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+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75634 ***
+
+
+
+=======================================================================
+
+ Anmerkungen zur Transkription.
+
+Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
+Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler
+sind stillschweigend korrigiert worden.
+
+Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+, gesperrte so: ~gesperrt~
+
+=======================================================================
+
+
+
+
+ Kulturhistorische
+ Charakterbilder
+
+
+ Für die Jugend
+ herausgegeben von
+ J. E. Poritzky
+
+
+ Volksausgabe
+ Mit 20 Textbildern
+
+
+ [Illustration]
+
+
+ Stuttgart
+ Loewes Verlag Ferdinand Carl
+
+
+
+
+ Druck von Carl Grüninger, K. Hofbuchdruckerei Zu Gutenberg
+ (Klett & Hartmann), Stuttgart.
+
+
+
+
+ Inhaltsvereichnis.
+
+
+ Seite
+
+ Christoph Kolumbus 1
+
+ Michelangelos Leben 41
+
+ Galilei 67
+
+ Die Jungfrau von Orleans 90
+
+ Der Doktor Faust 121
+
+ Goethe der Botaniker 148
+
+ Goethe in Venedig 164
+
+ Beethoven 176
+
+ Der Erfinder Edison 204
+
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+
+ [Illustration: David von Michelangelo]
+
+
+
+
+ Christoph Kolumbus.
+
+
+Ich entsinne mich eines alten Stiches, auf dem man Kolumbus rank
+dastehen sieht, eine Papierrolle -- wahrscheinlich eine Erdkarte Andrea
+Biancas oder Martin Behaims oder eine Seekarte Toscanellis -- in der
+Hand haltend. Er schaut nachsinnend und melancholisch ins Weite, und
+seine Begleiter scharen sich kniend um ihn, heben die Hände zu ihm
+empor wie zu einem Gott und küssen den Saum seines Gewandes. Es muß
+eine große Bewegung gewesen sein, die durch sein Herz ging, als der
+Matrose Rodrigo »Land« gerufen hatte. Dachte der kühne Entdecker
+in diesem Augenblick daran, daß er nun Vizekönig würde, Träger der
+höchsten spanischen Würden, unermeßlich reich, unumschränkt mächtig?
+Hing seine Seele in diesem Augenblick wirklich am Golde? Oder fühlte
+er, daß die Erweiterung des ~räumlichen~ Horizonts unabweisbar
+auch die Erweiterung des ~geistigen~ Gesichtsfeldes nach sich
+ziehen mußte? Daß dem Volke, das diesen Sieg errang, der Stempel
+geistiger Reife aufgedrückt wurde? Daß seine Machtsphäre ein größeres
+Gebiet gewinnen, und demgemäß auch seine politische Bedeutung wachsen
+würde?
+
+In der Tat fällt mit der Entdeckung des neuen Weltteiles auch die
+Entdeckung des Menschen, die Vertiefung seines Seelenlebens und die
+Entdeckung des himmlischen Firmaments zusammen. Man erinnere sich, daß
+Kolumbus der Zeitgenosse der größten Renaissancemenschen war, der
+Raffael, Leonardo da Vinci, Tizian, Michelangelo, Vasco da Gama --,
+und daß dies nur einige von jenen Gestirnen waren, die in den Tagen
+des Kolumbus den Erdball erleuchteten. Ariost, Tasso, Dürer, Luther,
+Savonarola, Macchiavelli, Kopernikus und viele andere wären noch zu
+nennen. Sie bestätigen den Satz, daß das Genie nur unter Gleichgenialen
+sich auswachsen und zu seiner vollen Höhe emporrecken kann.
+
+Sich ein neues und großes Weltbild zu schaffen, alle Schranken des
+Geistes niederzureißen, ist die eigentliche Leitidee der kolumbischen
+Zeit. Die Erde ist plötzlich fast zu klein für die erwachten Kräfte,
+die sich betätigen wollen.
+
+Anderseits darf man nicht vergessen, daß unser Denken von dem des
+Mittelalters durch vier Jahrhunderte getrennt ist. Das Mittelalter ist
+zwar nicht ganz so finster und wüst, wie man vielfach glaubt, aber
+es ist doch noch reich genug an abergläubischen Vorstellungen und
+aufreizenden Phantastereien. Feurige Kometen werden als Fingerzeige
+Gottes betrachtet; man will gesehen haben, daß es Blut regnet, und
+das bedeutet Krieg oder Pest. Es ereigneten sich im Volke plötzliche
+Ausbrüche von Angst vor diesen überall eingreifenden jenseitigen
+Kräften. In den Kirchen gab es blutschwitzende Hostien, am Himmel
+blutige Kreuze und Lanzen, in Stadt und Land eine unermeßliche
+Zahl von Wallfahrern, Flagellanten und Propheten, wundertätigen
+Muttergottesbildern und Bußpredigern. Man muß sich daran erinnern, daß
+selbst Luther steif und fest an den Teufel geglaubt hat, mit dem er
+manchen harten Strauß auszufechten hatte. Sonderbare Stubengelehrte
+sind als Hexenmeister verschrien, Goldmacher sind Zauberer, und
+Kräutersammler gelten als Teufelsknechte. Jede Nebelbank ist ein
+unbekanntes Land.
+
+Ich sage: nur in einer Zeit, wo jeder Kopf voll kräftiger Phantasien
+steckt; wo man bereit ist, an die Wunder von Tausend und eine Nacht zu
+glauben, und wo die biblischen Propheten zu Führern werden, die nach
+neuen Welten locken; wo die Vernunft fast gänzlich von Faustischem
+Sehnen gepackt ist und durchtränkt scheint; wo der Mensch mehr denn je
+an seine Gottähnlichkeit glaubt --, nur in einer solchen Zeit ist die
+Gestalt eines Kolumbus denkbar.
+
+ * * * * *
+
+Führt euch eine Reise einmal nach Genua, so ist das erste, was
+euch auf dem schönen freien Platz vor dem Bahnhofe ins Auge fällt:
+Christoph Kolumbus, der Entdecker der Neuen Welt, der um die Mitte des
+fünfzehnten Jahrhunderts in Italien geboren ist. Vierzehn Ortschaften
+streiten sich um die Ehre, ihn als ihren Sohn zu beanspruchen; indessen
+kommen ernsthaft nur Genua oder Savona in Frage.
+
+Er stammte von braven kleinbürgerlichen Eltern ab, die das Gewerbe der
+Wollweber betrieben, das auch Christoph in der Jugend erlernte. Die
+Eltern ließen ihm eine sorgfältige, wenn auch beschränkte Erziehung
+zuteil werden; daß sie ihn aber auf kurze Zeit an die Universität nach
+Pavia geschickt haben sollen, wo er Lateinisch gelernt hätte, wird
+neuerdings bezweifelt. Sehr viel mehr als dieser Erziehung verdankt
+er indessen sich selber und seiner eigenen Energie, die ihn stets von
+neuem zu seinen Studien trieb. Schon im vierzehnten Jahre hing er mit
+Lust und Liebe am Seemannsberufe, und die damalige Schiffahrt auf dem
+Mittelländischen Meere, die einem wilden Freibeutertum gleichkam, nahm
+den künftigen Seehelden in ihre rauhe und harte Schule. Und wir wollen
+es uns einprägen, daß nicht das Allergeringste im Leben ohne Kampf
+gewonnen werden kann, daß eine eiserne Energie und eine unbeugsame
+Willenskraft dazu gehören, wenn man ein großes Ziel erreichen will.
+
+Wahrscheinlich nahm der junge Kolumbus Anteil an dem Erobererzuge
+Johanns von Anjou, der gegen Neapel gerichtet war. Kühn und
+furchtlos soll Kolumbus die feindlichen Galeeren angegriffen und
+von ihnen Besitz genommen haben, in nichts seinem Onkel und seinem
+Neffen nachstehend, die durch ihre glücklichen Kapereien gegen
+die Ungläubigen berühmt waren. Aber erst als Christoph Kolumbus
+auf seinem Abenteurerzuge auch nach Portugal kam, wurden alle
+Geisteskräfte geweckt, die in ihm schlummerten. Denn gerade in den
+Portugiesen war seit dem Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts ein
+kühner Unternehmungssinn und ein toller Wagemut erwacht. Sie erhofften
+märchenhafte Schätze von der Auffindung neuer Seewege, die zu neuen
+Erdteilen führten.
+
+Noch war die Erde ja zum größten Teile ein jungfräuliches Gebiet. Die
+Reisebeschreibungen jener entdeckungslustigen Epoche lesen sich wie
+ungeheuer übertriebene Märchen, wie phantastische Geschichten von
+Jules Verne, die ja auch ein Körnchen Wirklichkeit in sich tragen.
+Aus den neuentdeckten Ländern brachte man rote Menschen, seltsame
+Tiere, die Kunde von einer ganz fremdartigen Tier- und Pflanzenwelt.
+Zwar hatten schon in vorchristlicher Zeit Eudoxos und Aristoteles die
+Vermutung ausgesprochen, daß die Erde Kugelgestalt haben müsse, aber
+im großen und ganzen glaubten die alten Völker, die Griechen, Römer
+und Araber, daß die Erde eine flache oder eckige Scheibe sei, die auf
+dem Wasser schwimme. Erst in der Zeit des Kolumbus hatten Kopernikus
+und Galilei unerschütterliche Beweise für die Kugelgestalt der Erde
+gegeben -- was übrigens sogar jetzt noch die wenigsten und selbst
+Kolumbus nicht glauben wollten -- und daß sie als ein kleiner Stern
+wie viele, viele andere Sterne um die Sonne kreiste. Der Weltenraum
+hatte sich unermeßlich geweitet; die Erde war ein unbekanntes Land.
+Die seltsamsten Wesen und Dinge waren auf ihr möglich. Die Reisenden
+erzählten von Ländern, wo Menschen ohne Kopf geboren werden, mit Augen
+und Mund in ihrer Brust; von Menschen, die den Kopf unter ihren Armen
+trugen, die Augen in den Schultern hatten usw.
+
+Es sind eben diese plumpen Märchen der Reisenden und der Matrosen, von
+denen Kolumbus die Anregungen zu seinen Entdeckungsreisen empfängt.
+Wenn Schiffersagen aber schon solch ein Zündstoff für seine Seele
+sind, wird Pierre d'Allys Reisebeschreibung vom Jahre 1410 ohne
+Zweifel sein Katechismus. Denn Kolumbus ist ebenso autoritätsgläubig
+wie enthusiastisch, ebenso phantasievoll wie abenteuerlich. In der
+»Erdbeschreibung« des Pierre d'Ally, die diesen Namen allerdings kaum
+verdient, findet er alle fabelhaften Vorstellungen, die Aristoteles
+und Seneca, Plinius und Ptolemäus, Osorius und Isidorus, Averroës und
+Augustin und eine Menge anderer Philosophen, Sterngucker, Mystiker und
+Heiligen von der Welt hegen, getreu aufgezeichnet. Die Anschauungen
+des Plinius, der behauptet hatte, man könne von Spanien ~in
+wenigen Tagen~ nach Indien reisen, und die Anschauungen seines
+Nachschreibers Solinus beherrschten die Ansichten über ein Jahrtausend.
+Nach diesen gab es jenseits des heiligen Indus die Inseln Chryse
+und Argyre, die ganz aus Gold und Silber bestanden. Isidorus wußte
+sogar von goldenen Bergen zu berichten, die von Drachen, Greifen und
+menschlichen Ungeheuern bewacht würden. Bei d'Ally liest Kolumbus,
+daß die Erde so und so schmal sei und daß das Paradies irgendwo im
+Osten liege, wo Erde und Mond zusammengrenzen. Sollte es ein gläubiger
+Entdecker nicht finden? In den heißen Zonen -- heißt es da ferner --
+leben unbeschreibbare Untiere. Die Welt geht wahrscheinlich 1658 unter,
+ganz bestimmt aber 1801. In Senecas Tragödie »Medea« liest Kolumbus:
+»Einst wird die Zeit anbrechen, wo der Ozean seine Fesseln sprengen,
+der Erdkreis weit und breit sich ausdehnen, das Meer neue Länder
+entschleiern und Thule nicht mehr das erdenfernste Land sein wird«.
+
+Ist man nicht geradezu ein Narr, wenn man sich auf Grund solcher
+Prophezeiungen nicht aufmacht, um neue Welten zu suchen? Übrigens
+spricht schon Jesaias Kapitel 60, Vers 9 und Kapitel 65, Vers 17 von
+neuen Weltteilen, von Gold- und Silberinseln.
+
+Auch Aristoteles, der weiseste der griechischen Philosophen und
+im Mittelalter als unantastbare Autorität hoch verehrt, hatte
+z. B. eine Insel Antilla erwähnt, die Insel der sieben Städte
+und andere phantastische Inseln und Weltteile, die auf allen
+Landkarten eingezeichnet waren. Und es gab genug abenteuerliche
+Wagehälse, die hinauszogen, um diese Inseln zu suchen, und die an
+die unwahrscheinlichsten Legenden glaubten, so wie wir einst an das
+Schlaraffenland geglaubt haben oder an das Land der Antipoden, wo die
+Menschen auf den Köpfen gehen.
+
+Gewiß, das alles waren Märchen. ~Aber Kolumbus hat an sie
+geglaubt~, und ich finde nichts Lächerliches darin. Gerade weil
+er an sie geglaubt hat, gehörte die doppelte Kühnheit dazu, auf die
+unbekannten Meere hinauszusegeln und es -- wie ein würdiger Märchenheld
+-- mit den vermeintlichen Drachen und Unholden aufzunehmen. Seine
+ehrliche Absicht war es, sie zu töten; daß er sie nicht gefunden hat,
+kann ihn nicht verkleinern. Nachdem er die neuen Lande entdeckt hat,
+schreibt er sehr bescheiden und hübsch: »Zur Ausführung einer Fahrt
+nach Indien haben Vernunftschlüsse, Mathematik und Weltkarten mir zu
+nichts geholfen. Es ist einfach in Erfüllung gegangen, was der Prophet
+Jesaias vorhergesagt hat.«
+
+Die Namen jener vorhin genannten Philosophen, Propheten und Dichter,
+und die Resultate d'Allys waren dem spanischen Monarchen tatsächlich
+Garantien genug, das kostspielige Unternehmen des durch seine
+außergewöhnliche Beredsamkeit bestrickenden Entdeckungsreisenden
+zu billigen, obwohl die kosmographischen Vorstellungen unseres
+waghalsigen Weltumseglers sehr seltsam, seine mathematischen und
+geographischen Vorkenntnisse sehr ungenügend und sein nautisches
+Wissen gleich Null waren. Denn er gibt später beispielsweise den
+Breitegrad der kubanischen Küste auf zweiundvierzig Grad an, anstatt
+auf einundzwanzig Grad. Er hält die Gestalt der Erde für birnenförmig,
+glaubt in der Nähe Haitis das biblische Paradies wiedergefunden
+zu haben usw. Die astronomischen Vorstellungen seiner verirrten
+Einbildungskraft sind die der wilden Naturvölker.
+
+[Illustration: Die Weltkarte des Italieners Toscanelli, die dieser dem
+Kolumbus vor seiner ersten Reise zugänglich machte.]
+
+Portugal war eine ausgezeichnete Schule für Christoph Kolumbus oder
+Cristobal Colon, wie er sich seit seiner spanischen Anstellung mit
+Vorliebe nennt und unterzeichnet. Hier konnte er etwas Tüchtiges
+lernen oder sein Wissen sehr vorteilhaft erweitern und verwerten.
+Darum zögerte er auch nicht lange, sich in Portugal niederzulassen, wo
+sich bereits viele seiner Landsleute angesiedelt hatten. Er trug seine
+Hand der Tochter eines italienischen Edelmannes an, dem Befehlshaber
+der Insel Porto Santo, der ein tüchtiger Seemann war und der seiner
+Tochter Felipa Perestrello hauptsächlich Reisetagebücher und Seekarten
+zur Mitgift gab. Kolumbus war's zufrieden, und obwohl er seinen
+eigenen Unterhalt nur durch Zeichnungen von sehr geschätzten See-
+und Landkarten bestreiten konnte, war er schon glücklich genug, sich
+eifrig dem Studium der Reisebücher und Karten hingeben zu können.
+Aber er begnügte sich nicht damit, die Welt nur auf der Landkarte zu
+bereisen oder sie aus den ungenügenden Reiseberichten kennen zu lernen.
+Die goldenen Fernen lockten ihn und die unendlichen Weiten riefen ihn
+hinaus. Er wollte die Wunder sehen, von denen die Reisenden in ihren
+fabelhaften Beschreibungen erzählten. Und so bereist er Madeira, die
+Kanarischen Inseln, die Azoren und sogar die Küste von Guinea.
+
+Jede neue Ausfahrt konnte ins Wunderland führen. Die Luft war erfüllt
+von den unglaublichsten Legenden, die fremde Reisende berichtet
+hatten. Das Seeleben war voller Aufregung, neugieriger Erwartung und
+überschwenglicher Hoffnung. Das Entdecken fremder Länder war ein
+Geschäft und wurde wie ein Glücksgewerbe betrieben.
+
+Aber damals, vor vierhundert Jahren, war es ganz natürlich, an
+Schiffermärchen zu glauben. Dazu kam noch, daß das Meer seltsame
+Dinge angeschwemmt hatte, klobig geschnitzte Hölzer, Zedernstämme
+von unbekannter Herkunft, riesenhaftes Schilfrohr, Leichen fremder
+Menschenrassen von sonderbarer Hautfarbe, lauter Dinge, die auf das
+Vorhandensein unbekannter seltsamer Erdteile schließen ließen.
+
+Aber so viel Unternehmungsgeist und Mut Kolumbus auch hatte, er war
+jeglicher Mittel entblößt und ganz außerstande, seinen Plan ohne
+fremde Hilfe und Unterstützung auszuführen. Von Johann II., der
+eben den portugiesischen Thron bestiegen hatte, erhoffte Kolumbus
+um so eher rege Förderung seiner Absichten, als Johann selber von
+dem Entdeckungsfieber ergriffen war. Und als Kolumbus 1483 in einer
+Audienz, die ihm der König gewährt hatte, seinen großen Plan, den
+direkten Seeweg nach Indien aufzufinden, entwickelt hatte, war der
+König trotz seiner anfänglichen Abneigung umgestimmt und bereit,
+auf die Ideen des Kolumbus einzugehen. Er wollte die Vorschläge
+nur noch von seinen gelehrten Ratgebern prüfen lassen. Diese hörten
+sie kopfschüttelnd an; sie erklärten sie für die Ausgeburten eines
+überspannten kranken Gehirns und meinten, es wäre eine unverzeihliche
+Torheit, den bisher verfolgten Weg um Afrika herum, um ihretwillen
+aufzugeben.
+
+Diese Entscheidung hinderte freilich den König nicht, trotzdem
+an die Ausführbarkeit des Kolumbusschen Planes zu glauben. Er
+hoffte nur billiger und bequemer dazu zu kommen, wenn er einen
+~einheimischen~ Seemann mit einem gut ausgerüsteten Schiffe im
+geheimen in die westliche Richtung absandte, um zu versuchen, ob
+die Theorie des Genuesers sich bewähren würde. Anekdoten erzählen,
+Kolumbus sei aufgefordert worden, seine Absichten in ausführlicher
+Weise schriftlich darzustellen, und mit ebendieser Darstellung habe
+man den neugeworbenen Seemann in den westlichen Ozean geschickt. Aber
+diesem gemieteten Kapitän habe die kühne Seele des Kolumbus gefehlt;
+nach wenigen Tagen sei schon sein Eifer ermattet, und im Glauben, die
+uferlose Meereswüste nehme kein Ende, habe er seiner Entdeckungsfahrt
+ein rasches Ende gemacht und sei zum Tajo zurückgekehrt, Kolumbus einen
+Wahnsinnigen schimpfend, der diese sonderbare Idee ausgebrütet hatte.
+Dieser Verrat und Schimpf, der ihm angetan worden sei, hätte Kolumbus
+aufs höchste empört, und entrüstet hätte er diesem Lande den Rücken
+gekehrt.
+
+Diese Anekdote, die Kolumbus zum Märtyrer macht, wird aber von der
+neueren Forschung als unverbürgt abgelehnt; man nimmt vielmehr an,
+daß Kolumbus Portugal verlassen habe, weil der König nicht auf seine
+unerhört hohen Forderungen eingehen wollte, im Falle das Unternehmen
+gelingen würde. Er beanspruchte nämlich ~erstens~ die Erhebung
+in den Adelstand für sich und seine Familie; ~zweitens~ den
+Titel »Admiral des Weltmeers«; ~drittens~ Amt und Würde eines
+Vizekönigs und lebenslänglichen Statthalters aller entdeckten Inseln
+und Festländer; ~viertens~ den zehnten Teil aller königlichen
+Einkünfte an Gold, Silber, Perlen, Edelsteinen, Metallen, Gewürzen
+usw., sowie von allen Handelserträgnissen in jenen Gebieten;
+~fünftens~ nahm er das Recht für sich in Anspruch, bei allem
+Handel sich auf jedem Schiffe mit einem Achtel des Wertes beteiligen zu
+dürfen.
+
+Kolumbus richtete seine Blicke nach Spanien. Während Portugal seine
+Pläne nur als ein Geschäftsunternehmen auffaßte und ablehnte, konnte
+Kolumbus von Spanien hoffen, daß es die Entdeckung neuer Erdteile
+zu einer Sache des ~Glaubens~ machen würde. Denn noch immer
+kämpfte Spanien mit dem Islam und befolgte infolgedessen mehr eine
+Glaubenspolitik als eine geschäftliche. Aber die spanischen Räte
+waren für die Ideen des Kolumbus noch nicht reif. Zwar nahm man ihm
+nicht alle Hoffnung; man wollte sich aber im Augenblick auf diese
+abenteuerlichen Pläne nicht einlassen, da man in zu viel kriegerische
+Verwicklungen hineingezogen war. Zu seiner Existenz erhielt Kolumbus
+eine kleine Unterstützung vom Hofe, eine Art Wartegeld, durch das er an
+die spanische Krone gebunden war.
+
+Es begannen Jahre voll peinlichen Wartens. Voller Angst sieht Kolumbus
+ein Jahr ums andere verrinnen, ohne daß er seinem Ziele näher käme.
+Deshalb faßt er zur Verwirklichung seiner Pläne jetzt Frankreich ins
+Auge und schickt zugleich seinen Bruder nach England, damit er dort
+ebenfalls wirke. Aber beides ist erfolglos. So lebt Kolumbus sieben
+Jahre einsam, unbekannt und fast vergessen in Cordova und Sevilla, bis
+er sich 1491 gewaltsam losreißt, um in anderen Ländern sein Glück zu
+erjagen.
+
+Aber bevor er sich die Krone des Erfolges aufs Haupt setzen kann, muß
+er noch harte Prüfungen bestehen. Die Vasallen des Hungers gesellen
+sich zu ihm und geleiten ihn durch die dornenvollen Lande der Bitternis
+und der Enttäuschung; der Kummer wird sein treuester Freund. Es tun
+sich Abgründe in ihm auf und schwere Verzweiflung kommt heran und
+erwürgt alle seine Hoffnungen. Der Gottgesandte bricht zusammen, ehe er
+seine ruhmvollen Reisen beginnt.
+
+Als Bettler finden wir ihn wieder an der Pforte des Klosters St. Maria
+de la Rabida, das unfern von dem andalusischen Seehafen Palos sich
+auf einem Hügel erstreckt. Dort erfleht er für sich und seinen Knaben
+eine Stärkung. Der fremde Dialekt des Bittenden und die eigentümliche
+Erscheinung erregen die Neugier des Pförtners. Der ruft den Prior
+Juan Perez de Marchena, dem Kolumbus in seiner Drangsal und Not seine
+Entwürfe und Hoffnungen vertraulich mitteilt. Der Prior aber erkennt,
+daß er hier keinen gewöhnlichen Bettler vor sich hat; er erkennt
+den Wert des Kopfes, der diese verwegenen Entdeckerpläne hegt, und
+beschließt auch sofort, Kolumbus nicht aus dem Lande ziehen zu lassen,
+ohne die Königin Isabella von seiner Absicht vorher in Kenntnis zu
+setzen. Aber trotz der warmen Empfehlungsschreiben des Priors gelingt
+es dem Fremdling nicht, vor die Königin vorgelassen zu werden.
+Kolumbus, der sich selber in ärmlichem Gewand nach dem königlichen
+Kriegslager begibt, wird mit verwundertem Erstaunen von dem königlichen
+Beichtvater betrachtet, der es auch verhindert, daß Kolumbus vor der
+Königin erscheint. Wieder ist er zurückgewiesen. Dennoch glaubt er
+unerschütterlich an sich und seine Sache und ernährt sich inzwischen
+kümmerlich durch Kartenzeichnen.
+
+Aber der Schmerz veredelt ihn nicht, sondern macht ihn habgierig und
+rachsüchtig. Er wird sich an all denen rächen, die ihm wehgetan haben.
+Wenn er das Franziskanerkloster La Rabida verlassen wird, wo man den
+Umherirrenden vom Hungertode errettet hat, wird er fordern, daß man
+ihm jede bittere Stunde durch zehnfache Ehrungen und zehnfaches Gold
+aufwiege.
+
+Inzwischen gewann er durch seine imponierende Ausdauer und sein
+würdevolles Betragen einen neuen Freund in Alonzo de Quintanilla, dem
+kastilianischen Finanzkontrolleur, der ihn bei mehreren Personen vom
+Hofe einführte und sich warm für ihn ins Zeug legte, so daß ihm endlich
+eine Audienz erwirkt wurde. Endlich konnte Kolumbus seine Gedanken
+mitteilen und er war als ein glänzender Sprecher berühmt. Der König
+Ferdinand maß den kolumbischen Plänen eine so hohe Bedeutung bei, daß
+er sie einer Versammlung der gelehrten Geistlichen zur Entscheidung
+vorlegte. Die stellten, da ihr Wissen von der Erde nicht weit her
+war, der Ausführung der Ideen die größten Hindernisse in den Weg.
+Die einen meinten, es gebe überhaupt keine neuen Erdteile mehr zu
+entdecken; die ganze unbekannte Welt sei vom Ozean ausgefüllt; die
+anderen sagten, wenn die Erde Kugelgestalt habe, so könne man zwar
+die Erdkugel herunterfahren; es sei aber doch dann unmöglich, wieder
+~hinaufzukommen~; die dritten glaubten, wenn es etwas zu entdecken
+gäbe, so müsse in den neuen Ländern so eine furchtbare Hitze sein, daß
+sie sofort alles Lebendige töten würde. Kurz, obwohl nur Dummheiten
+vorgebracht wurden, und obwohl Kolumbus sie den seeunkundigen
+Geistlichen geschickt widerlegte, wurden seine Pläne doch wieder, wenn
+auch nicht verworfen, so doch aufgeschoben und vernachlässigt. Die
+Hoffnung, die Kolumbus blieb, war gering; aber so gering sie war, sie
+vermochte ihn doch wieder aufrecht zu erhalten. Er blieb also dem Hofe
+nahe und ließ sich die Verachtung und den Spott der Höflinge, die ihn
+als einen lächerlichen Projektenmacher betrachteten, still gefallen.
+Nur wenige Freunde schürten dann und wann den Glauben an eine spätere
+Aussicht in ihm wach und bestärkten ihn in seinem Selbstvertrauen.
+
+Und die Monate gingen hin. Inzwischen empfing er wieder ein Schreiben
+vom portugiesischen König Johann, der ihn einlud, nach Lissabon
+zurückzukehren; aber Kolumbus schlug das Anerbieten aus. Auch der
+König von England, Heinrich VII., fing an, sich ermunternd gegen
+Kolumbus zu äußern, nachdem es dessen Bruder, der auf dem Wege nach
+England von Seeräubern ausgeplündert worden war, nach langer Gefahr
+und entmutigender Not gelungen war, sich dem Könige zu nähern. Aber
+Kolumbus ließ sich auch von diesen Hoffnungen nicht blenden, um so
+weniger, als nun auch Ferdinand und Isabella von Spanien sich wieder
+des vernachlässigten »Projektenmachers« erinnerten. Aber da war die
+noch immer währende Belagerung von Granada, die die Tatkraft der
+Regenten vollkommen in Anspruch nahm, ein neues Hemmnis. Und als die
+Spanier endlich die maurische Herrschaft gebrochen hatten, verdrängten
+die lärmenden Siegesfeste und die Turniere wieder von neuem die
+Erinnerung an den unverzagt hoffenden Genueser. Aber nun begann er in
+seinen Bitten dringlicher zu werden und drängender. Er forderte ein
+energisches und unzweideutiges Ja oder Nein. Wieder traten die früheren
+geistlichen Räte zusammen, wieder beratschlagten sie und wieder
+bekundeten sie: der Antrag des Bittstellers sei in seinen Grundsätzen
+gehaltlos, in seiner Ausführung untunlich und deshalb der Förderung und
+Beachtung der königlichen Herrscher unwürdig.
+
+Jetzt erst schien es, als hätte das Schicksal Kolumbus, nach all dem
+vergeblichen Warten und Hoffen, den Becher der Verzweiflung zum Trunke
+gereicht. Jetzt erst sah er sich von seinem Ziele weiter entfernt denn
+je; er fühlte sich grenzenlos unglücklich und erschüttert. Jetzt erst
+wollte er Spanien verlassen und wollte nach England oder Frankreich.
+Er kehrte nach dem Kloster La Rabida zurück, wo er seinen Sohn in der
+Obhut des Priesters zurückgelassen hatte, um ihn nun zu sich zu nehmen.
+Aber der Prior, tief bekümmert über das Mißgeschick des Freundes, gab
+die Sache des Kolumbus trotzdem noch nicht verloren. Er hielt Kolumbus
+zunächst im Kloster zurück und schickte einen Piloten mit einem warmen
+Empfehlungsbrief zur Königin. Und die Entscheidung lautete günstig.
+Der Prior wurde zur Königin befohlen und hier führte er die Sache des
+Kolumbus so beredsam, daß sie beschloß, wieder von neuem zu verhandeln.
+Vorläufig schickte sie ihm dreiundfünfzig Dukaten, damit er anständig
+vor ihr erscheinen könne.
+
+Um diese Zeit sah sich auch Spanien auf dem Gipfel seiner Größe. In
+König Ferdinand wurden Hochsinn und Ehrgeiz wach, und er hoffte durch
+Kolumbus zu unberechenbarem, neuem Glanze zu kommen. Man verhandelte
+nun ernstlicher mit ihm und stellte ihm für seine Fahrt drei gut
+ausgerüstete Schiffe in Aussicht. Nach seinen Ansprüchen befragt,
+gab er dieselben maßlosen Forderungen an, wie ehedem dem Könige von
+Portugal. Er will die höchsten spanischen Würden und die Macht des
+Vizekönigs in den neu zu entdeckenden Ländern. Er ist außerdem ein
+tüchtiger Geschäftsmann. Von allen Perlen und Edelsteinen, von Gold
+und Spezereien, von allem, was Handelswert hat, will er zehn Prozent.
+Er will das Amt des höchsten Richters üben und alle Handelsprozesse
+führen, die zwischen Spanien und dem Lande seiner Phantasie entstehen
+werden. Anfangs findet man diese Forderungen unangemessen, übermütig,
+ausschweifend; endlich aber, nach Befürwortung und Anfeuerung durch den
+Schatzmeister, bewilligt man ihm -- zu seinem Unglück -- alles. Welch
+eine Meinung hat er nun von sich! »Gott machte mich zum Gesandten eines
+neuen Himmels und einer neuen Erde.«
+
+Und jetzt gehen die Dämonen in ihm auf Raub aus. Eine unersättliche
+Geldgier und eine kleinliche Habsucht erfüllen ihn; er wird
+doppelzüngig und grausam; er wird anmaßend und prahlerisch.
+
+Man hatte ihn nun zum Admiral ernannt und sofort in den Adelstand
+erhoben. Die Ausrüstung der Schiffe wurde eilig betrieben; der nahe
+Hafen von Palos war als Ausfahrtspunkt gedacht. Die Schiffsmannschaft
+sollte in königlichen Sold genommen werden, aber genügend wackere
+Matrosen und Steuerleute zu beschaffen war nicht so leicht. Die
+kühnsten Seeleute schreckten bei dem Gedanken zurück, eine Fahrt ins
+Ungewisse, Grenzenlose, Ziellose zu tun. In den Märchen war ja erzählt
+worden, daß manche Kaufleute fünfzig Jahre und länger auf dem Meere
+geradeaus fuhren, ohne je eine Insel erreicht zu haben. Eine solche
+Fahrt ~mußte~ sie ins Verderben führen, und daher war die Angst
+davor so groß, daß selbst scharfe Strafbefehle nicht die Wirkung
+hatten, genügende Seeleute anwerben zu können. Niemand wollte sein
+Leben dem fremden italienischen Pläneschmied anvertrauen, der mit weiß
+Gott was für Teufelskünsten den König beredet hatte.
+
+Erst als ein gewisser Pinzon und sein Bruder, deren Erfahrungen auf dem
+Meere man sehr hochschätzte, versprochen hatten, die ungeheuerliche
+Fahrt mitzumachen, wirkte deren Beispiel so ermutigend, daß die Schiffe
+schließlich doch segelfertig gemacht werden konnten.
+
+Die gesamte Ausrüstung der drei Schiffe zählte mit Inbegriff der
+Steuerleute, der königlichen Beamten, Ärzte, einiger Freiwilliger vom
+Kriegshandwerk und neunzig Matrosen, alles in allem hundertzwanzig
+Köpfe. Mehr waren an der ganzen andalusischen Küste für dieses
+Unternehmen, trotz guter Beispiele, gutem Sold und großer Überredung,
+nicht zu gewinnen. Und selbst unter diesen hundertzwanzig Leuten kamen
+weitaus die meisten nur sehr widerwillig mit und nur, weil man Gewalt
+angewendet hatte.
+
+Die Hafenstadt Palos mußte die Schiffe stellen und ausrüsten, Sevilla
+hatte den Auftrag, Waffen und Proviant zu liefern. Das Flaggschiff,
+die Santa Maria, wollte Kolumbus selbst führen; das zweite Schiff,
+die Pinta, stand unter dem Befehl der beiden Brüder Pinzon; das
+dritte Schiffchen, die Nina, wurde von einem anderen Pinzon
+kommandiert. Die Santa Maria maß etwa zweihundertundachtzig, die Pinta
+hundertundvierzig, die Nina höchstens hundert Tonnen.
+
+Endlich, nachdem Kolumbus und die gesamte Mannschaft in der Kirche
+den Segen Gottes erfleht hatten, und jeder die heiligen Sakramente
+empfangen hatte, wurden am Freitag, dem 3. August 1492, morgens acht
+Uhr, die Anker gelichtet und unter Herzklopfen der Scheidenden und der
+Zurückbleibenden verließen die Schiffe die vaterländische Küste, um
+einer ungewissen Zukunft entgegenzusegeln.
+
+ * * * * *
+
+Kolumbus schlug den Weg nach den Kanarischen Inseln ein. Aber schon
+während dieser Fahrt mußte sich ihm die Besorgnis aufdrängen, daß seine
+Schiffsmannschaft in einer Anwandlung von Furcht und Reue widersätzlich
+werden und auf Umkehr dringen könnte. Diese Befürchtung war nicht
+grundlos. Schon am dritten Tage zerbrach das Steuerruder der Pinta,
+und man schöpfte Verdacht, daß die beiden Seeleute, denen das Schiff
+gehörte, den Schaden absichtlich herbeigeführt hätten, um das Fahrzeug
+~vor~ der gefährlichen Reise in Sicherheit zu bringen. Der
+Schaden war nur schwer wieder gut zu machen, aber der Kapitän Alonso
+Pinzon verlor den Mut nicht; es gelang ihm, das Schiff nach der Insel
+Lanzerote zu bringen, wo die notdürftige Ausbesserung mehrere Wochen
+in Anspruch nahm. Während dieses unfreiwilligen Aufenthaltes wurde ein
+Vulkanausbruch auf Teneriffa beobachtet, der allgemeine Verwunderung
+erregte. Das Schiffsvolk begann zu murren und über die unbequemen
+Arbeiten zu klagen; sie waren der Reise schon überdrüssig, ehe sie noch
+recht begonnen hatte.
+
+Erst am 6. September konnte das kleine Geschwader die Reise fortsetzen;
+es segelte an Ferro, der Eiseninsel, vorbei, den drei portugiesischen
+Karavellen geschickt ausweichend, die die Schiffe des Kolumbus
+aufhalten sollten, um die Expedition zu vereiteln. Ferro war die letzte
+Insel der bekannten Welt, und Kolumbus fühlte sich, im Gegensatz zu
+seinen zaghaften, in Tränen aufgelösten Gefährten, erst jetzt wohl. Die
+Entmutigten feuerte er durch verlockende Reden von den zu erwartenden
+Reichtümern an, an die er selber glaubte; den Unterbefehlshabern gab
+er bestimmte Weisungen über die Richtung, die einzuhalten war. Von
+jetzt ab führte der Admiral, wie er selber angibt, ~zweierlei~
+Tagebücher; eins für sich, in das er die ~wirkliche~ Meilenzahl
+verzeichnete, die durchsegelt worden war, und ein anderes ~offen~
+liegendes, sogenanntes Schiffsjournal, worin er die zurückgelegten
+Strecken kürzer angab, damit die Mannschaft durch die weite Entfernung
+von der Heimat nicht den Mut verlieren sollte.
+
+So segelten sie mehrere Tage dahin; es wurde aber schlecht gesteuert,
+so daß sie ein wenig von der Richtung abwichen. Am 13. September
+entdeckte Kolumbus die westliche Abweichung der Magnetnadel, die
+sogenannte »Deklination der Magnetnadel«, die ihn sehr beunruhigte.
+Was mußte nun aus ihnen werden, wenn der einzige sichere Führer in
+der weiten Wasserwüste sich so unzuverlässig zeigte? Es gehörte
+des Admirals ganze Besonnenheit und Geistesgegenwart dazu, die
+beunruhigende Erscheinung seinen Matrosen als eine unwichtige Sache
+hinzustellen. Am 14. September sahen die Leute von der Nina eine
+Seeschwalbe und einen Tropikvogel; am 15. fiel in geringer Entfernung
+von den Schiffen eine prachtvolle Feuerkugel ins Meer. Alle diese Dinge
+verwirrten und betrübten das Schiffsvolk, das hierin Himmelszeichen
+sah, daß die Reise schlecht ablaufen würde. Am 16. trübte sich der
+Himmel, und es fiel ein starker Regen. Von nun an war das Klima völlig
+umgeschlagen; die Morgen waren lieblich wie in Andalusien; es fehlte
+nur noch das Singen der Nachtigall. Der Himmel war von silberumsäumten
+Wolken bezogen, die Luft war mild und klar. Am selben Tage sah man auch
+das Meer mit zahllosen Büscheln von treibendem Seetang bedeckt, der so
+frisch und grün aussah, daß man meinte, das Kraut könne erst vor kurzem
+vom Lande losgerissen sein; es müssen also -- glaubte man -- Inseln in
+der Nähe sein.
+
+Beim Anblick dieses treibenden Tanges, des Sargassun, begann das
+Schiffspersonal wieder aufzubegehren; es murrte über den langen Weg,
+der kein Ende nehmen wollte. Die Tage wurden länger, die Meeresflächen
+erschienen wieder größer, die Ungeduld wuchs und schwoll und entlud
+sich in offener Empörung gegen Kolumbus. Aber als man auch glücklich
+über die schwimmenden Grasstrecken hinweggesegelt war, legte sich die
+Besorgnis ein wenig.
+
+Doch tags darauf zeigten sich neue Grasinseln; man fing eine Krabbe
+zwischen den Büscheln, die Kolumbus mit dem Bemerken aufbewahrte, daß
+nun das Land wohl in der Nähe sein müsse. Das Seewasser war auch nicht
+mehr so salzig, wie bei den Kanarien.
+
+Am 18. September eilte die Pinta etwas voraus, weil der Admiral
+gesagt hatte, er hoffe noch in dieser Nacht Land zu sehen, und
+weil die Königin demjenigen eine Prämie von zehntausend Maravedis
+(zweihundertundsiebenundfünfzig Mark) ausgesetzt hatte, der zuerst
+Land erblicken würde. Diese Zuversicht wurde noch dadurch verstärkt,
+daß sich im Norden eine dichte Wolkenbank lagerte, die man anfangs für
+Land hielt. Am 19. September herrschte Windstille. Ein Pelikan, der nie
+weitab vom Lande fliegt, kam auf das Hauptschiff; ein Sprühregen fiel
+ohne Wind; das alles schienen Anzeichen, daß Land nahe sei. Kolumbus
+glaubte an links und rechts liegenden Inseln vorbeigefahren zu sein,
+und zwar mit Absicht, weil er seinem Vorsatz getreu bleiben und zuerst
+den Weg nach Indien fortsetzen wollte. Auf dem Rückwege hatte er ja
+Zeit genug, alles aufzusuchen.
+
+Am nächsten Tage wurden wieder Pelikane gesehen, ein Pajaro, ein
+möwenähnlicher Flußvogel, wurde gefangen; morgens kamen auch kleine
+Vögel heran und sangen. Die Vögel flößten den Schiffern Mut ein.
+
+Den folgenden Tag herrschte Windstille; ungeheure Grasmassen segelten
+vorbei; ein Walfisch wurde gesichtet. Das Meer war glatt, die Luft
+wundervoll.
+
+Am 23. September erhob sich ein widriger Wind und Sturmvögel umkreisten
+die drei Schiffe. »Dringend bedurfte ich den heutigen Gegenwind,«
+schreibt Kolumbus in sein geheimes Tagebuch, »denn mein Schiffsvolk war
+höchst beunruhigt und besorgt, daß auf jenen Meeren keine Winde zur
+Rückkehr nach Spanien wehten.«
+
+[Illustration: Die Schiffe des Kolumbus, mit denen er im Jahre 1492
+seine erste Reise unternahm.]
+
+Es ist nicht zu verwundern, daß die Leute immer wieder von neuem
+von ihrer Angst und Einbildung gepeinigt wurden. Sie waren ja nur
+gewohnt, Küstenschiffahrt zu treiben, wobei man nie das Land aus den
+Augen verlor. Und nun segelten sie schon ununterbrochen seit mehr als
+vierzehn Tagen durch den scheinbar endlosen westlichen Ozean, ohne daß
+man einer Felsklippe begegnet wäre. Nichts als Meer und Himmel, Wolken
+und Wellen, Luft und Wasser.
+
+Die Schiffe hielten bald nach Nordwest, bald wieder nach West. Das
+Meer ging ungeheuer hoch, so daß diejenigen, die erst ob des Mangels
+an Wind murrten, nun wieder glaubten, man werde bei dem Sturm elend
+umkommen.
+
+An diesem Tage kam auch eine Turteltaube auf das Admiralsschiff, sowie
+Pelikane, Rohrsperlinge und andere weiße Vögel, und in dem Meergras
+fand man wieder mehrere Krabben.
+
+Von nun an besuchten das Schiff fortwährend Pelikane und man tötete
+große Fische mit der Harpune. Anstatt aber von all diesen Anzeichen,
+die nahes Land hoffen ließen, freudig bewegt zu sein, wurde die
+Mannschaft des Kolumbus um so ungeduldiger und ungehaltener. Noch immer
+erklärten die meisten Matrosen die Fahrt für eine große Torheit, die
+dem Selbstmord gleichkäme. Die Unzufriedensten traten heimlich zusammen
+und murrten untereinander, bis sich endlich eine fast allgemeine
+Stimme des Vorwurfs erhob, daß der tollkühne Ehrgeiz eines Einzelnen
+das Leben so Vieler nur schon zu lange gefährde und ferner nicht zu
+dulden sei. Die Verwegensten deuteten an, daß man sich, falls der
+Admiral nicht in sofortige Rückkehr willige, des wahnwitzigen Urhebers
+so vieler Drangsal leicht entledigen und ihn über Bord werfen würde.
+Kolumbus entging diese meuterische Stimmung nicht; allein, er verzagte
+nicht und setzte seine ganze Hoffnung darauf, daß er endlich siegen
+werde. Zum Glück rief ihm noch der Führer der Pinta am folgenden Tage
+freudig erregt zu, er habe Land gesehen, und diesmal sei eine Täuschung
+ausgeschlossen. Kolumbus kniete nieder, um Gott zu danken, während die
+ganze Mannschaft aller drei Schiffe ein frommes Kirchenlied anstimmte.
+Man erkletterte die Masten und das Takelwerk und alle stimmten darin
+überein, Land gesehen zu haben. Alle Mann blieben bis zur Nacht auf
+Deck. Das Meer war so still, daß viele Matrosen hineinsprangen, um zu
+baden.
+
+Aber als Kolumbus am 26. September gesehen hatte, daß Pinzon abermals
+einer Täuschung erlegen war und eine Wolkenbank für das ersehnte Land
+gehalten hatte -- eine Täuschung, die um so gefährlicher war, weil sie
+alle freudig gestimmt hatte -- bemächtigte sich der Mannschaft eine
+tiefe Niedergeschlagenheit.
+
+Kolumbus segelte vertrauensvoll nach Westen weiter. Am 30. September
+begegnete man so großen Vogelschwärmen, daß sich alle darüber
+verwunderten, weil so große Schwärme sonst nur am Lande angetroffen
+wurden.
+
+Von der Insel Ferro gerechnet war man nun bis 1. Oktober etwa
+sechshundert Meilen gesegelt.
+
+Auch in den folgenden Tagen war das Meer glatt und ruhig, und obwohl
+die Anzeichen von Landesnähe sich immer mehrten, hatte die Mannschaft
+allen Glauben an eine glückliche Beendigung der Fahrt verloren. In
+wildem Trotz begehrten sie augenblickliche Umkehr. Wieder wollte
+Kolumbus die erregten Gemüter beschwichtigen; aber als sie sogar sein
+Leben zu bedrohen begannen, erklärte er energisch, daß ihn keine Gewalt
+der Erde bewegen könne, sich den Befehlen des Königs zu widersetzen
+und daß er, sobald das Land erreicht wäre, das unfern sei, von seinem
+Rechte als Vizekönig Gebrauch machen und die Aufwiegler nach Verdienst
+bestrafen werde.
+
+Aber dieser stolze Mut hätte Kolumbus trotzdem nicht viel genützt,
+wenn tags darauf nicht wirklich Dinge aufgefischt worden wären, die
+zweifellos darauf schließen ließen, daß die Versprechungen des Kolumbus
+nun in Erfüllung gehen würden. Völlig frische Süßwassergewächse,
+bekanntes Sumpfrohr, grüne Zweige mit daranhängenden Beeren, ein
+künstlich geschnitzter Stab und andere Dinge schwammen vorüber. »Es war
+um zehn Uhr nachts,« heißt es im Tagebuch, »als ich vom Hinterkastell
+aus ein Licht erblickte. Es blinkte aber so unsicher, daß ich mir nicht
+getraute, auf Land zu schließen. Ich rief jedoch den Bettmeister des
+Königs herbei und sagte ihm, ich hätte Licht gesehen, ob er's nicht
+auch entdecke? Er schaute hinaus und erkannte es.«
+
+Kolumbus ermahnte nun die Mannschaft, nach dem üblichen Abendgesang,
+wachsam nach Land auszuspähen, und er versprach auf eigene Kosten dem
+ersten Landausrufer noch ein seidenes Wams zu dem Gnadengeschenk der
+zehntausend Maravedis. Auf der Pinta war die überraschte Neugier und
+Freude noch größer. Das Schiff segelte rasch voraus und als es zwei
+Uhr nachts war -- Freitag der 12. Oktober war angebrochen -- entdeckte
+Juan Rodriguez Bermejo das heiß ersehnte Land. Er stürzte auf das erste
+beste Geschütz zu, um das verabredete Signal zu geben, und indem er
+feuerte, rief er seine Freude in die helle Nacht hinaus. Die Schiffe
+zogen ihre Segel ein und trieben langsam dem Lande zu.
+
+ * * * * *
+
+Als es Morgen geworden war, betrat Kolumbus die neue Erde, eine
+niedrige Insel mit üppiger Vegetation, deren Ufer von nackten
+kupferfarbigen Menschen bedeckt waren, die den Spaniern mit Staunen
+entgegenblickten.
+
+»Ihr Wuchs ist tadellos und voller Reize,« beschreibt Kolumbus seinen
+ersten Eindruck; »Freundlichkeit spricht aus ihrem Antlitz. Sie bemalen
+sich bald weiß, bald schwarz, bald bunt, die einen den Körper, die
+anderen das Gesicht, etliche nur die Nasen oder Stellen um die Augen.
+Sie führen keine Waffen und kennen sie so wenig, daß sie meinen Degen
+bei der Klinge faßten und sich schnitten. Ihre Stäbe haben an der
+Spitze einen Fischzahn statt eines Eisens.«
+
+Als der erste am Strande sinkt der Admiral auf die Knie; seine
+Begleiter folgen ihm. Dann nimmt er unter Entfaltung der Kreuzesfahne
+und mit allen feierlichen Gebräuchen im Namen seiner königlichen
+Gebieter Besitz von der Insel, der er den Namen ~St. Salvador~
+beilegt; die Eingeborenen nennen sie Guanahani. Kolumbus läßt sich
+alsdann von seinen Begleitern als bestallter Großadmiral und Vizekönig
+den Treueid leisten. Begeistert und von widersprechenden Gefühlen
+bezwungen, drängt sich die Schar um ihren Führer, der nun in ihren
+Augen als ein höheres Wesen erscheint. Die Eingeborenen fassen bald
+Vertrauen genug, sich diesen weißen bärtigen Männern zu nähern, die,
+in beflügelten Häusern schwimmend, vom Himmel herabgestiegen zu sein
+scheinen, und es beginnt bald ein freundschaftlicher Verkehr, der
+durch allerhand kleine Geschenke recht lebhaft wird. Kolumbus wird
+jetzt der Mann großer Gesten und kleiner Schliche. Er zankt sich zum
+Beispiel mit dem glücklichen Matrosen Rodriguez herum, der zuerst Land
+erblickt hat, ~er selber~ hätte zuerst Land gesehen; er gibt dem
+Matrosen infolgedessen das Versprochene nicht, läßt es sich vielmehr
+selber auszahlen. An Land gestiegen, singt er mit seinen Matrosen vor
+Freude und innerer Bewegung ein Tedeum, und, religiöse Worte auf den
+Lippen, ist sein Herz schon mit den goldenen Nasenringen beschäftigt,
+die er den Ureinwohnern abnimmt, um ihnen Glasperlen dafür zu bieten.
+Hier ist Kolumbus mehr Wucherer als Gottesbote. Denn für diesen hält
+er sich. »Die heilige Trinität bewog Eure Majestät zu dem Unternehmen
+nach Indien,« schreibt er an den spanischen Herrscher, »und durch ihre
+unendliche Gnade wählte sie mich, um es Ihnen zu verkündigen. Deshalb
+kam ich als ihr (der Trinität) Botschafter zu Eurer Majestät wie zu den
+mächtigsten Fürsten der Christenheit, welche sich im Glauben übten und
+so viel für seine Verbreitung taten. Trotz allen Ungemachs, das mir
+widerfuhr, war ich gewiß, daß meine Unternehmung gelingen würde, und
+beharrte bei dieser Ansicht, weil alles vergehen wird, ausgenommen das
+Wort Gottes. Und in der Tat, Gott spricht so klar von diesen Gegenden
+durch den Mund des Jesaias an mehreren Stellen der Heiligen Schrift,
+wenn er versichert, daß von Spanien aus sein heiliger Name solle
+verbreitet werden.«
+
+Nein, unser Gottgesandter, den man mit dem Apostel Thomas verglichen
+hat, ist nach seiner Landung nicht großzügig. Diese Insulaner sind dumm
+und harmlos, folglich sind sie eine gute Handelsware. »Diese gutartigen
+Menschen müssen ganz brauchbare Sklaven abgeben,« schreibt er in sein
+Tagebuch. Er wird denn auch wirklich der Protektor des Sklavenhandels.
+
+Kolumbus begreift bald, daß es auf Salvador nicht Gold genug geben
+werde, nach welchem sowohl er wie seine Begleiter so gierig sind.
+Denn das Gold sollte ja der Lohn sein für die großen Gefahren, in
+die sie sich begeben hatten. Die Eingeborenen zeigten nach Süden und
+nach zweitägigem Aufenthalt auf dieser zuerst betretenen Insel eilt
+Kolumbus weiter, nimmt aber etliche Eingeborene mit an Bord, die
+ihm von Insel zu Insel den Weg zeigen sollen. Die zweite Insel, die
+Kolumbus betritt, tauft er ~Santa Maria de la Conception~. Aber
+da das Volk hier ebenso arm ist wie auf Salvador, eilt er zur dritten
+Insel, der er den Namen ~Fernandina~ gibt, und die seine Begierde
+nach Gold ebenfalls enttäuscht, und dann zur vierten Insel, die er
+~Isabella~ tauft (jetzt Crooked Island genannt), um am 24. Oktober
+nach Kuba zu steuern, das Kolumbus für Zipangu (Japan) hielt, das lang
+ersehnte Märchenland, wo es so viel Gold geben sollte, wie bei uns
+Steine.
+
+Es war die Zeit, in der der Herbstregen seinem Ende naht. Die
+tropische Natur prangte in voller Üppigkeit. Kolumbus wird nicht
+satt, die Nachtigallenschläge zu belauschen, die laue indische Luft
+dem andalusischen Frühling zu vergleichen und die üppige Wildnis am
+krautbedeckten, feuchten Ufer, den Reichtum an Pflanzengestalten in den
+durch Papageienschwärme belebten tropischen Wäldern zu bewundern. Jede
+neue Insel steigt ihm lieblicher aus dem Wasser; sie ist ihm schöner
+als die früheren; die schönste, die er bisher gesehen. Die Berge
+auf Kuba erinnern ihn an die duftigen Bauwerke arabischer Moscheen.
+Empfänglich für jeden Liebreiz der Natur und alle holden Wunder der
+Schöpfung, blickt er auf die tropische Herrlichkeit fast wie ein
+zärtlicher Vater. Berauscht von seinem Erfolge, glaubt er, die Wälder
+stünden voller Mastixbäume; er sieht Perlenbänke in der See und Gold
+im Metallglanze der sandigen Flußbetten, und er vermeint schon alle
+unfaßlichen Träume von einem glückseligen Indien zu erblicken. Seine
+Schilderung von der Entdeckung Kubas ist ein Gemisch von begeisterten
+Worten über die Pracht des Landes und über seine Hoffnungen, Gold zu
+finden. Natur? Ja, sie ist schön. Sehr schön sogar, aber er will Gold.
+Es ist schön von den Palmen, daß sie Kokosnüsse tragen; sie bringen
+ihm Geld und der Botanik eine neue Erkenntnis. Die Sitte des Rauchens
+herrscht bei diesem fremden Volke; nach Europa verpflanzt, wird diese
+unbekannte Sitte Geld einbringen. Auf der Globuskarte Behaims liest
+Kolumbus: »Hie findt man vil merwunder von serenen.« Praktisch, wie
+er ist, sucht er nicht lange nach den Sirenen, sondern begnügt sich
+mit gewöhnlichen Fischen. Welch erstaunliche Kraft und imposante Größe
+gibt ihm seine Geldsucht! Er erträgt übermenschliche Anstrengungen; er
+schläft zweiunddreißig Nächte hintereinander nicht; Gewitter und Stürme
+finden ihn immer auf seinem Posten; die Malaria schüttelt ihn vergebens
+wochenlang. »Geld machen,« ist das Losungswort, das ihn aufrechthält.
+Ist dieser Italiener nicht in der Tat der erste moderne Amerikaner?
+
+Kolumbus begann jetzt, am 12. November, gegen Südosten zu segeln, in
+der Hoffnung, Gold und Gewürze zu finden. Aber während widrige Winde
+ihn nötigten, auf See zu gehen, trennte sich Alonzo Pinzon mit der
+Pinta heimlicherweise von dem Admiralsschiff, um durch Gold und Ehrgeiz
+angestachelt, auf eigene Faust die schätzebeladenen Küsten aufzusuchen.
+
+Bald fiel Kolumbus die Insel Haiti in die Augen, von deren Naturpracht
+er so entzückt war, daß er sie Klein-Spanien (Hispaniola) taufte.
+
+Als er sich dem Paradiese nahe glaubt, schreibt er: »Es sind hier also
+gewichtige Anzeichen für die Nähe des Paradieses, und die Ansichten
+der gelehrten Theologen stimmen mit meinen Beobachtungen überein.
+Und wenn die Wasser (des Orinoko) nicht aus dem Paradiese kommen,
+so scheint das ein noch größeres Wunder zu sein, weil ich nicht
+glaube, daß man auf der ganzen Welt einen so mächtigen und tiefen Fluß
+findet.« Er preist die Insel als ein Paradies und schreibt an die
+spanischen Majestäten, niemand, der nicht gut katholisch sei, dürfe
+die gesegnete Insel betreten. »Denn das ist das Ziel der Entdeckungen
+gewesen, die ich auf Befehl Eurer Majestät gemacht habe, und die
+~nur~ unternommen sind, den christlichen Glauben zu verherrlichen
+und zu verbreiten.« Hier sagt Kolumbus, vielleicht unbewußt, eine
+Unwahrheit, denn sein tägliches Gebet lautet: »Möge der Herr nach
+seiner Barmherzigkeit mich die Goldminen finden lassen! Denn es erhört
+Gott die Gebete seiner Diener, welche seine Gebote befolgen, auch dann,
+wenn sie, wie in diesem Falle, Unmögliches zu bitten scheinen.« Diese
+Goldgier geht so weit, daß er selbst einen erlittenen Schiffbruch als
+eine Fügung Gottes betrachtet, der ihn so auf die Goldfelder hinweisen
+will, die in der Nähe sein müssen. Und weil er in Haiti einige
+goldverzierte Hütten findet, hält er die Insel für das salomonische
+Ophir.
+
+In der Christnacht, wo Kolumbus bei stillem Wetter sich der
+langersehnten Ruhe hingegeben, vernachlässigten nämlich der Steuermann
+und die Matrosen ihre Pflicht so sehr, daß bald alles an Bord der
+St. Maria im Schlafe lag, während die Strömungen das Schiff auf eine
+Sandbank führten, wo es rettungslos scheiterte. Es blieb nichts übrig,
+als die Ladung mit Hilfe der Eingeborenen, so gut es ging, zu bergen.
+Der Admiral, nunmehr genötigt, sich an Bord der Nina zu begeben, war
+tief erschüttert durch sein Mißgeschick; aber die Auskunft, daß es
+zwischen den Bergen Goldminen gebe, wo das Gold nicht gesucht sei, weil
+die Eingeborenen keinen Wert darauf legten, erheiterten bald seine
+Mienen.
+
+Und nun war es das ~Gold~, das den Gang der Entdeckungen
+beherrscht hat; das Aufsuchen neuer Länder wird jetzt ein
+Glücksgewerbe; Kolumbus ist nur der glücklichste und kühnste Spieler.
+
+[Illustration: Die Rüstung des Kolumbus.]
+
+Denn kaum hat er die goldführenden Flüsse Haitis entdeckt, so ist sein
+Entdeckungsdrang stark abgekühlt, und er hat nur noch Sinn für die
+Hebung der Schätze.
+
+Kaziken auf Haiti, mit denen Kolumbus sich angefreundet, bringen
+Goldklümpchen, Gewürze und andere Kostbarkeiten. Aus den Trümmern der
+Santa Maria läßt Kolumbus eine kleine Festung bauen, in der er mehrere
+seiner Matrosen und Handwerksleute, insgesamt neununddreißig Mann,
+die sich freiwillig erboten hatten, zurückläßt; zugleich versorgt
+er sie für ein ganzes Jahr mit Zwieback, Pulver und Geschützen. Die
+Zurückgebliebenen sollten inzwischen die Erzeugnisse des Landes
+kennen lernen, seine Metalle und Kräuter, sollten Sitten und Sprache
+der Indianer studieren, vor allem aber nie vergessen, Goldtausch zu
+treiben. Er hoffe, nach seiner Wiederkehr eine Tonne Goldes
+vorzufinden!
+
+Am 4. Januar schied Kolumbus und wandte sich mit der gebrechlichen
+Nina nach Osten. Nach dem Schiffbruch der Santa Maria empfand Kolumbus
+das Fehlen der Pinta doppelt schwer, weil es zu gefährlich war, mit
+dem einzigen Schiffe längere Küstenfahrten zu unternehmen. Auch
+bedrückte ihn der Argwohn, Alonso Pinzon sei vielleicht nach Spanien
+vorausgeeilt, um den Hof gegen Kolumbus in feindliche Stimmung zu
+bringen. Am 6. Januar wurde indes die Pinta wieder gesichtet. Alonso
+kam an Bord der Nina und versuchte, mit unhaltbaren Entschuldigungen
+seine Entfernung zu beschönigen. Kolumbus durchschaute den Mann; er
+fand es aber für gut, seinen Groll bis zur Heimkehr zu verbergen; desto
+reifer wurde sein Entschluß, sich eines so unzuverlässigen Begleiters
+rasch zu entledigen.
+
+Am 12. Februar erhob sich ein Sturm. In der Nacht zog ein Gewitter
+vorüber, die Gewalt des Windes steigerte sich am Tage, und die hohle
+See schleuderte die Fahrzeuge erbarmungslos umher. In der Nacht zum
+14. Februar verschlimmerte sich die Lage immer mehr, und in diesen
+angstvollen Stunden verschwand die Pinta. Am Morgen des 15. Februar
+wuchs die Gefahr des fürchterlichen Sturmes in so hohem Grade, daß
+Kolumbus eine Pilgerfahrt gelobte. Inmitten dieser Wut der Elemente
+ängstigte Kolumbus auch der Gedanke, daß, wenn er nun unterginge, mit
+ihm auch sein großes Entdeckergeheimnis ins Meer sinken könnte, und
+seine Kinder dann nicht die Früchte seiner Mühsal ernten würden. Darum
+schrieb er einen Brief, in dem er die Ergebnisse seiner Entdeckung in
+kurzen Worten niederlegte. Er versiegelte das Pergament und verhieß
+dem glücklichen Finder ein Geschenk von tausend Dukaten, wenn er das
+Schriftstück uneröffnet dem kastilischen Hof überbringen würde. Und
+heimlich, ohne daß es das Schiffsvolk merkte, verwahrte er dieses
+Pergament in einer Tonne, die er ins Meer warf.
+
+Erst jetzt lichtete sich der Himmel, und die See beruhigte sich ein
+wenig. Man sah zwar in der Ferne schon die bekannten heimatlichen
+Küsten, aber erst am 17. Februar konnte man sich ihnen nähern; ein
+ausgeschicktes Boot kundschaftete aus, daß man sich vor der Insel Santa
+Maria befand.
+
+Hier aber, wo eine portugiesische Niederlassung den kaum dem Tode
+Entronnenen eine gastfreundliche Aufnahme versprach, fanden sie
+nur eifersüchtigen Argwohn, Hinterlist und Heuchelei. Nur mit Mühe
+entging Kolumbus diesen Nachstellungen und erlangte so viel, daß er
+seine notwendigsten Bedürfnisse an Holz, Wasser und Ballast hier
+einnehmen durfte. Aber bei der fortgesetzten Fahrt wurde seine
+Standhaftigkeit auf neue Proben gestellt, als ein noch wütenderer
+Sturm seinem elenden Schiffchen einen sicheren Untergang drohte. Er
+wäre unvermeidlich an der portugiesischen Küste gescheitert, hätte
+sich nicht gleichzeitig die Mündung des Tajo vor ihm geöffnet. Die
+Besorgnis, einer ungastlichen Behandlung zu begegnen, konnte ihn
+nicht abhalten, sich in den Nothafen zu flüchten. Hier am 4. März
+glücklich angelangt, gab der Admiral seinen Souveränen vor allen Dingen
+durch einen Eilboten, dann aber auch dem König von Portugal Bericht
+von seiner Ankunft und bat um die Erlaubnis, vor Lissabon ankern zu
+dürfen. Während die ganze Bevölkerung Lissabons sich erstaunt und voll
+freudiger Neugier an Bord seines Schiffes drängte, kam ein Brief vom
+Könige, der Kolumbus zu einem Besuche einlud. Mit allen Ehren seines
+hohen Ranges wurde Kolumbus empfangen. Er durfte sitzend erzählen und
+sein Haupt bedeckt halten. Der König Johann verriet durch nichts seinen
+Ärger über den Erfolg der Entdeckungsfahrt, und seine Reue, Kolumbus
+nicht in eigene Dienste genommen zu haben. Ganz nebenbei bemerkte der
+König, es sei wohl noch fraglich, ob nach den Verträgen, die zwischen
+Portugal und Spanien bestünden, die neuentdeckten Länder nicht doch
+im portugiesischen Machtbereiche lägen. Kolumbus erwiderte, ihm sei
+von solchen Verträgen nichts bekannt. Einige Höflinge, denen die Sorge
+des Königs Verdruß bereitete, erboten sich nun, mit Kolumbus Händel
+anzufangen, um ihn dann hinterrücks zu töten, im Glauben, daß durch den
+Tod des Admirals die Entdeckungsfahrten der Spanier überhaupt aufhören
+würden. Aber der König wies den Anschlag von sich und wollte Kolumbus
+sogar sicheres Geleit mit auf die Reise geben. Kolumbus zog es aber
+vor, zu Schiff nach Spanien heimzukehren. Mit seinen Matrosen, seinem
+Gold und den übrigen Schätzen und Merkwürdigkeiten, die er mitgebracht
+hatte, wollte er in demselben Hafen wieder einlaufen, von dem er
+ausgegangen war.
+
+Inzwischen hatte der auf der Pinta vorausgeeilte Alonso Pinzon von
+der Entdeckung dem Könige bereits Mitteilung gemacht und bat um eine
+besondere Audienz. Der König ließ ihm aber kurzerhand zurückschreiben,
+er habe im Gefolge seines Admirals zu erscheinen. Diese königliche
+Ungnade brach Alonso das Herz; er starb einige Tage darauf, nachdem er
+diese Antwort erhalten hatte.
+
+Am 15. März 1493 kam Kolumbus wieder auf der Reede von Palos an, wo er
+unter dem unbeschreiblichen Jubel der ganzen Stadt empfangen wurde, und
+am 21. März zog er unter gesteigertem Freudengeschrei des Volkes, unter
+Prozessionen und Glockengeläute in Sevilla ein, um vor seinen König zu
+eilen.
+
+ * * * * *
+
+Ein Eilbote meldete den Majestäten, die damals in Barcelona Hof
+hielten, daß ihr Admiral aus der Neuen Welt glücklich zurückgekehrt sei
+und vor Begierde brenne, ihnen die Wunder der Neuen Welt vorzuzeigen.
+
+Durch ein schmeichelhaftes Schreiben wurde er eingeladen, schleunigst
+an den Hof zu kommen; Mitte April traf Kolumbus ein. Von überallher
+strömten die Menschen zusammen, denn das Gerücht der unerhörten
+und geglückten Reise flog ihm voran. Sein Empfang war großartig,
+überwältigend; es war der glorreichste Tag seines Lebens; die glänzende
+Vergeltung für die Verkennung, Verspottung und das jahrelange
+Warten. In feierlicher Audienz, die auf dem Markte stattfand, wurde
+er empfangen; der König und die Königin, umgeben von den Großen des
+Reiches und von unzähligen Rittern aus Kastilien, Katalonien, Valencia
+und Aragon, erhoben sich zu seiner Begrüßung, reichten ihm die Hand zum
+Kusse und gestatteten, daß er sitzend von seiner Fahrt erzähle -- die
+höchste Ehre, die man ihm erweisen konnte.
+
+Das dichterische Wort stand dem Admiral zu Gebote, und so schilderte
+er die Entfesselung des Weltmeers und die Entschleierung einer neuen
+Welt auf der bisher noch nicht betretenen Erdhälfte. Er zeigte
+die mitgebrachten Produkte vor: Goldkörner, Erzbarren, Bernstein,
+Baumwolle, Tabak, Zweige und Wurzeln von aromatischen und medizinischen
+Pflanzen, Aloe, Mastix, Rhabarber, Mais, Yams, Bataten; er führte gegen
+vierzig prächtig gefärbte Papageien und endlich seine sechs Indianer
+vor, die er mitgenommen hatte. Dann schilderte er die herrlichen
+Tropenlandschaften, die fruchtbaren Gefilde, die Gutartigkeit der
+Eingeborenen, von denen er die Überzeugung aussprach, daß sie bald
+würden zum Christentume bekehrt werden.
+
+Kolumbus war für kurze Zeit der Meistgefeierte am spanischen Hofe und
+der Meistbewunderte der Zeitgenossen. Oft erschien der König zu Pferde,
+neben ihm zur Rechten der Thronerbe und zur Linken Kolumbus.
+
+Um diese Zeit soll bei einer Tafel, deren Gäste die Entdeckung des
+Kolumbus anzweifelten, dieser ein Ei auf den Tisch gestoßen und gesagt
+haben: »So wie dies Ei hier auf dem Tische steht, so sicher habe ich
+die Neue Welt entdeckt.« Aber die Geschichte vom »Ei des Kolumbus« ist
+von A bis Z erfunden; schon Voltaire hat nachgewiesen, daß sie bereits
+fünfzig Jahre vorher in ganz anderem Zusammenhange passiert war.
+
+Auf den Vorschlag des Kolumbus wurden sofort die Vorbereitungen zu
+einer neuen Fahrt, einem großen Kolonisationszuge, vorbereitet. In
+einem halben Jahre waren vierzehn Karavellen und drei Kauffahrer, also
+siebzehn Schiffe insgesamt, ausgerüstet und sehr große Summen zur
+Verfügung gestellt. Eine große Zahl von Edelleuten hatte sich zu dem
+abenteuerlichen Zuge erboten; Ordensgeistliche folgten ihnen, die als
+Glaubensbringer reisen wollten; Ackersleute, die in der Neuen Welt
+europäisches Getreide, Zuckerrohr und andere Kulturpflanzen anbauen
+sollten; man nahm die ersten europäischen Haustiere, besonders Pferde
+und Rinder, Schafe und Schweine, mit, die sich später in der Neuen
+Welt ungeheuer vermehrten; Bergleute kamen mit, um die Golddistrikte
+auszubeuten. Zimmerleute, Maurer und andere Handwerker sollten für
+die Bedürfnisse der Kolonisten sorgen. Eine ansehnliche Truppenmacht
+sollte die Ansiedler beschützen, darunter waren besonders zwanzig
+Lanzenreiter, die später der Schrecken aller Indianer wurden. Im ganzen
+gingen, die Matrosen mitgerechnet, mehr als fünfzehnhundert besoldete
+Menschen mit. Für die Lebensbedürfnisse war in umsichtigster Weise
+gesorgt; den Oberbefehl über alle hatte der Vizekönig von Indien,
+Christoph Kolumbus.
+
+Aber das meiste mitgelaufene Volk sah sich in dem goldarmen Lande
+nur zu bald arg enttäuscht; es erschlaffte in dem feuchtwarmen
+Klima und bildete bald, da es arbeitsunfähig und unlustig war, eine
+verhängnisvolle Plage für das neue Land.
+
+Der Reiz des Neuen und Wunderbaren liegt nicht mehr über der zweiten
+Reise des Admirals. Am 25. September ging die Flotte von Kadix aus
+unter Segel und steuerte nach den Kanarien. Schon am 3. November
+kam die erste Insel in Sicht, die Sonntagsinsel, Dominica, genannt
+wurde. Dann folgten Marigalante, Gudalupe, Monserrate. Vor der Insel
+Santa Cruz am 14. November angelangt, hatten sich in einem Kanu sechs
+menschenfressende Kariben, vier Männer und zwei Frauen, den Schiffen
+genähert und sie ein paar Stunden lang so starr und regungslos
+betrachtet, daß ihnen ein zurückkehrendes spanisches Boot unbemerkt den
+Weg nach dem Lande abschneiden konnte. Sobald die Wilden bemerkten,
+daß die Flucht unmöglich sei, griffen Männer und Weiber zu ihren
+vergifteten Pfeilen und fielen die fünfundzwanzig Spanier in dem Boote
+an, von denen sie zwei tödlich verwundeten. -- Das spanische Boot warf
+das Kanu endlich um, aber die Kariben, schwimmend und im Wasser den
+Kampf erneuernd, flüchteten behend ans Land, so daß die Spanier nur
+einen einzigen schwer getroffenen Kariben an Bord zurückbrachten.
+
+[Illustration: Die Kerkerzelle, in der Kolumbus auf der Insel Sankt
+Domingo bei seiner dritten Reise gefangen gehalten wurde.]
+
+Nachdem man noch einen großen Inselschwarm berührt hatte, wurde die
+Insel Puerto-Rico entdeckt. Am 27. November wurde die Stätte endlich
+erreicht, wo man vor kaum einem Jahre auf Haiti den Grund zu einer
+Kolonie gelegt hatte.
+
+Hätte Kolumbus auch nicht sofort aus dem bangen Schweigen, das längs
+der Küste herrschte, eine dunkle Ahnung schöpfen müssen, so konnte
+ihn doch bei einem Landen der Anblick des völlig verödeten und
+gewaltsam durch Feuer zerstörten Forts über das traurige Schicksal der
+zurückgelassenen Landsleute nicht mehr im ungewissen lassen. Bald ergab
+sich aus den Berichten der Eingeborenen, daß die Weißen, sobald der
+Admiral sich entfernt hatte, sich allen rohen Eingebungen hingegeben
+hatten und die Eingeborenen durch Habgier und Gewalttätigkeit bis zum
+äußersten trieben; diese hätten ihr Joch aber trotzdem ertragen, wenn
+nicht ein feindlich gesinnter Kazike, der auf der Insel allgemein
+gefürchtet war, die Weißen überfallen und niedergemetzelt hätte. Da
+lagen nun die Habseligkeiten der Europäer jämmerlich umhergestreut; man
+stieß auf Leichen, über die seit etwa einem Monat hohes Gras gewachsen
+war.
+
+Die Gegend von Navidad eignete sich wegen des Mangels an Steinen nicht
+zu einer Neugründung und auch die Ostküste, an der die Gründung der
+Stadt Isabella geplant war -- die Straßen waren schon abgesteckt und
+der Grundstein zu einer Kirche und einem Spital bereits gelegt -- mußte
+wieder verlassen werden, weil der dritte Teil der Einwanderer von
+heftigem Fieber befallen wurde. Ein Teil der Flotte und ein Teil der
+Kolonisten ging im Februar 1494 wieder nach Spanien zurück, so daß die
+Kolonie nunmehr nur noch neunhundert Köpfe zählte.
+
+Unter ihnen gab es eine große Anzahl Mißvergnügter, die bei jeder
+Gelegenheit zur Meuterei gegen den Statthalter bereit waren. Auch
+gestaltete sich das Verhältnis zu den Eingeborenen höchst unfreundlich;
+Überfälle kamen oft genug vor und sie konnten nur durch die
+imponierende spanische Reiterei, die die Wilden mehr als den lebendigen
+Teufel fürchteten, zurückgeworfen werden.
+
+Am 24. April brach Kolumbus zur weiteren Erforschung der Länder mit
+drei Schiffen auf; vor allem wollte er Gewißheit darüber haben, ob Kuba
+ein Festland oder eine Insel sei. Unter Androhung von Peitschenhieben
+für jeden späteren Widerspruch, läßt er seine Mannschaft eine Urkunde
+beschwören, daß sie Kuba für einen Teil des asiatischen Festlandes
+halte. Damit ist für ihn die Auffindung des Seewegs nach Indien
+erledigt, und er kehrt wieder zu seinen Goldwäschereien auf Haiti
+zurück. »+Time is money+«, könnte beinahe ein kolumbisches Wort
+sein.
+
+Die Anstrengungen der Reise, die Schlaflosigkeit, zu der ihn die
+Pflicht der äußersten Wachsamkeit gebieterisch zwang, hatten die Kräfte
+des Admirals so erschöpft, daß er von Bewußtlosigkeit und Ohnmachten
+befallen wurde, weshalb man im höchsten Grade um ihn besorgt war.
+Man eilte nach Isabella und ließ am 29. September die Anker fallen.
+Kolumbus verfiel aber in eine Krankheit, die ihn fünf Monate aufs Lager
+warf.
+
+Im Frühjahr 1496 kehrte Kolumbus mit etwa zweihundert untauglichen
+Ansiedlern, die der Kolonie teils durch ihren Müßiggang, teils durch
+ihre Widersetzlichkeit und teils durch Krankheit zur Last fielen, in
+die Heimat zurück.
+
+Am 11. Juni landete er wieder in Kadix und begab sich sofort an den Hof
+nach Burgos. Er benützte diese Reise wieder dazu, die vermeintlichen
+Schätze Indiens in öffentlichem Gepränge zu zeigen, mit dem er in die
+Städte einzog; namentlich mußten sich die mitgenommenen Indianer mit
+den Goldfunden schmücken.
+
+Und nun dauerte es bis zum Mai 1498, ehe Kolumbus seine ~dritte~
+Reise antreten konnte. Aber da er sich krank fühlte und augenleidend
+war, brach er seine Fahrt an der Küste von Venezuela ab, um nach Haiti
+zu gehen, wo unterdessen sein Bruder die Stadt San Domingo angelegt
+hatte, die älteste europäische Ansiedelung in Amerika, die noch heute
+besteht. Am Hafen dieser Stadt ragt noch heutigestags ein Baum empor,
+an dem Kolumbus sein Schiff mit Tauen befestigt haben soll.
+
+Die folgenden beiden Jahre waren für Kolumbus die schwersten
+seines Lebens; sie bedeuten den Zusammenbruch seiner königlichen
+Machtbefugnisse. Er hatte das Zepter des Vizekönigs in der Hand und
+sollte es nun mit schmachvollen Ketten vertauschen.
+
+Kolumbus fand die Kolonie in vollem Aufruhr; der Oberrichter Franzisco
+Roldan, der seinen hohen Rang nur der Gunst des Kolumbus zu danken
+hatte, stand an der Spitze der Aufwiegler. Kolumbus bestrafte ihn,
+mußte ihn aber schließlich wieder in sein Amt einsetzen. Allerlei
+böse Gerüchte, die über Kolumbus in Umlauf gesetzt wurden, erreichten
+sogar die Ohren der spanischen Majestäten, und um dem Gerede zu
+steuern, hatte Kolumbus um einen bevollmächtigten königlichen
+Untersuchungsrichter gebeten. Und so wurde denn Franzisco de Bobadilla
+nach Haiti geschickt, dem selbst Kolumbus, der Vizekönig, Gehorsam zu
+leisten hatte, der sich aber vom ersten Augenblick an als ein Feind des
+Kolumbus erwies. Dicht wie ein Heuschreckenflug regneten nun die meist
+ungerechten und unbegründeten Anklagen der Kolonisten auf Kolumbus
+herab, so daß dem Untersuchungsrichter dadurch eine willkürliche
+Handhabe geboten war, Kolumbus zu bestrafen. Er ließ ihn in Ketten
+werfen und schaffte ihn mitsamt seinen beiden Brüdern nach Europa, wo
+sie im November 1500 ankamen.
+
+Kolumbus war durch die Schmach, die man ihm angetan und durch die
+Verletzung seiner Privilegien tief gebeugt; er war gebrochen und der
+überaus stolze Mann hat diesen jähen Sturz nie mehr überwinden können.
+In Spanien machte die Demütigung des großen Entdeckers ungeheures
+Aufsehen und auf die Majestäten einen geradezu peinlichen Eindruck. Sie
+hatten nicht gewollt, daß der Vizekönig so schmachvoll behandelt werde.
+Sie gaben daher sofort Befehl, Kolumbus zu befreien und ihn mit allen
+gebührenden Ehren auszuzeichnen. Man schickte ihm zweitausend Dukaten,
+seine nächsten Bedürfnisse, die sein Rang erheischte, zu bestreiten.
+Er kam vor den Thron und als er vor Ferdinand und Isabella sein Knie
+beugte, erstickte heftiges Schluchzen seine Rede. Die Monarchen ließen
+ihn aufheben und gaben sich Mühe, ihn zu besänftigen, indem sie
+jede Ermächtigung zu Bobadillas Roheit ableugneten und dem Admiral
+den vollen Genuß seiner Würden und Privilegien zusicherten. Außerdem
+ernannten sie einen neuen, unparteiischen und gerechten Schiedsrichter
+in der Person des Nicolas de Ovando, der im Februar 1502 mit einer
+ansehnlichen Truppenmacht hinüberging. Bobadilla war freie Rückreise
+nach Spanien zugesichert; Roldan und sein aufwieglerischer Anhang wurde
+aber gefangengenommen.
+
+So war die Ruhe bald wiederhergestellt. Und um Kolumbus wieder seinem
+eigentlichen Berufe zuzuführen, gewährte man dem Admiral, wie er es
+gewünscht, zum ~vierten~ Male einige Schiffe, damit er seine
+Entdeckung weiterführen könne. Am 9. Mai 1502 brach er mit vier kleinen
+Karavellen von Kadix wieder auf. Auf dieser Fahrt begleitete ihn sein
+Bruder Bartholomäus und sein dreizehnjähriger Sohn Ferdinand.
+
+Bis zum 15. Juni hatte er eine glückliche Fahrt und erreichte leicht
+die Kette der kleinen Antillen bei der Insel Martinique. Der neue
+Statthalter Ovando war gerade im Begriff, die erste größere Goldfracht
+von zweihunderttausend Goldpesos (also zirka zwei Millionen Mark)
+nach Spanien zu senden, als Kolumbus ihn bat, die Reise um acht Tage
+zu verschieben, weil ein furchtbarer Orkan bevorstehe, den Kolumbus
+aus den Sternen, deren er kundig war, vorausgesagt hatte. Aber seine
+Warnung wurde in den Wind geschlagen. Die Flotte lief aus, geriet
+wirklich in einen Orkan, und zwanzig Schiffe gingen mit Mann und Maus
+unter. Unter den Opfern befanden sich auch die Feinde des Kolumbus,
+Bobadilla und Roldan. Als Kolumbus später davon erfuhr, hielt er es für
+ein Gottesgericht, das seine Gegner bestrafte.
+
+Am 14. Juli segelte Kolumbus weiter und erreichte Ende des Monats die
+Insel Guanaja im Golf von Honduras. Dort stieß er unerwartet auf das
+erste Kulturvolk der Neuen Welt, auf etwa fünfundzwanzig Handelsleute
+vom Mayastamme, die mit einer großen Barke dreißig Meilen über See
+gekommen waren. Sie hatten ihre Frauen und Kinder mit an Bord; das
+Schiff hatte ein schattiges Dach von Palmenzweigen zum Schutz gegen
+Regen und Sonne. Ihre Waren bestanden in buntgefärbten und gewirkten
+Baumwollentüchern und ebensolchen Hemden ohne Ärmel und Schürzen,
+Holzschwertern, deren Schneide durch Splitter gebildet wurde, kupfernen
+Beilen zum Holzfällen und kupfernen Schüsseln und Schellen. Als Geld
+dienten ihnen Kakaobohnen, von denen sie einen großen Vorrat mit sich
+führten. Ihre Lebensmittel waren Mais und eßbare Wurzeln. Sie waren
+furchtlos, aber von großer Schamhaftigkeit.
+
+Kolumbus fragte auch sie nach dem Goldlande und man wies ihn nach dem
+Süden. Aber die Fahrt dahin brachte Sturm, Unwetter, Gefahren und
+Enttäuschung; erst am 12. September wurde das Wetter günstiger. Am 25.
+September kam Kolumbus zum Indianerdorfe Kariai; hier hielt er Rast, um
+die Schiffe, die durch den Sturm arg gelitten hatten, wieder flott zu
+machen. Am 5. Oktober steuerten die Schiffe weiter, aber an der Küste
+von Veragua überraschte sie ein Sturm, wie sie ihn bisher noch nicht
+erlebt hatten. Noch nie hatte man das Meer so hoch, so fürchterlich, so
+mit Gischt bedeckt gesehen. Die Schiffe wurden in der See festgehalten,
+die wie ein Kessel über starkem Feuer kochte. »Der Himmel sah ganz
+entsetzlich aus und flammte Tag und Nacht wie ein Schmelzofen; die
+Blitze zuckten derart, daß man fürchten mußte, Segel und Masten würden
+davon versengt. Die Donner rollten so grauenhaft, daß wir Angst hatten,
+samt und sonders mit den Schiffen verschlungen zu werden. Dabei stürzte
+der Regen wie eine Sündflut nieder. Die Mannschaft, die kaum etwas
+Eßbares hatte -- denn der Schiffszwieback war voller Würmer -- war so
+ermattet, daß sie den Tod als eine Erlösung aus diesem Jammer ansah.
+Die Schiffe verloren zweimal ihre Schaluppen, Anker, Takelage und waren
+ohne Deck und ohne Segel.« Zum Unglück waren die wurmzerfressenen
+Schiffe noch überdies seeuntüchtig.
+
+[Illustration: Das Sterbehaus des Kolumbus in Valladolid in Spanien.]
+
+Erst im Februar 1503 schlug das Wetter um. Während Kolumbus an Bord
+blieb, erforschte sein Bruder das Land und fand überall reiche
+Goldspuren. Kolumbus wollte hier eine Niederlassung gründen; sein
+Plan wurde aber durch Indianer vereitelt, die die Spanier angriffen
+und sie zwangen, sich auf ihre Schiffe zurückzuziehen. Eine
+Karavelle blieb als seeuntüchtig am Lande zurück; mit den übrigen
+drei Schiffen trat Kolumbus den Heimweg an. Es war Ende April. Auf
+weitere Entdeckungsfahrten konnte Kolumbus nicht ausgehen; er litt
+zu sehr unter den wilden Stürmen, die sich immer wiederholten und
+seinen Schiffen so zusetzten, daß er sich endlich gezwungen sah, um
+das nackte Leben zu retten, alle Schiffe auf den Strand von Jamaika
+laufen zu lassen. Die Schiffe, die bereits große Löcher hatten und
+deren Wände aussahen wie Honigwaben, füllten sich rasch bis zum Deck
+mit Wasser, so daß die Matrosen nur noch das Verdeck zum Aufenthalt
+benutzen konnten. Anfangs erwiesen die Indianer sich freundlich und
+lieferten Lebensmittel und Boote; später aber verweigerten sie dies,
+bis Kolumbus klugerweise eine gerade eintretende Mondfinsternis
+benutzte, um den abergläubischen Indianern mit dem Zorne des Himmels
+zu drohen. Das half denn auch. Dann galt es wieder, eine gefährliche
+Meuterei zu unterdrücken, die erst im Mai 1504 mit der Niederlage der
+Empörer endigte. Sechs Wochen später schlug die Stunde der Erlösung.
+Der Statthalter Ovando hatte von St. Domingo Hilfe geschickt, und im
+September kehrte Kolumbus endgültig in die Heimat zurück, um die Neue
+Welt nie wieder zu betreten. Ende November landete er in Kadix als ein
+Schiffbrüchiger.
+
+ * * * * *
+
+Was war die Ernte dieses Lebens voller Mühen und Gefahren? Krankheit,
+Erniedrigung und Armut. In Kastilien besaß Kolumbus keinen Dachziegel;
+in Spanien war er auf das Wirtshausleben angewiesen, und er hatte
+nie die Mittel, seine Rechnungen zu bezahlen. Siech kehrte er heim;
+er hatte keine Freunde mehr. Niemand kümmerte sich um den armen
+Schiffbrüchigen; man stellte sich bloß, wenn man seinen Namen nannte.
+Er mußte am eigenen Leibe die bittere Wahrheit bestätigt finden,
+daß die Geschichte der Menschheit zum großen Teil die Geschichte
+menschlicher Niedrigkeit ist. Da er aufhörte, zu nützen, fing er an,
+lästig zu werden.
+
+Der gottgesandte Vizekönig ist nun dem Bettler gleichgeachtet, denn
+der spanische König weiß plötzlich nichts mehr von all den verbrieften
+Versprechungen, die er Kolumbus gemacht hat. Man hat bald vergessen,
+daß er der Welt neue Hoffnungen, neue Ziele, neue Bestrebungen, neue
+und weitere Grenzen gegeben hat; daß er die physische Geographie und
+die Ethnographie bereichert; daß er das menschliche Denken vertieft und
+die Entwicklungsmöglichkeit des Menschen beträchtlich vergrößert hat.
+Man schenkt diesem stolzen Sieger -- Mitleid. Man vergißt ihn selber
+rasch. Er stirbt am 20. Mai 1506 zu Valladolid; aber sein Tod geht
+eindruckslos vorüber.
+
+Was sterblich an ihm war, liegt seit 1796 im Dome zu Habana.
+
+
+
+
+ Michelangelos Leben.
+
+
+Welch seltsamer Art sind doch die Schauer, die wir beim Anblick eines
+uralten Palastes empfinden, in dem ein großer Mensch gelebt hat! Als
+ob irgend etwas von dem Geiste des längst Vermoderten noch an den
+Steinfliesen hafte, so leise treten wir auf, vorsichtig durch die
+gewölbten Hallen tastend, als hätten wir Furcht, den Toten aus seinem
+vielhundertjährigen Schlafe zu wecken.
+
+Hier ist ein Stück Stein aus der Mauer des Hauses, in dem Michelangelo
+Buonarroti seine bildhauerischen Wunder schuf. Der Stein zeichnet
+sich durch nichts von anderen Steinen aus. Und doch bewahre ich ihn
+pietätvoll auf und erkläre meinen Freunden mit wichtiger, frommer
+Miene: Hier ist ein Stück Stein aus der Mauer des Hauses, in dem
+Michelangelo gelebt hat .....
+
+Und selbst die Ironischen und Überlegenen lachen nicht; sie werden
+ernst und schweigsam, als weile Michelangelo unter uns. Der
+künstlerisch empfindende Mensch kennt dieses reine Gefühl, das weder
+der Ehrfurcht vor den fünf Jahrhunderten entspringt, noch durch den
+Rausch erweckt wird, den der Name bewirkt. Ohne zum Götzenanbeter zu
+werden, fühlt man aber plötzlich alle kritischen Teufel in sich durch
+irgendeinen guten Engel besiegt, und der Verstand, dieser Maulwurf,
+ist vollständig überrumpelt von der Empfindung. Man sinkt hinunter in
+eine tote Epoche, die voller Glanz war und Größe. Man ist in einer
+kleinen Zeit allmählich allem Großen so fremd geworden, daß man beinahe
+erschrickt, wo man ihm begegnet. Und wo begegnete man ihm auf kleinem
+Raume häufiger, als in Florenz, der Stadt Leonardo da Vincis, Raffaels
+und Dantes? Man weiß, welch eine unerhörte Vereinigung von großer
+Kunst und Wissenschaft die Medici zu schaffen wußten, und daß viele
+der besten Namen der florentinischen Geschichte sich in einen kurzen
+Zeitraum zusammendrängen. Auch der Name Michelangelo ist darunter ....
+
+ * * * * *
+
+Er wurde am 6. März 1475 im toskanischen Städtchen Caprese, in der
+damaligen Republik Florenz gelegen, als Sproß eines alten Florentiner
+Adelsgeschlechtes geboren. Sein Vater, der Bürgermeister und Richter,
+ließ ihm bei der Geburt von den Sternkundigen das Horoskop stellen, und
+man fand, daß er unter einem glücklichen, aber auch verhängnisvollen
+Stern geboren sei.
+
+Nach abgelaufener Amtszeit kehrte der Vater auf sein Gut in Settignano
+zurück. Hier bekam der kleine Michelangelo die Frau eines Steinmetzen
+als Amme, die auch die Tochter eines Steinmetzen war; darum scherzte
+Michelangelo in späteren Jahren, er habe die Bildhauerkunst mit der
+Ammenmilch eingesogen. Als er heranwuchs und eine gelehrte Schule
+besuchte, benutzte er jede freie Zeit zum Zeichnen, obwohl der
+Vater ihn wegen dieser Nebenbeschäftigung heftig tadelte. Aber der
+künstlerische Drang in dem jungen Michelangelo war so stark, daß
+der Vater nicht nur das Widerstreben aufgeben mußte, sondern sogar
+beschloß, den Sohn in der Malerei ausbilden zu lassen. Am 1. April
+1488 wurde der dreizehnjährige Michelangelo bei Domeniko Ghirlandajo,
+dem bedeutendsten Maler von Florenz, in die Lehre gegeben, um die
+Malerei zu erlernen. Für die Dienste, die er seinem Meister während der
+dreijährigen Lehrzeit leisten würde, sollte Michelangelo eine Vergütung
+von vierundzwanzig Gulden (etwa hundertfünfundsechzig Mark) bekommen.
+
+In den Lebensbeschreibungen Michelangelos wird viel erzählt von den
+zahlreichen Proben ungewöhnlicher Begabung, die der Lehrling ablegte.
+Besondere Bewunderung fand auch außerhalb der Werkstätte eine gemalte
+Nachbildung des heiligen Antonius, des berühmten Kupferstiches von
+Martin Schongauer. Auf dem Fischmarkte studierte der junge Michelangelo
+die opalisierenden Farben der Schuppen, Flossen und Augen der
+mannigfachen Fische, um auf seinen Bildern die Farben naturgetreu
+wiedergeben zu können. Und Michelangelo malte das, was er sah, in
+Form und Farbe so echt und naturwahr -- heute würde man sagen: mit so
+erstaunlichem Naturalismus --, daß sein Meister eines Tages entzückt
+ausrief, daß der Lehrling mehr verstehe als sein Meister. Das geschah
+nämlich, als Michelangelo einmal, als Ghirlandajo an dem Fensterschmuck
+von S. Maria Novella arbeitete, das Malergerüst mit einigen darauf
+befindlichen Gehilfen abzeichnete. Von der großen Gewandtheit, die er
+sich in der Nachahmung alter Kupferstiche erwarb, machte Michelangelo
+bei der Ausführung seiner Studien und Einfälle später gern Gebrauch.
+
+Lorenzo de Medici, der Herrliche, empfand es um diese Zeit als einen
+Mangel, daß Florenz sich nur durch seine Maler, nicht aber auch durch
+seine Bildhauer auszeichnete. Darum richtete er in dem Garten seines
+Palastes eine Art Kunstschule ein, deren Leitung er einem Sohne des
+großen Bildhauers Donatello, dem Bildhauer Bertoldo übertrug, der
+zugleich Aufseher der Antikensammlung war. Als Lorenzo sich nun an
+Ghirlandajo mit der Anfrage wandte, ob in seiner Werkstatt vielleicht
+einige junge Leute seien, die Lust hätten, die Bildhauerei zu erlernen,
+sandte ihm dieser einige seiner besten Schüler zu, darunter auch
+Michelangelo. Nachdem der junge Künstler durch seine ersten Tonmodelle
+schon die besondere Aufmerksamkeit Lorenzos erregt hatte, nahm er zum
+erstenmal einen Meißel zur Hand und versuchte sich an einem Stückchen
+Marmor, aus dem er eine grinsende Maske herausmeißelte. Zwischen den
+spöttisch verzogenen Lippen sah man die Zähne. Lorenzo betrachtete das
+Werk und bewunderte die Selbständigkeit und den Mut des Künstlers.
+Scherzhaft bemerkte er, der Kopf habe einen Fehler, denn alte Leute
+hätten kein so vollständiges Gebiß mehr; Michelangelo meißelte denn
+auch nachträglich mit kindlicher Gewissenhaftigkeit eine dem Leben
+nachgebildete Zahnlücke in den Mund der Maske.
+
+Lorenzo fand an dem Wesen des jungen Künstlers und an seiner Begabung
+einen so großen Gefallen, daß er ihn unter seine Hausgenossen aufnahm.
+Der Vater Michelangelos, der nur ein kümmerliches Einkommen hatte,
+erhielt zum Dank für seine Einwilligung ein Amt, und als er um eine
+frei gewordene Stelle beim Zollamt bat, übertrug Lorenzo sie ihm
+sofort, die Bescheidenheit des Wunsches mißbilligend: »Du wirst immer
+arm bleiben!«
+
+Michelangelo selbst erhielt ein monatliches Einkommen von fünf Dukaten
+und als Gunstbezeigung einen violetten Mantel.
+
+So lebte Michelangelo über drei Jahre (von 1489-1492) im
+Mediceerpalast. Er speiste mit den Söhnen des Stadtoberhaupts und
+bewegte sich in den bunten Gesellschaften der geistreichen Männer,
+die an diesem Hofe verkehrten. Zwei Marmorwerke, die Michelangelo in
+jener Zeit nach eigener Erfindung ausführte, das »Madonnarelief« in
+Donatelloscher Manier und »Der Kampf der Lapithen und Kentauren«,
+zeigen schon prachtvoll die starke Eigenart und das Genie
+Michelangelos. Die Ausführung der Körper ist so vollkommen, daß sie
+bei einem so jugendlichen Bildhauer geradezu unbegreiflich erscheint.
+Schon seine anspruchsvollen Zeitgenossen sagten, besonders vom
+Kentaurenkampf, mit Recht, daß man nicht das Werk eines jungen Mannes,
+sondern das eines fertigen und reifen Meisters zu sehen glaube, der in
+seiner Kunst eine ebenso große Erfahrung wie Durchbildung genossen
+habe.
+
+Die bewunderten Fresken des Masaccio waren für Michelangelo wie für
+das ganze damalige Künstlergeschlecht eine reine Quelle der Belehrung.
+Michelangelo zeichnete die Vorbilder aber mit größerem Geschick nach,
+als irgendeiner der anderen. Der Neid erwachte, und die Feindseligkeit
+gegen Michelangelo wurde noch besonders dadurch geschürt, daß er so
+unklug war, sich über die Fehler seiner Genossen lustig zu machen.
+Die Folge davon war, daß ihm einer eines Tages einen so heftigen
+Faustschlag ins Gesicht gab, daß sein Nasenbein zertrümmert wurde.
+Der Täter, Pietro Torrigiano, wurde zwar aus Florenz verbannt, aber
+Michelangelo blieb zeitlebens entstellt.
+
+Als Lorenzo, der Herrliche, im April 1492 starb, war es für
+Michelangelo mit dem sorgenfreien, anregenden und glanzvollen Leben zu
+Ende. Er kehrte in sein Vaterhaus zurück. Er kaufte einen Marmorblock,
+der unbenützt dalag, und meißelte einen überlebensgroßen Herkules,
+der im Strozzipalast aufgestellt wurde. 1529 wurde das Bildwerk
+verkauft und an König Franz I. von Frankreich geschickt. Im siebzehnten
+Jahrhundert stand es in einem Garten von Fontainebleau, der 1713
+zerstört wurde, und seitdem blieb auch der Verbleib des Herkules
+unbekannt. Verschwunden ist auch ein kleines hölzernes Kruzifix, das
+Michelangelo 1494 ausgeführt hatte und das auf dem Hochaltar der
+Kirche San Spirito aufgestellt worden war. Der Prior bewies dem jungen
+Michelangelo seine Dankbarkeit, indem er ihm im Kloster mehrere Zimmer
+zur Verfügung stellte, wo er ungestört seinem Wissensdrang Genüge tun
+und durch das Zergliedern von Leichen sich eine gründliche Kenntnis vom
+Bau des menschlichen Körpers verschaffen konnte.
+
+Pietro de Medici, Lorenzos Sohn, hatte nicht die glänzenden
+Eigenschaften des Vaters geerbt; aber auch er setzte Michelangelo
+wieder in seine vorige Stellung ein.
+
+ * * * * *
+
+Es geschah während des eisigen Januars des Jahres 1494 ....
+
+Vor dem Hause des alten Buonarroti, in einer dunklen und einsamen
+Gasse, standen eines Nachts drei Jünglinge in warme Mäntel gemummt.
+Trotzdem zitterten sie vor Kälte, denn es war ein grimmiger Frost.
+Der Wind umtobte stöhnend und pfeifend das schlafende Haus; aus einem
+einzigen Fenster nur fiel ein spärlicher Lichtschein auf die Straße.
+Zum zweitenmal ergriff nun einer der Jünglinge den bronzenen Türklopfer
+und pochte laut und wütend an das Tor. Endlich bemerkte man, wie das
+Licht sich zu bewegen begann, wie es aufzuckte und hin und her irrte
+und wie dann das erleuchtete Fenster dunkel wurde. Zugleich vernahm
+man Schritte im Flur, und bald darauf wurde die morsche Eichentür
+aufgeschlossen. In ihrem Rahmen stand ein kaum mittelgroßer Jüngling,
+der eine Windleuchte über seinem Kopfe hielt, mit der er auf die Straße
+hinausleuchtete.
+
+»Wer da?« fragte er barsch.
+
+»Freunde!« riefen drei Stimmen zugleich und lachten. Michelangelo
+leuchtete ihnen ins Gesicht und erkannte nun Baccio, Gentile und
+Mariotto.
+
+»Ich kenne euch,« antwortete Michelangelo langsam, als wollte er sagen:
+»Ihr seid keineswegs meine Freunde.«
+
+Er hatte sie am Hofe Lorenzos, seines jüngst verstorbenen Schutzherrn,
+kennen gelernt. Oft war er mit ihnen in den Prachträumen der
+mediceischen Paläste zusammengetroffen, in den Lorbeerhainen und
+Piniengängen von Carregi, in deren tiefen Schatten er an die Götter der
+Hellenen dachte; in den wundervollen Gärten der Villa Ambra, wo die
+Tage Platos von neuem heraufzukommen schienen.
+
+[Illustration: Selbstbildnis Michelangelos. (Radierung.)]
+
+»Was wollt ihr von mir?« fragte Michelangelo endlich.
+
+»Beim Zeus!« rief Baccio beleidigt aus, »vor allem einen freundlicheren
+Empfang!«
+
+»Ruhe!« tönte die ernste Stimme Mariottos dazwischen. »Die alten
+Zeiten Lorenzos kehren wieder nach Florenz zurück,« sagte er, zu
+Michelangelo gewendet. »Piero folgt dem Beispiel seines Vaters. Mit dem
+kommenden Lenz halten nicht nur die Rosen ihren Einzug, sondern auch
+die vertriebenen Grazien. Es regt sich neuer Kunstsinn im Hause der
+Mediceer.«
+
+»Piero de Medici liebt die Kunst,« fügte Gentile hinzu, »und eben darum
+weiß er auch dich zu schätzen. Es würde ihn stolz machen, sagte er
+sogar, wenn er dich an sein Haus fesseln könnte.«
+
+Michelangelo wandte sich schweigend und mit Verachtung ab.
+
+»Es ist kalt,« sagte er, »was wollt ihr also von mir?«
+
+Mariotto nahm das Wort: »Piero von Medici schickt nach dir. Er hält
+heute Hof im Pittipalaste. Inmitten von Gesang, Musik und Lärm hat
+er deiner gedacht. Er hat einen Wunsch an dich. Da haben wir uns
+angeboten, dich herbeizuholen. Also ziere dich nicht und komm!«
+
+Michelangelo rührte sich nicht und schwieg.
+
+»Hoffentlich erkennst du die Ehre,« sagte Baccio noch immer mürrisch;
+»du weißt, wer Piero ist, und wir sind keine Diener.«
+
+»Ich gehe nicht,« antwortete Michelangelo kurz. »Ich danke euch und
+ich danke Piero von Medici. Sagt ihm, daß ich krank sei, daß ich über
+einem Buche grüble, das seines Vaters Freund, der treffliche Meister
+Poliziano, geschrieben.«
+
+»Derselbe Poliziano,« rief Gentile aus, »weilt zur Stunde im Palaste
+und trug mir auf, dich in seinem Namen zu grüßen.«
+
+»Willst du Piero mit deiner Weigerung beleidigen?« fragte Mariotto.
+
+»Poliziano in Florenz? Im Pittipalaste? O!« Sein Antlitz heiterte sich
+auf; er stellte die Windleuchte auf das Gesimse. »Tretet ein!« bat
+Michelangelo; »ich gehe sofort mit euch!« und er eilte ins Haus, sich
+anzukleiden.
+
+»Welch ein empörender Stolz!« brummte Baccio; »er spricht mit uns, als
+wären wir Lakaien! Als würde er uns eine Ehre erweisen!«
+
+»Still!« warnte Mariotto, denn Michelangelo kehrte eben zurück,
+den Kopf mit einem Hute bedeckt und in den veilchenblauen Mantel
+eingehüllt, den Lorenzo ihm vor zwei Jahren geschenkt hatte.
+
+»Gehen wir also!« forderte Gentile auf; »ich bin vor Kälte ganz
+erstarrt.« Der Wind heulte und große Schneeflocken wirbelten in der
+kalten Luft, die um die Köpfe der vier Jünglinge tanzten.
+
+»Komm schneller!« drängte Gentile; »wir haben die Diener unweit des
+Flusses mit Laternen warten lassen, weil wir deine stille Gasse nicht
+aus nächtlichem Schlafe wecken wollten. Wir dachten an das strenge
+Gesicht deines Vaters, und ich hoffe, wir haben ihn nicht aus dem
+Schlafe geweckt.«
+
+Sie schritten eilig durch die dunklen, winkligen Gassen zwischen
+schweigenden Palästen dahin, die in der dicken Finsternis doppelt
+düster aussahen. Am Lugarno warteten die Diener mit Fackeln und
+Stocklaternen, die gespenstige Lichtreflexe auf die Umgebung warfen und
+riesenhafte Schatten erzeugten.
+
+Der Arno rauschte und brauste, und am jenseitigen Ufer sah man die
+Kirche San Miniato sich wie ein finsterer Koloß vom dunklen Himmel
+abheben. Der Weg führte über die alte Brücke, wo sich niedrige Häuschen
+aneinanderschmiegten, als wollten sie sich gegenseitig vor dem Umfallen
+bewahren. Noch wenige Gassen, und Michelangelo stand mit seinen
+Gefährten vor dem riesenhaft aufstrebenden Palaste Pitti. Die Diener
+steckten die Fackeln in die eisernen Arme, die an den Eingangspfeilern
+befestigt waren, die im Augenblick blutigrot beschienen wurden. Eine
+Anzahl von Pferden stampfte ungeduldig auf dem Vorplatz, der fröhlichen
+Gäste Pieros harrend. Aus dem Innern des Palastes scholl von Zeit zu
+Zeit Fanfarenlärm heraus, Lachen und Gesang, der sich mit dem Heulen
+des Windes mischte.
+
+»Endlich!« rief Baccio aus; »endlich sind wir am Ziele.« Sie
+schüttelten die Schneeflocken von ihren Mänteln und traten rasch in den
+Palast ein. Der Flur war hell erleuchtet; im taghellen Hofe rauschte
+ein Springbrunnen, während der Hintergrund von schwarzen Zypressen,
+Zedern und düsteren Pinien ausgefüllt wurde.
+
+Michelangelo betrachtete das seltene Schauspiel des Schneewirbels, aber
+seine Freunde zogen ihn fort, die majestätischen Treppen empor. Sie
+traten in einen großen Saal, der mit kostbaren Teppichen geschmückt
+war. In der Nähe des Kamins, in dem ein großes Feuer loderte, saß Piero
+von Medici und unterhielt sich lebhaft. Er nickte Michelangelo gnädig
+zu, hieß ihn kurz willkommen, wandte sich dann aber wieder sofort
+seiner Unterhaltung zu. Michelangelo beachtete den kühlen Empfang
+nicht; übrigens antwortete er ebenso zurückhaltend und nachlässig. Er
+wandte sich sofort dem Saale zu, und es dauerte auch nicht lange, bis
+er den ehrwürdigen Kopf des Dichters Poliziano entdeckt hatte, der
+einsam in der Nische eines hohen Fensters saß. Sofort war Michelangelo
+an seiner Seite. Sie begrüßten einander sehr herzlich und beide waren
+tief gerührt; offenbar dachten sie beide an die zusammen verlebten
+sonnigen Tage unter Lorenzo, dem Herrlichen. Sie seufzten auf und
+schwiegen einen Augenblick. Dann rückten sie einander näher, denn der
+Lärm, der im Saale herrschte, ließ die beiden ihre Einsamkeit doppelt
+empfinden. Sie konnten sich vertraulich miteinander unterhalten, ohne
+befürchten zu müssen, daß man sie stören würde.
+
+»Wie lange habe ich dich nicht gesehen,« sagte Poliziano freudig
+bewegt.
+
+»Und wie habe ich mich nach Euch gesehnt!« entgegnete Michelangelo.
+»Ihr wißt am besten, was Ihr mir wart. Ihr seid der Erste gewesen, der
+mir Mut und Anregung zur selbständigen Arbeit gegeben hat. Aus den
+Quellen Eures Geistes und Eures Wissens durfte ich Unwissender schöpfen
+und meinen Durst löschen.«
+
+Poliziano lächelte und winkte mit der Hand das Lob ab. »Wäre der
+göttliche Funke nicht in dir gewesen, dann wären meine Anregungen
+vergeblich gewesen. Die Flamme wäre dann nicht ausgebrochen, mein
+lieber Michelangelo. Du warst der einzige unter Hunderten, ja unter
+einem ganzen Geschlecht, der für meine Worte empfänglich war.
+Empfänglich sein für das Schöne, das ist alles, Michelangelo. Du bist
+es im Übermaße. Wundere dich darum nicht, daß du so viele Neider hast.«
+
+»Sie sagen, daß ich die Schönheit nicht sehe,« erwiderte der Jüngling
+düster und voll Gram.
+
+»Da du die Schönheit wiedergibst, wie ~du~ sie siehst und
+fühlst, und nicht wie andere sie empfinden, da du nicht die Schönheit
+nachahmst, die sie gewöhnt sind, zu sehen, sondern die, die in deiner
+~eigenen~ Seele lebt, so gibst du die einzige und wahre Schönheit,
+die der Mensch verehren sollte.«
+
+Die Mienen Michelangelos heiterten sich auf.
+
+»Ihr kennt mich so gut!« rief er entzückt aus. »Was ich unbestimmt
+und unklar fühle, das vermögt Ihr auszusprechen. Ihr habt gut
+begriffen, was ich in mir selber kaum verstehe. Ein Beweis, wie Ihr mir
+nachzufühlen vermöget, ist Euer Gedicht, das ich vor einer Stunde von
+neuem gelesen. Das Gedicht, das die ewig junge griechische Sage mit
+neuem Leben erfüllt. Ich meine Euren Orpheus, Meister Poliziano!«
+
+Der Dichter lächelte traurig. »Als ich das Gedicht schrieb, war ich so
+jung und so mutig wie du. O, ihr Adlerschwingen der Jugend! Ihr kühnen,
+vermessenen Träume! Damals schien es mir ein leichtes, emporzufliegen
+aus der drückenden Enge unserer Kirchspiele und mit einem Sprung auf
+die Fluren der echten Tragödie hinüberzusetzen. Stolzer Traum! Ich
+strebte der Sonne zu, aber meine Schwingen waren zu schwach. Ah, ich
+war vielleicht ein Ikarus, aber als ich der Sonne zu nahe kam, fiel
+ich herab. Welch ein Riesenkampf ist das Schaffen des Künstlers! Die
+Eingebung entzündet uns wie ein Blitzschlag. Und ist es jemals möglich,
+aus diesem göttlichen Feuer, das in uns zu lodern begonnen hat, als
+Sieger hervorzugehen?«
+
+»Aber hat der Bildhauer nicht einen noch weit schwierigeren Kampf
+mit der toten Masse zu bestehen, die er beleben will? Wenn er einem
+chaotischen Steinklumpen gleichsam eine Seele einhauchen will? Ihn von
+Tod und Nichtsein erlösen und zu Leben und Sein führen will? Welch ein
+mühsames Ringen, durch einen formlosen Stein zu den Herzen der Menschen
+zu sprechen! Sie an einem Stein die ewigen Gesetze der Schönheit
+erkennen lehren! Ich glaube nicht, daß die Griechen in meinem Sinne
+Sieger waren über die tote Masse. Ihren Bildwerken fehlt die Seele. Sie
+sind starr und kalt und ruhig. Der Frost der Materie weht mich daraus
+an. Aber muß Schönheit nicht erwärmen? Muß sie nicht leuchten und leben
+und gleichsam zu unserer Seele sprechen?«
+
+»Das wirst du ihr geben,« sagte Poliziano prophetisch zu Michelangelo,
+der sich in Feuer gesprochen hatte; »du wirst der Schönheit die Poesie
+des Schmerzes leihen.«
+
+»Ich verstehe nicht recht,« entgegnete Michelangelo; seine Augen wurden
+abgrundtief und blickten in die Weite. Er atmete heiß und schwer wie im
+Fieber. »Erklärt es mir,« bat er leise den Dichter. Doch da rief ihn
+gerade Piero von Medici an, der am geöffneten Fenster stand und über
+den Hof in die Gärten hinaussah.
+
+»Bei Venus und Bacchus!« rief er. »Wie lügt heute nacht das schöne
+Florenz. Seht nur, meine Herren, wie sich die Stadt mit frecher
+Anmaßung in ein jungfräuliches Gewand hüllt. Sie scheint wie aus Marmor
+gemeißelt. Welch eine schöne Statue müßte sich aus diesem geschmeidigen
+Material formen lassen, mein lieber Buonarroti; das wäre in der Tat
+eine Aufgabe für dich! Das Material für deine Statue ist direkt vom
+Himmel gefallen; nie wirst du reineren Stoff verarbeiten. Willst du mir
+eine große Freude bereiten, dann geh in den Hof hinab und forme uns
+irgendeine göttliche Gestalt aus dem Schnee.«
+
+»Welch ein kindischer Einfall!« murmelte Poliziano mit einem Blick auf
+den verdüsterten Michelangelo.
+
+Piero von Medici hatte die Worte Polizianos gehört; aber er ließ es
+sich nicht merken, obwohl er im Innern sehr erzürnt war. »Meister
+Poliziano,« sagte er, »bin ich nicht ein Philosoph? Mit meiner Idee
+einer Statue aus Schnee will ich den Künstlern ja nur sagen, wie
+vergänglich ihre Werke sind. Sie träumen alle von der Unsterblichkeit.
+Der Schnee da unten predigt aber: ~nütze den Augenblick~! Wer
+weiß, wo du morgen bist!«
+
+[Illustration: Der junge Michelangelo an der Arbeit.]
+
+»Man muß zwischen Künstlern einen Unterschied machen, wie zwischen
+Menschen,« antwortete Poliziano trocken. »Jeder nimmt gewöhnlich nur
+sich selber als Maßstab für die Dinge und Mitmenschen. Die echte Größe
+aber, das Genie, das ist ein Gottesgeschenk.«
+
+»Ihr habt recht,« bemerkte Piero und schwieg ärgerlich.
+
+Inzwischen hatte sich Michelangelo, ohne aufzuhorchen, dem Fenster
+genähert und schaute verzückt in die Gärten. Das Schneegestöber hatte
+nachgelassen; am Himmel flimmerten die Sterne wie Goldstaub, und die
+Erde leuchtete märchenhaft weiß. Ein jeder Baum schien aus Marmor
+gehauen. Der Anblick riß den Künstler mit fort. Wortlos verließ er
+den Saal, um zu vollenden, was Piero in kindischer Launenhaftigkeit
+gewünscht. Die Zauberpracht dieses überirdischen Bildes reizte ihn zu
+eigenem Schaffen. Hier sah er eine gleichsam verzauberte Welt, die weiß
+und starr und kalt dem Himmel ins Angesicht sah; eine Welt, die nach
+Licht und Sonne zu rufen schien, und nach einem Liede, das sie aus
+diesem Bann erlöse.
+
+»Orpheus, der Sänger!« ging es blitzartig durch Michelangelos Kopf.
+Er befahl, rasch den Schnee zusammenzukehren und ihn an einer
+bestimmten Stelle aufzuhäufen. Und während Pietro de Medici sich oben
+im Saale unterhielt, und längst seine Bitte vergessen haben mochte,
+arbeitete Michelangelo bei dem rötlichen Licht unzähliger Fackeln mit
+fieberhaftem Eifer an seinem Werke.
+
+Seine Seele war noch erfüllt von den Gedanken, die die Unterredung
+mit Poliziano in ihm geweckt hatte. Der Schnee war fest genug und
+ließ sich von der begnadeten Hand Michelangelos gefügig formen und
+meistern. Den unteren Teil der Statue legte Michelangelo breit an
+und verdeckte die große energische Bewegung des Fußes mit einem bis
+zur Erde herabwallenden Gewande. Der mächtige Schritt des Orpheus
+sollte die Entschlossenheit des Sängers andeuten, trotz aller bereits
+erlebter Schrecken doch noch einmal in die Unterwelt einzudringen.
+Seine erhobenen Hände hielten die Leier, als wollten sie noch einmal
+in die Saiten greifen. Sein Antlitz, das der Künstler scharf und
+bis ins kleinste ausarbeitete, war ernst; es sprach aus ihm die
+Kraft des Liedes und ein Mut, der vor nichts zurückzuschrecken
+schien. Michelangelo modellierte mit Liebe und Eifer, als würde er
+seinen Orpheus in Erz für die Ewigkeit schaffen, und nicht nur zur
+Befriedigung einer Augenblickslaune. Als er die Arbeit beendet hatte,
+trat er einige Schritte zurück und seufzte tief auf.
+
+»Nein, es ist nicht das, was ich gewollt habe,« rief er endlich
+unzufrieden aus. »Aus diesen Zügen spricht eine frostige Kälte, wie
+aus dem Schnee. Ich hab' es anders geträumt! Das ist wieder diese
+hellenische Starrheit, diese Todesruhe! So hätten ihn die Künstler in
+Athen dargestellt. Aber sieht so ein Mensch aus, der die vernichtenden
+Worte des Schicksals vernommen hat?«
+
+Er stand unzufrieden und wortlos vor seinem Werk. Die Fackeln
+erloschen, der Tag begann heraufzudämmern. Der Himmel rötete sich
+leicht, und endlich stieg die Sonne in ihrer goldenen Majestät am
+Horizont empor. In den verschneiten Gärten blitzte und flimmerte es,
+als sei silberner Puder überallhin verstreut.
+
+In dem Augenblick entstand auf der Terrasse hinter seinem Rücken Lärm.
+Piero von Medici war mit dem ganzen Hofstaat herausgetreten, und alle
+brachen beim Anblick der wundervoll beleuchteten und glitzernden Statue
+des Orpheus in begeisterte Bewunderung aus.
+
+Poliziano eilte die Stufen herab und umarmte schweigend den Künstler.
+
+»Nein, nein,« wehrte Michelangelo bitter lächelnd ab; »es ist
+mißlungen. In seinem Antlitz spiegelt sich nicht das, was er in seinem
+Herzen fühlt. Das ist kein Mensch; das ist nur eine Idee.«
+
+»Aber eine göttliche Idee,« warf Poliziano ein.
+
+»Aber kein Mensch!« wiederholte Michelangelo schmerzlich. »Wo ist die
+Verzweiflung, die wie eine Natter an seinem Herzen nagt? Wo ist der
+Schmerz, der ihn vernichtet? Nein, das ist nicht Orpheus, das ist eine
+starre Leiche. Ich will das Gespenst nicht länger sehen.«
+
+Und Michelangelo verbarg seinen Kopf an der Brust Polizianos, ohne auf
+ein Wort des Trostes zu hören. Über seinem Kopfe tönten die Lobeshymnen
+noch weiter; aber alles Lob vergrößerte nur seinen Schmerz.
+
+»Die törichten Blinden,« stöhnte er verzweifelt; »sie sehen offenbar
+nicht, daß dieser Orpheus bloßer Schnee in Menschengestalt ist.«
+
+Da erscholl wie aus einer Kehle ein neuer Ausruf von der Terrasse, und
+Poliziano zuckte zusammen. Unwillkürlich hob Michelangelo den Kopf und
+sah auf seine Statue. Sie hatte sich bewegt; die Sonne hatte das Wunder
+vollbracht. Sie bewarf die Statue mit Millionen ihrer heißen Pfeile.
+Sie leckte den Schnee von den Bäumen und Büschen. Von den Pinien und
+Oliven tropfte es unaufhörlich; in Bächen lief der geschmolzene Schnee
+von den Dächern herab; er zerrann auf dem Grase wie ein Traum. Auch der
+Orpheus wurde von den Strahlen der Sonne totgeküßt.
+
+Die untere Hälfte der Statue stand noch unbeweglich da; der feste
+Schritt des Orpheus und sein Gewand hatte noch keinen Schaden gelitten.
+Aber Kopf und Brust waren verwundet. Seine Arme sanken zu beiden
+Seiten wie erschlafft herab, die Leier entfiel seinen Händen. Der Kopf
+neigte sich nach rückwärts, das Kinn gab nach, so daß sich der Mund
+leicht öffnete und sich in eine krumme, nach unten gebogene Linie
+verwandelte. Die Augen, die ihre bestimmten Umrisse verloren, schienen
+sich wie in großem Schmerz zu schließen. Und die Schärfe aller gleich
+genau angedeuteten Gesichtszüge milderte sich während des Tauens zu
+einem merkwürdigen Einklang. Eine Lebensregung schien durch den Schnee
+zu gehen, ein belebender Funke schien die Statue erwecken zu wollen.
+Nun glaubte man wirklich, Orpheus zu sehen, von der Verzweiflung
+zerknirscht, von Schmerzen zerwühlt, den Tod im Herzen, aber doch noch
+aufrecht stehend, ein leidender, atmender Held, den man sterben sieht.
+
+Michelangelo sah wie gebannt auf sein Werk. Ein freudiges Lächeln
+umspielte seine Lippen, und mächtig bewegt drückte er Poliziano die
+Hand. »Endlich sehe ich klar, was ich dunkel geahnt!« flüsterte er;
+»nun weiß ich, was meinem Orpheus gefehlt hat und was von heute
+an keiner meiner Schöpfungen mehr fehlen soll: ~der seelische
+Ausdruck~! Wozu diente wohl alle äußere Schönheit, wenn sie nicht
+die ~inneren~ Vorgänge verkünden würde. Dank dir, o Sonne, du hast
+mich Großes gelehrt!«
+
+»Die Sonne, die dir den rechten Weg gewiesen, das ist dein eigenes
+Gefühl, dein eigener Geist,« sagte Poliziano. »Ja, du hast heute etwas
+Großes gefunden -- ~dich selbst~! Nun darfst du hoffen, zu siegen.
+Wie weit wirst du die andern überragen! Glück auf den Weg! Und doch muß
+ich dich beklagen, mein armer Freund. Auf der Höhe steht man einsam,
+und Größe erweckt Haß und Neid. Alles verzeiht dir die Menge, nur
+nicht, daß du über ihr stehst, daß du dich von ihr ausschließest. Du
+wirst dein ganzes Leben lang eine Dornenkrone tragen müssen.«
+
+Noch ehe Poliziano zu Ende gesprochen hatte, sank die Statue dröhnend
+zu Boden. Nichts blieb von ihr übrig, als ein formloser Klumpen rasch
+zerfließenden Schnees. Ein Aufschrei des Mitleids und Bedauerns kam von
+der Terrasse her, dann aber erscholl Gelächter, aus dem die fröhliche
+Stimme Pieros herausklang. »Sieh,« rief er laut herab, »die Belehrung,
+die ich dir versprochen habe, ist dir nun zuteil geworden. Die Werke
+des Künstlers vergehen, wie der Schnee vor der Sonne.«
+
+»Ja, eine große Belehrung ist mir zuteil geworden,« antwortete
+Michelangelo, mit dankbarem Lächeln zum Himmel emporblickend. »Nun weiß
+ich über den Stoff zu siegen und ihn zu beseelen. Nun soll man aus
+meinen Werken den Pulsschlag des Lebens fühlen.«
+
+Und versunken in seine Gedanken ging er von dannen. Von niemand hatte
+er sich verabschiedet; man vergaß ihn bald. Poliziano trat mit ihm auf
+den Platz hinaus und sah ihm nach, wie er allein durch die Gassen von
+Florenz dahinschritt, um seinen großen Ideen und Werken nachzuhängen,
+die er nunmehr schaffen sollte. Es war wahr: er hatte sich selbst
+gefunden .....
+
+ * * * * *
+
+Florenz ertrug die Herrschaft des anmaßenden Piero nicht lange. Schon
+im November 1494 wurden die Mediceer vertrieben. Michelangelo ging
+dem Ereignis aus dem Wege und begab sich nach Venedig und dann nach
+Bologna, wohin auch die Mediceer geflüchtet waren. Hier, wo sich der
+Stadtvorsteher Aldovrandi seiner angenommen und ihm Arbeit verschafft
+hatte, blieb Michelangelo bis zur Mitte des Jahres 1495 und kehrte
+dann wieder nach Florenz zurück, zur Zeit, als gerade der fanatische
+Prediger Savonarola an der Spitze des Volkes stand.
+
+Unter anderen Bildwerken, die Michelangelo jetzt ausführte, befand sich
+auch ein schlafender Liebesgott. Auf Anraten eines schlauen Kaufmannes
+gab Michelangelo diesem Marmorwerk künstlich ein antikes Aussehen
+und es wurde dann auch als ein ~eben ausgegrabenes~ Bildwerk an
+den Kardinal Riario nach Rom verkauft. Der Händler hatte zweihundert
+Dukaten dafür bekommen; an Michelangelo lieferte er aber nur dreißig
+ab; so wurden der Kardinal ~und~ Michelangelo betrogen. Aber auch
+dieser Betrug zeitigte zufällig Gutes. Denn als der Kardinal erfuhr,
+daß Michelangelo der Schöpfer des Kupido sei, machte er zwar den
+Handel rückgängig, aber er veranlaßte Michelangelo gleichzeitig zur
+Übersiedelung nach Rom. Im Juni 1496 kam er dort an und wohnte beim
+Kardinal, wo er zunächst ein ganzes Jahr beschäftigungslos zubringen
+mußte, obwohl man ihm reiche Aufträge versprochen hatte.
+
+Bald darauf machte er aber die Bekanntschaft des römischen Edelmanns
+Jacopo Galli, in dessen Auftrag Michelangelo zwei lebensgroße
+Marmorbildnisse, einen »Kupido« und einen »Bacchus« ausführte. Galli
+verschaffte dem jungen Meister auch einen Auftrag von dem französischen
+Gesandten in Rom, für den Michelangelo jene wundervolle verklärte
+»Pietà« meißelte, die sich jetzt in der nach ihr benannten Capella
+della Pietà befindet.
+
+Während aber Michelangelo in Rom unsterbliche Werke schuf, führte sein
+Vater, der durch die Vertreibung der Mediceer sein Amt verloren hatte,
+in Florenz ein kümmerliches Dasein. Sehnsüchtig harrte er auf die
+Heimkehr des Sohnes, der den Vater von Rom aus kräftig unterstützte.
+»Ihr mögt mir glauben« -- schrieb er nach Hause --, »daß auch ich
+Ausgaben und Mühe habe; aber was Ihr von mir verlangen werdet, das
+werde ich Euch schicken, und wenn ich mich als Sklaven verkaufen müßte.«
+
+In der Tat sorgte Michelangelo nach der Vollendung der Pietà auch
+für seine jüngeren Brüder Buonarroto und Giovan Simone, indem er
+ihnen zur Gründung einer kleinen Wollstoffabrik verhalf. 1501 kehrte
+Michelangelo, dem Drängen seines Vaters nachgebend, nach Florenz
+zurück, wo er zunächst den Auftrag erhielt, für eine Kapelle im Dome
+zu Siena fünfzehn kleine Heiligenfiguren auszuführen, dann aber von
+den Vorstehern des Dombaues zu Florenz vor die erste Riesenaufgabe
+gestellt wurde: aus einem bereits behauenen Block, der schon
+fünfunddreißig Jahre lang unberührt dalag, einen »David« von neun Ellen
+Höhe auszumeißeln. Der Auftrag war um so schwieriger, als der erste
+Bildhauer, der sich daran gemacht hatte, die Aufgabe zu lösen, an ihr
+gescheitert war. Er hatte aber dem Marmorblock bereits bestimmte Formen
+gegeben, und an diese war Michelangelo nun gebunden. Im September 1501
+machte sich Michelangelo mutig an die Arbeit, und Anfang 1504 wurde das
+hundertachtzig Zentner schwere Bildwerk mit ungeheurem Pomp enthüllt.
+
+Während der drei Jahre hatte Michelangelo aber noch andere Arbeiten
+ausgeführt; so einen zweiten lebensgroßen David als Sieger mit dem
+Haupte des Goliath unter den Füßen; ferner: zwei Madonnenreliefs in
+Rundformat, einen sterbenden Adonis und einige Gemälde. 1505 folgt die
+Madonnenmarmorgruppe -- eine Bestellung flandrischer Kaufleute --, die
+in der Liebfrauenkirche zu Brügge steht.
+
+Michelangelo, ein dreißigjähriger Mann, stand jetzt in dem Rufe des
+ersten Bildhauers der Welt. Und als er sich eben anschickte, mit
+dem größten Maler der Zeit, dem dreiundfünfzigjährigen Leonardo
+da Vinci, um die Siegespalme zu streiten, wurde er inmitten der
+Ausführung seiner Arbeit, die die Pisanerschlacht darstellen sollte,
+vom Papst Julius II. nach Rom berufen, damit Michelangelo ihm schon
+bei Lebzeiten ein Grabmal baue. Der Plan war mit außerordentlicher
+Pracht erdacht. »Ich bin des gewiß,« schreibt Michelangelo am 2. Mai
+1506 an San Gallo nach Rom, »wird es errichtet, so hat es in der
+ganzen Welt nicht seinesgleichen.« Michelangelo kaufte in Karrara für
+tausend Dukaten Marmorblöcke, und da ihn die Ungeduld nicht warten
+ließ, bis die Steinberge nach Rom geschafft waren, begann er gleich
+in den Marmorbrüchen ein paar Figuren in Arbeit zu nehmen, an denen
+er zunächst acht Monate arbeitete. 1506 wurden die Blöcke auf dem
+Petersplatze in Rom abgeladen; sie hätten hingereicht, einen Tempel
+daraus zu erbauen. Und die kolossale Größe des Werkes war denn auch
+mit schuld daran, daß es nicht zustande kam. Die Peterskirche, in
+der es aufgestellt werden sollte, war zu klein, und abergläubische
+Zwischenredereien trugen ebenfalls dazu bei, daß der Papst den Gedanken
+an das Grabmal ganz fallen ließ. Statt dessen sollte Michelangelo die
+Decke der vatikanischen Kapelle ausmalen, die Sixtus IV. hatte erbauen
+lassen. Michelangelo, der diesen Auftrag nicht übernehmen wollte, zog
+sich dadurch die Ungunst des Papstes zu, flüchtete nach Florenz, ward
+aber wieder zurückgerufen und in Gnaden in Bologna aufgenommen, wo der
+im Kampf gegen Cesare Borgia siegreiche Papst weilte, nachdem er sich
+die Stadt unterworfen und tributpflichtig gemacht hatte.
+
+Michelangelo fertigte hier in den nächsten drei Jahren eine
+Kolossalerzstatue von Julius II. an. Der Papst hatte tausend Dukaten
+dafür bezahlt; aber als Michelangelo mit seiner Arbeit fertig war und
+seine Auslagen abgerechnet hatte, besaß er von den tausend Dukaten
+noch etwa vier, obwohl er in Bologna in recht kärglichen Verhältnissen
+gelebt hatte. Nach der Enthüllung dieses Erzbildes eilte Michelangelo
+sofort zu seinen hilfsbedürftigen Angehörigen nach Florenz zurück;
+aber da er jetzt in den Diensten des Papstes stand, mußte er bald
+wieder nach Rom zurückkehren und trotz seines inneren Sträubens mit der
+Ausmalung der Kapelle beginnen. Und so vollbrachte Michelangelo dies
+Werk, das berühmte sogenannte Sixtinische Deckengemälde, in dem er das
+Herrlichste und Wunderbarste schuf, was die Monumentalmalerei überhaupt
+hervorgebracht hat; eine so schöne und gewaltige Schöpfung, wie sie in
+dieser Vollkommenheit nie wieder erreicht worden ist.
+
+Er stellte die Vorgeschichte der Erlösung dar; die Schöpfung und den
+Sündenfall und das Versinken der Menschheit in Sünde; dazu das Hoffen
+auf den Erlöser, die Verkündigung seiner Ankunft und Vorbedeutungen der
+Erlösung.
+
+Er begann damit am 10. Mai 1508 und vollendete es, obwohl er es ganz
+allein ohne jedwede fremde Hilfe ausführte, und obgleich er seine
+Arbeit öfters und lange unterbrechen mußte, im Oktober 1512. Das ist
+um so staunenswerter, als Michelangelo nicht gesund war, unter den
+drückendsten Geldsorgen zu leiden hatte, und die Not seiner Angehörigen
+ihn ebenfalls sehr quälte.
