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Poritzky + + + Volksausgabe + Mit 20 Textbildern + + + [Illustration] + + + Stuttgart + Loewes Verlag Ferdinand Carl + + + + + Druck von Carl Grüninger, K. Hofbuchdruckerei Zu Gutenberg + (Klett & Hartmann), Stuttgart. + + + + + Inhaltsvereichnis. + + + Seite + + Christoph Kolumbus 1 + + Michelangelos Leben 41 + + Galilei 67 + + Die Jungfrau von Orleans 90 + + Der Doktor Faust 121 + + Goethe der Botaniker 148 + + Goethe in Venedig 164 + + Beethoven 176 + + Der Erfinder Edison 204 + + + + + [Illustration: David von Michelangelo] + + + + + Christoph Kolumbus. + + +Ich entsinne mich eines alten Stiches, auf dem man Kolumbus rank +dastehen sieht, eine Papierrolle -- wahrscheinlich eine Erdkarte Andrea +Biancas oder Martin Behaims oder eine Seekarte Toscanellis -- in der +Hand haltend. Er schaut nachsinnend und melancholisch ins Weite, und +seine Begleiter scharen sich kniend um ihn, heben die Hände zu ihm +empor wie zu einem Gott und küssen den Saum seines Gewandes. Es muß +eine große Bewegung gewesen sein, die durch sein Herz ging, als der +Matrose Rodrigo »Land« gerufen hatte. Dachte der kühne Entdecker +in diesem Augenblick daran, daß er nun Vizekönig würde, Träger der +höchsten spanischen Würden, unermeßlich reich, unumschränkt mächtig? +Hing seine Seele in diesem Augenblick wirklich am Golde? Oder fühlte +er, daß die Erweiterung des ~räumlichen~ Horizonts unabweisbar +auch die Erweiterung des ~geistigen~ Gesichtsfeldes nach sich +ziehen mußte? Daß dem Volke, das diesen Sieg errang, der Stempel +geistiger Reife aufgedrückt wurde? Daß seine Machtsphäre ein größeres +Gebiet gewinnen, und demgemäß auch seine politische Bedeutung wachsen +würde? + +In der Tat fällt mit der Entdeckung des neuen Weltteiles auch die +Entdeckung des Menschen, die Vertiefung seines Seelenlebens und die +Entdeckung des himmlischen Firmaments zusammen. Man erinnere sich, daß +Kolumbus der Zeitgenosse der größten Renaissancemenschen war, der +Raffael, Leonardo da Vinci, Tizian, Michelangelo, Vasco da Gama --, +und daß dies nur einige von jenen Gestirnen waren, die in den Tagen +des Kolumbus den Erdball erleuchteten. Ariost, Tasso, Dürer, Luther, +Savonarola, Macchiavelli, Kopernikus und viele andere wären noch zu +nennen. Sie bestätigen den Satz, daß das Genie nur unter Gleichgenialen +sich auswachsen und zu seiner vollen Höhe emporrecken kann. + +Sich ein neues und großes Weltbild zu schaffen, alle Schranken des +Geistes niederzureißen, ist die eigentliche Leitidee der kolumbischen +Zeit. Die Erde ist plötzlich fast zu klein für die erwachten Kräfte, +die sich betätigen wollen. + +Anderseits darf man nicht vergessen, daß unser Denken von dem des +Mittelalters durch vier Jahrhunderte getrennt ist. Das Mittelalter ist +zwar nicht ganz so finster und wüst, wie man vielfach glaubt, aber +es ist doch noch reich genug an abergläubischen Vorstellungen und +aufreizenden Phantastereien. Feurige Kometen werden als Fingerzeige +Gottes betrachtet; man will gesehen haben, daß es Blut regnet, und +das bedeutet Krieg oder Pest. Es ereigneten sich im Volke plötzliche +Ausbrüche von Angst vor diesen überall eingreifenden jenseitigen +Kräften. In den Kirchen gab es blutschwitzende Hostien, am Himmel +blutige Kreuze und Lanzen, in Stadt und Land eine unermeßliche +Zahl von Wallfahrern, Flagellanten und Propheten, wundertätigen +Muttergottesbildern und Bußpredigern. Man muß sich daran erinnern, daß +selbst Luther steif und fest an den Teufel geglaubt hat, mit dem er +manchen harten Strauß auszufechten hatte. Sonderbare Stubengelehrte +sind als Hexenmeister verschrien, Goldmacher sind Zauberer, und +Kräutersammler gelten als Teufelsknechte. Jede Nebelbank ist ein +unbekanntes Land. + +Ich sage: nur in einer Zeit, wo jeder Kopf voll kräftiger Phantasien +steckt; wo man bereit ist, an die Wunder von Tausend und eine Nacht zu +glauben, und wo die biblischen Propheten zu Führern werden, die nach +neuen Welten locken; wo die Vernunft fast gänzlich von Faustischem +Sehnen gepackt ist und durchtränkt scheint; wo der Mensch mehr denn je +an seine Gottähnlichkeit glaubt --, nur in einer solchen Zeit ist die +Gestalt eines Kolumbus denkbar. + + * * * * * + +Führt euch eine Reise einmal nach Genua, so ist das erste, was +euch auf dem schönen freien Platz vor dem Bahnhofe ins Auge fällt: +Christoph Kolumbus, der Entdecker der Neuen Welt, der um die Mitte des +fünfzehnten Jahrhunderts in Italien geboren ist. Vierzehn Ortschaften +streiten sich um die Ehre, ihn als ihren Sohn zu beanspruchen; indessen +kommen ernsthaft nur Genua oder Savona in Frage. + +Er stammte von braven kleinbürgerlichen Eltern ab, die das Gewerbe der +Wollweber betrieben, das auch Christoph in der Jugend erlernte. Die +Eltern ließen ihm eine sorgfältige, wenn auch beschränkte Erziehung +zuteil werden; daß sie ihn aber auf kurze Zeit an die Universität nach +Pavia geschickt haben sollen, wo er Lateinisch gelernt hätte, wird +neuerdings bezweifelt. Sehr viel mehr als dieser Erziehung verdankt +er indessen sich selber und seiner eigenen Energie, die ihn stets von +neuem zu seinen Studien trieb. Schon im vierzehnten Jahre hing er mit +Lust und Liebe am Seemannsberufe, und die damalige Schiffahrt auf dem +Mittelländischen Meere, die einem wilden Freibeutertum gleichkam, nahm +den künftigen Seehelden in ihre rauhe und harte Schule. Und wir wollen +es uns einprägen, daß nicht das Allergeringste im Leben ohne Kampf +gewonnen werden kann, daß eine eiserne Energie und eine unbeugsame +Willenskraft dazu gehören, wenn man ein großes Ziel erreichen will. + +Wahrscheinlich nahm der junge Kolumbus Anteil an dem Erobererzuge +Johanns von Anjou, der gegen Neapel gerichtet war. Kühn und +furchtlos soll Kolumbus die feindlichen Galeeren angegriffen und +von ihnen Besitz genommen haben, in nichts seinem Onkel und seinem +Neffen nachstehend, die durch ihre glücklichen Kapereien gegen +die Ungläubigen berühmt waren. Aber erst als Christoph Kolumbus +auf seinem Abenteurerzuge auch nach Portugal kam, wurden alle +Geisteskräfte geweckt, die in ihm schlummerten. Denn gerade in den +Portugiesen war seit dem Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts ein +kühner Unternehmungssinn und ein toller Wagemut erwacht. Sie erhofften +märchenhafte Schätze von der Auffindung neuer Seewege, die zu neuen +Erdteilen führten. + +Noch war die Erde ja zum größten Teile ein jungfräuliches Gebiet. Die +Reisebeschreibungen jener entdeckungslustigen Epoche lesen sich wie +ungeheuer übertriebene Märchen, wie phantastische Geschichten von +Jules Verne, die ja auch ein Körnchen Wirklichkeit in sich tragen. +Aus den neuentdeckten Ländern brachte man rote Menschen, seltsame +Tiere, die Kunde von einer ganz fremdartigen Tier- und Pflanzenwelt. +Zwar hatten schon in vorchristlicher Zeit Eudoxos und Aristoteles die +Vermutung ausgesprochen, daß die Erde Kugelgestalt haben müsse, aber +im großen und ganzen glaubten die alten Völker, die Griechen, Römer +und Araber, daß die Erde eine flache oder eckige Scheibe sei, die auf +dem Wasser schwimme. Erst in der Zeit des Kolumbus hatten Kopernikus +und Galilei unerschütterliche Beweise für die Kugelgestalt der Erde +gegeben -- was übrigens sogar jetzt noch die wenigsten und selbst +Kolumbus nicht glauben wollten -- und daß sie als ein kleiner Stern +wie viele, viele andere Sterne um die Sonne kreiste. Der Weltenraum +hatte sich unermeßlich geweitet; die Erde war ein unbekanntes Land. +Die seltsamsten Wesen und Dinge waren auf ihr möglich. Die Reisenden +erzählten von Ländern, wo Menschen ohne Kopf geboren werden, mit Augen +und Mund in ihrer Brust; von Menschen, die den Kopf unter ihren Armen +trugen, die Augen in den Schultern hatten usw. + +Es sind eben diese plumpen Märchen der Reisenden und der Matrosen, von +denen Kolumbus die Anregungen zu seinen Entdeckungsreisen empfängt. +Wenn Schiffersagen aber schon solch ein Zündstoff für seine Seele +sind, wird Pierre d'Allys Reisebeschreibung vom Jahre 1410 ohne +Zweifel sein Katechismus. Denn Kolumbus ist ebenso autoritätsgläubig +wie enthusiastisch, ebenso phantasievoll wie abenteuerlich. In der +»Erdbeschreibung« des Pierre d'Ally, die diesen Namen allerdings kaum +verdient, findet er alle fabelhaften Vorstellungen, die Aristoteles +und Seneca, Plinius und Ptolemäus, Osorius und Isidorus, Averroës und +Augustin und eine Menge anderer Philosophen, Sterngucker, Mystiker und +Heiligen von der Welt hegen, getreu aufgezeichnet. Die Anschauungen +des Plinius, der behauptet hatte, man könne von Spanien ~in +wenigen Tagen~ nach Indien reisen, und die Anschauungen seines +Nachschreibers Solinus beherrschten die Ansichten über ein Jahrtausend. +Nach diesen gab es jenseits des heiligen Indus die Inseln Chryse +und Argyre, die ganz aus Gold und Silber bestanden. Isidorus wußte +sogar von goldenen Bergen zu berichten, die von Drachen, Greifen und +menschlichen Ungeheuern bewacht würden. Bei d'Ally liest Kolumbus, +daß die Erde so und so schmal sei und daß das Paradies irgendwo im +Osten liege, wo Erde und Mond zusammengrenzen. Sollte es ein gläubiger +Entdecker nicht finden? In den heißen Zonen -- heißt es da ferner -- +leben unbeschreibbare Untiere. Die Welt geht wahrscheinlich 1658 unter, +ganz bestimmt aber 1801. In Senecas Tragödie »Medea« liest Kolumbus: +»Einst wird die Zeit anbrechen, wo der Ozean seine Fesseln sprengen, +der Erdkreis weit und breit sich ausdehnen, das Meer neue Länder +entschleiern und Thule nicht mehr das erdenfernste Land sein wird«. + +Ist man nicht geradezu ein Narr, wenn man sich auf Grund solcher +Prophezeiungen nicht aufmacht, um neue Welten zu suchen? Übrigens +spricht schon Jesaias Kapitel 60, Vers 9 und Kapitel 65, Vers 17 von +neuen Weltteilen, von Gold- und Silberinseln. + +Auch Aristoteles, der weiseste der griechischen Philosophen und +im Mittelalter als unantastbare Autorität hoch verehrt, hatte +z. B. eine Insel Antilla erwähnt, die Insel der sieben Städte +und andere phantastische Inseln und Weltteile, die auf allen +Landkarten eingezeichnet waren. Und es gab genug abenteuerliche +Wagehälse, die hinauszogen, um diese Inseln zu suchen, und die an +die unwahrscheinlichsten Legenden glaubten, so wie wir einst an das +Schlaraffenland geglaubt haben oder an das Land der Antipoden, wo die +Menschen auf den Köpfen gehen. + +Gewiß, das alles waren Märchen. ~Aber Kolumbus hat an sie +geglaubt~, und ich finde nichts Lächerliches darin. Gerade weil +er an sie geglaubt hat, gehörte die doppelte Kühnheit dazu, auf die +unbekannten Meere hinauszusegeln und es -- wie ein würdiger Märchenheld +-- mit den vermeintlichen Drachen und Unholden aufzunehmen. Seine +ehrliche Absicht war es, sie zu töten; daß er sie nicht gefunden hat, +kann ihn nicht verkleinern. Nachdem er die neuen Lande entdeckt hat, +schreibt er sehr bescheiden und hübsch: »Zur Ausführung einer Fahrt +nach Indien haben Vernunftschlüsse, Mathematik und Weltkarten mir zu +nichts geholfen. Es ist einfach in Erfüllung gegangen, was der Prophet +Jesaias vorhergesagt hat.« + +Die Namen jener vorhin genannten Philosophen, Propheten und Dichter, +und die Resultate d'Allys waren dem spanischen Monarchen tatsächlich +Garantien genug, das kostspielige Unternehmen des durch seine +außergewöhnliche Beredsamkeit bestrickenden Entdeckungsreisenden +zu billigen, obwohl die kosmographischen Vorstellungen unseres +waghalsigen Weltumseglers sehr seltsam, seine mathematischen und +geographischen Vorkenntnisse sehr ungenügend und sein nautisches +Wissen gleich Null waren. Denn er gibt später beispielsweise den +Breitegrad der kubanischen Küste auf zweiundvierzig Grad an, anstatt +auf einundzwanzig Grad. Er hält die Gestalt der Erde für birnenförmig, +glaubt in der Nähe Haitis das biblische Paradies wiedergefunden +zu haben usw. Die astronomischen Vorstellungen seiner verirrten +Einbildungskraft sind die der wilden Naturvölker. + +[Illustration: Die Weltkarte des Italieners Toscanelli, die dieser dem +Kolumbus vor seiner ersten Reise zugänglich machte.] + +Portugal war eine ausgezeichnete Schule für Christoph Kolumbus oder +Cristobal Colon, wie er sich seit seiner spanischen Anstellung mit +Vorliebe nennt und unterzeichnet. Hier konnte er etwas Tüchtiges +lernen oder sein Wissen sehr vorteilhaft erweitern und verwerten. +Darum zögerte er auch nicht lange, sich in Portugal niederzulassen, wo +sich bereits viele seiner Landsleute angesiedelt hatten. Er trug seine +Hand der Tochter eines italienischen Edelmannes an, dem Befehlshaber +der Insel Porto Santo, der ein tüchtiger Seemann war und der seiner +Tochter Felipa Perestrello hauptsächlich Reisetagebücher und Seekarten +zur Mitgift gab. Kolumbus war's zufrieden, und obwohl er seinen +eigenen Unterhalt nur durch Zeichnungen von sehr geschätzten See- +und Landkarten bestreiten konnte, war er schon glücklich genug, sich +eifrig dem Studium der Reisebücher und Karten hingeben zu können. +Aber er begnügte sich nicht damit, die Welt nur auf der Landkarte zu +bereisen oder sie aus den ungenügenden Reiseberichten kennen zu lernen. +Die goldenen Fernen lockten ihn und die unendlichen Weiten riefen ihn +hinaus. Er wollte die Wunder sehen, von denen die Reisenden in ihren +fabelhaften Beschreibungen erzählten. Und so bereist er Madeira, die +Kanarischen Inseln, die Azoren und sogar die Küste von Guinea. + +Jede neue Ausfahrt konnte ins Wunderland führen. Die Luft war erfüllt +von den unglaublichsten Legenden, die fremde Reisende berichtet +hatten. Das Seeleben war voller Aufregung, neugieriger Erwartung und +überschwenglicher Hoffnung. Das Entdecken fremder Länder war ein +Geschäft und wurde wie ein Glücksgewerbe betrieben. + +Aber damals, vor vierhundert Jahren, war es ganz natürlich, an +Schiffermärchen zu glauben. Dazu kam noch, daß das Meer seltsame +Dinge angeschwemmt hatte, klobig geschnitzte Hölzer, Zedernstämme +von unbekannter Herkunft, riesenhaftes Schilfrohr, Leichen fremder +Menschenrassen von sonderbarer Hautfarbe, lauter Dinge, die auf das +Vorhandensein unbekannter seltsamer Erdteile schließen ließen. + +Aber so viel Unternehmungsgeist und Mut Kolumbus auch hatte, er war +jeglicher Mittel entblößt und ganz außerstande, seinen Plan ohne +fremde Hilfe und Unterstützung auszuführen. Von Johann II., der +eben den portugiesischen Thron bestiegen hatte, erhoffte Kolumbus +um so eher rege Förderung seiner Absichten, als Johann selber von +dem Entdeckungsfieber ergriffen war. Und als Kolumbus 1483 in einer +Audienz, die ihm der König gewährt hatte, seinen großen Plan, den +direkten Seeweg nach Indien aufzufinden, entwickelt hatte, war der +König trotz seiner anfänglichen Abneigung umgestimmt und bereit, +auf die Ideen des Kolumbus einzugehen. Er wollte die Vorschläge +nur noch von seinen gelehrten Ratgebern prüfen lassen. Diese hörten +sie kopfschüttelnd an; sie erklärten sie für die Ausgeburten eines +überspannten kranken Gehirns und meinten, es wäre eine unverzeihliche +Torheit, den bisher verfolgten Weg um Afrika herum, um ihretwillen +aufzugeben. + +Diese Entscheidung hinderte freilich den König nicht, trotzdem +an die Ausführbarkeit des Kolumbusschen Planes zu glauben. Er +hoffte nur billiger und bequemer dazu zu kommen, wenn er einen +~einheimischen~ Seemann mit einem gut ausgerüsteten Schiffe im +geheimen in die westliche Richtung absandte, um zu versuchen, ob +die Theorie des Genuesers sich bewähren würde. Anekdoten erzählen, +Kolumbus sei aufgefordert worden, seine Absichten in ausführlicher +Weise schriftlich darzustellen, und mit ebendieser Darstellung habe +man den neugeworbenen Seemann in den westlichen Ozean geschickt. Aber +diesem gemieteten Kapitän habe die kühne Seele des Kolumbus gefehlt; +nach wenigen Tagen sei schon sein Eifer ermattet, und im Glauben, die +uferlose Meereswüste nehme kein Ende, habe er seiner Entdeckungsfahrt +ein rasches Ende gemacht und sei zum Tajo zurückgekehrt, Kolumbus einen +Wahnsinnigen schimpfend, der diese sonderbare Idee ausgebrütet hatte. +Dieser Verrat und Schimpf, der ihm angetan worden sei, hätte Kolumbus +aufs höchste empört, und entrüstet hätte er diesem Lande den Rücken +gekehrt. + +Diese Anekdote, die Kolumbus zum Märtyrer macht, wird aber von der +neueren Forschung als unverbürgt abgelehnt; man nimmt vielmehr an, +daß Kolumbus Portugal verlassen habe, weil der König nicht auf seine +unerhört hohen Forderungen eingehen wollte, im Falle das Unternehmen +gelingen würde. Er beanspruchte nämlich ~erstens~ die Erhebung +in den Adelstand für sich und seine Familie; ~zweitens~ den +Titel »Admiral des Weltmeers«; ~drittens~ Amt und Würde eines +Vizekönigs und lebenslänglichen Statthalters aller entdeckten Inseln +und Festländer; ~viertens~ den zehnten Teil aller königlichen +Einkünfte an Gold, Silber, Perlen, Edelsteinen, Metallen, Gewürzen +usw., sowie von allen Handelserträgnissen in jenen Gebieten; +~fünftens~ nahm er das Recht für sich in Anspruch, bei allem +Handel sich auf jedem Schiffe mit einem Achtel des Wertes beteiligen zu +dürfen. + +Kolumbus richtete seine Blicke nach Spanien. Während Portugal seine +Pläne nur als ein Geschäftsunternehmen auffaßte und ablehnte, konnte +Kolumbus von Spanien hoffen, daß es die Entdeckung neuer Erdteile +zu einer Sache des ~Glaubens~ machen würde. Denn noch immer +kämpfte Spanien mit dem Islam und befolgte infolgedessen mehr eine +Glaubenspolitik als eine geschäftliche. Aber die spanischen Räte +waren für die Ideen des Kolumbus noch nicht reif. Zwar nahm man ihm +nicht alle Hoffnung; man wollte sich aber im Augenblick auf diese +abenteuerlichen Pläne nicht einlassen, da man in zu viel kriegerische +Verwicklungen hineingezogen war. Zu seiner Existenz erhielt Kolumbus +eine kleine Unterstützung vom Hofe, eine Art Wartegeld, durch das er an +die spanische Krone gebunden war. + +Es begannen Jahre voll peinlichen Wartens. Voller Angst sieht Kolumbus +ein Jahr ums andere verrinnen, ohne daß er seinem Ziele näher käme. +Deshalb faßt er zur Verwirklichung seiner Pläne jetzt Frankreich ins +Auge und schickt zugleich seinen Bruder nach England, damit er dort +ebenfalls wirke. Aber beides ist erfolglos. So lebt Kolumbus sieben +Jahre einsam, unbekannt und fast vergessen in Cordova und Sevilla, bis +er sich 1491 gewaltsam losreißt, um in anderen Ländern sein Glück zu +erjagen. + +Aber bevor er sich die Krone des Erfolges aufs Haupt setzen kann, muß +er noch harte Prüfungen bestehen. Die Vasallen des Hungers gesellen +sich zu ihm und geleiten ihn durch die dornenvollen Lande der Bitternis +und der Enttäuschung; der Kummer wird sein treuester Freund. Es tun +sich Abgründe in ihm auf und schwere Verzweiflung kommt heran und +erwürgt alle seine Hoffnungen. Der Gottgesandte bricht zusammen, ehe er +seine ruhmvollen Reisen beginnt. + +Als Bettler finden wir ihn wieder an der Pforte des Klosters St. Maria +de la Rabida, das unfern von dem andalusischen Seehafen Palos sich +auf einem Hügel erstreckt. Dort erfleht er für sich und seinen Knaben +eine Stärkung. Der fremde Dialekt des Bittenden und die eigentümliche +Erscheinung erregen die Neugier des Pförtners. Der ruft den Prior +Juan Perez de Marchena, dem Kolumbus in seiner Drangsal und Not seine +Entwürfe und Hoffnungen vertraulich mitteilt. Der Prior aber erkennt, +daß er hier keinen gewöhnlichen Bettler vor sich hat; er erkennt +den Wert des Kopfes, der diese verwegenen Entdeckerpläne hegt, und +beschließt auch sofort, Kolumbus nicht aus dem Lande ziehen zu lassen, +ohne die Königin Isabella von seiner Absicht vorher in Kenntnis zu +setzen. Aber trotz der warmen Empfehlungsschreiben des Priors gelingt +es dem Fremdling nicht, vor die Königin vorgelassen zu werden. +Kolumbus, der sich selber in ärmlichem Gewand nach dem königlichen +Kriegslager begibt, wird mit verwundertem Erstaunen von dem königlichen +Beichtvater betrachtet, der es auch verhindert, daß Kolumbus vor der +Königin erscheint. Wieder ist er zurückgewiesen. Dennoch glaubt er +unerschütterlich an sich und seine Sache und ernährt sich inzwischen +kümmerlich durch Kartenzeichnen. + +Aber der Schmerz veredelt ihn nicht, sondern macht ihn habgierig und +rachsüchtig. Er wird sich an all denen rächen, die ihm wehgetan haben. +Wenn er das Franziskanerkloster La Rabida verlassen wird, wo man den +Umherirrenden vom Hungertode errettet hat, wird er fordern, daß man +ihm jede bittere Stunde durch zehnfache Ehrungen und zehnfaches Gold +aufwiege. + +Inzwischen gewann er durch seine imponierende Ausdauer und sein +würdevolles Betragen einen neuen Freund in Alonzo de Quintanilla, dem +kastilianischen Finanzkontrolleur, der ihn bei mehreren Personen vom +Hofe einführte und sich warm für ihn ins Zeug legte, so daß ihm endlich +eine Audienz erwirkt wurde. Endlich konnte Kolumbus seine Gedanken +mitteilen und er war als ein glänzender Sprecher berühmt. Der König +Ferdinand maß den kolumbischen Plänen eine so hohe Bedeutung bei, daß +er sie einer Versammlung der gelehrten Geistlichen zur Entscheidung +vorlegte. Die stellten, da ihr Wissen von der Erde nicht weit her +war, der Ausführung der Ideen die größten Hindernisse in den Weg. +Die einen meinten, es gebe überhaupt keine neuen Erdteile mehr zu +entdecken; die ganze unbekannte Welt sei vom Ozean ausgefüllt; die +anderen sagten, wenn die Erde Kugelgestalt habe, so könne man zwar +die Erdkugel herunterfahren; es sei aber doch dann unmöglich, wieder +~hinaufzukommen~; die dritten glaubten, wenn es etwas zu entdecken +gäbe, so müsse in den neuen Ländern so eine furchtbare Hitze sein, daß +sie sofort alles Lebendige töten würde. Kurz, obwohl nur Dummheiten +vorgebracht wurden, und obwohl Kolumbus sie den seeunkundigen +Geistlichen geschickt widerlegte, wurden seine Pläne doch wieder, wenn +auch nicht verworfen, so doch aufgeschoben und vernachlässigt. Die +Hoffnung, die Kolumbus blieb, war gering; aber so gering sie war, sie +vermochte ihn doch wieder aufrecht zu erhalten. Er blieb also dem Hofe +nahe und ließ sich die Verachtung und den Spott der Höflinge, die ihn +als einen lächerlichen Projektenmacher betrachteten, still gefallen. +Nur wenige Freunde schürten dann und wann den Glauben an eine spätere +Aussicht in ihm wach und bestärkten ihn in seinem Selbstvertrauen. + +Und die Monate gingen hin. Inzwischen empfing er wieder ein Schreiben +vom portugiesischen König Johann, der ihn einlud, nach Lissabon +zurückzukehren; aber Kolumbus schlug das Anerbieten aus. Auch der +König von England, Heinrich VII., fing an, sich ermunternd gegen +Kolumbus zu äußern, nachdem es dessen Bruder, der auf dem Wege nach +England von Seeräubern ausgeplündert worden war, nach langer Gefahr +und entmutigender Not gelungen war, sich dem Könige zu nähern. Aber +Kolumbus ließ sich auch von diesen Hoffnungen nicht blenden, um so +weniger, als nun auch Ferdinand und Isabella von Spanien sich wieder +des vernachlässigten »Projektenmachers« erinnerten. Aber da war die +noch immer währende Belagerung von Granada, die die Tatkraft der +Regenten vollkommen in Anspruch nahm, ein neues Hemmnis. Und als die +Spanier endlich die maurische Herrschaft gebrochen hatten, verdrängten +die lärmenden Siegesfeste und die Turniere wieder von neuem die +Erinnerung an den unverzagt hoffenden Genueser. Aber nun begann er in +seinen Bitten dringlicher zu werden und drängender. Er forderte ein +energisches und unzweideutiges Ja oder Nein. Wieder traten die früheren +geistlichen Räte zusammen, wieder beratschlagten sie und wieder +bekundeten sie: der Antrag des Bittstellers sei in seinen Grundsätzen +gehaltlos, in seiner Ausführung untunlich und deshalb der Förderung und +Beachtung der königlichen Herrscher unwürdig. + +Jetzt erst schien es, als hätte das Schicksal Kolumbus, nach all dem +vergeblichen Warten und Hoffen, den Becher der Verzweiflung zum Trunke +gereicht. Jetzt erst sah er sich von seinem Ziele weiter entfernt denn +je; er fühlte sich grenzenlos unglücklich und erschüttert. Jetzt erst +wollte er Spanien verlassen und wollte nach England oder Frankreich. +Er kehrte nach dem Kloster La Rabida zurück, wo er seinen Sohn in der +Obhut des Priesters zurückgelassen hatte, um ihn nun zu sich zu nehmen. +Aber der Prior, tief bekümmert über das Mißgeschick des Freundes, gab +die Sache des Kolumbus trotzdem noch nicht verloren. Er hielt Kolumbus +zunächst im Kloster zurück und schickte einen Piloten mit einem warmen +Empfehlungsbrief zur Königin. Und die Entscheidung lautete günstig. +Der Prior wurde zur Königin befohlen und hier führte er die Sache des +Kolumbus so beredsam, daß sie beschloß, wieder von neuem zu verhandeln. +Vorläufig schickte sie ihm dreiundfünfzig Dukaten, damit er anständig +vor ihr erscheinen könne. + +Um diese Zeit sah sich auch Spanien auf dem Gipfel seiner Größe. In +König Ferdinand wurden Hochsinn und Ehrgeiz wach, und er hoffte durch +Kolumbus zu unberechenbarem, neuem Glanze zu kommen. Man verhandelte +nun ernstlicher mit ihm und stellte ihm für seine Fahrt drei gut +ausgerüstete Schiffe in Aussicht. Nach seinen Ansprüchen befragt, +gab er dieselben maßlosen Forderungen an, wie ehedem dem Könige von +Portugal. Er will die höchsten spanischen Würden und die Macht des +Vizekönigs in den neu zu entdeckenden Ländern. Er ist außerdem ein +tüchtiger Geschäftsmann. Von allen Perlen und Edelsteinen, von Gold +und Spezereien, von allem, was Handelswert hat, will er zehn Prozent. +Er will das Amt des höchsten Richters üben und alle Handelsprozesse +führen, die zwischen Spanien und dem Lande seiner Phantasie entstehen +werden. Anfangs findet man diese Forderungen unangemessen, übermütig, +ausschweifend; endlich aber, nach Befürwortung und Anfeuerung durch den +Schatzmeister, bewilligt man ihm -- zu seinem Unglück -- alles. Welch +eine Meinung hat er nun von sich! »Gott machte mich zum Gesandten eines +neuen Himmels und einer neuen Erde.« + +Und jetzt gehen die Dämonen in ihm auf Raub aus. Eine unersättliche +Geldgier und eine kleinliche Habsucht erfüllen ihn; er wird +doppelzüngig und grausam; er wird anmaßend und prahlerisch. + +Man hatte ihn nun zum Admiral ernannt und sofort in den Adelstand +erhoben. Die Ausrüstung der Schiffe wurde eilig betrieben; der nahe +Hafen von Palos war als Ausfahrtspunkt gedacht. Die Schiffsmannschaft +sollte in königlichen Sold genommen werden, aber genügend wackere +Matrosen und Steuerleute zu beschaffen war nicht so leicht. Die +kühnsten Seeleute schreckten bei dem Gedanken zurück, eine Fahrt ins +Ungewisse, Grenzenlose, Ziellose zu tun. In den Märchen war ja erzählt +worden, daß manche Kaufleute fünfzig Jahre und länger auf dem Meere +geradeaus fuhren, ohne je eine Insel erreicht zu haben. Eine solche +Fahrt ~mußte~ sie ins Verderben führen, und daher war die Angst +davor so groß, daß selbst scharfe Strafbefehle nicht die Wirkung +hatten, genügende Seeleute anwerben zu können. Niemand wollte sein +Leben dem fremden italienischen Pläneschmied anvertrauen, der mit weiß +Gott was für Teufelskünsten den König beredet hatte. + +Erst als ein gewisser Pinzon und sein Bruder, deren Erfahrungen auf dem +Meere man sehr hochschätzte, versprochen hatten, die ungeheuerliche +Fahrt mitzumachen, wirkte deren Beispiel so ermutigend, daß die Schiffe +schließlich doch segelfertig gemacht werden konnten. + +Die gesamte Ausrüstung der drei Schiffe zählte mit Inbegriff der +Steuerleute, der königlichen Beamten, Ärzte, einiger Freiwilliger vom +Kriegshandwerk und neunzig Matrosen, alles in allem hundertzwanzig +Köpfe. Mehr waren an der ganzen andalusischen Küste für dieses +Unternehmen, trotz guter Beispiele, gutem Sold und großer Überredung, +nicht zu gewinnen. Und selbst unter diesen hundertzwanzig Leuten kamen +weitaus die meisten nur sehr widerwillig mit und nur, weil man Gewalt +angewendet hatte. + +Die Hafenstadt Palos mußte die Schiffe stellen und ausrüsten, Sevilla +hatte den Auftrag, Waffen und Proviant zu liefern. Das Flaggschiff, +die Santa Maria, wollte Kolumbus selbst führen; das zweite Schiff, +die Pinta, stand unter dem Befehl der beiden Brüder Pinzon; das +dritte Schiffchen, die Nina, wurde von einem anderen Pinzon +kommandiert. Die Santa Maria maß etwa zweihundertundachtzig, die Pinta +hundertundvierzig, die Nina höchstens hundert Tonnen. + +Endlich, nachdem Kolumbus und die gesamte Mannschaft in der Kirche +den Segen Gottes erfleht hatten, und jeder die heiligen Sakramente +empfangen hatte, wurden am Freitag, dem 3. August 1492, morgens acht +Uhr, die Anker gelichtet und unter Herzklopfen der Scheidenden und der +Zurückbleibenden verließen die Schiffe die vaterländische Küste, um +einer ungewissen Zukunft entgegenzusegeln. + + * * * * * + +Kolumbus schlug den Weg nach den Kanarischen Inseln ein. Aber schon +während dieser Fahrt mußte sich ihm die Besorgnis aufdrängen, daß seine +Schiffsmannschaft in einer Anwandlung von Furcht und Reue widersätzlich +werden und auf Umkehr dringen könnte. Diese Befürchtung war nicht +grundlos. Schon am dritten Tage zerbrach das Steuerruder der Pinta, +und man schöpfte Verdacht, daß die beiden Seeleute, denen das Schiff +gehörte, den Schaden absichtlich herbeigeführt hätten, um das Fahrzeug +~vor~ der gefährlichen Reise in Sicherheit zu bringen. Der +Schaden war nur schwer wieder gut zu machen, aber der Kapitän Alonso +Pinzon verlor den Mut nicht; es gelang ihm, das Schiff nach der Insel +Lanzerote zu bringen, wo die notdürftige Ausbesserung mehrere Wochen +in Anspruch nahm. Während dieses unfreiwilligen Aufenthaltes wurde ein +Vulkanausbruch auf Teneriffa beobachtet, der allgemeine Verwunderung +erregte. Das Schiffsvolk begann zu murren und über die unbequemen +Arbeiten zu klagen; sie waren der Reise schon überdrüssig, ehe sie noch +recht begonnen hatte. + +Erst am 6. September konnte das kleine Geschwader die Reise fortsetzen; +es segelte an Ferro, der Eiseninsel, vorbei, den drei portugiesischen +Karavellen geschickt ausweichend, die die Schiffe des Kolumbus +aufhalten sollten, um die Expedition zu vereiteln. Ferro war die letzte +Insel der bekannten Welt, und Kolumbus fühlte sich, im Gegensatz zu +seinen zaghaften, in Tränen aufgelösten Gefährten, erst jetzt wohl. Die +Entmutigten feuerte er durch verlockende Reden von den zu erwartenden +Reichtümern an, an die er selber glaubte; den Unterbefehlshabern gab +er bestimmte Weisungen über die Richtung, die einzuhalten war. Von +jetzt ab führte der Admiral, wie er selber angibt, ~zweierlei~ +Tagebücher; eins für sich, in das er die ~wirkliche~ Meilenzahl +verzeichnete, die durchsegelt worden war, und ein anderes ~offen~ +liegendes, sogenanntes Schiffsjournal, worin er die zurückgelegten +Strecken kürzer angab, damit die Mannschaft durch die weite Entfernung +von der Heimat nicht den Mut verlieren sollte. + +So segelten sie mehrere Tage dahin; es wurde aber schlecht gesteuert, +so daß sie ein wenig von der Richtung abwichen. Am 13. September +entdeckte Kolumbus die westliche Abweichung der Magnetnadel, die +sogenannte »Deklination der Magnetnadel«, die ihn sehr beunruhigte. +Was mußte nun aus ihnen werden, wenn der einzige sichere Führer in +der weiten Wasserwüste sich so unzuverlässig zeigte? Es gehörte +des Admirals ganze Besonnenheit und Geistesgegenwart dazu, die +beunruhigende Erscheinung seinen Matrosen als eine unwichtige Sache +hinzustellen. Am 14. September sahen die Leute von der Nina eine +Seeschwalbe und einen Tropikvogel; am 15. fiel in geringer Entfernung +von den Schiffen eine prachtvolle Feuerkugel ins Meer. Alle diese Dinge +verwirrten und betrübten das Schiffsvolk, das hierin Himmelszeichen +sah, daß die Reise schlecht ablaufen würde. Am 16. trübte sich der +Himmel, und es fiel ein starker Regen. Von nun an war das Klima völlig +umgeschlagen; die Morgen waren lieblich wie in Andalusien; es fehlte +nur noch das Singen der Nachtigall. Der Himmel war von silberumsäumten +Wolken bezogen, die Luft war mild und klar. Am selben Tage sah man auch +das Meer mit zahllosen Büscheln von treibendem Seetang bedeckt, der so +frisch und grün aussah, daß man meinte, das Kraut könne erst vor kurzem +vom Lande losgerissen sein; es müssen also -- glaubte man -- Inseln in +der Nähe sein. + +Beim Anblick dieses treibenden Tanges, des Sargassun, begann das +Schiffspersonal wieder aufzubegehren; es murrte über den langen Weg, +der kein Ende nehmen wollte. Die Tage wurden länger, die Meeresflächen +erschienen wieder größer, die Ungeduld wuchs und schwoll und entlud +sich in offener Empörung gegen Kolumbus. Aber als man auch glücklich +über die schwimmenden Grasstrecken hinweggesegelt war, legte sich die +Besorgnis ein wenig. + +Doch tags darauf zeigten sich neue Grasinseln; man fing eine Krabbe +zwischen den Büscheln, die Kolumbus mit dem Bemerken aufbewahrte, daß +nun das Land wohl in der Nähe sein müsse. Das Seewasser war auch nicht +mehr so salzig, wie bei den Kanarien. + +Am 18. September eilte die Pinta etwas voraus, weil der Admiral +gesagt hatte, er hoffe noch in dieser Nacht Land zu sehen, und +weil die Königin demjenigen eine Prämie von zehntausend Maravedis +(zweihundertundsiebenundfünfzig Mark) ausgesetzt hatte, der zuerst +Land erblicken würde. Diese Zuversicht wurde noch dadurch verstärkt, +daß sich im Norden eine dichte Wolkenbank lagerte, die man anfangs für +Land hielt. Am 19. September herrschte Windstille. Ein Pelikan, der nie +weitab vom Lande fliegt, kam auf das Hauptschiff; ein Sprühregen fiel +ohne Wind; das alles schienen Anzeichen, daß Land nahe sei. Kolumbus +glaubte an links und rechts liegenden Inseln vorbeigefahren zu sein, +und zwar mit Absicht, weil er seinem Vorsatz getreu bleiben und zuerst +den Weg nach Indien fortsetzen wollte. Auf dem Rückwege hatte er ja +Zeit genug, alles aufzusuchen. + +Am nächsten Tage wurden wieder Pelikane gesehen, ein Pajaro, ein +möwenähnlicher Flußvogel, wurde gefangen; morgens kamen auch kleine +Vögel heran und sangen. Die Vögel flößten den Schiffern Mut ein. + +Den folgenden Tag herrschte Windstille; ungeheure Grasmassen segelten +vorbei; ein Walfisch wurde gesichtet. Das Meer war glatt, die Luft +wundervoll. + +Am 23. September erhob sich ein widriger Wind und Sturmvögel umkreisten +die drei Schiffe. »Dringend bedurfte ich den heutigen Gegenwind,« +schreibt Kolumbus in sein geheimes Tagebuch, »denn mein Schiffsvolk war +höchst beunruhigt und besorgt, daß auf jenen Meeren keine Winde zur +Rückkehr nach Spanien wehten.« + +[Illustration: Die Schiffe des Kolumbus, mit denen er im Jahre 1492 +seine erste Reise unternahm.] + +Es ist nicht zu verwundern, daß die Leute immer wieder von neuem +von ihrer Angst und Einbildung gepeinigt wurden. Sie waren ja nur +gewohnt, Küstenschiffahrt zu treiben, wobei man nie das Land aus den +Augen verlor. Und nun segelten sie schon ununterbrochen seit mehr als +vierzehn Tagen durch den scheinbar endlosen westlichen Ozean, ohne daß +man einer Felsklippe begegnet wäre. Nichts als Meer und Himmel, Wolken +und Wellen, Luft und Wasser. + +Die Schiffe hielten bald nach Nordwest, bald wieder nach West. Das +Meer ging ungeheuer hoch, so daß diejenigen, die erst ob des Mangels +an Wind murrten, nun wieder glaubten, man werde bei dem Sturm elend +umkommen. + +An diesem Tage kam auch eine Turteltaube auf das Admiralsschiff, sowie +Pelikane, Rohrsperlinge und andere weiße Vögel, und in dem Meergras +fand man wieder mehrere Krabben. + +Von nun an besuchten das Schiff fortwährend Pelikane und man tötete +große Fische mit der Harpune. Anstatt aber von all diesen Anzeichen, +die nahes Land hoffen ließen, freudig bewegt zu sein, wurde die +Mannschaft des Kolumbus um so ungeduldiger und ungehaltener. Noch immer +erklärten die meisten Matrosen die Fahrt für eine große Torheit, die +dem Selbstmord gleichkäme. Die Unzufriedensten traten heimlich zusammen +und murrten untereinander, bis sich endlich eine fast allgemeine +Stimme des Vorwurfs erhob, daß der tollkühne Ehrgeiz eines Einzelnen +das Leben so Vieler nur schon zu lange gefährde und ferner nicht zu +dulden sei. Die Verwegensten deuteten an, daß man sich, falls der +Admiral nicht in sofortige Rückkehr willige, des wahnwitzigen Urhebers +so vieler Drangsal leicht entledigen und ihn über Bord werfen würde. +Kolumbus entging diese meuterische Stimmung nicht; allein, er verzagte +nicht und setzte seine ganze Hoffnung darauf, daß er endlich siegen +werde. Zum Glück rief ihm noch der Führer der Pinta am folgenden Tage +freudig erregt zu, er habe Land gesehen, und diesmal sei eine Täuschung +ausgeschlossen. Kolumbus kniete nieder, um Gott zu danken, während die +ganze Mannschaft aller drei Schiffe ein frommes Kirchenlied anstimmte. +Man erkletterte die Masten und das Takelwerk und alle stimmten darin +überein, Land gesehen zu haben. Alle Mann blieben bis zur Nacht auf +Deck. Das Meer war so still, daß viele Matrosen hineinsprangen, um zu +baden. + +Aber als Kolumbus am 26. September gesehen hatte, daß Pinzon abermals +einer Täuschung erlegen war und eine Wolkenbank für das ersehnte Land +gehalten hatte -- eine Täuschung, die um so gefährlicher war, weil sie +alle freudig gestimmt hatte -- bemächtigte sich der Mannschaft eine +tiefe Niedergeschlagenheit. + +Kolumbus segelte vertrauensvoll nach Westen weiter. Am 30. September +begegnete man so großen Vogelschwärmen, daß sich alle darüber +verwunderten, weil so große Schwärme sonst nur am Lande angetroffen +wurden. + +Von der Insel Ferro gerechnet war man nun bis 1. Oktober etwa +sechshundert Meilen gesegelt. + +Auch in den folgenden Tagen war das Meer glatt und ruhig, und obwohl +die Anzeichen von Landesnähe sich immer mehrten, hatte die Mannschaft +allen Glauben an eine glückliche Beendigung der Fahrt verloren. In +wildem Trotz begehrten sie augenblickliche Umkehr. Wieder wollte +Kolumbus die erregten Gemüter beschwichtigen; aber als sie sogar sein +Leben zu bedrohen begannen, erklärte er energisch, daß ihn keine Gewalt +der Erde bewegen könne, sich den Befehlen des Königs zu widersetzen +und daß er, sobald das Land erreicht wäre, das unfern sei, von seinem +Rechte als Vizekönig Gebrauch machen und die Aufwiegler nach Verdienst +bestrafen werde. + +Aber dieser stolze Mut hätte Kolumbus trotzdem nicht viel genützt, +wenn tags darauf nicht wirklich Dinge aufgefischt worden wären, die +zweifellos darauf schließen ließen, daß die Versprechungen des Kolumbus +nun in Erfüllung gehen würden. Völlig frische Süßwassergewächse, +bekanntes Sumpfrohr, grüne Zweige mit daranhängenden Beeren, ein +künstlich geschnitzter Stab und andere Dinge schwammen vorüber. »Es war +um zehn Uhr nachts,« heißt es im Tagebuch, »als ich vom Hinterkastell +aus ein Licht erblickte. Es blinkte aber so unsicher, daß ich mir nicht +getraute, auf Land zu schließen. Ich rief jedoch den Bettmeister des +Königs herbei und sagte ihm, ich hätte Licht gesehen, ob er's nicht +auch entdecke? Er schaute hinaus und erkannte es.« + +Kolumbus ermahnte nun die Mannschaft, nach dem üblichen Abendgesang, +wachsam nach Land auszuspähen, und er versprach auf eigene Kosten dem +ersten Landausrufer noch ein seidenes Wams zu dem Gnadengeschenk der +zehntausend Maravedis. Auf der Pinta war die überraschte Neugier und +Freude noch größer. Das Schiff segelte rasch voraus und als es zwei +Uhr nachts war -- Freitag der 12. Oktober war angebrochen -- entdeckte +Juan Rodriguez Bermejo das heiß ersehnte Land. Er stürzte auf das erste +beste Geschütz zu, um das verabredete Signal zu geben, und indem er +feuerte, rief er seine Freude in die helle Nacht hinaus. Die Schiffe +zogen ihre Segel ein und trieben langsam dem Lande zu. + + * * * * * + +Als es Morgen geworden war, betrat Kolumbus die neue Erde, eine +niedrige Insel mit üppiger Vegetation, deren Ufer von nackten +kupferfarbigen Menschen bedeckt waren, die den Spaniern mit Staunen +entgegenblickten. + +»Ihr Wuchs ist tadellos und voller Reize,« beschreibt Kolumbus seinen +ersten Eindruck; »Freundlichkeit spricht aus ihrem Antlitz. Sie bemalen +sich bald weiß, bald schwarz, bald bunt, die einen den Körper, die +anderen das Gesicht, etliche nur die Nasen oder Stellen um die Augen. +Sie führen keine Waffen und kennen sie so wenig, daß sie meinen Degen +bei der Klinge faßten und sich schnitten. Ihre Stäbe haben an der +Spitze einen Fischzahn statt eines Eisens.« + +Als der erste am Strande sinkt der Admiral auf die Knie; seine +Begleiter folgen ihm. Dann nimmt er unter Entfaltung der Kreuzesfahne +und mit allen feierlichen Gebräuchen im Namen seiner königlichen +Gebieter Besitz von der Insel, der er den Namen ~St. Salvador~ +beilegt; die Eingeborenen nennen sie Guanahani. Kolumbus läßt sich +alsdann von seinen Begleitern als bestallter Großadmiral und Vizekönig +den Treueid leisten. Begeistert und von widersprechenden Gefühlen +bezwungen, drängt sich die Schar um ihren Führer, der nun in ihren +Augen als ein höheres Wesen erscheint. Die Eingeborenen fassen bald +Vertrauen genug, sich diesen weißen bärtigen Männern zu nähern, die, +in beflügelten Häusern schwimmend, vom Himmel herabgestiegen zu sein +scheinen, und es beginnt bald ein freundschaftlicher Verkehr, der +durch allerhand kleine Geschenke recht lebhaft wird. Kolumbus wird +jetzt der Mann großer Gesten und kleiner Schliche. Er zankt sich zum +Beispiel mit dem glücklichen Matrosen Rodriguez herum, der zuerst Land +erblickt hat, ~er selber~ hätte zuerst Land gesehen; er gibt dem +Matrosen infolgedessen das Versprochene nicht, läßt es sich vielmehr +selber auszahlen. An Land gestiegen, singt er mit seinen Matrosen vor +Freude und innerer Bewegung ein Tedeum, und, religiöse Worte auf den +Lippen, ist sein Herz schon mit den goldenen Nasenringen beschäftigt, +die er den Ureinwohnern abnimmt, um ihnen Glasperlen dafür zu bieten. +Hier ist Kolumbus mehr Wucherer als Gottesbote. Denn für diesen hält +er sich. »Die heilige Trinität bewog Eure Majestät zu dem Unternehmen +nach Indien,« schreibt er an den spanischen Herrscher, »und durch ihre +unendliche Gnade wählte sie mich, um es Ihnen zu verkündigen. Deshalb +kam ich als ihr (der Trinität) Botschafter zu Eurer Majestät wie zu den +mächtigsten Fürsten der Christenheit, welche sich im Glauben übten und +so viel für seine Verbreitung taten. Trotz allen Ungemachs, das mir +widerfuhr, war ich gewiß, daß meine Unternehmung gelingen würde, und +beharrte bei dieser Ansicht, weil alles vergehen wird, ausgenommen das +Wort Gottes. Und in der Tat, Gott spricht so klar von diesen Gegenden +durch den Mund des Jesaias an mehreren Stellen der Heiligen Schrift, +wenn er versichert, daß von Spanien aus sein heiliger Name solle +verbreitet werden.« + +Nein, unser Gottgesandter, den man mit dem Apostel Thomas verglichen +hat, ist nach seiner Landung nicht großzügig. Diese Insulaner sind dumm +und harmlos, folglich sind sie eine gute Handelsware. »Diese gutartigen +Menschen müssen ganz brauchbare Sklaven abgeben,« schreibt er in sein +Tagebuch. Er wird denn auch wirklich der Protektor des Sklavenhandels. + +Kolumbus begreift bald, daß es auf Salvador nicht Gold genug geben +werde, nach welchem sowohl er wie seine Begleiter so gierig sind. +Denn das Gold sollte ja der Lohn sein für die großen Gefahren, in +die sie sich begeben hatten. Die Eingeborenen zeigten nach Süden und +nach zweitägigem Aufenthalt auf dieser zuerst betretenen Insel eilt +Kolumbus weiter, nimmt aber etliche Eingeborene mit an Bord, die +ihm von Insel zu Insel den Weg zeigen sollen. Die zweite Insel, die +Kolumbus betritt, tauft er ~Santa Maria de la Conception~. Aber +da das Volk hier ebenso arm ist wie auf Salvador, eilt er zur dritten +Insel, der er den Namen ~Fernandina~ gibt, und die seine Begierde +nach Gold ebenfalls enttäuscht, und dann zur vierten Insel, die er +~Isabella~ tauft (jetzt Crooked Island genannt), um am 24. Oktober +nach Kuba zu steuern, das Kolumbus für Zipangu (Japan) hielt, das lang +ersehnte Märchenland, wo es so viel Gold geben sollte, wie bei uns +Steine. + +Es war die Zeit, in der der Herbstregen seinem Ende naht. Die +tropische Natur prangte in voller Üppigkeit. Kolumbus wird nicht +satt, die Nachtigallenschläge zu belauschen, die laue indische Luft +dem andalusischen Frühling zu vergleichen und die üppige Wildnis am +krautbedeckten, feuchten Ufer, den Reichtum an Pflanzengestalten in den +durch Papageienschwärme belebten tropischen Wäldern zu bewundern. Jede +neue Insel steigt ihm lieblicher aus dem Wasser; sie ist ihm schöner +als die früheren; die schönste, die er bisher gesehen. Die Berge +auf Kuba erinnern ihn an die duftigen Bauwerke arabischer Moscheen. +Empfänglich für jeden Liebreiz der Natur und alle holden Wunder der +Schöpfung, blickt er auf die tropische Herrlichkeit fast wie ein +zärtlicher Vater. Berauscht von seinem Erfolge, glaubt er, die Wälder +stünden voller Mastixbäume; er sieht Perlenbänke in der See und Gold +im Metallglanze der sandigen Flußbetten, und er vermeint schon alle +unfaßlichen Träume von einem glückseligen Indien zu erblicken. Seine +Schilderung von der Entdeckung Kubas ist ein Gemisch von begeisterten +Worten über die Pracht des Landes und über seine Hoffnungen, Gold zu +finden. Natur? Ja, sie ist schön. Sehr schön sogar, aber er will Gold. +Es ist schön von den Palmen, daß sie Kokosnüsse tragen; sie bringen +ihm Geld und der Botanik eine neue Erkenntnis. Die Sitte des Rauchens +herrscht bei diesem fremden Volke; nach Europa verpflanzt, wird diese +unbekannte Sitte Geld einbringen. Auf der Globuskarte Behaims liest +Kolumbus: »Hie findt man vil merwunder von serenen.« Praktisch, wie +er ist, sucht er nicht lange nach den Sirenen, sondern begnügt sich +mit gewöhnlichen Fischen. Welch erstaunliche Kraft und imposante Größe +gibt ihm seine Geldsucht! Er erträgt übermenschliche Anstrengungen; er +schläft zweiunddreißig Nächte hintereinander nicht; Gewitter und Stürme +finden ihn immer auf seinem Posten; die Malaria schüttelt ihn vergebens +wochenlang. »Geld machen,« ist das Losungswort, das ihn aufrechthält. +Ist dieser Italiener nicht in der Tat der erste moderne Amerikaner? + +Kolumbus begann jetzt, am 12. November, gegen Südosten zu segeln, in +der Hoffnung, Gold und Gewürze zu finden. Aber während widrige Winde +ihn nötigten, auf See zu gehen, trennte sich Alonzo Pinzon mit der +Pinta heimlicherweise von dem Admiralsschiff, um durch Gold und Ehrgeiz +angestachelt, auf eigene Faust die schätzebeladenen Küsten aufzusuchen. + +Bald fiel Kolumbus die Insel Haiti in die Augen, von deren Naturpracht +er so entzückt war, daß er sie Klein-Spanien (Hispaniola) taufte. + +Als er sich dem Paradiese nahe glaubt, schreibt er: »Es sind hier also +gewichtige Anzeichen für die Nähe des Paradieses, und die Ansichten +der gelehrten Theologen stimmen mit meinen Beobachtungen überein. +Und wenn die Wasser (des Orinoko) nicht aus dem Paradiese kommen, +so scheint das ein noch größeres Wunder zu sein, weil ich nicht +glaube, daß man auf der ganzen Welt einen so mächtigen und tiefen Fluß +findet.« Er preist die Insel als ein Paradies und schreibt an die +spanischen Majestäten, niemand, der nicht gut katholisch sei, dürfe +die gesegnete Insel betreten. »Denn das ist das Ziel der Entdeckungen +gewesen, die ich auf Befehl Eurer Majestät gemacht habe, und die +~nur~ unternommen sind, den christlichen Glauben zu verherrlichen +und zu verbreiten.« Hier sagt Kolumbus, vielleicht unbewußt, eine +Unwahrheit, denn sein tägliches Gebet lautet: »Möge der Herr nach +seiner Barmherzigkeit mich die Goldminen finden lassen! Denn es erhört +Gott die Gebete seiner Diener, welche seine Gebote befolgen, auch dann, +wenn sie, wie in diesem Falle, Unmögliches zu bitten scheinen.« Diese +Goldgier geht so weit, daß er selbst einen erlittenen Schiffbruch als +eine Fügung Gottes betrachtet, der ihn so auf die Goldfelder hinweisen +will, die in der Nähe sein müssen. Und weil er in Haiti einige +goldverzierte Hütten findet, hält er die Insel für das salomonische +Ophir. + +In der Christnacht, wo Kolumbus bei stillem Wetter sich der +langersehnten Ruhe hingegeben, vernachlässigten nämlich der Steuermann +und die Matrosen ihre Pflicht so sehr, daß bald alles an Bord der +St. Maria im Schlafe lag, während die Strömungen das Schiff auf eine +Sandbank führten, wo es rettungslos scheiterte. Es blieb nichts übrig, +als die Ladung mit Hilfe der Eingeborenen, so gut es ging, zu bergen. +Der Admiral, nunmehr genötigt, sich an Bord der Nina zu begeben, war +tief erschüttert durch sein Mißgeschick; aber die Auskunft, daß es +zwischen den Bergen Goldminen gebe, wo das Gold nicht gesucht sei, weil +die Eingeborenen keinen Wert darauf legten, erheiterten bald seine +Mienen. + +Und nun war es das ~Gold~, das den Gang der Entdeckungen +beherrscht hat; das Aufsuchen neuer Länder wird jetzt ein +Glücksgewerbe; Kolumbus ist nur der glücklichste und kühnste Spieler. + +[Illustration: Die Rüstung des Kolumbus.] + +Denn kaum hat er die goldführenden Flüsse Haitis entdeckt, so ist sein +Entdeckungsdrang stark abgekühlt, und er hat nur noch Sinn für die +Hebung der Schätze. + +Kaziken auf Haiti, mit denen Kolumbus sich angefreundet, bringen +Goldklümpchen, Gewürze und andere Kostbarkeiten. Aus den Trümmern der +Santa Maria läßt Kolumbus eine kleine Festung bauen, in der er mehrere +seiner Matrosen und Handwerksleute, insgesamt neununddreißig Mann, +die sich freiwillig erboten hatten, zurückläßt; zugleich versorgt +er sie für ein ganzes Jahr mit Zwieback, Pulver und Geschützen. Die +Zurückgebliebenen sollten inzwischen die Erzeugnisse des Landes +kennen lernen, seine Metalle und Kräuter, sollten Sitten und Sprache +der Indianer studieren, vor allem aber nie vergessen, Goldtausch zu +treiben. Er hoffe, nach seiner Wiederkehr eine Tonne Goldes +vorzufinden! + +Am 4. Januar schied Kolumbus und wandte sich mit der gebrechlichen +Nina nach Osten. Nach dem Schiffbruch der Santa Maria empfand Kolumbus +das Fehlen der Pinta doppelt schwer, weil es zu gefährlich war, mit +dem einzigen Schiffe längere Küstenfahrten zu unternehmen. Auch +bedrückte ihn der Argwohn, Alonso Pinzon sei vielleicht nach Spanien +vorausgeeilt, um den Hof gegen Kolumbus in feindliche Stimmung zu +bringen. Am 6. Januar wurde indes die Pinta wieder gesichtet. Alonso +kam an Bord der Nina und versuchte, mit unhaltbaren Entschuldigungen +seine Entfernung zu beschönigen. Kolumbus durchschaute den Mann; er +fand es aber für gut, seinen Groll bis zur Heimkehr zu verbergen; desto +reifer wurde sein Entschluß, sich eines so unzuverlässigen Begleiters +rasch zu entledigen. + +Am 12. Februar erhob sich ein Sturm. In der Nacht zog ein Gewitter +vorüber, die Gewalt des Windes steigerte sich am Tage, und die hohle +See schleuderte die Fahrzeuge erbarmungslos umher. In der Nacht zum +14. Februar verschlimmerte sich die Lage immer mehr, und in diesen +angstvollen Stunden verschwand die Pinta. Am Morgen des 15. Februar +wuchs die Gefahr des fürchterlichen Sturmes in so hohem Grade, daß +Kolumbus eine Pilgerfahrt gelobte. Inmitten dieser Wut der Elemente +ängstigte Kolumbus auch der Gedanke, daß, wenn er nun unterginge, mit +ihm auch sein großes Entdeckergeheimnis ins Meer sinken könnte, und +seine Kinder dann nicht die Früchte seiner Mühsal ernten würden. Darum +schrieb er einen Brief, in dem er die Ergebnisse seiner Entdeckung in +kurzen Worten niederlegte. Er versiegelte das Pergament und verhieß +dem glücklichen Finder ein Geschenk von tausend Dukaten, wenn er das +Schriftstück uneröffnet dem kastilischen Hof überbringen würde. Und +heimlich, ohne daß es das Schiffsvolk merkte, verwahrte er dieses +Pergament in einer Tonne, die er ins Meer warf. + +Erst jetzt lichtete sich der Himmel, und die See beruhigte sich ein +wenig. Man sah zwar in der Ferne schon die bekannten heimatlichen +Küsten, aber erst am 17. Februar konnte man sich ihnen nähern; ein +ausgeschicktes Boot kundschaftete aus, daß man sich vor der Insel Santa +Maria befand. + +Hier aber, wo eine portugiesische Niederlassung den kaum dem Tode +Entronnenen eine gastfreundliche Aufnahme versprach, fanden sie +nur eifersüchtigen Argwohn, Hinterlist und Heuchelei. Nur mit Mühe +entging Kolumbus diesen Nachstellungen und erlangte so viel, daß er +seine notwendigsten Bedürfnisse an Holz, Wasser und Ballast hier +einnehmen durfte. Aber bei der fortgesetzten Fahrt wurde seine +Standhaftigkeit auf neue Proben gestellt, als ein noch wütenderer +Sturm seinem elenden Schiffchen einen sicheren Untergang drohte. Er +wäre unvermeidlich an der portugiesischen Küste gescheitert, hätte +sich nicht gleichzeitig die Mündung des Tajo vor ihm geöffnet. Die +Besorgnis, einer ungastlichen Behandlung zu begegnen, konnte ihn +nicht abhalten, sich in den Nothafen zu flüchten. Hier am 4. März +glücklich angelangt, gab der Admiral seinen Souveränen vor allen Dingen +durch einen Eilboten, dann aber auch dem König von Portugal Bericht +von seiner Ankunft und bat um die Erlaubnis, vor Lissabon ankern zu +dürfen. Während die ganze Bevölkerung Lissabons sich erstaunt und voll +freudiger Neugier an Bord seines Schiffes drängte, kam ein Brief vom +Könige, der Kolumbus zu einem Besuche einlud. Mit allen Ehren seines +hohen Ranges wurde Kolumbus empfangen. Er durfte sitzend erzählen und +sein Haupt bedeckt halten. Der König Johann verriet durch nichts seinen +Ärger über den Erfolg der Entdeckungsfahrt, und seine Reue, Kolumbus +nicht in eigene Dienste genommen zu haben. Ganz nebenbei bemerkte der +König, es sei wohl noch fraglich, ob nach den Verträgen, die zwischen +Portugal und Spanien bestünden, die neuentdeckten Länder nicht doch +im portugiesischen Machtbereiche lägen. Kolumbus erwiderte, ihm sei +von solchen Verträgen nichts bekannt. Einige Höflinge, denen die Sorge +des Königs Verdruß bereitete, erboten sich nun, mit Kolumbus Händel +anzufangen, um ihn dann hinterrücks zu töten, im Glauben, daß durch den +Tod des Admirals die Entdeckungsfahrten der Spanier überhaupt aufhören +würden. Aber der König wies den Anschlag von sich und wollte Kolumbus +sogar sicheres Geleit mit auf die Reise geben. Kolumbus zog es aber +vor, zu Schiff nach Spanien heimzukehren. Mit seinen Matrosen, seinem +Gold und den übrigen Schätzen und Merkwürdigkeiten, die er mitgebracht +hatte, wollte er in demselben Hafen wieder einlaufen, von dem er +ausgegangen war. + +Inzwischen hatte der auf der Pinta vorausgeeilte Alonso Pinzon von +der Entdeckung dem Könige bereits Mitteilung gemacht und bat um eine +besondere Audienz. Der König ließ ihm aber kurzerhand zurückschreiben, +er habe im Gefolge seines Admirals zu erscheinen. Diese königliche +Ungnade brach Alonso das Herz; er starb einige Tage darauf, nachdem er +diese Antwort erhalten hatte. + +Am 15. März 1493 kam Kolumbus wieder auf der Reede von Palos an, wo er +unter dem unbeschreiblichen Jubel der ganzen Stadt empfangen wurde, und +am 21. März zog er unter gesteigertem Freudengeschrei des Volkes, unter +Prozessionen und Glockengeläute in Sevilla ein, um vor seinen König zu +eilen. + + * * * * * + +Ein Eilbote meldete den Majestäten, die damals in Barcelona Hof +hielten, daß ihr Admiral aus der Neuen Welt glücklich zurückgekehrt sei +und vor Begierde brenne, ihnen die Wunder der Neuen Welt vorzuzeigen. + +Durch ein schmeichelhaftes Schreiben wurde er eingeladen, schleunigst +an den Hof zu kommen; Mitte April traf Kolumbus ein. Von überallher +strömten die Menschen zusammen, denn das Gerücht der unerhörten +und geglückten Reise flog ihm voran. Sein Empfang war großartig, +überwältigend; es war der glorreichste Tag seines Lebens; die glänzende +Vergeltung für die Verkennung, Verspottung und das jahrelange +Warten. In feierlicher Audienz, die auf dem Markte stattfand, wurde +er empfangen; der König und die Königin, umgeben von den Großen des +Reiches und von unzähligen Rittern aus Kastilien, Katalonien, Valencia +und Aragon, erhoben sich zu seiner Begrüßung, reichten ihm die Hand zum +Kusse und gestatteten, daß er sitzend von seiner Fahrt erzähle -- die +höchste Ehre, die man ihm erweisen konnte. + +Das dichterische Wort stand dem Admiral zu Gebote, und so schilderte +er die Entfesselung des Weltmeers und die Entschleierung einer neuen +Welt auf der bisher noch nicht betretenen Erdhälfte. Er zeigte +die mitgebrachten Produkte vor: Goldkörner, Erzbarren, Bernstein, +Baumwolle, Tabak, Zweige und Wurzeln von aromatischen und medizinischen +Pflanzen, Aloe, Mastix, Rhabarber, Mais, Yams, Bataten; er führte gegen +vierzig prächtig gefärbte Papageien und endlich seine sechs Indianer +vor, die er mitgenommen hatte. Dann schilderte er die herrlichen +Tropenlandschaften, die fruchtbaren Gefilde, die Gutartigkeit der +Eingeborenen, von denen er die Überzeugung aussprach, daß sie bald +würden zum Christentume bekehrt werden. + +Kolumbus war für kurze Zeit der Meistgefeierte am spanischen Hofe und +der Meistbewunderte der Zeitgenossen. Oft erschien der König zu Pferde, +neben ihm zur Rechten der Thronerbe und zur Linken Kolumbus. + +Um diese Zeit soll bei einer Tafel, deren Gäste die Entdeckung des +Kolumbus anzweifelten, dieser ein Ei auf den Tisch gestoßen und gesagt +haben: »So wie dies Ei hier auf dem Tische steht, so sicher habe ich +die Neue Welt entdeckt.« Aber die Geschichte vom »Ei des Kolumbus« ist +von A bis Z erfunden; schon Voltaire hat nachgewiesen, daß sie bereits +fünfzig Jahre vorher in ganz anderem Zusammenhange passiert war. + +Auf den Vorschlag des Kolumbus wurden sofort die Vorbereitungen zu +einer neuen Fahrt, einem großen Kolonisationszuge, vorbereitet. In +einem halben Jahre waren vierzehn Karavellen und drei Kauffahrer, also +siebzehn Schiffe insgesamt, ausgerüstet und sehr große Summen zur +Verfügung gestellt. Eine große Zahl von Edelleuten hatte sich zu dem +abenteuerlichen Zuge erboten; Ordensgeistliche folgten ihnen, die als +Glaubensbringer reisen wollten; Ackersleute, die in der Neuen Welt +europäisches Getreide, Zuckerrohr und andere Kulturpflanzen anbauen +sollten; man nahm die ersten europäischen Haustiere, besonders Pferde +und Rinder, Schafe und Schweine, mit, die sich später in der Neuen +Welt ungeheuer vermehrten; Bergleute kamen mit, um die Golddistrikte +auszubeuten. Zimmerleute, Maurer und andere Handwerker sollten für +die Bedürfnisse der Kolonisten sorgen. Eine ansehnliche Truppenmacht +sollte die Ansiedler beschützen, darunter waren besonders zwanzig +Lanzenreiter, die später der Schrecken aller Indianer wurden. Im ganzen +gingen, die Matrosen mitgerechnet, mehr als fünfzehnhundert besoldete +Menschen mit. Für die Lebensbedürfnisse war in umsichtigster Weise +gesorgt; den Oberbefehl über alle hatte der Vizekönig von Indien, +Christoph Kolumbus. + +Aber das meiste mitgelaufene Volk sah sich in dem goldarmen Lande +nur zu bald arg enttäuscht; es erschlaffte in dem feuchtwarmen +Klima und bildete bald, da es arbeitsunfähig und unlustig war, eine +verhängnisvolle Plage für das neue Land. + +Der Reiz des Neuen und Wunderbaren liegt nicht mehr über der zweiten +Reise des Admirals. Am 25. September ging die Flotte von Kadix aus +unter Segel und steuerte nach den Kanarien. Schon am 3. November +kam die erste Insel in Sicht, die Sonntagsinsel, Dominica, genannt +wurde. Dann folgten Marigalante, Gudalupe, Monserrate. Vor der Insel +Santa Cruz am 14. November angelangt, hatten sich in einem Kanu sechs +menschenfressende Kariben, vier Männer und zwei Frauen, den Schiffen +genähert und sie ein paar Stunden lang so starr und regungslos +betrachtet, daß ihnen ein zurückkehrendes spanisches Boot unbemerkt den +Weg nach dem Lande abschneiden konnte. Sobald die Wilden bemerkten, +daß die Flucht unmöglich sei, griffen Männer und Weiber zu ihren +vergifteten Pfeilen und fielen die fünfundzwanzig Spanier in dem Boote +an, von denen sie zwei tödlich verwundeten. -- Das spanische Boot warf +das Kanu endlich um, aber die Kariben, schwimmend und im Wasser den +Kampf erneuernd, flüchteten behend ans Land, so daß die Spanier nur +einen einzigen schwer getroffenen Kariben an Bord zurückbrachten. + +[Illustration: Die Kerkerzelle, in der Kolumbus auf der Insel Sankt +Domingo bei seiner dritten Reise gefangen gehalten wurde.] + +Nachdem man noch einen großen Inselschwarm berührt hatte, wurde die +Insel Puerto-Rico entdeckt. Am 27. November wurde die Stätte endlich +erreicht, wo man vor kaum einem Jahre auf Haiti den Grund zu einer +Kolonie gelegt hatte. + +Hätte Kolumbus auch nicht sofort aus dem bangen Schweigen, das längs +der Küste herrschte, eine dunkle Ahnung schöpfen müssen, so konnte +ihn doch bei einem Landen der Anblick des völlig verödeten und +gewaltsam durch Feuer zerstörten Forts über das traurige Schicksal der +zurückgelassenen Landsleute nicht mehr im ungewissen lassen. Bald ergab +sich aus den Berichten der Eingeborenen, daß die Weißen, sobald der +Admiral sich entfernt hatte, sich allen rohen Eingebungen hingegeben +hatten und die Eingeborenen durch Habgier und Gewalttätigkeit bis zum +äußersten trieben; diese hätten ihr Joch aber trotzdem ertragen, wenn +nicht ein feindlich gesinnter Kazike, der auf der Insel allgemein +gefürchtet war, die Weißen überfallen und niedergemetzelt hätte. Da +lagen nun die Habseligkeiten der Europäer jämmerlich umhergestreut; man +stieß auf Leichen, über die seit etwa einem Monat hohes Gras gewachsen +war. + +Die Gegend von Navidad eignete sich wegen des Mangels an Steinen nicht +zu einer Neugründung und auch die Ostküste, an der die Gründung der +Stadt Isabella geplant war -- die Straßen waren schon abgesteckt und +der Grundstein zu einer Kirche und einem Spital bereits gelegt -- mußte +wieder verlassen werden, weil der dritte Teil der Einwanderer von +heftigem Fieber befallen wurde. Ein Teil der Flotte und ein Teil der +Kolonisten ging im Februar 1494 wieder nach Spanien zurück, so daß die +Kolonie nunmehr nur noch neunhundert Köpfe zählte. + +Unter ihnen gab es eine große Anzahl Mißvergnügter, die bei jeder +Gelegenheit zur Meuterei gegen den Statthalter bereit waren. Auch +gestaltete sich das Verhältnis zu den Eingeborenen höchst unfreundlich; +Überfälle kamen oft genug vor und sie konnten nur durch die +imponierende spanische Reiterei, die die Wilden mehr als den lebendigen +Teufel fürchteten, zurückgeworfen werden. + +Am 24. April brach Kolumbus zur weiteren Erforschung der Länder mit +drei Schiffen auf; vor allem wollte er Gewißheit darüber haben, ob Kuba +ein Festland oder eine Insel sei. Unter Androhung von Peitschenhieben +für jeden späteren Widerspruch, läßt er seine Mannschaft eine Urkunde +beschwören, daß sie Kuba für einen Teil des asiatischen Festlandes +halte. Damit ist für ihn die Auffindung des Seewegs nach Indien +erledigt, und er kehrt wieder zu seinen Goldwäschereien auf Haiti +zurück. »+Time is money+«, könnte beinahe ein kolumbisches Wort +sein. + +Die Anstrengungen der Reise, die Schlaflosigkeit, zu der ihn die +Pflicht der äußersten Wachsamkeit gebieterisch zwang, hatten die Kräfte +des Admirals so erschöpft, daß er von Bewußtlosigkeit und Ohnmachten +befallen wurde, weshalb man im höchsten Grade um ihn besorgt war. +Man eilte nach Isabella und ließ am 29. September die Anker fallen. +Kolumbus verfiel aber in eine Krankheit, die ihn fünf Monate aufs Lager +warf. + +Im Frühjahr 1496 kehrte Kolumbus mit etwa zweihundert untauglichen +Ansiedlern, die der Kolonie teils durch ihren Müßiggang, teils durch +ihre Widersetzlichkeit und teils durch Krankheit zur Last fielen, in +die Heimat zurück. + +Am 11. Juni landete er wieder in Kadix und begab sich sofort an den Hof +nach Burgos. Er benützte diese Reise wieder dazu, die vermeintlichen +Schätze Indiens in öffentlichem Gepränge zu zeigen, mit dem er in die +Städte einzog; namentlich mußten sich die mitgenommenen Indianer mit +den Goldfunden schmücken. + +Und nun dauerte es bis zum Mai 1498, ehe Kolumbus seine ~dritte~ +Reise antreten konnte. Aber da er sich krank fühlte und augenleidend +war, brach er seine Fahrt an der Küste von Venezuela ab, um nach Haiti +zu gehen, wo unterdessen sein Bruder die Stadt San Domingo angelegt +hatte, die älteste europäische Ansiedelung in Amerika, die noch heute +besteht. Am Hafen dieser Stadt ragt noch heutigestags ein Baum empor, +an dem Kolumbus sein Schiff mit Tauen befestigt haben soll. + +Die folgenden beiden Jahre waren für Kolumbus die schwersten +seines Lebens; sie bedeuten den Zusammenbruch seiner königlichen +Machtbefugnisse. Er hatte das Zepter des Vizekönigs in der Hand und +sollte es nun mit schmachvollen Ketten vertauschen. + +Kolumbus fand die Kolonie in vollem Aufruhr; der Oberrichter Franzisco +Roldan, der seinen hohen Rang nur der Gunst des Kolumbus zu danken +hatte, stand an der Spitze der Aufwiegler. Kolumbus bestrafte ihn, +mußte ihn aber schließlich wieder in sein Amt einsetzen. Allerlei +böse Gerüchte, die über Kolumbus in Umlauf gesetzt wurden, erreichten +sogar die Ohren der spanischen Majestäten, und um dem Gerede zu +steuern, hatte Kolumbus um einen bevollmächtigten königlichen +Untersuchungsrichter gebeten. Und so wurde denn Franzisco de Bobadilla +nach Haiti geschickt, dem selbst Kolumbus, der Vizekönig, Gehorsam zu +leisten hatte, der sich aber vom ersten Augenblick an als ein Feind des +Kolumbus erwies. Dicht wie ein Heuschreckenflug regneten nun die meist +ungerechten und unbegründeten Anklagen der Kolonisten auf Kolumbus +herab, so daß dem Untersuchungsrichter dadurch eine willkürliche +Handhabe geboten war, Kolumbus zu bestrafen. Er ließ ihn in Ketten +werfen und schaffte ihn mitsamt seinen beiden Brüdern nach Europa, wo +sie im November 1500 ankamen. + +Kolumbus war durch die Schmach, die man ihm angetan und durch die +Verletzung seiner Privilegien tief gebeugt; er war gebrochen und der +überaus stolze Mann hat diesen jähen Sturz nie mehr überwinden können. +In Spanien machte die Demütigung des großen Entdeckers ungeheures +Aufsehen und auf die Majestäten einen geradezu peinlichen Eindruck. Sie +hatten nicht gewollt, daß der Vizekönig so schmachvoll behandelt werde. +Sie gaben daher sofort Befehl, Kolumbus zu befreien und ihn mit allen +gebührenden Ehren auszuzeichnen. Man schickte ihm zweitausend Dukaten, +seine nächsten Bedürfnisse, die sein Rang erheischte, zu bestreiten. +Er kam vor den Thron und als er vor Ferdinand und Isabella sein Knie +beugte, erstickte heftiges Schluchzen seine Rede. Die Monarchen ließen +ihn aufheben und gaben sich Mühe, ihn zu besänftigen, indem sie +jede Ermächtigung zu Bobadillas Roheit ableugneten und dem Admiral +den vollen Genuß seiner Würden und Privilegien zusicherten. Außerdem +ernannten sie einen neuen, unparteiischen und gerechten Schiedsrichter +in der Person des Nicolas de Ovando, der im Februar 1502 mit einer +ansehnlichen Truppenmacht hinüberging. Bobadilla war freie Rückreise +nach Spanien zugesichert; Roldan und sein aufwieglerischer Anhang wurde +aber gefangengenommen. + +So war die Ruhe bald wiederhergestellt. Und um Kolumbus wieder seinem +eigentlichen Berufe zuzuführen, gewährte man dem Admiral, wie er es +gewünscht, zum ~vierten~ Male einige Schiffe, damit er seine +Entdeckung weiterführen könne. Am 9. Mai 1502 brach er mit vier kleinen +Karavellen von Kadix wieder auf. Auf dieser Fahrt begleitete ihn sein +Bruder Bartholomäus und sein dreizehnjähriger Sohn Ferdinand. + +Bis zum 15. Juni hatte er eine glückliche Fahrt und erreichte leicht +die Kette der kleinen Antillen bei der Insel Martinique. Der neue +Statthalter Ovando war gerade im Begriff, die erste größere Goldfracht +von zweihunderttausend Goldpesos (also zirka zwei Millionen Mark) +nach Spanien zu senden, als Kolumbus ihn bat, die Reise um acht Tage +zu verschieben, weil ein furchtbarer Orkan bevorstehe, den Kolumbus +aus den Sternen, deren er kundig war, vorausgesagt hatte. Aber seine +Warnung wurde in den Wind geschlagen. Die Flotte lief aus, geriet +wirklich in einen Orkan, und zwanzig Schiffe gingen mit Mann und Maus +unter. Unter den Opfern befanden sich auch die Feinde des Kolumbus, +Bobadilla und Roldan. Als Kolumbus später davon erfuhr, hielt er es für +ein Gottesgericht, das seine Gegner bestrafte. + +Am 14. Juli segelte Kolumbus weiter und erreichte Ende des Monats die +Insel Guanaja im Golf von Honduras. Dort stieß er unerwartet auf das +erste Kulturvolk der Neuen Welt, auf etwa fünfundzwanzig Handelsleute +vom Mayastamme, die mit einer großen Barke dreißig Meilen über See +gekommen waren. Sie hatten ihre Frauen und Kinder mit an Bord; das +Schiff hatte ein schattiges Dach von Palmenzweigen zum Schutz gegen +Regen und Sonne. Ihre Waren bestanden in buntgefärbten und gewirkten +Baumwollentüchern und ebensolchen Hemden ohne Ärmel und Schürzen, +Holzschwertern, deren Schneide durch Splitter gebildet wurde, kupfernen +Beilen zum Holzfällen und kupfernen Schüsseln und Schellen. Als Geld +dienten ihnen Kakaobohnen, von denen sie einen großen Vorrat mit sich +führten. Ihre Lebensmittel waren Mais und eßbare Wurzeln. Sie waren +furchtlos, aber von großer Schamhaftigkeit. + +Kolumbus fragte auch sie nach dem Goldlande und man wies ihn nach dem +Süden. Aber die Fahrt dahin brachte Sturm, Unwetter, Gefahren und +Enttäuschung; erst am 12. September wurde das Wetter günstiger. Am 25. +September kam Kolumbus zum Indianerdorfe Kariai; hier hielt er Rast, um +die Schiffe, die durch den Sturm arg gelitten hatten, wieder flott zu +machen. Am 5. Oktober steuerten die Schiffe weiter, aber an der Küste +von Veragua überraschte sie ein Sturm, wie sie ihn bisher noch nicht +erlebt hatten. Noch nie hatte man das Meer so hoch, so fürchterlich, so +mit Gischt bedeckt gesehen. Die Schiffe wurden in der See festgehalten, +die wie ein Kessel über starkem Feuer kochte. »Der Himmel sah ganz +entsetzlich aus und flammte Tag und Nacht wie ein Schmelzofen; die +Blitze zuckten derart, daß man fürchten mußte, Segel und Masten würden +davon versengt. Die Donner rollten so grauenhaft, daß wir Angst hatten, +samt und sonders mit den Schiffen verschlungen zu werden. Dabei stürzte +der Regen wie eine Sündflut nieder. Die Mannschaft, die kaum etwas +Eßbares hatte -- denn der Schiffszwieback war voller Würmer -- war so +ermattet, daß sie den Tod als eine Erlösung aus diesem Jammer ansah. +Die Schiffe verloren zweimal ihre Schaluppen, Anker, Takelage und waren +ohne Deck und ohne Segel.« Zum Unglück waren die wurmzerfressenen +Schiffe noch überdies seeuntüchtig. + +[Illustration: Das Sterbehaus des Kolumbus in Valladolid in Spanien.] + +Erst im Februar 1503 schlug das Wetter um. Während Kolumbus an Bord +blieb, erforschte sein Bruder das Land und fand überall reiche +Goldspuren. Kolumbus wollte hier eine Niederlassung gründen; sein +Plan wurde aber durch Indianer vereitelt, die die Spanier angriffen +und sie zwangen, sich auf ihre Schiffe zurückzuziehen. Eine +Karavelle blieb als seeuntüchtig am Lande zurück; mit den übrigen +drei Schiffen trat Kolumbus den Heimweg an. Es war Ende April. Auf +weitere Entdeckungsfahrten konnte Kolumbus nicht ausgehen; er litt +zu sehr unter den wilden Stürmen, die sich immer wiederholten und +seinen Schiffen so zusetzten, daß er sich endlich gezwungen sah, um +das nackte Leben zu retten, alle Schiffe auf den Strand von Jamaika +laufen zu lassen. Die Schiffe, die bereits große Löcher hatten und +deren Wände aussahen wie Honigwaben, füllten sich rasch bis zum Deck +mit Wasser, so daß die Matrosen nur noch das Verdeck zum Aufenthalt +benutzen konnten. Anfangs erwiesen die Indianer sich freundlich und +lieferten Lebensmittel und Boote; später aber verweigerten sie dies, +bis Kolumbus klugerweise eine gerade eintretende Mondfinsternis +benutzte, um den abergläubischen Indianern mit dem Zorne des Himmels +zu drohen. Das half denn auch. Dann galt es wieder, eine gefährliche +Meuterei zu unterdrücken, die erst im Mai 1504 mit der Niederlage der +Empörer endigte. Sechs Wochen später schlug die Stunde der Erlösung. +Der Statthalter Ovando hatte von St. Domingo Hilfe geschickt, und im +September kehrte Kolumbus endgültig in die Heimat zurück, um die Neue +Welt nie wieder zu betreten. Ende November landete er in Kadix als ein +Schiffbrüchiger. + + * * * * * + +Was war die Ernte dieses Lebens voller Mühen und Gefahren? Krankheit, +Erniedrigung und Armut. In Kastilien besaß Kolumbus keinen Dachziegel; +in Spanien war er auf das Wirtshausleben angewiesen, und er hatte +nie die Mittel, seine Rechnungen zu bezahlen. Siech kehrte er heim; +er hatte keine Freunde mehr. Niemand kümmerte sich um den armen +Schiffbrüchigen; man stellte sich bloß, wenn man seinen Namen nannte. +Er mußte am eigenen Leibe die bittere Wahrheit bestätigt finden, +daß die Geschichte der Menschheit zum großen Teil die Geschichte +menschlicher Niedrigkeit ist. Da er aufhörte, zu nützen, fing er an, +lästig zu werden. + +Der gottgesandte Vizekönig ist nun dem Bettler gleichgeachtet, denn +der spanische König weiß plötzlich nichts mehr von all den verbrieften +Versprechungen, die er Kolumbus gemacht hat. Man hat bald vergessen, +daß er der Welt neue Hoffnungen, neue Ziele, neue Bestrebungen, neue +und weitere Grenzen gegeben hat; daß er die physische Geographie und +die Ethnographie bereichert; daß er das menschliche Denken vertieft und +die Entwicklungsmöglichkeit des Menschen beträchtlich vergrößert hat. +Man schenkt diesem stolzen Sieger -- Mitleid. Man vergißt ihn selber +rasch. Er stirbt am 20. Mai 1506 zu Valladolid; aber sein Tod geht +eindruckslos vorüber. + +Was sterblich an ihm war, liegt seit 1796 im Dome zu Habana. + + + + + Michelangelos Leben. + + +Welch seltsamer Art sind doch die Schauer, die wir beim Anblick eines +uralten Palastes empfinden, in dem ein großer Mensch gelebt hat! Als +ob irgend etwas von dem Geiste des längst Vermoderten noch an den +Steinfliesen hafte, so leise treten wir auf, vorsichtig durch die +gewölbten Hallen tastend, als hätten wir Furcht, den Toten aus seinem +vielhundertjährigen Schlafe zu wecken. + +Hier ist ein Stück Stein aus der Mauer des Hauses, in dem Michelangelo +Buonarroti seine bildhauerischen Wunder schuf. Der Stein zeichnet +sich durch nichts von anderen Steinen aus. Und doch bewahre ich ihn +pietätvoll auf und erkläre meinen Freunden mit wichtiger, frommer +Miene: Hier ist ein Stück Stein aus der Mauer des Hauses, in dem +Michelangelo gelebt hat ..... + +Und selbst die Ironischen und Überlegenen lachen nicht; sie werden +ernst und schweigsam, als weile Michelangelo unter uns. Der +künstlerisch empfindende Mensch kennt dieses reine Gefühl, das weder +der Ehrfurcht vor den fünf Jahrhunderten entspringt, noch durch den +Rausch erweckt wird, den der Name bewirkt. Ohne zum Götzenanbeter zu +werden, fühlt man aber plötzlich alle kritischen Teufel in sich durch +irgendeinen guten Engel besiegt, und der Verstand, dieser Maulwurf, +ist vollständig überrumpelt von der Empfindung. Man sinkt hinunter in +eine tote Epoche, die voller Glanz war und Größe. Man ist in einer +kleinen Zeit allmählich allem Großen so fremd geworden, daß man beinahe +erschrickt, wo man ihm begegnet. Und wo begegnete man ihm auf kleinem +Raume häufiger, als in Florenz, der Stadt Leonardo da Vincis, Raffaels +und Dantes? Man weiß, welch eine unerhörte Vereinigung von großer +Kunst und Wissenschaft die Medici zu schaffen wußten, und daß viele +der besten Namen der florentinischen Geschichte sich in einen kurzen +Zeitraum zusammendrängen. Auch der Name Michelangelo ist darunter .... + + * * * * * + +Er wurde am 6. März 1475 im toskanischen Städtchen Caprese, in der +damaligen Republik Florenz gelegen, als Sproß eines alten Florentiner +Adelsgeschlechtes geboren. Sein Vater, der Bürgermeister und Richter, +ließ ihm bei der Geburt von den Sternkundigen das Horoskop stellen, und +man fand, daß er unter einem glücklichen, aber auch verhängnisvollen +Stern geboren sei. + +Nach abgelaufener Amtszeit kehrte der Vater auf sein Gut in Settignano +zurück. Hier bekam der kleine Michelangelo die Frau eines Steinmetzen +als Amme, die auch die Tochter eines Steinmetzen war; darum scherzte +Michelangelo in späteren Jahren, er habe die Bildhauerkunst mit der +Ammenmilch eingesogen. Als er heranwuchs und eine gelehrte Schule +besuchte, benutzte er jede freie Zeit zum Zeichnen, obwohl der +Vater ihn wegen dieser Nebenbeschäftigung heftig tadelte. Aber der +künstlerische Drang in dem jungen Michelangelo war so stark, daß +der Vater nicht nur das Widerstreben aufgeben mußte, sondern sogar +beschloß, den Sohn in der Malerei ausbilden zu lassen. Am 1. April +1488 wurde der dreizehnjährige Michelangelo bei Domeniko Ghirlandajo, +dem bedeutendsten Maler von Florenz, in die Lehre gegeben, um die +Malerei zu erlernen. Für die Dienste, die er seinem Meister während der +dreijährigen Lehrzeit leisten würde, sollte Michelangelo eine Vergütung +von vierundzwanzig Gulden (etwa hundertfünfundsechzig Mark) bekommen. + +In den Lebensbeschreibungen Michelangelos wird viel erzählt von den +zahlreichen Proben ungewöhnlicher Begabung, die der Lehrling ablegte. +Besondere Bewunderung fand auch außerhalb der Werkstätte eine gemalte +Nachbildung des heiligen Antonius, des berühmten Kupferstiches von +Martin Schongauer. Auf dem Fischmarkte studierte der junge Michelangelo +die opalisierenden Farben der Schuppen, Flossen und Augen der +mannigfachen Fische, um auf seinen Bildern die Farben naturgetreu +wiedergeben zu können. Und Michelangelo malte das, was er sah, in +Form und Farbe so echt und naturwahr -- heute würde man sagen: mit so +erstaunlichem Naturalismus --, daß sein Meister eines Tages entzückt +ausrief, daß der Lehrling mehr verstehe als sein Meister. Das geschah +nämlich, als Michelangelo einmal, als Ghirlandajo an dem Fensterschmuck +von S. Maria Novella arbeitete, das Malergerüst mit einigen darauf +befindlichen Gehilfen abzeichnete. Von der großen Gewandtheit, die er +sich in der Nachahmung alter Kupferstiche erwarb, machte Michelangelo +bei der Ausführung seiner Studien und Einfälle später gern Gebrauch. + +Lorenzo de Medici, der Herrliche, empfand es um diese Zeit als einen +Mangel, daß Florenz sich nur durch seine Maler, nicht aber auch durch +seine Bildhauer auszeichnete. Darum richtete er in dem Garten seines +Palastes eine Art Kunstschule ein, deren Leitung er einem Sohne des +großen Bildhauers Donatello, dem Bildhauer Bertoldo übertrug, der +zugleich Aufseher der Antikensammlung war. Als Lorenzo sich nun an +Ghirlandajo mit der Anfrage wandte, ob in seiner Werkstatt vielleicht +einige junge Leute seien, die Lust hätten, die Bildhauerei zu erlernen, +sandte ihm dieser einige seiner besten Schüler zu, darunter auch +Michelangelo. Nachdem der junge Künstler durch seine ersten Tonmodelle +schon die besondere Aufmerksamkeit Lorenzos erregt hatte, nahm er zum +erstenmal einen Meißel zur Hand und versuchte sich an einem Stückchen +Marmor, aus dem er eine grinsende Maske herausmeißelte. Zwischen den +spöttisch verzogenen Lippen sah man die Zähne. Lorenzo betrachtete das +Werk und bewunderte die Selbständigkeit und den Mut des Künstlers. +Scherzhaft bemerkte er, der Kopf habe einen Fehler, denn alte Leute +hätten kein so vollständiges Gebiß mehr; Michelangelo meißelte denn +auch nachträglich mit kindlicher Gewissenhaftigkeit eine dem Leben +nachgebildete Zahnlücke in den Mund der Maske. + +Lorenzo fand an dem Wesen des jungen Künstlers und an seiner Begabung +einen so großen Gefallen, daß er ihn unter seine Hausgenossen aufnahm. +Der Vater Michelangelos, der nur ein kümmerliches Einkommen hatte, +erhielt zum Dank für seine Einwilligung ein Amt, und als er um eine +frei gewordene Stelle beim Zollamt bat, übertrug Lorenzo sie ihm +sofort, die Bescheidenheit des Wunsches mißbilligend: »Du wirst immer +arm bleiben!« + +Michelangelo selbst erhielt ein monatliches Einkommen von fünf Dukaten +und als Gunstbezeigung einen violetten Mantel. + +So lebte Michelangelo über drei Jahre (von 1489-1492) im +Mediceerpalast. Er speiste mit den Söhnen des Stadtoberhaupts und +bewegte sich in den bunten Gesellschaften der geistreichen Männer, +die an diesem Hofe verkehrten. Zwei Marmorwerke, die Michelangelo in +jener Zeit nach eigener Erfindung ausführte, das »Madonnarelief« in +Donatelloscher Manier und »Der Kampf der Lapithen und Kentauren«, +zeigen schon prachtvoll die starke Eigenart und das Genie +Michelangelos. Die Ausführung der Körper ist so vollkommen, daß sie +bei einem so jugendlichen Bildhauer geradezu unbegreiflich erscheint. +Schon seine anspruchsvollen Zeitgenossen sagten, besonders vom +Kentaurenkampf, mit Recht, daß man nicht das Werk eines jungen Mannes, +sondern das eines fertigen und reifen Meisters zu sehen glaube, der in +seiner Kunst eine ebenso große Erfahrung wie Durchbildung genossen +habe. + +Die bewunderten Fresken des Masaccio waren für Michelangelo wie für +das ganze damalige Künstlergeschlecht eine reine Quelle der Belehrung. +Michelangelo zeichnete die Vorbilder aber mit größerem Geschick nach, +als irgendeiner der anderen. Der Neid erwachte, und die Feindseligkeit +gegen Michelangelo wurde noch besonders dadurch geschürt, daß er so +unklug war, sich über die Fehler seiner Genossen lustig zu machen. +Die Folge davon war, daß ihm einer eines Tages einen so heftigen +Faustschlag ins Gesicht gab, daß sein Nasenbein zertrümmert wurde. +Der Täter, Pietro Torrigiano, wurde zwar aus Florenz verbannt, aber +Michelangelo blieb zeitlebens entstellt. + +Als Lorenzo, der Herrliche, im April 1492 starb, war es für +Michelangelo mit dem sorgenfreien, anregenden und glanzvollen Leben zu +Ende. Er kehrte in sein Vaterhaus zurück. Er kaufte einen Marmorblock, +der unbenützt dalag, und meißelte einen überlebensgroßen Herkules, +der im Strozzipalast aufgestellt wurde. 1529 wurde das Bildwerk +verkauft und an König Franz I. von Frankreich geschickt. Im siebzehnten +Jahrhundert stand es in einem Garten von Fontainebleau, der 1713 +zerstört wurde, und seitdem blieb auch der Verbleib des Herkules +unbekannt. Verschwunden ist auch ein kleines hölzernes Kruzifix, das +Michelangelo 1494 ausgeführt hatte und das auf dem Hochaltar der +Kirche San Spirito aufgestellt worden war. Der Prior bewies dem jungen +Michelangelo seine Dankbarkeit, indem er ihm im Kloster mehrere Zimmer +zur Verfügung stellte, wo er ungestört seinem Wissensdrang Genüge tun +und durch das Zergliedern von Leichen sich eine gründliche Kenntnis vom +Bau des menschlichen Körpers verschaffen konnte. + +Pietro de Medici, Lorenzos Sohn, hatte nicht die glänzenden +Eigenschaften des Vaters geerbt; aber auch er setzte Michelangelo +wieder in seine vorige Stellung ein. + + * * * * * + +Es geschah während des eisigen Januars des Jahres 1494 .... + +Vor dem Hause des alten Buonarroti, in einer dunklen und einsamen +Gasse, standen eines Nachts drei Jünglinge in warme Mäntel gemummt. +Trotzdem zitterten sie vor Kälte, denn es war ein grimmiger Frost. +Der Wind umtobte stöhnend und pfeifend das schlafende Haus; aus einem +einzigen Fenster nur fiel ein spärlicher Lichtschein auf die Straße. +Zum zweitenmal ergriff nun einer der Jünglinge den bronzenen Türklopfer +und pochte laut und wütend an das Tor. Endlich bemerkte man, wie das +Licht sich zu bewegen begann, wie es aufzuckte und hin und her irrte +und wie dann das erleuchtete Fenster dunkel wurde. Zugleich vernahm +man Schritte im Flur, und bald darauf wurde die morsche Eichentür +aufgeschlossen. In ihrem Rahmen stand ein kaum mittelgroßer Jüngling, +der eine Windleuchte über seinem Kopfe hielt, mit der er auf die Straße +hinausleuchtete. + +»Wer da?« fragte er barsch. + +»Freunde!« riefen drei Stimmen zugleich und lachten. Michelangelo +leuchtete ihnen ins Gesicht und erkannte nun Baccio, Gentile und +Mariotto. + +»Ich kenne euch,« antwortete Michelangelo langsam, als wollte er sagen: +»Ihr seid keineswegs meine Freunde.« + +Er hatte sie am Hofe Lorenzos, seines jüngst verstorbenen Schutzherrn, +kennen gelernt. Oft war er mit ihnen in den Prachträumen der +mediceischen Paläste zusammengetroffen, in den Lorbeerhainen und +Piniengängen von Carregi, in deren tiefen Schatten er an die Götter der +Hellenen dachte; in den wundervollen Gärten der Villa Ambra, wo die +Tage Platos von neuem heraufzukommen schienen. + +[Illustration: Selbstbildnis Michelangelos. (Radierung.)] + +»Was wollt ihr von mir?« fragte Michelangelo endlich. + +»Beim Zeus!« rief Baccio beleidigt aus, »vor allem einen freundlicheren +Empfang!« + +»Ruhe!« tönte die ernste Stimme Mariottos dazwischen. »Die alten +Zeiten Lorenzos kehren wieder nach Florenz zurück,« sagte er, zu +Michelangelo gewendet. »Piero folgt dem Beispiel seines Vaters. Mit dem +kommenden Lenz halten nicht nur die Rosen ihren Einzug, sondern auch +die vertriebenen Grazien. Es regt sich neuer Kunstsinn im Hause der +Mediceer.« + +»Piero de Medici liebt die Kunst,« fügte Gentile hinzu, »und eben darum +weiß er auch dich zu schätzen. Es würde ihn stolz machen, sagte er +sogar, wenn er dich an sein Haus fesseln könnte.« + +Michelangelo wandte sich schweigend und mit Verachtung ab. + +»Es ist kalt,« sagte er, »was wollt ihr also von mir?« + +Mariotto nahm das Wort: »Piero von Medici schickt nach dir. Er hält +heute Hof im Pittipalaste. Inmitten von Gesang, Musik und Lärm hat +er deiner gedacht. Er hat einen Wunsch an dich. Da haben wir uns +angeboten, dich herbeizuholen. Also ziere dich nicht und komm!« + +Michelangelo rührte sich nicht und schwieg. + +»Hoffentlich erkennst du die Ehre,« sagte Baccio noch immer mürrisch; +»du weißt, wer Piero ist, und wir sind keine Diener.« + +»Ich gehe nicht,« antwortete Michelangelo kurz. »Ich danke euch und +ich danke Piero von Medici. Sagt ihm, daß ich krank sei, daß ich über +einem Buche grüble, das seines Vaters Freund, der treffliche Meister +Poliziano, geschrieben.« + +»Derselbe Poliziano,« rief Gentile aus, »weilt zur Stunde im Palaste +und trug mir auf, dich in seinem Namen zu grüßen.« + +»Willst du Piero mit deiner Weigerung beleidigen?« fragte Mariotto. + +»Poliziano in Florenz? Im Pittipalaste? O!« Sein Antlitz heiterte sich +auf; er stellte die Windleuchte auf das Gesimse. »Tretet ein!« bat +Michelangelo; »ich gehe sofort mit euch!« und er eilte ins Haus, sich +anzukleiden. + +»Welch ein empörender Stolz!« brummte Baccio; »er spricht mit uns, als +wären wir Lakaien! Als würde er uns eine Ehre erweisen!« + +»Still!« warnte Mariotto, denn Michelangelo kehrte eben zurück, +den Kopf mit einem Hute bedeckt und in den veilchenblauen Mantel +eingehüllt, den Lorenzo ihm vor zwei Jahren geschenkt hatte. + +»Gehen wir also!« forderte Gentile auf; »ich bin vor Kälte ganz +erstarrt.« Der Wind heulte und große Schneeflocken wirbelten in der +kalten Luft, die um die Köpfe der vier Jünglinge tanzten. + +»Komm schneller!« drängte Gentile; »wir haben die Diener unweit des +Flusses mit Laternen warten lassen, weil wir deine stille Gasse nicht +aus nächtlichem Schlafe wecken wollten. Wir dachten an das strenge +Gesicht deines Vaters, und ich hoffe, wir haben ihn nicht aus dem +Schlafe geweckt.« + +Sie schritten eilig durch die dunklen, winkligen Gassen zwischen +schweigenden Palästen dahin, die in der dicken Finsternis doppelt +düster aussahen. Am Lugarno warteten die Diener mit Fackeln und +Stocklaternen, die gespenstige Lichtreflexe auf die Umgebung warfen und +riesenhafte Schatten erzeugten. + +Der Arno rauschte und brauste, und am jenseitigen Ufer sah man die +Kirche San Miniato sich wie ein finsterer Koloß vom dunklen Himmel +abheben. Der Weg führte über die alte Brücke, wo sich niedrige Häuschen +aneinanderschmiegten, als wollten sie sich gegenseitig vor dem Umfallen +bewahren. Noch wenige Gassen, und Michelangelo stand mit seinen +Gefährten vor dem riesenhaft aufstrebenden Palaste Pitti. Die Diener +steckten die Fackeln in die eisernen Arme, die an den Eingangspfeilern +befestigt waren, die im Augenblick blutigrot beschienen wurden. Eine +Anzahl von Pferden stampfte ungeduldig auf dem Vorplatz, der fröhlichen +Gäste Pieros harrend. Aus dem Innern des Palastes scholl von Zeit zu +Zeit Fanfarenlärm heraus, Lachen und Gesang, der sich mit dem Heulen +des Windes mischte. + +»Endlich!« rief Baccio aus; »endlich sind wir am Ziele.« Sie +schüttelten die Schneeflocken von ihren Mänteln und traten rasch in den +Palast ein. Der Flur war hell erleuchtet; im taghellen Hofe rauschte +ein Springbrunnen, während der Hintergrund von schwarzen Zypressen, +Zedern und düsteren Pinien ausgefüllt wurde. + +Michelangelo betrachtete das seltene Schauspiel des Schneewirbels, aber +seine Freunde zogen ihn fort, die majestätischen Treppen empor. Sie +traten in einen großen Saal, der mit kostbaren Teppichen geschmückt +war. In der Nähe des Kamins, in dem ein großes Feuer loderte, saß Piero +von Medici und unterhielt sich lebhaft. Er nickte Michelangelo gnädig +zu, hieß ihn kurz willkommen, wandte sich dann aber wieder sofort +seiner Unterhaltung zu. Michelangelo beachtete den kühlen Empfang +nicht; übrigens antwortete er ebenso zurückhaltend und nachlässig. Er +wandte sich sofort dem Saale zu, und es dauerte auch nicht lange, bis +er den ehrwürdigen Kopf des Dichters Poliziano entdeckt hatte, der +einsam in der Nische eines hohen Fensters saß. Sofort war Michelangelo +an seiner Seite. Sie begrüßten einander sehr herzlich und beide waren +tief gerührt; offenbar dachten sie beide an die zusammen verlebten +sonnigen Tage unter Lorenzo, dem Herrlichen. Sie seufzten auf und +schwiegen einen Augenblick. Dann rückten sie einander näher, denn der +Lärm, der im Saale herrschte, ließ die beiden ihre Einsamkeit doppelt +empfinden. Sie konnten sich vertraulich miteinander unterhalten, ohne +befürchten zu müssen, daß man sie stören würde. + +»Wie lange habe ich dich nicht gesehen,« sagte Poliziano freudig +bewegt. + +»Und wie habe ich mich nach Euch gesehnt!« entgegnete Michelangelo. +»Ihr wißt am besten, was Ihr mir wart. Ihr seid der Erste gewesen, der +mir Mut und Anregung zur selbständigen Arbeit gegeben hat. Aus den +Quellen Eures Geistes und Eures Wissens durfte ich Unwissender schöpfen +und meinen Durst löschen.« + +Poliziano lächelte und winkte mit der Hand das Lob ab. »Wäre der +göttliche Funke nicht in dir gewesen, dann wären meine Anregungen +vergeblich gewesen. Die Flamme wäre dann nicht ausgebrochen, mein +lieber Michelangelo. Du warst der einzige unter Hunderten, ja unter +einem ganzen Geschlecht, der für meine Worte empfänglich war. +Empfänglich sein für das Schöne, das ist alles, Michelangelo. Du bist +es im Übermaße. Wundere dich darum nicht, daß du so viele Neider hast.« + +»Sie sagen, daß ich die Schönheit nicht sehe,« erwiderte der Jüngling +düster und voll Gram. + +»Da du die Schönheit wiedergibst, wie ~du~ sie siehst und +fühlst, und nicht wie andere sie empfinden, da du nicht die Schönheit +nachahmst, die sie gewöhnt sind, zu sehen, sondern die, die in deiner +~eigenen~ Seele lebt, so gibst du die einzige und wahre Schönheit, +die der Mensch verehren sollte.« + +Die Mienen Michelangelos heiterten sich auf. + +»Ihr kennt mich so gut!« rief er entzückt aus. »Was ich unbestimmt +und unklar fühle, das vermögt Ihr auszusprechen. Ihr habt gut +begriffen, was ich in mir selber kaum verstehe. Ein Beweis, wie Ihr mir +nachzufühlen vermöget, ist Euer Gedicht, das ich vor einer Stunde von +neuem gelesen. Das Gedicht, das die ewig junge griechische Sage mit +neuem Leben erfüllt. Ich meine Euren Orpheus, Meister Poliziano!« + +Der Dichter lächelte traurig. »Als ich das Gedicht schrieb, war ich so +jung und so mutig wie du. O, ihr Adlerschwingen der Jugend! Ihr kühnen, +vermessenen Träume! Damals schien es mir ein leichtes, emporzufliegen +aus der drückenden Enge unserer Kirchspiele und mit einem Sprung auf +die Fluren der echten Tragödie hinüberzusetzen. Stolzer Traum! Ich +strebte der Sonne zu, aber meine Schwingen waren zu schwach. Ah, ich +war vielleicht ein Ikarus, aber als ich der Sonne zu nahe kam, fiel +ich herab. Welch ein Riesenkampf ist das Schaffen des Künstlers! Die +Eingebung entzündet uns wie ein Blitzschlag. Und ist es jemals möglich, +aus diesem göttlichen Feuer, das in uns zu lodern begonnen hat, als +Sieger hervorzugehen?« + +»Aber hat der Bildhauer nicht einen noch weit schwierigeren Kampf +mit der toten Masse zu bestehen, die er beleben will? Wenn er einem +chaotischen Steinklumpen gleichsam eine Seele einhauchen will? Ihn von +Tod und Nichtsein erlösen und zu Leben und Sein führen will? Welch ein +mühsames Ringen, durch einen formlosen Stein zu den Herzen der Menschen +zu sprechen! Sie an einem Stein die ewigen Gesetze der Schönheit +erkennen lehren! Ich glaube nicht, daß die Griechen in meinem Sinne +Sieger waren über die tote Masse. Ihren Bildwerken fehlt die Seele. Sie +sind starr und kalt und ruhig. Der Frost der Materie weht mich daraus +an. Aber muß Schönheit nicht erwärmen? Muß sie nicht leuchten und leben +und gleichsam zu unserer Seele sprechen?« + +»Das wirst du ihr geben,« sagte Poliziano prophetisch zu Michelangelo, +der sich in Feuer gesprochen hatte; »du wirst der Schönheit die Poesie +des Schmerzes leihen.« + +»Ich verstehe nicht recht,« entgegnete Michelangelo; seine Augen wurden +abgrundtief und blickten in die Weite. Er atmete heiß und schwer wie im +Fieber. »Erklärt es mir,« bat er leise den Dichter. Doch da rief ihn +gerade Piero von Medici an, der am geöffneten Fenster stand und über +den Hof in die Gärten hinaussah. + +»Bei Venus und Bacchus!« rief er. »Wie lügt heute nacht das schöne +Florenz. Seht nur, meine Herren, wie sich die Stadt mit frecher +Anmaßung in ein jungfräuliches Gewand hüllt. Sie scheint wie aus Marmor +gemeißelt. Welch eine schöne Statue müßte sich aus diesem geschmeidigen +Material formen lassen, mein lieber Buonarroti; das wäre in der Tat +eine Aufgabe für dich! Das Material für deine Statue ist direkt vom +Himmel gefallen; nie wirst du reineren Stoff verarbeiten. Willst du mir +eine große Freude bereiten, dann geh in den Hof hinab und forme uns +irgendeine göttliche Gestalt aus dem Schnee.« + +»Welch ein kindischer Einfall!« murmelte Poliziano mit einem Blick auf +den verdüsterten Michelangelo. + +Piero von Medici hatte die Worte Polizianos gehört; aber er ließ es +sich nicht merken, obwohl er im Innern sehr erzürnt war. »Meister +Poliziano,« sagte er, »bin ich nicht ein Philosoph? Mit meiner Idee +einer Statue aus Schnee will ich den Künstlern ja nur sagen, wie +vergänglich ihre Werke sind. Sie träumen alle von der Unsterblichkeit. +Der Schnee da unten predigt aber: ~nütze den Augenblick~! Wer +weiß, wo du morgen bist!« + +[Illustration: Der junge Michelangelo an der Arbeit.] + +»Man muß zwischen Künstlern einen Unterschied machen, wie zwischen +Menschen,« antwortete Poliziano trocken. »Jeder nimmt gewöhnlich nur +sich selber als Maßstab für die Dinge und Mitmenschen. Die echte Größe +aber, das Genie, das ist ein Gottesgeschenk.« + +»Ihr habt recht,« bemerkte Piero und schwieg ärgerlich. + +Inzwischen hatte sich Michelangelo, ohne aufzuhorchen, dem Fenster +genähert und schaute verzückt in die Gärten. Das Schneegestöber hatte +nachgelassen; am Himmel flimmerten die Sterne wie Goldstaub, und die +Erde leuchtete märchenhaft weiß. Ein jeder Baum schien aus Marmor +gehauen. Der Anblick riß den Künstler mit fort. Wortlos verließ er +den Saal, um zu vollenden, was Piero in kindischer Launenhaftigkeit +gewünscht. Die Zauberpracht dieses überirdischen Bildes reizte ihn zu +eigenem Schaffen. Hier sah er eine gleichsam verzauberte Welt, die weiß +und starr und kalt dem Himmel ins Angesicht sah; eine Welt, die nach +Licht und Sonne zu rufen schien, und nach einem Liede, das sie aus +diesem Bann erlöse. + +»Orpheus, der Sänger!« ging es blitzartig durch Michelangelos Kopf. +Er befahl, rasch den Schnee zusammenzukehren und ihn an einer +bestimmten Stelle aufzuhäufen. Und während Pietro de Medici sich oben +im Saale unterhielt, und längst seine Bitte vergessen haben mochte, +arbeitete Michelangelo bei dem rötlichen Licht unzähliger Fackeln mit +fieberhaftem Eifer an seinem Werke. + +Seine Seele war noch erfüllt von den Gedanken, die die Unterredung +mit Poliziano in ihm geweckt hatte. Der Schnee war fest genug und +ließ sich von der begnadeten Hand Michelangelos gefügig formen und +meistern. Den unteren Teil der Statue legte Michelangelo breit an +und verdeckte die große energische Bewegung des Fußes mit einem bis +zur Erde herabwallenden Gewande. Der mächtige Schritt des Orpheus +sollte die Entschlossenheit des Sängers andeuten, trotz aller bereits +erlebter Schrecken doch noch einmal in die Unterwelt einzudringen. +Seine erhobenen Hände hielten die Leier, als wollten sie noch einmal +in die Saiten greifen. Sein Antlitz, das der Künstler scharf und +bis ins kleinste ausarbeitete, war ernst; es sprach aus ihm die +Kraft des Liedes und ein Mut, der vor nichts zurückzuschrecken +schien. Michelangelo modellierte mit Liebe und Eifer, als würde er +seinen Orpheus in Erz für die Ewigkeit schaffen, und nicht nur zur +Befriedigung einer Augenblickslaune. Als er die Arbeit beendet hatte, +trat er einige Schritte zurück und seufzte tief auf. + +»Nein, es ist nicht das, was ich gewollt habe,« rief er endlich +unzufrieden aus. »Aus diesen Zügen spricht eine frostige Kälte, wie +aus dem Schnee. Ich hab' es anders geträumt! Das ist wieder diese +hellenische Starrheit, diese Todesruhe! So hätten ihn die Künstler in +Athen dargestellt. Aber sieht so ein Mensch aus, der die vernichtenden +Worte des Schicksals vernommen hat?« + +Er stand unzufrieden und wortlos vor seinem Werk. Die Fackeln +erloschen, der Tag begann heraufzudämmern. Der Himmel rötete sich +leicht, und endlich stieg die Sonne in ihrer goldenen Majestät am +Horizont empor. In den verschneiten Gärten blitzte und flimmerte es, +als sei silberner Puder überallhin verstreut. + +In dem Augenblick entstand auf der Terrasse hinter seinem Rücken Lärm. +Piero von Medici war mit dem ganzen Hofstaat herausgetreten, und alle +brachen beim Anblick der wundervoll beleuchteten und glitzernden Statue +des Orpheus in begeisterte Bewunderung aus. + +Poliziano eilte die Stufen herab und umarmte schweigend den Künstler. + +»Nein, nein,« wehrte Michelangelo bitter lächelnd ab; »es ist +mißlungen. In seinem Antlitz spiegelt sich nicht das, was er in seinem +Herzen fühlt. Das ist kein Mensch; das ist nur eine Idee.« + +»Aber eine göttliche Idee,« warf Poliziano ein. + +»Aber kein Mensch!« wiederholte Michelangelo schmerzlich. »Wo ist die +Verzweiflung, die wie eine Natter an seinem Herzen nagt? Wo ist der +Schmerz, der ihn vernichtet? Nein, das ist nicht Orpheus, das ist eine +starre Leiche. Ich will das Gespenst nicht länger sehen.« + +Und Michelangelo verbarg seinen Kopf an der Brust Polizianos, ohne auf +ein Wort des Trostes zu hören. Über seinem Kopfe tönten die Lobeshymnen +noch weiter; aber alles Lob vergrößerte nur seinen Schmerz. + +»Die törichten Blinden,« stöhnte er verzweifelt; »sie sehen offenbar +nicht, daß dieser Orpheus bloßer Schnee in Menschengestalt ist.« + +Da erscholl wie aus einer Kehle ein neuer Ausruf von der Terrasse, und +Poliziano zuckte zusammen. Unwillkürlich hob Michelangelo den Kopf und +sah auf seine Statue. Sie hatte sich bewegt; die Sonne hatte das Wunder +vollbracht. Sie bewarf die Statue mit Millionen ihrer heißen Pfeile. +Sie leckte den Schnee von den Bäumen und Büschen. Von den Pinien und +Oliven tropfte es unaufhörlich; in Bächen lief der geschmolzene Schnee +von den Dächern herab; er zerrann auf dem Grase wie ein Traum. Auch der +Orpheus wurde von den Strahlen der Sonne totgeküßt. + +Die untere Hälfte der Statue stand noch unbeweglich da; der feste +Schritt des Orpheus und sein Gewand hatte noch keinen Schaden gelitten. +Aber Kopf und Brust waren verwundet. Seine Arme sanken zu beiden +Seiten wie erschlafft herab, die Leier entfiel seinen Händen. Der Kopf +neigte sich nach rückwärts, das Kinn gab nach, so daß sich der Mund +leicht öffnete und sich in eine krumme, nach unten gebogene Linie +verwandelte. Die Augen, die ihre bestimmten Umrisse verloren, schienen +sich wie in großem Schmerz zu schließen. Und die Schärfe aller gleich +genau angedeuteten Gesichtszüge milderte sich während des Tauens zu +einem merkwürdigen Einklang. Eine Lebensregung schien durch den Schnee +zu gehen, ein belebender Funke schien die Statue erwecken zu wollen. +Nun glaubte man wirklich, Orpheus zu sehen, von der Verzweiflung +zerknirscht, von Schmerzen zerwühlt, den Tod im Herzen, aber doch noch +aufrecht stehend, ein leidender, atmender Held, den man sterben sieht. + +Michelangelo sah wie gebannt auf sein Werk. Ein freudiges Lächeln +umspielte seine Lippen, und mächtig bewegt drückte er Poliziano die +Hand. »Endlich sehe ich klar, was ich dunkel geahnt!« flüsterte er; +»nun weiß ich, was meinem Orpheus gefehlt hat und was von heute +an keiner meiner Schöpfungen mehr fehlen soll: ~der seelische +Ausdruck~! Wozu diente wohl alle äußere Schönheit, wenn sie nicht +die ~inneren~ Vorgänge verkünden würde. Dank dir, o Sonne, du hast +mich Großes gelehrt!« + +»Die Sonne, die dir den rechten Weg gewiesen, das ist dein eigenes +Gefühl, dein eigener Geist,« sagte Poliziano. »Ja, du hast heute etwas +Großes gefunden -- ~dich selbst~! Nun darfst du hoffen, zu siegen. +Wie weit wirst du die andern überragen! Glück auf den Weg! Und doch muß +ich dich beklagen, mein armer Freund. Auf der Höhe steht man einsam, +und Größe erweckt Haß und Neid. Alles verzeiht dir die Menge, nur +nicht, daß du über ihr stehst, daß du dich von ihr ausschließest. Du +wirst dein ganzes Leben lang eine Dornenkrone tragen müssen.« + +Noch ehe Poliziano zu Ende gesprochen hatte, sank die Statue dröhnend +zu Boden. Nichts blieb von ihr übrig, als ein formloser Klumpen rasch +zerfließenden Schnees. Ein Aufschrei des Mitleids und Bedauerns kam von +der Terrasse her, dann aber erscholl Gelächter, aus dem die fröhliche +Stimme Pieros herausklang. »Sieh,« rief er laut herab, »die Belehrung, +die ich dir versprochen habe, ist dir nun zuteil geworden. Die Werke +des Künstlers vergehen, wie der Schnee vor der Sonne.« + +»Ja, eine große Belehrung ist mir zuteil geworden,« antwortete +Michelangelo, mit dankbarem Lächeln zum Himmel emporblickend. »Nun weiß +ich über den Stoff zu siegen und ihn zu beseelen. Nun soll man aus +meinen Werken den Pulsschlag des Lebens fühlen.« + +Und versunken in seine Gedanken ging er von dannen. Von niemand hatte +er sich verabschiedet; man vergaß ihn bald. Poliziano trat mit ihm auf +den Platz hinaus und sah ihm nach, wie er allein durch die Gassen von +Florenz dahinschritt, um seinen großen Ideen und Werken nachzuhängen, +die er nunmehr schaffen sollte. Es war wahr: er hatte sich selbst +gefunden ..... + + * * * * * + +Florenz ertrug die Herrschaft des anmaßenden Piero nicht lange. Schon +im November 1494 wurden die Mediceer vertrieben. Michelangelo ging +dem Ereignis aus dem Wege und begab sich nach Venedig und dann nach +Bologna, wohin auch die Mediceer geflüchtet waren. Hier, wo sich der +Stadtvorsteher Aldovrandi seiner angenommen und ihm Arbeit verschafft +hatte, blieb Michelangelo bis zur Mitte des Jahres 1495 und kehrte +dann wieder nach Florenz zurück, zur Zeit, als gerade der fanatische +Prediger Savonarola an der Spitze des Volkes stand. + +Unter anderen Bildwerken, die Michelangelo jetzt ausführte, befand sich +auch ein schlafender Liebesgott. Auf Anraten eines schlauen Kaufmannes +gab Michelangelo diesem Marmorwerk künstlich ein antikes Aussehen +und es wurde dann auch als ein ~eben ausgegrabenes~ Bildwerk an +den Kardinal Riario nach Rom verkauft. Der Händler hatte zweihundert +Dukaten dafür bekommen; an Michelangelo lieferte er aber nur dreißig +ab; so wurden der Kardinal ~und~ Michelangelo betrogen. Aber auch +dieser Betrug zeitigte zufällig Gutes. Denn als der Kardinal erfuhr, +daß Michelangelo der Schöpfer des Kupido sei, machte er zwar den +Handel rückgängig, aber er veranlaßte Michelangelo gleichzeitig zur +Übersiedelung nach Rom. Im Juni 1496 kam er dort an und wohnte beim +Kardinal, wo er zunächst ein ganzes Jahr beschäftigungslos zubringen +mußte, obwohl man ihm reiche Aufträge versprochen hatte. + +Bald darauf machte er aber die Bekanntschaft des römischen Edelmanns +Jacopo Galli, in dessen Auftrag Michelangelo zwei lebensgroße +Marmorbildnisse, einen »Kupido« und einen »Bacchus« ausführte. Galli +verschaffte dem jungen Meister auch einen Auftrag von dem französischen +Gesandten in Rom, für den Michelangelo jene wundervolle verklärte +»Pietà« meißelte, die sich jetzt in der nach ihr benannten Capella +della Pietà befindet. + +Während aber Michelangelo in Rom unsterbliche Werke schuf, führte sein +Vater, der durch die Vertreibung der Mediceer sein Amt verloren hatte, +in Florenz ein kümmerliches Dasein. Sehnsüchtig harrte er auf die +Heimkehr des Sohnes, der den Vater von Rom aus kräftig unterstützte. +»Ihr mögt mir glauben« -- schrieb er nach Hause --, »daß auch ich +Ausgaben und Mühe habe; aber was Ihr von mir verlangen werdet, das +werde ich Euch schicken, und wenn ich mich als Sklaven verkaufen müßte.« + +In der Tat sorgte Michelangelo nach der Vollendung der Pietà auch +für seine jüngeren Brüder Buonarroto und Giovan Simone, indem er +ihnen zur Gründung einer kleinen Wollstoffabrik verhalf. 1501 kehrte +Michelangelo, dem Drängen seines Vaters nachgebend, nach Florenz +zurück, wo er zunächst den Auftrag erhielt, für eine Kapelle im Dome +zu Siena fünfzehn kleine Heiligenfiguren auszuführen, dann aber von +den Vorstehern des Dombaues zu Florenz vor die erste Riesenaufgabe +gestellt wurde: aus einem bereits behauenen Block, der schon +fünfunddreißig Jahre lang unberührt dalag, einen »David« von neun Ellen +Höhe auszumeißeln. Der Auftrag war um so schwieriger, als der erste +Bildhauer, der sich daran gemacht hatte, die Aufgabe zu lösen, an ihr +gescheitert war. Er hatte aber dem Marmorblock bereits bestimmte Formen +gegeben, und an diese war Michelangelo nun gebunden. Im September 1501 +machte sich Michelangelo mutig an die Arbeit, und Anfang 1504 wurde das +hundertachtzig Zentner schwere Bildwerk mit ungeheurem Pomp enthüllt. + +Während der drei Jahre hatte Michelangelo aber noch andere Arbeiten +ausgeführt; so einen zweiten lebensgroßen David als Sieger mit dem +Haupte des Goliath unter den Füßen; ferner: zwei Madonnenreliefs in +Rundformat, einen sterbenden Adonis und einige Gemälde. 1505 folgt die +Madonnenmarmorgruppe -- eine Bestellung flandrischer Kaufleute --, die +in der Liebfrauenkirche zu Brügge steht. + +Michelangelo, ein dreißigjähriger Mann, stand jetzt in dem Rufe des +ersten Bildhauers der Welt. Und als er sich eben anschickte, mit +dem größten Maler der Zeit, dem dreiundfünfzigjährigen Leonardo +da Vinci, um die Siegespalme zu streiten, wurde er inmitten der +Ausführung seiner Arbeit, die die Pisanerschlacht darstellen sollte, +vom Papst Julius II. nach Rom berufen, damit Michelangelo ihm schon +bei Lebzeiten ein Grabmal baue. Der Plan war mit außerordentlicher +Pracht erdacht. »Ich bin des gewiß,« schreibt Michelangelo am 2. Mai +1506 an San Gallo nach Rom, »wird es errichtet, so hat es in der +ganzen Welt nicht seinesgleichen.« Michelangelo kaufte in Karrara für +tausend Dukaten Marmorblöcke, und da ihn die Ungeduld nicht warten +ließ, bis die Steinberge nach Rom geschafft waren, begann er gleich +in den Marmorbrüchen ein paar Figuren in Arbeit zu nehmen, an denen +er zunächst acht Monate arbeitete. 