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authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-03-17 04:21:57 -0700
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--- /dev/null
+++ b/75638-0.txt
@@ -0,0 +1,5019 @@
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75638 ***
+
+
+ ####################################################################
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+ Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1856 so weit
+ wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler
+ wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht
+ mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
+ unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
+
+ Die Verwendung von gesperrter Schrift für Personen- und Ortsnamen
+ wurde im Original inkonsistent gehandhabt, dennoch wurden in der
+ vorliegenden Fassung dahingehend keinerlei Korrekturen vorgenommen.
+
+ Das Original wurde in Frakturschrift gedruckt. Besondere
+ Schriftschnitte werden im Text mit Hilfe der folgenden Symbole
+ gekennzeichnet:
+
+ fett: =Gleichheitszeichen=
+ gesperrt: +Pluszeichen+
+ Antiqua: ~Tilden~
+
+ ####################################################################
+
+
+
+
+[Illustration: Holzschnitt und Druck von Eduard Kretzschmar in Leipzig.
+
+Ein Dajakischer Rajah.]
+
+
+
+
+ Meine
+
+ Zweite Weltreise.
+
+
+ Von
+
+ Ida Pfeiffer,
+
+ Verfasserin der „Reise in das heilige Land“, der „Reise nach Island“
+ und der „Frauenfahrt um die Welt.“
+
+
+ Erster Theil.
+
+ London. Das Cap der guten Hoffnung. Singapore.
+ Borneo. Java.
+
+
+ Wien.
+ Carl Gerold’s Sohn.
+ 1856.
+
+
+
+
+ Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen behält sich die
+ Verfasserin vor.
+
+
+ Druck von Carl Gerold’s Sohn.
+
+
+
+
+ Den Holländern in Indien,
+
+ namentlich den
+
+ Holländischen Beamten und Offizieren
+
+ daselbst
+
+ aus tiefster Erkenntlichkeit
+
+ gewidmet von der
+
+ Verfasserin.
+
+
+
+
+Widmung und Vorrede.
+
+
+Ich weiß, daß es das gewöhnliche Schicksal der Widmungen und Vorreden
+ist, von Niemandem gelesen zu werden. Ich kann aber unmöglich das
+Tagebuch meiner Wanderungen veröffentlichen, ohne der eigentlichen
+Urheber derselben zu gedenken, und als solche muß ich die in den
+Holländisch-Indischen Colonieen ansässigen Holländer, vorzugsweise die
+daselbst angestellten öffentlichen Beamten und Offiziere betrachten.
+
+Ich hatte nämlich, als ich meine Heimath verließ, nichts weniger
+im Sinne als eine zweite Reise um die Welt zu machen. Der Betrag
+aus meinem kleinen Vermögen, über den ich gebieten konnte, war sehr
+unbedeutend; die Oesterreichische Regierung vermehrte ihn zwar mit
+einem Zuschuß von 150 Pfund St.; doch würde die ganze Summe dessen
+ungeachtet zu einer so großen Reise nicht ausgereicht haben.
+
+Ich ging nach London mit dem Vorhaben, mich nach Australien
+einzuschiffen. Diesem Vorhaben mußte ich entsagen, denn meine Reise
+wäre gerade in die Zeit gefallen, als man in Australien die reichen
+Goldlager entdeckte, als die Auswanderer von allen Seiten dahin
+strömten und in Folge dessen Leben und Aufenthalt über alle Maßen
+theuer wurden.
+
+Nach einigen Zweifeln, wohin ich nun mich wenden sollte, reiste ich
+glücklicher Weise nach Holländisch-Indien. Wider mein Erwarten wurde
+ich von den Holländischen Beamten und Offizieren jedes Ranges und jeder
+Stellung so zuvorkommend aufgenommen, so thatkräftig unterstützt, daß
+ich Reisen ausführen konnte, wie es mir bisher noch in keinem Lande
+der Welt möglich gewesen war, und daß ich, wie gesagt, jene Männer als
+die Schöpfer dieser meiner zweiten Reise um die Welt betrachten muß.
+
+Aber nicht nur die Beamten und Offiziere der Holländischen Regierung
+unterstützten mich, auch viele Privatpersonen und meine Deutschen
+Landsleute trugen das ihrige redlich bei. Letztere machten mir eine
+Karte zur Reise auf dem Dampfer nach Batavia und zurück zum Geschenke,
+und die Direktoren der beiden Dampfschiffahrts-Gesellschaften, die
+Herren Cores de Vries und Fraser gaben mir später auf ihren Schiffen
+überall hin freie Passage.
+
+Nachdem ich keine andere Gelegenheit habe, allen diesen Herren meine
+Dankbarkeit auszudrücken, so ersuche ich sie, die Widmung des
+vorliegenden Werkes anzunehmen, nebst der Versicherung, daß ich ihre
+Güte und Gefälligkeit in ihrer ganzen Größe gewiß zu schätzen weiß, und
+derselben stets mit der wahrsten Erkenntlichkeit gedenken werde.
+
+Endlich darf ich der Nord-Amerikaner nicht vergessen, da ich ihnen
+ebenfalls einen großen Theil meiner Reise verdanke. Sie gestatteten mir
+viele freie Fahrten auf Segelschiffen sowohl, wie auf ihren großen,
+prachtvollen Dampfern, und in keinem Lande der Welt, Holländisch-Indien
+ausgenommen, nahm man mich mit mehr Auszeichnung auf, als in den
+Vereinigten Staaten. Aus vollen Herzen sage ich daher den Amerikanern
+meinen innigsten Dank.
+
+ =Die Verfasserin.=
+
+
+
+
+Inhalt des ersten Bandes.
+
+
+ Erstes Kapitel.
+
+ Ankunft in London. -- Comfort. -- Die Sonntagsfeier.
+ -- Lebensweise und Eigenthümlichkeiten der Engländer.
+ -- Besuch der Kirche. -- Merkwürdigkeiten der
+ Stadt. -- Umgebungen. -- Die große Industrie-Ausstellung 1
+
+ Zweites Kapitel.
+
+ Die Kapstadt. -- Gefährliches Zusammentreffen mit zwei
+ Negerinnen. -- Malaischer Gottesdienst. -- Singapore.
+ -- Fünf Tage im Jungle. -- Sarawak. -- Rajah
+ Brooke. -- Malaien und Chinesen. -- Ihre Wohnungen
+ und kostbare Vasen. -- Ausflug zu den Dayakern
+ und den Antimonium-Minen 39
+
+ Drittes Kapitel.
+
+ Abreise von Sarawak. -- Gezwungene Rückkehr. -- Ankunft
+ in Sacarau. -- Die unabhängigen Dayaker. --
+ Der Schwert-Tanz. -- Die eroberten Menschenköpfe. --
+ Fahrt auf dem Luppar. -- Angstvolle Nacht. -- Begegnung
+ eines kriegführenden Stammes. -- Uebergang
+ des Gebirges Sekamil. -- Feierlicher Empfang bei dem
+ Sultan von Sintang 82
+
+ Viertes Kapitel.
+
+ Pontianak. -- Ausflug nach Landak. -- Ein Chinesischer
+ Kapthay. -- Ein Bad im Sumpfe. -- Die Bambus-Brücke.
+ -- Zeichensprache. -- Ankunft in Landak. --
+ Souper bei dem Banam. -- Rato. -- Die Diamanten-Gruben.
+ -- Rückkehr nach Pontianak 128
+
+ Fünftes Kapitel.
+
+ Pontianak. -- Das Pfandrecht. -- Der Opiumpacht. --
+ Die Opiumraucher. -- Amok. -- Reise nach Sambas. --
+ Der Pangerong-Rato. -- Zuvorkommenheit der Holländischen
+ Offiziere. -- Rückkehr nach Pontianak. -- Die
+ Boa. -- Einiges über die Völker Borneo’s 153
+
+ Sechstes Kapitel.
+
+ Batavia. -- Sehenswürdigkeiten. -- Chinesisches Schauspiel.
+ -- Buitenzorg. -- Vorstellung bei dem General-Gouverneur
+ Typanas. -- Besteigung des Pangerangs. --
+ Bandong. -- Die Theepflanzung. -- Die Kaffeemühle. --
+ Der Schwefelkrater. -- Rückkehr nach Batavia. -- Ausflug
+ nach Tangerang. -- Volksbelustigungen 178
+
+
+
+
+Erstes Kapitel.
+
+ Ankunft in London. -- Comfort. -- Die Sonntagsfeier. -- Lebensweise
+ und Eigenthümlichkeiten der Engländer. -- Besuch der Kirche.
+ -- Merkwürdigkeiten der Stadt. -- Umgebungen. -- Die große
+ Industrie-Ausstellung.
+
+
+Die Reise von Wien nach London ist heutigen Tages eine Spazierfahrt,
+die man bequem in vier Tagen machen kann; ich benöthigte jedoch dazu
+beinahe einen Monat, da ich bei meinen Freunden und Verwandten in Prag
+und Hamburg einige Zeit zu Besuch blieb. Am 18. März 1851 verließ ich
+Wien, und erst am 10. April gelangte ich nach London.
+
+Es war früh Morgens, als sich unser Dampfer dem Hafen der Weltstadt
+näherte. Der von ferne undurchdringlich scheinende Mastenwald tauchte
+vor unsern Blicken auf, und die unzähligen Schiffe, vom großen
+Ostindienfahrer bis zur kleinen Jacht, theils vor Anker liegend, theils
+die Segel entfaltend oder von brausenden Dampfern in’s Schlepptau
+genommen, gewährten ein reiches, wahrhaft großartiges Bild. Weniger zog
+mich das Gewühl im Hafen selbst an. Ich dachte hier ein Gemenge aller
+Nationen der Welt zu finden, und sah nichts als Europäische Matrosen
+und Englische Arbeitsleute. In dieser Hinsicht ist jeder Ostindische
+Hafen, und besonders jener von Bombay ungleich interessanter, weil
+man dort Menschen von allen Ländern und Farben, und Trachten von den
+verschiedenartigsten und seltsamsten Formen sieht.
+
+Wir landeten an dem Zollamte, welches ich mit ziemlicher Angst betrat,
+da man mir gesagt hatte, daß sehr strenge untersucht würde, daß jede
+Kleinigkeit, sobald sie neu sei, versteuert werden müsse, und daß
+selbst die Taschen vor den Händen der gierigen Zollbeamten nicht
+geschlossen seien; doch dem war nicht so: sämmtliche Effekten wurden
+ziemlich oberflächlich besehen. Man verlangte auch die Pässe, stellte
+sie aber, nachdem man die Namen in ein Buch eingetragen, sogleich
+wieder zurück. Ich erhielt weder eine Aufenthalts-Karte, noch frug man
+in der Folge nach meinem Passe, -- ja, ich schiffte mich nach +Afrika+
+ein, ohne daß ich mit der Polizei oder einer andern Behörde das
+Geringste mehr zu thun hatte.
+
+Der Eindruck, den das Leben auf den Straßen auf mich machte, war kein
+angenehmer. Dieses Pressen und Drängen der Menschen, das Gewirre
+der zahllosen Wagen, die das Ueberschreiten einer Straße wahrhaft
+lebensgefährlich machen, ließen mich die Minute segnen, in der ich mein
+Zimmer erreichte.
+
+Das größte Gewühl herrschte in den Straßen der City; hier sind
+die Komptoirs der Kaufleute, die Börse, die Bank, Mansion-house
+(Residenz des Lord-Mayor) u. s. w. Die Kaufleute selbst wohnen nicht
+in der City; sie kommen selten vor 11 Uhr auf ihre Komptoirs und
+verweilen nur bis vier oder fünf Uhr. Die vielen Verbindungsmittel,
+Eisenbahnen, Dampfschiffe, Omnibusse machen es ihnen leicht möglich,
+in entfernten Orten der Stadt, ja oft acht bis zehn Englische Meilen
+weit auf dem Lande zu leben. Die Züge auf den Eisenbahnen verkehren
+jede Viertelstunde, die Dampfer fahren von der ersten Brücke London’s
+bis zur letzten alle fünf Minuten, und die Omnibusse sind in steter
+Bewegung; letztere erscheinen jedoch für den Fremden anfänglich beinahe
+unbrauchbar, und er muß erst ein kleines Studium machen, um zu wissen,
+in welchen er einzusteigen hat. Die Hauptstationen sind zwar auf der
+Aussenseite des Wagens angeschrieben; aber der eine Omnibus nimmt den
+Weg durch diesen, der andere durch jenen Theil der Stadt; sich an die
+Kondukteurs zu wenden ist eben nicht sehr anzurathen, denn auf die
+Frage, ob man hier oder dort vorüberfahre, antworten sie nicht selten
+mit vollkommener Ruhe „~Yes~“ -- und setzen dann den armen Fremden an
+irgend einem Orte ab, wo er von seinem Ziele vielleicht weiter entfernt
+ist als vorher.
+
+Ueberhaupt gehört eine Fahrt in einem Omnibus gerade nicht zu den
+Annehmlichkeiten des Londoner Lebens. Die Wagen sind weder sehr breit
+noch sehr lang und enthalten 25 Plätze (13 im Innern, 12 außen[1]). Es
+kann daher von einem nur einigermaßen bequemen Sitze natürlich keine
+Rede sein. Hiezu kommt das ewige Anhalten, Ein- und Aussteigen, alles
+in der größten Eile, und nun gar wenn Regenwetter ist -- die triefenden
+Schirme, die nassen Kleider, die beschmutzten Schuhe -- wahrlich ein
+Comfort ohne Gleichen!
+
+Comfort, Comfort, Comfort -- führt doch jeder Engländer dieß Wort
+unaufhörlich im Munde, und gerade in England habe ich weniger Comfort
+genossen als irgendwo. So litt ich z. B. von der Zimmerkälte nirgends
+so viel wie hier. Die Kaminfeuer erwärmen wohl den, der ganz nahe am
+Kamine sitzt, und der nichts anderes zu thun hat als sich zu wärmen,
+aber nicht den, der entfernter ist und sich mit Schreiben oder Nähwerk
+beschäftigen will, -- Feder, Nadel entfallen alsbald der steif
+gewordenen Hand. Das nenne ich Comfort in einem Lande, in welchem man
+sechs bis sieben Monate des Jahres mit Kälte zu kämpfen hat! -- Die
+Engländer lieben den Anblick des Feuers so über alle Maßen, daß sie
+die daraus entspringenden Unannehmlichkeiten übersehen oder gerne
+ertragen. Eben so absonderlich sind sie hinsichtlich der Wohnung. Jede
+Familie, wenn noch so beschränkt, will ihr eigenes Haus haben, ein Haus
+natürlich oft nur mit zwei Fenstern in der Fronte und einem Stockwerke;
+haben ja selbst die Häuser der ziemlich Bemittelten selten mehr als
+drei Fenster und zwei bis drei Stockwerke. Ist das vielleicht Comfort,
+jeden Augenblick von einem Stock zum andern zu steigen? -- Es versteht
+sich von selbst, daß ich hier nicht von den Häusern der Reichen und
+überhaupt nicht von den Reichen spreche -- diese können sich natürlich
+in England alle Bequemlichkeiten verschaffen, sie können es aber auch
+in allen andern Ländern, und in den meisten mit ungleich geringeren
+Kosten. Meine Bemerkungen betreffen nur die Mittelklasse.
+
+Eine weitere Unbequemlichkeit liegt in der ungemeinen Größe der Stadt.
+Jeder Besuch, jedes Geschäft, jede Unterhaltung kostet viel Zeit und
+viel Geld, weil man häufig fahren muß. Sind es Geschäfte, so kann man
+wohl Omnibus und Eisenbahn benützen; sind es aber Unterhaltungen,
+Einladungen zu Tische, zum Thee, bei welchen man im Putz erscheinen
+muß, so ist man gezwungen einen +Cab+ (einspännigen Wagen) zu miethen,
+welcher pr. englische Meile einen Schilling kostet[2], -- keine kleine
+Ausgabe, wenn man, wie es leicht der Fall sein kann, hin und zurück
+einen Weg von zehn oder noch mehr Meilen zu machen hat. Ein Besuch der
+Italienischen Oper ist schon gar nur reichen Leuten möglich, da die
+Loge allein drei bis vier Pfund St. kostet und man darin nicht anders
+als in großem Putze erscheinen darf.
+
+Die Kosten und Schwierigkeiten des Zusammenkommens mögen die
+Hauptursache sein, daß in den Englischen Häusern das angenehme
+gesellige Leben nicht herrscht, an das wir Süddeutsche so sehr gewöhnt
+sind. Hier gibt es Gesellschaften und sogenannte Aufwartungen, aber
+selten freundliche, gemüthliche Besuche.
+
+Das Leben der Frauen aus dem Mittelstande ist höchst einförmig; den
+Tag über sind sie an ihr Haus gewiesen, Abends an die Gesellschaft des
+Gemahls, der vom Geschäftsleben ermüdet heim kommt, sich nach Ruhe und
+Bequemlichkeit sehnt und selten gelaunt ist, seine Frau durch Gespräche
+zu unterhalten, oder durch Besuche sich stören zu lassen; gewöhnlich
+setzt er sich in den Lehnstuhl nahe am Kamine, nimmt Zeitungsblätter
+zur Hand und schlummert mitunter dabei ein.
+
+Die Sonntage, bei andern Völkern ebenfalls Tage der Weihe und des
+Gebetes, aber auch der Heiterkeit und Fröhlichkeit, sind in England
+so langweilig, daß der aufgeweckteste Südländer davon den Spleen
+bekommen könnte. In echten altenglischen Familien geht das so weit,
+daß die Kinder an diesem Tage nicht einmal Ball schlagen oder irgend
+ein unschuldiges Spiel treiben dürfen; ja man läßt sogar die meisten
+Gerichte Tags zuvor bereiten, damit die Köchin hinlänglich Zeit findet,
+die Kirchen zu besuchen. Vor- und Nachmittags werden mehrere Stunden in
+der Kirche zugebracht, und den ganzen Tag über darf kein anderes Werk
+als ein Andachtsbuch zur Hand genommen werden! So lobenswerth ich es
+finde, daß man in Familien die ganze Dienerschaft Morgens und Abends
+um sich versammelt, um mit ihr vereint ein kurzes Gebet zu halten, so
+unpassend finde ich es, einen ganzen Tag mit Gebeten hinzubringen. Ich
+zähle mich nicht im entferntesten zu den Freigeistern; aber den ganzen
+Tag vermag ich nicht zu beten. Gebete sollen mit dem Geiste gehalten
+werden, mit Bewußtsein dessen, was man betet, mit Aufmerksamkeit und
+Andacht; durch Uebertreibung arten sie zu Lippengebeten aus, und diese
+sind meiner Meinung nach zwecklos und ohne Verdienst.
+
+In keinem Lande der Welt, vielleicht China und Persien ausgenommen,
+verstößt man so leicht gegen die sogenannte „feine Lebensart“ als
+hier. Wer z. B. die Gabel in die rechte statt in die linke Hand
+nimmt, wer das vorgelegte Gericht in kleine Stückchen theilt, anstatt
+jedes Stückchen einzeln herabzuschneiden, wer einer Dame vom Geflügel
+einen anderen Theil als ein Bruststück vorlegt, wer Jemanden in sein
+Schlafzimmer führt (dieß wird gar als ein halbes Verbrechen betrachtet)
+und dergleichen mehr, der macht sich lächerlich und wird zu der Klasse
+jener gezählt, die auf feine Erziehung keinen Anspruch machen können.
+-- Bei den unbedeutendsten Sachen findet man hier Verstöße gegen
+die Sittlichkeit, und andere weit größere, die wir Nicht-Engländer
+als unsittlich bezeichnen würden, finden die Engländer ganz in der
+Ordnung. So die Sitte, daß zwei Schwestern oder zwei Dienstmädchen mit
++einem+ Lager vorlieb nehmen. Ja dieser Gebrauch geht so weit, daß bei
+Besuchen, die über Nacht bleiben, sehr häufig zwei Freundinnen oder
+überhaupt zwei weibliche Wesen eine und dieselbe Bettstelle theilen[3].
+Kann es etwas Unsittlicheres, Ungesünderes geben?! Ich weiß, wenn diese
+Bemerkung einer Englischen Dame zu Gesicht kommen sollte, daß sie Zeter
+und Wehe über mich schreien wird, -- doch deßhalb ist sie nicht minder
+wahr, und ich sehe mich für meine Aufrichtigkeit reich belohnt, wenn
+durch diesen Anlaß auch nur eine Familie dahin gebracht würde, jener
+abscheulichen Sitte zu entsagen.
+
+Nicht minder anstößig kommt mir der Gebrauch vor, daß ein neuvermähltes
+Ehepaar einen Wagen besteigt, dessen Bespannung, Kutscher und Diener
+mit Blumensträußen geziert sind; so beginnen sie ihre Hochzeitsreise,
+so kehren sie im Gasthof ein ... sonderbares Sittlichkeitsgefühl!
+
+Stolz und Hochmuth der Aristokratie und der Reichen haben in England
+unbestreitbar den Kulminationspunkt erreicht. Um in die Gesellschaft
+(Rout) eines Englischen Aristokraten zu gelangen, muß man von hoher
+Geburt sein, oder ausgezeichnete Verdienste aufweisen, oder durch
+irgend ein besonderes Mittel sich eindrängen. Eitelkeit ist natürlich
+hier wie überall der Sporn, der die Leute antreibt, nöthigenfalls alle
+Minen der Intrigue spielen zu lassen, um sich in hoher Gesellschaft
+einige Stunden zu langweilen; denn steif, kalt und trocken sind diese
+Routs über alle Beschreibung. Der Hausherr setzt seinen Stolz darein,
+die Säle so gefüllt zu sehen, daß Niemand sich bewegen kann; er zwängt
+sich mühsam durch die Räume, richtet an diesen und jenen einige
+nichtssagende Worte und -- der Spaß hat ein Ende. Am folgenden Morgen
+aber füllt die Beschreibung des herrlichen Festes eine Viertelspalte
+in der Zeitung, und die Namen der Auserwählten glänzen in dem
+beigedruckten Register.
+
+Man sollte meinen, daß in einem so alt-konstitutionellen Lande wie
+England, Hof und Adel weniger hoch angesehen wären, als in einem
+rein-monarchischen; dem ist nicht so. Es wird hier von dem Hofe mit
+weit mehr, ich möchte sagen kleinlicher Ehrfurcht gesprochen, als es
+selbst in Deutschen Staaten der Fall ist. Ich mußte oft lächeln über
+das Gewicht, das man auf die Frage legte: „Haben Sie die +Königin+
+gesehen? und +Prinz Albert+? und den +Prinzen von Wales+?“ -- Viele
+der Straßen und Plätze Londons führen die Namen von Regenten, Prinzen,
+Fürsten und andern hochgestellten Personen.
+
+Ich kann bei dieser Gelegenheit nicht umhin, der Hamburger zu erwähnen,
+die sich gerne Republikaner nennen, eigentlich aber, wenigstens
+was Ehrfurcht und Verehrung des Adels und der Titel anbelangt, die
+entschiedensten Legitimisten Europa’s sind. Ich will hier nur ein
+kleines Beispiel anführen. Während meines Aufenthaltes in Hamburg, im
+Winter vom Jahre 1848 auf 1849, kam ein zweit- oder drittgeborner Prinz
++von Leiningen+ in Begleitung seines Hofmeisters dahin auf Besuch;
+da hätte man sehen sollen, was diese Republikaner thaten, um den
+prinzlichen Jüngling in ihre Gesellschaften zu ziehen. Bälle, Diners,
+Soireen wurden ihm zu Ehren gegeben, ja sogar eine Schlittenfahrt, die
+aber leider das rücksichtslose Thauwetter zu Wasser machte. In allen
+Zirkeln sprach man nur von ihm, jedes Wort, das seinen Lippen entfiel,
+fand man geistreich, witzig und verständig, und jede Mutter, mit deren
+Töchterchen er tanzte, fühlte sich hochgeehrt und beglückt.
+
+Da die armen Hamburger so unglücklich sind, keinen Adel zu besitzen,
+so suchen sie sich mit Titeln zu entschädigen, welche natürlich, wie
+in Oesterreich und Preußen, auch den Frauen beigelegt werden; die Frau
+eines Senators ist eine Senatorin, eines Konsuls eine Konsulin, eines
+Doktors eine Doktorin. Hat aber Jemand das Glück, adelige Verwandte im
+Auslande zu haben, so wird er von diesen nie sprechen, ohne den Titel
+beizusetzen. Da heißt es: Haben Sie Tante von A. gesehen? Schwager
+Baron B. gesprochen? u. s. w. Wie lästig und beschwerlich dieses
+Titelwesen den geselligen Umgang macht, vermag nur ein Fremder zu
+ermessen. Ich wagte kaum in einer Gesellschaft zu Wien, Berlin oder
+Hamburg meine Nachbarin anzusprechen, denn ich hatte vergessen, ob sie
+mir als Feldmarschall-Lieutenantin, Vize-Präsidentin, Senatorin oder
+Baronin vorgestellt worden war. Ich saß stumm und dachte daß am Ende
+die vielverlachten Chinesen vernünftiger seien, die auf der Brust ein
+Täfelchen hängen haben, worauf ihre Namen und Titel verzeichnet sind.
+-- Bei solchen Gelegenheiten fiel mir stets folgende Anekdote unseres
+unvergeßlichen +Kaisers Josef+ ein: „Die Witwe eines Beamten kam einst
+mit der Bitte zu +Kaiser Josef+, ihre Pension zu erhöhen, da ihre
+heranwachsenden Kinder einer Erziehung bedürften. Der Kaiser frug: „Wie
+heißen Sie?“ Sie antwortete: „Ich bin die Hofräthin N. N.“ -- „Wenn Sie
+die Hofräthin N. N. sind,“ sagte der Kaiser, „habe ich mit Ihrer Bitte
+nichts zu thun, Sie müssen sich an Ihren Monarchen wenden.“ Die Frau,
+über diese Antwort verblüfft, konnte stammelnd kaum hervorbringen, daß
+sie ja vor ihrem Monarchen stehe. „Da irren Sie sehr,“ erhielt sie zur
+Antwort, „ich habe wohl Hofräthe, aber keine Hofräthinnen.“ Und -- er
+schlug ihr die Bitte ab.“
+
+Man verzeihe mir diese kurze Reise nach Hamburg, Wien und Berlin, --
+ich kehre wieder nach London zurück, zu den Engländern, bei welchen
+diese Unsitte nicht stattfindet. Man macht nicht den geringsten
+Verstoß, wenn man die Gattin eines Ministers gleich der Frau eines
+einfachen Handwerkers mit „Madame“ oder „Mistreß“ so und so anredet.
+
+Einen sehr unangenehmen Eindruck machte mir in London der Besuch der
+Kirchen; es kam mir jedesmal vor, als träte ich in ein Theater. Der
+ganze Raum, wenige Bänke an den Seitenwänden ausgenommen, ist in Logen
+und Sperrsitze getheilt, die Logen sind mit Teppichen, gepolsterten
+Bänken und Fußschemeln versehen, und geschmackvoll gebundene Bibeln
+und Andachtsbücher liegen vor den durchgehends im Putze erscheinenden
+Personen.
+
+Auf meine Frage, woher es käme, daß man in den Kirchen gar keine
+dürftig gekleideten Leute sähe, gab man mir die vernünftige Antwort:
+„Wer sich nicht anständig kleiden kann, geht nicht in die Kirche[4].“
+Also nur die Reichen, die Wohlhabenden sind Gott gefällig? -- Leider
+äffen die Katholiken in vielen Ländern diese entwürdigende Sitte nach,
+-- Gott und die Vernunft möge sie und die Protestanten von diesem
+Hochmuthe heilen.
+
+Eben so unpassend ist es, für den Besuch der St. Pauls-Kirche und
+der Westminster-Abtei in den Stunden, in welchen kein Gottesdienst
+stattfindet, Eintrittsgeld zu verlangen. Gerade als ich die letztere
+besuchte, wollten auch drei Matrosen mit eintreten; sie wurden
+zurückgewiesen, weil sie nicht bezahlen wollten oder konnten. Man sagte
+mir, daß dieser Mißbrauch abgeschafft werde. Ich erwiderte darauf, daß
+ich nicht begreife, wie man ihn je habe einführen können.
+
+Ein anderer Mißbrauch ist auch der, daß der Viehmarkt in der Mitte
+von West-End liegt und daher alle Arten Vieh, Ochsen, Kühe, Schafe
+u. dgl. m. durch die belebtesten Straßen der Stadt getrieben werden,
+was natürlich häufig Unordnungen und nicht selten Unglücksfälle
+veranlaßt[5].
+
+ * * * * *
+
+Eine ausführliche Beschreibung der Merkwürdigkeiten Londons zu
+machen, liegt nicht in meiner Absicht. Es gibt der ausführlichen und
+vortrefflichen Werke dieser Art so viele, daß meiner schwachen Feder
+nichts anderes übrig bliebe, als oft und gut Gesagtes unvollkommen
+wiederzugeben. Ich beschränke mich darauf, mit kurzen Worten des
+Gesehenen zu erwähnen.
+
+Um von dem Umfange der Stadt eine gute Ansicht zu haben, besteige
+man die Spitze der St. Paulskirche oder jene der Waterloo- oder
+Brand-Säule. Ich bestieg die letztere, muß aber aufrichtig gestehen,
+daß der Anblick dieser ungeheuren Häusermasse keinen angenehmen
+Eindruck auf mich machte. Die einzelnen Schönheiten gehen zu sehr
+verloren, die kleineren Squares (Plätze) verschwinden ganz und
+gar, und nur die schönen zierlichen Brücken über die Themse ziehen
+die Aufmerksamkeit einigermaßen auf sich. Die Umgebung ist eine
+weite Ebene, deren Grenzen in der beständig neblichten Atmosphäre
+verschwimmen.
+
+Von dem Gewühle in den Straßen Londons, vorzüglich in den
+Geschäftsstunden, kann sich nur derjenige einen Begriff machen, der
+die Neapolitanischen und Sicilianischen Städte besucht hat, in deren
+Straßen zur Abendzeit die ganze Bevölkerung, Kranke und Misanthropen
+ausgenommen, auf- und niederwogt. Der Unterschied besteht nur darin,
+daß in Italien die Leute fröhlich und heiter lustwandeln und der
+schönen Abende sich erfreuen, während in London Alles ernst und
+tiefsinnig nur dem Gelde und den Geschäften nachläuft. Als ich mich das
+erste Mal allein in dieses Gewühl begab, ward mir ordentlich bange,
+und ich wagte kaum einen der vielen, wie mit Dampf an mir vorüber
+getriebenen Geschäftsleute anzuhalten und um Auskunft über einen Weg zu
+ersuchen; aber zu ihrem Lobe muß ich sagen, daß sie im eiligsten Laufe
+einhielten und meine Frage sehr höflich beantworteten, Mancher ging
+sogar ein Stückchen Weg mit mir zurück, um mich auf die richtige Bahn
+zu weisen.
+
+Der schönste Theil Londons ist das West-End; hier sind die großen
+Straßen, Plätze (Squares), Clubs und Privatpaläste, die Parks und
+die reichen Gewölbsauslagen. Von den Straßen zeichnen sich Oxford
+und Regentstreet (jede mehrere Meilen lang)[6], von den Plätzen der
+Regent-Cirkus, Waterloo-Place, Charlestown-Terrace, Longham-, Portland,
+Trafalgar-Square u. s. f. besonders aus. Schade ist es, daß alle diese
+Plätze belebender Zierden, wie Springbrunnen, gänzlich entbehren; nur
+Trafalgar-Square besitzt zwei Kaskaden.
+
+Das hervorragendste öffentliche Gebäude ist Westminster-Hall, ein
+im reinsten gothischen Style ausgeführter Palast, unübertrefflich
+an Geschmack, Leichtigkeit und Zierlichkeit. Der Krönungs- und
+zugleich Sitzungssaal ist leider klein und so sehr mit Vergoldungen
+und Verzierungen überladen, daß er schwerfällig und ungeschmackvoll
+erscheint.
+
+Somerset-House am Strande, mit der Hauptfronte gegen die Themse,
+nimmt sich imposant und großartig aus; es ist aus Quadersteinen
+erbaut und mit den geschmackvollsten Façaden und Arkaden versehen.
+Der Buckingham-Palast, Residenz des Hofes, ist zwar größer als
+Somerset-House, aber nicht so geschmackvoll. Die Theater Drurylane,
+Haymarket, das Italienische Opernhaus u. s. w. sind gewöhnliche
+Gebäude, die bloß durch ihre Größe auffallen. Das Kolosseum am
+Regentpark ist eine von Säulen umgebene Rotunde. Wie dieses kleine
+Gebäude zu dem anspruchsvollen Namen „Kolosseum“ kommt, vermag ich
+mir nicht zu erklären; -- es mit jenem in Rom vergleichen zu wollen,
+kann doch unmöglich Jemanden in den Sinn kommen?! Das Schönste an
+diesem Gebäude ist im Innern ein Rundgemälde von London, welches zu
+besuchen ich allen Jenen anrathe, die nicht so glücklich sind, einen
+nebelfreien Tag zu erhaschen, um die Stadt selbst von einem ihrer hohen
+Punkte übersehen zu können. -- Bemerkenswerte Gebäude sind ferner die
+Admiralität, der Schatzkammer-Palast, Whitehall, mehrere Clubs und
+Privat-Paläste.
+
+Unter den Brücken, die alle schön sind, zeichnet sich besonders die
+Waterloobrücke durch ihre ungemeine Zierlichkeit und vollkommen
+gerade Richtung ohne alle Steigung, aus. Die Hungerfordbrücke, ein
+prachtvolles, kühngespanntes Kettenwerk, ist nur für Fußgänger bestimmt.
+
+Kirchen gibt es in London zwar viele, jedoch sind außer der St.
+Paulskirche in der City und der Westminster-Abtei im West-End, wenige
+des Besehens werth. Erstere ist ein Tempel im Neu-römischen Style
+mit einer hochgewölbten, majestätischen Kuppel und mit zwei Reihen
+von Säulen, deren eine den äußeren, die andere den inneren Theil
+des Gebäudes trägt. Im Innern stehen an den Wänden schöne Denkmäler
+zur Erinnerung an ausgezeichnete Admirale und Seeoffiziere. Die
+Westminster-Abtei, ein prächtiges Denkmal Gothischer Baukunst, hat die
+Gestalt eines länglichen Kreuzes. Auch hier stehen viele Statuen zur
+Erinnerung an berühmte Männer, an große Schriftsteller und Musiker,
+wie +Milton+, +Shakespeare+, +Händel+ u. s. w. Man könnte diese
+Abtei füglich das Englische Pantheon nennen, hätten sich nicht auch
+Denkmäler für Leute eingeschlichen, deren einziges Verdienst war, mit
+hochklingendem Namen zur Welt gekommen zu sein.
+
+Das Narrenhospital, +Bedlam+ ist ein großartiges Gebäude mit einfacher,
+zweckmäßiger Einrichtung im Innern und von Gärten umgeben. Die
+Schlafsäle sind der Länge nach durch Bretterwände in drei Theile
+gesondert, deren mittlerer den Kranken zum Auf- und Abgehen und den
+Aufsehern zum Aufenthalte dient. Die beiden Seitentheile des Saales
+sind in Kämmerchen abgetheilt, gerade groß genug für ein Bett und
+ein befestigtes Bänkchen. Die Thürme haben kleine Oeffnungen, durch
+welche die Wärter die Kranken beaufsichtigen können. Außerdem
+besitzt jede Abtheilung ihre Wasch-, Bade-, Gesellschafts- und
+Speise-Zimmer. Der Unterschied zwischen männlichen und weiblichen
+Narren erschien mir ausnehmend grell. Man sah es den Männern beinahe
+durchgehends auf der Stirne geschrieben, daß ihre Narrheit Folge des
+abscheulichsten Lebenswandels sein mochte. Der Wärter führte mich
+durch einen Theil des Gartens, in welchem sich gerade mehrere dieser
+Unglücklichen aufhielten; ich kann nur sagen, daß ich froh war, ohne
+thätliche Beleidigung hindurch gekommen zu sein, und daß ich diesen
+Gang gewiß kein zweites Mal mehr unternehmen würde. Stets flößte mir
+der Anblick von Narren Mitleid und Wehmuth, hier -- zwar ebenfalls
+Mitleid, doch auch Ekel, Abscheu und Furcht ein. Ganz anders war es
+bei dem weiblichen Geschlechte. Manche dieser armen Geschöpfe saßen in
+Winkelchen und weinten, andere starrten unbeweglich vor sich hin; eine
+trug, hätschelte und küßte eine große Puppe, als wäre sie ein lebendes
+Wesen. Was mögen diese Unglücklichen erduldet haben, bis sie hieher
+kamen, welch’ traurige Geschichten voll Noth, Kummer und Verzweifelung
+mögen da begraben liegen! --
+
+In +Bedlam+ sind nur Leute der armen, unbemittelten Klasse; für Reiche
+gibt es der Privatanstalten genug.
+
+Ein herrliches Gebäude ist das Brittische Museum. Es enthält viele
+reich ausgestattete Säle und ist gewiß in seiner Art das großartigste
+Institut der Welt. Hätte ich nicht kurz zuvor jenes in Berlin mit Muße
+und Aufmerksamkeit besehen, so würde es mich noch mehr überrascht
+haben. Einzig in ihrer Art dürfte die Sammlung der Alterthümer
++Ninive’s+ sein, deren Ausgrabungen das Museum selbst veranlaßt hat.
+Viele von diesen Schätzen sind bereits aufgestellt, und beinahe eben
+so viele sollen noch eingepackt liegen, da es an Raum zur Aufstellung
+fehlt.
+
+Das College of Surgeons enthält abnorme Skelette von Menschen und
+Thieren, Todtenschädel aller Völker der Welt, eine große Sammlung
+der seltensten Mißgeburten, nebst vielen andern höchst interessanten
+Gegenständen. Herr Professor +Owens+, einer der ausgezeichnetsten
+Männer Englands im Fache der Anatomie, ist Direktor dieses Kollegiums,
+welches unter seiner Leitung den jetzigen Punkt der Vollkommenheit
+erreicht hat. Ich war so glücklich, die nähere Bekanntschaft dieses
+gelehrten Mannes zu machen. Er gestattete mir, zu jeder Zeit die Säle
+zu besuchen und machte mich auf gar Vieles aufmerksam. Nicht minder
+dankbar bin ich dem Professor +Wateshouse+ im Brittischen Museum,
+welcher mir ebenfalls viele Stunden schenkte und mich besonders
+über die Art des Sammelns belehrte. Bei dieser Gelegenheit rechne
+ich es mir zur Ehre und Freude, des ausgezeichneten Geheimrathes
++Lichtenstein+, Direktor des Museums zu Berlin, zu gedenken, der
+mir gleichfalls erlaubte, zu jeder Zeit das Museum zu besuchen, und
+mich selbst einigemale durch die Säle geleitete. Ihm, wie den beiden
+vorerwähnten Herren sage ich meinen innigen Dank für die Güte und
+Freundschaft, die sie mir bewiesen.
+
+Außer dem Brittischen Museum, dem College of Surgeons gibt es noch
+mehrere Museen, unter welchen East-India-House, das ausschließend
+Gegenstände aus Indien enthält, das bedeutendste ist.
+
+Die National-Bildergallerie hat keinen großen Reichthum an
+Meisterwerken. Drei Gemälde von +Murillo+ gefielen mir am besten. Viele
+ausgezeichnete Gemälde sollen in den Gallerien reicher Privatleute zu
+finden sein.
+
+Von den Parks liegen die beiden größten und besuchtesten, der Regent-
+und Hydepark in West-End. Hieher muß man kommen, um die reiche,
+elegante Welt zu sehen; da gibt es Equipagen in Hülle und Fülle, und
+Herren, Damen und Kinder auf Pferden aller Gattungen, von dem edlen
+Araber und dem langgestreckten Engländer herab bis zu dem Pony von
+der wunderbarsten Kleinheit und Zierlichkeit. Man sieht Frauen das
+Wagengespann leiten, ohne daß es Jemanden einfallen würde, darin
+irgend einen Anstoß zu finden. Eben so wenig ist es gegen die Sitte,
+wenn eine Frau oder ein Mädchen allein in Gesellschaft eines ihr nicht
+anverwandten Herrn spazieren reitet.
+
+In Regentpark befindet sich der zoologische Garten, dessen Reichthum
+an exotischen Thieren ganz vorzüglich ist. Er enthält Löwen, Tiger,
+Leoparden, Giraffen von vollendeter Pracht und Größe. Ein Exemplar
+eines herrlichen Hippopotamus war dieser Menagerie erst ganz kürzlich
+zugewachsen, -- ausgezeichnet fand ich die Abtheilung der Reptilien,
+unter welcher Schlangen und Boa’s der seltensten und größten Arten.
+
+Dem Hydepark schließt sich der ebenfalls ziemlich große, viel besuchte
+Kensingtonpark an. Er zeichnet sich besonders durch seine alten,
+ehrwürdigen und umfangreichen Bäume aus.
+
+Der St. James- und der Green-Park gehören in dieselbe Kategorie.
+
+Alle diese Parks, und nicht allein die öffentlichen, sondern auch jene
+der Privatleute sind ziemlich in derselben Art angelegt, -- weite
+Rasenplätze, große prachtvolle Bäume, besonders Eichen- und Ulmbäume,
+Alleen und kleine Gruppen von Gesträuchen. Blumenboskette oder
+überhaupt Blumen findet man gewöhnlich nur in den Glashäusern.
+
+Interessant ist noch ein Morgenbesuch des Coventgarden an Markttagen,
+besonders Sonnabends. Man findet hier zwar keinen Garten, wie der Name
+zu versprechen scheint, sondern bloß einen großen Platz mit Hallen und
+Gängen; allein der Anblick der in ungeheuerer Menge für den Bedarf von
+beinahe ganz London aufgestellten Vorräthe an Gemüsen, Früchten und
+Blumen lohnt die Mühe des Ganges.
+
+ * * * * *
+
+In der City gibt es zwar weniger zu sehen, als in dem aristokratischen
+West-End; doch findet man auch hier höchst interessante Gegenstände.
+Vor allem merkwürdig ist der Tower, das älteste Gebäude Londons, ein
+großartig einfaches, ehrwürdiges Denkmal Gothischer Baukunst, -- ferner
+die Bank, die Börse, Guildhall, letztere durch einen ungeheuren Saal
+ausgezeichnet, der zu Festessen u. dgl. benützt wird. Mansion-House,
+Residenz des Lord Mayor’s, erscheint etwas schwerfällig. Die Dock’s,
+für sich allein eine kleine Welt, bestehen aus sehr tiefen, breiten und
+großen durchgehend von Quadersteinen gebauten Kanälen und Becken, in
+welchen die größten Ostindienfahrer bis knapp an die Magazine gelangen
+und an Ort und Stelle ausladen können. Die Magazine sind vier bis
+sechs Stockwerke hoch; ihre Keller bergen die reichhaltigsten Weinlager
+der Welt. Die Docks sind von hohen, festen Mauern umgeben und des
+Abends geschlossen.
+
+In der Nähe der City liegt das achte Wunder der Welt, der viel
+besprochene Tunnel unter der Themse. Dieses staunenswerte Werk machte
+auf mich weit geringeren Eindruck, als ich davon erwartet hätte.
+Der unansehnliche Eingang schadet dem Ganzen. Ein kleines, beinahe
+ärmlich aussehendes Häuschen ist nämlich über eine weite, runde
+Oeffnung gebaut, und erst nachdem man über viele Stufen in die etwas
+schauerliche Tiefe hinabgestiegen ist, gelangt man in den hochgewölbten
+Gang oder Tunnel. Ein ähnliches Stiegenhaus führt auf der andern Seite
+wieder in die Höhe. Der Gang selbst ist durch zwei Reihen von Säulen,
+welche die Decke unterstützen, in drei Theile getheilt, von welchen
+zwei den Fußgängern zur Benützung stehen, während der mittlere zu
+Verkaufs-Läden eingerichtet ist. Er ist reich mit Gas erleuchtet und
+gewährt einen überraschenden Anblick, der wahrhaft ergreifend wird,
+wenn man bedenkt, welch ein Strom darüber rollt, wie die Schiffe
+über den Häuptern der Menschen segeln. Unendliche Summen und mehrere
+Menschenleben hat dieses Werk gekostet; allein Nutzen bringt es gar
+nicht. Die Aktionäre haben ihr Geld gänzlich dabei eingebüßt, denn
+die Einnahme für den Durchgang und für die Verkaufs-Gewölbe, deren nur
+wenige vermiethet sind, deckt kaum die laufenden Ausgaben, und sollten,
+was mit der Zeit unvermeidlich ist, kostspielige Hauptverbesserungen
+vorzunehmen sein, so dürfte das Ganze dem Verfalle überlassen werden.
+Die Hauptursache der geringen Benützung des Tunnels ist seine
+Abgelegenheit und der beschwerliche Zugang über die vielen Treppen.
+
+Den Beschluß meiner Wanderungen in der City machte ein Besuch der
++Barkley+’schen Bierbrauerei, der öffentlichen Wohn-, Wasch- und
+Badehäuser für die ärmeren Klassen, und ein Gang nach dem Postoffice.
+In der Bierbrauerei der Herren +Barkley+ und Comp. werden täglich 1000
+bis 1500 Säcke Malz verarbeitet. Unter den Tonnen, die das fertige
+Bier enthalten, gibt es viele die an 3000 Eimer fassen. Die Zahl der
+Arbeitsleute beträgt 400, jene der Pferde 160. Bei dieser Gelegenheit
+muß ich bemerken, daß ich nirgends so prachtvolle Arbeitspferde gesehen
+habe, als in London; sie sind von ungewöhnlicher Größe und Kraft und
+durchgehend wohl genährt und gehalten.
+
+In den öffentlichen Wohn-, Wasch- und Badehäusern fand ich sehr
+zweckmäßige Einrichtungen, die in allen großen Städten Europa’s
+nachgeahmt zu werden verdienten. Die Wohnhäuser für unverheiratete
+Männer, bestehen aus großen Sälen, gleich jenen in Bedlam durch
+Bretter in kleine Gemächer abgetheilt, wovon jedes hinlänglich Licht,
+bei Tag von außen, des Nachts von großen Gasflammen empfängt, die
+an der Decke des Saales angebracht sind. Die Beleuchtung währt bis
+Mitternacht. Jedes Wohnhaus besitzt außerdem einen Lese- und Speisesaal
+und eine geräumige Küche, in welcher stets Feuer und kochendes Wasser
+unterhalten wird, so daß sich die Leute selbst ihre Mahlzeiten bereiten
+können. Der Preis ist für eine Person für die Woche drei Schillinge.
+Demnächst sollen auch für Frauenspersonen ähnliche Häuser errichtet
+werden. Für Familien gibt es deren bereits. Die Wohnungen bestehen
+aus drei Kämmerchen, nebst Küche und einem Behältnisse für den
+Kohlenvorrath. In jede Küche ist Wasser geleitet. Der Preis beträgt für
+die Woche fünf bis sechs Schillinge.
+
+In den Waschhäusern hat jede Partei ihr abgesondertes Plätzchen, wo sie
+ungesehen von den Nachbarinnen ihre dürftige Wäsche reinigen kann. Der
+Wasserbedarf, kalt und warm, wird durch Röhren in die Tröge geleitet.
+Das Trocknen der Wäsche geschieht sehr schnell durch unterirdische
+Wärme in kleinen abgeschlossenen Räumen, die mit über einander
+laufenden Stangen versehen sind; eine Maschine windet das Wasser aus
+großen Gegenständen, wie Decken, Bettüchern u. d. gl. Der Preis per
+Stunde ist ein Penny. -- Die Badehäuser sind mit den Waschhäusern stets
+vereint. Jedes Kämmerchen hat eine große Badewanne entweder von Metall
+oder mit weißer Glasur überzogen, sehr rein und nett gehalten. Ein Bad
+erster Klasse kostet warm sechs, kalt drei Pence, -- zweiter Klasse
+warm zwei Pence, kalt einen Penny.
+
+Das Postoffice besuche man Sonnabends nach fünf ein halb Uhr und
+verweile bis zum Schlusse, der mit dem Schlage sechs erfolgt. Um das
+Gedränge der Aufgeber, deren Zahl sich mit jeder Minute vermehrt,
+recht beobachten zu können, stelle man sich in der großen Halle auf,
+jedoch an einem sicheren Platze, denn nicht selten sind Verwundungen
+und Quetschungen die Folge des unauflösbar gewordenen Gewirres.
+Jedermann will sein Päckchen Briefe vor dem Schlage sechs abgeben.
+Die Briefe werden zwar noch bis neun Uhr angenommen; allein mit jeder
+Viertelstunde steigt das Porto.
+
+Von den Umgebungen Londons habe ich ziemlich viel gesehen. Theils
+machte ich Ausflüge nach den merkwürdigsten Orten, wie Windsor,
+Woolwich, Kew, Chiswick, Greenwich, theils führten mich Besuche oft
+zehn bis zwölf Meilen weit in das Land hinein. In Hinsicht des einzig
+schönen Grün’s der Wiesen, der frühzeitigen, reichen Vegetation
+fand ich alles bestätigt, was ich darüber gehört und gelesen hatte.
+Es war zu Anfang des Monats April, und schon blühten die Hecken, die
+Gebüsche waren belaubt, und die niedlichsten Blumen sproßten auf den
+smaragdgrünen, üppigen Wiesen. Die Stecheiche, der Portugiesische
+Lorbeer und noch andere Gesträuche bleiben selbst den ganzem Winter
+über belaubt und erfreuen das Auge stets durch ihr dunkelglänzendes
+Grün. Die Ursache dieses frischen Lebens in der Pflanzenwelt soll die
+gemäßigte, salzgeschwängerte und ewig feuchte Temperatur sein. Trotz
+der hohen nördlichen Lage[7] und der rauhen Witterung, die häufig schon
+Ende September eintritt und bis gegen den Mai anhält, ist England doch
+nur selten jener strengen, trockenen Kälte ausgesetzt, die selbst in
+bedeutend südlicher gelegenen Ländern Mittel-Europa’s alles Leben
+erstarren macht. Der Schnee bleibt beinahe nie über sechs bis acht Tage
+liegen. In Folge dieses gemäßigten Winterklimas werden die Schafe, wie
+in Spanien und Portugal, stets im Freien gelassen.
+
+Die schönsten von den in der nahen Umgebung Londons gelegenen Gärten
+sind jene zu Chiswick und Kew. Im ersteren finden jährlich in den
+Monaten Mai, Juni und Juli, drei Blumenausstellungen statt, deren
+jede aber nur einen Tag währt. Nie hätte ich gedacht, daß mir zu einem
+Ausfluge nach einem Garten Regenwetter nicht nur nicht hinderlich,
+sondern sogar erwünscht sein könnte, und doch war es so, und zwar
+bei dem Besuche einer derartigen Ausstellung. Bei schönem Wetter
+gibt sich hier nämlich die ganze Londoner elegante Welt Rendezvous;
+man kommt hieher, weniger der Blumen wegen, als um sich in Glanz und
+Putz zu zeigen; Musikbanden spielen an mehreren Orten und das Auf-
+und Niederwogen der zahllosen Besucher macht natürlich jedes genauere
+Besehen der Blumen unmöglich. Mich aber, wie gesagt, begünstigte das
+Wetter, -- der Regen strömte unausgesetzt herab und Niemand störte
+mich in der Bewunderung der herrlichen Blumen, die in Glashäusern und
+unter Zelten aufgestellt sind. Von der Pracht, besonders des exotischen
+Theiles der Ausstellung kann man sich keine Vorstellung machen; ich sah
+die Fremdlinge hier wahrlich schöner und üppiger, voller und blühender
+als in ihren Heimathländern. Weniger reich war die Ausstellung an
+Früchten; die Ananasse allein zogen die Aufmerksamkeit durch ihre
+außerordentliche Größe (manche waren 10 bis 12 Pfund schwer) auf sich.
+
++Kew+ ist theils Garten, theils Park. Hier sieht man prachtvolle
+Wiesen, reiche Baumpartien, spiegelhelle Teiche, künstliche Hügel,
+Luftgebäude und Blumenparterres. Seine wahre Berühmtheit verdankt
+aber dieser Garten den herrlichen exotischen Blumen und Bäumen (unter
+letzteren Palmen von 80 Fuß Höhe), die in vielen großen Glashäusern
+schön gezogen und geordnet sind. Eines dieser Glashäuser könnte man
+füglich einen Glaspalast nennen; es besteht aus zwei Flügeln und einem
+prachtvollen Mittelgebäude, das sich kuppelartig über 100 Fuß erhebt;
+sein Anblick machte mir leicht begreiflich, wie man auf den Gedanken
+gekommen sei, ein derartiges Gebäude für die große Ausstellung in
+London aufzuführen. In der Höhe dieses Glaspalastes ist ringsumher
+eine Gallerie angebracht, von welcher man einen Ueberblick all’ der
+Palmen, Blumen und Gesträuche hat. Mit etwas Fantasie kann man sich
+vom Standpunkte der Gallerie aus einen kleinen Begriff von Brasiliens
+Urwäldern machen.
+
+Das +Arsenal+ zu +Woolwich+ bot mir des Neuen wenig; ich sah hier, was
+ich, in kleinerem Maßstabe, schon in Venedig gesehen hatte. Am meisten
+interessirte mich der Wagen, in welchem +Napoleon+ zu St. Helena
+bestattet wurde; es ist derselbe, in welchem er spazieren fuhr; man
+nahm bloß den Kasten herunter und setzte an seine Stelle ein eisernes
+Gerippe, welches mit schwarzem Tuche überhangen wurde. -- Die Fahrt
+nach Woolwich ist eines Tunnels von etwa zwei Meilen Länge wegen, nicht
+sehr angenehm, um so mehr, da weder der Tunnel, noch das Innere der
+Waggons erleuchtet ist. Man sitzt mehrere Minuten lang in wahrhaft
+beängstigender Finsterniß. Ich muß abermals bemerken, wie eigenthümlich
+hier zu Lande die Begriffe von sittlich und unsittlich sind. So ist es
+z. B. auf mancher Eisenbahn den Männern strenge untersagt, sich in den
+Wartezimmern der Frauen aufzuhalten. Hier, wo alles erleuchtet, alles
+offen ist, findet man ein solches Zusammensein unanständig, -- in der
+undurchdringlichen Nacht des Tunnels ist es gestattet. Die Zeitungen
+ermangeln auch nicht, häufige Berichte von Diebstählen und andern
+Ereignissen zu geben, die eben nicht zu den sittlichen gehören.
+
++Windsor Castle+ (20 engl. Meilen von London) ist nicht nur eines
+der schönsten Gebäude Gothischen Styles in England, sondern in ganz
+Europa. Es steht auf einer kleinen Anhöhe, ist aus massiven Steinen
+erbaut und stammt aus den Zeiten +Wilhelms des Ersten+. Doch war
+der eigentliche Gründer dieses Schlosses, so wie es jetzt ist, und
+der niedlichen Kapelle, +Eduard der Dritte+. Einige Verschönerungen
+wurden von nachfolgenden Regenten hinzugefügt. Das Ganze besteht aus
+zwei Höfen, dem Schlosse und dem runden Thurme. Man bewundert ganz
+besonders die Pracht der Gebäude, so wie die kühne, kuppelförmige
+Wölbung des Steindaches über dem Thurme. Die Säle im Schlosse sind
+alle hoch und groß, wahrhaft königlich; die Einrichtung höchst
+einfach. Jeder Saal hat seinen Namen, wie auch seine geschichtlichen
+Merkwürdigkeiten. Ein Saal enthält Bildnisse berühmter Regenten älterer
+und neuerer Zeit; es scheinen sich aber diese Bildnisse nicht gerade
+durch große Aehnlichkeit auszuzeichnen, wenigstens jene der Monarchen,
+die ich gesehen habe, wie des Kaisers von Oesterreich, des Kaisers von
+Rußland, des Königs von Preußen fand ich herzlich schlecht. -- Die
+Kapelle besitzt schöne Glasmalereien. Der Kirchendiener forderte ein
+Eintrittsgeld von sechs Pence für die Person, obwohl auf der Karte,
+welche die Erlaubniß zur Besichtigung des Schlosses Windsor ertheilte,
+ausdrücklich bemerkt war, daß an Niemanden eine Gabe zu verabreichen
+sei.
+
+Die Aussicht von dem Thurme ist sehr reizend; der Blick streift über
+zwölf Grafschaften und verfolgt den Lauf der Themse bis in weiter
+Ferne. Um den Hügel, auf welchem das Kastell liegt, breitet sich das
+niedliche Städtchen Windsor aus; südlich daran schließt sich ein
+prachtvoller Park, dessen Länge vier, dessen Umfang 15 Meilen betragen
+soll. Alte majestätische Bäume bilden prächtige Alleen, welche die
+herrlichsten Fuß- und Fahrwege beschatten. Berühmt sind in diesem
+Parke noch die ~Virgin waters~.
+
+Das +Hospital+ zu +Greenwich+ ist ein ehemaliger Sommerpalast
+der Königin Elisabeth. Jetzt dient derselbe bekanntlich als
+Versorgungsanstalt für die Invaliden der königlichen Marine. 2500 Mann
+finden hier Platz, und jeder hat sein eigenes kleines Schlafkämmerchen
+mit Stuhl und Bett und einem kleinen Wandschranke. Die Speisesäle sind
+prachtvoll, hoch und gewölbt. Die Leute saßen an langen Tafeln und aßen
+vier zu vier Mann die gemeinschaftliche Mittagsportion, bestehend aus
+Suppe, drei Pfund Fleisch (abwechselnd Rind-, Hammel-, Schweine- oder
+Salzfleisch) und vier Pfund Kartoffeln, nebst einem großen, schönen
+Weißbrote. Sie erhalten außerdem auch Hülsenfrüchte, Gemüse oder
+Mehlpuddings und an Getränken alle Tage Bier und Thee. Ich besuchte das
+Hospital absichtlich zur Mittagszeit, um bei der Austheilung zugegen
+zu sein. Ich fand hier, wie in allen öffentlichen Anstalten Englands,
+die ich zu besichtigen Gelegenheit hatte, daß die Leute nicht nur
+genügend erhalten, sondern auch daß das, was sie erhalten, vollkommen
+gut und unverdorben ist -- nicht wie in manchen Ländern, wo den Armen
+nur an jenem Tage eine gesunde Nahrung vorgesetzt wird, an welchem der
+zufällige Besuch irgend eines Großen des Reiches oder eines Inspektors
+erfolgt, ein Zufall, von welchem sonderbarer Weise die Anstalt stets
+schon eine geraume Zeit vorher unterrichtet ist!
+
+Die Austheilung geht auf folgende Weise vor sich. Die Speisen werden in
+zwei Kesseln bereitet, das Fleisch ist, bevor es in den Kessel kommt,
+in Stücke zu je drei Pfund getheilt, die Kartoffeln sind zu vier Pfund
+in kleine Netze gebunden. Das gekochte Fleisch wird in eine Tonne
+gelegt, die Suppe läuft mittelst einer Rinne in eine andere Tonne.
+Ein Mann legt die Portion Fleisch in eine tiefe Schüssel, ein zweiter
+schöpft mit einem Gefäße, das gerade die für vier Mann bestimmte
+Quantität enthält, die Suppe heraus und schüttet sie über das Fleisch,
+während ein dritter das Netz mit den Kartoffeln aus dem Kessel hebt, in
+welchem sie durch Dunst gekocht worden sind. Die Austheilung geht auf
+diese Art mit unglaublicher Ordnung und Schnelligkeit vor sich.
+
+Ein kleines Seitengebäude dient als Hospital für Kranke, die von den
+Gesunden gänzlich getrennt sind und sogar ihr eigenes Gärtchen haben.
+
+Ein schattiger, großer Park steht nicht nur den Matrosen, sondern
+dem ganzen Publikum zur Benützung offen. In diesem Parke liegt die
+Sternwarte, durch welche die Engländer den ersten Meridian oder
+Längengrad ziehen.
+
+Das Hospital besitzt auch eine kleine, niedliche Bildergallerie,
+berühmte Seegefechte und Bildnisse ausgezeichneter Seehelden
+enthaltend. In zwei Glaskästen werden einige Kleidungsstücke des großen
++Nelson+ bewahrt, darunter der Rock und die Weste, durch welche in der
+Schlacht bei Trafalgar der tödtliche Schuß in die Brust drang.
+
+Noch bleibt übrig, der, obwohl zufälligen, so doch größten und
+bedeutendsten Merkwürdigkeit Londons zu erwähnen, der universellen
++Industrie-Ausstellung+. Nicht genug kann ich Herrn +Buschek+
+(Präsident der Österreichischen Abtheilung) danken, der mich mit einem
+Billete beglückte, welches mich zu dem Beiwohnen der Eröffnung und zu
+fünf Besuchen berechtigte.
+
+Die Eröffnung fand, wie bekannt, mit großer Feierlichkeit statt. Die
+Königin erschien mit Prinz Albert und ihren zwei erstgebornen Kindern
+in Begleitung der Minister und Großen des Reiches, der auswärtigen
+Diplomaten und der Abgesandten all jener Staaten, die an der
+Ausstellung Theil genommen hatten. Nach einer kurzen Rede des Prinzen
+Albert an die Königin, einem Gebete und einer Hymne, bewegte sich der
+ganze Zug langsam durch das Gebäude, hin und wieder bei einigen der
+kunstvollsten Gegenstände verweilend. Dem außen harrenden Volke wurden
+die Hauptmomente durch Kanonenschüsse verkündet.
+
+Die Feierlichkeit begann um zehn Uhr, um Mittag war sie beendet; jetzt
+erst hatten jene Eintritt, welche ~Season Tickets~ (Billets für die
+ganze Zeit der Ausstellung) besaßen.
+
+Kurz vorher, ehe die königliche Familie den Krystallpalast verließ,
+ging ich hinaus, um den Zug von Außen zu sehen und das Benehmen des
+Volkes zu beobachten. Der Equipagen waren sehr viele, alle sehr
+reich und glänzend; nur gefiel mir die Maskerade der Kutscher und
+Diener nicht: erstere trugen gelockte und gepuderte Perücken, auf
+welchen winzig kleine dreieckige Hütchen saßen; manche waren noch
+zum Ueberflusse mit großen Blumensträußen auf der Brust geschmückt.
+Die Diener, deren gewöhnlich zwei hinter dem Wagen standen, waren
+gleich Portiers mit großen Stöcken versehen. -- Den königlichen Wagen
+umgab einiges Militär und Garden. Das Englische Militär ist eines
+der schönsten, das man sehen kann; es besteht aus lauter kräftigen,
+hochgewachsenen Leuten. Die Garde zeichnet sich überdieß durch reiche
+Uniformirung und durch schöne Pferde, alle von derselben Farbe, aus[8].
+
+Das Benehmen des Volkes war vollkommen musterhaft, es fiel nicht die
+geringste Unordnung vor; nirgends hatte ein ungestümes Hinzudrängen,
+Stoßen oder Balgen statt, und nie wurde weniger gestohlen als an diesem
+Tage -- man gab bei der Polizei nur drei Diebstähle an. Und -- so
+unglaublich dieß auch gewissen Leuten in gewissen Ländern scheinen mag
+-- nicht ein Mann Militär war aufgestellt. Einfache Polizeimänner mit
+fußlangen Stäbchen in den Händen reichten hin, das Volk in schönster
+Ordnung zu erhalten; sie hatten weiter nichts zu thun, als die Leute,
+die auf Plätze kamen, wohin sie nicht gehörten, auf die Achsel zu
+klopfen und höflich anzusprechen: „~Move, if you please~“ (bewegen
+sie sich gefälligst weiter), und Jedermann ging seines Weges.
+
+Meine Leser werden mich entschuldigen, wenn ich ihnen und mir die
+Beschreibung der Ausstellung erspare. Zahllose Bücher, Broschüren und
+Zeitschriften haben ihren Ruhm der ganzen Welt verkündet, und kaum
+dürfte es Jemanden geben, der nicht Vieles darüber gelesen, der nicht
+Abbildungen des feenartigen Krystallpalastes und der in ihm enthaltenen
+Meisterwerke aus jedem Gebiete der Industrie, aus jedem Lande der
+Welt gesehen hat. Ich kann nur sagen, daß der Anblick des Ganzen ein
+wunderbarer, unvergeßlicher war, und daß ich kaum glaube, daß je wieder
+Aehnliches zu Stande kommen wird.
+
+
+ [1] Während meines Aufenthaltes begann man im Innern einen und außen
+ drei Plätze abzuschaffen.
+
+ [2] Seit einem Jahre auf 6 Pence herabgesetzt.
+
+ [3] Einschläfrige Betten hat man in England höchst selten.
+
+ [4] In Singapore frug ich eine Dame, die sich gerade zum
+ Kirchenbesuche schmückte, ob sie denn glaube, daß ihr Gebet im
+ Putze mehr Werth habe als im einfachen Kleide. Sie antwortete:
+ „das gerade nicht, allein der Gouverneur befahl, oder gab gleich
+ einem Befehle zu verstehen, daß die Herren im schwarzen Frack
+ und die Damen elegant gekleidet beim Gottesdienste erscheinen
+ möchten.“
+
+ [5] Ist jetzt abgestellt.
+
+ [6] Ich rechne (nicht nur in England, sondern während der ganzen
+ Reise) nach „englischen Meilen,“ deren 4¼ auf eine Deutsche Meile
+ gehen.
+
+ [7] London liegt unter dem 50sten Breitengrade.
+
+ [8] Man hat in London nicht oft Gelegenheit Militär zu sehen, eine
+ Sache die um so mehr auffällt, wenn man gerade aus Staaten kommt,
+ in welchen beinahe ein Viertheil der Männer den Soldatenrock
+ trägt.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+
+ Die Kapstadt. -- Gefährliches Zusammentreffen mit zwei Negerinnen.
+ -- Malaischer Gottesdienst. -- Singapore. -- Fünf Tage im Jungle. --
+ Sarawak. -- Rajah Brooke. -- Malaien und Chinesen. Ihre Wohnungen und
+ kostbare Vasen. -- Ausflug zu den Dayakern und den Antimonium-Minen.
+
+
+Am 24. Mai Abends begab ich mich an Bord des Schiffes Allanadale von
+300 Tonnen Gehalt, Kapitän +Brodie+.
+
+Zu meinem Erstaunen fand ich Niemanden an Bord als den Kapitän, der
+mir sagte, daß er der ganzen Mannschaft, bis auf den Matrosenjungen
+herab, die Erlaubniß gegeben habe, diese Nacht am Lande zuzubringen,
+und daß er selbst ebenfalls das Schiff verlasse. Ich hätte dasselbe
+thun können; allein da ich einige Meilen entfernt von London wohnte, so
+fürchtete ich, mich am folgenden Morgen verspäten zu können. Ich schloß
+mich in die Kajüte ein, und war für diese Nacht alleinige Herrin des
+Schiffes.
+
+Am nächsten Morgen nahm uns ein Dampfer in’s Schlepptau und bugsirte
+uns nach Gravesend (20 Meilen) an die Mündung der Themse, deren
+Strömung jedoch noch 58 Meilen weiter bis North-Foreland berechnet
+wird. In Gravesend mußten wir diesen und den folgenden Tag liegen
+bleiben, weil zwei Matrosen, die der Kapitän angeworben hatte und die
+hier an Bord kommen sollten, nicht erschienen. Der Kapitän mußte zurück
+nach London und andere Leute anwerben. Erst am 27. gingen wir unter
+Segel.
+
+Die Fahrt durch den Kanal war ungünstig; wir hatten wenig Wind und
+mußten während der drei ersten Tage beinahe beständig vor Anker liegen.
+Am 30. senkte sich ein so dichter Nebel auf die See hernieder, daß wir
+kaum eine Umsicht von einigen hundert Fuß hatten. Ringsumher hörten
+wir mit Sprachrohren und Schiffsglocken Signale geben, um die Nähe
+oder Ferne der Schiffe anzuzeigen und ein Zusammenstoßen zu vermeiden.
+Traurig klangen diese Töne durch die Nacht des Nebels und durchaus
+nicht geeignet, uns für die lange, gefährliche Reise[9] ein frohes
+Vorgefühl einzuflößen. Erst den 2. April Abends gelangten wir in den
+Atlantischen Ocean.
+
+Ich hatte in diesen wenigen Tagen leider schon hinlänglich Gelegenheit,
+die Sparsamkeit unseres Kapitäns kennen zu lernen; eine ähnlich
+schlechte Verpflegung ist mir noch auf keinem Schiffe vorgekommen.
+Der Steuermann, der, wie es auf den Segelschiffen gebräuchlich ist,
+die Aufsicht über die Küche führte, und dem ich durchaus nicht
+nachsagen kann, daß er mit den Vorräthen verschwenderisch umgegangen
+wäre, wurde gleich zu Anfange seines Amtes entsetzt, und der Kapitän
+übernahm in eigener Person die Oberleitung. Sein Speisezettel war
+schnell gemacht: des Morgens leichten, schwarzen Kaffee und ein Stück
+Salzfleisch, des Abends Salzfleisch und Thee, des Mittags Erbsensuppe
+und Salzfleisch oder Stockfisch, manchmal Hühner und einen Mehlklumpen
+mit einigen Rosinen, den er Pudding nannte, -- statt des Brotes echten
+Matrosenzwieback. Eier, Schinken oder Käse mochten ihm als überflüssige
+Luxusartikel erscheinen, die er wahrscheinlich mitzunehmen vergessen
+hatte. Der gute Mann soll, wie er mir sagte, nächstens auf einem
+Ostindienfahrer kommandiren, welche Schiffe zum Theile für Reisende
+eingerichtet sind. Wehe den Armen, die an seiner Tafel speisen! --
+Sonst war er indeß ein umsichtiger und sehr ordentlicher Mann.
+
+War die Kost schlecht, so war es die Reisegesellschaft noch mehr. Zum
+Glücke bestand sie nur aus einer Person, einem jungen Engländer,
+der seine Erziehung der Himmel weiß wo erhalten haben mag. Sein
+liebster Aufenthalt war unter den Matrosen; mit diesen sang, pfiff,
+schrie und rauchte er um die Wette, und sein größtes Vergnügen war,
+dem Abschlachten des Geflügels beizuwohnen. Wahrlich, ich bewunderte
+nie so sehr meine kräftige Natur als auf dieser Reise -- die Kost
+verdarb nicht meine Gesundheit, die Gesellschaft nicht meine Laune.
+Ich gedachte im voraus des freudigen Augenblickes der Landung, und mit
+der schönen Zukunft mich tröstend, ertrug ich mit Geduld die traurige
+Gegenwart.
+
+Auf der Reise selbst fiel nichts Merkwürdiges vor. Die schöne
+Molluske Phisolide (Portugiesisches Kriegsschiff genannt, siehe meine
+„Frauenfahrt um die Welt“, erster Theil, Seite 18) sah ich diesmal
+schon auf dem 35. Breitengrade nördlich vom Aequator, fliegende Fische
+auf dem 22.
+
++Am 13. Juni+ kamen wir dem Eiländchen +Ferro+ zu den südlichen
+Kanarischen Inseln gehörend, ganz nahe. Wir segelten in einer
+Entfernung von kaum zwei Meilen der Westküste entlang, die aber leider
+aus unfruchtbaren Felshügeln besteht und nur hie und da mit spärlichem
+Grün überkleidet ist. Doch immerhin war es Land, dessen Anblick wir
+schon lange entbehrten, und freudig hing mein Auge an der lieblichen
+Erscheinung.
+
++23. Juni.+ So viele und so lange Reisen ich bereits auf dem Ocean
+gemacht habe, so habe ich doch diese ungeheure Wasserfläche nie in
+einer ähnlichen Ruhe gesehen wie heute; nicht das geringste Lüftchen
+kräuselte den weiten Spiegel -- es war dieß ein großartig erhabener
+Anblick.
+
++28. Juni.+ Diesen Morgen bildeten sich in einer Entfernung von etwa
+20 Meilen zwei kleine Wasserhosen. Da sie unter dem Winde[10] waren,
+hatten wir ihr Nahekommen nicht zu befürchten und konnten ruhig
+ihre Bewegungen beobachten. Sie tanzten munter umher und fielen nach
+einer Viertelstunde zusammen. In dieser Nacht bekamen wir auch ein
+Valentinsfeuer an der Spitze des großen Mastes zu sehen.
+
++Am 4. Juli+, zwischen 12 und 1 Uhr Mittags, passirten wir den
+Aequator. Es fand gar keine Feierlichkeit statt, ja, die Matrosen
+erhielten nicht einmal ein Extra-Glas Branntwein.
+
++Am 11. August+, Morgens sechs Uhr, nach einer Fahrt von 75 Tagen,
+fielen endlich die Anker auf der Rhede der Kapstadt. Obwohl ich seit
+dem 13. Juni (Insel Ferro) kein Land gesehen hatte, so war doch der
+Eindruck, den der Anblick dieser Stadt auf mich machte, nicht sehr
+groß. Ich hatte London noch zu frisch im Gedächtnisse, und in Folge
+dessen erschien mir die Kapstadt wie ein Dorf. Was ihre Lage betrifft,
+so erinnerte sie mich viel an jene von Valparaiso. Wie letzteres, ist
+sie von einer baumlosen, mit spärlichem Grün bedeckten Gebirgskette
+umgeben, in welcher der Tafel-, Löwen- und Teufelsberg die Hauptpunkte
+bilden. Vom Bord des Schiffes aus entdeckte ich ein einziges Bäumchen
+und nur wenig grüne Fluren, und dieß war zur Winterszeit, wo Berg und
+Thal im schönen Kleide prangen. Wie mag es erst im Sommer sein, wenn
+die glühenden, senkrecht niederfallenden Sonnenstrahlen alles versengen
+und verbrennen!
+
+Kapitän +Brodie+ verließ nach dem Frühstücke sogleich das Schiff.
+Er war nicht so freundlich, mich nur mit an’s Land zu nehmen, er
+versagte mir jede Hilfe bei dem ersten Eintritte in die Stadt, eine
+Gefälligkeit, die mir bisher noch kein Kapitän abgeschlagen hatte,
+nicht einmal der ungebildete Chinesische Bootführer, der mich von
+Hong-Kong nach Kanton brachte. Dieser führte mich bis in die Englische
+Faktorei (drei Meilen weit) und suchte mit mir das Haus auf, in welches
+ich gewiesen war. Hier mußte ich allein an’s Land gehen, mußte allein
+meinen Weg suchen und mich durchfragen, bis ich zum Hamburger Konsul,
+Herrn +Thalwitzer+, gelangte. Glücklicherweise fand ich an diesem,
+so wie an seiner Frau so liebenswürdige, zuvorkommende, gefällige
+Leute, daß ich alsbald alle Mühen vergaß und mich in ihrem Hause, das
+ich nicht mehr verlassen durfte, so heimisch fühlte, wie im lieben
+Vaterlande.
+
+Von der Kapstadt ist nicht viel zu sagen. Die Straßen ziehen sich alle
+nach dem Strande und sind sehr breit und luftig, aber wenig mehr mit
+Bäumen besetzt. Zur Zeit der Holländischen Herrschaft soll jede Straße
+mit einer schönen Allee versehen gewesen sein. Die Häuser, sonst ganz
+im Europäischen Style gebaut, haben nur statt der Dächer Terrassen.
+Das Fort ist mit vielen Kanonen versehen, die Kaserne ziemlich groß,
+die Börse auf dem Paradeplatze ein längliches, unansehnliches Gebäude
+nur mit einem Erdgeschoß. Die Privathäuser sind alle einstöckig, haben
+gewöhnlich 4 bis 6 Fenster in der Front und enthalten schöne, hohe
+Zimmer. Der botanische Garten besitzt bei weitem nicht so vielartige
+Blumen, Pflanzen und Bäume, als man unter solch einem Himmelsstriche
+erwarten dürfte.
+
+Die Zahl der Einwohner wird auf 32,000 geschätzt, davon ein Drittheil
+Weiße, ein Drittheil Farbige und ein Drittheil Schwarze. Die
+Verzweigung und Durchkreuzung der Europäer mit den Eingebornen ist
+so vielfach, daß man, so zu sagen, alle Farben sieht. Echte, reine
+Hottentotten oder Kaffern gehören in der Kapstadt zu den seltenen
+Erscheinungen. Schwarze aus +Mozambique+, die wir Neger nennen, gibt es
+dagegen viele von reiner Abkunft. Unter den Farbigen gibt es mitunter
+hübsche Leute mit schönen Augen und geistreichen Zügen. Alle diese
+Völker sind Europäisch gekleidet; nur haben die ungetauften Malaien
+farbige Tücher um den Kopf geschlungen, und einige Schwarze und Farbige
+tragen runde, hohe, spitz zulaufende Bambushüte.
+
+Außer diesem und den langen Gespannen an den Lastwagen sieht man in
+der Kapstadt durchaus nichts Außereuropäisches. An die Lastwagen,
+die bei uns von drei oder vier tüchtigen Pferden oder Ochsen gezogen
+werden, sind hier acht bis zehn Pferde oder zehn bis zwanzig Ochsen
+paarweise gespannt. An der Spitze eines solchen Ochsenzuges geht ein
+Mann oder Knabe, der ihn leitet, und auf den Wagen selbst setzt sich
+der Fuhrmann, mit einer ungeheuer langen Peitsche bewaffnet. Das
+Pferdegespann wird stets vom Wagen aus gelenkt. Bei einem Gespanne
+von sechs, acht Pferden sitzen zwei Kutscher auf dem Wagen, der eine
+ist mit der Lenkung der Thiere beschäftigt, der andere mit der langen
+Peitsche.
+
+Auf dem Hauptmarkte, der jeden Tag, Sonntag ausgenommen, außerhalb der
+Stadt am frühen Morgen abgehalten wird, sieht man Lebensmittel jeder
+Art, frische und getrocknete Früchte, Gemüse, Geflügel, Kälber, Schafe,
+Butter, getrocknetes und geräuchertes Fleisch u. s. w., außerdem auch
+Häute, Schaffelle, Straußfedern und andere Gegenstände. Alles wird im
+Versteigerungswege losgeschlagen.
+
+Das Leben in der Kapstadt ist ziemlich theuer; so kostet z. B. ein
+Pfund Kalb-, Rind- oder Hammelfleisch fünf bis sechs Pence, ein Pfund
+Mehl vier Pence, ein Huhn einen Schilling, ein Pfund Butter zwei
+Schillinge. Die Miethe eines Hauses von sechs bis acht Zimmern macht 80
+bis 90 Liv. Sterl. jährlich.
+
+Der einzige wohlfeile Lebensartikel sind die Fische. Dieß hat man
+noch dem Gouverneur Lord +Somerset+ zu verdanken. Im Jahre 1825
+reichten nämlich die Metzger eine Bittschrift ein, in welcher sie um
+die Besteuerung der Fische ersuchten, durch deren Wohlfeilheit sie
+sehr zu Schaden kommen. Der Gouverneur schrieb ganz kurz unter die
+Bittschrift: „Sobald man mir einen Fischer nachweisen kann, der gleich
+den Schlächtern in Equipagen fährt und Diener in Livree besoldet, wird
+die Bitte berücksichtiget werden.“
+
+Ich brachte in der Kapstadt vier Wochen zu, habe aber des Merkwürdigen
+nur wenig gesehen. Anfänglich durchstreifte ich häufig die Umgebung,
+um Insekten zu suchen; es wurde mir jedoch diese Unterhaltung bald
+durch einen höchst unangenehmen Zufall verleidet. Eines Morgens
+nämlich, gerade als ich eine kleine Schlange gefangen hatte, kamen
+zwei Negerinnen auf mich zu, hielten mich an, überschütteten mich mit
+Schimpfworten, spieen vor mir aus und nannten mich eine Zauberin, die
+man umbringen sollte. Dieser Auftritt würde für mich wahrscheinlich
+nicht gut geendet haben, hätte ich nicht zum Glücke in der Ferne einen
+Mann erblickt, den ich zu Hilfe rief und dessen Erscheinen die beiden
+Weiber in die Flucht jagte.
+
+Ich erzählte Herrn Thalwitzer diese Begebenheit, die er sogleich bei
+Gericht anzeigte. Die Weiber wurden alsbald ausgefunden, und es ergab
+sich bei der Untersuchung, daß sie die Absicht gehabt hatten, mich
+in ein nahes Gebüsch zu ziehen und meiner Kleidung zu berauben. Ein
+zehnjähriges Kind, das zufällig in demselben Busche war und sich aus
+Angst vor den Weibern unter dem Laube verkroch, hatte Alles gehört
+und gesehen, daß eine der Megären mit einem Messer bewaffnet war,
+welches bei der Flucht zu Boden fiel. Das Kind suchte und fand das
+Messer und brachte es seinen Eltern, die es dem Gerichte übergaben.
+Bei dem Verhöre diente es als Unterstützung des Beweises, und die
+beiden Weiber wurden für vier Wochen auf Reiswasser gesetzt -- eine
+gewöhnliche Strafe, die darin besteht, daß man dem Verurteilten gar
+keine andere Nahrung gibt. Mir kam diese Züchtigung zu hart vor, und
+ich bat um einige Linderung, allein vergebens. Man sagte mir, daß die
+Personen bereits sehr berüchtigt seien und mehr Zeit in, als außer dem
+Gefängnisse zubrächten.
+
+Ich stellte in Folge dieser Begebenheit meine Spaziergänge zwar nicht
+ganz ein, beschränkte sie aber auf nähere Orte. Einen schönen Ausflug
+danke ich dem Herrn Botaniker +Zeiher+. Wir gingen nach +Greenpointe+,
+nach der +Cambs-Bay+ und rund um den Löwenberg, und hatten hübsche
+Ueberblicke auf das Meer, die Gebirge und die freundliche Gegend.
+
+Die ganz nahe Umgebung der Kapstadt ist nicht schön. Die Berge sind
+zum größeren Theil öde oder mit magerem Gestrüppe bedeckt, und den
+Ebenen fehlt es an saftigem Grase oder Getreidefeldern. Ihr einziger
+Schmuck ist eine ungewöhnliche Menge der mannigfaltigsten Wiesenblumen.
+Zwischen den Steinen, durch Gebüsch und mageres Gras drängen sich diese
+lieblich zarten Kinder der Natur. Stundenlang verweilte ich unter
+ihnen, und immer fand ich neue Schönheiten, neue, noch nie gesehene
+Arten.
+
+Ein beliebter Spaziergang der Städter ist ein Erlenwäldchen, welches
+sich rund um den Fuß des Löwenberges zieht, und von einem hübschen
+Fahrwege durchschnitten ist.
+
+Des Gouverneurs Garten, so wie der botanische, steht ebenfalls dem
+Publikum geöffnet.
+
+Wirklich schön und fruchtbar, einem blühenden Garten ähnlich, ist die
+Gegend um Rondebosch, Weinberg und Konstanzia. Der erste Ort liegt
+vier, die anderen neun und dreizehn Meilen von der Kapstadt entfernt.
+In Rondebosch wohnen viele Kaufleute und Beamte, die in Omnibussen
+täglich zur Stadt fahren. Konstanzia ist durch seinen edlen Traubensaft
+in der ganzen Welt bekannt. Ich bedauerte sehr, die Stöcke nicht in
+ihrem Traubenschmucke gesehen zu haben. Der Wein ist dunkelroth, ölig,
+süß und an Ort und Stelle schon sehr theuer.
+
+Den Tafelberg, 3000 Fuß hoch, bestieg ich eines Morgens ganz bequem
+in drei Stunden. Ein großartiger Ueberblick über Land und Meer
+belohnte mich für die gehabte Mühe. Den Rücken dieses Berges bildet
+ein ausgedehntes Plateau, eine „Tafel,“ von welcher er mit Recht den
+Namen trägt. Es halten sich hier viele Affen auf, und ich hörte sie
+schreien und lärmen, war aber nicht so glücklich einen zu Gesicht zu
+bekommen; auch andere vierfüßige Thiere sah ich nicht. -- An einem
+Freitage, dem Sonntage der Malaien, besuchte ich deren Moschee, einen
+schönen hohen Saal in dem Hause des Oberpriesters. Obwohl Mohamedaner,
+sind die Malaien nicht so strenge wie ihre Glaubensbrüder im Orient,
+denn sie erlauben den Fremden, ihrem Gottesdienste beizuwohnen. Ich
+fand die Weiber, die in dem Zimmer der Priestersfrau ihre Oberkleider
+abgelegt hatten, in große weiße Tücher gehüllt und mit einem Schleier
+auf dem Kopfe, der jedoch das Gesicht unbedeckt ließ, ganz im
+Hintergrunde des Saales auf dem Boden sitzend. Auch die Männer zogen
+in dem Vorgemache des Tempels die farbigen Beinkleider aus, unter
+welchen sie weiße anhatten, hüllten sich ebenfalls in lange, weiße
+Ueberkleider und schlugen ein weißes Kopftuch über das farbige, welches
+sie gewöhnlich tragen. Sie warfen sich Anfangs wiederholte Male zur
+Erde nieder; hierauf setzten sie sich in Reihen, in deren vorderster
+der Oberpriester seinen Platz einnahm und zwei Gebete abhielt. Nach
+dem ersten küßten die Männer dem Priester die Hand, nach dem zweiten
+drückten sie ihm dieselbe. Ein Vorsänger begann alsdann im Hintergrund
+des Tempels aus voller Kehle ein Lied abzuheulen, in welches die Männer
+im Chore einstimmten. Nun drängte er sich durch die versammelte Menge
+bis an den Fuß einer kleinen Kanzel und heulte ein zweites Lied allein
+ab. Der Priester bestieg hierauf die Kanzel und las, gemeinschaftlich
+mit dem Vorsänger, halb singend und halb sprechend, während zwei
+voller Stunden Gebete aus dem Koran, womit sich die Zeremonie endigte.
+
+Meine ursprüngliche Absicht war gewesen, in der Kapstadt selbst nur
+kurze Zeit zu verweilen, wohl aber einen Ausflug in das Innere zu
+machen, und, wenn möglich, bis an die Binnenseen vorzudringen. Man
+versicherte mich allgemein, daß ich als Frau von den Eingebornen nicht
+viel zu befürchten hätte, und daß selbst die Holländischen Weinbauern
+und Landbesitzer, -- sonst gerade nicht durch ihre Gefälligkeit
+berühmt, -- mich als Deutsche ruhig meines Weges würden ziehen lassen.
+Ihre Unfreundlichkeit erstreckt sich blos auf die Engländer, welchen
+sie das Eindringen in ihr Land so viel als möglich zu erschweren
+suchen. Auch der Krieg zwischen den Engländern und den Kaffern hätte
+mir keine Hindernisse in den Weg gelegt, da ich nicht nöthig hatte,
+den Kriegsschauplatz zu berühren; allein als ich mich nach den Kosten
+dieser Reise erkundigte, fand ich sie meiner Kasse weit überlegen, und
+der schöne Plan mußte aufgegeben werden. -- Ich glaube, daß man in
+keinem Lande der Welt so kostspielig und zu gleicher Zeit so langsam
+reist als hier am Kap.
+
+Man muß sich einen langen, mit Linnen oder Matten gedeckten Wagen
+kaufen, nebst fünf bis sechs Paar Ochsen. Der Wagen wird gleich einem
+Hause eingerichtet, denn er dient als Wohnung und Nachtquartier.
+Zugleich miethet man einen Fuhrmann, Ochsenjungen und Diener, und ist
+genöthiget, Lebensmittel, ja nicht selten auch Wasser mitzuführen. Mit
+den Ochsen hat man viele Unannehmlichkeiten. Man kommt durch Gegenden,
+in welchen es Schwärme kleiner Fliegen gibt, deren Stich den Ochsen
+lebensgefährlich ist; in anderen fehlt es an Wasser, und die Thiere
+fallen vor Durst, oder werden krank und untauglich vom Genusse des
+verdorbenen Wassers, so daß man beständig entweder neue Ochsen kaufen
+oder die kranken umtauschen muß. Dies wird stets kostspieliger, je
+weiter man sich von der Stadt entfernt, da die Ochsen im Innern des
+Landes seltener sind. Am Ende werden die Wege unfahrbar, und man muß
+Wagen und Ochsen zurücklassen und Pferde kaufen.
+
+Da ich in Folge der aufgezählten Schwierigkeiten gezwungen war, diese
+Reise zu unterlassen, warf ich meine Blicke auf Australien. Doch dahin
+fehlt es von der Kapstadt aus an Gelegenheit. -- Eine Bremer Brigg,
+„Louise Friederike,“ Kapitän +Nienhaber+, lag im Hafen zur Reise nach
++Singapore+. Ich überlegte nicht lange. Einmal in Singapore findet
+man Schiffe nach allen Himmelsgegenden. Durch die Verwendung Herrn
++Haase’s+, eines englischen Beamten, kostete mich die Ueberfahrt
+beinahe nichts; der Kapitän rechnete mir nur die Kost, und zwar so
+geringe, daß ich für die ganze Reise von 8000 Seemeilen blos drei
+Livres Sterl. zu bezahlen hatte.
+
+Am +25. September+ gingen wir unter Segel. Günstige Winde brachten
+uns in 40 Tagen an die Einfahrt der +Sunda-Straße+; diese rasche
+Fahrt erleichterte einigermaßen die Einförmigkeit der See, denn wir
+begegneten weder Schiffen, noch bekamen wir Land zu Gesicht. In der
+Sunda-Straße war es schon anders. Schiffe und Dampfer segelten an uns
+vorüber, und Gebirge und Land stiegen aus dem Meere. Der Java-head, der
+zuerst unsere Blicke fesselte, ist ein reich bewaldeter Berg von 4000
+Fuß Höhe, an den sich niedrigere Gebirgszüge und lachende Hügelketten
+anschließen. Von nun an verloren wir das Land selten mehr aus dem Auge.
+Bald erschienen größere oder kleinere Inseln, bald Felskolosse, die aus
+der Tiefe des Meeres auftauchten, bald Baumgruppen, deren Aeste so tief
+herniederhingen, daß sie im Wasser selbst zu wurzeln schienen.