+
+So schreibt er an seinen Vater im Juni 1509: »Seit 13 Monaten habe
+ich vom Papste kein Geld erhalten und meine, innerhalb anderthalb
+Monaten unter allen Umständen welches zu bekommen, da ich das, was ich
+gehabt, ausgegeben haben werde. Wenn er's mir nicht gäbe, müßte ich
+Geld borgen, um zu Euch zurückzukehren, denn ich besitze nicht einen
+Pfennig.«
+
+Eine andere Stelle aus einem Briefe an seinen Bruder Giovansimone
+(aus derselben Zeit) lautet: »Seit zwölf Jahren bin ich, kümmerlich
+lebend, durch ganz Italien gewandert, habe jede Schmach erduldet, jedes
+Ungemach erlitten, meinen Körper mit jeder Anstrengung gepeinigt, das
+eigene Leben unzähligen Gefahren ausgesetzt, einzig und allein, um
+meiner Familie zu helfen.«
+
+An seinen Bruder Buonarroti schreibt er am 18. September 1512: »Ich
+teile Euch mit, daß ich nicht einen Groschen besitze und gleichsam
+barfüßig und nackt bin und das, was mir noch zukommt, nicht eher, als
+bis ich mein Werk vollendet habe, erhalten kann; und ich erdulde sehr
+große Mühen und Unbequemlichkeiten.«
+
+Eine fürchterliche Pein war endlich die körperliche Anstrengung beim
+Malen an der Decke, wobei der Kopf stets in den Nacken gelegt und die
+Augen nach aufwärts verdreht werden mußten. Er selbst spottete darüber
+in einem launigen Gedicht, daß er, gekrümmt wie ein syrischer Bogen,
+das Gesicht von den herabtropfenden Farben bunt gemustert wie ein
+Mosaikfußboden, dies Werk ausführen mußte:
+
+
+ Schon hat mir diese Crux 'nen Kropf geschaffen,
+ Wie er vom Wasser wächst im Land Lombardien
+ Den Katzen -- oder ist's noch sonst wo anders --
+ Und mit Gewalt strebt unters Kinn der Bauch.
+
+ Den Bart fühl' ich gen Himmel sich erheben,
+ Am Buckel liegt das Hirn, harpyienhaft
+ Krümmt sich die Brust mir, und vom Pinsel
+ Tropft aufs Gesicht ein buntes Paviment.
+
+ Dehnt vorn sich aus die Schwarte, schrumpft sie hinten
+ Beim Krummsichbiegen wieder arg zusammen:
+ So spann' ich mich gleich einem Syrer Bogen.
+
+ Drum trügerisch und seltsam
+ Entspringt die Urteilskraft dem Schoß des Geistes;
+ Denn übel schießt es sich aus krummem Rohr.
+
+ Tritt ein, Johann, nunmehr
+ Für meine Ehre, für mein stummes Malwerk;
+ Ich bin ja nicht am Platz noch, ach! kein Maler.
+
+
+Und von diesem Werke, angesichts dessen sich Michelangelo das Talent
+als Maler absprach, sagte Goethe: »Ich konnte nur sehen und anstaunen.
+Die innere Sicherheit und Männlichkeit des Meisters, seine Großheit
+geht über allen Ausdruck.«
+
+[Illustration: Michelangelo mit seinem Mose.]
+
+Ein Zufall fügte es, daß um dieselbe Zeit, als Michelangelo mit seinem
+Deckengemälde fertig wurde, die vertriebenen Medicis wieder in Florenz
+einzogen und von ihren ehemaligen Rechten sofort Besitz ergriffen.
+Michelangelo erneuerte alsbald die alten Beziehungen und setzte es
+durch, daß sein greiser Vater wieder in dasselbe Amt eingesetzt wurde,
+das er ehedem innegehabt hatte.
+
+Michelangelo durfte jetzt auch an die Ausführung des früher in Angriff
+genommenen Grabmals gehen, obwohl der Besteller, Papst Julius, bereits
+1513 starb. Giovanni de Medici (Papst Leo X.) war sein Nachfolger und
+zugleich der Jugendfreund Michelangelos. Für das Grabmal war ein Preis
+von sechzehntausendfünfhundert Dukaten und eine Arbeitszeit von sieben
+Jahren festgesetzt. Aber weder dies Werk, noch andere Werke großen
+Stiles, die Michelangelo geplant und zum Teil schon in Angriff genommen
+hatte, wurden vollkommen ausgeführt. Dafür betraute man ihn einige
+Jahre später mit einer anderen großen Aufgabe, die seinen Namen in die
+Ewigkeit tragen sollte: Die Ausführung der Mediceergräber.
+
+In dieser Zeit tummelten sich Spanier, Franzosen, Schweizer, Deutsche
+und Italiener in den schönen Gefilden am Po, am Ticino und an der
+Etsch umher, verwüsteten die Felder und Weinberge, brandschatzten
+oder zerstörten Städte und Dörfer, befleckten den Boden mit Blut
+und Leichen, führten Gefangene hinweg, um Lösegeld zu gewinnen, und
+übten Greuel und Erpressung jeder Art. Dazu kam die Pest, der auch
+der geliebte Bruder Michelangelos, Buonarroto, erlag. Florenz rüstete
+sich zum Kampfe um die Freiheit, und unter neun Männern, die gewählt
+worden waren, um für die Befestigung der Stadt zu sorgen, befand sich
+auch Michelangelo. Er wurde zum obersten Leiter der Befestigungen von
+Florenz ernannt und machte seinem Amt durch Umsicht und Geschick alle
+Ehre. Aber trotz seiner kriegerischen Tätigkeit fand er noch Zeit,
+sich ab und zu heimlich in die Grabkapelle zu stehlen und dort an den
+angefangenen Figuren zu arbeiten.
+
+Allerdings arbeitete Michelangelo unter der größten körperlichen und
+geistigen Qual. Um 1530 war er bis zur Fleischlosigkeit abgemagert.
+»Michelangelo« -- schreibt ein Zeitgenosse -- »wird nicht mehr lange
+leben, wenn nicht Abhilfe geschafft wird; denn er arbeitet viel, ißt
+wenig und schlecht und schläft auch nicht, und seit einem Monat wird
+er stark behindert durch Kopfschmerzen und Schwindel; er hat, kurz
+gesagt, zwei Übel: eins am Kopf und eins am Herzen, und für jedes gibt
+es ein Heilmittel; man muß nur die Ursache kennen und aussprechen.« Das
+Heilmittel für den Kopf sollte darin bestehen, daß dem Meister verboten
+würde, während des Winters in der feuchten und kalten Kapelle, wo er
+sich den Tod hole, zu arbeiten; das Heilmittel für das Herz sollte in
+der Regelung der Sache des Juliusgrabes bestehen, um dessentwillen
+Michelangelo ganz in Schwermut verfallen war.
+
+»Malerei und Skulptur«, schreibt er am 24. Oktober 1542 an Luigi del
+Riccio, »Arbeiten und Treuhalten haben mich ruiniert und ständig wird
+aus Schlechtem noch Schlechteres. Besser für mich wäre gewesen, ich
+hätte in meiner Jugend Schwefelhölzer zu machen gelernt.«
+
+Und am selben Tage an Monsignor Aliotti: »Ich finde, meine ganze Jugend
+habe ich verloren, seitdem ich an dieses Grabmal gebunden bin und
+soviel als möglich Papst Leo und Papst Klemens Widerstand geleistet
+habe; und mein allzu großes Vertrauen, das man nicht kennen will, hat
+mich ruiniert. So will's mein Schicksal.«
+
+Für beide Heilmittel wurde nun zwar gesorgt, so gut es ging; aber
+der Tod seines Beschützers, des Papstes Clemens VII., machte wieder
+alle Versprechungen und Pläne zunichte. Da Michelangelo von dem neuen
+Gebieter der Stadt, dem lasterhaften Alessandro, der ihn haßte, nicht
+nur keinen Schutz zu erwarten hatte, sondern im Gegenteil Verfolgung,
+so blieben sogar die Mediceergräber unvollendet.
+
+Aber selbst in dieser unvollendeten Gestalt sichern sie Michelangelos
+Ruhm für alle Zeiten. Der Eindruck, den dies Monumentalwerk, das von
+so ernstem Geiste beseelt ist, auf den Beschauer macht, ist der einer
+höchst weihevollen und ehrfürchtigen Stimmung vor dem Genius, der es
+geschaffen hat.
+
+Der Nachfolger des verstorbenen Papstes, Paul III., fesselte
+Michelangelo wieder an sich, und in seinem Auftrage malte der Künstler
+in der Sixtinischen Kapelle das berühmte »Jüngste Gericht«, in dem
+Michelangelo den Tag der Auferstehung mit allen Schrecken einer
+gewaltigen Phantasie schildert.
+
+Es wäre noch von vielen anderen Bildwerken, Malereien und
+architektonischen Werken zu sprechen; aber hier soll keine Betrachtung
+seiner künstlerischen Werke, sondern nur der äußere Lebensumriß des
+größten Bildhauers der neuen Zeit gegeben werden.
+
+In den letzten Jahren seines Lebens blieb Michelangelo von großen
+Stürmen und wenigstens von äußeren Sorgen verschont. Er war auch
+körperlich wieder zu Kräften gekommen und hatte sogar, dank seiner
+einfachen und mäßigen Lebensweise, die die Not ihn gelehrt hatte, eine
+gewisse Wohlhabenheit erreicht.
+
+Am 18. Februar 1564 entschlief Michelangelo. Der Leichnam wurde in der
+Apostelkirche aufgebahrt. Der Papst wollte ihn im St. Petersdome, wo
+sonst nur die Päpste beigesetzt wurden, bestatten lassen, obwohl es
+dem Wunsche Michelangelos, in der heimatlichen Erde zu ruhen, entgegen
+gewesen wäre. Darum ließ ein Neffe Michelangelos den Sarg mit der
+Leiche, als Warenballen verpackt, heimlich nach Florenz schaffen. Am
+12. März wurde der geöffnete Sarg in der Kirche San Croce ausgestellt.
+Auf Kosten des Herzogs Cosimo wurde darauf in der San Lorenzo-Kirche
+eine Leichenfeier ins Werk gesetzt, so großartig und prunkhaft, wie
+Florenz vordem noch keine gesehen hatte. Man bekommt einen Begriff
+davon, wie herrlich die Feier gewesen sein muß, wenn man bedenkt,
+daß Maler und Bildhauer ~monatelang~ an der künstlerischen
+Ausschmückung der Lorenzo-Kirche gearbeitet hatten. Die Feier fand erst
+am 14. Juli 1564 statt. Mit einem unvergleichlichen Aufwand von Kunst
+und pompöser Pracht ehrte Florenz seinen unsterblichen großen Sohn, und
+an seinem Katafalk trauerte der Genius der Kunst.
+
+
+
+
+ Galilei.
+
+
+Im Jahre des Halleyschen Kometen, dem sich das Interesse der ganzen
+Welt zuwandte und der die Menschheit wieder zwang, sich, wenn auch
+oberflächlich, mit astronomischen Dingen zu beschäftigen, ist es
+sicherlich nicht unwillkommen, etwas über Galilei zu erfahren, den
+Zeitgenossen Keplers, den noch lange nicht genug gewürdigten großen
+Entdecker, diese himmelstürmende Natur, diesen ganz Großen, der --
+wie Goethes Faust -- nicht eher ruhte, zu erforschen, was die Welt im
+Innersten zusammenhält, bis eine Macht, die größer war als er, ihn mit
+Blindheit schlug.
+
+Wenn man ihn nur einen Physiker oder Astronomen nennt, verkleinert
+man ihn. Man darf nicht vergessen, daß der Astronom von heute
+gewöhnlich nur ein Spezialist ist, der bei seiner Wissenschaft
+durchaus nicht immer jenes Grauen empfindet, das Laplace beim Anblick
+des Sternenhimmels angewandelt hat, und der auch die Bewunderung und
+Ehrfurcht nicht kennt, die das Gemüt Kants vor dem bestirnten Firmament
+erfüllte.
+
+Der Astronom der Renaissance sucht nicht lediglich nach neuen Sternen;
+er weiß, daß hinter den leuchtenden Welten noch irgendeine Kraft wohnt,
+der er nicht gewachsen ist. Und doch möchte er dem Schöpfer gern hinter
+die Kulissen schauen.
+
+Wie es das größte Verdienst des Mittelalters ist, die innere Welt
+des Seelenlebens vertieft zu haben, ist es das höchste Verdienst der
+Renaissance-Astronomen, uns den Himmel geweitet zu haben, indem sie
+ihn uns näherbrachten. Sie entdeckten neue Welten in sich, in ihrer
+Seele (z. B. Dante, Petrarca) und neue Welten am Himmelsraume (z. B.
+Kopernikus, Kepler, Galilei). Sie sind nicht bloße Sterngucker oder
+Registratoren. Das neue Bild am Himmelsgewölbe, das sie schaffen, gibt
+ihnen auch eine neue Anschauung vom Zusammenhange der Natur.
+
+Welche Kräfte und Gesetze sind es, die das Weltsystem zusammenhalten
+und die dem Menschen die Macht geben, dieses System in Gedanken
+aufzubauen? Wer gab dem Menschen diese hohen Gedanken?
+
+Diese Astronomen sind zugleich auch durchaus tüchtige Philosophen.
+Sie bringen eine echte und große Begeisterung mit, und wenn sie ihre
+kindlich einfachen Fernrohre vors Auge rücken, ist es ein erhabenes,
+wortloses Gebet, das durch ihre Seele zieht ....
+
+Es war nicht meine Absicht, eine Vorlesung über Geschichte der
+Astronomie zu hören, als ich nach Florenz ging. Aber ein Zufall führte
+mich in den alten Palast, den der Graf Paolo Galletti in der Via de
+Banchi bewohnt, in dem ich acht kostbare Tage verbringen durfte. Am
+zweiten Tage unseres unvergeßlichen Zusammenseins hatte sich Graf
+Galletti als ein Sammler und Gelehrter entpuppt, der sein Leben der
+Galilei-Forschung weihte und der mich einen Blick werfen ließ in seine
+reichen und unschätzbaren Sammlungen.
+
+Welch eine sonderbare Wohnung war das! Man befand sich in einer
+weitläufigen Bildergalerie, deren gründliches Studium allein einige
+Tage gekostet hätte. Da waren düstere Gemälde von Giotto und Pontormo,
+Prachtstücke von Guido Reni und Fra Bartolomeo und einige unbekannte
+Porträts aus der besten Zeit von Franz Hals. In den Korridoren befanden
+sich kostbare Kupferstiche, in jedem Winkel Marmorwerke und Antiken.
+In der Küche standen Ausgrabungen vom alten Tempel auf Fiesole. Das
+Haus war voller geheimer Türen, die zu verborgenen Treppen führten; ein
+ängstlicher Wirrwarr von Gängen, Fluchten und Nischen.
+
+Ein Gemach aber, das Studierzimmer des Grafen, überbot in seinem wirren
+Durcheinander die Kunst aller Regisseure, die je ihre Phantasie an
+»Fausts Studierzimmer« erprobt haben. Retorten, Globusse, Wagschalen,
+Mörser, Klöpfel, Urkunden, Pergamentrollen, sonderbar geformte Lampen,
+ureinfache Mikroskope, astronomische Karten, Fernrohre, Glaskelche,
+Schädel, alles lag in einem malerischen Kunterbunt umher.
+
+»Dies« -- erklärte mir der Graf, und er zeigte mir ein vergilbtes,
+vom Staub und von der Zeit zernagtes Pergamentblatt -- »dies ist
+die Originalurkunde, die den Kanonikus Girolamo (Savonarola) in den
+Verbrennungstod schickt. Betrachten Sie, bitte, auch diese Blätter! Es
+sind die Originalgedichte Franzesko di Medicis. In jener unscheinbaren
+Kassette dort bewahre ich einen Pack Briefe von Zwingli, die er
+an meine Ahnen gerichtet hat. Mit einer theologischen Schlauheit,
+die ihresgleichen sucht, bemüht er sich, sie für seine Ideen
+herumzubekommen. Welch eine klare und kräftige Natur; man begegnet
+solchen Menschen nicht mehr. Aber, was Sie mehr interessieren wird,
+das ist dies Manuskript der ›Göttlichen Komödie‹, von der Dante etwa
+zehn oder zwölf Abschriften besaß. Beachten Sie das Datum hier: der 29.
+Juni 1416. Von ebenso großem Werte ist auch dieser Kodex; die reizenden
+Kompositionen, die Sie sehen, rühren von Pico de la Mirandolas Hand
+her. Worauf man sehr gespannt sein wird, das sind verschiedene Gedichte
+von Torquato Tasso, den Goethe in seiner Tragödie verewigt hat und die
+Tasso schrieb, kurz bevor er ins Irrenhaus kam. Ich will nicht von den
+Briefen Donato Giannottis sprechen, des großen Freundes Michelangelos,
+auch nicht von den Briefen Macchiavellis und Benvenuto Cellinis, die
+ich besitze und die durch mich noch ihrer Veröffentlichung harren.
+Ich mache Sie lieber auf jenes Porträt aufmerksam, das von den
+bedeutendsten italienischen Kritikern als Selbstporträt Michelangelos
+erkannt wurde.«
+
+»Soviel mir aber bekannt ist,« sagte ich, »hat die neuere
+Kunstforschung mit Sicherheit festgestellt, daß es von Michelangelo
+keine Selbstporträts geben kann, weil er sich niemals selbst gemalt
+hat.«
+
+»Es handelt sich hier vielleicht um das von einem zeitgenössischen
+Freunde angefertigte Porträt,« meinte der Graf. »Sie werden mich nun
+fragen, wie all diese Schätze in meinen Besitz gekommen sind? Ganz
+einfach. Ich bin der Besitzer der Villa, die Galilei in Arcetri bewohnt
+hat, und in ihr fanden sich all diese Kostbarkeiten vor. Sie waren
+also Eigentum Galileis, von dem ich noch weit Wertvolleres besitze.
+Das ganze astronomische und physikalische Handwerkszeug, dessen der
+Astronom sich auf der Villa Arcetri bediente, jener Villa, in die ihn
+seine jesuitischen Feinde verbannt hatten, ist in meinem Besitz. Mit
+Ausnahme der Bronzelampe, die Sie im Dome zu Pisa gesehen haben und
+die Galilei zur Entdeckung des Pendelgesetzes die Anregung gab, sind
+fast alle Instrumente in meinen Händen, mit deren Hilfe Galilei seine
+bedeutenden Entdeckungen gemacht hat.«
+
+»Ach, erzählen Sie mehr von ihm,« bat ich den Grafen.
+
+»Gern,« erwiderte er. »Schon der Tag, an dem er zur Welt kam, hat
+für mich etwas Geheimnisvolles, und auch für Sie, wenn Sie an die
+Seelenwanderung glauben. Galilei wurde an demselben Tage geboren,
+an dem Michelangelo starb; am 18. Februar 1564. Pisa ist seine
+Geburtsstadt. Vinzenzo, sein Vater, war ein Florentinischer Edelmann,
+der sich durch Schriften über die Theorie der Musik und Mathematik
+einen besonderen Ruf erworben hatte. Seine Mutter, Giulia, stammte aus
+dem alten und berühmten Geschlecht der Ammannati. Bald nachdem Galilei
+zur Welt gekommen war, zogen seine Eltern nach Florenz, wo er auch
+seine erste Erziehung erhielt. Galilei sollte Tuchhändler werden, ein
+Geschäft, das bei den Florentinern damals in hohen Ehren stand. Aber
+als der Vater die hervorragende Begabung des Knaben bemerkte, ließ er
+ihm eine Erziehung angedeihen, die mehr auf eine wissenschaftliche
+Laufbahn abzielte. In der Verfertigung mechanischer Instrumente
+und Maschinen und besonders im Zeichnen zeigte Galilei schon als
+Knabe großes Geschick. Der Vater schickte nun seinen Sohn 1581 auf
+die Universität nach Pisa, wo er die Arzneiwissenschaft studieren
+sollte. Zugleich hörte er dort Vorlesungen über das, was man damals
+aristotelische Philosophie nannte. Abgestoßen von diesen haarspaltenden
+und fruchtlosen Diskussionen griff Galilei oft als Gegner in diese
+Streitigkeiten ein. Dafür nannte man ihn auch den ›Zankapfel‹.
+Das hinderte ihn nicht, die naturwissenschaftlichen Irrtümer der
+aristotelischen Philosophie zu verwerfen und das Gute der dialektischen
+Lehrsätze hochzuhalten. Aber seine stärkste Liebe wandte er dennoch den
+Naturwissenschaften und der Mathematik zu.
+
+»Eines Tages bemerkte er, daß eine im Dome zu Pisa hängende Lampe,
+wenn sie durch Zugluft in Schwingungen geriet, zur Vollendung jeder
+einzelnen Schwingung immer gleich viel Zeit gebrauchte, mochte der
+Windstoß stärker oder schwächer und also die Schwingung größer oder
+kleiner sein. Er schloß daraus, daß die Zeit, welche ein pendelartig
+schwingender Körper zur Vollendung jeder einzelnen Schwingung
+gebraucht, nicht durch die Stärke des ihm gegebenen Stoßes bestimmt
+werde, sondern nur durch die Entfernung desselben von seinem
+Aufhängungspunkt, also durch die Länge des Fadens oder Stabes, an
+dessen Ende er befestigt ist. Zu Hause angestellte Versuche mit Pendeln
+von verschiedener Länge bestätigten diese Vermutung und belehrten
+zugleich den jungen Naturforscher, daß es dabei auch nicht auf das
+größere oder geringere Gewicht des Pendels ankomme. Nun tauchte sofort
+der Gedanke in Galilei auf, diese Entdeckung auf die Messung der
+kleineren Zeitteile anzuwenden. Er maß zunächst die Schnelligkeit der
+Pulsschläge, dann die von Sekunde zu Sekunde zunehmende Geschwindigkeit
+frei fallender Körper. Von nun ab diente ihm das Pendel bei allen
+physikalischen, besonders aber bei astronomischen Beobachtungen, bis,
+sehr viel später, Huygens das Pendel auch mit Uhrwerken in Verbindung
+brachte. Der Vater Galileis hatte endlich auch seinem Sohne erlaubt,
+das Studium der Arzneikunde aufzugeben und sich ausschließlich den
+physikalischen und mathematischen Wissenschaften zu widmen, und der
+junge Galilei zeigte sich dieser väterlichen Vergünstigung bald würdig.
+Er las zum Beispiel die Schriften des Archimedes mit so großem Erfolge,
+daß er, angeregt durch die Lektüre, die hydrostatische Wage erfand.
+Dieses bestaubte Ding hier stellt den ersten Versuch der Galileischen
+Wasserwage dar, die er so scharfsinnig beschreibt. ›La Bilancetta‹
+nannte er das Werk, wovon ich gleichfalls das Manuskript mein eigen
+nenne.
+
+»Man fing an, von dem jungen Erfinder und Entdecker zu sprechen; sein
+Name war in Italien bald berühmt. Er korrespondierte jetzt mit den
+bedeutendsten Fachgelehrten; ganz besonders interessierte sich aber
+für ihn ein in Pesaro lebender Mathematiker, der Marchese Guidubaldo
+del Monte, der Galilei veranlaßte, das Gesetz vom Schwerpunkt zu
+vervollkommnen und besser auszuarbeiten. Der vierundzwanzigjährige
+Galilei kam dieser Aufforderung nach und übertraf mit der Lösung der
+gestellten Aufgabe alle bisherigen Leistungen auf diesem Gebiete. Man
+nannte ihn jetzt, 1589, den Archimedes seiner Zeit und man übertrug
+ihm zugleich die gerade freigewordene Professur für Mathematik an der
+Universität zu Pisa, die er ein paar Jahre vorher hatte verlassen
+müssen, weil er damals nicht über Mittel genug verfügte, seinen
+Doktor zu machen. Seine Besoldung war sehr gering, aber er benützte
+die Stellung seines öffentlichen Amtes zu neuen Forschungen und
+zur Verbreitung der bisher angestellten. Seine Landsleute Varchi
+und Benedetti hatten schon 1544 die Behauptung ausgesprochen, daß
+alle Körper von gleicher Dichtigkeit, mögen sie groß oder klein
+sein (z. B. ein Lot Blei ebenso wie ein Pfund Blei), bei gleicher
+Fallhöhe die gleiche Geschwindigkeit erlangten. Exakt bewiesen war
+dieser Satz keineswegs und fast alle damaligen Physiker leugneten
+ihn. Galilei erst erbrachte, trotz alles Spottes der Gegner, den
+unanfechtbaren Beweis für die Richtigkeit des Satzes. Er ging noch
+weiter und erforschte noch das Gesetz, wonach die Fallgeschwindigkeit
+von Sekunde zu Sekunde wächst und daß die am Ende des Falles erlangte
+Geschwindigkeit fallender Körper sich verhalte wie die Quadrate der
+Zeiten. Galilei hat diese Entdeckung zwar erst fünfzig Jahre später
+drucken lassen, aber inzwischen hat er dieses Gesetz vielfach praktisch
+angewendet und er hat natürlicherweise mit vielen Sachverständigen
+darüber korrespondiert. Immerhin hatte die Gewohnheit Galileis, die
+Veröffentlichung seiner so wichtigen Entdeckungen lange aufzuschieben,
+die unangenehme Folge, daß ihm oft die Priorität für seine Entdeckungen
+und Erfindungen bestritten wurde. Es würde Bände füllen, wenn man
+ausführlich erzählen wollte, welche Kämpfe Galilei allein um das
+Prioritätsrecht seiner Erfindungen stets ausfechten mußte. Und noch bis
+heutigestags ist vieles ungeklärt, da noch immer zahlreiche Manuskripte
+und Briefe Galileis, die über das Prioritätsrecht Auskunft geben
+könnten, ungedruckt in Bibliotheken liegen.
+
+»Zu jener Zeit war es an italienischen Universitäten üblich, die
+Professoren nur für eine gewisse Zahl von Jahren anzustellen. Galileis
+erste Anstellung lautete auf drei Jahre. Die große Bedürftigkeit
+der Familie Galileis, noch gesteigert durch den erfolgten Tod des
+Vaters, machten es dem jungen Professor zwar höchst wünschenswert,
+die Professur in Pisa noch zu behalten, aber seine Freimütigkeit und
+seine Liebe zur Wahrheit nötigten ihn, das Amt dennoch aufzugeben.
+Johann von Medici, der in hohem Ansehen stehende Stiefbruder des
+regierenden Großherzogs, hatte eine Maschine zur Reinigung der Häfen
+und Kanäle erfunden, und Galilei war unklug genug, diese Erfindung aus
+mechanischen Gründen als unbrauchbar abzuweisen. Das zog ihm natürlich
+den Haß des Medici zu, der mit den übrigen zahlreichen Feinden und
+Neidern Galileis gemeinsame Sache machte, um ihn beim Großherzog
+anzuschwärzen. Galilei sah den kommenden Sturm voraus und zog sich
+nach Florenz zurück. Wiederum bemühte sich der Marchese del Monte
+für ihn beim Senat der venetianischen Republik für die durch Moletis
+Tod erledigte Professur der Mathematik an der Universität zu Padua.
+1592 erhielt Galilei diese Stellung zunächst auf sechs Jahre. Durch
+seine Vorträge lockte er hier zahlreiche Zuhörer der verschiedensten
+Altersstufen an sich und verfaßte Werke über Kriegsbaukunst, Mechanik
+u. a., die er zwar noch nicht drucken ließ, die sich aber dennoch durch
+Abschriften sehr bald verbreiteten.
+
+»Um dieselbe Zeit erfand Galilei auch das Thermoskop, das erste
+Instrument zur Bestimmung der Wärmeverhältnisse, wovon ich leider nur
+die von Galilei herrührende schematische Darstellung besitze. Galilei
+bediente sich einer engen Glasröhre, die an dem einen Ende offen war,
+an dem anderen aber in eine hohle Kugel auslief. Er goß in diese Röhre
+etwas Wasser, verschloß sie alsdann, kehrte sie um und tauchte sie
+in ein Gefäß voll Wasser, aus welchem er den größten Teil der Röhre
+mit der daran befindlichen hohlen Kugel hervorragen ließ, während ein
+ganz kleiner Teil mit der Öffnung, die Galilei nun wieder freimachte,
+unter Wasser blieb. In der Kugel war also jetzt atmosphärische Luft
+abgesperrt, und wenn diese sich durch Einwirkung der Wärme ausdehnte,
+so trieb sie einen Teil des in der Röhre stehenden Wassers durch die
+jetzt unten befindliche Öffnung heraus in das Wassergefäß; zog sich
+hingegen die Luft in der Kugel durch Abnahme der Wärme zusammen, so
+stieg durch den Druck der äußeren Luft das Wasser in der Röhre.
+
+»So unvollkommen ein solches Instrument war, für die damalige Physik
+bedeutete es immerhin einen großen Fortschritt. 1594 erhielt Galilei
+von der Republik Venedig ein Privilegium auf zwanzig Jahre für eine von
+ihm erfundene hydraulische Maschine.
+
+»Und hier ist der Proportionalzirkel, den Galilei bald darauf erfand,
+und der von den Ingenieuren und Geometern seiner Zeit sehr hoch
+geschätzt wurde. Es gab in jener Zeit noch nicht unsere bequeme
+Einrichtung des Patentamtes. Allein, wie heute, wurden auch damals
+die Erfinder reichlich betrogen. Wer damals einen solchen Zirkel
+besitzen wollte, mußte an Galilei schreiben, und er verfertigte so
+viel, wie er liefern mochte. Aber mehr als zehn oder elf Exemplare
+wird es kaum geben. Seine Arbeitskraft war von anderen Dingen zu sehr
+in Anspruch genommen. Und dann, sich lange Zeit mit derselben Sache zu
+beschäftigen, langweilte ihn am Ende. Er hatte noch viel zu tun.
+
+»1599 wurde Galilei seine Professur in Padua auf weitere sechs Jahre
+mit Gehaltszulage verlängert. Inzwischen hatte sich sein Ruhm auch
+weit verbreitet. Kepler, der in ihm einen treuen Mitverfechter des
+kopernikanischen Systems erkannt hatte, war seit 1597 in Briefwechsel
+mit ihm getreten und drei Jahre später auch Tycho de Brahe, der
+berühmte dänische Astronom. Unter seinen Zuhörern an der Universität
+fanden sich jetzt auch Fürsten ein; von allen Ländern reiste man nach
+Padua, um Galilei zu hören.
+
+»Im Jahre 1604 erschien im Sternbild des Schlangenträgers ein neuer
+Stern, der, nachdem er achtzehn Monate lang geleuchtet hatte,
+wieder verschwand. Galilei hielt mehrere Vorträge über diese
+Erscheinung, in denen er zu beweisen suchte, daß der Stern keine bloße
+Lufterscheinung, sondern ein wirklicher Stern gewesen sei. Mit dieser
+Behauptung widersprach er freilich der Lehre des Aristoteles von der
+Unveränderlichkeit des Fixsternhimmels, zu welcher sich damals die
+meisten seiner Zeitgenossen bekannten. Nur seine Zuhörer und einige
+aufgeklärte Männer der Wissenschaft jubelten ihm zu.
+
+»Er fuhr fort, sich mit den Lehren der höheren Mechanik zu
+beschäftigen, mit den Lehren vom Magneten, vom Licht und den Farben,
+vom Schall, von der Ebbe und Flut, von den Bewegungen der Tiere. 1609,
+als er Venedig besuchte, kam ihm das Gerücht zu Ohren, ein Holländer
+hätte dem Prinzen Moritz von Nassau ein Instrument überreicht, durch
+welches man die entferntesten Körper so sähe, als ob sie ganz in die
+Nähe gerückt wären. Wie dies Instrument beschaffen war, darüber erfuhr
+Galilei nichts. Aber das Gerücht allein genügte, um seine ehrgeizige
+Natur zur Tat anzuspornen und seinem erfinderischen Geist einen neuen
+und großartigen Aufschwung zu geben. Eiligst nach Padua zurückgekehrt,
+hatte er schon ein paar Tage später ein solches Instrument selbständig
+konstruiert; er reiste damit wieder nach Venedig und überreichte dem
+Dogen und dem Senat sein neues Instrument. Hier ist es! Ja, nun lachen
+Sie über dieses Gerümpel! Daß der Mond von Gebirgsketten durchzogen
+wird, ist heute eine banale Tatsache für uns; aber bedenken Sie, welch
+eine Umwälzung es in der Seele Galileis hervorrufen mußte, als er zum
+ersten Male sah, was noch nie vor ihm eines Menschen Auge gesehen.
+Man versteht es, wenn das Volk einen Menschen, dem es gelungen war,
+mittels dieser plumpen Röhre das Rätsel des Mondes zu schauen, für
+einen Zauberer hielt. Wollten doch selbst aristotelische Philosophen
+nicht durch dieses unscheinbare Ding sehen, das dem Firmament plötzlich
+ein ganz anderes Antlitz gab. Wie? Dieser kleine Professor da aus
+Padua will uns jählings unseren guten Glauben nehmen an den Himmel des
+Aristoteles?
+
+»Von welch tiefer Menschenkenntnis zeugt doch die Antwort, die er
+ihnen gab! ›Wenn die Sterne selbst vom Himmel herabstiegen zur Erde
+und Zeugnis ablegten für mich, so würdet ihr euch nicht überzeugen
+lassen!‹ Zugleich beleuchtet diese traurig stimmende Antwort den ganzen
+Lebensgang Galileis.
+
+»Immerhin hatte diese Entdeckung zur Folge, daß Galilei nun die
+Professur in Padua mit einem Jahresgehalt von tausend Gulden für
+Lebenszeit übertragen wurde. Nie hat sich Galilei für den ersten
+Erfinder des Fernrohrs ausgegeben; aber es [Illustration: Galilei
+beobachtet die Himmelskörper.]
+
+gebührt ihm wohl der Ruhm, es optisch vervollkommnet und zuerst zu
+wichtigen astronomischen Entdeckungen angewandt zu haben. In den
+nächsten Jahren wendeten sich daher die Fürsten und Astronomen,
+welche Fernrohre zu besitzen wünschten, immer an Galilei. Er zuerst
+entdeckte die Gebirge des Mondes und er zuerst maß ihre Höhe. Er fand
+ferner, daß die Milchstraße nichts anderes sei, als eine unzählbare,
+dichtgedrängte Menge kleiner Sterne; daß auch die sogenannten
+Nebelflecke nur Sterne seien; daß aber die Fixsterne durch das Fernrohr
+nicht, wie die Planeten, vergrößert würden. 1610 entdeckte er die vier
+Monde des Jupiter und zwei Jahre später gelang es ihm, die Bahnen und
+Umlaufszeiten dieser Jupitertrabanten zu berechnen. Er machte nun den
+Vorschlag, die häufig auftretenden Verfinsterungen der Jupitermonde
+zur Bestimmung der geographischen Längen und also zur Vervollkommnung
+der Schiffahrt zu benützen. Um dieselbe Zeit beobachtete er auch
+Sonnenflecke; er wagte es aber nicht, mit dieser neuen Entdeckung
+hervorzutreten, bis seine Freunde ebenfalls von deren Richtigkeit
+überzeugt waren. Alle diese neuen Entdeckungen mußten ihm bei den
+denkfaulen Anhängern des aristotelischen Sternhimmels natürlich nur
+Feinde schaffen. Aber die Aufmunterungen Keplers und des Großherzogs
+von Toskana, der unseren Entdecker fortgesetzt mit reichen Geschenken
+bedachte, halfen Galilei über viele Bitternisse hinweg. Den drängenden
+Bitten des Großherzogs nachgebend, gab Galilei im August 1610 sein
+Lehramt in Padua auf und siedelte nach Florenz über, wo er als ›erster
+Philosoph und Mathematiker des Großherzogs‹ ausschließlich seinen
+Erfindungen, Entdeckungen und der Ausarbeitung seiner Werke leben
+konnte. Aber, obwohl diese Veränderung auch Galilei die volle Freiheit
+zurückgab, sie schloß auch manche Nachteile in sich. Galilei verließ
+Padua, wo ihm unbeschränkte Lehrfreiheit zugesichert war, wo er die
+höchste Achtung der edelsten Venetianer genoß und wo er ein für seine
+Zeit sehr beträchtliches Gehalt empfing, um sich in die Abhängigkeit
+eines jungen Fürsten zu begeben, dessen Gunst leicht wechseln konnte
+und der dem starken Einfluß der intrigierenden Jesuiten ausgesetzt war,
+die von der venetianischen Republik ausgeschlossen waren. Als seine
+besorgten Freunde ihn vor diesem Schritte warnten, weil sie künftige
+Verfolgungen der römischen Kirche befürchteten, war es aber schon zu
+spät.
+
+»Im September desselben Jahres, gleich nach seiner Übersiedelung nach
+Florenz, entdeckte Galilei, daß der Planet Venus, ebenso wie der
+Mond, zu verschiedenen Zeiten verschiedene Lichtphasen darbiete. Er
+fand weiter, daß der scheinbare Durchmesser des Mars und der Glanz
+dieses Planeten merkwürdigen Veränderungen unterworfen seien. Bei
+einem Besuche in Rom, im April 1611, zeigte er mehreren Kardinälen die
+Sonnenflecke, die er beobachtet hatte, und aus der Bewegung dieser
+Flecke schloß er die Achsendrehung des Sonnenkörpers. Er erwarb sich
+in Rom rasch viele Freunde und Bewunderer und ebenso viele Feinde und
+Neider. Der Kardinal del Monte erklärte zwar in einem Briefe an den
+toskanischen Großherzog, daß man Galilei im alten Rom zweifellos eine
+Ehrensäule auf dem Kapitol errichtet haben würde; aber das hinderte
+Galileis Neider nicht -- da man ihm wissenschaftlich nichts anhaben
+konnte --, ihn in den Ruf der Ketzerei zu bringen.
+
+»Nach der Rückkehr von diesem römischen Besuch entdeckte Galilei die
+Gesetze der Hydrostatik und erfand das Ding hier. Ein Mikroskop! Das
+erste Mikroskop! Sie sehen, welch armseliger Mittel dieser große Mensch
+sich bedienen mußte, um ein Mikroskop herzustellen, das er erst später
+verfeinerte und besser ausarbeitete.
+
+»Jetzt begannen aber auch die Anklagen, daß Galilei durch Verteidigung
+und Ausbreitung des kopernikanischen Systems die Bibel angreife
+und sich der Ketzerei schuldig mache, immer lauter zu werden. Die
+Verwandten des Großherzogs Cosimo II. wurden mißtrauisch gegen Galilei
+und schenkten den Einflüsterungen der Jesuiten immer mehr Gehör.
+Galilei verteidigte sich, er sei zwar ein Anhänger des Kopernikus,
+habe aber niemals die Bibel angreifen wollen, welche sich da, wo in
+ihr von physikalischen und astronomischen Dingen die Rede sei, den
+Vorstellungen und der Ausdrucksweise des Altertums anpasse, ohne diese
+Vorstellungen als Glaubenslehren aufzustellen. Kopernikus selbst sei
+von den Häuptern der Kirche immer als ein rechtgläubiger Katholik
+angesehen worden und der Papst Paul III. hätte sogar die Widmung seiner
+Bücher entgegengenommen. Aber bei den von Neid und Haß erfüllten
+Gegnern Galileis schlugen diese Gründe nicht an. Besonders ereiferte
+sich der Dominikanerorden, dem die Inquisition der Ketzer anvertraut
+war. Der Mönch Caccini predigte 1614 in Florenz öffentlich gegen
+Galilei und verhöhnte ihn und seine astronomischen Entdeckungen.
+Galilei entschloß sich unaufgefordert im November 1615 eine zweite
+Reise nach Rom zu machen, um sich dort vor den höchsten geistlichen
+Behörden zu rechtfertigen. Er blieb bis in den Mai 1616 in Rom, wo er
+von den Geistlichen und selbst vom Papste sehr wohlwollend empfangen
+wurde; Galilei konnte aber nicht verhindern, daß das kopernikanische
+System jetzt förmlich als der Heiligen Schrift widersprechend erklärt
+wurde. Galileis oft leidenschaftlicher Eifer für die Sache der
+Wahrheit scheint ihm in Rom mehr geschadet als genützt zu haben,
+und der Großherzog von Toskana, der von allen Vorgängen in Rom wohl
+unterrichtet war, fand es für die Sicherheit seines Freundes nötig, ihn
+nach Florenz zurückzurufen.
+
+»Als Urban VIII. aus dem Hause Barberini Papst wurde, der als
+Kardinal Galilei sehr zugetan war und ihm 1620 sogar ein Lobgedicht
+zugeschickt hatte, reiste Galilei abermals nach Rom, um den Papst
+zu beglückwünschen. Er wurde sehr gnädig empfangen, reich beschenkt
+und bei seiner Rückkehr mit einem belobenden Breve an den Großherzog
+entlassen. Galilei hatte aber mit dieser Romreise noch einen anderen
+Zweck im Auge. Obwohl er durch die förmliche Verdammung des Kopernikus
+zum Schweigen über dessen System verurteilt war, hatte er im stillen
+ein Werk über dieses System vorbereitet und er erhoffte von dem neuen
+Papst die Erlaubnis zur freien Darlegung seiner Ideen. Man hielt ihn
+aber mit unbestimmten Hoffnungen hin. Um seine Absicht durchzuführen,
+machte Galilei 1628 und 1630 wiederholte Reisen nach Rom. Sein Werk
+wurde von mehreren Zensoren beurteilt, in manchen Einzelheiten geändert
+und endlich erhielt er die Erlaubnis zur Drucklegung. 1632 erschien
+dieses Werk in Dialogform.
+
+»Im Auslande habe man die Meinung verbreitet -- führt Galilei in diesem
+Werke aus --, das Verbot, die Bewegung der Erde zu lehren, sei nicht
+die Frucht reiflicher Überlegung, sondern leidenschaftlicher Aufregung,
+und sei von Personen ausgegangen, denen die für das kopernikanische
+System sprechenden Gründe nicht bekannt, oder die zum Urteil darüber
+nicht befähigt wären. Um diese unbegründete Meinung zu widerlegen und
+um zu zeigen, daß in Rom, wo er sich damals aufgehalten und mit den
+vornehmsten Prälaten des päpstlichen Hofes über diesen Gegenstand
+konferiert habe, alles hierauf Bezügliche so gut bekannt gewesen sei
+als sonstwo, habe er nun sein Werk geschrieben, in welchem er alles
+zusammenfasse, was sich ~gegen~ die gewöhnlichen Gründe für die
+Unbeweglichkeit der Erde und was sich ~für~ das kopernikanische
+System sagen lasse. Nur überwiegende religiöse Gründe, nicht Unkenntnis
+und Leidenschaftlichkeit seien in Rom die Veranlassung gewesen, die
+Unbeweglichkeit der Erde zum Dogma zu erheben und die entgegengesetzte
+Meinung für eine bloße mathematische Laune zu erklären.
+
+»Dadurch, daß Galilei der Sache diese Wendung gab, hatte er nun zwar
+von der Zensur die Erlaubnis zum Drucke seines Werkes erlangt; wenn
+er aber gehofft hatte, dadurch seine Feinde zu beschwichtigen oder
+einer Anklage beim Inquisitionsgericht zu entgehen, so hatte er
+sich bitter getäuscht. Sein Werk machte zu großes Aufsehen, sowohl
+durch den Beifall, den es bei den aufgeklärten Zeitgenossen fand,
+als durch die Menge von Gegenschriften, die es hervorrief. Auch ward
+Galileis eigentliche Absicht, dem kopernikanischen System, trotz des
+Verdammungsurteils, den Sieg zu verschaffen, selbst den beschränktesten
+Mönchen sehr bald klar. Fanatismus und Verketzerungssucht waren bald am
+Werk, um Galilei zu schaden. Urban VIII., das Haupt der katholischen
+Kirche, hätte selbst beim besten Willen Galilei nicht länger zu
+schützen vermocht. Er konnte den öffentlichen und geheimen Anklagen
+gegen Galilei sein Ohr nicht länger verschließen.
+
+»Schon im August 1632 berief man in Rom eine Kommission von Theologen
+und Mathematikern zur Untersuchung zusammen, die allesamt bekannte
+Widersacher Galileis waren. Der zweiundzwanzigjährige Ferdinand II. von
+Toskana, der seinem Vater Cosimo II. im Jahre 1621 in der Regierung
+gefolgt war, suchte vergeblich die drohende Gefahr von Galilei
+abzuwenden. Er machte mit Recht geltend, daß Galileis Werk ja einer
+mehrmaligen, strengen Zensur unterworfen und nach Vorschrift abgeändert
+worden sei. Der Papst nannte aber die erlangte Erlaubnis zum Drucke
+des Werkes eine erschlichene und berief sich auf das Dekret vom 16.
+Februar 1616 -- hier sehen Sie es im Original mit der Unterschrift des
+Papstes Paul V.! --, worin Galilei bei Androhung schwerer Kerkerstrafe
+verboten wird, fernerhin die kopernikanische Lehre zu verteidigen.
+Papst Urban war in großen Zorn geraten. Die Untersuchung gegen Galilei
+wurde unterdessen ganz im stillen weitergeführt; nicht einmal die Namen
+der ernannten Untersuchungskommissarien wurden bekannt. Ende Oktober
+desselben Jahres erhielt Galilei die Vorladung, sich zum Verhör in
+Rom einzustellen. Er suchte nun zwar Aufschub zu gewinnen, indem er
+sein hohes Alter, seine Kränklichkeit und die Beschwerlichkeit der
+an der Grenze des Kirchenstaates abzuhaltenden Quarantäne geltend
+machte. Allein, seine Bitten blieben fruchtlos; Galilei mußte sich
+zur Reise entschließen und am 13. Februar 1633 langte er in Rom an.
+Er stieg in der Villa Medici, dem toskanischen Gesandtschaftshotel,
+ab, und stellte sich in den nächsten Tagen einigen Kardinälen und
+Assessoren des Inquisitionsgerichts vor, die er ziemlich wohlgesinnt
+fand, von denen er jedoch den Rat erhielt, äußerst zurückgezogen zu
+leben und nur die zwingendsten Besuche anzunehmen. Galilei erfuhr, der
+Hauptvorwurf, den man ihm mache, sei die Übertretung des Befehls vom
+Jahre 1616, gar nicht mehr über das kopernikanische System zu sprechen.
+Galilei behauptete aber, es sei ihm damals nur verboten worden, jenes
+System zu verteidigen und sein Werk sei keine Verteidigung, sondern
+nur eine Zusammenstellung der Gründe für und gegen die Sache. Endlich
+am 12. April 1633 wurde Galilei vor das Gericht geführt. Er mußte
+nun im Inquisitionsgebäude bleiben, wurde jedoch in kein Gefängnis
+gesperrt; er durfte vielmehr in den Zimmern des Gerichtsfiskus
+wohnen, konnte seinen eigenen Diener behalten, es war ihm erlaubt, im
+Hofe des Hauses spazierenzugehen -- lauter Vergünstigungen, die beim
+Inquisitionsgericht ganz unerhört waren. Gleich bei dem ersten Verhör
+scheint ihm jedoch unter Strafe der Exkommunikation das Versprechen
+abgenommen worden zu sein, über das, was mit ihm vorginge, das
+strengste Stillschweigen zu beobachten.
+
+»Nachdem er achtzehn Tage in dieser Abgeschlossenheit zugebracht hatte,
+erbat sich Galilei ein neues Verhör; er sagte aus: Seit drei Jahren
+habe er sein Werk über Kopernikus nicht wieder gelesen; jetzt sei er
+durch diesen Prozeß veranlaßt worden, es nochmals genau durchzusehen,
+um gewissenhaft zu prüfen, ob nicht gegen seinen Willen etwas aus
+seiner Feder geflossen sei, was man ihm als Ungehorsam gegen die Kirche
+auslegen könne. Er habe nach so langer Zeit sein Buch wie das eines
+anderen Verfassers durchstudiert und nun allerdings gefunden, daß
+es Stellen enthalte, welche einen Leser, der ihn nicht genau kenne,
+zum Glauben verleiten könnten, der Verfasser habe die Gründe für die
+Meinung, die er ~widerlegen~ wollte, darum so beredt vorgetragen,
+damit man diese Meinung als die richtige ~annehme~. Gestatte man
+es, so wolle er eine Fortsetzung schreiben, worin er die falsche und
+von der Kirche verdammte Lehre mit den kräftigsten Gründen, die Gott
+ihm eingeben werde, widerlegen wolle. In bezug auf die Erlaubnis zum
+Drucke seines Werkes habe er alles getan, wozu ihn das frühere Dekret
+verpflichte. Doch wolle er sich nicht von Irrtum freisprechen, wohl
+aber von List und Bosheit; er klage sich selber des Ehrgeizes an, seine
+Kunst in Darlegung der Gründe für das kopernikanische System beweisen
+zu wollen. Man möge sein hohes Alter, seine Kränklichkeit, seinen
+seit zehn Monaten erlittenen Kummer, die Beschwerden der Reise, die
+Verleumdungen, denen er ausgesetzt sei, mit in Erwägung ziehen.
+
+»An demselben Tage, an dem dies Verhör stattgefunden hatte,
+wurde Galilei wieder in die Villa Medici zurückgesandt, um seine
+Gesundheit zu stärken. Erst am 22. Juni mußte er abermals vor dem
+Inquisitionsgericht erscheinen. Man behielt ihn diesen Tag und die
+folgende Nacht dort und führte ihn dann in das Dominikanerkloster
++alla Minerva+, wo ihm sein Urteil eröffnet wurde. Es erklärt
+ihn für schuldig, ketzerischen Meinungen in betreff der Bewegung der
+Erde, angehangen zu haben; es spricht ihn aber von den auf ein solches
+Verbrechen gesetzten Strafen unter der Bedingung frei, daß er seine
+physikalischen und astronomischen ›Irrtümer‹ abschwöre und verfluche.
+Ferner solle sein Werk über das ptolemäische und kopernikanische
+Weltsystem durch eine öffentliche Bekanntmachung verboten und
+Galilei selbst auf eine vom Gericht nach Willkür zu bestimmende Zeit
+gefangengehalten werden. Die nächsten drei Jahre hindurch solle Galilei
+wöchentlich einmal die sieben Bußpsalmen rezitieren. Schließlich behält
+sich das Gericht vor, diese Strafen und Bußen nach seinem Gutdünken zu
+verändern oder zu mildern.
+
+»Es wird erzählt, daß Galilei, welcher die Abschwörung seiner Lehren
+kniend leisten mußte, während er sich wieder erhob, halb laut gesagt
+haben soll ›+e pur si muove+‹! (›und sie -- die Erde -- bewegt
+sich doch!‹). Aber eine so gefährliche Äußerung im Munde eines damals
+so tief gebeugten Greises ist ziemlich unwahrscheinlich.
+
+»Freilich haben sie ihn nicht ganz mundtot machen können. Der
+Name dieses Erforschers der Sterne war inzwischen selber zu einem
+leuchtenden Gestirn geworden am Himmel des Ruhmes, und sie konnten ihn
+nicht gut auslöschen. Sie nahmen ihm zwar einen großen Teil seiner
+›teuflischen Instrumente‹ fort, mit denen er in den Werken Gottes
+herumspionierte, aber sein Genie konnten sie ihm nicht nehmen.
+
+»Der Papst verwandelte die im Urteile ausgesprochene Gefängnisstrafe in
+Haft und später erhielt er die Erlaubnis, sich in die Nähe von Florenz
+auf sein Landgut zu Arcetri zu begeben, wo er auch die Besuche seiner
+Freunde annehmen durfte; nur große Gesellschaften dort zu empfangen,
+war ihm untersagt. Arcetri scheint Galilei vorzüglich darum zu seinem
+Aufenthalte gewählt zu haben, weil es ganz nahe bei dem Kloster lag, in
+welchem seine beiden natürlichen Töchter als Nonnen lebten. Zu seinem
+tiefsten Schmerze starb die älteste dieser Töchter schon im April 1634.
+Gleichzeitig mit diesem Familienunglück traf ihn eine harte abschlägige
+Antwort aus Rom auf seine Bitte um die Erlaubnis, von seiner Villa aus
+zuweilen das eine Meile entfernt gelegene Florenz besuchen zu dürfen.
+Es wurde ihm sogar mit Strafen gedroht, wenn er wieder solche Bitten
+wage.
+
+»Aber seine Gefangenschaft -- wie anders soll man ein Leben voller
+Kummer unter beständiger jesuitischer Aufsicht nennen? -- seine
+Gefangenschaft konnte nicht verhindern, daß er seine Studien
+fortsetzte, daß er die schwankenden Bewegungen der Mondkugel entdeckte
+und die Gesetze der Kohäsion aufstellte. Freilich muß man nicht
+glauben, daß er unter all den Verfolgungen und Kränkungen nicht
+schrecklich gelitten hätte. Werfen Sie nur einen Blick auf diese
+Terrakottabüste, die aus seinen letzten Jahren stammt; ich besitze
+verbürgte Nachrichten darüber, daß sie dem lebendigen Menschen am
+nächsten kommt und daß sie den getreuesten Eindruck von Galileis
+Physiognomie gibt. Ist sie nicht ein ebenbürtiges Abbild seiner
+vergällten Seele? Galilei erinnert hier an einen Jupiter, dessen Stirn
+von schweren Sorgen umwölkt ist. Wie immer bei genialen Menschen sind
+auch in seinen Zügen wunderbare Größe und tiefstes Leid vereint. Krank
+an Leib und Seele erwartete Galilei schon damals den Tod.
+
+»Seine Freunde sorgten jetzt für Verbreitung und Druck seiner gelehrten
+Arbeiten im Auslande, während die römische Inquisition überall, wo
+sie Einfluß besaß, den Druck neuer Werke Galileis verbot. Aber diese
+entwicklungsfeindlichen Inquisitoren vermochten, trotz aller Ränke,
+nicht den Fortschritt des menschlichen Denkens aufzuhalten; die
+Verfolgungen Galileis machten seinen Namen und seine Lehren erst recht
+berühmt.
+
+»Schon seit 1632 hatte Galilei an den Augen gelitten, war aber immer
+wiederhergestellt worden; allein im Jahre 1637 erblindete zuerst
+sein rechtes Auge und bald auch das linke. Ein Jahr vorher hatte
+Galilei seinem Freunde, dem Grafen von Noailles, ein neues größeres
+Werk über Mechanik überreicht, die ›+Discorsi e dimostrazioni
+matematiche intorno a due nuove scienze+‹, in welchem die ›beiden
+neuen Wissenschaften‹, die Lehre vom Widerstande fester Körper beim
+Zerbrechen und Zerreißen, und die Theorie der Bewegung, nicht nur der
+gleichförmigen, sondern auch der beschleunigten, niedergelegt waren.
+Mit Recht schätzte Galilei selbst diese +Discorsi+ höher als
+alle seine übrigen Werke, denn hier offenbart sich am meisten sein
+Talent zur Erforschung der Naturgesetze unter der sicheren Leitung
+der Mathematik. Während seine vielfachen astronomischen Entdeckungen
+doch eigentlich nur Früchte aufmerksamer Beobachtung waren, die
+nach der Erfindung des Fernrohres jedem zufallen mußten, der zuerst
+hinreichenden Fleiß darauf verwendete und die darum auch von vielen
+anderen Beobachtern als ihre Entdeckungen in Anspruch genommen wurden,
+entwickelte Galilei in diesen +Discorsi+, unbestreitbar als der
+Erste, die Gesetze des freien Falles, als auch des Falles auf gegebenen
+Flächen und Kurven, die Bahn geworfener Körper, die Schwingungen
+des Pendels und der tönenden Körper, und die Gesetze der Bewegung
+überhaupt. Dies Werk ist daher die Grundlage der Akustik, Ballistik, ja
+der gesamten Dynamik der neueren Zeit.
+
+»Am 8. Januar 1642 setzte ein schleichendes Fieber seinem Leben ein
+Ende. Galileis Leichnam wurde in dem Familienbegräbnisse der Galilei
+in Florenz in der Kirche S. Croce beigesetzt. Als seine Verehrer ihm
+dort ein Denkmal setzen wollten, verhinderte es die Inquisition. Selbst
+noch im Tode war Galilei diesen Henkern im Wege. Erst 1674 durfte über
+seinem Grabe
+
+[Illustration: Der schiefe Turm zu Pisa, von dessen Höhe Galilei Körper
+verschiedenen Gewichts herabfallen ließ.]
+
+eine Ruhmestafel angebracht werden und 1737 wurde ihm dort ein
+Ehrendenkmal aus Marmor errichtet.
+
+»Ich habe es noch vor mir, die Geschichte seines Lebens zu
+schreiben, über das ich durch zahlreiche Notizen, die von Galilei
+selbst herrühren, reichen Aufschluß erhalten habe. Er muß ein sehr
+liebenswürdiger Mensch gewesen sein; er war wohltätig und gastfrei,
+standhaft im Leiden, reizbar, aber leicht versöhnlich, mitteilsam
+und offen und erst im Alter melancholisch und schweigsam. Da er
+angenehm zu unterhalten verstand, war er einer der wünschenswertesten
+Gesellschafter. Und erfüllt es nicht mit Bewunderung, zu sehen, wie
+dieser Mann neben all seinen Arbeiten noch Zeit übrig hat, den Pegasus
+zu reiten und sein Gemütsleben in Verse zu bannen?! Auch von diesen
+besitze ich die unveröffentlichten Originale. Er war ein Freund und
+Kenner der schönen Künste, sowie der Literatur; nicht allein der
+alten, sondern auch der italienischen. Er liebte das Landleben und
+beschäftigte sich besonders gern mit der Kultur des Weinstocks. Und
+dann, wie viele philosophische Abhandlungen habe ich von ihm im
+Manuskript! Er war als Philosoph nicht minder groß, denn als Physiker.
+Aber letzterdings mußten ihm seine Augen doch alles sein, die nicht
+aufhören wollten, die Tiefen des Himmels zu ergründen. Manche meinen,
+seine Erblindung sei den anstrengenden Beobachtungen der Sonnenflecke
+und der Mondesoberfläche zuzuschreiben. Vielleicht war es aber auch
+die Strafe für seine Vermessenheit, daß Gott ihn endlich mit Blindheit
+schlug. Gewiß schmerzte ihn aber der Tod seiner Augen nicht einmal so
+sehr, wie ihn die geistige Blindheit seiner Peiniger quälte. Studieren
+Sie ihn und je größere Gesichtspunkte Sie nehmen, desto näher werden
+Sie ihm kommen.
+
+»Die meisten freilich -- ich habe in den Galerien vor Michelangelos
+Bildwerken, vor Raffaels Gemälden Gelegenheit genug, die unerhörtesten
+internationalen Salbadereien anzuhören -- die meisten finden es
+bequemer, zu fragen: Wo war dieser Mensch, dieser Künstler,
+dieser Forscher klein? Wie schlaue Detektive spüren sie den großen
+Renaissancemenschen persönliche kleine Dinge nach, gleichsam um
+die Menschen herabzuziehen. Hat Michelangelo nicht doch irgendeine
+Schwäche gehabt? Hat er nicht irgendeine Gemeinheit begangen? Wie mit
+Bleigewichten sind sie von einem schalen Kleinkramwissen belastet und
+vermögen deshalb nicht unterzutauchen in den Geist der Renaissance. Sie
+erinnern mich an das Wort Heines: ›Nur wenn wir im Kot uns fanden, so
+verstanden wir uns gleich.‹ Natürlich hatte auch Galilei seine Fehler;
+hat er doch tatsächlich im Jahre 1633 einen Meineid geleistet und auf
+den Knien seine ganze Lehre abgeschworen. Gewiß, dieser Meineid ist
+ein Flecken in seinem reinen Leben. Aber zweierlei ist zu bedenken:
+dieser Meineid rettete ihm das Leben, das noch einen außerordentlichen
+Wert erhielt durch die Herausgabe der berühmten ›+Discorsi+‹, auf
+denen die moderne Physik begründet ist. Und dann, vergessen wir doch
+nicht, daß Galilei auch der Erste war, der selbst in der Sonne Flecken
+entdeckt hat ...«
+
+Der Graf war zu Ende.
+
+Es ist wahr, daß die Nachwelt den großen Menschen einen Legendenkranz
+ums Haupt flicht. Wir wollen diesen Kranz nicht zerreißen, wollen den
+Duft nicht fortnehmen, der die Helden der Menschheit umgibt, so wie
+eine edle Patina auf alten Bronzen lagert und ihre Ehrwürdigkeit noch
+erhöht.
+
+Große Männer gleichen jenen erhabenen Bergesgipfeln, für die wir erst
+in der Entfernung den richtigen Standpunkt gewinnen, wo man sie denn
+hoch über alle Bergketten emporragen sieht.
+
+
+
+
+ Die Jungfrau von Orleans.
+
+
+Der Glaube an das Dasein einer übernatürlichen Welt wurzelt urtief
+im menschlichen Gemüt. Aus diesem Glauben und aus dem Glauben an
+Wunder und an die Gewalt des Satans über den Menschen wurde auch der
+Aberglaube an Zauberei geboren, der sich von Jahrhundert zu Jahrhundert
+immer mehr entwickelte, und im Mönchstum und in der Unwissenheit die
+stärksten Stützen gefunden hat. Weil in der Bibel die Zauberei öfters
+mit dem Tode bedroht wird und von zauberischen und übernatürlichen
+Dingen vielfach die Rede ist (die Wundertaten des Moses und der
+ägyptischen Sterndeuter, Bileams Esel, die Hexe von Endor usw.), so war
+ein Zweifel, daß es Hexen und Zauberer gab, ganz ausgeschlossen. Und
+wenn durch Bileams Esel ein Engel redete, warum sollten die Hexen sich
+nicht in Katzen und Werwölfe verwandeln können, durch die der Teufel
+sprach? Gerade die Mönche brüteten hinter ihren Klostermauern die
+abenteuerlichsten Hirngespinste aus. Sie gaben den Phantasiegebilden
+des Volkes bestimmte Gestalt. Sie schilderten die Teufel mit
+unheimlichen dicken Köpfen, langgezogenen Hälsen, hagergelben
+Gesichtern, langen schmutzigen Bärten, Pferdezähnen und Pferdefüßen,
+feurigen Augen, glühenden Schlünden, breiten Mäulern, knotigen Knien,
+krummen Beinen, geschwollenen Knöcheln und verkehrten Füßen. Und
+ungeachtet dieser scheußlichen Ungeschlachtheit schlüpften sie durch
+Türen, Gitter und Ritzen und störten den Andächtigen und Betenden.
+
+Die Mönche waren die ausübenden Zauberer. Sie gaben sich als
+berufsmäßige Wundertäter aus, weil sie danach trachteten, dem Volke,
+das im geheimen noch immer den alten heidnischen Gottheiten anhing,
+diese zu verleiden, und die Wunder Christi, der Propheten und der
+Heiligen besonders glaubhaft zu machen. Sie, die Diener Gottes,
+vermochten allein Gott zu versöhnen -- denn die Krankheiten galten
+damals ja nur als Strafen des Ewigen für begangene Sünden -- und die
+Mönche allein hatten die Kraft, die Dämonen durch Vaterunser, durch
+Salbung, Händeauflegen, Anrufen des Jesunamens zu bannen. Wenn der
+Mensch von Gott erschaffen worden ist, so kann Gott nicht wollen, daß
+sein Geschöpf leide, denn Gott ist die Güte. Leidet der Mensch aber
+dennoch, so ist es der Böse, der Teufel, welcher im kranken Leibe mit
+Gott kämpft. Wenn aber Gott und Satanas sich streiten, ist natürlich
+der Mensch der Prügelknabe. Daher also die Schmerzen. Aber dieser
+vom Teufel Besessene bekommt nun nicht etwa ein Mittel gegen seine
+Schmerzen, sondern mit Gebet und Buße, mit Opferung und Weihrauch wird
+der Teufel ausgetrieben. Zauber- und Segensprüche, Beschwörungsformeln
+und Reliquien waren in jenen Zeiten an der Tagesordnung. Die Mönche
+mußten eben zu groben Mitteln greifen, um die Reste des Heidentums
+auszurotten.
+
+Es muß in den Köpfen jener Zeit sehr seltsam ausgesehen haben. Man
+glaubte, daß der Papst nicht esse und trinke; daß alte kranke Weiber
+Hexen seien, die auf hohe Berge ritten, und mit teuflischen Geistern
+dämonische Kinder zur Welt brächten; daß Werwölfe verwandelte Hexen
+wären. Man glaubte, daß es Teufelssalben gäbe, denen eine zauberische
+Wirkung innewohnte; daß es einen Alp gäbe, der wie ein wilder
+Orang-Utan aussehe und nachts die Menschen quäle; daß Hexen Ungewitter
+hervorrufen könnten; daß sie nachts die Euter der Kühe leer tränken;
+daß verschluckte Kirschenkerne im Magen zu keimen begönnen. Man liest
+von Besessenen, die vor den Altären der Heiligen Urnen voll Münzen
+erbrachen. Man erfährt, daß die Muskatnuß kräftiger werde, wenn sie
+der Mann bei sich trage; daß das Ungeziefer aus Fäulnis entstehe; daß
+die Wunde eines Ermordeten zu bluten beginne, wenn der Mörder sich dem
+Leichnam nähere.
+
+Die Hexen verschrieben sich dem Teufel mit einem Tropfen Blut oder
+durch einen Nagel, ein Haar, einen Strohhalm, eine Nadel, eine
+Nuß, einen Kirschkern. Auch sie geben sich mit Besprechungen,
+Zeichendeutungen und anderen Zaubereien ab. Sie haben den Mond in der
+Gewalt und machen Ebbe und Flut. Sie streichen mit Rabenfedern bösen
+Tau vom faulen Moor und würgen Schweine. Sie schwimmen im Sieb übers
+Meer und entfesseln Stürme. Der Wind ist ihnen untertan. Sie zaubern
+dem Menschen Auszehrung an. Sie sind mordsüchtig und entstellen den
+Leib. Sie reiten die Menschen und saugen ihnen das Herzblut aus. Sie
+sind prophetisch begabt. In den Tagen, in die die Geburt Jesu fällt,
+krähen die Hähne die ganze Nacht, die Geister dürfen nicht spuken, die
+Hexen nicht zaubern. Die bangen ruhelosen Seelen Ertrunkener und am
+Scheidewege Begrabener müssen nachts umherirren. Auch Menschen, die
+während ihrer Lebenszeit Geld erpreßt haben, finden im Grabe keine
+Ruhe. Sie müssen nachts wandern, bis sie ihre Sünden gebüßt haben.
+Am Nordpol wohnen die bösen Geister; die guten Geister bringen den
+Menschen, während sie schlafen, Segen ins Haus. Beim Mondlicht ziehen
+die Feen und Zwerge geheimnisvolle Kreise auf dem Rasen, von denen das
+Schaf nicht frißt. Zanken sich die Geister, dann steigen böse Nebel
+vom Meere ans Land und erzeugen Fieber; Bäche wachsen zu verheerenden
+Strömen an; der Bauer pflügt und sät umsonst; die Schafe erkranken in
+der Hürde; Krähen fliegen; auf den Waldwegen wächst dichtes Unkraut
+-- kurz eine ganze Brut von Plagen entsteht. Die Elfen benaschen
+Milchtöpfe, necken die Mägde, verderben den Brei, lassen die Butter
+mißraten, erschrecken nächtliche Wanderer durch Lachen und leiten sie
+irre. Sie locken den Hengst, indem sie das Wiehern der Stute nachahmen;
+verwandeln sich in einen Schemel und fliegen gerade dann weg, wenn sich
+jemand darauf setzen will. Sie verwirren nachts die Mähne der Pferde
+und flechten ihnen Weichselzöpfe, die, wiederum entwirrt, auf Unglück
+deuten. Aus all diesen Gründen bittet man um Schutz vor den Elfen und
+Kobolden. Sie sind unsterblich. Sie wandeln über den Gischt des Meeres
+und tanzen auf dem Rücken des Nordwindes. Bald sind sie Feuergeister,
+die Schrecken bringen und sich in einen zuckenden Blitzstrahl
+verwandeln; bald sind sie lockende, singende Sirenen. Bald ahmen sie
+die Schalmei nach und bald tolles Hundegekläff; bald den Hahnenschrei,
+bald das Wellenplätschern. Sie können sich unsichtbar machen. Sie
+finden ihren Weg im Dunkeln. Wer aber durch Forschungen Herrschaft
+über die Geister erlangt hat, vermag gleichfalls Stürme zu entfesseln,
+die Sonne zu verdunkeln, das Meer aufzupeitschen, Bäume zu entwurzeln,
+Berge zittern zu machen und Tote aus ihren Grüften zu rufen und sie
+wieder zu beleben. Ein Zaubermantel ist sein. Was man auf der Erde
+erblickt, gehorcht ihm. Auf seinen Wink dorrt und verwelkt alles, was
+grünt; sobald er will, muß der Fels Wasser spenden und aus trockenen
+Klippen sprudeln reiche Quellen. Die reißenden Wasserwogen verwandelt
+er zu Brücken; die Winde gehorchen ihm. Ihm gehorchen die Ströme und
+die wilden Tiere.
+
+Aber den Hexen gelingen Wunder und Untat erst, nachdem sie den
+zauberischen Sud gebraut. Die Hexen haben es vom Teufel gelernt.
+Sie nahmen Fett von toten Kindern, vermischt mit Epich, Wolfswurz,
+Alberbaumzweigen, Ruß, Kalmus, Fünffingerkraut und Fledermausblut.
+Zuweilen kochten sie einen Brei aus Kinderfleisch, Mohn, Judenkirschen
+und Schierling. Sie bestrichen damit den Besen, die Ofengabel und
+den ganzen Leib, setzten sich auf den Besen oder auf die Ofengabel,
+murmelten die Hexenformel »Obenaus und nirgends an« und flogen zum
+Schornstein hinaus. Zuweilen führte sie auch der leibhaftige Teufel
+durch die Lüfte davon. Wenn die Katze miaute, das Käuzchen wimmerte,
+der Igel quiekte, der Uhu ächzte und der Rabe krächzte, war die Stunde
+reif. Daß die Hexen sich dieser Salbe bedienten, ist eine historische
+Tatsache; daß sie wirklich zum Kamin hinausflogen, ist natürlich
+Unsinn. Die Salbe, mit der die Hexen sich einrieben, hatte eine
+schlaferregende und betäubende Wirkung und viele Richter und Ärzte
+beobachteten Hexen, die nach Anwendung der Salbe in Schlaf fielen und
+nach ihrem Wiedererwachen von Schornsteinfahrten, Satansmessen und
+Hexentänzen fabelten, obgleich sie sich in ihrem ohnmächtigen Schlafe
+nicht von der Stelle gerührt hatten. Die Salbe hatte nur diese starken
+Träume bewirkt und ausgelöst.
+
+Als Ort der Hexenzusammenkünfte war gewöhnlich ein hoher Berg
+ausersehen oder eine tief in der Erde verborgene Höhle; die Gruft toter
+Mörder. Auf ihrem Ritt durch die Lüfte, bedienten sie sich auch der
+Harken und Böcke.
+
+Der Teufel zeichnete seine Knechte und Dienerinnen mit besonderen
+Mälern, Auswüchsen und Beulen; stach man in solch ein Satansmal hinein
+-- die Richter taten es stets --, so gaben sie, wenn man wirklich
+Teufelsmägde vor sich hatte, kein Blut von sich.
+
+Es wurde schon erwähnt, daß nicht nur das gemeine Volk von solchen
+abergläubischen Vorstellungen durchsetzt war, sondern auch die
+Aristokratie des Landes bis hinauf zum Könige.
+
+Alle aus jener Zeit veröffentlichten Akten, Bücher und Briefe sprechen
+fortwährend von Marter, Folterbank, Hängen, Rädern, Köpfen; aber es
+wird dabei nicht sehr viel Gemüt verschwendet. Stirbt jemand plötzlich,
+so denkt man in den meisten Fällen an Giftmord; natürliche Ursachen
+scheinen ausgeschaltet. Ein Sprichwort jener Tage lautet: »Wer mit
+dreiundzwanzig Jahren nicht starb, mit vierundzwanzig nicht ertrank,
+und mit fünfundzwanzig nicht gemordet wurde -- muß Gott für das Wunder
+danken«. Wird jemand aus nicht deutlich erkennbaren Ursachen krank
+oder zeigt jemand einen besonderen Grad von Leidenschaft, so denkt man
+zuerst an Zauberei. Man verachtete und verdammte zwar die Zauberer und
+Zauberinnen, aber man glaubte an sie.
+
+Wenn man sich nicht vorsah, hatten einem die verschrienen Weiber, die
+es mit dem Satan hielten, die schönste Krankheit angehext. Sogar
+Luther schrieb an den Kurfürst Johann von Sachsen: »Keine Krankheit
+kommt von Gott, der gut ist und jedermann alles Gute tut, sondern kommt
+vom Teufel, der alles Unglück stiftet und anrichtet.« Die Hexen, die
+Wurzeln des Übels, mußten also mit Feuer ausgerottet werden, sowie
+man Baumwurzeln ausrodet. Die Ärzte jener Zeit, die den behexten
+Kranken weder Rat noch Heilung zu bringen vermochten, riefen in ihren
+medizinischen Werken mit vereinten Kräften nach dem Henker. Sie sind
+von der Teufelskraft der Hexen durchdrungen und verlangen im Namen
+der ganzen Menschheit deren Tod durch Feuer und Wasser. Sie halten es
+geradezu für ein Verbrechen, wenn die christliche Obrigkeit sich nicht
+bemüht, diese Ungeheuer vom Erdboden zu vertilgen.
+
+Und in der Tat war ja auch der Hexenprozeß durch die immer häufiger
+werdenden Anklagen wegen Zauberei endlich eine weltgeschichtliche
+Einrichtung geworden; am Ebro wie am Rhein, an der Themse wie an
+der Seine, in den Alpen wie an den Meeresküsten, in katholischen
+wie in protestantischen Ländern loderten die Scheiterhaufen für
+denselben Wahn. Im Kurfürstentum Trier allein wurden in wenigen Jahren
+sechstausendfünfhundert Menschen, im Brandenburgischen zwölfhundert,
+im Würzburgischen zweihundert und in Lothringen neunhundert Menschen
+hingerichtet, die der Zauberei angeklagt waren.
+
+Die Grausamkeit, mit welcher die Hexen gefoltert wurden, kannte
+keine Grenzen. Unter den Marterinstrumenten kommen die Presse, die
+Schraube, Stricke, der Bock, das Pferd, die Leiter, das Halsband,
+der spanische Kragen, der dänische Mantel, die englische Jungfrau,
+die braunschweigischen Stiefel und andere fürchterliche Dinge vor,
+die die Qual des Verurteilten in niederträchtig raffinierter Weise
+verlängerten. Man goß ihnen siedend-heißes Öl oder auch Teer auf die
+nackten Gliedmaßen, trieb ihnen Nägel unter die Fußnägel, röstete
+sie mit brennenden Kerzen unter den Armen, hing sie an ihren Zöpfen
+tagelang auf.
+
+Um die Hexen leichter zum Bekenntnis zu bringen, wurde ihnen vom
+Henker die Hexensuppe gereicht: ein Getränk aus Bier, geriebenem Brot,
+Hechtgalle, schwarzem Kümmel, gestoßenen Knochen verbrannter Hexen, das
+Ganze stark gesalzen. Sie mußten ein Hemd aus Werg anziehen, das an
+einem Tag gesponnen, gewebt und genäht worden war. Ein Amulett wurde
+ihnen umgehängt.
+
+Wenn die Angeklagten wirklich Hexen waren und mit dem Satan im Bunde
+lebten, so hätte er sie ja auch aus der Hand der Richter befreit, hätte
+ihnen die Folter erspart und sie vom Scheiterhaufen errettet -- dieser
+sehr einfache Gedanke wurde von den Einsichtigen immer wieder, aber
+freilich vergeblich, den verblendeten Richtern, Priestern und Bütteln
+vorgehalten. Es fiel den Abergläubischen auch nie auf, daß die als
+Hexen Verschrienen häufig ~alte~, ~arme~ Weiber waren, was
+sie ja nicht gewesen wären, wenn sie vom Teufel Jugend und Reichtum
+verlangen konnten, und daß keine einzige Hexe versucht hatte, sich vor
+Gericht unsichtbar zu machen, obwohl man sie doch gerade ~dieser~
+teuflischen Kunst wegen verbrannte.
+
+In dieser Zeit, in der solche Vorstellungen aber im Schwange waren,
+lebte auch die Jungfrau von Orleans und wir werden jetzt sehr viel
+leichter verstehen, warum auch sie endlich dem Aberglauben ihrer
+Zeitgenossen zum Opfer fallen mußte.
+
+ * * * * *
+
+Johanna war am Dreikönigstage, dem 6. Januar 1412 im Dorfe Domremy, am
+linken Ufer der Maas, geboren. Sie war oft Zeuge, wie sich die Kinder
+ihres Dorfes für die Sache des Königs mit denen des nahen Dorfes Maxey
+schlugen, das zur englischen Partei hielt. Sie wuchs still und fromm
+auf, von ihrer Mutter Isabella häuslich erzogen. Ihr Vater, Jakob,
+war Bauer mit einem kleinen Vermögen. Von einer jüngeren Schwester
+Katharina, sowie von dem ältesten Bruder Jakob wird wenig erzählt; die
+beiden anderen Brüder, Johann und Peter, folgten Johanna später in den
+Krieg. Ob sie als Kind die Herde gehütet, konnte sie sich später nicht
+entsinnen. Wohl aber rühmte sie sich im späteren Verhör zu Rouen, daß
+ihre Mutter sie nähen gelehrt habe und daß es in ganz Rouen wohl keine
+Frau gäbe, die ihr darin etwas zu zeigen habe. Lesen und schreiben
+konnte sie nicht; den Religionsunterricht erhielt sie allein von ihrer
+Mutter. Er beschränkte sich auf das Vaterunser, das Ave Maria und
+das Kredo. Alle Zeugen aus ihrem Hause rühmten ihr gutes Herz; sie
+pflegte die Kranken und beschenkte die Armen. Sie war so mildtätig und
+gutherzig, daß die Vögel ihr aus der Hand pickten.
+
+Daß Wundergeschichten und Legenden auf sie eingewirkt haben, ist
+ziemlich sicher anzunehmen. Von einem nahen Walde bei Domremy gingen
+allerlei Sagen, daß dort Feen hausten und daß sie besonders eine Quelle
+bei einer Buche liebten, die man den »Baum der Damen« nannte. An ihren
+Zweigen hingen die Kinder geweihte Kränze auf. Daneben lief eine alte
+Prophezeiung des Zauberers Merlin durch die Lande, die besonders in
+Johannas Heimat so erzählt wurde: Durch eine Frau sei Frankreich
+zugrunde gegangen -- gemeint war die verschwendungssüchtige, sittenlose
+und intrigante Königin Isabella --, durch eine Jungfrau werde es wieder
+gerettet werden.
+
+Zu alledem gesellten sich die Schrecken des Krieges; arme Flüchtlinge
+kamen ins Dorf, denen Johanna ihr Bett abtrat, um selbst auf dem
+Getreidespeicher zu schlafen. Einmal mußte auch Johanna mit ihren
+Eltern und Nachbarn vor den wilden Kriegshorden flüchten, und als sie
+zurückkehrten, war das Dorf verwüstet, ihr heimatliches Haus zerstört,
+die Kirche niedergebrannt.
+
+Johanna empfand das Schreckliche und Barbarische des Krieges inniger
+und schmerzvoller als die andern. Sonst merkte man ihr nichts
+Außerordentliches an. Sie war nur in sich gekehrt und sehr schüchtern.
+Und vielleicht war nur das eine an ihr auffällig, daß sie oft zur
+Kirche ging und beichtete, obwohl sie noch ein Kind war und nichts zu
+beichten haben konnte.
+
+Sie war erst zwölf Jahre alt. Die bayerische Isabella hatte durch den
+Vertrag von Troyes 1420 Frankreich an den König von England verraten,
+indem sie Heinrich V. von England zum Erben Frankreichs einsetzte und
+ihm ihre Tochter Katharina zur Gemahlin gab. Karl VI. von Frankreich
+war 1422 gestorben und sein Sohn, der rechtmäßige Nachfolger, irrte,
+um sein Reich betrogen, machtlos von Stadt zu Stadt und von Schloß
+zu Schloß. Da war Johanna an einem Sommertag, an dem gefastet werden
+mußte, mittags im Garten des elterlichen Häuschens, als sie plötzlich
+einen Heiligenschein gewahrte, aus dem sie eine Stimme vernahm, die
+also sprach: »Johanna, sei immer und immer ein gutes, folgsames Kind
+und gehe oft zur Kirche!« Johanna erschrak sehr; die Stimme kehrte aber
+öfters wieder. Der Heiligenschein nahm immer mehr körperliche Gestalt
+an, bis Johanna später in der Lichterscheinung den Erzengel Michael
+erkannte.
+
+Sie wuchs, wurde kräftig und schön, voll sanfter Milde und es ging
+ein Zauber von ihrer Erscheinung aus, mit dem sie in der Folge den
+wildesten Krieger beschämen und umwandeln konnte. Aber sie blieb
+dennoch das Kind, das sie war, obwohl ihr Geist reifte und immer
+hellseherischer wurde. Die Stimmen, die in ihr sprachen, wurden in
+demselben Maße, wie sich das Elend des Landes steigerte, immer lauter
+und eindringlicher. »Johanna!« mahnte es in ihr, »eile dem König von
+Frankreich zu Hilfe und du wirst ihm sein Königreich zurückerobern.«
+Und sie antwortete zitternd und zag: »Gestrenger Herr, ich bin nur ein
+armes Mädchen, ich kann weder reiten, noch Reisige führen.« Die Stimme
+erwiderte: »Geh zu Baudricourt, dem Hauptmann von Vaucouleurs, der wird
+dich zum König führen lassen. Die heilige Katharina und die heilige
+Margarete werden dir beistehen.« Da blieb sie bestürzt stehen und
+weinte, als hätte sie ihr ganzes Schicksal schon vor Augen gesehen. Der
+heilige Michael erschien ihr aber wieder und flößte ihr Mut ein. Er
+sprach zu ihr von dem Jammer, der in Frankreich laut wurde; dann kamen
+die heiligen Frauen von himmlischem Glanz umgeben und sprachen zu ihr
+mit rührender Stimme, daß sie in Tränen ausbrach.
+
+Und nun begann in ihrem Innern ein harter schmerzlicher Kampf, der fünf
+Jahre dauerte. Das fromme, schüchterne und arbeitsame Kind sollte die
+traute Heimat, die Gespielinnen der Jugend und den väterlichen Garten
+verlassen; sollte nicht mehr die Stimmen der Eltern und Geschwister
+vernehmen, sondern nur noch die erschütternden Stimmen der Heiligen.
+Das Kind, das bei jedem Wort, das ein Mann zu ihm sprach, errötete,
+sollte in das wilde Kriegsgetümmel, sollte sich unter die rauhen
+Soldaten mischen, unter diese wilden, groben, ungebildeten Leute,
+die mit schreiend bunten Gewändern und mit dreister Rede prahlten,
+die nur danach trachteten, so trunken als möglich zu sein und sich
+reichste Beute zu sichern. Und vor allem mußte Johanna, um den inneren
+Stimmen zu folgen, dem geliebten Vater ungehorsam werden, der, als
+er zum ersten Male von Johannas Vorhaben hörte, zornig in die Worte
+ausbrach: »Wenn ich glauben könnte, daß sie so etwas täte, würde ich
+sie mit meinen eigenen Händen ertränken.« Er fürchtete um sein Kind,
+weil er wußte, daß man nicht an ihre inneren heiligen Stimmen glauben,
+sondern sie bald für eine Teufelshexe erklären würde. Und wir wissen ja
+nun, welch ein Los ihrer als Hexe in der damaligen Zeit harrte. Aber
+das alles half nichts. Die Stimmen drängten sie immer mächtiger zum
+Schlachtfelde.
+
+Um sie von ihrem Gedanken abzubringen, griffen die verzweifelten Eltern
+zu einer List. Man wollte sie durch eine Heirat zur Vernunft bringen.
+Ein junger Mann aus dem Dorfe fand sich bereit, zu erklären, sie habe
+ihm, als sie noch klein war, die Ehe versprochen, und da Johanna es
+natürlich ableugnete, ließ er sie vor das Kirchengericht nach Toul
+berufen; man glaubte, daß sie nicht wagen würde, sich zu verteidigen
+und sich lieber zur Heirat verurteilen lassen würde. Aber man irrte
+sich. Sie erschien vor Gericht, verteidigte sich und gewann ihre
+Freiheit.
+
+Die Angehörigen widersetzten sich noch immer ihrem Entschlusse. Aber es
+war ihr inzwischen gelungen, ihren Onkel von ihrer himmlischen Sendung
+zu überzeugen. Und er nahm sie mit sich in sein Dorf Petit-Burey
+(Burey-la-Côte), das eine Stunde von Domremy entfernt war, und gab an,
+seine Frau bedürfe der Pflege Johannas. Die Eltern wußten zunächst noch
+nichts von dem festen Entschlusse der Tochter, denn sie hatte sich nur
+von einer kleinen Kameradin verabschiedet. »Und hätte ich hundert Väter
+und hundert Mütter gehabt und wäre ich eine Königstochter gewesen --
+da Gott es mir gebot, ~mußte~ ich fort,« antwortete sie später
+ihren Richtern in Rouen. Von ihrem Oheim ließ sich Johanna nun nach
+Vaucouleurs zu dem Ritter Baudricourt führen, mit dem sie am 23. Mai
+1428 zusammentraf. Sie wußte vorher, daß er sie abweisen würde; ihre
+»Stimmen« hatten ihr gesagt, daß es ihr erst zum dritten Male gelingen
+würde, sich Gehör zu verschaffen.
+
+Baudricourt war ein rauher Degen, der von niemand sonst Hilfe erhoffte,
+als von seiner Waffe. Er wußte nicht, was er sagen sollte, als in
+ihrem groben, roten Dorfkleide das Bauernmädchen vor ihm stand, und
+das nun mit fester Stimme erklärte, sie komme von ihrem Herrn gesandt,
+um dem Dauphin zu melden, daß dies Königreich des Herrn sei, daß
+aber der Dauphin zum König bestimmt sei und daß sie ihn würde salben
+lassen. Hauptmann Baudricourt lachte sich eins und gab dem Onkel
+den Rat, Johanna mit ein paar tüchtigen Ohrfeigen zu ihren Eltern
+zurückzuschicken.
+
+Der Sommer verging und der Herbst und der Januar 1429 kam heran.
+Johanna beklagte sich: »Und doch muß ich noch vor Mitfasten bei dem
+Dauphin sein, müßte ich mir auch, um zu ihm zu kommen, die Beine bis zu
+den Knien ablaufen. Denn für ihn gibt es keine andere Hilfe als mich,
+obgleich ich lieber bei meiner armen Mutter am Spinnrocken bliebe;
+denn das ist ja nicht eigentlich meine Arbeit. Aber ich muß gehen und
+es verrichten, denn mein Herr will es.«
+
+Allmählich ward das Volk von Johannas frommem Gottvertrauen bewegt
+und begeistert. Zwei Edelleute, Ritter de Metz und der Schildknappe
+Bertrand de Poulengy hatten sich ebenfalls Johanna angeschlossen.
+Baudricourt hatte inzwischen von Karl, der in Chinon weilte, die
+Genehmigung erhalten, Johanna ins Feld zu schicken. Das Volk drängte
+immer heftiger und als die Gottgesandte endlich noch die Niederlage
+bei Rouvray auf den bestimmten Tag vorausgesagt hatte, ließ er sie mit
+einem recht schlechten Schwert abziehen. Außer den beiden Edelleuten
+begleiteten sie noch zwei Bogenschützen, des Königs Bote und ihr Bruder
+Peter. Die Bürger von Vaucouleurs steuerten sie aus und ihr Onkel
+kaufte ihr ein Pferd.
+
+So ritt sie etwa am 20. Februar 1429 fort, mitten in das von den
+Kriegsbanden unsicher gemachte Land hinein, nachdem sie vorher ihre
+Eltern brieflich noch einmal um Verzeihung gebeten hatte.
+
+Mit ruhiger Heiterkeit durchzog sie das wüste Land. Sie trug nun
+männliche Kleidung, um sie nie wieder abzulegen. Und dennoch schien
+sie anmutig und mädchenhaft. Sie bewahrte ihre kindliche Einfalt und
+Frömmigkeit und hielt in jedem Städtchen an, um die Messe zu hören.
+Manchmal sank den Begleitern der Mut oder sie verloren die Geduld
+ob der Gebetsverzögerungen; aber Johanna wußte sie immer wieder zu
+trösten. Sie überschritt endlich die Loire und kam am 6. März in
+Chinon an, wo der König in seinem weitläufigen Schlosse Hof hielt. Man
+zögerte zwei Tage lang, ehe man sie empfing; der König glaubte, sich
+lächerlich zu machen. Seine Lage war freilich eine verzweifelte, aber
+einem Bauernmädchen die Führung des Krieges zu überlassen, war doch
+eine Selbstverspottung in den Augen Europas. Aber gesetzt auch, sie
+konnte Wunder tun, wer bürgte dafür, daß Gott mit ihr im Bunde war?
+Vielleicht war es der Böse? Nein, die Geschichte war zu unglaublich.
+Der Erzbischof von Reims hatte die stärksten Bedenken. Aber am 9. März
+empfing sie der Dauphin dennoch.
+
+Es war Abend, und fünfzig Fackeln erleuchteten den prunkenden Saal.
+Alle Edlen und Ritter waren versammelt. Jeder war neugierig, das
+Wunder zu sehen. Sie trat bescheiden ein und erstaunte keineswegs
+ob der glänzenden Menge. Sofort erkannte sie den König, der sich
+unter die Ritter gemengt hatte, um unerkannt zu bleiben und obwohl
+er anfangs geleugnet hatte, daß er der König sei, umfaßte sie seine
+Knie und sprach: »Edler Dauphin, mein Name ist Johanna, die Jungfrau.
+Der König der Himmel offenbart Euch durch mich, daß Ihr in der Stadt
+Reims gesalbt und gekrönt werden sollt und daß Ihr der Statthalter des
+Königs der Himmel, der da ist der König von Frankreich, sein werdet.«
+Der König nahm sie zur Seite und nach einer kurzen Unterhaltung hatte
+sie ihm die geheimsten Gedanken seines Herzens offenbart. Trotzdem
+mißtraute man ihr und ließ sie von Professoren der Theologie einem
+Verhör unterwerfen. Der eine fragte sie: »Wozu braucht Gott denn
+Kriegsleute, wenn er Frankreich erretten will?« Sie antwortete
+ruhig: »Die Kriegsleute werden sich schlagen, und Gott wird den Sieg
+verleihen.« Ein anderer Theologe, der einen häßlichen Dialekt sprach,
+fragte: »In welcher Sprache reden denn deine Stimmen?« und Johanna
+gab schlagfertig zurück: »In einer besseren als die Eure.« »Gott will
+nicht, daß man dir ohne Zeichen glaube,« rief ein Dritter zornig aus.
+Johanna sagte: »Ich bin nicht gekommen, um Zeichen und Wunder zu tun;
+mein Zeichen wird sein, daß ich die Belagerung von Orleans aufhebe.«
+
+Man konnte nicht fertig mit ihr werden und ließ sie in Ruhe. Es war
+auch kein Augenblick mehr zu verlieren, denn die Gefahr hatte ihren
+Gipfel erreicht. Man entschloß sich nun, die Jungfrau auszurüsten. Sie
+verlangte ein Schwert, das sie genau beschrieb und das, wie sie angab,
+hinter einem Altare gefunden wurde. Ihr militärisches Gefolge bestand
+aus dem Schildknappen Ritter Jean d'Aulon, dem Pagen Immergut, zwei
+Herolden, einem Hausmeister und zwei Dienern. Zum Feldpriester wählte
+sie sich den Augustinermönch Jean Pasqueral. Ihr Bruder Peter blieb bei
+ihr.
+
+[Illustration: Johannas Geburtshaus in Domremy.]
+
+Jetzt verabschiedete sie sich vom König. In Tours ließ sie sich noch
+eine Fahne malen, wie ihre »Stimmen« sie ihr beschrieben hatten:
+Lilien auf der einen Seite, auf der anderen Gott, auf einem Regenbogen
+thronend. Und nun zog sie in den Kampf.
+
+ * * * * *
+
+Des Weges unkundig, hatte sie sich der Führung der Kriegshauptleute
+überlassen. Sie zogen auf dem linken Ufer der Loire nach Orleans.
+Am 29. April erblickte Johanna zum ersten Male die Türme der Stadt.
+Im nahen Schlößchen Reuilly rastete Johanna bis zum Abend. Und am
+selben Abend acht Uhr, Freitag, den 29. April, zog Johanna durch das
+burgundische Tor in Orleans ein. Sie war noch nicht siebzehnundeinhalb
+Jahre alt. Die ganze Stadt war ihr entgegengegangen. Ihr Schildknappe,
+die Fahne tragend, schritt voran und neben Johanna, die in voller
+Rüstung auf weißem Rosse saß, schritt ihr Page Immergut. Links von
+ihr ritt der königliche Vetter Graf Dunois, der Bastard von Orleans,
+und hinter ihr kamen ihre Brüder; Herren und Ritter folgten, Knappen,
+Hauptleute, Schöffen der Stadt. Freudetrunken umringte sie das Volk,
+das mit Fackeln ihren Weg beleuchtet hatte. Männer, Frauen und Kinder
+drängten sich an sie heran, um sie zu berühren.
+
+Die belagerte Stadt jubelte, als sei sie bereits entlagert; eine
+himmlische Beruhigung senkte sich auf alle Gemüter. Nach sieben Monaten
+des Kampfes war dieser liebliche Engel erschienen, um ein Wunder zu
+vollbringen. Denn die Engländer, von dem Ereignis ganz bestürzt,
+hielten sich in ihren Bastillen verschanzt. Sie sahen dem Zuge der
+Jungfrau wie betäubt zu und wagten keinen Angriff.
+
+Am folgenden Morgen eilte sie zum Bastard und verlangte den Sturm auf
+die englischen Verschanzungen; aber der Kriegsrat folgte ihr nicht.
+Von der Brücke aus ruft sie nun den drüben verschanzten Engländern zu,
+sich zu ergeben, aber die lachen die Jungfrau nur aus, obwohl sie im
+geheimen Angst haben vor der »Zauberin«.
+
+Und jetzt beginnt ein wütender Kampf. Eine Schlacht nach der andern
+wird geschlagen, ein Sturm nach dem andern wird gelaufen. Und Johanna,
+das kaum achtzehnjährige Mädchen, ist stets die mutige Anführerin, der
+Feldherren und Soldaten blindlings folgen. Vom 2. bis 5. Mai ist sie
+fast immer im Felde, immer in der Rüstung und zu Roß; nur ab und zu
+wirft sie sich nieder, um inbrünstig um Sieg zu beten und eine kleine
+Weile zu ruhen. Und am 6. Mai endlich ist der Sieg zu Gunsten der
+Franzosen entschieden. Von den etwa achthundert Engländern sind kaum
+zweihundert übrig, während die Franzosen nur geringe Verluste erlitten
+haben. Aber als die letzte Schlacht, die dreizehn Stunden gedauert hat,
+glücklich vorüber ist, vergießt Johanna Tränen des Glücks über den Sieg
+und Tränen des Mitleids mit den Gefallenen, die ohne Beichte starben.
+Nun begann der Triumphzug in die Stadt. Glocken läuteten, Trompeten
+schmetterten Siegesfanfaren, Jubelgeschrei erhob sich, Segenswünsche
+wurden laut. Die Jungfrau wurde in die Wohnung geleitet, wo sie zu
+Gaste war. Ein großes Festmahl war ihr gerüstet, aber sie nahm nur
+einige Brotschnitten zu sich, die sie in weinvermischtes Wasser tauchte.
+
+In der Nacht räumten die Engländer noch die letzten Bastillen. Am
+folgenden Morgen verkündeten die Turmwächter, daß sich das feindliche
+Heer auf dem Felde in Ordnung stelle. Johanna und der Bastard von
+Orleans eilten mit ihren Truppen hinzu. Man fragte Johanna, was man
+tun solle. »Die Messe hören,« antwortete sie. Sie ließ einen Tisch
+bringen, den sie zum Altar schmückte, und der Gottesdienst begann. Als
+er zu Ende war, fragte Johanna, wohin die Engländer den Kopf wendeten.
+»Nach Meung zu,« war die Antwort. »Beim Namen Gottes,« sagte nun die
+Jungfrau, »sie ziehen ab; laßt sie ziehen; wir wollen dem Himmel
+danken und sie nicht weiter verfolgen, denn es ist heute Sonntag.« In
+patriotischer Stimmung beschlossen die Bürger und Frauen der Stadt den
+denkwürdigen Tag durch eine feierliche Prozession.
+
+Das eine Gebot der himmlischen Stimmen, Orleans zu befreien, war nun
+erfüllt. Es blieb ihr noch das andere: den König nach Reims zu führen
+und ihn zu krönen.
+
+Am 10. Mai verließ sie Orleans und ging nach Loches, wo der König
+weilte, um ihn zu dem Zuge nach der Krönungsstadt zu drängen. Aber sie
+stieß auf Widerstand, der allerdings berechtigt war. Denn die Engländer
+hatten noch eine Menge Plätze an der Loire besetzt, aus denen sie erst
+hätten vertrieben werden müssen. Die Jungfrau fügte sich dem neuen
+Kriegsunternehmen und begann den Feldzug an der Loire.
+
+Am 12. Juni fiel ~Jargeau~. Der Herzog von Alençon zögerte mit
+dem Sturm; es sei noch nicht Zeit, meinte er. »Es ist immer Zeit,«
+antwortete Johanna, »sobald es Gott will. Aber hast du Angst, artiger
+Herzog? Weißt du nicht, daß ich deiner Frau versprochen habe, dich
+unverletzt heimzuführen?« Solcher Rede widerstand er nicht, und so
+wurde Jargeau gestürmt. Johanna versöhnte auch die königliche Partei
+mit dem am Hofe verhaßten mürrisch-stolzen Konnetabel Artus de
+Richemont, der der Jungfrau erst hatte geloben müssen, treu dem Könige
+zu dienen. Mit seiner Hilfe wird ~Beaugency~ bei Blois am 17. Juni
+genommen. Jetzt verlassen die Engländer auch Meung und am 18. Juni
+werden sie bei Patay in der Beauce so gründlich geschlagen, daß die
+Loire von jetzt an für immer von ihnen befreit bleibt. An demselben
+Tage wurde auch der mächtige englische Feldherr Talbot gefangen.
+
+Während man sich der reichen Herren bemächtigte, um ein bedeutendes
+Lösegeld zu gewinnen, wurde das arme Kriegsvolk einfach
+niedergemetzelt. Etwa zweitausend Tote bedeckten das Schlachtfeld, und
+Johanna brach, beim Anblick so vieler Leichen, in Tränen aus. Trotz
+allem war sie ein Kind geblieben; die Kriegsgreuel hatten ihr Herz
+nicht verhärtet. Ein französischer Soldat hieb neben ihr unbarmherzig
+einen armen Engländer nieder, der ihn um Gnade anflehte. »O du böser
+Franzose,« rief Johanna erschüttert aus, sprang vom Pferde, richtete
+den Verwundeten auf, pflegte und tröstete ihn und erleichterte ihm
+seine Sterbestunde.
+
+Und nun unternimmt sie den Triumphzug nach Reims. Die Höflinge setzten
+ihrem Plane zwar noch immer Widerstand entgegen und rieten, man müsse
+erst noch dieses Städtchen nehmen, dann jenes; müsse die Normandie erst
+vom Feinde säubern; aber Johanna beharrte auf ihrem Entschluß, den
+König vor dem Volke zu weihen. Das Volk selbst, das von den Wundertaten
+der Jungfrau begeistert war, riß den König mit fort und drängte ihn
+endlich, in den Zug nach Reims zu willigen. Johanna war nach Orleans
+geeilt, um neue Truppen zu sammeln, aber als sie zum königlichen Hof
+nach Gien zurückkehrte, war man dort schon wieder unschlüssig geworden.
+Die Höflinge fürchteten sich vor jedem Mauerloch, in dem man ein paar
+Engländer vermutete. Aus Verdruß über diese armseligen Menschen verließ
+sogar Johanna den Hof und blieb zwei Tage außerhalb der Stadt. Nur
+eins entschuldigte die Feigheit des Hofes: es war kein Geld in der
+königlichen Schatzkammer. Aber Volk und Ritter waren so entflammt,
+daß sie erklärten, auf ihre eigenen Kosten ins Feld ziehen zu wollen,
+wenn Johanna sie anführe. Nun mußte der Hof sich fügen und zog in die
+Richtung nach Reims. Am 5. Juli kam man vor der Stadt ~Troyes~
+an, die sich weigerte, die Tore zu öffnen oder gar auf die Briefe
+des Königs und der Johanna hin, sich zu ergeben. Die ängstlichen
+königlichen Räte machten wieder den Vorschlag, sich an die Loire
+zurückzuziehen. Aber Johanna flehte den König an, sich nur drei Tage zu
+halten; in dieser Frist verspreche sie ihm, die Stadt entweder durch
+Liebe oder durch Waffen zu gewinnen. Man rüstete zum Angriff, der keine
+drei Tage dauerte. Die Waffentaten von Orleans hatten ihre Wirkung auf
+die Bürger von ~Troyes~ nicht verfehlt. Sie verlangten nur freien
+Abzug mit ihrer ganzen Habe. Der König gewährte das, dachte aber nicht
+an die Gefangenen, die die Troyesjeser auch mit fortschleppen wollten.
+Johanna war die einzige, die an diese Franzosen dachte, und sie setzte
+auch am 9. Juli ihre Befreiung durch.
+
+Und von nun ab gleicht der Zug in der Tat einem Triumphzuge.
+~Chalons~, von der Jungfrau aufgefordert, sich dem Könige des
+Himmels und dem Dauphin Karl zu ergeben, öffnet am 14. Juli seine
+Tore, und alle übrigen Festungen unterwegs tun das gleiche. Aus der
+Champagne und den Grenzorten eilt das Volk herbei, darunter Bürger
+aus Domremy, die Johanna freudig begrüßten. Ahnungsvoll sagt ihnen
+Johanna: »Ich fürchte nichts, als den Verrat.« Wieder ist der Hof
+voller Besorgnis; es fehlt an Geld, es fehlen Geschütze, um Reims zu
+nehmen. »Fürchtet nichts,« sagt Johanna zum Dauphin; »die Bürger werden
+sich Euch ergeben, noch ehe Ihr ankommt und Euch entgegengehen.« Und
+es war so gekommen, wie sie es in ihrem unbegrenzten Gottvertrauen
+vorausgesagt hatte. Die Bürger schickten die Ältesten und Vornehmsten
+dem Dauphin entgegen, und am Abend des 16. Juli zog Karl in Reims ein.
+Eine wundersame Rührung überkam Johanna. »Wenn ich sterben soll,«
+rief sie, »wäre ich recht glücklich, wenn man mich hier begrübe.« »Wo
+glaubst du einmal zu sterben?« fragte sie der Erzbischof. »Wo es Gott
+gefallen wird,« gab sie zurück; »ich möchte gern, daß es ihm gefiele,
+mich wieder heimziehen zu lassen zu meiner Schwester und zu meinen
+Brüdern; sie wären so froh, mich wiederzusehen. Ich habe wenigstens
+getan, was unser Herr mir geboten hat.«
+
+Am folgenden Tage, dem 17. Juli, wurde der König nach der uralten
+Zeremonie in der Kathedrale mit dem heiligen Öl gesalbt. Der Prunk
+war überwältigend, und die Volksmenge, die herbeigeströmt war, eine
+ungeheure. Während der ganzen Feierlichkeit stand Johanna in ihrer
+Rüstung am Altar neben dem König, ihre Gottesfahne in der Hand. Als
+der König gesalbt war, warf sich Johanna vor ihm nieder, umarmte seine
+Knie und weinte bitterlich, und alles Volk weinte mit ihr. »O König,«
+rief sie, »nun ist der Wille Gottes geschehen, der da wollte, daß ich
+Orleans befreite und Euch in Eure Stadt Reims führte, um das heilige
+Öl zu empfangen, zeigend, daß Ihr der wahre König seid, und Euch das
+Königreich Frankreich gehören soll.«
+
+In Reims sah Johanna auch ihren Vater wieder, der mit den andern
+herbeigeeilt war, sein Kind, das er abgöttisch liebte, zu umarmen.
+
+Aber was sollte sie nun, nachdem sie ihre Aufgaben erfüllt sah, tun?
+Sie blieb in den Diensten des Königs, obwohl die inneren Stimmen
+aufgehört hatten, zu sprechen. Sie dachte an ihr baldiges Ende, denn
+sie trug ihrem Beichtvater auf, den König zu bitten, wenn sie gestorben
+sein werde, Kapellen für diejenigen zu bauen, die für ihr Vaterland ihr
+Leben gelassen hatten. Das Wiedersehen Johannas mit ihren Eltern und
+Geschwistern hatte in ihr auch die mächtige Sehnsucht erweckt, in die
+Heimat zurückzukehren. Aber der König, der ihr so viel zu danken hatte,
+wollte sie nicht entlassen. Dazu kam der Rausch des Sieges und die
+Hoffnung, den Krieg rasch zu beenden. Alle Städte, vor denen der König
+erschien, öffneten ihm freiwillig ihre Tore. Es schien fast, als ob es
+keinen Engländer mehr in Frankreich gäbe.
+
+Da kam plötzlich die erste Niederlage, und der Verrat an der Jungfrau.
+
+Im August war der König mit dem Heere auf Paris losmarschiert; aber
+durch einen heimlich geschlossenen Vertrag hatte Karl VII. selbst den
+Sieg der Jungfrau gelähmt und ihr Leben preisgegeben. Am 28. August
+hatte der König mit den Burgundern einen Waffenstillstand auf vier
+Monate abgeschlossen. Johanna wurde von trüben Ahnungen erfüllt, als
+ihr im Lager vor Paris ihr geweihtes Schwert zerbrach; es war ihr, als
+ob Gott ihr damit ein Zeichen geben wollte, daß ihr Streiten im Dienste
+Frankreichs beendet sei. Trotzdem fand am 8. September ein Sturm auf
+Paris statt; es war das Geburtsfest der Jungfrau Maria. Die Franzosen
+wurden aber zurückgeworfen, und Johanna am Schenkel verwundet. Nun
+erhoben all die Zauderer und Feiglinge, die nur widerwillig Johanna
+gefolgt waren, ihre Stimmen, und der König hörte nur zu gern auf sie.
+Das Heer verließ die Provinz und zog sich an die Loire zurück. Das
+Drängen und Flehen der Jungfrau war umsonst. Nun hing sie ihre Rüstung
+unmutig vor den Reliquien der Abtei zu St. Denis auf und folgte dem
+Könige.
+
+Das war kein kriegerischer Heerzug mehr; der Rückzug glich einer
+unordentlichen Flucht. Ende September kam der König in Bourges an; dort
+heilte Johanna ihre Wunde. Jeden Morgen ging sie zur Frühmesse, Gott um
+neuen Sieg anflehend.
+
+Der Herzog von Alençon brannte darauf, sein Herzogtum in der Normandie
+wiederzugewinnen; er rüstete sich und bat den König, ihm die Jungfrau
+zu schicken, denn viele, die sonst gern mit ihm zogen, würden sich
+nicht von der Stelle rühren, wenn die Jungfrau nicht mitginge. Aber
+der engherzige und ehrgeizige falsche Erzbischof von Reims und mehrere
+Herren, die den Hof regierten, verwarfen den Vorschlag. Die Loire
+stromaufwärts waren noch einige Städte in den Händen der Burgunder;
+gegen diese willigte man ein, die Begeisterung Johannas zu benutzen.
+Es gelang ihr auch, fast schon von allen verlassen, im November die
+fliehenden Truppen zum Sturm auf St. Pierre-le-Moustier zu führen und
+den Platz zu nehmen. Aber die Belagerung von La Charité mißlang »zum
+großen Mißfallen der Jungfrau«. Kurz darauf, Anfang Dezember, versetzte
+der König die Jungfrau, ihre Eltern, ihre Brüder und deren Nachkommen
+unter dem Namen +~Du Lis~+ in den Adelstand. Johanna war
+nicht eitel, und ihre Erhebung in den Adel befriedigte nicht ihren
+Tatendrang, machte die Vorwürfe der Tatenlosigkeit nicht verstummen.
+
+Endlich am 28. März, des trägen Wartens am Hofe überdrüssig, reiste
+Johanna heimlich ab, ohne vom König Abschied zu nehmen und ging nach
+Ligny. Ihre Seele war krank vor Trauer, denn bald nachher hatte
+sie eine Erscheinung, die ihr Böses weissagte. Die innere Stimme
+verkündigte ihr, daß sie noch vor dem Johannisfeste in die Hände des
+Feindes fallen würde; daß dies unvermeidlich wäre; daß sie darüber
+aber nicht erschrecken, sondern im Gegenteil dieses Kreuz dankbar aus
+der Hand Gottes hinnehmen sollte, da ihr Gott auch die Kraft geben
+würde, es zu tragen. Johanna flehte zu ihren Heiligen, sie möchten Gott
+bitten, ihr die Schmerzen einer langen Gefangenschaft zu ersparen und
+sie durch einen schnellen Tod in sein heiliges Paradies aufnehmen zu
+wollen. Aber die Heiligen offenbarten ihr nichts weiter; Geduld und
+Schickung in ihr Los rieten ihr die Stimmen. Johanna vertraute ihre
+Ahnungen keinem an.
+
+Der unglückselige Tag nahte heran. Es war am 23. Mai 1430. Der Herzog
+von Burgund belagerte Compiègne an der Oise, das sich für Karl VII.
+erklärt hatte. An diesem Tage hatte sich Johanna in die Stadt geworfen
+und machte einen Ausfall. Anfangs wichen die Belagerer, dann aber
+sammelten sie sich wieder und trieben die Belagerten in die Stadt
+zurück. Die Jungfrau war zurückgeblieben, um den Rückzug zu decken.
+Als sie in die Stadt wollte, war das Tor schon geschlossen. Sie wurde
+von den nachdringenden Feinden erkannt, ein Pikarder Bogenschütze riß
+sie vom Pferde. Der Bastard von Vendôme ergriff sie und verkaufte sie
+an Johann von Ligny, einen Lehnsmann des Burgunderherzogs. Sie war
+nun Kriegsgefangene und nach dem Kriegsrecht unverletzlich, noch dazu
+als Jungfrau dem besonderen Schutze der Ritter anvertraut. Aber man
+achtete weder Gesetz, noch Recht, noch Sitte. Das feindliche Lager
+jubelte ausgelassen und um die arme Johanna begann ein unerhörter
+Judasschacher. Sie war verraten, und sie sollte nun den Schmerz, als
+Jungfrau in Feindeshand zu sein, bis zur bitteren Neige auskosten.
+
+Allerlei politische Streitigkeiten, allerlei niedrige Interessen um
+Länderbesitz ließen es den englischen Bischöfen und besonders dem
+ehrgeizigen Kardinal von Winchester als wünschenswert erscheinen,
+die Jungfrau von Orleans als eine Hexe, die mit dem Teufel im Bunde
+stand, anzuklagen. Glückte es, diese Klage durchzufechten, so stand
+ihr jenes fürchterliche Los bevor, das wir eingangs dieser Schilderung
+dargestellt haben. Ein dienstwilliges Werkzeug bot sich in dem Bischof
+Cauchon von Beauvais dar, den seine Bürger 1429 bei Karls Triumphzug
+vertrieben hatten, und der nun Rache nahm, indem er sich mit Leib und
+Seele den Engländern ergab, um die Jungfrau zu Fall zu bringen.
+
+Schon am 26. Mai ging auf Betreiben Winchesters vom Inquisitionsgericht
+eine Aufforderung an den Herzog von Burgund, die Jungfrau als
+der Zauberei verdächtig auszuliefern. Dieselbe Aufforderung kam
+gleichzeitig von der Pariser Universität. Und am 12. Juni verkündigte
+ein königlicher Brief an die Universität, daß der Bischof Cauchon und
+der Inquisitor den Prozeß gemeinschaftlich führen würden. Jean de Ligny
+hielt Johanna auf einem seiner Schlösser verborgen und Cauchon bot nun
+für ihre Auslieferung zehntausend Frank, »so viel, wie man für einen
+König oder einen Fürsten gibt«.
+
+Johanna sah mit Schaudern und Schrecken der Auslieferung an die
+Engländer entgegen. Sie bat ihre Schutzheiligen um Rat, aber die
+Stimmen gaben ihr nur die Antwort, daß sie leiden müsse. Zum ersten
+Male wurde sie nun ihren »Stimmen« ungehorsam und wollte fliehen.
+Sie sprang aus dem Turme und blieb halbtot liegen. Man hob sie auf,
+die Damen von Ligny pflegten sie; aber zwei Tage lang aß sie nichts;
+sie wollte sterben. Die Gemahlin de Lignys warf sich ihrem Gatten
+zu Füßen und beschwor ihn, sich durch die Herausgabe Johannas nicht
+für ewig zu entehren. Aber der Elende hatte schon das Blutgeld der
+Engländer empfangen und lieferte Johanna im Oktober seinem Lehnsherrn,
+dem Herzog von Burgund, aus. Der führte sie erst nach Arras, dann in
+den befestigten Turm von Crotoy. Hier sah sie das Meer, an dessen
+jenseitigem Ufer die Küste von England war. Ein gefangener Priester las
+hier jeden Morgen die Messe vor ihr, und sie betete inbrünstig.
+
+Eines Tages verkündigte sie, daß ihr der Erzengel die Befreiung von
+Compiègne auf den 1. November angezeigt habe. Und so traf es auch ein.
+Der Herzog von Burgund war selbst geschlagen worden. Diese Niederlage
+reizte seinen Stolz, und in seinem Zorn entschloß er sich, die Jungfrau
+an die Engländer auszuliefern.
+
+ * * * * *
+
+Johanna, noch nicht neunzehnjährig, mußte nun, sobald sie sich in
+den Händen ihrer Todfeinde befand, ihr Leben als abgeschlossen
+betrachten. Was ihrer nun wartete, war namenlose Qual, Verkennung,
+Schande, Hohn und grausamer Tod. Sie mußte ihre Sehnsucht nach der
+Heimat ersticken, alle Wünsche des jungen Herzens töten; denn jetzt
+umgaben sie die Mauern von Rouen, woraus ein Entrinnen unmöglich war.
+Sie, vor der sich das Königshaus und alle Prinzen verneigten, die mit
+jauchzender Begeisterung vom Volke vergöttert wurde, war nun den rohen
+Beschimpfungen der Priester und den Quälereien der Gefangenwärter
+ausgesetzt. Anfang Dezember 1430 war sie in dem festen Turm des
+Schlosses von Rouen eingekerkert worden, und ein Schlosser hatte vor
+Zeugen erklärt, er hätte Befehl erhalten, einen engen, eisernen Käfig
+für Johanna zu schmieden, worin sie an Hals, Händen und Füßen gefesselt
+lag und wo sie bis zum Beginn ihres Prozesses liegen mußte. Später
+hatte sie am Tage die Füße in eisernen Fesseln, die durch eine Kette
+an einem Holzklotz befestigt waren. Nachts wurden diese Fesseln noch
+vermehrt; eine besondere Kette umschloß noch ihren Leib.
+
+Man hatte anfangs versucht, sie als Hexe und Zauberin zu richten,
+aber die Juristen von Rouen fanden die Angaben, obwohl der feindliche
+Cauchon sie gemacht hatte, nicht genügend. Man eröffnete gegen sie
+nun einen Prozeß wegen Ketzerei. Der treibende böse Geist dieser
+Verhandlungen blieb Winchester, der Universität und Richter immer von
+neuem anstachelte. Johanna war unrettbar verloren, und König Karl, dem
+sie alles geopfert und alles gegeben, dem sie Sieg über Sieg und die
+Krone geschenkt hatte, tat nicht das geringste, um sie zu erretten.
+Nicht das geringste! Endlich, am 21. Februar, wurde Johanna vor ihre
+Richter geführt. Sie zeigte sich hier, wie damals im Verhör von
+Poiters, unerschrocken, verständig, fromm, unschuldig und kindlich.
+Der Bischof ermahnte sie, ohne Ausflüchte die Wahrheit zu sagen; sie
+entgegnete aber, sie werde nur auf Fragen antworten, über die sie
+sprechen könne. Am 22. und 24. Februar drang man aufs neue in sie;
+endlich versprach sie, zu sagen, was sie über ihren ~Prozeß~
+wüßte, aber nicht alles, was sie wüßte. Das Verhör und die Qual
+Johannas gestalteten sich zu einem herzergreifenden und erschütternden
+Drama. Sie bat, daß man ihr wenigstens die Fußfesseln abnehmen möchte,
+aber man entgegnete ihr, das sei deshalb unmöglich, weil sie öfters
+versucht habe, zu entfliehen. »Das habe ich wohl getan,« sagte sie,
+»aber das ist jedem Gefangenen erlaubt. Und würde ich entrinnen können,
+so dürfte man mich keiner Unredlichkeit zeihen, denn ich habe nichts
+versprochen.«
+
+Sie wurde über tausend Dinge ausgefragt, die gar nichts mit ihrem
+Prozeß zu tun hatten, und Johanna gab stets freimütige und furchtlose
+Antworten; alle boshafte Arglist wurde zu Schanden vor der Einfalt
+ihres kindlichen Gemütes. Die Richter wurden zuletzt ergriffen von
+der rührenden Gewalt dieser Unschuld, die weder lesen noch schreiben
+gelernt hatte und trotzdem den Gelehrten Antworten gab, über die sie in
+höchstes Staunen gerieten. Cauchon merkte, daß das ungünstige Urteil
+über sie wankend zu werden begann, und er zog es deshalb vor, nicht
+mehr im Saale des Schlosses zu verhandeln. Statt dessen ging er vom 10.
+bis 17. März in ihr Gefängnis, um dort im Beisein von zwei Zeugen und
+zwei Beisitzern die peinigenden Verhöre fortzusetzen.
+
+[Illustration: Die Straße der Jungfrau in Orleans mit Kathedrale.]
+
+Schon am Anfang des Prozesses hatte ein Ehrenmann, der Jurist Jehan
+Lohier, der gegen das Ungesetzliche des Prozesses protestiert hatte,
+fliehen müssen, um dem Tode zu entgehen. Es kam also in diesem Prozeß
+gar nicht darauf an, Recht und Unrecht zu prüfen, sondern Johanna in
+jedem Falle zu ~verurteilen~. Denn der schlimmste Vorwurf, den
+ihre Richter ihr zu machen hatten, war der, daß sie selbst im Kerker
+Mannestracht trug, die die Kirche bei Frauen als sündhaft verwarf. Das
+junge Mädchen aber schämte sich, zu sagen, daß sie diese Tracht
+nur zum Schutze vor den brutalen englischen Soldaten trug, die
+ihren Kerker bewachten, und denen Johanna ja auf Gnade und Ungnade
+ausgeliefert war. Ihr letzter Trost im Kerker war ihr Beichtiger
+Loyseleur. Er hatte sich für einen Anhänger Karls VII. ausgegeben und
+hatte allmählich das ganze Vertrauen Johannas gewonnen. Aber als Rat
+abgehalten wurde, ob man die Jungfrau der Folter unterwerfen solle,
+rieten nur drei Männer zu dieser Grausamkeit, und einer dieser drei
+Schufte war ihr Beichtvater Loyseleur.
+
+Unter solchen Martern und Leiden brach für Johanna die Osterwoche an.
+Der heiligste Tag des Mittelalters, der Ostersonntag, wurde von den
+fünfhundert Glocken Rouens festlich eingeläutet. Durch die Straßen der
+Stadt rauschte Leben und Lärm, während die Retterin des Landes und des
+Königs einsam und verlassen angeschmiedet im Kerker schmachtete. Der
+Bischof hatte ihr einen Fisch geschickt, durch dessen Genuß sie heftig
+erkrankte. Sie hielt sich für vergiftet. Der Hauptmann der Stadt geriet
+darüber in heftige Unruhe. »Der König möchte um nichts in der Welt, daß
+sie eines natürlichen Todes stürbe,« sagte der grausame Soldat; »der
+König hat die Jungfrau gekauft, sie kostet ihn genug. Sie soll durch
+die Justiz sterben, soll durch Feuer oder Wasser umkommen. Darum seht
+zu, wie ihr sie gesund macht.«
+
+Man pflegte sie denn auch, um sie nachher verbrennen zu können. Man
+pflegte sie, aber sie blieb schwach. In dieser Stimmung hoffte man, sie
+zu einem Widerruf ihrer göttlichen Sendung bewegen zu können, denn man
+wollte gern die Krönung Karls VII. als ein Werk des Teufels darstellen.
+Aber sie widerrief nichts. Was man ihr auch vorhielt, womit man ihr
+auch immer drohte, und wie sehr man sie auch quälte, sie verließ sich
+in allen Stücken auf Gott den Herrn.
+
+Man versuchte es nun mit Listen und Schrecken. Am 11. Mai ließ man
+den Henker in ihr Gefängnis kommen und erklärte ihr, daß man sie zur
+Folter führen würde, wenn sie nicht widerriefe. Aber sie widerrief
+nicht.
+
+Jetzt kam die Antwort der Pariser Universität an. Die Gelehrten hatten
+Johanna als eine Dienerin des Teufels erkannt; auf Grund dieser
+Erklärung wurde Johanna abermals ermahnt, sie antwortete aber: »Und
+wenn ich Henker und Feuer vor mir sähe und selbst wenn ich schon im
+Feuer wäre, ich könnte nur sagen, was ich schon gesagt habe.«
+
+Die Sache währte schon zu lange; man wollte ein Ende machen. Am
+23. Mai waren hinter einer Kirche auf dem Kirchhofe zwei Gerüste
+aufgebaut worden, auf denen die Kardinäle, die Richter, die Schreiber,
+die Gerichtsdiener, dreißig Beisitzer und die Folterknechte Platz
+genommen hatten. Notare waren zugegen, um die Geständnisse Johannas
+aufzuschreiben; ein Prediger saß dabei, um sie zu ermahnen. Am Fuße
+eines Gerüstes saß der Henker auf seinem Karren, bereit, jedem Winke
+zu folgen. Aber auch diese fürchterliche Zeremonie verfehlte ihren
+Eindruck auf Johanna; sie blieb gleich unerschrocken und standhaft.
+Endlich wurde ihr die Verdammungsakte vorgelesen. Und als man sie noch
+einmal vergeblich ermahnt hatte, zu gestehen, gerieten die Engländer
+in Wut, schrien über Verrat und erhoben einen so gewaltigen Lärm, daß
+Johanna verwirrt, bedrängt, bestürmt nachgab und, ohne recht zu wissen,
+was sie tat, an Stelle der Unterschrift ein Kreuz unter den Widerruf
+setzte. Sie war vollständig betäubt. Der Bischof Cauchon rief: »Führt
+sie nun hin, wo ihr sie hergenommen habt.«
+
+So unglaublich betrogen, den Engländern aufs neue preisgegeben, hatte
+sie keinen anderen Trost mehr als den Tod. Die Engländer verlangten
+immer grimmiger, daß Johanna sterbe. Sie waren in tierische Wut
+geraten. »Verbrennt die Hexe!« riefen einstimmig Soldaten, Lords,
+Feldherren und Kronbeamte.
+
+Der dreißigste Mai brach an, ein Mittwoch. Als sie durch den
+Beichtvater Martin Ladvenu, der gekommen war, um ihr den Tod
+anzukündigen und sie zur Buße zu ermahnen, erfahren hatte, welches Los
+ihr bestimmt war, und daß sie noch an demselben Tage sterben sollte,
+brach sie in lauten Jammer aus, rang die Hände und zerraufte sich die
+Haare. »O wie schrecklich und grausam man mich behandelt! Soll denn
+mein Leib, so ganz und gar rein und niemals entweiht, heute verbrannt
+und zu Asche verwandelt werden! Wehe! Wehe! Ich möchte lieber siebenmal
+enthauptet, als so verbrannt werden. Ich berufe mich auf Gott, den
+großen Richter, über das Leid und Unrecht, das man mir antut.«
+
+Sie beichtete und nahm das Abendmahl, das man ihr gab, obwohl man
+sie als »Ketzerin« und »Hexe« verurteilt hatte. Als Johanna nach der
+Kommunion den Bischof, der sie verraten hatte, gewahr wurde, sagte sie
+zu ihm: »Bischof, ich sterbe durch Euch!«
+
+Nun begann der Zug. Es war neun Uhr morgens, als sie in weiblicher
+Kleidung auf einen Karren geladen wurde. Neben ihr saßen der Priester
+Ladvenu und der Gerichtsdiener Massieu, der später für sie ausgesagt
+hat. Das Volk zitterte und weinte vor Teilnahme, aber mit ihren
+gezückten Schwertern hielten achthundert Engländer die Mengen in Ruhe.
+Johanna weinte und rief ein über das andre Mal: »O Rouen, Rouen! soll
+ich denn hier sterben?« Das war ihre einzige Klage. Sie murrte nicht
+gegen ihre Heiligen, die ihr Befreiung versprochen hatten, und klagte
+nicht über den König, der sie so schnöde verlassen hatte.
+
+Drei Gerüste waren aufgebaut. Auf dem einen saßen der Kardinal und der
+Bischof mit den Priestern, auf dem andern die Richter mit dem Amtmann,
+dem Prediger und der Jungfrau; das dritte war der Scheiterhaufen von
+Gips, auf dem ein wahrer Holzhügel aufgebaut war, damit Johanna langsam
+darauf verbrenne und dabei vom ganzen Volke gesehen werden könne.
+Zuerst hielt nun ein berühmter Gelehrter der Pariser Universität eine
+Predigt, und als diese beendet war, ermahnte der Bischof von Beauvais
+die Verurteilte, an ihr Seelenheil zu denken, sich ihrer Missetaten zu
+erinnern und Buße zu tun.
+
+Johanna kniete in innigem Gebete nieder. Sie vergab allen und bat, daß
+man auch ihr vergebe. »Betet für mich!« rief sie den Umstehenden zu.
+Die Priester bat sie, daß jeder eine Messe für sie lesen möchte, und
+von ihrer keuschen, gottergebenen Art waren alle bis zu Tränen gerührt.
+Sogar ihre Verräter und Todfeinde, der Bischof Cauchon, der Bischof von
+Boulogne und Winchester vergossen Krokodilstränen.
+
+Als die Richter ihre Rührung überwunden hatten, wurde Johanna laut die
+Verurteilung verlesen, und man übergab sie dem Henker. Sie bat um ein
+Kreuz. Ein Engländer machte ihr eins aus zwei Holzstäbchen; sie nahm
+es mit Dankbarkeit an, küßte es und barg es unter ihrem Gewande. Aber
+sie wünschte noch ein wirkliches Kirchenkreuz, um im Sterben den Blick
+darauf heften zu können. Man brachte ihr eins aus der nahen Kirche,
+und während sie es küßte, sprach ihr der Priester Isambart Trost zu.
+Inzwischen war es Mittag geworden, und die Hauptleute riefen: »Na, ihr
+Priester, wollt ihr uns hier Mittag halten lassen?«
+
+Und ohne zu warten, bis der Amtmann kraft des Gesetzes gesprochen
+hatte, schickten sie zwei Profose hinauf, die Johanna den Priestern
+entrissen. Sie wurde von den Soldaten ergriffen und zu dem Henker
+gezerrt. Dem sagten sie: »Tu dein Amt!« Diese greuelvolle, empörende
+Roheit gegen das wehrlose Opfer war so schrecklich anzusehen, daß viele
+Anwesende, darunter mehrere Richter, davonliefen, um nichts mehr zu
+sehen.
+
+Als sie oben auf dem Scheiterhaufen stand und nun die Menge und die
+Stadt überblickte, sagte sie nur: »O Rouen, ich habe große Angst,
+daß du um meinen Tod zu leiden haben wirst!« Nach dem Brauche des
+katholischen Mittelalters wurde sie nun an den Pfahl gebunden, und man
+setzte ihr die Ketzermütze auf, auf der die Worte standen: »Ketzerin,
+Rückfällige, Abtrünnige, Götzendienerin.« Nun zündete der Henker den
+Holzstoß an. Johanna sah es und stieß einen Schrei aus. Der Priester
+Ladvenu, der mit ihr hinaufgestiegen war, ermutigte sie; sie aber
+dachte gar nicht mehr an sich, sondern nur an die Gefahr, der sich der
+Priester aussetzte; sie hieß ihn hinabsteigen.
+
+Und jetzt, in diesem schrecklichen Augenblick, trat Cauchon an den Fuß
+des Scheiterhaufens und drang noch einmal in die Unglückliche, um ein
+Geständnis zu erhalten. Umsonst. Sie wiederholte nur, was sie diesem
+Bischof schon am Morgen gesagt hatte: »Bischof, ich sterbe durch Euch.
+Mein König ist an dieser Tat unschuldig.«
+
+Die Flamme züngelte empor. Und schon von den Flammen umlodert, rief sie
+noch: »Meine Stimmen waren von Gott; meine Stimmen haben mich nicht
+betrogen.« Aber als sich immer mehr Rauch entwickelte, vernahm man nur
+noch den Schrei »Jesus!« dann war sie still für alle Ewigkeit ...
+
+Zehntausend Menschen weinten. Nur ein paar besonders rohe Engländer
+lachten. Einer von ihnen hatte geschworen, eigenhändig ein Bündel
+Reisig zu den Flammen zu tragen; in dem Augenblick, als er es in die
+Lohe warf, gab Johanna den Geist auf. Der Soldat fiel um, und die
+Kameraden führten ihn in eine nahe Schenke, um ihn zu erfrischen. Er
+war ganz außer sich und sagte: »Als Johanna ihren letzten Seufzer tat,
+habe ich eine Taube aus ihrem Munde fliegen sehen.« Er erholte sich
+nicht mehr und starb bald darauf. Der Henker war ebenfalls entsetzt; er
+beichtete am Abend dem Priester Isambart, aber er fand dennoch keine
+Ruhe und konnte nicht glauben, daß Gott ihm je vergeben werde. Und
+ein Sekretär des Königs von England sagte, als er von der Hinrichtung
+zurückgekommen war, das, was wohl alle heimlich empfanden und dachten,
+aber nicht auszusprechen wagten: »~Wir sind verloren, denn wir haben
+eine Heilige verbrannt!~«
+
+Alle, die an der Verurteilung der Jungfrau beteiligt waren, sind denn
+auch bald darauf eines elenden Todes gestorben oder verschollen, und
+die noch Überlebenden, die mitschuldig waren, ließ der Sohn Karls VII.,
+Ludwig XI., gefangennehmen und denselben Tod erleiden, den Johanna
+erlitten hatte.
+
+Dem armen Vater Johannas brach bei der Kunde vom qualvollen Tode seines
+heldenmütigen Kindes das Herz; er starb bald. Die Mutter zog nach
+Orleans, wo sie von der Stadt bis zu ihrem Tode eine Leibrente erhielt.
+
+Zwanzig Jahre nach dem Tode Johannas wurde auf Ansuchen der Mutter und
+der Verwandten der Prozeß der Rehabilitation vorgenommen. Im Juli 1456
+wurde zu Rouen ihre Ehrenrettung ausgesprochen; der Papst Pius IX.
+hatte sie genau vierhundert Jahre später selig gesprochen, und somit
+war die Prophezeiung erfüllt, die König Karl in Schillers »Jungfrau
+von Orleans« ausspricht: »Selig preisen sollen sie die spätesten
+Geschlechter«. Nun ist Johanna im Jahre 1909 heilig gesprochen worden
+und somit hat sich auch jene andere Prophezeiung Schillers erfüllt:
+
+
+ »Ihr Name soll dem heiligen Denis
+ Gleich sein, der dieses Landes Schützer ist,
+ Und ein Altar sich ihrem Ruhm erheben.«
+
+
+
+
+ Der Doktor Faust.
+
+
+Wir sind im Zeitalter des Hans Sachs, und es ist Kirchweihwoche.