1506 wurden die Blöcke auf dem +Petersplatze in Rom abgeladen; sie hätten hingereicht, einen Tempel +daraus zu erbauen. Und die kolossale Größe des Werkes war denn auch +mit schuld daran, daß es nicht zustande kam. Die Peterskirche, in +der es aufgestellt werden sollte, war zu klein, und abergläubische +Zwischenredereien trugen ebenfalls dazu bei, daß der Papst den Gedanken +an das Grabmal ganz fallen ließ. Statt dessen sollte Michelangelo die +Decke der vatikanischen Kapelle ausmalen, die Sixtus IV. hatte erbauen +lassen. Michelangelo, der diesen Auftrag nicht übernehmen wollte, zog +sich dadurch die Ungunst des Papstes zu, flüchtete nach Florenz, ward +aber wieder zurückgerufen und in Gnaden in Bologna aufgenommen, wo der +im Kampf gegen Cesare Borgia siegreiche Papst weilte, nachdem er sich +die Stadt unterworfen und tributpflichtig gemacht hatte. + +Michelangelo fertigte hier in den nächsten drei Jahren eine +Kolossalerzstatue von Julius II. an. Der Papst hatte tausend Dukaten +dafür bezahlt; aber als Michelangelo mit seiner Arbeit fertig war und +seine Auslagen abgerechnet hatte, besaß er von den tausend Dukaten +noch etwa vier, obwohl er in Bologna in recht kärglichen Verhältnissen +gelebt hatte. Nach der Enthüllung dieses Erzbildes eilte Michelangelo +sofort zu seinen hilfsbedürftigen Angehörigen nach Florenz zurück; +aber da er jetzt in den Diensten des Papstes stand, mußte er bald +wieder nach Rom zurückkehren und trotz seines inneren Sträubens mit der +Ausmalung der Kapelle beginnen. Und so vollbrachte Michelangelo dies +Werk, das berühmte sogenannte Sixtinische Deckengemälde, in dem er das +Herrlichste und Wunderbarste schuf, was die Monumentalmalerei überhaupt +hervorgebracht hat; eine so schöne und gewaltige Schöpfung, wie sie in +dieser Vollkommenheit nie wieder erreicht worden ist. + +Er stellte die Vorgeschichte der Erlösung dar; die Schöpfung und den +Sündenfall und das Versinken der Menschheit in Sünde; dazu das Hoffen +auf den Erlöser, die Verkündigung seiner Ankunft und Vorbedeutungen der +Erlösung. + +Er begann damit am 10. Mai 1508 und vollendete es, obwohl er es ganz +allein ohne jedwede fremde Hilfe ausführte, und obgleich er seine +Arbeit öfters und lange unterbrechen mußte, im Oktober 1512. Das ist +um so staunenswerter, als Michelangelo nicht gesund war, unter den +drückendsten Geldsorgen zu leiden hatte, und die Not seiner Angehörigen +ihn ebenfalls sehr quälte. + +So schreibt er an seinen Vater im Juni 1509: »Seit 13 Monaten habe +ich vom Papste kein Geld erhalten und meine, innerhalb anderthalb +Monaten unter allen Umständen welches zu bekommen, da ich das, was ich +gehabt, ausgegeben haben werde. Wenn er's mir nicht gäbe, müßte ich +Geld borgen, um zu Euch zurückzukehren, denn ich besitze nicht einen +Pfennig.« + +Eine andere Stelle aus einem Briefe an seinen Bruder Giovansimone +(aus derselben Zeit) lautet: »Seit zwölf Jahren bin ich, kümmerlich +lebend, durch ganz Italien gewandert, habe jede Schmach erduldet, jedes +Ungemach erlitten, meinen Körper mit jeder Anstrengung gepeinigt, das +eigene Leben unzähligen Gefahren ausgesetzt, einzig und allein, um +meiner Familie zu helfen.« + +An seinen Bruder Buonarroti schreibt er am 18. September 1512: »Ich +teile Euch mit, daß ich nicht einen Groschen besitze und gleichsam +barfüßig und nackt bin und das, was mir noch zukommt, nicht eher, als +bis ich mein Werk vollendet habe, erhalten kann; und ich erdulde sehr +große Mühen und Unbequemlichkeiten.« + +Eine fürchterliche Pein war endlich die körperliche Anstrengung beim +Malen an der Decke, wobei der Kopf stets in den Nacken gelegt und die +Augen nach aufwärts verdreht werden mußten. Er selbst spottete darüber +in einem launigen Gedicht, daß er, gekrümmt wie ein syrischer Bogen, +das Gesicht von den herabtropfenden Farben bunt gemustert wie ein +Mosaikfußboden, dies Werk ausführen mußte: + + + Schon hat mir diese Crux 'nen Kropf geschaffen, + Wie er vom Wasser wächst im Land Lombardien + Den Katzen -- oder ist's noch sonst wo anders -- + Und mit Gewalt strebt unters Kinn der Bauch. + + Den Bart fühl' ich gen Himmel sich erheben, + Am Buckel liegt das Hirn, harpyienhaft + Krümmt sich die Brust mir, und vom Pinsel + Tropft aufs Gesicht ein buntes Paviment. + + Dehnt vorn sich aus die Schwarte, schrumpft sie hinten + Beim Krummsichbiegen wieder arg zusammen: + So spann' ich mich gleich einem Syrer Bogen. + + Drum trügerisch und seltsam + Entspringt die Urteilskraft dem Schoß des Geistes; + Denn übel schießt es sich aus krummem Rohr. + + Tritt ein, Johann, nunmehr + Für meine Ehre, für mein stummes Malwerk; + Ich bin ja nicht am Platz noch, ach! kein Maler. + + +Und von diesem Werke, angesichts dessen sich Michelangelo das Talent +als Maler absprach, sagte Goethe: »Ich konnte nur sehen und anstaunen. +Die innere Sicherheit und Männlichkeit des Meisters, seine Großheit +geht über allen Ausdruck.« + +[Illustration: Michelangelo mit seinem Mose.] + +Ein Zufall fügte es, daß um dieselbe Zeit, als Michelangelo mit seinem +Deckengemälde fertig wurde, die vertriebenen Medicis wieder in Florenz +einzogen und von ihren ehemaligen Rechten sofort Besitz ergriffen. +Michelangelo erneuerte alsbald die alten Beziehungen und setzte es +durch, daß sein greiser Vater wieder in dasselbe Amt eingesetzt wurde, +das er ehedem innegehabt hatte. + +Michelangelo durfte jetzt auch an die Ausführung des früher in Angriff +genommenen Grabmals gehen, obwohl der Besteller, Papst Julius, bereits +1513 starb. Giovanni de Medici (Papst Leo X.) war sein Nachfolger und +zugleich der Jugendfreund Michelangelos. Für das Grabmal war ein Preis +von sechzehntausendfünfhundert Dukaten und eine Arbeitszeit von sieben +Jahren festgesetzt. Aber weder dies Werk, noch andere Werke großen +Stiles, die Michelangelo geplant und zum Teil schon in Angriff genommen +hatte, wurden vollkommen ausgeführt. Dafür betraute man ihn einige +Jahre später mit einer anderen großen Aufgabe, die seinen Namen in die +Ewigkeit tragen sollte: Die Ausführung der Mediceergräber. + +In dieser Zeit tummelten sich Spanier, Franzosen, Schweizer, Deutsche +und Italiener in den schönen Gefilden am Po, am Ticino und an der +Etsch umher, verwüsteten die Felder und Weinberge, brandschatzten +oder zerstörten Städte und Dörfer, befleckten den Boden mit Blut +und Leichen, führten Gefangene hinweg, um Lösegeld zu gewinnen, und +übten Greuel und Erpressung jeder Art. Dazu kam die Pest, der auch +der geliebte Bruder Michelangelos, Buonarroto, erlag. Florenz rüstete +sich zum Kampfe um die Freiheit, und unter neun Männern, die gewählt +worden waren, um für die Befestigung der Stadt zu sorgen, befand sich +auch Michelangelo. Er wurde zum obersten Leiter der Befestigungen von +Florenz ernannt und machte seinem Amt durch Umsicht und Geschick alle +Ehre. Aber trotz seiner kriegerischen Tätigkeit fand er noch Zeit, +sich ab und zu heimlich in die Grabkapelle zu stehlen und dort an den +angefangenen Figuren zu arbeiten. + +Allerdings arbeitete Michelangelo unter der größten körperlichen und +geistigen Qual. Um 1530 war er bis zur Fleischlosigkeit abgemagert. +»Michelangelo« -- schreibt ein Zeitgenosse -- »wird nicht mehr lange +leben, wenn nicht Abhilfe geschafft wird; denn er arbeitet viel, ißt +wenig und schlecht und schläft auch nicht, und seit einem Monat wird +er stark behindert durch Kopfschmerzen und Schwindel; er hat, kurz +gesagt, zwei Übel: eins am Kopf und eins am Herzen, und für jedes gibt +es ein Heilmittel; man muß nur die Ursache kennen und aussprechen.« Das +Heilmittel für den Kopf sollte darin bestehen, daß dem Meister verboten +würde, während des Winters in der feuchten und kalten Kapelle, wo er +sich den Tod hole, zu arbeiten; das Heilmittel für das Herz sollte in +der Regelung der Sache des Juliusgrabes bestehen, um dessentwillen +Michelangelo ganz in Schwermut verfallen war. + +»Malerei und Skulptur«, schreibt er am 24. Oktober 1542 an Luigi del +Riccio, »Arbeiten und Treuhalten haben mich ruiniert und ständig wird +aus Schlechtem noch Schlechteres. Besser für mich wäre gewesen, ich +hätte in meiner Jugend Schwefelhölzer zu machen gelernt.« + +Und am selben Tage an Monsignor Aliotti: »Ich finde, meine ganze Jugend +habe ich verloren, seitdem ich an dieses Grabmal gebunden bin und +soviel als möglich Papst Leo und Papst Klemens Widerstand geleistet +habe; und mein allzu großes Vertrauen, das man nicht kennen will, hat +mich ruiniert. So will's mein Schicksal.« + +Für beide Heilmittel wurde nun zwar gesorgt, so gut es ging; aber +der Tod seines Beschützers, des Papstes Clemens VII., machte wieder +alle Versprechungen und Pläne zunichte. Da Michelangelo von dem neuen +Gebieter der Stadt, dem lasterhaften Alessandro, der ihn haßte, nicht +nur keinen Schutz zu erwarten hatte, sondern im Gegenteil Verfolgung, +so blieben sogar die Mediceergräber unvollendet. + +Aber selbst in dieser unvollendeten Gestalt sichern sie Michelangelos +Ruhm für alle Zeiten. Der Eindruck, den dies Monumentalwerk, das von +so ernstem Geiste beseelt ist, auf den Beschauer macht, ist der einer +höchst weihevollen und ehrfürchtigen Stimmung vor dem Genius, der es +geschaffen hat. + +Der Nachfolger des verstorbenen Papstes, Paul III., fesselte +Michelangelo wieder an sich, und in seinem Auftrage malte der Künstler +in der Sixtinischen Kapelle das berühmte »Jüngste Gericht«, in dem +Michelangelo den Tag der Auferstehung mit allen Schrecken einer +gewaltigen Phantasie schildert. + +Es wäre noch von vielen anderen Bildwerken, Malereien und +architektonischen Werken zu sprechen; aber hier soll keine Betrachtung +seiner künstlerischen Werke, sondern nur der äußere Lebensumriß des +größten Bildhauers der neuen Zeit gegeben werden. + +In den letzten Jahren seines Lebens blieb Michelangelo von großen +Stürmen und wenigstens von äußeren Sorgen verschont. Er war auch +körperlich wieder zu Kräften gekommen und hatte sogar, dank seiner +einfachen und mäßigen Lebensweise, die die Not ihn gelehrt hatte, eine +gewisse Wohlhabenheit erreicht. + +Am 18. Februar 1564 entschlief Michelangelo. Der Leichnam wurde in der +Apostelkirche aufgebahrt. Der Papst wollte ihn im St. Petersdome, wo +sonst nur die Päpste beigesetzt wurden, bestatten lassen, obwohl es +dem Wunsche Michelangelos, in der heimatlichen Erde zu ruhen, entgegen +gewesen wäre. Darum ließ ein Neffe Michelangelos den Sarg mit der +Leiche, als Warenballen verpackt, heimlich nach Florenz schaffen. Am +12. März wurde der geöffnete Sarg in der Kirche San Croce ausgestellt. +Auf Kosten des Herzogs Cosimo wurde darauf in der San Lorenzo-Kirche +eine Leichenfeier ins Werk gesetzt, so großartig und prunkhaft, wie +Florenz vordem noch keine gesehen hatte. Man bekommt einen Begriff +davon, wie herrlich die Feier gewesen sein muß, wenn man bedenkt, +daß Maler und Bildhauer ~monatelang~ an der künstlerischen +Ausschmückung der Lorenzo-Kirche gearbeitet hatten. Die Feier fand erst +am 14. Juli 1564 statt. Mit einem unvergleichlichen Aufwand von Kunst +und pompöser Pracht ehrte Florenz seinen unsterblichen großen Sohn, und +an seinem Katafalk trauerte der Genius der Kunst. + + + + + Galilei. + + +Im Jahre des Halleyschen Kometen, dem sich das Interesse der ganzen +Welt zuwandte und der die Menschheit wieder zwang, sich, wenn auch +oberflächlich, mit astronomischen Dingen zu beschäftigen, ist es +sicherlich nicht unwillkommen, etwas über Galilei zu erfahren, den +Zeitgenossen Keplers, den noch lange nicht genug gewürdigten großen +Entdecker, diese himmelstürmende Natur, diesen ganz Großen, der -- +wie Goethes Faust -- nicht eher ruhte, zu erforschen, was die Welt im +Innersten zusammenhält, bis eine Macht, die größer war als er, ihn mit +Blindheit schlug. + +Wenn man ihn nur einen Physiker oder Astronomen nennt, verkleinert +man ihn. Man darf nicht vergessen, daß der Astronom von heute +gewöhnlich nur ein Spezialist ist, der bei seiner Wissenschaft +durchaus nicht immer jenes Grauen empfindet, das Laplace beim Anblick +des Sternenhimmels angewandelt hat, und der auch die Bewunderung und +Ehrfurcht nicht kennt, die das Gemüt Kants vor dem bestirnten Firmament +erfüllte. + +Der Astronom der Renaissance sucht nicht lediglich nach neuen Sternen; +er weiß, daß hinter den leuchtenden Welten noch irgendeine Kraft wohnt, +der er nicht gewachsen ist. Und doch möchte er dem Schöpfer gern hinter +die Kulissen schauen. + +Wie es das größte Verdienst des Mittelalters ist, die innere Welt +des Seelenlebens vertieft zu haben, ist es das höchste Verdienst der +Renaissance-Astronomen, uns den Himmel geweitet zu haben, indem sie +ihn uns näherbrachten. Sie entdeckten neue Welten in sich, in ihrer +Seele (z. B. Dante, Petrarca) und neue Welten am Himmelsraume (z. B. +Kopernikus, Kepler, Galilei). Sie sind nicht bloße Sterngucker oder +Registratoren. Das neue Bild am Himmelsgewölbe, das sie schaffen, gibt +ihnen auch eine neue Anschauung vom Zusammenhange der Natur. + +Welche Kräfte und Gesetze sind es, die das Weltsystem zusammenhalten +und die dem Menschen die Macht geben, dieses System in Gedanken +aufzubauen? Wer gab dem Menschen diese hohen Gedanken? + +Diese Astronomen sind zugleich auch durchaus tüchtige Philosophen. +Sie bringen eine echte und große Begeisterung mit, und wenn sie ihre +kindlich einfachen Fernrohre vors Auge rücken, ist es ein erhabenes, +wortloses Gebet, das durch ihre Seele zieht .... + +Es war nicht meine Absicht, eine Vorlesung über Geschichte der +Astronomie zu hören, als ich nach Florenz ging. Aber ein Zufall führte +mich in den alten Palast, den der Graf Paolo Galletti in der Via de +Banchi bewohnt, in dem ich acht kostbare Tage verbringen durfte. Am +zweiten Tage unseres unvergeßlichen Zusammenseins hatte sich Graf +Galletti als ein Sammler und Gelehrter entpuppt, der sein Leben der +Galilei-Forschung weihte und der mich einen Blick werfen ließ in seine +reichen und unschätzbaren Sammlungen. + +Welch eine sonderbare Wohnung war das! Man befand sich in einer +weitläufigen Bildergalerie, deren gründliches Studium allein einige +Tage gekostet hätte. Da waren düstere Gemälde von Giotto und Pontormo, +Prachtstücke von Guido Reni und Fra Bartolomeo und einige unbekannte +Porträts aus der besten Zeit von Franz Hals. In den Korridoren befanden +sich kostbare Kupferstiche, in jedem Winkel Marmorwerke und Antiken. +In der Küche standen Ausgrabungen vom alten Tempel auf Fiesole. Das +Haus war voller geheimer Türen, die zu verborgenen Treppen führten; ein +ängstlicher Wirrwarr von Gängen, Fluchten und Nischen. + +Ein Gemach aber, das Studierzimmer des Grafen, überbot in seinem wirren +Durcheinander die Kunst aller Regisseure, die je ihre Phantasie an +»Fausts Studierzimmer« erprobt haben. Retorten, Globusse, Wagschalen, +Mörser, Klöpfel, Urkunden, Pergamentrollen, sonderbar geformte Lampen, +ureinfache Mikroskope, astronomische Karten, Fernrohre, Glaskelche, +Schädel, alles lag in einem malerischen Kunterbunt umher. + +»Dies« -- erklärte mir der Graf, und er zeigte mir ein vergilbtes, +vom Staub und von der Zeit zernagtes Pergamentblatt -- »dies ist +die Originalurkunde, die den Kanonikus Girolamo (Savonarola) in den +Verbrennungstod schickt. Betrachten Sie, bitte, auch diese Blätter! Es +sind die Originalgedichte Franzesko di Medicis. In jener unscheinbaren +Kassette dort bewahre ich einen Pack Briefe von Zwingli, die er +an meine Ahnen gerichtet hat. Mit einer theologischen Schlauheit, +die ihresgleichen sucht, bemüht er sich, sie für seine Ideen +herumzubekommen. Welch eine klare und kräftige Natur; man begegnet +solchen Menschen nicht mehr. Aber, was Sie mehr interessieren wird, +das ist dies Manuskript der ›Göttlichen Komödie‹, von der Dante etwa +zehn oder zwölf Abschriften besaß. Beachten Sie das Datum hier: der 29. +Juni 1416. Von ebenso großem Werte ist auch dieser Kodex; die reizenden +Kompositionen, die Sie sehen, rühren von Pico de la Mirandolas Hand +her. Worauf man sehr gespannt sein wird, das sind verschiedene Gedichte +von Torquato Tasso, den Goethe in seiner Tragödie verewigt hat und die +Tasso schrieb, kurz bevor er ins Irrenhaus kam. Ich will nicht von den +Briefen Donato Giannottis sprechen, des großen Freundes Michelangelos, +auch nicht von den Briefen Macchiavellis und Benvenuto Cellinis, die +ich besitze und die durch mich noch ihrer Veröffentlichung harren. +Ich mache Sie lieber auf jenes Porträt aufmerksam, das von den +bedeutendsten italienischen Kritikern als Selbstporträt Michelangelos +erkannt wurde.« + +»Soviel mir aber bekannt ist,« sagte ich, »hat die neuere +Kunstforschung mit Sicherheit festgestellt, daß es von Michelangelo +keine Selbstporträts geben kann, weil er sich niemals selbst gemalt +hat.« + +»Es handelt sich hier vielleicht um das von einem zeitgenössischen +Freunde angefertigte Porträt,« meinte der Graf. »Sie werden mich nun +fragen, wie all diese Schätze in meinen Besitz gekommen sind? Ganz +einfach. Ich bin der Besitzer der Villa, die Galilei in Arcetri bewohnt +hat, und in ihr fanden sich all diese Kostbarkeiten vor. Sie waren +also Eigentum Galileis, von dem ich noch weit Wertvolleres besitze. +Das ganze astronomische und physikalische Handwerkszeug, dessen der +Astronom sich auf der Villa Arcetri bediente, jener Villa, in die ihn +seine jesuitischen Feinde verbannt hatten, ist in meinem Besitz. Mit +Ausnahme der Bronzelampe, die Sie im Dome zu Pisa gesehen haben und +die Galilei zur Entdeckung des Pendelgesetzes die Anregung gab, sind +fast alle Instrumente in meinen Händen, mit deren Hilfe Galilei seine +bedeutenden Entdeckungen gemacht hat.« + +»Ach, erzählen Sie mehr von ihm,« bat ich den Grafen. + +»Gern,« erwiderte er. »Schon der Tag, an dem er zur Welt kam, hat +für mich etwas Geheimnisvolles, und auch für Sie, wenn Sie an die +Seelenwanderung glauben. Galilei wurde an demselben Tage geboren, +an dem Michelangelo starb; am 18. Februar 1564. Pisa ist seine +Geburtsstadt. Vinzenzo, sein Vater, war ein Florentinischer Edelmann, +der sich durch Schriften über die Theorie der Musik und Mathematik +einen besonderen Ruf erworben hatte. Seine Mutter, Giulia, stammte aus +dem alten und berühmten Geschlecht der Ammannati. Bald nachdem Galilei +zur Welt gekommen war, zogen seine Eltern nach Florenz, wo er auch +seine erste Erziehung erhielt. Galilei sollte Tuchhändler werden, ein +Geschäft, das bei den Florentinern damals in hohen Ehren stand. Aber +als der Vater die hervorragende Begabung des Knaben bemerkte, ließ er +ihm eine Erziehung angedeihen, die mehr auf eine wissenschaftliche +Laufbahn abzielte. In der Verfertigung mechanischer Instrumente +und Maschinen und besonders im Zeichnen zeigte Galilei schon als +Knabe großes Geschick. Der Vater schickte nun seinen Sohn 1581 auf +die Universität nach Pisa, wo er die Arzneiwissenschaft studieren +sollte. Zugleich hörte er dort Vorlesungen über das, was man damals +aristotelische Philosophie nannte. Abgestoßen von diesen haarspaltenden +und fruchtlosen Diskussionen griff Galilei oft als Gegner in diese +Streitigkeiten ein. Dafür nannte man ihn auch den ›Zankapfel‹. +Das hinderte ihn nicht, die naturwissenschaftlichen Irrtümer der +aristotelischen Philosophie zu verwerfen und das Gute der dialektischen +Lehrsätze hochzuhalten. Aber seine stärkste Liebe wandte er dennoch den +Naturwissenschaften und der Mathematik zu. + +»Eines Tages bemerkte er, daß eine im Dome zu Pisa hängende Lampe, +wenn sie durch Zugluft in Schwingungen geriet, zur Vollendung jeder +einzelnen Schwingung immer gleich viel Zeit gebrauchte, mochte der +Windstoß stärker oder schwächer und also die Schwingung größer oder +kleiner sein. Er schloß daraus, daß die Zeit, welche ein pendelartig +schwingender Körper zur Vollendung jeder einzelnen Schwingung +gebraucht, nicht durch die Stärke des ihm gegebenen Stoßes bestimmt +werde, sondern nur durch die Entfernung desselben von seinem +Aufhängungspunkt, also durch die Länge des Fadens oder Stabes, an +dessen Ende er befestigt ist. Zu Hause angestellte Versuche mit Pendeln +von verschiedener Länge bestätigten diese Vermutung und belehrten +zugleich den jungen Naturforscher, daß es dabei auch nicht auf das +größere oder geringere Gewicht des Pendels ankomme. Nun tauchte sofort +der Gedanke in Galilei auf, diese Entdeckung auf die Messung der +kleineren Zeitteile anzuwenden. Er maß zunächst die Schnelligkeit der +Pulsschläge, dann die von Sekunde zu Sekunde zunehmende Geschwindigkeit +frei fallender Körper. Von nun ab diente ihm das Pendel bei allen +physikalischen, besonders aber bei astronomischen Beobachtungen, bis, +sehr viel später, Huygens das Pendel auch mit Uhrwerken in Verbindung +brachte. Der Vater Galileis hatte endlich auch seinem Sohne erlaubt, +das Studium der Arzneikunde aufzugeben und sich ausschließlich den +physikalischen und mathematischen Wissenschaften zu widmen, und der +junge Galilei zeigte sich dieser väterlichen Vergünstigung bald würdig. +Er las zum Beispiel die Schriften des Archimedes mit so großem Erfolge, +daß er, angeregt durch die Lektüre, die hydrostatische Wage erfand. +Dieses bestaubte Ding hier stellt den ersten Versuch der Galileischen +Wasserwage dar, die er so scharfsinnig beschreibt. ›La Bilancetta‹ +nannte er das Werk, wovon ich gleichfalls das Manuskript mein eigen +nenne. + +»Man fing an, von dem jungen Erfinder und Entdecker zu sprechen; sein +Name war in Italien bald berühmt. Er korrespondierte jetzt mit den +bedeutendsten Fachgelehrten; ganz besonders interessierte sich aber +für ihn ein in Pesaro lebender Mathematiker, der Marchese Guidubaldo +del Monte, der Galilei veranlaßte, das Gesetz vom Schwerpunkt zu +vervollkommnen und besser auszuarbeiten. Der vierundzwanzigjährige +Galilei kam dieser Aufforderung nach und übertraf mit der Lösung der +gestellten Aufgabe alle bisherigen Leistungen auf diesem Gebiete. Man +nannte ihn jetzt, 1589, den Archimedes seiner Zeit und man übertrug +ihm zugleich die gerade freigewordene Professur für Mathematik an der +Universität zu Pisa, die er ein paar Jahre vorher hatte verlassen +müssen, weil er damals nicht über Mittel genug verfügte, seinen +Doktor zu machen. Seine Besoldung war sehr gering, aber er benützte +die Stellung seines öffentlichen Amtes zu neuen Forschungen und +zur Verbreitung der bisher angestellten. Seine Landsleute Varchi +und Benedetti hatten schon 1544 die Behauptung ausgesprochen, daß +alle Körper von gleicher Dichtigkeit, mögen sie groß oder klein +sein (z. B. ein Lot Blei ebenso wie ein Pfund Blei), bei gleicher +Fallhöhe die gleiche Geschwindigkeit erlangten. Exakt bewiesen war +dieser Satz keineswegs und fast alle damaligen Physiker leugneten +ihn. Galilei erst erbrachte, trotz alles Spottes der Gegner, den +unanfechtbaren Beweis für die Richtigkeit des Satzes. Er ging noch +weiter und erforschte noch das Gesetz, wonach die Fallgeschwindigkeit +von Sekunde zu Sekunde wächst und daß die am Ende des Falles erlangte +Geschwindigkeit fallender Körper sich verhalte wie die Quadrate der +Zeiten. Galilei hat diese Entdeckung zwar erst fünfzig Jahre später +drucken lassen, aber inzwischen hat er dieses Gesetz vielfach praktisch +angewendet und er hat natürlicherweise mit vielen Sachverständigen +darüber korrespondiert. Immerhin hatte die Gewohnheit Galileis, die +Veröffentlichung seiner so wichtigen Entdeckungen lange aufzuschieben, +die unangenehme Folge, daß ihm oft die Priorität für seine Entdeckungen +und Erfindungen bestritten wurde. Es würde Bände füllen, wenn man +ausführlich erzählen wollte, welche Kämpfe Galilei allein um das +Prioritätsrecht seiner Erfindungen stets ausfechten mußte. Und noch bis +heutigestags ist vieles ungeklärt, da noch immer zahlreiche Manuskripte +und Briefe Galileis, die über das Prioritätsrecht Auskunft geben +könnten, ungedruckt in Bibliotheken liegen. + +»Zu jener Zeit war es an italienischen Universitäten üblich, die +Professoren nur für eine gewisse Zahl von Jahren anzustellen. Galileis +erste Anstellung lautete auf drei Jahre. Die große Bedürftigkeit +der Familie Galileis, noch gesteigert durch den erfolgten Tod des +Vaters, machten es dem jungen Professor zwar höchst wünschenswert, +die Professur in Pisa noch zu behalten, aber seine Freimütigkeit und +seine Liebe zur Wahrheit nötigten ihn, das Amt dennoch aufzugeben. +Johann von Medici, der in hohem Ansehen stehende Stiefbruder des +regierenden Großherzogs, hatte eine Maschine zur Reinigung der Häfen +und Kanäle erfunden, und Galilei war unklug genug, diese Erfindung aus +mechanischen Gründen als unbrauchbar abzuweisen. Das zog ihm natürlich +den Haß des Medici zu, der mit den übrigen zahlreichen Feinden und +Neidern Galileis gemeinsame Sache machte, um ihn beim Großherzog +anzuschwärzen. Galilei sah den kommenden Sturm voraus und zog sich +nach Florenz zurück. Wiederum bemühte sich der Marchese del Monte +für ihn beim Senat der venetianischen Republik für die durch Moletis +Tod erledigte Professur der Mathematik an der Universität zu Padua. +1592 erhielt Galilei diese Stellung zunächst auf sechs Jahre. Durch +seine Vorträge lockte er hier zahlreiche Zuhörer der verschiedensten +Altersstufen an sich und verfaßte Werke über Kriegsbaukunst, Mechanik +u. a., die er zwar noch nicht drucken ließ, die sich aber dennoch durch +Abschriften sehr bald verbreiteten. + +»Um dieselbe Zeit erfand Galilei auch das Thermoskop, das erste +Instrument zur Bestimmung der Wärmeverhältnisse, wovon ich leider nur +die von Galilei herrührende schematische Darstellung besitze. Galilei +bediente sich einer engen Glasröhre, die an dem einen Ende offen war, +an dem anderen aber in eine hohle Kugel auslief. Er goß in diese Röhre +etwas Wasser, verschloß sie alsdann, kehrte sie um und tauchte sie +in ein Gefäß voll Wasser, aus welchem er den größten Teil der Röhre +mit der daran befindlichen hohlen Kugel hervorragen ließ, während ein +ganz kleiner Teil mit der Öffnung, die Galilei nun wieder freimachte, +unter Wasser blieb. In der Kugel war also jetzt atmosphärische Luft +abgesperrt, und wenn diese sich durch Einwirkung der Wärme ausdehnte, +so trieb sie einen Teil des in der Röhre stehenden Wassers durch die +jetzt unten befindliche Öffnung heraus in das Wassergefäß; zog sich +hingegen die Luft in der Kugel durch Abnahme der Wärme zusammen, so +stieg durch den Druck der äußeren Luft das Wasser in der Röhre. + +»So unvollkommen ein solches Instrument war, für die damalige Physik +bedeutete es immerhin einen großen Fortschritt. 1594 erhielt Galilei +von der Republik Venedig ein Privilegium auf zwanzig Jahre für eine von +ihm erfundene hydraulische Maschine. + +»Und hier ist der Proportionalzirkel, den Galilei bald darauf erfand, +und der von den Ingenieuren und Geometern seiner Zeit sehr hoch +geschätzt wurde. Es gab in jener Zeit noch nicht unsere bequeme +Einrichtung des Patentamtes. Allein, wie heute, wurden auch damals +die Erfinder reichlich betrogen. Wer damals einen solchen Zirkel +besitzen wollte, mußte an Galilei schreiben, und er verfertigte so +viel, wie er liefern mochte. Aber mehr als zehn oder elf Exemplare +wird es kaum geben. Seine Arbeitskraft war von anderen Dingen zu sehr +in Anspruch genommen. Und dann, sich lange Zeit mit derselben Sache zu +beschäftigen, langweilte ihn am Ende. Er hatte noch viel zu tun. + +»1599 wurde Galilei seine Professur in Padua auf weitere sechs Jahre +mit Gehaltszulage verlängert. Inzwischen hatte sich sein Ruhm auch +weit verbreitet. Kepler, der in ihm einen treuen Mitverfechter des +kopernikanischen Systems erkannt hatte, war seit 1597 in Briefwechsel +mit ihm getreten und drei Jahre später auch Tycho de Brahe, der +berühmte dänische Astronom. Unter seinen Zuhörern an der Universität +fanden sich jetzt auch Fürsten ein; von allen Ländern reiste man nach +Padua, um Galilei zu hören. + +»Im Jahre 1604 erschien im Sternbild des Schlangenträgers ein neuer +Stern, der, nachdem er achtzehn Monate lang geleuchtet hatte, +wieder verschwand. Galilei hielt mehrere Vorträge über diese +Erscheinung, in denen er zu beweisen suchte, daß der Stern keine bloße +Lufterscheinung, sondern ein wirklicher Stern gewesen sei. Mit dieser +Behauptung widersprach er freilich der Lehre des Aristoteles von der +Unveränderlichkeit des Fixsternhimmels, zu welcher sich damals die +meisten seiner Zeitgenossen bekannten. Nur seine Zuhörer und einige +aufgeklärte Männer der Wissenschaft jubelten ihm zu. + +»Er fuhr fort, sich mit den Lehren der höheren Mechanik zu +beschäftigen, mit den Lehren vom Magneten, vom Licht und den Farben, +vom Schall, von der Ebbe und Flut, von den Bewegungen der Tiere. 1609, +als er Venedig besuchte, kam ihm das Gerücht zu Ohren, ein Holländer +hätte dem Prinzen Moritz von Nassau ein Instrument überreicht, durch +welches man die entferntesten Körper so sähe, als ob sie ganz in die +Nähe gerückt wären. Wie dies Instrument beschaffen war, darüber erfuhr +Galilei nichts. Aber das Gerücht allein genügte, um seine ehrgeizige +Natur zur Tat anzuspornen und seinem erfinderischen Geist einen neuen +und großartigen Aufschwung zu geben. Eiligst nach Padua zurückgekehrt, +hatte er schon ein paar Tage später ein solches Instrument selbständig +konstruiert; er reiste damit wieder nach Venedig und überreichte dem +Dogen und dem Senat sein neues Instrument. Hier ist es! Ja, nun lachen +Sie über dieses Gerümpel! Daß der Mond von Gebirgsketten durchzogen +wird, ist heute eine banale Tatsache für uns; aber bedenken Sie, welch +eine Umwälzung es in der Seele Galileis hervorrufen mußte, als er zum +ersten Male sah, was noch nie vor ihm eines Menschen Auge gesehen. +Man versteht es, wenn das Volk einen Menschen, dem es gelungen war, +mittels dieser plumpen Röhre das Rätsel des Mondes zu schauen, für +einen Zauberer hielt. Wollten doch selbst aristotelische Philosophen +nicht durch dieses unscheinbare Ding sehen, das dem Firmament plötzlich +ein ganz anderes Antlitz gab. Wie? Dieser kleine Professor da aus +Padua will uns jählings unseren guten Glauben nehmen an den Himmel des +Aristoteles? + +»Von welch tiefer Menschenkenntnis zeugt doch die Antwort, die er +ihnen gab! ›Wenn die Sterne selbst vom Himmel herabstiegen zur Erde +und Zeugnis ablegten für mich, so würdet ihr euch nicht überzeugen +lassen!‹ Zugleich beleuchtet diese traurig stimmende Antwort den ganzen +Lebensgang Galileis. + +»Immerhin hatte diese Entdeckung zur Folge, daß Galilei nun die +Professur in Padua mit einem Jahresgehalt von tausend Gulden für +Lebenszeit übertragen wurde. Nie hat sich Galilei für den ersten +Erfinder des Fernrohrs ausgegeben; aber es [Illustration: Galilei +beobachtet die Himmelskörper.] + +gebührt ihm wohl der Ruhm, es optisch vervollkommnet und zuerst zu +wichtigen astronomischen Entdeckungen angewandt zu haben. In den +nächsten Jahren wendeten sich daher die Fürsten und Astronomen, +welche Fernrohre zu besitzen wünschten, immer an Galilei. Er zuerst +entdeckte die Gebirge des Mondes und er zuerst maß ihre Höhe. Er fand +ferner, daß die Milchstraße nichts anderes sei, als eine unzählbare, +dichtgedrängte Menge kleiner Sterne; daß auch die sogenannten +Nebelflecke nur Sterne seien; daß aber die Fixsterne durch das Fernrohr +nicht, wie die Planeten, vergrößert würden. 1610 entdeckte er die vier +Monde des Jupiter und zwei Jahre später gelang es ihm, die Bahnen und +Umlaufszeiten dieser Jupitertrabanten zu berechnen. Er machte nun den +Vorschlag, die häufig auftretenden Verfinsterungen der Jupitermonde +zur Bestimmung der geographischen Längen und also zur Vervollkommnung +der Schiffahrt zu benützen. Um dieselbe Zeit beobachtete er auch +Sonnenflecke; er wagte es aber nicht, mit dieser neuen Entdeckung +hervorzutreten, bis seine Freunde ebenfalls von deren Richtigkeit +überzeugt waren. Alle diese neuen Entdeckungen mußten ihm bei den +denkfaulen Anhängern des aristotelischen Sternhimmels natürlich nur +Feinde schaffen. Aber die Aufmunterungen Keplers und des Großherzogs +von Toskana, der unseren Entdecker fortgesetzt mit reichen Geschenken +bedachte, halfen Galilei über viele Bitternisse hinweg. Den drängenden +Bitten des Großherzogs nachgebend, gab Galilei im August 1610 sein +Lehramt in Padua auf und siedelte nach Florenz über, wo er als ›erster +Philosoph und Mathematiker des Großherzogs‹ ausschließlich seinen +Erfindungen, Entdeckungen und der Ausarbeitung seiner Werke leben +konnte. Aber, obwohl diese Veränderung auch Galilei die volle Freiheit +zurückgab, sie schloß auch manche Nachteile in sich. Galilei verließ +Padua, wo ihm unbeschränkte Lehrfreiheit zugesichert war, wo er die +höchste Achtung der edelsten Venetianer genoß und wo er ein für seine +Zeit sehr beträchtliches Gehalt empfing, um sich in die Abhängigkeit +eines jungen Fürsten zu begeben, dessen Gunst leicht wechseln konnte +und der dem starken Einfluß der intrigierenden Jesuiten ausgesetzt war, +die von der venetianischen Republik ausgeschlossen waren. Als seine +besorgten Freunde ihn vor diesem Schritte warnten, weil sie künftige +Verfolgungen der römischen Kirche befürchteten, war es aber schon zu +spät. + +»Im September desselben Jahres, gleich nach seiner Übersiedelung nach +Florenz, entdeckte Galilei, daß der Planet Venus, ebenso wie der +Mond, zu verschiedenen Zeiten verschiedene Lichtphasen darbiete. Er +fand weiter, daß der scheinbare Durchmesser des Mars und der Glanz +dieses Planeten merkwürdigen Veränderungen unterworfen seien. Bei +einem Besuche in Rom, im April 1611, zeigte er mehreren Kardinälen die +Sonnenflecke, die er beobachtet hatte, und aus der Bewegung dieser +Flecke schloß er die Achsendrehung des Sonnenkörpers. Er erwarb sich +in Rom rasch viele Freunde und Bewunderer und ebenso viele Feinde und +Neider. Der Kardinal del Monte erklärte zwar in einem Briefe an den +toskanischen Großherzog, daß man Galilei im alten Rom zweifellos eine +Ehrensäule auf dem Kapitol errichtet haben würde; aber das hinderte +Galileis Neider nicht -- da man ihm wissenschaftlich nichts anhaben +konnte --, ihn in den Ruf der Ketzerei zu bringen. + +»Nach der Rückkehr von diesem römischen Besuch entdeckte Galilei die +Gesetze der Hydrostatik und erfand das Ding hier. Ein Mikroskop! Das +erste Mikroskop! Sie sehen, welch armseliger Mittel dieser große Mensch +sich bedienen mußte, um ein Mikroskop herzustellen, das er erst später +verfeinerte und besser ausarbeitete. + +»Jetzt begannen aber auch die Anklagen, daß Galilei durch Verteidigung +und Ausbreitung des kopernikanischen Systems die Bibel angreife +und sich der Ketzerei schuldig mache, immer lauter zu werden. Die +Verwandten des Großherzogs Cosimo II. wurden mißtrauisch gegen Galilei +und schenkten den Einflüsterungen der Jesuiten immer mehr Gehör. +Galilei verteidigte sich, er sei zwar ein Anhänger des Kopernikus, +habe aber niemals die Bibel angreifen wollen, welche sich da, wo in +ihr von physikalischen und astronomischen Dingen die Rede sei, den +Vorstellungen und der Ausdrucksweise des Altertums anpasse, ohne diese +Vorstellungen als Glaubenslehren aufzustellen. Kopernikus selbst sei +von den Häuptern der Kirche immer als ein rechtgläubiger Katholik +angesehen worden und der Papst Paul III. hätte sogar die Widmung seiner +Bücher entgegengenommen. Aber bei den von Neid und Haß erfüllten +Gegnern Galileis schlugen diese Gründe nicht an. Besonders ereiferte +sich der Dominikanerorden, dem die Inquisition der Ketzer anvertraut +war. Der Mönch Caccini predigte 1614 in Florenz öffentlich gegen +Galilei und verhöhnte ihn und seine astronomischen Entdeckungen. +Galilei entschloß sich unaufgefordert im November 1615 eine zweite +Reise nach Rom zu machen, um sich dort vor den höchsten geistlichen +Behörden zu rechtfertigen. Er blieb bis in den Mai 1616 in Rom, wo er +von den Geistlichen und selbst vom Papste sehr wohlwollend empfangen +wurde; Galilei konnte aber nicht verhindern, daß das kopernikanische +System jetzt förmlich als der Heiligen Schrift widersprechend erklärt +wurde. Galileis oft leidenschaftlicher Eifer für die Sache der +Wahrheit scheint ihm in Rom mehr geschadet als genützt zu haben, +und der Großherzog von Toskana, der von allen Vorgängen in Rom wohl +unterrichtet war, fand es für die Sicherheit seines Freundes nötig, ihn +nach Florenz zurückzurufen. + +»Als Urban VIII. aus dem Hause Barberini Papst wurde, der als +Kardinal Galilei sehr zugetan war und ihm 1620 sogar ein Lobgedicht +zugeschickt hatte, reiste Galilei abermals nach Rom, um den Papst +zu beglückwünschen. Er wurde sehr gnädig empfangen, reich beschenkt +und bei seiner Rückkehr mit einem belobenden Breve an den Großherzog +entlassen. Galilei hatte aber mit dieser Romreise noch einen anderen +Zweck im Auge. Obwohl er durch die förmliche Verdammung des Kopernikus +zum Schweigen über dessen System verurteilt war, hatte er im stillen +ein Werk über dieses System vorbereitet und er erhoffte von dem neuen +Papst die Erlaubnis zur freien Darlegung seiner Ideen. Man hielt ihn +aber mit unbestimmten Hoffnungen hin. Um seine Absicht durchzuführen, +machte Galilei 1628 und 1630 wiederholte Reisen nach Rom. Sein Werk +wurde von mehreren Zensoren beurteilt, in manchen Einzelheiten geändert +und endlich erhielt er die Erlaubnis zur Drucklegung. 1632 erschien +dieses Werk in Dialogform. + +»Im Auslande habe man die Meinung verbreitet -- führt Galilei in diesem +Werke aus --, das Verbot, die Bewegung der Erde zu lehren, sei nicht +die Frucht reiflicher Überlegung, sondern leidenschaftlicher Aufregung, +und sei von Personen ausgegangen, denen die für das kopernikanische +System sprechenden Gründe nicht bekannt, oder die zum Urteil darüber +nicht befähigt wären. Um diese unbegründete Meinung zu widerlegen und +um zu zeigen, daß in Rom, wo er sich damals aufgehalten und mit den +vornehmsten Prälaten des päpstlichen Hofes über diesen Gegenstand +konferiert habe, alles hierauf Bezügliche so gut bekannt gewesen sei +als sonstwo, habe er nun sein Werk geschrieben, in welchem er alles +zusammenfasse, was sich ~gegen~ die gewöhnlichen Gründe für die +Unbeweglichkeit der Erde und was sich ~für~ das kopernikanische +System sagen lasse. Nur überwiegende religiöse Gründe, nicht Unkenntnis +und Leidenschaftlichkeit seien in Rom die Veranlassung gewesen, die +Unbeweglichkeit der Erde zum Dogma zu erheben und die entgegengesetzte +Meinung für eine bloße mathematische Laune zu erklären. + +»Dadurch, daß Galilei der Sache diese Wendung gab, hatte er nun zwar +von der Zensur die Erlaubnis zum Drucke seines Werkes erlangt; wenn +er aber gehofft hatte, dadurch seine Feinde zu beschwichtigen oder +einer Anklage beim Inquisitionsgericht zu entgehen, so hatte er +sich bitter getäuscht. Sein Werk machte zu großes Aufsehen, sowohl +durch den Beifall, den es bei den aufgeklärten Zeitgenossen fand, +als durch die Menge von Gegenschriften, die es hervorrief. Auch ward +Galileis eigentliche Absicht, dem kopernikanischen System, trotz des +Verdammungsurteils, den Sieg zu verschaffen, selbst den beschränktesten +Mönchen sehr bald klar. Fanatismus und Verketzerungssucht waren bald am +Werk, um Galilei zu schaden. Urban VIII., das Haupt der katholischen +Kirche, hätte selbst beim besten Willen Galilei nicht länger zu +schützen vermocht. Er konnte den öffentlichen und geheimen Anklagen +gegen Galilei sein Ohr nicht länger verschließen. + +»Schon im August 1632 berief man in Rom eine Kommission von Theologen +und Mathematikern zur Untersuchung zusammen, die allesamt bekannte +Widersacher Galileis waren. Der zweiundzwanzigjährige Ferdinand II. von +Toskana, der seinem Vater Cosimo II. im Jahre 1621 in der Regierung +gefolgt war, suchte vergeblich die drohende Gefahr von Galilei +abzuwenden. Er machte mit Recht geltend, daß Galileis Werk ja einer +mehrmaligen, strengen Zensur unterworfen und nach Vorschrift abgeändert +worden sei. Der Papst nannte aber die erlangte Erlaubnis zum Drucke +des Werkes eine erschlichene und berief sich auf das Dekret vom 16. +Februar 1616 -- hier sehen Sie es im Original mit der Unterschrift des +Papstes Paul V.! --, worin Galilei bei Androhung schwerer Kerkerstrafe +verboten wird, fernerhin die kopernikanische Lehre zu verteidigen. +Papst Urban war in großen Zorn geraten. Die Untersuchung gegen Galilei +wurde unterdessen ganz im stillen weitergeführt; nicht einmal die Namen +der ernannten Untersuchungskommissarien wurden bekannt. Ende Oktober +desselben Jahres erhielt Galilei die Vorladung, sich zum Verhör in +Rom einzustellen. Er suchte nun zwar Aufschub zu gewinnen, indem er +sein hohes Alter, seine Kränklichkeit und die Beschwerlichkeit der +an der Grenze des Kirchenstaates abzuhaltenden Quarantäne geltend +machte. Allein, seine Bitten blieben fruchtlos; Galilei mußte sich +zur Reise entschließen und am 13. Februar 1633 langte er in Rom an. +Er stieg in der Villa Medici, dem toskanischen Gesandtschaftshotel, +ab, und stellte sich in den nächsten Tagen einigen Kardinälen und +Assessoren des Inquisitionsgerichts vor, die er ziemlich wohlgesinnt +fand, von denen er jedoch den Rat erhielt, äußerst zurückgezogen zu +leben und nur die zwingendsten Besuche anzunehmen. Galilei erfuhr, der +Hauptvorwurf, den man ihm mache, sei die Übertretung des Befehls vom +Jahre 1616, gar nicht mehr über das kopernikanische System zu sprechen. +Galilei behauptete aber, es sei ihm damals nur verboten worden, jenes +System zu verteidigen und sein Werk sei keine Verteidigung, sondern +nur eine Zusammenstellung der Gründe für und gegen die Sache. Endlich +am 12. April 1633 wurde Galilei vor das Gericht geführt. Er mußte +nun im Inquisitionsgebäude bleiben, wurde jedoch in kein Gefängnis +gesperrt; er durfte vielmehr in den Zimmern des Gerichtsfiskus +wohnen, konnte seinen eigenen Diener behalten, es war ihm erlaubt, im +Hofe des Hauses spazierenzugehen -- lauter Vergünstigungen, die beim +Inquisitionsgericht ganz unerhört waren. Gleich bei dem ersten Verhör +scheint ihm jedoch unter Strafe der Exkommunikation das Versprechen +abgenommen worden zu sein, über das, was mit ihm vorginge, das +strengste Stillschweigen zu beobachten. + +»Nachdem er achtzehn Tage in dieser Abgeschlossenheit zugebracht hatte, +erbat sich Galilei ein neues Verhör; er sagte aus: Seit drei Jahren +habe er sein Werk über Kopernikus nicht wieder gelesen; jetzt sei er +durch diesen Prozeß veranlaßt worden, es nochmals genau durchzusehen, +um gewissenhaft zu prüfen, ob nicht gegen seinen Willen etwas aus +seiner Feder geflossen sei, was man ihm als Ungehorsam gegen die Kirche +auslegen könne. Er habe nach so langer Zeit sein Buch wie das eines +anderen Verfassers durchstudiert und nun allerdings gefunden, daß +es Stellen enthalte, welche einen Leser, der ihn nicht genau kenne, +zum Glauben verleiten könnten, der Verfasser habe die Gründe für die +Meinung, die er ~widerlegen~ wollte, darum so beredt vorgetragen, +damit man diese Meinung als die richtige ~annehme~. Gestatte man +es, so wolle er eine Fortsetzung schreiben, worin er die falsche und +von der Kirche verdammte Lehre mit den kräftigsten Gründen, die Gott +ihm eingeben werde, widerlegen wolle. In bezug auf die Erlaubnis zum +Drucke seines Werkes habe er alles getan, wozu ihn das frühere Dekret +verpflichte. Doch wolle er sich nicht von Irrtum freisprechen, wohl +aber von List und Bosheit; er klage sich selber des Ehrgeizes an, seine +Kunst in Darlegung der Gründe für das kopernikanische System beweisen +zu wollen. Man möge sein hohes Alter, seine Kränklichkeit, seinen +seit zehn Monaten erlittenen Kummer, die Beschwerden der Reise, die +Verleumdungen, denen er ausgesetzt sei, mit in Erwägung ziehen. + +»An demselben Tage, an dem dies Verhör stattgefunden hatte, +wurde Galilei wieder in die Villa Medici zurückgesandt, um seine +Gesundheit zu stärken. Erst am 22. Juni mußte er abermals vor dem +Inquisitionsgericht erscheinen. Man behielt ihn diesen Tag und die +folgende Nacht dort und führte ihn dann in das Dominikanerkloster ++alla Minerva+, wo ihm sein Urteil eröffnet wurde. Es erklärt +ihn für schuldig, ketzerischen Meinungen in betreff der Bewegung der +Erde, angehangen zu haben; es spricht ihn aber von den auf ein solches +Verbrechen gesetzten Strafen unter der Bedingung frei, daß er seine +physikalischen und astronomischen ›Irrtümer‹ abschwöre und verfluche. +Ferner solle sein Werk über das ptolemäische und kopernikanische +Weltsystem durch eine öffentliche Bekanntmachung verboten und +Galilei selbst auf eine vom Gericht nach Willkür zu bestimmende Zeit +gefangengehalten werden. Die nächsten drei Jahre hindurch solle Galilei +wöchentlich einmal die sieben Bußpsalmen rezitieren. Schließlich behält +sich das Gericht vor, diese Strafen und Bußen nach seinem Gutdünken zu +verändern oder zu mildern. + +»Es wird erzählt, daß Galilei, welcher die Abschwörung seiner Lehren +kniend leisten mußte, während er sich wieder erhob, halb laut gesagt +haben soll ›+e pur si muove+‹! (›und sie -- die Erde -- bewegt +sich doch!‹). Aber eine so gefährliche Äußerung im Munde eines damals +so tief gebeugten Greises ist ziemlich unwahrscheinlich. + +»Freilich haben sie ihn nicht ganz mundtot machen können. Der +Name dieses Erforschers der Sterne war inzwischen selber zu einem +leuchtenden Gestirn geworden am Himmel des Ruhmes, und sie konnten ihn +nicht gut auslöschen. Sie nahmen ihm zwar einen großen Teil seiner +›teuflischen Instrumente‹ fort, mit denen er in den Werken Gottes +herumspionierte, aber sein Genie konnten sie ihm nicht nehmen. + +»Der Papst verwandelte die im Urteile ausgesprochene Gefängnisstrafe in +Haft und später erhielt er die Erlaubnis, sich in die Nähe von Florenz +auf sein Landgut zu Arcetri zu begeben, wo er auch die Besuche seiner +Freunde annehmen durfte; nur große Gesellschaften dort zu empfangen, +war ihm untersagt. Arcetri scheint Galilei vorzüglich darum zu seinem +Aufenthalte gewählt zu haben, weil es ganz nahe bei dem Kloster lag, in +welchem seine beiden natürlichen Töchter als Nonnen lebten. Zu seinem +tiefsten Schmerze starb die älteste dieser Töchter schon im April 1634. +Gleichzeitig mit diesem Familienunglück traf ihn eine harte abschlägige +Antwort aus Rom auf seine Bitte um die Erlaubnis, von seiner Villa aus +zuweilen das eine Meile entfernt gelegene Florenz besuchen zu dürfen. +Es wurde ihm sogar mit Strafen gedroht, wenn er wieder solche Bitten +wage. + +»Aber seine Gefangenschaft -- wie anders soll man ein Leben voller +Kummer unter beständiger jesuitischer Aufsicht nennen? -- seine +Gefangenschaft konnte nicht verhindern, daß er seine Studien +fortsetzte, daß er die schwankenden Bewegungen der Mondkugel entdeckte +und die Gesetze der Kohäsion aufstellte. Freilich muß man nicht +glauben, daß er unter all den Verfolgungen und Kränkungen nicht +schrecklich gelitten hätte. Werfen Sie nur einen Blick auf diese +Terrakottabüste, die aus seinen letzten Jahren stammt; ich besitze +verbürgte Nachrichten darüber, daß sie dem lebendigen Menschen am +nächsten kommt und daß sie den getreuesten Eindruck von Galileis +Physiognomie gibt. Ist sie nicht ein ebenbürtiges Abbild seiner +vergällten Seele? Galilei erinnert hier an einen Jupiter, dessen Stirn +von schweren Sorgen umwölkt ist. Wie immer bei genialen Menschen sind +auch in seinen Zügen wunderbare Größe und tiefstes Leid vereint. Krank +an Leib und Seele erwartete Galilei schon damals den Tod. + +»Seine Freunde sorgten jetzt für Verbreitung und Druck seiner gelehrten +Arbeiten im Auslande, während die römische Inquisition überall, wo +sie Einfluß besaß, den Druck neuer Werke Galileis verbot. Aber diese +entwicklungsfeindlichen Inquisitoren vermochten, trotz aller Ränke, +nicht den Fortschritt des menschlichen Denkens aufzuhalten; die +Verfolgungen Galileis machten seinen Namen und seine Lehren erst recht +berühmt. + +»Schon seit 1632 hatte Galilei an den Augen gelitten, war aber immer +wiederhergestellt worden; allein im Jahre 1637 erblindete zuerst +sein rechtes Auge und bald auch das linke. Ein Jahr vorher hatte +Galilei seinem Freunde, dem Grafen von Noailles, ein neues größeres +Werk über Mechanik überreicht, die ›+Discorsi e dimostrazioni +matematiche intorno a due nuove scienze+‹, in welchem die ›beiden +neuen Wissenschaften‹, die Lehre vom Widerstande fester Körper beim +Zerbrechen und Zerreißen, und die Theorie der Bewegung, nicht nur der +gleichförmigen, sondern auch der beschleunigten, niedergelegt waren. +Mit Recht schätzte Galilei selbst diese +Discorsi+ höher als +alle seine übrigen Werke, denn hier offenbart sich am meisten sein +Talent zur Erforschung der Naturgesetze unter der sicheren Leitung +der Mathematik. Während seine vielfachen astronomischen Entdeckungen +doch eigentlich nur Früchte aufmerksamer Beobachtung waren, die +nach der Erfindung des Fernrohres jedem zufallen mußten, der zuerst +hinreichenden Fleiß darauf verwendete und die darum auch von vielen +anderen Beobachtern als ihre Entdeckungen in Anspruch genommen wurden, +entwickelte Galilei in diesen +Discorsi+, unbestreitbar als der +Erste, die Gesetze des freien Falles, als auch des Falles auf gegebenen +Flächen und Kurven, die Bahn geworfener Körper, die Schwingungen +des Pendels und der tönenden Körper, und die Gesetze der Bewegung +überhaupt. Dies Werk ist daher die Grundlage der Akustik, Ballistik, ja +der gesamten Dynamik der neueren Zeit. + +»Am 8. Januar 1642 setzte ein schleichendes Fieber seinem Leben ein +Ende. Galileis Leichnam wurde in dem Familienbegräbnisse der Galilei +in Florenz in der Kirche S. Croce beigesetzt. Als seine Verehrer ihm +dort ein Denkmal setzen wollten, verhinderte es die Inquisition. Selbst +noch im Tode war Galilei diesen Henkern im Wege. Erst 1674 durfte über +seinem Grabe + +[Illustration: Der schiefe Turm zu Pisa, von dessen Höhe Galilei Körper +verschiedenen Gewichts herabfallen ließ.] + +eine Ruhmestafel angebracht werden und 1737 wurde ihm dort ein +Ehrendenkmal aus Marmor errichtet. + +»Ich habe es noch vor mir, die Geschichte seines Lebens zu +schreiben, über das ich durch zahlreiche Notizen, die von Galilei +selbst herrühren, reichen Aufschluß erhalten habe. Er muß ein sehr +liebenswürdiger Mensch gewesen sein; er war wohltätig und gastfrei, +standhaft im Leiden, reizbar, aber leicht versöhnlich, mitteilsam +und offen und erst im Alter melancholisch und schweigsam. Da er +angenehm zu unterhalten verstand, war er einer der wünschenswertesten +Gesellschafter. Und erfüllt es nicht mit Bewunderung, zu sehen, wie +dieser Mann neben all seinen Arbeiten noch Zeit übrig hat, den Pegasus +zu reiten und sein Gemütsleben in Verse zu bannen?! Auch von diesen +besitze ich die unveröffentlichten Originale. Er war ein Freund und +Kenner der schönen Künste, sowie der Literatur; nicht allein der +alten, sondern auch der italienischen. Er liebte das Landleben und +beschäftigte sich besonders gern mit der Kultur des Weinstocks. Und +dann, wie viele philosophische Abhandlungen habe ich von ihm im +Manuskript! Er war als Philosoph nicht minder groß, denn als Physiker. +Aber letzterdings mußten ihm seine Augen doch alles sein, die nicht +aufhören wollten, die Tiefen des Himmels zu ergründen. Manche meinen, +seine Erblindung sei den anstrengenden Beobachtungen der Sonnenflecke +und der Mondesoberfläche zuzuschreiben. Vielleicht war es aber auch +die Strafe für seine Vermessenheit, daß Gott ihn endlich mit Blindheit +schlug. Gewiß schmerzte ihn aber der Tod seiner Augen nicht einmal so +sehr, wie ihn die geistige Blindheit seiner Peiniger quälte. Studieren +Sie ihn und je größere Gesichtspunkte Sie nehmen, desto näher werden +Sie ihm kommen. + +»Die meisten freilich -- ich habe in den Galerien vor Michelangelos +Bildwerken, vor Raffaels Gemälden Gelegenheit genug, die unerhörtesten +internationalen Salbadereien anzuhören -- die meisten finden es +bequemer, zu fragen: Wo war dieser Mensch, dieser Künstler, +dieser Forscher klein? Wie schlaue Detektive spüren sie den großen +Renaissancemenschen persönliche kleine Dinge nach, gleichsam um +die Menschen herabzuziehen. Hat Michelangelo nicht doch irgendeine +Schwäche gehabt? Hat er nicht irgendeine Gemeinheit begangen? Wie mit +Bleigewichten sind sie von einem schalen Kleinkramwissen belastet und +vermögen deshalb nicht unterzutauchen in den Geist der Renaissance. Sie +erinnern mich an das Wort Heines: ›Nur wenn wir im Kot uns fanden, so +verstanden wir uns gleich.‹ Natürlich hatte auch Galilei seine Fehler; +hat er doch tatsächlich im Jahre 1633 einen Meineid geleistet und auf +den Knien seine ganze Lehre abgeschworen. Gewiß, dieser Meineid ist +ein Flecken in seinem reinen Leben. Aber zweierlei ist zu bedenken: +dieser Meineid rettete ihm das Leben, das noch einen außerordentlichen +Wert erhielt durch die Herausgabe der berühmten ›+Discorsi+‹, auf +denen die moderne Physik begründet ist. Und dann, vergessen wir doch +nicht, daß Galilei auch der Erste war, der selbst in der Sonne Flecken +entdeckt hat ...« + +Der Graf war zu Ende. + +Es ist wahr, daß die Nachwelt den großen Menschen einen Legendenkranz +ums Haupt flicht. Wir wollen diesen Kranz nicht zerreißen, wollen den +Duft nicht fortnehmen, der die Helden der Menschheit umgibt, so wie +eine edle Patina auf alten Bronzen lagert und ihre Ehrwürdigkeit noch +erhöht. + +Große Männer gleichen jenen erhabenen Bergesgipfeln, für die wir erst +in der Entfernung den richtigen Standpunkt gewinnen, wo man sie denn +hoch über alle Bergketten emporragen sieht. + + + + + Die Jungfrau von Orleans. + + +Der Glaube an das Dasein einer übernatürlichen Welt wurzelt urtief +im menschlichen Gemüt. Aus diesem Glauben und aus dem Glauben an +Wunder und an die Gewalt des Satans über den Menschen wurde auch der +Aberglaube an Zauberei geboren, der sich von Jahrhundert zu Jahrhundert +immer mehr entwickelte, und im Mönchstum und in der Unwissenheit die +stärksten Stützen gefunden hat. Weil in der Bibel die Zauberei öfters +mit dem Tode bedroht wird und von zauberischen und übernatürlichen +Dingen vielfach die Rede ist (die Wundertaten des Moses und der +ägyptischen Sterndeuter, Bileams Esel, die Hexe von Endor usw.), so war +ein Zweifel, daß es Hexen und Zauberer gab, ganz ausgeschlossen. Und +wenn durch Bileams Esel ein Engel redete, warum sollten die Hexen sich +nicht in Katzen und Werwölfe verwandeln können, durch die der Teufel +sprach? Gerade die Mönche brüteten hinter ihren Klostermauern die +abenteuerlichsten Hirngespinste aus. Sie gaben den Phantasiegebilden +des Volkes bestimmte Gestalt. Sie schilderten die Teufel mit +unheimlichen dicken Köpfen, langgezogenen Hälsen, hagergelben +Gesichtern, langen schmutzigen Bärten, Pferdezähnen und Pferdefüßen, +feurigen Augen, glühenden Schlünden, breiten Mäulern, knotigen Knien, +krummen Beinen, geschwollenen Knöcheln und verkehrten Füßen. Und +ungeachtet dieser scheußlichen Ungeschlachtheit schlüpften sie durch +Türen, Gitter und Ritzen und störten den Andächtigen und Betenden. + +Die Mönche waren die ausübenden Zauberer. Sie gaben sich als +berufsmäßige Wundertäter aus, weil sie danach trachteten, dem Volke, +das im geheimen noch immer den alten heidnischen Gottheiten anhing, +diese zu verleiden, und die Wunder Christi, der Propheten und der +Heiligen besonders glaubhaft zu machen. Sie, die Diener Gottes, +vermochten allein Gott zu versöhnen -- denn die Krankheiten galten +damals ja nur als Strafen des Ewigen für begangene Sünden -- und die +Mönche allein hatten die Kraft, die Dämonen durch Vaterunser, durch +Salbung, Händeauflegen, Anrufen des Jesunamens zu bannen. Wenn der +Mensch von Gott erschaffen worden ist, so kann Gott nicht wollen, daß +sein Geschöpf leide, denn Gott ist die Güte. Leidet der Mensch aber +dennoch, so ist es der Böse, der Teufel, welcher im kranken Leibe mit +Gott kämpft. Wenn aber Gott und Satanas sich streiten, ist natürlich +der Mensch der Prügelknabe. Daher also die Schmerzen. Aber dieser +vom Teufel Besessene bekommt nun nicht etwa ein Mittel gegen seine +Schmerzen, sondern mit Gebet und Buße, mit Opferung und Weihrauch wird +der Teufel ausgetrieben. Zauber- und Segensprüche, Beschwörungsformeln +und Reliquien waren in jenen Zeiten an der Tagesordnung. Die Mönche +mußten eben zu groben Mitteln greifen, um die Reste des Heidentums +auszurotten. + +Es muß in den Köpfen jener Zeit sehr seltsam ausgesehen haben. Man +glaubte, daß der Papst nicht esse und trinke; daß alte kranke Weiber +Hexen seien, die auf hohe Berge ritten, und mit teuflischen Geistern +dämonische Kinder zur Welt brächten; daß Werwölfe verwandelte Hexen +wären. Man glaubte, daß es Teufelssalben gäbe, denen eine zauberische +Wirkung innewohnte; daß es einen Alp gäbe, der wie ein wilder +Orang-Utan aussehe und nachts die Menschen quäle; daß Hexen Ungewitter +hervorrufen könnten; daß sie nachts die Euter der Kühe leer tränken; +daß verschluckte Kirschenkerne im Magen zu keimen begönnen. Man liest +von Besessenen, die vor den Altären der Heiligen Urnen voll Münzen +erbrachen. Man erfährt, daß die Muskatnuß kräftiger werde, wenn sie +der Mann bei sich trage; daß das Ungeziefer aus Fäulnis entstehe; daß +die Wunde eines Ermordeten zu bluten beginne, wenn der Mörder sich dem +Leichnam nähere. + +Die Hexen verschrieben sich dem Teufel mit einem Tropfen Blut oder +durch einen Nagel, ein Haar, einen Strohhalm, eine Nadel, eine +Nuß, einen Kirschkern. Auch sie geben sich mit Besprechungen, +Zeichendeutungen und anderen Zaubereien ab. Sie haben den Mond in der +Gewalt und machen Ebbe und Flut. Sie streichen mit Rabenfedern bösen +Tau vom faulen Moor und würgen Schweine. Sie schwimmen im Sieb übers +Meer und entfesseln Stürme. Der Wind ist ihnen untertan. Sie zaubern +dem Menschen Auszehrung an. Sie sind mordsüchtig und entstellen den +Leib. Sie reiten die Menschen und saugen ihnen das Herzblut aus. Sie +sind prophetisch begabt. In den Tagen, in die die Geburt Jesu fällt, +krähen die Hähne die ganze Nacht, die Geister dürfen nicht spuken, die +Hexen nicht zaubern. Die bangen ruhelosen Seelen Ertrunkener und am +Scheidewege Begrabener müssen nachts umherirren. Auch Menschen, die +während ihrer Lebenszeit Geld erpreßt haben, finden im Grabe keine +Ruhe. Sie müssen nachts wandern, bis sie ihre Sünden gebüßt haben. +Am Nordpol wohnen die bösen Geister; die guten Geister bringen den +Menschen, während sie schlafen, Segen ins Haus. Beim Mondlicht ziehen +die Feen und Zwerge geheimnisvolle Kreise auf dem Rasen, von denen das +Schaf nicht frißt. Zanken sich die Geister, dann steigen böse Nebel +vom Meere ans Land und erzeugen Fieber; Bäche wachsen zu verheerenden +Strömen an; der Bauer pflügt und sät umsonst; die Schafe erkranken in +der Hürde; Krähen fliegen; auf den Waldwegen wächst dichtes Unkraut +-- kurz eine ganze Brut von Plagen entsteht. Die Elfen benaschen +Milchtöpfe, necken die Mägde, verderben den Brei, lassen die Butter +mißraten, erschrecken nächtliche Wanderer durch Lachen und leiten sie +irre. Sie locken den Hengst, indem sie das Wiehern der Stute nachahmen; +verwandeln sich in einen Schemel und fliegen gerade dann weg, wenn sich +jemand darauf setzen will. Sie verwirren nachts die Mähne der Pferde +und flechten ihnen Weichselzöpfe, die, wiederum entwirrt, auf Unglück +deuten. Aus all diesen Gründen bittet man um Schutz vor den Elfen und +Kobolden. Sie sind unsterblich. Sie wandeln über den Gischt des Meeres +und tanzen auf dem Rücken des Nordwindes. Bald sind sie Feuergeister, +die Schrecken bringen und sich in einen zuckenden Blitzstrahl +verwandeln; bald sind sie lockende, singende Sirenen. Bald ahmen sie +die Schalmei nach und bald tolles Hundegekläff; bald den Hahnenschrei, +bald das Wellenplätschern. Sie können sich unsichtbar machen. Sie +finden ihren Weg im Dunkeln. Wer aber durch Forschungen Herrschaft +über die Geister erlangt hat, vermag gleichfalls Stürme zu entfesseln, +die Sonne zu verdunkeln, das Meer aufzupeitschen, Bäume zu entwurzeln, +Berge zittern zu machen und Tote aus ihren Grüften zu rufen und sie +wieder zu beleben. Ein Zaubermantel ist sein. Was man auf der Erde +erblickt, gehorcht ihm. Auf seinen Wink dorrt und verwelkt alles, was +grünt; sobald er will, muß der Fels Wasser spenden und aus trockenen +Klippen sprudeln reiche Quellen. Die reißenden Wasserwogen verwandelt +er zu Brücken; die Winde gehorchen ihm. Ihm gehorchen die Ströme und +die wilden Tiere. + +Aber den Hexen gelingen Wunder und Untat erst, nachdem sie den +zauberischen Sud gebraut. Die Hexen haben es vom Teufel gelernt. +Sie nahmen Fett von toten Kindern, vermischt mit Epich, Wolfswurz, +Alberbaumzweigen, Ruß, Kalmus, Fünffingerkraut und Fledermausblut. +Zuweilen kochten sie einen Brei aus Kinderfleisch, Mohn, Judenkirschen +und Schierling. Sie bestrichen damit den Besen, die Ofengabel und +den ganzen Leib, setzten sich auf den Besen oder auf die Ofengabel, +murmelten die Hexenformel »Obenaus und nirgends an« und flogen zum +Schornstein hinaus. Zuweilen führte sie auch der leibhaftige Teufel +durch die Lüfte davon. Wenn die Katze miaute, das Käuzchen wimmerte, +der Igel quiekte, der Uhu ächzte und der Rabe krächzte, war die Stunde +reif. Daß die Hexen sich dieser Salbe bedienten, ist eine historische +Tatsache; daß sie wirklich zum Kamin hinausflogen, ist natürlich +Unsinn. Die Salbe, mit der die Hexen sich einrieben, hatte eine +schlaferregende und betäubende Wirkung und viele Richter und Ärzte +beobachteten Hexen, die nach Anwendung der Salbe in Schlaf fielen und +nach ihrem Wiedererwachen von Schornsteinfahrten, Satansmessen und +Hexentänzen fabelten, obgleich sie sich in ihrem ohnmächtigen Schlafe +nicht von der Stelle gerührt hatten. Die Salbe hatte nur diese starken +Träume bewirkt und ausgelöst. + +Als Ort der Hexenzusammenkünfte war gewöhnlich ein hoher Berg +ausersehen oder eine tief in der Erde verborgene Höhle; die Gruft toter +Mörder. Auf ihrem Ritt durch die Lüfte, bedienten sie sich auch der +Harken und Böcke. + +Der Teufel zeichnete seine Knechte und Dienerinnen mit besonderen +Mälern, Auswüchsen und Beulen; stach man in solch ein Satansmal hinein +-- die Richter taten es stets --, so gaben sie, wenn man wirklich +Teufelsmägde vor sich hatte, kein Blut von sich. + +Es wurde schon erwähnt, daß nicht nur das gemeine Volk von solchen +abergläubischen Vorstellungen durchsetzt war, sondern auch die +Aristokratie des Landes bis hinauf zum Könige. + +Alle aus jener Zeit veröffentlichten Akten, Bücher und Briefe sprechen +fortwährend von Marter, Folterbank, Hängen, Rädern, Köpfen; aber es +wird dabei nicht sehr viel Gemüt verschwendet. Stirbt jemand plötzlich, +so denkt man in den meisten Fällen an Giftmord; natürliche Ursachen +scheinen ausgeschaltet. Ein Sprichwort jener Tage lautet: »Wer mit +dreiundzwanzig Jahren nicht starb, mit vierundzwanzig nicht ertrank, +und mit fünfundzwanzig nicht gemordet wurde -- muß Gott für das Wunder +danken«. Wird jemand aus nicht deutlich erkennbaren Ursachen krank +oder zeigt jemand einen besonderen Grad von Leidenschaft, so denkt man +zuerst an Zauberei. Man verachtete und verdammte zwar die Zauberer und +Zauberinnen, aber man glaubte an sie. + +Wenn man sich nicht vorsah, hatten einem die verschrienen Weiber, die +es mit dem Satan hielten, die schönste Krankheit angehext. Sogar +Luther schrieb an den Kurfürst Johann von Sachsen: »Keine Krankheit +kommt von Gott, der gut ist und jedermann alles Gute tut, sondern kommt +vom Teufel, der alles Unglück stiftet und anrichtet.« Die Hexen, die +Wurzeln des Übels, mußten also mit Feuer ausgerottet werden, sowie +man Baumwurzeln ausrodet. Die Ärzte jener Zeit, die den behexten +Kranken weder Rat noch Heilung zu bringen vermochten, riefen in ihren +medizinischen Werken mit vereinten Kräften nach dem Henker. Sie sind +von der Teufelskraft der Hexen durchdrungen und verlangen im Namen +der ganzen Menschheit deren Tod durch Feuer und Wasser. Sie halten es +geradezu für ein Verbrechen, wenn die christliche Obrigkeit sich nicht +bemüht, diese Ungeheuer vom Erdboden zu vertilgen. + +Und in der Tat war ja auch der Hexenprozeß durch die immer häufiger +werdenden Anklagen wegen Zauberei endlich eine weltgeschichtliche +Einrichtung geworden; am Ebro wie am Rhein, an der Themse wie an +der Seine, in den Alpen wie an den Meeresküsten, in katholischen +wie in protestantischen Ländern loderten die Scheiterhaufen für +denselben Wahn. Im Kurfürstentum Trier allein wurden in wenigen Jahren +sechstausendfünfhundert Menschen, im Brandenburgischen zwölfhundert, +im Würzburgischen zweihundert und in Lothringen neunhundert Menschen +hingerichtet, die der Zauberei angeklagt waren. + +Die Grausamkeit, mit welcher die Hexen gefoltert wurden, kannte +keine Grenzen. Unter den Marterinstrumenten kommen die Presse, die +Schraube, Stricke, der Bock, das Pferd, die Leiter, das Halsband, +der spanische Kragen, der dänische Mantel, die englische Jungfrau, +die braunschweigischen Stiefel und andere fürchterliche Dinge vor, +die die Qual des Verurteilten in niederträchtig raffinierter Weise +verlängerten. Man goß ihnen siedend-heißes Öl oder auch Teer auf die +nackten Gliedmaßen, trieb ihnen Nägel unter die Fußnägel, röstete +sie mit brennenden Kerzen unter den Armen, hing sie an ihren Zöpfen +tagelang auf. + +Um die Hexen leichter zum Bekenntnis zu bringen, wurde ihnen vom +Henker die Hexensuppe gereicht: ein Getränk aus Bier, geriebenem Brot, +Hechtgalle, schwarzem Kümmel, gestoßenen Knochen verbrannter Hexen, das +Ganze stark gesalzen. Sie mußten ein Hemd aus Werg anziehen, das an +einem Tag gesponnen, gewebt und genäht worden war. Ein Amulett wurde +ihnen umgehängt. + +Wenn die Angeklagten wirklich Hexen waren und mit dem Satan im Bunde +lebten, so hätte er sie ja auch aus der Hand der Richter befreit, hätte +ihnen die Folter erspart und sie vom Scheiterhaufen errettet -- dieser +sehr einfache Gedanke wurde von den Einsichtigen immer wieder, aber +freilich vergeblich, den verblendeten Richtern, Priestern und Bütteln +vorgehalten. Es fiel den Abergläubischen auch nie auf, daß die als +Hexen Verschrienen häufig ~alte~, ~arme~ Weiber waren, was +sie ja nicht gewesen wären, wenn sie vom Teufel Jugend und Reichtum +verlangen konnten, und daß keine einzige Hexe versucht hatte, sich vor +Gericht unsichtbar zu machen, obwohl man sie doch gerade ~dieser~ +teuflischen Kunst wegen verbrannte. + +In dieser Zeit, in der solche Vorstellungen aber im Schwange waren, +lebte auch die Jungfrau von Orleans und wir werden jetzt sehr viel +leichter verstehen, warum auch sie endlich dem Aberglauben ihrer +Zeitgenossen zum Opfer fallen mußte. + + * * * * * + +Johanna war am Dreikönigstage, dem 6. Januar 1412 im Dorfe Domremy, am +linken Ufer der Maas, geboren. Sie war oft Zeuge, wie sich die Kinder +ihres Dorfes für die Sache des Königs mit denen des nahen Dorfes Maxey +schlugen, das zur englischen Partei hielt. Sie wuchs still und fromm +auf, von ihrer Mutter Isabella häuslich erzogen. Ihr Vater, Jakob, +war Bauer mit einem kleinen Vermögen. Von einer jüngeren Schwester +Katharina, sowie von dem ältesten Bruder Jakob wird wenig erzählt; die +beiden anderen Brüder, Johann und Peter, folgten Johanna später in den +Krieg. Ob sie als Kind die Herde gehütet, konnte sie sich später nicht +entsinnen. Wohl aber rühmte sie sich im späteren Verhör zu Rouen, daß +ihre Mutter sie nähen gelehrt habe und daß es in ganz Rouen wohl keine +Frau gäbe, die ihr darin etwas zu zeigen habe. Lesen und schreiben +konnte sie nicht; den Religionsunterricht erhielt sie allein von ihrer +Mutter. Er beschränkte sich auf das Vaterunser, das Ave Maria und +das Kredo. Alle Zeugen aus ihrem Hause rühmten ihr gutes Herz; sie +pflegte die Kranken und beschenkte die Armen. Sie war so mildtätig und +gutherzig, daß die Vögel ihr aus der Hand pickten. + +Daß Wundergeschichten und Legenden auf sie eingewirkt haben, ist +ziemlich sicher anzunehmen. Von einem nahen Walde bei Domremy gingen +allerlei Sagen, daß dort Feen hausten und daß sie besonders eine Quelle +bei einer Buche liebten, die man den »Baum der Damen« nannte. An ihren +Zweigen hingen die Kinder geweihte Kränze auf. Daneben lief eine alte +Prophezeiung des Zauberers Merlin durch die Lande, die besonders in +Johannas Heimat so erzählt wurde: Durch eine Frau sei Frankreich +zugrunde gegangen -- gemeint war die verschwendungssüchtige, sittenlose +und intrigante Königin Isabella --, durch eine Jungfrau werde es wieder +gerettet werden. + +Zu alledem gesellten sich die Schrecken des Krieges; arme Flüchtlinge +kamen ins Dorf, denen Johanna ihr Bett abtrat, um selbst auf dem +Getreidespeicher zu schlafen. Einmal mußte auch Johanna mit ihren +Eltern und Nachbarn vor den wilden Kriegshorden flüchten, und als sie +zurückkehrten, war das Dorf verwüstet, ihr heimatliches Haus zerstört, +die Kirche niedergebrannt. + +Johanna empfand das Schreckliche und Barbarische des Krieges inniger +und schmerzvoller als die andern. Sonst merkte man ihr nichts +Außerordentliches an. Sie war nur in sich gekehrt und sehr schüchtern. +Und vielleicht war nur das eine an ihr auffällig, daß sie oft zur +Kirche ging und beichtete, obwohl sie noch ein Kind war und nichts zu +beichten haben konnte. + +Sie war erst zwölf Jahre alt. Die bayerische Isabella hatte durch den +Vertrag von Troyes 1420 Frankreich an den König von England verraten, +indem sie Heinrich V. von England zum Erben Frankreichs einsetzte und +ihm ihre Tochter Katharina zur Gemahlin gab. Karl VI. von Frankreich +war 1422 gestorben und sein Sohn, der rechtmäßige Nachfolger, irrte, +um sein Reich betrogen, machtlos von Stadt zu Stadt und von Schloß +zu Schloß. Da war Johanna an einem Sommertag, an dem gefastet werden +mußte, mittags im Garten des elterlichen Häuschens, als sie plötzlich +einen Heiligenschein gewahrte, aus dem sie eine Stimme vernahm, die +also sprach: »Johanna, sei immer und immer ein gutes, folgsames Kind +und gehe oft zur Kirche!« Johanna erschrak sehr; die Stimme kehrte aber +öfters wieder. Der Heiligenschein nahm immer mehr körperliche Gestalt +an, bis Johanna später in der Lichterscheinung den Erzengel Michael +erkannte. + +Sie wuchs, wurde kräftig und schön, voll sanfter Milde und es ging +ein Zauber von ihrer Erscheinung aus, mit dem sie in der Folge den +wildesten Krieger beschämen und umwandeln konnte. Aber sie blieb +dennoch das Kind, das sie war, obwohl ihr Geist reifte und immer +hellseherischer wurde. Die Stimmen, die in ihr sprachen, wurden in +demselben Maße, wie sich das Elend des Landes steigerte, immer lauter +und eindringlicher. »Johanna!« mahnte es in ihr, »eile dem König von +Frankreich zu Hilfe und du wirst ihm sein Königreich zurückerobern.« +Und sie antwortete zitternd und zag: »Gestrenger Herr, ich bin nur ein +armes Mädchen, ich kann weder reiten, noch Reisige führen.« Die Stimme +erwiderte: »Geh zu Baudricourt, dem Hauptmann von Vaucouleurs, der wird +dich zum König führen lassen. Die heilige Katharina und die heilige +Margarete werden dir beistehen.« Da blieb sie bestürzt stehen und +weinte, als hätte sie ihr ganzes Schicksal schon vor Augen gesehen. Der +heilige Michael erschien ihr aber wieder und flößte ihr Mut ein. Er +sprach zu ihr von dem Jammer, der in Frankreich laut wurde; dann kamen +die heiligen Frauen von himmlischem Glanz umgeben und sprachen zu ihr +mit rührender Stimme, daß sie in Tränen ausbrach. + +Und nun begann in ihrem Innern ein harter schmerzlicher Kampf, der fünf +Jahre dauerte. Das fromme, schüchterne und arbeitsame Kind sollte die +traute Heimat, die Gespielinnen der Jugend und den väterlichen Garten +verlassen; sollte nicht mehr die Stimmen der Eltern und Geschwister +vernehmen, sondern nur noch die erschütternden Stimmen der Heiligen. +Das Kind, das bei jedem Wort, das ein Mann zu ihm sprach, errötete, +sollte in das wilde Kriegsgetümmel, sollte sich unter die rauhen +Soldaten mischen, unter diese wilden, groben, ungebildeten Leute, +die mit schreiend bunten Gewändern und mit dreister Rede prahlten, +die nur danach trachteten, so trunken als möglich zu sein und sich +reichste Beute zu sichern. Und vor allem mußte Johanna, um den inneren +Stimmen zu folgen, dem geliebten Vater ungehorsam werden, der, als +er zum ersten Male von Johannas Vorhaben hörte, zornig in die Worte +ausbrach: »Wenn ich glauben könnte, daß sie so etwas täte, würde ich +sie mit meinen eigenen Händen ertränken.« Er fürchtete um sein Kind, +weil er wußte, daß man nicht an ihre inneren heiligen Stimmen glauben, +sondern sie bald für eine Teufelshexe erklären würde. Und wir wissen ja +nun, welch ein Los ihrer als Hexe in der damaligen Zeit harrte. Aber +das alles half nichts. Die Stimmen drängten sie immer mächtiger zum +Schlachtfelde. + +Um sie von ihrem Gedanken abzubringen, griffen die verzweifelten Eltern +zu einer List. Man wollte sie durch eine Heirat zur Vernunft bringen. +Ein junger Mann aus dem Dorfe fand sich bereit, zu erklären, sie habe +ihm, als sie noch klein war, die Ehe versprochen, und da Johanna es +natürlich ableugnete, ließ er sie vor das Kirchengericht nach Toul +berufen; man glaubte, daß sie nicht wagen würde, sich zu verteidigen +und sich lieber zur Heirat verurteilen lassen würde. Aber man irrte +sich. Sie erschien vor Gericht, verteidigte sich und gewann ihre +Freiheit. + +Die Angehörigen widersetzten sich noch immer ihrem Entschlusse. Aber es +war ihr inzwischen gelungen, ihren Onkel von ihrer himmlischen Sendung +zu überzeugen. Und er nahm sie mit sich in sein Dorf Petit-Burey +(Burey-la-Côte), das eine Stunde von Domremy entfernt war, und gab an, +seine Frau bedürfe der Pflege Johannas. Die Eltern wußten zunächst noch +nichts von dem festen Entschlusse der Tochter, denn sie hatte sich nur +von einer kleinen Kameradin verabschiedet. »Und hätte ich hundert Väter +und hundert Mütter gehabt und wäre ich eine Königstochter gewesen -- +da Gott es mir gebot, ~mußte~ ich fort,« antwortete sie später +ihren Richtern in Rouen. Von ihrem Oheim ließ sich Johanna nun nach +Vaucouleurs zu dem Ritter Baudricourt führen, mit dem sie am 23. Mai +1428 zusammentraf. Sie wußte vorher, daß er sie abweisen würde; ihre +»Stimmen« hatten ihr gesagt, daß es ihr erst zum dritten Male gelingen +würde, sich Gehör zu verschaffen. + +Baudricourt war ein rauher Degen, der von niemand sonst Hilfe erhoffte, +als von seiner Waffe. Er wußte nicht, was er sagen sollte, als in +ihrem groben, roten Dorfkleide das Bauernmädchen vor ihm stand, und +das nun mit fester Stimme erklärte, sie komme von ihrem Herrn gesandt, +um dem Dauphin zu melden, daß dies Königreich des Herrn sei, daß +aber der Dauphin zum König bestimmt sei und daß sie ihn würde salben +lassen. Hauptmann Baudricourt lachte sich eins und gab dem Onkel +den Rat, Johanna mit ein paar tüchtigen Ohrfeigen zu ihren Eltern +zurückzuschicken. + +Der Sommer verging und der Herbst und der Januar 1429 kam heran. +Johanna beklagte sich: »Und doch muß ich noch vor Mitfasten bei dem +Dauphin sein, müßte ich mir auch, um zu ihm zu kommen, die Beine bis zu +den Knien ablaufen. Denn für ihn gibt es keine andere Hilfe als mich, +obgleich ich lieber bei meiner armen Mutter am Spinnrocken bliebe; +denn das ist ja nicht eigentlich meine Arbeit. Aber ich muß gehen und +es verrichten, denn mein Herr will es.« + +Allmählich ward das Volk von Johannas frommem Gottvertrauen bewegt +und begeistert. Zwei Edelleute, Ritter de Metz und der Schildknappe +Bertrand de Poulengy hatten sich ebenfalls Johanna angeschlossen. +Baudricourt hatte inzwischen von Karl, der in Chinon weilte, die +Genehmigung erhalten, Johanna ins Feld zu schicken. Das Volk drängte +immer heftiger und als die Gottgesandte endlich noch die Niederlage +bei Rouvray auf den bestimmten Tag vorausgesagt hatte, ließ er sie mit +einem recht schlechten Schwert abziehen. Außer den beiden Edelleuten +begleiteten sie noch zwei Bogenschützen, des Königs Bote und ihr Bruder +Peter. Die Bürger von Vaucouleurs steuerten sie aus und ihr Onkel +kaufte ihr ein Pferd. + +So ritt sie etwa am 20. Februar 1429 fort, mitten in das von den +Kriegsbanden unsicher gemachte Land hinein, nachdem sie vorher ihre +Eltern brieflich noch einmal um Verzeihung gebeten hatte. + +Mit ruhiger Heiterkeit durchzog sie das wüste Land. Sie trug nun +männliche Kleidung, um sie nie wieder abzulegen. Und dennoch schien +sie anmutig und mädchenhaft. Sie bewahrte ihre kindliche Einfalt und +Frömmigkeit und hielt in jedem Städtchen an, um die Messe zu hören. +Manchmal sank den Begleitern der Mut oder sie verloren die Geduld +ob der Gebetsverzögerungen; aber Johanna wußte sie immer wieder zu +trösten. Sie überschritt endlich die Loire und kam am 6. März in +Chinon an, wo der König in seinem weitläufigen Schlosse Hof hielt. Man +zögerte zwei Tage lang, ehe man sie empfing; der König glaubte, sich +lächerlich zu machen. Seine Lage war freilich eine verzweifelte, aber +einem Bauernmädchen die Führung des Krieges zu überlassen, war doch +eine Selbstverspottung in den Augen Europas. Aber gesetzt auch, sie +konnte Wunder tun, wer bürgte dafür, daß Gott mit ihr im Bunde war? +Vielleicht war es der Böse? Nein, die Geschichte war zu unglaublich. +Der Erzbischof von Reims hatte die stärksten Bedenken. Aber am 9. März +empfing sie der Dauphin dennoch. + +Es war Abend, und fünfzig Fackeln erleuchteten den prunkenden Saal. +Alle Edlen und Ritter waren versammelt. Jeder war neugierig, das +Wunder zu sehen. Sie trat bescheiden ein und erstaunte keineswegs +ob der glänzenden Menge. Sofort erkannte sie den König, der sich +unter die Ritter gemengt hatte, um unerkannt zu bleiben und obwohl +er anfangs geleugnet hatte, daß er der König sei, umfaßte sie seine +Knie und sprach: »Edler Dauphin, mein Name ist Johanna, die Jungfrau. +Der König der Himmel offenbart Euch durch mich, daß Ihr in der Stadt +Reims gesalbt und gekrönt werden sollt und daß Ihr der Statthalter des +Königs der Himmel, der da ist der König von Frankreich, sein werdet.« +Der König nahm sie zur Seite und nach einer kurzen Unterhaltung hatte +sie ihm die geheimsten Gedanken seines Herzens offenbart. Trotzdem +mißtraute man ihr und ließ sie von Professoren der Theologie einem +Verhör unterwerfen. Der eine fragte sie: »Wozu braucht Gott denn +Kriegsleute, wenn er Frankreich erretten will?« Sie antwortete +ruhig: »Die Kriegsleute werden sich schlagen, und Gott wird den Sieg +verleihen.« Ein anderer Theologe, der einen häßlichen Dialekt sprach, +fragte: »In welcher Sprache reden denn deine Stimmen?« und Johanna +gab schlagfertig zurück: »In einer besseren als die Eure.« »Gott will +nicht, daß man dir ohne Zeichen glaube,« rief ein Dritter zornig aus. +Johanna sagte: »Ich bin nicht gekommen, um Zeichen und Wunder zu tun; +mein Zeichen wird sein, daß ich die Belagerung von Orleans aufhebe.« + +Man konnte nicht fertig mit ihr werden und ließ sie in Ruhe. Es war +auch kein Augenblick mehr zu verlieren, denn die Gefahr hatte ihren +Gipfel erreicht. Man entschloß sich nun, die Jungfrau auszurüsten. Sie +verlangte ein Schwert, das sie genau beschrieb und das, wie sie angab, +hinter einem Altare gefunden wurde. Ihr militärisches Gefolge bestand +aus dem Schildknappen Ritter Jean d'Aulon, dem Pagen Immergut, zwei +Herolden, einem Hausmeister und zwei Dienern. Zum Feldpriester wählte +sie sich den Augustinermönch Jean Pasqueral. Ihr Bruder Peter blieb bei +ihr. + +[Illustration: Johannas Geburtshaus in Domremy.] + +Jetzt verabschiedete sie sich vom König. In Tours ließ sie sich noch +eine Fahne malen, wie ihre »Stimmen« sie ihr beschrieben hatten: +Lilien auf der einen Seite, auf der anderen Gott, auf einem Regenbogen +thronend. Und nun zog sie in den Kampf. + + * * * * * + +Des Weges unkundig, hatte sie sich der Führung der Kriegshauptleute +überlassen. Sie zogen auf dem linken Ufer der Loire nach Orleans. +Am 29. April erblickte Johanna zum ersten Male die Türme der Stadt. +Im nahen Schlößchen Reuilly rastete Johanna bis zum Abend. Und am +selben Abend acht Uhr, Freitag, den 29. April, zog Johanna durch das +burgundische Tor in Orleans ein. Sie war noch nicht siebzehnundeinhalb +Jahre alt. Die ganze Stadt war ihr entgegengegangen. Ihr Schildknappe, +die Fahne tragend, schritt voran und neben Johanna, die in voller +Rüstung auf weißem Rosse saß, schritt ihr Page Immergut. Links von +ihr ritt der königliche Vetter Graf Dunois, der Bastard von Orleans, +und hinter ihr kamen ihre Brüder; Herren und Ritter folgten, Knappen, +Hauptleute, Schöffen der Stadt. Freudetrunken umringte sie das Volk, +das mit Fackeln ihren Weg beleuchtet hatte. Männer, Frauen und Kinder +drängten sich an sie heran, um sie zu berühren. + +Die belagerte Stadt jubelte, als sei sie bereits entlagert; eine +himmlische Beruhigung senkte sich auf alle Gemüter. Nach sieben Monaten +des Kampfes war dieser liebliche Engel erschienen, um ein Wunder zu +vollbringen. Denn die Engländer, von dem Ereignis ganz bestürzt, +hielten sich in ihren Bastillen verschanzt. Sie sahen dem Zuge der +Jungfrau wie betäubt zu und wagten keinen Angriff. + +Am folgenden Morgen eilte sie zum Bastard und verlangte den Sturm auf +die englischen Verschanzungen; aber der Kriegsrat folgte ihr nicht. +Von der Brücke aus ruft sie nun den drüben verschanzten Engländern zu, +sich zu ergeben, aber die lachen die Jungfrau nur aus, obwohl sie im +geheimen Angst haben vor der »Zauberin«. + +Und jetzt beginnt ein wütender Kampf. Eine Schlacht nach der andern +wird geschlagen, ein Sturm nach dem andern wird gelaufen. Und Johanna, +das kaum achtzehnjährige Mädchen, ist stets die mutige Anführerin, der +Feldherren und Soldaten blindlings folgen. Vom 2. bis 5. Mai ist sie +fast immer im Felde, immer in der Rüstung und zu Roß; nur ab und zu +wirft sie sich nieder, um inbrünstig um Sieg zu beten und eine kleine +Weile zu ruhen. Und am 6. Mai endlich ist der Sieg zu Gunsten der +Franzosen entschieden. Von den etwa achthundert Engländern sind kaum +zweihundert übrig, während die Franzosen nur geringe Verluste erlitten +haben. Aber als die letzte Schlacht, die dreizehn Stunden gedauert hat, +glücklich vorüber ist, vergießt Johanna Tränen des Glücks über den Sieg +und Tränen des Mitleids mit den Gefallenen, die ohne Beichte starben. +Nun begann der Triumphzug in die Stadt. Glocken läuteten, Trompeten +schmetterten Siegesfanfaren, Jubelgeschrei erhob sich, Segenswünsche +wurden laut. Die Jungfrau wurde in die Wohnung geleitet, wo sie zu +Gaste war. Ein großes Festmahl war ihr gerüstet, aber sie nahm nur +einige Brotschnitten zu sich, die sie in weinvermischtes Wasser tauchte. + +In der Nacht räumten die Engländer noch die letzten Bastillen. Am +folgenden Morgen verkündeten die Turmwächter, daß sich das feindliche +Heer auf dem Felde in Ordnung stelle. Johanna und der Bastard von +Orleans eilten mit ihren Truppen hinzu. Man fragte Johanna, was man +tun solle. »Die Messe hören,« antwortete sie. Sie ließ einen Tisch +bringen, den sie zum Altar schmückte, und der Gottesdienst begann. Als +er zu Ende war, fragte Johanna, wohin die Engländer den Kopf wendeten. +»Nach Meung zu,« war die Antwort. »Beim Namen Gottes,« sagte nun die +Jungfrau, »sie ziehen ab; laßt sie ziehen; wir wollen dem Himmel +danken und sie nicht weiter verfolgen, denn es ist heute Sonntag.« In +patriotischer Stimmung beschlossen die Bürger und Frauen der Stadt den +denkwürdigen Tag durch eine feierliche Prozession. + +Das eine Gebot der himmlischen Stimmen, Orleans zu befreien, war nun +erfüllt. Es blieb ihr noch das andere: den König nach Reims zu führen +und ihn zu krönen. + +Am 10. Mai verließ sie Orleans und ging nach Loches, wo der König +weilte, um ihn zu dem Zuge nach der Krönungsstadt zu drängen. Aber sie +stieß auf Widerstand, der allerdings berechtigt war. Denn die Engländer +hatten noch eine Menge Plätze an der Loire besetzt, aus denen sie erst +hätten vertrieben werden müssen. Die Jungfrau fügte sich dem neuen +Kriegsunternehmen und begann den Feldzug an der Loire. + +Am 12. Juni fiel ~Jargeau~. Der Herzog von Alençon zögerte mit +dem Sturm; es sei noch nicht Zeit, meinte er. »Es ist immer Zeit,« +antwortete Johanna, »sobald es Gott will. Aber hast du Angst, artiger +Herzog? Weißt du nicht, daß ich deiner Frau versprochen habe, dich +unverletzt heimzuführen?« Solcher Rede widerstand er nicht, und so +wurde Jargeau gestürmt. Johanna versöhnte auch die königliche Partei +mit dem am Hofe verhaßten mürrisch-stolzen Konnetabel Artus de +Richemont, der der Jungfrau erst hatte geloben müssen, treu dem Könige +zu dienen. Mit seiner Hilfe wird ~Beaugency~ bei Blois am 17. Juni +genommen. Jetzt verlassen die Engländer auch Meung und am 18. Juni +werden sie bei Patay in der Beauce so gründlich geschlagen, daß die +Loire von jetzt an für immer von ihnen befreit bleibt. An demselben +Tage wurde auch der mächtige englische Feldherr Talbot gefangen. + +Während man sich der reichen Herren bemächtigte, um ein bedeutendes +Lösegeld zu gewinnen, wurde das arme Kriegsvolk einfach +niedergemetzelt. Etwa zweitausend Tote bedeckten das Schlachtfeld, und +Johanna brach, beim Anblick so vieler Leichen, in Tränen aus. Trotz +allem war sie ein Kind geblieben; die Kriegsgreuel hatten ihr Herz +nicht verhärtet. Ein französischer Soldat hieb neben ihr unbarmherzig +einen armen Engländer nieder, der ihn um Gnade anflehte. »O du böser +Franzose,« rief Johanna erschüttert aus, sprang vom Pferde, richtete +den Verwundeten auf, pflegte und tröstete ihn und erleichterte ihm +seine Sterbestunde. + +Und nun unternimmt sie den Triumphzug nach Reims. Die Höflinge setzten +ihrem Plane zwar noch immer Widerstand entgegen und rieten, man müsse +erst noch dieses Städtchen nehmen, dann jenes; müsse die Normandie erst +vom Feinde säubern; aber Johanna beharrte auf ihrem Entschluß, den +König vor dem Volke zu weihen. Das Volk selbst, das von den Wundertaten +der Jungfrau begeistert war, riß den König mit fort und drängte ihn +endlich, in den Zug nach Reims zu willigen. Johanna war nach Orleans +geeilt, um neue Truppen zu sammeln, aber als sie zum königlichen Hof +nach Gien zurückkehrte, war man dort schon wieder unschlüssig geworden. +Die Höflinge fürchteten sich vor jedem Mauerloch, in dem man ein paar +Engländer vermutete. Aus Verdruß über diese armseligen Menschen verließ +sogar Johanna den Hof und blieb zwei Tage außerhalb der Stadt. Nur +eins entschuldigte die Feigheit des Hofes: es war kein Geld in der +königlichen Schatzkammer. Aber Volk und Ritter waren so entflammt, +daß sie erklärten, auf ihre eigenen Kosten ins Feld ziehen zu wollen, +wenn Johanna sie anführe. Nun mußte der Hof sich fügen und zog in die +Richtung nach Reims. Am 5. Juli kam man vor der Stadt ~Troyes~ +an, die sich weigerte, die Tore zu öffnen oder gar auf die Briefe +des Königs und der Johanna hin, sich zu ergeben. Die ängstlichen +königlichen Räte machten wieder den Vorschlag, sich an die Loire +zurückzuziehen. Aber Johanna flehte den König an, sich nur drei Tage zu +halten; in dieser Frist verspreche sie ihm, die Stadt entweder durch +Liebe oder durch Waffen zu gewinnen. Man rüstete zum Angriff, der keine +drei Tage dauerte. Die Waffentaten von Orleans hatten ihre Wirkung auf +die Bürger von ~Troyes~ nicht verfehlt. Sie verlangten nur freien +Abzug mit ihrer ganzen Habe. Der König gewährte das, dachte aber nicht +an die Gefangenen, die die Troyesjeser auch mit fortschleppen wollten. +Johanna war die einzige, die an diese Franzosen dachte, und sie setzte +auch am 9. Juli ihre Befreiung durch. + +Und von nun ab gleicht der Zug in der Tat einem Triumphzuge. +~Chalons~, von der Jungfrau aufgefordert, sich dem Könige des +Himmels und dem Dauphin Karl zu ergeben, öffnet am 14. Juli seine +Tore, und alle übrigen Festungen unterwegs tun das gleiche. Aus der +Champagne und den Grenzorten eilt das Volk herbei, darunter Bürger +aus Domremy, die Johanna freudig begrüßten. Ahnungsvoll sagt ihnen +Johanna: »Ich fürchte nichts, als den Verrat.« Wieder ist der Hof +voller Besorgnis; es fehlt an Geld, es fehlen Geschütze, um Reims zu +nehmen. »Fürchtet nichts,« sagt Johanna zum Dauphin; »die Bürger werden +sich Euch ergeben, noch ehe Ihr ankommt und Euch entgegengehen.« Und +es war so gekommen, wie sie es in ihrem unbegrenzten Gottvertrauen +vorausgesagt hatte. Die Bürger schickten die Ältesten und Vornehmsten +dem Dauphin entgegen, und am Abend des 16. Juli zog Karl in Reims ein. +Eine wundersame Rührung überkam Johanna. »Wenn ich sterben soll,« +rief sie, »wäre ich recht glücklich, wenn man mich hier begrübe.« »Wo +glaubst du einmal zu sterben?« fragte sie der Erzbischof. »Wo es Gott +gefallen wird,« gab sie zurück; »ich möchte gern, daß es ihm gefiele, +mich wieder heimziehen zu lassen zu meiner Schwester und zu meinen +Brüdern; sie wären so froh, mich wiederzusehen. Ich habe wenigstens +getan, was unser Herr mir geboten hat.« + +Am folgenden Tage, dem 17. Juli, wurde der König nach der uralten +Zeremonie in der Kathedrale mit dem heiligen Öl gesalbt. Der Prunk +war überwältigend, und die Volksmenge, die herbeigeströmt war, eine +ungeheure. Während der ganzen Feierlichkeit stand Johanna in ihrer +Rüstung am Altar neben dem König, ihre Gottesfahne in der Hand. Als +der König gesalbt war, warf sich Johanna vor ihm nieder, umarmte seine +Knie und weinte bitterlich, und alles Volk weinte mit ihr. »O König,« +rief sie, »nun ist der Wille Gottes geschehen, der da wollte, daß ich +Orleans befreite und Euch in Eure Stadt Reims führte, um das heilige +Öl zu empfangen, zeigend, daß Ihr der wahre König seid, und Euch das +Königreich Frankreich gehören soll.« + +In Reims sah Johanna auch ihren Vater wieder, der mit den andern +herbeigeeilt war, sein Kind, das er abgöttisch liebte, zu umarmen. + +Aber was sollte sie nun, nachdem sie ihre Aufgaben erfüllt sah, tun? +Sie blieb in den Diensten des Königs, obwohl die inneren Stimmen +aufgehört hatten, zu sprechen. Sie dachte an ihr baldiges Ende, denn +sie trug ihrem Beichtvater auf, den König zu bitten, wenn sie gestorben +sein werde, Kapellen für diejenigen zu bauen, die für ihr Vaterland ihr +Leben gelassen hatten. Das Wiedersehen Johannas mit ihren Eltern und +Geschwistern hatte in ihr auch die mächtige Sehnsucht erweckt, in die +Heimat zurückzukehren. Aber der König, der ihr so viel zu danken hatte, +wollte sie nicht entlassen. Dazu kam der Rausch des Sieges und die +Hoffnung, den Krieg rasch zu beenden. Alle Städte, vor denen der König +erschien, öffneten ihm freiwillig ihre Tore. Es schien fast, als ob es +keinen Engländer mehr in Frankreich gäbe. + +Da kam plötzlich die erste Niederlage, und der Verrat an der Jungfrau. + +Im August war der König mit dem Heere auf Paris losmarschiert; aber +durch einen heimlich geschlossenen Vertrag hatte Karl VII. selbst den +Sieg der Jungfrau gelähmt und ihr Leben preisgegeben. Am 28. August +hatte der König mit den Burgundern einen Waffenstillstand auf vier +Monate abgeschlossen. Johanna wurde von trüben Ahnungen erfüllt, als +ihr im Lager vor Paris ihr geweihtes Schwert zerbrach; es war ihr, als +ob Gott ihr damit ein Zeichen geben wollte, daß ihr Streiten im Dienste +Frankreichs beendet sei. Trotzdem fand am 8. September ein Sturm auf +Paris statt; es war das Geburtsfest der Jungfrau Maria. Die Franzosen +wurden aber zurückgeworfen, und Johanna am Schenkel verwundet. Nun +erhoben all die Zauderer und Feiglinge, die nur widerwillig Johanna +gefolgt waren, ihre Stimmen, und der König hörte nur zu gern auf sie. +Das Heer verließ die Provinz und zog sich an die Loire zurück. Das +Drängen und Flehen der Jungfrau war umsonst. Nun hing sie ihre Rüstung +unmutig vor den Reliquien der Abtei zu St. Denis auf und folgte dem +Könige. + +Das war kein kriegerischer Heerzug mehr; der Rückzug glich einer +unordentlichen Flucht. Ende September kam der König in Bourges an; dort +heilte Johanna ihre Wunde. Jeden Morgen ging sie zur Frühmesse, Gott um +neuen Sieg anflehend. + +Der Herzog von Alençon brannte darauf, sein Herzogtum in der Normandie +wiederzugewinnen; er rüstete sich und bat den König, ihm die Jungfrau +zu schicken, denn viele, die sonst gern mit ihm zogen, würden sich +nicht von der Stelle rühren, wenn die Jungfrau nicht mitginge. Aber +der engherzige und ehrgeizige falsche Erzbischof von Reims und mehrere +Herren, die den Hof regierten, verwarfen den Vorschlag. Die Loire +stromaufwärts waren noch einige Städte in den Händen der Burgunder; +gegen diese willigte man ein, die Begeisterung Johannas zu benutzen. +Es gelang ihr auch, fast schon von allen verlassen, im November die +fliehenden Truppen zum Sturm auf St. Pierre-le-Moustier zu führen und +den Platz zu nehmen. Aber die Belagerung von La Charité mißlang »zum +großen Mißfallen der Jungfrau«. Kurz darauf, Anfang Dezember, versetzte +der König die Jungfrau, ihre Eltern, ihre Brüder und deren Nachkommen +unter dem Namen +~Du Lis~+ in den Adelstand. Johanna war +nicht eitel, und ihre Erhebung in den Adel befriedigte nicht ihren +Tatendrang, machte die Vorwürfe der Tatenlosigkeit nicht verstummen. + +Endlich am 28. März, des trägen Wartens am Hofe überdrüssig, reiste +Johanna heimlich ab, ohne vom König Abschied zu nehmen und ging nach +Ligny. Ihre Seele war krank vor Trauer, denn bald nachher hatte +sie eine Erscheinung, die ihr Böses weissagte. Die innere Stimme +verkündigte ihr, daß sie noch vor dem Johannisfeste in die Hände des +Feindes fallen würde; daß dies unvermeidlich wäre; daß sie darüber +aber nicht erschrecken, sondern im Gegenteil dieses Kreuz dankbar aus +der Hand Gottes hinnehmen sollte, da ihr Gott auch die Kraft geben +würde, es zu tragen. Johanna flehte zu ihren Heiligen, sie möchten Gott +bitten, ihr die Schmerzen einer langen Gefangenschaft zu ersparen und +sie durch einen schnellen Tod in sein heiliges Paradies aufnehmen zu +wollen. Aber die Heiligen offenbarten ihr nichts weiter; Geduld und +Schickung in ihr Los rieten ihr die Stimmen. Johanna vertraute ihre +Ahnungen keinem an. + +Der unglückselige Tag nahte heran. Es war am 23. Mai 1430. Der Herzog +von Burgund belagerte Compiègne an der Oise, das sich für Karl VII. +erklärt hatte. An diesem Tage hatte sich Johanna in die Stadt geworfen +und machte einen Ausfall. Anfangs wichen die Belagerer, dann aber +sammelten sie sich wieder und trieben die Belagerten in die Stadt +zurück. Die Jungfrau war zurückgeblieben, um den Rückzug zu decken. +Als sie in die Stadt wollte, war das Tor schon geschlossen. Sie wurde +von den nachdringenden Feinden erkannt, ein Pikarder Bogenschütze riß +sie vom Pferde. Der Bastard von Vendôme ergriff sie und verkaufte sie +an Johann von Ligny, einen Lehnsmann des Burgunderherzogs. Sie war +nun Kriegsgefangene und nach dem Kriegsrecht unverletzlich, noch dazu +als Jungfrau dem besonderen Schutze der Ritter anvertraut. Aber man +achtete weder Gesetz, noch Recht, noch Sitte. Das feindliche Lager +jubelte ausgelassen und um die arme Johanna begann ein unerhörter +Judasschacher. Sie war verraten, und sie sollte nun den Schmerz, als +Jungfrau in Feindeshand zu sein, bis zur bitteren Neige auskosten. + +Allerlei politische Streitigkeiten, allerlei niedrige Interessen um +Länderbesitz ließen es den englischen Bischöfen und besonders dem +ehrgeizigen Kardinal von Winchester als wünschenswert erscheinen, +die Jungfrau von Orleans als eine Hexe, die mit dem Teufel im Bunde +stand, anzuklagen. Glückte es, diese Klage durchzufechten, so stand +ihr jenes fürchterliche Los bevor, das wir eingangs dieser Schilderung +dargestellt haben. Ein dienstwilliges Werkzeug bot sich in dem Bischof +Cauchon von Beauvais dar, den seine Bürger 1429 bei Karls Triumphzug +vertrieben hatten, und der nun Rache nahm, indem er sich mit Leib und +Seele den Engländern ergab, um die Jungfrau zu Fall zu bringen. + +Schon am 26. Mai ging auf Betreiben Winchesters vom Inquisitionsgericht +eine Aufforderung an den Herzog von Burgund, die Jungfrau als +der Zauberei verdächtig auszuliefern. Dieselbe Aufforderung kam +gleichzeitig von der Pariser Universität. Und am 12. Juni verkündigte +ein königlicher Brief an die Universität, daß der Bischof Cauchon und +der Inquisitor den Prozeß gemeinschaftlich führen würden. Jean de Ligny +hielt Johanna auf einem seiner Schlösser verborgen und Cauchon bot nun +für ihre Auslieferung zehntausend Frank, »so viel, wie man für einen +König oder einen Fürsten gibt«. + +Johanna sah mit Schaudern und Schrecken der Auslieferung an die +Engländer entgegen. Sie bat ihre Schutzheiligen um Rat, aber die +Stimmen gaben ihr nur die Antwort, daß sie leiden müsse. Zum ersten +Male wurde sie nun ihren »Stimmen« ungehorsam und wollte fliehen. +Sie sprang aus dem Turme und blieb halbtot liegen. Man hob sie auf, +die Damen von Ligny pflegten sie; aber zwei Tage lang aß sie nichts; +sie wollte sterben. Die Gemahlin de Lignys warf sich ihrem Gatten +zu Füßen und beschwor ihn, sich durch die Herausgabe Johannas nicht +für ewig zu entehren. Aber der Elende hatte schon das Blutgeld der +Engländer empfangen und lieferte Johanna im Oktober seinem Lehnsherrn, +dem Herzog von Burgund, aus. Der führte sie erst nach Arras, dann in +den befestigten Turm von Crotoy. Hier sah sie das Meer, an dessen +jenseitigem Ufer die Küste von England war. Ein gefangener Priester las +hier jeden Morgen die Messe vor ihr, und sie betete inbrünstig. + +Eines Tages verkündigte sie, daß ihr der Erzengel die Befreiung von +Compiègne auf den 1. November angezeigt habe. Und so traf es auch ein. +Der Herzog von Burgund war selbst geschlagen worden. Diese Niederlage +reizte seinen Stolz, und in seinem Zorn entschloß er sich, die Jungfrau +an die Engländer auszuliefern. + + * * * * * + +Johanna, noch nicht neunzehnjährig, mußte nun, sobald sie sich in +den Händen ihrer Todfeinde befand, ihr Leben als abgeschlossen +betrachten. Was ihrer nun wartete, war namenlose Qual, Verkennung, +Schande, Hohn und grausamer Tod. Sie mußte ihre Sehnsucht nach der +Heimat ersticken, alle Wünsche des jungen Herzens töten; denn jetzt +umgaben sie die Mauern von Rouen, woraus ein Entrinnen unmöglich war. +Sie, vor der sich das Königshaus und alle Prinzen verneigten, die mit +jauchzender Begeisterung vom Volke vergöttert wurde, war nun den rohen +Beschimpfungen der Priester und den Quälereien der Gefangenwärter +ausgesetzt. Anfang Dezember 1430 war sie in dem festen Turm des +Schlosses von Rouen eingekerkert worden, und ein Schlosser hatte vor +Zeugen erklärt, er hätte Befehl erhalten, einen engen, eisernen Käfig +für Johanna zu schmieden, worin sie an Hals, Händen und Füßen gefesselt +lag und wo sie bis zum Beginn ihres Prozesses liegen mußte. Später +hatte sie am Tage die Füße in eisernen Fesseln, die durch eine Kette +an einem Holzklotz befestigt waren. Nachts wurden diese Fesseln noch +vermehrt; eine besondere Kette umschloß noch ihren Leib. + +Man hatte anfangs versucht, sie als Hexe und Zauberin zu richten, +aber die Juristen von Rouen fanden die Angaben, obwohl der feindliche +Cauchon sie gemacht hatte, nicht genügend. Man eröffnete gegen sie +nun einen Prozeß wegen Ketzerei. Der treibende böse Geist dieser +Verhandlungen blieb Winchester, der Universität und Richter immer von +neuem anstachelte. Johanna war unrettbar verloren, und König Karl, dem +sie alles geopfert und alles gegeben, dem sie Sieg über Sieg und die +Krone geschenkt hatte, tat nicht das geringste, um sie zu erretten. +Nicht das geringste! Endlich, am 21. Februar, wurde Johanna vor ihre +Richter geführt. Sie zeigte sich hier, wie damals im Verhör von +Poiters, unerschrocken, verständig, fromm, unschuldig und kindlich. +Der Bischof ermahnte sie, ohne Ausflüchte die Wahrheit zu sagen; sie +entgegnete aber, sie werde nur auf Fragen antworten, über die sie +sprechen könne. Am 22. und 24. Februar drang man aufs neue in sie; +endlich versprach sie, zu sagen, was sie über ihren ~Prozeß~ +wüßte, aber nicht alles, was sie wüßte. Das Verhör und die Qual +Johannas gestalteten sich zu einem herzergreifenden und erschütternden +Drama. Sie bat, daß man ihr wenigstens die Fußfesseln abnehmen möchte, +aber man entgegnete ihr, das sei deshalb unmöglich, weil sie öfters +versucht habe, zu entfliehen. »Das habe ich wohl getan,« sagte sie, +»aber das ist jedem Gefangenen erlaubt. Und würde ich entrinnen können, +so dürfte man mich keiner Unredlichkeit zeihen, denn ich habe nichts +versprochen.« + +Sie wurde über tausend Dinge ausgefragt, die gar nichts mit ihrem +Prozeß zu tun hatten, und Johanna gab stets freimütige und furchtlose +Antworten; alle boshafte Arglist wurde zu Schanden vor der Einfalt +ihres kindlichen Gemütes. Die Richter wurden zuletzt ergriffen von +der rührenden Gewalt dieser Unschuld, die weder lesen noch schreiben +gelernt hatte und trotzdem den Gelehrten Antworten gab, über die sie in +höchstes Staunen gerieten. Cauchon merkte, daß das ungünstige Urteil +über sie wankend zu werden begann, und er zog es deshalb vor, nicht +mehr im Saale des Schlosses zu verhandeln. Statt dessen ging er vom 10. +bis 17. März in ihr Gefängnis, um dort im Beisein von zwei Zeugen und +zwei Beisitzern die peinigenden Verhöre fortzusetzen. + +[Illustration: Die Straße der Jungfrau in Orleans mit Kathedrale.] + +Schon am Anfang des Prozesses hatte ein Ehrenmann, der Jurist Jehan +Lohier, der gegen das Ungesetzliche des Prozesses protestiert hatte, +fliehen müssen, um dem Tode zu entgehen. Es kam also in diesem Prozeß +gar nicht darauf an, Recht und Unrecht zu prüfen, sondern Johanna in +jedem Falle zu ~verurteilen~. Denn der schlimmste Vorwurf, den +ihre Richter ihr zu machen hatten, war der, daß sie selbst im Kerker +Mannestracht trug, die die Kirche bei Frauen als sündhaft verwarf. Das +junge Mädchen aber schämte sich, zu sagen, daß sie diese Tracht +nur zum Schutze vor den brutalen englischen Soldaten trug, die +ihren Kerker bewachten, und denen Johanna ja auf Gnade und Ungnade +ausgeliefert war. Ihr letzter Trost im Kerker war ihr Beichtiger +Loyseleur. Er hatte sich für einen Anhänger Karls VII. ausgegeben und +hatte allmählich das ganze Vertrauen Johannas gewonnen. Aber als Rat +abgehalten wurde, ob man die Jungfrau der Folter unterwerfen solle, +rieten nur drei Männer zu dieser Grausamkeit, und einer dieser drei +Schufte war ihr Beichtvater Loyseleur. + +Unter solchen Martern und Leiden brach für Johanna die Osterwoche an. +Der heiligste Tag des Mittelalters, der Ostersonntag, wurde von den +fünfhundert Glocken Rouens festlich eingeläutet. Durch die Straßen der +Stadt rauschte Leben und Lärm, während die Retterin des Landes und des +Königs einsam und verlassen angeschmiedet im Kerker schmachtete. Der +Bischof hatte ihr einen Fisch geschickt, durch dessen Genuß sie heftig +erkrankte. Sie hielt sich für vergiftet. Der Hauptmann der Stadt geriet +darüber in heftige Unruhe. »Der König möchte um nichts in der Welt, daß +sie eines natürlichen Todes stürbe,« sagte der grausame Soldat; »der +König hat die Jungfrau gekauft, sie kostet ihn genug. Sie soll durch +die Justiz sterben, soll durch Feuer oder Wasser umkommen. Darum seht +zu, wie ihr sie gesund macht.« + +Man pflegte sie denn auch, um sie nachher verbrennen zu können. Man +pflegte sie, aber sie blieb schwach. In dieser Stimmung hoffte man, sie +zu einem Widerruf ihrer göttlichen Sendung bewegen zu können, denn man +wollte gern die Krönung Karls VII. als ein Werk des Teufels darstellen. +Aber sie widerrief nichts. Was man ihr auch vorhielt, womit man ihr +auch immer drohte, und wie sehr man sie auch quälte, sie verließ sich +in allen Stücken auf Gott den Herrn. + +Man versuchte es nun mit Listen und Schrecken. Am 11. Mai ließ man +den Henker in ihr Gefängnis kommen und erklärte ihr, daß man sie zur +Folter führen würde, wenn sie nicht widerriefe. Aber sie widerrief +nicht. + +Jetzt kam die Antwort der Pariser Universität an. Die Gelehrten hatten +Johanna als eine Dienerin des Teufels erkannt; auf Grund dieser +Erklärung wurde Johanna abermals ermahnt, sie antwortete aber: »Und +wenn ich Henker und Feuer vor mir sähe und selbst wenn ich schon im +Feuer wäre, ich könnte nur sagen, was ich schon gesagt habe.« + +Die Sache währte schon zu lange; man wollte ein Ende machen. Am +23. Mai waren hinter einer Kirche auf dem Kirchhofe zwei Gerüste +aufgebaut worden, auf denen die Kardinäle, die Richter, die Schreiber, +die Gerichtsdiener, dreißig Beisitzer und die Folterknechte Platz +genommen hatten. Notare waren zugegen, um die Geständnisse Johannas +aufzuschreiben; ein Prediger saß dabei, um sie zu ermahnen. Am Fuße +eines Gerüstes saß der Henker auf seinem Karren, bereit, jedem Winke +zu folgen. Aber auch diese fürchterliche Zeremonie verfehlte ihren +Eindruck auf Johanna; sie blieb gleich unerschrocken und standhaft. +Endlich wurde ihr die Verdammungsakte vorgelesen. Und als man sie noch +einmal vergeblich ermahnt hatte, zu gestehen, gerieten die Engländer +in Wut, schrien über Verrat und erhoben einen so gewaltigen Lärm, daß +Johanna verwirrt, bedrängt, bestürmt nachgab und, ohne recht zu wissen, +was sie tat, an Stelle der Unterschrift ein Kreuz unter den Widerruf +setzte. Sie war vollständig betäubt. Der Bischof Cauchon rief: »Führt +sie nun hin, wo ihr sie hergenommen habt.« + +So unglaublich betrogen, den Engländern aufs neue preisgegeben, hatte +sie keinen anderen Trost mehr als den Tod. Die Engländer verlangten +immer grimmiger, daß Johanna sterbe. Sie waren in tierische Wut +geraten. »Verbrennt die Hexe!« riefen einstimmig Soldaten, Lords, +Feldherren und Kronbeamte. + +Der dreißigste Mai brach an, ein Mittwoch. Als sie durch den +Beichtvater Martin Ladvenu, der gekommen war, um ihr den Tod +anzukündigen und sie zur Buße zu ermahnen, erfahren hatte, welches Los +ihr bestimmt war, und daß sie noch an demselben Tage sterben sollte, +brach sie in lauten Jammer aus, rang die Hände und zerraufte sich die +Haare. »O wie schrecklich und grausam man mich behandelt! Soll denn +mein Leib, so ganz und gar rein und niemals entweiht, heute verbrannt +und zu Asche verwandelt werden! Wehe! Wehe! Ich möchte lieber siebenmal +enthauptet, als so verbrannt werden. Ich berufe mich auf Gott, den +großen Richter, über das Leid und Unrecht, das man mir antut.« + +Sie beichtete und nahm das Abendmahl, das man ihr gab, obwohl man +sie als »Ketzerin« und »Hexe« verurteilt hatte. Als Johanna nach der +Kommunion den Bischof, der sie verraten hatte, gewahr wurde, sagte sie +zu ihm: »Bischof, ich sterbe durch Euch!« + +Nun begann der Zug. Es war neun Uhr morgens, als sie in weiblicher +Kleidung auf einen Karren geladen wurde. Neben ihr saßen der Priester +Ladvenu und der Gerichtsdiener Massieu, der später für sie ausgesagt +hat. Das Volk zitterte und weinte vor Teilnahme, aber mit ihren +gezückten Schwertern hielten achthundert Engländer die Mengen in Ruhe. +Johanna weinte und rief ein über das andre Mal: »O Rouen, Rouen! soll +ich denn hier sterben?« Das war ihre einzige Klage. Sie murrte nicht +gegen ihre Heiligen, die ihr Befreiung versprochen hatten, und klagte +nicht über den König, der sie so schnöde verlassen hatte. + +Drei Gerüste waren aufgebaut. Auf dem einen saßen der Kardinal und der +Bischof mit den Priestern, auf dem andern die Richter mit dem Amtmann, +dem Prediger und der Jungfrau; das dritte war der Scheiterhaufen von +Gips, auf dem ein wahrer Holzhügel aufgebaut war, damit Johanna langsam +darauf verbrenne und dabei vom ganzen Volke gesehen werden könne. +Zuerst hielt nun ein berühmter Gelehrter der Pariser Universität eine +Predigt, und als diese beendet war, ermahnte der Bischof von Beauvais +die Verurteilte, an ihr Seelenheil zu denken, sich ihrer Missetaten zu +erinnern und Buße zu tun. + +Johanna kniete in innigem Gebete nieder. Sie vergab allen und bat, daß +man auch ihr vergebe. »Betet für mich!