20 Paal. Fortgesetztes Hügelland,
+jedoch von größeren Flächen unterbrochen. Die Gebirgskette nimmt stets
+an Höhe ab.
+
+Padang-Sidimpuang liegt bereits in Ankola und besitzt ebenfalls ein
+kleines Fort. Ich traf hier die letzten Europäer; einige Offiziere und
+einen Kontrolor, Herrn +Hammers+, bei welchem ich abstieg.
+
+Die letzten drei Tage hatte ich Pferde bekommen, die entsetzlich
+stießen; ich kam ganz erschöpft an und hatte nicht die geringste
+Eßlust. Bei Tische konnte ich mich kaum aufrecht halten; mein Stolz
+gab aber nicht zu, diese Schwäche zu gestehen. Ich warf den Katzen,
+die den Tisch umschwärmten, heimlich einen Bissen nach dem andern zu.
+Glücklicher Weise war es auch hier, wie auf ganz Java, Sitte, nach
+dem Mittagsmahle eine kleine Siesta zu halten. Nie segnete ich diese
+Gewohnheit so sehr als heute -- ich fiel auf mein Lager. Zwei Stunden
+Ruhe stärkten mich so, daß ich gänzlich erholt zur Theestunde erschien
+und Abends mit den Herren sogar eine Parthie Whist spielte.
+
+Ich sah hier ein neues Beispiel der Gefühllosigkeit einer Javanesin. An
+dem Tage, an welchem ich ankam, begrub man den Kapitän der Garnison. Er
+hinterließ eine sogenannte Wirthschafterin mit vier Kindern. Durch zehn
+Jahre hatte diese Person an seiner Seite das bequemste Leben geführt
+-- heute, da man den Vater ihrer Kinder in’s Grab senkte, da sie nicht
+wußte, wie ihre und ihrer Kinder Zukunft sich gestalten würde, sah sie
+so fröhlich und heiter aus, lachte und scherzte so ungenirt, als ob in
+ihrem Schicksale nicht das geringste vorgefallen wäre.
+
+Ich blieb drei Tage zu Padang-Sidimpuang. Auch hier kamen, als mein
+Vorsatz, das Battaker-Land zu betreten, bekannt wurde, viele Eingeborne
+mich zu sehen. Sie warnten mich ebenfalls vor dieser Reise, um so mehr
+als erst noch im vergangenen Jahre einige Uneinigkeiten zwischen den
+Battakern und Holländern vorgefallen waren. Die Battaker hatten einen
+Einfall in das Holländische Gebiet gemacht, einen Kampon zerstört und
+27 Menschen mit sich fortgeführt. Die Holländer sandten zwar einige
+Truppen, die Schuldigen aufzusuchen; sie fanden aber die Kampons leer,
+die Bewohner waren, wie dieß bei solchen Gelegenheiten bei ihnen
+üblich ist, in die unzugänglichsten Schluchten und Wälder entflohen.
+Die einzige Rache, welche die Verfolger nehmen konnten, bestand im
+Niederbrennen einiger Kampons. Herr +Hammers+ erzählte mir, daß vor
+kaum zwei Jahren vier Menschen sogar von den Battakern, die unter der
+Holländischen Regierung stehen, getödtet und verzehrt worden seien.
+
+Nichts desto weniger blieb ich bei meinem Entschlusse stehen. Ich
+wollte durch das große Thal +Silindong+ bis an den Land-See +Eier-Tau+
+(großes Wasser) vordringen, welchen noch kein Europäer gesehen hat,
+und von dessen Vorhandensein man bloß durch die Erzählungen der
+Eingebornen unterrichtet ist. Von seiner Lage, Größe, von den an seinen
+Ufern wohnenden Stämmen hat man nur ganz unvollständige Begriffe. Ich
+konnte dem zu Folge keinen Plan dieser Reise machen und mußte alles
+dem Schicksale und meinem bisher stets treuen Glücke überlassen. Herr
+Hammers war so gütig, mich mit Briefen für einige Rajah’s, die mit den
+Holländern in Verkehr standen, so wie mit einem Führer zu versehen. Ich
+ordnete einige Papiere, die ich im Falle des Nichtwiederkehrens für
+meine Familie zurückließ, und nahm recht herzlichen Abschied von den
+Europäern. Sie konnten vielleicht die letzten sein, die mir auf dieser
+Welt zu Gesicht kamen.
+
+
+ [1] Er wurde im folgenden Jahre Gouverneur auf Celebes.
+
+ [2] Jeder Kampon auf den holländischen Besitzungen in Sumatra hat
+ seinen Rajah beibehalten. Letzterer bezieht von der Regierung
+ einen kleinen Gehalt und trägt dafür Sorge, daß seine Gemeinde
+ die Gesetze und Befehle der Regierung erfüllt und ausführt.
+
+ [3] Diese Gesetze für Ehescheidungen, Wiedervereinigungen oder neu zu
+ schließende Ehen sind bei allen Malaien dieselben.
+
+ [4] Der Suri wird aus der Arenga-Palme gezogen. Auch Zucker wird aus
+ dem Safte dieser Palme gewonnen.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel.
+
+ Fortsetzung der Reise auf Sumatra. -- Die Fußreise. -- Das Nachtlager
+ im Urwalde. -- Erstes Zusammentreffen mit den Kannibalen. --
+ Haly-Bonar. -- Opferung eines Büffelkalbes. -- Das Thal Silindong.
+ -- Feindseliger Empfang. -- Gezwungene Rückkehr. -- Wiederholte
+ wilde Scenen. -- Wiederkehr nach den Holländischen Besitzungen. --
+ Paija-Kombo. -- Besteigung des Merapi. -- Rückkunft nach Padang.
+
+
+Am +5. August+ trat ich diese gefahrvolle Reise an. Ich ging bis
++Sipirok+, 20 Paal. Alles war Wald und Alang-Alang. Von einer kleinen
+Hügelkette, über welche der Weg führte, übersah ich eines der größten
+Thäler Sumatras, das wellenförmige +Lawas-Thal+.
+
+Ich war nun schon durch einen großen Theil Sumatras gekommen. Ich
+fand diese Insel, was Naturschönheiten anbelangt, eben so reizend, wo
+nicht reizender als Java. Welch herrliches Land könnte nicht daraus
+werden! Bis jetzt ist es verhältnißmäßig menschenleer und, die wenigen
+Pflanzungen ausgenommen, unkultivirt. Wilde Thiere (Elephanten,
+Rhinozerosse) bewohnen die mächtigen Waldungen des Innern,
+blutdürstige Tiger durchstreichen das ausgedehnte Alang-Alang.
+
+Man sollte glauben, daß ein Theil von Sumatra ein günstiges Land für
+Europäische Auswanderer wäre. Auf den großen Hochebenen, deren es
+viele gibt, bleibt das Klima, obwohl der Aequator so nahe ist, sehr
+gemäßigt; die dichten, üppigen Wälder, das hohe Alang-Alang zeigen von
+der Fruchtbarkeit des Bodens. Gewiß würde hier, wo die Natur so reich
+ist, mit Nachhilfe der Kultur Großartiges zu schaffen sein. Allein
+die Holländische Regierung begünstiget die Ansiedlung von Europäern,
+selbst von ihren eigenen Unterthanen, durchaus nicht. Sie gibt vor
+(mit vollem Rechte), daß die Eingebornen durch das Beispiel der Weißen
+nur verdorben würden. Ich möchte noch einen zweiten Grund dahinter
+suchen, und zwar -- die Furcht, daß die Weißen mit der Zeit dem kleinen
+Vaterlande gegenüber zu mächtig würden und, mit den Eingebornen
+vereint, sich unabhängig erklären könnten.
+
++Sipirok+ liegt in einem kleinen regelmäßigen Thale. Hier steht das
+letzte Kaffeemagazin, unter der Aufsicht eines eingebornen Schreibers.
+Ich kam gerade an, als eine große Lieferung statt fand, was mir
+Gelegenheit gab, viel Volk (meist Battaker) zu sehen. Der Anblick war
+eben nicht reizend. Derselbe Gesichtstypus wie bei den Malaien, nur
+noch häßlicher, das weibliche Geschlecht auffallend klein. In der
+Kunst die Zähne zu feilen, schwarz zu färben, mit einem Worte, sich
+so häßlich als möglich zu machen, gebührt ihnen die Palme. Sie waren
+sehr wenig, höchst dürftig und überaus schmutzig bekleidet. Alle hatten
+die Backen mit Siri vollgestopft und spieen rechts und links neben den
+ausgebreiteten Kaffee. Zum Zeitvertreibe suchten sie das Ungeziefer von
+Kopf und Kleidung, und Kinder voll ekelhafter Hautausschläge warfen
+sich mit Kaffeebohnen.
+
+Nachdem der Kaffee besichtiget, in Säcke gefüllt, in das Magazin
+abgeliefert war und die Leute das Geld empfangen hatten, verwandelte
+sich der Platz in einen Bazar. Aus dem Gemache des Schreibers wurden
+allerlei Waaren herausgeschafft, Krämer, die schon stundenlange auf
+die Wegschaffung des Kaffees gelauert hatten, packten bunte Stoffe,
+Glasperlen, Messingreifen, Eßwaaren u. dgl. aus. Mit gierigen Blicken
+sahen die glücklichen Geldbesitzer auf alle die Gegenstände; die
+Armen wußten nicht, woran sie sich halten sollten, -- es gab der
+verführerischen Dinge gar zu viele, des Geldes gar zu wenig. Nach einer
+Stunde war der Bazar zu Ende, d. h. die Pflanzer waren ihr Geld los.
+
+Zu Sipirok hörte das Reisen zu Pferde auf; ich mußte wieder wie in
+Borneo allen Bequemlichkeiten des Lebens auf einige Zeit entsagen und
+meine Fußwanderungen beginnen.
+
++6. August.+ +Danau+, 12 Paal. Der Weg führte durch lauter Waldungen
+über steile Berge und Hügel auf schlüpfrigen, schrecklichen Pfaden.
+
+In Danau angekommen, wies man mich in eine halb verfallene Hütte,
+die zwei Schlafstellen enthielt. Ich war von nun an in jedem Utta
+(die Battaker nennen so ihre Dörfer) von Menschen umringt. Schon zu
+Muara-Sipongie hatte diese Begierde mich zu sehen begonnen, da noch
+keine Europäerin bis dahin gekommen war. Hier war es noch ärger, und
+die Hütte so voll Leute, daß ich im ersten Augenblicke gar nicht
+gewahrte, mit welchen Bewohnern ich sie theilte. Ein Mörder und ein
+Sterbender waren ihre Inwohner. Ersterer hatte einen seiner Nachbaren
+in einem Anfalle von Eifersucht getödtet und sollte in zwei Tagen auf
+dem Bazar enthauptet werden. Er lag nackt auf dem Boden, an einen
+Pfosten gebunden, die Füße durch einen Block gezogen und geberdete
+sich wie närrisch; bald schrie, bald lachte, bald weinte er, dabei
+warf er sich, so viel er konnte, von einer Seite zur andern, -- ein
+grauenvoller Anblick. Der Kranke, ein Jüngling von achtzehn Jahren, lag
+ebenfalls auf der Erde, ohne Matte, ohne Bedeckung; er litt an einem
+Brustübel und hatte schreckliche Anfälle von Husten. Leider konnte ich
+dem Armen keine Erleichterung verschaffen, da ich weder Arzeneien noch
+sonstigen Bedarf für Leidende bei mir hatte.
+
+Ich beobachtete bei dieser Gelegenheit, daß man mit dem Mörder viel
+mehr Mitleid hatte, als mit dem Kranken. Die Weiber bereiteten das
+Siri für ihn, sie brachten ihm zum Mahle Reis und getrocknete Fische,
+fütterten ihn, da er die Hände gebunden hatte, gleich einem kleinen
+Kinde, wehrten ihm die Fliegen ab u. s. w. Die Männer führten ihn zum
+nahen Flusse, damit er sich baden könne. Den armen Kranken beachtete
+niemand. Man ließ ihn liegen, husten und stöhnen, reichte ihm weder
+Speise noch Trank und schien ihn zu betrachten, als ob er nicht mehr
+unter die Lebenden gehörte. Ich konnte ihm auch nichts anderes geben
+als Reis und Wasser; dieß war alles, was ich selbst erhielt.
+
+Brustkrankheiten scheinen überhaupt in den hochgelegenen Gegenden
+Sumatra’s zu herrschen; die Leute husteten viel und oft sehr heftig.
+Die Hitze ist am Tage groß, die Nächte sind beinahe kalt, es regnet
+viel und die Eingebornen gehen so leicht bekleidet wie in den heißen
+Gegenden, haben jedoch nicht einmal eine Bedeckung für die Nacht.
+
+Ich wollte mit dem Mörder nicht in einem Gemache bleiben und ließ
+den Rajah ersuchen, mir eine andere Hütte anzuweisen. Er war so
+gefällig, den Gefangenen und den Kranken entfernen zu lassen. Das Volk
+aber konnte nicht abgehalten werden, mich zu umringen; ich war von
+nun an, selbst während der Nacht, nicht einen Augenblick allein. Bis
+Mitternacht brannten die Feuer und wurde geschwätzt; dann legten sich
+die meisten hin, wo sie Platz fanden, zogen den Sarong über sich und
+schnarchten um die Wette.
+
+Den +7. August+ mußte ich in Danau bleiben. Der Rajah, dem Namen nach
+noch unter Holländischer Botmäßigkeit, versicherte mir, daß ich ohne
+seine Begleitung das freie Battaker-Land, welches einige Paal von hier
+beginnt, nicht betreten könne. Er wolle mit mir gehen und sich bei den
+Rajah’s, mit welchen er bekannt sei, persönlich für meine Aufnahme
+verwenden.
+
+Diesem Entschlusse zu Folge ließ er mir zu Ehren ein Büffelkalb
+schlachten, um dabei die bösen Geister anzurufen, unserer gefahrvollen
+Reise keine Hindernisse, kein Unglück in den Weg zu legen.
+
+Früh Morgens besuchte er mich mit einem Gefolge von einem Dutzend
+Weiber und vielen erwachsenen Mädchen, zum Theile seine Verwandten.
+Die Weiber und Mädchen traten in tief gebeugter Stellung, die Hände
+halb vor das Gesicht haltend, an mir vorüber. Es ist dieß der Gruß der
+Niederen gegen die Höheren. Sie setzten sich im Hintergrunde der Hütte
+zu Boden und packten aus schön geflochtenen Strohtaschen Siri, das für
+mich bestimmt war.
+
+Die Mädchen trugen zehn bis fünfzehn bleierne Ringe in den Ohrläppchen,
+hatten auch die oberen Theile des Ohres durchstochen und mit einem
+Knopfe oder einer kleinen Schnur von Glasperlen geziert. Am Halse, an
+den Armen und an den Füßen trugen sie Messingringe und Glasperlen. All
+dieß Geschmeide legen sie ab, wenn sie heirathen. Die Mädchen gingen
+mit bedeckten Busen, die Weiber meistens entblößt. Weiber und Mädchen
+hatten die Haare in einen Knoten geschürzt, in welchen sie Strohwülste
+stecken, um ihn zu vergrößern. Auch die Männer lassen die Haare
+lang wachsen und binden sie ebenfalls in einen Knoten, tragen aber
+Strohkappen oder Tücher darüber. Diese Kopfbedeckung ist das einzige
+Zeichen, an welchen man den Mann von dem Weibe unterscheiden kann, da
+die Männer keine Bärte haben und beide Geschlechter die Sarongs auf
+dieselbe Weise um den Körper schlagen.
+
+Unter den Mädchen gab es einige sehr beleibte, wie mir ähnliche
+unter den Malaien nicht vorgekommen waren; manche hatten die erste
+Jugendblüthe schon abgestreift, ohne Männer gefunden zu haben. Dieß
+rührt davon her, daß die Battaker ihre Weiber kaufen müssen.
+
+Der Rajah war gekommen, um mich zu der feierlichen Schlachtung des
+Büffelkalbes einzuladen. Ich folgte ihm in seine Hütte. Die Ceremonie
+bestand in einem tollen Tanze, den der achtzehnjährige Sohn des Rajah’s
+unter lärmender Musik aufführte. Die Hütte war so voll von Menschen,
+daß man sich kaum bewegen konnte. Jedermann wollte den Jüngling
+tanzen sehen, der, wie man mir sagte, vom bösen Geiste besessen war.
+Er raste auch wirklich wie besessen umher, bis er vor Erschöpfung
+beinahe hinsank. Ein anderer, nicht besessener Tänzer nahm seinen Platz
+ein, bis sich jener wieder erholte, was sehr bald der Fall war. Dann
+begann er zum zweitenmal dieselbe Raserei. Man reichte ihm eine mit
+ungekochtem Reis gefüllte Schale die er mehrmals über den Kopf erhob,
+als wolle er ihren Inhalt den Geistern opfern oder deren Segen darüber
+erflehen; hierauf nahm er einige kleine Portionen heraus, streute sie
+in die Luft, stürmte plötzlich aus der Hütte, streute vor derselben
+ebenfalls einen Theil des Reises in die Luft und den Rest über das
+Kalb, das, auf ein Gerüst gebunden, zum Schlachten bereit lag. Er
+kehrte hierauf wieder in die Hütte zurück und raste so lange fort, bis
+er am Ende ganz erschöpft den erbauten Zusehern in die Arme fiel. Das
+Kalb wurde nun geschlachtet, in viele kleine Stücke zerschnitten und
+größtentheils unter das Volk vertheilt. Für mich ward die Leber, als
+das beste Stück, zur Seite gelegt. Ich erhielt sie Abends zum Imbiße,
+aber leider ungenießbar; sie war zu einem Steine verbraten. Ich mußte
+daher mich auch heute, obwohl mir zu Ehren das Kalb geschlachtet worden
+war, mit Reis und Salz begnügen.
+
++8. August.+ Ich verließ Danau mit einem Gefolge von mehr als zwanzig
+Personen, von welchen jedoch der größere Theil an der Grenze (drei
+Paal) zurückkehrte. Sie reichten mir beim Abschiede die Hand und
+wünschten mir eine glückliche Wiederkehr. Alle betrachteten meine
+Reise als ein großes Wagestück, wiesen an den Hals und gaben mir durch
+Zeichen zu verstehen, daß sie befürchteten, man würde mir den Kopf
+abschneiden und mich auffressen. Obwohl diese Pantomime nicht sehr
+ermuthigend war, kam mir doch kein einziges Mal der Gedanke in den
+Sinn, von der Reise abzustehen.
+
+Meine Begleitung bestand nur aus dem Rajah, aus fünf seiner Leute,
+meinem Führer, einem Kulli für mich und einem für den Führer.
+
+Der Weg ging durch die sogenannte „Wildniß“, durch finstere, beinahe
+undurchdringliche Wälder oder durch sechs Fuß hohen Alang-Alang. Wir
+sahen nirgends weder eine Hütte, noch einen Menschen, dagegen viele
+Spuren von wilden Thieren, besonders von Tigern. Bei einem Flusse
+angekommen, mußten wir auf einen Baum klettern und die überhängenden
+Aeste, die sich mit jenen eines andern am jenseitigen Ufer kreuzten,
+benützen, um hinüber zu kommen. Diese natürliche Brücke erhob sich
+gewiß an zwanzig Fuß über das Wasser.
+
+Von Zeit zu Zeit gelangten wir an Waldausschnitte, von welchen wir die
+herrlichsten Ueberblicke großer, schöner Thäler hatten, die von dem
+Flusse +Padang-Toru+ in unzähligen Krümmungen durchschnitten waren.
+Ein kleiner See, wenig größer als ein Teich, schimmerte in schöner
+Sonnenbeleuchtung auf einer der Höhen. Dem Padang-Toru kamen wir oft
+ganz nahe; es ist ein schöner, breiter Strom, aber kein Boot schaukelte
+sich auf seinem Rücken; wohin der Blick fiel, war alles menschenleer --
+es schien, als wären wir die einzigen Bewohner der Erde.
+
+In dieser Jahreszeit regnet es beinah regelmäßig jeden Nachmittag, und
+leider traf uns der Regen stets auf dem Wege, denn hier wie in Borneo
+war an ein frühes Fortkommen nicht zu denken. Dieses schlechte Wetter
+belästigte mich um so mehr, als ich auf Kleider- und Wäsche-Wechsel
+verzichten mußte -- einerseits verließen mich die Leute weder bei Tag
+noch bei Nacht, anderseits hatte ich mein kleines Gepäck gewöhnlich
+nicht zur Hand, wenn ich es am nothwendigsten brauchte. Mein Führer,
+der, gleich jenem von Sarawak, nur that was ihm beliebte, verlangte
+stets zuerst einen Kulli für sich, von welchem er sich vollkommen
+bedienen ließ; für meine Reisetasche ward der nächste beste Mensch
+genommen -- fand sich keiner, so ließ er sie zurück, mit dem Bedeuten,
+sie nachzubringen.
+
+Heute war der Regen schon über alle Maßen lästig. Wir mußten noch dazu
+im Walde unser Nachtquartier aufschlagen. Man errichtete zwar schnell
+ein kleines Blätterdach und bedeckte den Boden mit großen Blättern;
+allein ich war schon durch und durch naß, als wir ankamen, und bis über
+die Knie voll Schlamm und Morast; ich mußte an dem kleinem Flusse,
+an dem wir uns gelagert hatten, den Schmutz von Füßen und Kleidern
+waschen, und von Wasser triefend, zitternd vor Kälte (die Abende und
+Nächte waren sehr kalt) das Feuer suchen, das aus Mangel an trockenem
+Holze mehr glimmte als brannte.
+
+Meine Begleiter trugen Holz für die Nacht zusammen, fingen in
+dem Flüßchen einige kleine Fische und brachten einige ganz grüne
+Bambusrohre herbei, deren Nutzen oder Gebrauch mir nicht erklärlich
+war; bald sah ich, daß sie statt der Kochgeschirre dienten. Die Leute
+legten Reis nebst etwas Wasser auf Bisangblätter, machten lange Wülste
+daraus und schoben sie in die Rohre; dasselbe thaten sie mit den
+kleinen Fischen. Die Rohre wurden auf das Feuer gelegt und so lange
+liegen gelassen, bis sie zu brennen anfingen, was eine sehr geraume
+Zeit währte, da sie viele Feuchtigkeit enthielten. Man spaltete dann
+die Rohre und nahm die köstlichen Gerichte heraus. Einige der größeren
+Fische wurden an kleine Holzstäbchen gespießt, die man neben dem Feuer
+in die Erde steckte, und ein wenig gebraten.
+
+Das Mahl war schlecht und unsauber; den Reis hatte man nicht gewaschen,
+die Fische weder gereinigt noch gesalzen; allein den ganzen Tag hatte
+ich nichts genossen, meine Eßlust war überdieß durch den mühevollen
+Marsch (achtzehn Paal) sehr gesteigert worden; ich fand daher das Essen
+dennoch vortrefflich.
+
+Bevor wir uns zur Ruhe begaben, empfahl ich den Leuten, die Nacht
+hindurch ein tüchtiges Feuer zu unterhalten, um die Tiger von uns zu
+scheuchen. Aber bald fielen sie in tiefen Schlaf, mein Rufen erweckte
+sie nicht, ich konnte das Feuer nicht unterhalten, weil das Holz zu naß
+war, und so umgab uns bald undurchdringliche Finsterniß. Ich schlief
+keine Minute, weniger einen Ueberfall von Menschen als von Thieren
+fürchtend. So oft ich im Gebüsche ein Feuerkäferchen sah, meinte
+ich das glühende Auge eines Tigers zu erblicken, so oft es im Laube
+raschelte, dachte ich an Schlangen -- es war eine schauderhafte Nacht!
+
++9. August.+ +Soßor-Doluk+, siebzehn Paal. Wenig gestärkt durch das
+gestrige Mahl, erschöpft vom nächtlichen Wachen, ging ich ohne Imbiß
+fort und Mühen sonder gleichen entgegen. Wege, wie mir noch keine
+ärgeren vorgekommen waren, führten durch undurchdringliche Waldungen,
+voll von dichtem Untergebüsch, durch hochaufgeschossenes Alang-Alang,
+durch Sümpfe und Flüsse, die oft der Länge nach durchwatet werden
+mußten. Die Bäume und Gebüsche troffen noch vom nächtlichen Regen. Ganz
+steil abfallende Hügel sperrten das Vordringen und waren gefährlich
+zu übersteigen, da alles so glatt und schlüpfrig war, daß man keinen
+festen Fuß fassen konnte. Zu diesen Uebeln gesellte sich noch ein
+hochstämmiges Schilf (~Saccharum Koenigri~), das in einer Höhe von
+vier bis fünf Fuß so dicht in einander verflochten war, daß man nur
+in gebückter Stellung durchkommen konnte. Der Pfad bestand an solchen
+Stellen aus einer schmalen Rinne mit Löchern und Gruben voll Schlamm
+und Morast. Man hatte kaum so viel Raum, um einen Fuß vor den andern
+zu setzen. Glitt man in ein Loch, in eine Grube, und wollte man sich
+am Schilfe oder am Gebüsche fest halten, so erging es einem noch
+schlimmer. Das Schilf brach, und unter dem Gebüsche gab es Stämmchen
+mit großen Stacheln, an welchen man sich die Hände blutig riß.
+Springende Blutsauger kamen in solcher Menge vor, daß ich am ganzen
+Körper, besonders an den Füßen, heftig blutete. Den größten Theil
+dieser Fußreise, besonders jenen durch die Wüstenei, mußte ich mit
+bloßen Füßen machen, da es unmöglich ist, sich auf diesen morastigen,
+theilweise tief unter Wasser stehenden Wegen irgend eines Schuhzeuges
+zu bedienen, das dem Fortkommen nicht hinderlich wäre. Meine Füße
+wurden in Folge dessen von dem scharfkantigen Alang-Alang ganz
+zerschnitten, von Dornen zerstochen. Nach jeder vollbrachten Tagereise
+mußte ich mir von einem der Eingebornen die Dornen ausziehen lassen.
+Sie machten die Sache gut, aber auf sehr schmerzhafte Weise; die
+großen, wenig spitzen Parangs dienten ihnen als Instrumente. Oft waren
+meine Füße so wund, daß ich dachte, am folgenden Morgen nicht fort zu
+können -- dennoch ging es täglich weiter.
+
+Als wir dem Ausgange der Wildniß nahe kamen, hörten wir ein heftiges
+Geschrei von vielen Menschenstimmen. Dies erschreckte uns sehr. Wir
+verhielten uns eine Zeit lang ganz ruhig und stille und schlichen
+endlich, gleich Dieben, mit großer Vorsicht dem Ausgange zu. Aus
+dem Walde tretend, befanden wir uns an dem Ufer des Flusses +Puli+,
+und sahen die Schreier, vierzig bis fünfzig an der Zahl, beinahe im
+Naturzustande, im Wasser stehen und mit Fischen beschäftiget. Der
+Rajah hieß mich mit den Leuten zurückbleiben, ging allein zu dem
+fischenden Häuptlinge und ersuchte ihn um die Gnade, mir den Eintritt
+in sein Land zu gewähren. Nach vielen Fragen und Erläuterungen erhielt
+ich die Bewilligung. Wir gingen durch den ziemlich breiten Fluß und
+machten am jenseitigen Ufer unter dem Prachtexemplar eines Baumes aus
+der Familie der Dilleniacen (auch Colbertia genannt) Rast. Dieser Baum
+hat mehr als faustgroße Blüthenknospen, die wie Früchte aussahen. Ich
+öffnete eine derselben und fand eine wunderschöne Blume darinnen. Wenn
+die Kapsel gereift ist, springt sie von selbst auf.
+
+Außer dieser Gattung schöner Bäume fielen mir in Sumatra’s Wäldern
+wenige ihres besondern Umfanges oder auch ihrer besondern Höhe wegen
+auf. Ich habe wohl Bäume von hundert und vielleicht hundertzwanzig Fuß
+Höhe gesehen, aber gewiß nicht von zweihundert, wie manche Reisende
+behaupten wollen. Auch die wildwachsenden Blumen mußte ich emsig
+suchen; sie schaffen hier bei weiten nicht, wie in Brasilien, die
+Wälder zu natürlichen Gärten um.
+
+Was den Weg anbelangt, so war nun wohl das Schlimmste der Reise
+glücklich überstanden; jetzt begann aber der ungleich gefährlichere
+Kampf mit den Menschen.
+
+Wir setzten alsbald unsere Wanderung fort. Das Land war noch immer
+hügelig, doch freier und offener, und gute Pfade führten uns der
+Nachtstation zu. Wir kamen an einigen schrecklichen Erd-Spalten oder
+Rissen vorüber, in deren Tiefe sich der Blick mit Schauder verlor.
+
+Als wir in Soßor-Doluk anlangten, machte man einige Schwierigkeiten,
+uns, das heißt, mich aufzunehmen; endlich wies man uns doch eine Ruine
+von einer Hütte an, die so schief und krumm stand, daß ich jeden
+Augenblick ihres Einsturzes gewärtig war. Das Dach glich einem Siebe,
+ich konnte in der Nacht die Sterne über meinem Haupte zählen; allein es
+war ein herrliches Nachtquartier im Vergleiche zu jenem in dem nassen,
+finsteren Walde.
+
+Abends kam der Rajah des Ortes in Begleitung des Rajah von
++Sigumpolang+ (einem nahe gelegenen Orte), der zufällig hier auf
+Besuch war, zu mir. Beide machten große Schwierigkeiten, mir die
+Erlaubniß zu ertheilen, weiter in dem Lande vorzudringen. Am Ende
+verdankte ich diese Erlaubniß meinem Geschlechte; wäre ich ein Mann
+gewesen, so hätten sie mich ohne Zweifel für einen Spion gehalten und
+zurückgewiesen, wo nicht gar getödtet.
+
+Nahe bei Soßor-Doluk ist eine heiße Quelle, doch ohne Schwefelgeruch.
+Die Leute baden sich häufig darin und halten sie für jede Krankheit
+heilsam.
+
++10. August.+ Sigumpolang (Klein-Toba), fünf Paal. Der Rajah dieses
+Utta’s, Hali-Bonar, ein sechs Fuß hoher, kräftiger Greis, begleitete
+uns. Wir überschritten den Padang-Toru auf einer Hängebrücke, die aus
+einem einzigen, wenigstens siebenzig Fuß langen Bambusrohre bestand,
+das kaum sechs Zoll im Durchmesser haben mochte. Dünne Stämmchen
+formten an den Seiten ein Geländer, welches jedoch, gleich jenem auf
+der Brücke zu Borneo, nicht als Stütze, sondern nur dazu diente,
+das Gleichgewicht zu erhalten. Ich konnte den einfachen Bau, sowie
+die Stärke dieser Brücke nicht genug bewundern. Das Rohr schwebte
+vollkommen frei in der Luft, bloß die Endpunkte ruhten auf Baumstämmen.
+Je mehr man sich der Mitte näherte, desto mehr schwankte es -- ich
+dankte Gott, als ich das jenseitige Ufer glücklich erreichte. Dieses
+einzige Rohr trug zu gleicher Zeit ungefähr ein Dutzend Menschen.
+
+Die Landschaft war reizend, das Thal groß und wellenförmig; aber auch
+an Flächen fehlte es nicht, die reich mit Reis bepflanzt waren.
+
+Hali-Bonar führte mich an seinem Utta vorüber, einen halben Paal weiter
+nach einem großen freien Platze, auf welchem Bazar gehalten wurde, um
+mich da dem Volke und mehreren Rajah’s[5] vorzustellen. Er that dieß
+in der Absicht, daß, wenn ich im Laufe der Reise durch eines der Utta
+dieser Leute käme, sie mich freundlich aufnähmen. Die Rajah’s, die sich
+auf dem Bazar befanden, setzten sich um mich auf den Boden, und ihre
+Lanzenträger, deren jeder Rajah ein halbes Dutzend mit sich hatte,
+schlossen einen Kreis um uns, eine höchst nothwendige Vorsicht, da das
+Volk mit wildem Geschrei von allen Seiten herandrang. Die Verkäufer
+verließen ihre Waaren, die Käufer vergaßen ihre Geschäfte; alles wollte
+mich sehen; Männer und Kinder, die nicht in meine Nähe kommen konnten,
+kletterten auf die Bäume. Es war ein Gewirre, ein Lärmen, von dem man
+sich keine Vorstellung machen kann. Ich verstand kein Wort von dem, was
+sie sprachen und befand mich fast allein unter diesen wilden Menschen
+-- der Rajah von Danau war mit seinen Leuten und meinem Führer im Utta
+zurückgeblieben.
+
+Unter dem Volke sah ich viele sechs Fuß hohe, starke Männer; auch die
+Weiber waren kräftiger als alle, die ich bisher auf Sumatra gesehen
+hatte. Die Gesichtsbildung fand ich aber häßlich wie überall, die
+Zahnkiefer breit und ganz besonders hervorragend, die Hautfarbe nicht
+sehr dunkel. Gekleidet gingen beide Geschlechter in Sarongs. Die
+Weiber trugen in den Ohrläppchen große Messingbleche oder runde Stücke
+Holz; auf den Kopf legten sie ein, auch zwei große, zusammengefaltete
+Tücher. Die Männer hatten hier die Ohrläppchen eben so weit
+durchlöchert wie die Weiber, meistens aber nur eines. Die Rajah’s
+trugen schwere Goldreifen daran, die Uebrigen steckten Strohzigarren
+durch. Eine zweite Auszeichnung des Rajah bestand in einer großen
+Tabakspfeife von Messing, die an einem schweren Messingrohre hing.
+
+Ich bemerkte bei den Battakern dieselben aus weißen Muscheln
+geschnittenen Armbänder, dieselben Korbgeflechte, dieselbe Art
+Maultrommeln, dieselben aus Bast geschlagenen Zeuge, wie bei den
+Dayakern.
+
+Nachdem ich über eine Stunde unter diesem Volke zugebracht hatte,
+führte mich Hali-Bonar nach seinem Utta.
+
+Die Häuser der Battaker sind auf Pfählen gebaut, gleich jenen der
+Malaien, aber ohne Vergleich größer, schöner und solider. Sie haben
+sehr hohe Dächer, die das Haus an fünf Fuß überragen. Die beiden Enden
+der Dächer gehen in hohen Spitzen aus. Ich möchte die Höhe der Häuser,
+so wie ebenfalls das Gevierte auf vierzig bis fünfzig Fuß annehmen.
+Sie bestehen aus Bretterwänden, die Dächer sind mit der Faser der
+Aranga-Palme gedeckt. An manchen Häusern waren die Vorderseiten
+angestrichen und ebenso geschmackvoll ausgeschnitzt, wie in dem Kampon
+Kotto-Godong nächst Fort de Kock. Man sieht weder Fenster noch Thüren.
+Nur in der Höhe ist an der Außenseite eine kleine hölzerne Gallerie
+angebracht, von dem Vorsprunge des Daches gedeckt, auf welche nach
+der innern Seite des Hauses eine Thüre führt, zu der man auf Leitern
+steigen muß. Der Aufgang in das Haus ist unter demselben und mit einer
+Fallthüre zu schließen. Das Innere besteht aus einem einzigen großen
+Gemache, in welchem meistens drei auch vier Familien wohnen, jede
+in einer Ecke. In diesen Häusern ist es natürlich ganz finster, man
+gewahrt im ersten Augenblicke nichts als einige Luftlöcher in der Höhe,
+die dem Rauche Ausgang gestatten, von welchem das Gemach stets voll
+ist, da, obwohl die Leute wenig zu kochen haben, doch in jeder Ecke das
+Feuer beinahe fortwährend brennt.
+
+In dem Raume unter dem Hause werden Schweine, Geflügel, Kühe (alle
+schwarz), Büffel, Hunde, hie und da auch ein Pferd gehalten. Die
+Schweine sind von ganz eigenthümlicher Art: sie haben sehr spitz
+zulaufende Rüssel, einen etwas eingebogenen Rücken, kurze Füße, wenig
+Borsten, dagegen eine dicke, kurze Mähne, wie Pferde.
+
+Die Vorräthe an Vieh und Reis fand ich bedeutend, ja sehr reich
+im Vergleiche zu jenen der Javanesen oder der Sumatra-Malaien. Der
+Hausrath bestand aus eisernen Kesseln, irdenen Töpfen, Tellern, Näpfen,
+vielen Matten und Körben, einigen Spinnrädern, Holztruhen u. s. w.
+
+Beinahe jedem Hause gegenüber steht ein Soppo, das ist eine offene
+Hütte mit einem untertheilten Dache, auf welchem der Reis in Säcken und
+Körben aufgespeichert ist. Dieser Soppo ist der eigentliche Wohnplatz
+der Leute während des Tages. Hier weben die Weiber die Sarongs, die
+Männer versammeln sich, um die Zeit im Geschwätze und Nichtsthun
+hinzubringen, denn auch unter den Battakern muß das Weib beinahe
+alle Arbeit verrichten. Abends finden hier die Zusammenkünfte der
+heirathsmäßigen Mädchen mit den jungen Leuten statt. Dem Fremden wird
+ebenfalls in den Soppos das Nachtquartier angewiesen. Auch ich schlug
+das meinige hier auf.
+
+Hali-Bonar erbot sich, mich bis +Silindong+ (Groß-Toba) zu begleiten,
+ein Anerbieten, das ich mit um so größerer Freude annahm, als mich der
+Rajah von Danau mit seinem Gefolge hier verließ.
+
+Ich mußte gleichfalls wie zu Danau einen Tag verweilen, denn auch
+Hali-Bonar schlachtete am folgenden Morgen ein Büffelkalb, theils mir
+zu Ehren, theils um die bösen Geister anzuflehen, unserer Reise nichts
+in den Weg zu legen. Er holte mich persönlich zu dieser Feierlichkeit
+ab und führte mich in einen saubern, mit Matten belegten Soppo, der
+seinem Hause gegenüber stand. Die Feierlichkeit fand hier unter freiem
+Himmel statt. Ein ganzes Musikcorps war versammelt; man schlug auf
+Trommeln und Gongs, man blies eine Art Dudelsack und lange Pfeife. Das
+Kalb wurde unter voller Musik geschlachtet, die Eingeweide (der größte
+Leckerbissen) in das Haus des Rajahs getragen und das übrige unter das
+Volk vertheilt. Der Rajah von Danau bekam natürlich nebst seinen Leuten
+auch seinen Theil.
+
+Ein Mann trat hierauf, einfach und dennoch malerisch gekleidet, auf den
+Schauplatz. Er trug einen schönen Sarong, der von den Hüften bis an die
+Füße reichte, ein weißes Tuch kranzartig um den Kopf geschlungen und
+eine Art von schwarzem Shawl, an den Rändern mit Glasperlen besetzt, um
+den Oberkörper in reichen Falten geworfen. Die Shawls, an 5 Fuß lang
+und 2½ breit, werden nur von den Männern getragen und dürfen bei
+Feierlichkeiten und wenn die Krieger zu Felde ziehen, nicht fehlen.
+Der Mann hielt in der einen Hand ein mit Wasser gefülltes Büffelhorn,
+in der andern ein Betelblatt. Nach einer langen Rede, die einem Gebete
+glich, fing er einen recht hübschen Tanz an, hob Horn und Blatt mehrmal
+gegen den Himmel und schlug seine Augen zu demselben auf. Er goß
+hierauf einiges Wasser gegen mich und die Musiker, den Rest über das
+Betelblatt. Das Horn wurde ein zweites Mal mit Wasser gefüllt und
+dieselbe Ceremonie wiederholt, worauf er einen Teller voll Reis nahm,
+mit welchem er nach einer abermaligen Rede dasselbe that, wie mit dem
+Wasser. Der Rajah trat nun auf den Schauplatz, gefolgt von einem Manne,
+der stets nahe hinter ihm blieb und ein Diener zu sein schien. Der
+Rajah ahmte den ersten Tänzer in allem nach, nur daß er das zweite Mal
+das Horn gegen einen Teller mit Reiskuchen vertauschte, und es am Ende
+des Tanzes vor mich hinstellte. Zum Schlusse begannen der Rajah und der
+Tänzer vereint einen artigen Tanz aufzuführen, bei welchem sie mehrmals
+die Hände wie bittend gegen den Himmel erhoben und diese Pantomime mit
+ehrfurchtsvollen Blicken begleiteten. Der Diener folgte auch hiebei
+dem Rajah stets wie sein Schatten. Wer nicht gewußt hätte, daß diese
+Anrufung dem Haupte der bösen Geister oder, wie wir sagen würden, dem
+Lucifer galt, würde das ganze für einen recht schönen, andächtigen
+Gottesdienst gehalten haben. Bei keinem Volke sah ich eine anscheinend
+so feierliche Ceremonie.
+
+Nachdem die beiden Tänzer abgetreten waren, kamen andere, die
+einfache, langweilige, den Malaischen sehr ähnliche Tänze aufführten.
+
+Bei diesem Feste waren die Weiber nicht gegenwärtig; sie erhielten
+jedoch ihren Antheil bei der Vertheilung des Fleisches. Nach dem Feste
+wurde in dem Soppo, in welchem ich wohnte, das Festmahl bereitet
+und verzehrt. Man kochte Reismehl in dem Blute des Büffels und ließ
+Fleisch und Eingeweide an hölzernen Spießen braten. Ich bekam von allen
+Gerichten, von der Leber ein besonders großes Stück. Was ich übrig
+ließ, wurde mir so oft wieder vorgestellt, bis es aufgezehrt war -- man
+gab mir nichts anderes. Manche von den Gästen tranken nach dem Essen
+sehr warmes, beinahe heißes Wasser, das gleich unserm schwarzen Kaffee,
+die Verdauung befördern soll.
+
+Nachmittags ersuchte ich Hali-Bonar, einige Volkstänze ausführen
+zu lassen. Der Schwert-Tanz glich zu meinem Erstaunen vollkommen
+jenem, den ich auf Borneo von den Dayakern hatte aufführen sehen.
+Dem Schwert-Tanze ganz ähnlich war der Messer-Tanz; der einzige
+Unterschied bestand darin, daß die Messer nicht auf der Erde lagen,
+sondern in Scheiden stacken, welche die Tänzer am Gürtel befestiget
+hatten, und aus welchen während des Tanzes die Messer gezogen wurden.
+Ein hierauf folgender Faustkampf gab dem Publikum sehr viel zu lachen.
+Die beiden Kämpfer oder Tänzer schlugen und stießen sich auf höchst
+vorsichtige Weise unter grotesken Grimassen und Wendungen mit Händen
+und Füßen. Sehr wild und belebt war der Teufels-Tanz. Diese vier Tänze
+wurden von zwei Männern aufgeführt. Nun kam ein Tanz, an welchem vier
+Männer und ein Weib Theil nahmen; letzteres machte jedoch nur einige
+Bewegungen mit den Händen und kauerte sich zeitweise auf den Boden;
+die Männer tanzten um sie herum. Alle diese Tänze waren lebhaft,
+mit abwechselnden, recht hübschen Figuren und Stellungen. Auch hier
+schlugen die Tänzer die Augen stets zu Boden.
+
+Ich hatte nun alle Tänze gesehen, bis auf jenen, den sie bei der
+Tödtung eines Menschen aufführen, der zum Verzehren bestimmt ist.
+Diesen Tanz wollte man mir nicht zeigen, gab aber am Ende doch meinen
+Bitten nach. Sie banden zu diesem Zwecke an einen Pflock ein großes
+Stück Holz, welches das Schlachtopfer vorstellte, und setzten ihm eine
+Strohkappe auf. Ehe sie zu tanzen anfingen, streuten sie sich etwas
+Erde auf den Kopf. Der Tanz selbst war sehr lebhaft und von vielen
+Grimassen begleitet; sie hoben dabei die Füße so viel sie konnten in
+die Höhe und zückten ihre Parangs nach dem Opfer. Endlich gab ihm
+einer den ersten Stoß, die andern folgten sogleich seinem Beispiele,
+das Blut wurde sorgfältig aufgefangen. Sie hieben dann den Kopf (die
+Strohkappe) vom Rumpfe, legten ihn auf eine ausgebreitete Matte,
+tanzten darum her, und stießen dabei wild-fröhliche Töne aus. Einige
+hoben den Kopf auch auf und führten ihn zum Munde, als leckten sie
+das Blut ab, andere warfen sich zur Erde, als saugten sie das vom
+Kopfe rieselnde Blut auf, oder sie tauchten die Finger in dasselbe und
+führten sie zum Munde. Alles dieß geschah nicht so sehr mit wilden als
+mit fröhlichen Geberden; auch ihre Gesichtszüge drückten eher Vergnügen
+als Grausamkeit aus. Freilich war dieß nur ein Spiel; ganz anders mag
+es sich verhalten, wenn ein wirklicher Mensch getödtet wird.
+
+Nichts desto weniger machte dieses schauerliche Spiel einen großen
+Eindruck auf mich. Ich betrachtete unwillkührlich die wilden Gestalten,
+in deren Macht ich war; unheimliche Bilder drängten sich vor meinen
+Geist, und, in mein Soppo zurückgekehrt, fiel ich erst spät in einen
+unruhigen Schlaf mit aufgeregten, beängstigenden Träumen.
+
++12. August.+ +Si-Pijarajah+, 10 Paal. Die klare Morgensonne
+verscheuchte die nächtlichen Visionen und mit neuem Muthe trat ich
+die Tagereise an. Wir mußten heute über den tiefen, reißenden Strom
++Padang-Toru+, eine schwere Sache für mich, die nicht schwimmen
+konnte. Zwei Eingeborne reichten mir jeder eine Hand, ich hielt den
+Kopf über dem Wasser, und so zogen sie mich hinter sich her. Die Wege
+waren gut; wir kamen über einige niedrige Hügelketten und durch schöne
+Thäler mit Hügeln. Die Gebirgskette, die wir selten aus dem Gesichte
+verloren, wurde stets niedriger, die höchsten Spitzen mochten 1200 bis
+1500 Fuß hoch sein. Uttas sahen wir wenige; sie waren mit Erdwällen
+oder hölzernen Zäunen umgeben. Wir mußten am Eingange stets um die
+Erlaubniß des Eintrittes ansuchen. Ich litt heute sehr von der Hitze,
+da der größte Theil des Weges in der Sonne oder durch glühend heißes
+Alang-Alang ging. Der Thermometer zeigte vierzig Grad (Reaumur).
+
+In Si-Pijarajah brachte ich die Nacht wieder in einem Soppo zu. Ich
+wußte nie, welchen Wohnort ich wählen sollte, ob den Soppo oder das
+Haus des Rajah. Im ersteren war ich unausgesetzt wie auf offener Schau.
+Die Leute blieben nicht nur vor dem Soppo stehen, sie traten auch in
+denselben. Abends wurde Feuer angezündet, und man schwatzte bis tief in
+die Nacht. Jeder neu Hinzukommende wollte aus dem Munde meines Führers
+selbst vernehmen, „warum, woher ich käme u. s. w.“ Keiner traute den
+Ueberlieferungen seines Nachbars. Die Erscheinung einer Europäerin war
+ihnen zu außerordentlich, sie konnten sie nicht begreifen. Auch diese
+Barbaren thaten mir die Ehre an, mich für ein außergewöhnliches Wesen
+zu halten. Viele unter den Neugierigen, die von andern Uttas gekommen
+waren, streckten sich gleich auf dem Platze nieder, wo sie saßen, und
+verschliefen da den Rest der Nacht.
+
+In dem Hause eines Rajahs hatte ich einst nicht geringere
+Unannehmlichkeiten. Die Weiber, in Gegenwart der Männer scheu und
+zurückgezogen, mit ihren Kindern fliehend wenn ich mich näherte,
+wurden, sobald ich allein in ihrer Mitte war, nicht nur gleich
+zutraulich, sondern so zudringlich, daß sie meine ganze kleine Habe
+forderten, die Kleidungsstücke nicht ausgenommen, die ich am Körper
+trug. Ich wußte nicht, wie ich mich ihrer erwehren sollte, denn der
+Anfang des Gebens wäre für sie das Signal des gewaltsamen Nehmens
+gewesen. Ich schob mein Ränzchen hinter mich und mußte einige Male
+die Weiber kräftig zurückweisen. Gewöhnlich zogen sie dann drohend
+und heftige Reden gegen mich ausstoßend ab. Ich hütete mich so viel
+als möglich allein mit ihnen zu sein. Unter den Männern war ich viel
+sicherer: sie gafften mich stundenlang an, schwatzten fortwährend über
+mich, verhielten sich aber im übrigen höchst anständig.
+
+Eine weitere Unannehmlichkeit in den Häusern war während des Tages
+die Dunkelheit, Abends, wenn die vier Feuer brannten, der Rauch; ich
+konnte die Augen kaum öffnen. Auch sah ich hier so viel Schmutz und
+Unreinlichkeit, daß ich die mir gebotene Mahlzeit nur mit dem größten
+Ekel verzehrte. Der Reis wurde ungewaschen in den Topf geschüttet, der
+Topf selbst gleichfalls nicht gereinigt, da die Leute glauben, daß,
+wenn stets etwas Reis in dem Topfe zurückbleibe, es nie daran fehle.
+Morgens kochten sie Milch, in die sie Kräuter und Blätter warfen, um
+sie in Käse zu verwandeln. Sie preßten mit ihren schmutzigen Händen
+den Käse aus, schütteten die Molken über den Reis und vermengten dieß
+ebenfalls mit den Händen. Wurde für mich und meinen Führer ein Huhn
+getödtet, so rissen sie es in vier Theile, die sie ins Feuer warfen,
+wo dieselben gewöhnlich zu Kohlen verbrannten; die Eingeweide wuschen
+sie ein wenig aus und bereiteten sie für sich. Sie aßen alles was lebt,
+sogar Regenwürmer und alle Arten größerer Käfer. Ich konnte diese
+ekelhafte Gefräßigkeit um so weniger begreifen, als ich in allen Uttas
+Ueberfluß an Hornvieh, Geflügel, Schweinen, Reis u. s. w. sah.
+
+Die Weiber werden hier, wo möglich noch mehr als in Mandelling oder
+Ankola, wie Lastthiere betrachtet. Die Männer bauen nur die Häuser
+und pflanzen den Reis; fast alles übrige fällt den Weibern zu. Am
+meisten war ich erstaunt zu sehen, wie lange die Weiber die Kinder
+säugten und auf dem Rücken trugen. Kinder von drei Jahren nahmen
+noch die Mutterbrust und stritten sich oft mit den jüngeren darum.
+Manches zweijährige kräftige Kind sah ich vom Spiele wegeilen, wenn
+es die Mutter gewahrte, und sich auf ihren Rücken hängen. Diese band
+es mittelst eines alten Tuches oder Sarongs fest und verrichtete mit
+dieser Last ihre Arbeiten. Morgens rissen Mütter oft große Kinder
+aus dem Schlafe, banden sich selbe auf den Rücken und begannen ihre
+Hausgeschäfte.
+
++13. August.+ +Silindong+, Groß Toba, zwölf Paal. Die erste Hälfte
+der Reise ging, wie gestern, durch wenig bevölkerte, hügelige Thäler;
+dann erstiegen wir einen niedrigen Gebirgskamm, und das überraschend
+schöne Silindong-Thal lag in seiner ganzen Größe zu unseren Füßen. Ich
+hatte bisher auf dieser Reise keine größeren Flächen als von einigen
+Paal Länge (das Lavas-Thal ausgenommen) gesehen. Hier erblickte ich
+eine Ebene, die gewiß über zwanzig Paal lang und acht Paal breit sein
+mochte; sie war von dem Padang-Toru in mehreren Armen durchschnitten
+und bewässert, und mit üppig grünen Reisfeldern bedeckt. Eine unzählige
+Menge kleiner Boskette lagen wie Blumen über den großen, grünen Teppich
+gestreut. Jedes Boskett barg, wie ich später sah, ein Utta.
+
+Bevor wir in das Thal hinab stiegen, bedeutete mir Hali-Bonar, mich
+nicht von ihm zu entfernen und stets hinter seinen Rücken zu bleiben.
+Den Zug eröffneten seine sechs Lanzenknechte, dann kam er, dann ich,
+mein Führer und noch einige Leute von irgend einem Utta. An dem ersten
+Utta angekommen, gab es schon Anstände mit dem Weiterkommen. Ueberall
+war es bereits bekannt, daß ich im Lande sei und wohin ich gehen wolle.
+Vor jedem Utta, an dem mein Weg vorüber führte, standen die Männer
+versammelt, mit Lanzen und Parangs bewaffnet, und versperrten mir den
+Durchzug. Doch am Ende wußte Hali-Bonar die Leute stets zu bewegen,
+mich weiter gehen zu lassen.
+
+An einem Orte aber schien es ernster zu werden. Mehr als achtzig
+bewaffnete Männer standen am Wege und erwarteten uns. Als wir an ihnen
+vorüber wollten, verstellten sie den Weg, und in einem Augenblicke
+hatten viele Lanzenknechte einen Kreis um mich geschlossen. Die
+Leute sahen über alle Beschreibung wild und fürchterlich aus. Sie
+waren groß und kräftig, viele an sechs Fuß hoch, die Gesichtszüge
+leidenschaftlich bewegt, was sie noch viel häßlicher machte -- das
+große Maul mit den hervorstehenden Zähnen glich wahrlich mehr dem
+Rachen eines wilden Thieres als einem menschlichen Munde. Sie schrieen
+und lärmten so auf mich los, daß, wäre ich mit dergleichen Scenen nicht
+schon vertraut gewesen, ich das äußerste hätte befürchten müssen. Ich
+hatte zwar Angst -- die Scene war zu entsetzlich -- doch verlor ich
+nicht meine Geistesgegenwart und setzte mich, anscheinend ruhig und
+vertrauungsvoll, auf einen Stein, der am Wege lag. Einige Rajahs traten
+auf mich zu, mir mit Worten und Zeichen drohend, daß, wenn ich nicht
+umkehre, man mich tödten und verzehren würde. Die Worte verstand ich
+nicht; aber die Zeichen ließen mir keinen Zweifel, denn sie wiesen mit
+einem Messer an den Hals, mit den Zähnen an die Arme und bewegten die
+Zahnkiefer, als hätten sie den Mund schon voll von meinem Fleische. Ich
+war natürlich schon seit dem Eintritte in dieses Land auf solche Scenen
+gefaßt, und hatte zu diesem Zwecke einen kleinen Satz in ihrer Sprache
+gelernt. Mein Gedanke war, wenn ich etwas sagen könnte, was ihnen
+gefiele, was sie lachen machen würde, hätte ich einen großen Vortheil
+über sie, denn die Wilden sind wie die Kinder -- eine Kleinigkeit ist
+oft hinreichend sie zu Freunden zu machen. Ich erhob mich also, klopfte
+dem Vordersten der sich am meisten an mich heran drängte, freundlich
+auf die Achsel und sagte mit heiterer, lächelnder Miene, halb Malaisch,
+halb Battakisch: „Ihr werdet eine Frau nicht tödten und auffressen, am
+wenigsten eine so alte wie ich bin, deren Fleisch schon hart und zähe
+ist.“ Durch Zeichen und Worte gab ich ihnen ferner zu verstehen, daß
+ich keine Furcht vor ihnen hätte, daß ich bereit sei, meinen Führer
+zurück zu lassen und allein mit ihnen zu gehen; sie sollten mich nur
+bis +Eier-Tau+ führen. Glücklicherweise fingen sie an, über mein
+Kauderwelsch, über meine Pantomine zu lachen. Meine Furchtlosigkeit,
+mein Zutrauen gefiel ihnen -- ich hatte gesiegt. Sie reichten mir die
+Hände, die Reihen der Lanzenknechte öffneten sich, und froh und heiter,
+im Gefühle der überstandenen Gefahr, setzte ich mit meinen Leuten die
+Wanderung fort. Wir kamen unbelästigt bis +Tugala+, wo mich der Rajah
+Ompu-Soubun in seinem Hause aufnahm.
+
++14. August.+ Nur sechs Paal zurückgelegt. Wiederholte wilde Scenen
+unterbrachen den Marsch. Nur mit der größten Mühe gelangte ich bis zu
+dem Rajah Ompu-nimar-longus, in dessen Utta ich diesen Tag und die
+Hälfte des folgenden bleiben mußte.
+
+Hier fanden meinetwegen große Berathungen statt. Jeden Augenblick
+kam ein neuer Rajah mit einer kleinen Anzahl Lanzenknechte an; bald
+war das Utta voll von Männern und Bewaffneten. In dem hohen Rathe
+wurde leider beschlossen, daß ich nicht weiter vordringen dürfe.
+So nahe am Ziele, nach so vielen glücklich überstandenen Gefahren
+und Mühseligkeiten umkehren -- das war doch sehr hart! Nach der
+Beschreibung der Eingebornen war ich nicht mehr als zehn bis zwölf
+Paal von dem See Eier-Tau entfernt. Ich hätte nur eine niedrige
+Hügelkette zu übersteigen gehabt und wäre an seinem Ufer gestanden. Sie
+sagten mir, daß sich „das große Wasser,“ wie sie den See nannten, weit
+ausbreite, daß das umliegende Land sehr fruchtbar und von mächtigen
+Völkern bewohnt sei, die unter der Regierung einer Königin stünden.
+Vergebens war mein erneuerter Antrag, meinen Führer zurückzulassen und
+allein mit einem ihrer Leute zu gehen, vergebens suchte ich sie durch
+Bitten zu bewegen, mich nur die Hügelkette ersteigen zu lassen, um doch
+wenigstens einen Blick auf den See werfen zu können. Sie erwiderten
+mir, daß sie mit den Battakern zu Eier-Tau beständige Uneinigkeiten
+hätten, und daß keiner von ihnen es wagen würde, mit mir dahin zu
+gehen. Sie versicherten mich, daß bisher noch kein Holländer (bei ihnen
+ist jeder Europäer ein Holländer) so weit gekommen sei wie ich, ohne
+feindlich behandelt, das heißt getödtet und aufgegessen worden zu sein.
+
+Später hörte ich, daß die Königin von Eier-Tau einen Friedensbund mit
+den Silindongern unter der Bedingung geschlossen hatte, keinem Fremden
+zu erlauben, bis an die Grenze ihres Landes vorzudringen. Was an der
+Sache wahr oder falsch war, konnte ich nicht ergründen.
+
+Den folgenden Tag ward der Zulauf des Volkes noch stärker; es schien,
+als versammelten sich alle streitfähigen Männer des Thales; man
+sah nichts als Lanzen, Parangs, die viele aus der Scheide gezogen
+hatten, sogar einige sehr lange Gewehre. Das Ganze glich einer echt
+kriegerischen Scene, die ich mit großem Gefallen betrachtet hätte,
+wäre meine Lage weniger kritisch gewesen. Ich sah aus ihren Mienen
+und Geberden, daß alles mir galt, und konnte keinen Augenblick sicher
+sein, daß nicht einem oder dem andern die Lust ankäme, mich zu morden,
+denn so wie es nur einer Kleinigkeit bedarf, die Wilden zu Freunden
+zu machen, eben so bedarf es auch nur wieder einer Kleinigkeit, sie
+in die grausamsten Feinde zu verwandeln. Am unheimlichsten war mir
+der Gedanke, mich unter Kannibalen zu befinden. Ich begriff in solchen
+Augenblicken oft selbst nicht, woher ich den Muth genommen hatte, mich
+unter dieses Volk zu wagen.
+
+Während der Nacht war in dem Hause neben jenem des Rajah, bei dem ich
+wohnte, ein Weib gestorben; ich ging Morgens hin, um zu sehen, was mit
+der Leiche vorgenommen wurde. Sie lag ausgestreckt auf einer Matte und
+war in zwei Sarongs so eingeschlagen, daß man nur das Gesicht sah. Drei
+Weiber (wie man mir sagte, die Töchter der Verstorbenen) bewegten sich
+langsam um die Leiche, stießen taktmäßig mit den Füßen auf den Boden,
+murmelten dabei einige Worte und kniffen sich mit den Nägeln in die
+entblößte Brust, bis hier und da etwas Blut zum Vorschein kam. Jeden
+Augenblick beugten sie sich über die Leiche und berührten sie. Die
+übrigen weiblichen Verwandten saßen an den Füßen der Todten und heulten
+von Zeit zu Zeit; der Mann saß abseits und zeigte eine sehr betrübte
+Miene. Vor dem Hause stand der Sarg, ein ausgehöhlter Baumstamm, der
+aber so schmal war, daß die Leiche mit aller Gewalt hinein gepreßt
+werden mußte. Die Leichen begraben sie gewöhnlich am Saume der Wälder
+oder in Gebüschen; in einem einzigen Utta sah ich ein Grab neben einem
+Hause.
+
+Im grellen Widerspruche zu den Umständen, welche die Leute mit den
+Verstorbenen machen, steht die Theilnahmslosigkeit, die sie für die
+Kranken haben. Ich sah in mehreren Uttas halb sterbende Geschöpfe, die
+sich mit größter Anstrengung über die kleine Hausleiter schleppten, um
+an die Sonne zu gelangen. Niemand sah nach ihnen, kein Mensch reichte
+ihnen Hilfe.
+
++15. August.+ Gegen Mittag verließ ich mit meinen Begleitern das
+Utta. Man führte mich nun zurück, aber nicht auf demselben Wege, auf
+welchem ich gekommen war; im Gegentheile schleppte man mich im Zickzack
+von einem Utta zum andern; es war als wollten mir die Battaker die
+Erlaubniß, ihr Land zu verlassen, noch schwerer ertheilen, als jene, es
+zu betreten.
+
+Die Uttas sind in diesem Thale mit acht Fuß hohen Erdwällen umgeben und
+mit so hohen und dichten Bambuspflanzungen umzäumt, daß man außerhalb
+derselben weder die Häuser noch die Wälle sieht. Manche sind noch
+überdieß von einer Wasserpfütze umgeben. Jedes Utta hat nur einen ganz
+schmalen Eingang mit einer Thüre, die Nachts geschlossen wird.
+
+Daß mein Leben, trotz meiner Verzichtleistung auf weiteres Vordringen
+und trotz des eingetretenen Rückwegs noch nicht in Sicherheit war,
+zeigte sich heute. Ein hoher, sehr wild aussehender Mann empfing uns,
+umgeben von bewaffnetem Volke, an dem Eingang eines Utta. Auch hier,
+wie Tags zuvor, schloß man einen Kreis um mich. Der Wilde sprach mit
+großer Heftigkeit und ließ meine Leute kaum zu Worte kommen, ja einmal
+sah ich das gelbliche Gesicht meines Führers noch mehr erbleichen und
+die Worte auf seinen Lippen ersterben. Mich selbst stieß der Wilde
+mehrmal an und bedeutete mir gebieterisch, ihm in sein Haus zu folgen;
+er faßte mich sogar einmal am Arme. Hali-Bonar winkte mir mit den
+Augen, nicht von seiner Seite zu weichen und ja nicht jenem zu folgen.
+Erst nach langen Erläuterungen und lebhaftem Wortwechsel, erwirkte
+Hali-Bonar den Durchzug. Hier schien mein Leben nur an einem Haare
+gehangen zu haben.
+
+Als wir das Utta im Rücken hatten, hieß mich mein treuer Beschützer
+knapp vor ihm gehen; er mochte vielleicht befürchten, daß dieser
+blutdürstige Häuptling nachkommen und mir von rückwärts den Parang
+durch den Leib stoßen könnte. Auch befahl er uns, so schnell als
+möglich zu gehen. Wir liefen an fünf Stunden durch Wald und Alang
+unausgesetzt fort bis zu einem Utta, wo die Leute freundlicher und
+bereit waren, uns über Nacht aufzunehmen. Allein Hali-Bonar hielt
+die Entfernung noch nicht für groß genug, und weiter ging es auf
+beschwerlichen Kreuz- und Quer-Wegen. Erst spät Abends erreichten wir
+ein Utta, dessen Namen mir jedoch entfiel, denn auf der Rückkehr kamen
+wir durch so viele Uttas, daß ich ihre Namen nicht behalten konnte. Zu
+schreiben wagte ich nicht, um nicht für eine Spionin gehalten zu werden.
+
++16. August.+ Diesen Morgen sah ich ein Mädchen aus einem der Häuser
+stürzen und sich heulend und weinend zur Erde werfen, als wäre ihr das
+größte Unglück begegnet. Dabei löste es ein Stück seines Schmuckes
+nach dem andern von Hals, Arm und Ohr, und wickelte alles sorgfältig
+in ein Tuch. Es sprang dann auf, lief ein Haus weiter, warf sich da
+neuerdings unter Geschrei und Geheul nieder, raffte sich wieder auf und
+eilte in das Haus zurück, aus welchem es gekommen war. Ich hielt dieses
+Geschöpf für wahnsinnig; allein mein Führer sagte mir, daß es diesen
+Abend heirathen und daher allem Schmuck (Glasperlen und Messingringe)
+Lebewohl sagen müsse. Diesem Geschmeide weinte es bittere Thränen,
+während beim Abschiede vom elterlichen Hause das Auge vielleicht
+trocken bleibt! --
+
+Auch heute kamen wir nur wenig vorwärts. Von einem Utta ging es zum
+andern. Mitunter machten wir große Umwege, um irgend ein Utta zu
+vermeiden, dessen Bewohner, wie Hali-Bonar schon unterrichtet sein
+mochte, feindselig gegen uns gestimmt waren. Ich konnte nie erfahren,
+warum wir zurück nicht denselben Weg nahmen, auf welchem wir gekommen
+waren.
+
+In den Utta’s, in welchen man uns über Nacht aufnahm, wurden wir stets
+auch gastfreundlich bewirthet und erhielten nebst Reis manchmal Ubi
+(süße Kartoffeln) oder wohl gar ein Huhn, Morgens Tadi, die bereits
+beschriebene geronnene Milch. Das Huhn, die Ubi und den Tadi gab der
+Rajah, den Reis lieferte die Gemeinde. In jenen Utta’s aber, in welchen
+wir nicht gastlich aufgenommen wurden, hielt es oft schwer, einen Trunk
+Wasser zu erlangen.
+
++17. August.+ Wie gestern und vorgestern von einem Utta zum andern
+gezogen, mehr oder minder freundliche Aufnahme gefunden.
+
++18. August.+ Endlich war das schöne Thal +Silindong+, dessen Anblick
+mir so viele Freude gemacht hatte, dessen Durchwandern von so
+gefährlichen, schrecklichen Scenen begleitet war, glücklich im Rücken.
+Alle Gefahr war zwar nicht vorüber, doch wenigstens der bei weitem
+größere Theil[6].
+
+Ich zählte auf dieser meiner Treibjagd durch das Silindong-Thal mehr
+als fünfzig Utta’s rings umher. Eben so viele, wenn nicht mehr, mögen
+noch weiter im Thale gelegen haben. Manche der Utta’s bestanden aus
+zwanzig bis vierzig Häusern, die kleinsten aus fünf bis sechs. In den
+großen Häusern zählte ich in den vier Ecken des Gemaches zwanzig bis
+fünfundzwanzig Personen (natürlich die Kinder mitgerechnet). Doch
+ist die Größe der Häuser nicht überall gleich, da in manchem nur
+eine Familie wohnt. Nimmt man, sehr gering gerechnet, auf jedes Utta
+durchschnittlich 150 Seelen an, so stellt sich für das ganze Thal eine
+Bevölkerung von 15,000 Seelen heraus, eine Berechnung, die gewiß nicht
+übertrieben ist. Auf keiner Insel des Indischen Archipels, Java nicht
+ausgenommen, sah ich eine ähnlich bevölkerte und reichbepflanzte Gegend.
+
+Schade, daß gerade in diesem herrlichen Thale die Menschen so wild
+und kannibalisch sind. Ich fand die Leute im allgemeinen sehr groß und
+kräftig, was besonders von den Rajahs gilt, auf deren Wahl Größe und
+Stärke den meisten Einfluß haben sollen. Die Hautfarbe der Battaker ist
+lichtbraun oder bräunlichgelb. Die Männer tragen die Haare entweder
+lang und fliegend, oder halb abgeschnitten und wie Borsten von dem
+Kopfe abstehend. Männer und Weiber gehen in Sarongs gekleidet, die von
+schwarzer Farbe und mitunter an den Rändern mit Glasperlen besetzt
+sind. Ein mit Glasperlen besetzter Sarong kostet bis fünfunddreißig und
+vierzig Rupien. Die Männer tragen beständig eine Lanze und den Parang
+und verlassen selten das Haus ohne diese Waffen. Siri kauen, Tabak
+rauchen ist ihre Hauptbeschäftigung, der Mund ruht auch nicht einen
+Augenblick. Dies gilt eben so gut von den Weibern (die gleichfalls
+rauchen), ja sogar schon von den fünf- bis sechsjährigen Kindern. Ich
+glaube, die Kinder verwechseln hier die Mutterbrust mit der Cigarre und
+dem Siri. Ich sah Kinder von fünf Jahren, die ihre kleine Strohtasche
+mit allen Bestandtheilen für Siri und Cigarre schon über den Schultern
+hängen hatten. Die Battaker sind, wie ich bereits bemerkt habe, über
+alle Maßen schmutzig und unrein. Der Sarong wird nie gewaschen, nie
+geflickt und nicht gewechselt, bis er in Stücken vom Leibe fällt. Sie
+baden sich wohl, d. h. sie schütten Wasser über sich, ohne sich zu
+waschen und abzutrocknen, wie die Malaien, und damit ist alles gethan.
+Ihre Behausung, ihre Matten und Kochgeschirre werden nie gereinigt. In
+letztere greifen sie mit schmutzigen Händen, die Kinder nehmen daraus
+und halten sich darüber, wobei oft ein Theil der Nahrung aus dem Munde
+in den Topf zurückfällt. Zuweilen kömmt wohl auch ein Hund geschlichen
+und spricht den Töpfen verstohlen zu. Ich will nur eine Scene
+erzählen, die ich gesehen habe. Meine Leser werden sich vielleicht
+wundern, wie man Aehnliches niederschreiben kann; allein sie ist zu
+charakteristisch, um verschwiegen zu werden.
+
+Ich saß in einem Soppo neben einem Weibe, das mit Weben beschäftigt
+war und ein Kind von etwa zehn Monaten auf den Rücken gebunden hatte.
+Das Kind fing zu weinen an und die Mutter legte es an die Brust. Es
+mochte jedoch kurz zuvor mit einer guten Portion Reis vollgestopft
+worden sein, denn die Muttermilch war ihm zu viel -- es entleerte sich
+von allen Seiten in der Mutter Schooß. Diese blieb gelassen sitzen,
+rief einen Hund herbei, schlug den Sarong auseinander und ließ den Hund
+alles aufzehren. Sie hielt ihm dann das Kind von allen Seiten hin, daß
+er es rein lecke. Das Kind ward wieder auf den Rücken gebunden und das
+Weib fuhr in seiner Arbeit fort. Unter einem solchen Volke brachte ich
+einige Wochen zu, mit diesen Leuten mußte ich aus einer Schüssel essen!
+Man wird mir gern glauben, daß dieß das größte Opfer war, welches ich
+meiner Reiselust bringen konnte, daß ich alle übrigen Beschwerden und
+Mühseligkeiten, ja die Gefahren selbst, leichter ertrug, als diese
+unbeschreibliche Unreinlichkeit.
+
+Wir brachten die Nacht ungefähr sechs Paal von der Grenze des
+Silindong-Thales, in dem Utta Kaßan zu.
+
++19. August. Bolanahito.+ Hier nahm ich Abschied von meinem wackeren
+Freunde Hali-Bonar, dessen kräftigem Schutze ich wohl mehr als einmal
+das Leben dankte. Es hieß nun abermals den Wald, die „Wüstenei“
+durchziehen, die als natürliche Grenze das Land der freien Battaker
+von den Holländischen Besitzungen trennt. Als letzten Dienst gab mir
+Hali-Bonar noch vier seiner Leute mit, die mich bis Danau begleiten
+sollten.
+
+20. und +21. August+. Gewöhnt, wie ich es war, an alle Mühen und
+Entbehrungen, an Regen und Hitze, an die ermüdendsten Märsche,
+überfiel mich dennoch fast ein Fieberschauer, als ich an den Wald
+gelangte, der fürchterlichen Wege, der Gefahren, der schlaflosen Nacht
+gedachte, die ich das erstemal da zugebracht hatte. Doch glücklich
+kamen wir Abends am zweiten Tage zu Danau an, wo mich die Leute mit
+großer Freude und Herzlichkeit begrüßten. Jeder drängte sich an mich,
+mir die Hand zu drücken. Sie wiederholten einstimmig, daß sie nicht
+gedacht hatten, mich wiederzusehen.
+
+Auf dieser Reise unter den Battakern hatte ich stets nach dem
+Kampferbaume gefragt, der, wie man mir sagte, im Norden Sumatras bis
+zu einer Höhe von 120 Fuß vorkommen soll. Man zeigte mir einige, die
+aber kaum 70 Fuß haben mochten. Der Kampfer sitzt zwischen der Rinde
+und dem Baste. Die Rinde wird abgelöst und der Kampfer mittelst eines
+großen Besens herabgekehrt; dieß muß mit großer Sorgfalt geschehen,
+denn wenn der Besen zu tief eingreift, geht der Baum zu Grunde. Manche
+hauen den Baum um, um für den Augenblick mehr Kampfer zu gewinnen. Der
+stärkste Baum liefert auf die erste Art höchstens ein Pfund Kampfer,
+auf die letztere das doppelte. Der Pikul dieses Kampfers kostet
+sechs- bis zehntausend Rupien. Er kommt als Arznei in dem Handel gar
+nicht vor[7], da ihn die Chinesen begierig aufkaufen, von diesen die
+Japanesen, welche ihn mit dem Japanischen Kampfer vermengen und zur
+Bereitung ihres durch seine außerordentliche Feinheit bewährten Lacks
+verwenden. Als Arznei soll der Kampfer von Sumatra um nichts besser
+sein, als jener von Japan oder China.
+
+Sago-Palmen sah ich ziemlich viele in Sumatra’s Waldungen; sie sollen
+aber viel weniger Mark enthalten als jene auf den Molukken, wo ihr
+eigentliches Vaterland ist.
+
++22. August.+ In Danau ließ ich meinen Führer zurück, der mir wo
+möglich noch unausstehlicher war, als jener von Sarawak. Ich forderte
+nur einen Kulli, um mein kleines Gepäck zu tragen; man wies mir einen
+zehnjährigen Knaben an. Ich weigerte mich das Kind zu nehmen und wich
+nicht vom Platze, bis mich mein Führer mit einem kräftigeren Träger
+versehen hatte. Kaum aber waren wir einen Paal im Walde, so kam der
+Junge nachgelaufen, der Träger setzte mein Ränzchen ab und ging davon.
+Dieß war, wie mir der Junge sagte, zwischen dem Träger und meinem
+Führer so abgemacht. Ich erwähne diese Geringfügigkeit nur, um zu
+zeigen, wie man oft mit den Führern hintergangen und der Willkür und
+Bosheit derselben ausgesetzt ist. Ich beschwerte mich wohl, als ich zu
+Herrn Hammers zurückkam, über die schlechten Dienste jenes Mannes. Ich
+hatte ihn auch sehr im Verdachte, daß er Ursache war, warum man mich
+nicht bis Eier-Tau ließ, und ich vermuthe, er hat die Leute ersucht mir
+Hindernisse in den Weg zu legen, damit es schneller an die Heimkehr
+ginge. Allein was nützten meine Klagen! Der Mensch hütete sich wohl
+während meiner Anwesenheit zum Vorscheine zu kommen. Erst lange nachdem
+ich fort war, ließ er sich sehen und gab vor, in Folge der großen Mühen
+in Danau schwer erkrankt gelegen zu haben.
+
+Ich ging diesen Tag bis +Sipirok+, wo die Fußreise ein Ende hatte.
+Im Ganzen war ich an 150 Paal gegangen, was auf guten Wegen gerade
+nicht so anstrengend gewesen wäre; so aber war es einer wahren
+Herkules-Arbeit zu vergleichen.
+
++23. August.+ +Padang-Sidimpuang.+ Nachmittags vier Uhr kam ich
+glücklich aber ausgehungert bei Herrn Hammers an, -- ich hatte seit
+gestern drei Uhr nicht die geringste Nahrung gesehen. Meine erste
+Bitte war um eine Tasse Kaffee mit guter Büffelmilch und um ein
+tüchtiges Stück Brot. Man kann sich gar keine Vorstellung machen von
+dem angenehmen Gefühle, das ich empfand, als ich mich wieder in voller
+Sicherheit sah, mich an eine reinliche Tafel mit guten Gerichten
+setzte, in ein herrliches Bett zur Nachtruhe ging. Wer keine Mühen
+und Gefahren ausgestanden hat, vermag das Gute nie in solchem Maße zu
+schätzen und zu würdigen.
+
+Ich verweilte einige Tage bei Herrn Hammers, und auch auf dem Wege
+nach Fort de Kock ruhte ich hie und da einen Tag aus. Erst am +9.
+September+ traf ich sehr leidend in Fort de Kock ein, wo ich in ein
+heftiges Fieber fiel. Allein der trefflichen Pflege der liebenswürdigen
+Gemahlin des Residenten, der ärztlichen Hilfe und meiner guten,
+wirklich unzerstörbaren Natur, hatte ich es zu danken, daß ich bald
+wieder hergestellt war. Die Sumatra-Fieber (Wechselfieber) sind sehr
+hartnäckig und bösartig, wie es die Folge leider auch an mir zeigte.
+Man verliert sie oft Jahre lang nicht; sie gehen häufig in Auszehrung
+und andere Krankheiten über und sind vielen sogar tödtlich.
+
+Kaum fühlte ich meine Gesundheit zurückgekehrt, so richteten sich
+meine Gedanken schon wieder auf einen kleinen Ausflug. Doktor
++Bauer+, ein Deutscher, ausgezeichnet durch seine medicinischen und
+botanischen Kenntnisse, war zu +Paya-Kombo+ stationirt. Ich wollte die
+Bekanntschaft dieses Mannes machen und zugleich diese Gegend Sumatras
+sehen, die einen ganz eigenthümlichen Charakter haben soll.
+
+Am +18. September+ saß ich wieder zu Pferde und ritt zweiundzwanzig
+Paal nach +Paya-Kombo+. Das wellenförmige Hügelland verschwindet
+allmählig und gibt schönen Thälern, großen Ebenen Raum. Herrliche
+Gebirgsketten steigen in mehrfachen Reihen auf: der +Merapi+, der
++Singallang+, die höchsten, der +Sago+, minder hoch, aber seiner
+besonderen Form wegen in die Augen fallend. Sein Sattel zieht sich
+ziemlich in die Länge, viele Felskuppen und Felsparthieen zieren ihn
+und bewirken einen schönen Kontrast zu den üppigen Waldungen, die seine
+Nachbarn bekleiden.
+
+Wahrhaft pittoresk wird die Gegend in der Nähe des Kampon +Titti+.
+Einzelne Felsstücke, bedeutende Felsgruppen liegen wie auf die Ebene
+geworfen, -- welch fürchterliche Revolution mag sie von den Bergen so
+weit weggeschleudert haben!
+
+Unfern von Titti stürzt sich der +Pattang-Agam+ wild brausend und
+schäumend durch einen tiefen, engen Felsspalt. Eine hoch gemauerte
+Brücke führt darüber, welcher gegenüber sich eine wunderbar malerische
+Felsgruppe, theilweise mit schönen Gewinden von Schling-Gewächsen
+und anderen Pflanzen übersponnen aufthürmt. Lange weilte ich auf
+der Brücke, um das grause Bild des tobenden Stromes, die ruhig milde
+Landschaft um mich her, die Gebirgswelt in der Ferne mit einem Blicke
+zu überschauen.
+
+Die letzten Paal von Paya-Kombo geht es unausgesetzt zwischen Alleen
+von Kokospalmen, viele Kampons liegen am Wege oder in den umliegenden
+Reisfeldern. Die ganze Gegend vom Fort de Kock bis Paya-Kombo ist sehr
+belebt und reich kultivirt.
+
+Dieser kleine Ausflug machte einen höchst angenehmen Eindruck auf mich,
+alles, was mich umgab, war lieblich -- eine Landschaft in rosigem
+Lichte.
+
+Zu Paya-Kombo stieg ich bei Dr. +Bauer+ ab. Auch er hatte schon manches
+von mir gehört; wir waren uns daher gegenseitig nicht fremd. Die Tage,
+die ich in dieses hochgebildeten Mannes Gesellschaft zubrachte, werden
+mir unvergeßlich bleiben.
+
+Ich fand bei Dr. Bauer zufällig einen zweiten Deutschen, Lieutenant
+Freiherrn +von Bülow+, der von +Fort de Kapellen+ auf Besuch gekommen
+war. Wir sprachen viel von den Naturschönheiten Sumatra’s. Unter
+anderem kam die Rede auch auf den Merapi, seine Krater und seine
+schönen Aussichten. Herr von Bülow, der Berg und Krater schon oft
+besucht hatte, machte uns davon eine so reizende Schilderung, daß wir
+sogleich den Entschluß faßten, ihn gemeinschaftlich zu besteigen.
+Herr von Bülow ritt denselben Tag nach Fort de Kapellen, um den
+Assistent-Residenten Herrn +Netscher+ zu ersuchen, auf dem Berge eine
+kleine Laubhütte für unser Unterkommen errichten zu lassen.
+
+Am nächsten Tag verweilte ich noch zu Paya-Kombo, den folgenden Tag,
++20. September+, ritten wir, Dr. Bauer und ich, nach Fort de Kapellen,
+auf Malaisch +Pagar-udjong+, im Distrikte +Tanar-Dater+, zwanzig Paal.
+
+Herr Netscher nahm mich nicht nur auf die freundlichste Weise bei
+sich auf, er war auch so überaus gefällig gewesen, den Rajah von
++Sungi-djambu+ zu ersuchen, die auf den Berg führenden Pfade ein wenig
+in Ordnung bringen, so wie auf halber Höhe die erwähnte Laubhütte
+errichten zu lassen.
+
+Abends machten wir einen Spaziergang nach dem Kampon +Pugger-zuijong+,
+in welchem mehrere große Steine mit eingehauenen Inschriften liegen,
+die bisher noch von niemandem entziffert werden konnten. Mich erinnerte
+die Form dieser Steine an die Runensteine, die ich in Island und
+Norwegen gesehen hatte.
+
++21. September.+ Von Fort de Kapellen konnten wir noch sieben Paal
+reiten bis an die Kaffeegärten, die an den Abhängen des Merapi
+angepflanzt sind. Unterwegs verweilten wir einige Zeit in dem Kampon
+Sungi-djambu, der gleich jenem von +Kotto-Godong+ seiner Wohlhabenheit
+wegen bekannt ist. Ich fand hier, wie dort, die Häuser mit Oelfarben
+angestrichen, mit Holzschnitzwerk geziert, und bei den Bewohnern
+schwerseidene Sarongs, Kopftücher mit Gold durchwirkt und viel echtes
+Geschmeide. Wir mußten bei dem Rajah ein kleines Mahl einnehmen.
+
+Bei den Kaffeegärten, die so wie die Wege besonders gut angelegt und
+gehalten waren, begann die Fußreise. Ein schöner Steig, zum Theil für
+uns ausgebessert, führte bis zur neugeschaffenen Hütte, die so bequem
+und solid gemacht war, als sollte sie für Monate und nicht für Tage
+dienen. Mehr als siebzig Menschen hatten gestern und heute am Steig und
+an der Hütte gearbeitet; sie waren, als wir anlangten, noch im vollen
+Schaffen begriffen. Jeder von uns fand sein eigenes, winzig kleines
+Schlafkämmerchen. Da Herr von Bülow Diener, Koch, Lebensmittel u. s.
+w. vorausgesandt hatte, so erfrischten wir uns sogleich an Speise und
+Trank.
+
+Die Reise ging diesen Tag nicht weiter; dessen ungeachtet gönnten wir
+uns aber nicht die geringste Ruhe. Wir suchten Blumen und Insekten,
+wir kletterten auf freie Punkte, um die Gegend zu überschauen.
+Die dreifache Gebirgskette, welche Sumatra von Süden nach Norden
+durchschneidet, lag mit allen ihren merkwürdigen pittoresken Spitzen
+und Zacken, Kuppen und Einsenkungen vor uns aufgedeckt. Die klare
+Spiegelfläche des +Sinkara-Sees+[8] schimmerte gleich einem Silberflor
+aus der Mitte des ihn umgebenden Hügelkranzes, das Meer begrenzte in
+weiter Ferne den wolkenlosen Himmel, und große, fruchtbare Thäler
+breiteten sich aus zwischen Berg, Hügel und Meer. Lange hielt uns
+dieses Rundgemälde fest gebannt, wir waren so in der Anschauung von
+Gottes schöner Natur vertieft, daß jedes Wort auf unsern Lippen
+erstarb. Die Natur selbst schien uns in der Betrachtung, in der
+Bewunderung nicht stören zu wollen: kein Laut schlug an unser Ohr, kein
+Lüftchen bewegte sich. Zu früh erstarb der letzte Strahl der Sonne,
+zu schnell verblich ein Gegenstand nach dem andern in der schnell
+heranrückenden Dämmerung.
+
+Als sich die Nacht gänzlich herabgesenkt hatte, ward ein tüchtiger
+Holzstoß angezündet, um Herrn Netscher unsere Anwesenheit auf der Höhe
+kund zu machen. Nach kurzer Zeit loderte auch in der Tiefe ein Feuer
+als Antwort auf.
+
++22. September.+ Nur drei- bis viertausend Fuß hatten wir heute zu
+steigen -- eine geringe Mühe, hätte sich ein Pfad hinauf geschlängelt;
+allein so weit konnte die Arbeit in diesen zwei Tagen nicht gefördert
+werden. Es galt daher steil aufgethürmte Stein- und Erdwälle zu
+erklimmen. Zuerst kamen wir an einen Krater, der schon lange ausgetobt
+haben mochte -- seine Tiefe schlief ruhig unter einer Wasserdecke.
+Dr. Bauer sah an dem Wassersaume einige Blumen und wäre gerne hinab
+geklettert; allein die Wände fielen etwas zu steil ab, waren mit losem
+Gerölle bedeckt und die Führer versicherten uns, daß ohne Stricke und
+Leitern an ein Hinabsteigen nicht zu denken sei.
+
+Ein zweiter Krater von bedeutendem Umfange, doch nicht tief, lag in
+einiger Entfernung vom ersten. Auch dieser war schon lange erstorben;
+aber gewaltig mag einst die Wuth und Kraft seiner Elemente gewesen
+sein, denn weit und breit war alles mit großen Steinen überdeckt. Noch
+wagte es beinahe kein Grashalm, keine Blume in dieser ausgebrannten
+Werkstätte Wurzel zu fassen.
+
+Endlich gelangten wir an den Hauptkrater. Ich hatte schon viele
+Krater, besonders auf Island gesehen; aber keiner ließ sich mit diesem
+vergleichen. Eine regelmäßigere, man könnte sagen, kunstgerechtere
+Trichterform, als die Natur hier gebildet hat, kann sie nicht mehr
+schaffen. Die Tiefe, die der Krater im gegenwärtigen Augenblicke
+hatte, mochte 400 Fuß betragen, der obere Durchmesser 300 Fuß. Aus
+zwei Oeffnungen steigen unausgesetzt dicke, schwarze Rauchsäulen. Ein
+beständiges Zischen und Brausen verrieth die große Thätigkeit des nie
+ruhenden Feuerheerdes. An ein Hinabklettern war nicht zu denken: wir
+mußten uns damit begnügen, diese großartige Naturscene von dem Rande zu
+betrachten. Der Krater liegt 8500 Fuß hoch.
+
+Wir hielten uns lange bei jeder Gelegenheit auf und kamen erst spät
+nach unserer Laubhütte zurück, viel zu spät, um noch nach Fort de
+Kapellen gehen zu können; wir blieben also auch diese Nacht auf der
+Höhe und gaben, wie gestern, der Gesellschaft zu Fort de Kapellen durch
+Anzünden eines großen Feuers unser Dasein kund[9].
+
+Am +23. September+ waren wir früh Morgens auf Fort de Kapellen und
+am folgenden Tag ritt ich, ohne Paija-Kombo zu berühren, in gerader
+Richtung nach Fort de Kock.
+
+Ich sah auf diesem Ritte eine seltsame Naturerscheinung, die
+hauptsächlich nur Sumatra eigen sein soll. Ein weißer, undurchdringlich
+dicker Nebel lag über einer Fläche und deckte dermaßen alles, daß nicht
+der geringste Umriß irgend eines Gegenstandes durchschien. Man könnte
+wetten, einen See vor sich zu sehen, so ruhig und silberweiß ist der
+Nebel und so scharf abgegrenzt. Ich wußte, daß ich ein Nebelmeer vor
+mir hatte und wollte es doch nicht eher glauben, bis ich hinein ritt.
+Diese Nebel bleiben viele Stunden unbeweglich liegen.
+
+Am +30. September+ verließ ich Fort de Kock, um nach Padang zurück zu
+kehren. Ich änderte jedoch unterwegs meinen Entschluß und machte einen
+Abstecher nach +Priaman+ und +Tiku+ an die See, um meine noch sehr
+unbedeutende Fischsammlung zu vermehren.
+
+Fünf Paal von Priaman führt eine 360 Fuß lange, gedeckte Brücke über
+den +Mangui+; diese Brücke ist die längste auf Sumatra.
+
+In Priaman stieg ich bei dem Assistent-Residenten Herrn +Godin+ ab,
+ritt aber gleich den folgenden Tag weiter nach Tiku (24 Paal), mit der
+Hoffnung, eine reiche Ernte zu machen. Beständiges Regenwetter verdarb
+mir jedoch nicht nur die Ernte, sondern überhaupt den ganzen Ausflug,
+der mir bei schönem Wetter gewiß großes Vergnügen gemacht hätte, denn
+das Land war angenehm; viele Kokos-Alleen umschatteten schöne Wege, und
+zahlreiche, sehr reinliche Kampons belebten sie. Ich fand keine Gegend
+auf Sumatra, das Thal Silindong ausgenommen, so bevölkert, wie diese
+längs des Seegestades.
+
+Die Weiber hatten hier die Ohrläppchen mehr durchlöchert als irgendwo.
+Ich war stets froh, diese häßliche Zierde mit einer Messingplatte
+oder einer Holzscheibe verdeckt zu sehen. Leider muß das weibliche
+Geschlecht auch hier mit der Heirath allem Schmucke und somit dieser
+dem Auge wohlthuenden Messingplatte oder Holzscheibe entsagen.
+
+Nachdem ich zwei Tage vergebens auf besseres Wetter gewartet hatte,
+ritt ich unter Regen wieder nach Priaman. Ich mußte nun bald an meine
+Rückkehr nach Padang denken, um das Dampfboot nicht zu versäumen, das
+jeden Monat nach Batavia geht. Ich blieb daher zu Priaman ebenfalls nur
+zwei Tage.
+
+Herr Godin brachte mir das große Opfer, mich unter dem heftigsten
+Regen nach einem nahen, kleinen Eilande zu begleiten, welches Priaman
+gegenüber liegt. Wir gingen in die See und suchten mehrere Stunden
+hindurch zwischen den Riffen und Korallen nach Fischen und Crustaceen;
+zuletzt kamen wir von Wasser triefend, zitternd vor Kälte, aber auch
+reich beladen nach Hause. Obwohl ich mich Abends etwas unwohl fühlte,
+hielt mich dies doch nicht ab, den Besuch nach diesem Eilande, das
+meiner Sammlung so reiche Beträge lieferte, am nächsten Tage zu
+wiederholen[10].
+
+Am +7. Oktober+ langte ich in Padang an. Unterwegs erfaßte mich ein so
+heftiges Fieber, daß ich Wellkom nicht mehr erreichen konnte und in
+Padang selbst die höchst erfreuliche Einladung des Herrn van +Genepp+,
+in seinem Hause abzusteigen, mit vielem Danke annahm. Freundliche,
+sorgfältige Pflege, für welche ich dieser liebenswürdigen Familie aus
+vollem Herzen danke, und ärztliche Hilfe bekämpften auch hier wie auf
+Fort de Kock das Fortschreiten meiner Krankheit, und als nach acht
+Tagen das Dampfschiff nach Batavia segelte, war ich schon so weit
+hergestellt, um mitzugehen.
+
+Ich habe auf Sumatra an 700 Paal zu Pferde und 150 zu Fuße gemacht. An
+allen Orten wurde ich von den Holländischen Beamten und Officieren auf
+die gastfreundlichste und liebevollste Weise aufgenommen, ich mochte
+mit oder ohne Empfehlungsbrief kommen. Man half mir überall fort, man
+gab mir Leute und Pferde -- mit einem Worte alles was ich benöthigte.
+
+Sowohl in Hinsicht der herrlichen Naturscenen, die ich gesehen, der
+interessanten Ereignisse, die ich erlebt, als auch wegen der überaus
+zuvorkommenden Aufnahme, die ich bei den Europäern gefunden, gehört
+diese Reise zu meinen liebsten und schönsten Erinnerungen.
+
+
+ [5] Auch in den Battaker-Ländern hat jedes Utta seinen Rajah. Dieser
+ vielen Rajahs wegen ist das Reisen so beschwerlich; alle
+ Augenblicke muß man den Schutz eines neuen zu erhalten suchen.
+
+ [6] Einige Zeit später begaben sich drei Französische Missionäre in
+ das unabhängige Battaker-Land. Während ich bis Klein- und
+ Groß-Toba vorgedrungen war, kamen sie nur bis Tapanola.
+ Sie wurden von den Kannibalen erschlagen und unter großen
+ Freudenfesten verzehrt.
+
+ [7] Ganz Sumatra liefert, wie bereits erwähnt, jährlich höchstens
+ zwei Pikul.
+
+ [8] Dieser See ist 15 Paal lang, 5 Paal breit, und liegt 1300 Fuß
+ über der Meeresfläche.
+
+ [9] Dr. Bauer erlaubte mir bereitwilligst, Folgendes über die
+ Vegetation auf dem Merapi aus seinem Tagebuch zu entnehmen.
+
+ „Die sich bald verlierende Kokospalme wird durch die Arengpalme
+ (aus der man den Suri und braunen Zucker gewinnt) ersetzt. Die
+ etwas tiefer häufigen Feigenbäume kommen allmählig seltener
+ vor. Die rauhblätterigen Teraströmiaceen (~Saurauja~) mögen
+ zuerst den Beginn der Bergvegetation bezeichnen. Später traten
+ die schöne, unten an den Blättern weiße Nessel ~Urtica nivea
+ Bl.~, noch später herrliche, rothe und gelbe Balsaminen auf. Die
+ parasitischen Orchideen sind seltener als auf Java. In einer
+ Höhe von 2500 bis 4000 Fuß sieht man viele Eichen und Kastanien,
+ deren Früchte den Europäischen bald mehr bald minder gleichen.
+ Die Laurineen (Lorbeergewächse) und die Rubiaceen scheinen hier
+ so zahlreich wie auf Java zu sein; dagegen vermißt man die
+ schöne, dort einheimische Rasamala (~Liquidambar Altingiana~).
+ Reich vertreten sind die Aroideen, Scitamineen, Acanthaceen,
+ Araliaceen, Sapindaceen, Meliaceen, Terebinthiaceen und
+ Leguminosen. -- In einer Höhe von etwa 6800 Fuß beginnt die,
+ der Javanischen ähnliche Alpenflora. Man sieht vor allem das
+ zierliche ~Rhododendron retusum Benn.~ und viele schöne Arten
+ von ~Gautiana~, ~Thibaudia~ oder ~Agapetes~ u. a. ~Graphalium~
+ und verschiedene neue Arten von Synanthereen zeigen sich bis
+ hoch hinauf.“
+
+ [10] Schon bei meinem frühern Aufenthalte in Batavia hatte ich das
+ Vergnügen, die Bekanntschaft des Herrn Doktor +Blecker+ zu
+ machen, der unter die ersten Ichthyologen unserer Zeit zu zählen
+ ist. Herrn Bleckers Sammeln beschränkt sich hauptsächlich auf
+ Indien; er hat in dieser Beziehung gewiß die reichste Sammlung,
+ die bisher besteht. Ich war so glücklich, ihm mehrere neue
+ Gegenstände von Borneo, Sumatra und von den Molukken zu bringen.
+ Er beschenkte mich dagegen reichlich mit Fischen von Java und
+ andern Plätzen.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel.
+
+ Java. -- Samarang. -- Die Schlammquellen von Grobogan. -- Besuch
+ der freien Fürstenthümer Djogokarta und Surukarta. -- Der Tempel
+ Boro-Budoo. -- Die heilige Schildkröte. -- Audienz bei dem Sultan. --
+ Solo. -- Fürstliches Leichenbegängniß. -- Audienz bei dem Susuhunan.
+ -- Rückkehr nach Samarang. -- Reise nach Surabaya.
+
+
+In Batavia angekommen wollte ich die Güte des Residenten Herrn van Rees
+nicht mißbrauchen und stieg bei der Familie des Herrn Obrist Steuerwald
+ab.
+
+Meines Bleibens war aber nicht lange; ermuthigt durch die gute
+Aufnahme, die ich auf Java und Sumatra gefunden, durch die
+Bereitwilligkeit, mit welcher man mir überall das Reisen so viel als
+möglich zu erleichtern gesucht hatte, wünschte ich nun auch das Innere
+Javas, so wie Celebes, die Molukken u. s. w. zu besuchen.
+
+Es gibt auf Batavia zwei Dampfschifffahrts-Gesellschaften,
+deren Schiffe alle Inseln und etwas bedeutenderen Punkte der
+Holländisch-Indischen Besitzungen berühren. Ich ging zu den Direktoren
+beider, den Herren +Cores de Vries+ und +Fraser+, um sie zu ersuchen,
+mir die Ueberfahrtspreise etwas billiger zu stellen. Wer stellt sich
+meine Ueberraschung, meine Freude vor, als mir die Herren die Erlaubniß
+ertheilten, von ihren Schiffen unentgeldlich überall, wohin sie gingen,
+Gebrauch zu machen[11]!
+
+Schon am +18. November+ verließ ich wieder Batavia auf der „Königin
+der Niederlande,“ Kapitän Chevalier, mit der Bestimmung für +Samarang+
+auf der Ostküste Java’s (210 Meilen). Wir hatten herrliches Wetter und
+legten die Reise in 37 Stunden zurück. Das Land verloren wir selten
+aus dem Gesicht. Es breitete sich als unübersehbare Ebene längs
+dem Seegestade aus; erst nahe bei Samarang kam wieder ein Theil der
+Gebirgswelt zum Vorschein, dabei der 5000 Fuß hohe +Ungarang+.
+
+In Samarang fand ich bei Dr. +Schmitz+ die herzlichste Aufnahme. Er wie
+seine Gemahlin waren Deutsche, hatten mir, der ihnen ganz Fremden, nach
+Batavia geschrieben und mich in ihr Haus eingeladen für den Fall, daß
+mich mein Weg nach Samarang führe. Von der Frau hatte ich schon viel in
+Batavia als von einer ausgezeichneten Sängerin sprechen gehört.
+
+Die Stadt Samarang liegt in einer sehr fruchtbaren Ebene und ist von
+prachtvollen Alleen von Tamarinden-Bäumen umgeben, die hier zu einer
+seltenen Höhe und Ueppigkeit gelangen. Die Europäer wohnen auch hier,
+wie zu Batavia, außerhalb der Stadt.
+
+Zu den ausgezeichnetsten Gebäuden gehört das Haus des Residenten[12].
+In früheren Zeiten, als auch auf der Ostküste Java’s ein Gouverneur
+residirte, war es dessen Palast. Ein großer, schöner Garten umgibt es.
+
+Nach diesem Gebäude ist das Hospital, die ehemalige Wohnung des
+Residenten, zu erwähnen.
+
+Ich besuchte die Hospitäler beinahe in allen Holländischen
+Niederlassungen und fand sie überall, selbst in den kleinsten
+Orten, ausgezeichnet, vollkommen gut eingerichtet und die Kranken
+trefflich gehalten. Ich müßte von jenen herrlichen Anstalten nur
+immer wiederholen, was ich von der ersten geschrieben habe. In
+dieser Hinsicht scheinen mir die Holländer alle übrigen Nationen zu
+übertreffen.
+
+In der erwähnten Anstalt hatten es die Irrsinnigen vorzüglich gut:
+sie wohnten zu vier oder sechs gemeinschaftlich in hohen, geräumigen
+Zimmern. Als ich in ihre Abtheilung kam, hatte ich gar keine Ahnung,
+mich unter Irren zu befinden. Früher wurden die Unglücklichen bei
+starken Ausbrüchen gebunden; unter der Leitung des Dr. Schmitz hat
+diese Behandlung aufgehört. Er bestraft sie wie ungezogene Kinder und
+beschränkt sie auf einen oder mehrere Tage in der Kost, was stets den
+besten Erfolg hat.
+
+Das Merkwürdigste in der Residentschaft Samarang sind die aufbrodelnden
+Schlammquellen in der Nähe des Districtes +Grobogan+. Herr Resident
++Potter+ gewährte mir Postpferde dahin (66 Paal), Frau Schmitz war so
+liebenswürdig, mich zu begleiten, und gut ausgerüstet verließen wir am
+22. November Samarang.
+
+Man kann leicht in einem Tage nach Grobogan kommen; da aber unterwegs
+zu +Pennwangan+ (36 Paal) eine bedeutende Tabakfabrik lag, mit deren
+Inhaber, Herrn +Klein+, Frau Schmitz bekannt war, fuhren wir am ersten
+Tage nur bis dahin. Herr Klein zeigte uns die ganze Anstalt. Der Tabak
+ist auf Java nicht gänzlich Monopol; man ist nicht gezwungen, ihn gegen
+festgesetzte Preise an die Regierung zu liefern. Man miethet nur die
+Ländereien auf zwanzig Jahre von ihr, mit welchem Pachte zugleich das
+Recht auf eine gewisse Anzahl Arbeiter zu bestimmten Preisen verbunden
+ist.
+
+Herr Klein hat auf den von ihm gepachteten Ländereien acht große
+Trockenhäuser von Holz aufgeführt, jedes 750 Fuß lang, 106 breit und
+42 hoch. Die Tabaksblätter werden hier nicht gepflückt, sondern die
+Pflanze wird an dem Stengel abgeschnitten und so aufgehangen. Wenn
+die Blätter trocken sind, werden sie abgenommen, in große Haufen
+aufgeschichtet und so lange liegen gelassen, bis sie durch ihre eigene
+Wärme zu gähren beginnen. Die Verfertigung der Cigarren ist höchst
+einfach. Die großen, schönen Blätter werden mit feinem Reiskleister
+bestrichen, kleinere Blätter darein gerollt, die Cigarren oben und
+unten nach einem Maße abgeschnitten, nochmals getrocknet und verpackt.
+
+Den +23. November+ ging es weiter durch die Districte Damak und
+Grobogan bis zu den Schlammquellen. Der Weg führte gestern wie heute
+durch große, unübersehbare Ebenen, deren Einförmigkeit mir etwas
+langweilig wurde. In weiter Ferne nach dem Inneren zu sah man den
++Ungarang+, +Merapi+, +Merbabu+, längs der Seeküste die niedrigen
+Vorgebirge von +Sumbing+ und +Sindoro+.
+
+Diese Gegend wird ihrer Fruchtbarkeit wegen die Reiskammer von Java
+genannt, und doch fand hier im Jahre 1849 eine furchtbare Hungersnoth
+statt. Die Reisernte war mißglückt, und Tausende von Menschen starben
+dahin. Augenzeugen erzählten mir, daß man sich von dem Elende, von
+den schauderhaften Scenen dieser Zeit gar keine Vorstellung machen
+könne. In jeder Hütte lagen Todte, Sterbende, Halbverweste; die
+Lebendigen waren oft nicht mehr im Stande, die Verstorbenen hinweg zu
+schaffen. Ueberall begegnete man nur Gerippen; ausgehungerte Kinder,
+die Eltern und Freunde verloren hatten, irrten jammernd umher und
+schrieen nach Brot. Männer und Weiber fielen auf den Straßen nieder
+und gaben den Geist auf. Man beraubte die Kokospalmen ihrer Kronen, um
+die Blätter zu kochen und zu essen. Und so groß war dabei der Glaube
+dieser Unglücklichen an ihre Bestimmung, daß sie neben den vollen
+Reissäcken, die in und vor den Kaufläden standen, hinsanken und mit
+dem Hungertodte kämpfend ausriefen: „Gott hat dieses Schicksal über
+uns verhängt!“ -- Kein Kaufladen wurde geplündert.