+
+Wir durchschifften die +Java-See+ längs der Küste von +Sumatra+, und
+gelangten in die +Banka+-Straße, die von den Inseln Sumatra und Banka
+an manchen Stellen so eingeengt wird, daß sie einem Strome gleicht. Auf
+den beiderseitigen Ufern zeigten uns die mit hohem Grase und dichten
+Waldungen bedeckten Ebenen und Gebirge die Ueppigkeit der tropischen
+Vegetation.
+
+Die Entfernung von dem Eingange der Sundastraße bis Singapore beträgt
+acht Grad, mit deren Durchschiffung wir vierzehn Tage zu thun hatten.
+Windstillen und Gegenwinde brachen die Kraft der Segel, die Richtung
+des Steuerruders; wir gingen wohl ein halb Dutzend Mal über den
+Aequator hin und her, und manche Nacht lagen wir sogar vor Anker.
+Die Hitze war unerträglich. Sie stieg im Schatten häufig auf 27 Grad
+Réaumur. Dessen ungeachtet verging uns die Zeit ziemlich schnell, denn
+der Kapitän war ein gebildeter Mann, der nebenbei recht hübsch die
+Flöte blies. Auf der einförmigen See ist dies kein Fehler. Außerdem
+machten uns die Eingebornen mitunter Besuche, vertauschten Geflügel und
+Früchte gegen bunte Tücher, Spiegel oder Gold und sorgten auf solche
+Weise für unsere Tafel; dazu kam die Abwechslung der vorüberziehenden
+Landschaften; -- wir durften also es uns nicht als Verdienst anrechnen,
+die vierzehn Tage mit Geduld ertragen zu haben. Doch gab es auch einige
+unangenehme Zufälle. Eines Morgens fiel ein Matrose beim Umstellen der
+Segel über Bord und denselben Tag der Obersteuermann beim Lootsen[11].
+Glücklicher Weise hatten wir wenig Wind. Beide wurden gerettet. Eine
+Nacht ging gleichfalls nicht ohne Abenteuer vorüber. Wir lagen vor
+Anker, und da sich in diesen Meeren von Zeit zu Zeit Piraten blicken
+lassen, empfahl der Kapitän den Matrosen strenge Aufmerksamkeit. Kaum
+waren wir zur Ruhe, so erscholl der Ruf: „zwei Boote in Sicht vom Lande
+her.“ Alles sprang vom Lager auf; Gewehre, Kugelbüchsen, Pistolen,
+Säbel wurden auf das Deck gebracht, unter die Mannschaft vertheilt,
+die beiden sechspfündigen Kanonen geladen, und so gerüstet erwartete
+man den Feind. Die gefürchteten Boote nahten sich jedoch nicht unserem
+Schiffe, und wir begaben uns wieder zur Ruhe. Später erfuhren wir, daß
+die Piraten die Europäischen Schiffe nicht angreifen.
+
+Am +16. November+ erreichten wir Singapore nach einer Fahrt von 54
+Tagen.
+
+Die Familie +Behn+ nahm mich so liebevoll auf, wie vor vier Jahren, als
+ich das erstemal nach diesem Platze kam.
+
+In +Singapore+ selbst fand ich nichts verändert. Doch ungefähr zwanzig
+Meilen von dieser Insel war während der Zeit ein herrlicher Leuchtthurm
+entstanden auf einem Felsen mitten im Meere, wo die Brandung so
+stark ist, daß der Wächter stets auf sechs Monate mit Wasser und
+Lebensmitteln versehen wird. Den Thurm erbaute man in 18 Monaten aus
+Granitsteinen, die von der Insel +Urbin+, unweit Singapore, kommen.
+
+Ebenfalls neu für mich war ein kleines Häuschen, das erst ganz kürzlich
+von einigen Familien gebaut worden war, damit sie von Zeit zu Zeit
+dort ein wenig frische Luft schöpfen könnten. Da das Häuschen bei
+meiner Ankunft gerade leer stand und Herr +Behn+ wußte, daß er mir
+keine größere Freude machen könne, als mich auf einige Tage mitten in
+einen Jungle zu versetzen, wo ich nach Herzenslust der Natur und dem
+Insektenfange leben konnte, so wies er mir dieses Häuschen als Wohnort
+an. Er stellte auch ein Boot und fünf Männer zu meiner Verfügung,
+damit ich die nahe gelegenen kleinen Eilande besuchen könne. Die fünf
+Männer (Malaien) kamen jeden Morgen. Wollte ich nicht fahren, so
+durchstreiften sie mit mir den Jungle, halfen Insekten fangen, deren es
+hier im Ueberflusse gab, und dienten mir zugleich als Schutzwehr gegen
+die zahllosen Tiger, die stets von Malakka über den schmalen Meeresarm
+geschwommen kommen. Diese Thiere haben in den letzten Jahren sehr
+zugenommen; sie scheuen sich nicht, am hellen Tage in die Pflanzungen
+einzubrechen und Arbeiter heraus zu holen. Im Jahre 1851 wurden 400
+Personen von ihnen auf der kleinen Insel Singapore aufgezehrt.
+
+Trotz der schaudervollen Begebenheiten, die man mir erzählt hatte,
+fand ich einen eigenen Reiz, von Morgen bis Abend in diesen schönen
+Waldungen umherzustreifen. Meine fünf braunen Begleiter waren mit
+Gewehren, Lanzen und langen Messern bewaffnet, stießen von Zeit zu Zeit
+ein lautes Geschrei aus und schlugen an Aeste und Bäume, um die bösen
+Gäste zu schrecken und zu verscheuchen. Dies alles erweckte nicht die
+geringste Furcht in mir. Ich war zu sehr beschäftigt mit den reizenden
+Gegenständen, die sich auf jedem Schritte meinem Blicke darboten. Hier
+sprangen lustige Affen von Ast zu Ast, dort flogen buntgefiederte Vögel
+auf, hier waren es wieder Blumen, die aus den Stämmen der Bäume zu
+wurzeln schienen, sich um die Aeste rankten und ihre Blüthen durch die
+Zweige und Blätter drängten, dort setzten mich die Bäume selbst durch
+ihren Umfang, durch ihre Höhe und Fremdartigkeit in Erstaunen. Nie
+werde ich der glücklichen, schönen Tage vergessen, die ich in diesem
+Jungle verlebte, und von weiter Ferne sende ich dem Veranlasser jenes
+schönen Aufenthaltes, Herrn Behn, meinen innigen Dank.
+
+Spuren der Tiger sahen wir täglich; überall fanden wir Abdrücke ihrer
+Krallen im Sande oder in der weichen Erde. Eines Mittags kam ein
+solcher Gast ganz nahe an das Häuschen und holte sich einen Hund,
+den er in gemütlicher Ruhe, kaum einige hundert Schritte entfernt,
+verzehrte. In einer Nacht wurde ich durch einen Lärm in der Gallerie
+neben meinem Schlafgemache aufgeschreckt. Ich dachte wohl, daß es keine
+vierfüßigen Besucher seien; aber ich fürchtete eben so sehr zweifüßige,
+um so mehr, als unweit des Häuschens 20 bis 30 Verbrecher wohnten, die
+das Gouvernement hierher versetzt hatte, um Holz zu fällen. Man wußte,
+daß meine Wache in einer entfernten Hütte schlief, daß ich allein in
+dem Häuschen wohne und daß die Thüren gar nicht geschlossen werden
+konnten. Ich hatte zwar stets ein großes Messer bei mir; das würde
+mir aber wahrscheinlich nicht viel geholfen haben. Dessenungeachtet
+rief ich beherzt. „Wer da?“ -- Ich erhielt zur Antwort, daß ein Tiger
+bemerkt worden sei, der um die Hütte kreise und daß man Jagd auf ihn
+mache. Das war leicht möglich; doch hörte ich keinen Schuß fallen
+und die Stille der Nacht ward nicht weiter getrübt. Am andern Morgen
+spielte ein Aeffchen beinahe vor der Thüre; einer meiner Beschützer
+legte sein Gewehr an -- der Schuß versagte aber, und zwar wiederholte
+Male. Welch ein Glück, daß wir der Waffen nicht in Wirklichkeit
+benöthigten!
+
+Die kleine Insel +Urbin+, unweit +Changie+, verdient einen Besuch.
+Sie hat außer dem bereits erwähnten Granit eine Merkwürdigkeit
+aufzuweisen, die noch kein Naturforscher erklären konnte. Die
+Felspartien am Meergestade sind nämlich nicht glatt und rund, wie an
+allen Orten, wo sie vom Wasser überspült werden, sondern im Gegentheile
+scharfkantig und wie in Fächer getheilt. Die Kanten mögen 1 bis 1½ Fuß
+eingeschnitten sein und stehen 1 bis 2 Fuß von einander entfernt.
+
+Ich änderte in Singapore abermals meinen Reiseplan: anstatt nach
++Adelaide+ (Australien) ging ich nach der Westküste Borneo’s, nach
++Sarawak+, dem unabhängigen Besitzthume eines Engländers, Namens
++Brooke+.
+
+Kapitän +Layall+ vom Trident, 320 Tonnen, war so gefällig, mich für
+einen mäßigen Preis dahin mitzunehmen.
+
+Man rechnet von Singapore nach der Stadt +Sarawak+ 450 Seemeilen. Wir
+benöthigten zwölf Tage bis an das Kap +Datu+ an der Mündung des Flusses
++Sarawak+, der hier über eine Meile breit ist. Einen halben Tag mußten
+wir auf der Rhede liegen bleiben, um mit der Fluth in den Strom zu
+kommen, auf welchem man noch 25 Meilen aufwärts zu segeln hat.
+
+Bevor ich Sarawak beschreibe, will ich meine Leser in wenigen Worten
+mit der Geschichte Herrn +Brooke’s+ bekannt machen, welchen der Sultan
+von +Borneo+ zum Rajah (Fürsten) ernannt und mit dem Gebiete von
+Sarawak belehnt hat. -- Ich schöpfe diese kurzen Mittheilungen aus
+„~+Keppel’s+ Expedition to Borneo.~“
+
++James Brooke+ stammt aus der Familie des Sir +Robert Vyner+, Baronet,
+welcher unter +Karl+ dem ~II.~ Lord-Mayor von London war. +James
+Brooke+, im Jahre 1803 geboren, ging als Kadet nach Indien, zeichnete
+sich sehr aus und erhielt in einem Gefechte mit den Burmesen einen
+Schuß durch den Leib, in Folge dessen er nach England zurückkehrte, um
+sich herzustellen. Er nahm späterhin wieder Dienst; seine geschwächte
+Gesundheit erlaubte ihm aber nicht, demselben lange vorzustehen, und
+er ging im Jahre 1830 von Calcutta nach China, um Luft zu verändern
+und sich zu zerstreuen. Auf dieser Reise war es, daß er den +Indischen
+Archipel+ kennen lernte, der ihm ausnehmend gefiel. Er las die
+vorzüglichsten Werke, die über diesen Theil der Welt existiren, und
+gelangte alsbald zur Ueberzeugung, daß die östlichen Inseln und
+besonders Borneo ein reiches Feld für Forschungen und Unternehmungen
+darböten. Seine Hauptzwecke waren: den Sklavenhandel aufzuheben, den
+Seeräubereien zu steuern und die Eingebornen zu Menschen zu bilden. Er
+kehrte nach England zurück, hatte aber mit vielen Hindernissen und
+Unannehmlichkeiten zu kämpfen, bevor es ihm möglich wurde, seinen Plan
+in Ausführung zu bringen. Im Jahre 1838 verließ er endlich England auf
+einem kleinen, aber wohl ausgerüsteten Kriegsschooner und mit Leuten,
+die er während der letzten Jahre für sein Unternehmen vorbereitet
+hatte. „Und wenn je ein Mann“ sagt Keppel, „für solch ein Unternehmen
+geeignet war, so war es James Brooke. Ein ausgezeichneter Verstand,
+schnelle Fassungsgabe, Großmuth, Entschiedenheit, mit einem Worte alle
+guten Eigenschaften des Kopfes und des Herzens zierten ihn, und er
+verband damit ein überaus freies und liebenswürdiges Benehmen.“
+
+Als J. Brooke in Sarawak ankam, fand er den Rajah, +Muda Hassim+, in
+großen Zwistigkeiten mit seinem Volke. J. Brooke stand ihm bei und
+brachte nach zwei Jahren vollkommene Ruhe und Ordnung im ganzen Lande
+zu Stande. Er richtete hierauf seine Aufmerksamkeit auf die Piraten
+und reinigte die Küste gänzlich von ihnen. Muda Hassim trat ihm aus
+Dankbarkeit den Distrikt Sarawak ab und ernannte ihn zum Rajah. Er
+nahm das Land im Jahre 1841 in Besitz und wurde sowohl von dem Sultane
+von +Bronni+ (Borneo), als auch von den Engländern als Fürst und
+Eigenthümer anerkannt.
+
+Die Folgen seiner kräftigen und gerechten Regierung zeigten sich in
+seinem Lande bald. Die Bevölkerung der Stadt stieg in zehn Jahren
+(1841 bis 1851) von 1500 Seelen auf 10,000, und so wie in der Stadt,
+nahm auch die Bevölkerung auf dem Lande durch zahlreiche Einwanderer
+aus den umliegenden Staaten zu. Selbst die freien und wilden Dayaker
+im Innern des Landes kennen seinen Namen und ehren und achten in ihm
+den Befreier ihrer Landsleute, die unter dem Joche der Malaien gleich
+Sklaven lebten und die er letzteren in allem gleich gestellt hat.
+Jeder findet Sicherheit, Frieden und Verdienst. Der Kaufmann kann
+ruhig seinem Handel leben, der Bauer erhält unentgeltlich so viel Land
+als er besorgen kann und überdies noch einen Vorschuß von Reis zur
+Saat und zum Leben bis zur Ernte; der Arbeiter findet Beschäftigung in
+den Gold-, Diamanten- und Antimonium-Minen. Die Steuern sind äußerst
+geringe: der Kaufmann zahlt eine Kleinigkeit für seinen Laden, der
+Bauer einen Pikul (125 Pfund leichtes Gewicht) Reis per Jahr, und der
+Arbeiter gar nichts.
+
+Die Haupteinkünfte des Rajah sind die Antimonium-Minen und der
+Opium-Pacht, welch letzterer nicht nur hier, sondern in ganz Indien
+ungemein hoch ist und das bedeutendste Einkommen der Regierungen
+ausmacht. Ich werde im Verlaufe meiner Beschreibung ausführlich von
+diesem Monopole sprechen.
+
+Auf Sarawak wie überall wird das Opium von den Chinesen viel, von den
+Malaien wenig geraucht.
+
+Ich bedauerte sehr, Herrn J. Brooke nicht kennen gelernt zu haben,
+da er sich gerade in London befand. Seine Stelle vertrat sein Neffe,
+Kapitän +John Brooke-Brooke+, den er an Sohnesstatt angenommen hat und
+der somit der künftige Erbe seines Titels und Landes ist.
+
+Kaum hatte Kapitän Brooke erfahren, daß ich am Bord des +Trident+
+sei, als er sein eigenes, bequemes Prauh[12] unter Befehl des
+Schiffskapitäns +Grimble+ sandte, um mir die für Segelschiffe oft
+langweilige Fahrt stromaufwärts zu verkürzen. Der Trident hatte auch
+wirklich drei Tage dazu nöthig, während ich selbst sie in vier Stunden
+machte.
+
+Die Flußufer sind äußerst niedrig, so daß das Wasser sie an vielen
+Orten überschwemmt und fortgesetzte Reihen von Morästen bildet. Die
+ersten 10 bis 12 Meilen vom Flusse an gegen das Innere sind auf beiden
+Seiten mit Nipa- und Mangrova-Palmen bedeckt, dann fängt junger Jungle
+an. Die Nipa-Palme ist den Eingebornen von unendlichem Werthe. Sie hat
+keinen Stamm, die Blätter, 12 bis 15 Fuß lang, schießen gleich aus den
+Wurzeln empor. Alle Theile dieser Palme sind nützlich: von den Rippen
+der Blätter werden die Wände der Hütten gemacht; die Blätter selbst
+dienen als Bedachung, oder werden zu Asche gebrannt, aus der man Salz
+gewinnt. Matten und Körbe werden aus den Blättern geflochten und der
+ihnen entzogene Saft wird zu Syrup gekocht.
+
+In der Nähe der Stadt erhöhen sich die Ufer, und die Gegend wird
+teilweise hügelig. Weiter im Innern zeigen sich Gebirgszüge,
+deren höchste Berge Matang, Santabong 3000 Fuß messen. Als eine
+Eigenthümlichkeit des Landes erschienen mir mehrere steilaufsteigende,
+einige tausend Fuß hohe Berge mit spitzen Kuppeln, die ohne Verbindung
+mit andern Bergen oder Hügeln frei in der Mitte von Ebenen standen.
+
+Was die Bevölkerung anbelangt, so ist sie an der Meeresküste und an
+den Ufern des Flusses sehr spärlich. Ich sah an der Mündung nur ein
+einziges Haus, welches ungefähr hundert Fuß lang ist, auf 20 Fuß hohen
+Pfählen ruht und von Dayakern bewohnt wird; dann hört jede Ansiedlung
+auf bis ungefähr acht Meilen vor der Stadt. In früheren Zeiten war das
+Land bis auf 20 oder 30 Meilen von der Küste unbewohnt. Die Furcht vor
+den Piraten war so groß, daß Niemand es wagte, seine Hütte in ihrem
+Bereiche zu bauen. Seit der Ankunft Rajah Brooke’s hat, wie gesagt, an
+der West- und Nordwest-Küste Borneo’s die Piraterie gänzlich aufgehört.
+
+An dem Landungsplatze empfing mich Kapitän Brooke persönlich und
+geleitete mich in das Haus seines Onkels. Als ich ihm meinen
+Empfehlungsbrief überreichte, war er so artig, mich zu versichern, daß
+mein Name schon hierher gedrungen sei und ich keines Empfehlungsbriefes
+bedürfe.
+
+Die Stadt Sarawak hat weder Straßen noch Plätze; sie besteht aus einer
+Menge größerer und kleinerer Hütten, die ohne Symmetrie und Ordnung
+in Haufen zusammengedrängt liegen. Die Hütten sind aus der Nipa-Palme
+gebaut und stehen auf 8 bis 10 Fuß hohen Pfählen, welche Bauart den
+Malaien eigen ist und von den Chinesen selten nachgeahmt wird. Die
+Aufgänge sind Leitern, deren Sproßen aber so weit von einander stehen,
+daß ihr Ersteigen für einen ungeübten Kletterer gefährlich wird. Noch
+gefährlicher sind die Vorplätze, deren Boden einem grob geflochtenen
+Netze gleicht, das aus dünnen, runden und glatten Bambus-Stämmchen
+besteht, von welchen man leicht abgleitet und dann mit dem Fuße in
+den Zwischenräumen hängen bleibt. Im Innern der Hütten ist dieses
+Bambus-Gitter wenigstens enger und mit Matten überlegt. -- Von
+Haus-Einrichtung ist wenig zu sehen: einige Körbe, hölzerne Kisten,
+Strohmatten, Polster, irdenes Kochgeschirr, ein Gong, ein Parang[13]
+und einige Klambu’s. Letztere bilden eine Art Schlafgemach für die
+verheirateten Leute und die erwachsenen Mädchen. Sie bestehen aus einer
+Himmeldecke mit Vorhängen von Kammertuch, die bis zur Erde reichen.
+Die Klambu’s sind ungefähr fünf Fuß hoch und breit und sechs Fuß lang,
+können leicht an jeder Stelle aufgemacht werden und schützen auch gegen
+die Moskitos.
+
+Der Raum unter dem Hause ist von Hühnern, Hunden und anderen Thieren,
+bei den Chinesen auch von Schweinen bevölkert. Er gleicht einer
+wahren Mistpfütze, denn aller Unrath wird durch den gegitterten Boden
+hinabgeworfen.
+
+Die Einwohner Sarawak’s sind Malaien und Chinesen; die wenigen Dayaker,
+die man sieht, bilden keine Familien; sie stehen entweder in Diensten
+oder kommen in Geschäften. Die Chinesen bewohnen einen Theil der Stadt,
+die Malaien einen andern; jeder dieser Theile wird Kampon genannt.
+
+Die Chinesen weichen in nichts von ihren vaterländischen Sitten,
+Gebräuchen und Trachten ab. Die einzige Aenderung zu der sie gezwungen
+sind, ist, daß sie ihre Frauen bei den Malaien oder Dayakern suchen
+müssen. Die Chinesische Regierung erlaubt nämlich dem weiblichen
+Geschlechte nicht, auszuwandern; eine Frau oder ein Mädchen, die
+China verlassen, sind ihres Vermögens verlustig und dürfen nie
+wiederkehren. Die Chinesen auf Borneo wählen ihre Frauen gewöhnlich aus
+dem Dayakischen Volke; die Dayakerinnen sind viel arbeitsamer als die
+Malaiinnen und haben den großen Vortheil, eigentlich keine Religion zu
+besitzen und daher leicht die ihrer Männer anzunehmen, oder wenigstens
+kein Aergerniß daran zu finden.
+
+Man kann die Chinesen als das Glück und das Unglück des Landes
+betrachten, in dem sie sich niederlassen. Einerseits sind sie arbeitsam
+und ausdauernd in allem was sie unternehmen, andererseits aber im
+höchsten Grade gewinnsüchtig, falsch und listig. In ihren Händen liegt
+der ganze Handel, der größte Theil der Gewerbe, die Bearbeitung der
+Minen; sie entziehen den trägen Malaien, den ehrlichen Dayakern jeden
+Gewinn und übervortheilen und betrügen sie auf alle Art.
+
+Die Malaien sind Mohamedaner, weichen aber in manchen Gebräuchen von
+den Mohamedanern im Oriente ab. So genießen z. B. ihre Weiber sehr
+viel Freiheit; sie gehen ungehindert aus und haben das Gesicht nicht
+verschleiert; sie sind im Gegentheile nur zu leicht gekleidet, denn
+die meisten tragen blos den Sarong, ein Stück Zeug, welches über oder
+unter der Brust befestiget wird und bis über die Schenkel reicht.
+Andere vervollständigen ihren Anzug mit einem kurzen Jäckchen (Kabay)
+oder einem längeren Oberkleide (Padju). Die Weiber der Vornehmen gehen
+zwar wenig aus; doch ist dieß ihrer Trägheit und nicht einem Verbote
+zuzuschreiben, denn im Hause empfangen sie jede Art Besuche.
+
+Die Tracht der Männer weicht von jener der Weiber wenig ab; sie tragen,
+wie diese, den Sarong, den Kabay, ja manche auch den Padju. Viele haben
+unter dem Sarong kurze Beinkleider an. Auf den ersten Blick würde man
+oft die Geschlechter nicht unterscheiden, hätten die Männer nicht
+Tücher um den Kopf geschlagen, während die Weiber in ihrem bloßen
+Haarschmucke gehen.
+
+Die Ehen werden hier ohne große Zeremonien geschlossen und sehr
+leicht gelöst. Jedes der Eheleute hat das Recht sich zu trennen. Man
+findet unter jungen Männern oder Frauen viele, die mehr als ein halb
+Dutzendmal ihre Ehe-Hälften verändert haben.
+
+Die Malaische Race zeichnet sich nicht durch Schönheit aus. Besser
+ist noch der Körper bedacht als das Gesicht. Letzteres ist durch den
+breiten, stark hervortretenden Oberkiefer, durch den großen Mund, die
+schwarzen, abgefeilten Zähne und die schlappe, ausgedehnte Unterlippe
+im höchsten Grade entstellt. Die Zähne werden mit Antimonium, Gambir
+und noch andern Ingredienzien glänzend schwarz gefärbt, welche
+sonderbare Mode bei den Malaien als Schönheit gilt. Viele feilen sie
+auch halb ab oder spitzen sie pyramidenförmig zu. Die Ausdehnung
+der Unterlippe rührt von dem Siri her, welches sie kauen und häufig
+zwischen den untern Zähnen und der Lippe halten. Ihr Körper ist
+durchschnittlich von mittlerer Größe, die Männer sind etwas schlanker
+als die Weiber. Ihre Hautfarbe ist licht röthlichbraun bis dunkelbraun;
+Haare und Augen schwarz, Nase flach mit breiten Nasenflügeln, Hände und
+Füße klein, aber zu mager und knochig.
+
+Sie beginnen schon mit acht oder zehn Jahren Siri zu kauen. Das Siri
+besteht aus einem Betelblatte, in welches ein Stückchen Arecanuß, aus
+Seemuscheln gebrannter Kalk und etwas Gambir gewickelt wird. Bevor
+sie dieses Päckchen in den Mund schieben, reiben sie auf ekelhafte
+Weise die Zähne und Lippen mit Tabak ein und nehmen ihn gleichfalls in
+den Mund. Durch das Sirikauen wird der Speichel wie der ganze Mund
+blutroth gefärbt. Diese schöne Gewohnheit ist so beliebt, daß alte
+Leute, welchen die Zähne zum kauen fehlen, stets ein kleines Rohr mit
+sich führen, in welchem sie das Siri zerstoßen.
+
+Die Umgebung von Sarawak ist lieblich und wird durch die wenigen
+Europäischen Häuser verschönert, die nebst einer artigen Kirche, einem
+Missionshause, einem kleinen Fort und einer Gerichtshalle, auf den
+umliegenden Hügeln stehen. Alle diese Gebäude sind von Holz, Rajah
+Brooke’s Residenz nicht ausgenommen. Bei dem Missionshause befindet
+sich eine Schule für die Eingebornen; 24 Kinder, meist Waisen, waren
+gänzlich in Kost und Verpflegung aufgenommen. Das unbedeutende Fort
+besitzt ein Paar Kanonen und gar keine Besatzung. Rajah Brooke ist
+nicht nur von seinen Unterthanen, sondern auch von den benachbarten
+Völkern so geachtet und geliebt, daß er der Waffen nicht bedarf.
+
+Ich besuchte die Häuser einiger der vornehmsten Malaien, meist
+ehemaliger Piratenhäuptlinge, die sich seitdem in friedliche Bürger, ja
+zum Theil in brauchbare Beamte des Rajah’s umgewandelt haben.
+
+Die Wohnung eines reichen Malaien besteht, wie die des armen, aus
+einem einzigen, nur größeren Gemache, oft von 50 Fuß Länge und Breite,
+welches außer den Klambu’s auch noch einige kleine Abtheilungen
+enthält, die durch niedere Blätterwände gebildet werden. Man sieht hier
+mitunter Teppiche und hübsche Matten; den Hauptreichthum aber machen
+die Gongs, die Waffen und die Balangas aus. Letztere sind irdene,
+vasenartige Gefäße von zwei bis vier Fuß Höhe, mit Arabesken verziert
+und anscheinend ohne allen Werth. Ich hätte sie gar nicht beachtet
+oder für große Wassergefäße gehalten. Aber man machte mich auf sie
+aufmerksam, und ich erstaunte sehr, als man mir sagte, daß diese Gefäße
+von hundert bis einige tausend Rupien[14] werth seien (wahrscheinlich
+eine etwas übertriebene Angabe). Der Besitzer einer solchen Vase soll,
+im Falle er Geld nöthig hat, mit Leichtigkeit von Jedermann einen Theil
+oder den ganzen Werth darauf vorgestreckt bekommen. Man kennt weder
+ihren Ursprung noch ihr Vaterland noch ihren Nutzen oder Gebrauch. Man
+vermuthet, daß sie von China kommen. Die Chinesen ahmen in neuerer Zeit
+diese Vasen täuschend nach; doch wissen die Kenner auf den ersten Blick
+die echten von den falschen zu unterscheiden.
+
+Da ich auch gerne mit den Dayakern Bekanntschaft gemacht hätte,
+war Kapitän Brooke so gefällig, mir einen Ausflug nach einer ihrer
+Behausungen vorzuschlagen; nur, meinte er, müsse ich das Bergklettern
+gut gewohnt sein. Die Dayaker lieben nämlich die Ebene nicht,
+sondern bauen ihre Hütten auf die Spitzen der Berge, je höher und
+unzugänglicher desto lieber. In früheren Zeiten thaten sie das der
+Sicherheit wegen, jetzt unter der ruhigen Regierung Rajah Brooke’s thun
+sie es aus alter Gewohnheit.
+
+Unser Ausflug galt dem Berge +Serambo+, von 1500 Fuß Höhe, auf welchem
+ungefähr 80 Familien unter einem Häuptlinge leben.
+
+Am +20. Dezember+ um elf Uhr Nachts, traten wir unsere kleine Reise auf
+dem Flusse Sarawak an. Die Nacht war finster und regnerisch; doch uns
+hatte weder Regen noch Finsterniß etwas an. Das Prauh war gut gedeckt,
+hell erleuchtet und durch Vorhänge in Gemächer getheilt, in deren
+einem ich ein weiches Lager unter einem Muskito-Netze fand. Die Fluth
+half unserer Fahrt, und als ich des Morgens erwachte, landeten wir
+gerade in +Siniawan+, einem chinesischen Kampon, aus zwei Reihen Hütten
+bestehend, die eine kleine Straße bilden. Ich sah hier, daß der Chinese
+den Schmutz nicht minder liebt als der Malaie; der Unterschied zwischen
+beiden ist, daß der Malaie, der sein Haus auf Pfähle setzt, über dem
+Schmutze lebt, während der Chinese ihn vor seiner Thüre hat.
+
+Kapitän Brooke hatte Küche, Diener und Lebensmittel vorausgesandt, und
+bald saßen wir um ein leckeres Mahl. Außer Herrn Brooke und mir waren
+noch zwei Europäer von der Gesellschaft.
+
+Nach dem Frühstücke ging es an die Fußparthie. Ein munterer Trupp
+Dayaker, welchen unsere Ankunft schon Tages zuvor bekannt gemacht
+worden war, umringte uns; jeder wollte etwas zu tragen haben, um ein
+wenig Tabak zu verdienen. Wir hatten über zwanzig im Gefolge, von
+welchen manche bloß eine kleine Kochpfanne trugen; nichts desto weniger
+ließ Kapitän Brooke reiche Spenden von Tabak und Kupfermünzen unter sie
+vertheilen.
+
+Der Weg führte bis an den Fuß des Berges durch ausgebreitete, gut
+kultivirte Reispflanzungen. Der Berg selbst stieg steil und schroff aus
+der Ebene empor.
+
+Ich hatte schon viel von den schlechten Wegen auf Borneo gehört,
+dennoch war meine Verwunderung groß, als ich den wahrhaft
+lebensgefährlichen Pfad sah der auf die Spitze des Berges führte. Ueber
+Pfützen, Sumpfstellen, Bäche oder Abgründe lagen zwei Bambusstämmchen
+oder ein dünnes, rundes Bäumchen, -- an schroffen Felskegeln, die man
+erklimmen mußte lehnten ebenfalls nur einzelne, schmale Baumstämmchen,
+hie und da ein wenig eingekerbt, um dem Fuße einen Halt zu geben.
+An den gefährlichsten Stellen war wohl eine Art Geländer angebracht,
+aber von so zarter Beschaffenheit, daß man unvermeidlich gefallen
+wäre, hätte man sich im Ernste darauf gestützt. Ich mußte meine Augen
+beständig auf den Pfad gerichtet haben, und konnte den mich umgebenden
+Naturschönheiten nicht die geringste Aufmerksamkeit schenken. Nur
+auf den Haltpunkten, die von Zeit zu Zeit gemacht wurden, fand ich
+Muße, die üppigen Wälder, durch welche unser Weg führte, die schönen
+Schlingpflanzen und Orchideen zu betrachten. Die Palmen sind auf Borneo
+umfangsreicher als irgendwo, besonders die Sago-Palmen. Blumen und
+Vögel fand ich aber in geringerer Anzahl als auf Singapore. Es war
+wohl, wie man mir sagte, nicht die Blüthenzeit; doch hielt ich mich
+sechs Monate auf Borneo auf und sah diese Blüthenzeit nicht kommen.
+
+Auf einer Höhe von 1200 Fuß fanden wir den ersten Wohnplatz der
+Dayaker, eine große Hütte von 50 Fuß Länge und Breite, deren ganze
+Einrichtung aus einer Menge von Schlafstellen bestand, die ringsum
+an den Wänden angebracht waren. Es ist nämlich unter einigen der
+Dayakischen Stämme Sitte, daß die Jünglinge einige hundert Schritte
+von dem elterlichen Dorfe entfernt, in einer gemeinschaftlichen Hütte
+unter der Aufsicht des Häuptlings schlafen. Diese Hütte dient zugleich
+zum Tummel- und Festplatze, und zur Aufbewahrung der Kriegstrophäen,
+die in den abgeschnittenen Köpfen der Feinde bestehen. Mit wahrem
+Grausen sah ich hier 36 Schädel aneinander gereiht und gleich einer
+Guirlande aufgehangen. Die Augenhöhlen waren mit weißen, länglichen
+Muscheln ausgefüllt. Unter Rajah Brooke’s Regierung hat zwar das
+Kopf-Abschneiden in dem Bezirke von Sarawak sein Ende gefunden; aber
+die Eingebornen verehren noch immer diese Schädel -- Denkmale einer
+blutigen Vergangenheit, die ihren Augen wahrscheinlich ruhmvoll
+erscheint.
+
+Wir setzten unsere Wanderung fort zu dem nahen Wohnplatze der Familien.
+Hier standen zwei große Hütten auf Pfähle gebaut, jede über 150 Fuß
+lang, einander gegenüber. Als Aufgänge dienten schmale, eingekerbte
+Baumstämme, die Nachts gewöhnlich weggenommen werden. Jede Hütte
+hatte einen geräumigen, gedeckten Vorplatz, von welchem Thüren zu den
+Kammern der Familien führten. Die meisten Familien haben eine, manche
+zwei Kämmerchen; diese enthalten Schlaf- und Feuerstellen und einiges
+Kochgeschirr. Das eigentliche Leben ist auf dem Vorplatze; hier wird
+gearbeitet, hier tummeln sich die Kinder umher, hier ruhen die alten
+Leute. Alles scheint eine Familie auszumachen. Die Weiber flechten
+Matten und Körbe, die Männer schnitzen zierliche Büchschen für Tabak,
+Kalk und Gambir, so wie auch sehr schöne Hefte zu ihren Parangs. Auf
+den Vorplätzen gibt es ebenfalls Feuerstellen, die aber weniger zum
+Kochen, als zur Beleuchtung dienen. Ueber diesen Feuerstellen wurden
+vor noch wenig Jahren die frischen Menschenköpfe aufgehangen und so
+lange gelassen, bis sie vollkommen eingetrocknet und geräuchert waren,
+worauf man sie unter großen Zeremonien nach dem Ehrenplatze, der Hütte
+des Häuptlings trug.
+
+Die Dayaker wohnen gleich den Malaien, über einer Pfütze in der sich
+Schweine[15], Hunde und Hühner umhertreiben. Wenn man diesen Unrath
+sieht, begreift man kaum, daß die Leute nicht alle stets fieberkrank
+sind. Außer Hautausschlägen und Geschwüren bemerkte ich jedoch keine
+Krankheiten unter ihnen. An letztgenannten Uebeln leidet das männliche
+Geschlecht ungleich häufiger als das weibliche.
+
+Die Dayaker sind eben so wenig mit Schönheit begabt wie die Malaien.
+Sie haben das Nasenbein flach, die Nasenflügel sehr breit, den Mund
+groß, die Lippen blaß und aufgedunsen und die Zahnkiefer hervorstehend.
+Die Zähne feilen sie gleich den Malaien ab und färben sie schwarz. Der
+Ausdruck ihrer Gesichter ist im Allgemeinen gelassen und gutmüthig,
+mitunter etwas dumm, was zum Theile von der Gewohnheit herrühren mag,
+den Mund beständig offen zu haben. Ihre Hautfarbe ist lichtbraun, Haare
+und Augen sind schwarz. Die Männer tragen das Haar kurz, die Weiber
+lang, straff, hinabhängend und ungeflochten. Der Gang und die Haltung
+der Weiber ist sehr unzierlich; sie setzen die Füße weit auseinander
+und strecken den Unterleib sehr hervor. Diese Unzierlichkeit der
+Haltung ist zum Theile auch dem Malaischen weiblichen Geschlechte eigen.
+
+Die Bekleidung der Dayaker ist die allereinfachste. Die ganze Garderobe
+der Männer besteht in einem handbreiten Streifen von Bast, den sie um
+die Mitte des Leibes geschlagen haben. Gewöhnlich gehen sie auch ohne
+Kopfbedeckung, selten daß einer ein Stück Bast um den Kopf bindet.
+Sie haben ein großes Wohlgefallen an Glasperlen und Messingringen,
+und behängen sich damit Hals und Arme. Die Männer schmücken sich weit
+mehr als die Weiber, ja die Glasperlen scheinen ihr Vorrecht zu sein.
+Ich bemerkte deren höchst selten an den Weibern. Die Dayaker tragen
+stets an einer Seite ein langes, breites Messer, wie bei den Malaien
+„Parang“ genannt, an der andern ein zierliches Körbchen, welches die
+Bestandteile des Siri enthält.
+
+Die Weiber kleiden sich mit einem knapp anliegenden Röckchen von Zeug
+(Bidang), welches von den Lenden bis an die Schenkel reicht; um den
+Leib tragen sie einen Gürtel (Raway) von vielen Messingreifen oder
+schwarz geputzten Bambusringen, der bei manchen zwei, bei andern sechs
+bis acht Zoll breit ist, je nach der Wohlhabenheit der Besitzerin. Die
+Mädchen legen ihn an, wenn sie aus den Kinderjahren treten, was hier
+schon gewöhnlich im zehnten Jahre der Fall ist. Dieser oft fünfzehn
+Pfund schwere eng anschließende Gürtel wird nur für die Zeit abgelegt,
+als das Weib nahe daran ist Mutter zu werden. Geschmeide sah ich bei
+den Weibern dieses Stammes wenig. Einige trugen am linken Arme, von dem
+Handgelenke bis zum Ellbogen viele Messingringe. Die Ohrläppchen hatten
+sie so stark durchlöchert, daß man ein zolldickes Stück Holz hätte
+durchziehen können. Sie tätowiren sich nicht, färben aber zuweilen
+Füße, Nägel und Fingerspitzen rothbraun.
+
+Wir brachten bei diesem Völkchen den Rest des Tages und die Nacht zu.
+Abends bewirthete Kapitän Brooke die Leute mit Branntwein, den sie sehr
+lieben, und forderte sie auf, uns dagegen mit Tänzen zu unterhalten.
+Sie schienen nicht sehr geneigt, unserem Wunsche zu willfahren, und es
+kostete Mühe, sie dazu zu bewegen. Ihr Tanz ist ruhig und gelassen und
+gibt, gleich jenen Hindostans, weniger den Füßen, als den Händen und
+Armen zu thun. Er wird entweder von einem Manne allein, oder von einem
+Manne und einem Weibe aufgeführt. Das Weib macht dieselben Bewegungen
+wie der Mann, schlägt aber dabei die Augen so tief zu Boden, daß man
+glauben möchte, sie seien geschlossen. Ein Mann oder ein Paar tanzt nie
+lange und wird dann von andern abgelöst. Die Musik bestand aus zwei
+Trommeln und einem Gong. Die übrigen Dayaker saßen still, ja beinahe
+bewegungslos da. Ernst und Ruhe scheint in ihrem Charakter zu liegen.
+Nirgends ward ich weniger von Neugierde belästigt als hier.
+
+Den folgenden Morgen ging es an die Rückreise. War das Aufsteigen schon
+schwierig, so war es das Hinuntersteigen noch mehr, namentlich da ein
+stark anhaltender Regen in der Nacht die Pfade glatt und schlüpfrig
+gemacht hatte. Es blieb mir nichts anders übrig als die Schuhe
+auszuziehen und mit bloßen Füßen über Stock und Stein, durch Disteln
+und Dornen meine Wanderung bis in das Thal zu machen.
+
+Zu Siniawan wurde wieder gefrühstückt, dann fuhren wir fünf Meilen den
+Fluß Sarawak stromaufwärts, gingen weiter drei Meilen in einem engen
+Thale zu Fuße und befanden uns mitten im Antimonium-Erze.
+
+Das Erz liegt hier so reich auf der Oberfläche der Erde, daß man gar
+keine Minen zu graben braucht. Es wird ganz einfach mit Brecheisen und
+Hämmern in Stücke geschlagen, in Körbe geladen und durch Menschen bis
+an den Fluß getragen. Ein Chinese trägt mittelst einer Stange, an deren
+jedem Ende ein Korb hängt, zwei Pikul und läuft mit dieser Last noch
+dazu ziemlich rasch fort. Das Erz soll 90 Procent liefern.
+
+Von diesen Minen, oder besser gesagt diesem Lager, begaben wir uns
+nach einem Sommerhause Rajah Brooke’s, mit welchem eine kleine Meierei
+verbunden ist. Herr Brooke hält hier einige Dutzend Kühe und läßt
+täglich Butter machen, die nebst der Milch an seine Küche geliefert
+wird.
+
+Kühe und Pferde findet man auf Borneo nur bei den Europäern; erstere
+arten sehr bald aus, geben wenig und schlechte Milch, die Kälber
+sterben häufig; die Pferde werden nicht so alt, wie in ihrem Vaterlande
+und pflanzen sich gar nicht fort. Dagegen sah ich beim Rajah Brooke
+einen herrlichen Nasen-Affen, zwei große Orangutangs und einen
+Honigbären, Thiere die bloß auf Borneo vorkommen.
+
+Am +24. Dezember+ kamen wir wieder nach Sarawak zurück.
+
+
+ [9] Für Segelschiffe rechnet man 8000 Seemeilen, da man der Winde
+ halber einen ungeheuern Bogen nach Westen beschreiben muß und
+ Brasiliens Küste ziemlich nahe kommt, für Dampfschiffe 5000
+ Meilen. -- Wenn ich wo immer zu Wasser reise, rechne ich nach
+ Seemeilen, deren vier auf eine deutsche Meile gehen.
+
+ [10] Man nennt „über dem Winde“ die Seite von welcher der Wind kommt
+ -- „unter dem Winde“ wohin er geht.
+
+ [11] Lootsen heißt, mittelst des Senkbleies die Tiefe der See messen.
+
+ [12] Prauh ist ein Malaisches Boot von 20 bis 80 Fuß Länge und 6 bis
+ 8 Fuß Breite, welches nicht tief geht. Die Piraten bedienen sich
+ dieser Fahrzeuge vorzugsweise, weil sie damit in jeden Fluß
+ lenken und sich so der Verfolgung leicht entziehen können.
+
+ [13] Der Gong ist ein musikalisches Instrument, aus einer
+ Messing-Platte bestehend, auf welche mit einem Klöppel
+ geschlagen wird. -- Parang ein anderthalb Fuß langes Messer.
+
+ [14] Eine Rupie ist ungefähr zwei Schillinge Englisch (1 fl.
+ Oesterreichisches Geld) werth.
+
+ [15] Da die Dayaker nicht Mohamedanischen Glaubens sind, können sie
+ Schweine halten.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+
+ Abreise von Sarawak. -- Gezwungene Rückkehr. -- Ankunft in Sacaran. --
+ Die unabhängigen Dayaker. -- Der Schwert-Tanz. -- Die eroberten
+ Menschenköpfe. -- Fahrt auf dem Luppar. -- Angstvolle Nacht. --
+ Begegnung eines kriegführenden Stammes. -- Uebergang des Gebirges
+ Sekamil. -- Feierlicher Empfang bei dem Sultan von Sintang.
+
+
+Da ich in Sarawak nichts mehr zu besehen hatte, wünschte ich meine
+Reise fortzusetzen. Mein Plan war, zur See nach dem Flusse Sacaran zu
+fahren, diesen landeinwärts zu verfolgen bis an das Gebirge Sekamil,
+welches die ost-westliche Wasserscheide macht, das Gebirge selbst zu
+übersteigen, auf den westlichen Gewässern mich wieder einzuschiffen,
+und auf diese Art in einem großen Bogen nach +Pontianak+ zu gelangen,
+einer holländischen Besitzung, die an der nord-westlichen Küste Borneos
+liegt. Kapitän Brooke suchte mir dieses Unternehmen mit aller Macht
+auszureden; er versicherte mir, daß das Innere des Landes voll wilder,
+größtenteils unabhängiger Dayakerstämme sei, und daß er selbst als
+Mann diese Reise nicht wagen würde. Doch alle Gegenvorstellungen waren
+umsonst, -- ich beharrte bei meinem Entschlusse.
+
+Herr Brooke war so gefällig sein Kanonenboot „Jolie“ unter Befehl des
+Kapitäns +Grimble+ in Bereitschaft setzen zu lassen, um mich zur See
+bis an die Mündung des Flusses Sacaran (80 Meilen) zu bringen; ein
+Prauh sollte mich von dort stromaufwärts nach dem Forte Sacaran führen.
+
+Die Bereitung des Bootes, mehr aber das schlechte Wetter hielten mich
+noch zehn Tage in Sarawak fest.
+
+Den Silvesterabend brachten wir sehr angenehm zu. Kapitän Brooke hatte
+alle Europäer zu einem Festessen geraden, bei welchem es natürlich
+nicht an Toasten fehlte. Der erste galt der Königin, der zweite
+dem Rajah Brooke, der dritte mir, und den vierten brachte ich den
+versammelten Herren aus. Froh und heiter traf uns das neue Jahr (1852)
+vereint. Am 1. Januar klärte sich das Wetter auf, und die Sonne schien
+freundlich auf uns nieder. Kapitän Brooke ließ alle die Kleinen von
+dem Missionshause kommen und bewirthete sie mit einem guten Mahle.
+Die Kinder sprangen und tummelten sich im Garten umher, während die
+Eingebornen sich mit Wettfahrten auf dem Strome erlustigten und Kapitän
+Brooke die Sieger mit Geschenken beglückte.
+
+Den +5. Januar+ (1852) trat ich in Begleitung eines Missionärs, der
+sich in Sacaran festsetzen sollte, meine Weiterreise an. Wir kamen
+glücklich zur See, fanden sie aber so stürmisch und aufgeregt,
+daß jeder Versuch vorzudringen, vergeblich war. Eine Sturzwelle
+zertrümmerte das Bugspriet, eine zweite wusch die Kabüse (Küche) sammt
+dem bereiteten Mahle über Bord. Wir mußten zurück, und am 6. Januar
+lagen wir wieder in Sarawak vor Anker.
+
+Kapitän Brooke meinte, ich sollte diese Hindernisse als Warnung ansehen
+und der Reise entsagen. Ich erwiederte ihm, daß ich, obwohl Frau und
+alt, mich vor Vorurtheilen und Aberglauben zu bewahren gewußt habe.
+
+Sturm und Regen wechselten Tag für Tag; seit lange konnte man sich
+eines so unausgesetzt schlechten Wetters nicht erinnern. Die Malaien
+schrieben es einer Mondesfinsterniß zu, die am 8. Januar statt hatte.
+
+An das Kanonenboot war unter solchen Umständen nicht zu denken. Wollte
+ich fort, so mußte ich es in einem Prauh wagen, mit dem man nahe an der
+Küste fahren und in jeden Fluß einlenken kann. Ich entschloß mich dazu
+und schiffte mich am
+
++17. Januar+ unter heftigem Regen zum zweiten Male ein, und zwar
+diesmal allein mit einem Malaischen Führer, den mir Kapitän Brooke
+mitgab. Der Missionär fürchtete sich vor der Seekrankheit! -- Kapitän
+Grimble wollte mich durchaus begleiten; allein ich gab es nicht zu.
+
+Auch diesmal fanden wir die See sehr böser Laune: sie sandte Wogen
+auf Wogen über uns, so daß wir bald halb im Wasser saßen und uns
+nach einigen Stunden beschwerlichen Kampfes in ein nahes Flüßchen
+zurückziehen mußten. Den folgenden Tag ging es wenig besser, und erst
+den dritten gelangten wir in die Mündung des Flusses Sacaran. Hier
+begünstigten uns Wind und Fluth, und wir legten die 69 Meilen nach dem
+Fort in neun Stunden zurück.
+
+Kommandant +Lee+ empfing mich sehr zuvorkommend in dem hölzernen Fort,
+welches Rajah Brooke erst vor kurzem hier an der Grenze seines Landes
+bauen ließ. Das Fort ist von niedrigen Erdwällen umgeben und hat eine
+Besatzung von 30 eingebornen Soldaten. Herr Lee und ein Beamter sind
+die einzigen Europäer.
+
+Der Fluß Sacaran ist etwas bedeutender als der Sarawak, theilt sich
+jedoch schon 30 Meilen von der Mündung in zwei Arme, an dessen
+kleinerem, +Luppar+ genannt, das Fort liegt.
+
+Die Ufer sind abwechselnd mit Nipa-Palmen, Laubwäldern, Jungle-Gras
+und Reispflanzungen bedeckt. Auch hier wie bei dem Sarawak, tritt das
+Wasser an vielen Stellen tief in das Land, eine Eigenthümlichkeit
+der meisten Flüsse auf Borneo; ihre Ufer sind so niedrig, daß alles
+meilenweit unter Wasser steht und sich Sümpfe und Moräste bilden.
+
+Herr Lee war von meiner Ankunft unterrichtet, und hatte diese Nachricht
+den Eingebornen mitgetheilt, die von allen Seiten herbeiströmten um
+mich zu sehen, da eine weiße Frau noch nie hierher gedrungen war.
+Vom Morgen bis Abend mußte ich so gefällig sein, mich betrachten zu
+lassen. Die Besucher, Malaien und Dayaker, benahmen sich aber sehr
+bescheiden; ihre Neugierde war nicht belästigend; sie reichten mir die
+Hand, setzten sich nieder und begafften mich stillschweigend. Einige
+der Dayakerinnen hatten kurze Oberleibchen an, die sie jedoch bei dem
+Eintritte in das Zimmer ganz ungenirt ablegten.
+
+Den folgenden Tag erwiederte ich einige Besuche. Ich fand bei den
+Malaien alles so wie zu Sarawak und hielt mich daher nicht lange
+bei ihnen auf. Ich zog es vor, einen unabhängigen Dayaker-Stamm[16]
+in der Nähe von Sacaran zu besuchen. Hier fand ich eine große Hütte
+von wenigstens 200 Fuß Länge. In der Veranda war so vielerlei Kram
+ausgelegt, daß ich diese Dayaker für Kaufleute gehalten hätte, wenn es
+solche unter ihnen gäbe. Da lagen Stoffe von Zeug oder Bast, herrliche
+Matten, schön geflochtene Körbe von allen Größen und Formen und von
+ausnehmend geschickter Arbeit; dort standen einige jener kostbaren
+Vasen, deren Werth ich noch immer nicht begreifen konnte, -- hier
+hingen Parangs, Trommeln, Gongs; alle ihre Reichthümer waren zur Schau
+gestellt, der großen Vorräthe an bereiteten Bambus und Nipa, so wie
+der aufgestapelten Säcke von Reis und anderen Lebensmitteln nicht zu
+vergessen.
+
+Auch sah ich bei diesen Dayakern ungleich mehr Schmuck als bei jenen
+auf dem Berge Serambo. Manche der Männer waren überladen damit. Sie
+hatten den Hals bis an die Brust mit Glasperlen, Zähnen des Honigbären
+und Muscheln behängt, die Arme bis an die Ellbogen, die Füße bis
+an die Hälfte der Waden mit Messingreifen umgeben. An einem der
+Oberarme trugen sie häufig ein aus einer weißen Muschel geschnittenes
+Armband, welches unter ihnen für sehr werthvoll gilt. Allein das
+allerwerthvollste für sie ist ein Hals- und Armband von Menschenzähnen.
+Die Ohren waren durchstochen und mit Messingringen geschmückt. Ich
+zählte an einem derselben 15 Ringe, von welchen jeder an Umfang zunahm;
+der größte hing bis an die Schulter hinab und hatte gewiß drei Zoll
+im Durchmesser. An diesen letzten war noch ein Blatt, eine Blume, ein
+Messing-Kettchen oder sonst irgend ein Gegenstand befestigt. Auf
+dem Kopfe trugen manche ein Käppchen von rothem Stoffe, mit Perlen,
+Muscheln und Messingblättchen verziert und mit einer hohen Feder des
+schönen Argusvogels. Andere hatten ein Stück Bastzeug kranzartig
+um den Kopf geschlungen, dessen Enden breit ausgefranst waren und
+aufgestülpten Federn glichen. Ein so geschmückter Mann sah etwas
+komisch aus, oben voll Putz, unten nackt.
+
+Die Weiber trugen ungleich weniger Schmuck: sie hatten keine
+Ohrgehänge, keine Bärenzähne und nur selten Glasperlen. Dagegen war
+ihr Raway, hier Sabit genannt, acht bis neun Zoll breit, und war mit
+einer Unzahl Messing- oder Bleiringe besetzt. Ich hob eines dieser
+Prachtstücke auf und glaube nicht zu übertreiben, wenn ich sein Gewicht
+auf zwanzig Pfund schätze.
+
+Herr Lee ersuchte den Häuptling, den Schwert-Tanz aufführen zu lassen.
+Zwei Parangs wurden zu diesem Zwecke kreuzweise auf den Boden gelegt.
+Die Tänzer waren zwei festlich geschmückte Jünglinge. Sie hatten rothe,
+schmale Tücher mit Goldbörtchen besetzt, um den Kopf geschlagen und ein
+langes Stück buntes Zeug, gleich einem Shawl über die Achsel geworfen.
+Der Tanz war äußerst zierlich und anständig. Hier hatten nicht nur
+die Hände und Arme, sondern auch die Füße zu thun. Die beiden Tänzer
+machten hübsche Stellungen und vollführten kunstvolle Bewegungen.
+Erst tanzten sie einige Minuten um die Schwerter, dann schienen sie
+sie erheben zu wollen, sprangen aber jedesmal, wie von Ersetzen
+erfaßt, zurück, bis sie dieselben endlich wirklich erhoben und in der
+geübtesten Weise kreuzten, gleich den best geschulten Fechtern. --
+Unstreitig war dies der schönste Tanz, den ich bisher von Wilden hatte
+aufführen gesehen. Die Musik bestand aus zwei Trommeln und einem Gong.
+
+Denselben Tag besuchte ich noch einen zweiten Stamm, weiter aufwärts an
+dem Strome. Ich fand alles eben so wie bei dem ersteren; nur sah ich
+hier zwei erst kürzlich abgeschnittene Menschenköpfe. Es hatte zwar bei
+dem andern Stamme an diesen gewöhnlichen Trophäen auch nicht gefehlt;
+sie waren aber schon alt und in vollkommene Todtenschädel verwandelt;
+diese im Gegentheil erst vor wenig Tagen erobert, sahen fürchterlich
+aus. Der Rauch hatte sie kohlschwarz gefärbt, das Fleisch war halb
+eingetrocknet, die Haut unversehrt. Lippen und Ohren waren ganz
+zusammengeschrumpft; erstere standen weit von einander, so daß sich
+das Gebiß in seiner ganzen Häßlichkeit zeigte. Von den noch reich mit
+Haaren bedeckten Köpfen hatte einer die Augen offen, die ebenfalls halb
+eingetrocknet, weit in ihre Höhlen zurückgetreten waren. Die Dayaker
+nahmen die Köpfe aus dem Geflechte, in welchem sie hingen, um sie mir
+genau zu zeigen -- ein fürchterlicher Anblick, den ich nicht leicht
+vergessen werde.
+
+Sie hauen die Köpfe so knapp am Rumpfe ab, daß man nur auf eine äußerst
+geübte Hand schließen kann. Das Gehirn wird am Hintertheil des Kopfes
+herausgenommen.
+
+Als sie die Köpfe in die Hand nahmen, spieen sie ihnen in’s Gesicht,
+die Knaben gaben ihnen Püffe und spieen auf die Erde. Die sonst ruhigen
+und friedlichen Gesichter nahmen bei dieser Gelegenheit einen starken
+Ausdruck von Wildheit an.
+
+Ich schauderte, -- konnte aber doch nicht umhin zu bedenken, daß wir
+Europäer nicht besser, ja im Gegentheile schlechter sind als diese
+verachteten Wilden. Ist nicht jedes Blatt unserer Geschichte voll
+Schandthaten, Morde und Verräthereien jeder Art? -- Was läßt sich
+vergleichen mit den Religionskriegen in Deutschland und Frankreich, mit
+der Eroberung Amerikas, mit dem Faustrechte, mit der Inquisition? Und
+selbst in neueren Zeiten, nachdem wir vielleicht feiner und gebildeter
+in der äußeren Form, sind wir deshalb weniger grausam? -- Nicht eine
+kleine, elende Hütte, gleich den rohen, unwissenden Dayakern, sondern
+geräumte Hallen, die größten Paläste, könnten manche berühmte Männer
+Europas mit den Köpfen schmücken, die ihren herrschsüchtigen und
+ehrgeizigen Plänen zum Opfer gefallen sind! Hat Napoleon in seinen
+Eroberungszügen nicht Millionen geschlachtet? Werden die meisten Kriege
+aus anderen Ursachen, als aus Habsucht und Raubgier eines Einzelnen
+unternommen? Wahrlich ich wundere mich, wie wir Europäer es wagen
+können, Zeter und Wehe über arme Wilde zu schreien, die zwar ihre
+Feinde umbringen gleich uns, die aber die Entschuldigung für sich
+haben, daß sie weder Religion noch Bildung besitzen, welche ihnen
+Sanftmuth, Milde und Abscheu vor Blutvergießen predigen.
+
+In vielen Reisebeschreibungen liest man, daß die Dayaker ihrer
+Auserwählten die Liebe dadurch beweisen, daß sie ihr einen Menschenkopf
+zu Füßen legen. Der Reisende, Herr +Temmingk+, sagt jedoch, dieß sei
+nicht wahr. Derselben Meinung möchte ich auch beistimmen. Wo sollten
+alle die Köpfe hergenommen werden, wenn jeder Jüngling seiner Braut
+ein derartiges Geschenk machte? Die traurige Sitte des Köpfens scheint
+vielmehr aus Aberglauben entstanden zu sein. Erkrankt z. B. ein Rajah
+oder unternimmt er eine Reise zu einem anderen Stamme, so gelobt er
+und sein Stamm einen Kopf im Falle der Genesung oder der glücklichen
+Wiederkehr. Stirbt er, so werden auch ein oder zwei Köpfe geopfert. Bei
+Friedensschlüssen wird ebenfalls von manchen Stämmen von jeder Seite
+ein Mann geliefert, um geköpft zu werden; bei den meisten jedoch werden
+Schweine statt der Menschen geopfert.
+
+Ist ein Kopf gelobt, so muß er um jeden Preis herbeigeschafft werden.
+Gewöhnlich legen sich dann einige Dayaker in einen Hinterhalt. Sie
+verbergen sich in dem drei bis sechs Fuß hohen Jungle-Grase, oder
+zwischen Bäumen oder abgehauenen Zweigen, unter dürrem Laube, und
+harren Tagelang ihres Opfers. Nähert sich ein menschliches Wesen, Mann,
+Weib oder selbst ein Kind dem Verstecke, so schießen sie erst einen
+vergifteten Pfeil ab, dann springen sie gleich Tigern auf ihre Beute
+los. Mit einem einzigen Hiebe trennen sie den Kopf vom Rumpfe. Der
+Körper wird sorgfältig verborgen, der Kopf aber in ein Körbchen gelegt,
+welches besonders zu diesem Zwecke bestimmt und mit Menschenhaaren
+verziert ist.
+
+Derlei Morde sind natürlich stets Veranlassungen zu Kriegen. Der Stamm,
+aus welchem ein Mitglied getödtet wurde, zieht zu Felde und ruht
+nicht eher, als bis er zum Ersatze einen, auch zwei Köpfe hat. Diese
+werden dann im Triumphe, unter Tanz und Gesang nach Hause gebracht und
+feierlich aufgehangen. Die darauf folgenden Festlichkeiten dauern einen
+ganzen Monat.
+
+Die Dayaker lieben die Köpfe so sehr, daß wenn sie mit den Malaien
+vereint einen Piratenzug oder eine Fehde unternehmen, sie sich blos
+die Köpfe ausbedingen und alle übrige Beute den habgierigen Malaien
+überlassen.
+
+Sie verschieben ihre Züge stets bis nach der Reisernte, die für sie zu
+wichtig ist, um unterbrochen zu werden, und nehmen Weiber und Kinder
+mit sich.
+
+Ich bedauerte sehr, nicht acht Tage früher gekommen zu sein. Ich
+hätte der Feier eines Friedenschlusses beiwohnen können, der, Dank
+dem eifrigen Bestreben Rajah Brooke’s, zwischen zwei unabhängigen
+Dayaker-Stämmen geschlossen worden war. Herr Lee erzählte mir, daß
+die beiden feindlichen Häuptlinge (Rajah’s) von 20 oder 30 ihrer
+Leute begleitet, vor sein Haus kamen. Jeder brachte ein Schwein mit.
+Nach langen Reden zwischen den Häuptlingen und dem Volke, wurden die
+Schweine geköpft, aber nicht durch Dayaker, sondern durch Malaien.
+Fällt der Kopf auf einen Streich, so bedeutet es Glück. Die Schweine
+wurden nicht verzehrt, sondern in den Fluß geworfen. Sie schließen ihr
+Bündniß nicht auf Jahre (diese Rechnung ist ihnen unbekannt), sondern
+auf Reisernten.
+
+Herr Lee hatte ebenfalls versucht, mir mein Vorhaben, in das Innere
+des Landes zu dringen, auszureden. Den Nachrichten zu Folge, die er
+erst kürzlich von jenen Gegenden erhalten hatte, war ein Häuptling
+getödtet worden und alles in Krieg verwickelt. Mein Entschluß, so weit
+vorzudringen als man mich ließe, stand jedoch fest, und ich schiffte
+mich am
+
++22. Januar+ auf dem +Luppar+ ein, mit der Absicht stromaufwärts bis
+an das Gebirge +Sekamil+ zu gehen. Ich nahm, außer dem Malaischen
+Diener, den mir Kapitän Brooke mitgegeben hatte, und acht Malaischen
+Bootsleuten, noch den Koch Herrn Lee’s als Steuermann mit, der mir
+durch die Güte des Herrn Lee zur Verfügung gestellt und von großem
+Nutzen wurde, weil er einige Worte Englisch sprach.
+
+Die Reise begann sogleich in dem Gebiete der freien Dayaker, und zwar
+der Stämme, die als sehr wild bekannt sind.
+
+Zeitlich des Nachmittags landeten wir an einem ihrer Wohnplätze, um
+daselbst die Nacht zuzubringen. Mein Hauptbestreben war, stets mich
+ihnen vertrauungsvoll und herzlich zu nahen. Ich schüttelte Männern und
+Weibern die Hände, setzte mich unter sie, sah ihren Arbeiten zu, nahm
+die Kinder auf den Schooß u. s. w. Dann begab ich mich in den Wald,
+um nach Insekten zu suchen. Daß mir ein ganzer Zug der Eingebornen,
+besonders der Kinder folgte, versteht sich von selbst. Sie wollten
+sehen wohin ich ginge, wozu mir das Schmetterlingnetz und die Schachtel
+diente, die ich zur Aufbewahrung der Insekten stets mit mir trug. Sie
+betrachteten mein Thun und Lassen gerade so wie ich das Ihrige. Anfangs
+lachten sie mich wohl aus, wenn sie sahen mit welcher Emsigkeit ich
+nach jedem Schmetterlinge, nach jeder Fliege haschte[17]; doch kaum
+hatte ich ihnen begreiflich gemacht, daß ich Arzneien daraus bereite,
+als aus den Lachern gewöhnlich eben so viele Sucher wurden. Es war
+nothwendig, ihnen etwas derartiges, für ihr Fassungsvermögen passendes
+zu sagen. Ich habe ihnen vieles von meinen Sammlungen zu verdanken.
+
+Mit der Abend-Dämmerung heimkehrend, fand ich ein Plätzchen, mit
+reinlichen Matten belegt, für mich bereit. Die Leute setzten sich zwar
+in meine Nähe, berührten aber nicht das Geringste; ihre Achtung vor
+meinem Eigenthume war so groß, daß wenn ich meinen Platz verließ, sie
+ebenfalls hinweg gingen. Ich konnte ruhig alles offen umher liegen
+lassen. Auch wenn ich aß, setzten sie sich weiter von mir weg, um mich
+nicht zu stören. Man gab mir gewöhnlich Reis und Hühner-Kuri[18].
+Leider war letzteres stets mit ranzigem Kokosöl zubereitet; da ich
+jedoch vom frühen Morgen bis späten Abend nichts über die Lippen
+brachte, that der Hunger sein Bestes; kam es manchmal gar zu arg, so
+hielt ich die Nase zu und suchte mein Mahl so schnell als möglich zu
+verschlucken.
+
+Lange des Abends blieben die Dayaker wach. Erst nach elf Uhr erlosch
+ein Feuer nach dem andere und dicke Finsterniß umgab mich. Dennoch
+war mir in einer solchen Nacht nicht bange zu Muthe, obwohl ich mich,
+von jeder Hilfe abgeschnitten, ganz allein unter so begeisterten
+Kopfliebhabern befand. Ich wußte, daß Rajah Brooke’s Namen bis hierher
+gedrungen sei und daß ich unter dem Schutze der Achtung die man ihm
+zollt, sicher ruhen konnte.
+
++23. Januar.+ Während des Tages fiel nichts vor; wir fuhren an mehreren
+Dayakerplätzen ungestört vorüber. Nachmittags kehrten wir wieder bei
+einem Stamme ein. Hier sah es aber nicht sehr gemüthlich aus, denn
+die Leute waren erst vor zwei Tagen von einem Kampfe heimgekehrt und
+hatten einen Kopf mitgebracht, der nebst andern schon beinah ganz
+ausgetrockneten, über der Feuerstelle hing, an der mein Lager bereitet
+wurde. Es ist dies nämlich der Ehrenplatz, der dem Gaste geboten wird,
+-- eine höchst widerliche Auszeichnung, die man doch nicht ausschlagen
+darf. Die dürren Schädel, die in dem starken Zugwinde gegen einander
+klapperten, der unbeschreibliche, erstickende Gestank, der von dem
+frischen Kopfe ausging, und den mir der Luftzug zeitweise in’s Gesicht
+trieb, der Anblick der Leute, die noch sehr aufgeregt schienen und
+beständig um mein Lager kreisten, als schon alle Feuer erloschen waren,
+brachte mich um Schlaf und Ruhe. Ich gestehe aufrichtig, meine Angst
+war so groß, daß ich in eine Art Fieber verfiel. Länger konnte ich
+nicht liegen bleiben und wagte doch nicht aufzustehen. Ich setzte mich
+aufrecht und meinte jeden Augenblick das Messer schon an meinem Nacken
+zu fühlen. Erst gegen Morgen sank ich ermüdet und erschöpft auf mein
+Lager zurück.
+
++24. Januar.+ Das Reisen auf Borneo geht unendlich langsam von statten.
+Es ist unmöglich, die Bootsleute in den schönen frühen Morgenstunden
+zum Aufbruche zu bringen. Sie müssen erst ihren erbärmlichen Reis
+kochen, und dazu benöthigen sie so viel Zeit, wie bei uns ein Koch mit
+dem größten Mittagsmahle. Während der Fahrt halten sie ebenfalls jeden
+Augenblick mit dem Rudern inne, der Eine um sein Siri zu bereiten,
+der Andere um Strohcigarren zu wickeln oder zu rauchen, so daß im
+Durchschnitte kaum die Hälfte der Leute arbeitet. Noch nie ward meine
+Geduld so auf die Probe gesetzt, wie auf dieser Reise.
+
+Der Malaie, den mir Kapitän Brooke mitgegeben hatte, und von dem er
+versichert zu sein glaubte, daß er mir gute Dienste leisten würde[19],
+war der unausstehlichste von allen. Er sollte mich bedienen und zu
+gleicher Zeit die Leute zur Arbeit, zum frühen Aufbruche anhalten. Von
+alle dem that er nicht das Geringste; seinetwegen konnten die Leute um
+Mittag aufbrechen. Er blieb ruhig liegen, oder rauchte und plauderte,
+und statt mich zu bedienen, ließ er sich bedienen. Befahl ich ihm
+etwas, so gab er mir keine Antwort, oder kehrte mir den Rücken zu, so
+daß ich alle Dienste, deren ich benöthigte, von den Bootsleuten fordern
+mußte.
+
+Die Fahrt wurde nun mit jedem Ruderschlage reizender. Die Ufer
+erhöhten sich, üppige Reispflanzungen verdrängten die Moräste, und
+weiter im Hintergrunde erschienen freundliche Hügelketten. Unter
+den Bäumen gab es wahre Prachtexemplare, manche mit Stämmen von 120
+bis 140 Fuß Höhe, andere mit tief herabhängenden Aesten, die sich
+weit über die Wasserfläche streckten und kühle Laubdächer bildeten.
+Auf hohen, schlanken Bäumen mit sehr wenig Aesten findet man häufig
+große Bienenstöcke. Um sie des Honigs zu berauben, verfertigen die
+Eingebornen eine Art Leiter aus Bambus, die je zu zwei und zwei Fuß an
+dem Stamm befestiget ist, von welchem sie ungefähr sechs Zoll absteht,
+und die oft bis zu einer Höhe von 80 Fuß führt.
+
+Auch heute, wie gestern, kehrte ich bei Dayakern ein. Kaum hatte ich
+mich auf mein Lager begeben, so hörte ich ein schnelles, taktmäßiges
+Klatschen. Ich erhob mich und ging neugierig der Stelle zu, von welcher
+diese Musik kam. Da lag ein Mann ausgestreckt und unbeweglich auf
+der Erde, auf dessen Körper ein halbes Dutzend Jünglinge mit flachen
+Händen abwechselnd losschlug. Ich hielt den Mann für todt und staunte
+über diese sonderbare Zeremonie, die mit seinem Körper vorgenommen
+wurde. Allein nach einer Weile sprang der vermeinte Todte unter dem
+schallenden Gelächter der Jünglinge auf und -- das Spiel war zu Ende.
+So viel ich verstand, hält man dergleichen Uebungen für sehr nützlich
+für den Körper, da sie ihm Biegsamkeit und Kraft verleihen sollen.
+
++25. Januar.+ Immer schönere Ansichten bieten sich dem Blicke dar.
+Die Berge vervielfältigen sich und werden höher und höher; manche der
+Spitzen, die ich heute sah, mochten über 3000 Fuß hoch sein. Mich
+erinnerte die Reise auf Borneo zum Theil an jene im Innern Brasiliens.
+Hier wie dort undurchdringlicher Urwald mit erdrückender Vegetation,
+hier wie dort wenig gelichtetes Land, wenig bewohnte Plätze. Der
+einzige Unterschied ist, daß Borneo von zahllosen Flüssen und Flüßchen
+durchschnitten wird, während Brasilien nur wenige, dagegen aber desto
+mächtigere Ströme besitzt. Was könnte aus beiden Ländern geschaffen
+werden[20], wären sie mit friedlichen, arbeitsamen Menschen bevölkert!
+Leider ist dies nicht der Fall; Eingeborne sind nur wenige, und diese
+denken mehr an Krieg und Zerstörung, als an Kultur und Arbeit, und die
+weißen Ansiedler schließt theilweise das Klima aus.
+
+Eine Sonderbarkeit Borneo’s ist die dunkelbraune Farbe seiner Gewässer.
+Einige Reisende behaupten, sie rühre von den vielen Blättern her, die,
+da die Ufer dicht mit Waldungen besetzt sind, in die Flüsse fallen und
+verfaulen. Dieser Meinung möchte ich beinahe widersprechen, denn auf
+der Insel +Ceram+, welche ich später bereiste, und die an Wäldern,
+an Flüssen eben so reich ist wie Borneo, fand ich das Wasser überall
+krystallhell.
+
++Alexander von Humboldt+ bemerkte diese dunkle Farbe auch an Flüssen
+in Amerika, und er fügt bei, daß in derlei Gewässern weder Krokodile
+noch Fische leben. Auf Borneo ist dies nicht der Fall. Hier fehlt es
+nirgends an Kaimans (zum Geschlechte der Krokodile gehörig) und Fischen.
+
+Abends saß ich wieder unter einem Schwarme Dayaker und unterhielt mich
+mit ihnen mittelst eines Malaischen Dolmetschers und des Koches so
+gut es ging. Ich frug sie, ob sie an einen großen Geist glaubten, und
+ob sie Götzen und Priester hätten. So viel ich aber verstehen konnte,
+glauben sie an nichts und haben weder Götzen noch Priester. Ersteres
+mag vielleicht nicht der Fall sein, ich kann sie schlecht verstanden
+haben; was aber letztere anbelangt, so habe ich deren wirklich nie bei
+ihnen gesehen. Dagegen fehlt es nicht an Rajah’s; jedem Häuptlinge,
+wenn sein Stamm auch nur aus einigen Dutzend Familien besteht, wird
+dieser hochtrabende Titel beigelegt. Dies erinnerte mich an Ungarn und
+Polen, wo sich alles, was nicht leibeigen war, „Edelmann“ nannte.
+
+Wir waren in der besten Unterhaltung, als ein Junge eine wilde Taube
+brachte, die er im Walde gefangen hatte. Ein Mann nahm sie ihm ab,
+drehte dem armen Tierchen den Hals um, zog ihm einige der längsten
+Flügelfedern aus und warf es in’s Feuer. Kaum waren die übrigen Federn
+halb verbrannt, als er sie vom Feuer nahm, den Kopf und die äußersten
+Flügelenden abriß, und einem neben ihm stehenden, begierig darauf
+harrenden Kinde gab. Er legte die Taube hierauf zum zweiten Male in
+das Feuer, aber nur auf einige Augenblicke, nahm sie wieder weg und
+zerriß sie in sechs Stücke, die er an eben so viele Kinder vertheilte.
+Er selbst kostete nicht einmal davon. Ich hatte schon bei vielen
+Gelegenheiten bemerkt, daß die Dayaker sehr zärtliche Eltern sind.
+
+Denselben Abend brach ein fürchterliches Ungewitter los, von echt
+tropischen Regengüssen (bei uns Wolkenbruch genannt) und heulendem
+Sturme begleitet. Ein Windstoß löschte alle Feuer aus. Wir sprangen auf
+und flüchteten in das Innere des Hauses, jeden Augenblick gewärtig, daß
+ein zweiter das Blätterdach über unsern Häuptern davon tragen würde.
+Aber wie alles zu Heftige selten lange anhält, so war es auch mit
+diesem Sturme: in einer halben Stunde war er vorüber. Die Leute hatten
+angefangen, aus Leibeskräften zu singen und den Gong zu schlagen, wie
+ich glaubte, um den Sturm zu übertäuben und zu vertreiben, und sie
+fuhren damit bis zum frühen Morgen fort. Ihre Gesänge glichen einem
+tollen Geheule. Ich unterschied zwei Melodien, die beide von einem
+Vorsänger vorgeschrieen wurden, und an deren Ende die übrigen jedesmal
+einfielen. Vier Jünglinge führten auch einen Tanz auf. Sie tappten mit
+langsamen, gleichmäßigen Schritten um die Feuerstelle, über welcher
+die Todtenschädel hingen. Jeder der Jünglinge hatte einen tüchtigen
+Knittel in der Hand, mit dem er bei jedem Schritte heftig auf den Boden
+stieß. Zeitweise spuckten sie nach den Schädeln. Wie ich später erfuhr,
+galt diese Musik und dieser Gesang nicht dem Sturme; es war ein Fest,
+welches einem Kriegszug voranging.
+
+Bei allen Stämmen, die ich auf dieser Reise gesehen hatte, wohnte der
+Häuptling in keiner abgesonderten Hütte, sondern gemeinschaftlich mit
+den Familien. Die Jünglinge schliefen und wohnten in den Veranden
+(Vorplätzen).
+
++26. Januar.+ Meine Reise unter den wilden Dayakern ging so ohne alle
+Gefahr und Schwierigkeiten vor sich, obwohl ich manchmal Ursache hatte,
+das Schlimmste zu fürchten, daß ich schon anfing, mich einer gänzlichen
+Sorglosigkeit hinzugeben. Heute sollte ich eines andern belehrt werden.
+
+Ich saß ruhig in meinem Prauh, als uns ein kleines Kanoe entgegen
+kam, in welchem vier Dayaker saßen, die mit größtmöglichster Eile
+stromabwärts ruderten. Sie hielten bei uns nicht an, sondern schrieen
+uns blos im Vorüberfahren zu, so schnell als möglich umzukehren, da der
+nächste Stamm, mehr aufwärts am Flusse, gerade zum Kriege ausziehe. Sie
+selbst seien nur entkommen, weil man sie nicht gesehen habe.
+
+Diese Nachricht machte mich höchst bestürzt. So nahe dem Gebirge --
+diesen Abend sollten wir an dessen Fuß gelangen -- und nun umkehren!
+Ich hielt Rath mit dem Koche, dem einzigen Mann, mit dem ich einige
+Worte sprechen konnte, und suchte ihn für die Weiterfahrt zu stimmen.
+Glücklicher Weise war er ein beherzter Mensch; er meinte, daß, obwohl
+die Dayaker auf ihren Kriegszügen gewöhnlich alles niedermachen, was
+ihnen in die Hände fällt, sie doch vielleicht Rajah Brooke’s Flagge
+achten würden. Ich gab ihm Recht, ließ sogleich die Flagge aufziehen,
+und die Reise wurde, gegen den Willen der anderen Bootsleute,
+fortgesetzt.
+
+Wir fuhren nicht lange, so vernahmen wir schon den Kriegsgesang
+mit Begleitung des Gongs und der Trommel. Noch bargen uns die
+hochbewaldeten Ufer; aber wenig Ruderschläge weiter, bei einer Krümmung
+des Flusses, zeigte sich uns ein Bild, das wohl den beherztesten Mann
+mit Furcht erfüllt hätte. Auf einer kleinen Erhöhung am Ufer standen
+die Wilden, gewiß Hundert an der Zahl, mit hohen, schmalen Schilden,
+und mit Parangs in den Händen. Bei unserem Anblicke stieg ihr Geschrei
+auf’s Höchste, und ihre Geberden wurden fürchterlich.
+
+Das Herz erbebte mir im Leibe; doch zur Rückkehr war es zu spät.
+Entschlossenheit allein konnte uns retten. Dem Hügel gegenüber,
+mitten im Flusse, lag eine Sandbank. Auf diese sprang mein wackerer
+Koch und begann eine Unterhandlung mit dem Rajah, von welcher ich
+leider kein Wort verstand, da sie in Dayakischer Sprache vor sich
+ging. Um so größer war meine Bestürzung, als plötzlich die Wilden die
+kleine Anhöhe herabsprangen, sich theils in Kanoe’s, theils ins Wasser
+stürzten, rudernd und schwimmend auf mein Prauh zu kamen und es von
+allen Seiten umringten und erstiegen. Nun, dachte ich, sei der letzte
+Augenblick meines Lebens gekommen. Doch bald vernahm ich die Stimme
+des Koches, der sich durch die Leute drängte und mir zuschrie, daß man
+uns willkommen hieße. Zu gleicher Zeit wurde auf der Anhöhe ein weißes
+Fähnlein als Friedenszeichen aufgesteckt.
+
+Wer je dem Tode wirklich nahe war, der allein kann sich eine
+Vorstellung machen von der Angst, die ich ausgestanden, so wie von der
+Freude, die mich nun erfüllte, als ich mich gerettet sah! Alle diese
+heftigen Gemüthsbewegungen mußte ich unterdrücken und stets die größte
+Kaltblütigkeit zeigen, da dies noch das einzige Mittel ist, den Wilden
+Achtung einzuflößen. Der Koch hatte Recht, Rajah Brooke’s Flagge war
+der Talisman, der uns schützte. Nicht nur daß uns die Leute nichts
+zu Leid thaten; im Gegentheile benahmen sie sich sehr freundlich,
+und luden mich ein, mit ihnen an’s Land zu gehen, was ich auch that,
+um ihnen zu zeigen, daß ich ihre Einladung ehrte und schätzte. Diese
+Achtung und Verehrung, welche die Dayaker für Rajah Brooke bewiesen,
+rührte mich sehr. Man sieht daraus, wie dankbar die wilden Völker sind,
+wenn man es wirklich gut und aufrichtig mit ihnen meint. Hätte ich doch
+in diesem Augenblicke die Feinde dieses edlen Mannes um mich gehabt!
+Wie tief würde sie nicht diese Scene beschämt haben![21]
+
+Als ich an das Land stieg, fand ich die Weiber und Kinder hinter der
+Anhöhe unter Zelten gelagert. Sie empfingen mich so freundlich wie
+ihre Männer; ich mußte mich sogleich zu ihnen setzen. Auf dem Boden
+lagen viele Eßwaaren ausgebreitet, besonders eine Menge kleiner flacher
+Kuchen von allerlei Farben, weiß, gelb, braun und schwarz. Sie sahen so
+schmackhaft aus, daß ich mit wahrer Lust darein biß. Aber wie bereute
+ich meine Naschhaftigkeit! Die weißen Kuchen bestanden aus Reis-,
+die gelben aus Mais-Mehl. Das Mehl war grob gestoßen, und mit weiter
+nichts als mit einer reichlichen Portion ranzigen Fettes angemacht, das
+aus der Frucht Kawan gewonnen wird. Die braunen und schwarzen Kuchen
+erhielten ihre Farbe von der mehr oder minderen Beimischung eines
+schwarzen Syrups, der aus Zuckerrohr oder von dem Safte verschiedener
+Palmen bereitet wird. Um die guten Leute, die mir mit Gewalt von allem
+geben wollten, nicht zu beleidigen, schluckte ich mit Ekel einige
+Bissen hinab.
+
+Unter den Männern, welche mich umgaben, hatten viele das Körbchen an
+der Seite hängen, welches zum Empfange des eroberten Kopfes bestimmt
+ist. Es war höchst zierlich geflochten, mit Muscheln geschmückt und
+mit Menschenhaaren behangen. Die letztere Zierde darf jedoch nur der
+Dayaker tragen, der bereits einen Kopf erbeutet hat.
+
+Nach eingenommenem Mahle drangen sie in mich, ihren Wohnplatz zu
+besuchen, der tiefer im Walde lag. Ich brach sogleich mit ihnen auf
+und zwar ohne einen einzigen meiner Leute mitzunehmen, wohl wissend,
+daß man bei wilden Völkern um so geachteter und sicherer ist, je mehr
+Zutrauen man ihnen zeigt.
+
+Ihre Hütten fand ich wie die der übrigen Stämme. Sie baten mich, den
+Rest des Tages und die Nacht bei ihnen zuzubringen; allein ich zog es
+vor, noch diesen Tag bis an den Fuß des Gebirges zu fahren, und nach
+kurzer Rast nahm ich herzlichen Abschied von meinen neuen Freunden.
+Männer und Weiber begleiteten mich bis an mein Prauh, drückten mir die
+Hände und luden mich ein, wieder zu kommen. Sie gaben mir Früchte,
+Kuchen, Eier, nebst einem Bambusrohre voll gekochten Reises mit auf den
+Weg.
+
+Des Abends erreichte ich +Beng-Kalang-Sing-Toegang+, einen Ort mit
+einigen Dutzend Hütten, am Fuße des Gebirges Sekamil gelegen, Sitz
+eines Malaischen Rajah’s, dem ich durch einen Brief von Kapitän Brooke
+angelegentlichst empfohlen war.
+
+Hier verabschiedete ich mein Prauh; die Wasserfahrt, deren Länge von
+Sacaran bis an das Gebirge ungefähr 150 Meilen betragen mochte, hatte
+vorläufig ein Ende; es handelte sich nun darum, das Gebirge selbst zu
+übersteigen. Glücklicherweise erbot sich der Rajah, mich persönlich zu
+begleiten, und somit stand dieser gefährlichen Reise nichts mehr im
+Wege. Der nächste Tag verging mit den Vorbereitungen. Der Rajah suchte
+die Mannschaft aus, die er mitnehmen wollte, ließ die Waffen in Stand
+setzen, die Lebensmittel bereiten u. s. w. Ich benützte diese Zeit,
+das Leben und Treiben der Leute zu beobachten.
+
+Zu der Gattin des Fürsten hatte ich unbedingten Zutritt, nicht nur
+weil ich eine Frau war, sondern auch weil, wie ich schon früher
+erwähnt habe, bei den Malaien die Frauen bei weitem nicht so strenge
+abgeschlossen sind, wie bei den Türken. Die Frau war noch sehr
+jung, gehörte aber nicht zu den schönsten ihres Geschlechtes; im
+Gegentheile war ihrem Gesichte ein Stempel ganz besonderer Trägheit
+und Theilnahmslosigkeit aufgedrückt. Nicht einmal ihr Kind, das um sie
+spielte, konnte ihr ein Lächeln oder eine freundliche Miene abgewinnen.
+Das fürstliche Ehepaar zeichnete sich in der Kleidung von seinen
+Unterthanen und Sklaven nicht im Geringsten aus; das Kind ging, gleich
+den andern Kindern, ganz nackt. Besser beschaffen war die Einrichtung
+des Schlafgemaches, das durch hohe Bambus-Wände von der Küche und den
+übrigen Räumen abgesondert, zugleich als Empfangssaal diente. Hier gab
+es schön gestickte Kissen, eingelegte Holzkästchen, reinliche Klambu’s
+und drei jener räthselhaften, kostbaren Vasen.
+
+Die Malaien halten Sklaven. Sie verdammen hiezu die Kriegsgefangenen
+sowie auch die Schuldner, die nicht bezahlen können. Letztere
+müssen so lange als Sklaven dienen, bis sie von ihren Verwandten
+oder Freunden ausgelöst werden, was natürlich selten geschieht, da
+das Volk durchschnittlich sehr arm ist. Die Sklaven werden aber
+sehr gut behandelt; sie gehören zur Familie und ich würde nie ein
+Sklaven-Verhältniß bemerkt haben, hätte man es mir nicht gesagt.
+
++28. Januar.+ Nun ging es an die Fußreise. Ich hatte dazu eine sehr
+zweckmäßige, einfache Kleidung. Ich trug ein kurzes Beinkleid, das mir
+bis über die Knie reichte, einen Rock und eine Cabaya. Der Rock ging
+mir zwar bis an die Knöchel, ich schürzte ihn aber während des Marsches
+auf und ließ ihn erst hinab, wenn die Tagereise vollendet war. Auf
+dem Kopfe hatte ich einen herrlichen Bambus-Hut von der Insel Bali,
+undurchdringlich für Regen und Sonnenschein. Um gegen den Sonnenstich
+gänzlich gesichert zu sein, legte ich noch unmittelbar auf den Kopf
+ein Stück von einem Banana-Blatte. Was die Fußbekleidung anbelangte,
+so mußte ich den Strümpfen und theilweise auch den Schuhen entsagen,
+da der Weg häufig durch Sümpfe und Wasser führte. Wer ähnliche Reisen
+unternimmt, muß abgehärtet sein wie der Eingeborne. Ich war es, weil
+ich es sein wollte. Ich schlief gar viele Nächte auf der bloßen Erde
+in Wäldern und hatte gar manche Tage zu meiner Nahrung nichts als in
+Wasser gekochten Reis.
+
+Unser Zug bestand, außer dem Rajah, mir und meinem Diener, noch aus
+zwölf Mann Gefolge, theils Dayaker, theils Malaien, von welchen die
+Hälfte mit Gewehren bewaffnet war.
+
+Ich machte mich nicht nur auf schlechte Wege, sondern auch auf das
+Ersteigen eines hohen Gebirgspasses gefaßt. Letzteres war jedoch
+nicht der Fall. Wir wanden uns stets durch schmale Thäler, in wenig
+aufsteigender Richtung; ich glaube kaum, daß wir uns mehr als 500 Fuß
+erhoben. Die Wege dagegen waren gräßlich -- eine ununterbrochene Kette
+von Bächen, Sümpfen und stehenden Gewässern, in die wir oft tief über
+die Knie einsanken. Von den Höhen hatten wir überraschende Ansichten.
+Dreifache Gebirgsketten thürmten sich hintereinander auf; große Thäler
+lagen dazwischen, von schönen Flüssen durchschnitten, aber alles in dem
+tiefen Schlummer dichter, undurchdringlicher Waldungen begraben. Selten
+kamen wir an kleine Lichtungen, von Dayakern bewohnt, und mit Reis,
+Mais, Zuckerrohr und Ubi (eine Gattung süßer Kartoffel) bepflanzt.
+Wenn wir uns einer solchen Stelle näherten, wurde Halt gemacht und
+ein Theil der Mannschaft vorausgesandt, um den Platz zu untersuchen
+und um die Erlaubniß des Durchzuges anzufragen. Zweimal führte uns
+der Weg mitten durch die Dayakerhäuser; wir mußten die Leiter auf der
+einen Seite hinauf- auf der andern hinabklettern. Die Dayaker lichten
+oft vorsätzlich nicht die Waldungen um ihre Wohnplätze, um dem Feinde
+den Zugang zu erschweren; sie lassen nur schmale, enge Pfade offen,
+die leicht verrammelt werden. Man könnte ein solches Haus mit einem
+Blockhause vergleichen.
+
+Nach einem scharfen Marsche von acht Stunden hielten wir in einem
+dieser Blockhäuser an, wo man uns ohne Schwierigkeit erlaubte, die
+Nacht zuzubringen.
+
++29. Januar.+ Höhen hatten wir nicht mehr zu übersteigen; dagegen aber
+waren die Wege, die durch dichte Wälder führten, voll Wurzeln und
+gefallener riesiger Baumstämme, so daß es immerwährend zu klettern
+gab. Rechnet man dazu die Pfützen, Moräste und Gewässer, durch die es
+durchging, oder die auf dünnen Bambusstämmchen überschritten werden
+mußten, so kann man sich einen Begriff von dieser Reise machen. Bei
+schönem Wetter anstrengend genug, ist sie bei schlechtem, wie wir es
+trafen, eine der beschwerlichsten.