« rief sie den Umstehenden zu. +Die Priester bat sie, daß jeder eine Messe für sie lesen möchte, und +von ihrer keuschen, gottergebenen Art waren alle bis zu Tränen gerührt. +Sogar ihre Verräter und Todfeinde, der Bischof Cauchon, der Bischof von +Boulogne und Winchester vergossen Krokodilstränen. + +Als die Richter ihre Rührung überwunden hatten, wurde Johanna laut die +Verurteilung verlesen, und man übergab sie dem Henker. Sie bat um ein +Kreuz. Ein Engländer machte ihr eins aus zwei Holzstäbchen; sie nahm +es mit Dankbarkeit an, küßte es und barg es unter ihrem Gewande. Aber +sie wünschte noch ein wirkliches Kirchenkreuz, um im Sterben den Blick +darauf heften zu können. Man brachte ihr eins aus der nahen Kirche, +und während sie es küßte, sprach ihr der Priester Isambart Trost zu. +Inzwischen war es Mittag geworden, und die Hauptleute riefen: »Na, ihr +Priester, wollt ihr uns hier Mittag halten lassen?« + +Und ohne zu warten, bis der Amtmann kraft des Gesetzes gesprochen +hatte, schickten sie zwei Profose hinauf, die Johanna den Priestern +entrissen. Sie wurde von den Soldaten ergriffen und zu dem Henker +gezerrt. Dem sagten sie: »Tu dein Amt!« Diese greuelvolle, empörende +Roheit gegen das wehrlose Opfer war so schrecklich anzusehen, daß viele +Anwesende, darunter mehrere Richter, davonliefen, um nichts mehr zu +sehen. + +Als sie oben auf dem Scheiterhaufen stand und nun die Menge und die +Stadt überblickte, sagte sie nur: »O Rouen, ich habe große Angst, +daß du um meinen Tod zu leiden haben wirst!« Nach dem Brauche des +katholischen Mittelalters wurde sie nun an den Pfahl gebunden, und man +setzte ihr die Ketzermütze auf, auf der die Worte standen: »Ketzerin, +Rückfällige, Abtrünnige, Götzendienerin.« Nun zündete der Henker den +Holzstoß an. Johanna sah es und stieß einen Schrei aus. Der Priester +Ladvenu, der mit ihr hinaufgestiegen war, ermutigte sie; sie aber +dachte gar nicht mehr an sich, sondern nur an die Gefahr, der sich der +Priester aussetzte; sie hieß ihn hinabsteigen. + +Und jetzt, in diesem schrecklichen Augenblick, trat Cauchon an den Fuß +des Scheiterhaufens und drang noch einmal in die Unglückliche, um ein +Geständnis zu erhalten. Umsonst. Sie wiederholte nur, was sie diesem +Bischof schon am Morgen gesagt hatte: »Bischof, ich sterbe durch Euch. +Mein König ist an dieser Tat unschuldig.« + +Die Flamme züngelte empor. Und schon von den Flammen umlodert, rief sie +noch: »Meine Stimmen waren von Gott; meine Stimmen haben mich nicht +betrogen.« Aber als sich immer mehr Rauch entwickelte, vernahm man nur +noch den Schrei »Jesus!« dann war sie still für alle Ewigkeit ... + +Zehntausend Menschen weinten. Nur ein paar besonders rohe Engländer +lachten. Einer von ihnen hatte geschworen, eigenhändig ein Bündel +Reisig zu den Flammen zu tragen; in dem Augenblick, als er es in die +Lohe warf, gab Johanna den Geist auf. Der Soldat fiel um, und die +Kameraden führten ihn in eine nahe Schenke, um ihn zu erfrischen. Er +war ganz außer sich und sagte: »Als Johanna ihren letzten Seufzer tat, +habe ich eine Taube aus ihrem Munde fliegen sehen.« Er erholte sich +nicht mehr und starb bald darauf. Der Henker war ebenfalls entsetzt; er +beichtete am Abend dem Priester Isambart, aber er fand dennoch keine +Ruhe und konnte nicht glauben, daß Gott ihm je vergeben werde. Und +ein Sekretär des Königs von England sagte, als er von der Hinrichtung +zurückgekommen war, das, was wohl alle heimlich empfanden und dachten, +aber nicht auszusprechen wagten: »~Wir sind verloren, denn wir haben +eine Heilige verbrannt!~« + +Alle, die an der Verurteilung der Jungfrau beteiligt waren, sind denn +auch bald darauf eines elenden Todes gestorben oder verschollen, und +die noch Überlebenden, die mitschuldig waren, ließ der Sohn Karls VII., +Ludwig XI., gefangennehmen und denselben Tod erleiden, den Johanna +erlitten hatte. + +Dem armen Vater Johannas brach bei der Kunde vom qualvollen Tode seines +heldenmütigen Kindes das Herz; er starb bald. Die Mutter zog nach +Orleans, wo sie von der Stadt bis zu ihrem Tode eine Leibrente erhielt. + +Zwanzig Jahre nach dem Tode Johannas wurde auf Ansuchen der Mutter und +der Verwandten der Prozeß der Rehabilitation vorgenommen. Im Juli 1456 +wurde zu Rouen ihre Ehrenrettung ausgesprochen; der Papst Pius IX. +hatte sie genau vierhundert Jahre später selig gesprochen, und somit +war die Prophezeiung erfüllt, die König Karl in Schillers »Jungfrau +von Orleans« ausspricht: »Selig preisen sollen sie die spätesten +Geschlechter«. Nun ist Johanna im Jahre 1909 heilig gesprochen worden +und somit hat sich auch jene andere Prophezeiung Schillers erfüllt: + + + »Ihr Name soll dem heiligen Denis + Gleich sein, der dieses Landes Schützer ist, + Und ein Altar sich ihrem Ruhm erheben.« + + + + + Der Doktor Faust. + + +Wir sind im Zeitalter des Hans Sachs, und es ist Kirchweihwoche. +Auf einer großen Wiese vor dem Städtchen haben fahrende Händler, +Kesselflicker, Korbflechter, Bettelmusikanten und Tanzbärentreiber +ihre Buden und Zelte aufgeschlagen. Allerhand Wunderdinge werden hier +zur Schau gestellt. Betrunkene rohe Bauern mischen sich unter die +Pandorenspieler und Dudelsackpfeifer; Akrobaten stehen auf dem Kopf, +Kunststückmacher ziehen sich lebendige Schlangen aus den Nasenlöchern, +Degenschlucker zeigen ihre blendenden Künste, Gaukler lasen ihrem +Munde Fontänen entsteigen. Man sieht bärtige Weiber, Ichneumons, +Nashörner, Dromedare. Die Kaufleute machen einen Höllenlärm und +bieten ihre grellfarbigen Waren an; sie schreien wild und zwecklos +durcheinander. Oder sie blasen mit vollen Backen auf der Querpfeife +und schlagen die Pauke, oder sie tanzen auf einem dicken Seil, das +höchstens zwei Meter über der Erde ausgespannt ist. Um den Bärentreiber +schart sich die gaffende Menge. Plötzlich taucht der Hanswurst auf. Er +schlägt den Leuten auf die Köpfe und treibt sie wie das liebe Vieh zu +einer anderen Bude hin, zur Bude des Wundermannes. + +Der hat ein feuerrotes Gesicht, das dick aufgedunsen ist, weißblondes +Haar und eine kahle Platte -- das Zeichen der großen Gelahrtheit. +Er trägt einen sonderbaren Spitzenkragen und ungewöhnlich rote +Pluderhosen; Bänder hängen daran herunter, wie an einem Erntekranz. +Ein Dutzend Ehrenketten beschweren das schwarzsamtene Wams, das nach +venetianischem Schnitt gearbeitet ist; seine Finger sind mit unzähligen +Ringen bedeckt, und jeden Ring ziert eine besonders große Kamee, die +von einem Grabstein geschnitten ist. Er trägt einen prachtvollen +türkischen Dolch, und rings um seine Hüften baumelt, wie bei einem +Wilden des Urwalds, ein Kranz mannigfacher zauberkräftiger Anhängsel. + +So steht er da und schreit und haut in die Luft und wirft eine Menge +lateinischer Brocken ins Volk. »Er kann reden wie ein Arzt«, heißt das +Sprichwort jener Tage. Er spricht etwas von der Stellung der Gestirne, +vom Pulsschlag und Perpendikel, von Blut und Hexen, von Zauberei +und vom Satanas. Nach jedem Satze reißt sein Diener, der Hanswurst, +schlechte Witze, um die Gaffer bei guter Laune zu erhalten. Und erst +wenn genug Leute vor der Bude herumstehen, nimmt der Wundermann sein +großes »Zeugenbuch« hervor: »Da leset, wie ich in Spanien, Frankreich, +Rom und dahinten in der Türkei geehrt worden bin! Hier haben sie +alle ihre Namen hingemalt, die Bischöfe und Fürsten und der Teufel +weiß, wer noch. Hier seht ihr, wie sie vor ihrer Heilung ausgesehen +haben; hier seht ihr die geschwollenen Wangen, bleichen Gesichter +und verzerrten Stirnen leibhaftig abkonterfeit. Und ich, ich habe +sie kuriert; ich allein; ich, der größte Zauberer der beiden Welten; +ich, der größte Hexenmeister und Totenbeschwörer, der geschickteste +Wetterbanner und gesuchteste Wunderdoktor, den die Erde je getragen +hat! Ich, Doktor Faust, des Teufels Freund und der Meister der Hölle!« + +Wenn er nur so spräche, würde man ihn noch bescheiden nennen müssen; +aber er prahlt gewöhnlich das Blaue vom Himmel herunter. Und wenn +er nur den tausendsten Teil von dem leistete, was er zu leisten +verspricht, dann wäre der Teufel noch immer ein Stümper gegen ihn. + +Woher sollte er auch seine Kenntnisse haben? + +Der Arzt des Mittelalters studierte nicht Anatomie, sondern Alchimie: +Die Kunst, Gold zu machen; nicht Physiologie, sondern Astrologie: Die +Kunst, aus den Planeten wahrzusagen; anstatt Menschen gesund zu machen, +machte er Kalender. Anstatt nach dem Wo und Wie der Krankheit zu +sehen, sah er nach dem Mond und seinen Stellungen; bevor er seinen Rat +erteilte, schaute er erst nach den Sternen und dann nach dem Urin. + +Er beobachtete sorgfältig die Himmelskörper, ihre Bewegungen, ihren +Stand und deutete diese Verhältnisse auf die Schicksale der unter +diesen Gestirnen Geborenen. In der Tat geschieht auch kein bedeutendes +Ereignis, das er nicht durch vorangehende Zeichen und Himmelswunder +ankündigen zu können behauptet. Kometen gelten als Botschafter des +erzürnten Gottes, die den Menschen allerhand Strafen und Plagen +andeuten. Befinden sich die Kometen beispielsweise beim Saturn, dann +erfolgt Pest, Unfruchtbarkeit und Verrat. + +Diese Sterngucker, Geheimniskrämer und Wunderärzte kamen, wie die +Heuschreckenplage, hauptsächlich von England in alle übrigen Länder. +Der eine macht mit seinem Wunderstein großes Aufsehen, an dem er die +Patienten lecken läßt, worauf sie angeblich sofort gesund werden. +Der andere hext mit seiner wunderbringenden Salbe Blinde sehend und +Lahme gehend und er gibt vor, einen Trank brauen zu können, der ein +Fortleben in Ewigkeit sichert. Der Dritte berührt nur die Kranken und +sofort verschwinden die Schmerzen, die Kröpfe schrumpfen zusammen +und Skrofulöse sind gesundet. Er speit den Tauben in die Ohren und +sofort hören sie; er gibt den Zahnleidenden eine Ohrfeige, daß die +kranken Zähne nur so herausfliegen. Der Vierte macht aus dem Kot +der verschiedensten Tiere Rezepte, mittels deren er alle und alles +heilt. Der Fünfte verwandelt Metalle und glaubt an die mit Blut +unterschriebenen Verträge zwischen Mensch und Satanas, zwischen Hexe +und Teufel. + +Kein Wunder, daß dieser Aberglaube so verbreitet war, nachdem die +Kaiser und Könige selbst mit gutem Beispiel vorangingen. König +Jakob von England, Maria Stuarts Sohn, schrieb ein Zauberbuch. Karl +V., Maximilian II., Kurfürst Joachim I. gaben ihren Goldmachern +reichliche Beschäftigung, denn ihre Verschwendungssucht erheischte +immer neue Geldmittel. Heinrich VI. und Rudolf II. standen selbst in +den Laboratorien ihrer Dunkelmänner, Gold machend und Lebenselixiere +brauend. Man hatte an den Höfen seine Sterndeuter und Alchimisten, wie +man seine Hofnarren hatte; nur daß die Narren meistens klüger waren als +die Goldmacher. + +Viele dieser Ärzte zogen aber auch von Ort zu Ort, von Markt zu +Markt. Und diese Gestalt des herumziehenden Wunderdoktors hat sich +noch mehrere Jahrhunderte hindurch erhalten; denn Abraham a Santa +Clara, der große satirische Prediger, der am Ende des siebzehnten +Jahrhunderts gelebt hat, kennt diese Wundermänner ebenfalls noch aus +eigener Anschauung. Er gibt folgende Schilderung von ihnen: »Man findet +unter diesen Leuten sehr liederliche und nichtsnutzige Gesellen, die +sich auf das Lügen und Betrügen stattlich verstehen, absonderlich +viel aus denselbigen, die auf allen Märkten und Kirchweihen ihre +Stände aufschlagen und ihrem Sinne nach mit etlichen Brettern eine +Universität aufrichten, wo sie den Bauern und dem gewöhnlichen Volk +mit ihren grundlosen Predigten das Geld aus dem Beutel locken, da kann +man zuweilen hören, mit welch gewichtigen Lügen sie ihre Wahrheit +hervorstreichen; einer zieht etliche Zahnwurzeln heraus und beteuert +es hoch, daß er diese selbst an dem Meeresgestade dreizehn Meilen +hinter Syrakus ausgegraben und diese seien gut für ein verfallenes +Gehör, wobei sie sehr oft auch vorgeben, wie solche auch die Könige +von Paphlagonien an den Ohren zu tragen pflegten und ein so scharfes +Gehör bekamen, daß sie ein altes Weib über dreißig Meilen husten hören, +ei so lüg! Ein anderer zeigt ein Pulver -- es ist nichts anderes als +ein geriebener Weinstein! -- und schwört, daß er solches aus der Neuen +Welt durch die spartische Flotte habe bringen lassen und es sei nichts +anderes als pure Asche von dem verbrannten Vogel Phönix und eine +Messerspitze voll von diesem Pulver vertreibe allen Schwindel, so daß +sogar einer über einen Steg gehen könne, der nicht breiter sei als +ein Fiedelbogen, ei so lüg! Mit dergleichen wurmstichigen Predigten +betrügen sie sehr viel einfältige Leute, es sollen aber dieses +Gelichters Ärzte -- nicht alle Ärzte sind so beschaffen -- gleichwohl +bedenken, daß das Heulen und Zähneklappern ihnen nicht wird ausbleiben +nach Aussage des Psalmisten David. Einen Stand oder Profession ohne +böse Leute und ohne tadelhafte und gewissenlose Gesellen gibt es +überhaupt selten, ebensowenig wie einen Sommer ohne Mücken, ein Buch +ohne Eselsohr, einen Apfelbaum ohne Wurmstich, eine Schule ohne +Eselsbank, einen Wald ohne Gimpel, eine Kirchweih ohne Rauferei und +eine Schreiberei ohne Kleckserei.« + +Hat unser Doktor Faust lange genug geschrien und geprahlt, dann holt +er mit sicherem Blick irgendeinen Tölpel aus der Menge heraus, zieht +ihn herauf auf seine Meßbude und schlägt ihm vor aller Augen mit einem +gewöhnlichen eisernen Schlüssel in einer halben Minute fünf Zähne aus. +Der arme Kerl stutzt wortlos, aber die Menge schreit bravo, klatscht +Beifall, und jubelt dem Wundermanne zu. Und man stürmt seine Bude, um +sich die gesunden Zähne ausschlagen zu lassen. + +Aber es sind nicht nur Zähne, die unser Doktorsmann in seiner Meßbude +zieht; er barbiert, schert, ätzt, schneidet und brennt, setzt +Schröpfköpfe und macht Aderlässe und Klistiere -- ein vielseitiger +Mann. Vor allem aber: er zaubert. Wir werden nachher von seinen +Kunststücken hören. + +Drinnen in der Wunderbude sieht es etwa aus wie in einer modernen +Bauernschenke, die ein Museum vorstellen soll. Menschen- und +Pferdeschädel liegen herum, getrocknete Pflanzen- und Blumenbündel +hängen an den Wänden; schlecht ausgestopfte Tiere baumeln von der +niedrigen Decke herab: Fledermäuse, Raben, Igel, Iltisse, Eichhörnchen, +ein Bussard. Mörser und Klöpfel, Kolben, Flaschen und Kruken mit +großen Aufschriften stehen umher. Auf einem Tische liegen Feilen +und kleine Sägen, Messer, Zangen, Geißfüße und seltsam geformte +Schlüssel. In kleinen zahlreichen Näpfen liegen Menschenzähne und +Zähne von Säugetieren und Fischen. Das Ganze macht den Eindruck einer +herumziehenden Apotheke. + +Aber die Apotheke des sechzehnten Jahrhunderts sieht naturgemäß +wesentlich anders aus, als die der Gegenwart. Denn auch der Apotheker +ist ein Mann, der viel Geld verdienen will, und der infolgedessen +nicht das führt, was die klugen und vorgeschrittenen Ärzte anraten -- +denn sie sind in der Minderheit und haben nur eine kleine Anzahl von +Patienten --, sondern das, was die abergläubische Menge verlangt, die +vom Kurpfuscher geschickt wird und die lieber an törichten Hokuspokus +glaubt, als an vernünftige Heilmittel. Zum Apothekeninventar gehören +gepulverte Edelsteine, gestoßener Bernstein, Meerschaum, Erde vom +Kalvarienberge. Man findet gebrannte Maulwürfe, Elenhörner, Wolfsgalle +und Wolfsleber, Hirsch- und Bockblut, Hühnermagen, Hechtzähne, +gedörrte Kröten (die werden noch 1815 als Mittel gegen Epilepsie +empfohlen!), Krebsaugen, Schlangenfett, Bärenschmalz, Mückenfett, +Gemszähne, Hasentalg, Schafsgalle, die Haut der Pfauenfüße, Fuchslunge, +Elsternaugen, Eichhornhirn, Auerhahnzunge, Krähenzunge, Pferdehaare, +Menschenhaare, Rabenkot und zugleich den Kot so ziemlich aller +Tiere, Schwalbensteine, Federn vom Kreuzschnabel, Schildkrötenblut, +Froschlaich, Igelkrallen, Fledermausflügel, Eingeweide des Chamäleon, +geraspelte Menschenschädel, menschliche Leichenteile von Erhängten +und Geköpften, ägyptische Mumien, Blut der Hingerichteten usw. Auch +Käfer wurden zu Heilzwecken verwendet; z. B. der siebenpunktierte +Sonnenkäfer, das Bluthähnchen, der schwarze, rotgeränderte Blattkäfer, +die Rüsselkäferarten, die auf den Artischocken leben und die spanische +Fliege. + +Natürlich ging man um jene Zeit nicht sehr milde mit all dem Getier um, +das man für die Apotheke nötig hatte, denn oft mußte es bei lebendigem +Leibe gesotten, verbrannt oder zerstoßen werden, wenn es -- nach der +Meinung der Kurpfuscher -- dem Kranken helfen sollte. Da war die +schrecklichste Tierquälerei an der Tagesordnung. + +Die Zahl der Pflanzen, die so eine Apotheke führte, ist sehr groß. Hier +sind einige der am meisten gebrauchten: Bibernell, Fenchel, Majoran, +Safran, Kreuzkraut, Wetterkerze, Sauerampfer, Fünffingerkraut, die +Wetterglocke, die Herrgottskrone, Wermut, Mariendistel, Habichtskraut, +Natternkopf, der spitze und breite Wegerich, das Dreifaltigkeitskraut, +der Tag- und Nachtschatten, Löwenzahnblätter, Fieberklee, Himmelsbrot, +Frauenmantel, die Kamille, das Wildfräuleinkraut, der Johannisgürtel, +Tausendgüldenkraut, die Pfefferminze, Hundszunge, Lavendelkraut, +Muskatnuß, Igelkraut, die Feige, Senf, Knoblauch, Tabak, Fallkraut, +Beschreikraut, Schwindelbeere, Warzenkraut, Pestwurz, Schinderrose, +Totenbeere, Totennessel, Lauskraut, Lungenkraut, Leberbalsam, Blutwurz, +Zahnwurz, Augentrost, Wehedistel, Wildmutterkraut, Teufelsabbiß, +Teufelsbart, Teufelswurz, Teufelchen, Teufelspeitsche, Teufelskralle, +Teufelsauge, Hexenklee, Hexenohr, Hexenlauch, Hexenkohl, Hexenkraut, +Hexenmehl, Schlehenhexe und Wetterhexe. + +Alle diese Kräuter sind aber nur dann heilsam, wenn sie im +Frauendreißiger, das ist vom 15. August bis 14. September, schweigsam +gesammelt worden sind, oder auch in der Osternacht, der Johannisnacht +und Christnacht. + +Um jene Zeit des Mittelalters war das Kräutersammeln ein mühseliges, +undankbares und wenig einbringliches Geschäft; überdies zeitraubend +und gefahrvoll, weil man dadurch leicht in den Verruf der Hexerei +kam. Es konnten sich ihm nur gründlich studierte Männer widmen, deren +Gelahrtheit freilich kein Hindernis war, ebenso abergläubisch zu +sein, wie Zigeuner und Verbrecher. Diese Kräutersammler mußten mit +der Natur vertraut sein wie die Tiere des Feldes und Waldes; ja, ihre +astronomische, zoologische, botanische, geologische, physikalische +und chemische Kenntnis mußte mindestens den Anstrich allumfassenden +Wissens haben. Es war nötig, daß sie die Gesetze der Sterndeutung und +Goldmacherkunst beherrschten; daß sie sich auf die Kunst verstanden, +Träume zu deuten, alle Knochenbrüche und inneren Krankheiten aus dem +Urin zu lesen und womöglich die Pest in Abwesenheit zu heilen. Es ist +selbstverständlich, daß man von ihnen die vollständige Beherrschung der +damaligen medizinischen Kenntnisse forderte. Anatomie, Physiologie und +Pathologie -- die damals allerdings noch in den ersten Anfängen staken +-- waren Wissenschaften, von denen sie natürlich auch läuten gehört +hatten. + +Aber diese »Halbärzte«, die man als »Naturkundige« bezeichnete, obwohl +sie nur ein oberflächliches und verworrenes Wissen von der Natur +hatten, waren auch meistens ihre eigenen Destillatoren, und da niemand +sonst die Natur so gut kannte wie sie, waren sie auch ihre eigenen +Kräutersammler. Allein, das Wort »Kräutersammler« ist durch die +Jahrhunderte schon zu verblaßt und gibt ganz und gar keinen Begriff +von dem, was man darunter zu verstehen hat und überdies verrät es +auch nicht, daß der Kräutersammler, von dem ich hier spreche, den +~berufsmäßigen~ Kräuterhändler aus tiefstem Herzensgrunde als +einen unwissenden, bloß geldgierigen Kurpfuscher verachtete. Und +außerdem ist der Destillator nicht ~nur~ Kräutersammler im engen +Sinne des Wortes. Unseren Kräutersammler, der nichts aus Habgier +und alles aus Freude am Kurieren tut, findet man um Mitternacht auf +Kirchhöfen herumlungern, wo er nach alten Sargnägeln gräbt, welche +Gicht, Zahnweh und Cholera heilen; in feuchten Schluchten sucht er um +die Geisterstunde bei umwölktem Nachthimmel nach dem Feuersalamander +und der gefleckten Eidechse. Auf dem Hügel vor dem Tore, wo man die +Diebe und Mörder hängt, schneidet er Holzsplitter vom Galgen ab; denn +wenn man sich mit diesen die Zähne stochert, bekommt man sein Lebtag +kein Zahnweh mehr. In jedem Mauseloch gräbt er herum; er hebt große +Steine hoch, um feiste Ohrwürmer, Blindschleichen, den Tausendfuß +und anderes Gewürm zu fangen; er stampft in eigenartiger Weise auf +den Fuchsbau, um die Jungen herauszulocken, deren Kot er braucht, um +Krämpfe und schmerzende Ohren zu beruhigen. Er stapft in den Moorwiesen +umher, wo die Kröten dicht beieinanderhocken; denn die Kröte spielt +in der mittelalterlichen Heilkunde eine sehr große Rolle. Man sieht +ihn in der Leichenhalle, im sogenannten »Beinhause«, über den Toten +gebeugt, den man gestern hierhergebracht hat, wie er ihm Haare und +Fußnägel abschneidet, die gegen Bräune nicht minder wirksam sein +sollen als gegen andere Krankheiten. Die Tierquälerei steht bei ihm +in hoher Blüte. Er sucht das Nest der Schwarzdrossel, des Kuckucks +und der Elster, die er alle ausraubt, weil er die Herzen, die Augen +und die Leberchen der jungen Brut in seiner Apotheke braucht, in der +fast alles abergläubischen Zwecken dient. In seinem riesenhaften +Pflanzenkasten ist ein Tohuwabohu von allen möglichen Tieren, Pflanzen +und Gesteinsarten. Kein Tierchen läuft ihm über den Weg, das dem großen +Bedarf unseres Sammlers nicht seinen Tribut zollen müßte; keine Pflanze +blüht im verborgenen, von der er nicht für seine Apotheke, in der alles +aufgespeichert liegt, was die Natur nur hergibt, ein Steuerteil erheben +würde. Alles was das Auge erspäht, alles was in der Natur greifbar ist, +alles was die Hand nur erreichen kann, wird zu irgendeinem Heilzwecke +ausgebeutet. Freilich sind es meistens Kräuter, die unser Destillator +verwendet; aber er geht nicht hin und pflückt zu jeder beliebigen +Stunde, zu jeder beliebigen Jahreszeit gerade das, was da grünt und +blüht; er hat seine abergläubischen Vorschriften innezuhalten wie +der Teufel selbst, an den er glaubt, und er spricht lang und breit +von der rechten und besten Zeit, zu der die vorhin genannten Kräuter +einzusammeln sind. Unser geplagter Kräutermann muß nämlich auf die +Sonne, den Mond und die Sterne achten; ob Halbmond oder Vollmond ist; +ob erste Mitternachtshälfte, ob zweite; ob die Venus grün schillert +oder blau; ob die Sonne Wasser zieht oder nicht; ob sie sengt oder +strahlt usw. + +Die Kunst, die vermeintlich besten Säfte aus Tier und Pflanze +herauszukochen, stand unleugbar hoch im Kurse. Es war dazu nichts +Geringeres als eine für die damaligen Begriffe vollkommene Kenntnis +des Planetensystems vonnöten; insbesondere wurden die Kräfte der Sonne +studiert -- was man so studieren nennt -- und man gab sich Mühe, ihre +ewigen Gesetze, nach denen sie arbeitete und denen sie unterworfen war, +zu ergründen. Natürlich wurden viele »Weisheiten« darüber zum besten +gegeben, die wir längst ins Fabelbuch geschrieben haben. Überdies +verfiel man auch noch auf den absonderlichen Gedanken, daß man mittels +der Hitze, natürlicher oder künstlicher, aus Tier und Pflanze alle +»Feuchtigkeit« herausziehen müsse, wie die Sonne alle Feuchtigkeit +aus der Erde ziehe. Und ebenso wie diese von der Sonne aufgesogene +Feuchtigkeit wieder als Regen, Schnee und Hagel herabfalle und die +Felder fruchtbar mache oder auch verwüste, ebenso könne und müsse die +aus Tier und Pflanze gewonnene Feuchtigkeit Menschen heilen können und +gewiß auch töten, wenn sie falsch angewendet würde. + +Man sieht, mit der mühsamen Auffindung der Pflanzen und Materien, die +der Kräutermann benötigte, war seine Arbeit noch nicht zu Ende. Wenn er +schon alle Tiere und Pflanzen am richtigen Orte, zur vorgeschriebenen +Stunde, bei richtiger Beleuchtung und entsprechender Jahreszeit +gesammelt hatte, und wenn er -- immer nach dem Vorbilde der Sonne -- +aus Strauch und Getier bereits alle irgendwie verwendbaren Materien und +Kräfte ausgezogen hatte, war er gerade am Anfang seines Geschäftes. +Denn das Zubereiten der Säfte selbst erforderte die größte Umsicht und +Geduld, Ausdauer und Fleiß, Kenntnisse der abergläubischen Geheimlehre, +in der von überirdischen Kräften die Rede war, und ~Kenntnis vor +allem der künstlichen und natürlichen Wärmeentwicklung und des +Einflusses dieser entwickelten Wärme auf die ausgezogenen Säfte~. +~Wie lange~ mußten Violen und Lilien, Hexenbart und Drudenfuß +zusammengekocht werden, bis der Sud auch ~wirksam~ wurde? ~Wie +viel~ Wärme hatte der Saft der Dachsleber oder der der Krähenaugen +nötig, um zur Verwendung als Mittel gegen die Gelbsucht brauchbar +zu werden? Und ~welche~ Wärme? Die des Ofens oder der Sonne? +Welcher Sonne? Der direkten Sonnenstrahlen oder der durch einen Spiegel +aufgefangenen Reflexstrahlen? Oder der in einem Brennglase in einem +Punkte gesammelten Strahlen? Oder vielleicht noch andere Wärme? Die des +ungelöschten Kalks oder der Erde? Die Wärme des faulenden Laubes oder +Mistes? Welchen Mistes? Der Kuh oder des Pferdes? + +Das waren wichtige Fragen, solange man keine Öfen hatte, die eine +beliebige Wärmeregulierung ermöglichten. Denn von der richtigen Lösung +dieser gewiß verzwickten Aufgaben, die desto krauser und sinnloser +waren, je größer der Aberglaube war, hing ja das Gelingen oder +Mißlingen eines solchen Gebräus nicht minder ab. + +Und man kann sich ferner denken, daß die Frage, in was für einem +~Gefäß~ das schreckliche Gemisch gebraut werden sollte, von nicht +geringerer Bedeutung war. Man muß einmal ein solch mittelalterliches +Destillierbuch in der Hand gehabt, all die tausend Formen der +Glaskolben, Trichter, Behälter, Flaschen usw. gesehen haben, um den +großen törichten Ernst zu begreifen, mit dem man über die Gefäßfrage +spricht. Es ist, als ob man sich plötzlich in die ~Zauberwelt~ des +Doktor Faust versetzt fühlte und man versteht, wie leicht ein solcher +Kräutersammler in jenen Tagen in den gefährlichen Ruf kommen konnte, er +pflege Umgang mit den Hexen, und der Teufel sei allabendlich bei ihm +zu Gaste, um in seltsam geformten Gläsern Höllengetränke zu brauen. +Es soll indessen nicht geleugnet werden, daß ein solcher Ruf dem +Destillator beim abergläubischen, Heilung suchenden Volk nur -- nützte. +Je größer der zauberische Glorienschein war, den eine abergläubische +Menge um sein Haupt wob, je mehr Zulauf hatte er. Man hoffte zwar auf +Gott, aber man glaubte an den Teufel. + + * * * * * + +Dies ist das Bild des ~sagenhaften Faust inmitten seiner +Tätigkeit~, desselben Doktor Faust, über den ungefähr dreitausend +Bücher geschrieben worden sind und dem Goethe durch seine herrliche +Dichtung die Unsterblichkeit gesichert hat. + +Seit Jahrhunderten hat diese Figur die Dichter und Historiker in gleich +starker Weise angezogen und die Sage, die sich schon früh um Doktor +Faust gebildet hat, ist eine der tiefsten und großartigsten aller +deutschen Sagen, die uns den Glauben an ein Bündnis zwischen Mensch und +Teufel lebendig veranschaulicht. + +[Illustration: Doktor Fausts Geburtshaus zu Roda.] + +Mit zwei Wurzeln hat sich die Sage gleichsam in das Herz des Volkes +gegraben. Es waren ~erstens~ die Reste der ältesten Mythologien, +die im Faust verewigt waren; denn die meisten Erzählungen von Fausts +Taten und Erlebnissen, wie sie das Volksbuch uns erhalten hat, sind +nur umgestaltete Götter- und Elfensagen. Aber es war nicht nur dieser +mythologische Gehalt, der das Volk an der Faustsage anzog, sondern +~zweitens~ der philosophische und theologische Inhalt. Die +Frage nach der Existenz Gottes, der Unsterblichkeit der Seele, der +Weltschöpfung usw. beschäftigte die Gemüter damals weit mehr und +tiefer als heute. Im Doktor Faust war nun eine Figur gebildet, in der +alles das zum Ausdruck kam, was damals das Volk bewegte. Faust lehnt +sich gegen Gott auf; er verbindet sich mit der Hölle, um durch sie zu +erlangen, was der Himmel ihm versagt hat. Denn damals glaubte man ja +noch, daß der Teufel sein Unwesen persönlich auf Erden treibe. Doktor +Faust übergibt sich dem Teufel, weil er an der ewigen Seligkeit +zweifelt; er streitet mit Mephistopheles über Weltentstehung und +Weltuntergang, über den Bau des Himmels, den Lauf der Gestirne, die +Beschaffenheit der Hölle, den Zweck und Sinn des menschlichen Lebens. +Kurz, im Volksbuch der Faustsage wird alles das ~ausgesprochen~, +was sonst der mittelalterliche Mann aus dem Volke kaum zu denken +wagte, und gerade deshalb haben die Dichter immer wieder diese Sage +bearbeitet, weil sie in ihr alles niederlegen konnten, was sie selber +im tiefsten Innern bewegte. + +~Historisch~ ist an Faust das Folgende: + +Er lebte etwa von 1480 bis ungefähr 1545. Sein Vorname war weder +Heinrich, wie Goethe ihn nennt, noch Johann, wie er gewöhnlich in +der Sage genannt wird, sondern ~Georg~. Viele Forscher nehmen +an, daß er aus Knittlingen im Württembergischen stammte und daß er +sich in Ingolstadt eine gediegene Bildung erwarb. Er befand sich ums +Jahr 1507 in Ingolstadt, dann in Gelnhausen, Würzburg und zuletzt in +Kreuznach, wo ihm Franz von Sickingen -- der in Goethes »Götz von +Berlichingen« verewigt ist -- eine Schulmeisterstelle anvertraute. +Faust erwies sich aber der Stelle als unwürdig. 1513 war er in Erfurt, +wo er nach einigen Jahren ausgewiesen wurde. 1520 war er in Bamberg, +wo er gegen ein Geldgeschenk dem Bischof Georg III. sein Schicksal aus +den Sternen prophezeite. Dann zog er nach Heidelberg, wo er sich bis +etwa 1525 aufhielt. Später begegnen wir ihm in Wittenberg, von wo er +hinausgetrieben wird, endlich wieder in Ingolstadt als Zahnbrecher, +wo ihm das gleiche Schicksal widerfährt. Besser ging es ihm beim +Erzbischof von Köln: Hermann von Wied. Doktor Faust soll endlich zu +Staufen im Breisgau als Sechziger eines plötzlichen, gewaltsamen Todes +gestorben sein. + +Er war als ein gewaltiger Prahler verschrien und zog als +Hokuspokusmacher und Arzt, in der Weise, wie wir ihn bereits +geschildert haben, von Stadt zu Stadt. Denn allzulange duldeten ihn +die wohlweisen Magistratspersonen nie in ihren Mauern. Er nannte sich +den Philosoph aller Philosophen, rühmte sich in Würzburg, daß er +alle Wunder Christi vollbringen könne, so oft es verlangt werde; in +Wittenberg, daß er in den Himmel fliegen könne und daß er in Krakau +alle Künste der Magie erlernt habe. Die Schlacht bei Pavia und die +Eroberung Roms seien den Italienern nur geglückt, weil er ihnen durch +seine Zaubermacht geholfen habe. + +Leichtgläubig wie das Volk war, wurden viele seiner Aufschneidereien +für bare Münze genommen und als vollbrachte Tatsachen weitererzählt. +Alle Zaubergeschichten, die damals reichlich im Umlauf waren, +wurden auf seine Person übertragen und viele andere wurden ihm +noch angedichtet. Sie machten ihn berühmt und zugleich berüchtigt. +Da aber solche Zaubereien, wie Faust sie vollbracht haben wollte, +nach Annahme des abergläubischen Volkes nur mit Hilfe des Satans +auszuführen waren, so erzählte man sich, Faust habe ein Bündnis +mit dem Teufel geschlossen, der ihn in Gestalt eines Pudels -- daß +Faust einen Pudel hatte, wird historisch verbürgt -- begleitet und +schließlich auf schreckliche Weise ums Leben gebracht und seinen +Leichnam auf den Mist geworfen habe. Auf diese Weise hat die Phantasie +des Volkes Fausts im Dunkel liegendes Leben ausgeschmückt und es +entstand die ~Faustsage~, die bereits fünfzig Jahre nach Fausts +Tod in voller Blüte steht. In ihr ist Faust bereits zum Vertreter der +mittelalterlichen Zauberer erhoben und durch seinen Namen werden die +verschiedensten Sagen und Märchen wie durch ein Band zusammengehalten. + +Faust, so erzählt das älteste Volksbuch, das uns schon ganz ins +Sagenhafte führt, war gebürtig aus Roda bei Weimar. Seine Eltern waren +arme, fromme Bauersleute; aber sein Onkel zu Wittenberg war reich, +und da er keine Kinder besaß, nahm er Faust an Sohnes Statt an. Da +geriet er aber in schlechte Gesellschaft und begann Zauberschriften +zu studieren, die lauter Beschwörungsformeln und magische Figuren +enthielten: »Buch Mosis und dreifacher Höllenzwang«, »Mächtige +Beschwörung der höllischen Geister«, »Hauptzwang der Geister zu +menschlichen Diensten«, »Das Geheimnis der heiligen Gertrudis zur +Erlangung zeitlicher Schätze und Güter« und viele andere. Er ward +Kräutermann, Goldmacher, Destillator, Sterndeuter und Arzt. Nun lernte +er Zaubern und Geisterbeschwören und als er es gut verstand, begab +er sich eines Abends in den Spessart, um -- wie er behauptete -- den +Teufel anzurufen. Auf einem Kreuzwege zog er Zauberkreise um sich her +und begann die fürchterliche Beschwörung. Da erhob sich ein mächtiges +Getöse, die Bäume bogen sich bis zur Erde, und der Mond verbarg sich +hinter vorbeieilenden Wolkenfetzen. Es donnerte gewaltig, während die +wilde Jagd vorüberzog. Pfeile wurden von unsichtbarer Hand auf Faust +abgeschossen, und es erklang eine liebliche Musik. Gesang ertönte, und +als Faust aufblickte, gewahrte er eine Menge tanzender Teufel, die mit +ihren höllischen Schwertern klirrten und mit Spießen um sich warfen. + +Als dieser Höllenlärm vorüber war, beschwor Faust den Teufel zum +zweitenmal und nun erschien über Fausts Haupt ein giftspeiender Drache. +Vom Himmel fiel ein Stern herab, der sich in eine feurige Kugel +verwandelte und nachdem Faust diese dreimal beschworen hatte, nahm +sie die Gestalt eines feurigen Mannes an; der ging eine Viertelstunde +stumm um Fausts Zauberkreis herum, verwandelte sich endlich in einen +grauen Mönch und fragte nach Fausts Begehr. Faust bestellte ihn für die +folgende Nacht um zwölf Uhr zu sich, doch forderte ihn der Teufel aufs +neue auf, zu schwören, daß er dem Fürsten der Hölle ergeben sein wolle. + +Um Mitternacht fordert Faust vom Teufel, daß er ihm bis an seinen +Tod diene, alle seine Wünsche erfülle, unsichtbar in seinem Hause +walte und wenn er erscheine, daß er dann die Gestalt und Kleidung +eines Franziskanermönches annehme. Dagegen verlangt Mephostophiles, +Faust solle sich ihm mit seinem Blute verschreiben, den christlichen +Glauben ableugnen, aller Christen Feind sein, sich nie bekehren und +nie heiraten. Faust stellt diese gotteslästerliche Verschreibung +aus, fordert darin aber ausdrücklich, daß der Teufel vor allem +seinen Wissensdurst befriedigen müsse, den Gott nicht gestillt habe. +Mephostophiles (oder Mephistophiles, auch Mephistopheles) bringt +Speisen, Wein und Kleider für Faust und dessen Famulus Wagner; außerdem +erhält Faust vom Teufel wöchentlich fünfundzwanzig Kronen Taschengeld. + +Wie widersinnig dieser ganze Teufelsglaube war und was es mit der +Zauberei auf sich hatte, ersieht man schon aus diesem kärglich +bemessenen Taschengeld. Denn wenn Faust hätte zaubern können, hätte er +auch nicht diese jämmerlichen fünfundzwanzig Kronen des Satans nötig +gehabt. Was konnten wohl für so einen mächtigen Zauberer fünfundzwanzig +Kronen in der Woche bedeuten? Und daß anderseits Faust für Speise, +Trank und Kleidung allein seine Seligkeit verkauft hätte -- abgesehen +davon, daß auch dies ein abergläubischer Unsinn ist --, dazu wird Faust +als ein viel zu weiser und wissensdurstiger Mann geschildert. + +Das erste ist, berichtet die Sage, daß Faust dem bösen Geiste eine +Reihe theologischer, philosophischer und naturwissenschaftlicher +Fragen vorlegt, Fragen über die Beschaffenheit der Hölle, über die +Macht des Satans, über Luzifers Verstoßung aus dem Himmel, über die +Weltschöpfung, den Bau des Himmels und der Gestirne, über den Wechsel +der Jahreszeiten, die Mephostophiles dem Vertrage gemäß beantwortet. Um +sich weiter zu unterrichten, unternimmt Faust drei Reisen, eine in die +Hölle, die zweite durch den Wolken- und Sternenhimmel, die dritte durch +die meisten Reiche der Erde; die Hölle selbst sieht Faust freilich +nicht; er lernt sie nur in einem Traumgesicht kennen, das der Teufel +ihm vorgaukelt. + +Nun beginnt Faust seine Zauberkunststücke, die aber allesamt +ebenfalls wieder im Widerspruch stehen mit dem Faust, der das höchste +Wissen der Menschheit zu umfassen sucht. Seine Zaubereien sind -- +wie man gleich sehen wird -- weiter nichts, als zeitvertreibende +Taschenspielerkunststückchen, ganz unwürdig dieses groß angelegten +Faust. Man sieht nur, daß das Volk, das Faust diese Zaubersagen +angedichtet, gar nicht darüber nachgedacht hat, daß ein solcher +Mensch sein Seelenheil nicht preisgegeben hätte, nur um das Volk zu +unterhalten und durch Schelmereien zu belustigen. + +Zu Innsbruck beschwor Faust Alexander den Großen und dessen Gemahlin +aus der Unterwelt herauf und führte sie Karl dem Fünften vor. Diese +Geistererscheinungen, wie alle anderen Zaubereien Fausts, die nur +auf einer geschickten Täuschung beruhen, werden ja noch heute einem +gutgläubigen Publikum gezeigt. Dort zauberte Faust auch einem Ritter, +der aus dem Fenster schaute, ein Hirschgeweih an, so daß der seinen +Kopf weder vorwärts noch rückwärts bewegen konnte. Erst als der ganze +Hof den Ritter verlacht hatte, löste Faust den Zauber. Wie Faust später +den kaiserlichen Hof verließ, zog ihm der Ritter mit sechs Reitern +nach, um Rache an ihm zu nehmen; da eilte Faust in ein Gehölz am Wege, +und als er wieder heraustrat, schien seinen Verfolgern das ganze Gehölz +voll geharnischter Ritter; sie flohen, aber sie wurden umringt und +ergaben sich. Faust ließ sie aber frei; doch zauberte er den Menschen +Ziegenhörner und den Pferden Kuhhörner an, die sie einen Monat lang +tragen mußten. + +Vor Gotha verschlang Faust einst einem Bauer ein Fuder Heu nebst dem +Wagen und den Pferden; doch als der zu Tode geängstigte Bauer beim +Bürgermeister Klage führte und zum selben Platz zurückkam, standen +Wagen und Pferde unversehrt da. Ebenso machte es Faust einmal bei +Zwickau. + +Drei Grafen, die in Wittenberg studierten, führte Faust mit Hilfe +seines Zaubermantels in einer Nacht nach München und wieder zurück. +Sie schauten dort der Hochzeit zu, welche der Sohn des Fürsten hielt, +doch Faust hatte ihnen verboten, ein Wort zu sprechen. Als nun der eine +sprach, wurde er gefangen genommen und eingekerkert, während Faust mit +den andern davonflog. + +Von einem Wechsler lieh Faust einst sechzig Taler auf einen Monat. Als +die Frist vorüber war, bot er, da er noch nicht zahlen konnte, dem +Wechsler zur größeren Sicherheit sein Bein zum Pfande. Der Wechsler +nahm das Bein, das Faust sich abgesägt hatte, und warf es, weil ihm +das Tragen lästig wurde und weil er einen Prozeß fürchtete, in einen +Fluß. Nach drei Tagen wollte Faust das Pfand einlösen; da der Wechsler +den Fuß aber nicht mehr beschaffen konnte, ging er seiner Forderung +verlustig und mußte noch sechzig Taler dazu bezahlen. Faust hatte +natürlich nach wie vor seinen Fuß; alles war nur augenverblendende +Schwarzkunst. + +Auf einem Jahrmarkte verkaufte Faust einem Roßtäuscher ein Pferd für +vierzig Gulden; doch als dieser es in die Schwemme ritt, verwandelte +es sich unter ihm in ein Bündel Stroh. Er eilte zu Faust zurück, +der scheinbar schlafend auf seinem Bette lag, zog ihn am Bein, aber +kaum hatte er ein wenig daran gezerrt, so hatte er es auch schon +ausgerissen. Erschrocken entfloh der Roßtäuscher, doch Faust, der ihn +nur verblendet hatte, lachte sich krumm und schief. Ebenso verkaufte +Faust ein andermal fünf Schweine für dreißig Gulden; aber als sie der +Käufer, trotz der Warnung Fausts, ins Wasser getrieben hatte, schwammen +nur fünf Strohbündel darin herum. + +Das Geld, mit dem Faust seine wüsten Zechereien bezahlte, pflegte sich +einige Tage später stets in Kot oder in Hornspäne zu verwandeln. + +Zu Wittenberg sah unser Schwarzkünstler einst, wie sich zwölf Studenten +vor seinem Hause miteinander stritten. Er verblendete ihnen die Augen +und sie schlugen nun, ohne sich gegenseitig zu erkennen, wütend +aufeinander los. + +Bei einem tollen Zechgelage zauberte Faust einst im Winter einen +Rebstock auf den Tisch, der voll reifer Trauben hing. Niemand sollte +die Trauben abschneiden, ehe Faust das Zeichen gegeben hätte. Begierig +faßte jeder mit der einen Hand eine Traube und mit der anderen ein +Messer; da entzauberte Faust ihre Augen und sie erkannten, daß jeder +nahe daran war, die Nase seines Nachbars abzuschneiden. + +Als Faust einst in einer Schenke das Singen und Schreien der Bauern +verdroß, machte er, daß ihnen plötzlich der Mund weit aufstand und sie +kein Wort zu sprechen vermochten, bis er sie wieder entzauberte. -- Zu +Heilbronn bezauberte er die Kühe auf gleiche Weise, deren Muhen ihn +verdroß. + +Beim Grafen von Anhalt ließ Faust einst im Januar durch seinen Geist +auf Wunsch der Gräfin Obst herbeischaffen, das er innerhalb einer +halben Stunde aus den fernsten Ländern herbeiholte. Auch baute er dort +über Nacht ein Zauberschloß, in welchem er den Grafen und noch viele +Gäste herrlich bewirtete. Doch als sie aufbrachen, ging das Schloß in +Flammen auf und sie hatten allesamt Hunger, als ob sie nichts gegessen +hätten. + +An Fastnacht fuhr Faust mit Studenten einmal auf einer Leiter in den +Keller des Salzburger Bischofs, wo sie allerlei Weine tranken. + +Am weißen Sonntage führte Faust den Studenten die griechische Helena +vor, deren Schönheit sie dermaßen entzückte, daß beschlossen ward, sie +tags darauf malen zu lassen. Zu Erfurt, wo Faust Vorlesungen hielt +über Homer, beschwor er einst die Helden der Ilias und der Odyssee und +führte sie den Studenten vor. Als diese aber den schrecklichen Riesen +Polyphem herkommen sahen, der nur mitten in der Stirn ein Auge hatte, +das er furchtbar rollte, bekamen die Studenten eine Heidenangst; Faust +lachte sich aber halbtot. + +Bei Braunschweig begegnete Faust einst einem Bauern, der einen leeren +Wagen mit vier Pferden führte. Faust bat ihn, sich aufsetzen zu dürfen +und da der Bauer ihm dies verweigerte, ließ er die vier Räder des +Wagens an die Stadttore Braunschweigs fliegen und die Pferde wie tot +niederstürzen. Als der Bauer jedoch auf den Knien um Verzeihung bat, +hieß ihn Faust Erde auf die toten Pferde werfen; alsbald erhoben sie +sich wieder unverletzt und auch die Räder saßen wieder an den Achsen. + +Zu Neu-Ruppin pflegte Faust abends mit den Bürgern, die ins Wirtshaus +kamen, Karten zu spielen und zu würfeln. Er hatte Pferdefüße und gewann +sehr viel. + +Als Faust in Leipzig mit mehreren Studenten an einem Weinkeller +vorüberging und die Küfer verhöhnte, welche sich vergeblich mühten, ein +Faß von achtzehn Eimern Inhalt heraufzuwinden, versprach der Besitzer +demjenigen das Faß Wein als Eigentum, welcher es allein heraufschaffen +könne. Da setzte sich Faust auf das Faß, als sei es ein Pferd und ritt +damit zum Keller hinaus. Es gibt einen Vers auf dieses Zauberstück, der +lautet: + + »Der Doktor Faust zu dieser Frist + Aus Auerbachs Keller geritten ist + Auf einem Faß mit Wein geschwind, + Welches gesehn viel Mutter -- Kind; + Hat's durch sein subtil Kunst getan, + Des Teufels Lohn empfangen davon.« + +In Erfurt wohnte ein Junker, der mit Faust befreundet war. Als dieser +Junker bei einem Gelage mit mehreren Freunden Fausts zusammensaß, +rief einer im Scherz Faust herbei, der sich gerade am kaiserlichen +Hof in Prag aufhielt. Alsbald erschien Faust, von Mephostophiles +begleitet, der sich in ein geflügeltes Roß verwandelt hatte. Während +des Zechens fragte er jeden Anwesenden, was für Wein er trinken wolle, +darauf bohrte er vier Löcher in den Tisch und es flossen daraus die +verschiedensten Weinarten. Gegen Morgen eilte er wieder durch die Lüfte +nach Prag. Noch bis vor kurzem wurde in Erfurt das Haus gezeigt, wo der +mit Faust befreundete Stadtjunker wohnte. + +Später einmal lud Faust dieselben Freunde in Erfurt zu einem Gastmahle +zu sich. Als sie angekommen waren, sahen sie noch keine Vorbereitungen +zur Bewirtung. Da schlug Faust mit einem Messer auf den Tisch und es +trat ein Diener herein, welchen Faust fragte, wie schnell er sei. Der +antwortete: Wie ein Pfeil. Das schien Faust zu langsam und er entließ +ihn darum; es kam ein zweiter, schnell wie der Wind, der auch entlassen +wurde; erst der dritte, welcher so schnell war, wie der Gedanke des +Menschen, schaffte bald die herrlichsten Speisen und Getränke in Hülle +und Fülle herbei. + +Ein andermal soll er vierzigtausend Höllengeister zu seiner Bedienung +beschworen haben, fand aber keinen flink genug. + +In Frankfurt traf Faust während der Messe einst mit vier Gauklern +zusammen, welche einander die Köpfe abschlugen und wieder aufsetzten. +Sobald ein Kopf vom Körper getrennt war, wuchs aus einem dabeistehenden +Gefäß voll gereinigten Wassers eine Lilie, welche die Wurzel des Lebens +hieß. Faust bemerkte das und durchschlitzte die Lilie, welche eben +wieder emporschoß, heimlich mit einem Messer; da versuchten die drei +Zauberer vergeblich, ihrem vierten Gesellen den Kopf wieder aufzusetzen. + +Zu Straßburg bewährte sich Faust als vortrefflicher Schütze; selbst +nach dem Teufel schoß er, der oft laut aufschrie. + +Wenn Faust reiste, mußten ihm die Geister vorn, hinten und zu beiden +Seiten den Weg pflastern. Zu Regensburg war es seine größte Freude, auf +der Donau Kegel zu schieben und Fische zu fangen. + +Als er einst am Karfreitag in Jerusalem war, befahl er dem Teufel, +drei Ellen Leinwand zu bringen und ganz Portugal darauf zu malen, so +daß man jedes Haus sehen könne. Dies hatte Mephostophiles in wenigen +Augenblicken getan, und nun befahl ihm Faust, Christus am Kreuz +abzumalen, aber nichts daran zu vergessen, besonders nicht den heiligen +Namen. Das konnte Mephostophiles nicht; darum verblendete er die Sinne +Fausts und malte statt Jesum eine Venus, auf die Faust zustürzte, +wodurch er denn endgültig der Hölle verfallen war. + +Im siebzehnten Jahre seines Bundes mit dem Teufel mußte sich ihm Faust +aufs neue verschreiben, weil er sich von einem frommen Manne fast hätte +bekehren lassen. + +Im neunzehnten Jahre lud Faust einst um die Weihnachtszeit eine +Gesellschaft fröhlicher junger Menschen in seinen Garten zu Wittenberg +und zur Verwunderung der Gäste grünte und blühte alles und nirgends war +zu erkennen, daß es Winter war. + +Neben Mephostophiles hatte Faust noch einen dienstbaren Geist namens +Prästigiar, der die Gestalt eines schwarzzottigen Hundes hatte. Diesen +lieh er einst einem Abt in Halberstadt auf drei Jahre; doch schon nach +dem ersten Jahre starb der Abt im Wahnsinn. + +Auf einem Bergschloß in der Nähe von Heilbronn (Boxberg) streckte Faust +einst seine Hand nach dem Regenbogen aus, der am Himmel stand. Da +senkte sich der Regenbogen immer tiefer und tiefer herab, bis ihn Faust +ergriff und festhielt. Er erbot sich, auf ihm zum Himmel zu reiten, +doch als die Anwesenden sich's verbaten, ließ Faust den Regenbogen los, +der wieder an seinen Platz zurückschnellte. + +Auf einer Reise nach Wittenberg verschlang Faust in einem Wirtshause +den Aufwarteburschen, der ihn nicht rasch genug bediente, und trank +darauf einen großen Kessel voll Wasser. Nachher fand man den Burschen +tropfnaß hinter dem Ofen im Schwenknapf liegen, wo er zum Gaudium der +Gäste am Kragen herausgezogen wurde. + +Bei einem Bankett, das Kaiser Maximilian einmal gab, verwandelte Faust, +um seine Dankbarkeit zu bezeigen, das Schlafzimmer des Kaisers eines +Morgens in einen Zaubergarten. Man hörte Nachtigallen singen, die Amsel +und die Wachtel schlugen fröhlich, Papageien schwatzten durcheinander. +Indische Hähne und Hennen liefen herum, Rebhühner, Haselhühner, +Kraniche, Reiher, Schwäne und Störche. Man sah Laub und Gras und die +seltensten Blumen; Narzissen und Rosen prangten ringsum. Der Garten +war bestanden mit Granaten-, Pomeranzen-, Limonien-, Zitronen- und +Feigenbäumen; Kirsch-, Birn- und Äpfelbäume wuchsen bunt durcheinander. +Orangenbäume trugen Datteln, Tannenbäume trugen Aprikosen, +Kastanienbäume trugen Pfirsiche. Schmucke Tauben flogen gurrend hin und +her und belebten das zauberschöne Bild. Allein nach etwa einer Stunde, +ehe man sich's versah, fingen die Blätter an den Bäumen an zu welken, +die strotzenden Früchte fielen herab und verdorrten, Blumen schrumpften +zusammen und bald kam ein Windstoß zum Gemach herein, der wehte alles +herab, so daß der köstliche Zauber in einem Augenblick verschwunden war +und alle Gäste nun vermeinten, sie hätten bloß geträumt. + +Bei einem anderen Zechgelage mit Studenten ließ Faust einmal neben +vielen Braten auch einen schönen, großen, gebratenen Kalbskopf +auftragen. Er bat einen der Studenten, den Kopf zu zerlegen. Als dieser +nun das Messer ansetzte, fing der Kalbskopf mit lauter Stimme an zu +sprechen: »Mordio! Helfio! Auweh! Was hab' ich dir getan, du elender +Rotzlöffel!« + +Ein andermal ließ Faust während einer Tafel Wolken heraufziehen, und +als sie sich teilten, leuchteten die Sterne hindurch; nach einer Weile +türmte sich neues Gewölk auf, die Sonne begann heftig zu blenden, so +daß alle Anwesenden sich bekreuzten; ein Regenbogen wölbte sich vor +der Tafel des Kaisers; bald verschwand er wieder und es folgten Blitz, +Donner, Hagel und strömender Regen. Die Gäste flohen entsetzt, obwohl +keiner Schaden gelitten hatte. + +Einem Freiherrn, der bei Eisleben wohnte, schuf Faust einen Lustwald +voll Nachtigallen, Drosseln, Fasanen und Papageien; einige von den +Vögeln verkündeten die Zukunft; als Faust aber gestorben war, flogen +sie alle wieder davon. + +Als nun die vierundzwanzig Jahre, welche Faust sich von der Hölle +ausbedungen hatte, verflossen waren, wurde er vom Teufel geholt, +erzählt die Sage. Er setzte seinen Famulus Christoph Wagner zum +Erben ein und trug ihm auf, alle seine Kunststücke, Zauberpossen und +wunderlichen Abenteuer, die er getrieben, getreu aufzuzeichnen und sie +in eine Historie zu bringen. + +[Illustration: Doktor Faust in seinem Studierzimmer.] + +Am Morgen seines letzten Tages zog Faust mit vielen Freunden in das +Dorf Rimlich bei Wittenberg und erzählte ihnen voller Reue, wie er sein +Leben verspielt habe und was ihm nun bevorstehe. »Wisset« -- sagte er +-- »daß ich von Jugend an, während mich Gott mit einem guten Verstand +begabt hat, mit solcher Gabe nie zufrieden war, sondern viel höher +hinaus und über andere emporkommen wollte. Darum habe ich mich mit +Ernst und Fleiß auf die Schwarzkunst gelegt. Jedoch meine Vermessenheit +geriet mir bald zum Bösen. Ich mußte mich dem höllischen Luzifer mit +Leib und Seele verschreiben, Gott lästern, die heilige Dreifaltigkeit +höhnen und der Kirche absagen. Dafür habe ich gutes Essen und Trinken +eingetauscht und die Erfüllung aller Begierden. Fressen, Saufen und +Spielen waren meine Vergnügungen, für die ich nun meine ewige Seligkeit +verloren habe. Ich habe Gott den Herrn verlassen und nun gehöre ich dem +Satanas.« + +In der Nacht zwischen zwölf und eins, als Fausts Stundenglas abgelaufen +war, erhob sich ein mächtiger Wirbelsturm. In Fausts Zimmer hörte man +ein grauenerregendes Pfeifen und Zischen, als ob das ganze Haus von +Nattern und Schlangen erfüllt wäre. Fausts Tür ging auf; mit schwacher +Stimme hörte man ihn noch um Hilfe rufen, dann war alles still und +stumm. Am nächsten Morgen fand man Fausts ganzes Zimmer mit Blut +bespritzt; sein Körper lag auf einem Misthaufen. + +Noch nach dem Tode erschien Faust seinem Famulus und offenbarte ihm +vieles Geheime. Auch sahen ihn viele, die bei Nacht an seinem Hause in +Wittenberg vorübergingen, zum Fenster herausschauen. Und in dem Hause +ward es seit seinem Tode so unheimlich, daß kein Mensch sich mehr +getraute, darin zu wohnen. Noch lange, lange nachher blieb es verrufen. +Im Dreißigjährigen Kriege rettete sich der Dorfschulze zu Brade +bei Wittenberg dadurch das Leben, daß er dem Soldaten, der auf ihn +eingedrungen war, sagte, dies sei das Haus, in welchem Doktor Faust, +der Schwarzkünstler, vom Teufel geholt worden sei. Zum Beweise zeigte +er sogar an der Wand eine blutbefleckte Stelle, und der Soldat entfloh +mit Schrecken. + +Faust soll auch Zauberbücher geschrieben haben. Das berühmteste trug +den Titel: »~Doktor Fausts großer und gewaltiger Höllenzwang~, +mächtige Beschwörungen der höllischen Geister, besonders des Aziels, +daß dieser Schätze und Güter von allerhand Arten gehorsamvoll, ohne +allen Aufruhr, Schreckenssetzung und Schaden vor den gestellten Kreis +seiner Beschwörer bringen und zurücklassen müsse«. + +Nach Zwickau kamen noch im Jahre 1700 Schatzgräber und forderten unter +schweren Drohungen Fausts Bücher, die sich auf der Zwickauer Bibliothek +befinden sollten. Die Zwickauer Schüler lernten aus Fausts Schriften +angeblich das Mantelfahren und flogen -- so redeten sie der Menge ein +-- auf ihren Schulmänteln über die Stadtmauern und um die Teiche herum. +Wer Fausts »Höllenzwang« vorwärts las, dem erschien der Teufel; las man +ihn rückwärts, so entfloh er wieder; wer ihn aber nicht rückwärts lesen +konnte, der wurde vom Satan umgebracht. -- + +So hieß es jahrhundertelang. + +Noch heute gibt es Betrüger genug, die sich als Hexenmeister aufspielen +und dem abergläubischen Volk unter Berufung auf Fausts »Höllenzwang« +die Sparpfennige aus den Taschen locken. Auch diese Gaukler verstehen +es, gebratene Kalbsköpfe mittels der Bauchredekunst sprechen, +mit Hilfe von versteckten Schattenbilderlampen Gestalten aus der +Unterwelt erscheinen zu lassen und einen Regen blanker Goldstücke +aus dem Ärmel zu schütteln, einem Menschen den Kopf abzuschlagen und +wieder aufzusetzen usw. Insbesondere haben die auch in Deutschland +herumziehenden indischen Fakire diese Taschenspielerkünste auf eine +ganz erstaunliche Höhe gebracht. Und wenn man sieht, daß sich selbst +die kühlsten Beobachter durch diese Kunststücke oft blenden lassen, +kann man es gut verstehen, daß das unwissende Volk Zauberei und Spuk +in den Kunststücken erblickte, die durch einfache Fingerfertigkeit zu +erklären waren. Aber immerhin beweisen diese modernen Schwarzkünstler, +daß Faust und seine Taten in der Seele des Volkes noch immer lebendig +sind. + + + + + Goethe der Botaniker. + + +Wenn man von Goethe erzählt, so spricht man vom Juwel des ganzen +Menschengeschlechts. In einem kurzen Überblick den größten Menschen und +bedeutendsten Dichter der Welt betrachten, das wäre darum ein ebenso +unwürdiges, wie tollkühnes Beginnen. + +Selbst wenn man sich darauf beschränkt, nur eine kleine Seite dieses +gewaltigen Geistes zu beschreiben, ist man ob der Fülle des Materials +in Verlegenheit. Umfaßt doch heute die Literatur über Goethe schon eine +Bibliothek, die mehr als zehntausend Bände zählt. + +Darum soll hier nicht von seinen herrlichen Dichtungen die Rede +sein, die in der gesamten Weltliteratur unübertroffen dastehen; +auch das Leben Goethes sei hier nicht geschildert, obwohl viele +Forscher im Zweifel sind, ob Goethe als Mensch nicht noch größer und +bewundernswürdiger war, denn als Dichter. + +Nie vorher und nie nachher hat ein Mensch eine so umfassende Bildung +besessen wie Goethe; aber ebenso groß war auch sein Edelmut und seine +Hochherzigkeit; er war hilfreich und gut, selbstlos, pflichtgetreu +und unermüdlich in der Arbeit. Als Dichter und als Übersetzer, als +Kunsthistoriker und als Naturforscher hat er alle Pforten der Schönheit +vor uns aufgeschlossen. Er erst hat uns gelehrt, Kunst und Natur in +vollen Zügen zu genießen. Denn ~vor~ Goethe wußte man nicht, wie +herrlich das Reisen ist, und wie voll tausend heimlicher Wunder die +Natur! Die Sehnsucht, die ~uns~ heute ins Gebirge und in die +Wälder zieht, die Freude, die wir heute in Flur und Au, an der See und +in den Alpen empfinden, hat erst Goethe in uns geweckt. Unsere Ahnen +kannten sie nicht. Für den Menschen des Altertums und Mittelalters +waren Wälder und Berge Orte des Grauens und Schreckens, vor denen man +sich fürchtete. Dazu kam die Unsicherheit vieler Gegenden, in denen +sich Räuber und wilde Tiere aufhielten; ferner die Kostspieligkeit +und Beschwerlichkeit des Reisens überhaupt und die höchst mangelhafte +Verpflegung. Wenn man reiste, um sich zu zerstreuen, so suchte man die +Städte auf, um fremde Länder und fremde Menschen kennen zu lernen; aber +die freie Gottesnatur verachtete man; sie war der Aufenthalt böser +Geister und Dämonen. Nur Menschenfeinde, Besessene oder Einsiedler +suchten die Waldeinsamkeit auf, in der sie niemand störte. Vor Goethe +sang man nicht die herrlichen Rheinlieder, kannte man nicht die +Fußreisen durch den Harz, Thüringer Wald, den Schwarzwald oder das +Riesengebirge. Vor Goethe dachten nur wenige daran, die eisbedeckten +Alpengletscher zu besteigen oder um der Kunst und glühenden Landschaft +willen eine Reise nach Italien zu machen. Der Idyllendichter Salomon +Geßner, der Naturforscher und Poet Albrecht von Haller, dem wir das +große Gedicht über »Die Alpen« verdanken, der pädagogische Reformator +Rousseau, Winckelmann, der sein Leben der Wiedererweckung der antiken +Kunst geweiht hat, unser Dichter Lessing -- das sind einige berühmte +Ausnahmen, die größere Reisen oder Fußwanderungen nach den Alpen +beziehungsweise nach Italien unternommen hatten und die ziemlich +vereinzelt dastehen. + +Die Natur war nur für die Fachgelehrten da; soweit Lehrer, Ärzte, +Apotheker und Kräutersammler sie eben beruflich brauchten. + +Aber es ist klar, daß diese unbegrenzte Liebe Goethes zur Natur +ihn auch nicht eher ruhen ließ, als bis er sie im Innersten erfaßt +und erkannt hatte. Und so gibt es denn auch kaum ein Gebiet der +Naturwissenschaften, auf dem er nicht Unvergängliches, Grundlegendes +und Bleibendes geleistet hätte. Mit seinen Arbeiten über Anatomie und +Optik, Mineralogie und Geologie, Meteorologie und Klimatologie haben +sich die größten Gelehrten beschäftigt und auseinandergesetzt. Seine +Arbeiten auf diesen Gebieten haben anregend und fruchtbringend gewirkt, +und keiner, der sich dem einen oder anderen Gebiet zuwenden will, kann +an Goethe achtlos vorübergehen. + +Wir wollen uns hier ein wenig mit Goethe dem Botaniker befassen, wo wir +ihn unmittelbar in der Natur wirken sehen. + + * * * * * + +Er selbst berichtet uns, daß er als Frankfurter Stadtkind noch nicht +einmal den Unterschied der drei Reiche gekannt habe; infolgedessen +hatte er sich auch wenig mit dem Reiche der Blumen beschäftigt. Erst +als er in Weimar einzog, als Sechsundzwanzigjähriger, beglückte ihn der +Gewinn, Staub und Stadtluft mit Land, Wald und Garten zu vertauschen. +Und erst durch seinen Beruf als Minister am Weimarer Hofe, wurde er +zur ernsten Beschäftigung mit den Naturwissenschaften geführt. Er +hatte die Leitung der Forstverwaltung, und durch seine Teilnahme an +den großen Jagden im Thüringer Wald begann er die Natur der Bäume zu +studieren. Der Herzog hatte ihm einen großen Garten geschenkt, »ein +rechter Gelehrtengarten«, der ihm eine reiche Quelle zur Beobachtung +der Pflanzen wurde, und in dem sein Geist ausruhen konnte. + +Wenn man vom Schloß Weimar kommend, die Ilm überschreitet, gelangt +man zum Stern, in dessen Nähe am Abhang des Ilmtales der ansteigende +Goethesche Garten liegt. Am Fuße der Schrägung steht ein einfaches +Gartenhaus, dessen erstes Stockwerk unter Schlingpflanzen, Geißblatt +und wilder Rebe versteckt ist. Mitten im Gartenhang befindet sich eine +einladende Laube, von hohen Bäumen und Sträuchern umgeben, von der man +eine anmutvolle Aussicht genießt. Eine Steintafel, die da eingefügt +ist, erzählt uns, daß diese Laube die Geburtsstätte herrlicher +Dichtungen war, und daß Goethe hierher ging, um seine Sorgen und Kämpfe +zu überdenken, seinen Forschungen und stillen Freuden nachzuhängen. Die +umgebenden Bäume besaßen die ganze Liebe Goethes. + + »Sag' ich's euch, geliebte Bäume, + Die ich ahndevoll gepflanzt, + Als die wunderbarsten Träume + Morgenrötlich mich umtanzt. + Wachset wie aus meinem Herzen, + Wachset in die Luft hinein; + Denn ich grub ja Freud' und Schmerzen + Unter eure Wurzeln ein.« + +Oft saß Goethe nachts auf dem Altan des Gartenhauses und schlummerte, +während laute Gewitter ihn umtobten. Er fand es unter Blitz, Donner und +Regen so herrlich, daß ihm das Bett leid wurde, und so oft er erwachte, +mitternachts, um zwei, um vier Uhr, immer entzückte ihn von neuem die +Herrlichkeit des Himmels. Seiner Freundin Charlotte von Stein schickte +er bald selbstgezogenen Spargel, eigengezüchtete Rosen, Erdbeeren usw. +Selbst in Winternächten weilte er gern hier. Und als er endlich 1782 +in sein vornehmes Stadthaus übersiedelt, und ihm jemand den Garten +abkaufen will, geht er noch einmal hinaus. »Jede Rose sagte zu mir: und +du willst mich weggeben? In dem Augenblick fühlte ich, daß ich diese +Wohnung des Friedens nicht entbehren könne.« + +Ein so inniges Leben im Garten mußte in Goethe natürlich viele Gedanken +über das Walten und Weben der Natur auslösen. Wenn er durch die Felder +reitet, denkt er über die Entstehung und Bildung der Erdoberfläche +nach und um bei seinen Studien im Reiche der Pflanzen nicht ohne +Lehrer zu sein, wählt er die Werke Linnés, der erst vor wenigen Jahren +verstorben war, nachdem er die ganze naturgeschichtliche Anschauung +seiner Zeit beherrscht und reformiert hatte. + +Aber Goethe fand sich in dieser rubrizierten und klassifizierten Welt +Linnés nicht zurecht. Er studierte auf eigene Faust weiter und weckte +in seiner ganzen Umgebung dieselbe Leidenschaft für botanische Studien. +Der Herzog selbst wurde ein eifriger Gartenliebhaber, schaffte die +seltensten ausländischen Gewächse in seine Gartenhäuser und kaufte für +seine Bibliothek die kostbarsten botanischen Werke an. Goethe kaufte +Mikroskope zum genaueren Studium, sezierte Kokosnüsse und stellte +mit den verschiedensten Samen allerhand Keimversuche an, mit Pisang, +Kaktus, Trüffeln, Morcheln, Steinpilzen, Pfefferkörnern, Leinsamen, +Roggen, Erbsen, Linsen, Kartoffeln, Tee, Bier, Fichtenzweigen. +Bald schreibt er einem Freunde: »Ich habe in der Botanik hübsche +Entdeckungen und Kombinationen gemacht,« und einer Freundin: »Wie +lesbar mir das Buch der Natur wird, kann ich Dir nicht ausdrücken; mein +langes Buchstabieren hat mir geholfen, jetzt wirkt's auf einmal, und +meine stille Freude ist unaussprechlich.« + +Im Juni 1785 begibt sich Goethe in Gesellschaft von seinem Freunde +Knebel auf die Reise. Auf dem Burgweg bei Jena begegnen sie +einem siebzehnjährigen Studenten namens Dietrich, der mit der +Botanisiertrommel auf dem Rücken heimwärts wandert. Er wird aber von +Goethe angehalten, muß die Büchse öffnen, die Pflanzen herausnehmen, +ihre lateinischen und deutschen Namen aufsagen, Klasse und Ordnung des +Linnéschen Systems angeben, den Nutzen in Land- und Hauswirtschaft +erläutern. Da er das Examen recht gut besteht, wird er von Goethe +zu einem Spaziergang eingeladen, auf dem beide Federgras pflücken, +Frauenschuh, Spinnen- und Fliegenorchis, das bleiche Vogelnest und +andere botanische Zierden der Jenenser Kalkberge. Dietrich wird +aufgefordert, die Herren auf einer Reise durchs Fichtelgebirge und ins +Karlsbad zu begleiten, und hocherfreut sagt er zu. + +Tags darauf macht sich die Gesellschaft auf den Weg; da Goethe aber +unterwegs erkrankt, muß die Reise auf sechs Tage unterbrochen werden. +Dann geht's über Schleiz, Hof und Weinsiedel ins Fichtelgebirge hinein. +So oft man an einer Wiese vorbeifährt, muß der Kutscher anhalten; der +Student steigt aus, um die merkwürdigsten Pflanzen zu sammeln und den +Herren im Wagen vorzuzeigen, während Goethe, Linnés »System« auf den +Knien, in dem Buche blättert und Linnés Beschreibung nachliest. + +In den Bergen besteigt die kleine Reisegesellschaft den Seeberg und +den Ochsenkopf. In einer Schlucht erblickt Goethe auf dem Grunde einen +purpurroten Fleck, der seine Verwunderung erregt. Sofort steigen die +Herren hinab und erblicken ein Torfmoor, auf dem der Sonnentau mit +seinen purpurnen Blattrosetten sich so massenhaft angesiedelt hat, +daß das Moor wie ein blutroter Teppich erscheint. Goethe untersucht +die Pflanzen sorgfältig und findet an den Blättern kleine Insekten +haften. Es ist der ~insektenfressende Sonnentau~, der, sobald +er mit seinen klebrigen Blütenblättern ein Insekt gefangen hat, es +nicht mehr losläßt und, wie die Schlange ihr Opfer verschlingt und +nach einiger Zeit die unverdauten Reste auswirft, das gefangene Tier +in seinem Kelche einschließt, ihm -- wie die Spinne -- mörderisch das +Blut entzieht, die Weichteile aufzehrt und erst dann wieder seine Blüte +öffnet, wenn neuer Hunger ihn treibt, und wenn ihm das unverdauliche +Hautskelett des Opfers lästig wird. + +Aber nicht nur das lebende Insekt wird von dem Sonnentau mit großem +Appetit verzehrt. In der Verdauungskunst können die Blättchen des +Sonnentaus überhaupt mit jedem Tiermagen in den Wettkampf treten. Sie +verdauen auch leicht das rohe, das gekochte und gebratene Kalb- und +Rindfleisch. Gekochtes Eiweiß bekommt ihnen ebenfalls vortrefflich. +Sie sind auch Freunde eines scharf paprizierten Käses. Ja, sogar +an Knorpel, Leim, stickstoffreichen Pflanzensamen, Blütenstaub, +Knochensplittern und selbst am steinharten Zahnschmelz verderben sie +sich ihren beneidenswerten Magen nicht. Dagegen verschmähen sie jedwede +mehlige, fette, süße und saure Speise; essen, wenn man ihnen fettes +Fleisch reicht, wie viele Menschen, nur das Fleisch und lassen das +Fett liegen, und können sich, wenn man sie überfüttert oder ihnen die +Mahlzeiten zu schnell hintereinander verabreicht, wie die Kinder, an +den Folgen der Magenverstimmung und der unregelmäßigen Nahrungszufuhr +eine schwere Krankheit, ja sogar den Tod holen. + +So ist Goethe einer der Ersten, der eine insektenfressende Pflanze +beobachtete. Denn erst fast ein Jahrhundert später hat der große +Naturforscher Darwin sein Werk über die insektenfressenden Pflanzen +veröffentlicht. + +Die Pflanzen, die Goethe auf dieser Reise sammelte, hat er in Herbarien +eingelegt, die man noch jetzt im Goethe-Haus zu Weimar sehen kann, wo +sie in acht schwarzgestrichenen Holzkisten untergebracht sind. Die +Pflanzen sind in die vierundzwanzig Klassen des Linnéschen Systems +eingeteilt und sauber auf Papierblätter aufgeklebt; daneben stehen die +deutschen und lateinischen Namen. Auch Goethes Pflanzenpresse ist noch +vorhanden. + +Als die Reisenden endlich in Karlsbad angelangt waren, hatten sie +sofort einen Kreis erlesener Freunde um sich: Frau von Stein, Gräfin +Bernstorff, die Fürstin Lubormirska, Graf Brühl, Herder, Voigt, Bode. + +Schon in aller Herrgottsfrühe muß Dietrich, der junge Kräutersammler, +die Flora Karlsbads absuchen, die gesammelten Pflanzen in großen +Bündeln an den Brunnen bringen und, während Goethe seine bestimmte +Anzahl Becher leert, ihre Namen laut ausrufen. Die Pflanzen werden +sorgfältig eingelegt und Goethe erklärt seinem Kreise die Ideen, die +die Pflanzen in ihm erweckt haben. + +Nun läßt ihm die Botanik keine Ruhe mehr; von den hochentwickelten +Pflanzen wagt er sich jetzt bereits in das schwer zu durchwandernde +Reich der Kryptogamen, studiert Moose, Schwämme, Flechten und Algen. +Im Winter 1785/86 setzt er eifrig das Botanisieren und Mikroskopieren +fort. Im Juni schreibt er an seine Freundin, Frau von Stein: »Die +Blumen haben mir wieder gar schöne Geschichten zu bemerken gegeben, +bald wird es mir gar hell und licht über alles Lebendige.« Und ein paar +Tage darauf: »Ich bin von tausend Vorstellungen getrieben, beglückt und +gepeinigt; das Pflanzenreich rast wieder in meinem Gemüte, ich kann es +nicht einen Augenblick loswerden, mache aber auch schöne Fortschritte. +Es ist eine wunderbare Epoche, in der Du mir eben fehlst. Am meisten +freut mich jetzt das Pflanzenwesen, das mich verfolgt, und das ist's +eben, wie mir die Sache zu eigen wird. Es zwingt sich mir alles auf; +ich sinne nicht darüber, es kommt mir alles entgegen, und das ungeheure +Reich vereinfacht sich mir in der Seele, so daß ich die schwerste +Aufgabe gleich weglesen kann. Wenn ich nur jemand den Blick und die +Freude mitteilen könnte! Es ist aber nicht möglich: und es ist kein +Traum, keine Phantasie, es ist ein Gewahrwerden der Form, mit der die +Natur gleichsam nur immer spielt und spielend das mannigfaltige Leben +hervorbringt. Hätte ich Zeit in dem kurzen Leben, so getraut' ich mich, +es auf alle Reiche der Natur, auf ihr ganzes Reich auszudehnen.« + +Ende des Jahres 1786 ging Goethe über den Brenner nach Italien. Am +Walchensee bemerkt er den ersten Bergahorn und die erste Gentiane, +hinter Innsbruck die ersten Lärchenbäume, an der Brennerstraße die +ersten Zirbelkiefern. Er stellt Betrachtungen an über den Einfluß +des Höhenklimas auf die Gestaltung der Alpenpflanzen. Und inmitten +der Weingelände des wilden Etschtales, inmitten der Maisfelder, der +Fruchtbäume, der Maulbeer-, Nuß- und Quittenbäume fühlt er sich wie +neugeboren. In Verona erregen die Jahrhunderte alten Zypressen in ihm +das Gefühl der Verehrung. Als er einige Zweige mit grünen Zapfen und +einige blühende Zweige der Kapernstaude sich von einem Diener nach +Hause tragen läßt, schauen ihm die Vorübergehenden auf die Finger »und +machen sich ihre Gedanken dabei«. + +Aber erst im botanischen Garten von Padua tritt ihm die +Pflanzenherrlichkeit des Südens in überwältigender Pracht vor Augen; +zauberhaft leuchtet ihm eine hohe breite Mauer mit feuergelben Glocken +der kletternden Bignonie entgegen. Eine Fächerpalme, die erste im +Lande, zieht seine ganze Aufmerksamkeit an. Diese Palme lebt noch +heute und überrascht mit ihrem siebenfach verzweigten Riesenstamm, +ihren grünen Blattfächern und ihren gelben Blütenrispen den deutschen +Besucher als eine lebende Reliquie des großen Dichters; sie ist mit +einer Inschrift versehen, die sie als »Goethepalme« bezeichnet und +so Goethes Besuchs im botanischen Garten gedenkt. »Hier in dieser +mir entgegentretenden Mannigfaltigkeit,« schreibt Goethe, »wird mir +der Gedanke immer lebendiger, daß man sich alle Pflanzengestalten +vielleicht aus ~einer~ entwickeln kann. Hierdurch wird es möglich +werden, Geschlechter und Arten wahrhaft zu bestimmen ... Auf diesem +Punkt bin ich in meiner botanischen Philosophie stecken geblieben und +sehe noch nicht, wie ich mich entwirren will.« + +Aber seine Gedanken wachsen immer mehr. Je weiter Goethe nach Süden +kommt, desto mehr fremdartige Pflanzen bemerkt er, die er in jedem +Garten, auf jeder Lustfahrt sammelt. »Die Botanik übe ich auf Wegen +und Stegen, ich werde immer sicherer, daß ich die allgemeine Formel +gefunden habe, die auf alle Pflanzen anwendbar ist.« Viele Versuche aus +jener Zeit sind noch erhalten; so einige Dattelpalmen, die Goethe aus +Kernen herangezogen, um ihre Entwicklung zu beobachten. Sie schmücken +noch heute als hundertjährige Goethepalmen in der Villa Malta einen der +Hügel von Rom. + +Als Goethe im Frühjahr 1788 nach Weimar zurückkehrt, liegen die Lehr- +und Wanderjahre in den Naturwissenschaften hinter ihm; er ist zum +Meister gereift. Je mehr er sich der Heimat entfremdet fühlt, desto +verwandter wird ihm die Natur. »Aus Italien, dem formenreichen, war +ich in das gestaltlose Deutschland zurückgekehrt, heiteren Himmel mit +trübem zu vertauschen. Im Laufe von zwei vergangenen Jahren hatte ich +ununterbrochen beobachtet, gesammelt, gedacht, jede meiner Anlagen +auszubilden gesucht; der Natur glaubte ich abgemerkt zu haben, wie +sie gesetzlich zu Werke geht, um lebendiges Gebild als Muster alles +Künstlichen hervorzubringen ... Aber schmerzlich vermißte ich jede +Teilnahme; die Freunde, statt mich zu trösten und wieder an sich zu +ziehen, brachten mich zur Verzweiflung. Niemand verstand meine Sprache.« + +Es vergingen nach der Rückkehr aus Italien noch zwei Jahre +ununterbrochenen Studierens, Beobachtens und Durchsprechens mit den +Freunden, ehe er mit seinen botanischen Ideen an die Öffentlichkeit +trat. Endlich, im Frühjahr 1790, hatte er den »Versuch, die +Metamorphose der Pflanzen zu erklären«, zugleich mit der Faustdichtung +der Öffentlichkeit übergeben. Aber die Ernte seines jahrelangen +Bemühens, zu zeigen, ~daß sich die mannigfaltigen Erscheinungen der +Flora auf ein allgemeines einfaches Prinzip zurückführen lassen~, +war ein großer entmutigender Mißerfolg. Die Fachgelehrten lehnten das +Werk Goethes als das eines außerhalb der Zunft stehenden Dilettanten +ab; sie sahen ein freches Wagnis darin, das festgefügte Gebäude des +Linnéschen Systems erschüttern zu wollen. Die Freunde überschütteten +Goethe mit gutgemeinten Warnungen, die blühenden Auen der Poesie mit +Gewächshäusern und getrockneten Herbarien zu vertauschen. Kurz, Goethe +stand einsam. »Es ist die größte Qual,« ruft er aus, »nicht verstanden +zu werden, wenn man nach großer Bemühung und Anstrengung sich endlich +selbst und die Sache zu verstehen glaubt; es treibt zum Wahnsinn, den +Irrtum immer wiederholen zu hören, aus dem man sich mit Mühe gerettet +hat.« + +Das Unglück Goethes war, daß er seine Abhandlung um ein Jahrhundert +zu früh hatte erscheinen lassen, ehe es Botaniker gab, die imstande +waren, sie zu studieren und zu verstehen. Er fand zwar manche +Anerkennung, aber im großen und ganzen war seine Zeit nicht reif dafür. + +Trotz aller Enttäuschungen dachte Goethe aber daran, einen zweiten +Teil der Metamorphose herauszugeben, der die erläuternden Abbildungen +und Beweise für seine neue Lehre bringen sollte. Herbarien wurden +gesammelt, Merkwürdigkeiten in Spiritus verwahrt, Zeichnungen +verfertigt, Kupfer gestochen. + +Inzwischen hatte in Frankreich Rousseau, der ebenfalls ein +leidenschaftlicher und bahnbrechender Botaniker war, aufs +eindringlichste dahin gewirkt, daß an Stelle der Linnéschen +Klassenunterschiede die Ordnung der Natur zu ihrem Rechte komme. Goethe +zögerte nicht lange, die neue Ordnung in seinem Weimarer Berggarten +aufzunehmen, und der gegenwärtige Goethesche Garten zeigt noch heute +dieselbe ursprüngliche Anordnung in vier geradlinige, rechteckige +Beete, die von Buchskanten, alten Rosenstöcken, Geißblatt und anderen +Schlingpflanzen eingefaßt sind. In der Mitte befinden sich zwei +kreisrunde Rabatten, sowie ein schöner Laubengang, der von einer +Kornelkirschhecke gebildet wird; prächtige alte Bäume wachsen darin; +Blutbuchen, Kastanien, Eschen, Robinien. + +Goethe wandte sich nun vorzugsweise der ~Physiologie~ der Pflanzen +zu; er studiert zunächst die Wirkung des Lichtes auf die Pflanze. Im +Sommer 1796 läßt er sich Glastafeln anfertigen aus gelbem, blauem und +violettem Glas; diese Gläser läßt er in Rahmen fassen, und die Rahmen +legt er auf Holzkästchen, die bis zur Hälfte mit Erde angefüllt sind, +in welcher die verschiedensten Samen ruhen, die gut gepflegt und zur +Entwicklung gebracht werden. + +Fast jeden Tag hob Goethe die Glastafeln auf, um zu kontrollieren, ob +die Farbe der Gläser auf das Wachstum der Pflanzen von Einfluß sei. +Dann untersuchte er, wie sich Pflanzen entwickeln, denen man das Licht +entzieht. Zu dem Zwecke ließ er in einem leeren Gewächshause eine +Menge verschiedener Blumensamen in die Erde aussäen und das Haus durch +Läden verfinstern. Herder hatte die irrige Meinung, die Keime würden +sich ohne Licht überhaupt nicht entwickeln; die Zukunft belehrte ihn +aber, daß die Keime sich wohl entwickelt hatten, daß die Blättchen aber +klein und blaßgrün geblieben waren. Aber sobald Goethe im Juli die +Läden fortnehmen ließ, gewannen die weißlichen Blättchen bald wieder +ihre gesunde grüne Farbe zurück. + +In einer klaren Juninacht ging Goethe einmal in seinem Garten auf +und ab und beobachtete plötzlich auf den Blumen des roten Mohns ein +flammenähnliches Aufblitzen. Goethe stellte fest, daß es sich dabei +nicht um ein wirkliches Aufleuchten, sondern nur um eine besondere +Farbenerscheinung handelte. + +So war er unablässig bemüht, neue Beispiele des Bildens und Umbildens +der Pflanzen zu sammeln; besonders förderte ihn sein Verhältnis zur +Universität Jena, deren Kurator er war. Unter Goethes wohlwollender, +geschäftskundiger und intelligenter Leitung führte er mit den +bescheidensten Mitteln eine Blüte dieser Hochschule herbei, die +ohnegleichen war. Er gründete Bibliotheken, Institute und Sammlungen +und legte einen botanischen Garten und ein Museum an. So oft er in +Jena war, bewohnte er das schlichte Gartenhaus, dessen einfache +Zimmereinrichtung der moderne verwöhnte Mensch nicht ohne Rührung +betrachtet. + +Hier knüpfte Goethe auch Beziehungen zu dem achtundzwanzigjährigen +Alexander von Humboldt an, der sich vor seiner großen amerikanischen +Reise lange in Jena aufhielt. »Meine naturhistorischen Arbeiten sind +durch Humboldts Gegenwart aus dem Winterschlaf geweckt,« schreibt +Goethe an Knebel. Und an Humboldt selbst: »Es waren die schönsten Jahre +meines Lebens, wo ich in Ihrer Nähe Ihres wohltätig begeisternden +Einflusses genoß.« Zu Eckermann sagte Goethe: »Was persönlicher +Gedankenaustausch fördert, empfinde ich, wenn Männer wie Humboldt hier +durchkommen, und mich in dem, was ich suche und was mir zu wissen nötig +ist, in einem Tage weiterbringen, als ich sonst auf meinem einsamen +Wege in Jahren nicht erreicht hätte.« + +Goethes Idee der Metamorphose der Pflanzen, die darauf beruhte, daß +der Bauplan der Pflanze unendlich einfach sei, insofern sie immer nur +ein- und dasselbe Organ in den verschiedensten Formen entwickelt, +diese Idee ist heute selbstverständliches Gemeingut der Wissenschaft +geworden, und man hat darüber vergessen, wie viele jahrelange Kämpfe es +Goethe gekostet hat, sie durchzusetzen. Erst der fast siebzigjährige +Forscher kann rückblickend sagen: »Mir ist ein erwünschtes Los +gefallen. Jünglinge gelangten auf den Weg, dessen ich mich erfreue, +teils veranlaßt durch meine Vorübung, teils auf der Bahn, wie sie +der Zeitgeist eröffnet. Stockung und Hemmnis sind nunmehr kaum zu +befürchten; eher vielleicht Voreiligkeit und Übertreibung, als +Krebsgang und Stillstand. In so guten Tagen, die ich dankbar genieße, +erinnert man sich kaum jener beschränkten Zeit, wo meinen ersten +Bestrebungen niemand zu Hilfe kam.« + +Und noch immer läßt er nicht ab, alles, was ihm im Leben der Pflanzen +als bemerkenswert auffällt, aufzuzeichnen. Mit herzlicher Freude +vernimmt er, daß ein botanischer Freund einem der edelsten Bäume des +brasilianischen Urwaldes den Namen »Goethea« gegeben. + +Doch nun kommen die Jahre, in denen er sich müde fühlt, dem Wanderer +gleich, der still ausruht und die rüstige Jugend an sich vorbeiziehen +läßt, um neue Länder zu entdecken und unbebaute Felder der Wissenschaft +urbar zu machen. »Es ist das höchste Glück des Menschen, das +Erforschbare erforscht zu haben und das Unerforschte in Ehrfurcht zu +genießen.« + + * * * * * + +Wie sehr Goethe seine ~poetischen~ Werke mit Gleichnissen aus der +Pflanzenwelt geschmückt hat, ist zu bekannt, als daß man es besonders +hervorheben müßte; aber wir wissen jetzt, daß er diese Symbole aus +eigener Anschauung, gewissermaßen direkt aus den Händen der Natur, +empfangen hat, und wir wissen ferner, daß ihn seine botanischen Studien +gelehrt haben, die ganze Natur als ein ~einziges~ großes Reich +zu betrachten; er teilte sie nicht in drei Reiche. Für ihn gab es +nur ~ein~ Reich des Lebens, das von den einfachsten Anfängen in +unzähligen Zwischenstufen Schritt für Schritt sich zu den höchsten +Gestaltungen erhebt, überall denselben Gesetzen unterworfen. Keine +neuen Kräfte, keine ihrem Wesen nach verschiedene Tätigkeiten treten +auf. Der Baum des Lebens ist ein einziger und einheitlicher, der seine +Wurzeln in den Gebilden der ~Pflanzen~ ausbreitet, sich in den +Stämmen der ~Tiere~ zu immer vollkommeneren Formen erhebt und im +~Menschen~ die höchste Blüte entfaltet. + +Worin -- habe ich mich oft gefragt -- besteht wohl die große und +tiefe Freude, die Feld und Wald uns bereiten? Ist diese Freude etwas +anderes als eine Ahnung der geheimnisvollen Beziehung, die zwischen dem +Menschen und der Pflanzenwelt besteht? Denn seit der Mensch auf der +Erde wandelt, hat er die Natur, die ihn umgibt, in sich aufgenommen +und für seine Vorstellungen auszubeuten gesucht. Der Mensch fing an, +die verschiedenen Pflanzengestaltungen zu prüfen, inwiefern die eine +mehr, die andere weniger das andeutete, was in seinem Inneren vorging. +Durch die Pflanzen, die er wählte, teilte er seine Gefühle mit. Die +weiße Lilie entsprach der Unschuld, das Leberblümchen dem Ärger, die +Klette bedeutete Anhänglichkeit, die Brennessel Bosheit, das Veilchen +Bescheidenheit, die Schlüsselblume Aufrichtigkeit, das Heidekraut +Einsamkeit, die Aster Kummer, der Lorbeer Ruhm, die Palme Sieg, die +Eiche Stärke und Ehre, der Wein Fröhlichkeit, die Ähre Fruchtbarkeit, +die Dornen Unglück, das Immergrün Hoffnung, die Rose Liebe, der +Rosmarin Tränen, die Zypresse den Tod usw. Man sprach durch Blumen, wie +die alten Ägypter sich durch Bilder verständigten. + +Der Mensch erkannte die unzähligen innigen Beziehungen, die zwischen +Mensch und Pflanze herrschen, in bezug auf Wachstum, Klima, Nahrung, +Verdauung, Schlaf, Gefühl, Seele; in bezug auf Ironie und Grobheit, +Karikatur und Schönheit, Gefräßigkeit und Bescheidenheit, Parasiten- +und Schmarotzertum, Reichtum und Armut, Umgebung und Gesellschaft, Luft +und Wetter, Kost und Bekleidung, Persönlichkeit und Menge, Genialität +und Philisterium, Raffiniertheit und Intelligenz, Frechheit und Anmut. +Denn es gibt keinen Zustand, keine Daseinsform, die in der Pflanzenwelt +nicht ihre Verkörperung gefunden hätte. + +Das ~Klima~ beeinflußt die Pflanzenwelt in dem gleichstarken Grade +wie den Menschen. In der heißen Zone leben die fast durchweg schlanken +und breitschulterigen nackten Menschen, im Norden Asiens die kleinen +verkümmerten Beringsvölker. Ebenso sprießt die Pflanzenwelt der heißen +Zone üppig und verschwenderisch, während die Flora der nördlichen +Breitengrade ein trauriges zwerghaftes Dasein fristet. + +Wie die Pflanzen sind auch die Menschen entweder durch natürliche +~Grenzen~, durch Meere oder Hochgebirge voneinander getrennt, +oder sie gestatten von den Grenzen aus bei naher Berührung einen +gegenseitigen Austausch ihrer Bewohner. Wie im Pflanzenreiche leben im +Reiche der Menschen unter gleichem Himmel doch in scharfer Abgrenzung +und in gesonderten Staaten Menschen verschiedener Sprache und +Abstammung; aus der Verschmelzung mehrerer Urstämme ist eine gemischte +Bevölkerung hervorgegangen. + +Pflanzen ~schlafen~ wie der Mensch, und der Schlaf ist ihnen +ebenso vorteilhaft und notwendig. Auch die Pflanze schützt sich vor +Erkältungen und vor dem Tod durch Erfrieren, indem sie in hellen, +kalten Nächten nicht die breite Fläche, sondern die scharfe Kante +dem Himmel zukehrt, um die Wärmeausstrahlung zu verhindern oder doch +zu vermindern. Die meisten Blumen begeben sich erst gegen Abend zur +Ruhe. Die Blüten ziehen sich eng zusammen, und die Blätter kehren ihre +Unterseite nach oben. + +Man könnte die Blumen auch nach ihrem ~Dufte~ einteilen, der +ihre Seele ist. In der Tat ist der Duft das edelste Kunstwerk, das +die Pflanze in den tausend Tätigkeiten ihres Lebens hervorbringt. Der +Duft ist unerklärbar und unerforschlich wie die menschliche Seele, und +ebenso verschieden wie sie. Die Düfte sind die Gefühle der Blumen. + +Und es gibt ~Grobiane~ in der Pflanzenwelt, die, angefaßt, einen +Geruch von sich geben, den man in guter Gesellschaft nicht näher +beschreiben möchte. + +Man hat ferner ~Schmarotzerpflanzen~ beobachtet, die ausschließlich +von anderen Pflanzen leben und ihnen die Kräfte wegstehlen. Wie +Riesenschlangen greifen sie die mächtigsten Stämme an und winden sich +fest um sie, als wollten sie die Kolosse ersticken. Sie strecken sich +nach den umstehenden Bäumen und Bäumchen aus, ergreifen den nächsten +Nachbar, umwickeln Schößlinge und Sprößlinge und bilden zahllose +pflanzliche Laokoon-Gruppen. + +Es gibt auch ~Karikaturen~ in der Pflanzenwelt, die die Baumform +zu verhöhnen scheinen. Das sind die Parodisten unter den Pflanzen. +Man denke nur an die Kakteen. Sie predigen fast absichtlich die +Gesetzlosigkeit jeder Form. Bald kriechen sie schlangenartig am Boden +hin, bald hocken sie wie überfüllte Blasen übereinander. Bald sind +sie scharfkantig und lang wie Balken, bald unförmig riesengroß wie +entartete Kürbisse. Bald -- in den südlichen Ländern -- sind sie +haushoch, bald so klein wie eine Erbse. Bald haben sie die Form des +stachligen Kugelfisches, bald die einer platten Flunder. Sie können +aussehen wie plumpe Puppen und wie die Schnauze des Sägehais; man sieht +sie Tropfsteingebilde nachäffen und Biertonnen verhöhnen. -- + +Den Grundstein zu allen diesen Beobachtungen hat ~Goethe~ gelegt, +der nicht nur als Dichter an der Spitze der Menschheit steht. + + + + + Goethe in Venedig. + + +Ich krame gar zu gern auf den alten Böden, die unter der Dachschrägung +liegen und mit einer kleinen verstellbaren Fensterluke versehen sind; +wo es nach Ruß und Rauch, nach Wäschedunst und heißer Sonne riecht; +wo verhungerte Spinnen neben den Fliegengerippen in ihren verstaubten +Netzen hängen; wo allerhand Ungetier still und verstohlen herumkreucht; +wo zehntausend wertlose schiffbrüchige Dinge umherliegen: geköpfte +Puppen, leere Sektflaschen, künstliche Palmen, alte, weiß Gott! wie +alte Schmöker, Stühle ohne Beine, Lackstiefelchen mit klaffenden +Wunden, verbeulte kupferne Kasserollen, Beinkleider, denen man +entwachsen ist, rostiges Eisenzeug, Schulhefte, ein zerbröckelndes +Herbarium, Rhomboiden und Pyramiden aus Pappdeckel, ein Kinderwagen und +noch so viel anderer unnützer Plunder. + +Ich krame gar zu gern in diesem schwer bestaubten, toten Gerümpel, das +mir so viele kostbare Erinnerungen schenkt und so viel Geliebtes, das +tot ist, wieder lebendig werden läßt. In diesen Rumpelspeichern sitzt +mit Urgroßmuttershaube die Zeit und träumt ihre Träume von der Ewigkeit +und vom Zerfall aller irdischen Dinge ... + +Habt ihr ihr noch nie zugeschaut, ihrem leisen melancholischen Wirken +und Weben und ihrer stillen, unermüdlichen Arbeit? Wie sie zum +Beispiel dem kleinen Kinderwagen, in dem ihr einst als der Abgott +eurer Eltern gelegen, und der so blink und so blank durch die Gärten +der Stadt gefahren wurde, wie sie diesem Wagen, in dem ihr eure ersten +Lebensjahre verbracht habt, ganz langsam die kleinen, entzückenden +Vorhänge fortreißt und den Stoff Faden um Faden auseinandernimmt. +Wie sie den braunen Firnis ableckt! Wie sie die spiegelhellen +Nickelstangen anhaucht, daß sie erblinden! Wie sie das ganze Gerippe +des Wagens bloßlegt, dann auch an diesem nackten Gestell zu nagen +beginnt und so lange daran nagt und knuspert und knackt und beißt, bis +es zusammenbricht, und ihr nichts weiter mehr seht als ein Häuflein +Eisenstangen und Korbweiden? Freilich das dauert Jahre, Jahre ... aber +sie hat ja keine Eile. + +Ich krame gar zu gern in diesen formlos gewordenen, in der Auflösung +begriffenen Dingen, die die Vergangenheit zur Gegenwart machen. Da +komme ich zuweilen herauf auf den Rumpelkoben, um nach den lieben +Erinnerungsstücken zu schauen, die zu Staub werden zwischen den +langsamen Kiefern der Zeit. Der Klopfwurm hämmert im Dachgebälk, in den +Mauerlöchern verkriecht sich der Tausendfuß, und auf dem Dache gurren +die Tauben. Manchmal geht auch eine Katze da oben spazieren, streckt +ihren martialischen Schnurrbart zur offenen Fensterluke herein und sagt +mir »Guten Tag!« + +Als ich wieder einmal da oben zwischen den vermotteten Trümmern +verblaßter Erinnerungen saß, fiel mir ein Kasten voller Steine in die +Hände, die am Strande des Adriatischen Meeres aufgelesen waren. + +Und kaum sah ich diese buntfarbigen, von den Meereswellen +abgeschliffenen Felssplitter, als plötzlich ganz Venedig vor meinem +Geiste auftauchte, wo die Heimat dieser Steine ist. + +Kennt ihr Venedig? ... + +Wenn ihr euch mir anvertrauen wollt, will ich euch führen ... + + * * * * * + +Es ist morgens fünf Uhr ... + +Venedig schläft noch ... Das Venedig, von dem man an grauen Herbsttagen +träumt, nach dem man sich an bleiernen Wintertagen immer wieder sehnt. +Der palastbesäumte +Canale grande+ schläft noch. Aber rudert mit +mir in der schwarzen stillen Gondel bis zur Rialtobrücke, laßt das +Venedig des Märchens, das Venedig der Dogen hinter euch versinken ... + +Und nun wollen wir uns in den Gassen herumtreiben, in denen Shylock +und Tubal Handel trieben, in denen Shakespeare wohl die Hälfte des +»Kaufmanns von Venedig« spielen läßt, was -- topographisch betrachtet +-- gar nicht möglich ist. + +Es ist das Venedig, von dem ihr nie sprechen hört; das Venedig der +Armen. In seinem Venetianischen Brief vom 29. September 1786 erwähnt +Goethe dieses Viertel; er spricht von dem Zwang, den der beschränkte +Raum auf die Bauart ausübte. Die Häuser suchten die Luft -- sagt er +-- wie Bäume, die geschlossen stehen; sie mußten an Höhe zu gewinnen +suchen, was ihnen an Breite abging. »Auf jede Spanne des Bodens geizig +und gleich anfangs in enge Räume gedrängt, ließen sie zu Gassen nicht +mehr Breite als nötig war, eine Hausreihe von der gegenüberstehenden +zu trennen und dem Bürger notdürftige Durchgänge zu erhalten ... Die +Enge und Gedrängtheit des Ganzen glaubt man nicht, ohne es gesehen zu +haben. Gewöhnlich kann man die Breite der Gassen mit ausgereckten Armen +entweder ganz oder beinahe messen, in den engsten stößt man schon mit +den Ellbogen an, wenn man die Hände in die Seite stemmt.« + +In der Tat, es gibt da elende Winkel, in die die italienische Sonne +nie einen Strahl wirft. Hier fällt kein Licht herein; hier ist alles +fruchtbar ohne Sonne. Und hier, wo wir jetzt wandern, hat schon mit der +Morgendämmerung ein rastloses Wirken begonnen. Das malerische Bild ist +von starkem Eindruck, aber allerdings auf Kosten der armen Teufel, die +Leben und Gesundheit dafür lassen. Krumme Häuser seht ihr, als hätten +Blinde sie aufgebaut; Gesichter, als hätte die Hölle sie ausgebleicht. +Schönheit muß man hier nicht suchen. Freude und Lust, Paläste, Kirchen +und Theater, kostbare Juwelen und seltene Gemälde, alte Spitzen und +erlesene Antiken -- alles, was dem Leben den Glanz des Genusses gibt, +erscheint plötzlich furchtbar und tyrannisch. Voll stolzer Verachtung +zwang jenes Venedig alle die Demütigen und Armen, die Erniedrigten +und Geächteten in diese menschenunwürdigen Stadtteile, in diese +Gassen voll ekler Dünste, voller Kehricht und Moder. Hier warf es die +Tausende von Sklaven her, denen es einen jämmerlichen Unterschlupf +gewährt und die sich am Tage um eines Soldo willen bekämpfen und +beneiden, verfluchen und töten. Hier leben die kleinen Händler, die +Fabrikarbeiter und Arbeiterinnen, die schwindsüchtigen Glasbläser und +Glasspinnerinnen, die Mosaiksetzer, die Perlendreher und Holzschnitzer +-- jeder ein Künstler in seiner Art. + +[Illustration: Goethe in der Campagna.] + +Die prächtigen, für satte und zufriedene Leute berechneten Läden auf +dem Markusplatz schlafen noch friedlich; aber in den häßlichen und +gewundenen Straßen, durch die wir jetzt kommen, schwimmt bereits der +Rauch schlechter Öfen. Rundum Häuser, die zusammengeklebt einander +stützen und vor dem Umfallen bewahren; schmutzigbraune, ockergelbe, +rosarote, bleichgrüne, graue Häuser. Mauern an Mauern aus verwittertem, +vor Alter sterbendem Stein, Fenster mit staubgrauen Gardinen blicken +griesgrämig drein. Schwere Beklommenheit befällt euch. Man kann das, +was man hier atmet, ebensowenig als Luft bezeichnen, wie man einen +Stein Brot nennen kann. Wo ihr hinblickt, gewahrt ihr das schändliche +Zeugnis eines ungleichen, heißen, aber vergeblichen Kampfes, den +der Vater gegen den Sohn führt, und der Bruder gegen die Schwester. +Man sieht unansehnliche Kasernenbauten, Kramläden, Weinkneipen, +Barbierläden, Schuppen mit Polstermöbeln gefüllt, von denen die +Fetzen herabhängen, Trödelbuden, eine Schlosserwerkstätte, Flure mit +gefälschten Antiquitäten vollgepropft. + +Gegen sechs Uhr beginnt es hier lebhaft zu werden; verworrenes Gesumme +aus Gängen und Gäßchen; fernes Sprechen zusammengepferchter Menschen. +Gegen sieben Uhr wimmelt es bereits, und ihr habt den Eindruck, als +seien alle Ameisen allmählich aus ihren Löchern hervorgekrochen, um nun +den ganzen Tag unermüdlich herumzulaufen und Soldi zu sammeln. + +Es scheint Wochenmarkt zu sein. In langen Reihen ziehen sich +offene Buden an den Häuserwänden hin, hinter denen die Verkäufer +in fieberhafter Eile ihre Waren auspacken. Ganze Berge von Orangen +und Zitronen, von grünen Feigen und Mispeln wachsen im Nu vor euch +auf. Wagen und Körbe stehen umher; ganze Haufen von lebendigem und +geschlachtetem Federvieh umgeben euch plötzlich. Hühner gackern, +Tauben gurren. Kupferbraune Tagelöhner, verblühte Frauen, oft mit +einem Säugling an der Brust, frühwelke Kinder, die erst Menschen +werden wollen, große und kleine Taschendiebe, dickleibige Hausfrauen, +schlecht frisierte und schlecht gekleidete Mädchen, Matrosen, Händler, +Pfaffen, Klosterschüler, Polizisten quirlen hier durcheinander. Alles +mögliche kommt zum Verkauf: alle südlichen Obstarten, Hammelfleisch, +das metallgrüne Mücken umschwirren, Artischocken, Bananen, blasses, +ungesalzenes, ungemein schlechtes Brot, Seile, Spaten, Gedärme, alte +Röcke, alte Möbel, alte Chiantiflaschen, alte Geigen, Papageien und +Seegras; es ist ein buntes lebendiges Museum. + +Händler und Käufer, Betrüger und Betrogene, der ganze Markt schreit +hilflos und zwecklos durcheinander. Die Kleinkrämer, die ihre Ware +auf der Erde ausgebreitet haben, halten die Passanten mit befehlenden +und flehenden Rufen fest. Mit gellender Stimme betteln sie. Ihr seht +erregte und wilde Gesichter. Sie zanken um nichts; aber wie sie so +dastehen und einander an die Kehle möchten, ist doch ein originelles +Bild, das durch keine rohe Linie verunstaltet wird. Hier wird Räuberei +am hellen Tage getrieben; Lug und Trug und falsche Eide klingen an euer +Ohr, schimpfliche Frechheit macht sich breit, Feigheit und Qual auf +Schritt und Tritt. Die Seelen hacken alle wild aufeinander los. Aber +alles doch mit einer bestimmten Gewohnheit und Selbstverständlichkeit +und -- so widersinnig es klingt -- mit einer gewissen Ruhe. + +Denn das Schauspiel wiederholt sich täglich; es ist der Kampf um den +Soldo. Verweilt eine Stunde in diesem scheußlichen Dunstkreis voll +Elend und Unrecht, in diesen arbeitsreichen, erniedrigenden Gassen, und +ihr habt für euer ganzes Leben das starke Gefühl von der Zweiseitigkeit +aller schönen Dinge. + +Aber wir wollen zum Rialto zurück. Wir biegen in die erste Straße ein +und sind am Fischmarkt. Ihr tretet auf Seeschnecken, Patellen und +Fischeingeweide. Der Boden ist schuppenübersät und glitschig. Kübel +und Körbe, Bottiche und Fässer, Netze und Wagschalen, Tische und Bänke +voller Fische, Krebse, Krabben, Schnecken, Austern und Muscheltiere +in hundert Formen und Größen. Das zuckt und zappelt und kriecht +und krabbelt und hüpft und wimmelt durcheinander. Der Anblick ist +gruselig; man muß aber das Getier, diese unglücklichen aufgehaschten +Meeresbewohner, die Goethe so viel Vergnügen machten, nicht auf dem von +wüstem Geschrei und Geklapper erfüllten Platze beobachten. Man tut +besser, die engen Gäßchen verlassend, durch den nördlichen +Canale +grande+ zu gondeln, um die Insel der Santa Clara herum, hinaus auf +den Lido ... + +Dort ist das Meer ... + +»Das Meer ist doch ein großer Anblick ... Dort habe ich heute die +Wirtschaft der Seeschnecken, Patellen und Taschenkrebse gesehen +und mich herzlich darüber gefreut,« sagt Goethe. »Was ist doch ein +Lebendiges für ein köstliches, herrliches Ding! Wie abgemessen in +seinem Zustande, wie wahr, wie seiend!« + +Im weiteren Verlauf schildert Goethe sehr lebendig die Jagd, die die +Taschenkrebse auf die Patellen machten. Man kann als Naturforscher sich +gewiß herzlich freuen über diesen Kampf und man kann als Dichter die +sehr sentimentale Betrachtung anstellen, wie seltsam es doch ist, daß +einer den anderen fressen muß. Aber lassen wir solche Gedanken nicht +aufkommen. + +Das Meer umspült den Strand und lächelt dem blauen Himmel ins Antlitz. +In vollem Laufe stürmt es scherzhaft die Lagunen und wirft ganze +Wasserstürze wirbelnden Schaumes auf den Kiessand. Mit breiten Zungen +beleckt es die Düne, gleitet aber sofort wieder sanft zurück, sich +krümmend, wie der Leib einer riesigen Schlange. Welle auf Welle jagt +hintereinander her. Ein sanfter Wind liebkost die mächtige Brust des +Meeres, die sich gleichmäßig hebt und senkt, und die lachende Sonne +wärmt sie mit ihren warmen Strahlen. Grünliche Wellen schleudern den +weißen Schaum ihrer flockigen Rücken weit auf den Strand und zerfließen +mit leichtem Rascheln. Ihr vertraut dem Meere eure Gedanken an, und +es reinigt sie von Schmutz und von Sorge, von allem Kleinen und +Kleinlichen. + +Das Meer ist ein großer Anblick ... + + * * * * * + +Goethe hatte diese »Wunderstadt«, diese »Biber-Republik« 1786 zum +ersten Male gesehen, hatte sie so gesehen, wie sie hier geschildert +wurde. + +Am 30. September lief er ohne Führer in die entferntesten Quartiere +der Stadt. Er sehnte sich nach Einsamkeit, denn »nirgends fühlt man +sich einsamer als im Gewimmel, wo man sich, allen ganz unbekannt, +durchdrängt«. Er suchte sich in dem Labyrinth der kleinen Gäßchen +zurechtzufinden, ohne irgend jemand zu fragen; er nahm nur die +Himmelsrichtung zum Führer. »Es ist ein unglaubliches Gehecke +ineinander, und meine Manier, sich recht sinnlich davon zu überzeugen, +die beste. Auch habe ich mir, bis an die letzte bewohnte Spitze, der +Einwohner Betragen, Lebensart, Sitte und Wesen gemerkt; in jedem +Quartiere sind sie anders beschaffen. Du lieber Gott, was doch der +Mensch für ein armes gutes Tier ist!« + +Die kleinen Häuschen, die dicht beieinander unmittelbar in den +Kanälen standen, wunderten ihn. Und täglich erweitert er durch neue +Spaziergänge seine Kenntnis der Stadt. Er kaufte sich einen Plan, +studierte ihn gründlich und bestieg zunächst den Markusturm, der noch +mehr als hundert Jahre stehenbleiben sollte, dann 1903 einstürzte +und nun wieder neu aufgebaut ist. Seinen Augen bot sich ein einziges +Schauspiel. Zu seinen Füßen lag die märchenschöne Stadt mit ihren +schimmernden Palästen und das weite blaue Meer, auf dem Galeeren +und Fregatten, Segler und Gondeln wie kleine Nußschalen hin und her +wimmelten. + +An einem Sonntag ärgerte er sich über den Kehricht, der in allen Gassen +lag. »Die Leute schieben den Kehrig in die Ecken; auch sehe ich große +Schiffe hin und wieder fahren, die an manchen Orten stilliegen und +das Kehrig mitnehmen, Leute von den Inseln umher, welche des Düngers +bedürfen; aber es ist in diesen Anstalten weder Folge noch Strenge, und +desto unverzeihlicher die Unreinlichkeit der Stadt.« + +Andere Anordnungen, insbesondere architektonische Verzierungen des +Straßenpflasters, gefallen ihm so gut, daß er gleich einige Skizzen +davon entwirft. »So hat man immer Trieb und Lust, vor fremden Türen zu +kehren.« + +In der Carità bewundert er Palladios Baukunst. In der Kirche Il +Redentore, ebenfalls ein Bauwerk Palladios, bewundert er besonders die +breiten goldgestickten Ranken und Laubwerke. Aber bei näherem Zusehen +fand er sich betrogen. »Alles, was ich für Gold gehalten hatte, war +breitgedrücktes Stroh, auf Papier geklebt, der Grund mit lebhaften +Farben angestrichen, und das so mannigfaltig und geschmackvoll, +daß dieser Spaß, dessen Material gar nichts wert war, und der +wahrscheinlich im Kloster selbst ausgeführt wurde, mehrere tausend +Taler müßte gekostet haben, wenn er echt hätte sein sollen. Man könnte +es gelegentlich wohl nachahmen.« + +An den Opernvorstellungen, die er mehrfach besuchte, fand er +keinen rechten Genuß; das Ballett war von »elender Erfindung« und +wurde ausgepfiffen. Im Dogenpalast wohnt er einer öffentlichen +Rechtsverhandlung bei, die ihn stark in Atem hält. Auch gefiel ihm die +ganze Art der Prozeßführung, die er ausführlich beschreibt, besser, +»als unsere Stuben- und Kanzleihockereien.« + +In einem weiten Saale des Palastes saßen an der einen Seite die +Richter im Halbkreis. Ihnen gegenüber, auf einem Katheder, der mehrere +Personen fassen konnte, befanden sich die Advokaten beider Parteien; +vor ihnen auf einer Bank Kläger und Beklagte. Ein dürres Schreiberlein, +in schwarzem, kümmerlichem Rocke, hielt ein dickes Heft in der Hand, +um daraus vorzulesen. Der Saal war von Zuschauern und Zuschauerinnen +gedrängt voll. Der Streit war sehr wichtig, denn er ging gegen die +Gemahlin des Dogen, die in eigener Person auf dem Anklagebänkchen hatte +Platz nehmen müssen. Hinter einem kleinen Tische saß auf einem niederen +Schemel ein Männchen, das eine Sanduhr in der Hand hielt. Solange +nämlich der Schreiber las, wurde die dafür aufgewendete Zeit nicht +gerechnet, sobald aber ein Advokat zu sprechen begann, dem nur eine +gewisse Zeit zur Verteidigung eingeräumt war, ließ das Männchen die +Sanduhr laufen, die es sofort wieder umkippte, sobald der Schreiber +oder sonst eine Person etwas zwischendurch sprach oder einzuwerfen +hatte. + +Die Komödie gefiel Goethe ausgezeichnet; sowohl die Gerichtskomödie, +in der man dem Verteidiger die Zeit so kärglich zumaß, daß er gar +nicht daran denken konnte, den Angeklagten würdig zu verteidigen, als +auch die wirkliche Komödie, wo Goethe zunächst ein Maskenstück sah. Es +unterhielt ihn mit »unglaublicher Abwechslung« mehr als drei Stunden; +am meisten amüsierte ihn aber das Publikum. »Die Zuschauer spielen mit, +und die Menge verschmilzt mit dem Theater in ein Ganzes. Den Tag über +auf dem Platz und am Ufer, auf den Gondeln und im Palast, der Käufer +und Verkäufer, der Bettler, der Schiffer, die Nachbarin, der Advokat +und sein Gegner, alles lebt und treibt und läßt es sich angelegen sein, +spricht und beteuert, schreit und bietet aus, singt und spielt, flucht +und lärmt. Und abends gehen sie ins Theater und sehen und hören das +Leben ihres Tags, künstlich zusammengestellt, artiger aufgestutzt, mit +Märchen durchflochten, durch Masken von der Wirklichkeit abgerückt, +durch Sitten genähert. Hierüber freuen sie sich kindisch, schreien +wieder, klatschen und lärmen. Von Tag zu Nacht, ja von Mitternacht zu +Mitternacht ist immer alles eben dasselbe.« + +Ein andermal ergötzt ihn wieder in einem Stück von Goldoni die Komödie +sowohl, als auch die ausgelassene Heiterkeit des Publikums. Es war ein +Gelächter und Gejauchze im Theater von Anfang bis zu Ende. + +Die Venetianer feierten gewöhnlich in den ersten Tagen des Oktober +einen alten Sieg über die Türken. Das Fest wurde durch ein Hochamt +eingeleitet, dem auch Goethe beiwohnte. Er sah die vergoldeten Barken +an dem kleinen Platze vor der Kirche der heiligen Justina landen, die +die Fürsten und einen Teil des Adels brachten. Er sah, wie sich seltsam +gekleidete Schiffer mit rotgemalten Rudern vorwärts bemühten. Am Ufer +harrte die Geistlichkeit; die Bruderschaften mit angezündeten Kerzen, +die sie auf Stangen und tragbaren silbernen Leuchtern trugen, drängten +und wogten durcheinander; mit Teppichen beschlagene Holzbrückchen +wurden aus den Gondeln und Barken herausgereicht, um das Aussteigen +zu erleichtern. Zuerst kamen die Savj, die vornehmsten Ratsherren mit +ihren langen violetten Kleidern, dann die Senatoren in ihren langen +scharlachroten Gewändern. Zuletzt kam der Älteste mit einer goldenen +phrygischen Mütze geschmückt. Er trug einen langen goldenen Talar und +den Hermelinmantel. Drei Diener trugen seine Schleppe. Und dies ganze +bunte Schauspiel spielte sich auf dem kleinen Platze vor der Kirche +ab, vor deren Türen geschmückte Herolde die erbeuteten Türkenfahnen +hielten. »Mir nordischem Flüchtling hat diese Zeremonie viel Freude +gemacht. Bei uns, wo alle Feierlichkeiten kurzröckig sind, und wo die +größte, die man sich denken kann, mit dem Gewehr auf der Schulter +begangen wird, möchte so etwas nicht am Ort sein.« Der Doge, ein schön +gewachsener, krank aussehender Mann, hielt sich recht würdevoll und +sah aus wie der Großpapa des ganzen Geschlechts. Die Kleidung stand +ihm sehr gut, und das feine und durchsichtige Käppchen, das er unter +der Mütze trug, bedeckte blütenweißes Haar. Fünfzig Nobili, in langen +dunkelroten Schleppkleidern waren mit ihm; schöne große Männer mit +ausdrucksvollen Köpfen, auf denen sie blonde Lockenperücken trugen, mit +klugen, weißen, ruhigen und selbstsicheren Gesichtern. + +An einem anderen Abend bestellte Goethe sich den famosen Gesang der +Fischer, die ihm nach ihren eigenen Melodien etwas von Tasso und +Ariost vorsingen mußten. Bei Mondschein bestieg er eine Gondel, einen +Sänger vorn und einen hinten, die abwechselnd sangen. Sie ließen ihre +Stimmen laut in die Nacht hinausschallen, aufs Meer hinaus, wo der +Wind sie weitertrug. In der Ferne vernimmt ein anderer Schiffer, der +die Melodie kennt, den Gesang, und antwortet mit der nächsten Strophe +des Textes. Dann erwidert der erste wieder, und so ist immer einer +das Echo des anderen. Die ganze Nacht hindurch geht der Gesang, ohne +daß die rudernden Schiffer ermüden würden. Am Ufer der Giudecca stieg +Goethe aus und ging am Kanal entlang, um den Genuß des Singens in der +Nähe und des Erwiderns in der Ferne tiefer auskosten zu können. Der +Gesang war so klagend und melancholisch und so ans Herz greifend, +daß Goethe bis zu Tränen gerührt wurde. Ein Schiffer riet ihm, daß +er sich die singenden Schifferfrauen vom Lido anhören möchte; sie +hätten die Gewohnheit, wenn ihre Männer ins Meer hinausruderten, um +zu fischen, sich ans Ufer zu setzen und mit durchdringender Stimme +abends Gesänge erschallen zu lassen, bis sie von fern die Stimmen ihrer +Männer vernähmen. Auf diese Weise unterhielten sie sich, seien nicht +beieinander und doch beieinander. Es sei, als ob ein Einsamer und +Verlassener in der Ferne sehnsüchtig klage und darauf warte, daß ihn +ein Gleichgestimmter vernehme und ihm antworte. + +Die Gemälde von Veronese, Tizian, Bellini, Giorgione, Tintoretto und +anderen großen Malern erwecken Goethes ganze Feuerbegeisterung. + +Aber es zieht ihn immer wieder hinaus zum Lido, zum Meere, wo er +stundenlang liegen und Ebbe und Flut beobachten kann. Der Strand +ist so sehr von Muscheln besät, daß er sich um ihretwillen Kinder +herbeiwünscht, die sich daran erfreuen könnten. Aber da keine Kinder +in der Nähe sind, füllt er sich selber die Taschen damit an. Besonders +gern sieht er aber den Taschenkrebsen zu, die während der Flut an +den Strand gespült werden und nun in ihre salzige Flut nicht mehr +zurückkommen. Es wimmelt und krabbelt dann besinnungslos durcheinander, +denn auf dem Trockenen bleiben, bedeutet so viel wie den Tod. Das Meer +weicht aber immer mehr zurück, die Sonne sticht und trocknet rasch, +und nun heißt es ebenso rasch ins Meer zurückwandern. Bei dieser +Gelegenheit suchen die Taschenkrebse ihren Raub. »Wunderlicher und +komischer kann man nichts sehen, als die Gebärden dieser aus einem +runden Körper und zwei langen Scheren bestehenden Geschöpfe; denn die +übrigen Spinnenfüße sind nicht bemerklich. Wie auf stelzenartigen Armen +schreiten sie einher und sobald eine Patelle sich unter ihrem Schild +vom Flecke bewegt, fahren sie zu, um die Schere in den schmalen Raum +zwischen der Schale und dem Boden zu stecken, das Dach umzukehren und +die Auster zu verschmausen. Die Patelle zieht sachte ihren Weg dahin, +saugt sich aber gleich fest an dem Stein, sobald sie die Nähe des +Feindes merkt. Dieser gebärdet sich nun wunderlich um das Dächelchen +herum, gar zierlich und affenähnlich; aber ihm fehlt die Kraft, den +mächtigen Muskel des weichen Tierchens zu überwältigen; er leistet auf +diese Beute Verzicht, eilt auf eine andere wandernde los, und die erste +setzt ihren Zug sachte fort. Ich habe nicht gesehen, daß irgendein +Taschenkrebs zu seinem Zwecke gelangt wäre, obgleich ich den Rückzug +dieses Gewimmels stundenlang beobachtet habe.