+
+Mehrere Privatleute sandten Berichte über diese grenzenlose Noth an
+die Regierung und selbst an den Gouverneur-General (Herr +Deimar+ van
++Twist+ war zu dieser Zeit noch nicht in Indien; er kam erst im Jahre
+1851). Die Regierung schien aber nur ihren eigenen Organen glauben
+zu wollen und forderte officielle Berichte von dem Residenten zu
+Samarang, Herrn Be..... Sollte man es glauben, daß dieser Mann die
+Grausamkeit hatte, alles für unwahr zu erklären? Er wollte sogar die
+Namen jener wissen, welche die Berichte geschrieben hatten, um sie
+zu bestrafen[13]. Als die Regierung hinter die Wahrheit kam, war es
+für Tausende und Tausende schon zu spät[14]. Viele der Unglücklichen
+waren schon so schwach, daß sie die Nahrung nicht mehr vertragen
+konnten. Die Straßen, die Dörfer lagen voll Leichen; bösartige Seuchen
+entstanden in Folge der verpesteten Luft, und 120,000 Menschen
+starben in der Zeit von 13 Monaten (September 1849 bis Oktober 1850);
+außerdem wanderten über 20,000 aus. Und was geschah dem Residenten
+und dem Assistent-Residenten? -- Ersterer wurde pensionirt, mit einem
+jährlichen Gehalte von 6000 Recepissen, letzterer als +Resident+ in
+eine andere Provinz versetzt.
+
+Noch jetzt sah es in dem Bezirke Grobogan, wo die Noth am größten
+war, düster und traurig aus. Obwohl die nie ermüdende Natur mit ihrem
+grünen Teppiche die Leichenfelder überdeckt hatte, konnte sie weder die
+Hütten beleben und vor dem Einsturze bewahren, noch den Bäumen ihre
+Kronen wiedergeben. Alang-Alang und Gestrüppe wucherte auf dem größten
+Theile des Bodens, zahllosen Heerden von Wildschweinen zum Tummelplatze
+dienend. In wenig Jahren wird freilich wieder alles reich ersetzt sein;
+die Geflüchteten kehren bereits zu ihren verfallenen Hütten zurück, der
+ausgeruhte Boden wird doppelt tragen, und der Reisende durch die Ebene
+ziehen, ohne im geringsten zu ahnen, von welchen Schreckensscenen sie
+Zeuge war. Wird auch Herr Be..... diese Scenen aus seiner Erinnerung
+streichen können?
+
+Das Aufbrodeln der Schlammquellen sieht man schon einige Paal weit
+von der Straße aus; es gleicht der Brandung des Meeres. Der Schlamm
+steigt wie eine Woge in die Höhe, und der Dampf ist mit dem feinen
+Staubregen der schäumenden Welle zu vergleichen. Wir fuhren den Quellen
+bis einen halben Paal nahe. Tragstühle, durch die Vorsorge des Herrn
+Assistent-Residenten, der uns begleitete, bereit gehalten, brachten uns
+an Ort und Stelle.
+
+Auf gelegten Brettern konnten wir bis an den Rand der Hauptquelle
+gehen. Ihr Becken mag über 100 Fuß im Durchmesser haben. Das ganze
+Becken ist zwar mit Schlamm gefüllt; allein nur ein kleiner Theil
+brodelt gleich einer Woge auf, das übrige ist halb verhärtet. Die
+Schlammquelle in diesem Becken hat 15 Fuß im Durchmesser; sie brodelte
+höchstens 4 Fuß auf; bei anhaltendem Regenwetter soll sie einige
+Fuß höher aufsteigen. Unbedeutende Aufbrodelungen von Schlamm gibt
+es an vielen Stellen in dem Becken; Gas- oder Luftblasen steigen
+beinahe überall auf. Ein zweites kleines Schlammbecken, von sechs bis
+sieben Fuß im Durchmesser, liegt unfern dem großen. Man kann ihm ganz
+nahe kommen; der kaum fußhoch aufwirbelnde Schlamm ist lauwarm. Wir
+steckten ein sehr langes Bambusrohr in das Becken, welches von der
+unterirdischen Kraft alsbald gehoben und über den Rand geworfen wurde.
+Die große Schlammquelle ist viel heißer als die kleine. Der Schlamm
+schmeckt sehr salzig. Viele Leute aus der Umgebung tragen davon nach
+Hause und ziehen durch Abwässerung die Salztheile heraus. Diese Quellen
+verdienen allerdings besucht zu werden; für mich waren sie jedoch nicht
+so überraschend, da ich auf Island viel Wunderbareres der Art gesehen
+hatte.
+
+In der Nähe der Schlammquellen sind auch Salzquellen, oder besser
+gesagt Salzbrunnen, denn vierkantige Oeffnungen von 4 Fuß Breite und 40
+Fuß Tiefe leiten zu ihnen. Sie haben in der trockenen Jahreszeit eine
+Wärme von 45 Grad Reaumur, in der Regenzeit von 39. Die Oeffnungen sind
+mit Balken ausgezimmert, um das Einstürzen des Erdreichs zu verhindern.
+Das Wasser wird herausgeschöpft und in große Becken geleitet, wo es
+so lange bleibt, bis sich der wenige Schlamm, den es mit sich führt,
+gesetzt hat. Man läßt es dann in ganz seichte, auf drei Fuß hohen
+Gestellen ruhende Rinnen laufen und an der Sonne verdampfen. Das Salz
+bleibt in kleinen, weißen Krystallen zurück und wird mit Muscheln
+zusammengefaßt.
+
+Es gibt viele solche Salzbrunnen in dieser Gegend. Der Reingewinnst im
+Jahre beträgt 10,000 Pikul Salz. Man konnte mir nicht sagen, wie viel
+Procent reines Salz dies Wasser liefert.
+
+Von den Salzquellen kehrten wir mit dem Herrn Assistent-Residenten nach
+Grobogan zurück und nahmen seine freundliche Einladung, die Nacht in
+seinem Hause zuzubringen, gern an.
+
+Am +24. November+ zogen wir wieder in Samarang ein, um sogleich
+Vorbereitungen zu einer bedeutenderen Reise nach dem Innern des Landes
+zu treffen. Herr Resident Potter gestattete mir Postpferde für seinen
+ganzen Distrikt und versicherte mir, daß die übrigen Residenten
+gewiß dasselbe thun würden. Er rieth mir besonders, die herrlichen
+Hindu-Tempel, so wie die freien Fürstenthümer +Djogokarta+ und
++Surakarta+ zu besuchen.
+
+Auf dieser Reise begleitete mich Herr und Frau Schmitz.
+
+Wir verließen Samarang am +26. November+ und fuhren 48 Paal bis
++Magelang+, in der Residentschaft +Kadu+. Zu diesen 48 Paal benöthigten
+wir neun Stunden, denn stets ging es über Gebirge von mehr als 2000
+Fuß, ja zwischen +Salatiga+ und Magelang über eine Höhe von 4550 Fuß.
+Unserem Sechsgespanne wurden häufig tüchtige Büffel zugesellt.
+
+Diese langsame Fahrt war uns allen höchst angenehm, denn die Ansichten
+waren überaus reich und wechselnd. Das Meer mit seinem endlosen Spiegel
+lag tief unter uns, ein zweites Meer von Bergen, Hügeln und Thälern
+umgab uns. Im Westen prangte der +Sumbing+ (10,770 Fuß), im Osten
+der +Merapi+ (8240 Fuß), der +Merbabu+, im Norden der +Onclong+, das
++Telo-mayo-+ und +Jambu-+, im Süden das +Minore-Gebirge+. Unter den
+Thälern war das schönste jenes von +Ambarawa+; es ist mit herrlichem
+Grün, mit lieblichen Bosketen bedeckt. Leider ist diese Schönheit zum
+Theil nur Larve, da der größte Theil dieses Thales einen trügerischen
+Sumpf bildet, der an manchen Stellen unergründlich tief sein soll.
+
+Einige Paal früher kamen wir an dem kleinen Fort +Ungarang+ vorüber,
+welches seiner hohen Lage wegen so gesund ist, daß viel krankes Militär
+hieher gesandt wird. Auch für Privatleute ist ein geräumiges Hotel
+errichtet.
+
+In dem Thale Ambarawa liegt die Festung „Wilhelm der Erste“; sie bildet
+ein regelrechtes Viereck und ist die größte auf Java.
+
+Um drei Uhr Nachmittag kamen wir in Magelang an (1200 Fuß hoch
+gelegen). Herr Resident +Gaillard+ war so gütig, mich aufzunehmen.
+Dr. Schmitz mit seiner Frau stieg bei einem Freunde ab. Das Gebäude,
+welches der Resident bewohnt, gehört zu den sehr schönen, die Lage
+zu den reizendsten, da sie das großartige Rundgemälde der herrlichen
+Gebirgswelt beherrscht. Der dazu gehörige große Garten verdiente den
+Namen eines Parkes; er ist sehr geschmackvoll angelegt und mit vielen
+Alterthümern aus den nahen Hindu-Tempeln ausgeschmückt, unter welchen
+auch der heilige Stier nicht fehlt.
+
+Ganz nahe bei Magelang liegt ein einzelner Hügel, von welchem die
+Eingebornen behaupten, daß er gerade den Mittelpunkt Java’s bezeichne;
+sie nennen ihn deshalb „den Nabel von Java.“
+
+In Magelang wurde mir das große Vergnügen zu Theil, meinen lieben
+Landsmann Herrn Wilson kennen zu lernen, dessen Arbeiten ich in Batavia
+gesehen und bewundert hatte.
+
+Herr Wilson war von der Holländischen Regierung beauftragt worden,
+die Hindu-Denkmäler und ganz besonders den Tempel +Boro-Budoo+ von
+Innen und Außen auf das genaueste aufzunehmen. Diese kolossale Aufgabe
+hatte er so eben beendet, und in wenig Tagen sollte er nach Batavia
+zurückkehren.
+
+Wir blieben einen Tag in Magelang; den nächsten Morgen begleitete uns
+Herr Wilson nach dem zwölf Paal entfernten Tempel Boro-Budoo, und war
+so gefällig unsern Führer und Erklärer abzugeben.
+
+Der Tempel, als Gebäude betrachtet, hat gar nichts Kunstvolles oder
+Schönes an sich. Er besteht aus zehn bis zwölf Fuß hohen Steinwänden,
+die an einem kleinen Hügel, den sie ganz einnehmen, stufenweise
+aufgeführt sind und ein regelmäßiges Viereck von 362 Fuß Durchmesser
+bilden. In fünf Gallerien erheben sich die Wände eine über der andern
+bis zu einer kleinen Fläche, von welcher wieder drei Terrassen
+aufsteigen; den Schluß bildet das Sanktuarium, eine große Glocke
+(leider schon größtenteils eingestürzt), unter welcher ein Buddha
+sitzt, der vorsätzlich unvollendet blieb, denn die Hindu sagen, daß das
+Allerheiligste von Menschenhänden nicht vollendet werden kann[15].
+
+Die Höhe der ersten fünf aufsteigenden Terrassen beträgt 90 Fuß,
+des ganzen Tempels mit den letzten drei Terrassen und der obersten
+Glocke 120 Fuß. Auf der obersten Terrasse stehen 24 durchbrochen
+gebaute Glocken, auf der zweiten 28, auf der dritten 32, jede mit
+einem sitzenden Buddha. Im Ganzen enthält der Tempel 505 große Statuen
+des Buddha und 4000 Basreliefs, die an den In- und Außenseiten der
+Gallerien ausgehauen sind. Kein leeres Plätzchen zeigt sich an den
+Wänden; alles ist mit menschlichen Figuren, Arabesken u. s. w. bedeckt.
+
+Zu dem Zeichnen dieser ungeheuern Menge von Statuen, Basreliefs,
+Figuren und Arabesken hat Herr Wilson nur vier Jahre verwendet. Der
+ganze Tempel ist mit seinen unzähligen Einzelheiten auf 400 große
+Velinbogen mit der Feder gezeichnet und auf diese Weise für die
+Nachwelt bewahrt, wenn er selbst schon lange in Schutt gefallen sein
+wird.
+
+Aus den Basreliefs kann man die ganze Schöpfungsgeschichte der
+Indier, die Erschaffung des ersten Menschen, die nach und nach sich
+vervollkommnende Heiligkeit des Buddha u. s. w. ersehen. Diese
+Schöpfungsgeschichte hat sehr viel Aehnlichkeit mit der unsrigen.
+
+Die Figuren und Gruppen auf den Basreliefs kommen mir hier viel
+richtiger, geschmackvoller und kunstreicher in Ausführung und
+Zusammenstellung vor, als ich sie an den Tempeln zu +Elora+,
++Adjunta+ und andern in Brittisch Indien gesehen habe; dagegen fand
+ich dort die Arabesken ungleich zierlicher, die Glocken und Figuren
+bei weitem kolossaler. Was den Tempel als Gebäude anbelangt, kann
+man ihn natürlich mit den großartigen Hindostanischen Tempeln nicht
+vergleichen, da er, wie gesagt, nur aus parallel laufenden Steinwänden
+besteht. Die Bauart ohne Mörtel, die Wölbung durch Vorschiebung der
+übereinander gelegten Steine ist hier wie dort dieselbe.
+
+Man vermuthet, daß der Tempel +Boro-Budoo+, wie auch die übrigen
+Hindu-Tempel auf Java, im achten Jahrhundert nach Christi Geburt erbaut
+worden seien. Welche Unzahl von Künstlern muß es zu jener Zeit gegeben
+haben, um solche Riesen-Kunstwerke zu Stande zu bringen!
+
+Obwohl der Hindu-Gottesdienst schon im 15. Jahrhundert von dem
+Mohamedanismus verdrängt und ausgerottet wurde, und ganz Java seit
+dieser Zeit mohamedanisch ist, so kommen doch noch Tausende von
+Javanesen zu gewissen Zeiten im Jahre nach den Tempeln, um Gebete zu
+verrichten. Die +Buddha’s+ in dem Tempel Boro-Budoo werden besonders
+von dem weiblichen Geschlechte hoch verehrt. Viele Mütter pilgern
+hieher, um vor ihrer Niederkunft zu bitten, nach derselben zu danken;
+Bräute tragen ihre geheimen Anliegen vor. Ein Theil des alten
+Gottesdienstes ist auf diese Art in den neuen übergegangen und hat sich
+mit ihm verschmolzen.
+
+Der Tempel Boro-Budoo ist leider schon ziemlich in Verfall; ein starker
+Erdstoß -- und das Ganze kann ein Schutthaufen werden. Viele Wände und
+Steine hängen in so losen Fugen und Geschieben über- und aneinander,
+daß man mit Angst bei denselben stehen bleibt oder vorübergeht--
+ein Luftzug scheint hinlänglich zu sein, sie umzuwerfen. Nur der
+begeisterte Künstler konnte die Gefahr vergessen und Jahre lang hier
+verweilen. Häufig fielen Steine aus ihren Fugen neben ihm zu Boden, ja
+kürzlich bei einer schwachen Erderschütterung eine ganze Nische. Auch
+hatte Herr Wilson von der glühenden Hitze viel zu leiden, die sich
+zwischen den engen Wänden bildete und von keinem Lufthauche gemildert
+wurde.
+
+In der Entfernung von nur einem Paal steht der zierliche kleine Tempel
++Mendut+. Er mag zwanzig Fuß im Durchmesser und fünfzig in der Höhe
+haben und geht in einer Kuppel aus; die Steine halten sich durch ihre
+eigene Schwere, wie in den Glocken zu Boro-Budoo. Sachverständige
+erteilen diesem Tempelchen ein besonders großes Lob; sie bewundern
+die Wölbung, die Zierlichkeit der Arabesken, die drei darin sitzenden
+Figuren, welche, wenn in aufrechter Stellung, sechzehn Fuß hoch wären.
+Die Rundung der Formen, das höchst richtige Ebenmaß der Glieder, die
+edlen Gesichtsbildungen dieser Statuen sollen das Vollendetste sein,
+was man bisher von der Bildhauerarbeit der Hindu gesehen hat. Die
+mittlere Figur stellt einen Buddha, die beiden anderen stellen Könige
+vor.
+
+An diesem Kleinode der Kunst nahmen wir Abschied von Herrn Wilson und
+fuhren noch 18 Paal weiter nach +Djogokarta+, der Hauptstadt des freien
+Fürstenthumes gleichen Namens.
+
+Die beiden Fürstenthümer +Djogokarta+ und +Surakarta+ bildeten vor
+etwas mehr als hundert Jahren ein mächtiges Reich unter dem Namen
++Mataran+. Zwei Brüder führten zu dieser Zeit einen Krieg um dasselbe,
+welcher fünfzehn Jahre währte. Im Jahre 1752 schlossen sie Frieden
+und theilten das Reich unter sich. Beide standen zwar damals schon
+unter dem Schutze (?) der Holländischen Compagnie, genossen aber
+ungleich mehr Freiheit und Selbstständigkeit, als heut zu Tage, bis
+sich im Jahre 1825 der Prinz +Diepo Negoro+ zu Djogokarta, theils aus
+Ehrsucht, theils beleidigt durch die zurücksetzende Behandlung der
+Holländischen Beamten, empörte und die beiden Reiche in einen Krieg mit
+den Holländern verwickelte, welcher fünf Jahre dauerte, sechstausend
+Menschenleben und viele Millionen Rupien kostete. Die Folge war für die
+eingeborenen Fürsten, daß die Holländer ihnen einen großen Theil der
+Ländereien abnahmen und sie gänzlich abhängig machten. Sie führen zwar
+noch den Titel „selbstständige“ Fürsten, haben aber einen Holländischen
+Residenten zur Seite, der sie eben so beschränkt und überwacht, wie die
+Engländer ihre „freien Könige“ in Hindostan. Sie dürfen ohne Vorwissen
+des Residenten keinen Besuch, keinen Brief empfangen, ja nicht einmal
+ihre Paläste verlassen; dafür bekommen sie aber von der Holländischen
+Regierung einen jährlichen Gehalt oder eine Entschädigung, und zwar der
+Sultan von Djogokarta 480,000 Rupien, der Susuhunan[16] von Surakarta
+648,000 Rupien.
+
+Ich stieg in Djogokarta, einer gütigen Einladung des Residenten Herrn
++Hasselmann+ zu Folge, in seinem Hause ab. Eine schönere Residenz als
+diese (höchstens jene von Samarang ausgenommen) ist mir noch nicht
+vorgekommen. Vermutlich hat man sie absichtlich in einem so großartigen
+Style gebaut, um den Javanischen Fürsten Achtung vor den Europäern
+einzuflößen, um so mehr, da der Sultan dem Residenten einige Mal im
+Jahre feierliche Besuche abstattet und bei dieser Gelegenheit mit einem
+Gefolge von drei- bis vierhundert Personen kommt, von welchen mehr als
+hundert an die Tafel gezogen werden.
+
+Außer den ceremoniellen macht der Sultan auch viele Privatbesuche,
+nicht nur bei dem Residenten, sondern auch in anderen Europäischen
+Häusern. Er kommt sogar in den Club und nimmt gern Theil am Billard-
+und Karten-Spiel, wie überhaupt an jeder Europäischen Unterhaltung.
+Wenn er die Europäische Welt zu sich ladet, wird nicht selten
+getanzt. Seine Gemahlin und Töchter sind von diesem Vergnügen nicht
+ausgeschlossen. Dieß mag vielleicht der einzige Ort in der Welt sein,
+wo man die Gemahlin, die Töchter eines mohamedanischen Sultans in den
+Armen Europäischer Herren und Offiziere walzen sehen kann. Die Sultanin
+soll dem Whist- und L’hombre-Spiele ebenfalls nicht abhold sein.
+
++29. November.+ Wir brachten den ganzen Tag mit Besehen des
+Merkwürdigen, mit Besuchen u. s. w. zu. Die Mutter der Frau Hasselmann,
+Frau +Parvé+, eine muntere, sehr gefällige Dame, übernahm es, uns die
+Sehenswürdigkeiten von Djogokarta zu zeigen. Wir begannen mit dem
+Lustpalaste des Sultans. Jeder seiner Paläste wird „+Kraton+“ genannt
+und ist mit hohen Mauerwällen umgeben, welche die Gärten, Badehäuser,
+alle möglichen Nebengebäude, ja oft einen kleinen Kampon in sich
+schließen. Dieser Palast heißt auch „+Wasserpalast+“ (Tamansari), weil
+er bis an das erste Stockwerk unter Wasser gesetzt werden konnte. Von
+Portugiesischen Baumeistern im Jahre 1754 gebaut, zeichnet er sich
+weniger durch große, schöne Gemächer, als durch feste kasemattirte
+Wölbungen und Gänge aus, die, wie man glauben sollte, Jahrhunderten
+widerstehen können. Dennoch fängt er schon zu verfallen an; er wird
+nicht mehr bewohnt, und ein unbewohntes Gebäude bessert der Malaie
+so wenig wie jeder Orientale aus. An Einrichtung findet sich nichts
+vor, als eine alte hölzerne Bettstelle, die man gewarnt wird, nicht
+zu berühren, da derjenige, der es thäte, alsbald sterben müßte. Dieß
+mag vielleicht wohl nur gesagt werden, um die Europäer auf höfliche
+Weise abzuhalten, ein Bett zu berühren, welches die Eingebornen für
+heilig halten, da der erste der dieses Reich regierenden Sultane darin
+geschlafen hat.
+
+Von dem Tamansari fuhren wir nach +Gédé+, dem Begräbnißplatze der
+Familie des Sultans wie auch der Vornehmsten des Reiches. Dieser
+Ort ist ebenfalls, gleich dem Kraton, mit hohen Mauern umgeben. Die
+Gräber sind mit einfachen Steinplatten bedeckt, an deren beiden Enden
+zwei bis drei Fuß hohe Steine aufrecht stehen. Ueber manche sah ich
+winzig kleine hölzerne Hütten gebaut, vielleicht um die Steine vor dem
+Einflusse der Witterung zu schützen. Die Gräber der Sultane sind in
+einem großen hölzernen Hause; mehrere davon waren mit Betthimmeln und
+weißen Vorhängen geschmückt.
+
+In einem der Nebenhöfe wird in einem Teiche ein sehr merkwürdiges
+Thier, eine große weiße Schildkröte gehalten, welche die Eingebornen
+als heilig verehren. Sie ist so zahm, daß sie, wenn man sie ruft und
+sie Hunger hat, sogleich erscheint, um die Gabe, die man ihr reicht,
+aus der Hand zu nehmen. Dieß Kunststück wurde natürlich auch vor uns
+aufgeführt, damit wir sie zu sehen bekämen. Sie erschien zweimal an der
+Oberfläche des Wassers, ohne jedoch die Speise zu berühren, die man
+ihr dicht vor den Mund hielt. Die Führer und die wenigen Eingebornen,
+die uns begleiteten und die von Frau Parvé gehört hatten, daß ich in
+Stambul und andern ihnen heiligen und interessanten Plätzen gewesen
+war, sahen nach mir und sagten, daß ich eine ganz besondere Person
+sein müsse, da die Schildkröte zweimal erschienen sei, ohne Hunger zu
+haben. Es sei gerade, sagten sie, als wollte sie mich sehen und von mir
+gesehen werden. Ich erzähle dergleichen geringfügige Dinge, weil ich
+glaube, daß sie zur Charakteristik des Volkes gehören.
+
+Die Auszeichnung, welche mir die Schildkröte erwies, wurde sogleich
+in der ganzen Gegend als ein Wunder erzählt. Als ich Nachmittags dem
+Sultan und seiner jungen, neunzehnjährigen, kinderlosen Gemahlin
+vorgestellt wurde, faßte letztere, dieser Begebenheit wegen, ein
+solches Vertrauen zu mir, daß sie mir leise in das Ohr flüsterte.
+„O, bete für mich zu Deinem Gotte, daß er mich segnet und den Baum
+nicht ohne Früchte dahin welken läßt!“ -- Dieß war doch der schönste
+und rührendste Beweis von Zutrauen, der mir als Christin von einer
+Mohamedanerin werden konnte.
+
+Die Schildkröte war bei zwei Fuß lang, Schale und Körper ziemlich weiß,
+erstere nicht horn-, sondern lederartig, die Augen roth. Sie hatte
+mehrere Junge, die alle ebenfalls weiß waren. Durch die besondere
+Verwendung der Frau Parvé erhielt ich eines, das ich sogleich in
+Spiritus verwahrte.
+
+Man hat die Behauptung aufgestellt, daß diese Thiere hier deshalb weiß
+seien, weil der Wasserplatz, in welchem sie leben, nie von der Sonne
+beschienen würde. Es wäre belehrend, einen Versuch mit einer dunklen
+Schildkröte zu machen; ich glaube kaum, daß ihre Nachkommenschaft die
+Farbe wechseln dürfte.
+
+Ein zweiter fürstlicher Begräbnißplatz, auf welchen auch die Susuhunans
+von Surakarta nebst ihren Familien kommen, liegt drei Paal von hier
+entfernt; er heißt +Imo-Giri+. Die Gräber ziehen sich längs eines
+Hügels von einigen hundert Fuß in die Höhe. Die Verwandten der
+fürstlichen Häuser werden je nach dem Grade ihrer Verwandtschaft höher
+oder tiefer auf dem Hügel begraben.
+
+Bei der Rückkehr nach Hause fuhren wir über den großen Platz, auf
+welchem Bazar gehalten wurde, der durch die vielen und schönen
+Kupferarbeiten im ganzen Lande berühmt ist; sie werden in der Umgegend
+verfertigt und hierher zum Verkaufe gebracht.
+
+Nachmittags wurden wir von dem Sultan in seinem Palaste empfangen. Wir
+kamen durch drei Höfe, in welchen baufällige Häuschen, erbärmliche
+hölzerne Hütten, Pferdeställe u. s. w. standen.
+
+Der Palast eines Javanesischen Fürsten oder Sultans besteht aus dem
+Pendopo, Dalem und Probojekso. Der Pendopo ist eine ganz offene Halle,
+über die sich ein hohes Dach wölbt, und zu welcher einige Stufen
+führen. Er ist für die Festlichkeiten bestimmt und nur mit Tischen und
+Stühlen meublirt. Dem Pendopo gegenüber steht der Dalem, ebenfalls eine
+große Halle, die aber, allein von vorne offen, und daher etwas finster
+ist, denn sie hat gewöhnlich keine oder wenige niedrige Fensterchen.
+Der Dalem ist der Aufenthaltsort des Fürsten und zugleich der
+Empfangssaal; er ist mit Kanapes, Stühlen, Spiegeln, Uhren, Gemälden u.
+s. w. meistens überladen. Mehrere Thüren, im Hintergrunde angebracht,
+führen in den Probojekso, den innern Aufenthaltsort des Fürsten, seiner
+Frauen und Familie. Er besteht aus einem kleinen Saale mit vielen
+Kämmerchen und Winkelwerk, alles düster und enge; einige Bettstellen,
+Matten, Polster und Kissen bilden die ganze Einrichtung.
+
+Alle fürstlichen Paläste, die ich auf Java sah, waren von Holz. Sie
+sind nicht im entferntesten mit der Pracht, dem Reichthume, der Kunst
+und dem Aufwande der Bengalischen und Hindostanischen Fürstensitze zu
+vergleichen.
+
+Der Sultan kam uns bis einige Schritte vor dem Dalem entgegen; er
+reichte jedem von uns die Hand, führte uns in den Saal und wies
+uns neben sich Plätze zum Sitzen an. Er zählte 32 Jahre, war von
+mittlerer Größe, etwas beleibt, das Gesicht hübsch. Er hatte eine
+Art Schlafrock an, darüber einen Sarong, beide, so wie das Kopftuch,
+von Seidenstoffen. An Schmuck trug er eine Brosche und einige
+Diamantenringe.
+
+Ich war sehr erstaunt, in dem Dalem lauter weibliche Diener zu sehen;
+zu Dutzenden kauerten sie halb nackt überall umher. Sie hatten nichts
+als einen Sarong an, der kaum die halbe Brust deckte. Daß sich die
+mohamedanischen Fürsten in ihren innersten Gemächern nur von Weibern
+oder Eunuchen bedienen lassen, ist weltbekannt; aber sie auch in
+den Empfangssälen nur von Weibern umgeben zu sehen, kam mir gar zu
+unmännlich vor.
+
+Nachdem sich der Sultan einige Zeit mit uns unterhalten hatte, führte
+er uns in den Probojekso. Er ist so loyal, selbst den Europäischen
+Herren das Betreten des innersten Heiligthumes zu gestatten. Wir
+wurden seiner Gemahlin vorgestellt, einer Frau von 19 Jahren, dem
+schönsten Geschöpfe, das ich bisher unter den Malaien oder Javanesinnen
+gesehen hatte. Ihr Näschen war allerliebst, der Mund ziemlich klein,
+mit glänzend weißen, schön geformten Zähnen, die Augen groß und
+feuersprühend; die etwas breiten, hervorstehenden Backenknochen allein
+erinnerten an die Javanesische Abkunft. Der Sultan verbietet seiner
+Familie das Sirikauen, sowie das Schwärzen und Feilen der Zähne. Außer
+der Sultanin sahen wir noch zwei Töchter des Sultans aus andern Ehen,
+hübsche Mädchen von zwölf bis dreizehn Jahren.
+
+Die Sultanin, wie die beiden Mädchen, waren nach der Sitte des
+Landes in Sarongs und Kabays gekleidet. Sie trugen viele Haarnadeln,
+Ohrgehänge, Ringe u. dgl. mit Diamanten. Die Sultanin sprach nie mit
+ihrem Gemahle, ohne die Augen zu Boden zu schlagen und die Hände wie
+bittend gegen die Stirne zu erheben.
+
+Nachdem wir Thee getrunken hatten, zeigte uns der Sultan seine Waffen
+und Kostbarkeiten; auch die golddurchwirkten Kleider seiner Gemahlin
+bekamen wir zu sehen. Auf seinem Bette lagen vier der schönsten
+Kriese[17], in der Ecke des Bettes am oberen Theil stand die Büste
+des Königs von Holland. Das wird doch ein getreuer Verehrer seines
+Europäischen königlichen Bruders sein!
+
+Die höheren Diener und Beamten dieses, sowie auch anderer
+Javanesischer Fürsten zeichnen sich durch eine eigentümliche
+Kopfbedeckung aus: sie besteht in einer zehn Zoll hohen Kappe von
+Strohgeflecht, Seide oder Goldstoff, je nach dem Range der Person.
+
+Am +30. November+ fuhren wir nach +Solo+, der Hauptstadt von Surakarta
+(40 Paal). Auf dem Wege dahin kommt man den „tausend Tempeln“ nahe
+vorüber, die unweit des Oertchens +Brambanang+ liegen. Sie bilden eine
+ganze Gruppe. In der Zahl ist man nicht übereingekommen; die Einen
+geben 170, die Andern 300 an, auf jeden Fall weit weniger als tausend.
+Die Tempel sind klein, im Style des Mendut. Der Haupttempel soll 67
+Fuß hoch gewesen sein, ist aber schon beinahe zu einem Schutthaufen
+verfallen. Wir kletterten bis an die obere Abtheilung, von welcher wir
+in das Innere sehen konnten. In einer kleinen, gewölbten Halle stand
+noch ein Buddha und hie und da entdeckte man einige Arabesken. Die
+übrigen Tempel sollen nicht höher als 24 Fuß gewesen sein, und in jedem
+soll ein Buddha gestanden haben.
+
+In Solo konnte mich der Resident Herr +Büschkens+ nicht aufnehmen:
+man war gerade beschäftigt, seine etwas baufällige Residenz
+herzustellen. Ich ward in das Haus des Herrn +Göreke+, Missionärs
+und Bibelübersetzers, gebracht, eines überaus gemüthlichen und
+menschenfreundlichen Mannes. Ganz besonders gefiel mir seine Toleranz:
+er war einer jener leider so seltenen Geistlichen, die den Menschen
+mehr nach seinen Handlungen schätzen, als nach dem Glauben, zu welchem
+er sich bekennt.
+
+Die Lage von Solo ist nicht so hübsch, als jene von +Djogokarta+. Die
+Ebene ist zu groß, die Gebirge sind zu fern, den 10,400 Fuß hohen Lawas
+ausgenommen, dessen Formen man ziemlich deutlich sieht.
+
+Ich fand in den freien Fürstenthümern Grund und Boden durchgehend gut
+kultivirt. Dieß mag wohl daher kommen, daß die Fürsten ihre Ländereien
+verpachten und die Pächter fleißig arbeiten müssen, um den hohen Pacht
+heraus zu bringen. Man baut in beiden Fürstenthümern ziemlich viel
+Indigo. Die Hütten der Eingebornen, so wie ihre Kleidung, fand ich
+nicht schlechter und ärmlicher als im übrigen Java. Es gibt unter den
+Reisenden viele, die in den Holländischen Besitzungen alles besser
+bebaut und kultivirt finden wollen. Ich kann indeß nur so schildern,
+wie mir die Sache erscheint, und bemühe mich stets, mein Urtheil so
+viel als möglich vor Partheilichkeiten zu bewahren. Wege und Brücken
+sind gleichfalls gut unterhalten. Hierzu werden die freien Fürsten
+freilich von der Holländischen Regierung verhalten, die in den beiden
+Städten Solo und Djogokarta bedeutende Forts hat.
+
+Man macht einen Unterschied zwischen den Malaien und Javanesen.
+Letztere leben mehr in dem Inneren von Java und den beiden freien
+Fürstenthümern. Man behauptet von ihnen, daß sie schöner und von
+besserem Charakter als die Malaien und einer größeren Anhänglichkeit
+fähig seien. Ich hatte zufällig Gelegenheit, das Volk in großer Menge
+zu sehen, da während meiner Anwesenheit in Djogokarta Bazar gehalten
+wurde und hier in +Solo+ zwei Feierlichkeiten stattfanden. Ich muß
+jedoch aufrichtig gestehen, daß mir das Volk eben so häßlich vorkam,
+als auf Batavia. Man rühmt ihre kleinen Hände und Füße. Es ist wahr,
+der Malaie wie der Javanese haben kleine Hände und Füße; aber in der
+Kleinheit allein besteht nicht die Schönheit. Die Hände sind so mager,
+daß jeder Knöchel hervorsteht, die Fingerspitzen ein wenig aufwärts
+gebogen. Finger, Hände und Arme können sie so verdrehen, daß es häßlich
+anzusehen ist. Diese Schlappheit in den Gliedern und Muskeln ist auch
+den Europäern eigen, die in diesen Ländern geboren und erzogen werden.
+Die Füße sind nicht minder häßlich, sehr platt und die Fußzehen stehen
+weit aus einander.
+
+Unter den Hochgebornen so wie unter der Dienerschaft in den Harems
+der Fürsten sieht man wohl mitunter hübsche Leute, schöne Kinder; das
+darf aber nicht als Maßstab angenommen werden. Alles was schön ist,
+Männer wie Weiber, sucht man in die Fürstenhäuser zu bringen. Will
+ein Javanese seine Tochter vor dem Harem schützen, so muß er sie sehr
+jung verheirathen oder eine öffentliche Tänzerin aus ihr machen; als
+solche ist sie für jeden Mann, den sie nicht selbst begünstigt, ein
+Heiligthum. Dieser sonderbare Gebrauch geht so weit, daß, wenn eine
+Frau sich von ihrem Manne gegen dessen Willen scheiden will, sie nur
+eine öffentliche Tänzerin zu werden braucht. Dann hat der Mann keine
+Ansprüche mehr auf sie. Gewöhnlich schätzen es sich jedoch die Eltern
+zur Ehre, wenn ihre Töchter in den Harem eines Sultans aufgenommen
+werden.
+
+In keinem Lande sah ich so viel Blinde und Lahme als in Surakarta; auch
+an Lepre-Kranken soll es nicht fehlen, für welche unfern von Solo ein
+eigenes Hospital errichtet ist.
+
+Man erzählt hinsichtlich dieser Gebrechen eine sehr grausame Sage von
+einem der letztregierenden Susuhunans: Eine Europäische Dame machte
+eine Reise durch Surakarta. Zu Solo wurde sie dem Fürsten vorgestellt,
+der sie fragte, wie ihr das Land gefallen habe. Sie erwiederte: „sehr
+wohl, bis auf die vielen Blinden, Lahmen und Lepre-Kranken, welchen
+man überall begegnet.“ „Dieser Anblick,“ rief der Susuhunan aus,
+„soll in Zukunft niemanden mehr stören.“ Er ließ die Unglücklichen
+zusammenrufen, sie auf Boote laden, in die Mitte des Flusses führen,
+die Böden der Boote, die besonders dazu eingerichtet waren, wurden
+geöffnet, und alle die Armen ertränkt.
+
+Der jetzt regierende Susuhunan, Paku der Siebente, hat den allgemeinen
+Ruf eines höchst edlen und gerechten Fürsten; er soll, gleich Titus,
+jeden Tag für verloren halten, an welchem er nicht etwas Gutes ausgeübt
+hat.
+
+Unter seinen Vasallen zeichnet sich der Fürst Mangku-Negoro besonders
+aus, welcher der Unabhängige genannt wird, weil er doch einige
+Freiheit genießt; er darf z.B. seinen Palast verlassen, ohne erst bei
+dem Residenten um Erlaubniß anzufragen. Er hält 800 Mann Fußvolk und
+400 Mann zu Pferde -- eine größere Anzahl als der Susuhunan selbst.
+Ferner ist er Oberst in Holländischem Dienste und Ehren-Adjutant des
+Gouverneur-Generals. Er bekommt den Gehalt eines Obersten nebst einer
+bedeutenden Zulage für die Unterhaltung seiner Truppen, muß aber
+dagegen auch jeden Augenblick zum Ausrücken bereit sein.
+
+Alle diese Auszeichnungen wurden ihm als Belohnung für seine Treue
+verliehen, die er den Holländern in dem letzten Kriege bewiesen hatte.
+Er hielt sich nämlich auf ihrer Seite und war ihnen mit seinen
+wohleingeübten Truppen von großem Nutzen. Inländische, gut eingeschulte
+Truppen sind den Europäischen weit vorzuziehen. Das Klima ist ihnen
+nicht schädlich, sie begnügen sich mit wenig und höchst einfacher
+Nahrung und ertragen die Märsche und Mühen ohne großen Nachtheil.
+
+Unsere erste Bitte an den Residenten war, dem Susuhunan, so wie einigen
+der vornehmsten Prinzen vorgestellt zu werden. Wir erhielten auch die
+Zusage einer Audienz für den folgenden Tag; sie fand aber leider nicht
+statt, da kaum eine Stunde, bevor wir kommen sollten, die einzige
+Schwester des Fürsten starb, die er, wie man sagte, überaus liebte.
+
+In den wenigen Tagen, die wir zu Solo zubrachten, waren wir so
+glücklich, zwei Feierlichkeiten zu sehen. Die erste bestand in der
+Ueberreichung eines Briefes, den der Sultan von Djogokarta an den
+Susuhunan von Surakarta geschrieben hatte. Nachdem sich der Resident
+zuerst mit dem Inhalte bekannt gemacht, wurde der Brief in schöne
+Seidenzeuge gewickelt, auf einen silbernen Teller gelegt und von
+dem ersten Adjutanten des Susuhunans in einem sechsspännigen Wagen
+abgeholt; in einem zweiten Wagen folgte der Resident. Dreizehn
+Kanonenschüsse begleiteten diese Ceremonie.
+
+Die zweite Feierlichkeit war die Fortschaffung der verstorbenen
+Schwester des Susuhunans nach dem Begräbnißplatze Imo-Giri. Die Farbe
+der Trauer ist hier, wie bei den Chinesen, weiß. Alles was zu dem Zuge
+gehörte, Wagen, Pferde u. s. w. war mit weißem Kattun überhangen.
+Jedermann, der ihn begleitete, mit einem weißen Kopftuche, Sarong,
+Schürze oder sonst einem Lappen weißen Zeuges angethan.
+
+Den Zug eröffneten Träger, die mit Balken, Brettern, Stangen u. dgl.
+beladen waren. Diese Gegenstände gehörten zur Errichtung eines Daches
+über dem Sarg der Verstorbenen auf den Stationen der Reise. Hierauf kam
+berittenes Militär[18] mit weißen Binden und Schürzen. Diesem folgte
+des Susuhunans leerer Staatswagen, das Leibpferd der Verstorbenen, der
+Betthimmel für den Sarg und endlich der Sarg selbst, der mit einer
+weißen, golddurchwirkten Atlasdecke überhangen war. Der Sarg wurde
+bis an die äußerste Pforte des Kraton von den kaiserlichen Prinzen
+getragen; hier übernahmen ihn die Minister und so abwärts bis zu den
+Dienern. Viele Lanzenträger, deren Lanzen mit weißem Kammertuche
+umwickelt waren, umgaben den Sarg; große Schirme wurden über ihn,
+so wie über die Köpfe der Prinzen gehalten, und von den Knöpfen der
+Schirme flatterten weiße Tücher. Hinter dem Sarge kam ein großer
+viereckiger Kasten, welcher die Speisen enthielt, die Abends, der
+Sitte gemäß, auf den Sarg der Verstorbenen gesetzt werden. Den Schluß
+des Zuges machte ein großer Haufen Volkes. Der Gemahl, die Kinder der
+Verstorbenen, so wie ihre Verwandten, den Susuhunan ausgenommen, waren
+bis zur ersten Nachtstation vorausgefahren. Wie man mir sagte, brauchte
+der Zug drei Tage, um nach Imo-Giri zu gelangen. (40 Paal.)
+
+Es war allerdings interessant, diesen Trauerzug gesehen zu haben;
+allein eben so gern hätte ich den guten, ehrwürdigen Susuhunan kennen
+gelernt, woran nicht mehr zu denken war, da wir schon am folgenden
+Morgen abreisen sollten. Zu meiner größten Ueberraschung brachte mir
+Herr Göreke die Nachricht, daß uns der Fürst diesen Abend ausnahmsweise
+empfangen wolle. Diese Gunst verdankten wir einzig und allein dem
+guten Missionär, den der Susuhunan hoch schätzt, und dessen Bitte ihm
+hinlänglich war, unsern Wunsch zu erfüllen.
+
+Bevor wir zu dem Susuhunan fuhren, statteten wir noch zwei Besuche bei
+andern Prinzen ab.
+
+Der erste galt dem Fürsten Mangku-Negoro, dessen ich schon erwähnt
+habe. Ich war im höchsten Grade über den edlen, feinen Anstand
+erstaunt, mit welchem sich dieser Prinz zu benehmen wußte; er stand
+hierin dem gebildetsten Europäer nicht nach. Seine Gesichtszüge
+drückten Verstand, Scharfblick und Güte aus. Er nahm großes Interesse
+an meinen Reisen und machte Fragen und Bemerkungen, die von vielen
+Kenntnissen zeigten. In seiner Orientalischen Artigkeit verglich er
+mich mit einer leichten, schwebenden Wolke.
+
+Der zweite Besuch galt dem Fürsten Ngabchi, einem natürlichen
+Bruder des Susuhunans, den man, da letzterer keinen Sohn hat, den
+„wahrnehmenden Kronprinzen“ nennt. Diesen Fürsten trafen wir nicht zu
+Hause, da er von dem Leichenzuge noch nicht zurückgekommen war.
+
+Um halb acht Uhr war unsere Stunde, bei Hofe zu erscheinen. Die
+Etikette ist hier ungleich größer als zu Djogokarta; die Herren Schmitz
+und Göreke hielten die Uhren stets in der Hand, um nicht eine Minute zu
+früh oder zu spät zu kommen.
+
+An dem Eingange des innersten Hofes kamen uns zwei Hofdamen entgegen,
+uns meldend, daß der Susuhunan bereit sei, uns zu empfangen. Im Dalem
+kam er uns selbst zwei Schritte von seinem Lehnstuhl entgegen,
+reichte uns die Hand und wies uns Plätze zum Sitzen an. Der Dalem
+wie der Pendopo waren schön erleuchtet; Europäische Militär-Musik,
+von den Eingebornen ziemlich gut aufgeführt, erschallte bei unserem
+Eintritte und ward während unserer Anwesenheit öfter wiederholt. Einige
+Schritte im Hintergrunde zur Linken des Fürsten saßen drei Hofdamen,
+gleich den übrigen Dienerinnen bloß in einen Sarong gekleidet, welche
+die Insignien des Reiches hielten, ein Schwert, einen Schild und ein
+Scepter. Sie standen so steif und unbeweglich wie Statuen. Unter den
+vielen Weibern, die überall umher kauerten, befanden sich auch zwei
+Neffen des Susuhunan, Jünglinge von 14 bis 15 Jahren. Ich hielt sie für
+recht hübsche Mädchen, denn sie trugen wie diese einen einfachen Sarong
+und hatten die Haare zurückgekämmt, in einen Knoten geschlungen und mit
+einem Kamme befestiget.
+
+Wir hatten kaum Platz genommen, so kam ein Weib (vermuthlich auch
+eine Hofdame) auf den Knieen hergerutscht und recitirte eine lange,
+ununterbrochene Rede, die ich für ein Gebet hielt; spätem erfuhr ich,
+daß es ein Bericht über den Leichenzug war, der ungefähr lautete „daß
+die Prinzessin bis an den und den Ort gegangen sei, daselbst unter dem
+Schatten eines Baldachinen so und so lange ausgeruht und hierauf die
+Reise wieder an den und den Ort fortgesetzt habe, wo sie die Nacht
+zubringen werde.“ Von einer so vornehmen Person wird nämlich, so lange
+sie nicht begraben ist, ebenso gesprochen, als ob sie noch am Leben
+wäre; auch für ihre leiblichen Bedürfnisse und Bequemlichkeiten wird
+mit derselben Aufmerksamkeit gesorgt.
+
+Alles, was sich dem Susuhunan nahte, seine Neffen nicht ausgenommen,
+rutschte auf den Knieen. Die Leute standen vermuthlich erst auf, wenn
+sie aus seinem Gesichtskreise kamen, denn ich blickte ihnen nach, so
+weit als ich konnte, und sah sie nicht aufstehen.
+
+Die Züge des Fürsten sprachen vollkommen aus, was man mir von ihm
+gesagt hatte: ich sah nicht bald ein ehrwürdigeres, gutmüthigeres
+Gesicht als das seine. Nur wunderte es mich, keinen Kummer an
+ihn wahrzunehmen über den schweren Verlust, der ihn so kürzlich
+betroffen. Er hörte den Bericht über den Leichenzug seiner Schwester
+mit derselben Ruhe an, als hätte man ihm eine ganz gleichgiltige
+Sache verkündet. Nachdem er sich eine Weile mit uns unterhalten und
+uns mit Thee bewirthet hatte, der zu meiner Verwunderung nicht von
+Dienerinnen, sondern von Dienern servirt wurde, bot er Frau Schmitz
+und mir an, seiner Gemahlin einen Besuch zu machen. Wir fanden in
+ihr eine noch junge Frau von vielleicht 25 Jahren; sie saß in einer
+wenig erleuchteten Kammer auf einem Stuhle, ihr zur Seite eine
+achtzehnjährige Stieftochter auf der Erde. Beide waren minder hübsch
+als die fürstlichen Frauen zu Djogokarta, doch für Javanesinnen schön
+genug. Die Kämmerchen in dem Probojekso fand ich sehr klein, dürftig
+eingerichtet und erleuchtet. Nach einer halben Stunde kehrten wir in
+den Dalem zurück.
+
+Beim Abschiede hielt der Susuhunan eine sehr lange Rede an mich,
+während welcher er mich bei der Hand nahm; am Ende derselben zog er
+einen Ring von seinem Finger und steckte ihn mir an. Herr Göreke saß
+leider zu weit entfernt, um etwas von dieser Rede zu hören; sie ging
+daher für mich verloren, da der Susuhunan Hoch-Malaisch sprach, das ich
+nicht verstand. Der Besuch währte über zwei Stunden.
+
+Die Tracht des Susuhunans, seiner Frau und Tochter war sehr einfach,
+ungefähr wie die an dem Hofe zu Djogokarta; der Susuhunan trug zwei
+reich mit Brillanten besetzte Orden.
+
+Am +3. December+ fuhren wir den kürzeren Weg über Salatiga nach
+Samarang zurück (66 Paal), wo ich in dem Hause meiner liebenswürdigen
+Begleiter noch eine Nacht zubrachte. Am folgenden Tage, um ein Uhr
+Nachmittag, saß ich schon wieder auf dem Dampfer, um nach +Surabaya+ zu
+gehen (180 M.).
+
+Am Bord des Dampfers „Ambon“ wurde ich vom Kapitän Bergner als alte
+Bekannte herzlichst begrüßt. Ich war mit ihm von Batavia nach Sumatra
+gefahren, und er hatte kurz darauf den „Makassar“ mit dem „Ambon“
+vertauscht. Es ist immer eine große Freude, auf einer Reise Bekannte
+zu finden, und eine um so größere, wenn es so gute, gefällige Menschen
+sind, wie Herr Bergner.
+
+Von der Reise ist nicht viel zu sagen; wir hielten uns der Küste
+Java’s fortwährend nahe, die abwechselnd eben und bergig ist. Vier
+Hügel, die näher an Surabaya als an Samarang liegen, werden ihrer Form
+wegen die vier Särge genannt; sie stehen von einander abgesondert,
+mitten in einer Ebene. Zwölf Meilen von Surabaya sieht man, an eine
+freundliche Hügelkette gelehnt, das Städtchen +Grisée+; hier gehen die
+nicht-europäischen Schiffe gewöhnlich vor Anker.
+
+Am +6. December+ Morgens warfen wir Anker auf der Rhede von Surabaya.
+
+Alle Ankerplätze Java’s, die ich gesehen, Batavia, Surabaya und
+Samarang, liegen drei bis vier Paal von den Städten entfernt; man muß
+nach letzteren in Kähnen die Flüsse stromaufwärts fahren; in Surabaya
+kann man von der Mündung des Flusses bis zur Stadt auch zu Wagen
+fahren.
+
+Herr Resident von +Perez+ war so gütig, mich aufzunehmen. Dieser
+überaus gefällige Herr wußte von meinem Kommen; er hatte jedoch gehört,
+daß ich zu Grisée vor Anker gehen würde und sandte mir sogar bis
+dorthin einen Wagen entgegen.
+
+Die Residenz, ein prächtiges Gebäude, leider mit einem ganz kleinen
+Garten, liegt drei Paal von der Stadt. Eine herrliche Wiese breitet
+sich davor aus, an deren Ende ein großes, wohlerhaltenes Steinbild
+eines Hindu-Götzen steht, welches von den Malaien noch sehr verehrt
+wird.
+
+Ich blieb bis +14. December+ in Surabaya, ohne das Geringste zu sehen.
+Die Regenzeit war eingetreten, und durch sie wurden alle meine Projekte
+vereitelt. Es blieb mir nichts anderes übrig, als die Reise nach
+Celebes und den Molukken fortzusetzen und mich mit der Hoffnung zu
+trösten, bei der Wiederkehr glücklicher zu sein.
+
+
+ [11] Die mir ertheilten Freikarten lauteten:
+
+ ~De onder geteekende verleent by deze vrye passage als passagier
+ der eerste klasse, aan Mevrouw Ida Pfeiffer vor eene reis von
+ Sourabaya over den Mollukschen Archipel met eene der Stoomschepe
+ zyner onderneming. Batavia 9. November 1852.~
+
+ ~+W. Cores de Vries.+~
+
+ * * * * *
+
+ ~The bearer of these lines Madame Pfeiffer has free passage as
+ cabin passenger on board of any of the boats of this company.
+ Batavia 9. November 1852.~
+
+ ~+Maclain Watson+ & Co., Directors of the N. I. Steamboat
+ Company.~
+
+ ~The agents of the company at Samarang and Sourabaya are
+ requested to offer Madame Pfeiffer all the assistance in their
+ power in the persecution of her travels.~
+
+ [12] Die Gebäude, in welchen die Gouverneure und Residenten wohnen,
+ gehören alle der Regierung; der Resident von Batavia allein muß
+ eine Wohnung miethen.
+
+ [13] Hätte man nicht schnell und leicht einen zuverlässigen Beamten
+ abschicken können, um sich von dem wahren Bestande zu
+ unterrichten? Freilich handelte es sich bloß um Menschenleben
+ und nicht um Frohndienste oder Rückstände von Steuern.
+
+ [14] Ich führe dies natürlich nur auf Grundlage der Aussagen
+ vollkommen zuverlässiger Männer, deren Wort über jeden Zweifel
+ erhaben ist, hier an.
+
+ [15] Auf der höchsten Spitze des Tempels ersuchte ich Herrn Wilson,
+ seinen Namen in mein Album zu zeichnen.
+
+ [16] Susuhunan ist ein höherer Titel als „Sultan.“
+
+ [17] Kries, ein schlangenförmiges Messer in einer Scheide von 10 bis
+ 15 Zoll Länge, die gewöhnliche Waffe der Malaien und Javanesen.
+
+ [18] Das Militär der freien Fürsten trägt Holländische Uniform, die
+ Offiziere haben Schuhe, die Soldaten nicht. Letztere tragen
+ unter dem Helme das landesübliche Kopftuch, manche schlingen das
+ Haar rückwärts in einen großen Knoten zusammen.
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel.
+
+ Makassar. -- Banda. -- Erdbeben. -- Die Muskatnuß-Pflanzungen.
+ -- Ambon. -- Ausflug nach der Negeri Emma. -- Saparua. -- Ceram.
+ -- Fußreise durch das Innere Cerams. -- Ankunft zu Wahai. -- Die
+ Alforen. -- Rückreise nach Ambon. -- Ternate. -- Besuch bei dem
+ Sultan.
+
+
+Am +14. December+ schiffte ich mich auf dem Dampfer „Banda“ nach
++Makassar+ ein (440 Seemeilen), der Hauptniederlassung der Holländer
+auf Celebes.
+
+Von Surabaya bis an die Küste von Celebes sah ich wenig. Das Schiff
+war sehr klein, die See höchst stürmisch, und obwohl ich viele Jahre
+gereist, Tausende von Meilen auf Segel- und Dampfschiffen gemacht, ohne
+dem Meere meinen Tribut zu bezahlen, ward ich nichts desto weniger so
+seekrank, wie es nur immer ein Neuling werden kann.
+
+Erst am +17. December+ am frühen Morgen kam ich auf das Deck, um die
+Küste von Celebes zu begrüßen, eine einförmige Ebene, im Hintergrunde
+von niedrigen Bergen begrenzt.
+
+Makassar (Udjang-Pandang), der Sitz des Holländischen Gouverneurs
+auf Celebes, ist ein kleines, dem Ansehen nach beinahe Europäisches
+Städtchen mit einem Fort. Die Europäer wohnen in erbärmlichen
+Steinhäuschen nahe beisammen, längs des schönen Wiesenplatzes
++Hendrikspad+. Auch das Haus des Gouverneurs ist klein und unbedeutend.
+
+Domine +Mathes+ (der protestantische Geistliche) nahm mich
+gastfreundlich auf.
+
+Ich war hier ebenfalls so unglücklich, gerade zum Beginn der Regenzeit
+einzutreffen, und konnte nichts als den Bazar besuchen, auf welchem ich
+eine ziemliche Menge Volkes sah. Ich fand die Eingebornen, Makassaren
+und Buginesen, obwohl auch zur Malaischen Race gehörig, minder häßlich
+als die Javanesen, groß und kräftig gebaut, das Gesicht etwas besser
+geformt, die Hautfarbe lichter.
+
+Da wenig Tage später der Dampfer „Ambon“ von hier nach +Banda+, einer
+der Molukken ging, und während der Regenzeit an Ausflüge in das Innere
+von Celebes nicht zu denken war, entschloß ich mich, diese Gelegenheit
+zu benützen und meine Reise fortsetzen, mich wie zu Surabaya der
+Hoffnung hingebend, auf der Rückfahrt günstigeres Wetter zu finden.
+
+Am +21. December+ war ich schon wieder an Bord bei meinem guten
+Kapitän Herrn Bergner. Wir machten die Reise nach der Insel Banda (690
+Meilen) in 3½ Tagen. Außer einigen kleinen gebirgigen Eilanden kam uns
+nichts zu Gesicht.
+
+Am +24. December+ tauchte der +Gunong-Api+ vor uns auf, der höchste
+Berg Bandas (1800 F.), dessen nordwestlicher Seite beständig
+Rauchsäulen entsteigen. Abends um neun Uhr liefen wir bei herrlichen
+Mondschein in die Bai ein, die auf der einen Seite von dem Feuerberge,
+auf der andern von einer freundlichen Hügelkette begrenzt wird, welch
+letztere ganz mit Muskatbäumen bepflanzt ist. Das kleine Städtchen
+Banda liegt so gefährlich an dem Abhange des Gunong-Api, daß ein
+Ausbruch es unausbleiblich zertrümmern würde; sonderbarer Weise raucht
+der Berg beständig, ohne daß je ein Ausbruch stattgefunden hätte. Ist
+aber wohl diesem Frieden immer zu trauen?
+
+Da wir so spät angekommen waren, ging der Kapitän allein mit dem
+Postpackete an’s Land. Wir Reisende verweilten auf dem Decke und
+sprachen viel von der Freude, die in den Kreisen unserer Lieben
+diesen Abend (Christabend) herrschen werde, von den fröhlichen
+Spielen der über die Geschenke so freudig überraschten Kinder. Da kam
+ganz unerwartet ein Araber an Bord. Erstaunt über den späten Besuch
+umringten wir ihn, um zu hören was die Ursache hievon sei. Ach, wie
+ward so plötzlich unsere heitere Stimmung in Wehmuth und Schrecken
+verwandelt! Der Araber erzählte uns, daß am 26. November Morgens acht
+Uhr ein fürchterliches Erdbeben auf dieser Insel stattfand, in Folge
+dessen mehrere Häuser zusammenstürzten und alle dermaßen beschädigt
+wurden, daß niemand mehr darin wohnen könne. Glücklicherweise
+ereignete sich dies bei Tage, wo jedermann gleich fliehen konnte,
+und es ging daher wenigstens kein Menschenleben verloren; aber alle
+gebrechlichen Güter, Spiegel, Lampen, Gläser, Geschirre, die in
+Flaschen gefüllten Getränke u. s. w. gingen zu Grunde. Noch war man
+unter dem Eindrucke dieser furchtbaren Scene, als um halb neun Uhr
+die Erde ein zweitesmal erbebte, das Wasser in der Bay zurück wich
+und dann mit unwiderstehlicher Gewalt an die Küste stürzte, sie 24
+Fuß hoch übersteigend. Zweimal sah man den Boden der See blos gelegt;
+alle kleinen Boote und Barken wurden an die Küste geschleudert, wo sie
+als Trümmer liegen blieben. Bei dieser Gelegenheit ertranken mehr als
+achtzig Menschen. Ein großes Schiff, das in der Bay vor Anker lag,
+gerieth zweimal auf den Grund und wurde nur durch die Geistesgegenwart
+des Kapitäns gerettet, der das Ankertau sogleich nachließ; allein
+vor einem bedeutenden Leck konnte er es doch nicht bewahren. Es lag
+noch zur Ausbesserung in der Bucht. Dieses zweite Erdbeben zerstörte
+ebenfalls viele Gebäude und vernichtete Tausende von Muskatbäumen, die
+durch das sie überfluthende Salzwasser abstarben.
+
+Die Erzählung des Arabers war schrecklich. Leider wurde sie Wort
+für Wort von dem Kapitän bestätigt, als er zurückkam. Auf einige
+der Reisenden machte sie einen so großen Eindruck, daß sie Morgens
+gestanden, die ganze Nacht nicht geschlafen zu haben; sie fürchteten
+ein wiederholtes Erd- oder Seebeben.
+
+Morgens gingen wir an’s Land und konnten uns persönlich von den
+stattgehabten Verwüstungen überzeugen. Mehrere Häuser lagen in Schutt,
+alle waren mehr oder minder beschädigt, die Einrichtungen zum Theile
+zertrümmert, zum Theile vor den Häusern unter freiem Himmel in Haufen
+aufgeschichtet; die Leute wohnten daneben in kleinen Bambushütten, die
+sie eilig aufrichten ließen. Die Kasernen und Wohnungen der Officiere
+allein, einige hundert Schritte von dem Städtchen entfernt gelegen
+und von Holz gebaut, blieben beinahe unbeschädigt. Sonderbar, daß auf
+dieser Insel, wo starke Erdbeben nicht selten vorkommen, alle Häuser
+von Stein gebaut sind[19].
+
+Der Resident konnte mich nicht aufnehmen, da auch sein Haus zu
+sehr beschädigt war; ein Deutscher, der Militärarzt Herr +Krause+,
+beherbergte mich in seinem hölzernen Häuschen.
+
+Ich machte denselben Tag noch einen Spaziergang um den Feuerberg
+„Gunong-Api.“ Ich wollte ihn selbst besteigen; allein Dr. Krause, der
+schon mehrmals oben war, um zu botanisiren, widerrieth es mir, indem er
+mir versicherte, daß es nicht der Mühe lohne: der Berg ende in einer
+geschlossenen Kegelform und habe an den Seiten einige Spalten, aus
+welchen starker Schwefeldampf aufwirble.
+
+Am folgenden Tage besuchte ich die große Muskatpflanzung des Herrn
++Meyer+, welche 15,000 Muskatbäume zählt. Die Muskatpflanzungen
+werden „Perken,“ die Besitzer „Perkenier“ genannt. Eine solche
+Pflanzung gleicht vollkommen einem Walde. Die Bäume sind vierzig bis
+fünfzig Fuß hoch, umfangreich und nicht in Reihen gepflanzt. Große
+Nanarinenbäume[20] schützen die Muskatbäume, die keine tiefen Wurzeln
+schlagen, vor den starken, häufig wehenden Winden.
+
+Die Insel Banda ist das eigentliche Vaterland des Muskatbaumes. Dieser
+Baum bedarf hier gar keiner Pflege und wird bei weitem stärker und
+höher als auf Singapore. Er fängt mitunter im zwölften, gewöhnlich aber
+erst im fünfzehnten Jahre an Früchte zu tragen und erreicht ein Alter
+von 80 Jahren. Das Jahr vor seinem Absterben soll er außergewöhnlich
+viel tragen. Man rechnet durchschnittlich auf jeden Baum im Jahre 2500
+Nüsse. Es giebt auch einige, die bis 4000 liefern. Die Ernte währt das
+ganze Jahr hindurch. Man geht jeden Morgen in die Perken, pflückt die
+reifen Nüsse, löst die Blüthe, von der sie ganz umsponnen sind, ab und
+läßt Nuß und Blüthe an der Sonne trocknen. Die Nüsse, welche von selbst
+abfallen, sind nicht halb so viel werth als die gepflückten. Ungefähr
+hundert Nüsse sammt den Blüthen gehen auf ein Pfund; fünf Pfund Nüsse
+geben ein Pfund Blüthe. Der Perkenier erhält von der Regierung für ein
+Pfund Blüthe und vier Pfund Nüsse einen Kupfergulden.
+
+Die Muskatnuß ist auf Banda und den dazu gehörenden kleinen Eilanden
+Monopol. Der Eigenthümer kann die Perken verpachten oder verkaufen;
+allein er darf keinen Baum ohne Bewilligung des Regierungsaufsehers
+umhauen. Letzterer besucht jedes Jahr die Perken, bezeichnet die Bäume,
+welche auszurotten sind und bestimmt die Zahl der neu zu pflanzenden.
+Um die Leute zu den Muskatpflanzungen anzuregen, gibt die Regierung das
+Land umsonst und unterstützt die Pflanzer mit billigen Arbeitern, die
+aus den Verbrechern bestehen, welche von Java und anderen Orten hieher
+verbannt und per Monat vermiethet werden.
+
+Am +27. December+ segelte der Dampfer wieder ab. Da es auf dieser
+kleinen Insel wenig zu sehen gab und ich, wollte ich das Schiff nicht
+benutzen, einen Monat auf ein anderes hätte warten müssen, so besann
+ich mich nicht lange und begab mich an Bord.
+
+Wir verließen Nachmittags Banda, um nach der ebenfalls kleinen Insel
++Ambon+ (144 M.) zu segeln. Das Wetter war herrlich, so daß wir schon
+am 28. December Morgens vor Ambon lagen.
+
+Die Bucht von Ambon ist sechzehn Meilen lang, an der Einfahrt sechs,
+bei Ambon, das ungefähr in der Mitte liegt, eine Meile breit. Die ganze
+Bucht ist von niedrigen Hügelketten und Gebirgen umgeben, die höchsten
+Punkte, der +Sytham+ und der +Sirymohu+ werden auf 3000 und 4000 Fuß
+geschätzt. Die Hügelketten zeichnen sich durch reiche Vegetation aus;
+Wälder wechseln mit Wiesenplätzen und Gewürzpflanzungen; die schöne
+gefiederte Sago-Palme drängt sich überall hervor; die schlankstämmige
+Areka-Palme, die Kokospalme überragen die umfangreichen Blätterbäume.
+
+Ich hörte behaupten, daß die Einfahrt von Banda, besonders aber die von
+Ambon an Schönheit mit jener von +Rio de Janeiro+ wetteifern könne.
+Die Einfahrt von Banda ist reizend, die von Ambon wohl noch etwas
+reizender, aber eine wie die andere sind in keiner Beziehung mit der
+großartigen, einzig schönen Einfahrt von Rio de Janeiro zu vergleichen.
+Eher könnte man eine Aehnlichkeit mit jener von +Santos+ (400 Meilen
+von Rio de Janeiro) aufstellen.
+
+Das Städtchen Ambon, Sitz des Gouverneurs der Molukken, zählt nur
+1500 Einwohner und sieht mehr wie ein Dorf aus. Es ist von dem Fort
++Viktoria+ beschützt. Die Residenz des Gouverneurs, einen Paal von dem
+Städtchen entfernt, zu +Batugadja+ gelegen, besteht aus einem ganz
+unbedeutenden kleinen Bambus-Hause. Der Gouverneur, Herr +Vischer+,
+konnte mich gar nicht aufnehmen, da das einzige Fremden-Kämmerchen
+schon besetzt war; ich kam zu Herrn +Roskolt+, dem Direktor des
+Institutes zur Bildung der Volksschullehrer.
+
+Herr Roskolt wurde im Jahre 1835 von der Holländischen Regierung nach
+Ambon gesandt, um dieses Institut zu errichten, welches zur Aufnahme
+von zwölf eingebornen Jünglingen bestimmt war, die hier Unterricht,
+Kleidung, Kost u. s. w. erhalten sollten. Die zu dem Zwecke angewiesene
+Summe wurde in die Hände des Herrn Roskolt gegeben, und zwar ohne
+daß die Regierung eine Verrechnung verlangte. Schon am Ende des
+ersten Jahres fand Herr Roskolt, daß die Summe für achtzehn Jünglinge
+ausreichen würde, und stellte das Ersuchen, sechs Zöglinge mehr
+aufnehmen zu dürfen. Nebst diesen bestimmten Zöglingen erlaubt Herr
+Roskolt auch noch zehn bis fünfzehn jungen Leuten an dem Unterrichte
+Theil zu nehmen, aus welchen er dann immer die fähigsten zur gänzlichen
+Aufnahme wählt. Der Unterricht besteht in richtiger Kenntniß und
+Schreibung der Malaischen Sprache, in Religion, Arithmetik, Geographie
+und im Gesange der Psalmen.
+
+Die Eingebornen auf Ambon und den nahen Inselchen sind Christen;
+zu den Zeiten der Portugiesen waren sie Katholiken, jetzt sind sie
+Protestanten. In jedem größeren Dorfe (hier Negeri genannt) ist ein
+Schullehrer angestellt, der zugleich die Stelle des Priesters vertritt
+und in dem Gotteshause die Gebete und Gesänge abhält. Es gibt mitunter
+so große Dörfer, daß ein Schullehrer bis 250 Kinder unter sich hat.
+Ich besuchte auf meinen Ausflügen auf Ambon, Saparua und Ceram mehrere
+Dorfschulen, deren Schullehrer Zöglinge des Herrn Roskolt waren. Die
+Kinder schrieben recht hübsch, rechneten richtig, sangen die Psalmen
+ganz gut u. s. w. Unwillkürlich stieg der Wunsch in mir auf, daß alle
+Europäischen Dorfkinder so gut unterrichtet sein möchten, als es diese
+Malaische Jugend war. Herr Roskolt hat sich nicht erfolglos bemüht;
+seine Arbeiten tragen jetzt schon gute Früchte.
+
+So wie Banda das Vaterland des Muskat-Baumes, so ist Ambon das des
+Gewürznelken-Baumes. Die Pflanzung desselben ist daher auch ein
+Hauptaugenmerk der Regierung und zugleich Monopol. Jedes Familienhaupt
+muß, je nach der Güte des Bodens, dreißig bis achtzig Bäume pflanzen
+und vollzählig unterhalten.
+
+In frühern Zeiten wurde der Muskatbaum ausschließend auf Banda und den
+dazu gehörigen kleinen Inseln, der Gewürznelken-Baum ausschließend auf
+Ambon und Saparua gepflanzt; auf den übrigen Molukken wurden beide
+Bäume ausgerottet. Jetzt können sie auf allen Inseln gepflanzt werden
+und sind nur auf den obgenannten Monopol.
+
+Der Gewürznelken-Baum beginnt im zwölften bis fünfzehnten Jahre
+zu tragen und stirbt erst mit hundert Jahren. Er liefert ein bis
+zwanzig Pfund. Die Ernte hat nur einmal im Jahre statt, von November
+bis Januar. Die Nelken werden im Schatten getrocknet. Der Pflanzer
+erhält seit kurzem dreißig Deut per Pfund, während er früher sich
+mit vierundzwanzig begnügen mußte. Diese Erhöhung ist dem jetzigen
+Gouverneur-General, Herrn Deimar van Twist zu danken[21].
+
+Die Eingebornen wissen aus den Gewürznelken ganz hübsche Gegenstände zu
+machen: Vasen, Schiffe, Körbchen u. s. w. Die Gewürznelken müssen sie
+hiezu von der Regierung kaufen, und zwar zu einem unmäßig hohen Preise.
+In Holland soll das Pfund dieses Gewürzes eine halbe Rupie kosten, hier
+bezahlen die Leute zwei Rupien dafür. Außerdem ist noch die Ausfuhr von
+dergleichen Spielzeug sehr hoch besteuert.
+
+Auch der Muskat-Baum wird auf Ambon ziemlich häufig gepflanzt;
+vorzüglich gut gedeiht der Kakao-Baum; der Pikul Bohnen wird
+mit sechzig Rupien bezahlt. Der wichtigste Baum jedoch für die
+Eingebornen, nicht nur auf Ambon, sondern auf allen Molukken, ist die
+Sagopalme. Das Mark derselben macht die Hauptnahrung der Eingebornen
+aus; es ist ihnen, was den Chinesen und Indiern der Reis, was andern
+Völkern das Getreide. Diese Palme wird gewöhnlich im fünfzehnten
+Jahre reif; man haut sie dann um, spaltet den Baum, und arbeitet
+das Mark mittelst einer einfachen Haue von Bambus heraus. Der ganze
+Stamm besteht aus Mark, das kaum von einer zolldicken Rinde umgeben
+ist. Das Mark wird theilweise in eine Art Trog gelegt, der aus dem
+ausgehöhlten Sagostamme verfertiget ist, und dessen Endseiten man mit
+Stücken geschlagenen Bastes verstopft. Durch Waschen und Kneten des
+Markes sondern sich die mehligen Theile von den faserigen ab. Das
+von dem Mehle geschwängerte Wasser läuft durch den Bast, welcher die
+Stelle eines Siebes vertritt, in einen zweiten Trog, in welchem mit dem
+Waschen so lange fortgefahren wird, bis sich alle Mehltheile von den
+Fasern gesondert haben. Sobald sich das Mehl gesetzt hat, läßt man das
+Wasser ab, und die Arbeit ist beendet. Das Mehl wird in nassem Zustande
+zu fünfundzwanzig bis dreißig Pfund in Körbe verpackt, die gleich an
+Ort und Stelle von den grünen Blättern der Sagopalme gemacht werden.
+Eine besondere Eigenschaft dieses Markes oder Mehles ist, daß es nie
+trocken werden darf; man muß die Körbe mit dem Mehle von Zeit zu Zeit
+in Wasser stellen.
+
+Man bereitet aus diesem Mehle Brot und Papeta. Zur Bereitung des
+ersteren bedient man sich eiserner oder irdener Geschirre, mit kleinen
+Abtheilungen, die man erst glühend erhitzt, dann von innen mit etwas
+Wasser befeuchtet. Man füllt sie hierauf ganz mit dem Mehle an,
+bedeckt sie mit Blättern, legt ein Brettchen darauf, das mit einem
+Steine beschwert wird, und läßt sie so lange stehen, bis sich Dunst
+entwickelt, ein Zeichen, daß die Brötchen gar sind. Noch einfacher ist
+die Bereitung der Papeta. Man schüttet anfänglich etwas kaltes Wasser
+auf das Mehl, rührt es zu einem dicken Teige, gießt dann so viel heißes
+Wasser zu, bis es sehr flüssig wird, und läßt es erkalten. Die Papeta
+gleicht einer Sulze oder einem steifen Kleister. Beide Gerichte, ohne
+andere pikante Ingredienzien genossen, schmecken überaus leer und fade.
+
+Aus diesem Nahrungszweige ist ersichtlich, daß das Volk für Leben
+und Unterhalt wenig zu thun braucht. Familien, die wenig oder keine
+Sagobäume besitzen, können sich leicht mehrere hundert Pfund Mehl
+mit wenig Arbeit erwerben. Es ist nämlich Sitte, daß wenn ein Mann
+zu dem Eigenthümer eines reifen Sagobaumes geht und ihm sagt, daß er
+einen reifen Baum habe, den er (der Mann) für ihn umhauen wolle, der
+Eigenthümer stets seine Einwilligung gibt. Der Mann kommt dann mit
+einigen Gehülfen, schlägt den Baum, bereitet und packt das Mehl, eine
+Arbeit von drei bis vier Tagen; dafür erhält er die Hälfte des Mehles
+nebst der Verköstigung während der Arbeit.
+
+Die Sagopalme, der Pisang (Bananen-Baum) gedeihen ohne alle Nachhülfe,
+das Meer ist überreich an Fischen, es wird daher begreiflich, daß
+das Volk auf den Molukken träger ist, als irgendwo. Wenn man z. B.
+mit dem Dampfer ankommt, ist der Landungsplatz voll von müssigen
+Gaffern; keiner würde aber, selbst für übertrieben gute Bezahlung, das
+Reisegepäck nach dem Städtchen tragen. Man muß erst in das Haus gehen,
+in welchem man absteigt und von dort aus nach Trägern suchen. Oftmals
+ging ich Nachmittags in mehr als ein Dutzend Hütten, um einiges von den
+aus Gewürznelken gefertigten Arbeiten zu kaufen -- überall fand ich die
+Leute entweder Karten spielend oder schlafend.
+
+Den Neujahrstag (1853) feierten wir mit einem Spaziergange nach
+dem nahen Wasserfalle „+Batu-Gontung+.“ Der Wasserfall ist höchst
+unbedeutend, eben so eine dabei gelegene Grotte. Ein kaltes Bad im
+Flüßchen und der Spaziergang durch die schönen Waldungen waren jedoch
+sehr lohnend.
+
+Um die Insel Ambon ein wenig kennen zu lernen, durchschnitt ich sie von
+Norden nach Süden und ging nach der Negeri Emma, ungefähr acht Paal.
+Man bedient sich auf Ambon zum Reisen einer Art Tragstühle, da die
+Wege zum Fahren oder Reiten nur einige Paal um das Städtchen gut sind.
+Ich wollte keinen Tragstuhl nehmen, indem mir nichts unangenehmer ist,
+als mich von Menschen tragen zu lassen; allein man behauptete, daß die
+Berge zu schroff seien, um von Europäern überklommen werden zu können.
+
+Ich nahm also zur Vorsorge einen Tragstuhl mit, lief aber daneben her.
+Es ist wahr, die Berge und Hügel steigen sehr schroff und steil auf,
+man muß wirklich schwindellos sein, um hinüber zu kommen; ich hatte
+jedoch ungleich Aergeres auf Borneo und Sumatra erlebt. In drei Stunden
+war ich in Emma.
+
+Die ganze Gegend zwischen dem Städtchen Ambon und Emma besteht aus
+Schluchten und trichterförmigen Vertiefungen; man mußte stets auf- und
+niederklettern oder auf äußerst schmalen Bergkanten fortschreiten.
+Alles war mit schönen Waldungen, mit üppigem Untergesträuch bedeckt.
+Man sah viele +Dusons+[22] mit Gewürznelken-Bäumen; in den Wäldern gab
+es viele Sagopalmen. Von den Höhen erblickte man das Meer dies- und
+jenseits der Insel. Die Berge bestehen zum Theil aus Sand, den man sehr
+leicht herab arbeiten kann.
+
+Die Negeris liegen an den Kanten der Schluchten oder auf den Spitzen
+der Berge. Die Leute haben im Dorfe oft nicht einen Schritt ebene
+Fläche. Die kleinsten Kinder hier würden manchen Erwachsenen aus den
+Ebenen im Bergklettern beschämen. Das läuft und springt auf und ab
+gleich Gemsen.
+
+Ich blieb vier Tage auf Emma, um Insekten zu sammeln. Die Hitze war
+zwar sehr drückend, ich ertrug sie jedoch so gut, als hätte ich mein
+ganzes Leben unter dem Aequator zugebracht.
+
+Nach Ambon zurückgekehrt, unternahm ich einen etwas größeren Ausflug
+nach +Saparua+ und der Insel +Ceram+, einer der größten von den
+Molukken. Letztere wollte ich vorzüglich ihrer Bewohner, der wilden
+Alforen, wegen besuchen.
+
+Am +11. Januar+ Nachts fuhr ich zur See nach dem Oertchen +Paseo+,
+welches östlich von Ambon, an dem kaum einige hundert Fuß breiten
+Isthmus liegt, der diese Insel in zwei Theile theilt. Ich kam um
+zwei Uhr Nachts an. Die Prauhs wurden hier bei der Fluth über den
+Isthmus gezogen und die Reise früh Morgens nach +Ihamahu+ (35 Meilen)
+einer Negeri auf Saparua fortgesetzt. Von da ging ich zu Fuße nach
+der Negeri-Saparua (7 Paal), wo ein kleines Fort und der Sitz eines
+Assistent-Residenten ist.
+
+Einen angenehmeren Spaziergang als von Ihamahu nach Saparua kann es
+nicht leicht geben. Das ganze Inselchen gleicht einem freundlichen
+Garten. Der Weg ist trefflich und führt durch kleine Waldungen von
+Fruchtbäumen, durch bedeutende Negeris, in welchen die Häuser in Reihen
+stehen, aber durch Bäume und grüne Plätze von einander geschieden und
+mit lebendigen Hecken eingezäunt sind. Die Aussichten, die man von
+den kleinen Höhen genießt, sind über alle Beschreibung herrlich. Man
+sieht Ambon, Ceram, Haraku und viele andere Eilande; man sieht das Meer
+bald als Bucht, bald als Bay oder Canal und über Saparua hinaus als
+endlosen Wasserspiegel. Ich fand viel Aehnlichkeit mit den +Kykladen+
+in Griechenland. Nur sind die Inselgruppen hier durch ihre üppige
+Vegetation ungleich schöner als dort.
+
+In Saparua traf ich den Gouverneur, Herrn +Vischer+, der auf einem
+Kriegsschiffe von Ambon hieher gekommen war, weil man einen Aufstand
+der Eingebornen befürchtete. Letztere sind in den entfernteren
+Kolonieen oft den Eigenmächtigkeiten und Bedrückungen harter und
+eigennütziger Beamten ausgesetzt. Auch hier schien dies der Fall zu
+sein, und der Gouverneur wollte die Sache persönlich untersuchen.
+Ich habe bereits bei der Erwähnung der Hungersnoth in dem Gebiete
+von Samarang bemerkt, daß die Beamten, die sich Vergehungen oder
+Eigenmächtigkeiten zu Schulden kommen lassen, meistens wenig,
+mitunter gar nicht bestraft werden. In den Streitigkeiten mit den
+Eingebornen erhält fast immer der Beamte, selten der Eingeborne Recht.
+Bei der kleinsten Unachtsamkeit werden die Leute oft angefahren und
+ausgescholten, als hätten sie das größte Verbrechen begangen. Ich
+selbst sah einst einen Eingebornen an einen Pflock gebunden; er sollte
+mit einem Rohre 50 Hiebe auf den nackten Rücken bekommen. Als ich
+nach dem Verbrechen des Sträflings frug, wich man mit der Antwort
+aus, woraus zu schließen war, daß die Strafe dem Verbrechen nicht
+angemessen war. Zuverlässige Männer versicherten mir, daß nicht selten
+bis 100 Stockschläge ausgetheilt würden, obwohl die von der Regierung
+erlaubte höchste Zahl 30 sei. Die armen Leute erzittern manchmal so,
+wenn sie von Beamten oder Officieren gerufen werden, daß ihnen das
+Wort im Munde erstirbt. Auch in Brittisch-Indien hatte ich häufig
+Gelegenheit, dasselbe zu bemerken. Sollten Beamten und Officiere,
+die auf Außenposten angestellt sind, wo ihr Thun und Lassen nicht so
+überwacht werden kann, nicht ungleich strenger bestraft werden, wenn
+sie ihre Pflichten überschreiten, als der Eingeborne, dem die Gesetze
+mit Waffengewalt aufgedrungen wurden? Aber so ist es fast in der ganzen
+Welt. Der gemeine, arme Mann, der oft aus Unwissenheit, aus Unkenntniß
+der Gesetze fehlt, wird für das geringste Vergehen strenge bestraft;
+der Vornehme, der Gebildete findet Nachsicht und Milde. Verdiente
+Letzterer, gerade weil er gebildet ist, weil er volles Bewußtsein
+seines Vergehens hat, nicht doppelte Strafe?
+
+Eine für den Reisenden sehr unangenehme Sache, die mich an Neapel, so
+wie auch an mein liebes Vaterland Oesterreich erinnerte, ist auf den
+Holländischen Besitzungen das ewige Abverlangen des Passes. In Batavia
+ließ ich den Paß für die Reise nach den Molukken visiren, in Samarang
+mußte dasselbe geschehen, in Surabaya, Ambon ebenso, ja beinahe in
+jedem Neste, wo nur ein Beamter residirte. Auf Saparua soll die
+Passomanie so weit gehen, daß kein Fischer ohne Paß auf den Fischzug
+ausgehen darf. Wahrlich, eine unerhörte Plackerei!
+
+Schon auf Ambon hatte ich den Gouverneur ersucht, meine Reise nach
++Wahay+ an der Nordküste Cerams zu unterstützen. Ich wollte zu Lande
+durch das Innere dieser Insel gehen, die von den wilden Alforen
+bewohnt ist, welche auf Köpfe noch gieriger sind als die Dayaker.
+Bisher wagten es nur zwei Europäer diese höchst gefährliche Reise zu
+unternehmen, von welchen der eine 150 Mann zum Schutze mitnahm. Ohne
+Hilfe der Regierung kann man gar keine Leute als Begleiter finden,
+da sich ein Stamm vor dem andern fürchtet. Ich wollte mich dessen
+ungeachtet mit vier Leuten begnügen; allein der Gouverneur versicherte
+mir, daß ich wenigstens 20 haben müßte, weil unter dieser Zahl niemand
+mit mir ginge. Er fügte bei, daß, wenn eine dringende Nachricht zu
+Lande nach Wahay zu senden sei (gewöhnlich geschieht dieß zur See),
+stets 20 Mann geschickt werden.
+
+Mit Briefen an einige Regenten, die auf Ceram ungefähr so viel wie
+Dorfrichter sind, und den herzlichsten Glückwünschen trat ich am +17.
+Januar+ Nachmittags die Reise zu Fuß an. Ich ging nur bis nach der
+Negeri +Noloth+ auf +Saparua+ (7 Paal).
+
+Am folgenden Tag, +18. Januar+, fuhr ich in einem Prauh über die See
+nach +Makariki+ auf der Insel Ceram (32 Meilen). Ich kam da so spät an,
+daß ich die Nacht in dem Prauh zubrachte.
+
+Den +19. Januar+ mußte ich in Makariki bleiben. Der eingeborne
+Häuptling hatte die zwanzig Leute zusammen zu suchen, die mich
+begleiten sollten. Den Rest des Tages brauchten die Leute, meistens
+Alforen und einige Malaien, dazu, sich für die Reise mit Lebensmitteln
+zu versehen. Wir nahmen nichts als Sago-Brote, Pisangs und kleine
+getrocknete Fischchen mit.
+
++20. Januar.+ Morgens begann die beschwerliche und gefahrvolle Reise.
+Die Leute in Makariki machten mir von den Wegen eine schauerliche
+Beschreibung: sie sagten, daß ich beständig über Steingerölle, durch
+Wasser, über sehr schroffe Gebirge zu gehen, die Nächte in den Wäldern
+unter freiem Himmel zuzubringen hätte, und prophezeiten mir, ich würde
+gewiß bald umkehren.
+
+Kaum waren wir eine Stunde gegangen, so begegneten wir schon einem
+Hinderniß, das für mich wenigstens sehr unangenehm war: der breite,
+tiefe und ziemlich reißende Fluß +Ruata+ mußte durchschwommen werden.
+Wie bei Sigumpulang auf Sumatra kam ich mit Hilfe zweier Eingebornen,
+die mir die Hand reichten und mich nach sich zogen, glücklich hindurch.
+Diesen ersten Tag verließen wir zwar die Ebene nicht, deßhalb war
+jedoch der Weg nicht minder schrecklich: er führte beständig in einem
+breiten Strombette fort, das jetzt in der trocknen Jahreszeit nur von
+einem schmalen, seichten Flüßchen eingenommen war. Wir hatten fast
+immer großes Steingerölle zu überklettern und unzählige Mal den Fluß
+nicht nur zu durchkreuzen, sondern mitunter lange Strecken in ihm zu
+gehen. Gewiß ein Drittheil dieser Tagereise (18 Paal) ging durch
+Wasser. Dabei litt ich viel von der Hitze, denn obwohl von Waldungen
+umgeben, war das Strombett, in dessen Mitte wir uns halten mußten, zu
+breit, als daß der kühlende Schatten bis zu uns hätte gelangen können.
+An Aussichten war der Tag arm, da wir stets zwischen Waldungen und
+Schluchten wandelten.
+
+Nachmittags um 4 Uhr machten wir Halt[23]. Das Nachtlager wurde
+im Flußbette aufgeschlagen. Die Alforen errichteten schnell drei
+Laubdächer, unter die wir uns vertheilten, und lustige Feuer, an denen
+es leider nichts zu kochen gab, loderten bald empor. Der Anblick der
+finstern Waldungen, deren schwarze Schatten durch den aufgehenden Mond
+noch mehr herausgehoben wurden, war wohl etwas unheimlich; allein es
+halten sich auf dieser Insel keine wilden Thiere auf, und vor dem
+Ueberfalle eines Alforen-Stammes hatte ich keine Furcht. Ruhig legte
+ich mich auf das harte Steinlager und ließ mich von dem Gemurmel des
+Flusses bald in schöne Träume wiegen.
+
++21. Januar+ (19 Paal). Heute hatten wir die erste Gebirgskette,
++Rothlong-Batai+, zu übersteigen; die Höhe des Uebergangs mochte 800
+bis 900 Fuß betragen. Obgleich kein Pfad durch die Waldungen führte, so
+gehörte der Weg dennoch nicht zu den schlechtesten: das Untergebüsch
+war dünn, man konnte sich leicht überall durchwinden, auch waren die
+Berge nicht so schroff und steil wie jene von Ambon. Ich bewunderte
+sehr die Ortskenntniß der Leute: sie fanden durch das Labyrinth der
+Bäume den Weg so sicher, als wären wir auf einer gebahnten Straße
+gegangen.
+
+Auf den Höhen sah man hie und da kleine Gruppen verfallener
+Alforen-Hütten, die aus weiter nichts als Laubdächern bestanden, unter
+welchen fußhohe Schlafstellen errichtet waren. Die Bewohner hatten da
+wahrscheinlich schon allen Sago aufgezehrt und ihre Wohnsitze nach
+einer neuen, fruchtbareren Gegend verlegt.
+
+Nachdem die Gebirgskette überstiegen war, ging es beständig in engen
+Klüften, in schmalen, stein- und wasserreichen Flußbetten fort, ja
+wie gestern, so häufig im Wasser selbst, daß unsere Füße gar nicht
+trocken wurden. Gegen Mittag ruhten wir ein halbes Stündchen aus, um
+den magern Imbiß zu verzehren. Das harte Sagobrot mußte erst einige
+Minuten im Wasser erweicht werden, um es genießbar zu machen; dazu ein
+Paar Pisangs (Bananen), und die Tafel war Mittags, wie Morgens oder
+Abends fertig. Mein Hunger zeigte sich jedoch in Folge der gehabten
+Anstrengung stets so groß, daß ich die Entbehrung besserer Gerichte
+nicht im Geringsten fühlte.
+
+An Rehen und Wildschweinen muß diese Insel überreich sein; von
+ersteren sahen wir viele, von letzteren fast nur die Spuren. Einige
+meiner Leute hatten Gewehre mit; es ging aber keines los. Ich sah
+bei dieser Gelegenheit, wie die Eingebornen die flüchtigsten Rehe im
+schnellsten Laufe so zu erschrecken oder stutzig zu machen wußten,
+daß die Thiere eine halbe Minute wie angewurzelt stehen blieben
+und das Auge von ihnen nicht abzogen. Die Leute schwenkten nur ein
+hochrothes Tuch und spannten es plötzlich auf. Trotz des sichern
+Zielpunktes, den die Thiere der Art abgeben, mußten wir uns doch
+die Lust auf einen Rehbraten vergehen lassen, da, wie gesagt, die
+unglücklichen Gewehre stets versagten. Dagegen fingen meine braven
+Alforen ein junges Wildschweinchen und ein Kussu (Baum- oder wilde
+Katze). Ersterem liefen sie über Stock und Stein so behende und flink
+nach, bis sie es ermüdeten und erhaschten. Letzteres holten sie von
+einem gewiß über hundert Fuß hohen Baume herab. Es war ängstlich und
+zugleich bewunderungswürdig zu sehen, mit welcher Leichtigkeit sie bis
+auf die höchste Spitze des Baumes kletterten. Das Thier selbst war
+nicht schwer zu erlegen: bei Tage sieht es nicht und bleibt ganz ruhig
+sitzen. Sie gaben ihm einen Schlag auf den Kopf und warfen es zur Erde,
+wo es gänzlich getödtet wurde.
+
+Gestern wie heute begegneten wir keiner Seele. Das Nachtlager wurde
+abermals in einem Flußbette aufgeschlagen. Die Feuer brannten jedoch
+diesen Abend nicht umsonst. Dem Wildschweinchen wurde zwar vor der Hand
+das Leben geschenkt (mit diesem Braten sollte die Ankunft in Wahay
+gefeiert werden); aber das Kussu wurde geopfert. Die Leute schlitzten
+es auf, nahmen die Eingeweide und Gedärme heraus, wuschen es aus und
+legten es über das Feuer, um den Pelz einigermaßen abzubrennen. Sie
+legten dann das Eingeweide sammt den ausgewaschenen Gedärmen wieder in
+das Thier, steckten es an ein Holz und brieten es. Der Braten wurde
+ohne Salz verzehrt, da wir nichts dergleichen mit uns führten. Die
+guten Leute brachten mir ein ganzes Schenkelchen; ich nahm ein kleines
+Stück, um ihre Gabe nicht zu verschmähen und um das Fleisch zu kosten.
+Es hatte einen starken Geruch; nichts desto weniger schmeckte es mir.
+Die Malaien essen dieses Thier nicht: sie finden den Geruch zu stark.
+
++22. Januar+ (achtzehn Paal). Heute gab es zwei Gebirgsketten zu
+übersteigen. Die Höhe der ersteren, +Gorolehuway+, mochte 1500, die
+der letzteren, +Hurali+, 500 Fuß betragen. Die Waldungen auf Ceram
+zeichnen sich durch hohe, schlanke, ziemlich umfangreiche Bäume aus;
+ich blieb häufig bewundernd stehen, um diese himmelanstrebenden
+Giganten zu betrachten. Viele Stämme waren mit Schlingpflanzen und
+Orchideen bedeckt; doch Blumen sah ich nicht. Dagegen fiel mir ein
+Schwamm auf, wie ich nie zuvor einen gesehen. Er war nicht groß, hatte
+die Form eines Fingerhutes und saß auf einem drei Zoll hohen Stängel.
+Von der untern Kante hing rund herum ein zwei Finger breites, blendend
+weißes Netz, das so durchbrochen war wie das feinste Spitzengewebe. Es
+kam mir nie mehr ein zweites Exemplar vor.
+
+Von der Höhe des Gorolehuway sah man weit in das Land hinein. Der
+größte Theil war sehr gebirgig, die Thäler lang, aber schmal; überall
+finstere Waldung, keine Spur einer Hütte oder eines Feldes.
+
+Am schroffsten und gefährlichsten war der Uebergang über den Hurali.
+Dieses Gebirge, das letzte, das wir zu übersteigen hatten, fiel an
+manchen Stellen so senkrecht in die See, daß man kaum für den Fuß
+Raum fand; wäre ich dem Schwindel unterworfen gewesen, so hätte ich
+da gewiß meine Grabstätte gefunden. Auf dem Hurali sah ich das erste
+Alforische Dorf; es soll das größte auf ganz Ceram sein und enthielt
+an dreißig Hütten. Es schien aber wie ausgestorben: man sah und hörte
+keine Seele, so daß ich glaubte, es sei verlassen. Meine Begleiter
+sagten mir jedoch, daß das Dorf bewohnt und die Leute zu Hause wären;
+nur seien sie so scheu und furchtsam, daß sie bei dem geringsten Laute
+menschlicher Stimmen oder Fußtritte in die Hütten flöhen und die Thüren
+verschlössen. Wir wurden hier von einem starken Regen überfallen und
+suchten Schutz unter den Hütten, die auf Pfählen gebaut waren. Wir
+klopften auch an manche Thür und riefen nach den Bewohnern. Einige
+gaben uns zwar Antwort; aber keiner öffnete seine Thür. Und so war ich
+über eine Stunde in einem großen Alforischen Dorfe, ohne eine Seele zu
+Gesicht zu bekommen. Ich mußte die Neugierde, die Alforen kennen zu
+lernen, auf die Rückreise verschieben, für die ich mir vornahm, mich
+von irgend einem Rajah begleiten zu lassen, welcher Einfluß auf die
+Leute hätte.
+
+Als wir den +Hurali+ im Rücken hatten und an die See kamen, dachte
+ich, daß nun alles Böse überstanden wäre; allein dem war nicht so. Die
+Berge und Hügel Ceram’s haben die Eigenthümlichkeit, daß sie meistens
+ganz schroff und steil gleich Wänden gegen die See abfallen. Wir mußten
+noch einen ganzen Paal in der Brandung der See selbst über Felsen,
+Riffe und Klippen steigen. Die Wogen schlugen heftig an, man hatte
+Mühe, sich zu erhalten, um so mehr, als Klippen und Steine vom Wasser
+spiegelglatt geschliffen waren, und auf diese Weise bot uns das Ende
+der Reise mehr Schwierigkeiten als der Anfang. Doch auch dieß wurde
+glücklich überwunden und ein lieblicher Pfad durch kleine Wiesen führte
+den letzten Paal nach der Negeri Passanea.
+
+Man wird es vielleicht für Großsprecherei halten, wenn ich sage, daß
+mich diese Fußreise von einigen fünfzig Paal nicht im geringsten
+ermüdete. Ich hatte stets so viel zu sehen, jeder Gegenstand, wenn
+auch noch so klein und unbedeutend, interessirte mich so sehr, daß
+ich alle Mühseligkeiten vergaß. In solchen Fällen bewunderte ich oft
+selbst meine eisenfeste Natur, die mir erlaubte, ähnliche Strapazen
+auszuhalten. Ich lebte nur von Sagobrot und Pisangs, schlief auf hartem
+Boden und ging täglich achtzehn bis neunzehn Paal, was auf guten Wegen
+wohl nichts sagen würde, auf diesen steinigen, schroffen Gebirgspfaden
+aber im höchsten Grade beschwerlich war.
+
+Passanea ist von Malaien bewohnt. Die Malaien lassen sich an
+Küstengegenden, die Alforen im Gebirge nieder. In Passanea kehrte ich
+bei dem Regenten ein.
+
+Am folgenden Tage, +23. Januar+, fuhr ich in einem winzig kleinen Prauh
+nach +Wahay+ (40 M.). Die See war ruhig, und ohne Unfall erreichte ich
+Abends acht Uhr diesen Ort.
+
+Wahay ist die einzige Niederlassung der Holländer auf Ceram; sie haben
+hier ein kleines Fort mit einer Besatzung von 30 Mann.
+
+Ich blieb in dem Prauh sitzen und sandte den Empfehlungsbrief, den mir
+der Gouverneur Vischer für den Kommandanten, Herrn +Kern+, gegeben
+hatte, an letztgenannten Herrn ab.
+
+Der gute Mann wollte meinem Führer gar nicht glauben, als ihm dieser
+verkündete, daß +eine Frau+ die Reise nach Wahay über Land gemacht
+habe; er versicherte mir später zu wiederholten Malen, daß er eher den
+Einsturz des Himmels als ein solches Ereigniß erwartet hätte.
+
+Ich blieb sechs Tage auf Wahay, während welcher ich meine
+Insekten-Sammlung sehr vermehrte; allein von den Alforen bekam ich
+immer noch nichts zu sehen: sie wohnten zu weit ab von Wahay. Herr
+Kern versprach mir, mich auf meiner Rückreise bis +Saway+ (nahe bei
+Passanea) zu begleiten und von dort aus zwei Alforische Negeris mit mir
+zu besuchen.
+
+Herr Kern, der bereits seit zwei Jahren auf Wahay lebte und manches von
+den Sitten und Gebräuchen der Alforen gesehen und gehört hatte, machte
+mir davon ungefähr folgende Schilderung, die ich so übereinstimmend
+fand mit dem, was ich bei den Dayakern beobachtet hatte, daß ich die
+Alforen für Abkömmlinge oder Stammverwandte der Dayaker halten möchte.
+
+Die Alforen sind Kopfjäger wie die Dayaker; sie schätzen einen
+abgehauenen Menschenkopf höher als die kostbarste Beute. Hier muß
+wirklich jeder Jüngling seiner Auserwählten als Brautgeschenk einen
+Kopf oder wenigstens einen Theil eines Kopfes bringen. Gewöhnlich
+ziehen fünf bis sechs Jünglinge gemeinschaftlich auf die Kopfjagd aus,
+begnügen sich mit einer solchen Trophäe und theilen sie dann. Die
+Hütte, in welcher sie die eroberten Köpfe aufbewahren, heißt Baileo.
+Wenn der Baileo zu verfallen beginnt und ein neuer gebaut wird, bleibt
+dieser ungedeckt, bis man ihn mit einem neuen Kopfe schmücken kann;
+dann erst wird er gedeckt, und die Köpfe werden aus dem alten Baileo
+übertragen.
+
+Der Alfore, welcher einzeln auf die Kopfjagd geht, verbirgt sich
+gleich den Dayakern hinter Bäumen oder Gesträuchen, legt sich flach
+auf die Erde, bedeckt sich ganz mit Laub und Zweigen, und harrt Tage
+lang, ohne Nahrung und Trank, auf seine Beute. Er schleudert nach dem
+Unglücklichen aus seinem Verstecke mit nie fehlender Geschicklichkeit
+seine Lanze, deren Spitze zwar nur von Bambus, aber scharf wie Eisen
+ist. Dann stürzt er von rückwärts über sein Opfer her und haut ihm
+den Kopf ab. Den Körper verbirgt er höchst sorgfältig in Klüften und
+abgelegenen Orten, um die Entdeckung des Mordes so viel als möglich zu
+verhindern.
+
+Geht ein ganzer Stamm oder die Bewohnerschaft eines Dorfes auf
+die Kopfjagd, so suchen sie das feindliche Dorf zu einer Zeit zu
+überfallen, wenn die Männer auswärts mit Feldarbeit beschäftigt sind.
+Die Alforen schätzen die Köpfe der Weiber, ja der Kinder eben so hoch,
+wie die der Männer. Mit der Beute heimkehrend, kündigen sie ihr Glück
+schon von fern durch gellende Pfiffe auf einer Muschel an. Die Weiber
+und Kinder eilen den Siegern singend und jubelnd entgegen und führen
+sie im Triumphe nach dem Baileo. Hier werden die Köpfe den Knaben und
+Mädchen, die das zehnte Jahr nicht erreicht haben, überlassen; diese
+saugen jeden Blutstropfen begierig aus, was ihnen nach der Eltern
+Meinung Muth und Tapferkeit verleiht. Die Köpfe werden dann etwas
+geröstet, von dem Fleische gereinigt und in dem Baileo aufgehangen.
+Das Fleisch wird nicht gegessen, da die Alforen keine Kannibalen sind.
+Die Feste dauern einige Tage; man verzehrt dabei Wildschweine, Rehe
+und Kussus. Die Kinnbacken der verzehrten Thiere hängen sie ebenfalls
+an den Wänden des Baileo auf. Bei solchen festlichen Gelegenheiten
+erhalten die zehnjährigen Kinder ihr erstes Kleidungsstück, die
+Knaben eine handbreite Leibbinde von Bast, die Mädchen ein enges, kaum
+fußlanges Röckchen. Leibbinde wie Röckchen werden +Tijdaks+ genannt.
+
+Wenn ein Mann einen Kopf erjagt hat, darf er als Auszeichnung
+sein blankes hölzernes Schild mit weißen Muscheln, sein Tijdak
+mit Zeichnungen verzieren. Man könnte diese Zeichen füglich die
+„+Alforischen Militärorden+“ nennen, denn sie werden gleich den
+Europäischen nur nach glorreichen Thaten verliehen, wenn die Hände des
+Siegers Menschenblut vergossen haben.
+
+Die Religion der Alforen ist mit vielen Göttern und Geistern belebt.
+Einige Stämme haben Priester und eine Hütte als Tempel. Beide
+dienen jedoch nicht für Gottesdienst, sondern für die Zeremonie des
+Tätowirens, die an allen Kindern im zehnten Jahre vorgenommen wird. Die
+Kinder werden zu diesem Zwecke mit +Sagower+ (Palmwein) berauscht, in
+diesem Zustande in den Tempel gebracht und auf der Brust oder den Armen
+etwas tätowirt. Wenn sie vom Schlafe erwachen, sagt man ihnen, der gute
+Geist habe dieß gethan. Die Tätowirungshütte darf nur von dem Priester
+und dem Rajah betreten werden. Die Stämme, die sich nicht tätowiren,
+haben weder Tempel noch Priester.
+
+Die Alforen können mehrere Weiber nehmen und sich ohne Schwierigkeit
+wieder scheiden; gewöhnlich aber begnügen sie sich mit einer Frau.
+Scheidungen sollen selten vorkommen. Die Weiber werden gekauft, zwar
+nicht mit Geld, denn sie haben gar keines und trachten auch nicht
+darnach, aber mit Reis und Tabak.
+
+Sie tödten zuweilen die schwer Erkrankten, von welchen sie keine
+Genesung mehr hoffen, spannen dabei die Unglücklichen gleichsam in den
+Bock, indem sie ihnen die Arme durch die Knie ziehen, und lassen sie in
+dieser Stellung, bis die Seele vom Körper geschieden ist. Die Todten
+tragen sie entweder auf die höchsten Spitzen der Berge, am liebsten auf
+hohe, steile Felsen, oder sie verbrennen sie.
+
+Ihre Gesetzgebung soll ziemlich weise und gut sein. Die verschiedenen
+Stämme bilden eine Art Konföderation, haben einen König für die ganze
+Insel und Rajah’s für jedes Dorf. Sie erweisen ihren Vorgesetzten viele
+Ehrfurcht; dennoch sollen diese nur wenig Einfluß auf das Volk haben.