+Auf einer großen Wiese vor dem Städtchen haben fahrende Händler,
+Kesselflicker, Korbflechter, Bettelmusikanten und Tanzbärentreiber
+ihre Buden und Zelte aufgeschlagen. Allerhand Wunderdinge werden hier
+zur Schau gestellt. Betrunkene rohe Bauern mischen sich unter die
+Pandorenspieler und Dudelsackpfeifer; Akrobaten stehen auf dem Kopf,
+Kunststückmacher ziehen sich lebendige Schlangen aus den Nasenlöchern,
+Degenschlucker zeigen ihre blendenden Künste, Gaukler lasen ihrem
+Munde Fontänen entsteigen. Man sieht bärtige Weiber, Ichneumons,
+Nashörner, Dromedare. Die Kaufleute machen einen Höllenlärm und
+bieten ihre grellfarbigen Waren an; sie schreien wild und zwecklos
+durcheinander. Oder sie blasen mit vollen Backen auf der Querpfeife
+und schlagen die Pauke, oder sie tanzen auf einem dicken Seil, das
+höchstens zwei Meter über der Erde ausgespannt ist. Um den Bärentreiber
+schart sich die gaffende Menge. Plötzlich taucht der Hanswurst auf. Er
+schlägt den Leuten auf die Köpfe und treibt sie wie das liebe Vieh zu
+einer anderen Bude hin, zur Bude des Wundermannes.
+
+Der hat ein feuerrotes Gesicht, das dick aufgedunsen ist, weißblondes
+Haar und eine kahle Platte -- das Zeichen der großen Gelahrtheit.
+Er trägt einen sonderbaren Spitzenkragen und ungewöhnlich rote
+Pluderhosen; Bänder hängen daran herunter, wie an einem Erntekranz.
+Ein Dutzend Ehrenketten beschweren das schwarzsamtene Wams, das nach
+venetianischem Schnitt gearbeitet ist; seine Finger sind mit unzähligen
+Ringen bedeckt, und jeden Ring ziert eine besonders große Kamee, die
+von einem Grabstein geschnitten ist. Er trägt einen prachtvollen
+türkischen Dolch, und rings um seine Hüften baumelt, wie bei einem
+Wilden des Urwalds, ein Kranz mannigfacher zauberkräftiger Anhängsel.
+
+So steht er da und schreit und haut in die Luft und wirft eine Menge
+lateinischer Brocken ins Volk. »Er kann reden wie ein Arzt«, heißt das
+Sprichwort jener Tage. Er spricht etwas von der Stellung der Gestirne,
+vom Pulsschlag und Perpendikel, von Blut und Hexen, von Zauberei
+und vom Satanas. Nach jedem Satze reißt sein Diener, der Hanswurst,
+schlechte Witze, um die Gaffer bei guter Laune zu erhalten. Und erst
+wenn genug Leute vor der Bude herumstehen, nimmt der Wundermann sein
+großes »Zeugenbuch« hervor: »Da leset, wie ich in Spanien, Frankreich,
+Rom und dahinten in der Türkei geehrt worden bin! Hier haben sie
+alle ihre Namen hingemalt, die Bischöfe und Fürsten und der Teufel
+weiß, wer noch. Hier seht ihr, wie sie vor ihrer Heilung ausgesehen
+haben; hier seht ihr die geschwollenen Wangen, bleichen Gesichter
+und verzerrten Stirnen leibhaftig abkonterfeit. Und ich, ich habe
+sie kuriert; ich allein; ich, der größte Zauberer der beiden Welten;
+ich, der größte Hexenmeister und Totenbeschwörer, der geschickteste
+Wetterbanner und gesuchteste Wunderdoktor, den die Erde je getragen
+hat! Ich, Doktor Faust, des Teufels Freund und der Meister der Hölle!«
+
+Wenn er nur so spräche, würde man ihn noch bescheiden nennen müssen;
+aber er prahlt gewöhnlich das Blaue vom Himmel herunter. Und wenn
+er nur den tausendsten Teil von dem leistete, was er zu leisten
+verspricht, dann wäre der Teufel noch immer ein Stümper gegen ihn.
+
+Woher sollte er auch seine Kenntnisse haben?
+
+Der Arzt des Mittelalters studierte nicht Anatomie, sondern Alchimie:
+Die Kunst, Gold zu machen; nicht Physiologie, sondern Astrologie: Die
+Kunst, aus den Planeten wahrzusagen; anstatt Menschen gesund zu machen,
+machte er Kalender. Anstatt nach dem Wo und Wie der Krankheit zu
+sehen, sah er nach dem Mond und seinen Stellungen; bevor er seinen Rat
+erteilte, schaute er erst nach den Sternen und dann nach dem Urin.
+
+Er beobachtete sorgfältig die Himmelskörper, ihre Bewegungen, ihren
+Stand und deutete diese Verhältnisse auf die Schicksale der unter
+diesen Gestirnen Geborenen. In der Tat geschieht auch kein bedeutendes
+Ereignis, das er nicht durch vorangehende Zeichen und Himmelswunder
+ankündigen zu können behauptet. Kometen gelten als Botschafter des
+erzürnten Gottes, die den Menschen allerhand Strafen und Plagen
+andeuten. Befinden sich die Kometen beispielsweise beim Saturn, dann
+erfolgt Pest, Unfruchtbarkeit und Verrat.
+
+Diese Sterngucker, Geheimniskrämer und Wunderärzte kamen, wie die
+Heuschreckenplage, hauptsächlich von England in alle übrigen Länder.
+Der eine macht mit seinem Wunderstein großes Aufsehen, an dem er die
+Patienten lecken läßt, worauf sie angeblich sofort gesund werden.
+Der andere hext mit seiner wunderbringenden Salbe Blinde sehend und
+Lahme gehend und er gibt vor, einen Trank brauen zu können, der ein
+Fortleben in Ewigkeit sichert. Der Dritte berührt nur die Kranken und
+sofort verschwinden die Schmerzen, die Kröpfe schrumpfen zusammen
+und Skrofulöse sind gesundet. Er speit den Tauben in die Ohren und
+sofort hören sie; er gibt den Zahnleidenden eine Ohrfeige, daß die
+kranken Zähne nur so herausfliegen. Der Vierte macht aus dem Kot
+der verschiedensten Tiere Rezepte, mittels deren er alle und alles
+heilt. Der Fünfte verwandelt Metalle und glaubt an die mit Blut
+unterschriebenen Verträge zwischen Mensch und Satanas, zwischen Hexe
+und Teufel.
+
+Kein Wunder, daß dieser Aberglaube so verbreitet war, nachdem die
+Kaiser und Könige selbst mit gutem Beispiel vorangingen. König
+Jakob von England, Maria Stuarts Sohn, schrieb ein Zauberbuch. Karl
+V., Maximilian II., Kurfürst Joachim I. gaben ihren Goldmachern
+reichliche Beschäftigung, denn ihre Verschwendungssucht erheischte
+immer neue Geldmittel. Heinrich VI. und Rudolf II. standen selbst in
+den Laboratorien ihrer Dunkelmänner, Gold machend und Lebenselixiere
+brauend. Man hatte an den Höfen seine Sterndeuter und Alchimisten, wie
+man seine Hofnarren hatte; nur daß die Narren meistens klüger waren als
+die Goldmacher.
+
+Viele dieser Ärzte zogen aber auch von Ort zu Ort, von Markt zu
+Markt. Und diese Gestalt des herumziehenden Wunderdoktors hat sich
+noch mehrere Jahrhunderte hindurch erhalten; denn Abraham a Santa
+Clara, der große satirische Prediger, der am Ende des siebzehnten
+Jahrhunderts gelebt hat, kennt diese Wundermänner ebenfalls noch aus
+eigener Anschauung. Er gibt folgende Schilderung von ihnen: »Man findet
+unter diesen Leuten sehr liederliche und nichtsnutzige Gesellen, die
+sich auf das Lügen und Betrügen stattlich verstehen, absonderlich
+viel aus denselbigen, die auf allen Märkten und Kirchweihen ihre
+Stände aufschlagen und ihrem Sinne nach mit etlichen Brettern eine
+Universität aufrichten, wo sie den Bauern und dem gewöhnlichen Volk
+mit ihren grundlosen Predigten das Geld aus dem Beutel locken, da kann
+man zuweilen hören, mit welch gewichtigen Lügen sie ihre Wahrheit
+hervorstreichen; einer zieht etliche Zahnwurzeln heraus und beteuert
+es hoch, daß er diese selbst an dem Meeresgestade dreizehn Meilen
+hinter Syrakus ausgegraben und diese seien gut für ein verfallenes
+Gehör, wobei sie sehr oft auch vorgeben, wie solche auch die Könige
+von Paphlagonien an den Ohren zu tragen pflegten und ein so scharfes
+Gehör bekamen, daß sie ein altes Weib über dreißig Meilen husten hören,
+ei so lüg! Ein anderer zeigt ein Pulver -- es ist nichts anderes als
+ein geriebener Weinstein! -- und schwört, daß er solches aus der Neuen
+Welt durch die spartische Flotte habe bringen lassen und es sei nichts
+anderes als pure Asche von dem verbrannten Vogel Phönix und eine
+Messerspitze voll von diesem Pulver vertreibe allen Schwindel, so daß
+sogar einer über einen Steg gehen könne, der nicht breiter sei als
+ein Fiedelbogen, ei so lüg! Mit dergleichen wurmstichigen Predigten
+betrügen sie sehr viel einfältige Leute, es sollen aber dieses
+Gelichters Ärzte -- nicht alle Ärzte sind so beschaffen -- gleichwohl
+bedenken, daß das Heulen und Zähneklappern ihnen nicht wird ausbleiben
+nach Aussage des Psalmisten David. Einen Stand oder Profession ohne
+böse Leute und ohne tadelhafte und gewissenlose Gesellen gibt es
+überhaupt selten, ebensowenig wie einen Sommer ohne Mücken, ein Buch
+ohne Eselsohr, einen Apfelbaum ohne Wurmstich, eine Schule ohne
+Eselsbank, einen Wald ohne Gimpel, eine Kirchweih ohne Rauferei und
+eine Schreiberei ohne Kleckserei.«
+
+Hat unser Doktor Faust lange genug geschrien und geprahlt, dann holt
+er mit sicherem Blick irgendeinen Tölpel aus der Menge heraus, zieht
+ihn herauf auf seine Meßbude und schlägt ihm vor aller Augen mit einem
+gewöhnlichen eisernen Schlüssel in einer halben Minute fünf Zähne aus.
+Der arme Kerl stutzt wortlos, aber die Menge schreit bravo, klatscht
+Beifall, und jubelt dem Wundermanne zu. Und man stürmt seine Bude, um
+sich die gesunden Zähne ausschlagen zu lassen.
+
+Aber es sind nicht nur Zähne, die unser Doktorsmann in seiner Meßbude
+zieht; er barbiert, schert, ätzt, schneidet und brennt, setzt
+Schröpfköpfe und macht Aderlässe und Klistiere -- ein vielseitiger
+Mann. Vor allem aber: er zaubert. Wir werden nachher von seinen
+Kunststücken hören.
+
+Drinnen in der Wunderbude sieht es etwa aus wie in einer modernen
+Bauernschenke, die ein Museum vorstellen soll. Menschen- und
+Pferdeschädel liegen herum, getrocknete Pflanzen- und Blumenbündel
+hängen an den Wänden; schlecht ausgestopfte Tiere baumeln von der
+niedrigen Decke herab: Fledermäuse, Raben, Igel, Iltisse, Eichhörnchen,
+ein Bussard. Mörser und Klöpfel, Kolben, Flaschen und Kruken mit
+großen Aufschriften stehen umher. Auf einem Tische liegen Feilen
+und kleine Sägen, Messer, Zangen, Geißfüße und seltsam geformte
+Schlüssel. In kleinen zahlreichen Näpfen liegen Menschenzähne und
+Zähne von Säugetieren und Fischen. Das Ganze macht den Eindruck einer
+herumziehenden Apotheke.
+
+Aber die Apotheke des sechzehnten Jahrhunderts sieht naturgemäß
+wesentlich anders aus, als die der Gegenwart. Denn auch der Apotheker
+ist ein Mann, der viel Geld verdienen will, und der infolgedessen
+nicht das führt, was die klugen und vorgeschrittenen Ärzte anraten --
+denn sie sind in der Minderheit und haben nur eine kleine Anzahl von
+Patienten --, sondern das, was die abergläubische Menge verlangt, die
+vom Kurpfuscher geschickt wird und die lieber an törichten Hokuspokus
+glaubt, als an vernünftige Heilmittel. Zum Apothekeninventar gehören
+gepulverte Edelsteine, gestoßener Bernstein, Meerschaum, Erde vom
+Kalvarienberge. Man findet gebrannte Maulwürfe, Elenhörner, Wolfsgalle
+und Wolfsleber, Hirsch- und Bockblut, Hühnermagen, Hechtzähne,
+gedörrte Kröten (die werden noch 1815 als Mittel gegen Epilepsie
+empfohlen!), Krebsaugen, Schlangenfett, Bärenschmalz, Mückenfett,
+Gemszähne, Hasentalg, Schafsgalle, die Haut der Pfauenfüße, Fuchslunge,
+Elsternaugen, Eichhornhirn, Auerhahnzunge, Krähenzunge, Pferdehaare,
+Menschenhaare, Rabenkot und zugleich den Kot so ziemlich aller
+Tiere, Schwalbensteine, Federn vom Kreuzschnabel, Schildkrötenblut,
+Froschlaich, Igelkrallen, Fledermausflügel, Eingeweide des Chamäleon,
+geraspelte Menschenschädel, menschliche Leichenteile von Erhängten
+und Geköpften, ägyptische Mumien, Blut der Hingerichteten usw. Auch
+Käfer wurden zu Heilzwecken verwendet; z. B. der siebenpunktierte
+Sonnenkäfer, das Bluthähnchen, der schwarze, rotgeränderte Blattkäfer,
+die Rüsselkäferarten, die auf den Artischocken leben und die spanische
+Fliege.
+
+Natürlich ging man um jene Zeit nicht sehr milde mit all dem Getier um,
+das man für die Apotheke nötig hatte, denn oft mußte es bei lebendigem
+Leibe gesotten, verbrannt oder zerstoßen werden, wenn es -- nach der
+Meinung der Kurpfuscher -- dem Kranken helfen sollte. Da war die
+schrecklichste Tierquälerei an der Tagesordnung.
+
+Die Zahl der Pflanzen, die so eine Apotheke führte, ist sehr groß. Hier
+sind einige der am meisten gebrauchten: Bibernell, Fenchel, Majoran,
+Safran, Kreuzkraut, Wetterkerze, Sauerampfer, Fünffingerkraut, die
+Wetterglocke, die Herrgottskrone, Wermut, Mariendistel, Habichtskraut,
+Natternkopf, der spitze und breite Wegerich, das Dreifaltigkeitskraut,
+der Tag- und Nachtschatten, Löwenzahnblätter, Fieberklee, Himmelsbrot,
+Frauenmantel, die Kamille, das Wildfräuleinkraut, der Johannisgürtel,
+Tausendgüldenkraut, die Pfefferminze, Hundszunge, Lavendelkraut,
+Muskatnuß, Igelkraut, die Feige, Senf, Knoblauch, Tabak, Fallkraut,
+Beschreikraut, Schwindelbeere, Warzenkraut, Pestwurz, Schinderrose,
+Totenbeere, Totennessel, Lauskraut, Lungenkraut, Leberbalsam, Blutwurz,
+Zahnwurz, Augentrost, Wehedistel, Wildmutterkraut, Teufelsabbiß,
+Teufelsbart, Teufelswurz, Teufelchen, Teufelspeitsche, Teufelskralle,
+Teufelsauge, Hexenklee, Hexenohr, Hexenlauch, Hexenkohl, Hexenkraut,
+Hexenmehl, Schlehenhexe und Wetterhexe.
+
+Alle diese Kräuter sind aber nur dann heilsam, wenn sie im
+Frauendreißiger, das ist vom 15. August bis 14. September, schweigsam
+gesammelt worden sind, oder auch in der Osternacht, der Johannisnacht
+und Christnacht.
+
+Um jene Zeit des Mittelalters war das Kräutersammeln ein mühseliges,
+undankbares und wenig einbringliches Geschäft; überdies zeitraubend
+und gefahrvoll, weil man dadurch leicht in den Verruf der Hexerei
+kam. Es konnten sich ihm nur gründlich studierte Männer widmen, deren
+Gelahrtheit freilich kein Hindernis war, ebenso abergläubisch zu
+sein, wie Zigeuner und Verbrecher. Diese Kräutersammler mußten mit
+der Natur vertraut sein wie die Tiere des Feldes und Waldes; ja, ihre
+astronomische, zoologische, botanische, geologische, physikalische
+und chemische Kenntnis mußte mindestens den Anstrich allumfassenden
+Wissens haben. Es war nötig, daß sie die Gesetze der Sterndeutung und
+Goldmacherkunst beherrschten; daß sie sich auf die Kunst verstanden,
+Träume zu deuten, alle Knochenbrüche und inneren Krankheiten aus dem
+Urin zu lesen und womöglich die Pest in Abwesenheit zu heilen. Es ist
+selbstverständlich, daß man von ihnen die vollständige Beherrschung der
+damaligen medizinischen Kenntnisse forderte. Anatomie, Physiologie und
+Pathologie -- die damals allerdings noch in den ersten Anfängen staken
+-- waren Wissenschaften, von denen sie natürlich auch läuten gehört
+hatten.
+
+Aber diese »Halbärzte«, die man als »Naturkundige« bezeichnete, obwohl
+sie nur ein oberflächliches und verworrenes Wissen von der Natur
+hatten, waren auch meistens ihre eigenen Destillatoren, und da niemand
+sonst die Natur so gut kannte wie sie, waren sie auch ihre eigenen
+Kräutersammler. Allein, das Wort »Kräutersammler« ist durch die
+Jahrhunderte schon zu verblaßt und gibt ganz und gar keinen Begriff
+von dem, was man darunter zu verstehen hat und überdies verrät es
+auch nicht, daß der Kräutersammler, von dem ich hier spreche, den
+~berufsmäßigen~ Kräuterhändler aus tiefstem Herzensgrunde als
+einen unwissenden, bloß geldgierigen Kurpfuscher verachtete. Und
+außerdem ist der Destillator nicht ~nur~ Kräutersammler im engen
+Sinne des Wortes. Unseren Kräutersammler, der nichts aus Habgier
+und alles aus Freude am Kurieren tut, findet man um Mitternacht auf
+Kirchhöfen herumlungern, wo er nach alten Sargnägeln gräbt, welche
+Gicht, Zahnweh und Cholera heilen; in feuchten Schluchten sucht er um
+die Geisterstunde bei umwölktem Nachthimmel nach dem Feuersalamander
+und der gefleckten Eidechse. Auf dem Hügel vor dem Tore, wo man die
+Diebe und Mörder hängt, schneidet er Holzsplitter vom Galgen ab; denn
+wenn man sich mit diesen die Zähne stochert, bekommt man sein Lebtag
+kein Zahnweh mehr. In jedem Mauseloch gräbt er herum; er hebt große
+Steine hoch, um feiste Ohrwürmer, Blindschleichen, den Tausendfuß
+und anderes Gewürm zu fangen; er stampft in eigenartiger Weise auf
+den Fuchsbau, um die Jungen herauszulocken, deren Kot er braucht, um
+Krämpfe und schmerzende Ohren zu beruhigen. Er stapft in den Moorwiesen
+umher, wo die Kröten dicht beieinanderhocken; denn die Kröte spielt
+in der mittelalterlichen Heilkunde eine sehr große Rolle. Man sieht
+ihn in der Leichenhalle, im sogenannten »Beinhause«, über den Toten
+gebeugt, den man gestern hierhergebracht hat, wie er ihm Haare und
+Fußnägel abschneidet, die gegen Bräune nicht minder wirksam sein
+sollen als gegen andere Krankheiten. Die Tierquälerei steht bei ihm
+in hoher Blüte. Er sucht das Nest der Schwarzdrossel, des Kuckucks
+und der Elster, die er alle ausraubt, weil er die Herzen, die Augen
+und die Leberchen der jungen Brut in seiner Apotheke braucht, in der
+fast alles abergläubischen Zwecken dient. In seinem riesenhaften
+Pflanzenkasten ist ein Tohuwabohu von allen möglichen Tieren, Pflanzen
+und Gesteinsarten. Kein Tierchen läuft ihm über den Weg, das dem großen
+Bedarf unseres Sammlers nicht seinen Tribut zollen müßte; keine Pflanze
+blüht im verborgenen, von der er nicht für seine Apotheke, in der alles
+aufgespeichert liegt, was die Natur nur hergibt, ein Steuerteil erheben
+würde. Alles was das Auge erspäht, alles was in der Natur greifbar ist,
+alles was die Hand nur erreichen kann, wird zu irgendeinem Heilzwecke
+ausgebeutet. Freilich sind es meistens Kräuter, die unser Destillator
+verwendet; aber er geht nicht hin und pflückt zu jeder beliebigen
+Stunde, zu jeder beliebigen Jahreszeit gerade das, was da grünt und
+blüht; er hat seine abergläubischen Vorschriften innezuhalten wie
+der Teufel selbst, an den er glaubt, und er spricht lang und breit
+von der rechten und besten Zeit, zu der die vorhin genannten Kräuter
+einzusammeln sind. Unser geplagter Kräutermann muß nämlich auf die
+Sonne, den Mond und die Sterne achten; ob Halbmond oder Vollmond ist;
+ob erste Mitternachtshälfte, ob zweite; ob die Venus grün schillert
+oder blau; ob die Sonne Wasser zieht oder nicht; ob sie sengt oder
+strahlt usw.
+
+Die Kunst, die vermeintlich besten Säfte aus Tier und Pflanze
+herauszukochen, stand unleugbar hoch im Kurse. Es war dazu nichts
+Geringeres als eine für die damaligen Begriffe vollkommene Kenntnis
+des Planetensystems vonnöten; insbesondere wurden die Kräfte der Sonne
+studiert -- was man so studieren nennt -- und man gab sich Mühe, ihre
+ewigen Gesetze, nach denen sie arbeitete und denen sie unterworfen war,
+zu ergründen. Natürlich wurden viele »Weisheiten« darüber zum besten
+gegeben, die wir längst ins Fabelbuch geschrieben haben. Überdies
+verfiel man auch noch auf den absonderlichen Gedanken, daß man mittels
+der Hitze, natürlicher oder künstlicher, aus Tier und Pflanze alle
+»Feuchtigkeit« herausziehen müsse, wie die Sonne alle Feuchtigkeit
+aus der Erde ziehe. Und ebenso wie diese von der Sonne aufgesogene
+Feuchtigkeit wieder als Regen, Schnee und Hagel herabfalle und die
+Felder fruchtbar mache oder auch verwüste, ebenso könne und müsse die
+aus Tier und Pflanze gewonnene Feuchtigkeit Menschen heilen können und
+gewiß auch töten, wenn sie falsch angewendet würde.
+
+Man sieht, mit der mühsamen Auffindung der Pflanzen und Materien, die
+der Kräutermann benötigte, war seine Arbeit noch nicht zu Ende. Wenn er
+schon alle Tiere und Pflanzen am richtigen Orte, zur vorgeschriebenen
+Stunde, bei richtiger Beleuchtung und entsprechender Jahreszeit
+gesammelt hatte, und wenn er -- immer nach dem Vorbilde der Sonne --
+aus Strauch und Getier bereits alle irgendwie verwendbaren Materien und
+Kräfte ausgezogen hatte, war er gerade am Anfang seines Geschäftes.
+Denn das Zubereiten der Säfte selbst erforderte die größte Umsicht und
+Geduld, Ausdauer und Fleiß, Kenntnisse der abergläubischen Geheimlehre,
+in der von überirdischen Kräften die Rede war, und ~Kenntnis vor
+allem der künstlichen und natürlichen Wärmeentwicklung und des
+Einflusses dieser entwickelten Wärme auf die ausgezogenen Säfte~.
+~Wie lange~ mußten Violen und Lilien, Hexenbart und Drudenfuß
+zusammengekocht werden, bis der Sud auch ~wirksam~ wurde? ~Wie
+viel~ Wärme hatte der Saft der Dachsleber oder der der Krähenaugen
+nötig, um zur Verwendung als Mittel gegen die Gelbsucht brauchbar
+zu werden? Und ~welche~ Wärme? Die des Ofens oder der Sonne?
+Welcher Sonne? Der direkten Sonnenstrahlen oder der durch einen Spiegel
+aufgefangenen Reflexstrahlen? Oder der in einem Brennglase in einem
+Punkte gesammelten Strahlen? Oder vielleicht noch andere Wärme? Die des
+ungelöschten Kalks oder der Erde? Die Wärme des faulenden Laubes oder
+Mistes? Welchen Mistes? Der Kuh oder des Pferdes?
+
+Das waren wichtige Fragen, solange man keine Öfen hatte, die eine
+beliebige Wärmeregulierung ermöglichten. Denn von der richtigen Lösung
+dieser gewiß verzwickten Aufgaben, die desto krauser und sinnloser
+waren, je größer der Aberglaube war, hing ja das Gelingen oder
+Mißlingen eines solchen Gebräus nicht minder ab.
+
+Und man kann sich ferner denken, daß die Frage, in was für einem
+~Gefäß~ das schreckliche Gemisch gebraut werden sollte, von nicht
+geringerer Bedeutung war. Man muß einmal ein solch mittelalterliches
+Destillierbuch in der Hand gehabt, all die tausend Formen der
+Glaskolben, Trichter, Behälter, Flaschen usw. gesehen haben, um den
+großen törichten Ernst zu begreifen, mit dem man über die Gefäßfrage
+spricht. Es ist, als ob man sich plötzlich in die ~Zauberwelt~ des
+Doktor Faust versetzt fühlte und man versteht, wie leicht ein solcher
+Kräutersammler in jenen Tagen in den gefährlichen Ruf kommen konnte, er
+pflege Umgang mit den Hexen, und der Teufel sei allabendlich bei ihm
+zu Gaste, um in seltsam geformten Gläsern Höllengetränke zu brauen.
+Es soll indessen nicht geleugnet werden, daß ein solcher Ruf dem
+Destillator beim abergläubischen, Heilung suchenden Volk nur -- nützte.
+Je größer der zauberische Glorienschein war, den eine abergläubische
+Menge um sein Haupt wob, je mehr Zulauf hatte er. Man hoffte zwar auf
+Gott, aber man glaubte an den Teufel.
+
+ * * * * *
+
+Dies ist das Bild des ~sagenhaften Faust inmitten seiner
+Tätigkeit~, desselben Doktor Faust, über den ungefähr dreitausend
+Bücher geschrieben worden sind und dem Goethe durch seine herrliche
+Dichtung die Unsterblichkeit gesichert hat.
+
+Seit Jahrhunderten hat diese Figur die Dichter und Historiker in gleich
+starker Weise angezogen und die Sage, die sich schon früh um Doktor
+Faust gebildet hat, ist eine der tiefsten und großartigsten aller
+deutschen Sagen, die uns den Glauben an ein Bündnis zwischen Mensch und
+Teufel lebendig veranschaulicht.
+
+[Illustration: Doktor Fausts Geburtshaus zu Roda.]
+
+Mit zwei Wurzeln hat sich die Sage gleichsam in das Herz des Volkes
+gegraben. Es waren ~erstens~ die Reste der ältesten Mythologien,
+die im Faust verewigt waren; denn die meisten Erzählungen von Fausts
+Taten und Erlebnissen, wie sie das Volksbuch uns erhalten hat, sind
+nur umgestaltete Götter- und Elfensagen. Aber es war nicht nur dieser
+mythologische Gehalt, der das Volk an der Faustsage anzog, sondern
+~zweitens~ der philosophische und theologische Inhalt. Die
+Frage nach der Existenz Gottes, der Unsterblichkeit der Seele, der
+Weltschöpfung usw. beschäftigte die Gemüter damals weit mehr und
+tiefer als heute. Im Doktor Faust war nun eine Figur gebildet, in der
+alles das zum Ausdruck kam, was damals das Volk bewegte. Faust lehnt
+sich gegen Gott auf; er verbindet sich mit der Hölle, um durch sie zu
+erlangen, was der Himmel ihm versagt hat. Denn damals glaubte man ja
+noch, daß der Teufel sein Unwesen persönlich auf Erden treibe. Doktor
+Faust übergibt sich dem Teufel, weil er an der ewigen Seligkeit
+zweifelt; er streitet mit Mephistopheles über Weltentstehung und
+Weltuntergang, über den Bau des Himmels, den Lauf der Gestirne, die
+Beschaffenheit der Hölle, den Zweck und Sinn des menschlichen Lebens.
+Kurz, im Volksbuch der Faustsage wird alles das ~ausgesprochen~,
+was sonst der mittelalterliche Mann aus dem Volke kaum zu denken
+wagte, und gerade deshalb haben die Dichter immer wieder diese Sage
+bearbeitet, weil sie in ihr alles niederlegen konnten, was sie selber
+im tiefsten Innern bewegte.
+
+~Historisch~ ist an Faust das Folgende:
+
+Er lebte etwa von 1480 bis ungefähr 1545. Sein Vorname war weder
+Heinrich, wie Goethe ihn nennt, noch Johann, wie er gewöhnlich in
+der Sage genannt wird, sondern ~Georg~. Viele Forscher nehmen
+an, daß er aus Knittlingen im Württembergischen stammte und daß er
+sich in Ingolstadt eine gediegene Bildung erwarb. Er befand sich ums
+Jahr 1507 in Ingolstadt, dann in Gelnhausen, Würzburg und zuletzt in
+Kreuznach, wo ihm Franz von Sickingen -- der in Goethes »Götz von
+Berlichingen« verewigt ist -- eine Schulmeisterstelle anvertraute.
+Faust erwies sich aber der Stelle als unwürdig. 1513 war er in Erfurt,
+wo er nach einigen Jahren ausgewiesen wurde. 1520 war er in Bamberg,
+wo er gegen ein Geldgeschenk dem Bischof Georg III. sein Schicksal aus
+den Sternen prophezeite. Dann zog er nach Heidelberg, wo er sich bis
+etwa 1525 aufhielt. Später begegnen wir ihm in Wittenberg, von wo er
+hinausgetrieben wird, endlich wieder in Ingolstadt als Zahnbrecher,
+wo ihm das gleiche Schicksal widerfährt. Besser ging es ihm beim
+Erzbischof von Köln: Hermann von Wied. Doktor Faust soll endlich zu
+Staufen im Breisgau als Sechziger eines plötzlichen, gewaltsamen Todes
+gestorben sein.
+
+Er war als ein gewaltiger Prahler verschrien und zog als
+Hokuspokusmacher und Arzt, in der Weise, wie wir ihn bereits
+geschildert haben, von Stadt zu Stadt. Denn allzulange duldeten ihn
+die wohlweisen Magistratspersonen nie in ihren Mauern. Er nannte sich
+den Philosoph aller Philosophen, rühmte sich in Würzburg, daß er
+alle Wunder Christi vollbringen könne, so oft es verlangt werde; in
+Wittenberg, daß er in den Himmel fliegen könne und daß er in Krakau
+alle Künste der Magie erlernt habe. Die Schlacht bei Pavia und die
+Eroberung Roms seien den Italienern nur geglückt, weil er ihnen durch
+seine Zaubermacht geholfen habe.
+
+Leichtgläubig wie das Volk war, wurden viele seiner Aufschneidereien
+für bare Münze genommen und als vollbrachte Tatsachen weitererzählt.
+Alle Zaubergeschichten, die damals reichlich im Umlauf waren,
+wurden auf seine Person übertragen und viele andere wurden ihm
+noch angedichtet. Sie machten ihn berühmt und zugleich berüchtigt.
+Da aber solche Zaubereien, wie Faust sie vollbracht haben wollte,
+nach Annahme des abergläubischen Volkes nur mit Hilfe des Satans
+auszuführen waren, so erzählte man sich, Faust habe ein Bündnis
+mit dem Teufel geschlossen, der ihn in Gestalt eines Pudels -- daß
+Faust einen Pudel hatte, wird historisch verbürgt -- begleitet und
+schließlich auf schreckliche Weise ums Leben gebracht und seinen
+Leichnam auf den Mist geworfen habe. Auf diese Weise hat die Phantasie
+des Volkes Fausts im Dunkel liegendes Leben ausgeschmückt und es
+entstand die ~Faustsage~, die bereits fünfzig Jahre nach Fausts
+Tod in voller Blüte steht. In ihr ist Faust bereits zum Vertreter der
+mittelalterlichen Zauberer erhoben und durch seinen Namen werden die
+verschiedensten Sagen und Märchen wie durch ein Band zusammengehalten.
+
+Faust, so erzählt das älteste Volksbuch, das uns schon ganz ins
+Sagenhafte führt, war gebürtig aus Roda bei Weimar. Seine Eltern waren
+arme, fromme Bauersleute; aber sein Onkel zu Wittenberg war reich,
+und da er keine Kinder besaß, nahm er Faust an Sohnes Statt an. Da
+geriet er aber in schlechte Gesellschaft und begann Zauberschriften
+zu studieren, die lauter Beschwörungsformeln und magische Figuren
+enthielten: »Buch Mosis und dreifacher Höllenzwang«, »Mächtige
+Beschwörung der höllischen Geister«, »Hauptzwang der Geister zu
+menschlichen Diensten«, »Das Geheimnis der heiligen Gertrudis zur
+Erlangung zeitlicher Schätze und Güter« und viele andere. Er ward
+Kräutermann, Goldmacher, Destillator, Sterndeuter und Arzt. Nun lernte
+er Zaubern und Geisterbeschwören und als er es gut verstand, begab
+er sich eines Abends in den Spessart, um -- wie er behauptete -- den
+Teufel anzurufen. Auf einem Kreuzwege zog er Zauberkreise um sich her
+und begann die fürchterliche Beschwörung. Da erhob sich ein mächtiges
+Getöse, die Bäume bogen sich bis zur Erde, und der Mond verbarg sich
+hinter vorbeieilenden Wolkenfetzen. Es donnerte gewaltig, während die
+wilde Jagd vorüberzog. Pfeile wurden von unsichtbarer Hand auf Faust
+abgeschossen, und es erklang eine liebliche Musik. Gesang ertönte, und
+als Faust aufblickte, gewahrte er eine Menge tanzender Teufel, die mit
+ihren höllischen Schwertern klirrten und mit Spießen um sich warfen.
+
+Als dieser Höllenlärm vorüber war, beschwor Faust den Teufel zum
+zweitenmal und nun erschien über Fausts Haupt ein giftspeiender Drache.
+Vom Himmel fiel ein Stern herab, der sich in eine feurige Kugel
+verwandelte und nachdem Faust diese dreimal beschworen hatte, nahm
+sie die Gestalt eines feurigen Mannes an; der ging eine Viertelstunde
+stumm um Fausts Zauberkreis herum, verwandelte sich endlich in einen
+grauen Mönch und fragte nach Fausts Begehr. Faust bestellte ihn für die
+folgende Nacht um zwölf Uhr zu sich, doch forderte ihn der Teufel aufs
+neue auf, zu schwören, daß er dem Fürsten der Hölle ergeben sein wolle.
+
+Um Mitternacht fordert Faust vom Teufel, daß er ihm bis an seinen
+Tod diene, alle seine Wünsche erfülle, unsichtbar in seinem Hause
+walte und wenn er erscheine, daß er dann die Gestalt und Kleidung
+eines Franziskanermönches annehme. Dagegen verlangt Mephostophiles,
+Faust solle sich ihm mit seinem Blute verschreiben, den christlichen
+Glauben ableugnen, aller Christen Feind sein, sich nie bekehren und
+nie heiraten. Faust stellt diese gotteslästerliche Verschreibung
+aus, fordert darin aber ausdrücklich, daß der Teufel vor allem
+seinen Wissensdurst befriedigen müsse, den Gott nicht gestillt habe.
+Mephostophiles (oder Mephistophiles, auch Mephistopheles) bringt
+Speisen, Wein und Kleider für Faust und dessen Famulus Wagner; außerdem
+erhält Faust vom Teufel wöchentlich fünfundzwanzig Kronen Taschengeld.
+
+Wie widersinnig dieser ganze Teufelsglaube war und was es mit der
+Zauberei auf sich hatte, ersieht man schon aus diesem kärglich
+bemessenen Taschengeld. Denn wenn Faust hätte zaubern können, hätte er
+auch nicht diese jämmerlichen fünfundzwanzig Kronen des Satans nötig
+gehabt. Was konnten wohl für so einen mächtigen Zauberer fünfundzwanzig
+Kronen in der Woche bedeuten? Und daß anderseits Faust für Speise,
+Trank und Kleidung allein seine Seligkeit verkauft hätte -- abgesehen
+davon, daß auch dies ein abergläubischer Unsinn ist --, dazu wird Faust
+als ein viel zu weiser und wissensdurstiger Mann geschildert.
+
+Das erste ist, berichtet die Sage, daß Faust dem bösen Geiste eine
+Reihe theologischer, philosophischer und naturwissenschaftlicher
+Fragen vorlegt, Fragen über die Beschaffenheit der Hölle, über die
+Macht des Satans, über Luzifers Verstoßung aus dem Himmel, über die
+Weltschöpfung, den Bau des Himmels und der Gestirne, über den Wechsel
+der Jahreszeiten, die Mephostophiles dem Vertrage gemäß beantwortet. Um
+sich weiter zu unterrichten, unternimmt Faust drei Reisen, eine in die
+Hölle, die zweite durch den Wolken- und Sternenhimmel, die dritte durch
+die meisten Reiche der Erde; die Hölle selbst sieht Faust freilich
+nicht; er lernt sie nur in einem Traumgesicht kennen, das der Teufel
+ihm vorgaukelt.
+
+Nun beginnt Faust seine Zauberkunststücke, die aber allesamt
+ebenfalls wieder im Widerspruch stehen mit dem Faust, der das höchste
+Wissen der Menschheit zu umfassen sucht. Seine Zaubereien sind --
+wie man gleich sehen wird -- weiter nichts, als zeitvertreibende
+Taschenspielerkunststückchen, ganz unwürdig dieses groß angelegten
+Faust. Man sieht nur, daß das Volk, das Faust diese Zaubersagen
+angedichtet, gar nicht darüber nachgedacht hat, daß ein solcher
+Mensch sein Seelenheil nicht preisgegeben hätte, nur um das Volk zu
+unterhalten und durch Schelmereien zu belustigen.
+
+Zu Innsbruck beschwor Faust Alexander den Großen und dessen Gemahlin
+aus der Unterwelt herauf und führte sie Karl dem Fünften vor. Diese
+Geistererscheinungen, wie alle anderen Zaubereien Fausts, die nur
+auf einer geschickten Täuschung beruhen, werden ja noch heute einem
+gutgläubigen Publikum gezeigt. Dort zauberte Faust auch einem Ritter,
+der aus dem Fenster schaute, ein Hirschgeweih an, so daß der seinen
+Kopf weder vorwärts noch rückwärts bewegen konnte. Erst als der ganze
+Hof den Ritter verlacht hatte, löste Faust den Zauber. Wie Faust später
+den kaiserlichen Hof verließ, zog ihm der Ritter mit sechs Reitern
+nach, um Rache an ihm zu nehmen; da eilte Faust in ein Gehölz am Wege,
+und als er wieder heraustrat, schien seinen Verfolgern das ganze Gehölz
+voll geharnischter Ritter; sie flohen, aber sie wurden umringt und
+ergaben sich. Faust ließ sie aber frei; doch zauberte er den Menschen
+Ziegenhörner und den Pferden Kuhhörner an, die sie einen Monat lang
+tragen mußten.
+
+Vor Gotha verschlang Faust einst einem Bauer ein Fuder Heu nebst dem
+Wagen und den Pferden; doch als der zu Tode geängstigte Bauer beim
+Bürgermeister Klage führte und zum selben Platz zurückkam, standen
+Wagen und Pferde unversehrt da. Ebenso machte es Faust einmal bei
+Zwickau.
+
+Drei Grafen, die in Wittenberg studierten, führte Faust mit Hilfe
+seines Zaubermantels in einer Nacht nach München und wieder zurück.
+Sie schauten dort der Hochzeit zu, welche der Sohn des Fürsten hielt,
+doch Faust hatte ihnen verboten, ein Wort zu sprechen. Als nun der eine
+sprach, wurde er gefangen genommen und eingekerkert, während Faust mit
+den andern davonflog.
+
+Von einem Wechsler lieh Faust einst sechzig Taler auf einen Monat. Als
+die Frist vorüber war, bot er, da er noch nicht zahlen konnte, dem
+Wechsler zur größeren Sicherheit sein Bein zum Pfande. Der Wechsler
+nahm das Bein, das Faust sich abgesägt hatte, und warf es, weil ihm
+das Tragen lästig wurde und weil er einen Prozeß fürchtete, in einen
+Fluß. Nach drei Tagen wollte Faust das Pfand einlösen; da der Wechsler
+den Fuß aber nicht mehr beschaffen konnte, ging er seiner Forderung
+verlustig und mußte noch sechzig Taler dazu bezahlen. Faust hatte
+natürlich nach wie vor seinen Fuß; alles war nur augenverblendende
+Schwarzkunst.
+
+Auf einem Jahrmarkte verkaufte Faust einem Roßtäuscher ein Pferd für
+vierzig Gulden; doch als dieser es in die Schwemme ritt, verwandelte
+es sich unter ihm in ein Bündel Stroh. Er eilte zu Faust zurück,
+der scheinbar schlafend auf seinem Bette lag, zog ihn am Bein, aber
+kaum hatte er ein wenig daran gezerrt, so hatte er es auch schon
+ausgerissen. Erschrocken entfloh der Roßtäuscher, doch Faust, der ihn
+nur verblendet hatte, lachte sich krumm und schief. Ebenso verkaufte
+Faust ein andermal fünf Schweine für dreißig Gulden; aber als sie der
+Käufer, trotz der Warnung Fausts, ins Wasser getrieben hatte, schwammen
+nur fünf Strohbündel darin herum.
+
+Das Geld, mit dem Faust seine wüsten Zechereien bezahlte, pflegte sich
+einige Tage später stets in Kot oder in Hornspäne zu verwandeln.
+
+Zu Wittenberg sah unser Schwarzkünstler einst, wie sich zwölf Studenten
+vor seinem Hause miteinander stritten. Er verblendete ihnen die Augen
+und sie schlugen nun, ohne sich gegenseitig zu erkennen, wütend
+aufeinander los.
+
+Bei einem tollen Zechgelage zauberte Faust einst im Winter einen
+Rebstock auf den Tisch, der voll reifer Trauben hing. Niemand sollte
+die Trauben abschneiden, ehe Faust das Zeichen gegeben hätte. Begierig
+faßte jeder mit der einen Hand eine Traube und mit der anderen ein
+Messer; da entzauberte Faust ihre Augen und sie erkannten, daß jeder
+nahe daran war, die Nase seines Nachbars abzuschneiden.
+
+Als Faust einst in einer Schenke das Singen und Schreien der Bauern
+verdroß, machte er, daß ihnen plötzlich der Mund weit aufstand und sie
+kein Wort zu sprechen vermochten, bis er sie wieder entzauberte. -- Zu
+Heilbronn bezauberte er die Kühe auf gleiche Weise, deren Muhen ihn
+verdroß.
+
+Beim Grafen von Anhalt ließ Faust einst im Januar durch seinen Geist
+auf Wunsch der Gräfin Obst herbeischaffen, das er innerhalb einer
+halben Stunde aus den fernsten Ländern herbeiholte. Auch baute er dort
+über Nacht ein Zauberschloß, in welchem er den Grafen und noch viele
+Gäste herrlich bewirtete. Doch als sie aufbrachen, ging das Schloß in
+Flammen auf und sie hatten allesamt Hunger, als ob sie nichts gegessen
+hätten.
+
+An Fastnacht fuhr Faust mit Studenten einmal auf einer Leiter in den
+Keller des Salzburger Bischofs, wo sie allerlei Weine tranken.
+
+Am weißen Sonntage führte Faust den Studenten die griechische Helena
+vor, deren Schönheit sie dermaßen entzückte, daß beschlossen ward, sie
+tags darauf malen zu lassen. Zu Erfurt, wo Faust Vorlesungen hielt
+über Homer, beschwor er einst die Helden der Ilias und der Odyssee und
+führte sie den Studenten vor. Als diese aber den schrecklichen Riesen
+Polyphem herkommen sahen, der nur mitten in der Stirn ein Auge hatte,
+das er furchtbar rollte, bekamen die Studenten eine Heidenangst; Faust
+lachte sich aber halbtot.
+
+Bei Braunschweig begegnete Faust einst einem Bauern, der einen leeren
+Wagen mit vier Pferden führte. Faust bat ihn, sich aufsetzen zu dürfen
+und da der Bauer ihm dies verweigerte, ließ er die vier Räder des
+Wagens an die Stadttore Braunschweigs fliegen und die Pferde wie tot
+niederstürzen. Als der Bauer jedoch auf den Knien um Verzeihung bat,
+hieß ihn Faust Erde auf die toten Pferde werfen; alsbald erhoben sie
+sich wieder unverletzt und auch die Räder saßen wieder an den Achsen.
+
+Zu Neu-Ruppin pflegte Faust abends mit den Bürgern, die ins Wirtshaus
+kamen, Karten zu spielen und zu würfeln. Er hatte Pferdefüße und gewann
+sehr viel.
+
+Als Faust in Leipzig mit mehreren Studenten an einem Weinkeller
+vorüberging und die Küfer verhöhnte, welche sich vergeblich mühten, ein
+Faß von achtzehn Eimern Inhalt heraufzuwinden, versprach der Besitzer
+demjenigen das Faß Wein als Eigentum, welcher es allein heraufschaffen
+könne. Da setzte sich Faust auf das Faß, als sei es ein Pferd und ritt
+damit zum Keller hinaus. Es gibt einen Vers auf dieses Zauberstück, der
+lautet:
+
+ »Der Doktor Faust zu dieser Frist
+ Aus Auerbachs Keller geritten ist
+ Auf einem Faß mit Wein geschwind,
+ Welches gesehn viel Mutter -- Kind;
+ Hat's durch sein subtil Kunst getan,
+ Des Teufels Lohn empfangen davon.«
+
+In Erfurt wohnte ein Junker, der mit Faust befreundet war. Als dieser
+Junker bei einem Gelage mit mehreren Freunden Fausts zusammensaß,
+rief einer im Scherz Faust herbei, der sich gerade am kaiserlichen
+Hof in Prag aufhielt. Alsbald erschien Faust, von Mephostophiles
+begleitet, der sich in ein geflügeltes Roß verwandelt hatte. Während
+des Zechens fragte er jeden Anwesenden, was für Wein er trinken wolle,
+darauf bohrte er vier Löcher in den Tisch und es flossen daraus die
+verschiedensten Weinarten. Gegen Morgen eilte er wieder durch die Lüfte
+nach Prag. Noch bis vor kurzem wurde in Erfurt das Haus gezeigt, wo der
+mit Faust befreundete Stadtjunker wohnte.
+
+Später einmal lud Faust dieselben Freunde in Erfurt zu einem Gastmahle
+zu sich. Als sie angekommen waren, sahen sie noch keine Vorbereitungen
+zur Bewirtung. Da schlug Faust mit einem Messer auf den Tisch und es
+trat ein Diener herein, welchen Faust fragte, wie schnell er sei. Der
+antwortete: Wie ein Pfeil. Das schien Faust zu langsam und er entließ
+ihn darum; es kam ein zweiter, schnell wie der Wind, der auch entlassen
+wurde; erst der dritte, welcher so schnell war, wie der Gedanke des
+Menschen, schaffte bald die herrlichsten Speisen und Getränke in Hülle
+und Fülle herbei.
+
+Ein andermal soll er vierzigtausend Höllengeister zu seiner Bedienung
+beschworen haben, fand aber keinen flink genug.
+
+In Frankfurt traf Faust während der Messe einst mit vier Gauklern
+zusammen, welche einander die Köpfe abschlugen und wieder aufsetzten.
+Sobald ein Kopf vom Körper getrennt war, wuchs aus einem dabeistehenden
+Gefäß voll gereinigten Wassers eine Lilie, welche die Wurzel des Lebens
+hieß. Faust bemerkte das und durchschlitzte die Lilie, welche eben
+wieder emporschoß, heimlich mit einem Messer; da versuchten die drei
+Zauberer vergeblich, ihrem vierten Gesellen den Kopf wieder aufzusetzen.
+
+Zu Straßburg bewährte sich Faust als vortrefflicher Schütze; selbst
+nach dem Teufel schoß er, der oft laut aufschrie.
+
+Wenn Faust reiste, mußten ihm die Geister vorn, hinten und zu beiden
+Seiten den Weg pflastern. Zu Regensburg war es seine größte Freude, auf
+der Donau Kegel zu schieben und Fische zu fangen.
+
+Als er einst am Karfreitag in Jerusalem war, befahl er dem Teufel,
+drei Ellen Leinwand zu bringen und ganz Portugal darauf zu malen, so
+daß man jedes Haus sehen könne. Dies hatte Mephostophiles in wenigen
+Augenblicken getan, und nun befahl ihm Faust, Christus am Kreuz
+abzumalen, aber nichts daran zu vergessen, besonders nicht den heiligen
+Namen. Das konnte Mephostophiles nicht; darum verblendete er die Sinne
+Fausts und malte statt Jesum eine Venus, auf die Faust zustürzte,
+wodurch er denn endgültig der Hölle verfallen war.
+
+Im siebzehnten Jahre seines Bundes mit dem Teufel mußte sich ihm Faust
+aufs neue verschreiben, weil er sich von einem frommen Manne fast hätte
+bekehren lassen.
+
+Im neunzehnten Jahre lud Faust einst um die Weihnachtszeit eine
+Gesellschaft fröhlicher junger Menschen in seinen Garten zu Wittenberg
+und zur Verwunderung der Gäste grünte und blühte alles und nirgends war
+zu erkennen, daß es Winter war.
+
+Neben Mephostophiles hatte Faust noch einen dienstbaren Geist namens
+Prästigiar, der die Gestalt eines schwarzzottigen Hundes hatte. Diesen
+lieh er einst einem Abt in Halberstadt auf drei Jahre; doch schon nach
+dem ersten Jahre starb der Abt im Wahnsinn.
+
+Auf einem Bergschloß in der Nähe von Heilbronn (Boxberg) streckte Faust
+einst seine Hand nach dem Regenbogen aus, der am Himmel stand. Da
+senkte sich der Regenbogen immer tiefer und tiefer herab, bis ihn Faust
+ergriff und festhielt. Er erbot sich, auf ihm zum Himmel zu reiten,
+doch als die Anwesenden sich's verbaten, ließ Faust den Regenbogen los,
+der wieder an seinen Platz zurückschnellte.
+
+Auf einer Reise nach Wittenberg verschlang Faust in einem Wirtshause
+den Aufwarteburschen, der ihn nicht rasch genug bediente, und trank
+darauf einen großen Kessel voll Wasser. Nachher fand man den Burschen
+tropfnaß hinter dem Ofen im Schwenknapf liegen, wo er zum Gaudium der
+Gäste am Kragen herausgezogen wurde.
+
+Bei einem Bankett, das Kaiser Maximilian einmal gab, verwandelte Faust,
+um seine Dankbarkeit zu bezeigen, das Schlafzimmer des Kaisers eines
+Morgens in einen Zaubergarten. Man hörte Nachtigallen singen, die Amsel
+und die Wachtel schlugen fröhlich, Papageien schwatzten durcheinander.
+Indische Hähne und Hennen liefen herum, Rebhühner, Haselhühner,
+Kraniche, Reiher, Schwäne und Störche. Man sah Laub und Gras und die
+seltensten Blumen; Narzissen und Rosen prangten ringsum. Der Garten
+war bestanden mit Granaten-, Pomeranzen-, Limonien-, Zitronen- und
+Feigenbäumen; Kirsch-, Birn- und Äpfelbäume wuchsen bunt durcheinander.
+Orangenbäume trugen Datteln, Tannenbäume trugen Aprikosen,
+Kastanienbäume trugen Pfirsiche. Schmucke Tauben flogen gurrend hin und
+her und belebten das zauberschöne Bild. Allein nach etwa einer Stunde,
+ehe man sich's versah, fingen die Blätter an den Bäumen an zu welken,
+die strotzenden Früchte fielen herab und verdorrten, Blumen schrumpften
+zusammen und bald kam ein Windstoß zum Gemach herein, der wehte alles
+herab, so daß der köstliche Zauber in einem Augenblick verschwunden war
+und alle Gäste nun vermeinten, sie hätten bloß geträumt.
+
+Bei einem anderen Zechgelage mit Studenten ließ Faust einmal neben
+vielen Braten auch einen schönen, großen, gebratenen Kalbskopf
+auftragen. Er bat einen der Studenten, den Kopf zu zerlegen. Als dieser
+nun das Messer ansetzte, fing der Kalbskopf mit lauter Stimme an zu
+sprechen: »Mordio! Helfio! Auweh! Was hab' ich dir getan, du elender
+Rotzlöffel!«
+
+Ein andermal ließ Faust während einer Tafel Wolken heraufziehen, und
+als sie sich teilten, leuchteten die Sterne hindurch; nach einer Weile
+türmte sich neues Gewölk auf, die Sonne begann heftig zu blenden, so
+daß alle Anwesenden sich bekreuzten; ein Regenbogen wölbte sich vor
+der Tafel des Kaisers; bald verschwand er wieder und es folgten Blitz,
+Donner, Hagel und strömender Regen. Die Gäste flohen entsetzt, obwohl
+keiner Schaden gelitten hatte.
+
+Einem Freiherrn, der bei Eisleben wohnte, schuf Faust einen Lustwald
+voll Nachtigallen, Drosseln, Fasanen und Papageien; einige von den
+Vögeln verkündeten die Zukunft; als Faust aber gestorben war, flogen
+sie alle wieder davon.
+
+Als nun die vierundzwanzig Jahre, welche Faust sich von der Hölle
+ausbedungen hatte, verflossen waren, wurde er vom Teufel geholt,
+erzählt die Sage. Er setzte seinen Famulus Christoph Wagner zum
+Erben ein und trug ihm auf, alle seine Kunststücke, Zauberpossen und
+wunderlichen Abenteuer, die er getrieben, getreu aufzuzeichnen und sie
+in eine Historie zu bringen.
+
+[Illustration: Doktor Faust in seinem Studierzimmer.]
+
+Am Morgen seines letzten Tages zog Faust mit vielen Freunden in das
+Dorf Rimlich bei Wittenberg und erzählte ihnen voller Reue, wie er sein
+Leben verspielt habe und was ihm nun bevorstehe. »Wisset« -- sagte er
+-- »daß ich von Jugend an, während mich Gott mit einem guten Verstand
+begabt hat, mit solcher Gabe nie zufrieden war, sondern viel höher
+hinaus und über andere emporkommen wollte. Darum habe ich mich mit
+Ernst und Fleiß auf die Schwarzkunst gelegt. Jedoch meine Vermessenheit
+geriet mir bald zum Bösen. Ich mußte mich dem höllischen Luzifer mit
+Leib und Seele verschreiben, Gott lästern, die heilige Dreifaltigkeit
+höhnen und der Kirche absagen. Dafür habe ich gutes Essen und Trinken
+eingetauscht und die Erfüllung aller Begierden. Fressen, Saufen und
+Spielen waren meine Vergnügungen, für die ich nun meine ewige Seligkeit
+verloren habe. Ich habe Gott den Herrn verlassen und nun gehöre ich dem
+Satanas.«
+
+In der Nacht zwischen zwölf und eins, als Fausts Stundenglas abgelaufen
+war, erhob sich ein mächtiger Wirbelsturm. In Fausts Zimmer hörte man
+ein grauenerregendes Pfeifen und Zischen, als ob das ganze Haus von
+Nattern und Schlangen erfüllt wäre. Fausts Tür ging auf; mit schwacher
+Stimme hörte man ihn noch um Hilfe rufen, dann war alles still und
+stumm. Am nächsten Morgen fand man Fausts ganzes Zimmer mit Blut
+bespritzt; sein Körper lag auf einem Misthaufen.
+
+Noch nach dem Tode erschien Faust seinem Famulus und offenbarte ihm
+vieles Geheime. Auch sahen ihn viele, die bei Nacht an seinem Hause in
+Wittenberg vorübergingen, zum Fenster herausschauen. Und in dem Hause
+ward es seit seinem Tode so unheimlich, daß kein Mensch sich mehr
+getraute, darin zu wohnen. Noch lange, lange nachher blieb es verrufen.
+Im Dreißigjährigen Kriege rettete sich der Dorfschulze zu Brade
+bei Wittenberg dadurch das Leben, daß er dem Soldaten, der auf ihn
+eingedrungen war, sagte, dies sei das Haus, in welchem Doktor Faust,
+der Schwarzkünstler, vom Teufel geholt worden sei. Zum Beweise zeigte
+er sogar an der Wand eine blutbefleckte Stelle, und der Soldat entfloh
+mit Schrecken.
+
+Faust soll auch Zauberbücher geschrieben haben. Das berühmteste trug
+den Titel: »~Doktor Fausts großer und gewaltiger Höllenzwang~,
+mächtige Beschwörungen der höllischen Geister, besonders des Aziels,
+daß dieser Schätze und Güter von allerhand Arten gehorsamvoll, ohne
+allen Aufruhr, Schreckenssetzung und Schaden vor den gestellten Kreis
+seiner Beschwörer bringen und zurücklassen müsse«.
+
+Nach Zwickau kamen noch im Jahre 1700 Schatzgräber und forderten unter
+schweren Drohungen Fausts Bücher, die sich auf der Zwickauer Bibliothek
+befinden sollten. Die Zwickauer Schüler lernten aus Fausts Schriften
+angeblich das Mantelfahren und flogen -- so redeten sie der Menge ein
+-- auf ihren Schulmänteln über die Stadtmauern und um die Teiche herum.
+Wer Fausts »Höllenzwang« vorwärts las, dem erschien der Teufel; las man
+ihn rückwärts, so entfloh er wieder; wer ihn aber nicht rückwärts lesen
+konnte, der wurde vom Satan umgebracht. --
+
+So hieß es jahrhundertelang.
+
+Noch heute gibt es Betrüger genug, die sich als Hexenmeister aufspielen
+und dem abergläubischen Volk unter Berufung auf Fausts »Höllenzwang«
+die Sparpfennige aus den Taschen locken. Auch diese Gaukler verstehen
+es, gebratene Kalbsköpfe mittels der Bauchredekunst sprechen,
+mit Hilfe von versteckten Schattenbilderlampen Gestalten aus der
+Unterwelt erscheinen zu lassen und einen Regen blanker Goldstücke
+aus dem Ärmel zu schütteln, einem Menschen den Kopf abzuschlagen und
+wieder aufzusetzen usw. Insbesondere haben die auch in Deutschland
+herumziehenden indischen Fakire diese Taschenspielerkünste auf eine
+ganz erstaunliche Höhe gebracht. Und wenn man sieht, daß sich selbst
+die kühlsten Beobachter durch diese Kunststücke oft blenden lassen,
+kann man es gut verstehen, daß das unwissende Volk Zauberei und Spuk
+in den Kunststücken erblickte, die durch einfache Fingerfertigkeit zu
+erklären waren. Aber immerhin beweisen diese modernen Schwarzkünstler,
+daß Faust und seine Taten in der Seele des Volkes noch immer lebendig
+sind.
+
+
+
+
+ Goethe der Botaniker.
+
+
+Wenn man von Goethe erzählt, so spricht man vom Juwel des ganzen
+Menschengeschlechts. In einem kurzen Überblick den größten Menschen und
+bedeutendsten Dichter der Welt betrachten, das wäre darum ein ebenso
+unwürdiges, wie tollkühnes Beginnen.
+
+Selbst wenn man sich darauf beschränkt, nur eine kleine Seite dieses
+gewaltigen Geistes zu beschreiben, ist man ob der Fülle des Materials
+in Verlegenheit. Umfaßt doch heute die Literatur über Goethe schon eine
+Bibliothek, die mehr als zehntausend Bände zählt.
+
+Darum soll hier nicht von seinen herrlichen Dichtungen die Rede
+sein, die in der gesamten Weltliteratur unübertroffen dastehen;
+auch das Leben Goethes sei hier nicht geschildert, obwohl viele
+Forscher im Zweifel sind, ob Goethe als Mensch nicht noch größer und
+bewundernswürdiger war, denn als Dichter.
+
+Nie vorher und nie nachher hat ein Mensch eine so umfassende Bildung
+besessen wie Goethe; aber ebenso groß war auch sein Edelmut und seine
+Hochherzigkeit; er war hilfreich und gut, selbstlos, pflichtgetreu
+und unermüdlich in der Arbeit. Als Dichter und als Übersetzer, als
+Kunsthistoriker und als Naturforscher hat er alle Pforten der Schönheit
+vor uns aufgeschlossen. Er erst hat uns gelehrt, Kunst und Natur in
+vollen Zügen zu genießen. Denn ~vor~ Goethe wußte man nicht, wie
+herrlich das Reisen ist, und wie voll tausend heimlicher Wunder die
+Natur! Die Sehnsucht, die ~uns~ heute ins Gebirge und in die
+Wälder zieht, die Freude, die wir heute in Flur und Au, an der See und
+in den Alpen empfinden, hat erst Goethe in uns geweckt. Unsere Ahnen
+kannten sie nicht. Für den Menschen des Altertums und Mittelalters
+waren Wälder und Berge Orte des Grauens und Schreckens, vor denen man
+sich fürchtete. Dazu kam die Unsicherheit vieler Gegenden, in denen
+sich Räuber und wilde Tiere aufhielten; ferner die Kostspieligkeit
+und Beschwerlichkeit des Reisens überhaupt und die höchst mangelhafte
+Verpflegung. Wenn man reiste, um sich zu zerstreuen, so suchte man die
+Städte auf, um fremde Länder und fremde Menschen kennen zu lernen; aber
+die freie Gottesnatur verachtete man; sie war der Aufenthalt böser
+Geister und Dämonen. Nur Menschenfeinde, Besessene oder Einsiedler
+suchten die Waldeinsamkeit auf, in der sie niemand störte. Vor Goethe
+sang man nicht die herrlichen Rheinlieder, kannte man nicht die
+Fußreisen durch den Harz, Thüringer Wald, den Schwarzwald oder das
+Riesengebirge. Vor Goethe dachten nur wenige daran, die eisbedeckten
+Alpengletscher zu besteigen oder um der Kunst und glühenden Landschaft
+willen eine Reise nach Italien zu machen. Der Idyllendichter Salomon
+Geßner, der Naturforscher und Poet Albrecht von Haller, dem wir das
+große Gedicht über »Die Alpen« verdanken, der pädagogische Reformator
+Rousseau, Winckelmann, der sein Leben der Wiedererweckung der antiken
+Kunst geweiht hat, unser Dichter Lessing -- das sind einige berühmte
+Ausnahmen, die größere Reisen oder Fußwanderungen nach den Alpen
+beziehungsweise nach Italien unternommen hatten und die ziemlich
+vereinzelt dastehen.
+
+Die Natur war nur für die Fachgelehrten da; soweit Lehrer, Ärzte,
+Apotheker und Kräutersammler sie eben beruflich brauchten.
+
+Aber es ist klar, daß diese unbegrenzte Liebe Goethes zur Natur
+ihn auch nicht eher ruhen ließ, als bis er sie im Innersten erfaßt
+und erkannt hatte. Und so gibt es denn auch kaum ein Gebiet der
+Naturwissenschaften, auf dem er nicht Unvergängliches, Grundlegendes
+und Bleibendes geleistet hätte. Mit seinen Arbeiten über Anatomie und
+Optik, Mineralogie und Geologie, Meteorologie und Klimatologie haben
+sich die größten Gelehrten beschäftigt und auseinandergesetzt. Seine
+Arbeiten auf diesen Gebieten haben anregend und fruchtbringend gewirkt,
+und keiner, der sich dem einen oder anderen Gebiet zuwenden will, kann
+an Goethe achtlos vorübergehen.
+
+Wir wollen uns hier ein wenig mit Goethe dem Botaniker befassen, wo wir
+ihn unmittelbar in der Natur wirken sehen.
+
+ * * * * *
+
+Er selbst berichtet uns, daß er als Frankfurter Stadtkind noch nicht
+einmal den Unterschied der drei Reiche gekannt habe; infolgedessen
+hatte er sich auch wenig mit dem Reiche der Blumen beschäftigt. Erst
+als er in Weimar einzog, als Sechsundzwanzigjähriger, beglückte ihn der
+Gewinn, Staub und Stadtluft mit Land, Wald und Garten zu vertauschen.
+Und erst durch seinen Beruf als Minister am Weimarer Hofe, wurde er
+zur ernsten Beschäftigung mit den Naturwissenschaften geführt. Er
+hatte die Leitung der Forstverwaltung, und durch seine Teilnahme an
+den großen Jagden im Thüringer Wald begann er die Natur der Bäume zu
+studieren. Der Herzog hatte ihm einen großen Garten geschenkt, »ein
+rechter Gelehrtengarten«, der ihm eine reiche Quelle zur Beobachtung
+der Pflanzen wurde, und in dem sein Geist ausruhen konnte.
+
+Wenn man vom Schloß Weimar kommend, die Ilm überschreitet, gelangt
+man zum Stern, in dessen Nähe am Abhang des Ilmtales der ansteigende
+Goethesche Garten liegt. Am Fuße der Schrägung steht ein einfaches
+Gartenhaus, dessen erstes Stockwerk unter Schlingpflanzen, Geißblatt
+und wilder Rebe versteckt ist. Mitten im Gartenhang befindet sich eine
+einladende Laube, von hohen Bäumen und Sträuchern umgeben, von der man
+eine anmutvolle Aussicht genießt. Eine Steintafel, die da eingefügt
+ist, erzählt uns, daß diese Laube die Geburtsstätte herrlicher
+Dichtungen war, und daß Goethe hierher ging, um seine Sorgen und Kämpfe
+zu überdenken, seinen Forschungen und stillen Freuden nachzuhängen. Die
+umgebenden Bäume besaßen die ganze Liebe Goethes.
+
+ »Sag' ich's euch, geliebte Bäume,
+ Die ich ahndevoll gepflanzt,
+ Als die wunderbarsten Träume
+ Morgenrötlich mich umtanzt.
+ Wachset wie aus meinem Herzen,
+ Wachset in die Luft hinein;
+ Denn ich grub ja Freud' und Schmerzen
+ Unter eure Wurzeln ein.«
+
+Oft saß Goethe nachts auf dem Altan des Gartenhauses und schlummerte,
+während laute Gewitter ihn umtobten. Er fand es unter Blitz, Donner und
+Regen so herrlich, daß ihm das Bett leid wurde, und so oft er erwachte,
+mitternachts, um zwei, um vier Uhr, immer entzückte ihn von neuem die
+Herrlichkeit des Himmels. Seiner Freundin Charlotte von Stein schickte
+er bald selbstgezogenen Spargel, eigengezüchtete Rosen, Erdbeeren usw.
+Selbst in Winternächten weilte er gern hier. Und als er endlich 1782
+in sein vornehmes Stadthaus übersiedelt, und ihm jemand den Garten
+abkaufen will, geht er noch einmal hinaus. »Jede Rose sagte zu mir: und
+du willst mich weggeben? In dem Augenblick fühlte ich, daß ich diese
+Wohnung des Friedens nicht entbehren könne.«
+
+Ein so inniges Leben im Garten mußte in Goethe natürlich viele Gedanken
+über das Walten und Weben der Natur auslösen. Wenn er durch die Felder
+reitet, denkt er über die Entstehung und Bildung der Erdoberfläche
+nach und um bei seinen Studien im Reiche der Pflanzen nicht ohne
+Lehrer zu sein, wählt er die Werke Linnés, der erst vor wenigen Jahren
+verstorben war, nachdem er die ganze naturgeschichtliche Anschauung
+seiner Zeit beherrscht und reformiert hatte.
+
+Aber Goethe fand sich in dieser rubrizierten und klassifizierten Welt
+Linnés nicht zurecht. Er studierte auf eigene Faust weiter und weckte
+in seiner ganzen Umgebung dieselbe Leidenschaft für botanische Studien.
+Der Herzog selbst wurde ein eifriger Gartenliebhaber, schaffte die
+seltensten ausländischen Gewächse in seine Gartenhäuser und kaufte für
+seine Bibliothek die kostbarsten botanischen Werke an. Goethe kaufte
+Mikroskope zum genaueren Studium, sezierte Kokosnüsse und stellte
+mit den verschiedensten Samen allerhand Keimversuche an, mit Pisang,
+Kaktus, Trüffeln, Morcheln, Steinpilzen, Pfefferkörnern, Leinsamen,
+Roggen, Erbsen, Linsen, Kartoffeln, Tee, Bier, Fichtenzweigen.
+Bald schreibt er einem Freunde: »Ich habe in der Botanik hübsche
+Entdeckungen und Kombinationen gemacht,« und einer Freundin: »Wie
+lesbar mir das Buch der Natur wird, kann ich Dir nicht ausdrücken; mein
+langes Buchstabieren hat mir geholfen, jetzt wirkt's auf einmal, und
+meine stille Freude ist unaussprechlich.«
+
+Im Juni 1785 begibt sich Goethe in Gesellschaft von seinem Freunde
+Knebel auf die Reise. Auf dem Burgweg bei Jena begegnen sie
+einem siebzehnjährigen Studenten namens Dietrich, der mit der
+Botanisiertrommel auf dem Rücken heimwärts wandert. Er wird aber von
+Goethe angehalten, muß die Büchse öffnen, die Pflanzen herausnehmen,
+ihre lateinischen und deutschen Namen aufsagen, Klasse und Ordnung des
+Linnéschen Systems angeben, den Nutzen in Land- und Hauswirtschaft
+erläutern. Da er das Examen recht gut besteht, wird er von Goethe
+zu einem Spaziergang eingeladen, auf dem beide Federgras pflücken,
+Frauenschuh, Spinnen- und Fliegenorchis, das bleiche Vogelnest und
+andere botanische Zierden der Jenenser Kalkberge. Dietrich wird
+aufgefordert, die Herren auf einer Reise durchs Fichtelgebirge und ins
+Karlsbad zu begleiten, und hocherfreut sagt er zu.
+
+Tags darauf macht sich die Gesellschaft auf den Weg; da Goethe aber
+unterwegs erkrankt, muß die Reise auf sechs Tage unterbrochen werden.
+Dann geht's über Schleiz, Hof und Weinsiedel ins Fichtelgebirge hinein.
+So oft man an einer Wiese vorbeifährt, muß der Kutscher anhalten; der
+Student steigt aus, um die merkwürdigsten Pflanzen zu sammeln und den
+Herren im Wagen vorzuzeigen, während Goethe, Linnés »System« auf den
+Knien, in dem Buche blättert und Linnés Beschreibung nachliest.
+
+In den Bergen besteigt die kleine Reisegesellschaft den Seeberg und
+den Ochsenkopf. In einer Schlucht erblickt Goethe auf dem Grunde einen
+purpurroten Fleck, der seine Verwunderung erregt. Sofort steigen die
+Herren hinab und erblicken ein Torfmoor, auf dem der Sonnentau mit
+seinen purpurnen Blattrosetten sich so massenhaft angesiedelt hat,
+daß das Moor wie ein blutroter Teppich erscheint. Goethe untersucht
+die Pflanzen sorgfältig und findet an den Blättern kleine Insekten
+haften. Es ist der ~insektenfressende Sonnentau~, der, sobald
+er mit seinen klebrigen Blütenblättern ein Insekt gefangen hat, es
+nicht mehr losläßt und, wie die Schlange ihr Opfer verschlingt und
+nach einiger Zeit die unverdauten Reste auswirft, das gefangene Tier
+in seinem Kelche einschließt, ihm -- wie die Spinne -- mörderisch das
+Blut entzieht, die Weichteile aufzehrt und erst dann wieder seine Blüte
+öffnet, wenn neuer Hunger ihn treibt, und wenn ihm das unverdauliche
+Hautskelett des Opfers lästig wird.
+
+Aber nicht nur das lebende Insekt wird von dem Sonnentau mit großem
+Appetit verzehrt. In der Verdauungskunst können die Blättchen des
+Sonnentaus überhaupt mit jedem Tiermagen in den Wettkampf treten. Sie
+verdauen auch leicht das rohe, das gekochte und gebratene Kalb- und
+Rindfleisch. Gekochtes Eiweiß bekommt ihnen ebenfalls vortrefflich.
+Sie sind auch Freunde eines scharf paprizierten Käses. Ja, sogar
+an Knorpel, Leim, stickstoffreichen Pflanzensamen, Blütenstaub,
+Knochensplittern und selbst am steinharten Zahnschmelz verderben sie
+sich ihren beneidenswerten Magen nicht. Dagegen verschmähen sie jedwede
+mehlige, fette, süße und saure Speise; essen, wenn man ihnen fettes
+Fleisch reicht, wie viele Menschen, nur das Fleisch und lassen das
+Fett liegen, und können sich, wenn man sie überfüttert oder ihnen die
+Mahlzeiten zu schnell hintereinander verabreicht, wie die Kinder, an
+den Folgen der Magenverstimmung und der unregelmäßigen Nahrungszufuhr
+eine schwere Krankheit, ja sogar den Tod holen.
+
+So ist Goethe einer der Ersten, der eine insektenfressende Pflanze
+beobachtete. Denn erst fast ein Jahrhundert später hat der große
+Naturforscher Darwin sein Werk über die insektenfressenden Pflanzen
+veröffentlicht.
+
+Die Pflanzen, die Goethe auf dieser Reise sammelte, hat er in Herbarien
+eingelegt, die man noch jetzt im Goethe-Haus zu Weimar sehen kann, wo
+sie in acht schwarzgestrichenen Holzkisten untergebracht sind. Die
+Pflanzen sind in die vierundzwanzig Klassen des Linnéschen Systems
+eingeteilt und sauber auf Papierblätter aufgeklebt; daneben stehen die
+deutschen und lateinischen Namen. Auch Goethes Pflanzenpresse ist noch
+vorhanden.
+
+Als die Reisenden endlich in Karlsbad angelangt waren, hatten sie
+sofort einen Kreis erlesener Freunde um sich: Frau von Stein, Gräfin
+Bernstorff, die Fürstin Lubormirska, Graf Brühl, Herder, Voigt, Bode.
+
+Schon in aller Herrgottsfrühe muß Dietrich, der junge Kräutersammler,
+die Flora Karlsbads absuchen, die gesammelten Pflanzen in großen
+Bündeln an den Brunnen bringen und, während Goethe seine bestimmte
+Anzahl Becher leert, ihre Namen laut ausrufen. Die Pflanzen werden
+sorgfältig eingelegt und Goethe erklärt seinem Kreise die Ideen, die
+die Pflanzen in ihm erweckt haben.
+
+Nun läßt ihm die Botanik keine Ruhe mehr; von den hochentwickelten
+Pflanzen wagt er sich jetzt bereits in das schwer zu durchwandernde
+Reich der Kryptogamen, studiert Moose, Schwämme, Flechten und Algen.
+Im Winter 1785/86 setzt er eifrig das Botanisieren und Mikroskopieren
+fort. Im Juni schreibt er an seine Freundin, Frau von Stein: »Die
+Blumen haben mir wieder gar schöne Geschichten zu bemerken gegeben,
+bald wird es mir gar hell und licht über alles Lebendige.« Und ein paar
+Tage darauf: »Ich bin von tausend Vorstellungen getrieben, beglückt und
+gepeinigt; das Pflanzenreich rast wieder in meinem Gemüte, ich kann es
+nicht einen Augenblick loswerden, mache aber auch schöne Fortschritte.
+Es ist eine wunderbare Epoche, in der Du mir eben fehlst. Am meisten
+freut mich jetzt das Pflanzenwesen, das mich verfolgt, und das ist's
+eben, wie mir die Sache zu eigen wird. Es zwingt sich mir alles auf;
+ich sinne nicht darüber, es kommt mir alles entgegen, und das ungeheure
+Reich vereinfacht sich mir in der Seele, so daß ich die schwerste
+Aufgabe gleich weglesen kann. Wenn ich nur jemand den Blick und die
+Freude mitteilen könnte! Es ist aber nicht möglich: und es ist kein
+Traum, keine Phantasie, es ist ein Gewahrwerden der Form, mit der die
+Natur gleichsam nur immer spielt und spielend das mannigfaltige Leben
+hervorbringt. Hätte ich Zeit in dem kurzen Leben, so getraut' ich mich,
+es auf alle Reiche der Natur, auf ihr ganzes Reich auszudehnen.«
+
+Ende des Jahres 1786 ging Goethe über den Brenner nach Italien. Am
+Walchensee bemerkt er den ersten Bergahorn und die erste Gentiane,
+hinter Innsbruck die ersten Lärchenbäume, an der Brennerstraße die
+ersten Zirbelkiefern. Er stellt Betrachtungen an über den Einfluß
+des Höhenklimas auf die Gestaltung der Alpenpflanzen. Und inmitten
+der Weingelände des wilden Etschtales, inmitten der Maisfelder, der
+Fruchtbäume, der Maulbeer-, Nuß- und Quittenbäume fühlt er sich wie
+neugeboren. In Verona erregen die Jahrhunderte alten Zypressen in ihm
+das Gefühl der Verehrung. Als er einige Zweige mit grünen Zapfen und
+einige blühende Zweige der Kapernstaude sich von einem Diener nach
+Hause tragen läßt, schauen ihm die Vorübergehenden auf die Finger »und
+machen sich ihre Gedanken dabei«.
+
+Aber erst im botanischen Garten von Padua tritt ihm die
+Pflanzenherrlichkeit des Südens in überwältigender Pracht vor Augen;
+zauberhaft leuchtet ihm eine hohe breite Mauer mit feuergelben Glocken
+der kletternden Bignonie entgegen. Eine Fächerpalme, die erste im
+Lande, zieht seine ganze Aufmerksamkeit an. Diese Palme lebt noch
+heute und überrascht mit ihrem siebenfach verzweigten Riesenstamm,
+ihren grünen Blattfächern und ihren gelben Blütenrispen den deutschen
+Besucher als eine lebende Reliquie des großen Dichters; sie ist mit
+einer Inschrift versehen, die sie als »Goethepalme« bezeichnet und
+so Goethes Besuchs im botanischen Garten gedenkt. »Hier in dieser
+mir entgegentretenden Mannigfaltigkeit,« schreibt Goethe, »wird mir
+der Gedanke immer lebendiger, daß man sich alle Pflanzengestalten
+vielleicht aus ~einer~ entwickeln kann. Hierdurch wird es möglich
+werden, Geschlechter und Arten wahrhaft zu bestimmen ... Auf diesem
+Punkt bin ich in meiner botanischen Philosophie stecken geblieben und
+sehe noch nicht, wie ich mich entwirren will.«
+
+Aber seine Gedanken wachsen immer mehr. Je weiter Goethe nach Süden
+kommt, desto mehr fremdartige Pflanzen bemerkt er, die er in jedem
+Garten, auf jeder Lustfahrt sammelt. »Die Botanik übe ich auf Wegen
+und Stegen, ich werde immer sicherer, daß ich die allgemeine Formel
+gefunden habe, die auf alle Pflanzen anwendbar ist.« Viele Versuche aus
+jener Zeit sind noch erhalten; so einige Dattelpalmen, die Goethe aus
+Kernen herangezogen, um ihre Entwicklung zu beobachten. Sie schmücken
+noch heute als hundertjährige Goethepalmen in der Villa Malta einen der
+Hügel von Rom.
+
+Als Goethe im Frühjahr 1788 nach Weimar zurückkehrt, liegen die Lehr-
+und Wanderjahre in den Naturwissenschaften hinter ihm; er ist zum
+Meister gereift. Je mehr er sich der Heimat entfremdet fühlt, desto
+verwandter wird ihm die Natur. »Aus Italien, dem formenreichen, war
+ich in das gestaltlose Deutschland zurückgekehrt, heiteren Himmel mit
+trübem zu vertauschen. Im Laufe von zwei vergangenen Jahren hatte ich
+ununterbrochen beobachtet, gesammelt, gedacht, jede meiner Anlagen
+auszubilden gesucht; der Natur glaubte ich abgemerkt zu haben, wie
+sie gesetzlich zu Werke geht, um lebendiges Gebild als Muster alles
+Künstlichen hervorzubringen ... Aber schmerzlich vermißte ich jede
+Teilnahme; die Freunde, statt mich zu trösten und wieder an sich zu
+ziehen, brachten mich zur Verzweiflung. Niemand verstand meine Sprache.«
+
+Es vergingen nach der Rückkehr aus Italien noch zwei Jahre
+ununterbrochenen Studierens, Beobachtens und Durchsprechens mit den
+Freunden, ehe er mit seinen botanischen Ideen an die Öffentlichkeit
+trat. Endlich, im Frühjahr 1790, hatte er den »Versuch, die
+Metamorphose der Pflanzen zu erklären«, zugleich mit der Faustdichtung
+der Öffentlichkeit übergeben. Aber die Ernte seines jahrelangen
+Bemühens, zu zeigen, ~daß sich die mannigfaltigen Erscheinungen der
+Flora auf ein allgemeines einfaches Prinzip zurückführen lassen~,
+war ein großer entmutigender Mißerfolg. Die Fachgelehrten lehnten das
+Werk Goethes als das eines außerhalb der Zunft stehenden Dilettanten
+ab; sie sahen ein freches Wagnis darin, das festgefügte Gebäude des
+Linnéschen Systems erschüttern zu wollen. Die Freunde überschütteten
+Goethe mit gutgemeinten Warnungen, die blühenden Auen der Poesie mit
+Gewächshäusern und getrockneten Herbarien zu vertauschen. Kurz, Goethe
+stand einsam. »Es ist die größte Qual,« ruft er aus, »nicht verstanden
+zu werden, wenn man nach großer Bemühung und Anstrengung sich endlich
+selbst und die Sache zu verstehen glaubt; es treibt zum Wahnsinn, den
+Irrtum immer wiederholen zu hören, aus dem man sich mit Mühe gerettet
+hat.«
+
+Das Unglück Goethes war, daß er seine Abhandlung um ein Jahrhundert
+zu früh hatte erscheinen lassen, ehe es Botaniker gab, die imstande
+waren, sie zu studieren und zu verstehen. Er fand zwar manche
+Anerkennung, aber im großen und ganzen war seine Zeit nicht reif dafür.
+
+Trotz aller Enttäuschungen dachte Goethe aber daran, einen zweiten
+Teil der Metamorphose herauszugeben, der die erläuternden Abbildungen
+und Beweise für seine neue Lehre bringen sollte. Herbarien wurden
+gesammelt, Merkwürdigkeiten in Spiritus verwahrt, Zeichnungen
+verfertigt, Kupfer gestochen.
+
+Inzwischen hatte in Frankreich Rousseau, der ebenfalls ein
+leidenschaftlicher und bahnbrechender Botaniker war, aufs
+eindringlichste dahin gewirkt, daß an Stelle der Linnéschen
+Klassenunterschiede die Ordnung der Natur zu ihrem Rechte komme. Goethe
+zögerte nicht lange, die neue Ordnung in seinem Weimarer Berggarten
+aufzunehmen, und der gegenwärtige Goethesche Garten zeigt noch heute
+dieselbe ursprüngliche Anordnung in vier geradlinige, rechteckige
+Beete, die von Buchskanten, alten Rosenstöcken, Geißblatt und anderen
+Schlingpflanzen eingefaßt sind. In der Mitte befinden sich zwei
+kreisrunde Rabatten, sowie ein schöner Laubengang, der von einer
+Kornelkirschhecke gebildet wird; prächtige alte Bäume wachsen darin;
+Blutbuchen, Kastanien, Eschen, Robinien.
+
+Goethe wandte sich nun vorzugsweise der ~Physiologie~ der Pflanzen
+zu; er studiert zunächst die Wirkung des Lichtes auf die Pflanze. Im
+Sommer 1796 läßt er sich Glastafeln anfertigen aus gelbem, blauem und
+violettem Glas; diese Gläser läßt er in Rahmen fassen, und die Rahmen
+legt er auf Holzkästchen, die bis zur Hälfte mit Erde angefüllt sind,
+in welcher die verschiedensten Samen ruhen, die gut gepflegt und zur
+Entwicklung gebracht werden.
+
+Fast jeden Tag hob Goethe die Glastafeln auf, um zu kontrollieren, ob
+die Farbe der Gläser auf das Wachstum der Pflanzen von Einfluß sei.
+Dann untersuchte er, wie sich Pflanzen entwickeln, denen man das Licht
+entzieht. Zu dem Zwecke ließ er in einem leeren Gewächshause eine
+Menge verschiedener Blumensamen in die Erde aussäen und das Haus durch
+Läden verfinstern. Herder hatte die irrige Meinung, die Keime würden
+sich ohne Licht überhaupt nicht entwickeln; die Zukunft belehrte ihn
+aber, daß die Keime sich wohl entwickelt hatten, daß die Blättchen aber
+klein und blaßgrün geblieben waren. Aber sobald Goethe im Juli die
+Läden fortnehmen ließ, gewannen die weißlichen Blättchen bald wieder
+ihre gesunde grüne Farbe zurück.
+
+In einer klaren Juninacht ging Goethe einmal in seinem Garten auf
+und ab und beobachtete plötzlich auf den Blumen des roten Mohns ein
+flammenähnliches Aufblitzen. Goethe stellte fest, daß es sich dabei
+nicht um ein wirkliches Aufleuchten, sondern nur um eine besondere
+Farbenerscheinung handelte.
+
+So war er unablässig bemüht, neue Beispiele des Bildens und Umbildens
+der Pflanzen zu sammeln; besonders förderte ihn sein Verhältnis zur
+Universität Jena, deren Kurator er war. Unter Goethes wohlwollender,
+geschäftskundiger und intelligenter Leitung führte er mit den
+bescheidensten Mitteln eine Blüte dieser Hochschule herbei, die
+ohnegleichen war. Er gründete Bibliotheken, Institute und Sammlungen
+und legte einen botanischen Garten und ein Museum an. So oft er in
+Jena war, bewohnte er das schlichte Gartenhaus, dessen einfache
+Zimmereinrichtung der moderne verwöhnte Mensch nicht ohne Rührung
+betrachtet.
+
+Hier knüpfte Goethe auch Beziehungen zu dem achtundzwanzigjährigen
+Alexander von Humboldt an, der sich vor seiner großen amerikanischen
+Reise lange in Jena aufhielt. »Meine naturhistorischen Arbeiten sind
+durch Humboldts Gegenwart aus dem Winterschlaf geweckt,« schreibt
+Goethe an Knebel. Und an Humboldt selbst: »Es waren die schönsten Jahre
+meines Lebens, wo ich in Ihrer Nähe Ihres wohltätig begeisternden
+Einflusses genoß.« Zu Eckermann sagte Goethe: »Was persönlicher
+Gedankenaustausch fördert, empfinde ich, wenn Männer wie Humboldt hier
+durchkommen, und mich in dem, was ich suche und was mir zu wissen nötig
+ist, in einem Tage weiterbringen, als ich sonst auf meinem einsamen
+Wege in Jahren nicht erreicht hätte.«
+
+Goethes Idee der Metamorphose der Pflanzen, die darauf beruhte, daß
+der Bauplan der Pflanze unendlich einfach sei, insofern sie immer nur
+ein- und dasselbe Organ in den verschiedensten Formen entwickelt,
+diese Idee ist heute selbstverständliches Gemeingut der Wissenschaft
+geworden, und man hat darüber vergessen, wie viele jahrelange Kämpfe es
+Goethe gekostet hat, sie durchzusetzen. Erst der fast siebzigjährige
+Forscher kann rückblickend sagen: »Mir ist ein erwünschtes Los
+gefallen. Jünglinge gelangten auf den Weg, dessen ich mich erfreue,
+teils veranlaßt durch meine Vorübung, teils auf der Bahn, wie sie
+der Zeitgeist eröffnet. Stockung und Hemmnis sind nunmehr kaum zu
+befürchten; eher vielleicht Voreiligkeit und Übertreibung, als
+Krebsgang und Stillstand. In so guten Tagen, die ich dankbar genieße,
+erinnert man sich kaum jener beschränkten Zeit, wo meinen ersten
+Bestrebungen niemand zu Hilfe kam.«
+
+Und noch immer läßt er nicht ab, alles, was ihm im Leben der Pflanzen
+als bemerkenswert auffällt, aufzuzeichnen. Mit herzlicher Freude
+vernimmt er, daß ein botanischer Freund einem der edelsten Bäume des
+brasilianischen Urwaldes den Namen »Goethea« gegeben.
+
+Doch nun kommen die Jahre, in denen er sich müde fühlt, dem Wanderer
+gleich, der still ausruht und die rüstige Jugend an sich vorbeiziehen
+läßt, um neue Länder zu entdecken und unbebaute Felder der Wissenschaft
+urbar zu machen. »Es ist das höchste Glück des Menschen, das
+Erforschbare erforscht zu haben und das Unerforschte in Ehrfurcht zu
+genießen.«
+
+ * * * * *
+
+Wie sehr Goethe seine ~poetischen~ Werke mit Gleichnissen aus der
+Pflanzenwelt geschmückt hat, ist zu bekannt, als daß man es besonders
+hervorheben müßte; aber wir wissen jetzt, daß er diese Symbole aus
+eigener Anschauung, gewissermaßen direkt aus den Händen der Natur,
+empfangen hat, und wir wissen ferner, daß ihn seine botanischen Studien
+gelehrt haben, die ganze Natur als ein ~einziges~ großes Reich
+zu betrachten; er teilte sie nicht in drei Reiche. Für ihn gab es
+nur ~ein~ Reich des Lebens, das von den einfachsten Anfängen in
+unzähligen Zwischenstufen Schritt für Schritt sich zu den höchsten
+Gestaltungen erhebt, überall denselben Gesetzen unterworfen. Keine
+neuen Kräfte, keine ihrem Wesen nach verschiedene Tätigkeiten treten
+auf. Der Baum des Lebens ist ein einziger und einheitlicher, der seine
+Wurzeln in den Gebilden der ~Pflanzen~ ausbreitet, sich in den
+Stämmen der ~Tiere~ zu immer vollkommeneren Formen erhebt und im
+~Menschen~ die höchste Blüte entfaltet.
+
+Worin -- habe ich mich oft gefragt -- besteht wohl die große und
+tiefe Freude, die Feld und Wald uns bereiten? Ist diese Freude etwas
+anderes als eine Ahnung der geheimnisvollen Beziehung, die zwischen dem
+Menschen und der Pflanzenwelt besteht? Denn seit der Mensch auf der
+Erde wandelt, hat er die Natur, die ihn umgibt, in sich aufgenommen
+und für seine Vorstellungen auszubeuten gesucht. Der Mensch fing an,
+die verschiedenen Pflanzengestaltungen zu prüfen, inwiefern die eine
+mehr, die andere weniger das andeutete, was in seinem Inneren vorging.
+Durch die Pflanzen, die er wählte, teilte er seine Gefühle mit. Die
+weiße Lilie entsprach der Unschuld, das Leberblümchen dem Ärger, die
+Klette bedeutete Anhänglichkeit, die Brennessel Bosheit, das Veilchen
+Bescheidenheit, die Schlüsselblume Aufrichtigkeit, das Heidekraut
+Einsamkeit, die Aster Kummer, der Lorbeer Ruhm, die Palme Sieg, die
+Eiche Stärke und Ehre, der Wein Fröhlichkeit, die Ähre Fruchtbarkeit,
+die Dornen Unglück, das Immergrün Hoffnung, die Rose Liebe, der
+Rosmarin Tränen, die Zypresse den Tod usw. Man sprach durch Blumen, wie
+die alten Ägypter sich durch Bilder verständigten.
+
+Der Mensch erkannte die unzähligen innigen Beziehungen, die zwischen
+Mensch und Pflanze herrschen, in bezug auf Wachstum, Klima, Nahrung,
+Verdauung, Schlaf, Gefühl, Seele; in bezug auf Ironie und Grobheit,
+Karikatur und Schönheit, Gefräßigkeit und Bescheidenheit, Parasiten-
+und Schmarotzertum, Reichtum und Armut, Umgebung und Gesellschaft, Luft
+und Wetter, Kost und Bekleidung, Persönlichkeit und Menge, Genialität
+und Philisterium, Raffiniertheit und Intelligenz, Frechheit und Anmut.
+Denn es gibt keinen Zustand, keine Daseinsform, die in der Pflanzenwelt
+nicht ihre Verkörperung gefunden hätte.
+
+Das ~Klima~ beeinflußt die Pflanzenwelt in dem gleichstarken Grade
+wie den Menschen. In der heißen Zone leben die fast durchweg schlanken
+und breitschulterigen nackten Menschen, im Norden Asiens die kleinen
+verkümmerten Beringsvölker. Ebenso sprießt die Pflanzenwelt der heißen
+Zone üppig und verschwenderisch, während die Flora der nördlichen
+Breitengrade ein trauriges zwerghaftes Dasein fristet.
+
+Wie die Pflanzen sind auch die Menschen entweder durch natürliche
+~Grenzen~, durch Meere oder Hochgebirge voneinander getrennt,
+oder sie gestatten von den Grenzen aus bei naher Berührung einen
+gegenseitigen Austausch ihrer Bewohner. Wie im Pflanzenreiche leben im
+Reiche der Menschen unter gleichem Himmel doch in scharfer Abgrenzung
+und in gesonderten Staaten Menschen verschiedener Sprache und
+Abstammung; aus der Verschmelzung mehrerer Urstämme ist eine gemischte
+Bevölkerung hervorgegangen.
+
+Pflanzen ~schlafen~ wie der Mensch, und der Schlaf ist ihnen
+ebenso vorteilhaft und notwendig. Auch die Pflanze schützt sich vor
+Erkältungen und vor dem Tod durch Erfrieren, indem sie in hellen,
+kalten Nächten nicht die breite Fläche, sondern die scharfe Kante
+dem Himmel zukehrt, um die Wärmeausstrahlung zu verhindern oder doch
+zu vermindern. Die meisten Blumen begeben sich erst gegen Abend zur
+Ruhe. Die Blüten ziehen sich eng zusammen, und die Blätter kehren ihre
+Unterseite nach oben.
+
+Man könnte die Blumen auch nach ihrem ~Dufte~ einteilen, der
+ihre Seele ist. In der Tat ist der Duft das edelste Kunstwerk, das
+die Pflanze in den tausend Tätigkeiten ihres Lebens hervorbringt. Der
+Duft ist unerklärbar und unerforschlich wie die menschliche Seele, und
+ebenso verschieden wie sie. Die Düfte sind die Gefühle der Blumen.
+
+Und es gibt ~Grobiane~ in der Pflanzenwelt, die, angefaßt, einen
+Geruch von sich geben, den man in guter Gesellschaft nicht näher
+beschreiben möchte.
+
+Man hat ferner ~Schmarotzerpflanzen~ beobachtet, die ausschließlich
+von anderen Pflanzen leben und ihnen die Kräfte wegstehlen. Wie
+Riesenschlangen greifen sie die mächtigsten Stämme an und winden sich
+fest um sie, als wollten sie die Kolosse ersticken. Sie strecken sich
+nach den umstehenden Bäumen und Bäumchen aus, ergreifen den nächsten
+Nachbar, umwickeln Schößlinge und Sprößlinge und bilden zahllose
+pflanzliche Laokoon-Gruppen.
+
+Es gibt auch ~Karikaturen~ in der Pflanzenwelt, die die Baumform
+zu verhöhnen scheinen. Das sind die Parodisten unter den Pflanzen.
+Man denke nur an die Kakteen. Sie predigen fast absichtlich die
+Gesetzlosigkeit jeder Form. Bald kriechen sie schlangenartig am Boden
+hin, bald hocken sie wie überfüllte Blasen übereinander. Bald sind
+sie scharfkantig und lang wie Balken, bald unförmig riesengroß wie
+entartete Kürbisse. Bald -- in den südlichen Ländern -- sind sie
+haushoch, bald so klein wie eine Erbse. Bald haben sie die Form des
+stachligen Kugelfisches, bald die einer platten Flunder. Sie können
+aussehen wie plumpe Puppen und wie die Schnauze des Sägehais; man sieht
+sie Tropfsteingebilde nachäffen und Biertonnen verhöhnen. --
+
+Den Grundstein zu allen diesen Beobachtungen hat ~Goethe~ gelegt,
+der nicht nur als Dichter an der Spitze der Menschheit steht.
+
+
+
+
+ Goethe in Venedig.
+
+
+Ich krame gar zu gern auf den alten Böden, die unter der Dachschrägung
+liegen und mit einer kleinen verstellbaren Fensterluke versehen sind;
+wo es nach Ruß und Rauch, nach Wäschedunst und heißer Sonne riecht;
+wo verhungerte Spinnen neben den Fliegengerippen in ihren verstaubten
+Netzen hängen; wo allerhand Ungetier still und verstohlen herumkreucht;
+wo zehntausend wertlose schiffbrüchige Dinge umherliegen: geköpfte
+Puppen, leere Sektflaschen, künstliche Palmen, alte, weiß Gott! wie
+alte Schmöker, Stühle ohne Beine, Lackstiefelchen mit klaffenden
+Wunden, verbeulte kupferne Kasserollen, Beinkleider, denen man
+entwachsen ist, rostiges Eisenzeug, Schulhefte, ein zerbröckelndes
+Herbarium, Rhomboiden und Pyramiden aus Pappdeckel, ein Kinderwagen und
+noch so viel anderer unnützer Plunder.
+
+Ich krame gar zu gern in diesem schwer bestaubten, toten Gerümpel, das
+mir so viele kostbare Erinnerungen schenkt und so viel Geliebtes, das
+tot ist, wieder lebendig werden läßt. In diesen Rumpelspeichern sitzt
+mit Urgroßmuttershaube die Zeit und träumt ihre Träume von der Ewigkeit
+und vom Zerfall aller irdischen Dinge ...
+
+Habt ihr ihr noch nie zugeschaut, ihrem leisen melancholischen Wirken
+und Weben und ihrer stillen, unermüdlichen Arbeit? Wie sie zum
+Beispiel dem kleinen Kinderwagen, in dem ihr einst als der Abgott
+eurer Eltern gelegen, und der so blink und so blank durch die Gärten
+der Stadt gefahren wurde, wie sie diesem Wagen, in dem ihr eure ersten
+Lebensjahre verbracht habt, ganz langsam die kleinen, entzückenden
+Vorhänge fortreißt und den Stoff Faden um Faden auseinandernimmt.
+Wie sie den braunen Firnis ableckt! Wie sie die spiegelhellen
+Nickelstangen anhaucht, daß sie erblinden! Wie sie das ganze Gerippe
+des Wagens bloßlegt, dann auch an diesem nackten Gestell zu nagen
+beginnt und so lange daran nagt und knuspert und knackt und beißt, bis
+es zusammenbricht, und ihr nichts weiter mehr seht als ein Häuflein
+Eisenstangen und Korbweiden? Freilich das dauert Jahre, Jahre ... aber
+sie hat ja keine Eile.
+
+Ich krame gar zu gern in diesen formlos gewordenen, in der Auflösung
+begriffenen Dingen, die die Vergangenheit zur Gegenwart machen. Da
+komme ich zuweilen herauf auf den Rumpelkoben, um nach den lieben
+Erinnerungsstücken zu schauen, die zu Staub werden zwischen den
+langsamen Kiefern der Zeit. Der Klopfwurm hämmert im Dachgebälk, in den
+Mauerlöchern verkriecht sich der Tausendfuß, und auf dem Dache gurren
+die Tauben. Manchmal geht auch eine Katze da oben spazieren, streckt
+ihren martialischen Schnurrbart zur offenen Fensterluke herein und sagt
+mir »Guten Tag!«
+
+Als ich wieder einmal da oben zwischen den vermotteten Trümmern
+verblaßter Erinnerungen saß, fiel mir ein Kasten voller Steine in die
+Hände, die am Strande des Adriatischen Meeres aufgelesen waren.
+
+Und kaum sah ich diese buntfarbigen, von den Meereswellen
+abgeschliffenen Felssplitter, als plötzlich ganz Venedig vor meinem
+Geiste auftauchte, wo die Heimat dieser Steine ist.
+
+Kennt ihr Venedig? ...
+
+Wenn ihr euch mir anvertrauen wollt, will ich euch führen ...
+
+ * * * * *
+
+Es ist morgens fünf Uhr ...
+
+Venedig schläft noch ... Das Venedig, von dem man an grauen Herbsttagen
+träumt, nach dem man sich an bleiernen Wintertagen immer wieder sehnt.
+Der palastbesäumte +Canale grande+ schläft noch. Aber rudert mit
+mir in der schwarzen stillen Gondel bis zur Rialtobrücke, laßt das
+Venedig des Märchens, das Venedig der Dogen hinter euch versinken ...
+
+Und nun wollen wir uns in den Gassen herumtreiben, in denen Shylock
+und Tubal Handel trieben, in denen Shakespeare wohl die Hälfte des
+»Kaufmanns von Venedig« spielen läßt, was -- topographisch betrachtet
+-- gar nicht möglich ist.
+
+Es ist das Venedig, von dem ihr nie sprechen hört; das Venedig der
+Armen. In seinem Venetianischen Brief vom 29. September 1786 erwähnt
+Goethe dieses Viertel; er spricht von dem Zwang, den der beschränkte
+Raum auf die Bauart ausübte. Die Häuser suchten die Luft -- sagt er
+-- wie Bäume, die geschlossen stehen; sie mußten an Höhe zu gewinnen
+suchen, was ihnen an Breite abging. »Auf jede Spanne des Bodens geizig
+und gleich anfangs in enge Räume gedrängt, ließen sie zu Gassen nicht
+mehr Breite als nötig war, eine Hausreihe von der gegenüberstehenden
+zu trennen und dem Bürger notdürftige Durchgänge zu erhalten ... Die
+Enge und Gedrängtheit des Ganzen glaubt man nicht, ohne es gesehen zu
+haben. Gewöhnlich kann man die Breite der Gassen mit ausgereckten Armen
+entweder ganz oder beinahe messen, in den engsten stößt man schon mit
+den Ellbogen an, wenn man die Hände in die Seite stemmt.«
+
+In der Tat, es gibt da elende Winkel, in die die italienische Sonne
+nie einen Strahl wirft. Hier fällt kein Licht herein; hier ist alles
+fruchtbar ohne Sonne. Und hier, wo wir jetzt wandern, hat schon mit der
+Morgendämmerung ein rastloses Wirken begonnen. Das malerische Bild ist
+von starkem Eindruck, aber allerdings auf Kosten der armen Teufel, die
+Leben und Gesundheit dafür lassen. Krumme Häuser seht ihr, als hätten
+Blinde sie aufgebaut; Gesichter, als hätte die Hölle sie ausgebleicht.
+Schönheit muß man hier nicht suchen. Freude und Lust, Paläste, Kirchen
+und Theater, kostbare Juwelen und seltene Gemälde, alte Spitzen und
+erlesene Antiken -- alles, was dem Leben den Glanz des Genusses gibt,
+erscheint plötzlich furchtbar und tyrannisch. Voll stolzer Verachtung
+zwang jenes Venedig alle die Demütigen und Armen, die Erniedrigten
+und Geächteten in diese menschenunwürdigen Stadtteile, in diese
+Gassen voll ekler Dünste, voller Kehricht und Moder. Hier warf es die
+Tausende von Sklaven her, denen es einen jämmerlichen Unterschlupf
+gewährt und die sich am Tage um eines Soldo willen bekämpfen und
+beneiden, verfluchen und töten. Hier leben die kleinen Händler, die
+Fabrikarbeiter und Arbeiterinnen, die schwindsüchtigen Glasbläser und
+Glasspinnerinnen, die Mosaiksetzer, die Perlendreher und Holzschnitzer
+-- jeder ein Künstler in seiner Art.
+
+[Illustration: Goethe in der Campagna.]
+
+Die prächtigen, für satte und zufriedene Leute berechneten Läden auf
+dem Markusplatz schlafen noch friedlich; aber in den häßlichen und
+gewundenen Straßen, durch die wir jetzt kommen, schwimmt bereits der
+Rauch schlechter Öfen. Rundum Häuser, die zusammengeklebt einander
+stützen und vor dem Umfallen bewahren; schmutzigbraune, ockergelbe,
+rosarote, bleichgrüne, graue Häuser. Mauern an Mauern aus verwittertem,
+vor Alter sterbendem Stein, Fenster mit staubgrauen Gardinen blicken
+griesgrämig drein. Schwere Beklommenheit befällt euch. Man kann das,
+was man hier atmet, ebensowenig als Luft bezeichnen, wie man einen
+Stein Brot nennen kann. Wo ihr hinblickt, gewahrt ihr das schändliche
+Zeugnis eines ungleichen, heißen, aber vergeblichen Kampfes, den
+der Vater gegen den Sohn führt, und der Bruder gegen die Schwester.
+Man sieht unansehnliche Kasernenbauten, Kramläden, Weinkneipen,
+Barbierläden, Schuppen mit Polstermöbeln gefüllt, von denen die
+Fetzen herabhängen, Trödelbuden, eine Schlosserwerkstätte, Flure mit
+gefälschten Antiquitäten vollgepropft.
+
+Gegen sechs Uhr beginnt es hier lebhaft zu werden; verworrenes Gesumme
+aus Gängen und Gäßchen; fernes Sprechen zusammengepferchter Menschen.
+Gegen sieben Uhr wimmelt es bereits, und ihr habt den Eindruck, als
+seien alle Ameisen allmählich aus ihren Löchern hervorgekrochen, um nun
+den ganzen Tag unermüdlich herumzulaufen und Soldi zu sammeln.
+
+Es scheint Wochenmarkt zu sein. In langen Reihen ziehen sich
+offene Buden an den Häuserwänden hin, hinter denen die Verkäufer
+in fieberhafter Eile ihre Waren auspacken. Ganze Berge von Orangen
+und Zitronen, von grünen Feigen und Mispeln wachsen im Nu vor euch
+auf. Wagen und Körbe stehen umher; ganze Haufen von lebendigem und
+geschlachtetem Federvieh umgeben euch plötzlich. Hühner gackern,
+Tauben gurren. Kupferbraune Tagelöhner, verblühte Frauen, oft mit
+einem Säugling an der Brust, frühwelke Kinder, die erst Menschen
+werden wollen, große und kleine Taschendiebe, dickleibige Hausfrauen,
+schlecht frisierte und schlecht gekleidete Mädchen, Matrosen, Händler,
+Pfaffen, Klosterschüler, Polizisten quirlen hier durcheinander. Alles
+mögliche kommt zum Verkauf: alle südlichen Obstarten, Hammelfleisch,
+das metallgrüne Mücken umschwirren, Artischocken, Bananen, blasses,
+ungesalzenes, ungemein schlechtes Brot, Seile, Spaten, Gedärme, alte
+Röcke, alte Möbel, alte Chiantiflaschen, alte Geigen, Papageien und
+Seegras; es ist ein buntes lebendiges Museum.
+
+Händler und Käufer, Betrüger und Betrogene, der ganze Markt schreit
+hilflos und zwecklos durcheinander. Die Kleinkrämer, die ihre Ware
+auf der Erde ausgebreitet haben, halten die Passanten mit befehlenden
+und flehenden Rufen fest. Mit gellender Stimme betteln sie. Ihr seht
+erregte und wilde Gesichter. Sie zanken um nichts; aber wie sie so
+dastehen und einander an die Kehle möchten, ist doch ein originelles
+Bild, das durch keine rohe Linie verunstaltet wird. Hier wird Räuberei
+am hellen Tage getrieben; Lug und Trug und falsche Eide klingen an euer
+Ohr, schimpfliche Frechheit macht sich breit, Feigheit und Qual auf
+Schritt und Tritt. Die Seelen hacken alle wild aufeinander los. Aber
+alles doch mit einer bestimmten Gewohnheit und Selbstverständlichkeit
+und -- so widersinnig es klingt -- mit einer gewissen Ruhe.
+
+Denn das Schauspiel wiederholt sich täglich; es ist der Kampf um den
+Soldo. Verweilt eine Stunde in diesem scheußlichen Dunstkreis voll
+Elend und Unrecht, in diesen arbeitsreichen, erniedrigenden Gassen, und
+ihr habt für euer ganzes Leben das starke Gefühl von der Zweiseitigkeit
+aller schönen Dinge.
+
+Aber wir wollen zum Rialto zurück. Wir biegen in die erste Straße ein
+und sind am Fischmarkt. Ihr tretet auf Seeschnecken, Patellen und
+Fischeingeweide. Der Boden ist schuppenübersät und glitschig. Kübel
+und Körbe, Bottiche und Fässer, Netze und Wagschalen, Tische und Bänke
+voller Fische, Krebse, Krabben, Schnecken, Austern und Muscheltiere
+in hundert Formen und Größen. Das zuckt und zappelt und kriecht
+und krabbelt und hüpft und wimmelt durcheinander. Der Anblick ist
+gruselig; man muß aber das Getier, diese unglücklichen aufgehaschten
+Meeresbewohner, die Goethe so viel Vergnügen machten, nicht auf dem von
+wüstem Geschrei und Geklapper erfüllten Platze beobachten. Man tut
+besser, die engen Gäßchen verlassend, durch den nördlichen +Canale
+grande+ zu gondeln, um die Insel der Santa Clara herum, hinaus auf
+den Lido ...
+
+Dort ist das Meer ...
+
+»Das Meer ist doch ein großer Anblick ... Dort habe ich heute die
+Wirtschaft der Seeschnecken, Patellen und Taschenkrebse gesehen
+und mich herzlich darüber gefreut,« sagt Goethe. »Was ist doch ein
+Lebendiges für ein köstliches, herrliches Ding! Wie abgemessen in
+seinem Zustande, wie wahr, wie seiend!«
+
+Im weiteren Verlauf schildert Goethe sehr lebendig die Jagd, die die
+Taschenkrebse auf die Patellen machten. Man kann als Naturforscher sich
+gewiß herzlich freuen über diesen Kampf und man kann als Dichter die
+sehr sentimentale Betrachtung anstellen, wie seltsam es doch ist, daß
+einer den anderen fressen muß. Aber lassen wir solche Gedanken nicht
+aufkommen.
+
+Das Meer umspült den Strand und lächelt dem blauen Himmel ins Antlitz.
+In vollem Laufe stürmt es scherzhaft die Lagunen und wirft ganze
+Wasserstürze wirbelnden Schaumes auf den Kiessand. Mit breiten Zungen
+beleckt es die Düne, gleitet aber sofort wieder sanft zurück, sich
+krümmend, wie der Leib einer riesigen Schlange. Welle auf Welle jagt
+hintereinander her. Ein sanfter Wind liebkost die mächtige Brust des
+Meeres, die sich gleichmäßig hebt und senkt, und die lachende Sonne
+wärmt sie mit ihren warmen Strahlen. Grünliche Wellen schleudern den
+weißen Schaum ihrer flockigen Rücken weit auf den Strand und zerfließen
+mit leichtem Rascheln. Ihr vertraut dem Meere eure Gedanken an, und
+es reinigt sie von Schmutz und von Sorge, von allem Kleinen und
+Kleinlichen.
+
+Das Meer ist ein großer Anblick ...
+
+ * * * * *
+
+Goethe hatte diese »Wunderstadt«, diese »Biber-Republik« 1786 zum
+ersten Male gesehen, hatte sie so gesehen, wie sie hier geschildert
+wurde.
+
+Am 30. September lief er ohne Führer in die entferntesten Quartiere
+der Stadt. Er sehnte sich nach Einsamkeit, denn »nirgends fühlt man
+sich einsamer als im Gewimmel, wo man sich, allen ganz unbekannt,
+durchdrängt«. Er suchte sich in dem Labyrinth der kleinen Gäßchen
+zurechtzufinden, ohne irgend jemand zu fragen; er nahm nur die
+Himmelsrichtung zum Führer. »Es ist ein unglaubliches Gehecke
+ineinander, und meine Manier, sich recht sinnlich davon zu überzeugen,
+die beste. Auch habe ich mir, bis an die letzte bewohnte Spitze, der
+Einwohner Betragen, Lebensart, Sitte und Wesen gemerkt; in jedem
+Quartiere sind sie anders beschaffen. Du lieber Gott, was doch der
+Mensch für ein armes gutes Tier ist!«
+
+Die kleinen Häuschen, die dicht beieinander unmittelbar in den
+Kanälen standen, wunderten ihn. Und täglich erweitert er durch neue
+Spaziergänge seine Kenntnis der Stadt. Er kaufte sich einen Plan,
+studierte ihn gründlich und bestieg zunächst den Markusturm, der noch
+mehr als hundert Jahre stehenbleiben sollte, dann 1903 einstürzte
+und nun wieder neu aufgebaut ist. Seinen Augen bot sich ein einziges
+Schauspiel. Zu seinen Füßen lag die märchenschöne Stadt mit ihren
+schimmernden Palästen und das weite blaue Meer, auf dem Galeeren
+und Fregatten, Segler und Gondeln wie kleine Nußschalen hin und her
+wimmelten.
+
+An einem Sonntag ärgerte er sich über den Kehricht, der in allen Gassen
+lag. »Die Leute schieben den Kehrig in die Ecken; auch sehe ich große
+Schiffe hin und wieder fahren, die an manchen Orten stilliegen und
+das Kehrig mitnehmen, Leute von den Inseln umher, welche des Düngers
+bedürfen; aber es ist in diesen Anstalten weder Folge noch Strenge, und
+desto unverzeihlicher die Unreinlichkeit der Stadt.«
+
+Andere Anordnungen, insbesondere architektonische Verzierungen des
+Straßenpflasters, gefallen ihm so gut, daß er gleich einige Skizzen
+davon entwirft. »So hat man immer Trieb und Lust, vor fremden Türen zu
+kehren.«
+
+In der Carità bewundert er Palladios Baukunst. In der Kirche Il
+Redentore, ebenfalls ein Bauwerk Palladios, bewundert er besonders die
+breiten goldgestickten Ranken und Laubwerke. Aber bei näherem Zusehen
+fand er sich betrogen. »Alles, was ich für Gold gehalten hatte, war
+breitgedrücktes Stroh, auf Papier geklebt, der Grund mit lebhaften
+Farben angestrichen, und das so mannigfaltig und geschmackvoll,
+daß dieser Spaß, dessen Material gar nichts wert war, und der
+wahrscheinlich im Kloster selbst ausgeführt wurde, mehrere tausend
+Taler müßte gekostet haben, wenn er echt hätte sein sollen. Man könnte
+es gelegentlich wohl nachahmen.«
+
+An den Opernvorstellungen, die er mehrfach besuchte, fand er
+keinen rechten Genuß; das Ballett war von »elender Erfindung« und
+wurde ausgepfiffen. Im Dogenpalast wohnt er einer öffentlichen
+Rechtsverhandlung bei, die ihn stark in Atem hält. Auch gefiel ihm die
+ganze Art der Prozeßführung, die er ausführlich beschreibt, besser,
+»als unsere Stuben- und Kanzleihockereien.«
+
+In einem weiten Saale des Palastes saßen an der einen Seite die
+Richter im Halbkreis. Ihnen gegenüber, auf einem Katheder, der mehrere
+Personen fassen konnte, befanden sich die Advokaten beider Parteien;
+vor ihnen auf einer Bank Kläger und Beklagte. Ein dürres Schreiberlein,
+in schwarzem, kümmerlichem Rocke, hielt ein dickes Heft in der Hand,
+um daraus vorzulesen. Der Saal war von Zuschauern und Zuschauerinnen
+gedrängt voll. Der Streit war sehr wichtig, denn er ging gegen die
+Gemahlin des Dogen, die in eigener Person auf dem Anklagebänkchen hatte
+Platz nehmen müssen. Hinter einem kleinen Tische saß auf einem niederen
+Schemel ein Männchen, das eine Sanduhr in der Hand hielt. Solange
+nämlich der Schreiber las, wurde die dafür aufgewendete Zeit nicht
+gerechnet, sobald aber ein Advokat zu sprechen begann, dem nur eine
+gewisse Zeit zur Verteidigung eingeräumt war, ließ das Männchen die
+Sanduhr laufen, die es sofort wieder umkippte, sobald der Schreiber
+oder sonst eine Person etwas zwischendurch sprach oder einzuwerfen
+hatte.
+
+Die Komödie gefiel Goethe ausgezeichnet; sowohl die Gerichtskomödie,
+in der man dem Verteidiger die Zeit so kärglich zumaß, daß er gar
+nicht daran denken konnte, den Angeklagten würdig zu verteidigen, als
+auch die wirkliche Komödie, wo Goethe zunächst ein Maskenstück sah. Es
+unterhielt ihn mit »unglaublicher Abwechslung« mehr als drei Stunden;
+am meisten amüsierte ihn aber das Publikum. »Die Zuschauer spielen mit,
+und die Menge verschmilzt mit dem Theater in ein Ganzes. Den Tag über
+auf dem Platz und am Ufer, auf den Gondeln und im Palast, der Käufer
+und Verkäufer, der Bettler, der Schiffer, die Nachbarin, der Advokat
+und sein Gegner, alles lebt und treibt und läßt es sich angelegen sein,
+spricht und beteuert, schreit und bietet aus, singt und spielt, flucht
+und lärmt. Und abends gehen sie ins Theater und sehen und hören das
+Leben ihres Tags, künstlich zusammengestellt, artiger aufgestutzt, mit
+Märchen durchflochten, durch Masken von der Wirklichkeit abgerückt,
+durch Sitten genähert. Hierüber freuen sie sich kindisch, schreien
+wieder, klatschen und lärmen. Von Tag zu Nacht, ja von Mitternacht zu
+Mitternacht ist immer alles eben dasselbe.«
+
+Ein andermal ergötzt ihn wieder in einem Stück von Goldoni die Komödie
+sowohl, als auch die ausgelassene Heiterkeit des Publikums. Es war ein
+Gelächter und Gejauchze im Theater von Anfang bis zu Ende.
+
+Die Venetianer feierten gewöhnlich in den ersten Tagen des Oktober
+einen alten Sieg über die Türken. Das Fest wurde durch ein Hochamt
+eingeleitet, dem auch Goethe beiwohnte. Er sah die vergoldeten Barken
+an dem kleinen Platze vor der Kirche der heiligen Justina landen, die
+die Fürsten und einen Teil des Adels brachten. Er sah, wie sich seltsam
+gekleidete Schiffer mit rotgemalten Rudern vorwärts bemühten. Am Ufer
+harrte die Geistlichkeit; die Bruderschaften mit angezündeten Kerzen,
+die sie auf Stangen und tragbaren silbernen Leuchtern trugen, drängten
+und wogten durcheinander; mit Teppichen beschlagene Holzbrückchen
+wurden aus den Gondeln und Barken herausgereicht, um das Aussteigen
+zu erleichtern. Zuerst kamen die Savj, die vornehmsten Ratsherren mit
+ihren langen violetten Kleidern, dann die Senatoren in ihren langen
+scharlachroten Gewändern. Zuletzt kam der Älteste mit einer goldenen
+phrygischen Mütze geschmückt. Er trug einen langen goldenen Talar und
+den Hermelinmantel. Drei Diener trugen seine Schleppe. Und dies ganze
+bunte Schauspiel spielte sich auf dem kleinen Platze vor der Kirche
+ab, vor deren Türen geschmückte Herolde die erbeuteten Türkenfahnen
+hielten. »Mir nordischem Flüchtling hat diese Zeremonie viel Freude
+gemacht. Bei uns, wo alle Feierlichkeiten kurzröckig sind, und wo die
+größte, die man sich denken kann, mit dem Gewehr auf der Schulter
+begangen wird, möchte so etwas nicht am Ort sein.« Der Doge, ein schön
+gewachsener, krank aussehender Mann, hielt sich recht würdevoll und
+sah aus wie der Großpapa des ganzen Geschlechts. Die Kleidung stand
+ihm sehr gut, und das feine und durchsichtige Käppchen, das er unter
+der Mütze trug, bedeckte blütenweißes Haar. Fünfzig Nobili, in langen
+dunkelroten Schleppkleidern waren mit ihm; schöne große Männer mit
+ausdrucksvollen Köpfen, auf denen sie blonde Lockenperücken trugen, mit
+klugen, weißen, ruhigen und selbstsicheren Gesichtern.
+
+An einem anderen Abend bestellte Goethe sich den famosen Gesang der
+Fischer, die ihm nach ihren eigenen Melodien etwas von Tasso und
+Ariost vorsingen mußten. Bei Mondschein bestieg er eine Gondel, einen
+Sänger vorn und einen hinten, die abwechselnd sangen. Sie ließen ihre
+Stimmen laut in die Nacht hinausschallen, aufs Meer hinaus, wo der
+Wind sie weitertrug. In der Ferne vernimmt ein anderer Schiffer, der
+die Melodie kennt, den Gesang, und antwortet mit der nächsten Strophe
+des Textes. Dann erwidert der erste wieder, und so ist immer einer
+das Echo des anderen. Die ganze Nacht hindurch geht der Gesang, ohne
+daß die rudernden Schiffer ermüden würden. Am Ufer der Giudecca stieg
+Goethe aus und ging am Kanal entlang, um den Genuß des Singens in der
+Nähe und des Erwiderns in der Ferne tiefer auskosten zu können. Der
+Gesang war so klagend und melancholisch und so ans Herz greifend,
+daß Goethe bis zu Tränen gerührt wurde. Ein Schiffer riet ihm, daß
+er sich die singenden Schifferfrauen vom Lido anhören möchte; sie
+hätten die Gewohnheit, wenn ihre Männer ins Meer hinausruderten, um
+zu fischen, sich ans Ufer zu setzen und mit durchdringender Stimme
+abends Gesänge erschallen zu lassen, bis sie von fern die Stimmen ihrer
+Männer vernähmen. Auf diese Weise unterhielten sie sich, seien nicht
+beieinander und doch beieinander. Es sei, als ob ein Einsamer und
+Verlassener in der Ferne sehnsüchtig klage und darauf warte, daß ihn
+ein Gleichgestimmter vernehme und ihm antworte.
+
+Die Gemälde von Veronese, Tizian, Bellini, Giorgione, Tintoretto und
+anderen großen Malern erwecken Goethes ganze Feuerbegeisterung.
+
+Aber es zieht ihn immer wieder hinaus zum Lido, zum Meere, wo er
+stundenlang liegen und Ebbe und Flut beobachten kann. Der Strand
+ist so sehr von Muscheln besät, daß er sich um ihretwillen Kinder
+herbeiwünscht, die sich daran erfreuen könnten. Aber da keine Kinder
+in der Nähe sind, füllt er sich selber die Taschen damit an. Besonders
+gern sieht er aber den Taschenkrebsen zu, die während der Flut an
+den Strand gespült werden und nun in ihre salzige Flut nicht mehr
+zurückkommen. Es wimmelt und krabbelt dann besinnungslos durcheinander,
+denn auf dem Trockenen bleiben, bedeutet so viel wie den Tod. Das Meer
+weicht aber immer mehr zurück, die Sonne sticht und trocknet rasch,
+und nun heißt es ebenso rasch ins Meer zurückwandern. Bei dieser
+Gelegenheit suchen die Taschenkrebse ihren Raub. »Wunderlicher und
+komischer kann man nichts sehen, als die Gebärden dieser aus einem
+runden Körper und zwei langen Scheren bestehenden Geschöpfe; denn die
+übrigen Spinnenfüße sind nicht bemerklich. Wie auf stelzenartigen Armen
+schreiten sie einher und sobald eine Patelle sich unter ihrem Schild
+vom Flecke bewegt, fahren sie zu, um die Schere in den schmalen Raum
+zwischen der Schale und dem Boden zu stecken, das Dach umzukehren und
+die Auster zu verschmausen. Die Patelle zieht sachte ihren Weg dahin,
+saugt sich aber gleich fest an dem Stein, sobald sie die Nähe des
+Feindes merkt. Dieser gebärdet sich nun wunderlich um das Dächelchen
+herum, gar zierlich und affenähnlich; aber ihm fehlt die Kraft, den
+mächtigen Muskel des weichen Tierchens zu überwältigen; er leistet auf
+diese Beute Verzicht, eilt auf eine andere wandernde los, und die erste
+setzt ihren Zug sachte fort. Ich habe nicht gesehen, daß irgendein
+Taschenkrebs zu seinem Zwecke gelangt wäre, obgleich ich den Rückzug
+dieses Gewimmels stundenlang beobachtet habe.«
+
+Man sieht, Goethe war in Venedig nicht müßig; mit allen Sinnen nahm er
+das neue wundervolle Bild dieser märchenumrankten Stadt in sich auf, so
+daß man ihm wohl glauben kann, wenn er schließlich bei seiner Abreise
+sagt: »Ich habe gut aufgeladen und trage das reiche, sonderbare,
+einzige Bild mit mir fort.«
+
+
+
+
+ Beethoven.
+
+
+Durch die Straßen von Paris heulte das Volk. Waffen blitzten, drohende
+Fäuste reckten sich in die Höhe. Wüste Schädel, scheußliche Fratzen,
+fanatische Köpfe tauchten auf. Die Bastille wurde gestürmt, und bald
+darauf wurde die Guillotine in Tätigkeit gesetzt. Menschenbeladene
+Karren rasselten zum Richtplatz hin. Die blutige, rachedurstige
+Freiheitsgöttin johlte aufwieglerisch in den Gassen. Die große
+furchtbare Revolution war ausgebrochen, die mit den Strömen roten
+Blutes die der Menschheit so lange Jahre angetane Schmach wegspülen
+wollte, und der Schrei nach Freiheit stieg tausendstimmig zum Himmel
+empor.
+
+Und schon war der Mann da, der alsbald all die neuerwachten Kräfte
+Frankreichs in seiner Hand vereinigte und sich zum neuen Schicksal
+des Volkes aufwarf. Er eilte von den Pyramiden herbei, durchmaß in
+rasenden Märschen Italien und eroberte seiner Republik in drei Jahren
+halb Europa. Schon war Bonaparte Konsul und nicht lange darauf und
+er war der Kaiser Napoleon. Jetzt mochte Österreich sich wehren,
+mochte Preußen sich erheben, mochte selbst Rußland sich rühren. Dieses
+Schicksal, das unter dem Namen Napoleon auftrat, schien unbesiegbar
+zu sein. Kalt und erzen stand er in Europas Mitte. Ein Wink seiner
+Hand entschied Riesenschlachten. Ein Blick seiner Augen entschied über
+das Schicksal zweier Nationen. Alles, alles fraß dieser Moloch; ganze
+Völker fielen seiner Gier zum Opfer. Seit den Cäsaren Roms war so
+unerhörte Größe nicht mehr gesehen worden.
+
+Und Deutschland hatte am schlimmsten darunter zu leiden. Ganz
+Deutschland war von den Armeen des Weltherrschers umzingelt. Ganz
+Deutschland wogte in Donner und Dampf und wenn der Rauch sich verzog,
+sah man neue entsetzliche Leichenfelder. Man schickte Greise in den
+Krieg, Knaben griffen zu den Waffen. Es nützte alles nichts. Jungfrauen
+zogen auf die Schlachtfelder, um zu heilen und zu helfen. Es nützte
+alles nichts. Für Deutschland war die Zeit der Befreiung noch nicht
+gekommen. Das Deutsche Reich war infolge der überkommenen Uneinigkeit
+der deutschen Fürsten zersplittert. Was aber der Gegner nicht besaß,
+und was Deutschland noch retten konnte und mußte, das war der deutsche
+Geist. Fichte in seinen Reden an die deutsche Nation und Schiller
+erinnerten mit flammenden Worten daran, daß es galt, die heiligsten
+Güter zu verteidigen. Deutschland stellte der großen ~Kraft~
+Frankreichs seinen großen ~Geist~ entgegen: ~Goethe~, der den
+Weltenbezwinger Napoleon zur Hochachtung zwingt, und ~Beethoven~,
+den gewaltigsten Gestalter der Erde, Beethoven, der das Tonreich neu
+gestaltete, neu eroberte und der den Schlachtendonner Napoleons noch
+übertönte durch seine vom Himmel herabgeholten Gewitter.
+
+ * * * * *
+
+Wir können den Namen Beethoven bis ins siebzehnte Jahrhundert
+zurückverfolgen, wo in Antwerpen ein Weinhändler namens Wilhelm van
+Beethoven gelebt hat, der Ur-Urgroßvater unseres Ludwig. Wilhelms
+Sohn, Heinrich Adelard war Schneider und Vater von rund einem Dutzend
+Kindern. Eins davon, Louis, der heimlich von Hause durchgebrannt
+war, wurde ein wandernder Musikant, bis er 1733 am Hofe des Bonner
+Kurfürsten eine feste Stellung als Bassist erlangte. Er avancierte bis
+zum erzbischöflich kurfürstlichen Kapellmeister, in welcher Stellung
+er in seiner goldgestickten, zinnoberroten Uniform eine recht gute
+Figur machte. Doch hatte er sich, um seine Einkünfte zu vermehren,
+nebenbei einen kleinen Weinhandel zugelegt, der ihm aber nur Unglück
+bringen sollte. Sowohl seine Frau als auch der einzige Sohn Johann
+verfielen dem Laster des Trunkes. Johann verstand sich sehr gut auf das
+Weinproben, und diese Schwäche nahm so überhand, daß der ganze Haushalt
+gestört und der Sohn schließlich sogar des Amtes entsetzt wurde. Der
+Vater bestimmte seinen Sohn Johann auch für die Musik; aber der brachte
+es nicht weiter als bis zum Tenoristen der Hofkapelle mit dreihundert
+Taler Jahresgehalt.
+
+Magdalena Kewerich aus Ehrenbreitstein, eine hübsche schlanke Person,
+die als Kammerjungfer gedient hatte und schon mit neunzehn Jahren die
+Witwe des kurtrierischen Leibkammerdieners Layen war, wurde 1763 Johann
+van Beethovens Frau. Sie war die Tochter eines Kochs und vermögenslos;
+und da die Heirat dem Vater durchaus nicht gefiel, trennten sich Vater
+und Sohn. Am 17. Dezember 1770 entsprang dieser Ehe ~Ludwig van
+Beethoven~.
+
+[Illustration: Beethovens Geburtshaus in Bonn.]
+
+Aber da Ludwig noch mehrere Geschwister hatte, herrschte im Hause
+Mangel und Not. Anfangs hatte der wohlhabende Großvater Louis, an
+dem Ludwig mit aller Innigkeit hing, nachgeholfen, trotzdem er wegen
+der Heirat noch erzürnt war. Aber er starb schon, als Ludwig erst
+drei Jahre alt war. Als die Bedrängnis immer größer wurde, machte der
+Vater mehrere Gesuche um Gehaltsaufbesserung, die aber abschlägig
+beschieden wurden, weil seine Führung nicht die beste war. Oft mußte
+der herangewachsene Ludwig seinen trunkenen Vater auf offener Straße
+aus den Händen der Polizei befreien und man begreift, wie diese
+schmerzlichen Vorfälle sich dem Gedächtnisse des jungen Beethoven
+eingruben und ihn allmählich verschlossen und trotzig machten. Er litt
+zweifellos unter der Trunksucht des Vaters, über den er trotzdem nie
+ein hartes Wort äußerte, noch auch eine abfällige Bemerkung seitens
+eines Dritten je geduldet hätte.
+
+Infolge dieser Zustände wurden die Verhältnisse im Elternhause immer
+mehr zerrüttet; die Erbschaft wurde von den Krankheiten der Kinder
+und dem Wein bald verschlungen, so daß Glas- und Porzellanschränke,
+Silberservice und Leinwand hintereinander zum Trödler wandern mußten.
+
+Die Erziehung und Ausbildung, die der junge Beethoven erhielt, war
+deshalb sehr ungeordnet und mangelhaft. Der Vater war, um seine Not zu
+vergessen, meist trunken und in der Trunkenheit despotisch, und obwohl
+die Mutter große Geduld an den Tag legte, wurde der Knabe scheu und in
+sich gekehrt.
+
+Aber dieser Knabe wurde zugleich auch der gute Stern an dem trüben
+Himmel des Elternhauses, sobald der Vater erst einmal das Talent seines
+Sohnes entdeckt hatte, der später die ganze Familie vom Untergang
+erretten sollte.
+
+So oft der Vater am Klavier saß und sang, horchte der Knabe aufmerksam
+zu und versuchte die Melodie nachzuspielen, so daß ihm der Vater
+schon im fünften Lebensjahre Unterricht im Klavier- und Violinspiel
+erteilte. Und eines Tages verfiel der Vater auf die Idee, seinen Sohn
+zu einem Wunderkinde zu machen und mit ihm umherzuziehen, um Geld zu
+verdienen. Nun begannen harte Tage für den jungen Ludwig, der oft vom
+Spiel mit den Kindern weggeholt wurde, um seine Aufgaben zu üben.
+Kein Weinen half ihm; mit unerbittlicher Strenge und mit reichlichen
+Prügeln verfolgte der Vater sein Ziel und eines Tages kündigte er in
+einer Kölner Zeitung an, daß am 26. März -- der wurde auch Beethovens
+Todestag! -- 1778 sein Söhnchen »von sechs Jahren mit verschiedenen
+Klavierkonzerten die Ehre haben werde aufzuwarten, wo er allen hohen
+Herrschaften ein völliges Vergnügen zu leisten sich schmeichle, um so
+mehr, da er zum größten Vergnügen des ganzen Hofes sich hören zu lassen
+die Gnade gehabt habe«.