« + +Man sieht, Goethe war in Venedig nicht müßig; mit allen Sinnen nahm er +das neue wundervolle Bild dieser märchenumrankten Stadt in sich auf, so +daß man ihm wohl glauben kann, wenn er schließlich bei seiner Abreise +sagt: »Ich habe gut aufgeladen und trage das reiche, sonderbare, +einzige Bild mit mir fort.« + + + + + Beethoven. + + +Durch die Straßen von Paris heulte das Volk. Waffen blitzten, drohende +Fäuste reckten sich in die Höhe. Wüste Schädel, scheußliche Fratzen, +fanatische Köpfe tauchten auf. Die Bastille wurde gestürmt, und bald +darauf wurde die Guillotine in Tätigkeit gesetzt. Menschenbeladene +Karren rasselten zum Richtplatz hin. Die blutige, rachedurstige +Freiheitsgöttin johlte aufwieglerisch in den Gassen. Die große +furchtbare Revolution war ausgebrochen, die mit den Strömen roten +Blutes die der Menschheit so lange Jahre angetane Schmach wegspülen +wollte, und der Schrei nach Freiheit stieg tausendstimmig zum Himmel +empor. + +Und schon war der Mann da, der alsbald all die neuerwachten Kräfte +Frankreichs in seiner Hand vereinigte und sich zum neuen Schicksal +des Volkes aufwarf. Er eilte von den Pyramiden herbei, durchmaß in +rasenden Märschen Italien und eroberte seiner Republik in drei Jahren +halb Europa. Schon war Bonaparte Konsul und nicht lange darauf und +er war der Kaiser Napoleon. Jetzt mochte Österreich sich wehren, +mochte Preußen sich erheben, mochte selbst Rußland sich rühren. Dieses +Schicksal, das unter dem Namen Napoleon auftrat, schien unbesiegbar +zu sein. Kalt und erzen stand er in Europas Mitte. Ein Wink seiner +Hand entschied Riesenschlachten. Ein Blick seiner Augen entschied über +das Schicksal zweier Nationen. Alles, alles fraß dieser Moloch; ganze +Völker fielen seiner Gier zum Opfer. Seit den Cäsaren Roms war so +unerhörte Größe nicht mehr gesehen worden. + +Und Deutschland hatte am schlimmsten darunter zu leiden. Ganz +Deutschland war von den Armeen des Weltherrschers umzingelt. Ganz +Deutschland wogte in Donner und Dampf und wenn der Rauch sich verzog, +sah man neue entsetzliche Leichenfelder. Man schickte Greise in den +Krieg, Knaben griffen zu den Waffen. Es nützte alles nichts. Jungfrauen +zogen auf die Schlachtfelder, um zu heilen und zu helfen. Es nützte +alles nichts. Für Deutschland war die Zeit der Befreiung noch nicht +gekommen. Das Deutsche Reich war infolge der überkommenen Uneinigkeit +der deutschen Fürsten zersplittert. Was aber der Gegner nicht besaß, +und was Deutschland noch retten konnte und mußte, das war der deutsche +Geist. Fichte in seinen Reden an die deutsche Nation und Schiller +erinnerten mit flammenden Worten daran, daß es galt, die heiligsten +Güter zu verteidigen. Deutschland stellte der großen ~Kraft~ +Frankreichs seinen großen ~Geist~ entgegen: ~Goethe~, der den +Weltenbezwinger Napoleon zur Hochachtung zwingt, und ~Beethoven~, +den gewaltigsten Gestalter der Erde, Beethoven, der das Tonreich neu +gestaltete, neu eroberte und der den Schlachtendonner Napoleons noch +übertönte durch seine vom Himmel herabgeholten Gewitter. + + * * * * * + +Wir können den Namen Beethoven bis ins siebzehnte Jahrhundert +zurückverfolgen, wo in Antwerpen ein Weinhändler namens Wilhelm van +Beethoven gelebt hat, der Ur-Urgroßvater unseres Ludwig. Wilhelms +Sohn, Heinrich Adelard war Schneider und Vater von rund einem Dutzend +Kindern. Eins davon, Louis, der heimlich von Hause durchgebrannt +war, wurde ein wandernder Musikant, bis er 1733 am Hofe des Bonner +Kurfürsten eine feste Stellung als Bassist erlangte. Er avancierte bis +zum erzbischöflich kurfürstlichen Kapellmeister, in welcher Stellung +er in seiner goldgestickten, zinnoberroten Uniform eine recht gute +Figur machte. Doch hatte er sich, um seine Einkünfte zu vermehren, +nebenbei einen kleinen Weinhandel zugelegt, der ihm aber nur Unglück +bringen sollte. Sowohl seine Frau als auch der einzige Sohn Johann +verfielen dem Laster des Trunkes. Johann verstand sich sehr gut auf das +Weinproben, und diese Schwäche nahm so überhand, daß der ganze Haushalt +gestört und der Sohn schließlich sogar des Amtes entsetzt wurde. Der +Vater bestimmte seinen Sohn Johann auch für die Musik; aber der brachte +es nicht weiter als bis zum Tenoristen der Hofkapelle mit dreihundert +Taler Jahresgehalt. + +Magdalena Kewerich aus Ehrenbreitstein, eine hübsche schlanke Person, +die als Kammerjungfer gedient hatte und schon mit neunzehn Jahren die +Witwe des kurtrierischen Leibkammerdieners Layen war, wurde 1763 Johann +van Beethovens Frau. Sie war die Tochter eines Kochs und vermögenslos; +und da die Heirat dem Vater durchaus nicht gefiel, trennten sich Vater +und Sohn. Am 17. Dezember 1770 entsprang dieser Ehe ~Ludwig van +Beethoven~. + +[Illustration: Beethovens Geburtshaus in Bonn.] + +Aber da Ludwig noch mehrere Geschwister hatte, herrschte im Hause +Mangel und Not. Anfangs hatte der wohlhabende Großvater Louis, an +dem Ludwig mit aller Innigkeit hing, nachgeholfen, trotzdem er wegen +der Heirat noch erzürnt war. Aber er starb schon, als Ludwig erst +drei Jahre alt war. Als die Bedrängnis immer größer wurde, machte der +Vater mehrere Gesuche um Gehaltsaufbesserung, die aber abschlägig +beschieden wurden, weil seine Führung nicht die beste war. Oft mußte +der herangewachsene Ludwig seinen trunkenen Vater auf offener Straße +aus den Händen der Polizei befreien und man begreift, wie diese +schmerzlichen Vorfälle sich dem Gedächtnisse des jungen Beethoven +eingruben und ihn allmählich verschlossen und trotzig machten. Er litt +zweifellos unter der Trunksucht des Vaters, über den er trotzdem nie +ein hartes Wort äußerte, noch auch eine abfällige Bemerkung seitens +eines Dritten je geduldet hätte. + +Infolge dieser Zustände wurden die Verhältnisse im Elternhause immer +mehr zerrüttet; die Erbschaft wurde von den Krankheiten der Kinder +und dem Wein bald verschlungen, so daß Glas- und Porzellanschränke, +Silberservice und Leinwand hintereinander zum Trödler wandern mußten. + +Die Erziehung und Ausbildung, die der junge Beethoven erhielt, war +deshalb sehr ungeordnet und mangelhaft. Der Vater war, um seine Not zu +vergessen, meist trunken und in der Trunkenheit despotisch, und obwohl +die Mutter große Geduld an den Tag legte, wurde der Knabe scheu und in +sich gekehrt. + +Aber dieser Knabe wurde zugleich auch der gute Stern an dem trüben +Himmel des Elternhauses, sobald der Vater erst einmal das Talent seines +Sohnes entdeckt hatte, der später die ganze Familie vom Untergang +erretten sollte. + +So oft der Vater am Klavier saß und sang, horchte der Knabe aufmerksam +zu und versuchte die Melodie nachzuspielen, so daß ihm der Vater +schon im fünften Lebensjahre Unterricht im Klavier- und Violinspiel +erteilte. Und eines Tages verfiel der Vater auf die Idee, seinen Sohn +zu einem Wunderkinde zu machen und mit ihm umherzuziehen, um Geld zu +verdienen. Nun begannen harte Tage für den jungen Ludwig, der oft vom +Spiel mit den Kindern weggeholt wurde, um seine Aufgaben zu üben. +Kein Weinen half ihm; mit unerbittlicher Strenge und mit reichlichen +Prügeln verfolgte der Vater sein Ziel und eines Tages kündigte er in +einer Kölner Zeitung an, daß am 26. März -- der wurde auch Beethovens +Todestag! -- 1778 sein Söhnchen »von sechs Jahren mit verschiedenen +Klavierkonzerten die Ehre haben werde aufzuwarten, wo er allen hohen +Herrschaften ein völliges Vergnügen zu leisten sich schmeichle, um so +mehr, da er zum größten Vergnügen des ganzen Hofes sich hören zu lassen +die Gnade gehabt habe«. + +Der Knabe wurde also, damit das Wunder größer sei, um ein Jahr jünger +gemacht; Beethoven glaubte aber nie, daß es nur eine absichtliche +falsche Angabe sei. + +Des jungen Beethovens Schule war hauptsächlich die Not. Außer dem +Vater unterrichtete ihn ein Jahr lang der Sänger Tobias Pfeiffer, der +bei Beethovens in Kost und Logis war und das Klavierspiel vollkommen +beherrschte. Noch in späteren Jahren hat Beethoven diesem seinem +Lehrer von Wien aus oft Unterstützungen zukommen lassen, obwohl +ihn der Unterricht zuweilen um alle Kindheitsfreude und oft um den +Schlaf gebracht hatte. Denn oft, wenn der Vater und Pfeiffer nachts +zusammen aus dem Wirtshaus kamen, wurde der kleine Ludwig aus dem Bett +geholt und bis zum Morgen am Klavier festgehalten. Der Erfolg dieser +spartanischen Erziehung zur Musik war immerhin so groß, daß die Leute +vor den Fenstern stehnblieben, wenn Pfeiffer und der kleine Beethoven +zusammen »variierten«. + +Im Jahre 1781 finden wir den zehnjährigen Ludwig mit seiner Mutter auf +einer Reise nach Holland, wo er in vornehmen Häusern spielte und die +Leute durch seine Fertigkeit in Erstaunen setzte. Aber die Einnahmen +müssen auf dieser Reise nicht groß gewesen sein, denn Beethoven sagte +später: »Die Holländer, das sind Pfennigfuchser; ich werde Holland +nimmermehr besuchen.« + +Inzwischen erlernte Beethoven im Franziskanerkloster auch das +Orgelspiel, das er bald so weit beherrschte, daß er beim Gottesdienst +als Gehilfe verwendet werden konnte. Sein Lehrer in dieser Kunst war +erst der Hoforganist van den Eeden und dann dessen Nachfolger, der +feine Musiker Christian Gottlob Neefe, der einen bedeutenden Einfluß +auf das Kompositionstalent Beethovens ausgeübt hat. Schon 1782 konnte +er den elfjährigen Knaben fest anstellen und ihm so die Anwartschaft +auf die Hoforganistenstelle selbst verschaffen. Die Hauptgrundlage +des Unterrichts, den Beethoven von Neefe empfing, war Bachs +wohltemperiertes Klavier. + +Inzwischen fiel Beethovens Improvisationstalent immer mehr auf, +und er selbst versuchte schon, wenn er sich ans Klavier setzte, +um zu phantasieren, bestimmte Empfindungen, bestimmte Bilder und +Menschen durch die Töne zu charakterisieren. Mit zwölf Jahren entwarf +er die entzückenden »Bagatellen« fürs Klavier, die er später als +op. 33 herausgegeben hat, und dreizehn Jahre alt, ließ er einige +Klaviersonaten drucken, die er dem Kurfürsten gewidmet hatte. Um diese +Zeit leitete er auch bereits, wenn Neefe verhindert war, die Proben im +Theater, und er machte sich sogar einmal den Spaß, den sehr tonfesten, +kurfürstlichen Sänger Heller während des Gottesdienstes durch kühne +Abschweifung bei der Begleitung ganz aus dem Konzept zu bringen. Der +Kurfürst verbat sich freilich solche »Geniestreiche«; er war aber von +der außerordentlichen Begabung des jungen Beethoven, der inzwischen +Cembalist und Bratschist am kurfürstlichen Orchester geworden war, sehr +überrascht. + +Solche Erfahrungen veranlaßten nun seine Gönner, ihn einem allerersten +Meister in Unterricht zu geben, und 1787 finden wir denn auch den +Bonner Hoforganisten Beethoven als Mozarts Schüler in Wien. Mozart +läßt sich etwas von Beethoven vorspielen, bleibt aber anfangs kühl bis +ans Herz, weil er es für ein einstudiertes Paradestück hält. Als ihn +Beethoven aber um ein Thema zum Phantasieren bittet, »phantasiert« er +denn so, daß Mozart denen, die im Nebenzimmer zuhören, zuruft: »Auf den +gebt acht, der wird einmal in der Welt von sich reden machen.« + +Trotz dieser Meinung wurde es nicht viel mit dem Unterricht. Mozart +war zu sehr mit seinen eigenen Angelegenheiten und mit der Komposition +des »Don Juan« beschäftigt. Zudem kam noch, daß die Mutter Beethovens +heftig erkrankte, so daß er schon nach wenigen Wochen Wien verließ, +um zur geliebten Mutter zu eilen, die bald darauf, vierzig Jahre alt, +starb. + +»Sie war mir eine so gute, liebenswürdige Mutter,« schreibt er in einem +Briefe bald darauf, nachdem sie gestorben war; »sie war meine beste +Freundin. O wer war glücklicher als ich, da ich noch den süßen Namen +›Mutter‹ aussprechen konnte! Und er wurde gehört, und wem kann ich ihn +jetzt sagen?« + +Mit dem Tode der Mutter nahm die Trunksucht des Vaters immer mehr +zu, so daß er seine Stimme verlor und bald darauf seines Amtes +entsetzt wurde. Beethoven mußte nun beim Hofamte bitten, die Hälfte +des väterlichen Gehalts ihm als Erziehungsbeitrag für seine jüngeren +Geschwister anzuweisen. Nun fühlte sich Beethoven noch vereinsamter als +früher. + +Eine zweite Mutter fand er in der Nachbarswitwe Frau von Breuning, +zu deren Kindern er als Klavierlehrer kam. In diesem Hause, in dem +er nicht nur den größten Teil des Tages, sondern auch manche Nacht +zubrachte, wurde er als eigenes Kind behandelt. Hier hat er die erste +Bekanntschaft mit der deutschen Literatur gemacht, sowie seinen ersten +gesellschaftlichen Schliff erhalten. + +Neben diesem Hause ist noch der Graf Waldstein zu nennen, dem die +Sonate +op.+ 53 gewidmet ist. Der Graf ahnte das Genie Beethovens, +mit dem er befreundet war und hat ihm manche Geldunterstützung zuteil +werden lassen, die er als Gratifikation vom Kurfürsten ausgab, um +Beethovens Reizbarkeit zu schonen. Graf Waldstein schickte Beethoven +wieder nach Wien, damit er dort bei Haydn die letzte Schulung +erhalte. Der Kurfürst unterstützte Beethoven ebenfalls, der nun mit +hochgeschwellten Empfindungen im November 1792 nach Wien reist, das +damals für Musik die maßgebendste Stadt war. Nach den Stunden bei +Haydn, die Beethoven mit je acht Groschen, sowie Kaffee oder Schokolade +honorierte, verwarf Beethoven alles, was er bis dahin komponiert hatte. + +Beethoven mußte nun daran denken, sich auf eigene Füße zu stellen. +Seine beiden jüngeren Brüder waren versorgt; sie folgten ihm freilich +beide bald nach. Haydn nahm den Unterricht nicht sehr streng und ließ +Beethoven vieles, was regelwidrig war, durchgehen. Als aber einst J. +Schenk den lernbegierigen Beethoven auf der Straße traf, machte er +ihn auf die Fehler in den Übungsheften aufmerksam, die der Lehrer +unverbessert gelassen hatte. Und als schließlich Haydn Beethoven, der +eben drei Trios komponiert hatte, noch geraten hatte, ein Trio davon +(+op.+ 1 in +C moll+) nicht zu veröffentlichen, weil es zu +gewagt sei, wurde Beethoven mißtrauisch, brach den Unterricht bei +Haydn kurzerhand ab und ging zum Komponisten des »Dorfbarbiers«, zu +Schenk, in die Lehre. Beethoven widmete die drei Trios dem Fürsten Karl +Lichnowsky, von dessen Frau Beethoven sagte, sie hätte eine Glasglocke +über ihn setzen lassen wollen, damit kein Unwürdiger ihn berühre. + +Zur Selbsterkenntnis erwacht, begann Beethoven immer mehr den Mangel +einer regelrechten Schulbildung zu empfinden. Da er in seiner Kindheit +ausschließlich musikalische Studien trieb, war seine übrige Ausbildung +natürlich sehr vernachlässigt worden. Rechnen war ihm das ganze Leben +hindurch sehr beschwerlich; mit der Orthographie haperte es auch +stark. Er hatte ein wenig Latein und ein bißchen Französisch gelernt. +Allein der Hauch einer edleren Geistesbildung, der Bonn durchzog, als +Beethoven noch dort weilte, und der Verkehr mit gebildeten Menschen +führte ihn dafür wieder geistigen Höhen zu, die andere Künstler nicht +zu ersteigen vermochten. In Wien suchte Beethoven seine mangelhafte +Bildung vollends durch eifrige Lektüre der großen Dichter und Denker +auszugleichen, und um sich geschmeidigere Umgangsformen anzueignen, +besuchte er einen Tanzlehrer. Dabei führte er einen streng sittlichen +Lebenswandel, denn als ihm während eines fröhlichen Ausflugs eine +Kellnerin einmal zu nahe trat, gab er ihr eine schallende Ohrfeige. +Im Homer, den er gern las, strich er sich die Stelle an: »Auch vieles +Schlafen ist schädlich«. + +Von Schenk ging Beethoven zu Albrechtsberger in die Lehre, dem größten +zeitgenössischen Theoretiker, der das zu viel an Drill beanspruchte, +was Haydn zu wenig berücksichtigt hatte. Aber schon war in Beethoven +etwas, was sich gegen diese Regeln auflehnte. Er hatte bereits als +Knabe das Handwerksmäßige und das, was an der Musik ~erlernbar~ +war, gelernt und er sah ein, daß jedes wahrhafte Genie sich seine +eigenen Gesetze geben müsse. Darum kam Albrechtsberger auch bald zu +dem Urteile, daß Beethoven »nie was Ordentliches lernen würde«, und +selbst zu den Freunden Beethovens sagte er: »Gehen Sie nicht mit dem +Beethoven um, der hat nichts gelernt.« Beethoven gab diesen Lehrer auf +und ging zu Salieri, dem Todfeinde Mozarts, um bei ihm Unterricht in +dramatischer Komposition und in Gesangsmusik zu nehmen; er wollte die +italienische Musik von Grund aus kennen lernen. + +Am 30. März 1795 erlebte Wien das erste Auftreten des Pianisten +Beethoven. Die zweite Nummer des Programms war »ein neues Konzert auf +dem Pianoforte (+C dur op. 15+), gespielt von dem Meister Herrn +Ludwig von Beethoven und von seiner Erfindung«. + +Beethoven war jetzt fünfundzwanzig Jahre alt. Er schien damals als ein +guter, ruhig gestimmter, bescheidener Mann, dessen Spiel von ungemeiner +Fertigkeit war und mehr zum Herzen sprach, als das aller Vorgänger. +Sein Spiel machte einen ungewöhnlichen Eindruck und allgemein hatte +man das Gefühl, daß sich hier einer in Tönen aussprach, der seine +eigenen Wege ging. Beethoven ~charakterisierte~ am Klavier; er +benutzte die hohen und tiefen Lagen, um sowohl verträumte, als auch +tiefinnerliche Empfindungen auszudrücken. Er wurde am Instrument zum +Dichter, der neue Welten schuf und gestaltete. Am schönsten spielte er, +wenn er allein im Zimmer war, und die Zuhörer sich in einem Nebenraum +befanden. Dann blieb aber auch kein Auge trocken, und es wundert uns +nicht, wenn er 1796 von Prag aus an seinen Bruder schreibt: »Meine +Kunst erwirbt mir Freunde und Achtung, was will ich mehr!« Von Prag aus +führte ihn eine Kunstreise über Dresden und Leipzig nach Berlin, wo +ihn der König Friedrich Wilhelm II. sehr huldvoll empfing. Er spielte +einige Male bei Hofe und komponierte die Cellosonate (+op. 5+), +weil der König selbst das Violoncell spielte. »Beethovens Phantasien +waren im höchsten Grade glänzend und staunenswert,« erzählt uns sein +Schüler Czerny; »in welcher Gesellschaft er sich auch befinden mochte, +er verstand es, auf die Hörer einen solchen Eindruck hervorzubringen, +daß manche in lautes Weinen ausbrachen. Denn es war etwas Wunderbares +in seinem Ausdruck, noch außer der Schönheit und Originalität seiner +Ideen und der geistreichen Art, wie er dieselben zur Darstellung +brachte. Wenn er eine Improvisation dieser Art beendet hatte, konnte +er in lautes Lachen ausbrechen und seine Zuhörer über die Bewegung, +in die er sie versetzt hatte, ausspotten. Zuweilen fühlte er sich +sogar verletzt durch diese Zeichen der Teilnahme. ›Wer kann unter so +verwöhnten Kindern leben‹, sagte er, und einzig aus diesem Grunde +lehnte er es ab, eine Einladung anzunehmen, welche der König von +Preußen nach einer solchen Improvisation an ihn ergehen ließ.« + +Beethoven fand sich in Berlin sehr ernüchtert. Er kam vom weichen Süden +und hatte gehofft, im Norden harten, mannhaften Menschen zu begegnen; +er fand schwelgerische Üppigkeit, Abgelebtheit, Weiberhaftes. Das war +nicht der Geist, den er suchte. + +Auch in der Berliner Singakademie, deren Direktor damals Zelter war +-- der Freund Goethes -- trat Beethoven auf, und auch hier traten den +Zuhörern Tränen in die Augen. + +[Illustration: Beethovenstatue von Kaspar von Zumbusch.] + +Sehr enttäuscht kam Beethoven nach Wien zurück und nun begann er mit +aller Energie daran zu arbeiten, »einst ein großer Mann zu werden«. +Zugleich aber legte er den Grundstein zu seiner so tragischen +Erkrankung. + +An einem sehr heißen Sommertage des Jahres 1796 kam Beethoven ganz +erhitzt nach Hause, riß Türen und Fenster auf, zog sich bis auf die +Beinkleider aus und kühlte sich am offenen Fenster ab. Die Folge war +eine gefährliche Krankheit, die sich während der Genesung auf das +Gehör legte. Und von dieser Zeit an nahm auch die Taubheit Beethovens +fortschrittweise zu, die ihm wohl die schwersten moralischen Prüfungen +auferlegte und seinen ganzen Mannesmut herausforderte. »Dein Beethoven +lebt sehr unglücklich,« schreibt er einige Jahre später an einen +Freund, »im Streite mit Natur und Schöpfer; schon mehrmals fluchte ich +letzterem, daß er seine Geschöpfe dem kleinsten Zufall ausgesetzt, +so daß oft die schönste Blüte dadurch zernichtet und zerknickt wird. +Wisse, daß mir der edelste Teil, mein Gehör, sehr abgenommen hat. Wie +traurig ich nun leben muß, alles was mir lieb und teuer ist, meiden! O, +wie glücklich wäre ich jetzt, wenn ich mein vollkommenes Gehör hätte, +dann eilte ich zu Dir, aber so muß ich von allem zurückbleiben, meine +schönsten Jahre werden dahinfliegen, ohne alles das zu wirken, was mir +mein Talent und meine Kunst geheißen hätten. Traurige Resignation, zu +der ich jetzt meine Zuflucht nehmen muß.« + +Und an einen anderen Freund schreibt er 1801: »Nun hat der neidische +Dämon, meine schlimme Gesundheit, mir einen schlechten Stein ins Brett +geworfen, nämlich: mein Gehör ist seit drei Jahren immer schwächer +geworden ... Ich kann sagen, ich bringe mein Leben elend zu; seit +zwei Jahren fast meide ich alle Gesellschaften, weil mir's nicht +möglich ist, den Leuten zu sagen: ich bin taub. Hätte ich irgendein +anderes Fach, so ging's noch eher, aber in meinem Fache ist das ein +schrecklicher Zustand; dabei meine Feinde, deren Zahl nicht gering ist, +was werden diese dazu sagen?« + +Aber trotzdem weinte er nicht; er ermannte sich in seinem Schmerz, +stärkte seine eiserne Selbstzucht, bis ihm sein siegender Wille über +diese schreckliche Wendung seines Schicksals hinweghalf, und er sich +wieder seinen Werken zuwenden konnte. Sein stolzes Künstlerbewußtsein +kam ihm gut dabei zu Hilfe. Er hatte eingesehen, daß der wahre Adel +des Menschen von ~innen~ kommt, und daß nur das ~Können~ +wirkliche Rangunterschiede zu schaffen vermag. So wie er dachte, +handelte er auch. Seine Freunde, den Fürsten Lichnowsky und den Prinzen +Louis Ferdinand, behandelte Beethoven genau wie seinesgleichen; er +fühlte sich ihnen gegenüber in nichts geringer. Er wohnte einige Zeit +im Palais des Fürsten Lichnowsky, konnte sich aber der Hausordnung +nicht fügen; es war ihm auch später unmöglich, bei seinem Schüler, dem +Erzherzog, die Hofetikette mitzumachen, von deren Zwang er denn auch +zum Entsetzen der Lakaien entbunden wurde. Als Beethoven 1806 während +des Kriegsgetümmels zu Lichnowsky auf Schloß Grätz floh, bat der Fürst +den Künstler, seinen Gästen, den französischen Offizieren, die das +Schloß besetzt hatten, doch etwas am Flügel vorzuspielen. Beethoven war +aber über diese Zumutung, vor den Deutschfeindlichen zu konzertieren, +derart empört, daß er aufsprang, im Regen nach Troppau rannte und von +dort so schnell als möglich nach Wien zurückeilte. + +In der Abendgesellschaft, die eine Gräfin zu Ehren des Prinzen Louis +Ferdinand gab, war für Beethoven und andere nichtadelige Gäste an einem +Seitentische gedeckt worden; als aber Beethoven bemerkte, daß er mit +dem Hochadel nicht an einem Tische speisen sollte, stürmte er davon. +Louis Ferdinand veranstaltete Beethoven zu Ehren ein paar Tage später +ein Revanchediner und ließ zu seiner rechten Seite für Beethoven und +zur linken für eben jene Gräfin decken. + +Solche und ähnliche Züge zeigen Beethoven als einen überaus stolzen, +seines Genies wohlbewußten Menschen, der schroff und hart werden +konnte, wenn man ihm die Ehren versagte, die er glaubte, beanspruchen +zu dürfen. + +Aber es gibt auch ebensoviele rührende Züge, die Zeugnis ablegen von +seinem reichen Mitgefühl und seinem überaus großen Zartsinn. + +Als er einmal in Heiligenstadt weilte, einem kleinen Dörfchen bei +Döbling, wo er, der ein fanatischer Sommerfrischler war, die schöne +Jahreszeit verlebte, klangen ihm aus einem Häuschen die Töne seiner ++F dur+-Sonate entgegen. Er horchte und hörte eine zarte Stimme +sagen: »Was gäbe ich darum, das Stück von jemand zu hören, der ihm +gerecht wird.« Beethoven durch den Klang der Stimme betroffen, trat +in das Haus ein und setzte sich an das jämmerliche Instrument. Da +er bemerkte, daß keine Noten auflagen, blickte er fragend auf die +verlegene Spielerin und bemerkte jetzt erst an ihrem Gesichtsausdruck, +daß sie blind war und nur nach dem Gehör gespielt hatte. Beethoven war +im Innersten gerührt; der Mond schien gerade ins Zimmer und beleuchtete +das schwermutvolle Antlitz der Blinden. Unwillkürlich brach der Bruder +der Blinden in die Worte aus: »Die arme Schwester!« Es lag ein Bedauern +in dem Ausruf, daß es der Schwester nicht vergönnt war, den Mondschein +zu ~sehen~. Beethoven aber sagte sehr ergriffen: »Ich will ihr +den Mondschein ~spielen~!« Er setzte sich ans Instrument und +improvisierte ein weltverlorenes, musikalisches Gedicht, das später die +Mondscheinsonate genannt wurde. Und um diese Zeit galt er schon als ein +mürrischer, finsterer Mann. + +Die Menschen konnten ihn nicht erziehen; das ~Leben~ bildete ihn +und schliff seine Unebenheiten ab. Da mit den Jahren seine Taubheit +immer mehr zunahm, konnte man nur noch schriftlich mit ihm verkehren. +Der Umgang mit ihm wurde den Menschen unbequem; sie blieben von ihm +fort, ihn seiner Einsamkeit überlassend. Nach und nach mußte er das +Dirigieren aufgeben und das öffentliche Spielen, denn er las auf +den Gesichtern seiner Zuhörer: Mitleid. Das machte ihn verdrossen +und stumm. Er versank ganz in sich selber, tauchte nur noch in die +eigenen Tiefen hinab, um die unschätzbaren Perlen heraufzuholen, die +auf dem Grunde seiner Seele lagen. Aber je mehr er an sich selber zum +Schatzgräber wurde, desto mehr vernachlässigte er die Menschen seiner +Umgebung. Sein Verhältnis zu ihnen wurde ein recht tragisches. + +Im Jahre 1802 ist Beethoven wieder etwas mehr um die Heilung seines +Gehörleidens besorgt und geht deshalb wieder nach Heiligenstadt. +In trübster Seelenstimmung und in seiner großen Sehnsucht nach +verständnisvollen Menschen schreibt da der große Einsame seinen letzten +Willen nieder, diesen furchtbaren Aufschrei eines liebedürstenden +Herzens: »O ihr Menschen, die ihr mich für feindselig, störrisch +oder misanthropisch haltet oder erklärt, wie unrecht tut ihr mir, +ihr wißt nicht die geheime Ursache von dem, was euch so scheinet; +mein Herz und mein Sinn waren von Kindheit an für das zarte Gefühl +des Wohlwollens, selbst große Handlungen zu verrichten, dazu war ich +immer aufgelegt; aber bedenket, daß seit sechs Jahren ein heilloser +Zustand mich befallen, durch unvernünftige Ärzte verschlimmert, +von Jahr zu Jahr, in der Hoffnung gebessert zu werden, betrogen, +endlich zu dem Überblick eines dauernden Übels gezwungen. Mit einem +feurigen lebhaften Temperamente geboren, selbst empfänglich für +die Zerstreuungen der Gesellschaft, mußte ich früh mich absondern, +einsam mein Leben zubringen. Welche Demütigung, wenn jemand neben mir +stand und von weitem eine Flöte hörte, und ich nichts hörte! Solche +Ereignisse brachten mich nahe an Verzweiflung; es fehlte wenig und ich +endigte selbst mein Leben. Nur sie, die Kunst, sie hielt mich zurück. +Ach, es dünkte mir unmöglich, die Welt eher zu verlassen, bis ich das +alles hervorgebracht, wozu ich mich aufgelegt fühlte. Geduld, sie muß +ich nun zur Führerin wählen, dauernd, hoffe ich, soll mein Entschluß +sein, auszuharren. O Menschen, wenn ihr einst dies leset, so denkt, +daß ihr mir unrecht getan, und der Unglückliche, er tröste sich, einen +seinesgleichen zu finden, der trotz allen Hindernissen der Natur doch +noch alles getan, um in die Reihe würdiger Künstler und Menschen +aufgenommen zu werden; mit Freuden eil' ich dem Tode entgegen; komm +wann du willst, ich gehe dir mutig entgegen.« + +Heiligenstadt blieb Beethovens Lieblingsaufenthalt, und seine besonders +liebkoste Idee war, ganz aufs Land zu gehen. Hätte er ein Bauerngut, +meinte er, so könnte er allem Elend entfliehen. Abends im Bett las er +bei zwei Kerzen Tacitus, Plutarch, Plato, Homer, Shakespeare, Ossian, +Klopstock, Kant, Herder, Goethe und Schiller. Morgens wanderte er +schon vor Sonnenaufgang in die erwachende Natur hinaus, in der er bis +zum Frühstück »studierte«. Dort fühlte er sich glücklich und selig, +fühlte sich »sehr geliebt von den Göttern am Ende der Welt« und hatte +mit keinem Gemeinschaft. Er lief in den Fluren in Hemdärmeln herum -- +»spazierenarbeitend« wie er sagte --, komponierte, schwatzte mit den +Bauern, die den »graupeten Musikanten« wohl kannten und, da er seiner +Magd nicht traute, trug er das Gemüse für den Mittagstisch selbst im +blauen Taschentuch nach Hause. Dabei brüllte er Melodienbruchstücke so +laut vor sich hin, daß die Ochsen vor ihm Reißaus nahmen. + +Er blieb sein Leben lang ein Einsamer, der sein Inneres in Tönen +verausgabte. Mit seiner hohen Tatenlust hing seine Liebe zur Freiheit +zusammen, und so erklang denn auch in seinen Werken die Idee der +Völkerfreiheit. + +Eines Tages war der französische Gesandte Bernadotte mit Beethoven +bekannt geworden und regte bei ihm den Gedanken an, Napoleon durch ein +großes Orchesterwerk zu feiern. Dieser Anregung vermochte Beethoven +um so eher zu folgen, als er in Napoleon den Konsul als Führer der +Nation verehrte, als Gesetzgeber wahrer Freiheit. So schuf er denn die +dritte Symphonie (+op. 55+), die nur den Titel »Bonaparte« führte, +und eben sollte sie gerade der Pariser Gesandtschaft übermittelt +werden, da bringt ein Schüler Beethovens, Ferdinand Ries, die Nachricht +von Napoleons Kaiserwahl. Beethoven erwartete von Napoleon, daß er +die Würde ablehnen würde, aber der Fürst Lichnowsky, der dazukam, +bestätigte nur die Wahl. Da riß Beethoven das Titelblatt herunter, +schleuderte die Partitur zur Erde, trampelte wütend mit den Füßen +darauf herum und schrie zornig: »Also auch er ein gewöhnlicher Mensch!« + +Lange wollte Beethoven von dieser Symphonie nichts mehr wissen. Als +sie aber später vom Fürsten Lobkowitz zur Aufführung in seinem Palais +erbeten ward, radierte er auf der Abschrift das Wort »Bonaparte« so +wütend aus, daß ein Loch im Manuskript entstand. Er widmete sein Werk +nun dem Fürsten und nannte es jetzt »+Sinfonia eroica+« mit dem +Nebensatz, »um das Andenken eines großen Menschen zu feiern«. Bei der +ersten Aufführung mißfiel es dem Fürsten, und von der Galerie rief +bei der ersten öffentlichen Aufführung der Eroica eine Stimme laut +herunter: »Ich gäb' noch einen Kreuzer, wenn's nur aufhörte.« Dagegen +war Prinz Louis Ferdinand so entzückt davon, daß er sich das Werk +gleich dreimal hintereinander vorspielen ließ. In diesem Werke war ja +auch alles, was im geknechteten deutschen Volke an Größe und Idealismus +nach Ausdruck rang, in ungeheuren Musikwogen dargestellt, in einer +kraftvollen Sprache, die die Hörer mit fortriß und emporhob. + +In dieser Zeit lebte Beethoven vom Stundengeben, was er als eine große +Last empfand, und vom Ertrage seiner Werke. Fürst Lichnowsky hatte +ihm außerdem ein Ehrengehalt von sechshundert Gulden ausgesetzt, so +daß Beethoven sich einen gewissen Luxus leisten konnte. Er hielt sich +zum Beispiel ein Pferd, das ihm Graf Browne für seine »Variationen« +geschenkt hatte; er erinnerte sich aber erst an die Existenz dieses +Pferdes, als ihm die stark angewachsene Futterrechnung vorgelegt wurde. + +Beethovens Erscheinung wird von den Zeitgenossen folgendermaßen +beschrieben: er war eher klein, als mittelgroß, sehr stämmig und +untersetzt. Er hatte kleine schwarze Augen, die leuchteten, aber bei +fixiertem Blick fast stechend wurden, und schwarze Haare, die in +eine herrliche Stirn hineinhingen, einen wahren Sitz majestätischer +Schöpferkraft, dazu ein pockennarbiges Gesicht von roter gesunder +Farbe, eine kurze, eckige Nase, plumpe Hände mit kurzen Fingern, kleine +hastige Bewegungen. Dazu sah er meist so finster aus, wie seine in +»wunderbarer Konfusion« befindliche Wohnung. Er war sehr unbeholfen, +fast linkisch. Selten nahm er etwas zur Hand, das nicht fiel oder +zerbrach; das Tintenfaß warf er mehrmals ins Klavier; alles wurde +umgeworfen, beschmutzt, zerstört. Sein Eigensinn kannte oft keine +Grenzen, und stets führte er, allen Hindernissen trotzend, dennoch +durch, was er sich in den Kopf gesetzt hatte. Baden und Waschungen +in kaltem Wasser waren mit seine Hauptbedürfnisse. Als Getränk war +ihm frisches Brunnenwasser unentbehrlich, das er von früh bis spät +in kolossalen Mengen trank. Auch trank er sehr gern Kaffee, den er +sich selber bereitete. Er zählte dabei mit peinlicher Genauigkeit +für jede Tasse sechzig Bohnen ab. Bei den Mahlzeiten war er wenig +wählerisch. Von allen Weinen schmeckten ihm wunderlicherweise gerade +die verfälschten am besten, unter denen er viel zu leiden hatte. +Auch ein gutes Glas Bier und die Tabakspfeife, dazu die Augsburger +Allgemeine Zeitung, deren Lektüre ihm sehr viel Zeit stahl, das waren +seine kleinen Hauptfreuden. + +Bei einem Spaziergange um Baden bei Wien riß ihm einst der Sturm seinen +Hut vom Kopfe. Er ~mußte~ ihn wiederhaben, und so rannte Beethoven +auf der Böslauerstraße meilenweit seinem Hute nach. Schweißtriefend, +zerzaust, atemlos und beschmutzt hielt man ihn in der Wiener Neustadt +als »Lump« auf und nur dank seiner Bekanntschaft mit dem Bürgermeister +Meißner konnte man ihn aus den Händen der Polizei befreien. Aber seinen +Hut hatte er wieder. + +Als ihm einst sein Freund Breuning mitteilte, ein Quartett hätte nicht +gefallen, antwortete er: »Wird ihnen schon einmal gefallen.« Nach +der Schlacht bei Jena bemerkt er über Napoleon: »Schade, daß ich die +Kriegskunst nicht so verstehe, wie die Tonkunst, ich würde ihn doch +besiegen.« + +[Illustration: Beethovens Sterbehaus in Wien.] + +Seinen größten Spaß hatte er, wenn man ihn auf die grammatikalischen +Fehler aufmerksam machte, die sich in seinen Werken fanden. »Ich sage, +es ist recht,« meinte er dann. Man entgegnete wohl: »Diese Schreibart +ist fehlerhaft und nicht erlaubt,« und Beethoven erwiderte: »Nun, so +erlaube ~ich~ es.« + +Er war kein seßhafter Mieter; es duldete ihn nirgends lange; er fühlte +sich überall ungemütlich. In fünfunddreißig Jahren wechselte er seine +Wohnung vielleicht fünfunddreißigmal. Mit den Wiener Hausmeistern +stand er fast immer auf dem Kriegsfuße. Er studierte beständig die +Wohnungszettel an den Haustoren, um gleich ein neues Heim zu haben, +wenn ihm das alte nicht mehr behagte. Und da er in seiner Stube +trommelte und übermäßig brüllte und, seit sein Gehör schlecht geworden +war, förmliche Kanonaden am Klavier losließ, da er ferner bei seinen +Waschungen solche Überschwemmungen anrichtete, daß das Wasser durch die +Fußbodenritzen sickerte, war jedes Haus wieder froh, ihn loszuwerden. +Er wohnte immer im höchsten Stockwerk. Sein Zimmer sah sehr wüst aus +und ungemütlich; überall lagen Papiere umher und Kleidungsstücke; +Koffer standen herum; im übrigen waren die Wände kahl, und es befand +sich kaum ein Stuhl im Zimmer. Er trug einen dunklen, langhaarigen, +alten Rock, in dem er wie Robinson Crusoe aussah, und in sein Gesicht +hing das zottige, pechschwarze Haar. Sein Kopf konnte zuweilen für den +eines Jupiter gelten, obwohl er nicht schön war. Beethoven wußte das. +»Nun kannst Du mir helfen, eine Frau suchen,« schreibt er einmal einem +Freunde; »schön muß sie aber sein, nicht Schönes kann ich nicht lieben +-- sonst müßte ich mich selbst lieben.« + +Er war auch ein großer Tierfreund. Wenn er zum Beispiel sah, daß +kleine Jungen auf Schmetterlinge Jagd machten, verscheuchte er immer +die Kinder oder verhinderte sie sonst am Fangen der Sommervögel. +Dieser Zug hing mit seiner großen Liebe zur Natur zusammen und mit +seiner Sehnsucht, allen lebendigen Geschöpfen die Freiheit zu geben. +In großartiger Weise hat er beides in seiner sechsten Symphonie zum +Ausdruck gebracht, der sogenannten »Pastorale«, in der das freie +Landleben in der Natur seine höchste Verherrlichung erfahren hat. + +Interessant war seine Freundschaft zum Hofsekretär Zmeskall von +Domanovecz durch die äußerst drolligen Briefe, die Beethoven ihm +schrieb und von denen wir ein paar zum besten geben wollen, weil sie +uns Beethoven auch von der humorvollen Seite zeigen. + + + I. + + »An seine Hochwohl--wohl--wohlgeboren den Herrn von Zmeskall, + Kaiserlicher und Königlicher wie auch Königlicher Kaiserlicher + Hofsekretair, Seine Hochwohlgeboren, sowie des Herrn von Zmeskall + Zmeskalität haben die Gewogenheit, zu bestimmen, wo man sie morgen + sprechen kann. Wir sind Ihnen ganz verflucht ergeben. + + + B.« + + II. + + + »Liebster Baron Dreckfahrer! + + +Je vous suis bien obligé pour votre faiblesse des vos yeux+ -- + übrigens verbitte ich mir inskünftige, mir meinen frohen Mut, den + ich zuweilen habe, nicht zu nehmen, denn gestern durch Ihr Zmeskall + Domanoveczisches Geschwätz bin ich ganz traurig geworden. Hol' Sie der + Teufel, ich mag nichts von Ihrer ganzen Moral wissen; ~Kraft~ ist die + Moral der Menschen, die sich vor anderen auszeichnen, und wenn Sie mir + heute wieder anfangen, so plage ich Sie so sehr, bis Sie alles gut und + löblich finden, was ich tue. Adieu Baron, Ba...ron ron, nor, orn, rno, + onr.« + + + III. + + + »Verfluchter eingeladener Domanetz -- nicht Musikgraf, sondern + Freßgraf, Dinergraf, Soupergraf etc. -- Kommen Sie, wenn Sie der + Kanzleigefängniswärter entwischen läßt. Ich esse heute zu Hause + des besseren Weines halber. Wenn Sie sich bestellen, was Sie haben + wollen, so wäre mir's lieb, wenn Sie auch zu mir kommen wollten, den + Wein bekommen Sie gratis und zwar besser wie in dem hundsföttischen + ›Schwanen‹. Ihr kleinster Beethoven.« + + + IV. + + + »Geliebtester +Conte di Musica+! Wohl bekomme Euch der Schlaf, + und auf heute wünschen wir Euch einen guten Appetit und eine gute + Verdauung. Das ist alles, was dem Menschen zum Leben nötig ist, und + doch müssen wir das alles so teuer bezahlen. -- Darum sind wir, Euer + gnädigster Herr, gezwungen, uns herabzulassen und Euch zu bitten um + ein Darlehen von fünf Gulden, welches wir Euch binnen einigen Tagen + wieder zufließen lassen werden. Lebt wohl, geliebtester +musico+ + und +conte di musica+. Euer wohlaffektionierter Beethoven. + Gegeben in unserem Komponier-Kabinett.« + + +Im Hause des Hofrats von Birkenstock hatte Beethoven auch Bettina +Brentano kennen gelernt, damals Braut Achim von Arnims und intime +Freundin Goethes. Ihre tief musikalische Natur sehnte sich nach +Beethoven. Als sie sich kennen lernten, sang Beethoven ihr das Lied +»Kennst du das Land«, zwar mit scharfer und schneidender Stimme, aber +mit tiefem Ausdruck. »Aha,« rief Beethoven aus, »die meisten Menschen +sind gerührt über etwas Gutes, das sind aber keine Künstlernaturen. +Künstler sind feurig, die weinen nicht.« + +Von diesem Tage an waren sie täglich zusammen und wurden immer mehr +befreundet. Bettina schrieb öfters über ihre Zusammenkünfte mit +Beethoven schwärmerische Briefe an Goethe. »O Goethe,« heißt es da +einmal, »kein Kaiser und kein König hat so das Bewußtsein seiner Macht, +und daß alle Kraft von ihm ausgehe, wie dieser Beethoven.« + +1812 machte Beethoven eine Reise nach Teplitz, wo er Varnhagen, Tiedge, +Elise von der Recke und andere bedeutende Persönlichkeiten kennen +lernte. Und das Jahr darauf, als er wieder in Teplitz weilte, machte er +endlich die Bekanntschaft Goethes, mit dem er nun sehr oft zusammenkam. +Goethe schrieb an seinen Freund Zelter: »Beethoven habe ich in Teplitz +kennen gelernt. Sein Talent hat mich in Erstaunen gesetzt. Allein, +er ist leider eine ganz ungebändigte Persönlichkeit, die zwar nicht +unrecht hat, wenn sie die Welt verabscheuenswert findet, aber sie +freilich dadurch weder für sich, noch für andere genußreicher macht. +Sehr zu entschuldigen ist er hingegen und sehr zu bedauern, da ihn +sein Gehör verläßt. Er, der ohnehin lakonischer Natur ist, wird es nun +doppelt durch diesen Mangel.« + +Goethe, der von den im Bade anwesenden Fürsten mannigfache +Auszeichnungen erfahren hatte, wollte besonders der Kaiserin seine +Ergebenheit bezeigen und riet auch Beethoven, in bescheidener Weise +das gleiche zu tun. »Ei was!« antwortete Beethoven, »so müßt Ihr's +nicht machen. Ihr müßt ihnen tüchtig an den Kopf werfen, was sie an +Euch haben, sonst werden sie's gar nicht gewahr. Ich hab's ihnen anders +gemacht.« Und nun erzählte Beethoven, wie ihn einmal der Erzherzog, +sein Schüler, habe warten lassen und er darauf fortgegangen sei. Einen +Orden könnten sie einem wohl anhängen, könnten einen wohl zum Hofrat +machen, aber nicht zum Goethe oder zum Beethoven; davor müßten sie +Respekt haben. Und während Beethoven so sprach, kam gerade der ganze +Hofstaat an. Beethoven sagte nun zu Goethe: »Bleibt mir in meinem Arm +hängen; ~sie~ müssen ~uns~ Platz machen.« Aber Goethe machte +sich los und stellte sich mit abgezogenem Hut an die Seite, während +Beethoven mit verschränkten Armen und nur den Hut ein wenig rückend, +mitten durch die Hofgesellschaft ging, die sich infolgedessen teilen +und ihm Platz machen mußte. Alle grüßten ihn freundlich. Auf der +anderen Seite blieb Beethoven stehen und wartete auf Goethe, der sich +so lange tief verneigte, bis die Gesellschaft vorübergegangen war. +Beethoven sagte: »Auf Euch habe ich gewartet, weil ich Euch ehre und +achte, wie Ihr es verdient, aber jenen habt Ihr zu viel Ehre angetan.« +Beethoven fand Goethe zu geziert. »Ihm behagt die Hofluft zu sehr; +mehr, als es einem Dichter ziemt,« schreibt er an einen Freund. + +Ihm widerstrebte alles äußere Wesen; sein ganzes Leben war auf innen +eingestellt; er haßte alle Eitelkeit. Deshalb schickte er auch eine +Visitenkarte seines Bruders, der ihm zu Neujahr gratuliert hatte und +auf welcher zu lesen war »Johann van Beethoven, Gutsbesitzer« zurück +und schrieb auf die Rückseite »Ludwig van Beethoven, Hirnbesitzer«. + +Und doch war es nicht läppischer Stolz, der ihn zuweilen so hochfahrig +erscheinen ließ. »O Gott, gib mir die Kraft, mich zu besiegen,« +schreibt er 1812 in sein Tagebuch; »mich darf ja nichts mehr an das +Leben fesseln.« Und 1813: »O Gott, Gott, sieh auf den unglücklichen +Beethoven herab, laß es nicht länger so dauern.« + +Frau Streicher nahm sich seiner häuslichen Verwirrung an, die so groß +war, daß Beethoven eines Tages nicht einmal mehr Stiefel zum Ausgehen +hatte. Einer seiner Gönner war inzwischen gestorben, und ein anderer, +Fürst Lobkowitz, war selber arg verschuldet und in Bedrängnis. »Es ist +hart, beinahe um des lieben Brotes willen zu schreiben! So weit habe +ich es nun gebracht,« stöhnt Beethoven 1818. Seine Einnahmen standen um +diese Zeit in der Tat beinahe im umgekehrten Verhältnis zu seinem Ruhm. +Es war eine Ironie des Schicksals, daß Beethoven, der in diesen Jahren +sehr viel äußere Bedrängnis auszustehen und der sich von aller Welt +verschlossen zurückgezogen hatte, in Wien zu einer Art Sehenswürdigkeit +geworden war. Nur wenige Kollegen, Schubert, Liszt und Weber, die ihn +besuchten, wurden empfangen. Und zu diesen äußeren Sorgen kamen noch +andere. + +Seit dem im Jahre 1815 erfolgten Tode seines Bruders Karl nahm +Beethoven sich auch dessen unmündigen Sohnes, seines Neffen Karl, +an, dessen Vormund und Erzieher er wurde und auf den er alle innige +Familienliebe übertrug, die er so viele Jahre zurückgedämmt hatte. + +Wegen seines Ehrengehaltes lag er in fortwährenden Streitigkeiten mit +den Gerichten, in denen er stets von neuem zu beweisen hatte, daß er +noch am Leben sei. Eine besondere Kränkung tat man ihm an, als er +in einem Prozesse seinen vermeintlichen Adel erweisen sollte. Tief +verletzt zeigte er auf Herz und Kopf und rief »Hier und hier«. + +Die Wohnungs- und Dienstmädchensorgen quälten ihn auch nicht wenig. In +der Mödlinger Hauptstraße, wo er damals wohnte, komponierte er, wie +er selbst sagte, »im Schweiße seines Angesichtes« und schlug, Tag und +Nacht arbeitend, mit Händen und Füßen so stark den Takt, daß ihm die +Wohnung gekündigt werden mußte. + +[Illustration: Beethovens Grabmal in Wien.] + +Das Leben schien ihm nun ein Dornenweg; ein Spießrutenlaufen durch +tausend Drangsale und alltägliche Plackereien. »Für dich, armer +Beethoven, gibt es kein Glück von außen,« lautet nun seine Einsicht. +Seine brüske, verbitterte Art zeichnete sich sogar in seiner +Handschrift aus, von der Zelter sagte: »Beethoven schreibt immer wie +mit einem Besenstiel,« und Beethoven selbst gesteht: »Das Leben ist +zu kurz, um Buchstaben und Noten zu ~malen~, und schöne Noten +brächten mich schwerlich aus den Nöten.« + +Trotzdem bewahrte er sich sein gutes Herz und seine reiche +Menschenliebe. Er unterstützte reichlich seine beiden Brüder. Als +er erfuhr, daß Deutschland das letzte Kind des großen Musikers Bach +hungern ließ, verschaffte er ihm unter vielen Umständen die nötigen +Lebensmittel. Für eine herumziehende Musikantengesellschaft, deren Not +ihn dauerte, komponierte er einen Walzer und schrieb selbst die Stimmen +dazu aus. + +Er selbst vernachlässigte sich sehr; sogar in der Kleidung ließ er sich +jetzt stark gehen. Seine grauen Haare waren immer unfrisiert, und mit +seinem krausen Buschkopf bot er eine auffallende Erscheinung. Als eine +Dame einmal ganz entzückt seine schöne Stirn bewunderte, sagte er kurz +angebunden: »Nun, so küssen Sie sie!« + +Seine große Aufopferungsfähigkeit tritt uns aber in ihrer ganzen +Großartigkeit entgegen in dem Verhältnis zu seinem Neffen Karl, dem +er sich mit Leib und Seele, mit Gut und Geld widmete; er spielte und +tollte mit ihm herum, behütete ihn wie seinen Augapfel und erntete +nur Undank. Beethoven wollte den Jungen zum Gelehrten oder Künstler +machen; aber der Neffe entlief seinem Onkel, mißachtete ihn, wurde +von der Universität entlassen, spielte, flanierte, log, unterschlug +Gelder, bis er eines Tages einen mißglückten Selbstmordversuch machte +und blutüberströmt dem unglücklichen Onkel ins Haus gebracht wurde, der +über diesem Streich fast zusammenbrach. + +Ohnehin hatte ein Leberleiden schon begonnen, die Gesundheit Beethovens +zu untergraben. Und als die Gelbsuchtsanfälle sich mehrten, dachte er +an sein Testament. Als der Neffe von seinem dummen Streich genesen war, +wurde er von der Polizei der Stadt verwiesen und zog nach Gneixendorf. +Beethoven, der an dem Neffen, den er zum »geliebten Universalerben« +bestimmt hatte, mit unverminderter Liebe hing, zog ebenfalls nach dem +Dorfe hinaus, wo ihn die Diener und Bauern, die ihm in Flur und Wald +begegneten, heftig auslachten, wenn sie ihn gerade beim Komponieren +betrafen. Er gestikulierte so stark, daß das Vieh, das ihm begegnete, +scheu wurde und die Bauern ihm oft zuriefen: »He! a bissl stader!« + +Auf einer Rückreise von Gneixendorf nach Wien mußte Beethoven fiebernd +in einem Dorfwirtshause übernachten. An einer Bauchfellentzündung +leidend, kam er auf einem Milchwagen, »dem elendesten Fuhrwerk des +Teufels«, am 2. Dezember 1826 in Wien an und wurde von Stunde zu Stunde +elender. + +Beethoven schickt seinen Neffen aus, zwei befreundete Ärzte zu holen, +die versagen aber ihre Hilfe, weil ihnen der Weg von der Stadt nach +der entfernten Wohnung Beethovens zu weit ist. Beethoven bittet seinen +Neffen, andere Ärzte zu besorgen; der leichtsinnige Bursche vergißt +aber ganz daran, setzt sich statt dessen in ein Kaffeehaus und spielt +Billard. Erst sehr spät fällt ihm der Auftrag des todkranken Onkels +wieder ein, aber anstatt wenigstens jetzt selber auf die Suche zu +gehen, gibt er seinen Auftrag dem Kellner weiter, der ebenfalls daran +vergißt. Drei Tage darauf wird der Kellner zufällig selbst krank und +in der Klinik, wohin er gebracht werden muß, erinnert er sich jetzt +erst des erhaltenen Auftrags. Jetzt erst erhält Beethoven ärztliche +Hilfe. Aber es ist schon zu spät, da bereits Wassersucht eingetreten +ist. Dazu kommen noch neue Gemütserschütterungen, und da nächtliche +Erstickungsanfälle auftraten, muß der Bauchstich gemacht werden. Beim +Anblick des Wassers, das ihm aus dem Leibe läuft, hat er noch so viel +Humor, dem Arzt zu sagen, er sei ein wahrer Moses, der mit dem Stabe +an den Felsen geschlagen habe, daß das Wasser kam. »Besser Wasser aus +dem Bauch, als aus der Feder,« tröstete er sich. Eine Sorge verläßt +ihn: der Neffe Karl betritt die militärische Karriere; dafür kommt +eine neue Sorge: die militärische Ausstattung des Neffen hat sehr viel +gekostet, und es ist Geldnot eingetreten. Die Krankheit zieht sich in +die Länge, obwohl Beethoven schon zum drittenmal operiert worden ist. +Und von allen Bekannten kümmert sich fast niemand um ihn, außer den +allernächsten Freunden. Und nun nähert sich Beethoven immer mehr seinem +irdischen Ende. Am 23. März empfängt er die Sterbesakramente. Tags +darauf beginnt der Todeskampf. + +Am 26. März 1827 blieb die kleine Pyramidenuhr, ein Geschenk der +Fürstin Lichnowsky, stehen, und noch heute soll diese Uhr, so oft +ein Gewitter naht, stehnbleiben. Gegen fünf Uhr toste mit gewaltigem +Donner, Schnee und Hagelschlag mitten im Winter ein Unwetter heran. +Nur Beethovens Schwägerin, Frau van Beethoven, und ein junger Schüler +Beethovens waren im Sterbezimmer anwesend. Plötzlich wurde das Zimmer +durch einen Blitz grell beleuchtet. Der Sterbende öffnete weit die +Augen, erhob die rechte Hand und blickte mit drohender Miene starr gen +Himmel. Dann sank er zurück. Der Recke war tot. + +Seinem Leichenbegängnis folgte keine Gattin, nach der er sich so oft +gesehnt hatte und kein eigenes Kind. An seinem Grabe weinte die ganze +Welt. Zwanzigtausend Menschen folgten dem Sarge, und alle Schulen waren +geschlossen. + + + + + Der Erfinder Edison. + + +In Orange in New Jersey, inmitten eines Netzes elektrischer Leitungen, +erhebt sich ein von weiten, einsamen Gärten umgebenes Haus. Die Front +gebietet über einen großen Rasenplatz, der von kiesbestreuten Wegen +durchkreuzt ist und sich bis zu einem pavillonartigen Gebäude hinzieht. +Dieser Pavillon ist rings von einer Reihe sehr bejahrter hoher Bäume +beschattet. + +Hier wohnt Thomas Alva Edison, der Mann, der das Echo gefangennahm, der +fast taube Zauberer so vieler Wunderdinge, die geschaffen sind, um dem +Ohr ein Fest zu bereiten. + +An einem Herbstabend der letzten Jahre geschah es, daß Edison sich in +das Innere seines Privatlaboratoriums zurückzog. In seinem bequemen +amerikanischen Klubsessel saß er mit aufgestützten Ellbogen allein, +eine Havanna rauchend, obwohl er sonst nicht rauchte, weil der Tabak +große Pläne so leicht in Träumereien zerfließen läßt. Von seinem +bereits sagenhaft gewordenen Gewand umhüllt, dem schwarzseidenen Umhang +mit den violetten Quasten, sah er zerstreut vor sich hin und schien in +tiefe Betrachtung versunken. + +Die Tische waren übersät mit tausenderlei Instrumenten, Räderwerken, +geheimnisvollen Mechanismen, elektrischen Apparaten, Teleskopen, +Reflektoren, Magneten, Retorten, Phiolen und Tafeln, die mit Zahlen +bedeckt waren. + +Die untergehende Sonne beleuchtete die von Ahorn- und Tannenbäumen +bestandenen Hügel von New Jersey, und hin und wieder wurde das Gemach +blitzartig von aufglühenden elektrischen Funken erhellt. + +Der Wind wehte kühler; ein Gewitter hatte am Nachmittage die Luft +durchfeuchtet, und die Blumen vor dem Fenster schickten nun ihre +schweren Düfte herein. Ihr betäubendes Aroma ermattete die lebhaften +Gedanken Edisons, und unbewußt wurde er von dem Reiz der Dämmerung +eingefangen ... + +Im Februar des kommenden Jahres wurde er sechzig Jahre alt und es +reizte ihn nun, gleichsam am Vorabend des Greisenalters, über sein +mühseliges, leidensvolles Leben nachzudenken ... all die mühseligen +Wege, die er gehen mußte, ehe er als der größte Erfinder auf dem Gebiet +der Elektrotechnik allgemein anerkannt war, in Gedanken zu gehn. + +Er sah das Bild Milans vor sich, seiner Geburtsstadt im +nordamerikanischen Ohio, in der er am 11. Februar 1847 zur Welt kam. + +Väterlicherseits stammte Edison aus einer alten holländischen +Müllersfamilie, die ungefähr um 1737 in Nordamerika eingewandert +war. Er sah im Geiste den Vater vor sich, wie er in Milan einen +schwunghaften Getreide- und Holzhandel betrieb, an dem er zum +wohlhabenden Manne wurde. Und sah die, ach, nun tote Mutter, eine +Kanadierin, die von einer eingewanderten schottischen Familie abstammte +und eine vorzügliche Erziehung genossen hatte. Vor ihrer Heirat war +sie Lehrerin gewesen, um später ihren Beruf auch am jungen Edison +auszuüben. Das blühende Geschäft hatte den Eltern die Möglichkeit eines +behaglichen Lebens gegeben und die Hoffnung einer sorglosen Zukunft. +Die Eltern liebten ihren Thomas Alva mit großer Zärtlichkeit! Wie +machten sie ihm seine Kinderjahre zu Jahren sonniger Freude! + +Aber Glück ist wandelbar und nicht von langer Dauer. Der Eisenbahnbau +begann, um dem Handel einen neuen Weg zu eröffnen. Es begann ein +tolles Hämmern und Schmieden. Aber durch diese Eisenbahn wurde der +Kanalverkehr des Ohio lahmgelegt, dem der Vater hauptsächlich seine +Einnahmen verdankte. Das Geschäft des Vaters ging zurück, und als +gar noch eine allgemeine finanzielle Krisis hereinbrach, ging des +Vaters Betrieb vollkommen zugrunde, so daß die Familie sich plötzlich +allen Bitternissen der Armut gegenübergestellt sah. Aber nur das +Geschäft brach zusammen, nicht auch der Vater, der vielmehr mit zäher +ungebrochener Energie daranging, sich im Port Huron im Staate Michigan +ein neues Heim zu gründen und mit erstaunlicher Arbeitskraft sein +Leben von neuem aufzubauen. Thomas Alva war damals sieben Jahre alt. +Er hatte bereits angefangen, in die Schule zu gehn, als schon sein +erster Unterricht durch diese Umsiedelung gestört und gehemmt wurde. +In Port Huron wurde er nun, um das Schulgeld zu sparen, nicht mehr in +die Schule geschickt; die Mutter übernahm vielmehr selbst die weitere +Ausbildung des Knaben. Die lehrte ihn schreiben, lesen und rechnen +und diese gemeinschaftliche Arbeit schuf ein sehr inniges Verhältnis +zwischen Mutter und Sohn. Wie spornte sie immer seinen Wissenseifer an +und gab seiner Phantasie reiche geistige Nahrung. + +Aber auch in Port Huron ging das Geschäft des Vaters nicht recht +vorwärts; die Familie blieb arm. Es war aus mit den sorglosen Jahren +der Kindheit; die Spielzeit war vorbei. Schon als Zwölfjähriger mußte +der junge Edison daran denken, etwas mitzuverdienen. Er nahm eine +Stelle als Zeitungsjunge an der Eisenbahn an, die Port Huron mit +Detroit verbindet. + +Und Edison sieht im Geiste rückwärts; sieht, wie er zwischen diesen +beiden Stationen täglich hin und her fährt, während der Fahrt von Wagen +zu Wagen wandert, um den Reisenden Zeitungen, Süßigkeiten, Früchte +und andre Erfrischungen anzubieten, wodurch er sich eine bescheidene +tägliche Einnahme sichert, die er zum größten Teil seinen Eltern +bringt. Die Stunden, die zwischen der Ankunft des Zuges in Detroit +und seiner Abfahrt liegen, bringt er damit zu, seine Geschäftsgänge +zu besorgen, seine Zeitungsexemplare einzukaufen und in der +Volksbibliothek zu arbeiten, deren viele tausend Bände gewissenhaft +durchzulesen er sich ernsthaft vorgenommen hat. Er liest tatsächlich +auch die Bücher, wie sie ihm gerade zur Hand kommen, der Reihe +nach wahllos durch, und als er schon eine Strecke von fünfzehn Fuß +weggelesen hat, wird die Bibliothekleitung endlich auf sein Vorhaben +aufmerksam und lenkt seine Lesewut in die richtigen Bahnen. Unter den +bereits verschlungenen Büchern befanden sich recht schwierige Werke; +zum Beispiel Gibbons »Verfall und Untergang des römischen Reiches«, +Humes »Geschichte Englands« und »Die Geschichte der Reformation«, +Burtons »Anatomie der Melancholie« und andre Bücher. + +Auf der hundert Kilometer langen Bahnstrecke Port Huron-Detroit war +der junge Edison bald eine sehr bekannte und beliebte Person. Aber +wichtiger war für ihn, daß er sich auch die Zuneigung des Bahnpersonals +erwarb. Denn er hatte es in erster Reihe dem Personal zu danken, +daß man ihm das ausschließliche Recht des Zeitungsverkaufs auf den +Lokalzügen der genannten Strecke zubilligte; außerdem hatte man ihm +noch einen alten ausrangierten Gepäckwagen zur Verfügung gestellt, der +gewöhnlich leer im Zuge mitlief. + +Welche wundervollen Stunden hat er in diesem Rumpelwagen erlebt! Schon +als dreizehnjähriger Knabe hatte Edison große Freude an chemischen +Experimenten, und so häufte er in der einen Hälfte des Wagens allerhand +Apparate und Flaschen mit Chemikalien an und gestaltete ihn zu einem +kleinen chemischen Laboratorium um, während er in der andren Hälfte +seine Zeitungen, Fruchtkörbchen und andere Handelsartikel aufbewahrte. + +Über seinen chemischen Versuchen vergaß er aber nicht, seinen +Geschäften nachzugehen; im Gegenteil, seine Tätigkeit war, wie +bei allen Amerikanern, auf Gewinn und Erwerb gerichtet. Er kaufte +gewöhnlich zweihundert Zeitungsexemplare; zuweilen hätte er aber +auch dreihundert verkaufen können. Als er nach der Ursache dieses +schwankenden Verkaufs forschte, bemerkte er bald, daß sich der Absatz +nach der Wichtigkeit und Sensation der aktuellen Vorgänge richtete, +und er war nun so schlau, ehe er seine Exemplare kaufte, jedesmal die +Überschriften der Zeitung erst rasch zu überfliegen und sie gleichsam +auf ihre sensationelle Wirkung hin zu prüfen. Und danach bemaß er +dann auch ganz seinen Bedarf. Um jene Zeit war gerade der große Krieg +zwischen den Nord- und Südstaaten ausgebrochen, und das reisende +Publikum war nach den neuesten Nachrichten stets sehr begierig. + +Eines Tages las Edison auf der Probenummer der Zeitung in Riesenlettern +eine Überschrift, die eine große Schlacht mit fünfzigtausend Toten und +Verwundeten ankündigte. Blitzartig durchfuhr ihn der Gedanke, daß +ihm der Verkauf dieser Zeitungsnummer großen Gewinn bringen könnte, +wenn es ihm gelänge, die Aufmerksamkeit der Reisenden längs der ganzen +Zugstrecke rechtzeitig auf diese große Neuigkeit hinzulenken. Schon +hatte er einen fertigen Plan im Kopf. Er eilte zur Telegraphenstation +und bestimmte einen ihm bekannten Beamten ein kurzes Telegramm +über eine große Schlacht mit fünfzigtausend Toten und Verwundeten +abzusenden, mit der Bitte, diese Depesche an der schwarzen Tafel, auf +der gewöhnlich die Verspätungen der Züge angezeigt wurden, mit Kreide +anzuschreiben. Edison erbot sich, dem Beamten für diesen Dienst ein +halbes Jahr lang unentgeltlich eine täglich erscheinende Abendzeitung +und zwei Journale zu liefern, eine Wochen- und eine Monatsschrift. +Der Beamte ging auf den Vorschlag ein und versprach, das Telegramm +rechtzeitig abzusenden. Nun galt es noch, eine möglichst große Anzahl +Zeitungsexemplare zu erhalten. Geld hatte Edison nicht, und als er +sich an den Vorsteher der Speditionsabteilung mit der Bitte wandte, +ihm tausend Exemplare auf Kredit zu überlassen, wurde ihm das rundweg +abgeschlagen. Viel Zeit war bis zum Abgang des Zuges nicht mehr zu +verlieren; kurz entschlossen wandte sich Edison an den Eigentümer +der Zeitung selbst, sagte ihm, wer er sei und bat um fünfzehnhundert +Exemplare, die er am nächsten Tage bezahlen wollte. Der Besitzer der +Zeitung, ein hagerer ernster Mann, musterte den kecken vierzehnjährigen +Zeitungsboy einen Augenblick, kritzelte einige Worte auf einen Zettel +und gab ihn Edison mit den Worten: »Trag's hinunter, und du wirst +erhalten, was du wünschest.« Niemand war glücklicher als Edison. Im +Triumph trug er seinen schweren Ballen Zeitungen fort, faltete und +legte sie noch auf der Straße mit Hilfe einiger Knaben zurecht und +lief zu seinem Zuge. Jetzt hatte er nur noch die eine Sorge, ob der +Telegraphenbeamte auch Wort gehalten hatte. Denn davon hing ja der +glückliche Ausgang seines Unternehmens ab. + +Und wie dann der Erfolg seine Erwartungen bei weitem übertraf! Wie er +schon, als der Zug auf der ersten Station Utica einlief, eine Menge +Menschen auf dem Bahnsteig herumstehen sah, die, durch sein Telegramm +neugierig gemacht, ungeduldig die Ankunft des Zuges erwarteten, um +genauere Nachrichten über die große Schlacht zu erhalten. Wie er nun +einen Arm voll Zeitungen nahm, aus seinem Güterwagen sprang und im +Nu vierzig Exemplare zu zwanzig Pfennig (fünf Cent) abgesetzt hatte, +während er sonst an dieser Station kaum zwei Exemplare loswerden +konnte. Auf der nächsten Station, Mount Clemens, war noch eine größere +Menschenmenge versammelt. Jetzt hatte er vierzig Pfennig für das +Exemplar gefordert und hatte trotzdem hundertfünfzig Stück verkauft. +Ähnlich ging es auf den folgenden Stationen. Am tollsten war es aber +auf der Endstation Port Huron, wo Edison zu Hause war. Als er hier mit +den letzten paar hundert Exemplaren, die ihm geblieben waren, sich auf +den Weg zur Stadt machte, die anderthalb Kilometer entfernt lag, kam +ihm unterwegs ein großer Schwarm aufgeregter Menschen entgegen, die +ebenfalls durch sein schlaues Manöver in höchste Erregung versetzt +worden waren. Sie riefen alle nach Zeitungen und Edison verkaufte +ihnen einen großen Teil, das Exemplar zu einem Vierteldollar (mehr +als eine Mark). Die Nachricht, daß der kleine Edison mit den neuesten +Depeschen vom Kriegsschauplatze kam, verbreitete sich mit Windeseile +nach der Stadt, und Edison sah sich genötigt, auf den Stufen, die zur +Tür einer Kirche emporführten, Posto zu fassen, um sich des Andranges +zu erwehren. Der Gottesdienst sollte gerade beginnen, aber die Türen +waren noch offen, daher strömten die Menschen heraus, und es entstand +ein tolles Wettbieten auf die letzten hundert Exemplare der kostbaren +Zeitungsnummer. + +Mit einem kleinen Vermögen kam Edison am Abend nach Hause, wo er seinen +Eltern von der gelungenen Unternehmung berichtete und ihnen den größten +Teil seines Gewinnes einhändigte. + +Der glückliche Ausgang dieser kleinen Spekulation blieb auf die +Entwicklung Edisons nicht ohne starken Einfluß. Zunächst stärkte sich +sein Selbstvertrauen, sein Unternehmungsgeist wurde angeregt, so daß +der Vierzehnjährige Geschäftsunternehmungen wagt, die von seinen +außerordentlichen Anlagen beredtes Zeugnis ablegen. Er verdankte ja +sein kleines Vermögen jenem Telegramm, und so war es ganz natürlich, +daß die Telegraphie und ihre gewaltige Bedeutung für den Verkehr ihn +besonders lebhaft interessieren mußte. Er vernachlässigte nun die +Chemie auf Kosten der Elektrizität, über deren geheimnisvolle Kraft er +in der folgenden Zeit alles zusammenlas, was ihm nur erreichbar war. Er +kaufte und verfertigte sich elektrische Apparate, um selbst elektrische +Versuche anstellen zu können. + +Inzwischen war er rastlos bemüht, aus seinem Zeitungsverkauf möglichst +großen Gewinn zu ziehen, denn ohne Geldmittel war es ihm nicht möglich, +seine Kenntnisse zu erweitern. Er dachte sogar daran, selbst eine +kleine Zeitung herauszugeben, um seine Einnahmen zu vermehren und, +die Tat dem Gedanken gleich folgen lassend, ging er sofort an die +Ausführung. Für wenig Geld hatte er bald eine alte ausrangierte Presse +und einen Satz alter Typen erworben, die er nach seinem Gepäckwagen +schaffte, wo er denn auch seine Versuche begann. Das Setzen und Drucken +hatte er in der Druckerei, von der er bisher die Zeitung bezog, den +Arbeitern abgesehen; trotzdem kostete es ihn freilich unendliche Mühe +und manche schlaflose Nacht, bis er den Reisenden seiner Strecke seine +eigene kleine Zeitung, die er »Grand Trunk Herald« nannte, zu drei +Cent das Exemplar verkaufen konnte. Sie erschien einmal wöchentlich +und kostete im Monatsabonnement acht Cent (zweiunddreißig Pfennig); +jedenfalls war es das einzige Journal der Welt, das den Namen einer +Eisenbahnzeitung mit Fug und Recht trug, da sie im Eisenbahnzuge +selbst fertiggestellt wurde. Der vierzehnjährige Edison war sein +eigener Redakteur, Setzer, Drucker und Zeitungsjunge. Ehe die erste +Nummer aber erschien, machte der diplomatische Junge einem der +Generaldirektoren der Bahnlinie einen Besuch und bat ihn um die Ehre, +sein erster Abonnent zu werden. Seine Bitte wurde erfüllt und überdies +bedachte man ihn mit einem kleinen Geldgeschenk. Unter dem Bahnpersonal +selbst gewann er eine stattliche Zahl Abonnenten, und auch zahlreiche +Reisende kauften die Zeitung, so daß er in kurzer Zeit vierhundert +Abonnenten zählte. Ihr Inhalt bestand meist aus Lokalnotizen, +Bahnerlebnissen, Zugverbindungen, Verkehrsneuigkeiten, wichtigen +Familienereignissen und Inseraten. Um neue Leser anzulocken, erhielt +jeder Abonnent seine Zeitung mit aufgedrucktem Namen. Die weltberühmte +Londoner Zeitung, die »Times«, würdigte dieses Edisonsche Blättchen +sogar einer Besprechung, und der große Erfinder der Lokomotive, +Stephenson, bestellte eine Spezialausgabe dieser Zeitung für sich +allein. + +Edisons Einnahmen wuchsen; seine Arbeit wurde freilich auch immer +größer, so daß er endlich mehrere junge Burschen als Gehilfen anstellen +mußte. Nun konnte er seinen Eltern bereits einen Monatsgewinn von +vierzig Dollar (hundertundsiebzig Mark) abliefern. + +Trotz dieses günstigen Resultates war er nicht zufrieden; er wollte +seine Zeitung auf ein höheres Niveau erheben, sie fesselnder gestalten. +Und so gab er mit einem gleichalterigen Kameraden eine neue Zeitung +heraus, »Paul Pry« benannt, nach einer bekannten Lustspielfigur, die +einen neugierigen, umherspähenden, spionierenden Charakter hatte. Die +neue Zeitung war in jeder Beziehung der alten überlegen. Allein, da er +selber noch ein Knabe war, teilte Edison oft auch knabenhafte Torheiten +mit und wurde bei der Mitteilung mancher Neuigkeiten übermütig und +ausfallend. So geschah es, daß ein Leser der Zeitung sich und sein +peinliches Erlebnis eines Tages selbst lächerlich gemacht sah; in +höchste Wut versetzt, lauerte der herkulische Mensch dem jungen Edison +auf und schleuderte ihn kurzerhand in den St. Clairfluß. Edison konnte +aber gut schwimmen und rettete sich glücklich ans Ufer; jedoch machte +das unfreiwillige Bad dem »Paul Pry« rasch ein vorzeitiges Ende. + +Kurze Zeit nach diesem unglücklichen Abenteuer fiel in dem alten +rumpligen Gepäckwagen, der nicht auf Federn ruhte, durch die heftigen +Stöße der Lokomotive eine Flasche Phosphorlösung um. Sie explodierte +und der Wagen geriet in Brand. Das Feuer wurde zwar mühelos gelöscht, +aber der Zugführer hatte schon längst nach einer Gelegenheit gesucht, +den kleinen Edison loszuwerden, der in dem alten Wagen fürchterlich +dünstende chemische Versuche anstellte und mit den Druckpressen einen +schrecklichen Radau vollführte. Der Zugführer ließ nun sofort alle +Habseligkeiten Edisons rücksichtslos ausräumen, verbot ihm die weitere +Benützung des Gepäckwagens und gab ihm noch obendrein ein paar so +mächtige Ohrfeigen, daß Edison das Trommelfell des einen Ohres platzte, +auf dem er zeitlebens taub blieb. + +Edison rückte sich im Sessel zurecht und faßte unwillkürlich an das +taube Ohr. Er hatte viel gelitten darum. Ganz in seinen Erinnerungen +lebend, fühlte er noch jetzt, nach fünfundvierzig Jahren, die Hand des +brutalen Zugführers in seinem Antlitze brennen. Überwältigt von Schmerz +und Scham mußte er damals zusehen, wie der Zugführer abdampfte. Und +Edison stand mit seinen zerbrochenen Gläsern, Retorten und Apparaten +heulend auf dem Bahnsteig. + +Der Verlust seines geliebten Laboratoriums war ein schrecklicher Schlag +für Edison. Die höchste Verzweiflung hatte ihn gepackt. Seine Mutter +tröstete ihn und räumte ihm den Wohnungskeller ein, in dem er seine +Versuche fortsetzen konnte. Der Gepäckwagen war ihm nun entzogen, seine +Stellung als Zeitungsjunge konnte man ihm aber nicht nehmen. Und so +fuhr er denn, wie in den ersten Tagen, zwischen Detroit und Port Huron +hin und her, um wieder seine alte Zeitung zu verkaufen. Die freie Zeit, +die ihm blieb, verwandte er auf elektrische Versuche, denen von nun +ab sein Hauptinteresse gehörte. Zunächst wollte er eine telegraphische +Anlage bauen. Er hatte sich ein Buch über Telegraphie gekauft, das +er eifrig studierte. Aus gewöhnlichem Eisendraht stellte er nun eine +Leitung her, die sein Haus mit dem eines Kameraden verband und mittels +eines alten Kabelstückes, das er im Fluß gefunden hatte, wurde diese +Leitung »unterführt«. Zwei riesige Katzen wurden beschafft, deren +rückwärts geriebenes Fell als elektrische Stromquelle dienen sollte. +Diese kindlichen Versuche hatten aber kein anderes Ergebnis, als daß +die Katzen, die keine Lust hatten, Reibungsversuche an sich machen zu +lassen, die beiden Knaben bös zerkratzten und übel zurichteten. + +Das Mißlingen spornte Edison aber zu neuen Versuchen an. Er kaufte, +indem er sich selbst große Entbehrungen auferlegte, allerhand alte +elektrische Apparate und Elemente und setzte seine Versuche mit +einer Ausdauer fort, die den Kameraden oft zur Verzweiflung brachte. +Schmerzlich war es inmitten all dieser Versuche für Edison, daß er +die Kunst des Telegraphierens nicht beherrschte. Ein Zufall kam +ihm jedoch auch hier glücklich zustatten. Der Zug, auf dem Edison +Zeitungsjunge war, hatte auf der Station Mount Clemens gewöhnlich +eine halbe Stunde Aufenthalt, um Rangierungen vorzunehmen und einen +Güterwagen abzustoßen. Edison schlenderte mit seinen Zeitungen am Zuge +entlang, als er plötzlich gewahrte, daß der kaum dreijährige Sohn des +Stationsvorstehers ahnungslos auf dem Gleise spielte, auf dem der +abgestoßene Güterwagen eben ziemlich rasch herangerollt kam. Voller +Geistesgegenwart schleuderte Edison seine Zeitungen fort, war mit +einem Satz an der gefährlichen Stelle und hatte gerade noch Zeit, sich +mit dem Jungen auf die andere Seite zu werfen. Im nächsten Augenblick +erhielt Edison auch schon am Stiefelabsatz vom Wagen einen heftigen +Stoß, der den jungen Lebensretter darüber belehrte, in welcher großen +Todesgefahr beide geschwebt hatten. Beide waren, vornüberstürzend, +mit dem Gesicht so heftig auf einen Kieshaufen aufgeschlagen, daß +sich die kleinen Steinchen tief ins Fleisch gebohrt hatten. Aber diese +Verletzungen waren ungefährlich, und die glücklichen Eltern wußten +nicht, wie sie dem fünfzehnjährigen Lebensretter danken sollten. Der +Stationsvorsteher Mackenzie war arm und lebte nur von seinem knappen +Gehalt. Da er aber Edisons Neigungen kannte, erbot er sich, ihm +die Kunst des Telegraphierens beizubringen, die Edison weit höher +einschätzte, als eine Geldbelohnung, und so wurde Edison zu einem +Telegraphisten ausgebildet. Er konnte für dieses Studium freilich nur +die Nachtstunden benützen, da er tagsüber mit dem Zeitungsverkauf zu +tun hatte. Trotzdem machte Edison bei seinem rastlosen Eifer so rasche +Fortschritte, daß er schon nach vierzehn Tagen dem Stationsvorsteher +einen vollständigen Satz telegraphischer Apparate vorlegen konnte, die +er in einer Büchsenmacherei selbst angefertigt hatte. Trotzdem die +Apparate auf einem Briefkuvert Platz hatten, funktionierten sie doch +vortrefflich. Und praktisch wie Edison war, legte er auch gleich eine +eigene Telegraphenlinie an, um Port Huron mit dem Bahnhof zu verbinden, +der anderthalb Kilometer entfernt lag. Er nagelte einfach ausgeglühten +Eisendraht mit gewöhnlichen Nägeln an die Pfosten einer hölzernen +Einfriedigung. Das Telegramm kostete fünfzig Pfennig (zwölfeinhalb +Cent). Bei trockenem Wetter arbeitete die Linie exakt; bei feuchtem war +aber die Isolierung zu schlecht. Allein, da im ersten Monat nur drei +Depeschen aufgegeben wurden, suchte Edison anderweitige und lohnendere +Beschäftigung. + +Als Eingeweihter in telegraphische Geheimnisse, wurde er nun ständiger +Besucher der Telegraphenämter. Er war sehr beliebt und benutzte jede +Gelegenheit, um seine Kenntnisse zu vertiefen. Nach drei Monaten hatte +er es denn zu einer größeren Vollkommenheit gebracht als sein Lehrer; +er war vorbereitet genug, um die Stelle eines Telegraphisten ausfüllen +zu können. Er verließ endlich, von der größten telegraphischen +Gesellschaft Nordamerikas noch um neunzig Mark Gehalt betrogen, seine +Heimatstadt zum ersten Male, um im kanadischen Stratford einen Posten +als Telegraphist anzunehmen, den ihm der Stationsvorsteher Mackenzie +verschafft hatte. + +Und nun begann eigentlich erst für Edison die Zeit der wechselvollen +Erlebnisse, der mühseligen Arbeit, der schweren Enttäuschungen und der +großen Entbehrungen, die keinem erspart bleiben, der Großes erreichen +und Bedeutendes schaffen will. Es begann für Edison die Zeit, in der +sein Genie auf harte, aber kräftigende Proben gestellt wurde. + +Er bezog ein monatliches Gehalt von fünfundzwanzig Dollar und +hatte schweren Nachtdienst, denn sein Vorgesetzter war hart und +unnachsichtig. Um die Wachsamkeit seiner Telegraphisten kontrollieren +zu können, hatte er die Vorschrift erlassen, daß jeder alle halbe +Stunde das Wort »+six+« telegraphieren solle. Nun hatte Edison +die Gewohnheit, in seiner dienstfreien Zeit die Telegraphenbureaus in +der Umgebung von Stratford zu besuchen, und er machte oft so weite +Ausflüge, daß er gerade noch knapp zu seinen Dienststunden eintraf. +Die Folge war, daß er des Nachts sehr müde war, und daß ihm die +Innehaltung des Kontrollzeichens sehr lästig wurde. Er kam daher auf +den Gedanken, diese Arbeit durch einen »anderen« verrichten zu lassen, +nämlich durch die Uhr. Er befestigte an der Uhr ein kleines Rad, das +bestimmte Einschnitte hatte; dieses Rad schaltete er mittels Drähte in +den Stromkreis des Telegraphenapparates ein und ließ auf diese Weise +die Uhr alle halbe Stunden das verlangte Wort telegraphieren. Das +ging eine Zeitlang ganz gut, bis man bemerkte, daß, sobald das Wort +»+six+« telegraphiert war, einige Buchstaben nicht telegraphiert +werden konnten. Man untersuchte den Fehler und entdeckte Edisons +arbeitsparende Vorrichtung, die sofort beseitigt wurde. Und fast wäre +Edison selber »beseitigt« worden. In dieser Vorrichtung lag aber +schon die Grundidee zu dem späteren Distrikttelegraphen Edisons, der +patentiert und verkauft wurde. + +Weniger glücklich verlief ein anderer Vorfall, bei dem sich Edison +grobe Pflichtversäumnis hatte zuschulden kommen lassen. Es gehörte +zu seinen Obliegenheiten, gewissen ankommenden Nachtzügen je nach +der Anweisung des Zugabfertigers das Signal zum Halten oder zum +Weiterfahren zu geben. Eines Nachts sollte er einen ankommenden +Güterzug auf einer Station halten lassen; Edison telegraphierte aber +dem Abfertiger die Ankunft des Zuges, bevor er wirklich eingelaufen +war, und entfernte sich, um spazierenzugehen. Er glaubte noch +rechtzeitig zurücksein zu können; aber der Zug war schon früher da, als +Edison angenommen hatte und, da der Zugführer infolge der Abwesenheit +Edisons keinen Befehl zum Halten vorfand, war er wieder weitergefahren. +Edison wollte nun zum nächsten Güterschuppen eilen, wo die +Nachtgüterzüge zu halten pflegten, um Frachtstücke ein- und auszuladen; +aber in der Dunkelheit fiel er in eine Grube, aus der er sich nur +schwer herausarbeiten konnte. Und als er zerschunden und atemlos an +dem Schuppen angekommen war, war es wieder zu spät. Er stürzte wieder +zur Station zurück und schickte eine Depesche nach der nächsten +Station, aber auch diese kam schon zu spät, und wenn nicht die beiden +Lokomotivführer sehr achtsam gewesen wären, hätte es unvermeidlich +zu einem Zusammenstoß kommen müssen. Als der Betriebsdirektor diese +Geschichte erfuhr, lud er den Sechzehnjährigen vor sich, um ihm zu +erklären, daß er ihn unbarmherzig auf fünf Jahre ins Gefängnis schicken +werde. Aber während Edison gerade das trübe Schicksal seiner nächsten +Zukunft erfuhr, kamen zwei Freunde des Direktors zu Besuch, die ihn +sofort in eine Unterhaltung zogen, und diese hochwillkommene Ablenkung +benutzte Edison, um auszureißen. Mit dem nächsten Zuge reiste er, wie +er ging und stand, nach Port Huron zurück. + +Edisons Genie sollte sich auch hier bewähren. Der Winter war sehr hart +gewesen, und als nun im Frühjahr das mächtige Treibeis des Huron-Sees +herankam, zerriß es das Kabel zwischen Port Huron und der jenseits +des mächtig breiten Flusses liegenden Stadt Sarnia. Der Verkehr war +sehr gestört, die Herstellung des Kabels war unmöglich. Völlig ratlos +wandte man sich an Edison, der sich auf die Weise zu helfen wußte, +daß er mit einer Lokomotive dicht an den Fluß heranfuhr und nun mit +der Signalpfeife ein Telegramm hinüber»pfiff«. Mit kurzen Tönen ahmte +Edison die Punkte, mit langgezogenen die Striche des Morse-Alphabets +nach. Und er pfiff die Frage in den Nebel hinaus: »Hallo, Sarnia, hörst +du mich?« Und nachdem er das Signal mehrere Male vergeblich hatte +ertönen lassen, wurde man endlich am jenseitigen Ufer doch aufmerksam, +erkannte die Bedeutung der schrillen Pfiffe und die Telegraphisten +antworteten auf dieselbe Weise die Antwort zurück. So war die +Verbindung wiederhergestellt. + +Diese findige Leistung machte Edison bekannt, und es fiel ihm deshalb +auch nicht schwer, eine Stellung als Telegraphist zu finden. Aber +da er viel unter Neid und Klatschsucht zu leiden hatte, und seine +Dienstvorschriften öfters verletzte, weil er unermüdlich seinen +eigenen Untersuchungen nachhing, mußte er seinen Aufenthaltsort oft +wechseln. So taucht der Siebzehnjährige in Adrian auf, in Fort Wayne, +Indianopolis, Cincinnati und Memphis. In Indianopolis gelang ihm auch +seine erste Erfindung, der selbsttätige Wiedergeber, der die Tätigkeit +des Telegraphisten überflüssig machte. Er hatte die Telegramme, die mit +einer Geschwindigkeit von fünfzig Worten in der Minute einliefen, für +die Presse wortgetreu wiederzugeben und hatte sich nun einen Apparat +konstruiert, der das mit einer Geschwindigkeit von dreißig Worten in +der Minute erledigte. Er hielt die Vorrichtung zwar geheim; aber eines +Tages, da sein Apparat, wo es sich um die Wiedergabe einer äußerst +wichtigen Gesetzesvorlage handelte, allzusehr im Rückstande blieb, +wurde dieser geniale Betrug entdeckt und Edison wurde auf der Stelle +entlassen. + +[Illustration: Edison in seinem Laboratorium.] + +Er begab sich nach Cincinnati, wo er sechzig Dollar im Monat verdiente +und durch aufopfernden Pflichteifer bald auf hundertundfünf Dollar +stieg, wanderte aber bald darauf nach Memphis, wo die Telegraphisten +hundertundfünfundzwanzig Dollar (fünfhundert Mark) im Monat verdienten. +Der Betriebsdirektor quälte sich vergeblich damit ab, eine Erfindung zu +machen, durch welche New York und New Orleans in direkte telegraphische +Verbindung treten konnten und als dies dem jungen Edison, unter +Anwendung seiner in Indianopolis gemachten Erfindung, nach kurzer Zeit +gelungen war, wurde der Direktor von solchem Neid erfaßt, daß er eine +falsche Anklage gegen Edison erhob, die zu seiner Entlassung führte. + +Jetzt traf ihn aber seine Entlassung höchst ungünstig. Edison hatte +eben einen großen Teil seines Gehalts -- wie immer -- den Eltern +geschickt. Er war vollständig mittellos und da er nie viel Wert auf +seine äußere Erscheinung gelegt hatte, stand es auch um seine Kleidung +sehr schlecht. Überdies war der Winter vor der Tür. Edison faßte +trotzdem Mut und wanderte wie ein Handwerksbursche mehrere hundert +Kilometer zu Fuß nach Louisville. Halbtot vor Hunger und Kälte und +Überanstrengung, mit Stiefeln ohne Sohlen, mit einem Strohhut auf dem +Kopf und in dünner, fadenscheiniger Sommerkleidung stapfte Edison in +den schnee- und eisbedeckten Straßen von Louisville umher, sich nach +dem Telegraphenamt hinfragend, wo er um eine Anstellung bat. Und als +der zerlumpte Bettler eine Probe seiner Geschicklichkeit gegeben hatte, +erhielt er auch Beschäftigung. + +Bis zu seinem neunzehnten Jahre blieb Edison in Louisville. Er brachte +es hier in der Kunst der Depeschenübertragung bis auf fünfundvierzig +Worte in der Minute. Inzwischen hatte er sich auch eine ganze +Bibliothek über elektrische Studien angeschafft und setzte außerdem +seine Experimente unentwegt fort. + +Es war den Beamten aber streng untersagt, die elektrischen Batterien +und Elemente anzurühren. Eines Nachts hatte Edison etwas Schwefelsäure +nötig und ging ins Batteriezimmer, sie zu holen. Dabei verschüttete +er ein Teil der Säure, die durch den Fußboden drang und im darunter +liegenden Zimmer des Direktors Schreibtisch und Teppich zerstörte. Der +aufgebrachte Vorgesetzte jagte Edison davon. Er ging zu seinen Eltern, +blieb anderthalb Jahre in seiner Heimatstadt Telegraphist und erfand +dort die Methode, ein einziges Kabel für zwei Stromkreise nutzbar zu +machen. Die Gesellschaft, der er seine Erfindung überließ, lohnte ihn +mit einem Freibillett nach Boston, wo ihm eine Stellung angeboten war. + +Gleich beim Beginn seiner Tätigkeit legte er Proben einer so +außerordentlichen Geschicklichkeit ab, daß die Kollegen, die erst +geglaubt hatten, ihn verhöhnen zu können, ihm die größte Hochachtung +bezeigten und sich um seine Freundschaft bewarben. Und da es um +diese Zeit auch seinen Eltern wieder besser zu gehen begann, wurde +er von dem schweren Druck befreit, der bisher auf ihm lastete. +Seine teilnahmsvollen Kameraden, sein freundlicher Vorgesetzter und +endlich die Freundschaft eines Herrn Milton Adams wirkten belebend +auf seine Fähigkeiten und schienen tausend Pläne und Erfindungen in +ihm zu wecken. Die erste Erfindung, die er hier ausführte, war ein +Abstimmungstelegraph, der die zeitraubende Arbeit des Zählens bei +Parlamentsabstimmungen ersparen sollte. Die Erfindung, auf die Edison +große Hoffnungen gesetzt hatte, wurde 1869 zwar patentiert; praktisch +fand man sie aber unverwertbar. Die Ablehnung empfand Edison sehr +schmerzlich; er lernte aber auch von diesem Fehlschlag, eine Erfindung +erst auf ihre Brauchbarkeit hin zu prüfen, ehe er an ihre Ausarbeitung +Kosten und Mühen verschwendete. + +In Boston hatte Edison sich eine kleine Werkstatt gemietet. Seine +Freunde hatten für das Bekanntwerden seiner Fähigkeiten wohl gesorgt, +so daß er bald kleine Aufträge bekam. Besonders zwei Aufgaben fesselten +ihn jetzt sehr stark: die Herstellung eigener telegraphischer +Druckapparate für die Mitteilung der Kurse im Geldverkehr und die +Benutzung ~eines~ Drahtes zur gleichzeitigen Sendung mehrerer +Depeschen. Deutschland kannte zwar schon diese Telegraphie; aber in +Amerika hat erst Edison die Telegraphie auf eine so vollkommene Stufe +erhoben, daß man die dadurch gemachten Ersparnisse auf etwa fünfzehn +Millionen Dollar taxiert. + +Indessen, es wollte ihm auch hier nicht gelingen, einen wesentlichen +~praktischen~ Erfolg für seine Erfindungen zu erringen; das +verleidete ihm Boston, und er beschloß, sein Wirkungsfeld nach der +Zentrale des amerikanischen Geschäftslebens zu verlegen: nach New York. +Und in großer Sorge um seine Zukunft reiste er dahin. + +Aber auch hier hatte er in den ersten Wochen bitter zu kämpfen. Er fand +keine Stellung, und niemand interessierte sich für seine Erfindung. Er +wäre auf dem erbarmungslosen New Yorker Pflaster in die äußerste Not +gekommen, wenn ihn nicht ein Zufall die rechten Wege geführt hätte. +Zuweilen scheint es wirklich, als hätte ein guter Geist immer seine +Schritte gelenkt, um ihn, wenn auch scheinbar auf Umwegen, seinen +Zielen entgegenzubringen. + +Als Edison nach New York kam, war es gerade der Schauplatz einer +dreisten Spekulation des Millionärs Jay Gould, der alles Gold hatte +aufkaufen lassen, um die Preise in die Höhe zu treiben. Das Bureau des +Herrn Law war das einzige, das mit allen sechshundert Geldmaklerbureaus +in telegraphischer Verbindung stand und wo man erfuhr, wie es um den +Goldkurs stand. Eine Unzahl besorgter Geschäftsleute forderte vom +Bureau Law Nachrichten. Die Beamten hatten alle Hände voll Arbeit. +Da versagt plötzlich zum Unglück -- und zum Glück Edisons -- der +Haupttelegraphenapparat. Die Störung verursachte eine ungeheure +Erregung bei der draußen harrenden Menge, die von Minute zu Minute +immer drohender anschwoll. Law und seine Beamten waren vollständig +kopflos geworden, als der beschäftigungslose Edison, der mit der +drängenden Menschenmasse unbeachtet ins Bureau geschoben worden war, +den Apparat, der die Störung verursachte, rasch betrachtet hatte +und nun sagte: »Ich glaube, Mister Law, ich kann Ihnen zeigen, wo +die Störung liegt. Eine Kontaktfeder ist zerbrochen, zwischen zwei +Zahnräder gefallen und hindert dadurch die Umdrehung der Scheibe mit +den Papierstreifen.« Edisons Vermutung war richtig. In kurzer Zeit +hatte er die Störung beseitigt, und Law engagierte Edison sofort als +Aufseher über alle Teile des telegraphischen Betriebes mit dem hübschen +Monatsgehalt von nahezu dreizehnhundert Mark (dreihundert Dollar). +Mit einem Schlage war Edison ein gemachter Mann. Er war für alle Zeit +die fürchterlichen Nahrungssorgen los, und von nun an nimmt seine +Entwicklung einen raschen und glänzenden Verlauf. + +Seine Tätigkeit bei Law brachte es mit sich, daß Edison sich wieder +der Herstellung verbesserter telegraphischer Apparate zuwandte. Seine +Verbesserungen riefen indessen eine Umwälzung auf diesem Gebiete +hervor, daß er schließlich seine Stellung dadurch verlor. Inzwischen +war er aber in New York bereits so bekannt, daß er in einer Fabrik +für elektrische Apparate sofort wieder eine neue Stellung fand. Hier +vervollkommnete er seine früher erwähnte Erfindung des Drucktelegraphen +für Kursberichte, die ihm bei Laws Konkurrenzgesellschaft eine gleiche +Stellung eintrug, wie er sie bei Law gehabt hatte. Und als er hier +die telegraphischen Einrichtungen verbesserte, kaufte ihm diese +Gesellschaft das Benützungsrecht für seine letzten Erfindungen ab und +zahlte ihm dafür etwa hundertundsiebzigtausend Mark. + + * * * * * + +Edisons Havannazigarre war ausgegangen und er entzündete sie von neuem, +noch immer seinen Erinnerungen nachgehend ... + +Er hatte hundertundsiebzigtausend Mark bekommen. Niemand war +glücklicher als er. Wie einfach und wahr hatte der deutsche Dichter +Goethe das Gretchen im Faust es sagen lassen: Am Golde hängt doch +alles! Jetzt, mit diesem Vermögen in den Händen, konnte er seine +heißesten Wünsche stillen, konnte sich eine umfangreiche Werkstätte +mit allem Zubehör einrichten, um die Fabrikation seiner Erfindungen +selber betreiben zu können. Und obwohl diese Einrichtung so ziemlich +das ganze Vermögen wieder verschlungen hatte, hatte es Edison trotzdem +nicht zu bereuen. Seine Fabrik war bald so beschäftigt, daß sie in +kurzer Zeit zu klein geworden war. Innerhalb weniger Jahre mußte er die +stets größer gewählte Fabrik mit einer immer noch größeren vertauschen +und 1873 war er von der ursprünglichen Werkstatt in New York in die +gegenüberliegende Stadt Newark in seine Fabrik eingezogen, in der er +bereits dreihundert Arbeiter beschäftigte. Sein Name war schon berühmt, +und er genoß in der Geschäftswelt bedeutenden Kredit. + +Seine Geschäftsführung war ebenso merkwürdig wie sein ganzes Leben. +Da es seinem Buchhalter einst passierte, daß er bei der Bilanz einen +Überschuß von siebentausendfünfhundert Dollar herausgerechnet hatte, +während in Wirklichkeit ein Defizit von fünfzehntausend Dollar +vorhanden war, brachte dieser Irrtum Edison dazu, alle Buchführung +für unnützen Schwindel und kostspieligen Zeitvertreib zu erklären. +Von Stund' an führte er sein Geschäft ohne Buchführung. Aber nur +ein Geist von der Fassungskraft Edisons konnte die Buchführung, die +kein geschäftlicher Betrieb entbehren kann, beiseitelassen, ohne +Schaden zu erleiden. Seine Untergebenen hatten auch keine bestimmten +Arbeitsstunden; die Arbeitszeit richtete sich ganz nach den vorhandenen +Aufträgen. Man hätte erwarten sollen, daß eine solche Geschäftsführung +ohne Bücher und ohne geregelte Arbeitszeit ein wahres Chaos zur Folge +haben würde. Nichts von alledem. Freilich ließ sich diese Einrichtung +auch nur deshalb ohne Störung durchführen, weil Edisons Arbeiter +zugleich seine Kameraden waren, die mit Liebe und Bewunderung an ihm +hingen. + +Und Edison selbst gab Beispiele von fast übermenschlicher Arbeitskraft. +Eines Tages hatte er für hundertundfünfundzwanzigtausend Mark +telegraphische Apparate zu liefern; sie waren fertig, funktionierten +aber nicht richtig, ~mußten~ aber rechtzeitig und tadellos +geliefert werden. Edison ließ alle Apparate in sein Laboratorium +bringen, schloß die Tür und sagte zu seinen Assistenten: »Ich habe +die Tür abgeschlossen, und nun müßt ihr bleiben, Kameraden, bis die +Arbeit beendet ist.« Und es folgten ~hintereinander sechzig Stunden +angestrengter Arbeit~, in denen kaum Zeit blieb, etwas zu essen; von +Schlafen war keine Rede; aber die Apparate waren zur bestimmten Zeit +fertig. Edison selbst schlief hinterher sechsunddreißig Stunden. + +Aber diese Doppeltätigkeit, Erfinder und Fabrikant zugleich, konnte +Edison nicht auf die Dauer durchführen. Er gab seine Fabrik auf, die +ihm in drei Jahren einen Gewinn von mehr als anderthalb Millionen +gebracht hatte, und verwendete das Geld dazu, ein großes Grundstück +in Menlo-Park zu kaufen und ein Laboratorium darauf zu bauen, das +eines der großartigsten Amerikas werden sollte. Er schaffte sich die +vollkommensten und kostbarsten physikalischen und chemischen Apparate +an; eine Werkstatt, die dreißig Meter lang und zehn Meter breit war, +wurde mit allen erdenklichen mechanischen Drehbänken, Maschinen und +Werkzeugen versehen; eine Dampfmaschine von achtzig Pferdestärken +versorgte die Anlage. Eine wissenschaftliche Bibliothek fehlte nicht. +Sogar eine Orgel wurde angeschafft, denn Edison liebte es, bei +angestrengter geistiger Arbeit sich von den wohltuenden Harmonien der +Musik besänftigen zu lassen. 1876 zog Edison hier ein und hatte einen +Stab außerordentlich tüchtiger Hilfskräfte um sich versammelt. Der +weitaus hervorragendste war Charles Bachelor, dessen Dienste für Edison +unschätzbar waren. + +Hier machte Edison in den folgenden zehn Jahren seine bedeutendsten +Erfindungen. 1869 war er ein armer Teufel, der in New York stellungslos +umherlief; 1879 ein weltberühmter Erfinder, ein vielfacher Millionär. +Aber dieser beispiellose Erfolg wurde nicht durch irgendwelche +Glücksfälle erreicht, sondern nur durch zähe, harte Arbeit, ein Wort, +das im Leben Edisons die allererste Rolle spielt und alle seine Erfolge +erklärt. + +Keine seiner Erfindungen -- er besitzt bereits nahezu tausend Patente +-- machte seinen Namen jedoch so populär wie der Phonograph, den er +1877 in Menlo-Park erfand; ein zungen- und zahnloses Instrument, +ohne Schlund und ohne Kehlkopf, eine tote, tonlose Masse, die +nichtsdestoweniger alle Töne nachahmt, und mit deiner Stimme spricht. +Noch nach Jahrhunderten, nachdem du längst in Staub zerfallen bist, +kann dieser Apparat deinen Urenkeln alles wiederholen, was du in den +Apparat hineingesprochen hast, und zwar so, als sprächest du lebendig +zu ihnen. + +Immerhin dauerte es zehn Jahre, bis der Phonograph, wesentlich +verbessert, 1888 im Londoner Kristallpalast zum ersten Male in Europa +vorgeführt wurde. Edison hatte eine Walze mitgeschickt, von deren +Phonogramm aus er selbst zu den Besuchern sprach, und die Königin von +England und andere hohe Persönlichkeiten schickten ihm vermittels des +Phonographen ihren Dank zu. 1889 wurden fünfundvierzig Phonographen +mit Walzen, die alle lebenden Sprachen wiedergaben, auf der großen +Pariser Weltausstellung gezeigt, wo sie täglich von dreißigtausend +Menschen besichtigt wurden. Heute gibt es wohl kein Städtchen mehr in +der zivilisierten Welt, dessen Einwohner diese Erfindung Edisons nicht +kennen würden. + +Sie würde noch immer eine ungeheure Umwälzung hervorrufen, wenn man +sie so ausnützen würde, wie sie es erlaubt. Der Phonograph könnte die +Stenographen überflüssig machen; Briefe ließen sich direkt auf die +Platten sprechen, die man dann mit der Post verschicken könnte; hat +man Lust, musikalische Leistungen der berühmtesten Künstler der Erde +zu hören, so kann man sie sich ja heute schon kaufen; phonographische +Bücher könnten die gedruckten ersetzen, was vor allem für die Blinden +von weittragendster Bedeutung wäre; die Sprachen wilder Stämme und +schwer zugänglicher Völker könnten phonographisch festgehalten werden; +jede Familie wäre imstande, die Stimmen lieber Verstorbener jederzeit +wieder zu sich sprechen zu lassen; man könnte sich statt eines +Bilderalbums ein phonographisches Album anlegen. + +Edison selber hat scherzhalber einmal im Schlafzimmer eines Gastes, +dessen Furchtsamkeit er kannte, einen phonographischen Apparat +aufgestellt, der um Mitternacht ernst und feierlich die Worte rief: +»Mensch, bereite dich vor zum Sterben.« Entsetzt floh der Gast zu dem +Hausherrn, der dann den ganzen Mechanismus erklären mußte, um den +Geängstigten zu beruhigen. + +Auch die Puppenindustrie hat sich in ungeheurem Umfange des +Phonographen bemächtigt und sprechende Puppen hergestellt, die kleine +Lieder singen oder ganze Sätze sprechen und Gedichtchen aufsagen. Die +jetzige Königin von Holland hat als eine der ersten solch eine Puppe +zum Spielen bekommen. + +Andere Erfindungen Edisons, wie der Phonometer, das Megaphon und +das Aerophon sind weniger bekannt geworden, obwohl auch sie von +außerordentlicher Bedeutung sein könnten. Praktisch von weit +größerer Bedeutung als der Phonograph wurde aber das elektrische +~Glühlicht~, das Edison zwar nicht erfunden, aber auf die Höhe +der Vollkommenheit gebracht hat, die es gegenwärtig besitzt. Als er +nach endlosen und oft mißlungenen Versuchen, die viele schlaflose +Nächte gekostet hatten, seine Lampen endlich so weit verfeinert hatte, +daß er die Brenndauer einer Lampe von anfangs zwanzig bis vierzig auf +tausend Stunden erhöhen konnte, stattete er alle seine Räumlichkeiten +von innen und außen mit etwa siebenhundert Glühlampen aus. Diese neue +Lampe machte in Nordamerika ein solches Aufsehen, daß aus allen Teilen +des Landes Besucher herbeiströmten, zu deren Beförderung oft besondere +Extrazüge nach Menlo-Park eingelegt werden mußten. Die Aktien der +Glühlichtgesellschaft stiegen von hundert Dollar bis auf dreitausend +Dollar. + +Edison legte jetzt eine Glühlampenfabrik an, die die Stammutter +aller Glühlampenfabriken der Welt wurde. Der geschäftliche Erfolg +dieser Lampe war ebenso gewaltig wie die Revolution, die sie im +Beleuchtungswesen heraufbeschworen hat. 1884 wurde auch in Berlin eine +Deutsche Edisongesellschaft gegründet, aus der später die Berliner +Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft hervorgegangen ist, deren +elektrische Anlagen wohl die bedeutendsten der ganzen Welt sind. + +Es ist unmöglich, alle Erfindungen Edisons auf dem Gebiete der Schwach- +und Starkstromtechnik hier auch nur andeutungsweise zu erwähnen. Eine +seiner wichtigsten Erfindungen ist aber die Benutzung der elektrischen +Kraft zu Verkehrszwecken. Die Versuchsbahn, die er auf seinem großen +Grundstück in Menlo-Park baute, bewährte sich so vortrefflich, daß sie +seitdem in der Alten und Neuen Welt rasche Verbreitung gefunden hat. +Als der Vorstand der Gesellschaft für elektrische Bahnen Edison einst +in Menlo-Park besuchte, um zu kontrollieren, wie weit die elektrische +Personenbeförderung sei, bat der Erfinder die Gäste, mit ihm die +Lokomotive zu besteigen, die gerade auf der Versuchsbahn bereit stand. +Die Herren, im Glauben, Edison wolle ihnen etwas erklären, stiegen +ahnungslos auf. Edison zog einen Hebel, und die Maschine ging los. Er +steigerte ihr Fahrtempo bis zur raschesten Schnellzuggeschwindigkeit, +daß die Hüte der Gäste davonflogen, die sich zitternd festklammerten +und Edison flehentlich baten, aufzuhören. Sie fürchteten eine +Katastrophe. Das machte Edison Spaß, und er fuhr noch rascher. Erst als +die Herren vor Angst schlotterten, hielt er an, und mit Zittern und +Zähneklappern stiegen sie ab und machten sich eiligst aus dem Staube. +Sie kontrollierten Edison nie wieder und fragten ihn nichts mehr. + +Als Edison 1876 von Newark nach Menlo-Park verzog, hatte er seine +Werkstätten und Laboratorien so umfangreich angelegt, daß sie seiner +Meinung nach ausreichen mußten, selbst wenn er seine Tätigkeit noch +bedeutend erweiterte. Aber innerhalb der nächsten zehn Jahre waren +dennoch so viele Vergrößerungsbauten und Nebengebäude nötig, daß +sie mannigfache Unbequemlichkeiten im Gefolge hatten. Edison mußte +wieder an ganz enorme Vergrößerungen denken, und so gründete er 1886 +zu Orange in New Jersey ein neues Laboratorium, dies hier, in dem er +jetzt sinnend saß, und das hinsichtlich seiner Größe, Vollkommenheit +und Vollständigkeit der Einrichtungen als das erste der Welt bezeichnet +wird. Das dreistöckige Hauptgebäude ist fünfundsiebzig Meter lang und +achtzehn Meter breit; die vier kleineren einstöckigen Bauten sind +je dreißig Meter lang und acht Meter breit. Das Bibliothekszimmer, +ein fürstlich ausgestatteter Raum, enthält fünfzigtausend wertvolle +wissenschaftliche Werke. Im Vorratsraum, der einzig in seiner Art ist, +findet man von allen Stoffen und Mineralien der Erde, mögen sie noch +so kostbar und schwer erreichbar sein, eine größere Probe. In der +eigentlichen Werkstätte arbeiten Tausende von fleißigen Händen, obwohl +es keine Fabrik ist, sondern alles, was hier gearbeitet wird, nur dazu +dient, die erfinderischen Ideen Edisons auf ihre Brauchbarkeit hin zu +prüfen. + +Eine Treppe höher liegen die Bureaus und Arbeitszimmer, in denen +die Assistenten Edisons Skizzen entwerfen, Zeichnungen und +Pläne anfertigen, Berechnungen und theoretische Untersuchungen +anstellen. Weiter oben befinden sich Säle, in denen die Erfindungen +Edisons ausgestellt sind. Ein besonderer Glasbläserraum dient der +Herstellung der mannigfachen Apparate aus Glas, die zu chemischen und +physikalischen Experimenten erforderlich sind. + +Ein anderer Bau dient lediglich photographischen Zwecken, und hier hat +Edison das Kinetoskop, das Mutoskop, den bekannten Kinematographen +erfunden und endlich den Phono-Kinematographen, von dem er selbst +sagt: »Ich zweifle durchaus nicht daran, daß wir in nicht allzu +ferner Zeit in jedem Dorfe eine große Opernvorstellung für zehn Cent +Eintrittsgeld haben werden. Man wird die Patti in ihrem eigenen Zimmer +sehen und hören können; man wird sie sogar noch hundert Jahre nach +ihrem Tode auftreten lassen können. Parlamentsverhandlungen, bedeutende +politische Persönlichkeiten, geschichtliche Vorgänge können in +derselben Weise festgehalten und zu jeder späteren Zeit wiedergegeben +werden. Nach einem Jahrhundert kann man noch den Papst Leo und seine +Kardinäle sehen und sie sprechen hören. Welch eine Methode, Geschichte +zu schreiben! Wie viel wirkungsvoller kann man künftigen Generationen +eine Vorstellung von geschichtlichen Ereignissen und bedeutenden +Männern übermitteln, als durch gesprochene oder geschriebene Worte! +Schriftliche Berichte würden gänzlich aufhören, geschichtliche +Bedeutung zu haben. Und doch ist dies alles nicht so wunderbar, wie es +scheint.« + +Edisons Mutter war schon 1871 gestorben, und da ihr Tod eine jähe +Lücke in sein Seelenleben gerissen hatte, gründete er schon zwei Jahre +später ein eigenes Heim. Unter den bei ihm beschäftigten Arbeiterinnen +hatte ein junges Mädchen, Mary Stillwell, seine Aufmerksamkeit erregt; +die Achtung, die er wegen ihrer echt weiblichen Tugenden vor ihr +hegte, verwandelte sich bald in eine leidenschaftliche Zuneigung. +Seine Werbung fand Gehör; 1873 wurde sie seine Gattin. Sie hatte ihm +drei Kinder geschenkt: Marianne, Thomas Alva und William Leslie, und +1881 starb sie schon, von allen Angestellten ihres Mannes verehrt und +geliebt. Edison empfand einen so großen Kummer über den Verlust seiner +Gattin, daß er auf ein längeres Krankenlager geworfen wurde. Wieder +genesen, stürzte er sich wie ein Wütender in die Arbeit; aber sein Herz +darbte. Und er gesundete erst dann wieder vollkommen, als er in einer +neuen Ehe ein neues Glück fand. + + * * * * * + +»Der Ruhm hat bereits Legenden um mich gewoben« -- dachte Edison +weiter -- »man nennt mich den Phonographenpapa, den Zauberer von +Menlo-Park, den Magiker des Westens. Bedeutende Dichter haben mich und +meine ›Zauberkunst‹ in ihren Werken dargestellt. Was ist aber meine +Erfindungskunst anderes als die Triebkraft, die auch im Korne lebt!?« + +Er streifte melancholisch die Asche seiner Zigarre ab und begann auf +und ab zu gehen. + +»Und nun gehe ich in die Sechzig ein, und es ist bald zu Ende mit dem +bißchen Leben! Was sind alle die Spielereien, die ich erfunden habe, im +Verhältnis zu der Kraft, die uns Menschen zuruft: Werde und vergehe! +Was ist diese geheimnisvolle elektrische Kraft, deren Herr ich bin? +Nein, wir sind alle Ignoranten und werden es bleiben.« + +Er hielt inne, dachte noch einen Augenblick nach, dann sagte er +achselzuckend: »Schließlich ist auch an der menschlichen Torheit etwas +Gutes. Man lernt aus ihr. Aber nun ist's genug geträumt.« + +Und er ging frisch an die Arbeit. + + + + + Loewes Verlag Ferdinand Carl, Stuttgart. + + + =Brandt, Karsten, Aus eigner Kraft.= 17 Lebensbilder denkwürdiger + Männer. Für Knaben im Alter von 12 bis 14 Jahren. Mit 4 Bunt-, 4 + Tonbildern, sowie vielen Porträts. 8°. Eleg. geb. M. 4.--. + +Nach Inhalt und begleitenden Illustrationen ist diese Jugendschrift +besonders geeignet, unserer reiferen Jugend den idealen Ansporn für die +spätere berufliche Laufbahn zu geben, indem den jugendlichen Lesern +neben geschichtlichen Streiflichtern der Werdegang bedeutender Männer, +wie: + + ~Körner~, ~Friesen~, ~Jahn~, ~Hofer~, ~Speckbacher~, ~Radetzky~, + ~Zieten~, ~Blücher~, ~Kolumbus~, ~Schwarz~, ~Gutenberg~, + ~Stephenson~, ~Franklin~, ~Reis~, ~Senefelder~, ~Siemens~, ~Krupp~, + +in fesselnder und zugleich begeisterter Weise vor Augen geführt +wird. Eignet sich zunächst dieser Band als Weihnachtsgeschenk für +Knaben im Alter von 12-14 Jahren, so dürfte er auch bei allen anderen +Gelegenheiten, wie Konfirmation etc., eine willkommene Gabe sein, zumal +eine würdige Einbanddecke das Ganze in harmonischem Gewande präsentiert +und schon äußerlich sich des gediegenen Eindrucks versichert. + + * * * * * + +Es ist ein vortrefflicher Gedanke, der heranwachsenden Knabenwelt +den Lebens- und Werdegang denkwürdiger Männer nach geschichtlichen +Tatsachen und besten zeitgenössischen Quellen, frei von unnötigem, +novellistischem Beiwerk, zu schildern, und sie damit durch Illustration +und Inhalt gleich lebhaft, real und ideal, zu fesseln. Die ganz +hervorragende Eigenart dieser neuen, epochemachenden Jugendschrift +dürfte den jugendlichen Lesern gewiß auch mancherlei dankenswerte +Klarheit über den Wert des Kämpfens, Ringens und endlichen Siegens +aus eigener energischer Kraft geben und den schweren Entschluß der +Berufswahl vorbildlich günstig beeinflussen. Ein Werk, in welchem +Heldennamen aus den verschiedensten Lebensgebieten, wie Theodor Körner, +Blücher, Kolumbus, Gutenberg, Senefelder, Siemens u. a. m. beschrieben +sind, gehört zu den Geschenkbüchern, die nie veralten, die dem Knaben, +dem Jüngling, ja dem Manne noch lieb und unvergessen sind. Der auf +besten Bahnen wandelnde Herausgeber hat somit mit diesen siebzehn +wertvollen Lebensbildern Deutschlands strebsamen Knaben eine gewiß +hochwillkommene, sich auch durch die prächtige, würdige Ausstattung von +selbst empfehlende Gabe geschaffen, in welcher internationale große +Männer ein ehrendes Andenken gefunden haben. + + Haus-Orakel, München. + +Zu beziehen durch jede Buchhandlung des In- und Auslandes. + + + =Leben und Weben in Wald und Feld.= Für die 9-12jährige Jugend + herausgegeben von ~Christian Brüning~. Mit 6 Bunt-, 8 Ton-, 6 + Vollbildern, sowie 69 Textillustrationen. 8°. Elegant geb. M. 4.50, + Volksausgabe M. 3.--. + +Wie in seinen »Wanderungen durch die Natur« der Verfasser mit den +Kindern durch Wiese, Moor und Heide geht, so durchstreift er jetzt +abermals mit ihnen Wald und Feld. Er führt sie in den winterlichen +Forst und zeigt ihnen, wie dort munteres Leben herrscht, wo der +Unkundige nur Öde und Grabesruhe vermutet. Er bringt sie hinein in die +Werkstatt des jungen Lenzes und läßt sie den Schaffenden belauschen bei +seiner Arbeit. Er genießt mit ihnen Maienwonne und Maienherrlichkeit, +durchwandert mit ihnen Täler und Höhen des Harzes, zeigt ihnen das +Tierleben der Sommernacht, geht mit ihnen hinaus zur Erntezeit, lehrt +sie die Freunde und Feinde des Landmannes und des Gärtners kennen, läßt +sie einen Blick tun in die Geheimnisse des edlen Weidwerks und gibt +ihnen Anleitung zu eigenem Denken und Forschen. Erhöht wird der Wert +des Buches noch durch die Abbildungen, die sich auf den ersten Blick +sämtlich als Kunstwerke präsentieren. + + + »=Auf nach Frankreich!=« Kriegsfreiwillig bei den + Dreiundachtzigern 1870/71. Von ~Justus Pape~. 8°. Elegant geb. M. + 3.--. + +Eigene Erlebnisse, Anschauungen und Stimmungsbilder sind es, die der +Verfasser in schlichten Worten aus den ereignisschweren Tagen jener +großen Kriegsjahre schildert. Gerade aber weil dieses Buch nicht von +hohen, allgemeinen Gesichtspunkten geleitet ist, verfolgen wir vom +Tage der Mobilmachung an gern, ja mit erhöhtem Interesse alle jene +ernsten und heitern Episoden, wie sie sich für den einzelnen Mann in +Wirklichkeit abspielten und abspielen. Ob vor dem Feinde oder auf +Vorposten, während langwieriger Märsche oder im Lagerleben, stets sind +wir geneigt, anregende Vergleiche zu stellen und nehmen Eindrücke in +uns auf, die uns mit großer Befriedigung bis zur letzten Zeile an diese +interessanten, volkstümlichen Darbietungen fesseln. Selbst die Jugend +wird das Buch mit Begeisterung als eins der ihrigen bezeichnen. + +Zu beziehen durch jede Buchhandlung des In- und Auslandes. + + + =Brüning, Christian, Wanderungen durch die Natur.= Für + 9-12jährige Knaben und Mädchen. 12 Bunt-, 15 Textbilder. 8°. Elegant + gebunden M. 4.--, Volksausgabe M. 2.50. + +Welch glücklicher Gedanke des auf pädagogischem Gebiete kompetenten +Verfassers: Der Vater selbst begleitet seine Teuren in zwanglosen +Ausflügen hinaus in Feld und Wald und macht sie mit allem, was dort +lebt und webt, im Zwiegespräche vertraut. Kein Halm, kein Insekt +entgeht der aufmerksamen Betrachtung und eingehenden Belehrung. Die +vorzüglichen Illustrationen erhöhen außerdem die Freude an diesem +herrlichen Buche, es ist von wirklich großem Werte. + + + =Brüning, Christian, Wunder aus dem Pflanzenreiche.= Für die + Jugend herausgegeben. Mit 6 Bunt-, 4 Ton- und 7 Vollbildern, sowie 75 + Textillustrationen. 8°. Elegant geb. M. 4.--, Volksausgabe M. 2.50. + +In der Schule hat man die alte Methode über Bord geworfen und +neue Bahnen in der Botanik eingeschlagen. Wir hören und sehen mit +Erstaunen, wie unter dem Zeichen des neuen Unterrichts das Interesse +der Kinder mächtig geweckt, und die Pflanze, an der man sonst achtlos +vorüberging, mit andern Augen betrachtet, zum lebenden Wesen wird. +Wie gern würde wohl mancher Vater und manche Mutter und andere, +die dem Forschungstrieb des Kindes nicht gleichgültig und fremd +gegenüberstehen, mit den Kleinen an der Hand durch Garten und Aue +wandeln, und sie die Gebilde der Natur und ihr Leben beobachten und +verstehen lehren, wenn ihnen nur selbst ein Fingerzeig gegeben wäre. +Diesen Zwecken soll das schöne Buch dienen, aber auch der Jugend selbst +einen ernsten Einblick in Pflanzenwelt und Pflanzenleben geben -- +ein Fundament, auf dem später weitergebaut werden kann. Das Bild als +belehrendes Anschauungsmittel steht den Worten überall helfend und +fördernd zur Seite! + +Zu beziehen durch jede Buchhandlung des In- und Auslandes. + + + =Twain, Mark= (Samuel L. Clemens), =Prinz und Bettelknabe=. + Eine Erzählung für die Jugend im Alter von 12-16 Jahren. Deutsch von + ~Helene Lobedan~. Mit vielen Illustrationen. 