+
+So oft ein verdächtiges Geräusch im Walde vernommen wurde, hielten wir
+an; wir mußten auf dem Platze wie eingewurzelt stehen bleiben und die
+größte Stille beobachten, während die Mannschaft vorausschlich, gleich
+Schlangen über die Baumstämme und Wurzeln sich windend.
+
+Nach einem abermaligen Marsche von acht Stunden erreichten wir
++Beng-Kallang-Boenot+, das Ende der Fußreise. Ich glaube kaum, daß wir
+in diesen 16 Stunden mehr als 35 Meilen gemacht haben.
+
+Zu +Beng-Kallang-Boenot+ residirte ebenfalls ein kleiner Malaischer
+Fürst, bei welchem wir die Nacht zubrachten.
+
+Daß ich allen diesen Leuten, Dayakern wie Malaien, eine vollkommen
+fremde Erscheinung war, versteht sich von selbst. Die wenigsten hatten
+je einen weißen Mann, alle gewiß aber nie eine weiße Frau gesehen. Ihre
+Verwunderung war um so größer, da nach ihren Begriffen eine Frau allein
+sich kaum einige Schritte vom Hause entfernen kann.
+
++30. Januar.+ Zu Beng-Kallang-Boenot schiffte ich mich auf dem Flusse
++Batang Lupar+ in einem ganz kleinen Boote mit blos einem Fährmanne
+ein. Der Fluß schlängelte sich durch Waldungen, war schmal und von
+vorstehenden Bäumen oft so eingeengt, daß wir kaum durchkommen konnten.
+Die Sonne drang nirgends durch das dichte Blätterdach; die größte
+Stille, von Zeit zu Zeit durch das Aufspringen eines Affen oder das
+Auffliegen eines Vogels allein unterbrochen, umgab uns. Stiller und
+finsterer konnte es auf dem Acheron selbst nicht sein. Die Farbe dieses
+Flusses war beinahe tintenschwarz.
+
+Nach einigen Stunden überholten wir ein kleines Kanoe, das mit zwei
+Männern, einem Weibe, einem Kinde und vielen Hühnern und anderem
+Kram beladen war. Wir hielten an, und nach einer kurzen Unterredung
+sah ich zu meinem Erstaunen, daß die ganze Besatzung auf mein Boot
+übersiedelte. Das ihrige verbargen sie in dichtem Gebüsche. Ich stritt
+vergebens dagegen. Meinem Schlingel von Diener schien die Sache
+anzustehen, und deshalb hörte er nicht auf meine Worte. Mein Platz war
+durch diesen Zuwachs natürlich sehr beschränkt; was mich aber noch mehr
+belästigte, war das Feuer, das die Leute machten, um ihren elenden Reis
+zu kochen, und dessen Hitze und Rauch mir in’s Gesicht schlugen.
+
+Der finstere Batang Lupar verlor sich nach ungefähr 30 Meilen in den
+See +Boenot+, der an vier Meilen im Durchmesser haben mochte. Dieser
+See bot mir eine Merkwürdigkeit dar, wie ich noch keine ähnliche
+gesehen hatte. Er war nämlich dicht mit Baumstämmen angefüllt, die
+jedoch nicht entwurzelt umherlagen, sondern fest im Grunde standen;
+nur waren sie gänzlich erstorben und hatten weder Aeste noch Kronen;
+sie glichen von Menschenhand eingesetzten Palissaden. Eine breite
+Wasserstraße, ein natürlicher Kanal von höchstens einer halben Meile
+Länge führte in einen zweiten See, +Taoman+ genannt, der noch einmal
+so groß war als der Boenot-See und im Gegensatze zu diesem einen
+vollkommen reinen, schönen Wasserspiegel hatte.
+
+Die Umgebung beider Seen war herrlich: weite bewaldete Thäler, östlich
+und westlich von malerischen Gebirgszügen mit hohen Spitzen und Kuppen
+begrenzt. Die höchsten der Spitzen mochten wohl an 5000 Fuß messen.
+
+Von dem See Toaman lenkten wir in den schönen Fluß +Kapuas+, nach
+dem +Benjermassing+ der bedeutendste Borneo’s. Seine Breite mag gut
+eine halbe Meile betragen; doch ist sie sehr ungleich, da es ihm,
+wie den meisten Flüssen dieses Landes, an scharf abgrenzenden Ufern
+fehlt; seine Gewässer überfließen oft weithin die Waldungen. An diesem
+schönen Flusse gab es der bewohnten Stellen viel weniger als an dem
+Lupar (jenseits des Gebirges Sekamil); hätte nicht Hundegebell und
+Hühnergeschrei von Zeit zu Zeit Leben verkündet, so würde ich die ganze
+Gegend für unbewohnt gehalten haben.
+
+Diese und die folgende Nacht brachte ich höchst unbequem auf dem Boote
+zu. Die zugewachsene Gesellschaft ließ mir so wenig Raum, daß ich halb
+gekrümmt liegen mußte. Ich wäre gerne bei Dayakern eingekehrt; jedoch
+der Fährmann wollte nicht, indem er vorgab, daß es zu gefährlich sei.
+
++31. Januar.+ Heute begegneten wir größeren und kleineren Prauh’s mit
+Dayakern und Malaien. Nachmittags überholte uns ein sehr großes. Man
+schrie uns höchst gebieterisch zu, heranzusteuern. Wir mußten wohl
+gehorchen, denn Ungehorsam war mit unserer Schwäche nicht vereinbar.
+Statt gefürchteter Piraten empfing mich aber ein sehr höflicher
+Malaischer Rajah, der auf einer Reise begriffen war. Nach einigen
+Fragen, „woher ich komme“, „wohin ich gehe“ u. s. w., beschenkte er
+mich mit einer großen Schale frischen Kokosöles und einigen süßen
+Kuchen.
+
++1. Februar.+ Gegen Mittag erreichten wir +Sintang+, ein Städtchen von
+wenigstens 1500 Einwohnern und Sitz eines Sultans. Hier hatten die
+Gefahren ein Ende, denn die Dayaker-Stämme, die ich bis +Pontianak+
+noch zu passiren hatte, standen unter Malaischen Fürsten, an welche
+ich von dem Sultan von Sintang empfohlen zu werden hoffte. Ich
+hatte zu diesem Zwecke für letzteren einen Brief von dem Rajah von
+Beng-Kallang-Boenot mitgebracht.
+
+Ich muß gestehen, daß ich gerne noch länger unter den freien Dayakern
+gereist wäre. Ich fand sie überaus ehrlich, gutmüthig und bescheiden,
+ja ich setze sie in diesen Punkten über alle Völker, die ich bisher
+kennen gelernt habe. Ich konnte alles offen liegen lassen und mich
+stundenlang entfernen; nie fehlte das geringste. Sie baten mich wohl
+zuweilen um manches das sie sahen, gaben sich aber gleich zufrieden,
+wenn ich ihnen erklärte, daß ich es selbst benöthigte. Nie waren sie
+zudringlich oder belästigend. Man wird mir vielleicht entgegnen,
+daß das Köpfen und Aufbewahren der Todtenschädel gerade nicht von
+Gutmüthigkeit zeuge; man muß aber berücksichtigen, daß dieser traurige
+Gebrauch mehr eine Folge rohen und unwissenden Aberglaubens ist. Ich
+bleibe bei meiner Behauptung stehen und führe als weitere Beweise ihre
+häusliche, wahrhaft patriarchalische Lebensweise, ihre Sittlichkeit,
+die Liebe, die sie für ihre Kinder haben, die Achtung, die diese den
+Eltern bezeigen, an.
+
+Die freien Dayaker sind ungleich wohlhabender als jene, die unter
+Malaischem Joche stehen. Sie bauen Reis und Mais, etwas Tabak, hie
+und da auch Zuckerrohr und Ubi. Sie gewinnen viel Fett aus der Frucht
+Kawan, sammeln in den Wäldern Damar-Harz, das sie als Leuchte brennen,
+und haben viel Sago, Rotang und Kokosnüsse. Mit einigen dieser Artikel
+treiben sie Tauschhandel gegen Messing, Glasperlen, Salz, rothes Tuch
+u. s. w., in ihren Augen die werthvollsten Gegenstände, die sie dem
+Golde weit vorziehen. Auch an Geflügel und Schweinen sind sie reich,
+genießen dergleichen aber nur bei Festen und Hochzeiten.
+
+Manche Reisende behaupten, daß die freien Dayaker schöne Leute sind.
+Ich kann höchstens sagen, daß ich sie etwas minder häßlich fand als
+die Malaien. Sie sind durchschnittlich von mittlerer Größe, haben
+sehr magere Beine und Arme und wenig oder keinen Bart; sie raufen die
+Barthaare aus. Sie haben an Schönheit vor den Malaien nichts anders
+voraus, als daß die Backenknochen etwas minder breit und vorstehend
+sind und daß das Nasenbein ein wenig mehr erhaben ist. Es ist möglich,
+daß wenn man jahrelang unter solchen Völkern lebt, man das am Ende
+schön findet, was dem neuen Ankömmlinge häßlich erscheint.
+
+Die Dayaker können Weiber nehmen, so viel sie wollen; sie begnügen sich
+aber beinahe durchgehends mit einer Frau. Sie behandeln ihre Weiber gut
+und überhäufen sie nicht mit Arbeit; den schwereren Theil verrichten
+die Männer. Ehescheidungen, Zänkereien sind höchst selten, und ihre
+Sitten ungleich reiner und besser als jene der Malaien. Jünglinge und
+Mädchen werden ziemlich strenge abgesondert gehalten. Die Mädchen
+schlafen in den Kammern, die Jünglinge auf der Veranda oder in der
+Hütte des Häuptlings. Sie vermischen sich mit keinen andern Völkern;
+die Mädchen, die sich mit Chinesen verheirathen, werden als nicht mehr
+zum Stamme gehörig betrachtet.
+
+Die Dayaker haben keine Schrift und, wie es scheint, auch keine
+Religion. Ueber letzten Punkt sind jedoch die Meinungen verschieden.
+Der Reisende Temmingk sagt, daß sie eine Religion hätten, die dem
+Fetischismus gleiche: Der Gott +Djath+ regiere die Oberwelt, der
+Gott +Sangjang+ die Unterwelt. Diese Götter stellen sie sich unter
+menschlicher Gestalt, aber unsichtbar vor, und rufen sie an, indem sie
+Reis auf die Erde streuen oder andere Opfer bringen. In ihren Wohnungen
+fände man aus Holz geschnittene Gottheiten.
+
+Andere Reisende schreiben ihnen eine Art Pantheismus zu. Da gäbe es
+Gottheiten unter und ober der Erde und eine Menge guter und böser
+Geister, unter welchen Budjang-Brani der böseste. Alle Krankheiten
+seien von bösen Geistern verursacht, die sie durch Geschrei und
+Schlagen des Gongs zu vertreiben suchen.
+
+Wieder andere behaupten, daß sie weiter nichts besäßen, als einige
+verwirrte Begriffe von einem Gotte und von der Unsterblichkeit.
+
+Ich kann diese verschiedenen Meinungen weder bestätigen noch verneinen;
+gewiß ist aber, daß ich bei den Stämmen, mit welchen ich in Berührung
+kam, weder Tempel noch Götzenbilder noch Priester oder Opfer wahrnahm.
+Bei Hochzeiten, Geburten und Sterbefällen werden zwar von manchen
+Stämmen viele Zeremonien beobachtet, die aber in keiner Verbindung
+mit Religion zu stehen scheinen. Bei solchen Gelegenheiten köpft und
+verspeist man meistens Hühner, auch Schweine; bei Friedensschlüssen
+tödtet man wie bereits bemerkt, Schweine, die man aber nicht verzehrt.
+Die Verstorbenen werden bei einigen Stämmen verbrannt und die Asche
+in hohlen Bäumen bewahrt; andere begraben ihre Todten auf beinah
+unzugänglichen Plätzen, am liebsten auf Bergspitzen; wieder andere
+binden sie an Baumstämme, mit den Füßen nach oben.
+
+Doch zurück zu meiner Reise.
+
+Die Lage des Städtchen Sintang ist reizend; die Hütten liegen theils an
+dem schönen Flusse Kapuas, theils halb verborgen zwischen Kokospalmen
+und Pisangbäumen. Im Hintergrunde viel bebautes Land und in weiter
+Ferne hohe Berge, von welchen der höchste wohl an 8 bis 9000 Fuß haben
+mochte.
+
+Ich konnte nicht gleich an das Land gehen; die Sitte erheischt, so
+lange in dem Boote zu verweilen, bis man von dem Sultan eine Wohnung
+angewiesen erhält. Ich sandte daher meinen Diener, der sich in vollen
+Staat warf, mit dem von dem Rajah von Beng-Kallang-Boenot erhaltenen
+Empfehlungsbriefe ab. Er kam jedoch mit dem Briefe zurück, begleitet
+von einem Minister des Sultans, der mir die Nachricht brachte, daß der
+Sultan abwesend sei und erst des Abends oder des folgenden Morgens
+zurückerwartet werde.
+
+Der Minister führte mich in eine der Hütten, in welcher mir ein
+Theil des Gemaches eingeräumt wurde; er hatte zu gleicher Zeit schöne
+Teppiche, Matten, Polster und einen Klambu mitgebracht.
+
+Spät Abends kam er wieder, um mir zu sagen, daß der Sultan
+zurückgekehrt sei und mich am folgenden Morgen im Divan erwarte. Ich
+hatte glücklicherweise schon so viel von der Malaischen Sprache inne,
+um die Leute verstehen zu können.
+
+Am folgenden Morgen holte man mich in einem schönen, großen Boote
+mit 20 Ruderern ab. Mein Diener wickelte den Brief in zwei seidene
+Tücher und folgte mir. Vor der hölzernen Residenz des Sultans, die
+nahe am Flusse lag, empfing mich Musik und Kanonendonner[22]. Der
+Weg vom Ufer bis an den Divan (ungefähr einige hundert Schritte)
+war mit Matten belegt. Auf halben Wege kam mir der Sultan entgegen,
+um mich gebührender Maßen zu empfangen. Man sah dem guten Manne die
+Verlegenheit an; er wußte nicht, wie er sich einer Europäerin gegenüber
+benehmen sollte. Mit wahrhaft komischer Grazie reichte er mir die
+Fingerspitzen (nach Mohamedanischen Begriffen schon eine sehr große
+Kühnheit), auf welche ich die meinigen legte, und so schwebten oder
+tanzten wir nach dem Divan, der von der Vorhalle bloß durch ein
+zwei Fuß hohes, hölzernes Geländer geschieden war. Hier standen, von
+buntem Kammertuche halb überdeckt, ein plumper Tisch, ein Stuhl, und
+in Ermanglung eines zweiten Stuhles eine Kiste. Der Sultan und ich
+nahmen an dem Tische Platz, während die Minister und Großen des Reiches
+längs den Wänden auf dem Boden saßen. Außerhalb drängte sich das Volk,
+dem das Erscheinen einer Europäischen Frau natürlich ein ganz neues,
+merkwürdiges Schauspiel bot.
+
+Mein Empfehlungsbrief ward auf einer silbernen Tasse gebracht; der
+Ueberbringer rutschte auf den Knien, mit niedergeschlagenen Augen zu
+dem Sultan, langte nach dessen Hand, küßte sie mit großer Andacht und
+hielt die Tasse hin. Der Sultan befahl dem ersten Minister, den Brief
+zu nehmen, zu öffnen und zu lesen.
+
+Ein Brief an einen Sultan oder sonst eine vornehme Person muß nach
+Mohamedanischer Sitte aus einem ganzen Bogen bestehen, von welchem nur
+die erste Seite beschrieben sein darf; reicht diese nicht aus, so muß
+ein zweiter, dritter Bogen genommen werden.
+
+Sobald die Vorlesung des Briefes beendet war, wurden Erfrischungen
+gereicht. Man hatte zu diesem Zwecke für den Sultan einen Teller,
+für mich aber ein vollständiges Gedeck gebracht. Die Erfrischungen
+bestanden aus Thee ohne Zucker und Milch, aus Näschereien und Früchten
+auf mehr als 20 schön geschliffenen Glasschüsselchen. Die gesammte
+Gesellschaft nahm Theil an diesem Mahle.
+
+Nach aufgehobener Tafel führte mich der Sultan in’s Frauengemach. Auch
+hier war man so aufmerksam gewesen, einen erhöhten Sitz für mich zu
+bereiten. Der Sultan stellte mir seine Frau und seine Töchter vor,
+-- häßliche Geschöpfe von echt Malaischem Typus. Obwohl viele Männer
+und junge Leute zugegen waren, trugen sie weiter nichts als einfache
+Sarongs, die bis zur halben Brust reichten.
+
+Der Sultan von Sintang, wie es scheint in seinem Lande ein vollkommener
+Despot, hat seinen Unterthanen verboten, mehr als eine Frau zu nehmen.
+Dieses Recht gebührt, seiner Meinung nach, nur den Fürsten. Ob er
+selbst mehrere hat, weiß ich nicht; mir stellte er nur eine vor.
+
+Bei dem Abschiede fanden dieselben Feierlichkeiten statt, wie bei der
+Ankunft.
+
+Ich erstaunte sehr über diesen festlichen Empfang, um so mehr, da er
+einerseits zum Theile nach Europäischer Art vor sich ging, und ich
+anderseits wußte, daß der Sultan von Sintang noch keinen Europäer
+gesehen hatte. Mein Diener löste mir das Räthsel. Als er nämlich Tages
+zuvor den Brief zum Sultan brachte, war dieser nicht abwesend, wie
+man mir sagte; er wußte nur nicht, auf welche Weise eine Europäische
+Frau zu empfangen sei, und wollte sich erst darüber mit meinem Diener
+berathen. Mein Diener beschrieb ihm die Feierlichkeiten die zu Sarawak
+stattfinden, wenn Rajah Brooke von einer Reise zurückkommt, und
+dieser Beschreibung hatte ich es zu verdanken, daß ich gleich einer
+regierenden Fürstin empfangen wurde. Der Stuhl, der Tisch, wurden in
+Eile zusammen gezimmert, und das Besteck war mein eigenes, das mein
+Diener mitgebracht hatte.
+
+Der Sultan versprach mir beim Abschiede, ein Sampan[23] zu meiner
+Verfügung zu stellen, das mich bis +Pontianak+ führen sollte. Ich bat
+ihn, selbes morgen mit aufgehender Sonne zu senden.
+
++3. Februar.+ Gleich nach Sonnenaufgang meldete man mir den Besuch des
+Sultans. Nach seinen Begriffen war es nämlich nicht schicklich, meine
+Aufwartung denselben Tag zu erwiedern; da ich aber heute so zeitlich
+abreisen wollte, war er gezwungen, diese frühe Stunde zu wählen.
+
+Er kam in Begleitung seines Vaters, den ich noch nicht gesehen hatte,
+und einiger seiner männlichen Verwandten; die fürstlichen Frauen
+erwiedern keine Besuche.
+
+Der Vater des Sultans trug ein goldbrokatenes Käppchen und Leibchen,
+die ersten kostbaren Kleidungsstücke, die ich an einem Fürsten Borneo’s
+sah. Außer den gewöhnlichen Schönheiten seiner Race war dieser Mann
+noch mit einem tüchtigen Kropfe bedacht, der zweite der mir auf dieser
+Insel vorkam. Den ersten, in kleinem Formate, hatte die Gemahlin des
+Rajah von Beng-Kallang-Boenot.
+
+Diese vornehme Gesellschaft war in ihrem Benehmen nicht halb so
+bescheiden als die Dayakischen Kopf-Jäger. Alles wurde aufgerissen und
+durchwühlt; über meine kleine Reisetasche, die unglücklicher Weise
+noch offen stand, fielen sie gleich wilden Thieren her. Ich hatte
+nicht genug Augen, um alles zu bewachen und vor Schaden zu schützen
+(besonders die Insekten und Reptilien). Der fürstliche Vater nahm am
+Ende gleich die ganze Tasche in Beschlag; auf Kamm, Zahnbürste und
+Seife deutend, frug er mich, zu was das diene, und in Folge meiner
+Erklärung schien ihm deren Nutzen so einleuchtend, daß er sie ganz
+unumwunden behalten wollte. Ich nahm sie ihm jedoch, ehe er fort ging,
+ebenso unumwunden wieder ab und gab ihm dafür einige Bildchen und
+andere Kleinigkeiten.
+
+Die Unkenntniß, die diese Leute von allem, was ich besaß, hatten,
+bewies mir, daß sie mit Europäern noch wenig oder gar nicht in
+Berührung gekommen sein mußten. Der Gebrauch der einfachsten
+Gegenstände war ihnen unbekannt, alles mußte ich ihnen zeigen und
+erklären, und alles wollten sie, wie gesagt, sich zueignen. Ich war
+herzlich froh, als diese hohe Gesellschaft sich hinweg begab.
+
+Der Sultan trieb die Höflichkeit so weit, mich eine Strecke von zwei
+Meilen zu begleiten.
+
+Die Reise von Sintang nach Pontianak machte ich sehr rasch, in drei und
+einem halben Tage und ohne weitere Abenteuer. Ich hatte die Vorsicht
+gehabt, die Eingebornen zu fragen, in wie viel Tagen man diese Reise
+machen könne (unterläßt man solche Vorsichtsmaßregeln, so ist man
+den Leuten ganz Preis gegeben), und da sie mir sagten in sechs, am
+schnellsten in vier Tagen, so ersuchte ich den Sultan, seinen Leuten zu
+befehlen, mich in vier Tagen nach Pontianak zu bringen. Meinem Diener
+kam dieß nicht sehr gelegen: er wäre gerne langsam und bequem gereist;
+aber ich kehrte mich nicht mehr an ihn und übernahm selbst den Befehl
+über die Bootsleute.
+
+Die Ufer des Flusses waren mehr oder minder bewohnt; wir kamen an
+vielen kleinen Ortschaften vorüber, unter andern auch an Sungau, nach
+Sintang dem größten Städtchen. Ich besuchte den Rajah im Vorüberfahren,
+verweilte aber höchstens eine Stunde.
+
+Eine Meile von Pontianak vereinigt sich der Kapuas mit dem +Landak+;
+beide Ströme verlieren ihre Namen, und stürzen sich als „+Pontianak+“
+in die 25 Meilen entfernte See.
+
+Am +6. Februar+ kam ich glücklich zu +Pontianak+ an.
+
+
+ [16] Die Dayaker werden von den Engländern „~Head hunters~,
+ Kopfjäger,“ von den Holländern „~Koppenskneller~“ genannt.
+
+ [17] Daß mich die Wilden auslachten, fand ich natürlich; geschah mir
+ doch späterhin diese Ehre in Europäischen Kolonien, ja selbst
+ in den Vereinigten Staaten Amerika’s von Leuten, die civilisirt
+ genannt werden. Manchmal trieb man es so arg, daß ich sie frug,
+ ob sie je ein Museum gesehen, und wenn sie eines gesehen hätten,
+ ob sie meinten, daß alle die Thiere selbst dahin geflogen und
+ gekrochen seien?
+
+ [18] Kuri ist eine Brühe von scharfen Ingredienzien, besonders von
+ rothem Pfeffer. Diese Brühe ist sowohl im Festlande Indien’s,
+ als auch im ganzen indischen Archipel sehr beliebt.
+
+ [19] Ganz anders benimmt sich ein Malaischer Diener gegen einen
+ Herrn, wie gegen eine Frau, die er von sich abhängig glaubt.
+
+ [20] Borneo ist nach Madagaskar die größte Insel der Erde. Ihr
+ Flächeninhalt beträgt 9373 Quadrat-Meilen; Bevölkerung 950,000
+ Dayaker, 200,000 Malaien, 54,000 Chinesen. Hauptausfuhrsartikel:
+ Rotang, Reis, Kokosnüsse. Sago, Färbehölzer.
+
+ [21] Rajah Brooke war nämlich kurze Zeit vor meiner Ankunft auf
+ Borneo nach England berufen worden, um sich gegen die Anklagen
+ seiner Feinde zu rechtfertigen, die darin bestanden, daß er in
+ seinen Kriegszügen gegen die Piraten Menschenleben geopfert,
+ Hütten und Prauh’s verbrannt habe. Als ob man einen ähnlichen
+ Krieg mit Worten führen könnte! -- Wie viele Menschenleben
+ opfern nicht die Europäischen Staaten, wie viele Städte und
+ Dörfer verbrennen sie in ihren Kriegen, die bei weitem keinen
+ so edlen Zweck haben, ja, die vielmehr selbst nichts weiter als
+ großartige Piraterien sind.
+
+ In der Folge hörte ich, daß Rajah Brooke sich mit glänzendem
+ Erfolge rechtfertigte.
+
+ [22] Die Malaien sind mit Kanonen und andern Europäischen Artikeln
+ bekannt; ein Stamm bringt sie zum andern.
+
+ [23] Ein kürzeres, aber breiteres Fahrzeug als das Prauh.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+ Pontianak. -- Auszug nach Landak. -- Ein Chinesischer Kapthay. -- Ein
+ Bad im Sumpfe. -- Die Bambusbrücke. -- Zeichensprache. -- Ankunft in
+ Landak. -- Souper bei dem Banam. -- Rato. -- Die Diamanten-Gruben. --
+ Rückkehr nach Pontianak.
+
+
+Pontianak war die erste Holländische Besitzung in Indien, die ich
+betrat. Ich gestehe aufrichtig, daß ich mich ihr mit etwas beängstigtem
+Gefühle nahte. Die Holländer werden von vielen Reisenden als so
+kalt, unzugänglich, und für nichts als ihr eigenes Interesse Sinn
+habend, geschildert! Und eine theilnahmslose Aufnahme wäre mir um so
+empfindlicher gewesen, als mich die Zuvorkommenheit und Artigkeit der
+Engländer nicht nur auf dieser, sondern auch auf meiner ersten „Reise
+um die Welt“ sehr verwöhnt hatte.
+
+Ich sandte den Brief, den mir Kapitän Brooke an das Holländische
+Gouvernement mitgegeben hatte, in die Kanzlei, und blieb voll banger
+Erwartung in dem Sampan sitzen.
+
+Mein Diener überbrachte mir die unangenehme Botschaft, daß der
+Resident, Herr +Willer+, in Batavia sei. Sein Stellvertreter, Sekretär
+von +Hardenberg+, kam jedoch sofort, um mich zu empfangen und that
+dieß in einer so herzlichen Weise, daß ich mich jeder Angst enthoben
+fühlte. Er stellte ein leerstehendes Häuschen[24], das vor wenig Jahren
+Amerikanischen Missionären zur Wohnung diente, zu meiner Verfügung,
+und setzte bei, daß für alle meine Bedürfnisse gesorgt werden würde.
+Abends stellte er mich der Gattin des Residenten vor, in der ich eine
+sehr liebenswürdige, gebildete Frau kennen lernte. Sie bot mir in ihrem
+Hause eine Wohnung an, die ich mit Freuden gegen das einsame Häuschen
+vertauschte.
+
+Ich hatte die Reise nach Pontianak hauptsächlich in der Absicht
+unternommen, die berühmten Diamanten-Minen in +Landak+ zu besuchen.
+Als ich am folgenden Tage diesen Wunsch aussprach, erfuhr ich
+zu meinem Leidwesen, daß gerade am Morgen des Tages, an dem ich
+ankam, ein katholischer Priester, Herr +Sanders+, in einem bequemen
+Regierungsboote dahin abgegangen sei. Ihn einzuholen war nun zu spät;
+man sagte mir jedoch, daß die Reise zu Lande vier Tage kürzer sei als
+zu Wasser, und ich daher, wollte ich mich zur ersteren entschließen,
+vor Herrn Sanders in Landak anlangen könnte. Auf jeden Fall würde
+ich ihn da noch treffen, und wenigstens die Rückkehr in seiner
+Gesellschaft und in dem bequemen Boote bewerkstelligen können. Ich
+entschloß mich dazu ohne Bedenken, obwohl die Entfernung über 200
+Meilen betrug, von welchen ich ungefähr die Hälfte zu Fuß zu machen
+hatte.
+
+Herr von Hardenberg wollte mir einen Diener mitgeben: er behauptete,
+daß es unmöglich sei, in dem Lande fortzukommen, ohne der Malaischen
+und Dayakischen Sprache mächtig zu sein, indem man täglich Führer und
+Träger wechseln müsse. Ich hatte aber seit dem Diener, den mir Kapitän
+Brooke mitgegeben, einen solchen Abscheu vor dergleichen Leuten, daß
+ich erklärte, allein gehen zu wollen; nur bat ich, mich mit guten
+Briefen an die verschiedenen Chefs und Rajah’s zu versehen, durch deren
+Länder ich kommen würde.
+
+Erst am +10. Februar+ ward es Herrn von Hardenberg möglich, mir ein
+kleines Boot zu verschaffen, das mich nach +Kubiang+ (60 Meilen)
+bringen sollte. Herr von Hardenberg geleitete mich bis an’s Boot, und
+als ich einstieg, rief er aus: „Wenn ich Sie nicht selbst eine so
+beschwerliche Reise ohne alle Begleitung antreten sähe, so würde ich es
+für unmöglich halten und nicht glauben.“
+
+Ich fuhr den schönen Strom Landak 30 Meilen aufwärts bis +Kubu-trap+,
+wo ich die Nacht in einem Chinesischen Hause zubrachte. Hier mündet
+das Flüßchen +Mandor+ in den Landak.
+
+Frau +Willer+ hatte mir einen ganzen Korb voll Eßwaaren mitgegeben, die
+ich aber alle Abends an die Bootsleute vertheilte, wohl wissend, daß
+jene bis zum kommenden Morgen von tausenden Ameisen zerstört gewesen
+wären. Man kann Eßwaaren nur in wohlverschlossenen Blechbüchsen vor
+diesen Insekten bewahren.
+
++11. Februar.+ Schon um 3 Uhr Morgens ging es an die Fahrt auf dem
++Mandor+. Dieses schmale Flüßchen ist von Waldungen so eingeengt, daß
+wir unter einem steten Laubdache dahin glitten. Mit der aufgehenden
+Sonne erwachte auch das Leben in den Wäldern. Ich hörte zwar keinen
+Vogelgesang, dagegen von allen Seiten das Gekreische der Affen, des
+riesigen Orangutang, des langarmigen Kalampian’s, des schwarzen
+Siaman’s, des Bintangan’s (Nasenaffe) und anderer. Letztgenannte vier
+Gattungen sind blos auf Borneo einheimisch.
+
+Um 10 Uhr erreichten wir +Kubiang+ (30 Meilen), das Ende der
+Wasserfahrt; ich bereitete mich sogleich zur Fußparthie nach +Mandor+
+(8 Meilen) vor, wohin mich zwei der Bootsleute begleiteten.
+
+Die ersten sieben Meilen führte der Weg durch finstere Waldungen
+über Stock und Stein, dann öffnete sich eine freundliche Lichtung,
+mit Pflanzungen bedeckt. Der Boden bestand hier aus Sand, auf Borneo
+eine seltene Erscheinung. Gut unterhaltene Pfade, Bretter oder breite
+Stämme, über die Bäche und Pfützen gelegt, gaben mir kund, daß ich auf
+Chinesischem Grund und Boden wandle, denn weder der Malaie noch der
+Dayaker hat den geringsten Sinn für Bequemlichkeit oder Annehmlichkeit.
+
+In Mandor kehrte ich bei dem Chinesischen Oberhaupte (Kapthay) ein, an
+welchen mein erster Empfehlungsbrief lautete.
+
+In den Chinesischen Orten oder Kampon’s, die unter Holländischem
+Protektorate stehen, wird gewöhnlich ein Chinese als Chef gewählt, der
+je nach der Größe des Ortes den Titel Kapthay (Kapitän) oder Major
+erhält. Diese Würde bringt keinen Gehalt mit sich, und wird blos auf
+ein Jahr ertheilt; doch kann die alte Wahl jährlich bestätigt werden.
+Manche Kapthay’s genießen das Ansehen eines Präsidenten oder Fürsten;
+sie wohnen in einem Fort, können über die Chinesen Strafen verhängen,
+ja sogar Todesurtheile vollziehen. So lange sie sich ruhig verhalten
+und dem Holländischen Gouvernement den Opiumpacht richtig zahlen,
+greift dieses in ihre innere Regierung nicht ein.
+
+Das Kapthayat von Mandor war eines der bedeutenderen, und der Kapthay
+residirte in einem Fort, an dessen Eingange zwei sechspfündige Kanonen
+aufgepflanzt waren. Seine Wohnung bestand aus vielen offenen Vorplätzen
+und Hallen und aus ein Paar kleinen, niedrigen Schlaf-Kämmerchen, in
+welchen sich die Frauen aufhielten. Die größte unter den Vorhallen
+diente zu gleicher Zeit als Wohnplatz, Speisesaal und Gottestempel.
+Da gab es allerlei Götter, schön gezierte Altäre, angesteckte
+Räucherkerzchen; Reis, Früchte und Thee waren den Göttern als Opfer
+hingestellt.
+
+Gegen Abend führte mich der Kapthay in das Städtchen, welches an das
+Fort grenzt und aus zwei Reihen kleiner Häuser besteht, die eine Straße
+bilden. Es zählt ungefähr 700 Einwohner.
+
+Nach dem Spaziergange zeigte er mir seine Schweinställe[25], die groß
+und luftig, und was mich bei einem Chinesen noch mehr in Erstaunen
+setzte, sehr rein gehalten waren. Die Thiere werden täglich zweimal mit
+Wasser übergossen und erhalten zur Nahrung Reis mit Kiang-beng, Kladi-
+und Guelang-Blättern vermischt. Die Blätter werden fein geschnitten,
+zu einer Art Sulze verkocht und zu je drei Theilen mit einem Theile
+gekochten Reises vermischt. Die Thiere waren merkwürdig groß und fett,
+manche konnten sich kaum zum Troge schleppen.
+
+Außer den Schweinställen bewunderte ich auch die Küche, die äußerst
+rein gehalten war, und die herrliche Kost, die Herren und Dienern
+vorgesetzt wurde. Reis bildete natürlich den Hauptbestandtheil; er
+muß statt des Brotes dienen; aber außerdem gab es gekochte Hühner
+oder Schweinefleisch nebst Gemüsen und anderen kleinen Gerichten.
+Dieser Chinesische Chef lebte ungleich besser und reinlicher als
+der größte Malaische Rajah. -- Seine Frau (er hatte nur eine) besaß
+reiche Kleider, viel Goldgeschmeide und auch hübsche Diamanten. Ihr
+Kindchen von 8 Monaten war in Seide gekleidet und trug nebst einigem
+Goldgeschmeide ein seidenes goldgesticktes Mützchen auf dem Kopfe.
+
+Der Kapthay frug mich zu wiederholten Malen, ob ich darauf bestünde,
+die Reise nach Landak zu Fuß zu machen. Er erzählte mir, daß vor wenig
+Tagen Herr +Sanders+ hier angekommen sei und denselben Plan gehabt, ihn
+aber aufgegeben habe, als man ihm sagte, daß man große Umwege machen
+müsse, um einige unruhige Dayaker-Stämme zu umgehen, und daß die Wege
+über alle Maßen schlecht seien. Ich ließ mich nicht abschrecken und bat
+ihn nur, mir einen guten Führer zu geben und die Reise einzuteilen, daß
+ich so rasch als möglich nach Landak käme.
+
+Die Nacht brachte ich in einem kleinen Kämmerchen in einem reinlichen,
+guten Bette zu.
+
++12. Februar.+ Nach einem trefflichen Frühstücke von gekochten Hühnern,
+Reis, Eiern und Früchten begab ich mich auf den Weg, von einem
+Chinesischen Führer und einem Dayakischen Träger (+Kully+ genannt)
+begleitet. Die beiden Leute gingen so schnell, als wären wir auf einer
+Flucht begriffen. An fünf Stunden liefen wir unausgesetzt, dann hielten
+wir bei einem Chinesischen Hause, stärkten uns durch ein einfaches
+Mahl und setzten den Sturmschritt bis gegen Abend fort. Ich glaube
+gewiß, daß wir an 20 Meilen gelaufen sind. Glücklicher Weise ging es
+über Chinesischen Grund und Boden, auf größtentheils gebahnten Wegen,
+so daß ich zwar ein wenig ermüdet, aber sonst wohlbehalten in +Sompa+
+anlangte. Hier übergab mich der Chinese nebst einem Briefe des Kapthay
+dem Malaischen Rajah, der nun für meine Weiterreise zu sorgen hatte.
+
+Mit großem Vergnügen verlor ich den Chinesischen Führer, denn seine
+Neugierde war im höchsten Grade belästigend. Ehe ich es bemerkte,
+hatte er meinen Reisesack geöffnet und alles aufgerissen und
+untersucht. Späterhin entdeckte ich, daß er einiges Geld, nebst anderen
+Kleinigkeiten gestohlen hatte -- der erste Diebstahl, der mich auf
+meinen vielen Reisen traf.
+
++13. Februar.+ Die heutige Tagreise war zwar kurz (ich schätze sie kaum
+auf 14 Meilen); dagegen waren die Wege um so schrecklicher. Ich weiß
+wahrhaftig nicht, was unangenehmer ist: über gefallene Baumstämme und
+hohe Wurzeln in den Wäldern zu klettern, oder Pfützen und Moräste zu
+durchwaten, oder durch das Alang-Alang zu gehen. Dieses Jungle-Gras
+ist 5 bis 6 Fuß hoch, sehr dicht und von sehr schmalen, tiefen Pfaden
+gleich Rinnen durchschnitten, auf welchen man gleitet und leicht
+jeden Augenblick fällt. Unmittelbar nach einem Regen (und so nahe dem
+Aequator gibt es wenig Tage ohne Regen), wenn die Sonne wieder in volle
+Kraft tritt, ist es zwischen diesem Grase dunstig und zum Ersticken
+heiß.
+
+Wir waren heute und gestern häufig von hohen Gebirgen umschlossen; die
+Pfade aber wanden sich stets von einem Thale in’s andere, so daß wir
+höchstens 2 bis 300 Fuß hohe Hügel zu übersteigen hatten. Manche dieser
+Stellen boten die reizendsten Ansichten. Auch hier, wie bei Sekamil,
+thürmten sich in pittoresken Formen zwei- und dreifache Gebirgsketten
+auf, mit großen Thälern dazwischen und mit undurchdringlichen Wäldern
+bedeckt. Je mehr ich von diesem schönen Lande sah, desto mehr entzückte
+es mich, und desto mehr wünschte ich ihm, daß Bevölkerung, Kultur und
+eine milde Regierung bald Eingang fänden.
+
+Diesen Nachmittag nahm ich wider Willen ein kaltes Bad: ich fiel
+von einer fünf Fuß hohen Bornäischen Brücke (einem Bambusstamme) in
+einen Sumpf, in den ich bis über die Schulter sank. Meine beiden
+Begleiter hatten Mühe, mich heraus zu ziehen. Glücklicher Weise war
+in der Nähe ein klarer Bach, in welchem ich mich mit Wasser so lange
+übergießen ließ, bis der Schlamm von den Kleidern abgespühlt war. Von
+Wasser triefend mußte ich noch ein paar Stunden fortlaufen bis zum
+Nachtquartier, wo ich erst Kleider wechseln konnte. Ich befürchtete,
+daß mir der Sturz und das Bad schaden würden, da ich ganz erhitzt war,
+als mir dieß Unglück begegnete; doch, Gott sei Dank, ich blieb gesund.
+
+Ich übernachtete in Bo-baher, einem Chinesischen Städtchen von ungefähr
+400 Einwohnern. Auch hier bewunderte ich bei meinem Wirthe die große
+reinliche Küche und die schönen Schweineställe. Die Chinesen ziehen
+das Schweinefleisch jedem andern Fleische vor und verwenden daher
+alle Sorgfalt auf diese Thiere. Der ärmste Chinese genießt sicher
+ein- oder zweimal die Woche Schweinefleisch. Ueberhaupt lebt man bei
+den Chinesen ungleich besser als bei den Malaien und Dayakern. Man
+bekömmt gewöhnlich ein eigenes Schlafkämmerchen, eine gute reinliche
+Nahrung, und wer den Thee liebt, überall eine Tasse dieses Getränkes.
+Der Chinese trinkt nie Wasser; in jeder Hütte steht ein großer Topf mit
+Thee, aus welchem Jedermann nach Gefallen seinen Durst stillt. Freilich
+ist dieser Thee gewöhnlich sehr schlecht, von bitterem Geschmacke und
+für den Europäer nur bei den Reichen genießbar.
+
++14. Februar.+ Höchst anstrengender Marsch von mehr als neun Stunden
+durch dichte Waldungen und hohes Jungle-Gras (20 Meilen). Der Weg
+führte meistens durch Gegenden, die von Dayakern bewohnt waren; meine
+Begleiter hatten Furcht und liefen so eilig, daß ich ihnen kaum folgen
+konnte. In steter Aufmerksamkeit auf jeden Laut, wußten sie bei einem
+Geräusche in den Wäldern genau zu unterscheiden, ob es von einem
+Thiere oder von Menschen herrühre. War letzteres der Fall, so hielten
+sie erschrocken an; dasselbe thaten jene, die wahrscheinlich auch
+uns gehört hatten -- und lautlose Stille folgte. Meine beiden Leute
+begannen dann zu rufen und zu schreien, daß sie eine weiße Frau mit
+einem Schutzbriefe des Rajah von Sompa nach +Darid+ zu geleiten hätten.
+Manchmal bekamen wir keine Antwort, einige Male standen aber plötzlich,
+wie aus der Erde gezaubert, ein Paar Dayaker vor uns. Sie waren bis
+in unsere Nähe gekommen, ohne das geringste Geräusch zu machen, und
+tauchten aus dem Walde erst auf, als sie sahen, daß von unserer
+kleinen Gesellschaft nichts zu befürchten war. Nachdem sie mich begafft
+und einige Worte mit meinen Leuten gewechselt hatten, ließen sie uns
+ruhig des Weges ziehen. Einen Dayaker fanden wir im hohen Jungle-Grase
+verborgen; vielleicht lag er da auf Beute lauernd!
+
+Im Laufe dieses Tages kamen wir auch an einem Pantah vorüber. Es
+sind dieß kleine, viereckige Plätze von großen, hölzernen Figuren
+umstellt, welche die Arme ausstrecken, als wenn sie einen Reigen
+tanzten. Die Pantah’s werden von den Dayakern errichtet, die nach
+den Kriegszügen mit den eroberten Köpfen hierher kommen und hier die
+ersten Feierlichkeiten abhalten. Die Dayaker, aber auch die Malaien,
+halten diese Plätze sehr in Ehren; sie glauben, daß derjenige, der das
+Geringste an einer der Figuren beschädige, vom bösen Geiste befallen
+werde und sterben müsse. Man könnte hieraus den Schluß ziehen, daß die
+Dayaker wirklich an böse Geister glauben.
+
+Kurz vor dem Oertchen Darid kamen wir an den Fluß +Menjuki+, der, wie
+die meisten Flüsse Borneo’s, einen so ruhigen ungestörten Lauf hat,
+daß man sein Dasein nicht eher ahnt, als bis man ihn sieht. Da dieser
+Fluß vermöge seiner Verbindung mit dem +Suar+ in welchen er mündet, bis
+Landak führt, sollte zu Darid die Fußreise ein Ende haben. Ich fand
+aber die Leute alle mit der Reisernte beschäftiget und den Rajah nicht
+geneigt, ein Boot für mich zu bemannen. In drei Tagen meinte er, sei
+die stärkste Arbeit vorüber, dann wolle er mich weiter befördern. Dieß
+lag natürlich nicht in meinem Plane, da ich auf diese Art Herrn Sanders
+verfehlt hätte. Ich forderte daher einen Führer und Kully, oder auch
+nur einen Kully, der den Weg wisse, um die Reise zu Fuß fortzusetzen.
+Lange wollten die Leute auf meine Bitten nicht hören; ich quälte sie
+aber so unausgesetzt, daß sie am Ende nachgaben. Ich feierte auf dieser
+Reise wahre Triumphe -- allein, kaum einiger Worte der Dayakischen
+Sprache mächtig, setzte ich meinen Willen überall durch.
+
++15. Februar.+ Abermals den ganzen Tag gelaufen (20 Meilen) und zwar
+auf vielen Umwegen. Nicht nur die Malaien, sondern auch die Dayaker
+hatten nämlich viele Wege verhauen und ungangbar gemacht, um sich
+gegen die Ueberfälle ihrer Nachbaren zu schützen, mit welchen sie in
+Unfrieden lebten.
+
+Wir kamen an mehreren Dayakerplätzen vorüber, hielten aber nur einige
+Minuten an, um uns durch einen Trunk Kokoswasser zu erfrischen.
+
+Wenige Meilen von +Jata+, dem heutigen Ziele der Reise, galt es eine
+wahrhaft schauerliche, lebensgefährliche Brücke zu übersteigen. Einige
+aneinander gebundene Bambusse schwebten in einer Höhe von 30 Fuß
+über dem mehr als 100 Fuß breiten +Suar+. Die Eingebornen benützen
+zu derlei Uebergängen gewöhnlich Stellen, an welchen sich kräftige
+Baumäste weit über das Wasser neigen, oder wo einzelne Stämme im Wasser
+selbst stehen, die sie als Pfeiler verwenden können, um die Bambusse
+darauf zu stützen. Eine so hohe und lange Brücke ist zwar mit einem
+Geländer versehen; aber wehe dem, der es als Stütze gebrauchen wollte:
+er würde unfehlbar damit in die Tiefe stürzen. Es besteht aus ganz
+dünnen Bambusstäbchen, die von zehn zu zehn Fuß angebracht und durch
+ebenso dünne Querstäbchen verbunden sind, und dient nur dazu, das
+Gleichgewicht zu erhalten. Bebend ging ich über diese Brücke, das Rohr
+tanzte unter meinen Füßen, das Geländer zitterte unter meinen Händen,
+und der schwindelnde Blick fiel auf den Strom, der tief unter mir
+in geschäftiger Eile dahin rollte. Doch glücklich erreichte ich das
+jenseitige Ufer.
+
+Gestern und heute hatte ich wirklich viel zu leiden, ein Drittheil des
+Weges ging durch Alang-Alang, die andern zwei Theile durch Waldungen,
+über hohe Hügel auf- und abwärts und durch viele Sumpfstellen. Ich war
+gezwungen, gleich den Eingebornen, mit bloßen Füßen zu laufen; Schuhe
+würden in den Sümpfen stecken geblieben sein, und hohe Stiefel wären
+zu schwer gewesen. Eine weitere Unbequemlichkeit war, daß ich jeden
+Tag, wenigstens einmal, von dem tropischen Regen durchnäßt wurde und
+meine Kleider von der glühenden Sonne am Körper trocknen lassen mußte.
+Den einzigen Ersatz boten mir die immer gleich schönen Ansichten der
+gebirgigen Gegend.
+
++16. Februar.+ In +Jata+ fand ich dieselben Schwierigkeiten wie in
+Darid, keine Leute zur Führung eines Prauh’s, alles mit der Reisernte
+beschäftigt. Ich konnte mich den Leuten nicht hinlänglich verständlich
+machen, da sie blos Dayakisch sprachen und mußte daher mein Bischen
+Zeichnenkunst zu Hilfe nehmen! Ich zeichnete ein Prauh mit acht
+Ruderern, daneben ein kleines Kanoe mit blos einem Mann und mir
+selbst am Steuer, deutete auf ersteres und gab ihnen durch Zeichen zu
+verstehen, daß ich ein solches Fahrzeug nicht benöthige, sondern nur
+das kleine Kanoe mit einem Manne. Sie begriffen mich sogleich, lachten
+über diese Art mich verständlich zu machen, nickten mir Beifall zu und
+versprachen meinen Wunsch zu erfüllen.
+
+Ich hatte späterhin häufig Gelegenheit zu bemerken, wie wunderbar
+richtig und schnell die Wilden die Zeichen verstehen. Ich selbst wurde
+so an die Zeichensprache gewöhnt, daß ich, als ich wieder unter die
+Weißen kam, sehr Acht geben mußte, meine Worte nicht mit den Händen und
+Augen näher zu erörtern.
+
+In keinem Lande fand ich bisher die Leute so gleichgiltig und träge
+wie auf Borneo, weniger die Dayaker als die Malaien. Ich konnte sie nur
+mit dem Asiatisch-Russischen Postvolke vergleichen. Dort mußte ich auf
+jeder Station mehrere Stunden warten bis der Karren geschmiert, die
+Pferde gefüttert und alles geordnet war. Hier ist es das Makan (Essen)
+welches die Leute so lange aufhält. Dieses Wort spielt die größte
+Rolle. Fragt man nach was immer für einer Person und sie will nicht
+erscheinen, so heißt es „Makan,“ und damit ist man abgefertiget. Man
+sollte Wunder glauben, was die Leute alles essen, und dabei haben sie
+nichts als Reis, nebst ein Paar getrockneten Fischen oder sonst einer
+Kleinigkeit. Der geduldigste Mensch muß unter diesem Volke seine Geduld
+verlieren oder aufhören den Werth der Zeit zu schätzen.
+
+Erst um 10 Uhr kam ich heute mit vieler Mühe fort, und um 4 Uhr schon
+machten wir wieder zu +Suwal+ Halt. Der +Suar+ hat nämlich drei kleine
+Fälle, von welchen hier der erste und höchste ist. Die Prauh’s werden
+ausgeladen, seitwärts des Falles über Felsen gezogen und jenseits
+wieder beladen. Gewöhnlich richten es die Leute so ein, daß sie die
+Nacht an diesem Falle zubringen, die Prauh’s Abends entladen, Morgens
+über die Felsen ziehen und wieder beladen. Wir hätten gut weiter
+gekonnt: unser Boot war sehr leicht, mein Gepäck betrug kaum 10 Pfund;
+weil es aber gebräuchlich war, die Nacht hier zuzubringen, mußten wir
+es auch thun. Wir schliefen auf einem Felsblocke unter Gottes freiem
+Himmel.
+
++17. Februar.+ Morgens half ich das Boot über die Fälle ziehen, und
+gegen Mittag trafen wir in Landak ein, und zwar zur höchsten Zeit, denn
+Herr Sanders wollte am folgenden Morgen die Rückreise nach Pontianak
+antreten.
+
+Herr Sanders war nicht wenig erstaunt, als er mich ohne alle Begleitung
+ankommen sah. Noch höher stieg seine Verwunderung, als er hörte,
+welche Kreuz- und Quer-Züge ich zu Fuß gemacht hatte, um die Plätze
+zu umgehen, die der unruhigen Dayaker-Stämme wegen, vermieden werden
+mußten. Er war so gefällig, seine Abreise meinetwegen um einen Tag zu
+verschieben; wie es sich später zeigte, hatte er keine Ursache diesen
+Aufschub zu bereuen.
+
+Landak, gleich allen Malaischen Städten aus unregelmäßigen Gruppen von
+Bambushütten bestehend, liegt an dem Flusse Landak, zählt ungefähr 1000
+Einwohner, und ist der Sitz eines Panam-Baham’s[26].
+
+Abends waren wir bei dem Panam-Baham eingeladen. Er empfing uns im
+Divan, umgeben von vier Ministern, vielen Dienern und Volk. Der
+Prinz, die Minister, Herr Sanders und ich nahmen auf Stühlen an einem
+Tische Platz; die Minister zogen aber bald einer nach dem andern die
+Füße hinauf und schlugen die Beine übereinander. Der Tisch ward auf
+Europäische Art gedeckt, mit Tafeltuch, Eßbestecken und Gläsern, und
+mit sehr schmackhaften Gerichten besetzt, darunter gebratene, gedämpfte
+und eingemachte Hühner, Enten, Lammfleisch, Fische, Reis u. s. w.
+Statt des Weines wurde lauwarmer Scherbet gereicht, der aber nicht so
+gut schmeckte wie jener, den ich in Persien und im Oriente trank. In
+Ermanglung feiner Früchte wird der Scherbet hier aus Kräutern gemacht,
+mit Zucker versüßt und hatte den Geschmack einer Arznei. Wir speisten
+alle mit Messer und Gabel; doch handhabten einige aus der Gesellschaft
+diese Instrumente so ungeschickt, daß ich mich kaum eines Lächelns
+enthalten konnte.
+
+Die Kleidung des Fürsten und der Minister war einfach. Einer der
+Minister trug eine feine Tuchjacke mit Gold-gestickten Aufschlägen;
+sie mußte aber schon viele Dienste geleistet haben, denn sie ließ
+die Ellbogen durchschimmern. Der Reichthum dieser Leute besteht in
+Diamanten, die sie aber höchst sorgfältig verbergen, und ganz besonders
+vor uns habgierigen Europäern (so viel ich glaube mit gutem Rechte).
+Sie trugen nur einige Ringe mit schönen Steinen. Wir schmeichelten
+uns, wir würden die Schätze des Prinzen sehen; allein daraus ward
+nichts. Man behauptet, daß er der Besitzer des größten, bisher in der
+Welt gefundenen Diamanten sei; dieser soll den Kohinore, den großen
+Diamanten der Königin von England bei weitem übertreffen. Der Diamant
+wird aber Niemandem gezeigt, ja man soll nicht einmal wissen, wo er
+verborgen ist, so sehr fürchtet der Fürst, desselben beraubt, oder wohl
+gar seinetwegen ermordet zu werden. Ein beneidenswerther Schatz!!
+
+Die Unterhaltung bei Tische spann sich um meine Reisen, vorzüglich um
+die letzte auf Borneo. Am meisten wunderte es den Fürsten, daß ich so
+glücklich durch die unabhängigen Dayaker gekommen sei; er meinte, ich
+müsse eines besondern göttlichen Schutzes genießen, und eine mehr als
+gewöhnliche Person sein[27]. Auch über meine Fußreisen erstaunte er
+sehr, und gestand mir aufrichtig, daß er, obwohl so jung (21 Jahre),
+kaum zwei Stunden würde gehen können. Ich frug ihn, ob er denn gar
+nicht begierig sei, etwas außer Landak zu sehen. Er erwiederte mir ganz
+naiv, daß ihm die Ruhe lieber sei als alle Merkwürdigkeiten der Welt.
+
+Dem Interesse, welches der Fürst und seine Minister an meiner Reise
+nahmen, hatten wir das Versprechen zu danken, am folgenden Morgen in
+eine der größten Diamanten-Gruben geführt zu werden. Diese Gunst wird
+selten oder nie einem Europäer zu Theil. Wenn man um Erlaubniß ansucht,
+erhält man stets zur Antwort: „Es wird gegenwärtig nicht gesucht; der
+Platz liefert nichts, u. s. w.“ Auch Hr. Sanders wäre abgereist, ohne
+die Minen gesehen zu haben.
+
+Um 10 Uhr Abends entließ uns der Fürst. Sein erster Minister begleitete
+uns, führte uns aber nicht nach unserer, sondern nach seiner Wohnung.
+Als wir eintraten, langten gerade auch die Stühle und der Tisch an,
+die er von dem Fürsten entlehnt hatte. Ich war von der Reise natürlich
+ermüdet und wollte nur kurze Zeit verweilen; aber man ließ uns nicht
+fort, und zu meinem Schrecken ward der Tisch zum zweiten Male mit
+demselben Service gedeckt, welches einige Stunden früher in dem Divan
+des Prinzen seine Pracht entfaltet hatte. Wie es schien wollte uns
+der Minister den Nachtisch serviren, den sein Herrscher vielleicht
+vergessen hatte, denn statt der warmen Gerichte wurden Früchte,
+Backwerk und Scherbet gereicht. Erst um Mitternacht kamen wir nach
+Hause.
+
++18. Februar.+ Morgens fuhren wir in Gesellschaft des ersten Ministers
+zu Wasser nach den Minen von +Mongo+.
+
+Die Diamanten kommen hier in sehr niedrigen Sand- und Erdhügeln vor,
+welche viele Kieselsteine enthalten. Am Fuße der Hügel sind Gruben von
+zwei Fuß Breite und 2½ Fuß Tiefe gezogen, in welchen sich das vom Regen
+abgeschwemmte Gestein und Erdreich sammelt. Dieses wird in Körben nach
+einem nahe gelegenen Wasserbehälter von 20 Fuß Länge und 15 Fuß Breite
+gebracht, in welchem die Wäscher stehen, die mit großen, sehr flachen,
+hölzernen Schüsseln versehen sind. Ein Theil des abgeschwemmten
+Erdreichs wird auf diese Schüsseln gelegt und so lange geschüttelt und
+mit Wasser überspült, bis sich die Steine von der Erde absondern. Die
+Wäscher fahren dann leicht mit der Hand darüber, raffen die Steine
+zusammen, besehen sie genau, ob kein Edelstein darunter ist und lassen
+sie in das Becken fallen. Sie setzen diese Arbeit so lange fort, bis am
+Ende bloß feiner, schwarzer Sand übrig bleibt, der dann ebenfalls in
+das Becken geworfen wird. Steine und Sand werden, bevor man sie aus dem
+Wasserbecken schafft, nochmals sehr genau durchsucht.
+
+Nach einem Regen darf sich, außer den Arbeitern, Niemand den Gruben
+nähern. Die Arbeiter sind Chinesen.
+
+Es wurden uns zu Ehren zwei Körbe Erdreich gewaschen und darin zwei
+Diamanten von der Größe kleiner Stecknadelköpfe gefunden; den einen
+erhielt Herr Sanders, den andern ich. Der Minister sagte mir auch, daß
+er Befehl habe, mir zu erlauben, selbst nach Diamanten zu suchen und
+die gefundenen zu behalten; ich erwiederte ihm aber, daß ich nicht
+gekommen sei, um Diamanten zu suchen, sondern nur um die Minen zu
+sehen. Ich suchte nicht.
+
+Viele Diamanten werden auch an andern Orten gefunden. Jene, die über
+drei Karat haben, müssen an den Fürsten verkauft werden, der sie
+gewöhnlich gegen Waare umtauscht und bei diesem Handel seine guten
+Procente zu gewinnen weiß.
+
+Die Diamanten haben selbst an den Fundorten einen sehr hohen Preis.
+
+Den Abend waren wir wieder bei dem Panam-Baham geladen, den unsere
+Gesellschaft sehr zu unterhalten schien. Man machte uns Hoffnung, den
+Schatz des Fürsten zu sehen; allein so weit ging seine Gefälligkeit
+nicht.
+
+Am +19. Februar+ verließen wir Landak, um auf dem Strome Landak die
+Rückreise nach Pontianak zu machen (200 Meilen).
+
+Wir fuhren in dem großen Boote bis an die Mündung des Flüßchens
++Karanyan+. Hier bestiegen wir ein kleines leichtes Boot, um einen
+Abstecher nach dem Oertchen Karanyan zu machen, in welchem sich vor
+mehreren Jahren einige Amerikanische Missionäre festgesetzt hatten.
+Ihre Absicht war gewesen, unter den Dayakern Proselyten zu machen.
+Wahrscheinlich versprachen sie sich bei diesen mehr Erfolg als bei den
+Mohamedanern, die zu fest an ihrem Glauben halten. Aber auch bei den
+Dayakern hatten sie kein Glück und mußten den Platz aufgeben, ohne eine
+einzige Seele erobert zu haben.
+
+Die Fahrt auf dem Karanyan gehört zu den schönen, aber nicht zu
+den bequemsten. Der Fluß war schmal, sehr seicht und der Art mit
+gefallenen Baumstämmen angefüllt, daß man hätte glauben mögen, dieß sei
+absichtlich geschehen, um ihn gegen Eindringlinge zu verschanzen. Auch
+viele lebende Bäume neigten sich so tief über das Wasser, daß wir uns
+flach in das Boot legen mußten, um unter diesen natürlichen Thorwegen
+durchzugleiten. Obwohl die Fahrt vier Stunden währte, verging uns
+doch die Zeit sehr schnell. Man kann sich schwer einen Begriff machen
+von dieser großartigen Zusammenstellung der verschiedenartigsten
+Laubbäume, Palmen, Gesträuche, Schlingpflanzen und Orchideen. Es gab
+darunter solche Riesenstämme, daß ich mich in dem Boote zurücklegen
+mußte, um mit dem Blicke die Spitze zu erreichen.
+
+Zu Karanyan fanden wir noch eines der Missionshäuschen; zwei andere
+nebst einer kleinen Kapelle waren schon spurlos verschwunden. Das
+eine Häuschen ward von einem Malaien unterhalten, der dafür von den
+Missionären eine kleine Entschädigung erhält. Die Herren hatten bei
+ihrem Abzuge versprochen, bald wieder zu kommen, erschienen aber bisher
+noch nicht, obwohl schon zwei Jahre verstrichen waren. Wir fanden noch
+einige ihrer Möbel und Bücher vor.
+
+Hierauf gingen wir noch vier Meilen weiter zu Fuß nach +Tubong+ und
++Sareton+, um die daselbst hausenden Dayaker zu besuchen. Aus ihrem
+wenigen Putze, so wie an den geringen Vorräthen von Reis, Geflügel,
+Schweinen u. s. w. sah man gleich, daß sie zu den Abhängigen gehörten;
+sie waren dem Panam-Baham untergeben. Auch in ihren Zügen, in ihrer
+Haltung vermißte man den offenen, ruhig freundlichen Charakter der
+freien Stämme. Sie empfingen uns finster und mißtrauisch; erst als
+Herr Sanders sie mit etwas Salz und Tabak beschenkte, thauten sie
+auf. Ich bewunderte bei dieser Gelegenheit abermals die bescheidene
+Gutmütigkeit dieser Menschen. Anstatt sich stürmisch an uns
+heranzudrängen und die erhaltenen Geschenke einander aus den Händen
+zu reißen, wie es häufig die Malaien thaten, empfingen sie bescheiden
+was man ihnen gab, und warteten ruhig, bis der Aelteste die Theilung
+gemacht hatte. Die Weiber bekommen hier so gut ihren Theil, wie die
+Männer.
+
+Wir frugen sie, ob ihnen die Missionäre häufige Besuche gemacht hatten;
+man sagte uns, daß sie alle drei bis vier Tage gekommen seien. Sie
+hätten geprediget, etwas aus Büchern gelesen, sich ein wenig mit ihnen
+unterhalten und seien wieder gegangen.
+
+Gegen Abend kehrten wir nach Karanyan zurück und nahmen für die Nacht
+das Häuschen der Missionäre in Besitz. Am folgenden Morgen fuhren wir
+das Flüßchen wieder hinab, bis zu unserm bequemen Boote und setzten
+die Reise auf dem Landak bis Pontianak fort, wo wir am 22. Februar
+glücklich anlangten.
+
+
+ [24] An Orten, wo nur einige Europäer leben, wie z. B. auf Borneo,
+ gibt es keine Gasthäuser.
+
+ [25] Der Kapthay trieb bedeutenden Handel mit Schweinen und
+ Schweinefleisch.
+
+ [26] Panam-Baham ist mehr als Rajah und weniger als Sultan.
+
+ [27] Diesen Glauben hatte man an den meisten Orten, sowohl unter
+ Mohamedanern als unter wilden Völkern; man hielt mich für eine
+ Art heiliger Person, und gewiß war dieß ein großer Schutz
+ für mich. Manche meinten auch, ich suche den Geist eines mir
+ verwandten Verstorbenen.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel.
+
+ Pontianak. -- Das Pfandrecht. -- Der Opiumpacht. -- Die
+ Opiumraucher. -- Amok. -- Reise nach Sambas. -- Der Pangerong-Rato.
+ -- Zuvorkommenheit der holländischen Offiziere. -- Rückkehr nach
+ Pontianak. -- Die Boa. -- Einiges über die Völker Borneo’s.
+
+
+Nun erst nahm ich mir Zeit, mich in Pontianak ein wenig umzusehen. Die
+Lage der Stadt ist nichts weniger als reizend. Sie liegt 20 Meilen
+von der See, in einer Ebene, die, einige Reisfelder abgerechnet, mit
+dichten Waldungen bedeckt ist, und deren Einförmigkeit bloß der Strom
+und das durch den Zusammenfluß des Landaks und Kapuas gebildete schöne
+Delta unterbrechen. Die nahe Umgebung besteht aus Morästen und Sümpfen;
+kaum daß man einen trockenen Spaziergang von tausend Schritt findet.
+Nahe der Stadt ist ein hölzernes Fort errichtet, das von Erdwällen
+umgeben und mit einer Besatzung von 130 Mann versehen ist. Die ganze
+Europäische Gesellschaft besteht aus dem Residenten, fünf bis sechs
+Beamten, einigen Offizieren und einem Arzte. Die Einwohnerzahl wird
+auf 6000 angeschlagen.
+
+An dem jenseitigen Ufer des Pontianak residirt ein Sultan, der
+gleich den selbstständigen Königen Indiens unter den Engländern, dem
+Namen nach unabhängig ist und frei über seine Völker herrscht, in
+Wirklichkeit aber von einem Holländischen Residenten überwacht wird,
+seine Grenzen ohne dessen Bewilligung nicht überschreiten darf und
+mit einem Worte nicht das Geringste eigenmächtig unternehmen kann.
+Der einzige Unterschied zwischen den Königen Hindostans und den
+Fürsten Borneo’s ist, daß letztere aus eigenem Antriebe die Hilfe der
+Holländer in Anspruch nehmen, während erstere wider Willen zur Theilung
+ihrer Herrschaft gezwungen wurden. Die Fürsten auf Borneo haben zu
+wenig Macht, einerseits den Streitigkeiten zwischen den Malaien,
+Chinesen und Dayakern, anderseits den Umtrieben und Verschwörungen
+in ihren eigenen Familien zu widerstehen. Sie unterwerfen sich daher
+gerne der Holländischen Regierung, die ihnen den größten Theil der
+Ländereien, die Abgaben der Unterthanen, die Goldwäschereien und
+Diamanten-Gruben läßt und sich nur den Opiumpacht, das Salzmonopol und
+andere minder bedeutende Einkünfte bedingt. Manche dieser Sultane und
+Fürsten beziehen sogar eine jährliche Pension als Entschädigung für
+die abgetretenen Rechte. So z. B. der Sultan von Pontianak, welchem
+jährlich 48000 Rupien[28] ausgezahlt werden.
+
+Auf Borneo gibt es, wie ich bereits erwähnt habe Sklaven, die zum
+Theile aus den Kriegsgefangenen, zum Theile aus den Schuldnern
+bestehen, welche zur festgesetzten Zeit nicht zahlen können, und dem
+Pfandrechte (von den Holländern ~Pandelingschap~ genannt) verfallen.
+Diesem barbarischen Rechte zu Folge muß der Schuldner seinem Gläubiger
+so lange unentgeldlich dienen, bis die Schuld berichtiget ist. Stirbt
+er früher, so tritt sein Weib, sein Sohn, seine Tochter oder sein
+nächster Verwandter an die Stelle. Wer dem Sultane drei Jahre keine
+Abgaben zahlt, ist Sklave des Sultans.
+
+Wie man mir sagte, arbeitet Resident Willer mit großem Eifer gegen
+diese schreiende Ungerechtigkeit und sucht ihr ein Ende zu machen.
+
+Ein anderes Uebel, in seinen Folgen ungleich größer, da es nicht
+einzelne Stämme oder Personen, sondern ganze Völker betrifft, ist
+der Gebrauch des Opiums. Gegen diesen wird jedoch nicht gearbeitet;
+im Gegentheile die Regierung selbst wendet alle Mittel an, ihn zu
+verbreiten.
+
+Es ist wirklich sonderbar, daß die Europäischen Regierungen einerseits
+Kolonien gründen, Länder unterjochen, um, wie sie sagen, die
+Civilisation, das Christenthum zu verbreiten, und andrerseits ihre
+neuen Unterthanen in Lastern, die den Grundsätzen der christlichen
+Religion, den Fortschritten der Civilisation gerade entgegenarbeiten,
+unterstützen.
+
+Warum wirken sie nicht gegen den Gebrauch des Opiums, an dem sich
+Tausende, ja Millionen krank und sinnlos rauchen? -- Warum? -- Weil der
+Opium-Bau (in Indien) der Engländer größter Reichthum ist -- weil der
+Opium-Pacht den andern Regierungen die größten Einkünfte schafft.
+
+Wie soll man den letzten Krieg nennen, den die Engländer dem
+Chinesischen Kaiser erklärten, der seine Unterthanen vor diesem Gifte
+bewahren und die Einfuhr des Opiums verbieten wollte?
+
+Wie können wir von den unkultivirten Völkern Achtung verlangen für
+unsere Religion, für unsere Civilisation, wenn sie sehen, daß diese
+wie jene uns an den habgierigsten, schändlichsten Handlungen nicht
+verhindern?
+
+Ich besuchte eines Abends im Chinesischen Kampon die sechs öffentlichen
+Häuschen, in welchen Opium geraucht wird. Die Raucher saßen oder lagen
+auf Matten, und hatten an ihrer Seite kleine Lämpchen stehen, um
+die Pfeife, in welcher sie das Opium rauchen, anzuzünden. Merkwürdig
+ist die Geschicklichkeit, mit welcher selbst der schon halb sinnlose
+Raucher das feinste Pünktchen Opium von dem Blatte zu lösen versteht,
+auf welches es gestrichen ist.
+
+Daß man an diesen Vergiftungsorten gräßliche Bilder zu sehen bekommt,
+versteht sich leider von selbst. Hier rafft sich Einer lallend und
+betäubt auf und versucht sich nach Hause zu schleppen, sinkt aber
+kraftlos an der Schwelle nieder, -- ein Anderer liegt leblos auf der
+Matte hingestreckt; er hat nicht einmal das Bewußtsein mehr, an sein
+Haus zu denken; -- dort sitzt Einer mit blassen, eingefallenen Wangen,
+mit stieren Augen, mit zitterndem Körper -- es fehlt ihm an Geld, er
+kann sich nicht bis zur Sinnlosigkeit rauchen. Bei manchen erregt das
+Opium-Rauchen eine große Munterkeit: sie schwatzen und lachen, bis sie
+erschöpft auf das Lager zurücksinken und sich, ihrer Behauptung nach,
+himmlischer Träume erfreuen. Das Traurigste ist, daß derjenige, welcher
+sich einmal diesem Gifte hingegeben hat, ohne dasselbe nicht mehr leben
+kann. Sein Körper ist gebrochen, erschlafft, er kann nicht arbeiten,
+nicht denken, er ist zu allem unfähig, bis er nicht in einigen Zügen
+Opium neue Aufregung, neues Leben geschöpft hat.
+
+Zu meinem Erstaunen fand ich in den Opium-Häusern sogar Weiber, die
+ebenso leidenschaftlich rauchten als die Männer.
+
+Man sagte mir, daß der Pikul Opium in Singapore 1200 Spanische Thaler
+koste; die Regierung verpachtet aber das Recht des Verkaufs so hoch,
+daß sie daraus sechs- bis achthundert Prozent zieht.
+
+Die Einkünfte der Holländischen Regierung auf Borneo kommen bisher
+hauptsächlich aus dieser Verpachtung, und mit +Freude+ erzählte man
+mir, daß sie alle Jahre mehr eintrüge. In Pontianak betrug sie im Jahre
+1851 ungefähr 116,000, in Sambas 130,000 Rupien; auf Java soll sie die
+ungeheure Summe von 10 Millionen erreichen und allein mehr betragen,
+als alle übrigen Steuern und Abgaben zusammen.
+
+Den Aufenthalt auf Pontianak benützte ich, unbekümmert um Hitze und
+Moräste, fleißig zu Spaziergängen und zur Insekten- und Reptilienjagd.
+Es machte mir bei dieser Gelegenheit kindisches Vergnügen, täglich zu
+Fuße den Aequator zu passiren, von welchem Pontianak kaum eine Meile
+entfernt liegt.
+
+Eines Morgens hatten wir in Pontianak einen großen Schrecken. Wir saßen
+noch ganz gemüthlich beim Frühstücke, als wir plötzlich ein heftiges
+Geschrei und häufiges Hin- und Herlaufen vor dem Hause vernahmen. Als
+wir auf die Gallerie traten, sahen wir Gerichtsdiener mit blankem
+Säbel über die Straße laufen, und hörten vom fliehendem Volke den
+Schreckens-Ruf „Amok! Amok!“ -- Wir stürzten in die Wohnung zurück, und
+augenblicklich wurden alle Thüren und Fenster geschlossen und verwahrt.
+
+Amok ist eine Art Raserei, die unter den Malaien, nicht nur
+auf Borneo, sondern im ganzen Indischen Archipel vorkommt. Sie
+ergreift die Menschen plötzlich und erregt in ihnen die heftigste,
+unwiderstehlichste Begierde nach Menschenblut. Der davon Befallene
+stürzt wie ein Wahnsinniger fort und tödtet alles, was ihm in den Weg
+kommt, -- sein Weib, seine Kinder nicht ausgenommen. Man ist gezwungen
+einen solchen Menschen niederzuhauen oder niederzuschießen wie einen
+wüthenden Hund. -- Diese Raserei soll meistens von Eifersucht herrühren
+und gewöhnlich nur bei Opium-Rauchern vorkommen.
+
+Diesmal ging es mit dem leeren Schrecken ab; es zeigte sich, daß statt
+des Amoks drei schwere Verbrecher aus dem nah gelegenen Gefängnisse
+entsprungen waren. Sie wurden alsbald wieder eingebracht.
+
+Von Pontianak wünschte ich mitten durch das Land an die Südküste nach
++Benjermassing+, ebenfalls einer Holländischen Besitzung zu gehen.
+Es wäre dieß eine Reise von zwei bis drei Monaten gewesen, die ich
+jedoch ohne Kenntniß der Dayakischen Sprache allein nicht hätte
+unternehmen können. Ich suchte daher einen getreuen, verläßlichen
+Diener oder Führer; allein es fand sich Niemand, der die allerdings
+sehr gefährliche Reise wagen wollte. Ich mußte daher davon abstehen. Es
+blieb mir nichts anderes übrig, als wider Willen nach Batavia zu gehen
+und mich dort nach einer Gelegenheit für Australien umzusehen. Ich sage
+„wider Willen,“ weil es mir bekannt war, wie theuer der Aufenthalt in
+Batavia, so wie das Reisen auf Java ist und ich in Folge dessen dieß
+schöne Land so schnell als möglich hätte verlassen müssen. Dazu machten
+mir noch die Holländer selbst von ihren dortigen Landsleuten keine sehr
+günstige Schilderung, und boten mir obwohl die einen Verwandte, die
+andern Jugendfreunde daselbst hatten, nicht einmal Briefe für diese an
+-- eine Sache, die mich um so mehr befremdete, als die Engländer mir
+stets ohne die geringste Aufforderung von meiner Seite alle Mittel an
+die Hand gaben, meine Reisen so angenehm als möglich zu machen. Doch
+es blieb mir keine Wahl, und nachdem ich in Pontianak länger geblieben
+war, als ich gewollt hatte, miethete ich einen Platz auf einer
+ärmlichen Barke, die nach Batavia segelte.
+
+In einigen Tagen sollte ich abfahren. Da ward mir die Freude noch zu
+Theil, Herrn Residenten +Willer+ kennen zu lernen, der von Batavia
+zurückkam. Ich nahm an diesem Manne großes Interesse, nicht nur weil
+er ein sehr vollständiges Werk über die +Battaker+ auf +Sumatra+ und
+die +Alforen+ auf +Ceram+ geschrieben hat, sondern auch weil er sich
+die Abschaffung des Pfandrechtes so sehr angelegen sein ließ.
+
+Auch an mir bewies Herr Willer sogleich sein treffliches Gemüth: er
+kannte den Kapitän der Arabischen Barke als einen schlechten Menschen
+und gab es nicht zu, daß ich mit ihm ginge. In der liebenswürdigsten
+Weise bot er mir den ferneren Aufenthalt in seinem Hause an, und
+versprach für meine Weiterreise zu sorgen. Zufälliger Weise kam bald
+darauf ein Holländisches Schiff an, auf welchem er mir die Ueberfahrt
+nach Batavia verschaffte. Ich hatte dabei Gelegenheit, noch etwas mehr
+von Borneo zu sehen, da das Schiff vorerst in +Sambas+ anlegen sollte.
+
+Am +6. April+ Morgens verließ ich Pontianak auf einem Regierungsboote
+und um Mittag war ich an Bord des „+Christian Huigens+“ von 300 Tonnen,
+Kapitän +Ihlower+.
+
+Auf dem Schiffe hatte ein reges Leben statt. Die Fracht bestand in
+einem Transporte Truppen aus 120 Soldaten, 46 Weibern und einem Dutzend
+Kinder. Unter den Soldaten gab es nur 30 Europäer; die übrigen, so wie
+alle Weiber waren von Java. Leider muß ich sagen, daß das Benehmen der
+Europäer bei weitem nicht so gesittet war wie jenes der Eingebornen.
+Unter die halb nackten, wilden Dayaker hätte ich ein Mädchen ohne
+Bedenken mitgenommen; hier dankte ich Gott, kein Töchterchen bei mir
+zu haben, -- ich hätte die Arme für die Zeit der ganzen Fahrt in die
+Kajüte sperren müssen. Muß ich doch überall den Christen, mag er
+Katholik, Protestant oder was immer sein, schlechter und ungesitteter
+finden, als den armen verachteten Heiden und Mohamedaner! -- Die
+Offiziere selbst gestanden mir, daß sie die eingebornen Soldaten den
+Europäischen vorzögen. Jene seien viel stiller und verträglicher,
+verrichteten den Dienst genau und betränken sich nicht. Wenigstens zwei
+Drittheile der Holländischen Truppen im Indischen Archipel bestehen aus
+Eingebornen, unter welchen sich besonders die +Maduresen+[29] durch
+ihre Tapferkeit auszeichnen.
+
+Am +8. April+ lagen wir auf der Rhede vor der Mündung des Flusses
++Sambas+ (80 Meilen). Wir hatten auf dieser kurzen Reise das Land nie
+aus dem Gesichte verloren: entweder sahen wir Borneo selbst, oder
+Inseln und Eilande, an denen es ringsumher nicht fehlte. Alles war
+gebirgig und mit dichter Waldung bedeckt.
+
+An der Mündung des Sambas liegt auf einem 150 Fuß hohen Hügel ein
+kleines Fort, +Sorg+ genannt, zum Andenken an den Obersten +Sorg+, der
+hier an seinen Wunden starb, die er in dem Gefechte mit den Chinesen
+von Mandore erhalten hatte. Der Kommandant, Kapitän +van Houten+, nahm
+mich für die Zeit, bis ein Boot von Sambas käme, um mich abzuholen,
+gütigst bei sich auf -- eine Gefälligkeit, die um so höher zu schätzen
+war, als seine ganze Wohnung aus zwei kleinen Kämmerchen bestand.
+
+Nie sah ich ein erbärmlicheres Fort als dieses: es enthielt nichts
+weiter als ein Paar niedrige Laubhütten, die den zwei Offizieren, dem
+Arzte und den Soldaten zum Obdache dienten. Man sagte mir, daß es in
+größter Eile errichtet worden sei, als sich die Chinesen von Mandore
+empörten, die Herrschaft der Holländer nicht mehr anerkennen, und
+besonders den Opiumpacht nicht mehr bezahlen wollten. Es fanden in
+der Ebene, die am Fuße des Hügels +Paniebungan+ liegt, auf welchem
+das Fort steht, drei Gefechte statt, in welchen 4000 Chinesen von
+600 Holländischen Soldaten geschlagen wurden. Die Chinesen gelobten
+hierauf neuen Gehorsam; doch wie es scheint, ist ihrer Treue nicht
+recht zu trauen, und man sieht neuen Unruhen entgegen. Sobald dieser
+Streit vollständig beendiget ist, soll ein ordentliches Fort an einem
+passenden Orte errichtet werden.
+
+Ich blieb zwei Tage Herrn +van Houten’s+ Gast und fuhr dann in einem
+Regierungsboote, welches der Assistent-Resident Herr van +Prehn+ um
+mich zu schicken so gütig war, nach Sambas (36 Meilen). Ich langte
+Abends an und wurde in das Haus des +Pangerong-Rato+[30] geführt. Herr
+van Prehn hatte das seinige mit Offizieren so überfüllt, daß er mich
+nicht aufnehmen konnte.
+
+Der Pangerong empfing mich im Divan. Hier sah es so Europäisch aus,
+daß ich mir schmeichelte, recht gut aufgehoben zu sein. Nach einer
+stundenlangen Unterhaltung äußerte ich den Wunsch, nach meinem Zimmer
+zu gehen. Man frug mich, was ich zu essen wünsche. Ich bat ganz
+bescheiden um zwei weichgesottene Eier. Auf meinem Zimmer angekommen,
+wartete ich die längste Zeit auf dieses große Mahl. Endlich erschien
+ein Diener, in einer Hand ein Bündelchen, in der andern ein Päckchen
+haltend; er legte beides auf den Tisch und kramte aus -- das Bündelchen
+enthielt sechs Eier, das Päckchen ein Pfund Wachskerzen. Ich mußte über
+die höchst einfache Art der Bedienung um so mehr lächeln, als man mir
+einige Diener nebst einer Dienerin gegeben hatte, die mich auf jedem
+Schritte wie Schatten verfolgten, von welchen mir aber keiner weder
+Messer noch Teller noch Brot oder Salz brachte. Ich hatte nicht mehr
+den Muth, etwas zu verlangen; ich dachte, es könnte so rasch kommen als
+die Eier, und ich sehnte mich schon sehr nach Ruhe. Ich langte daher
+nach einem Ei, um es in Eile auszuschlürfen; aber -- es war kalt und
+ungekocht. Ohne Imbiß mußte ich nach einer ganzen Tagereise mein Lager
+aufsuchen.
+
+Meine Wohnung bestand aus einer großen Halle, zu welcher drei Stufen
+aufwärts führten. Ein kleiner Raum, durch Blätterwände getrennt,
+bildete das Schlafgemach, das weder Thüre noch Fenster hatte; vor dem
+Eingang war bloß ein kleiner Schirm gestellt. Als ich Morgens aufstand,
+konnte ich natürlich in dem finsteren Gemache nicht bleiben und ging in
+die Halle. Diese aber hatte ein halb Dutzend Thüren, die immerwährend
+offen standen und allen Leuten zugänglich waren. An müßigem Volke
+fehlt es in den tropischen Ländern nirgends, am wenigsten an einem
+fürstlichen Hofe, und da ich noch dazu den Leuten eine merkwürdige
+Erscheinung war (außer Frau Willer hatten sie noch keine Europäerin
+gesehen), so befand sich meine Halle stets voll Menschen, und jede
+meiner Bewegungen wurde beobachtet; ich kam mir wahrlich wie eine
+stumme Schauspielerin vor.
+
+Zum Frühstücke, auf das ich mit einem wahren Heißhunger wartete,
+brachte man mir Thee ohne Milch[31] und ohne Brot. Ich fing schon an,
+etwas böse zu werden, mich an ein Haus gewiesen zu sehen, in welchem
+ich mit niemandem sprechen konnte und mir daher alles gefallen lassen
+mußte. Da kamen endlich zwei Herren, Kapitän van der +Kapellen+ und
+Dr. +Enthoffer+, mich zu besuchen und im Namen der gesammten Offiziere
+einzuladen, eines ihrer Häuschen zu beziehen. Welche Freude mir diese
+unverhoffte Einladung machte, bedarf wohl keiner Erwähnung. Die Herren
+versprachen, mich gegen Abend abzuholen.
+
+Indessen rückte Mittag heran, und als niemand erschien, meinen leeren
+Tisch zu decken, begehrte ich zu essen. Ich hatte nun schon über
+24 Stunden gefastet. Trotz meines guten Appetites war es mir aber
+unmöglich, viel von dem Mahle zu genießen, das man mir vorsetzte. Es
+bestand aus Reis, in Wasser gekocht, aus dem halben Flügelchen eines
+Huhnes in so starker Kuri-Brühe, daß ich mir den Mund verbrannte, und
+aus zwei dünnen Spalten getrockneten Fleisches (Den-den genannt),
+welches in ranzigem Kokos-Oele zu Kohlen verbrannt war.
+
+Um 4 Uhr brachte man mir einen großen Korb voll Früchte, von welchen
+ich jedoch wenig aß, da sich der Europäer in diesen Ländern vor
+Früchten sehr in Acht nehmen muß; sie bekommen ihm selten gut.
+
+Um 5 Uhr erschienen die beiden Herren. Kapitän van der Kapellen führte
+mich in sein eigenes Häuschen, welches er sammt seinen Dienern gänzlich
+zu meiner Verfügung stellte; er selbst quartirte sich für die Zeit
+meines Hierbleibens bei einem andern Offiziere ein. Man glaube aber
+nicht, daß ich, weil ich ein ganzes Häuschen besaß, deshalb über viele
+Gemächer zu verfügen hatte. Mein Palast, eine bescheidene Laubhütte mit
+zwei kleinen Kämmerchen, war nebst andern ähnlichen Palästen in der
+Eile aufgeschlagen worden, um die Offiziere zu beherbergen, die der
+Chinesischen Unruhen wegen mit ihren Truppen die Besatzung von Sambas
+vermehrt hatten. In Friedenszeit besteht die ganze hiesige Gesellschaft
+aus dem Assistent-Residenten, einigen Beamten und Offizieren, im Ganzen
+11 Personen, die Soldaten nicht gerechnet.
+
+Sambas zählt einige Tausend Einwohner und gleicht allen übrigen
+Malaischen Städtchen, mit der Ausnahme, daß die Chinesen meistens ihre
+Häuser auf Flößen gebaut haben, wodurch der Fluß ein sehr belebtes
+Ansehen erhält. Gleich Pontianak liegt Sambas in einer großen Ebene,
+die aber nicht so versumpft ist, und in deren Hintergrund sich einige
+Gebirge zeigen. Vor dem Hause des Assistent-Residenten ist sogar ein
+großer Wiesenplatz mit Baum-Alleen.
+
+Außer einem Fort besitzt Sambas auch ein Hospital mit geräumigen
+Sälen, sehr reinlichen, guten Betten und reichen Vorräthen an Wäsche,
+Arzeneien und Lebensmitteln, unter letzteren viele hermetisch
+verschlossene Blechbüchsen (Conserve), feine Gemüse, Kalbfleisch
+u. s. w. enthaltend, und feine Weine, wie Bordeaux, Rheinwein. In
+dieses Hospital werden auch Eingeborne aufgenommen; doch machen sie
+selten Gebrauch davon. Sie haben einen großen Abscheu vor Hospitälern
+-- sie sahen Leute darinnen sterben, halten sie eher für Sterbehäuser
+als für Heilanstalten und ziehen es daher vor, selbst an sich zu
+quacksalbern.
+
+Zu meinem Erstaunen bemerkte ich, daß die Holländer auf Borneo[32]
+mit den eingebornen Mädchen in denselben freien Verhältnissen
+leben, wie die Franzosen auf +Otahaiti+. Ich könnte hier Wort für
+Wort wiederholen, was ich bei Gelegenheit meiner früheren Reise
+über Otahaiti geschrieben habe. Mir fiel dies um so mehr auf, da
+ich weder auf Singapore, noch auf Sarawak, noch auf irgend einer
+Englisch-überseeischen Besitzung Aehnliches bemerkt habe.
+
+Obwohl es in Sambas nicht viel Interessantes zu sehen gab, verging mir
+die Zeit doch schnell und angenehm. Herr van Prehn sandte mir jeden
+Morgen sein Boot, und der Fürst Rato vier Malaien. Ich fuhr bis an die
+Waldungen und strich mit meinen Begleitern den ganzen Vormittag umher.
+An die tropische Hitze war ich bereits gewöhnt, eben so an die Sümpfe
+und Moräste, und an Schlangenbisse oder dergleichen Unfälle dachte ich
+gar nicht. Wir brachten Tod und Verderben über alles, was uns vorkam;
+kein Insekt, kein Reptil, kein Schmetterling fand Gnade vor unsern
+Augen. Nachmittags hatte ich meine armen Opfer in Ordnung zu bringen,
+und Abends erhielt ich stets Besuche. Mit Dank und Vergnügen werde ich
+stets der Europäer in Sambas gedenken, besonders der Herren van der
+Kapellen, Enthoffer und van Prehn. Sie beschrieben mir ihre Landsleute
+auf Batavia ungleich günstiger, als man es zu Pontianak gethan hatte,
+und versahen mich reichlich mit Empfehlungsbriefen, so daß ich meiner
+Reise etwas muthiger entgegen sah.
+
+Am +26. April+ verließ ich Sambas, und zwar um abermals nach Pontianak
+zu gehen, wo das Schiff eine Ladung Kokosnüsse (50,000 Stück, das
+Hundert ~à~ 2 Rupien) und Rotang für Batavia einnehmen sollte.
+
+An der Mündung des Flusses hatte ich das Vergnügen, Herrn und Frau
+Willer zu begegnen und mit ihnen zu frühstücken. Herr Willer kam der
+Chinesischen Angelegenheiten wegen nach Sambas.
+
+Auf Fort +Sorg+, bei Kapitän +van Houten+, fand ich dieselbe herzliche
+Aufnahme wie früher. Er überraschte mich mit einer kleinen Sammlung
+Insekten und mit einer ausgezeichnet schönen und seltenen Schlange.
+
+Am +1. Mai+ ging ich wieder an Bord. Wir hatten vier Tage zu thun, um
+über die die Rhede umgebenden Sandbänke zu gelangen. Am ersten Tage
+harpunirten die Matrosen eine Boa. Sie war vermuthlich durch die Fluth
+vom Lande mitgenommen worden und mochte unser Schiff als Zufluchtsort
+betrachten, indem sie darauf lossteuerte und an Bord zu kommen suchte.
+Sie kam auch an Bord, aber -- als Leiche. Sie maß 18 Fuß in der Länge
+und 8 Zoll im Durchmesser. Die Matrosen zogen ihr die Haut ab und
+wollten den Körper in die See werfen. Ich rieth ihnen, letzteres
+zu unterlassen und die Schlange lieber zu verspeisen. Sie lachten
+mich weidlich aus und meinten, wenn das Schlangenfleisch so köstlich
+schmecke, möge ich es nur selbst verzehren, ihr Antheil stehe zu meiner
+Verfügung. Ich ließ ein Stück braten und fing in ihrer Gegenwart davon
+zu essen an[33]. Als sie dies sahen, trat doch einer der herzhaftesten
+hervor und ersuchte mich, ihn davon kosten zu lassen. Ich gab ihm ein
+Stückchen, und da er es, gleich mir, äußerst schmackhaft fand, folgten
+die andern alsbald seinem Beispiele und kosteten so viel, daß am Ende
+das Zusehen an mich kam. Es wurde einmüthig beschlossen, die Schlange
+zu verspeisen, und Matrosen und Soldaten dankten mir für den guten Rath.