+
+Der Knabe wurde also, damit das Wunder größer sei, um ein Jahr jünger
+gemacht; Beethoven glaubte aber nie, daß es nur eine absichtliche
+falsche Angabe sei.
+
+Des jungen Beethovens Schule war hauptsächlich die Not. Außer dem
+Vater unterrichtete ihn ein Jahr lang der Sänger Tobias Pfeiffer, der
+bei Beethovens in Kost und Logis war und das Klavierspiel vollkommen
+beherrschte. Noch in späteren Jahren hat Beethoven diesem seinem
+Lehrer von Wien aus oft Unterstützungen zukommen lassen, obwohl
+ihn der Unterricht zuweilen um alle Kindheitsfreude und oft um den
+Schlaf gebracht hatte. Denn oft, wenn der Vater und Pfeiffer nachts
+zusammen aus dem Wirtshaus kamen, wurde der kleine Ludwig aus dem Bett
+geholt und bis zum Morgen am Klavier festgehalten. Der Erfolg dieser
+spartanischen Erziehung zur Musik war immerhin so groß, daß die Leute
+vor den Fenstern stehnblieben, wenn Pfeiffer und der kleine Beethoven
+zusammen »variierten«.
+
+Im Jahre 1781 finden wir den zehnjährigen Ludwig mit seiner Mutter auf
+einer Reise nach Holland, wo er in vornehmen Häusern spielte und die
+Leute durch seine Fertigkeit in Erstaunen setzte. Aber die Einnahmen
+müssen auf dieser Reise nicht groß gewesen sein, denn Beethoven sagte
+später: »Die Holländer, das sind Pfennigfuchser; ich werde Holland
+nimmermehr besuchen.«
+
+Inzwischen erlernte Beethoven im Franziskanerkloster auch das
+Orgelspiel, das er bald so weit beherrschte, daß er beim Gottesdienst
+als Gehilfe verwendet werden konnte. Sein Lehrer in dieser Kunst war
+erst der Hoforganist van den Eeden und dann dessen Nachfolger, der
+feine Musiker Christian Gottlob Neefe, der einen bedeutenden Einfluß
+auf das Kompositionstalent Beethovens ausgeübt hat. Schon 1782 konnte
+er den elfjährigen Knaben fest anstellen und ihm so die Anwartschaft
+auf die Hoforganistenstelle selbst verschaffen. Die Hauptgrundlage
+des Unterrichts, den Beethoven von Neefe empfing, war Bachs
+wohltemperiertes Klavier.
+
+Inzwischen fiel Beethovens Improvisationstalent immer mehr auf,
+und er selbst versuchte schon, wenn er sich ans Klavier setzte,
+um zu phantasieren, bestimmte Empfindungen, bestimmte Bilder und
+Menschen durch die Töne zu charakterisieren. Mit zwölf Jahren entwarf
+er die entzückenden »Bagatellen« fürs Klavier, die er später als
+op. 33 herausgegeben hat, und dreizehn Jahre alt, ließ er einige
+Klaviersonaten drucken, die er dem Kurfürsten gewidmet hatte. Um diese
+Zeit leitete er auch bereits, wenn Neefe verhindert war, die Proben im
+Theater, und er machte sich sogar einmal den Spaß, den sehr tonfesten,
+kurfürstlichen Sänger Heller während des Gottesdienstes durch kühne
+Abschweifung bei der Begleitung ganz aus dem Konzept zu bringen. Der
+Kurfürst verbat sich freilich solche »Geniestreiche«; er war aber von
+der außerordentlichen Begabung des jungen Beethoven, der inzwischen
+Cembalist und Bratschist am kurfürstlichen Orchester geworden war, sehr
+überrascht.
+
+Solche Erfahrungen veranlaßten nun seine Gönner, ihn einem allerersten
+Meister in Unterricht zu geben, und 1787 finden wir denn auch den
+Bonner Hoforganisten Beethoven als Mozarts Schüler in Wien. Mozart
+läßt sich etwas von Beethoven vorspielen, bleibt aber anfangs kühl bis
+ans Herz, weil er es für ein einstudiertes Paradestück hält. Als ihn
+Beethoven aber um ein Thema zum Phantasieren bittet, »phantasiert« er
+denn so, daß Mozart denen, die im Nebenzimmer zuhören, zuruft: »Auf den
+gebt acht, der wird einmal in der Welt von sich reden machen.«
+
+Trotz dieser Meinung wurde es nicht viel mit dem Unterricht. Mozart
+war zu sehr mit seinen eigenen Angelegenheiten und mit der Komposition
+des »Don Juan« beschäftigt. Zudem kam noch, daß die Mutter Beethovens
+heftig erkrankte, so daß er schon nach wenigen Wochen Wien verließ,
+um zur geliebten Mutter zu eilen, die bald darauf, vierzig Jahre alt,
+starb.
+
+»Sie war mir eine so gute, liebenswürdige Mutter,« schreibt er in einem
+Briefe bald darauf, nachdem sie gestorben war; »sie war meine beste
+Freundin. O wer war glücklicher als ich, da ich noch den süßen Namen
+›Mutter‹ aussprechen konnte! Und er wurde gehört, und wem kann ich ihn
+jetzt sagen?«
+
+Mit dem Tode der Mutter nahm die Trunksucht des Vaters immer mehr
+zu, so daß er seine Stimme verlor und bald darauf seines Amtes
+entsetzt wurde. Beethoven mußte nun beim Hofamte bitten, die Hälfte
+des väterlichen Gehalts ihm als Erziehungsbeitrag für seine jüngeren
+Geschwister anzuweisen. Nun fühlte sich Beethoven noch vereinsamter als
+früher.
+
+Eine zweite Mutter fand er in der Nachbarswitwe Frau von Breuning,
+zu deren Kindern er als Klavierlehrer kam. In diesem Hause, in dem
+er nicht nur den größten Teil des Tages, sondern auch manche Nacht
+zubrachte, wurde er als eigenes Kind behandelt. Hier hat er die erste
+Bekanntschaft mit der deutschen Literatur gemacht, sowie seinen ersten
+gesellschaftlichen Schliff erhalten.
+
+Neben diesem Hause ist noch der Graf Waldstein zu nennen, dem die
+Sonate +op.+ 53 gewidmet ist. Der Graf ahnte das Genie Beethovens,
+mit dem er befreundet war und hat ihm manche Geldunterstützung zuteil
+werden lassen, die er als Gratifikation vom Kurfürsten ausgab, um
+Beethovens Reizbarkeit zu schonen. Graf Waldstein schickte Beethoven
+wieder nach Wien, damit er dort bei Haydn die letzte Schulung
+erhalte. Der Kurfürst unterstützte Beethoven ebenfalls, der nun mit
+hochgeschwellten Empfindungen im November 1792 nach Wien reist, das
+damals für Musik die maßgebendste Stadt war. Nach den Stunden bei
+Haydn, die Beethoven mit je acht Groschen, sowie Kaffee oder Schokolade
+honorierte, verwarf Beethoven alles, was er bis dahin komponiert hatte.
+
+Beethoven mußte nun daran denken, sich auf eigene Füße zu stellen.
+Seine beiden jüngeren Brüder waren versorgt; sie folgten ihm freilich
+beide bald nach. Haydn nahm den Unterricht nicht sehr streng und ließ
+Beethoven vieles, was regelwidrig war, durchgehen. Als aber einst J.
+Schenk den lernbegierigen Beethoven auf der Straße traf, machte er
+ihn auf die Fehler in den Übungsheften aufmerksam, die der Lehrer
+unverbessert gelassen hatte. Und als schließlich Haydn Beethoven, der
+eben drei Trios komponiert hatte, noch geraten hatte, ein Trio davon
+(+op.+ 1 in +C moll+) nicht zu veröffentlichen, weil es zu
+gewagt sei, wurde Beethoven mißtrauisch, brach den Unterricht bei
+Haydn kurzerhand ab und ging zum Komponisten des »Dorfbarbiers«, zu
+Schenk, in die Lehre. Beethoven widmete die drei Trios dem Fürsten Karl
+Lichnowsky, von dessen Frau Beethoven sagte, sie hätte eine Glasglocke
+über ihn setzen lassen wollen, damit kein Unwürdiger ihn berühre.
+
+Zur Selbsterkenntnis erwacht, begann Beethoven immer mehr den Mangel
+einer regelrechten Schulbildung zu empfinden. Da er in seiner Kindheit
+ausschließlich musikalische Studien trieb, war seine übrige Ausbildung
+natürlich sehr vernachlässigt worden. Rechnen war ihm das ganze Leben
+hindurch sehr beschwerlich; mit der Orthographie haperte es auch
+stark. Er hatte ein wenig Latein und ein bißchen Französisch gelernt.
+Allein der Hauch einer edleren Geistesbildung, der Bonn durchzog, als
+Beethoven noch dort weilte, und der Verkehr mit gebildeten Menschen
+führte ihn dafür wieder geistigen Höhen zu, die andere Künstler nicht
+zu ersteigen vermochten. In Wien suchte Beethoven seine mangelhafte
+Bildung vollends durch eifrige Lektüre der großen Dichter und Denker
+auszugleichen, und um sich geschmeidigere Umgangsformen anzueignen,
+besuchte er einen Tanzlehrer. Dabei führte er einen streng sittlichen
+Lebenswandel, denn als ihm während eines fröhlichen Ausflugs eine
+Kellnerin einmal zu nahe trat, gab er ihr eine schallende Ohrfeige.
+Im Homer, den er gern las, strich er sich die Stelle an: »Auch vieles
+Schlafen ist schädlich«.
+
+Von Schenk ging Beethoven zu Albrechtsberger in die Lehre, dem größten
+zeitgenössischen Theoretiker, der das zu viel an Drill beanspruchte,
+was Haydn zu wenig berücksichtigt hatte. Aber schon war in Beethoven
+etwas, was sich gegen diese Regeln auflehnte. Er hatte bereits als
+Knabe das Handwerksmäßige und das, was an der Musik ~erlernbar~
+war, gelernt und er sah ein, daß jedes wahrhafte Genie sich seine
+eigenen Gesetze geben müsse. Darum kam Albrechtsberger auch bald zu
+dem Urteile, daß Beethoven »nie was Ordentliches lernen würde«, und
+selbst zu den Freunden Beethovens sagte er: »Gehen Sie nicht mit dem
+Beethoven um, der hat nichts gelernt.« Beethoven gab diesen Lehrer auf
+und ging zu Salieri, dem Todfeinde Mozarts, um bei ihm Unterricht in
+dramatischer Komposition und in Gesangsmusik zu nehmen; er wollte die
+italienische Musik von Grund aus kennen lernen.
+
+Am 30. März 1795 erlebte Wien das erste Auftreten des Pianisten
+Beethoven. Die zweite Nummer des Programms war »ein neues Konzert auf
+dem Pianoforte (+C dur op. 15+), gespielt von dem Meister Herrn
+Ludwig von Beethoven und von seiner Erfindung«.
+
+Beethoven war jetzt fünfundzwanzig Jahre alt. Er schien damals als ein
+guter, ruhig gestimmter, bescheidener Mann, dessen Spiel von ungemeiner
+Fertigkeit war und mehr zum Herzen sprach, als das aller Vorgänger.
+Sein Spiel machte einen ungewöhnlichen Eindruck und allgemein hatte
+man das Gefühl, daß sich hier einer in Tönen aussprach, der seine
+eigenen Wege ging. Beethoven ~charakterisierte~ am Klavier; er
+benutzte die hohen und tiefen Lagen, um sowohl verträumte, als auch
+tiefinnerliche Empfindungen auszudrücken. Er wurde am Instrument zum
+Dichter, der neue Welten schuf und gestaltete. Am schönsten spielte er,
+wenn er allein im Zimmer war, und die Zuhörer sich in einem Nebenraum
+befanden. Dann blieb aber auch kein Auge trocken, und es wundert uns
+nicht, wenn er 1796 von Prag aus an seinen Bruder schreibt: »Meine
+Kunst erwirbt mir Freunde und Achtung, was will ich mehr!« Von Prag aus
+führte ihn eine Kunstreise über Dresden und Leipzig nach Berlin, wo
+ihn der König Friedrich Wilhelm II. sehr huldvoll empfing. Er spielte
+einige Male bei Hofe und komponierte die Cellosonate (+op. 5+),
+weil der König selbst das Violoncell spielte. »Beethovens Phantasien
+waren im höchsten Grade glänzend und staunenswert,« erzählt uns sein
+Schüler Czerny; »in welcher Gesellschaft er sich auch befinden mochte,
+er verstand es, auf die Hörer einen solchen Eindruck hervorzubringen,
+daß manche in lautes Weinen ausbrachen. Denn es war etwas Wunderbares
+in seinem Ausdruck, noch außer der Schönheit und Originalität seiner
+Ideen und der geistreichen Art, wie er dieselben zur Darstellung
+brachte. Wenn er eine Improvisation dieser Art beendet hatte, konnte
+er in lautes Lachen ausbrechen und seine Zuhörer über die Bewegung,
+in die er sie versetzt hatte, ausspotten. Zuweilen fühlte er sich
+sogar verletzt durch diese Zeichen der Teilnahme. ›Wer kann unter so
+verwöhnten Kindern leben‹, sagte er, und einzig aus diesem Grunde
+lehnte er es ab, eine Einladung anzunehmen, welche der König von
+Preußen nach einer solchen Improvisation an ihn ergehen ließ.«
+
+Beethoven fand sich in Berlin sehr ernüchtert. Er kam vom weichen Süden
+und hatte gehofft, im Norden harten, mannhaften Menschen zu begegnen;
+er fand schwelgerische Üppigkeit, Abgelebtheit, Weiberhaftes. Das war
+nicht der Geist, den er suchte.
+
+Auch in der Berliner Singakademie, deren Direktor damals Zelter war
+-- der Freund Goethes -- trat Beethoven auf, und auch hier traten den
+Zuhörern Tränen in die Augen.
+
+[Illustration: Beethovenstatue von Kaspar von Zumbusch.]
+
+Sehr enttäuscht kam Beethoven nach Wien zurück und nun begann er mit
+aller Energie daran zu arbeiten, »einst ein großer Mann zu werden«.
+Zugleich aber legte er den Grundstein zu seiner so tragischen
+Erkrankung.
+
+An einem sehr heißen Sommertage des Jahres 1796 kam Beethoven ganz
+erhitzt nach Hause, riß Türen und Fenster auf, zog sich bis auf die
+Beinkleider aus und kühlte sich am offenen Fenster ab. Die Folge war
+eine gefährliche Krankheit, die sich während der Genesung auf das
+Gehör legte. Und von dieser Zeit an nahm auch die Taubheit Beethovens
+fortschrittweise zu, die ihm wohl die schwersten moralischen Prüfungen
+auferlegte und seinen ganzen Mannesmut herausforderte. »Dein Beethoven
+lebt sehr unglücklich,« schreibt er einige Jahre später an einen
+Freund, »im Streite mit Natur und Schöpfer; schon mehrmals fluchte ich
+letzterem, daß er seine Geschöpfe dem kleinsten Zufall ausgesetzt,
+so daß oft die schönste Blüte dadurch zernichtet und zerknickt wird.
+Wisse, daß mir der edelste Teil, mein Gehör, sehr abgenommen hat. Wie
+traurig ich nun leben muß, alles was mir lieb und teuer ist, meiden! O,
+wie glücklich wäre ich jetzt, wenn ich mein vollkommenes Gehör hätte,
+dann eilte ich zu Dir, aber so muß ich von allem zurückbleiben, meine
+schönsten Jahre werden dahinfliegen, ohne alles das zu wirken, was mir
+mein Talent und meine Kunst geheißen hätten. Traurige Resignation, zu
+der ich jetzt meine Zuflucht nehmen muß.«
+
+Und an einen anderen Freund schreibt er 1801: »Nun hat der neidische
+Dämon, meine schlimme Gesundheit, mir einen schlechten Stein ins Brett
+geworfen, nämlich: mein Gehör ist seit drei Jahren immer schwächer
+geworden ... Ich kann sagen, ich bringe mein Leben elend zu; seit
+zwei Jahren fast meide ich alle Gesellschaften, weil mir's nicht
+möglich ist, den Leuten zu sagen: ich bin taub. Hätte ich irgendein
+anderes Fach, so ging's noch eher, aber in meinem Fache ist das ein
+schrecklicher Zustand; dabei meine Feinde, deren Zahl nicht gering ist,
+was werden diese dazu sagen?«
+
+Aber trotzdem weinte er nicht; er ermannte sich in seinem Schmerz,
+stärkte seine eiserne Selbstzucht, bis ihm sein siegender Wille über
+diese schreckliche Wendung seines Schicksals hinweghalf, und er sich
+wieder seinen Werken zuwenden konnte. Sein stolzes Künstlerbewußtsein
+kam ihm gut dabei zu Hilfe. Er hatte eingesehen, daß der wahre Adel
+des Menschen von ~innen~ kommt, und daß nur das ~Können~
+wirkliche Rangunterschiede zu schaffen vermag. So wie er dachte,
+handelte er auch. Seine Freunde, den Fürsten Lichnowsky und den Prinzen
+Louis Ferdinand, behandelte Beethoven genau wie seinesgleichen; er
+fühlte sich ihnen gegenüber in nichts geringer. Er wohnte einige Zeit
+im Palais des Fürsten Lichnowsky, konnte sich aber der Hausordnung
+nicht fügen; es war ihm auch später unmöglich, bei seinem Schüler, dem
+Erzherzog, die Hofetikette mitzumachen, von deren Zwang er denn auch
+zum Entsetzen der Lakaien entbunden wurde. Als Beethoven 1806 während
+des Kriegsgetümmels zu Lichnowsky auf Schloß Grätz floh, bat der Fürst
+den Künstler, seinen Gästen, den französischen Offizieren, die das
+Schloß besetzt hatten, doch etwas am Flügel vorzuspielen. Beethoven war
+aber über diese Zumutung, vor den Deutschfeindlichen zu konzertieren,
+derart empört, daß er aufsprang, im Regen nach Troppau rannte und von
+dort so schnell als möglich nach Wien zurückeilte.
+
+In der Abendgesellschaft, die eine Gräfin zu Ehren des Prinzen Louis
+Ferdinand gab, war für Beethoven und andere nichtadelige Gäste an einem
+Seitentische gedeckt worden; als aber Beethoven bemerkte, daß er mit
+dem Hochadel nicht an einem Tische speisen sollte, stürmte er davon.
+Louis Ferdinand veranstaltete Beethoven zu Ehren ein paar Tage später
+ein Revanchediner und ließ zu seiner rechten Seite für Beethoven und
+zur linken für eben jene Gräfin decken.
+
+Solche und ähnliche Züge zeigen Beethoven als einen überaus stolzen,
+seines Genies wohlbewußten Menschen, der schroff und hart werden
+konnte, wenn man ihm die Ehren versagte, die er glaubte, beanspruchen
+zu dürfen.
+
+Aber es gibt auch ebensoviele rührende Züge, die Zeugnis ablegen von
+seinem reichen Mitgefühl und seinem überaus großen Zartsinn.
+
+Als er einmal in Heiligenstadt weilte, einem kleinen Dörfchen bei
+Döbling, wo er, der ein fanatischer Sommerfrischler war, die schöne
+Jahreszeit verlebte, klangen ihm aus einem Häuschen die Töne seiner
++F dur+-Sonate entgegen. Er horchte und hörte eine zarte Stimme
+sagen: »Was gäbe ich darum, das Stück von jemand zu hören, der ihm
+gerecht wird.« Beethoven durch den Klang der Stimme betroffen, trat
+in das Haus ein und setzte sich an das jämmerliche Instrument. Da
+er bemerkte, daß keine Noten auflagen, blickte er fragend auf die
+verlegene Spielerin und bemerkte jetzt erst an ihrem Gesichtsausdruck,
+daß sie blind war und nur nach dem Gehör gespielt hatte. Beethoven war
+im Innersten gerührt; der Mond schien gerade ins Zimmer und beleuchtete
+das schwermutvolle Antlitz der Blinden. Unwillkürlich brach der Bruder
+der Blinden in die Worte aus: »Die arme Schwester!« Es lag ein Bedauern
+in dem Ausruf, daß es der Schwester nicht vergönnt war, den Mondschein
+zu ~sehen~. Beethoven aber sagte sehr ergriffen: »Ich will ihr
+den Mondschein ~spielen~!« Er setzte sich ans Instrument und
+improvisierte ein weltverlorenes, musikalisches Gedicht, das später die
+Mondscheinsonate genannt wurde. Und um diese Zeit galt er schon als ein
+mürrischer, finsterer Mann.
+
+Die Menschen konnten ihn nicht erziehen; das ~Leben~ bildete ihn
+und schliff seine Unebenheiten ab. Da mit den Jahren seine Taubheit
+immer mehr zunahm, konnte man nur noch schriftlich mit ihm verkehren.
+Der Umgang mit ihm wurde den Menschen unbequem; sie blieben von ihm
+fort, ihn seiner Einsamkeit überlassend. Nach und nach mußte er das
+Dirigieren aufgeben und das öffentliche Spielen, denn er las auf
+den Gesichtern seiner Zuhörer: Mitleid. Das machte ihn verdrossen
+und stumm. Er versank ganz in sich selber, tauchte nur noch in die
+eigenen Tiefen hinab, um die unschätzbaren Perlen heraufzuholen, die
+auf dem Grunde seiner Seele lagen. Aber je mehr er an sich selber zum
+Schatzgräber wurde, desto mehr vernachlässigte er die Menschen seiner
+Umgebung. Sein Verhältnis zu ihnen wurde ein recht tragisches.
+
+Im Jahre 1802 ist Beethoven wieder etwas mehr um die Heilung seines
+Gehörleidens besorgt und geht deshalb wieder nach Heiligenstadt.
+In trübster Seelenstimmung und in seiner großen Sehnsucht nach
+verständnisvollen Menschen schreibt da der große Einsame seinen letzten
+Willen nieder, diesen furchtbaren Aufschrei eines liebedürstenden
+Herzens: »O ihr Menschen, die ihr mich für feindselig, störrisch
+oder misanthropisch haltet oder erklärt, wie unrecht tut ihr mir,
+ihr wißt nicht die geheime Ursache von dem, was euch so scheinet;
+mein Herz und mein Sinn waren von Kindheit an für das zarte Gefühl
+des Wohlwollens, selbst große Handlungen zu verrichten, dazu war ich
+immer aufgelegt; aber bedenket, daß seit sechs Jahren ein heilloser
+Zustand mich befallen, durch unvernünftige Ärzte verschlimmert,
+von Jahr zu Jahr, in der Hoffnung gebessert zu werden, betrogen,
+endlich zu dem Überblick eines dauernden Übels gezwungen. Mit einem
+feurigen lebhaften Temperamente geboren, selbst empfänglich für
+die Zerstreuungen der Gesellschaft, mußte ich früh mich absondern,
+einsam mein Leben zubringen. Welche Demütigung, wenn jemand neben mir
+stand und von weitem eine Flöte hörte, und ich nichts hörte! Solche
+Ereignisse brachten mich nahe an Verzweiflung; es fehlte wenig und ich
+endigte selbst mein Leben. Nur sie, die Kunst, sie hielt mich zurück.
+Ach, es dünkte mir unmöglich, die Welt eher zu verlassen, bis ich das
+alles hervorgebracht, wozu ich mich aufgelegt fühlte. Geduld, sie muß
+ich nun zur Führerin wählen, dauernd, hoffe ich, soll mein Entschluß
+sein, auszuharren. O Menschen, wenn ihr einst dies leset, so denkt,
+daß ihr mir unrecht getan, und der Unglückliche, er tröste sich, einen
+seinesgleichen zu finden, der trotz allen Hindernissen der Natur doch
+noch alles getan, um in die Reihe würdiger Künstler und Menschen
+aufgenommen zu werden; mit Freuden eil' ich dem Tode entgegen; komm
+wann du willst, ich gehe dir mutig entgegen.«
+
+Heiligenstadt blieb Beethovens Lieblingsaufenthalt, und seine besonders
+liebkoste Idee war, ganz aufs Land zu gehen. Hätte er ein Bauerngut,
+meinte er, so könnte er allem Elend entfliehen. Abends im Bett las er
+bei zwei Kerzen Tacitus, Plutarch, Plato, Homer, Shakespeare, Ossian,
+Klopstock, Kant, Herder, Goethe und Schiller. Morgens wanderte er
+schon vor Sonnenaufgang in die erwachende Natur hinaus, in der er bis
+zum Frühstück »studierte«. Dort fühlte er sich glücklich und selig,
+fühlte sich »sehr geliebt von den Göttern am Ende der Welt« und hatte
+mit keinem Gemeinschaft. Er lief in den Fluren in Hemdärmeln herum --
+»spazierenarbeitend« wie er sagte --, komponierte, schwatzte mit den
+Bauern, die den »graupeten Musikanten« wohl kannten und, da er seiner
+Magd nicht traute, trug er das Gemüse für den Mittagstisch selbst im
+blauen Taschentuch nach Hause. Dabei brüllte er Melodienbruchstücke so
+laut vor sich hin, daß die Ochsen vor ihm Reißaus nahmen.
+
+Er blieb sein Leben lang ein Einsamer, der sein Inneres in Tönen
+verausgabte. Mit seiner hohen Tatenlust hing seine Liebe zur Freiheit
+zusammen, und so erklang denn auch in seinen Werken die Idee der
+Völkerfreiheit.
+
+Eines Tages war der französische Gesandte Bernadotte mit Beethoven
+bekannt geworden und regte bei ihm den Gedanken an, Napoleon durch ein
+großes Orchesterwerk zu feiern. Dieser Anregung vermochte Beethoven
+um so eher zu folgen, als er in Napoleon den Konsul als Führer der
+Nation verehrte, als Gesetzgeber wahrer Freiheit. So schuf er denn die
+dritte Symphonie (+op. 55+), die nur den Titel »Bonaparte« führte,
+und eben sollte sie gerade der Pariser Gesandtschaft übermittelt
+werden, da bringt ein Schüler Beethovens, Ferdinand Ries, die Nachricht
+von Napoleons Kaiserwahl. Beethoven erwartete von Napoleon, daß er
+die Würde ablehnen würde, aber der Fürst Lichnowsky, der dazukam,
+bestätigte nur die Wahl. Da riß Beethoven das Titelblatt herunter,
+schleuderte die Partitur zur Erde, trampelte wütend mit den Füßen
+darauf herum und schrie zornig: »Also auch er ein gewöhnlicher Mensch!«
+
+Lange wollte Beethoven von dieser Symphonie nichts mehr wissen. Als
+sie aber später vom Fürsten Lobkowitz zur Aufführung in seinem Palais
+erbeten ward, radierte er auf der Abschrift das Wort »Bonaparte« so
+wütend aus, daß ein Loch im Manuskript entstand. Er widmete sein Werk
+nun dem Fürsten und nannte es jetzt »+Sinfonia eroica+« mit dem
+Nebensatz, »um das Andenken eines großen Menschen zu feiern«. Bei der
+ersten Aufführung mißfiel es dem Fürsten, und von der Galerie rief
+bei der ersten öffentlichen Aufführung der Eroica eine Stimme laut
+herunter: »Ich gäb' noch einen Kreuzer, wenn's nur aufhörte.« Dagegen
+war Prinz Louis Ferdinand so entzückt davon, daß er sich das Werk
+gleich dreimal hintereinander vorspielen ließ. In diesem Werke war ja
+auch alles, was im geknechteten deutschen Volke an Größe und Idealismus
+nach Ausdruck rang, in ungeheuren Musikwogen dargestellt, in einer
+kraftvollen Sprache, die die Hörer mit fortriß und emporhob.
+
+In dieser Zeit lebte Beethoven vom Stundengeben, was er als eine große
+Last empfand, und vom Ertrage seiner Werke. Fürst Lichnowsky hatte
+ihm außerdem ein Ehrengehalt von sechshundert Gulden ausgesetzt, so
+daß Beethoven sich einen gewissen Luxus leisten konnte. Er hielt sich
+zum Beispiel ein Pferd, das ihm Graf Browne für seine »Variationen«
+geschenkt hatte; er erinnerte sich aber erst an die Existenz dieses
+Pferdes, als ihm die stark angewachsene Futterrechnung vorgelegt wurde.
+
+Beethovens Erscheinung wird von den Zeitgenossen folgendermaßen
+beschrieben: er war eher klein, als mittelgroß, sehr stämmig und
+untersetzt. Er hatte kleine schwarze Augen, die leuchteten, aber bei
+fixiertem Blick fast stechend wurden, und schwarze Haare, die in
+eine herrliche Stirn hineinhingen, einen wahren Sitz majestätischer
+Schöpferkraft, dazu ein pockennarbiges Gesicht von roter gesunder
+Farbe, eine kurze, eckige Nase, plumpe Hände mit kurzen Fingern, kleine
+hastige Bewegungen. Dazu sah er meist so finster aus, wie seine in
+»wunderbarer Konfusion« befindliche Wohnung. Er war sehr unbeholfen,
+fast linkisch. Selten nahm er etwas zur Hand, das nicht fiel oder
+zerbrach; das Tintenfaß warf er mehrmals ins Klavier; alles wurde
+umgeworfen, beschmutzt, zerstört. Sein Eigensinn kannte oft keine
+Grenzen, und stets führte er, allen Hindernissen trotzend, dennoch
+durch, was er sich in den Kopf gesetzt hatte. Baden und Waschungen
+in kaltem Wasser waren mit seine Hauptbedürfnisse. Als Getränk war
+ihm frisches Brunnenwasser unentbehrlich, das er von früh bis spät
+in kolossalen Mengen trank. Auch trank er sehr gern Kaffee, den er
+sich selber bereitete. Er zählte dabei mit peinlicher Genauigkeit
+für jede Tasse sechzig Bohnen ab. Bei den Mahlzeiten war er wenig
+wählerisch. Von allen Weinen schmeckten ihm wunderlicherweise gerade
+die verfälschten am besten, unter denen er viel zu leiden hatte.
+Auch ein gutes Glas Bier und die Tabakspfeife, dazu die Augsburger
+Allgemeine Zeitung, deren Lektüre ihm sehr viel Zeit stahl, das waren
+seine kleinen Hauptfreuden.
+
+Bei einem Spaziergange um Baden bei Wien riß ihm einst der Sturm seinen
+Hut vom Kopfe. Er ~mußte~ ihn wiederhaben, und so rannte Beethoven
+auf der Böslauerstraße meilenweit seinem Hute nach. Schweißtriefend,
+zerzaust, atemlos und beschmutzt hielt man ihn in der Wiener Neustadt
+als »Lump« auf und nur dank seiner Bekanntschaft mit dem Bürgermeister
+Meißner konnte man ihn aus den Händen der Polizei befreien. Aber seinen
+Hut hatte er wieder.
+
+Als ihm einst sein Freund Breuning mitteilte, ein Quartett hätte nicht
+gefallen, antwortete er: »Wird ihnen schon einmal gefallen.« Nach
+der Schlacht bei Jena bemerkt er über Napoleon: »Schade, daß ich die
+Kriegskunst nicht so verstehe, wie die Tonkunst, ich würde ihn doch
+besiegen.«
+
+[Illustration: Beethovens Sterbehaus in Wien.]
+
+Seinen größten Spaß hatte er, wenn man ihn auf die grammatikalischen
+Fehler aufmerksam machte, die sich in seinen Werken fanden. »Ich sage,
+es ist recht,« meinte er dann. Man entgegnete wohl: »Diese Schreibart
+ist fehlerhaft und nicht erlaubt,« und Beethoven erwiderte: »Nun, so
+erlaube ~ich~ es.«
+
+Er war kein seßhafter Mieter; es duldete ihn nirgends lange; er fühlte
+sich überall ungemütlich. In fünfunddreißig Jahren wechselte er seine
+Wohnung vielleicht fünfunddreißigmal. Mit den Wiener Hausmeistern
+stand er fast immer auf dem Kriegsfuße. Er studierte beständig die
+Wohnungszettel an den Haustoren, um gleich ein neues Heim zu haben,
+wenn ihm das alte nicht mehr behagte. Und da er in seiner Stube
+trommelte und übermäßig brüllte und, seit sein Gehör schlecht geworden
+war, förmliche Kanonaden am Klavier losließ, da er ferner bei seinen
+Waschungen solche Überschwemmungen anrichtete, daß das Wasser durch die
+Fußbodenritzen sickerte, war jedes Haus wieder froh, ihn loszuwerden.
+Er wohnte immer im höchsten Stockwerk. Sein Zimmer sah sehr wüst aus
+und ungemütlich; überall lagen Papiere umher und Kleidungsstücke;
+Koffer standen herum; im übrigen waren die Wände kahl, und es befand
+sich kaum ein Stuhl im Zimmer. Er trug einen dunklen, langhaarigen,
+alten Rock, in dem er wie Robinson Crusoe aussah, und in sein Gesicht
+hing das zottige, pechschwarze Haar. Sein Kopf konnte zuweilen für den
+eines Jupiter gelten, obwohl er nicht schön war. Beethoven wußte das.
+»Nun kannst Du mir helfen, eine Frau suchen,« schreibt er einmal einem
+Freunde; »schön muß sie aber sein, nicht Schönes kann ich nicht lieben
+-- sonst müßte ich mich selbst lieben.«
+
+Er war auch ein großer Tierfreund. Wenn er zum Beispiel sah, daß
+kleine Jungen auf Schmetterlinge Jagd machten, verscheuchte er immer
+die Kinder oder verhinderte sie sonst am Fangen der Sommervögel.
+Dieser Zug hing mit seiner großen Liebe zur Natur zusammen und mit
+seiner Sehnsucht, allen lebendigen Geschöpfen die Freiheit zu geben.
+In großartiger Weise hat er beides in seiner sechsten Symphonie zum
+Ausdruck gebracht, der sogenannten »Pastorale«, in der das freie
+Landleben in der Natur seine höchste Verherrlichung erfahren hat.
+
+Interessant war seine Freundschaft zum Hofsekretär Zmeskall von
+Domanovecz durch die äußerst drolligen Briefe, die Beethoven ihm
+schrieb und von denen wir ein paar zum besten geben wollen, weil sie
+uns Beethoven auch von der humorvollen Seite zeigen.
+
+
+ I.
+
+ »An seine Hochwohl--wohl--wohlgeboren den Herrn von Zmeskall,
+ Kaiserlicher und Königlicher wie auch Königlicher Kaiserlicher
+ Hofsekretair, Seine Hochwohlgeboren, sowie des Herrn von Zmeskall
+ Zmeskalität haben die Gewogenheit, zu bestimmen, wo man sie morgen
+ sprechen kann. Wir sind Ihnen ganz verflucht ergeben.
+
+
+ B.«
+
+ II.
+
+
+ »Liebster Baron Dreckfahrer!
+
+ +Je vous suis bien obligé pour votre faiblesse des vos yeux+ --
+ übrigens verbitte ich mir inskünftige, mir meinen frohen Mut, den
+ ich zuweilen habe, nicht zu nehmen, denn gestern durch Ihr Zmeskall
+ Domanoveczisches Geschwätz bin ich ganz traurig geworden. Hol' Sie der
+ Teufel, ich mag nichts von Ihrer ganzen Moral wissen; ~Kraft~ ist die
+ Moral der Menschen, die sich vor anderen auszeichnen, und wenn Sie mir
+ heute wieder anfangen, so plage ich Sie so sehr, bis Sie alles gut und
+ löblich finden, was ich tue. Adieu Baron, Ba...ron ron, nor, orn, rno,
+ onr.«
+
+
+ III.
+
+
+ »Verfluchter eingeladener Domanetz -- nicht Musikgraf, sondern
+ Freßgraf, Dinergraf, Soupergraf etc. -- Kommen Sie, wenn Sie der
+ Kanzleigefängniswärter entwischen läßt. Ich esse heute zu Hause
+ des besseren Weines halber. Wenn Sie sich bestellen, was Sie haben
+ wollen, so wäre mir's lieb, wenn Sie auch zu mir kommen wollten, den
+ Wein bekommen Sie gratis und zwar besser wie in dem hundsföttischen
+ ›Schwanen‹. Ihr kleinster Beethoven.«
+
+
+ IV.
+
+
+ »Geliebtester +Conte di Musica+! Wohl bekomme Euch der Schlaf,
+ und auf heute wünschen wir Euch einen guten Appetit und eine gute
+ Verdauung. Das ist alles, was dem Menschen zum Leben nötig ist, und
+ doch müssen wir das alles so teuer bezahlen. -- Darum sind wir, Euer
+ gnädigster Herr, gezwungen, uns herabzulassen und Euch zu bitten um
+ ein Darlehen von fünf Gulden, welches wir Euch binnen einigen Tagen
+ wieder zufließen lassen werden. Lebt wohl, geliebtester +musico+
+ und +conte di musica+. Euer wohlaffektionierter Beethoven.
+ Gegeben in unserem Komponier-Kabinett.«
+
+
+Im Hause des Hofrats von Birkenstock hatte Beethoven auch Bettina
+Brentano kennen gelernt, damals Braut Achim von Arnims und intime
+Freundin Goethes. Ihre tief musikalische Natur sehnte sich nach
+Beethoven. Als sie sich kennen lernten, sang Beethoven ihr das Lied
+»Kennst du das Land«, zwar mit scharfer und schneidender Stimme, aber
+mit tiefem Ausdruck. »Aha,« rief Beethoven aus, »die meisten Menschen
+sind gerührt über etwas Gutes, das sind aber keine Künstlernaturen.
+Künstler sind feurig, die weinen nicht.«
+
+Von diesem Tage an waren sie täglich zusammen und wurden immer mehr
+befreundet. Bettina schrieb öfters über ihre Zusammenkünfte mit
+Beethoven schwärmerische Briefe an Goethe. »O Goethe,« heißt es da
+einmal, »kein Kaiser und kein König hat so das Bewußtsein seiner Macht,
+und daß alle Kraft von ihm ausgehe, wie dieser Beethoven.«
+
+1812 machte Beethoven eine Reise nach Teplitz, wo er Varnhagen, Tiedge,
+Elise von der Recke und andere bedeutende Persönlichkeiten kennen
+lernte. Und das Jahr darauf, als er wieder in Teplitz weilte, machte er
+endlich die Bekanntschaft Goethes, mit dem er nun sehr oft zusammenkam.
+Goethe schrieb an seinen Freund Zelter: »Beethoven habe ich in Teplitz
+kennen gelernt. Sein Talent hat mich in Erstaunen gesetzt. Allein,
+er ist leider eine ganz ungebändigte Persönlichkeit, die zwar nicht
+unrecht hat, wenn sie die Welt verabscheuenswert findet, aber sie
+freilich dadurch weder für sich, noch für andere genußreicher macht.
+Sehr zu entschuldigen ist er hingegen und sehr zu bedauern, da ihn
+sein Gehör verläßt. Er, der ohnehin lakonischer Natur ist, wird es nun
+doppelt durch diesen Mangel.«
+
+Goethe, der von den im Bade anwesenden Fürsten mannigfache
+Auszeichnungen erfahren hatte, wollte besonders der Kaiserin seine
+Ergebenheit bezeigen und riet auch Beethoven, in bescheidener Weise
+das gleiche zu tun. »Ei was!« antwortete Beethoven, »so müßt Ihr's
+nicht machen. Ihr müßt ihnen tüchtig an den Kopf werfen, was sie an
+Euch haben, sonst werden sie's gar nicht gewahr. Ich hab's ihnen anders
+gemacht.« Und nun erzählte Beethoven, wie ihn einmal der Erzherzog,
+sein Schüler, habe warten lassen und er darauf fortgegangen sei. Einen
+Orden könnten sie einem wohl anhängen, könnten einen wohl zum Hofrat
+machen, aber nicht zum Goethe oder zum Beethoven; davor müßten sie
+Respekt haben. Und während Beethoven so sprach, kam gerade der ganze
+Hofstaat an. Beethoven sagte nun zu Goethe: »Bleibt mir in meinem Arm
+hängen; ~sie~ müssen ~uns~ Platz machen.« Aber Goethe machte
+sich los und stellte sich mit abgezogenem Hut an die Seite, während
+Beethoven mit verschränkten Armen und nur den Hut ein wenig rückend,
+mitten durch die Hofgesellschaft ging, die sich infolgedessen teilen
+und ihm Platz machen mußte. Alle grüßten ihn freundlich. Auf der
+anderen Seite blieb Beethoven stehen und wartete auf Goethe, der sich
+so lange tief verneigte, bis die Gesellschaft vorübergegangen war.
+Beethoven sagte: »Auf Euch habe ich gewartet, weil ich Euch ehre und
+achte, wie Ihr es verdient, aber jenen habt Ihr zu viel Ehre angetan.«
+Beethoven fand Goethe zu geziert. »Ihm behagt die Hofluft zu sehr;
+mehr, als es einem Dichter ziemt,« schreibt er an einen Freund.
+
+Ihm widerstrebte alles äußere Wesen; sein ganzes Leben war auf innen
+eingestellt; er haßte alle Eitelkeit. Deshalb schickte er auch eine
+Visitenkarte seines Bruders, der ihm zu Neujahr gratuliert hatte und
+auf welcher zu lesen war »Johann van Beethoven, Gutsbesitzer« zurück
+und schrieb auf die Rückseite »Ludwig van Beethoven, Hirnbesitzer«.
+
+Und doch war es nicht läppischer Stolz, der ihn zuweilen so hochfahrig
+erscheinen ließ. »O Gott, gib mir die Kraft, mich zu besiegen,«
+schreibt er 1812 in sein Tagebuch; »mich darf ja nichts mehr an das
+Leben fesseln.« Und 1813: »O Gott, Gott, sieh auf den unglücklichen
+Beethoven herab, laß es nicht länger so dauern.«
+
+Frau Streicher nahm sich seiner häuslichen Verwirrung an, die so groß
+war, daß Beethoven eines Tages nicht einmal mehr Stiefel zum Ausgehen
+hatte. Einer seiner Gönner war inzwischen gestorben, und ein anderer,
+Fürst Lobkowitz, war selber arg verschuldet und in Bedrängnis. »Es ist
+hart, beinahe um des lieben Brotes willen zu schreiben! So weit habe
+ich es nun gebracht,« stöhnt Beethoven 1818. Seine Einnahmen standen um
+diese Zeit in der Tat beinahe im umgekehrten Verhältnis zu seinem Ruhm.
+Es war eine Ironie des Schicksals, daß Beethoven, der in diesen Jahren
+sehr viel äußere Bedrängnis auszustehen und der sich von aller Welt
+verschlossen zurückgezogen hatte, in Wien zu einer Art Sehenswürdigkeit
+geworden war. Nur wenige Kollegen, Schubert, Liszt und Weber, die ihn
+besuchten, wurden empfangen. Und zu diesen äußeren Sorgen kamen noch
+andere.
+
+Seit dem im Jahre 1815 erfolgten Tode seines Bruders Karl nahm
+Beethoven sich auch dessen unmündigen Sohnes, seines Neffen Karl,
+an, dessen Vormund und Erzieher er wurde und auf den er alle innige
+Familienliebe übertrug, die er so viele Jahre zurückgedämmt hatte.
+
+Wegen seines Ehrengehaltes lag er in fortwährenden Streitigkeiten mit
+den Gerichten, in denen er stets von neuem zu beweisen hatte, daß er
+noch am Leben sei. Eine besondere Kränkung tat man ihm an, als er
+in einem Prozesse seinen vermeintlichen Adel erweisen sollte. Tief
+verletzt zeigte er auf Herz und Kopf und rief »Hier und hier«.
+
+Die Wohnungs- und Dienstmädchensorgen quälten ihn auch nicht wenig. In
+der Mödlinger Hauptstraße, wo er damals wohnte, komponierte er, wie
+er selbst sagte, »im Schweiße seines Angesichtes« und schlug, Tag und
+Nacht arbeitend, mit Händen und Füßen so stark den Takt, daß ihm die
+Wohnung gekündigt werden mußte.
+
+[Illustration: Beethovens Grabmal in Wien.]
+
+Das Leben schien ihm nun ein Dornenweg; ein Spießrutenlaufen durch
+tausend Drangsale und alltägliche Plackereien. »Für dich, armer
+Beethoven, gibt es kein Glück von außen,« lautet nun seine Einsicht.
+Seine brüske, verbitterte Art zeichnete sich sogar in seiner
+Handschrift aus, von der Zelter sagte: »Beethoven schreibt immer wie
+mit einem Besenstiel,« und Beethoven selbst gesteht: »Das Leben ist
+zu kurz, um Buchstaben und Noten zu ~malen~, und schöne Noten
+brächten mich schwerlich aus den Nöten.«
+
+Trotzdem bewahrte er sich sein gutes Herz und seine reiche
+Menschenliebe. Er unterstützte reichlich seine beiden Brüder. Als
+er erfuhr, daß Deutschland das letzte Kind des großen Musikers Bach
+hungern ließ, verschaffte er ihm unter vielen Umständen die nötigen
+Lebensmittel. Für eine herumziehende Musikantengesellschaft, deren Not
+ihn dauerte, komponierte er einen Walzer und schrieb selbst die Stimmen
+dazu aus.
+
+Er selbst vernachlässigte sich sehr; sogar in der Kleidung ließ er sich
+jetzt stark gehen. Seine grauen Haare waren immer unfrisiert, und mit
+seinem krausen Buschkopf bot er eine auffallende Erscheinung. Als eine
+Dame einmal ganz entzückt seine schöne Stirn bewunderte, sagte er kurz
+angebunden: »Nun, so küssen Sie sie!«
+
+Seine große Aufopferungsfähigkeit tritt uns aber in ihrer ganzen
+Großartigkeit entgegen in dem Verhältnis zu seinem Neffen Karl, dem
+er sich mit Leib und Seele, mit Gut und Geld widmete; er spielte und
+tollte mit ihm herum, behütete ihn wie seinen Augapfel und erntete
+nur Undank. Beethoven wollte den Jungen zum Gelehrten oder Künstler
+machen; aber der Neffe entlief seinem Onkel, mißachtete ihn, wurde
+von der Universität entlassen, spielte, flanierte, log, unterschlug
+Gelder, bis er eines Tages einen mißglückten Selbstmordversuch machte
+und blutüberströmt dem unglücklichen Onkel ins Haus gebracht wurde, der
+über diesem Streich fast zusammenbrach.
+
+Ohnehin hatte ein Leberleiden schon begonnen, die Gesundheit Beethovens
+zu untergraben. Und als die Gelbsuchtsanfälle sich mehrten, dachte er
+an sein Testament. Als der Neffe von seinem dummen Streich genesen war,
+wurde er von der Polizei der Stadt verwiesen und zog nach Gneixendorf.
+Beethoven, der an dem Neffen, den er zum »geliebten Universalerben«
+bestimmt hatte, mit unverminderter Liebe hing, zog ebenfalls nach dem
+Dorfe hinaus, wo ihn die Diener und Bauern, die ihm in Flur und Wald
+begegneten, heftig auslachten, wenn sie ihn gerade beim Komponieren
+betrafen. Er gestikulierte so stark, daß das Vieh, das ihm begegnete,
+scheu wurde und die Bauern ihm oft zuriefen: »He! a bissl stader!«
+
+Auf einer Rückreise von Gneixendorf nach Wien mußte Beethoven fiebernd
+in einem Dorfwirtshause übernachten. An einer Bauchfellentzündung
+leidend, kam er auf einem Milchwagen, »dem elendesten Fuhrwerk des
+Teufels«, am 2. Dezember 1826 in Wien an und wurde von Stunde zu Stunde
+elender.
+
+Beethoven schickt seinen Neffen aus, zwei befreundete Ärzte zu holen,
+die versagen aber ihre Hilfe, weil ihnen der Weg von der Stadt nach
+der entfernten Wohnung Beethovens zu weit ist. Beethoven bittet seinen
+Neffen, andere Ärzte zu besorgen; der leichtsinnige Bursche vergißt
+aber ganz daran, setzt sich statt dessen in ein Kaffeehaus und spielt
+Billard. Erst sehr spät fällt ihm der Auftrag des todkranken Onkels
+wieder ein, aber anstatt wenigstens jetzt selber auf die Suche zu
+gehen, gibt er seinen Auftrag dem Kellner weiter, der ebenfalls daran
+vergißt. Drei Tage darauf wird der Kellner zufällig selbst krank und
+in der Klinik, wohin er gebracht werden muß, erinnert er sich jetzt
+erst des erhaltenen Auftrags. Jetzt erst erhält Beethoven ärztliche
+Hilfe. Aber es ist schon zu spät, da bereits Wassersucht eingetreten
+ist. Dazu kommen noch neue Gemütserschütterungen, und da nächtliche
+Erstickungsanfälle auftraten, muß der Bauchstich gemacht werden. Beim
+Anblick des Wassers, das ihm aus dem Leibe läuft, hat er noch so viel
+Humor, dem Arzt zu sagen, er sei ein wahrer Moses, der mit dem Stabe
+an den Felsen geschlagen habe, daß das Wasser kam. »Besser Wasser aus
+dem Bauch, als aus der Feder,« tröstete er sich. Eine Sorge verläßt
+ihn: der Neffe Karl betritt die militärische Karriere; dafür kommt
+eine neue Sorge: die militärische Ausstattung des Neffen hat sehr viel
+gekostet, und es ist Geldnot eingetreten. Die Krankheit zieht sich in
+die Länge, obwohl Beethoven schon zum drittenmal operiert worden ist.
+Und von allen Bekannten kümmert sich fast niemand um ihn, außer den
+allernächsten Freunden. Und nun nähert sich Beethoven immer mehr seinem
+irdischen Ende. Am 23. März empfängt er die Sterbesakramente. Tags
+darauf beginnt der Todeskampf.
+
+Am 26. März 1827 blieb die kleine Pyramidenuhr, ein Geschenk der
+Fürstin Lichnowsky, stehen, und noch heute soll diese Uhr, so oft
+ein Gewitter naht, stehnbleiben. Gegen fünf Uhr toste mit gewaltigem
+Donner, Schnee und Hagelschlag mitten im Winter ein Unwetter heran.
+Nur Beethovens Schwägerin, Frau van Beethoven, und ein junger Schüler
+Beethovens waren im Sterbezimmer anwesend. Plötzlich wurde das Zimmer
+durch einen Blitz grell beleuchtet. Der Sterbende öffnete weit die
+Augen, erhob die rechte Hand und blickte mit drohender Miene starr gen
+Himmel. Dann sank er zurück. Der Recke war tot.
+
+Seinem Leichenbegängnis folgte keine Gattin, nach der er sich so oft
+gesehnt hatte und kein eigenes Kind. An seinem Grabe weinte die ganze
+Welt. Zwanzigtausend Menschen folgten dem Sarge, und alle Schulen waren
+geschlossen.
+
+
+
+
+ Der Erfinder Edison.
+
+
+In Orange in New Jersey, inmitten eines Netzes elektrischer Leitungen,
+erhebt sich ein von weiten, einsamen Gärten umgebenes Haus. Die Front
+gebietet über einen großen Rasenplatz, der von kiesbestreuten Wegen
+durchkreuzt ist und sich bis zu einem pavillonartigen Gebäude hinzieht.
+Dieser Pavillon ist rings von einer Reihe sehr bejahrter hoher Bäume
+beschattet.
+
+Hier wohnt Thomas Alva Edison, der Mann, der das Echo gefangennahm, der
+fast taube Zauberer so vieler Wunderdinge, die geschaffen sind, um dem
+Ohr ein Fest zu bereiten.
+
+An einem Herbstabend der letzten Jahre geschah es, daß Edison sich in
+das Innere seines Privatlaboratoriums zurückzog. In seinem bequemen
+amerikanischen Klubsessel saß er mit aufgestützten Ellbogen allein,
+eine Havanna rauchend, obwohl er sonst nicht rauchte, weil der Tabak
+große Pläne so leicht in Träumereien zerfließen läßt. Von seinem
+bereits sagenhaft gewordenen Gewand umhüllt, dem schwarzseidenen Umhang
+mit den violetten Quasten, sah er zerstreut vor sich hin und schien in
+tiefe Betrachtung versunken.
+
+Die Tische waren übersät mit tausenderlei Instrumenten, Räderwerken,
+geheimnisvollen Mechanismen, elektrischen Apparaten, Teleskopen,
+Reflektoren, Magneten, Retorten, Phiolen und Tafeln, die mit Zahlen
+bedeckt waren.
+
+Die untergehende Sonne beleuchtete die von Ahorn- und Tannenbäumen
+bestandenen Hügel von New Jersey, und hin und wieder wurde das Gemach
+blitzartig von aufglühenden elektrischen Funken erhellt.
+
+Der Wind wehte kühler; ein Gewitter hatte am Nachmittage die Luft
+durchfeuchtet, und die Blumen vor dem Fenster schickten nun ihre
+schweren Düfte herein. Ihr betäubendes Aroma ermattete die lebhaften
+Gedanken Edisons, und unbewußt wurde er von dem Reiz der Dämmerung
+eingefangen ...
+
+Im Februar des kommenden Jahres wurde er sechzig Jahre alt und es
+reizte ihn nun, gleichsam am Vorabend des Greisenalters, über sein
+mühseliges, leidensvolles Leben nachzudenken ... all die mühseligen
+Wege, die er gehen mußte, ehe er als der größte Erfinder auf dem Gebiet
+der Elektrotechnik allgemein anerkannt war, in Gedanken zu gehn.
+
+Er sah das Bild Milans vor sich, seiner Geburtsstadt im
+nordamerikanischen Ohio, in der er am 11. Februar 1847 zur Welt kam.
+
+Väterlicherseits stammte Edison aus einer alten holländischen
+Müllersfamilie, die ungefähr um 1737 in Nordamerika eingewandert
+war. Er sah im Geiste den Vater vor sich, wie er in Milan einen
+schwunghaften Getreide- und Holzhandel betrieb, an dem er zum
+wohlhabenden Manne wurde. Und sah die, ach, nun tote Mutter, eine
+Kanadierin, die von einer eingewanderten schottischen Familie abstammte
+und eine vorzügliche Erziehung genossen hatte. Vor ihrer Heirat war
+sie Lehrerin gewesen, um später ihren Beruf auch am jungen Edison
+auszuüben. Das blühende Geschäft hatte den Eltern die Möglichkeit eines
+behaglichen Lebens gegeben und die Hoffnung einer sorglosen Zukunft.
+Die Eltern liebten ihren Thomas Alva mit großer Zärtlichkeit! Wie
+machten sie ihm seine Kinderjahre zu Jahren sonniger Freude!
+
+Aber Glück ist wandelbar und nicht von langer Dauer. Der Eisenbahnbau
+begann, um dem Handel einen neuen Weg zu eröffnen. Es begann ein
+tolles Hämmern und Schmieden. Aber durch diese Eisenbahn wurde der
+Kanalverkehr des Ohio lahmgelegt, dem der Vater hauptsächlich seine
+Einnahmen verdankte. Das Geschäft des Vaters ging zurück, und als
+gar noch eine allgemeine finanzielle Krisis hereinbrach, ging des
+Vaters Betrieb vollkommen zugrunde, so daß die Familie sich plötzlich
+allen Bitternissen der Armut gegenübergestellt sah. Aber nur das
+Geschäft brach zusammen, nicht auch der Vater, der vielmehr mit zäher
+ungebrochener Energie daranging, sich im Port Huron im Staate Michigan
+ein neues Heim zu gründen und mit erstaunlicher Arbeitskraft sein
+Leben von neuem aufzubauen. Thomas Alva war damals sieben Jahre alt.
+Er hatte bereits angefangen, in die Schule zu gehn, als schon sein
+erster Unterricht durch diese Umsiedelung gestört und gehemmt wurde.
+In Port Huron wurde er nun, um das Schulgeld zu sparen, nicht mehr in
+die Schule geschickt; die Mutter übernahm vielmehr selbst die weitere
+Ausbildung des Knaben. Die lehrte ihn schreiben, lesen und rechnen
+und diese gemeinschaftliche Arbeit schuf ein sehr inniges Verhältnis
+zwischen Mutter und Sohn. Wie spornte sie immer seinen Wissenseifer an
+und gab seiner Phantasie reiche geistige Nahrung.
+
+Aber auch in Port Huron ging das Geschäft des Vaters nicht recht
+vorwärts; die Familie blieb arm. Es war aus mit den sorglosen Jahren
+der Kindheit; die Spielzeit war vorbei. Schon als Zwölfjähriger mußte
+der junge Edison daran denken, etwas mitzuverdienen. Er nahm eine
+Stelle als Zeitungsjunge an der Eisenbahn an, die Port Huron mit
+Detroit verbindet.
+
+Und Edison sieht im Geiste rückwärts; sieht, wie er zwischen diesen
+beiden Stationen täglich hin und her fährt, während der Fahrt von Wagen
+zu Wagen wandert, um den Reisenden Zeitungen, Süßigkeiten, Früchte
+und andre Erfrischungen anzubieten, wodurch er sich eine bescheidene
+tägliche Einnahme sichert, die er zum größten Teil seinen Eltern
+bringt. Die Stunden, die zwischen der Ankunft des Zuges in Detroit
+und seiner Abfahrt liegen, bringt er damit zu, seine Geschäftsgänge
+zu besorgen, seine Zeitungsexemplare einzukaufen und in der
+Volksbibliothek zu arbeiten, deren viele tausend Bände gewissenhaft
+durchzulesen er sich ernsthaft vorgenommen hat. Er liest tatsächlich
+auch die Bücher, wie sie ihm gerade zur Hand kommen, der Reihe
+nach wahllos durch, und als er schon eine Strecke von fünfzehn Fuß
+weggelesen hat, wird die Bibliothekleitung endlich auf sein Vorhaben
+aufmerksam und lenkt seine Lesewut in die richtigen Bahnen. Unter den
+bereits verschlungenen Büchern befanden sich recht schwierige Werke;
+zum Beispiel Gibbons »Verfall und Untergang des römischen Reiches«,
+Humes »Geschichte Englands« und »Die Geschichte der Reformation«,
+Burtons »Anatomie der Melancholie« und andre Bücher.
+
+Auf der hundert Kilometer langen Bahnstrecke Port Huron-Detroit war
+der junge Edison bald eine sehr bekannte und beliebte Person. Aber
+wichtiger war für ihn, daß er sich auch die Zuneigung des Bahnpersonals
+erwarb. Denn er hatte es in erster Reihe dem Personal zu danken,
+daß man ihm das ausschließliche Recht des Zeitungsverkaufs auf den
+Lokalzügen der genannten Strecke zubilligte; außerdem hatte man ihm
+noch einen alten ausrangierten Gepäckwagen zur Verfügung gestellt, der
+gewöhnlich leer im Zuge mitlief.
+
+Welche wundervollen Stunden hat er in diesem Rumpelwagen erlebt! Schon
+als dreizehnjähriger Knabe hatte Edison große Freude an chemischen
+Experimenten, und so häufte er in der einen Hälfte des Wagens allerhand
+Apparate und Flaschen mit Chemikalien an und gestaltete ihn zu einem
+kleinen chemischen Laboratorium um, während er in der andren Hälfte
+seine Zeitungen, Fruchtkörbchen und andere Handelsartikel aufbewahrte.
+
+Über seinen chemischen Versuchen vergaß er aber nicht, seinen
+Geschäften nachzugehen; im Gegenteil, seine Tätigkeit war, wie
+bei allen Amerikanern, auf Gewinn und Erwerb gerichtet. Er kaufte
+gewöhnlich zweihundert Zeitungsexemplare; zuweilen hätte er aber
+auch dreihundert verkaufen können. Als er nach der Ursache dieses
+schwankenden Verkaufs forschte, bemerkte er bald, daß sich der Absatz
+nach der Wichtigkeit und Sensation der aktuellen Vorgänge richtete,
+und er war nun so schlau, ehe er seine Exemplare kaufte, jedesmal die
+Überschriften der Zeitung erst rasch zu überfliegen und sie gleichsam
+auf ihre sensationelle Wirkung hin zu prüfen. Und danach bemaß er
+dann auch ganz seinen Bedarf. Um jene Zeit war gerade der große Krieg
+zwischen den Nord- und Südstaaten ausgebrochen, und das reisende
+Publikum war nach den neuesten Nachrichten stets sehr begierig.
+
+Eines Tages las Edison auf der Probenummer der Zeitung in Riesenlettern
+eine Überschrift, die eine große Schlacht mit fünfzigtausend Toten und
+Verwundeten ankündigte. Blitzartig durchfuhr ihn der Gedanke, daß
+ihm der Verkauf dieser Zeitungsnummer großen Gewinn bringen könnte,
+wenn es ihm gelänge, die Aufmerksamkeit der Reisenden längs der ganzen
+Zugstrecke rechtzeitig auf diese große Neuigkeit hinzulenken. Schon
+hatte er einen fertigen Plan im Kopf. Er eilte zur Telegraphenstation
+und bestimmte einen ihm bekannten Beamten ein kurzes Telegramm
+über eine große Schlacht mit fünfzigtausend Toten und Verwundeten
+abzusenden, mit der Bitte, diese Depesche an der schwarzen Tafel, auf
+der gewöhnlich die Verspätungen der Züge angezeigt wurden, mit Kreide
+anzuschreiben. Edison erbot sich, dem Beamten für diesen Dienst ein
+halbes Jahr lang unentgeltlich eine täglich erscheinende Abendzeitung
+und zwei Journale zu liefern, eine Wochen- und eine Monatsschrift.
+Der Beamte ging auf den Vorschlag ein und versprach, das Telegramm
+rechtzeitig abzusenden. Nun galt es noch, eine möglichst große Anzahl
+Zeitungsexemplare zu erhalten. Geld hatte Edison nicht, und als er
+sich an den Vorsteher der Speditionsabteilung mit der Bitte wandte,
+ihm tausend Exemplare auf Kredit zu überlassen, wurde ihm das rundweg
+abgeschlagen. Viel Zeit war bis zum Abgang des Zuges nicht mehr zu
+verlieren; kurz entschlossen wandte sich Edison an den Eigentümer
+der Zeitung selbst, sagte ihm, wer er sei und bat um fünfzehnhundert
+Exemplare, die er am nächsten Tage bezahlen wollte. Der Besitzer der
+Zeitung, ein hagerer ernster Mann, musterte den kecken vierzehnjährigen
+Zeitungsboy einen Augenblick, kritzelte einige Worte auf einen Zettel
+und gab ihn Edison mit den Worten: »Trag's hinunter, und du wirst
+erhalten, was du wünschest.« Niemand war glücklicher als Edison. Im
+Triumph trug er seinen schweren Ballen Zeitungen fort, faltete und
+legte sie noch auf der Straße mit Hilfe einiger Knaben zurecht und
+lief zu seinem Zuge. Jetzt hatte er nur noch die eine Sorge, ob der
+Telegraphenbeamte auch Wort gehalten hatte. Denn davon hing ja der
+glückliche Ausgang seines Unternehmens ab.
+
+Und wie dann der Erfolg seine Erwartungen bei weitem übertraf! Wie er
+schon, als der Zug auf der ersten Station Utica einlief, eine Menge
+Menschen auf dem Bahnsteig herumstehen sah, die, durch sein Telegramm
+neugierig gemacht, ungeduldig die Ankunft des Zuges erwarteten, um
+genauere Nachrichten über die große Schlacht zu erhalten. Wie er nun
+einen Arm voll Zeitungen nahm, aus seinem Güterwagen sprang und im
+Nu vierzig Exemplare zu zwanzig Pfennig (fünf Cent) abgesetzt hatte,
+während er sonst an dieser Station kaum zwei Exemplare loswerden
+konnte. Auf der nächsten Station, Mount Clemens, war noch eine größere
+Menschenmenge versammelt. Jetzt hatte er vierzig Pfennig für das
+Exemplar gefordert und hatte trotzdem hundertfünfzig Stück verkauft.
+Ähnlich ging es auf den folgenden Stationen. Am tollsten war es aber
+auf der Endstation Port Huron, wo Edison zu Hause war. Als er hier mit
+den letzten paar hundert Exemplaren, die ihm geblieben waren, sich auf
+den Weg zur Stadt machte, die anderthalb Kilometer entfernt lag, kam
+ihm unterwegs ein großer Schwarm aufgeregter Menschen entgegen, die
+ebenfalls durch sein schlaues Manöver in höchste Erregung versetzt
+worden waren. Sie riefen alle nach Zeitungen und Edison verkaufte
+ihnen einen großen Teil, das Exemplar zu einem Vierteldollar (mehr
+als eine Mark). Die Nachricht, daß der kleine Edison mit den neuesten
+Depeschen vom Kriegsschauplatze kam, verbreitete sich mit Windeseile
+nach der Stadt, und Edison sah sich genötigt, auf den Stufen, die zur
+Tür einer Kirche emporführten, Posto zu fassen, um sich des Andranges
+zu erwehren. Der Gottesdienst sollte gerade beginnen, aber die Türen
+waren noch offen, daher strömten die Menschen heraus, und es entstand
+ein tolles Wettbieten auf die letzten hundert Exemplare der kostbaren
+Zeitungsnummer.
+
+Mit einem kleinen Vermögen kam Edison am Abend nach Hause, wo er seinen
+Eltern von der gelungenen Unternehmung berichtete und ihnen den größten
+Teil seines Gewinnes einhändigte.
+
+Der glückliche Ausgang dieser kleinen Spekulation blieb auf die
+Entwicklung Edisons nicht ohne starken Einfluß. Zunächst stärkte sich
+sein Selbstvertrauen, sein Unternehmungsgeist wurde angeregt, so daß
+der Vierzehnjährige Geschäftsunternehmungen wagt, die von seinen
+außerordentlichen Anlagen beredtes Zeugnis ablegen. Er verdankte ja
+sein kleines Vermögen jenem Telegramm, und so war es ganz natürlich,
+daß die Telegraphie und ihre gewaltige Bedeutung für den Verkehr ihn
+besonders lebhaft interessieren mußte. Er vernachlässigte nun die
+Chemie auf Kosten der Elektrizität, über deren geheimnisvolle Kraft er
+in der folgenden Zeit alles zusammenlas, was ihm nur erreichbar war. Er
+kaufte und verfertigte sich elektrische Apparate, um selbst elektrische
+Versuche anstellen zu können.
+
+Inzwischen war er rastlos bemüht, aus seinem Zeitungsverkauf möglichst
+großen Gewinn zu ziehen, denn ohne Geldmittel war es ihm nicht möglich,
+seine Kenntnisse zu erweitern. Er dachte sogar daran, selbst eine
+kleine Zeitung herauszugeben, um seine Einnahmen zu vermehren und,
+die Tat dem Gedanken gleich folgen lassend, ging er sofort an die
+Ausführung. Für wenig Geld hatte er bald eine alte ausrangierte Presse
+und einen Satz alter Typen erworben, die er nach seinem Gepäckwagen
+schaffte, wo er denn auch seine Versuche begann. Das Setzen und Drucken
+hatte er in der Druckerei, von der er bisher die Zeitung bezog, den
+Arbeitern abgesehen; trotzdem kostete es ihn freilich unendliche Mühe
+und manche schlaflose Nacht, bis er den Reisenden seiner Strecke seine
+eigene kleine Zeitung, die er »Grand Trunk Herald« nannte, zu drei
+Cent das Exemplar verkaufen konnte. Sie erschien einmal wöchentlich
+und kostete im Monatsabonnement acht Cent (zweiunddreißig Pfennig);
+jedenfalls war es das einzige Journal der Welt, das den Namen einer
+Eisenbahnzeitung mit Fug und Recht trug, da sie im Eisenbahnzuge
+selbst fertiggestellt wurde. Der vierzehnjährige Edison war sein
+eigener Redakteur, Setzer, Drucker und Zeitungsjunge. Ehe die erste
+Nummer aber erschien, machte der diplomatische Junge einem der
+Generaldirektoren der Bahnlinie einen Besuch und bat ihn um die Ehre,
+sein erster Abonnent zu werden. Seine Bitte wurde erfüllt und überdies
+bedachte man ihn mit einem kleinen Geldgeschenk. Unter dem Bahnpersonal
+selbst gewann er eine stattliche Zahl Abonnenten, und auch zahlreiche
+Reisende kauften die Zeitung, so daß er in kurzer Zeit vierhundert
+Abonnenten zählte. Ihr Inhalt bestand meist aus Lokalnotizen,
+Bahnerlebnissen, Zugverbindungen, Verkehrsneuigkeiten, wichtigen
+Familienereignissen und Inseraten. Um neue Leser anzulocken, erhielt
+jeder Abonnent seine Zeitung mit aufgedrucktem Namen. Die weltberühmte
+Londoner Zeitung, die »Times«, würdigte dieses Edisonsche Blättchen
+sogar einer Besprechung, und der große Erfinder der Lokomotive,
+Stephenson, bestellte eine Spezialausgabe dieser Zeitung für sich
+allein.
+
+Edisons Einnahmen wuchsen; seine Arbeit wurde freilich auch immer
+größer, so daß er endlich mehrere junge Burschen als Gehilfen anstellen
+mußte. Nun konnte er seinen Eltern bereits einen Monatsgewinn von
+vierzig Dollar (hundertundsiebzig Mark) abliefern.
+
+Trotz dieses günstigen Resultates war er nicht zufrieden; er wollte
+seine Zeitung auf ein höheres Niveau erheben, sie fesselnder gestalten.
+Und so gab er mit einem gleichalterigen Kameraden eine neue Zeitung
+heraus, »Paul Pry« benannt, nach einer bekannten Lustspielfigur, die
+einen neugierigen, umherspähenden, spionierenden Charakter hatte. Die
+neue Zeitung war in jeder Beziehung der alten überlegen. Allein, da er
+selber noch ein Knabe war, teilte Edison oft auch knabenhafte Torheiten
+mit und wurde bei der Mitteilung mancher Neuigkeiten übermütig und
+ausfallend. So geschah es, daß ein Leser der Zeitung sich und sein
+peinliches Erlebnis eines Tages selbst lächerlich gemacht sah; in
+höchste Wut versetzt, lauerte der herkulische Mensch dem jungen Edison
+auf und schleuderte ihn kurzerhand in den St. Clairfluß. Edison konnte
+aber gut schwimmen und rettete sich glücklich ans Ufer; jedoch machte
+das unfreiwillige Bad dem »Paul Pry« rasch ein vorzeitiges Ende.
+
+Kurze Zeit nach diesem unglücklichen Abenteuer fiel in dem alten
+rumpligen Gepäckwagen, der nicht auf Federn ruhte, durch die heftigen
+Stöße der Lokomotive eine Flasche Phosphorlösung um. Sie explodierte
+und der Wagen geriet in Brand. Das Feuer wurde zwar mühelos gelöscht,
+aber der Zugführer hatte schon längst nach einer Gelegenheit gesucht,
+den kleinen Edison loszuwerden, der in dem alten Wagen fürchterlich
+dünstende chemische Versuche anstellte und mit den Druckpressen einen
+schrecklichen Radau vollführte. Der Zugführer ließ nun sofort alle
+Habseligkeiten Edisons rücksichtslos ausräumen, verbot ihm die weitere
+Benützung des Gepäckwagens und gab ihm noch obendrein ein paar so
+mächtige Ohrfeigen, daß Edison das Trommelfell des einen Ohres platzte,
+auf dem er zeitlebens taub blieb.
+
+Edison rückte sich im Sessel zurecht und faßte unwillkürlich an das
+taube Ohr. Er hatte viel gelitten darum. Ganz in seinen Erinnerungen
+lebend, fühlte er noch jetzt, nach fünfundvierzig Jahren, die Hand des
+brutalen Zugführers in seinem Antlitze brennen. Überwältigt von Schmerz
+und Scham mußte er damals zusehen, wie der Zugführer abdampfte. Und
+Edison stand mit seinen zerbrochenen Gläsern, Retorten und Apparaten
+heulend auf dem Bahnsteig.
+
+Der Verlust seines geliebten Laboratoriums war ein schrecklicher Schlag
+für Edison. Die höchste Verzweiflung hatte ihn gepackt. Seine Mutter
+tröstete ihn und räumte ihm den Wohnungskeller ein, in dem er seine
+Versuche fortsetzen konnte. Der Gepäckwagen war ihm nun entzogen, seine
+Stellung als Zeitungsjunge konnte man ihm aber nicht nehmen. Und so
+fuhr er denn, wie in den ersten Tagen, zwischen Detroit und Port Huron
+hin und her, um wieder seine alte Zeitung zu verkaufen. Die freie Zeit,
+die ihm blieb, verwandte er auf elektrische Versuche, denen von nun
+ab sein Hauptinteresse gehörte. Zunächst wollte er eine telegraphische
+Anlage bauen. Er hatte sich ein Buch über Telegraphie gekauft, das
+er eifrig studierte. Aus gewöhnlichem Eisendraht stellte er nun eine
+Leitung her, die sein Haus mit dem eines Kameraden verband und mittels
+eines alten Kabelstückes, das er im Fluß gefunden hatte, wurde diese
+Leitung »unterführt«. Zwei riesige Katzen wurden beschafft, deren
+rückwärts geriebenes Fell als elektrische Stromquelle dienen sollte.
+Diese kindlichen Versuche hatten aber kein anderes Ergebnis, als daß
+die Katzen, die keine Lust hatten, Reibungsversuche an sich machen zu
+lassen, die beiden Knaben bös zerkratzten und übel zurichteten.
+
+Das Mißlingen spornte Edison aber zu neuen Versuchen an. Er kaufte,
+indem er sich selbst große Entbehrungen auferlegte, allerhand alte
+elektrische Apparate und Elemente und setzte seine Versuche mit
+einer Ausdauer fort, die den Kameraden oft zur Verzweiflung brachte.
+Schmerzlich war es inmitten all dieser Versuche für Edison, daß er
+die Kunst des Telegraphierens nicht beherrschte. Ein Zufall kam
+ihm jedoch auch hier glücklich zustatten. Der Zug, auf dem Edison
+Zeitungsjunge war, hatte auf der Station Mount Clemens gewöhnlich
+eine halbe Stunde Aufenthalt, um Rangierungen vorzunehmen und einen
+Güterwagen abzustoßen. Edison schlenderte mit seinen Zeitungen am Zuge
+entlang, als er plötzlich gewahrte, daß der kaum dreijährige Sohn des
+Stationsvorstehers ahnungslos auf dem Gleise spielte, auf dem der
+abgestoßene Güterwagen eben ziemlich rasch herangerollt kam. Voller
+Geistesgegenwart schleuderte Edison seine Zeitungen fort, war mit
+einem Satz an der gefährlichen Stelle und hatte gerade noch Zeit, sich
+mit dem Jungen auf die andere Seite zu werfen. Im nächsten Augenblick
+erhielt Edison auch schon am Stiefelabsatz vom Wagen einen heftigen
+Stoß, der den jungen Lebensretter darüber belehrte, in welcher großen
+Todesgefahr beide geschwebt hatten. Beide waren, vornüberstürzend,
+mit dem Gesicht so heftig auf einen Kieshaufen aufgeschlagen, daß
+sich die kleinen Steinchen tief ins Fleisch gebohrt hatten. Aber diese
+Verletzungen waren ungefährlich, und die glücklichen Eltern wußten
+nicht, wie sie dem fünfzehnjährigen Lebensretter danken sollten. Der
+Stationsvorsteher Mackenzie war arm und lebte nur von seinem knappen
+Gehalt. Da er aber Edisons Neigungen kannte, erbot er sich, ihm
+die Kunst des Telegraphierens beizubringen, die Edison weit höher
+einschätzte, als eine Geldbelohnung, und so wurde Edison zu einem
+Telegraphisten ausgebildet. Er konnte für dieses Studium freilich nur
+die Nachtstunden benützen, da er tagsüber mit dem Zeitungsverkauf zu
+tun hatte. Trotzdem machte Edison bei seinem rastlosen Eifer so rasche
+Fortschritte, daß er schon nach vierzehn Tagen dem Stationsvorsteher
+einen vollständigen Satz telegraphischer Apparate vorlegen konnte, die
+er in einer Büchsenmacherei selbst angefertigt hatte. Trotzdem die
+Apparate auf einem Briefkuvert Platz hatten, funktionierten sie doch
+vortrefflich. Und praktisch wie Edison war, legte er auch gleich eine
+eigene Telegraphenlinie an, um Port Huron mit dem Bahnhof zu verbinden,
+der anderthalb Kilometer entfernt lag. Er nagelte einfach ausgeglühten
+Eisendraht mit gewöhnlichen Nägeln an die Pfosten einer hölzernen
+Einfriedigung. Das Telegramm kostete fünfzig Pfennig (zwölfeinhalb
+Cent). Bei trockenem Wetter arbeitete die Linie exakt; bei feuchtem war
+aber die Isolierung zu schlecht. Allein, da im ersten Monat nur drei
+Depeschen aufgegeben wurden, suchte Edison anderweitige und lohnendere
+Beschäftigung.
+
+Als Eingeweihter in telegraphische Geheimnisse, wurde er nun ständiger
+Besucher der Telegraphenämter. Er war sehr beliebt und benutzte jede
+Gelegenheit, um seine Kenntnisse zu vertiefen. Nach drei Monaten hatte
+er es denn zu einer größeren Vollkommenheit gebracht als sein Lehrer;
+er war vorbereitet genug, um die Stelle eines Telegraphisten ausfüllen
+zu können. Er verließ endlich, von der größten telegraphischen
+Gesellschaft Nordamerikas noch um neunzig Mark Gehalt betrogen, seine
+Heimatstadt zum ersten Male, um im kanadischen Stratford einen Posten
+als Telegraphist anzunehmen, den ihm der Stationsvorsteher Mackenzie
+verschafft hatte.
+
+Und nun begann eigentlich erst für Edison die Zeit der wechselvollen
+Erlebnisse, der mühseligen Arbeit, der schweren Enttäuschungen und der
+großen Entbehrungen, die keinem erspart bleiben, der Großes erreichen
+und Bedeutendes schaffen will. Es begann für Edison die Zeit, in der
+sein Genie auf harte, aber kräftigende Proben gestellt wurde.
+
+Er bezog ein monatliches Gehalt von fünfundzwanzig Dollar und
+hatte schweren Nachtdienst, denn sein Vorgesetzter war hart und
+unnachsichtig. Um die Wachsamkeit seiner Telegraphisten kontrollieren
+zu können, hatte er die Vorschrift erlassen, daß jeder alle halbe
+Stunde das Wort »+six+« telegraphieren solle. Nun hatte Edison
+die Gewohnheit, in seiner dienstfreien Zeit die Telegraphenbureaus in
+der Umgebung von Stratford zu besuchen, und er machte oft so weite
+Ausflüge, daß er gerade noch knapp zu seinen Dienststunden eintraf.
+Die Folge war, daß er des Nachts sehr müde war, und daß ihm die
+Innehaltung des Kontrollzeichens sehr lästig wurde. Er kam daher auf
+den Gedanken, diese Arbeit durch einen »anderen« verrichten zu lassen,
+nämlich durch die Uhr. Er befestigte an der Uhr ein kleines Rad, das
+bestimmte Einschnitte hatte; dieses Rad schaltete er mittels Drähte in
+den Stromkreis des Telegraphenapparates ein und ließ auf diese Weise
+die Uhr alle halbe Stunden das verlangte Wort telegraphieren. Das
+ging eine Zeitlang ganz gut, bis man bemerkte, daß, sobald das Wort
+»+six+« telegraphiert war, einige Buchstaben nicht telegraphiert
+werden konnten. Man untersuchte den Fehler und entdeckte Edisons
+arbeitsparende Vorrichtung, die sofort beseitigt wurde. Und fast wäre
+Edison selber »beseitigt« worden. In dieser Vorrichtung lag aber
+schon die Grundidee zu dem späteren Distrikttelegraphen Edisons, der
+patentiert und verkauft wurde.
+
+Weniger glücklich verlief ein anderer Vorfall, bei dem sich Edison
+grobe Pflichtversäumnis hatte zuschulden kommen lassen. Es gehörte
+zu seinen Obliegenheiten, gewissen ankommenden Nachtzügen je nach
+der Anweisung des Zugabfertigers das Signal zum Halten oder zum
+Weiterfahren zu geben. Eines Nachts sollte er einen ankommenden
+Güterzug auf einer Station halten lassen; Edison telegraphierte aber
+dem Abfertiger die Ankunft des Zuges, bevor er wirklich eingelaufen
+war, und entfernte sich, um spazierenzugehen. Er glaubte noch
+rechtzeitig zurücksein zu können; aber der Zug war schon früher da, als
+Edison angenommen hatte und, da der Zugführer infolge der Abwesenheit
+Edisons keinen Befehl zum Halten vorfand, war er wieder weitergefahren.
+Edison wollte nun zum nächsten Güterschuppen eilen, wo die
+Nachtgüterzüge zu halten pflegten, um Frachtstücke ein- und auszuladen;
+aber in der Dunkelheit fiel er in eine Grube, aus der er sich nur
+schwer herausarbeiten konnte. Und als er zerschunden und atemlos an
+dem Schuppen angekommen war, war es wieder zu spät. Er stürzte wieder
+zur Station zurück und schickte eine Depesche nach der nächsten
+Station, aber auch diese kam schon zu spät, und wenn nicht die beiden
+Lokomotivführer sehr achtsam gewesen wären, hätte es unvermeidlich
+zu einem Zusammenstoß kommen müssen. Als der Betriebsdirektor diese
+Geschichte erfuhr, lud er den Sechzehnjährigen vor sich, um ihm zu
+erklären, daß er ihn unbarmherzig auf fünf Jahre ins Gefängnis schicken
+werde. Aber während Edison gerade das trübe Schicksal seiner nächsten
+Zukunft erfuhr, kamen zwei Freunde des Direktors zu Besuch, die ihn
+sofort in eine Unterhaltung zogen, und diese hochwillkommene Ablenkung
+benutzte Edison, um auszureißen. Mit dem nächsten Zuge reiste er, wie
+er ging und stand, nach Port Huron zurück.
+
+Edisons Genie sollte sich auch hier bewähren. Der Winter war sehr hart
+gewesen, und als nun im Frühjahr das mächtige Treibeis des Huron-Sees
+herankam, zerriß es das Kabel zwischen Port Huron und der jenseits
+des mächtig breiten Flusses liegenden Stadt Sarnia. Der Verkehr war
+sehr gestört, die Herstellung des Kabels war unmöglich. Völlig ratlos
+wandte man sich an Edison, der sich auf die Weise zu helfen wußte,
+daß er mit einer Lokomotive dicht an den Fluß heranfuhr und nun mit
+der Signalpfeife ein Telegramm hinüber»pfiff«. Mit kurzen Tönen ahmte
+Edison die Punkte, mit langgezogenen die Striche des Morse-Alphabets
+nach. Und er pfiff die Frage in den Nebel hinaus: »Hallo, Sarnia, hörst
+du mich?« Und nachdem er das Signal mehrere Male vergeblich hatte
+ertönen lassen, wurde man endlich am jenseitigen Ufer doch aufmerksam,
+erkannte die Bedeutung der schrillen Pfiffe und die Telegraphisten
+antworteten auf dieselbe Weise die Antwort zurück. So war die
+Verbindung wiederhergestellt.
+
+Diese findige Leistung machte Edison bekannt, und es fiel ihm deshalb
+auch nicht schwer, eine Stellung als Telegraphist zu finden. Aber
+da er viel unter Neid und Klatschsucht zu leiden hatte, und seine
+Dienstvorschriften öfters verletzte, weil er unermüdlich seinen
+eigenen Untersuchungen nachhing, mußte er seinen Aufenthaltsort oft
+wechseln. So taucht der Siebzehnjährige in Adrian auf, in Fort Wayne,
+Indianopolis, Cincinnati und Memphis. In Indianopolis gelang ihm auch
+seine erste Erfindung, der selbsttätige Wiedergeber, der die Tätigkeit
+des Telegraphisten überflüssig machte. Er hatte die Telegramme, die mit
+einer Geschwindigkeit von fünfzig Worten in der Minute einliefen, für
+die Presse wortgetreu wiederzugeben und hatte sich nun einen Apparat
+konstruiert, der das mit einer Geschwindigkeit von dreißig Worten in
+der Minute erledigte. Er hielt die Vorrichtung zwar geheim; aber eines
+Tages, da sein Apparat, wo es sich um die Wiedergabe einer äußerst
+wichtigen Gesetzesvorlage handelte, allzusehr im Rückstande blieb,
+wurde dieser geniale Betrug entdeckt und Edison wurde auf der Stelle
+entlassen.
+
+[Illustration: Edison in seinem Laboratorium.]
+
+Er begab sich nach Cincinnati, wo er sechzig Dollar im Monat verdiente
+und durch aufopfernden Pflichteifer bald auf hundertundfünf Dollar
+stieg, wanderte aber bald darauf nach Memphis, wo die Telegraphisten
+hundertundfünfundzwanzig Dollar (fünfhundert Mark) im Monat verdienten.
+Der Betriebsdirektor quälte sich vergeblich damit ab, eine Erfindung zu
+machen, durch welche New York und New Orleans in direkte telegraphische
+Verbindung treten konnten und als dies dem jungen Edison, unter
+Anwendung seiner in Indianopolis gemachten Erfindung, nach kurzer Zeit
+gelungen war, wurde der Direktor von solchem Neid erfaßt, daß er eine
+falsche Anklage gegen Edison erhob, die zu seiner Entlassung führte.
+
+Jetzt traf ihn aber seine Entlassung höchst ungünstig. Edison hatte
+eben einen großen Teil seines Gehalts -- wie immer -- den Eltern
+geschickt. Er war vollständig mittellos und da er nie viel Wert auf
+seine äußere Erscheinung gelegt hatte, stand es auch um seine Kleidung
+sehr schlecht. Überdies war der Winter vor der Tür. Edison faßte
+trotzdem Mut und wanderte wie ein Handwerksbursche mehrere hundert
+Kilometer zu Fuß nach Louisville. Halbtot vor Hunger und Kälte und
+Überanstrengung, mit Stiefeln ohne Sohlen, mit einem Strohhut auf dem
+Kopf und in dünner, fadenscheiniger Sommerkleidung stapfte Edison in
+den schnee- und eisbedeckten Straßen von Louisville umher, sich nach
+dem Telegraphenamt hinfragend, wo er um eine Anstellung bat. Und als
+der zerlumpte Bettler eine Probe seiner Geschicklichkeit gegeben hatte,
+erhielt er auch Beschäftigung.
+
+Bis zu seinem neunzehnten Jahre blieb Edison in Louisville. Er brachte
+es hier in der Kunst der Depeschenübertragung bis auf fünfundvierzig
+Worte in der Minute. Inzwischen hatte er sich auch eine ganze
+Bibliothek über elektrische Studien angeschafft und setzte außerdem
+seine Experimente unentwegt fort.
+
+Es war den Beamten aber streng untersagt, die elektrischen Batterien
+und Elemente anzurühren. Eines Nachts hatte Edison etwas Schwefelsäure
+nötig und ging ins Batteriezimmer, sie zu holen. Dabei verschüttete
+er ein Teil der Säure, die durch den Fußboden drang und im darunter
+liegenden Zimmer des Direktors Schreibtisch und Teppich zerstörte. Der
+aufgebrachte Vorgesetzte jagte Edison davon. Er ging zu seinen Eltern,
+blieb anderthalb Jahre in seiner Heimatstadt Telegraphist und erfand
+dort die Methode, ein einziges Kabel für zwei Stromkreise nutzbar zu
+machen. Die Gesellschaft, der er seine Erfindung überließ, lohnte ihn
+mit einem Freibillett nach Boston, wo ihm eine Stellung angeboten war.
+
+Gleich beim Beginn seiner Tätigkeit legte er Proben einer so
+außerordentlichen Geschicklichkeit ab, daß die Kollegen, die erst
+geglaubt hatten, ihn verhöhnen zu können, ihm die größte Hochachtung
+bezeigten und sich um seine Freundschaft bewarben. Und da es um
+diese Zeit auch seinen Eltern wieder besser zu gehen begann, wurde
+er von dem schweren Druck befreit, der bisher auf ihm lastete.
+Seine teilnahmsvollen Kameraden, sein freundlicher Vorgesetzter und
+endlich die Freundschaft eines Herrn Milton Adams wirkten belebend
+auf seine Fähigkeiten und schienen tausend Pläne und Erfindungen in
+ihm zu wecken. Die erste Erfindung, die er hier ausführte, war ein
+Abstimmungstelegraph, der die zeitraubende Arbeit des Zählens bei
+Parlamentsabstimmungen ersparen sollte. Die Erfindung, auf die Edison
+große Hoffnungen gesetzt hatte, wurde 1869 zwar patentiert; praktisch
+fand man sie aber unverwertbar. Die Ablehnung empfand Edison sehr
+schmerzlich; er lernte aber auch von diesem Fehlschlag, eine Erfindung
+erst auf ihre Brauchbarkeit hin zu prüfen, ehe er an ihre Ausarbeitung
+Kosten und Mühen verschwendete.
+
+In Boston hatte Edison sich eine kleine Werkstatt gemietet. Seine
+Freunde hatten für das Bekanntwerden seiner Fähigkeiten wohl gesorgt,
+so daß er bald kleine Aufträge bekam. Besonders zwei Aufgaben fesselten
+ihn jetzt sehr stark: die Herstellung eigener telegraphischer
+Druckapparate für die Mitteilung der Kurse im Geldverkehr und die
+Benutzung ~eines~ Drahtes zur gleichzeitigen Sendung mehrerer
+Depeschen. Deutschland kannte zwar schon diese Telegraphie; aber in
+Amerika hat erst Edison die Telegraphie auf eine so vollkommene Stufe
+erhoben, daß man die dadurch gemachten Ersparnisse auf etwa fünfzehn
+Millionen Dollar taxiert.
+
+Indessen, es wollte ihm auch hier nicht gelingen, einen wesentlichen
+~praktischen~ Erfolg für seine Erfindungen zu erringen; das
+verleidete ihm Boston, und er beschloß, sein Wirkungsfeld nach der
+Zentrale des amerikanischen Geschäftslebens zu verlegen: nach New York.
+Und in großer Sorge um seine Zukunft reiste er dahin.
+
+Aber auch hier hatte er in den ersten Wochen bitter zu kämpfen. Er fand
+keine Stellung, und niemand interessierte sich für seine Erfindung. Er
+wäre auf dem erbarmungslosen New Yorker Pflaster in die äußerste Not
+gekommen, wenn ihn nicht ein Zufall die rechten Wege geführt hätte.
+Zuweilen scheint es wirklich, als hätte ein guter Geist immer seine
+Schritte gelenkt, um ihn, wenn auch scheinbar auf Umwegen, seinen
+Zielen entgegenzubringen.
+
+Als Edison nach New York kam, war es gerade der Schauplatz einer
+dreisten Spekulation des Millionärs Jay Gould, der alles Gold hatte
+aufkaufen lassen, um die Preise in die Höhe zu treiben. Das Bureau des
+Herrn Law war das einzige, das mit allen sechshundert Geldmaklerbureaus
+in telegraphischer Verbindung stand und wo man erfuhr, wie es um den
+Goldkurs stand. Eine Unzahl besorgter Geschäftsleute forderte vom
+Bureau Law Nachrichten. Die Beamten hatten alle Hände voll Arbeit.
+Da versagt plötzlich zum Unglück -- und zum Glück Edisons -- der
+Haupttelegraphenapparat. Die Störung verursachte eine ungeheure
+Erregung bei der draußen harrenden Menge, die von Minute zu Minute
+immer drohender anschwoll. Law und seine Beamten waren vollständig
+kopflos geworden, als der beschäftigungslose Edison, der mit der
+drängenden Menschenmasse unbeachtet ins Bureau geschoben worden war,
+den Apparat, der die Störung verursachte, rasch betrachtet hatte
+und nun sagte: »Ich glaube, Mister Law, ich kann Ihnen zeigen, wo
+die Störung liegt. Eine Kontaktfeder ist zerbrochen, zwischen zwei
+Zahnräder gefallen und hindert dadurch die Umdrehung der Scheibe mit
+den Papierstreifen.« Edisons Vermutung war richtig. In kurzer Zeit
+hatte er die Störung beseitigt, und Law engagierte Edison sofort als
+Aufseher über alle Teile des telegraphischen Betriebes mit dem hübschen
+Monatsgehalt von nahezu dreizehnhundert Mark (dreihundert Dollar).
+Mit einem Schlage war Edison ein gemachter Mann. Er war für alle Zeit
+die fürchterlichen Nahrungssorgen los, und von nun an nimmt seine
+Entwicklung einen raschen und glänzenden Verlauf.
+
+Seine Tätigkeit bei Law brachte es mit sich, daß Edison sich wieder
+der Herstellung verbesserter telegraphischer Apparate zuwandte. Seine
+Verbesserungen riefen indessen eine Umwälzung auf diesem Gebiete
+hervor, daß er schließlich seine Stellung dadurch verlor. Inzwischen
+war er aber in New York bereits so bekannt, daß er in einer Fabrik
+für elektrische Apparate sofort wieder eine neue Stellung fand. Hier
+vervollkommnete er seine früher erwähnte Erfindung des Drucktelegraphen
+für Kursberichte, die ihm bei Laws Konkurrenzgesellschaft eine gleiche
+Stellung eintrug, wie er sie bei Law gehabt hatte. Und als er hier
+die telegraphischen Einrichtungen verbesserte, kaufte ihm diese
+Gesellschaft das Benützungsrecht für seine letzten Erfindungen ab und
+zahlte ihm dafür etwa hundertundsiebzigtausend Mark.
+
+ * * * * *
+
+Edisons Havannazigarre war ausgegangen und er entzündete sie von neuem,
+noch immer seinen Erinnerungen nachgehend ...
+
+Er hatte hundertundsiebzigtausend Mark bekommen. Niemand war
+glücklicher als er. Wie einfach und wahr hatte der deutsche Dichter
+Goethe das Gretchen im Faust es sagen lassen: Am Golde hängt doch
+alles! Jetzt, mit diesem Vermögen in den Händen, konnte er seine
+heißesten Wünsche stillen, konnte sich eine umfangreiche Werkstätte
+mit allem Zubehör einrichten, um die Fabrikation seiner Erfindungen
+selber betreiben zu können. Und obwohl diese Einrichtung so ziemlich
+das ganze Vermögen wieder verschlungen hatte, hatte es Edison trotzdem
+nicht zu bereuen. Seine Fabrik war bald so beschäftigt, daß sie in
+kurzer Zeit zu klein geworden war. Innerhalb weniger Jahre mußte er die
+stets größer gewählte Fabrik mit einer immer noch größeren vertauschen
+und 1873 war er von der ursprünglichen Werkstatt in New York in die
+gegenüberliegende Stadt Newark in seine Fabrik eingezogen, in der er
+bereits dreihundert Arbeiter beschäftigte. Sein Name war schon berühmt,
+und er genoß in der Geschäftswelt bedeutenden Kredit.
+
+Seine Geschäftsführung war ebenso merkwürdig wie sein ganzes Leben.
+Da es seinem Buchhalter einst passierte, daß er bei der Bilanz einen
+Überschuß von siebentausendfünfhundert Dollar herausgerechnet hatte,
+während in Wirklichkeit ein Defizit von fünfzehntausend Dollar
+vorhanden war, brachte dieser Irrtum Edison dazu, alle Buchführung
+für unnützen Schwindel und kostspieligen Zeitvertreib zu erklären.
+Von Stund' an führte er sein Geschäft ohne Buchführung. Aber nur
+ein Geist von der Fassungskraft Edisons konnte die Buchführung, die
+kein geschäftlicher Betrieb entbehren kann, beiseitelassen, ohne
+Schaden zu erleiden. Seine Untergebenen hatten auch keine bestimmten
+Arbeitsstunden; die Arbeitszeit richtete sich ganz nach den vorhandenen
+Aufträgen. Man hätte erwarten sollen, daß eine solche Geschäftsführung
+ohne Bücher und ohne geregelte Arbeitszeit ein wahres Chaos zur Folge
+haben würde. Nichts von alledem. Freilich ließ sich diese Einrichtung
+auch nur deshalb ohne Störung durchführen, weil Edisons Arbeiter
+zugleich seine Kameraden waren, die mit Liebe und Bewunderung an ihm
+hingen.
+
+Und Edison selbst gab Beispiele von fast übermenschlicher Arbeitskraft.
+Eines Tages hatte er für hundertundfünfundzwanzigtausend Mark
+telegraphische Apparate zu liefern; sie waren fertig, funktionierten
+aber nicht richtig, ~mußten~ aber rechtzeitig und tadellos
+geliefert werden. Edison ließ alle Apparate in sein Laboratorium
+bringen, schloß die Tür und sagte zu seinen Assistenten: »Ich habe
+die Tür abgeschlossen, und nun müßt ihr bleiben, Kameraden, bis die
+Arbeit beendet ist.« Und es folgten ~hintereinander sechzig Stunden
+angestrengter Arbeit~, in denen kaum Zeit blieb, etwas zu essen; von
+Schlafen war keine Rede; aber die Apparate waren zur bestimmten Zeit
+fertig. Edison selbst schlief hinterher sechsunddreißig Stunden.
+
+Aber diese Doppeltätigkeit, Erfinder und Fabrikant zugleich, konnte
+Edison nicht auf die Dauer durchführen. Er gab seine Fabrik auf, die
+ihm in drei Jahren einen Gewinn von mehr als anderthalb Millionen
+gebracht hatte, und verwendete das Geld dazu, ein großes Grundstück
+in Menlo-Park zu kaufen und ein Laboratorium darauf zu bauen, das
+eines der großartigsten Amerikas werden sollte. Er schaffte sich die
+vollkommensten und kostbarsten physikalischen und chemischen Apparate
+an; eine Werkstatt, die dreißig Meter lang und zehn Meter breit war,
+wurde mit allen erdenklichen mechanischen Drehbänken, Maschinen und
+Werkzeugen versehen; eine Dampfmaschine von achtzig Pferdestärken
+versorgte die Anlage. Eine wissenschaftliche Bibliothek fehlte nicht.
+Sogar eine Orgel wurde angeschafft, denn Edison liebte es, bei
+angestrengter geistiger Arbeit sich von den wohltuenden Harmonien der
+Musik besänftigen zu lassen. 1876 zog Edison hier ein und hatte einen
+Stab außerordentlich tüchtiger Hilfskräfte um sich versammelt. Der
+weitaus hervorragendste war Charles Bachelor, dessen Dienste für Edison
+unschätzbar waren.
+
+Hier machte Edison in den folgenden zehn Jahren seine bedeutendsten
+Erfindungen. 1869 war er ein armer Teufel, der in New York stellungslos
+umherlief; 1879 ein weltberühmter Erfinder, ein vielfacher Millionär.
+Aber dieser beispiellose Erfolg wurde nicht durch irgendwelche
+Glücksfälle erreicht, sondern nur durch zähe, harte Arbeit, ein Wort,
+das im Leben Edisons die allererste Rolle spielt und alle seine Erfolge
+erklärt.
+
+Keine seiner Erfindungen -- er besitzt bereits nahezu tausend Patente
+-- machte seinen Namen jedoch so populär wie der Phonograph, den er
+1877 in Menlo-Park erfand; ein zungen- und zahnloses Instrument,
+ohne Schlund und ohne Kehlkopf, eine tote, tonlose Masse, die
+nichtsdestoweniger alle Töne nachahmt, und mit deiner Stimme spricht.
+Noch nach Jahrhunderten, nachdem du längst in Staub zerfallen bist,
+kann dieser Apparat deinen Urenkeln alles wiederholen, was du in den
+Apparat hineingesprochen hast, und zwar so, als sprächest du lebendig
+zu ihnen.
+
+Immerhin dauerte es zehn Jahre, bis der Phonograph, wesentlich
+verbessert, 1888 im Londoner Kristallpalast zum ersten Male in Europa
+vorgeführt wurde. Edison hatte eine Walze mitgeschickt, von deren
+Phonogramm aus er selbst zu den Besuchern sprach, und die Königin von
+England und andere hohe Persönlichkeiten schickten ihm vermittels des
+Phonographen ihren Dank zu. 1889 wurden fünfundvierzig Phonographen
+mit Walzen, die alle lebenden Sprachen wiedergaben, auf der großen
+Pariser Weltausstellung gezeigt, wo sie täglich von dreißigtausend
+Menschen besichtigt wurden. Heute gibt es wohl kein Städtchen mehr in
+der zivilisierten Welt, dessen Einwohner diese Erfindung Edisons nicht
+kennen würden.
+
+Sie würde noch immer eine ungeheure Umwälzung hervorrufen, wenn man
+sie so ausnützen würde, wie sie es erlaubt. Der Phonograph könnte die
+Stenographen überflüssig machen; Briefe ließen sich direkt auf die
+Platten sprechen, die man dann mit der Post verschicken könnte; hat
+man Lust, musikalische Leistungen der berühmtesten Künstler der Erde
+zu hören, so kann man sie sich ja heute schon kaufen; phonographische
+Bücher könnten die gedruckten ersetzen, was vor allem für die Blinden
+von weittragendster Bedeutung wäre; die Sprachen wilder Stämme und
+schwer zugänglicher Völker könnten phonographisch festgehalten werden;
+jede Familie wäre imstande, die Stimmen lieber Verstorbener jederzeit
+wieder zu sich sprechen zu lassen; man könnte sich statt eines
+Bilderalbums ein phonographisches Album anlegen.
+
+Edison selber hat scherzhalber einmal im Schlafzimmer eines Gastes,
+dessen Furchtsamkeit er kannte, einen phonographischen Apparat
+aufgestellt, der um Mitternacht ernst und feierlich die Worte rief:
+»Mensch, bereite dich vor zum Sterben.« Entsetzt floh der Gast zu dem
+Hausherrn, der dann den ganzen Mechanismus erklären mußte, um den
+Geängstigten zu beruhigen.
+
+Auch die Puppenindustrie hat sich in ungeheurem Umfange des
+Phonographen bemächtigt und sprechende Puppen hergestellt, die kleine
+Lieder singen oder ganze Sätze sprechen und Gedichtchen aufsagen. Die
+jetzige Königin von Holland hat als eine der ersten solch eine Puppe
+zum Spielen bekommen.
+
+Andere Erfindungen Edisons, wie der Phonometer, das Megaphon und
+das Aerophon sind weniger bekannt geworden, obwohl auch sie von
+außerordentlicher Bedeutung sein könnten. Praktisch von weit
+größerer Bedeutung als der Phonograph wurde aber das elektrische
+~Glühlicht~, das Edison zwar nicht erfunden, aber auf die Höhe
+der Vollkommenheit gebracht hat, die es gegenwärtig besitzt. Als er
+nach endlosen und oft mißlungenen Versuchen, die viele schlaflose
+Nächte gekostet hatten, seine Lampen endlich so weit verfeinert hatte,
+daß er die Brenndauer einer Lampe von anfangs zwanzig bis vierzig auf
+tausend Stunden erhöhen konnte, stattete er alle seine Räumlichkeiten
+von innen und außen mit etwa siebenhundert Glühlampen aus. Diese neue
+Lampe machte in Nordamerika ein solches Aufsehen, daß aus allen Teilen
+des Landes Besucher herbeiströmten, zu deren Beförderung oft besondere
+Extrazüge nach Menlo-Park eingelegt werden mußten. Die Aktien der
+Glühlichtgesellschaft stiegen von hundert Dollar bis auf dreitausend
+Dollar.
+
+Edison legte jetzt eine Glühlampenfabrik an, die die Stammutter
+aller Glühlampenfabriken der Welt wurde. Der geschäftliche Erfolg
+dieser Lampe war ebenso gewaltig wie die Revolution, die sie im
+Beleuchtungswesen heraufbeschworen hat. 1884 wurde auch in Berlin eine
+Deutsche Edisongesellschaft gegründet, aus der später die Berliner
+Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft hervorgegangen ist, deren
+elektrische Anlagen wohl die bedeutendsten der ganzen Welt sind.
+
+Es ist unmöglich, alle Erfindungen Edisons auf dem Gebiete der Schwach-
+und Starkstromtechnik hier auch nur andeutungsweise zu erwähnen. Eine
+seiner wichtigsten Erfindungen ist aber die Benutzung der elektrischen
+Kraft zu Verkehrszwecken. Die Versuchsbahn, die er auf seinem großen
+Grundstück in Menlo-Park baute, bewährte sich so vortrefflich, daß sie
+seitdem in der Alten und Neuen Welt rasche Verbreitung gefunden hat.
+Als der Vorstand der Gesellschaft für elektrische Bahnen Edison einst
+in Menlo-Park besuchte, um zu kontrollieren, wie weit die elektrische
+Personenbeförderung sei, bat der Erfinder die Gäste, mit ihm die
+Lokomotive zu besteigen, die gerade auf der Versuchsbahn bereit stand.
+Die Herren, im Glauben, Edison wolle ihnen etwas erklären, stiegen
+ahnungslos auf. Edison zog einen Hebel, und die Maschine ging los. Er
+steigerte ihr Fahrtempo bis zur raschesten Schnellzuggeschwindigkeit,
+daß die Hüte der Gäste davonflogen, die sich zitternd festklammerten
+und Edison flehentlich baten, aufzuhören. Sie fürchteten eine
+Katastrophe. Das machte Edison Spaß, und er fuhr noch rascher. Erst als
+die Herren vor Angst schlotterten, hielt er an, und mit Zittern und
+Zähneklappern stiegen sie ab und machten sich eiligst aus dem Staube.
+Sie kontrollierten Edison nie wieder und fragten ihn nichts mehr.
+
+Als Edison 1876 von Newark nach Menlo-Park verzog, hatte er seine
+Werkstätten und Laboratorien so umfangreich angelegt, daß sie seiner
+Meinung nach ausreichen mußten, selbst wenn er seine Tätigkeit noch
+bedeutend erweiterte. Aber innerhalb der nächsten zehn Jahre waren
+dennoch so viele Vergrößerungsbauten und Nebengebäude nötig, daß
+sie mannigfache Unbequemlichkeiten im Gefolge hatten. Edison mußte
+wieder an ganz enorme Vergrößerungen denken, und so gründete er 1886
+zu Orange in New Jersey ein neues Laboratorium, dies hier, in dem er
+jetzt sinnend saß, und das hinsichtlich seiner Größe, Vollkommenheit
+und Vollständigkeit der Einrichtungen als das erste der Welt bezeichnet
+wird. Das dreistöckige Hauptgebäude ist fünfundsiebzig Meter lang und
+achtzehn Meter breit; die vier kleineren einstöckigen Bauten sind
+je dreißig Meter lang und acht Meter breit. Das Bibliothekszimmer,
+ein fürstlich ausgestatteter Raum, enthält fünfzigtausend wertvolle
+wissenschaftliche Werke. Im Vorratsraum, der einzig in seiner Art ist,
+findet man von allen Stoffen und Mineralien der Erde, mögen sie noch
+so kostbar und schwer erreichbar sein, eine größere Probe. In der
+eigentlichen Werkstätte arbeiten Tausende von fleißigen Händen, obwohl
+es keine Fabrik ist, sondern alles, was hier gearbeitet wird, nur dazu
+dient, die erfinderischen Ideen Edisons auf ihre Brauchbarkeit hin zu
+prüfen.
+
+Eine Treppe höher liegen die Bureaus und Arbeitszimmer, in denen
+die Assistenten Edisons Skizzen entwerfen, Zeichnungen und
+Pläne anfertigen, Berechnungen und theoretische Untersuchungen
+anstellen. Weiter oben befinden sich Säle, in denen die Erfindungen
+Edisons ausgestellt sind. Ein besonderer Glasbläserraum dient der
+Herstellung der mannigfachen Apparate aus Glas, die zu chemischen und
+physikalischen Experimenten erforderlich sind.
+
+Ein anderer Bau dient lediglich photographischen Zwecken, und hier hat
+Edison das Kinetoskop, das Mutoskop, den bekannten Kinematographen
+erfunden und endlich den Phono-Kinematographen, von dem er selbst
+sagt: »Ich zweifle durchaus nicht daran, daß wir in nicht allzu
+ferner Zeit in jedem Dorfe eine große Opernvorstellung für zehn Cent
+Eintrittsgeld haben werden. Man wird die Patti in ihrem eigenen Zimmer
+sehen und hören können; man wird sie sogar noch hundert Jahre nach
+ihrem Tode auftreten lassen können. Parlamentsverhandlungen, bedeutende
+politische Persönlichkeiten, geschichtliche Vorgänge können in
+derselben Weise festgehalten und zu jeder späteren Zeit wiedergegeben
+werden. Nach einem Jahrhundert kann man noch den Papst Leo und seine
+Kardinäle sehen und sie sprechen hören. Welch eine Methode, Geschichte
+zu schreiben! Wie viel wirkungsvoller kann man künftigen Generationen
+eine Vorstellung von geschichtlichen Ereignissen und bedeutenden
+Männern übermitteln, als durch gesprochene oder geschriebene Worte!
+Schriftliche Berichte würden gänzlich aufhören, geschichtliche
+Bedeutung zu haben. Und doch ist dies alles nicht so wunderbar, wie es
+scheint.«
+
+Edisons Mutter war schon 1871 gestorben, und da ihr Tod eine jähe
+Lücke in sein Seelenleben gerissen hatte, gründete er schon zwei Jahre
+später ein eigenes Heim. Unter den bei ihm beschäftigten Arbeiterinnen
+hatte ein junges Mädchen, Mary Stillwell, seine Aufmerksamkeit erregt;
+die Achtung, die er wegen ihrer echt weiblichen Tugenden vor ihr
+hegte, verwandelte sich bald in eine leidenschaftliche Zuneigung.
+Seine Werbung fand Gehör; 1873 wurde sie seine Gattin. Sie hatte ihm
+drei Kinder geschenkt: Marianne, Thomas Alva und William Leslie, und
+1881 starb sie schon, von allen Angestellten ihres Mannes verehrt und
+geliebt. Edison empfand einen so großen Kummer über den Verlust seiner
+Gattin, daß er auf ein längeres Krankenlager geworfen wurde. Wieder
+genesen, stürzte er sich wie ein Wütender in die Arbeit; aber sein Herz
+darbte. Und er gesundete erst dann wieder vollkommen, als er in einer
+neuen Ehe ein neues Glück fand.
+
+ * * * * *
+
+»Der Ruhm hat bereits Legenden um mich gewoben« -- dachte Edison
+weiter -- »man nennt mich den Phonographenpapa, den Zauberer von
+Menlo-Park, den Magiker des Westens. Bedeutende Dichter haben mich und
+meine ›Zauberkunst‹ in ihren Werken dargestellt. Was ist aber meine
+Erfindungskunst anderes als die Triebkraft, die auch im Korne lebt!?«
+
+Er streifte melancholisch die Asche seiner Zigarre ab und begann auf
+und ab zu gehen.
+
+»Und nun gehe ich in die Sechzig ein, und es ist bald zu Ende mit dem
+bißchen Leben! Was sind alle die Spielereien, die ich erfunden habe, im
+Verhältnis zu der Kraft, die uns Menschen zuruft: Werde und vergehe!
+Was ist diese geheimnisvolle elektrische Kraft, deren Herr ich bin?
+Nein, wir sind alle Ignoranten und werden es bleiben.«
+
+Er hielt inne, dachte noch einen Augenblick nach, dann sagte er
+achselzuckend: »Schließlich ist auch an der menschlichen Torheit etwas
+Gutes. Man lernt aus ihr. Aber nun ist's genug geträumt.«
+
+Und er ging frisch an die Arbeit.
+
+
+
+
+ Loewes Verlag Ferdinand Carl, Stuttgart.
+
+
+ =Brandt, Karsten, Aus eigner Kraft.= 17 Lebensbilder denkwürdiger
+ Männer. Für Knaben im Alter von 12 bis 14 Jahren. Mit 4 Bunt-, 4
+ Tonbildern, sowie vielen Porträts. 8°. Eleg. geb. M. 4.--.
+
+Nach Inhalt und begleitenden Illustrationen ist diese Jugendschrift
+besonders geeignet, unserer reiferen Jugend den idealen Ansporn für die
+spätere berufliche Laufbahn zu geben, indem den jugendlichen Lesern
+neben geschichtlichen Streiflichtern der Werdegang bedeutender Männer,
+wie:
+
+ ~Körner~, ~Friesen~, ~Jahn~, ~Hofer~, ~Speckbacher~, ~Radetzky~,
+ ~Zieten~, ~Blücher~, ~Kolumbus~, ~Schwarz~, ~Gutenberg~,
+ ~Stephenson~, ~Franklin~, ~Reis~, ~Senefelder~, ~Siemens~, ~Krupp~,
+
+in fesselnder und zugleich begeisterter Weise vor Augen geführt
+wird. Eignet sich zunächst dieser Band als Weihnachtsgeschenk für
+Knaben im Alter von 12-14 Jahren, so dürfte er auch bei allen anderen
+Gelegenheiten, wie Konfirmation etc., eine willkommene Gabe sein, zumal
+eine würdige Einbanddecke das Ganze in harmonischem Gewande präsentiert
+und schon äußerlich sich des gediegenen Eindrucks versichert.
+
+ * * * * *
+
+Es ist ein vortrefflicher Gedanke, der heranwachsenden Knabenwelt
+den Lebens- und Werdegang denkwürdiger Männer nach geschichtlichen
+Tatsachen und besten zeitgenössischen Quellen, frei von unnötigem,
+novellistischem Beiwerk, zu schildern, und sie damit durch Illustration
+und Inhalt gleich lebhaft, real und ideal, zu fesseln. Die ganz
+hervorragende Eigenart dieser neuen, epochemachenden Jugendschrift
+dürfte den jugendlichen Lesern gewiß auch mancherlei dankenswerte
+Klarheit über den Wert des Kämpfens, Ringens und endlichen Siegens
+aus eigener energischer Kraft geben und den schweren Entschluß der
+Berufswahl vorbildlich günstig beeinflussen. Ein Werk, in welchem
+Heldennamen aus den verschiedensten Lebensgebieten, wie Theodor Körner,
+Blücher, Kolumbus, Gutenberg, Senefelder, Siemens u. a. m. beschrieben
+sind, gehört zu den Geschenkbüchern, die nie veralten, die dem Knaben,
+dem Jüngling, ja dem Manne noch lieb und unvergessen sind. Der auf
+besten Bahnen wandelnde Herausgeber hat somit mit diesen siebzehn
+wertvollen Lebensbildern Deutschlands strebsamen Knaben eine gewiß
+hochwillkommene, sich auch durch die prächtige, würdige Ausstattung von
+selbst empfehlende Gabe geschaffen, in welcher internationale große
+Männer ein ehrendes Andenken gefunden haben.
+
+ Haus-Orakel, München.
+
+Zu beziehen durch jede Buchhandlung des In- und Auslandes.
+
+
+ =Leben und Weben in Wald und Feld.= Für die 9-12jährige Jugend
+ herausgegeben von ~Christian Brüning~. Mit 6 Bunt-, 8 Ton-, 6
+ Vollbildern, sowie 69 Textillustrationen. 8°. Elegant geb. M. 4.50,
+ Volksausgabe M. 3.--.
+
+Wie in seinen »Wanderungen durch die Natur« der Verfasser mit den
+Kindern durch Wiese, Moor und Heide geht, so durchstreift er jetzt
+abermals mit ihnen Wald und Feld. Er führt sie in den winterlichen
+Forst und zeigt ihnen, wie dort munteres Leben herrscht, wo der
+Unkundige nur Öde und Grabesruhe vermutet. Er bringt sie hinein in die
+Werkstatt des jungen Lenzes und läßt sie den Schaffenden belauschen bei
+seiner Arbeit. Er genießt mit ihnen Maienwonne und Maienherrlichkeit,
+durchwandert mit ihnen Täler und Höhen des Harzes, zeigt ihnen das
+Tierleben der Sommernacht, geht mit ihnen hinaus zur Erntezeit, lehrt
+sie die Freunde und Feinde des Landmannes und des Gärtners kennen, läßt
+sie einen Blick tun in die Geheimnisse des edlen Weidwerks und gibt
+ihnen Anleitung zu eigenem Denken und Forschen. Erhöht wird der Wert
+des Buches noch durch die Abbildungen, die sich auf den ersten Blick
+sämtlich als Kunstwerke präsentieren.
+
+
+ »=Auf nach Frankreich!=« Kriegsfreiwillig bei den
+ Dreiundachtzigern 1870/71. Von ~Justus Pape~. 8°. Elegant geb. M.
+ 3.--.
+
+Eigene Erlebnisse, Anschauungen und Stimmungsbilder sind es, die der
+Verfasser in schlichten Worten aus den ereignisschweren Tagen jener
+großen Kriegsjahre schildert. Gerade aber weil dieses Buch nicht von
+hohen, allgemeinen Gesichtspunkten geleitet ist, verfolgen wir vom
+Tage der Mobilmachung an gern, ja mit erhöhtem Interesse alle jene
+ernsten und heitern Episoden, wie sie sich für den einzelnen Mann in
+Wirklichkeit abspielten und abspielen. Ob vor dem Feinde oder auf
+Vorposten, während langwieriger Märsche oder im Lagerleben, stets sind
+wir geneigt, anregende Vergleiche zu stellen und nehmen Eindrücke in
+uns auf, die uns mit großer Befriedigung bis zur letzten Zeile an diese
+interessanten, volkstümlichen Darbietungen fesseln. Selbst die Jugend
+wird das Buch mit Begeisterung als eins der ihrigen bezeichnen.
+
+Zu beziehen durch jede Buchhandlung des In- und Auslandes.
+
+
+ =Brüning, Christian, Wanderungen durch die Natur.= Für
+ 9-12jährige Knaben und Mädchen. 12 Bunt-, 15 Textbilder. 8°. Elegant
+ gebunden M. 4.--, Volksausgabe M. 2.50.
+
+Welch glücklicher Gedanke des auf pädagogischem Gebiete kompetenten
+Verfassers: Der Vater selbst begleitet seine Teuren in zwanglosen
+Ausflügen hinaus in Feld und Wald und macht sie mit allem, was dort
+lebt und webt, im Zwiegespräche vertraut. Kein Halm, kein Insekt
+entgeht der aufmerksamen Betrachtung und eingehenden Belehrung. Die
+vorzüglichen Illustrationen erhöhen außerdem die Freude an diesem
+herrlichen Buche, es ist von wirklich großem Werte.
+
+
+ =Brüning, Christian, Wunder aus dem Pflanzenreiche.= Für die
+ Jugend herausgegeben. Mit 6 Bunt-, 4 Ton- und 7 Vollbildern, sowie 75
+ Textillustrationen. 8°. Elegant geb. M. 4.--, Volksausgabe M. 2.50.
+
+In der Schule hat man die alte Methode über Bord geworfen und
+neue Bahnen in der Botanik eingeschlagen. Wir hören und sehen mit
+Erstaunen, wie unter dem Zeichen des neuen Unterrichts das Interesse
+der Kinder mächtig geweckt, und die Pflanze, an der man sonst achtlos
+vorüberging, mit andern Augen betrachtet, zum lebenden Wesen wird.
+Wie gern würde wohl mancher Vater und manche Mutter und andere,
+die dem Forschungstrieb des Kindes nicht gleichgültig und fremd
+gegenüberstehen, mit den Kleinen an der Hand durch Garten und Aue
+wandeln, und sie die Gebilde der Natur und ihr Leben beobachten und
+verstehen lehren, wenn ihnen nur selbst ein Fingerzeig gegeben wäre.
+Diesen Zwecken soll das schöne Buch dienen, aber auch der Jugend selbst
+einen ernsten Einblick in Pflanzenwelt und Pflanzenleben geben --
+ein Fundament, auf dem später weitergebaut werden kann. Das Bild als
+belehrendes Anschauungsmittel steht den Worten überall helfend und
+fördernd zur Seite!
+
+Zu beziehen durch jede Buchhandlung des In- und Auslandes.
+
+
+ =Twain, Mark= (Samuel L. Clemens), =Prinz und Bettelknabe=.
+ Eine Erzählung für die Jugend im Alter von 12-16 Jahren. Deutsch von
+ ~Helene Lobedan~. Mit vielen Illustrationen. 8°. 3. Aufl. Eleg.
+ geb. M. 4.--. (Hochmoderne Aufmachung.)
+
+Diese im Urtext englische Erzählung gehört zu den besten literarischen
+Erzeugnissen der Weltliteratur. Sie führt künstlerisch, und damit klar
+und konkret anschaulich in das Mittelalter Englands hinein, ist daher
+im besten Sinne belehrend in der Kulturgeschichte. Außerordentliche
+Erziehungsmomente heben sich -- ohne aufdringlich zu sein --
+wirkungsvoll ab, und der Standpunkt edler Menschlichkeit wird vertreten
+durch die Titelhelden.
+
+Die schmucke Einbanddecke, sowie die künstlerisch vollendeten
+zahlreichen Textillustrationen machen das Buch zu einem der
+gediegensten, modern ausgestatteten Geschenkwerke.
+
+
+ =E. P. A. Roland, 30 Jahre in der Fremdenlegion.= Erlebnisse
+ dreier Deutscher unter französischer Fahne in Afrika und Asien. Eine
+ Erzählung für die reifere Jugend von 14-16 Jahren. Mit 39 Textbildern
+ von Willy Planck. 8°. Eleg. geb. M. 4.--.
+
+Die Fremdenlegion hat in den letzten zehn Jahren ungefähr gerade so
+viel Opfer an jungen Deutschen gefordert, wie der ganze Krieg von
+1870/71.
+
+Ein Buch, das wie das vorliegende der Jugend in gänzlich einwandfreien
+aber wahrheitsgetreuen Schilderungen Einblick in die so eigenartigen
+Sitten und Gebräuche der Fremdenlegion bietet, verdient die weiteste
+Beachtung. In spannend gehaltener Erzählung folgt der Leser drei
+jungen Deutschen auf ihren schwierigen Märschen und Feldzügen unter
+französischer Fahne als Legionäre nach Asien und Afrika und nimmt so
+regen Anteil an deren Erlebnissen. Diese Enthüllungen dürften dazu
+beitragen, volle Aufklärung über das Wesen der Fremdenlegion zu bieten
+und den breiten Strom alljährlich zur Legion sich meldender junger
+verblendeter Männer vor dem Eintritt in dieselbe zu warnen.
+
+Das Buch ist sehr zu empfehlen und wird allgemeines Interesse erregen.
+
+Zu beziehen durch jede Buchhandlung des In- und Auslandes.
+
+
+ =Fridtjof Nansens Erfolge.= Ergebnisse seiner letzten
+ Nordpol-Expedition an Bord des »Fram«. Allgemein faßlich
+ dargestellt von ~Eugen von Enzberg~. Mit 8 Voll- und 25
+ Textbildern nach Aquarellen von ~H. Grobet~, 2 Bildnissen der
+ Expeditionsteilnehmer, sowie einer Karte der Polarländer. Vierzehnte
+ durchgesehene Auflage. 8°. Eleg. geb. M. 4.50, Volksausgabe M. 3.--.
+
+Nansens Erfolge werden stets und ständig die Bewunderung der Mit- und
+Nachwelt finden und behalten. Daran kann sich auch nichts ändern,
+wenn etwa andere Nordpolforscher dem Ziele noch näher kommen sollten
+oder schon nähergerückt sind. Das vorliegende Buch gibt in großen
+Umrissen zunächst einen Einblick in jene nordischen Gebiete, die von
+altersher kühne Männer begeistert haben, und schildert im besonderen
+die große Expedition Nansens, die die Öffentlichkeit nach ihrer
+Rückkehr im Jahre 1896 als die erfolgreichste bezeichnet hat, weil
+Nansen dabei eine ganz neue Pfadweisung bewirkte. Dreizehn Auflagen
+hat das Buch bislang erfahren und war einige Zeit vergriffen. Durch
+Übernahme des Verlagsrechts und Veröffentlichung einer vierzehnten, neu
+durchgesehenen Auflage unter Beifügung eines zeitgemäßen Bildmaterials
+hofft die jetzige Verlagsstelle zu den alten noch eine große Zahl
+neuer Freunde zu erwerben. -- »Nicht für ›Männer vom Fach‹ sind diese
+Schilderungen aus Nansens Feder wiedergegeben,« schreibt der Verfasser
+in seiner ersten Auflage, »sondern für alle diejenigen, die den streng
+wissenschaftlichen Untersuchungen nicht folgen können und denen es auch
+an Zeit und Gelegenheit fehlt, umfangreiche Werke zu lesen, -- mit
+einem Worte: für weitere Kreise und für die Jugend. Und unserer lieben
+Jugend widme ich diese Blätter -- mögen sie ihren Beifall finden!«
+
+
+ Illustration
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75634 ***
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+ Kulturhistorische Charakterbilder | Project Gutenberg
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+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75634 ***</div>
+
+<div class="transnote">
+<p class="s4 center">Anmerkungen zur Transkription</p>
+<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt; Schreibweise und Interpunktion
+des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche
+Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p>
+<p class="p0">Worte in Antiquaschrift sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p>
+</div>
+
+
+<figure class="figcenter illowp46" id="cover" style="max-width: 100em;">
+ <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="cover">
+</figure>
+
+<h1 class="p2">Kulturhistorische<br>
+Charakterbilder</h1><br>
+
+<p class="s3 center"><b>Für die Jugend</b></p>
+<p class="s4 center">herausgegeben von</p>
+<p class="s2 center"><b>: J. E. Poritzky :</b></p><br>
+
+<p class="s3 p2 center">:: Volksausgabe ::</p>
+<p class="s4 center">Mit 20 Textbildern</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowe10" id="signet_2">
+ <img class="w100" src="images/signet.jpg" alt="signet">
+</figure>
+
+<p class="p2 s4 center">Stuttgart</p>
+<p class="center">Loewes Verlag Ferdinand Carl</p><br>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p class="s5 center">Druck von Carl Grüninger, K. Hofbuchdruckerei Zu Gutenberg (Klett &amp;<br>
+Hartmann), Stuttgart.</p>
+</div>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="p2">Inhaltsvereichnis.</h2>
+</div>
+
+<table class="autotable">
+<tr>
+<td class="tdl">&nbsp;</td>
+<td class="tdr">Seite</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Christoph Kolumbus</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_1">1</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Michelangelos Leben</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_41">41</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Galilei</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_67">67</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Die Jungfrau von Orleans</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_90">90</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Der Doktor Faust</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_121">121</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Goethe der Botaniker</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_148">148</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Goethe in Venedig</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_164">164</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Beethoven</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_176">176</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Der Erfinder Edison</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_204">204</a></td>
+</tr>
+</table>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[S. 1]</span></p>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowp27" id="illu-004" style="max-width: 23.125em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-004.jpg" alt="bild">
+</figure>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2>Christoph Kolumbus.</h2>
+</div>
+
+<p>Ich entsinne mich eines alten Stiches, auf dem man Kolumbus rank
+dastehen sieht, eine Papierrolle — wahrscheinlich eine Erdkarte Andrea
+Biancas oder Martin Behaims oder eine Seekarte Toscanellis — in der
+Hand haltend. Er schaut nachsinnend und melancholisch ins Weite, und
+seine Begleiter scharen sich kniend um ihn, heben die Hände zu ihm
+empor wie zu einem Gott und küssen den Saum seines Gewandes. Es muß
+eine große Bewegung gewesen sein, die durch sein Herz ging, als der
+Matrose Rodrigo »Land« gerufen hatte. Dachte der kühne Entdecker
+in diesem Augenblick daran, daß er nun Vizekönig würde, Träger der
+höchsten spanischen Würden, unermeßlich reich, unumschränkt mächtig?
+Hing seine Seele in diesem Augenblick wirklich am Golde? Oder fühlte
+er, daß die Erweiterung des <em class="gesperrt">räumlichen</em> Horizonts unabweisbar
+auch die Erweiterung des <em class="gesperrt">geistigen</em> Gesichtsfeldes nach sich
+ziehen mußte? Daß dem Volke, das diesen Sieg errang, der Stempel
+geistiger Reife aufgedrückt wurde? Daß seine Machtsphäre ein größeres
+Gebiet gewinnen, und demgemäß auch seine politische Bedeutung wachsen
+würde?</p>
+
+<p>In der Tat fällt mit der Entdeckung des neuen Weltteiles auch die
+Entdeckung des Menschen, die Vertiefung seines Seelenlebens und die
+Entdeckung des himmlischen Firmaments zusammen. Man erinnere sich, daß
+Kolumbus der Zeitgenosse<span class="pagenum" id="Seite_2">[S. 2]</span> der größten Renaissancemenschen war, der
+Raffael, Leonardo da Vinci, Tizian, Michelangelo, Vasco da Gama —,
+und daß dies nur einige von jenen Gestirnen waren, die in den Tagen
+des Kolumbus den Erdball erleuchteten. Ariost, Tasso, Dürer, Luther,
+Savonarola, Macchiavelli, Kopernikus und viele andere wären noch zu
+nennen. Sie bestätigen den Satz, daß das Genie nur unter Gleichgenialen
+sich auswachsen und zu seiner vollen Höhe emporrecken kann.</p>
+
+<p>Sich ein neues und großes Weltbild zu schaffen, alle Schranken des
+Geistes niederzureißen, ist die eigentliche Leitidee der kolumbischen
+Zeit. Die Erde ist plötzlich fast zu klein für die erwachten Kräfte,
+die sich betätigen wollen.</p>
+
+<p>Anderseits darf man nicht vergessen, daß unser Denken von dem des
+Mittelalters durch vier Jahrhunderte getrennt ist. Das Mittelalter ist
+zwar nicht ganz so finster und wüst, wie man vielfach glaubt, aber
+es ist doch noch reich genug an abergläubischen Vorstellungen und
+aufreizenden Phantastereien. Feurige Kometen werden als Fingerzeige
+Gottes betrachtet; man will gesehen haben, daß es Blut regnet, und
+das bedeutet Krieg oder Pest. Es ereigneten sich im Volke plötzliche
+Ausbrüche von Angst vor diesen überall eingreifenden jenseitigen
+Kräften. In den Kirchen gab es blutschwitzende Hostien, am Himmel
+blutige Kreuze und Lanzen, in Stadt und Land eine unermeßliche
+Zahl von Wallfahrern, Flagellanten und Propheten, wundertätigen
+Muttergottesbildern und Bußpredigern. Man muß sich daran erinnern, daß
+selbst Luther steif und fest an den Teufel geglaubt hat, mit dem er
+manchen harten Strauß auszufechten hatte. Sonderbare Stubengelehrte
+sind als Hexenmeister verschrien, Goldmacher sind Zauberer, und
+Kräutersammler gelten als Teufelsknechte. Jede Nebelbank ist ein
+unbekanntes Land.</p>
+
+<p>Ich sage: nur in einer Zeit, wo jeder Kopf voll kräftiger Phantasien
+steckt; wo man bereit ist, an die Wunder von Tausend und eine Nacht zu
+glauben, und wo die biblischen Propheten zu<span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span> Führern werden, die nach
+neuen Welten locken; wo die Vernunft fast gänzlich von Faustischem
+Sehnen gepackt ist und durchtränkt scheint; wo der Mensch mehr denn je
+an seine Gottähnlichkeit glaubt —, nur in einer solchen Zeit ist die
+Gestalt eines Kolumbus denkbar.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Führt euch eine Reise einmal nach Genua, so ist das erste, was
+euch auf dem schönen freien Platz vor dem Bahnhofe ins Auge fällt:
+Christoph Kolumbus, der Entdecker der Neuen Welt, der um die Mitte des
+fünfzehnten Jahrhunderts in Italien geboren ist. Vierzehn Ortschaften
+streiten sich um die Ehre, ihn als ihren Sohn zu beanspruchen; indessen
+kommen ernsthaft nur Genua oder Savona in Frage.</p>
+
+<p>Er stammte von braven kleinbürgerlichen Eltern ab, die das Gewerbe der
+Wollweber betrieben, das auch Christoph in der Jugend erlernte. Die
+Eltern ließen ihm eine sorgfältige, wenn auch beschränkte Erziehung
+zuteil werden; daß sie ihn aber auf kurze Zeit an die Universität nach
+Pavia geschickt haben sollen, wo er Lateinisch gelernt hätte, wird
+neuerdings bezweifelt. Sehr viel mehr als dieser Erziehung verdankt
+er indessen sich selber und seiner eigenen Energie, die ihn stets von
+neuem zu seinen Studien trieb. Schon im vierzehnten Jahre hing er mit
+Lust und Liebe am Seemannsberufe, und die damalige Schiffahrt auf dem
+Mittelländischen Meere, die einem wilden Freibeutertum gleichkam, nahm
+den künftigen Seehelden in ihre rauhe und harte Schule. Und wir wollen
+es uns einprägen, daß nicht das Allergeringste im Leben ohne Kampf
+gewonnen werden kann, daß eine eiserne Energie und eine unbeugsame
+Willenskraft dazu gehören, wenn man ein großes Ziel erreichen will.</p>
+
+<p>Wahrscheinlich nahm der junge Kolumbus Anteil an dem Erobererzuge
+Johanns von Anjou, der gegen Neapel gerichtet war. Kühn und
+furchtlos soll Kolumbus die feindlichen Galeeren<span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span> angegriffen und
+von ihnen Besitz genommen haben, in nichts seinem Onkel und seinem
+Neffen nachstehend, die durch ihre glücklichen Kapereien gegen
+die Ungläubigen berühmt waren. Aber erst als Christoph Kolumbus
+auf seinem Abenteurerzuge auch nach Portugal kam, wurden alle
+Geisteskräfte geweckt, die in ihm schlummerten. Denn gerade in den
+Portugiesen war seit dem Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts ein
+kühner Unternehmungssinn und ein toller Wagemut erwacht. Sie erhofften
+märchenhafte Schätze von der Auffindung neuer Seewege, die zu neuen
+Erdteilen führten.</p>
+
+<p>Noch war die Erde ja zum größten Teile ein jungfräuliches Gebiet. Die
+Reisebeschreibungen jener entdeckungslustigen Epoche lesen sich wie
+ungeheuer übertriebene Märchen, wie phantastische Geschichten von
+Jules Verne, die ja auch ein Körnchen Wirklichkeit in sich tragen.