8°. 3. Aufl. Eleg. + geb. M. 4.--. (Hochmoderne Aufmachung.) + +Diese im Urtext englische Erzählung gehört zu den besten literarischen +Erzeugnissen der Weltliteratur. Sie führt künstlerisch, und damit klar +und konkret anschaulich in das Mittelalter Englands hinein, ist daher +im besten Sinne belehrend in der Kulturgeschichte. Außerordentliche +Erziehungsmomente heben sich -- ohne aufdringlich zu sein -- +wirkungsvoll ab, und der Standpunkt edler Menschlichkeit wird vertreten +durch die Titelhelden. + +Die schmucke Einbanddecke, sowie die künstlerisch vollendeten +zahlreichen Textillustrationen machen das Buch zu einem der +gediegensten, modern ausgestatteten Geschenkwerke. + + + =E. P. A. Roland, 30 Jahre in der Fremdenlegion.= Erlebnisse + dreier Deutscher unter französischer Fahne in Afrika und Asien. Eine + Erzählung für die reifere Jugend von 14-16 Jahren. Mit 39 Textbildern + von Willy Planck. 8°. Eleg. geb. M. 4.--. + +Die Fremdenlegion hat in den letzten zehn Jahren ungefähr gerade so +viel Opfer an jungen Deutschen gefordert, wie der ganze Krieg von +1870/71. + +Ein Buch, das wie das vorliegende der Jugend in gänzlich einwandfreien +aber wahrheitsgetreuen Schilderungen Einblick in die so eigenartigen +Sitten und Gebräuche der Fremdenlegion bietet, verdient die weiteste +Beachtung. In spannend gehaltener Erzählung folgt der Leser drei +jungen Deutschen auf ihren schwierigen Märschen und Feldzügen unter +französischer Fahne als Legionäre nach Asien und Afrika und nimmt so +regen Anteil an deren Erlebnissen. Diese Enthüllungen dürften dazu +beitragen, volle Aufklärung über das Wesen der Fremdenlegion zu bieten +und den breiten Strom alljährlich zur Legion sich meldender junger +verblendeter Männer vor dem Eintritt in dieselbe zu warnen. + +Das Buch ist sehr zu empfehlen und wird allgemeines Interesse erregen. + +Zu beziehen durch jede Buchhandlung des In- und Auslandes. + + + =Fridtjof Nansens Erfolge.= Ergebnisse seiner letzten + Nordpol-Expedition an Bord des »Fram«. Allgemein faßlich + dargestellt von ~Eugen von Enzberg~. Mit 8 Voll- und 25 + Textbildern nach Aquarellen von ~H. Grobet~, 2 Bildnissen der + Expeditionsteilnehmer, sowie einer Karte der Polarländer. Vierzehnte + durchgesehene Auflage. 8°. Eleg. geb. M. 4.50, Volksausgabe M. 3.--. + +Nansens Erfolge werden stets und ständig die Bewunderung der Mit- und +Nachwelt finden und behalten. Daran kann sich auch nichts ändern, +wenn etwa andere Nordpolforscher dem Ziele noch näher kommen sollten +oder schon nähergerückt sind. Das vorliegende Buch gibt in großen +Umrissen zunächst einen Einblick in jene nordischen Gebiete, die von +altersher kühne Männer begeistert haben, und schildert im besonderen +die große Expedition Nansens, die die Öffentlichkeit nach ihrer +Rückkehr im Jahre 1896 als die erfolgreichste bezeichnet hat, weil +Nansen dabei eine ganz neue Pfadweisung bewirkte. Dreizehn Auflagen +hat das Buch bislang erfahren und war einige Zeit vergriffen. Durch +Übernahme des Verlagsrechts und Veröffentlichung einer vierzehnten, neu +durchgesehenen Auflage unter Beifügung eines zeitgemäßen Bildmaterials +hofft die jetzige Verlagsstelle zu den alten noch eine große Zahl +neuer Freunde zu erwerben. -- »Nicht für ›Männer vom Fach‹ sind diese +Schilderungen aus Nansens Feder wiedergegeben,« schreibt der Verfasser +in seiner ersten Auflage, »sondern für alle diejenigen, die den streng +wissenschaftlichen Untersuchungen nicht folgen können und denen es auch +an Zeit und Gelegenheit fehlt, umfangreiche Werke zu lesen, -- mit +einem Worte: für weitere Kreise und für die Jugend. Und unserer lieben +Jugend widme ich diese Blätter -- mögen sie ihren Beifall finden!« + + + Illustration + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75634 *** diff --git a/75634-h/75634-h.htm b/75634-h/75634-h.htm new file mode 100644 index 0000000..9b0210d --- /dev/null +++ b/75634-h/75634-h.htm @@ -0,0 +1,7806 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Kulturhistorische Charakterbilder | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%;} + + h1,h2 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both;} + +h1 { + font-size: 250%} + +h2, .s2 { + font-size: 170%} + + .s3 { + font-size: 140%} + + .s4 { + font-size: 110%} + + .s5 { + font-size: 85%} + +p { text-indent: 1em; + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em;} + +.p0 {text-indent: 0;} +.p2 {margin-top: 2em;} + +hr { + width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; 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Schreibweise und Interpunktion +des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche +Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p> +<p class="p0">Worte in Antiquaschrift sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p> +</div> + + +<figure class="figcenter illowp46" id="cover" style="max-width: 100em;"> + <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="cover"> +</figure> + +<h1 class="p2">Kulturhistorische<br> +Charakterbilder</h1><br> + +<p class="s3 center"><b>Für die Jugend</b></p> +<p class="s4 center">herausgegeben von</p> +<p class="s2 center"><b>: J. E. Poritzky :</b></p><br> + +<p class="s3 p2 center">:: Volksausgabe ::</p> +<p class="s4 center">Mit 20 Textbildern</p><br> + +<figure class="figcenter illowe10" id="signet_2"> + <img class="w100" src="images/signet.jpg" alt="signet"> +</figure> + +<p class="p2 s4 center">Stuttgart</p> +<p class="center">Loewes Verlag Ferdinand Carl</p><br> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p class="s5 center">Druck von Carl Grüninger, K. Hofbuchdruckerei Zu Gutenberg (Klett &<br> +Hartmann), Stuttgart.</p> +</div> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="p2">Inhaltsvereichnis.</h2> +</div> + +<table class="autotable"> +<tr> +<td class="tdl"> </td> +<td class="tdr">Seite</td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Christoph Kolumbus</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_1">1</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Michelangelos Leben</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_41">41</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Galilei</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_67">67</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Die Jungfrau von Orleans</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_90">90</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Der Doktor Faust</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_121">121</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Goethe der Botaniker</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_148">148</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Goethe in Venedig</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_164">164</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Beethoven</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_176">176</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Der Erfinder Edison</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_204">204</a></td> +</tr> +</table> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[S. 1]</span></p> +</div> + +<figure class="figcenter illowp27" id="illu-004" style="max-width: 23.125em;"> + <img class="w100" src="images/illu-004.jpg" alt="bild"> +</figure> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2>Christoph Kolumbus.</h2> +</div> + +<p>Ich entsinne mich eines alten Stiches, auf dem man Kolumbus rank +dastehen sieht, eine Papierrolle — wahrscheinlich eine Erdkarte Andrea +Biancas oder Martin Behaims oder eine Seekarte Toscanellis — in der +Hand haltend. Er schaut nachsinnend und melancholisch ins Weite, und +seine Begleiter scharen sich kniend um ihn, heben die Hände zu ihm +empor wie zu einem Gott und küssen den Saum seines Gewandes. Es muß +eine große Bewegung gewesen sein, die durch sein Herz ging, als der +Matrose Rodrigo »Land« gerufen hatte. Dachte der kühne Entdecker +in diesem Augenblick daran, daß er nun Vizekönig würde, Träger der +höchsten spanischen Würden, unermeßlich reich, unumschränkt mächtig? +Hing seine Seele in diesem Augenblick wirklich am Golde? Oder fühlte +er, daß die Erweiterung des <em class="gesperrt">räumlichen</em> Horizonts unabweisbar +auch die Erweiterung des <em class="gesperrt">geistigen</em> Gesichtsfeldes nach sich +ziehen mußte? Daß dem Volke, das diesen Sieg errang, der Stempel +geistiger Reife aufgedrückt wurde? Daß seine Machtsphäre ein größeres +Gebiet gewinnen, und demgemäß auch seine politische Bedeutung wachsen +würde?</p> + +<p>In der Tat fällt mit der Entdeckung des neuen Weltteiles auch die +Entdeckung des Menschen, die Vertiefung seines Seelenlebens und die +Entdeckung des himmlischen Firmaments zusammen. Man erinnere sich, daß +Kolumbus der Zeitgenosse<span class="pagenum" id="Seite_2">[S. 2]</span> der größten Renaissancemenschen war, der +Raffael, Leonardo da Vinci, Tizian, Michelangelo, Vasco da Gama —, +und daß dies nur einige von jenen Gestirnen waren, die in den Tagen +des Kolumbus den Erdball erleuchteten. Ariost, Tasso, Dürer, Luther, +Savonarola, Macchiavelli, Kopernikus und viele andere wären noch zu +nennen. Sie bestätigen den Satz, daß das Genie nur unter Gleichgenialen +sich auswachsen und zu seiner vollen Höhe emporrecken kann.</p> + +<p>Sich ein neues und großes Weltbild zu schaffen, alle Schranken des +Geistes niederzureißen, ist die eigentliche Leitidee der kolumbischen +Zeit. Die Erde ist plötzlich fast zu klein für die erwachten Kräfte, +die sich betätigen wollen.</p> + +<p>Anderseits darf man nicht vergessen, daß unser Denken von dem des +Mittelalters durch vier Jahrhunderte getrennt ist. Das Mittelalter ist +zwar nicht ganz so finster und wüst, wie man vielfach glaubt, aber +es ist doch noch reich genug an abergläubischen Vorstellungen und +aufreizenden Phantastereien. Feurige Kometen werden als Fingerzeige +Gottes betrachtet; man will gesehen haben, daß es Blut regnet, und +das bedeutet Krieg oder Pest. Es ereigneten sich im Volke plötzliche +Ausbrüche von Angst vor diesen überall eingreifenden jenseitigen +Kräften. In den Kirchen gab es blutschwitzende Hostien, am Himmel +blutige Kreuze und Lanzen, in Stadt und Land eine unermeßliche +Zahl von Wallfahrern, Flagellanten und Propheten, wundertätigen +Muttergottesbildern und Bußpredigern. Man muß sich daran erinnern, daß +selbst Luther steif und fest an den Teufel geglaubt hat, mit dem er +manchen harten Strauß auszufechten hatte. Sonderbare Stubengelehrte +sind als Hexenmeister verschrien, Goldmacher sind Zauberer, und +Kräutersammler gelten als Teufelsknechte. Jede Nebelbank ist ein +unbekanntes Land.</p> + +<p>Ich sage: nur in einer Zeit, wo jeder Kopf voll kräftiger Phantasien +steckt; wo man bereit ist, an die Wunder von Tausend und eine Nacht zu +glauben, und wo die biblischen Propheten zu<span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span> Führern werden, die nach +neuen Welten locken; wo die Vernunft fast gänzlich von Faustischem +Sehnen gepackt ist und durchtränkt scheint; wo der Mensch mehr denn je +an seine Gottähnlichkeit glaubt —, nur in einer solchen Zeit ist die +Gestalt eines Kolumbus denkbar.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Führt euch eine Reise einmal nach Genua, so ist das erste, was +euch auf dem schönen freien Platz vor dem Bahnhofe ins Auge fällt: +Christoph Kolumbus, der Entdecker der Neuen Welt, der um die Mitte des +fünfzehnten Jahrhunderts in Italien geboren ist. Vierzehn Ortschaften +streiten sich um die Ehre, ihn als ihren Sohn zu beanspruchen; indessen +kommen ernsthaft nur Genua oder Savona in Frage.</p> + +<p>Er stammte von braven kleinbürgerlichen Eltern ab, die das Gewerbe der +Wollweber betrieben, das auch Christoph in der Jugend erlernte. Die +Eltern ließen ihm eine sorgfältige, wenn auch beschränkte Erziehung +zuteil werden; daß sie ihn aber auf kurze Zeit an die Universität nach +Pavia geschickt haben sollen, wo er Lateinisch gelernt hätte, wird +neuerdings bezweifelt. Sehr viel mehr als dieser Erziehung verdankt +er indessen sich selber und seiner eigenen Energie, die ihn stets von +neuem zu seinen Studien trieb. Schon im vierzehnten Jahre hing er mit +Lust und Liebe am Seemannsberufe, und die damalige Schiffahrt auf dem +Mittelländischen Meere, die einem wilden Freibeutertum gleichkam, nahm +den künftigen Seehelden in ihre rauhe und harte Schule. Und wir wollen +es uns einprägen, daß nicht das Allergeringste im Leben ohne Kampf +gewonnen werden kann, daß eine eiserne Energie und eine unbeugsame +Willenskraft dazu gehören, wenn man ein großes Ziel erreichen will.</p> + +<p>Wahrscheinlich nahm der junge Kolumbus Anteil an dem Erobererzuge +Johanns von Anjou, der gegen Neapel gerichtet war. Kühn und +furchtlos soll Kolumbus die feindlichen Galeeren<span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span> angegriffen und +von ihnen Besitz genommen haben, in nichts seinem Onkel und seinem +Neffen nachstehend, die durch ihre glücklichen Kapereien gegen +die Ungläubigen berühmt waren. Aber erst als Christoph Kolumbus +auf seinem Abenteurerzuge auch nach Portugal kam, wurden alle +Geisteskräfte geweckt, die in ihm schlummerten. Denn gerade in den +Portugiesen war seit dem Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts ein +kühner Unternehmungssinn und ein toller Wagemut erwacht. Sie erhofften +märchenhafte Schätze von der Auffindung neuer Seewege, die zu neuen +Erdteilen führten.</p> + +<p>Noch war die Erde ja zum größten Teile ein jungfräuliches Gebiet. Die +Reisebeschreibungen jener entdeckungslustigen Epoche lesen sich wie +ungeheuer übertriebene Märchen, wie phantastische Geschichten von +Jules Verne, die ja auch ein Körnchen Wirklichkeit in sich tragen. +Aus den neuentdeckten Ländern brachte man rote Menschen, seltsame +Tiere, die Kunde von einer ganz fremdartigen Tier- und Pflanzenwelt. +Zwar hatten schon in vorchristlicher Zeit Eudoxos und Aristoteles die +Vermutung ausgesprochen, daß die Erde Kugelgestalt haben müsse, aber +im großen und ganzen glaubten die alten Völker, die Griechen, Römer +und Araber, daß die Erde eine flache oder eckige Scheibe sei, die auf +dem Wasser schwimme. Erst in der Zeit des Kolumbus hatten Kopernikus +und Galilei unerschütterliche Beweise für die Kugelgestalt der Erde +gegeben — was übrigens sogar jetzt noch die wenigsten und selbst +Kolumbus nicht glauben wollten — und daß sie als ein kleiner Stern +wie viele, viele andere Sterne um die Sonne kreiste. Der Weltenraum +hatte sich unermeßlich geweitet; die Erde war ein unbekanntes Land. +Die seltsamsten Wesen und Dinge waren auf ihr möglich. Die Reisenden +erzählten von Ländern, wo Menschen ohne Kopf geboren werden, mit Augen +und Mund in ihrer Brust; von Menschen, die den Kopf unter ihren Armen +trugen, die Augen in den Schultern hatten usw.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span></p> + +<p>Es sind eben diese plumpen Märchen der Reisenden und der Matrosen, von +denen Kolumbus die Anregungen zu seinen Entdeckungsreisen empfängt. +Wenn Schiffersagen aber schon solch ein Zündstoff für seine Seele +sind, wird Pierre d'Allys Reisebeschreibung vom Jahre 1410 ohne +Zweifel sein Katechismus. Denn Kolumbus ist ebenso autoritätsgläubig +wie enthusiastisch, ebenso phantasievoll wie abenteuerlich. In der +»Erdbeschreibung« des Pierre d'Ally, die diesen Namen allerdings kaum +verdient, findet er alle fabelhaften Vorstellungen, die Aristoteles +und Seneca, Plinius und Ptolemäus, Osorius und Isidorus, Averroës und +Augustin und eine Menge anderer Philosophen, Sterngucker, Mystiker und +Heiligen von der Welt hegen, getreu aufgezeichnet. Die Anschauungen +des Plinius, der behauptet hatte, man könne von Spanien <em class="gesperrt">in +wenigen Tagen</em> nach Indien reisen, und die Anschauungen seines +Nachschreibers Solinus beherrschten die Ansichten über ein Jahrtausend. +Nach diesen gab es jenseits des heiligen Indus die Inseln Chryse +und Argyre, die ganz aus Gold und Silber bestanden. Isidorus wußte +sogar von goldenen Bergen zu berichten, die von Drachen, Greifen und +menschlichen Ungeheuern bewacht würden. Bei d'Ally liest Kolumbus, +daß die Erde so und so schmal sei und daß das Paradies irgendwo im +Osten liege, wo Erde und Mond zusammengrenzen. Sollte es ein gläubiger +Entdecker nicht finden? In den heißen Zonen — heißt es da ferner — +leben unbeschreibbare Untiere. Die Welt geht wahrscheinlich 1658 unter, +ganz bestimmt aber 1801. In Senecas Tragödie »Medea« liest Kolumbus: +»Einst wird die Zeit anbrechen, wo der Ozean seine Fesseln sprengen, +der Erdkreis weit und breit sich ausdehnen, das Meer neue Länder +entschleiern und Thule nicht mehr das erdenfernste Land sein wird«.</p> + +<p>Ist man nicht geradezu ein Narr, wenn man sich auf Grund solcher +Prophezeiungen nicht aufmacht, um neue Welten zu suchen? Übrigens +spricht schon Jesaias Kapitel 60, Vers 9<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> und Kapitel 65, Vers 17 von +neuen Weltteilen, von Gold- und Silberinseln.</p> + +<p>Auch Aristoteles, der weiseste der griechischen Philosophen und +im Mittelalter als unantastbare Autorität hoch verehrt, hatte +z. B. eine Insel Antilla erwähnt, die Insel der sieben Städte +und andere phantastische Inseln und Weltteile, die auf allen +Landkarten eingezeichnet waren. Und es gab genug abenteuerliche +Wagehälse, die hinauszogen, um diese Inseln zu suchen, und die an +die unwahrscheinlichsten Legenden glaubten, so wie wir einst an das +Schlaraffenland geglaubt haben oder an das Land der Antipoden, wo die +Menschen auf den Köpfen gehen.</p> + +<p>Gewiß, das alles waren Märchen. <em class="gesperrt">Aber Kolumbus hat an sie +geglaubt</em>, und ich finde nichts Lächerliches darin. Gerade weil +er an sie geglaubt hat, gehörte die doppelte Kühnheit dazu, auf die +unbekannten Meere hinauszusegeln und es — wie ein würdiger Märchenheld +— mit den vermeintlichen Drachen und Unholden aufzunehmen. Seine +ehrliche Absicht war es, sie zu töten; daß er sie nicht gefunden hat, +kann ihn nicht verkleinern. Nachdem er die neuen Lande entdeckt hat, +schreibt er sehr bescheiden und hübsch: »Zur Ausführung einer Fahrt +nach Indien haben Vernunftschlüsse, Mathematik und Weltkarten mir zu +nichts geholfen. Es ist einfach in Erfüllung gegangen, was der Prophet +Jesaias vorhergesagt hat.«</p> + +<p>Die Namen jener vorhin genannten Philosophen, Propheten und Dichter, +und die Resultate d'Allys waren dem spanischen Monarchen tatsächlich +Garantien genug, das kostspielige Unternehmen des durch seine +außergewöhnliche Beredsamkeit bestrickenden Entdeckungsreisenden +zu billigen, obwohl die kosmographischen Vorstellungen unseres +waghalsigen Weltumseglers sehr seltsam, seine mathematischen und +geographischen Vorkenntnisse sehr ungenügend und sein nautisches +Wissen gleich Null waren. Denn er gibt später beispielsweise den +Breitegrad der kubanischen Küste auf zweiundvierzig Grad an, anstatt +auf einundzwanzig<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span> Grad. Er hält die Gestalt der Erde für birnenförmig, +glaubt in der Nähe Haitis das biblische Paradies wiedergefunden +zu haben usw. Die astronomischen Vorstellungen seiner verirrten +Einbildungskraft sind die der wilden Naturvölker.</p><br> + +<figure class="figcenter illowp100" id="illu-011" style="max-width: 62.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-011.jpg" alt="bild"> +</figure> + +<p class="p2">Portugal war eine ausgezeichnete Schule für Christoph Kolumbus oder +Cristobal Colon, wie er sich seit seiner spanischen Anstellung mit +Vorliebe nennt und unterzeichnet. Hier konnte er etwas Tüchtiges +lernen oder sein Wissen sehr vorteilhaft erweitern und verwerten. +Darum zögerte er auch nicht lange, sich in Portugal niederzulassen, wo +sich bereits viele seiner Landsleute angesiedelt hatten. Er trug seine +Hand der Tochter eines italienischen Edelmannes an, dem Befehlshaber +der Insel Porto Santo, der ein tüchtiger Seemann war und der seiner +Tochter Felipa Perestrello hauptsächlich Reisetagebücher und Seekarten +zur Mitgift gab. Kolumbus war's zufrieden, und obwohl er seinen +eigenen Unterhalt nur durch Zeichnungen von sehr geschätzten<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> See- +und Landkarten bestreiten konnte, war er schon glücklich genug, sich +eifrig dem Studium der Reisebücher und Karten hingeben zu können. +Aber er begnügte sich nicht damit, die Welt nur auf der Landkarte zu +bereisen oder sie aus den ungenügenden Reiseberichten kennen zu lernen. +Die goldenen Fernen lockten ihn und die unendlichen Weiten riefen ihn +hinaus. Er wollte die Wunder sehen, von denen die Reisenden in ihren +fabelhaften Beschreibungen erzählten. Und so bereist er Madeira, die +Kanarischen Inseln, die Azoren und sogar die Küste von Guinea.</p> + +<p>Jede neue Ausfahrt konnte ins Wunderland führen. Die Luft war erfüllt +von den unglaublichsten Legenden, die fremde Reisende berichtet +hatten. Das Seeleben war voller Aufregung, neugieriger Erwartung und +überschwenglicher Hoffnung. Das Entdecken fremder Länder war ein +Geschäft und wurde wie ein Glücksgewerbe betrieben.</p> + +<p>Aber damals, vor vierhundert Jahren, war es ganz natürlich, an +Schiffermärchen zu glauben. Dazu kam noch, daß das Meer seltsame +Dinge angeschwemmt hatte, klobig geschnitzte Hölzer, Zedernstämme +von unbekannter Herkunft, riesenhaftes Schilfrohr, Leichen fremder +Menschenrassen von sonderbarer Hautfarbe, lauter Dinge, die auf das +Vorhandensein unbekannter seltsamer Erdteile schließen ließen.</p> + +<p>Aber so viel Unternehmungsgeist und Mut Kolumbus auch hatte, er war +jeglicher Mittel entblößt und ganz außerstande, seinen Plan ohne +fremde Hilfe und Unterstützung auszuführen. Von Johann II., der +eben den portugiesischen Thron bestiegen hatte, erhoffte Kolumbus +um so eher rege Förderung seiner Absichten, als Johann selber von +dem Entdeckungsfieber ergriffen war. Und als Kolumbus 1483 in einer +Audienz, die ihm der König gewährt hatte, seinen großen Plan, den +direkten Seeweg nach Indien aufzufinden, entwickelt hatte, war der +König trotz seiner anfänglichen Abneigung umgestimmt und bereit, +auf die<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> Ideen des Kolumbus einzugehen. Er wollte die Vorschläge +nur noch von seinen gelehrten Ratgebern prüfen lassen. Diese hörten +sie kopfschüttelnd an; sie erklärten sie für die Ausgeburten eines +überspannten kranken Gehirns und meinten, es wäre eine unverzeihliche +Torheit, den bisher verfolgten Weg um Afrika herum, um ihretwillen +aufzugeben.</p> + +<p>Diese Entscheidung hinderte freilich den König nicht, trotzdem +an die Ausführbarkeit des Kolumbusschen Planes zu glauben. Er +hoffte nur billiger und bequemer dazu zu kommen, wenn er einen +<em class="gesperrt">einheimischen</em> Seemann mit einem gut ausgerüsteten Schiffe im +geheimen in die westliche Richtung absandte, um zu versuchen, ob +die Theorie des Genuesers sich bewähren würde. Anekdoten erzählen, +Kolumbus sei aufgefordert worden, seine Absichten in ausführlicher +Weise schriftlich darzustellen, und mit ebendieser Darstellung habe +man den neugeworbenen Seemann in den westlichen Ozean geschickt. Aber +diesem gemieteten Kapitän habe die kühne Seele des Kolumbus gefehlt; +nach wenigen Tagen sei schon sein Eifer ermattet, und im Glauben, die +uferlose Meereswüste nehme kein Ende, habe er seiner Entdeckungsfahrt +ein rasches Ende gemacht und sei zum Tajo zurückgekehrt, Kolumbus einen +Wahnsinnigen schimpfend, der diese sonderbare Idee ausgebrütet hatte. +Dieser Verrat und Schimpf, der ihm angetan worden sei, hätte Kolumbus +aufs höchste empört, und entrüstet hätte er diesem Lande den Rücken +gekehrt.</p> + +<p>Diese Anekdote, die Kolumbus zum Märtyrer macht, wird aber von der +neueren Forschung als unverbürgt abgelehnt; man nimmt vielmehr an, +daß Kolumbus Portugal verlassen habe, weil der König nicht auf seine +unerhört hohen Forderungen eingehen wollte, im Falle das Unternehmen +gelingen würde. Er beanspruchte nämlich <em class="gesperrt">erstens</em> die Erhebung +in den Adelstand für sich und seine Familie; <em class="gesperrt">zweitens</em> den +Titel »Admiral des Weltmeers«; <em class="gesperrt">drittens</em> Amt und Würde eines +Vizekönigs und lebenslänglichen Statthalters aller entdeckten<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> Inseln +und Festländer; <em class="gesperrt">viertens</em> den zehnten Teil aller königlichen +Einkünfte an Gold, Silber, Perlen, Edelsteinen, Metallen, Gewürzen +usw., sowie von allen Handelserträgnissen in jenen Gebieten; +<em class="gesperrt">fünftens</em> nahm er das Recht für sich in Anspruch, bei allem +Handel sich auf jedem Schiffe mit einem Achtel des Wertes beteiligen zu +dürfen.</p> + +<p>Kolumbus richtete seine Blicke nach Spanien. Während Portugal seine +Pläne nur als ein Geschäftsunternehmen auffaßte und ablehnte, konnte +Kolumbus von Spanien hoffen, daß es die Entdeckung neuer Erdteile +zu einer Sache des <em class="gesperrt">Glaubens</em> machen würde. Denn noch immer +kämpfte Spanien mit dem Islam und befolgte infolgedessen mehr eine +Glaubenspolitik als eine geschäftliche. Aber die spanischen Räte +waren für die Ideen des Kolumbus noch nicht reif. Zwar nahm man ihm +nicht alle Hoffnung; man wollte sich aber im Augenblick auf diese +abenteuerlichen Pläne nicht einlassen, da man in zu viel kriegerische +Verwicklungen hineingezogen war. Zu seiner Existenz erhielt Kolumbus +eine kleine Unterstützung vom Hofe, eine Art Wartegeld, durch das er an +die spanische Krone gebunden war.</p> + +<p>Es begannen Jahre voll peinlichen Wartens. Voller Angst sieht Kolumbus +ein Jahr ums andere verrinnen, ohne daß er seinem Ziele näher käme. +Deshalb faßt er zur Verwirklichung seiner Pläne jetzt Frankreich ins +Auge und schickt zugleich seinen Bruder nach England, damit er dort +ebenfalls wirke. Aber beides ist erfolglos. So lebt Kolumbus sieben +Jahre einsam, unbekannt und fast vergessen in Cordova und Sevilla, bis +er sich 1491 gewaltsam losreißt, um in anderen Ländern sein Glück zu +erjagen.</p> + +<p>Aber bevor er sich die Krone des Erfolges aufs Haupt setzen kann, muß +er noch harte Prüfungen bestehen. Die Vasallen des Hungers gesellen +sich zu ihm und geleiten ihn durch die dornenvollen Lande der Bitternis +und der Enttäuschung; der Kummer wird sein treuester Freund. Es tun +sich Abgründe in ihm auf<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> und schwere Verzweiflung kommt heran und +erwürgt alle seine Hoffnungen. Der Gottgesandte bricht zusammen, ehe er +seine ruhmvollen Reisen beginnt.</p> + +<p>Als Bettler finden wir ihn wieder an der Pforte des Klosters St. Maria +de la Rabida, das unfern von dem andalusischen Seehafen Palos sich +auf einem Hügel erstreckt. Dort erfleht er für sich und seinen Knaben +eine Stärkung. Der fremde Dialekt des Bittenden und die eigentümliche +Erscheinung erregen die Neugier des Pförtners. Der ruft den Prior +Juan Perez de Marchena, dem Kolumbus in seiner Drangsal und Not seine +Entwürfe und Hoffnungen vertraulich mitteilt. Der Prior aber erkennt, +daß er hier keinen gewöhnlichen Bettler vor sich hat; er erkennt +den Wert des Kopfes, der diese verwegenen Entdeckerpläne hegt, und +beschließt auch sofort, Kolumbus nicht aus dem Lande ziehen zu lassen, +ohne die Königin Isabella von seiner Absicht vorher in Kenntnis zu +setzen. Aber trotz der warmen Empfehlungsschreiben des Priors gelingt +es dem Fremdling nicht, vor die Königin vorgelassen zu werden. +Kolumbus, der sich selber in ärmlichem Gewand nach dem königlichen +Kriegslager begibt, wird mit verwundertem Erstaunen von dem königlichen +Beichtvater betrachtet, der es auch verhindert, daß Kolumbus vor der +Königin erscheint. Wieder ist er zurückgewiesen. Dennoch glaubt er +unerschütterlich an sich und seine Sache und ernährt sich inzwischen +kümmerlich durch Kartenzeichnen.</p> + +<p>Aber der Schmerz veredelt ihn nicht, sondern macht ihn habgierig und +rachsüchtig. Er wird sich an all denen rächen, die ihm wehgetan haben. +Wenn er das Franziskanerkloster La Rabida verlassen wird, wo man den +Umherirrenden vom Hungertode errettet hat, wird er fordern, daß man +ihm jede bittere Stunde durch zehnfache Ehrungen und zehnfaches Gold +aufwiege.</p> + +<p>Inzwischen gewann er durch seine imponierende Ausdauer und sein +würdevolles Betragen einen neuen Freund in Alonzo de Quintanilla, dem +kastilianischen Finanzkontrolleur, der ihn<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> bei mehreren Personen vom +Hofe einführte und sich warm für ihn ins Zeug legte, so daß ihm endlich +eine Audienz erwirkt wurde. Endlich konnte Kolumbus seine Gedanken +mitteilen und er war als ein glänzender Sprecher berühmt. Der König +Ferdinand maß den kolumbischen Plänen eine so hohe Bedeutung bei, daß +er sie einer Versammlung der gelehrten Geistlichen zur Entscheidung +vorlegte. Die stellten, da ihr Wissen von der Erde nicht weit her +war, der Ausführung der Ideen die größten Hindernisse in den Weg. +Die einen meinten, es gebe überhaupt keine neuen Erdteile mehr zu +entdecken; die ganze unbekannte Welt sei vom Ozean ausgefüllt; die +anderen sagten, wenn die Erde Kugelgestalt habe, so könne man zwar +die Erdkugel herunterfahren; es sei aber doch dann unmöglich, wieder +<em class="gesperrt">hinaufzukommen</em>; die dritten glaubten, wenn es etwas zu entdecken +gäbe, so müsse in den neuen Ländern so eine furchtbare Hitze sein, daß +sie sofort alles Lebendige töten würde. Kurz, obwohl nur Dummheiten +vorgebracht wurden, und obwohl Kolumbus sie den seeunkundigen +Geistlichen geschickt widerlegte, wurden seine Pläne doch wieder, wenn +auch nicht verworfen, so doch aufgeschoben und vernachlässigt. Die +Hoffnung, die Kolumbus blieb, war gering; aber so gering sie war, sie +vermochte ihn doch wieder aufrecht zu erhalten. Er blieb also dem Hofe +nahe und ließ sich die Verachtung und den Spott der Höflinge, die ihn +als einen lächerlichen Projektenmacher betrachteten, still gefallen. +Nur wenige Freunde schürten dann und wann den Glauben an eine spätere +Aussicht in ihm wach und bestärkten ihn in seinem Selbstvertrauen.</p> + +<p>Und die Monate gingen hin. Inzwischen empfing er wieder ein Schreiben +vom portugiesischen König Johann, der ihn einlud, nach Lissabon +zurückzukehren; aber Kolumbus schlug das Anerbieten aus. Auch der +König von England, Heinrich VII., fing an, sich ermunternd gegen +Kolumbus zu äußern, nachdem es dessen Bruder, der auf dem Wege nach +England von Seeräubern ausgeplündert<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> worden war, nach langer Gefahr +und entmutigender Not gelungen war, sich dem Könige zu nähern. Aber +Kolumbus ließ sich auch von diesen Hoffnungen nicht blenden, um so +weniger, als nun auch Ferdinand und Isabella von Spanien sich wieder +des vernachlässigten »Projektenmachers« erinnerten. Aber da war die +noch immer währende Belagerung von Granada, die die Tatkraft der +Regenten vollkommen in Anspruch nahm, ein neues Hemmnis. Und als die +Spanier endlich die maurische Herrschaft gebrochen hatten, verdrängten +die lärmenden Siegesfeste und die Turniere wieder von neuem die +Erinnerung an den unverzagt hoffenden Genueser. Aber nun begann er in +seinen Bitten dringlicher zu werden und drängender. Er forderte ein +energisches und unzweideutiges Ja oder Nein. Wieder traten die früheren +geistlichen Räte zusammen, wieder beratschlagten sie und wieder +bekundeten sie: der Antrag des Bittstellers sei in seinen Grundsätzen +gehaltlos, in seiner Ausführung untunlich und deshalb der Förderung und +Beachtung der königlichen Herrscher unwürdig.</p> + +<p>Jetzt erst schien es, als hätte das Schicksal Kolumbus, nach all dem +vergeblichen Warten und Hoffen, den Becher der Verzweiflung zum Trunke +gereicht. Jetzt erst sah er sich von seinem Ziele weiter entfernt denn +je; er fühlte sich grenzenlos unglücklich und erschüttert. Jetzt erst +wollte er Spanien verlassen und wollte nach England oder Frankreich. +Er kehrte nach dem Kloster La Rabida zurück, wo er seinen Sohn in der +Obhut des Priesters zurückgelassen hatte, um ihn nun zu sich zu nehmen. +Aber der Prior, tief bekümmert über das Mißgeschick des Freundes, gab +die Sache des Kolumbus trotzdem noch nicht verloren. Er hielt Kolumbus +zunächst im Kloster zurück und schickte einen Piloten mit einem warmen +Empfehlungsbrief zur Königin. Und die Entscheidung lautete günstig. +Der Prior wurde zur Königin befohlen und hier führte er die Sache des +Kolumbus so beredsam, daß sie beschloß, wieder von neuem zu verhandeln. +Vorläufig<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> schickte sie ihm dreiundfünfzig Dukaten, damit er anständig +vor ihr erscheinen könne.</p> + +<p>Um diese Zeit sah sich auch Spanien auf dem Gipfel seiner Größe. In +König Ferdinand wurden Hochsinn und Ehrgeiz wach, und er hoffte durch +Kolumbus zu unberechenbarem, neuem Glanze zu kommen. Man verhandelte +nun ernstlicher mit ihm und stellte ihm für seine Fahrt drei gut +ausgerüstete Schiffe in Aussicht. Nach seinen Ansprüchen befragt, +gab er dieselben maßlosen Forderungen an, wie ehedem dem Könige von +Portugal. Er will die höchsten spanischen Würden und die Macht des +Vizekönigs in den neu zu entdeckenden Ländern. Er ist außerdem ein +tüchtiger Geschäftsmann. Von allen Perlen und Edelsteinen, von Gold +und Spezereien, von allem, was Handelswert hat, will er zehn Prozent. +Er will das Amt des höchsten Richters üben und alle Handelsprozesse +führen, die zwischen Spanien und dem Lande seiner Phantasie entstehen +werden. Anfangs findet man diese Forderungen unangemessen, übermütig, +ausschweifend; endlich aber, nach Befürwortung und Anfeuerung durch den +Schatzmeister, bewilligt man ihm — zu seinem Unglück — alles. Welch +eine Meinung hat er nun von sich! »Gott machte mich zum Gesandten eines +neuen Himmels und einer neuen Erde.«</p> + +<p>Und jetzt gehen die Dämonen in ihm auf Raub aus. Eine unersättliche +Geldgier und eine kleinliche Habsucht erfüllen ihn; er wird +doppelzüngig und grausam; er wird anmaßend und prahlerisch.</p> + +<p>Man hatte ihn nun zum Admiral ernannt und sofort in den Adelstand +erhoben. Die Ausrüstung der Schiffe wurde eilig betrieben; der nahe +Hafen von Palos war als Ausfahrtspunkt gedacht. Die Schiffsmannschaft +sollte in königlichen Sold genommen werden, aber genügend wackere +Matrosen und Steuerleute zu beschaffen war nicht so leicht. Die +kühnsten Seeleute schreckten bei dem Gedanken zurück, eine Fahrt ins +Ungewisse, Grenzenlose, Ziellose zu tun. In den Märchen war ja erzählt<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> +worden, daß manche Kaufleute fünfzig Jahre und länger auf dem Meere +geradeaus fuhren, ohne je eine Insel erreicht zu haben. Eine solche +Fahrt <em class="gesperrt">mußte</em> sie ins Verderben führen, und daher war die Angst +davor so groß, daß selbst scharfe Strafbefehle nicht die Wirkung +hatten, genügende Seeleute anwerben zu können. Niemand wollte sein +Leben dem fremden italienischen Pläneschmied anvertrauen, der mit weiß +Gott was für Teufelskünsten den König beredet hatte.</p> + +<p>Erst als ein gewisser Pinzon und sein Bruder, deren Erfahrungen auf dem +Meere man sehr hochschätzte, versprochen hatten, die ungeheuerliche +Fahrt mitzumachen, wirkte deren Beispiel so ermutigend, daß die Schiffe +schließlich doch segelfertig gemacht werden konnten.</p> + +<p>Die gesamte Ausrüstung der drei Schiffe zählte mit Inbegriff der +Steuerleute, der königlichen Beamten, Ärzte, einiger Freiwilliger vom +Kriegshandwerk und neunzig Matrosen, alles in allem hundertzwanzig +Köpfe. Mehr waren an der ganzen andalusischen Küste für dieses +Unternehmen, trotz guter Beispiele, gutem Sold und großer Überredung, +nicht zu gewinnen. Und selbst unter diesen hundertzwanzig Leuten kamen +weitaus die meisten nur sehr widerwillig mit und nur, weil man Gewalt +angewendet hatte.</p> + +<p>Die Hafenstadt Palos mußte die Schiffe stellen und ausrüsten, Sevilla +hatte den Auftrag, Waffen und Proviant zu liefern. Das Flaggschiff, +die Santa Maria, wollte Kolumbus selbst führen; das zweite Schiff, +die Pinta, stand unter dem Befehl der beiden Brüder Pinzon; das +dritte Schiffchen, die Nina, wurde von einem anderen Pinzon +kommandiert. Die Santa Maria maß etwa zweihundertundachtzig, die Pinta +hundertundvierzig, die Nina höchstens hundert Tonnen.</p> + +<p>Endlich, nachdem Kolumbus und die gesamte Mannschaft in der Kirche +den Segen Gottes erfleht hatten, und jeder die heiligen Sakramente +empfangen hatte, wurden am Freitag,<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> dem 3. August 1492, morgens acht +Uhr, die Anker gelichtet und unter Herzklopfen der Scheidenden und der +Zurückbleibenden verließen die Schiffe die vaterländische Küste, um +einer ungewissen Zukunft entgegenzusegeln.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Kolumbus schlug den Weg nach den Kanarischen Inseln ein. Aber schon +während dieser Fahrt mußte sich ihm die Besorgnis aufdrängen, daß seine +Schiffsmannschaft in einer Anwandlung von Furcht und Reue widersätzlich +werden und auf Umkehr dringen könnte. Diese Befürchtung war nicht +grundlos. Schon am dritten Tage zerbrach das Steuerruder der Pinta, +und man schöpfte Verdacht, daß die beiden Seeleute, denen das Schiff +gehörte, den Schaden absichtlich herbeigeführt hätten, um das Fahrzeug +<em class="gesperrt">vor</em> der gefährlichen Reise in Sicherheit zu bringen. Der +Schaden war nur schwer wieder gut zu machen, aber der Kapitän Alonso +Pinzon verlor den Mut nicht; es gelang ihm, das Schiff nach der Insel +Lanzerote zu bringen, wo die notdürftige Ausbesserung mehrere Wochen +in Anspruch nahm. Während dieses unfreiwilligen Aufenthaltes wurde ein +Vulkanausbruch auf Teneriffa beobachtet, der allgemeine Verwunderung +erregte. Das Schiffsvolk begann zu murren und über die unbequemen +Arbeiten zu klagen; sie waren der Reise schon überdrüssig, ehe sie noch +recht begonnen hatte.</p> + +<p>Erst am 6. September konnte das kleine Geschwader die Reise fortsetzen; +es segelte an Ferro, der Eiseninsel, vorbei, den drei portugiesischen +Karavellen geschickt ausweichend, die die Schiffe des Kolumbus +aufhalten sollten, um die Expedition zu vereiteln. Ferro war die letzte +Insel der bekannten Welt, und Kolumbus fühlte sich, im Gegensatz zu +seinen zaghaften, in Tränen aufgelösten Gefährten, erst jetzt wohl. Die +Entmutigten feuerte er durch verlockende Reden von den zu erwartenden +Reichtümern an, an die er selber glaubte; den Unterbefehlshabern<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> gab +er bestimmte Weisungen über die Richtung, die einzuhalten war. Von +jetzt ab führte der Admiral, wie er selber angibt, <em class="gesperrt">zweierlei</em> +Tagebücher; eins für sich, in das er die <em class="gesperrt">wirkliche</em> Meilenzahl +verzeichnete, die durchsegelt worden war, und ein anderes <em class="gesperrt">offen</em> +liegendes, sogenanntes Schiffsjournal, worin er die zurückgelegten +Strecken kürzer angab, damit die Mannschaft durch die weite Entfernung +von der Heimat nicht den Mut verlieren sollte.</p> + +<p>So segelten sie mehrere Tage dahin; es wurde aber schlecht gesteuert, +so daß sie ein wenig von der Richtung abwichen. Am 13. September +entdeckte Kolumbus die westliche Abweichung der Magnetnadel, die +sogenannte »Deklination der Magnetnadel«, die ihn sehr beunruhigte. +Was mußte nun aus ihnen werden, wenn der einzige sichere Führer in +der weiten Wasserwüste sich so unzuverlässig zeigte? Es gehörte +des Admirals ganze Besonnenheit und Geistesgegenwart dazu, die +beunruhigende Erscheinung seinen Matrosen als eine unwichtige Sache +hinzustellen. Am 14. September sahen die Leute von der Nina eine +Seeschwalbe und einen Tropikvogel; am 15. fiel in geringer Entfernung +von den Schiffen eine prachtvolle Feuerkugel ins Meer. Alle diese Dinge +verwirrten und betrübten das Schiffsvolk, das hierin Himmelszeichen +sah, daß die Reise schlecht ablaufen würde. Am 16. trübte sich der +Himmel, und es fiel ein starker Regen. Von nun an war das Klima völlig +umgeschlagen; die Morgen waren lieblich wie in Andalusien; es fehlte +nur noch das Singen der Nachtigall. Der Himmel war von silberumsäumten +Wolken bezogen, die Luft war mild und klar. Am selben Tage sah man auch +das Meer mit zahllosen Büscheln von treibendem Seetang bedeckt, der so +frisch und grün aussah, daß man meinte, das Kraut könne erst vor kurzem +vom Lande losgerissen sein; es müssen also — glaubte man — Inseln in +der Nähe sein.</p> + +<p>Beim Anblick dieses treibenden Tanges, des Sargassun, begann das +Schiffspersonal wieder aufzubegehren; es murrte<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> über den langen Weg, +der kein Ende nehmen wollte. Die Tage wurden länger, die Meeresflächen +erschienen wieder größer, die Ungeduld wuchs und schwoll und entlud +sich in offener Empörung gegen Kolumbus. Aber als man auch glücklich +über die schwimmenden Grasstrecken hinweggesegelt war, legte sich die +Besorgnis ein wenig.</p> + +<p>Doch tags darauf zeigten sich neue Grasinseln; man fing eine Krabbe +zwischen den Büscheln, die Kolumbus mit dem Bemerken aufbewahrte, daß +nun das Land wohl in der Nähe sein müsse. Das Seewasser war auch nicht +mehr so salzig, wie bei den Kanarien.</p> + +<p>Am 18. September eilte die Pinta etwas voraus, weil der Admiral +gesagt hatte, er hoffe noch in dieser Nacht Land zu sehen, und +weil die Königin demjenigen eine Prämie von zehntausend Maravedis +(zweihundertundsiebenundfünfzig Mark) ausgesetzt hatte, der zuerst +Land erblicken würde. Diese Zuversicht wurde noch dadurch verstärkt, +daß sich im Norden eine dichte Wolkenbank lagerte, die man anfangs für +Land hielt. Am 19. September herrschte Windstille. Ein Pelikan, der nie +weitab vom Lande fliegt, kam auf das Hauptschiff; ein Sprühregen fiel +ohne Wind; das alles schienen Anzeichen, daß Land nahe sei. Kolumbus +glaubte an links und rechts liegenden Inseln vorbeigefahren zu sein, +und zwar mit Absicht, weil er seinem Vorsatz getreu bleiben und zuerst +den Weg nach Indien fortsetzen wollte. Auf dem Rückwege hatte er ja +Zeit genug, alles aufzusuchen.</p> + +<p>Am nächsten Tage wurden wieder Pelikane gesehen, ein Pajaro, ein +möwenähnlicher Flußvogel, wurde gefangen; morgens kamen auch kleine +Vögel heran und sangen. Die Vögel flößten den Schiffern Mut ein.</p> + +<p>Den folgenden Tag herrschte Windstille; ungeheure Grasmassen segelten +vorbei; ein Walfisch wurde gesichtet. Das Meer war glatt, die Luft +wundervoll.</p> + +<p>Am 23. September erhob sich ein widriger Wind und Sturmvögel umkreisten +die drei Schiffe. »Dringend bedurfte ich den<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> heutigen Gegenwind,« +schreibt Kolumbus in sein geheimes Tagebuch, »denn mein Schiffsvolk war +höchst beunruhigt und besorgt, daß auf jenen Meeren keine Winde zur +Rückkehr nach Spanien wehten.«</p><br> + +<figure class="figcenter illowp92" id="illu-023" style="max-width: 61.9375em;"> + <img class="w100" src="images/illu-023.jpg" alt="bild"> +</figure> + +<p class="p2">Es ist nicht zu verwundern, daß die Leute immer wieder von neuem +von ihrer Angst und Einbildung gepeinigt wurden. Sie waren ja nur +gewohnt, Küstenschiffahrt zu treiben, wobei man nie das Land aus den +Augen verlor. Und nun segelten sie schon ununterbrochen seit mehr als +vierzehn Tagen durch den scheinbar endlosen westlichen Ozean, ohne daß +man einer Felsklippe begegnet wäre. Nichts als Meer und Himmel, Wolken +und Wellen, Luft und Wasser.</p> + +<p>Die Schiffe hielten bald nach Nordwest, bald wieder nach West. Das +Meer ging ungeheuer hoch, so daß diejenigen, die<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> erst ob des Mangels +an Wind murrten, nun wieder glaubten, man werde bei dem Sturm elend +umkommen.</p> + +<p>An diesem Tage kam auch eine Turteltaube auf das Admiralsschiff, sowie +Pelikane, Rohrsperlinge und andere weiße Vögel, und in dem Meergras +fand man wieder mehrere Krabben.</p> + +<p>Von nun an besuchten das Schiff fortwährend Pelikane und man tötete +große Fische mit der Harpune. Anstatt aber von all diesen Anzeichen, +die nahes Land hoffen ließen, freudig bewegt zu sein, wurde die +Mannschaft des Kolumbus um so ungeduldiger und ungehaltener. Noch immer +erklärten die meisten Matrosen die Fahrt für eine große Torheit, die +dem Selbstmord gleichkäme. Die Unzufriedensten traten heimlich zusammen +und murrten untereinander, bis sich endlich eine fast allgemeine +Stimme des Vorwurfs erhob, daß der tollkühne Ehrgeiz eines Einzelnen +das Leben so Vieler nur schon zu lange gefährde und ferner nicht zu +dulden sei. Die Verwegensten deuteten an, daß man sich, falls der +Admiral nicht in sofortige Rückkehr willige, des wahnwitzigen Urhebers +so vieler Drangsal leicht entledigen und ihn über Bord werfen würde. +Kolumbus entging diese meuterische Stimmung nicht; allein, er verzagte +nicht und setzte seine ganze Hoffnung darauf, daß er endlich siegen +werde. Zum Glück rief ihm noch der Führer der Pinta am folgenden Tage +freudig erregt zu, er habe Land gesehen, und diesmal sei eine Täuschung +ausgeschlossen. Kolumbus kniete nieder, um Gott zu danken, während die +ganze Mannschaft aller drei Schiffe ein frommes Kirchenlied anstimmte. +Man erkletterte die Masten und das Takelwerk und alle stimmten darin +überein, Land gesehen zu haben. Alle Mann blieben bis zur Nacht auf +Deck. Das Meer war so still, daß viele Matrosen hineinsprangen, um zu +baden.</p> + +<p>Aber als Kolumbus am 26. September gesehen hatte, daß Pinzon abermals +einer Täuschung erlegen war und eine Wolkenbank für das ersehnte Land +gehalten hatte — eine Täuschung,<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> die um so gefährlicher war, weil sie +alle freudig gestimmt hatte — bemächtigte sich der Mannschaft eine +tiefe Niedergeschlagenheit.</p> + +<p>Kolumbus segelte vertrauensvoll nach Westen weiter. Am 30. September +begegnete man so großen Vogelschwärmen, daß sich alle darüber +verwunderten, weil so große Schwärme sonst nur am Lande angetroffen +wurden.</p> + +<p>Von der Insel Ferro gerechnet war man nun bis 1. Oktober etwa +sechshundert Meilen gesegelt.</p> + +<p>Auch in den folgenden Tagen war das Meer glatt und ruhig, und obwohl +die Anzeichen von Landesnähe sich immer mehrten, hatte die Mannschaft +allen Glauben an eine glückliche Beendigung der Fahrt verloren. In +wildem Trotz begehrten sie augenblickliche Umkehr. Wieder wollte +Kolumbus die erregten Gemüter beschwichtigen; aber als sie sogar sein +Leben zu bedrohen begannen, erklärte er energisch, daß ihn keine Gewalt +der Erde bewegen könne, sich den Befehlen des Königs zu widersetzen +und daß er, sobald das Land erreicht wäre, das unfern sei, von seinem +Rechte als Vizekönig Gebrauch machen und die Aufwiegler nach Verdienst +bestrafen werde.</p> + +<p>Aber dieser stolze Mut hätte Kolumbus trotzdem nicht viel genützt, +wenn tags darauf nicht wirklich Dinge aufgefischt worden wären, die +zweifellos darauf schließen ließen, daß die Versprechungen des Kolumbus +nun in Erfüllung gehen würden. Völlig frische Süßwassergewächse, +bekanntes Sumpfrohr, grüne Zweige mit daranhängenden Beeren, ein +künstlich geschnitzter Stab und andere Dinge schwammen vorüber. »Es war +um zehn Uhr nachts,« heißt es im Tagebuch, »als ich vom Hinterkastell +aus ein Licht erblickte. Es blinkte aber so unsicher, daß ich mir nicht +getraute, auf Land zu schließen. Ich rief jedoch den Bettmeister des +Königs herbei und sagte ihm, ich hätte Licht gesehen, ob er's nicht +auch entdecke? Er schaute hinaus und erkannte es.«</p> + +<p>Kolumbus ermahnte nun die Mannschaft, nach dem üblichen Abendgesang, +wachsam nach Land auszuspähen, und er versprach<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> auf eigene Kosten dem +ersten Landausrufer noch ein seidenes Wams zu dem Gnadengeschenk der +zehntausend Maravedis. Auf der Pinta war die überraschte Neugier und +Freude noch größer. Das Schiff segelte rasch voraus und als es zwei +Uhr nachts war — Freitag der 12. Oktober war angebrochen — entdeckte +Juan Rodriguez Bermejo das heiß ersehnte Land. Er stürzte auf das erste +beste Geschütz zu, um das verabredete Signal zu geben, und indem er +feuerte, rief er seine Freude in die helle Nacht hinaus. Die Schiffe +zogen ihre Segel ein und trieben langsam dem Lande zu.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Als es Morgen geworden war, betrat Kolumbus die neue Erde, eine +niedrige Insel mit üppiger Vegetation, deren Ufer von nackten +kupferfarbigen Menschen bedeckt waren, die den Spaniern mit Staunen +entgegenblickten.</p> + +<p>»Ihr Wuchs ist tadellos und voller Reize,« beschreibt Kolumbus seinen +ersten Eindruck; »Freundlichkeit spricht aus ihrem Antlitz. Sie bemalen +sich bald weiß, bald schwarz, bald bunt, die einen den Körper, die +anderen das Gesicht, etliche nur die Nasen oder Stellen um die Augen. +Sie führen keine Waffen und kennen sie so wenig, daß sie meinen Degen +bei der Klinge faßten und sich schnitten. Ihre Stäbe haben an der +Spitze einen Fischzahn statt eines Eisens.«</p> + +<p>Als der erste am Strande sinkt der Admiral auf die Knie; seine +Begleiter folgen ihm. Dann nimmt er unter Entfaltung der Kreuzesfahne +und mit allen feierlichen Gebräuchen im Namen seiner königlichen +Gebieter Besitz von der Insel, der er den Namen <em class="gesperrt">St. Salvador</em> +beilegt; die Eingeborenen nennen sie Guanahani. Kolumbus läßt sich +alsdann von seinen Begleitern als bestallter Großadmiral und Vizekönig +den Treueid leisten. Begeistert und von widersprechenden Gefühlen +bezwungen, drängt sich die Schar um ihren Führer, der nun in ihren +Augen<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> als ein höheres Wesen erscheint. Die Eingeborenen fassen bald +Vertrauen genug, sich diesen weißen bärtigen Männern zu nähern, die, +in beflügelten Häusern schwimmend, vom Himmel herabgestiegen zu sein +scheinen, und es beginnt bald ein freundschaftlicher Verkehr, der +durch allerhand kleine Geschenke recht lebhaft wird. Kolumbus wird +jetzt der Mann großer Gesten und kleiner Schliche. Er zankt sich zum +Beispiel mit dem glücklichen Matrosen Rodriguez herum, der zuerst Land +erblickt hat, <em class="gesperrt">er selber</em> hätte zuerst Land gesehen; er gibt dem +Matrosen infolgedessen das Versprochene nicht, läßt es sich vielmehr +selber auszahlen. An Land gestiegen, singt er mit seinen Matrosen vor +Freude und innerer Bewegung ein Tedeum, und, religiöse Worte auf den +Lippen, ist sein Herz schon mit den goldenen Nasenringen beschäftigt, +die er den Ureinwohnern abnimmt, um ihnen Glasperlen dafür zu bieten. +Hier ist Kolumbus mehr Wucherer als Gottesbote. Denn für diesen hält +er sich. »Die heilige Trinität bewog Eure Majestät zu dem Unternehmen +nach Indien,« schreibt er an den spanischen Herrscher, »und durch ihre +unendliche Gnade wählte sie mich, um es Ihnen zu verkündigen. Deshalb +kam ich als ihr (der Trinität) Botschafter zu Eurer Majestät wie zu den +mächtigsten Fürsten der Christenheit, welche sich im Glauben übten und +so viel für seine Verbreitung taten. Trotz allen Ungemachs, das mir +widerfuhr, war ich gewiß, daß meine Unternehmung gelingen würde, und +beharrte bei dieser Ansicht, weil alles vergehen wird, ausgenommen das +Wort Gottes. Und in der Tat, Gott spricht so klar von diesen Gegenden +durch den Mund des Jesaias an mehreren Stellen der Heiligen Schrift, +wenn er versichert, daß von Spanien aus sein heiliger Name solle +verbreitet werden.«</p> + +<p>Nein, unser Gottgesandter, den man mit dem Apostel Thomas verglichen +hat, ist nach seiner Landung nicht großzügig. Diese Insulaner sind dumm +und harmlos, folglich sind sie eine gute Handelsware. »Diese gutartigen +Menschen<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> müssen ganz brauchbare Sklaven abgeben,« schreibt er in sein +Tagebuch. Er wird denn auch wirklich der Protektor des Sklavenhandels.</p> + +<p>Kolumbus begreift bald, daß es auf Salvador nicht Gold genug geben +werde, nach welchem sowohl er wie seine Begleiter so gierig sind. +Denn das Gold sollte ja der Lohn sein für die großen Gefahren, in +die sie sich begeben hatten. Die Eingeborenen zeigten nach Süden und +nach zweitägigem Aufenthalt auf dieser zuerst betretenen Insel eilt +Kolumbus weiter, nimmt aber etliche Eingeborene mit an Bord, die +ihm von Insel zu Insel den Weg zeigen sollen. Die zweite Insel, die +Kolumbus betritt, tauft er <em class="gesperrt">Santa Maria de la Conception</em>. Aber +da das Volk hier ebenso arm ist wie auf Salvador, eilt er zur dritten +Insel, der er den Namen <em class="gesperrt">Fernandina</em> gibt, und die seine Begierde +nach Gold ebenfalls enttäuscht, und dann zur vierten Insel, die er +<em class="gesperrt">Isabella</em> tauft (jetzt Crooked Island genannt), um am 24. Oktober +nach Kuba zu steuern, das Kolumbus für Zipangu (Japan) hielt, das lang +ersehnte Märchenland, wo es so viel Gold geben sollte, wie bei uns +Steine.</p> + +<p>Es war die Zeit, in der der Herbstregen seinem Ende naht. Die +tropische Natur prangte in voller Üppigkeit. Kolumbus wird nicht +satt, die Nachtigallenschläge zu belauschen, die laue indische Luft +dem andalusischen Frühling zu vergleichen und die üppige Wildnis am +krautbedeckten, feuchten Ufer, den Reichtum an Pflanzengestalten in den +durch Papageienschwärme belebten tropischen Wäldern zu bewundern. Jede +neue Insel steigt ihm lieblicher aus dem Wasser; sie ist ihm schöner +als die früheren; die schönste, die er bisher gesehen. Die Berge +auf Kuba erinnern ihn an die duftigen Bauwerke arabischer Moscheen. +Empfänglich für jeden Liebreiz der Natur und alle holden Wunder der +Schöpfung, blickt er auf die tropische Herrlichkeit fast wie ein +zärtlicher Vater. Berauscht von seinem Erfolge, glaubt er, die Wälder +stünden voller Mastixbäume; er sieht Perlenbänke in der See und Gold<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> +im Metallglanze der sandigen Flußbetten, und er vermeint schon alle +unfaßlichen Träume von einem glückseligen Indien zu erblicken. Seine +Schilderung von der Entdeckung Kubas ist ein Gemisch von begeisterten +Worten über die Pracht des Landes und über seine Hoffnungen, Gold zu +finden. Natur? Ja, sie ist schön. Sehr schön sogar, aber er will Gold. +Es ist schön von den Palmen, daß sie Kokosnüsse tragen; sie bringen +ihm Geld und der Botanik eine neue Erkenntnis. Die Sitte des Rauchens +herrscht bei diesem fremden Volke; nach Europa verpflanzt, wird diese +unbekannte Sitte Geld einbringen. Auf der Globuskarte Behaims liest +Kolumbus: »Hie findt man vil merwunder von serenen.« Praktisch, wie +er ist, sucht er nicht lange nach den Sirenen, sondern begnügt sich +mit gewöhnlichen Fischen. Welch erstaunliche Kraft und imposante Größe +gibt ihm seine Geldsucht! Er erträgt übermenschliche Anstrengungen; er +schläft zweiunddreißig Nächte hintereinander nicht; Gewitter und Stürme +finden ihn immer auf seinem Posten; die Malaria schüttelt ihn vergebens +wochenlang. »Geld machen,« ist das Losungswort, das ihn aufrechthält. +Ist dieser Italiener nicht in der Tat der erste moderne Amerikaner?</p> + +<p>Kolumbus begann jetzt, am 12. November, gegen Südosten zu segeln, in +der Hoffnung, Gold und Gewürze zu finden. Aber während widrige Winde +ihn nötigten, auf See zu gehen, trennte sich Alonzo Pinzon mit der +Pinta heimlicherweise von dem Admiralsschiff, um durch Gold und Ehrgeiz +angestachelt, auf eigene Faust die schätzebeladenen Küsten aufzusuchen.</p> + +<p>Bald fiel Kolumbus die Insel Haiti in die Augen, von deren Naturpracht +er so entzückt war, daß er sie Klein-Spanien (Hispaniola) taufte.</p> + +<p>Als er sich dem Paradiese nahe glaubt, schreibt er: »Es sind hier also +gewichtige Anzeichen für die Nähe des Paradieses, und die Ansichten +der gelehrten Theologen stimmen mit meinen Beobachtungen überein. +Und wenn die Wasser (des Orinoko)<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> nicht aus dem Paradiese kommen, +so scheint das ein noch größeres Wunder zu sein, weil ich nicht +glaube, daß man auf der ganzen Welt einen so mächtigen und tiefen Fluß +findet.« Er preist die Insel als ein Paradies und schreibt an die +spanischen Majestäten, niemand, der nicht gut katholisch sei, dürfe +die gesegnete Insel betreten. »Denn das ist das Ziel der Entdeckungen +gewesen, die ich auf Befehl Eurer Majestät gemacht habe, und die +<em class="gesperrt">nur</em> unternommen sind, den christlichen Glauben zu verherrlichen +und zu verbreiten.« Hier sagt Kolumbus, vielleicht unbewußt, eine +Unwahrheit, denn sein tägliches Gebet lautet: »Möge der Herr nach +seiner Barmherzigkeit mich die Goldminen finden lassen! Denn es erhört +Gott die Gebete seiner Diener, welche seine Gebote befolgen, auch dann, +wenn sie, wie in diesem Falle, Unmögliches zu bitten scheinen.« Diese +Goldgier geht so weit, daß er selbst einen erlittenen Schiffbruch als +eine Fügung Gottes betrachtet, der ihn so auf die Goldfelder hinweisen +will, die in der Nähe sein müssen. Und weil er in Haiti einige +goldverzierte Hütten findet, hält er die Insel für das salomonische +Ophir.</p> + +<p>In der Christnacht, wo Kolumbus bei stillem Wetter sich der +langersehnten Ruhe hingegeben, vernachlässigten nämlich der Steuermann +und die Matrosen ihre Pflicht so sehr, daß bald alles an Bord der +St. Maria im Schlafe lag, während die Strömungen das Schiff auf eine +Sandbank führten, wo es rettungslos scheiterte. Es blieb nichts übrig, +als die Ladung mit Hilfe der Eingeborenen, so gut es ging, zu bergen. +Der Admiral, nunmehr genötigt, sich an Bord der Nina zu begeben, war +tief erschüttert durch sein Mißgeschick; aber die Auskunft, daß es +zwischen den Bergen Goldminen gebe, wo das Gold nicht gesucht sei, weil +die Eingeborenen keinen Wert darauf legten, erheiterten bald seine +Mienen.</p> + +<p>Und nun war es das <em class="gesperrt">Gold</em>, das den Gang der Entdeckungen +beherrscht hat; das Aufsuchen neuer Länder wird jetzt ein +Glücksgewerbe; Kolumbus ist nur der glücklichste und kühnste Spieler.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span></p> + +<figure class="figright illowp39" id="illu-031" style="max-width: 32.5625em;"> + <img class="w100" src="images/illu-031.jpg" alt=""> + </figure> + +<p>Denn kaum hat er die goldführenden Flüsse Haitis entdeckt, so ist sein +Entdeckungsdrang stark abgekühlt, und er hat nur noch Sinn für die +Hebung der Schätze.</p> + +<p>Kaziken auf Haiti, mit denen Kolumbus sich angefreundet, bringen +Goldklümpchen, Gewürze und andere Kostbarkeiten. Aus den Trümmern der +Santa Maria läßt Kolumbus eine kleine Festung bauen, in der er mehrere +seiner Matrosen und Handwerksleute, insgesamt neununddreißig Mann, +die sich freiwillig erboten hatten,<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> zurückläßt; zugleich versorgt +er sie für ein ganzes Jahr mit Zwieback, Pulver und Geschützen. Die +Zurückgebliebenen sollten inzwischen die Erzeugnisse des Landes +kennen lernen, seine Metalle und Kräuter, sollten Sitten und Sprache +der Indianer studieren, vor allem aber nie vergessen, Goldtausch zu +treiben. Er hoffe, nach seiner Wiederkehr eine Tonne Goldes vorzufinden!</p> + +<p>Am 4. Januar schied Kolumbus und wandte sich mit der gebrechlichen +Nina nach Osten. Nach dem Schiffbruch der Santa Maria empfand Kolumbus +das Fehlen der Pinta doppelt schwer, weil es zu gefährlich war, mit +dem einzigen Schiffe längere Küstenfahrten zu unternehmen. Auch +bedrückte ihn der Argwohn, Alonso Pinzon sei vielleicht nach Spanien +vorausgeeilt, um den Hof gegen Kolumbus in feindliche Stimmung zu +bringen. Am 6. Januar wurde indes die Pinta wieder gesichtet. Alonso +kam an Bord der Nina und versuchte, mit unhaltbaren Entschuldigungen +seine Entfernung zu beschönigen. Kolumbus durchschaute den Mann; er +fand es aber für gut, seinen Groll bis zur Heimkehr zu verbergen; desto +reifer wurde sein Entschluß, sich eines so unzuverlässigen Begleiters +rasch zu entledigen.</p> + +<p>Am 12. Februar erhob sich ein Sturm. In der Nacht zog ein Gewitter +vorüber, die Gewalt des Windes steigerte sich am Tage, und die hohle +See schleuderte die Fahrzeuge erbarmungslos umher. In der Nacht zum +14. Februar verschlimmerte sich die Lage immer mehr, und in diesen +angstvollen Stunden verschwand die Pinta. Am Morgen des 15. Februar +wuchs die Gefahr des fürchterlichen Sturmes in so hohem Grade, daß +Kolumbus eine Pilgerfahrt gelobte. Inmitten dieser Wut der Elemente +ängstigte Kolumbus auch der Gedanke, daß, wenn er nun unterginge, mit +ihm auch sein großes Entdeckergeheimnis ins Meer sinken könnte, und +seine Kinder dann nicht die Früchte seiner Mühsal ernten würden. Darum +schrieb er einen Brief, in dem er die Ergebnisse seiner Entdeckung in +kurzen Worten niederlegte. Er versiegelte das Pergament und verhieß +dem glücklichen Finder<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> ein Geschenk von tausend Dukaten, wenn er das +Schriftstück uneröffnet dem kastilischen Hof überbringen würde. Und +heimlich, ohne daß es das Schiffsvolk merkte, verwahrte er dieses +Pergament in einer Tonne, die er ins Meer warf.</p> + +<p>Erst jetzt lichtete sich der Himmel, und die See beruhigte sich ein +wenig. Man sah zwar in der Ferne schon die bekannten heimatlichen +Küsten, aber erst am 17. Februar konnte man sich ihnen nähern; ein +ausgeschicktes Boot kundschaftete aus, daß man sich vor der Insel Santa +Maria befand.</p> + +<p>Hier aber, wo eine portugiesische Niederlassung den kaum dem Tode +Entronnenen eine gastfreundliche Aufnahme versprach, fanden sie +nur eifersüchtigen Argwohn, Hinterlist und Heuchelei. Nur mit Mühe +entging Kolumbus diesen Nachstellungen und erlangte so viel, daß er +seine notwendigsten Bedürfnisse an Holz, Wasser und Ballast hier +einnehmen durfte. Aber bei der fortgesetzten Fahrt wurde seine +Standhaftigkeit auf neue Proben gestellt, als ein noch wütenderer +Sturm seinem elenden Schiffchen einen sicheren Untergang drohte. Er +wäre unvermeidlich an der portugiesischen Küste gescheitert, hätte +sich nicht gleichzeitig die Mündung des Tajo vor ihm geöffnet. Die +Besorgnis, einer ungastlichen Behandlung zu begegnen, konnte ihn +nicht abhalten, sich in den Nothafen zu flüchten. Hier am 4. März +glücklich angelangt, gab der Admiral seinen Souveränen vor allen Dingen +durch einen Eilboten, dann aber auch dem König von Portugal Bericht +von seiner Ankunft und bat um die Erlaubnis, vor Lissabon ankern zu +dürfen. Während die ganze Bevölkerung Lissabons sich erstaunt und voll +freudiger Neugier an Bord seines Schiffes drängte, kam ein Brief vom +Könige, der Kolumbus zu einem Besuche einlud. Mit allen Ehren seines +hohen Ranges wurde Kolumbus empfangen. Er durfte sitzend erzählen und +sein Haupt bedeckt halten. Der König Johann verriet durch nichts seinen +Ärger über den Erfolg der Entdeckungsfahrt, und seine Reue, Kolumbus +nicht in eigene Dienste genommen zu haben. Ganz<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> nebenbei bemerkte der +König, es sei wohl noch fraglich, ob nach den Verträgen, die zwischen +Portugal und Spanien bestünden, die neuentdeckten Länder nicht doch +im portugiesischen Machtbereiche lägen. Kolumbus erwiderte, ihm sei +von solchen Verträgen nichts bekannt. Einige Höflinge, denen die Sorge +des Königs Verdruß bereitete, erboten sich nun, mit Kolumbus Händel +anzufangen, um ihn dann hinterrücks zu töten, im Glauben, daß durch den +Tod des Admirals die Entdeckungsfahrten der Spanier überhaupt aufhören +würden. Aber der König wies den Anschlag von sich und wollte Kolumbus +sogar sicheres Geleit mit auf die Reise geben. Kolumbus zog es aber +vor, zu Schiff nach Spanien heimzukehren. Mit seinen Matrosen, seinem +Gold und den übrigen Schätzen und Merkwürdigkeiten, die er mitgebracht +hatte, wollte er in demselben Hafen wieder einlaufen, von dem er +ausgegangen war.</p> + +<p>Inzwischen hatte der auf der Pinta vorausgeeilte Alonso Pinzon von +der Entdeckung dem Könige bereits Mitteilung gemacht und bat um eine +besondere Audienz. Der König ließ ihm aber kurzerhand zurückschreiben, +er habe im Gefolge seines Admirals zu erscheinen. Diese königliche +Ungnade brach Alonso das Herz; er starb einige Tage darauf, nachdem er +diese Antwort erhalten hatte.</p> + +<p>Am 15. März 1493 kam Kolumbus wieder auf der Reede von Palos an, wo er +unter dem unbeschreiblichen Jubel der ganzen Stadt empfangen wurde, und +am 21. März zog er unter gesteigertem Freudengeschrei des Volkes, unter +Prozessionen und Glockengeläute in Sevilla ein, um vor seinen König zu +eilen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ein Eilbote meldete den Majestäten, die damals in Barcelona Hof +hielten, daß ihr Admiral aus der Neuen Welt glücklich zurückgekehrt sei +und vor Begierde brenne, ihnen die Wunder der Neuen Welt vorzuzeigen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span></p> + +<p>Durch ein schmeichelhaftes Schreiben wurde er eingeladen, schleunigst +an den Hof zu kommen; Mitte April traf Kolumbus ein. Von überallher +strömten die Menschen zusammen, denn das Gerücht der unerhörten +und geglückten Reise flog ihm voran. Sein Empfang war großartig, +überwältigend; es war der glorreichste Tag seines Lebens; die glänzende +Vergeltung für die Verkennung, Verspottung und das jahrelange +Warten. In feierlicher Audienz, die auf dem Markte stattfand, wurde +er empfangen; der König und die Königin, umgeben von den Großen des +Reiches und von unzähligen Rittern aus Kastilien, Katalonien, Valencia +und Aragon, erhoben sich zu seiner Begrüßung, reichten ihm die Hand zum +Kusse und gestatteten, daß er sitzend von seiner Fahrt erzähle — die +höchste Ehre, die man ihm erweisen konnte.</p> + +<p>Das dichterische Wort stand dem Admiral zu Gebote, und so schilderte +er die Entfesselung des Weltmeers und die Entschleierung einer neuen +Welt auf der bisher noch nicht betretenen Erdhälfte. Er zeigte +die mitgebrachten Produkte vor: Goldkörner, Erzbarren, Bernstein, +Baumwolle, Tabak, Zweige und Wurzeln von aromatischen und medizinischen +Pflanzen, Aloe, Mastix, Rhabarber, Mais, Yams, Bataten; er führte gegen +vierzig prächtig gefärbte Papageien und endlich seine sechs Indianer +vor, die er mitgenommen hatte. Dann schilderte er die herrlichen +Tropenlandschaften, die fruchtbaren Gefilde, die Gutartigkeit der +Eingeborenen, von denen er die Überzeugung aussprach, daß sie bald +würden zum Christentume bekehrt werden.</p> + +<p>Kolumbus war für kurze Zeit der Meistgefeierte am spanischen Hofe und +der Meistbewunderte der Zeitgenossen. Oft erschien der König zu Pferde, +neben ihm zur Rechten der Thronerbe und zur Linken Kolumbus.</p> + +<p>Um diese Zeit soll bei einer Tafel, deren Gäste die Entdeckung des +Kolumbus anzweifelten, dieser ein Ei auf den Tisch gestoßen und gesagt +haben: »So wie dies Ei hier auf dem Tische steht,<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> so sicher habe ich +die Neue Welt entdeckt.« Aber die Geschichte vom »Ei des Kolumbus« ist +von A bis Z erfunden; schon Voltaire hat nachgewiesen, daß sie bereits +fünfzig Jahre vorher in ganz anderem Zusammenhange passiert war.</p> + +<p>Auf den Vorschlag des Kolumbus wurden sofort die Vorbereitungen zu +einer neuen Fahrt, einem großen Kolonisationszuge, vorbereitet. In +einem halben Jahre waren vierzehn Karavellen und drei Kauffahrer, also +siebzehn Schiffe insgesamt, ausgerüstet und sehr große Summen zur +Verfügung gestellt. Eine große Zahl von Edelleuten hatte sich zu dem +abenteuerlichen Zuge erboten; Ordensgeistliche folgten ihnen, die als +Glaubensbringer reisen wollten; Ackersleute, die in der Neuen Welt +europäisches Getreide, Zuckerrohr und andere Kulturpflanzen anbauen +sollten; man nahm die ersten europäischen Haustiere, besonders Pferde +und Rinder, Schafe und Schweine, mit, die sich später in der Neuen +Welt ungeheuer vermehrten; Bergleute kamen mit, um die Golddistrikte +auszubeuten. Zimmerleute, Maurer und andere Handwerker sollten für +die Bedürfnisse der Kolonisten sorgen. Eine ansehnliche Truppenmacht +sollte die Ansiedler beschützen, darunter waren besonders zwanzig +Lanzenreiter, die später der Schrecken aller Indianer wurden. Im ganzen +gingen, die Matrosen mitgerechnet, mehr als fünfzehnhundert besoldete +Menschen mit. Für die Lebensbedürfnisse war in umsichtigster Weise +gesorgt; den Oberbefehl über alle hatte der Vizekönig von Indien, +Christoph Kolumbus.</p> + +<p>Aber das meiste mitgelaufene Volk sah sich in dem goldarmen Lande +nur zu bald arg enttäuscht; es erschlaffte in dem feuchtwarmen +Klima und bildete bald, da es arbeitsunfähig und unlustig war, eine +verhängnisvolle Plage für das neue Land.</p> + +<p>Der Reiz des Neuen und Wunderbaren liegt nicht mehr über der zweiten +Reise des Admirals. Am 25. September ging die Flotte von Kadix aus +unter Segel und steuerte nach den Kanarien. Schon am 3. November +kam die erste Insel in Sicht,<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> die Sonntagsinsel, Dominica, genannt +wurde. Dann folgten Marigalante, Gudalupe, Monserrate. Vor der Insel +Santa Cruz am 14. November angelangt, hatten sich in einem Kanu sechs +menschenfressende Kariben, vier Männer und zwei Frauen, den Schiffen +genähert und sie ein paar Stunden lang so starr und regungslos +betrachtet, daß ihnen ein zurückkehrendes spanisches Boot unbemerkt den +Weg nach dem Lande abschneiden konnte. Sobald die Wilden bemerkten, +daß die Flucht unmöglich sei, griffen Männer und Weiber zu ihren +vergifteten Pfeilen und fielen die fünfundzwanzig Spanier in dem Boote +an, von denen sie zwei tödlich verwundeten. — Das spanische Boot warf +das Kanu endlich um, aber die Kariben, schwimmend und im Wasser den +Kampf erneuernd, flüchteten behend ans Land, so daß die Spanier nur +einen einzigen schwer getroffenen Kariben an Bord zurückbrachten.</p><br> + +<figure class="figcenter illowp56" id="illu-037" style="max-width: 47.1875em;"> + <img class="w100" src="images/illu-037.jpg" alt="bild"> +</figure> + +<p class="p2">Nachdem man noch einen großen Inselschwarm berührt hatte, wurde die +Insel Puerto-Rico entdeckt. Am 27. November wurde die Stätte endlich +erreicht, wo man vor kaum einem Jahre auf Haiti den Grund zu einer +Kolonie gelegt hatte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span></p> + +<p>Hätte Kolumbus auch nicht sofort aus dem bangen Schweigen, das längs +der Küste herrschte, eine dunkle Ahnung schöpfen müssen, so konnte +ihn doch bei einem Landen der Anblick des völlig verödeten und +gewaltsam durch Feuer zerstörten Forts über das traurige Schicksal der +zurückgelassenen Landsleute nicht mehr im ungewissen lassen. Bald ergab +sich aus den Berichten der Eingeborenen, daß die Weißen, sobald der +Admiral sich entfernt hatte, sich allen rohen Eingebungen hingegeben +hatten und die Eingeborenen durch Habgier und Gewalttätigkeit bis zum +äußersten trieben; diese hätten ihr Joch aber trotzdem ertragen, wenn +nicht ein feindlich gesinnter Kazike, der auf der Insel allgemein +gefürchtet war, die Weißen überfallen und niedergemetzelt hätte. Da +lagen nun die Habseligkeiten der Europäer jämmerlich umhergestreut; man +stieß auf Leichen, über die seit etwa einem Monat hohes Gras gewachsen +war.</p> + +<p>Die Gegend von Navidad eignete sich wegen des Mangels an Steinen nicht +zu einer Neugründung und auch die Ostküste, an der die Gründung der +Stadt Isabella geplant war — die Straßen waren schon abgesteckt und +der Grundstein zu einer Kirche und einem Spital bereits gelegt — mußte +wieder verlassen werden, weil der dritte Teil der Einwanderer von +heftigem Fieber befallen wurde. Ein Teil der Flotte und ein Teil der +Kolonisten ging im Februar 1494 wieder nach Spanien zurück, so daß die +Kolonie nunmehr nur noch neunhundert Köpfe zählte.</p> + +<p>Unter ihnen gab es eine große Anzahl Mißvergnügter, die bei jeder +Gelegenheit zur Meuterei gegen den Statthalter bereit waren. Auch +gestaltete sich das Verhältnis zu den Eingeborenen höchst unfreundlich; +Überfälle kamen oft genug vor und sie konnten nur durch die +imponierende spanische Reiterei, die die Wilden mehr als den lebendigen +Teufel fürchteten, zurückgeworfen werden.</p> + +<p>Am 24. April brach Kolumbus zur weiteren Erforschung der Länder mit +drei Schiffen auf; vor allem wollte er Gewißheit darüber haben, ob Kuba +ein Festland oder eine Insel sei. Unter<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> Androhung von Peitschenhieben +für jeden späteren Widerspruch, läßt er seine Mannschaft eine Urkunde +beschwören, daß sie Kuba für einen Teil des asiatischen Festlandes +halte. Damit ist für ihn die Auffindung des Seewegs nach Indien +erledigt, und er kehrt wieder zu seinen Goldwäschereien auf Haiti +zurück. »<em class="antiqua">Time is money</em>«, könnte beinahe ein kolumbisches Wort +sein.</p> + +<p>Die Anstrengungen der Reise, die Schlaflosigkeit, zu der ihn die +Pflicht der äußersten Wachsamkeit gebieterisch zwang, hatten die Kräfte +des Admirals so erschöpft, daß er von Bewußtlosigkeit und Ohnmachten +befallen wurde, weshalb man im höchsten Grade um ihn besorgt war. +Man eilte nach Isabella und ließ am 29. September die Anker fallen. +Kolumbus verfiel aber in eine Krankheit, die ihn fünf Monate aufs Lager +warf.</p> + +<p>Im Frühjahr 1496 kehrte Kolumbus mit etwa zweihundert untauglichen +Ansiedlern, die der Kolonie teils durch ihren Müßiggang, teils durch +ihre Widersetzlichkeit und teils durch Krankheit zur Last fielen, in +die Heimat zurück.</p> + +<p>Am 11. Juni landete er wieder in Kadix und begab sich sofort an den Hof +nach Burgos. Er benützte diese Reise wieder dazu, die vermeintlichen +Schätze Indiens in öffentlichem Gepränge zu zeigen, mit dem er in die +Städte einzog; namentlich mußten sich die mitgenommenen Indianer mit +den Goldfunden schmücken.</p> + +<p>Und nun dauerte es bis zum Mai 1498, ehe Kolumbus seine <em class="gesperrt">dritte</em> +Reise antreten konnte. Aber da er sich krank fühlte und augenleidend +war, brach er seine Fahrt an der Küste von Venezuela ab, um nach Haiti +zu gehen, wo unterdessen sein Bruder die Stadt San Domingo angelegt +hatte, die älteste europäische Ansiedelung in Amerika, die noch heute +besteht. Am Hafen dieser Stadt ragt noch heutigestags ein Baum empor, +an dem Kolumbus sein Schiff mit Tauen befestigt haben soll.</p> + +<p>Die folgenden beiden Jahre waren für Kolumbus die schwersten +seines Lebens; sie bedeuten den Zusammenbruch seiner<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> königlichen +Machtbefugnisse. Er hatte das Zepter des Vizekönigs in der Hand und +sollte es nun mit schmachvollen Ketten vertauschen.</p> + +<p>Kolumbus fand die Kolonie in vollem Aufruhr; der Oberrichter Franzisco +Roldan, der seinen hohen Rang nur der Gunst des Kolumbus zu danken +hatte, stand an der Spitze der Aufwiegler. Kolumbus bestrafte ihn, +mußte ihn aber schließlich wieder in sein Amt einsetzen. Allerlei +böse Gerüchte, die über Kolumbus in Umlauf gesetzt wurden, erreichten +sogar die Ohren der spanischen Majestäten, und um dem Gerede zu +steuern, hatte Kolumbus um einen bevollmächtigten königlichen +Untersuchungsrichter gebeten. Und so wurde denn Franzisco de Bobadilla +nach Haiti geschickt, dem selbst Kolumbus, der Vizekönig, Gehorsam zu +leisten hatte, der sich aber vom ersten Augenblick an als ein Feind des +Kolumbus erwies. Dicht wie ein Heuschreckenflug regneten nun die meist +ungerechten und unbegründeten Anklagen der Kolonisten auf Kolumbus +herab, so daß dem Untersuchungsrichter dadurch eine willkürliche +Handhabe geboten war, Kolumbus zu bestrafen. Er ließ ihn in Ketten +werfen und schaffte ihn mitsamt seinen beiden Brüdern nach Europa, wo +sie im November 1500 ankamen.</p> + +<p>Kolumbus war durch die Schmach, die man ihm angetan und durch die +Verletzung seiner Privilegien tief gebeugt; er war gebrochen und der +überaus stolze Mann hat diesen jähen Sturz nie mehr überwinden können. +In Spanien machte die Demütigung des großen Entdeckers ungeheures +Aufsehen und auf die Majestäten einen geradezu peinlichen Eindruck. Sie +hatten nicht gewollt, daß der Vizekönig so schmachvoll behandelt werde. +Sie gaben daher sofort Befehl, Kolumbus zu befreien und ihn mit allen +gebührenden Ehren auszuzeichnen. Man schickte ihm zweitausend Dukaten, +seine nächsten Bedürfnisse, die sein Rang erheischte, zu bestreiten. +Er kam vor den Thron und als er vor Ferdinand und Isabella sein Knie +beugte, erstickte heftiges Schluchzen seine Rede. Die Monarchen ließen +ihn aufheben<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> und gaben sich Mühe, ihn zu besänftigen, indem sie +jede Ermächtigung zu Bobadillas Roheit ableugneten und dem Admiral +den vollen Genuß seiner Würden und Privilegien zusicherten. Außerdem +ernannten sie einen neuen, unparteiischen und gerechten Schiedsrichter +in der Person des Nicolas de Ovando, der im Februar 1502 mit einer +ansehnlichen Truppenmacht hinüberging. Bobadilla war freie Rückreise +nach Spanien zugesichert; Roldan und sein aufwieglerischer Anhang wurde +aber gefangengenommen.</p> + +<p>So war die Ruhe bald wiederhergestellt. Und um Kolumbus wieder seinem +eigentlichen Berufe zuzuführen, gewährte man dem Admiral, wie er es +gewünscht, zum <em class="gesperrt">vierten</em> Male einige Schiffe, damit er seine +Entdeckung weiterführen könne. Am 9. Mai 1502 brach er mit vier kleinen +Karavellen von Kadix wieder auf. Auf dieser Fahrt begleitete ihn sein +Bruder Bartholomäus und sein dreizehnjähriger Sohn Ferdinand.</p> + +<p>Bis zum 15. Juni hatte er eine glückliche Fahrt und erreichte leicht +die Kette der kleinen Antillen bei der Insel Martinique. Der neue +Statthalter Ovando war gerade im Begriff, die erste größere Goldfracht +von zweihunderttausend Goldpesos (also zirka zwei Millionen Mark) +nach Spanien zu senden, als Kolumbus ihn bat, die Reise um acht Tage +zu verschieben, weil ein furchtbarer Orkan bevorstehe, den Kolumbus +aus den Sternen, deren er kundig war, vorausgesagt hatte. Aber seine +Warnung wurde in den Wind geschlagen. Die Flotte lief aus, geriet +wirklich in einen Orkan, und zwanzig Schiffe gingen mit Mann und Maus +unter. Unter den Opfern befanden sich auch die Feinde des Kolumbus, +Bobadilla und Roldan. Als Kolumbus später davon erfuhr, hielt er es für +ein Gottesgericht, das seine Gegner bestrafte.</p> + +<p>Am 14. Juli segelte Kolumbus weiter und erreichte Ende des Monats die +Insel Guanaja im Golf von Honduras. Dort stieß er unerwartet auf das +erste Kulturvolk der Neuen Welt, auf etwa fünfundzwanzig Handelsleute +vom Mayastamme, die<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> mit einer großen Barke dreißig Meilen über See +gekommen waren. Sie hatten ihre Frauen und Kinder mit an Bord; das +Schiff hatte ein schattiges Dach von Palmenzweigen zum Schutz gegen +Regen und Sonne. Ihre Waren bestanden in buntgefärbten und gewirkten +Baumwollentüchern und ebensolchen Hemden ohne Ärmel und Schürzen, +Holzschwertern, deren Schneide durch Splitter gebildet wurde, kupfernen +Beilen zum Holzfällen und kupfernen Schüsseln und Schellen. Als Geld +dienten ihnen Kakaobohnen, von denen sie einen großen Vorrat mit sich +führten. Ihre Lebensmittel waren Mais und eßbare Wurzeln. Sie waren +furchtlos, aber von großer Schamhaftigkeit.</p> + +<p>Kolumbus fragte auch sie nach dem Goldlande und man wies ihn nach dem +Süden. Aber die Fahrt dahin brachte Sturm, Unwetter, Gefahren und +Enttäuschung; erst am 12. September wurde das Wetter günstiger. Am 25. +September kam Kolumbus zum Indianerdorfe Kariai; hier hielt er Rast, um +die Schiffe, die durch den Sturm arg gelitten hatten, wieder flott zu +machen. Am 5. Oktober steuerten die Schiffe weiter, aber an der Küste +von Veragua überraschte sie ein Sturm, wie sie ihn bisher noch nicht +erlebt hatten. Noch nie hatte man das Meer so hoch, so fürchterlich, so +mit Gischt bedeckt gesehen. Die Schiffe wurden in der See festgehalten, +die wie ein Kessel über starkem Feuer kochte. »Der Himmel sah ganz +entsetzlich aus und flammte Tag und Nacht wie ein Schmelzofen; die +Blitze zuckten derart, daß man fürchten mußte, Segel und Masten würden +davon versengt. Die Donner rollten so grauenhaft, daß wir Angst hatten, +samt und sonders mit den Schiffen verschlungen zu werden. Dabei stürzte +der Regen wie eine Sündflut nieder. Die Mannschaft, die kaum etwas +Eßbares hatte — denn der Schiffszwieback war voller Würmer — war so +ermattet, daß sie den Tod als eine Erlösung aus diesem Jammer ansah. +Die Schiffe verloren zweimal ihre Schaluppen, Anker, Takelage und waren +ohne Deck und ohne Segel.« Zum Unglück waren die wurmzerfressenen +Schiffe noch überdies seeuntüchtig.</p><br> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span></p> + +<figure class="figcenter illowp62" id="illu-043" style="max-width: 51.75em;"> + <img class="w100" src="images/illu-043.jpg" alt="bild"> + </figure> + +<p class="p2">Erst im Februar 1503 schlug das Wetter um. Während Kolumbus an Bord +blieb, erforschte sein Bruder das Land und fand überall reiche +Goldspuren. Kolumbus wollte hier eine Niederlassung gründen; sein +Plan wurde aber durch Indianer vereitelt, die die Spanier angriffen +und sie zwangen, sich auf ihre Schiffe zurückzuziehen. Eine +Karavelle blieb als seeuntüchtig am Lande zurück; mit den übrigen +drei Schiffen trat Kolumbus<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> den Heimweg an. Es war Ende April. Auf +weitere Entdeckungsfahrten konnte Kolumbus nicht ausgehen; er litt +zu sehr unter den wilden Stürmen, die sich immer wiederholten und +seinen Schiffen so zusetzten, daß er sich endlich gezwungen sah, um +das nackte Leben zu retten, alle Schiffe auf den Strand von Jamaika +laufen zu lassen. Die Schiffe, die bereits große Löcher hatten und +deren Wände aussahen wie Honigwaben, füllten sich rasch bis zum Deck +mit Wasser, so daß die Matrosen nur noch das Verdeck zum Aufenthalt +benutzen konnten. Anfangs erwiesen die Indianer sich freundlich und +lieferten Lebensmittel und Boote; später aber verweigerten sie dies, +bis Kolumbus klugerweise eine gerade eintretende Mondfinsternis +benutzte, um den abergläubischen Indianern mit dem Zorne des Himmels +zu drohen. Das half denn auch. Dann galt es wieder, eine gefährliche +Meuterei zu unterdrücken, die erst im Mai 1504 mit der Niederlage der +Empörer endigte. Sechs Wochen später schlug die Stunde der Erlösung. +Der Statthalter Ovando hatte von St. Domingo Hilfe geschickt, und im +September kehrte Kolumbus endgültig in die Heimat zurück, um die Neue +Welt nie wieder zu betreten. Ende November landete er in Kadix als ein +Schiffbrüchiger.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Was war die Ernte dieses Lebens voller Mühen und Gefahren? Krankheit, +Erniedrigung und Armut. In Kastilien besaß Kolumbus keinen Dachziegel; +in Spanien war er auf das Wirtshausleben angewiesen, und er hatte +nie die Mittel, seine Rechnungen zu bezahlen. Siech kehrte er heim; +er hatte keine Freunde mehr. Niemand kümmerte sich um den armen +Schiffbrüchigen; man stellte sich bloß, wenn man seinen Namen nannte. +Er mußte am eigenen Leibe die bittere Wahrheit bestätigt finden, +daß die Geschichte der Menschheit zum großen Teil die Geschichte +menschlicher Niedrigkeit ist. Da er aufhörte, zu nützen, fing er an, +lästig zu werden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span></p> + +<p>Der gottgesandte Vizekönig ist nun dem Bettler gleichgeachtet, denn +der spanische König weiß plötzlich nichts mehr von all den verbrieften +Versprechungen, die er Kolumbus gemacht hat. Man hat bald vergessen, +daß er der Welt neue Hoffnungen, neue Ziele, neue Bestrebungen, neue +und weitere Grenzen gegeben hat; daß er die physische Geographie und +die Ethnographie bereichert; daß er das menschliche Denken vertieft und +die Entwicklungsmöglichkeit des Menschen beträchtlich vergrößert hat. +Man schenkt diesem stolzen Sieger — Mitleid. Man vergißt ihn selber +rasch. Er stirbt am 20. Mai 1506 zu Valladolid; aber sein Tod geht +eindruckslos vorüber.</p> +<p>Was sterblich an ihm war, liegt seit 1796 im Dome zu Habana.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<div class="chapter"> +<h2>Michelangelos Leben.</h2> +</div> + +<p>Welch seltsamer Art sind doch die Schauer, die wir beim Anblick eines +uralten Palastes empfinden, in dem ein großer Mensch gelebt hat! Als +ob irgend etwas von dem Geiste des längst Vermoderten noch an den +Steinfliesen hafte, so leise treten wir auf, vorsichtig durch die +gewölbten Hallen tastend, als hätten wir Furcht, den Toten aus seinem +vielhundertjährigen Schlafe zu wecken.</p> + +<p>Hier ist ein Stück Stein aus der Mauer des Hauses, in dem Michelangelo +Buonarroti seine bildhauerischen Wunder schuf. Der Stein zeichnet +sich durch nichts von anderen Steinen aus. Und doch bewahre ich ihn +pietätvoll auf und erkläre meinen Freunden mit wichtiger, frommer +Miene: Hier ist ein Stück Stein aus der Mauer des Hauses, in dem +Michelangelo gelebt hat .....</p> + +<p>Und selbst die Ironischen und Überlegenen lachen nicht; sie werden +ernst und schweigsam, als weile Michelangelo unter uns.<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> Der +künstlerisch empfindende Mensch kennt dieses reine Gefühl, das weder +der Ehrfurcht vor den fünf Jahrhunderten entspringt, noch durch den +Rausch erweckt wird, den der Name bewirkt. Ohne zum Götzenanbeter zu +werden, fühlt man aber plötzlich alle kritischen Teufel in sich durch +irgendeinen guten Engel besiegt, und der Verstand, dieser Maulwurf, +ist vollständig überrumpelt von der Empfindung. Man sinkt hinunter in +eine tote Epoche, die voller Glanz war und Größe. Man ist in einer +kleinen Zeit allmählich allem Großen so fremd geworden, daß man beinahe +erschrickt, wo man ihm begegnet. Und wo begegnete man ihm auf kleinem +Raume häufiger, als in Florenz, der Stadt Leonardo da Vincis, Raffaels +und Dantes? Man weiß, welch eine unerhörte Vereinigung von großer +Kunst und Wissenschaft die Medici zu schaffen wußten, und daß viele +der besten Namen der florentinischen Geschichte sich in einen kurzen +Zeitraum zusammendrängen. Auch der Name Michelangelo ist darunter ....</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Er wurde am 6. März 1475 im toskanischen Städtchen Caprese, in der +damaligen Republik Florenz gelegen, als Sproß eines alten Florentiner +Adelsgeschlechtes geboren. Sein Vater, der Bürgermeister und Richter, +ließ ihm bei der Geburt von den Sternkundigen das Horoskop stellen, und +man fand, daß er unter einem glücklichen, aber auch verhängnisvollen +Stern geboren sei.</p> + +<p>Nach abgelaufener Amtszeit kehrte der Vater auf sein Gut in Settignano +zurück. Hier bekam der kleine Michelangelo die Frau eines Steinmetzen +als Amme, die auch die Tochter eines Steinmetzen war; darum scherzte +Michelangelo in späteren Jahren, er habe die Bildhauerkunst mit der +Ammenmilch eingesogen. Als er heranwuchs und eine gelehrte Schule +besuchte, benutzte er jede freie Zeit zum Zeichnen, obwohl der +Vater ihn wegen dieser Nebenbeschäftigung heftig tadelte. Aber der +künstlerische Drang in dem jungen Michelangelo war so stark, daß +der Vater<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> nicht nur das Widerstreben aufgeben mußte, sondern sogar +beschloß, den Sohn in der Malerei ausbilden zu lassen. Am 1. April +1488 wurde der dreizehnjährige Michelangelo bei Domeniko Ghirlandajo, +dem bedeutendsten Maler von Florenz, in die Lehre gegeben, um die +Malerei zu erlernen. Für die Dienste, die er seinem Meister während der +dreijährigen Lehrzeit leisten würde, sollte Michelangelo eine Vergütung +von vierundzwanzig Gulden (etwa hundertfünfundsechzig Mark) bekommen.</p> + +<p>In den Lebensbeschreibungen Michelangelos wird viel erzählt von den +zahlreichen Proben ungewöhnlicher Begabung, die der Lehrling ablegte. +Besondere Bewunderung fand auch außerhalb der Werkstätte eine gemalte +Nachbildung des heiligen Antonius, des berühmten Kupferstiches von +Martin Schongauer. Auf dem Fischmarkte studierte der junge Michelangelo +die opalisierenden Farben der Schuppen, Flossen und Augen der +mannigfachen Fische, um auf seinen Bildern die Farben naturgetreu +wiedergeben zu können. Und Michelangelo malte das, was er sah, in +Form und Farbe so echt und naturwahr — heute würde man sagen: mit so +erstaunlichem Naturalismus —, daß sein Meister eines Tages entzückt +ausrief, daß der Lehrling mehr verstehe als sein Meister. Das geschah +nämlich, als Michelangelo einmal, als Ghirlandajo an dem Fensterschmuck +von S. Maria Novella arbeitete, das Malergerüst mit einigen darauf +befindlichen Gehilfen abzeichnete. Von der großen Gewandtheit, die er +sich in der Nachahmung alter Kupferstiche erwarb, machte Michelangelo +bei der Ausführung seiner Studien und Einfälle später gern Gebrauch.</p> + +<p>Lorenzo de Medici, der Herrliche, empfand es um diese Zeit als einen +Mangel, daß Florenz sich nur durch seine Maler, nicht aber auch durch +seine Bildhauer auszeichnete. Darum richtete er in dem Garten seines +Palastes eine Art Kunstschule ein, deren Leitung er einem Sohne des +großen Bildhauers Donatello, dem Bildhauer Bertoldo übertrug, der +zugleich Aufseher der<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> Antikensammlung war. Als Lorenzo sich nun an +Ghirlandajo mit der Anfrage wandte, ob in seiner Werkstatt vielleicht +einige junge Leute seien, die Lust hätten, die Bildhauerei zu erlernen, +sandte ihm dieser einige seiner besten Schüler zu, darunter auch +Michelangelo. Nachdem der junge Künstler durch seine ersten Tonmodelle +schon die besondere Aufmerksamkeit Lorenzos erregt hatte, nahm er zum +erstenmal einen Meißel zur Hand und versuchte sich an einem Stückchen +Marmor, aus dem er eine grinsende Maske herausmeißelte. Zwischen den +spöttisch verzogenen Lippen sah man die Zähne. Lorenzo betrachtete das +Werk und bewunderte die Selbständigkeit und den Mut des Künstlers. +Scherzhaft bemerkte er, der Kopf habe einen Fehler, denn alte Leute +hätten kein so vollständiges Gebiß mehr; Michelangelo meißelte denn +auch nachträglich mit kindlicher Gewissenhaftigkeit eine dem Leben +nachgebildete Zahnlücke in den Mund der Maske.</p> + +<p>Lorenzo fand an dem Wesen des jungen Künstlers und an seiner Begabung +einen so großen Gefallen, daß er ihn unter seine Hausgenossen aufnahm. +Der Vater Michelangelos, der nur ein kümmerliches Einkommen hatte, +erhielt zum Dank für seine Einwilligung ein Amt, und als er um eine +frei gewordene Stelle beim Zollamt bat, übertrug Lorenzo sie ihm +sofort, die Bescheidenheit des Wunsches mißbilligend: »Du wirst immer +arm bleiben!«</p> + +<p>Michelangelo selbst erhielt ein monatliches Einkommen von fünf Dukaten +und als Gunstbezeigung einen violetten Mantel.</p> + +<p>So lebte Michelangelo über drei Jahre (von 1489-1492) im +Mediceerpalast. Er speiste mit den Söhnen des Stadtoberhaupts und +bewegte sich in den bunten Gesellschaften der geistreichen Männer, +die an diesem Hofe verkehrten. Zwei Marmorwerke, die Michelangelo in +jener Zeit nach eigener Erfindung ausführte, das »Madonnarelief« in +Donatelloscher Manier und »Der Kampf der Lapithen und Kentauren«, +zeigen schon prachtvoll die starke Eigenart und das Genie +Michelangelos. Die Ausführung der Körper ist so vollkommen, daß sie +bei einem so jugendlichen<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> Bildhauer geradezu unbegreiflich erscheint. +Schon seine anspruchsvollen Zeitgenossen sagten, besonders vom +Kentaurenkampf, mit Recht, daß man nicht das Werk eines jungen Mannes, +sondern das eines fertigen und reifen Meisters zu sehen glaube, der in +seiner Kunst eine ebenso große Erfahrung wie Durchbildung genossen habe.</p> + +<p>Die bewunderten Fresken des Masaccio waren für Michelangelo wie für +das ganze damalige Künstlergeschlecht eine reine Quelle der Belehrung. +Michelangelo zeichnete die Vorbilder aber mit größerem Geschick nach, +als irgendeiner der anderen. Der Neid erwachte, und die Feindseligkeit +gegen Michelangelo wurde noch besonders dadurch geschürt, daß er so +unklug war, sich über die Fehler seiner Genossen lustig zu machen. +Die Folge davon war, daß ihm einer eines Tages einen so heftigen +Faustschlag ins Gesicht gab, daß sein Nasenbein zertrümmert wurde. +Der Täter, Pietro Torrigiano, wurde zwar aus Florenz verbannt, aber +Michelangelo blieb zeitlebens entstellt.</p> + +<p>Als Lorenzo, der Herrliche, im April 1492 starb, war es für +Michelangelo mit dem sorgenfreien, anregenden und glanzvollen Leben zu +Ende. Er kehrte in sein Vaterhaus zurück. Er kaufte einen Marmorblock, +der unbenützt dalag, und meißelte einen überlebensgroßen Herkules, +der im Strozzipalast aufgestellt wurde. 1529 wurde das Bildwerk +verkauft und an König Franz I. von Frankreich geschickt. Im siebzehnten +Jahrhundert stand es in einem Garten von Fontainebleau, der 1713 +zerstört wurde, und seitdem blieb auch der Verbleib des Herkules +unbekannt. Verschwunden ist auch ein kleines hölzernes Kruzifix, das +Michelangelo 1494 ausgeführt hatte und das auf dem Hochaltar der +Kirche San Spirito aufgestellt worden war. Der Prior bewies dem jungen +Michelangelo seine Dankbarkeit, indem er ihm im Kloster mehrere Zimmer +zur Verfügung stellte, wo er ungestört seinem Wissensdrang Genüge tun +und durch das Zergliedern von Leichen sich eine gründliche Kenntnis vom +Bau des menschlichen Körpers verschaffen konnte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span></p> + +<p>Pietro de Medici, Lorenzos Sohn, hatte nicht die glänzenden +Eigenschaften des Vaters geerbt; aber auch er setzte Michelangelo +wieder in seine vorige Stellung ein.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es geschah während des eisigen Januars des Jahres 1494 ....</p> + +<p>Vor dem Hause des alten Buonarroti, in einer dunklen und einsamen +Gasse, standen eines Nachts drei Jünglinge in warme Mäntel gemummt. +Trotzdem zitterten sie vor Kälte, denn es war ein grimmiger Frost. +Der Wind umtobte stöhnend und pfeifend das schlafende Haus; aus einem +einzigen Fenster nur fiel ein spärlicher Lichtschein auf die Straße. +Zum zweitenmal ergriff nun einer der Jünglinge den bronzenen Türklopfer +und pochte laut und wütend an das Tor. Endlich bemerkte man, wie das +Licht sich zu bewegen begann, wie es aufzuckte und hin und her irrte +und wie dann das erleuchtete Fenster dunkel wurde. Zugleich vernahm +man Schritte im Flur, und bald darauf wurde die morsche Eichentür +aufgeschlossen. In ihrem Rahmen stand ein kaum mittelgroßer Jüngling, +der eine Windleuchte über seinem Kopfe hielt, mit der er auf die Straße +hinausleuchtete.</p> + +<p>»Wer da?« fragte er barsch.</p> + +<p>»Freunde!« riefen drei Stimmen zugleich und lachten. Michelangelo +leuchtete ihnen ins Gesicht und erkannte nun Baccio, Gentile und +Mariotto.</p> + +<p>»Ich kenne euch,« antwortete Michelangelo langsam, als wollte er sagen: +»Ihr seid keineswegs meine Freunde.«</p> + +<p>Er hatte sie am Hofe Lorenzos, seines jüngst verstorbenen Schutzherrn, +kennen gelernt. Oft war er mit ihnen in den Prachträumen der +mediceischen Paläste zusammengetroffen, in den Lorbeerhainen und +Piniengängen von Carregi, in deren tiefen Schatten er an die Götter der +Hellenen dachte; in den wundervollen Gärten der Villa Ambra, wo die +Tage Platos von neuem heraufzukommen schienen.</p><br> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span></p> + +<figure class="figcenter illowp56" id="illu-051" style="max-width: 47.3125em;"> + <img class="w100" src="images/illu-051.jpg" alt="bild"> + </figure> + +<p class="p2">»Was wollt ihr von mir?« fragte Michelangelo endlich.</p> + +<p>»Beim Zeus!« rief Baccio beleidigt aus, »vor allem einen freundlicheren +Empfang!«</p> + +<p>»Ruhe!« tönte die ernste Stimme Mariottos dazwischen. »Die alten +Zeiten Lorenzos kehren wieder nach Florenz zurück,« sagte er, zu +Michelangelo gewendet. »Piero folgt dem Beispiel seines Vaters. Mit dem +kommenden Lenz halten nicht nur die Rosen ihren Einzug, sondern auch +die vertriebenen Grazien. Es regt sich neuer Kunstsinn im Hause der +Mediceer.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span></p> + +<p>»Piero de Medici liebt die Kunst,« fügte Gentile hinzu, »und eben darum +weiß er auch dich zu schätzen. Es würde ihn stolz machen, sagte er +sogar, wenn er dich an sein Haus fesseln könnte.«</p> + +<p>Michelangelo wandte sich schweigend und mit Verachtung ab.</p> + +<p>»Es ist kalt,« sagte er, »was wollt ihr also von mir?«</p> + +<p>Mariotto nahm das Wort: »Piero von Medici schickt nach dir. Er hält +heute Hof im Pittipalaste. Inmitten von Gesang, Musik und Lärm hat +er deiner gedacht. Er hat einen Wunsch an dich. Da haben wir uns +angeboten, dich herbeizuholen. Also ziere dich nicht und komm!«</p> + +<p>Michelangelo rührte sich nicht und schwieg.</p> + +<p>»Hoffentlich erkennst du die Ehre,« sagte Baccio noch immer mürrisch; +»du weißt, wer Piero ist, und wir sind keine Diener.«</p> + +<p>»Ich gehe nicht,« antwortete Michelangelo kurz. »Ich danke euch und +ich danke Piero von Medici. Sagt ihm, daß ich krank sei, daß ich über +einem Buche grüble, das seines Vaters Freund, der treffliche Meister +Poliziano, geschrieben.«</p> + +<p>»Derselbe Poliziano,« rief Gentile aus, »weilt zur Stunde im Palaste +und trug mir auf, dich in seinem Namen zu grüßen.«</p> + +<p>»Willst du Piero mit deiner Weigerung beleidigen?« fragte Mariotto.</p> + +<p>»Poliziano in Florenz? Im Pittipalaste? O!« Sein Antlitz heiterte sich +auf; er stellte die Windleuchte auf das Gesimse. »Tretet ein!« bat +Michelangelo; »ich gehe sofort mit euch!« und er eilte ins Haus, sich +anzukleiden.</p> + +<p>»Welch ein empörender Stolz!« brummte Baccio; »er spricht mit uns, als +wären wir Lakaien! Als würde er uns eine Ehre erweisen!«</p> + +<p>»Still!« warnte Mariotto, denn Michelangelo kehrte eben zurück, +den Kopf mit einem Hute bedeckt und in den veilchenblauen Mantel +eingehüllt, den Lorenzo ihm vor zwei Jahren geschenkt hatte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span></p> + +<p>»Gehen wir also!« forderte Gentile auf; »ich bin vor Kälte ganz +erstarrt.« Der Wind heulte und große Schneeflocken wirbelten in der +kalten Luft, die um die Köpfe der vier Jünglinge tanzten.</p> + +<p>»Komm schneller!« drängte Gentile; »wir haben die Diener unweit des +Flusses mit Laternen warten lassen, weil wir deine stille Gasse nicht +aus nächtlichem Schlafe wecken wollten. Wir dachten an das strenge +Gesicht deines Vaters, und ich hoffe, wir haben ihn nicht aus dem +Schlafe geweckt.«</p> + +<p>Sie schritten eilig durch die dunklen, winkligen Gassen zwischen +schweigenden Palästen dahin, die in der dicken Finsternis doppelt +düster aussahen. Am Lugarno warteten die Diener mit Fackeln und +Stocklaternen, die gespenstige Lichtreflexe auf die Umgebung warfen und +riesenhafte Schatten erzeugten.</p> + +<p>Der Arno rauschte und brauste, und am jenseitigen Ufer sah man die +Kirche San Miniato sich wie ein finsterer Koloß vom dunklen Himmel +abheben. Der Weg führte über die alte Brücke, wo sich niedrige Häuschen +aneinanderschmiegten, als wollten sie sich gegenseitig vor dem Umfallen +bewahren. Noch wenige Gassen, und Michelangelo stand mit seinen +Gefährten vor dem riesenhaft aufstrebenden Palaste Pitti. Die Diener +steckten die Fackeln in die eisernen Arme, die an den Eingangspfeilern +befestigt waren, die im Augenblick blutigrot beschienen wurden. Eine +Anzahl von Pferden stampfte ungeduldig auf dem Vorplatz, der fröhlichen +Gäste Pieros harrend. Aus dem Innern des Palastes scholl von Zeit zu +Zeit Fanfarenlärm heraus, Lachen und Gesang, der sich mit dem Heulen +des Windes mischte.</p> + +<p>»Endlich!« rief Baccio aus; »endlich sind wir am Ziele.« Sie +schüttelten die Schneeflocken von ihren Mänteln und traten rasch in den +Palast ein. Der Flur war hell erleuchtet; im taghellen Hofe rauschte +ein Springbrunnen, während der Hintergrund von schwarzen Zypressen, +Zedern und düsteren Pinien ausgefüllt wurde.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span></p> + +<p>Michelangelo betrachtete das seltene Schauspiel des Schneewirbels, aber +seine Freunde zogen ihn fort, die majestätischen Treppen empor. Sie +traten in einen großen Saal, der mit kostbaren Teppichen geschmückt +war. In der Nähe des Kamins, in dem ein großes Feuer loderte, saß Piero +von Medici und unterhielt sich lebhaft. Er nickte Michelangelo gnädig +zu, hieß ihn kurz willkommen, wandte sich dann aber wieder sofort +seiner Unterhaltung zu. Michelangelo beachtete den kühlen Empfang +nicht; übrigens antwortete er ebenso zurückhaltend und nachlässig. Er +wandte sich sofort dem Saale zu, und es dauerte auch nicht lange, bis +er den ehrwürdigen Kopf des Dichters Poliziano entdeckt hatte, der +einsam in der Nische eines hohen Fensters saß. Sofort war Michelangelo +an seiner Seite. Sie begrüßten einander sehr herzlich und beide waren +tief gerührt; offenbar dachten sie beide an die zusammen verlebten +sonnigen Tage unter Lorenzo, dem Herrlichen. Sie seufzten auf und +schwiegen einen Augenblick. Dann rückten sie einander näher, denn der +Lärm, der im Saale herrschte, ließ die beiden ihre Einsamkeit doppelt +empfinden. Sie konnten sich vertraulich miteinander unterhalten, ohne +befürchten zu müssen, daß man sie stören würde.</p> + +<p>»Wie lange habe ich dich nicht gesehen,« sagte Poliziano freudig bewegt.</p> + +<p>»Und wie habe ich mich nach Euch gesehnt!« entgegnete Michelangelo. +»Ihr wißt am besten, was Ihr mir wart. Ihr seid der Erste gewesen, der +mir Mut und Anregung zur selbständigen Arbeit gegeben hat. Aus den +Quellen Eures Geistes und Eures Wissens durfte ich Unwissender schöpfen +und meinen Durst löschen.«</p> + +<p>Poliziano lächelte und winkte mit der Hand das Lob ab. »Wäre der +göttliche Funke nicht in dir gewesen, dann wären meine Anregungen +vergeblich gewesen. Die Flamme wäre dann nicht ausgebrochen, mein +lieber Michelangelo. Du warst der einzige unter Hunderten, ja unter +einem ganzen Geschlecht,<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> der für meine Worte empfänglich war. +Empfänglich sein für das Schöne, das ist alles, Michelangelo. Du bist +es im Übermaße. Wundere dich darum nicht, daß du so viele Neider hast.«</p> + +<p>»Sie sagen, daß ich die Schönheit nicht sehe,« erwiderte der Jüngling +düster und voll Gram.</p> + +<p>»Da du die Schönheit wiedergibst, wie <em class="gesperrt">du</em> sie siehst und +fühlst, und nicht wie andere sie empfinden, da du nicht die Schönheit +nachahmst, die sie gewöhnt sind, zu sehen, sondern die, die in deiner +<em class="gesperrt">eigenen</em> Seele lebt, so gibst du die einzige und wahre Schönheit, +die der Mensch verehren sollte.«</p> + +<p>Die Mienen Michelangelos heiterten sich auf.</p> + +<p>»Ihr kennt mich so gut!« rief er entzückt aus. »Was ich unbestimmt +und unklar fühle, das vermögt Ihr auszusprechen. Ihr habt gut +begriffen, was ich in mir selber kaum verstehe. Ein Beweis, wie Ihr mir +nachzufühlen vermöget, ist Euer Gedicht, das ich vor einer Stunde von +neuem gelesen. Das Gedicht, das die ewig junge griechische Sage mit +neuem Leben erfüllt. Ich meine Euren Orpheus, Meister Poliziano!«</p> + +<p>Der Dichter lächelte traurig. »Als ich das Gedicht schrieb, war ich so +jung und so mutig wie du. O, ihr Adlerschwingen der Jugend! Ihr kühnen, +vermessenen Träume! Damals schien es mir ein leichtes, emporzufliegen +aus der drückenden Enge unserer Kirchspiele und mit einem Sprung auf +die Fluren der echten Tragödie hinüberzusetzen. Stolzer Traum! Ich +strebte der Sonne zu, aber meine Schwingen waren zu schwach. Ah, ich +war vielleicht ein Ikarus, aber als ich der Sonne zu nahe kam, fiel +ich herab. Welch ein Riesenkampf ist das Schaffen des Künstlers! Die +Eingebung entzündet uns wie ein Blitzschlag. Und ist es jemals möglich, +aus diesem göttlichen Feuer, das in uns zu lodern begonnen hat, als +Sieger hervorzugehen?«</p> + +<p>»Aber hat der Bildhauer nicht einen noch weit schwierigeren Kampf +mit der toten Masse zu bestehen, die er beleben will? Wenn er einem +chaotischen Steinklumpen gleichsam eine Seele<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> einhauchen will? Ihn von +Tod und Nichtsein erlösen und zu Leben und Sein führen will? Welch ein +mühsames Ringen, durch einen formlosen Stein zu den Herzen der Menschen +zu sprechen! Sie an einem Stein die ewigen Gesetze der Schönheit +erkennen lehren! Ich glaube nicht, daß die Griechen in meinem Sinne +Sieger waren über die tote Masse. Ihren Bildwerken fehlt die Seele. Sie +sind starr und kalt und ruhig. Der Frost der Materie weht mich daraus +an. Aber muß Schönheit nicht erwärmen? Muß sie nicht leuchten und leben +und gleichsam zu unserer Seele sprechen?«</p> + +<p>»Das wirst du ihr geben,« sagte Poliziano prophetisch zu Michelangelo, +der sich in Feuer gesprochen hatte; »du wirst der Schönheit die Poesie +des Schmerzes leihen.«</p> + +<p>»Ich verstehe nicht recht,« entgegnete Michelangelo; seine Augen wurden +abgrundtief und blickten in die Weite. Er atmete heiß und schwer wie im +Fieber. »Erklärt es mir,« bat er leise den Dichter. Doch da rief ihn +gerade Piero von Medici an, der am geöffneten Fenster stand und über +den Hof in die Gärten hinaussah.</p> + +<p>»Bei Venus und Bacchus!« rief er. »Wie lügt heute nacht das schöne +Florenz. Seht nur, meine Herren, wie sich die Stadt mit frecher +Anmaßung in ein jungfräuliches Gewand hüllt. Sie scheint wie aus Marmor +gemeißelt. Welch eine schöne Statue müßte sich aus diesem geschmeidigen +Material formen lassen, mein lieber Buonarroti; das wäre in der Tat +eine Aufgabe für dich! Das Material für deine Statue ist direkt vom +Himmel gefallen; nie wirst du reineren Stoff verarbeiten. Willst du mir +eine große Freude bereiten, dann geh in den Hof hinab und forme uns +irgendeine göttliche Gestalt aus dem Schnee.«</p> + +<p>»Welch ein kindischer Einfall!« murmelte Poliziano mit einem Blick auf +den verdüsterten Michelangelo.</p> + +<p>Piero von Medici hatte die Worte Polizianos gehört; aber er ließ es +sich nicht merken, obwohl er im Innern sehr erzürnt<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> war. »Meister +Poliziano,« sagte er, »bin ich nicht ein Philosoph? Mit meiner Idee +einer Statue aus Schnee will ich den Künstlern ja nur sagen, wie +vergänglich ihre Werke sind. Sie träumen alle von der Unsterblichkeit. +Der Schnee da unten predigt aber: <em class="gesperrt">nütze den Augenblick</em>! Wer +weiß, wo du morgen bist!«</p><br> + +<figure class="figcenter illowp42" id="illu-057" style="max-width: 28.625em;"> + <img class="w100" src="images/illu-057.jpg" alt="bild"> + </figure> + +<p class="p2">»Man muß zwischen Künstlern einen Unterschied machen, wie zwischen +Menschen,« antwortete Poliziano trocken. »Jeder nimmt gewöhnlich nur +sich selber als Maßstab für die Dinge und Mitmenschen. Die echte Größe +aber, das Genie, das ist ein Gottesgeschenk.«</p> + +<p>»Ihr habt recht,« bemerkte Piero und schwieg ärgerlich.