+
+Wir hatten 30 Soldaten nebst einigen Weibern und Kindern an Bord.
+Unter den Soldaten gab es mehrere Kranke, die zur Luftveränderung nach
+Batavia gesandt wurden, und von welchen einer, ein Javanese, während
+der Reise starb. Sein Körper wurde unmittelbar nach dem Verscheiden an
+den Mittelmast gelegt. Nach sechs Stunden nähte man ihn in eine Matte,
+befestigte an den Füßen zwei große Steine, legte dann den Körper auf
+ein Brett, und ließ ihn in die See gleiten. Keiner der Landsleute und
+Waffengenossen des Verstorbenen war von dieser Scene ergriffen, nicht
+einmal sein Weib. Ihr Auge blieb trocken, ihre Gesichtszüge drückten
+Gleichgültigkeit aus. Nach zwei Tagen sagte man mir, daß sie schon mit
+einem andern versprochen sei.
+
+Ich hatte bemerkt, daß die Landsleute des Verstorbenen, als er in die
+Matte genäht wurde, einige Münzen beilegten. Auf mein Befragen, warum
+dieß geschähe, sagte man mir, daß die Leute glauben, wenn man einer
+Leiche, die in die See geworfen werde, einige Münzen beilege, sie nicht
+auftauche.
+
+Am +8. Mai+ erst warfen wir Anker auf der Rhede von Pontianak, und am
++22. Mai+ nahm ich zum letzten Male Abschied von diesem Orte. Da ich
+damit zu gleicher Zeit auch gänzlichen Abschied von Borneo nahm, will
+ich mit einigen Worten noch die verschiedenen Völker erwähnen, die ich
+kennen gelernt habe.
+
+Die Dayaker, die bei weitem den größten Theil der Bevölkerung
+ausmachen, gefielen mir, wie bereits gesagt, am besten, nicht nur unter
+den Völkern Borneo’s, sondern untern allen wilden Völkern der Erde,
+mit welchen ich bisher in Berührung gekommen war. Sie haben, besonders
+die freien Stämme, einen wirklich edlen, unverdorbenen Charakter. Sehr
+mißfielen mir dagegen die Malaien; ich kann nur bestätigen, was die
+meisten Reisenden sagen: daß die Malaien Borneo’s unter allen Malaien
+die schlechtesten sind. Sie lügen, stehlen, betrügen, behandeln die
+ihnen unterworfenen Dayaker sehr hart und haben wenig Liebe für ihre
+Weiber und Kinder. Sie wechseln sehr leicht die ehelichen Bande: ich
+sah Männer wie Weiber, die sechs bis acht Mal getraut waren und kaum
+30 Jahre zählten. Oft kehren sie, nachdem sie mit anderen getraut
+waren, zu ihren früheren Gatten wieder zurück. Daß ein Mann mehrere
+Frauen zugleich hat, ist gesetzlich erlaubt, denn die Malaien sind
+alle Mahomedaner. Nebst diesen schönen Eigenschaften besitzen sie eine
+unbeschreibliche Trägheit, Theilnahmslosigkeit und eine Unreinlichkeit
+sonder gleichen. Sie baden oder überschütten sich wohl zwei bis dreimal
+des Tages mit Wasser, wie es ihre Religion verlangt; allein sie waschen
+den Schmutz nicht vom Körper, trocknen sich nicht ab; sie lassen das
+Wasser über den Körper laufen und damit ist es abgethan. Ihre Nahrung
+ist schlecht, weil sie zu träge sind, mehr zu bauen oder zu pflanzen
+als Reis. In jeder Hütte, in der ich auf meinen Reisen einsprach, fand
+ich einen Schwarm von Männern und Weibern, die halbe, ja ganze Tage
+nichts thaten als: schwatzen, Siri kauen, schlafen, mit den Kindern
+spielen oder mich stundenlange sinnlos begaffen.
+
+Was die Chinesen betrifft, so sind diese schon von ihrem Vaterlande
+aus als falsch, grausam, hinterlistig und verschmitzt bekannt, und
+so wenig sie in fremden Ländern ihre Sitten, Gebräuche und Kleidung
+ablegen, eben so wenig legen sie ihren Charakter ab. Doch haben sie
+auch viele gute Eigenschaften: sie sind betriebsam, fleißig, ausdauernd
+und sparsam, lieben ihre Kinder und wechseln deßhalb auch viel seltener
+ihre Frauen.
+
+Die Chinesen spielen in Borneo die Rolle der Juden in Polen oder
+Ungarn. Groß- und Klein-Handel, alle Handwerke sind in ihren Händen;
+sie sind Pächter oder Bearbeiter aller Minen und bauen das Land
+ungleich sorgfältiger als die Dayaker oder Malaien. Auch ihre Nahrung
+ist bei weitem besser: sie halten viel Schweine und Geflügel, pflanzen
+Gemüse und Früchte. Thee vertritt die Stelle des Wassers, und bei den
+Mahlzeiten trinken sie häufig eine Art sehr leichten Rums, aus Reis
+gezogen und mit Zucker versüßt.
+
+Man könnte den Chinesen als Herrn und Bürger des Landes, den Malaien
+als Bauer, den abhängigen Dayaker als Sklaven betrachten.
+
+Durchaus unwahr und übertrieben finde ich die Schilderungen, die man
+von dem harten Lose der Borneischen Weiber, besonders jenem der
+Dayakerinnen macht. Leute, die solches behaupten, haben nicht gesehen,
+was ein armes Weib in den meisten Europäischen Ländern zu leisten hat.
+Sie haben nicht gesehen, wie eine Europäische Bäuerin schwer beladen
+mit Lebensmitteln schon lange vor Sonnenaufgang nach einer fernen
+Stadt eilt, um dort ihren Kram zu veräußern, wie sie halb erschöpft
+nach Hause kommend, statt zu ruhen, die Küche, die Kinder beschickt,
+im Stall das Vieh besorgt, und oft noch auf die Felder geht und
+den Männern arbeiten hilft. Sie haben nicht gesehen, wie eine arme
+Taglöhnerin in den Städten von Morgens drei bis Abends sieben und acht
+Uhr am Waschtroge steht und wäscht, bis ihr die Haut von den Fingern
+geht -- wie andere die größten Lasten Holz, Wasser in die vierten
+und fünften Stockwerke der Häuser hinaufschleppen. Sie haben an die
+Handarbeiterinnen nicht gedacht, die oft in dumpfen, düstern Löchern
+täglich zwölf bis vierzehn Stunden arbeiten, die kaum an einem Sonntage
+die liebe Sonne zu sehen bekommen. Wahrlich, es kann kein härteres Loos
+geben, als das eines armen Europäischen Weibes!
+
+Was sind dagegen die Leistungen der Borneischen Weiber? Sie arbeiten
+höchst selten auf dem Felde, flechten Matten und Laubwände zur Erbauung
+der Hütten, besorgen die Kinder, den Haushalt. Sie gehen zur Zeit der
+Reisernte (und das nur die Dayakischen Weiber) für einige Stunden auf’s
+Feld, schneiden da ein Körbchen voll mit Reisähren[34] und tragen es
+heim. Was für Matten und Laubwände nöthig ist, schafft der Mann nach
+Hause; die Weiber sitzen im schattigen, luftigen Vorplatze und arbeiten
+nach Belieben; kein Mensch treibt sie an. Wird die Sache nicht heute
+fertig, so wird sie es morgen oder übermorgen. Die Kinder machen ihnen
+nichts zu schaffen: die laufen nackt umher, und thun was sie wollen;
+hat ein Weib einen Säugling, so bleibt es ganz zu Hause. Was die Küche
+betrifft, so wird sie bei den Chinesen von den Männern beschickt, und
+bei den Dayakern und Malaien sieht das Feuer selten etwas anderes als
+Reis. Um das Vieh brauchen sie sich nicht zu bekümmern: die Schweine
+und Hühner müssen sich ihr Futter größtentheils selbst suchen, und Kühe
+halten sie nicht. Sie haben ferner kein Hausgeräth zu scheuern, keine
+Stuben zu reinigen (aller Unrath wird durch den Bambusboden geworfen),
+und das Waschen und Flicken der Wäsche und Kleider raubt ihnen auch nur
+wenig Zeit, da sie nichts weiter tragen, als einen einfachen Sarong.
+
+Diesen angestrengten Arbeiten wollen die mitunter so gefühlvollen
+Europäer das frühe Altern der Weiber zuschreiben. Ich möchte es mehr
+als Folge des frühen Heirathens betrachten, das bei Mädchen oft schon
+im elften oder zwölften Jahre stattfindet.
+
+
+ [28] In den holländischen Besitzungen gibt es Papiergeld (Recepisse),
+ Kupfer (Deut), Silber (Rupie). Ein Recepisse hat den Werth einer
+ Rupie und enthält 120 Deut. Zwölf Recepisse machen ein Livre
+ Sterling. -- Man rechnet auch nach Kupfer-Gulden ~à~ 100 Deut;
+ es ist dieß aber eine imaginäre Münze.
+
+ [29] Madura, eine Insel, gehört zur Regentschaft von Java.
+
+ [30] Pangerong ist gleich Panam-Baham mehr als Rajah und weniger als
+ Sultan.
+
+ [31] Kühe findet man nur bei den Europäern, höchst selten bei den
+ Eingebornen. Letztere halten mitunter Ziegen.
+
+ [32] Später bemerkte ich dasselbe im ganzen Archipel.
+
+ [33] Wer meine erste Reise um die Welt gelesen hat, wird sich
+ vielleicht erinnern, daß ich zu Singapore auf einer Tigerjagd
+ war, auf welcher, statt eines Tigers, eine Boa getödtet wurde.
+ Wir brachten sie zu Chinesen auf eine Pfefferpflanzung. Die
+ Leute zogen ihr die Haut ab, kochten und aßen sie. Ich kostete
+ von diesem seltsamen Gerichte und fand es wirklich höchst
+ schmackhaft.
+
+ [34] Auf Borneo werden die Aehren ganz oben an dem Ende der Stängel
+ abgeschnitten, das Stroh wird auf dem Felde verbrannt.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+ Batavia. -- Sehenswürdigkeiten. -- Chinesisches Schauspiel. --
+ Buitenzorg. -- Vorstellung bei dem General-Gouverneur Typanas. --
+ Besteigung des Pangerangs. -- Bandong. -- Die Theepflanzung. -- Die
+ Kaffeemühle. -- Der Schwefelkrater. -- Rückkehr nach Batavia. --
+ Ausflug nach Tangerang. -- Volksbelustigungen.
+
+
+Am +29. Mai+, nach einer Reise von 7 Tagen traf ich glücklich zu
+Batavia ein (400 Meilen von Pontianak).
+
+Von der Rhede aus sieht man wenig von der Stadt, nichts von den
+Wohnhäusern der Europäer; es zeigt sich blos eine ungemein große,
+fruchtbare Ebene, von schönen Gebirgen umgeben.
+
+Die Fahrt von der Rhede nach der Stadt (drei Meilen) muß man in der
+Regierung gehörigen Booten machen und dafür 3 Rupien bezahlen. Ein
+Schiffskapitän kann zwar sein eigenes Boot gebrauchen, muß aber für
+dieses Recht dieselbe Taxe entrichten. Auch die Waaren können nur in
+Regierungsbooten befördert werden.
+
+Für einen Wagen von dem Landungsplatze nach der Stadt hat man ebenfalls
+drei Rupien zu bezahlen, für jedes Stück Gepäck eine halbe Rupie, in
+allem, die Trinkgelder mitgerechnet, 9 bis 10 Rupien, -- eine Summe,
+für welche man in dem theuern Calcutta viermal an’s Land gehen kann.
+
+Ich stieg im Hôtel Neederland bei Herrn +Hovesand+ ab. Doch schon am
+folgenden Morgen besuchte mich der Resident Herr +van Rees+, an welchen
+ich von +Sambas+ einen Empfehlungsbrief mitgebracht hatte, lud mich auf
+die herzlichste Weise in sein Haus ein und ließ mich noch denselben Tag
+abholen. Seine Gemahlin, eine der gebildetsten und liebenswürdigsten
+Frauen, empfing mich nicht minder freundlich als ihr Gemahl, und somit
+ging mein Eintritt in Batavia auf die leichteste und angenehmste Art
+vor sich.
+
+Herr +Hovesand+ nahm durchaus keine Bezahlung von mir an, obwohl ich
+in seinen Wagen gefahren, seine Kully benützt hatte. Er bat mich, ihm
+die Freude, eine so große Reisende wie mich beherbergt zu haben, nicht
+durch eine Vergütung zu verderben.
+
+Batavia hat eine Bevölkerung von ungefähr 100,000 Seelen, darunter
+2000 Europäer und mehr als 20,000 Chinesen[35]. Die Stadt ist nicht
+hübsch, die Häuser sind klein und unansehnlich und besonders in
+dem Chinesischen Theile sehr nahe an einander gebaut. Die Europäer
+haben nur ihre Comptoirs in der Stadt; sie wohnen außerhalb derselben
+in Landhäusern. Die vornehmsten und nächstgelegenen der von den
+Europäern bewohnten Plätze heißen: Koningsplein, Waterlooplein,
+Cramat und Ryswick. Die beiden ersten besitzen große, schöne Wiesen
+von Baum-Alleen umgeben, unter welchen man Abends spazieren fährt
+und reitet. Die Waterloo-Wiese ist mit einer Säule geschmückt,
+„Waterloo-Säule“ genannt. Auf Waterlooplein wohnen die Offiziere.
+Es steht hier auch ein großes Regierungsgebäude, einen Sitzungssaal
+und Kanzleien enthaltend. Nahebei sind die öffentlichen Schulen
+und das Theater. Unter den übrigen öffentlichen Gebäuden sind noch
+bemerkenswerth: die protestantische und die katholische Kirche, die
+Polizei, das Museum, die Harmonie, das Militär- und das Chinesische
+Hospital. Das Posthaus war eben im Baue begriffen. Der Palast des
+Gouverneur-Generals ist unbedeutend. Der eigentliche Wohnsitz des
+Gouverneurs ist zu Buitenzorg (36 Meilen von der Stadt). Nach Batavia
+kommt letzterer jeden Monat nur auf einige Tage, um Audienzen zu
+ertheilen, Sitzungen zu halten, Diners und Bälle zu geben.
+
+Die Häuser der Europäer haben meistens ein sehr bescheidenes Ansehen;
+die wenigsten besitzen ein Stockwerk. Die schönste Zierde der Häuser
+in tropischen Ländern, die terrassenförmige Bedachung, fehlt ihnen;
+sie haben im Gegenteile schwere Dächer mit großen Vorsprüngen, die
+Fenster und Thüren überschatten. Dagegen besteht das Innere aus großen,
+hohen Gemächern und Sälen. Die Böden sind mit Matten belegt. Das
+Freundlichste an diesen Häusern ist, daß sie beinahe alle in Wiesen
+oder niedlichen Blumengärten liegen, die nicht wie in Calcutta oder
+Bombay von dicken Mauern, sondern von lebendigen Hecken oder zierlichen
+Staketen umfaßt sind. Dies gibt einer Spazierfahrt einen unendlichen
+Reiz; man meint in einem großen wohlgeordneten Parke zu sein.
+
+Ich hatte viel von dem außerordentlichen Luxus auf Batavia sprechen
+gehört. Ich würde ihn vielleicht auch groß gefunden haben, wäre ich
+nicht in Brittisch-Indien gewesen. Wer aber je den Luxus an Gebäuden,
+Equipagen, Dienerschaft u. s. w. in Calcutta gesehen hat, kann durch
+nichts ähnliches mehr überrascht werden.
+
+Lächerlich fand ich in Batavia die Kleidung der Diener. Die Holländer
+scheinen die Europäische Tracht so überaus schön zu finden, daß sie
+ihre Dienerschaft (alles Malaien) damit beglücken. In einem der
+vornehmsten Häuser sah ich die Diener in reich betreßten Livrée-Röcken,
+in elegante Beinkleider gesteckt; dabei gingen sie aber mit bloßen
+Füßen und hatten um den Kopf das landesübliche Tuch gewickelt.
+Welch komisch-sonderbaren Anblick diese verkleideten Orangutangs
+gewährten, kann man sich kaum vorstellen, besonders wenn sie auf ihre
+dunkelbraunen, mit dem Tuche umwickelten Köpfe noch den geschmackvollen
+Europäischen Hut setzten.
+
+Die Lebensweise der Europäer ist hier so ziemlich dieselbe, wie in
+Brittisch-Indien. Ueberall findet man einen Schwarm von Dienern,
+von welchen einer dem andern im Nichtsthun behilflich ist. Die
+Frauen tragen den Tag über den Sarong und die Cabay der Eingebornen.
+Abends erscheint alles in Europäischem Putze. In allen Häusern wird
+Nachmittags einige Stunden der Ruhe gepflegt.
+
+Batavia soll in früheren Zeiten sehr ungesund gewesen sein; jetzt ist
+dies weniger der Fall, da viele der es umgebenden Sümpfe trocken gelegt
+wurden.
+
+Die Holländer, besonders die Männer, vertragen das Indische Klima
+weit besser als die Engländer. Ich sah viele Herren, die 15 bis 20
+Jahre unausgesetzt in Java lebten und so blühend aussahen, als hätten
+sie Europa nie verlassen. Weniger gut ertragen es die Frauen, was
+vermutlich auch von dem zu frühen Heirathen herrührt. Die Regierung sah
+sich deshalb veranlaßt das Gebot zu erlassen, daß Mädchen (natürlich
+nur die Europäischen) nicht unter 15 Jahren heirathen dürfen. --
+Die Kinder werden nicht so häufig nach Europa gesandt, als dies in
+Brittisch-Indien der Fall ist. Die Mädchen erzieht man häufig ganz im
+Lande; die Jungen ist man gezwungen nach Europa zu senden, wenn man
+sie zu Beamten oder Offizieren bestimmt, da kein in Indien erzogener
+Jüngling ein höherer Beamter oder Offizier werden kann, besäße er auch
+im höchsten Grade alle hiezu nöthigen Kenntnisse.
+
+Ob Java gesünder ist als Brittisch-Indien, oder ob die minder schwere
+Kost, die minder starken Getränke Ursache der besseren Gesundheit der
+Holländer sind, wage ich nicht zu unterscheiden; ich würde jedoch für
+letzteres stimmen.
+
+Das Leben ist in Batavia wenigstens um einen Fünftheil, wo nicht um ein
+Vierttheil theurer als in Calcutta.
+
+Leider herrscht auf Java noch Sklaverei; doch ist sie nicht drückend.
+Der Eigenthümer darf keine Strafe über seinen Sklaven verhängen, und
+letzterer kann so gut wie ersterer seine Klage führen. Der Sklave
+erhält nebst vollkommenem Unterhalte zwei Kupfergulden per Monat für
+Siri. Es dürfen keine Sklaven eingeführt werden; allein die Abkömmlinge
+der Sklaven bleiben stets Sklaven. Dieses Gesetz gibt zu häufigen
+Betrügereien und Verfälschungen Anlaß, in welchen die Chinesen
+besonders raffinirt sind. Stirbt ihnen nämlich ein Sklavenkind,
+so suchen sie an dessen Stelle ein elternloses, freies Kind zu
+unterschieben, um auf diese Art den erlittenen Verlust zu ersetzen.
+Ein gesunder Sklave, der nichts anderes als Stärke besitzt, kostet 400
+Rupien; ein Koch, eine Köchin 6 bis 800.
+
+Zum Lobe der Holländer muß man sagen, daß sie nicht selten ihren
+Sklaven die Freiheit schenken, und zwar nicht nur wenn sie Indien auf
+immer verlassen, sondern oft auch ohne besondere Veranlassung, aus
+reiner Menschenliebe. So hatten z. B. Herr und Frau van Rees am ersten
+Januar dieses Jahres allen ihren Sklaven die Freiheit geschenkt; aber
+keiner verließ ihr Haus -- sie baten alle, daß man sie behalten möchte.
+Dieselbe schöne Handlung vollführte Frau Overhand, Witwe des Residenten
+Overhand; auch ihre Sklaven baten, in ihren Dienste verbleiben zu
+dürfen.
+
+Die meisten öffentlichen Gebäude und Anstalten besuchte ich in
+Gesellschaft des Herrn van Rees.
+
+Wir machten den Anfang mit dem Chinesischen Hospital, das im Jahre
+1799 mit chinesischem Gelde erbaut wurde. Die Holländische Regierung
+hatte die Chinesen zu diesem Zwecke zu einer jährlichen kleinen
+Abgabe verhalten, deren Betrag mit der Zeit eine so große Summe
+bildete, daß man dieses schöne Gebäude damit herstellen konnte. Es
+ist mit Europäischen Aerzten, mit eingebornen Aufsehern und Wärtern
+versehen und enthält, außer den großen Krankenzimmern, Abtheilungen
+für Irrsinnige. Als ich die Anstalt besuchte, gab es 147 Kranke und
+68 Irrsinnige. Wir traten in jedes Krankenzimmer, und bei dieser
+Gelegenheit lernte ich die wahre Herzensgüte des Residenten kennen
+und bewundern. Er trat an die Krankenbetten, sogar an jene der
+Aussätzigen, die über alle Beschreibung ekelhaft aussahen, deren Athem
+und Ausdünstung verpestet war, frug sie nach ihrem Befinden und sprach
+ihnen Trost zu. Kindern voll Geschwüren und Ausschlägen klopfte er
+freundlich auf die Backen, lachte und scherzte mit ihnen so recht
+wie ein gemüthlicher Vater. Ich muß zu meiner Schande gestehen, daß
+ich mich stets einige Schritte entfernt hielt, und daß es mir schwer
+gefallen wäre, sein edles Beispiel nachzuahmen.
+
+Das allgemeine Hospital ist das vollkommenste, das ich je sah. Ein
+Kranker kann in einem wohleingerichteten Privathause nicht besser
+aufgehoben sein. Die Säle sind luftig, hoch und außerordentlich rein
+gehalten, die Betten vortrefflich, die Kranken, so wie die Genesenden
+bis zu ihrem Austritte in blendend weiße Wäsche gekleidet. Sobald ein
+Kranker eintritt, wird seine Wäsche und Kleidung bewahrt bis zur Stunde
+des Austrittes; man sieht den Genesenden nicht in seinen schmutzigen,
+oft zerrissenen Kleidern umhergehen. Die Offiziere erhalten jeder ein
+eigenes schönes Zimmer in einer ganz abgesonderten Abtheilung. Wir
+kamen so zeitlich des Morgens, daß wir der Austheilung des Frühstückes
+beiwohnten. Die Europäischen Kranken erhielten sehr guten Kaffee mit
+Zucker, Milch und Weißbrode. Die Eingeborenen ziehen ihre Nahrung der
+Europäischen vor: sie bekommen Reis, Gemüse, Fische, Fleisch u. s. w.
+Man führte uns auch in die Badeanstalt und die Vorrathskammern. In
+letzteren waren Leib- und Bettwäsche im reichsten Maße aufgestapelt;
+auch gab es die größten Vorräthe an feinen und frischen Lebensmitteln
+und Getränken, an Bandagen, Arzneien und medizinischen Instrumenten
+aller Art. In einem Saale werden Theile des menschlichen Körpers, die
+von seltenen Krankheiten ergriffen waren, in Spiritus bewahrt. In einem
+Glaskasten lag das ganze Skelett eines Matrosen, der von der Spitze
+eines Mastes herabgestürzt war. Er hatte sich, außer 10 mehr oder
+minder gefährlichen Knochenbrüchen, das Rückgrad gänzlich gebrochen,
+und wurde trotzdem durch die Kunst und Sorgfalt des Doktor Enthoffer
+(den ich auf Sambas kennen gelernt hatte) sechs Wochen lang am Leben
+erhalten.
+
+In diesem Hospitale werden auch eingeborne Jünglinge, Mädchen und
+Weiber in einigen Zweigen der medizinischen Wissenschaft unterrichtet.
+Erstere werden zu Gehilfen der Aerzte herangebildet. Man bringt ihnen
+Kenntnisse vom menschlichen Körper bei, lehrt ihnen zur Ader zu lassen,
+Beinbrüche einzurichten u. s. w. Sie werden dann im Innern des Landes
+angestellt an Plätzen, die von ärztlicher Hilfe weit entfernt sind. Die
+Mädchen und Weiber lernen den Hebammen-Dienst.
+
+Man war so gefällig, in meiner Gegenwart einige Fragen an die jungen
+Leute zu stellen, die sie richtig und ohne lange nachzudenken,
+beantworteten. An dem menschlichen Skelette, das in ihrem Lehrsaale
+stand, wußten sie alle Theile zu benennen und zu erklären. Nicht
+minder unterrichtet fand ich die weibliche Jugend, was mich um so mehr
+in Erstaunen setzte, als das weibliche Geschlecht in diesen Ländern
+durchaus an kein Lernen und Schulgehen gewöhnt ist. Die Mädchen und
+Weiber sind während der Zeit der Lehre (zwei Jahre) halbe Gefangene;
+sie kommen nie aus dem Bereiche ihrer Lehrsäle und Wohnungen und
+dürfen nur weibliche Besuche empfangen. Die Jünglinge können einige
+Stunden des Tages ausgehen. Es soll sich selten ereignen, daß einer der
+Zöglinge vor der Zeit austritt. Sie lernen fleißig und begreifen leicht.
+
+Das Museum bietet, außer einigen Mineralien und vielen Gottheiten
+von Bali, nichts Sehenswerthes. Die vierfüßigen Thiere, Insekten,
+Reptilien u. s. w. sind in diesem Klima dem Verderben zu sehr
+unterworfen, und werden nach Holland geschickt.
+
+Das Regierungsgebäude auf dem Waterloo-Platze besitzt einen
+großen Sitzungssaal mit den Bildnissen aller Holländischen
+Gouverneur-Generale. Ich ging hauptsächlich in dieses Gebäude, um
+eine Sammlung Handzeichnungen zu besehen, die ein Landsmann von mir
+(ein Wiener, Herr +Wilson+) auf Befehl der Regierung von den alten,
+herrlichen Hindu-Tempeln im Innern Java’s aufgenommen hat. Der Anblick
+der Zeichnungen erweckte in mir die höchste Begierde, diese Kunstwerke
+in Wirklichkeit zu sehen; allein ich schmeichelte mir nicht, so weit
+zu kommen: die Kosten einer Reise auf Java waren meiner Börse zu sehr
+überlegen.
+
+Auch die Gefängnisse besuchte ich und fand die Leute ungleich besser
+gehalten als bei uns in Europa. Sie bewohnen luftige, reine Gemächer
+und erfreuen sich des Anblickes der Sonne in kleinen Gärten, die zu den
+Gefängnissen gehören. Zweimal des Tages erhalten sie große Portionen
+Reis nebst Fischen oder Gemüsen, und zweimal in der Woche Fleisch. Sie
+sind nicht gefesselt und entbehren nicht einmal ihres geliebten Siri.
+Ich glaube kaum, daß irgend ein anderer Staat mit seinen Verbrechern so
+human umgeht.
+
+Das Theater besuchte ich nicht; meine Garderobe war auf Reisen selten
+so eingerichtet, um an Orten zu erscheinen, wo sich der Europäer im
+höchsten Putze und Glanze zeigt. Auch interessirte es mich wenig, ein
+oft gesehenes Europäisches Schauspiel, eine oft gehörte Oper in einem
+fremden Welttheil wieder zu sehen; ungleich größeren Reiz hatte für
+mich ein Chinesisches Schauspiel (Taping genannt, wenn ich mich recht
+entsinne), das der Chinesische Major[36] auf Veranlassung des unermüdet
+für mich besorgten Residenten mir zu Ehren gab.
+
+Der Major hielt, wie es unter den reichen Chinesen sowohl hier als in
+China üblich ist, eigene Tänzerinnen, die zugleich Schauspielerinnen
+sind und die Rollen beider Geschlechter vorstellen. Die Bühne, eine
+kleine, erhöhte, hölzerne Bude, war dem Hause des Majors gegenüber
+auf der Straße aufgeschlagen, so daß jeder Vorübergehende an der
+Unterhaltung Theil nehmen konnte. Wir genossen nebst den übrigen Gästen
+den Anblick von dem Balkon und den Fenstern des Hauses.
+
+Das Stück wurde von sechs Schauspielerinnen aufgeführt und schien eine
+Art Kriegs-Drama zu sein; man sah beständig ein Paar Soldaten, oder
+Offiziere, oder Feldherren auf den Brettern. Nebst diesen Helden
+erschienen auch zwei Damen, die häufig weinten und jammerten. Das
+schönste von der ganzen Vorstellung waren die Gefechte zweier Krieger
+mit Bogen und Stöckchen, und die Evolutionen, welche vier Krieger
+mit Lanzen machten. Den Text schrieen sie eintönig und gefühllos mit
+abscheulich quikender Stimme herunter. Ihre Bewegungen waren ohne
+Grazie; im Gegentheil, sie hoben beim Marschiren die Füße so hoch in
+die Höhe als sie konnten, und setzten sie dann mit sein sollender Kraft
+auf die Erde nieder, was höchst widerlich und unsittlich sich ausnahm,
+wenn man bedachte, daß diese Krieger von jungen Mädchen dargestellt
+wurden. Ihre Anzüge waren außerordentlich reich: schwere Seidenstoffe
+mit Gold- und bunten Seiden-Stickereien. Geschmacklos aber erschien die
+Form der Kleider: sie bestanden aus langen Röcken mit weiten Aermeln
+und aus kurzen Beinkleidern.
+
+Das Stück hatte 4 Akte, von welchen jedoch einer dem andern so
+vollkommen glich, daß man die letzten drei für Wiederholungen des
+ersten halten konnte.
+
+Nach dem Theater wurden wir zu einer reich besetzten Tafel geführt, bei
+welcher es weder an dem beliebten Trippang, noch an den theuern, von
+den Chinesen so hoch geschätzten Schwalbennestern fehlte. Trippang und
+Schwalbennester gleichen sehr sulzigen, stark gewürzten Speisen, die
+mein Europäischer Gaumen durchaus nicht nach seinem Geschmacke fand.
+
+Kaum waren einige Tage seit meiner Ankunft in Batavia verflossen, so
+erhielt ich eine Einladung nach +Buitenzorg+ von dem Gouverneur-General
+Herrn +Deimar+ van +Twist+ -- eine Auszeichnung, die ich mit großer
+Dankbarkeit anerkenne und als Fremde doppelt zu schätzen weiß. Ich war
+wirklich überrascht, die Holländer so ganz anders zu finden, als man
+sie mir geschildert hatte.
+
+Am +1. Juni+ fuhr ich in Gesellschaft des Herrn van Rees nach
+Buitenzorg. Der Weg war herrlich, die Pferde standen auf jeder Post
+bereit[37]; auf diese Weise machten wir die 35 Paal[38] in 3 Stunden.
+Je weiter wir uns von der Stadt entfernten, desto reizender ward die
+Gegend; das Gebirge rückte näher, Berge von 6- bis 10,000 Fuß Höhe
+stiegen majestätisch empor, unter letzteren der +Pangerang+ (9600), der
++Gédé+ (9000). Buitenzorg selbst liegt 800 Fuß hoch.
+
+Der Palast des Gouverneur-Generals ist schön, und besteht aus einem
+Mittel- und zwei Flügel-Gebäuden. Eine prachtvolle Wiese liegt davor
+mit Teichen und mit großen, mächtigen, Schatten gebenden Banian-Bäumen.
+Heerden von Hirschen und Rehen lagerten umher. Im Hintergrunde schloß
+sich ein ausgedehnter botanischer Garten an.
+
+Da die Vorstellung beim Gouverneur-General erst Abends um 7 Uhr,
+kurze Zeit vor dem Speisen, stattfinden sollte, hatten wir Zeit, den
+Garten zu besehen. Er ist sehr groß und außerordentlich geschmackvoll
+angelegt. Schöne Blumenpartien wechseln mit kleinen Wäldchen, mit
+Wiesen und Bosketten; Teiche und Bäche schimmern durch das saftige
+Grün; herrliche Fahr- und Gehwege durchkreuzen sich, und zierliche
+Bänke laden den ermüdeten Wanderer zur Ruhe ein. Unter den Pflanzen
+und Bäumen gibt es viel Seltenes und Werthvolles. Herr +Teismann+,
+der die Aufsicht über den Garten führt, machte uns besonders auf eine
+Pflanzung von Vanille (Schlingpflanze) und auf zwei zarte Stämmchen des
+China-Strauches aufmerksam. Beide wurden erst in der neuesten Zeit von
+Amerika eingeführt. Der Vanille schien das Klima sehr wohl zu bekommen;
+ihre Stängel hingen voll großer, saftiger Schoten. Die Schoten werden
+im grünen Zustande abgenommen, anfänglich in der Sonne, dann in der
+Luft getrocknet, bis sie stark zusammen schrumpfen und eine ganz
+schwarze Farbe annehmen. Herr Teismann verehrte mir eine getrocknete
+Schote, welche der besten glich, die mir je aus Westindien zu Gesichte
+gekommen war. Minder gut kommt die China-Pflanze fort. Einige Pflanzen
+waren schon abgestorben, und die noch lebenden zeigten wenig Kraft.
+
+Abends wurde ich dem Gouverneur-General und seiner Gemahlin
+vorgestellt. Der Gouverneur-General führte mich zu Tische.
+
+Ich hatte von aller Welt diesen Herrn als höchst ernst und wortkarg
+schildern gehört. Ein tiefes, ernstes Nachdenken sprach allerdings
+aus seinen Zügen; aber wortkarg fand ich ihn nicht, und selbst der
+Ernst trat mit jedem Worte mehr in den Hintergrund und machte einer
+freundlichen, ruhigen Heiterkeit Platz. Sein und seiner Gemahlin
+Benehmen gegen mich war im höchsten Grade gütig und zuvorkommend.
+
+In den Tagen, die ich in Buitenzorg zubrachte, veranstaltete man
+Partieen, um mir das Merkwürdigste der Umgegend zu zeigen. Darunter
+gehörte besonders die Cochenille-Pflanzung des Grafen van der +Bosch+
+und die Schwalbengrotte, aus welcher die Chinesen ihre kostbarsten
+Leckerbissen, die Schwalbennester, holen.
+
+Die Besitzung des Grafen van der Bosch, +Ponde Gédé+, ist in jeder
+Hinsicht als eine Musterwirthschaft aufzustellen. Der Graf ist selbst
+ein verständiger und eifriger Landwirth und bemüht, jeden Zweig seiner
+Oekonomie zur Vollkommenheit zu bringen. Die Cochenille macht nur einen
+kleinen Theil seiner Pflanzungen aus; er baut Reis, Zucker, Kaffee,
+u. s. w.
+
+Für mich hatte die Cochenille-Pflanzung das meiste Interesse; ich
+verweilte da am längsten, um so mehr, als mich Herr Direktor +Meyer+
+selbst herumführte und mir über alles die genaueste Auskunft ertheilte.
+Was ich hierüber schreibe, habe ich aus seinem Munde.
+
+Der +Nopal+[39] und die Cochenille wurden schon vor 24 Jahren aus den
+Spanisch-Westindischen Besitzungen nach Java überbracht. Von den vielen
+Insekten, die man mit der Nopal-Pflanze mitgenommen hatte, kamen aber
+nur zwei lebend an. Der glückliche Zufall wollte, daß sie verschiedenen
+Geschlechtes waren.
+
+Das höchste Erstaunen erregt die rasche Fortpflanzung dieses Insektes,
+denn schon seit Jahren liefert Java 150 bis 200,000 Pfund, und bei
+wiederholter Zählung hat es sich ergeben, daß 33,000 Cochenillen der
+größeren Sorte erst ein Pfund ausmachen.
+
+Bei einer Anlage von Nopal werden gesunde Blätter oder Pflanzen mit
+dem untern Theile in die Erde gesteckt. Nach Verlauf eines Jahres hat
+sich schon ein kleiner Stamm mit mehreren Blättern gebildet; im dritten
+Jahre kann die Pflanze bereits bevölkert werden. Zur Bevölkerung
+bedient man sich kleiner Hütchen, die von den Blättern des Cactus
+gemacht sind. In diese Hütchen setzte man fünf bis sieben Insekten,
+bringt sie so auf das Blatt des Nopal und befestiget das Hütchen mit
+einem kleinen Dorne. Eine Nopal-Staude zählt an 300 Blätter; man setzt
+jedoch nicht mehr als 70 bis 80 Hütchen darauf und ist im westlichen
+Java schon sehr zufrieden, wenn durchschnittlich vier Pflanzen ein
+Pfund lebendiger Cochenille geben; im östlichen Java erzielt man
+dieselbe Menge gewöhnlich von drei Pflanzen.
+
+Die Pflanzen werden nach der Bevölkerung entweder unbedeckt gelassen
+oder mit einem leichten Blätterdache überdeckt. Auf erstere Art
+gedeiht die Fortpflanzung nur bei anhaltend trockener Witterung, auf
+letztere kann sie beinahe das ganze Jahr hindurch statt haben. Nach
+der gewöhnlichen Regenzeit vertraut man der Witterung schon im Monat
+April. Allein in dem westlichen Theile von Java, wo es oft in der guten
+Jahreszeit regnet, kann man die Pflanzen, wenn man sie nicht bedeckt,
+zuweilen sechs- bis neunmal bevölkern, ohne eine gute Ernte zu erzielen.
+
+Wenn das Insekt geboren hat, so stirbt es. Die Neugebornen kriechen
+auf den Blättern umher, setzen sich aber bald irgendwo fest und bleiben
+dann auf derselben Stelle, ohne mehr eine Bewegung zu machen. Ist die
+Cochenille abgenommen, so wird sie in sehr stark geheizten Zimmern (165
+bis 175 Grad Fahrenheit) getrocknet. Die Trockenzimmer werden mittelst
+eiserner Röhren geheizt; die sich bildenden Dämpfe ziehen durch eine
+Oeffnung in der Wand ab. Hundert Pfund frischer Cochenille geben in
+getrocknetem Zustande 32 bis 33 Pfund, nebst zwei bis drei Pfund
+Staub. Dieser Staub, mit welchem das Insekt umgeben ist, scheint ein
+Beschützungsmittel gegen Kälte und Regen zu sein. Das Insekt hat eine
+weißgrauliche Farbe; befreit man es aber durch langsames Reiben von dem
+Staube, so ist es schwarz.
+
+Seit einigen Jahren sind die Preise der Cochenille sehr gesunken. Die
+Niederländische Faktorei zahlt gegenwärtig (Packung und freie Sendung
+an den Einschiffungsplatz einbegriffen) pr. Pfund erster und zweiter
+Sorte zwei Rupien, für den Ausschuß per Pfund gar nur 85 Deut.
+
+Die große Schwalbengrotte, in welcher Tausende dieser Thiere nisten,
+liegt ungefähr zwölf Paal von Buitenzorg. Sie ist nebst den umliegenden
+Ländereien an einen Chinesen verpachtet, der für Grotte und Land
+jährlich 100,000 Rupien bezahlt. Der Pächter führte uns selbst in die
+Grotte, die außerordentlich schwer zugänglich ist. Wir hatten Führer,
+Fackelträger, Leitern u. s. w. mit uns, konnten aber dessen ungeachtet
+nicht tief in das Innere dringen. Es wurde nach einigen Nestern
+gesucht, die man mir zum Geschenke machte. Sie waren von weißlicher
+Farbe mit einigen Federn untermengt und so klein, daß ich kaum begriff,
+wie der Vogel, der von der Größe einer gewöhnlichen Schwalbe ist,
+darin allein, viel weniger mit seinen Jungen Platz haben konnte. Man
+vermuthet, daß die Nester aus Seetang bestehen, denn gewöhnlich nistet
+diese Schwalbenart in Höhlen und Grotten unweit der See, d. h. wohl
+auch 30 und 40 Paal landeinwärts, jedoch nicht weiter.
+
+Alle drei Monate werden die Nester geerntet, von den Federn sorgfältig
+gereinigt und an der Luft getrocknet. Es gibt verschiedene Sorten. Je
+weißer, je mehr von den Federn gereinigt sie sind, desto höher ist
+der Preis. Sie von den Federn gänzlich zu reinigen, ist nicht immer
+möglich, da diese mit dem Seetang oft so verschlungen sind, daß man
+sie nicht losbringen kann. Der Pikul dieser Nester kostet auf Java von
+vier- bis siebentausend Rupien. Man rechnet auf zwei Loth drei Nester;
+per Stück kosten sie an Ort und Stelle ein bis zwei Rupien. Der Pächter
+dieser Grotte erntet jährlich ungefähr zwölf Pikul.
+
+Der Gouverneur-General machte mir die freudige Ueberraschung, mir
+Postpferde bis +Bandong+ (Residentschaft Preanger) zu gestatten. Es
+war dieß eine große Auszeichnung, denn der jetzige Gouverneur-General
+erlaubt die Postpferde so leicht nicht unentgeltlich[40].
+
+Am +11. Juni+ verließ ich Buitenzorg, ging aber diesen Tag nur 10 Paal
+zur Familie +Böck+, bei welcher ich zwei Tage höchst angenehm verlebte.
+Man bot hier alles auf, mir gefällig zu sein, ja, als man meine Neigung
+für Insekten sah, half mir die ganze Familie suchen. Dank, herzlichen
+Dank ihnen, wie meinen übrigen Freunden auf Java, deren Theilnahme und
+Güte ich nie vergessen werde! --
+
+Am +13. Juni+ ging ich ebenfalls nur wieder 11-12 Paal weiter nach
++Typanas+, einem Sommerhause des Gouverneur-Generals. Der Weg führt
+über den 4710 Fuß hohen Berg +Mega-Mendongo+. Beinahe auf der Spitze
+des Berges, ¼ Paal seitwärts von der Straße, liegt ein kleiner See,
+der werth ist besucht zu werden. Er befindet sich mitten in schönen
+Waldungen und füllt einen eingesunkenen Krater aus. Sein Durchmesser
+mag kaum ¼ Paal betragen. Hoch um den See steigen die Wände des Kraters
+so steil empor, daß sie schwer zu erklimmen wären; von einer einzigen
+Seite kann man sich ihm nahen, wo die Wand von der Natur selbst
+gespalten wurde. Die Wände sind bis an die Spitzen mit herrlichem
+Grün und schönen Bäumen bewachsen. Das Wasser des Sees sieht ganz
+dunkel aus; dieß mag sowohl von der hohen Einfassung, als von den ihn
+beschattenden Bäumen herrühren.
+
+Die Aussicht, die man von dem Mega-Mendongo genießt, gehört zu den
+schönsten von Java. Auf der einen Seite hat man die majestätischen
+Gebirge, im Hintergrund die großen, reichbebauten Ebenen von
+Buitenzorg und Batavia, vor sich die Residentschaft Preanger, die,
+von Hügelketten, Felspartieen und einzelnen Bergen unterbrochen, zu
+den fruchtbarsten und kultivirtesten Java’s gehört, was sehr viel
+sagen will, da auf der ganzen Insel die reichste Cultur mit der
+verschwenderischen Natur wetteifert.
+
+Zu Typanas war in dem Sommerhause des Gouverneur-Generals Vorsorge
+für meinen Empfang getroffen. Dieser Ort liegt 3400 Fuß über der
+Meeresfläche und besitzt ein halb Europäisches Klima; ich fand in den
+Gemächern Kamine, ja sogar eiserne Oefen. In den großen Gartenanlagen
+werden Europäische Gemüse und Früchte gezogen.
+
+Ich sollte von hier aus den 9600 Fuß hohen +Pangerango+ besteigen, eine
+sehr geringe Mühe, da man bis auf die Spitze reiten kann. Auf dem Wege
+gibt es zwei Stationen, das heißt, zwei hölzerne Hütten, bei welchen
+man anhält, um die Pferde ruhen zu lassen oder gegen vorausgesandte
+zu wechseln. Eine dritte Hütte steht 150 Fuß unter der Spitze des
+Berges. Diese Hütten sind für die Gärtner von Buitenzorg und Typanas
+errichtet, welche von Zeit zu Zeit verschiedene auf dem Berge angelegte
+Pflanzungen zu besuchen haben.
+
+Ich fand auf jeder Station frische Pferde und erreichte in 4 Stunden
+die Spitze des Berges, auf welcher ein Flaggenstock errichtet ist.
+Leider hat man hier selten eine freie Umsicht; die häufigen Nebelzüge
+verdecken alles rund umher. Ich mußte halb unverrichteter Sache wieder
+herabsteigen und quartirte mich in der nahegelegenen Hütte ein. Im
+Herabsteigen erquickte ich mich an Erdbeeren, mit welchen große Räume
+bepflanzt waren.
+
+Die Hütte, dem Verfalle ziemlich nahe, bestand aus einem großen Gemache
+und aus drei Kämmerchen. An Einrichtung war gerade kein Ueberfluß:
+zwei gebrechliche Tische nebst drei Stühlen zierten den Saal, eine mit
+Moos belegte Schlafstelle jedes der Kämmerchen. Das beste in der Hütte
+war ein eisernes Oefchen, das ich gleich in Anspruch nahm und das mir
+besonders Abends treffliche Dienste leistete, da der Thermometer bis
+auf 44 Grad (Fahrenheit) fiel. An Speisen, Getränken, Bettzeug u. s. w.
+fehlte es nicht, das war alles im Ueberflusse vorausgesandt worden, und
+so lebte ich in der Mitte dichter Urwälder, auf einer Höhe von beinahe
+10,000 Fuß so luxuriös wie in Batavia selbst.
+
+Der Berg ist durchaus dicht bewaldet, nur die höchste Spitze, ungefähr
+100 Fuß nach abwärts, ist kahl. Er liefert schöne Exemplare von Föhren,
+von 20 Fuß Höhe. Alle Bäume sind mit einer auffallend dichten Moosdecke
+bekleidet. Anderes Nadelholz sah ich nirgends. Schön und herrlich
+war alles; aber die Hauptsache fehlte -- der schöne, reine Himmel.
+Wohl sechsmal erstieg ich die Spitze des Berges, und jedesmal kam ich
+unverrichteter Sache zurück. Ich schlenderte in den Zwischenzeiten im
+Walde umher und entdeckte da eine bedeutende Spur, die, wie man mir
+sagte, von Rhinocerossen herrührte. Die Thiere selbst bekam ich nicht
+zu Gesichte: sie fliehen die Nähe des Menschen so sehr, daß es selbst
+für Jäger eine große Seltenheit ist, wenn sie eines erlauern.
+
+Von der Spitze des Pangerango übersah man vollkommen den ganzen Krater
+des nachbarlichen Gédé. Diese beiden Berge sind so enge verbunden,
+daß man sie für einen einzigen Berg mit zwei Kuppeln halten könnte.
+Der Krater lag ungefähr 6 bis 700 Fuß unter uns. Wir konnten nicht zu
+ihm gehen, da erst vor wenig Tagen ein Ausbruch stattgefunden hatte.
+Noch jetzt stiegen starke Rauchsäulen mit glühender Asche empor, was
+besonders zur Nachtzeit eine unvergleichlich schöne Wirkung machte.
+Ein großer Theil der Waldungen des Pangerango war mit Asche bedeckt;
+wir brauchten, um eines Aschenregens ansichtig zu werden, bloß auf die
+Aeste der Bäume zu schlagen.
+
+Am folgenden Morgen bestieg ich nochmals die Spitze, und siehe
+da -- meine Unermüdlichkeit ward belohnt, der Horizont war rein
+und wolkenlos. Ich sah weit über die Gebirgswelt, über zahllose
+Spitzen und Kuppen, über eingestürzte Kegel und Krater, ich sah die
+fruchtbaren Ebenen von Buitenzorg und Batavia, das wellenförmige Land
+von +Preanger+, ich sah das Meer auf beiden Seiten. Kann solch’ ein
+Anblick zu theuer erkauft werden? Lebt man in ähnlichen Augenblicken
+nicht Ewigkeiten? Fühlt man sich da nicht von hohen, edlen Gefühlen
+durchdrungen -- einer bessern, reinern Welt hingegeben?! --
+
+Nach Typanas zurückgekehrt, verweilte ich in dieser schönen Gegend
+bis +17. Juni+, an welchem Tage ich 12 Paal weiter nach +Tijand-jur+
+reiste. Die Fahrt dahin gehörte zu den reizendsten. Die Gegend ist zwar
+minder kultivirt; aber gerade dieser grelle Wechsel ist überraschend.
+Am folgenden Tage, den +18. Juni+, fuhr ich bis +Bandong+ (40 Paal).
+
+Obwohl das Land reich an hohen Bergen ist, sah ich doch keinen einzigen
+schönen Fluß; ich kam nur über Bäche, die sich durch tiefe Schluchten,
+über Felsgestein den Weg bahnten und bloß bei hohem Wasserstande, zur
+Regenzeit, mit Bambusflößen befahren werden können. Die Ursache, daß es
+auf Java keine bedeutende Ströme gibt, liegt in der geringen Breite der
+Insel.
+
+Auffallend war es mir, in diesem trefflich kultivirten Lande, wo man
+die Menschenhand schon so gut zu verwenden wußte, so häufig Menschen
+die Dienste der Lastthiere verrichten zu sehen. Alle Lasten z. B.
+werden durch Kulli getragen, mag die Entfernung auch über 100 Paal
+sein. Der Träger erhält per Paal 1½ Deut und trägt 80-90 Pfund mittelst
+einer Stange, die auf der Achsel ausruht. Es gibt für die Kulli
+Ablösestationen wie für die Pferde. In jeder Ortschaft muß täglich eine
+gewisse Anzahl bereit sein, um für diesen Preis zu gehen. Man kann
+ihnen unbedingt alles anvertrauen. Die Gouvernements-Güter, Kaffee,
+Zucker, Salz u. s. w. allein werden in Karren befördert und von Büffeln
+gezogen. Die Wege[41] sind aber so schlecht, besonders bei Regenwetter,
+daß der Karren bis über die Achse in Koth sinkt und man einem Paar
+Büffel höchstens acht Pikul aufladen kann.
+
+Ich selbst hatte heute Gelegenheit zu sehen, wie die Menschen hier
+nicht nur die Stelle der Last-, sondern auch jene der Zugthiere
+vertreten. Ueber den ersten Fluß, den ich zu passiren hatte, führte
+eine Brücke, zu welcher der Weg sehr steil abwärts ging. Die Pferde
+wurden ausgespannt, und ein Paar Dutzend Männer traten an ihre Stelle,
+um den Wagen sicher an die Brücke zu geleiten. Ueber den zweiten Fluß
+führte keine Brücke: da mußten sie den Wagen gar durch das Wasser
+ziehen, während die Pferde und Vorspanns-Büffel leer daneben gingen.
+Welche Widersprüche in den verschiedenen Ländern! Auf Java, wo Futter
+für Pferde und Ochsen im Ueberflusse gedeiht, dient der Mensch als
+Lastthier -- in Island, wo man das Gras beinahe mit der Loupe suchen
+muß, würde kein Mensch zu Fuße gehen, viel weniger die Dienste eines
+Thieres verrichten.
+
+Das Reisen mit Post-Pferden geht auf Java sehr schnell von statten; die
+Pferde stehen auf jeder Station bereit und man fährt rasch. Ich hätte
+hier, wie in Rußland, das Trinkgeld oft lieber gegeben, wenn man etwas
+langsamer gefahren wäre, vorzüglich über die Berge und Hügel, wo die
+Wege häufig voll Löcher und großer Steine waren. Aber gerade wenn eine
+Anhöhe kam, wurden die Pferde durch Peitschenhiebe und das Geschrei
+der Führer so angespornt, daß es noch schneller ging, als in der
+schönen Ebene. Triefend von Schweiß, zitternd und athemlos kamen die
+armen Thiere auf jeder Station an. Mich dauerten sie so sehr, daß mir
+dadurch ein Theil des Genusses der Reise verloren ging. Ich wollte es
+nicht leiden; allein man versicherte mich, daß das so sein müsse, daß
+die Pferde sonst mitten auf der Anhöhe stehen blieben. Die Javanischen
+Pferde sind nämlich sehr stützig (vielleicht in Folge der schlechten
+Abrichtung); wenn sie eingespannt werden, wollen sie oft nicht vom
+Platze, und nur mit vieler Mühe, d. h. durch unzählige Peitschenhiebe
+und großes Geschrei der Stallknechte und des Kutschers bringt man sie
+zum Laufen. Zuweilen bleiben sie in der Mitte der Fahrt stehen, worauf
+ihnen natürlich dieselbe Behandlung zu Theil wird. Hier wäre ein Verein
+gegen Thierquälerei an seinem Platze.
+
+In der Ebene fährt man mit vier, in den bergigen Gegenden mit sechs
+Pferden, ohne Unterschied ob eine Person allein, oder ob mehrere im
+Wagen sitzen. Außer dem Kutscher ist jedem Paar Pferde ein Läufer
+beigegeben, der zwar nicht die ganze Station durchläuft, doch bei jeder
+Wendung des Weges, bei Brücken, bei Bergauf- und abfahren an der Seite
+seiner Thiere sein muß. Ueber Berge oder größere Hügel werden den vier
+oder sechs Pferden noch zwei oder vier Ochsen vorgespannt.
+
+In keinem Lande vielleicht ist das Reisen mit der Post so theuer wie
+hier. Eine Station von sechs bis acht Paal kommt, die Trinkgelder nicht
+gerechnet, auf acht bis zwölf Rupien. An Trinkgelder hat man jedem
+Laufer 10 Deut, jedem Ochsentreiber bei jedesmaligem Vorspann (was auf
+einer Station zwei- bis dreimal geschehen kann) ebenfalls fünf bis zehn
+Deut, dem Kutscher zwanzig Deut zu geben. Man muß die Hand immerwährend
+in der Tasche haben, um jeden Augenblick die Deute auszutheilen. Würde
+es nicht viel bequemer sein, alle diese kleinen Summen zugleich mit
+dem Postgelde entrichten zu können? -- Freilich wissen die meisten
+Reisenden nichts von dieser Unbequemlichkeit; sie haben Diener mit
+sich, welchen das Geld zu derlei Sachen gegeben wird. Allein ich war
+stets Herr und Diener in einer Person.
+
+In +Bandong+ (2200 Fuß hoch gelegen) ward ich von dem
+Assistent-Residenten Herrn +Vischer+ von +Gasbeck+ auf das beste
+aufgenommen. Ich blieb hier einige Tage, um eine Theepflanzung, eine
+Kaffeemühle und andere Sehenswürdigkeiten zu besuchen.
+
+Auf dem Wege zur Theepflanzung machten wir einen Abstecher nach dem
+Wasserfalle Tjurung-Tjeca-pundung. Wir kamen an einen eingestürzten
+Krater, der sich gleich jenem auf dem Berge Meda-Mendongo in einen See
+verwandelt hat. Letzterer ist jedoch viel kleiner: seine Länge mißt 134
+Fuß, seine Breite etwas weniger. In diesen See stürzt sich von einer
+70 Fuß hohen Wand ein leider gar zu bescheidenes Flüßchen, bahnt sich
+einen Durchgang und schlängelt sich friedlich in dem schönen Thale
+fort. Die Wände des Kessels sind ebenfalls mit Pisang- und Laub-Bäumen,
+mit Schlingpflanzen und hohem Grase bewachsen.
+
+Die Theepflanzung ist sehr ausgebreitet und erstreckt sich über viele
+Hügel und Abhänge. Man sagte mir, daß der gegenwärtige Pächter, Herr
++Brumsteede+, über eine Million Sträuche besäße. Thee und Kaffee
+gedeihen am besten auf hügligem Grunde. Die Theestauden sind hier
+niedriger gehalten, als ich sie in der Gegend von Canton gesehen
+habe; sie mochten zwischen zwei und drei Fuß haben. Man rechnet
+zehn Stauden auf ein Pfund Thee. Die Bereitung des Thee’s ist sehr
+vereinfacht und wird mit viel weniger Menschenhänden verrichtet,
+als in den Chinesischen Fabriken. Anstatt, wie dort, jedes Blatt
+des grünen Thee’s[42] einzeln zu rollen, nimmt man eine ganze Menge
+Blätter zusammen, knetet sie leicht durcheinander und läßt sie auf
+Kupferplatten durch gelinde Feuerhitze trocknen, wodurch sie von selbst
+auseinanderfallen, aber freilich nicht so schön und gleichmäßig werden
+wie die gerollten.
+
+Die Theepflanzungen sind auf Java, gleich den Zucker- und
+Kaffeepflanzungen, Eigenthum der Regierung und werden gewöhnlich auf
+fünfzehn bis zwanzig Jahre verpachtet. Die Regierung gibt den Pächtern
+Grund und Boden oder bereits angelegte Pflanzungen (eine Pflanzung
+erhält sich gegen achtzig Jahre) und sichert ihnen die gehörige
+Anzahl Arbeiter zu festgesetzten Preisen zu. Der Arbeitslohn ist in
+dieser, wie in allen von Batavia entfernter gelegenen Residentschaften
+außerordentlich billig: ein Taglöhner bekommt per Tag zehn Deut, nebst
+einem Pfund Reis. Letzteres hat hier den Werth von zwei Deut. Zum
+Pflücken des Thee’s, was die meiste Arbeit macht, werden gewöhnlich
+Weiber und Kinder verwendet, die natürlich noch billiger sind. Der
+Pächter erhält von der Regierung per Pfund 75 Deut; man rechnet seinen
+Gewinn auf hundert Prozent.
+
+Der Javanische Thee soll seine Güte erst durch die Seereise nach
+Holland erhalten; die Theekenner geben aber jedenfalls dem Chinesischen
+Thee den Vorzug.
+
+Sonderbar ist auf Java die Weise den Reis zu ernten. Man bedient sich
+hierzu kleiner Messer, mit welchen jeder Halm einzeln, ungefähr in der
+Mitte des Stängels, abgeschnitten wird. Die Halmen werden in kleine
+Büschelchen gebunden und von den Leuten mittelst Stangen auf der Achsel
+heimgetragen. Jeder, der Lust hat, an der Ernte Theil zu nehmen,
+kann helfen; sein Lohn besteht in dem fünften Theile von dem was er
+schneidet.
+
+Mit dem Besuche der Kaffeemühle zu Lembang (8 Paal von Bandong) verband
+ich einen Ausflug nach dem Schwefelkrater Tangkerbon-prauh, der vier
+Paal weiter liegt. Da ich mit Regenwetter zu Lembang ankam, und die
+Parthie nach dem Krater nothwendiger Weise verschoben werden mußte,
+nahm ich mit großem Danke die Einladung des Herrn +Phlippeau+, des
+Inhabers der Kaffeemühle an, einen oder auch mehrere Tage in seinem
+Hause zu verweilen. Um den düstern Nachmittag nicht ganz unbenützt
+dahin gehen zu lassen, zeigte mir Herr Phlippeau die Behandlung des
+Kaffee’s von Anfang bis zu Ende. Ich fand, daß man hier damit bei
+weitem umständlicher zu Werke ging als in Brasilien. Der Kaffee wird,
+wie er vom Baume kommt, in Wasserbehältnisse geschüttet und so lange
+darinnen gelassen, bis die Schale oder Kapsel, in welcher die Bohnen
+sitzen, so weich ist, daß man sie leicht mit den Händen zerdrücken
+kann. In diesem Zustande schafft man ihn auf lange Bretterkisten,
+deren obere Theile mit kleinen Löchern versehen sind, durch welche
+die Bohnen gerade durchfallen können. Hier wird er so lange mit den
+Händen gedrückt, gewendet und verarbeitet, bis sich die Bohnen gänzlich
+aus den Kapseln gelöst haben. Die Bohnen kommen hierauf auf die
+Trockenplätze und von da in eine große Maschine (die Mühle), wo sie von
+den sie umgebenden feinen Häutchen befreit werden. Nun erst sondert man
+die guten Bohnen von den minder guten ab und verpackt sie endlich.
+
+In Brasilien wird der Kaffee nicht in Wasser erweicht, sondern gleich
+wie er von den Bäumen kömmt, an der Sonne getrocknet, dann leicht
+gestampft, wodurch sich die Kapsel zu gleicher Zeit mit dem Häutchen
+von der Bohne löst, hierauf ausgesucht, auf Kupferplatten über leichter
+Feuerhitze getrocknet und verpackt.
+
+Auf +Lembang+ macht das Kaffeetrocknen große Schwierigkeiten, da die
+Witterung das ganze Jahr hindurch mehr feucht als trocken ist. Und
+welch’ ununterbrochener, starker Hitze bedarf nicht der durch und durch
+geweichte Kaffee, um wieder trocken zu werden!
+
+Die Kaffeemühle zu Lembang ist die größte auf Java; sie soll jährlich
+gegen 25,000 Pikul reinen Kaffee liefern.
+
+Der Kaffee ist, wie bereits bemerkt, gleich dem Thee, Zucker u. s. w.
+Monopol der Regierung; nur die Residentschaft Batavia ist hievon
+ausgenommen: da kann jedermann nicht nur Kaffee, sondern alles bauen,
+was ihm beliebt, und verkaufen, an wen er will. In den übrigen
+Residentschaften bebaut die Regierung die ihr angehörigen Ländereien
+entweder selbst mit Zucker, Kaffee, Thee; oder sie verpachtet sie mit
+der Bedingung, diese Artikel zu kultiviren und zu festgesetzten Preisen
+an sie abzuliefern. Den Kaffeebaum bearbeitet sie jedoch vorzugsweise
+selbst. In Gegenden, die zum Kaffeebaue geeignet sind, muß von den
+im Umkreise wohnenden Hüttenbesitzern oder Bauern jeder 300 Bäume
+pflanzen und stets in voller Zahl erhalten. In den ersten drei Jahren
+bringt der Baum nichts, und der Bauer erhält auch keine Entschädigung
+für seine Arbeit. In den folgenden Jahren bekommt er per Pikul, wie er
+den Kaffee in der Kapsel nach der Mühle liefert, achtzig bis hundert
+Deut. Der Inhaber der Kaffeemühle wird für die Bearbeitung ebenfalls
+von der Regierung bezahlt; er erhält für jeden Pikul reinen Kaffee
+zwei Kupfergulden, wobei er, gleich dem Theepflanzer, hundert Prozent
+gewinnen soll. Man rechnet auf einem Pikul reinen Kaffee’s sechs
+Pikul in Kapseln. In Gegenden, wo es keine Kaffeemühlen gibt und der
+Bauer selbst den Kaffee reinigen muß, bezahlt ihm die Regierung per
+Pikul gereinigten Kaffee’s sechs bis sieben Kupfergulden. Drückend
+für die Bauern ist es, daß sie mitunter fünfzehn bis zwanzig Paal von
+den Kaffeegärten entfernt wohnen, und des Jahres hindurch drei- auch
+viermal auf einen Monat dahin zur Arbeit zu gehen haben. Sie finden
+wohl Hütten, wo sie schlafen können; aber verpflegen müssen sie sich
+selbst.
+
+Die Residentschaft Preanger, überhaupt eine der fruchtbarsten Java’s,
+ist die reichste an Kaffee. Ihr hügeliger, hochgelegener Boden
+(sie besteht aus einer ausgedehnten Hochebene, 2,200 Fuß über der
+Meeresfläche) ist dieser Cultur besonders günstig. Man rechnet auf sie
+sechzig Millionen Kaffeebäume, von welchen fünfunddreißig Millionen
+unter der Aufsicht des Assistent-Residenten von +Bandong+ stehen. Drei
+Bäume geben zwei Pfund reinen Kaffee. Nirgends sah ich die Kaffeegärten
+so rein, schön gehalten und geordnet wie hier.
+
+Am folgenden Morgen ritt ich nach dem Schwefelkrater. Herr +Phlippeau+
+war so gütig, mich mit Pferden und Führern zu versehen. Mein Zug
+vergrößerte sich auf jedem Paal mit Reitern und Fußgängern so, daß
+ich am Ende gewiß über dreißig Leute in meinem Gefolge hatte. Es
+herrscht nämlich in vielen Gegenden Java’s die Sitte, daß, wenn eine
+Person, die man auszeichnen will, durch ein Dorf kommt, der Richter
+nebst mehreren Inwohnern sie eine große Strecke weit begleiten. Mir
+erzeigte man diese Ehre aus Rücksicht für Herrn +Phlippeau+ und für den
+Assistent-Residenten.
+
+Komisch ist auch die Art, auf welche die Eingebornen im Gebiete
+Preanger den Vorgesetzten und den Europäern ihre Hochachtung bezeigen.
+Sie hocken sich auf die Erde und zwar in derselben Richtung, in der
+sie gerade sind, so daß man von dem Einen den Rücken, von einem Andern
+die Seite, von einem Dritten das Gesicht zu sehen bekommt. Sind sie zu
+Pferde, so steigen sie ab, führen das Pferd zur Seite und hocken sich
+daneben nieder. Auch in anderen Theilen Java’s bemerkte ich diese Sitte.
+
+Ein ziemlich guter Weg führt zu dem Krater, und man kann bis an
+seinen Rand reiten. Er mag zweihundert bis zweihundertfünfzig Fuß
+tief sein, und ist unten beinah nicht schmaler als oben, drei- bis
+vierhundert Fuß im Durchmesser. Die Wände fallen sehr steil ab und nur
+auf einer Seite ist es möglich, über loses Steingerölle und lockeres
+Erdreich mit ziemlicher Gefahr hinab zu steigen. In der Tiefe wirbeln
+an mehreren Stellen kleine Rauchsäulen auf, reiner Schwefel liegt
+daneben. Ich kletterte mit vieler Mühe hinunter. Bei den aufgeworfenen
+Schwefelhügelchen vernahm ich ein starkes Brausen; die Rauchsäule stieg
+mit Gewalt empor und machte dasselbe Geräusch, wie der Dampf, wenn er
+aus einem Locomotive gelassen wird. Man kann sich diesen Rauch- oder
+besser gesagt Dampfsäulen mit einiger Vorsicht gänzlich nahen, man muß
+nur mit dem Winde dahin gehen und nicht gegen denselben, damit der
+erstickende Schwefeldampf nicht in das Gesicht schlägt.
+
+Nicht nur die Eingebornen, sondern auch die Europäer hatten mir gesagt,
+der Boden in dem Krater sei so heiß, daß man stets mit verbrannten
+Schuhsohlen zurückkäme. Ich befühlte den Boden wohl an mehr als
+fünfzig Stellen, und ganz besonders in der Nähe der Rauchsäulen --
+konnte indeß meine Hand eine Zeit lang darauf ruhen lassen, und brachte
+meine Schuhe unbeschädigt zurück.
+
+Daß doch die Menschen bei jeder Gelegenheit übertreiben, und einer
+dem andern die Lügen nachsprechen muß! Oder sollte ich so unglücklich
+sein, alles anders zu sehen, zu beobachten, zu fühlen, als die übrigen
+Reisenden? --
+
+Vor einigen Jahren hat dieser Krater eine solche Menge schwefeliger
+Asche ausgeworfen, daß die Waldungen ein Viertel Paal rings um den
+Kessel gänzlich abstarben. Die nackten, schwarzen, wie von einem
+Waldbrande verkohlten Stämme bildeten einen grellen Widerspruch zu
+der reichen, blühenden Natur, die sich ohne den geringsten Uebergang,
+gleich einem Kranze, um sie schloß.
+
+Ich hatte nun schon einige Krater, lebende und verloschene, auf Java
+gesehen; aber in keinem kam mir die rein poröse Lava vor, die ich auf
+dem Vesuv, dem Aetna, und auf den zahllosen Kratern Islands gefunden
+habe. Es scheint, daß sich die Javanesischen Feuerspeier mit Asche,
+Sand, Wasser oder Steinen begnügen.
+
+Nach Bandong zurückgekehrt, verschaffte mir Herr von Vischer eine
+recht hübsche Unterhaltung bei dem Regenten[43], der uns zu Ehren von
+seinen Tänzerinnen den Nationaltanz Bedogo aufführen ließ.
+
+Die sechs Tänzerinnen waren reizend gekleidet. Sie trugen knapp
+anliegende Leibchen ohne Aermel, Gold-durchwirkte, seidene Sarongs,
+die kaum an die Knöchel reichten, darunter enge Beinkleider, die bis
+an den Fuß gingen; der Fuß selbst war unbekleidet. Um die Mitte des
+Leibes wand sich eine purpurne Schärpe, deren Enden bis an die Kniee
+fielen. Brust, Leibchen, Handgelenke und Oberarm waren mit breiten
+Goldblechen geziert. Auf dem Kopfe hatten sie Helme, die auf den Seiten
+durchbrochen waren und den Reichthum der üppig schwarzen Haare sehen
+ließen. Man konnte sich einbilden, Amazonen vor Augen zu haben. Schade,
+daß die Mädchen selbst nicht so reizend waren, als ihr Anzug; der
+Malaische Typus sprach zu sehr aus ihren Gesichtern.
+
+Der Tanz bestand aus drei Abtheilungen. In der ersten ging es ziemlich
+ruhig her: da ward ganz einfach getanzt; in der zweiten brachten die
+Tänzerinnen Sträuße von Pfauenfedern, die sie gleich Schwertern wie im
+Kampfe schwenkten; in der dritten Abtheilung kamen sie mit Bogen und
+Pfeil bewaffnet und stellten ein ordentliches Gefecht dar, das mit der
+Niederlage der Hälfte der Kämpfenden endete. Die Getödteten blieben
+eine Zeit lang auf dem Wahlplatze liegen. Mit ihrer Niederlage zugleich
+ertönte in der Ferne eine klagende, sanfte Melodie. Die Musik dagegen,
+die den Tanz begleitete, war sehr lärmend und unharmonisch. Ich fand
+diese Vorstellung sehr zierlich und ausdrucksvoll und das Auge nicht
+beleidigend, eine Eigenschaft, die man nicht immer an unsern Balleten
+rühmen kann. Das Einzige was mir nicht gefiel war, daß die Tänzerinnen
+die Augen beständig zu Boden geschlagen hatten, eine Sitte, die ich bei
+den Tänzerinnen der meisten außereuropäischen Völker bemerkt habe, und
+welche Hochachtung für die Zuseher auszudrücken scheint.
+
+Von Bandong kehrte ich direkt nach Buitenzorg zurück, wo ich der
+gütigen Einladung des Gouverneur-Generals zu Folge abermals in seinem
+Palaste einige Tage verweilte. Ich schulde diesem Herrn wirklich
+den größten Dank, nicht nur für die mehr als gewöhnlich freundliche
+Aufnahme, die ich in seinem Hause fand, sondern auch weil eben diese
+mir bewiesene Theilnahme hauptsächlich dazu beitrug, daß man mich in
+allen Holländischen Besitzungen so ausgezeichnet gut aufnahm und meine
+Reisepläne überall so viel wie möglich unterstützte[44].
+
+In Batavia stieg ich wieder in dem Hause meiner liebenswürdigen
+Freunde, Herrn und Frau van Rees ab. Hier ward ich durch einen mir sehr
+werthen Besuch überrascht. Ich wurde in den Salon gerufen, und als ich
+kam, stand Herr +Steuerwald+ (Oberst in Holländischen Diensten) vor
+mir. Ich hatte diesen Herrn im Jahre 1845 auf der Reise von Gothenburg
+nach Stockholm kennen gelernt. Seine gediegenen Kenntnisse, ganz
+besonders aber sein freier, offener, rechtlicher Charakter flößten
+mir die höchste Achtung ein; ich war stolz von diesem Biedermanne
+schon damals mit mehr Auszeichnung behandelt worden zu sein, als dies
+gewöhnlich bei vorübergehenden Reisebekanntschaften der Fall ist. Er
+war im Dienste nach Indien gekommen, und diesem glücklichen Zufall
+verdankte ich es, eine Bekanntschaft fortsetzen zu können, die im
+hohen Norden Europa’s ihren Anfang genommen hatte.
+
+Wenige Tage nach meiner Rückkehr von Bandong fuhr ich nach +Tangerang+,
+fünfzehn Meilen von Batavia. Herrn van Rees rief ein kleines Geschäft
+dahin, das er besonders bis zu meiner Rückkehr verschoben hatte, um
+mich mitzunehmen. Er benützte diese Gelegenheit, mir verschiedene
+Volksbelustigungen vorstellen zu lassen: ich sah ein Hahnengefecht,
+einen Volkstanz, ein burleskes Lustspiel, und ein großes Kunststück
+eines sogenannten Herkules.
+
+Der Hahnenkampf ist zu grausam, um unterhaltend zu sein. Dem armen
+Thiere werden an jeden Fuß kleine, spitzige, sehr scharfe Messerklingen
+gebunden. Die Eigenthümer nehmen hierauf ihre Thiere unter den Arm,
+stoßen sie mehrmals gegen einander und reizen sie durch Ziehen an dem
+Kamme und an den Federn zum Zorne. Wenn sie recht aufgeregt sind, läßt
+man sie los, und der Kampf beginnt sogleich, dauert aber nicht lange,
+denn die Hähne hauen sich so schnell und stark mit den Krallen und
+den daran gebundenen Messerklingen, daß nach kaum einer halben Minute
+einer, oft auch beide auf dem Kampfplatze bleiben.
+
+Die Holländische Regierung hat die Hahnenkämpfe strenge verboten; sie
+waren das größte Vergnügen und zugleich Verderben des Volkes. Die Leute
+beschäftigten sich beinahe mit nichts anderem, und ruinirten sich mit
+Wetten. Ein leidenschaftlicher Spieler setzte nicht nur Haus und Gut
+auf’s Spiel, sondern sein Weib, sein Kind, ja am Ende sich selbst.
+
+Der Tanz war das wenigst Anziehende. Sechs Mädchen tappten auf einem
+engen Raume sehr plump umher und kreischten aus voller Kehle sogenannte
+Lieder herunter. Dagegen unterhielt mich das Lustspiel, obwohl ich vom
+Texte nichts verstand (wozu mir Herr van Rees Glück wünschte); ich
+bewunderte das natürliche Spiel, die Grimassen, die Beredsamkeit der
+Schauspieler, besonders des Hauptkomikers. Man muß wissen, daß die
+Leute keine einstudirten Stücke haben, sondern stets aus dem Stegreife
+spielen. Die Frauenrollen waren hier von Jünglingen dargestellt, wobei
+die Zuseher nichts verloren, da beide Geschlechter in diesem Lande
+gleich häßlich sind; ich wäre gar nie auf den Gedanken gekommen, daß
+verkleidete Männer vor mir sich produzirten, wenn man es mir nicht
+gesagt hätte.
+
+Den Schluß der Unterhaltungen machte ein wirklich bewunderungswürdiges
+Kunststück des Herkules. Bloß mit einer kurzen Hose bekleidet, ließ er
+sich um den Hals einen Strick binden, und mit demselben auch die Arme
+und Hände auf dem Rücken so fest zusammenschnüren, daß er damit nicht
+die geringste Bewegung machen konnte. Er kam zu uns, um die Knoten
+und Verschlingungen des Strickes untersuchen zu lassen. Hierauf kroch
+er unter einen hohen Korb, der von allen Seiten überdeckt war, und
+in welchen man ein Hemd und einen Sarong gelegt hatte. Nach ungefähr
+sechs Minuten ward der Korb aufgehoben; der Herkules hatte den Strick
+wie zuvor um Hals, Arme und Hände gebunden, aber das Hemd angezogen,
+den Sarong um die Mitte geschlagen. Er kroch nochmals unter den Korb
+und erschien nach sechs Minuten wieder, ohne Hemd und Sarong, und den
+Strick mit allen seinen Knoten und Verschlingungen in der Hand haltend.
+
+Auf einem Theater würde dieses Kunststück nichts bedeutet haben, da man
+dem Künstler unter dem Korbe zu Hilfe hätte kommen können; aber hier,
+mitten auf einem Wiesenplatze, war doch kein Beistand möglich.
+
+Ein Herr aus unserer Gesellschaft bot ihm für das Geheimniß seines
+Kunststückes 25 Rupien; der Mann nahm aber diesen Vorschlag nicht an.
+
+Am folgenden Morgen den +7. Juli+ sollten wir, vor der Rückkehr nach
+Batavia, noch eine Zuckermühle besuchen; sie war jedoch leider noch
+nicht im Gange, obwohl das Zuckerrohr rings umher schon in voller
+Reife stand. Nirgends sah ich größere und üppigere Zuckerfelder als in
+dieser Ebene.
+
+Die Zuckermühlen tragen auf Java einen Gewinn von zwei- bis dreihundert
+Procent.
+
+Gegen Mittag trafen wir wieder in Batavia ein.
+
+
+ [35] Java hat, sammt der dazu gehörigen kleinen Insel Madura 2444
+ Quadratmeilen mit einer Bevölkerung von 9½ Millionen Seelen.
+
+ [36] Chef der Chinesen auf Batavia.
+
+ [37] Wenn man auf Java mit Postpferden reist, müssen Laufzettel
+ vorausgesandt werden.
+
+ [38] Ich werde von nun an immer nach Paal rechnen. Ein Paal ist
+ gleich einer Englischen Meile.
+
+ [39] Der Nopal gehört zum Cactus-Geschlechte.
+
+ [40] Folgende Anekdote habe ich aus dem Munde eines sehr
+ glaubwürdigen Mannes. „Ein hoher Beamter kam zur Audienz
+ und bat um freie Postpferde zu einer Reise auf Java. Der
+ Gouverneur-General frug ihn „wie groß ist ihr Gehalt?“ -- So
+ und so viel war die Antwort. „Oh, da ist er groß genug, daß
+ sie die Postgebühren bezahlen können.“ Zur selben Audienz
+ kam ein geringer Beamter mit derselben Bitte; er brachte ein
+ ärztliches Zeugniß bei, daß er eine Luftveränderung nöthig habe.
+ Der Gouverneur-General frug ebenfalls nach dem Gehalte, und da
+ er noch klein war, sagte er: „Damit können sie freilich keine
+ Gebühren bezahlen,“ -- und bewilligte die Bitte.“
+
+ [41] Neben der Post-Straße, die durch ganz Java geht, läuft eine
+ zweite Straße, die für diese Karren bestimmt ist.
+
+ [42] Bekanntlich wird nur der schwarze Thee der Sonnenhitze
+ ausgesetzt, jener, der grün bleiben soll, muß durch künstliche
+ Wärme getrocknet werden.
+
+ [43] Auf Java ist jedem Residenten ein Rajah oder sonstiger Vornehmer
+ des Landes als Beamter beigegeben, der den Titel „Regent“ führt
+ und denselben Gehalt bezieht, wie der Resident, nebst Procenten
+ vom Kaffee, Zucker u. s. w. Ohne seinen Beisitz wird nichts
+ Bedeutendes unternommen. Seine Meinung ist jedoch höchst selten
+ von der des Residenten verschieden.
+
+ [44] Der Gouverneur-General der Holländisch-Indischen Besitzungen hat
+ 150,000 Rupien jährlichen Gehalt, nebst dem Genusse mehrerer
+ Paläste, Sommerhäuser, Gärten und Ländereien. Er bleibt
+ vier, höchstens fünf Jahre auf diesem Posten. An Macht und
+ Ansehen übertrifft seine Stellung bei weitem jene eines
+ konstitutionellen Königs in Europa.
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75638 ***
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+ Meine Zweite Weltreise. Erster Theil | Project Gutenberg
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+/* Transcriber's notes */
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+</head>
+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75638 ***</div>
+
+<div class="transnote mbot3">
+
+<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
+
+<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von
+1856 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
+Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
+nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
+unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.</p>
+
+<p class="p0">Die Verwendung von gesperrter Schrift für Personen-
+und Ortsnamen wurde im Original inkonsistent gehandhabt, dennoch
+wurden in der vorliegenden Fassung dahingehend keinerlei Korrekturen
+vorgenommen.</p>
+
+<p class="p0 hidehtml">Abhängig von der im jeweiligen
+Lesegerät installierten Schriftart können die im Original <em
+class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in
+serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt
+erscheinen.</p>
+
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe30 break-before" id="frontispiz">
+ <img class="w100" src="images/frontispiz.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption"><p class="center s5">Holzschnitt und Druck von Eduard
+ Kretzschmar in Leipzig.</p>
+ <p class="center">Ein Dajakischer Rajah.</p>
+ <div class="linkedimage s5 mbot3"><a href="images/frontispiz_gross.jpg"
+ id="frontispiz_gross" rel="nofollow">⇒<br>
+ LARGER IMAGE</a></div></figcaption>
+</figure>
+
+<div class="eng">
+
+<h1><span class="s6">Meine</span><br>
+Zweite Weltreise.</h1>
+
+<hr class="titel1">
+
+<p class="center mbot1">Von</p>
+
+<p class="s2 center">Ida Pfeiffer,</p>
+
+<p class="s5 center">Verfasserin der „Reise in das heilige Land“, der „Reise nach Island“
+und der „Frauenfahrt um die Welt.“</p>
+
+<hr class="titel1">
+
+<p class="s3 center mtop2"><span class="s4">Erster Theil.</span></p>
+
+<p class="s4 center mbot2">London. Das Cap der guten Hoffnung. Singapore. Borneo. Java.</p>
+
+<hr class="titel2">
+
+<p class="s3 center"><span class="s4">Wien.</span></p>
+
+<p class="s4 center"><em class="gesperrt">Carl Gerold’s Sohn.</em><br>
+1856.</p>
+
+<p class="s5 center padtop5 break-before">Das Recht der Uebersetzung in fremde
+Sprachen behält sich die Verfasserin vor.</p>
+
+<p class="s5a center padtop5">Druck von Carl Gerold’s Sohn.</p>
+
+<p class="s3 center padtop3 mtop2 break-before"><b>Den Holländern in Indien,</b></p>
+
+<p class="s5 center mtop2 mbot2">namentlich den</p>
+
+<p class="s2 center">Holländischen Beamten und Offizieren</p>
+
+<p class="s4 center">daselbst</p>
+
+<p class="s4 center mtop2 mbot2"><em class="gesperrt">aus tiefster
+Erkenntlichkeit</em></p>
+
+<p class="center">gewidmet von der</p>
+
+<p class="s3 center mtop3 mleft12">Verfasserin.</p>
+
+</div>
+
+<hr class="full x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_v">[S. v]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Widmung_und_Vorrede">Widmung und Vorrede.</h2>
+
+</div>
+
+<p><img class="illowe1_4a" src="images/a005_init.jpg" alt="I">ch weiß, daß es das gewöhnliche Schicksal der Widmungen und Vorreden
+ist, von Niemandem gelesen zu werden. Ich kann aber unmöglich das
+Tagebuch meiner Wanderungen veröffentlichen, ohne der eigentlichen
+Urheber derselben zu gedenken, und als solche muß ich die in den
+Holländisch-Indischen Colonieen ansässigen Holländer, vorzugsweise die
+daselbst angestellten öffentlichen Beamten und Offiziere betrachten.</p>
+
+<p>Ich hatte nämlich, als ich meine Heimath verließ, nichts weniger
+im Sinne als eine zweite Reise um die Welt zu machen. Der Betrag
+aus meinem kleinen Vermögen, über den ich gebieten konnte, war sehr
+unbedeutend; die Oesterreichische Regierung vermehrte ihn zwar mit
+einem Zuschuß von 150 Pfund St.; doch würde<span class="pagenum" id="Seite_vi">[S. vi]</span> die ganze Summe dessen
+ungeachtet zu einer so großen Reise nicht ausgereicht haben.</p>
+
+<p>Ich ging nach London mit dem Vorhaben, mich nach Australien
+einzuschiffen. Diesem Vorhaben mußte ich entsagen, denn meine Reise
+wäre gerade in die Zeit gefallen, als man in Australien die reichen
+Goldlager entdeckte, als die Auswanderer von allen Seiten dahin
+strömten und in Folge dessen Leben und Aufenthalt über alle Maßen
+theuer wurden.</p>
+
+<p>Nach einigen Zweifeln, wohin ich nun mich wenden sollte, reiste ich
+glücklicher Weise nach Holländisch-Indien. Wider mein Erwarten wurde
+ich von den Holländischen Beamten und Offizieren jedes Ranges und jeder
+Stellung so zuvorkommend aufgenommen, so thatkräftig unterstützt, daß
+ich Reisen ausführen konnte, wie<span class="pagenum" id="Seite_vii">[S. vii]</span> es mir bisher noch in keinem Lande
+der Welt möglich gewesen war, und daß ich, wie gesagt, jene Männer als
+die Schöpfer dieser meiner zweiten Reise um die Welt betrachten muß.</p>
+
+<p>Aber nicht nur die Beamten und Offiziere der Holländischen Regierung
+unterstützten mich, auch viele Privatpersonen und meine Deutschen
+Landsleute trugen das ihrige redlich bei. Letztere machten mir eine
+Karte zur Reise auf dem Dampfer nach Batavia und zurück zum Geschenke,
+und die Direktoren der beiden Dampfschiffahrts-Gesellschaften, die
+Herren Cores de Vries und Fraser gaben mir später auf ihren Schiffen
+überall hin freie Passage.</p>
+
+<p>Nachdem ich keine andere Gelegenheit habe, allen diesen Herren meine
+Dankbarkeit auszudrücken, so ersuche<span class="pagenum" id="Seite_viii">[S. viii]</span> ich sie, die Widmung des
+vorliegenden Werkes anzunehmen, nebst der Versicherung, daß ich ihre
+Güte und Gefälligkeit in ihrer ganzen Größe gewiß zu schätzen weiß, und
+derselben stets mit der wahrsten Erkenntlichkeit gedenken werde.</p>
+
+<p>Endlich darf ich der Nord-Amerikaner nicht vergessen, da ich ihnen
+ebenfalls einen großen Theil meiner Reise verdanke. Sie gestatteten mir
+viele freie Fahrten auf Segelschiffen sowohl, wie auf ihren großen,
+prachtvollen Dampfern, und in keinem Lande der Welt, Holländisch-Indien
+ausgenommen, nahm man mich mit mehr Auszeichnung auf, als in den
+Vereinigten Staaten. Aus vollen Herzen sage ich daher den Amerikanern
+meinen innigsten Dank.</p>
+
+<p class="right mright1"><b class="s4">Die Verfasserin.</b></p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_ix">[S. ix]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Inhalt_des_ersten_Bandes">Inhalt des ersten Bandes.</h2>
+
+</div>
+
+<table class="toc">
+ <tr>
+ <td class="s4" colspan="2">
+ <div class="left"><b>Erstes Kapitel.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="synopsis">Ankunft in London. — Comfort. — Die Sonntagsfeier.
+ — Lebensweise und Eigenthümlichkeiten der Engländer. — Besuch der Kirche.
+ — Merkwürdigkeiten der Stadt. — Umgebungen. — Die große
+ Industrie-Ausstellung</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Erstes_Kapitel">1</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s4" colspan="2">
+ <div class="left padtop1"><b>Zweites Kapitel.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="synopsis">Die Kapstadt. — Gefährliches Zusammentreffen mit zwei
+ Negerinnen. — Malaischer Gottesdienst. — Singapore. — Fünf Tage im Jungle.
+ — Sarawak. — Rajah Brooke. — Malaien und Chinesen. — Ihre Wohnungen
+ und kostbare Vasen. — Ausflug zu den Dayakern und den Antimonium-Minen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Zweites_Kapitel">39</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s4" colspan="2">
+ <div class="left padtop1"><b>Drittes Kapitel.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="synopsis">Abreise von Sarawak. — Gezwungene Rückkehr. — Ankunft
+ in Sacarau. — Die unabhängigen Dayaker. — Der Schwert-Tanz. — Die
+ eroberten Menschenköpfe. — Fahrt auf dem Luppar. — Angstvolle Nacht.
+ — Begegnung eines kriegführenden Stammes. — Uebergang des Gebirges Sekamil.
+ — Feierlicher Empfang bei dem Sultan von Sintang</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Drittes_Kapitel">82</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s4" colspan="2">
+ <div class="left padtop1"><b>Viertes Kapitel.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="synopsis">Pontianak. — Ausflug nach Landak. — Ein Chinesischer
+ Kapthay. — Ein Bad im Sumpfe. — Die Bambus-Brücke. — Zeichensprache. —
+ Ankunft in Landak. — Souper bei dem Banam. — Rato. — Die Diamanten-Gruben.
+ — Rückkehr nach Pontianak</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Viertes_Kapitel">128</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s4" colspan="2">
+ <div class="left padtop1"><b>Fünftes Kapitel.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="synopsis">Pontianak. — Das Pfandrecht. — Der Opiumpacht. —
+ Die Opiumraucher. — Amok. — Reise nach Sambas. — Der Pangerong-Rato. —
+ Zuvorkommenheit der Holländischen Offiziere. — Rückkehr nach Pontianak. —
+ Die Boa. — Einiges über die Völker Borneo’s</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Fuenftes_Kapitel">153</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s4" colspan="2">
+ <div class="left padtop1"><b>Sechstes Kapitel.</b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="synopsis">Batavia. — Sehenswürdigkeiten. — Chinesisches Schauspiel.
+ — Buitenzorg. — Vorstellung bei dem General-Gouverneur Typanas. — Besteigung
+ des Pangerangs. — Bandong. — Die Theepflanzung. — Die Kaffeemühle. — Der
+ Schwefelkrater. — Rückkehr nach Batavia. — Ausflug nach Tangerang. —
+ Volksbelustigungen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Sechstes_Kapitel">178</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[S. 1]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Erstes_Kapitel">Erstes Kapitel.</h2>
+
+</div>
+
+<p class="s5 hang2 mbot2">Ankunft in London. — Comfort. — Die Sonntagsfeier. — Lebensweise
+und Eigenthümlichkeiten der Engländer. — Besuch der Kirche.