+Im Ganzen schildert man die Alforen als ehrlich, gut, verträglich
+und als gut gesittet. Sie sind die einzigen, die auf Ceram einige
+Bodenkultur betreiben: sie pflanzen etwas Reis, Tabak, Ubi und Mais,
+welche Artikel sie an die trägen Malaien, die beinahe nichts bauen,
+gegen Kokosnüsse, Pisangs, bunte Tücher und Glasperlen vertauschen.
+
+Während meiner Anwesenheit zu Wahay kam die Nachricht an den
+Kommandanten, daß Alforen in eines ihrer stammverwandten Dörfer
+eingefallen und fünf Köpfe erobert hätten. Die Holländische Regierung
+nimmt keine Notiz, wenn sich die Alforen unter einander köpfen, und
+selbst sehr wenig, wenn sie über die Malaien herfallen. Sie hat auf
+dieser Insel zu wenig Macht, um mit einigem Ernste auftreten zu
+können. Auch mit zahlreicheren Truppen, als ihr zu Gebote stehen,
+würde es schwer sein, diese Bergvölker zum Gehorsam zu bringen.
+Bei der geringsten Verfolgung ziehen sie sich auf die höchsten,
+unzugänglichsten Berge zurück und finden dabei überall Nahrung, da
+die Sagopalme allenthalben in solchem Uebermaße gedeiht, daß ungleich
+mehr verdirbt, als aufgezehrt wird. Auch an Wild fehlt es nicht auf
+dieser Insel, wo es keine reißenden Thiere gibt, die dessen Vermehrung
+verhindern.
+
+Kurze Zeit, bevor ich nach Wahay gekommen war, wurden drei Malaien von
+Alforen getödtet. Man zog zwar zwei Rajahs von dem Stamme ein, welche
+der Morde beschuldiget wurden; allein die Leute gestanden nichts, und
+am Ende mußte man sich begnügen, sie nach ihren Gesetzen zu bestrafen.
+Diese verurtheilen den schuldigen Stamm, den Verwandten der Gemordeten
+zur Sühnung einige irdene Töpfe und Schüsseln, etwas Tabak und Reis zu
+geben.
+
+Die Holländische Regierung zieht von Ceram nicht den geringsten Nutzen.
+Es werden keine Gewürze gebaut, keine Abgaben bezahlt. Das Fort zu
+Wahay dient bloß dazu, festen Fuß auf der Insel zu haben, und sie
+derart als Holländisches Besitzthum erklären zu können.
+
+Am +30. Januar+ verließ ich Wahay, begleitet von Herrn Kern. Wir
+waren kaum einige Stunden zur See, als sich ein so stürmischer Wind
+erhob, daß wir das Land suchen mußten. Dieß war eine sehr schwierige
+Aufgabe, obwohl wir längs der Küste in der Entfernung von kaum einer
+Viertelmeile fuhren; überall gab es Riffe, hohe Felswände, steil
+abfallende Berge. Mit vieler Mühe und Gefahr gelangten wir endlich
+in eine kleine Bucht, wo wir den ganzen Tag und die halbe Nacht
+zubrachten. Den folgenden Morgen fuhren wir nach +Saway+, das wir sehr
+früh erreichten. Wir besuchten von hier aus zwei Alforische Dörfer,
++Massitulan+ und +Opin+, die auf niederen, aber beinahe senkrecht
+aufsteigenden Hügeln nahe bei Saway liegen.
+
+Die Hütten der Alforen sind klein und wie jene der Malaien auf Pfählen
+gebaut; die Wände bestehen aus den Rippen der Sagoblätter, die Dächer
+aus den Sagoblättern. Im Innern sieht man nichts als einige Matten,
+einige Töpfe und Teller, einen Parang, Bogen und Pfeile, eine Lanze
+und einen hölzernen Schild (vier Fuß lang und sechs bis acht Zoll
+breit).
+
+Die Alforen sind minder häßlich als die Malaien; ich fand mitunter
+recht wohlgeformte Gesichtsbildungen. Der Körper ist schlank und
+ebenmäßig; unter den Mädchen gibt es höchst zierliche Gestalten. Ihre
+Hautfarbe ist sehr lichtbraun; sie haben schöne schwarze Augen, weiße
+Zähne und dichtes schwarzes Haar, das nicht geschnitten wird. Die
+Männer wickeln die Haare vorne zusammen in Form einer Scheibe, die sie
+durch hinein gestecktes Reisstroh vergrößern. Um den Kopf winden sie
+ein Tuch so geschickt und zierlich, daß die Haarscheibe gleich einer
+Kokarde frei in der Höhe steht. Ein Mann, der zwei Köpfe erobert hat,
+darf auch das Kopftuch mit weißen Muscheln verzieren. Doch tragen nicht
+alle das Kopftuch oder die Haarscheibe; viele lassen das Haar frei
+flattern, was ihnen ein etwas wildes Aussehen verleiht. Das dichte,
+lange, etwas struppige Haar fällt über das Gesicht und fliegt bei jeder
+Bewegung umher. So reich ihr Kopfhaar ist, so arm ist der Bart. Es
+scheint nicht, daß sie wie die Malaien das Barthaar ausraufen; ich sah
+im Gegentheile einige unter ihnen, die ein Schnurrbärtchen hatten und
+sich viel darauf einzubilden schienen. Die Weiber haben das Haar hinten
+in einen Knoten gedreht und aufgesteckt.
+
+Beide Geschlechter gehen beinahe im Naturzustande; nur die Mädchen
+kleiden sich in das fußlange, enge Röckchen. Die Männer tragen einen
+handbreiten Gürtel von Bast, die Weiber legen, wenn sie heirathen, den
+Tijdak ab und gehen beinahe ohne alle Bedeckung.
+
+In diesen beiden Alforischen Dörfern gab es noch wenig eroberte Köpfe.
+In dem einen stand ein neugebauter Baileo, der einstweilen ungedeckt
+war und des zu liefernden Kopfes harrte. Der Rajah des Dorfes Opin
+ist der Holländischen Regierung sehr ergeben. Er gestattet seinen
+Leuten nicht, ihre Opfer unter den Malaien zu suchen, ja er wünscht
+sogar, wie er sagt, das Kopfjagen ganz aufhören zu machen; doch
+wurde bisher seinen Vorstellungen kein Gehör gegeben. Er erhielt
+von dem Kommandanten für seine Anhänglichkeit an die Regierung
+einige alte Europäische Kleidungsstücke und andere Kleinigkeiten zum
+Geschenke. Da er von unserm Kommen unterrichtet war, hatte er alle
+diese Kostbarkeiten an seinen Körper gehangen. Man konnte nichts
+Lächerlicheres sehen. Ein altes Beinkleid reichte ihm bis an die
+Knöchel; in die Weste hätte er sich zweimal wickeln können, eben
+so in den Rock, an welchem die ursprüngliche Farbe kaum mehr zu
+erkennen war. Auf letzteren hatte er mehrere bunte Schnüre, sowie ein
+Stückchen Goldtresse als Orden geheftet. An der Seite trug er einen
+alten Stoßdegen, auf dem Kopfe eine kleine, spitze Mütze mit weißen
+Hahnenfedern. In diesem großen Putze erscheint er nur, wenn er mit
+dem Kommandanten in Berührung kommt; sonst geht er nackt wie sein
+Volk. Auch die Mädchen und Frauen, deren sich nur wenige auf vieles
+Zureden des Rajah zeigten, erschienen, weil der Besuch des Kommandanten
+angekündiget war, in Tücher und Kleidungsstücke eingehüllt. Ich sah sie
+erst später auf Hurali, wo der Kommandant nicht bei mir war, in ihrem
+Naturzustande.
+
+Nachmittags fuhren wir nach +Passaneo+.
+
++1. Februar.+ Zu Passaneo trennten wir uns: der Kommandant fuhr zur See
+nach Wahay, ich trat die Fußreise nach +Makariki+ an. Vor dem Abschiede
+ersuchte ich noch den Kommandanten, mir den Regenten von Passaneo
+bis Hurali mit zu senden, damit er die Alforen bewege, ihre Hütten
+zu öffnen und mir Gelegenheit zu geben, dieses wilde und scheue Volk
+einigermaßen zu sehen.
+
+Ich kam in Passaneo wieder mit meinen Alforischen Begleitern zusammen,
+die daselbst auf mich gewartet hatten. Nun erst, da ich den Werth der
+Muscheln und Zeichnungen verstand, sah ich, welche tüchtige Kopfjäger
+es unter ihnen gab; ich zählte sechs, deren Schilde (Tijdokos) und
+Kopftücher mit vielen weißen Muscheln und Zeichnungen prangten.
+
+Als wir zu Hurali ankamen, war richtig wieder keine Seele zu sehen; der
+Regent mußte beinahe mit Gewalt die Leute aus ihren Hütten treiben. Ich
+stieg in mehrere Behausungen und hoffte mehr Wohlhabenheit zu finden,
+als in Massitulan und Opin, indem Hurali, wie gesagt, das bedeutendste
+Alforische Dorf ist; allein die Einfachheit oder Armuth war hier wie
+dort dieselbe. Die Kinder flohen vor mir, schrieen und heulten, als
+kostete es ihr Leben. Auch die erwachsenen Mädchen reichten mir nur auf
+wiederholte Zusprache des Regenten die Hand zum Gruße. Das Mißtrauen,
+die Scheu dieser Leute rühren von ihrer Angst her: sie leben in steter
+Besorgniß feindlicher Ueberfälle.
+
+Man führte mich in den Baileo, der an Größe gegen die ihn umgebenden
+Hütten einem wahren Palaste glich: seine Länge mochte sechzig, seine
+Breite vierzig Fuß betragen. Mit Schauder zählte ich hier in einer
+langen Reihe 156 Schädel, die seit vielen Jahren zusammen gebracht
+wurden. An den Wänden hingen zahllose Kinnbacken der Wildschweine,
+Rehe u. s. w. die bei den stattgehabten Festlichkeiten verzehrt worden
+waren. Der Saal enthielt nichts weiter als die Köpfe, die Kinnbacken
+und die Feuerstelle, an welcher die Köpfe geröstet werden.
+
+In der Hütte des Rajahs hingen ebenfalls noch ein Dutzend
+Menschenschädel.
+
+Ich wünschte sehr den Festtanz zu sehen, den die Alforen um die
+eroberten Köpfe aufführen. Die Jünglinge waren auch dazu gleich bereit,
+und fanden sich alsbald mit den Instrumenten ein, die aus Muscheln und
+einer Trommel bestanden. Sie begannen schon auf die Trommel zu schlagen
+und den Muscheln gellende Töne zu entlocken; allein die älteren Leute,
+besonders der Rajah, gaben ihre Einwilligung zu dem Tanze nicht: sie
+meinten, daß, wenn dieser Tanz aus Scherz aufgeführt würde, einer von
+ihnen bald als Opfer fallen müsse. Ich sah daraus, daß die Alforen, wie
+alle rohen und unwissenden Völker, sehr abergläubisch sind.
+
+Als Entschädigung zeigte mir der Rajah persönlich den Angriff eines
+Feindes. Er bewaffnete sich mit Schild, Parang und Lanze; Schild und
+Parang hielt er in der linken, die Lanze in der rechten Hand. Er
+verbarg sich hinter einem Baum, spähte mit großer Vorsicht nach allen
+Seiten, warf sich zu Boden, bedeckte sich mit Blättern und Zweigen und
+legte das Ohr an die Erde. Nach kurzer Zeit richtete er sich etwas auf,
+als gewahre er sein Opfer, zog sich für einen Augenblick noch mehr
+zurück, warf plötzlich seine Lanze, stürzte hervor und führte mit dem
+Parang einen kräftigen Streich durch die Luft. Dann bückte er sich und
+raffte einen Stein auf, den er mir als eroberten Kopf überreichte.
+
+Ich bat den Rajah hierauf, mir die berühmtesten Kopfjäger seines
+Stammes vorzustellen. Er wies auf einige Männer, die um mich herum
+saßen und sagte mir, dieser habe zwei, jener drei, er selbst erst einen
+Kopf erbeutet. Es gibt keine Worte, mein Erstaunen zu schildern, als
+ich dieß hörte und dabei die gutmüthigen, sanften Gesichter dieser
+Menschen betrachtete. Die gerühmten Helden lächelten bei der Erwähnung
+ihrer Traten so wohlgefällig und bescheiden, als wäre von den edelsten
+Handlungen die Rede gewesen. Freilich ist in ihren Augen das Erjagen
+eines Kopfes dieselbe Heldenthat, wie in den Augen eines Europäischen
+Generals eine gewonnene Schlacht, in den Augen eines Soldaten das
+Niedermetzeln seiner Gegner. Im Grunde ist die Sache auch hier wie dort
+dieselbe.
+
+Mit Herzlichkeit nahm ich Abschied von diesen sonst so harmlosen
+Menschen und setzte die Reise fort. Wir hatten uns heute kaum zur Ruhe
+gelagert, als wir von dem Wache stehenden Manne erweckt wurden, der
+nach dem Walde wies. Dort sahen wir zu unserm Schrecken ein Licht
+schimmern. Meine Leute sprangen auf und griffen zu den Waffen. Bald
+erschienen ein halbes Dutzend Alforen mit brennenden Holzspänen und
+erzählten uns, daß sie unfern unseres Lagers viele Alforen gesehen
+hätten, die vermuthlich auf das Fällen der Sagobäume ausgegangen wären.
+Sie empfahlen uns Vorsicht und gingen ihres Weges. Mein Führer, den
+man mir in +Saparua+ mitgegeben hatte, und der der braveste und beste
+Malaie war, der mir je vorgekommen, ließ unsere noch glimmenden Feuer
+sogleich gänzlich auslöschen, beorderte an jede meiner Seiten drei Mann
+als Wache, und auch die übrigen mußten sich ganz in meine Nähe legen.
+Wir waren aber von der beschwerlichen Tagereise (wir hatten die beiden
+Gebirgsketten überstiegen) alle so ermüdet, daß wir trotz der Gefahr
+bald wieder zu schlafen begannen, wie ich glaube, die Wache nicht
+ausgenommen.
+
+Die Rückreise betrieb mein Führer mit solcher Eile, ich weiß nicht, ob
+aus Furcht oder aus einem anderen Grunde, daß wir am dritten Tage schon
+um 11 Uhr Vormittags in +Makariki+ waren. Die letzten sechs bis acht
+Paal machten wir auf einem anderen Wege, der durch ganze Waldungen von
+Sago-Palmen führte.
+
+Ich ruhte in Makariki einen Tag aus, den folgenden kehrte ich nach
++Noloth+ auf +Saparua+ zurück und am
+
+6. +Februar+ traf ich in der Negeri Saparua selbst ein, wo ich den
+Gouverneur noch fand, der mich mit freudigem Erstaunen empfing. Seine
+erste Frage war: „Sind Sie denn wirklich in +Wahay+ gewesen?“ -- „Hier
+ist meine Bestätigung“, erwiderte ich lächelnd und reichte ihm einen
+Brief des dortigen Kommandanten.
+
+Zu Saparua war diesen Abend große Tafel. Der Gouverneur verließ am
+folgenden Morgen die Insel und hatte zum Abschiede alle Regenten und
+Schullehrer eingeladen. Diese Leute, sämmtlich Eingeborne, erschienen
+in schwarzer, Europäischer Kleidung, drei unter ihnen in militärischer
+Uniform: letztere waren Offiziere der Bürgermiliz. Ich bewunderte ihre
+Haltung in den ihnen fremden, steifen Anzügen, so wie ihren Anstand
+und ihr Benehmen bei der Tafel. Sie handhabten das Eßbesteck mit einer
+Geschicklichkeit, als wären sie von Jugend auf daran gewöhnt gewesen.
+Die Malaische Gesichtsform, die bräunliche Hautfarbe allein verrieth
+sie; sonst hätte man meinen können, sich in Europäischer Gesellschaft
+zu befinden.
+
+Am folgenden Morgen war schon sehr frühzeitig vieles Volk vor dem
+Hause versammelt, das dem Gouverneur durch allerlei Tänze seinen Dank
+für dessen Besuch der Insel bezeugen wollte. Da gab es Tänzer und
+Tänzerinnen in Menge. Letztere waren voll Flitterwerk; man sah, daß
+sie alles auf sich gehangen hatten, was sie zusammen bringen konnten.
+Auf dem Kopfe trugen sie Kronen von Messingblech mit Fransen oder
+Blumen verziert, bunte Lappen prangten als Schürzen und Schärpen. Sie
+führten den schläfrigen, einförmigen Malaischen Tanz auf, dessen Ende
+nie zu erleben ist. Die Tänzer sahen wo möglich noch komischer aus.
+Sie trugen messingene Pickelhauben mit himmelhohen Hahnenfedern, bunte
+Schärpen, kleine, runde, hölzerne Schilde, mit weißen Papierschnitzeln
+beklebt und hölzerne Parangs, mit Blumen geschmückt. Der Tanz, den sie
+aufführten, war etwas lebhafter und abwechselnder als jener der Mädchen.
+
+Die Besetzung des Forts (50 Mann) war ebenfalls aufgestellt, die
+Regenten und Schullehrer umgaben den Gouverneur, und der ganze Zug
+begleitete ihn unter Tanz und Musik bis an das Seegestade. Der
+Gouverneur bereiste von hier noch einige andere Inseln.
+
+Auch ich verließ Saparua noch denselben Abend, und am folgenden Tage
+begrüßte ich zu Ambon wieder die liebenswürdige Familie Roskolt.
+
+Ich hatte nun schon viel Gelegenheit gehabt, das Volk auf den Molukken
+zu sehen. Ich fand die Malaien, aus welchen der größte Theil der
+Bevölkerung bestand, hier minder häßlich als auf Java, Borneo und
+Sumatra. Die Hautfarbe ist lichtbraun, der Körper wohlgeformt, wie
+man ihn häufig bei Völkern findet, die ihn nicht in unnatürliche
+Kleidertrachten zwingen. Sie verderben die Zähne nicht durch Feilen und
+Schwärzen und kauen weniger Siri; die Weiber sah ich nirgends Tabak
+rauchen. Die Hauptfarbe ihres Anzuges ist dunkelblau oder schwarz.
+
+Ich hatte gehört und auch gelesen, daß die Christen unter den
+Eingebornen aus Ambon höchst lächerlich gekleidet seien und nichts
+lieber trügen als Europäische Kleider, besonders die Männer den
+Europäischen runden Hut. Ich fand dieß aber nicht so auffallend. Die
+Weiber zeichnen sich vor den übrigen Malaiinnen höchstens durch längere
+Kabays aus; die Männer tragen mitunter Beinkleider, aber höchst selten
+eine Kappe, einen Stroh- oder Filzhut; gewöhnlich gehen sie ohne
+Kopfbedeckung. -- Aber so ist der Reisende: in allen Ländern will er
+Sonderbarkeiten finden. Es würde mich nicht wundern, wenn Jemand ein
+unbekanntes Land durchreist, und unter Tausenden von Eingebornen zwei
+bis drei mit Klumpfüßen gefunden hätte, ihn sogleich die Behauptung
+aufstellen zu hören, daß in diesem Lande die Leute alle an Klumpfüßen
+litten.
+
+Auf den Molukken sieht man bei den Eingebornen wenig Geflügel, sehr
+selten Schweine und kein Hornvieh[24]; sie begnügen sich mit Sago,
+rothem Pfeffer, Fischen und einigen Früchten.
+
+Vor kurzem wurde auf Ambon eine Sagofabrik errichtet, in welcher das
+schönste weiße Sagomehl, so wie der Perlsago producirt wird. Diese
+Fabrik kann jedoch nicht so billig arbeiten, wie jene aus Singapore,
+obwohl der Sago hier heimisch ist, und dort eingeführt werden muß. Auf
+Singapore gibt es nämlich der arbeitsamen Chinesen genug, die sich mit
+einem geringen Lohne begnügen, während hier der träge Malaie nur durch
+Ueberzahlung zur Arbeit bewogen werden kann.
+
+Am +3. März+ verließ ich Ambon, und zwar abermals auf dem Dampfer
+Ambon, Kapitän Bergner. Ich ging über +Ternate+, das noch zu den
+Molukken gehört, nach +Kema+ auf Celebes. Die Fahrt nach Ternate (260
+Meil.) machten wir in 54 Stunden. Wir kamen an vielen Inseln und
+Eiländchen vorüber; auf manchen sah ich ganz schroffe, vollkommen
+kegelförmige Berge, die mitunter gerade aus der See emporstiegen. Viele
+standen frei ohne alle Verbindung, sie erinnerten mich an jene um
+Sarawak.
+
+Die Einfahrt von Ternate ist sehr pittoresk. Die Bay erscheint von
+mehreren über 5000 Fuß hohen Bergen umkränzt, darunter +Tidore+,
++Ternate+, letzterer ein Vulkan, der häufig raucht. An seinem Fuße
+liegt das Städtchen Ternate.
+
+Die Holländer haben hier ein Fort und einen Residenten; doch ist diese
+Insel gleich +Ceram+ für die Holländische Regierung nur ein Lastposten,
+den sie aus politischen Rücksichten beibehält.
+
+Es residirt hier ein Sultan, welchem sie bisher sein ganzes Land
+gelassen hat, und dem sie überdieß noch eine jährliche Pension von
+10,800 Rupien gibt.
+
+Wir blieben auf Ternate ein und einen halben Tag, die ich höchst
+angenehm in dem Hause des Residenten, Herrn +Goldmann+, zubrachte.
+
+Abends machten wir dem Sultan von Ternate einen Besuch. Er sandte, um
+uns abzuholen, einen bequemen Europäischen Wagen, den er einst von dem
+König von Holland zum Geschenke erhalten hatte. Da es aber auf der
+Insel Ternate keine Pferde gibt, woran man in Holland nicht gedacht
+hatte, mußten, wenn man den Wagen gebrauchen wollte, an die Stelle
+der Pferde Menschen gespannt werden. Zu meinem Erstaunen sah ich auch
+wirklich das Fuhrwerk vor das Haus rollen, von mehr als zwanzig Dienern
+oder Unterthanen des Sultans gezogen und geschoben. Wir saßen ein
+und fuhren so rasch, daß uns der Abgang der vierbeinigen Laufer kaum
+bemerkbar wurde.
+
+Das Haus des Sultans war von Stein in Europäischem Style ausgeführt,
+der Sultan Europäisch gekleidet, mit Ausnahme des Turbans auf seinem
+Kopfe. Er empfing uns unten an der Treppe, bot mir den Arm und
+geleitete mich mit vielem Anstande in den Empfangssaal; hier mußte
+ich mich von ihm trennen, da ich als Frau nicht an seiner Seite Platz
+nehmen durfte. Es empfingen mich seine Töchter (die Sultanin ließ sich
+krank melden), und führten mich an das eine Ende des Saales. Die Herren
+saßen uns gegenüber an dem anderen Ende. Nachdem Thee und Backwerk
+gereicht worden war, führte man uns zu Ehren zwei Tänze auf, den Menaré
+und den Tjakalele.
+
+Der Menaré wurde von zwölf hübsch gekleideten Mädchen getanzt. Sie
+hatten hochrote seidene Blousen an, um den Hals einen sehr breiten
+weißen Kragen, nebstdem noch rothe und grüne Schürzen und Schärpen. Um
+die Taille trugen sie einen breiten Goldblech-Gürtel, vom Halse bis an
+die Brust ein Goldblech, und von demselben Metalle Armbänder, auf dem
+Kopfe einen schmalen Reif mit vielen Spitzen und Zacken. Nach hinten
+hing noch ein Goldblech über die Haare, die mit Blumen geschmückt
+waren; in dem Gürtel hatten sie Fächer stecken. Der Tanz war für
+Malaiinnen ziemlich bewegt. Sie machten Figuren wie bei der Quadrille
+und bedienten sich hiezu sogar ihrer Schärpen und Fächer. Alles
+geschah jedoch mit gesenkten Augen ohne Grazie, und unter Begleitung
+kreischender Gesänge. Die Musik bestand aus zwei Tamburinen und einer
+Pfeife, die Musiker waren Weiber.
+
+Der +Tjakalele+ rührt noch, mit einigen Abänderungen, aus den Zeiten
+der Portugiesen her. Dieser Tanz, von einem Vortänzer und zehn Tänzern
+ausgeführt, ist so hübsch, daß man ihn einem civilisirten Ballettanze
+vergleichen könnte. Der Anzug der Tänzer bestand aus orangegelben
+Beinkleidern und Kaftanen, letztere auf vier Seiten aufgeschlitzt,
+aus bunten Binden und Schärpen und dreieckigen Filzhüten mit weißen
+Federbüschen. Jeder Tänzer hielt ein hölzernes Schwert in der Hand und
+hatte an jedem Arme ein buntes seidenes Tuch befestigt. Der Vortänzer
+trug statt eines orangegelben Kaftans einen hochrothen, statt einer
+Schärpe zwei, auf dem Hute zwei Federbüsche und an jedem Arme zwei
+Tücher. Die Tänzer machten sehr künstliche, verwickelte Figuren und
+Gruppen; sie stampften zeitweise mit den Füßen auf den Boden und
+schlugen mit den Schwertern wie bei einem Gefechte aneinander. Auch
+begleiteten sie den Tanz mit kurzen Gesängen, die etwas weniges
+besser klangen als jene der Mädchen. Zum Schluß bildeten sie mit den
+Schwertern eine Art Tragbahre, auf welche der Vortänzer sprang, und
+trugen diesen im Triumphe von der Scene. Die Musik bestand aus zwei
+Violinen und einer Pfeife und wurde von Männern gespielt.
+
+Die Unterwürfigkeit ist an diesem Hofe nicht so groß wie zu Surakarta.
+Die Leute fingen erst an, auf den Knien zu rutschen, wenn sie dem
+Sultan schon ganz nahe waren. Den Sultan fand ich nicht von Weibern,
+sondern von Männern umgeben, die hinter ihm aufrecht standen.
+
+Beim Abschiede begleiteten mich die Töchter des Sultans bis an den
+Ausgang des Saales; hier bot mir der Sultan wieder den Arm und
+geleitete mich bis an den Wagen.
+
+Ich sah mit Erstaunen die Straßen beleuchtet, obwohl ich im Hinfahren
+den Luxus von Laternen nicht bemerkt hatte. Als wir bei dem ersten
+Lichte vorüber fuhren, löste sich das Räthsel -- die Laternen waren
+gleich den Pferden von Menschen vertreten, die an beiden Seiten der
+Straße mit Fackeln standen.
+
+Die Eingeborenen von Ternate leben noch viel von Sago; doch wird
+auch Reis und Mais gebaut. Das Land ist fruchtbar, aber noch wenig
+kultivirt. Daß an dergleichen Orten die Lebensmittel, an welche wir
+Europäer gewöhnt sind, übertrieben viel kosten, versteht sich von
+selbst, da wenig oder nichts gepflanzt wird und sich selten jemand
+mit Aufziehung von Geflügel, Schweinen oder Hornvieh beschäftigt. So
+bezahlt man hier z. B. für ein Pfund Rindfleisch sechzig Deut, für eine
+Flasche Milch vierzig. Der Lohn der Dienerschaft ist ebenfalls sehr
+hoch; man muß die Leute meistens von Java kommen lassen.
+
+Am +7. März+ Abends verließen wir Ternate und am folgenden Morgen lagen
+wir vor +Kema+ (94 Meilen) auf Celebes.
+
+
+ [19] Als ich später nach Java zurückkam, las ich in den Zeitungen,
+ daß in Folge dieses Erdbebens die Hälfte der Molukken zerstört
+ worden sei. Welche Uebertreibung!
+
+ [20] Der Nanarinen-Baum gehört zum Geschlecht der Kanarien-Bäume; er
+ trägt eine sehr fette Mandel, aus welcher Oel gepreßt wird, das
+ viel feiner als Kokos-Oel ist und auch zum Kochen verwendet wird.
+
+ [21] Bei dieser Gelegenheit muß ich bemerken, daß unter diesem
+ Gouverneur-General auch die Abgaben aufgehoben wurden, welche
+ die Kleinverkäufer auf allen Holländisch-Indischen Besitzungen
+ von den Lebensmitteln bezahlen mußten, die sie zu Markte
+ brachten. Dieses Gesetz war um so drückender, als der Bazarpacht
+ meistens in den Händen der Chinesen war, die unglaublich
+ geldgierig und hartherzig sind und das Volk schrecklich quälten,
+ ja nicht selten betrogen.
+
+ [22] Jede Pflanzung, jeder Garten wird auf Ambon „Duson“ genannt.
+
+ [23] In Gegenden, die nahe am Aequator liegen, muß man frühzeitig
+ Halt machen, da die Sonne um 6 Uhr untergeht und die Dunkelheit
+ plötzlich ohne vorhergehende Dämmerung eintritt.
+
+ [24] Es giebt Hornvieh; dasselbe wird aber nur von den Holländern
+ gehalten.
+
+
+
+
+Elftes Kapitel.
+
+ Celebes. -- Menado. -- Reise nach den Oberlanden. -- Die
+ Holländischen Missionäre. -- Makassar. -- Reise in das Innere von
+ Celebes. -- Maros. -- Eine Regentenwahl. -- Tanette. -- Baru. -- Fest
+ der Zahnfeilung. -- Pare-pare. -- Der gelehrte Malaische König.
+
+
+Celebes ist eine große Insel, die sich ungefähr von dem zweiten
+Breitengrade, nördlich des Aequators, bis zu dem sechsten Grade südlich
+von demselben erstreckt und durch tiefe Einschnitte des Meeres in vier
+Halbinseln getheilt wird.
+
+Kema liegt auf der nordöstlichen Spitze in der Residentschaft
++Menehassa+. Der Sitz des Residenten ist zu +Menado+ (zwanzig Paal). In
+dem Ostmonsun gehen die Schiffe vor Menado, in dem Westmonsun vor Kema
+vor Anker[25].
+
+Kema ist ein ganz unbedeutendes Oertchen; ich fand hier nur einen
+Beamten und einen Missionär, den ersten, welchem ich in den
+Holländischen Besitzungen begegnete. Der Missionär, Herr +Hardig+, ein
+Deutscher, lud mich sogleich in sein Haus ein. Ich blieb daselbst zwei
+Tage und ritt dann ganz allein nach Menado. Der Weg führt durch schöne,
+breite Thäler, die mit Reis, Kaffee und Mais bepflanzt sind. Hübsche
+Berge erheben sich auf beiden Seiten, unter welchen der +Klabat+, die
+beiden Brüder an 5000 Fuß hoch sind. Obwohl auch hier die Sagopalme
+noch wild gedeiht, arbeiten die Leute doch bei weitem mehr als auf den
+Molukken. Sie nähren sich hauptsächlich von Reis und Mais. Mit dem
+Kaffeebaue haben sie mehr zu thun, als irgendwo: jedes Familienhaupt
+muß 500 Bäume pflanzen und erhalten. Sie erhalten zwar für den Pikul
+Kaffee zehn Kupfergulden, müssen aber davon an die Regenten und
+Aufseher 1 Gulden 25 Deut abgeben. Jeder Eingeborne muß außerdem für
+seine Hütte der Regierung jährlich sechs, dem Regenten zwei Gulden
+bezahlen und an den Weg-, Brücken- und andern Bauten unentgeldlich
+arbeiten. Es scheint, daß die Leute hier von der Holländischen
+Regierung etwas stiefmütterlich behandelt werden.
+
+Für Menado hatte ich eine Einladung vom Residenten Herrn +Andriesen+.
+
+Da ich von Menehassa, das seiner schönen Natur wegen sehr gerühmt
+wird, etwas sehen wollte, unternahm ich eine kleine Reise nach den
+Oberlanden (2300 Fuß hoch gelegen) und dem See +Tondano+.
+
+Am +14. März+ ritt ich in Gesellschaft des Missionärs, Herrn
++Schwarz+ (eines Deutschen), über +Lotho+, +Tomohan+ und +Lahendon+
+nach +Sonder+ (23 Paal). Bei Lotho fängt die Steigung des Weges an;
+man hat einige wunderbar schöne Aussichten über Land und Meer. Der
+schönste Punkt aber ist auf der Höhe von Lahendon. Zu Füßen liegt ein
+großes, fruchtbares Thal, von schönen Bergen umsäumt, darunter der
++Saputan+ oder +Frauenberg+, der +Lokon+ mit 5000 Fuß Höhe. Bepflanzte
+Hügel, Waldungen, Boskette mit reichen Mais- und Reisfeldern, große,
+nette Dörfer erscheinen überall dazwischen, und das freundliche
+Lahendoner-Seelein schimmert gleich einem Diamanten aus der grünen
+Einfassung.
+
+Zu Tomohan blieben wir bei dem Missionär Herrn +Wilken+, ebenfalls
+einem Deutschen, über Mittag. Nach Tische machten wir den kurzen
+Umweg von einer Meile, um an den kleinen See zu kommen, der ungefähr
+einen Paal im Durchmesser haben mag. Jenseits des Sees liegen einige
+Schlammquellen. Ich ließ mich in einem ausgehöhlten Baumstamme
+übersetzen; allein es war nichts als vertrockneter Schlamm zu sehen;
+nicht das geringste Dampfwölkchen verkündete einiges Leben. Bei
+Regenwetter sollen die Quellen noch etwas wirksam sein, aber lange
+nicht mehr so stark als vor zehn Jahren. Zu jener Zeit bezahlte ein
+Italienischer Graf den Besuch der Quellen mit seinem Leben. Er wagte
+sich, ungeachtet der Warnungen seines Führers, zu nahe, sank bis an die
+Schenkel in den kochenden Schlamm und starb nach einigen Monaten an den
+Brandwunden.
+
+Außer diesen Schlammquellen ist noch eine kleine heiße Schwefelquelle
+nahe an dem See zu sehen.
+
+Zu Sonder blieb ich bei dem Missionär Herrn +Graafland+. Herr Schwarz
+ritt noch elf Paal weiter nach +Langowang+, wo er wohnte.
+
++15. März.+ Herr Graafland begleitete mich bis Langowang. Ungefähr
+zwei Paal vor diesem Orte, einige hundert Schritte vom Wege ab, liegen
+ebenfalls Schlammquellen. Es haben sich mehrere Becken gebildet,
+von welchen das größte vielleicht zwanzig Fuß im Durchmesser ist.
+Hier brodelt der Schlamm noch etwas auf. Nahe bei Langowang liegen
+auch einige, beinahe kochend heiße Schwefelquellen. Das Wasser ist
+krystallhell -- man kann tief hinab in die Felsbecken schauen. Der
+Geruch nach Schwefel ist viel stärker als der Geschmack. Die Leute,
+die in der Nähe dieser Quellen wohnen, bedienen sich des Wassers zum
+Trinken und Kochen. Sie sagen, daß wer daran nicht gewöhnt sei,
+anfangs nach dem Genuß häufig Leibschmerzen bekomme.
+
+In Langowang stieg ich bei dem guten und biedern Herrn Schwarz ab und
+hielt in seinem Hause einen Ruhetag.
+
+Am +17. März+ ritt ich nach +Romboken+ (acht Paal), an dem schönen See
+Tondano gelegen, der neun Paal lang und vier breit ist. Dieser See, ein
+einstiger Krater, erhält seinen Wasserreichthum durch dreißig kleine
+Flüsse; außerdem hat er selbst in seiner Mitte eine Quelle, an einer
+Stelle, wo man mit dem Senkblei keinen Grund gefunden haben soll. Er
+ist von lieblichen Bergen und Hügeln eingefaßt, die in immerwährendem
+Grün prangen.
+
+Aus Romboken erwartete mich der Missionär Herr +Noe+ mit einem Boote,
+um mich nach Tondano (vier Paal), seinem Wohnsitze, zu führen. Unter
+Weges überfiel uns ein echt tropischer Regenguß, begleitet von einem
+sehr kühlen Winde; es erfaßte mich ein heftiger Frost, und das böse
+Sumatra-Fieber stellte sich zum siebenten Male ein (ich hatte es
+auch auf Ambon). Mit großer Sehnsucht sah ich der Ankunft zu Tondano
+entgegen und eilte von dem Boote sogleich in das Bett. Gegen Abend war
+der Anfall vorüber, und ich besuchte noch Herrn +Riedl+, ebenfalls
+einen Deutschen Missionär.
+
+Da ich das dreitägige Fieber hatte, konnte ich am folgenden Morgen
+ruhig einen Spaziergang nach dem zwei Paal entfernten Wasserfall von
+Tondano machen. Die Umgebung ist wild romantisch; der Fluß stürzt sich
+über eine achtzig Fuß hohe Felswand in einen Kessel, der von allen
+Seiten senkrecht abfällt und unzugänglich ist. Man kann diesen Fall nur
+von oben besehen, wo eine offene Hütte für die Neugierigen errichtet
+ist. Ein zweiter Fall ist weniger bedeutend. Ungefähr hundert Fuß von
+letzterem führt ein Brückchen über den Fluß, von welchem man beide
+Fälle überblickt. Der Fluß ist zwischen einige Felswände eingeengt,
+in welche die Kraft des stark abfallenden Wassers große Oeffnungen
+gebrochen hat, und durch diese stürzt er sich wie durch Schleußen fort.
+
+Nachmittags durchschiffte ich den See in seiner ganzen Länge bis
++Kakas+, von wo ich nach Langowang zu Fuß ging. Hier nahm mich wieder
+Herr Schwarz auf.
+
+Mit dieser Parthie schloß sich meine Reise in der Residentschaft
+Menehassa. Ich wäre noch weiter gekommen, wenn das Fieber nicht
+wiederholt aufgetreten wäre. Alles was ich von diesem Lande sah, gefiel
+mir unendlich. Es ist reich an Naturschönheiten, hat ein gemäßigtes
+Klima und trefflichen Grund und Boden. Die Dorfschaften sind schön
+und reinlich, die Häuser auf Pfähle gebaut, geräumig und so gut in
+Stand gehalten, wie ich noch in keinem dieser Länder gesehen hatte.
+Obwohl nur aus Holz oder von den Rippen der Sagoblätter, sehen viele
+Häuser der Eingebornen, ihrer Größe und Sauberkeit wegen, wie Wohnungen
+von Europäern aus. Es gibt Dorfschaften von 2 bis 3000 Seelen; die
+Häuser stehen in Reihen, sind aber durch Bäume und Hecken von einander
+geschieden. Die schönsten lebendigen Zäune von gefüllten Rosen laufen
+längs den Häuserreihen hin. Sehr gute, breite Wege durchschneiden
+Menehassa in allen Richtungen. In siebzehn Ortschaften sind sogenannte
+„Loger-Häuser“ für den Residenten gebaut, der häufig im Lande herum
+reisen muß, um nach den Kaffee-Pflanzungen zu sehen.
+
+Die Eingebornen sind theils Christen, theils Heiden. Man nennt sie
+Alforen; ich fand aber wenig Aehnlichkeit zwischen ihnen und den
+Alforen auf Ceram. Auch sind sie keine Kopfjäger. Sie sind etwas minder
+häßlich als die Malaien und lassen ihre Zähne weiß und ungefeilt.
+Betel wird zwar überall gekaut, doch ziemlich mäßig. Die Kleidung der
+Christen ist wie jene der Christen auf den Molukken. Die Nichtchristen
+bekleiden sich weniger, immerhin aber mehr als ihre Namensverwandten
+auf Ceram. Den Charakter des Volkes hörte ich allgemein loben; man
+rühmt die Alforen als ehrliche, treue Menschen; ihre Sitten sind rein
+und unverdorben und sie arbeiten mit gutem Willen für die Regierung.
+
++Menehassa+ hat eine Bevölkerung von 110,000 Seelen, von welcher
+seit ungefähr zwanzig Jahren ein Drittheil zur christlichen Religion
+übergegangen ist. Schon zu den Zeiten der Portugiesen soll es viele
+Christen unter ihnen gegeben haben, die aber später aus Mangel an
+Priestern und Lehrern wieder in das Heidenthum zurückfielen. Im Jahre
+1831 wurden die ersten Missionäre, die Herren +Schwarz+ und +Riedl+,
+von der Holländischen Missionsgesellschaft nach Menehassa gesandt. Herr
+Schwarz allein hat in den zweiundzwanzig Jahren seines hiesigen Wirkens
+9000 Menschen getauft.
+
+Das Leben und Wirken der Missionäre, wie ich es hier sah, befriedigte
+mich ungleich mehr als jenes der Amerikanischen und Englischen
+Missionäre in Indien, China und Persien. Der Missionär setzt sich hier
+an einem Orte fest und reist nicht bald 100, bald 200 Meilen hier und
+dort hin, um Leuten zu predigen, die keinen Vorunterricht genossen
+haben und daher von seinen langen Reden so viel wie nichts verstehen.
+Hat sich sein Wirkungskreis so weit ausgedehnt, daß er seinen Gemeinden
+nicht mehr genügen kann, so ersucht er die Missionsgesellschaft um
+einen neuen Mitarbeiter, und so geht die Sache Schritt vor Schritt
+vorwärts.
+
+Die Herren Schwarz und Riedl haben die Arbeiten hier begonnen; jetzt
+ist die Zahl der Missionäre schon auf zehn gestiegen, und auch diese
+reichen nicht mehr aus.
+
+Die Holländischen Missionäre beziehen von ihrer Gesellschaft einen
+sehr mäßigen Gehalt: sie führen einen sehr bescheidenen Haushalt und
+leben nicht in Pracht und Luxus wie die vornehmen Amerikanischen
+und Englischen Missionäre. Die Folge davon ist, daß sich das Volk
+mit Vertrauen dem Geistlichen und Lehrer nähert, den keine so hohe
+Scheidewand von ihm trennt. In die Zeit, die ich bei Herrn Schwarz
+zubrachte, fiel auch ein Sonntag. Ich sah da Nachmittags nach dem
+Gottesdienste viele Eingeborne zu Besuch kommen und sich stundenlang so
+herzlich und ohne Zwang mit der Familie unterhalten, als gehörten sie
+dazu.
+
+Jeder Missionär hält vier bis acht Jünglinge und eben so viele
+Mädchen in seinem Hause. Die Jünglinge bildet er zu Schullehrern; die
+Mädchen werden in allen nützlichen häuslichen Arbeiten unterrichtet,
+die feinen, für das gewöhnliche Leben unnützen, wie Sticken,
+Schlingen u. s. w. ausgenommen. Diese jungen Leute leben beständig in
+Gemeinschaft mit der Familie, sie sind fast wie Kinder des Hauses zu
+betrachten; doch wird auch andererseits wieder Sorge dafür getragen,
+daß sie nicht durch zu hohen Unterricht oder durch eine zu bequeme
+Lebensweise aus ihrer Sphäre gerissen werden.
+
+Die Missionäre haben hier nicht jede Woche ein bis zwei Meetings
+(Zusammenkünfte), sondern nur zwei im ganzen Jahre, und zu diesen
+kommen weder die Frauen, Kinder, noch der ganze Hausstand mit. Die
+Herren vereinigen sich auf zwei bis drei Tage, und jeder reitet dann
+wieder heim. Sie finden es hier auch nicht unter ihrer Würde, sich mit
+eingebornen, wohlerzogenen Mädchen zu verheirathen. Frau Schwarz war
+nicht so glücklich, von Europäischen Eltern abzustammen; sie stand
+aber ihrem Berufe eben so gut, wo nicht besser vor, als die meisten
+Europäischen Missionärs-Frauen, denn weder sie noch ihre Kinder hatten
+Klimawechsel, Reisen nach Europa u. s. w. nöthig. Was kostet dem
+Englischen und Amerikanischen Missionsfond nicht das beständige Reisen
+der Missionärs-Frauen und Kinder?!
+
+Die Frauen der Missionäre sah ich die Kranken besuchen, die
+abscheulichsten Wunden und Geschwüre verbinden. Hier bekam ich mehr
+Achtung vor den Missionären, als ich bisher gehabt hatte, hier ward es
+mir begreiflich, daß sie des Guten unendlich viel wirken können, wenn
+sie diesen Stand aus wahrem, innerem Berufe ergriffen, und nicht, wie
+es leider oft der Fall ist, aus der eigennützigen Absicht, sich eine
+leichte Existenz, ein reichliches Auskommen zu verschaffen.
+
+Die Regierung scheint auf Menehassa leider wenig Antheil an dem
+Volksunterricht zu nehmen. Die Schullehrer, die ihre geringen Gehalte
+(per Monat vier bis sieben Rupien, nur die beiden ersten Lehrer
+erhalten zehn) von dem Missionsfonde beziehen, sind nicht einmal
+von der Hüttensteuer ausgenommen, die sie an die Regierung und ihre
+eingebornen Regenten bezahlen müssen.
+
+Ich brachte fünf Tage bei der lieben, biedern Familie Schwarz zu; am
+23. März trat ich den Rückweg nach Menado an. Herr Schwarz begleitete
+mich zehn Paal weit; dann nahmen wir so innig wehmüthigen Abschied, als
+wären wir jahrelange Freunde gewesen.
+
+Ueber Mittag blieb ich bei Herrn Wilken, der mich schon früher in sein
+Haus eingeladen hatte; Abends erreichte ich Menado (34 Paal).
+
+In Menado hielt ich mich dießmal größtentheils bei dem Missionär Herrn
++Linemann+ auf, der ebenfalls ein Deutscher ist. Ich sollte mit ihm
+die noch übrigen Stationen besuchen. Wir waren schon reisefertig,
+als es verlautete, daß der Dampfer für Makassar noch diesen Monat
+kommen würde. Ich mußte in Menado bleiben und den Ausflug, von dem
+ich mir viel Vergnügen versprach, aufgeben, was ich später um so mehr
+bedauerte, als ein Tag nach dem andern verging und der Dampfer nicht
+anlangte.
+
+Erst am 9. April berichtete man seine Ankunft; am 8. Abends ritt ich
+nach Kema, und am folgenden Morgen ging ich an Bord.
+
+Die Reise nach Makassar (600 Meil.) machten wir in drei Tagen.
+
+Ich hatte schon früher gehört, daß Dr. Schmitz nach Makassar als
+Direktor des Hospitales versetzt worden und daselbst mit seiner
+Gemahlin bereits angelangt sei. Ich wußte, man werde mich da mit
+offenen Armen aufnehmen und eilte bei meiner Ankunft sogleich in sein
+Haus.
+
+Da ich Makassar bereits gesehen hatte, blieb ich daselbst nur einige
+Tage; ich war begierig, eine Reise in das Innere von Celebes zu
+unternehmen.
+
+Der von den Holländern unabhängige Theil dieser Insel ist in drei große
+Reiche, +Bonni+, +Goa+ und +Sidenring+ getheilt, welche wieder in viele
+kleine Staaten zerfallen, deren Könige oder Rajah’s den Regenten der
+großen Reiche unterworfen sind. Die Sultane oder Könige dieser drei
+Reiche sind Bundesgenossen der Holländer; sie dulden aber weder Forts
+noch Residenten in ihren Ländern und haben bisher ihre vollkommene
+Unabhängigkeit zu bewahren gewußt. Ich wollte diese Reiche, so wie
+auch den Bergdistrikt +Duri+ besuchen, dessen wilde Bewohner in Höhlen
+wohnen und noch auf einer sehr tiefen Stufe der Zivilisation stehen
+sollen. Ich ersuchte den Gouverneur, Herrn +Bick+, um die Erlaubniß
+zu dieser Reise, denn ohne dessen Bewilligung darf man weder in den
+Besitzungen der Holländer auf Celebes noch zu deren Bundesgenossen
+reisen. Der Gouverneur war sogleich bereit, mir die Erlaubniß für Goa
+und Sidenring zu geben. Bonni schloß er aus, da die Regierung jetzt
+eben nicht am besten mit diesem Sultan stand, welcher der mächtigste
+von den Dreien ist und, wie man mir sagte, in kurzer Zeit eine Macht
+von 40,000 tüchtigen Streitern zusammenbringen kann.
+
+Mit Briefen vom Gouverneur an verschiedene Könige und Rajah’s versehen,
+trat ich in Begleitung eines Sendlings (Dragomans) und eines Kulis am
+17. April die Reise zu Pferde an. Ich ritt bis +Maros+ (17 Paal), dem
+Sitze eines Assistent-Residenten. Maros und Makassar liegen auf einer
+und derselben Ebene, die mit unübersehbaren Reisfeldern überdeckt ist.
+Ich war über diese große Kultur um so mehr erstaunt, als ich nur wenige
+Ortschaften sah und das Pflanzen des Reises, besonders aber die Ernte,
+vieler Menschenhände bedarf, denn auch hier, wie auf Java, wird jede
+Aehre einzeln abgeschnitten.
+
+In dieser Ebene gab es weder gebahnte Wege noch Brücken; die Flüsse
+Tello und Maros mußten wir in Booten übersetzen; die Pferde schwammen
+hindurch.
+
+Auf Maros stieg ich bei dem Assistent-Residenten Grafen Bentheim ab.
+Dieser Herr wohnte in einem sehr schönen Gebäude, dessen Architekt
+und Baumeister er selbst war, und das an Schönheit die Residenzen der
+Gouverneure von Makassar und Ambon bei weitem übertrifft. Es ist von
+massiven Steinen aufgeführt, hat einen artigen Säulengang und große,
+hohe Gemächer.
+
+Ich wollte auf Maros nur einen Tag bleiben; allein anhaltende Regen
+hielten mich sechs Tage zurück. Welch ein Glück, daß mich dieß Wetter
+nicht bei irgend einem Malaischen oder Buginesischen Könige oder Rajah
+traf! Hier in der Mitte einer so überaus liebenswürdigen Familie,
+wie die des Grafen, war das schlechte Wetter leicht zu ertragen, und
+beinahe mit Bedauern sah ich die Sonne wieder erglänzen und mich an die
+Fortsetzung meiner Wanderungen mahnen.
+
+Während meines Aufenthaltes zu Maros besuchte ich die drei Paal
+entfernt gelegene Grotte +Bulu Sepong+. Der Fels, in welchem sich diese
+Grotte befindet, steht ganz vereinzelt, wie vom Himmel gefallen, in
+der schönen Ebene. Er mag achtzig Fuß hoch sein und dreihundert Fuß im
+Umfange haben. Als die Engländer das Land in Besitz hatten, benützten
+sie ihn als Festung. Die Grotte war die Kaserne, auf der Spitze standen
+die Kanonen. Die Grotte ist niedlich, von der Decke senken sich viele
+Zacken und einige unregelmäßige Säulen von Stalaktit herab. Jetzt ist
+sie der Tummelplatz von Fledermäusen und allerlei Nachtvögeln.
+
+Auch einer Regentenwahl wohnte ich in dem Hause des Grafen bei. Einer
+der Rajah’s wünschte von der Regierung wie von seinem Volke die
+Zusicherung zu erhalten, daß nach seinem Ableben sein Titel auf seinen
+Sohn übergehen möge; er wollte letzteren deßhalb noch bei Lebzeiten
+für seinen Nachfolger erklären lassen. Die Regenten und Aeltesten des
+Volkes von dem ganzen Bezirke versammelten sich zu diesem Zwecke in
+dem Hause des Grafen. Jeder wurde einzeln und abgesondert um seine
+Meinung und Stimme befragt. Alle stimmten zu Gunsten des Sohnes. Dieser
+saß während der Verhandlung bei Seite und wurde, als die Stimmen
+gesammelt waren, herbeigerufen, worauf man ihm den glücklichen Erfolg
+verkündete. Er zog seinen Kries und legte den Eid der Treue ab.
+
+Das Volk ist hier nicht sehr von der Regierung geplagt; es hat nur
+den zehnten Theil der Ernte in Geldeswerth zu entrichten und weder
+an Straßen-, noch Brücken- oder Häuserbauten zu arbeiten. Kaffee-,
+Zucker- und Gewürzpflanzungen sind frei, und daher sieht man von diesen
+Produkten auch nichts. Reis ist das einzige Bedürfniß der Eingeborenen
+und in Folge dessen pflanzen sie nichts anderes, da sie ihre
+Bequemlichkeit dem Verdienste oder Gewinne vorziehen. Damit wäre ein
+Beweis geliefert, daß, wenn die Regierung ihr Monopol-System aufgäbe
+und die Leute nicht zu der Arbeit zwänge, nicht, wie manche behaupten,
+mehr gepflanzt und zu billigeren Preisen erzeugt würde, sondern im
+Gegentheile auf allen Inseln, Java nicht ausgenommen, die meisten
+Pflanzungen nur zu bald eingehen dürften.
+
+Was überhaupt über das Monopol-System so wie über die Regierungsweise
+der Holländer Gutes oder Böses zu sagen ist, wage ich als schlichte
+Frau mit meinen ungenügenden Kenntnissen nicht zu beurtheilen. Meiner
+Meinung nach ist jede Art Zwang eine Ungerechtigkeit, die nirgends
+statt haben sollte. Wo ist aber eine Regierung in der Welt, die Zwang
+nicht anwendet, wenn es in ihrer Macht steht? Ich möchte glauben,
+daß bisher noch keine Regierung ein Land in der menschenfreundlichen
+Absicht in Besitz genommen hat, das Volk zu beglücken -- die einzige
+Frage war und ist stets: „Welchen Nutzen kann man aus dem Lande, aus
+seinen Bewohnern ziehen?“ England sucht aus seinen überseeischen
+Besitzungen so viel als möglich zu erpressen, die Spanier, Franzosen
+u. s. w. eben so, und natürlich machen die Holländer von der
+allgemeinen Regel keine Ausnahme.
+
+Warum man aber gerade von der harten Regierung der Holländer in Indien
+so viel spricht, weiß ich wahrlich nicht zu erklären. Ich fand sie
+minder hart als in gar manchen andern Ländern. In Brittisch-Indien
+z. B. wird jeder Fruchtbaum einzeln besteuert, das Pachtsystem ist
+dort für den Kleinpächter ungemein drückend. Freilich haben auch auf
+den Holländisch-Indischen Besitzungen die Eingeborenen mitunter viel
+zu leiden; doch bestehen ihre Leistungen meistens in Handarbeit, was
+weniger drückend ist, als wenn sie in Zahlungen beständen. Auch muß
+man andererseits zugeben, daß besonders in neuerer Zeit viel für die
+Verbesserung ihrer Lage gethan wird. In vielen Provinzen hat der
+Bauer Eigenthumsrecht; er kann seine Hütte, seinen Grund verkaufen.
+In anderen wird der Boden patriarchalisch bearbeitet und die Ernte
+getheilt. In Gegenden, wo weder Kaffee, Zucker, Thee noch Gewürze
+gebaut werden können, oder wo diese Produkte nicht Monopol sind, muß
+gewöhnlich der fünfte Theil der Ernte, in einigen Distrikten auch nur
+der zehnte Theil in Geldeswerth an die Regierung geliefert werden. In
+jenen Gegenden, in welchen das erwähnte Monopol besteht, hat der Bauer
+für sein eigenes Besitzthum äußerst geringe, meistens gar keine Abgaben
+zu entrichten, muß aber dafür in den der Regierung gehörigen oder von
+ihr verpachteten Pflanzungen arbeiten und erhält eine Vergütung.
+
+Die härtesten Lasten sind für die Eingeborenen die Arbeiten in den
+Kaffeegärten und die Bauten der Straßen, Brücken, Magazine, Gebäude
+der Beamten u. s. w. Bei ersteren müssen die Leute oft zwei bis drei
+Monate im Jahre, mitunter fünfzehn bis zwanzig Paal von ihren Wohnungen
+entfernt bleiben. Die Regierung bezahlt ihnen dagegen für jeden Pikul
+gelieferten Kaffee eine bestimmte Summe. Die verschiedenen Arbeiten an
+den Bauten aber mußten bisher ganz unentgeldlich geleistet werden; nur
+die Werkführer, wie Maurer-, Zimmer- und Schlossermeister, erhalten für
+den Tag eine angemessene Bezahlung. Wie ich schon früher erwähnt habe,
+ist das Trachten des jetzigen Gouverneur-Generals dahin gerichtet,
+einen genügenden Tagelohn für alle der Regierung zu leistenden Dienste
+aufzustellen, und es soll diese wohlthätige Maßregel bei meiner
+Abreise der Ausführung schon ganz nahe gewesen sein.
+
+Die Bürger sind von jeder Last befreit: sie haben keine Frohndienste zu
+leisten und nichts als jährlich für Grund und Boden eine kleine Summe
+zu entrichten. Jeder Bauer kann Bürger werden, sobald er zwölf Jahre
+Militärdienste leistet. Gerade über die Bürger hört man die meisten
+Klagen: sie sind außerordentlich träge und in einigen Distrikten,
+besonders auf Ambon, dem Kartenspiele sehr ergeben.
+
+Die Sclaven sind auf den Holländischen Besitzungen gut gehalten:
+sie können ihre Herren verklagen und werden von der Regierung sehr
+in Schutz genommen. Die Gesetze für sie stehen hier nicht blos auf
+dem Papiere, wie in den meisten Sclavenländern, sondern werden auch
+ausgeführt.
+
+Nach allem, was ich bisher auf meinen Reisen nicht nur in
+Holländisch-Indien, sondern in allen außereuropäischen Ländern
+beobachtet habe, möchte ich am Ende beinahe behaupten, daß das Loos
+jener Völker glücklicher sei, die nicht unter die Herrschaft der
+Weißen gerathen sind. Sie haben zwar auch ihre Leiden und Erpressungen
+zu erdulden, aber gewiß keine ärgeren, als unter den habsüchtigen
+Europäern.
+
+Am +23. April+ trat ich die Weiterreise an. Graf Bentheim bestand
+ungeachtet meiner Weigerung darauf, mir noch einen „Tolk“
+(Dolmetscher) mitzugeben, welcher Buginesisch und Holländisch sprach.
+Von letzterer Sprache hatte ich bereits so viel in meinen alten Kopf
+gebracht, um mich verständlich machen zu können. Ich ging mit einem
+Gefolge von neun Nichtsthuern auf den Weg, nämlich: Sendling, Tolk,
+von welchen jeder zwei Kulli und einen Diener hatte; ich selbst hatte
+nur einen Kulli. Dieser große Zug war mir sehr unangenehm, denn je
+zahlreicher das Gefolge, desto mehr Mühe kostet es, die Leute in
+Ordnung zu halten, desto schwieriger ist es, überall die nöthigen
+Pferde zu erhalten.
+
+Wir ritten nicht weiter als bis +Padkadjene+ (sechzehn Paal), beständig
+in großen Ebenen zwischen Reispflanzungen. Man könnte die beiden
+Distrikte von Maros und Makassar mit vollem Rechte die Reiskammern
+der Insel nennen. Die Ebene von Maros erfreut sich eines besondern
+Reichthums, was die Eingebornen zum größten Theile dem Grafen Bentheim
+zu danken haben, da er mehrere Wasserleitungen anlegen ließ, welche die
+Felder hinlänglich bewässern.
+
+Obwohl mich Graf Bentheim auf die schlechten Wege vorbereitet hatte,
+fand ich sie dennoch über meine Erwartung schlecht. Es gibt eigentlich
+gar keine Wege: wir wanden uns beständig durch Reisfelder, die alle
+durch die künstliche Bewässerung tief unter Wasser standen. Die Felder
+waren durch schmale Erddämme getrennt, kaum so breit, daß die Pferde
+einen Fuß vor den andern setzen konnten. Fast bei jedem Schritte mußte
+man auf einen Sturz gefaßt sein. Das Pferd konnte leicht vom Damme
+abgleiten oder mit demselben einbrechen, da er nur aus einer weichen
+Erdmasse bestand. Ging es nicht auf diesen Erddämmen, so ging es durch
+Pfützen und Moräste, in welche die Thiere bis an die Brust einsanken.
+Oft waren sie kaum im Stande, sich heraus zu arbeiten. Dabei wurde
+man natürlicher Weise vom Kopfe bis zu den Füßen mit Koth und Schlamm
+bespritzt. Die Beamten bereisen diese Gegenden nie vor dem Monate
+August, wann die Reisernte vorüber und alles trocken ist.
+
+Schön nimmt sich eine kleine Gebirgskette von fünfzehn Paal Länge aus,
+die sich vor einer größeren aufstellt, und deren Eigenthümlichkeit in
+langen, senkrecht aufsteigenden Wänden besteht, welche sich hie und da
+weit auseinanderspalten und reizende Durchblicke gewähren. Die höchste
+Spitze der dahinter gelegenen größeren Gebirgskette ist der Maros mit
+4800 Fuß. Auch dieser Berg steigt senkrecht in die Höhe.
+
++24. April.+ Wir ritten bis +Mendalle+ (28 Paal). Den Fluß Padkadjene
+übersetzten wir in einem Boote, den Fluß Segéri mußten wir durchreiten.
+Das Wasser ging den Pferden bis über die Brust; sie hatten beinahe den
+Boden unter den Füßen verloren; die eigentliche Gefahr war jedoch, von
+den Kaimans angefallen zu werden, an welchen es in den Flüssen dieser
+Insel nicht fehlt. Aus dem Dorfe Segéri allein wurden im vergangenen
+Jahre neunzehn Menschen von diesen Unthieren aufgezehrt. Dieß hindert
+aber die Leute nicht, den Fluß zu durchschwimmen oder sich in demselben
+zu baden. Sie sagen, wer bestimmt sei, von einem Kaiman gefressen zu
+werden, könne seinem Schicksale nicht entgehen, selbst wenn er sich
+keinem Flusse nähere.
+
+Zu Segéri blieben wir bei dem Regenten über Mittag; es gab daselbst
+weder Löffel noch Gabel; die Hände mußten deren Stelle vertreten.
+
+In dieser Gegend beginnt schon wieder die häßliche Sitte, die Zähne
+schwarz zu färben und abzufeilen. Auch die Nägel an Händen und Füßen
+färben viele rothbraun. Die Tracht der Eingebornen ist durchgängig
+ziemlich dieselbe. Die Männer tragen ein kurzes Beinkleid, das bis auf
+den halben Schenkel reicht, darüber einen Sarong; der Oberkörper ist
+selten bedeckt, der Kopf in ein Tuch geschlagen. Kein Mann geht vor
+die Hütte ohne den Parang und eine große Tasche, welche die Siri- und
+Rauch-Gegenstände enthält. Parang und Tasche werden unter dem Sarong
+getragen, was den Leuten ein ganz eckiges Aussehen gibt. Nebst den
+Parangs sind viele auch mit Lanzen bewaffnet.
+
+Die Sarongs der Weiber sind hier viel länger als ich sie irgendwo
+gesehen habe. Letztere ziehen sie zuweilen bis über den Kopf,
+gewöhnlich aber schlagen sie selbe nur ganz lose um den Körper, wobei
+oft ein langes Stück nachschleppt. Es ist nicht möglich, sich dieses
+Kleidungsstückes alberner zu bedienen. Sie mußten stets eine Hand frei
+haben, um es zusammen zu halten und aufzuheben. Außer dem Sarong tragen
+sie noch ein ganz kurzes Oberhemd, das bis an die Hüften reicht und
+bei den Mädchen aus sehr durchsichtigen, bei den Weibern aus dichteren
+Stoffen besteht.
+
+Nach der Mahlzeit machten wir uns wieder auf den Weg; der Regent von
+Segéri begleitete uns. Man konnte nicht leicht ein schöneres Bild sehen
+als diesen Makassaren[26] auf seinem prächtigen Schimmel. Der Mann
+war sechs Fuß hoch, kräftig gebaut, und hatte ausdrucksvolle, ernste
+Züge. Er trug einen blendend weißen Sarong höchst malerisch um den
+bräunlichen Körper, ein weißes Tuch um den Kopf geschlagen. Sein Pferd
+hatte weder Sattel noch sonstiges Reitzeug, außer einem kleinen Zaum,
+der durch das Maul gezogen war. Und dennoch saß er so fest und dabei
+so ungezwungen oben, wie der geübteste Reiter. Die Leute auf Celebes
+sind durchgehend treffliche Reiter; man sieht schon zehnjährige Knaben
+die Pferde wacker herumtummeln. Sie reiten ohne Sattel und Zeug; nur
+ein kleiner Zaum, wie gerade bemerkt, wird den Pferden durch das Maul
+gezogen, auch wohl manchmal eine kleine Decke ganz lose auf den Rücken
+des Thieres gelegt. Wenn sie langsam reiten, stemmen sie gewöhnlich
+einen Fuß in die Seite des Thieres -- ein höchst origineller Anblick.
+Es gibt sehr viele Gestüte auf Celebes; die Pferde dieser Insel werden
+häufig ausgeführt, da sie in ganz Indien die größten und ausdauerndsten
+sind. Der Preis eines schönen Pferdes ist dreihundert Rupien.
+
+Wir kamen auch heute viel durch Reisfelder, so wie durch Mais-, Ubi-
+und Pisang-Pflanzungen. Große Strecken Alang-Alang, hie und da kleine
+Waldparthien zogen sich dazwischen hin. Wir gingen stets in großen
+Thälern fort und ließen die Gebirgsketten einige Paal seitwärts liegen.
+
++25. April.+ Die heutige Tagereise war nicht länger als sieben Paal,
+aber desto unangenehmer. Die Wege um Mendalle waren durch die häufigen
+Regen ganz unpraktisch geworden; wir mußten daher an das Meeresufer
+hinabsteigen und zum Theile in der See selbst reiten; der Korallenriffe
+halber konnten wir nicht einmal der Küste nahe bleiben, und ritten oft
+einige hundert Schritte von ihr entfernt. Die Brandung war sehr stark,
+das Wasser so trübe, daß man den Grund nicht sehen konnte. Ich dankte
+Gott, als ich ohne Unfall aus dem feindlichen Elemente kam und unter
+den Hufen meines Pferdes wieder Erde sah[27].
+
+Vormittags erreichten wir +Tanette+, ein unabhängiges Fürstenthum oder
+Königreich auf der Ostküste von Celebes und seit dem Jahre 1840 ein
+treuer Bundesgenosse Hollands.
+
+Das Oertchen Tanette liegt in einer freundlichen Ebene. Man zeigte mir
+eine große Bambushütte mitten in Reisfeldern als den Palast der Königin.
+
+Auf Celebes ist es gebräuchlich, daß man nicht geradezu nach der
+Wohnung eines regierenden Hauptes geht; man muß sich ansagen lassen
+und um die Erlaubniß einer Vorstellung ersuchen. Ich sandte also einen
+meiner Leute an den königlichen Hof; die Einladung erfolgte, und ich
+hatte nichts eiliger zu thun, als davon Gebrauch zu machen.
+
+Tanette wird von einer Königin regiert. Sie empfing mich sehr
+herzlich und führte mich sogleich zu ihrer Tochter, die nicht in das
+Empfangsgemach kam. Die Prinzessin zählte schon neunzehn Jahre und
+war noch nicht verheirathet. Sie war zwar Braut; doch schob man die
+Vermählung noch auf ein Jahr hinaus. Bei der vornehmen Klasse ist es
+Sitte, daß die Mädchen erst mit zwanzig und mehr Jahren heirathen,
+während dieß in der geringen schon mit elf und zwölf Jahren geschieht.
+
+Die Königin und ihre Tochter waren nicht anders oder besser gekleidet
+als die Dienerinnen. Das Gefolge (Mädchen und Weiber) hielt sich stets
+hinter der Königin auf wie ihr Schatten; zwei Mädchen darunter trugen
+die königlichen Insignien, welche aus ein Paar Cimbeln und einem
+Scepter bestanden. Die Cimbeln hatte das eine Mädchen am Halse hängen
+und schlug sie von Zeit zu Zeit aneinander.
+
+Der Palast war ungefähr siebzig Fuß lang, dreißig breit und stand,
+wie alle Hütten und Häuser in Celebes, auf Pfählen. Das Innere war in
+drei Kammern und eine Küche getheilt. Die erste Kammer, ziemlich groß,
+stellte den Empfangssaal vor. Da stand ein Tisch nebst einigen Stühlen,
+die Wände und die Decke waren mir zu Ehren mit buntfarbigem Kammertuche
+behangen, eine Decorirung, welche vorgenommen wurde, während ich bei
+der Prinzessin meinen Besuch abstattete. Die beiden kleinen Gemächer
+dienten der königlichen Familie sammt einem Theile des Gefolges, das
+sich überall hinlagerte, wo es Platz fand, als Schlaf- und eigentliche
+Wohnplätze. In diesen Kammern herrschte eine jämmerliche Unordnung;
+aller Hausbedarf, alle Vorräthe lagen durcheinander. Theile eines
+schönen Thee- oder Speise-Services[28], geschliffene Gläser und
+Flaschen standen neben irdenen Geschirren und anderem Kram, Kisten und
+Körbe waren überall aufgeschichtet, mehrere Klambus aufgehangen, so daß
+für die Bewohner selbst kaum Platz blieb. Und da sitzen die Leute von
+Morgens bis Abends mit nichts als Schwatzen und Sirikauen beschäftigt.
+Die einzige Arbeit, die eine Königin oder Prinzessin verrichtet, ist
+das Gewebe eines Bandes, mit welchem die Männer die Kriese oder Parangs
+an den Leib befestigen. Die Königin zeigte mir eines, das sie gerade
+webte, und das ich in Zeichnung und Farben ungemein geschmackvoll fand.
+
+Die Königin war so eben im Begriffe, nach +Baru+, einem benachbarten
+Königreich zu gehen, wo sie zu einem Feste eingeladen war. Da mich
+mein Weg ebenfalls dahin führte, ging ich mit ihr. Wir fuhren noch
+denselben Tag auf dem Flusse Tanette in die See (14 Paal), auf welcher
+die Reise bis zur Mündung des Baru fortgesetzt werden sollte; da jedoch
+der Wind sehr ungünstig war, lenkten wir bald in eine kleine Bay, wo
+wir die Nacht vor Anker gingen. Die Königin sammt einem Theil ihrer
+Leute brachten die Nacht auf dem Lande zu.
+
+Sie führte ein so zahlreiches Gefolge mit sich, daß ein halbes Dutzend
+Europäischer Königinnen kein größeres benöthigt hätten. Da gab es mehr
+als dreißig Mädchen und Weiber (letzteren folgten ihre Ehemänner), die
+alle die Ehre hatten, Hofdamen, Kammermädchen u. s. w. vorzustellen.
+Manche davon waren so lumpig gekleidet und dabei so unrein, daß ich
+mich fürchtete, unangenehme Erbschaften zu machen, wenn sie in meine
+Nähe kamen. An Gepäck hatte die hohe Gesellschaft so viel mit sich, als
+handle es sich um eine Uebersiedelung und nicht um einen Besuch von
+einigen Tagen. Das ganze große Boot war voll von Körben und Körbchen,
+Kistchen und Taschen, Töpfen, Kochgeschirr, Polstern, Matten u. s. w.,
+so daß man gar nicht wußte, wo Platz finden; wir saßen wie Pikelhäringe
+zusammengepreßt -- eine abscheuliche Tour!
+
+Die Mädchen waren während der ganzen Reise mit der Verfertigung des
+Siri beschäftigt, das hier nicht in Päckchen, sondern in Cigarrenform
+gemacht wird. Sie bestreichen ein Betelblatt mit etwas Kalk (aus
+gebrannten Muscheln), legen ein Stückchen Arekanuß nebst Gambir darauf,
+rollen es zusammen und umwickeln es mit einer Faser. Wenn ein Blatt
+zu feucht war, schürzte die Hofdame den Sarong auf und streifte die
+überflüssige Feuchtigkeit an dem Schenkel ab. Wenn ein Mädchen die
+Liebeserklärung eines Jünglings günstig aufnimmt, beglückt sie ihn mit
+Siri-Zigarren; wenn sie ihm keine reicht, ist er abgewiesen.
+
+Die ganze Gesellschaft kaute beständig Siri; sie spuckten dabei fleißig
+in kleine messingene Töpfe, die als Spucknäpfe dienten und von Hand zu
+Hand gingen. Die Königin ließ sich den Kopf von Ungeziefer reinigen,
+und dasselbe thaten die Hofdamen und Kammerzofen unter sich. Bei
+der großen Unsauberkeit, die in allem herrschte, was ich hier wie
+in Tanette sah, kam mir die Sorgfalt höchst lächerlich vor, die auf
+die Trinkgefäße der Königin verwendet wurde. Sie hatte ein eigenes
+Gefäß, aus welchem nur sie trank; das Wasser wurde mit einem besondern
+Schöpflöffel, jedoch aus dem allgemeinen Wasserkübel geschöpft
+und durch ein leinenes Säckchen geseiht. Für das Säckchen und den
+Schöpflöffel war ein Gestell mitgenommen, auf welchem man sie trocknete
+und bewahrte.
+
++26. April+ ging es früh auf die Reise. Wir lenkten alsbald in den
+Fluß +Baru+ und fuhren sechs bis acht Paal stromaufwärts bis in die
+Nähe der Residenz, die einen Paal seitwärts des Flusses liegt (35 Paal
+von Tanette). Die Zeit, während welcher die Botschaft nach Hofe ging,
+unsere Ankunft zu melden, benutzte die Königin mit ihrem Gefolge zum
+Baden. Sie kamen aber von dem Bade eben so unsauber zurück, als sie
+hingegangen waren, denn sie übergossen sich, gleich den Malaien, nur
+mit Wasser, ohne sich zu waschen. Um dem Körper einen angenehmen Duft
+zu verleihen, durchräucherten sie sich mit wohlriechenden Harzen. Zu
+diesem Zwecke war ein eigenes Räucher-Pfännchen mitgenommen worden,
+über welches die Königin, wie jede Hofdame, sich erst stellte und dann
+Gesicht und Hände hielt.
+
+Auch in Baru regierte eine Königin. Ich hatte gleichfalls meinen
+Sendling mit dem in lichtgelben Atlas eingenähten Briefe des
+Gouverneurs an den Hof geschickt.
+
+Mit dem Sendlinge zurück kam ein Tragstuhl, nebst einem Abgesandten der
+Königin und einigem Gefolge. Man trug mich bis zum Palaste, auch nur
+einer Bambushütte, wo mich der erste Minister des Reiches empfing und
+der Königin vorstellte. Der Empfangssaal mochte ungefähr neunzig Fuß
+lang und über vierzig breit sein; er sah düster und drückend aus. Die
+Decke, auf viele Stämme gestützt, war sehr niedrig; kleine Oeffnungen,
+welche die Fenster vorstellten, gab es nur wenige. Auch hier waren die
+Wände, wie die Decke des Saales, mit farbigem Kammertuch behangen.
+Im Hintergrunde saß die achtzehnjährige Königin in einer Art offener
+Loge, ihr zur Seite eine alte, sehr beleibte Duenna, die ihr mit einem
+großen Fächer Luft zufächelte. An jeder Seite der Loge stand ein aus
+Holz geschnitzter, großer Vogel, mit vielen Blumen geschmückt. Die
+Königin lud mich sehr freundlich ein, an ihrer Seite Platz zu nehmen.
+Sie war in einen weiten Sarong von dunkelrothem Mousselin mit einigen
+Goldstickereien gekleidet. Ihr Gesicht fand ich angenehm, aber nicht
+hübsch; sie war noch unverheirathet.
+
+Die Königin von Tanette war mit ihrem Gefolge am Landungsplatze
+zurückgeblieben, als man mich abholte. Vermuthlich hatte man nur den
+einzigen Tragstuhl, den man für mich sandte. Während meiner Anwesenheit
+bei Hofe, die doch einige Stunden dauerte, kam die Königin von
+Tanette auch nicht zum Vorschein; sie mochte wohl sogleich in die ihr
+angewiesene Wohnung gegangen sein, um sich von der beschwerlichen Reise
+auszuruhen.
+
+Ich kam zu dem großen Feste gerade recht. Es fand den folgenden Tag
+statt und bestand darin, daß der jugendlichen Königin die oberen Zähne
+gefeilt werden sollten, eine Handlung, die hier so wichtig ist, wie
+z. B. in Brasilien die Taufe eines kaiserlichen Prinzen, oder in Europa
+eine königliche Hochzeit. Alle Fürsten und Rajahs der ganzen Umgebung
+waren dazu eingeladen. Eine kleine Vorunterhaltung gab es schon heute.
+Auf einer Seite des Saales, nahe der königlichen Loge, tanzten ein
+Dutzend Mädchen, auf der anderen, etwas weiter entfernt, zwölf- bis
+vierzehnjährige Knaben die gewöhnlichen langweiligen Malaischen Tänze.
+Viele Männer und Weiber, wahrscheinlich lauter hochgeborene Personen,
+hockten in Gruppen umher und sahen den Tänzen gedankenlos zu; keine
+Seele sprach ein Wort.
+
+Ich allein wurde nebst meinen beiden Begleitern (Sendling und Tolk)
+mit Kaffee, Thee, einer Art guten, süßen Scherbets und verschiedenen
+Leckereien bewirthet. Unter letzteren gab es kleine Früchte in Zucker
+eingekocht, eben so schmackhaft, wie man sie immer nur in Europa finden
+kann.
+
+Die Königin bedauerte sehr, mich nicht bei sich aufnehmen zu können;
+allein sie hatte der Gäste schon so viele, daß alles über und über
+besetzt war. Man führte mich in die Hütte eines Eingebornen und sandte
+sogleich Matten, Polster und Klambu zu meiner Einrichtung, Hühner nebst
+anderen Gegenständen zum Kochen. Wenn man in ein Privathaus gewiesen
+wird, müssen die Bewohner dem Gaste sogleich die große Stube einräumen.
+Dieß hindert jedoch weder sie noch alle Neugierigen, die den Fremdling
+sehen wollen, sich beständig darin aufzuhalten. Ich mußte mich, wollte
+ich nur einigermaßen Ruhe haben, unter mein Klambu flüchten, und selbst
+da ließen mich die Leute nicht ungestört -- sie hoben den Klambu auf
+und steckten die Köpfe darunter.
+
+Die Hütten des Volkes sind auf Celebes ungleich größer als auf Java,
+Sumatra, den Molukken u. s. w. Im Innern bestehen sie gewöhnlich aus
+einem Gemache von fünfzehn bis zwanzig Fuß im Gevierte, an welches sich
+ein bis zwei kleinere anschließen. Längs der rechten Seite des großen
+Gemaches läuft ein sechs Fuß breiter Raum, in dem sich die Feuerstelle,
+Wassergefäße und dergleichen befinden.
+
+Die Ortschaften sind sehr unrein, voll Schmutz und Pfützen; dabei haben
+die Leute nicht den guten Gebrauch der Dayaker, sich vor dem Eingange
+der Hütte die Füße zu waschen, wozu stets Wasser bereit steht, sondern
+sie treten mit ungewaschenen Füßen ein.
+
+Ganz nahe der Hütte, die ich bewohnte, waren die Lagerplätze der
+Büffel. Diese Plätze bestanden aus vier Fuß tiefen Sümpfen, in welchen
+die Thiere ganz begraben lagen. Man sah nichts als die Hörner und die
+Nase. Obwohl es in diesem Lande überall genug Büffel gibt, kann man
+doch nirgends Butter oder Milch bekommen, da die Eingebornen keine
+Kuh melken. Zum Kochen gebrauchen sie Oele, die aus den Kokosnüssen,
+Kanarinen und anderen Früchten gewonnen werden.
+
+Was Kleidung, Kost und Wohnung anbelangt, könnte man die Bewohner von
+Celebes alle für gleich reich oder arm halten, da man im gewöhnlichen
+Leben in nichts einen Unterschied bemerkt. Ihre Reichthümer bestehen in
+einigem Gold- und Silbergeschmeide, in goldenen Kästchen und Büchsen,
+welche die Bestandtheile des Siri enthalten, in seidenen Sarongs, in
+schönen Parangs und Lanzen. Aber alles dieß sieht man nur bei großen
+Festen und feierlichen Gelegenheiten, wie z. B. bei der Zahnfeilung,
+der Hochzeit, dem Begräbnisse eines fürstlichen Hauptes. Das Gold
+färben sie so dunkel, daß es gerade wie Kupfer aussieht.
+
+Die Sarongs werden hier ebenfalls von den Weibern gewoben und gleichen
+an Muster und Feinheit der sogenannten Englischen oder Schottischen
+Leinwand. Eine geschickte fleißige Weberin arbeitet einen ganzen
+Monat an einem Sarong. Bei Hofe werden die Sarongs von den Hofdienern
+und Dienerinnen gewoben. Jeder Fremde, der bei Hofe vorgestellt
+wird, erhält einen Sarong zum Geschenk; auch mir ward überall diese
+Bescherung zu Theil.
+
++27. April.+ Nachmittags verkündeten einige Böllerschüsse den Anfang
+der Feierlichkeit. Ich begab mich in den Palast, den ich vom Volk ganz
+umringt fand. Es waren da viele Lanzenträger (Begleiter der Prinzen und
+Vornehmen benachbarter Staaten), von welchen einer sogar ein eisernes
+Panzerhemd[29] trug. Der Saal war so überfüllt, daß ich Mühe hatte,
+durchzukommen. Mein Platz ward mir in der obersten Reihe unter den
+zahllosen Königen, Fürsten und Fürstinnen angewiesen, die das Fest
+weit und breit herbeigezogen hatte. Man stellte mir eine ganze Menge
+regierender Häupter vor, darunter den künftigen Erben oder, wie die
+Holländer sagen, den „wahrnehmenden“ Thronfolger von Bonni. Es ist
+unglaublich, welche Menge von Fürsten, Prinzen und dergleichen hohe
+Personen es auf Celebes gibt. Und alle diese Leute wollen mit einem
+gewissen Aufwande leben und natürlich nichts thun; sie sind die wahren
+Blutsauger des Volkes.
+
+Die Königin war noch nicht gegenwärtig; auch sie verstand es, das
+Publikum eine geraume Zeit warten zu lassen. Von ihrem Gemache
+bis an den Ort, wo sie Platz nehmen sollte, war der Boden mit
+weißem Kammertuche belegt. An der Thüre hielten sechs Mädchen einen
+Baldachin von Gold durchwirktem, schwerem Seidenstoffe bereit. Einen
+grellen Kontrast zu diesem reichen Baldachine bildeten die sechs
+Stangen, mittelst welcher er getragen wurde: sie bestanden aus dünnen
+Bambusstückchen, die ganz roh waren, wie man sie im Walde geschnitten
+hatte.
+
+Musik und wiederholte Böllerschüsse verkündeten endlich das Erscheinen
+der Königin. Mit langsamen, gemessenen Schritten, mit beinah
+geschlossenen Augen wankte sie unter dem Baldachine, gleich einer
+zu opfernden Dulderin, ihrem Platze zu. Sie war in zwei purpurrothe
+Sarongs gekleidet, von welchen der eine den oberen, der andere den
+unteren Theil des Körpers deckte. In den Haaren trug sie Kränze von
+Melati[30], nebst künstlich gearbeiteten Blumen von Gold, außerdem
+Ringe, Armbänder und anderes Geschmeide.
+
+Die Königin blieb stumm und bewegungslos sitzen und schlug den Blick
+kein einziges Mal auf. In ihrer Nähe bildeten ein Dutzend Mädchen ein
+halbes Viereck und sangen ein religiöses Lied. Man brachte hierauf
+eine alte abgenützte Matratze, breitete ein Tuch darüber und legte
+einige Polster nebst einer Decke darauf zurecht. In diesem Augenblicke
+entstand plötzlich an der Eingangsthüre ein heftiger Lärm, große
+Bewegung; es schien mir, daß Leute mit Gewalt eindringen wollten und
+abgewehrt wurden. Ich dachte schon, daß dieser Aufstand mir gelte, daß
+es das Volk übel nähme, mich als Fremde, dieser großen Feierlichkeit
+beiwohnen zu lassen. Die Ruhe wurde indeß bald wieder hergestellt; ich
+konnte leider die Ursache dieser Unruhe nicht erfahren, und auch mein
+Tolk vermochte nicht, mir darüber Auskunft zu geben. Letzterer war
+überhaupt sehr mit Dummheit geschlagen, denn ich mochte ihn fragen was
+ich wollte, er war beinahe nie im Stande, meine Fragen zu beantworten.
+
+Man führte nun einen ältlichen Mann, ebenfalls unter dem Baldachine
+an das Bett, stellte an seine Seite ein mit Wasser gefülltes Becken
+und legte verschiedene Instrumente daneben. Die Königin schob sich
+in sitzender Stellung nach dem Bette. Die Duenna nahm ihr die
+Blumen aus den Haaren und reichte eine kleine goldene Untertasse
+einer nahe sitzenden, sehr alten Frau (der ältesten Königin aus der
+Verwandtschaft), welche darein einen ganzen Mund voll blutrothen
+Speichels spuckte. Mit diesem kostbaren Safte salbte sie die Königin
+an den Schläfen und an der Stirne, goß auch etwas davon auf einen
+Riemen, den sie nach ihr schnellte, um ihren Körper von allen Seiten
+zu besprengen. Hierauf nahm sie eine Räucherpfanne mit Rauchwerk,
+reichte sie dreimal von der rechten zur linken Seite um die Königin,
+ein viertes Mal in umgekehrter Richtung. Die Königin mußte sich nun
+der Länge nach niederlegen, wurde leichthin mit der Decke bedeckt und
+mit Melati bestreut. Die Duenna hockte sich rechts zu ihrem Kopfe, der
+Arzt nahm die linke Seite ein, und mich setzte man neben die Duenna,
+ebenfalls der Königin ganz nahe, welche mich bei der Hand faßte und
+diese während der ganzen Operation nicht mehr los ließ. Sie sah überaus
+betrübt aus, drückte mir zeitweise die Hand und blickte mich dabei so
+wehmüthig an, als wollte sie Hülfe von mir erheischen. Fast mit Angst
+harrte ich der kommenden Dinge.
+
+Der Arzt warf drei Feilen von verschiedener Größe in das Wasserbecken,
+schob der Königin eine kleine Walze von Palmkohl zwischen die Zähne,
+nahm die größte der Feilen, und fing damit so kräftig an auf die Zähne
+loszuarbeiten, als hätte er einen Holzblock unter den Händen. Mit einer
+zweiten, kleineren Feile setzte er die Operation fort. Bevor er an die
+kleinste kam, nahm er die Walze aus dem Munde und schob an deren Stelle
+ein um die Hälfte dünneres Röllchen von Betelblättern. Im ganzen
+machte er seine Sache gut und schnell, besonders wenn man die plumpen
+Instrumente betrachtete, deren er sich bediente. Was aber die arme
+Königin dabei gelitten haben mag, wissen die Götter! Dennoch verzog sie
+keine Miene: ich fühlte nicht einmal ihre Hand erzittern.
+
+Als die Operation vorüber war, reichte man dem Arzte einen Hahn;
+er riß ihm ein Stückchen von dem Kamme los und bestrich mit dem
+herausquellenden Blute die Zähne und Lippen der Dulderin. Zu Ende
+wiederholte die Duenna mit drei angebrannten, zusammengebundenen Kerzen
+dieselbe Ceremonie, die sie mit der Räucherpfanne vorgenommen hatte,
+worauf die Königin wieder auf ihren alten Platz zurück rutschte[31].
+
+Die Operation der Zahnfeilung wurde außer an der Königin noch an sechs
+Mädchen (wahrscheinlich aus dem königlichen Gefolge) vorgenommen; dabei
+fanden jedoch nicht die geringsten Ceremonien statt. Die Mädchen legten
+sich auf eine Matte, ohne Polster oder Decke, der Arzt schob ihnen
+eine Walze in den Mund, feilte tüchtig darauf los, und die Sache war
+abgethan.
+
+Der ganzen großen Gesellschaft, die in dem Saale versammelt war
+(bei 400 Personen) wurde Thee und Backwerk vorgesetzt. Mir ließ
+die Königin außerdem eine Tasse des süßen Scherbets, wie auch eine
+Portion der in Zucker gekochten Früchte reichen. Sie schien wirklich
+einiges persönliche Interesse an mir genommen zu haben. Der Thee wie
+die Leckereien wurden nicht eher berührt, als bis wieder ein langes
+religiöses Lied herabgeheult war. Dann aß und trank man mit großer
+Bescheidenheit.
+
+Ich begab mich bald darauf nach Hause, denn außer langweiligen,
+einförmigen Tänzen gab es nichts weiter zu sehen. Die Leckereien, die
+man mir bei Hofe vorgesetzt hatte, wurden mir, wie es hier Sitte ist,
+in meine Wohnung nachgesandt. Ich berührte sie hier eben so wenig wie
+dort; sie waren aus Reismehl, Zucker, Oel, Kanarinen u. s. w. gemacht,
+und schmeckten sehr fett und ranzig.
+
++28. April+ blieb ich zu Baru. Der Tolk sagte mir, daß es heute noch
+Feste über Feste gebe, und daß es der Königin daher unmöglich sei,
+mir Leute und Pferde zur Weiterreise zu verschaffen. Später sah ich,
+daß er mich belogen hatte; es gefiel ihm hier sehr wohl. Die Königin
+sandte beständig gute und viele Lebensmittel, er fand stets große
+Gesellschaft zum Schwatzen, und so wäre er nicht Tage, sondern Wochen
+hier geblieben. Keine einzige Unterhaltung hatte statt, nichts gab es
+als Abends ein einfaches Hahnengefecht auf dem Bazar, wie es bei jedem
+Markte gebräuchlich ist.
+
++29. April.+ Mein ärgster Verdruß auf dieser Reise war das Gefolge.
+Die Leute hatten für mich als Frau nicht die geringste Aufmerksamkeit
+oder Folgsamkeit. Wenn ich von dem Tolk etwas forderte, sagte er es
+dem Sendling, dieser dem Diener, der Diener oft wieder dem Kulli, kurz
+ich hatte einen Haufen von Leuten um mich und war so schlecht als
+möglich bedient. Die Kerls wollten nicht einmal mein Schmetterlingsnetz
+nehmen, ich mußte es meistens selbst tragen. Ein zweiter Uebelstand mit
+so zahlreichem Gefolge war, daß wir überall vieler Pferde und Träger
+bedurften. Daß der Tolk und Sendling nicht zu Fuß gingen, versteht sich
+von selbst; aber auch ihre Diener mußten Pferde haben, wenn wir auch
+nur acht oder neun Paal den Tag machten. Die Herbeischaffung der Pferde
+nahm stets die schönen Morgenstunden weg. Wir kamen erst fort, wenn die
+Sonne recht brannte. Anders verhält es sich freilich mit den Leuten,
+wenn sie mit ihrem Herrn oder Vorgesetzten reisen. Da fürchten sie den
+Stock oder sonstige Strafen, da hat alles Hände und Füße. Ich hatte
+das aus Erfahrung kennen gelernt und deßhalb blos einen gewöhnlichen
+Führer und einen Kulli mitnehmen wollen; allein der Gouverneur wie
+Graf Bentheim, die es beide sehr gut mit mir meinten und ihre Leute
+für besser hielten als sie waren, überredeten mich zur Mitnahme dieses
+lästigen Gefolges.
+
+Erst um zehn Uhr Morgens kamen wir heute in das Prauh. Man gab vor, daß
+es nach Pare-pare, wohin ich wollte, zu Wasser näher sei als zu Lande;
+dann aber erfuhr ich, daß man dieß vorgab, weil man nicht so viele
+Pferde schnell genug herbeischaffen konnte, als der Tolk verlangte.
+
+Kaum waren wir einige Stunden auf der See gefahren, so lenkten die
+Leute in eine Bucht und wollten die Reise für diesen Tag beschließen.
+Ich war darüber so aufgebracht, daß ich alle Scheltworte, die mir in
+der Malaischen und Holländischen Sprache bekannt waren, zusammennahm,
+den Leuten ihr elendes Betragen tüchtig zu verweisen. Ich drohte Briefe
+nach Maros und Makassar zu schreiben, ja selbst Tolk und Sendling
+zurück zu senden. Dieß bewirkte doch so viel, daß wir nach einer kurzen
+Rast wieder weiter fuhren, erst gegen Abend in eine Bay lenkten und in
+der Nähe eines Dorfes vor Anker gingen. Der Tolk sagte mir, daß man
+Nachts nicht fahren könne, weil die Küsten voll Piraten seien. Dieß
+wußte ich, wir blieben daher hier über Nacht.
+
+Ich schlief in dem kleinen Prauh. Zum Imbiß erhielt ich nichts als
+Reis, die Leute hatten nicht einmal für Lebensmittel gesorgt.
+
+Außer unserem Prauh lagen noch zwei ganz kleine vor Anker. Mitten
+in der Nacht erweckte uns ein fürchterliches Geschrei. Wir fuhren
+erschrocken empor, meine Leute griffen nach ihren Waffen, da wir
+dachten, von Piraten überfallen zu werden. Glücklicherweise kam niemand
+an unser Prauh. Was auf den beiden andern vorging, woher das Geschrei
+kam, darum bekümmerten sich meine Leute nicht, obwohl ich sehr darauf
+drang, zu sehen, ob jene nicht unserer Hülfe bedürften. Morgens
+vernahmen wir, daß Diebe vom Lande an die Prauhs geschwommen waren und
+verschiedenes gestohlen hatten. Die Leute wurden erst wach, als die
+Diebe mit ihrem Raube bereits dem Lande zuschwammen.
+
++30. April.+ Nachmittags drei Uhr kamen wir zu Pare-pare an (30
+Meil.). Dieses Oertchen liegt in einer reizenden Bucht, welche von
+kleinen, fruchtreichen Ebenen, von sanft anschwellenden Hügeln, und
+im Hintergrunde von bedeutenden Gebirgen umgeben ist. Im Hafen lagen
+ziemlich viele Prauhs und kleine Barken, die von Makassar und den
+umliegenden Inseln handeltreibend hieher kommen. Der König dieses
+kleinen Reiches zieht außer dem Zolle auch aus seinen eigenen
+Handelsgeschäften großen Nutzen und soll für Celebes ziemlich
+wohlhabend sein.
+
+Als der Tolk an’s Land stieg, um nach des Königs Wohnung zu fragen,
+wies man auf ein kleines Canoe, welches gerade im Ankommen begriffen
+war, und sagte dem Tolk, daß der König so eben vom Fischfange
+heimkehre. Ich hätte ihn wahrhaftig für nichts anderes, als einen ganz
+gewöhnlichen Fischer gehalten: er trug bloß einen schmutzigen Sarong
+nebst einem Kopftuche. Auch seinem Wohnsitze sah man nichts weniger
+als Wohlhabenheit an. Derselbe bestand in einer höchst baufälligen
+Bambushütte, der Zugang führte durch eine Pfütze. Vor der Eingangsthüre
+saßen auf einem kleinen Vorplatze mehrere Jungen und Mädchen, die im
+Koran-Lesen[32] unterrichtet wurden. Das Sonderbarste bei der Sache
+ist, daß der Koran in Arabischer Sprache gelehrt wird, von welcher die
+Lehrer selbst nichts verstehen. Sie lesen oder schreien die Gebete
+herab, ohne das geringste Verständniß von dem zu haben, was sie
+plappern.
+
+Von dem Vorplatze ging es in des Königs Gemach, eine ganz gewöhnliche
+Malaische Wohnstube, von welcher ein Theil durch Bambuswände in
+Verschläge abgetheilt, die anderen von mehreren Klambus eingenommen
+waren. Im Vordergrunde lagen viele Kaufmannsgüter in Kisten und Ballen
+aufgestapelt, und überall machte sich ein Schmutz und eine Unordnung
+sondergleichen breit.
+
+Ich verstand von der Malaischen Sprache schon so viel, um mich mit
+dem Könige unterhalten zu können. Er hatte einige Kenntniß in der
+Geographie, besaß mehrere Landkarten und wußte so ziemlich die
+Hauptreiche Europa’s zu nennen (der König wurde in Makassar erzogen).
+Er legte mir die beiden Hemisphären vor und war höchst erstaunt,
+als ich ihm in Kürze alle Welttheile, so wie die vorzüglichsten
+Reiche derselben wies. Er ersuchte mich auch, in seiner Gegenwart zu
+schreiben. Ich bemühte mich, sehr schnell zu schreiben, wohl wissend,
+daß ihn dieß um so mehr in Erstaunen setzen würde, als die Malaien
+alles, was sie thun, höchst gelassen verrichten. Ich mußte ihm meinen
+Namen, Vaterland und Geburtsort aufschreiben, was ich in deutscher
+und lateinischer Schrift that. Er fragte mich auch über verschiedene
+Naturerscheinungen und bat mich, ihm einiges von den Sitten und
+Gebräuchen fremder Völker und ganz besonders von meinem Volke zu
+erzählen; kurz -- ich hatte Gelegenheit, mein Bischen Wissen so viel
+wie möglich auszukramen -- Eitelkeit nimmt überall gern Huldigungen
+an. Dafür ward mir die Ehre zu Theil, auch von diesem Manne für ein
+ganz besonders bevorzugtes Wesen gehalten zu werden, wozu freilich in
+einem Lande nicht viel gehört, in welchem die Männer wenig, die Weiber
+so viel wie nichts wissen. Er ersuchte mich, ihm den Tag meiner Geburt
+aufzuschreiben, welcher, wie er behauptete, unter die glücklichsten
+gehören müsse.
+
+Als er vernahm, daß meine Reisen gedruckt seien, sagte er, daß er
+gern hundert Rupien geben würde, wenn er sie in seiner Sprache haben
+könnte. War das doch ein galanter König! -- Wie hätte ich meine Reisen
+ausdehnen können, was wäre mir nicht alles möglich geworden, wenn es
+viele so freigebige Monarchen gäbe!
+
+Ich äußerte den Wunsch, der Königin vorgestellt zu werden. Nach
+geraumer Zeit erschien ein Weib, so alt, runzelicht und zu einem
+Skelette zusammengeschrumpft, daß ich im Zweifel war, ob dieß die
+Mutter oder die Großmutter des Königs sei, welch letzterer doch auch
+schon ein Mann von einigen dreißig Jahren sein mochte. Dazu war sie
+auf einem Auge blind, die Haare hatte sie zum Theile rothbraun gefärbt,
+zum Theile waren sie schwarz und grau, und in größter Unordnung, als
+hätten sie wochenlang keinen Kamm gesehen, hingen sie ihr bis an die
+Schultern hinab -- es konnte nicht leicht ein häßlicheres Bild des
+Alters geben.
+
+Erst um sechs Uhr Abends kam ich in die mir angewiesene Wohnung.
+
+In Folge der Nachlässigkeit meines Gefolges hatte ich seit
+sechsundzwanzig Stunden nichts gegessen. Die Leute waren so sorglos
+gewesen, auf die Reise nicht hinlänglich Wasser mitzunehmen, um den
+Reis kochen zu können; für den gestrigen Tag waren sie mit gekochtem
+Reis versehen, der Abends kalt gespeist worden war. Heute Morgens
+wartete ich vergebens auf eine Mahlzeit. Als ich darnach verlangte, kam
+es erst heraus, daß das Wasser zum Kochen fehlte. Ein Diener verließ
+sich auf den andern, und keiner sah nach. In Pare-pare angekommen,
+beauftragte ich den Tolk, so schnell als möglich ein Mahl zu besorgen.
+Mit wahrem Heißhunger begab ich mich von dem Könige weg in meine
+Wohnung, sah die Schüsseln schon dampfen und rauchen, glaubte den
+würzigen Geruch der Speisen schon einzuathmen, da hieß es: „noch nicht
+fertig.“-- Und so mußte ich noch zwei ewig lange Stunden warten.
+Für meine Geduld hoffte ich doch wenigstens mit köstlichen Gerichten
+belohnt zu werden. Ich täuschte mich jedoch abermals, da ich nichts
+als Reis und einen Fisch in einer inländischen Brühe erhielt, die aus
+gestampften, mit Wasser und Kokosöl ausgekochten, säuerlichen Blättern
+bestand. Wahrlich, man mußte sechsundzwanzig Stunden gefastet haben, um
+dieses Essen genießbar zu finden!
+
++1. Mai.+ Diesen Morgen machte ich dem Könige den Abschiedsbesuch und
+verehrte seiner Gemahlin einige Fläschchen Kölnerwasser, ihm selbst
+ein großes illuminirtes Bild, welches den Glaspalast in Hydepark
+vorstellte. Um ihm einen Begriff von der Größe meines Sultans (Kaisers)
+zu geben, sagte ich: „Sieh’, dieß ist der Palast meines Sultans, er
+ist so hoch, daß die höchsten Bäume darinnen stehen können, und so
+groß, daß man eine halbe Stunde braucht, ihn zu umgehen.“ Er war sehr
+erstaunt und that viele Fragen über Sultan und Palast; nur meinte er,
+daß der Palast gar zu durchsichtig sei. Die Sonne müsse da hinein
+brennen und leuchten, daß man bei Tage gar nicht schlafen könne; er
+möchte nicht darinnen wohnen.
+
+Noch manche Stunde plauderten wir, erst um eilf Uhr kam ich fort.
+
+
+ [25] Ost- und Westwind wechseln ungefähr alle sechs Monate.
+
+ [26] Die Bewohner von Celebes sind im Süden Makassaren und Buginesen
+ (alle Mohamedaner), im Norden Alforen. Uebrigens findet man
+ Buginesen über die ganze Insel zerstreut.
+
+ [27] Die vier Halbinseln, aus welchen Celebes besteht, sind lang,
+ aber schmal, so daß man häufig wieder an die Meeresküste kommt.
+
+ [28] Die Bundesgenossen erhalten von der Holländischen Regierung
+ beinahe alle Jahre dergleichen Geschenke.
+
+ [29] Im Kriege sollen viele der Eingebornen Panzerhemden tragen.
+
+ [30] Melati heißt der gefüllte Jasmin; er ist die Lieblingsblume der
+ Malaien und Chinesen und riecht angenehm, aber etwas stark.
+
+ [31] Wenn Zahnfeilungen bei hohen Häuptern statthaben, gibt es in
+ Zwischenräumen von mehreren Monaten drei Feste. Bei dem ersten
+ werden die Zähne bezeichnet, wie weit sie zu feilen sind, bei
+ dem zweiten werden die unteren, bei dem dritten die oberen Zähne
+ gefeilt.
+
+ [32] Die Malaien, und mit sehr geringer Ausnahme (Menehassa) alle
+ Bewohner von Celebes, sind Mohamedanischer Religion. Doch
+ genießt hier das weibliche Geschlecht dieselben Rechte, wie
+ das männliche. Das erstgeborne Kind eines Königs, Knabe oder
+ Mädchen, folgt dem Vater in der Regierung. Hinterläßt er
+ eine Witwe, so regiert diese, wenn auch der Sohn schon das
+ Mannesalter erreicht hat. Mädchen besuchen die Schule so gut wie
+ die Knaben.
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel.
+
+ Sidenring. -- Die Seen von Tempe. -- Lagusi. -- Ein königliches Mahl.
+ -- Rückkehr nach Sidenring. -- Die Rehjagd. -- Besuch bei dem Sultan
+ von Goa. -- Abreise von Celebes. -- Surabaya. -- Eine Malaische
+ Hochzeit. -- Eine Spukgeschichte. -- Rückkehr nach Batavia.
+
+
+Von Pare-pare ging ich zu Pferde nach +Batu-Masapaija+ (zwölf Paal)
+einem Landsitze des Königs von +Sidenring+, welcher abwechselnd hier
+und in der eigentlichen Residenz zu +Tete-adje+ an dem See +Tempe+
+wohnt.
+
+Die Wege führten theilweise über niedrige Gebirge, welche, Alang-Alang
+und kurzes Gras ausgenommen, von Vegetation beinahe entblößt, dagegen
+voll Steine und Gerölle waren, so daß unsere armen Thiere wie Gemsen
+klettern mußten. Wir begegneten vielen Saumpferden, die hauptsächlich
+Reis nach dem Hafen Pare-pare trugen. Außerdem war das Land nur von
+Pferden belebt, die sich lustig im Zustande der Freiheit herum
+tummelten. Die Könige in diesen Gegenden haben große Gestüte und
+treiben sehr gewinnreichen Pferdehandel.
+
+Schon seit mehreren Stunden zog sich der Weg einförmig bergauf,
+zwischen Hügeln fort, die jede freie Aussicht versperrten; dagegen
+wurden wir bei dem Ausgange eines engen Thales überreich belohnt,
+denn eine der herrlichsten Ansichten, vielleicht die schönste von
+ganz Celebes, lag vor unsern Blicken. Eine beinahe unabsehbare Ebene
+breitete sich aus, in ihrer Mitte glänzten die Wasserspiegel der
+beiden Seen +Tamparang-Urai+ und +Tamparang-Cabaija+, gewöhnlich die
+Seen von Tempe genannt. Der erstere dieser Seen bildet ein langes,
+unregelmäßiges, der letztere ein schönes, rundes Becken. Reiche
+Reispflanzungen, große Ortschaften verkündeten den Wohlstand der
+Gegend. Im Vordergrunde stiegen viele vereinzelte, kleine, spitze Hügel
+und Felsen auf, die man aus der Ferne und der Höhe, auf welcher wir
+uns befanden, für Tumuli hätte halten mögen, so klein und niedlich
+erschienen sie auf dieser ungeheuren Ebene. Im Hintergrunde erhoben
+sich schöne Gebirgsketten gleich hohen Mauern, als wollten sie das
+friedliche Thal vor den Stürmen der Außenwelt bewahren.