</p> + +<p>Inzwischen hatte sich Michelangelo, ohne aufzuhorchen, dem Fenster +genähert und schaute verzückt in die Gärten. Das Schneegestöber hatte +nachgelassen; am Himmel flimmerten die Sterne<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> wie Goldstaub, und die +Erde leuchtete märchenhaft weiß. Ein jeder Baum schien aus Marmor +gehauen. Der Anblick riß den Künstler mit fort. Wortlos verließ er +den Saal, um zu vollenden, was Piero in kindischer Launenhaftigkeit +gewünscht. Die Zauberpracht dieses überirdischen Bildes reizte ihn zu +eigenem Schaffen. Hier sah er eine gleichsam verzauberte Welt, die weiß +und starr und kalt dem Himmel ins Angesicht sah; eine Welt, die nach +Licht und Sonne zu rufen schien, und nach einem Liede, das sie aus +diesem Bann erlöse.</p> + +<p>»Orpheus, der Sänger!« ging es blitzartig durch Michelangelos Kopf. +Er befahl, rasch den Schnee zusammenzukehren und ihn an einer +bestimmten Stelle aufzuhäufen. Und während Pietro de Medici sich oben +im Saale unterhielt, und längst seine Bitte vergessen haben mochte, +arbeitete Michelangelo bei dem rötlichen Licht unzähliger Fackeln mit +fieberhaftem Eifer an seinem Werke.</p> + +<p>Seine Seele war noch erfüllt von den Gedanken, die die Unterredung +mit Poliziano in ihm geweckt hatte. Der Schnee war fest genug und +ließ sich von der begnadeten Hand Michelangelos gefügig formen und +meistern. Den unteren Teil der Statue legte Michelangelo breit an +und verdeckte die große energische Bewegung des Fußes mit einem bis +zur Erde herabwallenden Gewande. Der mächtige Schritt des Orpheus +sollte die Entschlossenheit des Sängers andeuten, trotz aller bereits +erlebter Schrecken doch noch einmal in die Unterwelt einzudringen. +Seine erhobenen Hände hielten die Leier, als wollten sie noch einmal +in die Saiten greifen. Sein Antlitz, das der Künstler scharf und +bis ins kleinste ausarbeitete, war ernst; es sprach aus ihm die +Kraft des Liedes und ein Mut, der vor nichts zurückzuschrecken +schien. Michelangelo modellierte mit Liebe und Eifer, als würde er +seinen Orpheus in Erz für die Ewigkeit schaffen, und nicht nur zur +Befriedigung einer Augenblickslaune. Als er die Arbeit beendet hatte, +trat er einige Schritte zurück und seufzte tief auf.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span></p> + +<p>»Nein, es ist nicht das, was ich gewollt habe,« rief er endlich +unzufrieden aus. »Aus diesen Zügen spricht eine frostige Kälte, wie +aus dem Schnee. Ich hab' es anders geträumt! Das ist wieder diese +hellenische Starrheit, diese Todesruhe! So hätten ihn die Künstler in +Athen dargestellt. Aber sieht so ein Mensch aus, der die vernichtenden +Worte des Schicksals vernommen hat?«</p> + +<p>Er stand unzufrieden und wortlos vor seinem Werk. Die Fackeln +erloschen, der Tag begann heraufzudämmern. Der Himmel rötete sich +leicht, und endlich stieg die Sonne in ihrer goldenen Majestät am +Horizont empor. In den verschneiten Gärten blitzte und flimmerte es, +als sei silberner Puder überallhin verstreut.</p> + +<p>In dem Augenblick entstand auf der Terrasse hinter seinem Rücken Lärm. +Piero von Medici war mit dem ganzen Hofstaat herausgetreten, und alle +brachen beim Anblick der wundervoll beleuchteten und glitzernden Statue +des Orpheus in begeisterte Bewunderung aus.</p> + +<p>Poliziano eilte die Stufen herab und umarmte schweigend den Künstler.</p> + +<p>»Nein, nein,« wehrte Michelangelo bitter lächelnd ab; »es ist +mißlungen. In seinem Antlitz spiegelt sich nicht das, was er in seinem +Herzen fühlt. Das ist kein Mensch; das ist nur eine Idee.«</p> + +<p>»Aber eine göttliche Idee,« warf Poliziano ein.</p> + +<p>»Aber kein Mensch!« wiederholte Michelangelo schmerzlich. »Wo ist die +Verzweiflung, die wie eine Natter an seinem Herzen nagt? Wo ist der +Schmerz, der ihn vernichtet? Nein, das ist nicht Orpheus, das ist eine +starre Leiche. Ich will das Gespenst nicht länger sehen.«</p> + +<p>Und Michelangelo verbarg seinen Kopf an der Brust Polizianos, ohne auf +ein Wort des Trostes zu hören. Über seinem Kopfe tönten die Lobeshymnen +noch weiter; aber alles Lob vergrößerte nur seinen Schmerz.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span></p> + +<p>»Die törichten Blinden,« stöhnte er verzweifelt; »sie sehen offenbar +nicht, daß dieser Orpheus bloßer Schnee in Menschengestalt ist.«</p> + +<p>Da erscholl wie aus einer Kehle ein neuer Ausruf von der Terrasse, und +Poliziano zuckte zusammen. Unwillkürlich hob Michelangelo den Kopf und +sah auf seine Statue. Sie hatte sich bewegt; die Sonne hatte das Wunder +vollbracht. Sie bewarf die Statue mit Millionen ihrer heißen Pfeile. +Sie leckte den Schnee von den Bäumen und Büschen. Von den Pinien und +Oliven tropfte es unaufhörlich; in Bächen lief der geschmolzene Schnee +von den Dächern herab; er zerrann auf dem Grase wie ein Traum. Auch der +Orpheus wurde von den Strahlen der Sonne totgeküßt.</p> + +<p>Die untere Hälfte der Statue stand noch unbeweglich da; der feste +Schritt des Orpheus und sein Gewand hatte noch keinen Schaden gelitten. +Aber Kopf und Brust waren verwundet. Seine Arme sanken zu beiden +Seiten wie erschlafft herab, die Leier entfiel seinen Händen. Der Kopf +neigte sich nach rückwärts, das Kinn gab nach, so daß sich der Mund +leicht öffnete und sich in eine krumme, nach unten gebogene Linie +verwandelte. Die Augen, die ihre bestimmten Umrisse verloren, schienen +sich wie in großem Schmerz zu schließen. Und die Schärfe aller gleich +genau angedeuteten Gesichtszüge milderte sich während des Tauens zu +einem merkwürdigen Einklang. Eine Lebensregung schien durch den Schnee +zu gehen, ein belebender Funke schien die Statue erwecken zu wollen. +Nun glaubte man wirklich, Orpheus zu sehen, von der Verzweiflung +zerknirscht, von Schmerzen zerwühlt, den Tod im Herzen, aber doch noch +aufrecht stehend, ein leidender, atmender Held, den man sterben sieht.</p> + +<p>Michelangelo sah wie gebannt auf sein Werk. Ein freudiges Lächeln +umspielte seine Lippen, und mächtig bewegt drückte er Poliziano die +Hand. »Endlich sehe ich klar, was ich dunkel geahnt!« flüsterte er; +»nun weiß ich, was meinem Orpheus gefehlt hat<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> und was von heute +an keiner meiner Schöpfungen mehr fehlen soll: <em class="gesperrt">der seelische +Ausdruck</em>! Wozu diente wohl alle äußere Schönheit, wenn sie nicht +die <em class="gesperrt">inneren</em> Vorgänge verkünden würde. Dank dir, o Sonne, du hast +mich Großes gelehrt!«</p> + +<p>»Die Sonne, die dir den rechten Weg gewiesen, das ist dein eigenes +Gefühl, dein eigener Geist,« sagte Poliziano. »Ja, du hast heute etwas +Großes gefunden — <em class="gesperrt">dich selbst</em>! Nun darfst du hoffen, zu siegen. +Wie weit wirst du die andern überragen! Glück auf den Weg! Und doch muß +ich dich beklagen, mein armer Freund. Auf der Höhe steht man einsam, +und Größe erweckt Haß und Neid. Alles verzeiht dir die Menge, nur +nicht, daß du über ihr stehst, daß du dich von ihr ausschließest. Du +wirst dein ganzes Leben lang eine Dornenkrone tragen müssen.«</p> + +<p>Noch ehe Poliziano zu Ende gesprochen hatte, sank die Statue dröhnend +zu Boden. Nichts blieb von ihr übrig, als ein formloser Klumpen rasch +zerfließenden Schnees. Ein Aufschrei des Mitleids und Bedauerns kam von +der Terrasse her, dann aber erscholl Gelächter, aus dem die fröhliche +Stimme Pieros herausklang. »Sieh,« rief er laut herab, »die Belehrung, +die ich dir versprochen habe, ist dir nun zuteil geworden. Die Werke +des Künstlers vergehen, wie der Schnee vor der Sonne.«</p> + +<p>»Ja, eine große Belehrung ist mir zuteil geworden,« antwortete +Michelangelo, mit dankbarem Lächeln zum Himmel emporblickend. »Nun weiß +ich über den Stoff zu siegen und ihn zu beseelen. Nun soll man aus +meinen Werken den Pulsschlag des Lebens fühlen.«</p> + +<p>Und versunken in seine Gedanken ging er von dannen. Von niemand hatte +er sich verabschiedet; man vergaß ihn bald. Poliziano trat mit ihm auf +den Platz hinaus und sah ihm nach, wie er allein durch die Gassen von +Florenz dahinschritt, um seinen großen Ideen und Werken nachzuhängen, +die er nunmehr schaffen sollte. Es war wahr: er hatte sich selbst +gefunden .....</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Florenz ertrug die Herrschaft des anmaßenden Piero nicht lange. Schon +im November 1494 wurden die Mediceer vertrieben. Michelangelo ging +dem Ereignis aus dem Wege und begab sich nach Venedig und dann nach +Bologna, wohin auch die Mediceer geflüchtet waren. Hier, wo sich der +Stadtvorsteher Aldovrandi seiner angenommen und ihm Arbeit verschafft +hatte, blieb Michelangelo bis zur Mitte des Jahres 1495 und kehrte +dann wieder nach Florenz zurück, zur Zeit, als gerade der fanatische +Prediger Savonarola an der Spitze des Volkes stand.</p> + +<p>Unter anderen Bildwerken, die Michelangelo jetzt ausführte, befand sich +auch ein schlafender Liebesgott. Auf Anraten eines schlauen Kaufmannes +gab Michelangelo diesem Marmorwerk künstlich ein antikes Aussehen +und es wurde dann auch als ein <em class="gesperrt">eben ausgegrabenes</em> Bildwerk an +den Kardinal Riario nach Rom verkauft. Der Händler hatte zweihundert +Dukaten dafür bekommen; an Michelangelo lieferte er aber nur dreißig +ab; so wurden der Kardinal <em class="gesperrt">und</em> Michelangelo betrogen. Aber auch +dieser Betrug zeitigte zufällig Gutes. Denn als der Kardinal erfuhr, +daß Michelangelo der Schöpfer des Kupido sei, machte er zwar den +Handel rückgängig, aber er veranlaßte Michelangelo gleichzeitig zur +Übersiedelung nach Rom. Im Juni 1496 kam er dort an und wohnte beim +Kardinal, wo er zunächst ein ganzes Jahr beschäftigungslos zubringen +mußte, obwohl man ihm reiche Aufträge versprochen hatte.</p> + +<p>Bald darauf machte er aber die Bekanntschaft des römischen Edelmanns +Jacopo Galli, in dessen Auftrag Michelangelo zwei lebensgroße +Marmorbildnisse, einen »Kupido« und einen »Bacchus« ausführte. Galli +verschaffte dem jungen Meister auch einen Auftrag von dem französischen +Gesandten in Rom, für den Michelangelo jene wundervolle verklärte +»Pietà« meißelte, die sich jetzt in der nach ihr benannten Capella +della Pietà befindet.</p> + +<p>Während aber Michelangelo in Rom unsterbliche Werke schuf, führte sein +Vater, der durch die Vertreibung der Mediceer<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> sein Amt verloren hatte, +in Florenz ein kümmerliches Dasein. Sehnsüchtig harrte er auf die +Heimkehr des Sohnes, der den Vater von Rom aus kräftig unterstützte. +»Ihr mögt mir glauben« — schrieb er nach Hause —, »daß auch ich +Ausgaben und Mühe habe; aber was Ihr von mir verlangen werdet, das +werde ich Euch schicken, und wenn ich mich als Sklaven verkaufen müßte.«</p> + +<p>In der Tat sorgte Michelangelo nach der Vollendung der Pietà auch +für seine jüngeren Brüder Buonarroto und Giovan Simone, indem er +ihnen zur Gründung einer kleinen Wollstoffabrik verhalf. 1501 kehrte +Michelangelo, dem Drängen seines Vaters nachgebend, nach Florenz +zurück, wo er zunächst den Auftrag erhielt, für eine Kapelle im Dome +zu Siena fünfzehn kleine Heiligenfiguren auszuführen, dann aber von +den Vorstehern des Dombaues zu Florenz vor die erste Riesenaufgabe +gestellt wurde: aus einem bereits behauenen Block, der schon +fünfunddreißig Jahre lang unberührt dalag, einen »David« von neun Ellen +Höhe auszumeißeln. Der Auftrag war um so schwieriger, als der erste +Bildhauer, der sich daran gemacht hatte, die Aufgabe zu lösen, an ihr +gescheitert war. Er hatte aber dem Marmorblock bereits bestimmte Formen +gegeben, und an diese war Michelangelo nun gebunden. Im September 1501 +machte sich Michelangelo mutig an die Arbeit, und Anfang 1504 wurde das +hundertachtzig Zentner schwere Bildwerk mit ungeheurem Pomp enthüllt.</p> + +<p>Während der drei Jahre hatte Michelangelo aber noch andere Arbeiten +ausgeführt; so einen zweiten lebensgroßen David als Sieger mit dem +Haupte des Goliath unter den Füßen; ferner: zwei Madonnenreliefs in +Rundformat, einen sterbenden Adonis und einige Gemälde. 1505 folgt die +Madonnenmarmorgruppe — eine Bestellung flandrischer Kaufleute —, die +in der Liebfrauenkirche zu Brügge steht.</p> + +<p>Michelangelo, ein dreißigjähriger Mann, stand jetzt in dem Rufe des +ersten Bildhauers der Welt. Und als er sich eben anschickte, mit +dem größten Maler der Zeit, dem dreiundfünfzigjährigen<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> Leonardo +da Vinci, um die Siegespalme zu streiten, wurde er inmitten der +Ausführung seiner Arbeit, die die Pisanerschlacht darstellen sollte, +vom Papst Julius II. nach Rom berufen, damit Michelangelo ihm schon +bei Lebzeiten ein Grabmal baue. Der Plan war mit außerordentlicher +Pracht erdacht. »Ich bin des gewiß,« schreibt Michelangelo am 2. Mai +1506 an San Gallo nach Rom, »wird es errichtet, so hat es in der +ganzen Welt nicht seinesgleichen.« Michelangelo kaufte in Karrara für +tausend Dukaten Marmorblöcke, und da ihn die Ungeduld nicht warten +ließ, bis die Steinberge nach Rom geschafft waren, begann er gleich +in den Marmorbrüchen ein paar Figuren in Arbeit zu nehmen, an denen +er zunächst acht Monate arbeitete. 1506 wurden die Blöcke auf dem +Petersplatze in Rom abgeladen; sie hätten hingereicht, einen Tempel +daraus zu erbauen. Und die kolossale Größe des Werkes war denn auch +mit schuld daran, daß es nicht zustande kam. Die Peterskirche, in +der es aufgestellt werden sollte, war zu klein, und abergläubische +Zwischenredereien trugen ebenfalls dazu bei, daß der Papst den Gedanken +an das Grabmal ganz fallen ließ. Statt dessen sollte Michelangelo die +Decke der vatikanischen Kapelle ausmalen, die Sixtus IV. hatte erbauen +lassen. Michelangelo, der diesen Auftrag nicht übernehmen wollte, zog +sich dadurch die Ungunst des Papstes zu, flüchtete nach Florenz, ward +aber wieder zurückgerufen und in Gnaden in Bologna aufgenommen, wo der +im Kampf gegen Cesare Borgia siegreiche Papst weilte, nachdem er sich +die Stadt unterworfen und tributpflichtig gemacht hatte.</p> + +<p>Michelangelo fertigte hier in den nächsten drei Jahren eine +Kolossalerzstatue von Julius II. an. Der Papst hatte tausend Dukaten +dafür bezahlt; aber als Michelangelo mit seiner Arbeit fertig war und +seine Auslagen abgerechnet hatte, besaß er von den tausend Dukaten +noch etwa vier, obwohl er in Bologna in recht kärglichen Verhältnissen +gelebt hatte. Nach der Enthüllung dieses Erzbildes eilte Michelangelo +sofort zu seinen hilfsbedürftigen<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> Angehörigen nach Florenz zurück; +aber da er jetzt in den Diensten des Papstes stand, mußte er bald +wieder nach Rom zurückkehren und trotz seines inneren Sträubens mit der +Ausmalung der Kapelle beginnen. Und so vollbrachte Michelangelo dies +Werk, das berühmte sogenannte Sixtinische Deckengemälde, in dem er das +Herrlichste und Wunderbarste schuf, was die Monumentalmalerei überhaupt +hervorgebracht hat; eine so schöne und gewaltige Schöpfung, wie sie in +dieser Vollkommenheit nie wieder erreicht worden ist.</p> + +<p>Er stellte die Vorgeschichte der Erlösung dar; die Schöpfung und den +Sündenfall und das Versinken der Menschheit in Sünde; dazu das Hoffen +auf den Erlöser, die Verkündigung seiner Ankunft und Vorbedeutungen der +Erlösung.</p> + +<p>Er begann damit am 10. Mai 1508 und vollendete es, obwohl er es ganz +allein ohne jedwede fremde Hilfe ausführte, und obgleich er seine +Arbeit öfters und lange unterbrechen mußte, im Oktober 1512. Das ist +um so staunenswerter, als Michelangelo nicht gesund war, unter den +drückendsten Geldsorgen zu leiden hatte, und die Not seiner Angehörigen +ihn ebenfalls sehr quälte.</p> + +<p>So schreibt er an seinen Vater im Juni 1509: »Seit 13 Monaten habe +ich vom Papste kein Geld erhalten und meine, innerhalb anderthalb +Monaten unter allen Umständen welches zu bekommen, da ich das, was ich +gehabt, ausgegeben haben werde. Wenn er's mir nicht gäbe, müßte ich +Geld borgen, um zu Euch zurückzukehren, denn ich besitze nicht einen +Pfennig.«</p> + +<p>Eine andere Stelle aus einem Briefe an seinen Bruder Giovansimone +(aus derselben Zeit) lautet: »Seit zwölf Jahren bin ich, kümmerlich +lebend, durch ganz Italien gewandert, habe jede Schmach erduldet, jedes +Ungemach erlitten, meinen Körper mit jeder Anstrengung gepeinigt, das +eigene Leben unzähligen Gefahren ausgesetzt, einzig und allein, um +meiner Familie zu helfen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span></p> + +<p>An seinen Bruder Buonarroti schreibt er am 18. September 1512: »Ich +teile Euch mit, daß ich nicht einen Groschen besitze und gleichsam +barfüßig und nackt bin und das, was mir noch zukommt, nicht eher, als +bis ich mein Werk vollendet habe, erhalten kann; und ich erdulde sehr +große Mühen und Unbequemlichkeiten.«</p> + +<p>Eine fürchterliche Pein war endlich die körperliche Anstrengung beim +Malen an der Decke, wobei der Kopf stets in den Nacken gelegt und die +Augen nach aufwärts verdreht werden mußten. Er selbst spottete darüber +in einem launigen Gedicht, daß er, gekrümmt wie ein syrischer Bogen, +das Gesicht von den herabtropfenden Farben bunt gemustert wie ein +Mosaikfußboden, dies Werk ausführen mußte:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">Schon hat mir diese Crux 'nen Kropf geschaffen,</div> + <div class="verse indent0">Wie er vom Wasser wächst im Land Lombardien</div> + <div class="verse indent0">Den Katzen — oder ist's noch sonst wo anders —</div> + <div class="verse indent0">Und mit Gewalt strebt unters Kinn der Bauch.</div> + <div class="verse indent0"><br></div> + <div class="verse indent0">Den Bart fühl' ich gen Himmel sich erheben,</div> + <div class="verse indent0">Am Buckel liegt das Hirn, harpyienhaft</div> + <div class="verse indent0">Krümmt sich die Brust mir, und vom Pinsel</div> + <div class="verse indent0">Tropft aufs Gesicht ein buntes Paviment.</div> + <div class="verse indent0"><br></div> + <div class="verse indent0">Dehnt vorn sich aus die Schwarte, schrumpft sie hinten</div> + <div class="verse indent0">Beim Krummsichbiegen wieder arg zusammen:</div> + <div class="verse indent0">So spann' ich mich gleich einem Syrer Bogen.</div> + <div class="verse indent0"><br></div> + <div class="verse indent0">Drum trügerisch und seltsam<br></div> + <div class="verse indent0">Entspringt die Urteilskraft dem Schoß des Geistes;</div> + <div class="verse indent0">Denn übel schießt es sich aus krummem Rohr.</div> + <div class="verse indent0"><br></div> + <div class="verse indent0">Tritt ein, Johann, nunmehr</div> + <div class="verse indent0">Für meine Ehre, für mein stummes Malwerk;</div> + <div class="verse indent0">Ich bin ja nicht am Platz noch, ach! kein Maler.</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Und von diesem Werke, angesichts dessen sich Michelangelo das Talent +als Maler absprach, sagte Goethe: »Ich konnte nur sehen und anstaunen. +Die innere Sicherheit und Männlichkeit des Meisters, seine Großheit +geht über allen Ausdruck.«</p><br> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span></p> + +<figure class="figcenter illowp43" id="illu-067" style="max-width: 66em;"> + <img class="w100" src="images/illu-067.jpg" alt=""> + </figure> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span></p> + +<p class="p2">Ein Zufall fügte es, daß um dieselbe Zeit, als Michelangelo mit seinem +Deckengemälde fertig wurde, die vertriebenen Medicis wieder in Florenz +einzogen und von ihren ehemaligen Rechten sofort Besitz ergriffen. +Michelangelo erneuerte alsbald die alten Beziehungen und setzte es +durch, daß sein greiser Vater wieder in dasselbe Amt eingesetzt wurde, +das er ehedem innegehabt hatte.</p> + +<p>Michelangelo durfte jetzt auch an die Ausführung des früher in Angriff +genommenen Grabmals gehen, obwohl der Besteller, Papst Julius, bereits +1513 starb. Giovanni de Medici (Papst Leo X.) war sein Nachfolger und +zugleich der Jugendfreund Michelangelos. Für das Grabmal war ein Preis +von sechzehntausendfünfhundert Dukaten und eine Arbeitszeit von sieben +Jahren festgesetzt. Aber weder dies Werk, noch andere Werke großen +Stiles, die Michelangelo geplant und zum Teil schon in Angriff genommen +hatte, wurden vollkommen ausgeführt. Dafür betraute man ihn einige +Jahre später mit einer anderen großen Aufgabe, die seinen Namen in die +Ewigkeit tragen sollte: Die Ausführung der Mediceergräber.</p> + +<p>In dieser Zeit tummelten sich Spanier, Franzosen, Schweizer, Deutsche +und Italiener in den schönen Gefilden am Po, am Ticino und an der +Etsch umher, verwüsteten die Felder und Weinberge, brandschatzten +oder zerstörten Städte und Dörfer, befleckten den Boden mit Blut +und Leichen, führten Gefangene hinweg, um Lösegeld zu gewinnen, und +übten Greuel und Erpressung jeder Art. Dazu kam die Pest, der auch +der geliebte Bruder Michelangelos, Buonarroto, erlag. Florenz rüstete +sich zum Kampfe um die Freiheit, und unter neun Männern, die gewählt +worden waren, um für die Befestigung der Stadt zu sorgen, befand sich +auch Michelangelo. Er wurde zum obersten Leiter der Befestigungen von +Florenz ernannt und machte seinem Amt durch Umsicht und Geschick alle +Ehre. Aber trotz seiner kriegerischen Tätigkeit fand er noch Zeit, +sich ab und zu heimlich in die Grabkapelle zu stehlen und dort an den +angefangenen Figuren zu arbeiten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span></p> + +<p>Allerdings arbeitete Michelangelo unter der größten körperlichen und +geistigen Qual. Um 1530 war er bis zur Fleischlosigkeit abgemagert. +»Michelangelo« — schreibt ein Zeitgenosse — »wird nicht mehr lange +leben, wenn nicht Abhilfe geschafft wird; denn er arbeitet viel, ißt +wenig und schlecht und schläft auch nicht, und seit einem Monat wird +er stark behindert durch Kopfschmerzen und Schwindel; er hat, kurz +gesagt, zwei Übel: eins am Kopf und eins am Herzen, und für jedes gibt +es ein Heilmittel; man muß nur die Ursache kennen und aussprechen.« Das +Heilmittel für den Kopf sollte darin bestehen, daß dem Meister verboten +würde, während des Winters in der feuchten und kalten Kapelle, wo er +sich den Tod hole, zu arbeiten; das Heilmittel für das Herz sollte in +der Regelung der Sache des Juliusgrabes bestehen, um dessentwillen +Michelangelo ganz in Schwermut verfallen war.</p> + +<p>»Malerei und Skulptur«, schreibt er am 24. Oktober 1542 an Luigi del +Riccio, »Arbeiten und Treuhalten haben mich ruiniert und ständig wird +aus Schlechtem noch Schlechteres. Besser für mich wäre gewesen, ich +hätte in meiner Jugend Schwefelhölzer zu machen gelernt.«</p> + +<p>Und am selben Tage an Monsignor Aliotti: »Ich finde, meine ganze Jugend +habe ich verloren, seitdem ich an dieses Grabmal gebunden bin und +soviel als möglich Papst Leo und Papst Klemens Widerstand geleistet +habe; und mein allzu großes Vertrauen, das man nicht kennen will, hat +mich ruiniert. So will's mein Schicksal.«</p> + +<p>Für beide Heilmittel wurde nun zwar gesorgt, so gut es ging; aber +der Tod seines Beschützers, des Papstes Clemens VII., machte wieder +alle Versprechungen und Pläne zunichte. Da Michelangelo von dem neuen +Gebieter der Stadt, dem lasterhaften Alessandro, der ihn haßte, nicht +nur keinen Schutz zu erwarten hatte, sondern im Gegenteil Verfolgung, +so blieben sogar die Mediceergräber unvollendet.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span></p> + +<p>Aber selbst in dieser unvollendeten Gestalt sichern sie Michelangelos +Ruhm für alle Zeiten. Der Eindruck, den dies Monumentalwerk, das von +so ernstem Geiste beseelt ist, auf den Beschauer macht, ist der einer +höchst weihevollen und ehrfürchtigen Stimmung vor dem Genius, der es +geschaffen hat.</p> + +<p>Der Nachfolger des verstorbenen Papstes, Paul III., fesselte +Michelangelo wieder an sich, und in seinem Auftrage malte der Künstler +in der Sixtinischen Kapelle das berühmte »Jüngste Gericht«, in dem +Michelangelo den Tag der Auferstehung mit allen Schrecken einer +gewaltigen Phantasie schildert.</p> + +<p>Es wäre noch von vielen anderen Bildwerken, Malereien und +architektonischen Werken zu sprechen; aber hier soll keine Betrachtung +seiner künstlerischen Werke, sondern nur der äußere Lebensumriß des +größten Bildhauers der neuen Zeit gegeben werden.</p> + +<p>In den letzten Jahren seines Lebens blieb Michelangelo von großen +Stürmen und wenigstens von äußeren Sorgen verschont. Er war auch +körperlich wieder zu Kräften gekommen und hatte sogar, dank seiner +einfachen und mäßigen Lebensweise, die die Not ihn gelehrt hatte, eine +gewisse Wohlhabenheit erreicht.</p> + +<p>Am 18. Februar 1564 entschlief Michelangelo. Der Leichnam wurde in der +Apostelkirche aufgebahrt. Der Papst wollte ihn im St. Petersdome, wo +sonst nur die Päpste beigesetzt wurden, bestatten lassen, obwohl es +dem Wunsche Michelangelos, in der heimatlichen Erde zu ruhen, entgegen +gewesen wäre. Darum ließ ein Neffe Michelangelos den Sarg mit der +Leiche, als Warenballen verpackt, heimlich nach Florenz schaffen. Am +12. März wurde der geöffnete Sarg in der Kirche San Croce ausgestellt. +Auf Kosten des Herzogs Cosimo wurde darauf in der San Lorenzo-Kirche +eine Leichenfeier ins Werk gesetzt, so großartig und prunkhaft, wie +Florenz vordem noch keine gesehen hatte. Man bekommt einen Begriff +davon, wie herrlich die Feier gewesen sein muß, wenn man bedenkt, +daß Maler und Bildhauer <em class="gesperrt">monatelang</em><span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> an der künstlerischen +Ausschmückung der Lorenzo-Kirche gearbeitet hatten. Die Feier fand erst +am 14. Juli 1564 statt. Mit einem unvergleichlichen Aufwand von Kunst +und pompöser Pracht ehrte Florenz seinen unsterblichen großen Sohn, und +an seinem Katafalk trauerte der Genius der Kunst.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2>Galilei.</h2> +</div> + + +<p>Im Jahre des Halleyschen Kometen, dem sich das Interesse der ganzen +Welt zuwandte und der die Menschheit wieder zwang, sich, wenn auch +oberflächlich, mit astronomischen Dingen zu beschäftigen, ist es +sicherlich nicht unwillkommen, etwas über Galilei zu erfahren, den +Zeitgenossen Keplers, den noch lange nicht genug gewürdigten großen +Entdecker, diese himmelstürmende Natur, diesen ganz Großen, der — +wie Goethes Faust — nicht eher ruhte, zu erforschen, was die Welt im +Innersten zusammenhält, bis eine Macht, die größer war als er, ihn mit +Blindheit schlug.</p> + +<p>Wenn man ihn nur einen Physiker oder Astronomen nennt, verkleinert +man ihn. Man darf nicht vergessen, daß der Astronom von heute +gewöhnlich nur ein Spezialist ist, der bei seiner Wissenschaft +durchaus nicht immer jenes Grauen empfindet, das Laplace beim Anblick +des Sternenhimmels angewandelt hat, und der auch die Bewunderung und +Ehrfurcht nicht kennt, die das Gemüt Kants vor dem bestirnten Firmament +erfüllte.</p> + +<p>Der Astronom der Renaissance sucht nicht lediglich nach neuen Sternen; +er weiß, daß hinter den leuchtenden Welten noch irgendeine Kraft wohnt, +der er nicht gewachsen ist. Und doch möchte er dem Schöpfer gern hinter +die Kulissen schauen.</p> + +<p>Wie es das größte Verdienst des Mittelalters ist, die innere Welt +des Seelenlebens vertieft zu haben, ist es das höchste Verdienst der +Renaissance-Astronomen, uns den Himmel geweitet<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> zu haben, indem sie +ihn uns näherbrachten. Sie entdeckten neue Welten in sich, in ihrer +Seele (z. B. Dante, Petrarca) und neue Welten am Himmelsraume (z. B. +Kopernikus, Kepler, Galilei). Sie sind nicht bloße Sterngucker oder +Registratoren. Das neue Bild am Himmelsgewölbe, das sie schaffen, gibt +ihnen auch eine neue Anschauung vom Zusammenhange der Natur.</p> + +<p>Welche Kräfte und Gesetze sind es, die das Weltsystem zusammenhalten +und die dem Menschen die Macht geben, dieses System in Gedanken +aufzubauen? Wer gab dem Menschen diese hohen Gedanken?</p> + +<p>Diese Astronomen sind zugleich auch durchaus tüchtige Philosophen. +Sie bringen eine echte und große Begeisterung mit, und wenn sie ihre +kindlich einfachen Fernrohre vors Auge rücken, ist es ein erhabenes, +wortloses Gebet, das durch ihre Seele zieht ....</p> + +<p>Es war nicht meine Absicht, eine Vorlesung über Geschichte der +Astronomie zu hören, als ich nach Florenz ging. Aber ein Zufall führte +mich in den alten Palast, den der Graf Paolo Galletti in der Via de +Banchi bewohnt, in dem ich acht kostbare Tage verbringen durfte. Am +zweiten Tage unseres unvergeßlichen Zusammenseins hatte sich Graf +Galletti als ein Sammler und Gelehrter entpuppt, der sein Leben der +Galilei-Forschung weihte und der mich einen Blick werfen ließ in seine +reichen und unschätzbaren Sammlungen.</p> + +<p>Welch eine sonderbare Wohnung war das! Man befand sich in einer +weitläufigen Bildergalerie, deren gründliches Studium allein einige +Tage gekostet hätte. Da waren düstere Gemälde von Giotto und Pontormo, +Prachtstücke von Guido Reni und Fra Bartolomeo und einige unbekannte +Porträts aus der besten Zeit von Franz Hals. In den Korridoren befanden +sich kostbare Kupferstiche, in jedem Winkel Marmorwerke und Antiken. +In der Küche standen Ausgrabungen vom alten Tempel auf Fiesole. Das +Haus war voller geheimer Türen, die zu verborgenen Treppen führten; ein +ängstlicher Wirrwarr von Gängen, Fluchten und Nischen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span></p> + +<p>Ein Gemach aber, das Studierzimmer des Grafen, überbot in seinem wirren +Durcheinander die Kunst aller Regisseure, die je ihre Phantasie an +»Fausts Studierzimmer« erprobt haben. Retorten, Globusse, Wagschalen, +Mörser, Klöpfel, Urkunden, Pergamentrollen, sonderbar geformte Lampen, +ureinfache Mikroskope, astronomische Karten, Fernrohre, Glaskelche, +Schädel, alles lag in einem malerischen Kunterbunt umher.</p> + +<p>»Dies« — erklärte mir der Graf, und er zeigte mir ein vergilbtes, +vom Staub und von der Zeit zernagtes Pergamentblatt — »dies ist +die Originalurkunde, die den Kanonikus Girolamo (Savonarola) in den +Verbrennungstod schickt. Betrachten Sie, bitte, auch diese Blätter! Es +sind die Originalgedichte Franzesko di Medicis. In jener unscheinbaren +Kassette dort bewahre ich einen Pack Briefe von Zwingli, die er +an meine Ahnen gerichtet hat. Mit einer theologischen Schlauheit, +die ihresgleichen sucht, bemüht er sich, sie für seine Ideen +herumzubekommen. Welch eine klare und kräftige Natur; man begegnet +solchen Menschen nicht mehr. Aber, was Sie mehr interessieren wird, +das ist dies Manuskript der ›Göttlichen Komödie‹, von der Dante etwa +zehn oder zwölf Abschriften besaß. Beachten Sie das Datum hier: der 29. +Juni 1416. Von ebenso großem Werte ist auch dieser Kodex; die reizenden +Kompositionen, die Sie sehen, rühren von Pico de la Mirandolas Hand +her. Worauf man sehr gespannt sein wird, das sind verschiedene Gedichte +von Torquato Tasso, den Goethe in seiner Tragödie verewigt hat und die +Tasso schrieb, kurz bevor er ins Irrenhaus kam. Ich will nicht von den +Briefen Donato Giannottis sprechen, des großen Freundes Michelangelos, +auch nicht von den Briefen Macchiavellis und Benvenuto Cellinis, die +ich besitze und die durch mich noch ihrer Veröffentlichung harren. +Ich mache Sie lieber auf jenes Porträt aufmerksam, das von den +bedeutendsten italienischen Kritikern als Selbstporträt Michelangelos +erkannt wurde.«</p> + +<p>»Soviel mir aber bekannt ist,« sagte ich, »hat die neuere +Kunstforschung<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> mit Sicherheit festgestellt, daß es von Michelangelo +keine Selbstporträts geben kann, weil er sich niemals selbst gemalt +hat.«</p> + +<p>»Es handelt sich hier vielleicht um das von einem zeitgenössischen +Freunde angefertigte Porträt,« meinte der Graf. »Sie werden mich nun +fragen, wie all diese Schätze in meinen Besitz gekommen sind? Ganz +einfach. Ich bin der Besitzer der Villa, die Galilei in Arcetri bewohnt +hat, und in ihr fanden sich all diese Kostbarkeiten vor. Sie waren +also Eigentum Galileis, von dem ich noch weit Wertvolleres besitze. +Das ganze astronomische und physikalische Handwerkszeug, dessen der +Astronom sich auf der Villa Arcetri bediente, jener Villa, in die ihn +seine jesuitischen Feinde verbannt hatten, ist in meinem Besitz. Mit +Ausnahme der Bronzelampe, die Sie im Dome zu Pisa gesehen haben und +die Galilei zur Entdeckung des Pendelgesetzes die Anregung gab, sind +fast alle Instrumente in meinen Händen, mit deren Hilfe Galilei seine +bedeutenden Entdeckungen gemacht hat.«</p> + +<p>»Ach, erzählen Sie mehr von ihm,« bat ich den Grafen.</p> + +<p>»Gern,« erwiderte er. »Schon der Tag, an dem er zur Welt kam, hat +für mich etwas Geheimnisvolles, und auch für Sie, wenn Sie an die +Seelenwanderung glauben. Galilei wurde an demselben Tage geboren, +an dem Michelangelo starb; am 18. Februar 1564. Pisa ist seine +Geburtsstadt. Vinzenzo, sein Vater, war ein Florentinischer Edelmann, +der sich durch Schriften über die Theorie der Musik und Mathematik +einen besonderen Ruf erworben hatte. Seine Mutter, Giulia, stammte aus +dem alten und berühmten Geschlecht der Ammannati. Bald nachdem Galilei +zur Welt gekommen war, zogen seine Eltern nach Florenz, wo er auch +seine erste Erziehung erhielt. Galilei sollte Tuchhändler werden, ein +Geschäft, das bei den Florentinern damals in hohen Ehren stand. Aber +als der Vater die hervorragende Begabung des Knaben bemerkte, ließ er +ihm eine Erziehung<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> angedeihen, die mehr auf eine wissenschaftliche +Laufbahn abzielte. In der Verfertigung mechanischer Instrumente +und Maschinen und besonders im Zeichnen zeigte Galilei schon als +Knabe großes Geschick. Der Vater schickte nun seinen Sohn 1581 auf +die Universität nach Pisa, wo er die Arzneiwissenschaft studieren +sollte. Zugleich hörte er dort Vorlesungen über das, was man damals +aristotelische Philosophie nannte. Abgestoßen von diesen haarspaltenden +und fruchtlosen Diskussionen griff Galilei oft als Gegner in diese +Streitigkeiten ein. Dafür nannte man ihn auch den ›Zankapfel‹. +Das hinderte ihn nicht, die naturwissenschaftlichen Irrtümer der +aristotelischen Philosophie zu verwerfen und das Gute der dialektischen +Lehrsätze hochzuhalten. Aber seine stärkste Liebe wandte er dennoch den +Naturwissenschaften und der Mathematik zu.</p> + +<p>»Eines Tages bemerkte er, daß eine im Dome zu Pisa hängende Lampe, +wenn sie durch Zugluft in Schwingungen geriet, zur Vollendung jeder +einzelnen Schwingung immer gleich viel Zeit gebrauchte, mochte der +Windstoß stärker oder schwächer und also die Schwingung größer oder +kleiner sein. Er schloß daraus, daß die Zeit, welche ein pendelartig +schwingender Körper zur Vollendung jeder einzelnen Schwingung +gebraucht, nicht durch die Stärke des ihm gegebenen Stoßes bestimmt +werde, sondern nur durch die Entfernung desselben von seinem +Aufhängungspunkt, also durch die Länge des Fadens oder Stabes, an +dessen Ende er befestigt ist. Zu Hause angestellte Versuche mit Pendeln +von verschiedener Länge bestätigten diese Vermutung und belehrten +zugleich den jungen Naturforscher, daß es dabei auch nicht auf das +größere oder geringere Gewicht des Pendels ankomme. Nun tauchte sofort +der Gedanke in Galilei auf, diese Entdeckung auf die Messung der +kleineren Zeitteile anzuwenden. Er maß zunächst die Schnelligkeit der +Pulsschläge, dann die von Sekunde zu Sekunde zunehmende Geschwindigkeit +frei fallender Körper. Von nun ab diente ihm das Pendel bei allen +physikalischen, besonders<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> aber bei astronomischen Beobachtungen, bis, +sehr viel später, Huygens das Pendel auch mit Uhrwerken in Verbindung +brachte. Der Vater Galileis hatte endlich auch seinem Sohne erlaubt, +das Studium der Arzneikunde aufzugeben und sich ausschließlich den +physikalischen und mathematischen Wissenschaften zu widmen, und der +junge Galilei zeigte sich dieser väterlichen Vergünstigung bald würdig. +Er las zum Beispiel die Schriften des Archimedes mit so großem Erfolge, +daß er, angeregt durch die Lektüre, die hydrostatische Wage erfand. +Dieses bestaubte Ding hier stellt den ersten Versuch der Galileischen +Wasserwage dar, die er so scharfsinnig beschreibt. ›La Bilancetta‹ +nannte er das Werk, wovon ich gleichfalls das Manuskript mein eigen +nenne.</p> + +<p>»Man fing an, von dem jungen Erfinder und Entdecker zu sprechen; sein +Name war in Italien bald berühmt. Er korrespondierte jetzt mit den +bedeutendsten Fachgelehrten; ganz besonders interessierte sich aber +für ihn ein in Pesaro lebender Mathematiker, der Marchese Guidubaldo +del Monte, der Galilei veranlaßte, das Gesetz vom Schwerpunkt zu +vervollkommnen und besser auszuarbeiten. Der vierundzwanzigjährige +Galilei kam dieser Aufforderung nach und übertraf mit der Lösung der +gestellten Aufgabe alle bisherigen Leistungen auf diesem Gebiete. Man +nannte ihn jetzt, 1589, den Archimedes seiner Zeit und man übertrug +ihm zugleich die gerade freigewordene Professur für Mathematik an der +Universität zu Pisa, die er ein paar Jahre vorher hatte verlassen +müssen, weil er damals nicht über Mittel genug verfügte, seinen +Doktor zu machen. Seine Besoldung war sehr gering, aber er benützte +die Stellung seines öffentlichen Amtes zu neuen Forschungen und +zur Verbreitung der bisher angestellten. Seine Landsleute Varchi +und Benedetti hatten schon 1544 die Behauptung ausgesprochen, daß +alle Körper von gleicher Dichtigkeit, mögen sie groß oder klein +sein (z. B. ein Lot Blei ebenso wie ein Pfund Blei), bei gleicher +Fallhöhe die gleiche Geschwindigkeit erlangten. Exakt bewiesen war +dieser<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> Satz keineswegs und fast alle damaligen Physiker leugneten +ihn. Galilei erst erbrachte, trotz alles Spottes der Gegner, den +unanfechtbaren Beweis für die Richtigkeit des Satzes. Er ging noch +weiter und erforschte noch das Gesetz, wonach die Fallgeschwindigkeit +von Sekunde zu Sekunde wächst und daß die am Ende des Falles erlangte +Geschwindigkeit fallender Körper sich verhalte wie die Quadrate der +Zeiten. Galilei hat diese Entdeckung zwar erst fünfzig Jahre später +drucken lassen, aber inzwischen hat er dieses Gesetz vielfach praktisch +angewendet und er hat natürlicherweise mit vielen Sachverständigen +darüber korrespondiert. Immerhin hatte die Gewohnheit Galileis, die +Veröffentlichung seiner so wichtigen Entdeckungen lange aufzuschieben, +die unangenehme Folge, daß ihm oft die Priorität für seine Entdeckungen +und Erfindungen bestritten wurde. Es würde Bände füllen, wenn man +ausführlich erzählen wollte, welche Kämpfe Galilei allein um das +Prioritätsrecht seiner Erfindungen stets ausfechten mußte. Und noch bis +heutigestags ist vieles ungeklärt, da noch immer zahlreiche Manuskripte +und Briefe Galileis, die über das Prioritätsrecht Auskunft geben +könnten, ungedruckt in Bibliotheken liegen.</p> + +<p>»Zu jener Zeit war es an italienischen Universitäten üblich, die +Professoren nur für eine gewisse Zahl von Jahren anzustellen. Galileis +erste Anstellung lautete auf drei Jahre. Die große Bedürftigkeit +der Familie Galileis, noch gesteigert durch den erfolgten Tod des +Vaters, machten es dem jungen Professor zwar höchst wünschenswert, +die Professur in Pisa noch zu behalten, aber seine Freimütigkeit und +seine Liebe zur Wahrheit nötigten ihn, das Amt dennoch aufzugeben. +Johann von Medici, der in hohem Ansehen stehende Stiefbruder des +regierenden Großherzogs, hatte eine Maschine zur Reinigung der Häfen +und Kanäle erfunden, und Galilei war unklug genug, diese Erfindung aus +mechanischen Gründen als unbrauchbar abzuweisen. Das zog ihm natürlich +den Haß des Medici zu, der mit den übrigen zahlreichen<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> Feinden und +Neidern Galileis gemeinsame Sache machte, um ihn beim Großherzog +anzuschwärzen. Galilei sah den kommenden Sturm voraus und zog sich +nach Florenz zurück. Wiederum bemühte sich der Marchese del Monte +für ihn beim Senat der venetianischen Republik für die durch Moletis +Tod erledigte Professur der Mathematik an der Universität zu Padua. +1592 erhielt Galilei diese Stellung zunächst auf sechs Jahre. Durch +seine Vorträge lockte er hier zahlreiche Zuhörer der verschiedensten +Altersstufen an sich und verfaßte Werke über Kriegsbaukunst, Mechanik +u. a., die er zwar noch nicht drucken ließ, die sich aber dennoch durch +Abschriften sehr bald verbreiteten.</p> + +<p>»Um dieselbe Zeit erfand Galilei auch das Thermoskop, das erste +Instrument zur Bestimmung der Wärmeverhältnisse, wovon ich leider nur +die von Galilei herrührende schematische Darstellung besitze. Galilei +bediente sich einer engen Glasröhre, die an dem einen Ende offen war, +an dem anderen aber in eine hohle Kugel auslief. Er goß in diese Röhre +etwas Wasser, verschloß sie alsdann, kehrte sie um und tauchte sie +in ein Gefäß voll Wasser, aus welchem er den größten Teil der Röhre +mit der daran befindlichen hohlen Kugel hervorragen ließ, während ein +ganz kleiner Teil mit der Öffnung, die Galilei nun wieder freimachte, +unter Wasser blieb. In der Kugel war also jetzt atmosphärische Luft +abgesperrt, und wenn diese sich durch Einwirkung der Wärme ausdehnte, +so trieb sie einen Teil des in der Röhre stehenden Wassers durch die +jetzt unten befindliche Öffnung heraus in das Wassergefäß; zog sich +hingegen die Luft in der Kugel durch Abnahme der Wärme zusammen, so +stieg durch den Druck der äußeren Luft das Wasser in der Röhre.</p> + +<p>»So unvollkommen ein solches Instrument war, für die damalige Physik +bedeutete es immerhin einen großen Fortschritt. 1594 erhielt Galilei +von der Republik Venedig ein Privilegium auf zwanzig Jahre für eine von +ihm erfundene hydraulische Maschine.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span></p> + +<p>»Und hier ist der Proportionalzirkel, den Galilei bald darauf erfand, +und der von den Ingenieuren und Geometern seiner Zeit sehr hoch +geschätzt wurde. Es gab in jener Zeit noch nicht unsere bequeme +Einrichtung des Patentamtes. Allein, wie heute, wurden auch damals +die Erfinder reichlich betrogen. Wer damals einen solchen Zirkel +besitzen wollte, mußte an Galilei schreiben, und er verfertigte so +viel, wie er liefern mochte. Aber mehr als zehn oder elf Exemplare +wird es kaum geben. Seine Arbeitskraft war von anderen Dingen zu sehr +in Anspruch genommen. Und dann, sich lange Zeit mit derselben Sache zu +beschäftigen, langweilte ihn am Ende. Er hatte noch viel zu tun.</p> + +<p>»1599 wurde Galilei seine Professur in Padua auf weitere sechs Jahre +mit Gehaltszulage verlängert. Inzwischen hatte sich sein Ruhm auch +weit verbreitet. Kepler, der in ihm einen treuen Mitverfechter des +kopernikanischen Systems erkannt hatte, war seit 1597 in Briefwechsel +mit ihm getreten und drei Jahre später auch Tycho de Brahe, der +berühmte dänische Astronom. Unter seinen Zuhörern an der Universität +fanden sich jetzt auch Fürsten ein; von allen Ländern reiste man nach +Padua, um Galilei zu hören.</p> + +<p>»Im Jahre 1604 erschien im Sternbild des Schlangenträgers ein neuer +Stern, der, nachdem er achtzehn Monate lang geleuchtet hatte, +wieder verschwand. Galilei hielt mehrere Vorträge über diese +Erscheinung, in denen er zu beweisen suchte, daß der Stern keine bloße +Lufterscheinung, sondern ein wirklicher Stern gewesen sei. Mit dieser +Behauptung widersprach er freilich der Lehre des Aristoteles von der +Unveränderlichkeit des Fixsternhimmels, zu welcher sich damals die +meisten seiner Zeitgenossen bekannten. Nur seine Zuhörer und einige +aufgeklärte Männer der Wissenschaft jubelten ihm zu.</p> + +<p>»Er fuhr fort, sich mit den Lehren der höheren Mechanik zu +beschäftigen, mit den Lehren vom Magneten, vom Licht und den Farben, +vom Schall, von der Ebbe und Flut, von den Bewegungen<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> der Tiere. 1609, +als er Venedig besuchte, kam ihm das Gerücht zu Ohren, ein Holländer +hätte dem Prinzen Moritz von Nassau ein Instrument überreicht, durch +welches man die entferntesten Körper so sähe, als ob sie ganz in die +Nähe gerückt wären. Wie dies Instrument beschaffen war, darüber erfuhr +Galilei nichts. Aber das Gerücht allein genügte, um seine ehrgeizige +Natur zur Tat anzuspornen und seinem erfinderischen Geist einen neuen +und großartigen Aufschwung zu geben. Eiligst nach Padua zurückgekehrt, +hatte er schon ein paar Tage später ein solches Instrument selbständig +konstruiert; er reiste damit wieder nach Venedig und überreichte dem +Dogen und dem Senat sein neues Instrument. Hier ist es! Ja, nun lachen +Sie über dieses Gerümpel! Daß der Mond von Gebirgsketten durchzogen +wird, ist heute eine banale Tatsache für uns; aber bedenken Sie, welch +eine Umwälzung es in der Seele Galileis hervorrufen mußte, als er zum +ersten Male sah, was noch nie vor ihm eines Menschen Auge gesehen. +Man versteht es, wenn das Volk einen Menschen, dem es gelungen war, +mittels dieser plumpen Röhre das Rätsel des Mondes zu schauen, für +einen Zauberer hielt. Wollten doch selbst aristotelische Philosophen +nicht durch dieses unscheinbare Ding sehen, das dem Firmament plötzlich +ein ganz anderes Antlitz gab. Wie? Dieser kleine Professor da aus +Padua will uns jählings unseren guten Glauben nehmen an den Himmel des +Aristoteles?</p> + +<p>»Von welch tiefer Menschenkenntnis zeugt doch die Antwort, die er +ihnen gab! ›Wenn die Sterne selbst vom Himmel herabstiegen zur Erde +und Zeugnis ablegten für mich, so würdet ihr euch nicht überzeugen +lassen!‹ Zugleich beleuchtet diese traurig stimmende Antwort den ganzen +Lebensgang Galileis.</p><br> + +<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> + +<figure class="figcenter illowp88" id="illu-081" style="max-width: 62.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-081.jpg" alt="bild"> +</figure> + +<p class="p2">»Immerhin hatte diese Entdeckung zur Folge, daß Galilei nun die +Professur in Padua mit einem Jahresgehalt von tausend Gulden für +Lebenszeit übertragen wurde. Nie hat sich Galilei für den ersten +Erfinder des Fernrohrs ausgegeben; aber es gebührt ihm wohl der +Ruhm, es optisch vervollkommnet und zuerst zu wichtigen +astronomischen Entdeckungen angewandt zu haben. In den +nächsten Jahren wendeten sich daher die Fürsten und Astronomen, +welche Fernrohre zu besitzen wünschten, immer an Galilei. Er zuerst +entdeckte die Gebirge des Mondes und er zuerst maß ihre Höhe. Er fand +ferner, daß die Milchstraße nichts anderes sei, als eine unzählbare, +dichtgedrängte Menge kleiner Sterne; daß auch die sogenannten +Nebelflecke nur Sterne seien; daß aber die Fixsterne durch das Fernrohr +nicht, wie die Planeten, vergrößert würden. 1610 entdeckte er die vier +Monde des Jupiter und zwei Jahre später gelang es ihm, die Bahnen und +Umlaufszeiten dieser Jupitertrabanten zu berechnen. Er machte nun den +Vorschlag, die häufig auftretenden Verfinsterungen der Jupitermonde +zur Bestimmung der geographischen Längen<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> und also zur Vervollkommnung +der Schiffahrt zu benützen. Um dieselbe Zeit beobachtete er auch +Sonnenflecke; er wagte es aber nicht, mit dieser neuen Entdeckung +hervorzutreten, bis seine Freunde ebenfalls von deren Richtigkeit +überzeugt waren. Alle diese neuen Entdeckungen mußten ihm bei den +denkfaulen Anhängern des aristotelischen Sternhimmels natürlich nur +Feinde schaffen. Aber die Aufmunterungen Keplers und des Großherzogs +von Toskana, der unseren Entdecker fortgesetzt mit reichen Geschenken +bedachte, halfen Galilei über viele Bitternisse hinweg. Den drängenden +Bitten des Großherzogs nachgebend, gab Galilei im August 1610 sein +Lehramt in Padua auf und siedelte nach Florenz über, wo er als ›erster +Philosoph und Mathematiker des Großherzogs‹ ausschließlich seinen +Erfindungen, Entdeckungen und der Ausarbeitung seiner Werke leben +konnte. Aber, obwohl diese Veränderung auch Galilei die volle Freiheit +zurückgab, sie schloß auch manche Nachteile in sich. Galilei verließ +Padua, wo ihm unbeschränkte Lehrfreiheit zugesichert war, wo er die +höchste Achtung der edelsten Venetianer genoß und wo er ein für seine +Zeit sehr beträchtliches Gehalt empfing, um sich in die Abhängigkeit +eines jungen Fürsten zu begeben, dessen Gunst leicht wechseln konnte +und der dem starken Einfluß der intrigierenden Jesuiten ausgesetzt war, +die von der venetianischen Republik ausgeschlossen waren. Als seine +besorgten Freunde ihn vor diesem Schritte warnten, weil sie künftige +Verfolgungen der römischen Kirche befürchteten, war es aber schon zu +spät.</p> + +<p>»Im September desselben Jahres, gleich nach seiner Übersiedelung nach +Florenz, entdeckte Galilei, daß der Planet Venus, ebenso wie der +Mond, zu verschiedenen Zeiten verschiedene Lichtphasen darbiete. Er +fand weiter, daß der scheinbare Durchmesser des Mars und der Glanz +dieses Planeten merkwürdigen Veränderungen unterworfen seien. Bei +einem Besuche in Rom, im April 1611, zeigte er mehreren Kardinälen die +Sonnenflecke, die er beobachtet hatte, und aus der Bewegung dieser +Flecke<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> schloß er die Achsendrehung des Sonnenkörpers. Er erwarb sich +in Rom rasch viele Freunde und Bewunderer und ebenso viele Feinde und +Neider. Der Kardinal del Monte erklärte zwar in einem Briefe an den +toskanischen Großherzog, daß man Galilei im alten Rom zweifellos eine +Ehrensäule auf dem Kapitol errichtet haben würde; aber das hinderte +Galileis Neider nicht — da man ihm wissenschaftlich nichts anhaben +konnte —, ihn in den Ruf der Ketzerei zu bringen.</p> + +<p>»Nach der Rückkehr von diesem römischen Besuch entdeckte Galilei die +Gesetze der Hydrostatik und erfand das Ding hier. Ein Mikroskop! Das +erste Mikroskop! Sie sehen, welch armseliger Mittel dieser große Mensch +sich bedienen mußte, um ein Mikroskop herzustellen, das er erst später +verfeinerte und besser ausarbeitete.</p> + +<p>»Jetzt begannen aber auch die Anklagen, daß Galilei durch Verteidigung +und Ausbreitung des kopernikanischen Systems die Bibel angreife +und sich der Ketzerei schuldig mache, immer lauter zu werden. Die +Verwandten des Großherzogs Cosimo II. wurden mißtrauisch gegen Galilei +und schenkten den Einflüsterungen der Jesuiten immer mehr Gehör. +Galilei verteidigte sich, er sei zwar ein Anhänger des Kopernikus, +habe aber niemals die Bibel angreifen wollen, welche sich da, wo in +ihr von physikalischen und astronomischen Dingen die Rede sei, den +Vorstellungen und der Ausdrucksweise des Altertums anpasse, ohne diese +Vorstellungen als Glaubenslehren aufzustellen. Kopernikus selbst sei +von den Häuptern der Kirche immer als ein rechtgläubiger Katholik +angesehen worden und der Papst Paul III. hätte sogar die Widmung seiner +Bücher entgegengenommen. Aber bei den von Neid und Haß erfüllten +Gegnern Galileis schlugen diese Gründe nicht an. Besonders ereiferte +sich der Dominikanerorden, dem die Inquisition der Ketzer anvertraut +war. Der Mönch Caccini predigte 1614 in Florenz öffentlich gegen +Galilei und verhöhnte ihn und seine astronomischen Entdeckungen.<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> +Galilei entschloß sich unaufgefordert im November 1615 eine zweite +Reise nach Rom zu machen, um sich dort vor den höchsten geistlichen +Behörden zu rechtfertigen. Er blieb bis in den Mai 1616 in Rom, wo er +von den Geistlichen und selbst vom Papste sehr wohlwollend empfangen +wurde; Galilei konnte aber nicht verhindern, daß das kopernikanische +System jetzt förmlich als der Heiligen Schrift widersprechend erklärt +wurde. Galileis oft leidenschaftlicher Eifer für die Sache der +Wahrheit scheint ihm in Rom mehr geschadet als genützt zu haben, +und der Großherzog von Toskana, der von allen Vorgängen in Rom wohl +unterrichtet war, fand es für die Sicherheit seines Freundes nötig, ihn +nach Florenz zurückzurufen.</p> + +<p>»Als Urban VIII. aus dem Hause Barberini Papst wurde, der als +Kardinal Galilei sehr zugetan war und ihm 1620 sogar ein Lobgedicht +zugeschickt hatte, reiste Galilei abermals nach Rom, um den Papst +zu beglückwünschen. Er wurde sehr gnädig empfangen, reich beschenkt +und bei seiner Rückkehr mit einem belobenden Breve an den Großherzog +entlassen. Galilei hatte aber mit dieser Romreise noch einen anderen +Zweck im Auge. Obwohl er durch die förmliche Verdammung des Kopernikus +zum Schweigen über dessen System verurteilt war, hatte er im stillen +ein Werk über dieses System vorbereitet und er erhoffte von dem neuen +Papst die Erlaubnis zur freien Darlegung seiner Ideen. Man hielt ihn +aber mit unbestimmten Hoffnungen hin. Um seine Absicht durchzuführen, +machte Galilei 1628 und 1630 wiederholte Reisen nach Rom. Sein Werk +wurde von mehreren Zensoren beurteilt, in manchen Einzelheiten geändert +und endlich erhielt er die Erlaubnis zur Drucklegung. 1632 erschien +dieses Werk in Dialogform.</p> + +<p>»Im Auslande habe man die Meinung verbreitet — führt Galilei in diesem +Werke aus —, das Verbot, die Bewegung der Erde zu lehren, sei nicht +die Frucht reiflicher Überlegung, sondern leidenschaftlicher Aufregung, +und sei von Personen ausgegangen,<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> denen die für das kopernikanische +System sprechenden Gründe nicht bekannt, oder die zum Urteil darüber +nicht befähigt wären. Um diese unbegründete Meinung zu widerlegen und +um zu zeigen, daß in Rom, wo er sich damals aufgehalten und mit den +vornehmsten Prälaten des päpstlichen Hofes über diesen Gegenstand +konferiert habe, alles hierauf Bezügliche so gut bekannt gewesen sei +als sonstwo, habe er nun sein Werk geschrieben, in welchem er alles +zusammenfasse, was sich <em class="gesperrt">gegen</em> die gewöhnlichen Gründe für die +Unbeweglichkeit der Erde und was sich <em class="gesperrt">für</em> das kopernikanische +System sagen lasse. Nur überwiegende religiöse Gründe, nicht Unkenntnis +und Leidenschaftlichkeit seien in Rom die Veranlassung gewesen, die +Unbeweglichkeit der Erde zum Dogma zu erheben und die entgegengesetzte +Meinung für eine bloße mathematische Laune zu erklären.</p> + +<p>»Dadurch, daß Galilei der Sache diese Wendung gab, hatte er nun zwar +von der Zensur die Erlaubnis zum Drucke seines Werkes erlangt; wenn +er aber gehofft hatte, dadurch seine Feinde zu beschwichtigen oder +einer Anklage beim Inquisitionsgericht zu entgehen, so hatte er +sich bitter getäuscht. Sein Werk machte zu großes Aufsehen, sowohl +durch den Beifall, den es bei den aufgeklärten Zeitgenossen fand, +als durch die Menge von Gegenschriften, die es hervorrief. Auch ward +Galileis eigentliche Absicht, dem kopernikanischen System, trotz des +Verdammungsurteils, den Sieg zu verschaffen, selbst den beschränktesten +Mönchen sehr bald klar. Fanatismus und Verketzerungssucht waren bald am +Werk, um Galilei zu schaden. Urban VIII., das Haupt der katholischen +Kirche, hätte selbst beim besten Willen Galilei nicht länger zu +schützen vermocht. Er konnte den öffentlichen und geheimen Anklagen +gegen Galilei sein Ohr nicht länger verschließen.</p> + +<p>»Schon im August 1632 berief man in Rom eine Kommission von Theologen +und Mathematikern zur Untersuchung zusammen, die allesamt bekannte +Widersacher Galileis waren. Der zweiundzwanzigjährige Ferdinand II. von +Toskana, der seinem<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> Vater Cosimo II. im Jahre 1621 in der Regierung +gefolgt war, suchte vergeblich die drohende Gefahr von Galilei +abzuwenden. Er machte mit Recht geltend, daß Galileis Werk ja einer +mehrmaligen, strengen Zensur unterworfen und nach Vorschrift abgeändert +worden sei. Der Papst nannte aber die erlangte Erlaubnis zum Drucke +des Werkes eine erschlichene und berief sich auf das Dekret vom 16. +Februar 1616 — hier sehen Sie es im Original mit der Unterschrift des +Papstes Paul V.! —, worin Galilei bei Androhung schwerer Kerkerstrafe +verboten wird, fernerhin die kopernikanische Lehre zu verteidigen. +Papst Urban war in großen Zorn geraten. Die Untersuchung gegen Galilei +wurde unterdessen ganz im stillen weitergeführt; nicht einmal die Namen +der ernannten Untersuchungskommissarien wurden bekannt. Ende Oktober +desselben Jahres erhielt Galilei die Vorladung, sich zum Verhör in +Rom einzustellen. Er suchte nun zwar Aufschub zu gewinnen, indem er +sein hohes Alter, seine Kränklichkeit und die Beschwerlichkeit der +an der Grenze des Kirchenstaates abzuhaltenden Quarantäne geltend +machte. Allein, seine Bitten blieben fruchtlos; Galilei mußte sich +zur Reise entschließen und am 13. Februar 1633 langte er in Rom an. +Er stieg in der Villa Medici, dem toskanischen Gesandtschaftshotel, +ab, und stellte sich in den nächsten Tagen einigen Kardinälen und +Assessoren des Inquisitionsgerichts vor, die er ziemlich wohlgesinnt +fand, von denen er jedoch den Rat erhielt, äußerst zurückgezogen zu +leben und nur die zwingendsten Besuche anzunehmen. Galilei erfuhr, der +Hauptvorwurf, den man ihm mache, sei die Übertretung des Befehls vom +Jahre 1616, gar nicht mehr über das kopernikanische System zu sprechen. +Galilei behauptete aber, es sei ihm damals nur verboten worden, jenes +System zu verteidigen und sein Werk sei keine Verteidigung, sondern +nur eine Zusammenstellung der Gründe für und gegen die Sache. Endlich +am 12. April 1633 wurde Galilei vor das Gericht geführt. Er mußte +nun im Inquisitionsgebäude bleiben, wurde jedoch in kein Gefängnis +gesperrt;<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> er durfte vielmehr in den Zimmern des Gerichtsfiskus +wohnen, konnte seinen eigenen Diener behalten, es war ihm erlaubt, im +Hofe des Hauses spazierenzugehen — lauter Vergünstigungen, die beim +Inquisitionsgericht ganz unerhört waren. Gleich bei dem ersten Verhör +scheint ihm jedoch unter Strafe der Exkommunikation das Versprechen +abgenommen worden zu sein, über das, was mit ihm vorginge, das +strengste Stillschweigen zu beobachten.</p> + +<p>»Nachdem er achtzehn Tage in dieser Abgeschlossenheit zugebracht hatte, +erbat sich Galilei ein neues Verhör; er sagte aus: Seit drei Jahren +habe er sein Werk über Kopernikus nicht wieder gelesen; jetzt sei er +durch diesen Prozeß veranlaßt worden, es nochmals genau durchzusehen, +um gewissenhaft zu prüfen, ob nicht gegen seinen Willen etwas aus +seiner Feder geflossen sei, was man ihm als Ungehorsam gegen die Kirche +auslegen könne. Er habe nach so langer Zeit sein Buch wie das eines +anderen Verfassers durchstudiert und nun allerdings gefunden, daß +es Stellen enthalte, welche einen Leser, der ihn nicht genau kenne, +zum Glauben verleiten könnten, der Verfasser habe die Gründe für die +Meinung, die er <em class="gesperrt">widerlegen</em> wollte, darum so beredt vorgetragen, +damit man diese Meinung als die richtige <em class="gesperrt">annehme</em>. Gestatte man +es, so wolle er eine Fortsetzung schreiben, worin er die falsche und +von der Kirche verdammte Lehre mit den kräftigsten Gründen, die Gott +ihm eingeben werde, widerlegen wolle. In bezug auf die Erlaubnis zum +Drucke seines Werkes habe er alles getan, wozu ihn das frühere Dekret +verpflichte. Doch wolle er sich nicht von Irrtum freisprechen, wohl +aber von List und Bosheit; er klage sich selber des Ehrgeizes an, seine +Kunst in Darlegung der Gründe für das kopernikanische System beweisen +zu wollen. Man möge sein hohes Alter, seine Kränklichkeit, seinen +seit zehn Monaten erlittenen Kummer, die Beschwerden der Reise, die +Verleumdungen, denen er ausgesetzt sei, mit in Erwägung ziehen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span></p> + +<p>»An demselben Tage, an dem dies Verhör stattgefunden hatte, +wurde Galilei wieder in die Villa Medici zurückgesandt, um seine +Gesundheit zu stärken. Erst am 22. Juni mußte er abermals vor dem +Inquisitionsgericht erscheinen. Man behielt ihn diesen Tag und die +folgende Nacht dort und führte ihn dann in das Dominikanerkloster +<em class="antiqua">alla Minerva</em>, wo ihm sein Urteil eröffnet wurde. Es erklärt +ihn für schuldig, ketzerischen Meinungen in betreff der Bewegung der +Erde, angehangen zu haben; es spricht ihn aber von den auf ein solches +Verbrechen gesetzten Strafen unter der Bedingung frei, daß er seine +physikalischen und astronomischen ›Irrtümer‹ abschwöre und verfluche. +Ferner solle sein Werk über das ptolemäische und kopernikanische +Weltsystem durch eine öffentliche Bekanntmachung verboten und +Galilei selbst auf eine vom Gericht nach Willkür zu bestimmende Zeit +gefangengehalten werden. Die nächsten drei Jahre hindurch solle Galilei +wöchentlich einmal die sieben Bußpsalmen rezitieren. Schließlich behält +sich das Gericht vor, diese Strafen und Bußen nach seinem Gutdünken zu +verändern oder zu mildern.</p> + +<p>»Es wird erzählt, daß Galilei, welcher die Abschwörung seiner Lehren +kniend leisten mußte, während er sich wieder erhob, halb laut gesagt +haben soll ›<em class="antiqua">e pur si muove</em>‹! (›und sie — die Erde — bewegt +sich doch!‹). Aber eine so gefährliche Äußerung im Munde eines damals +so tief gebeugten Greises ist ziemlich unwahrscheinlich.</p> + +<p>»Freilich haben sie ihn nicht ganz mundtot machen können. Der +Name dieses Erforschers der Sterne war inzwischen selber zu einem +leuchtenden Gestirn geworden am Himmel des Ruhmes, und sie konnten ihn +nicht gut auslöschen. Sie nahmen ihm zwar einen großen Teil seiner +›teuflischen Instrumente‹ fort, mit denen er in den Werken Gottes +herumspionierte, aber sein Genie konnten sie ihm nicht nehmen.</p> + +<p>»Der Papst verwandelte die im Urteile ausgesprochene Gefängnisstrafe in +Haft und später erhielt er die Erlaubnis, sich in<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> die Nähe von Florenz +auf sein Landgut zu Arcetri zu begeben, wo er auch die Besuche seiner +Freunde annehmen durfte; nur große Gesellschaften dort zu empfangen, +war ihm untersagt. Arcetri scheint Galilei vorzüglich darum zu seinem +Aufenthalte gewählt zu haben, weil es ganz nahe bei dem Kloster lag, in +welchem seine beiden natürlichen Töchter als Nonnen lebten. Zu seinem +tiefsten Schmerze starb die älteste dieser Töchter schon im April 1634. +Gleichzeitig mit diesem Familienunglück traf ihn eine harte abschlägige +Antwort aus Rom auf seine Bitte um die Erlaubnis, von seiner Villa aus +zuweilen das eine Meile entfernt gelegene Florenz besuchen zu dürfen. +Es wurde ihm sogar mit Strafen gedroht, wenn er wieder solche Bitten +wage.</p> + +<p>»Aber seine Gefangenschaft — wie anders soll man ein Leben voller +Kummer unter beständiger jesuitischer Aufsicht nennen? — seine +Gefangenschaft konnte nicht verhindern, daß er seine Studien +fortsetzte, daß er die schwankenden Bewegungen der Mondkugel entdeckte +und die Gesetze der Kohäsion aufstellte. Freilich muß man nicht +glauben, daß er unter all den Verfolgungen und Kränkungen nicht +schrecklich gelitten hätte. Werfen Sie nur einen Blick auf diese +Terrakottabüste, die aus seinen letzten Jahren stammt; ich besitze +verbürgte Nachrichten darüber, daß sie dem lebendigen Menschen am +nächsten kommt und daß sie den getreuesten Eindruck von Galileis +Physiognomie gibt. Ist sie nicht ein ebenbürtiges Abbild seiner +vergällten Seele? Galilei erinnert hier an einen Jupiter, dessen Stirn +von schweren Sorgen umwölkt ist. Wie immer bei genialen Menschen sind +auch in seinen Zügen wunderbare Größe und tiefstes Leid vereint. Krank +an Leib und Seele erwartete Galilei schon damals den Tod.</p> + +<p>»Seine Freunde sorgten jetzt für Verbreitung und Druck seiner gelehrten +Arbeiten im Auslande, während die römische Inquisition überall, wo +sie Einfluß besaß, den Druck neuer Werke Galileis verbot. Aber diese +entwicklungsfeindlichen Inquisitoren vermochten, trotz aller Ränke, +nicht den Fortschritt des menschlichen<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> Denkens aufzuhalten; die +Verfolgungen Galileis machten seinen Namen und seine Lehren erst recht +berühmt.</p> + +<p>»Schon seit 1632 hatte Galilei an den Augen gelitten, war aber immer +wiederhergestellt worden; allein im Jahre 1637 erblindete zuerst +sein rechtes Auge und bald auch das linke. Ein Jahr vorher hatte +Galilei seinem Freunde, dem Grafen von Noailles, ein neues größeres +Werk über Mechanik überreicht, die ›<em class="antiqua">Discorsi e dimostrazioni +matematiche intorno a due nuove scienze</em>‹, in welchem die ›beiden +neuen Wissenschaften‹, die Lehre vom Widerstande fester Körper beim +Zerbrechen und Zerreißen, und die Theorie der Bewegung, nicht nur der +gleichförmigen, sondern auch der beschleunigten, niedergelegt waren. +Mit Recht schätzte Galilei selbst diese <em class="antiqua">Discorsi</em> höher als +alle seine übrigen Werke, denn hier offenbart sich am meisten sein +Talent zur Erforschung der Naturgesetze unter der sicheren Leitung +der Mathematik. Während seine vielfachen astronomischen Entdeckungen +doch eigentlich nur Früchte aufmerksamer Beobachtung waren, die +nach der Erfindung des Fernrohres jedem zufallen mußten, der zuerst +hinreichenden Fleiß darauf verwendete und die darum auch von vielen +anderen Beobachtern als ihre Entdeckungen in Anspruch genommen wurden, +entwickelte Galilei in diesen <em class="antiqua">Discorsi</em>, unbestreitbar als der +Erste, die Gesetze des freien Falles, als auch des Falles auf gegebenen +Flächen und Kurven, die Bahn geworfener Körper, die Schwingungen +des Pendels und der tönenden Körper, und die Gesetze der Bewegung +überhaupt. Dies Werk ist daher die Grundlage der Akustik, Ballistik, ja +der gesamten Dynamik der neueren Zeit.</p> + +<p>»Am 8. Januar 1642 setzte ein schleichendes Fieber seinem Leben ein +Ende. Galileis Leichnam wurde in dem Familienbegräbnisse der Galilei +in Florenz in der Kirche S. Croce beigesetzt. Als seine Verehrer ihm +dort ein Denkmal setzen wollten, verhinderte es die Inquisition. Selbst +noch im Tode war Galilei diesen Henkern im Wege. Erst 1674 durfte über +seinem Grabe eine Ruhmestafel angebracht werden und 1737 wurde ihm dort +ein Ehrendenkmal aus Marmor errichtet.</p><br> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span></p> + +<figure class="figcenter illowp51" id="illu-091" style="max-width: 42.75em;"> + <img class="w100" src="images/illu-091.jpg" alt=""> + </figure> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span></p> + +<p class="p2">»Ich habe es noch vor mir, die Geschichte seines Lebens zu +schreiben, über das ich durch zahlreiche Notizen, die von Galilei +selbst herrühren, reichen Aufschluß erhalten habe. Er muß ein sehr +liebenswürdiger Mensch gewesen sein; er war wohltätig und gastfrei, +standhaft im Leiden, reizbar, aber leicht versöhnlich, mitteilsam +und offen und erst im Alter melancholisch und schweigsam. Da er +angenehm zu unterhalten verstand, war er einer der wünschenswertesten +Gesellschafter. Und erfüllt es nicht mit Bewunderung, zu sehen, wie +dieser Mann neben all seinen Arbeiten noch Zeit übrig hat, den Pegasus +zu reiten und sein Gemütsleben in Verse zu bannen?! Auch von diesen +besitze ich die unveröffentlichten Originale. Er war ein Freund und +Kenner der schönen Künste, sowie der Literatur; nicht allein der +alten, sondern auch der italienischen. Er liebte das Landleben und +beschäftigte sich besonders gern mit der Kultur des Weinstocks. Und +dann, wie viele philosophische Abhandlungen habe ich von ihm im +Manuskript! Er war als Philosoph nicht minder groß, denn als Physiker. +Aber letzterdings mußten ihm seine Augen doch alles sein, die nicht +aufhören wollten, die Tiefen des Himmels zu ergründen. Manche meinen, +seine Erblindung sei den anstrengenden Beobachtungen der Sonnenflecke +und der Mondesoberfläche zuzuschreiben. Vielleicht war es aber auch +die Strafe für seine Vermessenheit, daß Gott ihn endlich mit Blindheit +schlug. Gewiß schmerzte ihn aber der Tod seiner Augen nicht einmal so +sehr, wie ihn die geistige Blindheit seiner Peiniger quälte. Studieren +Sie ihn und je größere Gesichtspunkte Sie nehmen, desto näher werden +Sie ihm kommen.</p> + +<p>»Die meisten freilich — ich habe in den Galerien vor Michelangelos +Bildwerken, vor Raffaels Gemälden Gelegenheit genug, die unerhörtesten +internationalen Salbadereien anzuhören — die meisten finden es +bequemer, zu fragen: Wo war dieser Mensch,<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> dieser Künstler, +dieser Forscher klein? Wie schlaue Detektive spüren sie den großen +Renaissancemenschen persönliche kleine Dinge nach, gleichsam um +die Menschen herabzuziehen. Hat Michelangelo nicht doch irgendeine +Schwäche gehabt? Hat er nicht irgendeine Gemeinheit begangen? Wie mit +Bleigewichten sind sie von einem schalen Kleinkramwissen belastet und +vermögen deshalb nicht unterzutauchen in den Geist der Renaissance. Sie +erinnern mich an das Wort Heines: ›Nur wenn wir im Kot uns fanden, so +verstanden wir uns gleich.‹ Natürlich hatte auch Galilei seine Fehler; +hat er doch tatsächlich im Jahre 1633 einen Meineid geleistet und auf +den Knien seine ganze Lehre abgeschworen. Gewiß, dieser Meineid ist +ein Flecken in seinem reinen Leben. Aber zweierlei ist zu bedenken: +dieser Meineid rettete ihm das Leben, das noch einen außerordentlichen +Wert erhielt durch die Herausgabe der berühmten ›<em class="antiqua">Discorsi</em>‹, auf +denen die moderne Physik begründet ist. Und dann, vergessen wir doch +nicht, daß Galilei auch der Erste war, der selbst in der Sonne Flecken +entdeckt hat ...«</p> + +<p>Der Graf war zu Ende.</p> + +<p>Es ist wahr, daß die Nachwelt den großen Menschen einen Legendenkranz +ums Haupt flicht. Wir wollen diesen Kranz nicht zerreißen, wollen den +Duft nicht fortnehmen, der die Helden der Menschheit umgibt, so wie +eine edle Patina auf alten Bronzen lagert und ihre Ehrwürdigkeit noch +erhöht.</p> + +<p>Große Männer gleichen jenen erhabenen Bergesgipfeln, für die wir erst +in der Entfernung den richtigen Standpunkt gewinnen, wo man sie denn +hoch über alle Bergketten emporragen sieht.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span></p> + +<h2>Die Jungfrau von Orleans.</h2> +</div> + + +<p>Der Glaube an das Dasein einer übernatürlichen Welt wurzelt urtief +im menschlichen Gemüt. Aus diesem Glauben und aus dem Glauben an +Wunder und an die Gewalt des Satans über den Menschen wurde auch der +Aberglaube an Zauberei geboren, der sich von Jahrhundert zu Jahrhundert +immer mehr entwickelte, und im Mönchstum und in der Unwissenheit die +stärksten Stützen gefunden hat. Weil in der Bibel die Zauberei öfters +mit dem Tode bedroht wird und von zauberischen und übernatürlichen +Dingen vielfach die Rede ist (die Wundertaten des Moses und der +ägyptischen Sterndeuter, Bileams Esel, die Hexe von Endor usw.), so war +ein Zweifel, daß es Hexen und Zauberer gab, ganz ausgeschlossen. Und +wenn durch Bileams Esel ein Engel redete, warum sollten die Hexen sich +nicht in Katzen und Werwölfe verwandeln können, durch die der Teufel +sprach? Gerade die Mönche brüteten hinter ihren Klostermauern die +abenteuerlichsten Hirngespinste aus. Sie gaben den Phantasiegebilden +des Volkes bestimmte Gestalt. Sie schilderten die Teufel mit +unheimlichen dicken Köpfen, langgezogenen Hälsen, hagergelben +Gesichtern, langen schmutzigen Bärten, Pferdezähnen und Pferdefüßen, +feurigen Augen, glühenden Schlünden, breiten Mäulern, knotigen Knien, +krummen Beinen, geschwollenen Knöcheln und verkehrten Füßen. Und +ungeachtet dieser scheußlichen Ungeschlachtheit schlüpften sie durch +Türen, Gitter und Ritzen und störten den Andächtigen und Betenden.</p> + +<p>Die Mönche waren die ausübenden Zauberer. Sie gaben sich als +berufsmäßige Wundertäter aus, weil sie danach trachteten, dem Volke, +das im geheimen noch immer den alten heidnischen Gottheiten anhing, +diese zu verleiden, und die Wunder Christi, der Propheten und der +Heiligen besonders glaubhaft zu<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> machen. Sie, die Diener Gottes, +vermochten allein Gott zu versöhnen — denn die Krankheiten galten +damals ja nur als Strafen des Ewigen für begangene Sünden — und die +Mönche allein hatten die Kraft, die Dämonen durch Vaterunser, durch +Salbung, Händeauflegen, Anrufen des Jesunamens zu bannen. Wenn der +Mensch von Gott erschaffen worden ist, so kann Gott nicht wollen, daß +sein Geschöpf leide, denn Gott ist die Güte. Leidet der Mensch aber +dennoch, so ist es der Böse, der Teufel, welcher im kranken Leibe mit +Gott kämpft. Wenn aber Gott und Satanas sich streiten, ist natürlich +der Mensch der Prügelknabe. Daher also die Schmerzen. Aber dieser +vom Teufel Besessene bekommt nun nicht etwa ein Mittel gegen seine +Schmerzen, sondern mit Gebet und Buße, mit Opferung und Weihrauch wird +der Teufel ausgetrieben. Zauber- und Segensprüche, Beschwörungsformeln +und Reliquien waren in jenen Zeiten an der Tagesordnung. Die Mönche +mußten eben zu groben Mitteln greifen, um die Reste des Heidentums +auszurotten.</p> + +<p>Es muß in den Köpfen jener Zeit sehr seltsam ausgesehen haben. Man +glaubte, daß der Papst nicht esse und trinke; daß alte kranke Weiber +Hexen seien, die auf hohe Berge ritten, und mit teuflischen Geistern +dämonische Kinder zur Welt brächten; daß Werwölfe verwandelte Hexen +wären. Man glaubte, daß es Teufelssalben gäbe, denen eine zauberische +Wirkung innewohnte; daß es einen Alp gäbe, der wie ein wilder +Orang-Utan aussehe und nachts die Menschen quäle; daß Hexen Ungewitter +hervorrufen könnten; daß sie nachts die Euter der Kühe leer tränken; +daß verschluckte Kirschenkerne im Magen zu keimen begönnen. Man liest +von Besessenen, die vor den Altären der Heiligen Urnen voll Münzen +erbrachen. Man erfährt, daß die Muskatnuß kräftiger werde, wenn sie +der Mann bei sich trage; daß das Ungeziefer aus Fäulnis entstehe; daß +die Wunde eines Ermordeten zu bluten beginne, wenn der Mörder sich dem +Leichnam nähere.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span></p> + +<p>Die Hexen verschrieben sich dem Teufel mit einem Tropfen Blut oder +durch einen Nagel, ein Haar, einen Strohhalm, eine Nadel, eine +Nuß, einen Kirschkern. Auch sie geben sich mit Besprechungen, +Zeichendeutungen und anderen Zaubereien ab. Sie haben den Mond in der +Gewalt und machen Ebbe und Flut. Sie streichen mit Rabenfedern bösen +Tau vom faulen Moor und würgen Schweine. Sie schwimmen im Sieb übers +Meer und entfesseln Stürme. Der Wind ist ihnen untertan. Sie zaubern +dem Menschen Auszehrung an. Sie sind mordsüchtig und entstellen den +Leib. Sie reiten die Menschen und saugen ihnen das Herzblut aus. Sie +sind prophetisch begabt. In den Tagen, in die die Geburt Jesu fällt, +krähen die Hähne die ganze Nacht, die Geister dürfen nicht spuken, die +Hexen nicht zaubern. Die bangen ruhelosen Seelen Ertrunkener und am +Scheidewege Begrabener müssen nachts umherirren. Auch Menschen, die +während ihrer Lebenszeit Geld erpreßt haben, finden im Grabe keine +Ruhe. Sie müssen nachts wandern, bis sie ihre Sünden gebüßt haben. +Am Nordpol wohnen die bösen Geister; die guten Geister bringen den +Menschen, während sie schlafen, Segen ins Haus. Beim Mondlicht ziehen +die Feen und Zwerge geheimnisvolle Kreise auf dem Rasen, von denen das +Schaf nicht frißt. Zanken sich die Geister, dann steigen böse Nebel +vom Meere ans Land und erzeugen Fieber; Bäche wachsen zu verheerenden +Strömen an; der Bauer pflügt und sät umsonst; die Schafe erkranken in +der Hürde; Krähen fliegen; auf den Waldwegen wächst dichtes Unkraut +— kurz eine ganze Brut von Plagen entsteht. Die Elfen benaschen +Milchtöpfe, necken die Mägde, verderben den Brei, lassen die Butter +mißraten, erschrecken nächtliche Wanderer durch Lachen und leiten sie +irre. Sie locken den Hengst, indem sie das Wiehern der Stute nachahmen; +verwandeln sich in einen Schemel und fliegen gerade dann weg, wenn sich +jemand darauf setzen will. Sie verwirren nachts die Mähne der Pferde +und flechten ihnen Weichselzöpfe, die, wiederum<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> entwirrt, auf Unglück +deuten. Aus all diesen Gründen bittet man um Schutz vor den Elfen und +Kobolden. Sie sind unsterblich. Sie wandeln über den Gischt des Meeres +und tanzen auf dem Rücken des Nordwindes. Bald sind sie Feuergeister, +die Schrecken bringen und sich in einen zuckenden Blitzstrahl +verwandeln; bald sind sie lockende, singende Sirenen. Bald ahmen sie +die Schalmei nach und bald tolles Hundegekläff; bald den Hahnenschrei, +bald das Wellenplätschern. Sie können sich unsichtbar machen. Sie +finden ihren Weg im Dunkeln. Wer aber durch Forschungen Herrschaft +über die Geister erlangt hat, vermag gleichfalls Stürme zu entfesseln, +die Sonne zu verdunkeln, das Meer aufzupeitschen, Bäume zu entwurzeln, +Berge zittern zu machen und Tote aus ihren Grüften zu rufen und sie +wieder zu beleben. Ein Zaubermantel ist sein. Was man auf der Erde +erblickt, gehorcht ihm. Auf seinen Wink dorrt und verwelkt alles, was +grünt; sobald er will, muß der Fels Wasser spenden und aus trockenen +Klippen sprudeln reiche Quellen. Die reißenden Wasserwogen verwandelt +er zu Brücken; die Winde gehorchen ihm. Ihm gehorchen die Ströme und +die wilden Tiere.</p> + +<p>Aber den Hexen gelingen Wunder und Untat erst, nachdem sie den +zauberischen Sud gebraut. Die Hexen haben es vom Teufel gelernt. +Sie nahmen Fett von toten Kindern, vermischt mit Epich, Wolfswurz, +Alberbaumzweigen, Ruß, Kalmus, Fünffingerkraut und Fledermausblut. +Zuweilen kochten sie einen Brei aus Kinderfleisch, Mohn, Judenkirschen +und Schierling. Sie bestrichen damit den Besen, die Ofengabel und +den ganzen Leib, setzten sich auf den Besen oder auf die Ofengabel, +murmelten die Hexenformel »Obenaus und nirgends an« und flogen zum +Schornstein hinaus. Zuweilen führte sie auch der leibhaftige Teufel +durch die Lüfte davon. Wenn die Katze miaute, das Käuzchen wimmerte, +der Igel quiekte, der Uhu ächzte und der Rabe krächzte, war die Stunde +reif. Daß die Hexen sich dieser Salbe bedienten, ist eine historische +Tatsache; daß sie wirklich<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> zum Kamin hinausflogen, ist natürlich +Unsinn. Die Salbe, mit der die Hexen sich einrieben, hatte eine +schlaferregende und betäubende Wirkung und viele Richter und Ärzte +beobachteten Hexen, die nach Anwendung der Salbe in Schlaf fielen und +nach ihrem Wiedererwachen von Schornsteinfahrten, Satansmessen und +Hexentänzen fabelten, obgleich sie sich in ihrem ohnmächtigen Schlafe +nicht von der Stelle gerührt hatten. Die Salbe hatte nur diese starken +Träume bewirkt und ausgelöst.</p> + +<p>Als Ort der Hexenzusammenkünfte war gewöhnlich ein hoher Berg +ausersehen oder eine tief in der Erde verborgene Höhle; die Gruft toter +Mörder. Auf ihrem Ritt durch die Lüfte, bedienten sie sich auch der +Harken und Böcke.</p> + +<p>Der Teufel zeichnete seine Knechte und Dienerinnen mit besonderen +Mälern, Auswüchsen und Beulen; stach man in solch ein Satansmal hinein +— die Richter taten es stets —, so gaben sie, wenn man wirklich +Teufelsmägde vor sich hatte, kein Blut von sich.</p> + +<p>Es wurde schon erwähnt, daß nicht nur das gemeine Volk von solchen +abergläubischen Vorstellungen durchsetzt war, sondern auch die +Aristokratie des Landes bis hinauf zum Könige.</p> + +<p>Alle aus jener Zeit veröffentlichten Akten, Bücher und Briefe sprechen +fortwährend von Marter, Folterbank, Hängen, Rädern, Köpfen; aber es +wird dabei nicht sehr viel Gemüt verschwendet. Stirbt jemand plötzlich, +so denkt man in den meisten Fällen an Giftmord; natürliche Ursachen +scheinen ausgeschaltet. Ein Sprichwort jener Tage lautet: »Wer mit +dreiundzwanzig Jahren nicht starb, mit vierundzwanzig nicht ertrank, +und mit fünfundzwanzig nicht gemordet wurde — muß Gott für das Wunder +danken«. Wird jemand aus nicht deutlich erkennbaren Ursachen krank +oder zeigt jemand einen besonderen Grad von Leidenschaft, so denkt man +zuerst an Zauberei. Man verachtete und verdammte zwar die Zauberer und +Zauberinnen, aber man glaubte an sie.</p> + +<p>Wenn man sich nicht vorsah, hatten einem die verschrienen Weiber, die +es mit dem Satan hielten, die schönste Krankheit<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> angehext. Sogar +Luther schrieb an den Kurfürst Johann von Sachsen: »Keine Krankheit +kommt von Gott, der gut ist und jedermann alles Gute tut, sondern kommt +vom Teufel, der alles Unglück stiftet und anrichtet.« Die Hexen, die +Wurzeln des Übels, mußten also mit Feuer ausgerottet werden, sowie +man Baumwurzeln ausrodet. Die Ärzte jener Zeit, die den behexten +Kranken weder Rat noch Heilung zu bringen vermochten, riefen in ihren +medizinischen Werken mit vereinten Kräften nach dem Henker. Sie sind +von der Teufelskraft der Hexen durchdrungen und verlangen im Namen +der ganzen Menschheit deren Tod durch Feuer und Wasser. Sie halten es +geradezu für ein Verbrechen, wenn die christliche Obrigkeit sich nicht +bemüht, diese Ungeheuer vom Erdboden zu vertilgen.</p> + +<p>Und in der Tat war ja auch der Hexenprozeß durch die immer häufiger +werdenden Anklagen wegen Zauberei endlich eine weltgeschichtliche +Einrichtung geworden; am Ebro wie am Rhein, an der Themse wie an +der Seine, in den Alpen wie an den Meeresküsten, in katholischen +wie in protestantischen Ländern loderten die Scheiterhaufen für +denselben Wahn. Im Kurfürstentum Trier allein wurden in wenigen Jahren +sechstausendfünfhundert Menschen, im Brandenburgischen zwölfhundert, +im Würzburgischen zweihundert und in Lothringen neunhundert Menschen +hingerichtet, die der Zauberei angeklagt waren.</p> + +<p>Die Grausamkeit, mit welcher die Hexen gefoltert wurden, kannte +keine Grenzen. Unter den Marterinstrumenten kommen die Presse, die +Schraube, Stricke, der Bock, das Pferd, die Leiter, das Halsband, +der spanische Kragen, der dänische Mantel, die englische Jungfrau, +die braunschweigischen Stiefel und andere fürchterliche Dinge vor, +die die Qual des Verurteilten in niederträchtig raffinierter Weise +verlängerten. Man goß ihnen siedend-heißes Öl oder auch Teer auf die +nackten Gliedmaßen, trieb ihnen Nägel unter die Fußnägel, röstete +sie mit brennenden Kerzen unter den Armen, hing sie an ihren Zöpfen +tagelang auf.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span></p> + +<p>Um die Hexen leichter zum Bekenntnis zu bringen, wurde ihnen vom +Henker die Hexensuppe gereicht: ein Getränk aus Bier, geriebenem Brot, +Hechtgalle, schwarzem Kümmel, gestoßenen Knochen verbrannter Hexen, das +Ganze stark gesalzen. Sie mußten ein Hemd aus Werg anziehen, das an +einem Tag gesponnen, gewebt und genäht worden war. Ein Amulett wurde +ihnen umgehängt.</p> + +<p>Wenn die Angeklagten wirklich Hexen waren und mit dem Satan im Bunde +lebten, so hätte er sie ja auch aus der Hand der Richter befreit, hätte +ihnen die Folter erspart und sie vom Scheiterhaufen errettet — dieser +sehr einfache Gedanke wurde von den Einsichtigen immer wieder, aber +freilich vergeblich, den verblendeten Richtern, Priestern und Bütteln +vorgehalten. Es fiel den Abergläubischen auch nie auf, daß die als +Hexen Verschrienen häufig <em class="gesperrt">alte</em>, <em class="gesperrt">arme</em> Weiber waren, was +sie ja nicht gewesen wären, wenn sie vom Teufel Jugend und Reichtum +verlangen konnten, und daß keine einzige Hexe versucht hatte, sich vor +Gericht unsichtbar zu machen, obwohl man sie doch gerade <em class="gesperrt">dieser</em> +teuflischen Kunst wegen verbrannte.</p> + +<p>In dieser Zeit, in der solche Vorstellungen aber im Schwange waren, +lebte auch die Jungfrau von Orleans und wir werden jetzt sehr viel +leichter verstehen, warum auch sie endlich dem Aberglauben ihrer +Zeitgenossen zum Opfer fallen mußte.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Johanna war am Dreikönigstage, dem 6. Januar 1412 im Dorfe Domremy, am +linken Ufer der Maas, geboren. Sie war oft Zeuge, wie sich die Kinder +ihres Dorfes für die Sache des Königs mit denen des nahen Dorfes Maxey +schlugen, das zur englischen Partei hielt. Sie wuchs still und fromm +auf, von ihrer Mutter Isabella häuslich erzogen. Ihr Vater, Jakob, +war Bauer mit einem kleinen Vermögen. Von einer jüngeren Schwester +Katharina, sowie von dem ältesten Bruder Jakob wird wenig<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> erzählt; die +beiden anderen Brüder, Johann und Peter, folgten Johanna später in den +Krieg. Ob sie als Kind die Herde gehütet, konnte sie sich später nicht +entsinnen. Wohl aber rühmte sie sich im späteren Verhör zu Rouen, daß +ihre Mutter sie nähen gelehrt habe und daß es in ganz Rouen wohl keine +Frau gäbe, die ihr darin etwas zu zeigen habe. Lesen und schreiben +konnte sie nicht; den Religionsunterricht erhielt sie allein von ihrer +Mutter. Er beschränkte sich auf das Vaterunser, das Ave Maria und +das Kredo. Alle Zeugen aus ihrem Hause rühmten ihr gutes Herz; sie +pflegte die Kranken und beschenkte die Armen. Sie war so mildtätig und +gutherzig, daß die Vögel ihr aus der Hand pickten.</p> + +<p>Daß Wundergeschichten und Legenden auf sie eingewirkt haben, ist +ziemlich sicher anzunehmen. Von einem nahen Walde bei Domremy gingen +allerlei Sagen, daß dort Feen hausten und daß sie besonders eine Quelle +bei einer Buche liebten, die man den »Baum der Damen« nannte. An ihren +Zweigen hingen die Kinder geweihte Kränze auf. Daneben lief eine alte +Prophezeiung des Zauberers Merlin durch die Lande, die besonders in +Johannas Heimat so erzählt wurde: Durch eine Frau sei Frankreich +zugrunde gegangen — gemeint war die verschwendungssüchtige, sittenlose +und intrigante Königin Isabella —, durch eine Jungfrau werde es wieder +gerettet werden.</p> + +<p>Zu alledem gesellten sich die Schrecken des Krieges; arme Flüchtlinge +kamen ins Dorf, denen Johanna ihr Bett abtrat, um selbst auf dem +Getreidespeicher zu schlafen. Einmal mußte auch Johanna mit ihren +Eltern und Nachbarn vor den wilden Kriegshorden flüchten, und als sie +zurückkehrten, war das Dorf verwüstet, ihr heimatliches Haus zerstört, +die Kirche niedergebrannt.</p> + +<p>Johanna empfand das Schreckliche und Barbarische des Krieges inniger +und schmerzvoller als die andern. Sonst merkte man ihr nichts +Außerordentliches an. Sie war nur in sich gekehrt und sehr schüchtern. +Und vielleicht war nur das eine an ihr auffällig,<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> daß sie oft zur +Kirche ging und beichtete, obwohl sie noch ein Kind war und nichts zu +beichten haben konnte.</p> + +<p>Sie war erst zwölf Jahre alt. Die bayerische Isabella hatte durch den +Vertrag von Troyes 1420 Frankreich an den König von England verraten, +indem sie Heinrich V. von England zum Erben Frankreichs einsetzte und +ihm ihre Tochter Katharina zur Gemahlin gab. Karl VI. von Frankreich +war 1422 gestorben und sein Sohn, der rechtmäßige Nachfolger, irrte, +um sein Reich betrogen, machtlos von Stadt zu Stadt und von Schloß +zu Schloß. Da war Johanna an einem Sommertag, an dem gefastet werden +mußte, mittags im Garten des elterlichen Häuschens, als sie plötzlich +einen Heiligenschein gewahrte, aus dem sie eine Stimme vernahm, die +also sprach: »Johanna, sei immer und immer ein gutes, folgsames Kind +und gehe oft zur Kirche!« Johanna erschrak sehr; die Stimme kehrte aber +öfters wieder. Der Heiligenschein nahm immer mehr körperliche Gestalt +an, bis Johanna später in der Lichterscheinung den Erzengel Michael +erkannte.</p> + +<p>Sie wuchs, wurde kräftig und schön, voll sanfter Milde und es ging +ein Zauber von ihrer Erscheinung aus, mit dem sie in der Folge den +wildesten Krieger beschämen und umwandeln konnte. Aber sie blieb +dennoch das Kind, das sie war, obwohl ihr Geist reifte und immer +hellseherischer wurde. Die Stimmen, die in ihr sprachen, wurden in +demselben Maße, wie sich das Elend des Landes steigerte, immer lauter +und eindringlicher. »Johanna!« mahnte es in ihr, »eile dem König von +Frankreich zu Hilfe und du wirst ihm sein Königreich zurückerobern.« +Und sie antwortete zitternd und zag: »Gestrenger Herr, ich bin nur ein +armes Mädchen, ich kann weder reiten, noch Reisige führen.« Die Stimme +erwiderte: »Geh zu Baudricourt, dem Hauptmann von Vaucouleurs, der wird +dich zum König führen lassen. Die heilige Katharina und die heilige +Margarete werden dir beistehen.« Da blieb sie bestürzt stehen und +weinte, als hätte sie ihr ganzes Schicksal schon vor Augen gesehen. Der +heilige Michael erschien<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> ihr aber wieder und flößte ihr Mut ein. Er +sprach zu ihr von dem Jammer, der in Frankreich laut wurde; dann kamen +die heiligen Frauen von himmlischem Glanz umgeben und sprachen zu ihr +mit rührender Stimme, daß sie in Tränen ausbrach.</p> + +<p>Und nun begann in ihrem Innern ein harter schmerzlicher Kampf, der fünf +Jahre dauerte. Das fromme, schüchterne und arbeitsame Kind sollte die +traute Heimat, die Gespielinnen der Jugend und den väterlichen Garten +verlassen; sollte nicht mehr die Stimmen der Eltern und Geschwister +vernehmen, sondern nur noch die erschütternden Stimmen der Heiligen. +Das Kind, das bei jedem Wort, das ein Mann zu ihm sprach, errötete, +sollte in das wilde Kriegsgetümmel, sollte sich unter die rauhen +Soldaten mischen, unter diese wilden, groben, ungebildeten Leute, +die mit schreiend bunten Gewändern und mit dreister Rede prahlten, +die nur danach trachteten, so trunken als möglich zu sein und sich +reichste Beute zu sichern. Und vor allem mußte Johanna, um den inneren +Stimmen zu folgen, dem geliebten Vater ungehorsam werden, der, als +er zum ersten Male von Johannas Vorhaben hörte, zornig in die Worte +ausbrach: »Wenn ich glauben könnte, daß sie so etwas täte, würde ich +sie mit meinen eigenen Händen ertränken.« Er fürchtete um sein Kind, +weil er wußte, daß man nicht an ihre inneren heiligen Stimmen glauben, +sondern sie bald für eine Teufelshexe erklären würde. Und wir wissen ja +nun, welch ein Los ihrer als Hexe in der damaligen Zeit harrte. Aber +das alles half nichts. Die Stimmen drängten sie immer mächtiger zum +Schlachtfelde.</p> + +<p>Um sie von ihrem Gedanken abzubringen, griffen die verzweifelten Eltern +zu einer List. Man wollte sie durch eine Heirat zur Vernunft bringen. +Ein junger Mann aus dem Dorfe fand sich bereit, zu erklären, sie habe +ihm, als sie noch klein war, die Ehe versprochen, und da Johanna es +natürlich ableugnete, ließ er sie vor das Kirchengericht nach Toul +berufen; man glaubte, daß sie nicht wagen würde, sich zu verteidigen +und sich lieber zur<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> Heirat verurteilen lassen würde. Aber man irrte +sich. Sie erschien vor Gericht, verteidigte sich und gewann ihre +Freiheit.</p> + +<p>Die Angehörigen widersetzten sich noch immer ihrem Entschlusse. Aber es +war ihr inzwischen gelungen, ihren Onkel von ihrer himmlischen Sendung +zu überzeugen. Und er nahm sie mit sich in sein Dorf Petit-Burey +(Burey-la-Côte), das eine Stunde von Domremy entfernt war, und gab an, +seine Frau bedürfe der Pflege Johannas. Die Eltern wußten zunächst noch +nichts von dem festen Entschlusse der Tochter, denn sie hatte sich nur +von einer kleinen Kameradin verabschiedet. »Und hätte ich hundert Väter +und hundert Mütter gehabt und wäre ich eine Königstochter gewesen — +da Gott es mir gebot, <em class="gesperrt">mußte</em> ich fort,« antwortete sie später +ihren Richtern in Rouen. Von ihrem Oheim ließ sich Johanna nun nach +Vaucouleurs zu dem Ritter Baudricourt führen, mit dem sie am 23. Mai +1428 zusammentraf. Sie wußte vorher, daß er sie abweisen würde; ihre +»Stimmen« hatten ihr gesagt, daß es ihr erst zum dritten Male gelingen +würde, sich Gehör zu verschaffen.</p> + +<p>Baudricourt war ein rauher Degen, der von niemand sonst Hilfe erhoffte, +als von seiner Waffe. Er wußte nicht, was er sagen sollte, als in +ihrem groben, roten Dorfkleide das Bauernmädchen vor ihm stand, und +das nun mit fester Stimme erklärte, sie komme von ihrem Herrn gesandt, +um dem Dauphin zu melden, daß dies Königreich des Herrn sei, daß +aber der Dauphin zum König bestimmt sei und daß sie ihn würde salben +lassen. Hauptmann Baudricourt lachte sich eins und gab dem Onkel +den Rat, Johanna mit ein paar tüchtigen Ohrfeigen zu ihren Eltern +zurückzuschicken.</p> + +<p>Der Sommer verging und der Herbst und der Januar 1429 kam heran. +Johanna beklagte sich: »Und doch muß ich noch vor Mitfasten bei dem +Dauphin sein, müßte ich mir auch, um zu ihm zu kommen, die Beine bis zu +den Knien ablaufen. Denn für ihn gibt es keine andere Hilfe als mich, +obgleich ich lieber bei meiner<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> armen Mutter am Spinnrocken bliebe; +denn das ist ja nicht eigentlich meine Arbeit. Aber ich muß gehen und +es verrichten, denn mein Herr will es.«</p> + +<p>Allmählich ward das Volk von Johannas frommem Gottvertrauen bewegt +und begeistert. Zwei Edelleute, Ritter de Metz und der Schildknappe +Bertrand de Poulengy hatten sich ebenfalls Johanna angeschlossen. +Baudricourt hatte inzwischen von Karl, der in Chinon weilte, die +Genehmigung erhalten, Johanna ins Feld zu schicken. Das Volk drängte +immer heftiger und als die Gottgesandte endlich noch die Niederlage +bei Rouvray auf den bestimmten Tag vorausgesagt hatte, ließ er sie mit +einem recht schlechten Schwert abziehen. Außer den beiden Edelleuten +begleiteten sie noch zwei Bogenschützen, des Königs Bote und ihr Bruder +Peter. Die Bürger von Vaucouleurs steuerten sie aus und ihr Onkel +kaufte ihr ein Pferd.</p> + +<p>So ritt sie etwa am 20. Februar 1429 fort, mitten in das von den +Kriegsbanden unsicher gemachte Land hinein, nachdem sie vorher ihre +Eltern brieflich noch einmal um Verzeihung gebeten hatte.</p> + +<p>Mit ruhiger Heiterkeit durchzog sie das wüste Land. Sie trug nun +männliche Kleidung, um sie nie wieder abzulegen. Und dennoch schien +sie anmutig und mädchenhaft. Sie bewahrte ihre kindliche Einfalt und +Frömmigkeit und hielt in jedem Städtchen an, um die Messe zu hören. +Manchmal sank den Begleitern der Mut oder sie verloren die Geduld +ob der Gebetsverzögerungen; aber Johanna wußte sie immer wieder zu +trösten. Sie überschritt endlich die Loire und kam am 6. März in +Chinon an, wo der König in seinem weitläufigen Schlosse Hof hielt. Man +zögerte zwei Tage lang, ehe man sie empfing; der König glaubte, sich +lächerlich zu machen. Seine Lage war freilich eine verzweifelte, aber +einem Bauernmädchen die Führung des Krieges zu überlassen, war doch +eine Selbstverspottung in den Augen Europas. Aber gesetzt auch, sie +konnte Wunder tun, wer bürgte dafür, daß<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> Gott mit ihr im Bunde war? +Vielleicht war es der Böse? Nein, die Geschichte war zu unglaublich. +Der Erzbischof von Reims hatte die stärksten Bedenken. Aber am 9. März +empfing sie der Dauphin dennoch.</p> + +<p>Es war Abend, und fünfzig Fackeln erleuchteten den prunkenden Saal. +Alle Edlen und Ritter waren versammelt. Jeder war neugierig, das +Wunder zu sehen. Sie trat bescheiden ein und erstaunte keineswegs +ob der glänzenden Menge. Sofort erkannte sie den König, der sich +unter die Ritter gemengt hatte, um unerkannt zu bleiben und obwohl +er anfangs geleugnet hatte, daß er der König sei, umfaßte sie seine +Knie und sprach: »Edler Dauphin, mein Name ist Johanna, die Jungfrau. +Der König der Himmel offenbart Euch durch mich, daß Ihr in der Stadt +Reims gesalbt und gekrönt werden sollt und daß Ihr der Statthalter des +Königs der Himmel, der da ist der König von Frankreich, sein werdet.« +Der König nahm sie zur Seite und nach einer kurzen Unterhaltung hatte +sie ihm die geheimsten Gedanken seines Herzens offenbart. Trotzdem +mißtraute man ihr und ließ sie von Professoren der Theologie einem +Verhör unterwerfen. Der eine fragte sie: »Wozu braucht Gott denn +Kriegsleute, wenn er Frankreich erretten will?« Sie antwortete +ruhig: »Die Kriegsleute werden sich schlagen, und Gott wird den Sieg +verleihen.« Ein anderer Theologe, der einen häßlichen Dialekt sprach, +fragte: »In welcher Sprache reden denn deine Stimmen?« und Johanna +gab schlagfertig zurück: »In einer besseren als die Eure.« »Gott will +nicht, daß man dir ohne Zeichen glaube,« rief ein Dritter zornig aus. +Johanna sagte: »Ich bin nicht gekommen, um Zeichen und Wunder zu tun; +mein Zeichen wird sein, daß ich die Belagerung von Orleans aufhebe.«</p> + +<p>Man konnte nicht fertig mit ihr werden und ließ sie in Ruhe. Es war +auch kein Augenblick mehr zu verlieren, denn die Gefahr hatte ihren +Gipfel erreicht. Man entschloß sich nun, die Jungfrau auszurüsten. Sie +verlangte ein Schwert, das sie genau<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> beschrieb und das, wie sie angab, +hinter einem Altare gefunden wurde. Ihr militärisches Gefolge bestand +aus dem Schildknappen Ritter Jean d'Aulon, dem Pagen Immergut, zwei +Herolden, einem Hausmeister und zwei Dienern. Zum Feldpriester wählte +sie sich den Augustinermönch Jean Pasqueral. Ihr Bruder Peter blieb bei +ihr.</p><br> + +<figure class="figcenter illowp100" id="illu-107" style="max-width: 62.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-107.jpg" alt="bild"> +</figure> + +<p class="p2">Jetzt verabschiedete sie sich vom König. In Tours ließ sie sich noch +eine Fahne malen, wie ihre »Stimmen« sie ihr beschrieben hatten: +Lilien auf der einen Seite, auf der anderen Gott, auf einem Regenbogen +thronend. Und nun zog sie in den Kampf.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Des Weges unkundig, hatte sie sich der Führung der Kriegshauptleute +überlassen. Sie zogen auf dem linken Ufer der Loire nach Orleans. +Am 29. April erblickte Johanna zum ersten Male die Türme der Stadt. +Im nahen Schlößchen Reuilly rastete<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> Johanna bis zum Abend. Und am +selben Abend acht Uhr, Freitag, den 29. April, zog Johanna durch das +burgundische Tor in Orleans ein. Sie war noch nicht siebzehnundeinhalb +Jahre alt. Die ganze Stadt war ihr entgegengegangen. Ihr Schildknappe, +die Fahne tragend, schritt voran und neben Johanna, die in voller +Rüstung auf weißem Rosse saß, schritt ihr Page Immergut. Links von +ihr ritt der königliche Vetter Graf Dunois, der Bastard von Orleans, +und hinter ihr kamen ihre Brüder; Herren und Ritter folgten, Knappen, +Hauptleute, Schöffen der Stadt. Freudetrunken umringte sie das Volk, +das mit Fackeln ihren Weg beleuchtet hatte. Männer, Frauen und Kinder +drängten sich an sie heran, um sie zu berühren.</p> + +<p>Die belagerte Stadt jubelte, als sei sie bereits entlagert; eine +himmlische Beruhigung senkte sich auf alle Gemüter. Nach sieben Monaten +des Kampfes war dieser liebliche Engel erschienen, um ein Wunder zu +vollbringen. Denn die Engländer, von dem Ereignis ganz bestürzt, +hielten sich in ihren Bastillen verschanzt. Sie sahen dem Zuge der +Jungfrau wie betäubt zu und wagten keinen Angriff.</p> + +<p>Am folgenden Morgen eilte sie zum Bastard und verlangte den Sturm auf +die englischen Verschanzungen; aber der Kriegsrat folgte ihr nicht. +Von der Brücke aus ruft sie nun den drüben verschanzten Engländern zu, +sich zu ergeben, aber die lachen die Jungfrau nur aus, obwohl sie im +geheimen Angst haben vor der »Zauberin«.</p> + +<p>Und jetzt beginnt ein wütender Kampf. Eine Schlacht nach der andern +wird geschlagen, ein Sturm nach dem andern wird gelaufen. Und Johanna, +das kaum achtzehnjährige Mädchen, ist stets die mutige Anführerin, der +Feldherren und Soldaten blindlings folgen. Vom 2. bis 5. Mai ist sie +fast immer im Felde, immer in der Rüstung und zu Roß; nur ab und zu +wirft sie sich nieder, um inbrünstig um Sieg zu beten und eine kleine +Weile zu ruhen. Und am 6. Mai endlich ist der Sieg zu Gunsten der<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> +Franzosen entschieden. Von den etwa achthundert Engländern sind kaum +zweihundert übrig, während die Franzosen nur geringe Verluste erlitten +haben. Aber als die letzte Schlacht, die dreizehn Stunden gedauert hat, +glücklich vorüber ist, vergießt Johanna Tränen des Glücks über den Sieg +und Tränen des Mitleids mit den Gefallenen, die ohne Beichte starben. +Nun begann der Triumphzug in die Stadt. Glocken läuteten, Trompeten +schmetterten Siegesfanfaren, Jubelgeschrei erhob sich, Segenswünsche +wurden laut. Die Jungfrau wurde in die Wohnung geleitet, wo sie zu +Gaste war. Ein großes Festmahl war ihr gerüstet, aber sie nahm nur +einige Brotschnitten zu sich, die sie in weinvermischtes Wasser tauchte.</p> + +<p>In der Nacht räumten die Engländer noch die letzten Bastillen. Am +folgenden Morgen verkündeten die Turmwächter, daß sich das feindliche +Heer auf dem Felde in Ordnung stelle. Johanna und der Bastard von +Orleans eilten mit ihren Truppen hinzu. Man fragte Johanna, was man +tun solle. »Die Messe hören,« antwortete sie. Sie ließ einen Tisch +bringen, den sie zum Altar schmückte, und der Gottesdienst begann. Als +er zu Ende war, fragte Johanna, wohin die Engländer den Kopf wendeten. +»Nach Meung zu,« war die Antwort. »Beim Namen Gottes,« sagte nun die +Jungfrau, »sie ziehen ab; laßt sie ziehen; wir wollen dem Himmel +danken und sie nicht weiter verfolgen, denn es ist heute Sonntag.« In +patriotischer Stimmung beschlossen die Bürger und Frauen der Stadt den +denkwürdigen Tag durch eine feierliche Prozession.</p> + +<p>Das eine Gebot der himmlischen Stimmen, Orleans zu befreien, war nun +erfüllt. Es blieb ihr noch das andere: den König nach Reims zu führen +und ihn zu krönen.</p> + +<p>Am 10. Mai verließ sie Orleans und ging nach Loches, wo der König +weilte, um ihn zu dem Zuge nach der Krönungsstadt zu drängen. Aber sie +stieß auf Widerstand, der allerdings berechtigt war. Denn die Engländer +hatten noch eine Menge<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> Plätze an der Loire besetzt, aus denen sie erst +hätten vertrieben werden müssen. Die Jungfrau fügte sich dem neuen +Kriegsunternehmen und begann den Feldzug an der Loire.</p> + +<p>Am 12. Juni fiel <em class="gesperrt">Jargeau</em>. Der Herzog von Alençon zögerte mit +dem Sturm; es sei noch nicht Zeit, meinte er. »Es ist immer Zeit,« +antwortete Johanna, »sobald es Gott will. Aber hast du Angst, artiger +Herzog? Weißt du nicht, daß ich deiner Frau versprochen habe, dich +unverletzt heimzuführen?« Solcher Rede widerstand er nicht, und so +wurde Jargeau gestürmt. Johanna versöhnte auch die königliche Partei +mit dem am Hofe verhaßten mürrisch-stolzen Konnetabel Artus de +Richemont, der der Jungfrau erst hatte geloben müssen, treu dem Könige +zu dienen. Mit seiner Hilfe wird <em class="gesperrt">Beaugency</em> bei Blois am 17. Juni +genommen. Jetzt verlassen die Engländer auch Meung und am 18. Juni +werden sie bei Patay in der Beauce so gründlich geschlagen, daß die +Loire von jetzt an für immer von ihnen befreit bleibt. An demselben +Tage wurde auch der mächtige englische Feldherr Talbot gefangen.</p> + +<p>Während man sich der reichen Herren bemächtigte, um ein bedeutendes +Lösegeld zu gewinnen, wurde das arme Kriegsvolk einfach +niedergemetzelt. Etwa zweitausend Tote bedeckten das Schlachtfeld, und +Johanna brach, beim Anblick so vieler Leichen, in Tränen aus. Trotz +allem war sie ein Kind geblieben; die Kriegsgreuel hatten ihr Herz +nicht verhärtet. Ein französischer Soldat hieb neben ihr unbarmherzig +einen armen Engländer nieder, der ihn um Gnade anflehte. »O du böser +Franzose,« rief Johanna erschüttert aus, sprang vom Pferde, richtete +den Verwundeten auf, pflegte und tröstete ihn und erleichterte ihm +seine Sterbestunde.</p> + +<p>Und nun unternimmt sie den Triumphzug nach Reims. Die Höflinge setzten +ihrem Plane zwar noch immer Widerstand entgegen und rieten, man müsse +erst noch dieses Städtchen nehmen, dann jenes; müsse die Normandie erst +vom Feinde säubern;<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> aber Johanna beharrte auf ihrem Entschluß, den +König vor dem Volke zu weihen. Das Volk selbst, das von den Wundertaten +der Jungfrau begeistert war, riß den König mit fort und drängte ihn +endlich, in den Zug nach Reims zu willigen. Johanna war nach Orleans +geeilt, um neue Truppen zu sammeln, aber als sie zum königlichen Hof +nach Gien zurückkehrte, war man dort schon wieder unschlüssig geworden. +Die Höflinge fürchteten sich vor jedem Mauerloch, in dem man ein paar +Engländer vermutete. Aus Verdruß über diese armseligen Menschen verließ +sogar Johanna den Hof und blieb zwei Tage außerhalb der Stadt. Nur +eins entschuldigte die Feigheit des Hofes: es war kein Geld in der +königlichen Schatzkammer. Aber Volk und Ritter waren so entflammt, +daß sie erklärten, auf ihre eigenen Kosten ins Feld ziehen zu wollen, +wenn Johanna sie anführe. Nun mußte der Hof sich fügen und zog in die +Richtung nach Reims. Am 5. Juli kam man vor der Stadt <em class="gesperrt">Troyes</em> +an, die sich weigerte, die Tore zu öffnen oder gar auf die Briefe +des Königs und der Johanna hin, sich zu ergeben. Die ängstlichen +königlichen Räte machten wieder den Vorschlag, sich an die Loire +zurückzuziehen. Aber Johanna flehte den König an, sich nur drei Tage zu +halten; in dieser Frist verspreche sie ihm, die Stadt entweder durch +Liebe oder durch Waffen zu gewinnen. Man rüstete zum Angriff, der keine +drei Tage dauerte. Die Waffentaten von Orleans hatten ihre Wirkung auf +die Bürger von <em class="gesperrt">Troyes</em> nicht verfehlt. Sie verlangten nur freien +Abzug mit ihrer ganzen Habe. Der König gewährte das, dachte aber nicht +an die Gefangenen, die die Troyesjeser auch mit fortschleppen wollten. +Johanna war die einzige, die an diese Franzosen dachte, und sie setzte +auch am 9. Juli ihre Befreiung durch.</p> + +<p>Und von nun ab gleicht der Zug in der Tat einem Triumphzuge. +<em class="gesperrt">Chalons</em>, von der Jungfrau aufgefordert, sich dem Könige des +Himmels und dem Dauphin Karl zu ergeben, öffnet am 14. Juli seine +Tore, und alle übrigen Festungen unterwegs<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> tun das gleiche. Aus der +Champagne und den Grenzorten eilt das Volk herbei, darunter Bürger +aus Domremy, die Johanna freudig begrüßten. Ahnungsvoll sagt ihnen +Johanna: »Ich fürchte nichts, als den Verrat.« Wieder ist der Hof +voller Besorgnis; es fehlt an Geld, es fehlen Geschütze, um Reims zu +nehmen. »Fürchtet nichts,« sagt Johanna zum Dauphin; »die Bürger werden +sich Euch ergeben, noch ehe Ihr ankommt und Euch entgegengehen.« Und +es war so gekommen, wie sie es in ihrem unbegrenzten Gottvertrauen +vorausgesagt hatte. Die Bürger schickten die Ältesten und Vornehmsten +dem Dauphin entgegen, und am Abend des 16. Juli zog Karl in Reims ein. +Eine wundersame Rührung überkam Johanna. »Wenn ich sterben soll,« +rief sie, »wäre ich recht glücklich, wenn man mich hier begrübe.« »Wo +glaubst du einmal zu sterben?« fragte sie der Erzbischof. »Wo es Gott +gefallen wird,« gab sie zurück; »ich möchte gern, daß es ihm gefiele, +mich wieder heimziehen zu lassen zu meiner Schwester und zu meinen +Brüdern; sie wären so froh, mich wiederzusehen. Ich habe wenigstens +getan, was unser Herr mir geboten hat.