+— Merkwürdigkeiten der Stadt. — Umgebungen. — Die große
+Industrie-Ausstellung.</p>
+
+<p><img class="illowe1_2 mbot-0_5" src="images/p001_init.jpg" alt="D">ie Reise von Wien nach London ist heutigen Tages eine Spazierfahrt,
+die man bequem in vier Tagen machen kann; ich benöthigte jedoch dazu
+beinahe einen Monat, da ich bei meinen Freunden und Verwandten in Prag
+und Hamburg einige Zeit zu Besuch blieb. Am 18. März 1851 verließ ich
+Wien, und erst am 10. April gelangte ich nach London.</p>
+
+<p>Es war früh Morgens, als sich unser Dampfer dem Hafen der Weltstadt
+näherte. Der von ferne undurchdringlich scheinende Mastenwald tauchte
+vor unsern Blicken auf, und die unzähligen Schiffe, vom großen
+Ostindienfahrer bis zur kleinen Jacht, theils vor Anker liegend, theils
+die Segel entfaltend oder von brausenden Dampfern in’s Schlepptau
+genommen, gewährten ein reiches, wahrhaft großartiges Bild. Weniger zog
+mich das Gewühl im Hafen selbst an. Ich dachte hier ein Gemenge aller
+Nationen der Welt zu finden,<span class="pagenum" id="Seite_2">[S. 2]</span> und sah nichts als Europäische Matrosen
+und Englische Arbeitsleute. In dieser Hinsicht ist jeder Ostindische
+Hafen, und besonders jener von Bombay ungleich interessanter, weil
+man dort Menschen von allen Ländern und Farben, und Trachten von den
+verschiedenartigsten und seltsamsten Formen sieht.</p>
+
+<p>Wir landeten an dem Zollamte, welches ich mit ziemlicher Angst betrat,
+da man mir gesagt hatte, daß sehr strenge untersucht würde, daß jede
+Kleinigkeit, sobald sie neu sei, versteuert werden müsse, und daß
+selbst die Taschen vor den Händen der gierigen Zollbeamten nicht
+geschlossen seien; doch dem war nicht so: sämmtliche Effekten wurden
+ziemlich oberflächlich besehen. Man verlangte auch die Pässe, stellte
+sie aber, nachdem man die Namen in ein Buch eingetragen, sogleich
+wieder zurück. Ich erhielt weder eine Aufenthalts-Karte, noch frug
+man in der Folge nach meinem Passe, — ja, ich schiffte mich nach
+<em class="gesperrt">Afrika</em> ein, ohne daß ich mit der Polizei oder einer andern
+Behörde das Geringste mehr zu thun hatte.</p>
+
+<p>Der Eindruck, den das Leben auf den Straßen auf mich machte, war kein
+angenehmer. Dieses Pressen und Drängen der Menschen, das Gewirre
+der zahllosen Wagen, die das Ueberschreiten einer Straße wahrhaft
+lebensgefährlich machen, ließen mich die Minute segnen, in der ich mein
+Zimmer erreichte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span></p>
+
+<p>Das größte Gewühl herrschte in den Straßen der City; hier sind
+die Komptoirs der Kaufleute, die Börse, die Bank, Mansion-house
+(Residenz des Lord-Mayor) u.&#8239;s.&#8239;w. Die Kaufleute selbst wohnen nicht
+in der City; sie kommen selten vor 11 Uhr auf ihre Komptoirs und
+verweilen nur bis vier oder fünf Uhr. Die vielen Verbindungsmittel,
+Eisenbahnen, Dampfschiffe, Omnibusse machen es ihnen leicht möglich,
+in entfernten Orten der Stadt, ja oft acht bis zehn Englische Meilen
+weit auf dem Lande zu leben. Die Züge auf den Eisenbahnen verkehren
+jede Viertelstunde, die Dampfer fahren von der ersten Brücke London’s
+bis zur letzten alle fünf Minuten, und die Omnibusse sind in steter
+Bewegung; letztere erscheinen jedoch für den Fremden anfänglich beinahe
+unbrauchbar, und er muß erst ein kleines Studium machen, um zu wissen,
+in welchen er einzusteigen hat. Die Hauptstationen sind zwar auf der
+Aussenseite des Wagens angeschrieben; aber der eine Omnibus nimmt den
+Weg durch diesen, der andere durch jenen Theil der Stadt; sich an die
+Kondukteurs zu wenden ist eben nicht sehr anzurathen, denn auf die
+Frage, ob man hier oder dort vorüberfahre, antworten sie nicht selten
+mit vollkommener Ruhe „<span class="antiqua">Yes</span>“ — und setzen dann den armen Fremden
+an irgend einem Orte ab, wo er von seinem Ziele vielleicht weiter
+entfernt ist als vorher.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span></p>
+
+<p>Ueberhaupt gehört eine Fahrt in einem Omnibus gerade nicht zu den
+Annehmlichkeiten des Londoner Lebens. Die Wagen sind weder sehr breit
+noch sehr lang und enthalten 25 Plätze (13 im Innern, 12 außen<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a>). Es
+kann daher von einem nur einigermaßen bequemen Sitze natürlich keine
+Rede sein. Hiezu kommt das ewige Anhalten, Ein- und Aussteigen, alles
+in der größten Eile, und nun gar wenn Regenwetter ist — die triefenden
+Schirme, die nassen Kleider, die beschmutzten Schuhe — wahrlich ein
+Comfort ohne Gleichen!</p>
+
+<p>Comfort, Comfort, Comfort — führt doch jeder Engländer dieß Wort
+unaufhörlich im Munde, und gerade in England habe ich weniger Comfort
+genossen als irgendwo. So litt ich z.&#8239;B. von der Zimmerkälte nirgends
+so viel wie hier. Die Kaminfeuer erwärmen wohl den, der ganz nahe am
+Kamine sitzt, und der nichts anderes zu thun hat als sich zu wärmen,
+aber nicht den, der entfernter ist und sich mit Schreiben oder Nähwerk
+beschäftigen will, — Feder, Nadel entfallen alsbald der steif
+gewordenen Hand. Das nenne ich Comfort in einem Lande, in welchem man
+sechs bis sieben Monate des Jahres mit Kälte zu kämpfen hat! — Die
+Engländer lieben den Anblick<span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span> des Feuers so über alle Maßen, daß sie
+die daraus entspringenden Unannehmlichkeiten übersehen oder gerne
+ertragen. Eben so absonderlich sind sie hinsichtlich der Wohnung. Jede
+Familie, wenn noch so beschränkt, will ihr eigenes Haus haben, ein Haus
+natürlich oft nur mit zwei Fenstern in der Fronte und einem Stockwerke;
+haben ja selbst die Häuser der ziemlich Bemittelten selten mehr als
+drei Fenster und zwei bis drei Stockwerke. Ist das vielleicht Comfort,
+jeden Augenblick von einem Stock zum andern zu steigen? — Es versteht
+sich von selbst, daß ich hier nicht von den Häusern der Reichen und
+überhaupt nicht von den Reichen spreche — diese können sich natürlich
+in England alle Bequemlichkeiten verschaffen, sie können es aber auch
+in allen andern Ländern, und in den meisten mit ungleich geringeren
+Kosten. Meine Bemerkungen betreffen nur die Mittelklasse.</p>
+
+<p>Eine weitere Unbequemlichkeit liegt in der ungemeinen Größe der Stadt.
+Jeder Besuch, jedes Geschäft, jede Unterhaltung kostet viel Zeit und
+viel Geld, weil man häufig fahren muß. Sind es Geschäfte, so kann man
+wohl Omnibus und Eisenbahn benützen; sind es aber Unterhaltungen,
+Einladungen zu Tische, zum Thee, bei welchen man im Putz erscheinen
+muß, so ist man gezwungen einen <em class="gesperrt">Cab</em> (einspännigen Wagen) zu
+miethen, welcher pr. englische Meile einen<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> Schilling kostet<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a>, —
+keine kleine Ausgabe, wenn man, wie es leicht der Fall sein kann, hin
+und zurück einen Weg von zehn oder noch mehr Meilen zu machen hat. Ein
+Besuch der Italienischen Oper ist schon gar nur reichen Leuten möglich,
+da die Loge allein drei bis vier Pfund St. kostet und man darin nicht
+anders als in großem Putze erscheinen darf.</p>
+
+<p>Die Kosten und Schwierigkeiten des Zusammenkommens mögen die
+Hauptursache sein, daß in den Englischen Häusern das angenehme
+gesellige Leben nicht herrscht, an das wir Süddeutsche so sehr gewöhnt
+sind. Hier gibt es Gesellschaften und sogenannte Aufwartungen, aber
+selten freundliche, gemüthliche Besuche.</p>
+
+<p>Das Leben der Frauen aus dem Mittelstande ist höchst einförmig; den
+Tag über sind sie an ihr Haus gewiesen, Abends an die Gesellschaft des
+Gemahls, der vom Geschäftsleben ermüdet heim kommt, sich nach Ruhe und
+Bequemlichkeit sehnt und selten gelaunt ist, seine Frau durch Gespräche
+zu unterhalten, oder durch Besuche sich stören zu lassen; gewöhnlich
+setzt er sich in den Lehnstuhl nahe am Kamine, nimmt Zeitungsblätter
+zur Hand und schlummert mitunter dabei ein.</p>
+
+<p>Die Sonntage, bei andern Völkern ebenfalls Tage der Weihe und des
+Gebetes, aber auch der Heiterkeit<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span> und Fröhlichkeit, sind in England
+so langweilig, daß der aufgeweckteste Südländer davon den Spleen
+bekommen könnte. In echten altenglischen Familien geht das so weit,
+daß die Kinder an diesem Tage nicht einmal Ball schlagen oder irgend
+ein unschuldiges Spiel treiben dürfen; ja man läßt sogar die meisten
+Gerichte Tags zuvor bereiten, damit die Köchin hinlänglich Zeit findet,
+die Kirchen zu besuchen. Vor- und Nachmittags werden mehrere Stunden in
+der Kirche zugebracht, und den ganzen Tag über darf kein anderes Werk
+als ein Andachtsbuch zur Hand genommen werden! So lobenswerth ich es
+finde, daß man in Familien die ganze Dienerschaft Morgens und Abends
+um sich versammelt, um mit ihr vereint ein kurzes Gebet zu halten, so
+unpassend finde ich es, einen ganzen Tag mit Gebeten hinzubringen. Ich
+zähle mich nicht im entferntesten zu den Freigeistern; aber den ganzen
+Tag vermag ich nicht zu beten. Gebete sollen mit dem Geiste gehalten
+werden, mit Bewußtsein dessen, was man betet, mit Aufmerksamkeit und
+Andacht; durch Uebertreibung arten sie zu Lippengebeten aus, und diese
+sind meiner Meinung nach zwecklos und ohne Verdienst.</p>
+
+<p>In keinem Lande der Welt, vielleicht China und Persien ausgenommen,
+verstößt man so leicht gegen die sogenannte „feine Lebensart“ als
+hier. Wer z.&#8239;B.<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> die Gabel in die rechte statt in die linke Hand
+nimmt, wer das vorgelegte Gericht in kleine Stückchen theilt, anstatt
+jedes Stückchen einzeln herabzuschneiden, wer einer Dame vom Geflügel
+einen anderen Theil als ein Bruststück vorlegt, wer Jemanden in sein
+Schlafzimmer führt (dieß wird gar als ein halbes Verbrechen betrachtet)
+und dergleichen mehr, der macht sich lächerlich und wird zu der Klasse
+jener gezählt, die auf feine Erziehung keinen Anspruch machen können.
+— Bei den unbedeutendsten Sachen findet man hier Verstöße gegen
+die Sittlichkeit, und andere weit größere, die wir Nicht-Engländer
+als unsittlich bezeichnen würden, finden die Engländer ganz in der
+Ordnung. So die Sitte, daß zwei Schwestern oder zwei Dienstmädchen mit
+<em class="gesperrt">einem</em> Lager vorlieb nehmen. Ja dieser Gebrauch geht so weit, daß
+bei Besuchen, die über Nacht bleiben, sehr häufig zwei Freundinnen oder
+überhaupt zwei weibliche Wesen eine und dieselbe Bettstelle theilen<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a>.
+Kann es etwas Unsittlicheres, Ungesünderes geben?! Ich weiß, wenn diese
+Bemerkung einer Englischen Dame zu Gesicht kommen sollte, daß sie Zeter
+und Wehe über mich schreien wird, — doch deßhalb ist sie nicht minder
+wahr, und ich sehe mich für meine Aufrichtigkeit reich belohnt, wenn
+durch diesen Anlaß auch nur eine Familie<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> dahin gebracht würde, jener
+abscheulichen Sitte zu entsagen.</p>
+
+<p>Nicht minder anstößig kommt mir der Gebrauch vor, daß ein neuvermähltes
+Ehepaar einen Wagen besteigt, dessen Bespannung, Kutscher und Diener
+mit Blumensträußen geziert sind; so beginnen sie ihre Hochzeitsreise,
+so kehren sie im Gasthof ein ... sonderbares Sittlichkeitsgefühl!</p>
+
+<p>Stolz und Hochmuth der Aristokratie und der Reichen haben in England
+unbestreitbar den Kulminationspunkt erreicht. Um in die Gesellschaft
+(Rout) eines Englischen Aristokraten zu gelangen, muß man von hoher
+Geburt sein, oder ausgezeichnete Verdienste aufweisen, oder durch
+irgend ein besonderes Mittel sich eindrängen. Eitelkeit ist natürlich
+hier wie überall der Sporn, der die Leute antreibt, nöthigenfalls alle
+Minen der Intrigue spielen zu lassen, um sich in hoher Gesellschaft
+einige Stunden zu langweilen; denn steif, kalt und trocken sind diese
+Routs über alle Beschreibung. Der Hausherr setzt seinen Stolz darein,
+die Säle so gefüllt zu sehen, daß Niemand sich bewegen kann; er zwängt
+sich mühsam durch die Räume, richtet an diesen und jenen einige
+nichtssagende Worte und — der Spaß hat ein Ende. Am folgenden Morgen
+aber füllt die Beschreibung des herrlichen Festes eine Viertelspalte<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span>
+in der Zeitung, und die Namen der Auserwählten glänzen in dem
+beigedruckten Register.</p>
+
+<p>Man sollte meinen, daß in einem so alt-konstitutionellen Lande wie
+England, Hof und Adel weniger hoch angesehen wären, als in einem
+rein-monarchischen; dem ist nicht so. Es wird hier von dem Hofe mit
+weit mehr, ich möchte sagen kleinlicher Ehrfurcht gesprochen, als es
+selbst in Deutschen Staaten der Fall ist. Ich mußte oft lächeln über
+das Gewicht, das man auf die Frage legte: „Haben Sie die <em class="gesperrt">Königin</em>
+gesehen? und <em class="gesperrt">Prinz Albert</em>? und den <em class="gesperrt">Prinzen von Wales</em>?“
+— Viele der Straßen und Plätze Londons führen die Namen von Regenten,
+Prinzen, Fürsten und andern hochgestellten Personen.</p>
+
+<p>Ich kann bei dieser Gelegenheit nicht umhin, der Hamburger zu erwähnen,
+die sich gerne Republikaner nennen, eigentlich aber, wenigstens
+was Ehrfurcht und Verehrung des Adels und der Titel anbelangt, die
+entschiedensten Legitimisten Europa’s sind. Ich will hier nur ein
+kleines Beispiel anführen. Während meines Aufenthaltes in Hamburg, im
+Winter vom Jahre 1848 auf 1849, kam ein zweit- oder drittgeborner Prinz
+<em class="gesperrt">von Leiningen</em> in Begleitung seines Hofmeisters dahin auf Besuch;
+da hätte man sehen sollen, was diese Republikaner thaten, um den
+prinzlichen Jüngling in ihre Gesellschaften zu ziehen. Bälle, Diners,<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span>
+Soireen wurden ihm zu Ehren gegeben, ja sogar eine Schlittenfahrt, die
+aber leider das rücksichtslose Thauwetter zu Wasser machte. In allen
+Zirkeln sprach man nur von ihm, jedes Wort, das seinen Lippen entfiel,
+fand man geistreich, witzig und verständig, und jede Mutter, mit deren
+Töchterchen er tanzte, fühlte sich hochgeehrt und beglückt.</p>
+
+<p>Da die armen Hamburger so unglücklich sind, keinen Adel zu besitzen,
+so suchen sie sich mit Titeln zu entschädigen, welche natürlich, wie
+in Oesterreich und Preußen, auch den Frauen beigelegt werden; die Frau
+eines Senators ist eine Senatorin, eines Konsuls eine Konsulin, eines
+Doktors eine Doktorin. Hat aber Jemand das Glück, adelige Verwandte im
+Auslande zu haben, so wird er von diesen nie sprechen, ohne den Titel
+beizusetzen. Da heißt es: Haben Sie Tante von A. gesehen? Schwager
+Baron B. gesprochen? u.&#8239;s.&#8239;w. Wie lästig und beschwerlich dieses
+Titelwesen den geselligen Umgang macht, vermag nur ein Fremder zu
+ermessen. Ich wagte kaum in einer Gesellschaft zu Wien, Berlin oder
+Hamburg meine Nachbarin anzusprechen, denn ich hatte vergessen, ob sie
+mir als Feldmarschall-Lieutenantin, Vize-Präsidentin, Senatorin oder
+Baronin vorgestellt worden war. Ich saß stumm und dachte daß am Ende
+die vielverlachten Chinesen vernünftiger seien, die auf der Brust ein
+Täfelchen hängen haben,<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> worauf ihre Namen und Titel verzeichnet sind.
+— Bei solchen Gelegenheiten fiel mir stets folgende Anekdote unseres
+unvergeßlichen <em class="gesperrt">Kaisers Josef</em> ein: „Die Witwe eines Beamten kam
+einst mit der Bitte zu <em class="gesperrt">Kaiser Josef</em>, ihre Pension zu erhöhen,
+da ihre heranwachsenden Kinder einer Erziehung bedürften. Der Kaiser
+frug: „Wie heißen Sie?“ Sie antwortete: „Ich bin die Hofräthin N. N.“
+— „Wenn Sie die Hofräthin N. N. sind,“ sagte der Kaiser, „habe ich
+mit Ihrer Bitte nichts zu thun, Sie müssen sich an Ihren Monarchen
+wenden.“ Die Frau, über diese Antwort verblüfft, konnte stammelnd kaum
+hervorbringen, daß sie ja vor ihrem Monarchen stehe. „Da irren Sie
+sehr,“ erhielt sie zur Antwort, „ich habe wohl Hofräthe, aber keine
+Hofräthinnen.“ Und — er schlug ihr die Bitte ab.“</p>
+
+<p>Man verzeihe mir diese kurze Reise nach Hamburg, Wien und Berlin, —
+ich kehre wieder nach London zurück, zu den Engländern, bei welchen
+diese Unsitte nicht stattfindet. Man macht nicht den geringsten
+Verstoß, wenn man die Gattin eines Ministers gleich der Frau eines
+einfachen Handwerkers mit „Madame“ oder „Mistreß“ so und so anredet.</p>
+
+<p>Einen sehr unangenehmen Eindruck machte mir in London der Besuch der
+Kirchen; es kam mir jedesmal vor, als träte ich in ein Theater. Der
+ganze<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> Raum, wenige Bänke an den Seitenwänden ausgenommen, ist in Logen
+und Sperrsitze getheilt, die Logen sind mit Teppichen, gepolsterten
+Bänken und Fußschemeln versehen, und geschmackvoll gebundene Bibeln
+und Andachtsbücher liegen vor den durchgehends im Putze erscheinenden
+Personen.</p>
+
+<p>Auf meine Frage, woher es käme, daß man in den Kirchen gar keine
+dürftig gekleideten Leute sähe, gab man mir die vernünftige Antwort:
+„Wer sich nicht anständig kleiden kann, geht nicht in die Kirche<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a>.“
+Also nur die Reichen, die Wohlhabenden sind Gott gefällig? — Leider
+äffen die Katholiken in vielen Ländern diese entwürdigende Sitte nach,
+— Gott und die Vernunft möge sie und die Protestanten von diesem
+Hochmuthe heilen.</p>
+
+<p>Eben so unpassend ist es, für den Besuch der St. Pauls-Kirche und
+der Westminster-Abtei in den Stunden, in welchen kein Gottesdienst
+stattfindet, Eintrittsgeld zu verlangen. Gerade als ich die letztere
+besuchte, wollten auch drei Matrosen mit eintreten; sie<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> wurden
+zurückgewiesen, weil sie nicht bezahlen wollten oder konnten. Man sagte
+mir, daß dieser Mißbrauch abgeschafft werde. Ich erwiderte darauf, daß
+ich nicht begreife, wie man ihn je habe einführen können.</p>
+
+<p>Ein anderer Mißbrauch ist auch der, daß der Viehmarkt in der Mitte
+von West-End liegt und daher alle Arten Vieh, Ochsen, Kühe, Schafe
+u.&#8239;dgl.&#8239;m. durch die belebtesten Straßen der Stadt getrieben werden,
+was natürlich häufig Unordnungen und nicht selten Unglücksfälle
+veranlaßt<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a>.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Eine ausführliche Beschreibung der Merkwürdigkeiten Londons zu
+machen, liegt nicht in meiner Absicht. Es gibt der ausführlichen und
+vortrefflichen Werke dieser Art so viele, daß meiner schwachen Feder
+nichts anderes übrig bliebe, als oft und gut Gesagtes unvollkommen
+wiederzugeben. Ich beschränke mich darauf, mit kurzen Worten des
+Gesehenen zu erwähnen.</p>
+
+<p>Um von dem Umfange der Stadt eine gute Ansicht zu haben, besteige
+man die Spitze der St. Paulskirche oder jene der Waterloo- oder
+Brand-Säule. Ich bestieg die letztere, muß aber aufrichtig gestehen,
+daß der Anblick dieser ungeheuren Häusermasse keinen<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> angenehmen
+Eindruck auf mich machte. Die einzelnen Schönheiten gehen zu sehr
+verloren, die kleineren Squares (Plätze) verschwinden ganz und
+gar, und nur die schönen zierlichen Brücken über die Themse ziehen
+die Aufmerksamkeit einigermaßen auf sich. Die Umgebung ist eine
+weite Ebene, deren Grenzen in der beständig neblichten Atmosphäre
+verschwimmen.</p>
+
+<p>Von dem Gewühle in den Straßen Londons, vorzüglich in den
+Geschäftsstunden, kann sich nur derjenige einen Begriff machen, der
+die Neapolitanischen und Sicilianischen Städte besucht hat, in deren
+Straßen zur Abendzeit die ganze Bevölkerung, Kranke und Misanthropen
+ausgenommen, auf- und niederwogt. Der Unterschied besteht nur darin,
+daß in Italien die Leute fröhlich und heiter lustwandeln und der
+schönen Abende sich erfreuen, während in London Alles ernst und
+tiefsinnig nur dem Gelde und den Geschäften nachläuft. Als ich mich das
+erste Mal allein in dieses Gewühl begab, ward mir ordentlich bange,
+und ich wagte kaum einen der vielen, wie mit Dampf an mir vorüber
+getriebenen Geschäftsleute anzuhalten und um Auskunft über einen Weg zu
+ersuchen; aber zu ihrem Lobe muß ich sagen, daß sie im eiligsten Laufe
+einhielten und meine Frage sehr höflich beantworteten, Mancher ging
+sogar ein Stückchen Weg mit mir zurück, um mich auf die richtige Bahn
+zu weisen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span></p>
+
+<p>Der schönste Theil Londons ist das West-End; hier sind die großen
+Straßen, Plätze (Squares), Clubs und Privatpaläste, die Parks und
+die reichen Gewölbsauslagen. Von den Straßen zeichnen sich Oxford
+und Regentstreet (jede mehrere Meilen lang)<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a>, von den Plätzen der
+Regent-Cirkus, Waterloo-Place, Charlestown-Terrace, Longham-, Portland,
+Trafalgar-Square u.&#8239;s.&#8239;f. besonders aus. Schade ist es, daß alle diese
+Plätze belebender Zierden, wie Springbrunnen, gänzlich entbehren; nur
+Trafalgar-Square besitzt zwei Kaskaden.</p>
+
+<p>Das hervorragendste öffentliche Gebäude ist Westminster-Hall, ein
+im reinsten gothischen Style ausgeführter Palast, unübertrefflich
+an Geschmack, Leichtigkeit und Zierlichkeit. Der Krönungs- und
+zugleich Sitzungssaal ist leider klein und so sehr mit Vergoldungen
+und Verzierungen überladen, daß er schwerfällig und ungeschmackvoll
+erscheint.</p>
+
+<p>Somerset-House am Strande, mit der Hauptfronte gegen die Themse,
+nimmt sich imposant und großartig aus; es ist aus Quadersteinen
+erbaut und mit den geschmackvollsten Façaden und Arkaden versehen.
+Der Buckingham-Palast, Residenz des Hofes,<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> ist zwar größer als
+Somerset-House, aber nicht so geschmackvoll. Die Theater Drurylane,
+Haymarket, das Italienische Opernhaus u.&#8239;s.&#8239;w. sind gewöhnliche
+Gebäude, die bloß durch ihre Größe auffallen. Das Kolosseum am
+Regentpark ist eine von Säulen umgebene Rotunde. Wie dieses kleine
+Gebäude zu dem anspruchsvollen Namen „Kolosseum“ kommt, vermag ich
+mir nicht zu erklären; — es mit jenem in Rom vergleichen zu wollen,
+kann doch unmöglich Jemanden in den Sinn kommen?! Das Schönste an
+diesem Gebäude ist im Innern ein Rundgemälde von London, welches zu
+besuchen ich allen Jenen anrathe, die nicht so glücklich sind, einen
+nebelfreien Tag zu erhaschen, um die Stadt selbst von einem ihrer hohen
+Punkte übersehen zu können. — Bemerkenswerte Gebäude sind ferner die
+Admiralität, der Schatzkammer-Palast, Whitehall, mehrere Clubs und
+Privat-Paläste.</p>
+
+<p>Unter den Brücken, die alle schön sind, zeichnet sich besonders die
+Waterloobrücke durch ihre ungemeine Zierlichkeit und vollkommen
+gerade Richtung ohne alle Steigung, aus. Die Hungerfordbrücke, ein
+prachtvolles, kühngespanntes Kettenwerk, ist nur für Fußgänger bestimmt.</p>
+
+<p>Kirchen gibt es in London zwar viele, jedoch sind außer der St.
+Paulskirche in der City und der Westminster-Abtei im West-End, wenige
+des Besehens<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> werth. Erstere ist ein Tempel im Neu-römischen Style
+mit einer hochgewölbten, majestätischen Kuppel und mit zwei Reihen
+von Säulen, deren eine den äußeren, die andere den inneren Theil
+des Gebäudes trägt. Im Innern stehen an den Wänden schöne Denkmäler
+zur Erinnerung an ausgezeichnete Admirale und Seeoffiziere. Die
+Westminster-Abtei, ein prächtiges Denkmal Gothischer Baukunst, hat die
+Gestalt eines länglichen Kreuzes. Auch hier stehen viele Statuen zur
+Erinnerung an berühmte Männer, an große Schriftsteller und Musiker, wie
+<em class="gesperrt">Milton</em>, <em class="gesperrt">Shakespeare</em>, <em class="gesperrt">Händel</em> u.&#8239;s.&#8239;w. Man könnte
+diese Abtei füglich das Englische Pantheon nennen, hätten sich nicht
+auch Denkmäler für Leute eingeschlichen, deren einziges Verdienst war,
+mit hochklingendem Namen zur Welt gekommen zu sein.</p>
+
+<p>Das Narrenhospital, <em class="gesperrt">Bedlam</em> ist ein großartiges Gebäude mit
+einfacher, zweckmäßiger Einrichtung im Innern und von Gärten umgeben.
+Die Schlafsäle sind der Länge nach durch Bretterwände in drei Theile
+gesondert, deren mittlerer den Kranken zum Auf- und Abgehen und den
+Aufsehern zum Aufenthalte dient. Die beiden Seitentheile des Saales
+sind in Kämmerchen abgetheilt, gerade groß genug für ein Bett und
+ein befestigtes Bänkchen. Die Thürme haben kleine Oeffnungen, durch
+welche die Wärter die Kranken<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> beaufsichtigen können. Außerdem
+besitzt jede Abtheilung ihre Wasch-, Bade-, Gesellschafts- und
+Speise-Zimmer. Der Unterschied zwischen männlichen und weiblichen
+Narren erschien mir ausnehmend grell. Man sah es den Männern beinahe
+durchgehends auf der Stirne geschrieben, daß ihre Narrheit Folge des
+abscheulichsten Lebenswandels sein mochte. Der Wärter führte mich
+durch einen Theil des Gartens, in welchem sich gerade mehrere dieser
+Unglücklichen aufhielten; ich kann nur sagen, daß ich froh war, ohne
+thätliche Beleidigung hindurch gekommen zu sein, und daß ich diesen
+Gang gewiß kein zweites Mal mehr unternehmen würde. Stets flößte mir
+der Anblick von Narren Mitleid und Wehmuth, hier — zwar ebenfalls
+Mitleid, doch auch Ekel, Abscheu und Furcht ein. Ganz anders war es
+bei dem weiblichen Geschlechte. Manche dieser armen Geschöpfe saßen in
+Winkelchen und weinten, andere starrten unbeweglich vor sich hin; eine
+trug, hätschelte und küßte eine große Puppe, als wäre sie ein lebendes
+Wesen. Was mögen diese Unglücklichen erduldet haben, bis sie hieher
+kamen, welch’ traurige Geschichten voll Noth, Kummer und Verzweifelung
+mögen da begraben liegen!&#160;—<p>
+
+<p>In <em class="gesperrt">Bedlam</em> sind nur Leute der armen, unbemittelten Klasse; für
+Reiche gibt es der Privatanstalten genug.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span></p>
+
+<p>Ein herrliches Gebäude ist das Brittische Museum. Es enthält viele
+reich ausgestattete Säle und ist gewiß in seiner Art das großartigste
+Institut der Welt. Hätte ich nicht kurz zuvor jenes in Berlin mit Muße
+und Aufmerksamkeit besehen, so würde es mich noch mehr überrascht
+haben. Einzig in ihrer Art dürfte die Sammlung der Alterthümer
+<em class="gesperrt">Ninive’s</em> sein, deren Ausgrabungen das Museum selbst veranlaßt
+hat. Viele von diesen Schätzen sind bereits aufgestellt, und beinahe
+eben so viele sollen noch eingepackt liegen, da es an Raum zur
+Aufstellung fehlt.</p>
+
+<p>Das College of Surgeons enthält abnorme Skelette von Menschen und
+Thieren, Todtenschädel aller Völker der Welt, eine große Sammlung
+der seltensten Mißgeburten, nebst vielen andern höchst interessanten
+Gegenständen. Herr Professor <em class="gesperrt">Owens</em>, einer der ausgezeichnetsten
+Männer Englands im Fache der Anatomie, ist Direktor dieses Kollegiums,
+welches unter seiner Leitung den jetzigen Punkt der Vollkommenheit
+erreicht hat. Ich war so glücklich, die nähere Bekanntschaft dieses
+gelehrten Mannes zu machen. Er gestattete mir, zu jeder Zeit die Säle
+zu besuchen und machte mich auf gar Vieles aufmerksam. Nicht minder
+dankbar bin ich dem Professor <em class="gesperrt">Wateshouse</em> im Brittischen Museum,
+welcher mir ebenfalls viele Stunden schenkte und mich besonders
+über die Art des Sammelns<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> belehrte. Bei dieser Gelegenheit rechne
+ich es mir zur Ehre und Freude, des ausgezeichneten Geheimrathes
+<em class="gesperrt">Lichtenstein</em>, Direktor des Museums zu Berlin, zu gedenken, der
+mir gleichfalls erlaubte, zu jeder Zeit das Museum zu besuchen, und
+mich selbst einigemale durch die Säle geleitete. Ihm, wie den beiden
+vorerwähnten Herren sage ich meinen innigen Dank für die Güte und
+Freundschaft, die sie mir bewiesen.</p>
+
+<p>Außer dem Brittischen Museum, dem College of Surgeons gibt es noch
+mehrere Museen, unter welchen East-India-House, das ausschließend
+Gegenstände aus Indien enthält, das bedeutendste ist.</p>
+
+<p>Die National-Bildergallerie hat keinen großen Reichthum an
+Meisterwerken. Drei Gemälde von <em class="gesperrt">Murillo</em> gefielen mir am
+besten. Viele ausgezeichnete Gemälde sollen in den Gallerien reicher
+Privatleute zu finden sein.</p>
+
+<p>Von den Parks liegen die beiden größten und besuchtesten, der Regent-
+und Hydepark in West-End. Hieher muß man kommen, um die reiche,
+elegante Welt zu sehen; da gibt es Equipagen in Hülle und Fülle, und
+Herren, Damen und Kinder auf Pferden aller Gattungen, von dem edlen
+Araber und dem langgestreckten Engländer herab bis zu dem Pony von
+der wunderbarsten Kleinheit und Zierlichkeit. Man sieht<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> Frauen das
+Wagengespann leiten, ohne daß es Jemanden einfallen würde, darin
+irgend einen Anstoß zu finden. Eben so wenig ist es gegen die Sitte,
+wenn eine Frau oder ein Mädchen allein in Gesellschaft eines ihr nicht
+anverwandten Herrn spazieren reitet.</p>
+
+<p>In Regentpark befindet sich der zoologische Garten, dessen Reichthum
+an exotischen Thieren ganz vorzüglich ist. Er enthält Löwen, Tiger,
+Leoparden, Giraffen von vollendeter Pracht und Größe. Ein Exemplar
+eines herrlichen Hippopotamus war dieser Menagerie erst ganz kürzlich
+zugewachsen, — ausgezeichnet fand ich die Abtheilung der Reptilien,
+unter welcher Schlangen und Boa’s der seltensten und größten Arten.</p>
+
+<p>Dem Hydepark schließt sich der ebenfalls ziemlich große, viel besuchte
+Kensingtonpark an. Er zeichnet sich besonders durch seine alten,
+ehrwürdigen und umfangreichen Bäume aus.</p>
+
+<p>Der St. James- und der Green-Park gehören in dieselbe Kategorie.</p>
+
+<p>Alle diese Parks, und nicht allein die öffentlichen, sondern auch jene
+der Privatleute sind ziemlich in derselben Art angelegt, — weite
+Rasenplätze, große prachtvolle Bäume, besonders Eichen- und Ulmbäume,
+Alleen und kleine Gruppen von Gesträuchen. Blumenboskette oder
+überhaupt Blumen findet man gewöhnlich nur in den Glashäusern.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span></p>
+
+<p>Interessant ist noch ein Morgenbesuch des Coventgarden an Markttagen,
+besonders Sonnabends. Man findet hier zwar keinen Garten, wie der Name
+zu versprechen scheint, sondern bloß einen großen Platz mit Hallen und
+Gängen; allein der Anblick der in ungeheuerer Menge für den Bedarf von
+beinahe ganz London aufgestellten Vorräthe an Gemüsen, Früchten und
+Blumen lohnt die Mühe des Ganges.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>In der City gibt es zwar weniger zu sehen, als in dem aristokratischen
+West-End; doch findet man auch hier höchst interessante Gegenstände.
+Vor allem merkwürdig ist der Tower, das älteste Gebäude Londons, ein
+großartig einfaches, ehrwürdiges Denkmal Gothischer Baukunst, — ferner
+die Bank, die Börse, Guildhall, letztere durch einen ungeheuren Saal
+ausgezeichnet, der zu Festessen u.&#8239;dgl. benützt wird. Mansion-House,
+Residenz des Lord Mayor’s, erscheint etwas schwerfällig. Die Dock’s,
+für sich allein eine kleine Welt, bestehen aus sehr tiefen, breiten und
+großen durchgehend von Quadersteinen gebauten Kanälen und Becken, in
+welchen die größten Ostindienfahrer bis knapp an die Magazine gelangen
+und an Ort und Stelle ausladen können. Die Magazine sind<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> vier bis
+sechs Stockwerke hoch; ihre Keller bergen die reichhaltigsten Weinlager
+der Welt. Die Docks sind von hohen, festen Mauern umgeben und des
+Abends geschlossen.</p>
+
+<p>In der Nähe der City liegt das achte Wunder der Welt, der viel
+besprochene Tunnel unter der Themse. Dieses staunenswerte Werk machte
+auf mich weit geringeren Eindruck, als ich davon erwartet hätte.
+Der unansehnliche Eingang schadet dem Ganzen. Ein kleines, beinahe
+ärmlich aussehendes Häuschen ist nämlich über eine weite, runde
+Oeffnung gebaut, und erst nachdem man über viele Stufen in die etwas
+schauerliche Tiefe hinabgestiegen ist, gelangt man in den hochgewölbten
+Gang oder Tunnel. Ein ähnliches Stiegenhaus führt auf der andern Seite
+wieder in die Höhe. Der Gang selbst ist durch zwei Reihen von Säulen,
+welche die Decke unterstützen, in drei Theile getheilt, von welchen
+zwei den Fußgängern zur Benützung stehen, während der mittlere zu
+Verkaufs-Läden eingerichtet ist. Er ist reich mit Gas erleuchtet und
+gewährt einen überraschenden Anblick, der wahrhaft ergreifend wird,
+wenn man bedenkt, welch ein Strom darüber rollt, wie die Schiffe
+über den Häuptern der Menschen segeln. Unendliche Summen und mehrere
+Menschenleben hat dieses Werk gekostet; allein Nutzen bringt es gar
+nicht. Die Aktionäre<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> haben ihr Geld gänzlich dabei eingebüßt, denn
+die Einnahme für den Durchgang und für die Verkaufs-Gewölbe, deren nur
+wenige vermiethet sind, deckt kaum die laufenden Ausgaben, und sollten,
+was mit der Zeit unvermeidlich ist, kostspielige Hauptverbesserungen
+vorzunehmen sein, so dürfte das Ganze dem Verfalle überlassen werden.
+Die Hauptursache der geringen Benützung des Tunnels ist seine
+Abgelegenheit und der beschwerliche Zugang über die vielen Treppen.</p>
+
+<p>Den Beschluß meiner Wanderungen in der City machte ein Besuch der
+<em class="gesperrt">Barkley</em>’schen Bierbrauerei, der öffentlichen Wohn-, Wasch- und
+Badehäuser für die ärmeren Klassen, und ein Gang nach dem Postoffice.
+In der Bierbrauerei der Herren <em class="gesperrt">Barkley</em> und Comp. werden täglich
+1000 bis 1500 Säcke Malz verarbeitet. Unter den Tonnen, die das fertige
+Bier enthalten, gibt es viele die an 3000 Eimer fassen. Die Zahl der
+Arbeitsleute beträgt 400, jene der Pferde 160. Bei dieser Gelegenheit
+muß ich bemerken, daß ich nirgends so prachtvolle Arbeitspferde gesehen
+habe, als in London; sie sind von ungewöhnlicher Größe und Kraft und
+durchgehend wohl genährt und gehalten.</p>
+
+<p>In den öffentlichen Wohn-, Wasch- und Badehäusern fand ich sehr
+zweckmäßige Einrichtungen, die in allen großen Städten Europa’s
+nachgeahmt zu<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> werden verdienten. Die Wohnhäuser für unverheiratete
+Männer, bestehen aus großen Sälen, gleich jenen in Bedlam durch
+Bretter in kleine Gemächer abgetheilt, wovon jedes hinlänglich Licht,
+bei Tag von außen, des Nachts von großen Gasflammen empfängt, die
+an der Decke des Saales angebracht sind. Die Beleuchtung währt bis
+Mitternacht. Jedes Wohnhaus besitzt außerdem einen Lese- und Speisesaal
+und eine geräumige Küche, in welcher stets Feuer und kochendes Wasser
+unterhalten wird, so daß sich die Leute selbst ihre Mahlzeiten bereiten
+können. Der Preis ist für eine Person für die Woche drei Schillinge.
+Demnächst sollen auch für Frauenspersonen ähnliche Häuser errichtet
+werden. Für Familien gibt es deren bereits. Die Wohnungen bestehen
+aus drei Kämmerchen, nebst Küche und einem Behältnisse für den
+Kohlenvorrath. In jede Küche ist Wasser geleitet. Der Preis beträgt für
+die Woche fünf bis sechs Schillinge.</p>
+
+<p>In den Waschhäusern hat jede Partei ihr abgesondertes Plätzchen, wo sie
+ungesehen von den Nachbarinnen ihre dürftige Wäsche reinigen kann. Der
+Wasserbedarf, kalt und warm, wird durch Röhren in die Tröge geleitet.
+Das Trocknen der Wäsche geschieht sehr schnell durch unterirdische
+Wärme in kleinen abgeschlossenen Räumen, die mit über einander
+laufenden Stangen versehen sind; eine Maschine windet das<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> Wasser aus
+großen Gegenständen, wie Decken, Bettüchern u.&#8239;d.&#8239;gl. Der Preis per
+Stunde ist ein Penny. — Die Badehäuser sind mit den Waschhäusern stets
+vereint. Jedes Kämmerchen hat eine große Badewanne entweder von Metall
+oder mit weißer Glasur überzogen, sehr rein und nett gehalten. Ein Bad
+erster Klasse kostet warm sechs, kalt drei Pence, — zweiter Klasse
+warm zwei Pence, kalt einen Penny.</p>
+
+<p>Das Postoffice besuche man Sonnabends nach fünf ein halb Uhr und
+verweile bis zum Schlusse, der mit dem Schlage sechs erfolgt. Um das
+Gedränge der Aufgeber, deren Zahl sich mit jeder Minute vermehrt,
+recht beobachten zu können, stelle man sich in der großen Halle auf,
+jedoch an einem sicheren Platze, denn nicht selten sind Verwundungen
+und Quetschungen die Folge des unauflösbar gewordenen Gewirres.
+Jedermann will sein Päckchen Briefe vor dem Schlage sechs abgeben.
+Die Briefe werden zwar noch bis neun Uhr angenommen; allein mit jeder
+Viertelstunde steigt das Porto.</p>
+
+<p>Von den Umgebungen Londons habe ich ziemlich viel gesehen. Theils
+machte ich Ausflüge nach den merkwürdigsten Orten, wie Windsor,
+Woolwich, Kew, Chiswick, Greenwich, theils führten mich Besuche oft
+zehn bis zwölf Meilen weit in das Land hinein. In Hinsicht des einzig
+schönen Grün’s der Wiesen, der<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> frühzeitigen, reichen Vegetation
+fand ich alles bestätigt, was ich darüber gehört und gelesen hatte.
+Es war zu Anfang des Monats April, und schon blühten die Hecken, die
+Gebüsche waren belaubt, und die niedlichsten Blumen sproßten auf den
+smaragdgrünen, üppigen Wiesen. Die Stecheiche, der Portugiesische
+Lorbeer und noch andere Gesträuche bleiben selbst den ganzem Winter
+über belaubt und erfreuen das Auge stets durch ihr dunkelglänzendes
+Grün. Die Ursache dieses frischen Lebens in der Pflanzenwelt soll die
+gemäßigte, salzgeschwängerte und ewig feuchte Temperatur sein. Trotz
+der hohen nördlichen Lage<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a> und der rauhen Witterung, die häufig schon
+Ende September eintritt und bis gegen den Mai anhält, ist England doch
+nur selten jener strengen, trockenen Kälte ausgesetzt, die selbst in
+bedeutend südlicher gelegenen Ländern Mittel-Europa’s alles Leben
+erstarren macht. Der Schnee bleibt beinahe nie über sechs bis acht Tage
+liegen. In Folge dieses gemäßigten Winterklimas werden die Schafe, wie
+in Spanien und Portugal, stets im Freien gelassen.</p>
+
+<p>Die schönsten von den in der nahen Umgebung Londons gelegenen Gärten
+sind jene zu Chiswick und Kew. Im ersteren finden jährlich in den
+Monaten<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> Mai, Juni und Juli, drei Blumenausstellungen statt, deren
+jede aber nur einen Tag währt. Nie hätte ich gedacht, daß mir zu einem
+Ausfluge nach einem Garten Regenwetter nicht nur nicht hinderlich,
+sondern sogar erwünscht sein könnte, und doch war es so, und zwar
+bei dem Besuche einer derartigen Ausstellung. Bei schönem Wetter
+gibt sich hier nämlich die ganze Londoner elegante Welt Rendezvous;
+man kommt hieher, weniger der Blumen wegen, als um sich in Glanz und
+Putz zu zeigen; Musikbanden spielen an mehreren Orten und das Auf-
+und Niederwogen der zahllosen Besucher macht natürlich jedes genauere
+Besehen der Blumen unmöglich. Mich aber, wie gesagt, begünstigte das
+Wetter, — der Regen strömte unausgesetzt herab und Niemand störte
+mich in der Bewunderung der herrlichen Blumen, die in Glashäusern und
+unter Zelten aufgestellt sind. Von der Pracht, besonders des exotischen
+Theiles der Ausstellung kann man sich keine Vorstellung machen; ich sah
+die Fremdlinge hier wahrlich schöner und üppiger, voller und blühender
+als in ihren Heimathländern. Weniger reich war die Ausstellung an
+Früchten; die Ananasse allein zogen die Aufmerksamkeit durch ihre
+außerordentliche Größe (manche waren 10 bis 12 Pfund schwer) auf sich.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Kew</em> ist theils Garten, theils Park. Hier sieht man prachtvolle
+Wiesen, reiche Baumpartien, spiegelhelle<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> Teiche, künstliche Hügel,
+Luftgebäude und Blumenparterres. Seine wahre Berühmtheit verdankt
+aber dieser Garten den herrlichen exotischen Blumen und Bäumen (unter
+letzteren Palmen von 80 Fuß Höhe), die in vielen großen Glashäusern
+schön gezogen und geordnet sind. Eines dieser Glashäuser könnte man
+füglich einen Glaspalast nennen; es besteht aus zwei Flügeln und einem
+prachtvollen Mittelgebäude, das sich kuppelartig über 100 Fuß erhebt;
+sein Anblick machte mir leicht begreiflich, wie man auf den Gedanken
+gekommen sei, ein derartiges Gebäude für die große Ausstellung in
+London aufzuführen. In der Höhe dieses Glaspalastes ist ringsumher
+eine Gallerie angebracht, von welcher man einen Ueberblick all’ der
+Palmen, Blumen und Gesträuche hat. Mit etwas Fantasie kann man sich
+vom Standpunkte der Gallerie aus einen kleinen Begriff von Brasiliens
+Urwäldern machen.</p>
+
+<p>Das <em class="gesperrt">Arsenal</em> zu <em class="gesperrt">Woolwich</em> bot mir des Neuen wenig; ich sah
+hier, was ich, in kleinerem Maßstabe, schon in Venedig gesehen hatte.
+Am meisten interessirte mich der Wagen, in welchem <em class="gesperrt">Napoleon</em> zu
+St. Helena bestattet wurde; es ist derselbe, in welchem er spazieren
+fuhr; man nahm bloß den Kasten herunter und setzte an seine Stelle ein
+eisernes Gerippe, welches mit schwarzem Tuche überhangen wurde. —
+Die Fahrt<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> nach Woolwich ist eines Tunnels von etwa zwei Meilen Länge
+wegen, nicht sehr angenehm, um so mehr, da weder der Tunnel, noch das
+Innere der Waggons erleuchtet ist. Man sitzt mehrere Minuten lang in
+wahrhaft beängstigender Finsterniß. Ich muß abermals bemerken, wie
+eigenthümlich hier zu Lande die Begriffe von sittlich und unsittlich
+sind. So ist es z.&#8239;B. auf mancher Eisenbahn den Männern strenge
+untersagt, sich in den Wartezimmern der Frauen aufzuhalten. Hier, wo
+alles erleuchtet, alles offen ist, findet man ein solches Zusammensein
+unanständig, — in der undurchdringlichen Nacht des Tunnels ist es
+gestattet. Die Zeitungen ermangeln auch nicht, häufige Berichte von
+Diebstählen und andern Ereignissen zu geben, die eben nicht zu den
+sittlichen gehören.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Windsor Castle</em> (20 engl. Meilen von London) ist nicht nur eines
+der schönsten Gebäude Gothischen Styles in England, sondern in ganz
+Europa. Es steht auf einer kleinen Anhöhe, ist aus massiven Steinen
+erbaut und stammt aus den Zeiten <em class="gesperrt">Wilhelms des Ersten</em>. Doch war
+der eigentliche Gründer dieses Schlosses, so wie es jetzt ist, und der
+niedlichen Kapelle, <em class="gesperrt">Eduard der Dritte</em>. Einige Verschönerungen
+wurden von nachfolgenden Regenten hinzugefügt. Das Ganze besteht aus
+zwei Höfen, dem Schlosse und dem runden Thurme. Man bewundert<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> ganz
+besonders die Pracht der Gebäude, so wie die kühne, kuppelförmige
+Wölbung des Steindaches über dem Thurme. Die Säle im Schlosse sind
+alle hoch und groß, wahrhaft königlich; die Einrichtung höchst
+einfach. Jeder Saal hat seinen Namen, wie auch seine geschichtlichen
+Merkwürdigkeiten. Ein Saal enthält Bildnisse berühmter Regenten älterer
+und neuerer Zeit; es scheinen sich aber diese Bildnisse nicht gerade
+durch große Aehnlichkeit auszuzeichnen, wenigstens jene der Monarchen,
+die ich gesehen habe, wie des Kaisers von Oesterreich, des Kaisers von
+Rußland, des Königs von Preußen fand ich herzlich schlecht. — Die
+Kapelle besitzt schöne Glasmalereien. Der Kirchendiener forderte ein
+Eintrittsgeld von sechs Pence für die Person, obwohl auf der Karte,
+welche die Erlaubniß zur Besichtigung des Schlosses Windsor ertheilte,
+ausdrücklich bemerkt war, daß an Niemanden eine Gabe zu verabreichen
+sei.</p>
+
+<p>Die Aussicht von dem Thurme ist sehr reizend; der Blick streift über
+zwölf Grafschaften und verfolgt den Lauf der Themse bis in weiter
+Ferne. Um den Hügel, auf welchem das Kastell liegt, breitet sich das
+niedliche Städtchen Windsor aus; südlich daran schließt sich ein
+prachtvoller Park, dessen Länge vier, dessen Umfang 15 Meilen betragen
+soll. Alte majestätische Bäume bilden prächtige Alleen, welche die
+herrlichsten<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> Fuß- und Fahrwege beschatten. Berühmt sind in diesem
+Parke noch die <span class="antiqua">Virgin waters</span>.</p>
+
+<p>Das <em class="gesperrt">Hospital</em> zu <em class="gesperrt">Greenwich</em> ist ein ehemaliger Sommerpalast
+der Königin Elisabeth. Jetzt dient derselbe bekanntlich als
+Versorgungsanstalt für die Invaliden der königlichen Marine. 2500 Mann
+finden hier Platz, und jeder hat sein eigenes kleines Schlafkämmerchen
+mit Stuhl und Bett und einem kleinen Wandschranke. Die Speisesäle sind
+prachtvoll, hoch und gewölbt. Die Leute saßen an langen Tafeln und aßen
+vier zu vier Mann die gemeinschaftliche Mittagsportion, bestehend aus
+Suppe, drei Pfund Fleisch (abwechselnd Rind-, Hammel-, Schweine- oder
+Salzfleisch) und vier Pfund Kartoffeln, nebst einem großen, schönen
+Weißbrote. Sie erhalten außerdem auch Hülsenfrüchte, Gemüse oder
+Mehlpuddings und an Getränken alle Tage Bier und Thee. Ich besuchte das
+Hospital absichtlich zur Mittagszeit, um bei der Austheilung zugegen
+zu sein. Ich fand hier, wie in allen öffentlichen Anstalten Englands,
+die ich zu besichtigen Gelegenheit hatte, daß die Leute nicht nur
+genügend erhalten, sondern auch daß das, was sie erhalten, vollkommen
+gut und unverdorben ist — nicht wie in manchen Ländern, wo den Armen
+nur an jenem Tage eine gesunde Nahrung vorgesetzt wird, an welchem der<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span>
+zufällige Besuch irgend eines Großen des Reiches oder eines Inspektors
+erfolgt, ein Zufall, von welchem sonderbarer Weise die Anstalt stets
+schon eine geraume Zeit vorher unterrichtet ist!</p>
+
+<p>Die Austheilung geht auf folgende Weise vor sich. Die Speisen werden in
+zwei Kesseln bereitet, das Fleisch ist, bevor es in den Kessel kommt,
+in Stücke zu je drei Pfund getheilt, die Kartoffeln sind zu vier Pfund
+in kleine Netze gebunden. Das gekochte Fleisch wird in eine Tonne
+gelegt, die Suppe läuft mittelst einer Rinne in eine andere Tonne.
+Ein Mann legt die Portion Fleisch in eine tiefe Schüssel, ein zweiter
+schöpft mit einem Gefäße, das gerade die für vier Mann bestimmte
+Quantität enthält, die Suppe heraus und schüttet sie über das Fleisch,
+während ein dritter das Netz mit den Kartoffeln aus dem Kessel hebt, in
+welchem sie durch Dunst gekocht worden sind. Die Austheilung geht auf
+diese Art mit unglaublicher Ordnung und Schnelligkeit vor sich.</p>
+
+<p>Ein kleines Seitengebäude dient als Hospital für Kranke, die von den
+Gesunden gänzlich getrennt sind und sogar ihr eigenes Gärtchen haben.</p>
+
+<p>Ein schattiger, großer Park steht nicht nur den Matrosen, sondern
+dem ganzen Publikum zur Benützung offen. In diesem Parke liegt die
+Sternwarte, durch<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> welche die Engländer den ersten Meridian oder
+Längengrad ziehen.</p>
+
+<p>Das Hospital besitzt auch eine kleine, niedliche Bildergallerie,
+berühmte Seegefechte und Bildnisse ausgezeichneter Seehelden
+enthaltend. In zwei Glaskästen werden einige Kleidungsstücke des großen
+<em class="gesperrt">Nelson</em> bewahrt, darunter der Rock und die Weste, durch welche in
+der Schlacht bei Trafalgar der tödtliche Schuß in die Brust drang.</p>
+
+<p>Noch bleibt übrig, der, obwohl zufälligen, so doch größten und
+bedeutendsten Merkwürdigkeit Londons zu erwähnen, der universellen
+<em class="gesperrt">Industrie-Ausstellung</em>. Nicht genug kann ich Herrn <em class="gesperrt">Buschek</em>
+(Präsident der Österreichischen Abtheilung) danken, der mich mit einem
+Billete beglückte, welches mich zu dem Beiwohnen der Eröffnung und zu
+fünf Besuchen berechtigte.</p>
+
+<p>Die Eröffnung fand, wie bekannt, mit großer Feierlichkeit statt. Die
+Königin erschien mit Prinz Albert und ihren zwei erstgebornen Kindern
+in Begleitung der Minister und Großen des Reiches, der auswärtigen
+Diplomaten und der Abgesandten all jener Staaten, die an der
+Ausstellung Theil genommen hatten. Nach einer kurzen Rede des Prinzen
+Albert an die Königin, einem Gebete und einer Hymne, bewegte sich der
+ganze Zug langsam durch das Gebäude, hin und<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> wieder bei einigen der
+kunstvollsten Gegenstände verweilend. Dem außen harrenden Volke wurden
+die Hauptmomente durch Kanonenschüsse verkündet.</p>
+
+<p>Die Feierlichkeit begann um zehn Uhr, um Mittag war sie beendet; jetzt
+erst hatten jene Eintritt, welche <span class="antiqua">Season Tickets</span> (Billets für
+die ganze Zeit der Ausstellung) besaßen.</p>
+
+<p>Kurz vorher, ehe die königliche Familie den Krystallpalast verließ,
+ging ich hinaus, um den Zug von Außen zu sehen und das Benehmen des
+Volkes zu beobachten. Der Equipagen waren sehr viele, alle sehr
+reich und glänzend; nur gefiel mir die Maskerade der Kutscher und
+Diener nicht: erstere trugen gelockte und gepuderte Perücken, auf
+welchen winzig kleine dreieckige Hütchen saßen; manche waren noch
+zum Ueberflusse mit großen Blumensträußen auf der Brust geschmückt.
+Die Diener, deren gewöhnlich zwei hinter dem Wagen standen, waren
+gleich Portiers mit großen Stöcken versehen. — Den königlichen Wagen
+umgab einiges Militär und Garden. Das Englische Militär ist eines
+der schönsten, das man sehen kann; es besteht aus lauter kräftigen,
+hochgewachsenen Leuten. Die Garde zeichnet sich überdieß durch reiche
+Uniformirung und durch schöne Pferde, alle von derselben Farbe, aus<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a>.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span></p>
+
+<p>Das Benehmen des Volkes war vollkommen musterhaft, es fiel nicht die
+geringste Unordnung vor; nirgends hatte ein ungestümes Hinzudrängen,
+Stoßen oder Balgen statt, und nie wurde weniger gestohlen als an diesem
+Tage — man gab bei der Polizei nur drei Diebstähle an. Und — so
+unglaublich dieß auch gewissen Leuten in gewissen Ländern scheinen mag
+— nicht ein Mann Militär war aufgestellt. Einfache Polizeimänner mit
+fußlangen Stäbchen in den Händen reichten hin, das Volk in schönster
+Ordnung zu erhalten; sie hatten weiter nichts zu thun, als die Leute,
+die auf Plätze kamen, wohin sie nicht gehörten, auf die Achsel zu
+klopfen und höflich anzusprechen: „<span class="antiqua">Move, if you please</span>“ (bewegen
+sie sich gefälligst weiter), und Jedermann ging seines Weges.</p>
+
+<p>Meine Leser werden mich entschuldigen, wenn ich ihnen und mir die
+Beschreibung der Ausstellung erspare. Zahllose Bücher, Broschüren und
+Zeitschriften haben ihren Ruhm der ganzen Welt verkündet, und kaum
+dürfte es Jemanden geben, der nicht Vieles darüber gelesen, der nicht
+Abbildungen des feenartigen Krystallpalastes und der in ihm enthaltenen
+Meisterwerke<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> aus jedem Gebiete der Industrie, aus jedem Lande der
+Welt gesehen hat. Ich kann nur sagen, daß der Anblick des Ganzen ein
+wunderbarer, unvergeßlicher war, und daß ich kaum glaube, daß je wieder
+Aehnliches zu Stande kommen wird.</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Während meines Aufenthaltes begann man im Innern einen und
+außen drei Plätze abzuschaffen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Seit einem Jahre auf 6 Pence herabgesetzt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Einschläfrige Betten hat man in England höchst selten.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> In Singapore frug ich eine Dame, die sich gerade zum
+Kirchenbesuche schmückte, ob sie denn glaube, daß ihr Gebet im Putze
+mehr Werth habe als im einfachen Kleide. Sie antwortete: „das gerade
+nicht, allein der Gouverneur befahl, oder gab gleich einem Befehle zu
+verstehen, daß die Herren im schwarzen Frack und die Damen elegant
+gekleidet beim Gottesdienste erscheinen möchten.“</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Ist jetzt abgestellt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Ich rechne (nicht nur in England, sondern während der
+ganzen Reise) nach „englischen Meilen,“ deren 4¼ auf eine Deutsche
+Meile gehen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> London liegt unter dem 50sten Breitengrade.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Man hat in London nicht oft Gelegenheit Militär zu sehen,
+eine Sache die um so mehr auffällt, wenn man gerade aus Staaten kommt,
+in welchen beinahe ein Viertheil der Männer den Soldatenrock trägt.</p>
+
+</div>
+
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe6" id="p038_ende">
+ <img class="w100 padtop1" src="images/p038_ende.jpg" alt="" data-role="presentation">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Zweites_Kapitel">Zweites Kapitel.</h2>
+
+</div>
+
+<p class="s5 hang2 mbot2">Die Kapstadt. — Gefährliches Zusammentreffen mit zwei Negerinnen.
+— Malaischer Gottesdienst. — Singapore. — Fünf Tage im Jungle. —
+Sarawak. — Rajah Brooke. — Malaien und Chinesen. Ihre Wohnungen und
+kostbare Vasen. — Ausflug zu den Dayakern und den Antimonium-Minen.</p>
+
+<p><img class="illowe1_2 mbot-0_3" src="images/p039_init.jpg" alt="A">m 24. Mai Abends begab ich mich an Bord des Schiffes Allanadale von
+300 Tonnen Gehalt, Kapitän <em class="gesperrt">Brodie</em>.</p>
+
+<p>Zu meinem Erstaunen fand ich Niemanden an Bord als den Kapitän, der
+mir sagte, daß er der ganzen Mannschaft, bis auf den Matrosenjungen
+herab, die Erlaubniß gegeben habe, diese Nacht am Lande zuzubringen,
+und daß er selbst ebenfalls das Schiff verlasse. Ich hätte dasselbe
+thun können; allein da ich einige Meilen entfernt von London wohnte, so
+fürchtete ich, mich am folgenden Morgen verspäten zu können. Ich schloß
+mich in die Kajüte ein, und war für diese Nacht alleinige Herrin des
+Schiffes.</p>
+
+<p>Am nächsten Morgen nahm uns ein Dampfer in’s Schlepptau und bugsirte
+uns nach Gravesend<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> (20 Meilen) an die Mündung der Themse, deren
+Strömung jedoch noch 58 Meilen weiter bis North-Foreland berechnet
+wird. In Gravesend mußten wir diesen und den folgenden Tag liegen
+bleiben, weil zwei Matrosen, die der Kapitän angeworben hatte und die
+hier an Bord kommen sollten, nicht erschienen. Der Kapitän mußte zurück
+nach London und andere Leute anwerben. Erst am 27. gingen wir unter
+Segel.</p>
+
+<p>Die Fahrt durch den Kanal war ungünstig; wir hatten wenig Wind und
+mußten während der drei ersten Tage beinahe beständig vor Anker liegen.
+Am 30. senkte sich ein so dichter Nebel auf die See hernieder, daß wir
+kaum eine Umsicht von einigen hundert Fuß hatten. Ringsumher hörten
+wir mit Sprachrohren und Schiffsglocken Signale geben, um die Nähe
+oder Ferne der Schiffe anzuzeigen und ein Zusammenstoßen zu vermeiden.
+Traurig klangen diese Töne durch die Nacht des Nebels und durchaus
+nicht geeignet, uns für die lange, gefährliche Reise<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a> ein frohes
+Vorgefühl einzuflößen. Erst den 2. April Abends gelangten wir in den
+Atlantischen Ocean.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span></p>
+
+<p>Ich hatte in diesen wenigen Tagen leider schon hinlänglich Gelegenheit,
+die Sparsamkeit unseres Kapitäns kennen zu lernen; eine ähnlich
+schlechte Verpflegung ist mir noch auf keinem Schiffe vorgekommen.
+Der Steuermann, der, wie es auf den Segelschiffen gebräuchlich ist,
+die Aufsicht über die Küche führte, und dem ich durchaus nicht
+nachsagen kann, daß er mit den Vorräthen verschwenderisch umgegangen
+wäre, wurde gleich zu Anfange seines Amtes entsetzt, und der Kapitän
+übernahm in eigener Person die Oberleitung. Sein Speisezettel war
+schnell gemacht: des Morgens leichten, schwarzen Kaffee und ein Stück
+Salzfleisch, des Abends Salzfleisch und Thee, des Mittags Erbsensuppe
+und Salzfleisch oder Stockfisch, manchmal Hühner und einen Mehlklumpen
+mit einigen Rosinen, den er Pudding nannte, — statt des Brotes echten
+Matrosenzwieback. Eier, Schinken oder Käse mochten ihm als überflüssige
+Luxusartikel erscheinen, die er wahrscheinlich mitzunehmen vergessen
+hatte. Der gute Mann soll, wie er mir sagte, nächstens auf einem
+Ostindienfahrer kommandiren, welche Schiffe zum Theile für Reisende
+eingerichtet sind. Wehe den Armen, die an seiner Tafel speisen! —
+Sonst war er indeß ein umsichtiger und sehr ordentlicher Mann.</p>
+
+<p>War die Kost schlecht, so war es die Reisegesellschaft noch mehr. Zum
+Glücke bestand sie nur aus<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> einer Person, einem jungen Engländer,
+der seine Erziehung der Himmel weiß wo erhalten haben mag. Sein
+liebster Aufenthalt war unter den Matrosen; mit diesen sang, pfiff,
+schrie und rauchte er um die Wette, und sein größtes Vergnügen war,
+dem Abschlachten des Geflügels beizuwohnen. Wahrlich, ich bewunderte
+nie so sehr meine kräftige Natur als auf dieser Reise — die Kost
+verdarb nicht meine Gesundheit, die Gesellschaft nicht meine Laune.
+Ich gedachte im voraus des freudigen Augenblickes der Landung, und mit
+der schönen Zukunft mich tröstend, ertrug ich mit Geduld die traurige
+Gegenwart.</p>
+
+<p>Auf der Reise selbst fiel nichts Merkwürdiges vor. Die schöne
+Molluske Phisolide (Portugiesisches Kriegsschiff genannt, siehe meine
+„Frauenfahrt um die Welt“, erster Theil, Seite 18) sah ich diesmal
+schon auf dem 35. Breitengrade nördlich vom Aequator, fliegende Fische
+auf dem 22.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Am 13. Juni</em> kamen wir dem Eiländchen <em class="gesperrt">Ferro</em> zu den
+südlichen Kanarischen Inseln gehörend, ganz nahe. Wir segelten in einer
+Entfernung von kaum zwei Meilen der Westküste entlang, die aber leider
+aus unfruchtbaren Felshügeln besteht und nur hie und da mit spärlichem
+Grün überkleidet ist. Doch immerhin war es Land, dessen Anblick wir
+schon lange<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> entbehrten, und freudig hing mein Auge an der lieblichen
+Erscheinung.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">23. Juni.</em> So viele und so lange Reisen ich bereits auf dem Ocean
+gemacht habe, so habe ich doch diese ungeheure Wasserfläche nie in
+einer ähnlichen Ruhe gesehen wie heute; nicht das geringste Lüftchen
+kräuselte den weiten Spiegel — es war dieß ein großartig erhabener
+Anblick.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">28. Juni.</em> Diesen Morgen bildeten sich in einer Entfernung von
+etwa 20 Meilen zwei kleine Wasserhosen. Da sie unter dem Winde<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[10]</a>
+waren, hatten wir ihr Nahekommen nicht zu befürchten und konnten ruhig
+ihre Bewegungen beobachten. Sie tanzten munter umher und fielen nach
+einer Viertelstunde zusammen. In dieser Nacht bekamen wir auch ein
+Valentinsfeuer an der Spitze des großen Mastes zu sehen.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Am 4. Juli</em>, zwischen 12 und 1 Uhr Mittags, passirten wir den
+Aequator. Es fand gar keine Feierlichkeit statt, ja, die Matrosen
+erhielten nicht einmal ein Extra-Glas Branntwein.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Am 11. August</em>, Morgens sechs Uhr, nach einer Fahrt von 75 Tagen,
+fielen endlich die Anker auf der Rhede der Kapstadt. Obwohl ich seit
+dem 13. Juni<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> (Insel Ferro) kein Land gesehen hatte, so war doch der
+Eindruck, den der Anblick dieser Stadt auf mich machte, nicht sehr
+groß. Ich hatte London noch zu frisch im Gedächtnisse, und in Folge
+dessen erschien mir die Kapstadt wie ein Dorf. Was ihre Lage betrifft,
+so erinnerte sie mich viel an jene von Valparaiso. Wie letzteres, ist
+sie von einer baumlosen, mit spärlichem Grün bedeckten Gebirgskette
+umgeben, in welcher der Tafel-, Löwen- und Teufelsberg die Hauptpunkte
+bilden. Vom Bord des Schiffes aus entdeckte ich ein einziges Bäumchen
+und nur wenig grüne Fluren, und dieß war zur Winterszeit, wo Berg und
+Thal im schönen Kleide prangen. Wie mag es erst im Sommer sein, wenn
+die glühenden, senkrecht niederfallenden Sonnenstrahlen alles versengen
+und verbrennen!</p>
+
+<p>Kapitän <em class="gesperrt">Brodie</em> verließ nach dem Frühstücke sogleich das Schiff.
+Er war nicht so freundlich, mich nur mit an’s Land zu nehmen, er
+versagte mir jede Hilfe bei dem ersten Eintritte in die Stadt, eine
+Gefälligkeit, die mir bisher noch kein Kapitän abgeschlagen hatte,
+nicht einmal der ungebildete Chinesische Bootführer, der mich von
+Hong-Kong nach Kanton brachte. Dieser führte mich bis in die Englische
+Faktorei (drei Meilen weit) und suchte mit mir das Haus auf, in welches
+ich gewiesen war. Hier mußte ich allein an’s Land gehen, mußte allein
+meinen Weg suchen und mich<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> durchfragen, bis ich zum Hamburger Konsul,
+Herrn <em class="gesperrt">Thalwitzer</em>, gelangte. Glücklicherweise fand ich an diesem,
+so wie an seiner Frau so liebenswürdige, zuvorkommende, gefällige
+Leute, daß ich alsbald alle Mühen vergaß und mich in ihrem Hause, das
+ich nicht mehr verlassen durfte, so heimisch fühlte, wie im lieben
+Vaterlande.</p>
+
+<p>Von der Kapstadt ist nicht viel zu sagen. Die Straßen ziehen sich alle
+nach dem Strande und sind sehr breit und luftig, aber wenig mehr mit
+Bäumen besetzt. Zur Zeit der Holländischen Herrschaft soll jede Straße
+mit einer schönen Allee versehen gewesen sein. Die Häuser, sonst ganz
+im Europäischen Style gebaut, haben nur statt der Dächer Terrassen.
+Das Fort ist mit vielen Kanonen versehen, die Kaserne ziemlich groß,
+die Börse auf dem Paradeplatze ein längliches, unansehnliches Gebäude
+nur mit einem Erdgeschoß. Die Privathäuser sind alle einstöckig, haben
+gewöhnlich 4 bis 6 Fenster in der Front und enthalten schöne, hohe
+Zimmer. Der botanische Garten besitzt bei weitem nicht so vielartige
+Blumen, Pflanzen und Bäume, als man unter solch einem Himmelsstriche
+erwarten dürfte.</p>
+
+<p>Die Zahl der Einwohner wird auf 32,000 geschätzt, davon ein Drittheil
+Weiße, ein Drittheil Farbige und ein Drittheil Schwarze. Die
+Verzweigung<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> und Durchkreuzung der Europäer mit den Eingebornen ist
+so vielfach, daß man, so zu sagen, alle Farben sieht. Echte, reine
+Hottentotten oder Kaffern gehören in der Kapstadt zu den seltenen
+Erscheinungen. Schwarze aus <em class="gesperrt">Mozambique</em>, die wir Neger nennen,
+gibt es dagegen viele von reiner Abkunft. Unter den Farbigen gibt es
+mitunter hübsche Leute mit schönen Augen und geistreichen Zügen. Alle
+diese Völker sind Europäisch gekleidet; nur haben die ungetauften
+Malaien farbige Tücher um den Kopf geschlungen, und einige Schwarze und
+Farbige tragen runde, hohe, spitz zulaufende Bambushüte.</p>
+
+<p>Außer diesem und den langen Gespannen an den Lastwagen sieht man in
+der Kapstadt durchaus nichts Außereuropäisches. An die Lastwagen,
+die bei uns von drei oder vier tüchtigen Pferden oder Ochsen gezogen
+werden, sind hier acht bis zehn Pferde oder zehn bis zwanzig Ochsen
+paarweise gespannt. An der Spitze eines solchen Ochsenzuges geht ein
+Mann oder Knabe, der ihn leitet, und auf den Wagen selbst setzt sich
+der Fuhrmann, mit einer ungeheuer langen Peitsche bewaffnet. Das
+Pferdegespann wird stets vom Wagen aus gelenkt. Bei einem Gespanne
+von sechs, acht Pferden sitzen zwei Kutscher auf dem Wagen, der eine
+ist mit der Lenkung der Thiere beschäftigt, der andere mit der langen
+Peitsche.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span></p>
+
+<p>Auf dem Hauptmarkte, der jeden Tag, Sonntag ausgenommen, außerhalb der
+Stadt am frühen Morgen abgehalten wird, sieht man Lebensmittel jeder
+Art, frische und getrocknete Früchte, Gemüse, Geflügel, Kälber, Schafe,
+Butter, getrocknetes und geräuchertes Fleisch u.&#8239;s.&#8239;w., außerdem auch
+Häute, Schaffelle, Straußfedern und andere Gegenstände. Alles wird im
+Versteigerungswege losgeschlagen.</p>
+
+<p>Das Leben in der Kapstadt ist ziemlich theuer; so kostet z.&#8239;B. ein
+Pfund Kalb-, Rind- oder Hammelfleisch fünf bis sechs Pence, ein Pfund
+Mehl vier Pence, ein Huhn einen Schilling, ein Pfund Butter zwei
+Schillinge. Die Miethe eines Hauses von sechs bis acht Zimmern macht 80
+bis 90 Liv. Sterl. jährlich.</p>
+
+<p>Der einzige wohlfeile Lebensartikel sind die Fische. Dieß hat man
+noch dem Gouverneur Lord <em class="gesperrt">Somerset</em> zu verdanken. Im Jahre 1825
+reichten nämlich die Metzger eine Bittschrift ein, in welcher sie um
+die Besteuerung der Fische ersuchten, durch deren Wohlfeilheit sie
+sehr zu Schaden kommen. Der Gouverneur schrieb ganz kurz unter die
+Bittschrift: „Sobald man mir einen Fischer nachweisen kann, der gleich
+den Schlächtern in Equipagen fährt und Diener in Livree besoldet, wird
+die Bitte berücksichtiget werden.“</p>
+
+<p>Ich brachte in der Kapstadt vier Wochen zu, habe aber des Merkwürdigen
+nur wenig gesehen. Anfänglich<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> durchstreifte ich häufig die Umgebung,
+um Insekten zu suchen; es wurde mir jedoch diese Unterhaltung bald
+durch einen höchst unangenehmen Zufall verleidet. Eines Morgens
+nämlich, gerade als ich eine kleine Schlange gefangen hatte, kamen
+zwei Negerinnen auf mich zu, hielten mich an, überschütteten mich mit
+Schimpfworten, spieen vor mir aus und nannten mich eine Zauberin, die
+man umbringen sollte. Dieser Auftritt würde für mich wahrscheinlich
+nicht gut geendet haben, hätte ich nicht zum Glücke in der Ferne einen
+Mann erblickt, den ich zu Hilfe rief und dessen Erscheinen die beiden
+Weiber in die Flucht jagte.</p>
+
+<p>Ich erzählte Herrn Thalwitzer diese Begebenheit, die er sogleich bei
+Gericht anzeigte. Die Weiber wurden alsbald ausgefunden, und es ergab
+sich bei der Untersuchung, daß sie die Absicht gehabt hatten, mich
+in ein nahes Gebüsch zu ziehen und meiner Kleidung zu berauben. Ein
+zehnjähriges Kind, das zufällig in demselben Busche war und sich aus
+Angst vor den Weibern unter dem Laube verkroch, hatte Alles gehört
+und gesehen, daß eine der Megären mit einem Messer bewaffnet war,
+welches bei der Flucht zu Boden fiel. Das Kind suchte und fand das
+Messer und brachte es seinen Eltern, die es dem Gerichte übergaben.
+Bei dem Verhöre diente es als Unterstützung des Beweises, und die
+beiden Weiber wurden für vier Wochen auf<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> Reiswasser gesetzt — eine
+gewöhnliche Strafe, die darin besteht, daß man dem Verurteilten gar
+keine andere Nahrung gibt. Mir kam diese Züchtigung zu hart vor, und
+ich bat um einige Linderung, allein vergebens. Man sagte mir, daß die
+Personen bereits sehr berüchtigt seien und mehr Zeit in, als außer dem
+Gefängnisse zubrächten.</p>
+
+<p>Ich stellte in Folge dieser Begebenheit meine Spaziergänge zwar
+nicht ganz ein, beschränkte sie aber auf nähere Orte. Einen schönen
+Ausflug danke ich dem Herrn Botaniker <em class="gesperrt">Zeiher</em>. Wir gingen
+nach <em class="gesperrt">Greenpointe</em>, nach der <em class="gesperrt">Cambs-Bay</em> und rund um den
+Löwenberg, und hatten hübsche Ueberblicke auf das Meer, die Gebirge und
+die freundliche Gegend.</p>
+
+<p>Die ganz nahe Umgebung der Kapstadt ist nicht schön. Die Berge sind
+zum größeren Theil öde oder mit magerem Gestrüppe bedeckt, und den
+Ebenen fehlt es an saftigem Grase oder Getreidefeldern. Ihr einziger
+Schmuck ist eine ungewöhnliche Menge der mannigfaltigsten Wiesenblumen.
+Zwischen den Steinen, durch Gebüsch und mageres Gras drängen sich diese
+lieblich zarten Kinder der Natur. Stundenlang verweilte ich unter
+ihnen, und immer fand ich neue Schönheiten, neue, noch nie gesehene
+Arten.</p>
+
+<p>Ein beliebter Spaziergang der Städter ist ein Erlenwäldchen, welches
+sich rund um den Fuß des<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> Löwenberges zieht, und von einem hübschen
+Fahrwege durchschnitten ist.</p>
+
+<p>Des Gouverneurs Garten, so wie der botanische, steht ebenfalls dem
+Publikum geöffnet.</p>
+
+<p>Wirklich schön und fruchtbar, einem blühenden Garten ähnlich, ist die
+Gegend um Rondebosch, Weinberg und Konstanzia. Der erste Ort liegt
+vier, die anderen neun und dreizehn Meilen von der Kapstadt entfernt.
+In Rondebosch wohnen viele Kaufleute und Beamte, die in Omnibussen
+täglich zur Stadt fahren. Konstanzia ist durch seinen edlen Traubensaft
+in der ganzen Welt bekannt. Ich bedauerte sehr, die Stöcke nicht in
+ihrem Traubenschmucke gesehen zu haben. Der Wein ist dunkelroth, ölig,
+süß und an Ort und Stelle schon sehr theuer.</p>
+
+<p>Den Tafelberg, 3000 Fuß hoch, bestieg ich eines Morgens ganz bequem
+in drei Stunden. Ein großartiger Ueberblick über Land und Meer
+belohnte mich für die gehabte Mühe. Den Rücken dieses Berges bildet
+ein ausgedehntes Plateau, eine „Tafel,“ von welcher er mit Recht den
+Namen trägt. Es halten sich hier viele Affen auf, und ich hörte sie
+schreien und lärmen, war aber nicht so glücklich einen zu Gesicht zu
+bekommen; auch andere vierfüßige Thiere sah ich nicht. — An einem
+Freitage, dem Sonntage der Malaien, besuchte ich deren Moschee, einen
+schönen hohen<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> Saal in dem Hause des Oberpriesters. Obwohl Mohamedaner,
+sind die Malaien nicht so strenge wie ihre Glaubensbrüder im Orient,
+denn sie erlauben den Fremden, ihrem Gottesdienste beizuwohnen. Ich
+fand die Weiber, die in dem Zimmer der Priestersfrau ihre Oberkleider
+abgelegt hatten, in große weiße Tücher gehüllt und mit einem Schleier
+auf dem Kopfe, der jedoch das Gesicht unbedeckt ließ, ganz im
+Hintergrunde des Saales auf dem Boden sitzend. Auch die Männer zogen
+in dem Vorgemache des Tempels die farbigen Beinkleider aus, unter
+welchen sie weiße anhatten, hüllten sich ebenfalls in lange, weiße
+Ueberkleider und schlugen ein weißes Kopftuch über das farbige, welches
+sie gewöhnlich tragen. Sie warfen sich Anfangs wiederholte Male zur
+Erde nieder; hierauf setzten sie sich in Reihen, in deren vorderster
+der Oberpriester seinen Platz einnahm und zwei Gebete abhielt. Nach
+dem ersten küßten die Männer dem Priester die Hand, nach dem zweiten
+drückten sie ihm dieselbe. Ein Vorsänger begann alsdann im Hintergrund
+des Tempels aus voller Kehle ein Lied abzuheulen, in welches die Männer
+im Chore einstimmten. Nun drängte er sich durch die versammelte Menge
+bis an den Fuß einer kleinen Kanzel und heulte ein zweites Lied allein
+ab. Der Priester bestieg hierauf die Kanzel und las, gemeinschaftlich
+mit dem Vorsänger, halb singend und<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> halb sprechend, während zwei
+voller Stunden Gebete aus dem Koran, womit sich die Zeremonie endigte.</p>
+
+<p>Meine ursprüngliche Absicht war gewesen, in der Kapstadt selbst nur
+kurze Zeit zu verweilen, wohl aber einen Ausflug in das Innere zu
+machen, und, wenn möglich, bis an die Binnenseen vorzudringen. Man
+versicherte mich allgemein, daß ich als Frau von den Eingebornen nicht
+viel zu befürchten hätte, und daß selbst die Holländischen Weinbauern
+und Landbesitzer, — sonst gerade nicht durch ihre Gefälligkeit
+berühmt, — mich als Deutsche ruhig meines Weges würden ziehen lassen.
+Ihre Unfreundlichkeit erstreckt sich blos auf die Engländer, welchen
+sie das Eindringen in ihr Land so viel als möglich zu erschweren
+suchen. Auch der Krieg zwischen den Engländern und den Kaffern hätte
+mir keine Hindernisse in den Weg gelegt, da ich nicht nöthig hatte,
+den Kriegsschauplatz zu berühren; allein als ich mich nach den Kosten
+dieser Reise erkundigte, fand ich sie meiner Kasse weit überlegen, und
+der schöne Plan mußte aufgegeben werden. — Ich glaube, daß man in
+keinem Lande der Welt so kostspielig und zu gleicher Zeit so langsam
+reist als hier am Kap.</p>
+
+<p>Man muß sich einen langen, mit Linnen oder Matten gedeckten Wagen
+kaufen, nebst fünf bis sechs Paar Ochsen. Der Wagen wird gleich einem
+Hause eingerichtet, denn er dient als Wohnung und Nachtquartier.<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span>
+Zugleich miethet man einen Fuhrmann, Ochsenjungen und Diener, und ist
+genöthiget, Lebensmittel, ja nicht selten auch Wasser mitzuführen. Mit
+den Ochsen hat man viele Unannehmlichkeiten. Man kommt durch Gegenden,
+in welchen es Schwärme kleiner Fliegen gibt, deren Stich den Ochsen
+lebensgefährlich ist; in anderen fehlt es an Wasser, und die Thiere
+fallen vor Durst, oder werden krank und untauglich vom Genusse des
+verdorbenen Wassers, so daß man beständig entweder neue Ochsen kaufen
+oder die kranken umtauschen muß. Dies wird stets kostspieliger, je
+weiter man sich von der Stadt entfernt, da die Ochsen im Innern des
+Landes seltener sind. Am Ende werden die Wege unfahrbar, und man muß
+Wagen und Ochsen zurücklassen und Pferde kaufen.</p>
+
+<p>Da ich in Folge der aufgezählten Schwierigkeiten gezwungen war, diese
+Reise zu unterlassen, warf ich meine Blicke auf Australien. Doch dahin
+fehlt es von der Kapstadt aus an Gelegenheit. — Eine Bremer Brigg,
+„Louise Friederike,“ Kapitän <em class="gesperrt">Nienhaber</em>, lag im Hafen zur Reise
+nach <em class="gesperrt">Singapore</em>. Ich überlegte nicht lange. Einmal in Singapore
+findet man Schiffe nach allen Himmelsgegenden. Durch die Verwendung
+Herrn <em class="gesperrt">Haase’s</em>, eines englischen Beamten, kostete mich die
+Ueberfahrt beinahe nichts; der Kapitän rechnete mir nur die Kost, und
+zwar so geringe, daß<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> ich für die ganze Reise von 8000 Seemeilen blos
+drei Livres Sterl. zu bezahlen hatte.</p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">25. September</em> gingen wir unter Segel. Günstige Winde brachten
+uns in 40 Tagen an die Einfahrt der <em class="gesperrt">Sunda-Straße</em>; diese rasche
+Fahrt erleichterte einigermaßen die Einförmigkeit der See, denn wir
+begegneten weder Schiffen, noch bekamen wir Land zu Gesicht. In der
+Sunda-Straße war es schon anders. Schiffe und Dampfer segelten an uns
+vorüber, und Gebirge und Land stiegen aus dem Meere. Der Java-head, der
+zuerst unsere Blicke fesselte, ist ein reich bewaldeter Berg von 4000
+Fuß Höhe, an den sich niedrigere Gebirgszüge und lachende Hügelketten
+anschließen. Von nun an verloren wir das Land selten mehr aus dem Auge.
+Bald erschienen größere oder kleinere Inseln, bald Felskolosse, die aus
+der Tiefe des Meeres auftauchten, bald Baumgruppen, deren Aeste so tief
+herniederhingen, daß sie im Wasser selbst zu wurzeln schienen.</p>
+
+<p>Wir durchschifften die <em class="gesperrt">Java-See</em> längs der Küste von
+<em class="gesperrt">Sumatra</em>, und gelangten in die <em class="gesperrt">Banka</em>-Straße, die von den
+Inseln Sumatra und Banka an manchen Stellen so eingeengt wird, daß sie
+einem Strome gleicht. Auf den beiderseitigen Ufern zeigten uns die mit
+hohem Grase und dichten Waldungen bedeckten<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> Ebenen und Gebirge die
+Ueppigkeit der tropischen Vegetation.</p>
+
+<p>Die Entfernung von dem Eingange der Sundastraße bis Singapore beträgt
+acht Grad, mit deren Durchschiffung wir vierzehn Tage zu thun hatten.
+Windstillen und Gegenwinde brachen die Kraft der Segel, die Richtung
+des Steuerruders; wir gingen wohl ein halb Dutzend Mal über den
+Aequator hin und her, und manche Nacht lagen wir sogar vor Anker.
+Die Hitze war unerträglich. Sie stieg im Schatten häufig auf 27 Grad
+Réaumur. Dessen ungeachtet verging uns die Zeit ziemlich schnell, denn
+der Kapitän war ein gebildeter Mann, der nebenbei recht hübsch die
+Flöte blies. Auf der einförmigen See ist dies kein Fehler. Außerdem
+machten uns die Eingebornen mitunter Besuche, vertauschten Geflügel und
+Früchte gegen bunte Tücher, Spiegel oder Gold und sorgten auf solche
+Weise für unsere Tafel; dazu kam die Abwechslung der vorüberziehenden
+Landschaften; — wir durften also es uns nicht als Verdienst anrechnen,
+die vierzehn Tage mit Geduld ertragen zu haben. Doch gab es auch einige
+unangenehme Zufälle. Eines Morgens fiel ein Matrose beim Umstellen der
+Segel über Bord und denselben Tag der Obersteuermann beim Lootsen<a id="FNAnker_11" href="#Fussnote_11" class="fnanchor">[11]</a>.<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span>
+Glücklicher Weise hatten wir wenig Wind. Beide wurden gerettet. Eine
+Nacht ging gleichfalls nicht ohne Abenteuer vorüber. Wir lagen vor
+Anker, und da sich in diesen Meeren von Zeit zu Zeit Piraten blicken
+lassen, empfahl der Kapitän den Matrosen strenge Aufmerksamkeit. Kaum
+waren wir zur Ruhe, so erscholl der Ruf: „zwei Boote in Sicht vom Lande
+her.“ Alles sprang vom Lager auf; Gewehre, Kugelbüchsen, Pistolen,
+Säbel wurden auf das Deck gebracht, unter die Mannschaft vertheilt,
+die beiden sechspfündigen Kanonen geladen, und so gerüstet erwartete
+man den Feind. Die gefürchteten Boote nahten sich jedoch nicht unserem
+Schiffe, und wir begaben uns wieder zur Ruhe. Später erfuhren wir, daß
+die Piraten die Europäischen Schiffe nicht angreifen.</p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">16. November</em> erreichten wir Singapore nach einer Fahrt von 54
+Tagen.</p>
+
+<p>Die Familie <em class="gesperrt">Behn</em> nahm mich so liebevoll auf, wie vor vier
+Jahren, als ich das erstemal nach diesem Platze kam.</p>
+
+<p>In <em class="gesperrt">Singapore</em> selbst fand ich nichts verändert. Doch ungefähr
+zwanzig Meilen von dieser Insel war während der Zeit ein herrlicher
+Leuchtthurm entstanden auf einem Felsen mitten im Meere, wo die
+Brandung so stark ist, daß der Wächter stets auf sechs Monate mit
+Wasser und Lebensmitteln versehen wird. Den<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> Thurm erbaute man in 18
+Monaten aus Granitsteinen, die von der Insel <em class="gesperrt">Urbin</em>, unweit
+Singapore, kommen.</p>
+
+<p>Ebenfalls neu für mich war ein kleines Häuschen, das erst ganz kürzlich
+von einigen Familien gebaut worden war, damit sie von Zeit zu Zeit
+dort ein wenig frische Luft schöpfen könnten. Da das Häuschen bei
+meiner Ankunft gerade leer stand und Herr <em class="gesperrt">Behn</em> wußte, daß er mir
+keine größere Freude machen könne, als mich auf einige Tage mitten in
+einen Jungle zu versetzen, wo ich nach Herzenslust der Natur und dem
+Insektenfange leben konnte, so wies er mir dieses Häuschen als Wohnort
+an. Er stellte auch ein Boot und fünf Männer zu meiner Verfügung,
+damit ich die nahe gelegenen kleinen Eilande besuchen könne. Die fünf
+Männer (Malaien) kamen jeden Morgen. Wollte ich nicht fahren, so
+durchstreiften sie mit mir den Jungle, halfen Insekten fangen, deren es
+hier im Ueberflusse gab, und dienten mir zugleich als Schutzwehr gegen
+die zahllosen Tiger, die stets von Malakka über den schmalen Meeresarm
+geschwommen kommen. Diese Thiere haben in den letzten Jahren sehr
+zugenommen; sie scheuen sich nicht, am hellen Tage in die Pflanzungen
+einzubrechen und Arbeiter heraus zu holen. Im Jahre 1851 wurden 400
+Personen von ihnen auf der kleinen Insel Singapore aufgezehrt.</p>
+
+<p>Trotz der schaudervollen Begebenheiten, die man<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> mir erzählt hatte,
+fand ich einen eigenen Reiz, von Morgen bis Abend in diesen schönen
+Waldungen umherzustreifen. Meine fünf braunen Begleiter waren mit
+Gewehren, Lanzen und langen Messern bewaffnet, stießen von Zeit zu Zeit
+ein lautes Geschrei aus und schlugen an Aeste und Bäume, um die bösen
+Gäste zu schrecken und zu verscheuchen. Dies alles erweckte nicht die
+geringste Furcht in mir. Ich war zu sehr beschäftigt mit den reizenden
+Gegenständen, die sich auf jedem Schritte meinem Blicke darboten. Hier
+sprangen lustige Affen von Ast zu Ast, dort flogen buntgefiederte Vögel
+auf, hier waren es wieder Blumen, die aus den Stämmen der Bäume zu
+wurzeln schienen, sich um die Aeste rankten und ihre Blüthen durch die
+Zweige und Blätter drängten, dort setzten mich die Bäume selbst durch
+ihren Umfang, durch ihre Höhe und Fremdartigkeit in Erstaunen. Nie
+werde ich der glücklichen, schönen Tage vergessen, die ich in diesem
+Jungle verlebte, und von weiter Ferne sende ich dem Veranlasser jenes
+schönen Aufenthaltes, Herrn Behn, meinen innigen Dank.</p>
+
+<p>Spuren der Tiger sahen wir täglich; überall fanden wir Abdrücke ihrer
+Krallen im Sande oder in der weichen Erde. Eines Mittags kam ein
+solcher Gast ganz nahe an das Häuschen und holte sich einen Hund,
+den er in gemütlicher Ruhe, kaum einige hundert<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> Schritte entfernt,
+verzehrte. In einer Nacht wurde ich durch einen Lärm in der Gallerie
+neben meinem Schlafgemache aufgeschreckt. Ich dachte wohl, daß es keine
+vierfüßigen Besucher seien; aber ich fürchtete eben so sehr zweifüßige,
+um so mehr, als unweit des Häuschens 20 bis 30 Verbrecher wohnten, die
+das Gouvernement hierher versetzt hatte, um Holz zu fällen. Man wußte,
+daß meine Wache in einer entfernten Hütte schlief, daß ich allein in
+dem Häuschen wohne und daß die Thüren gar nicht geschlossen werden
+konnten. Ich hatte zwar stets ein großes Messer bei mir; das würde
+mir aber wahrscheinlich nicht viel geholfen haben. Dessenungeachtet
+rief ich beherzt. „Wer da?“ — Ich erhielt zur Antwort, daß ein Tiger
+bemerkt worden sei, der um die Hütte kreise und daß man Jagd auf ihn
+mache. Das war leicht möglich; doch hörte ich keinen Schuß fallen
+und die Stille der Nacht ward nicht weiter getrübt. Am andern Morgen
+spielte ein Aeffchen beinahe vor der Thüre; einer meiner Beschützer
+legte sein Gewehr an — der Schuß versagte aber, und zwar wiederholte
+Male. Welch ein Glück, daß wir der Waffen nicht in Wirklichkeit
+benöthigten!</p>
+
+<p>Die kleine Insel <em class="gesperrt">Urbin</em>, unweit <em class="gesperrt">Changie</em>, verdient einen
+Besuch. Sie hat außer dem bereits erwähnten Granit eine Merkwürdigkeit
+aufzuweisen, die noch kein Naturforscher erklären konnte. Die
+Felspartien<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> am Meergestade sind nämlich nicht glatt und rund, wie an
+allen Orten, wo sie vom Wasser überspült werden, sondern im Gegentheile
+scharfkantig und wie in Fächer getheilt. Die Kanten mögen 1 bis 1½ Fuß
+eingeschnitten sein und stehen 1 bis 2 Fuß von einander entfernt.</p>
+
+<p>Ich änderte in Singapore abermals meinen Reiseplan: anstatt nach
+<em class="gesperrt">Adelaide</em> (Australien) ging ich nach der Westküste Borneo’s, nach
+<em class="gesperrt">Sarawak</em>, dem unabhängigen Besitzthume eines Engländers, Namens
+<em class="gesperrt">Brooke</em>.</p>
+
+<p>Kapitän <em class="gesperrt">Layall</em> vom Trident, 320 Tonnen, war so gefällig, mich
+für einen mäßigen Preis dahin mitzunehmen.</p>
+
+<p>Man rechnet von Singapore nach der Stadt <em class="gesperrt">Sarawak</em> 450 Seemeilen.