+
+Langsam ritt ich nach der Ebene hinab, denn jeder Schritt verlöschte
+einen Zug des herrlichen Bildes. Das Großartige verschwand, unser
+Pfad ging wieder zwischen niedern Hügeln in die Tiefe, und bald sahen
+wir weiter nichts, als einzelne Hütten, einige Stallungen, die dem
+Könige zugehörten, kleine Mais- und Reisfelder. Dies ging so fort bis
+Batu-Masapaija, wo wir den König auch wirklich antrafen.
+
+Obwohl der König von Sidenring zu den drei größten auf Celebes gehört,
+wohnte er eben so erbärmlich wie der kleinste, ärmste Rajah. Sein
+Palast, aus dünnem Bambusgeflechte, mit Stroh gedeckt, glich einer halb
+verfallenen Scheune. Das Innere bestand aus einem großen Gemache, von
+durchlöcherten Halbwänden untertheilt, und voll schmutziger Klambus. Am
+Eingange gab es einige Feuerstellen, auf welchen halb erloschene Brände
+einen abscheulichen Rauch verbreiteten, im Vordergrunde wimmelte es
+von Faullenzern aller Art, Männer, Weiber und Kinder. Hier hockte eine
+Gruppe, Siri kauend und schwatzend, dort lagen Schläfer auf dem Boden
+ausgestreckt und um die Wette schnarchend, hier erschien hinter einem
+geöffneten Klambu ein zerraufter Kopf, dort balgten sich nackte Kinder,
+mit Finnen und Schmutz bedeckt -- wo man hinsah ein erbärmlicher
+ekelhafter Anblick.
+
+Das königliche Ehepaar hockte im Hintergrunde auf einer zwei Fuß hohen
+Tribune, gleich der Dienerschaft mit Sirikauen beschäftiget und in
+den lieben langen Tag hinein schauend. In der Nähe der Tribune waren
+hier und da Kisten und Körbe aufgestapelt, zerrissene Kleidungsstücke
+hingen umher, dazwischen auch eine schöne gestickte Militärs-Uniform,
+die der König von der Holländischen Regierung zum Geschenke erhalten
+hatte. Der König zeigte mir dies Kleidungsstück und ersuchte mich, ihm
+ein derartiges einfacheres zu verfertigen. So sind die Schicksale des
+Reisenden! Der König von Pare-pare hätte mir hundert Rupien für meine
+Bücher gegeben, während dieser hier mich zu seinem Hofschneider erheben
+wollte! Ich wich der bescheidenen Bitte dadurch aus, daß ich sagte, ich
+sei zum Arbeiten zu vornehm.
+
+Man beherbergte mich in diesem scheunenartigen Palaste unter einem
+Klambu. Die Kost war ziemlich schlecht; man brachte mir auf handgroßen
+Täßchen einige winzig kleine Stückchen Fleisch, ein Paar fingerlange
+Fische und den Hals, Kopf und die Flügelspitzen eines Hühnchens.
+
+Nach der Tafel besuchte mich der König. Als er zufällig einige Insekten
+sah, die ich unterweges gefangen hatte, und hörte, daß ich Werth darauf
+legte, versprach er mir ganz unaufgefordert, Leute in die Waldungen zu
+senden und für meine Rückkehr eine kleine Sammlung bereit zu halten.
+
+Schon in einigen Tagen sollte ich wieder hier sein, denn meine Reise
+ging nun nicht mehr weiter als über die beiden Seen bis +Lagusi+, der
+Residenz der Königin von +Wadjo+, deren Königreich an jenes von +Bonni+
+grenzt. Der Besuch des letzteren, wie bereits erwähnt, war mir nicht
+gestattet.
+
+Beim Abschied versprach mir der König noch, wenn ich wiederkehre, mir
+zu Ehren auch eine Rehjagd zu veranstalten.
+
++2. Mai.+ Wir ritten heute nicht mehr als neun Paal in der großen Ebene
+beinah unausgesetzt zwischen Reisfeldern bis in die Nähe des ersten
+Sees, wo wir in einer offenen Hütte, d. h. unter einem Blätterdache
+unsere Wohnung aufschlugen. Wir kamen durch mehrere große Ortschaften,
+darunter besonders +Awaritij+ mit mehr als 200 Häusern. Ich fand in
+diesem Königreiche Dörfer und Häuser durchgehends sehr groß.
+
+Auch heute bestand meine Mahlzeit nur aus einigen kleinen Fischchen
+nebst Reis, und zwar ebenfalls wieder durch die Schuld meiner Leute,
+denn wenn man in diesen Ländern irgendwo gastfreundlich aufgenommen
+wird, ist es Sitte, alles zu begehren, was man nöthig hat; hätten meine
+Leute einige Hühner, Früchte u. dgl. verlangt, so würde man sie ihnen
+mit Freuden gegeben haben; allein sie thaten es nicht, selbst wenn ich
+es ihnen befahl -- sie wollten nicht die Mühe der Zubereitung haben.
+
++3. Mai.+ Lagusi (dreißig Paal). Heute ward ich über meine Leute im
+höchsten Grade aufgebracht. Als ich Morgens an das Ufer des Flusses
+kam, auf welchem wir noch ein kleines Stück bis in den See zu fahren
+hatten, war nicht einmal das Prauh in Bereitschaft: eine ganze Stunde
+mußte ich in der glühenden Sonne stehen und die Leute zur Arbeit
+antreiben. Mit größtmöglichster Langsamkeit schoben sie endlich einen
+ausgehöhlten Baumstamm in das Wasser und deckten ihn mit einem so
+niedrigen Blätterdach, daß ich darunter kaum aufrecht sitzen konnte.
+Ich betrat mit Widerstreben dieses gefährliche und unbequeme Fahrzeug;
+wie aber stieg erst meine Angst, nachdem ich so viele Menschen folgen
+sah, als der hohle Baumstamm fassen konnte! Ich wehrte mich dagegen;
+doch weder Tolk noch Sendling hörten auf mich; sie ließen mitfahren
+wem es beliebte. Einundzwanzig Personen saßen in dem engen Raume. Ich
+mußte während der ganzen Fahrt, die über neun Stunden dauerte, gleich
+den übrigen, auf meinen unterschlagenen Beinen hocken. Den Eingebornen
+macht dieß freilich keine Unbequemlichkeit, die sind an diese Stellung
+gewöhnt; ich litt aber unaussprechlich.
+
+Unter den Mitreisenden befand sich ein Greis, der, obwohl er eben nicht
+sehr gebrechlich aussah, nicht lange sitzen konnte. Er mußte sich
+legen, und in Folge dessen waren wir gezwungen, noch mehr zusammen zu
+rücken. Später sah ich, woher die Schwäche des Alten rührte: er war ein
+starker Opiumraucher. Er führte Pfeife, Opium und Lampe mit sich und
+rauchte und schlief abwechselnd während der ganzen Fahrt.
+
+Die beiden Seen, deren vereinigte Länge ich auf ungefähr dreißig,
+die höchste Breite auf zehn Paal rechne, sind durch den Fluß Watta
+verbunden, ihre Entfernung von einander beträgt höchstens 1½ Paal. Die
+Seen, besonders der große, haben wenig Tiefe; letzterer dürfte sich
+mit der Zeit in einen Sumpf verwandeln, denn jetzt schon ist der ganze
+Grund und Boden mit Pflanzen dicht überwachsen, und ganze Parthieen
+derselben schwimmen gleich Inseln auf der Oberfläche umher. Die Ufer
+bieten wenig Reiz; an vielen Stellen sind sie mit Alang-Alang bedeckt.
+An dem großen See liegen bedeutende Ortschaften; sie nehmen sich aber
+in der nackten Umgebung, die weder Gebüsche noch Baum besitzt, ganz
+armselig aus. Die die Seen umgrenzenden Länder bilden Bestandtheile
+von Sidenring, Wadjo und andern kleinen Königreichen. Man sieht auch
+die Gebirge von Bonni, von welchen ich nur eine Tagreise entfernt war.
+Lagusi liegt am Tjenrana, achtzehn Paal stromaufwärts. Als ich das
+Boot verließ, um nach der königlichen Residenz zu gehen (¼ Paal)
+begleitete mich die ganze Dorfgemeinde; man hatte hier noch kein
+Europäisches Gesicht gesehen. Die Leute wollten alle mit mir in den
+Palast (natürlich auch nur eine Bambushütte) -- man mußte sie mit
+Gewalt forttreiben.
+
+Die Königin ließ lange auf sich warten. Sie war alt, aber kräftig,
+überaus lebhaft und sprach sehr eifrig und viel. Sie behauptete,
+sechsundsiebenzig Jahre zu zählen; aber ihrem jüngsten Sohne nach zu
+urtheilen, mochte sie es mit den Jahren wohl nicht so genau nehmen.
+Wenn die Leute hier alt sind, machen sie sich gerne noch älter: sie
+glauben dadurch an Würde zu gewinnen. Im allgemeinen haben sie auch
+wenig Begriff von Zeitrechnung und wissen meistens selbst nicht, wie
+viel Jahre sie zählen.
+
+Nach der üblichen Bewirthung mit Thee und Süßigkeiten wollte ich mich
+zurückziehen, da ich halb lahm von dem neun Stunden langen unbequemen
+Sitzen in dem Baumstamme war; allein die hohe Frau gab es nicht zu:
+sie unterhielt sich zu gut mit meinen Leuten, die ihr alle Neuigkeiten
+aus der großen Stadt Makassar erzählen mußten. Sie war sehr munter
+und heiter, obwohl sie, wie sie mir selbst mit wahrhaft stoischer
+Gleichgültigkeit erzählte, erst vor drei Tagen einen Sohn begraben
+hatte. So sind diese Menschen! -- So lange die Leiche im Hause ist,
+heulen, schreien und geberden sie sich wie Wahnsinnige; ist der
+Verstorbene einmal der Erde übergeben, so begraben sie den Schmerz mit
+ihm, Heiterkeit und Frohsinn kehren wieder.
+
+Die Königin trug Trauer um ihren Sohn. Dieselbe bestand in einem
+dunklen Tuche, das um den Kopf geschlagen war, die Haare ganz verbarg
+und bis über die Schultern fiel.
+
+Sehr gegen meinen Willen war ich gezwungen, die Abendmahlzeit bei der
+Königin einzunehmen. Auch hier war das Essen unter aller Kritik. Es
+gab eine Menge kleiner Schüsselchen, deren Gesammtinhalt den Magen
+eines ganz gewöhnlichen Essers nicht überladen hätte. Ein Schüsselchen
+enthielt ein hartgekochtes Ei in vier Theile geschnitten, ein anderes
+drei winzig kleine Kartoffeln, ein drittes die Hälfte eines drei Zoll
+langen Fischchens, ein viertes ein paar Scheibchen von Gurken, ein
+fünftes zwei gekochte nußgroße Zwiebelchen u. s. w. Mitten unter dieses
+Puppenmahl setzte man einen sehr großen, fest zugedeckten Suppentopf
+und legte daneben einen großen Suppenschöpflöffel. Diesem Riesentopfe
+weihte ich meine ganze Aufmerksamkeit; mein erwartungsvoller Magen
+hoffte auf gekochte Hühner oder sonst ein herrliches Gericht. In dieser
+schwelgerischen Erwartung nahm ich eine gute Portion Reis auf meinen
+Teller, um ihn mit der köstlichen Sauce, mit dem zarten Hühnerfleische
+zu mengen; doch der Deckel des Topfes wurde lange Zeit nicht gehoben.
+Ich verlangte nach etwas Salz, um meinen Reis vorläufig zu würzen. Da
+endlich -- ging der Deckel auf, man griff nach dem großen Schöpflöffel
+und langte -- -- einen Fingerhut voll weißen Salzes heraus[33]. Bald
+wäre ich aus Schmerz über die getäuschte Hoffnung selbst zur Salzsäule
+geworden.
+
+Nicht minder komisch ging es mit dem Wasser zu: man stellte zwei
+sehr schön geschliffene Flaschen in Futteralen vor uns. Da Flaschen
+gewöhnlich von Gläsern begleitet sind, wartete ich lange auf letztere.
+Als sie nicht erschienen, verlangte ich darnach; die Königin aber sagte
+mir, ich möchte nur aus der Flasche trinken, und nicht nur sie und ich,
+sondern Tolk, Sendling, alles trank aus den Flaschen.
+
+Unter den Früchten gab es eine, Durian genannt, in Form und Umfange
+einer Melone von mittlerer Größe ähnlich und mit sehr rauher Schale,
+die dermaßen nach Knoblauch stank, daß man die Frucht schon roch, als
+sie dreißig bis vierzig Schritte entfernt war. Das Innere besteht aus
+weißen, an einander gereihten, sehr großen Bohnen. Ich hatte die Frucht
+schon auf Borneo wie auch auf den Molukken gesehen. Die Europäer
+versicherten mir, daß, wenn man sich an den starken Geruch gewöhnt
+habe, diese Frucht sehr fein schmecke, und fügten hinzu, wenn man sie
+so recht ~con amore~ genießen wolle, müsse man dieß auf einem Flusse in
+einem Boote sitzend thun, um die Hände jeden Augenblick in das Wasser
+tauchen zu können, damit der Geruch sich leichter verlöre. Ich konnte
+ihr, selbst nach wiederholten Versuchen, des Geruches wegen, keinen
+Geschmack abgewinnen.
+
+Die bei Tische aufwartende Hofdame oder Dienerin trug auf dem Daumen
+der linken Hand ein wenigstens fünf Zoll langes Nagelfutteral. Ich gab
+ihr meine Verwunderung über diesen ungeheuren Nagel zu erkennen, sie
+versichernd, daß ich ähnliches nicht einmal in China, dem Lande der
+Nagelkultur gesehen hätte. Lächelnd zog sie das Futteral ab, und ich
+sah, daß es eigentlich mehr als Zierde diente: der Nagel selbst hatte
+höchstens einen halben Zoll Länge. Eben so verhielt es sich mit den
+übrigen Futteral-Trägern; nur der Sohn der Königin machte hievon eine
+Ausnahme: sein Finger prangte mit einem zwei Zoll langen Nagel. Die
+Mode der Nagelfutterale sah ich nur in dieser Gegend.
+
+Als das Mahl vorüber war, setzte ich die Ceremonie bei Seite und
+verlangte, mich zurückziehen zu dürfen. Die Königin entschuldigte sich,
+mich nicht in ihrer Ruine von Palast aufnehmen zu können, ich möchte
+ihrem Sohne nach dem seinigen folgen; dort sei schon alles für mich
+bereit. Daselbst angekommen, sollte ich noch seiner Frau vorgestellt
+werden und abermals Thee und Backwerk genießen. Allein ich wich dieser
+Ehre für heute aus und schlüpfte unter meinen Klambu, wo ich mich der
+nöthigen Ruhe erfreute.
+
++4. Mai.+ Der Prinz war ein noch junger Mann; Gesichtsfarbe und Züge
+verriethen aber schon den starken Opiumraucher. Sein erstes Geschäft
+Morgens war auch die Opiumpfeife anzuzünden. Leider wird dieses Gift
+auf Celebes häufig gebraucht.
+
+Nach dem Frühstücke, das der gestrigen Abendmahlzeit würdig an die
+Seite zu stellen war, ging ich mit dem Prinzen zur Königin, um Abschied
+zu nehmen. Beim Eintritte in den Palast fielen mir drei Kisten in die
+Augen, die ich gestern nicht bemerkt hatte; zwei dienten als Stühle für
+die Königin und mich, die dritte als Tisch.
+
+Ich mußte über eine halbe Stunde auf die Königin warten; es hieß, sie
+mache Toilette. Und worin bestand diese Toilette? In einer weißen
+Blouse, die sie über den Sarong gezogen hatte, der Kopf war wie gestern
+in ein Tuch gehüllt. An Schmuck trug sie zwei Reihen hohler Kugeln
+aus Goldblech, in Form und Größe kleiner Hühnereier, die kreuzweise
+über Brust und Schulter hingen, an jeder Seite der Brust ein rundes,
+handgroßes, mit Edelsteinen besetztes Goldblech, das man für Orden
+hätte halten können, wenn die Leute auf Celebes schon auf diesem
+Höhepunkte der Civilisation stünden. Am meisten fiel mir jedoch die
+Fußbekleidung auf: sie bestand aus ausgeschnittenen Schuhen nach Art
+der Europäischen; nur waren sie, statt von Stoff, ganz von Goldblech,
+die Sohle nicht ausgenommen, und mit Edelsteinen besetzt.
+
+Als mich die Königin begrüßte, sagte sie mir, daß sie es für ihre
+Pflicht gehalten habe, mich im königlichen Staate zu empfangen.
+
+Auch bei dieser Gelegenheit mußte wieder gespeist werden. Während
+der Mahlzeit wurde ihr Sohn abgeholt, um ein Haus zu besichtigen, in
+welches diese Nacht Diebe eingebrochen, und an Silber, Geschmeide
+u. dgl. bei 800 Rupien im Werthe gestohlen hatten.
+
+Die Buginesen, Hauptbevölkerung dieser Gegenden, sind die
+berüchtigtsten Diebe und Piraten im ganzen Archipel, übrigens
+die gewandtesten und hübschesten Leute, die ich auf dieser Insel
+gesehen. Männer und Weiber sind groß, sehr gut gewachsen, auch ihre
+Gesichtsbildung ist bei weitem besser, als die der Malaien. Das
+Nasenbein thut sich doch ein bischen hervor; manche haben mitunter ganz
+hübsch geformte Nasen, und die Zahnkiefer ragen nicht so heraus. Ihre
+Augen sind schön und verrathen viel Intelligenz. Ihre Hautfarbe ist
+licht röthlich braun.
+
+Wie ich bereits bemerkt habe, genießen die Weiber auf Celebes so
+ziemlich die Rechte der Männer: ein Mann darf ohne die Bewilligung
+seiner ersten Frau keine zweite nehmen. Auch von den öffentlichen
+Angelegenheiten sind sie nicht ausgeschlossen. Die Bewohner des
+Königreiches +Wadjo+ (Lagusi), ein handeltreibendes, friedliches Volk,
+ziehen es sogar vor, von Königinnen regiert zu werden; sie sagen, daß
+deren Regierung weniger kriegslustig, treuer und ruhiger sei, als die
+der Männer.
+
+Um 11 Uhr sagte ich der Königin Lebewohl.
+
+Ich hatte meinen Leuten schon am frühen Morgen befohlen, alles zur
+Rückreise in Bereitschaft zu halten; trotzdem fand ich, als ich an’s
+Ufer kam, nicht einmal ein Boot vor. Mit vielem Gezänke kam erst unser
+ausgehöhlter Baumstamm um Mittag zum Vorschein. Die Rückreise war wo
+möglich noch unangenehmer als die Herreise, da die Leute so träge
+ruderten, daß wir nicht von der Stelle kamen. Ich mußte in dem engen
+Gefängnisse zwanzig Stunden, von Mittag zwölf bis nächsten Morgen
+acht Uhr zubringen. Während der Nacht wurden die Ruder zur Seite
+gelegt, und alles schlief. Glücklicherweise war das Wetter schön und
+der See ruhig, dennoch schwankte das gefährliche Fahrzeug bei jeder
+Bewegung eines Schläfers so heftig, daß ich oft fürchtete, es könne das
+Gleichgewicht verlieren.
+
++5. Mai.+ In der offenen Hütte wieder angekommen, rasteten wir zwei
+Stunden, dann bestiegen wir Pferde und ritten nach +Batu-Massapaija+,
+zu dem König von Sidenring zurück.
+
+Meine erste Frage war nach den Insekten. Der König reichte mir -- die
+leere Flasche[34]. Ich erinnerte ihn an die Rehjagd -- „Uebermorgen“
+hieß es.
+
+Ich dankte ihm für die vielen Insekten und für die schöne Jagd und
+ersuchte ihn, mir einige Leute zu geben, um nach dem Bergdistrikte
++Duri+ gehen zu können, dessen Bewohner eine Art Alforen und ein noch
+als sehr wild bekannter Volksstamm, Bundesgenossen des Königs von
+Sidenring sind. Sie sollen in Höhlen wohnen. Diese Reise gefiel aber
+dem Tolk und Sendling nicht. Man mußte sie zu Fuße machen und obwohl
+ich von der +Buginesischen+ Sprache, in welcher meine Leute mit dem
+Könige verkehrten, so viel wie nichts verstand, entnahm ich doch, daß
+sie den König ersuchten, mir Schwierigkeiten zu machen. Der König
+sagte mir dann in Malaischer Sprache, daß er jetzt mit diesem Volke
+gerade nicht im besten Einvernehmen stehe und daher meinen Wunsch nicht
+erfüllen könne. Hätte ich diese trägen, faulen Leute nicht bei mir
+gehabt, so würde ich meinen Willen durchgesetzt haben, denn ich sah es
+dem Könige an, daß er der Erfüllung meines Ersuchens nicht ungeneigt
+war. Er bemerkte wohl, daß ich böse wurde, und um mich ein wenig zu
+erheitern, versprach er mir, die Rehjagd auf den morgigen Tag zu
+veranstalten.
+
+Ich brachte den ganzen Abend mit der königlichen Familie zu und
+bemerkte mit Vergnügen, daß das königliche Ehepaar, obwohl schon lange
+verheirathet (sie hatten vierzehn Kinder), in einer überaus glücklichen
+Ehe lebte. Ich hörte auch, der König habe nur +eine+ Frau, und
+überhaupt sei das Familienleben auf Celebes besser als auf irgend einer
+der anderen Inseln dieses Archipels. Gewöhnlich begnügt sich der Mann
+mit +einer+ Gattin, und Scheidungen finden auch nicht so häufig statt.
+
+Die beiden Eheleute richteten unzählige Fragen an mich; vor allem
+andern aber baten sie mich um die Arznei, die ich ihrer Meinung nach
+nähme, um in meinem Alter so kräftig zu sein. Der König sagte, daß er
+nicht im Stande wäre, es mir gleich zu thun, viel weniger die Königin,
+obwohl sie beide um so viel jünger seien als ich. Vergebens betheuerte
+ich, daß dieß nur Folge der von der ihrigen so ganz verschiedenen
+Lebensweise wäre. Dann kam auch hier wieder die Rede auf meinen Sultan
+(ein besonderes Lieblingsthema aller dieser Fürsten); sie fragten
+mich, wie er wohne, was er speise, ob ich ihn oft besuche u. s. w. Ich
+erzählte ihnen mit aller Ausführlichkeit das kaiserliche Familienleben.
+
++6. Mai.+ Gestern hatte die Königin erklärt, sie wolle ebenfalls an
+der Jagd Theil nehmen. Ich war über diesen heldenmüthigen Entschluß
+sehr erstaunt, denn daß eine Königin ihre Hütte ohne eine bedeutende
+Veranlassung verläßt, gehört unter diesen Völkern zu den Wundern.
+So erzählte mir z. B. die achtzehnjährige Königin von Baru, daß sie
+seit acht Jahren nicht über zweihundert Schritte weit von ihrer Hütte
+gekommen sei.
+
+Als es zur Jagd ging, fragte ich nach der Königin. Der König sagte mir,
+daß sie uns nicht begleiten könne, sie habe das Fieber (vermuthlich das
+Trägheitsfieber).
+
+Wir begaben uns auf einen großen, schönen Wiesenplatz, der ringsum
+von Waldungen eingesäumt war. Die Rehe wurden getrieben, von Hunden
+gefangen, welche die armen Thiere gräßlich zerfleischten, und von den
+Leuten mit Lanzen getödtet. Viele von den Jägern waren zu Pferde und
+jagten den Thieren nach. Der König und ich saßen im Schatten eines
+Baumes und sahen zu, -- es war eine abscheuliche Unterhaltung, der ich
+kein zweites Mal beiwohnen möchte!
+
+Nach der Jagd versammelten sich die Reiter und Treiber um uns. Diese
+Gruppe war so malerisch, daß ich vieles gegeben hätte, ein Zeichner
+zu sein. Die Reiter ruhten auf ihren schönen, unbeweglich stehenden
+Thieren in den verschiedenartigsten Stellungen. Sie schlugen einen Fuß,
+oft wohl beide unter, hockten auf den Fersen oder stemmten die Füße
+in die Seiten der Thiere, kurz geberdeten sich wie auf festem Grund
+und Boden. So wie die Leute zu Pferde, so lagerten die Treiber auf der
+Wiese umher. Die Kopftücher hatten sie in der mannigfaltigsten Weise um
+den Kopf geschlagen. Sie stärken diese Tücher und vermögen ihnen daher
+jede beliebige Form zu geben; die langen, weiten Sarongs umhüllten die
+kräftigen Körper bald ganz, bald theilweise, oder hingen als Schärpen
+in reichem Faltenwurfe von der Schulter hinab. Das Betrachten dieses
+Bildes ergötzte mich ungleich mehr als die grausame Jagd.
+
+Zur Abendmahlzeit setzte man uns schon das Schulterstück eines
+der erlegten Rehe vor. Leider war es durch die Bereitung beinahe
+ungenießbar geworden. Man hatte das Fleisch, ohne es zuvor zu waschen
+und zu salzen, in das brennende Feuer geworfen und kaum so lange darin
+gelassen, bis es warm wurde. Es war ganz schwarz, stank nach Rauch,
+und das Blut quoll überall heraus. Von solchen Speisen lebt ein König,
+der, wie er mir selbst erzählte, im vergangenen Jahre 8000 Rupien in
+den Hahnenkämpfen verloren, das Jahr zuvor 10,000 Rupien in demselben
+Spiele gewonnen hatte! --
+
++7. Mai+ Morgens nahm ich Abschied von dem königlichen Spieler. Die
+Rückreise ging sehr rasch von Statten. Ich machte in Pare-pare,
+Baru und Tanette nur die nöthige Rast und erreichte schon am 9. Mai
+wieder die Grenze der Holländischen Besitzungen, die zwei Paal von
+der Residenz des Königreichs Tanette beginnen. Um zwei Uhr war ich
+zu Mandelle, und um eine Tagereise zu gewinnen, ging ich zu Fuß noch
+sechs Paal weiter bis +Segeri+, denn bis frische Pferde herbeigeschafft
+worden wären, würde es Nacht gewesen sein, und die Wege waren zu
+gräßlich, um sich bei Nacht darauf zu wagen. Meinen Leuten kam dieß
+nicht sehr gelegen; allein ich bekümmerte mich nicht darum, und begab
+mich ohne sie auf den Weg, wohl wissend, daß sie mir folgen würden. Wir
+kamen durch so tiefe Sümpfe, daß man an einer Stelle Mühe hatte, mich
+durch zu bringen. Bei jedem Schritte sank ich bis an den Oberleib ein,
+zwei meiner Leute mußten mir stets heraushelfen. Am nächsten Morgen
+fühlte ich mich so wenig ermüdet, daß ich zweiunddreißig Paal zwar zu
+Pferde, aber ebenfalls wie gestern, durch die schrecklichsten Sümpfe
+machte, was selbst für Reiter sehr ermüdend ist. Ich kam glücklich und
+wohlbehalten zu Maros an; Tolk und Sendling wurden dagegen von den
+Beschwerden dieser eiligen Rückreise so angegriffen, daß sie beide
+einige Tage unwohl waren.
+
+Zu Maros blieb ich noch einige Tage und besuchte von hier aus
+den Fürsten +Aru-Sinri+, den früheren Minister von Bonni, der
+sechs Paal von Maros entfernt wohnt. Die Gemahlin dieses Fürsten,
++Aru-Palengerang+, hatte die gerechtesten Ansprüche auf das Reich
+Bonni: sie war die Schwester des letztverstorbenen Königs, der keine
+Kinder hinterließ; auch sie war kinderlos und hatte einen Neffen
+adoptirt. Als aber der König starb, wußte letzterer sich einen solchen
+Anhang zu verschaffen, daß er sich der Regierung bemächtigte und seine
+Wohltäterin vertrieb. Sie warf sich mit ihrem Gemahl in die Arme der
+Holländischen Regierung, welche ihnen ein niedliches Bambushaus bauen
+ließ und eine jährliche Pension gibt.
+
+Auf ganz Celebes fand ich kein Fürstenhaus so schön gehalten wie
+dieses. Das Innere war in Gemächer getheilt, die Küche abgesondert, die
+Dienerschaft sehr sauber gekleidet, der Tisch höchst zierlich gedeckt,
+die Gerichte gut, man hätte in keinem Europäischen Hause mehr Ordnung
+und Reinlichkeit finden können.
+
+Der Prinz Aru-Sinri und seine Gemahlin werden auch allgemein als
+ausgezeichnete Leute, sowohl in Bezug auf Herz als auf Verstand gerühmt.
+
+Am +13. Mai+ ritt ich nach Makassar zurück, wo ich bis +20. Mai+ blieb.
+Ich stattete vor meiner Abreise in Begleitung des Herrn +Weiergang+,
+eines hiesigen Kaufmannes, noch dem Sultan von Goa einen Besuch ab. Das
+Reich Goa stößt an Makassar an; die Residenz des Fürsten ist nur vier
+Paal von letzterem entfernt. Dieses Reich besteht aus den Trümmern des
+Königreiches Makassar, welches in früheren Zeiten das mächtigste von
+Celebes war, eine treffliche Armee und viele Kutter besaß und einen
+großen Theil der umliegenden Inseln beherrschte.
+
+Der Sultan von Goa bewohnt ein weit hübscheres Haus, als seine
+königlichen Kollegen von Sidenring und Pare-pare, da es von Brettern
+und mit Schnitzwerk verziert ist. Im Innern sah es jedoch eben so aus,
+wie bei allen übrigen Fürsten: eine Ueberfülle von Hofgesinde und
+Dienerschaft, ein Chaos von Klambus und übereinander geschichteten
+Kisten und Kasten.
+
+Der Sultan ließ gerade ein neues Haus bauen, obwohl das alte noch ganz
+gut erhalten schien; er wollte letzteres nicht mehr bewohnen, weil sein
+Vater darin gestorben war. Soll man dieß Zartgefühl nennen? Ich wäre
+eher geneigt, es für Aberglauben zu halten, denn Gefühl für Verstorbene
+habe ich unter diesen Völkern nirgends gefunden.
+
+Nahe an der Residenz sind die Gräber des Fürstenhauses. Sie enthalten
+einfache steinerne Grabesmonumente, die zum Theile in kleinen
+gemauerten Hallen stehen.
+
+Am +20. Mai+ verließ ich Makassar auf dem Dampfer „Banda“, um zum
+dritten und letzten Male die gastfreundlichen Küsten Java’s zu betreten.
+
+Nach 2½tägiger Fahrt ankerten wir auf der Rhede von Surabaya. Während
+meines ersten Aufenthaltes an diesem Orte hatte ich die Bekanntschaft
+der Frau Brumond, Gattin des Domine Brumond, gemacht, welche so
+freundlich war, mich in ihr Haus einzuladen, wenn ich von der Reise
+nach den Molukken und Celebes zurück käme. Herr Resident von Perez, bei
+welchem ich damals abgestiegen war, hatte nämlich den Ruf nach Batavia
+als Rath von Indien (höchste Stelle nach dem Gouverneur-General;
+es sind deren vier, jede mit einem jährlichen Gehalte von 36,000
+Rupien) erhalten. Ich fand bei dieser liebenswürdigen Familie eine
+so herzliche Aufnahme, und während der Krankheit die mich hier
+befiel, eine so sorgfältige Pflege, daß ich gar nicht glaubte, mich
+in einem fremden Lande zu befinden. Zu dem Fieber, das mich seit
+meinem Aufenthalt in Sumatra häufig belästigte, gesellte sich ein
+Anthrax auf dem Rücken, eine Folge der beschwerlichen Wanderungen und
+ausgestandenen Mühseligkeiten auf den Molukken und auf Celebes. Durch
+diese Krankheit wurde mir der Aufenthalt auf Surabaya sehr verbittert,
+und es war an meine Reise ins Gebirge, nach dem Feuerberge +Brumo+
+u. s. f. nicht mehr zu denken; ich benützte nur die Zeit meiner
+Rekonvaleszenz, Surabaya selbst und seine nahe Umgebung ein wenig zu
+besehen.
+
+Der gute Herr Brumond war so gefällig, meinen Cicerone zu machen. Wir
+begannen mit der Moschee, welche die schönste auf Java sein soll und
+in ganz neuester Zeit von einem Holländischen Baumeister aufgeführt
+wurde. Sie nimmt sich sehr gut aus, obwohl ihre Bauart weder rein
+Maurisch noch Gothisch, sondern ein Gemisch von beiden ist. Sie bildet
+mit den beiden Minarets, die durch vierzig Fuß lange, schöne Gänge
+verbunden sind, ein Achteck. Das Gebäude ist von Backsteinen (Ziegeln)
+aufgeführt, die Vorderseite des Daches, so wie die Eingangsthüre mit
+hübschem Holzschnitzwerk verziert.
+
+Der Diener verweigerte uns zwar nicht den Eintritt in die Moschee;
+allein er verlangte, daß wir die Schuhe ausziehen sollten. Herr
+Brumond, meiner Rekonvaleszenz gedenkend, reichte ihm eine Rupie,
+und dieser silberne Schlüssel öffnete uns die Thüre ohne weitere
+Anforderung. Wir sahen im Innern nichts weiter als eine hübsche Halle
+mit einer kleinen Kanzel, einigen Lampen, Matten und vielen messingenen
+Spucknäpfen. Letztere fallen einem Fremden gar sehr in die Augen;
+allein ein Sirikauer kann ihrer nicht entbehren, und an einem so
+heiligen Orte darf er nicht auf den Boden spucken.
+
+Von der Moschee gingen wir in den nah gelegenen Malaischen Kampon.
+Dieser gefiel mir ganz und gar nicht. Die Bambushütten, hier nicht
+auf Pfähle gebaut, stehen in zwei Reihen enge an einander und bilden
+eine Straße. Der Unrath wird vor alle Thüren geworfen, gegen Abend vor
+jedem Hause zusammengefegt und verbrannt. Wir kamen gerade zu dieser
+unglückseligen Stunde in den Kampon und konnten deshalb vor Rauch und
+Gestank kaum durch die Straße dringen. Wie mag es da in der Regenzeit
+aussehen, wann nicht gefegt und verbrannt werden kann? Es ist ganz und
+gar nicht zu wundern, daß die Leute beständig mit Fiebern, Haut- und
+andern Krankheiten zu kämpfen haben.
+
+Die Hütten sind außerordentlich klein und gedrückt, ohne Fenster und
+mit einem so niedrigen Pförtchen, daß man ungebückt nicht durchkommt.
+Im Innern ist jedes dieser Schneckenhäuser noch in drei Theile
+getheilt, die wahren Löchern gleichen. Das erste Loch, das einzige, in
+welches durch die geöffnete Thüre Licht fällt, enthält links und rechts
+eine Schlafstelle, die während des Tages als Werkstätte oder Sitzplatz
+dient. In dem zweiten Loche ist an einer Seite die Schlafstelle des
+Hausherrn, an der andern eine hölzerne Bank, in dem dritten die
+Feuerstelle. Es bleibt überall gerade nur so viel Raum, um hindurch
+schlüpfen zu können. Die Einrichtung besteht aus einigen Matten,
+Polstern, irdenen Kochtöpfen und einer hölzernen Truhe auf Rädern, die
+alle Schätze der Familie, Kleidungsstücke, Waffen, Geschmeide u. s. w.
+enthält und im Falle einer Feuersgefahr leicht fortgerollt werden kann.
+
+Das Volk kam mir minder häßlich vor, als im Beginne meiner Reise auf
+Borneo, Java u. s. f. Ich sah nun schon seit mehr als einem Jahre
+größtentheils nur Malaien und möchte daher meine Geschmacksänderung
+der Gewohnheit zuschreiben, die am Ende das Häßliche minder häßlich
+erscheinen läßt. Geht es doch mit dem Schönen eben so -- die
+herrlichste Landschaft, alle Tage gesehen, macht mit der Zeit nicht
+halb so viel Eindruck als im ersten Augenblicke.
+
+Wir besuchten diesen Abend auch noch den Chinesischen Kampon, der mit
+seinen niedlichen Häuschen, durch seine außerordentliche Reinlichkeit
+den größten Kontrast zu dem Malaischen bildete. Die Häuschen aus
+Backsteinen waren alle so weiß und nett, als wäre der ganze Kampon erst
+kürzlich beendet worden. Sie sind zwar auch nicht groß, aber geräumig
+genug, selbst eine zahlreiche Familie anständig unterzubringen. Es
+fehlt weder an Fenstern noch Thüren, von welchen erstere mit schönen
+Läden versehen sind; alles Holz- und Rohrwerk ist mit dunkler Oelfarbe
+angestrichen. Den Vordertheil des Hauses umgibt eine Veranda; von
+dieser tritt man in das Empfangszimmer, welches die ganze Länge des
+Hauses einnimmt. Hier findet man den Boden mit Matten belegt, die
+Wände mit Spiegeln und Bildern geziert, und eine genügende Einrichtung
+an Tischen, Stühlen und Schränken. Im Hintergrunde führen links und
+rechts Thüren in die Wohnstübchen. Beinahe in jedem Hause ist in dem
+Empfangszimmer ein kleiner Altar aufgerichtet.
+
+Wir betraten mehrere Häuschen, deren Bewohner schon bei der
+Abendmahlzeit saßen. (Die Weiber der Chinesen sind ebenso wie jene
+der Malaien von der Tischgesellschaft ausgeschlossen; sie speisen in
+der Küche oder in ihren Kämmerchen.) Der Tisch war mit einem weißen
+Tuche gedeckt und trug Gläser, Flaschen, Teller und gute Gerichte; mit
+Vergnügen hätte man an ihrer Tafel theilnehmen können, während es Ekel
+erregt, den Malaien zuzusehen, wie sie bei ihren Mahlzeiten irgendwo
+auf dem Boden kauern und große Portionen in Wasser gekochten Reises mit
+den Händen in den weit geöffneten Schlund stopfen.
+
+Die Chinesen in den Städten sind Kaufleute, Pächter oder Handwerker;
+sie sind arbeitsam und unermüdlich, gönnen sich aber auch einige
+häusliche Bequemlichkeiten. Nicht so die Malaien; bei diesen
+leben Wohlhabende wie Arme in demselben Schmutze, in derselben
+Beschränktheit. Der einzige Aufwand, die einzige Liebhaberei der
+Reichen besteht in kostbaren Waffen, in Gold- und Silbergeschmeide, das
+sie sorgfältig verschließen und bewahren, und das man höchstens bei
+außerordentlichen Festen und Begebenheiten, oder wenn man sie darum
+ersucht, zu sehen bekommt. Außerdem begnügen sie sich mit einem alten
+Sarong und einem schmutzigen Kopftuche. Eine Ausnahme davon machen nur
+die von der Regierung als Regenten u. s. w. Angestellten: diese suchen
+gewöhnlich den Aufwand und die Lebensweise der Holländischen Residenten
+nachzuahmen.
+
+Einen der folgenden Tage gingen wir nach dem großen Malaischen
+Friedhof, der zum Theile auch der heilige genannt wird. Er ist mit
+einer Mauer umgeben. Das Innere ist in viele Plätze getheilt, die
+ebenfalls durch Mauern oder Staketen von einander gesondert sind und je
+nach der Heiligkeit oder dem hohen Stande der daselbst Ruhenden mehr
+oder weniger in Ordnung gehalten werden. Es gibt noch viele Grabmäler
+von Sultanen aus der guten alten Zeit, als Sultane auf Surabaya
+herrschten. Sie sind alle höchst einfach und bestehen aus Steinplatten
+oder aufrecht stehenden Steinen, von welchen die meisten schon
+beschädiget oder eingesunken sind. Von diesen Gräbern wird eines für
+so heilig gehalten, daß keine Ehe unter dem Volke Surabaya’s und der
+nähern Umgebung geschlossen wird, ohne daß das Brautpaar hieher kommt,
+um durch ein kurzes Gebet den Segen zu dem Bunde zu erflehen. Wir waren
+so glücklich, einem dieser Brautpaare zu begegnen. Die Braut, ein
+etwas beleibtes, sehr häßliches, zwölfjähriges Mädchen, wurde in einer
+kleinen Sänfte getragen, die von beiden Seiten offen war, damit sie
+von dem Volke in ihrer bräutlichen Herrlichkeit gesehen werden konnte.
+Sie trug einen seidenen Sarong, der etwas über die Hüfte reichte; von
+da an war sie unbekleidet und mit einer gelben Farbe ganz bemalt,
+was dieselbe Wirkung hervorbrachte, wie enge anliegender Tricot. Der
+Kopf, Hals, die Ohren und Arme waren mit Schmuck beladen. Sowohl der
+seidene Sarong wie der Schmuck sind selten Eigenthum der Braut: diese
+Gegenstände werden für die Feierlichkeit gemiethet. Ihre Begleitung
+bestand aus vielen Weibern und Mädchen, wahrscheinlich Verwandte. Der
+Bräutigam, ein hübscher Mann von einigen zwanzig Jahren, folgte zu Fuße
+in Gesellschaft vieler Jünglinge und Männer. Er war sauber, aber nicht
+anders als seine Begleiter gekleidet.
+
+Ich sah in Surabaya nicht nur dieses Brautpaar aus dem Volke, ich
+wohnte auch einem vornehmen Hochzeitsfeste bei, wo es des Prunkes nicht
+wenig gab. Die Braut war die Schwester des Regenten.
+
+Dieses Fest währte mehrere Tage. Am ersten fand die Ceremonie in dem
+Tempel statt, bei welcher ich nicht zugegen sein konnte, da ich gerade
+das Fieber hatte. Die Braut folgt an diesem Tage nicht ihrem Gemahl in
+sein Haus, sondern kehrt in das ihrige zurück. Am zweiten Tage ward das
+eigentliche Fest in dem Hause der Braut gefeiert. Der Gatte kam gegen
+Abend in feierlichem Zuge zu seiner Gemahlin. Den Zug eröffneten viele
+Jünglinge und Knaben aus dem Volke in ihrer gewöhnlichen Kleidung; sie
+trugen Palmenzweige oder sehr hohe Stangen mit bunten Tüchern, die
+wie Fahnen flatterten. Ihnen folgte Musik, Gongs und Trommeln und
+hierauf eine Art Leibwache mit sehr schönen Lanzen, von welcher eine
+Abtheilung dunkelbraune, die andere zimmetbraune Sarongs trug, die in
+faltenreichen Spitzen bis an die Waden hinab fielen. Der Oberkörper und
+die Füße waren mit lichtgelber Farbe bemalt; auf dem Kopfe trugen sie
+eine Art Krone von Goldblech oder Messing. Sie sahen sehr geschmackvoll
+und kriegerisch aus. Zwischen jeder Abtheilung ging Musik. Der
+Bräutigam kam in einem vierspännigen Europäischen Wagen gefahren,
+von zwei Frauen (Verwandten) begleitet. An dem Hause angekommen,
+stellte sich das Gefolge in Reihen auf, und der Bräutigam schritt mit
+gesenktem Haupte und beinahe geschlossenen Augen in den Empfangssaal,
+in dessen Hintergrunde die Braut, umgeben von Frauen und Mädchen, auf
+einem schönen Teppiche saß. Stillschweigend, ohne Gruß, ohne die Augen
+aufzuschlagen, nahm der Bräutigam an der Seite der Braut Platz. Beide
+blieben bis neun Uhr so stumm und unbeweglich wie Statuen sitzen.
+
+Braut und Bräutigam waren beinahe gleich gekleidet; sie trugen lange,
+golddurchwirkte seidene Sarongs. Der Bräutigam hatte den Oberkörper
+unbekleidet und gelb bemalt, die Braut trug ein lichtgelbes, seidenes,
+sehr knapp anschließendes Leibchen, die Arme hatte sie bis an die
+Achseln ebenfalls nackt und gelb bemalt. Auf dem Kopfe trugen beide
+Kränze von Melati. Drei Reihen dieser Blumen fielen von den Schläfen
+bis an die Brust hinab. Außer den Blumen hatten sie noch einige
+Verzierungen auf dem Kopfe. Das Brautpaar war von vielen Verwandten
+umgeben, aber alle saßen stumm und bewegungslos da. Um acht Uhr wurde
+Thee und Backwerk gereicht; die ganze Gesellschaft aß und trank, ohne
+auch nur ein Wort zu sprechen. Um neun Uhr verschwand das Brautpaar auf
+einige Augenblicke, um sich umzukleiden, erschien wieder in einfachen
+Hauskleidern und blieb dann noch ungefähr eine Stunde sitzen. An diesem
+Tage wird zwar die Braut dem Bräutigam übergeben; allein er darf sie
+noch nicht in sein Haus führen; er muß sogar noch einen dritten Abend
+in dem ihrigen zubringen.
+
+Auch hier ist es wie auf Celebes bei Reichen und Vornehmen nicht Sitte,
+die Mädchen gar zu jung zu verheirathen; gewöhnlich geschieht es
+zwischen dem achtzehnten und zwanzigsten Jahre[35]. Manche beobachten
+den Gebrauch, daß die Braut den Bräutigam erst in der Moschee kennen
+lernt.
+
+Ein großes Fest bei den reichen Javanesen wird auch gefeiert, wenn ein
+Jüngling seine Schulzeit vollendet hat. Der Jüngling sitzt obenan, die
+Eltern und Verwandten um ihn, dann alle seine Lehrer; erstere fragen
+ihn über alles aus, was er gelernt hat.
+
+Von den öffentlichen Anstalten Surabayas gefiel mir am besten das
+Hospital: es ist in jeder Hinsicht das vollkommenste, das ich sah, und
+dieß will viel sagen, denn in allen Holländisch-Indischen Besitzungen
+sind die Hospitäler vortrefflich eingerichtet. Dieses hat für
+achthundert Kranke Raum und ist in mehrere Gebäude abgetheilt, deren
+jedes von Wiesen und Gärten, mit Blumen und Bäumen umgeben ist. In
+einem der Gärten sah ich eine Wasserpalme, die merkwürdigste unter den
+Palmen, die mir auf Java und Sumatra vorkamen. Die Blätter sind zwölf
+bis fünfzehn Fuß lang und schießen einzeln aus dem Stamme, der kaum
+fünfzehn Fuß hoch sein mag, gerade in die Höhe. Sie schließen sich
+eines an das andere und bilden einen vollkommenen regelmäßigen Fächer.
+Der untere Theil der Blätter so wie der Stamm enthalten Wasser. Diese
+Palme ist auf Madagascar heimisch; auf Sumatra und Java fand ich sie
+nur als Zierde in den Gärten der Europäer.
+
+Die Strafhäuser sind gleich jenen in Batavia der Art eingerichtet, daß
+man beinahe sagen könnte, für Verbrecher sei die Menschlichkeit zu
+weit getrieben. Die Holländischen Soldaten[36] haben hübsche Zimmer,
+nette Gärtchen und erhalten eine sehr gute Kost. Die eingebornen
+Verbrecher sind gemeinschaftlich in große Räume gesperrt und werden zu
+verschiedenen Arbeiten in- und außerhalb des Gefängnisses verwendet,
+wofür sie per Tag einige Deute für Siri bekommen. Keiner der Gefangenen
+ist geschlossen; die Eingebornen tragen nur um den Hals einen eisernen
+Ring; dessen ungeachtet soll das Entfliehen zu den sehr seltenen Fällen
+gehören. Die Eingebornen haben vor den Gesetzen viel mehr Achtung, als
+die Weißen.
+
+Die Gefängnisse waren stark besetzt, wie man mir sagte, mit
+zwölfhundert Sträflingen, meistens Dieben. Die schweren Verbrecher
+werden nach der Aburtheilung nach verschiedenen Inseln, besonders nach
+den Molukken verwiesen, wo sie für die Regierung arbeiten, oder gegen
+Lohn an Privatleute vermiethet werden. Todesstrafen haben höchst selten
+statt.
+
+Die Fabrik für Ausbesserung und Zusammenstellung von Dampf- und anderen
+Maschinen besuchte ich ebenfalls. Diese Fabrik ist für Java sehr
+nothwendig, da es der Dampfschiffe, Zuckermühlen und andern Anstalten
+schon in großer Menge gibt. Man könnte hier die Dampfmaschinen auch
+ganz neu verfertigen; allein sie würden höher zu stehen kommen als in
+Europa, denn da die Eingebornen nicht gezwungen sind, in den Fabriken
+zu arbeiten, muß man sie gut bezahlen, um sie dazu zu bewegen. Es waren
+in dieser Fabrik täglich an sechshundert Arbeiter beschäftiget, welche,
+die Werkmeister ausgenommen, alle Eingeborne sind und per Tag von
+dreißig bis hundertzwanzig Deut erhalten.
+
+Nicht minder vollkommen eingerichtet ist das Arsenal, in welchem
+alle Gattungen Kugeln für Kanonen, Bomben und Gewehre gegossen, die
+Wagengestelle für die Artillerie, alles Riemwerk für Soldaten und
+Pferde gemacht werden. Auch hier arbeiten beinahe nur Eingeborne;
+man zieht sie den Europäern bedeutend vor. Sie sind sehr gelehrig
+und besonders im Nachahmen sehr geschickt, arbeiten ruhig, fleißig
+und höchst genau, und schwatzen, zanken und trinken nicht. Ich sah
+in beiden Fabriken die vollendetsten Arbeiten aus den Händen der
+Eingebornen hervorgehen, unter andern ein großes Staatssiegel in
+Messing gestochen, welches von dem besten Siegelstecher in Europa nicht
+besser hätte ausgearbeitet werden können[37].
+
+Ich besah auch das Trockendock, eine herrliche Anstalt zur Ausbesserung
+der Schiffe. Das Becken, groß genug für das größte Schiff, steht durch
+einen Canal mit der See in Verbindung; das Wasser wird, wenn das Schiff
+im Becken liegt, mittelst einer Dampfmaschine in fünf bis sechs Stunden
+gänzlich ausgepumpt. Wenn keine Regierungsschiffe in der Ausbesserung
+liegen, werden auch Handelsschiffe angenommen, für welche per Tag und
+per Tonne eine bestimmte Summe zu bezahlen ist. Es lag eben ein Schiff
+von zwölfhundert Tonnen in dem Becken, das täglich dreihundert Rupien
+für nichts als den Platz bezahlte. Diese Anstalt mag großen Nutzen
+tragen, denn der Kostenaufwand ist sehr gering, und an Schiffen, die
+der Ausbesserung bedürfen, fehlt es nie.
+
+Leider konnte ich, wie gesagt, weder den Feuerberg Brumo, noch das von
+manchen Reisenden so schauervoll beschriebene „Todtenthal“ besuchen, in
+welchem der Baum Upas steht. Die Ausdünstung dieses Giftbaumes soll,
+nach deren Behauptung, jedem lebendem Wesen, das sich in seine Nähe
+wagt, Mensch oder Thier, Tod und Verderben bringen.
+
+Der Saft des Baumes diente zur Vergiftung der Pfeile, und um das Gift
+zu erlangen, sollen die Sultane dieses Landes den schweren Verbrechern
+die Strafe auferlegt haben, eine gewisse Menge Saftes von dem Baume
+zu bringen. Hatte der Verbrecher das Glück, mit dem Winde in das
+Thal zu gehen, so konnte er den Auftrag vollführen, mit dem Leben
+zurückkehren, und jede weitere Strafe war ihm in diesem Falle erlassen.
+Kam ihm jedoch bei diesem Gang der Wind in’s Gesicht, so war sein Tod
+unvermeidlich.
+
+Ich selbst erinnere mich, Beschreibungen dieser Art gelesen zu haben;
+es hieß ferner, daß dieses Thal voll von Skeletten von Menschen und
+Thieren sei. Jeder Vogel, der über das Thal fliege, stürze als Leiche
+nieder u. s. w. -- Sehr glaubwürdige Leute versicherten mir, daß
+an allem diesem Geschwätze kein wahres Wort sei. Es stehe zwar ein
+Upas-Baum in einem kleinen Thale; allein Mensch und Thier kann sich ihm
+ohne die geringste Gefahr nahen, der Wind mag kommen, von welcher Seite
+er will. Hier und da ströme zwar aus dem Boden dieses Thales einiges
+Gas aus, das sich aber nicht über zwei Fuß erhebe. Man führt, um dem
+Fremden dieß zu zeigen, gleich wie in die Hundsgrotte zu Neapel, kleine
+Hunde dahin, die nach einigen Minuten von Zuckungen ergriffen dem Tode
+verfallen würden, zöge man sie nicht sogleich aus der Stickluft.
+
+Auf Java habe ich keinen Upas-Baum gesehen, dagegen in Borneo mehrere,
+an welchen ich oft ganz nahe vorbei kam. Die Eingebornen warnten mich
+bloß, weder den Stamm noch die Aeste zu berühren; sie sagten, die Hand
+schwölle auf und schmerze einige Stunden. Vielleicht ist auch dieß
+nicht wahr; ich wagte aber doch nicht, es zu versuchen.
+
+Da ich gerade von so Sonderbarem spreche, will ich auch eines
+rätselhaften Ereignisses erwähnen, das sich vor mehreren Jahren
+auf Java zutrug und so viel Aufsehen machte, daß es sogar die
+Aufmerksamkeit der Regierung in Anspruch nahm.
+
+In der Cheriboner Residentschaft lag ein Häuschen, in welchem es, wie
+die Leute behaupteten, arg spukte. Sobald der Abend einbrach, begann
+ein Steinregen und Sirigespuck von allen Seiten in dem Gemache. Die
+Steine, wie das Gespuck fielen knapp neben den Leuten, die sich darin
+befanden, nieder, ohne jedoch Jemanden zu treffen. Dieser Spuk schien
+hauptsächlich gegen ein kleines Kind gerichtet. Es wurde von dieser
+unerklärlichen Sache so viel gesprochen, daß am Ende die Regierung
+einen verläßlichen Stabs-Officier beauftragte, sie zu untersuchen.
+Dieser ließ das Häuschen von auserwählten, treuen Soldaten umstellen,
+welche niemand den Aus- oder Eingang gestatteten, untersuchte alles
+genau, und setzte sich dann, das Kind auf den Schooß nehmend, in das
+verrufene Gemach. Zu Abend begann der Stein- und Siri-Regen wie
+immer, alles fiel knapp um den Officier und das Kind nieder, ohne
+sie zu berühren. Abermals wurde jeder Winkel, jedes Loch untersucht
+und -- nichts gefunden. Der Officier konnte aus der Sache nicht klug
+werden. Er ließ die Steine aufheben, sie bezeichnen und sie an einem
+weit entfernten Orte verbergen -- vergebens, dieselben bezeichneten
+Steine flogen zur selben Stunde wieder in das Gemach. Um dieser
+unbegreiflichen Geschichte ein Ende zu machen ließ die Regierung das
+Häuschen niederreißen.
+
+ * * * * *
+
+Nach Batavia zurückgekommen, war ich abermals unentschlossen, wohin
+ich meinen Wanderstab wenden sollte. Von Indien hatte ich das
+Interessanteste gesehen (Englisch Indien auf meiner ersten Reise
+um die Welt), nach Australien verlangte ich nicht sehr, auch lagen
+keine Schiffe für dorthin im Hafen, wohl aber gab es deren zwei für
+Nord-Amerika, und zwar eines für Baltimore (Vereinigte Staaten), das
+zweite für San Francisco in Kalifornien.
+
+Ich wandte mich an den Amerikanischen Consul, Herrn Reed, ihn
+ersuchend, mit den Kapitänen dieser Schiffe zu sprechen und mir,
+wo möglich, einen billigen Ueberfahrtspreis zu erwirken. Herr Reed
+überbrachte mir schon nach einigen Tagen die erfreuliche Nachricht,
+daß der Kapitän des für San Francisco bestimmten Schiffes bereit sei,
+mich ohne die geringste Vergütung auf diese lange Reise (über 10,000
+Seemeilen) mitzunehmen.
+
+Beinahe mit wehmüthiger Empfindung nahm ich Abschied von den
+Holländisch-Indischen Besitzungen. Ich sah in diesen Ländern viel des
+Herrlichen und Großen in der wundervollen Natur, ich kam mit neuen
+Völkern in Berührung, deren Bekanntschaft mir, trotz der Gefahren, mit
+welchen ich sie mitunter erkaufte, höchst genußreiche und interessante
+Beobachtungen bot. Und nicht nur Geist und Auge fanden Genüsse auf
+dieser Reise, auch das Herz hatte seinen Theil, denn überall begegnete
+ich unter den Holländern vielen guten Menschen, die mir auf die
+liebevollste Weise mit Rath und That an die Hand gingen. Diesen, wie
+auch den Deutschen, die ich an einigen Orten traf, verdanke ich es, daß
+mir das Reisen nicht nur überhaupt ausführbar, sondern auch (die Länder
+der wilden Dayaker, Battaker und, Alforen ausgenommen, wo es keine
+Europäer gab) so leicht und angenehm gemacht wurde, als es nur immer
+möglich war.
+
+So lange ich lebe, werden die Eindrücke dieser schönen Reise eben so
+wenig aus meinem Gedächtnisse schwinden, wie die Erinnerung an die
+Zuvorkommenheit und wahre Gastfreundschaft der Holländer.
+
+
+ [33] Man findet sehr selten weißes Salz, gewöhnlich ist es so
+ schmutzig und dunkel wie Asche.
+
+ [34] Die Leute versprechen alles mit der größten Bereitwilligkeit;
+ ersucht man sie um etwas, so bekommt man stets „Ja“ zur Antwort;
+ allein höchst selten halten sie Wort.
+
+ [35] Bei den Europäern scheint frühes Heirathen sehr Sitte gewesen
+ zu sein. Die Regierung hat in neuerer Zeit einen Befehl
+ erlassen, welchem zu Folge kein Europäisches Mädchen vor dem
+ fünfzehnten Jahre heirathen darf.
+
+ [36] Die eingebornen Soldaten werden nicht mit den Holländischen in
+ dasselbe Gefängniß gesperrt.
+
+ [37] Ich sah bei Oberst +von Schierbrandt+ in Batavia eine
+ Haus-Einrichtung in Gothischem Style, die er in Surabaya
+ verfertigen ließ. Die Stühle, Kanapees, Schränke u. s. w. waren
+ höchst kunstvoll ausgeschnitzt, die Tapezierer-Arbeit nicht
+ minder vollkommen. Aber bis auf die kleinsten Details mußte Herr
+ Schierbrandt den Leuten Zeichnungen geben, aus eigner Erfindung
+ können sie nichts schaffen.
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75639 ***
diff --git a/75639-h/75639-h.htm b/75639-h/75639-h.htm
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+/* Transcriber's notes */
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+</head>
+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75639 ***</div>
+
+<div class="transnote mbot3">
+
+<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
+
+<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von
+1856 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
+Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
+nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
+unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.</p>
+
+<p class="p0">Die Verwendung von gesperrter Schrift für Personen-
+und Ortsnamen wurde im Original inkonsistent gehandhabt, dennoch
+wurden in der vorliegenden Fassung dahingehend keinerlei Korrekturen
+vorgenommen.</p>
+
+<p class="p0 hidehtml">Abhängig von der im jeweiligen
+Lesegerät installierten Schriftart können die im Original <em
+class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in
+serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt
+erscheinen.</p>
+
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe50 break-before" id="frontispiz">
+ <img class="w100" src="images/frontispiz.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption"><p class="center s5">Holzschnitt und Druck von
+ Eduard Kretzschmar in Leipzig.</p>
+ <p class="center">Eine Bambusbrücke.</p>
+ <div class="linkedimage s5 mbot3"><a href="images/frontispiz_gross.jpg"
+ id="frontispiz_gross" rel="nofollow">⇒<br>
+ LARGER IMAGE</a></div></figcaption>
+</figure>
+
+<div class="eng">
+
+<h1><span class="s6">Meine</span><br>
+Zweite Weltreise.</h1>
+
+<hr class="titel1">
+
+<p class="center mbot1">Von</p>
+
+<p class="s2 center">Ida Pfeiffer,</p>
+
+<p class="s5 center">Verfasserin der „Reise in das heilige Land“, der „Reise nach Island“
+und der „Frauenfahrt um die Welt.“</p>
+
+<hr class="titel1">
+
+<p class="s3 center mtop2"><span class="s4">Zweiter Theil.</span></p>
+
+<p class="s4 center mbot2">Sumatra. Java. Celebes. Die Molukken.</p>
+
+<hr class="titel2">
+
+<p class="s3 center"><span class="s4">Wien.</span></p>
+
+<p class="s4 center"><em class="gesperrt">Carl Gerold’s Sohn.</em><br>
+1856.</p>
+
+<p class="s5 center padtop5 break-before">Das Recht der Uebersetzung in fremde
+Sprachen behält sich die Verfasserin vor.</p>
+
+<p class="s5a center padtop5">Druck von Carl Gerold’s Sohn.</p>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_iv">[S. iv]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Inhalt_des_zweiten_Bandes">Inhalt des zweiten Bandes.</h2>
+
+</div>
+
+<table class="toc">
+ <tr>
+ <td class="s4" colspan="2">
+ <div class="left"><b>Siebentes Kapitel.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="synopsis">Sumatra. — Ankunft in Padang. — Reise in das Innere.
+ — Fort de Kock. — Kotto-Godong. — Seltsame Gesetze. — Muara-Sipongie.
+ — Widerrathen der Reise. — Die Battaker. — Ihre Gebräuche und Gesetze.
+ — Abschied von den letzten Europäern</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Siebentes_Kapitel">1</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s4" colspan="2">
+ <div class="left padtop1"><b>Achtes Kapitel.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="synopsis">Fortsetzung der Reise auf Sumatra. — Die
+ Fußreise. — Das Nachtlager im Urwalde. — Erstes Zusammentreffen
+ mit den Kannibalen. — Haly-Bonar. — Opferung eines Büffelkalbes. — Das
+ Thal Silindong. — Feindseliger Empfang. — Gezwungene Rückkehr. —
+ Wiederholte wilde Scenen. — Wiederkehr nach den Holländischen
+ Besitzungen. — Paija-Kombo. — Besteigung des Merapi. — Rückkunft nach
+ Padang</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Achtes_Kapitel">44</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s4" colspan="2">
+ <div class="left padtop1"><b>Neuntes Kapitel.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="synopsis">Java. — Samarang. — Die Schlammquellen von Grobogan.
+ — Besuch der freien Fürstenthümer Djogokarta und Surukarta. — Der
+ Tempel Boro-Budoo. — Die heilige Schildkröte. — Audienz bei dem
+ Sultan. — Solo. — Fürstliches Leichenbegängniß. — Audienz bei dem
+ Susubunan. — Rückkehr nach Samarang. — Reise nach Surabaya</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Neuntes_Kapitel">101</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s4" colspan="2">
+<span class="pagenum" id="Seite_v">[S. v]</span>
+ <div class="left padtop1"><b>Zehntes Kapitel.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="synopsis">Makassar. — Banda. — Erdbeben. — Die
+ Muskatnuß-Pflanzungen. — Ambon. — Ausflug nach der Negeri Emma. —
+ Saparua. — Ceram. — Fußreise durch das Innere Cerams. — Ankunft zu
+ Wahai. — Die Alforen. — Rückreise nach Ambon. — Ternate. — Besuch
+ bei dem Sultan</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Zehntes_Kapitel">142</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s4" colspan="2">
+ <div class="left padtop1"><b>Elftes Kapitel.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="synopsis">Celebes. — Menado. — Reise nach den Oberlanden.
+ — Die holländischen Missionäre. — Makassar. — Reise in das Innere von
+ Celebes. — Maros. — Eine Regentenwahl. — Tanette. — Baru. — Fest der
+ Zahnfeilung. — Pare-pare. — Der gelehrte Malaische König</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Elftes_Kapitel">194</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s4" colspan="2">
+ <div class="left padtop1"><b>Zwölftes Kapitel.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="synopsis">Sidenring. — Die Seen von Tempe. — Lagusi. — Ein
+ königliches Mahl. — Rückkehr nach Sidenring. — Die Rehjagd. — Besuch
+ bei dem Sultan von Goa. — Abreise von Celebes. — Surabaya. — Eine
+ Malaische Hochzeit. — Eine Spukgeschichte. — Rückkehr nach Batavia</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Zwoelftes_Kapitel">242</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<figure class="figcenter illowe6" id="a005_deko">
+ <img class="w100 padtop1" src="images/a005_deko.jpg" alt="" data-role="presentation">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[S. 1]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Siebentes_Kapitel">Siebentes Kapitel.</h2>
+
+</div>
+
+<p class="s5 hang2 mbot2">Sumatra. — Ankunft in Padang. — Reise in das Innere. — Fort de
+Kock. — Kotto-Godong. — Seltsame Gesetze. — Muara-Sipongie.
+— Widerrathen der Reise. — Die Battaker. — Ihre Gebräuche und
+Gesetze. — Abschied von den letzten Europäern.</p>
+
+<p><img class="illowe1_2 mbot-0_3" src="images/p001_init.jpg" alt="S">chon seit einiger Zeit war der Wunsch in mir rege geworden, eine
+Reise nach <em class="gesperrt">Sumatra</em> (560 M.) zu machen; allein die Kosten des
+Dampfschiffes (fünfhundert Rupien für die Hin- und Rückfahrt) waren
+zu groß. Herr van Rees machte mir jedoch Hoffnung auf eine billige
+Ueberfahrt. Einige Stunden nach unserer Rückkunft von Tangerang fuhr
+er nach der Stadt, und sandte mir wirklich ein Briefchen, in welchem
+eine Karte eingeschlossen lag, lautend auf die Reise nach Sumatra und
+zurück. Wie groß meine Freude war, kann man sich leicht vorstellen.</p>
+
+<p>Herr van Rees hatte darüber mit den in Batavia etablirten deutschen
+Kaufleuten gesprochen; sie waren sogleich bereit, eine Karte für mich
+zu besorgen. Ich<span class="pagenum" id="Seite_2">[S. 2]</span> sage diesen Herrn meinen innigsten Dank, und kann sie
+versichern, daß diese Reise die interessanteste von allen war, die ich
+gemacht habe.</p>
+
+<p>Schon den folgenden Tag sollte der Dampfer Makassar, 120 Pferdekraft,
+Kapitän <em class="gesperrt">Bergner</em>, absegeln. Meine Vorbereitungen waren schnell
+gemacht, und am 8. <em class="gesperrt">Juli</em> 1852, Morgens um sechs Uhr ging ich an
+Bord, begleitet von meinem unermüdlich gefälligen Freunde, Herrn van
+Rees.</p>
+
+<p>Denselben Tag noch bekamen wir die Küste von Sumatra zu Gesicht, ohne
+jene von Java zu verlieren. Beide Inseln sind sehr gebirgig, Java’s
+Berge aber höher und in Form und Gestalt abwechselnder.</p>
+
+<p>10. <em class="gesperrt">Juli.</em> Erst diesen Morgen verloren wir die Küste von Java aus
+dem Auge. Auf Sumatra zeigten sich zwei- bis dreifache Gebirgsketten.
+Ein schöner, ebener Landgürtel zog sich von der See bis an das Gebirge.
+Ebene und Gebirge waren üppig bewaldet.</p>
+
+<p>11. <em class="gesperrt">Juli.</em> Wir sollten zu <em class="gesperrt">Benkula</em>, dem Hauptorte der
+Residentschaft gleichen Namens anlegen; allein der Ankerplatz ist
+selbst für Dampfschiffe nur bei ruhigem Wetter zu benützen; da uns
+dieses nicht begünstigte, mußten wir in die zwölf Meilen entfernte
+<em class="gesperrt">Pulu-Bay</em> einlaufen. Der Kapitän ging zu Lande<span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span> nach Benkula und
+kam erst den folgenden Nachmittag zurück. Gegen Abend ging die Reise
+weiter.</p>
+
+<p>13. <em class="gesperrt">Juli.</em> Morgens kamen wir zu <em class="gesperrt">Padang</em> an, dem Hauptorte
+der Holländischen Besitzungen auf Sumatra. Die Lage dieser Stadt
+ist außerordentlich reizend. Auf der Westseite sind liebliche Hügel
+und niedere Berge, darunter der <em class="gesperrt">Gunang Batu</em> der höchste (950
+Fuß), der schroff aufsteigende 350 Fuß hohe <em class="gesperrt">Affenberg</em> der
+auffallendste. Dieser letztere ist in die See hinaus geschoben und
+mit dem Lande nur durch eine schmale Erdzunge verbunden. Gegen Norden
+erhebt sich in der Entfernung von vier bis fünf Paal ein schöner
+Gebirgszug; zwischen diesem und der Stadt breitet sich eine sehr
+fruchtbare Ebene aus.</p>
+
+<p>Padang ist die größte Stadt auf Sumatra: sie hat eine Bevölkerung von
+27,000 Seelen und ist der Sitz des Gouverneurs, der vier Paal von
+der Stadt entfernt, nahe dem Gebirge zu „<em class="gesperrt">Wellkom</em>“ ein schönes
+Haus bewohnt. Die Stadt ist nicht hübsch; die besten Gebäude sind die
+Magazine und Comptoir’s der Europäischen Kaufleute. Die Wohnhäuser
+der Europäer liegen nahe der Stadt in kleinen Gärten unter schattigen
+Kokospalmen, an welchen die ganze Gegend sehr reich ist.</p>
+
+<p>Ich stieg zu Padang bei Herrn Major <em class="gesperrt">Kreling</em> ab; allein kaum
+hatte der Gouverneur, Herr van<span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span> <em class="gesperrt">Switen</em>, meine Ankunft erfahren,
+als er selbst kam, mich nach seinem Hause einzuladen, wohin ich noch
+denselben Tag fuhr.</p>
+
+<p>Meine Absicht war, in Padang selbst nur kurze Zeit zu verweilen;
+ich wollte das sogenannte <em class="gesperrt">Oberland</em>, <em class="gesperrt">Benjol</em>,
+<em class="gesperrt">Mandelling</em>, <em class="gesperrt">Ankolla</em>, <em class="gesperrt">Groß-Toba</em> u.&#8239;s.&#8239;w. besuchen,
+und bis zu den freien, wilden Battakern unter die Kannibalen gehen.
+Auch hier wie zu Sarawak suchte man mich zu bereden, diesen Plan
+aufzugeben; man sagte mir, daß, seit im Jahre 1835 zwei Missionäre, die
+Herren <em class="gesperrt">Layman</em> und <em class="gesperrt">Mansor</em>, von den Battakern getödtet und
+auch gefressen worden seien, sich kein Europäer ohne Militärbegleitung
+unter sie wage. Man rieth mir, mich mit den Holländischen Besitzungen
+zu benügen, und mich nicht der beinah unvermeidlichen Gefahr
+auszusetzen, auf so gräßliche Art mein Leben zu verlieren. Allein
+gerade der Wunsch, unter die Battaker zu gehen, diese von den Europäern
+so wenig gekannten Völker zu besuchen, war es, was mich zu dieser Reise
+anspornte. Anderseits dachte ich, daß vielleicht die Schwäche meines
+Geschlechtes mein Schutz sein könnte. Ich gab den Warnungen kein Gehör,
+und trat am</p>
+
+<p>19. <em class="gesperrt">Juli</em> unter trübem, wolkenbedecktem Himmel die Reise zu
+Pferde an. Auch hier, wie zu Sarawak, stellte sich gleich am ersten
+Tage meiner Reise<span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span> ein Hinderniß entgegen, das mich zur Rückkehr
+zwang. Als ich nämlich in die Nähe des Flusses <em class="gesperrt">Udjong-Karang</em>
+kam, fand ich die Gegend in Folge mehrtägigen ununterbrochenen Regens
+weit und breit überschwemmt — das Wasser reichte den Pferden bis über
+die Brust. Ueber den Fluß selbst führte keine Brücke; sie war in der
+Nacht weggespült worden, und die Ueberfahrt auf einem Floße noch nicht
+geordnet. Ich mußte nach Padang zurück.</p>
+
+<p>20. <em class="gesperrt">Juli.</em> Mit wässerigem Sonnenschein zog ich aus; bald hatte
+ich beständigen Regen. Ich ging bis <em class="gesperrt">Lubulong</em>, 20 Paal oder zwei
+Etappen. Auf Sumatra sind die Entfernungen in Etappen eingetheilt,
+d.&#8239;h. in Militär-Stationen oder Märschen von je acht bis dreizehn Paal.
+Auf den Etappen findet man entweder einen Beamten oder ein kleines
+Fort, oder irgend ein der Regierung gehöriges Häuschen, in welchem man
+die Nacht zubringen kann. Auf manchen findet man auch Schreiber oder
+Aufseher, welche die Fremden gegen Bezahlung aufnehmen.</p>
+
+<p>Die Gegend fing, sechs bis acht Paal von Padang entfernt, an ein etwas
+wildes Aussehen zu haben: wenige Reispflanzungen, dagegen viel Waldung,
+Gestrüppe und Alang-Alang. Die Bevölkerung schien mir, im Verhältniß
+zur geringen Kultur, bedeutend: ich kam häufig an Kampon’s vorüber. Da
+ein großer<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> Theil der Bevölkerung Sumatras aus Malaien besteht, so sind
+auch hier die Hütten überall auf Pfähle gebaut.</p>
+
+<p>In Sumatra wird, wie in Java, ebenfalls alles, Kaffee ausgenommen,
+von Menschen getragen, und zwar auf dem Kopfe. Der Kaffee wird durch
+Pferde und Büffel fortgeschafft. An der Straße liegen viele Hütten
+(Pasangruhan), an welchen fünf Fuß hohe Gestelle angebracht sind,
+auf die der Kulli die Last bequem vom Kopfe abschieben kann. Diese
+Hütten dienen ihnen zugleich als Schenke; sie finden da Thee, Kaffee
+(letzterer ein Abguß von den Blättern des Kaffeebaumes), gekochten Reis
+und Qué-qué (eine Art Kuchen oder Backwerk). Sie können daselbst auch
+die Nacht zubringen.</p>
+
+<p>Man bezahlt den Kullis hier, wie auf Java 2½ Deut per Paal, und
+vertraut ihnen unbedingt alles an. Man erzählte mir einen einzigen
+Fall, in welchem sie zwar nichts entwendeten, aber dennoch dem
+Eigentümer einen großen Schaden zugefügt hatten. Ein Mineralog sandte
+mehrere Kisten mit Mineralien nach Padang. Die Kisten waren nicht
+verschlossen, und als die Kulli sahen, daß sie nichts als Steine
+enthielten, kamen sie überein, die Steine wegzuwerfen und die Kisten
+vor Padang mit anderen Steinen anzufüllen — sie meinten Steine wären<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span>
+Steine. Der Eigentümer blieb leider längere Zeit auf Reisen; als er
+zurück kam und den Verlust seiner Schätze entdeckte, war es zu spät,
+sie wieder aufzufinden.</p>
+
+<p>In den größeren Ortschaften fielen mir offene Hallen auf, die von
+Holz gebaut, mit einem zierlich geschnitzten Dache bedeckt und mit
+hellen Farben bemalt waren. In diesen Hallen halten die Rajah’s ihre
+Beratungen, in ihnen werden alle Klagen vorgebracht und an den Tagen
+des Bazar’s alle größeren Handelsgeschäfte abgeschlossen. Desgleichen
+findet man auch eine Art Trommel, Tabu genannt, aufgestellt, auf welche
+geschlagen wird, so bald sich die Gemeinde bei irgend einer Gelegenheit
+versammeln soll. Die Trommeln sind acht bis fünfzehn Fuß lang, und
+haben oben eine viel größere Oeffnung (oft drei Fuß im Durchmesser) als
+unten; die obere Oeffnung ist mit einem Felle überzogen.</p>
+
+<p>Der Hahnenkampf ist auf Sumatra erlaubt und scheint, je mehr man sich
+dem Innern nähert, immer beliebter zu werden. Ich begegnete nun schon
+vielen Männern und jungen Leuten, die ihre Streithähne stets unter dem
+Arme trugen.</p>
+
+<p>21. <em class="gesperrt">Juli.</em> Heute ging ich nicht weit, nur 10 Paal bis
+<em class="gesperrt">Kaju-Tanam</em>. Schön und freundlich war es diesen Morgen; die
+Sonne schien so bescheiden,<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> daß ich der Nähe des Aequators ganz
+vergaß. Einige Vögel sangen, zwar nicht mit so gewandter Kehle wie in
+Europa, allein für ein Tropenland artig genug; Affen schrien, lärmten
+und sprangen von Ast zu Ast. Auch die Gegend war schöner, die Gebirge
+großartiger und wechselnder in den Formen; die höchsten Berge, der
+<em class="gesperrt">Singallang</em> und <em class="gesperrt">Merapi</em>, sind 9 bis 10,000 Fuß hoch.</p>
+
+<p>Ich hatte für diese Reise keine Pferde gekauft, da man mir zu Padang
+sagte, daß mich die Herren, bei welchen ich jeden Tag einzusprechen
+hätte, stets mit Pferden und mit einem Führer versehen würden. Und so
+war es auch. Nur mußte ich oft an einem Tage zweimal Pferd und Führer
+wechseln. Kaum war ich mit den Launen eines Pferdes vertraut geworden,
+so hatte ich wieder ein anderes zu versuchen. Oft erhielt ich Thiere,
+die so lebhaft waren, daß sie nach allen Seiten ausschlugen und nicht
+aufsitzen lassen wollten. Man mußte ihnen einen Vorderfuß aufheben und
+sie an der Nase festhalten. Saß ich oben, dann ging es in gestrecktem
+Galopp über Stock und Stein. Ich ließ ihnen stets willig die Zügel,
+wohl wissend, daß nach dem ersten Paal das Feuer von selbst erlosch.</p>
+
+<p>Die Reise richtete ich folgendermaßen ein: Morgens zeitlich brach ich
+auf, durchritt meine Station, sie mochte kurz oder lang sein, ohne
+Unterbrechung<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> und war gewöhnlich schon um zehn bis zwölf Uhr an Ort
+und Stelle. Nach einer halbstündigen Rast ging ich dann in die Umgebung
+auf die Insekten- und Schmetterling-Jagd.</p>
+
+<p>Zu Kuju-Tanam fand ich in dem Kontrolor, Herrn <em class="gesperrt">Barthelemy</em>,
+der mich sehr freundlich aufnahm, einen emsigen Vogel-Sammler; er
+begleitete mich auf meiner Jagd und versprach mir, Insekten und
+Reptilien zu suchen und für meine Rückkehr bereit zu halten.</p>
+
+<p>22. <em class="gesperrt">Juli.</em> 20 Paal nach <em class="gesperrt">Fort de Kock</em>, auch
+<em class="gesperrt">Buckiet-tingi</em> genannt.</p>
+
+<p>Die erste Hälfte des Weges ist sehr romantisch; eine herrliche Straße
+windet sich durch eine Schlucht (bei den Holländern „Kluft“ genannt),
+die bewaldete Hügel und Berge einengen; ein Waldbach stürmt tobend und
+schäumend über Felsen und Steingerölle, während ein anderer knapp am
+Wege von einer sechzig bis siebzig Fuß hohen Wand herabstürzt. Am Ende
+der Schlucht steigt die Straße spiralförmig zu einer Höhe von 3000 Fuß
+empor und führt auf einer Hochebene fort.</p>
+
+<p>Ich begegnete langen und vielen Zügen von Pferden und Büffeln (letztere
+vor Karren gespannt) mit Kaffee-Transporten, die nach <em class="gesperrt">Priaman</em> an
+die Seeküste geschafft wurden, von wo man sie nach Padang<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> verschifft.
+Die Pferde sind etwas größer als auf Java, die Büffel sehr groß und
+schwerfällig; die einen wie die andern besitzen jedoch wenig Kraft und
+Ausdauer. Man ladet den Pferden, die hier nicht vor Karren gespannt
+werden, nur einen Pikul auf. Ein Paar Büffel ziehen höchstens acht
+Pikul, und dieß nur, wenn es auf guten Wegen geht. Pferde wie Büffel
+machen per Tag nicht mehr als sechs Paal und ruhen jeden fünften
+Tag. Trotz dieser wenig anstrengenden Arbeit leben die Thiere nicht
+lange. Man füttert sie mit Gras und mit dem Marke der Sagopalme. Ein
+gewöhnliches Pferd kostet fünfzehn bis zwanzig Rupien, ein Büffel bis
+dreißig. Pferde, die aus dem Battaker-Lande kommen, etwas größer und
+weit stärker sind, werden bis zu zwei- und dreihundert Rupien bezahlt.</p>
+
+<p>Fort de Kock liegt auf einer schönen Hochebene von beinahe 3000 Fuß
+Höhe und hat eine reizende Aussicht über weite Thäler und auf hohe
+majestätische Berge. Das Klima ist hier sehr gemäßigt mit kühlen
+Abenden und Nächten. Auf dieser Hochebene gedeiht die Weinrebe.</p>
+
+<p>In Fort de Kock stieg ich bei dem Residenten des Agamer-Gebietes, Herrn
+Oberst van der <em class="gesperrt">Hardt</em>, ab, einem ausgezeichneten Offiziere,
+der alle Kriege auf Sumatra vom Jahre 1830 bis 1849 mitgemacht<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span>
+hat und zuerst mit seinen Truppen in dem Battaker-Lande bis an den
+Eingang des Thales <em class="gesperrt">Silidong</em> (Groß-Toba) vorgedrungen ist.
+Ich hatte Herrn van der Hardt<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a> schon in Batavia, wohin er auf
+Urlaub gegangen war, kennen gelernt und in seiner Gesellschaft
+die Reise von Batavia nach Padang gemacht. Er überhäufte mich mit
+Aufmerksamkeiten und Gefälligkeiten jeder Art, und veranstaltete
+sogleich eine Partie, um mir die interessanteste Sehenswürdigkeit der
+Umgegend zu zeigen, den schönen und reichen Kampon <em class="gesperrt">Kotto-Godong</em>
+(drei Paal). Dieser Kampon ist wirklich der geschmackvollste und
+reichste von allen, die ich nicht nur auf Sumatra, sondern auch auf
+Java und den übrigen Holländischen Besitzungen sah. Am meisten fiel
+mir die Bauart der Häuser auf: viel länger als breit, mit schmal
+zulaufenden Endseiten, die das Mittelgebäude überragen, gleichen
+sie eher Schiffen als Häusern. Die Dächer sind zwei- bis dreimal
+ausgeschweift und jede Ausschweifung mit zwei Spitzen versehen, was
+ihnen das Ansehen Türkischer Sättel gibt. Die Häuser sind von Holz
+und mit hellen Oelfarben angestrichen, die Vorder- und Seitenwände
+mit kunstvoll ausgeschnittenen Arabesken oft ganz bedeckt. Sie stehen
+auf Pfählen, von welchen man<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> aber nichts sieht, da sie von Bambus-
+und Bretterwänden umkleidet sind. Man kann sich wirklich nichts
+geschmackvolleres, nichts originelleres vorstellen.</p>
+
+<p>Das Innere besteht aus einem großen Gemache, das die ganze Länge
+und wenigstens drei Viertheile der Breite des Hauses einnimmt, und
+auf dessen äußerstem Ende ein kleines erhöhtes Plätzchen angebracht
+ist, welches dem Hause wie angehängt scheint und, mit Polstern,
+Matten und Teppichen reichlich belegt, der vornehmsten Frau zum
+Ehrenplatze dient. Der hintere Theil des Hauses ist in winzig kleine
+Kämmerchen abgetheilt, welche die Feuer- und Schlafstellen enthalten
+und stockfinster sind, da die Hinterwände keine Fenster haben. Jedem
+Hause gegenüber steht eine kleine, in derselben Art geschnitzte und
+angestrichene Hütte, welche zur Aufbewahrung des Reises dient.</p>
+
+<p>In den Häusern wohnt nicht, wie bei den Dayakern, ein ganzer Stamm,
+sondern nur was zu einer Familie gehört.</p>
+
+<p>Da der Rajah des Kampons<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a> von unserm Kommen unterrichtet war, so
+fanden wir seine Familie<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> in den kostbarsten Kleidern, die Wohngemächer
+mit Teppichen, Matten und Polstern belegt, alle Pracht, allen Reichthum
+entfaltet. Die Sarongs der Frauen waren von schwerer Seide und höchst
+geschmackvoll und reich mit Gold durchwirkt. Man zeigte uns Sarongs,
+die bis zu fünfhundert Rupien kosteten. Die Padjus waren von blauem,
+rothem oder grünem Seidensammt, mit Goldborden besetzt, die Kopftücher
+von Seide und so schwer an Gold, daß sie nicht um den Kopf gebunden,
+sondern mehr darauf gelegt wurden. Es gab deren bis zu dem Werthe von
+sechzig Rupien. Die Frauen weben die Sarongs und Kopftücher selbst, den
+Sammt kaufen sie. An den Handgelenken tragen sie kunstvoll gearbeitete
+goldene Armbänder und an dem kleinen Finger der linken Hand einige
+Ringe. Manche hatten diesen Finger auch mit einem zwei Zoll langen
+goldenen Nagel geschmückt, der gleich einem Ringe angesteckt wird und
+das Kennzeichen des Reichthums und Nichtsthuns ist.</p>
+
+<p>Der Malaische Oberpriester machte uns seine Aufwartung im vollen
+Staate. Eine lächerlichere Kleidung war mir noch nicht vorgekommen. Er
+trug ein langes rosenfarbenes Unterkleid, darüber ein Oberkleid von
+weißem Gaze, mit drei Reihen breiter Spitzenfalten besetzt; die Aermel,
+ebenfalls mit Spitzen garnirt, reichten bis an das Handgelenke. Den
+komischsten<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> Kontrast zu diesem Anzuge, den jede Europäische Dame als
+Ballkleidung hätte gebrauchen können, bildeten eine weiße Männerweste,
+ein kostbarer Gürtel mit prächtigen Waffen und ein weißer Turban mit
+einem großen Spitzenschleier, der bis über den halben Körper herabfiel.
+Als uns diese Erscheinung ansprach und den Schleier zurückschlug,
+erblickten wir ein junges, bartloses Gesicht. Wären wir nicht
+versichert gewesen, daß der Oberpriester vor uns stehe, so hätten wir
+sie eben so gut für ein Mädchen als für einen Mann gehalten.</p>
+
+<p>Außer dem Hause des Rajah besuchten wir einige andere Hütten, in
+welchen wir die Frauen und Mädchen mit kunstvollen Goldwebereien
+beschäftiget fanden. Auch bei einem Goldarbeiter traten wir ein, der
+wahre Kunstwerke verfertigte, und zwar zu unserem größten Erstaunen
+blos mit Hilfe eines kleinen Amboses, einiger Hämmer, Nägel und anderer
+Kleinigkeiten. Alle seine Werkzeuge faßte ein kleines Kästchen, das
+er unter den Arm nehmen konnte, um seine Werkstätte nöthigen Falles
+überall aufzuschlagen.</p>
+
+<p>Die gewöhnliche Tracht der Malaien auf Sumatra besteht ebenfalls aus
+einem Sarong nebst einer Kabai oder Padju; der einzige Unterschied
+ist, daß sie hier die Stoffe sehr dunkelblau, beinahe schwarz färben,<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span>
+während dieselben auf Java mehr buntfärbig getragen werden.</p>
+
+<p>An Schönheit, oder besser gesagt Häßlichkeit, wetteifern sie mit ihren
+Stammgenossen auf Java und Borneo. Dieselbe breite Gesichtsbildung,
+dieselben weit hervorragenden Zahnkiefer, dieselben abgefeilten,
+schwarz gefärbten Zähne. Viele junge Leute haben schon Zahnlücken;
+die Reichen lassen sich goldene Zähne machen; aber nicht so sehr um
+die verlornen zu ersetzen, als um damit zu prunken; sie setzen sie
+blos bei besonderen Feierlichkeiten ein. Das weibliche Geschlecht hat
+hier die Ohrläppchen nur einmal durchstochen; dagegen wird aber alle
+Kunst angewandt, die Löcher so groß als möglich zu machen. Um dieß zu
+Stande zu bringen, stecken sie in die durchstochenen Ohrläppchen ein
+zusammengerolltes Blatt oder ein Stückchen Holz, das stets an Umfang
+zunimmt, bis die Oeffnung einen Zoll weit geworden ist. Diese Löcher
+sind in ihren Augen ein so vollkommener Schmuck, daß sie nicht nöthig
+finden, ihn durch Ohrgehänge zu verschönern; nur wenige hängen Gold-,
+Silber- oder Messingplatten daran, oder stecken ein rund geschnitztes
+Stück Holz durch.</p>
+
+<p>Eine besondere Merkwürdigkeit des Agamer-Distriktes ist, daß hier die
+Weiber viele Rechte der Männer besitzen; letztere sind ihnen sogar in
+mancher<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> Hinsicht unterworfen. In jedem Lande der Welt gewiß höchst
+originell, wird diese Erscheinung um so wunderbarer bei Mohamedanern,
+die uns armen Geschöpfen sogar die Seele absprechen wollen.</p>
+
+<p>Wenn z.&#8239;B. ein Mädchen heiratsfähig ist, so sucht die Mutter nach dem
+Bräutigam und bespricht sich mit der Mutter desselben, worauf die
+beiden Frauen die Sache abmachen, ohne den Vätern Stimme zu geben. Am
+Tage der Hochzeit holt die Mutter der Braut den Bräutigam ab; derselbe
+folgt der Braut in das elterliche Haus und geht ganz in ihre Familie
+über. Dieß hindert ihn jedoch nicht, mehrere Ehen zu schließen, nur
+nicht in demselben Kampon, so daß ein Mann, der mehrere Frauen besitzt,
+keinen festen Wohnplatz hat und bald in diesem, bald in einem andern
+Kampon wohnt.</p>
+
+<p>Ein Mann weigert sich nie, die ihm gebotene Braut zu nehmen; mißfällt
+sie ihm, so kann er sie am Tage nach der Hochzeit verlassen. Die Braut
+hat nicht dasselbe Recht: sie kann ihrem Bräutigam, sollte die Wahl sie
+gereuen, nur vor der Hochzeit den Abschied geben und muß sich in diesem
+Falle mit einem Theile ihrer beweglichen Güter, wie Hornvieh, Geflügel,
+Hausgeräthe, mitunter auch mit Geld loskaufen.</p>
+
+<p>Der Mann kann auch in der Folge seine Frau ohne die geringste Ursache
+verlassen; die Frau darf<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> hier nur die Initiative ergreifen, wenn sie
+erlittene Mißhandlungen zu beweisen vermag. Bereuen die Eheleute die
+Trennung innerhalb vierzig Tagen, so können sie sich ohne Ceremonien
+wieder vereinigen. Sind aber die vierzig Tage vorüber, so müssen sie
+neuerdings durch den Priester getraut werden. Die geschiedene Frau kann
+sich nach drei Monaten und zehn Tagen wieder mit einem andern Manne
+verbinden<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a>.</p>
+
+<p>Wenn die Frau stirbt, erbt der Mann nur die Hälfte der ihr gehörigen
+beweglichen Güter, außerdem nur, was sie ihm besonders vermacht. Die
+eigentlichen Erben sind die Kinder; hat sie deren keine, so geht das
+Vermögen auf die Kinder ihrer Schwester oder sonstigen weiblichen
+Verwandten über. Der Mann kann nur von seinem Stamme, seiner Mutter,
+oder seinen weiblichen Verwandten erben. Das Vermögen des Mannes erben
+dem zu Folge auch nicht seine Kinder, sondern die seiner Schwester oder
+weiblichen Verwandten.</p>
+
+<p>Zu diesen sonderbaren Erbschafts-Gesetzen soll der Sage nach folgendes
+Ereigniß Anlaß gegeben haben:</p>
+
+<p>Ein großer Fürst, dessen Wohnsitz weit von der See entfernt lag,
+träumte durch mehrere Nächte, daß<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> er, um sein Glück zu befestigen, ein
+großes Prauh bauen lassen müsse. Der Traum verkündete ihm zu gleicher
+Zeit, sein nächster Blutsverwandter würde dieses Prauh mit leichter
+Mühe in die See schaffen. Der Fürst that, wie das Traumgesicht gebot.
+Als das Prauh fertig war, lud er alle seine Verwandten, so wie viele
+Rajah’s aus der Umgegend ein, da die Fortschaffung des Prauh’s unter
+großen Feierlichkeiten statt finden sollte. Er rief hierauf seinen
+ältesten Sohn herbei, und befahl ihm, das Prauh nach der See zu
+bringen. Der Arme wandte alle Kräfte an, doch vergebens: er vermochte
+es nicht von der Stelle zu bewegen. In dieser Weise rief der Fürst
+einen Sohn nach dem andern herbei; aber keinem gelang es. Zornentbrannt
+forderte er den Sohn seiner Schwester auf, und siehe — mit leichter
+Mühe schob es dieser an den Ort seiner Bestimmung!</p>
+
+<p>In den Holländischen Besitzungen auf Sumatra herrscht eine
+eigenthümliche Art Sklaverei: sie darf nicht länger als zehn Jahre
+dauern. Die Sklaven kommen alle von der nahen Insel <em class="gesperrt">Nias</em>, sind
+entweder Kriegsgefangene oder Schuldner und Verbrecher oder auch freie
+Leute und werden von dem Sultane dieser Insel verkauft. Sklave wie
+Sklavin kosten den festgesetzten Preis von 100 Rupien. Der Käufer muß
+sie ordentlich kleiden und nähren, darf sie mit Arbeit<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> nicht überladen
+und muß jedem pr. Monat zwei Gulden Kupfer für Siri geben. Nach zehn
+Jahren sind sie frei, kehren aber selten in ihre Heimat zurück, da sie
+fürchten, von ihrem Sultane neuerdings verkauft zu werden.</p>
+
+<p>Die Holländische Regierung sieht sehr darauf, daß die Sklaven nicht
+mißhandelt werden. Kurz vor meiner Ankunft wurde zu Padang eine Frau,
+die einen ihrer Sklaven arg mißhandelt hatte, wohlverdienter Weise
+auf fünf Jahre in das Strafhaus gesperrt und des Rechtes für immer
+verlustig erklärt, Sklaven zu halten. Den Sklaven, die sie hatte, wurde
+die Freiheit gegeben.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Wollte Gott, daß es in allen Sklavenstaaten so wäre!</em></p>
+
+<p>Beinahe in jedem Hause sieht man Niaser; ich fand sie minder häßlich
+als die Malaien; nur sind die Weiber etwas gar zu klein.</p>
+
+<p>In dem Distrikte von Agam wird schon sehr viel Kaffee gebaut. In den
+hiezu geeigneten Gegenden muß, wie zu Java, jedes Familienhaupt 300
+Bäume pflanzen und pflegen. Der Kaffee wird in gereinigtem Zustande an
+die Magazine geliefert, die von den Pflanzungen oft zehn bis zwölf Paal
+entfernt liegen. Der Pflanzer erhält per Pikul sieben Kupfergulden. Für
+den Transport von den Magazinen an die Seeküste<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> bezahlt man per Pikul
+und per Meile drei Deut. Dieses Geschäft ist gewöhnlich verpachtet.</p>
+
+<p>Im Jahre 1851 wurden auf Sumatra schon 120,000 Pikul Kaffee gewonnen,
+was für die kurze Zeit, seit der man mit dem Kaffeebaue anfing,
+sehr bedeutend war. Die Regierung verkauft den Kaffee zu Padang
+im Versteigerungswege, gewöhnlich zu 20½ Rupien per Pikul. Der
+Ausfuhrszoll beträgt per Pikul für Holland zwölf, für das Ausland sechs
+Rupien.</p>
+
+<p>Da Sumatra viel weniger bekannt ist als Java, und es manche meiner
+Leser vielleicht interessiren dürfte, zu wissen, welche Produkte
+hauptsächlich von dieser Insel ausgeführt und zu welchen Preisen sie
+angenommen werden, so füge ich hier eine kurze Uebersicht bei.</p>
+
+<p>Im Jahre 1851 wurden ausgeführt:</p>
+
+<table>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="left">Kaffee</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">der</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">Pikul</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center"><span class="antiqua">à</span></div>
+ </td>
+ <td colspan="2">
+ <div class="center">20½</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">Rupien</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">120000</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">Pikul,</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="left">Reis</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;2½</div>
+ </td>
+ <td colspan="2">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;50000</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="left">Benzoe,</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1. Sorte</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">der</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">Pikul</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center"><span class="antiqua">à</span></div>
+ </td>
+ <td colspan="2">
+ <div class="center">250 Rupien,</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;&#8199;&#8199;250</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="left">Benzoe,</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">2. Sorte</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td colspan="2">
+ <div class="center">75–100 R.,</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;&#8199;4000</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="2">
+ <div class="left">Drachenblut</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td colspan="2">
+ <div class="center">75</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">Rupien,</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="2">
+ <div class="left">Cassia</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td colspan="2">
+ <div class="center">10</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="2">
+ <div class="left">Schwarzer Pfeffer</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td colspan="2">
+ <div class="center">14</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="2">
+ <div class="left">Weißer <span class="mleft2">&#8194;„</span></div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td colspan="2">
+ <div class="center">22</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="2">
+ <div class="left">Gutta-Percha</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td colspan="2">
+ <div class="center">30</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="2">
+<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span>
+ <div class="left">Gummi-Elastique</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td colspan="2">
+ <div class="center">25</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="2">
+ <div class="left">Gambir</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td colspan="2">
+ <div class="center">18</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="9">
+ <div class="left">Muskatnüsse (hier frei) der Pikul
+ <span class="antiqua">à</span> 90 Rupien.</div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<p>Von Kampfer (auf Sumatra am besten und theuersten) kommen im Handel
+jährlich höchstens zwei bis drei Pikul vor, die bis zu dem Preise von 7
+bis 10,000 Rupien bezahlt werden. Ich komme hierauf später zurück.</p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">24. Juli</em> setzte ich meine Reise wieder fort.</p>
+
+<p>Herr van der Hardt war so gefällig, mir eine Reiseroute vorzuzeichnen,
+mich mit Empfehlungsbriefen für die Beamten und Offiziere zu versehen
+und mir Pferde nebst einen Führer bis <em class="gesperrt">Palembajang</em> (20 Paal) zu
+geben.</p>
+
+<p>Ganz nahe bei Fort de Kock führt der Weg durch ein kleines Thal,
+welches weit und breit durch seine eigentümliche Einfassung bekannt
+ist. Ungefähr 200 Fuß hohe, senkrechte, wie mit dem Meißel behauene
+Sandwände umgeben es; durch eine Spalte der Wände windet sich ein
+steiler Weg. Unten angekommen, durchreitet man üppige Reispflanzungen,
+von einem niedlichen Flusse bewässert, und ersteigt nach einer Meile
+auf eben so steilen Wegen wieder die Hochebene. Man nennt dieß kleine
+Thal <em class="gesperrt">Karbauwengat</em>.</p>
+
+<p>Von hier an bis Palembajang war das Land so hügelig, daß man es einer
+stürmisch wogenden See<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> hätte vergleichen können. Hie und da an den
+Hügeln waren künstliche Terrassen angelegt, um das Wasser von einer
+Reispflanzung zur andern zu leiten. Der Weg führte häufig die Höhen
+hinauf und gewährte schöne Uebersichten der unzähligen Hügel und
+Terrassen, die zum Theile in dem saftigen Grün der jungen, noch kaum
+einen halben Fuß hohen Reispflanze prangten.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">25. Juli.</em> <em class="gesperrt">Bonjol</em>, dreizehn Paal. Die ersten sechs bis
+sieben Paal ging es durch ein so enges Thal, daß man es eine Schlucht
+nennen konnte. Selten sah man eine Hütte, ein Reisfeld; das Gemurmel
+des Flusses <em class="gesperrt">Massang</em>, das Geschrei der Affen waren die einzigen
+Töne, die mein Ohr trafen. Vor dem Ausgange der Schlucht führt eine
+Brücke über den Massang, dessen Ufer aus hoch aufgetürmten, von
+frischen, ewig grünen Schlingpflanzen überdeckten Felsen bestehen. Tief
+unten schäumt der Fluß durch das enge Felsbett.</p>
+
+<p>Bald verläßt man den Massang, und kommt an den etwas bedeutenderen
+<em class="gesperrt">Alahan-Bajang</em>, der eine kurze Strecke vor seiner Mündung in die
+See für Prauh’s schiffbar wird. Die wenigsten Flüsse auf der Westküste
+Sumatra’s sind selbst für kleine Boote befahrbar; sie haben einen zu
+kurzen Lauf um bedeutend zu werden, und einen sehr starken, von Gestein
+und Felsmassen unterbrochenen Fall.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span></p>
+
+<p>Die Gebirgszüge, die Sumatra von Süden nach Norden durchziehen,
+verliert man nie aus dem Gesichte; bald ist man ihnen näher, bald
+ferner. Sie wechseln an Form und Höhe; mitunter erheben sie sich zu
+5-7000 Fuß. Der <em class="gesperrt">Ophir</em> auf der Westküste mißt sogar 9500 Fuß.</p>
+
+<p>Bonjol liegt in einem weiten, zum Theil noch unkultivirten Thalkessel.
+Es steht hier ein kleines Fort. An vielen Weibern in dieser Gegend
+fiel mir die sonderbare Kopfbedeckung auf. Sie falten ein großes Tuch
+mehrfach zusammen und legen es gleich einer Last ganz lose auf den Kopf.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">26. Juli.</em> <em class="gesperrt">Lubuskoping</em>, 10 Paal. Der Kontrolor, bei dem
+ich abgestiegen war, so wie einige Offiziere, begleiteten mich eine
+Strecke Weges. Als wir an den Fluß <em class="gesperrt">Alahan-Bajang</em> kamen (zwei
+Paal), fanden wir ihn so angeschwollen, daß an keine Ueberfahrt zu
+denken war; wir mußten zurück nach Bonjol.</p>
+
+<p>Innerhalb der Grenzen von vier bis fünf Grad nördlich und südlich des
+Aequators tritt die Regenzeit nicht so regelmäßig ein, und es regnet da
+viel häufiger als in den weiter von dem Aequator entfernten Gegenden.