«</p> + +<p>Am folgenden Tage, dem 17. Juli, wurde der König nach der uralten +Zeremonie in der Kathedrale mit dem heiligen Öl gesalbt. Der Prunk +war überwältigend, und die Volksmenge, die herbeigeströmt war, eine +ungeheure. Während der ganzen Feierlichkeit stand Johanna in ihrer +Rüstung am Altar neben dem König, ihre Gottesfahne in der Hand. Als +der König gesalbt war, warf sich Johanna vor ihm nieder, umarmte seine +Knie und weinte bitterlich, und alles Volk weinte mit ihr. »O König,« +rief sie, »nun ist der Wille Gottes geschehen, der da wollte, daß ich +Orleans befreite und Euch in Eure Stadt Reims führte, um das heilige +Öl zu empfangen, zeigend, daß Ihr der wahre König seid, und Euch das +Königreich Frankreich gehören soll.«</p> + +<p>In Reims sah Johanna auch ihren Vater wieder, der mit den andern +herbeigeeilt war, sein Kind, das er abgöttisch liebte, zu umarmen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span></p> + +<p>Aber was sollte sie nun, nachdem sie ihre Aufgaben erfüllt sah, tun? +Sie blieb in den Diensten des Königs, obwohl die inneren Stimmen +aufgehört hatten, zu sprechen. Sie dachte an ihr baldiges Ende, denn +sie trug ihrem Beichtvater auf, den König zu bitten, wenn sie gestorben +sein werde, Kapellen für diejenigen zu bauen, die für ihr Vaterland ihr +Leben gelassen hatten. Das Wiedersehen Johannas mit ihren Eltern und +Geschwistern hatte in ihr auch die mächtige Sehnsucht erweckt, in die +Heimat zurückzukehren. Aber der König, der ihr so viel zu danken hatte, +wollte sie nicht entlassen. Dazu kam der Rausch des Sieges und die +Hoffnung, den Krieg rasch zu beenden. Alle Städte, vor denen der König +erschien, öffneten ihm freiwillig ihre Tore. Es schien fast, als ob es +keinen Engländer mehr in Frankreich gäbe.</p> + +<p>Da kam plötzlich die erste Niederlage, und der Verrat an der Jungfrau.</p> + +<p>Im August war der König mit dem Heere auf Paris losmarschiert; aber +durch einen heimlich geschlossenen Vertrag hatte Karl VII. selbst den +Sieg der Jungfrau gelähmt und ihr Leben preisgegeben. Am 28. August +hatte der König mit den Burgundern einen Waffenstillstand auf vier +Monate abgeschlossen. Johanna wurde von trüben Ahnungen erfüllt, als +ihr im Lager vor Paris ihr geweihtes Schwert zerbrach; es war ihr, als +ob Gott ihr damit ein Zeichen geben wollte, daß ihr Streiten im Dienste +Frankreichs beendet sei. Trotzdem fand am 8. September ein Sturm auf +Paris statt; es war das Geburtsfest der Jungfrau Maria. Die Franzosen +wurden aber zurückgeworfen, und Johanna am Schenkel verwundet. Nun +erhoben all die Zauderer und Feiglinge, die nur widerwillig Johanna +gefolgt waren, ihre Stimmen, und der König hörte nur zu gern auf sie. +Das Heer verließ die Provinz und zog sich an die Loire zurück. Das +Drängen und Flehen der Jungfrau war umsonst. Nun hing sie ihre Rüstung +unmutig vor den Reliquien der Abtei zu St. Denis auf und folgte dem +Könige.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span></p> + +<p>Das war kein kriegerischer Heerzug mehr; der Rückzug glich einer +unordentlichen Flucht. Ende September kam der König in Bourges an; dort +heilte Johanna ihre Wunde. Jeden Morgen ging sie zur Frühmesse, Gott um +neuen Sieg anflehend.</p> + +<p>Der Herzog von Alençon brannte darauf, sein Herzogtum in der Normandie +wiederzugewinnen; er rüstete sich und bat den König, ihm die Jungfrau +zu schicken, denn viele, die sonst gern mit ihm zogen, würden sich +nicht von der Stelle rühren, wenn die Jungfrau nicht mitginge. Aber +der engherzige und ehrgeizige falsche Erzbischof von Reims und mehrere +Herren, die den Hof regierten, verwarfen den Vorschlag. Die Loire +stromaufwärts waren noch einige Städte in den Händen der Burgunder; +gegen diese willigte man ein, die Begeisterung Johannas zu benutzen. +Es gelang ihr auch, fast schon von allen verlassen, im November die +fliehenden Truppen zum Sturm auf St. Pierre-le-Moustier zu führen und +den Platz zu nehmen. Aber die Belagerung von La Charité mißlang »zum +großen Mißfallen der Jungfrau«. Kurz darauf, Anfang Dezember, versetzte +der König die Jungfrau, ihre Eltern, ihre Brüder und deren Nachkommen +unter dem Namen <em class="antiqua"><em class="gesperrt">Du Lis</em></em> in den Adelstand. Johanna war +nicht eitel, und ihre Erhebung in den Adel befriedigte nicht ihren +Tatendrang, machte die Vorwürfe der Tatenlosigkeit nicht verstummen.</p> + +<p>Endlich am 28. März, des trägen Wartens am Hofe überdrüssig, reiste +Johanna heimlich ab, ohne vom König Abschied zu nehmen und ging nach +Ligny. Ihre Seele war krank vor Trauer, denn bald nachher hatte +sie eine Erscheinung, die ihr Böses weissagte. Die innere Stimme +verkündigte ihr, daß sie noch vor dem Johannisfeste in die Hände des +Feindes fallen würde; daß dies unvermeidlich wäre; daß sie darüber +aber nicht erschrecken, sondern im Gegenteil dieses Kreuz dankbar aus +der Hand Gottes hinnehmen sollte, da ihr Gott auch die Kraft geben +würde, es zu tragen. Johanna flehte zu ihren Heiligen, sie möchten Gott +bitten, ihr die Schmerzen einer langen Gefangenschaft zu ersparen<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> und +sie durch einen schnellen Tod in sein heiliges Paradies aufnehmen zu +wollen. Aber die Heiligen offenbarten ihr nichts weiter; Geduld und +Schickung in ihr Los rieten ihr die Stimmen. Johanna vertraute ihre +Ahnungen keinem an.</p> + +<p>Der unglückselige Tag nahte heran. Es war am 23. Mai 1430. Der Herzog +von Burgund belagerte Compiègne an der Oise, das sich für Karl VII. +erklärt hatte. An diesem Tage hatte sich Johanna in die Stadt geworfen +und machte einen Ausfall. Anfangs wichen die Belagerer, dann aber +sammelten sie sich wieder und trieben die Belagerten in die Stadt +zurück. Die Jungfrau war zurückgeblieben, um den Rückzug zu decken. +Als sie in die Stadt wollte, war das Tor schon geschlossen. Sie wurde +von den nachdringenden Feinden erkannt, ein Pikarder Bogenschütze riß +sie vom Pferde. Der Bastard von Vendôme ergriff sie und verkaufte sie +an Johann von Ligny, einen Lehnsmann des Burgunderherzogs. Sie war +nun Kriegsgefangene und nach dem Kriegsrecht unverletzlich, noch dazu +als Jungfrau dem besonderen Schutze der Ritter anvertraut. Aber man +achtete weder Gesetz, noch Recht, noch Sitte. Das feindliche Lager +jubelte ausgelassen und um die arme Johanna begann ein unerhörter +Judasschacher. Sie war verraten, und sie sollte nun den Schmerz, als +Jungfrau in Feindeshand zu sein, bis zur bitteren Neige auskosten.</p> + +<p>Allerlei politische Streitigkeiten, allerlei niedrige Interessen um +Länderbesitz ließen es den englischen Bischöfen und besonders dem +ehrgeizigen Kardinal von Winchester als wünschenswert erscheinen, +die Jungfrau von Orleans als eine Hexe, die mit dem Teufel im Bunde +stand, anzuklagen. Glückte es, diese Klage durchzufechten, so stand +ihr jenes fürchterliche Los bevor, das wir eingangs dieser Schilderung +dargestellt haben. Ein dienstwilliges Werkzeug bot sich in dem Bischof +Cauchon von Beauvais dar, den seine Bürger 1429 bei Karls Triumphzug +vertrieben hatten, und der nun Rache nahm, indem er sich mit Leib und +Seele den Engländern ergab, um die Jungfrau zu Fall zu bringen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span></p> + +<p>Schon am 26. Mai ging auf Betreiben Winchesters vom Inquisitionsgericht +eine Aufforderung an den Herzog von Burgund, die Jungfrau als +der Zauberei verdächtig auszuliefern. Dieselbe Aufforderung kam +gleichzeitig von der Pariser Universität. Und am 12. Juni verkündigte +ein königlicher Brief an die Universität, daß der Bischof Cauchon und +der Inquisitor den Prozeß gemeinschaftlich führen würden. Jean de Ligny +hielt Johanna auf einem seiner Schlösser verborgen und Cauchon bot nun +für ihre Auslieferung zehntausend Frank, »so viel, wie man für einen +König oder einen Fürsten gibt«.</p> + +<p>Johanna sah mit Schaudern und Schrecken der Auslieferung an die +Engländer entgegen. Sie bat ihre Schutzheiligen um Rat, aber die +Stimmen gaben ihr nur die Antwort, daß sie leiden müsse. Zum ersten +Male wurde sie nun ihren »Stimmen« ungehorsam und wollte fliehen. +Sie sprang aus dem Turme und blieb halbtot liegen. Man hob sie auf, +die Damen von Ligny pflegten sie; aber zwei Tage lang aß sie nichts; +sie wollte sterben. Die Gemahlin de Lignys warf sich ihrem Gatten +zu Füßen und beschwor ihn, sich durch die Herausgabe Johannas nicht +für ewig zu entehren. Aber der Elende hatte schon das Blutgeld der +Engländer empfangen und lieferte Johanna im Oktober seinem Lehnsherrn, +dem Herzog von Burgund, aus. Der führte sie erst nach Arras, dann in +den befestigten Turm von Crotoy. Hier sah sie das Meer, an dessen +jenseitigem Ufer die Küste von England war. Ein gefangener Priester las +hier jeden Morgen die Messe vor ihr, und sie betete inbrünstig.</p> + +<p>Eines Tages verkündigte sie, daß ihr der Erzengel die Befreiung von +Compiègne auf den 1. November angezeigt habe. Und so traf es auch ein. +Der Herzog von Burgund war selbst geschlagen worden. Diese Niederlage +reizte seinen Stolz, und in seinem Zorn entschloß er sich, die Jungfrau +an die Engländer auszuliefern.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Johanna, noch nicht neunzehnjährig, mußte nun, sobald sie sich in +den Händen ihrer Todfeinde befand, ihr Leben als abgeschlossen +betrachten. Was ihrer nun wartete, war namenlose Qual, Verkennung, +Schande, Hohn und grausamer Tod. Sie mußte ihre Sehnsucht nach der +Heimat ersticken, alle Wünsche des jungen Herzens töten; denn jetzt +umgaben sie die Mauern von Rouen, woraus ein Entrinnen unmöglich war. +Sie, vor der sich das Königshaus und alle Prinzen verneigten, die mit +jauchzender Begeisterung vom Volke vergöttert wurde, war nun den rohen +Beschimpfungen der Priester und den Quälereien der Gefangenwärter +ausgesetzt. Anfang Dezember 1430 war sie in dem festen Turm des +Schlosses von Rouen eingekerkert worden, und ein Schlosser hatte vor +Zeugen erklärt, er hätte Befehl erhalten, einen engen, eisernen Käfig +für Johanna zu schmieden, worin sie an Hals, Händen und Füßen gefesselt +lag und wo sie bis zum Beginn ihres Prozesses liegen mußte. Später +hatte sie am Tage die Füße in eisernen Fesseln, die durch eine Kette +an einem Holzklotz befestigt waren. Nachts wurden diese Fesseln noch +vermehrt; eine besondere Kette umschloß noch ihren Leib.</p> + +<p>Man hatte anfangs versucht, sie als Hexe und Zauberin zu richten, +aber die Juristen von Rouen fanden die Angaben, obwohl der feindliche +Cauchon sie gemacht hatte, nicht genügend. Man eröffnete gegen sie +nun einen Prozeß wegen Ketzerei. Der treibende böse Geist dieser +Verhandlungen blieb Winchester, der Universität und Richter immer von +neuem anstachelte. Johanna war unrettbar verloren, und König Karl, dem +sie alles geopfert und alles gegeben, dem sie Sieg über Sieg und die +Krone geschenkt hatte, tat nicht das geringste, um sie zu erretten. +Nicht das geringste! Endlich, am 21. Februar, wurde Johanna vor ihre +Richter geführt. Sie zeigte sich hier, wie damals im Verhör von +Poiters, unerschrocken, verständig, fromm, unschuldig und kindlich. +Der Bischof ermahnte sie, ohne Ausflüchte die Wahrheit zu sagen; sie +entgegnete aber, sie werde nur auf Fragen antworten,<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> über die sie +sprechen könne. Am 22. und 24. Februar drang man aufs neue in sie; +endlich versprach sie, zu sagen, was sie über ihren <em class="gesperrt">Prozeß</em> +wüßte, aber nicht alles, was sie wüßte. Das Verhör und die Qual +Johannas gestalteten sich zu einem herzergreifenden und erschütternden +Drama. Sie bat, daß man ihr wenigstens die Fußfesseln abnehmen möchte, +aber man entgegnete ihr, das sei deshalb unmöglich, weil sie öfters +versucht habe, zu entfliehen. »Das habe ich wohl getan,« sagte sie, +»aber das ist jedem Gefangenen erlaubt. Und würde ich entrinnen können, +so dürfte man mich keiner Unredlichkeit zeihen, denn ich habe nichts +versprochen.«</p> + +<p>Sie wurde über tausend Dinge ausgefragt, die gar nichts mit ihrem +Prozeß zu tun hatten, und Johanna gab stets freimütige und furchtlose +Antworten; alle boshafte Arglist wurde zu Schanden vor der Einfalt +ihres kindlichen Gemütes. Die Richter wurden zuletzt ergriffen von +der rührenden Gewalt dieser Unschuld, die weder lesen noch schreiben +gelernt hatte und trotzdem den Gelehrten Antworten gab, über die sie in +höchstes Staunen gerieten. Cauchon merkte, daß das ungünstige Urteil +über sie wankend zu werden begann, und er zog es deshalb vor, nicht +mehr im Saale des Schlosses zu verhandeln. Statt dessen ging er vom 10. +bis 17. März in ihr Gefängnis, um dort im Beisein von zwei Zeugen und +zwei Beisitzern die peinigenden Verhöre fortzusetzen.</p><br> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span></p> + +<figure class="figcenter illowp51" id="illu-119" style="max-width: 72.6875em;"> + <img class="w100" src="images/illu-119.jpg" alt="bild"> +</figure> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span></p> + +<p class="p2" >Schon am Anfang des Prozesses hatte ein Ehrenmann, der Jurist Jehan +Lohier, der gegen das Ungesetzliche des Prozesses protestiert hatte, +fliehen müssen, um dem Tode zu entgehen. Es kam also in diesem Prozeß +gar nicht darauf an, Recht und Unrecht zu prüfen, sondern Johanna in +jedem Falle zu <em class="gesperrt">verurteilen</em>. Denn der schlimmste Vorwurf, den +ihre Richter ihr zu machen hatten, war der, daß sie selbst im Kerker +Mannestracht trug, die die Kirche bei Frauen als sündhaft verwarf. Das +junge Mädchen aber schämte sich, zu sagen, daß sie diese Tracht +nur zum Schutze vor den brutalen englischen Soldaten trug, die +ihren Kerker bewachten, und denen Johanna ja auf Gnade und Ungnade +ausgeliefert war. Ihr letzter Trost im Kerker war ihr Beichtiger +Loyseleur. Er hatte sich für einen Anhänger Karls VII. ausgegeben und +hatte allmählich das ganze Vertrauen Johannas gewonnen. Aber als Rat +abgehalten wurde, ob man die Jungfrau der Folter unterwerfen solle, +rieten nur drei Männer zu dieser Grausamkeit, und einer dieser drei +Schufte war ihr Beichtvater Loyseleur.</p> + +<p>Unter solchen Martern und Leiden brach für Johanna die Osterwoche an. +Der heiligste Tag des Mittelalters, der Ostersonntag, wurde von den +fünfhundert Glocken Rouens festlich eingeläutet. Durch die Straßen der +Stadt rauschte Leben und Lärm, während die Retterin des Landes und des +Königs einsam und verlassen angeschmiedet im Kerker schmachtete. Der +Bischof hatte ihr einen Fisch geschickt, durch dessen Genuß sie heftig +erkrankte. Sie hielt sich für vergiftet. Der Hauptmann der Stadt geriet +darüber in heftige Unruhe. »Der König möchte um nichts in der Welt, daß +sie eines natürlichen Todes stürbe,« sagte der grausame Soldat; »der +König hat die Jungfrau gekauft, sie kostet ihn genug. Sie soll durch +die Justiz sterben, soll durch Feuer oder Wasser umkommen. Darum seht +zu, wie ihr sie gesund macht.«</p> + +<p>Man pflegte sie denn auch, um sie nachher verbrennen zu können. Man +pflegte sie, aber sie blieb schwach. In dieser Stimmung hoffte man, sie +zu einem Widerruf ihrer göttlichen Sendung bewegen zu können, denn man +wollte gern die Krönung Karls VII. als ein Werk des Teufels darstellen. +Aber sie widerrief nichts. Was man ihr auch vorhielt, womit man ihr +auch immer drohte, und wie sehr man sie auch quälte, sie verließ sich +in allen Stücken auf Gott den Herrn.</p> + +<p>Man versuchte es nun mit Listen und Schrecken. Am 11. Mai ließ man +den Henker in ihr Gefängnis kommen und erklärte ihr,<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> daß man sie zur +Folter führen würde, wenn sie nicht widerriefe. Aber sie widerrief +nicht.</p> + +<p>Jetzt kam die Antwort der Pariser Universität an. Die Gelehrten hatten +Johanna als eine Dienerin des Teufels erkannt; auf Grund dieser +Erklärung wurde Johanna abermals ermahnt, sie antwortete aber: »Und +wenn ich Henker und Feuer vor mir sähe und selbst wenn ich schon im +Feuer wäre, ich könnte nur sagen, was ich schon gesagt habe.«</p> + +<p>Die Sache währte schon zu lange; man wollte ein Ende machen. Am +23. Mai waren hinter einer Kirche auf dem Kirchhofe zwei Gerüste +aufgebaut worden, auf denen die Kardinäle, die Richter, die Schreiber, +die Gerichtsdiener, dreißig Beisitzer und die Folterknechte Platz +genommen hatten. Notare waren zugegen, um die Geständnisse Johannas +aufzuschreiben; ein Prediger saß dabei, um sie zu ermahnen. Am Fuße +eines Gerüstes saß der Henker auf seinem Karren, bereit, jedem Winke +zu folgen. Aber auch diese fürchterliche Zeremonie verfehlte ihren +Eindruck auf Johanna; sie blieb gleich unerschrocken und standhaft. +Endlich wurde ihr die Verdammungsakte vorgelesen. Und als man sie noch +einmal vergeblich ermahnt hatte, zu gestehen, gerieten die Engländer +in Wut, schrien über Verrat und erhoben einen so gewaltigen Lärm, daß +Johanna verwirrt, bedrängt, bestürmt nachgab und, ohne recht zu wissen, +was sie tat, an Stelle der Unterschrift ein Kreuz unter den Widerruf +setzte. Sie war vollständig betäubt. Der Bischof Cauchon rief: »Führt +sie nun hin, wo ihr sie hergenommen habt.«</p> + +<p>So unglaublich betrogen, den Engländern aufs neue preisgegeben, hatte +sie keinen anderen Trost mehr als den Tod. Die Engländer verlangten +immer grimmiger, daß Johanna sterbe. Sie waren in tierische Wut +geraten. »Verbrennt die Hexe!« riefen einstimmig Soldaten, Lords, +Feldherren und Kronbeamte.</p> + +<p>Der dreißigste Mai brach an, ein Mittwoch. Als sie durch den +Beichtvater Martin Ladvenu, der gekommen war, um ihr<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> den Tod +anzukündigen und sie zur Buße zu ermahnen, erfahren hatte, welches Los +ihr bestimmt war, und daß sie noch an demselben Tage sterben sollte, +brach sie in lauten Jammer aus, rang die Hände und zerraufte sich die +Haare. »O wie schrecklich und grausam man mich behandelt! Soll denn +mein Leib, so ganz und gar rein und niemals entweiht, heute verbrannt +und zu Asche verwandelt werden! Wehe! Wehe! Ich möchte lieber siebenmal +enthauptet, als so verbrannt werden. Ich berufe mich auf Gott, den +großen Richter, über das Leid und Unrecht, das man mir antut.«</p> + +<p>Sie beichtete und nahm das Abendmahl, das man ihr gab, obwohl man +sie als »Ketzerin« und »Hexe« verurteilt hatte. Als Johanna nach der +Kommunion den Bischof, der sie verraten hatte, gewahr wurde, sagte sie +zu ihm: »Bischof, ich sterbe durch Euch!«</p> + +<p>Nun begann der Zug. Es war neun Uhr morgens, als sie in weiblicher +Kleidung auf einen Karren geladen wurde. Neben ihr saßen der Priester +Ladvenu und der Gerichtsdiener Massieu, der später für sie ausgesagt +hat. Das Volk zitterte und weinte vor Teilnahme, aber mit ihren +gezückten Schwertern hielten achthundert Engländer die Mengen in Ruhe. +Johanna weinte und rief ein über das andre Mal: »O Rouen, Rouen! soll +ich denn hier sterben?« Das war ihre einzige Klage. Sie murrte nicht +gegen ihre Heiligen, die ihr Befreiung versprochen hatten, und klagte +nicht über den König, der sie so schnöde verlassen hatte.</p> + +<p>Drei Gerüste waren aufgebaut. Auf dem einen saßen der Kardinal und der +Bischof mit den Priestern, auf dem andern die Richter mit dem Amtmann, +dem Prediger und der Jungfrau; das dritte war der Scheiterhaufen von +Gips, auf dem ein wahrer Holzhügel aufgebaut war, damit Johanna langsam +darauf verbrenne und dabei vom ganzen Volke gesehen werden könne. +Zuerst hielt nun ein berühmter Gelehrter der Pariser Universität eine +Predigt, und als diese beendet war, ermahnte der Bischof<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> von Beauvais +die Verurteilte, an ihr Seelenheil zu denken, sich ihrer Missetaten zu +erinnern und Buße zu tun.</p> + +<p>Johanna kniete in innigem Gebete nieder. Sie vergab allen und bat, daß +man auch ihr vergebe. »Betet für mich!« rief sie den Umstehenden zu. +Die Priester bat sie, daß jeder eine Messe für sie lesen möchte, und +von ihrer keuschen, gottergebenen Art waren alle bis zu Tränen gerührt. +Sogar ihre Verräter und Todfeinde, der Bischof Cauchon, der Bischof von +Boulogne und Winchester vergossen Krokodilstränen.</p> + +<p>Als die Richter ihre Rührung überwunden hatten, wurde Johanna laut die +Verurteilung verlesen, und man übergab sie dem Henker. Sie bat um ein +Kreuz. Ein Engländer machte ihr eins aus zwei Holzstäbchen; sie nahm +es mit Dankbarkeit an, küßte es und barg es unter ihrem Gewande. Aber +sie wünschte noch ein wirkliches Kirchenkreuz, um im Sterben den Blick +darauf heften zu können. Man brachte ihr eins aus der nahen Kirche, +und während sie es küßte, sprach ihr der Priester Isambart Trost zu. +Inzwischen war es Mittag geworden, und die Hauptleute riefen: »Na, ihr +Priester, wollt ihr uns hier Mittag halten lassen?«</p> + +<p>Und ohne zu warten, bis der Amtmann kraft des Gesetzes gesprochen +hatte, schickten sie zwei Profose hinauf, die Johanna den Priestern +entrissen. Sie wurde von den Soldaten ergriffen und zu dem Henker +gezerrt. Dem sagten sie: »Tu dein Amt!« Diese greuelvolle, empörende +Roheit gegen das wehrlose Opfer war so schrecklich anzusehen, daß viele +Anwesende, darunter mehrere Richter, davonliefen, um nichts mehr zu +sehen.</p> + +<p>Als sie oben auf dem Scheiterhaufen stand und nun die Menge und die +Stadt überblickte, sagte sie nur: »O Rouen, ich habe große Angst, +daß du um meinen Tod zu leiden haben wirst!« Nach dem Brauche des +katholischen Mittelalters wurde sie nun an den Pfahl gebunden, und man +setzte ihr die Ketzermütze auf, auf der die Worte standen: »Ketzerin, +Rückfällige, Abtrünnige, Götzendienerin.« Nun zündete der Henker den +Holzstoß an.<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> Johanna sah es und stieß einen Schrei aus. Der Priester +Ladvenu, der mit ihr hinaufgestiegen war, ermutigte sie; sie aber +dachte gar nicht mehr an sich, sondern nur an die Gefahr, der sich der +Priester aussetzte; sie hieß ihn hinabsteigen.</p> + +<p>Und jetzt, in diesem schrecklichen Augenblick, trat Cauchon an den Fuß +des Scheiterhaufens und drang noch einmal in die Unglückliche, um ein +Geständnis zu erhalten. Umsonst. Sie wiederholte nur, was sie diesem +Bischof schon am Morgen gesagt hatte: »Bischof, ich sterbe durch Euch. +Mein König ist an dieser Tat unschuldig.«</p> + +<p>Die Flamme züngelte empor. Und schon von den Flammen umlodert, rief sie +noch: »Meine Stimmen waren von Gott; meine Stimmen haben mich nicht +betrogen.« Aber als sich immer mehr Rauch entwickelte, vernahm man nur +noch den Schrei »Jesus!« dann war sie still für alle Ewigkeit ...</p> + +<p>Zehntausend Menschen weinten. Nur ein paar besonders rohe Engländer +lachten. Einer von ihnen hatte geschworen, eigenhändig ein Bündel +Reisig zu den Flammen zu tragen; in dem Augenblick, als er es in die +Lohe warf, gab Johanna den Geist auf. Der Soldat fiel um, und die +Kameraden führten ihn in eine nahe Schenke, um ihn zu erfrischen. Er +war ganz außer sich und sagte: »Als Johanna ihren letzten Seufzer tat, +habe ich eine Taube aus ihrem Munde fliegen sehen.« Er erholte sich +nicht mehr und starb bald darauf. Der Henker war ebenfalls entsetzt; er +beichtete am Abend dem Priester Isambart, aber er fand dennoch keine +Ruhe und konnte nicht glauben, daß Gott ihm je vergeben werde. Und +ein Sekretär des Königs von England sagte, als er von der Hinrichtung +zurückgekommen war, das, was wohl alle heimlich empfanden und dachten, +aber nicht auszusprechen wagten: »<em class="gesperrt">Wir sind verloren, denn wir haben +eine Heilige verbrannt!</em>«</p> + +<p>Alle, die an der Verurteilung der Jungfrau beteiligt waren, sind denn +auch bald darauf eines elenden Todes gestorben oder<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> verschollen, und +die noch Überlebenden, die mitschuldig waren, ließ der Sohn Karls VII., +Ludwig XI., gefangennehmen und denselben Tod erleiden, den Johanna +erlitten hatte.</p> + +<p>Dem armen Vater Johannas brach bei der Kunde vom qualvollen Tode seines +heldenmütigen Kindes das Herz; er starb bald. Die Mutter zog nach +Orleans, wo sie von der Stadt bis zu ihrem Tode eine Leibrente erhielt.</p> + +<p>Zwanzig Jahre nach dem Tode Johannas wurde auf Ansuchen der Mutter und +der Verwandten der Prozeß der Rehabilitation vorgenommen. Im Juli 1456 +wurde zu Rouen ihre Ehrenrettung ausgesprochen; der Papst Pius IX. +hatte sie genau vierhundert Jahre später selig gesprochen, und somit +war die Prophezeiung erfüllt, die König Karl in Schillers »Jungfrau +von Orleans« ausspricht: »Selig preisen sollen sie die spätesten +Geschlechter«. Nun ist Johanna im Jahre 1909 heilig gesprochen worden +und somit hat sich auch jene andere Prophezeiung Schillers erfüllt:</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">»Ihr Name soll dem heiligen Denis</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">Gleich sein, der dieses Landes Schützer ist,</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">Und ein Altar sich ihrem Ruhm erheben.«</span><br> +</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2>Der Doktor Faust.</h2> +</div> + +<p>Wir sind im Zeitalter des Hans Sachs, und es ist Kirchweihwoche. +Auf einer großen Wiese vor dem Städtchen haben fahrende Händler, +Kesselflicker, Korbflechter, Bettelmusikanten und Tanzbärentreiber +ihre Buden und Zelte aufgeschlagen. Allerhand Wunderdinge werden hier +zur Schau gestellt. Betrunkene rohe Bauern mischen sich unter die +Pandorenspieler und Dudelsackpfeifer; Akrobaten stehen auf dem Kopf, +Kunststückmacher ziehen sich lebendige Schlangen aus den Nasenlöchern, +Degenschlucker zeigen ihre blendenden Künste,<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> Gaukler lasen ihrem +Munde Fontänen entsteigen. Man sieht bärtige Weiber, Ichneumons, +Nashörner, Dromedare. Die Kaufleute machen einen Höllenlärm und +bieten ihre grellfarbigen Waren an; sie schreien wild und zwecklos +durcheinander. Oder sie blasen mit vollen Backen auf der Querpfeife +und schlagen die Pauke, oder sie tanzen auf einem dicken Seil, das +höchstens zwei Meter über der Erde ausgespannt ist. Um den Bärentreiber +schart sich die gaffende Menge. Plötzlich taucht der Hanswurst auf. Er +schlägt den Leuten auf die Köpfe und treibt sie wie das liebe Vieh zu +einer anderen Bude hin, zur Bude des Wundermannes.</p> + +<p>Der hat ein feuerrotes Gesicht, das dick aufgedunsen ist, weißblondes +Haar und eine kahle Platte — das Zeichen der großen Gelahrtheit. +Er trägt einen sonderbaren Spitzenkragen und ungewöhnlich rote +Pluderhosen; Bänder hängen daran herunter, wie an einem Erntekranz. +Ein Dutzend Ehrenketten beschweren das schwarzsamtene Wams, das nach +venetianischem Schnitt gearbeitet ist; seine Finger sind mit unzähligen +Ringen bedeckt, und jeden Ring ziert eine besonders große Kamee, die +von einem Grabstein geschnitten ist. Er trägt einen prachtvollen +türkischen Dolch, und rings um seine Hüften baumelt, wie bei einem +Wilden des Urwalds, ein Kranz mannigfacher zauberkräftiger Anhängsel.</p> + +<p>So steht er da und schreit und haut in die Luft und wirft eine Menge +lateinischer Brocken ins Volk. »Er kann reden wie ein Arzt«, heißt das +Sprichwort jener Tage. Er spricht etwas von der Stellung der Gestirne, +vom Pulsschlag und Perpendikel, von Blut und Hexen, von Zauberei +und vom Satanas. Nach jedem Satze reißt sein Diener, der Hanswurst, +schlechte Witze, um die Gaffer bei guter Laune zu erhalten. Und erst +wenn genug Leute vor der Bude herumstehen, nimmt der Wundermann sein +großes »Zeugenbuch« hervor: »Da leset, wie ich in Spanien, Frankreich, +Rom und dahinten in der Türkei geehrt worden bin! Hier haben sie +alle ihre Namen hingemalt, die Bischöfe und Fürsten<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> und der Teufel +weiß, wer noch. Hier seht ihr, wie sie vor ihrer Heilung ausgesehen +haben; hier seht ihr die geschwollenen Wangen, bleichen Gesichter +und verzerrten Stirnen leibhaftig abkonterfeit. Und ich, ich habe +sie kuriert; ich allein; ich, der größte Zauberer der beiden Welten; +ich, der größte Hexenmeister und Totenbeschwörer, der geschickteste +Wetterbanner und gesuchteste Wunderdoktor, den die Erde je getragen +hat! Ich, Doktor Faust, des Teufels Freund und der Meister der Hölle!«</p> + +<p>Wenn er nur so spräche, würde man ihn noch bescheiden nennen müssen; +aber er prahlt gewöhnlich das Blaue vom Himmel herunter. Und wenn +er nur den tausendsten Teil von dem leistete, was er zu leisten +verspricht, dann wäre der Teufel noch immer ein Stümper gegen ihn.</p> + +<p>Woher sollte er auch seine Kenntnisse haben?</p> + +<p>Der Arzt des Mittelalters studierte nicht Anatomie, sondern Alchimie: +Die Kunst, Gold zu machen; nicht Physiologie, sondern Astrologie: Die +Kunst, aus den Planeten wahrzusagen; anstatt Menschen gesund zu machen, +machte er Kalender. Anstatt nach dem Wo und Wie der Krankheit zu +sehen, sah er nach dem Mond und seinen Stellungen; bevor er seinen Rat +erteilte, schaute er erst nach den Sternen und dann nach dem Urin.</p> + +<p>Er beobachtete sorgfältig die Himmelskörper, ihre Bewegungen, ihren +Stand und deutete diese Verhältnisse auf die Schicksale der unter +diesen Gestirnen Geborenen. In der Tat geschieht auch kein bedeutendes +Ereignis, das er nicht durch vorangehende Zeichen und Himmelswunder +ankündigen zu können behauptet. Kometen gelten als Botschafter des +erzürnten Gottes, die den Menschen allerhand Strafen und Plagen +andeuten. Befinden sich die Kometen beispielsweise beim Saturn, dann +erfolgt Pest, Unfruchtbarkeit und Verrat.</p> + +<p>Diese Sterngucker, Geheimniskrämer und Wunderärzte kamen, wie die +Heuschreckenplage, hauptsächlich von England in alle übrigen Länder. +Der eine macht mit seinem Wunderstein<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> großes Aufsehen, an dem er die +Patienten lecken läßt, worauf sie angeblich sofort gesund werden. +Der andere hext mit seiner wunderbringenden Salbe Blinde sehend und +Lahme gehend und er gibt vor, einen Trank brauen zu können, der ein +Fortleben in Ewigkeit sichert. Der Dritte berührt nur die Kranken und +sofort verschwinden die Schmerzen, die Kröpfe schrumpfen zusammen +und Skrofulöse sind gesundet. Er speit den Tauben in die Ohren und +sofort hören sie; er gibt den Zahnleidenden eine Ohrfeige, daß die +kranken Zähne nur so herausfliegen. Der Vierte macht aus dem Kot +der verschiedensten Tiere Rezepte, mittels deren er alle und alles +heilt. Der Fünfte verwandelt Metalle und glaubt an die mit Blut +unterschriebenen Verträge zwischen Mensch und Satanas, zwischen Hexe +und Teufel.</p> + +<p>Kein Wunder, daß dieser Aberglaube so verbreitet war, nachdem die +Kaiser und Könige selbst mit gutem Beispiel vorangingen. König +Jakob von England, Maria Stuarts Sohn, schrieb ein Zauberbuch. Karl +V., Maximilian II., Kurfürst Joachim I. gaben ihren Goldmachern +reichliche Beschäftigung, denn ihre Verschwendungssucht erheischte +immer neue Geldmittel. Heinrich VI. und Rudolf II. standen selbst in +den Laboratorien ihrer Dunkelmänner, Gold machend und Lebenselixiere +brauend. Man hatte an den Höfen seine Sterndeuter und Alchimisten, wie +man seine Hofnarren hatte; nur daß die Narren meistens klüger waren als +die Goldmacher.</p> + +<p>Viele dieser Ärzte zogen aber auch von Ort zu Ort, von Markt zu +Markt. Und diese Gestalt des herumziehenden Wunderdoktors hat sich +noch mehrere Jahrhunderte hindurch erhalten; denn Abraham a Santa +Clara, der große satirische Prediger, der am Ende des siebzehnten +Jahrhunderts gelebt hat, kennt diese Wundermänner ebenfalls noch aus +eigener Anschauung. Er gibt folgende Schilderung von ihnen: »Man findet +unter diesen Leuten sehr liederliche und nichtsnutzige Gesellen, die +sich auf das Lügen und Betrügen stattlich verstehen, absonderlich +viel aus<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> denselbigen, die auf allen Märkten und Kirchweihen ihre +Stände aufschlagen und ihrem Sinne nach mit etlichen Brettern eine +Universität aufrichten, wo sie den Bauern und dem gewöhnlichen Volk +mit ihren grundlosen Predigten das Geld aus dem Beutel locken, da kann +man zuweilen hören, mit welch gewichtigen Lügen sie ihre Wahrheit +hervorstreichen; einer zieht etliche Zahnwurzeln heraus und beteuert +es hoch, daß er diese selbst an dem Meeresgestade dreizehn Meilen +hinter Syrakus ausgegraben und diese seien gut für ein verfallenes +Gehör, wobei sie sehr oft auch vorgeben, wie solche auch die Könige +von Paphlagonien an den Ohren zu tragen pflegten und ein so scharfes +Gehör bekamen, daß sie ein altes Weib über dreißig Meilen husten hören, +ei so lüg! Ein anderer zeigt ein Pulver — es ist nichts anderes als +ein geriebener Weinstein! — und schwört, daß er solches aus der Neuen +Welt durch die spartische Flotte habe bringen lassen und es sei nichts +anderes als pure Asche von dem verbrannten Vogel Phönix und eine +Messerspitze voll von diesem Pulver vertreibe allen Schwindel, so daß +sogar einer über einen Steg gehen könne, der nicht breiter sei als +ein Fiedelbogen, ei so lüg! Mit dergleichen wurmstichigen Predigten +betrügen sie sehr viel einfältige Leute, es sollen aber dieses +Gelichters Ärzte — nicht alle Ärzte sind so beschaffen — gleichwohl +bedenken, daß das Heulen und Zähneklappern ihnen nicht wird ausbleiben +nach Aussage des Psalmisten David. Einen Stand oder Profession ohne +böse Leute und ohne tadelhafte und gewissenlose Gesellen gibt es +überhaupt selten, ebensowenig wie einen Sommer ohne Mücken, ein Buch +ohne Eselsohr, einen Apfelbaum ohne Wurmstich, eine Schule ohne +Eselsbank, einen Wald ohne Gimpel, eine Kirchweih ohne Rauferei und +eine Schreiberei ohne Kleckserei.«</p> + +<p>Hat unser Doktor Faust lange genug geschrien und geprahlt, dann holt +er mit sicherem Blick irgendeinen Tölpel aus der Menge heraus, zieht +ihn herauf auf seine Meßbude und schlägt ihm vor aller Augen mit einem +gewöhnlichen eisernen Schlüssel in<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> einer halben Minute fünf Zähne aus. +Der arme Kerl stutzt wortlos, aber die Menge schreit bravo, klatscht +Beifall, und jubelt dem Wundermanne zu. Und man stürmt seine Bude, um +sich die gesunden Zähne ausschlagen zu lassen.</p> + +<p>Aber es sind nicht nur Zähne, die unser Doktorsmann in seiner Meßbude +zieht; er barbiert, schert, ätzt, schneidet und brennt, setzt +Schröpfköpfe und macht Aderlässe und Klistiere — ein vielseitiger +Mann. Vor allem aber: er zaubert. Wir werden nachher von seinen +Kunststücken hören.</p> + +<p>Drinnen in der Wunderbude sieht es etwa aus wie in einer modernen +Bauernschenke, die ein Museum vorstellen soll. Menschen- und +Pferdeschädel liegen herum, getrocknete Pflanzen- und Blumenbündel +hängen an den Wänden; schlecht ausgestopfte Tiere baumeln von der +niedrigen Decke herab: Fledermäuse, Raben, Igel, Iltisse, Eichhörnchen, +ein Bussard. Mörser und Klöpfel, Kolben, Flaschen und Kruken mit +großen Aufschriften stehen umher. Auf einem Tische liegen Feilen +und kleine Sägen, Messer, Zangen, Geißfüße und seltsam geformte +Schlüssel. In kleinen zahlreichen Näpfen liegen Menschenzähne und +Zähne von Säugetieren und Fischen. Das Ganze macht den Eindruck einer +herumziehenden Apotheke.</p> + +<p>Aber die Apotheke des sechzehnten Jahrhunderts sieht naturgemäß +wesentlich anders aus, als die der Gegenwart. Denn auch der Apotheker +ist ein Mann, der viel Geld verdienen will, und der infolgedessen +nicht das führt, was die klugen und vorgeschrittenen Ärzte anraten — +denn sie sind in der Minderheit und haben nur eine kleine Anzahl von +Patienten —, sondern das, was die abergläubische Menge verlangt, die +vom Kurpfuscher geschickt wird und die lieber an törichten Hokuspokus +glaubt, als an vernünftige Heilmittel. Zum Apothekeninventar gehören +gepulverte Edelsteine, gestoßener Bernstein, Meerschaum, Erde vom +Kalvarienberge. Man findet gebrannte Maulwürfe, Elenhörner, Wolfsgalle +und Wolfsleber, Hirsch- und Bockblut, Hühnermagen,<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> Hechtzähne, +gedörrte Kröten (die werden noch 1815 als Mittel gegen Epilepsie +empfohlen!), Krebsaugen, Schlangenfett, Bärenschmalz, Mückenfett, +Gemszähne, Hasentalg, Schafsgalle, die Haut der Pfauenfüße, Fuchslunge, +Elsternaugen, Eichhornhirn, Auerhahnzunge, Krähenzunge, Pferdehaare, +Menschenhaare, Rabenkot und zugleich den Kot so ziemlich aller +Tiere, Schwalbensteine, Federn vom Kreuzschnabel, Schildkrötenblut, +Froschlaich, Igelkrallen, Fledermausflügel, Eingeweide des Chamäleon, +geraspelte Menschenschädel, menschliche Leichenteile von Erhängten +und Geköpften, ägyptische Mumien, Blut der Hingerichteten usw. Auch +Käfer wurden zu Heilzwecken verwendet; z. B. der siebenpunktierte +Sonnenkäfer, das Bluthähnchen, der schwarze, rotgeränderte Blattkäfer, +die Rüsselkäferarten, die auf den Artischocken leben und die spanische +Fliege.</p> + +<p>Natürlich ging man um jene Zeit nicht sehr milde mit all dem Getier um, +das man für die Apotheke nötig hatte, denn oft mußte es bei lebendigem +Leibe gesotten, verbrannt oder zerstoßen werden, wenn es — nach der +Meinung der Kurpfuscher — dem Kranken helfen sollte. Da war die +schrecklichste Tierquälerei an der Tagesordnung.</p> + +<p>Die Zahl der Pflanzen, die so eine Apotheke führte, ist sehr groß. Hier +sind einige der am meisten gebrauchten: Bibernell, Fenchel, Majoran, +Safran, Kreuzkraut, Wetterkerze, Sauerampfer, Fünffingerkraut, die +Wetterglocke, die Herrgottskrone, Wermut, Mariendistel, Habichtskraut, +Natternkopf, der spitze und breite Wegerich, das Dreifaltigkeitskraut, +der Tag- und Nachtschatten, Löwenzahnblätter, Fieberklee, Himmelsbrot, +Frauenmantel, die Kamille, das Wildfräuleinkraut, der Johannisgürtel, +Tausendgüldenkraut, die Pfefferminze, Hundszunge, Lavendelkraut, +Muskatnuß, Igelkraut, die Feige, Senf, Knoblauch, Tabak, Fallkraut, +Beschreikraut, Schwindelbeere, Warzenkraut, Pestwurz, Schinderrose, +Totenbeere, Totennessel, Lauskraut, Lungenkraut, Leberbalsam, Blutwurz, +Zahnwurz, Augentrost, Wehedistel,<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> Wildmutterkraut, Teufelsabbiß, +Teufelsbart, Teufelswurz, Teufelchen, Teufelspeitsche, Teufelskralle, +Teufelsauge, Hexenklee, Hexenohr, Hexenlauch, Hexenkohl, Hexenkraut, +Hexenmehl, Schlehenhexe und Wetterhexe.</p> + +<p>Alle diese Kräuter sind aber nur dann heilsam, wenn sie im +Frauendreißiger, das ist vom 15. August bis 14. September, schweigsam +gesammelt worden sind, oder auch in der Osternacht, der Johannisnacht +und Christnacht.</p> + +<p>Um jene Zeit des Mittelalters war das Kräutersammeln ein mühseliges, +undankbares und wenig einbringliches Geschäft; überdies zeitraubend +und gefahrvoll, weil man dadurch leicht in den Verruf der Hexerei +kam. Es konnten sich ihm nur gründlich studierte Männer widmen, deren +Gelahrtheit freilich kein Hindernis war, ebenso abergläubisch zu +sein, wie Zigeuner und Verbrecher. Diese Kräutersammler mußten mit +der Natur vertraut sein wie die Tiere des Feldes und Waldes; ja, ihre +astronomische, zoologische, botanische, geologische, physikalische +und chemische Kenntnis mußte mindestens den Anstrich allumfassenden +Wissens haben. Es war nötig, daß sie die Gesetze der Sterndeutung und +Goldmacherkunst beherrschten; daß sie sich auf die Kunst verstanden, +Träume zu deuten, alle Knochenbrüche und inneren Krankheiten aus dem +Urin zu lesen und womöglich die Pest in Abwesenheit zu heilen. Es ist +selbstverständlich, daß man von ihnen die vollständige Beherrschung der +damaligen medizinischen Kenntnisse forderte. Anatomie, Physiologie und +Pathologie — die damals allerdings noch in den ersten Anfängen staken +— waren Wissenschaften, von denen sie natürlich auch läuten gehört +hatten.</p> + +<p>Aber diese »Halbärzte«, die man als »Naturkundige« bezeichnete, obwohl +sie nur ein oberflächliches und verworrenes Wissen von der Natur +hatten, waren auch meistens ihre eigenen Destillatoren, und da niemand +sonst die Natur so gut kannte wie sie, waren sie auch ihre eigenen +Kräutersammler. Allein,<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> das Wort »Kräutersammler« ist durch die +Jahrhunderte schon zu verblaßt und gibt ganz und gar keinen Begriff +von dem, was man darunter zu verstehen hat und überdies verrät es +auch nicht, daß der Kräutersammler, von dem ich hier spreche, den +<em class="gesperrt">berufsmäßigen</em> Kräuterhändler aus tiefstem Herzensgrunde als +einen unwissenden, bloß geldgierigen Kurpfuscher verachtete. Und +außerdem ist der Destillator nicht <em class="gesperrt">nur</em> Kräutersammler im engen +Sinne des Wortes. Unseren Kräutersammler, der nichts aus Habgier +und alles aus Freude am Kurieren tut, findet man um Mitternacht auf +Kirchhöfen herumlungern, wo er nach alten Sargnägeln gräbt, welche +Gicht, Zahnweh und Cholera heilen; in feuchten Schluchten sucht er um +die Geisterstunde bei umwölktem Nachthimmel nach dem Feuersalamander +und der gefleckten Eidechse. Auf dem Hügel vor dem Tore, wo man die +Diebe und Mörder hängt, schneidet er Holzsplitter vom Galgen ab; denn +wenn man sich mit diesen die Zähne stochert, bekommt man sein Lebtag +kein Zahnweh mehr. In jedem Mauseloch gräbt er herum; er hebt große +Steine hoch, um feiste Ohrwürmer, Blindschleichen, den Tausendfuß +und anderes Gewürm zu fangen; er stampft in eigenartiger Weise auf +den Fuchsbau, um die Jungen herauszulocken, deren Kot er braucht, um +Krämpfe und schmerzende Ohren zu beruhigen. Er stapft in den Moorwiesen +umher, wo die Kröten dicht beieinanderhocken; denn die Kröte spielt +in der mittelalterlichen Heilkunde eine sehr große Rolle. Man sieht +ihn in der Leichenhalle, im sogenannten »Beinhause«, über den Toten +gebeugt, den man gestern hierhergebracht hat, wie er ihm Haare und +Fußnägel abschneidet, die gegen Bräune nicht minder wirksam sein +sollen als gegen andere Krankheiten. Die Tierquälerei steht bei ihm +in hoher Blüte. Er sucht das Nest der Schwarzdrossel, des Kuckucks +und der Elster, die er alle ausraubt, weil er die Herzen, die Augen +und die Leberchen der jungen Brut in seiner Apotheke braucht, in der +fast alles abergläubischen Zwecken dient. In seinem riesenhaften +Pflanzenkasten ist ein Tohuwabohu<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> von allen möglichen Tieren, Pflanzen +und Gesteinsarten. Kein Tierchen läuft ihm über den Weg, das dem großen +Bedarf unseres Sammlers nicht seinen Tribut zollen müßte; keine Pflanze +blüht im verborgenen, von der er nicht für seine Apotheke, in der alles +aufgespeichert liegt, was die Natur nur hergibt, ein Steuerteil erheben +würde. Alles was das Auge erspäht, alles was in der Natur greifbar ist, +alles was die Hand nur erreichen kann, wird zu irgendeinem Heilzwecke +ausgebeutet. Freilich sind es meistens Kräuter, die unser Destillator +verwendet; aber er geht nicht hin und pflückt zu jeder beliebigen +Stunde, zu jeder beliebigen Jahreszeit gerade das, was da grünt und +blüht; er hat seine abergläubischen Vorschriften innezuhalten wie +der Teufel selbst, an den er glaubt, und er spricht lang und breit +von der rechten und besten Zeit, zu der die vorhin genannten Kräuter +einzusammeln sind. Unser geplagter Kräutermann muß nämlich auf die +Sonne, den Mond und die Sterne achten; ob Halbmond oder Vollmond ist; +ob erste Mitternachtshälfte, ob zweite; ob die Venus grün schillert +oder blau; ob die Sonne Wasser zieht oder nicht; ob sie sengt oder +strahlt usw.</p> + +<p>Die Kunst, die vermeintlich besten Säfte aus Tier und Pflanze +herauszukochen, stand unleugbar hoch im Kurse. Es war dazu nichts +Geringeres als eine für die damaligen Begriffe vollkommene Kenntnis +des Planetensystems vonnöten; insbesondere wurden die Kräfte der Sonne +studiert — was man so studieren nennt — und man gab sich Mühe, ihre +ewigen Gesetze, nach denen sie arbeitete und denen sie unterworfen war, +zu ergründen. Natürlich wurden viele »Weisheiten« darüber zum besten +gegeben, die wir längst ins Fabelbuch geschrieben haben. Überdies +verfiel man auch noch auf den absonderlichen Gedanken, daß man mittels +der Hitze, natürlicher oder künstlicher, aus Tier und Pflanze alle +»Feuchtigkeit« herausziehen müsse, wie die Sonne alle Feuchtigkeit +aus der Erde ziehe. Und ebenso wie diese von der Sonne aufgesogene +Feuchtigkeit wieder als Regen, Schnee und Hagel<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> herabfalle und die +Felder fruchtbar mache oder auch verwüste, ebenso könne und müsse die +aus Tier und Pflanze gewonnene Feuchtigkeit Menschen heilen können und +gewiß auch töten, wenn sie falsch angewendet würde.</p> + +<p>Man sieht, mit der mühsamen Auffindung der Pflanzen und Materien, die +der Kräutermann benötigte, war seine Arbeit noch nicht zu Ende. Wenn er +schon alle Tiere und Pflanzen am richtigen Orte, zur vorgeschriebenen +Stunde, bei richtiger Beleuchtung und entsprechender Jahreszeit +gesammelt hatte, und wenn er — immer nach dem Vorbilde der Sonne — +aus Strauch und Getier bereits alle irgendwie verwendbaren Materien und +Kräfte ausgezogen hatte, war er gerade am Anfang seines Geschäftes. +Denn das Zubereiten der Säfte selbst erforderte die größte Umsicht und +Geduld, Ausdauer und Fleiß, Kenntnisse der abergläubischen Geheimlehre, +in der von überirdischen Kräften die Rede war, und <em class="gesperrt">Kenntnis vor +allem der künstlichen und natürlichen Wärmeentwicklung und des +Einflusses dieser entwickelten Wärme auf die ausgezogenen Säfte</em>. +<em class="gesperrt">Wie lange</em> mußten Violen und Lilien, Hexenbart und Drudenfuß +zusammengekocht werden, bis der Sud auch <em class="gesperrt">wirksam</em> wurde? <em class="gesperrt">Wie +viel</em> Wärme hatte der Saft der Dachsleber oder der der Krähenaugen +nötig, um zur Verwendung als Mittel gegen die Gelbsucht brauchbar +zu werden? Und <em class="gesperrt">welche</em> Wärme? Die des Ofens oder der Sonne? +Welcher Sonne? Der direkten Sonnenstrahlen oder der durch einen Spiegel +aufgefangenen Reflexstrahlen? Oder der in einem Brennglase in einem +Punkte gesammelten Strahlen? Oder vielleicht noch andere Wärme? Die des +ungelöschten Kalks oder der Erde? Die Wärme des faulenden Laubes oder +Mistes? Welchen Mistes? Der Kuh oder des Pferdes?</p> + +<p>Das waren wichtige Fragen, solange man keine Öfen hatte, die eine +beliebige Wärmeregulierung ermöglichten. Denn von<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> der richtigen Lösung +dieser gewiß verzwickten Aufgaben, die desto krauser und sinnloser +waren, je größer der Aberglaube war, hing ja das Gelingen oder +Mißlingen eines solchen Gebräus nicht minder ab.</p> + +<p>Und man kann sich ferner denken, daß die Frage, in was für einem +<em class="gesperrt">Gefäß</em> das schreckliche Gemisch gebraut werden sollte, von nicht +geringerer Bedeutung war. Man muß einmal ein solch mittelalterliches +Destillierbuch in der Hand gehabt, all die tausend Formen der +Glaskolben, Trichter, Behälter, Flaschen usw. gesehen haben, um den +großen törichten Ernst zu begreifen, mit dem man über die Gefäßfrage +spricht. Es ist, als ob man sich plötzlich in die <em class="gesperrt">Zauberwelt</em> des +Doktor Faust versetzt fühlte und man versteht, wie leicht ein solcher +Kräutersammler in jenen Tagen in den gefährlichen Ruf kommen konnte, er +pflege Umgang mit den Hexen, und der Teufel sei allabendlich bei ihm +zu Gaste, um in seltsam geformten Gläsern Höllengetränke zu brauen. +Es soll indessen nicht geleugnet werden, daß ein solcher Ruf dem +Destillator beim abergläubischen, Heilung suchenden Volk nur — nützte. +Je größer der zauberische Glorienschein war, den eine abergläubische +Menge um sein Haupt wob, je mehr Zulauf hatte er. Man hoffte zwar auf +Gott, aber man glaubte an den Teufel.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Dies ist das Bild des <em class="gesperrt">sagenhaften Faust inmitten seiner +Tätigkeit</em>, desselben Doktor Faust, über den ungefähr dreitausend +Bücher geschrieben worden sind und dem Goethe durch seine herrliche +Dichtung die Unsterblichkeit gesichert hat.</p> + +<p>Seit Jahrhunderten hat diese Figur die Dichter und Historiker in gleich +starker Weise angezogen und die Sage, die sich schon früh um Doktor +Faust gebildet hat, ist eine der tiefsten und großartigsten aller +deutschen Sagen, die uns den Glauben an ein Bündnis zwischen Mensch und +Teufel lebendig veranschaulicht.</p><br> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span></p> + +<figure class="figcenter illowp98" id="illu-137" style="max-width: 62.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-137.jpg" alt="bild"> +</figure> + +<p class="p2">Mit zwei Wurzeln hat sich die Sage gleichsam in das Herz des Volkes +gegraben. Es waren <em class="gesperrt">erstens</em> die Reste der ältesten Mythologien, +die im Faust verewigt waren; denn die meisten Erzählungen von Fausts +Taten und Erlebnissen, wie sie das Volksbuch uns erhalten hat, sind +nur umgestaltete Götter- und Elfensagen. Aber es war nicht nur dieser +mythologische Gehalt, der das Volk an der Faustsage anzog, sondern +<em class="gesperrt">zweitens</em> der philosophische und theologische Inhalt. Die +Frage nach der Existenz Gottes, der Unsterblichkeit der Seele, der +Weltschöpfung usw. beschäftigte die Gemüter damals weit mehr und +tiefer als heute. Im Doktor Faust war nun eine Figur gebildet, in der +alles das zum Ausdruck kam, was damals das Volk bewegte. Faust lehnt +sich gegen Gott auf; er verbindet sich mit der Hölle, um durch sie zu +erlangen, was der Himmel ihm versagt hat. Denn damals glaubte man ja +noch, daß der Teufel sein Unwesen persönlich auf Erden treibe. Doktor +Faust übergibt sich dem<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> Teufel, weil er an der ewigen Seligkeit +zweifelt; er streitet mit Mephistopheles über Weltentstehung und +Weltuntergang, über den Bau des Himmels, den Lauf der Gestirne, die +Beschaffenheit der Hölle, den Zweck und Sinn des menschlichen Lebens. +Kurz, im Volksbuch der Faustsage wird alles das <em class="gesperrt">ausgesprochen</em>, +was sonst der mittelalterliche Mann aus dem Volke kaum zu denken +wagte, und gerade deshalb haben die Dichter immer wieder diese Sage +bearbeitet, weil sie in ihr alles niederlegen konnten, was sie selber +im tiefsten Innern bewegte.</p> + +<p><em class="gesperrt">Historisch</em> ist an Faust das Folgende:</p> + +<p>Er lebte etwa von 1480 bis ungefähr 1545. Sein Vorname war weder +Heinrich, wie Goethe ihn nennt, noch Johann, wie er gewöhnlich in +der Sage genannt wird, sondern <em class="gesperrt">Georg</em>. Viele Forscher nehmen +an, daß er aus Knittlingen im Württembergischen stammte und daß er +sich in Ingolstadt eine gediegene Bildung erwarb. Er befand sich ums +Jahr 1507 in Ingolstadt, dann in Gelnhausen, Würzburg und zuletzt in +Kreuznach, wo ihm Franz von Sickingen — der in Goethes »Götz von +Berlichingen« verewigt ist — eine Schulmeisterstelle anvertraute. +Faust erwies sich aber der Stelle als unwürdig. 1513 war er in Erfurt, +wo er nach einigen Jahren ausgewiesen wurde. 1520 war er in Bamberg, +wo er gegen ein Geldgeschenk dem Bischof Georg III. sein Schicksal aus +den Sternen prophezeite. Dann zog er nach Heidelberg, wo er sich bis +etwa 1525 aufhielt. Später begegnen wir ihm in Wittenberg, von wo er +hinausgetrieben wird, endlich wieder in Ingolstadt als Zahnbrecher, +wo ihm das gleiche Schicksal widerfährt. Besser ging es ihm beim +Erzbischof von Köln: Hermann von Wied. Doktor Faust soll endlich zu +Staufen im Breisgau als Sechziger eines plötzlichen, gewaltsamen Todes +gestorben sein.</p> + +<p>Er war als ein gewaltiger Prahler verschrien und zog als +Hokuspokusmacher und Arzt, in der Weise, wie wir ihn bereits +geschildert haben, von Stadt zu Stadt. Denn allzulange duldeten<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> ihn +die wohlweisen Magistratspersonen nie in ihren Mauern. Er nannte sich +den Philosoph aller Philosophen, rühmte sich in Würzburg, daß er +alle Wunder Christi vollbringen könne, so oft es verlangt werde; in +Wittenberg, daß er in den Himmel fliegen könne und daß er in Krakau +alle Künste der Magie erlernt habe. Die Schlacht bei Pavia und die +Eroberung Roms seien den Italienern nur geglückt, weil er ihnen durch +seine Zaubermacht geholfen habe.</p> + +<p>Leichtgläubig wie das Volk war, wurden viele seiner Aufschneidereien +für bare Münze genommen und als vollbrachte Tatsachen weitererzählt. +Alle Zaubergeschichten, die damals reichlich im Umlauf waren, +wurden auf seine Person übertragen und viele andere wurden ihm +noch angedichtet. Sie machten ihn berühmt und zugleich berüchtigt. +Da aber solche Zaubereien, wie Faust sie vollbracht haben wollte, +nach Annahme des abergläubischen Volkes nur mit Hilfe des Satans +auszuführen waren, so erzählte man sich, Faust habe ein Bündnis +mit dem Teufel geschlossen, der ihn in Gestalt eines Pudels — daß +Faust einen Pudel hatte, wird historisch verbürgt — begleitet und +schließlich auf schreckliche Weise ums Leben gebracht und seinen +Leichnam auf den Mist geworfen habe. Auf diese Weise hat die Phantasie +des Volkes Fausts im Dunkel liegendes Leben ausgeschmückt und es +entstand die <em class="gesperrt">Faustsage</em>, die bereits fünfzig Jahre nach Fausts +Tod in voller Blüte steht. In ihr ist Faust bereits zum Vertreter der +mittelalterlichen Zauberer erhoben und durch seinen Namen werden die +verschiedensten Sagen und Märchen wie durch ein Band zusammengehalten.</p> + +<p>Faust, so erzählt das älteste Volksbuch, das uns schon ganz ins +Sagenhafte führt, war gebürtig aus Roda bei Weimar. Seine Eltern waren +arme, fromme Bauersleute; aber sein Onkel zu Wittenberg war reich, +und da er keine Kinder besaß, nahm er Faust an Sohnes Statt an. Da +geriet er aber in schlechte Gesellschaft und begann Zauberschriften +zu studieren, die lauter<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> Beschwörungsformeln und magische Figuren +enthielten: »Buch Mosis und dreifacher Höllenzwang«, »Mächtige +Beschwörung der höllischen Geister«, »Hauptzwang der Geister zu +menschlichen Diensten«, »Das Geheimnis der heiligen Gertrudis zur +Erlangung zeitlicher Schätze und Güter« und viele andere. Er ward +Kräutermann, Goldmacher, Destillator, Sterndeuter und Arzt. Nun lernte +er Zaubern und Geisterbeschwören und als er es gut verstand, begab +er sich eines Abends in den Spessart, um — wie er behauptete — den +Teufel anzurufen. Auf einem Kreuzwege zog er Zauberkreise um sich her +und begann die fürchterliche Beschwörung. Da erhob sich ein mächtiges +Getöse, die Bäume bogen sich bis zur Erde, und der Mond verbarg sich +hinter vorbeieilenden Wolkenfetzen. Es donnerte gewaltig, während die +wilde Jagd vorüberzog. Pfeile wurden von unsichtbarer Hand auf Faust +abgeschossen, und es erklang eine liebliche Musik. Gesang ertönte, und +als Faust aufblickte, gewahrte er eine Menge tanzender Teufel, die mit +ihren höllischen Schwertern klirrten und mit Spießen um sich warfen.</p> + +<p>Als dieser Höllenlärm vorüber war, beschwor Faust den Teufel zum +zweitenmal und nun erschien über Fausts Haupt ein giftspeiender Drache. +Vom Himmel fiel ein Stern herab, der sich in eine feurige Kugel +verwandelte und nachdem Faust diese dreimal beschworen hatte, nahm +sie die Gestalt eines feurigen Mannes an; der ging eine Viertelstunde +stumm um Fausts Zauberkreis herum, verwandelte sich endlich in einen +grauen Mönch und fragte nach Fausts Begehr. Faust bestellte ihn für die +folgende Nacht um zwölf Uhr zu sich, doch forderte ihn der Teufel aufs +neue auf, zu schwören, daß er dem Fürsten der Hölle ergeben sein wolle.</p> + +<p>Um Mitternacht fordert Faust vom Teufel, daß er ihm bis an seinen +Tod diene, alle seine Wünsche erfülle, unsichtbar in seinem Hause +walte und wenn er erscheine, daß er dann die Gestalt und Kleidung +eines Franziskanermönches annehme. Dagegen<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> verlangt Mephostophiles, +Faust solle sich ihm mit seinem Blute verschreiben, den christlichen +Glauben ableugnen, aller Christen Feind sein, sich nie bekehren und +nie heiraten. Faust stellt diese gotteslästerliche Verschreibung +aus, fordert darin aber ausdrücklich, daß der Teufel vor allem +seinen Wissensdurst befriedigen müsse, den Gott nicht gestillt habe. +Mephostophiles (oder Mephistophiles, auch Mephistopheles) bringt +Speisen, Wein und Kleider für Faust und dessen Famulus Wagner; außerdem +erhält Faust vom Teufel wöchentlich fünfundzwanzig Kronen Taschengeld.</p> + +<p>Wie widersinnig dieser ganze Teufelsglaube war und was es mit der +Zauberei auf sich hatte, ersieht man schon aus diesem kärglich +bemessenen Taschengeld. Denn wenn Faust hätte zaubern können, hätte er +auch nicht diese jämmerlichen fünfundzwanzig Kronen des Satans nötig +gehabt. Was konnten wohl für so einen mächtigen Zauberer fünfundzwanzig +Kronen in der Woche bedeuten? Und daß anderseits Faust für Speise, +Trank und Kleidung allein seine Seligkeit verkauft hätte — abgesehen +davon, daß auch dies ein abergläubischer Unsinn ist —, dazu wird Faust +als ein viel zu weiser und wissensdurstiger Mann geschildert.</p> + +<p>Das erste ist, berichtet die Sage, daß Faust dem bösen Geiste eine +Reihe theologischer, philosophischer und naturwissenschaftlicher +Fragen vorlegt, Fragen über die Beschaffenheit der Hölle, über die +Macht des Satans, über Luzifers Verstoßung aus dem Himmel, über die +Weltschöpfung, den Bau des Himmels und der Gestirne, über den Wechsel +der Jahreszeiten, die Mephostophiles dem Vertrage gemäß beantwortet. Um +sich weiter zu unterrichten, unternimmt Faust drei Reisen, eine in die +Hölle, die zweite durch den Wolken- und Sternenhimmel, die dritte durch +die meisten Reiche der Erde; die Hölle selbst sieht Faust freilich +nicht; er lernt sie nur in einem Traumgesicht kennen, das der Teufel +ihm vorgaukelt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span></p> + +<p>Nun beginnt Faust seine Zauberkunststücke, die aber allesamt +ebenfalls wieder im Widerspruch stehen mit dem Faust, der das höchste +Wissen der Menschheit zu umfassen sucht. Seine Zaubereien sind — +wie man gleich sehen wird — weiter nichts, als zeitvertreibende +Taschenspielerkunststückchen, ganz unwürdig dieses groß angelegten +Faust. Man sieht nur, daß das Volk, das Faust diese Zaubersagen +angedichtet, gar nicht darüber nachgedacht hat, daß ein solcher +Mensch sein Seelenheil nicht preisgegeben hätte, nur um das Volk zu +unterhalten und durch Schelmereien zu belustigen.</p> + +<p>Zu Innsbruck beschwor Faust Alexander den Großen und dessen Gemahlin +aus der Unterwelt herauf und führte sie Karl dem Fünften vor. Diese +Geistererscheinungen, wie alle anderen Zaubereien Fausts, die nur +auf einer geschickten Täuschung beruhen, werden ja noch heute einem +gutgläubigen Publikum gezeigt. Dort zauberte Faust auch einem Ritter, +der aus dem Fenster schaute, ein Hirschgeweih an, so daß der seinen +Kopf weder vorwärts noch rückwärts bewegen konnte. Erst als der ganze +Hof den Ritter verlacht hatte, löste Faust den Zauber. Wie Faust später +den kaiserlichen Hof verließ, zog ihm der Ritter mit sechs Reitern +nach, um Rache an ihm zu nehmen; da eilte Faust in ein Gehölz am Wege, +und als er wieder heraustrat, schien seinen Verfolgern das ganze Gehölz +voll geharnischter Ritter; sie flohen, aber sie wurden umringt und +ergaben sich. Faust ließ sie aber frei; doch zauberte er den Menschen +Ziegenhörner und den Pferden Kuhhörner an, die sie einen Monat lang +tragen mußten.</p> + +<p>Vor Gotha verschlang Faust einst einem Bauer ein Fuder Heu nebst dem +Wagen und den Pferden; doch als der zu Tode geängstigte Bauer beim +Bürgermeister Klage führte und zum selben Platz zurückkam, standen +Wagen und Pferde unversehrt da. Ebenso machte es Faust einmal bei +Zwickau.</p> + +<p>Drei Grafen, die in Wittenberg studierten, führte Faust mit Hilfe +seines Zaubermantels in einer Nacht nach München<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> und wieder zurück. +Sie schauten dort der Hochzeit zu, welche der Sohn des Fürsten hielt, +doch Faust hatte ihnen verboten, ein Wort zu sprechen. Als nun der eine +sprach, wurde er gefangen genommen und eingekerkert, während Faust mit +den andern davonflog.</p> + +<p>Von einem Wechsler lieh Faust einst sechzig Taler auf einen Monat. Als +die Frist vorüber war, bot er, da er noch nicht zahlen konnte, dem +Wechsler zur größeren Sicherheit sein Bein zum Pfande. Der Wechsler +nahm das Bein, das Faust sich abgesägt hatte, und warf es, weil ihm +das Tragen lästig wurde und weil er einen Prozeß fürchtete, in einen +Fluß. Nach drei Tagen wollte Faust das Pfand einlösen; da der Wechsler +den Fuß aber nicht mehr beschaffen konnte, ging er seiner Forderung +verlustig und mußte noch sechzig Taler dazu bezahlen. Faust hatte +natürlich nach wie vor seinen Fuß; alles war nur augenverblendende +Schwarzkunst.</p> + +<p>Auf einem Jahrmarkte verkaufte Faust einem Roßtäuscher ein Pferd für +vierzig Gulden; doch als dieser es in die Schwemme ritt, verwandelte +es sich unter ihm in ein Bündel Stroh. Er eilte zu Faust zurück, +der scheinbar schlafend auf seinem Bette lag, zog ihn am Bein, aber +kaum hatte er ein wenig daran gezerrt, so hatte er es auch schon +ausgerissen. Erschrocken entfloh der Roßtäuscher, doch Faust, der ihn +nur verblendet hatte, lachte sich krumm und schief. Ebenso verkaufte +Faust ein andermal fünf Schweine für dreißig Gulden; aber als sie der +Käufer, trotz der Warnung Fausts, ins Wasser getrieben hatte, schwammen +nur fünf Strohbündel darin herum.</p> + +<p>Das Geld, mit dem Faust seine wüsten Zechereien bezahlte, pflegte sich +einige Tage später stets in Kot oder in Hornspäne zu verwandeln.</p> + +<p>Zu Wittenberg sah unser Schwarzkünstler einst, wie sich zwölf Studenten +vor seinem Hause miteinander stritten. Er verblendete ihnen die Augen +und sie schlugen nun, ohne sich gegenseitig zu erkennen, wütend +aufeinander los.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span></p> + +<p>Bei einem tollen Zechgelage zauberte Faust einst im Winter einen +Rebstock auf den Tisch, der voll reifer Trauben hing. Niemand sollte +die Trauben abschneiden, ehe Faust das Zeichen gegeben hätte. Begierig +faßte jeder mit der einen Hand eine Traube und mit der anderen ein +Messer; da entzauberte Faust ihre Augen und sie erkannten, daß jeder +nahe daran war, die Nase seines Nachbars abzuschneiden.</p> + +<p>Als Faust einst in einer Schenke das Singen und Schreien der Bauern +verdroß, machte er, daß ihnen plötzlich der Mund weit aufstand und sie +kein Wort zu sprechen vermochten, bis er sie wieder entzauberte. — Zu +Heilbronn bezauberte er die Kühe auf gleiche Weise, deren Muhen ihn +verdroß.</p> + +<p>Beim Grafen von Anhalt ließ Faust einst im Januar durch seinen Geist +auf Wunsch der Gräfin Obst herbeischaffen, das er innerhalb einer +halben Stunde aus den fernsten Ländern herbeiholte. Auch baute er dort +über Nacht ein Zauberschloß, in welchem er den Grafen und noch viele +Gäste herrlich bewirtete. Doch als sie aufbrachen, ging das Schloß in +Flammen auf und sie hatten allesamt Hunger, als ob sie nichts gegessen +hätten.</p> + +<p>An Fastnacht fuhr Faust mit Studenten einmal auf einer Leiter in den +Keller des Salzburger Bischofs, wo sie allerlei Weine tranken.</p> + +<p>Am weißen Sonntage führte Faust den Studenten die griechische Helena +vor, deren Schönheit sie dermaßen entzückte, daß beschlossen ward, sie +tags darauf malen zu lassen. Zu Erfurt, wo Faust Vorlesungen hielt +über Homer, beschwor er einst die Helden der Ilias und der Odyssee und +führte sie den Studenten vor. Als diese aber den schrecklichen Riesen +Polyphem herkommen sahen, der nur mitten in der Stirn ein Auge hatte, +das er furchtbar rollte, bekamen die Studenten eine Heidenangst; Faust +lachte sich aber halbtot.</p> + +<p>Bei Braunschweig begegnete Faust einst einem Bauern, der einen leeren +Wagen mit vier Pferden führte. Faust bat ihn,<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> sich aufsetzen zu dürfen +und da der Bauer ihm dies verweigerte, ließ er die vier Räder des +Wagens an die Stadttore Braunschweigs fliegen und die Pferde wie tot +niederstürzen. Als der Bauer jedoch auf den Knien um Verzeihung bat, +hieß ihn Faust Erde auf die toten Pferde werfen; alsbald erhoben sie +sich wieder unverletzt und auch die Räder saßen wieder an den Achsen.</p> + +<p>Zu Neu-Ruppin pflegte Faust abends mit den Bürgern, die ins Wirtshaus +kamen, Karten zu spielen und zu würfeln. Er hatte Pferdefüße und gewann +sehr viel.</p> + +<p>Als Faust in Leipzig mit mehreren Studenten an einem Weinkeller +vorüberging und die Küfer verhöhnte, welche sich vergeblich mühten, ein +Faß von achtzehn Eimern Inhalt heraufzuwinden, versprach der Besitzer +demjenigen das Faß Wein als Eigentum, welcher es allein heraufschaffen +könne. Da setzte sich Faust auf das Faß, als sei es ein Pferd und ritt +damit zum Keller hinaus. Es gibt einen Vers auf dieses Zauberstück, der +lautet:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Der Doktor Faust zu dieser Frist</div> + <div class="verse indent0">>Aus Auerbachs Keller geritten ist</div> + <div class="verse indent0">Auf einem Faß mit Wein geschwind,</div> + <div class="verse indent0">Welches gesehn viel Mutter — Kind;</div> + <div class="verse indent0">Hat's durch sein subtil Kunst getan,</div> + <div class="verse indent0">Des Teufels Lohn empfangen davon.«</div> + </div> +</div> +</div> + + +<p>In Erfurt wohnte ein Junker, der mit Faust befreundet war. Als dieser +Junker bei einem Gelage mit mehreren Freunden Fausts zusammensaß, +rief einer im Scherz Faust herbei, der sich gerade am kaiserlichen +Hof in Prag aufhielt. Alsbald erschien Faust, von Mephostophiles +begleitet, der sich in ein geflügeltes Roß verwandelt hatte. Während +des Zechens fragte er jeden Anwesenden, was für Wein er trinken wolle, +darauf bohrte er vier Löcher in den Tisch und es flossen daraus die +verschiedensten Weinarten. Gegen Morgen eilte er wieder durch die Lüfte +nach Prag. Noch bis vor kurzem wurde in Erfurt das Haus gezeigt, wo der +mit Faust befreundete Stadtjunker wohnte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span></p> + +<p>Später einmal lud Faust dieselben Freunde in Erfurt zu einem Gastmahle +zu sich. Als sie angekommen waren, sahen sie noch keine Vorbereitungen +zur Bewirtung. Da schlug Faust mit einem Messer auf den Tisch und es +trat ein Diener herein, welchen Faust fragte, wie schnell er sei. Der +antwortete: Wie ein Pfeil. Das schien Faust zu langsam und er entließ +ihn darum; es kam ein zweiter, schnell wie der Wind, der auch entlassen +wurde; erst der dritte, welcher so schnell war, wie der Gedanke des +Menschen, schaffte bald die herrlichsten Speisen und Getränke in Hülle +und Fülle herbei.</p> + +<p>Ein andermal soll er vierzigtausend Höllengeister zu seiner Bedienung +beschworen haben, fand aber keinen flink genug.</p> + +<p>In Frankfurt traf Faust während der Messe einst mit vier Gauklern +zusammen, welche einander die Köpfe abschlugen und wieder aufsetzten. +Sobald ein Kopf vom Körper getrennt war, wuchs aus einem dabeistehenden +Gefäß voll gereinigten Wassers eine Lilie, welche die Wurzel des Lebens +hieß. Faust bemerkte das und durchschlitzte die Lilie, welche eben +wieder emporschoß, heimlich mit einem Messer; da versuchten die drei +Zauberer vergeblich, ihrem vierten Gesellen den Kopf wieder aufzusetzen.</p> + +<p>Zu Straßburg bewährte sich Faust als vortrefflicher Schütze; selbst +nach dem Teufel schoß er, der oft laut aufschrie.</p> + +<p>Wenn Faust reiste, mußten ihm die Geister vorn, hinten und zu beiden +Seiten den Weg pflastern. Zu Regensburg war es seine größte Freude, auf +der Donau Kegel zu schieben und Fische zu fangen.</p> + +<p>Als er einst am Karfreitag in Jerusalem war, befahl er dem Teufel, +drei Ellen Leinwand zu bringen und ganz Portugal darauf zu malen, so +daß man jedes Haus sehen könne. Dies hatte Mephostophiles in wenigen +Augenblicken getan, und nun befahl ihm Faust, Christus am Kreuz +abzumalen, aber nichts daran zu vergessen, besonders nicht den heiligen +Namen. Das konnte Mephostophiles nicht; darum verblendete er die Sinne<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> +Fausts und malte statt Jesum eine Venus, auf die Faust zustürzte, +wodurch er denn endgültig der Hölle verfallen war.</p> + +<p>Im siebzehnten Jahre seines Bundes mit dem Teufel mußte sich ihm Faust +aufs neue verschreiben, weil er sich von einem frommen Manne fast hätte +bekehren lassen.</p> + +<p>Im neunzehnten Jahre lud Faust einst um die Weihnachtszeit eine +Gesellschaft fröhlicher junger Menschen in seinen Garten zu Wittenberg +und zur Verwunderung der Gäste grünte und blühte alles und nirgends war +zu erkennen, daß es Winter war.</p> + +<p>Neben Mephostophiles hatte Faust noch einen dienstbaren Geist namens +Prästigiar, der die Gestalt eines schwarzzottigen Hundes hatte. Diesen +lieh er einst einem Abt in Halberstadt auf drei Jahre; doch schon nach +dem ersten Jahre starb der Abt im Wahnsinn.</p> + +<p>Auf einem Bergschloß in der Nähe von Heilbronn (Boxberg) streckte Faust +einst seine Hand nach dem Regenbogen aus, der am Himmel stand. Da +senkte sich der Regenbogen immer tiefer und tiefer herab, bis ihn Faust +ergriff und festhielt. Er erbot sich, auf ihm zum Himmel zu reiten, +doch als die Anwesenden sich's verbaten, ließ Faust den Regenbogen los, +der wieder an seinen Platz zurückschnellte.</p> + +<p>Auf einer Reise nach Wittenberg verschlang Faust in einem Wirtshause +den Aufwarteburschen, der ihn nicht rasch genug bediente, und trank +darauf einen großen Kessel voll Wasser. Nachher fand man den Burschen +tropfnaß hinter dem Ofen im Schwenknapf liegen, wo er zum Gaudium der +Gäste am Kragen herausgezogen wurde.</p> + +<p>Bei einem Bankett, das Kaiser Maximilian einmal gab, verwandelte Faust, +um seine Dankbarkeit zu bezeigen, das Schlafzimmer des Kaisers eines +Morgens in einen Zaubergarten. Man hörte Nachtigallen singen, die Amsel +und die Wachtel schlugen fröhlich, Papageien schwatzten durcheinander. +Indische Hähne und Hennen liefen herum, Rebhühner, Haselhühner,<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> +Kraniche, Reiher, Schwäne und Störche. Man sah Laub und Gras und die +seltensten Blumen; Narzissen und Rosen prangten ringsum. Der Garten +war bestanden mit Granaten-, Pomeranzen-, Limonien-, Zitronen- und +Feigenbäumen; Kirsch-, Birn- und Äpfelbäume wuchsen bunt durcheinander. +Orangenbäume trugen Datteln, Tannenbäume trugen Aprikosen, +Kastanienbäume trugen Pfirsiche. Schmucke Tauben flogen gurrend hin und +her und belebten das zauberschöne Bild. Allein nach etwa einer Stunde, +ehe man sich's versah, fingen die Blätter an den Bäumen an zu welken, +die strotzenden Früchte fielen herab und verdorrten, Blumen schrumpften +zusammen und bald kam ein Windstoß zum Gemach herein, der wehte alles +herab, so daß der köstliche Zauber in einem Augenblick verschwunden war +und alle Gäste nun vermeinten, sie hätten bloß geträumt.</p> + +<p>Bei einem anderen Zechgelage mit Studenten ließ Faust einmal neben +vielen Braten auch einen schönen, großen, gebratenen Kalbskopf +auftragen. Er bat einen der Studenten, den Kopf zu zerlegen. Als dieser +nun das Messer ansetzte, fing der Kalbskopf mit lauter Stimme an zu +sprechen: »Mordio! Helfio! Auweh! Was hab' ich dir getan, du elender +Rotzlöffel!«</p> + +<p>Ein andermal ließ Faust während einer Tafel Wolken heraufziehen, und +als sie sich teilten, leuchteten die Sterne hindurch; nach einer Weile +türmte sich neues Gewölk auf, die Sonne begann heftig zu blenden, so +daß alle Anwesenden sich bekreuzten; ein Regenbogen wölbte sich vor +der Tafel des Kaisers; bald verschwand er wieder und es folgten Blitz, +Donner, Hagel und strömender Regen. Die Gäste flohen entsetzt, obwohl +keiner Schaden gelitten hatte.</p> + +<p>Einem Freiherrn, der bei Eisleben wohnte, schuf Faust einen Lustwald +voll Nachtigallen, Drosseln, Fasanen und Papageien; einige von den +Vögeln verkündeten die Zukunft; als Faust aber gestorben war, flogen +sie alle wieder davon.</p> + +<p>Als nun die vierundzwanzig Jahre, welche Faust sich von der Hölle +ausbedungen hatte, verflossen waren, wurde er vom Teufel<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> geholt, +erzählt die Sage. Er setzte seinen Famulus Christoph Wagner zum +Erben ein und trug ihm auf, alle seine Kunststücke, Zauberpossen und +wunderlichen Abenteuer, die er getrieben, getreu aufzuzeichnen und sie +in eine Historie zu bringen.</p><br> + +<figure class="figcenter illowp57" id="illu-149" style="max-width: 62.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-149.jpg" alt="bild"> + </figure> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span></p> + +<p class="p2">Am Morgen seines letzten Tages zog Faust mit vielen Freunden in das +Dorf Rimlich bei Wittenberg und erzählte ihnen voller Reue, wie er sein +Leben verspielt habe und was ihm nun bevorstehe. »Wisset« — sagte er +— »daß ich von Jugend an, während mich Gott mit einem guten Verstand +begabt hat, mit solcher Gabe nie zufrieden war, sondern viel höher +hinaus und über andere emporkommen wollte. Darum habe ich mich mit +Ernst und Fleiß auf die Schwarzkunst gelegt. Jedoch meine Vermessenheit +geriet mir bald zum Bösen. Ich mußte mich dem höllischen Luzifer mit +Leib und Seele verschreiben, Gott lästern, die heilige Dreifaltigkeit +höhnen und der Kirche absagen. Dafür habe ich gutes Essen und Trinken +eingetauscht und die Erfüllung aller Begierden. Fressen, Saufen und +Spielen waren meine Vergnügungen, für die ich nun meine ewige Seligkeit +verloren habe. Ich habe Gott den Herrn verlassen und nun gehöre ich dem +Satanas.«</p> + +<p>In der Nacht zwischen zwölf und eins, als Fausts Stundenglas abgelaufen +war, erhob sich ein mächtiger Wirbelsturm. In Fausts Zimmer hörte man +ein grauenerregendes Pfeifen und Zischen, als ob das ganze Haus von +Nattern und Schlangen erfüllt wäre. Fausts Tür ging auf; mit schwacher +Stimme hörte man ihn noch um Hilfe rufen, dann war alles still und +stumm. Am nächsten Morgen fand man Fausts ganzes Zimmer mit Blut +bespritzt; sein Körper lag auf einem Misthaufen.</p> + +<p>Noch nach dem Tode erschien Faust seinem Famulus und offenbarte ihm +vieles Geheime. Auch sahen ihn viele, die bei Nacht an seinem Hause in +Wittenberg vorübergingen, zum Fenster herausschauen. Und in dem Hause +ward es seit seinem Tode so unheimlich, daß kein Mensch sich mehr +getraute, darin zu wohnen. Noch lange, lange nachher blieb es verrufen. +Im Dreißigjährigen Kriege rettete sich der Dorfschulze zu Brade +bei Wittenberg dadurch das Leben, daß er dem Soldaten, der auf ihn +eingedrungen war, sagte, dies sei das Haus, in welchem Doktor<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> Faust, +der Schwarzkünstler, vom Teufel geholt worden sei. Zum Beweise zeigte +er sogar an der Wand eine blutbefleckte Stelle, und der Soldat entfloh +mit Schrecken.</p> + +<p>Faust soll auch Zauberbücher geschrieben haben. Das berühmteste trug +den Titel: »<em class="gesperrt">Doktor Fausts großer und gewaltiger Höllenzwang</em>, +mächtige Beschwörungen der höllischen Geister, besonders des Aziels, +daß dieser Schätze und Güter von allerhand Arten gehorsamvoll, ohne +allen Aufruhr, Schreckenssetzung und Schaden vor den gestellten Kreis +seiner Beschwörer bringen und zurücklassen müsse«.</p> + +<p>Nach Zwickau kamen noch im Jahre 1700 Schatzgräber und forderten unter +schweren Drohungen Fausts Bücher, die sich auf der Zwickauer Bibliothek +befinden sollten. Die Zwickauer Schüler lernten aus Fausts Schriften +angeblich das Mantelfahren und flogen — so redeten sie der Menge ein +— auf ihren Schulmänteln über die Stadtmauern und um die Teiche herum. +Wer Fausts »Höllenzwang« vorwärts las, dem erschien der Teufel; las man +ihn rückwärts, so entfloh er wieder; wer ihn aber nicht rückwärts lesen +konnte, der wurde vom Satan umgebracht. —</p> + +<p>So hieß es jahrhundertelang.</p> + +<p>Noch heute gibt es Betrüger genug, die sich als Hexenmeister aufspielen +und dem abergläubischen Volk unter Berufung auf Fausts »Höllenzwang« +die Sparpfennige aus den Taschen locken. Auch diese Gaukler verstehen +es, gebratene Kalbsköpfe mittels der Bauchredekunst sprechen, +mit Hilfe von versteckten Schattenbilderlampen Gestalten aus der +Unterwelt erscheinen zu lassen und einen Regen blanker Goldstücke +aus dem Ärmel zu schütteln, einem Menschen den Kopf abzuschlagen und +wieder aufzusetzen usw. Insbesondere haben die auch in Deutschland +herumziehenden indischen Fakire diese Taschenspielerkünste auf eine +ganz erstaunliche Höhe gebracht. Und wenn man sieht, daß sich selbst +die kühlsten Beobachter durch diese Kunststücke oft blenden lassen, +kann man es gut verstehen, daß das unwissende<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> Volk Zauberei und Spuk +in den Kunststücken erblickte, die durch einfache Fingerfertigkeit zu +erklären waren. Aber immerhin beweisen diese modernen Schwarzkünstler, +daß Faust und seine Taten in der Seele des Volkes noch immer lebendig +sind.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2>Goethe der Botaniker.</h2> +</div> + +<p>Wenn man von Goethe erzählt, so spricht man vom Juwel des ganzen +Menschengeschlechts. In einem kurzen Überblick den größten Menschen und +bedeutendsten Dichter der Welt betrachten, das wäre darum ein ebenso +unwürdiges, wie tollkühnes Beginnen.</p> + +<p>Selbst wenn man sich darauf beschränkt, nur eine kleine Seite dieses +gewaltigen Geistes zu beschreiben, ist man ob der Fülle des Materials +in Verlegenheit. Umfaßt doch heute die Literatur über Goethe schon eine +Bibliothek, die mehr als zehntausend Bände zählt.</p> + +<p>Darum soll hier nicht von seinen herrlichen Dichtungen die Rede +sein, die in der gesamten Weltliteratur unübertroffen dastehen; +auch das Leben Goethes sei hier nicht geschildert, obwohl viele +Forscher im Zweifel sind, ob Goethe als Mensch nicht noch größer und +bewundernswürdiger war, denn als Dichter.</p> + +<p>Nie vorher und nie nachher hat ein Mensch eine so umfassende Bildung +besessen wie Goethe; aber ebenso groß war auch sein Edelmut und seine +Hochherzigkeit; er war hilfreich und gut, selbstlos, pflichtgetreu +und unermüdlich in der Arbeit. Als Dichter und als Übersetzer, als +Kunsthistoriker und als Naturforscher hat er alle Pforten der Schönheit +vor uns aufgeschlossen. Er erst hat uns gelehrt, Kunst und Natur in +vollen Zügen zu genießen. Denn <em class="gesperrt">vor</em> Goethe wußte man nicht, wie +herrlich das Reisen ist, und wie voll tausend heimlicher Wunder die +Natur! Die Sehnsucht,<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> die <em class="gesperrt">uns</em> heute ins Gebirge und in die +Wälder zieht, die Freude, die wir heute in Flur und Au, an der See und +in den Alpen empfinden, hat erst Goethe in uns geweckt. Unsere Ahnen +kannten sie nicht. Für den Menschen des Altertums und Mittelalters +waren Wälder und Berge Orte des Grauens und Schreckens, vor denen man +sich fürchtete. Dazu kam die Unsicherheit vieler Gegenden, in denen +sich Räuber und wilde Tiere aufhielten; ferner die Kostspieligkeit +und Beschwerlichkeit des Reisens überhaupt und die höchst mangelhafte +Verpflegung. Wenn man reiste, um sich zu zerstreuen, so suchte man die +Städte auf, um fremde Länder und fremde Menschen kennen zu lernen; aber +die freie Gottesnatur verachtete man; sie war der Aufenthalt böser +Geister und Dämonen. Nur Menschenfeinde, Besessene oder Einsiedler +suchten die Waldeinsamkeit auf, in der sie niemand störte. Vor Goethe +sang man nicht die herrlichen Rheinlieder, kannte man nicht die +Fußreisen durch den Harz, Thüringer Wald, den Schwarzwald oder das +Riesengebirge. Vor Goethe dachten nur wenige daran, die eisbedeckten +Alpengletscher zu besteigen oder um der Kunst und glühenden Landschaft +willen eine Reise nach Italien zu machen. Der Idyllendichter Salomon +Geßner, der Naturforscher und Poet Albrecht von Haller, dem wir das +große Gedicht über »Die Alpen« verdanken, der pädagogische Reformator +Rousseau, Winckelmann, der sein Leben der Wiedererweckung der antiken +Kunst geweiht hat, unser Dichter Lessing — das sind einige berühmte +Ausnahmen, die größere Reisen oder Fußwanderungen nach den Alpen +beziehungsweise nach Italien unternommen hatten und die ziemlich +vereinzelt dastehen.</p> + +<p>Die Natur war nur für die Fachgelehrten da; soweit Lehrer, Ärzte, +Apotheker und Kräutersammler sie eben beruflich brauchten.</p> + +<p>Aber es ist klar, daß diese unbegrenzte Liebe Goethes zur Natur +ihn auch nicht eher ruhen ließ, als bis er sie im Innersten erfaßt +und erkannt hatte. Und so gibt es denn auch kaum ein Gebiet der +Naturwissenschaften, auf dem er nicht Unvergängliches,<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span> Grundlegendes +und Bleibendes geleistet hätte. Mit seinen Arbeiten über Anatomie und +Optik, Mineralogie und Geologie, Meteorologie und Klimatologie haben +sich die größten Gelehrten beschäftigt und auseinandergesetzt. Seine +Arbeiten auf diesen Gebieten haben anregend und fruchtbringend gewirkt, +und keiner, der sich dem einen oder anderen Gebiet zuwenden will, kann +an Goethe achtlos vorübergehen.</p> + +<p>Wir wollen uns hier ein wenig mit Goethe dem Botaniker befassen, wo wir +ihn unmittelbar in der Natur wirken sehen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Er selbst berichtet uns, daß er als Frankfurter Stadtkind noch nicht +einmal den Unterschied der drei Reiche gekannt habe; infolgedessen +hatte er sich auch wenig mit dem Reiche der Blumen beschäftigt. Erst +als er in Weimar einzog, als Sechsundzwanzigjähriger, beglückte ihn der +Gewinn, Staub und Stadtluft mit Land, Wald und Garten zu vertauschen. +Und erst durch seinen Beruf als Minister am Weimarer Hofe, wurde er +zur ernsten Beschäftigung mit den Naturwissenschaften geführt. Er +hatte die Leitung der Forstverwaltung, und durch seine Teilnahme an +den großen Jagden im Thüringer Wald begann er die Natur der Bäume zu +studieren. Der Herzog hatte ihm einen großen Garten geschenkt, »ein +rechter Gelehrtengarten«, der ihm eine reiche Quelle zur Beobachtung +der Pflanzen wurde, und in dem sein Geist ausruhen konnte.</p> + +<p>Wenn man vom Schloß Weimar kommend, die Ilm überschreitet, gelangt +man zum Stern, in dessen Nähe am Abhang des Ilmtales der ansteigende +Goethesche Garten liegt. Am Fuße der Schrägung steht ein einfaches +Gartenhaus, dessen erstes Stockwerk unter Schlingpflanzen, Geißblatt +und wilder Rebe versteckt ist. Mitten im Gartenhang befindet sich eine +einladende Laube, von hohen Bäumen und Sträuchern umgeben, von der man +eine anmutvolle Aussicht genießt. Eine Steintafel, die<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> da eingefügt +ist, erzählt uns, daß diese Laube die Geburtsstätte herrlicher +Dichtungen war, und daß Goethe hierher ging, um seine Sorgen und Kämpfe +zu überdenken, seinen Forschungen und stillen Freuden nachzuhängen. Die +umgebenden Bäume besaßen die ganze Liebe Goethes.</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Sag' ich's euch, geliebte Bäume,</div> + <div class="verse indent0">Die ich ahndevoll gepflanzt,</div> + <div class="verse indent0">Als die wunderbarsten Träume</div> + <div class="verse indent0">Morgenrötlich mich umtanzt.</div> + <div class="verse indent0">Wachset wie aus meinem Herzen,</div> + <div class="verse indent0">Wachset in die Luft hinein;</div> + <div class="verse indent0">Denn ich grub ja Freud' und Schmerzen</div> + <div class="verse indent0">Unter eure Wurzeln ein.«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Oft saß Goethe nachts auf dem Altan des Gartenhauses und schlummerte, +während laute Gewitter ihn umtobten. Er fand es unter Blitz, Donner und +Regen so herrlich, daß ihm das Bett leid wurde, und so oft er erwachte, +mitternachts, um zwei, um vier Uhr, immer entzückte ihn von neuem die +Herrlichkeit des Himmels. Seiner Freundin Charlotte von Stein schickte +er bald selbstgezogenen Spargel, eigengezüchtete Rosen, Erdbeeren usw. +Selbst in Winternächten weilte er gern hier. Und als er endlich 1782 +in sein vornehmes Stadthaus übersiedelt, und ihm jemand den Garten +abkaufen will, geht er noch einmal hinaus. »Jede Rose sagte zu mir: und +du willst mich weggeben? In dem Augenblick fühlte ich, daß ich diese +Wohnung des Friedens nicht entbehren könne.«</p> + +<p>Ein so inniges Leben im Garten mußte in Goethe natürlich viele Gedanken +über das Walten und Weben der Natur auslösen. Wenn er durch die Felder +reitet, denkt er über die Entstehung und Bildung der Erdoberfläche +nach und um bei seinen Studien im Reiche der Pflanzen nicht ohne +Lehrer zu sein, wählt er die Werke Linnés, der erst vor wenigen Jahren +verstorben<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> war, nachdem er die ganze naturgeschichtliche Anschauung +seiner Zeit beherrscht und reformiert hatte.</p> + +<p>Aber Goethe fand sich in dieser rubrizierten und klassifizierten Welt +Linnés nicht zurecht. Er studierte auf eigene Faust weiter und weckte +in seiner ganzen Umgebung dieselbe Leidenschaft für botanische Studien. +Der Herzog selbst wurde ein eifriger Gartenliebhaber, schaffte die +seltensten ausländischen Gewächse in seine Gartenhäuser und kaufte für +seine Bibliothek die kostbarsten botanischen Werke an. Goethe kaufte +Mikroskope zum genaueren Studium, sezierte Kokosnüsse und stellte +mit den verschiedensten Samen allerhand Keimversuche an, mit Pisang, +Kaktus, Trüffeln, Morcheln, Steinpilzen, Pfefferkörnern, Leinsamen, +Roggen, Erbsen, Linsen, Kartoffeln, Tee, Bier, Fichtenzweigen. +Bald schreibt er einem Freunde: »Ich habe in der Botanik hübsche +Entdeckungen und Kombinationen gemacht,« und einer Freundin: »Wie +lesbar mir das Buch der Natur wird, kann ich Dir nicht ausdrücken; mein +langes Buchstabieren hat mir geholfen, jetzt wirkt's auf einmal, und +meine stille Freude ist unaussprechlich.«</p> + +<p>Im Juni 1785 begibt sich Goethe in Gesellschaft von seinem Freunde +Knebel auf die Reise. Auf dem Burgweg bei Jena begegnen sie +einem siebzehnjährigen Studenten namens Dietrich, der mit der +Botanisiertrommel auf dem Rücken heimwärts wandert. Er wird aber von +Goethe angehalten, muß die Büchse öffnen, die Pflanzen herausnehmen, +ihre lateinischen und deutschen Namen aufsagen, Klasse und Ordnung des +Linnéschen Systems angeben, den Nutzen in Land- und Hauswirtschaft +erläutern. Da er das Examen recht gut besteht, wird er von Goethe +zu einem Spaziergang eingeladen, auf dem beide Federgras pflücken, +Frauenschuh, Spinnen- und Fliegenorchis, das bleiche Vogelnest und +andere botanische Zierden der Jenenser Kalkberge. Dietrich wird +aufgefordert, die Herren auf einer Reise durchs Fichtelgebirge und ins +Karlsbad zu begleiten, und hocherfreut sagt er zu.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span></p> + +<p>Tags darauf macht sich die Gesellschaft auf den Weg; da Goethe aber +unterwegs erkrankt, muß die Reise auf sechs Tage unterbrochen werden. +Dann geht's über Schleiz, Hof und Weinsiedel ins Fichtelgebirge hinein. +So oft man an einer Wiese vorbeifährt, muß der Kutscher anhalten; der +Student steigt aus, um die merkwürdigsten Pflanzen zu sammeln und den +Herren im Wagen vorzuzeigen, während Goethe, Linnés »System« auf den +Knien, in dem Buche blättert und Linnés Beschreibung nachliest.</p> + +<p>In den Bergen besteigt die kleine Reisegesellschaft den Seeberg und +den Ochsenkopf. In einer Schlucht erblickt Goethe auf dem Grunde einen +purpurroten Fleck, der seine Verwunderung erregt. Sofort steigen die +Herren hinab und erblicken ein Torfmoor, auf dem der Sonnentau mit +seinen purpurnen Blattrosetten sich so massenhaft angesiedelt hat, +daß das Moor wie ein blutroter Teppich erscheint. Goethe untersucht +die Pflanzen sorgfältig und findet an den Blättern kleine Insekten +haften. Es ist der <em class="gesperrt">insektenfressende Sonnentau</em>, der, sobald +er mit seinen klebrigen Blütenblättern ein Insekt gefangen hat, es +nicht mehr losläßt und, wie die Schlange ihr Opfer verschlingt und +nach einiger Zeit die unverdauten Reste auswirft, das gefangene Tier +in seinem Kelche einschließt, ihm — wie die Spinne — mörderisch das +Blut entzieht, die Weichteile aufzehrt und erst dann wieder seine Blüte +öffnet, wenn neuer Hunger ihn treibt, und wenn ihm das unverdauliche +Hautskelett des Opfers lästig wird.</p> + +<p>Aber nicht nur das lebende Insekt wird von dem Sonnentau mit großem +Appetit verzehrt. In der Verdauungskunst können die Blättchen des +Sonnentaus überhaupt mit jedem Tiermagen in den Wettkampf treten. Sie +verdauen auch leicht das rohe, das gekochte und gebratene Kalb- und +Rindfleisch. Gekochtes Eiweiß bekommt ihnen ebenfalls vortrefflich. +Sie sind auch Freunde eines scharf paprizierten Käses. Ja, sogar +an Knorpel, Leim, stickstoffreichen Pflanzensamen, Blütenstaub, +Knochensplittern<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> und selbst am steinharten Zahnschmelz verderben sie +sich ihren beneidenswerten Magen nicht. Dagegen verschmähen sie jedwede +mehlige, fette, süße und saure Speise; essen, wenn man ihnen fettes +Fleisch reicht, wie viele Menschen, nur das Fleisch und lassen das +Fett liegen, und können sich, wenn man sie überfüttert oder ihnen die +Mahlzeiten zu schnell hintereinander verabreicht, wie die Kinder, an +den Folgen der Magenverstimmung und der unregelmäßigen Nahrungszufuhr +eine schwere Krankheit, ja sogar den Tod holen.</p> + +<p>So ist Goethe einer der Ersten, der eine insektenfressende Pflanze +beobachtete. Denn erst fast ein Jahrhundert später hat der große +Naturforscher Darwin sein Werk über die insektenfressenden Pflanzen +veröffentlicht.</p> + +<p>Die Pflanzen, die Goethe auf dieser Reise sammelte, hat er in Herbarien +eingelegt, die man noch jetzt im Goethe-Haus zu Weimar sehen kann, wo +sie in acht schwarzgestrichenen Holzkisten untergebracht sind. Die +Pflanzen sind in die vierundzwanzig Klassen des Linnéschen Systems +eingeteilt und sauber auf Papierblätter aufgeklebt; daneben stehen die +deutschen und lateinischen Namen. Auch Goethes Pflanzenpresse ist noch +vorhanden.</p> + +<p>Als die Reisenden endlich in Karlsbad angelangt waren, hatten sie +sofort einen Kreis erlesener Freunde um sich: Frau von Stein, Gräfin +Bernstorff, die Fürstin Lubormirska, Graf Brühl, Herder, Voigt, Bode.</p> + +<p>Schon in aller Herrgottsfrühe muß Dietrich, der junge Kräutersammler, +die Flora Karlsbads absuchen, die gesammelten Pflanzen in großen +Bündeln an den Brunnen bringen und, während Goethe seine bestimmte +Anzahl Becher leert, ihre Namen laut ausrufen. Die Pflanzen werden +sorgfältig eingelegt und Goethe erklärt seinem Kreise die Ideen, die +die Pflanzen in ihm erweckt haben.</p> + +<p>Nun läßt ihm die Botanik keine Ruhe mehr; von den hochentwickelten +Pflanzen wagt er sich jetzt bereits in das schwer zu<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> durchwandernde +Reich der Kryptogamen, studiert Moose, Schwämme, Flechten und Algen. +Im Winter 1785/86 setzt er eifrig das Botanisieren und Mikroskopieren +fort. Im Juni schreibt er an seine Freundin, Frau von Stein: »Die +Blumen haben mir wieder gar schöne Geschichten zu bemerken gegeben, +bald wird es mir gar hell und licht über alles Lebendige.« Und ein paar +Tage darauf: »Ich bin von tausend Vorstellungen getrieben, beglückt und +gepeinigt; das Pflanzenreich rast wieder in meinem Gemüte, ich kann es +nicht einen Augenblick loswerden, mache aber auch schöne Fortschritte. +Es ist eine wunderbare Epoche, in der Du mir eben fehlst. Am meisten +freut mich jetzt das Pflanzenwesen, das mich verfolgt, und das ist's +eben, wie mir die Sache zu eigen wird. Es zwingt sich mir alles auf; +ich sinne nicht darüber, es kommt mir alles entgegen, und das ungeheure +Reich vereinfacht sich mir in der Seele, so daß ich die schwerste +Aufgabe gleich weglesen kann. Wenn ich nur jemand den Blick und die +Freude mitteilen könnte! Es ist aber nicht möglich: und es ist kein +Traum, keine Phantasie, es ist ein Gewahrwerden der Form, mit der die +Natur gleichsam nur immer spielt und spielend das mannigfaltige Leben +hervorbringt. Hätte ich Zeit in dem kurzen Leben, so getraut' ich mich, +es auf alle Reiche der Natur, auf ihr ganzes Reich auszudehnen.«</p> + +<p>Ende des Jahres 1786 ging Goethe über den Brenner nach Italien. Am +Walchensee bemerkt er den ersten Bergahorn und die erste Gentiane, +hinter Innsbruck die ersten Lärchenbäume, an der Brennerstraße die +ersten Zirbelkiefern. Er stellt Betrachtungen an über den Einfluß +des Höhenklimas auf die Gestaltung der Alpenpflanzen. Und inmitten +der Weingelände des wilden Etschtales, inmitten der Maisfelder, der +Fruchtbäume, der Maulbeer-, Nuß- und Quittenbäume fühlt er sich wie +neugeboren. In Verona erregen die Jahrhunderte alten Zypressen in ihm +das Gefühl der Verehrung. Als er einige Zweige mit grünen Zapfen und +einige blühende Zweige der Kapernstaude sich von<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> einem Diener nach +Hause tragen läßt, schauen ihm die Vorübergehenden auf die Finger »und +machen sich ihre Gedanken dabei«.</p> + +<p>Aber erst im botanischen Garten von Padua tritt ihm die +Pflanzenherrlichkeit des Südens in überwältigender Pracht vor Augen; +zauberhaft leuchtet ihm eine hohe breite Mauer mit feuergelben Glocken +der kletternden Bignonie entgegen. Eine Fächerpalme, die erste im +Lande, zieht seine ganze Aufmerksamkeit an. Diese Palme lebt noch +heute und überrascht mit ihrem siebenfach verzweigten Riesenstamm, +ihren grünen Blattfächern und ihren gelben Blütenrispen den deutschen +Besucher als eine lebende Reliquie des großen Dichters; sie ist mit +einer Inschrift versehen, die sie als »Goethepalme« bezeichnet und +so Goethes Besuchs im botanischen Garten gedenkt. »Hier in dieser +mir entgegentretenden Mannigfaltigkeit,« schreibt Goethe, »wird mir +der Gedanke immer lebendiger, daß man sich alle Pflanzengestalten +vielleicht aus <em class="gesperrt">einer</em> entwickeln kann. Hierdurch wird es möglich +werden, Geschlechter und Arten wahrhaft zu bestimmen ... Auf diesem +Punkt bin ich in meiner botanischen Philosophie stecken geblieben und +sehe noch nicht, wie ich mich entwirren will.«</p> + +<p>Aber seine Gedanken wachsen immer mehr. Je weiter Goethe nach Süden +kommt, desto mehr fremdartige Pflanzen bemerkt er, die er in jedem +Garten, auf jeder Lustfahrt sammelt. »Die Botanik übe ich auf Wegen +und Stegen, ich werde immer sicherer, daß ich die allgemeine Formel +gefunden habe, die auf alle Pflanzen anwendbar ist.« Viele Versuche aus +jener Zeit sind noch erhalten; so einige Dattelpalmen, die Goethe aus +Kernen herangezogen, um ihre Entwicklung zu beobachten. Sie schmücken +noch heute als hundertjährige Goethepalmen in der Villa Malta einen der +Hügel von Rom.</p> + +<p>Als Goethe im Frühjahr 1788 nach Weimar zurückkehrt, liegen die Lehr- +und Wanderjahre in den Naturwissenschaften hinter ihm; er ist zum +Meister gereift. Je mehr er sich der Heimat entfremdet fühlt, desto +verwandter wird ihm die Natur. »Aus<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> Italien, dem formenreichen, war +ich in das gestaltlose Deutschland zurückgekehrt, heiteren Himmel mit +trübem zu vertauschen. Im Laufe von zwei vergangenen Jahren hatte ich +ununterbrochen beobachtet, gesammelt, gedacht, jede meiner Anlagen +auszubilden gesucht; der Natur glaubte ich abgemerkt zu haben, wie +sie gesetzlich zu Werke geht, um lebendiges Gebild als Muster alles +Künstlichen hervorzubringen ... Aber schmerzlich vermißte ich jede +Teilnahme; die Freunde, statt mich zu trösten und wieder an sich zu +ziehen, brachten mich zur Verzweiflung. Niemand verstand meine Sprache.«</p> + +<p>Es vergingen nach der Rückkehr aus Italien noch zwei Jahre +ununterbrochenen Studierens, Beobachtens und Durchsprechens mit den +Freunden, ehe er mit seinen botanischen Ideen an die Öffentlichkeit +trat. Endlich, im Frühjahr 1790, hatte er den »Versuch, die +Metamorphose der Pflanzen zu erklären«, zugleich mit der Faustdichtung +der Öffentlichkeit übergeben. Aber die Ernte seines jahrelangen +Bemühens, zu zeigen, <em class="gesperrt">daß sich die mannigfaltigen Erscheinungen der +Flora auf ein allgemeines einfaches Prinzip zurückführen lassen</em>, +war ein großer entmutigender Mißerfolg. Die Fachgelehrten lehnten das +Werk Goethes als das eines außerhalb der Zunft stehenden Dilettanten +ab; sie sahen ein freches Wagnis darin, das festgefügte Gebäude des +Linnéschen Systems erschüttern zu wollen. Die Freunde überschütteten +Goethe mit gutgemeinten Warnungen, die blühenden Auen der Poesie mit +Gewächshäusern und getrockneten Herbarien zu vertauschen. Kurz, Goethe +stand einsam. »Es ist die größte Qual,« ruft er aus, »nicht verstanden +zu werden, wenn man nach großer Bemühung und Anstrengung sich endlich +selbst und die Sache zu verstehen glaubt; es treibt zum Wahnsinn, den +Irrtum immer wiederholen zu hören, aus dem man sich mit Mühe gerettet +hat.«</p> + +<p>Das Unglück Goethes war, daß er seine Abhandlung um ein Jahrhundert +zu früh hatte erscheinen lassen, ehe es Botaniker<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> gab, die imstande +waren, sie zu studieren und zu verstehen. Er fand zwar manche +Anerkennung, aber im großen und ganzen war seine Zeit nicht reif dafür.</p> + +<p>Trotz aller Enttäuschungen dachte Goethe aber daran, einen zweiten +Teil der Metamorphose herauszugeben, der die erläuternden Abbildungen +und Beweise für seine neue Lehre bringen sollte. Herbarien wurden +gesammelt, Merkwürdigkeiten in Spiritus verwahrt, Zeichnungen +verfertigt, Kupfer gestochen.</p> + +<p>Inzwischen hatte in Frankreich Rousseau, der ebenfalls ein +leidenschaftlicher und bahnbrechender Botaniker war, aufs +eindringlichste dahin gewirkt, daß an Stelle der Linnéschen +Klassenunterschiede die Ordnung der Natur zu ihrem Rechte komme. Goethe +zögerte nicht lange, die neue Ordnung in seinem Weimarer Berggarten +aufzunehmen, und der gegenwärtige Goethesche Garten zeigt noch heute +dieselbe ursprüngliche Anordnung in vier geradlinige, rechteckige +Beete, die von Buchskanten, alten Rosenstöcken, Geißblatt und anderen +Schlingpflanzen eingefaßt sind. In der Mitte befinden sich zwei +kreisrunde Rabatten, sowie ein schöner Laubengang, der von einer +Kornelkirschhecke gebildet wird; prächtige alte Bäume wachsen darin; +Blutbuchen, Kastanien, Eschen, Robinien.</p> + +<p>Goethe wandte sich nun vorzugsweise der <em class="gesperrt">Physiologie</em> der Pflanzen +zu; er studiert zunächst die Wirkung des Lichtes auf die Pflanze. Im +Sommer 1796 läßt er sich Glastafeln anfertigen aus gelbem, blauem und +violettem Glas; diese Gläser läßt er in Rahmen fassen, und die Rahmen +legt er auf Holzkästchen, die bis zur Hälfte mit Erde angefüllt sind, +in welcher die verschiedensten Samen ruhen, die gut gepflegt und zur +Entwicklung gebracht werden.</p> + +<p>Fast jeden Tag hob Goethe die Glastafeln auf, um zu kontrollieren, ob +die Farbe der Gläser auf das Wachstum der Pflanzen von Einfluß sei. +Dann untersuchte er, wie sich Pflanzen entwickeln, denen man das Licht +entzieht. Zu dem Zwecke ließ<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> er in einem leeren Gewächshause eine +Menge verschiedener Blumensamen in die Erde aussäen und das Haus durch +Läden verfinstern. Herder hatte die irrige Meinung, die Keime würden +sich ohne Licht überhaupt nicht entwickeln; die Zukunft belehrte ihn +aber, daß die Keime sich wohl entwickelt hatten, daß die Blättchen aber +klein und blaßgrün geblieben waren. Aber sobald Goethe im Juli die +Läden fortnehmen ließ, gewannen die weißlichen Blättchen bald wieder +ihre gesunde grüne Farbe zurück.</p> + +<p>In einer klaren Juninacht ging Goethe einmal in seinem Garten auf +und ab und beobachtete plötzlich auf den Blumen des roten Mohns ein +flammenähnliches Aufblitzen. Goethe stellte fest, daß es sich dabei +nicht um ein wirkliches Aufleuchten, sondern nur um eine besondere +Farbenerscheinung handelte.</p> + +<p>So war er unablässig bemüht, neue Beispiele des Bildens und Umbildens +der Pflanzen zu sammeln; besonders förderte ihn sein Verhältnis zur +Universität Jena, deren Kurator er war. Unter Goethes wohlwollender, +geschäftskundiger und intelligenter Leitung führte er mit den +bescheidensten Mitteln eine Blüte dieser Hochschule herbei, die +ohnegleichen war. Er gründete Bibliotheken, Institute und Sammlungen +und legte einen botanischen Garten und ein Museum an. So oft er in +Jena war, bewohnte er das schlichte Gartenhaus, dessen einfache +Zimmereinrichtung der moderne verwöhnte Mensch nicht ohne Rührung +betrachtet.</p> + +<p>Hier knüpfte Goethe auch Beziehungen zu dem achtundzwanzigjährigen +Alexander von Humboldt an, der sich vor seiner großen amerikanischen +Reise lange in Jena aufhielt. »Meine naturhistorischen Arbeiten sind +durch Humboldts Gegenwart aus dem Winterschlaf geweckt,« schreibt +Goethe an Knebel. Und an Humboldt selbst: »Es waren die schönsten Jahre +meines Lebens, wo ich in Ihrer Nähe Ihres wohltätig begeisternden +Einflusses genoß.« Zu Eckermann sagte Goethe: »Was persönlicher +Gedankenaustausch fördert, empfinde ich, wenn Männer wie Humboldt<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> hier +durchkommen, und mich in dem, was ich suche und was mir zu wissen nötig +ist, in einem Tage weiterbringen, als ich sonst auf meinem einsamen +Wege in Jahren nicht erreicht hätte.«</p> + +<p>Goethes Idee der Metamorphose der Pflanzen, die darauf beruhte, daß +der Bauplan der Pflanze unendlich einfach sei, insofern sie immer nur +ein- und dasselbe Organ in den verschiedensten Formen entwickelt, +diese Idee ist heute selbstverständliches Gemeingut der Wissenschaft +geworden, und man hat darüber vergessen, wie viele jahrelange Kämpfe es +Goethe gekostet hat, sie durchzusetzen. Erst der fast siebzigjährige +Forscher kann rückblickend sagen: »Mir ist ein erwünschtes Los +gefallen. Jünglinge gelangten auf den Weg, dessen ich mich erfreue, +teils veranlaßt durch meine Vorübung, teils auf der Bahn, wie sie +der Zeitgeist eröffnet. Stockung und Hemmnis sind nunmehr kaum zu +befürchten; eher vielleicht Voreiligkeit und Übertreibung, als +Krebsgang und Stillstand. In so guten Tagen, die ich dankbar genieße, +erinnert man sich kaum jener beschränkten Zeit, wo meinen ersten +Bestrebungen niemand zu Hilfe kam.«</p> + +<p>Und noch immer läßt er nicht ab, alles, was ihm im Leben der Pflanzen +als bemerkenswert auffällt, aufzuzeichnen. Mit herzlicher Freude +vernimmt er, daß ein botanischer Freund einem der edelsten Bäume des +brasilianischen Urwaldes den Namen »Goethea« gegeben.</p> + +<p>Doch nun kommen die Jahre, in denen er sich müde fühlt, dem Wanderer +gleich, der still ausruht und die rüstige Jugend an sich vorbeiziehen +läßt, um neue Länder zu entdecken und unbebaute Felder der Wissenschaft +urbar zu machen. »Es ist das höchste Glück des Menschen, das +Erforschbare erforscht zu haben und das Unerforschte in Ehrfurcht zu +genießen.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Wie sehr Goethe seine <em class="gesperrt">poetischen</em> Werke mit Gleichnissen aus der +Pflanzenwelt geschmückt hat, ist zu bekannt, als<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> daß man es besonders +hervorheben müßte; aber wir wissen jetzt, daß er diese Symbole aus +eigener Anschauung, gewissermaßen direkt aus den Händen der Natur, +empfangen hat, und wir wissen ferner, daß ihn seine botanischen Studien +gelehrt haben, die ganze Natur als ein <em class="gesperrt">einziges</em> großes Reich +zu betrachten; er teilte sie nicht in drei Reiche. Für ihn gab es +nur <em class="gesperrt">ein</em> Reich des Lebens, das von den einfachsten Anfängen in +unzähligen Zwischenstufen Schritt für Schritt sich zu den höchsten +Gestaltungen erhebt, überall denselben Gesetzen unterworfen. Keine +neuen Kräfte, keine ihrem Wesen nach verschiedene Tätigkeiten treten +auf. Der Baum des Lebens ist ein einziger und einheitlicher, der seine +Wurzeln in den Gebilden der <em class="gesperrt">Pflanzen</em> ausbreitet, sich in den +Stämmen der <em class="gesperrt">Tiere</em> zu immer vollkommeneren Formen erhebt und im +<em class="gesperrt">Menschen</em> die höchste Blüte entfaltet.</p> + +<p>Worin — habe ich mich oft gefragt — besteht wohl die große und +tiefe Freude, die Feld und Wald uns bereiten? Ist diese Freude etwas +anderes als eine Ahnung der geheimnisvollen Beziehung, die zwischen dem +Menschen und der Pflanzenwelt besteht? Denn seit der Mensch auf der +Erde wandelt, hat er die Natur, die ihn umgibt, in sich aufgenommen +und für seine Vorstellungen auszubeuten gesucht. Der Mensch fing an, +die verschiedenen Pflanzengestaltungen zu prüfen, inwiefern die eine +mehr, die andere weniger das andeutete, was in seinem Inneren vorging. +Durch die Pflanzen, die er wählte, teilte er seine Gefühle mit. Die +weiße Lilie entsprach der Unschuld, das Leberblümchen dem Ärger, die +Klette bedeutete Anhänglichkeit, die Brennessel Bosheit, das Veilchen +Bescheidenheit, die Schlüsselblume Aufrichtigkeit, das Heidekraut +Einsamkeit, die Aster Kummer, der Lorbeer Ruhm, die Palme Sieg, die +Eiche Stärke und Ehre, der Wein Fröhlichkeit, die Ähre Fruchtbarkeit, +die Dornen Unglück, das Immergrün Hoffnung, die Rose Liebe, der +Rosmarin Tränen, die Zypresse den Tod usw. Man sprach durch Blumen, wie +die alten Ägypter sich durch Bilder verständigten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span></p> + +<p>Der Mensch erkannte die unzähligen innigen Beziehungen, die zwischen +Mensch und Pflanze herrschen, in bezug auf Wachstum, Klima, Nahrung, +Verdauung, Schlaf, Gefühl, Seele; in bezug auf Ironie und Grobheit, +Karikatur und Schönheit, Gefräßigkeit und Bescheidenheit, Parasiten- +und Schmarotzertum, Reichtum und Armut, Umgebung und Gesellschaft, Luft +und Wetter, Kost und Bekleidung, Persönlichkeit und Menge, Genialität +und Philisterium, Raffiniertheit und Intelligenz, Frechheit und Anmut. +Denn es gibt keinen Zustand, keine Daseinsform, die in der Pflanzenwelt +nicht ihre Verkörperung gefunden hätte.</p> + +<p>Das <em class="gesperrt">Klima</em> beeinflußt die Pflanzenwelt in dem gleichstarken Grade +wie den Menschen. In der heißen Zone leben die fast durchweg schlanken +und breitschulterigen nackten Menschen, im Norden Asiens die kleinen +verkümmerten Beringsvölker. Ebenso sprießt die Pflanzenwelt der heißen +Zone üppig und verschwenderisch, während die Flora der nördlichen +Breitengrade ein trauriges zwerghaftes Dasein fristet.</p> + +<p>Wie die Pflanzen sind auch die Menschen entweder durch natürliche +<em class="gesperrt">Grenzen</em>, durch Meere oder Hochgebirge voneinander getrennt, +oder sie gestatten von den Grenzen aus bei naher Berührung einen +gegenseitigen Austausch ihrer Bewohner. Wie im Pflanzenreiche leben im +Reiche der Menschen unter gleichem Himmel doch in scharfer Abgrenzung +und in gesonderten Staaten Menschen verschiedener Sprache und +Abstammung; aus der Verschmelzung mehrerer Urstämme ist eine gemischte +Bevölkerung hervorgegangen.</p> + +<p>Pflanzen <em class="gesperrt">schlafen</em> wie der Mensch, und der Schlaf ist ihnen +ebenso vorteilhaft und notwendig. Auch die Pflanze schützt sich vor +Erkältungen und vor dem Tod durch Erfrieren, indem sie in hellen, +kalten Nächten nicht die breite Fläche, sondern die scharfe Kante +dem Himmel zukehrt, um die Wärmeausstrahlung zu verhindern oder doch +zu vermindern. Die meisten Blumen begeben sich erst gegen Abend zur +Ruhe. Die Blüten ziehen sich eng zusammen, und die Blätter kehren ihre +Unterseite nach oben.