+Wir benöthigten zwölf Tage bis an das Kap <em class="gesperrt">Datu</em> an der Mündung
+des Flusses <em class="gesperrt">Sarawak</em>, der hier über eine Meile breit ist. Einen
+halben Tag mußten wir auf der Rhede liegen bleiben, um mit der Fluth in
+den Strom zu kommen, auf welchem man noch 25 Meilen aufwärts zu segeln
+hat.</p>
+
+<p>Bevor ich Sarawak beschreibe, will ich meine Leser in wenigen Worten
+mit der Geschichte Herrn <em class="gesperrt">Brooke’s</em> bekannt machen, welchen
+der Sultan von <em class="gesperrt">Borneo</em> zum Rajah (Fürsten) ernannt und mit
+dem<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> Gebiete von Sarawak belehnt hat. — Ich schöpfe diese kurzen
+Mittheilungen aus „<span class="antiqua"><em class="gesperrt">Keppel’s</em> Expedition to Borneo.</span>“</p>
+
+<p><em class="gesperrt">James Brooke</em> stammt aus der Familie des Sir <em class="gesperrt">Robert Vyner</em>,
+Baronet, welcher unter <em class="gesperrt">Karl</em> dem <span class="antiqua">II.</span> Lord-Mayor von
+London war. <em class="gesperrt">James Brooke</em>, im Jahre 1803 geboren, ging als Kadet
+nach Indien, zeichnete sich sehr aus und erhielt in einem Gefechte
+mit den Burmesen einen Schuß durch den Leib, in Folge dessen er
+nach England zurückkehrte, um sich herzustellen. Er nahm späterhin
+wieder Dienst; seine geschwächte Gesundheit erlaubte ihm aber nicht,
+demselben lange vorzustehen, und er ging im Jahre 1830 von Calcutta
+nach China, um Luft zu verändern und sich zu zerstreuen. Auf dieser
+Reise war es, daß er den <em class="gesperrt">Indischen Archipel</em> kennen lernte,
+der ihm ausnehmend gefiel. Er las die vorzüglichsten Werke, die über
+diesen Theil der Welt existiren, und gelangte alsbald zur Ueberzeugung,
+daß die östlichen Inseln und besonders Borneo ein reiches Feld für
+Forschungen und Unternehmungen darböten. Seine Hauptzwecke waren:
+den Sklavenhandel aufzuheben, den Seeräubereien zu steuern und die
+Eingebornen zu Menschen zu bilden. Er kehrte nach England zurück,
+hatte aber mit vielen Hindernissen und Unannehmlichkeiten zu kämpfen,
+bevor es<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> ihm möglich wurde, seinen Plan in Ausführung zu bringen. Im
+Jahre 1838 verließ er endlich England auf einem kleinen, aber wohl
+ausgerüsteten Kriegsschooner und mit Leuten, die er während der letzten
+Jahre für sein Unternehmen vorbereitet hatte. „Und wenn je ein Mann“
+sagt Keppel, „für solch ein Unternehmen geeignet war, so war es James
+Brooke. Ein ausgezeichneter Verstand, schnelle Fassungsgabe, Großmuth,
+Entschiedenheit, mit einem Worte alle guten Eigenschaften des Kopfes
+und des Herzens zierten ihn, und er verband damit ein überaus freies
+und liebenswürdiges Benehmen.“</p>
+
+<p>Als J. Brooke in Sarawak ankam, fand er den Rajah, <em class="gesperrt">Muda Hassim</em>,
+in großen Zwistigkeiten mit seinem Volke. J. Brooke stand ihm bei und
+brachte nach zwei Jahren vollkommene Ruhe und Ordnung im ganzen Lande
+zu Stande. Er richtete hierauf seine Aufmerksamkeit auf die Piraten
+und reinigte die Küste gänzlich von ihnen. Muda Hassim trat ihm aus
+Dankbarkeit den Distrikt Sarawak ab und ernannte ihn zum Rajah. Er
+nahm das Land im Jahre 1841 in Besitz und wurde sowohl von dem Sultane
+von <em class="gesperrt">Bronni</em> (Borneo), als auch von den Engländern als Fürst und
+Eigenthümer anerkannt.</p>
+
+<p>Die Folgen seiner kräftigen und gerechten Regierung zeigten sich in
+seinem Lande bald. Die<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> Bevölkerung der Stadt stieg in zehn Jahren
+(1841 bis 1851) von 1500 Seelen auf 10,000, und so wie in der Stadt,
+nahm auch die Bevölkerung auf dem Lande durch zahlreiche Einwanderer
+aus den umliegenden Staaten zu. Selbst die freien und wilden Dayaker
+im Innern des Landes kennen seinen Namen und ehren und achten in ihm
+den Befreier ihrer Landsleute, die unter dem Joche der Malaien gleich
+Sklaven lebten und die er letzteren in allem gleich gestellt hat.
+Jeder findet Sicherheit, Frieden und Verdienst. Der Kaufmann kann
+ruhig seinem Handel leben, der Bauer erhält unentgeltlich so viel Land
+als er besorgen kann und überdies noch einen Vorschuß von Reis zur
+Saat und zum Leben bis zur Ernte; der Arbeiter findet Beschäftigung in
+den Gold-, Diamanten- und Antimonium-Minen. Die Steuern sind äußerst
+geringe: der Kaufmann zahlt eine Kleinigkeit für seinen Laden, der
+Bauer einen Pikul (125 Pfund leichtes Gewicht) Reis per Jahr, und der
+Arbeiter gar nichts.</p>
+
+<p>Die Haupteinkünfte des Rajah sind die Antimonium-Minen und der
+Opium-Pacht, welch letzterer nicht nur hier, sondern in ganz Indien
+ungemein hoch ist und das bedeutendste Einkommen der Regierungen
+ausmacht. Ich werde im Verlaufe meiner Beschreibung ausführlich von
+diesem Monopole sprechen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span></p>
+
+<p>Auf Sarawak wie überall wird das Opium von den Chinesen viel, von den
+Malaien wenig geraucht.</p>
+
+<p>Ich bedauerte sehr, Herrn J. Brooke nicht kennen gelernt zu haben,
+da er sich gerade in London befand. Seine Stelle vertrat sein Neffe,
+Kapitän <em class="gesperrt">John Brooke-Brooke</em>, den er an Sohnesstatt angenommen hat
+und der somit der künftige Erbe seines Titels und Landes ist.</p>
+
+<p>Kaum hatte Kapitän Brooke erfahren, daß ich am Bord des <em class="gesperrt">Trident</em>
+sei, als er sein eigenes, bequemes Prauh<a id="FNAnker_12" href="#Fussnote_12" class="fnanchor">[12]</a> unter Befehl des
+Schiffskapitäns <em class="gesperrt">Grimble</em> sandte, um mir die für Segelschiffe oft
+langweilige Fahrt stromaufwärts zu verkürzen. Der Trident hatte auch
+wirklich drei Tage dazu nöthig, während ich selbst sie in vier Stunden
+machte.</p>
+
+<p>Die Flußufer sind äußerst niedrig, so daß das Wasser sie an vielen
+Orten überschwemmt und fortgesetzte Reihen von Morästen bildet. Die
+ersten 10 bis 12 Meilen vom Flusse an gegen das Innere sind auf beiden
+Seiten mit Nipa- und Mangrova-Palmen bedeckt, dann fängt junger Jungle
+an. Die Nipa-Palme<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> ist den Eingebornen von unendlichem Werthe. Sie hat
+keinen Stamm, die Blätter, 12 bis 15 Fuß lang, schießen gleich aus den
+Wurzeln empor. Alle Theile dieser Palme sind nützlich: von den Rippen
+der Blätter werden die Wände der Hütten gemacht; die Blätter selbst
+dienen als Bedachung, oder werden zu Asche gebrannt, aus der man Salz
+gewinnt. Matten und Körbe werden aus den Blättern geflochten und der
+ihnen entzogene Saft wird zu Syrup gekocht.</p>
+
+<p>In der Nähe der Stadt erhöhen sich die Ufer, und die Gegend wird
+teilweise hügelig. Weiter im Innern zeigen sich Gebirgszüge,
+deren höchste Berge Matang, Santabong 3000 Fuß messen. Als eine
+Eigenthümlichkeit des Landes erschienen mir mehrere steilaufsteigende,
+einige tausend Fuß hohe Berge mit spitzen Kuppeln, die ohne Verbindung
+mit andern Bergen oder Hügeln frei in der Mitte von Ebenen standen.</p>
+
+<p>Was die Bevölkerung anbelangt, so ist sie an der Meeresküste und an
+den Ufern des Flusses sehr spärlich. Ich sah an der Mündung nur ein
+einziges Haus, welches ungefähr hundert Fuß lang ist, auf 20 Fuß hohen
+Pfählen ruht und von Dayakern bewohnt wird; dann hört jede Ansiedlung
+auf bis ungefähr acht Meilen vor der Stadt. In früheren Zeiten war das
+Land bis auf 20 oder 30 Meilen von der Küste unbewohnt.<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> Die Furcht vor
+den Piraten war so groß, daß Niemand es wagte, seine Hütte in ihrem
+Bereiche zu bauen. Seit der Ankunft Rajah Brooke’s hat, wie gesagt, an
+der West- und Nordwest-Küste Borneo’s die Piraterie gänzlich aufgehört.</p>
+
+<p>An dem Landungsplatze empfing mich Kapitän Brooke persönlich und
+geleitete mich in das Haus seines Onkels. Als ich ihm meinen
+Empfehlungsbrief überreichte, war er so artig, mich zu versichern, daß
+mein Name schon hierher gedrungen sei und ich keines Empfehlungsbriefes
+bedürfe.</p>
+
+<p>Die Stadt Sarawak hat weder Straßen noch Plätze; sie besteht aus einer
+Menge größerer und kleinerer Hütten, die ohne Symmetrie und Ordnung
+in Haufen zusammengedrängt liegen. Die Hütten sind aus der Nipa-Palme
+gebaut und stehen auf 8 bis 10 Fuß hohen Pfählen, welche Bauart den
+Malaien eigen ist und von den Chinesen selten nachgeahmt wird. Die
+Aufgänge sind Leitern, deren Sproßen aber so weit von einander stehen,
+daß ihr Ersteigen für einen ungeübten Kletterer gefährlich wird. Noch
+gefährlicher sind die Vorplätze, deren Boden einem grob geflochtenen
+Netze gleicht, das aus dünnen, runden und glatten Bambus-Stämmchen
+besteht, von welchen man leicht abgleitet und dann mit dem Fuße in
+den Zwischenräumen hängen bleibt. Im Innern der Hütten ist<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> dieses
+Bambus-Gitter wenigstens enger und mit Matten überlegt. — Von
+Haus-Einrichtung ist wenig zu sehen: einige Körbe, hölzerne Kisten,
+Strohmatten, Polster, irdenes Kochgeschirr, ein Gong, ein Parang<a id="FNAnker_13" href="#Fussnote_13" class="fnanchor">[13]</a>
+und einige Klambu’s. Letztere bilden eine Art Schlafgemach für die
+verheirateten Leute und die erwachsenen Mädchen. Sie bestehen aus einer
+Himmeldecke mit Vorhängen von Kammertuch, die bis zur Erde reichen.
+Die Klambu’s sind ungefähr fünf Fuß hoch und breit und sechs Fuß lang,
+können leicht an jeder Stelle aufgemacht werden und schützen auch gegen
+die Moskitos.</p>
+
+<p>Der Raum unter dem Hause ist von Hühnern, Hunden und anderen Thieren,
+bei den Chinesen auch von Schweinen bevölkert. Er gleicht einer
+wahren Mistpfütze, denn aller Unrath wird durch den gegitterten Boden
+hinabgeworfen.</p>
+
+<p>Die Einwohner Sarawak’s sind Malaien und Chinesen; die wenigen Dayaker,
+die man sieht, bilden keine Familien; sie stehen entweder in Diensten
+oder kommen in Geschäften. Die Chinesen bewohnen einen Theil der Stadt,
+die Malaien einen andern; jeder dieser Theile wird Kampon genannt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span></p>
+
+<p>Die Chinesen weichen in nichts von ihren vaterländischen Sitten,
+Gebräuchen und Trachten ab. Die einzige Aenderung zu der sie gezwungen
+sind, ist, daß sie ihre Frauen bei den Malaien oder Dayakern suchen
+müssen. Die Chinesische Regierung erlaubt nämlich dem weiblichen
+Geschlechte nicht, auszuwandern; eine Frau oder ein Mädchen, die
+China verlassen, sind ihres Vermögens verlustig und dürfen nie
+wiederkehren. Die Chinesen auf Borneo wählen ihre Frauen gewöhnlich aus
+dem Dayakischen Volke; die Dayakerinnen sind viel arbeitsamer als die
+Malaiinnen und haben den großen Vortheil, eigentlich keine Religion zu
+besitzen und daher leicht die ihrer Männer anzunehmen, oder wenigstens
+kein Aergerniß daran zu finden.</p>
+
+<p>Man kann die Chinesen als das Glück und das Unglück des Landes
+betrachten, in dem sie sich niederlassen. Einerseits sind sie arbeitsam
+und ausdauernd in allem was sie unternehmen, andererseits aber im
+höchsten Grade gewinnsüchtig, falsch und listig. In ihren Händen liegt
+der ganze Handel, der größte Theil der Gewerbe, die Bearbeitung der
+Minen; sie entziehen den trägen Malaien, den ehrlichen Dayakern jeden
+Gewinn und übervortheilen und betrügen sie auf alle Art.</p>
+
+<p>Die Malaien sind Mohamedaner, weichen aber in manchen Gebräuchen von
+den Mohamedanern im Oriente<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> ab. So genießen z.&#8239;B. ihre Weiber sehr
+viel Freiheit; sie gehen ungehindert aus und haben das Gesicht nicht
+verschleiert; sie sind im Gegentheile nur zu leicht gekleidet, denn
+die meisten tragen blos den Sarong, ein Stück Zeug, welches über oder
+unter der Brust befestiget wird und bis über die Schenkel reicht.
+Andere vervollständigen ihren Anzug mit einem kurzen Jäckchen (Kabay)
+oder einem längeren Oberkleide (Padju). Die Weiber der Vornehmen gehen
+zwar wenig aus; doch ist dieß ihrer Trägheit und nicht einem Verbote
+zuzuschreiben, denn im Hause empfangen sie jede Art Besuche.</p>
+
+<p>Die Tracht der Männer weicht von jener der Weiber wenig ab; sie tragen,
+wie diese, den Sarong, den Kabay, ja manche auch den Padju. Viele haben
+unter dem Sarong kurze Beinkleider an. Auf den ersten Blick würde man
+oft die Geschlechter nicht unterscheiden, hätten die Männer nicht
+Tücher um den Kopf geschlagen, während die Weiber in ihrem bloßen
+Haarschmucke gehen.</p>
+
+<p>Die Ehen werden hier ohne große Zeremonien geschlossen und sehr
+leicht gelöst. Jedes der Eheleute hat das Recht sich zu trennen. Man
+findet unter jungen Männern oder Frauen viele, die mehr als ein halb
+Dutzendmal ihre Ehe-Hälften verändert haben.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span></p>
+
+<p>Die Malaische Race zeichnet sich nicht durch Schönheit aus. Besser
+ist noch der Körper bedacht als das Gesicht. Letzteres ist durch den
+breiten, stark hervortretenden Oberkiefer, durch den großen Mund, die
+schwarzen, abgefeilten Zähne und die schlappe, ausgedehnte Unterlippe
+im höchsten Grade entstellt. Die Zähne werden mit Antimonium, Gambir
+und noch andern Ingredienzien glänzend schwarz gefärbt, welche
+sonderbare Mode bei den Malaien als Schönheit gilt. Viele feilen sie
+auch halb ab oder spitzen sie pyramidenförmig zu. Die Ausdehnung
+der Unterlippe rührt von dem Siri her, welches sie kauen und häufig
+zwischen den untern Zähnen und der Lippe halten. Ihr Körper ist
+durchschnittlich von mittlerer Größe, die Männer sind etwas schlanker
+als die Weiber. Ihre Hautfarbe ist licht röthlichbraun bis dunkelbraun;
+Haare und Augen schwarz, Nase flach mit breiten Nasenflügeln, Hände und
+Füße klein, aber zu mager und knochig.</p>
+
+<p>Sie beginnen schon mit acht oder zehn Jahren Siri zu kauen. Das Siri
+besteht aus einem Betelblatte, in welches ein Stückchen Arecanuß, aus
+Seemuscheln gebrannter Kalk und etwas Gambir gewickelt wird. Bevor
+sie dieses Päckchen in den Mund schieben, reiben sie auf ekelhafte
+Weise die Zähne und Lippen mit Tabak ein und nehmen ihn gleichfalls in
+den Mund. Durch das Sirikauen wird der Speichel<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> wie der ganze Mund
+blutroth gefärbt. Diese schöne Gewohnheit ist so beliebt, daß alte
+Leute, welchen die Zähne zum kauen fehlen, stets ein kleines Rohr mit
+sich führen, in welchem sie das Siri zerstoßen.</p>
+
+<p>Die Umgebung von Sarawak ist lieblich und wird durch die wenigen
+Europäischen Häuser verschönert, die nebst einer artigen Kirche, einem
+Missionshause, einem kleinen Fort und einer Gerichtshalle, auf den
+umliegenden Hügeln stehen. Alle diese Gebäude sind von Holz, Rajah
+Brooke’s Residenz nicht ausgenommen. Bei dem Missionshause befindet
+sich eine Schule für die Eingebornen; 24 Kinder, meist Waisen, waren
+gänzlich in Kost und Verpflegung aufgenommen. Das unbedeutende Fort
+besitzt ein Paar Kanonen und gar keine Besatzung. Rajah Brooke ist
+nicht nur von seinen Unterthanen, sondern auch von den benachbarten
+Völkern so geachtet und geliebt, daß er der Waffen nicht bedarf.</p>
+
+<p>Ich besuchte die Häuser einiger der vornehmsten Malaien, meist
+ehemaliger Piratenhäuptlinge, die sich seitdem in friedliche Bürger, ja
+zum Theil in brauchbare Beamte des Rajah’s umgewandelt haben.</p>
+
+<p>Die Wohnung eines reichen Malaien besteht, wie die des armen, aus
+einem einzigen, nur größeren Gemache, oft von 50 Fuß Länge und Breite,
+welches außer den Klambu’s auch noch einige kleine Abtheilungen<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span>
+enthält, die durch niedere Blätterwände gebildet werden. Man sieht hier
+mitunter Teppiche und hübsche Matten; den Hauptreichthum aber machen
+die Gongs, die Waffen und die Balangas aus. Letztere sind irdene,
+vasenartige Gefäße von zwei bis vier Fuß Höhe, mit Arabesken verziert
+und anscheinend ohne allen Werth. Ich hätte sie gar nicht beachtet
+oder für große Wassergefäße gehalten. Aber man machte mich auf sie
+aufmerksam, und ich erstaunte sehr, als man mir sagte, daß diese Gefäße
+von hundert bis einige tausend Rupien<a id="FNAnker_14" href="#Fussnote_14" class="fnanchor">[14]</a> werth seien (wahrscheinlich
+eine etwas übertriebene Angabe). Der Besitzer einer solchen Vase soll,
+im Falle er Geld nöthig hat, mit Leichtigkeit von Jedermann einen Theil
+oder den ganzen Werth darauf vorgestreckt bekommen. Man kennt weder
+ihren Ursprung noch ihr Vaterland noch ihren Nutzen oder Gebrauch. Man
+vermuthet, daß sie von China kommen. Die Chinesen ahmen in neuerer Zeit
+diese Vasen täuschend nach; doch wissen die Kenner auf den ersten Blick
+die echten von den falschen zu unterscheiden.</p>
+
+<p>Da ich auch gerne mit den Dayakern Bekanntschaft gemacht hätte,
+war Kapitän Brooke so gefällig, mir einen Ausflug nach einer ihrer
+Behausungen vorzuschlagen;<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> nur, meinte er, müsse ich das Bergklettern
+gut gewohnt sein. Die Dayaker lieben nämlich die Ebene nicht,
+sondern bauen ihre Hütten auf die Spitzen der Berge, je höher und
+unzugänglicher desto lieber. In früheren Zeiten thaten sie das der
+Sicherheit wegen, jetzt unter der ruhigen Regierung Rajah Brooke’s thun
+sie es aus alter Gewohnheit.</p>
+
+<p>Unser Ausflug galt dem Berge <em class="gesperrt">Serambo</em>, von 1500 Fuß Höhe, auf
+welchem ungefähr 80 Familien unter einem Häuptlinge leben.</p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">20. Dezember</em> um elf Uhr Nachts, traten wir unsere kleine
+Reise auf dem Flusse Sarawak an. Die Nacht war finster und regnerisch;
+doch uns hatte weder Regen noch Finsterniß etwas an. Das Prauh war gut
+gedeckt, hell erleuchtet und durch Vorhänge in Gemächer getheilt, in
+deren einem ich ein weiches Lager unter einem Muskito-Netze fand. Die
+Fluth half unserer Fahrt, und als ich des Morgens erwachte, landeten
+wir gerade in <em class="gesperrt">Siniawan</em>, einem chinesischen Kampon, aus zwei
+Reihen Hütten bestehend, die eine kleine Straße bilden. Ich sah hier,
+daß der Chinese den Schmutz nicht minder liebt als der Malaie; der
+Unterschied zwischen beiden ist, daß der Malaie, der sein Haus auf
+Pfähle setzt, über dem Schmutze lebt, während der Chinese ihn vor
+seiner Thüre hat.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span></p>
+
+<p>Kapitän Brooke hatte Küche, Diener und Lebensmittel vorausgesandt, und
+bald saßen wir um ein leckeres Mahl. Außer Herrn Brooke und mir waren
+noch zwei Europäer von der Gesellschaft.</p>
+
+<p>Nach dem Frühstücke ging es an die Fußparthie. Ein munterer Trupp
+Dayaker, welchen unsere Ankunft schon Tages zuvor bekannt gemacht
+worden war, umringte uns; jeder wollte etwas zu tragen haben, um ein
+wenig Tabak zu verdienen. Wir hatten über zwanzig im Gefolge, von
+welchen manche bloß eine kleine Kochpfanne trugen; nichts desto weniger
+ließ Kapitän Brooke reiche Spenden von Tabak und Kupfermünzen unter sie
+vertheilen.</p>
+
+<p>Der Weg führte bis an den Fuß des Berges durch ausgebreitete, gut
+kultivirte Reispflanzungen. Der Berg selbst stieg steil und schroff aus
+der Ebene empor.</p>
+
+<p>Ich hatte schon viel von den schlechten Wegen auf Borneo gehört,
+dennoch war meine Verwunderung groß, als ich den wahrhaft
+lebensgefährlichen Pfad sah der auf die Spitze des Berges führte. Ueber
+Pfützen, Sumpfstellen, Bäche oder Abgründe lagen zwei Bambusstämmchen
+oder ein dünnes, rundes Bäumchen, — an schroffen Felskegeln, die man
+erklimmen mußte lehnten ebenfalls nur einzelne, schmale Baumstämmchen,
+hie und da ein wenig eingekerbt, um dem Fuße einen<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> Halt zu geben.
+An den gefährlichsten Stellen war wohl eine Art Geländer angebracht,
+aber von so zarter Beschaffenheit, daß man unvermeidlich gefallen
+wäre, hätte man sich im Ernste darauf gestützt. Ich mußte meine Augen
+beständig auf den Pfad gerichtet haben, und konnte den mich umgebenden
+Naturschönheiten nicht die geringste Aufmerksamkeit schenken. Nur
+auf den Haltpunkten, die von Zeit zu Zeit gemacht wurden, fand ich
+Muße, die üppigen Wälder, durch welche unser Weg führte, die schönen
+Schlingpflanzen und Orchideen zu betrachten. Die Palmen sind auf Borneo
+umfangsreicher als irgendwo, besonders die Sago-Palmen. Blumen und
+Vögel fand ich aber in geringerer Anzahl als auf Singapore. Es war
+wohl, wie man mir sagte, nicht die Blüthenzeit; doch hielt ich mich
+sechs Monate auf Borneo auf und sah diese Blüthenzeit nicht kommen.</p>
+
+<p>Auf einer Höhe von 1200 Fuß fanden wir den ersten Wohnplatz der
+Dayaker, eine große Hütte von 50 Fuß Länge und Breite, deren ganze
+Einrichtung aus einer Menge von Schlafstellen bestand, die ringsum
+an den Wänden angebracht waren. Es ist nämlich unter einigen der
+Dayakischen Stämme Sitte, daß die Jünglinge einige hundert Schritte
+von dem elterlichen Dorfe entfernt, in einer gemeinschaftlichen Hütte
+unter der Aufsicht des Häuptlings schlafen. Diese Hütte dient zugleich
+zum Tummel- und Festplatze, und zur<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> Aufbewahrung der Kriegstrophäen,
+die in den abgeschnittenen Köpfen der Feinde bestehen. Mit wahrem
+Grausen sah ich hier 36 Schädel aneinander gereiht und gleich einer
+Guirlande aufgehangen. Die Augenhöhlen waren mit weißen, länglichen
+Muscheln ausgefüllt. Unter Rajah Brooke’s Regierung hat zwar das
+Kopf-Abschneiden in dem Bezirke von Sarawak sein Ende gefunden; aber
+die Eingebornen verehren noch immer diese Schädel — Denkmale einer
+blutigen Vergangenheit, die ihren Augen wahrscheinlich ruhmvoll
+erscheint.</p>
+
+<p>Wir setzten unsere Wanderung fort zu dem nahen Wohnplatze der Familien.
+Hier standen zwei große Hütten auf Pfähle gebaut, jede über 150 Fuß
+lang, einander gegenüber. Als Aufgänge dienten schmale, eingekerbte
+Baumstämme, die Nachts gewöhnlich weggenommen werden. Jede Hütte
+hatte einen geräumigen, gedeckten Vorplatz, von welchem Thüren zu den
+Kammern der Familien führten. Die meisten Familien haben eine, manche
+zwei Kämmerchen; diese enthalten Schlaf- und Feuerstellen und einiges
+Kochgeschirr. Das eigentliche Leben ist auf dem Vorplatze; hier wird
+gearbeitet, hier tummeln sich die Kinder umher, hier ruhen die alten
+Leute. Alles scheint eine Familie auszumachen. Die Weiber flechten
+Matten und Körbe, die Männer schnitzen zierliche Büchschen<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> für Tabak,
+Kalk und Gambir, so wie auch sehr schöne Hefte zu ihren Parangs. Auf
+den Vorplätzen gibt es ebenfalls Feuerstellen, die aber weniger zum
+Kochen, als zur Beleuchtung dienen. Ueber diesen Feuerstellen wurden
+vor noch wenig Jahren die frischen Menschenköpfe aufgehangen und so
+lange gelassen, bis sie vollkommen eingetrocknet und geräuchert waren,
+worauf man sie unter großen Zeremonien nach dem Ehrenplatze, der Hütte
+des Häuptlings trug.</p>
+
+<p>Die Dayaker wohnen gleich den Malaien, über einer Pfütze in der sich
+Schweine<a id="FNAnker_15" href="#Fussnote_15" class="fnanchor">[15]</a>, Hunde und Hühner umhertreiben. Wenn man diesen Unrath
+sieht, begreift man kaum, daß die Leute nicht alle stets fieberkrank
+sind. Außer Hautausschlägen und Geschwüren bemerkte ich jedoch keine
+Krankheiten unter ihnen. An letztgenannten Uebeln leidet das männliche
+Geschlecht ungleich häufiger als das weibliche.</p>
+
+<p>Die Dayaker sind eben so wenig mit Schönheit begabt wie die Malaien.
+Sie haben das Nasenbein flach, die Nasenflügel sehr breit, den Mund
+groß, die Lippen blaß und aufgedunsen und die Zahnkiefer hervorstehend.
+Die Zähne feilen sie gleich den Malaien ab und färben sie schwarz. Der
+Ausdruck ihrer Gesichter<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> ist im Allgemeinen gelassen und gutmüthig,
+mitunter etwas dumm, was zum Theile von der Gewohnheit herrühren mag,
+den Mund beständig offen zu haben. Ihre Hautfarbe ist lichtbraun, Haare
+und Augen sind schwarz. Die Männer tragen das Haar kurz, die Weiber
+lang, straff, hinabhängend und ungeflochten. Der Gang und die Haltung
+der Weiber ist sehr unzierlich; sie setzen die Füße weit auseinander
+und strecken den Unterleib sehr hervor. Diese Unzierlichkeit der
+Haltung ist zum Theile auch dem Malaischen weiblichen Geschlechte eigen.</p>
+
+<p>Die Bekleidung der Dayaker ist die allereinfachste. Die ganze Garderobe
+der Männer besteht in einem handbreiten Streifen von Bast, den sie um
+die Mitte des Leibes geschlagen haben. Gewöhnlich gehen sie auch ohne
+Kopfbedeckung, selten daß einer ein Stück Bast um den Kopf bindet.
+Sie haben ein großes Wohlgefallen an Glasperlen und Messingringen,
+und behängen sich damit Hals und Arme. Die Männer schmücken sich weit
+mehr als die Weiber, ja die Glasperlen scheinen ihr Vorrecht zu sein.
+Ich bemerkte deren höchst selten an den Weibern. Die Dayaker tragen
+stets an einer Seite ein langes, breites Messer, wie bei den Malaien
+„Parang“ genannt, an der andern ein zierliches Körbchen, welches die
+Bestandteile des Siri enthält.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span></p>
+
+<p>Die Weiber kleiden sich mit einem knapp anliegenden Röckchen von Zeug
+(Bidang), welches von den Lenden bis an die Schenkel reicht; um den
+Leib tragen sie einen Gürtel (Raway) von vielen Messingreifen oder
+schwarz geputzten Bambusringen, der bei manchen zwei, bei andern sechs
+bis acht Zoll breit ist, je nach der Wohlhabenheit der Besitzerin. Die
+Mädchen legen ihn an, wenn sie aus den Kinderjahren treten, was hier
+schon gewöhnlich im zehnten Jahre der Fall ist. Dieser oft fünfzehn
+Pfund schwere eng anschließende Gürtel wird nur für die Zeit abgelegt,
+als das Weib nahe daran ist Mutter zu werden. Geschmeide sah ich bei
+den Weibern dieses Stammes wenig. Einige trugen am linken Arme, von dem
+Handgelenke bis zum Ellbogen viele Messingringe. Die Ohrläppchen hatten
+sie so stark durchlöchert, daß man ein zolldickes Stück Holz hätte
+durchziehen können. Sie tätowiren sich nicht, färben aber zuweilen
+Füße, Nägel und Fingerspitzen rothbraun.</p>
+
+<p>Wir brachten bei diesem Völkchen den Rest des Tages und die Nacht zu.
+Abends bewirthete Kapitän Brooke die Leute mit Branntwein, den sie sehr
+lieben, und forderte sie auf, uns dagegen mit Tänzen zu unterhalten.
+Sie schienen nicht sehr geneigt, unserem Wunsche zu willfahren, und es
+kostete Mühe, sie dazu zu bewegen. Ihr Tanz ist ruhig und gelassen<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> und
+gibt, gleich jenen Hindostans, weniger den Füßen, als den Händen und
+Armen zu thun. Er wird entweder von einem Manne allein, oder von einem
+Manne und einem Weibe aufgeführt. Das Weib macht dieselben Bewegungen
+wie der Mann, schlägt aber dabei die Augen so tief zu Boden, daß man
+glauben möchte, sie seien geschlossen. Ein Mann oder ein Paar tanzt nie
+lange und wird dann von andern abgelöst. Die Musik bestand aus zwei
+Trommeln und einem Gong. Die übrigen Dayaker saßen still, ja beinahe
+bewegungslos da. Ernst und Ruhe scheint in ihrem Charakter zu liegen.
+Nirgends ward ich weniger von Neugierde belästigt als hier.</p>
+
+<p>Den folgenden Morgen ging es an die Rückreise. War das Aufsteigen schon
+schwierig, so war es das Hinuntersteigen noch mehr, namentlich da ein
+stark anhaltender Regen in der Nacht die Pfade glatt und schlüpfrig
+gemacht hatte. Es blieb mir nichts anders übrig als die Schuhe
+auszuziehen und mit bloßen Füßen über Stock und Stein, durch Disteln
+und Dornen meine Wanderung bis in das Thal zu machen.</p>
+
+<p>Zu Siniawan wurde wieder gefrühstückt, dann fuhren wir fünf Meilen den
+Fluß Sarawak stromaufwärts, gingen weiter drei Meilen in einem engen
+Thale zu Fuße und befanden uns mitten im Antimonium-Erze.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span></p>
+
+<p>Das Erz liegt hier so reich auf der Oberfläche der Erde, daß man gar
+keine Minen zu graben braucht. Es wird ganz einfach mit Brecheisen und
+Hämmern in Stücke geschlagen, in Körbe geladen und durch Menschen bis
+an den Fluß getragen. Ein Chinese trägt mittelst einer Stange, an deren
+jedem Ende ein Korb hängt, zwei Pikul und läuft mit dieser Last noch
+dazu ziemlich rasch fort. Das Erz soll 90 Procent liefern.</p>
+
+<p>Von diesen Minen, oder besser gesagt diesem Lager, begaben wir uns
+nach einem Sommerhause Rajah Brooke’s, mit welchem eine kleine Meierei
+verbunden ist. Herr Brooke hält hier einige Dutzend Kühe und läßt
+täglich Butter machen, die nebst der Milch an seine Küche geliefert
+wird.</p>
+
+<p>Kühe und Pferde findet man auf Borneo nur bei den Europäern; erstere
+arten sehr bald aus, geben wenig und schlechte Milch, die Kälber
+sterben häufig; die Pferde werden nicht so alt, wie in ihrem Vaterlande
+und pflanzen sich gar nicht fort. Dagegen sah ich beim Rajah Brooke
+einen herrlichen Nasen-Affen, zwei große Orangutangs und einen
+Honigbären, Thiere die bloß auf Borneo vorkommen.</p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">24. Dezember</em> kamen wir wieder nach Sarawak zurück.</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> Für Segelschiffe rechnet man 8000 Seemeilen, da man der
+Winde halber einen ungeheuern Bogen nach Westen beschreiben muß und
+Brasiliens Küste ziemlich nahe kommt, für Dampfschiffe 5000 Meilen. —
+Wenn ich wo immer zu Wasser reise, rechne ich nach Seemeilen, deren
+vier auf eine deutsche Meile gehen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[10]</a> Man nennt „über dem Winde“ die Seite von welcher der Wind
+kommt — „unter dem Winde“ wohin er geht.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_11" href="#FNAnker_11" class="label">[11]</a> Lootsen heißt, mittelst des Senkbleies die Tiefe der See
+messen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_12" href="#FNAnker_12" class="label">[12]</a> Prauh ist ein Malaisches Boot von 20 bis 80 Fuß Länge und
+6 bis 8 Fuß Breite, welches nicht tief geht. Die Piraten bedienen sich
+dieser Fahrzeuge vorzugsweise, weil sie damit in jeden Fluß lenken und
+sich so der Verfolgung leicht entziehen können.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_13" href="#FNAnker_13" class="label">[13]</a> Der Gong ist ein musikalisches Instrument, aus einer
+Messing-Platte bestehend, auf welche mit einem Klöppel geschlagen wird.
+— Parang ein anderthalb Fuß langes Messer.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_14" href="#FNAnker_14" class="label">[14]</a> Eine Rupie ist ungefähr zwei Schillinge Englisch (1 fl.
+Oesterreichisches Geld) werth.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_15" href="#FNAnker_15" class="label">[15]</a> Da die Dayaker nicht Mohamedanischen Glaubens sind,
+können sie Schweine halten.</p>
+
+</div>
+
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe6 padtop1" id="p081_ende">
+ <img class="w100" src="images/p081_ende.jpg" alt="" data-role="presentation">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Drittes_Kapitel">Drittes Kapitel.</h2>
+
+</div>
+
+<p class="s5 hang2 mbot2">Abreise von Sarawak. — Gezwungene Rückkehr. — Ankunft in Sacaran. —
+Die unabhängigen Dayaker. — Der Schwert-Tanz. — Die eroberten
+Menschenköpfe. — Fahrt auf dem Luppar. — Angstvolle Nacht. —
+Begegnung eines kriegführenden Stammes. — Uebergang des Gebirges
+Sekamil. — Feierlicher Empfang bei dem Sultan von Sintang.</p>
+
+<p><img class="illowe1_2 mbot-0_5" src="images/p082_init.jpg" alt="D">a ich in Sarawak nichts mehr zu besehen hatte, wünschte ich meine
+Reise fortzusetzen. Mein Plan war, zur See nach dem Flusse Sacaran zu
+fahren, diesen landeinwärts zu verfolgen bis an das Gebirge Sekamil,
+welches die ost-westliche Wasserscheide macht, das Gebirge selbst zu
+übersteigen, auf den westlichen Gewässern mich wieder einzuschiffen,
+und auf diese Art in einem großen Bogen nach <em class="gesperrt">Pontianak</em> zu
+gelangen, einer holländischen Besitzung, die an der nord-westlichen
+Küste Borneos liegt. Kapitän Brooke suchte mir dieses Unternehmen
+mit aller Macht auszureden; er versicherte mir, daß das Innere des
+Landes voll wilder, größtenteils unabhängiger Dayakerstämme sei,
+und daß er selbst als Mann diese Reise nicht wagen würde. Doch
+alle Gegenvorstellungen waren umsonst, — ich beharrte bei meinem
+Entschlusse.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span></p>
+
+<p>Herr Brooke war so gefällig sein Kanonenboot „Jolie“ unter Befehl des
+Kapitäns <em class="gesperrt">Grimble</em> in Bereitschaft setzen zu lassen, um mich zur
+See bis an die Mündung des Flusses Sacaran (80 Meilen) zu bringen; ein
+Prauh sollte mich von dort stromaufwärts nach dem Forte Sacaran führen.</p>
+
+<p>Die Bereitung des Bootes, mehr aber das schlechte Wetter hielten mich
+noch zehn Tage in Sarawak fest.</p>
+
+<p>Den Silvesterabend brachten wir sehr angenehm zu. Kapitän Brooke hatte
+alle Europäer zu einem Festessen geraden, bei welchem es natürlich
+nicht an Toasten fehlte. Der erste galt der Königin, der zweite
+dem Rajah Brooke, der dritte mir, und den vierten brachte ich den
+versammelten Herren aus. Froh und heiter traf uns das neue Jahr (1852)
+vereint. Am 1. Januar klärte sich das Wetter auf, und die Sonne schien
+freundlich auf uns nieder. Kapitän Brooke ließ alle die Kleinen von
+dem Missionshause kommen und bewirthete sie mit einem guten Mahle.
+Die Kinder sprangen und tummelten sich im Garten umher, während die
+Eingebornen sich mit Wettfahrten auf dem Strome erlustigten und Kapitän
+Brooke die Sieger mit Geschenken beglückte.</p>
+
+<p>Den <em class="gesperrt">5. Januar</em> (1852) trat ich in Begleitung eines Missionärs,
+der sich in Sacaran festsetzen sollte, meine Weiterreise an. Wir
+kamen glücklich zur See,<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> fanden sie aber so stürmisch und aufgeregt,
+daß jeder Versuch vorzudringen, vergeblich war. Eine Sturzwelle
+zertrümmerte das Bugspriet, eine zweite wusch die Kabüse (Küche) sammt
+dem bereiteten Mahle über Bord. Wir mußten zurück, und am 6. Januar
+lagen wir wieder in Sarawak vor Anker.</p>
+
+<p>Kapitän Brooke meinte, ich sollte diese Hindernisse als Warnung ansehen
+und der Reise entsagen. Ich erwiederte ihm, daß ich, obwohl Frau und
+alt, mich vor Vorurtheilen und Aberglauben zu bewahren gewußt habe.</p>
+
+<p>Sturm und Regen wechselten Tag für Tag; seit lange konnte man sich
+eines so unausgesetzt schlechten Wetters nicht erinnern. Die Malaien
+schrieben es einer Mondesfinsterniß zu, die am 8. Januar statt hatte.</p>
+
+<p>An das Kanonenboot war unter solchen Umständen nicht zu denken. Wollte
+ich fort, so mußte ich es in einem Prauh wagen, mit dem man nahe an der
+Küste fahren und in jeden Fluß einlenken kann. Ich entschloß mich dazu
+und schiffte mich am</p>
+
+<p><em class="gesperrt">17. Januar</em> unter heftigem Regen zum zweiten Male ein, und zwar
+diesmal allein mit einem Malaischen Führer, den mir Kapitän Brooke
+mitgab. Der Missionär fürchtete sich vor der Seekrankheit! — Kapitän
+Grimble wollte mich durchaus begleiten; allein ich gab es nicht zu.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span></p>
+
+<p>Auch diesmal fanden wir die See sehr böser Laune: sie sandte Wogen
+auf Wogen über uns, so daß wir bald halb im Wasser saßen und uns
+nach einigen Stunden beschwerlichen Kampfes in ein nahes Flüßchen
+zurückziehen mußten. Den folgenden Tag ging es wenig besser, und erst
+den dritten gelangten wir in die Mündung des Flusses Sacaran. Hier
+begünstigten uns Wind und Fluth, und wir legten die 69 Meilen nach dem
+Fort in neun Stunden zurück.</p>
+
+<p>Kommandant <em class="gesperrt">Lee</em> empfing mich sehr zuvorkommend in dem hölzernen
+Fort, welches Rajah Brooke erst vor kurzem hier an der Grenze seines
+Landes bauen ließ. Das Fort ist von niedrigen Erdwällen umgeben und hat
+eine Besatzung von 30 eingebornen Soldaten. Herr Lee und ein Beamter
+sind die einzigen Europäer.</p>
+
+<p>Der Fluß Sacaran ist etwas bedeutender als der Sarawak, theilt sich
+jedoch schon 30 Meilen von der Mündung in zwei Arme, an dessen
+kleinerem, <em class="gesperrt">Luppar</em> genannt, das Fort liegt.</p>
+
+<p>Die Ufer sind abwechselnd mit Nipa-Palmen, Laubwäldern, Jungle-Gras
+und Reispflanzungen bedeckt. Auch hier wie bei dem Sarawak, tritt das
+Wasser an vielen Stellen tief in das Land, eine Eigenthümlichkeit
+der meisten Flüsse auf Borneo; ihre<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> Ufer sind so niedrig, daß alles
+meilenweit unter Wasser steht und sich Sümpfe und Moräste bilden.</p>
+
+<p>Herr Lee war von meiner Ankunft unterrichtet, und hatte diese Nachricht
+den Eingebornen mitgetheilt, die von allen Seiten herbeiströmten um
+mich zu sehen, da eine weiße Frau noch nie hierher gedrungen war.
+Vom Morgen bis Abend mußte ich so gefällig sein, mich betrachten zu
+lassen. Die Besucher, Malaien und Dayaker, benahmen sich aber sehr
+bescheiden; ihre Neugierde war nicht belästigend; sie reichten mir die
+Hand, setzten sich nieder und begafften mich stillschweigend. Einige
+der Dayakerinnen hatten kurze Oberleibchen an, die sie jedoch bei dem
+Eintritte in das Zimmer ganz ungenirt ablegten.</p>
+
+<p>Den folgenden Tag erwiederte ich einige Besuche. Ich fand bei den
+Malaien alles so wie zu Sarawak und hielt mich daher nicht lange
+bei ihnen auf. Ich zog es vor, einen unabhängigen Dayaker-Stamm<a id="FNAnker_16" href="#Fussnote_16" class="fnanchor">[16]</a>
+in der Nähe von Sacaran zu besuchen. Hier fand ich eine große Hütte
+von wenigstens 200 Fuß Länge. In der Veranda war so vielerlei Kram
+ausgelegt, daß ich diese Dayaker für Kaufleute gehalten hätte, wenn es
+solche unter ihnen gäbe. Da lagen Stoffe von Zeug<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> oder Bast, herrliche
+Matten, schön geflochtene Körbe von allen Größen und Formen und von
+ausnehmend geschickter Arbeit; dort standen einige jener kostbaren
+Vasen, deren Werth ich noch immer nicht begreifen konnte, — hier
+hingen Parangs, Trommeln, Gongs; alle ihre Reichthümer waren zur Schau
+gestellt, der großen Vorräthe an bereiteten Bambus und Nipa, so wie
+der aufgestapelten Säcke von Reis und anderen Lebensmitteln nicht zu
+vergessen.</p>
+
+<p>Auch sah ich bei diesen Dayakern ungleich mehr Schmuck als bei jenen
+auf dem Berge Serambo. Manche der Männer waren überladen damit. Sie
+hatten den Hals bis an die Brust mit Glasperlen, Zähnen des Honigbären
+und Muscheln behängt, die Arme bis an die Ellbogen, die Füße bis
+an die Hälfte der Waden mit Messingreifen umgeben. An einem der
+Oberarme trugen sie häufig ein aus einer weißen Muschel geschnittenes
+Armband, welches unter ihnen für sehr werthvoll gilt. Allein das
+allerwerthvollste für sie ist ein Hals- und Armband von Menschenzähnen.
+Die Ohren waren durchstochen und mit Messingringen geschmückt. Ich
+zählte an einem derselben 15 Ringe, von welchen jeder an Umfang zunahm;
+der größte hing bis an die Schulter hinab und hatte gewiß drei Zoll
+im Durchmesser. An diesen letzten war noch ein Blatt, eine Blume, ein
+Messing-Kettchen oder<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> sonst irgend ein Gegenstand befestigt. Auf
+dem Kopfe trugen manche ein Käppchen von rothem Stoffe, mit Perlen,
+Muscheln und Messingblättchen verziert und mit einer hohen Feder des
+schönen Argusvogels. Andere hatten ein Stück Bastzeug kranzartig
+um den Kopf geschlungen, dessen Enden breit ausgefranst waren und
+aufgestülpten Federn glichen. Ein so geschmückter Mann sah etwas
+komisch aus, oben voll Putz, unten nackt.</p>
+
+<p>Die Weiber trugen ungleich weniger Schmuck: sie hatten keine
+Ohrgehänge, keine Bärenzähne und nur selten Glasperlen. Dagegen war
+ihr Raway, hier Sabit genannt, acht bis neun Zoll breit, und war mit
+einer Unzahl Messing- oder Bleiringe besetzt. Ich hob eines dieser
+Prachtstücke auf und glaube nicht zu übertreiben, wenn ich sein Gewicht
+auf zwanzig Pfund schätze.</p>
+
+<p>Herr Lee ersuchte den Häuptling, den Schwert-Tanz aufführen zu lassen.
+Zwei Parangs wurden zu diesem Zwecke kreuzweise auf den Boden gelegt.
+Die Tänzer waren zwei festlich geschmückte Jünglinge. Sie hatten rothe,
+schmale Tücher mit Goldbörtchen besetzt, um den Kopf geschlagen und ein
+langes Stück buntes Zeug, gleich einem Shawl über die Achsel geworfen.
+Der Tanz war äußerst zierlich und anständig. Hier hatten nicht nur
+die Hände und Arme, sondern auch die Füße zu thun. Die beiden Tänzer
+machten hübsche Stellungen und vollführten kunstvolle Bewegungen.<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span>
+Erst tanzten sie einige Minuten um die Schwerter, dann schienen sie
+sie erheben zu wollen, sprangen aber jedesmal, wie von Ersetzen
+erfaßt, zurück, bis sie dieselben endlich wirklich erhoben und in der
+geübtesten Weise kreuzten, gleich den best geschulten Fechtern. —
+Unstreitig war dies der schönste Tanz, den ich bisher von Wilden hatte
+aufführen gesehen. Die Musik bestand aus zwei Trommeln und einem Gong.</p>
+
+<p>Denselben Tag besuchte ich noch einen zweiten Stamm, weiter aufwärts an
+dem Strome. Ich fand alles eben so wie bei dem ersteren; nur sah ich
+hier zwei erst kürzlich abgeschnittene Menschenköpfe. Es hatte zwar bei
+dem andern Stamme an diesen gewöhnlichen Trophäen auch nicht gefehlt;
+sie waren aber schon alt und in vollkommene Todtenschädel verwandelt;
+diese im Gegentheil erst vor wenig Tagen erobert, sahen fürchterlich
+aus. Der Rauch hatte sie kohlschwarz gefärbt, das Fleisch war halb
+eingetrocknet, die Haut unversehrt. Lippen und Ohren waren ganz
+zusammengeschrumpft; erstere standen weit von einander, so daß sich
+das Gebiß in seiner ganzen Häßlichkeit zeigte. Von den noch reich mit
+Haaren bedeckten Köpfen hatte einer die Augen offen, die ebenfalls halb
+eingetrocknet, weit in ihre Höhlen zurückgetreten waren. Die Dayaker
+nahmen die Köpfe aus dem Geflechte, in welchem<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> sie hingen, um sie mir
+genau zu zeigen — ein fürchterlicher Anblick, den ich nicht leicht
+vergessen werde.</p>
+
+<p>Sie hauen die Köpfe so knapp am Rumpfe ab, daß man nur auf eine äußerst
+geübte Hand schließen kann. Das Gehirn wird am Hintertheil des Kopfes
+herausgenommen.</p>
+
+<p>Als sie die Köpfe in die Hand nahmen, spieen sie ihnen in’s Gesicht,
+die Knaben gaben ihnen Püffe und spieen auf die Erde. Die sonst ruhigen
+und friedlichen Gesichter nahmen bei dieser Gelegenheit einen starken
+Ausdruck von Wildheit an.</p>
+
+<p>Ich schauderte, — konnte aber doch nicht umhin zu bedenken, daß wir
+Europäer nicht besser, ja im Gegentheile schlechter sind als diese
+verachteten Wilden. Ist nicht jedes Blatt unserer Geschichte voll
+Schandthaten, Morde und Verräthereien jeder Art? — Was läßt sich
+vergleichen mit den Religionskriegen in Deutschland und Frankreich, mit
+der Eroberung Amerikas, mit dem Faustrechte, mit der Inquisition? Und
+selbst in neueren Zeiten, nachdem wir vielleicht feiner und gebildeter
+in der äußeren Form, sind wir deshalb weniger grausam? — Nicht eine
+kleine, elende Hütte, gleich den rohen, unwissenden Dayakern, sondern
+geräumte Hallen, die größten Paläste, könnten manche berühmte Männer
+Europas mit den Köpfen schmücken, die ihren herrschsüchtigen und
+ehrgeizigen Plänen zum<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> Opfer gefallen sind! Hat Napoleon in seinen
+Eroberungszügen nicht Millionen geschlachtet? Werden die meisten Kriege
+aus anderen Ursachen, als aus Habsucht und Raubgier eines Einzelnen
+unternommen? Wahrlich ich wundere mich, wie wir Europäer es wagen
+können, Zeter und Wehe über arme Wilde zu schreien, die zwar ihre
+Feinde umbringen gleich uns, die aber die Entschuldigung für sich
+haben, daß sie weder Religion noch Bildung besitzen, welche ihnen
+Sanftmuth, Milde und Abscheu vor Blutvergießen predigen.</p>
+
+<p>In vielen Reisebeschreibungen liest man, daß die Dayaker ihrer
+Auserwählten die Liebe dadurch beweisen, daß sie ihr einen Menschenkopf
+zu Füßen legen. Der Reisende, Herr <em class="gesperrt">Temmingk</em>, sagt jedoch, dieß
+sei nicht wahr. Derselben Meinung möchte ich auch beistimmen. Wo
+sollten alle die Köpfe hergenommen werden, wenn jeder Jüngling seiner
+Braut ein derartiges Geschenk machte? Die traurige Sitte des Köpfens
+scheint vielmehr aus Aberglauben entstanden zu sein. Erkrankt z.&#8239;B. ein
+Rajah oder unternimmt er eine Reise zu einem anderen Stamme, so gelobt
+er und sein Stamm einen Kopf im Falle der Genesung oder der glücklichen
+Wiederkehr. Stirbt er, so werden auch ein oder zwei Köpfe geopfert. Bei
+Friedensschlüssen wird ebenfalls von manchen Stämmen von jeder Seite<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span>
+ein Mann geliefert, um geköpft zu werden; bei den meisten jedoch werden
+Schweine statt der Menschen geopfert.</p>
+
+<p>Ist ein Kopf gelobt, so muß er um jeden Preis herbeigeschafft werden.
+Gewöhnlich legen sich dann einige Dayaker in einen Hinterhalt. Sie
+verbergen sich in dem drei bis sechs Fuß hohen Jungle-Grase, oder
+zwischen Bäumen oder abgehauenen Zweigen, unter dürrem Laube, und
+harren Tagelang ihres Opfers. Nähert sich ein menschliches Wesen, Mann,
+Weib oder selbst ein Kind dem Verstecke, so schießen sie erst einen
+vergifteten Pfeil ab, dann springen sie gleich Tigern auf ihre Beute
+los. Mit einem einzigen Hiebe trennen sie den Kopf vom Rumpfe. Der
+Körper wird sorgfältig verborgen, der Kopf aber in ein Körbchen gelegt,
+welches besonders zu diesem Zwecke bestimmt und mit Menschenhaaren
+verziert ist.</p>
+
+<p>Derlei Morde sind natürlich stets Veranlassungen zu Kriegen. Der Stamm,
+aus welchem ein Mitglied getödtet wurde, zieht zu Felde und ruht
+nicht eher, als bis er zum Ersatze einen, auch zwei Köpfe hat. Diese
+werden dann im Triumphe, unter Tanz und Gesang nach Hause gebracht und
+feierlich aufgehangen. Die darauf folgenden Festlichkeiten dauern einen
+ganzen Monat.</p>
+
+<p>Die Dayaker lieben die Köpfe so sehr, daß wenn<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> sie mit den Malaien
+vereint einen Piratenzug oder eine Fehde unternehmen, sie sich blos
+die Köpfe ausbedingen und alle übrige Beute den habgierigen Malaien
+überlassen.</p>
+
+<p>Sie verschieben ihre Züge stets bis nach der Reisernte, die für sie zu
+wichtig ist, um unterbrochen zu werden, und nehmen Weiber und Kinder
+mit sich.</p>
+
+<p>Ich bedauerte sehr, nicht acht Tage früher gekommen zu sein. Ich
+hätte der Feier eines Friedenschlusses beiwohnen können, der, Dank
+dem eifrigen Bestreben Rajah Brooke’s, zwischen zwei unabhängigen
+Dayaker-Stämmen geschlossen worden war. Herr Lee erzählte mir, daß
+die beiden feindlichen Häuptlinge (Rajah’s) von 20 oder 30 ihrer
+Leute begleitet, vor sein Haus kamen. Jeder brachte ein Schwein mit.
+Nach langen Reden zwischen den Häuptlingen und dem Volke, wurden die
+Schweine geköpft, aber nicht durch Dayaker, sondern durch Malaien.
+Fällt der Kopf auf einen Streich, so bedeutet es Glück. Die Schweine
+wurden nicht verzehrt, sondern in den Fluß geworfen. Sie schließen ihr
+Bündniß nicht auf Jahre (diese Rechnung ist ihnen unbekannt), sondern
+auf Reisernten.</p>
+
+<p>Herr Lee hatte ebenfalls versucht, mir mein Vorhaben, in das Innere
+des Landes zu dringen, auszureden. Den Nachrichten zu Folge, die er
+erst kürzlich von jenen Gegenden erhalten hatte, war ein Häuptling<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span>
+getödtet worden und alles in Krieg verwickelt. Mein Entschluß, so weit
+vorzudringen als man mich ließe, stand jedoch fest, und ich schiffte
+mich am</p>
+
+<p><em class="gesperrt">22. Januar</em> auf dem <em class="gesperrt">Luppar</em> ein, mit der Absicht
+stromaufwärts bis an das Gebirge <em class="gesperrt">Sekamil</em> zu gehen. Ich nahm,
+außer dem Malaischen Diener, den mir Kapitän Brooke mitgegeben hatte,
+und acht Malaischen Bootsleuten, noch den Koch Herrn Lee’s als
+Steuermann mit, der mir durch die Güte des Herrn Lee zur Verfügung
+gestellt und von großem Nutzen wurde, weil er einige Worte Englisch
+sprach.</p>
+
+<p>Die Reise begann sogleich in dem Gebiete der freien Dayaker, und zwar
+der Stämme, die als sehr wild bekannt sind.</p>
+
+<p>Zeitlich des Nachmittags landeten wir an einem ihrer Wohnplätze, um
+daselbst die Nacht zuzubringen. Mein Hauptbestreben war, stets mich
+ihnen vertrauungsvoll und herzlich zu nahen. Ich schüttelte Männern und
+Weibern die Hände, setzte mich unter sie, sah ihren Arbeiten zu, nahm
+die Kinder auf den Schooß u.&#8239;s.&#8239;w. Dann begab ich mich in den Wald,
+um nach Insekten zu suchen. Daß mir ein ganzer Zug der Eingebornen,
+besonders der Kinder folgte, versteht sich von selbst. Sie wollten
+sehen wohin ich ginge, wozu mir das Schmetterlingnetz und die Schachtel
+diente, die ich zur Aufbewahrung der Insekten stets mit mir<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> trug. Sie
+betrachteten mein Thun und Lassen gerade so wie ich das Ihrige. Anfangs
+lachten sie mich wohl aus, wenn sie sahen mit welcher Emsigkeit ich
+nach jedem Schmetterlinge, nach jeder Fliege haschte<a id="FNAnker_17" href="#Fussnote_17" class="fnanchor">[17]</a>; doch kaum
+hatte ich ihnen begreiflich gemacht, daß ich Arzneien daraus bereite,
+als aus den Lachern gewöhnlich eben so viele Sucher wurden. Es war
+nothwendig, ihnen etwas derartiges, für ihr Fassungsvermögen passendes
+zu sagen. Ich habe ihnen vieles von meinen Sammlungen zu verdanken.</p>
+
+<p>Mit der Abend-Dämmerung heimkehrend, fand ich ein Plätzchen, mit
+reinlichen Matten belegt, für mich bereit. Die Leute setzten sich zwar
+in meine Nähe, berührten aber nicht das Geringste; ihre Achtung vor
+meinem Eigenthume war so groß, daß wenn ich meinen Platz verließ, sie
+ebenfalls hinweg gingen. Ich konnte ruhig alles offen umher liegen
+lassen. Auch wenn ich aß, setzten sie sich weiter von mir weg, um mich
+nicht zu stören. Man gab mir gewöhnlich Reis und Hühner-Kuri<a id="FNAnker_18" href="#Fussnote_18" class="fnanchor">[18]</a>.
+Leider war letzteres stets mit ranzigem Kokosöl<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> zubereitet; da ich
+jedoch vom frühen Morgen bis späten Abend nichts über die Lippen
+brachte, that der Hunger sein Bestes; kam es manchmal gar zu arg, so
+hielt ich die Nase zu und suchte mein Mahl so schnell als möglich zu
+verschlucken.</p>
+
+<p>Lange des Abends blieben die Dayaker wach. Erst nach elf Uhr erlosch
+ein Feuer nach dem andere und dicke Finsterniß umgab mich. Dennoch
+war mir in einer solchen Nacht nicht bange zu Muthe, obwohl ich mich,
+von jeder Hilfe abgeschnitten, ganz allein unter so begeisterten
+Kopfliebhabern befand. Ich wußte, daß Rajah Brooke’s Namen bis hierher
+gedrungen sei und daß ich unter dem Schutze der Achtung die man ihm
+zollt, sicher ruhen konnte.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">23. Januar.</em> Während des Tages fiel nichts vor; wir fuhren an
+mehreren Dayakerplätzen ungestört vorüber. Nachmittags kehrten wir
+wieder bei einem Stamme ein. Hier sah es aber nicht sehr gemüthlich
+aus, denn die Leute waren erst vor zwei Tagen von einem Kampfe
+heimgekehrt und hatten einen Kopf mitgebracht, der nebst andern schon
+beinah ganz ausgetrockneten, über der Feuerstelle hing, an der mein
+Lager bereitet wurde. Es ist dies nämlich der Ehrenplatz, der dem
+Gaste geboten wird, — eine höchst widerliche Auszeichnung, die man
+doch nicht ausschlagen darf. Die dürren Schädel, die in dem starken
+Zugwinde<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> gegen einander klapperten, der unbeschreibliche, erstickende
+Gestank, der von dem frischen Kopfe ausging, und den mir der Luftzug
+zeitweise in’s Gesicht trieb, der Anblick der Leute, die noch sehr
+aufgeregt schienen und beständig um mein Lager kreisten, als schon
+alle Feuer erloschen waren, brachte mich um Schlaf und Ruhe. Ich
+gestehe aufrichtig, meine Angst war so groß, daß ich in eine Art Fieber
+verfiel. Länger konnte ich nicht liegen bleiben und wagte doch nicht
+aufzustehen. Ich setzte mich aufrecht und meinte jeden Augenblick das
+Messer schon an meinem Nacken zu fühlen. Erst gegen Morgen sank ich
+ermüdet und erschöpft auf mein Lager zurück.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">24. Januar.</em> Das Reisen auf Borneo geht unendlich langsam von
+statten. Es ist unmöglich, die Bootsleute in den schönen frühen
+Morgenstunden zum Aufbruche zu bringen. Sie müssen erst ihren
+erbärmlichen Reis kochen, und dazu benöthigen sie so viel Zeit, wie bei
+uns ein Koch mit dem größten Mittagsmahle. Während der Fahrt halten sie
+ebenfalls jeden Augenblick mit dem Rudern inne, der Eine um sein Siri
+zu bereiten, der Andere um Strohcigarren zu wickeln oder zu rauchen, so
+daß im Durchschnitte kaum die Hälfte der Leute arbeitet. Noch nie ward
+meine Geduld so auf die Probe gesetzt, wie auf dieser Reise.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span></p>
+
+<p>Der Malaie, den mir Kapitän Brooke mitgegeben hatte, und von dem er
+versichert zu sein glaubte, daß er mir gute Dienste leisten würde<a id="FNAnker_19" href="#Fussnote_19" class="fnanchor">[19]</a>,
+war der unausstehlichste von allen. Er sollte mich bedienen und zu
+gleicher Zeit die Leute zur Arbeit, zum frühen Aufbruche anhalten. Von
+alle dem that er nicht das Geringste; seinetwegen konnten die Leute um
+Mittag aufbrechen. Er blieb ruhig liegen, oder rauchte und plauderte,
+und statt mich zu bedienen, ließ er sich bedienen. Befahl ich ihm
+etwas, so gab er mir keine Antwort, oder kehrte mir den Rücken zu, so
+daß ich alle Dienste, deren ich benöthigte, von den Bootsleuten fordern
+mußte.</p>
+
+<p>Die Fahrt wurde nun mit jedem Ruderschlage reizender. Die Ufer
+erhöhten sich, üppige Reispflanzungen verdrängten die Moräste, und
+weiter im Hintergrunde erschienen freundliche Hügelketten. Unter
+den Bäumen gab es wahre Prachtexemplare, manche mit Stämmen von 120
+bis 140 Fuß Höhe, andere mit tief herabhängenden Aesten, die sich
+weit über die Wasserfläche streckten und kühle Laubdächer bildeten.
+Auf hohen, schlanken Bäumen mit sehr wenig Aesten findet man häufig
+große Bienenstöcke. Um sie des Honigs zu berauben, verfertigen die
+Eingebornen eine<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> Art Leiter aus Bambus, die je zu zwei und zwei Fuß an
+dem Stamm befestiget ist, von welchem sie ungefähr sechs Zoll absteht,
+und die oft bis zu einer Höhe von 80 Fuß führt.</p>
+
+<p>Auch heute, wie gestern, kehrte ich bei Dayakern ein. Kaum hatte ich
+mich auf mein Lager begeben, so hörte ich ein schnelles, taktmäßiges
+Klatschen. Ich erhob mich und ging neugierig der Stelle zu, von welcher
+diese Musik kam. Da lag ein Mann ausgestreckt und unbeweglich auf
+der Erde, auf dessen Körper ein halbes Dutzend Jünglinge mit flachen
+Händen abwechselnd losschlug. Ich hielt den Mann für todt und staunte
+über diese sonderbare Zeremonie, die mit seinem Körper vorgenommen
+wurde. Allein nach einer Weile sprang der vermeinte Todte unter dem
+schallenden Gelächter der Jünglinge auf und — das Spiel war zu Ende.
+So viel ich verstand, hält man dergleichen Uebungen für sehr nützlich
+für den Körper, da sie ihm Biegsamkeit und Kraft verleihen sollen.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">25. Januar.</em> Immer schönere Ansichten bieten sich dem Blicke
+dar. Die Berge vervielfältigen sich und werden höher und höher; manche
+der Spitzen, die ich heute sah, mochten über 3000 Fuß hoch sein. Mich
+erinnerte die Reise auf Borneo zum Theil an jene im Innern Brasiliens.
+Hier wie dort undurchdringlicher Urwald mit erdrückender Vegetation,
+hier wie dort wenig<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> gelichtetes Land, wenig bewohnte Plätze. Der
+einzige Unterschied ist, daß Borneo von zahllosen Flüssen und Flüßchen
+durchschnitten wird, während Brasilien nur wenige, dagegen aber desto
+mächtigere Ströme besitzt. Was könnte aus beiden Ländern geschaffen
+werden<a id="FNAnker_20" href="#Fussnote_20" class="fnanchor">[20]</a>, wären sie mit friedlichen, arbeitsamen Menschen bevölkert!
+Leider ist dies nicht der Fall; Eingeborne sind nur wenige, und diese
+denken mehr an Krieg und Zerstörung, als an Kultur und Arbeit, und die
+weißen Ansiedler schließt theilweise das Klima aus.</p>
+
+<p>Eine Sonderbarkeit Borneo’s ist die dunkelbraune Farbe seiner Gewässer.
+Einige Reisende behaupten, sie rühre von den vielen Blättern her, die,
+da die Ufer dicht mit Waldungen besetzt sind, in die Flüsse fallen und
+verfaulen. Dieser Meinung möchte ich beinahe widersprechen, denn auf
+der Insel <em class="gesperrt">Ceram</em>, welche ich später bereiste, und die an Wäldern,
+an Flüssen eben so reich ist wie Borneo, fand ich das Wasser überall
+krystallhell.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Alexander von Humboldt</em> bemerkte diese dunkle Farbe auch an
+Flüssen in Amerika, und er fügt bei, daß in derlei Gewässern weder
+Krokodile noch<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> Fische leben. Auf Borneo ist dies nicht der Fall. Hier
+fehlt es nirgends an Kaimans (zum Geschlechte der Krokodile gehörig)
+und Fischen.</p>
+
+<p>Abends saß ich wieder unter einem Schwarme Dayaker und unterhielt mich
+mit ihnen mittelst eines Malaischen Dolmetschers und des Koches so
+gut es ging. Ich frug sie, ob sie an einen großen Geist glaubten, und
+ob sie Götzen und Priester hätten. So viel ich aber verstehen konnte,
+glauben sie an nichts und haben weder Götzen noch Priester. Ersteres
+mag vielleicht nicht der Fall sein, ich kann sie schlecht verstanden
+haben; was aber letztere anbelangt, so habe ich deren wirklich nie bei
+ihnen gesehen. Dagegen fehlt es nicht an Rajah’s; jedem Häuptlinge,
+wenn sein Stamm auch nur aus einigen Dutzend Familien besteht, wird
+dieser hochtrabende Titel beigelegt. Dies erinnerte mich an Ungarn und
+Polen, wo sich alles, was nicht leibeigen war, „Edelmann“ nannte.</p>
+
+<p>Wir waren in der besten Unterhaltung, als ein Junge eine wilde Taube
+brachte, die er im Walde gefangen hatte. Ein Mann nahm sie ihm ab,
+drehte dem armen Tierchen den Hals um, zog ihm einige der längsten
+Flügelfedern aus und warf es in’s Feuer. Kaum waren die übrigen Federn
+halb verbrannt, als er sie vom Feuer nahm, den Kopf und die äußersten
+Flügelenden abriß, und einem neben ihm stehenden,<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> begierig darauf
+harrenden Kinde gab. Er legte die Taube hierauf zum zweiten Male in
+das Feuer, aber nur auf einige Augenblicke, nahm sie wieder weg und
+zerriß sie in sechs Stücke, die er an eben so viele Kinder vertheilte.
+Er selbst kostete nicht einmal davon. Ich hatte schon bei vielen
+Gelegenheiten bemerkt, daß die Dayaker sehr zärtliche Eltern sind.</p>
+
+<p>Denselben Abend brach ein fürchterliches Ungewitter los, von echt
+tropischen Regengüssen (bei uns Wolkenbruch genannt) und heulendem
+Sturme begleitet. Ein Windstoß löschte alle Feuer aus. Wir sprangen auf
+und flüchteten in das Innere des Hauses, jeden Augenblick gewärtig, daß
+ein zweiter das Blätterdach über unsern Häuptern davon tragen würde.
+Aber wie alles zu Heftige selten lange anhält, so war es auch mit
+diesem Sturme: in einer halben Stunde war er vorüber. Die Leute hatten
+angefangen, aus Leibeskräften zu singen und den Gong zu schlagen, wie
+ich glaubte, um den Sturm zu übertäuben und zu vertreiben, und sie
+fuhren damit bis zum frühen Morgen fort. Ihre Gesänge glichen einem
+tollen Geheule. Ich unterschied zwei Melodien, die beide von einem
+Vorsänger vorgeschrieen wurden, und an deren Ende die übrigen jedesmal
+einfielen. Vier Jünglinge führten auch einen Tanz auf. Sie tappten mit
+langsamen, gleichmäßigen Schritten um die Feuerstelle, über welcher<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span>
+die Todtenschädel hingen. Jeder der Jünglinge hatte einen tüchtigen
+Knittel in der Hand, mit dem er bei jedem Schritte heftig auf den Boden
+stieß. Zeitweise spuckten sie nach den Schädeln. Wie ich später erfuhr,
+galt diese Musik und dieser Gesang nicht dem Sturme; es war ein Fest,
+welches einem Kriegszug voranging.</p>
+
+<p>Bei allen Stämmen, die ich auf dieser Reise gesehen hatte, wohnte der
+Häuptling in keiner abgesonderten Hütte, sondern gemeinschaftlich mit
+den Familien. Die Jünglinge schliefen und wohnten in den Veranden
+(Vorplätzen).</p>
+
+<p><em class="gesperrt">26. Januar.</em> Meine Reise unter den wilden Dayakern ging so ohne
+alle Gefahr und Schwierigkeiten vor sich, obwohl ich manchmal Ursache
+hatte, das Schlimmste zu fürchten, daß ich schon anfing, mich einer
+gänzlichen Sorglosigkeit hinzugeben. Heute sollte ich eines andern
+belehrt werden.</p>
+
+<p>Ich saß ruhig in meinem Prauh, als uns ein kleines Kanoe entgegen
+kam, in welchem vier Dayaker saßen, die mit größtmöglichster Eile
+stromabwärts ruderten. Sie hielten bei uns nicht an, sondern schrieen
+uns blos im Vorüberfahren zu, so schnell als möglich umzukehren, da der
+nächste Stamm, mehr aufwärts am Flusse, gerade zum Kriege ausziehe. Sie
+selbst seien nur entkommen, weil man sie nicht gesehen habe.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span></p>
+
+<p>Diese Nachricht machte mich höchst bestürzt. So nahe dem Gebirge —
+diesen Abend sollten wir an dessen Fuß gelangen — und nun umkehren!
+Ich hielt Rath mit dem Koche, dem einzigen Mann, mit dem ich einige
+Worte sprechen konnte, und suchte ihn für die Weiterfahrt zu stimmen.
+Glücklicher Weise war er ein beherzter Mensch; er meinte, daß, obwohl
+die Dayaker auf ihren Kriegszügen gewöhnlich alles niedermachen, was
+ihnen in die Hände fällt, sie doch vielleicht Rajah Brooke’s Flagge
+achten würden. Ich gab ihm Recht, ließ sogleich die Flagge aufziehen,
+und die Reise wurde, gegen den Willen der anderen Bootsleute,
+fortgesetzt.</p>
+
+<p>Wir fuhren nicht lange, so vernahmen wir schon den Kriegsgesang
+mit Begleitung des Gongs und der Trommel. Noch bargen uns die
+hochbewaldeten Ufer; aber wenig Ruderschläge weiter, bei einer Krümmung
+des Flusses, zeigte sich uns ein Bild, das wohl den beherztesten Mann
+mit Furcht erfüllt hätte. Auf einer kleinen Erhöhung am Ufer standen
+die Wilden, gewiß Hundert an der Zahl, mit hohen, schmalen Schilden,
+und mit Parangs in den Händen. Bei unserem Anblicke stieg ihr Geschrei
+auf’s Höchste, und ihre Geberden wurden fürchterlich.</p>
+
+<p>Das Herz erbebte mir im Leibe; doch zur Rückkehr war es zu spät.
+Entschlossenheit allein konnte<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> uns retten. Dem Hügel gegenüber,
+mitten im Flusse, lag eine Sandbank. Auf diese sprang mein wackerer
+Koch und begann eine Unterhandlung mit dem Rajah, von welcher ich
+leider kein Wort verstand, da sie in Dayakischer Sprache vor sich
+ging. Um so größer war meine Bestürzung, als plötzlich die Wilden die
+kleine Anhöhe herabsprangen, sich theils in Kanoe’s, theils ins Wasser
+stürzten, rudernd und schwimmend auf mein Prauh zu kamen und es von
+allen Seiten umringten und erstiegen. Nun, dachte ich, sei der letzte
+Augenblick meines Lebens gekommen. Doch bald vernahm ich die Stimme
+des Koches, der sich durch die Leute drängte und mir zuschrie, daß man
+uns willkommen hieße. Zu gleicher Zeit wurde auf der Anhöhe ein weißes
+Fähnlein als Friedenszeichen aufgesteckt.</p>
+
+<p>Wer je dem Tode wirklich nahe war, der allein kann sich eine
+Vorstellung machen von der Angst, die ich ausgestanden, so wie von der
+Freude, die mich nun erfüllte, als ich mich gerettet sah! Alle diese
+heftigen Gemüthsbewegungen mußte ich unterdrücken und stets die größte
+Kaltblütigkeit zeigen, da dies noch das einzige Mittel ist, den Wilden
+Achtung einzuflößen. Der Koch hatte Recht, Rajah Brooke’s Flagge war
+der Talisman, der uns schützte. Nicht nur daß uns die Leute nichts
+zu Leid thaten; im Gegentheile benahmen sie sich sehr<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> freundlich,
+und luden mich ein, mit ihnen an’s Land zu gehen, was ich auch that,
+um ihnen zu zeigen, daß ich ihre Einladung ehrte und schätzte. Diese
+Achtung und Verehrung, welche die Dayaker für Rajah Brooke bewiesen,
+rührte mich sehr. Man sieht daraus, wie dankbar die wilden Völker sind,
+wenn man es wirklich gut und aufrichtig mit ihnen meint. Hätte ich doch
+in diesem Augenblicke die Feinde dieses edlen Mannes um mich gehabt!
+Wie tief würde sie nicht diese Scene beschämt haben!<a id="FNAnker_21" href="#Fussnote_21" class="fnanchor">[21]</a></p>
+
+<p>Als ich an das Land stieg, fand ich die Weiber und Kinder hinter der
+Anhöhe unter Zelten gelagert. Sie empfingen mich so freundlich wie
+ihre Männer; ich mußte mich sogleich zu ihnen setzen. Auf dem Boden
+lagen viele Eßwaaren ausgebreitet, besonders eine Menge kleiner flacher
+Kuchen von allerlei Farben, weiß, gelb, braun und schwarz. Sie sahen so
+schmackhaft<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> aus, daß ich mit wahrer Lust darein biß. Aber wie bereute
+ich meine Naschhaftigkeit! Die weißen Kuchen bestanden aus Reis-,
+die gelben aus Mais-Mehl. Das Mehl war grob gestoßen, und mit weiter
+nichts als mit einer reichlichen Portion ranzigen Fettes angemacht, das
+aus der Frucht Kawan gewonnen wird. Die braunen und schwarzen Kuchen
+erhielten ihre Farbe von der mehr oder minderen Beimischung eines
+schwarzen Syrups, der aus Zuckerrohr oder von dem Safte verschiedener
+Palmen bereitet wird. Um die guten Leute, die mir mit Gewalt von allem
+geben wollten, nicht zu beleidigen, schluckte ich mit Ekel einige
+Bissen hinab.</p>
+
+<p>Unter den Männern, welche mich umgaben, hatten viele das Körbchen an
+der Seite hängen, welches zum Empfange des eroberten Kopfes bestimmt
+ist. Es war höchst zierlich geflochten, mit Muscheln geschmückt und
+mit Menschenhaaren behangen. Die letztere Zierde darf jedoch nur der
+Dayaker tragen, der bereits einen Kopf erbeutet hat.</p>
+
+<p>Nach eingenommenem Mahle drangen sie in mich, ihren Wohnplatz zu
+besuchen, der tiefer im Walde lag. Ich brach sogleich mit ihnen auf
+und zwar ohne einen einzigen meiner Leute mitzunehmen, wohl wissend,
+daß man bei wilden Völkern um so geachteter und sicherer ist, je mehr
+Zutrauen man ihnen zeigt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span></p>
+
+<p>Ihre Hütten fand ich wie die der übrigen Stämme. Sie baten mich, den
+Rest des Tages und die Nacht bei ihnen zuzubringen; allein ich zog es
+vor, noch diesen Tag bis an den Fuß des Gebirges zu fahren, und nach
+kurzer Rast nahm ich herzlichen Abschied von meinen neuen Freunden.
+Männer und Weiber begleiteten mich bis an mein Prauh, drückten mir die
+Hände und luden mich ein, wieder zu kommen. Sie gaben mir Früchte,
+Kuchen, Eier, nebst einem Bambusrohre voll gekochten Reises mit auf den
+Weg.</p>
+
+<p>Des Abends erreichte ich <em class="gesperrt">Beng-Kalang-Sing-Toegang</em>, einen Ort
+mit einigen Dutzend Hütten, am Fuße des Gebirges Sekamil gelegen, Sitz
+eines Malaischen Rajah’s, dem ich durch einen Brief von Kapitän Brooke
+angelegentlichst empfohlen war.</p>
+
+<p>Hier verabschiedete ich mein Prauh; die Wasserfahrt, deren Länge von
+Sacaran bis an das Gebirge ungefähr 150 Meilen betragen mochte, hatte
+vorläufig ein Ende; es handelte sich nun darum, das Gebirge selbst zu
+übersteigen. Glücklicherweise erbot sich der Rajah, mich persönlich zu
+begleiten, und somit stand dieser gefährlichen Reise nichts mehr im
+Wege. Der nächste Tag verging mit den Vorbereitungen. Der Rajah suchte
+die Mannschaft aus, die er mitnehmen wollte, ließ die Waffen in Stand
+setzen, die Lebensmittel<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> bereiten u.&#8239;s.&#8239;w. Ich benützte diese Zeit,
+das Leben und Treiben der Leute zu beobachten.</p>
+
+<p>Zu der Gattin des Fürsten hatte ich unbedingten Zutritt, nicht nur
+weil ich eine Frau war, sondern auch weil, wie ich schon früher
+erwähnt habe, bei den Malaien die Frauen bei weitem nicht so strenge
+abgeschlossen sind, wie bei den Türken. Die Frau war noch sehr
+jung, gehörte aber nicht zu den schönsten ihres Geschlechtes; im
+Gegentheile war ihrem Gesichte ein Stempel ganz besonderer Trägheit
+und Theilnahmslosigkeit aufgedrückt. Nicht einmal ihr Kind, das um sie
+spielte, konnte ihr ein Lächeln oder eine freundliche Miene abgewinnen.
+Das fürstliche Ehepaar zeichnete sich in der Kleidung von seinen
+Unterthanen und Sklaven nicht im Geringsten aus; das Kind ging, gleich
+den andern Kindern, ganz nackt. Besser beschaffen war die Einrichtung
+des Schlafgemaches, das durch hohe Bambus-Wände von der Küche und den
+übrigen Räumen abgesondert, zugleich als Empfangssaal diente. Hier gab
+es schön gestickte Kissen, eingelegte Holzkästchen, reinliche Klambu’s
+und drei jener räthselhaften, kostbaren Vasen.</p>
+
+<p>Die Malaien halten Sklaven. Sie verdammen hiezu die Kriegsgefangenen
+sowie auch die Schuldner, die nicht bezahlen können. Letztere
+müssen so lange als Sklaven dienen, bis sie von ihren Verwandten<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span>
+oder Freunden ausgelöst werden, was natürlich selten geschieht, da
+das Volk durchschnittlich sehr arm ist. Die Sklaven werden aber
+sehr gut behandelt; sie gehören zur Familie und ich würde nie ein
+Sklaven-Verhältniß bemerkt haben, hätte man es mir nicht gesagt.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">28. Januar.</em> Nun ging es an die Fußreise. Ich hatte dazu eine
+sehr zweckmäßige, einfache Kleidung. Ich trug ein kurzes Beinkleid, das
+mir bis über die Knie reichte, einen Rock und eine Cabaya. Der Rock
+ging mir zwar bis an die Knöchel, ich schürzte ihn aber während des
+Marsches auf und ließ ihn erst hinab, wenn die Tagereise vollendet war.
+Auf dem Kopfe hatte ich einen herrlichen Bambus-Hut von der Insel Bali,
+undurchdringlich für Regen und Sonnenschein. Um gegen den Sonnenstich
+gänzlich gesichert zu sein, legte ich noch unmittelbar auf den Kopf
+ein Stück von einem Banana-Blatte. Was die Fußbekleidung anbelangte,
+so mußte ich den Strümpfen und theilweise auch den Schuhen entsagen,
+da der Weg häufig durch Sümpfe und Wasser führte. Wer ähnliche Reisen
+unternimmt, muß abgehärtet sein wie der Eingeborne. Ich war es, weil
+ich es sein wollte. Ich schlief gar viele Nächte auf der bloßen Erde
+in Wäldern und hatte gar manche Tage zu meiner Nahrung nichts als in
+Wasser gekochten Reis.</p>
+
+<p>Unser Zug bestand, außer dem Rajah, mir und<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> meinem Diener, noch aus
+zwölf Mann Gefolge, theils Dayaker, theils Malaien, von welchen die
+Hälfte mit Gewehren bewaffnet war.</p>
+
+<p>Ich machte mich nicht nur auf schlechte Wege, sondern auch auf das
+Ersteigen eines hohen Gebirgspasses gefaßt. Letzteres war jedoch
+nicht der Fall. Wir wanden uns stets durch schmale Thäler, in wenig
+aufsteigender Richtung; ich glaube kaum, daß wir uns mehr als 500 Fuß
+erhoben. Die Wege dagegen waren gräßlich — eine ununterbrochene Kette
+von Bächen, Sümpfen und stehenden Gewässern, in die wir oft tief über
+die Knie einsanken. Von den Höhen hatten wir überraschende Ansichten.
+Dreifache Gebirgsketten thürmten sich hintereinander auf; große Thäler
+lagen dazwischen, von schönen Flüssen durchschnitten, aber alles in dem
+tiefen Schlummer dichter, undurchdringlicher Waldungen begraben. Selten
+kamen wir an kleine Lichtungen, von Dayakern bewohnt, und mit Reis,
+Mais, Zuckerrohr und Ubi (eine Gattung süßer Kartoffel) bepflanzt.
+Wenn wir uns einer solchen Stelle näherten, wurde Halt gemacht und
+ein Theil der Mannschaft vorausgesandt, um den Platz zu untersuchen
+und um die Erlaubniß des Durchzuges anzufragen. Zweimal führte uns
+der Weg mitten durch die Dayakerhäuser; wir mußten die Leiter auf der
+einen Seite hinauf- auf der andern hinabklettern. Die Dayaker<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> lichten
+oft vorsätzlich nicht die Waldungen um ihre Wohnplätze, um dem Feinde
+den Zugang zu erschweren; sie lassen nur schmale, enge Pfade offen,
+die leicht verrammelt werden. Man könnte ein solches Haus mit einem
+Blockhause vergleichen.</p>
+
+<p>Nach einem scharfen Marsche von acht Stunden hielten wir in einem
+dieser Blockhäuser an, wo man uns ohne Schwierigkeit erlaubte, die
+Nacht zuzubringen.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">29. Januar.</em> Höhen hatten wir nicht mehr zu übersteigen; dagegen
+aber waren die Wege, die durch dichte Wälder führten, voll Wurzeln und
+gefallener riesiger Baumstämme, so daß es immerwährend zu klettern
+gab. Rechnet man dazu die Pfützen, Moräste und Gewässer, durch die es
+durchging, oder die auf dünnen Bambusstämmchen überschritten werden
+mußten, so kann man sich einen Begriff von dieser Reise machen. Bei
+schönem Wetter anstrengend genug, ist sie bei schlechtem, wie wir es
+trafen, eine der beschwerlichsten.</p>
+
+<p>So oft ein verdächtiges Geräusch im Walde vernommen wurde, hielten wir
+an; wir mußten auf dem Platze wie eingewurzelt stehen bleiben und die
+größte Stille beobachten, während die Mannschaft vorausschlich, gleich
+Schlangen über die Baumstämme und Wurzeln sich windend.</p>
+
+<p>Nach einem abermaligen Marsche von acht Stunden erreichten wir
+<em class="gesperrt">Beng-Kallang-Boenot</em>, das<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> Ende der Fußreise. Ich glaube kaum,
+daß wir in diesen 16 Stunden mehr als 35 Meilen gemacht haben.</p>
+
+<p>Zu <em class="gesperrt">Beng-Kallang-Boenot</em> residirte ebenfalls ein kleiner
+Malaischer Fürst, bei welchem wir die Nacht zubrachten.</p>
+
+<p>Daß ich allen diesen Leuten, Dayakern wie Malaien, eine vollkommen
+fremde Erscheinung war, versteht sich von selbst. Die wenigsten hatten
+je einen weißen Mann, alle gewiß aber nie eine weiße Frau gesehen. Ihre
+Verwunderung war um so größer, da nach ihren Begriffen eine Frau allein
+sich kaum einige Schritte vom Hause entfernen kann.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">30. Januar.</em> Zu Beng-Kallang-Boenot schiffte ich mich auf dem
+Flusse <em class="gesperrt">Batang Lupar</em> in einem ganz kleinen Boote mit blos einem
+Fährmanne ein. Der Fluß schlängelte sich durch Waldungen, war schmal
+und von vorstehenden Bäumen oft so eingeengt, daß wir kaum durchkommen
+konnten. Die Sonne drang nirgends durch das dichte Blätterdach; die
+größte Stille, von Zeit zu Zeit durch das Aufspringen eines Affen oder
+das Auffliegen eines Vogels allein unterbrochen, umgab uns. Stiller und
+finsterer konnte es auf dem Acheron selbst nicht sein. Die Farbe dieses
+Flusses war beinahe tintenschwarz.</p>
+
+<p>Nach einigen Stunden überholten wir ein kleines Kanoe, das mit zwei
+Männern, einem Weibe, einem<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> Kinde und vielen Hühnern und anderem
+Kram beladen war. Wir hielten an, und nach einer kurzen Unterredung
+sah ich zu meinem Erstaunen, daß die ganze Besatzung auf mein Boot
+übersiedelte. Das ihrige verbargen sie in dichtem Gebüsche. Ich stritt
+vergebens dagegen. Meinem Schlingel von Diener schien die Sache
+anzustehen, und deshalb hörte er nicht auf meine Worte. Mein Platz war
+durch diesen Zuwachs natürlich sehr beschränkt; was mich aber noch mehr
+belästigte, war das Feuer, das die Leute machten, um ihren elenden Reis
+zu kochen, und dessen Hitze und Rauch mir in’s Gesicht schlugen.</p>
+
+<p>Der finstere Batang Lupar verlor sich nach ungefähr 30 Meilen in den
+See <em class="gesperrt">Boenot</em>, der an vier Meilen im Durchmesser haben mochte.