+Ich hatte auf Borneo nichts als Regen, auf Java vergingen wenige Abende
+ohne Regen, und eben so war es hier auf Sumatra. Für Reisende kann es<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span>
+nichts Unangenehmeres geben, besonders wenn die Wege schlecht sind und
+man über Flüsse ohne Brücken oder durch Waldungen muß. Selten verging
+ein Tag, ohne daß ich vollkommen durchnäßt wurde.</p>
+
+<p>Nachmittags kam die Nachricht, daß der Fluß gefallen sei, und daß man
+ihn übersetzen könne. Ich eilte fort und wurde glücklich in einem
+kleinen Boote hinüber gefahren; die Pferde mußten schwimmen.</p>
+
+<p>Ich passirte heute den Aequator zu Pferde.</p>
+
+<p>Gestern wie heute waren die Wege theilweise sehr schlecht. Der Regen
+hatte den lehmigen Boden so schlüpfrig gemacht, daß es schwer und
+gefährlich wurde, mit den unbeschlagenen Pferden über die oft sehr
+steilen Hügel zu kommen. Auch fand ich die Pferde nirgends in der Welt
+so ungeschickt wie hier: sie stolperten über jeden Stein, fielen in
+jedes Gräbchen und fanden auf den Brücken gewiß die morscheste Stelle,
+um den Fuß darauf zu setzen. Dabei erschracken sie über alles, oft über
+ein großes Blatt, das am Wege lag. Ich kann den Pferden Sumatras mit
+gutem Rechte dieses schlechte Zeugniß geben, ich habe sie erprobt, wie
+wenig Männer, da ich sehr viel ritt und alle Paar Stunden ein anderes
+Pferd bekam.</p>
+
+<p>Lubuskoping liegt in einem schönen großen Thale. Man sieht hier den
+Ophir besser als von jeder andern Seite, da die Vorgebirge sich
+zertheilen und hierdurch<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> einen vollkommenen Anblick dieses Berges vom
+Fuße bis zur Spitze gestatten.</p>
+
+<p>In dieser Gegend tragen die Leute sehr große Hüte von zwei bis drei Fuß
+im Durchmesser. Sie sind aus Palmenblättern gemacht, ganz flach und
+haben in der Mitte eine nur sechs Zoll hohe Spitze, die mit Blumen oder
+andern Kleinigkeiten geziert ist.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">27. Juli.</em> <em class="gesperrt">Panty</em>, 18 Paal. Die Hälfte des Weges führte
+durch schöne Waldthäler, und meistens durch Alang-Alang. Ueberall gab
+es häufige Spuren von Elephanten-Tritten und Tigerklauen. Sumatra
+ist an Tigern sehr reich. Die Leute, welche die Briefe durch das
+Land tragen, gehen Abends nie ohne Feuerbrände. Sonderbarer Weise
+veranstalten weder die Europäer noch die Eingebornen Tigerjagden wie in
+Brittisch-Indien.</p>
+
+<p>Die Regierung zahlt für jeden erlegten Tiger zehn Rupien. Die
+Eingebornen fangen sie in Fallen.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Panty</em> liegt mitten in den herrlichsten Waldungen; dessen
+ungeachtet sind die Hütten der Eingebornen überaus klein und elend: die
+Leute sind zu träge, das zum Baue nöthige Holz zu fällen. Sie leben
+hier überhaupt in der größten Armuth, besitzen kaum ein Paar irdene
+Töpfe und einige Matten, gehen halb nackt oder in Lumpen gekleidet und
+sehen sehr schmutzig aus. An alledem ist ihre Trägheit schuld. Sie
+haben<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> zwar der Regierung viele Händearbeit zu leisten, aber sonst
+keine Abgaben. Die Männer ergeben sich größtentheils dem Spiele und
+dem Müssiggange, unterhalten sich mit Hahnenkämpfen, werfen, wie bei
+uns die Kinder, Kupfermünzen oder Steinchen in kleine Löcher, lassen
+Drachen steigen, schlagen die Zeit mit einer Art Bretterspiel mit
+kleinen Steinchen todt, schlafen viel und sitzen mitunter auch Tage
+lang beisammen, ohne etwas anders zu thun als Siri zu kauen oder
+zu schwatzen. Hätte unser herrlicher Schiller in diesem Lande das
+Licht der Welt erblickt, er würde die Männer „das leer geschwätzige
+Geschlecht“ genannt haben, und nicht uns Frauen.</p>
+
+<p>Die Weiber arbeiten viel mehr als die Männer. Bei den
+Straßen-Ausbesserungen zählte ich durchschnittlich drei Weiber auf
+einen Mann; in den Kaffeegärten haben sie die meisten Verrichtungen,
+auf dem Felde schneiden sie den Reis, treten und stampfen ihn aus den
+Aehren und tragen alle Lasten nach Hause. Ich sah manches Weib mit
+einer schweren Last auf dem Kopfe, einer zweiten unter dem Arme und
+einem auf den Rücken gebundenen Kinde mühsam einherschreiten, während
+der Mann leer daneben ging.</p>
+
+<p>Ich will damit nicht sagen, daß die Männer gar nichts thun; aber sie
+arbeiten gewiß nicht halb so viel als die Weiber. Erstere pflügen
+mit Büffeln das<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> Feld und pflanzen den Reis, — allerdings eine
+beschwerliche Arbeit, da sie dabei bis über die Schenkel im Wasser
+stehen müssen.</p>
+
+<p>An den Bauten der Straßen und Brücken, der Kaffeemagazine und der
+Wohnhäuser der Beamten darf auf Befehl der Regierung kein Weib Theil
+nehmen. Dieser menschenfreundliche Befehl wurde in der Absicht gegeben,
+das schwache Geschlecht doch einigermaßen zu schützen.</p>
+
+<p>Auf Sumatra schneidet man den Reis nicht Halm für Halm, wie auf Java,
+sondern man nimmt mit einem sichelförmigen Messer so viel Halme auf
+einmal ab, als mit der Hand gefaßt werden können. Die Aehren werden auf
+dem Felde selbst ausgetreten; zu diesem Zwecke sind kleine Gestelle von
+Bambus errichtet, die neun Fuß hoch und fünf Fuß breit sein mögen. Zwei
+Fuß von der Erde ist an dem Gestelle ein hölzerner Boden angebracht,
+mit kleinen Löchern, durch welche die Reiskörner durchfallen können.
+Auf diesem Boden werden die Aehren mit den Füßen ausgestampft. Ein
+Blätterdach an der Spitze des Gestelles schützt die Arbeiter vor der
+Sonne.</p>
+
+<p>Man rechnet in Sumatra die Reisernte durchschnittlich auf sechzig bis
+achtzig Prozent, während sie in Java hundert bis zweihundert gibt.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">28. Juli.</em> <em class="gesperrt">Rau</em>, 13. Paal. Ein ziemlich ausgedehnter<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span>
+Kampon mit einigen angestrichenen, mit Schnitzwerk versehenen
+Bretterhäusern und einem kleinen Fort. Die Lage dieses Ortes ist sehr
+ungesund; es herrschen böse, hartnäckige Wechselfieber, die bei den
+Europäern häufig in Auszehrung oder Wassersucht übergehen.</p>
+
+<p>Hier beginnt die Provinz <em class="gesperrt">Mandelling</em>, mit dem Distrikte
+<em class="gesperrt">Ulu</em> (von den Eingebornen „Lubu“ genannt). Die Uluaner oder
+Lubuaner werden von manchen für ein Stammvolk gehalten, von andern für
+verwilderte Malaien. In diesem Distrikte fangen auch schon die Battaker
+an.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">29. Juli.</em> <em class="gesperrt">Muara-Sipongie</em>, 10 Paal. Langweiliger Ritt
+durch wellenförmige, schmale, mit kurzen Alang-Alang bewachsene Thäler.
+Man sah keine menschliche Wohnung, man hörte keinen Laut — alles war
+todtenstille wie in den Sandwüsten Afrika’s.</p>
+
+<p>Ich befand mich nun schon mitten unter den Battakern; jedoch könnte man
+diese die „gezähmten“ nennen, da sie unter der Holländischen Regierung
+stehen (seit zehn Jahren) und daher natürlich ihrer Begierde nach
+Menschenfleisch entsagen müssen.</p>
+
+<p>Zu Muara-Sipongie empfing mich Herr Kontrolor <em class="gesperrt">Schoggers</em> auf die
+zuvorkommendste Weise: er kam mir mehrere Paale entgegen geritten. Da
+ich früh eintraf, und gerade großer Bazar gehalten<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> wurde, ging ich
+mit ihm dahin. Man sieht bei solchen Gelegenheiten viel Volk; auch
+sagte mir Herr Schoggers, daß in den kleinen Flüssen dieses Distriktes
+viel Gold gefunden und zum Verkaufe nach dem Bazar gebracht werde. Wir
+fragten nach dieser Waare. Die glücklichen Besitzer waren so lumpig
+gekleidet, daß ich keine Kupfermünzen, viel weniger Gold bei ihnen
+gesucht hätte. Sie brachten Päckchen zum Vorscheine, so groß, daß
+man einige Pfund Goldes hätte vermuthen können; allein da gab es der
+Umwicklungen so viele, daß am Ende ein winziges Säckchen mit etwas
+Goldstaub, oder ein erbsengroßes Goldklümpchen zum Vorschein kam. Für
+das größte Stück, das ich sah, verlangte man siebzehn spanische Thaler.
+Jederman hat das Recht, Gold zu suchen; nur muß er von dem Funde die
+Hälfte an seinen Rajah abgeben.</p>
+
+<p>Neben dem Bazar (einer offenen Halle mit einem Blätter-Dache) war ein
+kleiner umzäunter Raum, wo die Hahnenkämpfe stattfanden. Eine Menge
+Menschen standen gedrängt umher; es gab sehr viele Kämpfe und Wetten,
+und zwar wetteten die Leute keine Kupfermünzen, sondern Spanische
+Thaler. Dieses Reichthums ungeachtet waren sie alle so armselig
+gekleidet, daß man sie für Bettler hätte halten mögen.</p>
+
+<p>Die Vorbereitungen zum Kampfe, die Aufreizung der Thiere u.&#8239;s.&#8239;w.
+gingen in derselben Art vor sich,<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> wie auf Java; nur machten hier die
+Hahnenbesitzer hinter ihren Hähnen schreckliche Grimassen mit Gesicht,
+Händen und Füßen. Einer unter ihnen blies während des Gefechtes auf
+seinen Hahn; die Wettenden wie die Zuseher nahmen dies sehr übel, und
+es entstand ein allgemeines Gemurmel. Nach kaum einer Minute verließ
+der eine Hahn das Schlachtfeld; der andere wurde als Sieger erklärt,
+obwohl er, zu Tode verwundet, bald zusammenstürzte und früher den Geist
+aufgab als der Besiegte. Andere Hähne ersetzten sogleich die Stelle der
+geopferten. Halbe Tage lang unterhalten sich die Menschen mit diesem
+grausamen Spiele und verlieren Summen, mit welchen sie ihrem häuslichen
+Elende vollkommen aufhelfen könnten. Unter den Battakern ist der
+Hahnenkampf viel weniger beliebt als unter den Malaien. Hier gibt es
+noch viele Malaien, daher auch viele Hahnenkämpfe.</p>
+
+<p>Herr Schoggers hatte die Güte, Nachmittags mehrere Battakische
+Rajah’s von den umliegenden Dörfern zusammen zu berufen, um mit
+ihnen über meine Reise zu sprechen. Er selbst hielt die Reise in
+das unabhängige Battaker-Land für höchst gefährlich und führte das
+gräßliche Schicksal der beiden Missionare an; doch fügte er hinzu,
+daß dieser Mord zum Theile aus Mißverständniß geschehen sei. Einige
+Zeit vor den Missionären hatten nämlich mahomedanische Priester<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> mit
+Kriegsgefolge einen Einfall in das Battaker-Land gemacht und die Leute
+auf die grausamste Weise mit Feuer und Schwert (gleich unsern edlen
+Vorfahren in Mexiko und Peru) zur Annahme ihrer Religion gezwungen.
+Als hierauf die Amerikanischen Missionäre als Religionslehrer in ihr
+Land kamen, geriethen die Battaker in große Wuth, sahen in ihnen neue
+Religionsquäler, mordeten sie und fraßen sie auf.</p>
+
+<p>Des Abends saßen wir in Gesellschaft mehrerer Rajahs, umgeben von
+vielem Volke, denn weit und breit hatte man schon gehört, eine Frau
+sei hier, die sich in das verrufene Land wagen wolle. Die Rajah’s,
+so wie viele aus dem Volke, riethen mir die Reise ab. Da ich jedoch
+fest dazu entschlossen war, fragte ich nur, ob es wahr sei (wie manche
+Reisebeschreibungen behaupten), daß die Battaker die Leute nicht gleich
+tödteten, sondern lebend an Pfähle bänden, ihnen das Fleisch stückweise
+vom Körper schnitten und es warm mit Tabak und Salz verzehrten.
+Dieses langsame Hinmorden hätte mich doch ein wenig abgeschreckt.
+Aber man betheuerte mir einstimmig, daß dies nur mit jenen geschähe,
+die schwerer Verbrechen wegen zum Tode verurtheilt seien. Die
+Kriegsgefangenen werden an einen Baum gebunden und enthauptet; dann
+fängt man ihr Blut sorgfältig auf und trinkt es warm oder verzehrt es
+mit gekochtem Reise gemischt. Hierauf<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> geht es an die Theilung. Die
+Ohren, die Nase, die Leber und die Fußsohlen sind ein ausschließendes
+Vorrecht des Rajah’s, der außerdem noch seinen Antheil an dem Körper
+erhält. Die schmackhaftesten Theile sind die Fußsohlen, das Innere der
+Hand, das Fleisch am Kopfe, das Herz und die Leber. Gewöhnlich rösten
+sie das Fleisch und verzehren es mit Salz. Den Weibern ist es nicht
+erlaubt, an diesem Festessen Theil zu nehmen.</p>
+
+<p>Die Rajah’s versicherten mir mit höchst begehrlichen Mienen, daß
+Menschenfleisch sehr gut schmecke und daß sie es gerne essen würden.</p>
+
+<p>Aus dem Baumstamme, an welchen die Unglücklichen ihr Leben enden,
+werden gewöhnlich vier bis sechs Fuß hohe Stöcke geschnitten, mit einer
+Figur oder einigen Arabesken verziert und mit Menschenhaaren oder
+Federn geschmückt. Ein solcher Stock heißt „Tungal-Panaluan,“ d.&#8239;i.
+Zauberstock. Sie legen ihm wunderbare Kräfte bei und besuchen keine
+Kranken, geben keine Arzneien, ohne ihn zur Hand zu nehmen.</p>
+
+<p>Die Battaker beobachten gleich den Dayakern keine religiösen Gebräuche;
+sie beten nicht und haben weder Priester noch Tempel. Sie glauben an
+gute und böse Geister. Von ersteren nehmen sie eine sehr kleine, von
+letzteren eine sehr große Zahl an. Wird ein Mensch krank, so behaupten
+sie, der böse Geist<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> sitze in ihm; jedes Unglück wird einem solchen
+Dämon zugeschrieben. Manchmal fährt, ihrer Meinung nach, der böse Geist
+auch in einen Menschen, ohne ihn krank zu machen; dieser wird dann hoch
+verehrt, da man fürchtet, in dem Menschen den Geist zu beleidigen.
+Alles, was ein solcher Besessener spricht, wird als Orakelspruch
+angenommen und getreu erfüllt. Gewöhnlich hat der Rajah die Ehre vom
+Bösen besucht zu werden. Er zeigt dabei viele Grimassen und Zuckungen,
+geberdet sich besonders bei den Tänzen wilder als alle übrigen und
+benützt in diesem Zustande die Leichtgläubigkeit des Volkes, seine
+Wünsche in Orakelsprüchen kund zu geben. Man zeigte mir unter den
+Anwesenden mit vieler Hochachtung einen Knaben, der „der Sohn des
+Bösen“ genannt wurde, da sein Vater von diesem Unholde besessen war.</p>
+
+<p>Bei Taufen, Vermählungen, Sterbefällen gibt es keine Ceremonien. Nur
+wenn ein bedeutender Rajah stirbt, werden die Rajah’s der Umgegend zur
+Beerdigung eingeladen. Jeder kommt in Begleitung mehrerer Lanzenknechte
+und bringt ein Büffelkalb mit. Die Kälber schlachtet man, vertheilt das
+Fleisch unter die ganze Gemeinde, und durch mehrere Tage, oft Wochen
+hindurch wird nichts als gegessen, Suri getrunken<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a> und getanzt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span></p>
+
+<p>Ihre Regierungsform ist konstitutionell-monarchisch; der Rajah ist
+das Oberhaupt; doch geht jedermann, selbst der Sklave, mit ihm
+wie mit seines gleichen um; auch seinen Befehlen wird nicht immer
+strenger Gehorsam geleistet, obwohl seine Person hoch geachtet ist.
+Bei wichtigen Angelegenheiten kommen viele Rajah’s zusammen, um Rath
+zu halten. Der älteste Sohn ist Haupterbe; er erbt alle Weiber seines
+Vaters, die er zu den seinigen machen kann.</p>
+
+<p>Die Männer müssen ihre Frauen kaufen. Die Tochter eines Rajah wird
+nicht selten mit 40 Piaster in Gold und einigen Büffeln bezahlt. Die
+Männer kaufen ihre künftigen Frauen oft schon im zartesten Alter; sie
+nehmen sie in ihr Haus und behandeln sie wie ihre Kinder. Ist ein Mann
+zu arm, um sich eine Frau zu kaufen, so zieht er zu der Familie seiner
+Frau und arbeitet da wie ein Sklave. Selten nimmt ein Mann mehr als
+eine Frau, weil ihm die Mittel zum Ankaufe gewöhnlich fehlen.</p>
+
+<p>Die Battaker sind in vielen Dingen andern wilden Völkern voraus: sie
+lesen und schreiben, ihre Gesetze sollen im allgemeinen sehr gut und
+zweckmäßig sein, — bei alle dem aber sind sie Menschenfresser.</p>
+
+<p>Herr Schogger fügte diesen Berichten noch bei, daß die der
+Holländischen Regierung unterworfenen Battaker jede Verpflichtung
+genau und willig erfüllen,<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> daß man den Kulli’s Gut und Geld sicher
+anvertrauen könne, und daß Diebstähle, Morde und überhaupt Verbrechen
+höchst selten vorkommen. Für einen Diebstahl ist die ganze Gemeinde,
+in welcher er vorfällt, verantwortlich; letztere muß das Gestohlene
+ersetzen, oder den Thäter überliefern. Morde finden nur aus Eifersucht
+statt. Ein Verbrecher wird nicht eingesperrt, sondern bis einige Tage
+vor Vollziehung der Strafe seiner Familie übergeben, die für ihn bürgt.
+Gerichtet werden die Battaker, auch unter der Holländischen Regierung,
+noch nach ihren Gesetzen, die leider für den Reichen sehr vortheilhaft
+sind, da er sich sogar von der Todesstrafe loskaufen kann. Der größte
+Theil der Summe kommt in diesem Falle dem Beleidigten oder seiner
+Familie zu. Die zum Tode Verurtheilten werden auf dem Bazar enthauptet.
+Sie gehen dem Tode nicht nur mit Muth, sondern sogar mit Fröhlichkeit
+entgegen. Sie schmücken sich auf’s beste, bekränzen sich mit Blumen und
+kommen singend und tanzend in Begleitung ihrer Verwandten und Freunde
+auf den Richtplatz.</p>
+
+<p>Diese Gleichgültigkeit für den Tod ist auch den Malaien und überhaupt
+den meisten rohen Völkern eigen. Viele schreiben sie ihrem Stumpfsinne
+zu.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">30. Juli.</em> <em class="gesperrt">Kotto-Nopau</em>, 11 Paal. Das Land fortwährend
+hügelig und größtentheils mit Alang-Alang<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> bedeckt. An Kampons war kein
+Mangel, die Hütten aber elend, kaum fünfzehn Fuß im Gevierte. Da kauert
+alles auf einer schmutzigen, zerrissenen Matte, in einer Ecke glimmt
+ein Feuer, an dem höchstens ein irdener Topf steht, der den ganzen
+Hausrath ausmacht. Die Bewohner sind sehr ärmlich in zerrissenes,
+dunkelblaues Zeug gekleidet. Die Kinder gehen ganz nackt, die Mädchen
+und Weiber häufig bis an den Gürtel. Zwei Hütten, wenig größer als
+Taubenschläge, sah ich sogar auf hohen Bäumen zwischen den Aesten —
+sie dienten ebenfalls zu Wohnungen.</p>
+
+<p>Ich kam an vielen kleinen Bächen mit gelbem, trüben Wasser vorüber; in
+diesen suchen und finden die Leute das Gold. Gerade hier, wo die Leute
+an der Quelle des Goldes saßen, war die Armuth am größten. Führt doch
+dieses Metall statt Segen, überall nur Fluch mit sich.</p>
+
+<p>Vier oder fünf Meilen von <em class="gesperrt">Muara-Sipongie</em> besah ich abseits
+der Straße in einem Kaffeegarten einige Battakische Grabmäler. Sie
+bestanden aus viereckigen Stein- oder Erdhügeln von drei bis vier Fuß
+Höhe, auf welchen ein einfacher, hölzerner Sarg stand. Die Ecken waren
+mit vier Fuß hohen, aus Holz geschnitzten Menschenfiguren geschmückt,
+die den jämmerlichsten Fratzen glichen. Jede Grabesstätte war mit einem
+Dache bedeckt und von einem hölzernen<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> Geländer umgeben. Die Leiche
+liegt nicht in dem Sarge, sondern unter der Erde.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">31. Juli.</em> Fort <em class="gesperrt">Elout</em> (Panjabungan), achtzehn Paal.
+Waldparthien, Gesträuche, junge Kaffeepflanzungen verdrängten an vielen
+Stellen das traurige, einförmige Alang-Alang. Fort Elout liegt in einem
+großen, hügeligen, von schönen Gebirgen umgebenen Thale und ist der
+Sitz eines Assistent-Residenten.</p>
+
+<p>Noch in keinem Distrikte fand ich so nette, reinliche Kampons als
+in diesem. Man schreibt dies der Aufsicht und den Bemühungen des
+gegenwärtigen Assistent-Residenten Herrn <em class="gesperrt">Godoon</em> zu. Die Hütten
+sind zwar klein, aber sehr rein gehalten, und stehen in langen,
+regelmäßigen Reihen, eine von der andern etwas getrennt. Der Unrath
+darf nicht unter die Hütte oder vor dieselbe geworfen werden, und
+das Hornvieh hat seinen Aufenthalt außerhalb des Kampons. Früher war
+diese Gegend sehr ungesund; seit aber die Menschen einiger Maßen an
+Reinlichkeit gewöhnt sind, herrschen viel weniger Krankheiten.</p>
+
+<p>Auch die Brücken und Straßen zeigen von der Sorgfalt des Residenten.
+Die Brücken sind alle gemauert, die Straßen sehr gut unterhalten.
+Letztere haben eine Breite von wenigstens zwanzig Fuß, was mir
+überflüssig erschien, in einem Lande, wo noch kein Fuhrwerk im
+Gebrauche ist. Die Holländische Regierung<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> läßt aber alle Straßen so
+bauen, für den Fall, daß Militär-Züge hindurch zu gehen haben.</p>
+
+<p>Das Bauen der Straßen ist für die Eingebornen eine harte Aufgabe, da
+ihre einfachen Werkzeuge zu derlei Arbeiten gar nicht geschaffen sind.
+Zum Brechen der Felsen haben sie eiserne Stangen, zum Graben in der
+Erde handbreite, unten scharf zugehauene Hölzer. Die Erde schaffen sie
+mit den Händen aus den Gruben. Das Alang-Alang, das die wenig benützten
+Wege fortwährend überwuchert, schneiden sie mit kleinen Messern ab. So
+mühsam wie die Straßen bauen sie auch die Wohnhäuser der Beamten und
+die Kaffeemagazine. Ich sah oft sechs bis acht Menschen an einem Balken
+oder einigen Brettern schleppen.</p>
+
+<p>Wenn ich Bemerkungen über die Mangelhaftigkeit der Werkzeuge, über die
+Art des Arbeitens machte, gab man mir zur Antwort: „Die Leute sind
+es so gewöhnt.“ Warum sucht man sie denn in andern Sachen von ihren
+Gewohnheiten abzubringen? An das Bauen der Straßen und Gebäude, an das
+Anlegen der Kaffeegärten, Zucker- und Gewürz-Pflanzungen waren sie,
+bevor die Europäer kamen, gewiß noch nicht gewöhnt. Aber leider wird in
+vielen Ländern auf die Gewohnheiten und Nicht-Gewohnheiten der Völker
+nur in so ferne Rücksicht genommen, als sie der Regierung Nutzen oder
+Schaden<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> bringen. Das Wohl der Unterthanen selbst kümmert sie nicht
+viel. So ist es auch hier; die Straßen, die Brücken, die Gebäude müssen
+unentgeldlich hergestellt werden; ob fünfzig oder hundert Menschen, und
+auf welche Art sie daran arbeiten, ist der Regierung gleichgültig.</p>
+
+<p>Ein anderer Druck für die Eingebornen, in deren Nähe Beamten wohnen,
+ist, daß sie diesen viele häusliche Dienste, Gartenarbeiten, Botengänge
+u.&#8239;dgl., überall unentgeldlich, verrichten müssen. Die Zahl solcher
+Leute, auf welche der Beamte ein Recht hat, ist nicht bestimmt; es
+mißbrauchen daher gar manche ihre Macht und nehmen viel mehr Leute, als
+sie eigentlich sollten.</p>
+
+<p>Der jetzige Gouverneur-General, Herr Deimar van Twist, soll eifrig
+bemüht sein, alle diese Mißbräuche und Bedrückungen so viel wie
+möglich abzustellen. Er hat den Taglohn, so wie den Preis der von den
+Eingebornen gelieferten Materialien erhöht und will es dahin bringen,
+daß niemand ohne Lohn zu arbeiten habe.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">1. August.</em> <em class="gesperrt">Surumentingi</em>, 20 Paal. Obwohl sich der
+Charakter des Landes ziemlich gleich blieb, gab es doch einige hübsche
+Ansichten. Ich kam durch große, äußerst rein gehaltene Kampons, durch
+viele Reispflanzungen und durch ein Wäldchen, das bloß aus Bambus, und
+zwar von außerordentlicher<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> Größe und Höhe (70 bis 80 Fuß), bestand.
+Die Rohre sollen viel Wasser enthalten.</p>
+
+<p>Zu Surumentingi fand ich nur ein einfaches Bambushäuschen mit der
+nothdürftigsten Einrichtung, das den durchreisenden Beamten und
+Offizieren als Unterkunft dient. Da ich nicht, gleich den verwöhnten
+Europäern, meinen ganzen Haushalt mit mir führte, sondern nur so wenig
+Gepäck, daß ich es im Nothfalle selbst fortschaffen konnte, hätte
+ich mich heute mit einem höchst einfachen Mahle und einer harten
+Schlafstelle begnügen müssen, wenn nicht Herr Godoon so gefällig und
+aufmerksam gewesen wäre, mir alle Bedürfnisse nebst einigen Dienern
+voraus zu senden. Ich fand ein treffliches Mahl, Thee und Kaffee und
+konnte mich in einem weichen Bette ausruhen.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">2. August.</em> <em class="gesperrt">Padang-Sidimpuang</em>, 20 Paal. Fortgesetztes
+Hügelland, jedoch von größeren Flächen unterbrochen. Die Gebirgskette
+nimmt stets an Höhe ab.</p>
+
+<p>Padang-Sidimpuang liegt bereits in Ankola und besitzt ebenfalls ein
+kleines Fort. Ich traf hier die letzten Europäer; einige Offiziere und
+einen Kontrolor, Herrn <em class="gesperrt">Hammers</em>, bei welchem ich abstieg.</p>
+
+<p>Die letzten drei Tage hatte ich Pferde bekommen, die entsetzlich
+stießen; ich kam ganz erschöpft an und hatte nicht die geringste
+Eßlust. Bei Tische konnte ich mich kaum aufrecht halten; mein Stolz
+gab aber<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> nicht zu, diese Schwäche zu gestehen. Ich warf den Katzen,
+die den Tisch umschwärmten, heimlich einen Bissen nach dem andern zu.
+Glücklicher Weise war es auch hier, wie auf ganz Java, Sitte, nach
+dem Mittagsmahle eine kleine Siesta zu halten. Nie segnete ich diese
+Gewohnheit so sehr als heute — ich fiel auf mein Lager. Zwei Stunden
+Ruhe stärkten mich so, daß ich gänzlich erholt zur Theestunde erschien
+und Abends mit den Herren sogar eine Parthie Whist spielte.</p>
+
+<p>Ich sah hier ein neues Beispiel der Gefühllosigkeit einer Javanesin. An
+dem Tage, an welchem ich ankam, begrub man den Kapitän der Garnison. Er
+hinterließ eine sogenannte Wirthschafterin mit vier Kindern. Durch zehn
+Jahre hatte diese Person an seiner Seite das bequemste Leben geführt
+— heute, da man den Vater ihrer Kinder in’s Grab senkte, da sie nicht
+wußte, wie ihre und ihrer Kinder Zukunft sich gestalten würde, sah sie
+so fröhlich und heiter aus, lachte und scherzte so ungenirt, als ob in
+ihrem Schicksale nicht das geringste vorgefallen wäre.</p>
+
+<p>Ich blieb drei Tage zu Padang-Sidimpuang. Auch hier kamen, als mein
+Vorsatz, das Battaker-Land zu betreten, bekannt wurde, viele Eingeborne
+mich zu sehen. Sie warnten mich ebenfalls vor dieser Reise, um so mehr
+als erst noch im vergangenen Jahre einige<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> Uneinigkeiten zwischen den
+Battakern und Holländern vorgefallen waren. Die Battaker hatten einen
+Einfall in das Holländische Gebiet gemacht, einen Kampon zerstört und
+27 Menschen mit sich fortgeführt. Die Holländer sandten zwar einige
+Truppen, die Schuldigen aufzusuchen; sie fanden aber die Kampons leer,
+die Bewohner waren, wie dieß bei solchen Gelegenheiten bei ihnen
+üblich ist, in die unzugänglichsten Schluchten und Wälder entflohen.
+Die einzige Rache, welche die Verfolger nehmen konnten, bestand im
+Niederbrennen einiger Kampons. Herr <em class="gesperrt">Hammers</em> erzählte mir, daß
+vor kaum zwei Jahren vier Menschen sogar von den Battakern, die unter
+der Holländischen Regierung stehen, getödtet und verzehrt worden seien.</p>
+
+<p>Nichts desto weniger blieb ich bei meinem Entschlusse stehen. Ich
+wollte durch das große Thal <em class="gesperrt">Silindong</em> bis an den Land-See
+<em class="gesperrt">Eier-Tau</em> (großes Wasser) vordringen, welchen noch kein
+Europäer gesehen hat, und von dessen Vorhandensein man bloß durch
+die Erzählungen der Eingebornen unterrichtet ist. Von seiner Lage,
+Größe, von den an seinen Ufern wohnenden Stämmen hat man nur ganz
+unvollständige Begriffe. Ich konnte dem zu Folge keinen Plan dieser
+Reise machen und mußte alles dem Schicksale und meinem bisher stets
+treuen Glücke überlassen. Herr Hammers war so gütig, mich mit Briefen
+für einige Rajah’s,<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> die mit den Holländern in Verkehr standen, so wie
+mit einem Führer zu versehen. Ich ordnete einige Papiere, die ich im
+Falle des Nichtwiederkehrens für meine Familie zurückließ, und nahm
+recht herzlichen Abschied von den Europäern. Sie konnten vielleicht die
+letzten sein, die mir auf dieser Welt zu Gesicht kamen.</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Er wurde im folgenden Jahre Gouverneur auf Celebes.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Jeder Kampon auf den holländischen Besitzungen in Sumatra
+hat seinen Rajah beibehalten. Letzterer bezieht von der Regierung einen
+kleinen Gehalt und trägt dafür Sorge, daß seine Gemeinde die Gesetze
+und Befehle der Regierung erfüllt und ausführt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Diese Gesetze für Ehescheidungen, Wiedervereinigungen oder
+neu zu schließende Ehen sind bei allen Malaien dieselben.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Der Suri wird aus der Arenga-Palme gezogen. Auch Zucker
+wird aus dem Safte dieser Palme gewonnen.</p>
+
+</div>
+
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe6" id="p043_ende">
+ <img class="w100 padtop1" src="images/p043_ende.jpg" alt="" data-role="presentation">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Achtes_Kapitel">Achtes Kapitel.</h2>
+
+</div>
+
+<p class="s5 hang2 mbot2">Fortsetzung der Reise auf Sumatra. — Die Fußreise. — Das Nachtlager
+im Urwalde. — Erstes Zusammentreffen mit den Kannibalen. —
+Haly-Bonar. — Opferung eines Büffelkalbes. — Das Thal Silindong.
+— Feindseliger Empfang. — Gezwungene Rückkehr. — Wiederholte
+wilde Scenen. — Wiederkehr nach den Holländischen Besitzungen. —
+Paija-Kombo. — Besteigung des Merapi. — Rückkunft nach Padang.</p>
+
+<p><img class="illowe1_2 mbot-0_3" src="images/p044_init.jpg" alt="A">m <em class="gesperrt">5. August</em> trat ich diese gefahrvolle Reise an. Ich ging bis
+<em class="gesperrt">Sipirok</em>, 20 Paal. Alles war Wald und Alang-Alang. Von einer
+kleinen Hügelkette, über welche der Weg führte, übersah ich eines der
+größten Thäler Sumatras, das wellenförmige <em class="gesperrt">Lawas-Thal</em>.</p>
+
+<p>Ich war nun schon durch einen großen Theil Sumatras gekommen. Ich
+fand diese Insel, was Naturschönheiten anbelangt, eben so reizend, wo
+nicht reizender als Java. Welch herrliches Land könnte nicht daraus
+werden! Bis jetzt ist es verhältnißmäßig menschenleer und, die wenigen
+Pflanzungen ausgenommen, unkultivirt. Wilde Thiere (Elephanten,
+Rhinozerosse)<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> bewohnen die mächtigen Waldungen des Innern,
+blutdürstige Tiger durchstreichen das ausgedehnte Alang-Alang.</p>
+
+<p>Man sollte glauben, daß ein Theil von Sumatra ein günstiges Land für
+Europäische Auswanderer wäre. Auf den großen Hochebenen, deren es
+viele gibt, bleibt das Klima, obwohl der Aequator so nahe ist, sehr
+gemäßigt; die dichten, üppigen Wälder, das hohe Alang-Alang zeigen von
+der Fruchtbarkeit des Bodens. Gewiß würde hier, wo die Natur so reich
+ist, mit Nachhilfe der Kultur Großartiges zu schaffen sein. Allein
+die Holländische Regierung begünstiget die Ansiedlung von Europäern,
+selbst von ihren eigenen Unterthanen, durchaus nicht. Sie gibt vor
+(mit vollem Rechte), daß die Eingebornen durch das Beispiel der Weißen
+nur verdorben würden. Ich möchte noch einen zweiten Grund dahinter
+suchen, und zwar — die Furcht, daß die Weißen mit der Zeit dem kleinen
+Vaterlande gegenüber zu mächtig würden und, mit den Eingebornen
+vereint, sich unabhängig erklären könnten.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Sipirok</em> liegt in einem kleinen regelmäßigen Thale. Hier steht
+das letzte Kaffeemagazin, unter der Aufsicht eines eingebornen
+Schreibers. Ich kam gerade an, als eine große Lieferung statt fand, was
+mir Gelegenheit gab, viel Volk (meist Battaker) zu sehen. Der Anblick
+war eben nicht reizend. Derselbe Gesichtstypus<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> wie bei den Malaien,
+nur noch häßlicher, das weibliche Geschlecht auffallend klein. In der
+Kunst die Zähne zu feilen, schwarz zu färben, mit einem Worte, sich
+so häßlich als möglich zu machen, gebührt ihnen die Palme. Sie waren
+sehr wenig, höchst dürftig und überaus schmutzig bekleidet. Alle hatten
+die Backen mit Siri vollgestopft und spieen rechts und links neben den
+ausgebreiteten Kaffee. Zum Zeitvertreibe suchten sie das Ungeziefer von
+Kopf und Kleidung, und Kinder voll ekelhafter Hautausschläge warfen
+sich mit Kaffeebohnen.</p>
+
+<p>Nachdem der Kaffee besichtiget, in Säcke gefüllt, in das Magazin
+abgeliefert war und die Leute das Geld empfangen hatten, verwandelte
+sich der Platz in einen Bazar. Aus dem Gemache des Schreibers wurden
+allerlei Waaren herausgeschafft, Krämer, die schon stundenlange auf
+die Wegschaffung des Kaffees gelauert hatten, packten bunte Stoffe,
+Glasperlen, Messingreifen, Eßwaaren u.&#8239;dgl. aus. Mit gierigen Blicken
+sahen die glücklichen Geldbesitzer auf alle die Gegenstände; die
+Armen wußten nicht, woran sie sich halten sollten, — es gab der
+verführerischen Dinge gar zu viele, des Geldes gar zu wenig. Nach einer
+Stunde war der Bazar zu Ende, d.&#8239;h. die Pflanzer waren ihr Geld los.</p>
+
+<p>Zu Sipirok hörte das Reisen zu Pferde auf; ich mußte wieder wie in
+Borneo allen Bequemlichkeiten<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> des Lebens auf einige Zeit entsagen und
+meine Fußwanderungen beginnen.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">6. August.</em> <em class="gesperrt">Danau</em>, 12 Paal. Der Weg führte durch lauter
+Waldungen über steile Berge und Hügel auf schlüpfrigen, schrecklichen
+Pfaden.</p>
+
+<p>In Danau angekommen, wies man mich in eine halb verfallene Hütte,
+die zwei Schlafstellen enthielt. Ich war von nun an in jedem Utta
+(die Battaker nennen so ihre Dörfer) von Menschen umringt. Schon zu
+Muara-Sipongie hatte diese Begierde mich zu sehen begonnen, da noch
+keine Europäerin bis dahin gekommen war. Hier war es noch ärger, und
+die Hütte so voll Leute, daß ich im ersten Augenblicke gar nicht
+gewahrte, mit welchen Bewohnern ich sie theilte. Ein Mörder und ein
+Sterbender waren ihre Inwohner. Ersterer hatte einen seiner Nachbaren
+in einem Anfalle von Eifersucht getödtet und sollte in zwei Tagen auf
+dem Bazar enthauptet werden. Er lag nackt auf dem Boden, an einen
+Pfosten gebunden, die Füße durch einen Block gezogen und geberdete
+sich wie närrisch; bald schrie, bald lachte, bald weinte er, dabei
+warf er sich, so viel er konnte, von einer Seite zur andern, — ein
+grauenvoller Anblick. Der Kranke, ein Jüngling von achtzehn Jahren, lag
+ebenfalls auf der Erde, ohne Matte, ohne Bedeckung; er litt an einem
+Brustübel und hatte schreckliche Anfälle von<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> Husten. Leider konnte ich
+dem Armen keine Erleichterung verschaffen, da ich weder Arzeneien noch
+sonstigen Bedarf für Leidende bei mir hatte.</p>
+
+<p>Ich beobachtete bei dieser Gelegenheit, daß man mit dem Mörder viel
+mehr Mitleid hatte, als mit dem Kranken. Die Weiber bereiteten das
+Siri für ihn, sie brachten ihm zum Mahle Reis und getrocknete Fische,
+fütterten ihn, da er die Hände gebunden hatte, gleich einem kleinen
+Kinde, wehrten ihm die Fliegen ab u.&#8239;s.&#8239;w. Die Männer führten ihn zum
+nahen Flusse, damit er sich baden könne. Den armen Kranken beachtete
+niemand. Man ließ ihn liegen, husten und stöhnen, reichte ihm weder
+Speise noch Trank und schien ihn zu betrachten, als ob er nicht mehr
+unter die Lebenden gehörte. Ich konnte ihm auch nichts anderes geben
+als Reis und Wasser; dieß war alles, was ich selbst erhielt.</p>
+
+<p>Brustkrankheiten scheinen überhaupt in den hochgelegenen Gegenden
+Sumatra’s zu herrschen; die Leute husteten viel und oft sehr heftig.
+Die Hitze ist am Tage groß, die Nächte sind beinahe kalt, es regnet
+viel und die Eingebornen gehen so leicht bekleidet wie in den heißen
+Gegenden, haben jedoch nicht einmal eine Bedeckung für die Nacht.</p>
+
+<p>Ich wollte mit dem Mörder nicht in einem Gemache bleiben und ließ
+den Rajah ersuchen, mir eine<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> andere Hütte anzuweisen. Er war so
+gefällig, den Gefangenen und den Kranken entfernen zu lassen. Das Volk
+aber konnte nicht abgehalten werden, mich zu umringen; ich war von
+nun an, selbst während der Nacht, nicht einen Augenblick allein. Bis
+Mitternacht brannten die Feuer und wurde geschwätzt; dann legten sich
+die meisten hin, wo sie Platz fanden, zogen den Sarong über sich und
+schnarchten um die Wette.</p>
+
+<p>Den <em class="gesperrt">7. August</em> mußte ich in Danau bleiben. Der Rajah, dem Namen
+nach noch unter Holländischer Botmäßigkeit, versicherte mir, daß ich
+ohne seine Begleitung das freie Battaker-Land, welches einige Paal von
+hier beginnt, nicht betreten könne. Er wolle mit mir gehen und sich bei
+den Rajah’s, mit welchen er bekannt sei, persönlich für meine Aufnahme
+verwenden.</p>
+
+<p>Diesem Entschlusse zu Folge ließ er mir zu Ehren ein Büffelkalb
+schlachten, um dabei die bösen Geister anzurufen, unserer gefahrvollen
+Reise keine Hindernisse, kein Unglück in den Weg zu legen.</p>
+
+<p>Früh Morgens besuchte er mich mit einem Gefolge von einem Dutzend
+Weiber und vielen erwachsenen Mädchen, zum Theile seine Verwandten.
+Die Weiber und Mädchen traten in tief gebeugter Stellung, die Hände
+halb vor das Gesicht haltend, an mir vorüber. Es ist dieß der Gruß der
+Niederen gegen die<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> Höheren. Sie setzten sich im Hintergrunde der Hütte
+zu Boden und packten aus schön geflochtenen Strohtaschen Siri, das für
+mich bestimmt war.</p>
+
+<p>Die Mädchen trugen zehn bis fünfzehn bleierne Ringe in den Ohrläppchen,
+hatten auch die oberen Theile des Ohres durchstochen und mit einem
+Knopfe oder einer kleinen Schnur von Glasperlen geziert. Am Halse, an
+den Armen und an den Füßen trugen sie Messingringe und Glasperlen. All
+dieß Geschmeide legen sie ab, wenn sie heirathen. Die Mädchen gingen
+mit bedeckten Busen, die Weiber meistens entblößt. Weiber und Mädchen
+hatten die Haare in einen Knoten geschürzt, in welchen sie Strohwülste
+stecken, um ihn zu vergrößern. Auch die Männer lassen die Haare
+lang wachsen und binden sie ebenfalls in einen Knoten, tragen aber
+Strohkappen oder Tücher darüber. Diese Kopfbedeckung ist das einzige
+Zeichen, an welchen man den Mann von dem Weibe unterscheiden kann, da
+die Männer keine Bärte haben und beide Geschlechter die Sarongs auf
+dieselbe Weise um den Körper schlagen.</p>
+
+<p>Unter den Mädchen gab es einige sehr beleibte, wie mir ähnliche
+unter den Malaien nicht vorgekommen waren; manche hatten die erste
+Jugendblüthe schon abgestreift, ohne Männer gefunden zu haben. Dieß
+rührt davon her, daß die Battaker ihre Weiber kaufen müssen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span></p>
+
+<p>Der Rajah war gekommen, um mich zu der feierlichen Schlachtung des
+Büffelkalbes einzuladen. Ich folgte ihm in seine Hütte. Die Ceremonie
+bestand in einem tollen Tanze, den der achtzehnjährige Sohn des Rajah’s
+unter lärmender Musik aufführte. Die Hütte war so voll von Menschen,
+daß man sich kaum bewegen konnte. Jedermann wollte den Jüngling
+tanzen sehen, der, wie man mir sagte, vom bösen Geiste besessen war.
+Er raste auch wirklich wie besessen umher, bis er vor Erschöpfung
+beinahe hinsank. Ein anderer, nicht besessener Tänzer nahm seinen Platz
+ein, bis sich jener wieder erholte, was sehr bald der Fall war. Dann
+begann er zum zweitenmal dieselbe Raserei. Man reichte ihm eine mit
+ungekochtem Reis gefüllte Schale die er mehrmals über den Kopf erhob,
+als wolle er ihren Inhalt den Geistern opfern oder deren Segen darüber
+erflehen; hierauf nahm er einige kleine Portionen heraus, streute sie
+in die Luft, stürmte plötzlich aus der Hütte, streute vor derselben
+ebenfalls einen Theil des Reises in die Luft und den Rest über das
+Kalb, das, auf ein Gerüst gebunden, zum Schlachten bereit lag. Er
+kehrte hierauf wieder in die Hütte zurück und raste so lange fort, bis
+er am Ende ganz erschöpft den erbauten Zusehern in die Arme fiel. Das
+Kalb wurde nun geschlachtet, in viele kleine Stücke zerschnitten und
+größtentheils unter das Volk<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> vertheilt. Für mich ward die Leber, als
+das beste Stück, zur Seite gelegt. Ich erhielt sie Abends zum Imbiße,
+aber leider ungenießbar; sie war zu einem Steine verbraten. Ich mußte
+daher mich auch heute, obwohl mir zu Ehren das Kalb geschlachtet worden
+war, mit Reis und Salz begnügen.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">8. August.</em> Ich verließ Danau mit einem Gefolge von mehr als
+zwanzig Personen, von welchen jedoch der größere Theil an der Grenze
+(drei Paal) zurückkehrte. Sie reichten mir beim Abschiede die Hand
+und wünschten mir eine glückliche Wiederkehr. Alle betrachteten meine
+Reise als ein großes Wagestück, wiesen an den Hals und gaben mir durch
+Zeichen zu verstehen, daß sie befürchteten, man würde mir den Kopf
+abschneiden und mich auffressen. Obwohl diese Pantomime nicht sehr
+ermuthigend war, kam mir doch kein einziges Mal der Gedanke in den
+Sinn, von der Reise abzustehen.</p>
+
+<p>Meine Begleitung bestand nur aus dem Rajah, aus fünf seiner Leute,
+meinem Führer, einem Kulli für mich und einem für den Führer.</p>
+
+<p>Der Weg ging durch die sogenannte „Wildniß“, durch finstere, beinahe
+undurchdringliche Wälder oder durch sechs Fuß hohen Alang-Alang. Wir
+sahen nirgends weder eine Hütte, noch einen Menschen, dagegen viele
+Spuren von wilden Thieren, besonders<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> von Tigern. Bei einem Flusse
+angekommen, mußten wir auf einen Baum klettern und die überhängenden
+Aeste, die sich mit jenen eines andern am jenseitigen Ufer kreuzten,
+benützen, um hinüber zu kommen. Diese natürliche Brücke erhob sich
+gewiß an zwanzig Fuß über das Wasser.</p>
+
+<p>Von Zeit zu Zeit gelangten wir an Waldausschnitte, von welchen wir
+die herrlichsten Ueberblicke großer, schöner Thäler hatten, die von
+dem Flusse <em class="gesperrt">Padang-Toru</em> in unzähligen Krümmungen durchschnitten
+waren. Ein kleiner See, wenig größer als ein Teich, schimmerte in
+schöner Sonnenbeleuchtung auf einer der Höhen. Dem Padang-Toru kamen
+wir oft ganz nahe; es ist ein schöner, breiter Strom, aber kein Boot
+schaukelte sich auf seinem Rücken; wohin der Blick fiel, war alles
+menschenleer — es schien, als wären wir die einzigen Bewohner der Erde.</p>
+
+<p>In dieser Jahreszeit regnet es beinah regelmäßig jeden Nachmittag, und
+leider traf uns der Regen stets auf dem Wege, denn hier wie in Borneo
+war an ein frühes Fortkommen nicht zu denken. Dieses schlechte Wetter
+belästigte mich um so mehr, als ich auf Kleider- und Wäsche-Wechsel
+verzichten mußte — einerseits verließen mich die Leute weder bei Tag
+noch bei Nacht, anderseits hatte ich mein kleines Gepäck gewöhnlich
+nicht zur Hand, wenn ich es am nothwendigsten brauchte.<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> Mein Führer,
+der, gleich jenem von Sarawak, nur that was ihm beliebte, verlangte
+stets zuerst einen Kulli für sich, von welchem er sich vollkommen
+bedienen ließ; für meine Reisetasche ward der nächste beste Mensch
+genommen — fand sich keiner, so ließ er sie zurück, mit dem Bedeuten,
+sie nachzubringen.</p>
+
+<p>Heute war der Regen schon über alle Maßen lästig. Wir mußten noch dazu
+im Walde unser Nachtquartier aufschlagen. Man errichtete zwar schnell
+ein kleines Blätterdach und bedeckte den Boden mit großen Blättern;
+allein ich war schon durch und durch naß, als wir ankamen, und bis über
+die Knie voll Schlamm und Morast; ich mußte an dem kleinem Flusse,
+an dem wir uns gelagert hatten, den Schmutz von Füßen und Kleidern
+waschen, und von Wasser triefend, zitternd vor Kälte (die Abende und
+Nächte waren sehr kalt) das Feuer suchen, das aus Mangel an trockenem
+Holze mehr glimmte als brannte.</p>
+
+<p>Meine Begleiter trugen Holz für die Nacht zusammen, fingen in
+dem Flüßchen einige kleine Fische und brachten einige ganz grüne
+Bambusrohre herbei, deren Nutzen oder Gebrauch mir nicht erklärlich
+war; bald sah ich, daß sie statt der Kochgeschirre dienten. Die Leute
+legten Reis nebst etwas Wasser auf Bisangblätter, machten lange Wülste
+daraus und schoben sie in die Rohre; dasselbe thaten sie mit den
+kleinen<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> Fischen. Die Rohre wurden auf das Feuer gelegt und so lange
+liegen gelassen, bis sie zu brennen anfingen, was eine sehr geraume
+Zeit währte, da sie viele Feuchtigkeit enthielten. Man spaltete dann
+die Rohre und nahm die köstlichen Gerichte heraus. Einige der größeren
+Fische wurden an kleine Holzstäbchen gespießt, die man neben dem Feuer
+in die Erde steckte, und ein wenig gebraten.</p>
+
+<p>Das Mahl war schlecht und unsauber; den Reis hatte man nicht gewaschen,
+die Fische weder gereinigt noch gesalzen; allein den ganzen Tag hatte
+ich nichts genossen, meine Eßlust war überdieß durch den mühevollen
+Marsch (achtzehn Paal) sehr gesteigert worden; ich fand daher das Essen
+dennoch vortrefflich.</p>
+
+<p>Bevor wir uns zur Ruhe begaben, empfahl ich den Leuten, die Nacht
+hindurch ein tüchtiges Feuer zu unterhalten, um die Tiger von uns zu
+scheuchen. Aber bald fielen sie in tiefen Schlaf, mein Rufen erweckte
+sie nicht, ich konnte das Feuer nicht unterhalten, weil das Holz zu naß
+war, und so umgab uns bald undurchdringliche Finsterniß. Ich schlief
+keine Minute, weniger einen Ueberfall von Menschen als von Thieren
+fürchtend. So oft ich im Gebüsche ein Feuerkäferchen sah, meinte
+ich das glühende Auge eines Tigers zu erblicken, so oft es im Laube
+raschelte, dachte ich an Schlangen — es war eine schauderhafte Nacht!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span></p>
+
+<p><em class="gesperrt">9. August.</em> <em class="gesperrt">Soßor-Doluk</em>, siebzehn Paal. Wenig gestärkt
+durch das gestrige Mahl, erschöpft vom nächtlichen Wachen, ging ich
+ohne Imbiß fort und Mühen sonder gleichen entgegen. Wege, wie mir
+noch keine ärgeren vorgekommen waren, führten durch undurchdringliche
+Waldungen, voll von dichtem Untergebüsch, durch hochaufgeschossenes
+Alang-Alang, durch Sümpfe und Flüsse, die oft der Länge nach durchwatet
+werden mußten. Die Bäume und Gebüsche troffen noch vom nächtlichen
+Regen. Ganz steil abfallende Hügel sperrten das Vordringen und waren
+gefährlich zu übersteigen, da alles so glatt und schlüpfrig war, daß
+man keinen festen Fuß fassen konnte. Zu diesen Uebeln gesellte sich
+noch ein hochstämmiges Schilf (<span class="antiqua">Saccharum Koenigri</span>), das in einer
+Höhe von vier bis fünf Fuß so dicht in einander verflochten war, daß
+man nur in gebückter Stellung durchkommen konnte. Der Pfad bestand
+an solchen Stellen aus einer schmalen Rinne mit Löchern und Gruben
+voll Schlamm und Morast. Man hatte kaum so viel Raum, um einen Fuß
+vor den andern zu setzen. Glitt man in ein Loch, in eine Grube, und
+wollte man sich am Schilfe oder am Gebüsche fest halten, so erging es
+einem noch schlimmer. Das Schilf brach, und unter dem Gebüsche gab es
+Stämmchen mit großen Stacheln, an welchen man sich die Hände blutig
+riß.<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> Springende Blutsauger kamen in solcher Menge vor, daß ich am
+ganzen Körper, besonders an den Füßen, heftig blutete. Den größten
+Theil dieser Fußreise, besonders jenen durch die Wüstenei, mußte
+ich mit bloßen Füßen machen, da es unmöglich ist, sich auf diesen
+morastigen, theilweise tief unter Wasser stehenden Wegen irgend eines
+Schuhzeuges zu bedienen, das dem Fortkommen nicht hinderlich wäre.
+Meine Füße wurden in Folge dessen von dem scharfkantigen Alang-Alang
+ganz zerschnitten, von Dornen zerstochen. Nach jeder vollbrachten
+Tagereise mußte ich mir von einem der Eingebornen die Dornen ausziehen
+lassen. Sie machten die Sache gut, aber auf sehr schmerzhafte Weise;
+die großen, wenig spitzen Parangs dienten ihnen als Instrumente. Oft
+waren meine Füße so wund, daß ich dachte, am folgenden Morgen nicht
+fort zu können — dennoch ging es täglich weiter.</p>
+
+<p>Als wir dem Ausgange der Wildniß nahe kamen, hörten wir ein heftiges
+Geschrei von vielen Menschenstimmen. Dies erschreckte uns sehr. Wir
+verhielten uns eine Zeit lang ganz ruhig und stille und schlichen
+endlich, gleich Dieben, mit großer Vorsicht dem Ausgange zu. Aus dem
+Walde tretend, befanden wir uns an dem Ufer des Flusses <em class="gesperrt">Puli</em>,
+und sahen die Schreier, vierzig bis fünfzig an der Zahl, beinahe im
+Naturzustande, im Wasser stehen und mit Fischen beschäftiget.<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> Der
+Rajah hieß mich mit den Leuten zurückbleiben, ging allein zu dem
+fischenden Häuptlinge und ersuchte ihn um die Gnade, mir den Eintritt
+in sein Land zu gewähren. Nach vielen Fragen und Erläuterungen erhielt
+ich die Bewilligung. Wir gingen durch den ziemlich breiten Fluß und
+machten am jenseitigen Ufer unter dem Prachtexemplar eines Baumes aus
+der Familie der Dilleniacen (auch Colbertia genannt) Rast. Dieser Baum
+hat mehr als faustgroße Blüthenknospen, die wie Früchte aussahen. Ich
+öffnete eine derselben und fand eine wunderschöne Blume darinnen. Wenn
+die Kapsel gereift ist, springt sie von selbst auf.</p>
+
+<p>Außer dieser Gattung schöner Bäume fielen mir in Sumatra’s Wäldern
+wenige ihres besondern Umfanges oder auch ihrer besondern Höhe wegen
+auf. Ich habe wohl Bäume von hundert und vielleicht hundertzwanzig Fuß
+Höhe gesehen, aber gewiß nicht von zweihundert, wie manche Reisende
+behaupten wollen. Auch die wildwachsenden Blumen mußte ich emsig
+suchen; sie schaffen hier bei weiten nicht, wie in Brasilien, die
+Wälder zu natürlichen Gärten um.</p>
+
+<p>Was den Weg anbelangt, so war nun wohl das Schlimmste der Reise
+glücklich überstanden; jetzt begann aber der ungleich gefährlichere
+Kampf mit den Menschen.</p>
+
+<p>Wir setzten alsbald unsere Wanderung fort. Das<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> Land war noch immer
+hügelig, doch freier und offener, und gute Pfade führten uns der
+Nachtstation zu. Wir kamen an einigen schrecklichen Erd-Spalten oder
+Rissen vorüber, in deren Tiefe sich der Blick mit Schauder verlor.</p>
+
+<p>Als wir in Soßor-Doluk anlangten, machte man einige Schwierigkeiten,
+uns, das heißt, mich aufzunehmen; endlich wies man uns doch eine Ruine
+von einer Hütte an, die so schief und krumm stand, daß ich jeden
+Augenblick ihres Einsturzes gewärtig war. Das Dach glich einem Siebe,
+ich konnte in der Nacht die Sterne über meinem Haupte zählen; allein es
+war ein herrliches Nachtquartier im Vergleiche zu jenem in dem nassen,
+finsteren Walde.</p>
+
+<p>Abends kam der Rajah des Ortes in Begleitung des Rajah von
+<em class="gesperrt">Sigumpolang</em> (einem nahe gelegenen Orte), der zufällig hier
+auf Besuch war, zu mir. Beide machten große Schwierigkeiten, mir die
+Erlaubniß zu ertheilen, weiter in dem Lande vorzudringen. Am Ende
+verdankte ich diese Erlaubniß meinem Geschlechte; wäre ich ein Mann
+gewesen, so hätten sie mich ohne Zweifel für einen Spion gehalten und
+zurückgewiesen, wo nicht gar getödtet.</p>
+
+<p>Nahe bei Soßor-Doluk ist eine heiße Quelle, doch ohne Schwefelgeruch.
+Die Leute baden sich häufig darin und halten sie für jede Krankheit
+heilsam.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span></p>
+
+<p><em class="gesperrt">10. August.</em> Sigumpolang (Klein-Toba), fünf Paal. Der Rajah
+dieses Utta’s, Hali-Bonar, ein sechs Fuß hoher, kräftiger Greis,
+begleitete uns. Wir überschritten den Padang-Toru auf einer
+Hängebrücke, die aus einem einzigen, wenigstens siebenzig Fuß langen
+Bambusrohre bestand, das kaum sechs Zoll im Durchmesser haben mochte.
+Dünne Stämmchen formten an den Seiten ein Geländer, welches jedoch,
+gleich jenem auf der Brücke zu Borneo, nicht als Stütze, sondern nur
+dazu diente, das Gleichgewicht zu erhalten. Ich konnte den einfachen
+Bau, sowie die Stärke dieser Brücke nicht genug bewundern. Das Rohr
+schwebte vollkommen frei in der Luft, bloß die Endpunkte ruhten auf
+Baumstämmen. Je mehr man sich der Mitte näherte, desto mehr schwankte
+es — ich dankte Gott, als ich das jenseitige Ufer glücklich erreichte.
+Dieses einzige Rohr trug zu gleicher Zeit ungefähr ein Dutzend Menschen.</p>
+
+<p>Die Landschaft war reizend, das Thal groß und wellenförmig; aber auch
+an Flächen fehlte es nicht, die reich mit Reis bepflanzt waren.</p>
+
+<p>Hali-Bonar führte mich an seinem Utta vorüber, einen halben Paal weiter
+nach einem großen freien Platze, auf welchem Bazar gehalten wurde, um
+mich da dem Volke und mehreren Rajah’s<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a> vorzustellen. Er that dieß<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span>
+in der Absicht, daß, wenn ich im Laufe der Reise durch eines der Utta
+dieser Leute käme, sie mich freundlich aufnähmen. Die Rajah’s, die sich
+auf dem Bazar befanden, setzten sich um mich auf den Boden, und ihre
+Lanzenträger, deren jeder Rajah ein halbes Dutzend mit sich hatte,
+schlossen einen Kreis um uns, eine höchst nothwendige Vorsicht, da das
+Volk mit wildem Geschrei von allen Seiten herandrang. Die Verkäufer
+verließen ihre Waaren, die Käufer vergaßen ihre Geschäfte; alles wollte
+mich sehen; Männer und Kinder, die nicht in meine Nähe kommen konnten,
+kletterten auf die Bäume. Es war ein Gewirre, ein Lärmen, von dem man
+sich keine Vorstellung machen kann. Ich verstand kein Wort von dem, was
+sie sprachen und befand mich fast allein unter diesen wilden Menschen
+— der Rajah von Danau war mit seinen Leuten und meinem Führer im Utta
+zurückgeblieben.</p>
+
+<p>Unter dem Volke sah ich viele sechs Fuß hohe, starke Männer; auch die
+Weiber waren kräftiger als alle, die ich bisher auf Sumatra gesehen
+hatte. Die Gesichtsbildung fand ich aber häßlich wie überall, die
+Zahnkiefer breit und ganz besonders hervorragend, die Hautfarbe nicht
+sehr dunkel. Gekleidet gingen beide<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> Geschlechter in Sarongs. Die
+Weiber trugen in den Ohrläppchen große Messingbleche oder runde Stücke
+Holz; auf den Kopf legten sie ein, auch zwei große, zusammengefaltete
+Tücher. Die Männer hatten hier die Ohrläppchen eben so weit
+durchlöchert wie die Weiber, meistens aber nur eines. Die Rajah’s
+trugen schwere Goldreifen daran, die Uebrigen steckten Strohzigarren
+durch. Eine zweite Auszeichnung des Rajah bestand in einer großen
+Tabakspfeife von Messing, die an einem schweren Messingrohre hing.</p>
+
+<p>Ich bemerkte bei den Battakern dieselben aus weißen Muscheln
+geschnittenen Armbänder, dieselben Korbgeflechte, dieselbe Art
+Maultrommeln, dieselben aus Bast geschlagenen Zeuge, wie bei den
+Dayakern.</p>
+
+<p>Nachdem ich über eine Stunde unter diesem Volke zugebracht hatte,
+führte mich Hali-Bonar nach seinem Utta.</p>
+
+<p>Die Häuser der Battaker sind auf Pfählen gebaut, gleich jenen der
+Malaien, aber ohne Vergleich größer, schöner und solider. Sie haben
+sehr hohe Dächer, die das Haus an fünf Fuß überragen. Die beiden Enden
+der Dächer gehen in hohen Spitzen aus. Ich möchte die Höhe der Häuser,
+so wie ebenfalls das Gevierte auf vierzig bis fünfzig Fuß annehmen.
+Sie bestehen aus Bretterwänden, die Dächer sind mit der Faser der
+Aranga-Palme gedeckt.<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> An manchen Häusern waren die Vorderseiten
+angestrichen und ebenso geschmackvoll ausgeschnitzt, wie in dem Kampon
+Kotto-Godong nächst Fort de Kock. Man sieht weder Fenster noch Thüren.
+Nur in der Höhe ist an der Außenseite eine kleine hölzerne Gallerie
+angebracht, von dem Vorsprunge des Daches gedeckt, auf welche nach
+der innern Seite des Hauses eine Thüre führt, zu der man auf Leitern
+steigen muß. Der Aufgang in das Haus ist unter demselben und mit einer
+Fallthüre zu schließen. Das Innere besteht aus einem einzigen großen
+Gemache, in welchem meistens drei auch vier Familien wohnen, jede
+in einer Ecke. In diesen Häusern ist es natürlich ganz finster, man
+gewahrt im ersten Augenblicke nichts als einige Luftlöcher in der Höhe,
+die dem Rauche Ausgang gestatten, von welchem das Gemach stets voll
+ist, da, obwohl die Leute wenig zu kochen haben, doch in jeder Ecke das
+Feuer beinahe fortwährend brennt.</p>
+
+<p>In dem Raume unter dem Hause werden Schweine, Geflügel, Kühe (alle
+schwarz), Büffel, Hunde, hie und da auch ein Pferd gehalten. Die
+Schweine sind von ganz eigenthümlicher Art: sie haben sehr spitz
+zulaufende Rüssel, einen etwas eingebogenen Rücken, kurze Füße, wenig
+Borsten, dagegen eine dicke, kurze Mähne, wie Pferde.</p>
+
+<p>Die Vorräthe an Vieh und Reis fand ich bedeutend,<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> ja sehr reich
+im Vergleiche zu jenen der Javanesen oder der Sumatra-Malaien. Der
+Hausrath bestand aus eisernen Kesseln, irdenen Töpfen, Tellern, Näpfen,
+vielen Matten und Körben, einigen Spinnrädern, Holztruhen u.&#8239;s.&#8239;w.</p>
+
+<p>Beinahe jedem Hause gegenüber steht ein Soppo, das ist eine offene
+Hütte mit einem untertheilten Dache, auf welchem der Reis in Säcken und
+Körben aufgespeichert ist. Dieser Soppo ist der eigentliche Wohnplatz
+der Leute während des Tages. Hier weben die Weiber die Sarongs, die
+Männer versammeln sich, um die Zeit im Geschwätze und Nichtsthun
+hinzubringen, denn auch unter den Battakern muß das Weib beinahe
+alle Arbeit verrichten. Abends finden hier die Zusammenkünfte der
+heirathsmäßigen Mädchen mit den jungen Leuten statt. Dem Fremden wird
+ebenfalls in den Soppos das Nachtquartier angewiesen. Auch ich schlug
+das meinige hier auf.</p>
+
+<p>Hali-Bonar erbot sich, mich bis <em class="gesperrt">Silindong</em> (Groß-Toba) zu
+begleiten, ein Anerbieten, das ich mit um so größerer Freude annahm,
+als mich der Rajah von Danau mit seinem Gefolge hier verließ.</p>
+
+<p>Ich mußte gleichfalls wie zu Danau einen Tag verweilen, denn auch
+Hali-Bonar schlachtete am folgenden Morgen ein Büffelkalb, theils mir
+zu Ehren, theils um die bösen Geister anzuflehen, unserer Reise<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> nichts
+in den Weg zu legen. Er holte mich persönlich zu dieser Feierlichkeit
+ab und führte mich in einen saubern, mit Matten belegten Soppo, der
+seinem Hause gegenüber stand. Die Feierlichkeit fand hier unter freiem
+Himmel statt. Ein ganzes Musikcorps war versammelt; man schlug auf
+Trommeln und Gongs, man blies eine Art Dudelsack und lange Pfeife. Das
+Kalb wurde unter voller Musik geschlachtet, die Eingeweide (der größte
+Leckerbissen) in das Haus des Rajahs getragen und das übrige unter das
+Volk vertheilt. Der Rajah von Danau bekam natürlich nebst seinen Leuten
+auch seinen Theil.</p>
+
+<p>Ein Mann trat hierauf, einfach und dennoch malerisch gekleidet, auf den
+Schauplatz. Er trug einen schönen Sarong, der von den Hüften bis an die
+Füße reichte, ein weißes Tuch kranzartig um den Kopf geschlungen und
+eine Art von schwarzem Shawl, an den Rändern mit Glasperlen besetzt, um
+den Oberkörper in reichen Falten geworfen. Die Shawls, an 5 Fuß lang
+und 2½ breit, werden nur von den Männern getragen und dürfen bei
+Feierlichkeiten und wenn die Krieger zu Felde ziehen, nicht fehlen.
+Der Mann hielt in der einen Hand ein mit Wasser gefülltes Büffelhorn,
+in der andern ein Betelblatt. Nach einer langen Rede, die einem Gebete
+glich, fing er einen recht hübschen Tanz an, hob Horn und Blatt mehrmal
+gegen den<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> Himmel und schlug seine Augen zu demselben auf. Er goß
+hierauf einiges Wasser gegen mich und die Musiker, den Rest über das
+Betelblatt. Das Horn wurde ein zweites Mal mit Wasser gefüllt und
+dieselbe Ceremonie wiederholt, worauf er einen Teller voll Reis nahm,
+mit welchem er nach einer abermaligen Rede dasselbe that, wie mit dem
+Wasser. Der Rajah trat nun auf den Schauplatz, gefolgt von einem Manne,
+der stets nahe hinter ihm blieb und ein Diener zu sein schien. Der
+Rajah ahmte den ersten Tänzer in allem nach, nur daß er das zweite Mal
+das Horn gegen einen Teller mit Reiskuchen vertauschte, und es am Ende
+des Tanzes vor mich hinstellte. Zum Schlusse begannen der Rajah und der
+Tänzer vereint einen artigen Tanz aufzuführen, bei welchem sie mehrmals
+die Hände wie bittend gegen den Himmel erhoben und diese Pantomime mit
+ehrfurchtsvollen Blicken begleiteten. Der Diener folgte auch hiebei
+dem Rajah stets wie sein Schatten. Wer nicht gewußt hätte, daß diese
+Anrufung dem Haupte der bösen Geister oder, wie wir sagen würden, dem
+Lucifer galt, würde das ganze für einen recht schönen, andächtigen
+Gottesdienst gehalten haben. Bei keinem Volke sah ich eine anscheinend
+so feierliche Ceremonie.</p>
+
+<p>Nachdem die beiden Tänzer abgetreten waren,<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> kamen andere, die
+einfache, langweilige, den Malaischen sehr ähnliche Tänze aufführten.</p>
+
+<p>Bei diesem Feste waren die Weiber nicht gegenwärtig; sie erhielten
+jedoch ihren Antheil bei der Vertheilung des Fleisches. Nach dem Feste
+wurde in dem Soppo, in welchem ich wohnte, das Festmahl bereitet
+und verzehrt. Man kochte Reismehl in dem Blute des Büffels und ließ
+Fleisch und Eingeweide an hölzernen Spießen braten. Ich bekam von allen
+Gerichten, von der Leber ein besonders großes Stück. Was ich übrig
+ließ, wurde mir so oft wieder vorgestellt, bis es aufgezehrt war — man
+gab mir nichts anderes. Manche von den Gästen tranken nach dem Essen
+sehr warmes, beinahe heißes Wasser, das gleich unserm schwarzen Kaffee,
+die Verdauung befördern soll.</p>
+
+<p>Nachmittags ersuchte ich Hali-Bonar, einige Volkstänze ausführen
+zu lassen. Der Schwert-Tanz glich zu meinem Erstaunen vollkommen
+jenem, den ich auf Borneo von den Dayakern hatte aufführen sehen.
+Dem Schwert-Tanze ganz ähnlich war der Messer-Tanz; der einzige
+Unterschied bestand darin, daß die Messer nicht auf der Erde lagen,
+sondern in Scheiden stacken, welche die Tänzer am Gürtel befestiget
+hatten, und aus welchen während des Tanzes die Messer gezogen wurden.
+Ein hierauf folgender Faustkampf gab dem Publikum sehr viel zu lachen.
+Die beiden Kämpfer<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> oder Tänzer schlugen und stießen sich auf höchst
+vorsichtige Weise unter grotesken Grimassen und Wendungen mit Händen
+und Füßen. Sehr wild und belebt war der Teufels-Tanz. Diese vier Tänze
+wurden von zwei Männern aufgeführt. Nun kam ein Tanz, an welchem vier
+Männer und ein Weib Theil nahmen; letzteres machte jedoch nur einige
+Bewegungen mit den Händen und kauerte sich zeitweise auf den Boden;
+die Männer tanzten um sie herum. Alle diese Tänze waren lebhaft,
+mit abwechselnden, recht hübschen Figuren und Stellungen. Auch hier
+schlugen die Tänzer die Augen stets zu Boden.</p>
+
+<p>Ich hatte nun alle Tänze gesehen, bis auf jenen, den sie bei der
+Tödtung eines Menschen aufführen, der zum Verzehren bestimmt ist.
+Diesen Tanz wollte man mir nicht zeigen, gab aber am Ende doch meinen
+Bitten nach. Sie banden zu diesem Zwecke an einen Pflock ein großes
+Stück Holz, welches das Schlachtopfer vorstellte, und setzten ihm eine
+Strohkappe auf. Ehe sie zu tanzen anfingen, streuten sie sich etwas
+Erde auf den Kopf. Der Tanz selbst war sehr lebhaft und von vielen
+Grimassen begleitet; sie hoben dabei die Füße so viel sie konnten in
+die Höhe und zückten ihre Parangs nach dem Opfer. Endlich gab ihm
+einer den ersten Stoß, die andern folgten sogleich seinem Beispiele,
+das Blut wurde sorgfältig<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> aufgefangen. Sie hieben dann den Kopf (die
+Strohkappe) vom Rumpfe, legten ihn auf eine ausgebreitete Matte,
+tanzten darum her, und stießen dabei wild-fröhliche Töne aus. Einige
+hoben den Kopf auch auf und führten ihn zum Munde, als leckten sie
+das Blut ab, andere warfen sich zur Erde, als saugten sie das vom
+Kopfe rieselnde Blut auf, oder sie tauchten die Finger in dasselbe und
+führten sie zum Munde. Alles dieß geschah nicht so sehr mit wilden als
+mit fröhlichen Geberden; auch ihre Gesichtszüge drückten eher Vergnügen
+als Grausamkeit aus. Freilich war dieß nur ein Spiel; ganz anders mag
+es sich verhalten, wenn ein wirklicher Mensch getödtet wird.</p>
+
+<p>Nichts desto weniger machte dieses schauerliche Spiel einen großen
+Eindruck auf mich. Ich betrachtete unwillkührlich die wilden Gestalten,
+in deren Macht ich war; unheimliche Bilder drängten sich vor meinen
+Geist, und, in mein Soppo zurückgekehrt, fiel ich erst spät in einen
+unruhigen Schlaf mit aufgeregten, beängstigenden Träumen.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">12. August.</em> <em class="gesperrt">Si-Pijarajah</em>, 10 Paal. Die klare Morgensonne
+verscheuchte die nächtlichen Visionen und mit neuem Muthe trat ich
+die Tagereise an. Wir mußten heute über den tiefen, reißenden Strom
+<em class="gesperrt">Padang-Toru</em>, eine schwere Sache für mich, die nicht schwimmen
+konnte. Zwei Eingeborne reichten mir<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> jeder eine Hand, ich hielt den
+Kopf über dem Wasser, und so zogen sie mich hinter sich her. Die Wege
+waren gut; wir kamen über einige niedrige Hügelketten und durch schöne
+Thäler mit Hügeln. Die Gebirgskette, die wir selten aus dem Gesichte
+verloren, wurde stets niedriger, die höchsten Spitzen mochten 1200 bis
+1500 Fuß hoch sein. Uttas sahen wir wenige; sie waren mit Erdwällen
+oder hölzernen Zäunen umgeben. Wir mußten am Eingange stets um die
+Erlaubniß des Eintrittes ansuchen. Ich litt heute sehr von der Hitze,
+da der größte Theil des Weges in der Sonne oder durch glühend heißes
+Alang-Alang ging. Der Thermometer zeigte vierzig Grad (Reaumur).</p>
+
+<p>In Si-Pijarajah brachte ich die Nacht wieder in einem Soppo zu. Ich
+wußte nie, welchen Wohnort ich wählen sollte, ob den Soppo oder das
+Haus des Rajah. Im ersteren war ich unausgesetzt wie auf offener Schau.
+Die Leute blieben nicht nur vor dem Soppo stehen, sie traten auch in
+denselben. Abends wurde Feuer angezündet, und man schwatzte bis tief in
+die Nacht. Jeder neu Hinzukommende wollte aus dem Munde meines Führers
+selbst vernehmen, „warum, woher ich käme u.&#8239;s.&#8239;w.“ Keiner traute den
+Ueberlieferungen seines Nachbars. Die Erscheinung einer Europäerin war
+ihnen zu außerordentlich, sie konnten sie nicht begreifen. Auch diese
+Barbaren thaten mir<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> die Ehre an, mich für ein außergewöhnliches Wesen
+zu halten. Viele unter den Neugierigen, die von andern Uttas gekommen
+waren, streckten sich gleich auf dem Platze nieder, wo sie saßen, und
+verschliefen da den Rest der Nacht.</p>
+
+<p>In dem Hause eines Rajahs hatte ich einst nicht geringere
+Unannehmlichkeiten. Die Weiber, in Gegenwart der Männer scheu und
+zurückgezogen, mit ihren Kindern fliehend wenn ich mich näherte,
+wurden, sobald ich allein in ihrer Mitte war, nicht nur gleich
+zutraulich, sondern so zudringlich, daß sie meine ganze kleine Habe
+forderten, die Kleidungsstücke nicht ausgenommen, die ich am Körper
+trug. Ich wußte nicht, wie ich mich ihrer erwehren sollte, denn der
+Anfang des Gebens wäre für sie das Signal des gewaltsamen Nehmens
+gewesen. Ich schob mein Ränzchen hinter mich und mußte einige Male
+die Weiber kräftig zurückweisen. Gewöhnlich zogen sie dann drohend
+und heftige Reden gegen mich ausstoßend ab. Ich hütete mich so viel
+als möglich allein mit ihnen zu sein. Unter den Männern war ich viel
+sicherer: sie gafften mich stundenlang an, schwatzten fortwährend über
+mich, verhielten sich aber im übrigen höchst anständig.</p>
+
+<p>Eine weitere Unannehmlichkeit in den Häusern war während des Tages
+die Dunkelheit, Abends, wenn die vier Feuer brannten, der Rauch; ich
+konnte die<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> Augen kaum öffnen. Auch sah ich hier so viel Schmutz und
+Unreinlichkeit, daß ich die mir gebotene Mahlzeit nur mit dem größten
+Ekel verzehrte. Der Reis wurde ungewaschen in den Topf geschüttet, der
+Topf selbst gleichfalls nicht gereinigt, da die Leute glauben, daß,
+wenn stets etwas Reis in dem Topfe zurückbleibe, es nie daran fehle.
+Morgens kochten sie Milch, in die sie Kräuter und Blätter warfen, um
+sie in Käse zu verwandeln. Sie preßten mit ihren schmutzigen Händen
+den Käse aus, schütteten die Molken über den Reis und vermengten dieß
+ebenfalls mit den Händen. Wurde für mich und meinen Führer ein Huhn
+getödtet, so rissen sie es in vier Theile, die sie ins Feuer warfen,
+wo dieselben gewöhnlich zu Kohlen verbrannten; die Eingeweide wuschen
+sie ein wenig aus und bereiteten sie für sich. Sie aßen alles was lebt,
+sogar Regenwürmer und alle Arten größerer Käfer. Ich konnte diese
+ekelhafte Gefräßigkeit um so weniger begreifen, als ich in allen Uttas
+Ueberfluß an Hornvieh, Geflügel, Schweinen, Reis u.&#8239;s.&#8239;w. sah.</p>
+
+<p>Die Weiber werden hier, wo möglich noch mehr als in Mandelling oder
+Ankola, wie Lastthiere betrachtet. Die Männer bauen nur die Häuser
+und pflanzen den Reis; fast alles übrige fällt den Weibern zu. Am
+meisten war ich erstaunt zu sehen, wie lange die Weiber die Kinder
+säugten und auf dem Rücken<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> trugen. Kinder von drei Jahren nahmen
+noch die Mutterbrust und stritten sich oft mit den jüngeren darum.
+Manches zweijährige kräftige Kind sah ich vom Spiele wegeilen, wenn
+es die Mutter gewahrte, und sich auf ihren Rücken hängen. Diese band
+es mittelst eines alten Tuches oder Sarongs fest und verrichtete mit
+dieser Last ihre Arbeiten. Morgens rissen Mütter oft große Kinder
+aus dem Schlafe, banden sich selbe auf den Rücken und begannen ihre
+Hausgeschäfte.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">13. August.</em> <em class="gesperrt">Silindong</em>, Groß Toba, zwölf Paal. Die
+erste Hälfte der Reise ging, wie gestern, durch wenig bevölkerte,
+hügelige Thäler; dann erstiegen wir einen niedrigen Gebirgskamm, und
+das überraschend schöne Silindong-Thal lag in seiner ganzen Größe zu
+unseren Füßen. Ich hatte bisher auf dieser Reise keine größeren Flächen
+als von einigen Paal Länge (das Lavas-Thal ausgenommen) gesehen. Hier
+erblickte ich eine Ebene, die gewiß über zwanzig Paal lang und acht
+Paal breit sein mochte; sie war von dem Padang-Toru in mehreren Armen
+durchschnitten und bewässert, und mit üppig grünen Reisfeldern bedeckt.
+Eine unzählige Menge kleiner Boskette lagen wie Blumen über den großen,
+grünen Teppich gestreut. Jedes Boskett barg, wie ich später sah, ein
+Utta.</p>
+
+<p>Bevor wir in das Thal hinab stiegen, bedeutete<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> mir Hali-Bonar, mich
+nicht von ihm zu entfernen und stets hinter seinen Rücken zu bleiben.
+Den Zug eröffneten seine sechs Lanzenknechte, dann kam er, dann ich,
+mein Führer und noch einige Leute von irgend einem Utta. An dem ersten
+Utta angekommen, gab es schon Anstände mit dem Weiterkommen. Ueberall
+war es bereits bekannt, daß ich im Lande sei und wohin ich gehen wolle.
+Vor jedem Utta, an dem mein Weg vorüber führte, standen die Männer
+versammelt, mit Lanzen und Parangs bewaffnet, und versperrten mir den
+Durchzug. Doch am Ende wußte Hali-Bonar die Leute stets zu bewegen,
+mich weiter gehen zu lassen.</p>
+
+<p>An einem Orte aber schien es ernster zu werden. Mehr als achtzig
+bewaffnete Männer standen am Wege und erwarteten uns. Als wir an ihnen
+vorüber wollten, verstellten sie den Weg, und in einem Augenblicke
+hatten viele Lanzenknechte einen Kreis um mich geschlossen. Die
+Leute sahen über alle Beschreibung wild und fürchterlich aus. Sie
+waren groß und kräftig, viele an sechs Fuß hoch, die Gesichtszüge
+leidenschaftlich bewegt, was sie noch viel häßlicher machte — das
+große Maul mit den hervorstehenden Zähnen glich wahrlich mehr dem
+Rachen eines wilden Thieres als einem menschlichen Munde. Sie schrieen
+und lärmten so auf mich los, daß, wäre ich mit dergleichen Scenen nicht
+schon vertraut gewesen, ich das äußerste hätte befürchten<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> müssen. Ich
+hatte zwar Angst — die Scene war zu entsetzlich — doch verlor ich
+nicht meine Geistesgegenwart und setzte mich, anscheinend ruhig und
+vertrauungsvoll, auf einen Stein, der am Wege lag. Einige Rajahs traten
+auf mich zu, mir mit Worten und Zeichen drohend, daß, wenn ich nicht
+umkehre, man mich tödten und verzehren würde. Die Worte verstand ich
+nicht; aber die Zeichen ließen mir keinen Zweifel, denn sie wiesen mit
+einem Messer an den Hals, mit den Zähnen an die Arme und bewegten die
+Zahnkiefer, als hätten sie den Mund schon voll von meinem Fleische. Ich
+war natürlich schon seit dem Eintritte in dieses Land auf solche Scenen
+gefaßt, und hatte zu diesem Zwecke einen kleinen Satz in ihrer Sprache
+gelernt. Mein Gedanke war, wenn ich etwas sagen könnte, was ihnen
+gefiele, was sie lachen machen würde, hätte ich einen großen Vortheil
+über sie, denn die Wilden sind wie die Kinder — eine Kleinigkeit ist
+oft hinreichend sie zu Freunden zu machen. Ich erhob mich also, klopfte
+dem Vordersten der sich am meisten an mich heran drängte, freundlich
+auf die Achsel und sagte mit heiterer, lächelnder Miene, halb Malaisch,
+halb Battakisch: „Ihr werdet eine Frau nicht tödten und auffressen, am
+wenigsten eine so alte wie ich bin, deren Fleisch schon hart und zähe
+ist.“ Durch Zeichen und Worte gab ich ihnen ferner zu verstehen,<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> daß
+ich keine Furcht vor ihnen hätte, daß ich bereit sei, meinen Führer
+zurück zu lassen und allein mit ihnen zu gehen; sie sollten mich nur
+bis <em class="gesperrt">Eier-Tau</em> führen. Glücklicherweise fingen sie an, über mein
+Kauderwelsch, über meine Pantomine zu lachen. Meine Furchtlosigkeit,
+mein Zutrauen gefiel ihnen — ich hatte gesiegt. Sie reichten mir die
+Hände, die Reihen der Lanzenknechte öffneten sich, und froh und heiter,
+im Gefühle der überstandenen Gefahr, setzte ich mit meinen Leuten die
+Wanderung fort. Wir kamen unbelästigt bis <em class="gesperrt">Tugala</em>, wo mich der
+Rajah Ompu-Soubun in seinem Hause aufnahm.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">14. August.</em> Nur sechs Paal zurückgelegt. Wiederholte wilde
+Scenen unterbrachen den Marsch. Nur mit der größten Mühe gelangte ich
+bis zu dem Rajah Ompu-nimar-longus, in dessen Utta ich diesen Tag und
+die Hälfte des folgenden bleiben mußte.</p>
+
+<p>Hier fanden meinetwegen große Berathungen statt. Jeden Augenblick
+kam ein neuer Rajah mit einer kleinen Anzahl Lanzenknechte an; bald
+war das Utta voll von Männern und Bewaffneten. In dem hohen Rathe
+wurde leider beschlossen, daß ich nicht weiter vordringen dürfe.
+So nahe am Ziele, nach so vielen glücklich überstandenen Gefahren
+und Mühseligkeiten umkehren — das war doch sehr hart! Nach der
+Beschreibung der Eingebornen war ich nicht mehr als<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> zehn bis zwölf
+Paal von dem See Eier-Tau entfernt. Ich hätte nur eine niedrige
+Hügelkette zu übersteigen gehabt und wäre an seinem Ufer gestanden. Sie
+sagten mir, daß sich „das große Wasser,“ wie sie den See nannten, weit
+ausbreite, daß das umliegende Land sehr fruchtbar und von mächtigen
+Völkern bewohnt sei, die unter der Regierung einer Königin stünden.
+Vergebens war mein erneuerter Antrag, meinen Führer zurückzulassen und
+allein mit einem ihrer Leute zu gehen, vergebens suchte ich sie durch
+Bitten zu bewegen, mich nur die Hügelkette ersteigen zu lassen, um doch
+wenigstens einen Blick auf den See werfen zu können. Sie erwiderten
+mir, daß sie mit den Battakern zu Eier-Tau beständige Uneinigkeiten
+hätten, und daß keiner von ihnen es wagen würde, mit mir dahin zu
+gehen. Sie versicherten mich, daß bisher noch kein Holländer (bei ihnen
+ist jeder Europäer ein Holländer) so weit gekommen sei wie ich, ohne
+feindlich behandelt, das heißt getödtet und aufgegessen worden zu sein.</p>
+
+<p>Später hörte ich, daß die Königin von Eier-Tau einen Friedensbund mit
+den Silindongern unter der Bedingung geschlossen hatte, keinem Fremden
+zu erlauben, bis an die Grenze ihres Landes vorzudringen. Was an der
+Sache wahr oder falsch war, konnte ich nicht ergründen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span></p>
+
+<p>Den folgenden Tag ward der Zulauf des Volkes noch stärker; es schien,
+als versammelten sich alle streitfähigen Männer des Thales; man
+sah nichts als Lanzen, Parangs, die viele aus der Scheide gezogen
+hatten, sogar einige sehr lange Gewehre. Das Ganze glich einer echt
+kriegerischen Scene, die ich mit großem Gefallen betrachtet hätte,
+wäre meine Lage weniger kritisch gewesen. Ich sah aus ihren Mienen
+und Geberden, daß alles mir galt, und konnte keinen Augenblick sicher
+sein, daß nicht einem oder dem andern die Lust ankäme, mich zu morden,
+denn so wie es nur einer Kleinigkeit bedarf, die Wilden zu Freunden
+zu machen, eben so bedarf es auch nur wieder einer Kleinigkeit, sie
+in die grausamsten Feinde zu verwandeln. Am unheimlichsten war mir
+der Gedanke, mich unter Kannibalen zu befinden. Ich begriff in solchen
+Augenblicken oft selbst nicht, woher ich den Muth genommen hatte, mich
+unter dieses Volk zu wagen.</p>
+
+<p>Während der Nacht war in dem Hause neben jenem des Rajah, bei dem ich
+wohnte, ein Weib gestorben; ich ging Morgens hin, um zu sehen, was mit
+der Leiche vorgenommen wurde. Sie lag ausgestreckt auf einer Matte und
+war in zwei Sarongs so eingeschlagen, daß man nur das Gesicht sah. Drei
+Weiber (wie man mir sagte, die Töchter der Verstorbenen) bewegten sich
+langsam um die Leiche, stießen<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> taktmäßig mit den Füßen auf den Boden,
+murmelten dabei einige Worte und kniffen sich mit den Nägeln in die
+entblößte Brust, bis hier und da etwas Blut zum Vorschein kam. Jeden
+Augenblick beugten sie sich über die Leiche und berührten sie. Die
+übrigen weiblichen Verwandten saßen an den Füßen der Todten und heulten
+von Zeit zu Zeit; der Mann saß abseits und zeigte eine sehr betrübte
+Miene. Vor dem Hause stand der Sarg, ein ausgehöhlter Baumstamm, der
+aber so schmal war, daß die Leiche mit aller Gewalt hinein gepreßt
+werden mußte. Die Leichen begraben sie gewöhnlich am Saume der Wälder
+oder in Gebüschen; in einem einzigen Utta sah ich ein Grab neben einem
+Hause.</p>
+
+<p>Im grellen Widerspruche zu den Umständen, welche die Leute mit den
+Verstorbenen machen, steht die Theilnahmslosigkeit, die sie für die
+Kranken haben. Ich sah in mehreren Uttas halb sterbende Geschöpfe, die
+sich mit größter Anstrengung über die kleine Hausleiter schleppten, um
+an die Sonne zu gelangen. Niemand sah nach ihnen, kein Mensch reichte
+ihnen Hilfe.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">15. August.</em> Gegen Mittag verließ ich mit meinen Begleitern das
+Utta. Man führte mich nun zurück, aber nicht auf demselben Wege, auf
+welchem ich gekommen war; im Gegentheile schleppte man mich im Zickzack
+von einem Utta zum andern; es war als<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> wollten mir die Battaker die
+Erlaubniß, ihr Land zu verlassen, noch schwerer ertheilen, als jene, es
+zu betreten.</p>
+
+<p>Die Uttas sind in diesem Thale mit acht Fuß hohen Erdwällen umgeben und
+mit so hohen und dichten Bambuspflanzungen umzäumt, daß man außerhalb
+derselben weder die Häuser noch die Wälle sieht. Manche sind noch
+überdieß von einer Wasserpfütze umgeben. Jedes Utta hat nur einen ganz
+schmalen Eingang mit einer Thüre, die Nachts geschlossen wird.</p>
+
+<p>Daß mein Leben, trotz meiner Verzichtleistung auf weiteres Vordringen
+und trotz des eingetretenen Rückwegs noch nicht in Sicherheit war,
+zeigte sich heute. Ein hoher, sehr wild aussehender Mann empfing uns,
+umgeben von bewaffnetem Volke, an dem Eingang eines Utta. Auch hier,
+wie Tags zuvor, schloß man einen Kreis um mich. Der Wilde sprach mit
+großer Heftigkeit und ließ meine Leute kaum zu Worte kommen, ja einmal
+sah ich das gelbliche Gesicht meines Führers noch mehr erbleichen und
+die Worte auf seinen Lippen ersterben. Mich selbst stieß der Wilde
+mehrmal an und bedeutete mir gebieterisch, ihm in sein Haus zu folgen;
+er faßte mich sogar einmal am Arme. Hali-Bonar winkte mir mit den
+Augen, nicht von seiner Seite zu weichen und ja nicht jenem zu folgen.
+Erst nach langen Erläuterungen und<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> lebhaftem Wortwechsel, erwirkte
+Hali-Bonar den Durchzug. Hier schien mein Leben nur an einem Haare
+gehangen zu haben.</p>
+
+<p>Als wir das Utta im Rücken hatten, hieß mich mein treuer Beschützer
+knapp vor ihm gehen; er mochte vielleicht befürchten, daß dieser
+blutdürstige Häuptling nachkommen und mir von rückwärts den Parang
+durch den Leib stoßen könnte. Auch befahl er uns, so schnell als
+möglich zu gehen. Wir liefen an fünf Stunden durch Wald und Alang
+unausgesetzt fort bis zu einem Utta, wo die Leute freundlicher und
+bereit waren, uns über Nacht aufzunehmen. Allein Hali-Bonar hielt
+die Entfernung noch nicht für groß genug, und weiter ging es auf
+beschwerlichen Kreuz- und Quer-Wegen. Erst spät Abends erreichten wir
+ein Utta, dessen Namen mir jedoch entfiel, denn auf der Rückkehr kamen
+wir durch so viele Uttas, daß ich ihre Namen nicht behalten konnte. Zu
+schreiben wagte ich nicht, um nicht für eine Spionin gehalten zu werden.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">16. August.</em> Diesen Morgen sah ich ein Mädchen aus einem der
+Häuser stürzen und sich heulend und weinend zur Erde werfen, als wäre
+ihr das größte Unglück begegnet. Dabei löste es ein Stück seines
+Schmuckes nach dem andern von Hals, Arm und Ohr, und wickelte alles
+sorgfältig in ein Tuch. Es sprang dann auf, lief ein Haus weiter, warf
+sich da<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> neuerdings unter Geschrei und Geheul nieder, raffte sich
+wieder auf und eilte in das Haus zurück, aus welchem es gekommen war.
+Ich hielt dieses Geschöpf für wahnsinnig; allein mein Führer sagte
+mir, daß es diesen Abend heirathen und daher allem Schmuck (Glasperlen
+und Messingringe) Lebewohl sagen müsse. Diesem Geschmeide weinte es
+bittere Thränen, während beim Abschiede vom elterlichen Hause das Auge
+vielleicht trocken bleibt! —</p>
+
+<p>Auch heute kamen wir nur wenig vorwärts. Von einem Utta ging es zum
+andern. Mitunter machten wir große Umwege, um irgend ein Utta zu
+vermeiden, dessen Bewohner, wie Hali-Bonar schon unterrichtet sein
+mochte, feindselig gegen uns gestimmt waren. Ich konnte nie erfahren,
+warum wir zurück nicht denselben Weg nahmen, auf welchem wir gekommen
+waren.</p>
+
+<p>In den Utta’s, in welchen man uns über Nacht aufnahm, wurden wir stets
+auch gastfreundlich bewirthet und erhielten nebst Reis manchmal Ubi
+(süße Kartoffeln) oder wohl gar ein Huhn, Morgens Tadi, die bereits
+beschriebene geronnene Milch. Das Huhn, die Ubi und den Tadi gab der
+Rajah, den Reis lieferte die Gemeinde. In jenen Utta’s aber, in welchen
+wir nicht gastlich aufgenommen wurden, hielt es oft schwer, einen Trunk
+Wasser zu erlangen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span></p>
+
+<p><em class="gesperrt">17. August.</em> Wie gestern und vorgestern von einem Utta zum andern
+gezogen, mehr oder minder freundliche Aufnahme gefunden.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">18. August.</em> Endlich war das schöne Thal <em class="gesperrt">Silindong</em>, dessen
+Anblick mir so viele Freude gemacht hatte, dessen Durchwandern von so
+gefährlichen, schrecklichen Scenen begleitet war, glücklich im Rücken.
+Alle Gefahr war zwar nicht vorüber, doch wenigstens der bei weitem
+größere Theil<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a>.</p>
+
+<p>Ich zählte auf dieser meiner Treibjagd durch das Silindong-Thal mehr
+als fünfzig Utta’s rings umher. Eben so viele, wenn nicht mehr, mögen
+noch weiter im Thale gelegen haben. Manche der Utta’s bestanden aus
+zwanzig bis vierzig Häusern, die kleinsten aus fünf bis sechs. In den
+großen Häusern zählte ich in den vier Ecken des Gemaches zwanzig bis
+fünfundzwanzig Personen (natürlich die Kinder mitgerechnet). Doch
+ist die Größe der Häuser nicht überall gleich, da in manchem nur
+eine Familie wohnt. Nimmt man, sehr gering gerechnet, auf jedes Utta
+durchschnittlich 150 Seelen an, so stellt sich für das ganze Thal eine
+Bevölkerung von<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> 15,000 Seelen heraus, eine Berechnung, die gewiß nicht
+übertrieben ist. Auf keiner Insel des Indischen Archipels, Java nicht
+ausgenommen, sah ich eine ähnlich bevölkerte und reichbepflanzte Gegend.</p>
+
+<p>Schade, daß gerade in diesem herrlichen Thale die Menschen so wild
+und kannibalisch sind. Ich fand die Leute im allgemeinen sehr groß und
+kräftig, was besonders von den Rajahs gilt, auf deren Wahl Größe und
+Stärke den meisten Einfluß haben sollen. Die Hautfarbe der Battaker ist
+lichtbraun oder bräunlichgelb. Die Männer tragen die Haare entweder
+lang und fliegend, oder halb abgeschnitten und wie Borsten von dem
+Kopfe abstehend. Männer und Weiber gehen in Sarongs gekleidet, die von
+schwarzer Farbe und mitunter an den Rändern mit Glasperlen besetzt
+sind. Ein mit Glasperlen besetzter Sarong kostet bis fünfunddreißig und
+vierzig Rupien. Die Männer tragen beständig eine Lanze und den Parang
+und verlassen selten das Haus ohne diese Waffen. Siri kauen, Tabak
+rauchen ist ihre Hauptbeschäftigung, der Mund ruht auch nicht einen
+Augenblick. Dies gilt eben so gut von den Weibern (die gleichfalls
+rauchen), ja sogar schon von den fünf- bis sechsjährigen Kindern. Ich
+glaube, die Kinder verwechseln hier die Mutterbrust mit der Cigarre und
+dem Siri. Ich sah Kinder von fünf Jahren, die ihre kleine Strohtasche
+mit allen Bestandtheilen für Siri und Cigarre<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> schon über den Schultern
+hängen hatten. Die Battaker sind, wie ich bereits bemerkt habe, über
+alle Maßen schmutzig und unrein. Der Sarong wird nie gewaschen, nie
+geflickt und nicht gewechselt, bis er in Stücken vom Leibe fällt. Sie
+baden sich wohl, d.&#8239;h. sie schütten Wasser über sich, ohne sich zu
+waschen und abzutrocknen, wie die Malaien, und damit ist alles gethan.
+Ihre Behausung, ihre Matten und Kochgeschirre werden nie gereinigt. In
+letztere greifen sie mit schmutzigen Händen, die Kinder nehmen daraus
+und halten sich darüber, wobei oft ein Theil der Nahrung aus dem Munde
+in den Topf zurückfällt. Zuweilen kömmt wohl auch ein Hund geschlichen
+und spricht den Töpfen verstohlen zu. Ich will nur eine Scene
+erzählen, die ich gesehen habe. Meine Leser werden sich vielleicht
+wundern, wie man Aehnliches niederschreiben kann; allein sie ist zu
+charakteristisch, um verschwiegen zu werden.</p>
+
+<p>Ich saß in einem Soppo neben einem Weibe, das mit Weben beschäftigt
+war und ein Kind von etwa zehn Monaten auf den Rücken gebunden hatte.
+Das Kind fing zu weinen an und die Mutter legte es an die Brust. Es
+mochte jedoch kurz zuvor mit einer guten Portion Reis vollgestopft
+worden sein, denn die Muttermilch war ihm zu viel — es entleerte sich
+von allen Seiten in der Mutter Schooß. Diese blieb gelassen<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> sitzen,
+rief einen Hund herbei, schlug den Sarong auseinander und ließ den Hund
+alles aufzehren. Sie hielt ihm dann das Kind von allen Seiten hin, daß
+er es rein lecke. Das Kind ward wieder auf den Rücken gebunden und das
+Weib fuhr in seiner Arbeit fort. Unter einem solchen Volke brachte ich
+einige Wochen zu, mit diesen Leuten mußte ich aus einer Schüssel essen!
+Man wird mir gern glauben, daß dieß das größte Opfer war, welches ich
+meiner Reiselust bringen konnte, daß ich alle übrigen Beschwerden und
+Mühseligkeiten, ja die Gefahren selbst, leichter ertrug, als diese
+unbeschreibliche Unreinlichkeit.</p>
+
+<p>Wir brachten die Nacht ungefähr sechs Paal von der Grenze des
+Silindong-Thales, in dem Utta Kaßan zu.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">19. August. Bolanahito.</em> Hier nahm ich Abschied von meinem
+wackeren Freunde Hali-Bonar, dessen kräftigem Schutze ich wohl mehr als
+einmal das Leben dankte. Es hieß nun abermals den Wald, die „Wüstenei“
+durchziehen, die als natürliche Grenze das Land der freien Battaker
+von den Holländischen Besitzungen trennt. Als letzten Dienst gab mir
+Hali-Bonar noch vier seiner Leute mit, die mich bis Danau begleiten
+sollten.</p>
+
+<p>20. und <em class="gesperrt">21. August</em>. Gewöhnt, wie ich es war, an alle Mühen
+und Entbehrungen, an Regen<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> und Hitze, an die ermüdendsten Märsche,
+überfiel mich dennoch fast ein Fieberschauer, als ich an den Wald
+gelangte, der fürchterlichen Wege, der Gefahren, der schlaflosen Nacht
+gedachte, die ich das erstemal da zugebracht hatte. Doch glücklich
+kamen wir Abends am zweiten Tage zu Danau an, wo mich die Leute mit
+großer Freude und Herzlichkeit begrüßten. Jeder drängte sich an mich,
+mir die Hand zu drücken. Sie wiederholten einstimmig, daß sie nicht
+gedacht hatten, mich wiederzusehen.</p>
+
+<p>Auf dieser Reise unter den Battakern hatte ich stets nach dem
+Kampferbaume gefragt, der, wie man mir sagte, im Norden Sumatras bis
+zu einer Höhe von 120 Fuß vorkommen soll. Man zeigte mir einige, die
+aber kaum 70 Fuß haben mochten. Der Kampfer sitzt zwischen der Rinde
+und dem Baste. Die Rinde wird abgelöst und der Kampfer mittelst eines
+großen Besens herabgekehrt; dieß muß mit großer Sorgfalt geschehen,
+denn wenn der Besen zu tief eingreift, geht der Baum zu Grunde. Manche
+hauen den Baum um, um für den Augenblick mehr Kampfer zu gewinnen. Der
+stärkste Baum liefert auf die erste Art höchstens ein Pfund Kampfer,
+auf die letztere das doppelte. Der Pikul dieses Kampfers kostet
+sechs- bis zehntausend Rupien. Er kommt als Arznei in<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> dem Handel gar
+nicht vor<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a>, da ihn die Chinesen begierig aufkaufen, von diesen die
+Japanesen, welche ihn mit dem Japanischen Kampfer vermengen und zur
+Bereitung ihres durch seine außerordentliche Feinheit bewährten Lacks
+verwenden. Als Arznei soll der Kampfer von Sumatra um nichts besser
+sein, als jener von Japan oder China.</p>
+
+<p>Sago-Palmen sah ich ziemlich viele in Sumatra’s Waldungen; sie sollen
+aber viel weniger Mark enthalten als jene auf den Molukken, wo ihr
+eigentliches Vaterland ist.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">22. August.</em> In Danau ließ ich meinen Führer zurück, der mir wo
+möglich noch unausstehlicher war, als jener von Sarawak. Ich forderte
+nur einen Kulli, um mein kleines Gepäck zu tragen; man wies mir einen
+zehnjährigen Knaben an. Ich weigerte mich das Kind zu nehmen und wich
+nicht vom Platze, bis mich mein Führer mit einem kräftigeren Träger
+versehen hatte. Kaum aber waren wir einen Paal im Walde, so kam der
+Junge nachgelaufen, der Träger setzte mein Ränzchen ab und ging davon.
+Dieß war, wie mir der Junge sagte, zwischen dem Träger und meinem
+Führer so abgemacht. Ich erwähne diese Geringfügigkeit nur, um zu
+zeigen, wie man oft mit den Führern<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> hintergangen und der Willkür und
+Bosheit derselben ausgesetzt ist. Ich beschwerte mich wohl, als ich zu
+Herrn Hammers zurückkam, über die schlechten Dienste jenes Mannes. Ich
+hatte ihn auch sehr im Verdachte, daß er Ursache war, warum man mich
+nicht bis Eier-Tau ließ, und ich vermuthe, er hat die Leute ersucht mir
+Hindernisse in den Weg zu legen, damit es schneller an die Heimkehr
+ginge. Allein was nützten meine Klagen! Der Mensch hütete sich wohl
+während meiner Anwesenheit zum Vorscheine zu kommen. Erst lange nachdem
+ich fort war, ließ er sich sehen und gab vor, in Folge der großen Mühen
+in Danau schwer erkrankt gelegen zu haben.</p>
+
+<p>Ich ging diesen Tag bis <em class="gesperrt">Sipirok</em>, wo die Fußreise ein Ende
+hatte. Im Ganzen war ich an 150 Paal gegangen, was auf guten Wegen
+gerade nicht so anstrengend gewesen wäre; so aber war es einer wahren
+Herkules-Arbeit zu vergleichen.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">23. August.</em> <em class="gesperrt">Padang-Sidimpuang.</em> Nachmittags vier Uhr kam
+ich glücklich aber ausgehungert bei Herrn Hammers an, — ich hatte
+seit gestern drei Uhr nicht die geringste Nahrung gesehen. Meine
+erste Bitte war um eine Tasse Kaffee mit guter Büffelmilch und um ein
+tüchtiges Stück Brot. Man kann sich gar keine Vorstellung machen von
+dem angenehmen Gefühle, das ich empfand, als ich mich wieder in voller<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span>
+Sicherheit sah, mich an eine reinliche Tafel mit guten Gerichten
+setzte, in ein herrliches Bett zur Nachtruhe ging. Wer keine Mühen
+und Gefahren ausgestanden hat, vermag das Gute nie in solchem Maße zu
+schätzen und zu würdigen.</p>
+
+<p>Ich verweilte einige Tage bei Herrn Hammers, und auch auf dem Wege
+nach Fort de Kock ruhte ich hie und da einen Tag aus. Erst am <em class="gesperrt">9.