+Aus den neuentdeckten Ländern brachte man rote Menschen, seltsame
+Tiere, die Kunde von einer ganz fremdartigen Tier- und Pflanzenwelt.
+Zwar hatten schon in vorchristlicher Zeit Eudoxos und Aristoteles die
+Vermutung ausgesprochen, daß die Erde Kugelgestalt haben müsse, aber
+im großen und ganzen glaubten die alten Völker, die Griechen, Römer
+und Araber, daß die Erde eine flache oder eckige Scheibe sei, die auf
+dem Wasser schwimme. Erst in der Zeit des Kolumbus hatten Kopernikus
+und Galilei unerschütterliche Beweise für die Kugelgestalt der Erde
+gegeben — was übrigens sogar jetzt noch die wenigsten und selbst
+Kolumbus nicht glauben wollten — und daß sie als ein kleiner Stern
+wie viele, viele andere Sterne um die Sonne kreiste. Der Weltenraum
+hatte sich unermeßlich geweitet; die Erde war ein unbekanntes Land.
+Die seltsamsten Wesen und Dinge waren auf ihr möglich. Die Reisenden
+erzählten von Ländern, wo Menschen ohne Kopf geboren werden, mit Augen
+und Mund in ihrer Brust; von Menschen, die den Kopf unter ihren Armen
+trugen, die Augen in den Schultern hatten usw.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span></p>
+
+<p>Es sind eben diese plumpen Märchen der Reisenden und der Matrosen, von
+denen Kolumbus die Anregungen zu seinen Entdeckungsreisen empfängt.
+Wenn Schiffersagen aber schon solch ein Zündstoff für seine Seele
+sind, wird Pierre d'Allys Reisebeschreibung vom Jahre 1410 ohne
+Zweifel sein Katechismus. Denn Kolumbus ist ebenso autoritätsgläubig
+wie enthusiastisch, ebenso phantasievoll wie abenteuerlich. In der
+»Erdbeschreibung« des Pierre d'Ally, die diesen Namen allerdings kaum
+verdient, findet er alle fabelhaften Vorstellungen, die Aristoteles
+und Seneca, Plinius und Ptolemäus, Osorius und Isidorus, Averroës und
+Augustin und eine Menge anderer Philosophen, Sterngucker, Mystiker und
+Heiligen von der Welt hegen, getreu aufgezeichnet. Die Anschauungen
+des Plinius, der behauptet hatte, man könne von Spanien <em class="gesperrt">in
+wenigen Tagen</em> nach Indien reisen, und die Anschauungen seines
+Nachschreibers Solinus beherrschten die Ansichten über ein Jahrtausend.
+Nach diesen gab es jenseits des heiligen Indus die Inseln Chryse
+und Argyre, die ganz aus Gold und Silber bestanden. Isidorus wußte
+sogar von goldenen Bergen zu berichten, die von Drachen, Greifen und
+menschlichen Ungeheuern bewacht würden. Bei d'Ally liest Kolumbus,
+daß die Erde so und so schmal sei und daß das Paradies irgendwo im
+Osten liege, wo Erde und Mond zusammengrenzen. Sollte es ein gläubiger
+Entdecker nicht finden? In den heißen Zonen — heißt es da ferner —
+leben unbeschreibbare Untiere. Die Welt geht wahrscheinlich 1658 unter,
+ganz bestimmt aber 1801. In Senecas Tragödie »Medea« liest Kolumbus:
+»Einst wird die Zeit anbrechen, wo der Ozean seine Fesseln sprengen,
+der Erdkreis weit und breit sich ausdehnen, das Meer neue Länder
+entschleiern und Thule nicht mehr das erdenfernste Land sein wird«.</p>
+
+<p>Ist man nicht geradezu ein Narr, wenn man sich auf Grund solcher
+Prophezeiungen nicht aufmacht, um neue Welten zu suchen? Übrigens
+spricht schon Jesaias Kapitel 60, Vers 9<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> und Kapitel 65, Vers 17 von
+neuen Weltteilen, von Gold- und Silberinseln.</p>
+
+<p>Auch Aristoteles, der weiseste der griechischen Philosophen und
+im Mittelalter als unantastbare Autorität hoch verehrt, hatte
+z. B. eine Insel Antilla erwähnt, die Insel der sieben Städte
+und andere phantastische Inseln und Weltteile, die auf allen
+Landkarten eingezeichnet waren. Und es gab genug abenteuerliche
+Wagehälse, die hinauszogen, um diese Inseln zu suchen, und die an
+die unwahrscheinlichsten Legenden glaubten, so wie wir einst an das
+Schlaraffenland geglaubt haben oder an das Land der Antipoden, wo die
+Menschen auf den Köpfen gehen.</p>
+
+<p>Gewiß, das alles waren Märchen. <em class="gesperrt">Aber Kolumbus hat an sie
+geglaubt</em>, und ich finde nichts Lächerliches darin. Gerade weil
+er an sie geglaubt hat, gehörte die doppelte Kühnheit dazu, auf die
+unbekannten Meere hinauszusegeln und es — wie ein würdiger Märchenheld
+— mit den vermeintlichen Drachen und Unholden aufzunehmen. Seine
+ehrliche Absicht war es, sie zu töten; daß er sie nicht gefunden hat,
+kann ihn nicht verkleinern. Nachdem er die neuen Lande entdeckt hat,
+schreibt er sehr bescheiden und hübsch: »Zur Ausführung einer Fahrt
+nach Indien haben Vernunftschlüsse, Mathematik und Weltkarten mir zu
+nichts geholfen. Es ist einfach in Erfüllung gegangen, was der Prophet
+Jesaias vorhergesagt hat.«</p>
+
+<p>Die Namen jener vorhin genannten Philosophen, Propheten und Dichter,
+und die Resultate d'Allys waren dem spanischen Monarchen tatsächlich
+Garantien genug, das kostspielige Unternehmen des durch seine
+außergewöhnliche Beredsamkeit bestrickenden Entdeckungsreisenden
+zu billigen, obwohl die kosmographischen Vorstellungen unseres
+waghalsigen Weltumseglers sehr seltsam, seine mathematischen und
+geographischen Vorkenntnisse sehr ungenügend und sein nautisches
+Wissen gleich Null waren. Denn er gibt später beispielsweise den
+Breitegrad der kubanischen Küste auf zweiundvierzig Grad an, anstatt
+auf einundzwanzig<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span> Grad. Er hält die Gestalt der Erde für birnenförmig,
+glaubt in der Nähe Haitis das biblische Paradies wiedergefunden
+zu haben usw. Die astronomischen Vorstellungen seiner verirrten
+Einbildungskraft sind die der wilden Naturvölker.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-011" style="max-width: 62.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-011.jpg" alt="bild">
+</figure>
+
+<p class="p2">Portugal war eine ausgezeichnete Schule für Christoph Kolumbus oder
+Cristobal Colon, wie er sich seit seiner spanischen Anstellung mit
+Vorliebe nennt und unterzeichnet. Hier konnte er etwas Tüchtiges
+lernen oder sein Wissen sehr vorteilhaft erweitern und verwerten.
+Darum zögerte er auch nicht lange, sich in Portugal niederzulassen, wo
+sich bereits viele seiner Landsleute angesiedelt hatten. Er trug seine
+Hand der Tochter eines italienischen Edelmannes an, dem Befehlshaber
+der Insel Porto Santo, der ein tüchtiger Seemann war und der seiner
+Tochter Felipa Perestrello hauptsächlich Reisetagebücher und Seekarten
+zur Mitgift gab. Kolumbus war's zufrieden, und obwohl er seinen
+eigenen Unterhalt nur durch Zeichnungen von sehr geschätzten<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> See-
+und Landkarten bestreiten konnte, war er schon glücklich genug, sich
+eifrig dem Studium der Reisebücher und Karten hingeben zu können.
+Aber er begnügte sich nicht damit, die Welt nur auf der Landkarte zu
+bereisen oder sie aus den ungenügenden Reiseberichten kennen zu lernen.
+Die goldenen Fernen lockten ihn und die unendlichen Weiten riefen ihn
+hinaus. Er wollte die Wunder sehen, von denen die Reisenden in ihren
+fabelhaften Beschreibungen erzählten. Und so bereist er Madeira, die
+Kanarischen Inseln, die Azoren und sogar die Küste von Guinea.</p>
+
+<p>Jede neue Ausfahrt konnte ins Wunderland führen. Die Luft war erfüllt
+von den unglaublichsten Legenden, die fremde Reisende berichtet
+hatten. Das Seeleben war voller Aufregung, neugieriger Erwartung und
+überschwenglicher Hoffnung. Das Entdecken fremder Länder war ein
+Geschäft und wurde wie ein Glücksgewerbe betrieben.</p>
+
+<p>Aber damals, vor vierhundert Jahren, war es ganz natürlich, an
+Schiffermärchen zu glauben. Dazu kam noch, daß das Meer seltsame
+Dinge angeschwemmt hatte, klobig geschnitzte Hölzer, Zedernstämme
+von unbekannter Herkunft, riesenhaftes Schilfrohr, Leichen fremder
+Menschenrassen von sonderbarer Hautfarbe, lauter Dinge, die auf das
+Vorhandensein unbekannter seltsamer Erdteile schließen ließen.</p>
+
+<p>Aber so viel Unternehmungsgeist und Mut Kolumbus auch hatte, er war
+jeglicher Mittel entblößt und ganz außerstande, seinen Plan ohne
+fremde Hilfe und Unterstützung auszuführen. Von Johann II., der
+eben den portugiesischen Thron bestiegen hatte, erhoffte Kolumbus
+um so eher rege Förderung seiner Absichten, als Johann selber von
+dem Entdeckungsfieber ergriffen war. Und als Kolumbus 1483 in einer
+Audienz, die ihm der König gewährt hatte, seinen großen Plan, den
+direkten Seeweg nach Indien aufzufinden, entwickelt hatte, war der
+König trotz seiner anfänglichen Abneigung umgestimmt und bereit,
+auf die<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> Ideen des Kolumbus einzugehen. Er wollte die Vorschläge
+nur noch von seinen gelehrten Ratgebern prüfen lassen. Diese hörten
+sie kopfschüttelnd an; sie erklärten sie für die Ausgeburten eines
+überspannten kranken Gehirns und meinten, es wäre eine unverzeihliche
+Torheit, den bisher verfolgten Weg um Afrika herum, um ihretwillen
+aufzugeben.</p>
+
+<p>Diese Entscheidung hinderte freilich den König nicht, trotzdem
+an die Ausführbarkeit des Kolumbusschen Planes zu glauben. Er
+hoffte nur billiger und bequemer dazu zu kommen, wenn er einen
+<em class="gesperrt">einheimischen</em> Seemann mit einem gut ausgerüsteten Schiffe im
+geheimen in die westliche Richtung absandte, um zu versuchen, ob
+die Theorie des Genuesers sich bewähren würde. Anekdoten erzählen,
+Kolumbus sei aufgefordert worden, seine Absichten in ausführlicher
+Weise schriftlich darzustellen, und mit ebendieser Darstellung habe
+man den neugeworbenen Seemann in den westlichen Ozean geschickt. Aber
+diesem gemieteten Kapitän habe die kühne Seele des Kolumbus gefehlt;
+nach wenigen Tagen sei schon sein Eifer ermattet, und im Glauben, die
+uferlose Meereswüste nehme kein Ende, habe er seiner Entdeckungsfahrt
+ein rasches Ende gemacht und sei zum Tajo zurückgekehrt, Kolumbus einen
+Wahnsinnigen schimpfend, der diese sonderbare Idee ausgebrütet hatte.
+Dieser Verrat und Schimpf, der ihm angetan worden sei, hätte Kolumbus
+aufs höchste empört, und entrüstet hätte er diesem Lande den Rücken
+gekehrt.</p>
+
+<p>Diese Anekdote, die Kolumbus zum Märtyrer macht, wird aber von der
+neueren Forschung als unverbürgt abgelehnt; man nimmt vielmehr an,
+daß Kolumbus Portugal verlassen habe, weil der König nicht auf seine
+unerhört hohen Forderungen eingehen wollte, im Falle das Unternehmen
+gelingen würde. Er beanspruchte nämlich <em class="gesperrt">erstens</em> die Erhebung
+in den Adelstand für sich und seine Familie; <em class="gesperrt">zweitens</em> den
+Titel »Admiral des Weltmeers«; <em class="gesperrt">drittens</em> Amt und Würde eines
+Vizekönigs und lebenslänglichen Statthalters aller entdeckten<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> Inseln
+und Festländer; <em class="gesperrt">viertens</em> den zehnten Teil aller königlichen
+Einkünfte an Gold, Silber, Perlen, Edelsteinen, Metallen, Gewürzen
+usw., sowie von allen Handelserträgnissen in jenen Gebieten;
+<em class="gesperrt">fünftens</em> nahm er das Recht für sich in Anspruch, bei allem
+Handel sich auf jedem Schiffe mit einem Achtel des Wertes beteiligen zu
+dürfen.</p>
+
+<p>Kolumbus richtete seine Blicke nach Spanien. Während Portugal seine
+Pläne nur als ein Geschäftsunternehmen auffaßte und ablehnte, konnte
+Kolumbus von Spanien hoffen, daß es die Entdeckung neuer Erdteile
+zu einer Sache des <em class="gesperrt">Glaubens</em> machen würde. Denn noch immer
+kämpfte Spanien mit dem Islam und befolgte infolgedessen mehr eine
+Glaubenspolitik als eine geschäftliche. Aber die spanischen Räte
+waren für die Ideen des Kolumbus noch nicht reif. Zwar nahm man ihm
+nicht alle Hoffnung; man wollte sich aber im Augenblick auf diese
+abenteuerlichen Pläne nicht einlassen, da man in zu viel kriegerische
+Verwicklungen hineingezogen war. Zu seiner Existenz erhielt Kolumbus
+eine kleine Unterstützung vom Hofe, eine Art Wartegeld, durch das er an
+die spanische Krone gebunden war.</p>
+
+<p>Es begannen Jahre voll peinlichen Wartens. Voller Angst sieht Kolumbus
+ein Jahr ums andere verrinnen, ohne daß er seinem Ziele näher käme.
+Deshalb faßt er zur Verwirklichung seiner Pläne jetzt Frankreich ins
+Auge und schickt zugleich seinen Bruder nach England, damit er dort
+ebenfalls wirke. Aber beides ist erfolglos. So lebt Kolumbus sieben
+Jahre einsam, unbekannt und fast vergessen in Cordova und Sevilla, bis
+er sich 1491 gewaltsam losreißt, um in anderen Ländern sein Glück zu
+erjagen.</p>
+
+<p>Aber bevor er sich die Krone des Erfolges aufs Haupt setzen kann, muß
+er noch harte Prüfungen bestehen. Die Vasallen des Hungers gesellen
+sich zu ihm und geleiten ihn durch die dornenvollen Lande der Bitternis
+und der Enttäuschung; der Kummer wird sein treuester Freund. Es tun
+sich Abgründe in ihm auf<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> und schwere Verzweiflung kommt heran und
+erwürgt alle seine Hoffnungen. Der Gottgesandte bricht zusammen, ehe er
+seine ruhmvollen Reisen beginnt.</p>
+
+<p>Als Bettler finden wir ihn wieder an der Pforte des Klosters St. Maria
+de la Rabida, das unfern von dem andalusischen Seehafen Palos sich
+auf einem Hügel erstreckt. Dort erfleht er für sich und seinen Knaben
+eine Stärkung. Der fremde Dialekt des Bittenden und die eigentümliche
+Erscheinung erregen die Neugier des Pförtners. Der ruft den Prior
+Juan Perez de Marchena, dem Kolumbus in seiner Drangsal und Not seine
+Entwürfe und Hoffnungen vertraulich mitteilt. Der Prior aber erkennt,
+daß er hier keinen gewöhnlichen Bettler vor sich hat; er erkennt
+den Wert des Kopfes, der diese verwegenen Entdeckerpläne hegt, und
+beschließt auch sofort, Kolumbus nicht aus dem Lande ziehen zu lassen,
+ohne die Königin Isabella von seiner Absicht vorher in Kenntnis zu
+setzen. Aber trotz der warmen Empfehlungsschreiben des Priors gelingt
+es dem Fremdling nicht, vor die Königin vorgelassen zu werden.
+Kolumbus, der sich selber in ärmlichem Gewand nach dem königlichen
+Kriegslager begibt, wird mit verwundertem Erstaunen von dem königlichen
+Beichtvater betrachtet, der es auch verhindert, daß Kolumbus vor der
+Königin erscheint. Wieder ist er zurückgewiesen. Dennoch glaubt er
+unerschütterlich an sich und seine Sache und ernährt sich inzwischen
+kümmerlich durch Kartenzeichnen.</p>
+
+<p>Aber der Schmerz veredelt ihn nicht, sondern macht ihn habgierig und
+rachsüchtig. Er wird sich an all denen rächen, die ihm wehgetan haben.
+Wenn er das Franziskanerkloster La Rabida verlassen wird, wo man den
+Umherirrenden vom Hungertode errettet hat, wird er fordern, daß man
+ihm jede bittere Stunde durch zehnfache Ehrungen und zehnfaches Gold
+aufwiege.</p>
+
+<p>Inzwischen gewann er durch seine imponierende Ausdauer und sein
+würdevolles Betragen einen neuen Freund in Alonzo de Quintanilla, dem
+kastilianischen Finanzkontrolleur, der ihn<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> bei mehreren Personen vom
+Hofe einführte und sich warm für ihn ins Zeug legte, so daß ihm endlich
+eine Audienz erwirkt wurde. Endlich konnte Kolumbus seine Gedanken
+mitteilen und er war als ein glänzender Sprecher berühmt. Der König
+Ferdinand maß den kolumbischen Plänen eine so hohe Bedeutung bei, daß
+er sie einer Versammlung der gelehrten Geistlichen zur Entscheidung
+vorlegte. Die stellten, da ihr Wissen von der Erde nicht weit her
+war, der Ausführung der Ideen die größten Hindernisse in den Weg.
+Die einen meinten, es gebe überhaupt keine neuen Erdteile mehr zu
+entdecken; die ganze unbekannte Welt sei vom Ozean ausgefüllt; die
+anderen sagten, wenn die Erde Kugelgestalt habe, so könne man zwar
+die Erdkugel herunterfahren; es sei aber doch dann unmöglich, wieder
+<em class="gesperrt">hinaufzukommen</em>; die dritten glaubten, wenn es etwas zu entdecken
+gäbe, so müsse in den neuen Ländern so eine furchtbare Hitze sein, daß
+sie sofort alles Lebendige töten würde. Kurz, obwohl nur Dummheiten
+vorgebracht wurden, und obwohl Kolumbus sie den seeunkundigen
+Geistlichen geschickt widerlegte, wurden seine Pläne doch wieder, wenn
+auch nicht verworfen, so doch aufgeschoben und vernachlässigt. Die
+Hoffnung, die Kolumbus blieb, war gering; aber so gering sie war, sie
+vermochte ihn doch wieder aufrecht zu erhalten. Er blieb also dem Hofe
+nahe und ließ sich die Verachtung und den Spott der Höflinge, die ihn
+als einen lächerlichen Projektenmacher betrachteten, still gefallen.
+Nur wenige Freunde schürten dann und wann den Glauben an eine spätere
+Aussicht in ihm wach und bestärkten ihn in seinem Selbstvertrauen.</p>
+
+<p>Und die Monate gingen hin. Inzwischen empfing er wieder ein Schreiben
+vom portugiesischen König Johann, der ihn einlud, nach Lissabon
+zurückzukehren; aber Kolumbus schlug das Anerbieten aus. Auch der
+König von England, Heinrich VII., fing an, sich ermunternd gegen
+Kolumbus zu äußern, nachdem es dessen Bruder, der auf dem Wege nach
+England von Seeräubern ausgeplündert<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> worden war, nach langer Gefahr
+und entmutigender Not gelungen war, sich dem Könige zu nähern. Aber
+Kolumbus ließ sich auch von diesen Hoffnungen nicht blenden, um so
+weniger, als nun auch Ferdinand und Isabella von Spanien sich wieder
+des vernachlässigten »Projektenmachers« erinnerten. Aber da war die
+noch immer währende Belagerung von Granada, die die Tatkraft der
+Regenten vollkommen in Anspruch nahm, ein neues Hemmnis. Und als die
+Spanier endlich die maurische Herrschaft gebrochen hatten, verdrängten
+die lärmenden Siegesfeste und die Turniere wieder von neuem die
+Erinnerung an den unverzagt hoffenden Genueser. Aber nun begann er in
+seinen Bitten dringlicher zu werden und drängender. Er forderte ein
+energisches und unzweideutiges Ja oder Nein. Wieder traten die früheren
+geistlichen Räte zusammen, wieder beratschlagten sie und wieder
+bekundeten sie: der Antrag des Bittstellers sei in seinen Grundsätzen
+gehaltlos, in seiner Ausführung untunlich und deshalb der Förderung und
+Beachtung der königlichen Herrscher unwürdig.</p>
+
+<p>Jetzt erst schien es, als hätte das Schicksal Kolumbus, nach all dem
+vergeblichen Warten und Hoffen, den Becher der Verzweiflung zum Trunke
+gereicht. Jetzt erst sah er sich von seinem Ziele weiter entfernt denn
+je; er fühlte sich grenzenlos unglücklich und erschüttert. Jetzt erst
+wollte er Spanien verlassen und wollte nach England oder Frankreich.
+Er kehrte nach dem Kloster La Rabida zurück, wo er seinen Sohn in der
+Obhut des Priesters zurückgelassen hatte, um ihn nun zu sich zu nehmen.
+Aber der Prior, tief bekümmert über das Mißgeschick des Freundes, gab
+die Sache des Kolumbus trotzdem noch nicht verloren. Er hielt Kolumbus
+zunächst im Kloster zurück und schickte einen Piloten mit einem warmen
+Empfehlungsbrief zur Königin. Und die Entscheidung lautete günstig.
+Der Prior wurde zur Königin befohlen und hier führte er die Sache des
+Kolumbus so beredsam, daß sie beschloß, wieder von neuem zu verhandeln.
+Vorläufig<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> schickte sie ihm dreiundfünfzig Dukaten, damit er anständig
+vor ihr erscheinen könne.</p>
+
+<p>Um diese Zeit sah sich auch Spanien auf dem Gipfel seiner Größe. In
+König Ferdinand wurden Hochsinn und Ehrgeiz wach, und er hoffte durch
+Kolumbus zu unberechenbarem, neuem Glanze zu kommen. Man verhandelte
+nun ernstlicher mit ihm und stellte ihm für seine Fahrt drei gut
+ausgerüstete Schiffe in Aussicht. Nach seinen Ansprüchen befragt,
+gab er dieselben maßlosen Forderungen an, wie ehedem dem Könige von
+Portugal. Er will die höchsten spanischen Würden und die Macht des
+Vizekönigs in den neu zu entdeckenden Ländern. Er ist außerdem ein
+tüchtiger Geschäftsmann. Von allen Perlen und Edelsteinen, von Gold
+und Spezereien, von allem, was Handelswert hat, will er zehn Prozent.
+Er will das Amt des höchsten Richters üben und alle Handelsprozesse
+führen, die zwischen Spanien und dem Lande seiner Phantasie entstehen
+werden. Anfangs findet man diese Forderungen unangemessen, übermütig,
+ausschweifend; endlich aber, nach Befürwortung und Anfeuerung durch den
+Schatzmeister, bewilligt man ihm — zu seinem Unglück — alles. Welch
+eine Meinung hat er nun von sich! »Gott machte mich zum Gesandten eines
+neuen Himmels und einer neuen Erde.«</p>
+
+<p>Und jetzt gehen die Dämonen in ihm auf Raub aus. Eine unersättliche
+Geldgier und eine kleinliche Habsucht erfüllen ihn; er wird
+doppelzüngig und grausam; er wird anmaßend und prahlerisch.</p>
+
+<p>Man hatte ihn nun zum Admiral ernannt und sofort in den Adelstand
+erhoben. Die Ausrüstung der Schiffe wurde eilig betrieben; der nahe
+Hafen von Palos war als Ausfahrtspunkt gedacht. Die Schiffsmannschaft
+sollte in königlichen Sold genommen werden, aber genügend wackere
+Matrosen und Steuerleute zu beschaffen war nicht so leicht. Die
+kühnsten Seeleute schreckten bei dem Gedanken zurück, eine Fahrt ins
+Ungewisse, Grenzenlose, Ziellose zu tun. In den Märchen war ja erzählt<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span>
+worden, daß manche Kaufleute fünfzig Jahre und länger auf dem Meere
+geradeaus fuhren, ohne je eine Insel erreicht zu haben. Eine solche
+Fahrt <em class="gesperrt">mußte</em> sie ins Verderben führen, und daher war die Angst
+davor so groß, daß selbst scharfe Strafbefehle nicht die Wirkung
+hatten, genügende Seeleute anwerben zu können. Niemand wollte sein
+Leben dem fremden italienischen Pläneschmied anvertrauen, der mit weiß
+Gott was für Teufelskünsten den König beredet hatte.</p>
+
+<p>Erst als ein gewisser Pinzon und sein Bruder, deren Erfahrungen auf dem
+Meere man sehr hochschätzte, versprochen hatten, die ungeheuerliche
+Fahrt mitzumachen, wirkte deren Beispiel so ermutigend, daß die Schiffe
+schließlich doch segelfertig gemacht werden konnten.</p>
+
+<p>Die gesamte Ausrüstung der drei Schiffe zählte mit Inbegriff der
+Steuerleute, der königlichen Beamten, Ärzte, einiger Freiwilliger vom
+Kriegshandwerk und neunzig Matrosen, alles in allem hundertzwanzig
+Köpfe. Mehr waren an der ganzen andalusischen Küste für dieses
+Unternehmen, trotz guter Beispiele, gutem Sold und großer Überredung,
+nicht zu gewinnen. Und selbst unter diesen hundertzwanzig Leuten kamen
+weitaus die meisten nur sehr widerwillig mit und nur, weil man Gewalt
+angewendet hatte.</p>
+
+<p>Die Hafenstadt Palos mußte die Schiffe stellen und ausrüsten, Sevilla
+hatte den Auftrag, Waffen und Proviant zu liefern. Das Flaggschiff,
+die Santa Maria, wollte Kolumbus selbst führen; das zweite Schiff,
+die Pinta, stand unter dem Befehl der beiden Brüder Pinzon; das
+dritte Schiffchen, die Nina, wurde von einem anderen Pinzon
+kommandiert. Die Santa Maria maß etwa zweihundertundachtzig, die Pinta
+hundertundvierzig, die Nina höchstens hundert Tonnen.</p>
+
+<p>Endlich, nachdem Kolumbus und die gesamte Mannschaft in der Kirche
+den Segen Gottes erfleht hatten, und jeder die heiligen Sakramente
+empfangen hatte, wurden am Freitag,<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> dem 3. August 1492, morgens acht
+Uhr, die Anker gelichtet und unter Herzklopfen der Scheidenden und der
+Zurückbleibenden verließen die Schiffe die vaterländische Küste, um
+einer ungewissen Zukunft entgegenzusegeln.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Kolumbus schlug den Weg nach den Kanarischen Inseln ein. Aber schon
+während dieser Fahrt mußte sich ihm die Besorgnis aufdrängen, daß seine
+Schiffsmannschaft in einer Anwandlung von Furcht und Reue widersätzlich
+werden und auf Umkehr dringen könnte. Diese Befürchtung war nicht
+grundlos. Schon am dritten Tage zerbrach das Steuerruder der Pinta,
+und man schöpfte Verdacht, daß die beiden Seeleute, denen das Schiff
+gehörte, den Schaden absichtlich herbeigeführt hätten, um das Fahrzeug
+<em class="gesperrt">vor</em> der gefährlichen Reise in Sicherheit zu bringen. Der
+Schaden war nur schwer wieder gut zu machen, aber der Kapitän Alonso
+Pinzon verlor den Mut nicht; es gelang ihm, das Schiff nach der Insel
+Lanzerote zu bringen, wo die notdürftige Ausbesserung mehrere Wochen
+in Anspruch nahm. Während dieses unfreiwilligen Aufenthaltes wurde ein
+Vulkanausbruch auf Teneriffa beobachtet, der allgemeine Verwunderung
+erregte. Das Schiffsvolk begann zu murren und über die unbequemen
+Arbeiten zu klagen; sie waren der Reise schon überdrüssig, ehe sie noch
+recht begonnen hatte.</p>
+
+<p>Erst am 6. September konnte das kleine Geschwader die Reise fortsetzen;
+es segelte an Ferro, der Eiseninsel, vorbei, den drei portugiesischen
+Karavellen geschickt ausweichend, die die Schiffe des Kolumbus
+aufhalten sollten, um die Expedition zu vereiteln. Ferro war die letzte
+Insel der bekannten Welt, und Kolumbus fühlte sich, im Gegensatz zu
+seinen zaghaften, in Tränen aufgelösten Gefährten, erst jetzt wohl. Die
+Entmutigten feuerte er durch verlockende Reden von den zu erwartenden
+Reichtümern an, an die er selber glaubte; den Unterbefehlshabern<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> gab
+er bestimmte Weisungen über die Richtung, die einzuhalten war. Von
+jetzt ab führte der Admiral, wie er selber angibt, <em class="gesperrt">zweierlei</em>
+Tagebücher; eins für sich, in das er die <em class="gesperrt">wirkliche</em> Meilenzahl
+verzeichnete, die durchsegelt worden war, und ein anderes <em class="gesperrt">offen</em>
+liegendes, sogenanntes Schiffsjournal, worin er die zurückgelegten
+Strecken kürzer angab, damit die Mannschaft durch die weite Entfernung
+von der Heimat nicht den Mut verlieren sollte.</p>
+
+<p>So segelten sie mehrere Tage dahin; es wurde aber schlecht gesteuert,
+so daß sie ein wenig von der Richtung abwichen. Am 13. September
+entdeckte Kolumbus die westliche Abweichung der Magnetnadel, die
+sogenannte »Deklination der Magnetnadel«, die ihn sehr beunruhigte.
+Was mußte nun aus ihnen werden, wenn der einzige sichere Führer in
+der weiten Wasserwüste sich so unzuverlässig zeigte? Es gehörte
+des Admirals ganze Besonnenheit und Geistesgegenwart dazu, die
+beunruhigende Erscheinung seinen Matrosen als eine unwichtige Sache
+hinzustellen. Am 14. September sahen die Leute von der Nina eine
+Seeschwalbe und einen Tropikvogel; am 15. fiel in geringer Entfernung
+von den Schiffen eine prachtvolle Feuerkugel ins Meer. Alle diese Dinge
+verwirrten und betrübten das Schiffsvolk, das hierin Himmelszeichen
+sah, daß die Reise schlecht ablaufen würde. Am 16. trübte sich der
+Himmel, und es fiel ein starker Regen. Von nun an war das Klima völlig
+umgeschlagen; die Morgen waren lieblich wie in Andalusien; es fehlte
+nur noch das Singen der Nachtigall. Der Himmel war von silberumsäumten
+Wolken bezogen, die Luft war mild und klar. Am selben Tage sah man auch
+das Meer mit zahllosen Büscheln von treibendem Seetang bedeckt, der so
+frisch und grün aussah, daß man meinte, das Kraut könne erst vor kurzem
+vom Lande losgerissen sein; es müssen also — glaubte man — Inseln in
+der Nähe sein.</p>
+
+<p>Beim Anblick dieses treibenden Tanges, des Sargassun, begann das
+Schiffspersonal wieder aufzubegehren; es murrte<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> über den langen Weg,
+der kein Ende nehmen wollte. Die Tage wurden länger, die Meeresflächen
+erschienen wieder größer, die Ungeduld wuchs und schwoll und entlud
+sich in offener Empörung gegen Kolumbus. Aber als man auch glücklich
+über die schwimmenden Grasstrecken hinweggesegelt war, legte sich die
+Besorgnis ein wenig.</p>
+
+<p>Doch tags darauf zeigten sich neue Grasinseln; man fing eine Krabbe
+zwischen den Büscheln, die Kolumbus mit dem Bemerken aufbewahrte, daß
+nun das Land wohl in der Nähe sein müsse. Das Seewasser war auch nicht
+mehr so salzig, wie bei den Kanarien.</p>
+
+<p>Am 18. September eilte die Pinta etwas voraus, weil der Admiral
+gesagt hatte, er hoffe noch in dieser Nacht Land zu sehen, und
+weil die Königin demjenigen eine Prämie von zehntausend Maravedis
+(zweihundertundsiebenundfünfzig Mark) ausgesetzt hatte, der zuerst
+Land erblicken würde. Diese Zuversicht wurde noch dadurch verstärkt,
+daß sich im Norden eine dichte Wolkenbank lagerte, die man anfangs für
+Land hielt. Am 19. September herrschte Windstille. Ein Pelikan, der nie
+weitab vom Lande fliegt, kam auf das Hauptschiff; ein Sprühregen fiel
+ohne Wind; das alles schienen Anzeichen, daß Land nahe sei. Kolumbus
+glaubte an links und rechts liegenden Inseln vorbeigefahren zu sein,
+und zwar mit Absicht, weil er seinem Vorsatz getreu bleiben und zuerst
+den Weg nach Indien fortsetzen wollte. Auf dem Rückwege hatte er ja
+Zeit genug, alles aufzusuchen.</p>
+
+<p>Am nächsten Tage wurden wieder Pelikane gesehen, ein Pajaro, ein
+möwenähnlicher Flußvogel, wurde gefangen; morgens kamen auch kleine
+Vögel heran und sangen. Die Vögel flößten den Schiffern Mut ein.</p>
+
+<p>Den folgenden Tag herrschte Windstille; ungeheure Grasmassen segelten
+vorbei; ein Walfisch wurde gesichtet. Das Meer war glatt, die Luft
+wundervoll.</p>
+
+<p>Am 23. September erhob sich ein widriger Wind und Sturmvögel umkreisten
+die drei Schiffe. »Dringend bedurfte ich den<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> heutigen Gegenwind,«
+schreibt Kolumbus in sein geheimes Tagebuch, »denn mein Schiffsvolk war
+höchst beunruhigt und besorgt, daß auf jenen Meeren keine Winde zur
+Rückkehr nach Spanien wehten.«</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowp92" id="illu-023" style="max-width: 61.9375em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-023.jpg" alt="bild">
+</figure>
+
+<p class="p2">Es ist nicht zu verwundern, daß die Leute immer wieder von neuem
+von ihrer Angst und Einbildung gepeinigt wurden. Sie waren ja nur
+gewohnt, Küstenschiffahrt zu treiben, wobei man nie das Land aus den
+Augen verlor. Und nun segelten sie schon ununterbrochen seit mehr als
+vierzehn Tagen durch den scheinbar endlosen westlichen Ozean, ohne daß
+man einer Felsklippe begegnet wäre. Nichts als Meer und Himmel, Wolken
+und Wellen, Luft und Wasser.</p>
+
+<p>Die Schiffe hielten bald nach Nordwest, bald wieder nach West. Das
+Meer ging ungeheuer hoch, so daß diejenigen, die<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> erst ob des Mangels
+an Wind murrten, nun wieder glaubten, man werde bei dem Sturm elend
+umkommen.</p>
+
+<p>An diesem Tage kam auch eine Turteltaube auf das Admiralsschiff, sowie
+Pelikane, Rohrsperlinge und andere weiße Vögel, und in dem Meergras
+fand man wieder mehrere Krabben.</p>
+
+<p>Von nun an besuchten das Schiff fortwährend Pelikane und man tötete
+große Fische mit der Harpune. Anstatt aber von all diesen Anzeichen,
+die nahes Land hoffen ließen, freudig bewegt zu sein, wurde die
+Mannschaft des Kolumbus um so ungeduldiger und ungehaltener. Noch immer
+erklärten die meisten Matrosen die Fahrt für eine große Torheit, die
+dem Selbstmord gleichkäme. Die Unzufriedensten traten heimlich zusammen
+und murrten untereinander, bis sich endlich eine fast allgemeine
+Stimme des Vorwurfs erhob, daß der tollkühne Ehrgeiz eines Einzelnen
+das Leben so Vieler nur schon zu lange gefährde und ferner nicht zu
+dulden sei. Die Verwegensten deuteten an, daß man sich, falls der
+Admiral nicht in sofortige Rückkehr willige, des wahnwitzigen Urhebers
+so vieler Drangsal leicht entledigen und ihn über Bord werfen würde.
+Kolumbus entging diese meuterische Stimmung nicht; allein, er verzagte
+nicht und setzte seine ganze Hoffnung darauf, daß er endlich siegen
+werde. Zum Glück rief ihm noch der Führer der Pinta am folgenden Tage
+freudig erregt zu, er habe Land gesehen, und diesmal sei eine Täuschung
+ausgeschlossen. Kolumbus kniete nieder, um Gott zu danken, während die
+ganze Mannschaft aller drei Schiffe ein frommes Kirchenlied anstimmte.
+Man erkletterte die Masten und das Takelwerk und alle stimmten darin
+überein, Land gesehen zu haben. Alle Mann blieben bis zur Nacht auf
+Deck. Das Meer war so still, daß viele Matrosen hineinsprangen, um zu
+baden.</p>
+
+<p>Aber als Kolumbus am 26. September gesehen hatte, daß Pinzon abermals
+einer Täuschung erlegen war und eine Wolkenbank für das ersehnte Land
+gehalten hatte — eine Täuschung,<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> die um so gefährlicher war, weil sie
+alle freudig gestimmt hatte — bemächtigte sich der Mannschaft eine
+tiefe Niedergeschlagenheit.</p>
+
+<p>Kolumbus segelte vertrauensvoll nach Westen weiter. Am 30. September
+begegnete man so großen Vogelschwärmen, daß sich alle darüber
+verwunderten, weil so große Schwärme sonst nur am Lande angetroffen
+wurden.</p>
+
+<p>Von der Insel Ferro gerechnet war man nun bis 1. Oktober etwa
+sechshundert Meilen gesegelt.</p>
+
+<p>Auch in den folgenden Tagen war das Meer glatt und ruhig, und obwohl
+die Anzeichen von Landesnähe sich immer mehrten, hatte die Mannschaft
+allen Glauben an eine glückliche Beendigung der Fahrt verloren. In
+wildem Trotz begehrten sie augenblickliche Umkehr. Wieder wollte
+Kolumbus die erregten Gemüter beschwichtigen; aber als sie sogar sein
+Leben zu bedrohen begannen, erklärte er energisch, daß ihn keine Gewalt
+der Erde bewegen könne, sich den Befehlen des Königs zu widersetzen
+und daß er, sobald das Land erreicht wäre, das unfern sei, von seinem
+Rechte als Vizekönig Gebrauch machen und die Aufwiegler nach Verdienst
+bestrafen werde.</p>
+
+<p>Aber dieser stolze Mut hätte Kolumbus trotzdem nicht viel genützt,
+wenn tags darauf nicht wirklich Dinge aufgefischt worden wären, die
+zweifellos darauf schließen ließen, daß die Versprechungen des Kolumbus
+nun in Erfüllung gehen würden. Völlig frische Süßwassergewächse,
+bekanntes Sumpfrohr, grüne Zweige mit daranhängenden Beeren, ein
+künstlich geschnitzter Stab und andere Dinge schwammen vorüber. »Es war
+um zehn Uhr nachts,« heißt es im Tagebuch, »als ich vom Hinterkastell
+aus ein Licht erblickte. Es blinkte aber so unsicher, daß ich mir nicht
+getraute, auf Land zu schließen. Ich rief jedoch den Bettmeister des
+Königs herbei und sagte ihm, ich hätte Licht gesehen, ob er's nicht
+auch entdecke? Er schaute hinaus und erkannte es.«</p>
+
+<p>Kolumbus ermahnte nun die Mannschaft, nach dem üblichen Abendgesang,
+wachsam nach Land auszuspähen, und er versprach<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> auf eigene Kosten dem
+ersten Landausrufer noch ein seidenes Wams zu dem Gnadengeschenk der
+zehntausend Maravedis. Auf der Pinta war die überraschte Neugier und
+Freude noch größer. Das Schiff segelte rasch voraus und als es zwei
+Uhr nachts war — Freitag der 12. Oktober war angebrochen — entdeckte
+Juan Rodriguez Bermejo das heiß ersehnte Land. Er stürzte auf das erste
+beste Geschütz zu, um das verabredete Signal zu geben, und indem er
+feuerte, rief er seine Freude in die helle Nacht hinaus. Die Schiffe
+zogen ihre Segel ein und trieben langsam dem Lande zu.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Als es Morgen geworden war, betrat Kolumbus die neue Erde, eine
+niedrige Insel mit üppiger Vegetation, deren Ufer von nackten
+kupferfarbigen Menschen bedeckt waren, die den Spaniern mit Staunen
+entgegenblickten.</p>
+
+<p>»Ihr Wuchs ist tadellos und voller Reize,« beschreibt Kolumbus seinen
+ersten Eindruck; »Freundlichkeit spricht aus ihrem Antlitz. Sie bemalen
+sich bald weiß, bald schwarz, bald bunt, die einen den Körper, die
+anderen das Gesicht, etliche nur die Nasen oder Stellen um die Augen.
+Sie führen keine Waffen und kennen sie so wenig, daß sie meinen Degen
+bei der Klinge faßten und sich schnitten. Ihre Stäbe haben an der
+Spitze einen Fischzahn statt eines Eisens.«</p>
+
+<p>Als der erste am Strande sinkt der Admiral auf die Knie; seine
+Begleiter folgen ihm. Dann nimmt er unter Entfaltung der Kreuzesfahne
+und mit allen feierlichen Gebräuchen im Namen seiner königlichen
+Gebieter Besitz von der Insel, der er den Namen <em class="gesperrt">St. Salvador</em>
+beilegt; die Eingeborenen nennen sie Guanahani. Kolumbus läßt sich
+alsdann von seinen Begleitern als bestallter Großadmiral und Vizekönig
+den Treueid leisten. Begeistert und von widersprechenden Gefühlen
+bezwungen, drängt sich die Schar um ihren Führer, der nun in ihren
+Augen<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> als ein höheres Wesen erscheint. Die Eingeborenen fassen bald
+Vertrauen genug, sich diesen weißen bärtigen Männern zu nähern, die,
+in beflügelten Häusern schwimmend, vom Himmel herabgestiegen zu sein
+scheinen, und es beginnt bald ein freundschaftlicher Verkehr, der
+durch allerhand kleine Geschenke recht lebhaft wird. Kolumbus wird
+jetzt der Mann großer Gesten und kleiner Schliche. Er zankt sich zum
+Beispiel mit dem glücklichen Matrosen Rodriguez herum, der zuerst Land
+erblickt hat, <em class="gesperrt">er selber</em> hätte zuerst Land gesehen; er gibt dem
+Matrosen infolgedessen das Versprochene nicht, läßt es sich vielmehr
+selber auszahlen. An Land gestiegen, singt er mit seinen Matrosen vor
+Freude und innerer Bewegung ein Tedeum, und, religiöse Worte auf den
+Lippen, ist sein Herz schon mit den goldenen Nasenringen beschäftigt,
+die er den Ureinwohnern abnimmt, um ihnen Glasperlen dafür zu bieten.
+Hier ist Kolumbus mehr Wucherer als Gottesbote. Denn für diesen hält
+er sich. »Die heilige Trinität bewog Eure Majestät zu dem Unternehmen
+nach Indien,« schreibt er an den spanischen Herrscher, »und durch ihre
+unendliche Gnade wählte sie mich, um es Ihnen zu verkündigen. Deshalb
+kam ich als ihr (der Trinität) Botschafter zu Eurer Majestät wie zu den
+mächtigsten Fürsten der Christenheit, welche sich im Glauben übten und
+so viel für seine Verbreitung taten. Trotz allen Ungemachs, das mir
+widerfuhr, war ich gewiß, daß meine Unternehmung gelingen würde, und
+beharrte bei dieser Ansicht, weil alles vergehen wird, ausgenommen das
+Wort Gottes. Und in der Tat, Gott spricht so klar von diesen Gegenden
+durch den Mund des Jesaias an mehreren Stellen der Heiligen Schrift,
+wenn er versichert, daß von Spanien aus sein heiliger Name solle
+verbreitet werden.«</p>
+
+<p>Nein, unser Gottgesandter, den man mit dem Apostel Thomas verglichen
+hat, ist nach seiner Landung nicht großzügig. Diese Insulaner sind dumm
+und harmlos, folglich sind sie eine gute Handelsware. »Diese gutartigen
+Menschen<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> müssen ganz brauchbare Sklaven abgeben,« schreibt er in sein
+Tagebuch. Er wird denn auch wirklich der Protektor des Sklavenhandels.</p>
+
+<p>Kolumbus begreift bald, daß es auf Salvador nicht Gold genug geben
+werde, nach welchem sowohl er wie seine Begleiter so gierig sind.
+Denn das Gold sollte ja der Lohn sein für die großen Gefahren, in
+die sie sich begeben hatten. Die Eingeborenen zeigten nach Süden und
+nach zweitägigem Aufenthalt auf dieser zuerst betretenen Insel eilt
+Kolumbus weiter, nimmt aber etliche Eingeborene mit an Bord, die
+ihm von Insel zu Insel den Weg zeigen sollen. Die zweite Insel, die
+Kolumbus betritt, tauft er <em class="gesperrt">Santa Maria de la Conception</em>. Aber
+da das Volk hier ebenso arm ist wie auf Salvador, eilt er zur dritten
+Insel, der er den Namen <em class="gesperrt">Fernandina</em> gibt, und die seine Begierde
+nach Gold ebenfalls enttäuscht, und dann zur vierten Insel, die er
+<em class="gesperrt">Isabella</em> tauft (jetzt Crooked Island genannt), um am 24. Oktober
+nach Kuba zu steuern, das Kolumbus für Zipangu (Japan) hielt, das lang
+ersehnte Märchenland, wo es so viel Gold geben sollte, wie bei uns
+Steine.</p>
+
+<p>Es war die Zeit, in der der Herbstregen seinem Ende naht. Die
+tropische Natur prangte in voller Üppigkeit. Kolumbus wird nicht
+satt, die Nachtigallenschläge zu belauschen, die laue indische Luft
+dem andalusischen Frühling zu vergleichen und die üppige Wildnis am
+krautbedeckten, feuchten Ufer, den Reichtum an Pflanzengestalten in den
+durch Papageienschwärme belebten tropischen Wäldern zu bewundern. Jede
+neue Insel steigt ihm lieblicher aus dem Wasser; sie ist ihm schöner
+als die früheren; die schönste, die er bisher gesehen. Die Berge
+auf Kuba erinnern ihn an die duftigen Bauwerke arabischer Moscheen.
+Empfänglich für jeden Liebreiz der Natur und alle holden Wunder der
+Schöpfung, blickt er auf die tropische Herrlichkeit fast wie ein
+zärtlicher Vater. Berauscht von seinem Erfolge, glaubt er, die Wälder
+stünden voller Mastixbäume; er sieht Perlenbänke in der See und Gold<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span>
+im Metallglanze der sandigen Flußbetten, und er vermeint schon alle
+unfaßlichen Träume von einem glückseligen Indien zu erblicken. Seine
+Schilderung von der Entdeckung Kubas ist ein Gemisch von begeisterten
+Worten über die Pracht des Landes und über seine Hoffnungen, Gold zu
+finden. Natur? Ja, sie ist schön. Sehr schön sogar, aber er will Gold.
+Es ist schön von den Palmen, daß sie Kokosnüsse tragen; sie bringen
+ihm Geld und der Botanik eine neue Erkenntnis. Die Sitte des Rauchens
+herrscht bei diesem fremden Volke; nach Europa verpflanzt, wird diese
+unbekannte Sitte Geld einbringen. Auf der Globuskarte Behaims liest
+Kolumbus: »Hie findt man vil merwunder von serenen.« Praktisch, wie
+er ist, sucht er nicht lange nach den Sirenen, sondern begnügt sich
+mit gewöhnlichen Fischen. Welch erstaunliche Kraft und imposante Größe
+gibt ihm seine Geldsucht! Er erträgt übermenschliche Anstrengungen; er
+schläft zweiunddreißig Nächte hintereinander nicht; Gewitter und Stürme
+finden ihn immer auf seinem Posten; die Malaria schüttelt ihn vergebens
+wochenlang. »Geld machen,« ist das Losungswort, das ihn aufrechthält.
+Ist dieser Italiener nicht in der Tat der erste moderne Amerikaner?</p>
+
+<p>Kolumbus begann jetzt, am 12. November, gegen Südosten zu segeln, in
+der Hoffnung, Gold und Gewürze zu finden. Aber während widrige Winde
+ihn nötigten, auf See zu gehen, trennte sich Alonzo Pinzon mit der
+Pinta heimlicherweise von dem Admiralsschiff, um durch Gold und Ehrgeiz
+angestachelt, auf eigene Faust die schätzebeladenen Küsten aufzusuchen.</p>
+
+<p>Bald fiel Kolumbus die Insel Haiti in die Augen, von deren Naturpracht
+er so entzückt war, daß er sie Klein-Spanien (Hispaniola) taufte.</p>
+
+<p>Als er sich dem Paradiese nahe glaubt, schreibt er: »Es sind hier also
+gewichtige Anzeichen für die Nähe des Paradieses, und die Ansichten
+der gelehrten Theologen stimmen mit meinen Beobachtungen überein.
+Und wenn die Wasser (des Orinoko)<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> nicht aus dem Paradiese kommen,
+so scheint das ein noch größeres Wunder zu sein, weil ich nicht
+glaube, daß man auf der ganzen Welt einen so mächtigen und tiefen Fluß
+findet.« Er preist die Insel als ein Paradies und schreibt an die
+spanischen Majestäten, niemand, der nicht gut katholisch sei, dürfe
+die gesegnete Insel betreten. »Denn das ist das Ziel der Entdeckungen
+gewesen, die ich auf Befehl Eurer Majestät gemacht habe, und die
+<em class="gesperrt">nur</em> unternommen sind, den christlichen Glauben zu verherrlichen
+und zu verbreiten.« Hier sagt Kolumbus, vielleicht unbewußt, eine
+Unwahrheit, denn sein tägliches Gebet lautet: »Möge der Herr nach
+seiner Barmherzigkeit mich die Goldminen finden lassen! Denn es erhört
+Gott die Gebete seiner Diener, welche seine Gebote befolgen, auch dann,
+wenn sie, wie in diesem Falle, Unmögliches zu bitten scheinen.« Diese
+Goldgier geht so weit, daß er selbst einen erlittenen Schiffbruch als
+eine Fügung Gottes betrachtet, der ihn so auf die Goldfelder hinweisen
+will, die in der Nähe sein müssen. Und weil er in Haiti einige
+goldverzierte Hütten findet, hält er die Insel für das salomonische
+Ophir.</p>
+
+<p>In der Christnacht, wo Kolumbus bei stillem Wetter sich der
+langersehnten Ruhe hingegeben, vernachlässigten nämlich der Steuermann
+und die Matrosen ihre Pflicht so sehr, daß bald alles an Bord der
+St. Maria im Schlafe lag, während die Strömungen das Schiff auf eine
+Sandbank führten, wo es rettungslos scheiterte. Es blieb nichts übrig,
+als die Ladung mit Hilfe der Eingeborenen, so gut es ging, zu bergen.
+Der Admiral, nunmehr genötigt, sich an Bord der Nina zu begeben, war
+tief erschüttert durch sein Mißgeschick; aber die Auskunft, daß es
+zwischen den Bergen Goldminen gebe, wo das Gold nicht gesucht sei, weil
+die Eingeborenen keinen Wert darauf legten, erheiterten bald seine
+Mienen.</p>
+
+<p>Und nun war es das <em class="gesperrt">Gold</em>, das den Gang der Entdeckungen
+beherrscht hat; das Aufsuchen neuer Länder wird jetzt ein
+Glücksgewerbe; Kolumbus ist nur der glücklichste und kühnste Spieler.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span></p>
+
+<figure class="figright illowp39" id="illu-031" style="max-width: 32.5625em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-031.jpg" alt="">
+ </figure>
+
+<p>Denn kaum hat er die goldführenden Flüsse Haitis entdeckt, so ist sein
+Entdeckungsdrang stark abgekühlt, und er hat nur noch Sinn für die
+Hebung der Schätze.</p>
+
+<p>Kaziken auf Haiti, mit denen Kolumbus sich angefreundet, bringen
+Goldklümpchen, Gewürze und andere Kostbarkeiten. Aus den Trümmern der
+Santa Maria läßt Kolumbus eine kleine Festung bauen, in der er mehrere
+seiner Matrosen und Handwerksleute, insgesamt neununddreißig Mann,
+die sich freiwillig erboten hatten,<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> zurückläßt; zugleich versorgt
+er sie für ein ganzes Jahr mit Zwieback, Pulver und Geschützen. Die
+Zurückgebliebenen sollten inzwischen die Erzeugnisse des Landes
+kennen lernen, seine Metalle und Kräuter, sollten Sitten und Sprache
+der Indianer studieren, vor allem aber nie vergessen, Goldtausch zu
+treiben. Er hoffe, nach seiner Wiederkehr eine Tonne Goldes vorzufinden!</p>
+
+<p>Am 4. Januar schied Kolumbus und wandte sich mit der gebrechlichen
+Nina nach Osten. Nach dem Schiffbruch der Santa Maria empfand Kolumbus
+das Fehlen der Pinta doppelt schwer, weil es zu gefährlich war, mit
+dem einzigen Schiffe längere Küstenfahrten zu unternehmen. Auch
+bedrückte ihn der Argwohn, Alonso Pinzon sei vielleicht nach Spanien
+vorausgeeilt, um den Hof gegen Kolumbus in feindliche Stimmung zu
+bringen. Am 6. Januar wurde indes die Pinta wieder gesichtet. Alonso
+kam an Bord der Nina und versuchte, mit unhaltbaren Entschuldigungen
+seine Entfernung zu beschönigen. Kolumbus durchschaute den Mann; er
+fand es aber für gut, seinen Groll bis zur Heimkehr zu verbergen; desto
+reifer wurde sein Entschluß, sich eines so unzuverlässigen Begleiters
+rasch zu entledigen.</p>
+
+<p>Am 12. Februar erhob sich ein Sturm. In der Nacht zog ein Gewitter
+vorüber, die Gewalt des Windes steigerte sich am Tage, und die hohle
+See schleuderte die Fahrzeuge erbarmungslos umher. In der Nacht zum
+14. Februar verschlimmerte sich die Lage immer mehr, und in diesen
+angstvollen Stunden verschwand die Pinta. Am Morgen des 15. Februar
+wuchs die Gefahr des fürchterlichen Sturmes in so hohem Grade, daß
+Kolumbus eine Pilgerfahrt gelobte. Inmitten dieser Wut der Elemente
+ängstigte Kolumbus auch der Gedanke, daß, wenn er nun unterginge, mit
+ihm auch sein großes Entdeckergeheimnis ins Meer sinken könnte, und
+seine Kinder dann nicht die Früchte seiner Mühsal ernten würden. Darum
+schrieb er einen Brief, in dem er die Ergebnisse seiner Entdeckung in
+kurzen Worten niederlegte. Er versiegelte das Pergament und verhieß
+dem glücklichen Finder<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> ein Geschenk von tausend Dukaten, wenn er das
+Schriftstück uneröffnet dem kastilischen Hof überbringen würde. Und
+heimlich, ohne daß es das Schiffsvolk merkte, verwahrte er dieses
+Pergament in einer Tonne, die er ins Meer warf.</p>
+
+<p>Erst jetzt lichtete sich der Himmel, und die See beruhigte sich ein
+wenig. Man sah zwar in der Ferne schon die bekannten heimatlichen
+Küsten, aber erst am 17. Februar konnte man sich ihnen nähern; ein
+ausgeschicktes Boot kundschaftete aus, daß man sich vor der Insel Santa
+Maria befand.</p>
+
+<p>Hier aber, wo eine portugiesische Niederlassung den kaum dem Tode
+Entronnenen eine gastfreundliche Aufnahme versprach, fanden sie
+nur eifersüchtigen Argwohn, Hinterlist und Heuchelei. Nur mit Mühe
+entging Kolumbus diesen Nachstellungen und erlangte so viel, daß er
+seine notwendigsten Bedürfnisse an Holz, Wasser und Ballast hier
+einnehmen durfte. Aber bei der fortgesetzten Fahrt wurde seine
+Standhaftigkeit auf neue Proben gestellt, als ein noch wütenderer
+Sturm seinem elenden Schiffchen einen sicheren Untergang drohte. Er
+wäre unvermeidlich an der portugiesischen Küste gescheitert, hätte
+sich nicht gleichzeitig die Mündung des Tajo vor ihm geöffnet. Die
+Besorgnis, einer ungastlichen Behandlung zu begegnen, konnte ihn
+nicht abhalten, sich in den Nothafen zu flüchten. Hier am 4. März
+glücklich angelangt, gab der Admiral seinen Souveränen vor allen Dingen
+durch einen Eilboten, dann aber auch dem König von Portugal Bericht
+von seiner Ankunft und bat um die Erlaubnis, vor Lissabon ankern zu
+dürfen. Während die ganze Bevölkerung Lissabons sich erstaunt und voll
+freudiger Neugier an Bord seines Schiffes drängte, kam ein Brief vom
+Könige, der Kolumbus zu einem Besuche einlud. Mit allen Ehren seines
+hohen Ranges wurde Kolumbus empfangen. Er durfte sitzend erzählen und
+sein Haupt bedeckt halten. Der König Johann verriet durch nichts seinen
+Ärger über den Erfolg der Entdeckungsfahrt, und seine Reue, Kolumbus
+nicht in eigene Dienste genommen zu haben. Ganz<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> nebenbei bemerkte der
+König, es sei wohl noch fraglich, ob nach den Verträgen, die zwischen
+Portugal und Spanien bestünden, die neuentdeckten Länder nicht doch
+im portugiesischen Machtbereiche lägen. Kolumbus erwiderte, ihm sei
+von solchen Verträgen nichts bekannt. Einige Höflinge, denen die Sorge
+des Königs Verdruß bereitete, erboten sich nun, mit Kolumbus Händel
+anzufangen, um ihn dann hinterrücks zu töten, im Glauben, daß durch den
+Tod des Admirals die Entdeckungsfahrten der Spanier überhaupt aufhören
+würden. Aber der König wies den Anschlag von sich und wollte Kolumbus
+sogar sicheres Geleit mit auf die Reise geben. Kolumbus zog es aber
+vor, zu Schiff nach Spanien heimzukehren. Mit seinen Matrosen, seinem
+Gold und den übrigen Schätzen und Merkwürdigkeiten, die er mitgebracht
+hatte, wollte er in demselben Hafen wieder einlaufen, von dem er
+ausgegangen war.</p>
+
+<p>Inzwischen hatte der auf der Pinta vorausgeeilte Alonso Pinzon von
+der Entdeckung dem Könige bereits Mitteilung gemacht und bat um eine
+besondere Audienz. Der König ließ ihm aber kurzerhand zurückschreiben,
+er habe im Gefolge seines Admirals zu erscheinen. Diese königliche
+Ungnade brach Alonso das Herz; er starb einige Tage darauf, nachdem er
+diese Antwort erhalten hatte.</p>
+
+<p>Am 15. März 1493 kam Kolumbus wieder auf der Reede von Palos an, wo er
+unter dem unbeschreiblichen Jubel der ganzen Stadt empfangen wurde, und
+am 21. März zog er unter gesteigertem Freudengeschrei des Volkes, unter
+Prozessionen und Glockengeläute in Sevilla ein, um vor seinen König zu
+eilen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ein Eilbote meldete den Majestäten, die damals in Barcelona Hof
+hielten, daß ihr Admiral aus der Neuen Welt glücklich zurückgekehrt sei
+und vor Begierde brenne, ihnen die Wunder der Neuen Welt vorzuzeigen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span></p>
+
+<p>Durch ein schmeichelhaftes Schreiben wurde er eingeladen, schleunigst
+an den Hof zu kommen; Mitte April traf Kolumbus ein. Von überallher
+strömten die Menschen zusammen, denn das Gerücht der unerhörten
+und geglückten Reise flog ihm voran. Sein Empfang war großartig,
+überwältigend; es war der glorreichste Tag seines Lebens; die glänzende
+Vergeltung für die Verkennung, Verspottung und das jahrelange
+Warten. In feierlicher Audienz, die auf dem Markte stattfand, wurde
+er empfangen; der König und die Königin, umgeben von den Großen des
+Reiches und von unzähligen Rittern aus Kastilien, Katalonien, Valencia
+und Aragon, erhoben sich zu seiner Begrüßung, reichten ihm die Hand zum
+Kusse und gestatteten, daß er sitzend von seiner Fahrt erzähle — die
+höchste Ehre, die man ihm erweisen konnte.</p>
+
+<p>Das dichterische Wort stand dem Admiral zu Gebote, und so schilderte
+er die Entfesselung des Weltmeers und die Entschleierung einer neuen
+Welt auf der bisher noch nicht betretenen Erdhälfte. Er zeigte
+die mitgebrachten Produkte vor: Goldkörner, Erzbarren, Bernstein,
+Baumwolle, Tabak, Zweige und Wurzeln von aromatischen und medizinischen
+Pflanzen, Aloe, Mastix, Rhabarber, Mais, Yams, Bataten; er führte gegen
+vierzig prächtig gefärbte Papageien und endlich seine sechs Indianer
+vor, die er mitgenommen hatte. Dann schilderte er die herrlichen
+Tropenlandschaften, die fruchtbaren Gefilde, die Gutartigkeit der
+Eingeborenen, von denen er die Überzeugung aussprach, daß sie bald
+würden zum Christentume bekehrt werden.</p>
+
+<p>Kolumbus war für kurze Zeit der Meistgefeierte am spanischen Hofe und
+der Meistbewunderte der Zeitgenossen. Oft erschien der König zu Pferde,
+neben ihm zur Rechten der Thronerbe und zur Linken Kolumbus.</p>
+
+<p>Um diese Zeit soll bei einer Tafel, deren Gäste die Entdeckung des
+Kolumbus anzweifelten, dieser ein Ei auf den Tisch gestoßen und gesagt
+haben: »So wie dies Ei hier auf dem Tische steht,<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> so sicher habe ich
+die Neue Welt entdeckt.« Aber die Geschichte vom »Ei des Kolumbus« ist
+von A bis Z erfunden; schon Voltaire hat nachgewiesen, daß sie bereits
+fünfzig Jahre vorher in ganz anderem Zusammenhange passiert war.</p>
+
+<p>Auf den Vorschlag des Kolumbus wurden sofort die Vorbereitungen zu
+einer neuen Fahrt, einem großen Kolonisationszuge, vorbereitet. In
+einem halben Jahre waren vierzehn Karavellen und drei Kauffahrer, also
+siebzehn Schiffe insgesamt, ausgerüstet und sehr große Summen zur
+Verfügung gestellt. Eine große Zahl von Edelleuten hatte sich zu dem
+abenteuerlichen Zuge erboten; Ordensgeistliche folgten ihnen, die als
+Glaubensbringer reisen wollten; Ackersleute, die in der Neuen Welt
+europäisches Getreide, Zuckerrohr und andere Kulturpflanzen anbauen
+sollten; man nahm die ersten europäischen Haustiere, besonders Pferde
+und Rinder, Schafe und Schweine, mit, die sich später in der Neuen
+Welt ungeheuer vermehrten; Bergleute kamen mit, um die Golddistrikte
+auszubeuten. Zimmerleute, Maurer und andere Handwerker sollten für
+die Bedürfnisse der Kolonisten sorgen. Eine ansehnliche Truppenmacht
+sollte die Ansiedler beschützen, darunter waren besonders zwanzig
+Lanzenreiter, die später der Schrecken aller Indianer wurden. Im ganzen
+gingen, die Matrosen mitgerechnet, mehr als fünfzehnhundert besoldete
+Menschen mit. Für die Lebensbedürfnisse war in umsichtigster Weise
+gesorgt; den Oberbefehl über alle hatte der Vizekönig von Indien,
+Christoph Kolumbus.</p>
+
+<p>Aber das meiste mitgelaufene Volk sah sich in dem goldarmen Lande
+nur zu bald arg enttäuscht; es erschlaffte in dem feuchtwarmen
+Klima und bildete bald, da es arbeitsunfähig und unlustig war, eine
+verhängnisvolle Plage für das neue Land.</p>
+
+<p>Der Reiz des Neuen und Wunderbaren liegt nicht mehr über der zweiten
+Reise des Admirals. Am 25. September ging die Flotte von Kadix aus
+unter Segel und steuerte nach den Kanarien. Schon am 3. November
+kam die erste Insel in Sicht,<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> die Sonntagsinsel, Dominica, genannt
+wurde. Dann folgten Marigalante, Gudalupe, Monserrate. Vor der Insel
+Santa Cruz am 14. November angelangt, hatten sich in einem Kanu sechs
+menschenfressende Kariben, vier Männer und zwei Frauen, den Schiffen
+genähert und sie ein paar Stunden lang so starr und regungslos
+betrachtet, daß ihnen ein zurückkehrendes spanisches Boot unbemerkt den
+Weg nach dem Lande abschneiden konnte. Sobald die Wilden bemerkten,
+daß die Flucht unmöglich sei, griffen Männer und Weiber zu ihren
+vergifteten Pfeilen und fielen die fünfundzwanzig Spanier in dem Boote
+an, von denen sie zwei tödlich verwundeten. — Das spanische Boot warf
+das Kanu endlich um, aber die Kariben, schwimmend und im Wasser den
+Kampf erneuernd, flüchteten behend ans Land, so daß die Spanier nur
+einen einzigen schwer getroffenen Kariben an Bord zurückbrachten.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowp56" id="illu-037" style="max-width: 47.1875em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-037.jpg" alt="bild">
+</figure>
+
+<p class="p2">Nachdem man noch einen großen Inselschwarm berührt hatte, wurde die
+Insel Puerto-Rico entdeckt. Am 27. November wurde die Stätte endlich
+erreicht, wo man vor kaum einem Jahre auf Haiti den Grund zu einer
+Kolonie gelegt hatte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span></p>
+
+<p>Hätte Kolumbus auch nicht sofort aus dem bangen Schweigen, das längs
+der Küste herrschte, eine dunkle Ahnung schöpfen müssen, so konnte
+ihn doch bei einem Landen der Anblick des völlig verödeten und
+gewaltsam durch Feuer zerstörten Forts über das traurige Schicksal der
+zurückgelassenen Landsleute nicht mehr im ungewissen lassen. Bald ergab
+sich aus den Berichten der Eingeborenen, daß die Weißen, sobald der
+Admiral sich entfernt hatte, sich allen rohen Eingebungen hingegeben
+hatten und die Eingeborenen durch Habgier und Gewalttätigkeit bis zum
+äußersten trieben; diese hätten ihr Joch aber trotzdem ertragen, wenn
+nicht ein feindlich gesinnter Kazike, der auf der Insel allgemein
+gefürchtet war, die Weißen überfallen und niedergemetzelt hätte. Da
+lagen nun die Habseligkeiten der Europäer jämmerlich umhergestreut; man
+stieß auf Leichen, über die seit etwa einem Monat hohes Gras gewachsen
+war.</p>
+
+<p>Die Gegend von Navidad eignete sich wegen des Mangels an Steinen nicht
+zu einer Neugründung und auch die Ostküste, an der die Gründung der
+Stadt Isabella geplant war — die Straßen waren schon abgesteckt und
+der Grundstein zu einer Kirche und einem Spital bereits gelegt — mußte
+wieder verlassen werden, weil der dritte Teil der Einwanderer von
+heftigem Fieber befallen wurde. Ein Teil der Flotte und ein Teil der
+Kolonisten ging im Februar 1494 wieder nach Spanien zurück, so daß die
+Kolonie nunmehr nur noch neunhundert Köpfe zählte.</p>
+
+<p>Unter ihnen gab es eine große Anzahl Mißvergnügter, die bei jeder
+Gelegenheit zur Meuterei gegen den Statthalter bereit waren. Auch
+gestaltete sich das Verhältnis zu den Eingeborenen höchst unfreundlich;
+Überfälle kamen oft genug vor und sie konnten nur durch die
+imponierende spanische Reiterei, die die Wilden mehr als den lebendigen
+Teufel fürchteten, zurückgeworfen werden.</p>
+
+<p>Am 24. April brach Kolumbus zur weiteren Erforschung der Länder mit
+drei Schiffen auf; vor allem wollte er Gewißheit darüber haben, ob Kuba
+ein Festland oder eine Insel sei. Unter<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> Androhung von Peitschenhieben
+für jeden späteren Widerspruch, läßt er seine Mannschaft eine Urkunde
+beschwören, daß sie Kuba für einen Teil des asiatischen Festlandes
+halte. Damit ist für ihn die Auffindung des Seewegs nach Indien
+erledigt, und er kehrt wieder zu seinen Goldwäschereien auf Haiti
+zurück. »<em class="antiqua">Time is money</em>«, könnte beinahe ein kolumbisches Wort
+sein.</p>
+
+<p>Die Anstrengungen der Reise, die Schlaflosigkeit, zu der ihn die
+Pflicht der äußersten Wachsamkeit gebieterisch zwang, hatten die Kräfte
+des Admirals so erschöpft, daß er von Bewußtlosigkeit und Ohnmachten
+befallen wurde, weshalb man im höchsten Grade um ihn besorgt war.
+Man eilte nach Isabella und ließ am 29. September die Anker fallen.
+Kolumbus verfiel aber in eine Krankheit, die ihn fünf Monate aufs Lager
+warf.</p>
+
+<p>Im Frühjahr 1496 kehrte Kolumbus mit etwa zweihundert untauglichen
+Ansiedlern, die der Kolonie teils durch ihren Müßiggang, teils durch
+ihre Widersetzlichkeit und teils durch Krankheit zur Last fielen, in
+die Heimat zurück.</p>
+
+<p>Am 11. Juni landete er wieder in Kadix und begab sich sofort an den Hof
+nach Burgos. Er benützte diese Reise wieder dazu, die vermeintlichen
+Schätze Indiens in öffentlichem Gepränge zu zeigen, mit dem er in die
+Städte einzog; namentlich mußten sich die mitgenommenen Indianer mit
+den Goldfunden schmücken.</p>
+
+<p>Und nun dauerte es bis zum Mai 1498, ehe Kolumbus seine <em class="gesperrt">dritte</em>
+Reise antreten konnte. Aber da er sich krank fühlte und augenleidend
+war, brach er seine Fahrt an der Küste von Venezuela ab, um nach Haiti
+zu gehen, wo unterdessen sein Bruder die Stadt San Domingo angelegt
+hatte, die älteste europäische Ansiedelung in Amerika, die noch heute
+besteht. Am Hafen dieser Stadt ragt noch heutigestags ein Baum empor,
+an dem Kolumbus sein Schiff mit Tauen befestigt haben soll.</p>
+
+<p>Die folgenden beiden Jahre waren für Kolumbus die schwersten
+seines Lebens; sie bedeuten den Zusammenbruch seiner<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> königlichen
+Machtbefugnisse. Er hatte das Zepter des Vizekönigs in der Hand und
+sollte es nun mit schmachvollen Ketten vertauschen.</p>
+
+<p>Kolumbus fand die Kolonie in vollem Aufruhr; der Oberrichter Franzisco
+Roldan, der seinen hohen Rang nur der Gunst des Kolumbus zu danken
+hatte, stand an der Spitze der Aufwiegler. Kolumbus bestrafte ihn,
+mußte ihn aber schließlich wieder in sein Amt einsetzen. Allerlei
+böse Gerüchte, die über Kolumbus in Umlauf gesetzt wurden, erreichten
+sogar die Ohren der spanischen Majestäten, und um dem Gerede zu
+steuern, hatte Kolumbus um einen bevollmächtigten königlichen
+Untersuchungsrichter gebeten. Und so wurde denn Franzisco de Bobadilla
+nach Haiti geschickt, dem selbst Kolumbus, der Vizekönig, Gehorsam zu
+leisten hatte, der sich aber vom ersten Augenblick an als ein Feind des
+Kolumbus erwies. Dicht wie ein Heuschreckenflug regneten nun die meist
+ungerechten und unbegründeten Anklagen der Kolonisten auf Kolumbus
+herab, so daß dem Untersuchungsrichter dadurch eine willkürliche
+Handhabe geboten war, Kolumbus zu bestrafen. Er ließ ihn in Ketten
+werfen und schaffte ihn mitsamt seinen beiden Brüdern nach Europa, wo
+sie im November 1500 ankamen.</p>
+
+<p>Kolumbus war durch die Schmach, die man ihm angetan und durch die
+Verletzung seiner Privilegien tief gebeugt; er war gebrochen und der
+überaus stolze Mann hat diesen jähen Sturz nie mehr überwinden können.
+In Spanien machte die Demütigung des großen Entdeckers ungeheures
+Aufsehen und auf die Majestäten einen geradezu peinlichen Eindruck. Sie
+hatten nicht gewollt, daß der Vizekönig so schmachvoll behandelt werde.
+Sie gaben daher sofort Befehl, Kolumbus zu befreien und ihn mit allen
+gebührenden Ehren auszuzeichnen. Man schickte ihm zweitausend Dukaten,
+seine nächsten Bedürfnisse, die sein Rang erheischte, zu bestreiten.
+Er kam vor den Thron und als er vor Ferdinand und Isabella sein Knie
+beugte, erstickte heftiges Schluchzen seine Rede. Die Monarchen ließen
+ihn aufheben<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> und gaben sich Mühe, ihn zu besänftigen, indem sie
+jede Ermächtigung zu Bobadillas Roheit ableugneten und dem Admiral
+den vollen Genuß seiner Würden und Privilegien zusicherten. Außerdem
+ernannten sie einen neuen, unparteiischen und gerechten Schiedsrichter
+in der Person des Nicolas de Ovando, der im Februar 1502 mit einer
+ansehnlichen Truppenmacht hinüberging. Bobadilla war freie Rückreise
+nach Spanien zugesichert; Roldan und sein aufwieglerischer Anhang wurde
+aber gefangengenommen.</p>
+
+<p>So war die Ruhe bald wiederhergestellt. Und um Kolumbus wieder seinem
+eigentlichen Berufe zuzuführen, gewährte man dem Admiral, wie er es
+gewünscht, zum <em class="gesperrt">vierten</em> Male einige Schiffe, damit er seine
+Entdeckung weiterführen könne. Am 9. Mai 1502 brach er mit vier kleinen
+Karavellen von Kadix wieder auf. Auf dieser Fahrt begleitete ihn sein
+Bruder Bartholomäus und sein dreizehnjähriger Sohn Ferdinand.</p>
+
+<p>Bis zum 15. Juni hatte er eine glückliche Fahrt und erreichte leicht
+die Kette der kleinen Antillen bei der Insel Martinique. Der neue
+Statthalter Ovando war gerade im Begriff, die erste größere Goldfracht
+von zweihunderttausend Goldpesos (also zirka zwei Millionen Mark)
+nach Spanien zu senden, als Kolumbus ihn bat, die Reise um acht Tage
+zu verschieben, weil ein furchtbarer Orkan bevorstehe, den Kolumbus
+aus den Sternen, deren er kundig war, vorausgesagt hatte. Aber seine
+Warnung wurde in den Wind geschlagen. Die Flotte lief aus, geriet
+wirklich in einen Orkan, und zwanzig Schiffe gingen mit Mann und Maus
+unter. Unter den Opfern befanden sich auch die Feinde des Kolumbus,
+Bobadilla und Roldan. Als Kolumbus später davon erfuhr, hielt er es für
+ein Gottesgericht, das seine Gegner bestrafte.</p>
+
+<p>Am 14. Juli segelte Kolumbus weiter und erreichte Ende des Monats die
+Insel Guanaja im Golf von Honduras. Dort stieß er unerwartet auf das
+erste Kulturvolk der Neuen Welt, auf etwa fünfundzwanzig Handelsleute
+vom Mayastamme, die<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> mit einer großen Barke dreißig Meilen über See
+gekommen waren. Sie hatten ihre Frauen und Kinder mit an Bord; das
+Schiff hatte ein schattiges Dach von Palmenzweigen zum Schutz gegen
+Regen und Sonne. Ihre Waren bestanden in buntgefärbten und gewirkten
+Baumwollentüchern und ebensolchen Hemden ohne Ärmel und Schürzen,
+Holzschwertern, deren Schneide durch Splitter gebildet wurde, kupfernen
+Beilen zum Holzfällen und kupfernen Schüsseln und Schellen. Als Geld
+dienten ihnen Kakaobohnen, von denen sie einen großen Vorrat mit sich
+führten. Ihre Lebensmittel waren Mais und eßbare Wurzeln. Sie waren
+furchtlos, aber von großer Schamhaftigkeit.</p>
+
+<p>Kolumbus fragte auch sie nach dem Goldlande und man wies ihn nach dem
+Süden. Aber die Fahrt dahin brachte Sturm, Unwetter, Gefahren und
+Enttäuschung; erst am 12. September wurde das Wetter günstiger. Am 25.
+September kam Kolumbus zum Indianerdorfe Kariai; hier hielt er Rast, um
+die Schiffe, die durch den Sturm arg gelitten hatten, wieder flott zu
+machen. Am 5. Oktober steuerten die Schiffe weiter, aber an der Küste
+von Veragua überraschte sie ein Sturm, wie sie ihn bisher noch nicht
+erlebt hatten. Noch nie hatte man das Meer so hoch, so fürchterlich, so
+mit Gischt bedeckt gesehen. Die Schiffe wurden in der See festgehalten,
+die wie ein Kessel über starkem Feuer kochte. »Der Himmel sah ganz
+entsetzlich aus und flammte Tag und Nacht wie ein Schmelzofen; die
+Blitze zuckten derart, daß man fürchten mußte, Segel und Masten würden
+davon versengt. Die Donner rollten so grauenhaft, daß wir Angst hatten,
+samt und sonders mit den Schiffen verschlungen zu werden. Dabei stürzte
+der Regen wie eine Sündflut nieder. Die Mannschaft, die kaum etwas
+Eßbares hatte — denn der Schiffszwieback war voller Würmer — war so
+ermattet, daß sie den Tod als eine Erlösung aus diesem Jammer ansah.
+Die Schiffe verloren zweimal ihre Schaluppen, Anker, Takelage und waren
+ohne Deck und ohne Segel.« Zum Unglück waren die wurmzerfressenen
+Schiffe noch überdies seeuntüchtig.</p><br>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span></p>
+
+<figure class="figcenter illowp62" id="illu-043" style="max-width: 51.75em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-043.jpg" alt="bild">
+ </figure>
+
+<p class="p2">Erst im Februar 1503 schlug das Wetter um. Während Kolumbus an Bord
+blieb, erforschte sein Bruder das Land und fand überall reiche
+Goldspuren. Kolumbus wollte hier eine Niederlassung gründen; sein
+Plan wurde aber durch Indianer vereitelt, die die Spanier angriffen
+und sie zwangen, sich auf ihre Schiffe zurückzuziehen. Eine
+Karavelle blieb als seeuntüchtig am Lande zurück; mit den übrigen
+drei Schiffen trat Kolumbus<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> den Heimweg an. Es war Ende April. Auf
+weitere Entdeckungsfahrten konnte Kolumbus nicht ausgehen; er litt
+zu sehr unter den wilden Stürmen, die sich immer wiederholten und
+seinen Schiffen so zusetzten, daß er sich endlich gezwungen sah, um
+das nackte Leben zu retten, alle Schiffe auf den Strand von Jamaika
+laufen zu lassen. Die Schiffe, die bereits große Löcher hatten und
+deren Wände aussahen wie Honigwaben, füllten sich rasch bis zum Deck
+mit Wasser, so daß die Matrosen nur noch das Verdeck zum Aufenthalt
+benutzen konnten. Anfangs erwiesen die Indianer sich freundlich und
+lieferten Lebensmittel und Boote; später aber verweigerten sie dies,
+bis Kolumbus klugerweise eine gerade eintretende Mondfinsternis
+benutzte, um den abergläubischen Indianern mit dem Zorne des Himmels
+zu drohen. Das half denn auch. Dann galt es wieder, eine gefährliche
+Meuterei zu unterdrücken, die erst im Mai 1504 mit der Niederlage der
+Empörer endigte. Sechs Wochen später schlug die Stunde der Erlösung.
+Der Statthalter Ovando hatte von St. Domingo Hilfe geschickt, und im
+September kehrte Kolumbus endgültig in die Heimat zurück, um die Neue
+Welt nie wieder zu betreten. Ende November landete er in Kadix als ein
+Schiffbrüchiger.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Was war die Ernte dieses Lebens voller Mühen und Gefahren? Krankheit,
+Erniedrigung und Armut. In Kastilien besaß Kolumbus keinen Dachziegel;
+in Spanien war er auf das Wirtshausleben angewiesen, und er hatte
+nie die Mittel, seine Rechnungen zu bezahlen. Siech kehrte er heim;
+er hatte keine Freunde mehr. Niemand kümmerte sich um den armen
+Schiffbrüchigen; man stellte sich bloß, wenn man seinen Namen nannte.
+Er mußte am eigenen Leibe die bittere Wahrheit bestätigt finden,
+daß die Geschichte der Menschheit zum großen Teil die Geschichte
+menschlicher Niedrigkeit ist. Da er aufhörte, zu nützen, fing er an,
+lästig zu werden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span></p>
+
+<p>Der gottgesandte Vizekönig ist nun dem Bettler gleichgeachtet, denn
+der spanische König weiß plötzlich nichts mehr von all den verbrieften
+Versprechungen, die er Kolumbus gemacht hat. Man hat bald vergessen,
+daß er der Welt neue Hoffnungen, neue Ziele, neue Bestrebungen, neue
+und weitere Grenzen gegeben hat; daß er die physische Geographie und
+die Ethnographie bereichert; daß er das menschliche Denken vertieft und
+die Entwicklungsmöglichkeit des Menschen beträchtlich vergrößert hat.
+Man schenkt diesem stolzen Sieger — Mitleid. Man vergißt ihn selber
+rasch. Er stirbt am 20. Mai 1506 zu Valladolid; aber sein Tod geht
+eindruckslos vorüber.</p>
+<p>Was sterblich an ihm war, liegt seit 1796 im Dome zu Habana.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<div class="chapter">
+<h2>Michelangelos Leben.</h2>
+</div>
+
+<p>Welch seltsamer Art sind doch die Schauer, die wir beim Anblick eines
+uralten Palastes empfinden, in dem ein großer Mensch gelebt hat! Als
+ob irgend etwas von dem Geiste des längst Vermoderten noch an den
+Steinfliesen hafte, so leise treten wir auf, vorsichtig durch die
+gewölbten Hallen tastend, als hätten wir Furcht, den Toten aus seinem
+vielhundertjährigen Schlafe zu wecken.</p>
+
+<p>Hier ist ein Stück Stein aus der Mauer des Hauses, in dem Michelangelo
+Buonarroti seine bildhauerischen Wunder schuf. Der Stein zeichnet
+sich durch nichts von anderen Steinen aus. Und doch bewahre ich ihn
+pietätvoll auf und erkläre meinen Freunden mit wichtiger, frommer
+Miene: Hier ist ein Stück Stein aus der Mauer des Hauses, in dem
+Michelangelo gelebt hat .....</p>
+
+<p>Und selbst die Ironischen und Überlegenen lachen nicht; sie werden
+ernst und schweigsam, als weile Michelangelo unter uns.<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> Der
+künstlerisch empfindende Mensch kennt dieses reine Gefühl, das weder
+der Ehrfurcht vor den fünf Jahrhunderten entspringt, noch durch den
+Rausch erweckt wird, den der Name bewirkt. Ohne zum Götzenanbeter zu
+werden, fühlt man aber plötzlich alle kritischen Teufel in sich durch
+irgendeinen guten Engel besiegt, und der Verstand, dieser Maulwurf,
+ist vollständig überrumpelt von der Empfindung. Man sinkt hinunter in
+eine tote Epoche, die voller Glanz war und Größe. Man ist in einer
+kleinen Zeit allmählich allem Großen so fremd geworden, daß man beinahe
+erschrickt, wo man ihm begegnet. Und wo begegnete man ihm auf kleinem
+Raume häufiger, als in Florenz, der Stadt Leonardo da Vincis, Raffaels
+und Dantes? Man weiß, welch eine unerhörte Vereinigung von großer
+Kunst und Wissenschaft die Medici zu schaffen wußten, und daß viele
+der besten Namen der florentinischen Geschichte sich in einen kurzen
+Zeitraum zusammendrängen. Auch der Name Michelangelo ist darunter ....</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Er wurde am 6. März 1475 im toskanischen Städtchen Caprese, in der
+damaligen Republik Florenz gelegen, als Sproß eines alten Florentiner
+Adelsgeschlechtes geboren. Sein Vater, der Bürgermeister und Richter,
+ließ ihm bei der Geburt von den Sternkundigen das Horoskop stellen, und
+man fand, daß er unter einem glücklichen, aber auch verhängnisvollen
+Stern geboren sei.</p>
+
+<p>Nach abgelaufener Amtszeit kehrte der Vater auf sein Gut in Settignano
+zurück. Hier bekam der kleine Michelangelo die Frau eines Steinmetzen
+als Amme, die auch die Tochter eines Steinmetzen war; darum scherzte
+Michelangelo in späteren Jahren, er habe die Bildhauerkunst mit der
+Ammenmilch eingesogen. Als er heranwuchs und eine gelehrte Schule
+besuchte, benutzte er jede freie Zeit zum Zeichnen, obwohl der
+Vater ihn wegen dieser Nebenbeschäftigung heftig tadelte. Aber der
+künstlerische Drang in dem jungen Michelangelo war so stark, daß
+der Vater<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> nicht nur das Widerstreben aufgeben mußte, sondern sogar
+beschloß, den Sohn in der Malerei ausbilden zu lassen. Am 1. April
+1488 wurde der dreizehnjährige Michelangelo bei Domeniko Ghirlandajo,
+dem bedeutendsten Maler von Florenz, in die Lehre gegeben, um die
+Malerei zu erlernen. Für die Dienste, die er seinem Meister während der
+dreijährigen Lehrzeit leisten würde, sollte Michelangelo eine Vergütung
+von vierundzwanzig Gulden (etwa hundertfünfundsechzig Mark) bekommen.</p>
+
+<p>In den Lebensbeschreibungen Michelangelos wird viel erzählt von den
+zahlreichen Proben ungewöhnlicher Begabung, die der Lehrling ablegte.
+Besondere Bewunderung fand auch außerhalb der Werkstätte eine gemalte
+Nachbildung des heiligen Antonius, des berühmten Kupferstiches von
+Martin Schongauer. Auf dem Fischmarkte studierte der junge Michelangelo
+die opalisierenden Farben der Schuppen, Flossen und Augen der
+mannigfachen Fische, um auf seinen Bildern die Farben naturgetreu
+wiedergeben zu können. Und Michelangelo malte das, was er sah, in
+Form und Farbe so echt und naturwahr — heute würde man sagen: mit so
+erstaunlichem Naturalismus —, daß sein Meister eines Tages entzückt
+ausrief, daß der Lehrling mehr verstehe als sein Meister. Das geschah
+nämlich, als Michelangelo einmal, als Ghirlandajo an dem Fensterschmuck
+von S. Maria Novella arbeitete, das Malergerüst mit einigen darauf
+befindlichen Gehilfen abzeichnete. Von der großen Gewandtheit, die er
+sich in der Nachahmung alter Kupferstiche erwarb, machte Michelangelo
+bei der Ausführung seiner Studien und Einfälle später gern Gebrauch.</p>
+
+<p>Lorenzo de Medici, der Herrliche, empfand es um diese Zeit als einen
+Mangel, daß Florenz sich nur durch seine Maler, nicht aber auch durch
+seine Bildhauer auszeichnete. Darum richtete er in dem Garten seines
+Palastes eine Art Kunstschule ein, deren Leitung er einem Sohne des
+großen Bildhauers Donatello, dem Bildhauer Bertoldo übertrug, der
+zugleich Aufseher der<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> Antikensammlung war. Als Lorenzo sich nun an
+Ghirlandajo mit der Anfrage wandte, ob in seiner Werkstatt vielleicht
+einige junge Leute seien, die Lust hätten, die Bildhauerei zu erlernen,
+sandte ihm dieser einige seiner besten Schüler zu, darunter auch
+Michelangelo. Nachdem der junge Künstler durch seine ersten Tonmodelle
+schon die besondere Aufmerksamkeit Lorenzos erregt hatte, nahm er zum
+erstenmal einen Meißel zur Hand und versuchte sich an einem Stückchen
+Marmor, aus dem er eine grinsende Maske herausmeißelte. Zwischen den
+spöttisch verzogenen Lippen sah man die Zähne. Lorenzo betrachtete das
+Werk und bewunderte die Selbständigkeit und den Mut des Künstlers.
+Scherzhaft bemerkte er, der Kopf habe einen Fehler, denn alte Leute
+hätten kein so vollständiges Gebiß mehr; Michelangelo meißelte denn
+auch nachträglich mit kindlicher Gewissenhaftigkeit eine dem Leben
+nachgebildete Zahnlücke in den Mund der Maske.</p>
+
+<p>Lorenzo fand an dem Wesen des jungen Künstlers und an seiner Begabung
+einen so großen Gefallen, daß er ihn unter seine Hausgenossen aufnahm.
+Der Vater Michelangelos, der nur ein kümmerliches Einkommen hatte,
+erhielt zum Dank für seine Einwilligung ein Amt, und als er um eine
+frei gewordene Stelle beim Zollamt bat, übertrug Lorenzo sie ihm
+sofort, die Bescheidenheit des Wunsches mißbilligend: »Du wirst immer
+arm bleiben!«</p>
+
+<p>Michelangelo selbst erhielt ein monatliches Einkommen von fünf Dukaten
+und als Gunstbezeigung einen violetten Mantel.</p>
+
+<p>So lebte Michelangelo über drei Jahre (von 1489-1492) im
+Mediceerpalast. Er speiste mit den Söhnen des Stadtoberhaupts und
+bewegte sich in den bunten Gesellschaften der geistreichen Männer,
+die an diesem Hofe verkehrten. Zwei Marmorwerke, die Michelangelo in
+jener Zeit nach eigener Erfindung ausführte, das »Madonnarelief« in
+Donatelloscher Manier und »Der Kampf der Lapithen und Kentauren«,
+zeigen schon prachtvoll die starke Eigenart und das Genie
+Michelangelos. Die Ausführung der Körper ist so vollkommen, daß sie
+bei einem so jugendlichen<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> Bildhauer geradezu unbegreiflich erscheint.
+Schon seine anspruchsvollen Zeitgenossen sagten, besonders vom
+Kentaurenkampf, mit Recht, daß man nicht das Werk eines jungen Mannes,
+sondern das eines fertigen und reifen Meisters zu sehen glaube, der in
+seiner Kunst eine ebenso große Erfahrung wie Durchbildung genossen habe.</p>
+
+<p>Die bewunderten Fresken des Masaccio waren für Michelangelo wie für
+das ganze damalige Künstlergeschlecht eine reine Quelle der Belehrung.
+Michelangelo zeichnete die Vorbilder aber mit größerem Geschick nach,
+als irgendeiner der anderen. Der Neid erwachte, und die Feindseligkeit
+gegen Michelangelo wurde noch besonders dadurch geschürt, daß er so
+unklug war, sich über die Fehler seiner Genossen lustig zu machen.
+Die Folge davon war, daß ihm einer eines Tages einen so heftigen
+Faustschlag ins Gesicht gab, daß sein Nasenbein zertrümmert wurde.
+Der Täter, Pietro Torrigiano, wurde zwar aus Florenz verbannt, aber
+Michelangelo blieb zeitlebens entstellt.</p>
+
+<p>Als Lorenzo, der Herrliche, im April 1492 starb, war es für
+Michelangelo mit dem sorgenfreien, anregenden und glanzvollen Leben zu
+Ende. Er kehrte in sein Vaterhaus zurück. Er kaufte einen Marmorblock,
+der unbenützt dalag, und meißelte einen überlebensgroßen Herkules,
+der im Strozzipalast aufgestellt wurde. 1529 wurde das Bildwerk
+verkauft und an König Franz I. von Frankreich geschickt. Im siebzehnten
+Jahrhundert stand es in einem Garten von Fontainebleau, der 1713
+zerstört wurde, und seitdem blieb auch der Verbleib des Herkules
+unbekannt. Verschwunden ist auch ein kleines hölzernes Kruzifix, das
+Michelangelo 1494 ausgeführt hatte und das auf dem Hochaltar der
+Kirche San Spirito aufgestellt worden war. Der Prior bewies dem jungen
+Michelangelo seine Dankbarkeit, indem er ihm im Kloster mehrere Zimmer
+zur Verfügung stellte, wo er ungestört seinem Wissensdrang Genüge tun
+und durch das Zergliedern von Leichen sich eine gründliche Kenntnis vom
+Bau des menschlichen Körpers verschaffen konnte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span></p>
+
+<p>Pietro de Medici, Lorenzos Sohn, hatte nicht die glänzenden
+Eigenschaften des Vaters geerbt; aber auch er setzte Michelangelo
+wieder in seine vorige Stellung ein.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es geschah während des eisigen Januars des Jahres 1494 ....</p>
+
+<p>Vor dem Hause des alten Buonarroti, in einer dunklen und einsamen
+Gasse, standen eines Nachts drei Jünglinge in warme Mäntel gemummt.
+Trotzdem zitterten sie vor Kälte, denn es war ein grimmiger Frost.
+Der Wind umtobte stöhnend und pfeifend das schlafende Haus; aus einem
+einzigen Fenster nur fiel ein spärlicher Lichtschein auf die Straße.
+Zum zweitenmal ergriff nun einer der Jünglinge den bronzenen Türklopfer
+und pochte laut und wütend an das Tor. Endlich bemerkte man, wie das
+Licht sich zu bewegen begann, wie es aufzuckte und hin und her irrte
+und wie dann das erleuchtete Fenster dunkel wurde. Zugleich vernahm
+man Schritte im Flur, und bald darauf wurde die morsche Eichentür
+aufgeschlossen. In ihrem Rahmen stand ein kaum mittelgroßer Jüngling,
+der eine Windleuchte über seinem Kopfe hielt, mit der er auf die Straße
+hinausleuchtete.</p>
+
+<p>»Wer da?« fragte er barsch.</p>
+
+<p>»Freunde!« riefen drei Stimmen zugleich und lachten. Michelangelo
+leuchtete ihnen ins Gesicht und erkannte nun Baccio, Gentile und
+Mariotto.</p>
+
+<p>»Ich kenne euch,« antwortete Michelangelo langsam, als wollte er sagen:
+»Ihr seid keineswegs meine Freunde.«</p>
+
+<p>Er hatte sie am Hofe Lorenzos, seines jüngst verstorbenen Schutzherrn,
+kennen gelernt. Oft war er mit ihnen in den Prachträumen der
+mediceischen Paläste zusammengetroffen, in den Lorbeerhainen und
+Piniengängen von Carregi, in deren tiefen Schatten er an die Götter der
+Hellenen dachte; in den wundervollen Gärten der Villa Ambra, wo die
+Tage Platos von neuem heraufzukommen schienen.</p><br>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span></p>
+
+<figure class="figcenter illowp56" id="illu-051" style="max-width: 47.3125em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-051.jpg" alt="bild">
+ </figure>
+
+<p class="p2">»Was wollt ihr von mir?« fragte Michelangelo endlich.</p>
+
+<p>»Beim Zeus!« rief Baccio beleidigt aus, »vor allem einen freundlicheren
+Empfang!«</p>
+
+<p>»Ruhe!« tönte die ernste Stimme Mariottos dazwischen. »Die alten
+Zeiten Lorenzos kehren wieder nach Florenz zurück,« sagte er, zu
+Michelangelo gewendet. »Piero folgt dem Beispiel seines Vaters. Mit dem
+kommenden Lenz halten nicht nur die Rosen ihren Einzug, sondern auch
+die vertriebenen Grazien. Es regt sich neuer Kunstsinn im Hause der
+Mediceer.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span></p>
+
+<p>»Piero de Medici liebt die Kunst,« fügte Gentile hinzu, »und eben darum
+weiß er auch dich zu schätzen. Es würde ihn stolz machen, sagte er
+sogar, wenn er dich an sein Haus fesseln könnte.«</p>
+
+<p>Michelangelo wandte sich schweigend und mit Verachtung ab.</p>
+
+<p>»Es ist kalt,« sagte er, »was wollt ihr also von mir?«</p>
+
+<p>Mariotto nahm das Wort: »Piero von Medici schickt nach dir. Er hält
+heute Hof im Pittipalaste. Inmitten von Gesang, Musik und Lärm hat
+er deiner gedacht. Er hat einen Wunsch an dich. Da haben wir uns
+angeboten, dich herbeizuholen. Also ziere dich nicht und komm!«</p>
+
+<p>Michelangelo rührte sich nicht und schwieg.</p>
+
+<p>»Hoffentlich erkennst du die Ehre,« sagte Baccio noch immer mürrisch;
+»du weißt, wer Piero ist, und wir sind keine Diener.«</p>
+
+<p>»Ich gehe nicht,« antwortete Michelangelo kurz. »Ich danke euch und
+ich danke Piero von Medici. Sagt ihm, daß ich krank sei, daß ich über
+einem Buche grüble, das seines Vaters Freund, der treffliche Meister
+Poliziano, geschrieben.«</p>
+
+<p>»Derselbe Poliziano,« rief Gentile aus, »weilt zur Stunde im Palaste
+und trug mir auf, dich in seinem Namen zu grüßen.«</p>
+
+<p>»Willst du Piero mit deiner Weigerung beleidigen?« fragte Mariotto.</p>
+
+<p>»Poliziano in Florenz? Im Pittipalaste? O!« Sein Antlitz heiterte sich
+auf; er stellte die Windleuchte auf das Gesimse. »Tretet ein!« bat
+Michelangelo; »ich gehe sofort mit euch!« und er eilte ins Haus, sich
+anzukleiden.</p>
+
+<p>»Welch ein empörender Stolz!« brummte Baccio; »er spricht mit uns, als
+wären wir Lakaien! Als würde er uns eine Ehre erweisen!«</p>
+
+<p>»Still!« warnte Mariotto, denn Michelangelo kehrte eben zurück,
+den Kopf mit einem Hute bedeckt und in den veilchenblauen Mantel
+eingehüllt, den Lorenzo ihm vor zwei Jahren geschenkt hatte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span></p>
+
+<p>»Gehen wir also!« forderte Gentile auf; »ich bin vor Kälte ganz
+erstarrt.« Der Wind heulte und große Schneeflocken wirbelten in der
+kalten Luft, die um die Köpfe der vier Jünglinge tanzten.</p>
+
+<p>»Komm schneller!« drängte Gentile; »wir haben die Diener unweit des
+Flusses mit Laternen warten lassen, weil wir deine stille Gasse nicht
+aus nächtlichem Schlafe wecken wollten. Wir dachten an das strenge
+Gesicht deines Vaters, und ich hoffe, wir haben ihn nicht aus dem
+Schlafe geweckt.«</p>
+
+<p>Sie schritten eilig durch die dunklen, winkligen Gassen zwischen
+schweigenden Palästen dahin, die in der dicken Finsternis doppelt
+düster aussahen. Am Lugarno warteten die Diener mit Fackeln und
+Stocklaternen, die gespenstige Lichtreflexe auf die Umgebung warfen und
+riesenhafte Schatten erzeugten.</p>
+
+<p>Der Arno rauschte und brauste, und am jenseitigen Ufer sah man die
+Kirche San Miniato sich wie ein finsterer Koloß vom dunklen Himmel
+abheben. Der Weg führte über die alte Brücke, wo sich niedrige Häuschen
+aneinanderschmiegten, als wollten sie sich gegenseitig vor dem Umfallen
+bewahren. Noch wenige Gassen, und Michelangelo stand mit seinen
+Gefährten vor dem riesenhaft aufstrebenden Palaste Pitti. Die Diener
+steckten die Fackeln in die eisernen Arme, die an den Eingangspfeilern
+befestigt waren, die im Augenblick blutigrot beschienen wurden. Eine
+Anzahl von Pferden stampfte ungeduldig auf dem Vorplatz, der fröhlichen
+Gäste Pieros harrend. Aus dem Innern des Palastes scholl von Zeit zu
+Zeit Fanfarenlärm heraus, Lachen und Gesang, der sich mit dem Heulen
+des Windes mischte.</p>
+
+<p>»Endlich!« rief Baccio aus; »endlich sind wir am Ziele.« Sie
+schüttelten die Schneeflocken von ihren Mänteln und traten rasch in den
+Palast ein. Der Flur war hell erleuchtet; im taghellen Hofe rauschte
+ein Springbrunnen, während der Hintergrund von schwarzen Zypressen,
+Zedern und düsteren Pinien ausgefüllt wurde.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span></p>
+
+<p>Michelangelo betrachtete das seltene Schauspiel des Schneewirbels, aber
+seine Freunde zogen ihn fort, die majestätischen Treppen empor. Sie
+traten in einen großen Saal, der mit kostbaren Teppichen geschmückt
+war. In der Nähe des Kamins, in dem ein großes Feuer loderte, saß Piero
+von Medici und unterhielt sich lebhaft. Er nickte Michelangelo gnädig
+zu, hieß ihn kurz willkommen, wandte sich dann aber wieder sofort
+seiner Unterhaltung zu. Michelangelo beachtete den kühlen Empfang
+nicht; übrigens antwortete er ebenso zurückhaltend und nachlässig. Er
+wandte sich sofort dem Saale zu, und es dauerte auch nicht lange, bis
+er den ehrwürdigen Kopf des Dichters Poliziano entdeckt hatte, der
+einsam in der Nische eines hohen Fensters saß. Sofort war Michelangelo
+an seiner Seite. Sie begrüßten einander sehr herzlich und beide waren
+tief gerührt; offenbar dachten sie beide an die zusammen verlebten
+sonnigen Tage unter Lorenzo, dem Herrlichen. Sie seufzten auf und
+schwiegen einen Augenblick. Dann rückten sie einander näher, denn der
+Lärm, der im Saale herrschte, ließ die beiden ihre Einsamkeit doppelt
+empfinden. Sie konnten sich vertraulich miteinander unterhalten, ohne
+befürchten zu müssen, daß man sie stören würde.</p>
+
+<p>»Wie lange habe ich dich nicht gesehen,« sagte Poliziano freudig bewegt.</p>
+
+<p>»Und wie habe ich mich nach Euch gesehnt!« entgegnete Michelangelo.
+»Ihr wißt am besten, was Ihr mir wart. Ihr seid der Erste gewesen, der
+mir Mut und Anregung zur selbständigen Arbeit gegeben hat. Aus den
+Quellen Eures Geistes und Eures Wissens durfte ich Unwissender schöpfen
+und meinen Durst löschen.«</p>
+
+<p>Poliziano lächelte und winkte mit der Hand das Lob ab. »Wäre der
+göttliche Funke nicht in dir gewesen, dann wären meine Anregungen
+vergeblich gewesen. Die Flamme wäre dann nicht ausgebrochen, mein
+lieber Michelangelo. Du warst der einzige unter Hunderten, ja unter
+einem ganzen Geschlecht,<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> der für meine Worte empfänglich war.
+Empfänglich sein für das Schöne, das ist alles, Michelangelo. Du bist
+es im Übermaße. Wundere dich darum nicht, daß du so viele Neider hast.«</p>
+
+<p>»Sie sagen, daß ich die Schönheit nicht sehe,« erwiderte der Jüngling
+düster und voll Gram.</p>
+
+<p>»Da du die Schönheit wiedergibst, wie <em class="gesperrt">du</em> sie siehst und
+fühlst, und nicht wie andere sie empfinden, da du nicht die Schönheit
+nachahmst, die sie gewöhnt sind, zu sehen, sondern die, die in deiner
+<em class="gesperrt">eigenen</em> Seele lebt, so gibst du die einzige und wahre Schönheit,
+die der Mensch verehren sollte.«</p>
+
+<p>Die Mienen Michelangelos heiterten sich auf.</p>
+
+<p>»Ihr kennt mich so gut!« rief er entzückt aus. »Was ich unbestimmt
+und unklar fühle, das vermögt Ihr auszusprechen. Ihr habt gut
+begriffen, was ich in mir selber kaum verstehe. Ein Beweis, wie Ihr mir
+nachzufühlen vermöget, ist Euer Gedicht, das ich vor einer Stunde von
+neuem gelesen. Das Gedicht, das die ewig junge griechische Sage mit
+neuem Leben erfüllt. Ich meine Euren Orpheus, Meister Poliziano!«</p>
+
+<p>Der Dichter lächelte traurig. »Als ich das Gedicht schrieb, war ich so
+jung und so mutig wie du. O, ihr Adlerschwingen der Jugend! Ihr kühnen,
+vermessenen Träume! Damals schien es mir ein leichtes, emporzufliegen
+aus der drückenden Enge unserer Kirchspiele und mit einem Sprung auf
+die Fluren der echten Tragödie hinüberzusetzen. Stolzer Traum! Ich
+strebte der Sonne zu, aber meine Schwingen waren zu schwach. Ah, ich
+war vielleicht ein Ikarus, aber als ich der Sonne zu nahe kam, fiel
+ich herab. Welch ein Riesenkampf ist das Schaffen des Künstlers! Die
+Eingebung entzündet uns wie ein Blitzschlag. Und ist es jemals möglich,
+aus diesem göttlichen Feuer, das in uns zu lodern begonnen hat, als
+Sieger hervorzugehen?«</p>
+
+<p>»Aber hat der Bildhauer nicht einen noch weit schwierigeren Kampf
+mit der toten Masse zu bestehen, die er beleben will? Wenn er einem
+chaotischen Steinklumpen gleichsam eine Seele<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> einhauchen will? Ihn von
+Tod und Nichtsein erlösen und zu Leben und Sein führen will? Welch ein
+mühsames Ringen, durch einen formlosen Stein zu den Herzen der Menschen
+zu sprechen! Sie an einem Stein die ewigen Gesetze der Schönheit
+erkennen lehren! Ich glaube nicht, daß die Griechen in meinem Sinne
+Sieger waren über die tote Masse. Ihren Bildwerken fehlt die Seele. Sie
+sind starr und kalt und ruhig. Der Frost der Materie weht mich daraus
+an. Aber muß Schönheit nicht erwärmen? Muß sie nicht leuchten und leben
+und gleichsam zu unserer Seele sprechen?«</p>
+
+<p>»Das wirst du ihr geben,« sagte Poliziano prophetisch zu Michelangelo,
+der sich in Feuer gesprochen hatte; »du wirst der Schönheit die Poesie
+des Schmerzes leihen.«</p>
+
+<p>»Ich verstehe nicht recht,« entgegnete Michelangelo; seine Augen wurden
+abgrundtief und blickten in die Weite. Er atmete heiß und schwer wie im
+Fieber. »Erklärt es mir,« bat er leise den Dichter. Doch da rief ihn
+gerade Piero von Medici an, der am geöffneten Fenster stand und über
+den Hof in die Gärten hinaussah.</p>
+
+<p>»Bei Venus und Bacchus!« rief er. »Wie lügt heute nacht das schöne
+Florenz. Seht nur, meine Herren, wie sich die Stadt mit frecher
+Anmaßung in ein jungfräuliches Gewand hüllt. Sie scheint wie aus Marmor
+gemeißelt. Welch eine schöne Statue müßte sich aus diesem geschmeidigen
+Material formen lassen, mein lieber Buonarroti; das wäre in der Tat
+eine Aufgabe für dich! Das Material für deine Statue ist direkt vom
+Himmel gefallen; nie wirst du reineren Stoff verarbeiten. Willst du mir
+eine große Freude bereiten, dann geh in den Hof hinab und forme uns
+irgendeine göttliche Gestalt aus dem Schnee.«</p>
+
+<p>»Welch ein kindischer Einfall!« murmelte Poliziano mit einem Blick auf
+den verdüsterten Michelangelo.</p>
+
+<p>Piero von Medici hatte die Worte Polizianos gehört; aber er ließ es
+sich nicht merken, obwohl er im Innern sehr erzürnt<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> war. »Meister
+Poliziano,« sagte er, »bin ich nicht ein Philosoph? Mit meiner Idee
+einer Statue aus Schnee will ich den Künstlern ja nur sagen, wie
+vergänglich ihre Werke sind. Sie träumen alle von der Unsterblichkeit.
+Der Schnee da unten predigt aber: <em class="gesperrt">nütze den Augenblick</em>! Wer
+weiß, wo du morgen bist!«</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowp42" id="illu-057" style="max-width: 28.625em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-057.jpg" alt="bild">
+ </figure>
+
+<p class="p2">»Man muß zwischen Künstlern einen Unterschied machen, wie zwischen
+Menschen,« antwortete Poliziano trocken. »Jeder nimmt gewöhnlich nur
+sich selber als Maßstab für die Dinge und Mitmenschen. Die echte Größe
+aber, das Genie, das ist ein Gottesgeschenk.«</p>
+
+<p>»Ihr habt recht,« bemerkte Piero und schwieg ärgerlich.</p>
+
+<p>Inzwischen hatte sich Michelangelo, ohne aufzuhorchen, dem Fenster
+genähert und schaute verzückt in die Gärten. Das Schneegestöber hatte
+nachgelassen; am Himmel flimmerten die Sterne<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> wie Goldstaub, und die
+Erde leuchtete märchenhaft weiß. Ein jeder Baum schien aus Marmor
+gehauen. Der Anblick riß den Künstler mit fort. Wortlos verließ er
+den Saal, um zu vollenden, was Piero in kindischer Launenhaftigkeit
+gewünscht. Die Zauberpracht dieses überirdischen Bildes reizte ihn zu
+eigenem Schaffen. Hier sah er eine gleichsam verzauberte Welt, die weiß
+und starr und kalt dem Himmel ins Angesicht sah; eine Welt, die nach
+Licht und Sonne zu rufen schien, und nach einem Liede, das sie aus
+diesem Bann erlöse.</p>
+
+<p>»Orpheus, der Sänger!« ging es blitzartig durch Michelangelos Kopf.
+Er befahl, rasch den Schnee zusammenzukehren und ihn an einer
+bestimmten Stelle aufzuhäufen. Und während Pietro de Medici sich oben
+im Saale unterhielt, und längst seine Bitte vergessen haben mochte,
+arbeitete Michelangelo bei dem rötlichen Licht unzähliger Fackeln mit
+fieberhaftem Eifer an seinem Werke.</p>
+
+<p>Seine Seele war noch erfüllt von den Gedanken, die die Unterredung
+mit Poliziano in ihm geweckt hatte. Der Schnee war fest genug und
+ließ sich von der begnadeten Hand Michelangelos gefügig formen und
+meistern. Den unteren Teil der Statue legte Michelangelo breit an
+und verdeckte die große energische Bewegung des Fußes mit einem bis
+zur Erde herabwallenden Gewande. Der mächtige Schritt des Orpheus
+sollte die Entschlossenheit des Sängers andeuten, trotz aller bereits
+erlebter Schrecken doch noch einmal in die Unterwelt einzudringen.
+Seine erhobenen Hände hielten die Leier, als wollten sie noch einmal
+in die Saiten greifen. Sein Antlitz, das der Künstler scharf und
+bis ins kleinste ausarbeitete, war ernst; es sprach aus ihm die
+Kraft des Liedes und ein Mut, der vor nichts zurückzuschrecken
+schien. Michelangelo modellierte mit Liebe und Eifer, als würde er
+seinen Orpheus in Erz für die Ewigkeit schaffen, und nicht nur zur
+Befriedigung einer Augenblickslaune. Als er die Arbeit beendet hatte,
+trat er einige Schritte zurück und seufzte tief auf.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span></p>
+
+<p>»Nein, es ist nicht das, was ich gewollt habe,« rief er endlich
+unzufrieden aus. »Aus diesen Zügen spricht eine frostige Kälte, wie
+aus dem Schnee. Ich hab' es anders geträumt! Das ist wieder diese
+hellenische Starrheit, diese Todesruhe! So hätten ihn die Künstler in
+Athen dargestellt. Aber sieht so ein Mensch aus, der die vernichtenden
+Worte des Schicksals vernommen hat?«</p>
+
+<p>Er stand unzufrieden und wortlos vor seinem Werk. Die Fackeln
+erloschen, der Tag begann heraufzudämmern. Der Himmel rötete sich
+leicht, und endlich stieg die Sonne in ihrer goldenen Majestät am
+Horizont empor. In den verschneiten Gärten blitzte und flimmerte es,
+als sei silberner Puder überallhin verstreut.</p>
+
+<p>In dem Augenblick entstand auf der Terrasse hinter seinem Rücken Lärm.
+Piero von Medici war mit dem ganzen Hofstaat herausgetreten, und alle
+brachen beim Anblick der wundervoll beleuchteten und glitzernden Statue
+des Orpheus in begeisterte Bewunderung aus.</p>
+
+<p>Poliziano eilte die Stufen herab und umarmte schweigend den Künstler.</p>
+
+<p>»Nein, nein,« wehrte Michelangelo bitter lächelnd ab; »es ist
+mißlungen. In seinem Antlitz spiegelt sich nicht das, was er in seinem
+Herzen fühlt. Das ist kein Mensch; das ist nur eine Idee.«</p>
+
+<p>»Aber eine göttliche Idee,« warf Poliziano ein.</p>
+
+<p>»Aber kein Mensch!« wiederholte Michelangelo schmerzlich. »Wo ist die
+Verzweiflung, die wie eine Natter an seinem Herzen nagt? Wo ist der
+Schmerz, der ihn vernichtet? Nein, das ist nicht Orpheus, das ist eine
+starre Leiche. Ich will das Gespenst nicht länger sehen.«</p>
+
+<p>Und Michelangelo verbarg seinen Kopf an der Brust Polizianos, ohne auf
+ein Wort des Trostes zu hören. Über seinem Kopfe tönten die Lobeshymnen
+noch weiter; aber alles Lob vergrößerte nur seinen Schmerz.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span></p>
+
+<p>»Die törichten Blinden,« stöhnte er verzweifelt; »sie sehen offenbar
+nicht, daß dieser Orpheus bloßer Schnee in Menschengestalt ist.«</p>
+
+<p>Da erscholl wie aus einer Kehle ein neuer Ausruf von der Terrasse, und
+Poliziano zuckte zusammen. Unwillkürlich hob Michelangelo den Kopf und
+sah auf seine Statue. Sie hatte sich bewegt; die Sonne hatte das Wunder
+vollbracht. Sie bewarf die Statue mit Millionen ihrer heißen Pfeile.
+Sie leckte den Schnee von den Bäumen und Büschen. Von den Pinien und
+Oliven tropfte es unaufhörlich; in Bächen lief der geschmolzene Schnee
+von den Dächern herab; er zerrann auf dem Grase wie ein Traum. Auch der
+Orpheus wurde von den Strahlen der Sonne totgeküßt.</p>
+
+<p>Die untere Hälfte der Statue stand noch unbeweglich da; der feste
+Schritt des Orpheus und sein Gewand hatte noch keinen Schaden gelitten.
+Aber Kopf und Brust waren verwundet. Seine Arme sanken zu beiden
+Seiten wie erschlafft herab, die Leier entfiel seinen Händen. Der Kopf
+neigte sich nach rückwärts, das Kinn gab nach, so daß sich der Mund
+leicht öffnete und sich in eine krumme, nach unten gebogene Linie
+verwandelte. Die Augen, die ihre bestimmten Umrisse verloren, schienen
+sich wie in großem Schmerz zu schließen. Und die Schärfe aller gleich
+genau angedeuteten Gesichtszüge milderte sich während des Tauens zu
+einem merkwürdigen Einklang. Eine Lebensregung schien durch den Schnee
+zu gehen, ein belebender Funke schien die Statue erwecken zu wollen.
+Nun glaubte man wirklich, Orpheus zu sehen, von der Verzweiflung
+zerknirscht, von Schmerzen zerwühlt, den Tod im Herzen, aber doch noch
+aufrecht stehend, ein leidender, atmender Held, den man sterben sieht.</p>
+
+<p>Michelangelo sah wie gebannt auf sein Werk. Ein freudiges Lächeln
+umspielte seine Lippen, und mächtig bewegt drückte er Poliziano die
+Hand. »Endlich sehe ich klar, was ich dunkel geahnt!« flüsterte er;
+»nun weiß ich, was meinem Orpheus gefehlt hat<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> und was von heute
+an keiner meiner Schöpfungen mehr fehlen soll: <em class="gesperrt">der seelische
+Ausdruck</em>! Wozu diente wohl alle äußere Schönheit, wenn sie nicht
+die <em class="gesperrt">inneren</em> Vorgänge verkünden würde. Dank dir, o Sonne, du hast
+mich Großes gelehrt!«</p>
+
+<p>»Die Sonne, die dir den rechten Weg gewiesen, das ist dein eigenes
+Gefühl, dein eigener Geist,« sagte Poliziano. »Ja, du hast heute etwas
+Großes gefunden — <em class="gesperrt">dich selbst</em>! Nun darfst du hoffen, zu siegen.
+Wie weit wirst du die andern überragen! Glück auf den Weg! Und doch muß
+ich dich beklagen, mein armer Freund. Auf der Höhe steht man einsam,
+und Größe erweckt Haß und Neid. Alles verzeiht dir die Menge, nur
+nicht, daß du über ihr stehst, daß du dich von ihr ausschließest. Du
+wirst dein ganzes Leben lang eine Dornenkrone tragen müssen.«</p>
+
+<p>Noch ehe Poliziano zu Ende gesprochen hatte, sank die Statue dröhnend
+zu Boden. Nichts blieb von ihr übrig, als ein formloser Klumpen rasch
+zerfließenden Schnees. Ein Aufschrei des Mitleids und Bedauerns kam von
+der Terrasse her, dann aber erscholl Gelächter, aus dem die fröhliche
+Stimme Pieros herausklang. »Sieh,« rief er laut herab, »die Belehrung,
+die ich dir versprochen habe, ist dir nun zuteil geworden. Die Werke
+des Künstlers vergehen, wie der Schnee vor der Sonne.«</p>
+
+<p>»Ja, eine große Belehrung ist mir zuteil geworden,« antwortete
+Michelangelo, mit dankbarem Lächeln zum Himmel emporblickend. »Nun weiß
+ich über den Stoff zu siegen und ihn zu beseelen. Nun soll man aus
+meinen Werken den Pulsschlag des Lebens fühlen.«</p>
+
+<p>Und versunken in seine Gedanken ging er von dannen. Von niemand hatte
+er sich verabschiedet; man vergaß ihn bald. Poliziano trat mit ihm auf
+den Platz hinaus und sah ihm nach, wie er allein durch die Gassen von
+Florenz dahinschritt, um seinen großen Ideen und Werken nachzuhängen,
+die er nunmehr schaffen sollte. Es war wahr: er hatte sich selbst
+gefunden .....</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Florenz ertrug die Herrschaft des anmaßenden Piero nicht lange. Schon
+im November 1494 wurden die Mediceer vertrieben. Michelangelo ging
+dem Ereignis aus dem Wege und begab sich nach Venedig und dann nach
+Bologna, wohin auch die Mediceer geflüchtet waren. Hier, wo sich der
+Stadtvorsteher Aldovrandi seiner angenommen und ihm Arbeit verschafft
+hatte, blieb Michelangelo bis zur Mitte des Jahres 1495 und kehrte
+dann wieder nach Florenz zurück, zur Zeit, als gerade der fanatische
+Prediger Savonarola an der Spitze des Volkes stand.</p>
+
+<p>Unter anderen Bildwerken, die Michelangelo jetzt ausführte, befand sich
+auch ein schlafender Liebesgott. Auf Anraten eines schlauen Kaufmannes
+gab Michelangelo diesem Marmorwerk künstlich ein antikes Aussehen
+und es wurde dann auch als ein <em class="gesperrt">eben ausgegrabenes</em> Bildwerk an
+den Kardinal Riario nach Rom verkauft. Der Händler hatte zweihundert
+Dukaten dafür bekommen; an Michelangelo lieferte er aber nur dreißig
+ab; so wurden der Kardinal <em class="gesperrt">und</em> Michelangelo betrogen. Aber auch
+dieser Betrug zeitigte zufällig Gutes. Denn als der Kardinal erfuhr,
+daß Michelangelo der Schöpfer des Kupido sei, machte er zwar den
+Handel rückgängig, aber er veranlaßte Michelangelo gleichzeitig zur
+Übersiedelung nach Rom. Im Juni 1496 kam er dort an und wohnte beim
+Kardinal, wo er zunächst ein ganzes Jahr beschäftigungslos zubringen
+mußte, obwohl man ihm reiche Aufträge versprochen hatte.</p>
+
+<p>Bald darauf machte er aber die Bekanntschaft des römischen Edelmanns
+Jacopo Galli, in dessen Auftrag Michelangelo zwei lebensgroße
+Marmorbildnisse, einen »Kupido« und einen »Bacchus« ausführte. Galli
+verschaffte dem jungen Meister auch einen Auftrag von dem französischen
+Gesandten in Rom, für den Michelangelo jene wundervolle verklärte
+»Pietà« meißelte, die sich jetzt in der nach ihr benannten Capella
+della Pietà befindet.</p>
+
+<p>Während aber Michelangelo in Rom unsterbliche Werke schuf, führte sein
+Vater, der durch die Vertreibung der Mediceer<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> sein Amt verloren hatte,
+in Florenz ein kümmerliches Dasein. Sehnsüchtig harrte er auf die
+Heimkehr des Sohnes, der den Vater von Rom aus kräftig unterstützte.
+»Ihr mögt mir glauben« — schrieb er nach Hause —, »daß auch ich
+Ausgaben und Mühe habe; aber was Ihr von mir verlangen werdet, das
+werde ich Euch schicken, und wenn ich mich als Sklaven verkaufen müßte.«</p>
+
+<p>In der Tat sorgte Michelangelo nach der Vollendung der Pietà auch
+für seine jüngeren Brüder Buonarroto und Giovan Simone, indem er
+ihnen zur Gründung einer kleinen Wollstoffabrik verhalf. 1501 kehrte
+Michelangelo, dem Drängen seines Vaters nachgebend, nach Florenz
+zurück, wo er zunächst den Auftrag erhielt, für eine Kapelle im Dome
+zu Siena fünfzehn kleine Heiligenfiguren auszuführen, dann aber von
+den Vorstehern des Dombaues zu Florenz vor die erste Riesenaufgabe
+gestellt wurde: aus einem bereits behauenen Block, der schon
+fünfunddreißig Jahre lang unberührt dalag, einen »David« von neun Ellen
+Höhe auszumeißeln. Der Auftrag war um so schwieriger, als der erste
+Bildhauer, der sich daran gemacht hatte, die Aufgabe zu lösen, an ihr
+gescheitert war. Er hatte aber dem Marmorblock bereits bestimmte Formen
+gegeben, und an diese war Michelangelo nun gebunden. Im September 1501
+machte sich Michelangelo mutig an die Arbeit, und Anfang 1504 wurde das
+hundertachtzig Zentner schwere Bildwerk mit ungeheurem Pomp enthüllt.</p>
+
+<p>Während der drei Jahre hatte Michelangelo aber noch andere Arbeiten
+ausgeführt; so einen zweiten lebensgroßen David als Sieger mit dem
+Haupte des Goliath unter den Füßen; ferner: zwei Madonnenreliefs in
+Rundformat, einen sterbenden Adonis und einige Gemälde. 1505 folgt die
+Madonnenmarmorgruppe — eine Bestellung flandrischer Kaufleute —, die
+in der Liebfrauenkirche zu Brügge steht.</p>
+
+<p>Michelangelo, ein dreißigjähriger Mann, stand jetzt in dem Rufe des
+ersten Bildhauers der Welt. Und als er sich eben anschickte, mit
+dem größten Maler der Zeit, dem dreiundfünfzigjährigen<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> Leonardo
+da Vinci, um die Siegespalme zu streiten, wurde er inmitten der
+Ausführung seiner Arbeit, die die Pisanerschlacht darstellen sollte,
+vom Papst Julius II. nach Rom berufen, damit Michelangelo ihm schon
+bei Lebzeiten ein Grabmal baue. Der Plan war mit außerordentlicher
+Pracht erdacht. »Ich bin des gewiß,« schreibt Michelangelo am 2. Mai
+1506 an San Gallo nach Rom, »wird es errichtet, so hat es in der
+ganzen Welt nicht seinesgleichen.« Michelangelo kaufte in Karrara für
+tausend Dukaten Marmorblöcke, und da ihn die Ungeduld nicht warten
+ließ, bis die Steinberge nach Rom geschafft waren, begann er gleich
+in den Marmorbrüchen ein paar Figuren in Arbeit zu nehmen, an denen
+er zunächst acht Monate arbeitete. 1506 wurden die Blöcke auf dem
+Petersplatze in Rom abgeladen; sie hätten hingereicht, einen Tempel
+daraus zu erbauen. Und die kolossale Größe des Werkes war denn auch
+mit schuld daran, daß es nicht zustande kam. Die Peterskirche, in
+der es aufgestellt werden sollte, war zu klein, und abergläubische
+Zwischenredereien trugen ebenfalls dazu bei, daß der Papst den Gedanken
+an das Grabmal ganz fallen ließ. Statt dessen sollte Michelangelo die
+Decke der vatikanischen Kapelle ausmalen, die Sixtus IV. hatte erbauen
+lassen. Michelangelo, der diesen Auftrag nicht übernehmen wollte, zog
+sich dadurch die Ungunst des Papstes zu, flüchtete nach Florenz, ward
+aber wieder zurückgerufen und in Gnaden in Bologna aufgenommen, wo der
+im Kampf gegen Cesare Borgia siegreiche Papst weilte, nachdem er sich
+die Stadt unterworfen und tributpflichtig gemacht hatte.</p>
+
+<p>Michelangelo fertigte hier in den nächsten drei Jahren eine
+Kolossalerzstatue von Julius II. an. Der Papst hatte tausend Dukaten
+dafür bezahlt; aber als Michelangelo mit seiner Arbeit fertig war und
+seine Auslagen abgerechnet hatte, besaß er von den tausend Dukaten
+noch etwa vier, obwohl er in Bologna in recht kärglichen Verhältnissen
+gelebt hatte. Nach der Enthüllung dieses Erzbildes eilte Michelangelo
+sofort zu seinen hilfsbedürftigen<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> Angehörigen nach Florenz zurück;
+aber da er jetzt in den Diensten des Papstes stand, mußte er bald
+wieder nach Rom zurückkehren und trotz seines inneren Sträubens mit der
+Ausmalung der Kapelle beginnen. Und so vollbrachte Michelangelo dies
+Werk, das berühmte sogenannte Sixtinische Deckengemälde, in dem er das
+Herrlichste und Wunderbarste schuf, was die Monumentalmalerei überhaupt
+hervorgebracht hat; eine so schöne und gewaltige Schöpfung, wie sie in
+dieser Vollkommenheit nie wieder erreicht worden ist.</p>
+
+<p>Er stellte die Vorgeschichte der Erlösung dar; die Schöpfung und den
+Sündenfall und das Versinken der Menschheit in Sünde; dazu das Hoffen
+auf den Erlöser, die Verkündigung seiner Ankunft und Vorbedeutungen der
+Erlösung.</p>
+
+<p>Er begann damit am 10. Mai 1508 und vollendete es, obwohl er es ganz
+allein ohne jedwede fremde Hilfe ausführte, und obgleich er seine
+Arbeit öfters und lange unterbrechen mußte, im Oktober 1512. Das ist
+um so staunenswerter, als Michelangelo nicht gesund war, unter den
+drückendsten Geldsorgen zu leiden hatte, und die Not seiner Angehörigen
+ihn ebenfalls sehr quälte.</p>
+
+<p>So schreibt er an seinen Vater im Juni 1509: »Seit 13 Monaten habe
+ich vom Papste kein Geld erhalten und meine, innerhalb anderthalb
+Monaten unter allen Umständen welches zu bekommen, da ich das, was ich
+gehabt, ausgegeben haben werde. Wenn er's mir nicht gäbe, müßte ich
+Geld borgen, um zu Euch zurückzukehren, denn ich besitze nicht einen
+Pfennig.«</p>
+
+<p>Eine andere Stelle aus einem Briefe an seinen Bruder Giovansimone
+(aus derselben Zeit) lautet: »Seit zwölf Jahren bin ich, kümmerlich
+lebend, durch ganz Italien gewandert, habe jede Schmach erduldet, jedes
+Ungemach erlitten, meinen Körper mit jeder Anstrengung gepeinigt, das
+eigene Leben unzähligen Gefahren ausgesetzt, einzig und allein, um
+meiner Familie zu helfen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span></p>
+
+<p>An seinen Bruder Buonarroti schreibt er am 18. September 1512: »Ich
+teile Euch mit, daß ich nicht einen Groschen besitze und gleichsam
+barfüßig und nackt bin und das, was mir noch zukommt, nicht eher, als
+bis ich mein Werk vollendet habe, erhalten kann; und ich erdulde sehr
+große Mühen und Unbequemlichkeiten.«</p>
+
+<p>Eine fürchterliche Pein war endlich die körperliche Anstrengung beim
+Malen an der Decke, wobei der Kopf stets in den Nacken gelegt und die
+Augen nach aufwärts verdreht werden mußten. Er selbst spottete darüber
+in einem launigen Gedicht, daß er, gekrümmt wie ein syrischer Bogen,
+das Gesicht von den herabtropfenden Farben bunt gemustert wie ein
+Mosaikfußboden, dies Werk ausführen mußte:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Schon hat mir diese Crux 'nen Kropf geschaffen,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie er vom Wasser wächst im Land Lombardien</div>
+ <div class="verse indent0">Den Katzen — oder ist's noch sonst wo anders —</div>
+ <div class="verse indent0">Und mit Gewalt strebt unters Kinn der Bauch.</div>
+ <div class="verse indent0"><br></div>
+ <div class="verse indent0">Den Bart fühl' ich gen Himmel sich erheben,</div>
+ <div class="verse indent0">Am Buckel liegt das Hirn, harpyienhaft</div>
+ <div class="verse indent0">Krümmt sich die Brust mir, und vom Pinsel</div>
+ <div class="verse indent0">Tropft aufs Gesicht ein buntes Paviment.</div>
+ <div class="verse indent0"><br></div>
+ <div class="verse indent0">Dehnt vorn sich aus die Schwarte, schrumpft sie hinten</div>
+ <div class="verse indent0">Beim Krummsichbiegen wieder arg zusammen:</div>
+ <div class="verse indent0">So spann' ich mich gleich einem Syrer Bogen.</div>
+ <div class="verse indent0"><br></div>
+ <div class="verse indent0">Drum trügerisch und seltsam<br></div>
+ <div class="verse indent0">Entspringt die Urteilskraft dem Schoß des Geistes;</div>
+ <div class="verse indent0">Denn übel schießt es sich aus krummem Rohr.</div>
+ <div class="verse indent0"><br></div>
+ <div class="verse indent0">Tritt ein, Johann, nunmehr</div>
+ <div class="verse indent0">Für meine Ehre, für mein stummes Malwerk;</div>
+ <div class="verse indent0">Ich bin ja nicht am Platz noch, ach! kein Maler.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Und von diesem Werke, angesichts dessen sich Michelangelo das Talent
+als Maler absprach, sagte Goethe: »Ich konnte nur sehen und anstaunen.
+Die innere Sicherheit und Männlichkeit des Meisters, seine Großheit
+geht über allen Ausdruck.«</p><br>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span></p>
+
+<figure class="figcenter illowp43" id="illu-067" style="max-width: 66em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-067.jpg" alt="">
+ </figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span></p>
+
+<p class="p2">Ein Zufall fügte es, daß um dieselbe Zeit, als Michelangelo mit seinem
+Deckengemälde fertig wurde, die vertriebenen Medicis wieder in Florenz
+einzogen und von ihren ehemaligen Rechten sofort Besitz ergriffen.