+Dieser See bot mir eine Merkwürdigkeit dar, wie ich noch keine ähnliche
+gesehen hatte. Er war nämlich dicht mit Baumstämmen angefüllt, die
+jedoch nicht entwurzelt umherlagen, sondern fest im Grunde standen;
+nur waren sie gänzlich erstorben und hatten weder Aeste noch Kronen;
+sie glichen von Menschenhand eingesetzten Palissaden. Eine breite
+Wasserstraße, ein natürlicher Kanal von höchstens einer halben Meile
+Länge führte in einen zweiten See, <em class="gesperrt">Taoman</em> genannt, der noch
+einmal so groß war als der Boenot-See und im Gegensatze<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> zu diesem
+einen vollkommen reinen, schönen Wasserspiegel hatte.</p>
+
+<p>Die Umgebung beider Seen war herrlich: weite bewaldete Thäler, östlich
+und westlich von malerischen Gebirgszügen mit hohen Spitzen und Kuppen
+begrenzt. Die höchsten der Spitzen mochten wohl an 5000 Fuß messen.</p>
+
+<p>Von dem See Toaman lenkten wir in den schönen Fluß <em class="gesperrt">Kapuas</em>, nach
+dem <em class="gesperrt">Benjermassing</em> der bedeutendste Borneo’s. Seine Breite mag
+gut eine halbe Meile betragen; doch ist sie sehr ungleich, da es ihm,
+wie den meisten Flüssen dieses Landes, an scharf abgrenzenden Ufern
+fehlt; seine Gewässer überfließen oft weithin die Waldungen. An diesem
+schönen Flusse gab es der bewohnten Stellen viel weniger als an dem
+Lupar (jenseits des Gebirges Sekamil); hätte nicht Hundegebell und
+Hühnergeschrei von Zeit zu Zeit Leben verkündet, so würde ich die ganze
+Gegend für unbewohnt gehalten haben.</p>
+
+<p>Diese und die folgende Nacht brachte ich höchst unbequem auf dem Boote
+zu. Die zugewachsene Gesellschaft ließ mir so wenig Raum, daß ich halb
+gekrümmt liegen mußte. Ich wäre gerne bei Dayakern eingekehrt; jedoch
+der Fährmann wollte nicht, indem er vorgab, daß es zu gefährlich sei.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">31. Januar.</em> Heute begegneten wir größeren<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> und kleineren Prauh’s
+mit Dayakern und Malaien. Nachmittags überholte uns ein sehr großes.
+Man schrie uns höchst gebieterisch zu, heranzusteuern. Wir mußten wohl
+gehorchen, denn Ungehorsam war mit unserer Schwäche nicht vereinbar.
+Statt gefürchteter Piraten empfing mich aber ein sehr höflicher
+Malaischer Rajah, der auf einer Reise begriffen war. Nach einigen
+Fragen, „woher ich komme“, „wohin ich gehe“ u.&#8239;s.&#8239;w., beschenkte er
+mich mit einer großen Schale frischen Kokosöles und einigen süßen
+Kuchen.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">1. Februar.</em> Gegen Mittag erreichten wir <em class="gesperrt">Sintang</em>, ein
+Städtchen von wenigstens 1500 Einwohnern und Sitz eines Sultans. Hier
+hatten die Gefahren ein Ende, denn die Dayaker-Stämme, die ich bis
+<em class="gesperrt">Pontianak</em> noch zu passiren hatte, standen unter Malaischen
+Fürsten, an welche ich von dem Sultan von Sintang empfohlen zu werden
+hoffte. Ich hatte zu diesem Zwecke für letzteren einen Brief von dem
+Rajah von Beng-Kallang-Boenot mitgebracht.</p>
+
+<p>Ich muß gestehen, daß ich gerne noch länger unter den freien Dayakern
+gereist wäre. Ich fand sie überaus ehrlich, gutmüthig und bescheiden,
+ja ich setze sie in diesen Punkten über alle Völker, die ich bisher
+kennen gelernt habe. Ich konnte alles offen liegen lassen und mich
+stundenlang entfernen; nie fehlte das geringste. Sie baten mich wohl
+zuweilen um manches<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> das sie sahen, gaben sich aber gleich zufrieden,
+wenn ich ihnen erklärte, daß ich es selbst benöthigte. Nie waren sie
+zudringlich oder belästigend. Man wird mir vielleicht entgegnen,
+daß das Köpfen und Aufbewahren der Todtenschädel gerade nicht von
+Gutmüthigkeit zeuge; man muß aber berücksichtigen, daß dieser traurige
+Gebrauch mehr eine Folge rohen und unwissenden Aberglaubens ist. Ich
+bleibe bei meiner Behauptung stehen und führe als weitere Beweise ihre
+häusliche, wahrhaft patriarchalische Lebensweise, ihre Sittlichkeit,
+die Liebe, die sie für ihre Kinder haben, die Achtung, die diese den
+Eltern bezeigen, an.</p>
+
+<p>Die freien Dayaker sind ungleich wohlhabender als jene, die unter
+Malaischem Joche stehen. Sie bauen Reis und Mais, etwas Tabak, hie
+und da auch Zuckerrohr und Ubi. Sie gewinnen viel Fett aus der Frucht
+Kawan, sammeln in den Wäldern Damar-Harz, das sie als Leuchte brennen,
+und haben viel Sago, Rotang und Kokosnüsse. Mit einigen dieser Artikel
+treiben sie Tauschhandel gegen Messing, Glasperlen, Salz, rothes Tuch
+u.&#8239;s.&#8239;w., in ihren Augen die werthvollsten Gegenstände, die sie dem
+Golde weit vorziehen. Auch an Geflügel und Schweinen sind sie reich,
+genießen dergleichen aber nur bei Festen und Hochzeiten.</p>
+
+<p>Manche Reisende behaupten, daß die freien Dayaker schöne Leute sind.
+Ich kann höchstens sagen,<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> daß ich sie etwas minder häßlich fand als
+die Malaien. Sie sind durchschnittlich von mittlerer Größe, haben
+sehr magere Beine und Arme und wenig oder keinen Bart; sie raufen die
+Barthaare aus. Sie haben an Schönheit vor den Malaien nichts anders
+voraus, als daß die Backenknochen etwas minder breit und vorstehend
+sind und daß das Nasenbein ein wenig mehr erhaben ist. Es ist möglich,
+daß wenn man jahrelang unter solchen Völkern lebt, man das am Ende
+schön findet, was dem neuen Ankömmlinge häßlich erscheint.</p>
+
+<p>Die Dayaker können Weiber nehmen, so viel sie wollen; sie begnügen sich
+aber beinahe durchgehends mit einer Frau. Sie behandeln ihre Weiber gut
+und überhäufen sie nicht mit Arbeit; den schwereren Theil verrichten
+die Männer. Ehescheidungen, Zänkereien sind höchst selten, und ihre
+Sitten ungleich reiner und besser als jene der Malaien. Jünglinge und
+Mädchen werden ziemlich strenge abgesondert gehalten. Die Mädchen
+schlafen in den Kammern, die Jünglinge auf der Veranda oder in der
+Hütte des Häuptlings. Sie vermischen sich mit keinen andern Völkern;
+die Mädchen, die sich mit Chinesen verheirathen, werden als nicht mehr
+zum Stamme gehörig betrachtet.</p>
+
+<p>Die Dayaker haben keine Schrift und, wie es scheint, auch keine
+Religion. Ueber letzten Punkt sind jedoch die Meinungen verschieden.
+Der Reisende Temmingk<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> sagt, daß sie eine Religion hätten, die dem
+Fetischismus gleiche: Der Gott <em class="gesperrt">Djath</em> regiere die Oberwelt, der
+Gott <em class="gesperrt">Sangjang</em> die Unterwelt. Diese Götter stellen sie sich unter
+menschlicher Gestalt, aber unsichtbar vor, und rufen sie an, indem sie
+Reis auf die Erde streuen oder andere Opfer bringen. In ihren Wohnungen
+fände man aus Holz geschnittene Gottheiten.</p>
+
+<p>Andere Reisende schreiben ihnen eine Art Pantheismus zu. Da gäbe es
+Gottheiten unter und ober der Erde und eine Menge guter und böser
+Geister, unter welchen Budjang-Brani der böseste. Alle Krankheiten
+seien von bösen Geistern verursacht, die sie durch Geschrei und
+Schlagen des Gongs zu vertreiben suchen.</p>
+
+<p>Wieder andere behaupten, daß sie weiter nichts besäßen, als einige
+verwirrte Begriffe von einem Gotte und von der Unsterblichkeit.</p>
+
+<p>Ich kann diese verschiedenen Meinungen weder bestätigen noch verneinen;
+gewiß ist aber, daß ich bei den Stämmen, mit welchen ich in Berührung
+kam, weder Tempel noch Götzenbilder noch Priester oder Opfer wahrnahm.
+Bei Hochzeiten, Geburten und Sterbefällen werden zwar von manchen
+Stämmen viele Zeremonien beobachtet, die aber in keiner Verbindung
+mit Religion zu stehen scheinen. Bei solchen Gelegenheiten köpft und
+verspeist man meistens Hühner, auch<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> Schweine; bei Friedensschlüssen
+tödtet man wie bereits bemerkt, Schweine, die man aber nicht verzehrt.
+Die Verstorbenen werden bei einigen Stämmen verbrannt und die Asche
+in hohlen Bäumen bewahrt; andere begraben ihre Todten auf beinah
+unzugänglichen Plätzen, am liebsten auf Bergspitzen; wieder andere
+binden sie an Baumstämme, mit den Füßen nach oben.</p>
+
+<p>Doch zurück zu meiner Reise.</p>
+
+<p>Die Lage des Städtchen Sintang ist reizend; die Hütten liegen theils an
+dem schönen Flusse Kapuas, theils halb verborgen zwischen Kokospalmen
+und Pisangbäumen. Im Hintergrunde viel bebautes Land und in weiter
+Ferne hohe Berge, von welchen der höchste wohl an 8 bis 9000 Fuß haben
+mochte.</p>
+
+<p>Ich konnte nicht gleich an das Land gehen; die Sitte erheischt, so
+lange in dem Boote zu verweilen, bis man von dem Sultan eine Wohnung
+angewiesen erhält. Ich sandte daher meinen Diener, der sich in vollen
+Staat warf, mit dem von dem Rajah von Beng-Kallang-Boenot erhaltenen
+Empfehlungsbriefe ab. Er kam jedoch mit dem Briefe zurück, begleitet
+von einem Minister des Sultans, der mir die Nachricht brachte, daß der
+Sultan abwesend sei und erst des Abends oder des folgenden Morgens
+zurückerwartet werde.</p>
+
+<p>Der Minister führte mich in eine der Hütten,<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> in welcher mir ein
+Theil des Gemaches eingeräumt wurde; er hatte zu gleicher Zeit schöne
+Teppiche, Matten, Polster und einen Klambu mitgebracht.</p>
+
+<p>Spät Abends kam er wieder, um mir zu sagen, daß der Sultan
+zurückgekehrt sei und mich am folgenden Morgen im Divan erwarte. Ich
+hatte glücklicherweise schon so viel von der Malaischen Sprache inne,
+um die Leute verstehen zu können.</p>
+
+<p>Am folgenden Morgen holte man mich in einem schönen, großen Boote
+mit 20 Ruderern ab. Mein Diener wickelte den Brief in zwei seidene
+Tücher und folgte mir. Vor der hölzernen Residenz des Sultans, die
+nahe am Flusse lag, empfing mich Musik und Kanonendonner<a id="FNAnker_22" href="#Fussnote_22" class="fnanchor">[22]</a>. Der
+Weg vom Ufer bis an den Divan (ungefähr einige hundert Schritte)
+war mit Matten belegt. Auf halben Wege kam mir der Sultan entgegen,
+um mich gebührender Maßen zu empfangen. Man sah dem guten Manne die
+Verlegenheit an; er wußte nicht, wie er sich einer Europäerin gegenüber
+benehmen sollte. Mit wahrhaft komischer Grazie reichte er mir die
+Fingerspitzen (nach Mohamedanischen Begriffen schon eine sehr große
+Kühnheit), auf welche ich die meinigen legte, und so schwebten oder
+tanzten<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> wir nach dem Divan, der von der Vorhalle bloß durch ein
+zwei Fuß hohes, hölzernes Geländer geschieden war. Hier standen, von
+buntem Kammertuche halb überdeckt, ein plumper Tisch, ein Stuhl, und
+in Ermanglung eines zweiten Stuhles eine Kiste. Der Sultan und ich
+nahmen an dem Tische Platz, während die Minister und Großen des Reiches
+längs den Wänden auf dem Boden saßen. Außerhalb drängte sich das Volk,
+dem das Erscheinen einer Europäischen Frau natürlich ein ganz neues,
+merkwürdiges Schauspiel bot.</p>
+
+<p>Mein Empfehlungsbrief ward auf einer silbernen Tasse gebracht; der
+Ueberbringer rutschte auf den Knien, mit niedergeschlagenen Augen zu
+dem Sultan, langte nach dessen Hand, küßte sie mit großer Andacht und
+hielt die Tasse hin. Der Sultan befahl dem ersten Minister, den Brief
+zu nehmen, zu öffnen und zu lesen.</p>
+
+<p>Ein Brief an einen Sultan oder sonst eine vornehme Person muß nach
+Mohamedanischer Sitte aus einem ganzen Bogen bestehen, von welchem nur
+die erste Seite beschrieben sein darf; reicht diese nicht aus, so muß
+ein zweiter, dritter Bogen genommen werden.</p>
+
+<p>Sobald die Vorlesung des Briefes beendet war, wurden Erfrischungen
+gereicht. Man hatte zu diesem Zwecke für den Sultan einen Teller,
+für mich aber ein vollständiges Gedeck gebracht. Die Erfrischungen<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span>
+bestanden aus Thee ohne Zucker und Milch, aus Näschereien und Früchten
+auf mehr als 20 schön geschliffenen Glasschüsselchen. Die gesammte
+Gesellschaft nahm Theil an diesem Mahle.</p>
+
+<p>Nach aufgehobener Tafel führte mich der Sultan in’s Frauengemach. Auch
+hier war man so aufmerksam gewesen, einen erhöhten Sitz für mich zu
+bereiten. Der Sultan stellte mir seine Frau und seine Töchter vor,
+— häßliche Geschöpfe von echt Malaischem Typus. Obwohl viele Männer
+und junge Leute zugegen waren, trugen sie weiter nichts als einfache
+Sarongs, die bis zur halben Brust reichten.</p>
+
+<p>Der Sultan von Sintang, wie es scheint in seinem Lande ein vollkommener
+Despot, hat seinen Unterthanen verboten, mehr als eine Frau zu nehmen.
+Dieses Recht gebührt, seiner Meinung nach, nur den Fürsten. Ob er
+selbst mehrere hat, weiß ich nicht; mir stellte er nur eine vor.</p>
+
+<p>Bei dem Abschiede fanden dieselben Feierlichkeiten statt, wie bei der
+Ankunft.</p>
+
+<p>Ich erstaunte sehr über diesen festlichen Empfang, um so mehr, da er
+einerseits zum Theile nach Europäischer Art vor sich ging, und ich
+anderseits wußte, daß der Sultan von Sintang noch keinen Europäer
+gesehen hatte. Mein Diener löste mir das Räthsel. Als er nämlich Tages
+zuvor den Brief zum Sultan<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> brachte, war dieser nicht abwesend, wie
+man mir sagte; er wußte nur nicht, auf welche Weise eine Europäische
+Frau zu empfangen sei, und wollte sich erst darüber mit meinem Diener
+berathen. Mein Diener beschrieb ihm die Feierlichkeiten die zu Sarawak
+stattfinden, wenn Rajah Brooke von einer Reise zurückkommt, und
+dieser Beschreibung hatte ich es zu verdanken, daß ich gleich einer
+regierenden Fürstin empfangen wurde. Der Stuhl, der Tisch, wurden in
+Eile zusammen gezimmert, und das Besteck war mein eigenes, das mein
+Diener mitgebracht hatte.</p>
+
+<p>Der Sultan versprach mir beim Abschiede, ein Sampan<a id="FNAnker_23" href="#Fussnote_23" class="fnanchor">[23]</a> zu meiner
+Verfügung zu stellen, das mich bis <em class="gesperrt">Pontianak</em> führen sollte. Ich
+bat ihn, selbes morgen mit aufgehender Sonne zu senden.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">3. Februar.</em> Gleich nach Sonnenaufgang meldete man mir den Besuch
+des Sultans. Nach seinen Begriffen war es nämlich nicht schicklich,
+meine Aufwartung denselben Tag zu erwiedern; da ich aber heute so
+zeitlich abreisen wollte, war er gezwungen, diese frühe Stunde zu
+wählen.</p>
+
+<p>Er kam in Begleitung seines Vaters, den ich noch nicht gesehen hatte,
+und einiger seiner männlichen Verwandten; die fürstlichen Frauen
+erwiedern keine Besuche.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span></p>
+
+<p>Der Vater des Sultans trug ein goldbrokatenes Käppchen und Leibchen,
+die ersten kostbaren Kleidungsstücke, die ich an einem Fürsten Borneo’s
+sah. Außer den gewöhnlichen Schönheiten seiner Race war dieser Mann
+noch mit einem tüchtigen Kropfe bedacht, der zweite der mir auf dieser
+Insel vorkam. Den ersten, in kleinem Formate, hatte die Gemahlin des
+Rajah von Beng-Kallang-Boenot.</p>
+
+<p>Diese vornehme Gesellschaft war in ihrem Benehmen nicht halb so
+bescheiden als die Dayakischen Kopf-Jäger. Alles wurde aufgerissen und
+durchwühlt; über meine kleine Reisetasche, die unglücklicher Weise
+noch offen stand, fielen sie gleich wilden Thieren her. Ich hatte
+nicht genug Augen, um alles zu bewachen und vor Schaden zu schützen
+(besonders die Insekten und Reptilien). Der fürstliche Vater nahm am
+Ende gleich die ganze Tasche in Beschlag; auf Kamm, Zahnbürste und
+Seife deutend, frug er mich, zu was das diene, und in Folge meiner
+Erklärung schien ihm deren Nutzen so einleuchtend, daß er sie ganz
+unumwunden behalten wollte. Ich nahm sie ihm jedoch, ehe er fort ging,
+ebenso unumwunden wieder ab und gab ihm dafür einige Bildchen und
+andere Kleinigkeiten.</p>
+
+<p>Die Unkenntniß, die diese Leute von allem, was ich besaß, hatten,
+bewies mir, daß sie mit Europäern<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> noch wenig oder gar nicht in
+Berührung gekommen sein mußten. Der Gebrauch der einfachsten
+Gegenstände war ihnen unbekannt, alles mußte ich ihnen zeigen und
+erklären, und alles wollten sie, wie gesagt, sich zueignen. Ich war
+herzlich froh, als diese hohe Gesellschaft sich hinweg begab.</p>
+
+<p>Der Sultan trieb die Höflichkeit so weit, mich eine Strecke von zwei
+Meilen zu begleiten.</p>
+
+<p>Die Reise von Sintang nach Pontianak machte ich sehr rasch, in drei und
+einem halben Tage und ohne weitere Abenteuer. Ich hatte die Vorsicht
+gehabt, die Eingebornen zu fragen, in wie viel Tagen man diese Reise
+machen könne (unterläßt man solche Vorsichtsmaßregeln, so ist man
+den Leuten ganz Preis gegeben), und da sie mir sagten in sechs, am
+schnellsten in vier Tagen, so ersuchte ich den Sultan, seinen Leuten zu
+befehlen, mich in vier Tagen nach Pontianak zu bringen. Meinem Diener
+kam dieß nicht sehr gelegen: er wäre gerne langsam und bequem gereist;
+aber ich kehrte mich nicht mehr an ihn und übernahm selbst den Befehl
+über die Bootsleute.</p>
+
+<p>Die Ufer des Flusses waren mehr oder minder bewohnt; wir kamen an
+vielen kleinen Ortschaften vorüber, unter andern auch an Sungau, nach
+Sintang dem größten Städtchen. Ich besuchte den Rajah im Vorüberfahren,
+verweilte aber höchstens eine Stunde.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span></p>
+
+<p>Eine Meile von Pontianak vereinigt sich der Kapuas mit dem
+<em class="gesperrt">Landak</em>; beide Ströme verlieren ihre Namen, und stürzen sich als
+„<em class="gesperrt">Pontianak</em>“ in die 25 Meilen entfernte See.</p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">6. Februar</em> kam ich glücklich zu <em class="gesperrt">Pontianak</em> an.</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_16" href="#FNAnker_16" class="label">[16]</a> Die Dayaker werden von den Engländern „<span class="antiqua">Head
+hunters</span>, Kopfjäger,“ von den Holländern „<span class="antiqua">Koppenskneller</span>“
+genannt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_17" href="#FNAnker_17" class="label">[17]</a> Daß mich die Wilden auslachten, fand ich natürlich;
+geschah mir doch späterhin diese Ehre in Europäischen Kolonien, ja
+selbst in den Vereinigten Staaten Amerika’s von Leuten, die civilisirt
+genannt werden. Manchmal trieb man es so arg, daß ich sie frug, ob
+sie je ein Museum gesehen, und wenn sie eines gesehen hätten, ob sie
+meinten, daß alle die Thiere selbst dahin geflogen und gekrochen seien?</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_18" href="#FNAnker_18" class="label">[18]</a> Kuri ist eine Brühe von scharfen Ingredienzien, besonders
+von rothem Pfeffer. Diese Brühe ist sowohl im Festlande Indien’s, als
+auch im ganzen indischen Archipel sehr beliebt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_19" href="#FNAnker_19" class="label">[19]</a> Ganz anders benimmt sich ein Malaischer Diener gegen
+einen Herrn, wie gegen eine Frau, die er von sich abhängig glaubt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_20" href="#FNAnker_20" class="label">[20]</a> Borneo ist nach Madagaskar die größte Insel der Erde. Ihr
+Flächeninhalt beträgt 9373 Quadrat-Meilen; Bevölkerung 950,000 Dayaker,
+200,000 Malaien, 54,000 Chinesen. Hauptausfuhrsartikel: Rotang, Reis,
+Kokosnüsse. Sago, Färbehölzer.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_21" href="#FNAnker_21" class="label">[21]</a> Rajah Brooke war nämlich kurze Zeit vor meiner Ankunft
+auf Borneo nach England berufen worden, um sich gegen die Anklagen
+seiner Feinde zu rechtfertigen, die darin bestanden, daß er in seinen
+Kriegszügen gegen die Piraten Menschenleben geopfert, Hütten und
+Prauh’s verbrannt habe. Als ob man einen ähnlichen Krieg mit Worten
+führen könnte! — Wie viele Menschenleben opfern nicht die Europäischen
+Staaten, wie viele Städte und Dörfer verbrennen sie in ihren Kriegen,
+die bei weitem keinen so edlen Zweck haben, ja, die vielmehr selbst
+nichts weiter als großartige Piraterien sind.</p>
+
+<p>In der Folge hörte ich, daß Rajah Brooke sich mit glänzendem Erfolge
+rechtfertigte.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_22" href="#FNAnker_22" class="label">[22]</a> Die Malaien sind mit Kanonen und andern Europäischen
+Artikeln bekannt; ein Stamm bringt sie zum andern.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_23" href="#FNAnker_23" class="label">[23]</a> Ein kürzeres, aber breiteres Fahrzeug als das Prauh.</p>
+
+</div>
+
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe6 padtop1" id="p127_ende">
+ <img class="w100" src="images/p127_ende.jpg" alt="" data-role="presentation">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Viertes_Kapitel">Viertes Kapitel.</h2>
+
+</div>
+
+<p class="s5 hang2 mbot2">Pontianak. — Auszug nach Landak. — Ein Chinesischer Kapthay. — Ein
+Bad im Sumpfe. — Die Bambusbrücke. — Zeichensprache. — Ankunft in
+Landak. — Souper bei dem Banam. — Rato. — Die Diamanten-Gruben. —
+Rückkehr nach Pontianak.</p>
+
+<p><img class="illowe1_2 mbot-0_5" src="images/p128_init.jpg" alt="P">ontianak war die erste Holländische Besitzung in Indien, die ich
+betrat. Ich gestehe aufrichtig, daß ich mich ihr mit etwas beängstigtem
+Gefühle nahte. Die Holländer werden von vielen Reisenden als so
+kalt, unzugänglich, und für nichts als ihr eigenes Interesse Sinn
+habend, geschildert! Und eine theilnahmslose Aufnahme wäre mir um so
+empfindlicher gewesen, als mich die Zuvorkommenheit und Artigkeit der
+Engländer nicht nur auf dieser, sondern auch auf meiner ersten „Reise
+um die Welt“ sehr verwöhnt hatte.</p>
+
+<p>Ich sandte den Brief, den mir Kapitän Brooke an das Holländische
+Gouvernement mitgegeben hatte, in die Kanzlei, und blieb voll banger
+Erwartung in dem Sampan sitzen.</p>
+
+<p>Mein Diener überbrachte mir die unangenehme Botschaft, daß der
+Resident, Herr <em class="gesperrt">Willer</em>, in Batavia<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> sei. Sein Stellvertreter,
+Sekretär von <em class="gesperrt">Hardenberg</em>, kam jedoch sofort, um mich zu empfangen
+und that dieß in einer so herzlichen Weise, daß ich mich jeder Angst
+enthoben fühlte. Er stellte ein leerstehendes Häuschen<a id="FNAnker_24" href="#Fussnote_24" class="fnanchor">[24]</a>, das vor
+wenig Jahren Amerikanischen Missionären zur Wohnung diente, zu meiner
+Verfügung, und setzte bei, daß für alle meine Bedürfnisse gesorgt
+werden würde. Abends stellte er mich der Gattin des Residenten vor, in
+der ich eine sehr liebenswürdige, gebildete Frau kennen lernte. Sie
+bot mir in ihrem Hause eine Wohnung an, die ich mit Freuden gegen das
+einsame Häuschen vertauschte.</p>
+
+<p>Ich hatte die Reise nach Pontianak hauptsächlich in der Absicht
+unternommen, die berühmten Diamanten-Minen in <em class="gesperrt">Landak</em> zu
+besuchen. Als ich am folgenden Tage diesen Wunsch aussprach, erfuhr
+ich zu meinem Leidwesen, daß gerade am Morgen des Tages, an dem ich
+ankam, ein katholischer Priester, Herr <em class="gesperrt">Sanders</em>, in einem
+bequemen Regierungsboote dahin abgegangen sei. Ihn einzuholen war
+nun zu spät; man sagte mir jedoch, daß die Reise zu Lande vier Tage
+kürzer sei als zu Wasser, und ich daher, wollte ich mich zur ersteren
+entschließen, vor Herrn Sanders in Landak anlangen könnte. Auf jeden
+Fall würde ich ihn da<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> noch treffen, und wenigstens die Rückkehr in
+seiner Gesellschaft und in dem bequemen Boote bewerkstelligen können.
+Ich entschloß mich dazu ohne Bedenken, obwohl die Entfernung über 200
+Meilen betrug, von welchen ich ungefähr die Hälfte zu Fuß zu machen
+hatte.</p>
+
+<p>Herr von Hardenberg wollte mir einen Diener mitgeben: er behauptete,
+daß es unmöglich sei, in dem Lande fortzukommen, ohne der Malaischen
+und Dayakischen Sprache mächtig zu sein, indem man täglich Führer und
+Träger wechseln müsse. Ich hatte aber seit dem Diener, den mir Kapitän
+Brooke mitgegeben, einen solchen Abscheu vor dergleichen Leuten, daß
+ich erklärte, allein gehen zu wollen; nur bat ich, mich mit guten
+Briefen an die verschiedenen Chefs und Rajah’s zu versehen, durch deren
+Länder ich kommen würde.</p>
+
+<p>Erst am <em class="gesperrt">10. Februar</em> ward es Herrn von Hardenberg möglich, mir
+ein kleines Boot zu verschaffen, das mich nach <em class="gesperrt">Kubiang</em> (60
+Meilen) bringen sollte. Herr von Hardenberg geleitete mich bis an’s
+Boot, und als ich einstieg, rief er aus: „Wenn ich Sie nicht selbst
+eine so beschwerliche Reise ohne alle Begleitung antreten sähe, so
+würde ich es für unmöglich halten und nicht glauben.“</p>
+
+<p>Ich fuhr den schönen Strom Landak 30 Meilen aufwärts bis
+<em class="gesperrt">Kubu-trap</em>, wo ich die Nacht in einem<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> Chinesischen Hause
+zubrachte. Hier mündet das Flüßchen <em class="gesperrt">Mandor</em> in den Landak.</p>
+
+<p>Frau <em class="gesperrt">Willer</em> hatte mir einen ganzen Korb voll Eßwaaren
+mitgegeben, die ich aber alle Abends an die Bootsleute vertheilte,
+wohl wissend, daß jene bis zum kommenden Morgen von tausenden Ameisen
+zerstört gewesen wären. Man kann Eßwaaren nur in wohlverschlossenen
+Blechbüchsen vor diesen Insekten bewahren.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">11. Februar.</em> Schon um 3 Uhr Morgens ging es an die Fahrt auf dem
+<em class="gesperrt">Mandor</em>. Dieses schmale Flüßchen ist von Waldungen so eingeengt,
+daß wir unter einem steten Laubdache dahin glitten. Mit der aufgehenden
+Sonne erwachte auch das Leben in den Wäldern. Ich hörte zwar keinen
+Vogelgesang, dagegen von allen Seiten das Gekreische der Affen, des
+riesigen Orangutang, des langarmigen Kalampian’s, des schwarzen
+Siaman’s, des Bintangan’s (Nasenaffe) und anderer. Letztgenannte vier
+Gattungen sind blos auf Borneo einheimisch.</p>
+
+<p>Um 10 Uhr erreichten wir <em class="gesperrt">Kubiang</em> (30 Meilen), das Ende
+der Wasserfahrt; ich bereitete mich sogleich zur Fußparthie nach
+<em class="gesperrt">Mandor</em> (8 Meilen) vor, wohin mich zwei der Bootsleute
+begleiteten.</p>
+
+<p>Die ersten sieben Meilen führte der Weg durch finstere Waldungen
+über Stock und Stein, dann öffnete<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> sich eine freundliche Lichtung,
+mit Pflanzungen bedeckt. Der Boden bestand hier aus Sand, auf Borneo
+eine seltene Erscheinung. Gut unterhaltene Pfade, Bretter oder breite
+Stämme, über die Bäche und Pfützen gelegt, gaben mir kund, daß ich auf
+Chinesischem Grund und Boden wandle, denn weder der Malaie noch der
+Dayaker hat den geringsten Sinn für Bequemlichkeit oder Annehmlichkeit.</p>
+
+<p>In Mandor kehrte ich bei dem Chinesischen Oberhaupte (Kapthay) ein, an
+welchen mein erster Empfehlungsbrief lautete.</p>
+
+<p>In den Chinesischen Orten oder Kampon’s, die unter Holländischem
+Protektorate stehen, wird gewöhnlich ein Chinese als Chef gewählt, der
+je nach der Größe des Ortes den Titel Kapthay (Kapitän) oder Major
+erhält. Diese Würde bringt keinen Gehalt mit sich, und wird blos auf
+ein Jahr ertheilt; doch kann die alte Wahl jährlich bestätigt werden.
+Manche Kapthay’s genießen das Ansehen eines Präsidenten oder Fürsten;
+sie wohnen in einem Fort, können über die Chinesen Strafen verhängen,
+ja sogar Todesurtheile vollziehen. So lange sie sich ruhig verhalten
+und dem Holländischen Gouvernement den Opiumpacht richtig zahlen,
+greift dieses in ihre innere Regierung nicht ein.</p>
+
+<p>Das Kapthayat von Mandor war eines der bedeutenderen,<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> und der Kapthay
+residirte in einem Fort, an dessen Eingange zwei sechspfündige Kanonen
+aufgepflanzt waren. Seine Wohnung bestand aus vielen offenen Vorplätzen
+und Hallen und aus ein Paar kleinen, niedrigen Schlaf-Kämmerchen, in
+welchen sich die Frauen aufhielten. Die größte unter den Vorhallen
+diente zu gleicher Zeit als Wohnplatz, Speisesaal und Gottestempel.
+Da gab es allerlei Götter, schön gezierte Altäre, angesteckte
+Räucherkerzchen; Reis, Früchte und Thee waren den Göttern als Opfer
+hingestellt.</p>
+
+<p>Gegen Abend führte mich der Kapthay in das Städtchen, welches an das
+Fort grenzt und aus zwei Reihen kleiner Häuser besteht, die eine Straße
+bilden. Es zählt ungefähr 700 Einwohner.</p>
+
+<p>Nach dem Spaziergange zeigte er mir seine Schweinställe<a id="FNAnker_25" href="#Fussnote_25" class="fnanchor">[25]</a>, die groß
+und luftig, und was mich bei einem Chinesen noch mehr in Erstaunen
+setzte, sehr rein gehalten waren. Die Thiere werden täglich zweimal mit
+Wasser übergossen und erhalten zur Nahrung Reis mit Kiang-beng, Kladi-
+und Guelang-Blättern vermischt. Die Blätter werden fein geschnitten,
+zu einer Art Sulze verkocht und zu je drei Theilen mit einem Theile
+gekochten Reises vermischt.<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> Die Thiere waren merkwürdig groß und fett,
+manche konnten sich kaum zum Troge schleppen.</p>
+
+<p>Außer den Schweinställen bewunderte ich auch die Küche, die äußerst
+rein gehalten war, und die herrliche Kost, die Herren und Dienern
+vorgesetzt wurde. Reis bildete natürlich den Hauptbestandtheil; er
+muß statt des Brotes dienen; aber außerdem gab es gekochte Hühner
+oder Schweinefleisch nebst Gemüsen und anderen kleinen Gerichten.
+Dieser Chinesische Chef lebte ungleich besser und reinlicher als
+der größte Malaische Rajah. — Seine Frau (er hatte nur eine) besaß
+reiche Kleider, viel Goldgeschmeide und auch hübsche Diamanten. Ihr
+Kindchen von 8 Monaten war in Seide gekleidet und trug nebst einigem
+Goldgeschmeide ein seidenes goldgesticktes Mützchen auf dem Kopfe.</p>
+
+<p>Der Kapthay frug mich zu wiederholten Malen, ob ich darauf bestünde,
+die Reise nach Landak zu Fuß zu machen. Er erzählte mir, daß vor wenig
+Tagen Herr <em class="gesperrt">Sanders</em> hier angekommen sei und denselben Plan
+gehabt, ihn aber aufgegeben habe, als man ihm sagte, daß man große
+Umwege machen müsse, um einige unruhige Dayaker-Stämme zu umgehen,
+und daß die Wege über alle Maßen schlecht seien. Ich ließ mich nicht
+abschrecken und bat ihn nur, mir einen guten Führer zu geben und die
+Reise einzuteilen, daß ich so rasch als möglich nach Landak käme.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span></p>
+
+<p>Die Nacht brachte ich in einem kleinen Kämmerchen in einem reinlichen,
+guten Bette zu.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">12. Februar.</em> Nach einem trefflichen Frühstücke von gekochten
+Hühnern, Reis, Eiern und Früchten begab ich mich auf den Weg, von einem
+Chinesischen Führer und einem Dayakischen Träger (<em class="gesperrt">Kully</em> genannt)
+begleitet. Die beiden Leute gingen so schnell, als wären wir auf einer
+Flucht begriffen. An fünf Stunden liefen wir unausgesetzt, dann hielten
+wir bei einem Chinesischen Hause, stärkten uns durch ein einfaches Mahl
+und setzten den Sturmschritt bis gegen Abend fort. Ich glaube gewiß,
+daß wir an 20 Meilen gelaufen sind. Glücklicher Weise ging es über
+Chinesischen Grund und Boden, auf größtentheils gebahnten Wegen, so daß
+ich zwar ein wenig ermüdet, aber sonst wohlbehalten in <em class="gesperrt">Sompa</em>
+anlangte. Hier übergab mich der Chinese nebst einem Briefe des Kapthay
+dem Malaischen Rajah, der nun für meine Weiterreise zu sorgen hatte.</p>
+
+<p>Mit großem Vergnügen verlor ich den Chinesischen Führer, denn seine
+Neugierde war im höchsten Grade belästigend. Ehe ich es bemerkte,
+hatte er meinen Reisesack geöffnet und alles aufgerissen und
+untersucht. Späterhin entdeckte ich, daß er einiges Geld, nebst anderen
+Kleinigkeiten gestohlen hatte —<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> der erste Diebstahl, der mich auf
+meinen vielen Reisen traf.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">13. Februar.</em> Die heutige Tagreise war zwar kurz (ich schätze sie
+kaum auf 14 Meilen); dagegen waren die Wege um so schrecklicher. Ich
+weiß wahrhaftig nicht, was unangenehmer ist: über gefallene Baumstämme
+und hohe Wurzeln in den Wäldern zu klettern, oder Pfützen und Moräste
+zu durchwaten, oder durch das Alang-Alang zu gehen. Dieses Jungle-Gras
+ist 5 bis 6 Fuß hoch, sehr dicht und von sehr schmalen, tiefen Pfaden
+gleich Rinnen durchschnitten, auf welchen man gleitet und leicht
+jeden Augenblick fällt. Unmittelbar nach einem Regen (und so nahe dem
+Aequator gibt es wenig Tage ohne Regen), wenn die Sonne wieder in volle
+Kraft tritt, ist es zwischen diesem Grase dunstig und zum Ersticken
+heiß.</p>
+
+<p>Wir waren heute und gestern häufig von hohen Gebirgen umschlossen; die
+Pfade aber wanden sich stets von einem Thale in’s andere, so daß wir
+höchstens 2 bis 300 Fuß hohe Hügel zu übersteigen hatten. Manche dieser
+Stellen boten die reizendsten Ansichten. Auch hier, wie bei Sekamil,
+thürmten sich in pittoresken Formen zwei- und dreifache Gebirgsketten
+auf, mit großen Thälern dazwischen und mit undurchdringlichen Wäldern
+bedeckt. Je mehr ich von diesem schönen Lande sah, desto mehr entzückte
+es mich, und desto mehr<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> wünschte ich ihm, daß Bevölkerung, Kultur und
+eine milde Regierung bald Eingang fänden.</p>
+
+<p>Diesen Nachmittag nahm ich wider Willen ein kaltes Bad: ich fiel
+von einer fünf Fuß hohen Bornäischen Brücke (einem Bambusstamme) in
+einen Sumpf, in den ich bis über die Schulter sank. Meine beiden
+Begleiter hatten Mühe, mich heraus zu ziehen. Glücklicher Weise war
+in der Nähe ein klarer Bach, in welchem ich mich mit Wasser so lange
+übergießen ließ, bis der Schlamm von den Kleidern abgespühlt war. Von
+Wasser triefend mußte ich noch ein paar Stunden fortlaufen bis zum
+Nachtquartier, wo ich erst Kleider wechseln konnte. Ich befürchtete,
+daß mir der Sturz und das Bad schaden würden, da ich ganz erhitzt war,
+als mir dieß Unglück begegnete; doch, Gott sei Dank, ich blieb gesund.</p>
+
+<p>Ich übernachtete in Bo-baher, einem Chinesischen Städtchen von ungefähr
+400 Einwohnern. Auch hier bewunderte ich bei meinem Wirthe die große
+reinliche Küche und die schönen Schweineställe. Die Chinesen ziehen
+das Schweinefleisch jedem andern Fleische vor und verwenden daher
+alle Sorgfalt auf diese Thiere. Der ärmste Chinese genießt sicher
+ein- oder zweimal die Woche Schweinefleisch. Ueberhaupt lebt man bei
+den Chinesen ungleich besser als bei den Malaien und Dayakern. Man
+bekömmt gewöhnlich ein eigenes Schlafkämmerchen,<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> eine gute reinliche
+Nahrung, und wer den Thee liebt, überall eine Tasse dieses Getränkes.
+Der Chinese trinkt nie Wasser; in jeder Hütte steht ein großer Topf mit
+Thee, aus welchem Jedermann nach Gefallen seinen Durst stillt. Freilich
+ist dieser Thee gewöhnlich sehr schlecht, von bitterem Geschmacke und
+für den Europäer nur bei den Reichen genießbar.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">14. Februar.</em> Höchst anstrengender Marsch von mehr als neun
+Stunden durch dichte Waldungen und hohes Jungle-Gras (20 Meilen). Der
+Weg führte meistens durch Gegenden, die von Dayakern bewohnt waren;
+meine Begleiter hatten Furcht und liefen so eilig, daß ich ihnen kaum
+folgen konnte. In steter Aufmerksamkeit auf jeden Laut, wußten sie bei
+einem Geräusche in den Wäldern genau zu unterscheiden, ob es von einem
+Thiere oder von Menschen herrühre. War letzteres der Fall, so hielten
+sie erschrocken an; dasselbe thaten jene, die wahrscheinlich auch
+uns gehört hatten — und lautlose Stille folgte. Meine beiden Leute
+begannen dann zu rufen und zu schreien, daß sie eine weiße Frau mit
+einem Schutzbriefe des Rajah von Sompa nach <em class="gesperrt">Darid</em> zu geleiten
+hätten. Manchmal bekamen wir keine Antwort, einige Male standen aber
+plötzlich, wie aus der Erde gezaubert, ein Paar Dayaker vor uns. Sie
+waren bis in unsere Nähe gekommen, ohne das geringste Geräusch zu
+machen, und tauchten aus dem<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> Walde erst auf, als sie sahen, daß von
+unserer kleinen Gesellschaft nichts zu befürchten war. Nachdem sie mich
+begafft und einige Worte mit meinen Leuten gewechselt hatten, ließen
+sie uns ruhig des Weges ziehen. Einen Dayaker fanden wir im hohen
+Jungle-Grase verborgen; vielleicht lag er da auf Beute lauernd!</p>
+
+<p>Im Laufe dieses Tages kamen wir auch an einem Pantah vorüber. Es
+sind dieß kleine, viereckige Plätze von großen, hölzernen Figuren
+umstellt, welche die Arme ausstrecken, als wenn sie einen Reigen
+tanzten. Die Pantah’s werden von den Dayakern errichtet, die nach
+den Kriegszügen mit den eroberten Köpfen hierher kommen und hier die
+ersten Feierlichkeiten abhalten. Die Dayaker, aber auch die Malaien,
+halten diese Plätze sehr in Ehren; sie glauben, daß derjenige, der das
+Geringste an einer der Figuren beschädige, vom bösen Geiste befallen
+werde und sterben müsse. Man könnte hieraus den Schluß ziehen, daß die
+Dayaker wirklich an böse Geister glauben.</p>
+
+<p>Kurz vor dem Oertchen Darid kamen wir an den Fluß <em class="gesperrt">Menjuki</em>, der,
+wie die meisten Flüsse Borneo’s, einen so ruhigen ungestörten Lauf
+hat, daß man sein Dasein nicht eher ahnt, als bis man ihn sieht. Da
+dieser Fluß vermöge seiner Verbindung mit dem <em class="gesperrt">Suar</em> in welchen
+er mündet, bis Landak führt, sollte zu Darid die Fußreise ein Ende
+haben. Ich fand aber<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> die Leute alle mit der Reisernte beschäftiget und
+den Rajah nicht geneigt, ein Boot für mich zu bemannen. In drei Tagen
+meinte er, sei die stärkste Arbeit vorüber, dann wolle er mich weiter
+befördern. Dieß lag natürlich nicht in meinem Plane, da ich auf diese
+Art Herrn Sanders verfehlt hätte. Ich forderte daher einen Führer und
+Kully, oder auch nur einen Kully, der den Weg wisse, um die Reise zu
+Fuß fortzusetzen. Lange wollten die Leute auf meine Bitten nicht hören;
+ich quälte sie aber so unausgesetzt, daß sie am Ende nachgaben. Ich
+feierte auf dieser Reise wahre Triumphe — allein, kaum einiger Worte
+der Dayakischen Sprache mächtig, setzte ich meinen Willen überall durch.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">15. Februar.</em> Abermals den ganzen Tag gelaufen (20 Meilen) und
+zwar auf vielen Umwegen. Nicht nur die Malaien, sondern auch die
+Dayaker hatten nämlich viele Wege verhauen und ungangbar gemacht, um
+sich gegen die Ueberfälle ihrer Nachbaren zu schützen, mit welchen sie
+in Unfrieden lebten.</p>
+
+<p>Wir kamen an mehreren Dayakerplätzen vorüber, hielten aber nur einige
+Minuten an, um uns durch einen Trunk Kokoswasser zu erfrischen.</p>
+
+<p>Wenige Meilen von <em class="gesperrt">Jata</em>, dem heutigen Ziele der Reise, galt es
+eine wahrhaft schauerliche, lebensgefährliche Brücke zu übersteigen.
+Einige aneinander gebundene Bambusse schwebten in einer Höhe von 30
+Fuß<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> über dem mehr als 100 Fuß breiten <em class="gesperrt">Suar</em>. Die Eingebornen
+benützen zu derlei Uebergängen gewöhnlich Stellen, an welchen sich
+kräftige Baumäste weit über das Wasser neigen, oder wo einzelne Stämme
+im Wasser selbst stehen, die sie als Pfeiler verwenden können, um die
+Bambusse darauf zu stützen. Eine so hohe und lange Brücke ist zwar mit
+einem Geländer versehen; aber wehe dem, der es als Stütze gebrauchen
+wollte: er würde unfehlbar damit in die Tiefe stürzen. Es besteht aus
+ganz dünnen Bambusstäbchen, die von zehn zu zehn Fuß angebracht und
+durch ebenso dünne Querstäbchen verbunden sind, und dient nur dazu,
+das Gleichgewicht zu erhalten. Bebend ging ich über diese Brücke, das
+Rohr tanzte unter meinen Füßen, das Geländer zitterte unter meinen
+Händen, und der schwindelnde Blick fiel auf den Strom, der tief unter
+mir in geschäftiger Eile dahin rollte. Doch glücklich erreichte ich das
+jenseitige Ufer.</p>
+
+<p>Gestern und heute hatte ich wirklich viel zu leiden, ein Drittheil des
+Weges ging durch Alang-Alang, die andern zwei Theile durch Waldungen,
+über hohe Hügel auf- und abwärts und durch viele Sumpfstellen. Ich war
+gezwungen, gleich den Eingebornen, mit bloßen Füßen zu laufen; Schuhe
+würden in den Sümpfen stecken geblieben sein, und hohe Stiefel wären
+zu schwer gewesen. Eine weitere Unbequemlichkeit war, daß ich<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> jeden
+Tag, wenigstens einmal, von dem tropischen Regen durchnäßt wurde und
+meine Kleider von der glühenden Sonne am Körper trocknen lassen mußte.
+Den einzigen Ersatz boten mir die immer gleich schönen Ansichten der
+gebirgigen Gegend.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">16. Februar.</em> In <em class="gesperrt">Jata</em> fand ich dieselben Schwierigkeiten
+wie in Darid, keine Leute zur Führung eines Prauh’s, alles mit der
+Reisernte beschäftigt. Ich konnte mich den Leuten nicht hinlänglich
+verständlich machen, da sie blos Dayakisch sprachen und mußte daher
+mein Bischen Zeichnenkunst zu Hilfe nehmen! Ich zeichnete ein Prauh mit
+acht Ruderern, daneben ein kleines Kanoe mit blos einem Mann und mir
+selbst am Steuer, deutete auf ersteres und gab ihnen durch Zeichen zu
+verstehen, daß ich ein solches Fahrzeug nicht benöthige, sondern nur
+das kleine Kanoe mit einem Manne. Sie begriffen mich sogleich, lachten
+über diese Art mich verständlich zu machen, nickten mir Beifall zu und
+versprachen meinen Wunsch zu erfüllen.</p>
+
+<p>Ich hatte späterhin häufig Gelegenheit zu bemerken, wie wunderbar
+richtig und schnell die Wilden die Zeichen verstehen. Ich selbst wurde
+so an die Zeichensprache gewöhnt, daß ich, als ich wieder unter die
+Weißen kam, sehr Acht geben mußte, meine Worte nicht mit den Händen und
+Augen näher zu erörtern.</p>
+
+<p>In keinem Lande fand ich bisher die Leute so<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> gleichgiltig und träge
+wie auf Borneo, weniger die Dayaker als die Malaien. Ich konnte sie nur
+mit dem Asiatisch-Russischen Postvolke vergleichen. Dort mußte ich auf
+jeder Station mehrere Stunden warten bis der Karren geschmiert, die
+Pferde gefüttert und alles geordnet war. Hier ist es das Makan (Essen)
+welches die Leute so lange aufhält. Dieses Wort spielt die größte
+Rolle. Fragt man nach was immer für einer Person und sie will nicht
+erscheinen, so heißt es „Makan,“ und damit ist man abgefertiget. Man
+sollte Wunder glauben, was die Leute alles essen, und dabei haben sie
+nichts als Reis, nebst ein Paar getrockneten Fischen oder sonst einer
+Kleinigkeit. Der geduldigste Mensch muß unter diesem Volke seine Geduld
+verlieren oder aufhören den Werth der Zeit zu schätzen.</p>
+
+<p>Erst um 10 Uhr kam ich heute mit vieler Mühe fort, und um 4 Uhr schon
+machten wir wieder zu <em class="gesperrt">Suwal</em> Halt. Der <em class="gesperrt">Suar</em> hat nämlich
+drei kleine Fälle, von welchen hier der erste und höchste ist. Die
+Prauh’s werden ausgeladen, seitwärts des Falles über Felsen gezogen und
+jenseits wieder beladen. Gewöhnlich richten es die Leute so ein, daß
+sie die Nacht an diesem Falle zubringen, die Prauh’s Abends entladen,
+Morgens über die Felsen ziehen und wieder beladen. Wir hätten gut
+weiter gekonnt: unser Boot war sehr leicht, mein Gepäck betrug kaum
+10 Pfund;<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> weil es aber gebräuchlich war, die Nacht hier zuzubringen,
+mußten wir es auch thun. Wir schliefen auf einem Felsblocke unter
+Gottes freiem Himmel.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">17. Februar.</em> Morgens half ich das Boot über die Fälle ziehen,
+und gegen Mittag trafen wir in Landak ein, und zwar zur höchsten
+Zeit, denn Herr Sanders wollte am folgenden Morgen die Rückreise nach
+Pontianak antreten.</p>
+
+<p>Herr Sanders war nicht wenig erstaunt, als er mich ohne alle Begleitung
+ankommen sah. Noch höher stieg seine Verwunderung, als er hörte,
+welche Kreuz- und Quer-Züge ich zu Fuß gemacht hatte, um die Plätze
+zu umgehen, die der unruhigen Dayaker-Stämme wegen, vermieden werden
+mußten. Er war so gefällig, seine Abreise meinetwegen um einen Tag zu
+verschieben; wie es sich später zeigte, hatte er keine Ursache diesen
+Aufschub zu bereuen.</p>
+
+<p>Landak, gleich allen Malaischen Städten aus unregelmäßigen Gruppen von
+Bambushütten bestehend, liegt an dem Flusse Landak, zählt ungefähr 1000
+Einwohner, und ist der Sitz eines Panam-Baham’s<a id="FNAnker_26" href="#Fussnote_26" class="fnanchor">[26]</a>.</p>
+
+<p>Abends waren wir bei dem Panam-Baham eingeladen. Er empfing uns im
+Divan, umgeben von vier Ministern, vielen Dienern und Volk. Der
+Prinz,<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> die Minister, Herr Sanders und ich nahmen auf Stühlen an einem
+Tische Platz; die Minister zogen aber bald einer nach dem andern die
+Füße hinauf und schlugen die Beine übereinander. Der Tisch ward auf
+Europäische Art gedeckt, mit Tafeltuch, Eßbestecken und Gläsern, und
+mit sehr schmackhaften Gerichten besetzt, darunter gebratene, gedämpfte
+und eingemachte Hühner, Enten, Lammfleisch, Fische, Reis u.&#8239;s.&#8239;w.
+Statt des Weines wurde lauwarmer Scherbet gereicht, der aber nicht so
+gut schmeckte wie jener, den ich in Persien und im Oriente trank. In
+Ermanglung feiner Früchte wird der Scherbet hier aus Kräutern gemacht,
+mit Zucker versüßt und hatte den Geschmack einer Arznei. Wir speisten
+alle mit Messer und Gabel; doch handhabten einige aus der Gesellschaft
+diese Instrumente so ungeschickt, daß ich mich kaum eines Lächelns
+enthalten konnte.</p>
+
+<p>Die Kleidung des Fürsten und der Minister war einfach. Einer der
+Minister trug eine feine Tuchjacke mit Gold-gestickten Aufschlägen;
+sie mußte aber schon viele Dienste geleistet haben, denn sie ließ
+die Ellbogen durchschimmern. Der Reichthum dieser Leute besteht in
+Diamanten, die sie aber höchst sorgfältig verbergen, und ganz besonders
+vor uns habgierigen Europäern (so viel ich glaube mit gutem Rechte).
+Sie trugen nur einige Ringe mit schönen Steinen. Wir<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> schmeichelten
+uns, wir würden die Schätze des Prinzen sehen; allein daraus ward
+nichts. Man behauptet, daß er der Besitzer des größten, bisher in der
+Welt gefundenen Diamanten sei; dieser soll den Kohinore, den großen
+Diamanten der Königin von England bei weitem übertreffen. Der Diamant
+wird aber Niemandem gezeigt, ja man soll nicht einmal wissen, wo er
+verborgen ist, so sehr fürchtet der Fürst, desselben beraubt, oder wohl
+gar seinetwegen ermordet zu werden. Ein beneidenswerther Schatz!!</p>
+
+<p>Die Unterhaltung bei Tische spann sich um meine Reisen, vorzüglich um
+die letzte auf Borneo. Am meisten wunderte es den Fürsten, daß ich so
+glücklich durch die unabhängigen Dayaker gekommen sei; er meinte, ich
+müsse eines besondern göttlichen Schutzes genießen, und eine mehr als
+gewöhnliche Person sein<a id="FNAnker_27" href="#Fussnote_27" class="fnanchor">[27]</a>. Auch über meine Fußreisen erstaunte er
+sehr, und gestand mir aufrichtig, daß er, obwohl so jung (21 Jahre),
+kaum zwei Stunden würde gehen können. Ich frug ihn, ob er denn gar
+nicht begierig sei, etwas außer Landak zu sehen. Er erwiederte mir ganz
+naiv, daß<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> ihm die Ruhe lieber sei als alle Merkwürdigkeiten der Welt.</p>
+
+<p>Dem Interesse, welches der Fürst und seine Minister an meiner Reise
+nahmen, hatten wir das Versprechen zu danken, am folgenden Morgen in
+eine der größten Diamanten-Gruben geführt zu werden. Diese Gunst wird
+selten oder nie einem Europäer zu Theil. Wenn man um Erlaubniß ansucht,
+erhält man stets zur Antwort: „Es wird gegenwärtig nicht gesucht; der
+Platz liefert nichts, u.&#8239;s.&#8239;w.“ Auch Hr. Sanders wäre abgereist, ohne
+die Minen gesehen zu haben.</p>
+
+<p>Um 10 Uhr Abends entließ uns der Fürst. Sein erster Minister begleitete
+uns, führte uns aber nicht nach unserer, sondern nach seiner Wohnung.
+Als wir eintraten, langten gerade auch die Stühle und der Tisch an,
+die er von dem Fürsten entlehnt hatte. Ich war von der Reise natürlich
+ermüdet und wollte nur kurze Zeit verweilen; aber man ließ uns nicht
+fort, und zu meinem Schrecken ward der Tisch zum zweiten Male mit
+demselben Service gedeckt, welches einige Stunden früher in dem Divan
+des Prinzen seine Pracht entfaltet hatte. Wie es schien wollte uns
+der Minister den Nachtisch serviren, den sein Herrscher vielleicht
+vergessen hatte, denn statt der warmen Gerichte<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> wurden Früchte,
+Backwerk und Scherbet gereicht. Erst um Mitternacht kamen wir nach
+Hause.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">18. Februar.</em> Morgens fuhren wir in Gesellschaft des ersten
+Ministers zu Wasser nach den Minen von <em class="gesperrt">Mongo</em>.</p>
+
+<p>Die Diamanten kommen hier in sehr niedrigen Sand- und Erdhügeln vor,
+welche viele Kieselsteine enthalten. Am Fuße der Hügel sind Gruben von
+zwei Fuß Breite und 2½ Fuß Tiefe gezogen, in welchen sich das vom Regen
+abgeschwemmte Gestein und Erdreich sammelt. Dieses wird in Körben nach
+einem nahe gelegenen Wasserbehälter von 20 Fuß Länge und 15 Fuß Breite
+gebracht, in welchem die Wäscher stehen, die mit großen, sehr flachen,
+hölzernen Schüsseln versehen sind. Ein Theil des abgeschwemmten
+Erdreichs wird auf diese Schüsseln gelegt und so lange geschüttelt und
+mit Wasser überspült, bis sich die Steine von der Erde absondern. Die
+Wäscher fahren dann leicht mit der Hand darüber, raffen die Steine
+zusammen, besehen sie genau, ob kein Edelstein darunter ist und lassen
+sie in das Becken fallen. Sie setzen diese Arbeit so lange fort, bis am
+Ende bloß feiner, schwarzer Sand übrig bleibt, der dann ebenfalls in
+das Becken geworfen wird. Steine und Sand werden, bevor man sie aus dem
+Wasserbecken schafft, nochmals sehr genau durchsucht.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span></p>
+
+<p>Nach einem Regen darf sich, außer den Arbeitern, Niemand den Gruben
+nähern. Die Arbeiter sind Chinesen.</p>
+
+<p>Es wurden uns zu Ehren zwei Körbe Erdreich gewaschen und darin zwei
+Diamanten von der Größe kleiner Stecknadelköpfe gefunden; den einen
+erhielt Herr Sanders, den andern ich. Der Minister sagte mir auch, daß
+er Befehl habe, mir zu erlauben, selbst nach Diamanten zu suchen und
+die gefundenen zu behalten; ich erwiederte ihm aber, daß ich nicht
+gekommen sei, um Diamanten zu suchen, sondern nur um die Minen zu
+sehen. Ich suchte nicht.</p>
+
+<p>Viele Diamanten werden auch an andern Orten gefunden. Jene, die über
+drei Karat haben, müssen an den Fürsten verkauft werden, der sie
+gewöhnlich gegen Waare umtauscht und bei diesem Handel seine guten
+Procente zu gewinnen weiß.</p>
+
+<p>Die Diamanten haben selbst an den Fundorten einen sehr hohen Preis.</p>
+
+<p>Den Abend waren wir wieder bei dem Panam-Baham geladen, den unsere
+Gesellschaft sehr zu unterhalten schien. Man machte uns Hoffnung, den
+Schatz des Fürsten zu sehen; allein so weit ging seine Gefälligkeit
+nicht.</p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">19. Februar</em> verließen wir Landak, um<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> auf dem Strome Landak
+die Rückreise nach Pontianak zu machen (200 Meilen).</p>
+
+<p>Wir fuhren in dem großen Boote bis an die Mündung des Flüßchens
+<em class="gesperrt">Karanyan</em>. Hier bestiegen wir ein kleines leichtes Boot, um einen
+Abstecher nach dem Oertchen Karanyan zu machen, in welchem sich vor
+mehreren Jahren einige Amerikanische Missionäre festgesetzt hatten.
+Ihre Absicht war gewesen, unter den Dayakern Proselyten zu machen.
+Wahrscheinlich versprachen sie sich bei diesen mehr Erfolg als bei den
+Mohamedanern, die zu fest an ihrem Glauben halten. Aber auch bei den
+Dayakern hatten sie kein Glück und mußten den Platz aufgeben, ohne eine
+einzige Seele erobert zu haben.</p>
+
+<p>Die Fahrt auf dem Karanyan gehört zu den schönen, aber nicht zu
+den bequemsten. Der Fluß war schmal, sehr seicht und der Art mit
+gefallenen Baumstämmen angefüllt, daß man hätte glauben mögen, dieß sei
+absichtlich geschehen, um ihn gegen Eindringlinge zu verschanzen. Auch
+viele lebende Bäume neigten sich so tief über das Wasser, daß wir uns
+flach in das Boot legen mußten, um unter diesen natürlichen Thorwegen
+durchzugleiten. Obwohl die Fahrt vier Stunden währte, verging uns
+doch die Zeit sehr schnell. Man kann sich schwer einen Begriff machen
+von dieser großartigen Zusammenstellung der verschiedenartigsten<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span>
+Laubbäume, Palmen, Gesträuche, Schlingpflanzen und Orchideen. Es gab
+darunter solche Riesenstämme, daß ich mich in dem Boote zurücklegen
+mußte, um mit dem Blicke die Spitze zu erreichen.</p>
+
+<p>Zu Karanyan fanden wir noch eines der Missionshäuschen; zwei andere
+nebst einer kleinen Kapelle waren schon spurlos verschwunden. Das
+eine Häuschen ward von einem Malaien unterhalten, der dafür von den
+Missionären eine kleine Entschädigung erhält. Die Herren hatten bei
+ihrem Abzuge versprochen, bald wieder zu kommen, erschienen aber bisher
+noch nicht, obwohl schon zwei Jahre verstrichen waren. Wir fanden noch
+einige ihrer Möbel und Bücher vor.</p>
+
+<p>Hierauf gingen wir noch vier Meilen weiter zu Fuß nach <em class="gesperrt">Tubong</em>
+und <em class="gesperrt">Sareton</em>, um die daselbst hausenden Dayaker zu besuchen.
+Aus ihrem wenigen Putze, so wie an den geringen Vorräthen von Reis,
+Geflügel, Schweinen u.&#8239;s.&#8239;w. sah man gleich, daß sie zu den Abhängigen
+gehörten; sie waren dem Panam-Baham untergeben. Auch in ihren
+Zügen, in ihrer Haltung vermißte man den offenen, ruhig freundlichen
+Charakter der freien Stämme. Sie empfingen uns finster und mißtrauisch;
+erst als Herr Sanders sie mit etwas Salz und Tabak beschenkte,
+thauten sie auf. Ich bewunderte bei dieser Gelegenheit abermals die<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span>
+bescheidene Gutmütigkeit dieser Menschen. Anstatt sich stürmisch an uns
+heranzudrängen und die erhaltenen Geschenke einander aus den Händen
+zu reißen, wie es häufig die Malaien thaten, empfingen sie bescheiden
+was man ihnen gab, und warteten ruhig, bis der Aelteste die Theilung
+gemacht hatte. Die Weiber bekommen hier so gut ihren Theil, wie die
+Männer.</p>
+
+<p>Wir frugen sie, ob ihnen die Missionäre häufige Besuche gemacht hatten;
+man sagte uns, daß sie alle drei bis vier Tage gekommen seien. Sie
+hätten geprediget, etwas aus Büchern gelesen, sich ein wenig mit ihnen
+unterhalten und seien wieder gegangen.</p>
+
+<p>Gegen Abend kehrten wir nach Karanyan zurück und nahmen für die Nacht
+das Häuschen der Missionäre in Besitz. Am folgenden Morgen fuhren wir
+das Flüßchen wieder hinab, bis zu unserm bequemen Boote und setzten
+die Reise auf dem Landak bis Pontianak fort, wo wir am 22. Februar
+glücklich anlangten.</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_24" href="#FNAnker_24" class="label">[24]</a> An Orten, wo nur einige Europäer leben, wie z.&#8239;B. auf
+Borneo, gibt es keine Gasthäuser.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_25" href="#FNAnker_25" class="label">[25]</a> Der Kapthay trieb bedeutenden Handel mit Schweinen und
+Schweinefleisch.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_26" href="#FNAnker_26" class="label">[26]</a> Panam-Baham ist mehr als Rajah und weniger als Sultan.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_27" href="#FNAnker_27" class="label">[27]</a> Diesen Glauben hatte man an den meisten Orten, sowohl
+unter Mohamedanern als unter wilden Völkern; man hielt mich für
+eine Art heiliger Person, und gewiß war dieß ein großer Schutz für
+mich. Manche meinten auch, ich suche den Geist eines mir verwandten
+Verstorbenen.</p>
+
+</div>
+
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe6 padtop1" id="p152_ende">
+ <img class="w100" src="images/p152_ende.jpg" alt="" data-role="presentation">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Fuenftes_Kapitel">Fünftes Kapitel.</h2>
+
+</div>
+
+<p class="s5 hang2 mbot2">Pontianak. — Das Pfandrecht. — Der Opiumpacht. — Die
+Opiumraucher. — Amok. — Reise nach Sambas. — Der Pangerong-Rato.
+— Zuvorkommenheit der holländischen Offiziere. — Rückkehr nach
+Pontianak. — Die Boa. — Einiges über die Völker Borneo’s.</p>
+
+<p><img class="illowe1_2 mbot-0_3" src="images/p153_init.jpg" alt="N">un erst nahm ich mir Zeit, mich in Pontianak ein wenig umzusehen. Die
+Lage der Stadt ist nichts weniger als reizend. Sie liegt 20 Meilen
+von der See, in einer Ebene, die, einige Reisfelder abgerechnet, mit
+dichten Waldungen bedeckt ist, und deren Einförmigkeit bloß der Strom
+und das durch den Zusammenfluß des Landaks und Kapuas gebildete schöne
+Delta unterbrechen. Die nahe Umgebung besteht aus Morästen und Sümpfen;
+kaum daß man einen trockenen Spaziergang von tausend Schritt findet.
+Nahe der Stadt ist ein hölzernes Fort errichtet, das von Erdwällen
+umgeben und mit einer Besatzung von 130 Mann versehen ist. Die ganze
+Europäische Gesellschaft besteht aus dem Residenten, fünf bis sechs
+Beamten, einigen<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> Offizieren und einem Arzte. Die Einwohnerzahl wird
+auf 6000 angeschlagen.</p>
+
+<p>An dem jenseitigen Ufer des Pontianak residirt ein Sultan, der
+gleich den selbstständigen Königen Indiens unter den Engländern, dem
+Namen nach unabhängig ist und frei über seine Völker herrscht, in
+Wirklichkeit aber von einem Holländischen Residenten überwacht wird,
+seine Grenzen ohne dessen Bewilligung nicht überschreiten darf und
+mit einem Worte nicht das Geringste eigenmächtig unternehmen kann.
+Der einzige Unterschied zwischen den Königen Hindostans und den
+Fürsten Borneo’s ist, daß letztere aus eigenem Antriebe die Hilfe der
+Holländer in Anspruch nehmen, während erstere wider Willen zur Theilung
+ihrer Herrschaft gezwungen wurden. Die Fürsten auf Borneo haben zu
+wenig Macht, einerseits den Streitigkeiten zwischen den Malaien,
+Chinesen und Dayakern, anderseits den Umtrieben und Verschwörungen
+in ihren eigenen Familien zu widerstehen. Sie unterwerfen sich daher
+gerne der Holländischen Regierung, die ihnen den größten Theil der
+Ländereien, die Abgaben der Unterthanen, die Goldwäschereien und
+Diamanten-Gruben läßt und sich nur den Opiumpacht, das Salzmonopol und
+andere minder bedeutende Einkünfte bedingt. Manche dieser Sultane und
+Fürsten beziehen sogar eine jährliche Pension als Entschädigung für
+die abgetretenen<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> Rechte. So z.&#8239;B. der Sultan von Pontianak, welchem
+jährlich 48000 Rupien<a id="FNAnker_28" href="#Fussnote_28" class="fnanchor">[28]</a> ausgezahlt werden.</p>
+
+<p>Auf Borneo gibt es, wie ich bereits erwähnt habe Sklaven, die zum
+Theile aus den Kriegsgefangenen, zum Theile aus den Schuldnern
+bestehen, welche zur festgesetzten Zeit nicht zahlen können, und
+dem Pfandrechte (von den Holländern <span class="antiqua">Pandelingschap</span> genannt)
+verfallen. Diesem barbarischen Rechte zu Folge muß der Schuldner seinem
+Gläubiger so lange unentgeldlich dienen, bis die Schuld berichtiget
+ist. Stirbt er früher, so tritt sein Weib, sein Sohn, seine Tochter
+oder sein nächster Verwandter an die Stelle. Wer dem Sultane drei Jahre
+keine Abgaben zahlt, ist Sklave des Sultans.</p>
+
+<p>Wie man mir sagte, arbeitet Resident Willer mit großem Eifer gegen
+diese schreiende Ungerechtigkeit und sucht ihr ein Ende zu machen.</p>
+
+<p>Ein anderes Uebel, in seinen Folgen ungleich größer, da es nicht
+einzelne Stämme oder Personen, sondern ganze Völker betrifft, ist
+der Gebrauch des Opiums. Gegen diesen wird jedoch nicht gearbeitet;
+im Gegentheile die Regierung selbst wendet alle Mittel an, ihn zu
+verbreiten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span></p>
+
+<p>Es ist wirklich sonderbar, daß die Europäischen Regierungen einerseits
+Kolonien gründen, Länder unterjochen, um, wie sie sagen, die
+Civilisation, das Christenthum zu verbreiten, und andrerseits ihre
+neuen Unterthanen in Lastern, die den Grundsätzen der christlichen
+Religion, den Fortschritten der Civilisation gerade entgegenarbeiten,
+unterstützen.</p>
+
+<p>Warum wirken sie nicht gegen den Gebrauch des Opiums, an dem sich
+Tausende, ja Millionen krank und sinnlos rauchen? — Warum? — Weil der
+Opium-Bau (in Indien) der Engländer größter Reichthum ist — weil der
+Opium-Pacht den andern Regierungen die größten Einkünfte schafft.</p>
+
+<p>Wie soll man den letzten Krieg nennen, den die Engländer dem
+Chinesischen Kaiser erklärten, der seine Unterthanen vor diesem Gifte
+bewahren und die Einfuhr des Opiums verbieten wollte?</p>
+
+<p>Wie können wir von den unkultivirten Völkern Achtung verlangen für
+unsere Religion, für unsere Civilisation, wenn sie sehen, daß diese
+wie jene uns an den habgierigsten, schändlichsten Handlungen nicht
+verhindern?</p>
+
+<p>Ich besuchte eines Abends im Chinesischen Kampon die sechs öffentlichen
+Häuschen, in welchen Opium geraucht wird. Die Raucher saßen oder lagen
+auf Matten, und hatten an ihrer Seite kleine Lämpchen stehen, um<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span>
+die Pfeife, in welcher sie das Opium rauchen, anzuzünden. Merkwürdig
+ist die Geschicklichkeit, mit welcher selbst der schon halb sinnlose
+Raucher das feinste Pünktchen Opium von dem Blatte zu lösen versteht,
+auf welches es gestrichen ist.</p>
+
+<p>Daß man an diesen Vergiftungsorten gräßliche Bilder zu sehen bekommt,
+versteht sich leider von selbst. Hier rafft sich Einer lallend und
+betäubt auf und versucht sich nach Hause zu schleppen, sinkt aber
+kraftlos an der Schwelle nieder, — ein Anderer liegt leblos auf der
+Matte hingestreckt; er hat nicht einmal das Bewußtsein mehr, an sein
+Haus zu denken; — dort sitzt Einer mit blassen, eingefallenen Wangen,
+mit stieren Augen, mit zitterndem Körper — es fehlt ihm an Geld, er
+kann sich nicht bis zur Sinnlosigkeit rauchen. Bei manchen erregt das
+Opium-Rauchen eine große Munterkeit: sie schwatzen und lachen, bis sie
+erschöpft auf das Lager zurücksinken und sich, ihrer Behauptung nach,
+himmlischer Träume erfreuen. Das Traurigste ist, daß derjenige, welcher
+sich einmal diesem Gifte hingegeben hat, ohne dasselbe nicht mehr leben
+kann. Sein Körper ist gebrochen, erschlafft, er kann nicht arbeiten,
+nicht denken, er ist zu allem unfähig, bis er nicht in einigen Zügen
+Opium neue Aufregung, neues Leben geschöpft hat.</p>
+
+<p>Zu meinem Erstaunen fand ich in den Opium-Häusern<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> sogar Weiber, die
+ebenso leidenschaftlich rauchten als die Männer.</p>
+
+<p>Man sagte mir, daß der Pikul Opium in Singapore 1200 Spanische Thaler
+koste; die Regierung verpachtet aber das Recht des Verkaufs so hoch,
+daß sie daraus sechs- bis achthundert Prozent zieht.</p>
+
+<p>Die Einkünfte der Holländischen Regierung auf Borneo kommen bisher
+hauptsächlich aus dieser Verpachtung, und mit <em class="gesperrt">Freude</em> erzählte
+man mir, daß sie alle Jahre mehr eintrüge. In Pontianak betrug sie im
+Jahre 1851 ungefähr 116,000, in Sambas 130,000 Rupien; auf Java soll
+sie die ungeheure Summe von 10 Millionen erreichen und allein mehr
+betragen, als alle übrigen Steuern und Abgaben zusammen.</p>
+
+<p>Den Aufenthalt auf Pontianak benützte ich, unbekümmert um Hitze und
+Moräste, fleißig zu Spaziergängen und zur Insekten- und Reptilienjagd.
+Es machte mir bei dieser Gelegenheit kindisches Vergnügen, täglich zu
+Fuße den Aequator zu passiren, von welchem Pontianak kaum eine Meile
+entfernt liegt.</p>
+
+<p>Eines Morgens hatten wir in Pontianak einen großen Schrecken. Wir saßen
+noch ganz gemüthlich beim Frühstücke, als wir plötzlich ein heftiges
+Geschrei und häufiges Hin- und Herlaufen vor dem Hause vernahmen. Als
+wir auf die Gallerie traten, sahen wir Gerichtsdiener mit blankem
+Säbel über die Straße<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> laufen, und hörten vom fliehendem Volke den
+Schreckens-Ruf „Amok! Amok!“ — Wir stürzten in die Wohnung zurück, und
+augenblicklich wurden alle Thüren und Fenster geschlossen und verwahrt.</p>
+
+<p>Amok ist eine Art Raserei, die unter den Malaien, nicht nur
+auf Borneo, sondern im ganzen Indischen Archipel vorkommt. Sie
+ergreift die Menschen plötzlich und erregt in ihnen die heftigste,
+unwiderstehlichste Begierde nach Menschenblut. Der davon Befallene
+stürzt wie ein Wahnsinniger fort und tödtet alles, was ihm in den Weg
+kommt, — sein Weib, seine Kinder nicht ausgenommen. Man ist gezwungen
+einen solchen Menschen niederzuhauen oder niederzuschießen wie einen
+wüthenden Hund. — Diese Raserei soll meistens von Eifersucht herrühren
+und gewöhnlich nur bei Opium-Rauchern vorkommen.</p>
+
+<p>Diesmal ging es mit dem leeren Schrecken ab; es zeigte sich, daß statt
+des Amoks drei schwere Verbrecher aus dem nah gelegenen Gefängnisse
+entsprungen waren. Sie wurden alsbald wieder eingebracht.</p>
+
+<p>Von Pontianak wünschte ich mitten durch das Land an die Südküste nach
+<em class="gesperrt">Benjermassing</em>, ebenfalls einer Holländischen Besitzung zu
+gehen. Es wäre dieß eine Reise von zwei bis drei Monaten gewesen, die
+ich jedoch ohne Kenntniß der Dayakischen Sprache allein nicht hätte
+unternehmen können. Ich suchte daher einen<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> getreuen, verläßlichen
+Diener oder Führer; allein es fand sich Niemand, der die allerdings
+sehr gefährliche Reise wagen wollte. Ich mußte daher davon abstehen. Es
+blieb mir nichts anderes übrig, als wider Willen nach Batavia zu gehen
+und mich dort nach einer Gelegenheit für Australien umzusehen. Ich sage
+„wider Willen,“ weil es mir bekannt war, wie theuer der Aufenthalt in
+Batavia, so wie das Reisen auf Java ist und ich in Folge dessen dieß
+schöne Land so schnell als möglich hätte verlassen müssen. Dazu machten
+mir noch die Holländer selbst von ihren dortigen Landsleuten keine sehr
+günstige Schilderung, und boten mir obwohl die einen Verwandte, die
+andern Jugendfreunde daselbst hatten, nicht einmal Briefe für diese an
+— eine Sache, die mich um so mehr befremdete, als die Engländer mir
+stets ohne die geringste Aufforderung von meiner Seite alle Mittel an
+die Hand gaben, meine Reisen so angenehm als möglich zu machen. Doch
+es blieb mir keine Wahl, und nachdem ich in Pontianak länger geblieben
+war, als ich gewollt hatte, miethete ich einen Platz auf einer
+ärmlichen Barke, die nach Batavia segelte.</p>
+
+<p>In einigen Tagen sollte ich abfahren. Da ward mir die Freude noch
+zu Theil, Herrn Residenten <em class="gesperrt">Willer</em> kennen zu lernen, der von
+Batavia zurückkam. Ich nahm an diesem Manne großes Interesse, nicht
+nur<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> weil er ein sehr vollständiges Werk über die <em class="gesperrt">Battaker</em> auf
+<em class="gesperrt">Sumatra</em> und die <em class="gesperrt">Alforen</em> auf <em class="gesperrt">Ceram</em> geschrieben hat,
+sondern auch weil er sich die Abschaffung des Pfandrechtes so sehr
+angelegen sein ließ.</p>
+
+<p>Auch an mir bewies Herr Willer sogleich sein treffliches Gemüth: er
+kannte den Kapitän der Arabischen Barke als einen schlechten Menschen
+und gab es nicht zu, daß ich mit ihm ginge. In der liebenswürdigsten
+Weise bot er mir den ferneren Aufenthalt in seinem Hause an, und
+versprach für meine Weiterreise zu sorgen. Zufälliger Weise kam bald
+darauf ein Holländisches Schiff an, auf welchem er mir die Ueberfahrt
+nach Batavia verschaffte. Ich hatte dabei Gelegenheit, noch etwas mehr
+von Borneo zu sehen, da das Schiff vorerst in <em class="gesperrt">Sambas</em> anlegen
+sollte.</p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">6. April</em> Morgens verließ ich Pontianak auf einem
+Regierungsboote und um Mittag war ich an Bord des „<em class="gesperrt">Christian
+Huigens</em>“ von 300 Tonnen, Kapitän <em class="gesperrt">Ihlower</em>.</p>
+
+<p>Auf dem Schiffe hatte ein reges Leben statt. Die Fracht bestand in
+einem Transporte Truppen aus 120 Soldaten, 46 Weibern und einem Dutzend
+Kinder. Unter den Soldaten gab es nur 30 Europäer; die übrigen, so wie
+alle Weiber waren von Java. Leider muß ich sagen, daß das Benehmen der
+Europäer bei weitem nicht so gesittet war wie jenes der<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> Eingebornen.
+Unter die halb nackten, wilden Dayaker hätte ich ein Mädchen ohne
+Bedenken mitgenommen; hier dankte ich Gott, kein Töchterchen bei mir
+zu haben, — ich hätte die Arme für die Zeit der ganzen Fahrt in die
+Kajüte sperren müssen. Muß ich doch überall den Christen, mag er
+Katholik, Protestant oder was immer sein, schlechter und ungesitteter
+finden, als den armen verachteten Heiden und Mohamedaner! — Die
+Offiziere selbst gestanden mir, daß sie die eingebornen Soldaten den
+Europäischen vorzögen. Jene seien viel stiller und verträglicher,
+verrichteten den Dienst genau und betränken sich nicht. Wenigstens zwei
+Drittheile der Holländischen Truppen im Indischen Archipel bestehen
+aus Eingebornen, unter welchen sich besonders die <em class="gesperrt">Maduresen</em><a id="FNAnker_29" href="#Fussnote_29" class="fnanchor">[29]</a>
+durch ihre Tapferkeit auszeichnen.</p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">8. April</em> lagen wir auf der Rhede vor der Mündung des Flusses
+<em class="gesperrt">Sambas</em> (80 Meilen). Wir hatten auf dieser kurzen Reise das Land
+nie aus dem Gesichte verloren: entweder sahen wir Borneo selbst, oder
+Inseln und Eilande, an denen es ringsumher nicht fehlte. Alles war
+gebirgig und mit dichter Waldung bedeckt.</p>
+
+<p>An der Mündung des Sambas liegt auf einem<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> 150 Fuß hohen Hügel ein
+kleines Fort, <em class="gesperrt">Sorg</em> genannt, zum Andenken an den Obersten
+<em class="gesperrt">Sorg</em>, der hier an seinen Wunden starb, die er in dem Gefechte
+mit den Chinesen von Mandore erhalten hatte. Der Kommandant, Kapitän
+van <em class="gesperrt">Houten</em>, nahm mich für die Zeit, bis ein Boot von Sambas
+käme, um mich abzuholen, gütigst bei sich auf — eine Gefälligkeit, die
+um so höher zu schätzen war, als seine ganze Wohnung aus zwei kleinen
+Kämmerchen bestand.</p>
+
+<p>Nie sah ich ein erbärmlicheres Fort als dieses: es enthielt nichts
+weiter als ein Paar niedrige Laubhütten, die den zwei Offizieren, dem
+Arzte und den Soldaten zum Obdache dienten. Man sagte mir, daß es in
+größter Eile errichtet worden sei, als sich die Chinesen von Mandore
+empörten, die Herrschaft der Holländer nicht mehr anerkennen, und
+besonders den Opiumpacht nicht mehr bezahlen wollten. Es fanden in der
+Ebene, die am Fuße des Hügels <em class="gesperrt">Paniebungan</em> liegt, auf welchem
+das Fort steht, drei Gefechte statt, in welchen 4000 Chinesen von
+600 Holländischen Soldaten geschlagen wurden. Die Chinesen gelobten
+hierauf neuen Gehorsam; doch wie es scheint, ist ihrer Treue nicht
+recht zu trauen, und man sieht neuen Unruhen entgegen. Sobald dieser
+Streit vollständig beendiget ist, soll ein ordentliches Fort an einem
+passenden Orte errichtet werden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span></p>
+
+<p>Ich blieb zwei Tage Herrn van <em class="gesperrt">Houten’s</em> Gast und fuhr dann
+in einem Regierungsboote, welches der Assistent-Resident Herr
+van <em class="gesperrt">Prehn</em> um mich zu schicken so gütig war, nach Sambas
+(36 Meilen). Ich langte Abends an und wurde in das Haus des
+<em class="gesperrt">Pangerong-Rato</em><a id="FNAnker_30" href="#Fussnote_30" class="fnanchor">[30]</a> geführt. Herr van Prehn hatte das seinige mit
+Offizieren so überfüllt, daß er mich nicht aufnehmen konnte.</p>
+
+<p>Der Pangerong empfing mich im Divan. Hier sah es so Europäisch aus,
+daß ich mir schmeichelte, recht gut aufgehoben zu sein. Nach einer
+stundenlangen Unterhaltung äußerte ich den Wunsch, nach meinem Zimmer
+zu gehen. Man frug mich, was ich zu essen wünsche. Ich bat ganz
+bescheiden um zwei weichgesottene Eier. Auf meinem Zimmer angekommen,
+wartete ich die längste Zeit auf dieses große Mahl. Endlich erschien
+ein Diener, in einer Hand ein Bündelchen, in der andern ein Päckchen
+haltend; er legte beides auf den Tisch und kramte aus — das Bündelchen
+enthielt sechs Eier, das Päckchen ein Pfund Wachskerzen. Ich mußte über
+die höchst einfache Art der Bedienung um so mehr lächeln, als man mir
+einige Diener nebst einer Dienerin gegeben hatte, die mich<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> auf jedem
+Schritte wie Schatten verfolgten, von welchen mir aber keiner weder
+Messer noch Teller noch Brot oder Salz brachte. Ich hatte nicht mehr
+den Muth, etwas zu verlangen; ich dachte, es könnte so rasch kommen als
+die Eier, und ich sehnte mich schon sehr nach Ruhe. Ich langte daher
+nach einem Ei, um es in Eile auszuschlürfen; aber — es war kalt und
+ungekocht. Ohne Imbiß mußte ich nach einer ganzen Tagereise mein Lager
+aufsuchen.</p>
+
+<p>Meine Wohnung bestand aus einer großen Halle, zu welcher drei Stufen
+aufwärts führten. Ein kleiner Raum, durch Blätterwände getrennt,
+bildete das Schlafgemach, das weder Thüre noch Fenster hatte; vor dem
+Eingang war bloß ein kleiner Schirm gestellt. Als ich Morgens aufstand,
+konnte ich natürlich in dem finsteren Gemache nicht bleiben und ging in
+die Halle. Diese aber hatte ein halb Dutzend Thüren, die immerwährend
+offen standen und allen Leuten zugänglich waren. An müßigem Volke
+fehlt es in den tropischen Ländern nirgends, am wenigsten an einem
+fürstlichen Hofe, und da ich noch dazu den Leuten eine merkwürdige
+Erscheinung war (außer Frau Willer hatten sie noch keine Europäerin
+gesehen), so befand sich meine Halle stets voll Menschen, und jede
+meiner Bewegungen wurde beobachtet; ich kam mir wahrlich wie eine
+stumme Schauspielerin vor.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span></p>
+
+<p>Zum Frühstücke, auf das ich mit einem wahren Heißhunger wartete,
+brachte man mir Thee ohne Milch<a id="FNAnker_31" href="#Fussnote_31" class="fnanchor">[31]</a> und ohne Brot. Ich fing schon an,
+etwas böse zu werden, mich an ein Haus gewiesen zu sehen, in welchem
+ich mit niemandem sprechen konnte und mir daher alles gefallen lassen
+mußte. Da kamen endlich zwei Herren, Kapitän van der <em class="gesperrt">Kapellen</em>
+und Dr. <em class="gesperrt">Enthoffer</em>, mich zu besuchen und im Namen der gesammten
+Offiziere einzuladen, eines ihrer Häuschen zu beziehen. Welche Freude
+mir diese unverhoffte Einladung machte, bedarf wohl keiner Erwähnung.