+September</em> traf ich sehr leidend in Fort de Kock ein, wo ich in ein
+heftiges Fieber fiel. Allein der trefflichen Pflege der liebenswürdigen
+Gemahlin des Residenten, der ärztlichen Hilfe und meiner guten,
+wirklich unzerstörbaren Natur, hatte ich es zu danken, daß ich bald
+wieder hergestellt war. Die Sumatra-Fieber (Wechselfieber) sind sehr
+hartnäckig und bösartig, wie es die Folge leider auch an mir zeigte.
+Man verliert sie oft Jahre lang nicht; sie gehen häufig in Auszehrung
+und andere Krankheiten über und sind vielen sogar tödtlich.</p>
+
+<p>Kaum fühlte ich meine Gesundheit zurückgekehrt, so richteten sich meine
+Gedanken schon wieder auf einen kleinen Ausflug. Doktor <em class="gesperrt">Bauer</em>,
+ein Deutscher, ausgezeichnet durch seine medicinischen und botanischen
+Kenntnisse, war zu <em class="gesperrt">Paya-Kombo</em> stationirt. Ich wollte die
+Bekanntschaft dieses Mannes machen und<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> zugleich diese Gegend Sumatras
+sehen, die einen ganz eigenthümlichen Charakter haben soll.</p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">18. September</em> saß ich wieder zu Pferde und ritt
+zweiundzwanzig Paal nach <em class="gesperrt">Paya-Kombo</em>. Das wellenförmige Hügelland
+verschwindet allmählig und gibt schönen Thälern, großen Ebenen
+Raum. Herrliche Gebirgsketten steigen in mehrfachen Reihen auf: der
+<em class="gesperrt">Merapi</em>, der <em class="gesperrt">Singallang</em>, die höchsten, der <em class="gesperrt">Sago</em>,
+minder hoch, aber seiner besonderen Form wegen in die Augen fallend.
+Sein Sattel zieht sich ziemlich in die Länge, viele Felskuppen und
+Felsparthieen zieren ihn und bewirken einen schönen Kontrast zu den
+üppigen Waldungen, die seine Nachbarn bekleiden.</p>
+
+<p>Wahrhaft pittoresk wird die Gegend in der Nähe des Kampon <em class="gesperrt">Titti</em>.
+Einzelne Felsstücke, bedeutende Felsgruppen liegen wie auf die Ebene
+geworfen, — welch fürchterliche Revolution mag sie von den Bergen so
+weit weggeschleudert haben!</p>
+
+<p>Unfern von Titti stürzt sich der <em class="gesperrt">Pattang-Agam</em> wild brausend und
+schäumend durch einen tiefen, engen Felsspalt. Eine hoch gemauerte
+Brücke führt darüber, welcher gegenüber sich eine wunderbar malerische
+Felsgruppe, theilweise mit schönen Gewinden von Schling-Gewächsen
+und anderen Pflanzen übersponnen<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> aufthürmt. Lange weilte ich auf
+der Brücke, um das grause Bild des tobenden Stromes, die ruhig milde
+Landschaft um mich her, die Gebirgswelt in der Ferne mit einem Blicke
+zu überschauen.</p>
+
+<p>Die letzten Paal von Paya-Kombo geht es unausgesetzt zwischen Alleen
+von Kokospalmen, viele Kampons liegen am Wege oder in den umliegenden
+Reisfeldern. Die ganze Gegend vom Fort de Kock bis Paya-Kombo ist sehr
+belebt und reich kultivirt.</p>
+
+<p>Dieser kleine Ausflug machte einen höchst angenehmen Eindruck auf mich,
+alles, was mich umgab, war lieblich — eine Landschaft in rosigem
+Lichte.</p>
+
+<p>Zu Paya-Kombo stieg ich bei Dr. <em class="gesperrt">Bauer</em> ab. Auch er hatte schon
+manches von mir gehört; wir waren uns daher gegenseitig nicht fremd.
+Die Tage, die ich in dieses hochgebildeten Mannes Gesellschaft
+zubrachte, werden mir unvergeßlich bleiben.</p>
+
+<p>Ich fand bei Dr. Bauer zufällig einen zweiten Deutschen, Lieutenant
+Freiherrn <em class="gesperrt">von Bülow</em>, der von <em class="gesperrt">Fort de Kapellen</em> auf Besuch
+gekommen war. Wir sprachen viel von den Naturschönheiten Sumatra’s.
+Unter anderem kam die Rede auch auf den Merapi, seine Krater und seine
+schönen Aussichten. Herr von Bülow, der Berg und Krater schon oft
+besucht hatte, machte uns davon eine so reizende Schilderung, daß wir
+sogleich den Entschluß faßten, ihn<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> gemeinschaftlich zu besteigen.
+Herr von Bülow ritt denselben Tag nach Fort de Kapellen, um den
+Assistent-Residenten Herrn <em class="gesperrt">Netscher</em> zu ersuchen, auf dem Berge
+eine kleine Laubhütte für unser Unterkommen errichten zu lassen.</p>
+
+<p>Am nächsten Tag verweilte ich noch zu Paya-Kombo, den folgenden
+Tag, <em class="gesperrt">20. September</em>, ritten wir, Dr. Bauer und ich, nach
+Fort de Kapellen, auf Malaisch <em class="gesperrt">Pagar-udjong</em>, im Distrikte
+<em class="gesperrt">Tanar-Dater</em>, zwanzig Paal.</p>
+
+<p>Herr Netscher nahm mich nicht nur auf die freundlichste Weise bei
+sich auf, er war auch so überaus gefällig gewesen, den Rajah von
+<em class="gesperrt">Sungi-djambu</em> zu ersuchen, die auf den Berg führenden Pfade ein
+wenig in Ordnung bringen, so wie auf halber Höhe die erwähnte Laubhütte
+errichten zu lassen.</p>
+
+<p>Abends machten wir einen Spaziergang nach dem Kampon
+<em class="gesperrt">Pugger-zuijong</em>, in welchem mehrere große Steine mit eingehauenen
+Inschriften liegen, die bisher noch von niemandem entziffert werden
+konnten. Mich erinnerte die Form dieser Steine an die Runensteine, die
+ich in Island und Norwegen gesehen hatte.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">21. September.</em> Von Fort de Kapellen konnten wir noch sieben
+Paal reiten bis an die Kaffeegärten, die an den Abhängen des Merapi
+angepflanzt sind. Unterwegs verweilten wir einige Zeit in dem<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span>
+Kampon Sungi-djambu, der gleich jenem von <em class="gesperrt">Kotto-Godong</em> seiner
+Wohlhabenheit wegen bekannt ist. Ich fand hier, wie dort, die Häuser
+mit Oelfarben angestrichen, mit Holzschnitzwerk geziert, und bei den
+Bewohnern schwerseidene Sarongs, Kopftücher mit Gold durchwirkt und
+viel echtes Geschmeide. Wir mußten bei dem Rajah ein kleines Mahl
+einnehmen.</p>
+
+<p>Bei den Kaffeegärten, die so wie die Wege besonders gut angelegt und
+gehalten waren, begann die Fußreise. Ein schöner Steig, zum Theil für
+uns ausgebessert, führte bis zur neugeschaffenen Hütte, die so bequem
+und solid gemacht war, als sollte sie für Monate und nicht für Tage
+dienen. Mehr als siebzig Menschen hatten gestern und heute am Steig und
+an der Hütte gearbeitet; sie waren, als wir anlangten, noch im vollen
+Schaffen begriffen. Jeder von uns fand sein eigenes, winzig kleines
+Schlafkämmerchen. Da Herr von Bülow Diener, Koch, Lebensmittel u.&#8239;s.&#8239;w.
+vorausgesandt hatte, so erfrischten wir uns sogleich an Speise und
+Trank.</p>
+
+<p>Die Reise ging diesen Tag nicht weiter; dessen ungeachtet gönnten wir
+uns aber nicht die geringste Ruhe. Wir suchten Blumen und Insekten,
+wir kletterten auf freie Punkte, um die Gegend zu überschauen.
+Die dreifache Gebirgskette, welche Sumatra von Süden nach Norden
+durchschneidet, lag mit allen ihren merkwürdigen<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> pittoresken Spitzen
+und Zacken, Kuppen und Einsenkungen vor uns aufgedeckt. Die klare
+Spiegelfläche des <em class="gesperrt">Sinkara-Sees</em><a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a> schimmerte gleich einem
+Silberflor aus der Mitte des ihn umgebenden Hügelkranzes, das Meer
+begrenzte in weiter Ferne den wolkenlosen Himmel, und große, fruchtbare
+Thäler breiteten sich aus zwischen Berg, Hügel und Meer. Lange hielt
+uns dieses Rundgemälde fest gebannt, wir waren so in der Anschauung
+von Gottes schöner Natur vertieft, daß jedes Wort auf unsern Lippen
+erstarb. Die Natur selbst schien uns in der Betrachtung, in der
+Bewunderung nicht stören zu wollen: kein Laut schlug an unser Ohr, kein
+Lüftchen bewegte sich. Zu früh erstarb der letzte Strahl der Sonne,
+zu schnell verblich ein Gegenstand nach dem andern in der schnell
+heranrückenden Dämmerung.</p>
+
+<p>Als sich die Nacht gänzlich herabgesenkt hatte, ward ein tüchtiger
+Holzstoß angezündet, um Herrn Netscher unsere Anwesenheit auf der Höhe
+kund zu machen. Nach kurzer Zeit loderte auch in der Tiefe ein Feuer
+als Antwort auf.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">22. September.</em> Nur drei- bis viertausend Fuß hatten wir heute zu
+steigen — eine geringe Mühe, hätte sich ein Pfad hinauf geschlängelt;
+allein so weit<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> konnte die Arbeit in diesen zwei Tagen nicht gefördert
+werden. Es galt daher steil aufgethürmte Stein- und Erdwälle zu
+erklimmen. Zuerst kamen wir an einen Krater, der schon lange ausgetobt
+haben mochte — seine Tiefe schlief ruhig unter einer Wasserdecke.
+Dr. Bauer sah an dem Wassersaume einige Blumen und wäre gerne hinab
+geklettert; allein die Wände fielen etwas zu steil ab, waren mit losem
+Gerölle bedeckt und die Führer versicherten uns, daß ohne Stricke und
+Leitern an ein Hinabsteigen nicht zu denken sei.</p>
+
+<p>Ein zweiter Krater von bedeutendem Umfange, doch nicht tief, lag in
+einiger Entfernung vom ersten. Auch dieser war schon lange erstorben;
+aber gewaltig mag einst die Wuth und Kraft seiner Elemente gewesen
+sein, denn weit und breit war alles mit großen Steinen überdeckt. Noch
+wagte es beinahe kein Grashalm, keine Blume in dieser ausgebrannten
+Werkstätte Wurzel zu fassen.</p>
+
+<p>Endlich gelangten wir an den Hauptkrater. Ich hatte schon viele
+Krater, besonders auf Island gesehen; aber keiner ließ sich mit diesem
+vergleichen. Eine regelmäßigere, man könnte sagen, kunstgerechtere
+Trichterform, als die Natur hier gebildet hat, kann sie nicht mehr
+schaffen. Die Tiefe, die der Krater im gegenwärtigen Augenblicke
+hatte, mochte 400 Fuß betragen, der obere Durchmesser 300 Fuß. Aus
+zwei Oeffnungen<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> steigen unausgesetzt dicke, schwarze Rauchsäulen. Ein
+beständiges Zischen und Brausen verrieth die große Thätigkeit des nie
+ruhenden Feuerheerdes. An ein Hinabklettern war nicht zu denken: wir
+mußten uns damit begnügen, diese großartige Naturscene von dem Rande zu
+betrachten. Der Krater liegt 8500 Fuß hoch.</p>
+
+<p>Wir hielten uns lange bei jeder Gelegenheit auf und kamen erst spät
+nach unserer Laubhütte zurück, viel zu spät, um noch nach Fort de
+Kapellen gehen zu können; wir blieben also auch diese Nacht auf der
+Höhe und gaben, wie gestern, der Gesellschaft zu Fort de Kapellen durch
+Anzünden eines großen Feuers unser Dasein kund<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a>.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span></p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">23. September</em> waren wir früh Morgens auf Fort de Kapellen und
+am folgenden Tag ritt ich, ohne Paija-Kombo zu berühren, in gerader
+Richtung nach Fort de Kock.</p>
+
+<p>Ich sah auf diesem Ritte eine seltsame Naturerscheinung, die
+hauptsächlich nur Sumatra eigen sein soll. Ein weißer, undurchdringlich
+dicker Nebel lag über einer Fläche und deckte dermaßen alles, daß nicht
+der geringste Umriß irgend eines Gegenstandes durchschien. Man könnte
+wetten, einen See vor sich zu sehen, so ruhig und silberweiß ist der
+Nebel und so scharf abgegrenzt. Ich wußte, daß ich ein Nebelmeer vor
+mir hatte und wollte es doch nicht eher glauben, bis ich hinein ritt.
+Diese Nebel bleiben viele Stunden unbeweglich liegen.</p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">30. September</em> verließ ich Fort de Kock, um nach Padang zurück
+zu kehren. Ich änderte jedoch unterwegs meinen Entschluß und machte
+einen Abstecher nach <em class="gesperrt">Priaman</em> und <em class="gesperrt">Tiku</em> an die See, um<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span>
+meine noch sehr unbedeutende Fischsammlung zu vermehren.</p>
+
+<p>Fünf Paal von Priaman führt eine 360 Fuß lange, gedeckte Brücke über
+den <em class="gesperrt">Mangui</em>; diese Brücke ist die längste auf Sumatra.</p>
+
+<p>In Priaman stieg ich bei dem Assistent-Residenten Herrn <em class="gesperrt">Godin</em>
+ab, ritt aber gleich den folgenden Tag weiter nach Tiku (24 Paal), mit
+der Hoffnung, eine reiche Ernte zu machen. Beständiges Regenwetter
+verdarb mir jedoch nicht nur die Ernte, sondern überhaupt den ganzen
+Ausflug, der mir bei schönem Wetter gewiß großes Vergnügen gemacht
+hätte, denn das Land war angenehm; viele Kokos-Alleen umschatteten
+schöne Wege, und zahlreiche, sehr reinliche Kampons belebten sie. Ich
+fand keine Gegend auf Sumatra, das Thal Silindong ausgenommen, so
+bevölkert, wie diese längs des Seegestades.</p>
+
+<p>Die Weiber hatten hier die Ohrläppchen mehr durchlöchert als irgendwo.
+Ich war stets froh, diese häßliche Zierde mit einer Messingplatte
+oder einer Holzscheibe verdeckt zu sehen. Leider muß das weibliche
+Geschlecht auch hier mit der Heirath allem Schmucke und somit dieser
+dem Auge wohlthuenden Messingplatte oder Holzscheibe entsagen.</p>
+
+<p>Nachdem ich zwei Tage vergebens auf besseres Wetter gewartet hatte,
+ritt ich unter Regen wieder<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> nach Priaman. Ich mußte nun bald an meine
+Rückkehr nach Padang denken, um das Dampfboot nicht zu versäumen, das
+jeden Monat nach Batavia geht. Ich blieb daher zu Priaman ebenfalls nur
+zwei Tage.</p>
+
+<p>Herr Godin brachte mir das große Opfer, mich unter dem heftigsten
+Regen nach einem nahen, kleinen Eilande zu begleiten, welches Priaman
+gegenüber liegt. Wir gingen in die See und suchten mehrere Stunden
+hindurch zwischen den Riffen und Korallen nach Fischen und Crustaceen;
+zuletzt kamen wir von Wasser triefend, zitternd vor Kälte, aber auch
+reich beladen nach Hause. Obwohl ich mich Abends etwas unwohl fühlte,
+hielt mich dies doch nicht ab, den Besuch nach diesem Eilande, das
+meiner Sammlung so reiche Beträge lieferte, am nächsten Tage zu
+wiederholen<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[10]</a>.</p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">7. Oktober</em> langte ich in Padang an. Unterwegs erfaßte mich
+ein so heftiges Fieber, daß ich Wellkom nicht mehr erreichen konnte
+und in Padang<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> selbst die höchst erfreuliche Einladung des Herrn van
+<em class="gesperrt">Genepp</em>, in seinem Hause abzusteigen, mit vielem Danke annahm.
+Freundliche, sorgfältige Pflege, für welche ich dieser liebenswürdigen
+Familie aus vollem Herzen danke, und ärztliche Hilfe bekämpften auch
+hier wie auf Fort de Kock das Fortschreiten meiner Krankheit, und als
+nach acht Tagen das Dampfschiff nach Batavia segelte, war ich schon so
+weit hergestellt, um mitzugehen.</p>
+
+<p>Ich habe auf Sumatra an 700 Paal zu Pferde und 150 zu Fuße gemacht. An
+allen Orten wurde ich von den Holländischen Beamten und Officieren auf
+die gastfreundlichste und liebevollste Weise aufgenommen, ich mochte
+mit oder ohne Empfehlungsbrief kommen. Man half mir überall fort, man
+gab mir Leute und Pferde — mit einem Worte alles was ich benöthigte.</p>
+
+<p>Sowohl in Hinsicht der herrlichen Naturscenen, die ich gesehen, der
+interessanten Ereignisse, die ich erlebt, als auch wegen der überaus
+zuvorkommenden Aufnahme, die ich bei den Europäern gefunden, gehört
+diese Reise zu meinen liebsten und schönsten Erinnerungen.</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Auch in den Battaker-Ländern hat jedes Utta seinen Rajah.
+Dieser vielen Rajahs wegen ist das Reisen so beschwerlich; alle
+Augenblicke muß man den Schutz eines neuen zu erhalten suchen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Einige Zeit später begaben sich drei Französische
+Missionäre in das unabhängige Battaker-Land. Während ich bis Klein- und
+Groß-Toba vorgedrungen war, kamen sie nur bis Tapanola. Sie wurden von
+den Kannibalen erschlagen und unter großen Freudenfesten verzehrt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> Ganz Sumatra liefert, wie bereits erwähnt, jährlich
+höchstens zwei Pikul.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Dieser See ist 15 Paal lang, 5 Paal breit, und liegt 1300
+Fuß über der Meeresfläche.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> Dr. Bauer erlaubte mir bereitwilligst, Folgendes über die
+Vegetation auf dem Merapi aus seinem Tagebuch zu entnehmen.</p>
+
+<p>„Die sich bald verlierende Kokospalme wird durch die Arengpalme (aus
+der man den Suri und braunen Zucker gewinnt) ersetzt. Die etwas tiefer
+häufigen Feigenbäume kommen allmählig seltener vor. Die rauhblätterigen
+Teraströmiaceen (<span class="antiqua">Saurauja</span>) mögen zuerst den Beginn der
+Bergvegetation bezeichnen. Später traten die schöne, unten an den
+Blättern weiße Nessel <span class="antiqua">Urtica nivea Bl.</span>, noch später herrliche,
+rothe und gelbe Balsaminen auf. Die parasitischen Orchideen sind
+seltener als auf Java. In einer Höhe von 2500 bis 4000 Fuß sieht man
+viele Eichen und Kastanien, deren Früchte den Europäischen bald mehr
+bald minder gleichen. Die Laurineen (Lorbeergewächse) und die Rubiaceen
+scheinen hier so zahlreich wie auf Java zu sein; dagegen vermißt man
+die schöne, dort einheimische Rasamala (<span class="antiqua">Liquidambar Altingiana</span>).
+Reich vertreten sind die Aroideen, Scitamineen, Acanthaceen,
+Araliaceen, Sapindaceen, Meliaceen, Terebinthiaceen und Leguminosen. —
+In einer Höhe von etwa 6800 Fuß beginnt die, der Javanischen ähnliche
+Alpenflora. Man sieht vor allem das zierliche <span class="antiqua">Rhododendron retusum
+Benn.</span> und viele schöne Arten von <span class="antiqua">Gautiana</span>, <span class="antiqua">Thibaudia</span>
+oder <span class="antiqua">Agapetes</span> u.&#8239;a. <span class="antiqua">Graphalium</span> und verschiedene neue
+Arten von Synanthereen zeigen sich bis hoch hinauf.“</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[10]</a> Schon bei meinem frühern Aufenthalte in Batavia hatte ich
+das Vergnügen, die Bekanntschaft des Herrn Doktor <em class="gesperrt">Blecker</em> zu
+machen, der unter die ersten Ichthyologen unserer Zeit zu zählen ist.
+Herrn Bleckers Sammeln beschränkt sich hauptsächlich auf Indien; er hat
+in dieser Beziehung gewiß die reichste Sammlung, die bisher besteht.
+Ich war so glücklich, ihm mehrere neue Gegenstände von Borneo, Sumatra
+und von den Molukken zu bringen. Er beschenkte mich dagegen reichlich
+mit Fischen von Java und andern Plätzen.</p>
+
+</div>
+
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe6" id="p101_ende">
+ <img class="w100 padtop1" src="images/p101_ende.jpg" alt="" data-role="presentation">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Neuntes_Kapitel">Neuntes Kapitel.</h2>
+
+</div>
+
+<p class="s5 hang2 mbot2">Java. — Samarang. — Die Schlammquellen von Grobogan. — Besuch
+der freien Fürstenthümer Djogokarta und Surukarta. — Der Tempel
+Boro-Budoo. — Die heilige Schildkröte. — Audienz bei dem Sultan. —
+Solo. — Fürstliches Leichenbegängniß. — Audienz bei dem Susuhunan.
+— Rückkehr nach Samarang. — Reise nach Surabaya.</p>
+
+<p><img class="illowe1_2 mbot-0_5" src="images/p102_init.jpg" alt="I">n Batavia angekommen wollte ich die Güte des Residenten Herrn van Rees
+nicht mißbrauchen und stieg bei der Familie des Herrn Obrist Steuerwald
+ab.</p>
+
+<p>Meines Bleibens war aber nicht lange; ermuthigt durch die gute
+Aufnahme, die ich auf Java und Sumatra gefunden, durch die
+Bereitwilligkeit, mit welcher man mir überall das Reisen so viel als
+möglich zu erleichtern gesucht hatte, wünschte ich nun auch das Innere
+Javas, so wie Celebes, die Molukken u.&#8239;s.&#8239;w. zu besuchen.</p>
+
+<p>Es gibt auf Batavia zwei Dampfschifffahrts-Gesellschaften,
+deren Schiffe alle Inseln und etwas bedeutenderen Punkte der
+Holländisch-Indischen Besitzungen<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> berühren. Ich ging zu den Direktoren
+beider, den Herren <em class="gesperrt">Cores de Vries</em> und <em class="gesperrt">Fraser</em>, um sie zu
+ersuchen, mir die Ueberfahrtspreise etwas billiger zu stellen. Wer
+stellt sich meine Ueberraschung, meine Freude vor, als mir die Herren
+die Erlaubniß ertheilten, von ihren Schiffen unentgeldlich überall,
+wohin sie gingen, Gebrauch zu machen<a id="FNAnker_11" href="#Fussnote_11" class="fnanchor">[11]</a>!</p>
+
+<p>Schon am <em class="gesperrt">18. November</em> verließ ich wieder Batavia auf der
+„Königin der Niederlande,“ Kapitän Chevalier, mit der Bestimmung für
+<em class="gesperrt">Samarang</em> auf der Ostküste Java’s (210 Meilen). Wir hatten
+herrliches Wetter und legten die Reise in 37 Stunden zurück. Das
+Land verloren wir selten aus dem Gesicht. Es<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> breitete sich als
+unübersehbare Ebene längs dem Seegestade aus; erst nahe bei Samarang
+kam wieder ein Theil der Gebirgswelt zum Vorschein, dabei der 5000 Fuß
+hohe <em class="gesperrt">Ungarang</em>.</p>
+
+<p>In Samarang fand ich bei Dr. <em class="gesperrt">Schmitz</em> die herzlichste Aufnahme.
+Er wie seine Gemahlin waren Deutsche, hatten mir, der ihnen ganz
+Fremden, nach Batavia geschrieben und mich in ihr Haus eingeladen für
+den Fall, daß mich mein Weg nach Samarang führe. Von der Frau hatte ich
+schon viel in Batavia als von einer ausgezeichneten Sängerin sprechen
+gehört.</p>
+
+<p>Die Stadt Samarang liegt in einer sehr fruchtbaren Ebene und ist von
+prachtvollen Alleen von Tamarinden-Bäumen umgeben, die hier zu einer
+seltenen Höhe und Ueppigkeit gelangen. Die Europäer wohnen auch hier,
+wie zu Batavia, außerhalb der Stadt.</p>
+
+<p>Zu den ausgezeichnetsten Gebäuden gehört das Haus des Residenten<a id="FNAnker_12" href="#Fussnote_12" class="fnanchor">[12]</a>.
+In früheren Zeiten, als auch auf der Ostküste Java’s ein Gouverneur
+residirte, war es dessen Palast. Ein großer, schöner Garten umgibt es.</p>
+
+<p>Nach diesem Gebäude ist das Hospital, die ehemalige Wohnung des
+Residenten, zu erwähnen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span></p>
+
+<p>Ich besuchte die Hospitäler beinahe in allen Holländischen
+Niederlassungen und fand sie überall, selbst in den kleinsten
+Orten, ausgezeichnet, vollkommen gut eingerichtet und die Kranken
+trefflich gehalten. Ich müßte von jenen herrlichen Anstalten nur
+immer wiederholen, was ich von der ersten geschrieben habe. In
+dieser Hinsicht scheinen mir die Holländer alle übrigen Nationen zu
+übertreffen.</p>
+
+<p>In der erwähnten Anstalt hatten es die Irrsinnigen vorzüglich gut:
+sie wohnten zu vier oder sechs gemeinschaftlich in hohen, geräumigen
+Zimmern. Als ich in ihre Abtheilung kam, hatte ich gar keine Ahnung,
+mich unter Irren zu befinden. Früher wurden die Unglücklichen bei
+starken Ausbrüchen gebunden; unter der Leitung des Dr. Schmitz hat
+diese Behandlung aufgehört. Er bestraft sie wie ungezogene Kinder und
+beschränkt sie auf einen oder mehrere Tage in der Kost, was stets den
+besten Erfolg hat.</p>
+
+<p>Das Merkwürdigste in der Residentschaft Samarang sind die aufbrodelnden
+Schlammquellen in der Nähe des Districtes <em class="gesperrt">Grobogan</em>. Herr
+Resident <em class="gesperrt">Potter</em> gewährte mir Postpferde dahin (66 Paal), Frau
+Schmitz war so liebenswürdig, mich zu begleiten, und gut ausgerüstet
+verließen wir am 22. November Samarang.</p>
+
+<p>Man kann leicht in einem Tage nach Grobogan<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> kommen; da aber unterwegs
+zu <em class="gesperrt">Pennwangan</em> (36 Paal) eine bedeutende Tabakfabrik lag, mit
+deren Inhaber, Herrn <em class="gesperrt">Klein</em>, Frau Schmitz bekannt war, fuhren wir
+am ersten Tage nur bis dahin. Herr Klein zeigte uns die ganze Anstalt.
+Der Tabak ist auf Java nicht gänzlich Monopol; man ist nicht gezwungen,
+ihn gegen festgesetzte Preise an die Regierung zu liefern. Man miethet
+nur die Ländereien auf zwanzig Jahre von ihr, mit welchem Pachte
+zugleich das Recht auf eine gewisse Anzahl Arbeiter zu bestimmten
+Preisen verbunden ist.</p>
+
+<p>Herr Klein hat auf den von ihm gepachteten Ländereien acht große
+Trockenhäuser von Holz aufgeführt, jedes 750 Fuß lang, 106 breit und
+42 hoch. Die Tabaksblätter werden hier nicht gepflückt, sondern die
+Pflanze wird an dem Stengel abgeschnitten und so aufgehangen. Wenn
+die Blätter trocken sind, werden sie abgenommen, in große Haufen
+aufgeschichtet und so lange liegen gelassen, bis sie durch ihre eigene
+Wärme zu gähren beginnen. Die Verfertigung der Cigarren ist höchst
+einfach. Die großen, schönen Blätter werden mit feinem Reiskleister
+bestrichen, kleinere Blätter darein gerollt, die Cigarren oben und
+unten nach einem Maße abgeschnitten, nochmals getrocknet und verpackt.</p>
+
+<p>Den <em class="gesperrt">23. November</em> ging es weiter durch die<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> Districte Damak und
+Grobogan bis zu den Schlammquellen. Der Weg führte gestern wie heute
+durch große, unübersehbare Ebenen, deren Einförmigkeit mir etwas
+langweilig wurde. In weiter Ferne nach dem Inneren zu sah man den
+<em class="gesperrt">Ungarang</em>, <em class="gesperrt">Merapi</em>, <em class="gesperrt">Merbabu</em>, längs der Seeküste die
+niedrigen Vorgebirge von <em class="gesperrt">Sumbing</em> und <em class="gesperrt">Sindoro</em>.</p>
+
+<p>Diese Gegend wird ihrer Fruchtbarkeit wegen die Reiskammer von Java
+genannt, und doch fand hier im Jahre 1849 eine furchtbare Hungersnoth
+statt. Die Reisernte war mißglückt, und Tausende von Menschen starben
+dahin. Augenzeugen erzählten mir, daß man sich von dem Elende, von
+den schauderhaften Scenen dieser Zeit gar keine Vorstellung machen
+könne. In jeder Hütte lagen Todte, Sterbende, Halbverweste; die
+Lebendigen waren oft nicht mehr im Stande, die Verstorbenen hinweg zu
+schaffen. Ueberall begegnete man nur Gerippen; ausgehungerte Kinder,
+die Eltern und Freunde verloren hatten, irrten jammernd umher und
+schrieen nach Brot. Männer und Weiber fielen auf den Straßen nieder
+und gaben den Geist auf. Man beraubte die Kokospalmen ihrer Kronen, um
+die Blätter zu kochen und zu essen. Und so groß war dabei der Glaube
+dieser Unglücklichen an ihre Bestimmung, daß sie neben den vollen
+Reissäcken, die in und vor den Kaufläden standen, hinsanken und mit
+dem<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> Hungertodte kämpfend ausriefen: „Gott hat dieses Schicksal über
+uns verhängt!“ — Kein Kaufladen wurde geplündert.</p>
+
+<p>Mehrere Privatleute sandten Berichte über diese grenzenlose Noth an
+die Regierung und selbst an den Gouverneur-General (Herr <em class="gesperrt">Deimar</em>
+van <em class="gesperrt">Twist</em> war zu dieser Zeit noch nicht in Indien; er kam erst
+im Jahre 1851). Die Regierung schien aber nur ihren eigenen Organen
+glauben zu wollen und forderte officielle Berichte von dem Residenten
+zu Samarang, Herrn Be..... Sollte man es glauben, daß dieser Mann die
+Grausamkeit hatte, alles für unwahr zu erklären? Er wollte sogar die
+Namen jener wissen, welche die Berichte geschrieben hatten, um sie
+zu bestrafen<a id="FNAnker_13" href="#Fussnote_13" class="fnanchor">[13]</a>. Als die Regierung hinter die Wahrheit kam, war es
+für Tausende und Tausende schon zu spät<a id="FNAnker_14" href="#Fussnote_14" class="fnanchor">[14]</a>. Viele der Unglücklichen
+waren schon so schwach, daß sie die Nahrung nicht mehr vertragen
+konnten. Die Straßen, die Dörfer lagen voll Leichen; bösartige Seuchen
+entstanden in Folge der verpesteten Luft,<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> und 120,000 Menschen
+starben in der Zeit von 13 Monaten (September 1849 bis Oktober 1850);
+außerdem wanderten über 20,000 aus. Und was geschah dem Residenten
+und dem Assistent-Residenten? — Ersterer wurde pensionirt, mit einem
+jährlichen Gehalte von 6000 Recepissen, letzterer als <em class="gesperrt">Resident</em>
+in eine andere Provinz versetzt.</p>
+
+<p>Noch jetzt sah es in dem Bezirke Grobogan, wo die Noth am größten
+war, düster und traurig aus. Obwohl die nie ermüdende Natur mit ihrem
+grünen Teppiche die Leichenfelder überdeckt hatte, konnte sie weder die
+Hütten beleben und vor dem Einsturze bewahren, noch den Bäumen ihre
+Kronen wiedergeben. Alang-Alang und Gestrüppe wucherte auf dem größten
+Theile des Bodens, zahllosen Heerden von Wildschweinen zum Tummelplatze
+dienend. In wenig Jahren wird freilich wieder alles reich ersetzt sein;
+die Geflüchteten kehren bereits zu ihren verfallenen Hütten zurück, der
+ausgeruhte Boden wird doppelt tragen, und der Reisende durch die Ebene
+ziehen, ohne im geringsten zu ahnen, von welchen Schreckensscenen sie
+Zeuge war. Wird auch Herr Be..... diese Scenen aus seiner Erinnerung
+streichen können?</p>
+
+<p>Das Aufbrodeln der Schlammquellen sieht man schon einige Paal weit
+von der Straße aus; es gleicht der Brandung des Meeres. Der Schlamm
+steigt wie<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> eine Woge in die Höhe, und der Dampf ist mit dem feinen
+Staubregen der schäumenden Welle zu vergleichen. Wir fuhren den Quellen
+bis einen halben Paal nahe. Tragstühle, durch die Vorsorge des Herrn
+Assistent-Residenten, der uns begleitete, bereit gehalten, brachten uns
+an Ort und Stelle.</p>
+
+<p>Auf gelegten Brettern konnten wir bis an den Rand der Hauptquelle
+gehen. Ihr Becken mag über 100 Fuß im Durchmesser haben. Das ganze
+Becken ist zwar mit Schlamm gefüllt; allein nur ein kleiner Theil
+brodelt gleich einer Woge auf, das übrige ist halb verhärtet. Die
+Schlammquelle in diesem Becken hat 15 Fuß im Durchmesser; sie brodelte
+höchstens 4 Fuß auf; bei anhaltendem Regenwetter soll sie einige
+Fuß höher aufsteigen. Unbedeutende Aufbrodelungen von Schlamm gibt
+es an vielen Stellen in dem Becken; Gas- oder Luftblasen steigen
+beinahe überall auf. Ein zweites kleines Schlammbecken, von sechs bis
+sieben Fuß im Durchmesser, liegt unfern dem großen. Man kann ihm ganz
+nahe kommen; der kaum fußhoch aufwirbelnde Schlamm ist lauwarm. Wir
+steckten ein sehr langes Bambusrohr in das Becken, welches von der
+unterirdischen Kraft alsbald gehoben und über den Rand geworfen wurde.
+Die große Schlammquelle ist viel heißer als die kleine. Der Schlamm
+schmeckt sehr salzig. Viele Leute aus der<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> Umgebung tragen davon nach
+Hause und ziehen durch Abwässerung die Salztheile heraus. Diese Quellen
+verdienen allerdings besucht zu werden; für mich waren sie jedoch nicht
+so überraschend, da ich auf Island viel Wunderbareres der Art gesehen
+hatte.</p>
+
+<p>In der Nähe der Schlammquellen sind auch Salzquellen, oder besser
+gesagt Salzbrunnen, denn vierkantige Oeffnungen von 4 Fuß Breite und 40
+Fuß Tiefe leiten zu ihnen. Sie haben in der trockenen Jahreszeit eine
+Wärme von 45 Grad Reaumur, in der Regenzeit von 39. Die Oeffnungen sind
+mit Balken ausgezimmert, um das Einstürzen des Erdreichs zu verhindern.
+Das Wasser wird herausgeschöpft und in große Becken geleitet, wo es
+so lange bleibt, bis sich der wenige Schlamm, den es mit sich führt,
+gesetzt hat. Man läßt es dann in ganz seichte, auf drei Fuß hohen
+Gestellen ruhende Rinnen laufen und an der Sonne verdampfen. Das Salz
+bleibt in kleinen, weißen Krystallen zurück und wird mit Muscheln
+zusammengefaßt.</p>
+
+<p>Es gibt viele solche Salzbrunnen in dieser Gegend. Der Reingewinnst im
+Jahre beträgt 10,000 Pikul Salz. Man konnte mir nicht sagen, wie viel
+Procent reines Salz dies Wasser liefert.</p>
+
+<p>Von den Salzquellen kehrten wir mit dem Herrn Assistent-Residenten nach
+Grobogan zurück und nahmen<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> seine freundliche Einladung, die Nacht in
+seinem Hause zuzubringen, gern an.</p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">24. November</em> zogen wir wieder in Samarang ein, um sogleich
+Vorbereitungen zu einer bedeutenderen Reise nach dem Innern des Landes
+zu treffen. Herr Resident Potter gestattete mir Postpferde für seinen
+ganzen Distrikt und versicherte mir, daß die übrigen Residenten
+gewiß dasselbe thun würden. Er rieth mir besonders, die herrlichen
+Hindu-Tempel, so wie die freien Fürstenthümer <em class="gesperrt">Djogokarta</em> und
+<em class="gesperrt">Surakarta</em> zu besuchen.</p>
+
+<p>Auf dieser Reise begleitete mich Herr und Frau Schmitz.</p>
+
+<p>Wir verließen Samarang am <em class="gesperrt">26. November</em> und fuhren 48 Paal bis
+<em class="gesperrt">Magelang</em>, in der Residentschaft <em class="gesperrt">Kadu</em>. Zu diesen 48 Paal
+benöthigten wir neun Stunden, denn stets ging es über Gebirge von mehr
+als 2000 Fuß, ja zwischen <em class="gesperrt">Salatiga</em> und Magelang über eine Höhe
+von 4550 Fuß. Unserem Sechsgespanne wurden häufig tüchtige Büffel
+zugesellt.</p>
+
+<p>Diese langsame Fahrt war uns allen höchst angenehm, denn die Ansichten
+waren überaus reich und wechselnd. Das Meer mit seinem endlosen Spiegel
+lag tief unter uns, ein zweites Meer von Bergen, Hügeln und Thälern
+umgab uns. Im Westen prangte<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> der <em class="gesperrt">Sumbing</em> (10,770 Fuß), im
+Osten der <em class="gesperrt">Merapi</em> (8240 Fuß), der <em class="gesperrt">Merbabu</em>, im Norden der
+<em class="gesperrt">Onclong</em>, das <em class="gesperrt">Telo-mayo-</em> und <em class="gesperrt">Jambu-</em>, im Süden das
+<em class="gesperrt">Minore-Gebirge</em>. Unter den Thälern war das schönste jenes von
+<em class="gesperrt">Ambarawa</em>; es ist mit herrlichem Grün, mit lieblichen Bosketen
+bedeckt. Leider ist diese Schönheit zum Theil nur Larve, da der größte
+Theil dieses Thales einen trügerischen Sumpf bildet, der an manchen
+Stellen unergründlich tief sein soll.</p>
+
+<p>Einige Paal früher kamen wir an dem kleinen Fort <em class="gesperrt">Ungarang</em>
+vorüber, welches seiner hohen Lage wegen so gesund ist, daß viel
+krankes Militär hieher gesandt wird. Auch für Privatleute ist ein
+geräumiges Hotel errichtet.</p>
+
+<p>In dem Thale Ambarawa liegt die Festung „Wilhelm der Erste“; sie bildet
+ein regelrechtes Viereck und ist die größte auf Java.</p>
+
+<p>Um drei Uhr Nachmittag kamen wir in Magelang an (1200 Fuß hoch
+gelegen). Herr Resident <em class="gesperrt">Gaillard</em> war so gütig, mich aufzunehmen.
+Dr. Schmitz mit seiner Frau stieg bei einem Freunde ab. Das Gebäude,
+welches der Resident bewohnt, gehört zu den sehr schönen, die Lage
+zu den reizendsten, da sie das großartige Rundgemälde der herrlichen
+Gebirgswelt beherrscht. Der dazu gehörige große Garten verdiente den
+Namen eines Parkes; er ist sehr geschmackvoll<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> angelegt und mit vielen
+Alterthümern aus den nahen Hindu-Tempeln ausgeschmückt, unter welchen
+auch der heilige Stier nicht fehlt.</p>
+
+<p>Ganz nahe bei Magelang liegt ein einzelner Hügel, von welchem die
+Eingebornen behaupten, daß er gerade den Mittelpunkt Java’s bezeichne;
+sie nennen ihn deshalb „den Nabel von Java.“</p>
+
+<p>In Magelang wurde mir das große Vergnügen zu Theil, meinen lieben
+Landsmann Herrn Wilson kennen zu lernen, dessen Arbeiten ich in Batavia
+gesehen und bewundert hatte.</p>
+
+<p>Herr Wilson war von der Holländischen Regierung beauftragt worden, die
+Hindu-Denkmäler und ganz besonders den Tempel <em class="gesperrt">Boro-Budoo</em> von
+Innen und Außen auf das genaueste aufzunehmen. Diese kolossale Aufgabe
+hatte er so eben beendet, und in wenig Tagen sollte er nach Batavia
+zurückkehren.</p>
+
+<p>Wir blieben einen Tag in Magelang; den nächsten Morgen begleitete uns
+Herr Wilson nach dem zwölf Paal entfernten Tempel Boro-Budoo, und war
+so gefällig unsern Führer und Erklärer abzugeben.</p>
+
+<p>Der Tempel, als Gebäude betrachtet, hat gar nichts Kunstvolles oder
+Schönes an sich. Er besteht aus zehn bis zwölf Fuß hohen Steinwänden,
+die an einem kleinen Hügel, den sie ganz einnehmen, stufenweise
+aufgeführt sind und ein regelmäßiges Viereck<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> von 362 Fuß Durchmesser
+bilden. In fünf Gallerien erheben sich die Wände eine über der andern
+bis zu einer kleinen Fläche, von welcher wieder drei Terrassen
+aufsteigen; den Schluß bildet das Sanktuarium, eine große Glocke
+(leider schon größtenteils eingestürzt), unter welcher ein Buddha
+sitzt, der vorsätzlich unvollendet blieb, denn die Hindu sagen, daß das
+Allerheiligste von Menschenhänden nicht vollendet werden kann<a id="FNAnker_15" href="#Fussnote_15" class="fnanchor">[15]</a>.</p>
+
+<p>Die Höhe der ersten fünf aufsteigenden Terrassen beträgt 90 Fuß,
+des ganzen Tempels mit den letzten drei Terrassen und der obersten
+Glocke 120 Fuß. Auf der obersten Terrasse stehen 24 durchbrochen
+gebaute Glocken, auf der zweiten 28, auf der dritten 32, jede mit
+einem sitzenden Buddha. Im Ganzen enthält der Tempel 505 große Statuen
+des Buddha und 4000 Basreliefs, die an den In- und Außenseiten der
+Gallerien ausgehauen sind. Kein leeres Plätzchen zeigt sich an den
+Wänden; alles ist mit menschlichen Figuren, Arabesken u.&#8239;s.&#8239;w. bedeckt.</p>
+
+<p>Zu dem Zeichnen dieser ungeheuern Menge von Statuen, Basreliefs,
+Figuren und Arabesken hat Herr Wilson nur vier Jahre verwendet. Der
+ganze Tempel ist mit seinen unzähligen Einzelheiten auf 400 große<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span>
+Velinbogen mit der Feder gezeichnet und auf diese Weise für die
+Nachwelt bewahrt, wenn er selbst schon lange in Schutt gefallen sein
+wird.</p>
+
+<p>Aus den Basreliefs kann man die ganze Schöpfungsgeschichte der
+Indier, die Erschaffung des ersten Menschen, die nach und nach sich
+vervollkommnende Heiligkeit des Buddha u.&#8239;s.&#8239;w. ersehen. Diese
+Schöpfungsgeschichte hat sehr viel Aehnlichkeit mit der unsrigen.</p>
+
+<p>Die Figuren und Gruppen auf den Basreliefs kommen mir hier viel
+richtiger, geschmackvoller und kunstreicher in Ausführung und
+Zusammenstellung vor, als ich sie an den Tempeln zu <em class="gesperrt">Elora</em>,
+<em class="gesperrt">Adjunta</em> und andern in Brittisch Indien gesehen habe; dagegen
+fand ich dort die Arabesken ungleich zierlicher, die Glocken und
+Figuren bei weitem kolossaler. Was den Tempel als Gebäude anbelangt,
+kann man ihn natürlich mit den großartigen Hindostanischen Tempeln
+nicht vergleichen, da er, wie gesagt, nur aus parallel laufenden
+Steinwänden besteht. Die Bauart ohne Mörtel, die Wölbung durch
+Vorschiebung der übereinander gelegten Steine ist hier wie dort
+dieselbe.</p>
+
+<p>Man vermuthet, daß der Tempel <em class="gesperrt">Boro-Budoo</em>, wie auch die übrigen
+Hindu-Tempel auf Java, im achten Jahrhundert nach Christi Geburt erbaut
+worden seien. Welche Unzahl von Künstlern muß es zu jener<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> Zeit gegeben
+haben, um solche Riesen-Kunstwerke zu Stande zu bringen!</p>
+
+<p>Obwohl der Hindu-Gottesdienst schon im 15. Jahrhundert von dem
+Mohamedanismus verdrängt und ausgerottet wurde, und ganz Java seit
+dieser Zeit mohamedanisch ist, so kommen doch noch Tausende von
+Javanesen zu gewissen Zeiten im Jahre nach den Tempeln, um Gebete
+zu verrichten. Die <em class="gesperrt">Buddha’s</em> in dem Tempel Boro-Budoo werden
+besonders von dem weiblichen Geschlechte hoch verehrt. Viele Mütter
+pilgern hieher, um vor ihrer Niederkunft zu bitten, nach derselben zu
+danken; Bräute tragen ihre geheimen Anliegen vor. Ein Theil des alten
+Gottesdienstes ist auf diese Art in den neuen übergegangen und hat sich
+mit ihm verschmolzen.</p>
+
+<p>Der Tempel Boro-Budoo ist leider schon ziemlich in Verfall; ein starker
+Erdstoß — und das Ganze kann ein Schutthaufen werden. Viele Wände und
+Steine hängen in so losen Fugen und Geschieben über- und aneinander,
+daß man mit Angst bei denselben stehen bleibt oder vorübergeht—
+ein Luftzug scheint hinlänglich zu sein, sie umzuwerfen. Nur der
+begeisterte Künstler konnte die Gefahr vergessen und Jahre lang hier
+verweilen. Häufig fielen Steine aus ihren Fugen neben ihm zu Boden, ja
+kürzlich bei einer schwachen Erderschütterung eine ganze Nische. Auch
+hatte Herr Wilson<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> von der glühenden Hitze viel zu leiden, die sich
+zwischen den engen Wänden bildete und von keinem Lufthauche gemildert
+wurde.</p>
+
+<p>In der Entfernung von nur einem Paal steht der zierliche kleine Tempel
+<em class="gesperrt">Mendut</em>. Er mag zwanzig Fuß im Durchmesser und fünfzig in der
+Höhe haben und geht in einer Kuppel aus; die Steine halten sich durch
+ihre eigene Schwere, wie in den Glocken zu Boro-Budoo. Sachverständige
+erteilen diesem Tempelchen ein besonders großes Lob; sie bewundern
+die Wölbung, die Zierlichkeit der Arabesken, die drei darin sitzenden
+Figuren, welche, wenn in aufrechter Stellung, sechzehn Fuß hoch wären.
+Die Rundung der Formen, das höchst richtige Ebenmaß der Glieder, die
+edlen Gesichtsbildungen dieser Statuen sollen das Vollendetste sein,
+was man bisher von der Bildhauerarbeit der Hindu gesehen hat. Die
+mittlere Figur stellt einen Buddha, die beiden anderen stellen Könige
+vor.</p>
+
+<p>An diesem Kleinode der Kunst nahmen wir Abschied von Herrn Wilson und
+fuhren noch 18 Paal weiter nach <em class="gesperrt">Djogokarta</em>, der Hauptstadt des
+freien Fürstenthumes gleichen Namens.</p>
+
+<p>Die beiden Fürstenthümer <em class="gesperrt">Djogokarta</em> und <em class="gesperrt">Surakarta</em>
+bildeten vor etwas mehr als hundert Jahren ein mächtiges Reich unter
+dem Namen <em class="gesperrt">Mataran</em>. Zwei Brüder führten zu dieser Zeit einen<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span>
+Krieg um dasselbe, welcher fünfzehn Jahre währte. Im Jahre 1752
+schlossen sie Frieden und theilten das Reich unter sich. Beide standen
+zwar damals schon unter dem Schutze (?) der Holländischen Compagnie,
+genossen aber ungleich mehr Freiheit und Selbstständigkeit, als
+heut zu Tage, bis sich im Jahre 1825 der Prinz <em class="gesperrt">Diepo Negoro</em>
+zu Djogokarta, theils aus Ehrsucht, theils beleidigt durch die
+zurücksetzende Behandlung der Holländischen Beamten, empörte und
+die beiden Reiche in einen Krieg mit den Holländern verwickelte,
+welcher fünf Jahre dauerte, sechstausend Menschenleben und viele
+Millionen Rupien kostete. Die Folge war für die eingeborenen Fürsten,
+daß die Holländer ihnen einen großen Theil der Ländereien abnahmen
+und sie gänzlich abhängig machten. Sie führen zwar noch den Titel
+„selbstständige“ Fürsten, haben aber einen Holländischen Residenten zur
+Seite, der sie eben so beschränkt und überwacht, wie die Engländer ihre
+„freien Könige“ in Hindostan. Sie dürfen ohne Vorwissen des Residenten
+keinen Besuch, keinen Brief empfangen, ja nicht einmal ihre Paläste
+verlassen; dafür bekommen sie aber von der Holländischen Regierung
+einen jährlichen Gehalt oder eine Entschädigung, und zwar der Sultan
+von Djogokarta 480,000 Rupien, der Susuhunan<a id="FNAnker_16" href="#Fussnote_16" class="fnanchor">[16]</a> von Surakarta 648,000
+Rupien.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span></p>
+
+<p>Ich stieg in Djogokarta, einer gütigen Einladung des Residenten Herrn
+<em class="gesperrt">Hasselmann</em> zu Folge, in seinem Hause ab. Eine schönere Residenz
+als diese (höchstens jene von Samarang ausgenommen) ist mir noch nicht
+vorgekommen. Vermutlich hat man sie absichtlich in einem so großartigen
+Style gebaut, um den Javanischen Fürsten Achtung vor den Europäern
+einzuflößen, um so mehr, da der Sultan dem Residenten einige Mal im
+Jahre feierliche Besuche abstattet und bei dieser Gelegenheit mit einem
+Gefolge von drei- bis vierhundert Personen kommt, von welchen mehr als
+hundert an die Tafel gezogen werden.</p>
+
+<p>Außer den ceremoniellen macht der Sultan auch viele Privatbesuche,
+nicht nur bei dem Residenten, sondern auch in anderen Europäischen
+Häusern. Er kommt sogar in den Club und nimmt gern Theil am Billard-
+und Karten-Spiel, wie überhaupt an jeder Europäischen Unterhaltung.
+Wenn er die Europäische Welt zu sich ladet, wird nicht selten
+getanzt. Seine Gemahlin und Töchter sind von diesem Vergnügen nicht
+ausgeschlossen. Dieß mag vielleicht der einzige Ort in der Welt sein,
+wo man die Gemahlin, die Töchter eines mohamedanischen Sultans in den
+Armen Europäischer Herren und Offiziere walzen sehen kann. Die Sultanin
+soll dem Whist- und L’hombre-Spiele ebenfalls nicht abhold sein.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span></p>
+
+<p><em class="gesperrt">29. November.</em> Wir brachten den ganzen Tag mit Besehen des
+Merkwürdigen, mit Besuchen u.&#8239;s.&#8239;w. zu. Die Mutter der Frau Hasselmann,
+Frau <em class="gesperrt">Parvé</em>, eine muntere, sehr gefällige Dame, übernahm es, uns
+die Sehenswürdigkeiten von Djogokarta zu zeigen. Wir begannen mit dem
+Lustpalaste des Sultans. Jeder seiner Paläste wird „<em class="gesperrt">Kraton</em>“
+genannt und ist mit hohen Mauerwällen umgeben, welche die Gärten,
+Badehäuser, alle möglichen Nebengebäude, ja oft einen kleinen Kampon
+in sich schließen. Dieser Palast heißt auch „<em class="gesperrt">Wasserpalast</em>“
+(Tamansari), weil er bis an das erste Stockwerk unter Wasser gesetzt
+werden konnte. Von Portugiesischen Baumeistern im Jahre 1754 gebaut,
+zeichnet er sich weniger durch große, schöne Gemächer, als durch
+feste kasemattirte Wölbungen und Gänge aus, die, wie man glauben
+sollte, Jahrhunderten widerstehen können. Dennoch fängt er schon zu
+verfallen an; er wird nicht mehr bewohnt, und ein unbewohntes Gebäude
+bessert der Malaie so wenig wie jeder Orientale aus. An Einrichtung
+findet sich nichts vor, als eine alte hölzerne Bettstelle, die man
+gewarnt wird, nicht zu berühren, da derjenige, der es thäte, alsbald
+sterben müßte. Dieß mag vielleicht wohl nur gesagt werden, um die
+Europäer auf höfliche Weise abzuhalten, ein Bett zu berühren, welches
+die Eingebornen<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> für heilig halten, da der erste der dieses Reich
+regierenden Sultane darin geschlafen hat.</p>
+
+<p>Von dem Tamansari fuhren wir nach <em class="gesperrt">Gédé</em>, dem Begräbnißplatze
+der Familie des Sultans wie auch der Vornehmsten des Reiches. Dieser
+Ort ist ebenfalls, gleich dem Kraton, mit hohen Mauern umgeben. Die
+Gräber sind mit einfachen Steinplatten bedeckt, an deren beiden Enden
+zwei bis drei Fuß hohe Steine aufrecht stehen. Ueber manche sah ich
+winzig kleine hölzerne Hütten gebaut, vielleicht um die Steine vor dem
+Einflusse der Witterung zu schützen. Die Gräber der Sultane sind in
+einem großen hölzernen Hause; mehrere davon waren mit Betthimmeln und
+weißen Vorhängen geschmückt.</p>
+
+<p>In einem der Nebenhöfe wird in einem Teiche ein sehr merkwürdiges
+Thier, eine große weiße Schildkröte gehalten, welche die Eingebornen
+als heilig verehren. Sie ist so zahm, daß sie, wenn man sie ruft und
+sie Hunger hat, sogleich erscheint, um die Gabe, die man ihr reicht,
+aus der Hand zu nehmen. Dieß Kunststück wurde natürlich auch vor uns
+aufgeführt, damit wir sie zu sehen bekämen. Sie erschien zweimal an der
+Oberfläche des Wassers, ohne jedoch die Speise zu berühren, die man
+ihr dicht vor den Mund hielt. Die Führer und die wenigen Eingebornen,
+die uns begleiteten und die von Frau Parvé gehört hatten,<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> daß ich in
+Stambul und andern ihnen heiligen und interessanten Plätzen gewesen
+war, sahen nach mir und sagten, daß ich eine ganz besondere Person
+sein müsse, da die Schildkröte zweimal erschienen sei, ohne Hunger zu
+haben. Es sei gerade, sagten sie, als wollte sie mich sehen und von mir
+gesehen werden. Ich erzähle dergleichen geringfügige Dinge, weil ich
+glaube, daß sie zur Charakteristik des Volkes gehören.</p>
+
+<p>Die Auszeichnung, welche mir die Schildkröte erwies, wurde sogleich
+in der ganzen Gegend als ein Wunder erzählt. Als ich Nachmittags dem
+Sultan und seiner jungen, neunzehnjährigen, kinderlosen Gemahlin
+vorgestellt wurde, faßte letztere, dieser Begebenheit wegen, ein
+solches Vertrauen zu mir, daß sie mir leise in das Ohr flüsterte.
+„O, bete für mich zu Deinem Gotte, daß er mich segnet und den Baum
+nicht ohne Früchte dahin welken läßt!“ — Dieß war doch der schönste
+und rührendste Beweis von Zutrauen, der mir als Christin von einer
+Mohamedanerin werden konnte.</p>
+
+<p>Die Schildkröte war bei zwei Fuß lang, Schale und Körper ziemlich weiß,
+erstere nicht horn-, sondern lederartig, die Augen roth. Sie hatte
+mehrere Junge, die alle ebenfalls weiß waren. Durch die besondere
+Verwendung der Frau Parvé erhielt ich eines, das ich sogleich in
+Spiritus verwahrte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span></p>
+
+<p>Man hat die Behauptung aufgestellt, daß diese Thiere hier deshalb weiß
+seien, weil der Wasserplatz, in welchem sie leben, nie von der Sonne
+beschienen würde. Es wäre belehrend, einen Versuch mit einer dunklen
+Schildkröte zu machen; ich glaube kaum, daß ihre Nachkommenschaft die
+Farbe wechseln dürfte.</p>
+
+<p>Ein zweiter fürstlicher Begräbnißplatz, auf welchen auch die Susuhunans
+von Surakarta nebst ihren Familien kommen, liegt drei Paal von hier
+entfernt; er heißt <em class="gesperrt">Imo-Giri</em>. Die Gräber ziehen sich längs
+eines Hügels von einigen hundert Fuß in die Höhe. Die Verwandten der
+fürstlichen Häuser werden je nach dem Grade ihrer Verwandtschaft höher
+oder tiefer auf dem Hügel begraben.</p>
+
+<p>Bei der Rückkehr nach Hause fuhren wir über den großen Platz, auf
+welchem Bazar gehalten wurde, der durch die vielen und schönen
+Kupferarbeiten im ganzen Lande berühmt ist; sie werden in der Umgegend
+verfertigt und hierher zum Verkaufe gebracht.</p>
+
+<p>Nachmittags wurden wir von dem Sultan in seinem Palaste empfangen. Wir
+kamen durch drei Höfe, in welchen baufällige Häuschen, erbärmliche
+hölzerne Hütten, Pferdeställe u.&#8239;s.&#8239;w. standen.</p>
+
+<p>Der Palast eines Javanesischen Fürsten oder Sultans besteht aus dem
+Pendopo, Dalem und Probojekso.<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> Der Pendopo ist eine ganz offene
+Halle, über die sich ein hohes Dach wölbt, und zu welcher einige
+Stufen führen. Er ist für die Festlichkeiten bestimmt und nur mit
+Tischen und Stühlen meublirt. Dem Pendopo gegenüber steht der Dalem,
+ebenfalls eine große Halle, die aber, allein von vorne offen, und daher
+etwas finster ist, denn sie hat gewöhnlich keine oder wenige niedrige
+Fensterchen. Der Dalem ist der Aufenthaltsort des Fürsten und zugleich
+der Empfangssaal; er ist mit Kanapes, Stühlen, Spiegeln, Uhren,
+Gemälden u.&#8239;s.&#8239;w. meistens überladen. Mehrere Thüren, im Hintergrunde
+angebracht, führen in den Probojekso, den innern Aufenthaltsort des
+Fürsten, seiner Frauen und Familie. Er besteht aus einem kleinen Saale
+mit vielen Kämmerchen und Winkelwerk, alles düster und enge; einige
+Bettstellen, Matten, Polster und Kissen bilden die ganze Einrichtung.</p>
+
+<p>Alle fürstlichen Paläste, die ich auf Java sah, waren von Holz. Sie
+sind nicht im entferntesten mit der Pracht, dem Reichthume, der Kunst
+und dem Aufwande der Bengalischen und Hindostanischen Fürstensitze zu
+vergleichen.</p>
+
+<p>Der Sultan kam uns bis einige Schritte vor dem Dalem entgegen; er
+reichte jedem von uns die Hand, führte uns in den Saal und wies
+uns neben<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> sich Plätze zum Sitzen an. Er zählte 32 Jahre, war von
+mittlerer Größe, etwas beleibt, das Gesicht hübsch. Er hatte eine
+Art Schlafrock an, darüber einen Sarong, beide, so wie das Kopftuch,
+von Seidenstoffen. An Schmuck trug er eine Brosche und einige
+Diamantenringe.</p>
+
+<p>Ich war sehr erstaunt, in dem Dalem lauter weibliche Diener zu sehen;
+zu Dutzenden kauerten sie halb nackt überall umher. Sie hatten nichts
+als einen Sarong an, der kaum die halbe Brust deckte. Daß sich die
+mohamedanischen Fürsten in ihren innersten Gemächern nur von Weibern
+oder Eunuchen bedienen lassen, ist weltbekannt; aber sie auch in
+den Empfangssälen nur von Weibern umgeben zu sehen, kam mir gar zu
+unmännlich vor.</p>
+
+<p>Nachdem sich der Sultan einige Zeit mit uns unterhalten hatte, führte
+er uns in den Probojekso. Er ist so loyal, selbst den Europäischen
+Herren das Betreten des innersten Heiligthumes zu gestatten. Wir
+wurden seiner Gemahlin vorgestellt, einer Frau von 19 Jahren, dem
+schönsten Geschöpfe, das ich bisher unter den Malaien oder Javanesinnen
+gesehen hatte. Ihr Näschen war allerliebst, der Mund ziemlich klein,
+mit glänzend weißen, schön geformten Zähnen, die Augen groß und
+feuersprühend; die etwas breiten,<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> hervorstehenden Backenknochen allein
+erinnerten an die Javanesische Abkunft. Der Sultan verbietet seiner
+Familie das Sirikauen, sowie das Schwärzen und Feilen der Zähne. Außer
+der Sultanin sahen wir noch zwei Töchter des Sultans aus andern Ehen,
+hübsche Mädchen von zwölf bis dreizehn Jahren.</p>
+
+<p>Die Sultanin, wie die beiden Mädchen, waren nach der Sitte des
+Landes in Sarongs und Kabays gekleidet. Sie trugen viele Haarnadeln,
+Ohrgehänge, Ringe u.&#8239;dgl. mit Diamanten. Die Sultanin sprach nie mit
+ihrem Gemahle, ohne die Augen zu Boden zu schlagen und die Hände wie
+bittend gegen die Stirne zu erheben.</p>
+
+<p>Nachdem wir Thee getrunken hatten, zeigte uns der Sultan seine Waffen
+und Kostbarkeiten; auch die golddurchwirkten Kleider seiner Gemahlin
+bekamen wir zu sehen. Auf seinem Bette lagen vier der schönsten
+Kriese<a id="FNAnker_17" href="#Fussnote_17" class="fnanchor">[17]</a>, in der Ecke des Bettes am oberen Theil stand die Büste
+des Königs von Holland. Das wird doch ein getreuer Verehrer seines
+Europäischen königlichen Bruders sein!</p>
+
+<p>Die höheren Diener und Beamten dieses, sowie<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> auch anderer
+Javanesischer Fürsten zeichnen sich durch eine eigentümliche
+Kopfbedeckung aus: sie besteht in einer zehn Zoll hohen Kappe von
+Strohgeflecht, Seide oder Goldstoff, je nach dem Range der Person.</p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">30. November</em> fuhren wir nach <em class="gesperrt">Solo</em>, der Hauptstadt von
+Surakarta (40 Paal). Auf dem Wege dahin kommt man den „tausend Tempeln“
+nahe vorüber, die unweit des Oertchens <em class="gesperrt">Brambanang</em> liegen. Sie
+bilden eine ganze Gruppe. In der Zahl ist man nicht übereingekommen;
+die Einen geben 170, die Andern 300 an, auf jeden Fall weit weniger als
+tausend. Die Tempel sind klein, im Style des Mendut. Der Haupttempel
+soll 67 Fuß hoch gewesen sein, ist aber schon beinahe zu einem
+Schutthaufen verfallen. Wir kletterten bis an die obere Abtheilung, von
+welcher wir in das Innere sehen konnten. In einer kleinen, gewölbten
+Halle stand noch ein Buddha und hie und da entdeckte man einige
+Arabesken. Die übrigen Tempel sollen nicht höher als 24 Fuß gewesen
+sein, und in jedem soll ein Buddha gestanden haben.</p>
+
+<p>In Solo konnte mich der Resident Herr <em class="gesperrt">Büschkens</em> nicht
+aufnehmen: man war gerade beschäftigt, seine etwas baufällige Residenz
+herzustellen. Ich ward in das Haus des Herrn <em class="gesperrt">Göreke</em>, Missionärs
+und Bibelübersetzers, gebracht, eines überaus gemüthlichen und
+menschenfreundlichen Mannes. Ganz besonders gefiel<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> mir seine Toleranz:
+er war einer jener leider so seltenen Geistlichen, die den Menschen
+mehr nach seinen Handlungen schätzen, als nach dem Glauben, zu welchem
+er sich bekennt.</p>
+
+<p>Die Lage von Solo ist nicht so hübsch, als jene von <em class="gesperrt">Djogokarta</em>.
+Die Ebene ist zu groß, die Gebirge sind zu fern, den 10,400 Fuß hohen
+Lawas ausgenommen, dessen Formen man ziemlich deutlich sieht.</p>
+
+<p>Ich fand in den freien Fürstenthümern Grund und Boden durchgehend gut
+kultivirt. Dieß mag wohl daher kommen, daß die Fürsten ihre Ländereien
+verpachten und die Pächter fleißig arbeiten müssen, um den hohen Pacht
+heraus zu bringen. Man baut in beiden Fürstenthümern ziemlich viel
+Indigo. Die Hütten der Eingebornen, so wie ihre Kleidung, fand ich
+nicht schlechter und ärmlicher als im übrigen Java. Es gibt unter den
+Reisenden viele, die in den Holländischen Besitzungen alles besser
+bebaut und kultivirt finden wollen. Ich kann indeß nur so schildern,
+wie mir die Sache erscheint, und bemühe mich stets, mein Urtheil so
+viel als möglich vor Partheilichkeiten zu bewahren. Wege und Brücken
+sind gleichfalls gut unterhalten. Hierzu werden die freien Fürsten
+freilich von der Holländischen Regierung verhalten, die in den beiden
+Städten Solo und Djogokarta bedeutende Forts hat.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span></p>
+
+<p>Man macht einen Unterschied zwischen den Malaien und Javanesen.
+Letztere leben mehr in dem Inneren von Java und den beiden freien
+Fürstenthümern. Man behauptet von ihnen, daß sie schöner und von
+besserem Charakter als die Malaien und einer größeren Anhänglichkeit
+fähig seien. Ich hatte zufällig Gelegenheit, das Volk in großer Menge
+zu sehen, da während meiner Anwesenheit in Djogokarta Bazar gehalten
+wurde und hier in <em class="gesperrt">Solo</em> zwei Feierlichkeiten stattfanden. Ich muß
+jedoch aufrichtig gestehen, daß mir das Volk eben so häßlich vorkam,
+als auf Batavia. Man rühmt ihre kleinen Hände und Füße. Es ist wahr,
+der Malaie wie der Javanese haben kleine Hände und Füße; aber in der
+Kleinheit allein besteht nicht die Schönheit. Die Hände sind so mager,
+daß jeder Knöchel hervorsteht, die Fingerspitzen ein wenig aufwärts
+gebogen. Finger, Hände und Arme können sie so verdrehen, daß es häßlich
+anzusehen ist. Diese Schlappheit in den Gliedern und Muskeln ist auch
+den Europäern eigen, die in diesen Ländern geboren und erzogen werden.
+Die Füße sind nicht minder häßlich, sehr platt und die Fußzehen stehen
+weit aus einander.</p>
+
+<p>Unter den Hochgebornen so wie unter der Dienerschaft in den Harems
+der Fürsten sieht man wohl mitunter hübsche Leute, schöne Kinder; das
+darf aber<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> nicht als Maßstab angenommen werden. Alles was schön ist,
+Männer wie Weiber, sucht man in die Fürstenhäuser zu bringen. Will
+ein Javanese seine Tochter vor dem Harem schützen, so muß er sie sehr
+jung verheirathen oder eine öffentliche Tänzerin aus ihr machen; als
+solche ist sie für jeden Mann, den sie nicht selbst begünstigt, ein
+Heiligthum. Dieser sonderbare Gebrauch geht so weit, daß, wenn eine
+Frau sich von ihrem Manne gegen dessen Willen scheiden will, sie nur
+eine öffentliche Tänzerin zu werden braucht. Dann hat der Mann keine
+Ansprüche mehr auf sie. Gewöhnlich schätzen es sich jedoch die Eltern
+zur Ehre, wenn ihre Töchter in den Harem eines Sultans aufgenommen
+werden.</p>
+
+<p>In keinem Lande sah ich so viel Blinde und Lahme als in Surakarta; auch
+an Lepre-Kranken soll es nicht fehlen, für welche unfern von Solo ein
+eigenes Hospital errichtet ist.</p>
+
+<p>Man erzählt hinsichtlich dieser Gebrechen eine sehr grausame Sage von
+einem der letztregierenden Susuhunans: Eine Europäische Dame machte
+eine Reise durch Surakarta. Zu Solo wurde sie dem Fürsten vorgestellt,
+der sie fragte, wie ihr das Land gefallen habe. Sie erwiederte: „sehr
+wohl, bis auf die vielen Blinden, Lahmen und Lepre-Kranken, welchen
+man überall begegnet.“ „Dieser Anblick,“ rief der<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> Susuhunan aus,
+„soll in Zukunft niemanden mehr stören.“ Er ließ die Unglücklichen
+zusammenrufen, sie auf Boote laden, in die Mitte des Flusses führen,
+die Böden der Boote, die besonders dazu eingerichtet waren, wurden
+geöffnet, und alle die Armen ertränkt.</p>
+
+<p>Der jetzt regierende Susuhunan, Paku der Siebente, hat den allgemeinen
+Ruf eines höchst edlen und gerechten Fürsten; er soll, gleich Titus,
+jeden Tag für verloren halten, an welchem er nicht etwas Gutes ausgeübt
+hat.</p>
+
+<p>Unter seinen Vasallen zeichnet sich der Fürst Mangku-Negoro besonders
+aus, welcher der Unabhängige genannt wird, weil er doch einige
+Freiheit genießt; er darf z.B. seinen Palast verlassen, ohne erst bei
+dem Residenten um Erlaubniß anzufragen. Er hält 800 Mann Fußvolk und
+400 Mann zu Pferde — eine größere Anzahl als der Susuhunan selbst.
+Ferner ist er Oberst in Holländischem Dienste und Ehren-Adjutant des
+Gouverneur-Generals. Er bekommt den Gehalt eines Obersten nebst einer
+bedeutenden Zulage für die Unterhaltung seiner Truppen, muß aber
+dagegen auch jeden Augenblick zum Ausrücken bereit sein.</p>
+
+<p>Alle diese Auszeichnungen wurden ihm als Belohnung für seine Treue
+verliehen, die er den Holländern in dem letzten Kriege bewiesen hatte.
+Er<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> hielt sich nämlich auf ihrer Seite und war ihnen mit seinen
+wohleingeübten Truppen von großem Nutzen. Inländische, gut eingeschulte
+Truppen sind den Europäischen weit vorzuziehen. Das Klima ist ihnen
+nicht schädlich, sie begnügen sich mit wenig und höchst einfacher
+Nahrung und ertragen die Märsche und Mühen ohne großen Nachtheil.</p>
+
+<p>Unsere erste Bitte an den Residenten war, dem Susuhunan, so wie einigen
+der vornehmsten Prinzen vorgestellt zu werden. Wir erhielten auch die
+Zusage einer Audienz für den folgenden Tag; sie fand aber leider nicht
+statt, da kaum eine Stunde, bevor wir kommen sollten, die einzige
+Schwester des Fürsten starb, die er, wie man sagte, überaus liebte.</p>
+
+<p>In den wenigen Tagen, die wir zu Solo zubrachten, waren wir so
+glücklich, zwei Feierlichkeiten zu sehen. Die erste bestand in der
+Ueberreichung eines Briefes, den der Sultan von Djogokarta an den
+Susuhunan von Surakarta geschrieben hatte. Nachdem sich der Resident
+zuerst mit dem Inhalte bekannt gemacht, wurde der Brief in schöne
+Seidenzeuge gewickelt, auf einen silbernen Teller gelegt und von
+dem ersten Adjutanten des Susuhunans in einem sechsspännigen Wagen
+abgeholt; in einem zweiten Wagen folgte der Resident. Dreizehn
+Kanonenschüsse begleiteten diese Ceremonie.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span></p>
+
+<p>Die zweite Feierlichkeit war die Fortschaffung der verstorbenen
+Schwester des Susuhunans nach dem Begräbnißplatze Imo-Giri. Die Farbe
+der Trauer ist hier, wie bei den Chinesen, weiß. Alles was zu dem Zuge
+gehörte, Wagen, Pferde u.&#8239;s.&#8239;w. war mit weißem Kattun überhangen.
+Jedermann, der ihn begleitete, mit einem weißen Kopftuche, Sarong,
+Schürze oder sonst einem Lappen weißen Zeuges angethan.</p>
+
+<p>Den Zug eröffneten Träger, die mit Balken, Brettern, Stangen u.&#8239;dgl.
+beladen waren. Diese Gegenstände gehörten zur Errichtung eines Daches
+über dem Sarg der Verstorbenen auf den Stationen der Reise. Hierauf kam
+berittenes Militär<a id="FNAnker_18" href="#Fussnote_18" class="fnanchor">[18]</a> mit weißen Binden und Schürzen. Diesem folgte
+des Susuhunans leerer Staatswagen, das Leibpferd der Verstorbenen, der
+Betthimmel für den Sarg und endlich der Sarg selbst, der mit einer
+weißen, golddurchwirkten Atlasdecke überhangen war. Der Sarg wurde
+bis an die äußerste Pforte des Kraton von den kaiserlichen Prinzen
+getragen; hier übernahmen ihn die Minister und so abwärts bis zu den
+Dienern. Viele Lanzenträger, deren Lanzen mit weißem Kammertuche<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span>
+umwickelt waren, umgaben den Sarg; große Schirme wurden über ihn,
+so wie über die Köpfe der Prinzen gehalten, und von den Knöpfen der
+Schirme flatterten weiße Tücher. Hinter dem Sarge kam ein großer
+viereckiger Kasten, welcher die Speisen enthielt, die Abends, der
+Sitte gemäß, auf den Sarg der Verstorbenen gesetzt werden. Den Schluß
+des Zuges machte ein großer Haufen Volkes. Der Gemahl, die Kinder der
+Verstorbenen, so wie ihre Verwandten, den Susuhunan ausgenommen, waren
+bis zur ersten Nachtstation vorausgefahren. Wie man mir sagte, brauchte
+der Zug drei Tage, um nach Imo-Giri zu gelangen. (40 Paal.)</p>
+
+<p>Es war allerdings interessant, diesen Trauerzug gesehen zu haben;
+allein eben so gern hätte ich den guten, ehrwürdigen Susuhunan kennen
+gelernt, woran nicht mehr zu denken war, da wir schon am folgenden
+Morgen abreisen sollten. Zu meiner größten Ueberraschung brachte mir
+Herr Göreke die Nachricht, daß uns der Fürst diesen Abend ausnahmsweise
+empfangen wolle. Diese Gunst verdankten wir einzig und allein dem
+guten Missionär, den der Susuhunan hoch schätzt, und dessen Bitte ihm
+hinlänglich war, unsern Wunsch zu erfüllen.</p>
+
+<p>Bevor wir zu dem Susuhunan fuhren, statteten wir noch zwei Besuche bei
+andern Prinzen ab.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span></p>
+
+<p>Der erste galt dem Fürsten Mangku-Negoro, dessen ich schon erwähnt
+habe. Ich war im höchsten Grade über den edlen, feinen Anstand
+erstaunt, mit welchem sich dieser Prinz zu benehmen wußte; er stand
+hierin dem gebildetsten Europäer nicht nach. Seine Gesichtszüge
+drückten Verstand, Scharfblick und Güte aus. Er nahm großes Interesse
+an meinen Reisen und machte Fragen und Bemerkungen, die von vielen
+Kenntnissen zeigten. In seiner Orientalischen Artigkeit verglich er
+mich mit einer leichten, schwebenden Wolke.</p>
+
+<p>Der zweite Besuch galt dem Fürsten Ngabchi, einem natürlichen
+Bruder des Susuhunans, den man, da letzterer keinen Sohn hat, den
+„wahrnehmenden Kronprinzen“ nennt. Diesen Fürsten trafen wir nicht zu
+Hause, da er von dem Leichenzuge noch nicht zurückgekommen war.</p>
+
+<p>Um halb acht Uhr war unsere Stunde, bei Hofe zu erscheinen. Die
+Etikette ist hier ungleich größer als zu Djogokarta; die Herren Schmitz
+und Göreke hielten die Uhren stets in der Hand, um nicht eine Minute zu
+früh oder zu spät zu kommen.</p>
+
+<p>An dem Eingange des innersten Hofes kamen uns zwei Hofdamen entgegen,
+uns meldend, daß der Susuhunan bereit sei, uns zu empfangen. Im Dalem
+kam er uns selbst zwei Schritte von seinem Lehnstuhl<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> entgegen,
+reichte uns die Hand und wies uns Plätze zum Sitzen an. Der Dalem
+wie der Pendopo waren schön erleuchtet; Europäische Militär-Musik,
+von den Eingebornen ziemlich gut aufgeführt, erschallte bei unserem
+Eintritte und ward während unserer Anwesenheit öfter wiederholt. Einige
+Schritte im Hintergrunde zur Linken des Fürsten saßen drei Hofdamen,
+gleich den übrigen Dienerinnen bloß in einen Sarong gekleidet, welche
+die Insignien des Reiches hielten, ein Schwert, einen Schild und ein
+Scepter. Sie standen so steif und unbeweglich wie Statuen. Unter den
+vielen Weibern, die überall umher kauerten, befanden sich auch zwei
+Neffen des Susuhunan, Jünglinge von 14 bis 15 Jahren. Ich hielt sie für
+recht hübsche Mädchen, denn sie trugen wie diese einen einfachen Sarong
+und hatten die Haare zurückgekämmt, in einen Knoten geschlungen und mit
+einem Kamme befestiget.</p>
+
+<p>Wir hatten kaum Platz genommen, so kam ein Weib (vermuthlich auch
+eine Hofdame) auf den Knieen hergerutscht und recitirte eine lange,
+ununterbrochene Rede, die ich für ein Gebet hielt; spätem erfuhr ich,
+daß es ein Bericht über den Leichenzug war, der ungefähr lautete „daß
+die Prinzessin bis an den und den Ort gegangen sei, daselbst unter dem
+Schatten eines Baldachinen so und so lange ausgeruht und hierauf die
+Reise wieder an den und den Ort fortgesetzt<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> habe, wo sie die Nacht
+zubringen werde.“ Von einer so vornehmen Person wird nämlich, so lange
+sie nicht begraben ist, ebenso gesprochen, als ob sie noch am Leben
+wäre; auch für ihre leiblichen Bedürfnisse und Bequemlichkeiten wird
+mit derselben Aufmerksamkeit gesorgt.</p>
+
+<p>Alles, was sich dem Susuhunan nahte, seine Neffen nicht ausgenommen,
+rutschte auf den Knieen. Die Leute standen vermuthlich erst auf, wenn
+sie aus seinem Gesichtskreise kamen, denn ich blickte ihnen nach, so
+weit als ich konnte, und sah sie nicht aufstehen.</p>
+
+<p>Die Züge des Fürsten sprachen vollkommen aus, was man mir von ihm
+gesagt hatte: ich sah nicht bald ein ehrwürdigeres, gutmüthigeres
+Gesicht als das seine. Nur wunderte es mich, keinen Kummer an
+ihn wahrzunehmen über den schweren Verlust, der ihn so kürzlich
+betroffen. Er hörte den Bericht über den Leichenzug seiner Schwester
+mit derselben Ruhe an, als hätte man ihm eine ganz gleichgiltige
+Sache verkündet. Nachdem er sich eine Weile mit uns unterhalten und
+uns mit Thee bewirthet hatte, der zu meiner Verwunderung nicht von
+Dienerinnen, sondern von Dienern servirt wurde, bot er Frau Schmitz
+und mir an, seiner Gemahlin einen Besuch zu machen. Wir fanden in
+ihr eine noch junge Frau von vielleicht 25 Jahren; sie saß in einer
+wenig erleuchteten Kammer<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> auf einem Stuhle, ihr zur Seite eine
+achtzehnjährige Stieftochter auf der Erde. Beide waren minder hübsch
+als die fürstlichen Frauen zu Djogokarta, doch für Javanesinnen schön
+genug. Die Kämmerchen in dem Probojekso fand ich sehr klein, dürftig
+eingerichtet und erleuchtet. Nach einer halben Stunde kehrten wir in
+den Dalem zurück.</p>
+
+<p>Beim Abschiede hielt der Susuhunan eine sehr lange Rede an mich,
+während welcher er mich bei der Hand nahm; am Ende derselben zog er
+einen Ring von seinem Finger und steckte ihn mir an. Herr Göreke saß
+leider zu weit entfernt, um etwas von dieser Rede zu hören; sie ging
+daher für mich verloren, da der Susuhunan Hoch-Malaisch sprach, das ich
+nicht verstand. Der Besuch währte über zwei Stunden.</p>
+
+<p>Die Tracht des Susuhunans, seiner Frau und Tochter war sehr einfach,
+ungefähr wie die an dem Hofe zu Djogokarta; der Susuhunan trug zwei
+reich mit Brillanten besetzte Orden.</p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">3. December</em> fuhren wir den kürzeren Weg über Salatiga nach
+Samarang zurück (66 Paal), wo ich in dem Hause meiner liebenswürdigen
+Begleiter noch eine Nacht zubrachte. Am folgenden Tage, um ein
+Uhr Nachmittag, saß ich schon wieder auf dem Dampfer, um nach
+<em class="gesperrt">Surabaya</em> zu gehen (180 M.).</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span></p>
+
+<p>Am Bord des Dampfers „Ambon“ wurde ich vom Kapitän Bergner als alte
+Bekannte herzlichst begrüßt. Ich war mit ihm von Batavia nach Sumatra
+gefahren, und er hatte kurz darauf den „Makassar“ mit dem „Ambon“
+vertauscht. Es ist immer eine große Freude, auf einer Reise Bekannte
+zu finden, und eine um so größere, wenn es so gute, gefällige Menschen
+sind, wie Herr Bergner.</p>
+
+<p>Von der Reise ist nicht viel zu sagen; wir hielten uns der Küste Java’s
+fortwährend nahe, die abwechselnd eben und bergig ist. Vier Hügel, die
+näher an Surabaya als an Samarang liegen, werden ihrer Form wegen die
+vier Särge genannt; sie stehen von einander abgesondert, mitten in
+einer Ebene. Zwölf Meilen von Surabaya sieht man, an eine freundliche
+Hügelkette gelehnt, das Städtchen <em class="gesperrt">Grisée</em>; hier gehen die
+nicht-europäischen Schiffe gewöhnlich vor Anker.</p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">6. December</em> Morgens warfen wir Anker auf der Rhede von
+Surabaya.</p>
+
+<p>Alle Ankerplätze Java’s, die ich gesehen, Batavia, Surabaya und
+Samarang, liegen drei bis vier Paal von den Städten entfernt; man muß
+nach letzteren in Kähnen die Flüsse stromaufwärts fahren; in Surabaya
+kann man von der Mündung des Flusses bis zur Stadt auch zu Wagen
+fahren.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span></p>
+
+<p>Herr Resident von <em class="gesperrt">Perez</em> war so gütig, mich aufzunehmen. Dieser
+überaus gefällige Herr wußte von meinem Kommen; er hatte jedoch gehört,
+daß ich zu Grisée vor Anker gehen würde und sandte mir sogar bis
+dorthin einen Wagen entgegen.</p>
+
+<p>Die Residenz, ein prächtiges Gebäude, leider mit einem ganz kleinen
+Garten, liegt drei Paal von der Stadt. Eine herrliche Wiese breitet
+sich davor aus, an deren Ende ein großes, wohlerhaltenes Steinbild
+eines Hindu-Götzen steht, welches von den Malaien noch sehr verehrt
+wird.</p>
+
+<p>Ich blieb bis <em class="gesperrt">14. December</em> in Surabaya, ohne das Geringste zu
+sehen. Die Regenzeit war eingetreten, und durch sie wurden alle meine
+Projekte vereitelt. Es blieb mir nichts anderes übrig, als die Reise
+nach Celebes und den Molukken fortzusetzen und mich mit der Hoffnung zu
+trösten, bei der Wiederkehr glücklicher zu sein.</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_11" href="#FNAnker_11" class="label">[11]</a> Die mir ertheilten Freikarten lauteten:</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><span class="antiqua">De onder geteekende verleent by deze vrye passage als passagier
+der eerste klasse, aan Mevrouw Ida Pfeiffer vor eene reis von
+Sourabaya over den Mollukschen Archipel met eene der Stoomschepe
+zyner onderneming. Batavia 9. November 1852.</span></p>
+
+<p class="right">
+<span class="antiqua"><em class="gesperrt">W. Cores de Vries.</em></span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p><span class="antiqua">The bearer of these lines Madame Pfeiffer has free passage as
+cabin passenger on board of any of the boats of this company. Batavia
+9. November 1852.</span></p>
+
+<p class="right"><span class="antiqua"><em class="gesperrt">Maclain Watson</em> &amp; Co.,<br>
+Directors of the N. I. Steamboat Company.</span></p>
+
+<p><span class="antiqua">The agents of the company at Samarang and Sourabaya are requested
+to offer Madame Pfeiffer all the assistance in their power in the
+persecution of her travels.</span></p>
+
+</div>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_12" href="#FNAnker_12" class="label">[12]</a> Die Gebäude, in welchen die Gouverneure und Residenten
+wohnen, gehören alle der Regierung; der Resident von Batavia allein muß
+eine Wohnung miethen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_13" href="#FNAnker_13" class="label">[13]</a> Hätte man nicht schnell und leicht einen zuverlässigen
+Beamten abschicken können, um sich von dem wahren Bestande zu
+unterrichten? Freilich handelte es sich bloß um Menschenleben und nicht
+um Frohndienste oder Rückstände von Steuern.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_14" href="#FNAnker_14" class="label">[14]</a> Ich führe dies natürlich nur auf Grundlage der Aussagen
+vollkommen zuverlässiger Männer, deren Wort über jeden Zweifel erhaben
+ist, hier an.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_15" href="#FNAnker_15" class="label">[15]</a> Auf der höchsten Spitze des Tempels ersuchte ich Herrn
+Wilson, seinen Namen in mein Album zu zeichnen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_16" href="#FNAnker_16" class="label">[16]</a> Susuhunan ist ein höherer Titel als „Sultan.“</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_17" href="#FNAnker_17" class="label">[17]</a> Kries, ein schlangenförmiges Messer in einer Scheide von
+10 bis 15 Zoll Länge, die gewöhnliche Waffe der Malaien und Javanesen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_18" href="#FNAnker_18" class="label">[18]</a> Das Militär der freien Fürsten trägt Holländische
+Uniform, die Offiziere haben Schuhe, die Soldaten nicht. Letztere
+tragen unter dem Helme das landesübliche Kopftuch, manche schlingen das
+Haar rückwärts in einen großen Knoten zusammen.</p>
+
+</div>
+
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe6" id="p141_ende">
+ <img class="w100 padtop1" src="images/p141_ende.jpg" alt="" data-role="presentation">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Zehntes_Kapitel">Zehntes Kapitel.</h2>
+
+</div>
+
+<p class="s5 hang2 mbot2">Makassar. — Banda. — Erdbeben. — Die Muskatnuß-Pflanzungen.
+— Ambon. — Ausflug nach der Negeri Emma. — Saparua. — Ceram.
+— Fußreise durch das Innere Cerams. — Ankunft zu Wahai. — Die
+Alforen. — Rückreise nach Ambon. — Ternate. — Besuch bei dem
+Sultan.</p>
+
+<p><img class="illowe1_2 mbot-0_3" src="images/p142_init.jpg" alt="A">m <em class="gesperrt">14. December</em> schiffte ich mich auf dem Dampfer „Banda“
+nach <em class="gesperrt">Makassar</em> ein (440 Seemeilen), der Hauptniederlassung der
+Holländer auf Celebes.</p>
+
+<p>Von Surabaya bis an die Küste von Celebes sah ich wenig. Das Schiff
+war sehr klein, die See höchst stürmisch, und obwohl ich viele Jahre
+gereist, Tausende von Meilen auf Segel- und Dampfschiffen gemacht, ohne
+dem Meere meinen Tribut zu bezahlen, ward ich nichts desto weniger so
+seekrank, wie es nur immer ein Neuling werden kann.</p>
+
+<p>Erst am <em class="gesperrt">17. December</em> am frühen Morgen kam ich auf das Deck,
+um die Küste von Celebes zu begrüßen, eine einförmige Ebene, im
+Hintergrunde von niedrigen Bergen begrenzt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span></p>
+
+<p>Makassar (Udjang-Pandang), der Sitz des Holländischen Gouverneurs
+auf Celebes, ist ein kleines, dem Ansehen nach beinahe Europäisches
+Städtchen mit einem Fort. Die Europäer wohnen in erbärmlichen
+Steinhäuschen nahe beisammen, längs des schönen Wiesenplatzes
+<em class="gesperrt">Hendrikspad</em>. Auch das Haus des Gouverneurs ist klein und
+unbedeutend.</p>
+
+<p>Domine <em class="gesperrt">Mathes</em> (der protestantische Geistliche) nahm mich
+gastfreundlich auf.</p>
+
+<p>Ich war hier ebenfalls so unglücklich, gerade zum Beginn der Regenzeit
+einzutreffen, und konnte nichts als den Bazar besuchen, auf welchem ich
+eine ziemliche Menge Volkes sah. Ich fand die Eingebornen, Makassaren
+und Buginesen, obwohl auch zur Malaischen Race gehörig, minder häßlich
+als die Javanesen, groß und kräftig gebaut, das Gesicht etwas besser
+geformt, die Hautfarbe lichter.</p>
+
+<p>Da wenig Tage später der Dampfer „Ambon“ von hier nach <em class="gesperrt">Banda</em>,
+einer der Molukken ging, und während der Regenzeit an Ausflüge in das
+Innere von Celebes nicht zu denken war, entschloß ich mich, diese
+Gelegenheit zu benützen und meine Reise fortsetzen, mich wie zu
+Surabaya der Hoffnung hingebend, auf der Rückfahrt günstigeres Wetter
+zu finden.</p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">21. December</em> war ich schon wieder an<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> Bord bei meinem guten
+Kapitän Herrn Bergner. Wir machten die Reise nach der Insel Banda (690
+Meilen) in 3½ Tagen. Außer einigen kleinen gebirgigen Eilanden kam uns
+nichts zu Gesicht.</p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">24. December</em> tauchte der <em class="gesperrt">Gunong-Api</em> vor uns auf, der
+höchste Berg Bandas (1800 F.), dessen nordwestlicher Seite beständig
+Rauchsäulen entsteigen. Abends um neun Uhr liefen wir bei herrlichen
+Mondschein in die Bai ein, die auf der einen Seite von dem Feuerberge,
+auf der andern von einer freundlichen Hügelkette begrenzt wird, welch
+letztere ganz mit Muskatbäumen bepflanzt ist. Das kleine Städtchen
+Banda liegt so gefährlich an dem Abhange des Gunong-Api, daß ein
+Ausbruch es unausbleiblich zertrümmern würde; sonderbarer Weise raucht
+der Berg beständig, ohne daß je ein Ausbruch stattgefunden hätte. Ist
+aber wohl diesem Frieden immer zu trauen?</p>
+
+<p>Da wir so spät angekommen waren, ging der Kapitän allein mit dem
+Postpackete an’s Land. Wir Reisende verweilten auf dem Decke und
+sprachen viel von der Freude, die in den Kreisen unserer Lieben
+diesen Abend (Christabend) herrschen werde, von den fröhlichen
+Spielen der über die Geschenke so freudig überraschten Kinder. Da kam
+ganz unerwartet ein Araber an Bord. Erstaunt über den späten Besuch
+umringten wir ihn, um zu hören was die Ursache<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> hievon sei. Ach, wie
+ward so plötzlich unsere heitere Stimmung in Wehmuth und Schrecken
+verwandelt! Der Araber erzählte uns, daß am 26. November Morgens acht
+Uhr ein fürchterliches Erdbeben auf dieser Insel stattfand, in Folge
+dessen mehrere Häuser zusammenstürzten und alle dermaßen beschädigt
+wurden, daß niemand mehr darin wohnen könne. Glücklicherweise
+ereignete sich dies bei Tage, wo jedermann gleich fliehen konnte,
+und es ging daher wenigstens kein Menschenleben verloren; aber alle
+gebrechlichen Güter, Spiegel, Lampen, Gläser, Geschirre, die in
+Flaschen gefüllten Getränke u.&#8239;s.&#8239;w. gingen zu Grunde. Noch war man
+unter dem Eindrucke dieser furchtbaren Scene, als um halb neun Uhr
+die Erde ein zweitesmal erbebte, das Wasser in der Bay zurück wich
+und dann mit unwiderstehlicher Gewalt an die Küste stürzte, sie 24
+Fuß hoch übersteigend. Zweimal sah man den Boden der See blos gelegt;
+alle kleinen Boote und Barken wurden an die Küste geschleudert, wo sie
+als Trümmer liegen blieben. Bei dieser Gelegenheit ertranken mehr als
+achtzig Menschen. Ein großes Schiff, das in der Bay vor Anker lag,
+gerieth zweimal auf den Grund und wurde nur durch die Geistesgegenwart
+des Kapitäns gerettet, der das Ankertau sogleich nachließ; allein
+vor einem bedeutenden Leck konnte er es doch nicht bewahren. Es lag
+noch zur Ausbesserung in der Bucht. Dieses zweite Erdbeben<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> zerstörte
+ebenfalls viele Gebäude und vernichtete Tausende von Muskatbäumen, die
+durch das sie überfluthende Salzwasser abstarben.</p>
+
+<p>Die Erzählung des Arabers war schrecklich. Leider wurde sie Wort
+für Wort von dem Kapitän bestätigt, als er zurückkam. Auf einige
+der Reisenden machte sie einen so großen Eindruck, daß sie Morgens
+gestanden, die ganze Nacht nicht geschlafen zu haben; sie fürchteten
+ein wiederholtes Erd- oder Seebeben.</p>
+
+<p>Morgens gingen wir an’s Land und konnten uns persönlich von den
+stattgehabten Verwüstungen überzeugen. Mehrere Häuser lagen in Schutt,
+alle waren mehr oder minder beschädigt, die Einrichtungen zum Theile
+zertrümmert, zum Theile vor den Häusern unter freiem Himmel in Haufen
+aufgeschichtet; die Leute wohnten daneben in kleinen Bambushütten, die
+sie eilig aufrichten ließen. Die Kasernen und Wohnungen der Officiere
+allein, einige hundert Schritte von dem Städtchen entfernt gelegen
+und von Holz gebaut, blieben beinahe unbeschädigt. Sonderbar, daß auf
+dieser Insel, wo starke Erdbeben nicht selten vorkommen, alle Häuser
+von Stein gebaut sind<a id="FNAnker_19" href="#Fussnote_19" class="fnanchor">[19]</a>.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span></p>
+
+<p>Der Resident konnte mich nicht aufnehmen, da auch sein Haus zu sehr
+beschädigt war; ein Deutscher, der Militärarzt Herr <em class="gesperrt">Krause</em>,
+beherbergte mich in seinem hölzernen Häuschen.</p>
+
+<p>Ich machte denselben Tag noch einen Spaziergang um den Feuerberg
+„Gunong-Api.“ Ich wollte ihn selbst besteigen; allein Dr. Krause, der
+schon mehrmals oben war, um zu botanisiren, widerrieth es mir, indem er
+mir versicherte, daß es nicht der Mühe lohne: der Berg ende in einer
+geschlossenen Kegelform und habe an den Seiten einige Spalten, aus
+welchen starker Schwefeldampf aufwirble.</p>
+
+<p>Am folgenden Tage besuchte ich die große Muskatpflanzung des Herrn
+<em class="gesperrt">Meyer</em>, welche 15,000 Muskatbäume zählt. Die Muskatpflanzungen
+werden „Perken,“ die Besitzer „Perkenier“ genannt. Eine solche
+Pflanzung gleicht vollkommen einem Walde. Die Bäume sind vierzig bis
+fünfzig Fuß hoch, umfangreich und nicht in Reihen gepflanzt. Große
+Nanarinenbäume<a id="FNAnker_20" href="#Fussnote_20" class="fnanchor">[20]</a> schützen die Muskatbäume, die keine tiefen Wurzeln
+schlagen, vor den starken, häufig wehenden Winden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span></p>
+
+<p>Die Insel Banda ist das eigentliche Vaterland des Muskatbaumes. Dieser
+Baum bedarf hier gar keiner Pflege und wird bei weitem stärker und
+höher als auf Singapore. Er fängt mitunter im zwölften, gewöhnlich aber
+erst im fünfzehnten Jahre an Früchte zu tragen und erreicht ein Alter
+von 80 Jahren. Das Jahr vor seinem Absterben soll er außergewöhnlich
+viel tragen. Man rechnet durchschnittlich auf jeden Baum im Jahre 2500
+Nüsse. Es giebt auch einige, die bis 4000 liefern. Die Ernte währt das
+ganze Jahr hindurch. Man geht jeden Morgen in die Perken, pflückt die
+reifen Nüsse, löst die Blüthe, von der sie ganz umsponnen sind, ab und
+läßt Nuß und Blüthe an der Sonne trocknen. Die Nüsse, welche von selbst
+abfallen, sind nicht halb so viel werth als die gepflückten. Ungefähr
+hundert Nüsse sammt den Blüthen gehen auf ein Pfund; fünf Pfund Nüsse
+geben ein Pfund Blüthe. Der Perkenier erhält von der Regierung für ein
+Pfund Blüthe und vier Pfund Nüsse einen Kupfergulden.</p>
+
+<p>Die Muskatnuß ist auf Banda und den dazu gehörenden kleinen Eilanden
+Monopol. Der Eigenthümer kann die Perken verpachten oder verkaufen;
+allein er darf keinen Baum ohne Bewilligung des Regierungsaufsehers
+umhauen. Letzterer besucht jedes Jahr die Perken, bezeichnet die Bäume,
+welche auszurotten<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> sind und bestimmt die Zahl der neu zu pflanzenden.
+Um die Leute zu den Muskatpflanzungen anzuregen, gibt die Regierung das
+Land umsonst und unterstützt die Pflanzer mit billigen Arbeitern, die
+aus den Verbrechern bestehen, welche von Java und anderen Orten hieher
+verbannt und per Monat vermiethet werden.</p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">27. December</em> segelte der Dampfer wieder ab. Da es auf dieser
+kleinen Insel wenig zu sehen gab und ich, wollte ich das Schiff nicht
+benutzen, einen Monat auf ein anderes hätte warten müssen, so besann
+ich mich nicht lange und begab mich an Bord.</p>
+
+<p>Wir verließen Nachmittags Banda, um nach der ebenfalls kleinen Insel
+<em class="gesperrt">Ambon</em> (144 M.) zu segeln. Das Wetter war herrlich, so daß wir
+schon am 28. December Morgens vor Ambon lagen.</p>
+
+<p>Die Bucht von Ambon ist sechzehn Meilen lang, an der Einfahrt sechs,
+bei Ambon, das ungefähr in der Mitte liegt, eine Meile breit. Die
+ganze Bucht ist von niedrigen Hügelketten und Gebirgen umgeben, die
+höchsten Punkte, der <em class="gesperrt">Sytham</em> und der <em class="gesperrt">Sirymohu</em> werden
+auf 3000 und 4000 Fuß geschätzt. Die Hügelketten zeichnen sich
+durch reiche Vegetation aus; Wälder wechseln mit Wiesenplätzen und
+Gewürzpflanzungen; die schöne gefiederte Sago-Palme drängt sich<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span>
+überall hervor; die schlankstämmige Areka-Palme, die Kokospalme
+überragen die umfangreichen Blätterbäume.</p>
+
+<p>Ich hörte behaupten, daß die Einfahrt von Banda, besonders aber die
+von Ambon an Schönheit mit jener von <em class="gesperrt">Rio de Janeiro</em> wetteifern
+könne. Die Einfahrt von Banda ist reizend, die von Ambon wohl noch
+etwas reizender, aber eine wie die andere sind in keiner Beziehung
+mit der großartigen, einzig schönen Einfahrt von Rio de Janeiro
+zu vergleichen. Eher könnte man eine Aehnlichkeit mit jener von
+<em class="gesperrt">Santos</em> (400 Meilen von Rio de Janeiro) aufstellen.</p>
+
+<p>Das Städtchen Ambon, Sitz des Gouverneurs der Molukken, zählt nur
+1500 Einwohner und sieht mehr wie ein Dorf aus. Es ist von dem Fort
+<em class="gesperrt">Viktoria</em> beschützt. Die Residenz des Gouverneurs, einen Paal
+von dem Städtchen entfernt, zu <em class="gesperrt">Batugadja</em> gelegen, besteht
+aus einem ganz unbedeutenden kleinen Bambus-Hause. Der Gouverneur,
+Herr <em class="gesperrt">Vischer</em>, konnte mich gar nicht aufnehmen, da das einzige
+Fremden-Kämmerchen schon besetzt war; ich kam zu Herrn <em class="gesperrt">Roskolt</em>,
+dem Direktor des Institutes zur Bildung der Volksschullehrer.</p>
+
+<p>Herr Roskolt wurde im Jahre 1835 von der Holländischen Regierung nach
+Ambon gesandt, um dieses Institut zu errichten, welches zur Aufnahme
+von zwölf<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> eingebornen Jünglingen bestimmt war, die hier Unterricht,
+Kleidung, Kost u.&#8239;s.&#8239;w. erhalten sollten. Die zu dem Zwecke angewiesene
+Summe wurde in die Hände des Herrn Roskolt gegeben, und zwar ohne
+daß die Regierung eine Verrechnung verlangte. Schon am Ende des
+ersten Jahres fand Herr Roskolt, daß die Summe für achtzehn Jünglinge
+ausreichen würde, und stellte das Ersuchen, sechs Zöglinge mehr
+aufnehmen zu dürfen. Nebst diesen bestimmten Zöglingen erlaubt Herr
+Roskolt auch noch zehn bis fünfzehn jungen Leuten an dem Unterrichte
+Theil zu nehmen, aus welchen er dann immer die fähigsten zur gänzlichen
+Aufnahme wählt. Der Unterricht besteht in richtiger Kenntniß und
+Schreibung der Malaischen Sprache, in Religion, Arithmetik, Geographie
+und im Gesange der Psalmen.</p>
+
+<p>Die Eingebornen auf Ambon und den nahen Inselchen sind Christen;
+zu den Zeiten der Portugiesen waren sie Katholiken, jetzt sind sie
+Protestanten. In jedem größeren Dorfe (hier Negeri genannt) ist ein
+Schullehrer angestellt, der zugleich die Stelle des Priesters vertritt
+und in dem Gotteshause die Gebete und Gesänge abhält. Es gibt mitunter
+so große Dörfer, daß ein Schullehrer bis 250 Kinder unter sich hat.
+Ich besuchte auf meinen Ausflügen auf Ambon, Saparua und Ceram mehrere
+Dorfschulen,<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> deren Schullehrer Zöglinge des Herrn Roskolt waren. Die
+Kinder schrieben recht hübsch, rechneten richtig, sangen die Psalmen
+ganz gut u.&#8239;s.&#8239;w. Unwillkürlich stieg der Wunsch in mir auf, daß alle
+Europäischen Dorfkinder so gut unterrichtet sein möchten, als es diese
+Malaische Jugend war. Herr Roskolt hat sich nicht erfolglos bemüht;
+seine Arbeiten tragen jetzt schon gute Früchte.</p>
+
+<p>So wie Banda das Vaterland des Muskat-Baumes, so ist Ambon das des
+Gewürznelken-Baumes. Die Pflanzung desselben ist daher auch ein
+Hauptaugenmerk der Regierung und zugleich Monopol. Jedes Familienhaupt
+muß, je nach der Güte des Bodens, dreißig bis achtzig Bäume pflanzen
+und vollzählig unterhalten.</p>
+
+<p>In frühern Zeiten wurde der Muskatbaum ausschließend auf Banda und den
+dazu gehörigen kleinen Inseln, der Gewürznelken-Baum ausschließend auf
+Ambon und Saparua gepflanzt; auf den übrigen Molukken wurden beide
+Bäume ausgerottet. Jetzt können sie auf allen Inseln gepflanzt werden
+und sind nur auf den obgenannten Monopol.</p>
+
+<p>Der Gewürznelken-Baum beginnt im zwölften bis fünfzehnten Jahre
+zu tragen und stirbt erst mit hundert Jahren. Er liefert ein bis
+zwanzig Pfund. Die Ernte hat nur einmal im Jahre statt, von November<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span>
+bis Januar. Die Nelken werden im Schatten getrocknet. Der Pflanzer
+erhält seit kurzem dreißig Deut per Pfund, während er früher sich
+mit vierundzwanzig begnügen mußte. Diese Erhöhung ist dem jetzigen
+Gouverneur-General, Herrn Deimar van Twist zu danken<a id="FNAnker_21" href="#Fussnote_21" class="fnanchor">[21]</a>.</p>
+
+<p>Die Eingebornen wissen aus den Gewürznelken ganz hübsche Gegenstände zu
+machen: Vasen, Schiffe, Körbchen u.&#8239;s.&#8239;w. Die Gewürznelken müssen sie
+hiezu von der Regierung kaufen, und zwar zu einem unmäßig hohen Preise.