+Michelangelo erneuerte alsbald die alten Beziehungen und setzte es
+durch, daß sein greiser Vater wieder in dasselbe Amt eingesetzt wurde,
+das er ehedem innegehabt hatte.</p>
+
+<p>Michelangelo durfte jetzt auch an die Ausführung des früher in Angriff
+genommenen Grabmals gehen, obwohl der Besteller, Papst Julius, bereits
+1513 starb. Giovanni de Medici (Papst Leo X.) war sein Nachfolger und
+zugleich der Jugendfreund Michelangelos. Für das Grabmal war ein Preis
+von sechzehntausendfünfhundert Dukaten und eine Arbeitszeit von sieben
+Jahren festgesetzt. Aber weder dies Werk, noch andere Werke großen
+Stiles, die Michelangelo geplant und zum Teil schon in Angriff genommen
+hatte, wurden vollkommen ausgeführt. Dafür betraute man ihn einige
+Jahre später mit einer anderen großen Aufgabe, die seinen Namen in die
+Ewigkeit tragen sollte: Die Ausführung der Mediceergräber.</p>
+
+<p>In dieser Zeit tummelten sich Spanier, Franzosen, Schweizer, Deutsche
+und Italiener in den schönen Gefilden am Po, am Ticino und an der
+Etsch umher, verwüsteten die Felder und Weinberge, brandschatzten
+oder zerstörten Städte und Dörfer, befleckten den Boden mit Blut
+und Leichen, führten Gefangene hinweg, um Lösegeld zu gewinnen, und
+übten Greuel und Erpressung jeder Art. Dazu kam die Pest, der auch
+der geliebte Bruder Michelangelos, Buonarroto, erlag. Florenz rüstete
+sich zum Kampfe um die Freiheit, und unter neun Männern, die gewählt
+worden waren, um für die Befestigung der Stadt zu sorgen, befand sich
+auch Michelangelo. Er wurde zum obersten Leiter der Befestigungen von
+Florenz ernannt und machte seinem Amt durch Umsicht und Geschick alle
+Ehre. Aber trotz seiner kriegerischen Tätigkeit fand er noch Zeit,
+sich ab und zu heimlich in die Grabkapelle zu stehlen und dort an den
+angefangenen Figuren zu arbeiten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span></p>
+
+<p>Allerdings arbeitete Michelangelo unter der größten körperlichen und
+geistigen Qual. Um 1530 war er bis zur Fleischlosigkeit abgemagert.
+»Michelangelo« — schreibt ein Zeitgenosse — »wird nicht mehr lange
+leben, wenn nicht Abhilfe geschafft wird; denn er arbeitet viel, ißt
+wenig und schlecht und schläft auch nicht, und seit einem Monat wird
+er stark behindert durch Kopfschmerzen und Schwindel; er hat, kurz
+gesagt, zwei Übel: eins am Kopf und eins am Herzen, und für jedes gibt
+es ein Heilmittel; man muß nur die Ursache kennen und aussprechen.« Das
+Heilmittel für den Kopf sollte darin bestehen, daß dem Meister verboten
+würde, während des Winters in der feuchten und kalten Kapelle, wo er
+sich den Tod hole, zu arbeiten; das Heilmittel für das Herz sollte in
+der Regelung der Sache des Juliusgrabes bestehen, um dessentwillen
+Michelangelo ganz in Schwermut verfallen war.</p>
+
+<p>»Malerei und Skulptur«, schreibt er am 24. Oktober 1542 an Luigi del
+Riccio, »Arbeiten und Treuhalten haben mich ruiniert und ständig wird
+aus Schlechtem noch Schlechteres. Besser für mich wäre gewesen, ich
+hätte in meiner Jugend Schwefelhölzer zu machen gelernt.«</p>
+
+<p>Und am selben Tage an Monsignor Aliotti: »Ich finde, meine ganze Jugend
+habe ich verloren, seitdem ich an dieses Grabmal gebunden bin und
+soviel als möglich Papst Leo und Papst Klemens Widerstand geleistet
+habe; und mein allzu großes Vertrauen, das man nicht kennen will, hat
+mich ruiniert. So will's mein Schicksal.«</p>
+
+<p>Für beide Heilmittel wurde nun zwar gesorgt, so gut es ging; aber
+der Tod seines Beschützers, des Papstes Clemens VII., machte wieder
+alle Versprechungen und Pläne zunichte. Da Michelangelo von dem neuen
+Gebieter der Stadt, dem lasterhaften Alessandro, der ihn haßte, nicht
+nur keinen Schutz zu erwarten hatte, sondern im Gegenteil Verfolgung,
+so blieben sogar die Mediceergräber unvollendet.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span></p>
+
+<p>Aber selbst in dieser unvollendeten Gestalt sichern sie Michelangelos
+Ruhm für alle Zeiten. Der Eindruck, den dies Monumentalwerk, das von
+so ernstem Geiste beseelt ist, auf den Beschauer macht, ist der einer
+höchst weihevollen und ehrfürchtigen Stimmung vor dem Genius, der es
+geschaffen hat.</p>
+
+<p>Der Nachfolger des verstorbenen Papstes, Paul III., fesselte
+Michelangelo wieder an sich, und in seinem Auftrage malte der Künstler
+in der Sixtinischen Kapelle das berühmte »Jüngste Gericht«, in dem
+Michelangelo den Tag der Auferstehung mit allen Schrecken einer
+gewaltigen Phantasie schildert.</p>
+
+<p>Es wäre noch von vielen anderen Bildwerken, Malereien und
+architektonischen Werken zu sprechen; aber hier soll keine Betrachtung
+seiner künstlerischen Werke, sondern nur der äußere Lebensumriß des
+größten Bildhauers der neuen Zeit gegeben werden.</p>
+
+<p>In den letzten Jahren seines Lebens blieb Michelangelo von großen
+Stürmen und wenigstens von äußeren Sorgen verschont. Er war auch
+körperlich wieder zu Kräften gekommen und hatte sogar, dank seiner
+einfachen und mäßigen Lebensweise, die die Not ihn gelehrt hatte, eine
+gewisse Wohlhabenheit erreicht.</p>
+
+<p>Am 18. Februar 1564 entschlief Michelangelo. Der Leichnam wurde in der
+Apostelkirche aufgebahrt. Der Papst wollte ihn im St. Petersdome, wo
+sonst nur die Päpste beigesetzt wurden, bestatten lassen, obwohl es
+dem Wunsche Michelangelos, in der heimatlichen Erde zu ruhen, entgegen
+gewesen wäre. Darum ließ ein Neffe Michelangelos den Sarg mit der
+Leiche, als Warenballen verpackt, heimlich nach Florenz schaffen. Am
+12. März wurde der geöffnete Sarg in der Kirche San Croce ausgestellt.
+Auf Kosten des Herzogs Cosimo wurde darauf in der San Lorenzo-Kirche
+eine Leichenfeier ins Werk gesetzt, so großartig und prunkhaft, wie
+Florenz vordem noch keine gesehen hatte. Man bekommt einen Begriff
+davon, wie herrlich die Feier gewesen sein muß, wenn man bedenkt,
+daß Maler und Bildhauer <em class="gesperrt">monatelang</em><span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> an der künstlerischen
+Ausschmückung der Lorenzo-Kirche gearbeitet hatten. Die Feier fand erst
+am 14. Juli 1564 statt. Mit einem unvergleichlichen Aufwand von Kunst
+und pompöser Pracht ehrte Florenz seinen unsterblichen großen Sohn, und
+an seinem Katafalk trauerte der Genius der Kunst.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2>Galilei.</h2>
+</div>
+
+
+<p>Im Jahre des Halleyschen Kometen, dem sich das Interesse der ganzen
+Welt zuwandte und der die Menschheit wieder zwang, sich, wenn auch
+oberflächlich, mit astronomischen Dingen zu beschäftigen, ist es
+sicherlich nicht unwillkommen, etwas über Galilei zu erfahren, den
+Zeitgenossen Keplers, den noch lange nicht genug gewürdigten großen
+Entdecker, diese himmelstürmende Natur, diesen ganz Großen, der —
+wie Goethes Faust — nicht eher ruhte, zu erforschen, was die Welt im
+Innersten zusammenhält, bis eine Macht, die größer war als er, ihn mit
+Blindheit schlug.</p>
+
+<p>Wenn man ihn nur einen Physiker oder Astronomen nennt, verkleinert
+man ihn. Man darf nicht vergessen, daß der Astronom von heute
+gewöhnlich nur ein Spezialist ist, der bei seiner Wissenschaft
+durchaus nicht immer jenes Grauen empfindet, das Laplace beim Anblick
+des Sternenhimmels angewandelt hat, und der auch die Bewunderung und
+Ehrfurcht nicht kennt, die das Gemüt Kants vor dem bestirnten Firmament
+erfüllte.</p>
+
+<p>Der Astronom der Renaissance sucht nicht lediglich nach neuen Sternen;
+er weiß, daß hinter den leuchtenden Welten noch irgendeine Kraft wohnt,
+der er nicht gewachsen ist. Und doch möchte er dem Schöpfer gern hinter
+die Kulissen schauen.</p>
+
+<p>Wie es das größte Verdienst des Mittelalters ist, die innere Welt
+des Seelenlebens vertieft zu haben, ist es das höchste Verdienst der
+Renaissance-Astronomen, uns den Himmel geweitet<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> zu haben, indem sie
+ihn uns näherbrachten. Sie entdeckten neue Welten in sich, in ihrer
+Seele (z. B. Dante, Petrarca) und neue Welten am Himmelsraume (z. B.
+Kopernikus, Kepler, Galilei). Sie sind nicht bloße Sterngucker oder
+Registratoren. Das neue Bild am Himmelsgewölbe, das sie schaffen, gibt
+ihnen auch eine neue Anschauung vom Zusammenhange der Natur.</p>
+
+<p>Welche Kräfte und Gesetze sind es, die das Weltsystem zusammenhalten
+und die dem Menschen die Macht geben, dieses System in Gedanken
+aufzubauen? Wer gab dem Menschen diese hohen Gedanken?</p>
+
+<p>Diese Astronomen sind zugleich auch durchaus tüchtige Philosophen.
+Sie bringen eine echte und große Begeisterung mit, und wenn sie ihre
+kindlich einfachen Fernrohre vors Auge rücken, ist es ein erhabenes,
+wortloses Gebet, das durch ihre Seele zieht ....</p>
+
+<p>Es war nicht meine Absicht, eine Vorlesung über Geschichte der
+Astronomie zu hören, als ich nach Florenz ging. Aber ein Zufall führte
+mich in den alten Palast, den der Graf Paolo Galletti in der Via de
+Banchi bewohnt, in dem ich acht kostbare Tage verbringen durfte. Am
+zweiten Tage unseres unvergeßlichen Zusammenseins hatte sich Graf
+Galletti als ein Sammler und Gelehrter entpuppt, der sein Leben der
+Galilei-Forschung weihte und der mich einen Blick werfen ließ in seine
+reichen und unschätzbaren Sammlungen.</p>
+
+<p>Welch eine sonderbare Wohnung war das! Man befand sich in einer
+weitläufigen Bildergalerie, deren gründliches Studium allein einige
+Tage gekostet hätte. Da waren düstere Gemälde von Giotto und Pontormo,
+Prachtstücke von Guido Reni und Fra Bartolomeo und einige unbekannte
+Porträts aus der besten Zeit von Franz Hals. In den Korridoren befanden
+sich kostbare Kupferstiche, in jedem Winkel Marmorwerke und Antiken.
+In der Küche standen Ausgrabungen vom alten Tempel auf Fiesole. Das
+Haus war voller geheimer Türen, die zu verborgenen Treppen führten; ein
+ängstlicher Wirrwarr von Gängen, Fluchten und Nischen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span></p>
+
+<p>Ein Gemach aber, das Studierzimmer des Grafen, überbot in seinem wirren
+Durcheinander die Kunst aller Regisseure, die je ihre Phantasie an
+»Fausts Studierzimmer« erprobt haben. Retorten, Globusse, Wagschalen,
+Mörser, Klöpfel, Urkunden, Pergamentrollen, sonderbar geformte Lampen,
+ureinfache Mikroskope, astronomische Karten, Fernrohre, Glaskelche,
+Schädel, alles lag in einem malerischen Kunterbunt umher.</p>
+
+<p>»Dies« — erklärte mir der Graf, und er zeigte mir ein vergilbtes,
+vom Staub und von der Zeit zernagtes Pergamentblatt — »dies ist
+die Originalurkunde, die den Kanonikus Girolamo (Savonarola) in den
+Verbrennungstod schickt. Betrachten Sie, bitte, auch diese Blätter! Es
+sind die Originalgedichte Franzesko di Medicis. In jener unscheinbaren
+Kassette dort bewahre ich einen Pack Briefe von Zwingli, die er
+an meine Ahnen gerichtet hat. Mit einer theologischen Schlauheit,
+die ihresgleichen sucht, bemüht er sich, sie für seine Ideen
+herumzubekommen. Welch eine klare und kräftige Natur; man begegnet
+solchen Menschen nicht mehr. Aber, was Sie mehr interessieren wird,
+das ist dies Manuskript der ›Göttlichen Komödie‹, von der Dante etwa
+zehn oder zwölf Abschriften besaß. Beachten Sie das Datum hier: der 29.
+Juni 1416. Von ebenso großem Werte ist auch dieser Kodex; die reizenden
+Kompositionen, die Sie sehen, rühren von Pico de la Mirandolas Hand
+her. Worauf man sehr gespannt sein wird, das sind verschiedene Gedichte
+von Torquato Tasso, den Goethe in seiner Tragödie verewigt hat und die
+Tasso schrieb, kurz bevor er ins Irrenhaus kam. Ich will nicht von den
+Briefen Donato Giannottis sprechen, des großen Freundes Michelangelos,
+auch nicht von den Briefen Macchiavellis und Benvenuto Cellinis, die
+ich besitze und die durch mich noch ihrer Veröffentlichung harren.
+Ich mache Sie lieber auf jenes Porträt aufmerksam, das von den
+bedeutendsten italienischen Kritikern als Selbstporträt Michelangelos
+erkannt wurde.«</p>
+
+<p>»Soviel mir aber bekannt ist,« sagte ich, »hat die neuere
+Kunstforschung<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> mit Sicherheit festgestellt, daß es von Michelangelo
+keine Selbstporträts geben kann, weil er sich niemals selbst gemalt
+hat.«</p>
+
+<p>»Es handelt sich hier vielleicht um das von einem zeitgenössischen
+Freunde angefertigte Porträt,« meinte der Graf. »Sie werden mich nun
+fragen, wie all diese Schätze in meinen Besitz gekommen sind? Ganz
+einfach. Ich bin der Besitzer der Villa, die Galilei in Arcetri bewohnt
+hat, und in ihr fanden sich all diese Kostbarkeiten vor. Sie waren
+also Eigentum Galileis, von dem ich noch weit Wertvolleres besitze.
+Das ganze astronomische und physikalische Handwerkszeug, dessen der
+Astronom sich auf der Villa Arcetri bediente, jener Villa, in die ihn
+seine jesuitischen Feinde verbannt hatten, ist in meinem Besitz. Mit
+Ausnahme der Bronzelampe, die Sie im Dome zu Pisa gesehen haben und
+die Galilei zur Entdeckung des Pendelgesetzes die Anregung gab, sind
+fast alle Instrumente in meinen Händen, mit deren Hilfe Galilei seine
+bedeutenden Entdeckungen gemacht hat.«</p>
+
+<p>»Ach, erzählen Sie mehr von ihm,« bat ich den Grafen.</p>
+
+<p>»Gern,« erwiderte er. »Schon der Tag, an dem er zur Welt kam, hat
+für mich etwas Geheimnisvolles, und auch für Sie, wenn Sie an die
+Seelenwanderung glauben. Galilei wurde an demselben Tage geboren,
+an dem Michelangelo starb; am 18. Februar 1564. Pisa ist seine
+Geburtsstadt. Vinzenzo, sein Vater, war ein Florentinischer Edelmann,
+der sich durch Schriften über die Theorie der Musik und Mathematik
+einen besonderen Ruf erworben hatte. Seine Mutter, Giulia, stammte aus
+dem alten und berühmten Geschlecht der Ammannati. Bald nachdem Galilei
+zur Welt gekommen war, zogen seine Eltern nach Florenz, wo er auch
+seine erste Erziehung erhielt. Galilei sollte Tuchhändler werden, ein
+Geschäft, das bei den Florentinern damals in hohen Ehren stand. Aber
+als der Vater die hervorragende Begabung des Knaben bemerkte, ließ er
+ihm eine Erziehung<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> angedeihen, die mehr auf eine wissenschaftliche
+Laufbahn abzielte. In der Verfertigung mechanischer Instrumente
+und Maschinen und besonders im Zeichnen zeigte Galilei schon als
+Knabe großes Geschick. Der Vater schickte nun seinen Sohn 1581 auf
+die Universität nach Pisa, wo er die Arzneiwissenschaft studieren
+sollte. Zugleich hörte er dort Vorlesungen über das, was man damals
+aristotelische Philosophie nannte. Abgestoßen von diesen haarspaltenden
+und fruchtlosen Diskussionen griff Galilei oft als Gegner in diese
+Streitigkeiten ein. Dafür nannte man ihn auch den ›Zankapfel‹.
+Das hinderte ihn nicht, die naturwissenschaftlichen Irrtümer der
+aristotelischen Philosophie zu verwerfen und das Gute der dialektischen
+Lehrsätze hochzuhalten. Aber seine stärkste Liebe wandte er dennoch den
+Naturwissenschaften und der Mathematik zu.</p>
+
+<p>»Eines Tages bemerkte er, daß eine im Dome zu Pisa hängende Lampe,
+wenn sie durch Zugluft in Schwingungen geriet, zur Vollendung jeder
+einzelnen Schwingung immer gleich viel Zeit gebrauchte, mochte der
+Windstoß stärker oder schwächer und also die Schwingung größer oder
+kleiner sein. Er schloß daraus, daß die Zeit, welche ein pendelartig
+schwingender Körper zur Vollendung jeder einzelnen Schwingung
+gebraucht, nicht durch die Stärke des ihm gegebenen Stoßes bestimmt
+werde, sondern nur durch die Entfernung desselben von seinem
+Aufhängungspunkt, also durch die Länge des Fadens oder Stabes, an
+dessen Ende er befestigt ist. Zu Hause angestellte Versuche mit Pendeln
+von verschiedener Länge bestätigten diese Vermutung und belehrten
+zugleich den jungen Naturforscher, daß es dabei auch nicht auf das
+größere oder geringere Gewicht des Pendels ankomme. Nun tauchte sofort
+der Gedanke in Galilei auf, diese Entdeckung auf die Messung der
+kleineren Zeitteile anzuwenden. Er maß zunächst die Schnelligkeit der
+Pulsschläge, dann die von Sekunde zu Sekunde zunehmende Geschwindigkeit
+frei fallender Körper. Von nun ab diente ihm das Pendel bei allen
+physikalischen, besonders<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> aber bei astronomischen Beobachtungen, bis,
+sehr viel später, Huygens das Pendel auch mit Uhrwerken in Verbindung
+brachte. Der Vater Galileis hatte endlich auch seinem Sohne erlaubt,
+das Studium der Arzneikunde aufzugeben und sich ausschließlich den
+physikalischen und mathematischen Wissenschaften zu widmen, und der
+junge Galilei zeigte sich dieser väterlichen Vergünstigung bald würdig.
+Er las zum Beispiel die Schriften des Archimedes mit so großem Erfolge,
+daß er, angeregt durch die Lektüre, die hydrostatische Wage erfand.
+Dieses bestaubte Ding hier stellt den ersten Versuch der Galileischen
+Wasserwage dar, die er so scharfsinnig beschreibt. ›La Bilancetta‹
+nannte er das Werk, wovon ich gleichfalls das Manuskript mein eigen
+nenne.</p>
+
+<p>»Man fing an, von dem jungen Erfinder und Entdecker zu sprechen; sein
+Name war in Italien bald berühmt. Er korrespondierte jetzt mit den
+bedeutendsten Fachgelehrten; ganz besonders interessierte sich aber
+für ihn ein in Pesaro lebender Mathematiker, der Marchese Guidubaldo
+del Monte, der Galilei veranlaßte, das Gesetz vom Schwerpunkt zu
+vervollkommnen und besser auszuarbeiten. Der vierundzwanzigjährige
+Galilei kam dieser Aufforderung nach und übertraf mit der Lösung der
+gestellten Aufgabe alle bisherigen Leistungen auf diesem Gebiete. Man
+nannte ihn jetzt, 1589, den Archimedes seiner Zeit und man übertrug
+ihm zugleich die gerade freigewordene Professur für Mathematik an der
+Universität zu Pisa, die er ein paar Jahre vorher hatte verlassen
+müssen, weil er damals nicht über Mittel genug verfügte, seinen
+Doktor zu machen. Seine Besoldung war sehr gering, aber er benützte
+die Stellung seines öffentlichen Amtes zu neuen Forschungen und
+zur Verbreitung der bisher angestellten. Seine Landsleute Varchi
+und Benedetti hatten schon 1544 die Behauptung ausgesprochen, daß
+alle Körper von gleicher Dichtigkeit, mögen sie groß oder klein
+sein (z. B. ein Lot Blei ebenso wie ein Pfund Blei), bei gleicher
+Fallhöhe die gleiche Geschwindigkeit erlangten. Exakt bewiesen war
+dieser<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> Satz keineswegs und fast alle damaligen Physiker leugneten
+ihn. Galilei erst erbrachte, trotz alles Spottes der Gegner, den
+unanfechtbaren Beweis für die Richtigkeit des Satzes. Er ging noch
+weiter und erforschte noch das Gesetz, wonach die Fallgeschwindigkeit
+von Sekunde zu Sekunde wächst und daß die am Ende des Falles erlangte
+Geschwindigkeit fallender Körper sich verhalte wie die Quadrate der
+Zeiten. Galilei hat diese Entdeckung zwar erst fünfzig Jahre später
+drucken lassen, aber inzwischen hat er dieses Gesetz vielfach praktisch
+angewendet und er hat natürlicherweise mit vielen Sachverständigen
+darüber korrespondiert. Immerhin hatte die Gewohnheit Galileis, die
+Veröffentlichung seiner so wichtigen Entdeckungen lange aufzuschieben,
+die unangenehme Folge, daß ihm oft die Priorität für seine Entdeckungen
+und Erfindungen bestritten wurde. Es würde Bände füllen, wenn man
+ausführlich erzählen wollte, welche Kämpfe Galilei allein um das
+Prioritätsrecht seiner Erfindungen stets ausfechten mußte. Und noch bis
+heutigestags ist vieles ungeklärt, da noch immer zahlreiche Manuskripte
+und Briefe Galileis, die über das Prioritätsrecht Auskunft geben
+könnten, ungedruckt in Bibliotheken liegen.</p>
+
+<p>»Zu jener Zeit war es an italienischen Universitäten üblich, die
+Professoren nur für eine gewisse Zahl von Jahren anzustellen. Galileis
+erste Anstellung lautete auf drei Jahre. Die große Bedürftigkeit
+der Familie Galileis, noch gesteigert durch den erfolgten Tod des
+Vaters, machten es dem jungen Professor zwar höchst wünschenswert,
+die Professur in Pisa noch zu behalten, aber seine Freimütigkeit und
+seine Liebe zur Wahrheit nötigten ihn, das Amt dennoch aufzugeben.
+Johann von Medici, der in hohem Ansehen stehende Stiefbruder des
+regierenden Großherzogs, hatte eine Maschine zur Reinigung der Häfen
+und Kanäle erfunden, und Galilei war unklug genug, diese Erfindung aus
+mechanischen Gründen als unbrauchbar abzuweisen. Das zog ihm natürlich
+den Haß des Medici zu, der mit den übrigen zahlreichen<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> Feinden und
+Neidern Galileis gemeinsame Sache machte, um ihn beim Großherzog
+anzuschwärzen. Galilei sah den kommenden Sturm voraus und zog sich
+nach Florenz zurück. Wiederum bemühte sich der Marchese del Monte
+für ihn beim Senat der venetianischen Republik für die durch Moletis
+Tod erledigte Professur der Mathematik an der Universität zu Padua.
+1592 erhielt Galilei diese Stellung zunächst auf sechs Jahre. Durch
+seine Vorträge lockte er hier zahlreiche Zuhörer der verschiedensten
+Altersstufen an sich und verfaßte Werke über Kriegsbaukunst, Mechanik
+u. a., die er zwar noch nicht drucken ließ, die sich aber dennoch durch
+Abschriften sehr bald verbreiteten.</p>
+
+<p>»Um dieselbe Zeit erfand Galilei auch das Thermoskop, das erste
+Instrument zur Bestimmung der Wärmeverhältnisse, wovon ich leider nur
+die von Galilei herrührende schematische Darstellung besitze. Galilei
+bediente sich einer engen Glasröhre, die an dem einen Ende offen war,
+an dem anderen aber in eine hohle Kugel auslief. Er goß in diese Röhre
+etwas Wasser, verschloß sie alsdann, kehrte sie um und tauchte sie
+in ein Gefäß voll Wasser, aus welchem er den größten Teil der Röhre
+mit der daran befindlichen hohlen Kugel hervorragen ließ, während ein
+ganz kleiner Teil mit der Öffnung, die Galilei nun wieder freimachte,
+unter Wasser blieb. In der Kugel war also jetzt atmosphärische Luft
+abgesperrt, und wenn diese sich durch Einwirkung der Wärme ausdehnte,
+so trieb sie einen Teil des in der Röhre stehenden Wassers durch die
+jetzt unten befindliche Öffnung heraus in das Wassergefäß; zog sich
+hingegen die Luft in der Kugel durch Abnahme der Wärme zusammen, so
+stieg durch den Druck der äußeren Luft das Wasser in der Röhre.</p>
+
+<p>»So unvollkommen ein solches Instrument war, für die damalige Physik
+bedeutete es immerhin einen großen Fortschritt. 1594 erhielt Galilei
+von der Republik Venedig ein Privilegium auf zwanzig Jahre für eine von
+ihm erfundene hydraulische Maschine.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span></p>
+
+<p>»Und hier ist der Proportionalzirkel, den Galilei bald darauf erfand,
+und der von den Ingenieuren und Geometern seiner Zeit sehr hoch
+geschätzt wurde. Es gab in jener Zeit noch nicht unsere bequeme
+Einrichtung des Patentamtes. Allein, wie heute, wurden auch damals
+die Erfinder reichlich betrogen. Wer damals einen solchen Zirkel
+besitzen wollte, mußte an Galilei schreiben, und er verfertigte so
+viel, wie er liefern mochte. Aber mehr als zehn oder elf Exemplare
+wird es kaum geben. Seine Arbeitskraft war von anderen Dingen zu sehr
+in Anspruch genommen. Und dann, sich lange Zeit mit derselben Sache zu
+beschäftigen, langweilte ihn am Ende. Er hatte noch viel zu tun.</p>
+
+<p>»1599 wurde Galilei seine Professur in Padua auf weitere sechs Jahre
+mit Gehaltszulage verlängert. Inzwischen hatte sich sein Ruhm auch
+weit verbreitet. Kepler, der in ihm einen treuen Mitverfechter des
+kopernikanischen Systems erkannt hatte, war seit 1597 in Briefwechsel
+mit ihm getreten und drei Jahre später auch Tycho de Brahe, der
+berühmte dänische Astronom. Unter seinen Zuhörern an der Universität
+fanden sich jetzt auch Fürsten ein; von allen Ländern reiste man nach
+Padua, um Galilei zu hören.</p>
+
+<p>»Im Jahre 1604 erschien im Sternbild des Schlangenträgers ein neuer
+Stern, der, nachdem er achtzehn Monate lang geleuchtet hatte,
+wieder verschwand. Galilei hielt mehrere Vorträge über diese
+Erscheinung, in denen er zu beweisen suchte, daß der Stern keine bloße
+Lufterscheinung, sondern ein wirklicher Stern gewesen sei. Mit dieser
+Behauptung widersprach er freilich der Lehre des Aristoteles von der
+Unveränderlichkeit des Fixsternhimmels, zu welcher sich damals die
+meisten seiner Zeitgenossen bekannten. Nur seine Zuhörer und einige
+aufgeklärte Männer der Wissenschaft jubelten ihm zu.</p>
+
+<p>»Er fuhr fort, sich mit den Lehren der höheren Mechanik zu
+beschäftigen, mit den Lehren vom Magneten, vom Licht und den Farben,
+vom Schall, von der Ebbe und Flut, von den Bewegungen<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> der Tiere. 1609,
+als er Venedig besuchte, kam ihm das Gerücht zu Ohren, ein Holländer
+hätte dem Prinzen Moritz von Nassau ein Instrument überreicht, durch
+welches man die entferntesten Körper so sähe, als ob sie ganz in die
+Nähe gerückt wären. Wie dies Instrument beschaffen war, darüber erfuhr
+Galilei nichts. Aber das Gerücht allein genügte, um seine ehrgeizige
+Natur zur Tat anzuspornen und seinem erfinderischen Geist einen neuen
+und großartigen Aufschwung zu geben. Eiligst nach Padua zurückgekehrt,
+hatte er schon ein paar Tage später ein solches Instrument selbständig
+konstruiert; er reiste damit wieder nach Venedig und überreichte dem
+Dogen und dem Senat sein neues Instrument. Hier ist es! Ja, nun lachen
+Sie über dieses Gerümpel! Daß der Mond von Gebirgsketten durchzogen
+wird, ist heute eine banale Tatsache für uns; aber bedenken Sie, welch
+eine Umwälzung es in der Seele Galileis hervorrufen mußte, als er zum
+ersten Male sah, was noch nie vor ihm eines Menschen Auge gesehen.
+Man versteht es, wenn das Volk einen Menschen, dem es gelungen war,
+mittels dieser plumpen Röhre das Rätsel des Mondes zu schauen, für
+einen Zauberer hielt. Wollten doch selbst aristotelische Philosophen
+nicht durch dieses unscheinbare Ding sehen, das dem Firmament plötzlich
+ein ganz anderes Antlitz gab. Wie? Dieser kleine Professor da aus
+Padua will uns jählings unseren guten Glauben nehmen an den Himmel des
+Aristoteles?</p>
+
+<p>»Von welch tiefer Menschenkenntnis zeugt doch die Antwort, die er
+ihnen gab! ›Wenn die Sterne selbst vom Himmel herabstiegen zur Erde
+und Zeugnis ablegten für mich, so würdet ihr euch nicht überzeugen
+lassen!‹ Zugleich beleuchtet diese traurig stimmende Antwort den ganzen
+Lebensgang Galileis.</p><br>
+
+<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span>
+
+<figure class="figcenter illowp88" id="illu-081" style="max-width: 62.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-081.jpg" alt="bild">
+</figure>
+
+<p class="p2">»Immerhin hatte diese Entdeckung zur Folge, daß Galilei nun die
+Professur in Padua mit einem Jahresgehalt von tausend Gulden für
+Lebenszeit übertragen wurde. Nie hat sich Galilei für den ersten
+Erfinder des Fernrohrs ausgegeben; aber es gebührt ihm wohl der
+Ruhm, es optisch vervollkommnet und zuerst zu wichtigen
+astronomischen Entdeckungen angewandt zu haben. In den
+nächsten Jahren wendeten sich daher die Fürsten und Astronomen,
+welche Fernrohre zu besitzen wünschten, immer an Galilei. Er zuerst
+entdeckte die Gebirge des Mondes und er zuerst maß ihre Höhe. Er fand
+ferner, daß die Milchstraße nichts anderes sei, als eine unzählbare,
+dichtgedrängte Menge kleiner Sterne; daß auch die sogenannten
+Nebelflecke nur Sterne seien; daß aber die Fixsterne durch das Fernrohr
+nicht, wie die Planeten, vergrößert würden. 1610 entdeckte er die vier
+Monde des Jupiter und zwei Jahre später gelang es ihm, die Bahnen und
+Umlaufszeiten dieser Jupitertrabanten zu berechnen. Er machte nun den
+Vorschlag, die häufig auftretenden Verfinsterungen der Jupitermonde
+zur Bestimmung der geographischen Längen<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> und also zur Vervollkommnung
+der Schiffahrt zu benützen. Um dieselbe Zeit beobachtete er auch
+Sonnenflecke; er wagte es aber nicht, mit dieser neuen Entdeckung
+hervorzutreten, bis seine Freunde ebenfalls von deren Richtigkeit
+überzeugt waren. Alle diese neuen Entdeckungen mußten ihm bei den
+denkfaulen Anhängern des aristotelischen Sternhimmels natürlich nur
+Feinde schaffen. Aber die Aufmunterungen Keplers und des Großherzogs
+von Toskana, der unseren Entdecker fortgesetzt mit reichen Geschenken
+bedachte, halfen Galilei über viele Bitternisse hinweg. Den drängenden
+Bitten des Großherzogs nachgebend, gab Galilei im August 1610 sein
+Lehramt in Padua auf und siedelte nach Florenz über, wo er als ›erster
+Philosoph und Mathematiker des Großherzogs‹ ausschließlich seinen
+Erfindungen, Entdeckungen und der Ausarbeitung seiner Werke leben
+konnte. Aber, obwohl diese Veränderung auch Galilei die volle Freiheit
+zurückgab, sie schloß auch manche Nachteile in sich. Galilei verließ
+Padua, wo ihm unbeschränkte Lehrfreiheit zugesichert war, wo er die
+höchste Achtung der edelsten Venetianer genoß und wo er ein für seine
+Zeit sehr beträchtliches Gehalt empfing, um sich in die Abhängigkeit
+eines jungen Fürsten zu begeben, dessen Gunst leicht wechseln konnte
+und der dem starken Einfluß der intrigierenden Jesuiten ausgesetzt war,
+die von der venetianischen Republik ausgeschlossen waren. Als seine
+besorgten Freunde ihn vor diesem Schritte warnten, weil sie künftige
+Verfolgungen der römischen Kirche befürchteten, war es aber schon zu
+spät.</p>
+
+<p>»Im September desselben Jahres, gleich nach seiner Übersiedelung nach
+Florenz, entdeckte Galilei, daß der Planet Venus, ebenso wie der
+Mond, zu verschiedenen Zeiten verschiedene Lichtphasen darbiete. Er
+fand weiter, daß der scheinbare Durchmesser des Mars und der Glanz
+dieses Planeten merkwürdigen Veränderungen unterworfen seien. Bei
+einem Besuche in Rom, im April 1611, zeigte er mehreren Kardinälen die
+Sonnenflecke, die er beobachtet hatte, und aus der Bewegung dieser
+Flecke<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> schloß er die Achsendrehung des Sonnenkörpers. Er erwarb sich
+in Rom rasch viele Freunde und Bewunderer und ebenso viele Feinde und
+Neider. Der Kardinal del Monte erklärte zwar in einem Briefe an den
+toskanischen Großherzog, daß man Galilei im alten Rom zweifellos eine
+Ehrensäule auf dem Kapitol errichtet haben würde; aber das hinderte
+Galileis Neider nicht — da man ihm wissenschaftlich nichts anhaben
+konnte —, ihn in den Ruf der Ketzerei zu bringen.</p>
+
+<p>»Nach der Rückkehr von diesem römischen Besuch entdeckte Galilei die
+Gesetze der Hydrostatik und erfand das Ding hier. Ein Mikroskop! Das
+erste Mikroskop! Sie sehen, welch armseliger Mittel dieser große Mensch
+sich bedienen mußte, um ein Mikroskop herzustellen, das er erst später
+verfeinerte und besser ausarbeitete.</p>
+
+<p>»Jetzt begannen aber auch die Anklagen, daß Galilei durch Verteidigung
+und Ausbreitung des kopernikanischen Systems die Bibel angreife
+und sich der Ketzerei schuldig mache, immer lauter zu werden. Die
+Verwandten des Großherzogs Cosimo II. wurden mißtrauisch gegen Galilei
+und schenkten den Einflüsterungen der Jesuiten immer mehr Gehör.
+Galilei verteidigte sich, er sei zwar ein Anhänger des Kopernikus,
+habe aber niemals die Bibel angreifen wollen, welche sich da, wo in
+ihr von physikalischen und astronomischen Dingen die Rede sei, den
+Vorstellungen und der Ausdrucksweise des Altertums anpasse, ohne diese
+Vorstellungen als Glaubenslehren aufzustellen. Kopernikus selbst sei
+von den Häuptern der Kirche immer als ein rechtgläubiger Katholik
+angesehen worden und der Papst Paul III. hätte sogar die Widmung seiner
+Bücher entgegengenommen. Aber bei den von Neid und Haß erfüllten
+Gegnern Galileis schlugen diese Gründe nicht an. Besonders ereiferte
+sich der Dominikanerorden, dem die Inquisition der Ketzer anvertraut
+war. Der Mönch Caccini predigte 1614 in Florenz öffentlich gegen
+Galilei und verhöhnte ihn und seine astronomischen Entdeckungen.<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span>
+Galilei entschloß sich unaufgefordert im November 1615 eine zweite
+Reise nach Rom zu machen, um sich dort vor den höchsten geistlichen
+Behörden zu rechtfertigen. Er blieb bis in den Mai 1616 in Rom, wo er
+von den Geistlichen und selbst vom Papste sehr wohlwollend empfangen
+wurde; Galilei konnte aber nicht verhindern, daß das kopernikanische
+System jetzt förmlich als der Heiligen Schrift widersprechend erklärt
+wurde. Galileis oft leidenschaftlicher Eifer für die Sache der
+Wahrheit scheint ihm in Rom mehr geschadet als genützt zu haben,
+und der Großherzog von Toskana, der von allen Vorgängen in Rom wohl
+unterrichtet war, fand es für die Sicherheit seines Freundes nötig, ihn
+nach Florenz zurückzurufen.</p>
+
+<p>»Als Urban VIII. aus dem Hause Barberini Papst wurde, der als
+Kardinal Galilei sehr zugetan war und ihm 1620 sogar ein Lobgedicht
+zugeschickt hatte, reiste Galilei abermals nach Rom, um den Papst
+zu beglückwünschen. Er wurde sehr gnädig empfangen, reich beschenkt
+und bei seiner Rückkehr mit einem belobenden Breve an den Großherzog
+entlassen. Galilei hatte aber mit dieser Romreise noch einen anderen
+Zweck im Auge. Obwohl er durch die förmliche Verdammung des Kopernikus
+zum Schweigen über dessen System verurteilt war, hatte er im stillen
+ein Werk über dieses System vorbereitet und er erhoffte von dem neuen
+Papst die Erlaubnis zur freien Darlegung seiner Ideen. Man hielt ihn
+aber mit unbestimmten Hoffnungen hin. Um seine Absicht durchzuführen,
+machte Galilei 1628 und 1630 wiederholte Reisen nach Rom. Sein Werk
+wurde von mehreren Zensoren beurteilt, in manchen Einzelheiten geändert
+und endlich erhielt er die Erlaubnis zur Drucklegung. 1632 erschien
+dieses Werk in Dialogform.</p>
+
+<p>»Im Auslande habe man die Meinung verbreitet — führt Galilei in diesem
+Werke aus —, das Verbot, die Bewegung der Erde zu lehren, sei nicht
+die Frucht reiflicher Überlegung, sondern leidenschaftlicher Aufregung,
+und sei von Personen ausgegangen,<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> denen die für das kopernikanische
+System sprechenden Gründe nicht bekannt, oder die zum Urteil darüber
+nicht befähigt wären. Um diese unbegründete Meinung zu widerlegen und
+um zu zeigen, daß in Rom, wo er sich damals aufgehalten und mit den
+vornehmsten Prälaten des päpstlichen Hofes über diesen Gegenstand
+konferiert habe, alles hierauf Bezügliche so gut bekannt gewesen sei
+als sonstwo, habe er nun sein Werk geschrieben, in welchem er alles
+zusammenfasse, was sich <em class="gesperrt">gegen</em> die gewöhnlichen Gründe für die
+Unbeweglichkeit der Erde und was sich <em class="gesperrt">für</em> das kopernikanische
+System sagen lasse. Nur überwiegende religiöse Gründe, nicht Unkenntnis
+und Leidenschaftlichkeit seien in Rom die Veranlassung gewesen, die
+Unbeweglichkeit der Erde zum Dogma zu erheben und die entgegengesetzte
+Meinung für eine bloße mathematische Laune zu erklären.</p>
+
+<p>»Dadurch, daß Galilei der Sache diese Wendung gab, hatte er nun zwar
+von der Zensur die Erlaubnis zum Drucke seines Werkes erlangt; wenn
+er aber gehofft hatte, dadurch seine Feinde zu beschwichtigen oder
+einer Anklage beim Inquisitionsgericht zu entgehen, so hatte er
+sich bitter getäuscht. Sein Werk machte zu großes Aufsehen, sowohl
+durch den Beifall, den es bei den aufgeklärten Zeitgenossen fand,
+als durch die Menge von Gegenschriften, die es hervorrief. Auch ward
+Galileis eigentliche Absicht, dem kopernikanischen System, trotz des
+Verdammungsurteils, den Sieg zu verschaffen, selbst den beschränktesten
+Mönchen sehr bald klar. Fanatismus und Verketzerungssucht waren bald am
+Werk, um Galilei zu schaden. Urban VIII., das Haupt der katholischen
+Kirche, hätte selbst beim besten Willen Galilei nicht länger zu
+schützen vermocht. Er konnte den öffentlichen und geheimen Anklagen
+gegen Galilei sein Ohr nicht länger verschließen.</p>
+
+<p>»Schon im August 1632 berief man in Rom eine Kommission von Theologen
+und Mathematikern zur Untersuchung zusammen, die allesamt bekannte
+Widersacher Galileis waren. Der zweiundzwanzigjährige Ferdinand II. von
+Toskana, der seinem<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> Vater Cosimo II. im Jahre 1621 in der Regierung
+gefolgt war, suchte vergeblich die drohende Gefahr von Galilei
+abzuwenden. Er machte mit Recht geltend, daß Galileis Werk ja einer
+mehrmaligen, strengen Zensur unterworfen und nach Vorschrift abgeändert
+worden sei. Der Papst nannte aber die erlangte Erlaubnis zum Drucke
+des Werkes eine erschlichene und berief sich auf das Dekret vom 16.
+Februar 1616 — hier sehen Sie es im Original mit der Unterschrift des
+Papstes Paul V.! —, worin Galilei bei Androhung schwerer Kerkerstrafe
+verboten wird, fernerhin die kopernikanische Lehre zu verteidigen.
+Papst Urban war in großen Zorn geraten. Die Untersuchung gegen Galilei
+wurde unterdessen ganz im stillen weitergeführt; nicht einmal die Namen
+der ernannten Untersuchungskommissarien wurden bekannt. Ende Oktober
+desselben Jahres erhielt Galilei die Vorladung, sich zum Verhör in
+Rom einzustellen. Er suchte nun zwar Aufschub zu gewinnen, indem er
+sein hohes Alter, seine Kränklichkeit und die Beschwerlichkeit der
+an der Grenze des Kirchenstaates abzuhaltenden Quarantäne geltend
+machte. Allein, seine Bitten blieben fruchtlos; Galilei mußte sich
+zur Reise entschließen und am 13. Februar 1633 langte er in Rom an.
+Er stieg in der Villa Medici, dem toskanischen Gesandtschaftshotel,
+ab, und stellte sich in den nächsten Tagen einigen Kardinälen und
+Assessoren des Inquisitionsgerichts vor, die er ziemlich wohlgesinnt
+fand, von denen er jedoch den Rat erhielt, äußerst zurückgezogen zu
+leben und nur die zwingendsten Besuche anzunehmen. Galilei erfuhr, der
+Hauptvorwurf, den man ihm mache, sei die Übertretung des Befehls vom
+Jahre 1616, gar nicht mehr über das kopernikanische System zu sprechen.
+Galilei behauptete aber, es sei ihm damals nur verboten worden, jenes
+System zu verteidigen und sein Werk sei keine Verteidigung, sondern
+nur eine Zusammenstellung der Gründe für und gegen die Sache. Endlich
+am 12. April 1633 wurde Galilei vor das Gericht geführt. Er mußte
+nun im Inquisitionsgebäude bleiben, wurde jedoch in kein Gefängnis
+gesperrt;<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> er durfte vielmehr in den Zimmern des Gerichtsfiskus
+wohnen, konnte seinen eigenen Diener behalten, es war ihm erlaubt, im
+Hofe des Hauses spazierenzugehen — lauter Vergünstigungen, die beim
+Inquisitionsgericht ganz unerhört waren. Gleich bei dem ersten Verhör
+scheint ihm jedoch unter Strafe der Exkommunikation das Versprechen
+abgenommen worden zu sein, über das, was mit ihm vorginge, das
+strengste Stillschweigen zu beobachten.</p>
+
+<p>»Nachdem er achtzehn Tage in dieser Abgeschlossenheit zugebracht hatte,
+erbat sich Galilei ein neues Verhör; er sagte aus: Seit drei Jahren
+habe er sein Werk über Kopernikus nicht wieder gelesen; jetzt sei er
+durch diesen Prozeß veranlaßt worden, es nochmals genau durchzusehen,
+um gewissenhaft zu prüfen, ob nicht gegen seinen Willen etwas aus
+seiner Feder geflossen sei, was man ihm als Ungehorsam gegen die Kirche
+auslegen könne. Er habe nach so langer Zeit sein Buch wie das eines
+anderen Verfassers durchstudiert und nun allerdings gefunden, daß
+es Stellen enthalte, welche einen Leser, der ihn nicht genau kenne,
+zum Glauben verleiten könnten, der Verfasser habe die Gründe für die
+Meinung, die er <em class="gesperrt">widerlegen</em> wollte, darum so beredt vorgetragen,
+damit man diese Meinung als die richtige <em class="gesperrt">annehme</em>. Gestatte man
+es, so wolle er eine Fortsetzung schreiben, worin er die falsche und
+von der Kirche verdammte Lehre mit den kräftigsten Gründen, die Gott
+ihm eingeben werde, widerlegen wolle. In bezug auf die Erlaubnis zum
+Drucke seines Werkes habe er alles getan, wozu ihn das frühere Dekret
+verpflichte. Doch wolle er sich nicht von Irrtum freisprechen, wohl
+aber von List und Bosheit; er klage sich selber des Ehrgeizes an, seine
+Kunst in Darlegung der Gründe für das kopernikanische System beweisen
+zu wollen. Man möge sein hohes Alter, seine Kränklichkeit, seinen
+seit zehn Monaten erlittenen Kummer, die Beschwerden der Reise, die
+Verleumdungen, denen er ausgesetzt sei, mit in Erwägung ziehen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span></p>
+
+<p>»An demselben Tage, an dem dies Verhör stattgefunden hatte,
+wurde Galilei wieder in die Villa Medici zurückgesandt, um seine
+Gesundheit zu stärken. Erst am 22. Juni mußte er abermals vor dem
+Inquisitionsgericht erscheinen. Man behielt ihn diesen Tag und die
+folgende Nacht dort und führte ihn dann in das Dominikanerkloster
+<em class="antiqua">alla Minerva</em>, wo ihm sein Urteil eröffnet wurde. Es erklärt
+ihn für schuldig, ketzerischen Meinungen in betreff der Bewegung der
+Erde, angehangen zu haben; es spricht ihn aber von den auf ein solches
+Verbrechen gesetzten Strafen unter der Bedingung frei, daß er seine
+physikalischen und astronomischen ›Irrtümer‹ abschwöre und verfluche.
+Ferner solle sein Werk über das ptolemäische und kopernikanische
+Weltsystem durch eine öffentliche Bekanntmachung verboten und
+Galilei selbst auf eine vom Gericht nach Willkür zu bestimmende Zeit
+gefangengehalten werden. Die nächsten drei Jahre hindurch solle Galilei
+wöchentlich einmal die sieben Bußpsalmen rezitieren. Schließlich behält
+sich das Gericht vor, diese Strafen und Bußen nach seinem Gutdünken zu
+verändern oder zu mildern.</p>
+
+<p>»Es wird erzählt, daß Galilei, welcher die Abschwörung seiner Lehren
+kniend leisten mußte, während er sich wieder erhob, halb laut gesagt
+haben soll ›<em class="antiqua">e pur si muove</em>‹! (›und sie — die Erde — bewegt
+sich doch!‹). Aber eine so gefährliche Äußerung im Munde eines damals
+so tief gebeugten Greises ist ziemlich unwahrscheinlich.</p>
+
+<p>»Freilich haben sie ihn nicht ganz mundtot machen können. Der
+Name dieses Erforschers der Sterne war inzwischen selber zu einem
+leuchtenden Gestirn geworden am Himmel des Ruhmes, und sie konnten ihn
+nicht gut auslöschen. Sie nahmen ihm zwar einen großen Teil seiner
+›teuflischen Instrumente‹ fort, mit denen er in den Werken Gottes
+herumspionierte, aber sein Genie konnten sie ihm nicht nehmen.</p>
+
+<p>»Der Papst verwandelte die im Urteile ausgesprochene Gefängnisstrafe in
+Haft und später erhielt er die Erlaubnis, sich in<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> die Nähe von Florenz
+auf sein Landgut zu Arcetri zu begeben, wo er auch die Besuche seiner
+Freunde annehmen durfte; nur große Gesellschaften dort zu empfangen,
+war ihm untersagt. Arcetri scheint Galilei vorzüglich darum zu seinem
+Aufenthalte gewählt zu haben, weil es ganz nahe bei dem Kloster lag, in
+welchem seine beiden natürlichen Töchter als Nonnen lebten. Zu seinem
+tiefsten Schmerze starb die älteste dieser Töchter schon im April 1634.
+Gleichzeitig mit diesem Familienunglück traf ihn eine harte abschlägige
+Antwort aus Rom auf seine Bitte um die Erlaubnis, von seiner Villa aus
+zuweilen das eine Meile entfernt gelegene Florenz besuchen zu dürfen.
+Es wurde ihm sogar mit Strafen gedroht, wenn er wieder solche Bitten
+wage.</p>
+
+<p>»Aber seine Gefangenschaft — wie anders soll man ein Leben voller
+Kummer unter beständiger jesuitischer Aufsicht nennen? — seine
+Gefangenschaft konnte nicht verhindern, daß er seine Studien
+fortsetzte, daß er die schwankenden Bewegungen der Mondkugel entdeckte
+und die Gesetze der Kohäsion aufstellte. Freilich muß man nicht
+glauben, daß er unter all den Verfolgungen und Kränkungen nicht
+schrecklich gelitten hätte. Werfen Sie nur einen Blick auf diese
+Terrakottabüste, die aus seinen letzten Jahren stammt; ich besitze
+verbürgte Nachrichten darüber, daß sie dem lebendigen Menschen am
+nächsten kommt und daß sie den getreuesten Eindruck von Galileis
+Physiognomie gibt. Ist sie nicht ein ebenbürtiges Abbild seiner
+vergällten Seele? Galilei erinnert hier an einen Jupiter, dessen Stirn
+von schweren Sorgen umwölkt ist. Wie immer bei genialen Menschen sind
+auch in seinen Zügen wunderbare Größe und tiefstes Leid vereint. Krank
+an Leib und Seele erwartete Galilei schon damals den Tod.</p>
+
+<p>»Seine Freunde sorgten jetzt für Verbreitung und Druck seiner gelehrten
+Arbeiten im Auslande, während die römische Inquisition überall, wo
+sie Einfluß besaß, den Druck neuer Werke Galileis verbot. Aber diese
+entwicklungsfeindlichen Inquisitoren vermochten, trotz aller Ränke,
+nicht den Fortschritt des menschlichen<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> Denkens aufzuhalten; die
+Verfolgungen Galileis machten seinen Namen und seine Lehren erst recht
+berühmt.</p>
+
+<p>»Schon seit 1632 hatte Galilei an den Augen gelitten, war aber immer
+wiederhergestellt worden; allein im Jahre 1637 erblindete zuerst
+sein rechtes Auge und bald auch das linke. Ein Jahr vorher hatte
+Galilei seinem Freunde, dem Grafen von Noailles, ein neues größeres
+Werk über Mechanik überreicht, die ›<em class="antiqua">Discorsi e dimostrazioni
+matematiche intorno a due nuove scienze</em>‹, in welchem die ›beiden
+neuen Wissenschaften‹, die Lehre vom Widerstande fester Körper beim
+Zerbrechen und Zerreißen, und die Theorie der Bewegung, nicht nur der
+gleichförmigen, sondern auch der beschleunigten, niedergelegt waren.
+Mit Recht schätzte Galilei selbst diese <em class="antiqua">Discorsi</em> höher als
+alle seine übrigen Werke, denn hier offenbart sich am meisten sein
+Talent zur Erforschung der Naturgesetze unter der sicheren Leitung
+der Mathematik. Während seine vielfachen astronomischen Entdeckungen
+doch eigentlich nur Früchte aufmerksamer Beobachtung waren, die
+nach der Erfindung des Fernrohres jedem zufallen mußten, der zuerst
+hinreichenden Fleiß darauf verwendete und die darum auch von vielen
+anderen Beobachtern als ihre Entdeckungen in Anspruch genommen wurden,
+entwickelte Galilei in diesen <em class="antiqua">Discorsi</em>, unbestreitbar als der
+Erste, die Gesetze des freien Falles, als auch des Falles auf gegebenen
+Flächen und Kurven, die Bahn geworfener Körper, die Schwingungen
+des Pendels und der tönenden Körper, und die Gesetze der Bewegung
+überhaupt. Dies Werk ist daher die Grundlage der Akustik, Ballistik, ja
+der gesamten Dynamik der neueren Zeit.</p>
+
+<p>»Am 8. Januar 1642 setzte ein schleichendes Fieber seinem Leben ein
+Ende. Galileis Leichnam wurde in dem Familienbegräbnisse der Galilei
+in Florenz in der Kirche S. Croce beigesetzt. Als seine Verehrer ihm
+dort ein Denkmal setzen wollten, verhinderte es die Inquisition. Selbst
+noch im Tode war Galilei diesen Henkern im Wege. Erst 1674 durfte über
+seinem Grabe eine Ruhmestafel angebracht werden und 1737 wurde ihm dort
+ein Ehrendenkmal aus Marmor errichtet.</p><br>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span></p>
+
+<figure class="figcenter illowp51" id="illu-091" style="max-width: 42.75em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-091.jpg" alt="">
+ </figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span></p>
+
+<p class="p2">»Ich habe es noch vor mir, die Geschichte seines Lebens zu
+schreiben, über das ich durch zahlreiche Notizen, die von Galilei
+selbst herrühren, reichen Aufschluß erhalten habe. Er muß ein sehr
+liebenswürdiger Mensch gewesen sein; er war wohltätig und gastfrei,
+standhaft im Leiden, reizbar, aber leicht versöhnlich, mitteilsam
+und offen und erst im Alter melancholisch und schweigsam. Da er
+angenehm zu unterhalten verstand, war er einer der wünschenswertesten
+Gesellschafter. Und erfüllt es nicht mit Bewunderung, zu sehen, wie
+dieser Mann neben all seinen Arbeiten noch Zeit übrig hat, den Pegasus
+zu reiten und sein Gemütsleben in Verse zu bannen?! Auch von diesen
+besitze ich die unveröffentlichten Originale. Er war ein Freund und
+Kenner der schönen Künste, sowie der Literatur; nicht allein der
+alten, sondern auch der italienischen. Er liebte das Landleben und
+beschäftigte sich besonders gern mit der Kultur des Weinstocks. Und
+dann, wie viele philosophische Abhandlungen habe ich von ihm im
+Manuskript! Er war als Philosoph nicht minder groß, denn als Physiker.
+Aber letzterdings mußten ihm seine Augen doch alles sein, die nicht
+aufhören wollten, die Tiefen des Himmels zu ergründen. Manche meinen,
+seine Erblindung sei den anstrengenden Beobachtungen der Sonnenflecke
+und der Mondesoberfläche zuzuschreiben. Vielleicht war es aber auch
+die Strafe für seine Vermessenheit, daß Gott ihn endlich mit Blindheit
+schlug. Gewiß schmerzte ihn aber der Tod seiner Augen nicht einmal so
+sehr, wie ihn die geistige Blindheit seiner Peiniger quälte. Studieren
+Sie ihn und je größere Gesichtspunkte Sie nehmen, desto näher werden
+Sie ihm kommen.</p>
+
+<p>»Die meisten freilich — ich habe in den Galerien vor Michelangelos
+Bildwerken, vor Raffaels Gemälden Gelegenheit genug, die unerhörtesten
+internationalen Salbadereien anzuhören — die meisten finden es
+bequemer, zu fragen: Wo war dieser Mensch,<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> dieser Künstler,
+dieser Forscher klein? Wie schlaue Detektive spüren sie den großen
+Renaissancemenschen persönliche kleine Dinge nach, gleichsam um
+die Menschen herabzuziehen. Hat Michelangelo nicht doch irgendeine
+Schwäche gehabt? Hat er nicht irgendeine Gemeinheit begangen? Wie mit
+Bleigewichten sind sie von einem schalen Kleinkramwissen belastet und
+vermögen deshalb nicht unterzutauchen in den Geist der Renaissance. Sie
+erinnern mich an das Wort Heines: ›Nur wenn wir im Kot uns fanden, so
+verstanden wir uns gleich.‹ Natürlich hatte auch Galilei seine Fehler;
+hat er doch tatsächlich im Jahre 1633 einen Meineid geleistet und auf
+den Knien seine ganze Lehre abgeschworen. Gewiß, dieser Meineid ist
+ein Flecken in seinem reinen Leben. Aber zweierlei ist zu bedenken:
+dieser Meineid rettete ihm das Leben, das noch einen außerordentlichen
+Wert erhielt durch die Herausgabe der berühmten ›<em class="antiqua">Discorsi</em>‹, auf
+denen die moderne Physik begründet ist. Und dann, vergessen wir doch
+nicht, daß Galilei auch der Erste war, der selbst in der Sonne Flecken
+entdeckt hat ...«</p>
+
+<p>Der Graf war zu Ende.</p>
+
+<p>Es ist wahr, daß die Nachwelt den großen Menschen einen Legendenkranz
+ums Haupt flicht. Wir wollen diesen Kranz nicht zerreißen, wollen den
+Duft nicht fortnehmen, der die Helden der Menschheit umgibt, so wie
+eine edle Patina auf alten Bronzen lagert und ihre Ehrwürdigkeit noch
+erhöht.</p>
+
+<p>Große Männer gleichen jenen erhabenen Bergesgipfeln, für die wir erst
+in der Entfernung den richtigen Standpunkt gewinnen, wo man sie denn
+hoch über alle Bergketten emporragen sieht.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span></p>
+
+<h2>Die Jungfrau von Orleans.</h2>
+</div>
+
+
+<p>Der Glaube an das Dasein einer übernatürlichen Welt wurzelt urtief
+im menschlichen Gemüt. Aus diesem Glauben und aus dem Glauben an
+Wunder und an die Gewalt des Satans über den Menschen wurde auch der
+Aberglaube an Zauberei geboren, der sich von Jahrhundert zu Jahrhundert
+immer mehr entwickelte, und im Mönchstum und in der Unwissenheit die
+stärksten Stützen gefunden hat. Weil in der Bibel die Zauberei öfters
+mit dem Tode bedroht wird und von zauberischen und übernatürlichen
+Dingen vielfach die Rede ist (die Wundertaten des Moses und der
+ägyptischen Sterndeuter, Bileams Esel, die Hexe von Endor usw.), so war
+ein Zweifel, daß es Hexen und Zauberer gab, ganz ausgeschlossen. Und
+wenn durch Bileams Esel ein Engel redete, warum sollten die Hexen sich
+nicht in Katzen und Werwölfe verwandeln können, durch die der Teufel
+sprach? Gerade die Mönche brüteten hinter ihren Klostermauern die
+abenteuerlichsten Hirngespinste aus. Sie gaben den Phantasiegebilden
+des Volkes bestimmte Gestalt. Sie schilderten die Teufel mit
+unheimlichen dicken Köpfen, langgezogenen Hälsen, hagergelben
+Gesichtern, langen schmutzigen Bärten, Pferdezähnen und Pferdefüßen,
+feurigen Augen, glühenden Schlünden, breiten Mäulern, knotigen Knien,
+krummen Beinen, geschwollenen Knöcheln und verkehrten Füßen. Und
+ungeachtet dieser scheußlichen Ungeschlachtheit schlüpften sie durch
+Türen, Gitter und Ritzen und störten den Andächtigen und Betenden.</p>
+
+<p>Die Mönche waren die ausübenden Zauberer. Sie gaben sich als
+berufsmäßige Wundertäter aus, weil sie danach trachteten, dem Volke,
+das im geheimen noch immer den alten heidnischen Gottheiten anhing,
+diese zu verleiden, und die Wunder Christi, der Propheten und der
+Heiligen besonders glaubhaft zu<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> machen. Sie, die Diener Gottes,
+vermochten allein Gott zu versöhnen — denn die Krankheiten galten
+damals ja nur als Strafen des Ewigen für begangene Sünden — und die
+Mönche allein hatten die Kraft, die Dämonen durch Vaterunser, durch
+Salbung, Händeauflegen, Anrufen des Jesunamens zu bannen. Wenn der
+Mensch von Gott erschaffen worden ist, so kann Gott nicht wollen, daß
+sein Geschöpf leide, denn Gott ist die Güte. Leidet der Mensch aber
+dennoch, so ist es der Böse, der Teufel, welcher im kranken Leibe mit
+Gott kämpft. Wenn aber Gott und Satanas sich streiten, ist natürlich
+der Mensch der Prügelknabe. Daher also die Schmerzen. Aber dieser
+vom Teufel Besessene bekommt nun nicht etwa ein Mittel gegen seine
+Schmerzen, sondern mit Gebet und Buße, mit Opferung und Weihrauch wird
+der Teufel ausgetrieben. Zauber- und Segensprüche, Beschwörungsformeln
+und Reliquien waren in jenen Zeiten an der Tagesordnung. Die Mönche
+mußten eben zu groben Mitteln greifen, um die Reste des Heidentums
+auszurotten.</p>
+
+<p>Es muß in den Köpfen jener Zeit sehr seltsam ausgesehen haben. Man
+glaubte, daß der Papst nicht esse und trinke; daß alte kranke Weiber
+Hexen seien, die auf hohe Berge ritten, und mit teuflischen Geistern
+dämonische Kinder zur Welt brächten; daß Werwölfe verwandelte Hexen
+wären. Man glaubte, daß es Teufelssalben gäbe, denen eine zauberische
+Wirkung innewohnte; daß es einen Alp gäbe, der wie ein wilder
+Orang-Utan aussehe und nachts die Menschen quäle; daß Hexen Ungewitter
+hervorrufen könnten; daß sie nachts die Euter der Kühe leer tränken;
+daß verschluckte Kirschenkerne im Magen zu keimen begönnen. Man liest
+von Besessenen, die vor den Altären der Heiligen Urnen voll Münzen
+erbrachen. Man erfährt, daß die Muskatnuß kräftiger werde, wenn sie
+der Mann bei sich trage; daß das Ungeziefer aus Fäulnis entstehe; daß
+die Wunde eines Ermordeten zu bluten beginne, wenn der Mörder sich dem
+Leichnam nähere.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span></p>
+
+<p>Die Hexen verschrieben sich dem Teufel mit einem Tropfen Blut oder
+durch einen Nagel, ein Haar, einen Strohhalm, eine Nadel, eine
+Nuß, einen Kirschkern. Auch sie geben sich mit Besprechungen,
+Zeichendeutungen und anderen Zaubereien ab. Sie haben den Mond in der
+Gewalt und machen Ebbe und Flut. Sie streichen mit Rabenfedern bösen
+Tau vom faulen Moor und würgen Schweine. Sie schwimmen im Sieb übers
+Meer und entfesseln Stürme. Der Wind ist ihnen untertan. Sie zaubern
+dem Menschen Auszehrung an. Sie sind mordsüchtig und entstellen den
+Leib. Sie reiten die Menschen und saugen ihnen das Herzblut aus. Sie
+sind prophetisch begabt. In den Tagen, in die die Geburt Jesu fällt,
+krähen die Hähne die ganze Nacht, die Geister dürfen nicht spuken, die
+Hexen nicht zaubern. Die bangen ruhelosen Seelen Ertrunkener und am
+Scheidewege Begrabener müssen nachts umherirren. Auch Menschen, die
+während ihrer Lebenszeit Geld erpreßt haben, finden im Grabe keine
+Ruhe. Sie müssen nachts wandern, bis sie ihre Sünden gebüßt haben.
+Am Nordpol wohnen die bösen Geister; die guten Geister bringen den
+Menschen, während sie schlafen, Segen ins Haus. Beim Mondlicht ziehen
+die Feen und Zwerge geheimnisvolle Kreise auf dem Rasen, von denen das
+Schaf nicht frißt. Zanken sich die Geister, dann steigen böse Nebel
+vom Meere ans Land und erzeugen Fieber; Bäche wachsen zu verheerenden
+Strömen an; der Bauer pflügt und sät umsonst; die Schafe erkranken in
+der Hürde; Krähen fliegen; auf den Waldwegen wächst dichtes Unkraut
+— kurz eine ganze Brut von Plagen entsteht. Die Elfen benaschen
+Milchtöpfe, necken die Mägde, verderben den Brei, lassen die Butter
+mißraten, erschrecken nächtliche Wanderer durch Lachen und leiten sie
+irre. Sie locken den Hengst, indem sie das Wiehern der Stute nachahmen;
+verwandeln sich in einen Schemel und fliegen gerade dann weg, wenn sich
+jemand darauf setzen will. Sie verwirren nachts die Mähne der Pferde
+und flechten ihnen Weichselzöpfe, die, wiederum<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> entwirrt, auf Unglück
+deuten. Aus all diesen Gründen bittet man um Schutz vor den Elfen und
+Kobolden. Sie sind unsterblich. Sie wandeln über den Gischt des Meeres
+und tanzen auf dem Rücken des Nordwindes. Bald sind sie Feuergeister,
+die Schrecken bringen und sich in einen zuckenden Blitzstrahl
+verwandeln; bald sind sie lockende, singende Sirenen. Bald ahmen sie
+die Schalmei nach und bald tolles Hundegekläff; bald den Hahnenschrei,
+bald das Wellenplätschern. Sie können sich unsichtbar machen. Sie
+finden ihren Weg im Dunkeln. Wer aber durch Forschungen Herrschaft
+über die Geister erlangt hat, vermag gleichfalls Stürme zu entfesseln,
+die Sonne zu verdunkeln, das Meer aufzupeitschen, Bäume zu entwurzeln,
+Berge zittern zu machen und Tote aus ihren Grüften zu rufen und sie
+wieder zu beleben. Ein Zaubermantel ist sein. Was man auf der Erde
+erblickt, gehorcht ihm. Auf seinen Wink dorrt und verwelkt alles, was
+grünt; sobald er will, muß der Fels Wasser spenden und aus trockenen
+Klippen sprudeln reiche Quellen. Die reißenden Wasserwogen verwandelt
+er zu Brücken; die Winde gehorchen ihm. Ihm gehorchen die Ströme und
+die wilden Tiere.</p>
+
+<p>Aber den Hexen gelingen Wunder und Untat erst, nachdem sie den
+zauberischen Sud gebraut. Die Hexen haben es vom Teufel gelernt.
+Sie nahmen Fett von toten Kindern, vermischt mit Epich, Wolfswurz,
+Alberbaumzweigen, Ruß, Kalmus, Fünffingerkraut und Fledermausblut.
+Zuweilen kochten sie einen Brei aus Kinderfleisch, Mohn, Judenkirschen
+und Schierling. Sie bestrichen damit den Besen, die Ofengabel und
+den ganzen Leib, setzten sich auf den Besen oder auf die Ofengabel,
+murmelten die Hexenformel »Obenaus und nirgends an« und flogen zum
+Schornstein hinaus. Zuweilen führte sie auch der leibhaftige Teufel
+durch die Lüfte davon. Wenn die Katze miaute, das Käuzchen wimmerte,
+der Igel quiekte, der Uhu ächzte und der Rabe krächzte, war die Stunde
+reif. Daß die Hexen sich dieser Salbe bedienten, ist eine historische
+Tatsache; daß sie wirklich<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> zum Kamin hinausflogen, ist natürlich
+Unsinn. Die Salbe, mit der die Hexen sich einrieben, hatte eine
+schlaferregende und betäubende Wirkung und viele Richter und Ärzte
+beobachteten Hexen, die nach Anwendung der Salbe in Schlaf fielen und
+nach ihrem Wiedererwachen von Schornsteinfahrten, Satansmessen und
+Hexentänzen fabelten, obgleich sie sich in ihrem ohnmächtigen Schlafe
+nicht von der Stelle gerührt hatten. Die Salbe hatte nur diese starken
+Träume bewirkt und ausgelöst.</p>
+
+<p>Als Ort der Hexenzusammenkünfte war gewöhnlich ein hoher Berg
+ausersehen oder eine tief in der Erde verborgene Höhle; die Gruft toter
+Mörder. Auf ihrem Ritt durch die Lüfte, bedienten sie sich auch der
+Harken und Böcke.</p>
+
+<p>Der Teufel zeichnete seine Knechte und Dienerinnen mit besonderen
+Mälern, Auswüchsen und Beulen; stach man in solch ein Satansmal hinein
+— die Richter taten es stets —, so gaben sie, wenn man wirklich
+Teufelsmägde vor sich hatte, kein Blut von sich.</p>
+
+<p>Es wurde schon erwähnt, daß nicht nur das gemeine Volk von solchen
+abergläubischen Vorstellungen durchsetzt war, sondern auch die
+Aristokratie des Landes bis hinauf zum Könige.</p>
+
+<p>Alle aus jener Zeit veröffentlichten Akten, Bücher und Briefe sprechen
+fortwährend von Marter, Folterbank, Hängen, Rädern, Köpfen; aber es
+wird dabei nicht sehr viel Gemüt verschwendet. Stirbt jemand plötzlich,
+so denkt man in den meisten Fällen an Giftmord; natürliche Ursachen
+scheinen ausgeschaltet. Ein Sprichwort jener Tage lautet: »Wer mit
+dreiundzwanzig Jahren nicht starb, mit vierundzwanzig nicht ertrank,
+und mit fünfundzwanzig nicht gemordet wurde — muß Gott für das Wunder
+danken«. Wird jemand aus nicht deutlich erkennbaren Ursachen krank
+oder zeigt jemand einen besonderen Grad von Leidenschaft, so denkt man
+zuerst an Zauberei. Man verachtete und verdammte zwar die Zauberer und
+Zauberinnen, aber man glaubte an sie.</p>
+
+<p>Wenn man sich nicht vorsah, hatten einem die verschrienen Weiber, die
+es mit dem Satan hielten, die schönste Krankheit<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> angehext. Sogar
+Luther schrieb an den Kurfürst Johann von Sachsen: »Keine Krankheit
+kommt von Gott, der gut ist und jedermann alles Gute tut, sondern kommt
+vom Teufel, der alles Unglück stiftet und anrichtet.« Die Hexen, die
+Wurzeln des Übels, mußten also mit Feuer ausgerottet werden, sowie
+man Baumwurzeln ausrodet. Die Ärzte jener Zeit, die den behexten
+Kranken weder Rat noch Heilung zu bringen vermochten, riefen in ihren
+medizinischen Werken mit vereinten Kräften nach dem Henker. Sie sind
+von der Teufelskraft der Hexen durchdrungen und verlangen im Namen
+der ganzen Menschheit deren Tod durch Feuer und Wasser. Sie halten es
+geradezu für ein Verbrechen, wenn die christliche Obrigkeit sich nicht
+bemüht, diese Ungeheuer vom Erdboden zu vertilgen.</p>
+
+<p>Und in der Tat war ja auch der Hexenprozeß durch die immer häufiger
+werdenden Anklagen wegen Zauberei endlich eine weltgeschichtliche
+Einrichtung geworden; am Ebro wie am Rhein, an der Themse wie an
+der Seine, in den Alpen wie an den Meeresküsten, in katholischen
+wie in protestantischen Ländern loderten die Scheiterhaufen für
+denselben Wahn. Im Kurfürstentum Trier allein wurden in wenigen Jahren
+sechstausendfünfhundert Menschen, im Brandenburgischen zwölfhundert,
+im Würzburgischen zweihundert und in Lothringen neunhundert Menschen
+hingerichtet, die der Zauberei angeklagt waren.</p>
+
+<p>Die Grausamkeit, mit welcher die Hexen gefoltert wurden, kannte
+keine Grenzen. Unter den Marterinstrumenten kommen die Presse, die
+Schraube, Stricke, der Bock, das Pferd, die Leiter, das Halsband,
+der spanische Kragen, der dänische Mantel, die englische Jungfrau,
+die braunschweigischen Stiefel und andere fürchterliche Dinge vor,
+die die Qual des Verurteilten in niederträchtig raffinierter Weise
+verlängerten. Man goß ihnen siedend-heißes Öl oder auch Teer auf die
+nackten Gliedmaßen, trieb ihnen Nägel unter die Fußnägel, röstete
+sie mit brennenden Kerzen unter den Armen, hing sie an ihren Zöpfen
+tagelang auf.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span></p>
+
+<p>Um die Hexen leichter zum Bekenntnis zu bringen, wurde ihnen vom
+Henker die Hexensuppe gereicht: ein Getränk aus Bier, geriebenem Brot,
+Hechtgalle, schwarzem Kümmel, gestoßenen Knochen verbrannter Hexen, das
+Ganze stark gesalzen. Sie mußten ein Hemd aus Werg anziehen, das an
+einem Tag gesponnen, gewebt und genäht worden war. Ein Amulett wurde
+ihnen umgehängt.</p>
+
+<p>Wenn die Angeklagten wirklich Hexen waren und mit dem Satan im Bunde
+lebten, so hätte er sie ja auch aus der Hand der Richter befreit, hätte
+ihnen die Folter erspart und sie vom Scheiterhaufen errettet — dieser
+sehr einfache Gedanke wurde von den Einsichtigen immer wieder, aber
+freilich vergeblich, den verblendeten Richtern, Priestern und Bütteln
+vorgehalten. Es fiel den Abergläubischen auch nie auf, daß die als
+Hexen Verschrienen häufig <em class="gesperrt">alte</em>, <em class="gesperrt">arme</em> Weiber waren, was
+sie ja nicht gewesen wären, wenn sie vom Teufel Jugend und Reichtum
+verlangen konnten, und daß keine einzige Hexe versucht hatte, sich vor
+Gericht unsichtbar zu machen, obwohl man sie doch gerade <em class="gesperrt">dieser</em>
+teuflischen Kunst wegen verbrannte.</p>
+
+<p>In dieser Zeit, in der solche Vorstellungen aber im Schwange waren,
+lebte auch die Jungfrau von Orleans und wir werden jetzt sehr viel
+leichter verstehen, warum auch sie endlich dem Aberglauben ihrer
+Zeitgenossen zum Opfer fallen mußte.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Johanna war am Dreikönigstage, dem 6. Januar 1412 im Dorfe Domremy, am
+linken Ufer der Maas, geboren. Sie war oft Zeuge, wie sich die Kinder
+ihres Dorfes für die Sache des Königs mit denen des nahen Dorfes Maxey
+schlugen, das zur englischen Partei hielt. Sie wuchs still und fromm
+auf, von ihrer Mutter Isabella häuslich erzogen. Ihr Vater, Jakob,
+war Bauer mit einem kleinen Vermögen. Von einer jüngeren Schwester
+Katharina, sowie von dem ältesten Bruder Jakob wird wenig<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> erzählt; die
+beiden anderen Brüder, Johann und Peter, folgten Johanna später in den
+Krieg. Ob sie als Kind die Herde gehütet, konnte sie sich später nicht
+entsinnen. Wohl aber rühmte sie sich im späteren Verhör zu Rouen, daß
+ihre Mutter sie nähen gelehrt habe und daß es in ganz Rouen wohl keine
+Frau gäbe, die ihr darin etwas zu zeigen habe. Lesen und schreiben
+konnte sie nicht; den Religionsunterricht erhielt sie allein von ihrer
+Mutter. Er beschränkte sich auf das Vaterunser, das Ave Maria und
+das Kredo. Alle Zeugen aus ihrem Hause rühmten ihr gutes Herz; sie
+pflegte die Kranken und beschenkte die Armen. Sie war so mildtätig und
+gutherzig, daß die Vögel ihr aus der Hand pickten.</p>
+
+<p>Daß Wundergeschichten und Legenden auf sie eingewirkt haben, ist
+ziemlich sicher anzunehmen. Von einem nahen Walde bei Domremy gingen
+allerlei Sagen, daß dort Feen hausten und daß sie besonders eine Quelle
+bei einer Buche liebten, die man den »Baum der Damen« nannte. An ihren
+Zweigen hingen die Kinder geweihte Kränze auf. Daneben lief eine alte
+Prophezeiung des Zauberers Merlin durch die Lande, die besonders in
+Johannas Heimat so erzählt wurde: Durch eine Frau sei Frankreich
+zugrunde gegangen — gemeint war die verschwendungssüchtige, sittenlose
+und intrigante Königin Isabella —, durch eine Jungfrau werde es wieder
+gerettet werden.</p>
+
+<p>Zu alledem gesellten sich die Schrecken des Krieges; arme Flüchtlinge
+kamen ins Dorf, denen Johanna ihr Bett abtrat, um selbst auf dem
+Getreidespeicher zu schlafen. Einmal mußte auch Johanna mit ihren
+Eltern und Nachbarn vor den wilden Kriegshorden flüchten, und als sie
+zurückkehrten, war das Dorf verwüstet, ihr heimatliches Haus zerstört,
+die Kirche niedergebrannt.</p>
+
+<p>Johanna empfand das Schreckliche und Barbarische des Krieges inniger
+und schmerzvoller als die andern. Sonst merkte man ihr nichts
+Außerordentliches an. Sie war nur in sich gekehrt und sehr schüchtern.
+Und vielleicht war nur das eine an ihr auffällig,<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> daß sie oft zur
+Kirche ging und beichtete, obwohl sie noch ein Kind war und nichts zu
+beichten haben konnte.</p>
+
+<p>Sie war erst zwölf Jahre alt. Die bayerische Isabella hatte durch den
+Vertrag von Troyes 1420 Frankreich an den König von England verraten,
+indem sie Heinrich V. von England zum Erben Frankreichs einsetzte und
+ihm ihre Tochter Katharina zur Gemahlin gab. Karl VI. von Frankreich
+war 1422 gestorben und sein Sohn, der rechtmäßige Nachfolger, irrte,
+um sein Reich betrogen, machtlos von Stadt zu Stadt und von Schloß
+zu Schloß. Da war Johanna an einem Sommertag, an dem gefastet werden
+mußte, mittags im Garten des elterlichen Häuschens, als sie plötzlich
+einen Heiligenschein gewahrte, aus dem sie eine Stimme vernahm, die
+also sprach: »Johanna, sei immer und immer ein gutes, folgsames Kind
+und gehe oft zur Kirche!« Johanna erschrak sehr; die Stimme kehrte aber
+öfters wieder. Der Heiligenschein nahm immer mehr körperliche Gestalt
+an, bis Johanna später in der Lichterscheinung den Erzengel Michael
+erkannte.</p>
+
+<p>Sie wuchs, wurde kräftig und schön, voll sanfter Milde und es ging
+ein Zauber von ihrer Erscheinung aus, mit dem sie in der Folge den
+wildesten Krieger beschämen und umwandeln konnte. Aber sie blieb
+dennoch das Kind, das sie war, obwohl ihr Geist reifte und immer
+hellseherischer wurde. Die Stimmen, die in ihr sprachen, wurden in
+demselben Maße, wie sich das Elend des Landes steigerte, immer lauter
+und eindringlicher. »Johanna!« mahnte es in ihr, »eile dem König von
+Frankreich zu Hilfe und du wirst ihm sein Königreich zurückerobern.«
+Und sie antwortete zitternd und zag: »Gestrenger Herr, ich bin nur ein
+armes Mädchen, ich kann weder reiten, noch Reisige führen.« Die Stimme
+erwiderte: »Geh zu Baudricourt, dem Hauptmann von Vaucouleurs, der wird
+dich zum König führen lassen. Die heilige Katharina und die heilige
+Margarete werden dir beistehen.« Da blieb sie bestürzt stehen und
+weinte, als hätte sie ihr ganzes Schicksal schon vor Augen gesehen. Der
+heilige Michael erschien<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> ihr aber wieder und flößte ihr Mut ein. Er
+sprach zu ihr von dem Jammer, der in Frankreich laut wurde; dann kamen
+die heiligen Frauen von himmlischem Glanz umgeben und sprachen zu ihr
+mit rührender Stimme, daß sie in Tränen ausbrach.</p>
+
+<p>Und nun begann in ihrem Innern ein harter schmerzlicher Kampf, der fünf
+Jahre dauerte. Das fromme, schüchterne und arbeitsame Kind sollte die
+traute Heimat, die Gespielinnen der Jugend und den väterlichen Garten
+verlassen; sollte nicht mehr die Stimmen der Eltern und Geschwister
+vernehmen, sondern nur noch die erschütternden Stimmen der Heiligen.
+Das Kind, das bei jedem Wort, das ein Mann zu ihm sprach, errötete,
+sollte in das wilde Kriegsgetümmel, sollte sich unter die rauhen
+Soldaten mischen, unter diese wilden, groben, ungebildeten Leute,
+die mit schreiend bunten Gewändern und mit dreister Rede prahlten,
+die nur danach trachteten, so trunken als möglich zu sein und sich
+reichste Beute zu sichern. Und vor allem mußte Johanna, um den inneren
+Stimmen zu folgen, dem geliebten Vater ungehorsam werden, der, als
+er zum ersten Male von Johannas Vorhaben hörte, zornig in die Worte
+ausbrach: »Wenn ich glauben könnte, daß sie so etwas täte, würde ich
+sie mit meinen eigenen Händen ertränken.« Er fürchtete um sein Kind,
+weil er wußte, daß man nicht an ihre inneren heiligen Stimmen glauben,
+sondern sie bald für eine Teufelshexe erklären würde. Und wir wissen ja
+nun, welch ein Los ihrer als Hexe in der damaligen Zeit harrte. Aber
+das alles half nichts. Die Stimmen drängten sie immer mächtiger zum
+Schlachtfelde.</p>
+
+<p>Um sie von ihrem Gedanken abzubringen, griffen die verzweifelten Eltern
+zu einer List. Man wollte sie durch eine Heirat zur Vernunft bringen.
+Ein junger Mann aus dem Dorfe fand sich bereit, zu erklären, sie habe
+ihm, als sie noch klein war, die Ehe versprochen, und da Johanna es
+natürlich ableugnete, ließ er sie vor das Kirchengericht nach Toul
+berufen; man glaubte, daß sie nicht wagen würde, sich zu verteidigen
+und sich lieber zur<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> Heirat verurteilen lassen würde. Aber man irrte
+sich. Sie erschien vor Gericht, verteidigte sich und gewann ihre
+Freiheit.</p>
+
+<p>Die Angehörigen widersetzten sich noch immer ihrem Entschlusse. Aber es
+war ihr inzwischen gelungen, ihren Onkel von ihrer himmlischen Sendung
+zu überzeugen. Und er nahm sie mit sich in sein Dorf Petit-Burey
+(Burey-la-Côte), das eine Stunde von Domremy entfernt war, und gab an,
+seine Frau bedürfe der Pflege Johannas. Die Eltern wußten zunächst noch
+nichts von dem festen Entschlusse der Tochter, denn sie hatte sich nur
+von einer kleinen Kameradin verabschiedet. »Und hätte ich hundert Väter
+und hundert Mütter gehabt und wäre ich eine Königstochter gewesen —
+da Gott es mir gebot, <em class="gesperrt">mußte</em> ich fort,« antwortete sie später
+ihren Richtern in Rouen. Von ihrem Oheim ließ sich Johanna nun nach
+Vaucouleurs zu dem Ritter Baudricourt führen, mit dem sie am 23. Mai
+1428 zusammentraf. Sie wußte vorher, daß er sie abweisen würde; ihre
+»Stimmen« hatten ihr gesagt, daß es ihr erst zum dritten Male gelingen
+würde, sich Gehör zu verschaffen.</p>
+
+<p>Baudricourt war ein rauher Degen, der von niemand sonst Hilfe erhoffte,
+als von seiner Waffe. Er wußte nicht, was er sagen sollte, als in
+ihrem groben, roten Dorfkleide das Bauernmädchen vor ihm stand, und
+das nun mit fester Stimme erklärte, sie komme von ihrem Herrn gesandt,
+um dem Dauphin zu melden, daß dies Königreich des Herrn sei, daß
+aber der Dauphin zum König bestimmt sei und daß sie ihn würde salben
+lassen. Hauptmann Baudricourt lachte sich eins und gab dem Onkel
+den Rat, Johanna mit ein paar tüchtigen Ohrfeigen zu ihren Eltern
+zurückzuschicken.</p>
+
+<p>Der Sommer verging und der Herbst und der Januar 1429 kam heran.
+Johanna beklagte sich: »Und doch muß ich noch vor Mitfasten bei dem
+Dauphin sein, müßte ich mir auch, um zu ihm zu kommen, die Beine bis zu
+den Knien ablaufen. Denn für ihn gibt es keine andere Hilfe als mich,
+obgleich ich lieber bei meiner<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> armen Mutter am Spinnrocken bliebe;
+denn das ist ja nicht eigentlich meine Arbeit. Aber ich muß gehen und
+es verrichten, denn mein Herr will es.«</p>
+
+<p>Allmählich ward das Volk von Johannas frommem Gottvertrauen bewegt
+und begeistert. Zwei Edelleute, Ritter de Metz und der Schildknappe
+Bertrand de Poulengy hatten sich ebenfalls Johanna angeschlossen.
+Baudricourt hatte inzwischen von Karl, der in Chinon weilte, die
+Genehmigung erhalten, Johanna ins Feld zu schicken. Das Volk drängte
+immer heftiger und als die Gottgesandte endlich noch die Niederlage
+bei Rouvray auf den bestimmten Tag vorausgesagt hatte, ließ er sie mit
+einem recht schlechten Schwert abziehen. Außer den beiden Edelleuten
+begleiteten sie noch zwei Bogenschützen, des Königs Bote und ihr Bruder
+Peter. Die Bürger von Vaucouleurs steuerten sie aus und ihr Onkel
+kaufte ihr ein Pferd.</p>
+
+<p>So ritt sie etwa am 20. Februar 1429 fort, mitten in das von den
+Kriegsbanden unsicher gemachte Land hinein, nachdem sie vorher ihre
+Eltern brieflich noch einmal um Verzeihung gebeten hatte.</p>
+
+<p>Mit ruhiger Heiterkeit durchzog sie das wüste Land. Sie trug nun
+männliche Kleidung, um sie nie wieder abzulegen. Und dennoch schien
+sie anmutig und mädchenhaft. Sie bewahrte ihre kindliche Einfalt und
+Frömmigkeit und hielt in jedem Städtchen an, um die Messe zu hören.
+Manchmal sank den Begleitern der Mut oder sie verloren die Geduld
+ob der Gebetsverzögerungen; aber Johanna wußte sie immer wieder zu
+trösten. Sie überschritt endlich die Loire und kam am 6. März in
+Chinon an, wo der König in seinem weitläufigen Schlosse Hof hielt. Man
+zögerte zwei Tage lang, ehe man sie empfing; der König glaubte, sich
+lächerlich zu machen. Seine Lage war freilich eine verzweifelte, aber
+einem Bauernmädchen die Führung des Krieges zu überlassen, war doch
+eine Selbstverspottung in den Augen Europas. Aber gesetzt auch, sie
+konnte Wunder tun, wer bürgte dafür, daß<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> Gott mit ihr im Bunde war?
+Vielleicht war es der Böse? Nein, die Geschichte war zu unglaublich.
+Der Erzbischof von Reims hatte die stärksten Bedenken. Aber am 9. März
+empfing sie der Dauphin dennoch.</p>
+
+<p>Es war Abend, und fünfzig Fackeln erleuchteten den prunkenden Saal.
+Alle Edlen und Ritter waren versammelt. Jeder war neugierig, das
+Wunder zu sehen. Sie trat bescheiden ein und erstaunte keineswegs
+ob der glänzenden Menge. Sofort erkannte sie den König, der sich
+unter die Ritter gemengt hatte, um unerkannt zu bleiben und obwohl
+er anfangs geleugnet hatte, daß er der König sei, umfaßte sie seine
+Knie und sprach: »Edler Dauphin, mein Name ist Johanna, die Jungfrau.
+Der König der Himmel offenbart Euch durch mich, daß Ihr in der Stadt
+Reims gesalbt und gekrönt werden sollt und daß Ihr der Statthalter des
+Königs der Himmel, der da ist der König von Frankreich, sein werdet.«
+Der König nahm sie zur Seite und nach einer kurzen Unterhaltung hatte
+sie ihm die geheimsten Gedanken seines Herzens offenbart. Trotzdem
+mißtraute man ihr und ließ sie von Professoren der Theologie einem
+Verhör unterwerfen. Der eine fragte sie: »Wozu braucht Gott denn
+Kriegsleute, wenn er Frankreich erretten will?« Sie antwortete
+ruhig: »Die Kriegsleute werden sich schlagen, und Gott wird den Sieg
+verleihen.« Ein anderer Theologe, der einen häßlichen Dialekt sprach,
+fragte: »In welcher Sprache reden denn deine Stimmen?« und Johanna
+gab schlagfertig zurück: »In einer besseren als die Eure.« »Gott will
+nicht, daß man dir ohne Zeichen glaube,« rief ein Dritter zornig aus.
+Johanna sagte: »Ich bin nicht gekommen, um Zeichen und Wunder zu tun;
+mein Zeichen wird sein, daß ich die Belagerung von Orleans aufhebe.«</p>
+
+<p>Man konnte nicht fertig mit ihr werden und ließ sie in Ruhe. Es war
+auch kein Augenblick mehr zu verlieren, denn die Gefahr hatte ihren
+Gipfel erreicht. Man entschloß sich nun, die Jungfrau auszurüsten. Sie
+verlangte ein Schwert, das sie genau<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> beschrieb und das, wie sie angab,
+hinter einem Altare gefunden wurde. Ihr militärisches Gefolge bestand
+aus dem Schildknappen Ritter Jean d'Aulon, dem Pagen Immergut, zwei
+Herolden, einem Hausmeister und zwei Dienern. Zum Feldpriester wählte
+sie sich den Augustinermönch Jean Pasqueral. Ihr Bruder Peter blieb bei
+ihr.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-107" style="max-width: 62.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-107.jpg" alt="bild">
+</figure>
+
+<p class="p2">Jetzt verabschiedete sie sich vom König. In Tours ließ sie sich noch
+eine Fahne malen, wie ihre »Stimmen« sie ihr beschrieben hatten:
+Lilien auf der einen Seite, auf der anderen Gott, auf einem Regenbogen
+thronend. Und nun zog sie in den Kampf.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Des Weges unkundig, hatte sie sich der Führung der Kriegshauptleute
+überlassen. Sie zogen auf dem linken Ufer der Loire nach Orleans.
+Am 29. April erblickte Johanna zum ersten Male die Türme der Stadt.
+Im nahen Schlößchen Reuilly rastete<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> Johanna bis zum Abend. Und am
+selben Abend acht Uhr, Freitag, den 29. April, zog Johanna durch das
+burgundische Tor in Orleans ein. Sie war noch nicht siebzehnundeinhalb
+Jahre alt. Die ganze Stadt war ihr entgegengegangen. Ihr Schildknappe,
+die Fahne tragend, schritt voran und neben Johanna, die in voller
+Rüstung auf weißem Rosse saß, schritt ihr Page Immergut. Links von
+ihr ritt der königliche Vetter Graf Dunois, der Bastard von Orleans,
+und hinter ihr kamen ihre Brüder; Herren und Ritter folgten, Knappen,
+Hauptleute, Schöffen der Stadt. Freudetrunken umringte sie das Volk,
+das mit Fackeln ihren Weg beleuchtet hatte. Männer, Frauen und Kinder
+drängten sich an sie heran, um sie zu berühren.</p>
+
+<p>Die belagerte Stadt jubelte, als sei sie bereits entlagert; eine
+himmlische Beruhigung senkte sich auf alle Gemüter. Nach sieben Monaten
+des Kampfes war dieser liebliche Engel erschienen, um ein Wunder zu
+vollbringen. Denn die Engländer, von dem Ereignis ganz bestürzt,
+hielten sich in ihren Bastillen verschanzt. Sie sahen dem Zuge der
+Jungfrau wie betäubt zu und wagten keinen Angriff.</p>
+
+<p>Am folgenden Morgen eilte sie zum Bastard und verlangte den Sturm auf
+die englischen Verschanzungen; aber der Kriegsrat folgte ihr nicht.
+Von der Brücke aus ruft sie nun den drüben verschanzten Engländern zu,
+sich zu ergeben, aber die lachen die Jungfrau nur aus, obwohl sie im
+geheimen Angst haben vor der »Zauberin«.</p>
+
+<p>Und jetzt beginnt ein wütender Kampf. Eine Schlacht nach der andern
+wird geschlagen, ein Sturm nach dem andern wird gelaufen. Und Johanna,
+das kaum achtzehnjährige Mädchen, ist stets die mutige Anführerin, der
+Feldherren und Soldaten blindlings folgen. Vom 2. bis 5. Mai ist sie
+fast immer im Felde, immer in der Rüstung und zu Roß; nur ab und zu
+wirft sie sich nieder, um inbrünstig um Sieg zu beten und eine kleine
+Weile zu ruhen. Und am 6. Mai endlich ist der Sieg zu Gunsten der<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span>
+Franzosen entschieden. Von den etwa achthundert Engländern sind kaum
+zweihundert übrig, während die Franzosen nur geringe Verluste erlitten
+haben. Aber als die letzte Schlacht, die dreizehn Stunden gedauert hat,
+glücklich vorüber ist, vergießt Johanna Tränen des Glücks über den Sieg
+und Tränen des Mitleids mit den Gefallenen, die ohne Beichte starben.
+Nun begann der Triumphzug in die Stadt. Glocken läuteten, Trompeten
+schmetterten Siegesfanfaren, Jubelgeschrei erhob sich, Segenswünsche
+wurden laut. Die Jungfrau wurde in die Wohnung geleitet, wo sie zu
+Gaste war. Ein großes Festmahl war ihr gerüstet, aber sie nahm nur
+einige Brotschnitten zu sich, die sie in weinvermischtes Wasser tauchte.</p>
+
+<p>In der Nacht räumten die Engländer noch die letzten Bastillen. Am
+folgenden Morgen verkündeten die Turmwächter, daß sich das feindliche
+Heer auf dem Felde in Ordnung stelle. Johanna und der Bastard von
+Orleans eilten mit ihren Truppen hinzu. Man fragte Johanna, was man
+tun solle. »Die Messe hören,« antwortete sie. Sie ließ einen Tisch
+bringen, den sie zum Altar schmückte, und der Gottesdienst begann. Als
+er zu Ende war, fragte Johanna, wohin die Engländer den Kopf wendeten.
+»Nach Meung zu,« war die Antwort. »Beim Namen Gottes,« sagte nun die
+Jungfrau, »sie ziehen ab; laßt sie ziehen; wir wollen dem Himmel
+danken und sie nicht weiter verfolgen, denn es ist heute Sonntag.« In
+patriotischer Stimmung beschlossen die Bürger und Frauen der Stadt den
+denkwürdigen Tag durch eine feierliche Prozession.</p>
+
+<p>Das eine Gebot der himmlischen Stimmen, Orleans zu befreien, war nun
+erfüllt. Es blieb ihr noch das andere: den König nach Reims zu führen
+und ihn zu krönen.</p>
+
+<p>Am 10. Mai verließ sie Orleans und ging nach Loches, wo der König
+weilte, um ihn zu dem Zuge nach der Krönungsstadt zu drängen. Aber sie
+stieß auf Widerstand, der allerdings berechtigt war. Denn die Engländer
+hatten noch eine Menge<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> Plätze an der Loire besetzt, aus denen sie erst
+hätten vertrieben werden müssen. Die Jungfrau fügte sich dem neuen
+Kriegsunternehmen und begann den Feldzug an der Loire.</p>
+
+<p>Am 12. Juni fiel <em class="gesperrt">Jargeau</em>. Der Herzog von Alençon zögerte mit
+dem Sturm; es sei noch nicht Zeit, meinte er. »Es ist immer Zeit,«
+antwortete Johanna, »sobald es Gott will. Aber hast du Angst, artiger
+Herzog? Weißt du nicht, daß ich deiner Frau versprochen habe, dich
+unverletzt heimzuführen?« Solcher Rede widerstand er nicht, und so
+wurde Jargeau gestürmt. Johanna versöhnte auch die königliche Partei
+mit dem am Hofe verhaßten mürrisch-stolzen Konnetabel Artus de
+Richemont, der der Jungfrau erst hatte geloben müssen, treu dem Könige
+zu dienen. Mit seiner Hilfe wird <em class="gesperrt">Beaugency</em> bei Blois am 17. Juni
+genommen. Jetzt verlassen die Engländer auch Meung und am 18. Juni
+werden sie bei Patay in der Beauce so gründlich geschlagen, daß die
+Loire von jetzt an für immer von ihnen befreit bleibt. An demselben
+Tage wurde auch der mächtige englische Feldherr Talbot gefangen.</p>
+
+<p>Während man sich der reichen Herren bemächtigte, um ein bedeutendes
+Lösegeld zu gewinnen, wurde das arme Kriegsvolk einfach
+niedergemetzelt. Etwa zweitausend Tote bedeckten das Schlachtfeld, und
+Johanna brach, beim Anblick so vieler Leichen, in Tränen aus. Trotz
+allem war sie ein Kind geblieben; die Kriegsgreuel hatten ihr Herz
+nicht verhärtet. Ein französischer Soldat hieb neben ihr unbarmherzig
+einen armen Engländer nieder, der ihn um Gnade anflehte. »O du böser
+Franzose,« rief Johanna erschüttert aus, sprang vom Pferde, richtete
+den Verwundeten auf, pflegte und tröstete ihn und erleichterte ihm
+seine Sterbestunde.</p>
+
+<p>Und nun unternimmt sie den Triumphzug nach Reims. Die Höflinge setzten
+ihrem Plane zwar noch immer Widerstand entgegen und rieten, man müsse
+erst noch dieses Städtchen nehmen, dann jenes; müsse die Normandie erst
+vom Feinde säubern;<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> aber Johanna beharrte auf ihrem Entschluß, den
+König vor dem Volke zu weihen. Das Volk selbst, das von den Wundertaten
+der Jungfrau begeistert war, riß den König mit fort und drängte ihn
+endlich, in den Zug nach Reims zu willigen. Johanna war nach Orleans
+geeilt, um neue Truppen zu sammeln, aber als sie zum königlichen Hof
+nach Gien zurückkehrte, war man dort schon wieder unschlüssig geworden.
+Die Höflinge fürchteten sich vor jedem Mauerloch, in dem man ein paar
+Engländer vermutete. Aus Verdruß über diese armseligen Menschen verließ
+sogar Johanna den Hof und blieb zwei Tage außerhalb der Stadt. Nur
+eins entschuldigte die Feigheit des Hofes: es war kein Geld in der
+königlichen Schatzkammer. Aber Volk und Ritter waren so entflammt,
+daß sie erklärten, auf ihre eigenen Kosten ins Feld ziehen zu wollen,
+wenn Johanna sie anführe. Nun mußte der Hof sich fügen und zog in die
+Richtung nach Reims. Am 5. Juli kam man vor der Stadt <em class="gesperrt">Troyes</em>
+an, die sich weigerte, die Tore zu öffnen oder gar auf die Briefe
+des Königs und der Johanna hin, sich zu ergeben. Die ängstlichen
+königlichen Räte machten wieder den Vorschlag, sich an die Loire
+zurückzuziehen. Aber Johanna flehte den König an, sich nur drei Tage zu
+halten; in dieser Frist verspreche sie ihm, die Stadt entweder durch
+Liebe oder durch Waffen zu gewinnen. Man rüstete zum Angriff, der keine
+drei Tage dauerte. Die Waffentaten von Orleans hatten ihre Wirkung auf
+die Bürger von <em class="gesperrt">Troyes</em> nicht verfehlt. Sie verlangten nur freien
+Abzug mit ihrer ganzen Habe. Der König gewährte das, dachte aber nicht
+an die Gefangenen, die die Troyesjeser auch mit fortschleppen wollten.
+Johanna war die einzige, die an diese Franzosen dachte, und sie setzte
+auch am 9. Juli ihre Befreiung durch.</p>
+
+<p>Und von nun ab gleicht der Zug in der Tat einem Triumphzuge.
+<em class="gesperrt">Chalons</em>, von der Jungfrau aufgefordert, sich dem Könige des
+Himmels und dem Dauphin Karl zu ergeben, öffnet am 14. Juli seine
+Tore, und alle übrigen Festungen unterwegs<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> tun das gleiche. Aus der
+Champagne und den Grenzorten eilt das Volk herbei, darunter Bürger
+aus Domremy, die Johanna freudig begrüßten. Ahnungsvoll sagt ihnen
+Johanna: »Ich fürchte nichts, als den Verrat.« Wieder ist der Hof
+voller Besorgnis; es fehlt an Geld, es fehlen Geschütze, um Reims zu
+nehmen. »Fürchtet nichts,« sagt Johanna zum Dauphin; »die Bürger werden
+sich Euch ergeben, noch ehe Ihr ankommt und Euch entgegengehen.« Und
+es war so gekommen, wie sie es in ihrem unbegrenzten Gottvertrauen
+vorausgesagt hatte. Die Bürger schickten die Ältesten und Vornehmsten
+dem Dauphin entgegen, und am Abend des 16. Juli zog Karl in Reims ein.
+Eine wundersame Rührung überkam Johanna. »Wenn ich sterben soll,«
+rief sie, »wäre ich recht glücklich, wenn man mich hier begrübe.« »Wo
+glaubst du einmal zu sterben?« fragte sie der Erzbischof. »Wo es Gott
+gefallen wird,« gab sie zurück; »ich möchte gern, daß es ihm gefiele,
+mich wieder heimziehen zu lassen zu meiner Schwester und zu meinen
+Brüdern; sie wären so froh, mich wiederzusehen. Ich habe wenigstens
+getan, was unser Herr mir geboten hat.«</p>
+
+<p>Am folgenden Tage, dem 17. Juli, wurde der König nach der uralten
+Zeremonie in der Kathedrale mit dem heiligen Öl gesalbt. Der Prunk
+war überwältigend, und die Volksmenge, die herbeigeströmt war, eine
+ungeheure. Während der ganzen Feierlichkeit stand Johanna in ihrer
+Rüstung am Altar neben dem König, ihre Gottesfahne in der Hand. Als
+der König gesalbt war, warf sich Johanna vor ihm nieder, umarmte seine
+Knie und weinte bitterlich, und alles Volk weinte mit ihr. »O König,«
+rief sie, »nun ist der Wille Gottes geschehen, der da wollte, daß ich
+Orleans befreite und Euch in Eure Stadt Reims führte, um das heilige
+Öl zu empfangen, zeigend, daß Ihr der wahre König seid, und Euch das
+Königreich Frankreich gehören soll.«</p>
+
+<p>In Reims sah Johanna auch ihren Vater wieder, der mit den andern
+herbeigeeilt war, sein Kind, das er abgöttisch liebte, zu umarmen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span></p>
+
+<p>Aber was sollte sie nun, nachdem sie ihre Aufgaben erfüllt sah, tun?
+Sie blieb in den Diensten des Königs, obwohl die inneren Stimmen
+aufgehört hatten, zu sprechen. Sie dachte an ihr baldiges Ende, denn
+sie trug ihrem Beichtvater auf, den König zu bitten, wenn sie gestorben
+sein werde, Kapellen für diejenigen zu bauen, die für ihr Vaterland ihr
+Leben gelassen hatten. Das Wiedersehen Johannas mit ihren Eltern und
+Geschwistern hatte in ihr auch die mächtige Sehnsucht erweckt, in die
+Heimat zurückzukehren. Aber der König, der ihr so viel zu danken hatte,
+wollte sie nicht entlassen. Dazu kam der Rausch des Sieges und die
+Hoffnung, den Krieg rasch zu beenden. Alle Städte, vor denen der König
+erschien, öffneten ihm freiwillig ihre Tore. Es schien fast, als ob es
+keinen Engländer mehr in Frankreich gäbe.</p>
+
+<p>Da kam plötzlich die erste Niederlage, und der Verrat an der Jungfrau.</p>
+
+<p>Im August war der König mit dem Heere auf Paris losmarschiert; aber
+durch einen heimlich geschlossenen Vertrag hatte Karl VII. selbst den
+Sieg der Jungfrau gelähmt und ihr Leben preisgegeben. Am 28. August
+hatte der König mit den Burgundern einen Waffenstillstand auf vier
+Monate abgeschlossen. Johanna wurde von trüben Ahnungen erfüllt, als
+ihr im Lager vor Paris ihr geweihtes Schwert zerbrach; es war ihr, als
+ob Gott ihr damit ein Zeichen geben wollte, daß ihr Streiten im Dienste
+Frankreichs beendet sei. Trotzdem fand am 8. September ein Sturm auf
+Paris statt; es war das Geburtsfest der Jungfrau Maria. Die Franzosen
+wurden aber zurückgeworfen, und Johanna am Schenkel verwundet. Nun
+erhoben all die Zauderer und Feiglinge, die nur widerwillig Johanna
+gefolgt waren, ihre Stimmen, und der König hörte nur zu gern auf sie.
+Das Heer verließ die Provinz und zog sich an die Loire zurück. Das
+Drängen und Flehen der Jungfrau war umsonst. Nun hing sie ihre Rüstung
+unmutig vor den Reliquien der Abtei zu St. Denis auf und folgte dem
+Könige.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span></p>
+
+<p>Das war kein kriegerischer Heerzug mehr; der Rückzug glich einer
+unordentlichen Flucht. Ende September kam der König in Bourges an; dort
+heilte Johanna ihre Wunde. Jeden Morgen ging sie zur Frühmesse, Gott um
+neuen Sieg anflehend.</p>
+
+<p>Der Herzog von Alençon brannte darauf, sein Herzogtum in der Normandie
+wiederzugewinnen; er rüstete sich und bat den König, ihm die Jungfrau
+zu schicken, denn viele, die sonst gern mit ihm zogen, würden sich
+nicht von der Stelle rühren, wenn die Jungfrau nicht mitginge. Aber
+der engherzige und ehrgeizige falsche Erzbischof von Reims und mehrere
+Herren, die den Hof regierten, verwarfen den Vorschlag. Die Loire
+stromaufwärts waren noch einige Städte in den Händen der Burgunder;
+gegen diese willigte man ein, die Begeisterung Johannas zu benutzen.
+Es gelang ihr auch, fast schon von allen verlassen, im November die
+fliehenden Truppen zum Sturm auf St. Pierre-le-Moustier zu führen und
+den Platz zu nehmen. Aber die Belagerung von La Charité mißlang »zum
+großen Mißfallen der Jungfrau«. Kurz darauf, Anfang Dezember, versetzte
+der König die Jungfrau, ihre Eltern, ihre Brüder und deren Nachkommen
+unter dem Namen <em class="antiqua"><em class="gesperrt">Du Lis</em></em> in den Adelstand. Johanna war
+nicht eitel, und ihre Erhebung in den Adel befriedigte nicht ihren
+Tatendrang, machte die Vorwürfe der Tatenlosigkeit nicht verstummen.</p>
+
+<p>Endlich am 28. März, des trägen Wartens am Hofe überdrüssig, reiste
+Johanna heimlich ab, ohne vom König Abschied zu nehmen und ging nach
+Ligny. Ihre Seele war krank vor Trauer, denn bald nachher hatte
+sie eine Erscheinung, die ihr Böses weissagte. Die innere Stimme
+verkündigte ihr, daß sie noch vor dem Johannisfeste in die Hände des
+Feindes fallen würde; daß dies unvermeidlich wäre; daß sie darüber
+aber nicht erschrecken, sondern im Gegenteil dieses Kreuz dankbar aus
+der Hand Gottes hinnehmen sollte, da ihr Gott auch die Kraft geben
+würde, es zu tragen. Johanna flehte zu ihren Heiligen, sie möchten Gott
+bitten, ihr die Schmerzen einer langen Gefangenschaft zu ersparen<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> und
+sie durch einen schnellen Tod in sein heiliges Paradies aufnehmen zu
+wollen. Aber die Heiligen offenbarten ihr nichts weiter; Geduld und
+Schickung in ihr Los rieten ihr die Stimmen. Johanna vertraute ihre
+Ahnungen keinem an.</p>
+
+<p>Der unglückselige Tag nahte heran. Es war am 23. Mai 1430. Der Herzog
+von Burgund belagerte Compiègne an der Oise, das sich für Karl VII.
+erklärt hatte. An diesem Tage hatte sich Johanna in die Stadt geworfen
+und machte einen Ausfall. Anfangs wichen die Belagerer, dann aber
+sammelten sie sich wieder und trieben die Belagerten in die Stadt
+zurück. Die Jungfrau war zurückgeblieben, um den Rückzug zu decken.
+Als sie in die Stadt wollte, war das Tor schon geschlossen. Sie wurde
+von den nachdringenden Feinden erkannt, ein Pikarder Bogenschütze riß
+sie vom Pferde. Der Bastard von Vendôme ergriff sie und verkaufte sie
+an Johann von Ligny, einen Lehnsmann des Burgunderherzogs. Sie war
+nun Kriegsgefangene und nach dem Kriegsrecht unverletzlich, noch dazu
+als Jungfrau dem besonderen Schutze der Ritter anvertraut. Aber man
+achtete weder Gesetz, noch Recht, noch Sitte. Das feindliche Lager
+jubelte ausgelassen und um die arme Johanna begann ein unerhörter
+Judasschacher. Sie war verraten, und sie sollte nun den Schmerz, als
+Jungfrau in Feindeshand zu sein, bis zur bitteren Neige auskosten.</p>
+
+<p>Allerlei politische Streitigkeiten, allerlei niedrige Interessen um
+Länderbesitz ließen es den englischen Bischöfen und besonders dem
+ehrgeizigen Kardinal von Winchester als wünschenswert erscheinen,
+die Jungfrau von Orleans als eine Hexe, die mit dem Teufel im Bunde
+stand, anzuklagen. Glückte es, diese Klage durchzufechten, so stand
+ihr jenes fürchterliche Los bevor, das wir eingangs dieser Schilderung
+dargestellt haben. Ein dienstwilliges Werkzeug bot sich in dem Bischof
+Cauchon von Beauvais dar, den seine Bürger 1429 bei Karls Triumphzug
+vertrieben hatten, und der nun Rache nahm, indem er sich mit Leib und
+Seele den Engländern ergab, um die Jungfrau zu Fall zu bringen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span></p>
+
+<p>Schon am 26. Mai ging auf Betreiben Winchesters vom Inquisitionsgericht
+eine Aufforderung an den Herzog von Burgund, die Jungfrau als
+der Zauberei verdächtig auszuliefern. Dieselbe Aufforderung kam
+gleichzeitig von der Pariser Universität. Und am 12. Juni verkündigte
+ein königlicher Brief an die Universität, daß der Bischof Cauchon und
+der Inquisitor den Prozeß gemeinschaftlich führen würden. Jean de Ligny
+hielt Johanna auf einem seiner Schlösser verborgen und Cauchon bot nun
+für ihre Auslieferung zehntausend Frank, »so viel, wie man für einen
+König oder einen Fürsten gibt«.</p>
+
+<p>Johanna sah mit Schaudern und Schrecken der Auslieferung an die
+Engländer entgegen. Sie bat ihre Schutzheiligen um Rat, aber die
+Stimmen gaben ihr nur die Antwort, daß sie leiden müsse. Zum ersten
+Male wurde sie nun ihren »Stimmen« ungehorsam und wollte fliehen.
+Sie sprang aus dem Turme und blieb halbtot liegen. Man hob sie auf,
+die Damen von Ligny pflegten sie; aber zwei Tage lang aß sie nichts;
+sie wollte sterben. Die Gemahlin de Lignys warf sich ihrem Gatten
+zu Füßen und beschwor ihn, sich durch die Herausgabe Johannas nicht
+für ewig zu entehren. Aber der Elende hatte schon das Blutgeld der
+Engländer empfangen und lieferte Johanna im Oktober seinem Lehnsherrn,
+dem Herzog von Burgund, aus. Der führte sie erst nach Arras, dann in
+den befestigten Turm von Crotoy. Hier sah sie das Meer, an dessen
+jenseitigem Ufer die Küste von England war. Ein gefangener Priester las
+hier jeden Morgen die Messe vor ihr, und sie betete inbrünstig.</p>
+
+<p>Eines Tages verkündigte sie, daß ihr der Erzengel die Befreiung von
+Compiègne auf den 1. November angezeigt habe. Und so traf es auch ein.
+Der Herzog von Burgund war selbst geschlagen worden. Diese Niederlage
+reizte seinen Stolz, und in seinem Zorn entschloß er sich, die Jungfrau
+an die Engländer auszuliefern.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Johanna, noch nicht neunzehnjährig, mußte nun, sobald sie sich in
+den Händen ihrer Todfeinde befand, ihr Leben als abgeschlossen
+betrachten. Was ihrer nun wartete, war namenlose Qual, Verkennung,
+Schande, Hohn und grausamer Tod. Sie mußte ihre Sehnsucht nach der
+Heimat ersticken, alle Wünsche des jungen Herzens töten; denn jetzt
+umgaben sie die Mauern von Rouen, woraus ein Entrinnen unmöglich war.
+Sie, vor der sich das Königshaus und alle Prinzen verneigten, die mit
+jauchzender Begeisterung vom Volke vergöttert wurde, war nun den rohen
+Beschimpfungen der Priester und den Quälereien der Gefangenwärter
+ausgesetzt. Anfang Dezember 1430 war sie in dem festen Turm des
+Schlosses von Rouen eingekerkert worden, und ein Schlosser hatte vor
+Zeugen erklärt, er hätte Befehl erhalten, einen engen, eisernen Käfig
+für Johanna zu schmieden, worin sie an Hals, Händen und Füßen gefesselt
+lag und wo sie bis zum Beginn ihres Prozesses liegen mußte. Später
+hatte sie am Tage die Füße in eisernen Fesseln, die durch eine Kette
+an einem Holzklotz befestigt waren. Nachts wurden diese Fesseln noch
+vermehrt; eine besondere Kette umschloß noch ihren Leib.</p>
+
+<p>Man hatte anfangs versucht, sie als Hexe und Zauberin zu richten,
+aber die Juristen von Rouen fanden die Angaben, obwohl der feindliche
+Cauchon sie gemacht hatte, nicht genügend. Man eröffnete gegen sie
+nun einen Prozeß wegen Ketzerei. Der treibende böse Geist dieser
+Verhandlungen blieb Winchester, der Universität und Richter immer von
+neuem anstachelte. Johanna war unrettbar verloren, und König Karl, dem
+sie alles geopfert und alles gegeben, dem sie Sieg über Sieg und die
+Krone geschenkt hatte, tat nicht das geringste, um sie zu erretten.
+Nicht das geringste! Endlich, am 21. Februar, wurde Johanna vor ihre
+Richter geführt. Sie zeigte sich hier, wie damals im Verhör von
+Poiters, unerschrocken, verständig, fromm, unschuldig und kindlich.
+Der Bischof ermahnte sie, ohne Ausflüchte die Wahrheit zu sagen; sie
+entgegnete aber, sie werde nur auf Fragen antworten,<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> über die sie
+sprechen könne. Am 22. und 24. Februar drang man aufs neue in sie;
+endlich versprach sie, zu sagen, was sie über ihren <em class="gesperrt">Prozeß</em>
+wüßte, aber nicht alles, was sie wüßte. Das Verhör und die Qual
+Johannas gestalteten sich zu einem herzergreifenden und erschütternden
+Drama. Sie bat, daß man ihr wenigstens die Fußfesseln abnehmen möchte,
+aber man entgegnete ihr, das sei deshalb unmöglich, weil sie öfters
+versucht habe, zu entfliehen. »Das habe ich wohl getan,« sagte sie,
+»aber das ist jedem Gefangenen erlaubt. Und würde ich entrinnen können,
+so dürfte man mich keiner Unredlichkeit zeihen, denn ich habe nichts
+versprochen.«</p>
+
+<p>Sie wurde über tausend Dinge ausgefragt, die gar nichts mit ihrem
+Prozeß zu tun hatten, und Johanna gab stets freimütige und furchtlose
+Antworten; alle boshafte Arglist wurde zu Schanden vor der Einfalt
+ihres kindlichen Gemütes. Die Richter wurden zuletzt ergriffen von
+der rührenden Gewalt dieser Unschuld, die weder lesen noch schreiben
+gelernt hatte und trotzdem den Gelehrten Antworten gab, über die sie in
+höchstes Staunen gerieten. Cauchon merkte, daß das ungünstige Urteil
+über sie wankend zu werden begann, und er zog es deshalb vor, nicht
+mehr im Saale des Schlosses zu verhandeln. Statt dessen ging er vom 10.
+bis 17. März in ihr Gefängnis, um dort im Beisein von zwei Zeugen und
+zwei Beisitzern die peinigenden Verhöre fortzusetzen.</p><br>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span></p>
+
+<figure class="figcenter illowp51" id="illu-119" style="max-width: 72.6875em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-119.jpg" alt="bild">
+</figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span></p>
+
+<p class="p2" >Schon am Anfang des Prozesses hatte ein Ehrenmann, der Jurist Jehan
+Lohier, der gegen das Ungesetzliche des Prozesses protestiert hatte,
+fliehen müssen, um dem Tode zu entgehen. Es kam also in diesem Prozeß
+gar nicht darauf an, Recht und Unrecht zu prüfen, sondern Johanna in
+jedem Falle zu <em class="gesperrt">verurteilen</em>. Denn der schlimmste Vorwurf, den
+ihre Richter ihr zu machen hatten, war der, daß sie selbst im Kerker
+Mannestracht trug, die die Kirche bei Frauen als sündhaft verwarf. Das
+junge Mädchen aber schämte sich, zu sagen, daß sie diese Tracht
+nur zum Schutze vor den brutalen englischen Soldaten trug, die
+ihren Kerker bewachten, und denen Johanna ja auf Gnade und Ungnade
+ausgeliefert war. Ihr letzter Trost im Kerker war ihr Beichtiger
+Loyseleur. Er hatte sich für einen Anhänger Karls VII. ausgegeben und
+hatte allmählich das ganze Vertrauen Johannas gewonnen. Aber als Rat
+abgehalten wurde, ob man die Jungfrau der Folter unterwerfen solle,
+rieten nur drei Männer zu dieser Grausamkeit, und einer dieser drei
+Schufte war ihr Beichtvater Loyseleur.</p>
+
+<p>Unter solchen Martern und Leiden brach für Johanna die Osterwoche an.
+Der heiligste Tag des Mittelalters, der Ostersonntag, wurde von den
+fünfhundert Glocken Rouens festlich eingeläutet. Durch die Straßen der
+Stadt rauschte Leben und Lärm, während die Retterin des Landes und des
+Königs einsam und verlassen angeschmiedet im Kerker schmachtete. Der
+Bischof hatte ihr einen Fisch geschickt, durch dessen Genuß sie heftig
+erkrankte. Sie hielt sich für vergiftet. Der Hauptmann der Stadt geriet
+darüber in heftige Unruhe. »Der König möchte um nichts in der Welt, daß
+sie eines natürlichen Todes stürbe,« sagte der grausame Soldat; »der
+König hat die Jungfrau gekauft, sie kostet ihn genug. Sie soll durch
+die Justiz sterben, soll durch Feuer oder Wasser umkommen. Darum seht
+zu, wie ihr sie gesund macht.«</p>
+
+<p>Man pflegte sie denn auch, um sie nachher verbrennen zu können. Man
+pflegte sie, aber sie blieb schwach. In dieser Stimmung hoffte man, sie
+zu einem Widerruf ihrer göttlichen Sendung bewegen zu können, denn man
+wollte gern die Krönung Karls VII. als ein Werk des Teufels darstellen.
+Aber sie widerrief nichts. Was man ihr auch vorhielt, womit man ihr
+auch immer drohte, und wie sehr man sie auch quälte, sie verließ sich
+in allen Stücken auf Gott den Herrn.</p>
+
+<p>Man versuchte es nun mit Listen und Schrecken. Am 11. Mai ließ man
+den Henker in ihr Gefängnis kommen und erklärte ihr,<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> daß man sie zur
+Folter führen würde, wenn sie nicht widerriefe. Aber sie widerrief
+nicht.</p>
+
+<p>Jetzt kam die Antwort der Pariser Universität an. Die Gelehrten hatten
+Johanna als eine Dienerin des Teufels erkannt; auf Grund dieser
+Erklärung wurde Johanna abermals ermahnt, sie antwortete aber: »Und
+wenn ich Henker und Feuer vor mir sähe und selbst wenn ich schon im
+Feuer wäre, ich könnte nur sagen, was ich schon gesagt habe.«</p>
+
+<p>Die Sache währte schon zu lange; man wollte ein Ende machen. Am
+23. Mai waren hinter einer Kirche auf dem Kirchhofe zwei Gerüste
+aufgebaut worden, auf denen die Kardinäle, die Richter, die Schreiber,
+die Gerichtsdiener, dreißig Beisitzer und die Folterknechte Platz
+genommen hatten. Notare waren zugegen, um die Geständnisse Johannas
+aufzuschreiben; ein Prediger saß dabei, um sie zu ermahnen. Am Fuße
+eines Gerüstes saß der Henker auf seinem Karren, bereit, jedem Winke
+zu folgen. Aber auch diese fürchterliche Zeremonie verfehlte ihren
+Eindruck auf Johanna; sie blieb gleich unerschrocken und standhaft.
+Endlich wurde ihr die Verdammungsakte vorgelesen. Und als man sie noch
+einmal vergeblich ermahnt hatte, zu gestehen, gerieten die Engländer
+in Wut, schrien über Verrat und erhoben einen so gewaltigen Lärm, daß
+Johanna verwirrt, bedrängt, bestürmt nachgab und, ohne recht zu wissen,
+was sie tat, an Stelle der Unterschrift ein Kreuz unter den Widerruf
+setzte. Sie war vollständig betäubt. Der Bischof Cauchon rief: »Führt
+sie nun hin, wo ihr sie hergenommen habt.«</p>
+
+<p>So unglaublich betrogen, den Engländern aufs neue preisgegeben, hatte
+sie keinen anderen Trost mehr als den Tod. Die Engländer verlangten
+immer grimmiger, daß Johanna sterbe. Sie waren in tierische Wut
+geraten. »Verbrennt die Hexe!« riefen einstimmig Soldaten, Lords,
+Feldherren und Kronbeamte.</p>
+
+<p>Der dreißigste Mai brach an, ein Mittwoch. Als sie durch den
+Beichtvater Martin Ladvenu, der gekommen war, um ihr<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> den Tod
+anzukündigen und sie zur Buße zu ermahnen, erfahren hatte, welches Los
+ihr bestimmt war, und daß sie noch an demselben Tage sterben sollte,
+brach sie in lauten Jammer aus, rang die Hände und zerraufte sich die
+Haare. »O wie schrecklich und grausam man mich behandelt! Soll denn
+mein Leib, so ganz und gar rein und niemals entweiht, heute verbrannt
+und zu Asche verwandelt werden! Wehe! Wehe! Ich möchte lieber siebenmal
+enthauptet, als so verbrannt werden. Ich berufe mich auf Gott, den
+großen Richter, über das Leid und Unrecht, das man mir antut.«</p>
+
+<p>Sie beichtete und nahm das Abendmahl, das man ihr gab, obwohl man
+sie als »Ketzerin« und »Hexe« verurteilt hatte. Als Johanna nach der
+Kommunion den Bischof, der sie verraten hatte, gewahr wurde, sagte sie
+zu ihm: »Bischof, ich sterbe durch Euch!«</p>
+
+<p>Nun begann der Zug. Es war neun Uhr morgens, als sie in weiblicher
+Kleidung auf einen Karren geladen wurde. Neben ihr saßen der Priester
+Ladvenu und der Gerichtsdiener Massieu, der später für sie ausgesagt
+hat. Das Volk zitterte und weinte vor Teilnahme, aber mit ihren
+gezückten Schwertern hielten achthundert Engländer die Mengen in Ruhe.
+Johanna weinte und rief ein über das andre Mal: »O Rouen, Rouen! soll
+ich denn hier sterben?« Das war ihre einzige Klage. Sie murrte nicht
+gegen ihre Heiligen, die ihr Befreiung versprochen hatten, und klagte
+nicht über den König, der sie so schnöde verlassen hatte.</p>
+
+<p>Drei Gerüste waren aufgebaut. Auf dem einen saßen der Kardinal und der
+Bischof mit den Priestern, auf dem andern die Richter mit dem Amtmann,
+dem Prediger und der Jungfrau; das dritte war der Scheiterhaufen von
+Gips, auf dem ein wahrer Holzhügel aufgebaut war, damit Johanna langsam
+darauf verbrenne und dabei vom ganzen Volke gesehen werden könne.
+Zuerst hielt nun ein berühmter Gelehrter der Pariser Universität eine
+Predigt, und als diese beendet war, ermahnte der Bischof<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> von Beauvais
+die Verurteilte, an ihr Seelenheil zu denken, sich ihrer Missetaten zu
+erinnern und Buße zu tun.</p>
+
+<p>Johanna kniete in innigem Gebete nieder. Sie vergab allen und bat, daß
+man auch ihr vergebe. »Betet für mich!« rief sie den Umstehenden zu.
+Die Priester bat sie, daß jeder eine Messe für sie lesen möchte, und
+von ihrer keuschen, gottergebenen Art waren alle bis zu Tränen gerührt.
+Sogar ihre Verräter und Todfeinde, der Bischof Cauchon, der Bischof von
+Boulogne und Winchester vergossen Krokodilstränen.</p>
+
+<p>Als die Richter ihre Rührung überwunden hatten, wurde Johanna laut die
+Verurteilung verlesen, und man übergab sie dem Henker. Sie bat um ein
+Kreuz. Ein Engländer machte ihr eins aus zwei Holzstäbchen; sie nahm
+es mit Dankbarkeit an, küßte es und barg es unter ihrem Gewande. Aber
+sie wünschte noch ein wirkliches Kirchenkreuz, um im Sterben den Blick
+darauf heften zu können. Man brachte ihr eins aus der nahen Kirche,
+und während sie es küßte, sprach ihr der Priester Isambart Trost zu.
+Inzwischen war es Mittag geworden, und die Hauptleute riefen: »Na, ihr
+Priester, wollt ihr uns hier Mittag halten lassen?«</p>
+
+<p>Und ohne zu warten, bis der Amtmann kraft des Gesetzes gesprochen
+hatte, schickten sie zwei Profose hinauf, die Johanna den Priestern
+entrissen. Sie wurde von den Soldaten ergriffen und zu dem Henker
+gezerrt. Dem sagten sie: »Tu dein Amt!« Diese greuelvolle, empörende
+Roheit gegen das wehrlose Opfer war so schrecklich anzusehen, daß viele
+Anwesende, darunter mehrere Richter, davonliefen, um nichts mehr zu
+sehen.</p>
+
+<p>Als sie oben auf dem Scheiterhaufen stand und nun die Menge und die
+Stadt überblickte, sagte sie nur: »O Rouen, ich habe große Angst,
+daß du um meinen Tod zu leiden haben wirst!« Nach dem Brauche des
+katholischen Mittelalters wurde sie nun an den Pfahl gebunden, und man
+setzte ihr die Ketzermütze auf, auf der die Worte standen: »Ketzerin,
+Rückfällige, Abtrünnige, Götzendienerin.« Nun zündete der Henker den
+Holzstoß an.<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> Johanna sah es und stieß einen Schrei aus. Der Priester
+Ladvenu, der mit ihr hinaufgestiegen war, ermutigte sie; sie aber
+dachte gar nicht mehr an sich, sondern nur an die Gefahr, der sich der
+Priester aussetzte; sie hieß ihn hinabsteigen.</p>
+
+<p>Und jetzt, in diesem schrecklichen Augenblick, trat Cauchon an den Fuß
+des Scheiterhaufens und drang noch einmal in die Unglückliche, um ein
+Geständnis zu erhalten. Umsonst. Sie wiederholte nur, was sie diesem
+Bischof schon am Morgen gesagt hatte: »Bischof, ich sterbe durch Euch.
+Mein König ist an dieser Tat unschuldig.«</p>
+
+<p>Die Flamme züngelte empor. Und schon von den Flammen umlodert, rief sie
+noch: »Meine Stimmen waren von Gott; meine Stimmen haben mich nicht
+betrogen.« Aber als sich immer mehr Rauch entwickelte, vernahm man nur
+noch den Schrei »Jesus!« dann war sie still für alle Ewigkeit ...</p>
+
+<p>Zehntausend Menschen weinten. Nur ein paar besonders rohe Engländer
+lachten. Einer von ihnen hatte geschworen, eigenhändig ein Bündel
+Reisig zu den Flammen zu tragen; in dem Augenblick, als er es in die
+Lohe warf, gab Johanna den Geist auf. Der Soldat fiel um, und die
+Kameraden führten ihn in eine nahe Schenke, um ihn zu erfrischen. Er
+war ganz außer sich und sagte: »Als Johanna ihren letzten Seufzer tat,
+habe ich eine Taube aus ihrem Munde fliegen sehen.« Er erholte sich
+nicht mehr und starb bald darauf. Der Henker war ebenfalls entsetzt; er
+beichtete am Abend dem Priester Isambart, aber er fand dennoch keine
+Ruhe und konnte nicht glauben, daß Gott ihm je vergeben werde. Und
+ein Sekretär des Königs von England sagte, als er von der Hinrichtung
+zurückgekommen war, das, was wohl alle heimlich empfanden und dachten,
+aber nicht auszusprechen wagten: »<em class="gesperrt">Wir sind verloren, denn wir haben
+eine Heilige verbrannt!</em>«</p>
+
+<p>Alle, die an der Verurteilung der Jungfrau beteiligt waren, sind denn
+auch bald darauf eines elenden Todes gestorben oder<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> verschollen, und
+die noch Überlebenden, die mitschuldig waren, ließ der Sohn Karls VII.,
+Ludwig XI., gefangennehmen und denselben Tod erleiden, den Johanna
+erlitten hatte.</p>
+
+<p>Dem armen Vater Johannas brach bei der Kunde vom qualvollen Tode seines
+heldenmütigen Kindes das Herz; er starb bald. Die Mutter zog nach
+Orleans, wo sie von der Stadt bis zu ihrem Tode eine Leibrente erhielt.</p>
+
+<p>Zwanzig Jahre nach dem Tode Johannas wurde auf Ansuchen der Mutter und
+der Verwandten der Prozeß der Rehabilitation vorgenommen. Im Juli 1456
+wurde zu Rouen ihre Ehrenrettung ausgesprochen; der Papst Pius IX.
+hatte sie genau vierhundert Jahre später selig gesprochen, und somit
+war die Prophezeiung erfüllt, die König Karl in Schillers »Jungfrau
+von Orleans« ausspricht: »Selig preisen sollen sie die spätesten
+Geschlechter«. Nun ist Johanna im Jahre 1909 heilig gesprochen worden
+und somit hat sich auch jene andere Prophezeiung Schillers erfüllt:</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">»Ihr Name soll dem heiligen Denis</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">Gleich sein, der dieses Landes Schützer ist,</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">Und ein Altar sich ihrem Ruhm erheben.«</span><br>
+</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2>Der Doktor Faust.</h2>
+</div>
+
+<p>Wir sind im Zeitalter des Hans Sachs, und es ist Kirchweihwoche.
+Auf einer großen Wiese vor dem Städtchen haben fahrende Händler,
+Kesselflicker, Korbflechter, Bettelmusikanten und Tanzbärentreiber
+ihre Buden und Zelte aufgeschlagen. Allerhand Wunderdinge werden hier
+zur Schau gestellt. Betrunkene rohe Bauern mischen sich unter die
+Pandorenspieler und Dudelsackpfeifer; Akrobaten stehen auf dem Kopf,
+Kunststückmacher ziehen sich lebendige Schlangen aus den Nasenlöchern,
+Degenschlucker zeigen ihre blendenden Künste,<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> Gaukler lasen ihrem
+Munde Fontänen entsteigen. Man sieht bärtige Weiber, Ichneumons,
+Nashörner, Dromedare. Die Kaufleute machen einen Höllenlärm und
+bieten ihre grellfarbigen Waren an; sie schreien wild und zwecklos
+durcheinander. Oder sie blasen mit vollen Backen auf der Querpfeife
+und schlagen die Pauke, oder sie tanzen auf einem dicken Seil, das
+höchstens zwei Meter über der Erde ausgespannt ist. Um den Bärentreiber
+schart sich die gaffende Menge. Plötzlich taucht der Hanswurst auf. Er
+schlägt den Leuten auf die Köpfe und treibt sie wie das liebe Vieh zu
+einer anderen Bude hin, zur Bude des Wundermannes.</p>
+
+<p>Der hat ein feuerrotes Gesicht, das dick aufgedunsen ist, weißblondes
+Haar und eine kahle Platte — das Zeichen der großen Gelahrtheit.