+Die Herren versprachen, mich gegen Abend abzuholen.</p>
+
+<p>Indessen rückte Mittag heran, und als niemand erschien, meinen leeren
+Tisch zu decken, begehrte ich zu essen. Ich hatte nun schon über
+24 Stunden gefastet. Trotz meines guten Appetites war es mir aber
+unmöglich, viel von dem Mahle zu genießen, das man mir vorsetzte. Es
+bestand aus Reis, in Wasser gekocht, aus dem halben Flügelchen eines
+Huhnes in so starker Kuri-Brühe, daß ich mir den Mund verbrannte, und
+aus zwei dünnen Spalten getrockneten Fleisches (Den-den genannt),
+welches in ranzigem Kokos-Oele zu Kohlen verbrannt war.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span></p>
+
+<p>Um 4 Uhr brachte man mir einen großen Korb voll Früchte, von welchen
+ich jedoch wenig aß, da sich der Europäer in diesen Ländern vor
+Früchten sehr in Acht nehmen muß; sie bekommen ihm selten gut.</p>
+
+<p>Um 5 Uhr erschienen die beiden Herren. Kapitän van der Kapellen führte
+mich in sein eigenes Häuschen, welches er sammt seinen Dienern gänzlich
+zu meiner Verfügung stellte; er selbst quartirte sich für die Zeit
+meines Hierbleibens bei einem andern Offiziere ein. Man glaube aber
+nicht, daß ich, weil ich ein ganzes Häuschen besaß, deshalb über viele
+Gemächer zu verfügen hatte. Mein Palast, eine bescheidene Laubhütte mit
+zwei kleinen Kämmerchen, war nebst andern ähnlichen Palästen in der
+Eile aufgeschlagen worden, um die Offiziere zu beherbergen, die der
+Chinesischen Unruhen wegen mit ihren Truppen die Besatzung von Sambas
+vermehrt hatten. In Friedenszeit besteht die ganze hiesige Gesellschaft
+aus dem Assistent-Residenten, einigen Beamten und Offizieren, im Ganzen
+11 Personen, die Soldaten nicht gerechnet.</p>
+
+<p>Sambas zählt einige Tausend Einwohner und gleicht allen übrigen
+Malaischen Städtchen, mit der Ausnahme, daß die Chinesen meistens ihre
+Häuser auf Flößen gebaut haben, wodurch der Fluß ein sehr belebtes
+Ansehen erhält. Gleich Pontianak liegt Sambas in einer großen Ebene,
+die aber nicht so versumpft ist,<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> und in deren Hintergrund sich einige
+Gebirge zeigen. Vor dem Hause des Assistent-Residenten ist sogar ein
+großer Wiesenplatz mit Baum-Alleen.</p>
+
+<p>Außer einem Fort besitzt Sambas auch ein Hospital mit geräumigen
+Sälen, sehr reinlichen, guten Betten und reichen Vorräthen an Wäsche,
+Arzeneien und Lebensmitteln, unter letzteren viele hermetisch
+verschlossene Blechbüchsen (Conserve), feine Gemüse, Kalbfleisch
+u.&#8239;s.&#8239;w. enthaltend, und feine Weine, wie Bordeaux, Rheinwein. In
+dieses Hospital werden auch Eingeborne aufgenommen; doch machen sie
+selten Gebrauch davon. Sie haben einen großen Abscheu vor Hospitälern
+— sie sahen Leute darinnen sterben, halten sie eher für Sterbehäuser
+als für Heilanstalten und ziehen es daher vor, selbst an sich zu
+quacksalbern.</p>
+
+<p>Zu meinem Erstaunen bemerkte ich, daß die Holländer auf Borneo<a id="FNAnker_32" href="#Fussnote_32" class="fnanchor">[32]</a>
+mit den eingebornen Mädchen in denselben freien Verhältnissen leben,
+wie die Franzosen auf <em class="gesperrt">Otahaiti</em>. Ich könnte hier Wort für
+Wort wiederholen, was ich bei Gelegenheit meiner früheren Reise
+über Otahaiti geschrieben habe. Mir fiel dies um so mehr auf, da
+ich weder auf Singapore, noch auf Sarawak, noch auf irgend einer
+Englisch-überseeischen Besitzung Aehnliches bemerkt habe.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span></p>
+
+<p>Obwohl es in Sambas nicht viel Interessantes zu sehen gab, verging mir
+die Zeit doch schnell und angenehm. Herr van Prehn sandte mir jeden
+Morgen sein Boot, und der Fürst Rato vier Malaien. Ich fuhr bis an die
+Waldungen und strich mit meinen Begleitern den ganzen Vormittag umher.
+An die tropische Hitze war ich bereits gewöhnt, eben so an die Sümpfe
+und Moräste, und an Schlangenbisse oder dergleichen Unfälle dachte ich
+gar nicht. Wir brachten Tod und Verderben über alles, was uns vorkam;
+kein Insekt, kein Reptil, kein Schmetterling fand Gnade vor unsern
+Augen. Nachmittags hatte ich meine armen Opfer in Ordnung zu bringen,
+und Abends erhielt ich stets Besuche. Mit Dank und Vergnügen werde ich
+stets der Europäer in Sambas gedenken, besonders der Herren van der
+Kapellen, Enthoffer und van Prehn. Sie beschrieben mir ihre Landsleute
+auf Batavia ungleich günstiger, als man es zu Pontianak gethan hatte,
+und versahen mich reichlich mit Empfehlungsbriefen, so daß ich meiner
+Reise etwas muthiger entgegen sah.</p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">26. April</em> verließ ich Sambas, und zwar um abermals nach
+Pontianak zu gehen, wo das Schiff eine Ladung Kokosnüsse (50,000 Stück,
+das Hundert <span class="antiqua">à</span> 2 Rupien) und Rotang für Batavia einnehmen sollte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span></p>
+
+<p>An der Mündung des Flusses hatte ich das Vergnügen, Herrn und Frau
+Willer zu begegnen und mit ihnen zu frühstücken. Herr Willer kam der
+Chinesischen Angelegenheiten wegen nach Sambas.</p>
+
+<p>Auf Fort <em class="gesperrt">Sorg</em>, bei Kapitän <em class="gesperrt">van Houten</em>, fand ich dieselbe
+herzliche Aufnahme wie früher. Er überraschte mich mit einer kleinen
+Sammlung Insekten und mit einer ausgezeichnet schönen und seltenen
+Schlange.</p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">1. Mai</em> ging ich wieder an Bord. Wir hatten vier Tage zu thun,
+um über die die Rhede umgebenden Sandbänke zu gelangen. Am ersten Tage
+harpunirten die Matrosen eine Boa. Sie war vermuthlich durch die Fluth
+vom Lande mitgenommen worden und mochte unser Schiff als Zufluchtsort
+betrachten, indem sie darauf lossteuerte und an Bord zu kommen suchte.
+Sie kam auch an Bord, aber — als Leiche. Sie maß 18 Fuß in der Länge
+und 8 Zoll im Durchmesser. Die Matrosen zogen ihr die Haut ab und
+wollten den Körper in die See werfen. Ich rieth ihnen, letzteres
+zu unterlassen und die Schlange lieber zu verspeisen. Sie lachten
+mich weidlich aus und meinten, wenn das Schlangenfleisch so köstlich
+schmecke, möge ich es nur selbst verzehren, ihr Antheil stehe zu meiner
+Verfügung. Ich ließ ein Stück braten<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> und fing in ihrer Gegenwart davon
+zu essen an<a id="FNAnker_33" href="#Fussnote_33" class="fnanchor">[33]</a>. Als sie dies sahen, trat doch einer der herzhaftesten
+hervor und ersuchte mich, ihn davon kosten zu lassen. Ich gab ihm ein
+Stückchen, und da er es, gleich mir, äußerst schmackhaft fand, folgten
+die andern alsbald seinem Beispiele und kosteten so viel, daß am Ende
+das Zusehen an mich kam. Es wurde einmüthig beschlossen, die Schlange
+zu verspeisen, und Matrosen und Soldaten dankten mir für den guten Rath.</p>
+
+<p>Wir hatten 30 Soldaten nebst einigen Weibern und Kindern an Bord.
+Unter den Soldaten gab es mehrere Kranke, die zur Luftveränderung nach
+Batavia gesandt wurden, und von welchen einer, ein Javanese, während
+der Reise starb. Sein Körper wurde unmittelbar nach dem Verscheiden an
+den Mittelmast gelegt. Nach sechs Stunden nähte man ihn in eine Matte,
+befestigte an den Füßen zwei große Steine, legte dann den Körper auf
+ein Brett, und ließ ihn in die See gleiten. Keiner der Landsleute und
+Waffengenossen des Verstorbenen war von dieser Scene ergriffen,<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> nicht
+einmal sein Weib. Ihr Auge blieb trocken, ihre Gesichtszüge drückten
+Gleichgültigkeit aus. Nach zwei Tagen sagte man mir, daß sie schon mit
+einem andern versprochen sei.</p>
+
+<p>Ich hatte bemerkt, daß die Landsleute des Verstorbenen, als er in die
+Matte genäht wurde, einige Münzen beilegten. Auf mein Befragen, warum
+dieß geschähe, sagte man mir, daß die Leute glauben, wenn man einer
+Leiche, die in die See geworfen werde, einige Münzen beilege, sie nicht
+auftauche.</p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">8. Mai</em> erst warfen wir Anker auf der Rhede von Pontianak, und
+am <em class="gesperrt">22. Mai</em> nahm ich zum letzten Male Abschied von diesem Orte.
+Da ich damit zu gleicher Zeit auch gänzlichen Abschied von Borneo nahm,
+will ich mit einigen Worten noch die verschiedenen Völker erwähnen, die
+ich kennen gelernt habe.</p>
+
+<p>Die Dayaker, die bei weitem den größten Theil der Bevölkerung
+ausmachen, gefielen mir, wie bereits gesagt, am besten, nicht nur unter
+den Völkern Borneo’s, sondern untern allen wilden Völkern der Erde,
+mit welchen ich bisher in Berührung gekommen war. Sie haben, besonders
+die freien Stämme, einen wirklich edlen, unverdorbenen Charakter. Sehr
+mißfielen mir dagegen die Malaien; ich kann nur bestätigen, was die
+meisten Reisenden sagen: daß die<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> Malaien Borneo’s unter allen Malaien
+die schlechtesten sind. Sie lügen, stehlen, betrügen, behandeln die
+ihnen unterworfenen Dayaker sehr hart und haben wenig Liebe für ihre
+Weiber und Kinder. Sie wechseln sehr leicht die ehelichen Bande: ich
+sah Männer wie Weiber, die sechs bis acht Mal getraut waren und kaum
+30 Jahre zählten. Oft kehren sie, nachdem sie mit anderen getraut
+waren, zu ihren früheren Gatten wieder zurück. Daß ein Mann mehrere
+Frauen zugleich hat, ist gesetzlich erlaubt, denn die Malaien sind
+alle Mahomedaner. Nebst diesen schönen Eigenschaften besitzen sie eine
+unbeschreibliche Trägheit, Theilnahmslosigkeit und eine Unreinlichkeit
+sonder gleichen. Sie baden oder überschütten sich wohl zwei bis dreimal
+des Tages mit Wasser, wie es ihre Religion verlangt; allein sie waschen
+den Schmutz nicht vom Körper, trocknen sich nicht ab; sie lassen das
+Wasser über den Körper laufen und damit ist es abgethan. Ihre Nahrung
+ist schlecht, weil sie zu träge sind, mehr zu bauen oder zu pflanzen
+als Reis. In jeder Hütte, in der ich auf meinen Reisen einsprach, fand
+ich einen Schwarm von Männern und Weibern, die halbe, ja ganze Tage
+nichts thaten als: schwatzen, Siri kauen, schlafen, mit den Kindern
+spielen oder mich stundenlange sinnlos begaffen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span></p>
+
+<p>Was die Chinesen betrifft, so sind diese schon von ihrem Vaterlande
+aus als falsch, grausam, hinterlistig und verschmitzt bekannt, und
+so wenig sie in fremden Ländern ihre Sitten, Gebräuche und Kleidung
+ablegen, eben so wenig legen sie ihren Charakter ab. Doch haben sie
+auch viele gute Eigenschaften: sie sind betriebsam, fleißig, ausdauernd
+und sparsam, lieben ihre Kinder und wechseln deßhalb auch viel seltener
+ihre Frauen.</p>
+
+<p>Die Chinesen spielen in Borneo die Rolle der Juden in Polen oder
+Ungarn. Groß- und Klein-Handel, alle Handwerke sind in ihren Händen;
+sie sind Pächter oder Bearbeiter aller Minen und bauen das Land
+ungleich sorgfältiger als die Dayaker oder Malaien. Auch ihre Nahrung
+ist bei weitem besser: sie halten viel Schweine und Geflügel, pflanzen
+Gemüse und Früchte. Thee vertritt die Stelle des Wassers, und bei den
+Mahlzeiten trinken sie häufig eine Art sehr leichten Rums, aus Reis
+gezogen und mit Zucker versüßt.</p>
+
+<p>Man könnte den Chinesen als Herrn und Bürger des Landes, den Malaien
+als Bauer, den abhängigen Dayaker als Sklaven betrachten.</p>
+
+<p>Durchaus unwahr und übertrieben finde ich die Schilderungen, die man
+von dem harten Lose der Borneischen<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> Weiber, besonders jenem der
+Dayakerinnen macht. Leute, die solches behaupten, haben nicht gesehen,
+was ein armes Weib in den meisten Europäischen Ländern zu leisten hat.
+Sie haben nicht gesehen, wie eine Europäische Bäuerin schwer beladen
+mit Lebensmitteln schon lange vor Sonnenaufgang nach einer fernen
+Stadt eilt, um dort ihren Kram zu veräußern, wie sie halb erschöpft
+nach Hause kommend, statt zu ruhen, die Küche, die Kinder beschickt,
+im Stall das Vieh besorgt, und oft noch auf die Felder geht und
+den Männern arbeiten hilft. Sie haben nicht gesehen, wie eine arme
+Taglöhnerin in den Städten von Morgens drei bis Abends sieben und acht
+Uhr am Waschtroge steht und wäscht, bis ihr die Haut von den Fingern
+geht — wie andere die größten Lasten Holz, Wasser in die vierten
+und fünften Stockwerke der Häuser hinaufschleppen. Sie haben an die
+Handarbeiterinnen nicht gedacht, die oft in dumpfen, düstern Löchern
+täglich zwölf bis vierzehn Stunden arbeiten, die kaum an einem Sonntage
+die liebe Sonne zu sehen bekommen. Wahrlich, es kann kein härteres Loos
+geben, als das eines armen Europäischen Weibes!</p>
+
+<p>Was sind dagegen die Leistungen der Borneischen Weiber? Sie arbeiten
+höchst selten auf dem Felde, flechten Matten und Laubwände zur Erbauung
+der Hütten,<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> besorgen die Kinder, den Haushalt. Sie gehen zur Zeit der
+Reisernte (und das nur die Dayakischen Weiber) für einige Stunden auf’s
+Feld, schneiden da ein Körbchen voll mit Reisähren<a id="FNAnker_34" href="#Fussnote_34" class="fnanchor">[34]</a> und tragen es
+heim. Was für Matten und Laubwände nöthig ist, schafft der Mann nach
+Hause; die Weiber sitzen im schattigen, luftigen Vorplatze und arbeiten
+nach Belieben; kein Mensch treibt sie an. Wird die Sache nicht heute
+fertig, so wird sie es morgen oder übermorgen. Die Kinder machen ihnen
+nichts zu schaffen: die laufen nackt umher, und thun was sie wollen;
+hat ein Weib einen Säugling, so bleibt es ganz zu Hause. Was die Küche
+betrifft, so wird sie bei den Chinesen von den Männern beschickt, und
+bei den Dayakern und Malaien sieht das Feuer selten etwas anderes als
+Reis. Um das Vieh brauchen sie sich nicht zu bekümmern: die Schweine
+und Hühner müssen sich ihr Futter größtentheils selbst suchen, und Kühe
+halten sie nicht. Sie haben ferner kein Hausgeräth zu scheuern, keine
+Stuben zu reinigen (aller Unrath wird durch den Bambusboden geworfen),
+und das Waschen und Flicken der Wäsche und Kleider raubt ihnen auch nur
+wenig Zeit, da sie nichts weiter tragen, als einen einfachen Sarong.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span></p>
+
+<p>Diesen angestrengten Arbeiten wollen die mitunter so gefühlvollen
+Europäer das frühe Altern der Weiber zuschreiben. Ich möchte es mehr
+als Folge des frühen Heirathens betrachten, das bei Mädchen oft schon
+im elften oder zwölften Jahre stattfindet.</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_28" href="#FNAnker_28" class="label">[28]</a> In den holländischen Besitzungen gibt es Papiergeld
+(Recepisse), Kupfer (Deut), Silber (Rupie). Ein Recepisse hat den Werth
+einer Rupie und enthält 120 Deut. Zwölf Recepisse machen ein Livre
+Sterling. — Man rechnet auch nach Kupfer-Gulden <span class="antiqua">à</span> 100 Deut; es
+ist dieß aber eine imaginäre Münze.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_29" href="#FNAnker_29" class="label">[29]</a> Madura, eine Insel, gehört zur Regentschaft von Java.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_30" href="#FNAnker_30" class="label">[30]</a> Pangerong ist gleich Panam-Baham mehr als Rajah und
+weniger als Sultan.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_31" href="#FNAnker_31" class="label">[31]</a> Kühe findet man nur bei den Europäern, höchst selten bei
+den Eingebornen. Letztere halten mitunter Ziegen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_32" href="#FNAnker_32" class="label">[32]</a> Später bemerkte ich dasselbe im ganzen Archipel.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_33" href="#FNAnker_33" class="label">[33]</a> Wer meine erste Reise um die Welt gelesen hat, wird sich
+vielleicht erinnern, daß ich zu Singapore auf einer Tigerjagd war, auf
+welcher, statt eines Tigers, eine Boa getödtet wurde. Wir brachten sie
+zu Chinesen auf eine Pfefferpflanzung. Die Leute zogen ihr die Haut ab,
+kochten und aßen sie. Ich kostete von diesem seltsamen Gerichte und
+fand es wirklich höchst schmackhaft.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_34" href="#FNAnker_34" class="label">[34]</a> Auf Borneo werden die Aehren ganz oben an dem Ende der
+Stängel abgeschnitten, das Stroh wird auf dem Felde verbrannt.</p>
+
+</div>
+
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe6 padtop1" id="p177_ende">
+ <img class="w100" src="images/p177_ende.jpg" alt="" data-role="presentation">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Sechstes_Kapitel">Sechstes Kapitel.</h2>
+
+</div>
+
+<p class="s5 hang2 mbot2">Batavia. — Sehenswürdigkeiten. — Chinesisches Schauspiel. —
+Buitenzorg. — Vorstellung bei dem General-Gouverneur Typanas. —
+Besteigung des Pangerangs. — Bandong. — Die Theepflanzung. — Die
+Kaffeemühle. — Der Schwefelkrater. — Rückkehr nach Batavia. —
+Ausflug nach Tangerang. — Volksbelustigungen.</p>
+
+<p><img class="illowe1_2 mbot-0_3" src="images/p178_init.jpg" alt="A">m <em class="gesperrt">29. Mai</em>, nach einer Reise von 7 Tagen traf ich glücklich zu
+Batavia ein (400 Meilen von Pontianak).</p>
+
+<p>Von der Rhede aus sieht man wenig von der Stadt, nichts von den
+Wohnhäusern der Europäer; es zeigt sich blos eine ungemein große,
+fruchtbare Ebene, von schönen Gebirgen umgeben.</p>
+
+<p>Die Fahrt von der Rhede nach der Stadt (drei Meilen) muß man in der
+Regierung gehörigen Booten machen und dafür 3 Rupien bezahlen. Ein
+Schiffskapitän kann zwar sein eigenes Boot gebrauchen, muß aber für
+dieses Recht dieselbe Taxe entrichten. Auch die Waaren können nur in
+Regierungsbooten befördert werden.</p>
+
+<p>Für einen Wagen von dem Landungsplatze nach der Stadt hat man ebenfalls
+drei Rupien zu bezahlen,<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> für jedes Stück Gepäck eine halbe Rupie, in
+allem, die Trinkgelder mitgerechnet, 9 bis 10 Rupien, — eine Summe,
+für welche man in dem theuern Calcutta viermal an’s Land gehen kann.</p>
+
+<p>Ich stieg im Hôtel Neederland bei Herrn <em class="gesperrt">Hovesand</em> ab. Doch schon
+am folgenden Morgen besuchte mich der Resident Herr <em class="gesperrt">van Rees</em>, an
+welchen ich von <em class="gesperrt">Sambas</em> einen Empfehlungsbrief mitgebracht hatte,
+lud mich auf die herzlichste Weise in sein Haus ein und ließ mich
+noch denselben Tag abholen. Seine Gemahlin, eine der gebildetsten und
+liebenswürdigsten Frauen, empfing mich nicht minder freundlich als ihr
+Gemahl, und somit ging mein Eintritt in Batavia auf die leichteste und
+angenehmste Art vor sich.</p>
+
+<p>Herr <em class="gesperrt">Hovesand</em> nahm durchaus keine Bezahlung von mir an, obwohl
+ich in seinen Wagen gefahren, seine Kully benützt hatte. Er bat mich,
+ihm die Freude, eine so große Reisende wie mich beherbergt zu haben,
+nicht durch eine Vergütung zu verderben.</p>
+
+<p>Batavia hat eine Bevölkerung von ungefähr 100,000 Seelen, darunter
+2000 Europäer und mehr als 20,000 Chinesen<a id="FNAnker_35" href="#Fussnote_35" class="fnanchor">[35]</a>. Die Stadt ist nicht
+hübsch, die Häuser sind klein und unansehnlich und besonders<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> in
+dem Chinesischen Theile sehr nahe an einander gebaut. Die Europäer
+haben nur ihre Comptoirs in der Stadt; sie wohnen außerhalb derselben
+in Landhäusern. Die vornehmsten und nächstgelegenen der von den
+Europäern bewohnten Plätze heißen: Koningsplein, Waterlooplein,
+Cramat und Ryswick. Die beiden ersten besitzen große, schöne Wiesen
+von Baum-Alleen umgeben, unter welchen man Abends spazieren fährt
+und reitet. Die Waterloo-Wiese ist mit einer Säule geschmückt,
+„Waterloo-Säule“ genannt. Auf Waterlooplein wohnen die Offiziere.
+Es steht hier auch ein großes Regierungsgebäude, einen Sitzungssaal
+und Kanzleien enthaltend. Nahebei sind die öffentlichen Schulen
+und das Theater. Unter den übrigen öffentlichen Gebäuden sind noch
+bemerkenswerth: die protestantische und die katholische Kirche, die
+Polizei, das Museum, die Harmonie, das Militär- und das Chinesische
+Hospital. Das Posthaus war eben im Baue begriffen. Der Palast des
+Gouverneur-Generals ist unbedeutend. Der eigentliche Wohnsitz des
+Gouverneurs ist zu Buitenzorg (36 Meilen von der Stadt). Nach Batavia
+kommt letzterer jeden Monat nur auf einige Tage, um Audienzen zu
+ertheilen, Sitzungen zu halten, Diners und Bälle zu geben.</p>
+
+<p>Die Häuser der Europäer haben meistens ein sehr bescheidenes Ansehen;
+die wenigsten besitzen ein Stockwerk.<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> Die schönste Zierde der Häuser
+in tropischen Ländern, die terrassenförmige Bedachung, fehlt ihnen;
+sie haben im Gegenteile schwere Dächer mit großen Vorsprüngen, die
+Fenster und Thüren überschatten. Dagegen besteht das Innere aus großen,
+hohen Gemächern und Sälen. Die Böden sind mit Matten belegt. Das
+Freundlichste an diesen Häusern ist, daß sie beinahe alle in Wiesen
+oder niedlichen Blumengärten liegen, die nicht wie in Calcutta oder
+Bombay von dicken Mauern, sondern von lebendigen Hecken oder zierlichen
+Staketen umfaßt sind. Dies gibt einer Spazierfahrt einen unendlichen
+Reiz; man meint in einem großen wohlgeordneten Parke zu sein.</p>
+
+<p>Ich hatte viel von dem außerordentlichen Luxus auf Batavia sprechen
+gehört. Ich würde ihn vielleicht auch groß gefunden haben, wäre ich
+nicht in Brittisch-Indien gewesen. Wer aber je den Luxus an Gebäuden,
+Equipagen, Dienerschaft u.&#8239;s.&#8239;w. in Calcutta gesehen hat, kann durch
+nichts ähnliches mehr überrascht werden.</p>
+
+<p>Lächerlich fand ich in Batavia die Kleidung der Diener. Die Holländer
+scheinen die Europäische Tracht so überaus schön zu finden, daß sie
+ihre Dienerschaft (alles Malaien) damit beglücken. In einem der
+vornehmsten Häuser sah ich die Diener in reich betreßten Livrée-Röcken,
+in elegante Beinkleider gesteckt; dabei<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> gingen sie aber mit bloßen
+Füßen und hatten um den Kopf das landesübliche Tuch gewickelt.
+Welch komisch-sonderbaren Anblick diese verkleideten Orangutangs
+gewährten, kann man sich kaum vorstellen, besonders wenn sie auf ihre
+dunkelbraunen, mit dem Tuche umwickelten Köpfe noch den geschmackvollen
+Europäischen Hut setzten.</p>
+
+<p>Die Lebensweise der Europäer ist hier so ziemlich dieselbe, wie in
+Brittisch-Indien. Ueberall findet man einen Schwarm von Dienern,
+von welchen einer dem andern im Nichtsthun behilflich ist. Die
+Frauen tragen den Tag über den Sarong und die Cabay der Eingebornen.
+Abends erscheint alles in Europäischem Putze. In allen Häusern wird
+Nachmittags einige Stunden der Ruhe gepflegt.</p>
+
+<p>Batavia soll in früheren Zeiten sehr ungesund gewesen sein; jetzt ist
+dies weniger der Fall, da viele der es umgebenden Sümpfe trocken gelegt
+wurden.</p>
+
+<p>Die Holländer, besonders die Männer, vertragen das Indische Klima
+weit besser als die Engländer. Ich sah viele Herren, die 15 bis 20
+Jahre unausgesetzt in Java lebten und so blühend aussahen, als hätten
+sie Europa nie verlassen. Weniger gut ertragen es die Frauen, was
+vermutlich auch von dem zu frühen Heirathen herrührt. Die Regierung sah
+sich deshalb veranlaßt das Gebot zu erlassen, daß Mädchen<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> (natürlich
+nur die Europäischen) nicht unter 15 Jahren heirathen dürfen. —
+Die Kinder werden nicht so häufig nach Europa gesandt, als dies in
+Brittisch-Indien der Fall ist. Die Mädchen erzieht man häufig ganz im
+Lande; die Jungen ist man gezwungen nach Europa zu senden, wenn man
+sie zu Beamten oder Offizieren bestimmt, da kein in Indien erzogener
+Jüngling ein höherer Beamter oder Offizier werden kann, besäße er auch
+im höchsten Grade alle hiezu nöthigen Kenntnisse.</p>
+
+<p>Ob Java gesünder ist als Brittisch-Indien, oder ob die minder schwere
+Kost, die minder starken Getränke Ursache der besseren Gesundheit der
+Holländer sind, wage ich nicht zu unterscheiden; ich würde jedoch für
+letzteres stimmen.</p>
+
+<p>Das Leben ist in Batavia wenigstens um einen Fünftheil, wo nicht um ein
+Vierttheil theurer als in Calcutta.</p>
+
+<p>Leider herrscht auf Java noch Sklaverei; doch ist sie nicht drückend.
+Der Eigenthümer darf keine Strafe über seinen Sklaven verhängen, und
+letzterer kann so gut wie ersterer seine Klage führen. Der Sklave
+erhält nebst vollkommenem Unterhalte zwei Kupfergulden per Monat für
+Siri. Es dürfen keine Sklaven eingeführt werden; allein die Abkömmlinge
+der Sklaven bleiben stets Sklaven. Dieses Gesetz gibt zu häufigen<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span>
+Betrügereien und Verfälschungen Anlaß, in welchen die Chinesen
+besonders raffinirt sind. Stirbt ihnen nämlich ein Sklavenkind,
+so suchen sie an dessen Stelle ein elternloses, freies Kind zu
+unterschieben, um auf diese Art den erlittenen Verlust zu ersetzen.
+Ein gesunder Sklave, der nichts anderes als Stärke besitzt, kostet 400
+Rupien; ein Koch, eine Köchin 6 bis 800.</p>
+
+<p>Zum Lobe der Holländer muß man sagen, daß sie nicht selten ihren
+Sklaven die Freiheit schenken, und zwar nicht nur wenn sie Indien auf
+immer verlassen, sondern oft auch ohne besondere Veranlassung, aus
+reiner Menschenliebe. So hatten z.&#8239;B. Herr und Frau van Rees am ersten
+Januar dieses Jahres allen ihren Sklaven die Freiheit geschenkt; aber
+keiner verließ ihr Haus — sie baten alle, daß man sie behalten möchte.
+Dieselbe schöne Handlung vollführte Frau Overhand, Witwe des Residenten
+Overhand; auch ihre Sklaven baten, in ihren Dienste verbleiben zu
+dürfen.</p>
+
+<p>Die meisten öffentlichen Gebäude und Anstalten besuchte ich in
+Gesellschaft des Herrn van Rees.</p>
+
+<p>Wir machten den Anfang mit dem Chinesischen Hospital, das im Jahre
+1799 mit chinesischem Gelde erbaut wurde. Die Holländische Regierung
+hatte die Chinesen zu diesem Zwecke zu einer jährlichen kleinen
+Abgabe verhalten, deren Betrag mit der Zeit eine so große Summe
+bildete, daß man dieses schöne Gebäude<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> damit herstellen konnte. Es
+ist mit Europäischen Aerzten, mit eingebornen Aufsehern und Wärtern
+versehen und enthält, außer den großen Krankenzimmern, Abtheilungen
+für Irrsinnige. Als ich die Anstalt besuchte, gab es 147 Kranke und
+68 Irrsinnige. Wir traten in jedes Krankenzimmer, und bei dieser
+Gelegenheit lernte ich die wahre Herzensgüte des Residenten kennen
+und bewundern. Er trat an die Krankenbetten, sogar an jene der
+Aussätzigen, die über alle Beschreibung ekelhaft aussahen, deren Athem
+und Ausdünstung verpestet war, frug sie nach ihrem Befinden und sprach
+ihnen Trost zu. Kindern voll Geschwüren und Ausschlägen klopfte er
+freundlich auf die Backen, lachte und scherzte mit ihnen so recht
+wie ein gemüthlicher Vater. Ich muß zu meiner Schande gestehen, daß
+ich mich stets einige Schritte entfernt hielt, und daß es mir schwer
+gefallen wäre, sein edles Beispiel nachzuahmen.</p>
+
+<p>Das allgemeine Hospital ist das vollkommenste, das ich je sah. Ein
+Kranker kann in einem wohleingerichteten Privathause nicht besser
+aufgehoben sein. Die Säle sind luftig, hoch und außerordentlich rein
+gehalten, die Betten vortrefflich, die Kranken, so wie die Genesenden
+bis zu ihrem Austritte in blendend weiße Wäsche gekleidet. Sobald ein
+Kranker eintritt, wird seine Wäsche und Kleidung bewahrt bis zur Stunde
+des Austrittes; man sieht den Genesenden nicht in<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> seinen schmutzigen,
+oft zerrissenen Kleidern umhergehen. Die Offiziere erhalten jeder ein
+eigenes schönes Zimmer in einer ganz abgesonderten Abtheilung. Wir
+kamen so zeitlich des Morgens, daß wir der Austheilung des Frühstückes
+beiwohnten. Die Europäischen Kranken erhielten sehr guten Kaffee mit
+Zucker, Milch und Weißbrode. Die Eingeborenen ziehen ihre Nahrung der
+Europäischen vor: sie bekommen Reis, Gemüse, Fische, Fleisch u.&#8239;s.&#8239;w.
+Man führte uns auch in die Badeanstalt und die Vorrathskammern. In
+letzteren waren Leib- und Bettwäsche im reichsten Maße aufgestapelt;
+auch gab es die größten Vorräthe an feinen und frischen Lebensmitteln
+und Getränken, an Bandagen, Arzneien und medizinischen Instrumenten
+aller Art. In einem Saale werden Theile des menschlichen Körpers, die
+von seltenen Krankheiten ergriffen waren, in Spiritus bewahrt. In einem
+Glaskasten lag das ganze Skelett eines Matrosen, der von der Spitze
+eines Mastes herabgestürzt war. Er hatte sich, außer 10 mehr oder
+minder gefährlichen Knochenbrüchen, das Rückgrad gänzlich gebrochen,
+und wurde trotzdem durch die Kunst und Sorgfalt des Doktor Enthoffer
+(den ich auf Sambas kennen gelernt hatte) sechs Wochen lang am Leben
+erhalten.</p>
+
+<p>In diesem Hospitale werden auch eingeborne Jünglinge, Mädchen und
+Weiber in einigen Zweigen<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> der medizinischen Wissenschaft unterrichtet.
+Erstere werden zu Gehilfen der Aerzte herangebildet. Man bringt ihnen
+Kenntnisse vom menschlichen Körper bei, lehrt ihnen zur Ader zu lassen,
+Beinbrüche einzurichten u.&#8239;s.&#8239;w. Sie werden dann im Innern des Landes
+angestellt an Plätzen, die von ärztlicher Hilfe weit entfernt sind. Die
+Mädchen und Weiber lernen den Hebammen-Dienst.</p>
+
+<p>Man war so gefällig, in meiner Gegenwart einige Fragen an die jungen
+Leute zu stellen, die sie richtig und ohne lange nachzudenken,
+beantworteten. An dem menschlichen Skelette, das in ihrem Lehrsaale
+stand, wußten sie alle Theile zu benennen und zu erklären. Nicht
+minder unterrichtet fand ich die weibliche Jugend, was mich um so mehr
+in Erstaunen setzte, als das weibliche Geschlecht in diesen Ländern
+durchaus an kein Lernen und Schulgehen gewöhnt ist. Die Mädchen und
+Weiber sind während der Zeit der Lehre (zwei Jahre) halbe Gefangene;
+sie kommen nie aus dem Bereiche ihrer Lehrsäle und Wohnungen und
+dürfen nur weibliche Besuche empfangen. Die Jünglinge können einige
+Stunden des Tages ausgehen. Es soll sich selten ereignen, daß einer der
+Zöglinge vor der Zeit austritt. Sie lernen fleißig und begreifen leicht.</p>
+
+<p>Das Museum bietet, außer einigen Mineralien und vielen Gottheiten
+von Bali, nichts Sehenswerthes.<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> Die vierfüßigen Thiere, Insekten,
+Reptilien u.&#8239;s.&#8239;w. sind in diesem Klima dem Verderben zu sehr
+unterworfen, und werden nach Holland geschickt.</p>
+
+<p>Das Regierungsgebäude auf dem Waterloo-Platze besitzt einen
+großen Sitzungssaal mit den Bildnissen aller Holländischen
+Gouverneur-Generale. Ich ging hauptsächlich in dieses Gebäude, um eine
+Sammlung Handzeichnungen zu besehen, die ein Landsmann von mir (ein
+Wiener, Herr <em class="gesperrt">Wilson</em>) auf Befehl der Regierung von den alten,
+herrlichen Hindu-Tempeln im Innern Java’s aufgenommen hat. Der Anblick
+der Zeichnungen erweckte in mir die höchste Begierde, diese Kunstwerke
+in Wirklichkeit zu sehen; allein ich schmeichelte mir nicht, so weit
+zu kommen: die Kosten einer Reise auf Java waren meiner Börse zu sehr
+überlegen.</p>
+
+<p>Auch die Gefängnisse besuchte ich und fand die Leute ungleich besser
+gehalten als bei uns in Europa. Sie bewohnen luftige, reine Gemächer
+und erfreuen sich des Anblickes der Sonne in kleinen Gärten, die zu den
+Gefängnissen gehören. Zweimal des Tages erhalten sie große Portionen
+Reis nebst Fischen oder Gemüsen, und zweimal in der Woche Fleisch. Sie
+sind nicht gefesselt und entbehren nicht einmal ihres geliebten Siri.
+Ich glaube kaum, daß irgend ein anderer Staat mit seinen Verbrechern so
+human umgeht.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span></p>
+
+<p>Das Theater besuchte ich nicht; meine Garderobe war auf Reisen selten
+so eingerichtet, um an Orten zu erscheinen, wo sich der Europäer im
+höchsten Putze und Glanze zeigt. Auch interessirte es mich wenig, ein
+oft gesehenes Europäisches Schauspiel, eine oft gehörte Oper in einem
+fremden Welttheil wieder zu sehen; ungleich größeren Reiz hatte für
+mich ein Chinesisches Schauspiel (Taping genannt, wenn ich mich recht
+entsinne), das der Chinesische Major<a id="FNAnker_36" href="#Fussnote_36" class="fnanchor">[36]</a> auf Veranlassung des unermüdet
+für mich besorgten Residenten mir zu Ehren gab.</p>
+
+<p>Der Major hielt, wie es unter den reichen Chinesen sowohl hier als in
+China üblich ist, eigene Tänzerinnen, die zugleich Schauspielerinnen
+sind und die Rollen beider Geschlechter vorstellen. Die Bühne, eine
+kleine, erhöhte, hölzerne Bude, war dem Hause des Majors gegenüber
+auf der Straße aufgeschlagen, so daß jeder Vorübergehende an der
+Unterhaltung Theil nehmen konnte. Wir genossen nebst den übrigen Gästen
+den Anblick von dem Balkon und den Fenstern des Hauses.</p>
+
+<p>Das Stück wurde von sechs Schauspielerinnen aufgeführt und schien eine
+Art Kriegs-Drama zu sein; man sah beständig ein Paar Soldaten, oder
+Offiziere, oder Feldherren auf den Brettern. Nebst diesen Helden<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span>
+erschienen auch zwei Damen, die häufig weinten und jammerten. Das
+schönste von der ganzen Vorstellung waren die Gefechte zweier Krieger
+mit Bogen und Stöckchen, und die Evolutionen, welche vier Krieger
+mit Lanzen machten. Den Text schrieen sie eintönig und gefühllos mit
+abscheulich quikender Stimme herunter. Ihre Bewegungen waren ohne
+Grazie; im Gegentheil, sie hoben beim Marschiren die Füße so hoch in
+die Höhe als sie konnten, und setzten sie dann mit sein sollender Kraft
+auf die Erde nieder, was höchst widerlich und unsittlich sich ausnahm,
+wenn man bedachte, daß diese Krieger von jungen Mädchen dargestellt
+wurden. Ihre Anzüge waren außerordentlich reich: schwere Seidenstoffe
+mit Gold- und bunten Seiden-Stickereien. Geschmacklos aber erschien die
+Form der Kleider: sie bestanden aus langen Röcken mit weiten Aermeln
+und aus kurzen Beinkleidern.</p>
+
+<p>Das Stück hatte 4 Akte, von welchen jedoch einer dem andern so
+vollkommen glich, daß man die letzten drei für Wiederholungen des
+ersten halten konnte.</p>
+
+<p>Nach dem Theater wurden wir zu einer reich besetzten Tafel geführt, bei
+welcher es weder an dem beliebten Trippang, noch an den theuern, von
+den Chinesen so hoch geschätzten Schwalbennestern fehlte. Trippang und
+Schwalbennester gleichen sehr sulzigen,<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> stark gewürzten Speisen, die
+mein Europäischer Gaumen durchaus nicht nach seinem Geschmacke fand.</p>
+
+<p>Kaum waren einige Tage seit meiner Ankunft in Batavia verflossen,
+so erhielt ich eine Einladung nach <em class="gesperrt">Buitenzorg</em> von dem
+Gouverneur-General Herrn <em class="gesperrt">Deimar</em> van <em class="gesperrt">Twist</em> — eine
+Auszeichnung, die ich mit großer Dankbarkeit anerkenne und als Fremde
+doppelt zu schätzen weiß. Ich war wirklich überrascht, die Holländer so
+ganz anders zu finden, als man sie mir geschildert hatte.</p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">1. Juni</em> fuhr ich in Gesellschaft des Herrn van Rees nach
+Buitenzorg. Der Weg war herrlich, die Pferde standen auf jeder Post
+bereit<a id="FNAnker_37" href="#Fussnote_37" class="fnanchor">[37]</a>; auf diese Weise machten wir die 35 Paal<a id="FNAnker_38" href="#Fussnote_38" class="fnanchor">[38]</a> in 3 Stunden.
+Je weiter wir uns von der Stadt entfernten, desto reizender ward die
+Gegend; das Gebirge rückte näher, Berge von 6- bis 10,000 Fuß Höhe
+stiegen majestätisch empor, unter letzteren der <em class="gesperrt">Pangerang</em>
+(9600), der <em class="gesperrt">Gédé</em> (9000). Buitenzorg selbst liegt 800 Fuß hoch.</p>
+
+<p>Der Palast des Gouverneur-Generals ist schön, und besteht aus einem
+Mittel- und zwei Flügel-Gebäuden.<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> Eine prachtvolle Wiese liegt davor
+mit Teichen und mit großen, mächtigen, Schatten gebenden Banian-Bäumen.
+Heerden von Hirschen und Rehen lagerten umher. Im Hintergrunde schloß
+sich ein ausgedehnter botanischer Garten an.</p>
+
+<p>Da die Vorstellung beim Gouverneur-General erst Abends um 7 Uhr,
+kurze Zeit vor dem Speisen, stattfinden sollte, hatten wir Zeit, den
+Garten zu besehen. Er ist sehr groß und außerordentlich geschmackvoll
+angelegt. Schöne Blumenpartien wechseln mit kleinen Wäldchen, mit
+Wiesen und Bosketten; Teiche und Bäche schimmern durch das saftige
+Grün; herrliche Fahr- und Gehwege durchkreuzen sich, und zierliche
+Bänke laden den ermüdeten Wanderer zur Ruhe ein. Unter den Pflanzen und
+Bäumen gibt es viel Seltenes und Werthvolles. Herr <em class="gesperrt">Teismann</em>,
+der die Aufsicht über den Garten führt, machte uns besonders auf eine
+Pflanzung von Vanille (Schlingpflanze) und auf zwei zarte Stämmchen des
+China-Strauches aufmerksam. Beide wurden erst in der neuesten Zeit von
+Amerika eingeführt. Der Vanille schien das Klima sehr wohl zu bekommen;
+ihre Stängel hingen voll großer, saftiger Schoten. Die Schoten werden
+im grünen Zustande abgenommen, anfänglich in der Sonne, dann in der
+Luft getrocknet, bis sie stark zusammen schrumpfen und eine ganz
+schwarze Farbe annehmen.<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> Herr Teismann verehrte mir eine getrocknete
+Schote, welche der besten glich, die mir je aus Westindien zu Gesichte
+gekommen war. Minder gut kommt die China-Pflanze fort. Einige Pflanzen
+waren schon abgestorben, und die noch lebenden zeigten wenig Kraft.</p>
+
+<p>Abends wurde ich dem Gouverneur-General und seiner Gemahlin
+vorgestellt. Der Gouverneur-General führte mich zu Tische.</p>
+
+<p>Ich hatte von aller Welt diesen Herrn als höchst ernst und wortkarg
+schildern gehört. Ein tiefes, ernstes Nachdenken sprach allerdings
+aus seinen Zügen; aber wortkarg fand ich ihn nicht, und selbst der
+Ernst trat mit jedem Worte mehr in den Hintergrund und machte einer
+freundlichen, ruhigen Heiterkeit Platz. Sein und seiner Gemahlin
+Benehmen gegen mich war im höchsten Grade gütig und zuvorkommend.</p>
+
+<p>In den Tagen, die ich in Buitenzorg zubrachte, veranstaltete man
+Partieen, um mir das Merkwürdigste der Umgegend zu zeigen. Darunter
+gehörte besonders die Cochenille-Pflanzung des Grafen van der
+<em class="gesperrt">Bosch</em> und die Schwalbengrotte, aus welcher die Chinesen ihre
+kostbarsten Leckerbissen, die Schwalbennester, holen.</p>
+
+<p>Die Besitzung des Grafen van der Bosch, <em class="gesperrt">Ponde Gédé</em>, ist in jeder
+Hinsicht als eine Musterwirthschaft aufzustellen. Der Graf ist selbst
+ein verständiger<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> und eifriger Landwirth und bemüht, jeden Zweig seiner
+Oekonomie zur Vollkommenheit zu bringen. Die Cochenille macht nur einen
+kleinen Theil seiner Pflanzungen aus; er baut Reis, Zucker, Kaffee,
+u.&#8239;s.&#8239;w.</p>
+
+<p>Für mich hatte die Cochenille-Pflanzung das meiste Interesse;
+ich verweilte da am längsten, um so mehr, als mich Herr Direktor
+<em class="gesperrt">Meyer</em> selbst herumführte und mir über alles die genaueste
+Auskunft ertheilte. Was ich hierüber schreibe, habe ich aus seinem
+Munde.</p>
+
+<p>Der <em class="gesperrt">Nopal</em><a id="FNAnker_39" href="#Fussnote_39" class="fnanchor">[39]</a> und die Cochenille wurden schon vor 24 Jahren
+aus den Spanisch-Westindischen Besitzungen nach Java überbracht. Von
+den vielen Insekten, die man mit der Nopal-Pflanze mitgenommen hatte,
+kamen aber nur zwei lebend an. Der glückliche Zufall wollte, daß sie
+verschiedenen Geschlechtes waren.</p>
+
+<p>Das höchste Erstaunen erregt die rasche Fortpflanzung dieses Insektes,
+denn schon seit Jahren liefert Java 150 bis 200,000 Pfund, und bei
+wiederholter Zählung hat es sich ergeben, daß 33,000 Cochenillen der
+größeren Sorte erst ein Pfund ausmachen.</p>
+
+<p>Bei einer Anlage von Nopal werden gesunde Blätter oder Pflanzen mit
+dem untern Theile in die<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> Erde gesteckt. Nach Verlauf eines Jahres hat
+sich schon ein kleiner Stamm mit mehreren Blättern gebildet; im dritten
+Jahre kann die Pflanze bereits bevölkert werden. Zur Bevölkerung
+bedient man sich kleiner Hütchen, die von den Blättern des Cactus
+gemacht sind. In diese Hütchen setzte man fünf bis sieben Insekten,
+bringt sie so auf das Blatt des Nopal und befestiget das Hütchen mit
+einem kleinen Dorne. Eine Nopal-Staude zählt an 300 Blätter; man setzt
+jedoch nicht mehr als 70 bis 80 Hütchen darauf und ist im westlichen
+Java schon sehr zufrieden, wenn durchschnittlich vier Pflanzen ein
+Pfund lebendiger Cochenille geben; im östlichen Java erzielt man
+dieselbe Menge gewöhnlich von drei Pflanzen.</p>
+
+<p>Die Pflanzen werden nach der Bevölkerung entweder unbedeckt gelassen
+oder mit einem leichten Blätterdache überdeckt. Auf erstere Art
+gedeiht die Fortpflanzung nur bei anhaltend trockener Witterung, auf
+letztere kann sie beinahe das ganze Jahr hindurch statt haben. Nach
+der gewöhnlichen Regenzeit vertraut man der Witterung schon im Monat
+April. Allein in dem westlichen Theile von Java, wo es oft in der guten
+Jahreszeit regnet, kann man die Pflanzen, wenn man sie nicht bedeckt,
+zuweilen sechs- bis neunmal bevölkern, ohne eine gute Ernte zu erzielen.</p>
+
+<p>Wenn das Insekt geboren hat, so stirbt es. Die<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> Neugebornen kriechen
+auf den Blättern umher, setzen sich aber bald irgendwo fest und bleiben
+dann auf derselben Stelle, ohne mehr eine Bewegung zu machen. Ist die
+Cochenille abgenommen, so wird sie in sehr stark geheizten Zimmern (165
+bis 175 Grad Fahrenheit) getrocknet. Die Trockenzimmer werden mittelst
+eiserner Röhren geheizt; die sich bildenden Dämpfe ziehen durch eine
+Oeffnung in der Wand ab. Hundert Pfund frischer Cochenille geben in
+getrocknetem Zustande 32 bis 33 Pfund, nebst zwei bis drei Pfund
+Staub. Dieser Staub, mit welchem das Insekt umgeben ist, scheint ein
+Beschützungsmittel gegen Kälte und Regen zu sein. Das Insekt hat eine
+weißgrauliche Farbe; befreit man es aber durch langsames Reiben von dem
+Staube, so ist es schwarz.</p>
+
+<p>Seit einigen Jahren sind die Preise der Cochenille sehr gesunken. Die
+Niederländische Faktorei zahlt gegenwärtig (Packung und freie Sendung
+an den Einschiffungsplatz einbegriffen) pr. Pfund erster und zweiter
+Sorte zwei Rupien, für den Ausschuß per Pfund gar nur 85 Deut.</p>
+
+<p>Die große Schwalbengrotte, in welcher Tausende dieser Thiere nisten,
+liegt ungefähr zwölf Paal von Buitenzorg. Sie ist nebst den umliegenden
+Ländereien an einen Chinesen verpachtet, der für Grotte und Land
+jährlich 100,000 Rupien bezahlt. Der Pächter<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> führte uns selbst in die
+Grotte, die außerordentlich schwer zugänglich ist. Wir hatten Führer,
+Fackelträger, Leitern u.&#8239;s.&#8239;w. mit uns, konnten aber dessen ungeachtet
+nicht tief in das Innere dringen. Es wurde nach einigen Nestern
+gesucht, die man mir zum Geschenke machte. Sie waren von weißlicher
+Farbe mit einigen Federn untermengt und so klein, daß ich kaum begriff,
+wie der Vogel, der von der Größe einer gewöhnlichen Schwalbe ist,
+darin allein, viel weniger mit seinen Jungen Platz haben konnte. Man
+vermuthet, daß die Nester aus Seetang bestehen, denn gewöhnlich nistet
+diese Schwalbenart in Höhlen und Grotten unweit der See, d.&#8239;h. wohl
+auch 30 und 40 Paal landeinwärts, jedoch nicht weiter.</p>
+
+<p>Alle drei Monate werden die Nester geerntet, von den Federn sorgfältig
+gereinigt und an der Luft getrocknet. Es gibt verschiedene Sorten. Je
+weißer, je mehr von den Federn gereinigt sie sind, desto höher ist
+der Preis. Sie von den Federn gänzlich zu reinigen, ist nicht immer
+möglich, da diese mit dem Seetang oft so verschlungen sind, daß man
+sie nicht losbringen kann. Der Pikul dieser Nester kostet auf Java von
+vier- bis siebentausend Rupien. Man rechnet auf zwei Loth drei Nester;
+per Stück kosten sie an Ort und Stelle ein bis zwei Rupien. Der Pächter
+dieser Grotte erntet jährlich ungefähr zwölf Pikul.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span></p>
+
+<p>Der Gouverneur-General machte mir die freudige Ueberraschung,
+mir Postpferde bis <em class="gesperrt">Bandong</em> (Residentschaft Preanger)
+zu gestatten. Es war dieß eine große Auszeichnung, denn der
+jetzige Gouverneur-General erlaubt die Postpferde so leicht nicht
+unentgeltlich<a id="FNAnker_40" href="#Fussnote_40" class="fnanchor">[40]</a>.</p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">11. Juni</em> verließ ich Buitenzorg, ging aber diesen Tag nur 10
+Paal zur Familie <em class="gesperrt">Böck</em>, bei welcher ich zwei Tage höchst angenehm
+verlebte. Man bot hier alles auf, mir gefällig zu sein, ja, als man
+meine Neigung für Insekten sah, half mir die ganze Familie suchen.
+Dank, herzlichen Dank ihnen, wie meinen übrigen Freunden auf Java,
+deren Theilnahme und Güte ich nie vergessen werde!&#160;—<p>
+
+<p>Am <em class="gesperrt">13. Juni</em> ging ich ebenfalls nur wieder 11-12 Paal weiter
+nach <em class="gesperrt">Typanas</em>, einem Sommerhause des Gouverneur-Generals. Der
+Weg führt über<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> den 4710 Fuß hohen Berg <em class="gesperrt">Mega-Mendongo</em>. Beinahe
+auf der Spitze des Berges, ¼ Paal seitwärts von der Straße, liegt ein
+kleiner See, der werth ist besucht zu werden. Er befindet sich mitten
+in schönen Waldungen und füllt einen eingesunkenen Krater aus. Sein
+Durchmesser mag kaum ¼ Paal betragen. Hoch um den See steigen die
+Wände des Kraters so steil empor, daß sie schwer zu erklimmen wären;
+von einer einzigen Seite kann man sich ihm nahen, wo die Wand von der
+Natur selbst gespalten wurde. Die Wände sind bis an die Spitzen mit
+herrlichem Grün und schönen Bäumen bewachsen. Das Wasser des Sees sieht
+ganz dunkel aus; dieß mag sowohl von der hohen Einfassung, als von den
+ihn beschattenden Bäumen herrühren.</p>
+
+<p>Die Aussicht, die man von dem Mega-Mendongo genießt, gehört zu den
+schönsten von Java. Auf der einen Seite hat man die majestätischen
+Gebirge, im Hintergrund die großen, reichbebauten Ebenen von
+Buitenzorg und Batavia, vor sich die Residentschaft Preanger, die,
+von Hügelketten, Felspartieen und einzelnen Bergen unterbrochen, zu
+den fruchtbarsten und kultivirtesten Java’s gehört, was sehr viel
+sagen will, da auf der ganzen Insel die reichste Cultur mit der
+verschwenderischen Natur wetteifert.</p>
+
+<p>Zu Typanas war in dem Sommerhause des<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> Gouverneur-Generals Vorsorge
+für meinen Empfang getroffen. Dieser Ort liegt 3400 Fuß über der
+Meeresfläche und besitzt ein halb Europäisches Klima; ich fand in den
+Gemächern Kamine, ja sogar eiserne Oefen. In den großen Gartenanlagen
+werden Europäische Gemüse und Früchte gezogen.</p>
+
+<p>Ich sollte von hier aus den 9600 Fuß hohen <em class="gesperrt">Pangerango</em> besteigen,
+eine sehr geringe Mühe, da man bis auf die Spitze reiten kann. Auf
+dem Wege gibt es zwei Stationen, das heißt, zwei hölzerne Hütten,
+bei welchen man anhält, um die Pferde ruhen zu lassen oder gegen
+vorausgesandte zu wechseln. Eine dritte Hütte steht 150 Fuß unter der
+Spitze des Berges. Diese Hütten sind für die Gärtner von Buitenzorg und
+Typanas errichtet, welche von Zeit zu Zeit verschiedene auf dem Berge
+angelegte Pflanzungen zu besuchen haben.</p>
+
+<p>Ich fand auf jeder Station frische Pferde und erreichte in 4 Stunden
+die Spitze des Berges, auf welcher ein Flaggenstock errichtet ist.
+Leider hat man hier selten eine freie Umsicht; die häufigen Nebelzüge
+verdecken alles rund umher. Ich mußte halb unverrichteter Sache wieder
+herabsteigen und quartirte mich in der nahegelegenen Hütte ein. Im
+Herabsteigen erquickte ich mich an Erdbeeren, mit welchen große Räume
+bepflanzt waren.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span></p>
+
+<p>Die Hütte, dem Verfalle ziemlich nahe, bestand aus einem großen Gemache
+und aus drei Kämmerchen. An Einrichtung war gerade kein Ueberfluß:
+zwei gebrechliche Tische nebst drei Stühlen zierten den Saal, eine mit
+Moos belegte Schlafstelle jedes der Kämmerchen. Das beste in der Hütte
+war ein eisernes Oefchen, das ich gleich in Anspruch nahm und das mir
+besonders Abends treffliche Dienste leistete, da der Thermometer bis
+auf 44 Grad (Fahrenheit) fiel. An Speisen, Getränken, Bettzeug u.&#8239;s.&#8239;w.
+fehlte es nicht, das war alles im Ueberflusse vorausgesandt worden, und
+so lebte ich in der Mitte dichter Urwälder, auf einer Höhe von beinahe
+10,000 Fuß so luxuriös wie in Batavia selbst.</p>
+
+<p>Der Berg ist durchaus dicht bewaldet, nur die höchste Spitze, ungefähr
+100 Fuß nach abwärts, ist kahl. Er liefert schöne Exemplare von Föhren,
+von 20 Fuß Höhe. Alle Bäume sind mit einer auffallend dichten Moosdecke
+bekleidet. Anderes Nadelholz sah ich nirgends. Schön und herrlich
+war alles; aber die Hauptsache fehlte — der schöne, reine Himmel.
+Wohl sechsmal erstieg ich die Spitze des Berges, und jedesmal kam ich
+unverrichteter Sache zurück. Ich schlenderte in den Zwischenzeiten im
+Walde umher und entdeckte da eine bedeutende Spur, die, wie man mir<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span>
+sagte, von Rhinocerossen herrührte. Die Thiere selbst bekam ich nicht
+zu Gesichte: sie fliehen die Nähe des Menschen so sehr, daß es selbst
+für Jäger eine große Seltenheit ist, wenn sie eines erlauern.</p>
+
+<p>Von der Spitze des Pangerango übersah man vollkommen den ganzen Krater
+des nachbarlichen Gédé. Diese beiden Berge sind so enge verbunden,
+daß man sie für einen einzigen Berg mit zwei Kuppeln halten könnte.
+Der Krater lag ungefähr 6 bis 700 Fuß unter uns. Wir konnten nicht zu
+ihm gehen, da erst vor wenig Tagen ein Ausbruch stattgefunden hatte.
+Noch jetzt stiegen starke Rauchsäulen mit glühender Asche empor, was
+besonders zur Nachtzeit eine unvergleichlich schöne Wirkung machte.
+Ein großer Theil der Waldungen des Pangerango war mit Asche bedeckt;
+wir brauchten, um eines Aschenregens ansichtig zu werden, bloß auf die
+Aeste der Bäume zu schlagen.</p>
+
+<p>Am folgenden Morgen bestieg ich nochmals die Spitze, und siehe da
+— meine Unermüdlichkeit ward belohnt, der Horizont war rein und
+wolkenlos. Ich sah weit über die Gebirgswelt, über zahllose Spitzen und
+Kuppen, über eingestürzte Kegel und Krater, ich sah die fruchtbaren
+Ebenen von Buitenzorg und Batavia, das wellenförmige Land von
+<em class="gesperrt">Preanger</em>, ich sah das Meer auf beiden Seiten. Kann solch’ ein
+Anblick zu theuer erkauft werden? Lebt man in ähnlichen<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> Augenblicken
+nicht Ewigkeiten? Fühlt man sich da nicht von hohen, edlen Gefühlen
+durchdrungen — einer bessern, reinern Welt hingegeben?!&#160;—<p>
+
+<p>Nach Typanas zurückgekehrt, verweilte ich in dieser schönen Gegend
+bis <em class="gesperrt">17. Juni</em>, an welchem Tage ich 12 Paal weiter nach
+<em class="gesperrt">Tijand-jur</em> reiste. Die Fahrt dahin gehörte zu den reizendsten.
+Die Gegend ist zwar minder kultivirt; aber gerade dieser grelle Wechsel
+ist überraschend. Am folgenden Tage, den <em class="gesperrt">18. Juni</em>, fuhr ich bis
+<em class="gesperrt">Bandong</em> (40 Paal).</p>
+
+<p>Obwohl das Land reich an hohen Bergen ist, sah ich doch keinen einzigen
+schönen Fluß; ich kam nur über Bäche, die sich durch tiefe Schluchten,
+über Felsgestein den Weg bahnten und bloß bei hohem Wasserstande, zur
+Regenzeit, mit Bambusflößen befahren werden können. Die Ursache, daß es
+auf Java keine bedeutende Ströme gibt, liegt in der geringen Breite der
+Insel.</p>
+
+<p>Auffallend war es mir, in diesem trefflich kultivirten Lande, wo man
+die Menschenhand schon so gut zu verwenden wußte, so häufig Menschen
+die Dienste der Lastthiere verrichten zu sehen. Alle Lasten z.&#8239;B.
+werden durch Kulli getragen, mag die Entfernung auch über 100 Paal
+sein. Der Träger erhält per Paal 1½ Deut und trägt 80-90 Pfund mittelst
+einer Stange, die auf der Achsel ausruht. Es gibt für die<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> Kulli
+Ablösestationen wie für die Pferde. In jeder Ortschaft muß täglich eine
+gewisse Anzahl bereit sein, um für diesen Preis zu gehen. Man kann
+ihnen unbedingt alles anvertrauen. Die Gouvernements-Güter, Kaffee,
+Zucker, Salz u.&#8239;s.&#8239;w. allein werden in Karren befördert und von Büffeln
+gezogen. Die Wege<a id="FNAnker_41" href="#Fussnote_41" class="fnanchor">[41]</a> sind aber so schlecht, besonders bei Regenwetter,
+daß der Karren bis über die Achse in Koth sinkt und man einem Paar
+Büffel höchstens acht Pikul aufladen kann.</p>
+
+<p>Ich selbst hatte heute Gelegenheit zu sehen, wie die Menschen hier
+nicht nur die Stelle der Last-, sondern auch jene der Zugthiere
+vertreten. Ueber den ersten Fluß, den ich zu passiren hatte, führte
+eine Brücke, zu welcher der Weg sehr steil abwärts ging. Die Pferde
+wurden ausgespannt, und ein Paar Dutzend Männer traten an ihre Stelle,
+um den Wagen sicher an die Brücke zu geleiten. Ueber den zweiten Fluß
+führte keine Brücke: da mußten sie den Wagen gar durch das Wasser
+ziehen, während die Pferde und Vorspanns-Büffel leer daneben gingen.
+Welche Widersprüche in den verschiedenen Ländern! Auf Java, wo Futter
+für Pferde und Ochsen im Ueberflusse gedeiht,<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> dient der Mensch als
+Lastthier — in Island, wo man das Gras beinahe mit der Loupe suchen
+muß, würde kein Mensch zu Fuße gehen, viel weniger die Dienste eines
+Thieres verrichten.</p>
+
+<p>Das Reisen mit Post-Pferden geht auf Java sehr schnell von statten; die
+Pferde stehen auf jeder Station bereit und man fährt rasch. Ich hätte
+hier, wie in Rußland, das Trinkgeld oft lieber gegeben, wenn man etwas
+langsamer gefahren wäre, vorzüglich über die Berge und Hügel, wo die
+Wege häufig voll Löcher und großer Steine waren. Aber gerade wenn eine
+Anhöhe kam, wurden die Pferde durch Peitschenhiebe und das Geschrei
+der Führer so angespornt, daß es noch schneller ging, als in der
+schönen Ebene. Triefend von Schweiß, zitternd und athemlos kamen die
+armen Thiere auf jeder Station an. Mich dauerten sie so sehr, daß mir
+dadurch ein Theil des Genusses der Reise verloren ging. Ich wollte es
+nicht leiden; allein man versicherte mich, daß das so sein müsse, daß
+die Pferde sonst mitten auf der Anhöhe stehen blieben. Die Javanischen
+Pferde sind nämlich sehr stützig (vielleicht in Folge der schlechten
+Abrichtung); wenn sie eingespannt werden, wollen sie oft nicht vom
+Platze, und nur mit vieler Mühe, d.&#8239;h. durch unzählige Peitschenhiebe
+und großes Geschrei der Stallknechte und des Kutschers bringt man sie<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span>
+zum Laufen. Zuweilen bleiben sie in der Mitte der Fahrt stehen, worauf
+ihnen natürlich dieselbe Behandlung zu Theil wird. Hier wäre ein Verein
+gegen Thierquälerei an seinem Platze.</p>
+
+<p>In der Ebene fährt man mit vier, in den bergigen Gegenden mit sechs
+Pferden, ohne Unterschied ob eine Person allein, oder ob mehrere im
+Wagen sitzen. Außer dem Kutscher ist jedem Paar Pferde ein Läufer
+beigegeben, der zwar nicht die ganze Station durchläuft, doch bei jeder
+Wendung des Weges, bei Brücken, bei Bergauf- und abfahren an der Seite
+seiner Thiere sein muß. Ueber Berge oder größere Hügel werden den vier
+oder sechs Pferden noch zwei oder vier Ochsen vorgespannt.</p>
+
+<p>In keinem Lande vielleicht ist das Reisen mit der Post so theuer wie
+hier. Eine Station von sechs bis acht Paal kommt, die Trinkgelder nicht
+gerechnet, auf acht bis zwölf Rupien. An Trinkgelder hat man jedem
+Laufer 10 Deut, jedem Ochsentreiber bei jedesmaligem Vorspann (was auf
+einer Station zwei- bis dreimal geschehen kann) ebenfalls fünf bis zehn
+Deut, dem Kutscher zwanzig Deut zu geben. Man muß die Hand immerwährend
+in der Tasche haben, um jeden Augenblick die Deute auszutheilen. Würde
+es nicht viel bequemer sein, alle diese kleinen Summen zugleich mit
+dem Postgelde entrichten zu können? — Freilich<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> wissen die meisten
+Reisenden nichts von dieser Unbequemlichkeit; sie haben Diener mit
+sich, welchen das Geld zu derlei Sachen gegeben wird. Allein ich war
+stets Herr und Diener in einer Person.</p>
+
+<p>In <em class="gesperrt">Bandong</em> (2200 Fuß hoch gelegen) ward ich von dem
+Assistent-Residenten Herrn <em class="gesperrt">Vischer</em> von <em class="gesperrt">Gasbeck</em> auf das
+beste aufgenommen. Ich blieb hier einige Tage, um eine Theepflanzung,
+eine Kaffeemühle und andere Sehenswürdigkeiten zu besuchen.</p>
+
+<p>Auf dem Wege zur Theepflanzung machten wir einen Abstecher nach dem
+Wasserfalle Tjurung-Tjeca-pundung. Wir kamen an einen eingestürzten
+Krater, der sich gleich jenem auf dem Berge Meda-Mendongo in einen See
+verwandelt hat. Letzterer ist jedoch viel kleiner: seine Länge mißt 134
+Fuß, seine Breite etwas weniger. In diesen See stürzt sich von einer
+70 Fuß hohen Wand ein leider gar zu bescheidenes Flüßchen, bahnt sich
+einen Durchgang und schlängelt sich friedlich in dem schönen Thale
+fort. Die Wände des Kessels sind ebenfalls mit Pisang- und Laub-Bäumen,
+mit Schlingpflanzen und hohem Grase bewachsen.</p>
+
+<p>Die Theepflanzung ist sehr ausgebreitet und erstreckt sich über viele
+Hügel und Abhänge. Man sagte mir, daß der gegenwärtige Pächter, Herr
+<em class="gesperrt">Brumsteede</em>, über eine Million Sträuche besäße. Thee und Kaffee
+gedeihen am besten auf hügligem Grunde. Die Theestauden<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> sind hier
+niedriger gehalten, als ich sie in der Gegend von Canton gesehen
+habe; sie mochten zwischen zwei und drei Fuß haben. Man rechnet
+zehn Stauden auf ein Pfund Thee. Die Bereitung des Thee’s ist sehr
+vereinfacht und wird mit viel weniger Menschenhänden verrichtet,
+als in den Chinesischen Fabriken. Anstatt, wie dort, jedes Blatt
+des grünen Thee’s<a id="FNAnker_42" href="#Fussnote_42" class="fnanchor">[42]</a> einzeln zu rollen, nimmt man eine ganze Menge
+Blätter zusammen, knetet sie leicht durcheinander und läßt sie auf
+Kupferplatten durch gelinde Feuerhitze trocknen, wodurch sie von selbst
+auseinanderfallen, aber freilich nicht so schön und gleichmäßig werden
+wie die gerollten.</p>
+
+<p>Die Theepflanzungen sind auf Java, gleich den Zucker- und
+Kaffeepflanzungen, Eigenthum der Regierung und werden gewöhnlich auf
+fünfzehn bis zwanzig Jahre verpachtet. Die Regierung gibt den Pächtern
+Grund und Boden oder bereits angelegte Pflanzungen (eine Pflanzung
+erhält sich gegen achtzig Jahre) und sichert ihnen die gehörige
+Anzahl Arbeiter zu festgesetzten Preisen zu. Der Arbeitslohn ist in
+dieser, wie in allen von Batavia entfernter gelegenen Residentschaften
+außerordentlich billig: ein Taglöhner bekommt per Tag zehn Deut, nebst
+einem Pfund Reis. Letzteres hat<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> hier den Werth von zwei Deut. Zum
+Pflücken des Thee’s, was die meiste Arbeit macht, werden gewöhnlich
+Weiber und Kinder verwendet, die natürlich noch billiger sind. Der
+Pächter erhält von der Regierung per Pfund 75 Deut; man rechnet seinen
+Gewinn auf hundert Prozent.</p>
+
+<p>Der Javanische Thee soll seine Güte erst durch die Seereise nach
+Holland erhalten; die Theekenner geben aber jedenfalls dem Chinesischen
+Thee den Vorzug.</p>
+
+<p>Sonderbar ist auf Java die Weise den Reis zu ernten. Man bedient sich
+hierzu kleiner Messer, mit welchen jeder Halm einzeln, ungefähr in der
+Mitte des Stängels, abgeschnitten wird. Die Halmen werden in kleine
+Büschelchen gebunden und von den Leuten mittelst Stangen auf der Achsel
+heimgetragen. Jeder, der Lust hat, an der Ernte Theil zu nehmen,
+kann helfen; sein Lohn besteht in dem fünften Theile von dem was er
+schneidet.</p>
+
+<p>Mit dem Besuche der Kaffeemühle zu Lembang (8 Paal von Bandong) verband
+ich einen Ausflug nach dem Schwefelkrater Tangkerbon-prauh, der vier
+Paal weiter liegt. Da ich mit Regenwetter zu Lembang ankam, und die
+Parthie nach dem Krater nothwendiger Weise verschoben werden mußte,
+nahm ich mit großem<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> Danke die Einladung des Herrn <em class="gesperrt">Phlippeau</em>,
+des Inhabers der Kaffeemühle an, einen oder auch mehrere Tage in seinem
+Hause zu verweilen. Um den düstern Nachmittag nicht ganz unbenützt
+dahin gehen zu lassen, zeigte mir Herr Phlippeau die Behandlung des
+Kaffee’s von Anfang bis zu Ende. Ich fand, daß man hier damit bei
+weitem umständlicher zu Werke ging als in Brasilien. Der Kaffee wird,
+wie er vom Baume kommt, in Wasserbehältnisse geschüttet und so lange
+darinnen gelassen, bis die Schale oder Kapsel, in welcher die Bohnen
+sitzen, so weich ist, daß man sie leicht mit den Händen zerdrücken
+kann. In diesem Zustande schafft man ihn auf lange Bretterkisten,
+deren obere Theile mit kleinen Löchern versehen sind, durch welche
+die Bohnen gerade durchfallen können. Hier wird er so lange mit den
+Händen gedrückt, gewendet und verarbeitet, bis sich die Bohnen gänzlich
+aus den Kapseln gelöst haben. Die Bohnen kommen hierauf auf die
+Trockenplätze und von da in eine große Maschine (die Mühle), wo sie von
+den sie umgebenden feinen Häutchen befreit werden. Nun erst sondert man
+die guten Bohnen von den minder guten ab und verpackt sie endlich.</p>
+
+<p>In Brasilien wird der Kaffee nicht in Wasser erweicht, sondern gleich
+wie er von den Bäumen kömmt,<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> an der Sonne getrocknet, dann leicht
+gestampft, wodurch sich die Kapsel zu gleicher Zeit mit dem Häutchen
+von der Bohne löst, hierauf ausgesucht, auf Kupferplatten über leichter
+Feuerhitze getrocknet und verpackt.</p>
+
+<p>Auf <em class="gesperrt">Lembang</em> macht das Kaffeetrocknen große Schwierigkeiten, da
+die Witterung das ganze Jahr hindurch mehr feucht als trocken ist. Und
+welch’ ununterbrochener, starker Hitze bedarf nicht der durch und durch
+geweichte Kaffee, um wieder trocken zu werden!</p>
+
+<p>Die Kaffeemühle zu Lembang ist die größte auf Java; sie soll jährlich
+gegen 25,000 Pikul reinen Kaffee liefern.</p>
+
+<p>Der Kaffee ist, wie bereits bemerkt, gleich dem Thee, Zucker u.&#8239;s.&#8239;w.
+Monopol der Regierung; nur die Residentschaft Batavia ist hievon
+ausgenommen: da kann jedermann nicht nur Kaffee, sondern alles bauen,
+was ihm beliebt, und verkaufen, an wen er will. In den übrigen
+Residentschaften bebaut die Regierung die ihr angehörigen Ländereien
+entweder selbst mit Zucker, Kaffee, Thee; oder sie verpachtet sie mit
+der Bedingung, diese Artikel zu kultiviren und zu festgesetzten Preisen
+an sie abzuliefern. Den Kaffeebaum bearbeitet sie jedoch vorzugsweise
+selbst. In Gegenden, die zum Kaffeebaue geeignet sind, muß von den
+im Umkreise wohnenden Hüttenbesitzern oder Bauern jeder<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> 300 Bäume
+pflanzen und stets in voller Zahl erhalten. In den ersten drei Jahren
+bringt der Baum nichts, und der Bauer erhält auch keine Entschädigung
+für seine Arbeit. In den folgenden Jahren bekommt er per Pikul, wie er
+den Kaffee in der Kapsel nach der Mühle liefert, achtzig bis hundert
+Deut. Der Inhaber der Kaffeemühle wird für die Bearbeitung ebenfalls
+von der Regierung bezahlt; er erhält für jeden Pikul reinen Kaffee
+zwei Kupfergulden, wobei er, gleich dem Theepflanzer, hundert Prozent
+gewinnen soll. Man rechnet auf einem Pikul reinen Kaffee’s sechs
+Pikul in Kapseln. In Gegenden, wo es keine Kaffeemühlen gibt und der
+Bauer selbst den Kaffee reinigen muß, bezahlt ihm die Regierung per
+Pikul gereinigten Kaffee’s sechs bis sieben Kupfergulden. Drückend
+für die Bauern ist es, daß sie mitunter fünfzehn bis zwanzig Paal von
+den Kaffeegärten entfernt wohnen, und des Jahres hindurch drei- auch
+viermal auf einen Monat dahin zur Arbeit zu gehen haben. Sie finden
+wohl Hütten, wo sie schlafen können; aber verpflegen müssen sie sich
+selbst.</p>
+
+<p>Die Residentschaft Preanger, überhaupt eine der fruchtbarsten Java’s,
+ist die reichste an Kaffee. Ihr hügeliger, hochgelegener Boden
+(sie besteht aus einer ausgedehnten Hochebene, 2,200 Fuß über der
+Meeresfläche) ist dieser Cultur besonders günstig. Man rechnet<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> auf sie
+sechzig Millionen Kaffeebäume, von welchen fünfunddreißig Millionen
+unter der Aufsicht des Assistent-Residenten von <em class="gesperrt">Bandong</em> stehen.
+Drei Bäume geben zwei Pfund reinen Kaffee. Nirgends sah ich die
+Kaffeegärten so rein, schön gehalten und geordnet wie hier.</p>
+
+<p>Am folgenden Morgen ritt ich nach dem Schwefelkrater. Herr
+<em class="gesperrt">Phlippeau</em> war so gütig, mich mit Pferden und Führern zu
+versehen. Mein Zug vergrößerte sich auf jedem Paal mit Reitern und
+Fußgängern so, daß ich am Ende gewiß über dreißig Leute in meinem
+Gefolge hatte. Es herrscht nämlich in vielen Gegenden Java’s die
+Sitte, daß, wenn eine Person, die man auszeichnen will, durch ein Dorf
+kommt, der Richter nebst mehreren Inwohnern sie eine große Strecke
+weit begleiten. Mir erzeigte man diese Ehre aus Rücksicht für Herrn
+<em class="gesperrt">Phlippeau</em> und für den Assistent-Residenten.</p>
+
+<p>Komisch ist auch die Art, auf welche die Eingebornen im Gebiete
+Preanger den Vorgesetzten und den Europäern ihre Hochachtung bezeigen.
+Sie hocken sich auf die Erde und zwar in derselben Richtung, in der
+sie gerade sind, so daß man von dem Einen den Rücken, von einem Andern
+die Seite, von einem Dritten das Gesicht zu sehen bekommt. Sind sie zu
+Pferde, so steigen sie ab, führen das Pferd zur Seite<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> und hocken sich
+daneben nieder. Auch in anderen Theilen Java’s bemerkte ich diese Sitte.</p>
+
+<p>Ein ziemlich guter Weg führt zu dem Krater, und man kann bis an
+seinen Rand reiten. Er mag zweihundert bis zweihundertfünfzig Fuß
+tief sein, und ist unten beinah nicht schmaler als oben, drei- bis
+vierhundert Fuß im Durchmesser. Die Wände fallen sehr steil ab und nur
+auf einer Seite ist es möglich, über loses Steingerölle und lockeres
+Erdreich mit ziemlicher Gefahr hinab zu steigen. In der Tiefe wirbeln
+an mehreren Stellen kleine Rauchsäulen auf, reiner Schwefel liegt
+daneben. Ich kletterte mit vieler Mühe hinunter. Bei den aufgeworfenen
+Schwefelhügelchen vernahm ich ein starkes Brausen; die Rauchsäule stieg
+mit Gewalt empor und machte dasselbe Geräusch, wie der Dampf, wenn er
+aus einem Locomotive gelassen wird. Man kann sich diesen Rauch- oder
+besser gesagt Dampfsäulen mit einiger Vorsicht gänzlich nahen, man muß
+nur mit dem Winde dahin gehen und nicht gegen denselben, damit der
+erstickende Schwefeldampf nicht in das Gesicht schlägt.</p>
+
+<p>Nicht nur die Eingebornen, sondern auch die Europäer hatten mir gesagt,
+der Boden in dem Krater sei so heiß, daß man stets mit verbrannten
+Schuhsohlen zurückkäme. Ich befühlte den Boden wohl an<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> mehr als
+fünfzig Stellen, und ganz besonders in der Nähe der Rauchsäulen —
+konnte indeß meine Hand eine Zeit lang darauf ruhen lassen, und brachte
+meine Schuhe unbeschädigt zurück.</p>
+
+<p>Daß doch die Menschen bei jeder Gelegenheit übertreiben, und einer
+dem andern die Lügen nachsprechen muß! Oder sollte ich so unglücklich
+sein, alles anders zu sehen, zu beobachten, zu fühlen, als die übrigen
+Reisenden?&#160;—<p>
+
+<p>Vor einigen Jahren hat dieser Krater eine solche Menge schwefeliger
+Asche ausgeworfen, daß die Waldungen ein Viertel Paal rings um den
+Kessel gänzlich abstarben. Die nackten, schwarzen, wie von einem
+Waldbrande verkohlten Stämme bildeten einen grellen Widerspruch zu
+der reichen, blühenden Natur, die sich ohne den geringsten Uebergang,
+gleich einem Kranze, um sie schloß.</p>
+
+<p>Ich hatte nun schon einige Krater, lebende und verloschene, auf Java
+gesehen; aber in keinem kam mir die rein poröse Lava vor, die ich auf
+dem Vesuv, dem Aetna, und auf den zahllosen Kratern Islands gefunden
+habe. Es scheint, daß sich die Javanesischen Feuerspeier mit Asche,
+Sand, Wasser oder Steinen begnügen.</p>
+
+<p>Nach Bandong zurückgekehrt, verschaffte mir Herr<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> von Vischer eine
+recht hübsche Unterhaltung bei dem Regenten<a id="FNAnker_43" href="#Fussnote_43" class="fnanchor">[43]</a>, der uns zu Ehren von
+seinen Tänzerinnen den Nationaltanz Bedogo aufführen ließ.</p>
+
+<p>Die sechs Tänzerinnen waren reizend gekleidet. Sie trugen knapp
+anliegende Leibchen ohne Aermel, Gold-durchwirkte, seidene Sarongs,
+die kaum an die Knöchel reichten, darunter enge Beinkleider, die bis
+an den Fuß gingen; der Fuß selbst war unbekleidet. Um die Mitte des
+Leibes wand sich eine purpurne Schärpe, deren Enden bis an die Kniee
+fielen. Brust, Leibchen, Handgelenke und Oberarm waren mit breiten
+Goldblechen geziert. Auf dem Kopfe hatten sie Helme, die auf den Seiten
+durchbrochen waren und den Reichthum der üppig schwarzen Haare sehen
+ließen. Man konnte sich einbilden, Amazonen vor Augen zu haben. Schade,
+daß die Mädchen selbst nicht so reizend waren, als ihr Anzug; der
+Malaische Typus sprach zu sehr aus ihren Gesichtern.</p>
+
+<p>Der Tanz bestand aus drei Abtheilungen. In der ersten ging es ziemlich
+ruhig her: da ward ganz<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> einfach getanzt; in der zweiten brachten die
+Tänzerinnen Sträuße von Pfauenfedern, die sie gleich Schwertern wie im
+Kampfe schwenkten; in der dritten Abtheilung kamen sie mit Bogen und
+Pfeil bewaffnet und stellten ein ordentliches Gefecht dar, das mit der
+Niederlage der Hälfte der Kämpfenden endete. Die Getödteten blieben
+eine Zeit lang auf dem Wahlplatze liegen. Mit ihrer Niederlage zugleich
+ertönte in der Ferne eine klagende, sanfte Melodie. Die Musik dagegen,
+die den Tanz begleitete, war sehr lärmend und unharmonisch. Ich fand
+diese Vorstellung sehr zierlich und ausdrucksvoll und das Auge nicht
+beleidigend, eine Eigenschaft, die man nicht immer an unsern Balleten
+rühmen kann. Das Einzige was mir nicht gefiel war, daß die Tänzerinnen
+die Augen beständig zu Boden geschlagen hatten, eine Sitte, die ich bei
+den Tänzerinnen der meisten außereuropäischen Völker bemerkt habe, und
+welche Hochachtung für die Zuseher auszudrücken scheint.</p>
+
+<p>Von Bandong kehrte ich direkt nach Buitenzorg zurück, wo ich der
+gütigen Einladung des Gouverneur-Generals zu Folge abermals in seinem
+Palaste einige Tage verweilte. Ich schulde diesem Herrn wirklich
+den größten Dank, nicht nur für die mehr als gewöhnlich freundliche
+Aufnahme, die ich in seinem Hause fand, sondern auch weil eben diese
+mir bewiesene Theilnahme<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> hauptsächlich dazu beitrug, daß man mich in
+allen Holländischen Besitzungen so ausgezeichnet gut aufnahm und meine
+Reisepläne überall so viel wie möglich unterstützte<a id="FNAnker_44" href="#Fussnote_44" class="fnanchor">[44]</a>.</p>
+
+<p>In Batavia stieg ich wieder in dem Hause meiner liebenswürdigen
+Freunde, Herrn und Frau van Rees ab. Hier ward ich durch einen mir sehr
+werthen Besuch überrascht. Ich wurde in den Salon gerufen, und als ich
+kam, stand Herr <em class="gesperrt">Steuerwald</em> (Oberst in Holländischen Diensten)
+vor mir. Ich hatte diesen Herrn im Jahre 1845 auf der Reise von
+Gothenburg nach Stockholm kennen gelernt. Seine gediegenen Kenntnisse,
+ganz besonders aber sein freier, offener, rechtlicher Charakter flößten
+mir die höchste Achtung ein; ich war stolz von diesem Biedermanne
+schon damals mit mehr Auszeichnung behandelt worden zu sein, als dies
+gewöhnlich bei vorübergehenden Reisebekanntschaften der Fall ist. Er
+war im Dienste nach Indien gekommen, und diesem glücklichen Zufall
+verdankte ich es, eine Bekanntschaft fortsetzen zu können,<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> die im
+hohen Norden Europa’s ihren Anfang genommen hatte.</p>
+
+<p>Wenige Tage nach meiner Rückkehr von Bandong fuhr ich nach
+<em class="gesperrt">Tangerang</em>, fünfzehn Meilen von Batavia. Herrn van Rees rief
+ein kleines Geschäft dahin, das er besonders bis zu meiner Rückkehr
+verschoben hatte, um mich mitzunehmen. Er benützte diese Gelegenheit,
+mir verschiedene Volksbelustigungen vorstellen zu lassen: ich sah ein
+Hahnengefecht, einen Volkstanz, ein burleskes Lustspiel, und ein großes
+Kunststück eines sogenannten Herkules.</p>
+
+<p>Der Hahnenkampf ist zu grausam, um unterhaltend zu sein. Dem armen
+Thiere werden an jeden Fuß kleine, spitzige, sehr scharfe Messerklingen
+gebunden. Die Eigenthümer nehmen hierauf ihre Thiere unter den Arm,
+stoßen sie mehrmals gegen einander und reizen sie durch Ziehen an dem
+Kamme und an den Federn zum Zorne. Wenn sie recht aufgeregt sind, läßt
+man sie los, und der Kampf beginnt sogleich, dauert aber nicht lange,
+denn die Hähne hauen sich so schnell und stark mit den Krallen und
+den daran gebundenen Messerklingen, daß nach kaum einer halben Minute
+einer, oft auch beide auf dem Kampfplatze bleiben.</p>
+
+<p>Die Holländische Regierung hat die Hahnenkämpfe<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> strenge verboten; sie
+waren das größte Vergnügen und zugleich Verderben des Volkes. Die Leute
+beschäftigten sich beinahe mit nichts anderem, und ruinirten sich mit
+Wetten. Ein leidenschaftlicher Spieler setzte nicht nur Haus und Gut
+auf’s Spiel, sondern sein Weib, sein Kind, ja am Ende sich selbst.</p>
+
+<p>Der Tanz war das wenigst Anziehende. Sechs Mädchen tappten auf einem
+engen Raume sehr plump umher und kreischten aus voller Kehle sogenannte
+Lieder herunter. Dagegen unterhielt mich das Lustspiel, obwohl ich vom
+Texte nichts verstand (wozu mir Herr van Rees Glück wünschte); ich
+bewunderte das natürliche Spiel, die Grimassen, die Beredsamkeit der
+Schauspieler, besonders des Hauptkomikers. Man muß wissen, daß die
+Leute keine einstudirten Stücke haben, sondern stets aus dem Stegreife
+spielen. Die Frauenrollen waren hier von Jünglingen dargestellt, wobei
+die Zuseher nichts verloren, da beide Geschlechter in diesem Lande
+gleich häßlich sind; ich wäre gar nie auf den Gedanken gekommen, daß
+verkleidete Männer vor mir sich produzirten, wenn man es mir nicht
+gesagt hätte.</p>
+
+<p>Den Schluß der Unterhaltungen machte ein wirklich bewunderungswürdiges
+Kunststück des Herkules. Bloß mit einer kurzen Hose bekleidet, ließ er
+sich um<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> den Hals einen Strick binden, und mit demselben auch die Arme
+und Hände auf dem Rücken so fest zusammenschnüren, daß er damit nicht
+die geringste Bewegung machen konnte. Er kam zu uns, um die Knoten
+und Verschlingungen des Strickes untersuchen zu lassen. Hierauf kroch
+er unter einen hohen Korb, der von allen Seiten überdeckt war, und
+in welchen man ein Hemd und einen Sarong gelegt hatte. Nach ungefähr
+sechs Minuten ward der Korb aufgehoben; der Herkules hatte den Strick
+wie zuvor um Hals, Arme und Hände gebunden, aber das Hemd angezogen,
+den Sarong um die Mitte geschlagen. Er kroch nochmals unter den Korb
+und erschien nach sechs Minuten wieder, ohne Hemd und Sarong, und den
+Strick mit allen seinen Knoten und Verschlingungen in der Hand haltend.</p>
+
+<p>Auf einem Theater würde dieses Kunststück nichts bedeutet haben, da man
+dem Künstler unter dem Korbe zu Hilfe hätte kommen können; aber hier,
+mitten auf einem Wiesenplatze, war doch kein Beistand möglich.</p>
+
+<p>Ein Herr aus unserer Gesellschaft bot ihm für das Geheimniß seines
+Kunststückes 25 Rupien; der Mann nahm aber diesen Vorschlag nicht an.</p>
+
+<p>Am folgenden Morgen den <em class="gesperrt">7. Juli</em> sollten wir, vor der Rückkehr
+nach Batavia, noch eine Zuckermühle besuchen; sie war jedoch leider
+noch nicht im Gange,<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> obwohl das Zuckerrohr rings umher schon in voller
+Reife stand. Nirgends sah ich größere und üppigere Zuckerfelder als in
+dieser Ebene.</p>
+
+<p>Die Zuckermühlen tragen auf Java einen Gewinn von zwei- bis dreihundert
+Procent.</p>
+
+<p>Gegen Mittag trafen wir wieder in Batavia ein.</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_35" href="#FNAnker_35" class="label">[35]</a> Java hat, sammt der dazu gehörigen kleinen Insel Madura
+2444 Quadratmeilen mit einer Bevölkerung von 9½ Millionen Seelen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_36" href="#FNAnker_36" class="label">[36]</a> Chef der Chinesen auf Batavia.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_37" href="#FNAnker_37" class="label">[37]</a> Wenn man auf Java mit Postpferden reist, müssen
+Laufzettel vorausgesandt werden.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_38" href="#FNAnker_38" class="label">[38]</a> Ich werde von nun an immer nach Paal rechnen. Ein Paal
+ist gleich einer Englischen Meile.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_39" href="#FNAnker_39" class="label">[39]</a> Der Nopal gehört zum Cactus-Geschlechte.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_40" href="#FNAnker_40" class="label">[40]</a> Folgende Anekdote habe ich aus dem Munde eines sehr
+glaubwürdigen Mannes. „Ein hoher Beamter kam zur Audienz und bat um
+freie Postpferde zu einer Reise auf Java. Der Gouverneur-General frug
+ihn „wie groß ist ihr Gehalt?“ — So und so viel war die Antwort.
+„Oh, da ist er groß genug, daß sie die Postgebühren bezahlen können.“
+Zur selben Audienz kam ein geringer Beamter mit derselben Bitte; er
+brachte ein ärztliches Zeugniß bei, daß er eine Luftveränderung nöthig
+habe. Der Gouverneur-General frug ebenfalls nach dem Gehalte, und da
+er noch klein war, sagte er: „Damit können sie freilich keine Gebühren
+bezahlen,“ — und bewilligte die Bitte.“</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_41" href="#FNAnker_41" class="label">[41]</a> Neben der Post-Straße, die durch ganz Java geht, läuft
+eine zweite Straße, die für diese Karren bestimmt ist.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_42" href="#FNAnker_42" class="label">[42]</a> Bekanntlich wird nur der schwarze Thee der Sonnenhitze
+ausgesetzt, jener, der grün bleiben soll, muß durch künstliche Wärme
+getrocknet werden.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_43" href="#FNAnker_43" class="label">[43]</a> Auf Java ist jedem Residenten ein Rajah oder sonstiger
+Vornehmer des Landes als Beamter beigegeben, der den Titel „Regent“
+führt und denselben Gehalt bezieht, wie der Resident, nebst Procenten
+vom Kaffee, Zucker u.&#8239;s.&#8239;w. Ohne seinen Beisitz wird nichts Bedeutendes
+unternommen. Seine Meinung ist jedoch höchst selten von der des
+Residenten verschieden.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_44" href="#FNAnker_44" class="label">[44]</a> Der Gouverneur-General der Holländisch-Indischen
+Besitzungen hat 150,000 Rupien jährlichen Gehalt, nebst dem Genusse
+mehrerer Paläste, Sommerhäuser, Gärten und Ländereien. Er bleibt vier,
+höchstens fünf Jahre auf diesem Posten. An Macht und Ansehen übertrifft
+seine Stellung bei weitem jene eines konstitutionellen Königs in
+Europa.</p>
+
+</div>
+
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe6 padtop1" id="p222_ende">
+ <img class="w100" src="images/p222_ende.jpg" alt="" data-role="presentation">
+</figure>
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75638 ***</div>
+</body>
+</html>
+
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