+In Holland soll das Pfund dieses Gewürzes eine halbe Rupie kosten, hier
+bezahlen die Leute zwei Rupien dafür. Außerdem ist noch die Ausfuhr von
+dergleichen Spielzeug sehr hoch besteuert.</p>
+
+<p>Auch der Muskat-Baum wird auf Ambon ziemlich häufig gepflanzt;
+vorzüglich gut gedeiht der Kakao-Baum; der Pikul Bohnen wird
+mit sechzig Rupien bezahlt. Der wichtigste Baum jedoch für die
+Eingebornen,<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> nicht nur auf Ambon, sondern auf allen Molukken, ist die
+Sagopalme. Das Mark derselben macht die Hauptnahrung der Eingebornen
+aus; es ist ihnen, was den Chinesen und Indiern der Reis, was andern
+Völkern das Getreide. Diese Palme wird gewöhnlich im fünfzehnten
+Jahre reif; man haut sie dann um, spaltet den Baum, und arbeitet
+das Mark mittelst einer einfachen Haue von Bambus heraus. Der ganze
+Stamm besteht aus Mark, das kaum von einer zolldicken Rinde umgeben
+ist. Das Mark wird theilweise in eine Art Trog gelegt, der aus dem
+ausgehöhlten Sagostamme verfertiget ist, und dessen Endseiten man mit
+Stücken geschlagenen Bastes verstopft. Durch Waschen und Kneten des
+Markes sondern sich die mehligen Theile von den faserigen ab. Das
+von dem Mehle geschwängerte Wasser läuft durch den Bast, welcher die
+Stelle eines Siebes vertritt, in einen zweiten Trog, in welchem mit dem
+Waschen so lange fortgefahren wird, bis sich alle Mehltheile von den
+Fasern gesondert haben. Sobald sich das Mehl gesetzt hat, läßt man das
+Wasser ab, und die Arbeit ist beendet. Das Mehl wird in nassem Zustande
+zu fünfundzwanzig bis dreißig Pfund in Körbe verpackt, die gleich an
+Ort und Stelle von den grünen Blättern der Sagopalme gemacht werden.
+Eine besondere Eigenschaft dieses Markes oder Mehles ist, daß es nie
+trocken<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> werden darf; man muß die Körbe mit dem Mehle von Zeit zu Zeit
+in Wasser stellen.</p>
+
+<p>Man bereitet aus diesem Mehle Brot und Papeta. Zur Bereitung des
+ersteren bedient man sich eiserner oder irdener Geschirre, mit kleinen
+Abtheilungen, die man erst glühend erhitzt, dann von innen mit etwas
+Wasser befeuchtet. Man füllt sie hierauf ganz mit dem Mehle an,
+bedeckt sie mit Blättern, legt ein Brettchen darauf, das mit einem
+Steine beschwert wird, und läßt sie so lange stehen, bis sich Dunst
+entwickelt, ein Zeichen, daß die Brötchen gar sind. Noch einfacher ist
+die Bereitung der Papeta. Man schüttet anfänglich etwas kaltes Wasser
+auf das Mehl, rührt es zu einem dicken Teige, gießt dann so viel heißes
+Wasser zu, bis es sehr flüssig wird, und läßt es erkalten. Die Papeta
+gleicht einer Sulze oder einem steifen Kleister. Beide Gerichte, ohne
+andere pikante Ingredienzien genossen, schmecken überaus leer und fade.</p>
+
+<p>Aus diesem Nahrungszweige ist ersichtlich, daß das Volk für Leben
+und Unterhalt wenig zu thun braucht. Familien, die wenig oder keine
+Sagobäume besitzen, können sich leicht mehrere hundert Pfund Mehl
+mit wenig Arbeit erwerben. Es ist nämlich Sitte, daß wenn ein Mann
+zu dem Eigenthümer eines reifen Sagobaumes geht und ihm sagt, daß er
+einen<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> reifen Baum habe, den er (der Mann) für ihn umhauen wolle, der
+Eigenthümer stets seine Einwilligung gibt. Der Mann kommt dann mit
+einigen Gehülfen, schlägt den Baum, bereitet und packt das Mehl, eine
+Arbeit von drei bis vier Tagen; dafür erhält er die Hälfte des Mehles
+nebst der Verköstigung während der Arbeit.</p>
+
+<p>Die Sagopalme, der Pisang (Bananen-Baum) gedeihen ohne alle Nachhülfe,
+das Meer ist überreich an Fischen, es wird daher begreiflich, daß
+das Volk auf den Molukken träger ist, als irgendwo. Wenn man z.&#8239;B.
+mit dem Dampfer ankommt, ist der Landungsplatz voll von müssigen
+Gaffern; keiner würde aber, selbst für übertrieben gute Bezahlung, das
+Reisegepäck nach dem Städtchen tragen. Man muß erst in das Haus gehen,
+in welchem man absteigt und von dort aus nach Trägern suchen. Oftmals
+ging ich Nachmittags in mehr als ein Dutzend Hütten, um einiges von den
+aus Gewürznelken gefertigten Arbeiten zu kaufen — überall fand ich die
+Leute entweder Karten spielend oder schlafend.</p>
+
+<p>Den Neujahrstag (1853) feierten wir mit einem Spaziergange nach dem
+nahen Wasserfalle „<em class="gesperrt">Batu-Gontung</em>.“ Der Wasserfall ist höchst
+unbedeutend, eben so eine dabei gelegene Grotte. Ein kaltes Bad<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> im
+Flüßchen und der Spaziergang durch die schönen Waldungen waren jedoch
+sehr lohnend.</p>
+
+<p>Um die Insel Ambon ein wenig kennen zu lernen, durchschnitt ich sie von
+Norden nach Süden und ging nach der Negeri Emma, ungefähr acht Paal.
+Man bedient sich auf Ambon zum Reisen einer Art Tragstühle, da die
+Wege zum Fahren oder Reiten nur einige Paal um das Städtchen gut sind.
+Ich wollte keinen Tragstuhl nehmen, indem mir nichts unangenehmer ist,
+als mich von Menschen tragen zu lassen; allein man behauptete, daß die
+Berge zu schroff seien, um von Europäern überklommen werden zu können.</p>
+
+<p>Ich nahm also zur Vorsorge einen Tragstuhl mit, lief aber daneben her.
+Es ist wahr, die Berge und Hügel steigen sehr schroff und steil auf,
+man muß wirklich schwindellos sein, um hinüber zu kommen; ich hatte
+jedoch ungleich Aergeres auf Borneo und Sumatra erlebt. In drei Stunden
+war ich in Emma.</p>
+
+<p>Die ganze Gegend zwischen dem Städtchen Ambon und Emma besteht aus
+Schluchten und trichterförmigen Vertiefungen; man mußte stets auf- und
+niederklettern oder auf äußerst schmalen Bergkanten fortschreiten.
+Alles war mit schönen Waldungen, mit üppigem Untergesträuch bedeckt.
+Man sah viele <em class="gesperrt">Dusons</em><a id="FNAnker_22" href="#Fussnote_22" class="fnanchor">[22]</a> mit<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> Gewürznelken-Bäumen; in den
+Wäldern gab es viele Sagopalmen. Von den Höhen erblickte man das Meer
+dies- und jenseits der Insel. Die Berge bestehen zum Theil aus Sand,
+den man sehr leicht herab arbeiten kann.</p>
+
+<p>Die Negeris liegen an den Kanten der Schluchten oder auf den Spitzen
+der Berge. Die Leute haben im Dorfe oft nicht einen Schritt ebene
+Fläche. Die kleinsten Kinder hier würden manchen Erwachsenen aus den
+Ebenen im Bergklettern beschämen. Das läuft und springt auf und ab
+gleich Gemsen.</p>
+
+<p>Ich blieb vier Tage auf Emma, um Insekten zu sammeln. Die Hitze war
+zwar sehr drückend, ich ertrug sie jedoch so gut, als hätte ich mein
+ganzes Leben unter dem Aequator zugebracht.</p>
+
+<p>Nach Ambon zurückgekehrt, unternahm ich einen etwas größeren Ausflug
+nach <em class="gesperrt">Saparua</em> und der Insel <em class="gesperrt">Ceram</em>, einer der größten von
+den Molukken. Letztere wollte ich vorzüglich ihrer Bewohner, der wilden
+Alforen, wegen besuchen.</p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">11. Januar</em> Nachts fuhr ich zur See nach dem Oertchen
+<em class="gesperrt">Paseo</em>, welches östlich von Ambon, an dem kaum einige hundert
+Fuß breiten Isthmus liegt, der diese Insel in zwei Theile theilt. Ich
+kam um zwei Uhr Nachts an. Die Prauhs wurden hier bei der Fluth über
+den Isthmus gezogen und die Reise früh<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> Morgens nach <em class="gesperrt">Ihamahu</em>
+(35 Meilen) einer Negeri auf Saparua fortgesetzt. Von da ging ich zu
+Fuße nach der Negeri-Saparua (7 Paal), wo ein kleines Fort und der Sitz
+eines Assistent-Residenten ist.</p>
+
+<p>Einen angenehmeren Spaziergang als von Ihamahu nach Saparua kann es
+nicht leicht geben. Das ganze Inselchen gleicht einem freundlichen
+Garten. Der Weg ist trefflich und führt durch kleine Waldungen von
+Fruchtbäumen, durch bedeutende Negeris, in welchen die Häuser in Reihen
+stehen, aber durch Bäume und grüne Plätze von einander geschieden und
+mit lebendigen Hecken eingezäunt sind. Die Aussichten, die man von den
+kleinen Höhen genießt, sind über alle Beschreibung herrlich. Man sieht
+Ambon, Ceram, Haraku und viele andere Eilande; man sieht das Meer bald
+als Bucht, bald als Bay oder Canal und über Saparua hinaus als endlosen
+Wasserspiegel. Ich fand viel Aehnlichkeit mit den <em class="gesperrt">Kykladen</em>
+in Griechenland. Nur sind die Inselgruppen hier durch ihre üppige
+Vegetation ungleich schöner als dort.</p>
+
+<p>In Saparua traf ich den Gouverneur, Herrn <em class="gesperrt">Vischer</em>, der
+auf einem Kriegsschiffe von Ambon hieher gekommen war, weil man
+einen Aufstand der Eingebornen befürchtete. Letztere sind in den
+entfernteren Kolonieen oft den Eigenmächtigkeiten und Bedrückungen
+harter und eigennütziger Beamten ausgesetzt.<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> Auch hier schien dies
+der Fall zu sein, und der Gouverneur wollte die Sache persönlich
+untersuchen. Ich habe bereits bei der Erwähnung der Hungersnoth in dem
+Gebiete von Samarang bemerkt, daß die Beamten, die sich Vergehungen
+oder Eigenmächtigkeiten zu Schulden kommen lassen, meistens wenig,
+mitunter gar nicht bestraft werden. In den Streitigkeiten mit den
+Eingebornen erhält fast immer der Beamte, selten der Eingeborne Recht.
+Bei der kleinsten Unachtsamkeit werden die Leute oft angefahren und
+ausgescholten, als hätten sie das größte Verbrechen begangen. Ich
+selbst sah einst einen Eingebornen an einen Pflock gebunden; er sollte
+mit einem Rohre 50 Hiebe auf den nackten Rücken bekommen. Als ich
+nach dem Verbrechen des Sträflings frug, wich man mit der Antwort
+aus, woraus zu schließen war, daß die Strafe dem Verbrechen nicht
+angemessen war. Zuverlässige Männer versicherten mir, daß nicht selten
+bis 100 Stockschläge ausgetheilt würden, obwohl die von der Regierung
+erlaubte höchste Zahl 30 sei. Die armen Leute erzittern manchmal so,
+wenn sie von Beamten oder Officieren gerufen werden, daß ihnen das
+Wort im Munde erstirbt. Auch in Brittisch-Indien hatte ich häufig
+Gelegenheit, dasselbe zu bemerken. Sollten Beamten und Officiere,
+die auf Außenposten angestellt sind, wo ihr Thun und Lassen nicht so
+überwacht werden kann,<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> nicht ungleich strenger bestraft werden, wenn
+sie ihre Pflichten überschreiten, als der Eingeborne, dem die Gesetze
+mit Waffengewalt aufgedrungen wurden? Aber so ist es fast in der ganzen
+Welt. Der gemeine, arme Mann, der oft aus Unwissenheit, aus Unkenntniß
+der Gesetze fehlt, wird für das geringste Vergehen strenge bestraft;
+der Vornehme, der Gebildete findet Nachsicht und Milde. Verdiente
+Letzterer, gerade weil er gebildet ist, weil er volles Bewußtsein
+seines Vergehens hat, nicht doppelte Strafe?</p>
+
+<p>Eine für den Reisenden sehr unangenehme Sache, die mich an Neapel, so
+wie auch an mein liebes Vaterland Oesterreich erinnerte, ist auf den
+Holländischen Besitzungen das ewige Abverlangen des Passes. In Batavia
+ließ ich den Paß für die Reise nach den Molukken visiren, in Samarang
+mußte dasselbe geschehen, in Surabaya, Ambon ebenso, ja beinahe in
+jedem Neste, wo nur ein Beamter residirte. Auf Saparua soll die
+Passomanie so weit gehen, daß kein Fischer ohne Paß auf den Fischzug
+ausgehen darf. Wahrlich, eine unerhörte Plackerei!</p>
+
+<p>Schon auf Ambon hatte ich den Gouverneur ersucht, meine Reise nach
+<em class="gesperrt">Wahay</em> an der Nordküste Cerams zu unterstützen. Ich wollte zu
+Lande durch das Innere dieser Insel gehen, die von den wilden Alforen
+bewohnt ist, welche auf Köpfe noch gieriger<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> sind als die Dayaker.
+Bisher wagten es nur zwei Europäer diese höchst gefährliche Reise zu
+unternehmen, von welchen der eine 150 Mann zum Schutze mitnahm. Ohne
+Hilfe der Regierung kann man gar keine Leute als Begleiter finden,
+da sich ein Stamm vor dem andern fürchtet. Ich wollte mich dessen
+ungeachtet mit vier Leuten begnügen; allein der Gouverneur versicherte
+mir, daß ich wenigstens 20 haben müßte, weil unter dieser Zahl niemand
+mit mir ginge. Er fügte bei, daß, wenn eine dringende Nachricht zu
+Lande nach Wahay zu senden sei (gewöhnlich geschieht dieß zur See),
+stets 20 Mann geschickt werden.</p>
+
+<p>Mit Briefen an einige Regenten, die auf Ceram ungefähr so viel wie
+Dorfrichter sind, und den herzlichsten Glückwünschen trat ich am <em class="gesperrt">17.
+Januar</em> Nachmittags die Reise zu Fuß an. Ich ging nur bis nach der
+Negeri <em class="gesperrt">Noloth</em> auf <em class="gesperrt">Saparua</em> (7 Paal).</p>
+
+<p>Am folgenden Tag, <em class="gesperrt">18. Januar</em>, fuhr ich in einem Prauh über die
+See nach <em class="gesperrt">Makariki</em> auf der Insel Ceram (32 Meilen). Ich kam da so
+spät an, daß ich die Nacht in dem Prauh zubrachte.</p>
+
+<p>Den <em class="gesperrt">19. Januar</em> mußte ich in Makariki bleiben. Der eingeborne
+Häuptling hatte die zwanzig Leute zusammen zu suchen, die mich
+begleiten sollten. Den Rest des Tages brauchten die Leute, meistens
+Alforen und einige Malaien, dazu, sich für die Reise<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> mit Lebensmitteln
+zu versehen. Wir nahmen nichts als Sago-Brote, Pisangs und kleine
+getrocknete Fischchen mit.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">20. Januar.</em> Morgens begann die beschwerliche und gefahrvolle
+Reise. Die Leute in Makariki machten mir von den Wegen eine
+schauerliche Beschreibung: sie sagten, daß ich beständig über
+Steingerölle, durch Wasser, über sehr schroffe Gebirge zu gehen, die
+Nächte in den Wäldern unter freiem Himmel zuzubringen hätte, und
+prophezeiten mir, ich würde gewiß bald umkehren.</p>
+
+<p>Kaum waren wir eine Stunde gegangen, so begegneten wir schon einem
+Hinderniß, das für mich wenigstens sehr unangenehm war: der breite,
+tiefe und ziemlich reißende Fluß <em class="gesperrt">Ruata</em> mußte durchschwommen
+werden. Wie bei Sigumpulang auf Sumatra kam ich mit Hilfe zweier
+Eingebornen, die mir die Hand reichten und mich nach sich zogen,
+glücklich hindurch. Diesen ersten Tag verließen wir zwar die Ebene
+nicht, deßhalb war jedoch der Weg nicht minder schrecklich: er führte
+beständig in einem breiten Strombette fort, das jetzt in der trocknen
+Jahreszeit nur von einem schmalen, seichten Flüßchen eingenommen war.
+Wir hatten fast immer großes Steingerölle zu überklettern und unzählige
+Mal den Fluß nicht nur zu durchkreuzen, sondern mitunter lange Strecken
+in ihm zu gehen.<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> Gewiß ein Drittheil dieser Tagereise (18 Paal) ging
+durch Wasser. Dabei litt ich viel von der Hitze, denn obwohl von
+Waldungen umgeben, war das Strombett, in dessen Mitte wir uns halten
+mußten, zu breit, als daß der kühlende Schatten bis zu uns hätte
+gelangen können. An Aussichten war der Tag arm, da wir stets zwischen
+Waldungen und Schluchten wandelten.</p>
+
+<p>Nachmittags um 4 Uhr machten wir Halt<a id="FNAnker_23" href="#Fussnote_23" class="fnanchor">[23]</a>. Das Nachtlager wurde
+im Flußbette aufgeschlagen. Die Alforen errichteten schnell drei
+Laubdächer, unter die wir uns vertheilten, und lustige Feuer, an denen
+es leider nichts zu kochen gab, loderten bald empor. Der Anblick der
+finstern Waldungen, deren schwarze Schatten durch den aufgehenden Mond
+noch mehr herausgehoben wurden, war wohl etwas unheimlich; allein es
+halten sich auf dieser Insel keine wilden Thiere auf, und vor dem
+Ueberfalle eines Alforen-Stammes hatte ich keine Furcht. Ruhig legte
+ich mich auf das harte Steinlager und ließ mich von dem Gemurmel des
+Flusses bald in schöne Träume wiegen.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">21. Januar</em> (19 Paal). Heute hatten wir die erste Gebirgskette,
+<em class="gesperrt">Rothlong-Batai</em>, zu übersteigen;<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> die Höhe des Uebergangs mochte
+800 bis 900 Fuß betragen. Obgleich kein Pfad durch die Waldungen
+führte, so gehörte der Weg dennoch nicht zu den schlechtesten: das
+Untergebüsch war dünn, man konnte sich leicht überall durchwinden,
+auch waren die Berge nicht so schroff und steil wie jene von Ambon.
+Ich bewunderte sehr die Ortskenntniß der Leute: sie fanden durch
+das Labyrinth der Bäume den Weg so sicher, als wären wir auf einer
+gebahnten Straße gegangen.</p>
+
+<p>Auf den Höhen sah man hie und da kleine Gruppen verfallener
+Alforen-Hütten, die aus weiter nichts als Laubdächern bestanden, unter
+welchen fußhohe Schlafstellen errichtet waren. Die Bewohner hatten da
+wahrscheinlich schon allen Sago aufgezehrt und ihre Wohnsitze nach
+einer neuen, fruchtbareren Gegend verlegt.</p>
+
+<p>Nachdem die Gebirgskette überstiegen war, ging es beständig in engen
+Klüften, in schmalen, stein- und wasserreichen Flußbetten fort, ja
+wie gestern, so häufig im Wasser selbst, daß unsere Füße gar nicht
+trocken wurden. Gegen Mittag ruhten wir ein halbes Stündchen aus, um
+den magern Imbiß zu verzehren. Das harte Sagobrot mußte erst einige
+Minuten im Wasser erweicht werden, um es genießbar zu machen; dazu ein
+Paar Pisangs (Bananen), und die Tafel war Mittags,<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> wie Morgens oder
+Abends fertig. Mein Hunger zeigte sich jedoch in Folge der gehabten
+Anstrengung stets so groß, daß ich die Entbehrung besserer Gerichte
+nicht im Geringsten fühlte.</p>
+
+<p>An Rehen und Wildschweinen muß diese Insel überreich sein; von
+ersteren sahen wir viele, von letzteren fast nur die Spuren. Einige
+meiner Leute hatten Gewehre mit; es ging aber keines los. Ich sah
+bei dieser Gelegenheit, wie die Eingebornen die flüchtigsten Rehe im
+schnellsten Laufe so zu erschrecken oder stutzig zu machen wußten,
+daß die Thiere eine halbe Minute wie angewurzelt stehen blieben
+und das Auge von ihnen nicht abzogen. Die Leute schwenkten nur ein
+hochrothes Tuch und spannten es plötzlich auf. Trotz des sichern
+Zielpunktes, den die Thiere der Art abgeben, mußten wir uns doch
+die Lust auf einen Rehbraten vergehen lassen, da, wie gesagt, die
+unglücklichen Gewehre stets versagten. Dagegen fingen meine braven
+Alforen ein junges Wildschweinchen und ein Kussu (Baum- oder wilde
+Katze). Ersterem liefen sie über Stock und Stein so behende und flink
+nach, bis sie es ermüdeten und erhaschten. Letzteres holten sie von
+einem gewiß über hundert Fuß hohen Baume herab. Es war ängstlich und
+zugleich bewunderungswürdig zu sehen, mit welcher Leichtigkeit sie bis
+auf die höchste Spitze des Baumes kletterten. Das Thier<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> selbst war
+nicht schwer zu erlegen: bei Tage sieht es nicht und bleibt ganz ruhig
+sitzen. Sie gaben ihm einen Schlag auf den Kopf und warfen es zur Erde,
+wo es gänzlich getödtet wurde.</p>
+
+<p>Gestern wie heute begegneten wir keiner Seele. Das Nachtlager wurde
+abermals in einem Flußbette aufgeschlagen. Die Feuer brannten jedoch
+diesen Abend nicht umsonst. Dem Wildschweinchen wurde zwar vor der Hand
+das Leben geschenkt (mit diesem Braten sollte die Ankunft in Wahay
+gefeiert werden); aber das Kussu wurde geopfert. Die Leute schlitzten
+es auf, nahmen die Eingeweide und Gedärme heraus, wuschen es aus und
+legten es über das Feuer, um den Pelz einigermaßen abzubrennen. Sie
+legten dann das Eingeweide sammt den ausgewaschenen Gedärmen wieder in
+das Thier, steckten es an ein Holz und brieten es. Der Braten wurde
+ohne Salz verzehrt, da wir nichts dergleichen mit uns führten. Die
+guten Leute brachten mir ein ganzes Schenkelchen; ich nahm ein kleines
+Stück, um ihre Gabe nicht zu verschmähen und um das Fleisch zu kosten.
+Es hatte einen starken Geruch; nichts desto weniger schmeckte es mir.
+Die Malaien essen dieses Thier nicht: sie finden den Geruch zu stark.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">22. Januar</em> (achtzehn Paal). Heute gab es zwei Gebirgsketten zu
+übersteigen. Die Höhe der ersteren, <em class="gesperrt">Gorolehuway</em>, mochte 1500,
+die der letzteren,<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> <em class="gesperrt">Hurali</em>, 500 Fuß betragen. Die Waldungen auf
+Ceram zeichnen sich durch hohe, schlanke, ziemlich umfangreiche Bäume
+aus; ich blieb häufig bewundernd stehen, um diese himmelanstrebenden
+Giganten zu betrachten. Viele Stämme waren mit Schlingpflanzen und
+Orchideen bedeckt; doch Blumen sah ich nicht. Dagegen fiel mir ein
+Schwamm auf, wie ich nie zuvor einen gesehen. Er war nicht groß, hatte
+die Form eines Fingerhutes und saß auf einem drei Zoll hohen Stängel.
+Von der untern Kante hing rund herum ein zwei Finger breites, blendend
+weißes Netz, das so durchbrochen war wie das feinste Spitzengewebe. Es
+kam mir nie mehr ein zweites Exemplar vor.</p>
+
+<p>Von der Höhe des Gorolehuway sah man weit in das Land hinein. Der
+größte Theil war sehr gebirgig, die Thäler lang, aber schmal; überall
+finstere Waldung, keine Spur einer Hütte oder eines Feldes.</p>
+
+<p>Am schroffsten und gefährlichsten war der Uebergang über den Hurali.
+Dieses Gebirge, das letzte, das wir zu übersteigen hatten, fiel an
+manchen Stellen so senkrecht in die See, daß man kaum für den Fuß
+Raum fand; wäre ich dem Schwindel unterworfen gewesen, so hätte ich
+da gewiß meine Grabstätte gefunden. Auf dem Hurali sah ich das erste
+Alforische Dorf; es soll das größte auf ganz Ceram sein und enthielt
+an dreißig Hütten. Es schien aber wie<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> ausgestorben: man sah und hörte
+keine Seele, so daß ich glaubte, es sei verlassen. Meine Begleiter
+sagten mir jedoch, daß das Dorf bewohnt und die Leute zu Hause wären;
+nur seien sie so scheu und furchtsam, daß sie bei dem geringsten Laute
+menschlicher Stimmen oder Fußtritte in die Hütten flöhen und die Thüren
+verschlössen. Wir wurden hier von einem starken Regen überfallen und
+suchten Schutz unter den Hütten, die auf Pfählen gebaut waren. Wir
+klopften auch an manche Thür und riefen nach den Bewohnern. Einige
+gaben uns zwar Antwort; aber keiner öffnete seine Thür. Und so war ich
+über eine Stunde in einem großen Alforischen Dorfe, ohne eine Seele zu
+Gesicht zu bekommen. Ich mußte die Neugierde, die Alforen kennen zu
+lernen, auf die Rückreise verschieben, für die ich mir vornahm, mich
+von irgend einem Rajah begleiten zu lassen, welcher Einfluß auf die
+Leute hätte.</p>
+
+<p>Als wir den <em class="gesperrt">Hurali</em> im Rücken hatten und an die See kamen, dachte
+ich, daß nun alles Böse überstanden wäre; allein dem war nicht so. Die
+Berge und Hügel Ceram’s haben die Eigenthümlichkeit, daß sie meistens
+ganz schroff und steil gleich Wänden gegen die See abfallen. Wir mußten
+noch einen ganzen Paal in der Brandung der See selbst über Felsen,
+Riffe und Klippen steigen. Die Wogen schlugen heftig an, man hatte
+Mühe, sich zu erhalten, um<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> so mehr, als Klippen und Steine vom Wasser
+spiegelglatt geschliffen waren, und auf diese Weise bot uns das Ende
+der Reise mehr Schwierigkeiten als der Anfang. Doch auch dieß wurde
+glücklich überwunden und ein lieblicher Pfad durch kleine Wiesen führte
+den letzten Paal nach der Negeri Passanea.</p>
+
+<p>Man wird es vielleicht für Großsprecherei halten, wenn ich sage, daß
+mich diese Fußreise von einigen fünfzig Paal nicht im geringsten
+ermüdete. Ich hatte stets so viel zu sehen, jeder Gegenstand, wenn
+auch noch so klein und unbedeutend, interessirte mich so sehr, daß
+ich alle Mühseligkeiten vergaß. In solchen Fällen bewunderte ich oft
+selbst meine eisenfeste Natur, die mir erlaubte, ähnliche Strapazen
+auszuhalten. Ich lebte nur von Sagobrot und Pisangs, schlief auf hartem
+Boden und ging täglich achtzehn bis neunzehn Paal, was auf guten Wegen
+wohl nichts sagen würde, auf diesen steinigen, schroffen Gebirgspfaden
+aber im höchsten Grade beschwerlich war.</p>
+
+<p>Passanea ist von Malaien bewohnt. Die Malaien lassen sich an
+Küstengegenden, die Alforen im Gebirge nieder. In Passanea kehrte ich
+bei dem Regenten ein.</p>
+
+<p>Am folgenden Tage, <em class="gesperrt">23. Januar</em>, fuhr ich in einem winzig kleinen
+Prauh nach <em class="gesperrt">Wahay</em> (40 M.).<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> Die See war ruhig, und ohne Unfall
+erreichte ich Abends acht Uhr diesen Ort.</p>
+
+<p>Wahay ist die einzige Niederlassung der Holländer auf Ceram; sie haben
+hier ein kleines Fort mit einer Besatzung von 30 Mann.</p>
+
+<p>Ich blieb in dem Prauh sitzen und sandte den Empfehlungsbrief, den mir
+der Gouverneur Vischer für den Kommandanten, Herrn <em class="gesperrt">Kern</em>, gegeben
+hatte, an letztgenannten Herrn ab.</p>
+
+<p>Der gute Mann wollte meinem Führer gar nicht glauben, als ihm dieser
+verkündete, daß <em class="gesperrt">eine Frau</em> die Reise nach Wahay über Land gemacht
+habe; er versicherte mir später zu wiederholten Malen, daß er eher den
+Einsturz des Himmels als ein solches Ereigniß erwartet hätte.</p>
+
+<p>Ich blieb sechs Tage auf Wahay, während welcher ich meine
+Insekten-Sammlung sehr vermehrte; allein von den Alforen bekam ich
+immer noch nichts zu sehen: sie wohnten zu weit ab von Wahay. Herr Kern
+versprach mir, mich auf meiner Rückreise bis <em class="gesperrt">Saway</em> (nahe bei
+Passanea) zu begleiten und von dort aus zwei Alforische Negeris mit mir
+zu besuchen.</p>
+
+<p>Herr Kern, der bereits seit zwei Jahren auf Wahay lebte und manches von
+den Sitten und Gebräuchen der Alforen gesehen und gehört hatte, machte
+mir davon ungefähr folgende Schilderung, die ich so übereinstimmend<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span>
+fand mit dem, was ich bei den Dayakern beobachtet hatte, daß ich die
+Alforen für Abkömmlinge oder Stammverwandte der Dayaker halten möchte.</p>
+
+<p>Die Alforen sind Kopfjäger wie die Dayaker; sie schätzen einen
+abgehauenen Menschenkopf höher als die kostbarste Beute. Hier muß
+wirklich jeder Jüngling seiner Auserwählten als Brautgeschenk einen
+Kopf oder wenigstens einen Theil eines Kopfes bringen. Gewöhnlich
+ziehen fünf bis sechs Jünglinge gemeinschaftlich auf die Kopfjagd aus,
+begnügen sich mit einer solchen Trophäe und theilen sie dann. Die
+Hütte, in welcher sie die eroberten Köpfe aufbewahren, heißt Baileo.
+Wenn der Baileo zu verfallen beginnt und ein neuer gebaut wird, bleibt
+dieser ungedeckt, bis man ihn mit einem neuen Kopfe schmücken kann;
+dann erst wird er gedeckt, und die Köpfe werden aus dem alten Baileo
+übertragen.</p>
+
+<p>Der Alfore, welcher einzeln auf die Kopfjagd geht, verbirgt sich
+gleich den Dayakern hinter Bäumen oder Gesträuchen, legt sich flach
+auf die Erde, bedeckt sich ganz mit Laub und Zweigen, und harrt Tage
+lang, ohne Nahrung und Trank, auf seine Beute. Er schleudert nach dem
+Unglücklichen aus seinem Verstecke mit nie fehlender Geschicklichkeit
+seine Lanze, deren Spitze zwar nur von Bambus, aber scharf wie Eisen
+ist. Dann stürzt er von rückwärts über sein<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> Opfer her und haut ihm
+den Kopf ab. Den Körper verbirgt er höchst sorgfältig in Klüften und
+abgelegenen Orten, um die Entdeckung des Mordes so viel als möglich zu
+verhindern.</p>
+
+<p>Geht ein ganzer Stamm oder die Bewohnerschaft eines Dorfes auf
+die Kopfjagd, so suchen sie das feindliche Dorf zu einer Zeit zu
+überfallen, wenn die Männer auswärts mit Feldarbeit beschäftigt sind.
+Die Alforen schätzen die Köpfe der Weiber, ja der Kinder eben so hoch,
+wie die der Männer. Mit der Beute heimkehrend, kündigen sie ihr Glück
+schon von fern durch gellende Pfiffe auf einer Muschel an. Die Weiber
+und Kinder eilen den Siegern singend und jubelnd entgegen und führen
+sie im Triumphe nach dem Baileo. Hier werden die Köpfe den Knaben und
+Mädchen, die das zehnte Jahr nicht erreicht haben, überlassen; diese
+saugen jeden Blutstropfen begierig aus, was ihnen nach der Eltern
+Meinung Muth und Tapferkeit verleiht. Die Köpfe werden dann etwas
+geröstet, von dem Fleische gereinigt und in dem Baileo aufgehangen.
+Das Fleisch wird nicht gegessen, da die Alforen keine Kannibalen sind.
+Die Feste dauern einige Tage; man verzehrt dabei Wildschweine, Rehe
+und Kussus. Die Kinnbacken der verzehrten Thiere hängen sie ebenfalls
+an den Wänden des Baileo auf. Bei solchen festlichen Gelegenheiten
+erhalten die zehnjährigen<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> Kinder ihr erstes Kleidungsstück, die
+Knaben eine handbreite Leibbinde von Bast, die Mädchen ein enges,
+kaum fußlanges Röckchen. Leibbinde wie Röckchen werden <em class="gesperrt">Tijdaks</em>
+genannt.</p>
+
+<p>Wenn ein Mann einen Kopf erjagt hat, darf er als Auszeichnung
+sein blankes hölzernes Schild mit weißen Muscheln, sein Tijdak
+mit Zeichnungen verzieren. Man könnte diese Zeichen füglich die
+„<em class="gesperrt">Alforischen Militärorden</em>“ nennen, denn sie werden gleich den
+Europäischen nur nach glorreichen Thaten verliehen, wenn die Hände des
+Siegers Menschenblut vergossen haben.</p>
+
+<p>Die Religion der Alforen ist mit vielen Göttern und Geistern belebt.
+Einige Stämme haben Priester und eine Hütte als Tempel. Beide
+dienen jedoch nicht für Gottesdienst, sondern für die Zeremonie des
+Tätowirens, die an allen Kindern im zehnten Jahre vorgenommen wird. Die
+Kinder werden zu diesem Zwecke mit <em class="gesperrt">Sagower</em> (Palmwein) berauscht,
+in diesem Zustande in den Tempel gebracht und auf der Brust oder den
+Armen etwas tätowirt. Wenn sie vom Schlafe erwachen, sagt man ihnen,
+der gute Geist habe dieß gethan. Die Tätowirungshütte darf nur von dem
+Priester und dem Rajah betreten werden. Die Stämme, die sich nicht
+tätowiren, haben weder Tempel noch Priester.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span></p>
+
+<p>Die Alforen können mehrere Weiber nehmen und sich ohne Schwierigkeit
+wieder scheiden; gewöhnlich aber begnügen sie sich mit einer Frau.
+Scheidungen sollen selten vorkommen. Die Weiber werden gekauft, zwar
+nicht mit Geld, denn sie haben gar keines und trachten auch nicht
+darnach, aber mit Reis und Tabak.</p>
+
+<p>Sie tödten zuweilen die schwer Erkrankten, von welchen sie keine
+Genesung mehr hoffen, spannen dabei die Unglücklichen gleichsam in den
+Bock, indem sie ihnen die Arme durch die Knie ziehen, und lassen sie in
+dieser Stellung, bis die Seele vom Körper geschieden ist. Die Todten
+tragen sie entweder auf die höchsten Spitzen der Berge, am liebsten auf
+hohe, steile Felsen, oder sie verbrennen sie.</p>
+
+<p>Ihre Gesetzgebung soll ziemlich weise und gut sein. Die verschiedenen
+Stämme bilden eine Art Konföderation, haben einen König für die ganze
+Insel und Rajah’s für jedes Dorf. Sie erweisen ihren Vorgesetzten viele
+Ehrfurcht; dennoch sollen diese nur wenig Einfluß auf das Volk haben.
+Im Ganzen schildert man die Alforen als ehrlich, gut, verträglich
+und als gut gesittet. Sie sind die einzigen, die auf Ceram einige
+Bodenkultur betreiben: sie pflanzen etwas Reis, Tabak, Ubi und Mais,
+welche Artikel sie an die trägen Malaien, die beinahe nichts bauen,
+gegen Kokosnüsse, Pisangs, bunte Tücher und Glasperlen vertauschen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span></p>
+
+<p>Während meiner Anwesenheit zu Wahay kam die Nachricht an den
+Kommandanten, daß Alforen in eines ihrer stammverwandten Dörfer
+eingefallen und fünf Köpfe erobert hätten. Die Holländische Regierung
+nimmt keine Notiz, wenn sich die Alforen unter einander köpfen, und
+selbst sehr wenig, wenn sie über die Malaien herfallen. Sie hat auf
+dieser Insel zu wenig Macht, um mit einigem Ernste auftreten zu
+können. Auch mit zahlreicheren Truppen, als ihr zu Gebote stehen,
+würde es schwer sein, diese Bergvölker zum Gehorsam zu bringen.
+Bei der geringsten Verfolgung ziehen sie sich auf die höchsten,
+unzugänglichsten Berge zurück und finden dabei überall Nahrung, da
+die Sagopalme allenthalben in solchem Uebermaße gedeiht, daß ungleich
+mehr verdirbt, als aufgezehrt wird. Auch an Wild fehlt es nicht auf
+dieser Insel, wo es keine reißenden Thiere gibt, die dessen Vermehrung
+verhindern.</p>
+
+<p>Kurze Zeit, bevor ich nach Wahay gekommen war, wurden drei Malaien von
+Alforen getödtet. Man zog zwar zwei Rajahs von dem Stamme ein, welche
+der Morde beschuldiget wurden; allein die Leute gestanden nichts, und
+am Ende mußte man sich begnügen, sie nach ihren Gesetzen zu bestrafen.
+Diese verurtheilen den schuldigen Stamm, den Verwandten der Gemordeten
+zur Sühnung einige irdene Töpfe und Schüsseln, etwas Tabak und Reis zu
+geben.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span></p>
+
+<p>Die Holländische Regierung zieht von Ceram nicht den geringsten Nutzen.
+Es werden keine Gewürze gebaut, keine Abgaben bezahlt. Das Fort zu
+Wahay dient bloß dazu, festen Fuß auf der Insel zu haben, und sie
+derart als Holländisches Besitzthum erklären zu können.</p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">30. Januar</em> verließ ich Wahay, begleitet von Herrn Kern. Wir
+waren kaum einige Stunden zur See, als sich ein so stürmischer Wind
+erhob, daß wir das Land suchen mußten. Dieß war eine sehr schwierige
+Aufgabe, obwohl wir längs der Küste in der Entfernung von kaum einer
+Viertelmeile fuhren; überall gab es Riffe, hohe Felswände, steil
+abfallende Berge. Mit vieler Mühe und Gefahr gelangten wir endlich
+in eine kleine Bucht, wo wir den ganzen Tag und die halbe Nacht
+zubrachten. Den folgenden Morgen fuhren wir nach <em class="gesperrt">Saway</em>, das
+wir sehr früh erreichten. Wir besuchten von hier aus zwei Alforische
+Dörfer, <em class="gesperrt">Massitulan</em> und <em class="gesperrt">Opin</em>, die auf niederen, aber
+beinahe senkrecht aufsteigenden Hügeln nahe bei Saway liegen.</p>
+
+<p>Die Hütten der Alforen sind klein und wie jene der Malaien auf Pfählen
+gebaut; die Wände bestehen aus den Rippen der Sagoblätter, die Dächer
+aus den Sagoblättern. Im Innern sieht man nichts als einige Matten,
+einige Töpfe und Teller, einen Parang, Bogen<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> und Pfeile, eine Lanze
+und einen hölzernen Schild (vier Fuß lang und sechs bis acht Zoll
+breit).</p>
+
+<p>Die Alforen sind minder häßlich als die Malaien; ich fand mitunter
+recht wohlgeformte Gesichtsbildungen. Der Körper ist schlank und
+ebenmäßig; unter den Mädchen gibt es höchst zierliche Gestalten. Ihre
+Hautfarbe ist sehr lichtbraun; sie haben schöne schwarze Augen, weiße
+Zähne und dichtes schwarzes Haar, das nicht geschnitten wird. Die
+Männer wickeln die Haare vorne zusammen in Form einer Scheibe, die sie
+durch hinein gestecktes Reisstroh vergrößern. Um den Kopf winden sie
+ein Tuch so geschickt und zierlich, daß die Haarscheibe gleich einer
+Kokarde frei in der Höhe steht. Ein Mann, der zwei Köpfe erobert hat,
+darf auch das Kopftuch mit weißen Muscheln verzieren. Doch tragen nicht
+alle das Kopftuch oder die Haarscheibe; viele lassen das Haar frei
+flattern, was ihnen ein etwas wildes Aussehen verleiht. Das dichte,
+lange, etwas struppige Haar fällt über das Gesicht und fliegt bei jeder
+Bewegung umher. So reich ihr Kopfhaar ist, so arm ist der Bart. Es
+scheint nicht, daß sie wie die Malaien das Barthaar ausraufen; ich sah
+im Gegentheile einige unter ihnen, die ein Schnurrbärtchen hatten und
+sich viel darauf einzubilden schienen. Die Weiber haben das Haar hinten
+in einen Knoten gedreht und aufgesteckt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span></p>
+
+<p>Beide Geschlechter gehen beinahe im Naturzustande; nur die Mädchen
+kleiden sich in das fußlange, enge Röckchen. Die Männer tragen einen
+handbreiten Gürtel von Bast, die Weiber legen, wenn sie heirathen, den
+Tijdak ab und gehen beinahe ohne alle Bedeckung.</p>
+
+<p>In diesen beiden Alforischen Dörfern gab es noch wenig eroberte Köpfe.
+In dem einen stand ein neugebauter Baileo, der einstweilen ungedeckt
+war und des zu liefernden Kopfes harrte. Der Rajah des Dorfes Opin
+ist der Holländischen Regierung sehr ergeben. Er gestattet seinen
+Leuten nicht, ihre Opfer unter den Malaien zu suchen, ja er wünscht
+sogar, wie er sagt, das Kopfjagen ganz aufhören zu machen; doch
+wurde bisher seinen Vorstellungen kein Gehör gegeben. Er erhielt
+von dem Kommandanten für seine Anhänglichkeit an die Regierung
+einige alte Europäische Kleidungsstücke und andere Kleinigkeiten zum
+Geschenke. Da er von unserm Kommen unterrichtet war, hatte er alle
+diese Kostbarkeiten an seinen Körper gehangen. Man konnte nichts
+Lächerlicheres sehen. Ein altes Beinkleid reichte ihm bis an die
+Knöchel; in die Weste hätte er sich zweimal wickeln können, eben
+so in den Rock, an welchem die ursprüngliche Farbe kaum mehr zu
+erkennen war. Auf letzteren hatte er mehrere bunte Schnüre, sowie ein
+Stückchen Goldtresse als Orden<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> geheftet. An der Seite trug er einen
+alten Stoßdegen, auf dem Kopfe eine kleine, spitze Mütze mit weißen
+Hahnenfedern. In diesem großen Putze erscheint er nur, wenn er mit
+dem Kommandanten in Berührung kommt; sonst geht er nackt wie sein
+Volk. Auch die Mädchen und Frauen, deren sich nur wenige auf vieles
+Zureden des Rajah zeigten, erschienen, weil der Besuch des Kommandanten
+angekündiget war, in Tücher und Kleidungsstücke eingehüllt. Ich sah sie
+erst später auf Hurali, wo der Kommandant nicht bei mir war, in ihrem
+Naturzustande.</p>
+
+<p>Nachmittags fuhren wir nach <em class="gesperrt">Passaneo</em>.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">1. Februar.</em> Zu Passaneo trennten wir uns: der Kommandant fuhr
+zur See nach Wahay, ich trat die Fußreise nach <em class="gesperrt">Makariki</em> an. Vor
+dem Abschiede ersuchte ich noch den Kommandanten, mir den Regenten von
+Passaneo bis Hurali mit zu senden, damit er die Alforen bewege, ihre
+Hütten zu öffnen und mir Gelegenheit zu geben, dieses wilde und scheue
+Volk einigermaßen zu sehen.</p>
+
+<p>Ich kam in Passaneo wieder mit meinen Alforischen Begleitern zusammen,
+die daselbst auf mich gewartet hatten. Nun erst, da ich den Werth der
+Muscheln und Zeichnungen verstand, sah ich, welche tüchtige Kopfjäger
+es unter ihnen gab; ich zählte sechs, deren<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> Schilde (Tijdokos) und
+Kopftücher mit vielen weißen Muscheln und Zeichnungen prangten.</p>
+
+<p>Als wir zu Hurali ankamen, war richtig wieder keine Seele zu sehen; der
+Regent mußte beinahe mit Gewalt die Leute aus ihren Hütten treiben. Ich
+stieg in mehrere Behausungen und hoffte mehr Wohlhabenheit zu finden,
+als in Massitulan und Opin, indem Hurali, wie gesagt, das bedeutendste
+Alforische Dorf ist; allein die Einfachheit oder Armuth war hier wie
+dort dieselbe. Die Kinder flohen vor mir, schrieen und heulten, als
+kostete es ihr Leben. Auch die erwachsenen Mädchen reichten mir nur auf
+wiederholte Zusprache des Regenten die Hand zum Gruße. Das Mißtrauen,
+die Scheu dieser Leute rühren von ihrer Angst her: sie leben in steter
+Besorgniß feindlicher Ueberfälle.</p>
+
+<p>Man führte mich in den Baileo, der an Größe gegen die ihn umgebenden
+Hütten einem wahren Palaste glich: seine Länge mochte sechzig, seine
+Breite vierzig Fuß betragen. Mit Schauder zählte ich hier in einer
+langen Reihe 156 Schädel, die seit vielen Jahren zusammen gebracht
+wurden. An den Wänden hingen zahllose Kinnbacken der Wildschweine,
+Rehe u.&#8239;s.&#8239;w. die bei den stattgehabten Festlichkeiten verzehrt worden
+waren. Der Saal enthielt nichts weiter als die Köpfe,<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> die Kinnbacken
+und die Feuerstelle, an welcher die Köpfe geröstet werden.</p>
+
+<p>In der Hütte des Rajahs hingen ebenfalls noch ein Dutzend
+Menschenschädel.</p>
+
+<p>Ich wünschte sehr den Festtanz zu sehen, den die Alforen um die
+eroberten Köpfe aufführen. Die Jünglinge waren auch dazu gleich bereit,
+und fanden sich alsbald mit den Instrumenten ein, die aus Muscheln und
+einer Trommel bestanden. Sie begannen schon auf die Trommel zu schlagen
+und den Muscheln gellende Töne zu entlocken; allein die älteren Leute,
+besonders der Rajah, gaben ihre Einwilligung zu dem Tanze nicht: sie
+meinten, daß, wenn dieser Tanz aus Scherz aufgeführt würde, einer von
+ihnen bald als Opfer fallen müsse. Ich sah daraus, daß die Alforen, wie
+alle rohen und unwissenden Völker, sehr abergläubisch sind.</p>
+
+<p>Als Entschädigung zeigte mir der Rajah persönlich den Angriff eines
+Feindes. Er bewaffnete sich mit Schild, Parang und Lanze; Schild und
+Parang hielt er in der linken, die Lanze in der rechten Hand. Er
+verbarg sich hinter einem Baum, spähte mit großer Vorsicht nach allen
+Seiten, warf sich zu Boden, bedeckte sich mit Blättern und Zweigen und
+legte das Ohr an die Erde. Nach kurzer Zeit richtete er sich etwas auf,
+als gewahre er sein Opfer, zog sich für<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> einen Augenblick noch mehr
+zurück, warf plötzlich seine Lanze, stürzte hervor und führte mit dem
+Parang einen kräftigen Streich durch die Luft. Dann bückte er sich und
+raffte einen Stein auf, den er mir als eroberten Kopf überreichte.</p>
+
+<p>Ich bat den Rajah hierauf, mir die berühmtesten Kopfjäger seines
+Stammes vorzustellen. Er wies auf einige Männer, die um mich herum
+saßen und sagte mir, dieser habe zwei, jener drei, er selbst erst einen
+Kopf erbeutet. Es gibt keine Worte, mein Erstaunen zu schildern, als
+ich dieß hörte und dabei die gutmüthigen, sanften Gesichter dieser
+Menschen betrachtete. Die gerühmten Helden lächelten bei der Erwähnung
+ihrer Traten so wohlgefällig und bescheiden, als wäre von den edelsten
+Handlungen die Rede gewesen. Freilich ist in ihren Augen das Erjagen
+eines Kopfes dieselbe Heldenthat, wie in den Augen eines Europäischen
+Generals eine gewonnene Schlacht, in den Augen eines Soldaten das
+Niedermetzeln seiner Gegner. Im Grunde ist die Sache auch hier wie dort
+dieselbe.</p>
+
+<p>Mit Herzlichkeit nahm ich Abschied von diesen sonst so harmlosen
+Menschen und setzte die Reise fort. Wir hatten uns heute kaum zur Ruhe
+gelagert, als wir von dem Wache stehenden Manne erweckt wurden, der
+nach dem Walde wies. Dort sahen wir zu<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span> unserm Schrecken ein Licht
+schimmern. Meine Leute sprangen auf und griffen zu den Waffen. Bald
+erschienen ein halbes Dutzend Alforen mit brennenden Holzspänen und
+erzählten uns, daß sie unfern unseres Lagers viele Alforen gesehen
+hätten, die vermuthlich auf das Fällen der Sagobäume ausgegangen wären.
+Sie empfahlen uns Vorsicht und gingen ihres Weges. Mein Führer, den
+man mir in <em class="gesperrt">Saparua</em> mitgegeben hatte, und der der braveste und
+beste Malaie war, der mir je vorgekommen, ließ unsere noch glimmenden
+Feuer sogleich gänzlich auslöschen, beorderte an jede meiner Seiten
+drei Mann als Wache, und auch die übrigen mußten sich ganz in meine
+Nähe legen. Wir waren aber von der beschwerlichen Tagereise (wir hatten
+die beiden Gebirgsketten überstiegen) alle so ermüdet, daß wir trotz
+der Gefahr bald wieder zu schlafen begannen, wie ich glaube, die Wache
+nicht ausgenommen.</p>
+
+<p>Die Rückreise betrieb mein Führer mit solcher Eile, ich weiß nicht, ob
+aus Furcht oder aus einem anderen Grunde, daß wir am dritten Tage schon
+um 11 Uhr Vormittags in <em class="gesperrt">Makariki</em> waren. Die letzten sechs bis
+acht Paal machten wir auf einem anderen Wege, der durch ganze Waldungen
+von Sago-Palmen führte.</p>
+
+<p>Ich ruhte in Makariki einen Tag aus, den folgenden<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> kehrte ich nach
+<em class="gesperrt">Noloth</em> auf <em class="gesperrt">Saparua</em> zurück und am</p>
+
+<p>6. <em class="gesperrt">Februar</em> traf ich in der Negeri Saparua selbst ein, wo ich den
+Gouverneur noch fand, der mich mit freudigem Erstaunen empfing. Seine
+erste Frage war: „Sind Sie denn wirklich in <em class="gesperrt">Wahay</em> gewesen?“ —
+„Hier ist meine Bestätigung“, erwiderte ich lächelnd und reichte ihm
+einen Brief des dortigen Kommandanten.</p>
+
+<p>Zu Saparua war diesen Abend große Tafel. Der Gouverneur verließ am
+folgenden Morgen die Insel und hatte zum Abschiede alle Regenten und
+Schullehrer eingeladen. Diese Leute, sämmtlich Eingeborne, erschienen
+in schwarzer, Europäischer Kleidung, drei unter ihnen in militärischer
+Uniform: letztere waren Offiziere der Bürgermiliz. Ich bewunderte ihre
+Haltung in den ihnen fremden, steifen Anzügen, so wie ihren Anstand
+und ihr Benehmen bei der Tafel. Sie handhabten das Eßbesteck mit einer
+Geschicklichkeit, als wären sie von Jugend auf daran gewöhnt gewesen.
+Die Malaische Gesichtsform, die bräunliche Hautfarbe allein verrieth
+sie; sonst hätte man meinen können, sich in Europäischer Gesellschaft
+zu befinden.</p>
+
+<p>Am folgenden Morgen war schon sehr frühzeitig vieles Volk vor dem
+Hause versammelt, das dem Gouverneur durch allerlei Tänze seinen Dank
+für dessen<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> Besuch der Insel bezeugen wollte. Da gab es Tänzer und
+Tänzerinnen in Menge. Letztere waren voll Flitterwerk; man sah, daß
+sie alles auf sich gehangen hatten, was sie zusammen bringen konnten.
+Auf dem Kopfe trugen sie Kronen von Messingblech mit Fransen oder
+Blumen verziert, bunte Lappen prangten als Schürzen und Schärpen. Sie
+führten den schläfrigen, einförmigen Malaischen Tanz auf, dessen Ende
+nie zu erleben ist. Die Tänzer sahen wo möglich noch komischer aus.
+Sie trugen messingene Pickelhauben mit himmelhohen Hahnenfedern, bunte
+Schärpen, kleine, runde, hölzerne Schilde, mit weißen Papierschnitzeln
+beklebt und hölzerne Parangs, mit Blumen geschmückt. Der Tanz, den sie
+aufführten, war etwas lebhafter und abwechselnder als jener der Mädchen.</p>
+
+<p>Die Besetzung des Forts (50 Mann) war ebenfalls aufgestellt, die
+Regenten und Schullehrer umgaben den Gouverneur, und der ganze Zug
+begleitete ihn unter Tanz und Musik bis an das Seegestade. Der
+Gouverneur bereiste von hier noch einige andere Inseln.</p>
+
+<p>Auch ich verließ Saparua noch denselben Abend, und am folgenden Tage
+begrüßte ich zu Ambon wieder die liebenswürdige Familie Roskolt.</p>
+
+<p>Ich hatte nun schon viel Gelegenheit gehabt, das Volk auf den Molukken
+zu sehen. Ich fand die Malaien,<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> aus welchen der größte Theil der
+Bevölkerung bestand, hier minder häßlich als auf Java, Borneo und
+Sumatra. Die Hautfarbe ist lichtbraun, der Körper wohlgeformt, wie
+man ihn häufig bei Völkern findet, die ihn nicht in unnatürliche
+Kleidertrachten zwingen. Sie verderben die Zähne nicht durch Feilen und
+Schwärzen und kauen weniger Siri; die Weiber sah ich nirgends Tabak
+rauchen. Die Hauptfarbe ihres Anzuges ist dunkelblau oder schwarz.</p>
+
+<p>Ich hatte gehört und auch gelesen, daß die Christen unter den
+Eingebornen aus Ambon höchst lächerlich gekleidet seien und nichts
+lieber trügen als Europäische Kleider, besonders die Männer den
+Europäischen runden Hut. Ich fand dieß aber nicht so auffallend. Die
+Weiber zeichnen sich vor den übrigen Malaiinnen höchstens durch längere
+Kabays aus; die Männer tragen mitunter Beinkleider, aber höchst selten
+eine Kappe, einen Stroh- oder Filzhut; gewöhnlich gehen sie ohne
+Kopfbedeckung. — Aber so ist der Reisende: in allen Ländern will er
+Sonderbarkeiten finden. Es würde mich nicht wundern, wenn Jemand ein
+unbekanntes Land durchreist, und unter Tausenden von Eingebornen zwei
+bis drei mit Klumpfüßen gefunden hätte, ihn sogleich die Behauptung
+aufstellen zu hören, daß in diesem Lande die Leute alle an Klumpfüßen
+litten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span></p>
+
+<p>Auf den Molukken sieht man bei den Eingebornen wenig Geflügel, sehr
+selten Schweine und kein Hornvieh<a id="FNAnker_24" href="#Fussnote_24" class="fnanchor">[24]</a>; sie begnügen sich mit Sago,
+rothem Pfeffer, Fischen und einigen Früchten.</p>
+
+<p>Vor kurzem wurde auf Ambon eine Sagofabrik errichtet, in welcher das
+schönste weiße Sagomehl, so wie der Perlsago producirt wird. Diese
+Fabrik kann jedoch nicht so billig arbeiten, wie jene aus Singapore,
+obwohl der Sago hier heimisch ist, und dort eingeführt werden muß. Auf
+Singapore gibt es nämlich der arbeitsamen Chinesen genug, die sich mit
+einem geringen Lohne begnügen, während hier der träge Malaie nur durch
+Ueberzahlung zur Arbeit bewogen werden kann.</p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">3. März</em> verließ ich Ambon, und zwar abermals auf dem Dampfer
+Ambon, Kapitän Bergner. Ich ging über <em class="gesperrt">Ternate</em>, das noch zu den
+Molukken gehört, nach <em class="gesperrt">Kema</em> auf Celebes. Die Fahrt nach Ternate
+(260 Meil.) machten wir in 54 Stunden. Wir kamen an vielen Inseln und
+Eiländchen vorüber; auf manchen sah ich ganz schroffe, vollkommen
+kegelförmige Berge, die mitunter gerade aus der See emporstiegen. Viele
+standen frei ohne alle Verbindung, sie erinnerten mich an jene um
+Sarawak.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span></p>
+
+<p>Die Einfahrt von Ternate ist sehr pittoresk. Die Bay erscheint von
+mehreren über 5000 Fuß hohen Bergen umkränzt, darunter <em class="gesperrt">Tidore</em>,
+<em class="gesperrt">Ternate</em>, letzterer ein Vulkan, der häufig raucht. An seinem Fuße
+liegt das Städtchen Ternate.</p>
+
+<p>Die Holländer haben hier ein Fort und einen Residenten; doch ist diese
+Insel gleich <em class="gesperrt">Ceram</em> für die Holländische Regierung nur ein
+Lastposten, den sie aus politischen Rücksichten beibehält.</p>
+
+<p>Es residirt hier ein Sultan, welchem sie bisher sein ganzes Land
+gelassen hat, und dem sie überdieß noch eine jährliche Pension von
+10,800 Rupien gibt.</p>
+
+<p>Wir blieben auf Ternate ein und einen halben Tag, die ich höchst
+angenehm in dem Hause des Residenten, Herrn <em class="gesperrt">Goldmann</em>, zubrachte.</p>
+
+<p>Abends machten wir dem Sultan von Ternate einen Besuch. Er sandte, um
+uns abzuholen, einen bequemen Europäischen Wagen, den er einst von dem
+König von Holland zum Geschenke erhalten hatte. Da es aber auf der
+Insel Ternate keine Pferde gibt, woran man in Holland nicht gedacht
+hatte, mußten, wenn man den Wagen gebrauchen wollte, an die Stelle
+der Pferde Menschen gespannt werden. Zu meinem Erstaunen sah ich auch
+wirklich das Fuhrwerk vor das Haus rollen, von mehr als zwanzig Dienern
+oder Unterthanen des Sultans gezogen und geschoben. Wir<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> saßen ein
+und fuhren so rasch, daß uns der Abgang der vierbeinigen Laufer kaum
+bemerkbar wurde.</p>
+
+<p>Das Haus des Sultans war von Stein in Europäischem Style ausgeführt,
+der Sultan Europäisch gekleidet, mit Ausnahme des Turbans auf seinem
+Kopfe. Er empfing uns unten an der Treppe, bot mir den Arm und
+geleitete mich mit vielem Anstande in den Empfangssaal; hier mußte
+ich mich von ihm trennen, da ich als Frau nicht an seiner Seite Platz
+nehmen durfte. Es empfingen mich seine Töchter (die Sultanin ließ sich
+krank melden), und führten mich an das eine Ende des Saales. Die Herren
+saßen uns gegenüber an dem anderen Ende. Nachdem Thee und Backwerk
+gereicht worden war, führte man uns zu Ehren zwei Tänze auf, den Menaré
+und den Tjakalele.</p>
+
+<p>Der Menaré wurde von zwölf hübsch gekleideten Mädchen getanzt. Sie
+hatten hochrote seidene Blousen an, um den Hals einen sehr breiten
+weißen Kragen, nebstdem noch rothe und grüne Schürzen und Schärpen. Um
+die Taille trugen sie einen breiten Goldblech-Gürtel, vom Halse bis an
+die Brust ein Goldblech, und von demselben Metalle Armbänder, auf dem
+Kopfe einen schmalen Reif mit vielen Spitzen und Zacken. Nach hinten
+hing noch ein Goldblech über die Haare, die mit Blumen geschmückt
+waren; in dem<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> Gürtel hatten sie Fächer stecken. Der Tanz war für
+Malaiinnen ziemlich bewegt. Sie machten Figuren wie bei der Quadrille
+und bedienten sich hiezu sogar ihrer Schärpen und Fächer. Alles
+geschah jedoch mit gesenkten Augen ohne Grazie, und unter Begleitung
+kreischender Gesänge. Die Musik bestand aus zwei Tamburinen und einer
+Pfeife, die Musiker waren Weiber.</p>
+
+<p>Der <em class="gesperrt">Tjakalele</em> rührt noch, mit einigen Abänderungen, aus den
+Zeiten der Portugiesen her. Dieser Tanz, von einem Vortänzer und zehn
+Tänzern ausgeführt, ist so hübsch, daß man ihn einem civilisirten
+Ballettanze vergleichen könnte. Der Anzug der Tänzer bestand aus
+orangegelben Beinkleidern und Kaftanen, letztere auf vier Seiten
+aufgeschlitzt, aus bunten Binden und Schärpen und dreieckigen
+Filzhüten mit weißen Federbüschen. Jeder Tänzer hielt ein hölzernes
+Schwert in der Hand und hatte an jedem Arme ein buntes seidenes Tuch
+befestigt. Der Vortänzer trug statt eines orangegelben Kaftans einen
+hochrothen, statt einer Schärpe zwei, auf dem Hute zwei Federbüsche
+und an jedem Arme zwei Tücher. Die Tänzer machten sehr künstliche,
+verwickelte Figuren und Gruppen; sie stampften zeitweise mit den Füßen
+auf den Boden und schlugen mit den Schwertern wie bei einem Gefechte
+aneinander. Auch begleiteten sie den Tanz mit kurzen Gesängen, die
+etwas weniges besser<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> klangen als jene der Mädchen. Zum Schluß bildeten
+sie mit den Schwertern eine Art Tragbahre, auf welche der Vortänzer
+sprang, und trugen diesen im Triumphe von der Scene. Die Musik bestand
+aus zwei Violinen und einer Pfeife und wurde von Männern gespielt.</p>
+
+<p>Die Unterwürfigkeit ist an diesem Hofe nicht so groß wie zu Surakarta.
+Die Leute fingen erst an, auf den Knien zu rutschen, wenn sie dem
+Sultan schon ganz nahe waren. Den Sultan fand ich nicht von Weibern,
+sondern von Männern umgeben, die hinter ihm aufrecht standen.</p>
+
+<p>Beim Abschiede begleiteten mich die Töchter des Sultans bis an den
+Ausgang des Saales; hier bot mir der Sultan wieder den Arm und
+geleitete mich bis an den Wagen.</p>
+
+<p>Ich sah mit Erstaunen die Straßen beleuchtet, obwohl ich im Hinfahren
+den Luxus von Laternen nicht bemerkt hatte. Als wir bei dem ersten
+Lichte vorüber fuhren, löste sich das Räthsel — die Laternen waren
+gleich den Pferden von Menschen vertreten, die an beiden Seiten der
+Straße mit Fackeln standen.</p>
+
+<p>Die Eingeborenen von Ternate leben noch viel von Sago; doch wird
+auch Reis und Mais gebaut. Das Land ist fruchtbar, aber noch wenig
+kultivirt. Daß an dergleichen Orten die Lebensmittel, an welche wir
+Europäer gewöhnt sind, übertrieben viel kosten,<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> versteht sich von
+selbst, da wenig oder nichts gepflanzt wird und sich selten jemand
+mit Aufziehung von Geflügel, Schweinen oder Hornvieh beschäftigt. So
+bezahlt man hier z.&#8239;B. für ein Pfund Rindfleisch sechzig Deut, für eine
+Flasche Milch vierzig. Der Lohn der Dienerschaft ist ebenfalls sehr
+hoch; man muß die Leute meistens von Java kommen lassen.</p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">7. März</em> Abends verließen wir Ternate und am folgenden Morgen
+lagen wir vor <em class="gesperrt">Kema</em> (94 Meilen) auf Celebes.</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_19" href="#FNAnker_19" class="label">[19]</a> Als ich später nach Java zurückkam, las ich in den
+Zeitungen, daß in Folge dieses Erdbebens die Hälfte der Molukken
+zerstört worden sei. Welche Uebertreibung!</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_20" href="#FNAnker_20" class="label">[20]</a> Der Nanarinen-Baum gehört zum Geschlecht der
+Kanarien-Bäume; er trägt eine sehr fette Mandel, aus welcher Oel
+gepreßt wird, das viel feiner als Kokos-Oel ist und auch zum Kochen
+verwendet wird.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_21" href="#FNAnker_21" class="label">[21]</a> Bei dieser Gelegenheit muß ich bemerken, daß unter
+diesem Gouverneur-General auch die Abgaben aufgehoben wurden, welche
+die Kleinverkäufer auf allen Holländisch-Indischen Besitzungen von
+den Lebensmitteln bezahlen mußten, die sie zu Markte brachten. Dieses
+Gesetz war um so drückender, als der Bazarpacht meistens in den Händen
+der Chinesen war, die unglaublich geldgierig und hartherzig sind und
+das Volk schrecklich quälten, ja nicht selten betrogen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_22" href="#FNAnker_22" class="label">[22]</a> Jede Pflanzung, jeder Garten wird auf Ambon „Duson“
+genannt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_23" href="#FNAnker_23" class="label">[23]</a> In Gegenden, die nahe am Aequator liegen, muß man
+frühzeitig Halt machen, da die Sonne um 6 Uhr untergeht und die
+Dunkelheit plötzlich ohne vorhergehende Dämmerung eintritt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_24" href="#FNAnker_24" class="label">[24]</a> Es giebt Hornvieh; dasselbe wird aber nur von den
+Holländern gehalten.</p>
+
+</div>
+
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe6" id="p193_ende">
+ <img class="w100 padtop1" src="images/p193_ende.jpg" alt="" data-role="presentation">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Elftes_Kapitel">Elftes Kapitel.</h2>
+
+</div>
+
+<p class="s5 hang2 mbot2">Celebes. — Menado. — Reise nach den Oberlanden. — Die
+Holländischen Missionäre. — Makassar. — Reise in das Innere von
+Celebes. — Maros. — Eine Regentenwahl. — Tanette. — Baru. — Fest
+der Zahnfeilung. — Pare-pare. — Der gelehrte Malaische König.</p>
+
+<p><img class="illowe1_2 mbot-0_3" src="images/p194_init.jpg" alt="C">elebes ist eine große Insel, die sich ungefähr von dem zweiten
+Breitengrade, nördlich des Aequators, bis zu dem sechsten Grade südlich
+von demselben erstreckt und durch tiefe Einschnitte des Meeres in vier
+Halbinseln getheilt wird.</p>
+
+<p>Kema liegt auf der nordöstlichen Spitze in der Residentschaft
+<em class="gesperrt">Menehassa</em>. Der Sitz des Residenten ist zu <em class="gesperrt">Menado</em> (zwanzig
+Paal). In dem Ostmonsun gehen die Schiffe vor Menado, in dem Westmonsun
+vor Kema vor Anker<a id="FNAnker_25" href="#Fussnote_25" class="fnanchor">[25]</a>.</p>
+
+<p>Kema ist ein ganz unbedeutendes Oertchen; ich fand hier nur einen
+Beamten und einen Missionär,<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> den ersten, welchem ich in den
+Holländischen Besitzungen begegnete. Der Missionär, Herr <em class="gesperrt">Hardig</em>,
+ein Deutscher, lud mich sogleich in sein Haus ein. Ich blieb daselbst
+zwei Tage und ritt dann ganz allein nach Menado. Der Weg führt durch
+schöne, breite Thäler, die mit Reis, Kaffee und Mais bepflanzt
+sind. Hübsche Berge erheben sich auf beiden Seiten, unter welchen
+der <em class="gesperrt">Klabat</em>, die beiden Brüder an 5000 Fuß hoch sind. Obwohl
+auch hier die Sagopalme noch wild gedeiht, arbeiten die Leute doch
+bei weitem mehr als auf den Molukken. Sie nähren sich hauptsächlich
+von Reis und Mais. Mit dem Kaffeebaue haben sie mehr zu thun, als
+irgendwo: jedes Familienhaupt muß 500 Bäume pflanzen und erhalten.
+Sie erhalten zwar für den Pikul Kaffee zehn Kupfergulden, müssen aber
+davon an die Regenten und Aufseher 1 Gulden 25 Deut abgeben. Jeder
+Eingeborne muß außerdem für seine Hütte der Regierung jährlich sechs,
+dem Regenten zwei Gulden bezahlen und an den Weg-, Brücken- und andern
+Bauten unentgeldlich arbeiten. Es scheint, daß die Leute hier von der
+Holländischen Regierung etwas stiefmütterlich behandelt werden.</p>
+
+<p>Für Menado hatte ich eine Einladung vom Residenten Herrn
+<em class="gesperrt">Andriesen</em>.</p>
+
+<p>Da ich von Menehassa, das seiner schönen Natur wegen sehr gerühmt
+wird, etwas sehen wollte, unternahm<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> ich eine kleine Reise nach den
+Oberlanden (2300 Fuß hoch gelegen) und dem See <em class="gesperrt">Tondano</em>.</p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">14. März</em> ritt ich in Gesellschaft des Missionärs, Herrn
+<em class="gesperrt">Schwarz</em> (eines Deutschen), über <em class="gesperrt">Lotho</em>, <em class="gesperrt">Tomohan</em>
+und <em class="gesperrt">Lahendon</em> nach <em class="gesperrt">Sonder</em> (23 Paal). Bei Lotho fängt die
+Steigung des Weges an; man hat einige wunderbar schöne Aussichten
+über Land und Meer. Der schönste Punkt aber ist auf der Höhe von
+Lahendon. Zu Füßen liegt ein großes, fruchtbares Thal, von schönen
+Bergen umsäumt, darunter der <em class="gesperrt">Saputan</em> oder <em class="gesperrt">Frauenberg</em>, der
+<em class="gesperrt">Lokon</em> mit 5000 Fuß Höhe. Bepflanzte Hügel, Waldungen, Boskette
+mit reichen Mais- und Reisfeldern, große, nette Dörfer erscheinen
+überall dazwischen, und das freundliche Lahendoner-Seelein schimmert
+gleich einem Diamanten aus der grünen Einfassung.</p>
+
+<p>Zu Tomohan blieben wir bei dem Missionär Herrn <em class="gesperrt">Wilken</em>,
+ebenfalls einem Deutschen, über Mittag. Nach Tische machten wir den
+kurzen Umweg von einer Meile, um an den kleinen See zu kommen, der
+ungefähr einen Paal im Durchmesser haben mag. Jenseits des Sees liegen
+einige Schlammquellen. Ich ließ mich in einem ausgehöhlten Baumstamme
+übersetzen; allein es war nichts als vertrockneter Schlamm zu sehen;
+nicht das geringste Dampfwölkchen verkündete einiges Leben. Bei
+Regenwetter sollen die Quellen noch<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> etwas wirksam sein, aber lange
+nicht mehr so stark als vor zehn Jahren. Zu jener Zeit bezahlte ein
+Italienischer Graf den Besuch der Quellen mit seinem Leben. Er wagte
+sich, ungeachtet der Warnungen seines Führers, zu nahe, sank bis an die
+Schenkel in den kochenden Schlamm und starb nach einigen Monaten an den
+Brandwunden.</p>
+
+<p>Außer diesen Schlammquellen ist noch eine kleine heiße Schwefelquelle
+nahe an dem See zu sehen.</p>
+
+<p>Zu Sonder blieb ich bei dem Missionär Herrn <em class="gesperrt">Graafland</em>. Herr
+Schwarz ritt noch elf Paal weiter nach <em class="gesperrt">Langowang</em>, wo er wohnte.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">15. März.</em> Herr Graafland begleitete mich bis Langowang. Ungefähr
+zwei Paal vor diesem Orte, einige hundert Schritte vom Wege ab, liegen
+ebenfalls Schlammquellen. Es haben sich mehrere Becken gebildet,
+von welchen das größte vielleicht zwanzig Fuß im Durchmesser ist.
+Hier brodelt der Schlamm noch etwas auf. Nahe bei Langowang liegen
+auch einige, beinahe kochend heiße Schwefelquellen. Das Wasser ist
+krystallhell — man kann tief hinab in die Felsbecken schauen. Der
+Geruch nach Schwefel ist viel stärker als der Geschmack. Die Leute,
+die in der Nähe dieser Quellen wohnen, bedienen sich des Wassers zum
+Trinken und Kochen. Sie sagen, daß wer daran<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> nicht gewöhnt sei,
+anfangs nach dem Genuß häufig Leibschmerzen bekomme.</p>
+
+<p>In Langowang stieg ich bei dem guten und biedern Herrn Schwarz ab und
+hielt in seinem Hause einen Ruhetag.</p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">17. März</em> ritt ich nach <em class="gesperrt">Romboken</em> (acht Paal), an dem
+schönen See Tondano gelegen, der neun Paal lang und vier breit ist.
+Dieser See, ein einstiger Krater, erhält seinen Wasserreichthum durch
+dreißig kleine Flüsse; außerdem hat er selbst in seiner Mitte eine
+Quelle, an einer Stelle, wo man mit dem Senkblei keinen Grund gefunden
+haben soll. Er ist von lieblichen Bergen und Hügeln eingefaßt, die in
+immerwährendem Grün prangen.</p>
+
+<p>Aus Romboken erwartete mich der Missionär Herr <em class="gesperrt">Noe</em> mit einem
+Boote, um mich nach Tondano (vier Paal), seinem Wohnsitze, zu führen.
+Unter Weges überfiel uns ein echt tropischer Regenguß, begleitet von
+einem sehr kühlen Winde; es erfaßte mich ein heftiger Frost, und das
+böse Sumatra-Fieber stellte sich zum siebenten Male ein (ich hatte es
+auch auf Ambon). Mit großer Sehnsucht sah ich der Ankunft zu Tondano
+entgegen und eilte von dem Boote sogleich in das Bett. Gegen Abend war
+der Anfall vorüber, und ich besuchte noch Herrn <em class="gesperrt">Riedl</em>, ebenfalls
+einen Deutschen Missionär.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span></p>
+
+<p>Da ich das dreitägige Fieber hatte, konnte ich am folgenden Morgen
+ruhig einen Spaziergang nach dem zwei Paal entfernten Wasserfall von
+Tondano machen. Die Umgebung ist wild romantisch; der Fluß stürzt sich
+über eine achtzig Fuß hohe Felswand in einen Kessel, der von allen
+Seiten senkrecht abfällt und unzugänglich ist. Man kann diesen Fall nur
+von oben besehen, wo eine offene Hütte für die Neugierigen errichtet
+ist. Ein zweiter Fall ist weniger bedeutend. Ungefähr hundert Fuß von
+letzterem führt ein Brückchen über den Fluß, von welchem man beide
+Fälle überblickt. Der Fluß ist zwischen einige Felswände eingeengt,
+in welche die Kraft des stark abfallenden Wassers große Oeffnungen
+gebrochen hat, und durch diese stürzt er sich wie durch Schleußen fort.</p>
+
+<p>Nachmittags durchschiffte ich den See in seiner ganzen Länge bis
+<em class="gesperrt">Kakas</em>, von wo ich nach Langowang zu Fuß ging. Hier nahm mich
+wieder Herr Schwarz auf.</p>
+
+<p>Mit dieser Parthie schloß sich meine Reise in der Residentschaft
+Menehassa. Ich wäre noch weiter gekommen, wenn das Fieber nicht
+wiederholt aufgetreten wäre. Alles was ich von diesem Lande sah, gefiel
+mir unendlich. Es ist reich an Naturschönheiten, hat ein gemäßigtes
+Klima und trefflichen Grund und Boden. Die Dorfschaften sind schön
+und reinlich, die<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> Häuser auf Pfähle gebaut, geräumig und so gut in
+Stand gehalten, wie ich noch in keinem dieser Länder gesehen hatte.
+Obwohl nur aus Holz oder von den Rippen der Sagoblätter, sehen viele
+Häuser der Eingebornen, ihrer Größe und Sauberkeit wegen, wie Wohnungen
+von Europäern aus. Es gibt Dorfschaften von 2 bis 3000 Seelen; die
+Häuser stehen in Reihen, sind aber durch Bäume und Hecken von einander
+geschieden. Die schönsten lebendigen Zäune von gefüllten Rosen laufen
+längs den Häuserreihen hin. Sehr gute, breite Wege durchschneiden
+Menehassa in allen Richtungen. In siebzehn Ortschaften sind sogenannte
+„Loger-Häuser“ für den Residenten gebaut, der häufig im Lande herum
+reisen muß, um nach den Kaffee-Pflanzungen zu sehen.</p>
+
+<p>Die Eingebornen sind theils Christen, theils Heiden. Man nennt sie
+Alforen; ich fand aber wenig Aehnlichkeit zwischen ihnen und den
+Alforen auf Ceram. Auch sind sie keine Kopfjäger. Sie sind etwas minder
+häßlich als die Malaien und lassen ihre Zähne weiß und ungefeilt.
+Betel wird zwar überall gekaut, doch ziemlich mäßig. Die Kleidung der
+Christen ist wie jene der Christen auf den Molukken. Die Nichtchristen
+bekleiden sich weniger, immerhin aber mehr als ihre Namensverwandten
+auf Ceram. Den Charakter des Volkes hörte ich allgemein loben; man
+rühmt die Alforen<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> als ehrliche, treue Menschen; ihre Sitten sind rein
+und unverdorben und sie arbeiten mit gutem Willen für die Regierung.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Menehassa</em> hat eine Bevölkerung von 110,000 Seelen, von welcher
+seit ungefähr zwanzig Jahren ein Drittheil zur christlichen Religion
+übergegangen ist. Schon zu den Zeiten der Portugiesen soll es viele
+Christen unter ihnen gegeben haben, die aber später aus Mangel an
+Priestern und Lehrern wieder in das Heidenthum zurückfielen. Im Jahre
+1831 wurden die ersten Missionäre, die Herren <em class="gesperrt">Schwarz</em> und
+<em class="gesperrt">Riedl</em>, von der Holländischen Missionsgesellschaft nach Menehassa
+gesandt. Herr Schwarz allein hat in den zweiundzwanzig Jahren seines
+hiesigen Wirkens 9000 Menschen getauft.</p>
+
+<p>Das Leben und Wirken der Missionäre, wie ich es hier sah, befriedigte
+mich ungleich mehr als jenes der Amerikanischen und Englischen
+Missionäre in Indien, China und Persien. Der Missionär setzt sich hier
+an einem Orte fest und reist nicht bald 100, bald 200 Meilen hier und
+dort hin, um Leuten zu predigen, die keinen Vorunterricht genossen
+haben und daher von seinen langen Reden so viel wie nichts verstehen.
+Hat sich sein Wirkungskreis so weit ausgedehnt, daß er seinen Gemeinden
+nicht mehr genügen kann, so ersucht er die Missionsgesellschaft um<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span>
+einen neuen Mitarbeiter, und so geht die Sache Schritt vor Schritt
+vorwärts.</p>
+
+<p>Die Herren Schwarz und Riedl haben die Arbeiten hier begonnen; jetzt
+ist die Zahl der Missionäre schon auf zehn gestiegen, und auch diese
+reichen nicht mehr aus.</p>
+
+<p>Die Holländischen Missionäre beziehen von ihrer Gesellschaft einen
+sehr mäßigen Gehalt: sie führen einen sehr bescheidenen Haushalt und
+leben nicht in Pracht und Luxus wie die vornehmen Amerikanischen
+und Englischen Missionäre. Die Folge davon ist, daß sich das Volk
+mit Vertrauen dem Geistlichen und Lehrer nähert, den keine so hohe
+Scheidewand von ihm trennt. In die Zeit, die ich bei Herrn Schwarz
+zubrachte, fiel auch ein Sonntag. Ich sah da Nachmittags nach dem
+Gottesdienste viele Eingeborne zu Besuch kommen und sich stundenlang so
+herzlich und ohne Zwang mit der Familie unterhalten, als gehörten sie
+dazu.</p>
+
+<p>Jeder Missionär hält vier bis acht Jünglinge und eben so viele
+Mädchen in seinem Hause. Die Jünglinge bildet er zu Schullehrern; die
+Mädchen werden in allen nützlichen häuslichen Arbeiten unterrichtet,
+die feinen, für das gewöhnliche Leben unnützen, wie Sticken,
+Schlingen u.&#8239;s.&#8239;w. ausgenommen. Diese jungen Leute leben beständig in
+Gemeinschaft mit<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> der Familie, sie sind fast wie Kinder des Hauses zu
+betrachten; doch wird auch andererseits wieder Sorge dafür getragen,
+daß sie nicht durch zu hohen Unterricht oder durch eine zu bequeme
+Lebensweise aus ihrer Sphäre gerissen werden.</p>
+
+<p>Die Missionäre haben hier nicht jede Woche ein bis zwei Meetings
+(Zusammenkünfte), sondern nur zwei im ganzen Jahre, und zu diesen
+kommen weder die Frauen, Kinder, noch der ganze Hausstand mit. Die
+Herren vereinigen sich auf zwei bis drei Tage, und jeder reitet dann
+wieder heim. Sie finden es hier auch nicht unter ihrer Würde, sich mit
+eingebornen, wohlerzogenen Mädchen zu verheirathen. Frau Schwarz war
+nicht so glücklich, von Europäischen Eltern abzustammen; sie stand
+aber ihrem Berufe eben so gut, wo nicht besser vor, als die meisten
+Europäischen Missionärs-Frauen, denn weder sie noch ihre Kinder hatten
+Klimawechsel, Reisen nach Europa u.&#8239;s.&#8239;w. nöthig. Was kostet dem
+Englischen und Amerikanischen Missionsfond nicht das beständige Reisen
+der Missionärs-Frauen und Kinder?!</p>
+
+<p>Die Frauen der Missionäre sah ich die Kranken besuchen, die
+abscheulichsten Wunden und Geschwüre verbinden. Hier bekam ich mehr
+Achtung vor den Missionären, als ich bisher gehabt hatte, hier ward es
+mir begreiflich, daß sie des Guten unendlich viel<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> wirken können, wenn
+sie diesen Stand aus wahrem, innerem Berufe ergriffen, und nicht, wie
+es leider oft der Fall ist, aus der eigennützigen Absicht, sich eine
+leichte Existenz, ein reichliches Auskommen zu verschaffen.</p>
+
+<p>Die Regierung scheint auf Menehassa leider wenig Antheil an dem
+Volksunterricht zu nehmen. Die Schullehrer, die ihre geringen Gehalte
+(per Monat vier bis sieben Rupien, nur die beiden ersten Lehrer
+erhalten zehn) von dem Missionsfonde beziehen, sind nicht einmal
+von der Hüttensteuer ausgenommen, die sie an die Regierung und ihre
+eingebornen Regenten bezahlen müssen.</p>
+
+<p>Ich brachte fünf Tage bei der lieben, biedern Familie Schwarz zu; am
+23. März trat ich den Rückweg nach Menado an. Herr Schwarz begleitete
+mich zehn Paal weit; dann nahmen wir so innig wehmüthigen Abschied, als
+wären wir jahrelange Freunde gewesen.</p>
+
+<p>Ueber Mittag blieb ich bei Herrn Wilken, der mich schon früher in sein
+Haus eingeladen hatte; Abends erreichte ich Menado (34 Paal).</p>
+
+<p>In Menado hielt ich mich dießmal größtentheils bei dem Missionär Herrn
+<em class="gesperrt">Linemann</em> auf, der ebenfalls ein Deutscher ist. Ich sollte mit
+ihm die noch übrigen Stationen besuchen. Wir waren schon reisefertig,<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span>
+als es verlautete, daß der Dampfer für Makassar noch diesen Monat
+kommen würde. Ich mußte in Menado bleiben und den Ausflug, von dem
+ich mir viel Vergnügen versprach, aufgeben, was ich später um so mehr
+bedauerte, als ein Tag nach dem andern verging und der Dampfer nicht
+anlangte.</p>
+
+<p>Erst am 9. April berichtete man seine Ankunft; am 8. Abends ritt ich
+nach Kema, und am folgenden Morgen ging ich an Bord.</p>
+
+<p>Die Reise nach Makassar (600 Meil.) machten wir in drei Tagen.</p>
+
+<p>Ich hatte schon früher gehört, daß Dr. Schmitz nach Makassar als
+Direktor des Hospitales versetzt worden und daselbst mit seiner
+Gemahlin bereits angelangt sei. Ich wußte, man werde mich da mit
+offenen Armen aufnehmen und eilte bei meiner Ankunft sogleich in sein
+Haus.</p>
+
+<p>Da ich Makassar bereits gesehen hatte, blieb ich daselbst nur einige
+Tage; ich war begierig, eine Reise in das Innere von Celebes zu
+unternehmen.</p>
+
+<p>Der von den Holländern unabhängige Theil dieser Insel ist in drei
+große Reiche, <em class="gesperrt">Bonni</em>, <em class="gesperrt">Goa</em> und <em class="gesperrt">Sidenring</em> getheilt,
+welche wieder in viele kleine Staaten zerfallen, deren Könige oder
+Rajah’s den Regenten der großen Reiche unterworfen sind. Die Sultane
+oder Könige dieser drei Reiche sind Bundesgenossen<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> der Holländer; sie
+dulden aber weder Forts noch Residenten in ihren Ländern und haben
+bisher ihre vollkommene Unabhängigkeit zu bewahren gewußt. Ich wollte
+diese Reiche, so wie auch den Bergdistrikt <em class="gesperrt">Duri</em> besuchen,
+dessen wilde Bewohner in Höhlen wohnen und noch auf einer sehr tiefen
+Stufe der Zivilisation stehen sollen. Ich ersuchte den Gouverneur,
+Herrn <em class="gesperrt">Bick</em>, um die Erlaubniß zu dieser Reise, denn ohne dessen
+Bewilligung darf man weder in den Besitzungen der Holländer auf Celebes
+noch zu deren Bundesgenossen reisen. Der Gouverneur war sogleich
+bereit, mir die Erlaubniß für Goa und Sidenring zu geben. Bonni
+schloß er aus, da die Regierung jetzt eben nicht am besten mit diesem
+Sultan stand, welcher der mächtigste von den Dreien ist und, wie man
+mir sagte, in kurzer Zeit eine Macht von 40,000 tüchtigen Streitern
+zusammenbringen kann.</p>
+
+<p>Mit Briefen vom Gouverneur an verschiedene Könige und Rajah’s versehen,
+trat ich in Begleitung eines Sendlings (Dragomans) und eines Kulis am
+17. April die Reise zu Pferde an. Ich ritt bis <em class="gesperrt">Maros</em> (17 Paal),
+dem Sitze eines Assistent-Residenten. Maros und Makassar liegen auf
+einer und derselben Ebene, die mit unübersehbaren Reisfeldern überdeckt
+ist. Ich war über diese große Kultur um so mehr erstaunt, als ich nur
+wenige Ortschaften<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> sah und das Pflanzen des Reises, besonders aber die
+Ernte, vieler Menschenhände bedarf, denn auch hier, wie auf Java, wird
+jede Aehre einzeln abgeschnitten.</p>
+
+<p>In dieser Ebene gab es weder gebahnte Wege noch Brücken; die Flüsse
+Tello und Maros mußten wir in Booten übersetzen; die Pferde schwammen
+hindurch.</p>
+
+<p>Auf Maros stieg ich bei dem Assistent-Residenten Grafen Bentheim ab.
+Dieser Herr wohnte in einem sehr schönen Gebäude, dessen Architekt
+und Baumeister er selbst war, und das an Schönheit die Residenzen der
+Gouverneure von Makassar und Ambon bei weitem übertrifft. Es ist von
+massiven Steinen aufgeführt, hat einen artigen Säulengang und große,
+hohe Gemächer.</p>
+
+<p>Ich wollte auf Maros nur einen Tag bleiben; allein anhaltende Regen
+hielten mich sechs Tage zurück. Welch ein Glück, daß mich dieß Wetter
+nicht bei irgend einem Malaischen oder Buginesischen Könige oder Rajah
+traf! Hier in der Mitte einer so überaus liebenswürdigen Familie,
+wie die des Grafen, war das schlechte Wetter leicht zu ertragen, und
+beinahe mit Bedauern sah ich die Sonne wieder erglänzen und mich an die
+Fortsetzung meiner Wanderungen mahnen.</p>
+
+<p>Während meines Aufenthaltes zu Maros besuchte<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> ich die drei Paal
+entfernt gelegene Grotte <em class="gesperrt">Bulu Sepong</em>. Der Fels, in welchem sich
+diese Grotte befindet, steht ganz vereinzelt, wie vom Himmel gefallen,
+in der schönen Ebene. Er mag achtzig Fuß hoch sein und dreihundert
+Fuß im Umfange haben. Als die Engländer das Land in Besitz hatten,
+benützten sie ihn als Festung. Die Grotte war die Kaserne, auf der
+Spitze standen die Kanonen. Die Grotte ist niedlich, von der Decke
+senken sich viele Zacken und einige unregelmäßige Säulen von Stalaktit
+herab. Jetzt ist sie der Tummelplatz von Fledermäusen und allerlei
+Nachtvögeln.</p>
+
+<p>Auch einer Regentenwahl wohnte ich in dem Hause des Grafen bei. Einer
+der Rajah’s wünschte von der Regierung wie von seinem Volke die
+Zusicherung zu erhalten, daß nach seinem Ableben sein Titel auf seinen
+Sohn übergehen möge; er wollte letzteren deßhalb noch bei Lebzeiten
+für seinen Nachfolger erklären lassen. Die Regenten und Aeltesten des
+Volkes von dem ganzen Bezirke versammelten sich zu diesem Zwecke in
+dem Hause des Grafen. Jeder wurde einzeln und abgesondert um seine
+Meinung und Stimme befragt. Alle stimmten zu Gunsten des Sohnes. Dieser
+saß während der Verhandlung bei Seite und wurde, als die Stimmen
+gesammelt waren, herbeigerufen, worauf man ihm den glücklichen<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> Erfolg
+verkündete. Er zog seinen Kries und legte den Eid der Treue ab.</p>
+
+<p>Das Volk ist hier nicht sehr von der Regierung geplagt; es hat nur
+den zehnten Theil der Ernte in Geldeswerth zu entrichten und weder
+an Straßen-, noch Brücken- oder Häuserbauten zu arbeiten. Kaffee-,
+Zucker- und Gewürzpflanzungen sind frei, und daher sieht man von diesen
+Produkten auch nichts. Reis ist das einzige Bedürfniß der Eingeborenen
+und in Folge dessen pflanzen sie nichts anderes, da sie ihre
+Bequemlichkeit dem Verdienste oder Gewinne vorziehen. Damit wäre ein
+Beweis geliefert, daß, wenn die Regierung ihr Monopol-System aufgäbe
+und die Leute nicht zu der Arbeit zwänge, nicht, wie manche behaupten,
+mehr gepflanzt und zu billigeren Preisen erzeugt würde, sondern im
+Gegentheile auf allen Inseln, Java nicht ausgenommen, die meisten
+Pflanzungen nur zu bald eingehen dürften.</p>
+
+<p>Was überhaupt über das Monopol-System so wie über die Regierungsweise
+der Holländer Gutes oder Böses zu sagen ist, wage ich als schlichte
+Frau mit meinen ungenügenden Kenntnissen nicht zu beurtheilen. Meiner
+Meinung nach ist jede Art Zwang eine Ungerechtigkeit, die nirgends
+statt haben sollte. Wo ist aber eine Regierung in der Welt, die Zwang
+nicht anwendet, wenn es in ihrer Macht steht? Ich möchte<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> glauben,
+daß bisher noch keine Regierung ein Land in der menschenfreundlichen
+Absicht in Besitz genommen hat, das Volk zu beglücken — die einzige
+Frage war und ist stets: „Welchen Nutzen kann man aus dem Lande, aus
+seinen Bewohnern ziehen?“ England sucht aus seinen überseeischen
+Besitzungen so viel als möglich zu erpressen, die Spanier, Franzosen
+u.&#8239;s.&#8239;w. eben so, und natürlich machen die Holländer von der
+allgemeinen Regel keine Ausnahme.</p>
+
+<p>Warum man aber gerade von der harten Regierung der Holländer in Indien
+so viel spricht, weiß ich wahrlich nicht zu erklären. Ich fand sie
+minder hart als in gar manchen andern Ländern. In Brittisch-Indien
+z.&#8239;B. wird jeder Fruchtbaum einzeln besteuert, das Pachtsystem ist
+dort für den Kleinpächter ungemein drückend. Freilich haben auch auf
+den Holländisch-Indischen Besitzungen die Eingeborenen mitunter viel
+zu leiden; doch bestehen ihre Leistungen meistens in Handarbeit, was
+weniger drückend ist, als wenn sie in Zahlungen beständen. Auch muß
+man andererseits zugeben, daß besonders in neuerer Zeit viel für die
+Verbesserung ihrer Lage gethan wird. In vielen Provinzen hat der
+Bauer Eigenthumsrecht; er kann seine Hütte, seinen Grund verkaufen.
+In anderen wird der Boden patriarchalisch bearbeitet und die Ernte
+getheilt. In Gegenden, wo weder Kaffee, Zucker, Thee noch<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> Gewürze
+gebaut werden können, oder wo diese Produkte nicht Monopol sind, muß
+gewöhnlich der fünfte Theil der Ernte, in einigen Distrikten auch nur
+der zehnte Theil in Geldeswerth an die Regierung geliefert werden. In
+jenen Gegenden, in welchen das erwähnte Monopol besteht, hat der Bauer
+für sein eigenes Besitzthum äußerst geringe, meistens gar keine Abgaben
+zu entrichten, muß aber dafür in den der Regierung gehörigen oder von
+ihr verpachteten Pflanzungen arbeiten und erhält eine Vergütung.</p>
+
+<p>Die härtesten Lasten sind für die Eingeborenen die Arbeiten in den
+Kaffeegärten und die Bauten der Straßen, Brücken, Magazine, Gebäude
+der Beamten u.&#8239;s.&#8239;w. Bei ersteren müssen die Leute oft zwei bis drei
+Monate im Jahre, mitunter fünfzehn bis zwanzig Paal von ihren Wohnungen
+entfernt bleiben. Die Regierung bezahlt ihnen dagegen für jeden Pikul
+gelieferten Kaffee eine bestimmte Summe. Die verschiedenen Arbeiten an
+den Bauten aber mußten bisher ganz unentgeldlich geleistet werden; nur
+die Werkführer, wie Maurer-, Zimmer- und Schlossermeister, erhalten für
+den Tag eine angemessene Bezahlung. Wie ich schon früher erwähnt habe,
+ist das Trachten des jetzigen Gouverneur-Generals dahin gerichtet,
+einen genügenden Tagelohn für alle der Regierung zu leistenden Dienste
+aufzustellen, und es soll diese wohlthätige Maßregel bei<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> meiner
+Abreise der Ausführung schon ganz nahe gewesen sein.</p>
+
+<p>Die Bürger sind von jeder Last befreit: sie haben keine Frohndienste zu
+leisten und nichts als jährlich für Grund und Boden eine kleine Summe
+zu entrichten. Jeder Bauer kann Bürger werden, sobald er zwölf Jahre
+Militärdienste leistet. Gerade über die Bürger hört man die meisten
+Klagen: sie sind außerordentlich träge und in einigen Distrikten,
+besonders auf Ambon, dem Kartenspiele sehr ergeben.</p>
+
+<p>Die Sclaven sind auf den Holländischen Besitzungen gut gehalten:
+sie können ihre Herren verklagen und werden von der Regierung sehr
+in Schutz genommen. Die Gesetze für sie stehen hier nicht blos auf
+dem Papiere, wie in den meisten Sclavenländern, sondern werden auch
+ausgeführt.</p>
+
+<p>Nach allem, was ich bisher auf meinen Reisen nicht nur in
+Holländisch-Indien, sondern in allen außereuropäischen Ländern
+beobachtet habe, möchte ich am Ende beinahe behaupten, daß das Loos
+jener Völker glücklicher sei, die nicht unter die Herrschaft der
+Weißen gerathen sind. Sie haben zwar auch ihre Leiden und Erpressungen
+zu erdulden, aber gewiß keine ärgeren, als unter den habsüchtigen
+Europäern.</p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">23. April</em> trat ich die Weiterreise an. Graf Bentheim
+bestand ungeachtet meiner Weigerung darauf,<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> mir noch einen „Tolk“
+(Dolmetscher) mitzugeben, welcher Buginesisch und Holländisch sprach.
+Von letzterer Sprache hatte ich bereits so viel in meinen alten Kopf
+gebracht, um mich verständlich machen zu können. Ich ging mit einem
+Gefolge von neun Nichtsthuern auf den Weg, nämlich: Sendling, Tolk,
+von welchen jeder zwei Kulli und einen Diener hatte; ich selbst hatte
+nur einen Kulli. Dieser große Zug war mir sehr unangenehm, denn je
+zahlreicher das Gefolge, desto mehr Mühe kostet es, die Leute in
+Ordnung zu halten, desto schwieriger ist es, überall die nöthigen
+Pferde zu erhalten.</p>
+
+<p>Wir ritten nicht weiter als bis <em class="gesperrt">Padkadjene</em> (sechzehn Paal),
+beständig in großen Ebenen zwischen Reispflanzungen. Man könnte
+die beiden Distrikte von Maros und Makassar mit vollem Rechte die
+Reiskammern der Insel nennen. Die Ebene von Maros erfreut sich eines
+besondern Reichthums, was die Eingebornen zum größten Theile dem Grafen
+Bentheim zu danken haben, da er mehrere Wasserleitungen anlegen ließ,
+welche die Felder hinlänglich bewässern.</p>
+
+<p>Obwohl mich Graf Bentheim auf die schlechten Wege vorbereitet hatte,
+fand ich sie dennoch über meine Erwartung schlecht. Es gibt eigentlich
+gar keine Wege: wir wanden uns beständig durch Reisfelder, die alle
+durch die künstliche Bewässerung tief unter Wasser<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> standen. Die Felder
+waren durch schmale Erddämme getrennt, kaum so breit, daß die Pferde
+einen Fuß vor den andern setzen konnten. Fast bei jedem Schritte mußte
+man auf einen Sturz gefaßt sein. Das Pferd konnte leicht vom Damme
+abgleiten oder mit demselben einbrechen, da er nur aus einer weichen
+Erdmasse bestand. Ging es nicht auf diesen Erddämmen, so ging es durch
+Pfützen und Moräste, in welche die Thiere bis an die Brust einsanken.
+Oft waren sie kaum im Stande, sich heraus zu arbeiten. Dabei wurde
+man natürlicher Weise vom Kopfe bis zu den Füßen mit Koth und Schlamm
+bespritzt. Die Beamten bereisen diese Gegenden nie vor dem Monate
+August, wann die Reisernte vorüber und alles trocken ist.</p>
+
+<p>Schön nimmt sich eine kleine Gebirgskette von fünfzehn Paal Länge aus,
+die sich vor einer größeren aufstellt, und deren Eigenthümlichkeit in
+langen, senkrecht aufsteigenden Wänden besteht, welche sich hie und da
+weit auseinanderspalten und reizende Durchblicke gewähren. Die höchste
+Spitze der dahinter gelegenen größeren Gebirgskette ist der Maros mit
+4800 Fuß. Auch dieser Berg steigt senkrecht in die Höhe.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">24. April.</em> Wir ritten bis <em class="gesperrt">Mendalle</em> (28 Paal). Den Fluß
+Padkadjene übersetzten wir in einem Boote, den Fluß Segéri mußten wir
+durchreiten. Das Wasser ging den Pferden bis über die Brust; sie hatten
+beinahe<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> den Boden unter den Füßen verloren; die eigentliche Gefahr
+war jedoch, von den Kaimans angefallen zu werden, an welchen es in den
+Flüssen dieser Insel nicht fehlt. Aus dem Dorfe Segéri allein wurden im
+vergangenen Jahre neunzehn Menschen von diesen Unthieren aufgezehrt.
+Dieß hindert aber die Leute nicht, den Fluß zu durchschwimmen oder sich
+in demselben zu baden. Sie sagen, wer bestimmt sei, von einem Kaiman
+gefressen zu werden, könne seinem Schicksale nicht entgehen, selbst
+wenn er sich keinem Flusse nähere.</p>
+
+<p>Zu Segéri blieben wir bei dem Regenten über Mittag; es gab daselbst
+weder Löffel noch Gabel; die Hände mußten deren Stelle vertreten.</p>
+
+<p>In dieser Gegend beginnt schon wieder die häßliche Sitte, die Zähne
+schwarz zu färben und abzufeilen. Auch die Nägel an Händen und Füßen
+färben viele rothbraun. Die Tracht der Eingebornen ist durchgängig
+ziemlich dieselbe. Die Männer tragen ein kurzes Beinkleid, das bis auf
+den halben Schenkel reicht, darüber einen Sarong; der Oberkörper ist
+selten bedeckt, der Kopf in ein Tuch geschlagen. Kein Mann geht vor
+die Hütte ohne den Parang und eine große Tasche, welche die Siri- und
+Rauch-Gegenstände enthält. Parang und Tasche werden unter dem Sarong
+getragen, was den Leuten ein ganz eckiges Aussehen<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> gibt. Nebst den
+Parangs sind viele auch mit Lanzen bewaffnet.</p>
+
+<p>Die Sarongs der Weiber sind hier viel länger als ich sie irgendwo
+gesehen habe. Letztere ziehen sie zuweilen bis über den Kopf,
+gewöhnlich aber schlagen sie selbe nur ganz lose um den Körper, wobei
+oft ein langes Stück nachschleppt. Es ist nicht möglich, sich dieses
+Kleidungsstückes alberner zu bedienen. Sie mußten stets eine Hand frei
+haben, um es zusammen zu halten und aufzuheben. Außer dem Sarong tragen
+sie noch ein ganz kurzes Oberhemd, das bis an die Hüften reicht und
+bei den Mädchen aus sehr durchsichtigen, bei den Weibern aus dichteren
+Stoffen besteht.</p>
+
+<p>Nach der Mahlzeit machten wir uns wieder auf den Weg; der Regent von
+Segéri begleitete uns. Man konnte nicht leicht ein schöneres Bild sehen
+als diesen Makassaren<a id="FNAnker_26" href="#Fussnote_26" class="fnanchor">[26]</a> auf seinem prächtigen Schimmel. Der Mann
+war sechs Fuß hoch, kräftig gebaut, und hatte ausdrucksvolle, ernste
+Züge. Er trug einen blendend weißen Sarong höchst malerisch um den
+bräunlichen Körper, ein weißes Tuch um den Kopf geschlagen. Sein Pferd
+hatte weder Sattel noch sonstiges Reitzeug, außer<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> einem kleinen Zaum,
+der durch das Maul gezogen war. Und dennoch saß er so fest und dabei
+so ungezwungen oben, wie der geübteste Reiter. Die Leute auf Celebes
+sind durchgehend treffliche Reiter; man sieht schon zehnjährige Knaben
+die Pferde wacker herumtummeln. Sie reiten ohne Sattel und Zeug; nur
+ein kleiner Zaum, wie gerade bemerkt, wird den Pferden durch das Maul
+gezogen, auch wohl manchmal eine kleine Decke ganz lose auf den Rücken
+des Thieres gelegt. Wenn sie langsam reiten, stemmen sie gewöhnlich
+einen Fuß in die Seite des Thieres — ein höchst origineller Anblick.