+Er trägt einen sonderbaren Spitzenkragen und ungewöhnlich rote
+Pluderhosen; Bänder hängen daran herunter, wie an einem Erntekranz.
+Ein Dutzend Ehrenketten beschweren das schwarzsamtene Wams, das nach
+venetianischem Schnitt gearbeitet ist; seine Finger sind mit unzähligen
+Ringen bedeckt, und jeden Ring ziert eine besonders große Kamee, die
+von einem Grabstein geschnitten ist. Er trägt einen prachtvollen
+türkischen Dolch, und rings um seine Hüften baumelt, wie bei einem
+Wilden des Urwalds, ein Kranz mannigfacher zauberkräftiger Anhängsel.</p>
+
+<p>So steht er da und schreit und haut in die Luft und wirft eine Menge
+lateinischer Brocken ins Volk. »Er kann reden wie ein Arzt«, heißt das
+Sprichwort jener Tage. Er spricht etwas von der Stellung der Gestirne,
+vom Pulsschlag und Perpendikel, von Blut und Hexen, von Zauberei
+und vom Satanas. Nach jedem Satze reißt sein Diener, der Hanswurst,
+schlechte Witze, um die Gaffer bei guter Laune zu erhalten. Und erst
+wenn genug Leute vor der Bude herumstehen, nimmt der Wundermann sein
+großes »Zeugenbuch« hervor: »Da leset, wie ich in Spanien, Frankreich,
+Rom und dahinten in der Türkei geehrt worden bin! Hier haben sie
+alle ihre Namen hingemalt, die Bischöfe und Fürsten<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> und der Teufel
+weiß, wer noch. Hier seht ihr, wie sie vor ihrer Heilung ausgesehen
+haben; hier seht ihr die geschwollenen Wangen, bleichen Gesichter
+und verzerrten Stirnen leibhaftig abkonterfeit. Und ich, ich habe
+sie kuriert; ich allein; ich, der größte Zauberer der beiden Welten;
+ich, der größte Hexenmeister und Totenbeschwörer, der geschickteste
+Wetterbanner und gesuchteste Wunderdoktor, den die Erde je getragen
+hat! Ich, Doktor Faust, des Teufels Freund und der Meister der Hölle!«</p>
+
+<p>Wenn er nur so spräche, würde man ihn noch bescheiden nennen müssen;
+aber er prahlt gewöhnlich das Blaue vom Himmel herunter. Und wenn
+er nur den tausendsten Teil von dem leistete, was er zu leisten
+verspricht, dann wäre der Teufel noch immer ein Stümper gegen ihn.</p>
+
+<p>Woher sollte er auch seine Kenntnisse haben?</p>
+
+<p>Der Arzt des Mittelalters studierte nicht Anatomie, sondern Alchimie:
+Die Kunst, Gold zu machen; nicht Physiologie, sondern Astrologie: Die
+Kunst, aus den Planeten wahrzusagen; anstatt Menschen gesund zu machen,
+machte er Kalender. Anstatt nach dem Wo und Wie der Krankheit zu
+sehen, sah er nach dem Mond und seinen Stellungen; bevor er seinen Rat
+erteilte, schaute er erst nach den Sternen und dann nach dem Urin.</p>
+
+<p>Er beobachtete sorgfältig die Himmelskörper, ihre Bewegungen, ihren
+Stand und deutete diese Verhältnisse auf die Schicksale der unter
+diesen Gestirnen Geborenen. In der Tat geschieht auch kein bedeutendes
+Ereignis, das er nicht durch vorangehende Zeichen und Himmelswunder
+ankündigen zu können behauptet. Kometen gelten als Botschafter des
+erzürnten Gottes, die den Menschen allerhand Strafen und Plagen
+andeuten. Befinden sich die Kometen beispielsweise beim Saturn, dann
+erfolgt Pest, Unfruchtbarkeit und Verrat.</p>
+
+<p>Diese Sterngucker, Geheimniskrämer und Wunderärzte kamen, wie die
+Heuschreckenplage, hauptsächlich von England in alle übrigen Länder.
+Der eine macht mit seinem Wunderstein<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> großes Aufsehen, an dem er die
+Patienten lecken läßt, worauf sie angeblich sofort gesund werden.
+Der andere hext mit seiner wunderbringenden Salbe Blinde sehend und
+Lahme gehend und er gibt vor, einen Trank brauen zu können, der ein
+Fortleben in Ewigkeit sichert. Der Dritte berührt nur die Kranken und
+sofort verschwinden die Schmerzen, die Kröpfe schrumpfen zusammen
+und Skrofulöse sind gesundet. Er speit den Tauben in die Ohren und
+sofort hören sie; er gibt den Zahnleidenden eine Ohrfeige, daß die
+kranken Zähne nur so herausfliegen. Der Vierte macht aus dem Kot
+der verschiedensten Tiere Rezepte, mittels deren er alle und alles
+heilt. Der Fünfte verwandelt Metalle und glaubt an die mit Blut
+unterschriebenen Verträge zwischen Mensch und Satanas, zwischen Hexe
+und Teufel.</p>
+
+<p>Kein Wunder, daß dieser Aberglaube so verbreitet war, nachdem die
+Kaiser und Könige selbst mit gutem Beispiel vorangingen. König
+Jakob von England, Maria Stuarts Sohn, schrieb ein Zauberbuch. Karl
+V., Maximilian II., Kurfürst Joachim I. gaben ihren Goldmachern
+reichliche Beschäftigung, denn ihre Verschwendungssucht erheischte
+immer neue Geldmittel. Heinrich VI. und Rudolf II. standen selbst in
+den Laboratorien ihrer Dunkelmänner, Gold machend und Lebenselixiere
+brauend. Man hatte an den Höfen seine Sterndeuter und Alchimisten, wie
+man seine Hofnarren hatte; nur daß die Narren meistens klüger waren als
+die Goldmacher.</p>
+
+<p>Viele dieser Ärzte zogen aber auch von Ort zu Ort, von Markt zu
+Markt. Und diese Gestalt des herumziehenden Wunderdoktors hat sich
+noch mehrere Jahrhunderte hindurch erhalten; denn Abraham a Santa
+Clara, der große satirische Prediger, der am Ende des siebzehnten
+Jahrhunderts gelebt hat, kennt diese Wundermänner ebenfalls noch aus
+eigener Anschauung. Er gibt folgende Schilderung von ihnen: »Man findet
+unter diesen Leuten sehr liederliche und nichtsnutzige Gesellen, die
+sich auf das Lügen und Betrügen stattlich verstehen, absonderlich
+viel aus<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> denselbigen, die auf allen Märkten und Kirchweihen ihre
+Stände aufschlagen und ihrem Sinne nach mit etlichen Brettern eine
+Universität aufrichten, wo sie den Bauern und dem gewöhnlichen Volk
+mit ihren grundlosen Predigten das Geld aus dem Beutel locken, da kann
+man zuweilen hören, mit welch gewichtigen Lügen sie ihre Wahrheit
+hervorstreichen; einer zieht etliche Zahnwurzeln heraus und beteuert
+es hoch, daß er diese selbst an dem Meeresgestade dreizehn Meilen
+hinter Syrakus ausgegraben und diese seien gut für ein verfallenes
+Gehör, wobei sie sehr oft auch vorgeben, wie solche auch die Könige
+von Paphlagonien an den Ohren zu tragen pflegten und ein so scharfes
+Gehör bekamen, daß sie ein altes Weib über dreißig Meilen husten hören,
+ei so lüg! Ein anderer zeigt ein Pulver — es ist nichts anderes als
+ein geriebener Weinstein! — und schwört, daß er solches aus der Neuen
+Welt durch die spartische Flotte habe bringen lassen und es sei nichts
+anderes als pure Asche von dem verbrannten Vogel Phönix und eine
+Messerspitze voll von diesem Pulver vertreibe allen Schwindel, so daß
+sogar einer über einen Steg gehen könne, der nicht breiter sei als
+ein Fiedelbogen, ei so lüg! Mit dergleichen wurmstichigen Predigten
+betrügen sie sehr viel einfältige Leute, es sollen aber dieses
+Gelichters Ärzte — nicht alle Ärzte sind so beschaffen — gleichwohl
+bedenken, daß das Heulen und Zähneklappern ihnen nicht wird ausbleiben
+nach Aussage des Psalmisten David. Einen Stand oder Profession ohne
+böse Leute und ohne tadelhafte und gewissenlose Gesellen gibt es
+überhaupt selten, ebensowenig wie einen Sommer ohne Mücken, ein Buch
+ohne Eselsohr, einen Apfelbaum ohne Wurmstich, eine Schule ohne
+Eselsbank, einen Wald ohne Gimpel, eine Kirchweih ohne Rauferei und
+eine Schreiberei ohne Kleckserei.«</p>
+
+<p>Hat unser Doktor Faust lange genug geschrien und geprahlt, dann holt
+er mit sicherem Blick irgendeinen Tölpel aus der Menge heraus, zieht
+ihn herauf auf seine Meßbude und schlägt ihm vor aller Augen mit einem
+gewöhnlichen eisernen Schlüssel in<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> einer halben Minute fünf Zähne aus.
+Der arme Kerl stutzt wortlos, aber die Menge schreit bravo, klatscht
+Beifall, und jubelt dem Wundermanne zu. Und man stürmt seine Bude, um
+sich die gesunden Zähne ausschlagen zu lassen.</p>
+
+<p>Aber es sind nicht nur Zähne, die unser Doktorsmann in seiner Meßbude
+zieht; er barbiert, schert, ätzt, schneidet und brennt, setzt
+Schröpfköpfe und macht Aderlässe und Klistiere — ein vielseitiger
+Mann. Vor allem aber: er zaubert. Wir werden nachher von seinen
+Kunststücken hören.</p>
+
+<p>Drinnen in der Wunderbude sieht es etwa aus wie in einer modernen
+Bauernschenke, die ein Museum vorstellen soll. Menschen- und
+Pferdeschädel liegen herum, getrocknete Pflanzen- und Blumenbündel
+hängen an den Wänden; schlecht ausgestopfte Tiere baumeln von der
+niedrigen Decke herab: Fledermäuse, Raben, Igel, Iltisse, Eichhörnchen,
+ein Bussard. Mörser und Klöpfel, Kolben, Flaschen und Kruken mit
+großen Aufschriften stehen umher. Auf einem Tische liegen Feilen
+und kleine Sägen, Messer, Zangen, Geißfüße und seltsam geformte
+Schlüssel. In kleinen zahlreichen Näpfen liegen Menschenzähne und
+Zähne von Säugetieren und Fischen. Das Ganze macht den Eindruck einer
+herumziehenden Apotheke.</p>
+
+<p>Aber die Apotheke des sechzehnten Jahrhunderts sieht naturgemäß
+wesentlich anders aus, als die der Gegenwart. Denn auch der Apotheker
+ist ein Mann, der viel Geld verdienen will, und der infolgedessen
+nicht das führt, was die klugen und vorgeschrittenen Ärzte anraten —
+denn sie sind in der Minderheit und haben nur eine kleine Anzahl von
+Patienten —, sondern das, was die abergläubische Menge verlangt, die
+vom Kurpfuscher geschickt wird und die lieber an törichten Hokuspokus
+glaubt, als an vernünftige Heilmittel. Zum Apothekeninventar gehören
+gepulverte Edelsteine, gestoßener Bernstein, Meerschaum, Erde vom
+Kalvarienberge. Man findet gebrannte Maulwürfe, Elenhörner, Wolfsgalle
+und Wolfsleber, Hirsch- und Bockblut, Hühnermagen,<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> Hechtzähne,
+gedörrte Kröten (die werden noch 1815 als Mittel gegen Epilepsie
+empfohlen!), Krebsaugen, Schlangenfett, Bärenschmalz, Mückenfett,
+Gemszähne, Hasentalg, Schafsgalle, die Haut der Pfauenfüße, Fuchslunge,
+Elsternaugen, Eichhornhirn, Auerhahnzunge, Krähenzunge, Pferdehaare,
+Menschenhaare, Rabenkot und zugleich den Kot so ziemlich aller
+Tiere, Schwalbensteine, Federn vom Kreuzschnabel, Schildkrötenblut,
+Froschlaich, Igelkrallen, Fledermausflügel, Eingeweide des Chamäleon,
+geraspelte Menschenschädel, menschliche Leichenteile von Erhängten
+und Geköpften, ägyptische Mumien, Blut der Hingerichteten usw. Auch
+Käfer wurden zu Heilzwecken verwendet; z. B. der siebenpunktierte
+Sonnenkäfer, das Bluthähnchen, der schwarze, rotgeränderte Blattkäfer,
+die Rüsselkäferarten, die auf den Artischocken leben und die spanische
+Fliege.</p>
+
+<p>Natürlich ging man um jene Zeit nicht sehr milde mit all dem Getier um,
+das man für die Apotheke nötig hatte, denn oft mußte es bei lebendigem
+Leibe gesotten, verbrannt oder zerstoßen werden, wenn es — nach der
+Meinung der Kurpfuscher — dem Kranken helfen sollte. Da war die
+schrecklichste Tierquälerei an der Tagesordnung.</p>
+
+<p>Die Zahl der Pflanzen, die so eine Apotheke führte, ist sehr groß. Hier
+sind einige der am meisten gebrauchten: Bibernell, Fenchel, Majoran,
+Safran, Kreuzkraut, Wetterkerze, Sauerampfer, Fünffingerkraut, die
+Wetterglocke, die Herrgottskrone, Wermut, Mariendistel, Habichtskraut,
+Natternkopf, der spitze und breite Wegerich, das Dreifaltigkeitskraut,
+der Tag- und Nachtschatten, Löwenzahnblätter, Fieberklee, Himmelsbrot,
+Frauenmantel, die Kamille, das Wildfräuleinkraut, der Johannisgürtel,
+Tausendgüldenkraut, die Pfefferminze, Hundszunge, Lavendelkraut,
+Muskatnuß, Igelkraut, die Feige, Senf, Knoblauch, Tabak, Fallkraut,
+Beschreikraut, Schwindelbeere, Warzenkraut, Pestwurz, Schinderrose,
+Totenbeere, Totennessel, Lauskraut, Lungenkraut, Leberbalsam, Blutwurz,
+Zahnwurz, Augentrost, Wehedistel,<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> Wildmutterkraut, Teufelsabbiß,
+Teufelsbart, Teufelswurz, Teufelchen, Teufelspeitsche, Teufelskralle,
+Teufelsauge, Hexenklee, Hexenohr, Hexenlauch, Hexenkohl, Hexenkraut,
+Hexenmehl, Schlehenhexe und Wetterhexe.</p>
+
+<p>Alle diese Kräuter sind aber nur dann heilsam, wenn sie im
+Frauendreißiger, das ist vom 15. August bis 14. September, schweigsam
+gesammelt worden sind, oder auch in der Osternacht, der Johannisnacht
+und Christnacht.</p>
+
+<p>Um jene Zeit des Mittelalters war das Kräutersammeln ein mühseliges,
+undankbares und wenig einbringliches Geschäft; überdies zeitraubend
+und gefahrvoll, weil man dadurch leicht in den Verruf der Hexerei
+kam. Es konnten sich ihm nur gründlich studierte Männer widmen, deren
+Gelahrtheit freilich kein Hindernis war, ebenso abergläubisch zu
+sein, wie Zigeuner und Verbrecher. Diese Kräutersammler mußten mit
+der Natur vertraut sein wie die Tiere des Feldes und Waldes; ja, ihre
+astronomische, zoologische, botanische, geologische, physikalische
+und chemische Kenntnis mußte mindestens den Anstrich allumfassenden
+Wissens haben. Es war nötig, daß sie die Gesetze der Sterndeutung und
+Goldmacherkunst beherrschten; daß sie sich auf die Kunst verstanden,
+Träume zu deuten, alle Knochenbrüche und inneren Krankheiten aus dem
+Urin zu lesen und womöglich die Pest in Abwesenheit zu heilen. Es ist
+selbstverständlich, daß man von ihnen die vollständige Beherrschung der
+damaligen medizinischen Kenntnisse forderte. Anatomie, Physiologie und
+Pathologie — die damals allerdings noch in den ersten Anfängen staken
+— waren Wissenschaften, von denen sie natürlich auch läuten gehört
+hatten.</p>
+
+<p>Aber diese »Halbärzte«, die man als »Naturkundige« bezeichnete, obwohl
+sie nur ein oberflächliches und verworrenes Wissen von der Natur
+hatten, waren auch meistens ihre eigenen Destillatoren, und da niemand
+sonst die Natur so gut kannte wie sie, waren sie auch ihre eigenen
+Kräutersammler. Allein,<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> das Wort »Kräutersammler« ist durch die
+Jahrhunderte schon zu verblaßt und gibt ganz und gar keinen Begriff
+von dem, was man darunter zu verstehen hat und überdies verrät es
+auch nicht, daß der Kräutersammler, von dem ich hier spreche, den
+<em class="gesperrt">berufsmäßigen</em> Kräuterhändler aus tiefstem Herzensgrunde als
+einen unwissenden, bloß geldgierigen Kurpfuscher verachtete. Und
+außerdem ist der Destillator nicht <em class="gesperrt">nur</em> Kräutersammler im engen
+Sinne des Wortes. Unseren Kräutersammler, der nichts aus Habgier
+und alles aus Freude am Kurieren tut, findet man um Mitternacht auf
+Kirchhöfen herumlungern, wo er nach alten Sargnägeln gräbt, welche
+Gicht, Zahnweh und Cholera heilen; in feuchten Schluchten sucht er um
+die Geisterstunde bei umwölktem Nachthimmel nach dem Feuersalamander
+und der gefleckten Eidechse. Auf dem Hügel vor dem Tore, wo man die
+Diebe und Mörder hängt, schneidet er Holzsplitter vom Galgen ab; denn
+wenn man sich mit diesen die Zähne stochert, bekommt man sein Lebtag
+kein Zahnweh mehr. In jedem Mauseloch gräbt er herum; er hebt große
+Steine hoch, um feiste Ohrwürmer, Blindschleichen, den Tausendfuß
+und anderes Gewürm zu fangen; er stampft in eigenartiger Weise auf
+den Fuchsbau, um die Jungen herauszulocken, deren Kot er braucht, um
+Krämpfe und schmerzende Ohren zu beruhigen. Er stapft in den Moorwiesen
+umher, wo die Kröten dicht beieinanderhocken; denn die Kröte spielt
+in der mittelalterlichen Heilkunde eine sehr große Rolle. Man sieht
+ihn in der Leichenhalle, im sogenannten »Beinhause«, über den Toten
+gebeugt, den man gestern hierhergebracht hat, wie er ihm Haare und
+Fußnägel abschneidet, die gegen Bräune nicht minder wirksam sein
+sollen als gegen andere Krankheiten. Die Tierquälerei steht bei ihm
+in hoher Blüte. Er sucht das Nest der Schwarzdrossel, des Kuckucks
+und der Elster, die er alle ausraubt, weil er die Herzen, die Augen
+und die Leberchen der jungen Brut in seiner Apotheke braucht, in der
+fast alles abergläubischen Zwecken dient. In seinem riesenhaften
+Pflanzenkasten ist ein Tohuwabohu<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> von allen möglichen Tieren, Pflanzen
+und Gesteinsarten. Kein Tierchen läuft ihm über den Weg, das dem großen
+Bedarf unseres Sammlers nicht seinen Tribut zollen müßte; keine Pflanze
+blüht im verborgenen, von der er nicht für seine Apotheke, in der alles
+aufgespeichert liegt, was die Natur nur hergibt, ein Steuerteil erheben
+würde. Alles was das Auge erspäht, alles was in der Natur greifbar ist,
+alles was die Hand nur erreichen kann, wird zu irgendeinem Heilzwecke
+ausgebeutet. Freilich sind es meistens Kräuter, die unser Destillator
+verwendet; aber er geht nicht hin und pflückt zu jeder beliebigen
+Stunde, zu jeder beliebigen Jahreszeit gerade das, was da grünt und
+blüht; er hat seine abergläubischen Vorschriften innezuhalten wie
+der Teufel selbst, an den er glaubt, und er spricht lang und breit
+von der rechten und besten Zeit, zu der die vorhin genannten Kräuter
+einzusammeln sind. Unser geplagter Kräutermann muß nämlich auf die
+Sonne, den Mond und die Sterne achten; ob Halbmond oder Vollmond ist;
+ob erste Mitternachtshälfte, ob zweite; ob die Venus grün schillert
+oder blau; ob die Sonne Wasser zieht oder nicht; ob sie sengt oder
+strahlt usw.</p>
+
+<p>Die Kunst, die vermeintlich besten Säfte aus Tier und Pflanze
+herauszukochen, stand unleugbar hoch im Kurse. Es war dazu nichts
+Geringeres als eine für die damaligen Begriffe vollkommene Kenntnis
+des Planetensystems vonnöten; insbesondere wurden die Kräfte der Sonne
+studiert — was man so studieren nennt — und man gab sich Mühe, ihre
+ewigen Gesetze, nach denen sie arbeitete und denen sie unterworfen war,
+zu ergründen. Natürlich wurden viele »Weisheiten« darüber zum besten
+gegeben, die wir längst ins Fabelbuch geschrieben haben. Überdies
+verfiel man auch noch auf den absonderlichen Gedanken, daß man mittels
+der Hitze, natürlicher oder künstlicher, aus Tier und Pflanze alle
+»Feuchtigkeit« herausziehen müsse, wie die Sonne alle Feuchtigkeit
+aus der Erde ziehe. Und ebenso wie diese von der Sonne aufgesogene
+Feuchtigkeit wieder als Regen, Schnee und Hagel<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> herabfalle und die
+Felder fruchtbar mache oder auch verwüste, ebenso könne und müsse die
+aus Tier und Pflanze gewonnene Feuchtigkeit Menschen heilen können und
+gewiß auch töten, wenn sie falsch angewendet würde.</p>
+
+<p>Man sieht, mit der mühsamen Auffindung der Pflanzen und Materien, die
+der Kräutermann benötigte, war seine Arbeit noch nicht zu Ende. Wenn er
+schon alle Tiere und Pflanzen am richtigen Orte, zur vorgeschriebenen
+Stunde, bei richtiger Beleuchtung und entsprechender Jahreszeit
+gesammelt hatte, und wenn er — immer nach dem Vorbilde der Sonne —
+aus Strauch und Getier bereits alle irgendwie verwendbaren Materien und
+Kräfte ausgezogen hatte, war er gerade am Anfang seines Geschäftes.
+Denn das Zubereiten der Säfte selbst erforderte die größte Umsicht und
+Geduld, Ausdauer und Fleiß, Kenntnisse der abergläubischen Geheimlehre,
+in der von überirdischen Kräften die Rede war, und <em class="gesperrt">Kenntnis vor
+allem der künstlichen und natürlichen Wärmeentwicklung und des
+Einflusses dieser entwickelten Wärme auf die ausgezogenen Säfte</em>.
+<em class="gesperrt">Wie lange</em> mußten Violen und Lilien, Hexenbart und Drudenfuß
+zusammengekocht werden, bis der Sud auch <em class="gesperrt">wirksam</em> wurde? <em class="gesperrt">Wie
+viel</em> Wärme hatte der Saft der Dachsleber oder der der Krähenaugen
+nötig, um zur Verwendung als Mittel gegen die Gelbsucht brauchbar
+zu werden? Und <em class="gesperrt">welche</em> Wärme? Die des Ofens oder der Sonne?
+Welcher Sonne? Der direkten Sonnenstrahlen oder der durch einen Spiegel
+aufgefangenen Reflexstrahlen? Oder der in einem Brennglase in einem
+Punkte gesammelten Strahlen? Oder vielleicht noch andere Wärme? Die des
+ungelöschten Kalks oder der Erde? Die Wärme des faulenden Laubes oder
+Mistes? Welchen Mistes? Der Kuh oder des Pferdes?</p>
+
+<p>Das waren wichtige Fragen, solange man keine Öfen hatte, die eine
+beliebige Wärmeregulierung ermöglichten. Denn von<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> der richtigen Lösung
+dieser gewiß verzwickten Aufgaben, die desto krauser und sinnloser
+waren, je größer der Aberglaube war, hing ja das Gelingen oder
+Mißlingen eines solchen Gebräus nicht minder ab.</p>
+
+<p>Und man kann sich ferner denken, daß die Frage, in was für einem
+<em class="gesperrt">Gefäß</em> das schreckliche Gemisch gebraut werden sollte, von nicht
+geringerer Bedeutung war. Man muß einmal ein solch mittelalterliches
+Destillierbuch in der Hand gehabt, all die tausend Formen der
+Glaskolben, Trichter, Behälter, Flaschen usw. gesehen haben, um den
+großen törichten Ernst zu begreifen, mit dem man über die Gefäßfrage
+spricht. Es ist, als ob man sich plötzlich in die <em class="gesperrt">Zauberwelt</em> des
+Doktor Faust versetzt fühlte und man versteht, wie leicht ein solcher
+Kräutersammler in jenen Tagen in den gefährlichen Ruf kommen konnte, er
+pflege Umgang mit den Hexen, und der Teufel sei allabendlich bei ihm
+zu Gaste, um in seltsam geformten Gläsern Höllengetränke zu brauen.
+Es soll indessen nicht geleugnet werden, daß ein solcher Ruf dem
+Destillator beim abergläubischen, Heilung suchenden Volk nur — nützte.
+Je größer der zauberische Glorienschein war, den eine abergläubische
+Menge um sein Haupt wob, je mehr Zulauf hatte er. Man hoffte zwar auf
+Gott, aber man glaubte an den Teufel.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Dies ist das Bild des <em class="gesperrt">sagenhaften Faust inmitten seiner
+Tätigkeit</em>, desselben Doktor Faust, über den ungefähr dreitausend
+Bücher geschrieben worden sind und dem Goethe durch seine herrliche
+Dichtung die Unsterblichkeit gesichert hat.</p>
+
+<p>Seit Jahrhunderten hat diese Figur die Dichter und Historiker in gleich
+starker Weise angezogen und die Sage, die sich schon früh um Doktor
+Faust gebildet hat, ist eine der tiefsten und großartigsten aller
+deutschen Sagen, die uns den Glauben an ein Bündnis zwischen Mensch und
+Teufel lebendig veranschaulicht.</p><br>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span></p>
+
+<figure class="figcenter illowp98" id="illu-137" style="max-width: 62.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-137.jpg" alt="bild">
+</figure>
+
+<p class="p2">Mit zwei Wurzeln hat sich die Sage gleichsam in das Herz des Volkes
+gegraben. Es waren <em class="gesperrt">erstens</em> die Reste der ältesten Mythologien,
+die im Faust verewigt waren; denn die meisten Erzählungen von Fausts
+Taten und Erlebnissen, wie sie das Volksbuch uns erhalten hat, sind
+nur umgestaltete Götter- und Elfensagen. Aber es war nicht nur dieser
+mythologische Gehalt, der das Volk an der Faustsage anzog, sondern
+<em class="gesperrt">zweitens</em> der philosophische und theologische Inhalt. Die
+Frage nach der Existenz Gottes, der Unsterblichkeit der Seele, der
+Weltschöpfung usw. beschäftigte die Gemüter damals weit mehr und
+tiefer als heute. Im Doktor Faust war nun eine Figur gebildet, in der
+alles das zum Ausdruck kam, was damals das Volk bewegte. Faust lehnt
+sich gegen Gott auf; er verbindet sich mit der Hölle, um durch sie zu
+erlangen, was der Himmel ihm versagt hat. Denn damals glaubte man ja
+noch, daß der Teufel sein Unwesen persönlich auf Erden treibe. Doktor
+Faust übergibt sich dem<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> Teufel, weil er an der ewigen Seligkeit
+zweifelt; er streitet mit Mephistopheles über Weltentstehung und
+Weltuntergang, über den Bau des Himmels, den Lauf der Gestirne, die
+Beschaffenheit der Hölle, den Zweck und Sinn des menschlichen Lebens.
+Kurz, im Volksbuch der Faustsage wird alles das <em class="gesperrt">ausgesprochen</em>,
+was sonst der mittelalterliche Mann aus dem Volke kaum zu denken
+wagte, und gerade deshalb haben die Dichter immer wieder diese Sage
+bearbeitet, weil sie in ihr alles niederlegen konnten, was sie selber
+im tiefsten Innern bewegte.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Historisch</em> ist an Faust das Folgende:</p>
+
+<p>Er lebte etwa von 1480 bis ungefähr 1545. Sein Vorname war weder
+Heinrich, wie Goethe ihn nennt, noch Johann, wie er gewöhnlich in
+der Sage genannt wird, sondern <em class="gesperrt">Georg</em>. Viele Forscher nehmen
+an, daß er aus Knittlingen im Württembergischen stammte und daß er
+sich in Ingolstadt eine gediegene Bildung erwarb. Er befand sich ums
+Jahr 1507 in Ingolstadt, dann in Gelnhausen, Würzburg und zuletzt in
+Kreuznach, wo ihm Franz von Sickingen — der in Goethes »Götz von
+Berlichingen« verewigt ist — eine Schulmeisterstelle anvertraute.
+Faust erwies sich aber der Stelle als unwürdig. 1513 war er in Erfurt,
+wo er nach einigen Jahren ausgewiesen wurde. 1520 war er in Bamberg,
+wo er gegen ein Geldgeschenk dem Bischof Georg III. sein Schicksal aus
+den Sternen prophezeite. Dann zog er nach Heidelberg, wo er sich bis
+etwa 1525 aufhielt. Später begegnen wir ihm in Wittenberg, von wo er
+hinausgetrieben wird, endlich wieder in Ingolstadt als Zahnbrecher,
+wo ihm das gleiche Schicksal widerfährt. Besser ging es ihm beim
+Erzbischof von Köln: Hermann von Wied. Doktor Faust soll endlich zu
+Staufen im Breisgau als Sechziger eines plötzlichen, gewaltsamen Todes
+gestorben sein.</p>
+
+<p>Er war als ein gewaltiger Prahler verschrien und zog als
+Hokuspokusmacher und Arzt, in der Weise, wie wir ihn bereits
+geschildert haben, von Stadt zu Stadt. Denn allzulange duldeten<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> ihn
+die wohlweisen Magistratspersonen nie in ihren Mauern. Er nannte sich
+den Philosoph aller Philosophen, rühmte sich in Würzburg, daß er
+alle Wunder Christi vollbringen könne, so oft es verlangt werde; in
+Wittenberg, daß er in den Himmel fliegen könne und daß er in Krakau
+alle Künste der Magie erlernt habe. Die Schlacht bei Pavia und die
+Eroberung Roms seien den Italienern nur geglückt, weil er ihnen durch
+seine Zaubermacht geholfen habe.</p>
+
+<p>Leichtgläubig wie das Volk war, wurden viele seiner Aufschneidereien
+für bare Münze genommen und als vollbrachte Tatsachen weitererzählt.
+Alle Zaubergeschichten, die damals reichlich im Umlauf waren,
+wurden auf seine Person übertragen und viele andere wurden ihm
+noch angedichtet. Sie machten ihn berühmt und zugleich berüchtigt.
+Da aber solche Zaubereien, wie Faust sie vollbracht haben wollte,
+nach Annahme des abergläubischen Volkes nur mit Hilfe des Satans
+auszuführen waren, so erzählte man sich, Faust habe ein Bündnis
+mit dem Teufel geschlossen, der ihn in Gestalt eines Pudels — daß
+Faust einen Pudel hatte, wird historisch verbürgt — begleitet und
+schließlich auf schreckliche Weise ums Leben gebracht und seinen
+Leichnam auf den Mist geworfen habe. Auf diese Weise hat die Phantasie
+des Volkes Fausts im Dunkel liegendes Leben ausgeschmückt und es
+entstand die <em class="gesperrt">Faustsage</em>, die bereits fünfzig Jahre nach Fausts
+Tod in voller Blüte steht. In ihr ist Faust bereits zum Vertreter der
+mittelalterlichen Zauberer erhoben und durch seinen Namen werden die
+verschiedensten Sagen und Märchen wie durch ein Band zusammengehalten.</p>
+
+<p>Faust, so erzählt das älteste Volksbuch, das uns schon ganz ins
+Sagenhafte führt, war gebürtig aus Roda bei Weimar. Seine Eltern waren
+arme, fromme Bauersleute; aber sein Onkel zu Wittenberg war reich,
+und da er keine Kinder besaß, nahm er Faust an Sohnes Statt an. Da
+geriet er aber in schlechte Gesellschaft und begann Zauberschriften
+zu studieren, die lauter<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> Beschwörungsformeln und magische Figuren
+enthielten: »Buch Mosis und dreifacher Höllenzwang«, »Mächtige
+Beschwörung der höllischen Geister«, »Hauptzwang der Geister zu
+menschlichen Diensten«, »Das Geheimnis der heiligen Gertrudis zur
+Erlangung zeitlicher Schätze und Güter« und viele andere. Er ward
+Kräutermann, Goldmacher, Destillator, Sterndeuter und Arzt. Nun lernte
+er Zaubern und Geisterbeschwören und als er es gut verstand, begab
+er sich eines Abends in den Spessart, um — wie er behauptete — den
+Teufel anzurufen. Auf einem Kreuzwege zog er Zauberkreise um sich her
+und begann die fürchterliche Beschwörung. Da erhob sich ein mächtiges
+Getöse, die Bäume bogen sich bis zur Erde, und der Mond verbarg sich
+hinter vorbeieilenden Wolkenfetzen. Es donnerte gewaltig, während die
+wilde Jagd vorüberzog. Pfeile wurden von unsichtbarer Hand auf Faust
+abgeschossen, und es erklang eine liebliche Musik. Gesang ertönte, und
+als Faust aufblickte, gewahrte er eine Menge tanzender Teufel, die mit
+ihren höllischen Schwertern klirrten und mit Spießen um sich warfen.</p>
+
+<p>Als dieser Höllenlärm vorüber war, beschwor Faust den Teufel zum
+zweitenmal und nun erschien über Fausts Haupt ein giftspeiender Drache.
+Vom Himmel fiel ein Stern herab, der sich in eine feurige Kugel
+verwandelte und nachdem Faust diese dreimal beschworen hatte, nahm
+sie die Gestalt eines feurigen Mannes an; der ging eine Viertelstunde
+stumm um Fausts Zauberkreis herum, verwandelte sich endlich in einen
+grauen Mönch und fragte nach Fausts Begehr. Faust bestellte ihn für die
+folgende Nacht um zwölf Uhr zu sich, doch forderte ihn der Teufel aufs
+neue auf, zu schwören, daß er dem Fürsten der Hölle ergeben sein wolle.</p>
+
+<p>Um Mitternacht fordert Faust vom Teufel, daß er ihm bis an seinen
+Tod diene, alle seine Wünsche erfülle, unsichtbar in seinem Hause
+walte und wenn er erscheine, daß er dann die Gestalt und Kleidung
+eines Franziskanermönches annehme. Dagegen<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> verlangt Mephostophiles,
+Faust solle sich ihm mit seinem Blute verschreiben, den christlichen
+Glauben ableugnen, aller Christen Feind sein, sich nie bekehren und
+nie heiraten. Faust stellt diese gotteslästerliche Verschreibung
+aus, fordert darin aber ausdrücklich, daß der Teufel vor allem
+seinen Wissensdurst befriedigen müsse, den Gott nicht gestillt habe.
+Mephostophiles (oder Mephistophiles, auch Mephistopheles) bringt
+Speisen, Wein und Kleider für Faust und dessen Famulus Wagner; außerdem
+erhält Faust vom Teufel wöchentlich fünfundzwanzig Kronen Taschengeld.</p>
+
+<p>Wie widersinnig dieser ganze Teufelsglaube war und was es mit der
+Zauberei auf sich hatte, ersieht man schon aus diesem kärglich
+bemessenen Taschengeld. Denn wenn Faust hätte zaubern können, hätte er
+auch nicht diese jämmerlichen fünfundzwanzig Kronen des Satans nötig
+gehabt. Was konnten wohl für so einen mächtigen Zauberer fünfundzwanzig
+Kronen in der Woche bedeuten? Und daß anderseits Faust für Speise,
+Trank und Kleidung allein seine Seligkeit verkauft hätte — abgesehen
+davon, daß auch dies ein abergläubischer Unsinn ist —, dazu wird Faust
+als ein viel zu weiser und wissensdurstiger Mann geschildert.</p>
+
+<p>Das erste ist, berichtet die Sage, daß Faust dem bösen Geiste eine
+Reihe theologischer, philosophischer und naturwissenschaftlicher
+Fragen vorlegt, Fragen über die Beschaffenheit der Hölle, über die
+Macht des Satans, über Luzifers Verstoßung aus dem Himmel, über die
+Weltschöpfung, den Bau des Himmels und der Gestirne, über den Wechsel
+der Jahreszeiten, die Mephostophiles dem Vertrage gemäß beantwortet. Um
+sich weiter zu unterrichten, unternimmt Faust drei Reisen, eine in die
+Hölle, die zweite durch den Wolken- und Sternenhimmel, die dritte durch
+die meisten Reiche der Erde; die Hölle selbst sieht Faust freilich
+nicht; er lernt sie nur in einem Traumgesicht kennen, das der Teufel
+ihm vorgaukelt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span></p>
+
+<p>Nun beginnt Faust seine Zauberkunststücke, die aber allesamt
+ebenfalls wieder im Widerspruch stehen mit dem Faust, der das höchste
+Wissen der Menschheit zu umfassen sucht. Seine Zaubereien sind —
+wie man gleich sehen wird — weiter nichts, als zeitvertreibende
+Taschenspielerkunststückchen, ganz unwürdig dieses groß angelegten
+Faust. Man sieht nur, daß das Volk, das Faust diese Zaubersagen
+angedichtet, gar nicht darüber nachgedacht hat, daß ein solcher
+Mensch sein Seelenheil nicht preisgegeben hätte, nur um das Volk zu
+unterhalten und durch Schelmereien zu belustigen.</p>
+
+<p>Zu Innsbruck beschwor Faust Alexander den Großen und dessen Gemahlin
+aus der Unterwelt herauf und führte sie Karl dem Fünften vor. Diese
+Geistererscheinungen, wie alle anderen Zaubereien Fausts, die nur
+auf einer geschickten Täuschung beruhen, werden ja noch heute einem
+gutgläubigen Publikum gezeigt. Dort zauberte Faust auch einem Ritter,
+der aus dem Fenster schaute, ein Hirschgeweih an, so daß der seinen
+Kopf weder vorwärts noch rückwärts bewegen konnte. Erst als der ganze
+Hof den Ritter verlacht hatte, löste Faust den Zauber. Wie Faust später
+den kaiserlichen Hof verließ, zog ihm der Ritter mit sechs Reitern
+nach, um Rache an ihm zu nehmen; da eilte Faust in ein Gehölz am Wege,
+und als er wieder heraustrat, schien seinen Verfolgern das ganze Gehölz
+voll geharnischter Ritter; sie flohen, aber sie wurden umringt und
+ergaben sich. Faust ließ sie aber frei; doch zauberte er den Menschen
+Ziegenhörner und den Pferden Kuhhörner an, die sie einen Monat lang
+tragen mußten.</p>
+
+<p>Vor Gotha verschlang Faust einst einem Bauer ein Fuder Heu nebst dem
+Wagen und den Pferden; doch als der zu Tode geängstigte Bauer beim
+Bürgermeister Klage führte und zum selben Platz zurückkam, standen
+Wagen und Pferde unversehrt da. Ebenso machte es Faust einmal bei
+Zwickau.</p>
+
+<p>Drei Grafen, die in Wittenberg studierten, führte Faust mit Hilfe
+seines Zaubermantels in einer Nacht nach München<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> und wieder zurück.
+Sie schauten dort der Hochzeit zu, welche der Sohn des Fürsten hielt,
+doch Faust hatte ihnen verboten, ein Wort zu sprechen. Als nun der eine
+sprach, wurde er gefangen genommen und eingekerkert, während Faust mit
+den andern davonflog.</p>
+
+<p>Von einem Wechsler lieh Faust einst sechzig Taler auf einen Monat. Als
+die Frist vorüber war, bot er, da er noch nicht zahlen konnte, dem
+Wechsler zur größeren Sicherheit sein Bein zum Pfande. Der Wechsler
+nahm das Bein, das Faust sich abgesägt hatte, und warf es, weil ihm
+das Tragen lästig wurde und weil er einen Prozeß fürchtete, in einen
+Fluß. Nach drei Tagen wollte Faust das Pfand einlösen; da der Wechsler
+den Fuß aber nicht mehr beschaffen konnte, ging er seiner Forderung
+verlustig und mußte noch sechzig Taler dazu bezahlen. Faust hatte
+natürlich nach wie vor seinen Fuß; alles war nur augenverblendende
+Schwarzkunst.</p>
+
+<p>Auf einem Jahrmarkte verkaufte Faust einem Roßtäuscher ein Pferd für
+vierzig Gulden; doch als dieser es in die Schwemme ritt, verwandelte
+es sich unter ihm in ein Bündel Stroh. Er eilte zu Faust zurück,
+der scheinbar schlafend auf seinem Bette lag, zog ihn am Bein, aber
+kaum hatte er ein wenig daran gezerrt, so hatte er es auch schon
+ausgerissen. Erschrocken entfloh der Roßtäuscher, doch Faust, der ihn
+nur verblendet hatte, lachte sich krumm und schief. Ebenso verkaufte
+Faust ein andermal fünf Schweine für dreißig Gulden; aber als sie der
+Käufer, trotz der Warnung Fausts, ins Wasser getrieben hatte, schwammen
+nur fünf Strohbündel darin herum.</p>
+
+<p>Das Geld, mit dem Faust seine wüsten Zechereien bezahlte, pflegte sich
+einige Tage später stets in Kot oder in Hornspäne zu verwandeln.</p>
+
+<p>Zu Wittenberg sah unser Schwarzkünstler einst, wie sich zwölf Studenten
+vor seinem Hause miteinander stritten. Er verblendete ihnen die Augen
+und sie schlugen nun, ohne sich gegenseitig zu erkennen, wütend
+aufeinander los.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span></p>
+
+<p>Bei einem tollen Zechgelage zauberte Faust einst im Winter einen
+Rebstock auf den Tisch, der voll reifer Trauben hing. Niemand sollte
+die Trauben abschneiden, ehe Faust das Zeichen gegeben hätte. Begierig
+faßte jeder mit der einen Hand eine Traube und mit der anderen ein
+Messer; da entzauberte Faust ihre Augen und sie erkannten, daß jeder
+nahe daran war, die Nase seines Nachbars abzuschneiden.</p>
+
+<p>Als Faust einst in einer Schenke das Singen und Schreien der Bauern
+verdroß, machte er, daß ihnen plötzlich der Mund weit aufstand und sie
+kein Wort zu sprechen vermochten, bis er sie wieder entzauberte. — Zu
+Heilbronn bezauberte er die Kühe auf gleiche Weise, deren Muhen ihn
+verdroß.</p>
+
+<p>Beim Grafen von Anhalt ließ Faust einst im Januar durch seinen Geist
+auf Wunsch der Gräfin Obst herbeischaffen, das er innerhalb einer
+halben Stunde aus den fernsten Ländern herbeiholte. Auch baute er dort
+über Nacht ein Zauberschloß, in welchem er den Grafen und noch viele
+Gäste herrlich bewirtete. Doch als sie aufbrachen, ging das Schloß in
+Flammen auf und sie hatten allesamt Hunger, als ob sie nichts gegessen
+hätten.</p>
+
+<p>An Fastnacht fuhr Faust mit Studenten einmal auf einer Leiter in den
+Keller des Salzburger Bischofs, wo sie allerlei Weine tranken.</p>
+
+<p>Am weißen Sonntage führte Faust den Studenten die griechische Helena
+vor, deren Schönheit sie dermaßen entzückte, daß beschlossen ward, sie
+tags darauf malen zu lassen. Zu Erfurt, wo Faust Vorlesungen hielt
+über Homer, beschwor er einst die Helden der Ilias und der Odyssee und
+führte sie den Studenten vor. Als diese aber den schrecklichen Riesen
+Polyphem herkommen sahen, der nur mitten in der Stirn ein Auge hatte,
+das er furchtbar rollte, bekamen die Studenten eine Heidenangst; Faust
+lachte sich aber halbtot.</p>
+
+<p>Bei Braunschweig begegnete Faust einst einem Bauern, der einen leeren
+Wagen mit vier Pferden führte. Faust bat ihn,<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> sich aufsetzen zu dürfen
+und da der Bauer ihm dies verweigerte, ließ er die vier Räder des
+Wagens an die Stadttore Braunschweigs fliegen und die Pferde wie tot
+niederstürzen. Als der Bauer jedoch auf den Knien um Verzeihung bat,
+hieß ihn Faust Erde auf die toten Pferde werfen; alsbald erhoben sie
+sich wieder unverletzt und auch die Räder saßen wieder an den Achsen.</p>
+
+<p>Zu Neu-Ruppin pflegte Faust abends mit den Bürgern, die ins Wirtshaus
+kamen, Karten zu spielen und zu würfeln. Er hatte Pferdefüße und gewann
+sehr viel.</p>
+
+<p>Als Faust in Leipzig mit mehreren Studenten an einem Weinkeller
+vorüberging und die Küfer verhöhnte, welche sich vergeblich mühten, ein
+Faß von achtzehn Eimern Inhalt heraufzuwinden, versprach der Besitzer
+demjenigen das Faß Wein als Eigentum, welcher es allein heraufschaffen
+könne. Da setzte sich Faust auf das Faß, als sei es ein Pferd und ritt
+damit zum Keller hinaus. Es gibt einen Vers auf dieses Zauberstück, der
+lautet:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Der Doktor Faust zu dieser Frist</div>
+ <div class="verse indent0">>Aus Auerbachs Keller geritten ist</div>
+ <div class="verse indent0">Auf einem Faß mit Wein geschwind,</div>
+ <div class="verse indent0">Welches gesehn viel Mutter — Kind;</div>
+ <div class="verse indent0">Hat's durch sein subtil Kunst getan,</div>
+ <div class="verse indent0">Des Teufels Lohn empfangen davon.«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+<p>In Erfurt wohnte ein Junker, der mit Faust befreundet war. Als dieser
+Junker bei einem Gelage mit mehreren Freunden Fausts zusammensaß,
+rief einer im Scherz Faust herbei, der sich gerade am kaiserlichen
+Hof in Prag aufhielt. Alsbald erschien Faust, von Mephostophiles
+begleitet, der sich in ein geflügeltes Roß verwandelt hatte. Während
+des Zechens fragte er jeden Anwesenden, was für Wein er trinken wolle,
+darauf bohrte er vier Löcher in den Tisch und es flossen daraus die
+verschiedensten Weinarten. Gegen Morgen eilte er wieder durch die Lüfte
+nach Prag. Noch bis vor kurzem wurde in Erfurt das Haus gezeigt, wo der
+mit Faust befreundete Stadtjunker wohnte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span></p>
+
+<p>Später einmal lud Faust dieselben Freunde in Erfurt zu einem Gastmahle
+zu sich. Als sie angekommen waren, sahen sie noch keine Vorbereitungen
+zur Bewirtung. Da schlug Faust mit einem Messer auf den Tisch und es
+trat ein Diener herein, welchen Faust fragte, wie schnell er sei. Der
+antwortete: Wie ein Pfeil. Das schien Faust zu langsam und er entließ
+ihn darum; es kam ein zweiter, schnell wie der Wind, der auch entlassen
+wurde; erst der dritte, welcher so schnell war, wie der Gedanke des
+Menschen, schaffte bald die herrlichsten Speisen und Getränke in Hülle
+und Fülle herbei.</p>
+
+<p>Ein andermal soll er vierzigtausend Höllengeister zu seiner Bedienung
+beschworen haben, fand aber keinen flink genug.</p>
+
+<p>In Frankfurt traf Faust während der Messe einst mit vier Gauklern
+zusammen, welche einander die Köpfe abschlugen und wieder aufsetzten.
+Sobald ein Kopf vom Körper getrennt war, wuchs aus einem dabeistehenden
+Gefäß voll gereinigten Wassers eine Lilie, welche die Wurzel des Lebens
+hieß. Faust bemerkte das und durchschlitzte die Lilie, welche eben
+wieder emporschoß, heimlich mit einem Messer; da versuchten die drei
+Zauberer vergeblich, ihrem vierten Gesellen den Kopf wieder aufzusetzen.</p>
+
+<p>Zu Straßburg bewährte sich Faust als vortrefflicher Schütze; selbst
+nach dem Teufel schoß er, der oft laut aufschrie.</p>
+
+<p>Wenn Faust reiste, mußten ihm die Geister vorn, hinten und zu beiden
+Seiten den Weg pflastern. Zu Regensburg war es seine größte Freude, auf
+der Donau Kegel zu schieben und Fische zu fangen.</p>
+
+<p>Als er einst am Karfreitag in Jerusalem war, befahl er dem Teufel,
+drei Ellen Leinwand zu bringen und ganz Portugal darauf zu malen, so
+daß man jedes Haus sehen könne. Dies hatte Mephostophiles in wenigen
+Augenblicken getan, und nun befahl ihm Faust, Christus am Kreuz
+abzumalen, aber nichts daran zu vergessen, besonders nicht den heiligen
+Namen. Das konnte Mephostophiles nicht; darum verblendete er die Sinne<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span>
+Fausts und malte statt Jesum eine Venus, auf die Faust zustürzte,
+wodurch er denn endgültig der Hölle verfallen war.</p>
+
+<p>Im siebzehnten Jahre seines Bundes mit dem Teufel mußte sich ihm Faust
+aufs neue verschreiben, weil er sich von einem frommen Manne fast hätte
+bekehren lassen.</p>
+
+<p>Im neunzehnten Jahre lud Faust einst um die Weihnachtszeit eine
+Gesellschaft fröhlicher junger Menschen in seinen Garten zu Wittenberg
+und zur Verwunderung der Gäste grünte und blühte alles und nirgends war
+zu erkennen, daß es Winter war.</p>
+
+<p>Neben Mephostophiles hatte Faust noch einen dienstbaren Geist namens
+Prästigiar, der die Gestalt eines schwarzzottigen Hundes hatte. Diesen
+lieh er einst einem Abt in Halberstadt auf drei Jahre; doch schon nach
+dem ersten Jahre starb der Abt im Wahnsinn.</p>
+
+<p>Auf einem Bergschloß in der Nähe von Heilbronn (Boxberg) streckte Faust
+einst seine Hand nach dem Regenbogen aus, der am Himmel stand. Da
+senkte sich der Regenbogen immer tiefer und tiefer herab, bis ihn Faust
+ergriff und festhielt. Er erbot sich, auf ihm zum Himmel zu reiten,
+doch als die Anwesenden sich's verbaten, ließ Faust den Regenbogen los,
+der wieder an seinen Platz zurückschnellte.</p>
+
+<p>Auf einer Reise nach Wittenberg verschlang Faust in einem Wirtshause
+den Aufwarteburschen, der ihn nicht rasch genug bediente, und trank
+darauf einen großen Kessel voll Wasser. Nachher fand man den Burschen
+tropfnaß hinter dem Ofen im Schwenknapf liegen, wo er zum Gaudium der
+Gäste am Kragen herausgezogen wurde.</p>
+
+<p>Bei einem Bankett, das Kaiser Maximilian einmal gab, verwandelte Faust,
+um seine Dankbarkeit zu bezeigen, das Schlafzimmer des Kaisers eines
+Morgens in einen Zaubergarten. Man hörte Nachtigallen singen, die Amsel
+und die Wachtel schlugen fröhlich, Papageien schwatzten durcheinander.
+Indische Hähne und Hennen liefen herum, Rebhühner, Haselhühner,<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span>
+Kraniche, Reiher, Schwäne und Störche. Man sah Laub und Gras und die
+seltensten Blumen; Narzissen und Rosen prangten ringsum. Der Garten
+war bestanden mit Granaten-, Pomeranzen-, Limonien-, Zitronen- und
+Feigenbäumen; Kirsch-, Birn- und Äpfelbäume wuchsen bunt durcheinander.
+Orangenbäume trugen Datteln, Tannenbäume trugen Aprikosen,
+Kastanienbäume trugen Pfirsiche. Schmucke Tauben flogen gurrend hin und
+her und belebten das zauberschöne Bild. Allein nach etwa einer Stunde,
+ehe man sich's versah, fingen die Blätter an den Bäumen an zu welken,
+die strotzenden Früchte fielen herab und verdorrten, Blumen schrumpften
+zusammen und bald kam ein Windstoß zum Gemach herein, der wehte alles
+herab, so daß der köstliche Zauber in einem Augenblick verschwunden war
+und alle Gäste nun vermeinten, sie hätten bloß geträumt.</p>
+
+<p>Bei einem anderen Zechgelage mit Studenten ließ Faust einmal neben
+vielen Braten auch einen schönen, großen, gebratenen Kalbskopf
+auftragen. Er bat einen der Studenten, den Kopf zu zerlegen. Als dieser
+nun das Messer ansetzte, fing der Kalbskopf mit lauter Stimme an zu
+sprechen: »Mordio! Helfio! Auweh! Was hab' ich dir getan, du elender
+Rotzlöffel!«</p>
+
+<p>Ein andermal ließ Faust während einer Tafel Wolken heraufziehen, und
+als sie sich teilten, leuchteten die Sterne hindurch; nach einer Weile
+türmte sich neues Gewölk auf, die Sonne begann heftig zu blenden, so
+daß alle Anwesenden sich bekreuzten; ein Regenbogen wölbte sich vor
+der Tafel des Kaisers; bald verschwand er wieder und es folgten Blitz,
+Donner, Hagel und strömender Regen. Die Gäste flohen entsetzt, obwohl
+keiner Schaden gelitten hatte.</p>
+
+<p>Einem Freiherrn, der bei Eisleben wohnte, schuf Faust einen Lustwald
+voll Nachtigallen, Drosseln, Fasanen und Papageien; einige von den
+Vögeln verkündeten die Zukunft; als Faust aber gestorben war, flogen
+sie alle wieder davon.</p>
+
+<p>Als nun die vierundzwanzig Jahre, welche Faust sich von der Hölle
+ausbedungen hatte, verflossen waren, wurde er vom Teufel<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> geholt,
+erzählt die Sage. Er setzte seinen Famulus Christoph Wagner zum
+Erben ein und trug ihm auf, alle seine Kunststücke, Zauberpossen und
+wunderlichen Abenteuer, die er getrieben, getreu aufzuzeichnen und sie
+in eine Historie zu bringen.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowp57" id="illu-149" style="max-width: 62.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-149.jpg" alt="bild">
+ </figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span></p>
+
+<p class="p2">Am Morgen seines letzten Tages zog Faust mit vielen Freunden in das
+Dorf Rimlich bei Wittenberg und erzählte ihnen voller Reue, wie er sein
+Leben verspielt habe und was ihm nun bevorstehe. »Wisset« — sagte er
+— »daß ich von Jugend an, während mich Gott mit einem guten Verstand
+begabt hat, mit solcher Gabe nie zufrieden war, sondern viel höher
+hinaus und über andere emporkommen wollte. Darum habe ich mich mit
+Ernst und Fleiß auf die Schwarzkunst gelegt. Jedoch meine Vermessenheit
+geriet mir bald zum Bösen. Ich mußte mich dem höllischen Luzifer mit
+Leib und Seele verschreiben, Gott lästern, die heilige Dreifaltigkeit
+höhnen und der Kirche absagen. Dafür habe ich gutes Essen und Trinken
+eingetauscht und die Erfüllung aller Begierden. Fressen, Saufen und
+Spielen waren meine Vergnügungen, für die ich nun meine ewige Seligkeit
+verloren habe. Ich habe Gott den Herrn verlassen und nun gehöre ich dem
+Satanas.«</p>
+
+<p>In der Nacht zwischen zwölf und eins, als Fausts Stundenglas abgelaufen
+war, erhob sich ein mächtiger Wirbelsturm. In Fausts Zimmer hörte man
+ein grauenerregendes Pfeifen und Zischen, als ob das ganze Haus von
+Nattern und Schlangen erfüllt wäre. Fausts Tür ging auf; mit schwacher
+Stimme hörte man ihn noch um Hilfe rufen, dann war alles still und
+stumm. Am nächsten Morgen fand man Fausts ganzes Zimmer mit Blut
+bespritzt; sein Körper lag auf einem Misthaufen.</p>
+
+<p>Noch nach dem Tode erschien Faust seinem Famulus und offenbarte ihm
+vieles Geheime. Auch sahen ihn viele, die bei Nacht an seinem Hause in
+Wittenberg vorübergingen, zum Fenster herausschauen. Und in dem Hause
+ward es seit seinem Tode so unheimlich, daß kein Mensch sich mehr
+getraute, darin zu wohnen. Noch lange, lange nachher blieb es verrufen.
+Im Dreißigjährigen Kriege rettete sich der Dorfschulze zu Brade
+bei Wittenberg dadurch das Leben, daß er dem Soldaten, der auf ihn
+eingedrungen war, sagte, dies sei das Haus, in welchem Doktor<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> Faust,
+der Schwarzkünstler, vom Teufel geholt worden sei. Zum Beweise zeigte
+er sogar an der Wand eine blutbefleckte Stelle, und der Soldat entfloh
+mit Schrecken.</p>
+
+<p>Faust soll auch Zauberbücher geschrieben haben. Das berühmteste trug
+den Titel: »<em class="gesperrt">Doktor Fausts großer und gewaltiger Höllenzwang</em>,
+mächtige Beschwörungen der höllischen Geister, besonders des Aziels,
+daß dieser Schätze und Güter von allerhand Arten gehorsamvoll, ohne
+allen Aufruhr, Schreckenssetzung und Schaden vor den gestellten Kreis
+seiner Beschwörer bringen und zurücklassen müsse«.</p>
+
+<p>Nach Zwickau kamen noch im Jahre 1700 Schatzgräber und forderten unter
+schweren Drohungen Fausts Bücher, die sich auf der Zwickauer Bibliothek
+befinden sollten. Die Zwickauer Schüler lernten aus Fausts Schriften
+angeblich das Mantelfahren und flogen — so redeten sie der Menge ein
+— auf ihren Schulmänteln über die Stadtmauern und um die Teiche herum.
+Wer Fausts »Höllenzwang« vorwärts las, dem erschien der Teufel; las man
+ihn rückwärts, so entfloh er wieder; wer ihn aber nicht rückwärts lesen
+konnte, der wurde vom Satan umgebracht. —</p>
+
+<p>So hieß es jahrhundertelang.</p>
+
+<p>Noch heute gibt es Betrüger genug, die sich als Hexenmeister aufspielen
+und dem abergläubischen Volk unter Berufung auf Fausts »Höllenzwang«
+die Sparpfennige aus den Taschen locken. Auch diese Gaukler verstehen
+es, gebratene Kalbsköpfe mittels der Bauchredekunst sprechen,
+mit Hilfe von versteckten Schattenbilderlampen Gestalten aus der
+Unterwelt erscheinen zu lassen und einen Regen blanker Goldstücke
+aus dem Ärmel zu schütteln, einem Menschen den Kopf abzuschlagen und
+wieder aufzusetzen usw. Insbesondere haben die auch in Deutschland
+herumziehenden indischen Fakire diese Taschenspielerkünste auf eine
+ganz erstaunliche Höhe gebracht. Und wenn man sieht, daß sich selbst
+die kühlsten Beobachter durch diese Kunststücke oft blenden lassen,
+kann man es gut verstehen, daß das unwissende<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> Volk Zauberei und Spuk
+in den Kunststücken erblickte, die durch einfache Fingerfertigkeit zu
+erklären waren. Aber immerhin beweisen diese modernen Schwarzkünstler,
+daß Faust und seine Taten in der Seele des Volkes noch immer lebendig
+sind.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2>Goethe der Botaniker.</h2>
+</div>
+
+<p>Wenn man von Goethe erzählt, so spricht man vom Juwel des ganzen
+Menschengeschlechts. In einem kurzen Überblick den größten Menschen und
+bedeutendsten Dichter der Welt betrachten, das wäre darum ein ebenso
+unwürdiges, wie tollkühnes Beginnen.</p>
+
+<p>Selbst wenn man sich darauf beschränkt, nur eine kleine Seite dieses
+gewaltigen Geistes zu beschreiben, ist man ob der Fülle des Materials
+in Verlegenheit. Umfaßt doch heute die Literatur über Goethe schon eine
+Bibliothek, die mehr als zehntausend Bände zählt.</p>
+
+<p>Darum soll hier nicht von seinen herrlichen Dichtungen die Rede
+sein, die in der gesamten Weltliteratur unübertroffen dastehen;
+auch das Leben Goethes sei hier nicht geschildert, obwohl viele
+Forscher im Zweifel sind, ob Goethe als Mensch nicht noch größer und
+bewundernswürdiger war, denn als Dichter.</p>
+
+<p>Nie vorher und nie nachher hat ein Mensch eine so umfassende Bildung
+besessen wie Goethe; aber ebenso groß war auch sein Edelmut und seine
+Hochherzigkeit; er war hilfreich und gut, selbstlos, pflichtgetreu
+und unermüdlich in der Arbeit. Als Dichter und als Übersetzer, als
+Kunsthistoriker und als Naturforscher hat er alle Pforten der Schönheit
+vor uns aufgeschlossen. Er erst hat uns gelehrt, Kunst und Natur in
+vollen Zügen zu genießen. Denn <em class="gesperrt">vor</em> Goethe wußte man nicht, wie
+herrlich das Reisen ist, und wie voll tausend heimlicher Wunder die
+Natur! Die Sehnsucht,<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> die <em class="gesperrt">uns</em> heute ins Gebirge und in die
+Wälder zieht, die Freude, die wir heute in Flur und Au, an der See und
+in den Alpen empfinden, hat erst Goethe in uns geweckt. Unsere Ahnen
+kannten sie nicht. Für den Menschen des Altertums und Mittelalters
+waren Wälder und Berge Orte des Grauens und Schreckens, vor denen man
+sich fürchtete. Dazu kam die Unsicherheit vieler Gegenden, in denen
+sich Räuber und wilde Tiere aufhielten; ferner die Kostspieligkeit
+und Beschwerlichkeit des Reisens überhaupt und die höchst mangelhafte
+Verpflegung. Wenn man reiste, um sich zu zerstreuen, so suchte man die
+Städte auf, um fremde Länder und fremde Menschen kennen zu lernen; aber
+die freie Gottesnatur verachtete man; sie war der Aufenthalt böser
+Geister und Dämonen. Nur Menschenfeinde, Besessene oder Einsiedler
+suchten die Waldeinsamkeit auf, in der sie niemand störte. Vor Goethe
+sang man nicht die herrlichen Rheinlieder, kannte man nicht die
+Fußreisen durch den Harz, Thüringer Wald, den Schwarzwald oder das
+Riesengebirge. Vor Goethe dachten nur wenige daran, die eisbedeckten
+Alpengletscher zu besteigen oder um der Kunst und glühenden Landschaft
+willen eine Reise nach Italien zu machen. Der Idyllendichter Salomon
+Geßner, der Naturforscher und Poet Albrecht von Haller, dem wir das
+große Gedicht über »Die Alpen« verdanken, der pädagogische Reformator
+Rousseau, Winckelmann, der sein Leben der Wiedererweckung der antiken
+Kunst geweiht hat, unser Dichter Lessing — das sind einige berühmte
+Ausnahmen, die größere Reisen oder Fußwanderungen nach den Alpen
+beziehungsweise nach Italien unternommen hatten und die ziemlich
+vereinzelt dastehen.</p>
+
+<p>Die Natur war nur für die Fachgelehrten da; soweit Lehrer, Ärzte,
+Apotheker und Kräutersammler sie eben beruflich brauchten.</p>
+
+<p>Aber es ist klar, daß diese unbegrenzte Liebe Goethes zur Natur
+ihn auch nicht eher ruhen ließ, als bis er sie im Innersten erfaßt
+und erkannt hatte. Und so gibt es denn auch kaum ein Gebiet der
+Naturwissenschaften, auf dem er nicht Unvergängliches,<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> Grundlegendes
+und Bleibendes geleistet hätte. Mit seinen Arbeiten über Anatomie und
+Optik, Mineralogie und Geologie, Meteorologie und Klimatologie haben
+sich die größten Gelehrten beschäftigt und auseinandergesetzt. Seine
+Arbeiten auf diesen Gebieten haben anregend und fruchtbringend gewirkt,
+und keiner, der sich dem einen oder anderen Gebiet zuwenden will, kann
+an Goethe achtlos vorübergehen.</p>
+
+<p>Wir wollen uns hier ein wenig mit Goethe dem Botaniker befassen, wo wir
+ihn unmittelbar in der Natur wirken sehen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Er selbst berichtet uns, daß er als Frankfurter Stadtkind noch nicht
+einmal den Unterschied der drei Reiche gekannt habe; infolgedessen
+hatte er sich auch wenig mit dem Reiche der Blumen beschäftigt. Erst
+als er in Weimar einzog, als Sechsundzwanzigjähriger, beglückte ihn der
+Gewinn, Staub und Stadtluft mit Land, Wald und Garten zu vertauschen.
+Und erst durch seinen Beruf als Minister am Weimarer Hofe, wurde er
+zur ernsten Beschäftigung mit den Naturwissenschaften geführt. Er
+hatte die Leitung der Forstverwaltung, und durch seine Teilnahme an
+den großen Jagden im Thüringer Wald begann er die Natur der Bäume zu
+studieren. Der Herzog hatte ihm einen großen Garten geschenkt, »ein
+rechter Gelehrtengarten«, der ihm eine reiche Quelle zur Beobachtung
+der Pflanzen wurde, und in dem sein Geist ausruhen konnte.</p>
+
+<p>Wenn man vom Schloß Weimar kommend, die Ilm überschreitet, gelangt
+man zum Stern, in dessen Nähe am Abhang des Ilmtales der ansteigende
+Goethesche Garten liegt. Am Fuße der Schrägung steht ein einfaches
+Gartenhaus, dessen erstes Stockwerk unter Schlingpflanzen, Geißblatt
+und wilder Rebe versteckt ist. Mitten im Gartenhang befindet sich eine
+einladende Laube, von hohen Bäumen und Sträuchern umgeben, von der man
+eine anmutvolle Aussicht genießt. Eine Steintafel, die<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> da eingefügt
+ist, erzählt uns, daß diese Laube die Geburtsstätte herrlicher
+Dichtungen war, und daß Goethe hierher ging, um seine Sorgen und Kämpfe
+zu überdenken, seinen Forschungen und stillen Freuden nachzuhängen. Die
+umgebenden Bäume besaßen die ganze Liebe Goethes.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»Sag' ich's euch, geliebte Bäume,</div>
+ <div class="verse indent0">Die ich ahndevoll gepflanzt,</div>
+ <div class="verse indent0">Als die wunderbarsten Träume</div>
+ <div class="verse indent0">Morgenrötlich mich umtanzt.</div>
+ <div class="verse indent0">Wachset wie aus meinem Herzen,</div>
+ <div class="verse indent0">Wachset in die Luft hinein;</div>
+ <div class="verse indent0">Denn ich grub ja Freud' und Schmerzen</div>
+ <div class="verse indent0">Unter eure Wurzeln ein.«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Oft saß Goethe nachts auf dem Altan des Gartenhauses und schlummerte,
+während laute Gewitter ihn umtobten. Er fand es unter Blitz, Donner und
+Regen so herrlich, daß ihm das Bett leid wurde, und so oft er erwachte,
+mitternachts, um zwei, um vier Uhr, immer entzückte ihn von neuem die
+Herrlichkeit des Himmels. Seiner Freundin Charlotte von Stein schickte
+er bald selbstgezogenen Spargel, eigengezüchtete Rosen, Erdbeeren usw.
+Selbst in Winternächten weilte er gern hier. Und als er endlich 1782
+in sein vornehmes Stadthaus übersiedelt, und ihm jemand den Garten
+abkaufen will, geht er noch einmal hinaus. »Jede Rose sagte zu mir: und
+du willst mich weggeben? In dem Augenblick fühlte ich, daß ich diese
+Wohnung des Friedens nicht entbehren könne.«</p>
+
+<p>Ein so inniges Leben im Garten mußte in Goethe natürlich viele Gedanken
+über das Walten und Weben der Natur auslösen. Wenn er durch die Felder
+reitet, denkt er über die Entstehung und Bildung der Erdoberfläche
+nach und um bei seinen Studien im Reiche der Pflanzen nicht ohne
+Lehrer zu sein, wählt er die Werke Linnés, der erst vor wenigen Jahren
+verstorben<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> war, nachdem er die ganze naturgeschichtliche Anschauung
+seiner Zeit beherrscht und reformiert hatte.</p>
+
+<p>Aber Goethe fand sich in dieser rubrizierten und klassifizierten Welt
+Linnés nicht zurecht. Er studierte auf eigene Faust weiter und weckte
+in seiner ganzen Umgebung dieselbe Leidenschaft für botanische Studien.
+Der Herzog selbst wurde ein eifriger Gartenliebhaber, schaffte die
+seltensten ausländischen Gewächse in seine Gartenhäuser und kaufte für
+seine Bibliothek die kostbarsten botanischen Werke an. Goethe kaufte
+Mikroskope zum genaueren Studium, sezierte Kokosnüsse und stellte
+mit den verschiedensten Samen allerhand Keimversuche an, mit Pisang,
+Kaktus, Trüffeln, Morcheln, Steinpilzen, Pfefferkörnern, Leinsamen,
+Roggen, Erbsen, Linsen, Kartoffeln, Tee, Bier, Fichtenzweigen.
+Bald schreibt er einem Freunde: »Ich habe in der Botanik hübsche
+Entdeckungen und Kombinationen gemacht,« und einer Freundin: »Wie
+lesbar mir das Buch der Natur wird, kann ich Dir nicht ausdrücken; mein
+langes Buchstabieren hat mir geholfen, jetzt wirkt's auf einmal, und
+meine stille Freude ist unaussprechlich.«</p>
+
+<p>Im Juni 1785 begibt sich Goethe in Gesellschaft von seinem Freunde
+Knebel auf die Reise. Auf dem Burgweg bei Jena begegnen sie
+einem siebzehnjährigen Studenten namens Dietrich, der mit der
+Botanisiertrommel auf dem Rücken heimwärts wandert. Er wird aber von
+Goethe angehalten, muß die Büchse öffnen, die Pflanzen herausnehmen,
+ihre lateinischen und deutschen Namen aufsagen, Klasse und Ordnung des
+Linnéschen Systems angeben, den Nutzen in Land- und Hauswirtschaft
+erläutern. Da er das Examen recht gut besteht, wird er von Goethe
+zu einem Spaziergang eingeladen, auf dem beide Federgras pflücken,
+Frauenschuh, Spinnen- und Fliegenorchis, das bleiche Vogelnest und
+andere botanische Zierden der Jenenser Kalkberge. Dietrich wird
+aufgefordert, die Herren auf einer Reise durchs Fichtelgebirge und ins
+Karlsbad zu begleiten, und hocherfreut sagt er zu.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span></p>
+
+<p>Tags darauf macht sich die Gesellschaft auf den Weg; da Goethe aber
+unterwegs erkrankt, muß die Reise auf sechs Tage unterbrochen werden.
+Dann geht's über Schleiz, Hof und Weinsiedel ins Fichtelgebirge hinein.
+So oft man an einer Wiese vorbeifährt, muß der Kutscher anhalten; der
+Student steigt aus, um die merkwürdigsten Pflanzen zu sammeln und den
+Herren im Wagen vorzuzeigen, während Goethe, Linnés »System« auf den
+Knien, in dem Buche blättert und Linnés Beschreibung nachliest.</p>
+
+<p>In den Bergen besteigt die kleine Reisegesellschaft den Seeberg und
+den Ochsenkopf. In einer Schlucht erblickt Goethe auf dem Grunde einen
+purpurroten Fleck, der seine Verwunderung erregt. Sofort steigen die
+Herren hinab und erblicken ein Torfmoor, auf dem der Sonnentau mit
+seinen purpurnen Blattrosetten sich so massenhaft angesiedelt hat,
+daß das Moor wie ein blutroter Teppich erscheint. Goethe untersucht
+die Pflanzen sorgfältig und findet an den Blättern kleine Insekten
+haften. Es ist der <em class="gesperrt">insektenfressende Sonnentau</em>, der, sobald
+er mit seinen klebrigen Blütenblättern ein Insekt gefangen hat, es
+nicht mehr losläßt und, wie die Schlange ihr Opfer verschlingt und
+nach einiger Zeit die unverdauten Reste auswirft, das gefangene Tier
+in seinem Kelche einschließt, ihm — wie die Spinne — mörderisch das
+Blut entzieht, die Weichteile aufzehrt und erst dann wieder seine Blüte
+öffnet, wenn neuer Hunger ihn treibt, und wenn ihm das unverdauliche
+Hautskelett des Opfers lästig wird.</p>
+
+<p>Aber nicht nur das lebende Insekt wird von dem Sonnentau mit großem
+Appetit verzehrt. In der Verdauungskunst können die Blättchen des
+Sonnentaus überhaupt mit jedem Tiermagen in den Wettkampf treten. Sie
+verdauen auch leicht das rohe, das gekochte und gebratene Kalb- und
+Rindfleisch. Gekochtes Eiweiß bekommt ihnen ebenfalls vortrefflich.
+Sie sind auch Freunde eines scharf paprizierten Käses. Ja, sogar
+an Knorpel, Leim, stickstoffreichen Pflanzensamen, Blütenstaub,
+Knochensplittern<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> und selbst am steinharten Zahnschmelz verderben sie
+sich ihren beneidenswerten Magen nicht. Dagegen verschmähen sie jedwede
+mehlige, fette, süße und saure Speise; essen, wenn man ihnen fettes
+Fleisch reicht, wie viele Menschen, nur das Fleisch und lassen das
+Fett liegen, und können sich, wenn man sie überfüttert oder ihnen die
+Mahlzeiten zu schnell hintereinander verabreicht, wie die Kinder, an
+den Folgen der Magenverstimmung und der unregelmäßigen Nahrungszufuhr
+eine schwere Krankheit, ja sogar den Tod holen.</p>
+
+<p>So ist Goethe einer der Ersten, der eine insektenfressende Pflanze
+beobachtete. Denn erst fast ein Jahrhundert später hat der große
+Naturforscher Darwin sein Werk über die insektenfressenden Pflanzen
+veröffentlicht.</p>
+
+<p>Die Pflanzen, die Goethe auf dieser Reise sammelte, hat er in Herbarien
+eingelegt, die man noch jetzt im Goethe-Haus zu Weimar sehen kann, wo
+sie in acht schwarzgestrichenen Holzkisten untergebracht sind. Die
+Pflanzen sind in die vierundzwanzig Klassen des Linnéschen Systems
+eingeteilt und sauber auf Papierblätter aufgeklebt; daneben stehen die
+deutschen und lateinischen Namen. Auch Goethes Pflanzenpresse ist noch
+vorhanden.</p>
+
+<p>Als die Reisenden endlich in Karlsbad angelangt waren, hatten sie
+sofort einen Kreis erlesener Freunde um sich: Frau von Stein, Gräfin
+Bernstorff, die Fürstin Lubormirska, Graf Brühl, Herder, Voigt, Bode.</p>
+
+<p>Schon in aller Herrgottsfrühe muß Dietrich, der junge Kräutersammler,
+die Flora Karlsbads absuchen, die gesammelten Pflanzen in großen
+Bündeln an den Brunnen bringen und, während Goethe seine bestimmte
+Anzahl Becher leert, ihre Namen laut ausrufen. Die Pflanzen werden
+sorgfältig eingelegt und Goethe erklärt seinem Kreise die Ideen, die
+die Pflanzen in ihm erweckt haben.</p>
+
+<p>Nun läßt ihm die Botanik keine Ruhe mehr; von den hochentwickelten
+Pflanzen wagt er sich jetzt bereits in das schwer zu<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> durchwandernde
+Reich der Kryptogamen, studiert Moose, Schwämme, Flechten und Algen.
+Im Winter 1785/86 setzt er eifrig das Botanisieren und Mikroskopieren
+fort. Im Juni schreibt er an seine Freundin, Frau von Stein: »Die
+Blumen haben mir wieder gar schöne Geschichten zu bemerken gegeben,
+bald wird es mir gar hell und licht über alles Lebendige.« Und ein paar
+Tage darauf: »Ich bin von tausend Vorstellungen getrieben, beglückt und
+gepeinigt; das Pflanzenreich rast wieder in meinem Gemüte, ich kann es
+nicht einen Augenblick loswerden, mache aber auch schöne Fortschritte.
+Es ist eine wunderbare Epoche, in der Du mir eben fehlst. Am meisten
+freut mich jetzt das Pflanzenwesen, das mich verfolgt, und das ist's
+eben, wie mir die Sache zu eigen wird. Es zwingt sich mir alles auf;
+ich sinne nicht darüber, es kommt mir alles entgegen, und das ungeheure
+Reich vereinfacht sich mir in der Seele, so daß ich die schwerste
+Aufgabe gleich weglesen kann. Wenn ich nur jemand den Blick und die
+Freude mitteilen könnte! Es ist aber nicht möglich: und es ist kein
+Traum, keine Phantasie, es ist ein Gewahrwerden der Form, mit der die
+Natur gleichsam nur immer spielt und spielend das mannigfaltige Leben
+hervorbringt. Hätte ich Zeit in dem kurzen Leben, so getraut' ich mich,
+es auf alle Reiche der Natur, auf ihr ganzes Reich auszudehnen.«</p>
+
+<p>Ende des Jahres 1786 ging Goethe über den Brenner nach Italien. Am
+Walchensee bemerkt er den ersten Bergahorn und die erste Gentiane,
+hinter Innsbruck die ersten Lärchenbäume, an der Brennerstraße die
+ersten Zirbelkiefern. Er stellt Betrachtungen an über den Einfluß
+des Höhenklimas auf die Gestaltung der Alpenpflanzen. Und inmitten
+der Weingelände des wilden Etschtales, inmitten der Maisfelder, der
+Fruchtbäume, der Maulbeer-, Nuß- und Quittenbäume fühlt er sich wie
+neugeboren. In Verona erregen die Jahrhunderte alten Zypressen in ihm
+das Gefühl der Verehrung. Als er einige Zweige mit grünen Zapfen und
+einige blühende Zweige der Kapernstaude sich von<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> einem Diener nach
+Hause tragen läßt, schauen ihm die Vorübergehenden auf die Finger »und
+machen sich ihre Gedanken dabei«.</p>
+
+<p>Aber erst im botanischen Garten von Padua tritt ihm die
+Pflanzenherrlichkeit des Südens in überwältigender Pracht vor Augen;
+zauberhaft leuchtet ihm eine hohe breite Mauer mit feuergelben Glocken
+der kletternden Bignonie entgegen. Eine Fächerpalme, die erste im
+Lande, zieht seine ganze Aufmerksamkeit an. Diese Palme lebt noch
+heute und überrascht mit ihrem siebenfach verzweigten Riesenstamm,
+ihren grünen Blattfächern und ihren gelben Blütenrispen den deutschen
+Besucher als eine lebende Reliquie des großen Dichters; sie ist mit
+einer Inschrift versehen, die sie als »Goethepalme« bezeichnet und
+so Goethes Besuchs im botanischen Garten gedenkt. »Hier in dieser
+mir entgegentretenden Mannigfaltigkeit,« schreibt Goethe, »wird mir
+der Gedanke immer lebendiger, daß man sich alle Pflanzengestalten
+vielleicht aus <em class="gesperrt">einer</em> entwickeln kann. Hierdurch wird es möglich
+werden, Geschlechter und Arten wahrhaft zu bestimmen ... Auf diesem
+Punkt bin ich in meiner botanischen Philosophie stecken geblieben und
+sehe noch nicht, wie ich mich entwirren will.«</p>
+
+<p>Aber seine Gedanken wachsen immer mehr. Je weiter Goethe nach Süden
+kommt, desto mehr fremdartige Pflanzen bemerkt er, die er in jedem
+Garten, auf jeder Lustfahrt sammelt. »Die Botanik übe ich auf Wegen
+und Stegen, ich werde immer sicherer, daß ich die allgemeine Formel
+gefunden habe, die auf alle Pflanzen anwendbar ist.« Viele Versuche aus
+jener Zeit sind noch erhalten; so einige Dattelpalmen, die Goethe aus
+Kernen herangezogen, um ihre Entwicklung zu beobachten. Sie schmücken
+noch heute als hundertjährige Goethepalmen in der Villa Malta einen der
+Hügel von Rom.</p>
+
+<p>Als Goethe im Frühjahr 1788 nach Weimar zurückkehrt, liegen die Lehr-
+und Wanderjahre in den Naturwissenschaften hinter ihm; er ist zum
+Meister gereift. Je mehr er sich der Heimat entfremdet fühlt, desto
+verwandter wird ihm die Natur. »Aus<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> Italien, dem formenreichen, war
+ich in das gestaltlose Deutschland zurückgekehrt, heiteren Himmel mit
+trübem zu vertauschen. Im Laufe von zwei vergangenen Jahren hatte ich
+ununterbrochen beobachtet, gesammelt, gedacht, jede meiner Anlagen
+auszubilden gesucht; der Natur glaubte ich abgemerkt zu haben, wie
+sie gesetzlich zu Werke geht, um lebendiges Gebild als Muster alles
+Künstlichen hervorzubringen ... Aber schmerzlich vermißte ich jede
+Teilnahme; die Freunde, statt mich zu trösten und wieder an sich zu
+ziehen, brachten mich zur Verzweiflung. Niemand verstand meine Sprache.«</p>
+
+<p>Es vergingen nach der Rückkehr aus Italien noch zwei Jahre
+ununterbrochenen Studierens, Beobachtens und Durchsprechens mit den
+Freunden, ehe er mit seinen botanischen Ideen an die Öffentlichkeit
+trat. Endlich, im Frühjahr 1790, hatte er den »Versuch, die
+Metamorphose der Pflanzen zu erklären«, zugleich mit der Faustdichtung
+der Öffentlichkeit übergeben. Aber die Ernte seines jahrelangen
+Bemühens, zu zeigen, <em class="gesperrt">daß sich die mannigfaltigen Erscheinungen der
+Flora auf ein allgemeines einfaches Prinzip zurückführen lassen</em>,
+war ein großer entmutigender Mißerfolg. Die Fachgelehrten lehnten das
+Werk Goethes als das eines außerhalb der Zunft stehenden Dilettanten
+ab; sie sahen ein freches Wagnis darin, das festgefügte Gebäude des
+Linnéschen Systems erschüttern zu wollen. Die Freunde überschütteten
+Goethe mit gutgemeinten Warnungen, die blühenden Auen der Poesie mit
+Gewächshäusern und getrockneten Herbarien zu vertauschen. Kurz, Goethe
+stand einsam. »Es ist die größte Qual,« ruft er aus, »nicht verstanden
+zu werden, wenn man nach großer Bemühung und Anstrengung sich endlich
+selbst und die Sache zu verstehen glaubt; es treibt zum Wahnsinn, den
+Irrtum immer wiederholen zu hören, aus dem man sich mit Mühe gerettet
+hat.«</p>
+
+<p>Das Unglück Goethes war, daß er seine Abhandlung um ein Jahrhundert
+zu früh hatte erscheinen lassen, ehe es Botaniker<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> gab, die imstande
+waren, sie zu studieren und zu verstehen. Er fand zwar manche
+Anerkennung, aber im großen und ganzen war seine Zeit nicht reif dafür.</p>
+
+<p>Trotz aller Enttäuschungen dachte Goethe aber daran, einen zweiten
+Teil der Metamorphose herauszugeben, der die erläuternden Abbildungen
+und Beweise für seine neue Lehre bringen sollte. Herbarien wurden
+gesammelt, Merkwürdigkeiten in Spiritus verwahrt, Zeichnungen
+verfertigt, Kupfer gestochen.</p>
+
+<p>Inzwischen hatte in Frankreich Rousseau, der ebenfalls ein
+leidenschaftlicher und bahnbrechender Botaniker war, aufs
+eindringlichste dahin gewirkt, daß an Stelle der Linnéschen
+Klassenunterschiede die Ordnung der Natur zu ihrem Rechte komme. Goethe
+zögerte nicht lange, die neue Ordnung in seinem Weimarer Berggarten
+aufzunehmen, und der gegenwärtige Goethesche Garten zeigt noch heute
+dieselbe ursprüngliche Anordnung in vier geradlinige, rechteckige
+Beete, die von Buchskanten, alten Rosenstöcken, Geißblatt und anderen
+Schlingpflanzen eingefaßt sind. In der Mitte befinden sich zwei
+kreisrunde Rabatten, sowie ein schöner Laubengang, der von einer
+Kornelkirschhecke gebildet wird; prächtige alte Bäume wachsen darin;
+Blutbuchen, Kastanien, Eschen, Robinien.</p>
+
+<p>Goethe wandte sich nun vorzugsweise der <em class="gesperrt">Physiologie</em> der Pflanzen
+zu; er studiert zunächst die Wirkung des Lichtes auf die Pflanze. Im
+Sommer 1796 läßt er sich Glastafeln anfertigen aus gelbem, blauem und
+violettem Glas; diese Gläser läßt er in Rahmen fassen, und die Rahmen
+legt er auf Holzkästchen, die bis zur Hälfte mit Erde angefüllt sind,
+in welcher die verschiedensten Samen ruhen, die gut gepflegt und zur
+Entwicklung gebracht werden.</p>
+
+<p>Fast jeden Tag hob Goethe die Glastafeln auf, um zu kontrollieren, ob
+die Farbe der Gläser auf das Wachstum der Pflanzen von Einfluß sei.
+Dann untersuchte er, wie sich Pflanzen entwickeln, denen man das Licht
+entzieht. Zu dem Zwecke ließ<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> er in einem leeren Gewächshause eine
+Menge verschiedener Blumensamen in die Erde aussäen und das Haus durch
+Läden verfinstern. Herder hatte die irrige Meinung, die Keime würden
+sich ohne Licht überhaupt nicht entwickeln; die Zukunft belehrte ihn
+aber, daß die Keime sich wohl entwickelt hatten, daß die Blättchen aber
+klein und blaßgrün geblieben waren. Aber sobald Goethe im Juli die
+Läden fortnehmen ließ, gewannen die weißlichen Blättchen bald wieder
+ihre gesunde grüne Farbe zurück.</p>
+
+<p>In einer klaren Juninacht ging Goethe einmal in seinem Garten auf
+und ab und beobachtete plötzlich auf den Blumen des roten Mohns ein
+flammenähnliches Aufblitzen. Goethe stellte fest, daß es sich dabei
+nicht um ein wirkliches Aufleuchten, sondern nur um eine besondere
+Farbenerscheinung handelte.</p>
+
+<p>So war er unablässig bemüht, neue Beispiele des Bildens und Umbildens
+der Pflanzen zu sammeln; besonders förderte ihn sein Verhältnis zur
+Universität Jena, deren Kurator er war. Unter Goethes wohlwollender,
+geschäftskundiger und intelligenter Leitung führte er mit den
+bescheidensten Mitteln eine Blüte dieser Hochschule herbei, die
+ohnegleichen war. Er gründete Bibliotheken, Institute und Sammlungen
+und legte einen botanischen Garten und ein Museum an. So oft er in
+Jena war, bewohnte er das schlichte Gartenhaus, dessen einfache
+Zimmereinrichtung der moderne verwöhnte Mensch nicht ohne Rührung
+betrachtet.</p>
+
+<p>Hier knüpfte Goethe auch Beziehungen zu dem achtundzwanzigjährigen
+Alexander von Humboldt an, der sich vor seiner großen amerikanischen
+Reise lange in Jena aufhielt. »Meine naturhistorischen Arbeiten sind
+durch Humboldts Gegenwart aus dem Winterschlaf geweckt,« schreibt
+Goethe an Knebel. Und an Humboldt selbst: »Es waren die schönsten Jahre
+meines Lebens, wo ich in Ihrer Nähe Ihres wohltätig begeisternden
+Einflusses genoß.« Zu Eckermann sagte Goethe: »Was persönlicher
+Gedankenaustausch fördert, empfinde ich, wenn Männer wie Humboldt<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> hier
+durchkommen, und mich in dem, was ich suche und was mir zu wissen nötig
+ist, in einem Tage weiterbringen, als ich sonst auf meinem einsamen
+Wege in Jahren nicht erreicht hätte.«</p>
+
+<p>Goethes Idee der Metamorphose der Pflanzen, die darauf beruhte, daß
+der Bauplan der Pflanze unendlich einfach sei, insofern sie immer nur
+ein- und dasselbe Organ in den verschiedensten Formen entwickelt,
+diese Idee ist heute selbstverständliches Gemeingut der Wissenschaft
+geworden, und man hat darüber vergessen, wie viele jahrelange Kämpfe es
+Goethe gekostet hat, sie durchzusetzen. Erst der fast siebzigjährige
+Forscher kann rückblickend sagen: »Mir ist ein erwünschtes Los
+gefallen. Jünglinge gelangten auf den Weg, dessen ich mich erfreue,
+teils veranlaßt durch meine Vorübung, teils auf der Bahn, wie sie
+der Zeitgeist eröffnet. Stockung und Hemmnis sind nunmehr kaum zu
+befürchten; eher vielleicht Voreiligkeit und Übertreibung, als
+Krebsgang und Stillstand. In so guten Tagen, die ich dankbar genieße,
+erinnert man sich kaum jener beschränkten Zeit, wo meinen ersten
+Bestrebungen niemand zu Hilfe kam.«</p>
+
+<p>Und noch immer läßt er nicht ab, alles, was ihm im Leben der Pflanzen
+als bemerkenswert auffällt, aufzuzeichnen. Mit herzlicher Freude
+vernimmt er, daß ein botanischer Freund einem der edelsten Bäume des
+brasilianischen Urwaldes den Namen »Goethea« gegeben.</p>
+
+<p>Doch nun kommen die Jahre, in denen er sich müde fühlt, dem Wanderer
+gleich, der still ausruht und die rüstige Jugend an sich vorbeiziehen
+läßt, um neue Länder zu entdecken und unbebaute Felder der Wissenschaft
+urbar zu machen. »Es ist das höchste Glück des Menschen, das
+Erforschbare erforscht zu haben und das Unerforschte in Ehrfurcht zu
+genießen.«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wie sehr Goethe seine <em class="gesperrt">poetischen</em> Werke mit Gleichnissen aus der
+Pflanzenwelt geschmückt hat, ist zu bekannt, als<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> daß man es besonders
+hervorheben müßte; aber wir wissen jetzt, daß er diese Symbole aus
+eigener Anschauung, gewissermaßen direkt aus den Händen der Natur,
+empfangen hat, und wir wissen ferner, daß ihn seine botanischen Studien
+gelehrt haben, die ganze Natur als ein <em class="gesperrt">einziges</em> großes Reich
+zu betrachten; er teilte sie nicht in drei Reiche. Für ihn gab es
+nur <em class="gesperrt">ein</em> Reich des Lebens, das von den einfachsten Anfängen in
+unzähligen Zwischenstufen Schritt für Schritt sich zu den höchsten
+Gestaltungen erhebt, überall denselben Gesetzen unterworfen. Keine
+neuen Kräfte, keine ihrem Wesen nach verschiedene Tätigkeiten treten
+auf. Der Baum des Lebens ist ein einziger und einheitlicher, der seine
+Wurzeln in den Gebilden der <em class="gesperrt">Pflanzen</em> ausbreitet, sich in den
+Stämmen der <em class="gesperrt">Tiere</em> zu immer vollkommeneren Formen erhebt und im
+<em class="gesperrt">Menschen</em> die höchste Blüte entfaltet.</p>
+
+<p>Worin — habe ich mich oft gefragt — besteht wohl die große und
+tiefe Freude, die Feld und Wald uns bereiten? Ist diese Freude etwas
+anderes als eine Ahnung der geheimnisvollen Beziehung, die zwischen dem
+Menschen und der Pflanzenwelt besteht? Denn seit der Mensch auf der
+Erde wandelt, hat er die Natur, die ihn umgibt, in sich aufgenommen
+und für seine Vorstellungen auszubeuten gesucht. Der Mensch fing an,
+die verschiedenen Pflanzengestaltungen zu prüfen, inwiefern die eine
+mehr, die andere weniger das andeutete, was in seinem Inneren vorging.
+Durch die Pflanzen, die er wählte, teilte er seine Gefühle mit. Die
+weiße Lilie entsprach der Unschuld, das Leberblümchen dem Ärger, die
+Klette bedeutete Anhänglichkeit, die Brennessel Bosheit, das Veilchen
+Bescheidenheit, die Schlüsselblume Aufrichtigkeit, das Heidekraut
+Einsamkeit, die Aster Kummer, der Lorbeer Ruhm, die Palme Sieg, die
+Eiche Stärke und Ehre, der Wein Fröhlichkeit, die Ähre Fruchtbarkeit,
+die Dornen Unglück, das Immergrün Hoffnung, die Rose Liebe, der
+Rosmarin Tränen, die Zypresse den Tod usw. Man sprach durch Blumen, wie
+die alten Ägypter sich durch Bilder verständigten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span></p>
+
+<p>Der Mensch erkannte die unzähligen innigen Beziehungen, die zwischen
+Mensch und Pflanze herrschen, in bezug auf Wachstum, Klima, Nahrung,
+Verdauung, Schlaf, Gefühl, Seele; in bezug auf Ironie und Grobheit,
+Karikatur und Schönheit, Gefräßigkeit und Bescheidenheit, Parasiten-
+und Schmarotzertum, Reichtum und Armut, Umgebung und Gesellschaft, Luft
+und Wetter, Kost und Bekleidung, Persönlichkeit und Menge, Genialität
+und Philisterium, Raffiniertheit und Intelligenz, Frechheit und Anmut.
+Denn es gibt keinen Zustand, keine Daseinsform, die in der Pflanzenwelt
+nicht ihre Verkörperung gefunden hätte.</p>
+
+<p>Das <em class="gesperrt">Klima</em> beeinflußt die Pflanzenwelt in dem gleichstarken Grade
+wie den Menschen. In der heißen Zone leben die fast durchweg schlanken
+und breitschulterigen nackten Menschen, im Norden Asiens die kleinen
+verkümmerten Beringsvölker. Ebenso sprießt die Pflanzenwelt der heißen
+Zone üppig und verschwenderisch, während die Flora der nördlichen
+Breitengrade ein trauriges zwerghaftes Dasein fristet.</p>
+
+<p>Wie die Pflanzen sind auch die Menschen entweder durch natürliche
+<em class="gesperrt">Grenzen</em>, durch Meere oder Hochgebirge voneinander getrennt,
+oder sie gestatten von den Grenzen aus bei naher Berührung einen
+gegenseitigen Austausch ihrer Bewohner. Wie im Pflanzenreiche leben im
+Reiche der Menschen unter gleichem Himmel doch in scharfer Abgrenzung
+und in gesonderten Staaten Menschen verschiedener Sprache und
+Abstammung; aus der Verschmelzung mehrerer Urstämme ist eine gemischte
+Bevölkerung hervorgegangen.</p>
+
+<p>Pflanzen <em class="gesperrt">schlafen</em> wie der Mensch, und der Schlaf ist ihnen
+ebenso vorteilhaft und notwendig. Auch die Pflanze schützt sich vor
+Erkältungen und vor dem Tod durch Erfrieren, indem sie in hellen,
+kalten Nächten nicht die breite Fläche, sondern die scharfe Kante
+dem Himmel zukehrt, um die Wärmeausstrahlung zu verhindern oder doch
+zu vermindern. Die meisten Blumen begeben sich erst gegen Abend zur
+Ruhe. Die Blüten ziehen sich eng zusammen, und die Blätter kehren ihre
+Unterseite nach oben.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span></p>
+
+<p>Man könnte die Blumen auch nach ihrem <em class="gesperrt">Dufte</em> einteilen, der
+ihre Seele ist. In der Tat ist der Duft das edelste Kunstwerk, das
+die Pflanze in den tausend Tätigkeiten ihres Lebens hervorbringt. Der
+Duft ist unerklärbar und unerforschlich wie die menschliche Seele, und
+ebenso verschieden wie sie. Die Düfte sind die Gefühle der Blumen.</p>
+
+<p>Und es gibt <em class="gesperrt">Grobiane</em> in der Pflanzenwelt, die, angefaßt, einen
+Geruch von sich geben, den man in guter Gesellschaft nicht näher
+beschreiben möchte.</p>
+
+<p>Man hat ferner <em class="gesperrt">Schmarotzerpflanzen</em> beobachtet, die
+ausschließlich von anderen Pflanzen leben und ihnen die Kräfte
+wegstehlen. Wie Riesenschlangen greifen sie die mächtigsten Stämme an
+und winden sich fest um sie, als wollten sie die Kolosse ersticken. Sie
+strecken sich nach den umstehenden Bäumen und Bäumchen aus, ergreifen
+den nächsten Nachbar, umwickeln Schößlinge und Sprößlinge und bilden
+zahllose pflanzliche Laokoon-Gruppen.</p>
+
+<p>Es gibt auch <em class="gesperrt">Karikaturen</em> in der Pflanzenwelt, die die Baumform
+zu verhöhnen scheinen. Das sind die Parodisten unter den Pflanzen.
+Man denke nur an die Kakteen. Sie predigen fast absichtlich die
+Gesetzlosigkeit jeder Form. Bald kriechen sie schlangenartig am Boden
+hin, bald hocken sie wie überfüllte Blasen übereinander. Bald sind
+sie scharfkantig und lang wie Balken, bald unförmig riesengroß wie
+entartete Kürbisse. Bald — in den südlichen Ländern — sind sie
+haushoch, bald so klein wie eine Erbse. Bald haben sie die Form des
+stachligen Kugelfisches, bald die einer platten Flunder. Sie können
+aussehen wie plumpe Puppen und wie die Schnauze des Sägehais; man sieht
+sie Tropfsteingebilde nachäffen und Biertonnen verhöhnen. —</p>
+
+<p>Den Grundstein zu allen diesen Beobachtungen hat <em class="gesperrt">Goethe</em> gelegt,
+der nicht nur als Dichter an der Spitze der Menschheit steht.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span></p>
+<h2>Goethe in Venedig.</h2>
+</div>
+
+<p>Ich krame gar zu gern auf den alten Böden, die unter der Dachschrägung
+liegen und mit einer kleinen verstellbaren Fensterluke versehen sind;
+wo es nach Ruß und Rauch, nach Wäschedunst und heißer Sonne riecht;
+wo verhungerte Spinnen neben den Fliegengerippen in ihren verstaubten
+Netzen hängen; wo allerhand Ungetier still und verstohlen herumkreucht;
+wo zehntausend wertlose schiffbrüchige Dinge umherliegen: geköpfte
+Puppen, leere Sektflaschen, künstliche Palmen, alte, weiß Gott! wie
+alte Schmöker, Stühle ohne Beine, Lackstiefelchen mit klaffenden
+Wunden, verbeulte kupferne Kasserollen, Beinkleider, denen man
+entwachsen ist, rostiges Eisenzeug, Schulhefte, ein zerbröckelndes
+Herbarium, Rhomboiden und Pyramiden aus Pappdeckel, ein Kinderwagen und
+noch so viel anderer unnützer Plunder.</p>
+
+<p>Ich krame gar zu gern in diesem schwer bestaubten, toten Gerümpel, das
+mir so viele kostbare Erinnerungen schenkt und so viel Geliebtes, das
+tot ist, wieder lebendig werden läßt. In diesen Rumpelspeichern sitzt
+mit Urgroßmuttershaube die Zeit und träumt ihre Träume von der Ewigkeit
+und vom Zerfall aller irdischen Dinge ...</p>
+
+<p>Habt ihr ihr noch nie zugeschaut, ihrem leisen melancholischen Wirken
+und Weben und ihrer stillen, unermüdlichen Arbeit? Wie sie zum
+Beispiel dem kleinen Kinderwagen, in dem ihr einst als der Abgott
+eurer Eltern gelegen, und der so blink und so blank durch die Gärten
+der Stadt gefahren wurde, wie sie diesem Wagen, in dem ihr eure ersten
+Lebensjahre verbracht habt, ganz langsam die kleinen, entzückenden
+Vorhänge fortreißt und den Stoff Faden um Faden auseinandernimmt.
+Wie sie den braunen Firnis ableckt! Wie sie die spiegelhellen
+Nickelstangen anhaucht, daß sie erblinden! Wie sie das ganze<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> Gerippe
+des Wagens bloßlegt, dann auch an diesem nackten Gestell zu nagen
+beginnt und so lange daran nagt und knuspert und knackt und beißt, bis
+es zusammenbricht, und ihr nichts weiter mehr seht als ein Häuflein
+Eisenstangen und Korbweiden? Freilich das dauert Jahre, Jahre ... aber
+sie hat ja keine Eile.</p>
+
+<p>Ich krame gar zu gern in diesen formlos gewordenen, in der Auflösung
+begriffenen Dingen, die die Vergangenheit zur Gegenwart machen. Da
+komme ich zuweilen herauf auf den Rumpelkoben, um nach den lieben
+Erinnerungsstücken zu schauen, die zu Staub werden zwischen den
+langsamen Kiefern der Zeit. Der Klopfwurm hämmert im Dachgebälk, in den
+Mauerlöchern verkriecht sich der Tausendfuß, und auf dem Dache gurren
+die Tauben. Manchmal geht auch eine Katze da oben spazieren, streckt
+ihren martialischen Schnurrbart zur offenen Fensterluke herein und sagt
+mir »Guten Tag!«</p>
+
+<p>Als ich wieder einmal da oben zwischen den vermotteten Trümmern
+verblaßter Erinnerungen saß, fiel mir ein Kasten voller Steine in die
+Hände, die am Strande des Adriatischen Meeres aufgelesen waren.</p>
+
+<p>Und kaum sah ich diese buntfarbigen, von den Meereswellen
+abgeschliffenen Felssplitter, als plötzlich ganz Venedig vor meinem
+Geiste auftauchte, wo die Heimat dieser Steine ist.</p>
+
+<p>Kennt ihr Venedig? ...</p>
+
+<p>Wenn ihr euch mir anvertrauen wollt, will ich euch führen ...</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es ist morgens fünf Uhr ...</p>
+
+<p>Venedig schläft noch ... Das Venedig, von dem man an grauen Herbsttagen
+träumt, nach dem man sich an bleiernen Wintertagen immer wieder sehnt.
+Der palastbesäumte <em class="antiqua">Canale grande</em> schläft noch. Aber rudert mit
+mir in der schwarzen stillen Gondel bis zur Rialtobrücke, laßt das
+Venedig des Märchens, das Venedig der Dogen hinter euch versinken ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span></p>
+
+<p>Und nun wollen wir uns in den Gassen herumtreiben, in denen Shylock
+und Tubal Handel trieben, in denen Shakespeare wohl die Hälfte des
+»Kaufmanns von Venedig« spielen läßt, was — topographisch betrachtet
+— gar nicht möglich ist.</p>
+
+<p>Es ist das Venedig, von dem ihr nie sprechen hört; das Venedig der
+Armen. In seinem Venetianischen Brief vom 29. September 1786 erwähnt
+Goethe dieses Viertel; er spricht von dem Zwang, den der beschränkte
+Raum auf die Bauart ausübte. Die Häuser suchten die Luft — sagt er
+— wie Bäume, die geschlossen stehen; sie mußten an Höhe zu gewinnen
+suchen, was ihnen an Breite abging. »Auf jede Spanne des Bodens geizig
+und gleich anfangs in enge Räume gedrängt, ließen sie zu Gassen nicht
+mehr Breite als nötig war, eine Hausreihe von der gegenüberstehenden
+zu trennen und dem Bürger notdürftige Durchgänge zu erhalten ... Die
+Enge und Gedrängtheit des Ganzen glaubt man nicht, ohne es gesehen zu
+haben. Gewöhnlich kann man die Breite der Gassen mit ausgereckten Armen
+entweder ganz oder beinahe messen, in den engsten stößt man schon mit
+den Ellbogen an, wenn man die Hände in die Seite stemmt.«</p>
+
+<p>In der Tat, es gibt da elende Winkel, in die die italienische Sonne
+nie einen Strahl wirft. Hier fällt kein Licht herein; hier ist alles
+fruchtbar ohne Sonne. Und hier, wo wir jetzt wandern, hat schon mit der
+Morgendämmerung ein rastloses Wirken begonnen. Das malerische Bild ist
+von starkem Eindruck, aber allerdings auf Kosten der armen Teufel, die
+Leben und Gesundheit dafür lassen. Krumme Häuser seht ihr, als hätten
+Blinde sie aufgebaut; Gesichter, als hätte die Hölle sie ausgebleicht.
+Schönheit muß man hier nicht suchen. Freude und Lust, Paläste, Kirchen
+und Theater, kostbare Juwelen und seltene Gemälde, alte Spitzen und
+erlesene Antiken — alles, was dem Leben den Glanz des Genusses gibt,
+erscheint plötzlich furchtbar und tyrannisch. Voll stolzer Verachtung
+zwang jenes Venedig alle die Demütigen und Armen, die Erniedrigten
+und Geächteten in diese<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> menschenunwürdigen Stadtteile, in diese
+Gassen voll ekler Dünste, voller Kehricht und Moder. Hier warf es die
+Tausende von Sklaven her, denen es einen jämmerlichen Unterschlupf
+gewährt und die sich am Tage um eines Soldo willen bekämpfen und
+beneiden, verfluchen und töten. Hier leben die kleinen Händler, die
+Fabrikarbeiter und Arbeiterinnen, die schwindsüchtigen Glasbläser und
+Glasspinnerinnen, die Mosaiksetzer, die Perlendreher und Holzschnitzer
+— jeder ein Künstler in seiner Art.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowp88" id="illu-171" style="max-width: 62.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-171.jpg" alt="bild">
+ </figure>
+
+<p class="p2">Die prächtigen, für satte und zufriedene Leute berechneten Läden auf
+dem Markusplatz schlafen noch friedlich; aber in den häßlichen und
+gewundenen Straßen, durch die wir jetzt kommen, schwimmt bereits der
+Rauch schlechter Öfen. Rundum Häuser, die zusammengeklebt einander
+stützen und vor dem Umfallen<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> bewahren; schmutzigbraune, ockergelbe,
+rosarote, bleichgrüne, graue Häuser. Mauern an Mauern aus verwittertem,
+vor Alter sterbendem Stein, Fenster mit staubgrauen Gardinen blicken
+griesgrämig drein. Schwere Beklommenheit befällt euch. Man kann das,
+was man hier atmet, ebensowenig als Luft bezeichnen, wie man einen
+Stein Brot nennen kann. Wo ihr hinblickt, gewahrt ihr das schändliche
+Zeugnis eines ungleichen, heißen, aber vergeblichen Kampfes, den
+der Vater gegen den Sohn führt, und der Bruder gegen die Schwester.
+Man sieht unansehnliche Kasernenbauten, Kramläden, Weinkneipen,
+Barbierläden, Schuppen mit Polstermöbeln gefüllt, von denen die
+Fetzen herabhängen, Trödelbuden, eine Schlosserwerkstätte, Flure mit
+gefälschten Antiquitäten vollgepropft.</p>
+
+<p>Gegen sechs Uhr beginnt es hier lebhaft zu werden; verworrenes Gesumme
+aus Gängen und Gäßchen; fernes Sprechen zusammengepferchter Menschen.
+Gegen sieben Uhr wimmelt es bereits, und ihr habt den Eindruck, als
+seien alle Ameisen allmählich aus ihren Löchern hervorgekrochen, um nun
+den ganzen Tag unermüdlich herumzulaufen und Soldi zu sammeln.</p>
+
+<p>Es scheint Wochenmarkt zu sein. In langen Reihen ziehen sich
+offene Buden an den Häuserwänden hin, hinter denen die Verkäufer
+in fieberhafter Eile ihre Waren auspacken. Ganze Berge von Orangen
+und Zitronen, von grünen Feigen und Mispeln wachsen im Nu vor euch
+auf. Wagen und Körbe stehen umher; ganze Haufen von lebendigem und
+geschlachtetem Federvieh umgeben euch plötzlich. Hühner gackern,
+Tauben gurren. Kupferbraune Tagelöhner, verblühte Frauen, oft mit
+einem Säugling an der Brust, frühwelke Kinder, die erst Menschen
+werden wollen, große und kleine Taschendiebe, dickleibige Hausfrauen,
+schlecht frisierte und schlecht gekleidete Mädchen, Matrosen, Händler,
+Pfaffen, Klosterschüler, Polizisten quirlen hier durcheinander. Alles
+mögliche kommt zum Verkauf: alle südlichen Obstarten, Hammelfleisch,
+das metallgrüne Mücken umschwirren,<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> Artischocken, Bananen, blasses,
+ungesalzenes, ungemein schlechtes Brot, Seile, Spaten, Gedärme, alte
+Röcke, alte Möbel, alte Chiantiflaschen, alte Geigen, Papageien und
+Seegras; es ist ein buntes lebendiges Museum.</p>
+
+<p>Händler und Käufer, Betrüger und Betrogene, der ganze Markt schreit
+hilflos und zwecklos durcheinander. Die Kleinkrämer, die ihre Ware
+auf der Erde ausgebreitet haben, halten die Passanten mit befehlenden
+und flehenden Rufen fest. Mit gellender Stimme betteln sie. Ihr seht
+erregte und wilde Gesichter. Sie zanken um nichts; aber wie sie so
+dastehen und einander an die Kehle möchten, ist doch ein originelles
+Bild, das durch keine rohe Linie verunstaltet wird. Hier wird Räuberei
+am hellen Tage getrieben; Lug und Trug und falsche Eide klingen an euer
+Ohr, schimpfliche Frechheit macht sich breit, Feigheit und Qual auf
+Schritt und Tritt. Die Seelen hacken alle wild aufeinander los. Aber
+alles doch mit einer bestimmten Gewohnheit und Selbstverständlichkeit
+und — so widersinnig es klingt — mit einer gewissen Ruhe.</p>
+
+<p>Denn das Schauspiel wiederholt sich täglich; es ist der Kampf um den
+Soldo. Verweilt eine Stunde in diesem scheußlichen Dunstkreis voll
+Elend und Unrecht, in diesen arbeitsreichen, erniedrigenden Gassen, und
+ihr habt für euer ganzes Leben das starke Gefühl von der Zweiseitigkeit
+aller schönen Dinge.</p>
+
+<p>Aber wir wollen zum Rialto zurück. Wir biegen in die erste Straße ein
+und sind am Fischmarkt. Ihr tretet auf Seeschnecken, Patellen und
+Fischeingeweide. Der Boden ist schuppenübersät und glitschig. Kübel
+und Körbe, Bottiche und Fässer, Netze und Wagschalen, Tische und Bänke
+voller Fische, Krebse, Krabben, Schnecken, Austern und Muscheltiere
+in hundert Formen und Größen. Das zuckt und zappelt und kriecht
+und krabbelt und hüpft und wimmelt durcheinander. Der Anblick ist
+gruselig; man muß aber das Getier, diese unglücklichen aufgehaschten
+Meeresbewohner, die Goethe so viel Vergnügen machten, nicht auf dem von
+wüstem Geschrei und Geklapper erfüllten Platze<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> beobachten. Man tut
+besser, die engen Gäßchen verlassend, durch den nördlichen <em class="antiqua">Canale
+grande</em> zu gondeln, um die Insel der Santa Clara herum, hinaus auf
+den Lido ...</p>
+
+<p>Dort ist das Meer ...</p>
+
+<p>»Das Meer ist doch ein großer Anblick ... Dort habe ich heute die
+Wirtschaft der Seeschnecken, Patellen und Taschenkrebse gesehen
+und mich herzlich darüber gefreut,« sagt Goethe. »Was ist doch ein
+Lebendiges für ein köstliches, herrliches Ding! Wie abgemessen in
+seinem Zustande, wie wahr, wie seiend!«</p>
+
+<p>Im weiteren Verlauf schildert Goethe sehr lebendig die Jagd, die die
+Taschenkrebse auf die Patellen machten. Man kann als Naturforscher sich
+gewiß herzlich freuen über diesen Kampf und man kann als Dichter die
+sehr sentimentale Betrachtung anstellen, wie seltsam es doch ist, daß
+einer den anderen fressen muß. Aber lassen wir solche Gedanken nicht
+aufkommen.</p>
+
+<p>Das Meer umspült den Strand und lächelt dem blauen Himmel ins Antlitz.
+In vollem Laufe stürmt es scherzhaft die Lagunen und wirft ganze
+Wasserstürze wirbelnden Schaumes auf den Kiessand. Mit breiten Zungen
+beleckt es die Düne, gleitet aber sofort wieder sanft zurück, sich
+krümmend, wie der Leib einer riesigen Schlange. Welle auf Welle jagt
+hintereinander her. Ein sanfter Wind liebkost die mächtige Brust des
+Meeres, die sich gleichmäßig hebt und senkt, und die lachende Sonne
+wärmt sie mit ihren warmen Strahlen. Grünliche Wellen schleudern den
+weißen Schaum ihrer flockigen Rücken weit auf den Strand und zerfließen
+mit leichtem Rascheln. Ihr vertraut dem Meere eure Gedanken an, und
+es reinigt sie von Schmutz und von Sorge, von allem Kleinen und
+Kleinlichen.</p>
+
+<p>Das Meer ist ein großer Anblick ...</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Goethe hatte diese »Wunderstadt«, diese »Biber-Republik« 1786 zum
+ersten Male gesehen, hatte sie so gesehen, wie sie hier geschildert
+wurde.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span></p>
+
+<p>Am 30. September lief er ohne Führer in die entferntesten Quartiere
+der Stadt. Er sehnte sich nach Einsamkeit, denn »nirgends fühlt man
+sich einsamer als im Gewimmel, wo man sich, allen ganz unbekannt,
+durchdrängt«. Er suchte sich in dem Labyrinth der kleinen Gäßchen
+zurechtzufinden, ohne irgend jemand zu fragen; er nahm nur die
+Himmelsrichtung zum Führer. »Es ist ein unglaubliches Gehecke
+ineinander, und meine Manier, sich recht sinnlich davon zu überzeugen,
+die beste. Auch habe ich mir, bis an die letzte bewohnte Spitze, der
+Einwohner Betragen, Lebensart, Sitte und Wesen gemerkt; in jedem
+Quartiere sind sie anders beschaffen. Du lieber Gott, was doch der
+Mensch für ein armes gutes Tier ist!«</p>
+
+<p>Die kleinen Häuschen, die dicht beieinander unmittelbar in den
+Kanälen standen, wunderten ihn. Und täglich erweitert er durch neue
+Spaziergänge seine Kenntnis der Stadt. Er kaufte sich einen Plan,
+studierte ihn gründlich und bestieg zunächst den Markusturm, der noch
+mehr als hundert Jahre stehenbleiben sollte, dann 1903 einstürzte
+und nun wieder neu aufgebaut ist. Seinen Augen bot sich ein einziges
+Schauspiel. Zu seinen Füßen lag die märchenschöne Stadt mit ihren
+schimmernden Palästen und das weite blaue Meer, auf dem Galeeren
+und Fregatten, Segler und Gondeln wie kleine Nußschalen hin und her
+wimmelten.</p>
+
+<p>An einem Sonntag ärgerte er sich über den Kehricht, der in allen Gassen
+lag. »Die Leute schieben den Kehrig in die Ecken; auch sehe ich große
+Schiffe hin und wieder fahren, die an manchen Orten stilliegen und
+das Kehrig mitnehmen, Leute von den Inseln umher, welche des Düngers
+bedürfen; aber es ist in diesen Anstalten weder Folge noch Strenge, und
+desto unverzeihlicher die Unreinlichkeit der Stadt.«</p>
+
+<p>Andere Anordnungen, insbesondere architektonische Verzierungen des
+Straßenpflasters, gefallen ihm so gut, daß er gleich einige Skizzen
+davon entwirft. »So hat man immer Trieb und Lust, vor fremden Türen zu
+kehren.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span></p>
+
+<p>In der Carità bewundert er Palladios Baukunst. In der Kirche Il
+Redentore, ebenfalls ein Bauwerk Palladios, bewundert er besonders die
+breiten goldgestickten Ranken und Laubwerke. Aber bei näherem Zusehen
+fand er sich betrogen. »Alles, was ich für Gold gehalten hatte, war
+breitgedrücktes Stroh, auf Papier geklebt, der Grund mit lebhaften
+Farben angestrichen, und das so mannigfaltig und geschmackvoll,
+daß dieser Spaß, dessen Material gar nichts wert war, und der
+wahrscheinlich im Kloster selbst ausgeführt wurde, mehrere tausend
+Taler müßte gekostet haben, wenn er echt hätte sein sollen. Man könnte
+es gelegentlich wohl nachahmen.«</p>
+
+<p>An den Opernvorstellungen, die er mehrfach besuchte, fand er
+keinen rechten Genuß; das Ballett war von »elender Erfindung« und
+wurde ausgepfiffen. Im Dogenpalast wohnt er einer öffentlichen
+Rechtsverhandlung bei, die ihn stark in Atem hält. Auch gefiel ihm die
+ganze Art der Prozeßführung, die er ausführlich beschreibt, besser,
+»als unsere Stuben- und Kanzleihockereien.«</p>
+
+<p>In einem weiten Saale des Palastes saßen an der einen Seite die
+Richter im Halbkreis. Ihnen gegenüber, auf einem Katheder, der mehrere
+Personen fassen konnte, befanden sich die Advokaten beider Parteien;
+vor ihnen auf einer Bank Kläger und Beklagte. Ein dürres Schreiberlein,
+in schwarzem, kümmerlichem Rocke, hielt ein dickes Heft in der Hand,
+um daraus vorzulesen. Der Saal war von Zuschauern und Zuschauerinnen
+gedrängt voll. Der Streit war sehr wichtig, denn er ging gegen die
+Gemahlin des Dogen, die in eigener Person auf dem Anklagebänkchen hatte
+Platz nehmen müssen. Hinter einem kleinen Tische saß auf einem niederen
+Schemel ein Männchen, das eine Sanduhr in der Hand hielt. Solange
+nämlich der Schreiber las, wurde die dafür aufgewendete Zeit nicht
+gerechnet, sobald aber ein Advokat zu sprechen begann, dem nur eine
+gewisse Zeit zur Verteidigung eingeräumt war, ließ das Männchen die
+Sanduhr<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> laufen, die es sofort wieder umkippte, sobald der Schreiber
+oder sonst eine Person etwas zwischendurch sprach oder einzuwerfen
+hatte.</p>
+
+<p>Die Komödie gefiel Goethe ausgezeichnet; sowohl die Gerichtskomödie,
+in der man dem Verteidiger die Zeit so kärglich zumaß, daß er gar
+nicht daran denken konnte, den Angeklagten würdig zu verteidigen, als
+auch die wirkliche Komödie, wo Goethe zunächst ein Maskenstück sah. Es
+unterhielt ihn mit »unglaublicher Abwechslung« mehr als drei Stunden;
+am meisten amüsierte ihn aber das Publikum. »Die Zuschauer spielen mit,
+und die Menge verschmilzt mit dem Theater in ein Ganzes. Den Tag über
+auf dem Platz und am Ufer, auf den Gondeln und im Palast, der Käufer
+und Verkäufer, der Bettler, der Schiffer, die Nachbarin, der Advokat
+und sein Gegner, alles lebt und treibt und läßt es sich angelegen sein,
+spricht und beteuert, schreit und bietet aus, singt und spielt, flucht
+und lärmt. Und abends gehen sie ins Theater und sehen und hören das
+Leben ihres Tags, künstlich zusammengestellt, artiger aufgestutzt, mit
+Märchen durchflochten, durch Masken von der Wirklichkeit abgerückt,
+durch Sitten genähert. Hierüber freuen sie sich kindisch, schreien
+wieder, klatschen und lärmen. Von Tag zu Nacht, ja von Mitternacht zu
+Mitternacht ist immer alles eben dasselbe.«</p>
+
+<p>Ein andermal ergötzt ihn wieder in einem Stück von Goldoni die Komödie
+sowohl, als auch die ausgelassene Heiterkeit des Publikums. Es war ein
+Gelächter und Gejauchze im Theater von Anfang bis zu Ende.</p>
+
+<p>Die Venetianer feierten gewöhnlich in den ersten Tagen des Oktober
+einen alten Sieg über die Türken. Das Fest wurde durch ein Hochamt
+eingeleitet, dem auch Goethe beiwohnte. Er sah die vergoldeten Barken
+an dem kleinen Platze vor der Kirche der heiligen Justina landen, die
+die Fürsten und einen Teil des Adels brachten. Er sah, wie sich seltsam
+gekleidete Schiffer mit rotgemalten Rudern vorwärts bemühten. Am Ufer<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span>
+harrte die Geistlichkeit; die Bruderschaften mit angezündeten Kerzen,
+die sie auf Stangen und tragbaren silbernen Leuchtern trugen, drängten
+und wogten durcheinander; mit Teppichen beschlagene Holzbrückchen
+wurden aus den Gondeln und Barken herausgereicht, um das Aussteigen
+zu erleichtern. Zuerst kamen die Savj, die vornehmsten Ratsherren mit
+ihren langen violetten Kleidern, dann die Senatoren in ihren langen
+scharlachroten Gewändern. Zuletzt kam der Älteste mit einer goldenen
+phrygischen Mütze geschmückt. Er trug einen langen goldenen Talar und
+den Hermelinmantel. Drei Diener trugen seine Schleppe. Und dies ganze
+bunte Schauspiel spielte sich auf dem kleinen Platze vor der Kirche
+ab, vor deren Türen geschmückte Herolde die erbeuteten Türkenfahnen
+hielten. »Mir nordischem Flüchtling hat diese Zeremonie viel Freude
+gemacht. Bei uns, wo alle Feierlichkeiten kurzröckig sind, und wo die
+größte, die man sich denken kann, mit dem Gewehr auf der Schulter
+begangen wird, möchte so etwas nicht am Ort sein.« Der Doge, ein schön
+gewachsener, krank aussehender Mann, hielt sich recht würdevoll und
+sah aus wie der Großpapa des ganzen Geschlechts. Die Kleidung stand
+ihm sehr gut, und das feine und durchsichtige Käppchen, das er unter
+der Mütze trug, bedeckte blütenweißes Haar. Fünfzig Nobili, in langen
+dunkelroten Schleppkleidern waren mit ihm; schöne große Männer mit
+ausdrucksvollen Köpfen, auf denen sie blonde Lockenperücken trugen, mit
+klugen, weißen, ruhigen und selbstsicheren Gesichtern.</p>
+
+<p>An einem anderen Abend bestellte Goethe sich den famosen Gesang der
+Fischer, die ihm nach ihren eigenen Melodien etwas von Tasso und
+Ariost vorsingen mußten. Bei Mondschein bestieg er eine Gondel, einen
+Sänger vorn und einen hinten, die abwechselnd sangen. Sie ließen ihre
+Stimmen laut in die Nacht hinausschallen, aufs Meer hinaus, wo der
+Wind sie weitertrug. In der Ferne vernimmt ein anderer Schiffer, der
+die Melodie kennt, den Gesang, und antwortet mit der nächsten Strophe
+des<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> Textes. Dann erwidert der erste wieder, und so ist immer einer
+das Echo des anderen. Die ganze Nacht hindurch geht der Gesang, ohne
+daß die rudernden Schiffer ermüden würden. Am Ufer der Giudecca stieg
+Goethe aus und ging am Kanal entlang, um den Genuß des Singens in der
+Nähe und des Erwiderns in der Ferne tiefer auskosten zu können. Der
+Gesang war so klagend und melancholisch und so ans Herz greifend,
+daß Goethe bis zu Tränen gerührt wurde. Ein Schiffer riet ihm, daß
+er sich die singenden Schifferfrauen vom Lido anhören möchte; sie
+hätten die Gewohnheit, wenn ihre Männer ins Meer hinausruderten, um
+zu fischen, sich ans Ufer zu setzen und mit durchdringender Stimme
+abends Gesänge erschallen zu lassen, bis sie von fern die Stimmen ihrer
+Männer vernähmen. Auf diese Weise unterhielten sie sich, seien nicht
+beieinander und doch beieinander. Es sei, als ob ein Einsamer und
+Verlassener in der Ferne sehnsüchtig klage und darauf warte, daß ihn
+ein Gleichgestimmter vernehme und ihm antworte.</p>
+
+<p>Die Gemälde von Veronese, Tizian, Bellini, Giorgione, Tintoretto und
+anderen großen Malern erwecken Goethes ganze Feuerbegeisterung.</p>
+
+<p>Aber es zieht ihn immer wieder hinaus zum Lido, zum Meere, wo er
+stundenlang liegen und Ebbe und Flut beobachten kann. Der Strand
+ist so sehr von Muscheln besät, daß er sich um ihretwillen Kinder
+herbeiwünscht, die sich daran erfreuen könnten. Aber da keine Kinder
+in der Nähe sind, füllt er sich selber die Taschen damit an. Besonders
+gern sieht er aber den Taschenkrebsen zu, die während der Flut an
+den Strand gespült werden und nun in ihre salzige Flut nicht mehr
+zurückkommen. Es wimmelt und krabbelt dann besinnungslos durcheinander,
+denn auf dem Trockenen bleiben, bedeutet so viel wie den Tod. Das Meer
+weicht aber immer mehr zurück, die Sonne sticht und trocknet rasch,
+und nun heißt es ebenso rasch ins Meer zurückwandern. Bei dieser
+Gelegenheit suchen die Taschenkrebse ihren Raub.<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> »Wunderlicher und
+komischer kann man nichts sehen, als die Gebärden dieser aus einem
+runden Körper und zwei langen Scheren bestehenden Geschöpfe; denn die
+übrigen Spinnenfüße sind nicht bemerklich. Wie auf stelzenartigen Armen
+schreiten sie einher und sobald eine Patelle sich unter ihrem Schild
+vom Flecke bewegt, fahren sie zu, um die Schere in den schmalen Raum
+zwischen der Schale und dem Boden zu stecken, das Dach umzukehren und
+die Auster zu verschmausen. Die Patelle zieht sachte ihren Weg dahin,
+saugt sich aber gleich fest an dem Stein, sobald sie die Nähe des
+Feindes merkt. Dieser gebärdet sich nun wunderlich um das Dächelchen
+herum, gar zierlich und affenähnlich; aber ihm fehlt die Kraft, den
+mächtigen Muskel des weichen Tierchens zu überwältigen; er leistet auf
+diese Beute Verzicht, eilt auf eine andere wandernde los, und die erste
+setzt ihren Zug sachte fort. Ich habe nicht gesehen, daß irgendein
+Taschenkrebs zu seinem Zwecke gelangt wäre, obgleich ich den Rückzug
+dieses Gewimmels stundenlang beobachtet habe.«</p>
+
+<p>Man sieht, Goethe war in Venedig nicht müßig; mit allen Sinnen nahm er
+das neue wundervolle Bild dieser märchenumrankten Stadt in sich auf, so
+daß man ihm wohl glauben kann, wenn er schließlich bei seiner Abreise
+sagt: »Ich habe gut aufgeladen und trage das reiche, sonderbare,
+einzige Bild mit mir fort.«</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<div class="chapter">
+<h2>Beethoven.</h2>
+</div>
+
+<p>Durch die Straßen von Paris heulte das Volk. Waffen blitzten, drohende
+Fäuste reckten sich in die Höhe. Wüste Schädel, scheußliche Fratzen,
+fanatische Köpfe tauchten auf. Die Bastille wurde gestürmt, und bald
+darauf wurde die Guillotine in Tätigkeit gesetzt. Menschenbeladene
+Karren rasselten zum Richtplatz hin. Die blutige, rachedurstige
+Freiheitsgöttin johlte aufwieglerisch<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> in den Gassen. Die große
+furchtbare Revolution war ausgebrochen, die mit den Strömen roten
+Blutes die der Menschheit so lange Jahre angetane Schmach wegspülen
+wollte, und der Schrei nach Freiheit stieg tausendstimmig zum Himmel
+empor.</p>
+
+<p>Und schon war der Mann da, der alsbald all die neuerwachten Kräfte
+Frankreichs in seiner Hand vereinigte und sich zum neuen Schicksal
+des Volkes aufwarf. Er eilte von den Pyramiden herbei, durchmaß in
+rasenden Märschen Italien und eroberte seiner Republik in drei Jahren
+halb Europa. Schon war Bonaparte Konsul und nicht lange darauf und
+er war der Kaiser Napoleon. Jetzt mochte Österreich sich wehren,
+mochte Preußen sich erheben, mochte selbst Rußland sich rühren. Dieses
+Schicksal, das unter dem Namen Napoleon auftrat, schien unbesiegbar
+zu sein. Kalt und erzen stand er in Europas Mitte. Ein Wink seiner
+Hand entschied Riesenschlachten. Ein Blick seiner Augen entschied über
+das Schicksal zweier Nationen. Alles, alles fraß dieser Moloch; ganze
+Völker fielen seiner Gier zum Opfer. Seit den Cäsaren Roms war so
+unerhörte Größe nicht mehr gesehen worden.</p>
+
+<p>Und Deutschland hatte am schlimmsten darunter zu leiden. Ganz
+Deutschland war von den Armeen des Weltherrschers umzingelt. Ganz
+Deutschland wogte in Donner und Dampf und wenn der Rauch sich verzog,
+sah man neue entsetzliche Leichenfelder. Man schickte Greise in den
+Krieg, Knaben griffen zu den Waffen. Es nützte alles nichts. Jungfrauen
+zogen auf die Schlachtfelder, um zu heilen und zu helfen. Es nützte
+alles nichts. Für Deutschland war die Zeit der Befreiung noch nicht
+gekommen. Das Deutsche Reich war infolge der überkommenen Uneinigkeit
+der deutschen Fürsten zersplittert. Was aber der Gegner nicht besaß,
+und was Deutschland noch retten konnte und mußte, das war der deutsche
+Geist. Fichte in seinen Reden an die deutsche Nation und Schiller
+erinnerten mit flammenden Worten daran, daß es galt, die heiligsten
+Güter zu verteidigen. Deutschland stellte der großen <em class="gesperrt">Kraft</em>
+Frankreichs seinen großen <em class="gesperrt">Geist</em><span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> entgegen: <em class="gesperrt">Goethe</em>,
+der den Weltenbezwinger Napoleon zur Hochachtung zwingt, und
+<em class="gesperrt">Beethoven</em>, den gewaltigsten Gestalter der Erde, Beethoven, der
+das Tonreich neu gestaltete, neu eroberte und der den Schlachtendonner
+Napoleons noch übertönte durch seine vom Himmel herabgeholten Gewitter.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wir können den Namen Beethoven bis ins siebzehnte Jahrhundert
+zurückverfolgen, wo in Antwerpen ein Weinhändler namens Wilhelm van
+Beethoven gelebt hat, der Ur-Urgroßvater unseres Ludwig. Wilhelms
+Sohn, Heinrich Adelard war Schneider und Vater von rund einem Dutzend
+Kindern. Eins davon, Louis, der heimlich von Hause durchgebrannt
+war, wurde ein wandernder Musikant, bis er 1733 am Hofe des Bonner
+Kurfürsten eine feste Stellung als Bassist erlangte. Er avancierte bis
+zum erzbischöflich kurfürstlichen Kapellmeister, in welcher Stellung
+er in seiner goldgestickten, zinnoberroten Uniform eine recht gute
+Figur machte. Doch hatte er sich, um seine Einkünfte zu vermehren,
+nebenbei einen kleinen Weinhandel zugelegt, der ihm aber nur Unglück
+bringen sollte. Sowohl seine Frau als auch der einzige Sohn Johann
+verfielen dem Laster des Trunkes. Johann verstand sich sehr gut auf das
+Weinproben, und diese Schwäche nahm so überhand, daß der ganze Haushalt
+gestört und der Sohn schließlich sogar des Amtes entsetzt wurde. Der
+Vater bestimmte seinen Sohn Johann auch für die Musik; aber der brachte
+es nicht weiter als bis zum Tenoristen der Hofkapelle mit dreihundert
+Taler Jahresgehalt.</p>
+
+<p>Magdalena Kewerich aus Ehrenbreitstein, eine hübsche schlanke Person,
+die als Kammerjungfer gedient hatte und schon mit neunzehn Jahren die
+Witwe des kurtrierischen Leibkammerdieners Layen war, wurde 1763 Johann
+van Beethovens Frau. Sie war die Tochter eines Kochs und vermögenslos;
+und da die Heirat dem Vater durchaus nicht gefiel, trennten sich Vater<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span>
+und Sohn. Am 17. Dezember 1770 entsprang dieser Ehe <em class="gesperrt">Ludwig van
+Beethoven</em>.</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowp61" id="illu-183" style="max-width: 50.9375em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-183.jpg" alt="bild">
+</figure>
+
+<p class="p2">Aber da Ludwig noch mehrere Geschwister hatte, herrschte im Hause
+Mangel und Not. Anfangs hatte der wohlhabende Großvater Louis, an
+dem Ludwig mit aller Innigkeit hing, nachgeholfen, trotzdem er wegen
+der Heirat noch erzürnt war.<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> Aber er starb schon, als Ludwig erst
+drei Jahre alt war. Als die Bedrängnis immer größer wurde, machte der
+Vater mehrere Gesuche um Gehaltsaufbesserung, die aber abschlägig
+beschieden wurden, weil seine Führung nicht die beste war. Oft mußte
+der herangewachsene Ludwig seinen trunkenen Vater auf offener Straße
+aus den Händen der Polizei befreien und man begreift, wie diese
+schmerzlichen Vorfälle sich dem Gedächtnisse des jungen Beethoven
+eingruben und ihn allmählich verschlossen und trotzig machten. Er litt
+zweifellos unter der Trunksucht des Vaters, über den er trotzdem nie
+ein hartes Wort äußerte, noch auch eine abfällige Bemerkung seitens
+eines Dritten je geduldet hätte.</p>
+
+<p>Infolge dieser Zustände wurden die Verhältnisse im Elternhause immer
+mehr zerrüttet; die Erbschaft wurde von den Krankheiten der Kinder
+und dem Wein bald verschlungen, so daß Glas- und Porzellanschränke,
+Silberservice und Leinwand hintereinander zum Trödler wandern mußten.</p>
+
+<p>Die Erziehung und Ausbildung, die der junge Beethoven erhielt, war
+deshalb sehr ungeordnet und mangelhaft. Der Vater war, um seine Not zu
+vergessen, meist trunken und in der Trunkenheit despotisch, und obwohl
+die Mutter große Geduld an den Tag legte, wurde der Knabe scheu und in
+sich gekehrt.</p>
+
+<p>Aber dieser Knabe wurde zugleich auch der gute Stern an dem trüben
+Himmel des Elternhauses, sobald der Vater erst einmal das Talent seines
+Sohnes entdeckt hatte, der später die ganze Familie vom Untergang
+erretten sollte.</p>
+
+<p>So oft der Vater am Klavier saß und sang, horchte der Knabe aufmerksam
+zu und versuchte die Melodie nachzuspielen, so daß ihm der Vater
+schon im fünften Lebensjahre Unterricht im Klavier- und Violinspiel
+erteilte. Und eines Tages verfiel der Vater auf die Idee, seinen Sohn
+zu einem Wunderkinde zu machen und mit ihm umherzuziehen, um Geld zu
+verdienen. Nun begannen harte Tage für den jungen Ludwig, der oft vom
+Spiel mit den Kindern weggeholt wurde, um seine Aufgaben zu üben.<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span>
+Kein Weinen half ihm; mit unerbittlicher Strenge und mit reichlichen
+Prügeln verfolgte der Vater sein Ziel und eines Tages kündigte er in
+einer Kölner Zeitung an, daß am 26. März — der wurde auch Beethovens
+Todestag! — 1778 sein Söhnchen »von sechs Jahren mit verschiedenen
+Klavierkonzerten die Ehre haben werde aufzuwarten, wo er allen hohen
+Herrschaften ein völliges Vergnügen zu leisten sich schmeichle, um so
+mehr, da er zum größten Vergnügen des ganzen Hofes sich hören zu lassen
+die Gnade gehabt habe«.</p>
+
+<p>Der Knabe wurde also, damit das Wunder größer sei, um ein Jahr jünger
+gemacht; Beethoven glaubte aber nie, daß es nur eine absichtliche
+falsche Angabe sei.</p>
+
+<p>Des jungen Beethovens Schule war hauptsächlich die Not. Außer dem
+Vater unterrichtete ihn ein Jahr lang der Sänger Tobias Pfeiffer, der
+bei Beethovens in Kost und Logis war und das Klavierspiel vollkommen
+beherrschte. Noch in späteren Jahren hat Beethoven diesem seinem
+Lehrer von Wien aus oft Unterstützungen zukommen lassen, obwohl
+ihn der Unterricht zuweilen um alle Kindheitsfreude und oft um den
+Schlaf gebracht hatte. Denn oft, wenn der Vater und Pfeiffer nachts
+zusammen aus dem Wirtshaus kamen, wurde der kleine Ludwig aus dem Bett
+geholt und bis zum Morgen am Klavier festgehalten. Der Erfolg dieser
+spartanischen Erziehung zur Musik war immerhin so groß, daß die Leute
+vor den Fenstern stehnblieben, wenn Pfeiffer und der kleine Beethoven
+zusammen »variierten«.</p>
+
+<p>Im Jahre 1781 finden wir den zehnjährigen Ludwig mit seiner Mutter auf
+einer Reise nach Holland, wo er in vornehmen Häusern spielte und die
+Leute durch seine Fertigkeit in Erstaunen setzte. Aber die Einnahmen
+müssen auf dieser Reise nicht groß gewesen sein, denn Beethoven sagte
+später: »Die Holländer, das sind Pfennigfuchser; ich werde Holland
+nimmermehr besuchen.«</p>
+
+<p>Inzwischen erlernte Beethoven im Franziskanerkloster auch das
+Orgelspiel, das er bald so weit beherrschte, daß er beim Gottesdienst<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span>
+als Gehilfe verwendet werden konnte. Sein Lehrer in dieser Kunst war
+erst der Hoforganist van den Eeden und dann dessen Nachfolger, der
+feine Musiker Christian Gottlob Neefe, der einen bedeutenden Einfluß
+auf das Kompositionstalent Beethovens ausgeübt hat. Schon 1782 konnte
+er den elfjährigen Knaben fest anstellen und ihm so die Anwartschaft
+auf die Hoforganistenstelle selbst verschaffen. Die Hauptgrundlage
+des Unterrichts, den Beethoven von Neefe empfing, war Bachs
+wohltemperiertes Klavier.</p>
+
+<p>Inzwischen fiel Beethovens Improvisationstalent immer mehr auf,
+und er selbst versuchte schon, wenn er sich ans Klavier setzte,
+um zu phantasieren, bestimmte Empfindungen, bestimmte Bilder und
+Menschen durch die Töne zu charakterisieren. Mit zwölf Jahren entwarf
+er die entzückenden »Bagatellen« fürs Klavier, die er später als
+op. 33 herausgegeben hat, und dreizehn Jahre alt, ließ er einige
+Klaviersonaten drucken, die er dem Kurfürsten gewidmet hatte. Um diese
+Zeit leitete er auch bereits, wenn Neefe verhindert war, die Proben im
+Theater, und er machte sich sogar einmal den Spaß, den sehr tonfesten,
+kurfürstlichen Sänger Heller während des Gottesdienstes durch kühne
+Abschweifung bei der Begleitung ganz aus dem Konzept zu bringen. Der
+Kurfürst verbat sich freilich solche »Geniestreiche«; er war aber von
+der außerordentlichen Begabung des jungen Beethoven, der inzwischen
+Cembalist und Bratschist am kurfürstlichen Orchester geworden war, sehr
+überrascht.</p>
+
+<p>Solche Erfahrungen veranlaßten nun seine Gönner, ihn einem allerersten
+Meister in Unterricht zu geben, und 1787 finden wir denn auch den
+Bonner Hoforganisten Beethoven als Mozarts Schüler in Wien. Mozart
+läßt sich etwas von Beethoven vorspielen, bleibt aber anfangs kühl bis
+ans Herz, weil er es für ein einstudiertes Paradestück hält. Als ihn
+Beethoven aber um ein Thema zum Phantasieren bittet, »phantasiert« er
+denn so, daß Mozart denen, die im Nebenzimmer zuhören, zuruft: »Auf den
+gebt acht, der wird einmal in der Welt von sich reden machen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span></p>
+
+<p>Trotz dieser Meinung wurde es nicht viel mit dem Unterricht. Mozart
+war zu sehr mit seinen eigenen Angelegenheiten und mit der Komposition
+des »Don Juan« beschäftigt. Zudem kam noch, daß die Mutter Beethovens
+heftig erkrankte, so daß er schon nach wenigen Wochen Wien verließ,
+um zur geliebten Mutter zu eilen, die bald darauf, vierzig Jahre alt,
+starb.</p>
+
+<p>»Sie war mir eine so gute, liebenswürdige Mutter,« schreibt er in einem
+Briefe bald darauf, nachdem sie gestorben war; »sie war meine beste
+Freundin. O wer war glücklicher als ich, da ich noch den süßen Namen
+›Mutter‹ aussprechen konnte! Und er wurde gehört, und wem kann ich ihn
+jetzt sagen?«</p>
+
+<p>Mit dem Tode der Mutter nahm die Trunksucht des Vaters immer mehr
+zu, so daß er seine Stimme verlor und bald darauf seines Amtes
+entsetzt wurde. Beethoven mußte nun beim Hofamte bitten, die Hälfte
+des väterlichen Gehalts ihm als Erziehungsbeitrag für seine jüngeren
+Geschwister anzuweisen. Nun fühlte sich Beethoven noch vereinsamter als
+früher.</p>
+
+<p>Eine zweite Mutter fand er in der Nachbarswitwe Frau von Breuning,
+zu deren Kindern er als Klavierlehrer kam. In diesem Hause, in dem
+er nicht nur den größten Teil des Tages, sondern auch manche Nacht
+zubrachte, wurde er als eigenes Kind behandelt. Hier hat er die erste
+Bekanntschaft mit der deutschen Literatur gemacht, sowie seinen ersten
+gesellschaftlichen Schliff erhalten.</p>
+
+<p>Neben diesem Hause ist noch der Graf Waldstein zu nennen, dem die
+Sonate <em class="antiqua">op.</em> 53 gewidmet ist. Der Graf ahnte das Genie Beethovens,
+mit dem er befreundet war und hat ihm manche Geldunterstützung zuteil
+werden lassen, die er als Gratifikation vom Kurfürsten ausgab, um
+Beethovens Reizbarkeit zu schonen. Graf Waldstein schickte Beethoven
+wieder nach Wien, damit er dort bei Haydn die letzte Schulung
+erhalte. Der Kurfürst unterstützte Beethoven ebenfalls, der nun mit
+hochgeschwellten Empfindungen im November 1792 nach Wien reist, das
+damals für<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span> Musik die maßgebendste Stadt war. Nach den Stunden bei
+Haydn, die Beethoven mit je acht Groschen, sowie Kaffee oder Schokolade
+honorierte, verwarf Beethoven alles, was er bis dahin komponiert hatte.</p>
+
+<p>Beethoven mußte nun daran denken, sich auf eigene Füße zu stellen.
+Seine beiden jüngeren Brüder waren versorgt; sie folgten ihm freilich
+beide bald nach. Haydn nahm den Unterricht nicht sehr streng und ließ
+Beethoven vieles, was regelwidrig war, durchgehen. Als aber einst J.
+Schenk den lernbegierigen Beethoven auf der Straße traf, machte er
+ihn auf die Fehler in den Übungsheften aufmerksam, die der Lehrer
+unverbessert gelassen hatte. Und als schließlich Haydn Beethoven, der
+eben drei Trios komponiert hatte, noch geraten hatte, ein Trio davon
+(<em class="antiqua">op.</em> 1 in <em class="antiqua">C moll</em>) nicht zu veröffentlichen, weil es zu
+gewagt sei, wurde Beethoven mißtrauisch, brach den Unterricht bei
+Haydn kurzerhand ab und ging zum Komponisten des »Dorfbarbiers«, zu
+Schenk, in die Lehre. Beethoven widmete die drei Trios dem Fürsten Karl
+Lichnowsky, von dessen Frau Beethoven sagte, sie hätte eine Glasglocke
+über ihn setzen lassen wollen, damit kein Unwürdiger ihn berühre.</p>
+
+<p>Zur Selbsterkenntnis erwacht, begann Beethoven immer mehr den Mangel
+einer regelrechten Schulbildung zu empfinden. Da er in seiner Kindheit
+ausschließlich musikalische Studien trieb, war seine übrige Ausbildung
+natürlich sehr vernachlässigt worden. Rechnen war ihm das ganze Leben
+hindurch sehr beschwerlich; mit der Orthographie haperte es auch
+stark. Er hatte ein wenig Latein und ein bißchen Französisch gelernt.
+Allein der Hauch einer edleren Geistesbildung, der Bonn durchzog, als
+Beethoven noch dort weilte, und der Verkehr mit gebildeten Menschen
+führte ihn dafür wieder geistigen Höhen zu, die andere Künstler nicht
+zu ersteigen vermochten. In Wien suchte Beethoven seine mangelhafte
+Bildung vollends durch eifrige Lektüre der großen Dichter und Denker
+auszugleichen, und um sich geschmeidigere<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> Umgangsformen anzueignen,
+besuchte er einen Tanzlehrer. Dabei führte er einen streng sittlichen
+Lebenswandel, denn als ihm während eines fröhlichen Ausflugs eine
+Kellnerin einmal zu nahe trat, gab er ihr eine schallende Ohrfeige.
+Im Homer, den er gern las, strich er sich die Stelle an: »Auch vieles
+Schlafen ist schädlich«.</p>
+
+<p>Von Schenk ging Beethoven zu Albrechtsberger in die Lehre, dem größten
+zeitgenössischen Theoretiker, der das zu viel an Drill beanspruchte,
+was Haydn zu wenig berücksichtigt hatte. Aber schon war in Beethoven
+etwas, was sich gegen diese Regeln auflehnte. Er hatte bereits als
+Knabe das Handwerksmäßige und das, was an der Musik <em class="gesperrt">erlernbar</em>
+war, gelernt und er sah ein, daß jedes wahrhafte Genie sich seine
+eigenen Gesetze geben müsse. Darum kam Albrechtsberger auch bald zu
+dem Urteile, daß Beethoven »nie was Ordentliches lernen würde«, und
+selbst zu den Freunden Beethovens sagte er: »Gehen Sie nicht mit dem
+Beethoven um, der hat nichts gelernt.« Beethoven gab diesen Lehrer auf
+und ging zu Salieri, dem Todfeinde Mozarts, um bei ihm Unterricht in
+dramatischer Komposition und in Gesangsmusik zu nehmen; er wollte die
+italienische Musik von Grund aus kennen lernen.</p>
+
+<p>Am 30. März 1795 erlebte Wien das erste Auftreten des Pianisten
+Beethoven. Die zweite Nummer des Programms war »ein neues Konzert auf
+dem Pianoforte (<em class="antiqua">C dur op. 15</em>), gespielt von dem Meister Herrn
+Ludwig von Beethoven und von seiner Erfindung«.</p>
+
+<p>Beethoven war jetzt fünfundzwanzig Jahre alt. Er schien damals als ein
+guter, ruhig gestimmter, bescheidener Mann, dessen Spiel von ungemeiner
+Fertigkeit war und mehr zum Herzen sprach, als das aller Vorgänger.
+Sein Spiel machte einen ungewöhnlichen Eindruck und allgemein hatte
+man das Gefühl, daß sich hier einer in Tönen aussprach, der seine
+eigenen Wege ging. Beethoven <em class="gesperrt">charakterisierte</em> am Klavier; er
+benutzte die hohen und tiefen Lagen, um sowohl verträumte,<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> als auch
+tiefinnerliche Empfindungen auszudrücken. Er wurde am Instrument zum
+Dichter, der neue Welten schuf und gestaltete. Am schönsten spielte er,
+wenn er allein im Zimmer war, und die Zuhörer sich in einem Nebenraum
+befanden. Dann blieb aber auch kein Auge trocken, und es wundert uns
+nicht, wenn er 1796 von Prag aus an seinen Bruder schreibt: »Meine
+Kunst erwirbt mir Freunde und Achtung, was will ich mehr!« Von Prag aus
+führte ihn eine Kunstreise über Dresden und Leipzig nach Berlin, wo
+ihn der König Friedrich Wilhelm II. sehr huldvoll empfing. Er spielte
+einige Male bei Hofe und komponierte die Cellosonate (<em class="antiqua">op. 5</em>),
+weil der König selbst das Violoncell spielte. »Beethovens Phantasien
+waren im höchsten Grade glänzend und staunenswert,« erzählt uns sein
+Schüler Czerny; »in welcher Gesellschaft er sich auch befinden mochte,
+er verstand es, auf die Hörer einen solchen Eindruck hervorzubringen,
+daß manche in lautes Weinen ausbrachen. Denn es war etwas Wunderbares
+in seinem Ausdruck, noch außer der Schönheit und Originalität seiner
+Ideen und der geistreichen Art, wie er dieselben zur Darstellung
+brachte. Wenn er eine Improvisation dieser Art beendet hatte, konnte
+er in lautes Lachen ausbrechen und seine Zuhörer über die Bewegung,
+in die er sie versetzt hatte, ausspotten. Zuweilen fühlte er sich
+sogar verletzt durch diese Zeichen der Teilnahme. ›Wer kann unter so
+verwöhnten Kindern leben‹, sagte er, und einzig aus diesem Grunde
+lehnte er es ab, eine Einladung anzunehmen, welche der König von
+Preußen nach einer solchen Improvisation an ihn ergehen ließ.«</p>
+
+<p>Beethoven fand sich in Berlin sehr ernüchtert. Er kam vom weichen Süden
+und hatte gehofft, im Norden harten, mannhaften Menschen zu begegnen;
+er fand schwelgerische Üppigkeit, Abgelebtheit, Weiberhaftes. Das war
+nicht der Geist, den er suchte.</p>
+
+<p>Auch in der Berliner Singakademie, deren Direktor damals Zelter war
+— der Freund Goethes — trat Beethoven auf, und auch hier traten den
+Zuhörern Tränen in die Augen.</p><br>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span></p>
+
+<figure class="figcenter illowp47" id="illu-191" style="max-width: 56.25em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-191.jpg" alt="bild">
+</figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span></p>
+
+<p class="p2">Sehr enttäuscht kam Beethoven nach Wien zurück und nun begann er mit
+aller Energie daran zu arbeiten, »einst ein großer Mann zu werden«.
+Zugleich aber legte er den Grundstein zu seiner so tragischen
+Erkrankung.</p>
+
+<p>An einem sehr heißen Sommertage des Jahres 1796 kam Beethoven ganz
+erhitzt nach Hause, riß Türen und Fenster auf, zog sich bis auf die
+Beinkleider aus und kühlte sich am offenen Fenster ab. Die Folge war
+eine gefährliche Krankheit, die sich während der Genesung auf das
+Gehör legte. Und von dieser Zeit an nahm auch die Taubheit Beethovens
+fortschrittweise zu, die ihm wohl die schwersten moralischen Prüfungen
+auferlegte und seinen ganzen Mannesmut herausforderte. »Dein Beethoven
+lebt sehr unglücklich,« schreibt er einige Jahre später an einen
+Freund, »im Streite mit Natur und Schöpfer; schon mehrmals fluchte ich
+letzterem, daß er seine Geschöpfe dem kleinsten Zufall ausgesetzt,
+so daß oft die schönste Blüte dadurch zernichtet und zerknickt wird.
+Wisse, daß mir der edelste Teil, mein Gehör, sehr abgenommen hat. Wie
+traurig ich nun leben muß, alles was mir lieb und teuer ist, meiden! O,
+wie glücklich wäre ich jetzt, wenn ich mein vollkommenes Gehör hätte,
+dann eilte ich zu Dir, aber so muß ich von allem zurückbleiben, meine
+schönsten Jahre werden dahinfliegen, ohne alles das zu wirken, was mir
+mein Talent und meine Kunst geheißen hätten. Traurige Resignation, zu
+der ich jetzt meine Zuflucht nehmen muß.«</p>
+
+<p>Und an einen anderen Freund schreibt er 1801: »Nun hat der neidische
+Dämon, meine schlimme Gesundheit, mir einen schlechten Stein ins Brett
+geworfen, nämlich: mein Gehör ist seit drei Jahren immer schwächer
+geworden ... Ich kann sagen, ich bringe mein Leben elend zu; seit
+zwei Jahren fast meide ich alle Gesellschaften, weil mir's nicht
+möglich ist, den Leuten zu sagen: ich bin taub. Hätte ich irgendein
+anderes Fach, so ging's noch eher, aber in meinem Fache ist das ein
+schrecklicher Zustand; dabei meine Feinde, deren Zahl nicht gering ist,
+was werden diese dazu sagen?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span></p>
+
+<p>Aber trotzdem weinte er nicht; er ermannte sich in seinem Schmerz,
+stärkte seine eiserne Selbstzucht, bis ihm sein siegender Wille über
+diese schreckliche Wendung seines Schicksals hinweghalf, und er sich
+wieder seinen Werken zuwenden konnte. Sein stolzes Künstlerbewußtsein
+kam ihm gut dabei zu Hilfe. Er hatte eingesehen, daß der wahre Adel
+des Menschen von <em class="gesperrt">innen</em> kommt, und daß nur das <em class="gesperrt">Können</em>
+wirkliche Rangunterschiede zu schaffen vermag. So wie er dachte,
+handelte er auch. Seine Freunde, den Fürsten Lichnowsky und den Prinzen
+Louis Ferdinand, behandelte Beethoven genau wie seinesgleichen; er
+fühlte sich ihnen gegenüber in nichts geringer. Er wohnte einige Zeit
+im Palais des Fürsten Lichnowsky, konnte sich aber der Hausordnung
+nicht fügen; es war ihm auch später unmöglich, bei seinem Schüler, dem
+Erzherzog, die Hofetikette mitzumachen, von deren Zwang er denn auch
+zum Entsetzen der Lakaien entbunden wurde. Als Beethoven 1806 während
+des Kriegsgetümmels zu Lichnowsky auf Schloß Grätz floh, bat der Fürst
+den Künstler, seinen Gästen, den französischen Offizieren, die das
+Schloß besetzt hatten, doch etwas am Flügel vorzuspielen. Beethoven war
+aber über diese Zumutung, vor den Deutschfeindlichen zu konzertieren,
+derart empört, daß er aufsprang, im Regen nach Troppau rannte und von
+dort so schnell als möglich nach Wien zurückeilte.</p>
+
+<p>In der Abendgesellschaft, die eine Gräfin zu Ehren des Prinzen Louis
+Ferdinand gab, war für Beethoven und andere nichtadelige Gäste an einem
+Seitentische gedeckt worden; als aber Beethoven bemerkte, daß er mit
+dem Hochadel nicht an einem Tische speisen sollte, stürmte er davon.
+Louis Ferdinand veranstaltete Beethoven zu Ehren ein paar Tage später
+ein Revanchediner und ließ zu seiner rechten Seite für Beethoven und
+zur linken für eben jene Gräfin decken.</p>
+
+<p>Solche und ähnliche Züge zeigen Beethoven als einen überaus stolzen,
+seines Genies wohlbewußten Menschen, der schroff und<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> hart werden
+konnte, wenn man ihm die Ehren versagte, die er glaubte, beanspruchen
+zu dürfen.</p>
+
+<p>Aber es gibt auch ebensoviele rührende Züge, die Zeugnis ablegen von
+seinem reichen Mitgefühl und seinem überaus großen Zartsinn.</p>
+
+<p>Als er einmal in Heiligenstadt weilte, einem kleinen Dörfchen bei
+Döbling, wo er, der ein fanatischer Sommerfrischler war, die schöne
+Jahreszeit verlebte, klangen ihm aus einem Häuschen die Töne seiner
+<em class="antiqua">F dur</em>-Sonate entgegen. Er horchte und hörte eine zarte Stimme
+sagen: »Was gäbe ich darum, das Stück von jemand zu hören, der ihm
+gerecht wird.« Beethoven durch den Klang der Stimme betroffen, trat
+in das Haus ein und setzte sich an das jämmerliche Instrument. Da
+er bemerkte, daß keine Noten auflagen, blickte er fragend auf die
+verlegene Spielerin und bemerkte jetzt erst an ihrem Gesichtsausdruck,
+daß sie blind war und nur nach dem Gehör gespielt hatte. Beethoven war
+im Innersten gerührt; der Mond schien gerade ins Zimmer und beleuchtete
+das schwermutvolle Antlitz der Blinden. Unwillkürlich brach der Bruder
+der Blinden in die Worte aus: »Die arme Schwester!« Es lag ein Bedauern
+in dem Ausruf, daß es der Schwester nicht vergönnt war, den Mondschein
+zu <em class="gesperrt">sehen</em>. Beethoven aber sagte sehr ergriffen: »Ich will ihr
+den Mondschein <em class="gesperrt">spielen</em>!« Er setzte sich ans Instrument und
+improvisierte ein weltverlorenes, musikalisches Gedicht, das später die
+Mondscheinsonate genannt wurde. Und um diese Zeit galt er schon als ein
+mürrischer, finsterer Mann.</p>
+
+<p>Die Menschen konnten ihn nicht erziehen; das <em class="gesperrt">Leben</em> bildete ihn
+und schliff seine Unebenheiten ab. Da mit den Jahren seine Taubheit
+immer mehr zunahm, konnte man nur noch schriftlich mit ihm verkehren.
+Der Umgang mit ihm wurde den Menschen unbequem; sie blieben von ihm
+fort, ihn seiner Einsamkeit überlassend. Nach und nach mußte er das
+Dirigieren aufgeben und das öffentliche Spielen, denn er las auf
+den Gesichtern<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> seiner Zuhörer: Mitleid. Das machte ihn verdrossen
+und stumm. Er versank ganz in sich selber, tauchte nur noch in die
+eigenen Tiefen hinab, um die unschätzbaren Perlen heraufzuholen, die
+auf dem Grunde seiner Seele lagen. Aber je mehr er an sich selber zum
+Schatzgräber wurde, desto mehr vernachlässigte er die Menschen seiner
+Umgebung. Sein Verhältnis zu ihnen wurde ein recht tragisches.</p>
+
+<p>Im Jahre 1802 ist Beethoven wieder etwas mehr um die Heilung seines
+Gehörleidens besorgt und geht deshalb wieder nach Heiligenstadt.
+In trübster Seelenstimmung und in seiner großen Sehnsucht nach
+verständnisvollen Menschen schreibt da der große Einsame seinen letzten
+Willen nieder, diesen furchtbaren Aufschrei eines liebedürstenden
+Herzens: »O ihr Menschen, die ihr mich für feindselig, störrisch
+oder misanthropisch haltet oder erklärt, wie unrecht tut ihr mir,
+ihr wißt nicht die geheime Ursache von dem, was euch so scheinet;
+mein Herz und mein Sinn waren von Kindheit an für das zarte Gefühl
+des Wohlwollens, selbst große Handlungen zu verrichten, dazu war ich
+immer aufgelegt; aber bedenket, daß seit sechs Jahren ein heilloser
+Zustand mich befallen, durch unvernünftige Ärzte verschlimmert,
+von Jahr zu Jahr, in der Hoffnung gebessert zu werden, betrogen,
+endlich zu dem Überblick eines dauernden Übels gezwungen. Mit einem
+feurigen lebhaften Temperamente geboren, selbst empfänglich für
+die Zerstreuungen der Gesellschaft, mußte ich früh mich absondern,
+einsam mein Leben zubringen. Welche Demütigung, wenn jemand neben mir
+stand und von weitem eine Flöte hörte, und ich nichts hörte! Solche
+Ereignisse brachten mich nahe an Verzweiflung; es fehlte wenig und ich
+endigte selbst mein Leben. Nur sie, die Kunst, sie hielt mich zurück.
+Ach, es dünkte mir unmöglich, die Welt eher zu verlassen, bis ich das
+alles hervorgebracht, wozu ich mich aufgelegt fühlte. Geduld, sie muß
+ich nun zur Führerin wählen, dauernd, hoffe ich, soll mein Entschluß
+sein, auszuharren. O Menschen, wenn ihr einst dies leset, so<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> denkt,
+daß ihr mir unrecht getan, und der Unglückliche, er tröste sich, einen
+seinesgleichen zu finden, der trotz allen Hindernissen der Natur doch
+noch alles getan, um in die Reihe würdiger Künstler und Menschen
+aufgenommen zu werden; mit Freuden eil' ich dem Tode entgegen; komm
+wann du willst, ich gehe dir mutig entgegen.«</p>
+
+<p>Heiligenstadt blieb Beethovens Lieblingsaufenthalt, und seine besonders
+liebkoste Idee war, ganz aufs Land zu gehen. Hätte er ein Bauerngut,
+meinte er, so könnte er allem Elend entfliehen. Abends im Bett las er
+bei zwei Kerzen Tacitus, Plutarch, Plato, Homer, Shakespeare, Ossian,
+Klopstock, Kant, Herder, Goethe und Schiller. Morgens wanderte er
+schon vor Sonnenaufgang in die erwachende Natur hinaus, in der er bis
+zum Frühstück »studierte«. Dort fühlte er sich glücklich und selig,
+fühlte sich »sehr geliebt von den Göttern am Ende der Welt« und hatte
+mit keinem Gemeinschaft. Er lief in den Fluren in Hemdärmeln herum —
+»spazierenarbeitend« wie er sagte —, komponierte, schwatzte mit den
+Bauern, die den »graupeten Musikanten« wohl kannten und, da er seiner
+Magd nicht traute, trug er das Gemüse für den Mittagstisch selbst im
+blauen Taschentuch nach Hause. Dabei brüllte er Melodienbruchstücke so
+laut vor sich hin, daß die Ochsen vor ihm Reißaus nahmen.</p>
+
+<p>Er blieb sein Leben lang ein Einsamer, der sein Inneres in Tönen
+verausgabte. Mit seiner hohen Tatenlust hing seine Liebe zur Freiheit
+zusammen, und so erklang denn auch in seinen Werken die Idee der
+Völkerfreiheit.</p>
+
+<p>Eines Tages war der französische Gesandte Bernadotte mit Beethoven
+bekannt geworden und regte bei ihm den Gedanken an, Napoleon durch ein
+großes Orchesterwerk zu feiern. Dieser Anregung vermochte Beethoven
+um so eher zu folgen, als er in Napoleon den Konsul als Führer der
+Nation verehrte, als Gesetzgeber wahrer Freiheit. So schuf er denn die
+dritte Symphonie (<em class="antiqua">op. 55</em>), die nur den Titel »Bonaparte« führte,
+und eben sollte sie gerade der Pariser Gesandtschaft übermittelt<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span>
+werden, da bringt ein Schüler Beethovens, Ferdinand Ries, die Nachricht
+von Napoleons Kaiserwahl. Beethoven erwartete von Napoleon, daß er
+die Würde ablehnen würde, aber der Fürst Lichnowsky, der dazukam,
+bestätigte nur die Wahl. Da riß Beethoven das Titelblatt herunter,
+schleuderte die Partitur zur Erde, trampelte wütend mit den Füßen
+darauf herum und schrie zornig: »Also auch er ein gewöhnlicher Mensch!«</p>
+
+<p>Lange wollte Beethoven von dieser Symphonie nichts mehr wissen. Als
+sie aber später vom Fürsten Lobkowitz zur Aufführung in seinem Palais
+erbeten ward, radierte er auf der Abschrift das Wort »Bonaparte« so
+wütend aus, daß ein Loch im Manuskript entstand. Er widmete sein Werk
+nun dem Fürsten und nannte es jetzt »<em class="antiqua">Sinfonia eroica</em>« mit dem
+Nebensatz, »um das Andenken eines großen Menschen zu feiern«. Bei der
+ersten Aufführung mißfiel es dem Fürsten, und von der Galerie rief
+bei der ersten öffentlichen Aufführung der Eroica eine Stimme laut
+herunter: »Ich gäb' noch einen Kreuzer, wenn's nur aufhörte.« Dagegen
+war Prinz Louis Ferdinand so entzückt davon, daß er sich das Werk
+gleich dreimal hintereinander vorspielen ließ. In diesem Werke war ja
+auch alles, was im geknechteten deutschen Volke an Größe und Idealismus
+nach Ausdruck rang, in ungeheuren Musikwogen dargestellt, in einer
+kraftvollen Sprache, die die Hörer mit fortriß und emporhob.</p>
+
+<p>In dieser Zeit lebte Beethoven vom Stundengeben, was er als eine große
+Last empfand, und vom Ertrage seiner Werke. Fürst Lichnowsky hatte
+ihm außerdem ein Ehrengehalt von sechshundert Gulden ausgesetzt, so
+daß Beethoven sich einen gewissen Luxus leisten konnte. Er hielt sich
+zum Beispiel ein Pferd, das ihm Graf Browne für seine »Variationen«
+geschenkt hatte; er erinnerte sich aber erst an die Existenz dieses
+Pferdes, als ihm die stark angewachsene Futterrechnung vorgelegt wurde.</p>
+
+<p>Beethovens Erscheinung wird von den Zeitgenossen folgendermaßen
+beschrieben: er war eher klein, als mittelgroß, sehr<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> stämmig und
+untersetzt. Er hatte kleine schwarze Augen, die leuchteten, aber bei
+fixiertem Blick fast stechend wurden, und schwarze Haare, die in
+eine herrliche Stirn hineinhingen, einen wahren Sitz majestätischer
+Schöpferkraft, dazu ein pockennarbiges Gesicht von roter gesunder
+Farbe, eine kurze, eckige Nase, plumpe Hände mit kurzen Fingern, kleine
+hastige Bewegungen. Dazu sah er meist so finster aus, wie seine in
+»wunderbarer Konfusion« befindliche Wohnung. Er war sehr unbeholfen,
+fast linkisch. Selten nahm er etwas zur Hand, das nicht fiel oder
+zerbrach; das Tintenfaß warf er mehrmals ins Klavier; alles wurde
+umgeworfen, beschmutzt, zerstört. Sein Eigensinn kannte oft keine
+Grenzen, und stets führte er, allen Hindernissen trotzend, dennoch
+durch, was er sich in den Kopf gesetzt hatte. Baden und Waschungen
+in kaltem Wasser waren mit seine Hauptbedürfnisse. Als Getränk war
+ihm frisches Brunnenwasser unentbehrlich, das er von früh bis spät
+in kolossalen Mengen trank. Auch trank er sehr gern Kaffee, den er
+sich selber bereitete. Er zählte dabei mit peinlicher Genauigkeit
+für jede Tasse sechzig Bohnen ab. Bei den Mahlzeiten war er wenig
+wählerisch. Von allen Weinen schmeckten ihm wunderlicherweise gerade
+die verfälschten am besten, unter denen er viel zu leiden hatte.
+Auch ein gutes Glas Bier und die Tabakspfeife, dazu die Augsburger
+Allgemeine Zeitung, deren Lektüre ihm sehr viel Zeit stahl, das waren
+seine kleinen Hauptfreuden.</p>
+
+<p>Bei einem Spaziergange um Baden bei Wien riß ihm einst der Sturm seinen
+Hut vom Kopfe. Er <em class="gesperrt">mußte</em> ihn wiederhaben, und so rannte Beethoven
+auf der Böslauerstraße meilenweit seinem Hute nach. Schweißtriefend,
+zerzaust, atemlos und beschmutzt hielt man ihn in der Wiener Neustadt
+als »Lump« auf und nur dank seiner Bekanntschaft mit dem Bürgermeister
+Meißner konnte man ihn aus den Händen der Polizei befreien. Aber seinen
+Hut hatte er wieder.</p>
+
+<p>Als ihm einst sein Freund Breuning mitteilte, ein Quartett hätte nicht
+gefallen, antwortete er: »Wird ihnen schon einmal<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> gefallen.« Nach
+der Schlacht bei Jena bemerkt er über Napoleon: »Schade, daß ich die
+Kriegskunst nicht so verstehe, wie die Tonkunst, ich würde ihn doch
+besiegen.«</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowp94" id="illu-199" style="max-width: 62.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-199.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<p class="p2">Seinen größten Spaß hatte er, wenn man ihn auf die grammatikalischen
+Fehler aufmerksam machte, die sich in seinen Werken fanden. »Ich sage,
+es ist recht,« meinte er dann. Man entgegnete wohl: »Diese Schreibart
+ist fehlerhaft und nicht erlaubt,« und Beethoven erwiderte: »Nun, so
+erlaube <em class="gesperrt">ich</em> es.«</p>
+
+<p>Er war kein seßhafter Mieter; es duldete ihn nirgends lange; er fühlte
+sich überall ungemütlich. In fünfunddreißig Jahren wechselte er seine
+Wohnung vielleicht fünfunddreißigmal. Mit den Wiener Hausmeistern
+stand er fast immer auf dem Kriegsfuße. Er studierte beständig die
+Wohnungszettel an den Haustoren, um gleich ein neues Heim zu haben,
+wenn ihm das alte nicht mehr behagte. Und da er in seiner Stube
+trommelte und<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> übermäßig brüllte und, seit sein Gehör schlecht geworden
+war, förmliche Kanonaden am Klavier losließ, da er ferner bei seinen
+Waschungen solche Überschwemmungen anrichtete, daß das Wasser durch die
+Fußbodenritzen sickerte, war jedes Haus wieder froh, ihn loszuwerden.
+Er wohnte immer im höchsten Stockwerk. Sein Zimmer sah sehr wüst aus
+und ungemütlich; überall lagen Papiere umher und Kleidungsstücke;
+Koffer standen herum; im übrigen waren die Wände kahl, und es befand
+sich kaum ein Stuhl im Zimmer. Er trug einen dunklen, langhaarigen,
+alten Rock, in dem er wie Robinson Crusoe aussah, und in sein Gesicht
+hing das zottige, pechschwarze Haar. Sein Kopf konnte zuweilen für den
+eines Jupiter gelten, obwohl er nicht schön war. Beethoven wußte das.
+»Nun kannst Du mir helfen, eine Frau suchen,« schreibt er einmal einem
+Freunde; »schön muß sie aber sein, nicht Schönes kann ich nicht lieben
+— sonst müßte ich mich selbst lieben.«</p>
+
+<p>Er war auch ein großer Tierfreund. Wenn er zum Beispiel sah, daß
+kleine Jungen auf Schmetterlinge Jagd machten, verscheuchte er immer
+die Kinder oder verhinderte sie sonst am Fangen der Sommervögel.
+Dieser Zug hing mit seiner großen Liebe zur Natur zusammen und mit
+seiner Sehnsucht, allen lebendigen Geschöpfen die Freiheit zu geben.
+In großartiger Weise hat er beides in seiner sechsten Symphonie zum
+Ausdruck gebracht, der sogenannten »Pastorale«, in der das freie
+Landleben in der Natur seine höchste Verherrlichung erfahren hat.</p>
+
+<p>Interessant war seine Freundschaft zum Hofsekretär Zmeskall von
+Domanovecz durch die äußerst drolligen Briefe, die Beethoven ihm
+schrieb und von denen wir ein paar zum besten geben wollen, weil sie
+uns Beethoven auch von der humorvollen Seite zeigen.</p><br>
+
+
+<p class="center">I.</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>»An seine Hochwohl—wohl—wohlgeboren den Herrn von Zmeskall,
+Kaiserlicher und Königlicher wie auch Königlicher Kaiserlicher
+Hofsekretair, Seine Hochwohlgeboren, sowie des<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> Herrn von Zmeskall
+Zmeskalität haben die Gewogenheit, zu bestimmen, wo man sie morgen
+sprechen kann. Wir sind Ihnen ganz verflucht ergeben.</p>
+<p class="mright5">B.«<br></p>
+</div>
+
+<p class="center">II.</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p class="mleft5">»Liebster Baron Dreckfahrer!</p>
+
+<p><em class="antiqua">Je vous suis bien obligé pour votre faiblesse des vos yeux</em> —
+übrigens verbitte ich mir inskünftige, mir meinen frohen Mut, den
+ich zuweilen habe, nicht zu nehmen, denn gestern durch Ihr Zmeskall
+Domanoveczisches Geschwätz bin ich ganz traurig geworden. Hol' Sie der
+Teufel, ich mag nichts von Ihrer ganzen Moral wissen; <em class="gesperrt">Kraft</em> ist
+die Moral der Menschen, die sich vor anderen auszeichnen, und wenn Sie
+mir heute wieder anfangen, so plage ich Sie so sehr, bis Sie alles gut
+und löblich finden, was ich tue. Adieu Baron, Ba...ron ron, nor, orn,
+rno, onr.«</p>
+</div>
+
+<p class="center">III.</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>»Verfluchter eingeladener Domanetz — nicht Musikgraf, sondern
+Freßgraf, Dinergraf, Soupergraf etc. — Kommen Sie, wenn Sie der
+Kanzleigefängniswärter entwischen läßt. Ich esse heute zu Hause
+des besseren Weines halber. Wenn Sie sich bestellen, was Sie haben
+wollen, so wäre mir's lieb, wenn Sie auch zu mir kommen wollten, den
+Wein bekommen Sie gratis und zwar besser wie in dem hundsföttischen
+›Schwanen‹. Ihr kleinster Beethoven.«</p>
+</div>
+
+<p class="center">IV.</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>»Geliebtester <em class="antiqua">Conte di Musica</em>! Wohl bekomme Euch der Schlaf,
+und auf heute wünschen wir Euch einen guten Appetit und eine gute
+Verdauung. Das ist alles, was dem Menschen zum Leben nötig ist, und
+doch müssen wir das alles so teuer bezahlen. — Darum sind wir, Euer
+gnädigster Herr, gezwungen, uns herabzulassen und Euch zu bitten um
+ein Darlehen von fünf Gulden, welches wir Euch binnen einigen Tagen
+wieder zufließen lassen werden. Lebt wohl, geliebtester <em class="antiqua">musico</em>
+und <em class="antiqua">conte<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> di musica</em>. Euer wohlaffektionierter Beethoven.
+Gegeben in unserem Komponier-Kabinett.«</p>
+</div>
+
+<p>Im Hause des Hofrats von Birkenstock hatte Beethoven auch Bettina
+Brentano kennen gelernt, damals Braut Achim von Arnims und intime
+Freundin Goethes. Ihre tief musikalische Natur sehnte sich nach
+Beethoven. Als sie sich kennen lernten, sang Beethoven ihr das Lied
+»Kennst du das Land«, zwar mit scharfer und schneidender Stimme, aber
+mit tiefem Ausdruck. »Aha,« rief Beethoven aus, »die meisten Menschen
+sind gerührt über etwas Gutes, das sind aber keine Künstlernaturen.
+Künstler sind feurig, die weinen nicht.«</p>
+
+<p>Von diesem Tage an waren sie täglich zusammen und wurden immer mehr
+befreundet. Bettina schrieb öfters über ihre Zusammenkünfte mit
+Beethoven schwärmerische Briefe an Goethe. »O Goethe,« heißt es da
+einmal, »kein Kaiser und kein König hat so das Bewußtsein seiner Macht,
+und daß alle Kraft von ihm ausgehe, wie dieser Beethoven.«</p>
+
+<p>1812 machte Beethoven eine Reise nach Teplitz, wo er Varnhagen, Tiedge,
+Elise von der Recke und andere bedeutende Persönlichkeiten kennen
+lernte. Und das Jahr darauf, als er wieder in Teplitz weilte, machte er
+endlich die Bekanntschaft Goethes, mit dem er nun sehr oft zusammenkam.
+Goethe schrieb an seinen Freund Zelter: »Beethoven habe ich in Teplitz
+kennen gelernt. Sein Talent hat mich in Erstaunen gesetzt. Allein,
+er ist leider eine ganz ungebändigte Persönlichkeit, die zwar nicht
+unrecht hat, wenn sie die Welt verabscheuenswert findet, aber sie
+freilich dadurch weder für sich, noch für andere genußreicher macht.
+Sehr zu entschuldigen ist er hingegen und sehr zu bedauern, da ihn
+sein Gehör verläßt. Er, der ohnehin lakonischer Natur ist, wird es nun
+doppelt durch diesen Mangel.«</p>
+
+<p>Goethe, der von den im Bade anwesenden Fürsten mannigfache
+Auszeichnungen erfahren hatte, wollte besonders der Kaiserin seine
+Ergebenheit bezeigen und riet auch Beethoven, in bescheidener<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> Weise
+das gleiche zu tun. »Ei was!« antwortete Beethoven, »so müßt Ihr's
+nicht machen. Ihr müßt ihnen tüchtig an den Kopf werfen, was sie an
+Euch haben, sonst werden sie's gar nicht gewahr. Ich hab's ihnen anders
+gemacht.« Und nun erzählte Beethoven, wie ihn einmal der Erzherzog,
+sein Schüler, habe warten lassen und er darauf fortgegangen sei. Einen
+Orden könnten sie einem wohl anhängen, könnten einen wohl zum Hofrat
+machen, aber nicht zum Goethe oder zum Beethoven; davor müßten sie
+Respekt haben. Und während Beethoven so sprach, kam gerade der ganze
+Hofstaat an. Beethoven sagte nun zu Goethe: »Bleibt mir in meinem Arm
+hängen; <em class="gesperrt">sie</em> müssen <em class="gesperrt">uns</em> Platz machen.« Aber Goethe machte
+sich los und stellte sich mit abgezogenem Hut an die Seite, während
+Beethoven mit verschränkten Armen und nur den Hut ein wenig rückend,
+mitten durch die Hofgesellschaft ging, die sich infolgedessen teilen
+und ihm Platz machen mußte. Alle grüßten ihn freundlich. Auf der
+anderen Seite blieb Beethoven stehen und wartete auf Goethe, der sich
+so lange tief verneigte, bis die Gesellschaft vorübergegangen war.
+Beethoven sagte: »Auf Euch habe ich gewartet, weil ich Euch ehre und
+achte, wie Ihr es verdient, aber jenen habt Ihr zu viel Ehre angetan.«
+Beethoven fand Goethe zu geziert. »Ihm behagt die Hofluft zu sehr;
+mehr, als es einem Dichter ziemt,« schreibt er an einen Freund.</p>
+
+<p>Ihm widerstrebte alles äußere Wesen; sein ganzes Leben war auf innen
+eingestellt; er haßte alle Eitelkeit. Deshalb schickte er auch eine
+Visitenkarte seines Bruders, der ihm zu Neujahr gratuliert hatte und
+auf welcher zu lesen war »Johann van Beethoven, Gutsbesitzer« zurück
+und schrieb auf die Rückseite »Ludwig van Beethoven, Hirnbesitzer«.</p>
+
+<p>Und doch war es nicht läppischer Stolz, der ihn zuweilen so hochfahrig
+erscheinen ließ. »O Gott, gib mir die Kraft, mich zu besiegen,«
+schreibt er 1812 in sein Tagebuch; »mich darf ja nichts mehr an das
+Leben fesseln.« Und 1813: »O Gott, Gott,<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> sieh auf den unglücklichen
+Beethoven herab, laß es nicht länger so dauern.«</p>
+
+<p>Frau Streicher nahm sich seiner häuslichen Verwirrung an, die so groß
+war, daß Beethoven eines Tages nicht einmal mehr Stiefel zum Ausgehen
+hatte. Einer seiner Gönner war inzwischen gestorben, und ein anderer,
+Fürst Lobkowitz, war selber arg verschuldet und in Bedrängnis. »Es ist
+hart, beinahe um des lieben Brotes willen zu schreiben! So weit habe
+ich es nun gebracht,« stöhnt Beethoven 1818. Seine Einnahmen standen um
+diese Zeit in der Tat beinahe im umgekehrten Verhältnis zu seinem Ruhm.
+Es war eine Ironie des Schicksals, daß Beethoven, der in diesen Jahren
+sehr viel äußere Bedrängnis auszustehen und der sich von aller Welt
+verschlossen zurückgezogen hatte, in Wien zu einer Art Sehenswürdigkeit
+geworden war. Nur wenige Kollegen, Schubert, Liszt und Weber, die ihn
+besuchten, wurden empfangen. Und zu diesen äußeren Sorgen kamen noch
+andere.</p>
+
+<p>Seit dem im Jahre 1815 erfolgten Tode seines Bruders Karl nahm
+Beethoven sich auch dessen unmündigen Sohnes, seines Neffen Karl,
+an, dessen Vormund und Erzieher er wurde und auf den er alle innige
+Familienliebe übertrug, die er so viele Jahre zurückgedämmt hatte.</p>
+
+<p>Wegen seines Ehrengehaltes lag er in fortwährenden Streitigkeiten mit
+den Gerichten, in denen er stets von neuem zu beweisen hatte, daß er
+noch am Leben sei. Eine besondere Kränkung tat man ihm an, als er
+in einem Prozesse seinen vermeintlichen Adel erweisen sollte. Tief
+verletzt zeigte er auf Herz und Kopf und rief »Hier und hier«.</p>
+
+<p>Die Wohnungs- und Dienstmädchensorgen quälten ihn auch nicht wenig. In
+der Mödlinger Hauptstraße, wo er damals wohnte, komponierte er, wie
+er selbst sagte, »im Schweiße seines Angesichtes« und schlug, Tag und
+Nacht arbeitend, mit Händen und Füßen so stark den Takt, daß ihm die
+Wohnung gekündigt werden mußte.</p><br>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span></p>
+
+<figure class="figcenter illowp56" id="illu-205" style="max-width: 47.4375em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-205.jpg" alt="bild">
+ </figure>
+
+<p class="p2">Das Leben schien ihm nun ein Dornenweg; ein Spießrutenlaufen durch
+tausend Drangsale und alltägliche Plackereien. »Für dich, armer
+Beethoven, gibt es kein Glück von außen,« lautet nun seine Einsicht.
+Seine brüske, verbitterte Art zeichnete<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> sich sogar in seiner
+Handschrift aus, von der Zelter sagte: »Beethoven schreibt immer wie
+mit einem Besenstiel,« und Beethoven selbst gesteht: »Das Leben ist
+zu kurz, um Buchstaben und Noten zu <em class="gesperrt">malen</em>, und schöne Noten
+brächten mich schwerlich aus den Nöten.«</p>
+
+<p>Trotzdem bewahrte er sich sein gutes Herz und seine reiche
+Menschenliebe. Er unterstützte reichlich seine beiden Brüder. Als
+er erfuhr, daß Deutschland das letzte Kind des großen Musikers Bach
+hungern ließ, verschaffte er ihm unter vielen Umständen die nötigen
+Lebensmittel. Für eine herumziehende Musikantengesellschaft, deren Not
+ihn dauerte, komponierte er einen Walzer und schrieb selbst die Stimmen
+dazu aus.</p>
+
+<p>Er selbst vernachlässigte sich sehr; sogar in der Kleidung ließ er sich
+jetzt stark gehen. Seine grauen Haare waren immer unfrisiert, und mit
+seinem krausen Buschkopf bot er eine auffallende Erscheinung. Als eine
+Dame einmal ganz entzückt seine schöne Stirn bewunderte, sagte er kurz
+angebunden: »Nun, so küssen Sie sie!«</p>
+
+<p>Seine große Aufopferungsfähigkeit tritt uns aber in ihrer ganzen
+Großartigkeit entgegen in dem Verhältnis zu seinem Neffen Karl, dem
+er sich mit Leib und Seele, mit Gut und Geld widmete; er spielte und
+tollte mit ihm herum, behütete ihn wie seinen Augapfel und erntete
+nur Undank. Beethoven wollte den Jungen zum Gelehrten oder Künstler
+machen; aber der Neffe entlief seinem Onkel, mißachtete ihn, wurde
+von der Universität entlassen, spielte, flanierte, log, unterschlug
+Gelder, bis er eines Tages einen mißglückten Selbstmordversuch machte
+und blutüberströmt dem unglücklichen Onkel ins Haus gebracht wurde, der
+über diesem Streich fast zusammenbrach.</p>
+
+<p>Ohnehin hatte ein Leberleiden schon begonnen, die Gesundheit Beethovens
+zu untergraben. Und als die Gelbsuchtsanfälle sich mehrten, dachte er
+an sein Testament. Als der Neffe von seinem dummen Streich genesen war,
+wurde er von der<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> Polizei der Stadt verwiesen und zog nach Gneixendorf.
+Beethoven, der an dem Neffen, den er zum »geliebten Universalerben«
+bestimmt hatte, mit unverminderter Liebe hing, zog ebenfalls nach dem
+Dorfe hinaus, wo ihn die Diener und Bauern, die ihm in Flur und Wald
+begegneten, heftig auslachten, wenn sie ihn gerade beim Komponieren
+betrafen. Er gestikulierte so stark, daß das Vieh, das ihm begegnete,
+scheu wurde und die Bauern ihm oft zuriefen: »He! a bissl stader!«</p>
+
+<p>Auf einer Rückreise von Gneixendorf nach Wien mußte Beethoven fiebernd
+in einem Dorfwirtshause übernachten. An einer Bauchfellentzündung
+leidend, kam er auf einem Milchwagen, »dem elendesten Fuhrwerk des
+Teufels«, am 2. Dezember 1826 in Wien an und wurde von Stunde zu Stunde
+elender.</p>
+
+<p>Beethoven schickt seinen Neffen aus, zwei befreundete Ärzte zu holen,
+die versagen aber ihre Hilfe, weil ihnen der Weg von der Stadt nach
+der entfernten Wohnung Beethovens zu weit ist. Beethoven bittet seinen
+Neffen, andere Ärzte zu besorgen; der leichtsinnige Bursche vergißt
+aber ganz daran, setzt sich statt dessen in ein Kaffeehaus und spielt
+Billard. Erst sehr spät fällt ihm der Auftrag des todkranken Onkels
+wieder ein, aber anstatt wenigstens jetzt selber auf die Suche zu
+gehen, gibt er seinen Auftrag dem Kellner weiter, der ebenfalls daran
+vergißt. Drei Tage darauf wird der Kellner zufällig selbst krank und
+in der Klinik, wohin er gebracht werden muß, erinnert er sich jetzt
+erst des erhaltenen Auftrags. Jetzt erst erhält Beethoven ärztliche
+Hilfe. Aber es ist schon zu spät, da bereits Wassersucht eingetreten
+ist. Dazu kommen noch neue Gemütserschütterungen, und da nächtliche
+Erstickungsanfälle auftraten, muß der Bauchstich gemacht werden. Beim
+Anblick des Wassers, das ihm aus dem Leibe läuft, hat er noch so viel
+Humor, dem Arzt zu sagen, er sei ein wahrer Moses, der mit dem Stabe
+an den Felsen geschlagen habe, daß das Wasser kam. »Besser Wasser aus
+dem Bauch, als aus der Feder,« tröstete er sich. Eine Sorge verläßt
+ihn:<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> der Neffe Karl betritt die militärische Karriere; dafür kommt
+eine neue Sorge: die militärische Ausstattung des Neffen hat sehr viel
+gekostet, und es ist Geldnot eingetreten. Die Krankheit zieht sich in
+die Länge, obwohl Beethoven schon zum drittenmal operiert worden ist.
+Und von allen Bekannten kümmert sich fast niemand um ihn, außer den
+allernächsten Freunden. Und nun nähert sich Beethoven immer mehr seinem
+irdischen Ende. Am 23. März empfängt er die Sterbesakramente. Tags
+darauf beginnt der Todeskampf.</p>
+
+<p>Am 26. März 1827 blieb die kleine Pyramidenuhr, ein Geschenk der
+Fürstin Lichnowsky, stehen, und noch heute soll diese Uhr, so oft
+ein Gewitter naht, stehnbleiben. Gegen fünf Uhr toste mit gewaltigem
+Donner, Schnee und Hagelschlag mitten im Winter ein Unwetter heran.
+Nur Beethovens Schwägerin, Frau van Beethoven, und ein junger Schüler
+Beethovens waren im Sterbezimmer anwesend. Plötzlich wurde das Zimmer
+durch einen Blitz grell beleuchtet. Der Sterbende öffnete weit die
+Augen, erhob die rechte Hand und blickte mit drohender Miene starr gen
+Himmel. Dann sank er zurück. Der Recke war tot.</p>
+
+<p>Seinem Leichenbegängnis folgte keine Gattin, nach der er sich so oft
+gesehnt hatte und kein eigenes Kind. An seinem Grabe weinte die ganze
+Welt. Zwanzigtausend Menschen folgten dem Sarge, und alle Schulen waren
+geschlossen.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<div class="chapter">
+<h2>Der Erfinder Edison.</h2>
+</div>
+
+<p>In Orange in New Jersey, inmitten eines Netzes elektrischer Leitungen,
+erhebt sich ein von weiten, einsamen Gärten umgebenes Haus. Die Front
+gebietet über einen großen Rasenplatz, der von kiesbestreuten Wegen
+durchkreuzt ist und sich bis zu einem pavillonartigen Gebäude hinzieht.
+Dieser<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> Pavillon ist rings von einer Reihe sehr bejahrter hoher Bäume
+beschattet.</p>
+
+<p>Hier wohnt Thomas Alva Edison, der Mann, der das Echo gefangennahm, der
+fast taube Zauberer so vieler Wunderdinge, die geschaffen sind, um dem
+Ohr ein Fest zu bereiten.</p>
+
+<p>An einem Herbstabend der letzten Jahre geschah es, daß Edison sich in
+das Innere seines Privatlaboratoriums zurückzog. In seinem bequemen
+amerikanischen Klubsessel saß er mit aufgestützten Ellbogen allein,
+eine Havanna rauchend, obwohl er sonst nicht rauchte, weil der Tabak
+große Pläne so leicht in Träumereien zerfließen läßt. Von seinem
+bereits sagenhaft gewordenen Gewand umhüllt, dem schwarzseidenen Umhang
+mit den violetten Quasten, sah er zerstreut vor sich hin und schien in
+tiefe Betrachtung versunken.</p>
+
+<p>Die Tische waren übersät mit tausenderlei Instrumenten, Räderwerken,
+geheimnisvollen Mechanismen, elektrischen Apparaten, Teleskopen,
+Reflektoren, Magneten, Retorten, Phiolen und Tafeln, die mit Zahlen
+bedeckt waren.</p>
+
+<p>Die untergehende Sonne beleuchtete die von Ahorn- und Tannenbäumen
+bestandenen Hügel von New Jersey, und hin und wieder wurde das Gemach
+blitzartig von aufglühenden elektrischen Funken erhellt.</p>
+
+<p>Der Wind wehte kühler; ein Gewitter hatte am Nachmittage die Luft
+durchfeuchtet, und die Blumen vor dem Fenster schickten nun ihre
+schweren Düfte herein. Ihr betäubendes Aroma ermattete die lebhaften
+Gedanken Edisons, und unbewußt wurde er von dem Reiz der Dämmerung
+eingefangen ...</p>
+
+<p>Im Februar des kommenden Jahres wurde er sechzig Jahre alt und es
+reizte ihn nun, gleichsam am Vorabend des Greisenalters, über sein
+mühseliges, leidensvolles Leben nachzudenken ... all die mühseligen
+Wege, die er gehen mußte, ehe er als der größte Erfinder auf dem Gebiet
+der Elektrotechnik allgemein anerkannt war, in Gedanken zu gehn.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span></p>
+
+<p>Er sah das Bild Milans vor sich, seiner Geburtsstadt im
+nordamerikanischen Ohio, in der er am 11. Februar 1847 zur Welt kam.</p>
+
+<p>Väterlicherseits stammte Edison aus einer alten holländischen
+Müllersfamilie, die ungefähr um 1737 in Nordamerika eingewandert
+war. Er sah im Geiste den Vater vor sich, wie er in Milan einen
+schwunghaften Getreide- und Holzhandel betrieb, an dem er zum
+wohlhabenden Manne wurde. Und sah die, ach, nun tote Mutter, eine
+Kanadierin, die von einer eingewanderten schottischen Familie abstammte
+und eine vorzügliche Erziehung genossen hatte. Vor ihrer Heirat war
+sie Lehrerin gewesen, um später ihren Beruf auch am jungen Edison
+auszuüben. Das blühende Geschäft hatte den Eltern die Möglichkeit eines
+behaglichen Lebens gegeben und die Hoffnung einer sorglosen Zukunft.
+Die Eltern liebten ihren Thomas Alva mit großer Zärtlichkeit! Wie
+machten sie ihm seine Kinderjahre zu Jahren sonniger Freude!</p>
+
+<p>Aber Glück ist wandelbar und nicht von langer Dauer. Der Eisenbahnbau
+begann, um dem Handel einen neuen Weg zu eröffnen. Es begann ein
+tolles Hämmern und Schmieden. Aber durch diese Eisenbahn wurde der
+Kanalverkehr des Ohio lahmgelegt, dem der Vater hauptsächlich seine
+Einnahmen verdankte. Das Geschäft des Vaters ging zurück, und als
+gar noch eine allgemeine finanzielle Krisis hereinbrach, ging des
+Vaters Betrieb vollkommen zugrunde, so daß die Familie sich plötzlich
+allen Bitternissen der Armut gegenübergestellt sah. Aber nur das
+Geschäft brach zusammen, nicht auch der Vater, der vielmehr mit zäher
+ungebrochener Energie daranging, sich im Port Huron im Staate Michigan
+ein neues Heim zu gründen und mit erstaunlicher Arbeitskraft sein
+Leben von neuem aufzubauen. Thomas Alva war damals sieben Jahre alt.
+Er hatte bereits angefangen, in die Schule zu gehn, als schon sein
+erster Unterricht durch diese Umsiedelung gestört und gehemmt wurde.
+In<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> Port Huron wurde er nun, um das Schulgeld zu sparen, nicht mehr in
+die Schule geschickt; die Mutter übernahm vielmehr selbst die weitere
+Ausbildung des Knaben. Die lehrte ihn schreiben, lesen und rechnen
+und diese gemeinschaftliche Arbeit schuf ein sehr inniges Verhältnis
+zwischen Mutter und Sohn. Wie spornte sie immer seinen Wissenseifer an
+und gab seiner Phantasie reiche geistige Nahrung.</p>
+
+<p>Aber auch in Port Huron ging das Geschäft des Vaters nicht recht
+vorwärts; die Familie blieb arm. Es war aus mit den sorglosen Jahren
+der Kindheit; die Spielzeit war vorbei. Schon als Zwölfjähriger mußte
+der junge Edison daran denken, etwas mitzuverdienen. Er nahm eine
+Stelle als Zeitungsjunge an der Eisenbahn an, die Port Huron mit
+Detroit verbindet.</p>
+
+<p>Und Edison sieht im Geiste rückwärts; sieht, wie er zwischen diesen
+beiden Stationen täglich hin und her fährt, während der Fahrt von Wagen
+zu Wagen wandert, um den Reisenden Zeitungen, Süßigkeiten, Früchte
+und andre Erfrischungen anzubieten, wodurch er sich eine bescheidene
+tägliche Einnahme sichert, die er zum größten Teil seinen Eltern
+bringt. Die Stunden, die zwischen der Ankunft des Zuges in Detroit
+und seiner Abfahrt liegen, bringt er damit zu, seine Geschäftsgänge
+zu besorgen, seine Zeitungsexemplare einzukaufen und in der
+Volksbibliothek zu arbeiten, deren viele tausend Bände gewissenhaft
+durchzulesen er sich ernsthaft vorgenommen hat. Er liest tatsächlich
+auch die Bücher, wie sie ihm gerade zur Hand kommen, der Reihe
+nach wahllos durch, und als er schon eine Strecke von fünfzehn Fuß
+weggelesen hat, wird die Bibliothekleitung endlich auf sein Vorhaben
+aufmerksam und lenkt seine Lesewut in die richtigen Bahnen. Unter den
+bereits verschlungenen Büchern befanden sich recht schwierige Werke;
+zum Beispiel Gibbons »Verfall und Untergang des römischen Reiches«,
+Humes »Geschichte Englands« und »Die Geschichte der Reformation«,
+Burtons »Anatomie der Melancholie« und andre Bücher.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span></p>
+
+<p>Auf der hundert Kilometer langen Bahnstrecke Port Huron-Detroit war
+der junge Edison bald eine sehr bekannte und beliebte Person. Aber
+wichtiger war für ihn, daß er sich auch die Zuneigung des Bahnpersonals
+erwarb. Denn er hatte es in erster Reihe dem Personal zu danken,
+daß man ihm das ausschließliche Recht des Zeitungsverkaufs auf den
+Lokalzügen der genannten Strecke zubilligte; außerdem hatte man ihm
+noch einen alten ausrangierten Gepäckwagen zur Verfügung gestellt, der
+gewöhnlich leer im Zuge mitlief.</p>
+
+<p>Welche wundervollen Stunden hat er in diesem Rumpelwagen erlebt! Schon
+als dreizehnjähriger Knabe hatte Edison große Freude an chemischen
+Experimenten, und so häufte er in der einen Hälfte des Wagens allerhand
+Apparate und Flaschen mit Chemikalien an und gestaltete ihn zu einem
+kleinen chemischen Laboratorium um, während er in der andren Hälfte
+seine Zeitungen, Fruchtkörbchen und andere Handelsartikel aufbewahrte.</p>
+
+<p>Über seinen chemischen Versuchen vergaß er aber nicht, seinen
+Geschäften nachzugehen; im Gegenteil, seine Tätigkeit war, wie
+bei allen Amerikanern, auf Gewinn und Erwerb gerichtet. Er kaufte
+gewöhnlich zweihundert Zeitungsexemplare; zuweilen hätte er aber
+auch dreihundert verkaufen können. Als er nach der Ursache dieses
+schwankenden Verkaufs forschte, bemerkte er bald, daß sich der Absatz
+nach der Wichtigkeit und Sensation der aktuellen Vorgänge richtete,
+und er war nun so schlau, ehe er seine Exemplare kaufte, jedesmal die
+Überschriften der Zeitung erst rasch zu überfliegen und sie gleichsam
+auf ihre sensationelle Wirkung hin zu prüfen. Und danach bemaß er
+dann auch ganz seinen Bedarf. Um jene Zeit war gerade der große Krieg
+zwischen den Nord- und Südstaaten ausgebrochen, und das reisende
+Publikum war nach den neuesten Nachrichten stets sehr begierig.</p>
+
+<p>Eines Tages las Edison auf der Probenummer der Zeitung in Riesenlettern
+eine Überschrift, die eine große Schlacht mit fünfzigtausend Toten und
+Verwundeten ankündigte. Blitzartig<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> durchfuhr ihn der Gedanke, daß
+ihm der Verkauf dieser Zeitungsnummer großen Gewinn bringen könnte,
+wenn es ihm gelänge, die Aufmerksamkeit der Reisenden längs der ganzen
+Zugstrecke rechtzeitig auf diese große Neuigkeit hinzulenken. Schon
+hatte er einen fertigen Plan im Kopf. Er eilte zur Telegraphenstation
+und bestimmte einen ihm bekannten Beamten ein kurzes Telegramm
+über eine große Schlacht mit fünfzigtausend Toten und Verwundeten
+abzusenden, mit der Bitte, diese Depesche an der schwarzen Tafel, auf
+der gewöhnlich die Verspätungen der Züge angezeigt wurden, mit Kreide
+anzuschreiben. Edison erbot sich, dem Beamten für diesen Dienst ein
+halbes Jahr lang unentgeltlich eine täglich erscheinende Abendzeitung
+und zwei Journale zu liefern, eine Wochen- und eine Monatsschrift.
+Der Beamte ging auf den Vorschlag ein und versprach, das Telegramm
+rechtzeitig abzusenden. Nun galt es noch, eine möglichst große Anzahl
+Zeitungsexemplare zu erhalten. Geld hatte Edison nicht, und als er
+sich an den Vorsteher der Speditionsabteilung mit der Bitte wandte,
+ihm tausend Exemplare auf Kredit zu überlassen, wurde ihm das rundweg
+abgeschlagen. Viel Zeit war bis zum Abgang des Zuges nicht mehr zu
+verlieren; kurz entschlossen wandte sich Edison an den Eigentümer
+der Zeitung selbst, sagte ihm, wer er sei und bat um fünfzehnhundert
+Exemplare, die er am nächsten Tage bezahlen wollte. Der Besitzer der
+Zeitung, ein hagerer ernster Mann, musterte den kecken vierzehnjährigen
+Zeitungsboy einen Augenblick, kritzelte einige Worte auf einen Zettel
+und gab ihn Edison mit den Worten: »Trag's hinunter, und du wirst
+erhalten, was du wünschest.« Niemand war glücklicher als Edison. Im
+Triumph trug er seinen schweren Ballen Zeitungen fort, faltete und
+legte sie noch auf der Straße mit Hilfe einiger Knaben zurecht und
+lief zu seinem Zuge. Jetzt hatte er nur noch die eine Sorge, ob der
+Telegraphenbeamte auch Wort gehalten hatte. Denn davon hing ja der
+glückliche Ausgang seines Unternehmens ab.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span></p>
+
+<p>Und wie dann der Erfolg seine Erwartungen bei weitem übertraf! Wie er
+schon, als der Zug auf der ersten Station Utica einlief, eine Menge
+Menschen auf dem Bahnsteig herumstehen sah, die, durch sein Telegramm
+neugierig gemacht, ungeduldig die Ankunft des Zuges erwarteten, um
+genauere Nachrichten über die große Schlacht zu erhalten. Wie er nun
+einen Arm voll Zeitungen nahm, aus seinem Güterwagen sprang und im
+Nu vierzig Exemplare zu zwanzig Pfennig (fünf Cent) abgesetzt hatte,
+während er sonst an dieser Station kaum zwei Exemplare loswerden
+konnte. Auf der nächsten Station, Mount Clemens, war noch eine größere
+Menschenmenge versammelt. Jetzt hatte er vierzig Pfennig für das
+Exemplar gefordert und hatte trotzdem hundertfünfzig Stück verkauft.
+Ähnlich ging es auf den folgenden Stationen. Am tollsten war es aber
+auf der Endstation Port Huron, wo Edison zu Hause war. Als er hier mit
+den letzten paar hundert Exemplaren, die ihm geblieben waren, sich auf
+den Weg zur Stadt machte, die anderthalb Kilometer entfernt lag, kam
+ihm unterwegs ein großer Schwarm aufgeregter Menschen entgegen, die
+ebenfalls durch sein schlaues Manöver in höchste Erregung versetzt
+worden waren. Sie riefen alle nach Zeitungen und Edison verkaufte
+ihnen einen großen Teil, das Exemplar zu einem Vierteldollar (mehr
+als eine Mark). Die Nachricht, daß der kleine Edison mit den neuesten
+Depeschen vom Kriegsschauplatze kam, verbreitete sich mit Windeseile
+nach der Stadt, und Edison sah sich genötigt, auf den Stufen, die zur
+Tür einer Kirche emporführten, Posto zu fassen, um sich des Andranges
+zu erwehren. Der Gottesdienst sollte gerade beginnen, aber die Türen
+waren noch offen, daher strömten die Menschen heraus, und es entstand
+ein tolles Wettbieten auf die letzten hundert Exemplare der kostbaren
+Zeitungsnummer.</p>
+
+<p>Mit einem kleinen Vermögen kam Edison am Abend nach Hause, wo er seinen
+Eltern von der gelungenen Unternehmung berichtete und ihnen den größten
+Teil seines Gewinnes einhändigte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span></p>
+
+<p>Der glückliche Ausgang dieser kleinen Spekulation blieb auf die
+Entwicklung Edisons nicht ohne starken Einfluß. Zunächst stärkte sich
+sein Selbstvertrauen, sein Unternehmungsgeist wurde angeregt, so daß
+der Vierzehnjährige Geschäftsunternehmungen wagt, die von seinen
+außerordentlichen Anlagen beredtes Zeugnis ablegen. Er verdankte ja
+sein kleines Vermögen jenem Telegramm, und so war es ganz natürlich,
+daß die Telegraphie und ihre gewaltige Bedeutung für den Verkehr ihn
+besonders lebhaft interessieren mußte. Er vernachlässigte nun die
+Chemie auf Kosten der Elektrizität, über deren geheimnisvolle Kraft er
+in der folgenden Zeit alles zusammenlas, was ihm nur erreichbar war. Er
+kaufte und verfertigte sich elektrische Apparate, um selbst elektrische
+Versuche anstellen zu können.</p>
+
+<p>Inzwischen war er rastlos bemüht, aus seinem Zeitungsverkauf möglichst
+großen Gewinn zu ziehen, denn ohne Geldmittel war es ihm nicht möglich,
+seine Kenntnisse zu erweitern. Er dachte sogar daran, selbst eine
+kleine Zeitung herauszugeben, um seine Einnahmen zu vermehren und,
+die Tat dem Gedanken gleich folgen lassend, ging er sofort an die
+Ausführung. Für wenig Geld hatte er bald eine alte ausrangierte Presse
+und einen Satz alter Typen erworben, die er nach seinem Gepäckwagen
+schaffte, wo er denn auch seine Versuche begann. Das Setzen und Drucken
+hatte er in der Druckerei, von der er bisher die Zeitung bezog, den
+Arbeitern abgesehen; trotzdem kostete es ihn freilich unendliche Mühe
+und manche schlaflose Nacht, bis er den Reisenden seiner Strecke seine
+eigene kleine Zeitung, die er »Grand Trunk Herald« nannte, zu drei
+Cent das Exemplar verkaufen konnte. Sie erschien einmal wöchentlich
+und kostete im Monatsabonnement acht Cent (zweiunddreißig Pfennig);
+jedenfalls war es das einzige Journal der Welt, das den Namen einer
+Eisenbahnzeitung mit Fug und Recht trug, da sie im Eisenbahnzuge
+selbst fertiggestellt wurde. Der vierzehnjährige Edison war sein
+eigener Redakteur, Setzer, Drucker und Zeitungsjunge.<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> Ehe die erste
+Nummer aber erschien, machte der diplomatische Junge einem der
+Generaldirektoren der Bahnlinie einen Besuch und bat ihn um die Ehre,
+sein erster Abonnent zu werden. Seine Bitte wurde erfüllt und überdies
+bedachte man ihn mit einem kleinen Geldgeschenk. Unter dem Bahnpersonal
+selbst gewann er eine stattliche Zahl Abonnenten, und auch zahlreiche
+Reisende kauften die Zeitung, so daß er in kurzer Zeit vierhundert
+Abonnenten zählte. Ihr Inhalt bestand meist aus Lokalnotizen,
+Bahnerlebnissen, Zugverbindungen, Verkehrsneuigkeiten, wichtigen
+Familienereignissen und Inseraten. Um neue Leser anzulocken, erhielt
+jeder Abonnent seine Zeitung mit aufgedrucktem Namen. Die weltberühmte
+Londoner Zeitung, die »Times«, würdigte dieses Edisonsche Blättchen
+sogar einer Besprechung, und der große Erfinder der Lokomotive,
+Stephenson, bestellte eine Spezialausgabe dieser Zeitung für sich
+allein.</p>
+
+<p>Edisons Einnahmen wuchsen; seine Arbeit wurde freilich auch immer
+größer, so daß er endlich mehrere junge Burschen als Gehilfen anstellen
+mußte. Nun konnte er seinen Eltern bereits einen Monatsgewinn von
+vierzig Dollar (hundertundsiebzig Mark) abliefern.</p>
+
+<p>Trotz dieses günstigen Resultates war er nicht zufrieden; er wollte
+seine Zeitung auf ein höheres Niveau erheben, sie fesselnder gestalten.
+Und so gab er mit einem gleichalterigen Kameraden eine neue Zeitung
+heraus, »Paul Pry« benannt, nach einer bekannten Lustspielfigur, die
+einen neugierigen, umherspähenden, spionierenden Charakter hatte. Die
+neue Zeitung war in jeder Beziehung der alten überlegen. Allein, da er
+selber noch ein Knabe war, teilte Edison oft auch knabenhafte Torheiten
+mit und wurde bei der Mitteilung mancher Neuigkeiten übermütig und
+ausfallend. So geschah es, daß ein Leser der Zeitung sich und sein
+peinliches Erlebnis eines Tages selbst lächerlich gemacht sah; in
+höchste Wut versetzt, lauerte der herkulische Mensch dem jungen Edison
+auf und schleuderte ihn kurzerhand in den St. Clairfluß.<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> Edison konnte
+aber gut schwimmen und rettete sich glücklich ans Ufer; jedoch machte
+das unfreiwillige Bad dem »Paul Pry« rasch ein vorzeitiges Ende.</p>
+
+<p>Kurze Zeit nach diesem unglücklichen Abenteuer fiel in dem alten
+rumpligen Gepäckwagen, der nicht auf Federn ruhte, durch die heftigen
+Stöße der Lokomotive eine Flasche Phosphorlösung um. Sie explodierte
+und der Wagen geriet in Brand. Das Feuer wurde zwar mühelos gelöscht,
+aber der Zugführer hatte schon längst nach einer Gelegenheit gesucht,
+den kleinen Edison loszuwerden, der in dem alten Wagen fürchterlich
+dünstende chemische Versuche anstellte und mit den Druckpressen einen
+schrecklichen Radau vollführte. Der Zugführer ließ nun sofort alle
+Habseligkeiten Edisons rücksichtslos ausräumen, verbot ihm die weitere
+Benützung des Gepäckwagens und gab ihm noch obendrein ein paar so
+mächtige Ohrfeigen, daß Edison das Trommelfell des einen Ohres platzte,
+auf dem er zeitlebens taub blieb.</p>
+
+<p>Edison rückte sich im Sessel zurecht und faßte unwillkürlich an das
+taube Ohr. Er hatte viel gelitten darum. Ganz in seinen Erinnerungen
+lebend, fühlte er noch jetzt, nach fünfundvierzig Jahren, die Hand des
+brutalen Zugführers in seinem Antlitze brennen. Überwältigt von Schmerz
+und Scham mußte er damals zusehen, wie der Zugführer abdampfte. Und
+Edison stand mit seinen zerbrochenen Gläsern, Retorten und Apparaten
+heulend auf dem Bahnsteig.</p>
+
+<p>Der Verlust seines geliebten Laboratoriums war ein schrecklicher Schlag
+für Edison. Die höchste Verzweiflung hatte ihn gepackt. Seine Mutter
+tröstete ihn und räumte ihm den Wohnungskeller ein, in dem er seine
+Versuche fortsetzen konnte. Der Gepäckwagen war ihm nun entzogen, seine
+Stellung als Zeitungsjunge konnte man ihm aber nicht nehmen. Und so
+fuhr er denn, wie in den ersten Tagen, zwischen Detroit und Port Huron
+hin und her, um wieder seine alte Zeitung zu verkaufen. Die freie Zeit,
+die ihm blieb, verwandte er auf elektrische Versuche, denen<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> von nun
+ab sein Hauptinteresse gehörte. Zunächst wollte er eine telegraphische
+Anlage bauen. Er hatte sich ein Buch über Telegraphie gekauft, das
+er eifrig studierte. Aus gewöhnlichem Eisendraht stellte er nun eine
+Leitung her, die sein Haus mit dem eines Kameraden verband und mittels
+eines alten Kabelstückes, das er im Fluß gefunden hatte, wurde diese
+Leitung »unterführt«. Zwei riesige Katzen wurden beschafft, deren
+rückwärts geriebenes Fell als elektrische Stromquelle dienen sollte.
+Diese kindlichen Versuche hatten aber kein anderes Ergebnis, als daß
+die Katzen, die keine Lust hatten, Reibungsversuche an sich machen zu
+lassen, die beiden Knaben bös zerkratzten und übel zurichteten.</p>
+
+<p>Das Mißlingen spornte Edison aber zu neuen Versuchen an. Er kaufte,
+indem er sich selbst große Entbehrungen auferlegte, allerhand alte
+elektrische Apparate und Elemente und setzte seine Versuche mit
+einer Ausdauer fort, die den Kameraden oft zur Verzweiflung brachte.
+Schmerzlich war es inmitten all dieser Versuche für Edison, daß er
+die Kunst des Telegraphierens nicht beherrschte. Ein Zufall kam
+ihm jedoch auch hier glücklich zustatten. Der Zug, auf dem Edison
+Zeitungsjunge war, hatte auf der Station Mount Clemens gewöhnlich
+eine halbe Stunde Aufenthalt, um Rangierungen vorzunehmen und einen
+Güterwagen abzustoßen. Edison schlenderte mit seinen Zeitungen am Zuge
+entlang, als er plötzlich gewahrte, daß der kaum dreijährige Sohn des
+Stationsvorstehers ahnungslos auf dem Gleise spielte, auf dem der
+abgestoßene Güterwagen eben ziemlich rasch herangerollt kam. Voller
+Geistesgegenwart schleuderte Edison seine Zeitungen fort, war mit
+einem Satz an der gefährlichen Stelle und hatte gerade noch Zeit, sich
+mit dem Jungen auf die andere Seite zu werfen. Im nächsten Augenblick
+erhielt Edison auch schon am Stiefelabsatz vom Wagen einen heftigen
+Stoß, der den jungen Lebensretter darüber belehrte, in welcher großen
+Todesgefahr beide geschwebt hatten. Beide waren, vornüberstürzend,
+mit dem Gesicht so heftig auf einen Kieshaufen aufgeschlagen,<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> daß
+sich die kleinen Steinchen tief ins Fleisch gebohrt hatten. Aber diese
+Verletzungen waren ungefährlich, und die glücklichen Eltern wußten
+nicht, wie sie dem fünfzehnjährigen Lebensretter danken sollten. Der
+Stationsvorsteher Mackenzie war arm und lebte nur von seinem knappen
+Gehalt. Da er aber Edisons Neigungen kannte, erbot er sich, ihm
+die Kunst des Telegraphierens beizubringen, die Edison weit höher
+einschätzte, als eine Geldbelohnung, und so wurde Edison zu einem
+Telegraphisten ausgebildet. Er konnte für dieses Studium freilich nur
+die Nachtstunden benützen, da er tagsüber mit dem Zeitungsverkauf zu
+tun hatte. Trotzdem machte Edison bei seinem rastlosen Eifer so rasche
+Fortschritte, daß er schon nach vierzehn Tagen dem Stationsvorsteher
+einen vollständigen Satz telegraphischer Apparate vorlegen konnte, die
+er in einer Büchsenmacherei selbst angefertigt hatte. Trotzdem die
+Apparate auf einem Briefkuvert Platz hatten, funktionierten sie doch
+vortrefflich. Und praktisch wie Edison war, legte er auch gleich eine
+eigene Telegraphenlinie an, um Port Huron mit dem Bahnhof zu verbinden,
+der anderthalb Kilometer entfernt lag. Er nagelte einfach ausgeglühten
+Eisendraht mit gewöhnlichen Nägeln an die Pfosten einer hölzernen
+Einfriedigung. Das Telegramm kostete fünfzig Pfennig (zwölfeinhalb
+Cent). Bei trockenem Wetter arbeitete die Linie exakt; bei feuchtem war
+aber die Isolierung zu schlecht. Allein, da im ersten Monat nur drei
+Depeschen aufgegeben wurden, suchte Edison anderweitige und lohnendere
+Beschäftigung.</p>
+
+<p>Als Eingeweihter in telegraphische Geheimnisse, wurde er nun ständiger
+Besucher der Telegraphenämter. Er war sehr beliebt und benutzte jede
+Gelegenheit, um seine Kenntnisse zu vertiefen. Nach drei Monaten hatte
+er es denn zu einer größeren Vollkommenheit gebracht als sein Lehrer;
+er war vorbereitet genug, um die Stelle eines Telegraphisten ausfüllen
+zu können. Er verließ endlich, von der größten telegraphischen
+Gesellschaft Nordamerikas noch um neunzig Mark Gehalt betrogen, seine<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span>
+Heimatstadt zum ersten Male, um im kanadischen Stratford einen Posten
+als Telegraphist anzunehmen, den ihm der Stationsvorsteher Mackenzie
+verschafft hatte.</p>
+
+<p>Und nun begann eigentlich erst für Edison die Zeit der wechselvollen
+Erlebnisse, der mühseligen Arbeit, der schweren Enttäuschungen und der
+großen Entbehrungen, die keinem erspart bleiben, der Großes erreichen
+und Bedeutendes schaffen will. Es begann für Edison die Zeit, in der
+sein Genie auf harte, aber kräftigende Proben gestellt wurde.</p>
+
+<p>Er bezog ein monatliches Gehalt von fünfundzwanzig Dollar und
+hatte schweren Nachtdienst, denn sein Vorgesetzter war hart und
+unnachsichtig. Um die Wachsamkeit seiner Telegraphisten kontrollieren
+zu können, hatte er die Vorschrift erlassen, daß jeder alle halbe
+Stunde das Wort »<em class="antiqua">six</em>« telegraphieren solle. Nun hatte Edison
+die Gewohnheit, in seiner dienstfreien Zeit die Telegraphenbureaus in
+der Umgebung von Stratford zu besuchen, und er machte oft so weite
+Ausflüge, daß er gerade noch knapp zu seinen Dienststunden eintraf.
+Die Folge war, daß er des Nachts sehr müde war, und daß ihm die
+Innehaltung des Kontrollzeichens sehr lästig wurde. Er kam daher auf
+den Gedanken, diese Arbeit durch einen »anderen« verrichten zu lassen,
+nämlich durch die Uhr. Er befestigte an der Uhr ein kleines Rad, das
+bestimmte Einschnitte hatte; dieses Rad schaltete er mittels Drähte in
+den Stromkreis des Telegraphenapparates ein und ließ auf diese Weise
+die Uhr alle halbe Stunden das verlangte Wort telegraphieren. Das
+ging eine Zeitlang ganz gut, bis man bemerkte, daß, sobald das Wort
+»<em class="antiqua">six</em>« telegraphiert war, einige Buchstaben nicht telegraphiert
+werden konnten. Man untersuchte den Fehler und entdeckte Edisons
+arbeitsparende Vorrichtung, die sofort beseitigt wurde. Und fast wäre
+Edison selber »beseitigt« worden. In dieser Vorrichtung lag aber
+schon die Grundidee zu dem späteren Distrikttelegraphen Edisons, der
+patentiert und verkauft wurde.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span></p>
+
+<p>Weniger glücklich verlief ein anderer Vorfall, bei dem sich Edison
+grobe Pflichtversäumnis hatte zuschulden kommen lassen. Es gehörte
+zu seinen Obliegenheiten, gewissen ankommenden Nachtzügen je nach
+der Anweisung des Zugabfertigers das Signal zum Halten oder zum
+Weiterfahren zu geben. Eines Nachts sollte er einen ankommenden
+Güterzug auf einer Station halten lassen; Edison telegraphierte aber
+dem Abfertiger die Ankunft des Zuges, bevor er wirklich eingelaufen
+war, und entfernte sich, um spazierenzugehen. Er glaubte noch
+rechtzeitig zurücksein zu können; aber der Zug war schon früher da, als
+Edison angenommen hatte und, da der Zugführer infolge der Abwesenheit
+Edisons keinen Befehl zum Halten vorfand, war er wieder weitergefahren.
+Edison wollte nun zum nächsten Güterschuppen eilen, wo die
+Nachtgüterzüge zu halten pflegten, um Frachtstücke ein- und auszuladen;
+aber in der Dunkelheit fiel er in eine Grube, aus der er sich nur
+schwer herausarbeiten konnte. Und als er zerschunden und atemlos an
+dem Schuppen angekommen war, war es wieder zu spät. Er stürzte wieder
+zur Station zurück und schickte eine Depesche nach der nächsten
+Station, aber auch diese kam schon zu spät, und wenn nicht die beiden
+Lokomotivführer sehr achtsam gewesen wären, hätte es unvermeidlich
+zu einem Zusammenstoß kommen müssen. Als der Betriebsdirektor diese
+Geschichte erfuhr, lud er den Sechzehnjährigen vor sich, um ihm zu
+erklären, daß er ihn unbarmherzig auf fünf Jahre ins Gefängnis schicken
+werde. Aber während Edison gerade das trübe Schicksal seiner nächsten
+Zukunft erfuhr, kamen zwei Freunde des Direktors zu Besuch, die ihn
+sofort in eine Unterhaltung zogen, und diese hochwillkommene Ablenkung
+benutzte Edison, um auszureißen. Mit dem nächsten Zuge reiste er, wie
+er ging und stand, nach Port Huron zurück.</p>
+
+<p>Edisons Genie sollte sich auch hier bewähren. Der Winter war sehr hart
+gewesen, und als nun im Frühjahr das mächtige Treibeis des Huron-Sees
+herankam, zerriß es das Kabel zwischen<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> Port Huron und der jenseits
+des mächtig breiten Flusses liegenden Stadt Sarnia. Der Verkehr war
+sehr gestört, die Herstellung des Kabels war unmöglich. Völlig ratlos
+wandte man sich an Edison, der sich auf die Weise zu helfen wußte,
+daß er mit einer Lokomotive dicht an den Fluß heranfuhr und nun mit
+der Signalpfeife ein Telegramm hinüber»pfiff«. Mit kurzen Tönen ahmte
+Edison die Punkte, mit langgezogenen die Striche des Morse-Alphabets
+nach. Und er pfiff die Frage in den Nebel hinaus: »Hallo, Sarnia, hörst
+du mich?« Und nachdem er das Signal mehrere Male vergeblich hatte
+ertönen lassen, wurde man endlich am jenseitigen Ufer doch aufmerksam,
+erkannte die Bedeutung der schrillen Pfiffe und die Telegraphisten
+antworteten auf dieselbe Weise die Antwort zurück. So war die
+Verbindung wiederhergestellt.</p>
+
+<p>Diese findige Leistung machte Edison bekannt, und es fiel ihm deshalb
+auch nicht schwer, eine Stellung als Telegraphist zu finden. Aber
+da er viel unter Neid und Klatschsucht zu leiden hatte, und seine
+Dienstvorschriften öfters verletzte, weil er unermüdlich seinen
+eigenen Untersuchungen nachhing, mußte er seinen Aufenthaltsort oft
+wechseln. So taucht der Siebzehnjährige in Adrian auf, in Fort Wayne,
+Indianopolis, Cincinnati und Memphis. In Indianopolis gelang ihm auch
+seine erste Erfindung, der selbsttätige Wiedergeber, der die Tätigkeit
+des Telegraphisten überflüssig machte. Er hatte die Telegramme, die mit
+einer Geschwindigkeit von fünfzig Worten in der Minute einliefen, für
+die Presse wortgetreu wiederzugeben und hatte sich nun einen Apparat
+konstruiert, der das mit einer Geschwindigkeit von dreißig Worten in
+der Minute erledigte. Er hielt die Vorrichtung zwar geheim; aber eines
+Tages, da sein Apparat, wo es sich um die Wiedergabe einer äußerst
+wichtigen Gesetzesvorlage handelte, allzusehr im Rückstande blieb,
+wurde dieser geniale Betrug entdeckt und Edison wurde auf der Stelle
+entlassen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span></p>
+
+<figure class="figcenter illowp50" id="illu-223" style="max-width: 41.75em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-223.jpg" alt="bild">
+</figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span></p>
+
+<p class="p2">Er begab sich nach Cincinnati, wo er sechzig Dollar im Monat verdiente
+und durch aufopfernden Pflichteifer bald auf hundertundfünf Dollar
+stieg, wanderte aber bald darauf nach Memphis, wo die Telegraphisten
+hundertundfünfundzwanzig Dollar (fünfhundert Mark) im Monat verdienten.
+Der Betriebsdirektor quälte sich vergeblich damit ab, eine Erfindung zu
+machen, durch welche New York und New Orleans in direkte telegraphische
+Verbindung treten konnten und als dies dem jungen Edison, unter
+Anwendung seiner in Indianopolis gemachten Erfindung, nach kurzer Zeit
+gelungen war, wurde der Direktor von solchem Neid erfaßt, daß er eine
+falsche Anklage gegen Edison erhob, die zu seiner Entlassung führte.</p>
+
+<p>Jetzt traf ihn aber seine Entlassung höchst ungünstig. Edison hatte
+eben einen großen Teil seines Gehalts — wie immer — den Eltern
+geschickt. Er war vollständig mittellos und da er nie viel Wert auf
+seine äußere Erscheinung gelegt hatte, stand es auch um seine Kleidung
+sehr schlecht. Überdies war der Winter vor der Tür. Edison faßte
+trotzdem Mut und wanderte wie ein Handwerksbursche mehrere hundert
+Kilometer zu Fuß nach Louisville. Halbtot vor Hunger und Kälte und
+Überanstrengung, mit Stiefeln ohne Sohlen, mit einem Strohhut auf dem
+Kopf und in dünner, fadenscheiniger Sommerkleidung stapfte Edison in
+den schnee- und eisbedeckten Straßen von Louisville umher, sich nach
+dem Telegraphenamt hinfragend, wo er um eine Anstellung bat. Und als
+der zerlumpte Bettler eine Probe seiner Geschicklichkeit gegeben hatte,
+erhielt er auch Beschäftigung.</p>
+
+<p>Bis zu seinem neunzehnten Jahre blieb Edison in Louisville. Er brachte
+es hier in der Kunst der Depeschenübertragung bis auf fünfundvierzig
+Worte in der Minute. Inzwischen hatte er sich auch eine ganze
+Bibliothek über elektrische Studien angeschafft und setzte außerdem
+seine Experimente unentwegt fort.</p>
+
+<p>Es war den Beamten aber streng untersagt, die elektrischen Batterien
+und Elemente anzurühren. Eines Nachts hatte Edison<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> etwas Schwefelsäure
+nötig und ging ins Batteriezimmer, sie zu holen. Dabei verschüttete
+er ein Teil der Säure, die durch den Fußboden drang und im darunter
+liegenden Zimmer des Direktors Schreibtisch und Teppich zerstörte. Der
+aufgebrachte Vorgesetzte jagte Edison davon. Er ging zu seinen Eltern,
+blieb anderthalb Jahre in seiner Heimatstadt Telegraphist und erfand
+dort die Methode, ein einziges Kabel für zwei Stromkreise nutzbar zu
+machen. Die Gesellschaft, der er seine Erfindung überließ, lohnte ihn
+mit einem Freibillett nach Boston, wo ihm eine Stellung angeboten war.</p>
+
+<p>Gleich beim Beginn seiner Tätigkeit legte er Proben einer so
+außerordentlichen Geschicklichkeit ab, daß die Kollegen, die erst
+geglaubt hatten, ihn verhöhnen zu können, ihm die größte Hochachtung
+bezeigten und sich um seine Freundschaft bewarben. Und da es um
+diese Zeit auch seinen Eltern wieder besser zu gehen begann, wurde
+er von dem schweren Druck befreit, der bisher auf ihm lastete.
+Seine teilnahmsvollen Kameraden, sein freundlicher Vorgesetzter und
+endlich die Freundschaft eines Herrn Milton Adams wirkten belebend
+auf seine Fähigkeiten und schienen tausend Pläne und Erfindungen in
+ihm zu wecken. Die erste Erfindung, die er hier ausführte, war ein
+Abstimmungstelegraph, der die zeitraubende Arbeit des Zählens bei
+Parlamentsabstimmungen ersparen sollte. Die Erfindung, auf die Edison
+große Hoffnungen gesetzt hatte, wurde 1869 zwar patentiert; praktisch
+fand man sie aber unverwertbar. Die Ablehnung empfand Edison sehr
+schmerzlich; er lernte aber auch von diesem Fehlschlag, eine Erfindung
+erst auf ihre Brauchbarkeit hin zu prüfen, ehe er an ihre Ausarbeitung
+Kosten und Mühen verschwendete.</p>
+
+<p>In Boston hatte Edison sich eine kleine Werkstatt gemietet. Seine
+Freunde hatten für das Bekanntwerden seiner Fähigkeiten wohl gesorgt,
+so daß er bald kleine Aufträge bekam. Besonders zwei Aufgaben fesselten
+ihn jetzt sehr stark: die Herstellung<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> eigener telegraphischer
+Druckapparate für die Mitteilung der Kurse im Geldverkehr und die
+Benutzung <em class="gesperrt">eines</em> Drahtes zur gleichzeitigen Sendung mehrerer
+Depeschen. Deutschland kannte zwar schon diese Telegraphie; aber in
+Amerika hat erst Edison die Telegraphie auf eine so vollkommene Stufe
+erhoben, daß man die dadurch gemachten Ersparnisse auf etwa fünfzehn
+Millionen Dollar taxiert.</p>
+
+<p>Indessen, es wollte ihm auch hier nicht gelingen, einen wesentlichen
+<em class="gesperrt">praktischen</em> Erfolg für seine Erfindungen zu erringen; das
+verleidete ihm Boston, und er beschloß, sein Wirkungsfeld nach der
+Zentrale des amerikanischen Geschäftslebens zu verlegen: nach New York.
+Und in großer Sorge um seine Zukunft reiste er dahin.</p>
+
+<p>Aber auch hier hatte er in den ersten Wochen bitter zu kämpfen. Er fand
+keine Stellung, und niemand interessierte sich für seine Erfindung. Er
+wäre auf dem erbarmungslosen New Yorker Pflaster in die äußerste Not
+gekommen, wenn ihn nicht ein Zufall die rechten Wege geführt hätte.
+Zuweilen scheint es wirklich, als hätte ein guter Geist immer seine
+Schritte gelenkt, um ihn, wenn auch scheinbar auf Umwegen, seinen
+Zielen entgegenzubringen.</p>
+
+<p>Als Edison nach New York kam, war es gerade der Schauplatz einer
+dreisten Spekulation des Millionärs Jay Gould, der alles Gold hatte
+aufkaufen lassen, um die Preise in die Höhe zu treiben. Das Bureau des
+Herrn Law war das einzige, das mit allen sechshundert Geldmaklerbureaus
+in telegraphischer Verbindung stand und wo man erfuhr, wie es um den
+Goldkurs stand. Eine Unzahl besorgter Geschäftsleute forderte vom
+Bureau Law Nachrichten. Die Beamten hatten alle Hände voll Arbeit.
+Da versagt plötzlich zum Unglück — und zum Glück Edisons — der
+Haupttelegraphenapparat. Die Störung verursachte eine ungeheure
+Erregung bei der draußen harrenden Menge, die von Minute zu Minute
+immer drohender anschwoll. Law und seine<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> Beamten waren vollständig
+kopflos geworden, als der beschäftigungslose Edison, der mit der
+drängenden Menschenmasse unbeachtet ins Bureau geschoben worden war,
+den Apparat, der die Störung verursachte, rasch betrachtet hatte
+und nun sagte: »Ich glaube, Mister Law, ich kann Ihnen zeigen, wo
+die Störung liegt. Eine Kontaktfeder ist zerbrochen, zwischen zwei
+Zahnräder gefallen und hindert dadurch die Umdrehung der Scheibe mit
+den Papierstreifen.« Edisons Vermutung war richtig. In kurzer Zeit
+hatte er die Störung beseitigt, und Law engagierte Edison sofort als
+Aufseher über alle Teile des telegraphischen Betriebes mit dem hübschen
+Monatsgehalt von nahezu dreizehnhundert Mark (dreihundert Dollar).
+Mit einem Schlage war Edison ein gemachter Mann. Er war für alle Zeit
+die fürchterlichen Nahrungssorgen los, und von nun an nimmt seine
+Entwicklung einen raschen und glänzenden Verlauf.</p>
+
+<p>Seine Tätigkeit bei Law brachte es mit sich, daß Edison sich wieder
+der Herstellung verbesserter telegraphischer Apparate zuwandte. Seine
+Verbesserungen riefen indessen eine Umwälzung auf diesem Gebiete
+hervor, daß er schließlich seine Stellung dadurch verlor. Inzwischen
+war er aber in New York bereits so bekannt, daß er in einer Fabrik
+für elektrische Apparate sofort wieder eine neue Stellung fand. Hier
+vervollkommnete er seine früher erwähnte Erfindung des Drucktelegraphen
+für Kursberichte, die ihm bei Laws Konkurrenzgesellschaft eine gleiche
+Stellung eintrug, wie er sie bei Law gehabt hatte. Und als er hier
+die telegraphischen Einrichtungen verbesserte, kaufte ihm diese
+Gesellschaft das Benützungsrecht für seine letzten Erfindungen ab und
+zahlte ihm dafür etwa hundertundsiebzigtausend Mark.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Edisons Havannazigarre war ausgegangen und er entzündete sie von neuem,
+noch immer seinen Erinnerungen nachgehend ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span></p>
+
+<p>Er hatte hundertundsiebzigtausend Mark bekommen. Niemand war
+glücklicher als er. Wie einfach und wahr hatte der deutsche Dichter
+Goethe das Gretchen im Faust es sagen lassen: Am Golde hängt doch
+alles! Jetzt, mit diesem Vermögen in den Händen, konnte er seine
+heißesten Wünsche stillen, konnte sich eine umfangreiche Werkstätte
+mit allem Zubehör einrichten, um die Fabrikation seiner Erfindungen
+selber betreiben zu können. Und obwohl diese Einrichtung so ziemlich
+das ganze Vermögen wieder verschlungen hatte, hatte es Edison trotzdem
+nicht zu bereuen. Seine Fabrik war bald so beschäftigt, daß sie in
+kurzer Zeit zu klein geworden war. Innerhalb weniger Jahre mußte er die
+stets größer gewählte Fabrik mit einer immer noch größeren vertauschen
+und 1873 war er von der ursprünglichen Werkstatt in New York in die
+gegenüberliegende Stadt Newark in seine Fabrik eingezogen, in der er
+bereits dreihundert Arbeiter beschäftigte. Sein Name war schon berühmt,
+und er genoß in der Geschäftswelt bedeutenden Kredit.</p>
+
+<p>Seine Geschäftsführung war ebenso merkwürdig wie sein ganzes Leben.
+Da es seinem Buchhalter einst passierte, daß er bei der Bilanz einen
+Überschuß von siebentausendfünfhundert Dollar herausgerechnet hatte,
+während in Wirklichkeit ein Defizit von fünfzehntausend Dollar
+vorhanden war, brachte dieser Irrtum Edison dazu, alle Buchführung
+für unnützen Schwindel und kostspieligen Zeitvertreib zu erklären.
+Von Stund' an führte er sein Geschäft ohne Buchführung. Aber nur
+ein Geist von der Fassungskraft Edisons konnte die Buchführung, die
+kein geschäftlicher Betrieb entbehren kann, beiseitelassen, ohne
+Schaden zu erleiden. Seine Untergebenen hatten auch keine bestimmten
+Arbeitsstunden; die Arbeitszeit richtete sich ganz nach den vorhandenen
+Aufträgen. Man hätte erwarten sollen, daß eine solche Geschäftsführung
+ohne Bücher und ohne geregelte Arbeitszeit ein wahres Chaos zur Folge
+haben würde. Nichts von alledem. Freilich ließ sich diese Einrichtung
+auch nur deshalb ohne<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> Störung durchführen, weil Edisons Arbeiter
+zugleich seine Kameraden waren, die mit Liebe und Bewunderung an ihm
+hingen.</p>
+
+<p>Und Edison selbst gab Beispiele von fast übermenschlicher Arbeitskraft.
+Eines Tages hatte er für hundertundfünfundzwanzigtausend Mark
+telegraphische Apparate zu liefern; sie waren fertig, funktionierten
+aber nicht richtig, <em class="gesperrt">mußten</em> aber rechtzeitig und tadellos
+geliefert werden. Edison ließ alle Apparate in sein Laboratorium
+bringen, schloß die Tür und sagte zu seinen Assistenten: »Ich habe
+die Tür abgeschlossen, und nun müßt ihr bleiben, Kameraden, bis die
+Arbeit beendet ist.« Und es folgten <em class="gesperrt">hintereinander sechzig Stunden
+angestrengter Arbeit</em>, in denen kaum Zeit blieb, etwas zu essen; von
+Schlafen war keine Rede; aber die Apparate waren zur bestimmten Zeit
+fertig. Edison selbst schlief hinterher sechsunddreißig Stunden.</p>
+
+<p>Aber diese Doppeltätigkeit, Erfinder und Fabrikant zugleich, konnte
+Edison nicht auf die Dauer durchführen. Er gab seine Fabrik auf, die
+ihm in drei Jahren einen Gewinn von mehr als anderthalb Millionen
+gebracht hatte, und verwendete das Geld dazu, ein großes Grundstück
+in Menlo-Park zu kaufen und ein Laboratorium darauf zu bauen, das
+eines der großartigsten Amerikas werden sollte. Er schaffte sich die
+vollkommensten und kostbarsten physikalischen und chemischen Apparate
+an; eine Werkstatt, die dreißig Meter lang und zehn Meter breit war,
+wurde mit allen erdenklichen mechanischen Drehbänken, Maschinen und
+Werkzeugen versehen; eine Dampfmaschine von achtzig Pferdestärken
+versorgte die Anlage. Eine wissenschaftliche Bibliothek fehlte nicht.
+Sogar eine Orgel wurde angeschafft, denn Edison liebte es, bei
+angestrengter geistiger Arbeit sich von den wohltuenden Harmonien der
+Musik besänftigen zu lassen. 1876 zog Edison hier ein und hatte einen
+Stab außerordentlich tüchtiger Hilfskräfte um sich versammelt. Der
+weitaus hervorragendste war Charles Bachelor, dessen Dienste für Edison
+unschätzbar waren.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span></p>
+
+<p>Hier machte Edison in den folgenden zehn Jahren seine bedeutendsten
+Erfindungen. 1869 war er ein armer Teufel, der in New York stellungslos
+umherlief; 1879 ein weltberühmter Erfinder, ein vielfacher Millionär.
+Aber dieser beispiellose Erfolg wurde nicht durch irgendwelche
+Glücksfälle erreicht, sondern nur durch zähe, harte Arbeit, ein Wort,
+das im Leben Edisons die allererste Rolle spielt und alle seine Erfolge
+erklärt.</p>
+
+<p>Keine seiner Erfindungen — er besitzt bereits nahezu tausend Patente
+— machte seinen Namen jedoch so populär wie der Phonograph, den er
+1877 in Menlo-Park erfand; ein zungen- und zahnloses Instrument,
+ohne Schlund und ohne Kehlkopf, eine tote, tonlose Masse, die
+nichtsdestoweniger alle Töne nachahmt, und mit deiner Stimme spricht.
+Noch nach Jahrhunderten, nachdem du längst in Staub zerfallen bist,
+kann dieser Apparat deinen Urenkeln alles wiederholen, was du in den
+Apparat hineingesprochen hast, und zwar so, als sprächest du lebendig
+zu ihnen.</p>
+
+<p>Immerhin dauerte es zehn Jahre, bis der Phonograph, wesentlich
+verbessert, 1888 im Londoner Kristallpalast zum ersten Male in Europa
+vorgeführt wurde. Edison hatte eine Walze mitgeschickt, von deren
+Phonogramm aus er selbst zu den Besuchern sprach, und die Königin von
+England und andere hohe Persönlichkeiten schickten ihm vermittels des
+Phonographen ihren Dank zu. 1889 wurden fünfundvierzig Phonographen
+mit Walzen, die alle lebenden Sprachen wiedergaben, auf der großen
+Pariser Weltausstellung gezeigt, wo sie täglich von dreißigtausend
+Menschen besichtigt wurden. Heute gibt es wohl kein Städtchen mehr in
+der zivilisierten Welt, dessen Einwohner diese Erfindung Edisons nicht
+kennen würden.</p>
+
+<p>Sie würde noch immer eine ungeheure Umwälzung hervorrufen, wenn man
+sie so ausnützen würde, wie sie es erlaubt. Der Phonograph könnte die
+Stenographen überflüssig machen; Briefe ließen sich direkt auf die
+Platten sprechen, die man dann mit der Post verschicken könnte; hat
+man Lust, musikalische Leistungen<span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span> der berühmtesten Künstler der Erde
+zu hören, so kann man sie sich ja heute schon kaufen; phonographische
+Bücher könnten die gedruckten ersetzen, was vor allem für die Blinden
+von weittragendster Bedeutung wäre; die Sprachen wilder Stämme und
+schwer zugänglicher Völker könnten phonographisch festgehalten werden;
+jede Familie wäre imstande, die Stimmen lieber Verstorbener jederzeit
+wieder zu sich sprechen zu lassen; man könnte sich statt eines
+Bilderalbums ein phonographisches Album anlegen.</p>
+
+<p>Edison selber hat scherzhalber einmal im Schlafzimmer eines Gastes,
+dessen Furchtsamkeit er kannte, einen phonographischen Apparat
+aufgestellt, der um Mitternacht ernst und feierlich die Worte rief:
+»Mensch, bereite dich vor zum Sterben.« Entsetzt floh der Gast zu dem
+Hausherrn, der dann den ganzen Mechanismus erklären mußte, um den
+Geängstigten zu beruhigen.</p>
+
+<p>Auch die Puppenindustrie hat sich in ungeheurem Umfange des
+Phonographen bemächtigt und sprechende Puppen hergestellt, die kleine
+Lieder singen oder ganze Sätze sprechen und Gedichtchen aufsagen. Die
+jetzige Königin von Holland hat als eine der ersten solch eine Puppe
+zum Spielen bekommen.</p>
+
+<p>Andere Erfindungen Edisons, wie der Phonometer, das Megaphon und
+das Aerophon sind weniger bekannt geworden, obwohl auch sie von
+außerordentlicher Bedeutung sein könnten. Praktisch von weit
+größerer Bedeutung als der Phonograph wurde aber das elektrische
+<em class="gesperrt">Glühlicht</em>, das Edison zwar nicht erfunden, aber auf die Höhe
+der Vollkommenheit gebracht hat, die es gegenwärtig besitzt. Als er
+nach endlosen und oft mißlungenen Versuchen, die viele schlaflose
+Nächte gekostet hatten, seine Lampen endlich so weit verfeinert hatte,
+daß er die Brenndauer einer Lampe von anfangs zwanzig bis vierzig auf
+tausend Stunden erhöhen konnte, stattete er alle seine Räumlichkeiten
+von innen und außen mit etwa siebenhundert Glühlampen aus. Diese neue
+Lampe machte in Nordamerika ein solches Aufsehen, daß aus allen Teilen
+des Landes Besucher herbeiströmten, zu<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> deren Beförderung oft besondere
+Extrazüge nach Menlo-Park eingelegt werden mußten. Die Aktien der
+Glühlichtgesellschaft stiegen von hundert Dollar bis auf dreitausend
+Dollar.</p>
+
+<p>Edison legte jetzt eine Glühlampenfabrik an, die die Stammutter
+aller Glühlampenfabriken der Welt wurde. Der geschäftliche Erfolg
+dieser Lampe war ebenso gewaltig wie die Revolution, die sie im
+Beleuchtungswesen heraufbeschworen hat. 1884 wurde auch in Berlin eine
+Deutsche Edisongesellschaft gegründet, aus der später die Berliner
+Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft hervorgegangen ist, deren
+elektrische Anlagen wohl die bedeutendsten der ganzen Welt sind.</p>
+
+<p>Es ist unmöglich, alle Erfindungen Edisons auf dem Gebiete der Schwach-
+und Starkstromtechnik hier auch nur andeutungsweise zu erwähnen. Eine
+seiner wichtigsten Erfindungen ist aber die Benutzung der elektrischen
+Kraft zu Verkehrszwecken. Die Versuchsbahn, die er auf seinem großen
+Grundstück in Menlo-Park baute, bewährte sich so vortrefflich, daß sie
+seitdem in der Alten und Neuen Welt rasche Verbreitung gefunden hat.
+Als der Vorstand der Gesellschaft für elektrische Bahnen Edison einst
+in Menlo-Park besuchte, um zu kontrollieren, wie weit die elektrische
+Personenbeförderung sei, bat der Erfinder die Gäste, mit ihm die
+Lokomotive zu besteigen, die gerade auf der Versuchsbahn bereit stand.
+Die Herren, im Glauben, Edison wolle ihnen etwas erklären, stiegen
+ahnungslos auf. Edison zog einen Hebel, und die Maschine ging los. Er
+steigerte ihr Fahrtempo bis zur raschesten Schnellzuggeschwindigkeit,
+daß die Hüte der Gäste davonflogen, die sich zitternd festklammerten
+und Edison flehentlich baten, aufzuhören. Sie fürchteten eine
+Katastrophe. Das machte Edison Spaß, und er fuhr noch rascher. Erst als
+die Herren vor Angst schlotterten, hielt er an, und mit Zittern und
+Zähneklappern stiegen sie ab und machten sich eiligst aus dem Staube.
+Sie kontrollierten Edison nie wieder und fragten ihn nichts mehr.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span></p>
+
+<p>Als Edison 1876 von Newark nach Menlo-Park verzog, hatte er seine
+Werkstätten und Laboratorien so umfangreich angelegt, daß sie seiner
+Meinung nach ausreichen mußten, selbst wenn er seine Tätigkeit noch
+bedeutend erweiterte. Aber innerhalb der nächsten zehn Jahre waren
+dennoch so viele Vergrößerungsbauten und Nebengebäude nötig, daß
+sie mannigfache Unbequemlichkeiten im Gefolge hatten. Edison mußte
+wieder an ganz enorme Vergrößerungen denken, und so gründete er 1886
+zu Orange in New Jersey ein neues Laboratorium, dies hier, in dem er
+jetzt sinnend saß, und das hinsichtlich seiner Größe, Vollkommenheit
+und Vollständigkeit der Einrichtungen als das erste der Welt bezeichnet
+wird. Das dreistöckige Hauptgebäude ist fünfundsiebzig Meter lang und
+achtzehn Meter breit; die vier kleineren einstöckigen Bauten sind
+je dreißig Meter lang und acht Meter breit. Das Bibliothekszimmer,
+ein fürstlich ausgestatteter Raum, enthält fünfzigtausend wertvolle
+wissenschaftliche Werke. Im Vorratsraum, der einzig in seiner Art ist,
+findet man von allen Stoffen und Mineralien der Erde, mögen sie noch
+so kostbar und schwer erreichbar sein, eine größere Probe. In der
+eigentlichen Werkstätte arbeiten Tausende von fleißigen Händen, obwohl
+es keine Fabrik ist, sondern alles, was hier gearbeitet wird, nur dazu
+dient, die erfinderischen Ideen Edisons auf ihre Brauchbarkeit hin zu
+prüfen.</p>
+
+<p>Eine Treppe höher liegen die Bureaus und Arbeitszimmer, in denen
+die Assistenten Edisons Skizzen entwerfen, Zeichnungen und
+Pläne anfertigen, Berechnungen und theoretische Untersuchungen
+anstellen. Weiter oben befinden sich Säle, in denen die Erfindungen
+Edisons ausgestellt sind. Ein besonderer Glasbläserraum dient der
+Herstellung der mannigfachen Apparate aus Glas, die zu chemischen und
+physikalischen Experimenten erforderlich sind.</p>
+
+<p>Ein anderer Bau dient lediglich photographischen Zwecken, und hier hat
+Edison das Kinetoskop, das Mutoskop, den bekannten Kinematographen
+erfunden und endlich den Phono-Kinematographen,<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> von dem er selbst
+sagt: »Ich zweifle durchaus nicht daran, daß wir in nicht allzu
+ferner Zeit in jedem Dorfe eine große Opernvorstellung für zehn Cent
+Eintrittsgeld haben werden. Man wird die Patti in ihrem eigenen Zimmer
+sehen und hören können; man wird sie sogar noch hundert Jahre nach
+ihrem Tode auftreten lassen können. Parlamentsverhandlungen, bedeutende
+politische Persönlichkeiten, geschichtliche Vorgänge können in
+derselben Weise festgehalten und zu jeder späteren Zeit wiedergegeben
+werden. Nach einem Jahrhundert kann man noch den Papst Leo und seine
+Kardinäle sehen und sie sprechen hören. Welch eine Methode, Geschichte
+zu schreiben! Wie viel wirkungsvoller kann man künftigen Generationen
+eine Vorstellung von geschichtlichen Ereignissen und bedeutenden
+Männern übermitteln, als durch gesprochene oder geschriebene Worte!
+Schriftliche Berichte würden gänzlich aufhören, geschichtliche
+Bedeutung zu haben. Und doch ist dies alles nicht so wunderbar, wie es
+scheint.«</p>
+
+<p>Edisons Mutter war schon 1871 gestorben, und da ihr Tod eine jähe
+Lücke in sein Seelenleben gerissen hatte, gründete er schon zwei Jahre
+später ein eigenes Heim. Unter den bei ihm beschäftigten Arbeiterinnen
+hatte ein junges Mädchen, Mary Stillwell, seine Aufmerksamkeit erregt;
+die Achtung, die er wegen ihrer echt weiblichen Tugenden vor ihr
+hegte, verwandelte sich bald in eine leidenschaftliche Zuneigung.
+Seine Werbung fand Gehör; 1873 wurde sie seine Gattin. Sie hatte ihm
+drei Kinder geschenkt: Marianne, Thomas Alva und William Leslie, und
+1881 starb sie schon, von allen Angestellten ihres Mannes verehrt und
+geliebt. Edison empfand einen so großen Kummer über den Verlust seiner
+Gattin, daß er auf ein längeres Krankenlager geworfen wurde. Wieder
+genesen, stürzte er sich wie ein Wütender in die Arbeit; aber sein Herz
+darbte. Und er gesundete erst dann wieder vollkommen, als er in einer
+neuen Ehe ein neues Glück fand.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>»Der Ruhm hat bereits Legenden um mich gewoben« — dachte Edison
+weiter — »man nennt mich den Phonographenpapa, den Zauberer von
+Menlo-Park, den Magiker des Westens. Bedeutende Dichter haben mich und
+meine ›Zauberkunst‹ in ihren Werken dargestellt. Was ist aber meine
+Erfindungskunst anderes als die Triebkraft, die auch im Korne lebt!?«</p>
+
+<p>Er streifte melancholisch die Asche seiner Zigarre ab und begann auf
+und ab zu gehen.</p>
+
+<p>»Und nun gehe ich in die Sechzig ein, und es ist bald zu Ende mit dem
+bißchen Leben! Was sind alle die Spielereien, die ich erfunden habe, im
+Verhältnis zu der Kraft, die uns Menschen zuruft: Werde und vergehe!
+Was ist diese geheimnisvolle elektrische Kraft, deren Herr ich bin?
+Nein, wir sind alle Ignoranten und werden es bleiben.«</p>
+
+<p>Er hielt inne, dachte noch einen Augenblick nach, dann sagte er
+achselzuckend: »Schließlich ist auch an der menschlichen Torheit etwas
+Gutes. Man lernt aus ihr. Aber nun ist's genug geträumt.«</p>
+
+<p>Und er ging frisch an die Arbeit.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Loewes_Verlag_Ferdinand_Carl_Stuttgart">Loewes Verlag Ferdinand Carl, Stuttgart.</h2>
+</div>
+
+<p class="hangt"><span class="s4"><b>Brandt, Karsten,</b></span> <b>Aus eigner Kraft.</b> 17 Lebensbilder denkwürdiger
+Männer. Für Knaben im Alter von 12 bis 14 Jahren. Mit 4 Bunt-, 4
+Tonbildern, sowie vielen Porträts. 8°. Eleg. geb. M. 4.—.</p>
+
+<p>Nach Inhalt und begleitenden Illustrationen ist diese Jugendschrift
+besonders geeignet, unserer reiferen Jugend den idealen Ansporn für die
+spätere berufliche Laufbahn zu geben, indem den jugendlichen Lesern
+neben geschichtlichen Streiflichtern der Werdegang bedeutender Männer,
+wie:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p class="p0"><em class="gesperrt">Körner</em>, <em class="gesperrt">Friesen</em>, <em class="gesperrt">Jahn</em>, <em class="gesperrt">Hofer</em>,
+<em class="gesperrt">Speckbacher</em>, <em class="gesperrt">Radetzky</em>, <em class="gesperrt">Zieten</em>, <em class="gesperrt">Blücher</em>,
+<em class="gesperrt">Kolumbus</em>, <em class="gesperrt">Schwarz</em>, <em class="gesperrt">Gutenberg</em>, <em class="gesperrt">Stephenson</em>,
+<em class="gesperrt">Franklin</em>, <em class="gesperrt">Reis</em>, <em class="gesperrt">Senefelder</em>, <em class="gesperrt">Siemens</em>,
+<em class="gesperrt">Krupp</em>,</p>
+</div>
+
+<p>in fesselnder und zugleich begeisterter Weise vor Augen geführt
+wird. Eignet sich zunächst dieser Band als Weihnachtsgeschenk für
+Knaben im Alter von 12-14 Jahren, so dürfte er auch bei allen anderen
+Gelegenheiten, wie Konfirmation etc., eine willkommene Gabe sein, zumal
+eine würdige Einbanddecke das Ganze in harmonischem Gewande präsentiert
+und schon äußerlich sich des gediegenen Eindrucks versichert.</p>
+
+<hr class="r5">
+
+<p>Es ist ein vortrefflicher Gedanke, der heranwachsenden Knabenwelt
+den Lebens- und Werdegang denkwürdiger Männer nach geschichtlichen
+Tatsachen und besten zeitgenössischen Quellen, frei von unnötigem,
+novellistischem Beiwerk, zu schildern, und sie damit durch Illustration
+und Inhalt gleich lebhaft, real und ideal, zu fesseln. Die ganz
+hervorragende Eigenart dieser neuen, epochemachenden Jugendschrift
+dürfte den jugendlichen Lesern gewiß auch mancherlei dankenswerte
+Klarheit über den Wert des Kämpfens, Ringens und endlichen Siegens
+aus eigener energischer Kraft geben und den schweren Entschluß der
+Berufswahl vorbildlich günstig beeinflussen. Ein Werk, in welchem
+Heldennamen aus den verschiedensten Lebensgebieten, wie Theodor Körner,
+Blücher, Kolumbus, Gutenberg, Senefelder, Siemens u. a. m. beschrieben
+sind, gehört zu den Geschenkbüchern, die nie veralten, die dem Knaben,
+dem Jüngling, ja dem Manne noch lieb und unvergessen sind. Der auf
+besten Bahnen wandelnde Herausgeber hat somit mit diesen siebzehn
+wertvollen Lebensbildern Deutschlands strebsamen Knaben eine gewiß
+hochwillkommene, sich auch durch die prächtige, würdige Ausstattung von
+selbst empfehlende Gabe geschaffen, in welcher internationale große
+Männer ein ehrendes Andenken gefunden haben.</p>
+<p class="mright5">Haus-Orakel, München.</p><br>
+
+<p class="center">Zu beziehen durch jede Buchhandlung des In- und Auslandes.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<p class="hangt s4"><b>Leben und Weben in Wald und Feld.</b> Für die 9-12jährige Jugend
+herausgegeben von <em class="gesperrt">Christian Brüning</em>. Mit 6 Bunt-, 8 Ton-, 6
+Vollbildern, sowie 69 Textillustrationen. 8°. Elegant geb. M. 4.50,
+Volksausgabe M. 3.—.</p>
+
+<p>Wie in seinen »Wanderungen durch die Natur« der Verfasser mit den
+Kindern durch Wiese, Moor und Heide geht, so durchstreift er jetzt
+abermals mit ihnen Wald und Feld. Er führt sie in den winterlichen
+Forst und zeigt ihnen, wie dort munteres Leben herrscht, wo der
+Unkundige nur Öde und Grabesruhe vermutet. Er bringt sie hinein in die
+Werkstatt des jungen Lenzes und läßt sie den Schaffenden belauschen bei
+seiner Arbeit. Er genießt mit ihnen Maienwonne und Maienherrlichkeit,
+durchwandert mit ihnen Täler und Höhen des Harzes, zeigt ihnen das
+Tierleben der Sommernacht, geht mit ihnen hinaus zur Erntezeit, lehrt
+sie die Freunde und Feinde des Landmannes und des Gärtners kennen, läßt
+sie einen Blick tun in die Geheimnisse des edlen Weidwerks und gibt
+ihnen Anleitung zu eigenem Denken und Forschen. Erhöht wird der Wert
+des Buches noch durch die Abbildungen, die sich auf den ersten Blick
+sämtlich als Kunstwerke präsentieren.</p><br>
+
+<p class="hangt s4"><b>»Auf nach Frankreich!«</b> Kriegsfreiwillig bei den
+Dreiundachtzigern 1870/71. Von <em class="gesperrt">Justus Pape</em>. 8°.<br>
+Elegant geb. M. 3.—.</p>
+
+<p>Eigene Erlebnisse, Anschauungen und Stimmungsbilder sind es, die der
+Verfasser in schlichten Worten aus den ereignisschweren Tagen jener
+großen Kriegsjahre schildert. Gerade aber weil dieses Buch nicht von
+hohen, allgemeinen Gesichtspunkten geleitet ist, verfolgen wir vom
+Tage der Mobilmachung an gern, ja mit erhöhtem Interesse alle jene
+ernsten und heitern Episoden, wie sie sich für den einzelnen Mann in
+Wirklichkeit abspielten und abspielen. Ob vor dem Feinde oder auf
+Vorposten, während langwieriger Märsche oder im Lagerleben, stets sind
+wir geneigt, anregende Vergleiche zu stellen und nehmen Eindrücke in
+uns auf, die uns mit großer Befriedigung bis zur letzten Zeile an diese
+interessanten, volkstümlichen Darbietungen fesseln. Selbst die Jugend
+wird das Buch mit Begeisterung als eins der ihrigen bezeichnen.</p>
+
+<p class="center">Zu beziehen durch jede Buchhandlung des In- und Auslandes.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<p class="hangt"><span class="s4"><b>Brüning, Christian,</b></span> <b>Wanderungen durch die Natur.</b> Für
+9-12jährige Knaben und Mädchen. 12 Bunt-, 15 Textbilder. 8°. Elegant
+gebunden M. 4.—, Volksausgabe M. 2.50.</p>
+
+<p>Welch glücklicher Gedanke des auf pädagogischem Gebiete kompetenten
+Verfassers: Der Vater selbst begleitet seine Teuren in zwanglosen
+Ausflügen hinaus in Feld und Wald und macht sie mit allem, was dort
+lebt und webt, im Zwiegespräche vertraut. Kein Halm, kein Insekt
+entgeht der aufmerksamen Betrachtung und eingehenden Belehrung. Die
+vorzüglichen Illustrationen erhöhen außerdem die Freude an diesem
+herrlichen Buche, es ist von wirklich großem Werte.</p>
+
+<p class="hangt"><b><span class="s4">Brüning, Christian</span>, Wunder aus dem Pflanzenreiche.</b> Für die
+Jugend herausgegeben. Mit 6 Bunt-, 4 Ton- und 7 Vollbildern, sowie 75
+Textillustrationen. 8°. Elegant geb. M. 4.—, Volksausgabe M. 2.50.</p>
+
+<p>In der Schule hat man die alte Methode über Bord geworfen und
+neue Bahnen in der Botanik eingeschlagen. Wir hören und sehen mit
+Erstaunen, wie unter dem Zeichen des neuen Unterrichts das Interesse
+der Kinder mächtig geweckt, und die Pflanze, an der man sonst achtlos
+vorüberging, mit andern Augen betrachtet, zum lebenden Wesen wird.
+Wie gern würde wohl mancher Vater und manche Mutter und andere,
+die dem Forschungstrieb des Kindes nicht gleichgültig und fremd
+gegenüberstehen, mit den Kleinen an der Hand durch Garten und Aue
+wandeln, und sie die Gebilde der Natur und ihr Leben beobachten und
+verstehen lehren, wenn ihnen nur selbst ein Fingerzeig gegeben wäre.
+Diesen Zwecken soll das schöne Buch dienen, aber auch der Jugend selbst
+einen ernsten Einblick in Pflanzenwelt und Pflanzenleben geben —
+ein Fundament, auf dem später weitergebaut werden kann. Das Bild als
+belehrendes Anschauungsmittel steht den Worten überall helfend und
+fördernd zur Seite!</p>
+
+<p class="center">Zu beziehen durch jede Buchhandlung des In- und Auslandes.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<p class="hangt"><span class="s4"><b>Twain, Mark</b></span> (Samuel L. Clemens), <b>Prinz und Bettelknabe</b>.
+Eine Erzählung für die Jugend im Alter von 12-16 Jahren. Deutsch von
+<em class="gesperrt">Helene Lobedan</em>. Mit vielen Illustrationen. 8°. 3. Aufl. Eleg.
+geb. M. 4.—. (Hochmoderne Aufmachung.)</p>
+
+<p>Diese im Urtext englische Erzählung gehört zu den besten literarischen
+Erzeugnissen der Weltliteratur. Sie führt künstlerisch, und damit klar
+und konkret anschaulich in das Mittelalter Englands hinein, ist daher
+im besten Sinne belehrend in der Kulturgeschichte. Außerordentliche
+Erziehungsmomente heben sich — ohne aufdringlich zu sein —
+wirkungsvoll ab, und der Standpunkt edler Menschlichkeit wird vertreten
+durch die Titelhelden.</p>
+
+<p>Die schmucke Einbanddecke, sowie die künstlerisch vollendeten
+zahlreichen Textillustrationen machen das Buch zu einem der
+gediegensten, modern ausgestatteten Geschenkwerke.</p>
+
+<p class="hangt"><span class="s4"><b>E. P. A. Roland,</b></span> <b>30 Jahre in der Fremdenlegion.</b> Erlebnisse
+dreier Deutscher unter französischer Fahne in Afrika und Asien. Eine
+Erzählung für die reifere Jugend von 14-16 Jahren. Mit 39 Textbildern
+von Willy Planck. 8°.<br>
+Eleg. geb. M. 4.—.</p>
+
+<p>Die Fremdenlegion hat in den letzten zehn Jahren ungefähr gerade so
+viel Opfer an jungen Deutschen gefordert, wie der ganze Krieg von
+1870/71.</p>
+
+<p>Ein Buch, das wie das vorliegende der Jugend in gänzlich einwandfreien
+aber wahrheitsgetreuen Schilderungen Einblick in die so eigenartigen
+Sitten und Gebräuche der Fremdenlegion bietet, verdient die weiteste
+Beachtung. In spannend gehaltener Erzählung folgt der Leser drei
+jungen Deutschen auf ihren schwierigen Märschen und Feldzügen unter
+französischer Fahne als Legionäre nach Asien und Afrika und nimmt so
+regen Anteil an deren Erlebnissen. Diese Enthüllungen dürften dazu
+beitragen, volle Aufklärung über das Wesen der Fremdenlegion zu bieten
+und den breiten Strom alljährlich zur Legion sich meldender junger
+verblendeter Männer vor dem Eintritt in dieselbe zu warnen.</p>
+
+<p>Das Buch ist sehr zu empfehlen und wird allgemeines Interesse erregen.</p>
+
+<p class="center">Zu beziehen durch jede Buchhandlung des In- und Auslandes.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<p class="hangt"><span class="s4"><b>Fridtjof Nansens Erfolge.</b></span> Ergebnisse seiner letzten
+Nordpol-Expedition an Bord des »Fram«. Allgemein faßlich
+dargestellt von <em class="gesperrt">Eugen von Enzberg</em>. Mit 8 Voll- und 25
+Textbildern nach Aquarellen von <em class="gesperrt">H. Grobet</em>, 2 Bildnissen der
+Expeditionsteilnehmer, sowie einer Karte der Polarländer. Vierzehnte
+durchgesehene Auflage. 8°. Eleg. geb. M. 4.50, Volksausgabe M. 3.—.</p>
+
+<p>Nansens Erfolge werden stets und ständig die Bewunderung der Mit- und
+Nachwelt finden und behalten. Daran kann sich auch nichts ändern,
+wenn etwa andere Nordpolforscher dem Ziele noch näher kommen sollten
+oder schon nähergerückt sind. Das vorliegende Buch gibt in großen
+Umrissen zunächst einen Einblick in jene nordischen Gebiete, die von
+altersher kühne Männer begeistert haben, und schildert im besonderen
+die große Expedition Nansens, die die Öffentlichkeit nach ihrer
+Rückkehr im Jahre 1896 als die erfolgreichste bezeichnet hat, weil
+Nansen dabei eine ganz neue Pfadweisung bewirkte. Dreizehn Auflagen
+hat das Buch bislang erfahren und war einige Zeit vergriffen. Durch
+Übernahme des Verlagsrechts und Veröffentlichung einer vierzehnten, neu
+durchgesehenen Auflage unter Beifügung eines zeitgemäßen Bildmaterials
+hofft die jetzige Verlagsstelle zu den alten noch eine große Zahl
+neuer Freunde zu erwerben. — »Nicht für ›Männer vom Fach‹ sind diese
+Schilderungen aus Nansens Feder wiedergegeben,« schreibt der Verfasser
+in seiner ersten Auflage, »sondern für alle diejenigen, die den streng
+wissenschaftlichen Untersuchungen nicht folgen können und denen es auch
+an Zeit und Gelegenheit fehlt, umfangreiche Werke zu lesen, — mit
+einem Worte: für weitere Kreise und für die Jugend. Und unserer lieben
+Jugend widme ich diese Blätter — mögen sie ihren Beifall finden!«</p><br>
+
+<figure class="figcenter illowe14" id="illu-240">
+ <img class="w100" src="images/illu-240.jpg" alt="">
+</figure>
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75634 ***</div>
+</body>
+</html>
+
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
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