+Es gibt sehr viele Gestüte auf Celebes; die Pferde dieser Insel werden
+häufig ausgeführt, da sie in ganz Indien die größten und ausdauerndsten
+sind. Der Preis eines schönen Pferdes ist dreihundert Rupien.</p>
+
+<p>Wir kamen auch heute viel durch Reisfelder, so wie durch Mais-, Ubi-
+und Pisang-Pflanzungen. Große Strecken Alang-Alang, hie und da kleine
+Waldparthien zogen sich dazwischen hin. Wir gingen stets in großen
+Thälern fort und ließen die Gebirgsketten einige Paal seitwärts liegen.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">25. April.</em> Die heutige Tagereise war nicht länger als sieben
+Paal, aber desto unangenehmer. Die Wege um Mendalle waren durch die
+häufigen Regen ganz unpraktisch geworden; wir mußten daher an das<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span>
+Meeresufer hinabsteigen und zum Theile in der See selbst reiten; der
+Korallenriffe halber konnten wir nicht einmal der Küste nahe bleiben,
+und ritten oft einige hundert Schritte von ihr entfernt. Die Brandung
+war sehr stark, das Wasser so trübe, daß man den Grund nicht sehen
+konnte. Ich dankte Gott, als ich ohne Unfall aus dem feindlichen
+Elemente kam und unter den Hufen meines Pferdes wieder Erde sah<a id="FNAnker_27" href="#Fussnote_27" class="fnanchor">[27]</a>.</p>
+
+<p>Vormittags erreichten wir <em class="gesperrt">Tanette</em>, ein unabhängiges Fürstenthum
+oder Königreich auf der Ostküste von Celebes und seit dem Jahre 1840
+ein treuer Bundesgenosse Hollands.</p>
+
+<p>Das Oertchen Tanette liegt in einer freundlichen Ebene. Man zeigte mir
+eine große Bambushütte mitten in Reisfeldern als den Palast der Königin.</p>
+
+<p>Auf Celebes ist es gebräuchlich, daß man nicht geradezu nach der
+Wohnung eines regierenden Hauptes geht; man muß sich ansagen lassen
+und um die Erlaubniß einer Vorstellung ersuchen. Ich sandte also einen
+meiner Leute an den königlichen Hof; die Einladung erfolgte, und ich
+hatte nichts eiliger zu thun, als davon Gebrauch zu machen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span></p>
+
+<p>Tanette wird von einer Königin regiert. Sie empfing mich sehr
+herzlich und führte mich sogleich zu ihrer Tochter, die nicht in das
+Empfangsgemach kam. Die Prinzessin zählte schon neunzehn Jahre und
+war noch nicht verheirathet. Sie war zwar Braut; doch schob man die
+Vermählung noch auf ein Jahr hinaus. Bei der vornehmen Klasse ist es
+Sitte, daß die Mädchen erst mit zwanzig und mehr Jahren heirathen,
+während dieß in der geringen schon mit elf und zwölf Jahren geschieht.</p>
+
+<p>Die Königin und ihre Tochter waren nicht anders oder besser gekleidet
+als die Dienerinnen. Das Gefolge (Mädchen und Weiber) hielt sich stets
+hinter der Königin auf wie ihr Schatten; zwei Mädchen darunter trugen
+die königlichen Insignien, welche aus ein Paar Cimbeln und einem
+Scepter bestanden. Die Cimbeln hatte das eine Mädchen am Halse hängen
+und schlug sie von Zeit zu Zeit aneinander.</p>
+
+<p>Der Palast war ungefähr siebzig Fuß lang, dreißig breit und stand,
+wie alle Hütten und Häuser in Celebes, auf Pfählen. Das Innere war in
+drei Kammern und eine Küche getheilt. Die erste Kammer, ziemlich groß,
+stellte den Empfangssaal vor. Da stand ein Tisch nebst einigen Stühlen,
+die Wände und die Decke waren mir zu Ehren mit buntfarbigem Kammertuche
+behangen, eine Decorirung, welche vorgenommen<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> wurde, während ich bei
+der Prinzessin meinen Besuch abstattete. Die beiden kleinen Gemächer
+dienten der königlichen Familie sammt einem Theile des Gefolges, das
+sich überall hinlagerte, wo es Platz fand, als Schlaf- und eigentliche
+Wohnplätze. In diesen Kammern herrschte eine jämmerliche Unordnung;
+aller Hausbedarf, alle Vorräthe lagen durcheinander. Theile eines
+schönen Thee- oder Speise-Services<a id="FNAnker_28" href="#Fussnote_28" class="fnanchor">[28]</a>, geschliffene Gläser und
+Flaschen standen neben irdenen Geschirren und anderem Kram, Kisten und
+Körbe waren überall aufgeschichtet, mehrere Klambus aufgehangen, so daß
+für die Bewohner selbst kaum Platz blieb. Und da sitzen die Leute von
+Morgens bis Abends mit nichts als Schwatzen und Sirikauen beschäftigt.
+Die einzige Arbeit, die eine Königin oder Prinzessin verrichtet, ist
+das Gewebe eines Bandes, mit welchem die Männer die Kriese oder Parangs
+an den Leib befestigen. Die Königin zeigte mir eines, das sie gerade
+webte, und das ich in Zeichnung und Farben ungemein geschmackvoll fand.</p>
+
+<p>Die Königin war so eben im Begriffe, nach <em class="gesperrt">Baru</em>, einem
+benachbarten Königreich zu gehen, wo sie zu einem Feste eingeladen war.
+Da mich mein Weg ebenfalls dahin führte, ging ich mit ihr. Wir fuhren
+noch<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> denselben Tag auf dem Flusse Tanette in die See (14 Paal), auf
+welcher die Reise bis zur Mündung des Baru fortgesetzt werden sollte;
+da jedoch der Wind sehr ungünstig war, lenkten wir bald in eine kleine
+Bay, wo wir die Nacht vor Anker gingen. Die Königin sammt einem Theil
+ihrer Leute brachten die Nacht auf dem Lande zu.</p>
+
+<p>Sie führte ein so zahlreiches Gefolge mit sich, daß ein halbes Dutzend
+Europäischer Königinnen kein größeres benöthigt hätten. Da gab es mehr
+als dreißig Mädchen und Weiber (letzteren folgten ihre Ehemänner), die
+alle die Ehre hatten, Hofdamen, Kammermädchen u.&#8239;s.&#8239;w. vorzustellen.
+Manche davon waren so lumpig gekleidet und dabei so unrein, daß ich
+mich fürchtete, unangenehme Erbschaften zu machen, wenn sie in meine
+Nähe kamen. An Gepäck hatte die hohe Gesellschaft so viel mit sich, als
+handle es sich um eine Uebersiedelung und nicht um einen Besuch von
+einigen Tagen. Das ganze große Boot war voll von Körben und Körbchen,
+Kistchen und Taschen, Töpfen, Kochgeschirr, Polstern, Matten u.&#8239;s.&#8239;w.,
+so daß man gar nicht wußte, wo Platz finden; wir saßen wie Pikelhäringe
+zusammengepreßt — eine abscheuliche Tour!</p>
+
+<p>Die Mädchen waren während der ganzen Reise mit der Verfertigung des
+Siri beschäftigt, das hier nicht in Päckchen, sondern in Cigarrenform
+gemacht<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> wird. Sie bestreichen ein Betelblatt mit etwas Kalk (aus
+gebrannten Muscheln), legen ein Stückchen Arekanuß nebst Gambir darauf,
+rollen es zusammen und umwickeln es mit einer Faser. Wenn ein Blatt
+zu feucht war, schürzte die Hofdame den Sarong auf und streifte die
+überflüssige Feuchtigkeit an dem Schenkel ab. Wenn ein Mädchen die
+Liebeserklärung eines Jünglings günstig aufnimmt, beglückt sie ihn mit
+Siri-Zigarren; wenn sie ihm keine reicht, ist er abgewiesen.</p>
+
+<p>Die ganze Gesellschaft kaute beständig Siri; sie spuckten dabei fleißig
+in kleine messingene Töpfe, die als Spucknäpfe dienten und von Hand zu
+Hand gingen. Die Königin ließ sich den Kopf von Ungeziefer reinigen,
+und dasselbe thaten die Hofdamen und Kammerzofen unter sich. Bei
+der großen Unsauberkeit, die in allem herrschte, was ich hier wie
+in Tanette sah, kam mir die Sorgfalt höchst lächerlich vor, die auf
+die Trinkgefäße der Königin verwendet wurde. Sie hatte ein eigenes
+Gefäß, aus welchem nur sie trank; das Wasser wurde mit einem besondern
+Schöpflöffel, jedoch aus dem allgemeinen Wasserkübel geschöpft
+und durch ein leinenes Säckchen geseiht. Für das Säckchen und den
+Schöpflöffel war ein Gestell mitgenommen, auf welchem man sie trocknete
+und bewahrte.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">26. April</em> ging es früh auf die Reise. Wir<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> lenkten alsbald in
+den Fluß <em class="gesperrt">Baru</em> und fuhren sechs bis acht Paal stromaufwärts
+bis in die Nähe der Residenz, die einen Paal seitwärts des Flusses
+liegt (35 Paal von Tanette). Die Zeit, während welcher die Botschaft
+nach Hofe ging, unsere Ankunft zu melden, benutzte die Königin
+mit ihrem Gefolge zum Baden. Sie kamen aber von dem Bade eben so
+unsauber zurück, als sie hingegangen waren, denn sie übergossen
+sich, gleich den Malaien, nur mit Wasser, ohne sich zu waschen. Um
+dem Körper einen angenehmen Duft zu verleihen, durchräucherten sie
+sich mit wohlriechenden Harzen. Zu diesem Zwecke war ein eigenes
+Räucher-Pfännchen mitgenommen worden, über welches die Königin, wie
+jede Hofdame, sich erst stellte und dann Gesicht und Hände hielt.</p>
+
+<p>Auch in Baru regierte eine Königin. Ich hatte gleichfalls meinen
+Sendling mit dem in lichtgelben Atlas eingenähten Briefe des
+Gouverneurs an den Hof geschickt.</p>
+
+<p>Mit dem Sendlinge zurück kam ein Tragstuhl, nebst einem Abgesandten der
+Königin und einigem Gefolge. Man trug mich bis zum Palaste, auch nur
+einer Bambushütte, wo mich der erste Minister des Reiches empfing und
+der Königin vorstellte. Der Empfangssaal mochte ungefähr neunzig Fuß
+lang und über vierzig breit sein; er sah düster und drückend aus.<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span> Die
+Decke, auf viele Stämme gestützt, war sehr niedrig; kleine Oeffnungen,
+welche die Fenster vorstellten, gab es nur wenige. Auch hier waren die
+Wände, wie die Decke des Saales, mit farbigem Kammertuch behangen.
+Im Hintergrunde saß die achtzehnjährige Königin in einer Art offener
+Loge, ihr zur Seite eine alte, sehr beleibte Duenna, die ihr mit einem
+großen Fächer Luft zufächelte. An jeder Seite der Loge stand ein aus
+Holz geschnitzter, großer Vogel, mit vielen Blumen geschmückt. Die
+Königin lud mich sehr freundlich ein, an ihrer Seite Platz zu nehmen.
+Sie war in einen weiten Sarong von dunkelrothem Mousselin mit einigen
+Goldstickereien gekleidet. Ihr Gesicht fand ich angenehm, aber nicht
+hübsch; sie war noch unverheirathet.</p>
+
+<p>Die Königin von Tanette war mit ihrem Gefolge am Landungsplatze
+zurückgeblieben, als man mich abholte. Vermuthlich hatte man nur den
+einzigen Tragstuhl, den man für mich sandte. Während meiner Anwesenheit
+bei Hofe, die doch einige Stunden dauerte, kam die Königin von
+Tanette auch nicht zum Vorschein; sie mochte wohl sogleich in die ihr
+angewiesene Wohnung gegangen sein, um sich von der beschwerlichen Reise
+auszuruhen.</p>
+
+<p>Ich kam zu dem großen Feste gerade recht. Es fand den folgenden Tag
+statt und bestand darin, daß<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> der jugendlichen Königin die oberen Zähne
+gefeilt werden sollten, eine Handlung, die hier so wichtig ist, wie
+z.&#8239;B. in Brasilien die Taufe eines kaiserlichen Prinzen, oder in Europa
+eine königliche Hochzeit. Alle Fürsten und Rajahs der ganzen Umgebung
+waren dazu eingeladen. Eine kleine Vorunterhaltung gab es schon heute.
+Auf einer Seite des Saales, nahe der königlichen Loge, tanzten ein
+Dutzend Mädchen, auf der anderen, etwas weiter entfernt, zwölf- bis
+vierzehnjährige Knaben die gewöhnlichen langweiligen Malaischen Tänze.
+Viele Männer und Weiber, wahrscheinlich lauter hochgeborene Personen,
+hockten in Gruppen umher und sahen den Tänzen gedankenlos zu; keine
+Seele sprach ein Wort.</p>
+
+<p>Ich allein wurde nebst meinen beiden Begleitern (Sendling und Tolk)
+mit Kaffee, Thee, einer Art guten, süßen Scherbets und verschiedenen
+Leckereien bewirthet. Unter letzteren gab es kleine Früchte in Zucker
+eingekocht, eben so schmackhaft, wie man sie immer nur in Europa finden
+kann.</p>
+
+<p>Die Königin bedauerte sehr, mich nicht bei sich aufnehmen zu können;
+allein sie hatte der Gäste schon so viele, daß alles über und über
+besetzt war. Man führte mich in die Hütte eines Eingebornen und sandte
+sogleich Matten, Polster und Klambu zu meiner Einrichtung, Hühner nebst
+anderen Gegenständen zum<span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span> Kochen. Wenn man in ein Privathaus gewiesen
+wird, müssen die Bewohner dem Gaste sogleich die große Stube einräumen.
+Dieß hindert jedoch weder sie noch alle Neugierigen, die den Fremdling
+sehen wollen, sich beständig darin aufzuhalten. Ich mußte mich, wollte
+ich nur einigermaßen Ruhe haben, unter mein Klambu flüchten, und selbst
+da ließen mich die Leute nicht ungestört — sie hoben den Klambu auf
+und steckten die Köpfe darunter.</p>
+
+<p>Die Hütten des Volkes sind auf Celebes ungleich größer als auf Java,
+Sumatra, den Molukken u.&#8239;s.&#8239;w. Im Innern bestehen sie gewöhnlich aus
+einem Gemache von fünfzehn bis zwanzig Fuß im Gevierte, an welches sich
+ein bis zwei kleinere anschließen. Längs der rechten Seite des großen
+Gemaches läuft ein sechs Fuß breiter Raum, in dem sich die Feuerstelle,
+Wassergefäße und dergleichen befinden.</p>
+
+<p>Die Ortschaften sind sehr unrein, voll Schmutz und Pfützen; dabei haben
+die Leute nicht den guten Gebrauch der Dayaker, sich vor dem Eingange
+der Hütte die Füße zu waschen, wozu stets Wasser bereit steht, sondern
+sie treten mit ungewaschenen Füßen ein.</p>
+
+<p>Ganz nahe der Hütte, die ich bewohnte, waren die Lagerplätze der
+Büffel. Diese Plätze bestanden aus vier Fuß tiefen Sümpfen, in welchen
+die Thiere ganz begraben lagen. Man sah nichts als die Hörner und<span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span> die
+Nase. Obwohl es in diesem Lande überall genug Büffel gibt, kann man
+doch nirgends Butter oder Milch bekommen, da die Eingebornen keine
+Kuh melken. Zum Kochen gebrauchen sie Oele, die aus den Kokosnüssen,
+Kanarinen und anderen Früchten gewonnen werden.</p>
+
+<p>Was Kleidung, Kost und Wohnung anbelangt, könnte man die Bewohner von
+Celebes alle für gleich reich oder arm halten, da man im gewöhnlichen
+Leben in nichts einen Unterschied bemerkt. Ihre Reichthümer bestehen in
+einigem Gold- und Silbergeschmeide, in goldenen Kästchen und Büchsen,
+welche die Bestandtheile des Siri enthalten, in seidenen Sarongs, in
+schönen Parangs und Lanzen. Aber alles dieß sieht man nur bei großen
+Festen und feierlichen Gelegenheiten, wie z.&#8239;B. bei der Zahnfeilung,
+der Hochzeit, dem Begräbnisse eines fürstlichen Hauptes. Das Gold
+färben sie so dunkel, daß es gerade wie Kupfer aussieht.</p>
+
+<p>Die Sarongs werden hier ebenfalls von den Weibern gewoben und gleichen
+an Muster und Feinheit der sogenannten Englischen oder Schottischen
+Leinwand. Eine geschickte fleißige Weberin arbeitet einen ganzen
+Monat an einem Sarong. Bei Hofe werden die Sarongs von den Hofdienern
+und Dienerinnen gewoben. Jeder Fremde, der bei Hofe vorgestellt
+wird, erhält einen<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> Sarong zum Geschenk; auch mir ward überall diese
+Bescherung zu Theil.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">27. April.</em> Nachmittags verkündeten einige Böllerschüsse den
+Anfang der Feierlichkeit. Ich begab mich in den Palast, den ich vom
+Volk ganz umringt fand. Es waren da viele Lanzenträger (Begleiter der
+Prinzen und Vornehmen benachbarter Staaten), von welchen einer sogar
+ein eisernes Panzerhemd<a id="FNAnker_29" href="#Fussnote_29" class="fnanchor">[29]</a> trug. Der Saal war so überfüllt, daß ich
+Mühe hatte, durchzukommen. Mein Platz ward mir in der obersten Reihe
+unter den zahllosen Königen, Fürsten und Fürstinnen angewiesen, die das
+Fest weit und breit herbeigezogen hatte. Man stellte mir eine ganze
+Menge regierender Häupter vor, darunter den künftigen Erben oder, wie
+die Holländer sagen, den „wahrnehmenden“ Thronfolger von Bonni. Es ist
+unglaublich, welche Menge von Fürsten, Prinzen und dergleichen hohe
+Personen es auf Celebes gibt. Und alle diese Leute wollen mit einem
+gewissen Aufwande leben und natürlich nichts thun; sie sind die wahren
+Blutsauger des Volkes.</p>
+
+<p>Die Königin war noch nicht gegenwärtig; auch sie verstand es, das
+Publikum eine geraume Zeit warten zu lassen. Von ihrem Gemache
+bis an den Ort,<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span> wo sie Platz nehmen sollte, war der Boden mit
+weißem Kammertuche belegt. An der Thüre hielten sechs Mädchen einen
+Baldachin von Gold durchwirktem, schwerem Seidenstoffe bereit. Einen
+grellen Kontrast zu diesem reichen Baldachine bildeten die sechs
+Stangen, mittelst welcher er getragen wurde: sie bestanden aus dünnen
+Bambusstückchen, die ganz roh waren, wie man sie im Walde geschnitten
+hatte.</p>
+
+<p>Musik und wiederholte Böllerschüsse verkündeten endlich das Erscheinen
+der Königin. Mit langsamen, gemessenen Schritten, mit beinah
+geschlossenen Augen wankte sie unter dem Baldachine, gleich einer
+zu opfernden Dulderin, ihrem Platze zu. Sie war in zwei purpurrothe
+Sarongs gekleidet, von welchen der eine den oberen, der andere den
+unteren Theil des Körpers deckte. In den Haaren trug sie Kränze von
+Melati<a id="FNAnker_30" href="#Fussnote_30" class="fnanchor">[30]</a>, nebst künstlich gearbeiteten Blumen von Gold, außerdem
+Ringe, Armbänder und anderes Geschmeide.</p>
+
+<p>Die Königin blieb stumm und bewegungslos sitzen und schlug den Blick
+kein einziges Mal auf. In ihrer Nähe bildeten ein Dutzend Mädchen ein
+halbes Viereck und sangen ein religiöses Lied. Man brachte hierauf
+eine alte abgenützte Matratze, breitete<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> ein Tuch darüber und legte
+einige Polster nebst einer Decke darauf zurecht. In diesem Augenblicke
+entstand plötzlich an der Eingangsthüre ein heftiger Lärm, große
+Bewegung; es schien mir, daß Leute mit Gewalt eindringen wollten und
+abgewehrt wurden. Ich dachte schon, daß dieser Aufstand mir gelte, daß
+es das Volk übel nähme, mich als Fremde, dieser großen Feierlichkeit
+beiwohnen zu lassen. Die Ruhe wurde indeß bald wieder hergestellt; ich
+konnte leider die Ursache dieser Unruhe nicht erfahren, und auch mein
+Tolk vermochte nicht, mir darüber Auskunft zu geben. Letzterer war
+überhaupt sehr mit Dummheit geschlagen, denn ich mochte ihn fragen was
+ich wollte, er war beinahe nie im Stande, meine Fragen zu beantworten.</p>
+
+<p>Man führte nun einen ältlichen Mann, ebenfalls unter dem Baldachine
+an das Bett, stellte an seine Seite ein mit Wasser gefülltes Becken
+und legte verschiedene Instrumente daneben. Die Königin schob sich
+in sitzender Stellung nach dem Bette. Die Duenna nahm ihr die
+Blumen aus den Haaren und reichte eine kleine goldene Untertasse
+einer nahe sitzenden, sehr alten Frau (der ältesten Königin aus der
+Verwandtschaft), welche darein einen ganzen Mund voll blutrothen
+Speichels spuckte. Mit diesem kostbaren Safte salbte sie die Königin
+an den Schläfen und an der Stirne, goß auch etwas davon auf einen
+Riemen,<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> den sie nach ihr schnellte, um ihren Körper von allen Seiten
+zu besprengen. Hierauf nahm sie eine Räucherpfanne mit Rauchwerk,
+reichte sie dreimal von der rechten zur linken Seite um die Königin,
+ein viertes Mal in umgekehrter Richtung. Die Königin mußte sich nun
+der Länge nach niederlegen, wurde leichthin mit der Decke bedeckt und
+mit Melati bestreut. Die Duenna hockte sich rechts zu ihrem Kopfe, der
+Arzt nahm die linke Seite ein, und mich setzte man neben die Duenna,
+ebenfalls der Königin ganz nahe, welche mich bei der Hand faßte und
+diese während der ganzen Operation nicht mehr los ließ. Sie sah überaus
+betrübt aus, drückte mir zeitweise die Hand und blickte mich dabei so
+wehmüthig an, als wollte sie Hülfe von mir erheischen. Fast mit Angst
+harrte ich der kommenden Dinge.</p>
+
+<p>Der Arzt warf drei Feilen von verschiedener Größe in das Wasserbecken,
+schob der Königin eine kleine Walze von Palmkohl zwischen die Zähne,
+nahm die größte der Feilen, und fing damit so kräftig an auf die Zähne
+loszuarbeiten, als hätte er einen Holzblock unter den Händen. Mit einer
+zweiten, kleineren Feile setzte er die Operation fort. Bevor er an die
+kleinste kam, nahm er die Walze aus dem Munde und schob an deren Stelle
+ein um die Hälfte dünneres Röllchen von Betelblättern. Im ganzen<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span>
+machte er seine Sache gut und schnell, besonders wenn man die plumpen
+Instrumente betrachtete, deren er sich bediente. Was aber die arme
+Königin dabei gelitten haben mag, wissen die Götter! Dennoch verzog sie
+keine Miene: ich fühlte nicht einmal ihre Hand erzittern.</p>
+
+<p>Als die Operation vorüber war, reichte man dem Arzte einen Hahn;
+er riß ihm ein Stückchen von dem Kamme los und bestrich mit dem
+herausquellenden Blute die Zähne und Lippen der Dulderin. Zu Ende
+wiederholte die Duenna mit drei angebrannten, zusammengebundenen Kerzen
+dieselbe Ceremonie, die sie mit der Räucherpfanne vorgenommen hatte,
+worauf die Königin wieder auf ihren alten Platz zurück rutschte<a id="FNAnker_31" href="#Fussnote_31" class="fnanchor">[31]</a>.</p>
+
+<p>Die Operation der Zahnfeilung wurde außer an der Königin noch an sechs
+Mädchen (wahrscheinlich aus dem königlichen Gefolge) vorgenommen; dabei
+fanden jedoch nicht die geringsten Ceremonien statt. Die Mädchen legten
+sich auf eine Matte, ohne Polster oder Decke, der Arzt schob ihnen
+eine Walze in den Mund, feilte tüchtig darauf los, und die Sache war
+abgethan.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span></p>
+
+<p>Der ganzen großen Gesellschaft, die in dem Saale versammelt war
+(bei 400 Personen) wurde Thee und Backwerk vorgesetzt. Mir ließ
+die Königin außerdem eine Tasse des süßen Scherbets, wie auch eine
+Portion der in Zucker gekochten Früchte reichen. Sie schien wirklich
+einiges persönliche Interesse an mir genommen zu haben. Der Thee wie
+die Leckereien wurden nicht eher berührt, als bis wieder ein langes
+religiöses Lied herabgeheult war. Dann aß und trank man mit großer
+Bescheidenheit.</p>
+
+<p>Ich begab mich bald darauf nach Hause, denn außer langweiligen,
+einförmigen Tänzen gab es nichts weiter zu sehen. Die Leckereien, die
+man mir bei Hofe vorgesetzt hatte, wurden mir, wie es hier Sitte ist,
+in meine Wohnung nachgesandt. Ich berührte sie hier eben so wenig wie
+dort; sie waren aus Reismehl, Zucker, Oel, Kanarinen u.&#8239;s.&#8239;w. gemacht,
+und schmeckten sehr fett und ranzig.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">28. April</em> blieb ich zu Baru. Der Tolk sagte mir, daß es heute
+noch Feste über Feste gebe, und daß es der Königin daher unmöglich sei,
+mir Leute und Pferde zur Weiterreise zu verschaffen. Später sah ich,
+daß er mich belogen hatte; es gefiel ihm hier sehr wohl. Die Königin
+sandte beständig gute und viele Lebensmittel, er fand stets große
+Gesellschaft zum Schwatzen, und so wäre er nicht Tage, sondern Wochen<span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span>
+hier geblieben. Keine einzige Unterhaltung hatte statt, nichts gab es
+als Abends ein einfaches Hahnengefecht auf dem Bazar, wie es bei jedem
+Markte gebräuchlich ist.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">29. April.</em> Mein ärgster Verdruß auf dieser Reise war das
+Gefolge. Die Leute hatten für mich als Frau nicht die geringste
+Aufmerksamkeit oder Folgsamkeit. Wenn ich von dem Tolk etwas forderte,
+sagte er es dem Sendling, dieser dem Diener, der Diener oft wieder
+dem Kulli, kurz ich hatte einen Haufen von Leuten um mich und war so
+schlecht als möglich bedient. Die Kerls wollten nicht einmal mein
+Schmetterlingsnetz nehmen, ich mußte es meistens selbst tragen. Ein
+zweiter Uebelstand mit so zahlreichem Gefolge war, daß wir überall
+vieler Pferde und Träger bedurften. Daß der Tolk und Sendling nicht
+zu Fuß gingen, versteht sich von selbst; aber auch ihre Diener mußten
+Pferde haben, wenn wir auch nur acht oder neun Paal den Tag machten.
+Die Herbeischaffung der Pferde nahm stets die schönen Morgenstunden
+weg. Wir kamen erst fort, wenn die Sonne recht brannte. Anders verhält
+es sich freilich mit den Leuten, wenn sie mit ihrem Herrn oder
+Vorgesetzten reisen. Da fürchten sie den Stock oder sonstige Strafen,
+da hat alles Hände und Füße. Ich hatte das aus Erfahrung kennen gelernt
+und deßhalb<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> blos einen gewöhnlichen Führer und einen Kulli mitnehmen
+wollen; allein der Gouverneur wie Graf Bentheim, die es beide sehr
+gut mit mir meinten und ihre Leute für besser hielten als sie waren,
+überredeten mich zur Mitnahme dieses lästigen Gefolges.</p>
+
+<p>Erst um zehn Uhr Morgens kamen wir heute in das Prauh. Man gab vor, daß
+es nach Pare-pare, wohin ich wollte, zu Wasser näher sei als zu Lande;
+dann aber erfuhr ich, daß man dieß vorgab, weil man nicht so viele
+Pferde schnell genug herbeischaffen konnte, als der Tolk verlangte.</p>
+
+<p>Kaum waren wir einige Stunden auf der See gefahren, so lenkten die
+Leute in eine Bucht und wollten die Reise für diesen Tag beschließen.
+Ich war darüber so aufgebracht, daß ich alle Scheltworte, die mir in
+der Malaischen und Holländischen Sprache bekannt waren, zusammennahm,
+den Leuten ihr elendes Betragen tüchtig zu verweisen. Ich drohte Briefe
+nach Maros und Makassar zu schreiben, ja selbst Tolk und Sendling
+zurück zu senden. Dieß bewirkte doch so viel, daß wir nach einer kurzen
+Rast wieder weiter fuhren, erst gegen Abend in eine Bay lenkten und in
+der Nähe eines Dorfes vor Anker gingen. Der Tolk sagte mir, daß man
+Nachts nicht fahren könne, weil die Küsten voll Piraten seien. Dieß
+wußte ich, wir blieben daher hier über Nacht.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span></p>
+
+<p>Ich schlief in dem kleinen Prauh. Zum Imbiß erhielt ich nichts als
+Reis, die Leute hatten nicht einmal für Lebensmittel gesorgt.</p>
+
+<p>Außer unserem Prauh lagen noch zwei ganz kleine vor Anker. Mitten
+in der Nacht erweckte uns ein fürchterliches Geschrei. Wir fuhren
+erschrocken empor, meine Leute griffen nach ihren Waffen, da wir
+dachten, von Piraten überfallen zu werden. Glücklicherweise kam niemand
+an unser Prauh. Was auf den beiden andern vorging, woher das Geschrei
+kam, darum bekümmerten sich meine Leute nicht, obwohl ich sehr darauf
+drang, zu sehen, ob jene nicht unserer Hülfe bedürften. Morgens
+vernahmen wir, daß Diebe vom Lande an die Prauhs geschwommen waren und
+verschiedenes gestohlen hatten. Die Leute wurden erst wach, als die
+Diebe mit ihrem Raube bereits dem Lande zuschwammen.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">30. April.</em> Nachmittags drei Uhr kamen wir zu Pare-pare an
+(30 Meil.). Dieses Oertchen liegt in einer reizenden Bucht, welche
+von kleinen, fruchtreichen Ebenen, von sanft anschwellenden Hügeln,
+und im Hintergrunde von bedeutenden Gebirgen umgeben ist. Im Hafen
+lagen ziemlich viele Prauhs und kleine Barken, die von Makassar
+und den umliegenden Inseln handeltreibend hieher kommen. Der König
+dieses kleinen Reiches zieht außer dem Zolle auch aus seinen<span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span> eigenen
+Handelsgeschäften großen Nutzen und soll für Celebes ziemlich
+wohlhabend sein.</p>
+
+<p>Als der Tolk an’s Land stieg, um nach des Königs Wohnung zu fragen,
+wies man auf ein kleines Canoe, welches gerade im Ankommen begriffen
+war, und sagte dem Tolk, daß der König so eben vom Fischfange
+heimkehre. Ich hätte ihn wahrhaftig für nichts anderes, als einen ganz
+gewöhnlichen Fischer gehalten: er trug bloß einen schmutzigen Sarong
+nebst einem Kopftuche. Auch seinem Wohnsitze sah man nichts weniger
+als Wohlhabenheit an. Derselbe bestand in einer höchst baufälligen
+Bambushütte, der Zugang führte durch eine Pfütze. Vor der Eingangsthüre
+saßen auf einem kleinen Vorplatze mehrere Jungen und Mädchen, die im
+Koran-Lesen<a id="FNAnker_32" href="#Fussnote_32" class="fnanchor">[32]</a> unterrichtet wurden. Das Sonderbarste bei der Sache
+ist, daß der Koran in Arabischer Sprache gelehrt wird, von welcher die
+Lehrer selbst nichts verstehen. Sie lesen oder schreien die Gebete
+herab,<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span> ohne das geringste Verständniß von dem zu haben, was sie
+plappern.</p>
+
+<p>Von dem Vorplatze ging es in des Königs Gemach, eine ganz gewöhnliche
+Malaische Wohnstube, von welcher ein Theil durch Bambuswände in
+Verschläge abgetheilt, die anderen von mehreren Klambus eingenommen
+waren. Im Vordergrunde lagen viele Kaufmannsgüter in Kisten und Ballen
+aufgestapelt, und überall machte sich ein Schmutz und eine Unordnung
+sondergleichen breit.</p>
+
+<p>Ich verstand von der Malaischen Sprache schon so viel, um mich mit
+dem Könige unterhalten zu können. Er hatte einige Kenntniß in der
+Geographie, besaß mehrere Landkarten und wußte so ziemlich die
+Hauptreiche Europa’s zu nennen (der König wurde in Makassar erzogen).
+Er legte mir die beiden Hemisphären vor und war höchst erstaunt,
+als ich ihm in Kürze alle Welttheile, so wie die vorzüglichsten
+Reiche derselben wies. Er ersuchte mich auch, in seiner Gegenwart zu
+schreiben. Ich bemühte mich, sehr schnell zu schreiben, wohl wissend,
+daß ihn dieß um so mehr in Erstaunen setzen würde, als die Malaien
+alles, was sie thun, höchst gelassen verrichten. Ich mußte ihm meinen
+Namen, Vaterland und Geburtsort aufschreiben, was ich in deutscher
+und lateinischer Schrift that. Er fragte mich auch über verschiedene<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span>
+Naturerscheinungen und bat mich, ihm einiges von den Sitten und
+Gebräuchen fremder Völker und ganz besonders von meinem Volke zu
+erzählen; kurz — ich hatte Gelegenheit, mein Bischen Wissen so viel
+wie möglich auszukramen — Eitelkeit nimmt überall gern Huldigungen
+an. Dafür ward mir die Ehre zu Theil, auch von diesem Manne für ein
+ganz besonders bevorzugtes Wesen gehalten zu werden, wozu freilich in
+einem Lande nicht viel gehört, in welchem die Männer wenig, die Weiber
+so viel wie nichts wissen. Er ersuchte mich, ihm den Tag meiner Geburt
+aufzuschreiben, welcher, wie er behauptete, unter die glücklichsten
+gehören müsse.</p>
+
+<p>Als er vernahm, daß meine Reisen gedruckt seien, sagte er, daß er
+gern hundert Rupien geben würde, wenn er sie in seiner Sprache haben
+könnte. War das doch ein galanter König! — Wie hätte ich meine Reisen
+ausdehnen können, was wäre mir nicht alles möglich geworden, wenn es
+viele so freigebige Monarchen gäbe!</p>
+
+<p>Ich äußerte den Wunsch, der Königin vorgestellt zu werden. Nach
+geraumer Zeit erschien ein Weib, so alt, runzelicht und zu einem
+Skelette zusammengeschrumpft, daß ich im Zweifel war, ob dieß die
+Mutter oder die Großmutter des Königs sei, welch letzterer doch auch
+schon ein Mann von einigen dreißig<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> Jahren sein mochte. Dazu war sie
+auf einem Auge blind, die Haare hatte sie zum Theile rothbraun gefärbt,
+zum Theile waren sie schwarz und grau, und in größter Unordnung, als
+hätten sie wochenlang keinen Kamm gesehen, hingen sie ihr bis an die
+Schultern hinab — es konnte nicht leicht ein häßlicheres Bild des
+Alters geben.</p>
+
+<p>Erst um sechs Uhr Abends kam ich in die mir angewiesene Wohnung.</p>
+
+<p>In Folge der Nachlässigkeit meines Gefolges hatte ich seit
+sechsundzwanzig Stunden nichts gegessen. Die Leute waren so sorglos
+gewesen, auf die Reise nicht hinlänglich Wasser mitzunehmen, um den
+Reis kochen zu können; für den gestrigen Tag waren sie mit gekochtem
+Reis versehen, der Abends kalt gespeist worden war. Heute Morgens
+wartete ich vergebens auf eine Mahlzeit. Als ich darnach verlangte, kam
+es erst heraus, daß das Wasser zum Kochen fehlte. Ein Diener verließ
+sich auf den andern, und keiner sah nach. In Pare-pare angekommen,
+beauftragte ich den Tolk, so schnell als möglich ein Mahl zu besorgen.
+Mit wahrem Heißhunger begab ich mich von dem Könige weg in meine
+Wohnung, sah die Schüsseln schon dampfen und rauchen, glaubte den
+würzigen Geruch der Speisen schon einzuathmen, da hieß es: „noch nicht
+fertig.“— Und so mußte ich<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> noch zwei ewig lange Stunden warten.
+Für meine Geduld hoffte ich doch wenigstens mit köstlichen Gerichten
+belohnt zu werden. Ich täuschte mich jedoch abermals, da ich nichts
+als Reis und einen Fisch in einer inländischen Brühe erhielt, die aus
+gestampften, mit Wasser und Kokosöl ausgekochten, säuerlichen Blättern
+bestand. Wahrlich, man mußte sechsundzwanzig Stunden gefastet haben, um
+dieses Essen genießbar zu finden!</p>
+
+<p><em class="gesperrt">1. Mai.</em> Diesen Morgen machte ich dem Könige den Abschiedsbesuch
+und verehrte seiner Gemahlin einige Fläschchen Kölnerwasser, ihm selbst
+ein großes illuminirtes Bild, welches den Glaspalast in Hydepark
+vorstellte. Um ihm einen Begriff von der Größe meines Sultans (Kaisers)
+zu geben, sagte ich: „Sieh’, dieß ist der Palast meines Sultans, er
+ist so hoch, daß die höchsten Bäume darinnen stehen können, und so
+groß, daß man eine halbe Stunde braucht, ihn zu umgehen.“ Er war sehr
+erstaunt und that viele Fragen über Sultan und Palast; nur meinte er,
+daß der Palast gar zu durchsichtig sei. Die Sonne müsse da hinein
+brennen und leuchten, daß man bei Tage gar nicht schlafen könne; er
+möchte nicht darinnen wohnen.</p>
+
+<p>Noch manche Stunde plauderten wir, erst um eilf Uhr kam ich fort.</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_25" href="#FNAnker_25" class="label">[25]</a> Ost- und Westwind wechseln ungefähr alle sechs Monate.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_26" href="#FNAnker_26" class="label">[26]</a> Die Bewohner von Celebes sind im Süden Makassaren und
+Buginesen (alle Mohamedaner), im Norden Alforen. Uebrigens findet man
+Buginesen über die ganze Insel zerstreut.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_27" href="#FNAnker_27" class="label">[27]</a> Die vier Halbinseln, aus welchen Celebes besteht, sind
+lang, aber schmal, so daß man häufig wieder an die Meeresküste kommt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_28" href="#FNAnker_28" class="label">[28]</a> Die Bundesgenossen erhalten von der Holländischen
+Regierung beinahe alle Jahre dergleichen Geschenke.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_29" href="#FNAnker_29" class="label">[29]</a> Im Kriege sollen viele der Eingebornen Panzerhemden
+tragen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_30" href="#FNAnker_30" class="label">[30]</a> Melati heißt der gefüllte Jasmin; er ist die
+Lieblingsblume der Malaien und Chinesen und riecht angenehm, aber etwas
+stark.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_31" href="#FNAnker_31" class="label">[31]</a> Wenn Zahnfeilungen bei hohen Häuptern statthaben, gibt
+es in Zwischenräumen von mehreren Monaten drei Feste. Bei dem ersten
+werden die Zähne bezeichnet, wie weit sie zu feilen sind, bei dem
+zweiten werden die unteren, bei dem dritten die oberen Zähne gefeilt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_32" href="#FNAnker_32" class="label">[32]</a> Die Malaien, und mit sehr geringer Ausnahme (Menehassa)
+alle Bewohner von Celebes, sind Mohamedanischer Religion. Doch genießt
+hier das weibliche Geschlecht dieselben Rechte, wie das männliche. Das
+erstgeborne Kind eines Königs, Knabe oder Mädchen, folgt dem Vater in
+der Regierung. Hinterläßt er eine Witwe, so regiert diese, wenn auch
+der Sohn schon das Mannesalter erreicht hat. Mädchen besuchen die
+Schule so gut wie die Knaben.</p>
+
+</div>
+
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe6" id="p241_ende">
+ <img class="w100 padtop1" src="images/p241_ende.jpg" alt="" data-role="presentation">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Zwoelftes_Kapitel">Zwölftes Kapitel.</h2>
+
+</div>
+
+<p class="s5 hang2 mbot2">Sidenring. — Die Seen von Tempe. — Lagusi. — Ein königliches Mahl.
+— Rückkehr nach Sidenring. — Die Rehjagd. — Besuch bei dem Sultan
+von Goa. — Abreise von Celebes. — Surabaya. — Eine Malaische
+Hochzeit. — Eine Spukgeschichte. — Rückkehr nach Batavia.</p>
+
+<p><img class="illowe1_2 mbot-0_3" src="images/p242_init.jpg" alt="V">on Pare-pare ging ich zu Pferde nach <em class="gesperrt">Batu-Masapaija</em> (zwölf
+Paal) einem Landsitze des Königs von <em class="gesperrt">Sidenring</em>, welcher
+abwechselnd hier und in der eigentlichen Residenz zu <em class="gesperrt">Tete-adje</em>
+an dem See <em class="gesperrt">Tempe</em> wohnt.</p>
+
+<p>Die Wege führten theilweise über niedrige Gebirge, welche, Alang-Alang
+und kurzes Gras ausgenommen, von Vegetation beinahe entblößt, dagegen
+voll Steine und Gerölle waren, so daß unsere armen Thiere wie Gemsen
+klettern mußten. Wir begegneten vielen Saumpferden, die hauptsächlich
+Reis nach dem Hafen Pare-pare trugen. Außerdem war das Land nur von
+Pferden belebt, die sich lustig im Zustande<span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span> der Freiheit herum
+tummelten. Die Könige in diesen Gegenden haben große Gestüte und
+treiben sehr gewinnreichen Pferdehandel.</p>
+
+<p>Schon seit mehreren Stunden zog sich der Weg einförmig bergauf,
+zwischen Hügeln fort, die jede freie Aussicht versperrten; dagegen
+wurden wir bei dem Ausgange eines engen Thales überreich belohnt,
+denn eine der herrlichsten Ansichten, vielleicht die schönste von
+ganz Celebes, lag vor unsern Blicken. Eine beinahe unabsehbare Ebene
+breitete sich aus, in ihrer Mitte glänzten die Wasserspiegel der
+beiden Seen <em class="gesperrt">Tamparang-Urai</em> und <em class="gesperrt">Tamparang-Cabaija</em>,
+gewöhnlich die Seen von Tempe genannt. Der erstere dieser Seen bildet
+ein langes, unregelmäßiges, der letztere ein schönes, rundes Becken.
+Reiche Reispflanzungen, große Ortschaften verkündeten den Wohlstand
+der Gegend. Im Vordergrunde stiegen viele vereinzelte, kleine, spitze
+Hügel und Felsen auf, die man aus der Ferne und der Höhe, auf welcher
+wir uns befanden, für Tumuli hätte halten mögen, so klein und niedlich
+erschienen sie auf dieser ungeheuren Ebene. Im Hintergrunde erhoben
+sich schöne Gebirgsketten gleich hohen Mauern, als wollten sie das
+friedliche Thal vor den Stürmen der Außenwelt bewahren.</p>
+
+<p>Langsam ritt ich nach der Ebene hinab, denn jeder Schritt verlöschte
+einen Zug des herrlichen Bildes.<span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span> Das Großartige verschwand, unser
+Pfad ging wieder zwischen niedern Hügeln in die Tiefe, und bald sahen
+wir weiter nichts, als einzelne Hütten, einige Stallungen, die dem
+Könige zugehörten, kleine Mais- und Reisfelder. Dies ging so fort bis
+Batu-Masapaija, wo wir den König auch wirklich antrafen.</p>
+
+<p>Obwohl der König von Sidenring zu den drei größten auf Celebes gehört,
+wohnte er eben so erbärmlich wie der kleinste, ärmste Rajah. Sein
+Palast, aus dünnem Bambusgeflechte, mit Stroh gedeckt, glich einer halb
+verfallenen Scheune. Das Innere bestand aus einem großen Gemache, von
+durchlöcherten Halbwänden untertheilt, und voll schmutziger Klambus. Am
+Eingange gab es einige Feuerstellen, auf welchen halb erloschene Brände
+einen abscheulichen Rauch verbreiteten, im Vordergrunde wimmelte es
+von Faullenzern aller Art, Männer, Weiber und Kinder. Hier hockte eine
+Gruppe, Siri kauend und schwatzend, dort lagen Schläfer auf dem Boden
+ausgestreckt und um die Wette schnarchend, hier erschien hinter einem
+geöffneten Klambu ein zerraufter Kopf, dort balgten sich nackte Kinder,
+mit Finnen und Schmutz bedeckt — wo man hinsah ein erbärmlicher
+ekelhafter Anblick.</p>
+
+<p>Das königliche Ehepaar hockte im Hintergrunde auf einer zwei Fuß hohen
+Tribune, gleich der Dienerschaft mit Sirikauen beschäftiget und in
+den lieben<span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span> langen Tag hinein schauend. In der Nähe der Tribune waren
+hier und da Kisten und Körbe aufgestapelt, zerrissene Kleidungsstücke
+hingen umher, dazwischen auch eine schöne gestickte Militärs-Uniform,
+die der König von der Holländischen Regierung zum Geschenke erhalten
+hatte. Der König zeigte mir dies Kleidungsstück und ersuchte mich, ihm
+ein derartiges einfacheres zu verfertigen. So sind die Schicksale des
+Reisenden! Der König von Pare-pare hätte mir hundert Rupien für meine
+Bücher gegeben, während dieser hier mich zu seinem Hofschneider erheben
+wollte! Ich wich der bescheidenen Bitte dadurch aus, daß ich sagte, ich
+sei zum Arbeiten zu vornehm.</p>
+
+<p>Man beherbergte mich in diesem scheunenartigen Palaste unter einem
+Klambu. Die Kost war ziemlich schlecht; man brachte mir auf handgroßen
+Täßchen einige winzig kleine Stückchen Fleisch, ein Paar fingerlange
+Fische und den Hals, Kopf und die Flügelspitzen eines Hühnchens.</p>
+
+<p>Nach der Tafel besuchte mich der König. Als er zufällig einige Insekten
+sah, die ich unterweges gefangen hatte, und hörte, daß ich Werth darauf
+legte, versprach er mir ganz unaufgefordert, Leute in die Waldungen zu
+senden und für meine Rückkehr eine kleine Sammlung bereit zu halten.</p>
+
+<p>Schon in einigen Tagen sollte ich wieder hier<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span> sein, denn meine Reise
+ging nun nicht mehr weiter als über die beiden Seen bis <em class="gesperrt">Lagusi</em>,
+der Residenz der Königin von <em class="gesperrt">Wadjo</em>, deren Königreich an jenes
+von <em class="gesperrt">Bonni</em> grenzt. Der Besuch des letzteren, wie bereits erwähnt,
+war mir nicht gestattet.</p>
+
+<p>Beim Abschied versprach mir der König noch, wenn ich wiederkehre, mir
+zu Ehren auch eine Rehjagd zu veranstalten.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">2. Mai.</em> Wir ritten heute nicht mehr als neun Paal in der
+großen Ebene beinah unausgesetzt zwischen Reisfeldern bis in die Nähe
+des ersten Sees, wo wir in einer offenen Hütte, d.&#8239;h. unter einem
+Blätterdache unsere Wohnung aufschlugen. Wir kamen durch mehrere große
+Ortschaften, darunter besonders <em class="gesperrt">Awaritij</em> mit mehr als 200
+Häusern. Ich fand in diesem Königreiche Dörfer und Häuser durchgehends
+sehr groß.</p>
+
+<p>Auch heute bestand meine Mahlzeit nur aus einigen kleinen Fischchen
+nebst Reis, und zwar ebenfalls wieder durch die Schuld meiner Leute,
+denn wenn man in diesen Ländern irgendwo gastfreundlich aufgenommen
+wird, ist es Sitte, alles zu begehren, was man nöthig hat; hätten meine
+Leute einige Hühner, Früchte u.&#8239;dgl. verlangt, so würde man sie ihnen
+mit Freuden gegeben haben; allein sie thaten es nicht, selbst wenn ich
+es ihnen befahl — sie wollten nicht die Mühe der Zubereitung haben.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span></p>
+
+<p><em class="gesperrt">3. Mai.</em> Lagusi (dreißig Paal). Heute ward ich über meine Leute
+im höchsten Grade aufgebracht. Als ich Morgens an das Ufer des Flusses
+kam, auf welchem wir noch ein kleines Stück bis in den See zu fahren
+hatten, war nicht einmal das Prauh in Bereitschaft: eine ganze Stunde
+mußte ich in der glühenden Sonne stehen und die Leute zur Arbeit
+antreiben. Mit größtmöglichster Langsamkeit schoben sie endlich einen
+ausgehöhlten Baumstamm in das Wasser und deckten ihn mit einem so
+niedrigen Blätterdach, daß ich darunter kaum aufrecht sitzen konnte.
+Ich betrat mit Widerstreben dieses gefährliche und unbequeme Fahrzeug;
+wie aber stieg erst meine Angst, nachdem ich so viele Menschen folgen
+sah, als der hohle Baumstamm fassen konnte! Ich wehrte mich dagegen;
+doch weder Tolk noch Sendling hörten auf mich; sie ließen mitfahren
+wem es beliebte. Einundzwanzig Personen saßen in dem engen Raume. Ich
+mußte während der ganzen Fahrt, die über neun Stunden dauerte, gleich
+den übrigen, auf meinen unterschlagenen Beinen hocken. Den Eingebornen
+macht dieß freilich keine Unbequemlichkeit, die sind an diese Stellung
+gewöhnt; ich litt aber unaussprechlich.</p>
+
+<p>Unter den Mitreisenden befand sich ein Greis, der, obwohl er eben nicht
+sehr gebrechlich aussah, nicht lange sitzen konnte. Er mußte sich
+legen, und in Folge<span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span> dessen waren wir gezwungen, noch mehr zusammen zu
+rücken. Später sah ich, woher die Schwäche des Alten rührte: er war ein
+starker Opiumraucher. Er führte Pfeife, Opium und Lampe mit sich und
+rauchte und schlief abwechselnd während der ganzen Fahrt.</p>
+
+<p>Die beiden Seen, deren vereinigte Länge ich auf ungefähr dreißig,
+die höchste Breite auf zehn Paal rechne, sind durch den Fluß Watta
+verbunden, ihre Entfernung von einander beträgt höchstens 1½ Paal. Die
+Seen, besonders der große, haben wenig Tiefe; letzterer dürfte sich
+mit der Zeit in einen Sumpf verwandeln, denn jetzt schon ist der ganze
+Grund und Boden mit Pflanzen dicht überwachsen, und ganze Parthieen
+derselben schwimmen gleich Inseln auf der Oberfläche umher. Die Ufer
+bieten wenig Reiz; an vielen Stellen sind sie mit Alang-Alang bedeckt.
+An dem großen See liegen bedeutende Ortschaften; sie nehmen sich aber
+in der nackten Umgebung, die weder Gebüsche noch Baum besitzt, ganz
+armselig aus. Die die Seen umgrenzenden Länder bilden Bestandtheile
+von Sidenring, Wadjo und andern kleinen Königreichen. Man sieht auch
+die Gebirge von Bonni, von welchen ich nur eine Tagreise entfernt war.
+Lagusi liegt am Tjenrana, achtzehn Paal stromaufwärts. Als ich das
+Boot verließ, um nach der königlichen Residenz zu gehen (¼ Paal)
+begleitete mich die ganze Dorfgemeinde;<span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span> man hatte hier noch kein
+Europäisches Gesicht gesehen. Die Leute wollten alle mit mir in den
+Palast (natürlich auch nur eine Bambushütte) — man mußte sie mit
+Gewalt forttreiben.</p>
+
+<p>Die Königin ließ lange auf sich warten. Sie war alt, aber kräftig,
+überaus lebhaft und sprach sehr eifrig und viel. Sie behauptete,
+sechsundsiebenzig Jahre zu zählen; aber ihrem jüngsten Sohne nach zu
+urtheilen, mochte sie es mit den Jahren wohl nicht so genau nehmen.
+Wenn die Leute hier alt sind, machen sie sich gerne noch älter: sie
+glauben dadurch an Würde zu gewinnen. Im allgemeinen haben sie auch
+wenig Begriff von Zeitrechnung und wissen meistens selbst nicht, wie
+viel Jahre sie zählen.</p>
+
+<p>Nach der üblichen Bewirthung mit Thee und Süßigkeiten wollte ich mich
+zurückziehen, da ich halb lahm von dem neun Stunden langen unbequemen
+Sitzen in dem Baumstamme war; allein die hohe Frau gab es nicht zu:
+sie unterhielt sich zu gut mit meinen Leuten, die ihr alle Neuigkeiten
+aus der großen Stadt Makassar erzählen mußten. Sie war sehr munter
+und heiter, obwohl sie, wie sie mir selbst mit wahrhaft stoischer
+Gleichgültigkeit erzählte, erst vor drei Tagen einen Sohn begraben
+hatte. So sind diese Menschen! — So lange die Leiche im Hause ist,
+heulen, schreien und geberden sie sich wie Wahnsinnige; ist der
+Verstorbene<span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span> einmal der Erde übergeben, so begraben sie den Schmerz mit
+ihm, Heiterkeit und Frohsinn kehren wieder.</p>
+
+<p>Die Königin trug Trauer um ihren Sohn. Dieselbe bestand in einem
+dunklen Tuche, das um den Kopf geschlagen war, die Haare ganz verbarg
+und bis über die Schultern fiel.</p>
+
+<p>Sehr gegen meinen Willen war ich gezwungen, die Abendmahlzeit bei der
+Königin einzunehmen. Auch hier war das Essen unter aller Kritik. Es
+gab eine Menge kleiner Schüsselchen, deren Gesammtinhalt den Magen
+eines ganz gewöhnlichen Essers nicht überladen hätte. Ein Schüsselchen
+enthielt ein hartgekochtes Ei in vier Theile geschnitten, ein anderes
+drei winzig kleine Kartoffeln, ein drittes die Hälfte eines drei Zoll
+langen Fischchens, ein viertes ein paar Scheibchen von Gurken, ein
+fünftes zwei gekochte nußgroße Zwiebelchen u.&#8239;s.&#8239;w. Mitten unter dieses
+Puppenmahl setzte man einen sehr großen, fest zugedeckten Suppentopf
+und legte daneben einen großen Suppenschöpflöffel. Diesem Riesentopfe
+weihte ich meine ganze Aufmerksamkeit; mein erwartungsvoller Magen
+hoffte auf gekochte Hühner oder sonst ein herrliches Gericht. In dieser
+schwelgerischen Erwartung nahm ich eine gute Portion Reis auf meinen
+Teller, um ihn mit der köstlichen Sauce, mit dem zarten<span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span> Hühnerfleische
+zu mengen; doch der Deckel des Topfes wurde lange Zeit nicht gehoben.
+Ich verlangte nach etwas Salz, um meinen Reis vorläufig zu würzen. Da
+endlich — ging der Deckel auf, man griff nach dem großen Schöpflöffel
+und langte — — einen Fingerhut voll weißen Salzes heraus<a id="FNAnker_33" href="#Fussnote_33" class="fnanchor">[33]</a>. Bald
+wäre ich aus Schmerz über die getäuschte Hoffnung selbst zur Salzsäule
+geworden.</p>
+
+<p>Nicht minder komisch ging es mit dem Wasser zu: man stellte zwei
+sehr schön geschliffene Flaschen in Futteralen vor uns. Da Flaschen
+gewöhnlich von Gläsern begleitet sind, wartete ich lange auf letztere.
+Als sie nicht erschienen, verlangte ich darnach; die Königin aber sagte
+mir, ich möchte nur aus der Flasche trinken, und nicht nur sie und ich,
+sondern Tolk, Sendling, alles trank aus den Flaschen.</p>
+
+<p>Unter den Früchten gab es eine, Durian genannt, in Form und Umfange
+einer Melone von mittlerer Größe ähnlich und mit sehr rauher Schale,
+die dermaßen nach Knoblauch stank, daß man die Frucht schon roch, als
+sie dreißig bis vierzig Schritte entfernt war. Das Innere besteht aus
+weißen, an einander gereihten, sehr großen Bohnen. Ich hatte die Frucht
+schon auf Borneo wie auch auf den Molukken gesehen.<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span> Die Europäer
+versicherten mir, daß, wenn man sich an den starken Geruch gewöhnt
+habe, diese Frucht sehr fein schmecke, und fügten hinzu, wenn man sie
+so recht <span class="antiqua">con amore</span> genießen wolle, müsse man dieß auf einem
+Flusse in einem Boote sitzend thun, um die Hände jeden Augenblick in
+das Wasser tauchen zu können, damit der Geruch sich leichter verlöre.
+Ich konnte ihr, selbst nach wiederholten Versuchen, des Geruches wegen,
+keinen Geschmack abgewinnen.</p>
+
+<p>Die bei Tische aufwartende Hofdame oder Dienerin trug auf dem Daumen
+der linken Hand ein wenigstens fünf Zoll langes Nagelfutteral. Ich gab
+ihr meine Verwunderung über diesen ungeheuren Nagel zu erkennen, sie
+versichernd, daß ich ähnliches nicht einmal in China, dem Lande der
+Nagelkultur gesehen hätte. Lächelnd zog sie das Futteral ab, und ich
+sah, daß es eigentlich mehr als Zierde diente: der Nagel selbst hatte
+höchstens einen halben Zoll Länge. Eben so verhielt es sich mit den
+übrigen Futteral-Trägern; nur der Sohn der Königin machte hievon eine
+Ausnahme: sein Finger prangte mit einem zwei Zoll langen Nagel. Die
+Mode der Nagelfutterale sah ich nur in dieser Gegend.</p>
+
+<p>Als das Mahl vorüber war, setzte ich die Ceremonie bei Seite und
+verlangte, mich zurückziehen zu dürfen. Die Königin entschuldigte sich,
+mich nicht in<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> ihrer Ruine von Palast aufnehmen zu können, ich möchte
+ihrem Sohne nach dem seinigen folgen; dort sei schon alles für mich
+bereit. Daselbst angekommen, sollte ich noch seiner Frau vorgestellt
+werden und abermals Thee und Backwerk genießen. Allein ich wich dieser
+Ehre für heute aus und schlüpfte unter meinen Klambu, wo ich mich der
+nöthigen Ruhe erfreute.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">4. Mai.</em> Der Prinz war ein noch junger Mann; Gesichtsfarbe und
+Züge verriethen aber schon den starken Opiumraucher. Sein erstes
+Geschäft Morgens war auch die Opiumpfeife anzuzünden. Leider wird
+dieses Gift auf Celebes häufig gebraucht.</p>
+
+<p>Nach dem Frühstücke, das der gestrigen Abendmahlzeit würdig an die
+Seite zu stellen war, ging ich mit dem Prinzen zur Königin, um Abschied
+zu nehmen. Beim Eintritte in den Palast fielen mir drei Kisten in die
+Augen, die ich gestern nicht bemerkt hatte; zwei dienten als Stühle für
+die Königin und mich, die dritte als Tisch.</p>
+
+<p>Ich mußte über eine halbe Stunde auf die Königin warten; es hieß, sie
+mache Toilette. Und worin bestand diese Toilette? In einer weißen
+Blouse, die sie über den Sarong gezogen hatte, der Kopf war wie gestern
+in ein Tuch gehüllt. An Schmuck trug sie zwei Reihen hohler Kugeln
+aus Goldblech, in Form und Größe kleiner Hühnereier, die kreuzweise<span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span>
+über Brust und Schulter hingen, an jeder Seite der Brust ein rundes,
+handgroßes, mit Edelsteinen besetztes Goldblech, das man für Orden
+hätte halten können, wenn die Leute auf Celebes schon auf diesem
+Höhepunkte der Civilisation stünden. Am meisten fiel mir jedoch die
+Fußbekleidung auf: sie bestand aus ausgeschnittenen Schuhen nach Art
+der Europäischen; nur waren sie, statt von Stoff, ganz von Goldblech,
+die Sohle nicht ausgenommen, und mit Edelsteinen besetzt.</p>
+
+<p>Als mich die Königin begrüßte, sagte sie mir, daß sie es für ihre
+Pflicht gehalten habe, mich im königlichen Staate zu empfangen.</p>
+
+<p>Auch bei dieser Gelegenheit mußte wieder gespeist werden. Während
+der Mahlzeit wurde ihr Sohn abgeholt, um ein Haus zu besichtigen, in
+welches diese Nacht Diebe eingebrochen, und an Silber, Geschmeide
+u.&#8239;dgl. bei 800 Rupien im Werthe gestohlen hatten.</p>
+
+<p>Die Buginesen, Hauptbevölkerung dieser Gegenden, sind die
+berüchtigtsten Diebe und Piraten im ganzen Archipel, übrigens
+die gewandtesten und hübschesten Leute, die ich auf dieser Insel
+gesehen. Männer und Weiber sind groß, sehr gut gewachsen, auch ihre
+Gesichtsbildung ist bei weitem besser, als die der Malaien. Das
+Nasenbein thut sich doch ein bischen hervor; manche haben mitunter ganz
+hübsch geformte<span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span> Nasen, und die Zahnkiefer ragen nicht so heraus. Ihre
+Augen sind schön und verrathen viel Intelligenz. Ihre Hautfarbe ist
+licht röthlich braun.</p>
+
+<p>Wie ich bereits bemerkt habe, genießen die Weiber auf Celebes so
+ziemlich die Rechte der Männer: ein Mann darf ohne die Bewilligung
+seiner ersten Frau keine zweite nehmen. Auch von den öffentlichen
+Angelegenheiten sind sie nicht ausgeschlossen. Die Bewohner des
+Königreiches <em class="gesperrt">Wadjo</em> (Lagusi), ein handeltreibendes, friedliches
+Volk, ziehen es sogar vor, von Königinnen regiert zu werden; sie sagen,
+daß deren Regierung weniger kriegslustig, treuer und ruhiger sei, als
+die der Männer.</p>
+
+<p>Um 11 Uhr sagte ich der Königin Lebewohl.</p>
+
+<p>Ich hatte meinen Leuten schon am frühen Morgen befohlen, alles zur
+Rückreise in Bereitschaft zu halten; trotzdem fand ich, als ich an’s
+Ufer kam, nicht einmal ein Boot vor. Mit vielem Gezänke kam erst unser
+ausgehöhlter Baumstamm um Mittag zum Vorschein. Die Rückreise war wo
+möglich noch unangenehmer als die Herreise, da die Leute so träge
+ruderten, daß wir nicht von der Stelle kamen. Ich mußte in dem engen
+Gefängnisse zwanzig Stunden, von Mittag zwölf bis nächsten Morgen
+acht Uhr zubringen. Während der Nacht wurden die Ruder zur Seite
+gelegt, und alles schlief. Glücklicherweise war das Wetter<span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span> schön und
+der See ruhig, dennoch schwankte das gefährliche Fahrzeug bei jeder
+Bewegung eines Schläfers so heftig, daß ich oft fürchtete, es könne das
+Gleichgewicht verlieren.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">5. Mai.</em> In der offenen Hütte wieder angekommen, rasteten
+wir zwei Stunden, dann bestiegen wir Pferde und ritten nach
+<em class="gesperrt">Batu-Massapaija</em>, zu dem König von Sidenring zurück.</p>
+
+<p>Meine erste Frage war nach den Insekten. Der König reichte mir — die
+leere Flasche<a id="FNAnker_34" href="#Fussnote_34" class="fnanchor">[34]</a>. Ich erinnerte ihn an die Rehjagd — „Uebermorgen“
+hieß es.</p>
+
+<p>Ich dankte ihm für die vielen Insekten und für die schöne Jagd und
+ersuchte ihn, mir einige Leute zu geben, um nach dem Bergdistrikte
+<em class="gesperrt">Duri</em> gehen zu können, dessen Bewohner eine Art Alforen und ein
+noch als sehr wild bekannter Volksstamm, Bundesgenossen des Königs von
+Sidenring sind. Sie sollen in Höhlen wohnen. Diese Reise gefiel aber
+dem Tolk und Sendling nicht. Man mußte sie zu Fuße machen und obwohl
+ich von der <em class="gesperrt">Buginesischen</em> Sprache, in welcher meine Leute mit
+dem Könige verkehrten, so viel wie nichts verstand, entnahm ich doch,
+daß sie den König ersuchten, mir Schwierigkeiten zu machen.<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span> Der König
+sagte mir dann in Malaischer Sprache, daß er jetzt mit diesem Volke
+gerade nicht im besten Einvernehmen stehe und daher meinen Wunsch nicht
+erfüllen könne. Hätte ich diese trägen, faulen Leute nicht bei mir
+gehabt, so würde ich meinen Willen durchgesetzt haben, denn ich sah es
+dem Könige an, daß er der Erfüllung meines Ersuchens nicht ungeneigt
+war. Er bemerkte wohl, daß ich böse wurde, und um mich ein wenig zu
+erheitern, versprach er mir, die Rehjagd auf den morgigen Tag zu
+veranstalten.</p>
+
+<p>Ich brachte den ganzen Abend mit der königlichen Familie zu und
+bemerkte mit Vergnügen, daß das königliche Ehepaar, obwohl schon lange
+verheirathet (sie hatten vierzehn Kinder), in einer überaus glücklichen
+Ehe lebte. Ich hörte auch, der König habe nur <em class="gesperrt">eine</em> Frau, und
+überhaupt sei das Familienleben auf Celebes besser als auf irgend einer
+der anderen Inseln dieses Archipels. Gewöhnlich begnügt sich der Mann
+mit <em class="gesperrt">einer</em> Gattin, und Scheidungen finden auch nicht so häufig
+statt.</p>
+
+<p>Die beiden Eheleute richteten unzählige Fragen an mich; vor allem
+andern aber baten sie mich um die Arznei, die ich ihrer Meinung nach
+nähme, um in meinem Alter so kräftig zu sein. Der König sagte, daß er
+nicht im Stande wäre, es mir gleich zu thun, viel weniger die Königin,
+obwohl sie beide um so viel<span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span> jünger seien als ich. Vergebens betheuerte
+ich, daß dieß nur Folge der von der ihrigen so ganz verschiedenen
+Lebensweise wäre. Dann kam auch hier wieder die Rede auf meinen Sultan
+(ein besonderes Lieblingsthema aller dieser Fürsten); sie fragten
+mich, wie er wohne, was er speise, ob ich ihn oft besuche u.&#8239;s.&#8239;w. Ich
+erzählte ihnen mit aller Ausführlichkeit das kaiserliche Familienleben.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">6. Mai.</em> Gestern hatte die Königin erklärt, sie wolle ebenfalls
+an der Jagd Theil nehmen. Ich war über diesen heldenmüthigen Entschluß
+sehr erstaunt, denn daß eine Königin ihre Hütte ohne eine bedeutende
+Veranlassung verläßt, gehört unter diesen Völkern zu den Wundern.
+So erzählte mir z.&#8239;B. die achtzehnjährige Königin von Baru, daß sie
+seit acht Jahren nicht über zweihundert Schritte weit von ihrer Hütte
+gekommen sei.</p>
+
+<p>Als es zur Jagd ging, fragte ich nach der Königin. Der König sagte mir,
+daß sie uns nicht begleiten könne, sie habe das Fieber (vermuthlich das
+Trägheitsfieber).</p>
+
+<p>Wir begaben uns auf einen großen, schönen Wiesenplatz, der ringsum
+von Waldungen eingesäumt war. Die Rehe wurden getrieben, von Hunden
+gefangen, welche die armen Thiere gräßlich zerfleischten, und von den
+Leuten mit Lanzen getödtet. Viele von den Jägern<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span> waren zu Pferde und
+jagten den Thieren nach. Der König und ich saßen im Schatten eines
+Baumes und sahen zu, — es war eine abscheuliche Unterhaltung, der ich
+kein zweites Mal beiwohnen möchte!</p>
+
+<p>Nach der Jagd versammelten sich die Reiter und Treiber um uns. Diese
+Gruppe war so malerisch, daß ich vieles gegeben hätte, ein Zeichner
+zu sein. Die Reiter ruhten auf ihren schönen, unbeweglich stehenden
+Thieren in den verschiedenartigsten Stellungen. Sie schlugen einen Fuß,
+oft wohl beide unter, hockten auf den Fersen oder stemmten die Füße
+in die Seiten der Thiere, kurz geberdeten sich wie auf festem Grund
+und Boden. So wie die Leute zu Pferde, so lagerten die Treiber auf der
+Wiese umher. Die Kopftücher hatten sie in der mannigfaltigsten Weise um
+den Kopf geschlagen. Sie stärken diese Tücher und vermögen ihnen daher
+jede beliebige Form zu geben; die langen, weiten Sarongs umhüllten die
+kräftigen Körper bald ganz, bald theilweise, oder hingen als Schärpen
+in reichem Faltenwurfe von der Schulter hinab. Das Betrachten dieses
+Bildes ergötzte mich ungleich mehr als die grausame Jagd.</p>
+
+<p>Zur Abendmahlzeit setzte man uns schon das Schulterstück eines
+der erlegten Rehe vor. Leider war es durch die Bereitung beinahe
+ungenießbar geworden. Man hatte das Fleisch, ohne es zuvor zu waschen
+und<span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span> zu salzen, in das brennende Feuer geworfen und kaum so lange darin
+gelassen, bis es warm wurde. Es war ganz schwarz, stank nach Rauch,
+und das Blut quoll überall heraus. Von solchen Speisen lebt ein König,
+der, wie er mir selbst erzählte, im vergangenen Jahre 8000 Rupien in
+den Hahnenkämpfen verloren, das Jahr zuvor 10,000 Rupien in demselben
+Spiele gewonnen hatte! —</p>
+
+<p><em class="gesperrt">7. Mai</em> Morgens nahm ich Abschied von dem königlichen Spieler.
+Die Rückreise ging sehr rasch von Statten. Ich machte in Pare-pare,
+Baru und Tanette nur die nöthige Rast und erreichte schon am 9. Mai
+wieder die Grenze der Holländischen Besitzungen, die zwei Paal von
+der Residenz des Königreichs Tanette beginnen. Um zwei Uhr war ich zu
+Mandelle, und um eine Tagereise zu gewinnen, ging ich zu Fuß noch sechs
+Paal weiter bis <em class="gesperrt">Segeri</em>, denn bis frische Pferde herbeigeschafft
+worden wären, würde es Nacht gewesen sein, und die Wege waren zu
+gräßlich, um sich bei Nacht darauf zu wagen. Meinen Leuten kam dieß
+nicht sehr gelegen; allein ich bekümmerte mich nicht darum, und begab
+mich ohne sie auf den Weg, wohl wissend, daß sie mir folgen würden. Wir
+kamen durch so tiefe Sümpfe, daß man an einer Stelle Mühe hatte, mich
+durch zu bringen. Bei jedem Schritte sank ich bis an den Oberleib ein,
+zwei meiner<span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span> Leute mußten mir stets heraushelfen. Am nächsten Morgen
+fühlte ich mich so wenig ermüdet, daß ich zweiunddreißig Paal zwar zu
+Pferde, aber ebenfalls wie gestern, durch die schrecklichsten Sümpfe
+machte, was selbst für Reiter sehr ermüdend ist. Ich kam glücklich und
+wohlbehalten zu Maros an; Tolk und Sendling wurden dagegen von den
+Beschwerden dieser eiligen Rückreise so angegriffen, daß sie beide
+einige Tage unwohl waren.</p>
+
+<p>Zu Maros blieb ich noch einige Tage und besuchte von hier aus den
+Fürsten <em class="gesperrt">Aru-Sinri</em>, den früheren Minister von Bonni, der
+sechs Paal von Maros entfernt wohnt. Die Gemahlin dieses Fürsten,
+<em class="gesperrt">Aru-Palengerang</em>, hatte die gerechtesten Ansprüche auf das Reich
+Bonni: sie war die Schwester des letztverstorbenen Königs, der keine
+Kinder hinterließ; auch sie war kinderlos und hatte einen Neffen
+adoptirt. Als aber der König starb, wußte letzterer sich einen solchen
+Anhang zu verschaffen, daß er sich der Regierung bemächtigte und seine
+Wohltäterin vertrieb. Sie warf sich mit ihrem Gemahl in die Arme der
+Holländischen Regierung, welche ihnen ein niedliches Bambushaus bauen
+ließ und eine jährliche Pension gibt.</p>
+
+<p>Auf ganz Celebes fand ich kein Fürstenhaus so schön gehalten wie
+dieses. Das Innere war in Gemächer getheilt, die Küche abgesondert, die
+Dienerschaft<span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span> sehr sauber gekleidet, der Tisch höchst zierlich gedeckt,
+die Gerichte gut, man hätte in keinem Europäischen Hause mehr Ordnung
+und Reinlichkeit finden können.</p>
+
+<p>Der Prinz Aru-Sinri und seine Gemahlin werden auch allgemein als
+ausgezeichnete Leute, sowohl in Bezug auf Herz als auf Verstand gerühmt.</p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">13. Mai</em> ritt ich nach Makassar zurück, wo ich bis <em class="gesperrt">20.
+Mai</em> blieb. Ich stattete vor meiner Abreise in Begleitung des Herrn
+<em class="gesperrt">Weiergang</em>, eines hiesigen Kaufmannes, noch dem Sultan von Goa
+einen Besuch ab. Das Reich Goa stößt an Makassar an; die Residenz des
+Fürsten ist nur vier Paal von letzterem entfernt. Dieses Reich besteht
+aus den Trümmern des Königreiches Makassar, welches in früheren Zeiten
+das mächtigste von Celebes war, eine treffliche Armee und viele Kutter
+besaß und einen großen Theil der umliegenden Inseln beherrschte.</p>
+
+<p>Der Sultan von Goa bewohnt ein weit hübscheres Haus, als seine
+königlichen Kollegen von Sidenring und Pare-pare, da es von Brettern
+und mit Schnitzwerk verziert ist. Im Innern sah es jedoch eben so aus,
+wie bei allen übrigen Fürsten: eine Ueberfülle von Hofgesinde und
+Dienerschaft, ein Chaos von Klambus und übereinander geschichteten
+Kisten und Kasten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span></p>
+
+<p>Der Sultan ließ gerade ein neues Haus bauen, obwohl das alte noch ganz
+gut erhalten schien; er wollte letzteres nicht mehr bewohnen, weil sein
+Vater darin gestorben war. Soll man dieß Zartgefühl nennen? Ich wäre
+eher geneigt, es für Aberglauben zu halten, denn Gefühl für Verstorbene
+habe ich unter diesen Völkern nirgends gefunden.</p>
+
+<p>Nahe an der Residenz sind die Gräber des Fürstenhauses. Sie enthalten
+einfache steinerne Grabesmonumente, die zum Theile in kleinen
+gemauerten Hallen stehen.</p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">20. Mai</em> verließ ich Makassar auf dem Dampfer „Banda“, um zum
+dritten und letzten Male die gastfreundlichen Küsten Java’s zu betreten.</p>
+
+<p>Nach 2½tägiger Fahrt ankerten wir auf der Rhede von Surabaya. Während
+meines ersten Aufenthaltes an diesem Orte hatte ich die Bekanntschaft
+der Frau Brumond, Gattin des Domine Brumond, gemacht, welche so
+freundlich war, mich in ihr Haus einzuladen, wenn ich von der Reise
+nach den Molukken und Celebes zurück käme. Herr Resident von Perez, bei
+welchem ich damals abgestiegen war, hatte nämlich den Ruf nach Batavia
+als Rath von Indien (höchste Stelle nach dem Gouverneur-General;
+es sind deren vier, jede mit einem jährlichen Gehalte von 36,000
+Rupien) erhalten. Ich fand bei dieser liebenswürdigen<span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span> Familie eine
+so herzliche Aufnahme, und während der Krankheit die mich hier
+befiel, eine so sorgfältige Pflege, daß ich gar nicht glaubte, mich
+in einem fremden Lande zu befinden. Zu dem Fieber, das mich seit
+meinem Aufenthalt in Sumatra häufig belästigte, gesellte sich ein
+Anthrax auf dem Rücken, eine Folge der beschwerlichen Wanderungen und
+ausgestandenen Mühseligkeiten auf den Molukken und auf Celebes. Durch
+diese Krankheit wurde mir der Aufenthalt auf Surabaya sehr verbittert,
+und es war an meine Reise ins Gebirge, nach dem Feuerberge <em class="gesperrt">Brumo</em>
+u.&#8239;s.&#8239;f. nicht mehr zu denken; ich benützte nur die Zeit meiner
+Rekonvaleszenz, Surabaya selbst und seine nahe Umgebung ein wenig zu
+besehen.</p>
+
+<p>Der gute Herr Brumond war so gefällig, meinen Cicerone zu machen. Wir
+begannen mit der Moschee, welche die schönste auf Java sein soll und
+in ganz neuester Zeit von einem Holländischen Baumeister aufgeführt
+wurde. Sie nimmt sich sehr gut aus, obwohl ihre Bauart weder rein
+Maurisch noch Gothisch, sondern ein Gemisch von beiden ist. Sie bildet
+mit den beiden Minarets, die durch vierzig Fuß lange, schöne Gänge
+verbunden sind, ein Achteck. Das Gebäude ist von Backsteinen (Ziegeln)
+aufgeführt, die Vorderseite des Daches, so wie die Eingangsthüre mit
+hübschem Holzschnitzwerk verziert.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span></p>
+
+<p>Der Diener verweigerte uns zwar nicht den Eintritt in die Moschee;
+allein er verlangte, daß wir die Schuhe ausziehen sollten. Herr
+Brumond, meiner Rekonvaleszenz gedenkend, reichte ihm eine Rupie,
+und dieser silberne Schlüssel öffnete uns die Thüre ohne weitere
+Anforderung. Wir sahen im Innern nichts weiter als eine hübsche Halle
+mit einer kleinen Kanzel, einigen Lampen, Matten und vielen messingenen
+Spucknäpfen. Letztere fallen einem Fremden gar sehr in die Augen;
+allein ein Sirikauer kann ihrer nicht entbehren, und an einem so
+heiligen Orte darf er nicht auf den Boden spucken.</p>
+
+<p>Von der Moschee gingen wir in den nah gelegenen Malaischen Kampon.
+Dieser gefiel mir ganz und gar nicht. Die Bambushütten, hier nicht
+auf Pfähle gebaut, stehen in zwei Reihen enge an einander und bilden
+eine Straße. Der Unrath wird vor alle Thüren geworfen, gegen Abend vor
+jedem Hause zusammengefegt und verbrannt. Wir kamen gerade zu dieser
+unglückseligen Stunde in den Kampon und konnten deshalb vor Rauch und
+Gestank kaum durch die Straße dringen. Wie mag es da in der Regenzeit
+aussehen, wann nicht gefegt und verbrannt werden kann? Es ist ganz und
+gar nicht zu wundern, daß die Leute beständig mit Fiebern, Haut- und
+andern Krankheiten zu kämpfen haben.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span></p>
+
+<p>Die Hütten sind außerordentlich klein und gedrückt, ohne Fenster und
+mit einem so niedrigen Pförtchen, daß man ungebückt nicht durchkommt.
+Im Innern ist jedes dieser Schneckenhäuser noch in drei Theile
+getheilt, die wahren Löchern gleichen. Das erste Loch, das einzige, in
+welches durch die geöffnete Thüre Licht fällt, enthält links und rechts
+eine Schlafstelle, die während des Tages als Werkstätte oder Sitzplatz
+dient. In dem zweiten Loche ist an einer Seite die Schlafstelle des
+Hausherrn, an der andern eine hölzerne Bank, in dem dritten die
+Feuerstelle. Es bleibt überall gerade nur so viel Raum, um hindurch
+schlüpfen zu können. Die Einrichtung besteht aus einigen Matten,
+Polstern, irdenen Kochtöpfen und einer hölzernen Truhe auf Rädern, die
+alle Schätze der Familie, Kleidungsstücke, Waffen, Geschmeide u.&#8239;s.&#8239;w.
+enthält und im Falle einer Feuersgefahr leicht fortgerollt werden kann.</p>
+
+<p>Das Volk kam mir minder häßlich vor, als im Beginne meiner Reise auf
+Borneo, Java u.&#8239;s.&#8239;f. Ich sah nun schon seit mehr als einem Jahre
+größtentheils nur Malaien und möchte daher meine Geschmacksänderung
+der Gewohnheit zuschreiben, die am Ende das Häßliche minder häßlich
+erscheinen läßt. Geht es doch mit dem Schönen eben so — die
+herrlichste Landschaft,<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span> alle Tage gesehen, macht mit der Zeit nicht
+halb so viel Eindruck als im ersten Augenblicke.</p>
+
+<p>Wir besuchten diesen Abend auch noch den Chinesischen Kampon, der mit
+seinen niedlichen Häuschen, durch seine außerordentliche Reinlichkeit
+den größten Kontrast zu dem Malaischen bildete. Die Häuschen aus
+Backsteinen waren alle so weiß und nett, als wäre der ganze Kampon erst
+kürzlich beendet worden. Sie sind zwar auch nicht groß, aber geräumig
+genug, selbst eine zahlreiche Familie anständig unterzubringen. Es
+fehlt weder an Fenstern noch Thüren, von welchen erstere mit schönen
+Läden versehen sind; alles Holz- und Rohrwerk ist mit dunkler Oelfarbe
+angestrichen. Den Vordertheil des Hauses umgibt eine Veranda; von
+dieser tritt man in das Empfangszimmer, welches die ganze Länge des
+Hauses einnimmt. Hier findet man den Boden mit Matten belegt, die
+Wände mit Spiegeln und Bildern geziert, und eine genügende Einrichtung
+an Tischen, Stühlen und Schränken. Im Hintergrunde führen links und
+rechts Thüren in die Wohnstübchen. Beinahe in jedem Hause ist in dem
+Empfangszimmer ein kleiner Altar aufgerichtet.</p>
+
+<p>Wir betraten mehrere Häuschen, deren Bewohner schon bei der
+Abendmahlzeit saßen. (Die Weiber der Chinesen sind ebenso wie jene
+der Malaien von der Tischgesellschaft ausgeschlossen; sie speisen in
+der Küche<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span> oder in ihren Kämmerchen.) Der Tisch war mit einem weißen
+Tuche gedeckt und trug Gläser, Flaschen, Teller und gute Gerichte; mit
+Vergnügen hätte man an ihrer Tafel theilnehmen können, während es Ekel
+erregt, den Malaien zuzusehen, wie sie bei ihren Mahlzeiten irgendwo
+auf dem Boden kauern und große Portionen in Wasser gekochten Reises mit
+den Händen in den weit geöffneten Schlund stopfen.</p>
+
+<p>Die Chinesen in den Städten sind Kaufleute, Pächter oder Handwerker;
+sie sind arbeitsam und unermüdlich, gönnen sich aber auch einige
+häusliche Bequemlichkeiten. Nicht so die Malaien; bei diesen
+leben Wohlhabende wie Arme in demselben Schmutze, in derselben
+Beschränktheit. Der einzige Aufwand, die einzige Liebhaberei der
+Reichen besteht in kostbaren Waffen, in Gold- und Silbergeschmeide, das
+sie sorgfältig verschließen und bewahren, und das man höchstens bei
+außerordentlichen Festen und Begebenheiten, oder wenn man sie darum
+ersucht, zu sehen bekommt. Außerdem begnügen sie sich mit einem alten
+Sarong und einem schmutzigen Kopftuche. Eine Ausnahme davon machen nur
+die von der Regierung als Regenten u.&#8239;s.&#8239;w. Angestellten: diese suchen
+gewöhnlich den Aufwand und die Lebensweise der Holländischen Residenten
+nachzuahmen.</p>
+
+<p>Einen der folgenden Tage gingen wir nach dem<span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span> großen Malaischen
+Friedhof, der zum Theile auch der heilige genannt wird. Er ist mit
+einer Mauer umgeben. Das Innere ist in viele Plätze getheilt, die
+ebenfalls durch Mauern oder Staketen von einander gesondert sind und je
+nach der Heiligkeit oder dem hohen Stande der daselbst Ruhenden mehr
+oder weniger in Ordnung gehalten werden. Es gibt noch viele Grabmäler
+von Sultanen aus der guten alten Zeit, als Sultane auf Surabaya
+herrschten. Sie sind alle höchst einfach und bestehen aus Steinplatten
+oder aufrecht stehenden Steinen, von welchen die meisten schon
+beschädiget oder eingesunken sind. Von diesen Gräbern wird eines für
+so heilig gehalten, daß keine Ehe unter dem Volke Surabaya’s und der
+nähern Umgebung geschlossen wird, ohne daß das Brautpaar hieher kommt,
+um durch ein kurzes Gebet den Segen zu dem Bunde zu erflehen. Wir waren
+so glücklich, einem dieser Brautpaare zu begegnen. Die Braut, ein
+etwas beleibtes, sehr häßliches, zwölfjähriges Mädchen, wurde in einer
+kleinen Sänfte getragen, die von beiden Seiten offen war, damit sie
+von dem Volke in ihrer bräutlichen Herrlichkeit gesehen werden konnte.
+Sie trug einen seidenen Sarong, der etwas über die Hüfte reichte; von
+da an war sie unbekleidet und mit einer gelben Farbe ganz bemalt,
+was dieselbe Wirkung hervorbrachte, wie enge anliegender Tricot. Der
+Kopf,<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> Hals, die Ohren und Arme waren mit Schmuck beladen. Sowohl der
+seidene Sarong wie der Schmuck sind selten Eigenthum der Braut: diese
+Gegenstände werden für die Feierlichkeit gemiethet. Ihre Begleitung
+bestand aus vielen Weibern und Mädchen, wahrscheinlich Verwandte. Der
+Bräutigam, ein hübscher Mann von einigen zwanzig Jahren, folgte zu Fuße
+in Gesellschaft vieler Jünglinge und Männer. Er war sauber, aber nicht
+anders als seine Begleiter gekleidet.</p>
+
+<p>Ich sah in Surabaya nicht nur dieses Brautpaar aus dem Volke, ich
+wohnte auch einem vornehmen Hochzeitsfeste bei, wo es des Prunkes nicht
+wenig gab. Die Braut war die Schwester des Regenten.</p>
+
+<p>Dieses Fest währte mehrere Tage. Am ersten fand die Ceremonie in dem
+Tempel statt, bei welcher ich nicht zugegen sein konnte, da ich gerade
+das Fieber hatte. Die Braut folgt an diesem Tage nicht ihrem Gemahl in
+sein Haus, sondern kehrt in das ihrige zurück. Am zweiten Tage ward das
+eigentliche Fest in dem Hause der Braut gefeiert. Der Gatte kam gegen
+Abend in feierlichem Zuge zu seiner Gemahlin. Den Zug eröffneten viele
+Jünglinge und Knaben aus dem Volke in ihrer gewöhnlichen Kleidung; sie
+trugen Palmenzweige oder sehr hohe Stangen mit bunten Tüchern, die
+wie Fahnen flatterten.<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span> Ihnen folgte Musik, Gongs und Trommeln und
+hierauf eine Art Leibwache mit sehr schönen Lanzen, von welcher eine
+Abtheilung dunkelbraune, die andere zimmetbraune Sarongs trug, die in
+faltenreichen Spitzen bis an die Waden hinab fielen. Der Oberkörper und
+die Füße waren mit lichtgelber Farbe bemalt; auf dem Kopfe trugen sie
+eine Art Krone von Goldblech oder Messing. Sie sahen sehr geschmackvoll
+und kriegerisch aus. Zwischen jeder Abtheilung ging Musik. Der
+Bräutigam kam in einem vierspännigen Europäischen Wagen gefahren,
+von zwei Frauen (Verwandten) begleitet. An dem Hause angekommen,
+stellte sich das Gefolge in Reihen auf, und der Bräutigam schritt mit
+gesenktem Haupte und beinahe geschlossenen Augen in den Empfangssaal,
+in dessen Hintergrunde die Braut, umgeben von Frauen und Mädchen, auf
+einem schönen Teppiche saß. Stillschweigend, ohne Gruß, ohne die Augen
+aufzuschlagen, nahm der Bräutigam an der Seite der Braut Platz. Beide
+blieben bis neun Uhr so stumm und unbeweglich wie Statuen sitzen.</p>
+
+<p>Braut und Bräutigam waren beinahe gleich gekleidet; sie trugen lange,
+golddurchwirkte seidene Sarongs. Der Bräutigam hatte den Oberkörper
+unbekleidet und gelb bemalt, die Braut trug ein lichtgelbes, seidenes,
+sehr knapp anschließendes Leibchen,<span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span> die Arme hatte sie bis an die
+Achseln ebenfalls nackt und gelb bemalt. Auf dem Kopfe trugen beide
+Kränze von Melati. Drei Reihen dieser Blumen fielen von den Schläfen
+bis an die Brust hinab. Außer den Blumen hatten sie noch einige
+Verzierungen auf dem Kopfe. Das Brautpaar war von vielen Verwandten
+umgeben, aber alle saßen stumm und bewegungslos da. Um acht Uhr wurde
+Thee und Backwerk gereicht; die ganze Gesellschaft aß und trank, ohne
+auch nur ein Wort zu sprechen. Um neun Uhr verschwand das Brautpaar auf
+einige Augenblicke, um sich umzukleiden, erschien wieder in einfachen
+Hauskleidern und blieb dann noch ungefähr eine Stunde sitzen. An diesem
+Tage wird zwar die Braut dem Bräutigam übergeben; allein er darf sie
+noch nicht in sein Haus führen; er muß sogar noch einen dritten Abend
+in dem ihrigen zubringen.</p>
+
+<p>Auch hier ist es wie auf Celebes bei Reichen und Vornehmen nicht Sitte,
+die Mädchen gar zu jung zu verheirathen; gewöhnlich geschieht es
+zwischen dem achtzehnten und zwanzigsten Jahre<a id="FNAnker_35" href="#Fussnote_35" class="fnanchor">[35]</a>. Manche beobachten
+den Gebrauch, daß die Braut den Bräutigam erst in der Moschee kennen
+lernt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span></p>
+
+<p>Ein großes Fest bei den reichen Javanesen wird auch gefeiert, wenn ein
+Jüngling seine Schulzeit vollendet hat. Der Jüngling sitzt obenan, die
+Eltern und Verwandten um ihn, dann alle seine Lehrer; erstere fragen
+ihn über alles aus, was er gelernt hat.</p>
+
+<p>Von den öffentlichen Anstalten Surabayas gefiel mir am besten das
+Hospital: es ist in jeder Hinsicht das vollkommenste, das ich sah, und
+dieß will viel sagen, denn in allen Holländisch-Indischen Besitzungen
+sind die Hospitäler vortrefflich eingerichtet. Dieses hat für
+achthundert Kranke Raum und ist in mehrere Gebäude abgetheilt, deren
+jedes von Wiesen und Gärten, mit Blumen und Bäumen umgeben ist. In
+einem der Gärten sah ich eine Wasserpalme, die merkwürdigste unter den
+Palmen, die mir auf Java und Sumatra vorkamen. Die Blätter sind zwölf
+bis fünfzehn Fuß lang und schießen einzeln aus dem Stamme, der kaum
+fünfzehn Fuß hoch sein mag, gerade in die Höhe. Sie schließen sich
+eines an das andere und bilden einen vollkommenen regelmäßigen Fächer.
+Der untere Theil der Blätter so wie der Stamm enthalten Wasser. Diese
+Palme ist auf Madagascar heimisch; auf Sumatra und Java fand ich sie
+nur als Zierde in den Gärten der Europäer.</p>
+
+<p>Die Strafhäuser sind gleich jenen in Batavia der Art eingerichtet, daß
+man beinahe sagen könnte,<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span> für Verbrecher sei die Menschlichkeit zu
+weit getrieben. Die Holländischen Soldaten<a id="FNAnker_36" href="#Fussnote_36" class="fnanchor">[36]</a> haben hübsche Zimmer,
+nette Gärtchen und erhalten eine sehr gute Kost. Die eingebornen
+Verbrecher sind gemeinschaftlich in große Räume gesperrt und werden zu
+verschiedenen Arbeiten in- und außerhalb des Gefängnisses verwendet,
+wofür sie per Tag einige Deute für Siri bekommen. Keiner der Gefangenen
+ist geschlossen; die Eingebornen tragen nur um den Hals einen eisernen
+Ring; dessen ungeachtet soll das Entfliehen zu den sehr seltenen Fällen
+gehören. Die Eingebornen haben vor den Gesetzen viel mehr Achtung, als
+die Weißen.</p>
+
+<p>Die Gefängnisse waren stark besetzt, wie man mir sagte, mit
+zwölfhundert Sträflingen, meistens Dieben. Die schweren Verbrecher
+werden nach der Aburtheilung nach verschiedenen Inseln, besonders nach
+den Molukken verwiesen, wo sie für die Regierung arbeiten, oder gegen
+Lohn an Privatleute vermiethet werden. Todesstrafen haben höchst selten
+statt.</p>
+
+<p>Die Fabrik für Ausbesserung und Zusammenstellung von Dampf- und anderen
+Maschinen besuchte ich ebenfalls. Diese Fabrik ist für Java sehr
+nothwendig, da es der Dampfschiffe, Zuckermühlen und<span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span> andern Anstalten
+schon in großer Menge gibt. Man könnte hier die Dampfmaschinen auch
+ganz neu verfertigen; allein sie würden höher zu stehen kommen als in
+Europa, denn da die Eingebornen nicht gezwungen sind, in den Fabriken
+zu arbeiten, muß man sie gut bezahlen, um sie dazu zu bewegen. Es waren
+in dieser Fabrik täglich an sechshundert Arbeiter beschäftiget, welche,
+die Werkmeister ausgenommen, alle Eingeborne sind und per Tag von
+dreißig bis hundertzwanzig Deut erhalten.</p>
+
+<p>Nicht minder vollkommen eingerichtet ist das Arsenal, in welchem
+alle Gattungen Kugeln für Kanonen, Bomben und Gewehre gegossen, die
+Wagengestelle für die Artillerie, alles Riemwerk für Soldaten und
+Pferde gemacht werden. Auch hier arbeiten beinahe nur Eingeborne;
+man zieht sie den Europäern bedeutend vor. Sie sind sehr gelehrig
+und besonders im Nachahmen sehr geschickt, arbeiten ruhig, fleißig
+und höchst genau, und schwatzen, zanken und trinken nicht. Ich sah
+in beiden Fabriken die vollendetsten Arbeiten aus den Händen der
+Eingebornen hervorgehen, unter andern ein großes Staatssiegel in
+Messing gestochen, welches von dem besten Siegelstecher in Europa nicht
+besser hätte ausgearbeitet werden können<a id="FNAnker_37" href="#Fussnote_37" class="fnanchor">[37]</a>.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span></p>
+
+<p>Ich besah auch das Trockendock, eine herrliche Anstalt zur Ausbesserung
+der Schiffe. Das Becken, groß genug für das größte Schiff, steht durch
+einen Canal mit der See in Verbindung; das Wasser wird, wenn das Schiff
+im Becken liegt, mittelst einer Dampfmaschine in fünf bis sechs Stunden
+gänzlich ausgepumpt. Wenn keine Regierungsschiffe in der Ausbesserung
+liegen, werden auch Handelsschiffe angenommen, für welche per Tag und
+per Tonne eine bestimmte Summe zu bezahlen ist. Es lag eben ein Schiff
+von zwölfhundert Tonnen in dem Becken, das täglich dreihundert Rupien
+für nichts als den Platz bezahlte. Diese Anstalt mag großen Nutzen
+tragen, denn der Kostenaufwand ist sehr gering, und an Schiffen, die
+der Ausbesserung bedürfen, fehlt es nie.</p>
+
+<p>Leider konnte ich, wie gesagt, weder den Feuerberg Brumo, noch das von
+manchen Reisenden so schauervoll beschriebene „Todtenthal“ besuchen, in
+welchem der Baum Upas steht. Die Ausdünstung dieses Giftbaumes soll,
+nach deren Behauptung, jedem lebendem Wesen, das sich in seine Nähe
+wagt, Mensch oder Thier, Tod und Verderben bringen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span></p>
+
+<p>Der Saft des Baumes diente zur Vergiftung der Pfeile, und um das Gift
+zu erlangen, sollen die Sultane dieses Landes den schweren Verbrechern
+die Strafe auferlegt haben, eine gewisse Menge Saftes von dem Baume
+zu bringen. Hatte der Verbrecher das Glück, mit dem Winde in das
+Thal zu gehen, so konnte er den Auftrag vollführen, mit dem Leben
+zurückkehren, und jede weitere Strafe war ihm in diesem Falle erlassen.
+Kam ihm jedoch bei diesem Gang der Wind in’s Gesicht, so war sein Tod
+unvermeidlich.</p>
+
+<p>Ich selbst erinnere mich, Beschreibungen dieser Art gelesen zu haben;
+es hieß ferner, daß dieses Thal voll von Skeletten von Menschen und
+Thieren sei. Jeder Vogel, der über das Thal fliege, stürze als Leiche
+nieder u.&#8239;s.&#8239;w. — Sehr glaubwürdige Leute versicherten mir, daß
+an allem diesem Geschwätze kein wahres Wort sei. Es stehe zwar ein
+Upas-Baum in einem kleinen Thale; allein Mensch und Thier kann sich ihm
+ohne die geringste Gefahr nahen, der Wind mag kommen, von welcher Seite
+er will. Hier und da ströme zwar aus dem Boden dieses Thales einiges
+Gas aus, das sich aber nicht über zwei Fuß erhebe. Man führt, um dem
+Fremden dieß zu zeigen, gleich wie in die Hundsgrotte zu Neapel, kleine
+Hunde dahin, die nach einigen Minuten von Zuckungen ergriffen dem Tode
+verfallen würden, zöge man sie nicht sogleich aus der Stickluft.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span></p>
+
+<p>Auf Java habe ich keinen Upas-Baum gesehen, dagegen in Borneo mehrere,
+an welchen ich oft ganz nahe vorbei kam. Die Eingebornen warnten mich
+bloß, weder den Stamm noch die Aeste zu berühren; sie sagten, die Hand
+schwölle auf und schmerze einige Stunden. Vielleicht ist auch dieß
+nicht wahr; ich wagte aber doch nicht, es zu versuchen.</p>
+
+<p>Da ich gerade von so Sonderbarem spreche, will ich auch eines
+rätselhaften Ereignisses erwähnen, das sich vor mehreren Jahren
+auf Java zutrug und so viel Aufsehen machte, daß es sogar die
+Aufmerksamkeit der Regierung in Anspruch nahm.</p>
+
+<p>In der Cheriboner Residentschaft lag ein Häuschen, in welchem es, wie
+die Leute behaupteten, arg spukte. Sobald der Abend einbrach, begann
+ein Steinregen und Sirigespuck von allen Seiten in dem Gemache. Die
+Steine, wie das Gespuck fielen knapp neben den Leuten, die sich darin
+befanden, nieder, ohne jedoch Jemanden zu treffen. Dieser Spuk schien
+hauptsächlich gegen ein kleines Kind gerichtet. Es wurde von dieser
+unerklärlichen Sache so viel gesprochen, daß am Ende die Regierung
+einen verläßlichen Stabs-Officier beauftragte, sie zu untersuchen.
+Dieser ließ das Häuschen von auserwählten, treuen Soldaten umstellen,
+welche niemand den Aus- oder Eingang gestatteten, untersuchte alles
+genau, und setzte sich dann, das Kind auf den Schooß nehmend, in das
+verrufene<span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span> Gemach. Zu Abend begann der Stein- und Siri-Regen wie
+immer, alles fiel knapp um den Officier und das Kind nieder, ohne
+sie zu berühren. Abermals wurde jeder Winkel, jedes Loch untersucht
+und — nichts gefunden. Der Officier konnte aus der Sache nicht klug
+werden. Er ließ die Steine aufheben, sie bezeichnen und sie an einem
+weit entfernten Orte verbergen — vergebens, dieselben bezeichneten
+Steine flogen zur selben Stunde wieder in das Gemach. Um dieser
+unbegreiflichen Geschichte ein Ende zu machen ließ die Regierung das
+Häuschen niederreißen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Nach Batavia zurückgekommen, war ich abermals unentschlossen, wohin
+ich meinen Wanderstab wenden sollte. Von Indien hatte ich das
+Interessanteste gesehen (Englisch Indien auf meiner ersten Reise
+um die Welt), nach Australien verlangte ich nicht sehr, auch lagen
+keine Schiffe für dorthin im Hafen, wohl aber gab es deren zwei für
+Nord-Amerika, und zwar eines für Baltimore (Vereinigte Staaten), das
+zweite für San Francisco in Kalifornien.</p>
+
+<p>Ich wandte mich an den Amerikanischen Consul, Herrn Reed, ihn
+ersuchend, mit den Kapitänen dieser Schiffe zu sprechen und mir,
+wo möglich, einen billigen Ueberfahrtspreis zu erwirken. Herr Reed
+überbrachte mir schon nach einigen Tagen die erfreuliche Nachricht,
+daß der Kapitän des für San Francisco bestimmten<span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span> Schiffes bereit sei,
+mich ohne die geringste Vergütung auf diese lange Reise (über 10,000
+Seemeilen) mitzunehmen.</p>
+
+<p>Beinahe mit wehmüthiger Empfindung nahm ich Abschied von den
+Holländisch-Indischen Besitzungen. Ich sah in diesen Ländern viel des
+Herrlichen und Großen in der wundervollen Natur, ich kam mit neuen
+Völkern in Berührung, deren Bekanntschaft mir, trotz der Gefahren, mit
+welchen ich sie mitunter erkaufte, höchst genußreiche und interessante
+Beobachtungen bot. Und nicht nur Geist und Auge fanden Genüsse auf
+dieser Reise, auch das Herz hatte seinen Theil, denn überall begegnete
+ich unter den Holländern vielen guten Menschen, die mir auf die
+liebevollste Weise mit Rath und That an die Hand gingen. Diesen, wie
+auch den Deutschen, die ich an einigen Orten traf, verdanke ich es, daß
+mir das Reisen nicht nur überhaupt ausführbar, sondern auch (die Länder
+der wilden Dayaker, Battaker und, Alforen ausgenommen, wo es keine
+Europäer gab) so leicht und angenehm gemacht wurde, als es nur immer
+möglich war.</p>
+
+<p>So lange ich lebe, werden die Eindrücke dieser schönen Reise eben so
+wenig aus meinem Gedächtnisse schwinden, wie die Erinnerung an die
+Zuvorkommenheit und wahre Gastfreundschaft der Holländer.</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_33" href="#FNAnker_33" class="label">[33]</a> Man findet sehr selten weißes Salz, gewöhnlich ist es so
+schmutzig und dunkel wie Asche.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_34" href="#FNAnker_34" class="label">[34]</a> Die Leute versprechen alles mit der größten
+Bereitwilligkeit; ersucht man sie um etwas, so bekommt man stets „Ja“
+zur Antwort; allein höchst selten halten sie Wort.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_35" href="#FNAnker_35" class="label">[35]</a> Bei den Europäern scheint frühes Heirathen sehr
+Sitte gewesen zu sein. Die Regierung hat in neuerer Zeit einen
+Befehl erlassen, welchem zu Folge kein Europäisches Mädchen vor dem
+fünfzehnten Jahre heirathen darf.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_36" href="#FNAnker_36" class="label">[36]</a> Die eingebornen Soldaten werden nicht mit den
+Holländischen in dasselbe Gefängniß gesperrt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_37" href="#FNAnker_37" class="label">[37]</a> Ich sah bei Oberst <em class="gesperrt">von Schierbrandt</em> in Batavia
+eine Haus-Einrichtung in Gothischem Style, die er in Surabaya
+verfertigen ließ. Die Stühle, Kanapees, Schränke u.&#8239;s.&#8239;w. waren höchst
+kunstvoll ausgeschnitzt, die Tapezierer-Arbeit nicht minder vollkommen.
+Aber bis auf die kleinsten Details mußte Herr Schierbrandt den Leuten
+Zeichnungen geben, aus eigner Erfindung können sie nichts schaffen.</p>
+
+</div>
+
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe6" id="p280_ende">
+ <img class="w100 padtop1" src="images/p280_ende.jpg" alt="" data-role="presentation">
+</figure>
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75639 ***</div>
+</body>
+</html>
+
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