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span></p> + +<p>Man könnte die Blumen auch nach ihrem <em class="gesperrt">Dufte</em> einteilen, der +ihre Seele ist. In der Tat ist der Duft das edelste Kunstwerk, das +die Pflanze in den tausend Tätigkeiten ihres Lebens hervorbringt. Der +Duft ist unerklärbar und unerforschlich wie die menschliche Seele, und +ebenso verschieden wie sie. Die Düfte sind die Gefühle der Blumen.</p> + +<p>Und es gibt <em class="gesperrt">Grobiane</em> in der Pflanzenwelt, die, angefaßt, einen +Geruch von sich geben, den man in guter Gesellschaft nicht näher +beschreiben möchte.</p> + +<p>Man hat ferner <em class="gesperrt">Schmarotzerpflanzen</em> beobachtet, die +ausschließlich von anderen Pflanzen leben und ihnen die Kräfte +wegstehlen. Wie Riesenschlangen greifen sie die mächtigsten Stämme an +und winden sich fest um sie, als wollten sie die Kolosse ersticken. Sie +strecken sich nach den umstehenden Bäumen und Bäumchen aus, ergreifen +den nächsten Nachbar, umwickeln Schößlinge und Sprößlinge und bilden +zahllose pflanzliche Laokoon-Gruppen.</p> + +<p>Es gibt auch <em class="gesperrt">Karikaturen</em> in der Pflanzenwelt, die die Baumform +zu verhöhnen scheinen. Das sind die Parodisten unter den Pflanzen. +Man denke nur an die Kakteen. Sie predigen fast absichtlich die +Gesetzlosigkeit jeder Form. Bald kriechen sie schlangenartig am Boden +hin, bald hocken sie wie überfüllte Blasen übereinander. Bald sind +sie scharfkantig und lang wie Balken, bald unförmig riesengroß wie +entartete Kürbisse. Bald — in den südlichen Ländern — sind sie +haushoch, bald so klein wie eine Erbse. Bald haben sie die Form des +stachligen Kugelfisches, bald die einer platten Flunder. Sie können +aussehen wie plumpe Puppen und wie die Schnauze des Sägehais; man sieht +sie Tropfsteingebilde nachäffen und Biertonnen verhöhnen. —</p> + +<p>Den Grundstein zu allen diesen Beobachtungen hat <em class="gesperrt">Goethe</em> gelegt, +der nicht nur als Dichter an der Spitze der Menschheit steht.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span></p> +<h2>Goethe in Venedig.</h2> +</div> + +<p>Ich krame gar zu gern auf den alten Böden, die unter der Dachschrägung +liegen und mit einer kleinen verstellbaren Fensterluke versehen sind; +wo es nach Ruß und Rauch, nach Wäschedunst und heißer Sonne riecht; +wo verhungerte Spinnen neben den Fliegengerippen in ihren verstaubten +Netzen hängen; wo allerhand Ungetier still und verstohlen herumkreucht; +wo zehntausend wertlose schiffbrüchige Dinge umherliegen: geköpfte +Puppen, leere Sektflaschen, künstliche Palmen, alte, weiß Gott! wie +alte Schmöker, Stühle ohne Beine, Lackstiefelchen mit klaffenden +Wunden, verbeulte kupferne Kasserollen, Beinkleider, denen man +entwachsen ist, rostiges Eisenzeug, Schulhefte, ein zerbröckelndes +Herbarium, Rhomboiden und Pyramiden aus Pappdeckel, ein Kinderwagen und +noch so viel anderer unnützer Plunder.</p> + +<p>Ich krame gar zu gern in diesem schwer bestaubten, toten Gerümpel, das +mir so viele kostbare Erinnerungen schenkt und so viel Geliebtes, das +tot ist, wieder lebendig werden läßt. In diesen Rumpelspeichern sitzt +mit Urgroßmuttershaube die Zeit und träumt ihre Träume von der Ewigkeit +und vom Zerfall aller irdischen Dinge ...</p> + +<p>Habt ihr ihr noch nie zugeschaut, ihrem leisen melancholischen Wirken +und Weben und ihrer stillen, unermüdlichen Arbeit? Wie sie zum +Beispiel dem kleinen Kinderwagen, in dem ihr einst als der Abgott +eurer Eltern gelegen, und der so blink und so blank durch die Gärten +der Stadt gefahren wurde, wie sie diesem Wagen, in dem ihr eure ersten +Lebensjahre verbracht habt, ganz langsam die kleinen, entzückenden +Vorhänge fortreißt und den Stoff Faden um Faden auseinandernimmt. +Wie sie den braunen Firnis ableckt! Wie sie die spiegelhellen +Nickelstangen anhaucht, daß sie erblinden! Wie sie das ganze<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> Gerippe +des Wagens bloßlegt, dann auch an diesem nackten Gestell zu nagen +beginnt und so lange daran nagt und knuspert und knackt und beißt, bis +es zusammenbricht, und ihr nichts weiter mehr seht als ein Häuflein +Eisenstangen und Korbweiden? Freilich das dauert Jahre, Jahre ... aber +sie hat ja keine Eile.</p> + +<p>Ich krame gar zu gern in diesen formlos gewordenen, in der Auflösung +begriffenen Dingen, die die Vergangenheit zur Gegenwart machen. Da +komme ich zuweilen herauf auf den Rumpelkoben, um nach den lieben +Erinnerungsstücken zu schauen, die zu Staub werden zwischen den +langsamen Kiefern der Zeit. Der Klopfwurm hämmert im Dachgebälk, in den +Mauerlöchern verkriecht sich der Tausendfuß, und auf dem Dache gurren +die Tauben. Manchmal geht auch eine Katze da oben spazieren, streckt +ihren martialischen Schnurrbart zur offenen Fensterluke herein und sagt +mir »Guten Tag!«</p> + +<p>Als ich wieder einmal da oben zwischen den vermotteten Trümmern +verblaßter Erinnerungen saß, fiel mir ein Kasten voller Steine in die +Hände, die am Strande des Adriatischen Meeres aufgelesen waren.</p> + +<p>Und kaum sah ich diese buntfarbigen, von den Meereswellen +abgeschliffenen Felssplitter, als plötzlich ganz Venedig vor meinem +Geiste auftauchte, wo die Heimat dieser Steine ist.</p> + +<p>Kennt ihr Venedig? ...</p> + +<p>Wenn ihr euch mir anvertrauen wollt, will ich euch führen ...</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es ist morgens fünf Uhr ...</p> + +<p>Venedig schläft noch ... Das Venedig, von dem man an grauen Herbsttagen +träumt, nach dem man sich an bleiernen Wintertagen immer wieder sehnt. +Der palastbesäumte <em class="antiqua">Canale grande</em> schläft noch. Aber rudert mit +mir in der schwarzen stillen Gondel bis zur Rialtobrücke, laßt das +Venedig des Märchens, das Venedig der Dogen hinter euch versinken ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span></p> + +<p>Und nun wollen wir uns in den Gassen herumtreiben, in denen Shylock +und Tubal Handel trieben, in denen Shakespeare wohl die Hälfte des +»Kaufmanns von Venedig« spielen läßt, was — topographisch betrachtet +— gar nicht möglich ist.</p> + +<p>Es ist das Venedig, von dem ihr nie sprechen hört; das Venedig der +Armen. In seinem Venetianischen Brief vom 29. September 1786 erwähnt +Goethe dieses Viertel; er spricht von dem Zwang, den der beschränkte +Raum auf die Bauart ausübte. Die Häuser suchten die Luft — sagt er +— wie Bäume, die geschlossen stehen; sie mußten an Höhe zu gewinnen +suchen, was ihnen an Breite abging. »Auf jede Spanne des Bodens geizig +und gleich anfangs in enge Räume gedrängt, ließen sie zu Gassen nicht +mehr Breite als nötig war, eine Hausreihe von der gegenüberstehenden +zu trennen und dem Bürger notdürftige Durchgänge zu erhalten ... Die +Enge und Gedrängtheit des Ganzen glaubt man nicht, ohne es gesehen zu +haben. Gewöhnlich kann man die Breite der Gassen mit ausgereckten Armen +entweder ganz oder beinahe messen, in den engsten stößt man schon mit +den Ellbogen an, wenn man die Hände in die Seite stemmt.«</p> + +<p>In der Tat, es gibt da elende Winkel, in die die italienische Sonne +nie einen Strahl wirft. Hier fällt kein Licht herein; hier ist alles +fruchtbar ohne Sonne. Und hier, wo wir jetzt wandern, hat schon mit der +Morgendämmerung ein rastloses Wirken begonnen. Das malerische Bild ist +von starkem Eindruck, aber allerdings auf Kosten der armen Teufel, die +Leben und Gesundheit dafür lassen. Krumme Häuser seht ihr, als hätten +Blinde sie aufgebaut; Gesichter, als hätte die Hölle sie ausgebleicht. +Schönheit muß man hier nicht suchen. Freude und Lust, Paläste, Kirchen +und Theater, kostbare Juwelen und seltene Gemälde, alte Spitzen und +erlesene Antiken — alles, was dem Leben den Glanz des Genusses gibt, +erscheint plötzlich furchtbar und tyrannisch. Voll stolzer Verachtung +zwang jenes Venedig alle die Demütigen und Armen, die Erniedrigten +und Geächteten in diese<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> menschenunwürdigen Stadtteile, in diese +Gassen voll ekler Dünste, voller Kehricht und Moder. Hier warf es die +Tausende von Sklaven her, denen es einen jämmerlichen Unterschlupf +gewährt und die sich am Tage um eines Soldo willen bekämpfen und +beneiden, verfluchen und töten. Hier leben die kleinen Händler, die +Fabrikarbeiter und Arbeiterinnen, die schwindsüchtigen Glasbläser und +Glasspinnerinnen, die Mosaiksetzer, die Perlendreher und Holzschnitzer +— jeder ein Künstler in seiner Art.</p><br> + +<figure class="figcenter illowp88" id="illu-171" style="max-width: 62.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-171.jpg" alt="bild"> + </figure> + +<p class="p2">Die prächtigen, für satte und zufriedene Leute berechneten Läden auf +dem Markusplatz schlafen noch friedlich; aber in den häßlichen und +gewundenen Straßen, durch die wir jetzt kommen, schwimmt bereits der +Rauch schlechter Öfen. Rundum Häuser, die zusammengeklebt einander +stützen und vor dem Umfallen<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> bewahren; schmutzigbraune, ockergelbe, +rosarote, bleichgrüne, graue Häuser. Mauern an Mauern aus verwittertem, +vor Alter sterbendem Stein, Fenster mit staubgrauen Gardinen blicken +griesgrämig drein. Schwere Beklommenheit befällt euch. Man kann das, +was man hier atmet, ebensowenig als Luft bezeichnen, wie man einen +Stein Brot nennen kann. Wo ihr hinblickt, gewahrt ihr das schändliche +Zeugnis eines ungleichen, heißen, aber vergeblichen Kampfes, den +der Vater gegen den Sohn führt, und der Bruder gegen die Schwester. +Man sieht unansehnliche Kasernenbauten, Kramläden, Weinkneipen, +Barbierläden, Schuppen mit Polstermöbeln gefüllt, von denen die +Fetzen herabhängen, Trödelbuden, eine Schlosserwerkstätte, Flure mit +gefälschten Antiquitäten vollgepropft.</p> + +<p>Gegen sechs Uhr beginnt es hier lebhaft zu werden; verworrenes Gesumme +aus Gängen und Gäßchen; fernes Sprechen zusammengepferchter Menschen. +Gegen sieben Uhr wimmelt es bereits, und ihr habt den Eindruck, als +seien alle Ameisen allmählich aus ihren Löchern hervorgekrochen, um nun +den ganzen Tag unermüdlich herumzulaufen und Soldi zu sammeln.</p> + +<p>Es scheint Wochenmarkt zu sein. In langen Reihen ziehen sich +offene Buden an den Häuserwänden hin, hinter denen die Verkäufer +in fieberhafter Eile ihre Waren auspacken. Ganze Berge von Orangen +und Zitronen, von grünen Feigen und Mispeln wachsen im Nu vor euch +auf. Wagen und Körbe stehen umher; ganze Haufen von lebendigem und +geschlachtetem Federvieh umgeben euch plötzlich. Hühner gackern, +Tauben gurren. Kupferbraune Tagelöhner, verblühte Frauen, oft mit +einem Säugling an der Brust, frühwelke Kinder, die erst Menschen +werden wollen, große und kleine Taschendiebe, dickleibige Hausfrauen, +schlecht frisierte und schlecht gekleidete Mädchen, Matrosen, Händler, +Pfaffen, Klosterschüler, Polizisten quirlen hier durcheinander. Alles +mögliche kommt zum Verkauf: alle südlichen Obstarten, Hammelfleisch, +das metallgrüne Mücken umschwirren,<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> Artischocken, Bananen, blasses, +ungesalzenes, ungemein schlechtes Brot, Seile, Spaten, Gedärme, alte +Röcke, alte Möbel, alte Chiantiflaschen, alte Geigen, Papageien und +Seegras; es ist ein buntes lebendiges Museum.</p> + +<p>Händler und Käufer, Betrüger und Betrogene, der ganze Markt schreit +hilflos und zwecklos durcheinander. Die Kleinkrämer, die ihre Ware +auf der Erde ausgebreitet haben, halten die Passanten mit befehlenden +und flehenden Rufen fest. Mit gellender Stimme betteln sie. Ihr seht +erregte und wilde Gesichter. Sie zanken um nichts; aber wie sie so +dastehen und einander an die Kehle möchten, ist doch ein originelles +Bild, das durch keine rohe Linie verunstaltet wird. Hier wird Räuberei +am hellen Tage getrieben; Lug und Trug und falsche Eide klingen an euer +Ohr, schimpfliche Frechheit macht sich breit, Feigheit und Qual auf +Schritt und Tritt. Die Seelen hacken alle wild aufeinander los. Aber +alles doch mit einer bestimmten Gewohnheit und Selbstverständlichkeit +und — so widersinnig es klingt — mit einer gewissen Ruhe.</p> + +<p>Denn das Schauspiel wiederholt sich täglich; es ist der Kampf um den +Soldo. Verweilt eine Stunde in diesem scheußlichen Dunstkreis voll +Elend und Unrecht, in diesen arbeitsreichen, erniedrigenden Gassen, und +ihr habt für euer ganzes Leben das starke Gefühl von der Zweiseitigkeit +aller schönen Dinge.</p> + +<p>Aber wir wollen zum Rialto zurück. Wir biegen in die erste Straße ein +und sind am Fischmarkt. Ihr tretet auf Seeschnecken, Patellen und +Fischeingeweide. Der Boden ist schuppenübersät und glitschig. Kübel +und Körbe, Bottiche und Fässer, Netze und Wagschalen, Tische und Bänke +voller Fische, Krebse, Krabben, Schnecken, Austern und Muscheltiere +in hundert Formen und Größen. Das zuckt und zappelt und kriecht +und krabbelt und hüpft und wimmelt durcheinander. Der Anblick ist +gruselig; man muß aber das Getier, diese unglücklichen aufgehaschten +Meeresbewohner, die Goethe so viel Vergnügen machten, nicht auf dem von +wüstem Geschrei und Geklapper erfüllten Platze<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> beobachten. Man tut +besser, die engen Gäßchen verlassend, durch den nördlichen <em class="antiqua">Canale +grande</em> zu gondeln, um die Insel der Santa Clara herum, hinaus auf +den Lido ...</p> + +<p>Dort ist das Meer ...</p> + +<p>»Das Meer ist doch ein großer Anblick ... Dort habe ich heute die +Wirtschaft der Seeschnecken, Patellen und Taschenkrebse gesehen +und mich herzlich darüber gefreut,« sagt Goethe. »Was ist doch ein +Lebendiges für ein köstliches, herrliches Ding! Wie abgemessen in +seinem Zustande, wie wahr, wie seiend!«</p> + +<p>Im weiteren Verlauf schildert Goethe sehr lebendig die Jagd, die die +Taschenkrebse auf die Patellen machten. Man kann als Naturforscher sich +gewiß herzlich freuen über diesen Kampf und man kann als Dichter die +sehr sentimentale Betrachtung anstellen, wie seltsam es doch ist, daß +einer den anderen fressen muß. Aber lassen wir solche Gedanken nicht +aufkommen.</p> + +<p>Das Meer umspült den Strand und lächelt dem blauen Himmel ins Antlitz. +In vollem Laufe stürmt es scherzhaft die Lagunen und wirft ganze +Wasserstürze wirbelnden Schaumes auf den Kiessand. Mit breiten Zungen +beleckt es die Düne, gleitet aber sofort wieder sanft zurück, sich +krümmend, wie der Leib einer riesigen Schlange. Welle auf Welle jagt +hintereinander her. Ein sanfter Wind liebkost die mächtige Brust des +Meeres, die sich gleichmäßig hebt und senkt, und die lachende Sonne +wärmt sie mit ihren warmen Strahlen. Grünliche Wellen schleudern den +weißen Schaum ihrer flockigen Rücken weit auf den Strand und zerfließen +mit leichtem Rascheln. Ihr vertraut dem Meere eure Gedanken an, und +es reinigt sie von Schmutz und von Sorge, von allem Kleinen und +Kleinlichen.</p> + +<p>Das Meer ist ein großer Anblick ...</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Goethe hatte diese »Wunderstadt«, diese »Biber-Republik« 1786 zum +ersten Male gesehen, hatte sie so gesehen, wie sie hier geschildert +wurde.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span></p> + +<p>Am 30. September lief er ohne Führer in die entferntesten Quartiere +der Stadt. Er sehnte sich nach Einsamkeit, denn »nirgends fühlt man +sich einsamer als im Gewimmel, wo man sich, allen ganz unbekannt, +durchdrängt«. Er suchte sich in dem Labyrinth der kleinen Gäßchen +zurechtzufinden, ohne irgend jemand zu fragen; er nahm nur die +Himmelsrichtung zum Führer. »Es ist ein unglaubliches Gehecke +ineinander, und meine Manier, sich recht sinnlich davon zu überzeugen, +die beste. Auch habe ich mir, bis an die letzte bewohnte Spitze, der +Einwohner Betragen, Lebensart, Sitte und Wesen gemerkt; in jedem +Quartiere sind sie anders beschaffen. Du lieber Gott, was doch der +Mensch für ein armes gutes Tier ist!«</p> + +<p>Die kleinen Häuschen, die dicht beieinander unmittelbar in den +Kanälen standen, wunderten ihn. Und täglich erweitert er durch neue +Spaziergänge seine Kenntnis der Stadt. Er kaufte sich einen Plan, +studierte ihn gründlich und bestieg zunächst den Markusturm, der noch +mehr als hundert Jahre stehenbleiben sollte, dann 1903 einstürzte +und nun wieder neu aufgebaut ist. Seinen Augen bot sich ein einziges +Schauspiel. Zu seinen Füßen lag die märchenschöne Stadt mit ihren +schimmernden Palästen und das weite blaue Meer, auf dem Galeeren +und Fregatten, Segler und Gondeln wie kleine Nußschalen hin und her +wimmelten.</p> + +<p>An einem Sonntag ärgerte er sich über den Kehricht, der in allen Gassen +lag. »Die Leute schieben den Kehrig in die Ecken; auch sehe ich große +Schiffe hin und wieder fahren, die an manchen Orten stilliegen und +das Kehrig mitnehmen, Leute von den Inseln umher, welche des Düngers +bedürfen; aber es ist in diesen Anstalten weder Folge noch Strenge, und +desto unverzeihlicher die Unreinlichkeit der Stadt.«</p> + +<p>Andere Anordnungen, insbesondere architektonische Verzierungen des +Straßenpflasters, gefallen ihm so gut, daß er gleich einige Skizzen +davon entwirft. »So hat man immer Trieb und Lust, vor fremden Türen zu +kehren.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span></p> + +<p>In der Carità bewundert er Palladios Baukunst. In der Kirche Il +Redentore, ebenfalls ein Bauwerk Palladios, bewundert er besonders die +breiten goldgestickten Ranken und Laubwerke. Aber bei näherem Zusehen +fand er sich betrogen. »Alles, was ich für Gold gehalten hatte, war +breitgedrücktes Stroh, auf Papier geklebt, der Grund mit lebhaften +Farben angestrichen, und das so mannigfaltig und geschmackvoll, +daß dieser Spaß, dessen Material gar nichts wert war, und der +wahrscheinlich im Kloster selbst ausgeführt wurde, mehrere tausend +Taler müßte gekostet haben, wenn er echt hätte sein sollen. Man könnte +es gelegentlich wohl nachahmen.«</p> + +<p>An den Opernvorstellungen, die er mehrfach besuchte, fand er +keinen rechten Genuß; das Ballett war von »elender Erfindung« und +wurde ausgepfiffen. Im Dogenpalast wohnt er einer öffentlichen +Rechtsverhandlung bei, die ihn stark in Atem hält. Auch gefiel ihm die +ganze Art der Prozeßführung, die er ausführlich beschreibt, besser, +»als unsere Stuben- und Kanzleihockereien.«</p> + +<p>In einem weiten Saale des Palastes saßen an der einen Seite die +Richter im Halbkreis. Ihnen gegenüber, auf einem Katheder, der mehrere +Personen fassen konnte, befanden sich die Advokaten beider Parteien; +vor ihnen auf einer Bank Kläger und Beklagte. Ein dürres Schreiberlein, +in schwarzem, kümmerlichem Rocke, hielt ein dickes Heft in der Hand, +um daraus vorzulesen. Der Saal war von Zuschauern und Zuschauerinnen +gedrängt voll. Der Streit war sehr wichtig, denn er ging gegen die +Gemahlin des Dogen, die in eigener Person auf dem Anklagebänkchen hatte +Platz nehmen müssen. Hinter einem kleinen Tische saß auf einem niederen +Schemel ein Männchen, das eine Sanduhr in der Hand hielt. Solange +nämlich der Schreiber las, wurde die dafür aufgewendete Zeit nicht +gerechnet, sobald aber ein Advokat zu sprechen begann, dem nur eine +gewisse Zeit zur Verteidigung eingeräumt war, ließ das Männchen die +Sanduhr<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> laufen, die es sofort wieder umkippte, sobald der Schreiber +oder sonst eine Person etwas zwischendurch sprach oder einzuwerfen +hatte.</p> + +<p>Die Komödie gefiel Goethe ausgezeichnet; sowohl die Gerichtskomödie, +in der man dem Verteidiger die Zeit so kärglich zumaß, daß er gar +nicht daran denken konnte, den Angeklagten würdig zu verteidigen, als +auch die wirkliche Komödie, wo Goethe zunächst ein Maskenstück sah. Es +unterhielt ihn mit »unglaublicher Abwechslung« mehr als drei Stunden; +am meisten amüsierte ihn aber das Publikum. »Die Zuschauer spielen mit, +und die Menge verschmilzt mit dem Theater in ein Ganzes. Den Tag über +auf dem Platz und am Ufer, auf den Gondeln und im Palast, der Käufer +und Verkäufer, der Bettler, der Schiffer, die Nachbarin, der Advokat +und sein Gegner, alles lebt und treibt und läßt es sich angelegen sein, +spricht und beteuert, schreit und bietet aus, singt und spielt, flucht +und lärmt. Und abends gehen sie ins Theater und sehen und hören das +Leben ihres Tags, künstlich zusammengestellt, artiger aufgestutzt, mit +Märchen durchflochten, durch Masken von der Wirklichkeit abgerückt, +durch Sitten genähert. Hierüber freuen sie sich kindisch, schreien +wieder, klatschen und lärmen. Von Tag zu Nacht, ja von Mitternacht zu +Mitternacht ist immer alles eben dasselbe.«</p> + +<p>Ein andermal ergötzt ihn wieder in einem Stück von Goldoni die Komödie +sowohl, als auch die ausgelassene Heiterkeit des Publikums. Es war ein +Gelächter und Gejauchze im Theater von Anfang bis zu Ende.</p> + +<p>Die Venetianer feierten gewöhnlich in den ersten Tagen des Oktober +einen alten Sieg über die Türken. Das Fest wurde durch ein Hochamt +eingeleitet, dem auch Goethe beiwohnte. Er sah die vergoldeten Barken +an dem kleinen Platze vor der Kirche der heiligen Justina landen, die +die Fürsten und einen Teil des Adels brachten. Er sah, wie sich seltsam +gekleidete Schiffer mit rotgemalten Rudern vorwärts bemühten. Am Ufer<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> +harrte die Geistlichkeit; die Bruderschaften mit angezündeten Kerzen, +die sie auf Stangen und tragbaren silbernen Leuchtern trugen, drängten +und wogten durcheinander; mit Teppichen beschlagene Holzbrückchen +wurden aus den Gondeln und Barken herausgereicht, um das Aussteigen +zu erleichtern. Zuerst kamen die Savj, die vornehmsten Ratsherren mit +ihren langen violetten Kleidern, dann die Senatoren in ihren langen +scharlachroten Gewändern. Zuletzt kam der Älteste mit einer goldenen +phrygischen Mütze geschmückt. Er trug einen langen goldenen Talar und +den Hermelinmantel. Drei Diener trugen seine Schleppe. Und dies ganze +bunte Schauspiel spielte sich auf dem kleinen Platze vor der Kirche +ab, vor deren Türen geschmückte Herolde die erbeuteten Türkenfahnen +hielten. »Mir nordischem Flüchtling hat diese Zeremonie viel Freude +gemacht. Bei uns, wo alle Feierlichkeiten kurzröckig sind, und wo die +größte, die man sich denken kann, mit dem Gewehr auf der Schulter +begangen wird, möchte so etwas nicht am Ort sein.« Der Doge, ein schön +gewachsener, krank aussehender Mann, hielt sich recht würdevoll und +sah aus wie der Großpapa des ganzen Geschlechts. Die Kleidung stand +ihm sehr gut, und das feine und durchsichtige Käppchen, das er unter +der Mütze trug, bedeckte blütenweißes Haar. Fünfzig Nobili, in langen +dunkelroten Schleppkleidern waren mit ihm; schöne große Männer mit +ausdrucksvollen Köpfen, auf denen sie blonde Lockenperücken trugen, mit +klugen, weißen, ruhigen und selbstsicheren Gesichtern.</p> + +<p>An einem anderen Abend bestellte Goethe sich den famosen Gesang der +Fischer, die ihm nach ihren eigenen Melodien etwas von Tasso und +Ariost vorsingen mußten. Bei Mondschein bestieg er eine Gondel, einen +Sänger vorn und einen hinten, die abwechselnd sangen. Sie ließen ihre +Stimmen laut in die Nacht hinausschallen, aufs Meer hinaus, wo der +Wind sie weitertrug. In der Ferne vernimmt ein anderer Schiffer, der +die Melodie kennt, den Gesang, und antwortet mit der nächsten Strophe +des<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> Textes. Dann erwidert der erste wieder, und so ist immer einer +das Echo des anderen. Die ganze Nacht hindurch geht der Gesang, ohne +daß die rudernden Schiffer ermüden würden. Am Ufer der Giudecca stieg +Goethe aus und ging am Kanal entlang, um den Genuß des Singens in der +Nähe und des Erwiderns in der Ferne tiefer auskosten zu können. Der +Gesang war so klagend und melancholisch und so ans Herz greifend, +daß Goethe bis zu Tränen gerührt wurde. Ein Schiffer riet ihm, daß +er sich die singenden Schifferfrauen vom Lido anhören möchte; sie +hätten die Gewohnheit, wenn ihre Männer ins Meer hinausruderten, um +zu fischen, sich ans Ufer zu setzen und mit durchdringender Stimme +abends Gesänge erschallen zu lassen, bis sie von fern die Stimmen ihrer +Männer vernähmen. Auf diese Weise unterhielten sie sich, seien nicht +beieinander und doch beieinander. Es sei, als ob ein Einsamer und +Verlassener in der Ferne sehnsüchtig klage und darauf warte, daß ihn +ein Gleichgestimmter vernehme und ihm antworte.</p> + +<p>Die Gemälde von Veronese, Tizian, Bellini, Giorgione, Tintoretto und +anderen großen Malern erwecken Goethes ganze Feuerbegeisterung.</p> + +<p>Aber es zieht ihn immer wieder hinaus zum Lido, zum Meere, wo er +stundenlang liegen und Ebbe und Flut beobachten kann. Der Strand +ist so sehr von Muscheln besät, daß er sich um ihretwillen Kinder +herbeiwünscht, die sich daran erfreuen könnten. Aber da keine Kinder +in der Nähe sind, füllt er sich selber die Taschen damit an. Besonders +gern sieht er aber den Taschenkrebsen zu, die während der Flut an +den Strand gespült werden und nun in ihre salzige Flut nicht mehr +zurückkommen. Es wimmelt und krabbelt dann besinnungslos durcheinander, +denn auf dem Trockenen bleiben, bedeutet so viel wie den Tod. Das Meer +weicht aber immer mehr zurück, die Sonne sticht und trocknet rasch, +und nun heißt es ebenso rasch ins Meer zurückwandern. Bei dieser +Gelegenheit suchen die Taschenkrebse ihren Raub.<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> »Wunderlicher und +komischer kann man nichts sehen, als die Gebärden dieser aus einem +runden Körper und zwei langen Scheren bestehenden Geschöpfe; denn die +übrigen Spinnenfüße sind nicht bemerklich. Wie auf stelzenartigen Armen +schreiten sie einher und sobald eine Patelle sich unter ihrem Schild +vom Flecke bewegt, fahren sie zu, um die Schere in den schmalen Raum +zwischen der Schale und dem Boden zu stecken, das Dach umzukehren und +die Auster zu verschmausen. Die Patelle zieht sachte ihren Weg dahin, +saugt sich aber gleich fest an dem Stein, sobald sie die Nähe des +Feindes merkt. Dieser gebärdet sich nun wunderlich um das Dächelchen +herum, gar zierlich und affenähnlich; aber ihm fehlt die Kraft, den +mächtigen Muskel des weichen Tierchens zu überwältigen; er leistet auf +diese Beute Verzicht, eilt auf eine andere wandernde los, und die erste +setzt ihren Zug sachte fort. Ich habe nicht gesehen, daß irgendein +Taschenkrebs zu seinem Zwecke gelangt wäre, obgleich ich den Rückzug +dieses Gewimmels stundenlang beobachtet habe.«</p> + +<p>Man sieht, Goethe war in Venedig nicht müßig; mit allen Sinnen nahm er +das neue wundervolle Bild dieser märchenumrankten Stadt in sich auf, so +daß man ihm wohl glauben kann, wenn er schließlich bei seiner Abreise +sagt: »Ich habe gut aufgeladen und trage das reiche, sonderbare, +einzige Bild mit mir fort.«</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<div class="chapter"> +<h2>Beethoven.</h2> +</div> + +<p>Durch die Straßen von Paris heulte das Volk. Waffen blitzten, drohende +Fäuste reckten sich in die Höhe. Wüste Schädel, scheußliche Fratzen, +fanatische Köpfe tauchten auf. Die Bastille wurde gestürmt, und bald +darauf wurde die Guillotine in Tätigkeit gesetzt. Menschenbeladene +Karren rasselten zum Richtplatz hin. Die blutige, rachedurstige +Freiheitsgöttin johlte aufwieglerisch<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> in den Gassen. Die große +furchtbare Revolution war ausgebrochen, die mit den Strömen roten +Blutes die der Menschheit so lange Jahre angetane Schmach wegspülen +wollte, und der Schrei nach Freiheit stieg tausendstimmig zum Himmel +empor.</p> + +<p>Und schon war der Mann da, der alsbald all die neuerwachten Kräfte +Frankreichs in seiner Hand vereinigte und sich zum neuen Schicksal +des Volkes aufwarf. Er eilte von den Pyramiden herbei, durchmaß in +rasenden Märschen Italien und eroberte seiner Republik in drei Jahren +halb Europa. Schon war Bonaparte Konsul und nicht lange darauf und +er war der Kaiser Napoleon. Jetzt mochte Österreich sich wehren, +mochte Preußen sich erheben, mochte selbst Rußland sich rühren. Dieses +Schicksal, das unter dem Namen Napoleon auftrat, schien unbesiegbar +zu sein. Kalt und erzen stand er in Europas Mitte. Ein Wink seiner +Hand entschied Riesenschlachten. Ein Blick seiner Augen entschied über +das Schicksal zweier Nationen. Alles, alles fraß dieser Moloch; ganze +Völker fielen seiner Gier zum Opfer. Seit den Cäsaren Roms war so +unerhörte Größe nicht mehr gesehen worden.</p> + +<p>Und Deutschland hatte am schlimmsten darunter zu leiden. Ganz +Deutschland war von den Armeen des Weltherrschers umzingelt. Ganz +Deutschland wogte in Donner und Dampf und wenn der Rauch sich verzog, +sah man neue entsetzliche Leichenfelder. Man schickte Greise in den +Krieg, Knaben griffen zu den Waffen. Es nützte alles nichts. Jungfrauen +zogen auf die Schlachtfelder, um zu heilen und zu helfen. Es nützte +alles nichts. Für Deutschland war die Zeit der Befreiung noch nicht +gekommen. Das Deutsche Reich war infolge der überkommenen Uneinigkeit +der deutschen Fürsten zersplittert. Was aber der Gegner nicht besaß, +und was Deutschland noch retten konnte und mußte, das war der deutsche +Geist. Fichte in seinen Reden an die deutsche Nation und Schiller +erinnerten mit flammenden Worten daran, daß es galt, die heiligsten +Güter zu verteidigen. Deutschland stellte der großen <em class="gesperrt">Kraft</em> +Frankreichs seinen großen <em class="gesperrt">Geist</em><span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> entgegen: <em class="gesperrt">Goethe</em>, +der den Weltenbezwinger Napoleon zur Hochachtung zwingt, und +<em class="gesperrt">Beethoven</em>, den gewaltigsten Gestalter der Erde, Beethoven, der +das Tonreich neu gestaltete, neu eroberte und der den Schlachtendonner +Napoleons noch übertönte durch seine vom Himmel herabgeholten Gewitter.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Wir können den Namen Beethoven bis ins siebzehnte Jahrhundert +zurückverfolgen, wo in Antwerpen ein Weinhändler namens Wilhelm van +Beethoven gelebt hat, der Ur-Urgroßvater unseres Ludwig. Wilhelms +Sohn, Heinrich Adelard war Schneider und Vater von rund einem Dutzend +Kindern. Eins davon, Louis, der heimlich von Hause durchgebrannt +war, wurde ein wandernder Musikant, bis er 1733 am Hofe des Bonner +Kurfürsten eine feste Stellung als Bassist erlangte. Er avancierte bis +zum erzbischöflich kurfürstlichen Kapellmeister, in welcher Stellung +er in seiner goldgestickten, zinnoberroten Uniform eine recht gute +Figur machte. Doch hatte er sich, um seine Einkünfte zu vermehren, +nebenbei einen kleinen Weinhandel zugelegt, der ihm aber nur Unglück +bringen sollte. Sowohl seine Frau als auch der einzige Sohn Johann +verfielen dem Laster des Trunkes. Johann verstand sich sehr gut auf das +Weinproben, und diese Schwäche nahm so überhand, daß der ganze Haushalt +gestört und der Sohn schließlich sogar des Amtes entsetzt wurde. Der +Vater bestimmte seinen Sohn Johann auch für die Musik; aber der brachte +es nicht weiter als bis zum Tenoristen der Hofkapelle mit dreihundert +Taler Jahresgehalt.</p> + +<p>Magdalena Kewerich aus Ehrenbreitstein, eine hübsche schlanke Person, +die als Kammerjungfer gedient hatte und schon mit neunzehn Jahren die +Witwe des kurtrierischen Leibkammerdieners Layen war, wurde 1763 Johann +van Beethovens Frau. Sie war die Tochter eines Kochs und vermögenslos; +und da die Heirat dem Vater durchaus nicht gefiel, trennten sich Vater<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> +und Sohn. Am 17. Dezember 1770 entsprang dieser Ehe <em class="gesperrt">Ludwig van +Beethoven</em>.</p><br> + +<figure class="figcenter illowp61" id="illu-183" style="max-width: 50.9375em;"> + <img class="w100" src="images/illu-183.jpg" alt="bild"> +</figure> + +<p class="p2">Aber da Ludwig noch mehrere Geschwister hatte, herrschte im Hause +Mangel und Not. Anfangs hatte der wohlhabende Großvater Louis, an +dem Ludwig mit aller Innigkeit hing, nachgeholfen, trotzdem er wegen +der Heirat noch erzürnt war.<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> Aber er starb schon, als Ludwig erst +drei Jahre alt war. Als die Bedrängnis immer größer wurde, machte der +Vater mehrere Gesuche um Gehaltsaufbesserung, die aber abschlägig +beschieden wurden, weil seine Führung nicht die beste war. Oft mußte +der herangewachsene Ludwig seinen trunkenen Vater auf offener Straße +aus den Händen der Polizei befreien und man begreift, wie diese +schmerzlichen Vorfälle sich dem Gedächtnisse des jungen Beethoven +eingruben und ihn allmählich verschlossen und trotzig machten. Er litt +zweifellos unter der Trunksucht des Vaters, über den er trotzdem nie +ein hartes Wort äußerte, noch auch eine abfällige Bemerkung seitens +eines Dritten je geduldet hätte.</p> + +<p>Infolge dieser Zustände wurden die Verhältnisse im Elternhause immer +mehr zerrüttet; die Erbschaft wurde von den Krankheiten der Kinder +und dem Wein bald verschlungen, so daß Glas- und Porzellanschränke, +Silberservice und Leinwand hintereinander zum Trödler wandern mußten.</p> + +<p>Die Erziehung und Ausbildung, die der junge Beethoven erhielt, war +deshalb sehr ungeordnet und mangelhaft. Der Vater war, um seine Not zu +vergessen, meist trunken und in der Trunkenheit despotisch, und obwohl +die Mutter große Geduld an den Tag legte, wurde der Knabe scheu und in +sich gekehrt.</p> + +<p>Aber dieser Knabe wurde zugleich auch der gute Stern an dem trüben +Himmel des Elternhauses, sobald der Vater erst einmal das Talent seines +Sohnes entdeckt hatte, der später die ganze Familie vom Untergang +erretten sollte.</p> + +<p>So oft der Vater am Klavier saß und sang, horchte der Knabe aufmerksam +zu und versuchte die Melodie nachzuspielen, so daß ihm der Vater +schon im fünften Lebensjahre Unterricht im Klavier- und Violinspiel +erteilte. Und eines Tages verfiel der Vater auf die Idee, seinen Sohn +zu einem Wunderkinde zu machen und mit ihm umherzuziehen, um Geld zu +verdienen. Nun begannen harte Tage für den jungen Ludwig, der oft vom +Spiel mit den Kindern weggeholt wurde, um seine Aufgaben zu üben.<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> +Kein Weinen half ihm; mit unerbittlicher Strenge und mit reichlichen +Prügeln verfolgte der Vater sein Ziel und eines Tages kündigte er in +einer Kölner Zeitung an, daß am 26. März — der wurde auch Beethovens +Todestag! — 1778 sein Söhnchen »von sechs Jahren mit verschiedenen +Klavierkonzerten die Ehre haben werde aufzuwarten, wo er allen hohen +Herrschaften ein völliges Vergnügen zu leisten sich schmeichle, um so +mehr, da er zum größten Vergnügen des ganzen Hofes sich hören zu lassen +die Gnade gehabt habe«.</p> + +<p>Der Knabe wurde also, damit das Wunder größer sei, um ein Jahr jünger +gemacht; Beethoven glaubte aber nie, daß es nur eine absichtliche +falsche Angabe sei.</p> + +<p>Des jungen Beethovens Schule war hauptsächlich die Not. Außer dem +Vater unterrichtete ihn ein Jahr lang der Sänger Tobias Pfeiffer, der +bei Beethovens in Kost und Logis war und das Klavierspiel vollkommen +beherrschte. Noch in späteren Jahren hat Beethoven diesem seinem +Lehrer von Wien aus oft Unterstützungen zukommen lassen, obwohl +ihn der Unterricht zuweilen um alle Kindheitsfreude und oft um den +Schlaf gebracht hatte. Denn oft, wenn der Vater und Pfeiffer nachts +zusammen aus dem Wirtshaus kamen, wurde der kleine Ludwig aus dem Bett +geholt und bis zum Morgen am Klavier festgehalten. Der Erfolg dieser +spartanischen Erziehung zur Musik war immerhin so groß, daß die Leute +vor den Fenstern stehnblieben, wenn Pfeiffer und der kleine Beethoven +zusammen »variierten«.</p> + +<p>Im Jahre 1781 finden wir den zehnjährigen Ludwig mit seiner Mutter auf +einer Reise nach Holland, wo er in vornehmen Häusern spielte und die +Leute durch seine Fertigkeit in Erstaunen setzte. Aber die Einnahmen +müssen auf dieser Reise nicht groß gewesen sein, denn Beethoven sagte +später: »Die Holländer, das sind Pfennigfuchser; ich werde Holland +nimmermehr besuchen.«</p> + +<p>Inzwischen erlernte Beethoven im Franziskanerkloster auch das +Orgelspiel, das er bald so weit beherrschte, daß er beim Gottesdienst<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> +als Gehilfe verwendet werden konnte. Sein Lehrer in dieser Kunst war +erst der Hoforganist van den Eeden und dann dessen Nachfolger, der +feine Musiker Christian Gottlob Neefe, der einen bedeutenden Einfluß +auf das Kompositionstalent Beethovens ausgeübt hat. Schon 1782 konnte +er den elfjährigen Knaben fest anstellen und ihm so die Anwartschaft +auf die Hoforganistenstelle selbst verschaffen. Die Hauptgrundlage +des Unterrichts, den Beethoven von Neefe empfing, war Bachs +wohltemperiertes Klavier.</p> + +<p>Inzwischen fiel Beethovens Improvisationstalent immer mehr auf, +und er selbst versuchte schon, wenn er sich ans Klavier setzte, +um zu phantasieren, bestimmte Empfindungen, bestimmte Bilder und +Menschen durch die Töne zu charakterisieren. Mit zwölf Jahren entwarf +er die entzückenden »Bagatellen« fürs Klavier, die er später als +op. 33 herausgegeben hat, und dreizehn Jahre alt, ließ er einige +Klaviersonaten drucken, die er dem Kurfürsten gewidmet hatte. Um diese +Zeit leitete er auch bereits, wenn Neefe verhindert war, die Proben im +Theater, und er machte sich sogar einmal den Spaß, den sehr tonfesten, +kurfürstlichen Sänger Heller während des Gottesdienstes durch kühne +Abschweifung bei der Begleitung ganz aus dem Konzept zu bringen. Der +Kurfürst verbat sich freilich solche »Geniestreiche«; er war aber von +der außerordentlichen Begabung des jungen Beethoven, der inzwischen +Cembalist und Bratschist am kurfürstlichen Orchester geworden war, sehr +überrascht.</p> + +<p>Solche Erfahrungen veranlaßten nun seine Gönner, ihn einem allerersten +Meister in Unterricht zu geben, und 1787 finden wir denn auch den +Bonner Hoforganisten Beethoven als Mozarts Schüler in Wien. Mozart +läßt sich etwas von Beethoven vorspielen, bleibt aber anfangs kühl bis +ans Herz, weil er es für ein einstudiertes Paradestück hält. Als ihn +Beethoven aber um ein Thema zum Phantasieren bittet, »phantasiert« er +denn so, daß Mozart denen, die im Nebenzimmer zuhören, zuruft: »Auf den +gebt acht, der wird einmal in der Welt von sich reden machen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span></p> + +<p>Trotz dieser Meinung wurde es nicht viel mit dem Unterricht. Mozart +war zu sehr mit seinen eigenen Angelegenheiten und mit der Komposition +des »Don Juan« beschäftigt. Zudem kam noch, daß die Mutter Beethovens +heftig erkrankte, so daß er schon nach wenigen Wochen Wien verließ, +um zur geliebten Mutter zu eilen, die bald darauf, vierzig Jahre alt, +starb.</p> + +<p>»Sie war mir eine so gute, liebenswürdige Mutter,« schreibt er in einem +Briefe bald darauf, nachdem sie gestorben war; »sie war meine beste +Freundin. O wer war glücklicher als ich, da ich noch den süßen Namen +›Mutter‹ aussprechen konnte! Und er wurde gehört, und wem kann ich ihn +jetzt sagen?«</p> + +<p>Mit dem Tode der Mutter nahm die Trunksucht des Vaters immer mehr +zu, so daß er seine Stimme verlor und bald darauf seines Amtes +entsetzt wurde. Beethoven mußte nun beim Hofamte bitten, die Hälfte +des väterlichen Gehalts ihm als Erziehungsbeitrag für seine jüngeren +Geschwister anzuweisen. Nun fühlte sich Beethoven noch vereinsamter als +früher.</p> + +<p>Eine zweite Mutter fand er in der Nachbarswitwe Frau von Breuning, +zu deren Kindern er als Klavierlehrer kam. In diesem Hause, in dem +er nicht nur den größten Teil des Tages, sondern auch manche Nacht +zubrachte, wurde er als eigenes Kind behandelt. Hier hat er die erste +Bekanntschaft mit der deutschen Literatur gemacht, sowie seinen ersten +gesellschaftlichen Schliff erhalten.</p> + +<p>Neben diesem Hause ist noch der Graf Waldstein zu nennen, dem die +Sonate <em class="antiqua">op.</em> 53 gewidmet ist. Der Graf ahnte das Genie Beethovens, +mit dem er befreundet war und hat ihm manche Geldunterstützung zuteil +werden lassen, die er als Gratifikation vom Kurfürsten ausgab, um +Beethovens Reizbarkeit zu schonen. Graf Waldstein schickte Beethoven +wieder nach Wien, damit er dort bei Haydn die letzte Schulung +erhalte. Der Kurfürst unterstützte Beethoven ebenfalls, der nun mit +hochgeschwellten Empfindungen im November 1792 nach Wien reist, das +damals für<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span> Musik die maßgebendste Stadt war. Nach den Stunden bei +Haydn, die Beethoven mit je acht Groschen, sowie Kaffee oder Schokolade +honorierte, verwarf Beethoven alles, was er bis dahin komponiert hatte.</p> + +<p>Beethoven mußte nun daran denken, sich auf eigene Füße zu stellen. +Seine beiden jüngeren Brüder waren versorgt; sie folgten ihm freilich +beide bald nach. Haydn nahm den Unterricht nicht sehr streng und ließ +Beethoven vieles, was regelwidrig war, durchgehen. Als aber einst J. +Schenk den lernbegierigen Beethoven auf der Straße traf, machte er +ihn auf die Fehler in den Übungsheften aufmerksam, die der Lehrer +unverbessert gelassen hatte. Und als schließlich Haydn Beethoven, der +eben drei Trios komponiert hatte, noch geraten hatte, ein Trio davon +(<em class="antiqua">op.</em> 1 in <em class="antiqua">C moll</em>) nicht zu veröffentlichen, weil es zu +gewagt sei, wurde Beethoven mißtrauisch, brach den Unterricht bei +Haydn kurzerhand ab und ging zum Komponisten des »Dorfbarbiers«, zu +Schenk, in die Lehre. Beethoven widmete die drei Trios dem Fürsten Karl +Lichnowsky, von dessen Frau Beethoven sagte, sie hätte eine Glasglocke +über ihn setzen lassen wollen, damit kein Unwürdiger ihn berühre.</p> + +<p>Zur Selbsterkenntnis erwacht, begann Beethoven immer mehr den Mangel +einer regelrechten Schulbildung zu empfinden. Da er in seiner Kindheit +ausschließlich musikalische Studien trieb, war seine übrige Ausbildung +natürlich sehr vernachlässigt worden. Rechnen war ihm das ganze Leben +hindurch sehr beschwerlich; mit der Orthographie haperte es auch +stark. Er hatte ein wenig Latein und ein bißchen Französisch gelernt. +Allein der Hauch einer edleren Geistesbildung, der Bonn durchzog, als +Beethoven noch dort weilte, und der Verkehr mit gebildeten Menschen +führte ihn dafür wieder geistigen Höhen zu, die andere Künstler nicht +zu ersteigen vermochten. In Wien suchte Beethoven seine mangelhafte +Bildung vollends durch eifrige Lektüre der großen Dichter und Denker +auszugleichen, und um sich geschmeidigere<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> Umgangsformen anzueignen, +besuchte er einen Tanzlehrer. Dabei führte er einen streng sittlichen +Lebenswandel, denn als ihm während eines fröhlichen Ausflugs eine +Kellnerin einmal zu nahe trat, gab er ihr eine schallende Ohrfeige. +Im Homer, den er gern las, strich er sich die Stelle an: »Auch vieles +Schlafen ist schädlich«.</p> + +<p>Von Schenk ging Beethoven zu Albrechtsberger in die Lehre, dem größten +zeitgenössischen Theoretiker, der das zu viel an Drill beanspruchte, +was Haydn zu wenig berücksichtigt hatte. Aber schon war in Beethoven +etwas, was sich gegen diese Regeln auflehnte. Er hatte bereits als +Knabe das Handwerksmäßige und das, was an der Musik <em class="gesperrt">erlernbar</em> +war, gelernt und er sah ein, daß jedes wahrhafte Genie sich seine +eigenen Gesetze geben müsse. Darum kam Albrechtsberger auch bald zu +dem Urteile, daß Beethoven »nie was Ordentliches lernen würde«, und +selbst zu den Freunden Beethovens sagte er: »Gehen Sie nicht mit dem +Beethoven um, der hat nichts gelernt.« Beethoven gab diesen Lehrer auf +und ging zu Salieri, dem Todfeinde Mozarts, um bei ihm Unterricht in +dramatischer Komposition und in Gesangsmusik zu nehmen; er wollte die +italienische Musik von Grund aus kennen lernen.</p> + +<p>Am 30. März 1795 erlebte Wien das erste Auftreten des Pianisten +Beethoven. Die zweite Nummer des Programms war »ein neues Konzert auf +dem Pianoforte (<em class="antiqua">C dur op. 15</em>), gespielt von dem Meister Herrn +Ludwig von Beethoven und von seiner Erfindung«.</p> + +<p>Beethoven war jetzt fünfundzwanzig Jahre alt. Er schien damals als ein +guter, ruhig gestimmter, bescheidener Mann, dessen Spiel von ungemeiner +Fertigkeit war und mehr zum Herzen sprach, als das aller Vorgänger. +Sein Spiel machte einen ungewöhnlichen Eindruck und allgemein hatte +man das Gefühl, daß sich hier einer in Tönen aussprach, der seine +eigenen Wege ging. Beethoven <em class="gesperrt">charakterisierte</em> am Klavier; er +benutzte die hohen und tiefen Lagen, um sowohl verträumte,<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> als auch +tiefinnerliche Empfindungen auszudrücken. Er wurde am Instrument zum +Dichter, der neue Welten schuf und gestaltete. Am schönsten spielte er, +wenn er allein im Zimmer war, und die Zuhörer sich in einem Nebenraum +befanden. Dann blieb aber auch kein Auge trocken, und es wundert uns +nicht, wenn er 1796 von Prag aus an seinen Bruder schreibt: »Meine +Kunst erwirbt mir Freunde und Achtung, was will ich mehr!« Von Prag aus +führte ihn eine Kunstreise über Dresden und Leipzig nach Berlin, wo +ihn der König Friedrich Wilhelm II. sehr huldvoll empfing. Er spielte +einige Male bei Hofe und komponierte die Cellosonate (<em class="antiqua">op. 5</em>), +weil der König selbst das Violoncell spielte. »Beethovens Phantasien +waren im höchsten Grade glänzend und staunenswert,« erzählt uns sein +Schüler Czerny; »in welcher Gesellschaft er sich auch befinden mochte, +er verstand es, auf die Hörer einen solchen Eindruck hervorzubringen, +daß manche in lautes Weinen ausbrachen. Denn es war etwas Wunderbares +in seinem Ausdruck, noch außer der Schönheit und Originalität seiner +Ideen und der geistreichen Art, wie er dieselben zur Darstellung +brachte. Wenn er eine Improvisation dieser Art beendet hatte, konnte +er in lautes Lachen ausbrechen und seine Zuhörer über die Bewegung, +in die er sie versetzt hatte, ausspotten. Zuweilen fühlte er sich +sogar verletzt durch diese Zeichen der Teilnahme. ›Wer kann unter so +verwöhnten Kindern leben‹, sagte er, und einzig aus diesem Grunde +lehnte er es ab, eine Einladung anzunehmen, welche der König von +Preußen nach einer solchen Improvisation an ihn ergehen ließ.«</p> + +<p>Beethoven fand sich in Berlin sehr ernüchtert. Er kam vom weichen Süden +und hatte gehofft, im Norden harten, mannhaften Menschen zu begegnen; +er fand schwelgerische Üppigkeit, Abgelebtheit, Weiberhaftes. Das war +nicht der Geist, den er suchte.</p> + +<p>Auch in der Berliner Singakademie, deren Direktor damals Zelter war +— der Freund Goethes — trat Beethoven auf, und auch hier traten den +Zuhörern Tränen in die Augen.</p><br> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span></p> + +<figure class="figcenter illowp47" id="illu-191" style="max-width: 56.25em;"> + <img class="w100" src="images/illu-191.jpg" alt="bild"> +</figure> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span></p> + +<p class="p2">Sehr enttäuscht kam Beethoven nach Wien zurück und nun begann er mit +aller Energie daran zu arbeiten, »einst ein großer Mann zu werden«. +Zugleich aber legte er den Grundstein zu seiner so tragischen +Erkrankung.</p> + +<p>An einem sehr heißen Sommertage des Jahres 1796 kam Beethoven ganz +erhitzt nach Hause, riß Türen und Fenster auf, zog sich bis auf die +Beinkleider aus und kühlte sich am offenen Fenster ab. Die Folge war +eine gefährliche Krankheit, die sich während der Genesung auf das +Gehör legte. Und von dieser Zeit an nahm auch die Taubheit Beethovens +fortschrittweise zu, die ihm wohl die schwersten moralischen Prüfungen +auferlegte und seinen ganzen Mannesmut herausforderte. »Dein Beethoven +lebt sehr unglücklich,« schreibt er einige Jahre später an einen +Freund, »im Streite mit Natur und Schöpfer; schon mehrmals fluchte ich +letzterem, daß er seine Geschöpfe dem kleinsten Zufall ausgesetzt, +so daß oft die schönste Blüte dadurch zernichtet und zerknickt wird. +Wisse, daß mir der edelste Teil, mein Gehör, sehr abgenommen hat. Wie +traurig ich nun leben muß, alles was mir lieb und teuer ist, meiden! O, +wie glücklich wäre ich jetzt, wenn ich mein vollkommenes Gehör hätte, +dann eilte ich zu Dir, aber so muß ich von allem zurückbleiben, meine +schönsten Jahre werden dahinfliegen, ohne alles das zu wirken, was mir +mein Talent und meine Kunst geheißen hätten. Traurige Resignation, zu +der ich jetzt meine Zuflucht nehmen muß.«</p> + +<p>Und an einen anderen Freund schreibt er 1801: »Nun hat der neidische +Dämon, meine schlimme Gesundheit, mir einen schlechten Stein ins Brett +geworfen, nämlich: mein Gehör ist seit drei Jahren immer schwächer +geworden ... Ich kann sagen, ich bringe mein Leben elend zu; seit +zwei Jahren fast meide ich alle Gesellschaften, weil mir's nicht +möglich ist, den Leuten zu sagen: ich bin taub. Hätte ich irgendein +anderes Fach, so ging's noch eher, aber in meinem Fache ist das ein +schrecklicher Zustand; dabei meine Feinde, deren Zahl nicht gering ist, +was werden diese dazu sagen?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span></p> + +<p>Aber trotzdem weinte er nicht; er ermannte sich in seinem Schmerz, +stärkte seine eiserne Selbstzucht, bis ihm sein siegender Wille über +diese schreckliche Wendung seines Schicksals hinweghalf, und er sich +wieder seinen Werken zuwenden konnte. Sein stolzes Künstlerbewußtsein +kam ihm gut dabei zu Hilfe. Er hatte eingesehen, daß der wahre Adel +des Menschen von <em class="gesperrt">innen</em> kommt, und daß nur das <em class="gesperrt">Können</em> +wirkliche Rangunterschiede zu schaffen vermag. So wie er dachte, +handelte er auch. Seine Freunde, den Fürsten Lichnowsky und den Prinzen +Louis Ferdinand, behandelte Beethoven genau wie seinesgleichen; er +fühlte sich ihnen gegenüber in nichts geringer. Er wohnte einige Zeit +im Palais des Fürsten Lichnowsky, konnte sich aber der Hausordnung +nicht fügen; es war ihm auch später unmöglich, bei seinem Schüler, dem +Erzherzog, die Hofetikette mitzumachen, von deren Zwang er denn auch +zum Entsetzen der Lakaien entbunden wurde. Als Beethoven 1806 während +des Kriegsgetümmels zu Lichnowsky auf Schloß Grätz floh, bat der Fürst +den Künstler, seinen Gästen, den französischen Offizieren, die das +Schloß besetzt hatten, doch etwas am Flügel vorzuspielen. Beethoven war +aber über diese Zumutung, vor den Deutschfeindlichen zu konzertieren, +derart empört, daß er aufsprang, im Regen nach Troppau rannte und von +dort so schnell als möglich nach Wien zurückeilte.</p> + +<p>In der Abendgesellschaft, die eine Gräfin zu Ehren des Prinzen Louis +Ferdinand gab, war für Beethoven und andere nichtadelige Gäste an einem +Seitentische gedeckt worden; als aber Beethoven bemerkte, daß er mit +dem Hochadel nicht an einem Tische speisen sollte, stürmte er davon. +Louis Ferdinand veranstaltete Beethoven zu Ehren ein paar Tage später +ein Revanchediner und ließ zu seiner rechten Seite für Beethoven und +zur linken für eben jene Gräfin decken.</p> + +<p>Solche und ähnliche Züge zeigen Beethoven als einen überaus stolzen, +seines Genies wohlbewußten Menschen, der schroff und<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> hart werden +konnte, wenn man ihm die Ehren versagte, die er glaubte, beanspruchen +zu dürfen.</p> + +<p>Aber es gibt auch ebensoviele rührende Züge, die Zeugnis ablegen von +seinem reichen Mitgefühl und seinem überaus großen Zartsinn.</p> + +<p>Als er einmal in Heiligenstadt weilte, einem kleinen Dörfchen bei +Döbling, wo er, der ein fanatischer Sommerfrischler war, die schöne +Jahreszeit verlebte, klangen ihm aus einem Häuschen die Töne seiner +<em class="antiqua">F dur</em>-Sonate entgegen. Er horchte und hörte eine zarte Stimme +sagen: »Was gäbe ich darum, das Stück von jemand zu hören, der ihm +gerecht wird.« Beethoven durch den Klang der Stimme betroffen, trat +in das Haus ein und setzte sich an das jämmerliche Instrument. Da +er bemerkte, daß keine Noten auflagen, blickte er fragend auf die +verlegene Spielerin und bemerkte jetzt erst an ihrem Gesichtsausdruck, +daß sie blind war und nur nach dem Gehör gespielt hatte. Beethoven war +im Innersten gerührt; der Mond schien gerade ins Zimmer und beleuchtete +das schwermutvolle Antlitz der Blinden. Unwillkürlich brach der Bruder +der Blinden in die Worte aus: »Die arme Schwester!« Es lag ein Bedauern +in dem Ausruf, daß es der Schwester nicht vergönnt war, den Mondschein +zu <em class="gesperrt">sehen</em>. Beethoven aber sagte sehr ergriffen: »Ich will ihr +den Mondschein <em class="gesperrt">spielen</em>!« Er setzte sich ans Instrument und +improvisierte ein weltverlorenes, musikalisches Gedicht, das später die +Mondscheinsonate genannt wurde. Und um diese Zeit galt er schon als ein +mürrischer, finsterer Mann.</p> + +<p>Die Menschen konnten ihn nicht erziehen; das <em class="gesperrt">Leben</em> bildete ihn +und schliff seine Unebenheiten ab. Da mit den Jahren seine Taubheit +immer mehr zunahm, konnte man nur noch schriftlich mit ihm verkehren. +Der Umgang mit ihm wurde den Menschen unbequem; sie blieben von ihm +fort, ihn seiner Einsamkeit überlassend. Nach und nach mußte er das +Dirigieren aufgeben und das öffentliche Spielen, denn er las auf +den Gesichtern<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> seiner Zuhörer: Mitleid. Das machte ihn verdrossen +und stumm. Er versank ganz in sich selber, tauchte nur noch in die +eigenen Tiefen hinab, um die unschätzbaren Perlen heraufzuholen, die +auf dem Grunde seiner Seele lagen. Aber je mehr er an sich selber zum +Schatzgräber wurde, desto mehr vernachlässigte er die Menschen seiner +Umgebung. Sein Verhältnis zu ihnen wurde ein recht tragisches.</p> + +<p>Im Jahre 1802 ist Beethoven wieder etwas mehr um die Heilung seines +Gehörleidens besorgt und geht deshalb wieder nach Heiligenstadt. +In trübster Seelenstimmung und in seiner großen Sehnsucht nach +verständnisvollen Menschen schreibt da der große Einsame seinen letzten +Willen nieder, diesen furchtbaren Aufschrei eines liebedürstenden +Herzens: »O ihr Menschen, die ihr mich für feindselig, störrisch +oder misanthropisch haltet oder erklärt, wie unrecht tut ihr mir, +ihr wißt nicht die geheime Ursache von dem, was euch so scheinet; +mein Herz und mein Sinn waren von Kindheit an für das zarte Gefühl +des Wohlwollens, selbst große Handlungen zu verrichten, dazu war ich +immer aufgelegt; aber bedenket, daß seit sechs Jahren ein heilloser +Zustand mich befallen, durch unvernünftige Ärzte verschlimmert, +von Jahr zu Jahr, in der Hoffnung gebessert zu werden, betrogen, +endlich zu dem Überblick eines dauernden Übels gezwungen. Mit einem +feurigen lebhaften Temperamente geboren, selbst empfänglich für +die Zerstreuungen der Gesellschaft, mußte ich früh mich absondern, +einsam mein Leben zubringen. Welche Demütigung, wenn jemand neben mir +stand und von weitem eine Flöte hörte, und ich nichts hörte! Solche +Ereignisse brachten mich nahe an Verzweiflung; es fehlte wenig und ich +endigte selbst mein Leben. Nur sie, die Kunst, sie hielt mich zurück. +Ach, es dünkte mir unmöglich, die Welt eher zu verlassen, bis ich das +alles hervorgebracht, wozu ich mich aufgelegt fühlte. Geduld, sie muß +ich nun zur Führerin wählen, dauernd, hoffe ich, soll mein Entschluß +sein, auszuharren. O Menschen, wenn ihr einst dies leset, so<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> denkt, +daß ihr mir unrecht getan, und der Unglückliche, er tröste sich, einen +seinesgleichen zu finden, der trotz allen Hindernissen der Natur doch +noch alles getan, um in die Reihe würdiger Künstler und Menschen +aufgenommen zu werden; mit Freuden eil' ich dem Tode entgegen; komm +wann du willst, ich gehe dir mutig entgegen.«</p> + +<p>Heiligenstadt blieb Beethovens Lieblingsaufenthalt, und seine besonders +liebkoste Idee war, ganz aufs Land zu gehen. Hätte er ein Bauerngut, +meinte er, so könnte er allem Elend entfliehen. Abends im Bett las er +bei zwei Kerzen Tacitus, Plutarch, Plato, Homer, Shakespeare, Ossian, +Klopstock, Kant, Herder, Goethe und Schiller. Morgens wanderte er +schon vor Sonnenaufgang in die erwachende Natur hinaus, in der er bis +zum Frühstück »studierte«. Dort fühlte er sich glücklich und selig, +fühlte sich »sehr geliebt von den Göttern am Ende der Welt« und hatte +mit keinem Gemeinschaft. Er lief in den Fluren in Hemdärmeln herum — +»spazierenarbeitend« wie er sagte —, komponierte, schwatzte mit den +Bauern, die den »graupeten Musikanten« wohl kannten und, da er seiner +Magd nicht traute, trug er das Gemüse für den Mittagstisch selbst im +blauen Taschentuch nach Hause. Dabei brüllte er Melodienbruchstücke so +laut vor sich hin, daß die Ochsen vor ihm Reißaus nahmen.</p> + +<p>Er blieb sein Leben lang ein Einsamer, der sein Inneres in Tönen +verausgabte. Mit seiner hohen Tatenlust hing seine Liebe zur Freiheit +zusammen, und so erklang denn auch in seinen Werken die Idee der +Völkerfreiheit.</p> + +<p>Eines Tages war der französische Gesandte Bernadotte mit Beethoven +bekannt geworden und regte bei ihm den Gedanken an, Napoleon durch ein +großes Orchesterwerk zu feiern. Dieser Anregung vermochte Beethoven +um so eher zu folgen, als er in Napoleon den Konsul als Führer der +Nation verehrte, als Gesetzgeber wahrer Freiheit. So schuf er denn die +dritte Symphonie (<em class="antiqua">op. 55</em>), die nur den Titel »Bonaparte« führte, +und eben sollte sie gerade der Pariser Gesandtschaft übermittelt<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> +werden, da bringt ein Schüler Beethovens, Ferdinand Ries, die Nachricht +von Napoleons Kaiserwahl. Beethoven erwartete von Napoleon, daß er +die Würde ablehnen würde, aber der Fürst Lichnowsky, der dazukam, +bestätigte nur die Wahl. Da riß Beethoven das Titelblatt herunter, +schleuderte die Partitur zur Erde, trampelte wütend mit den Füßen +darauf herum und schrie zornig: »Also auch er ein gewöhnlicher Mensch!«</p> + +<p>Lange wollte Beethoven von dieser Symphonie nichts mehr wissen. Als +sie aber später vom Fürsten Lobkowitz zur Aufführung in seinem Palais +erbeten ward, radierte er auf der Abschrift das Wort »Bonaparte« so +wütend aus, daß ein Loch im Manuskript entstand. Er widmete sein Werk +nun dem Fürsten und nannte es jetzt »<em class="antiqua">Sinfonia eroica</em>« mit dem +Nebensatz, »um das Andenken eines großen Menschen zu feiern«. Bei der +ersten Aufführung mißfiel es dem Fürsten, und von der Galerie rief +bei der ersten öffentlichen Aufführung der Eroica eine Stimme laut +herunter: »Ich gäb' noch einen Kreuzer, wenn's nur aufhörte.« Dagegen +war Prinz Louis Ferdinand so entzückt davon, daß er sich das Werk +gleich dreimal hintereinander vorspielen ließ. In diesem Werke war ja +auch alles, was im geknechteten deutschen Volke an Größe und Idealismus +nach Ausdruck rang, in ungeheuren Musikwogen dargestellt, in einer +kraftvollen Sprache, die die Hörer mit fortriß und emporhob.</p> + +<p>In dieser Zeit lebte Beethoven vom Stundengeben, was er als eine große +Last empfand, und vom Ertrage seiner Werke. Fürst Lichnowsky hatte +ihm außerdem ein Ehrengehalt von sechshundert Gulden ausgesetzt, so +daß Beethoven sich einen gewissen Luxus leisten konnte. Er hielt sich +zum Beispiel ein Pferd, das ihm Graf Browne für seine »Variationen« +geschenkt hatte; er erinnerte sich aber erst an die Existenz dieses +Pferdes, als ihm die stark angewachsene Futterrechnung vorgelegt wurde.</p> + +<p>Beethovens Erscheinung wird von den Zeitgenossen folgendermaßen +beschrieben: er war eher klein, als mittelgroß, sehr<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> stämmig und +untersetzt. Er hatte kleine schwarze Augen, die leuchteten, aber bei +fixiertem Blick fast stechend wurden, und schwarze Haare, die in +eine herrliche Stirn hineinhingen, einen wahren Sitz majestätischer +Schöpferkraft, dazu ein pockennarbiges Gesicht von roter gesunder +Farbe, eine kurze, eckige Nase, plumpe Hände mit kurzen Fingern, kleine +hastige Bewegungen. Dazu sah er meist so finster aus, wie seine in +»wunderbarer Konfusion« befindliche Wohnung. Er war sehr unbeholfen, +fast linkisch. Selten nahm er etwas zur Hand, das nicht fiel oder +zerbrach; das Tintenfaß warf er mehrmals ins Klavier; alles wurde +umgeworfen, beschmutzt, zerstört. Sein Eigensinn kannte oft keine +Grenzen, und stets führte er, allen Hindernissen trotzend, dennoch +durch, was er sich in den Kopf gesetzt hatte. Baden und Waschungen +in kaltem Wasser waren mit seine Hauptbedürfnisse. Als Getränk war +ihm frisches Brunnenwasser unentbehrlich, das er von früh bis spät +in kolossalen Mengen trank. Auch trank er sehr gern Kaffee, den er +sich selber bereitete. Er zählte dabei mit peinlicher Genauigkeit +für jede Tasse sechzig Bohnen ab. Bei den Mahlzeiten war er wenig +wählerisch. Von allen Weinen schmeckten ihm wunderlicherweise gerade +die verfälschten am besten, unter denen er viel zu leiden hatte. +Auch ein gutes Glas Bier und die Tabakspfeife, dazu die Augsburger +Allgemeine Zeitung, deren Lektüre ihm sehr viel Zeit stahl, das waren +seine kleinen Hauptfreuden.</p> + +<p>Bei einem Spaziergange um Baden bei Wien riß ihm einst der Sturm seinen +Hut vom Kopfe. Er <em class="gesperrt">mußte</em> ihn wiederhaben, und so rannte Beethoven +auf der Böslauerstraße meilenweit seinem Hute nach. Schweißtriefend, +zerzaust, atemlos und beschmutzt hielt man ihn in der Wiener Neustadt +als »Lump« auf und nur dank seiner Bekanntschaft mit dem Bürgermeister +Meißner konnte man ihn aus den Händen der Polizei befreien. Aber seinen +Hut hatte er wieder.</p> + +<p>Als ihm einst sein Freund Breuning mitteilte, ein Quartett hätte nicht +gefallen, antwortete er: »Wird ihnen schon einmal<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> gefallen.« Nach +der Schlacht bei Jena bemerkt er über Napoleon: »Schade, daß ich die +Kriegskunst nicht so verstehe, wie die Tonkunst, ich würde ihn doch +besiegen.«</p><br> + +<figure class="figcenter illowp94" id="illu-199" style="max-width: 62.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-199.jpg" alt=""> +</figure> + +<p class="p2">Seinen größten Spaß hatte er, wenn man ihn auf die grammatikalischen +Fehler aufmerksam machte, die sich in seinen Werken fanden. »Ich sage, +es ist recht,« meinte er dann. Man entgegnete wohl: »Diese Schreibart +ist fehlerhaft und nicht erlaubt,« und Beethoven erwiderte: »Nun, so +erlaube <em class="gesperrt">ich</em> es.«</p> + +<p>Er war kein seßhafter Mieter; es duldete ihn nirgends lange; er fühlte +sich überall ungemütlich. In fünfunddreißig Jahren wechselte er seine +Wohnung vielleicht fünfunddreißigmal. Mit den Wiener Hausmeistern +stand er fast immer auf dem Kriegsfuße. Er studierte beständig die +Wohnungszettel an den Haustoren, um gleich ein neues Heim zu haben, +wenn ihm das alte nicht mehr behagte. Und da er in seiner Stube +trommelte und<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> übermäßig brüllte und, seit sein Gehör schlecht geworden +war, förmliche Kanonaden am Klavier losließ, da er ferner bei seinen +Waschungen solche Überschwemmungen anrichtete, daß das Wasser durch die +Fußbodenritzen sickerte, war jedes Haus wieder froh, ihn loszuwerden. +Er wohnte immer im höchsten Stockwerk. Sein Zimmer sah sehr wüst aus +und ungemütlich; überall lagen Papiere umher und Kleidungsstücke; +Koffer standen herum; im übrigen waren die Wände kahl, und es befand +sich kaum ein Stuhl im Zimmer. Er trug einen dunklen, langhaarigen, +alten Rock, in dem er wie Robinson Crusoe aussah, und in sein Gesicht +hing das zottige, pechschwarze Haar. Sein Kopf konnte zuweilen für den +eines Jupiter gelten, obwohl er nicht schön war. Beethoven wußte das. +»Nun kannst Du mir helfen, eine Frau suchen,« schreibt er einmal einem +Freunde; »schön muß sie aber sein, nicht Schönes kann ich nicht lieben +— sonst müßte ich mich selbst lieben.«</p> + +<p>Er war auch ein großer Tierfreund. Wenn er zum Beispiel sah, daß +kleine Jungen auf Schmetterlinge Jagd machten, verscheuchte er immer +die Kinder oder verhinderte sie sonst am Fangen der Sommervögel. +Dieser Zug hing mit seiner großen Liebe zur Natur zusammen und mit +seiner Sehnsucht, allen lebendigen Geschöpfen die Freiheit zu geben. +In großartiger Weise hat er beides in seiner sechsten Symphonie zum +Ausdruck gebracht, der sogenannten »Pastorale«, in der das freie +Landleben in der Natur seine höchste Verherrlichung erfahren hat.</p> + +<p>Interessant war seine Freundschaft zum Hofsekretär Zmeskall von +Domanovecz durch die äußerst drolligen Briefe, die Beethoven ihm +schrieb und von denen wir ein paar zum besten geben wollen, weil sie +uns Beethoven auch von der humorvollen Seite zeigen.</p><br> + + +<p class="center">I.</p> + +<div class="blockquot"> +<p>»An seine Hochwohl—wohl—wohlgeboren den Herrn von Zmeskall, +Kaiserlicher und Königlicher wie auch Königlicher Kaiserlicher +Hofsekretair, Seine Hochwohlgeboren, sowie des<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> Herrn von Zmeskall +Zmeskalität haben die Gewogenheit, zu bestimmen, wo man sie morgen +sprechen kann. Wir sind Ihnen ganz verflucht ergeben.</p> +<p class="mright5">B.«<br></p> +</div> + +<p class="center">II.</p> + +<div class="blockquot"> +<p class="mleft5">»Liebster Baron Dreckfahrer!</p> + +<p><em class="antiqua">Je vous suis bien obligé pour votre faiblesse des vos yeux</em> — +übrigens verbitte ich mir inskünftige, mir meinen frohen Mut, den +ich zuweilen habe, nicht zu nehmen, denn gestern durch Ihr Zmeskall +Domanoveczisches Geschwätz bin ich ganz traurig geworden. Hol' Sie der +Teufel, ich mag nichts von Ihrer ganzen Moral wissen; <em class="gesperrt">Kraft</em> ist +die Moral der Menschen, die sich vor anderen auszeichnen, und wenn Sie +mir heute wieder anfangen, so plage ich Sie so sehr, bis Sie alles gut +und löblich finden, was ich tue. Adieu Baron, Ba...ron ron, nor, orn, +rno, onr.«</p> +</div> + +<p class="center">III.</p> + +<div class="blockquot"> +<p>»Verfluchter eingeladener Domanetz — nicht Musikgraf, sondern +Freßgraf, Dinergraf, Soupergraf etc. — Kommen Sie, wenn Sie der +Kanzleigefängniswärter entwischen läßt. Ich esse heute zu Hause +des besseren Weines halber. Wenn Sie sich bestellen, was Sie haben +wollen, so wäre mir's lieb, wenn Sie auch zu mir kommen wollten, den +Wein bekommen Sie gratis und zwar besser wie in dem hundsföttischen +›Schwanen‹. Ihr kleinster Beethoven.«</p> +</div> + +<p class="center">IV.</p> + +<div class="blockquot"> +<p>»Geliebtester <em class="antiqua">Conte di Musica</em>! Wohl bekomme Euch der Schlaf, +und auf heute wünschen wir Euch einen guten Appetit und eine gute +Verdauung. Das ist alles, was dem Menschen zum Leben nötig ist, und +doch müssen wir das alles so teuer bezahlen. — Darum sind wir, Euer +gnädigster Herr, gezwungen, uns herabzulassen und Euch zu bitten um +ein Darlehen von fünf Gulden, welches wir Euch binnen einigen Tagen +wieder zufließen lassen werden. Lebt wohl, geliebtester <em class="antiqua">musico</em> +und <em class="antiqua">conte<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> di musica</em>. Euer wohlaffektionierter Beethoven. +Gegeben in unserem Komponier-Kabinett.«</p> +</div> + +<p>Im Hause des Hofrats von Birkenstock hatte Beethoven auch Bettina +Brentano kennen gelernt, damals Braut Achim von Arnims und intime +Freundin Goethes. Ihre tief musikalische Natur sehnte sich nach +Beethoven. Als sie sich kennen lernten, sang Beethoven ihr das Lied +»Kennst du das Land«, zwar mit scharfer und schneidender Stimme, aber +mit tiefem Ausdruck. »Aha,« rief Beethoven aus, »die meisten Menschen +sind gerührt über etwas Gutes, das sind aber keine Künstlernaturen. +Künstler sind feurig, die weinen nicht.«</p> + +<p>Von diesem Tage an waren sie täglich zusammen und wurden immer mehr +befreundet. Bettina schrieb öfters über ihre Zusammenkünfte mit +Beethoven schwärmerische Briefe an Goethe. »O Goethe,« heißt es da +einmal, »kein Kaiser und kein König hat so das Bewußtsein seiner Macht, +und daß alle Kraft von ihm ausgehe, wie dieser Beethoven.«</p> + +<p>1812 machte Beethoven eine Reise nach Teplitz, wo er Varnhagen, Tiedge, +Elise von der Recke und andere bedeutende Persönlichkeiten kennen +lernte. Und das Jahr darauf, als er wieder in Teplitz weilte, machte er +endlich die Bekanntschaft Goethes, mit dem er nun sehr oft zusammenkam. +Goethe schrieb an seinen Freund Zelter: »Beethoven habe ich in Teplitz +kennen gelernt. Sein Talent hat mich in Erstaunen gesetzt. Allein, +er ist leider eine ganz ungebändigte Persönlichkeit, die zwar nicht +unrecht hat, wenn sie die Welt verabscheuenswert findet, aber sie +freilich dadurch weder für sich, noch für andere genußreicher macht. +Sehr zu entschuldigen ist er hingegen und sehr zu bedauern, da ihn +sein Gehör verläßt. Er, der ohnehin lakonischer Natur ist, wird es nun +doppelt durch diesen Mangel.«</p> + +<p>Goethe, der von den im Bade anwesenden Fürsten mannigfache +Auszeichnungen erfahren hatte, wollte besonders der Kaiserin seine +Ergebenheit bezeigen und riet auch Beethoven, in bescheidener<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> Weise +das gleiche zu tun. »Ei was!« antwortete Beethoven, »so müßt Ihr's +nicht machen. Ihr müßt ihnen tüchtig an den Kopf werfen, was sie an +Euch haben, sonst werden sie's gar nicht gewahr. Ich hab's ihnen anders +gemacht.« Und nun erzählte Beethoven, wie ihn einmal der Erzherzog, +sein Schüler, habe warten lassen und er darauf fortgegangen sei. Einen +Orden könnten sie einem wohl anhängen, könnten einen wohl zum Hofrat +machen, aber nicht zum Goethe oder zum Beethoven; davor müßten sie +Respekt haben. Und während Beethoven so sprach, kam gerade der ganze +Hofstaat an. Beethoven sagte nun zu Goethe: »Bleibt mir in meinem Arm +hängen; <em class="gesperrt">sie</em> müssen <em class="gesperrt">uns</em> Platz machen.« Aber Goethe machte +sich los und stellte sich mit abgezogenem Hut an die Seite, während +Beethoven mit verschränkten Armen und nur den Hut ein wenig rückend, +mitten durch die Hofgesellschaft ging, die sich infolgedessen teilen +und ihm Platz machen mußte. Alle grüßten ihn freundlich. Auf der +anderen Seite blieb Beethoven stehen und wartete auf Goethe, der sich +so lange tief verneigte, bis die Gesellschaft vorübergegangen war. +Beethoven sagte: »Auf Euch habe ich gewartet, weil ich Euch ehre und +achte, wie Ihr es verdient, aber jenen habt Ihr zu viel Ehre angetan.« +Beethoven fand Goethe zu geziert. »Ihm behagt die Hofluft zu sehr; +mehr, als es einem Dichter ziemt,« schreibt er an einen Freund.</p> + +<p>Ihm widerstrebte alles äußere Wesen; sein ganzes Leben war auf innen +eingestellt; er haßte alle Eitelkeit. Deshalb schickte er auch eine +Visitenkarte seines Bruders, der ihm zu Neujahr gratuliert hatte und +auf welcher zu lesen war »Johann van Beethoven, Gutsbesitzer« zurück +und schrieb auf die Rückseite »Ludwig van Beethoven, Hirnbesitzer«.</p> + +<p>Und doch war es nicht läppischer Stolz, der ihn zuweilen so hochfahrig +erscheinen ließ. »O Gott, gib mir die Kraft, mich zu besiegen,« +schreibt er 1812 in sein Tagebuch; »mich darf ja nichts mehr an das +Leben fesseln.« Und 1813: »O Gott, Gott,<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> sieh auf den unglücklichen +Beethoven herab, laß es nicht länger so dauern.«</p> + +<p>Frau Streicher nahm sich seiner häuslichen Verwirrung an, die so groß +war, daß Beethoven eines Tages nicht einmal mehr Stiefel zum Ausgehen +hatte. Einer seiner Gönner war inzwischen gestorben, und ein anderer, +Fürst Lobkowitz, war selber arg verschuldet und in Bedrängnis. »Es ist +hart, beinahe um des lieben Brotes willen zu schreiben! So weit habe +ich es nun gebracht,« stöhnt Beethoven 1818. Seine Einnahmen standen um +diese Zeit in der Tat beinahe im umgekehrten Verhältnis zu seinem Ruhm. +Es war eine Ironie des Schicksals, daß Beethoven, der in diesen Jahren +sehr viel äußere Bedrängnis auszustehen und der sich von aller Welt +verschlossen zurückgezogen hatte, in Wien zu einer Art Sehenswürdigkeit +geworden war. Nur wenige Kollegen, Schubert, Liszt und Weber, die ihn +besuchten, wurden empfangen. Und zu diesen äußeren Sorgen kamen noch +andere.</p> + +<p>Seit dem im Jahre 1815 erfolgten Tode seines Bruders Karl nahm +Beethoven sich auch dessen unmündigen Sohnes, seines Neffen Karl, +an, dessen Vormund und Erzieher er wurde und auf den er alle innige +Familienliebe übertrug, die er so viele Jahre zurückgedämmt hatte.</p> + +<p>Wegen seines Ehrengehaltes lag er in fortwährenden Streitigkeiten mit +den Gerichten, in denen er stets von neuem zu beweisen hatte, daß er +noch am Leben sei. Eine besondere Kränkung tat man ihm an, als er +in einem Prozesse seinen vermeintlichen Adel erweisen sollte. Tief +verletzt zeigte er auf Herz und Kopf und rief »Hier und hier«.</p> + +<p>Die Wohnungs- und Dienstmädchensorgen quälten ihn auch nicht wenig. In +der Mödlinger Hauptstraße, wo er damals wohnte, komponierte er, wie +er selbst sagte, »im Schweiße seines Angesichtes« und schlug, Tag und +Nacht arbeitend, mit Händen und Füßen so stark den Takt, daß ihm die +Wohnung gekündigt werden mußte.</p><br> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span></p> + +<figure class="figcenter illowp56" id="illu-205" style="max-width: 47.4375em;"> + <img class="w100" src="images/illu-205.jpg" alt="bild"> + </figure> + +<p class="p2">Das Leben schien ihm nun ein Dornenweg; ein Spießrutenlaufen durch +tausend Drangsale und alltägliche Plackereien. »Für dich, armer +Beethoven, gibt es kein Glück von außen,« lautet nun seine Einsicht. +Seine brüske, verbitterte Art zeichnete<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> sich sogar in seiner +Handschrift aus, von der Zelter sagte: »Beethoven schreibt immer wie +mit einem Besenstiel,« und Beethoven selbst gesteht: »Das Leben ist +zu kurz, um Buchstaben und Noten zu <em class="gesperrt">malen</em>, und schöne Noten +brächten mich schwerlich aus den Nöten.«</p> + +<p>Trotzdem bewahrte er sich sein gutes Herz und seine reiche +Menschenliebe. Er unterstützte reichlich seine beiden Brüder. Als +er erfuhr, daß Deutschland das letzte Kind des großen Musikers Bach +hungern ließ, verschaffte er ihm unter vielen Umständen die nötigen +Lebensmittel. Für eine herumziehende Musikantengesellschaft, deren Not +ihn dauerte, komponierte er einen Walzer und schrieb selbst die Stimmen +dazu aus.</p> + +<p>Er selbst vernachlässigte sich sehr; sogar in der Kleidung ließ er sich +jetzt stark gehen. Seine grauen Haare waren immer unfrisiert, und mit +seinem krausen Buschkopf bot er eine auffallende Erscheinung. Als eine +Dame einmal ganz entzückt seine schöne Stirn bewunderte, sagte er kurz +angebunden: »Nun, so küssen Sie sie!«</p> + +<p>Seine große Aufopferungsfähigkeit tritt uns aber in ihrer ganzen +Großartigkeit entgegen in dem Verhältnis zu seinem Neffen Karl, dem +er sich mit Leib und Seele, mit Gut und Geld widmete; er spielte und +tollte mit ihm herum, behütete ihn wie seinen Augapfel und erntete +nur Undank. Beethoven wollte den Jungen zum Gelehrten oder Künstler +machen; aber der Neffe entlief seinem Onkel, mißachtete ihn, wurde +von der Universität entlassen, spielte, flanierte, log, unterschlug +Gelder, bis er eines Tages einen mißglückten Selbstmordversuch machte +und blutüberströmt dem unglücklichen Onkel ins Haus gebracht wurde, der +über diesem Streich fast zusammenbrach.</p> + +<p>Ohnehin hatte ein Leberleiden schon begonnen, die Gesundheit Beethovens +zu untergraben. Und als die Gelbsuchtsanfälle sich mehrten, dachte er +an sein Testament. Als der Neffe von seinem dummen Streich genesen war, +wurde er von der<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> Polizei der Stadt verwiesen und zog nach Gneixendorf. +Beethoven, der an dem Neffen, den er zum »geliebten Universalerben« +bestimmt hatte, mit unverminderter Liebe hing, zog ebenfalls nach dem +Dorfe hinaus, wo ihn die Diener und Bauern, die ihm in Flur und Wald +begegneten, heftig auslachten, wenn sie ihn gerade beim Komponieren +betrafen. Er gestikulierte so stark, daß das Vieh, das ihm begegnete, +scheu wurde und die Bauern ihm oft zuriefen: »He! a bissl stader!«</p> + +<p>Auf einer Rückreise von Gneixendorf nach Wien mußte Beethoven fiebernd +in einem Dorfwirtshause übernachten. An einer Bauchfellentzündung +leidend, kam er auf einem Milchwagen, »dem elendesten Fuhrwerk des +Teufels«, am 2. Dezember 1826 in Wien an und wurde von Stunde zu Stunde +elender.</p> + +<p>Beethoven schickt seinen Neffen aus, zwei befreundete Ärzte zu holen, +die versagen aber ihre Hilfe, weil ihnen der Weg von der Stadt nach +der entfernten Wohnung Beethovens zu weit ist. Beethoven bittet seinen +Neffen, andere Ärzte zu besorgen; der leichtsinnige Bursche vergißt +aber ganz daran, setzt sich statt dessen in ein Kaffeehaus und spielt +Billard. Erst sehr spät fällt ihm der Auftrag des todkranken Onkels +wieder ein, aber anstatt wenigstens jetzt selber auf die Suche zu +gehen, gibt er seinen Auftrag dem Kellner weiter, der ebenfalls daran +vergißt. Drei Tage darauf wird der Kellner zufällig selbst krank und +in der Klinik, wohin er gebracht werden muß, erinnert er sich jetzt +erst des erhaltenen Auftrags. Jetzt erst erhält Beethoven ärztliche +Hilfe. Aber es ist schon zu spät, da bereits Wassersucht eingetreten +ist. Dazu kommen noch neue Gemütserschütterungen, und da nächtliche +Erstickungsanfälle auftraten, muß der Bauchstich gemacht werden. Beim +Anblick des Wassers, das ihm aus dem Leibe läuft, hat er noch so viel +Humor, dem Arzt zu sagen, er sei ein wahrer Moses, der mit dem Stabe +an den Felsen geschlagen habe, daß das Wasser kam. »Besser Wasser aus +dem Bauch, als aus der Feder,« tröstete er sich. Eine Sorge verläßt +ihn:<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> der Neffe Karl betritt die militärische Karriere; dafür kommt +eine neue Sorge: die militärische Ausstattung des Neffen hat sehr viel +gekostet, und es ist Geldnot eingetreten. Die Krankheit zieht sich in +die Länge, obwohl Beethoven schon zum drittenmal operiert worden ist. +Und von allen Bekannten kümmert sich fast niemand um ihn, außer den +allernächsten Freunden. Und nun nähert sich Beethoven immer mehr seinem +irdischen Ende. Am 23. März empfängt er die Sterbesakramente. Tags +darauf beginnt der Todeskampf.</p> + +<p>Am 26. März 1827 blieb die kleine Pyramidenuhr, ein Geschenk der +Fürstin Lichnowsky, stehen, und noch heute soll diese Uhr, so oft +ein Gewitter naht, stehnbleiben. Gegen fünf Uhr toste mit gewaltigem +Donner, Schnee und Hagelschlag mitten im Winter ein Unwetter heran. +Nur Beethovens Schwägerin, Frau van Beethoven, und ein junger Schüler +Beethovens waren im Sterbezimmer anwesend. Plötzlich wurde das Zimmer +durch einen Blitz grell beleuchtet. Der Sterbende öffnete weit die +Augen, erhob die rechte Hand und blickte mit drohender Miene starr gen +Himmel. Dann sank er zurück. Der Recke war tot.</p> + +<p>Seinem Leichenbegängnis folgte keine Gattin, nach der er sich so oft +gesehnt hatte und kein eigenes Kind. An seinem Grabe weinte die ganze +Welt. Zwanzigtausend Menschen folgten dem Sarge, und alle Schulen waren +geschlossen.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<div class="chapter"> +<h2>Der Erfinder Edison.</h2> +</div> + +<p>In Orange in New Jersey, inmitten eines Netzes elektrischer Leitungen, +erhebt sich ein von weiten, einsamen Gärten umgebenes Haus. Die Front +gebietet über einen großen Rasenplatz, der von kiesbestreuten Wegen +durchkreuzt ist und sich bis zu einem pavillonartigen Gebäude hinzieht. +Dieser<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> Pavillon ist rings von einer Reihe sehr bejahrter hoher Bäume +beschattet.</p> + +<p>Hier wohnt Thomas Alva Edison, der Mann, der das Echo gefangennahm, der +fast taube Zauberer so vieler Wunderdinge, die geschaffen sind, um dem +Ohr ein Fest zu bereiten.</p> + +<p>An einem Herbstabend der letzten Jahre geschah es, daß Edison sich in +das Innere seines Privatlaboratoriums zurückzog. In seinem bequemen +amerikanischen Klubsessel saß er mit aufgestützten Ellbogen allein, +eine Havanna rauchend, obwohl er sonst nicht rauchte, weil der Tabak +große Pläne so leicht in Träumereien zerfließen läßt. Von seinem +bereits sagenhaft gewordenen Gewand umhüllt, dem schwarzseidenen Umhang +mit den violetten Quasten, sah er zerstreut vor sich hin und schien in +tiefe Betrachtung versunken.</p> + +<p>Die Tische waren übersät mit tausenderlei Instrumenten, Räderwerken, +geheimnisvollen Mechanismen, elektrischen Apparaten, Teleskopen, +Reflektoren, Magneten, Retorten, Phiolen und Tafeln, die mit Zahlen +bedeckt waren.</p> + +<p>Die untergehende Sonne beleuchtete die von Ahorn- und Tannenbäumen +bestandenen Hügel von New Jersey, und hin und wieder wurde das Gemach +blitzartig von aufglühenden elektrischen Funken erhellt.</p> + +<p>Der Wind wehte kühler; ein Gewitter hatte am Nachmittage die Luft +durchfeuchtet, und die Blumen vor dem Fenster schickten nun ihre +schweren Düfte herein. Ihr betäubendes Aroma ermattete die lebhaften +Gedanken Edisons, und unbewußt wurde er von dem Reiz der Dämmerung +eingefangen ...</p> + +<p>Im Februar des kommenden Jahres wurde er sechzig Jahre alt und es +reizte ihn nun, gleichsam am Vorabend des Greisenalters, über sein +mühseliges, leidensvolles Leben nachzudenken ... all die mühseligen +Wege, die er gehen mußte, ehe er als der größte Erfinder auf dem Gebiet +der Elektrotechnik allgemein anerkannt war, in Gedanken zu gehn.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span></p> + +<p>Er sah das Bild Milans vor sich, seiner Geburtsstadt im +nordamerikanischen Ohio, in der er am 11. Februar 1847 zur Welt kam.</p> + +<p>Väterlicherseits stammte Edison aus einer alten holländischen +Müllersfamilie, die ungefähr um 1737 in Nordamerika eingewandert +war. Er sah im Geiste den Vater vor sich, wie er in Milan einen +schwunghaften Getreide- und Holzhandel betrieb, an dem er zum +wohlhabenden Manne wurde. Und sah die, ach, nun tote Mutter, eine +Kanadierin, die von einer eingewanderten schottischen Familie abstammte +und eine vorzügliche Erziehung genossen hatte. Vor ihrer Heirat war +sie Lehrerin gewesen, um später ihren Beruf auch am jungen Edison +auszuüben. Das blühende Geschäft hatte den Eltern die Möglichkeit eines +behaglichen Lebens gegeben und die Hoffnung einer sorglosen Zukunft. +Die Eltern liebten ihren Thomas Alva mit großer Zärtlichkeit! Wie +machten sie ihm seine Kinderjahre zu Jahren sonniger Freude!</p> + +<p>Aber Glück ist wandelbar und nicht von langer Dauer. Der Eisenbahnbau +begann, um dem Handel einen neuen Weg zu eröffnen. Es begann ein +tolles Hämmern und Schmieden. Aber durch diese Eisenbahn wurde der +Kanalverkehr des Ohio lahmgelegt, dem der Vater hauptsächlich seine +Einnahmen verdankte. Das Geschäft des Vaters ging zurück, und als +gar noch eine allgemeine finanzielle Krisis hereinbrach, ging des +Vaters Betrieb vollkommen zugrunde, so daß die Familie sich plötzlich +allen Bitternissen der Armut gegenübergestellt sah. Aber nur das +Geschäft brach zusammen, nicht auch der Vater, der vielmehr mit zäher +ungebrochener Energie daranging, sich im Port Huron im Staate Michigan +ein neues Heim zu gründen und mit erstaunlicher Arbeitskraft sein +Leben von neuem aufzubauen. Thomas Alva war damals sieben Jahre alt. +Er hatte bereits angefangen, in die Schule zu gehn, als schon sein +erster Unterricht durch diese Umsiedelung gestört und gehemmt wurde. +In<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> Port Huron wurde er nun, um das Schulgeld zu sparen, nicht mehr in +die Schule geschickt; die Mutter übernahm vielmehr selbst die weitere +Ausbildung des Knaben. Die lehrte ihn schreiben, lesen und rechnen +und diese gemeinschaftliche Arbeit schuf ein sehr inniges Verhältnis +zwischen Mutter und Sohn. Wie spornte sie immer seinen Wissenseifer an +und gab seiner Phantasie reiche geistige Nahrung.</p> + +<p>Aber auch in Port Huron ging das Geschäft des Vaters nicht recht +vorwärts; die Familie blieb arm. Es war aus mit den sorglosen Jahren +der Kindheit; die Spielzeit war vorbei. Schon als Zwölfjähriger mußte +der junge Edison daran denken, etwas mitzuverdienen. Er nahm eine +Stelle als Zeitungsjunge an der Eisenbahn an, die Port Huron mit +Detroit verbindet.</p> + +<p>Und Edison sieht im Geiste rückwärts; sieht, wie er zwischen diesen +beiden Stationen täglich hin und her fährt, während der Fahrt von Wagen +zu Wagen wandert, um den Reisenden Zeitungen, Süßigkeiten, Früchte +und andre Erfrischungen anzubieten, wodurch er sich eine bescheidene +tägliche Einnahme sichert, die er zum größten Teil seinen Eltern +bringt. Die Stunden, die zwischen der Ankunft des Zuges in Detroit +und seiner Abfahrt liegen, bringt er damit zu, seine Geschäftsgänge +zu besorgen, seine Zeitungsexemplare einzukaufen und in der +Volksbibliothek zu arbeiten, deren viele tausend Bände gewissenhaft +durchzulesen er sich ernsthaft vorgenommen hat. Er liest tatsächlich +auch die Bücher, wie sie ihm gerade zur Hand kommen, der Reihe +nach wahllos durch, und als er schon eine Strecke von fünfzehn Fuß +weggelesen hat, wird die Bibliothekleitung endlich auf sein Vorhaben +aufmerksam und lenkt seine Lesewut in die richtigen Bahnen. Unter den +bereits verschlungenen Büchern befanden sich recht schwierige Werke; +zum Beispiel Gibbons »Verfall und Untergang des römischen Reiches«, +Humes »Geschichte Englands« und »Die Geschichte der Reformation«, +Burtons »Anatomie der Melancholie« und andre Bücher.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span></p> + +<p>Auf der hundert Kilometer langen Bahnstrecke Port Huron-Detroit war +der junge Edison bald eine sehr bekannte und beliebte Person. Aber +wichtiger war für ihn, daß er sich auch die Zuneigung des Bahnpersonals +erwarb. Denn er hatte es in erster Reihe dem Personal zu danken, +daß man ihm das ausschließliche Recht des Zeitungsverkaufs auf den +Lokalzügen der genannten Strecke zubilligte; außerdem hatte man ihm +noch einen alten ausrangierten Gepäckwagen zur Verfügung gestellt, der +gewöhnlich leer im Zuge mitlief.</p> + +<p>Welche wundervollen Stunden hat er in diesem Rumpelwagen erlebt! Schon +als dreizehnjähriger Knabe hatte Edison große Freude an chemischen +Experimenten, und so häufte er in der einen Hälfte des Wagens allerhand +Apparate und Flaschen mit Chemikalien an und gestaltete ihn zu einem +kleinen chemischen Laboratorium um, während er in der andren Hälfte +seine Zeitungen, Fruchtkörbchen und andere Handelsartikel aufbewahrte.</p> + +<p>Über seinen chemischen Versuchen vergaß er aber nicht, seinen +Geschäften nachzugehen; im Gegenteil, seine Tätigkeit war, wie +bei allen Amerikanern, auf Gewinn und Erwerb gerichtet. Er kaufte +gewöhnlich zweihundert Zeitungsexemplare; zuweilen hätte er aber +auch dreihundert verkaufen können. Als er nach der Ursache dieses +schwankenden Verkaufs forschte, bemerkte er bald, daß sich der Absatz +nach der Wichtigkeit und Sensation der aktuellen Vorgänge richtete, +und er war nun so schlau, ehe er seine Exemplare kaufte, jedesmal die +Überschriften der Zeitung erst rasch zu überfliegen und sie gleichsam +auf ihre sensationelle Wirkung hin zu prüfen. Und danach bemaß er +dann auch ganz seinen Bedarf. Um jene Zeit war gerade der große Krieg +zwischen den Nord- und Südstaaten ausgebrochen, und das reisende +Publikum war nach den neuesten Nachrichten stets sehr begierig.</p> + +<p>Eines Tages las Edison auf der Probenummer der Zeitung in Riesenlettern +eine Überschrift, die eine große Schlacht mit fünfzigtausend Toten und +Verwundeten ankündigte. Blitzartig<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> durchfuhr ihn der Gedanke, daß +ihm der Verkauf dieser Zeitungsnummer großen Gewinn bringen könnte, +wenn es ihm gelänge, die Aufmerksamkeit der Reisenden längs der ganzen +Zugstrecke rechtzeitig auf diese große Neuigkeit hinzulenken. Schon +hatte er einen fertigen Plan im Kopf. Er eilte zur Telegraphenstation +und bestimmte einen ihm bekannten Beamten ein kurzes Telegramm +über eine große Schlacht mit fünfzigtausend Toten und Verwundeten +abzusenden, mit der Bitte, diese Depesche an der schwarzen Tafel, auf +der gewöhnlich die Verspätungen der Züge angezeigt wurden, mit Kreide +anzuschreiben. Edison erbot sich, dem Beamten für diesen Dienst ein +halbes Jahr lang unentgeltlich eine täglich erscheinende Abendzeitung +und zwei Journale zu liefern, eine Wochen- und eine Monatsschrift. +Der Beamte ging auf den Vorschlag ein und versprach, das Telegramm +rechtzeitig abzusenden. Nun galt es noch, eine möglichst große Anzahl +Zeitungsexemplare zu erhalten. Geld hatte Edison nicht, und als er +sich an den Vorsteher der Speditionsabteilung mit der Bitte wandte, +ihm tausend Exemplare auf Kredit zu überlassen, wurde ihm das rundweg +abgeschlagen. Viel Zeit war bis zum Abgang des Zuges nicht mehr zu +verlieren; kurz entschlossen wandte sich Edison an den Eigentümer +der Zeitung selbst, sagte ihm, wer er sei und bat um fünfzehnhundert +Exemplare, die er am nächsten Tage bezahlen wollte. Der Besitzer der +Zeitung, ein hagerer ernster Mann, musterte den kecken vierzehnjährigen +Zeitungsboy einen Augenblick, kritzelte einige Worte auf einen Zettel +und gab ihn Edison mit den Worten: »Trag's hinunter, und du wirst +erhalten, was du wünschest.« Niemand war glücklicher als Edison. Im +Triumph trug er seinen schweren Ballen Zeitungen fort, faltete und +legte sie noch auf der Straße mit Hilfe einiger Knaben zurecht und +lief zu seinem Zuge. Jetzt hatte er nur noch die eine Sorge, ob der +Telegraphenbeamte auch Wort gehalten hatte. Denn davon hing ja der +glückliche Ausgang seines Unternehmens ab.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span></p> + +<p>Und wie dann der Erfolg seine Erwartungen bei weitem übertraf! Wie er +schon, als der Zug auf der ersten Station Utica einlief, eine Menge +Menschen auf dem Bahnsteig herumstehen sah, die, durch sein Telegramm +neugierig gemacht, ungeduldig die Ankunft des Zuges erwarteten, um +genauere Nachrichten über die große Schlacht zu erhalten. Wie er nun +einen Arm voll Zeitungen nahm, aus seinem Güterwagen sprang und im +Nu vierzig Exemplare zu zwanzig Pfennig (fünf Cent) abgesetzt hatte, +während er sonst an dieser Station kaum zwei Exemplare loswerden +konnte. Auf der nächsten Station, Mount Clemens, war noch eine größere +Menschenmenge versammelt. Jetzt hatte er vierzig Pfennig für das +Exemplar gefordert und hatte trotzdem hundertfünfzig Stück verkauft. +Ähnlich ging es auf den folgenden Stationen. Am tollsten war es aber +auf der Endstation Port Huron, wo Edison zu Hause war. Als er hier mit +den letzten paar hundert Exemplaren, die ihm geblieben waren, sich auf +den Weg zur Stadt machte, die anderthalb Kilometer entfernt lag, kam +ihm unterwegs ein großer Schwarm aufgeregter Menschen entgegen, die +ebenfalls durch sein schlaues Manöver in höchste Erregung versetzt +worden waren. Sie riefen alle nach Zeitungen und Edison verkaufte +ihnen einen großen Teil, das Exemplar zu einem Vierteldollar (mehr +als eine Mark). Die Nachricht, daß der kleine Edison mit den neuesten +Depeschen vom Kriegsschauplatze kam, verbreitete sich mit Windeseile +nach der Stadt, und Edison sah sich genötigt, auf den Stufen, die zur +Tür einer Kirche emporführten, Posto zu fassen, um sich des Andranges +zu erwehren. Der Gottesdienst sollte gerade beginnen, aber die Türen +waren noch offen, daher strömten die Menschen heraus, und es entstand +ein tolles Wettbieten auf die letzten hundert Exemplare der kostbaren +Zeitungsnummer.</p> + +<p>Mit einem kleinen Vermögen kam Edison am Abend nach Hause, wo er seinen +Eltern von der gelungenen Unternehmung berichtete und ihnen den größten +Teil seines Gewinnes einhändigte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span></p> + +<p>Der glückliche Ausgang dieser kleinen Spekulation blieb auf die +Entwicklung Edisons nicht ohne starken Einfluß. Zunächst stärkte sich +sein Selbstvertrauen, sein Unternehmungsgeist wurde angeregt, so daß +der Vierzehnjährige Geschäftsunternehmungen wagt, die von seinen +außerordentlichen Anlagen beredtes Zeugnis ablegen. Er verdankte ja +sein kleines Vermögen jenem Telegramm, und so war es ganz natürlich, +daß die Telegraphie und ihre gewaltige Bedeutung für den Verkehr ihn +besonders lebhaft interessieren mußte. Er vernachlässigte nun die +Chemie auf Kosten der Elektrizität, über deren geheimnisvolle Kraft er +in der folgenden Zeit alles zusammenlas, was ihm nur erreichbar war. Er +kaufte und verfertigte sich elektrische Apparate, um selbst elektrische +Versuche anstellen zu können.</p> + +<p>Inzwischen war er rastlos bemüht, aus seinem Zeitungsverkauf möglichst +großen Gewinn zu ziehen, denn ohne Geldmittel war es ihm nicht möglich, +seine Kenntnisse zu erweitern. Er dachte sogar daran, selbst eine +kleine Zeitung herauszugeben, um seine Einnahmen zu vermehren und, +die Tat dem Gedanken gleich folgen lassend, ging er sofort an die +Ausführung. Für wenig Geld hatte er bald eine alte ausrangierte Presse +und einen Satz alter Typen erworben, die er nach seinem Gepäckwagen +schaffte, wo er denn auch seine Versuche begann. Das Setzen und Drucken +hatte er in der Druckerei, von der er bisher die Zeitung bezog, den +Arbeitern abgesehen; trotzdem kostete es ihn freilich unendliche Mühe +und manche schlaflose Nacht, bis er den Reisenden seiner Strecke seine +eigene kleine Zeitung, die er »Grand Trunk Herald« nannte, zu drei +Cent das Exemplar verkaufen konnte. Sie erschien einmal wöchentlich +und kostete im Monatsabonnement acht Cent (zweiunddreißig Pfennig); +jedenfalls war es das einzige Journal der Welt, das den Namen einer +Eisenbahnzeitung mit Fug und Recht trug, da sie im Eisenbahnzuge +selbst fertiggestellt wurde. Der vierzehnjährige Edison war sein +eigener Redakteur, Setzer, Drucker und Zeitungsjunge.<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> Ehe die erste +Nummer aber erschien, machte der diplomatische Junge einem der +Generaldirektoren der Bahnlinie einen Besuch und bat ihn um die Ehre, +sein erster Abonnent zu werden. Seine Bitte wurde erfüllt und überdies +bedachte man ihn mit einem kleinen Geldgeschenk. Unter dem Bahnpersonal +selbst gewann er eine stattliche Zahl Abonnenten, und auch zahlreiche +Reisende kauften die Zeitung, so daß er in kurzer Zeit vierhundert +Abonnenten zählte. Ihr Inhalt bestand meist aus Lokalnotizen, +Bahnerlebnissen, Zugverbindungen, Verkehrsneuigkeiten, wichtigen +Familienereignissen und Inseraten. Um neue Leser anzulocken, erhielt +jeder Abonnent seine Zeitung mit aufgedrucktem Namen. Die weltberühmte +Londoner Zeitung, die »Times«, würdigte dieses Edisonsche Blättchen +sogar einer Besprechung, und der große Erfinder der Lokomotive, +Stephenson, bestellte eine Spezialausgabe dieser Zeitung für sich +allein.</p> + +<p>Edisons Einnahmen wuchsen; seine Arbeit wurde freilich auch immer +größer, so daß er endlich mehrere junge Burschen als Gehilfen anstellen +mußte. Nun konnte er seinen Eltern bereits einen Monatsgewinn von +vierzig Dollar (hundertundsiebzig Mark) abliefern.</p> + +<p>Trotz dieses günstigen Resultates war er nicht zufrieden; er wollte +seine Zeitung auf ein höheres Niveau erheben, sie fesselnder gestalten. +Und so gab er mit einem gleichalterigen Kameraden eine neue Zeitung +heraus, »Paul Pry« benannt, nach einer bekannten Lustspielfigur, die +einen neugierigen, umherspähenden, spionierenden Charakter hatte. Die +neue Zeitung war in jeder Beziehung der alten überlegen. Allein, da er +selber noch ein Knabe war, teilte Edison oft auch knabenhafte Torheiten +mit und wurde bei der Mitteilung mancher Neuigkeiten übermütig und +ausfallend. So geschah es, daß ein Leser der Zeitung sich und sein +peinliches Erlebnis eines Tages selbst lächerlich gemacht sah; in +höchste Wut versetzt, lauerte der herkulische Mensch dem jungen Edison +auf und schleuderte ihn kurzerhand in den St. Clairfluß.<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> Edison konnte +aber gut schwimmen und rettete sich glücklich ans Ufer; jedoch machte +das unfreiwillige Bad dem »Paul Pry« rasch ein vorzeitiges Ende.</p> + +<p>Kurze Zeit nach diesem unglücklichen Abenteuer fiel in dem alten +rumpligen Gepäckwagen, der nicht auf Federn ruhte, durch die heftigen +Stöße der Lokomotive eine Flasche Phosphorlösung um. Sie explodierte +und der Wagen geriet in Brand. Das Feuer wurde zwar mühelos gelöscht, +aber der Zugführer hatte schon längst nach einer Gelegenheit gesucht, +den kleinen Edison loszuwerden, der in dem alten Wagen fürchterlich +dünstende chemische Versuche anstellte und mit den Druckpressen einen +schrecklichen Radau vollführte. Der Zugführer ließ nun sofort alle +Habseligkeiten Edisons rücksichtslos ausräumen, verbot ihm die weitere +Benützung des Gepäckwagens und gab ihm noch obendrein ein paar so +mächtige Ohrfeigen, daß Edison das Trommelfell des einen Ohres platzte, +auf dem er zeitlebens taub blieb.</p> + +<p>Edison rückte sich im Sessel zurecht und faßte unwillkürlich an das +taube Ohr. Er hatte viel gelitten darum. Ganz in seinen Erinnerungen +lebend, fühlte er noch jetzt, nach fünfundvierzig Jahren, die Hand des +brutalen Zugführers in seinem Antlitze brennen. Überwältigt von Schmerz +und Scham mußte er damals zusehen, wie der Zugführer abdampfte. Und +Edison stand mit seinen zerbrochenen Gläsern, Retorten und Apparaten +heulend auf dem Bahnsteig.</p> + +<p>Der Verlust seines geliebten Laboratoriums war ein schrecklicher Schlag +für Edison. Die höchste Verzweiflung hatte ihn gepackt. Seine Mutter +tröstete ihn und räumte ihm den Wohnungskeller ein, in dem er seine +Versuche fortsetzen konnte. Der Gepäckwagen war ihm nun entzogen, seine +Stellung als Zeitungsjunge konnte man ihm aber nicht nehmen. Und so +fuhr er denn, wie in den ersten Tagen, zwischen Detroit und Port Huron +hin und her, um wieder seine alte Zeitung zu verkaufen. Die freie Zeit, +die ihm blieb, verwandte er auf elektrische Versuche, denen<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> von nun +ab sein Hauptinteresse gehörte. Zunächst wollte er eine telegraphische +Anlage bauen. Er hatte sich ein Buch über Telegraphie gekauft, das +er eifrig studierte. Aus gewöhnlichem Eisendraht stellte er nun eine +Leitung her, die sein Haus mit dem eines Kameraden verband und mittels +eines alten Kabelstückes, das er im Fluß gefunden hatte, wurde diese +Leitung »unterführt«. Zwei riesige Katzen wurden beschafft, deren +rückwärts geriebenes Fell als elektrische Stromquelle dienen sollte. +Diese kindlichen Versuche hatten aber kein anderes Ergebnis, als daß +die Katzen, die keine Lust hatten, Reibungsversuche an sich machen zu +lassen, die beiden Knaben bös zerkratzten und übel zurichteten.</p> + +<p>Das Mißlingen spornte Edison aber zu neuen Versuchen an. Er kaufte, +indem er sich selbst große Entbehrungen auferlegte, allerhand alte +elektrische Apparate und Elemente und setzte seine Versuche mit +einer Ausdauer fort, die den Kameraden oft zur Verzweiflung brachte. +Schmerzlich war es inmitten all dieser Versuche für Edison, daß er +die Kunst des Telegraphierens nicht beherrschte. Ein Zufall kam +ihm jedoch auch hier glücklich zustatten. Der Zug, auf dem Edison +Zeitungsjunge war, hatte auf der Station Mount Clemens gewöhnlich +eine halbe Stunde Aufenthalt, um Rangierungen vorzunehmen und einen +Güterwagen abzustoßen. Edison schlenderte mit seinen Zeitungen am Zuge +entlang, als er plötzlich gewahrte, daß der kaum dreijährige Sohn des +Stationsvorstehers ahnungslos auf dem Gleise spielte, auf dem der +abgestoßene Güterwagen eben ziemlich rasch herangerollt kam. Voller +Geistesgegenwart schleuderte Edison seine Zeitungen fort, war mit +einem Satz an der gefährlichen Stelle und hatte gerade noch Zeit, sich +mit dem Jungen auf die andere Seite zu werfen. Im nächsten Augenblick +erhielt Edison auch schon am Stiefelabsatz vom Wagen einen heftigen +Stoß, der den jungen Lebensretter darüber belehrte, in welcher großen +Todesgefahr beide geschwebt hatten. Beide waren, vornüberstürzend, +mit dem Gesicht so heftig auf einen Kieshaufen aufgeschlagen,<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> daß +sich die kleinen Steinchen tief ins Fleisch gebohrt hatten. Aber diese +Verletzungen waren ungefährlich, und die glücklichen Eltern wußten +nicht, wie sie dem fünfzehnjährigen Lebensretter danken sollten. Der +Stationsvorsteher Mackenzie war arm und lebte nur von seinem knappen +Gehalt. Da er aber Edisons Neigungen kannte, erbot er sich, ihm +die Kunst des Telegraphierens beizubringen, die Edison weit höher +einschätzte, als eine Geldbelohnung, und so wurde Edison zu einem +Telegraphisten ausgebildet. Er konnte für dieses Studium freilich nur +die Nachtstunden benützen, da er tagsüber mit dem Zeitungsverkauf zu +tun hatte. Trotzdem machte Edison bei seinem rastlosen Eifer so rasche +Fortschritte, daß er schon nach vierzehn Tagen dem Stationsvorsteher +einen vollständigen Satz telegraphischer Apparate vorlegen konnte, die +er in einer Büchsenmacherei selbst angefertigt hatte. Trotzdem die +Apparate auf einem Briefkuvert Platz hatten, funktionierten sie doch +vortrefflich. Und praktisch wie Edison war, legte er auch gleich eine +eigene Telegraphenlinie an, um Port Huron mit dem Bahnhof zu verbinden, +der anderthalb Kilometer entfernt lag. Er nagelte einfach ausgeglühten +Eisendraht mit gewöhnlichen Nägeln an die Pfosten einer hölzernen +Einfriedigung. Das Telegramm kostete fünfzig Pfennig (zwölfeinhalb +Cent). Bei trockenem Wetter arbeitete die Linie exakt; bei feuchtem war +aber die Isolierung zu schlecht. Allein, da im ersten Monat nur drei +Depeschen aufgegeben wurden, suchte Edison anderweitige und lohnendere +Beschäftigung.</p> + +<p>Als Eingeweihter in telegraphische Geheimnisse, wurde er nun ständiger +Besucher der Telegraphenämter. Er war sehr beliebt und benutzte jede +Gelegenheit, um seine Kenntnisse zu vertiefen. Nach drei Monaten hatte +er es denn zu einer größeren Vollkommenheit gebracht als sein Lehrer; +er war vorbereitet genug, um die Stelle eines Telegraphisten ausfüllen +zu können. Er verließ endlich, von der größten telegraphischen +Gesellschaft Nordamerikas noch um neunzig Mark Gehalt betrogen, seine<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> +Heimatstadt zum ersten Male, um im kanadischen Stratford einen Posten +als Telegraphist anzunehmen, den ihm der Stationsvorsteher Mackenzie +verschafft hatte.</p> + +<p>Und nun begann eigentlich erst für Edison die Zeit der wechselvollen +Erlebnisse, der mühseligen Arbeit, der schweren Enttäuschungen und der +großen Entbehrungen, die keinem erspart bleiben, der Großes erreichen +und Bedeutendes schaffen will. Es begann für Edison die Zeit, in der +sein Genie auf harte, aber kräftigende Proben gestellt wurde.</p> + +<p>Er bezog ein monatliches Gehalt von fünfundzwanzig Dollar und +hatte schweren Nachtdienst, denn sein Vorgesetzter war hart und +unnachsichtig. Um die Wachsamkeit seiner Telegraphisten kontrollieren +zu können, hatte er die Vorschrift erlassen, daß jeder alle halbe +Stunde das Wort »<em class="antiqua">six</em>« telegraphieren solle. Nun hatte Edison +die Gewohnheit, in seiner dienstfreien Zeit die Telegraphenbureaus in +der Umgebung von Stratford zu besuchen, und er machte oft so weite +Ausflüge, daß er gerade noch knapp zu seinen Dienststunden eintraf. +Die Folge war, daß er des Nachts sehr müde war, und daß ihm die +Innehaltung des Kontrollzeichens sehr lästig wurde. Er kam daher auf +den Gedanken, diese Arbeit durch einen »anderen« verrichten zu lassen, +nämlich durch die Uhr. Er befestigte an der Uhr ein kleines Rad, das +bestimmte Einschnitte hatte; dieses Rad schaltete er mittels Drähte in +den Stromkreis des Telegraphenapparates ein und ließ auf diese Weise +die Uhr alle halbe Stunden das verlangte Wort telegraphieren. Das +ging eine Zeitlang ganz gut, bis man bemerkte, daß, sobald das Wort +»<em class="antiqua">six</em>« telegraphiert war, einige Buchstaben nicht telegraphiert +werden konnten. Man untersuchte den Fehler und entdeckte Edisons +arbeitsparende Vorrichtung, die sofort beseitigt wurde. Und fast wäre +Edison selber »beseitigt« worden. In dieser Vorrichtung lag aber +schon die Grundidee zu dem späteren Distrikttelegraphen Edisons, der +patentiert und verkauft wurde.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span></p> + +<p>Weniger glücklich verlief ein anderer Vorfall, bei dem sich Edison +grobe Pflichtversäumnis hatte zuschulden kommen lassen. Es gehörte +zu seinen Obliegenheiten, gewissen ankommenden Nachtzügen je nach +der Anweisung des Zugabfertigers das Signal zum Halten oder zum +Weiterfahren zu geben. Eines Nachts sollte er einen ankommenden +Güterzug auf einer Station halten lassen; Edison telegraphierte aber +dem Abfertiger die Ankunft des Zuges, bevor er wirklich eingelaufen +war, und entfernte sich, um spazierenzugehen. Er glaubte noch +rechtzeitig zurücksein zu können; aber der Zug war schon früher da, als +Edison angenommen hatte und, da der Zugführer infolge der Abwesenheit +Edisons keinen Befehl zum Halten vorfand, war er wieder weitergefahren. +Edison wollte nun zum nächsten Güterschuppen eilen, wo die +Nachtgüterzüge zu halten pflegten, um Frachtstücke ein- und auszuladen; +aber in der Dunkelheit fiel er in eine Grube, aus der er sich nur +schwer herausarbeiten konnte. Und als er zerschunden und atemlos an +dem Schuppen angekommen war, war es wieder zu spät. Er stürzte wieder +zur Station zurück und schickte eine Depesche nach der nächsten +Station, aber auch diese kam schon zu spät, und wenn nicht die beiden +Lokomotivführer sehr achtsam gewesen wären, hätte es unvermeidlich +zu einem Zusammenstoß kommen müssen. Als der Betriebsdirektor diese +Geschichte erfuhr, lud er den Sechzehnjährigen vor sich, um ihm zu +erklären, daß er ihn unbarmherzig auf fünf Jahre ins Gefängnis schicken +werde. Aber während Edison gerade das trübe Schicksal seiner nächsten +Zukunft erfuhr, kamen zwei Freunde des Direktors zu Besuch, die ihn +sofort in eine Unterhaltung zogen, und diese hochwillkommene Ablenkung +benutzte Edison, um auszureißen. Mit dem nächsten Zuge reiste er, wie +er ging und stand, nach Port Huron zurück.</p> + +<p>Edisons Genie sollte sich auch hier bewähren. Der Winter war sehr hart +gewesen, und als nun im Frühjahr das mächtige Treibeis des Huron-Sees +herankam, zerriß es das Kabel zwischen<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> Port Huron und der jenseits +des mächtig breiten Flusses liegenden Stadt Sarnia. Der Verkehr war +sehr gestört, die Herstellung des Kabels war unmöglich. Völlig ratlos +wandte man sich an Edison, der sich auf die Weise zu helfen wußte, +daß er mit einer Lokomotive dicht an den Fluß heranfuhr und nun mit +der Signalpfeife ein Telegramm hinüber»pfiff«. Mit kurzen Tönen ahmte +Edison die Punkte, mit langgezogenen die Striche des Morse-Alphabets +nach. Und er pfiff die Frage in den Nebel hinaus: »Hallo, Sarnia, hörst +du mich?« Und nachdem er das Signal mehrere Male vergeblich hatte +ertönen lassen, wurde man endlich am jenseitigen Ufer doch aufmerksam, +erkannte die Bedeutung der schrillen Pfiffe und die Telegraphisten +antworteten auf dieselbe Weise die Antwort zurück. So war die +Verbindung wiederhergestellt.</p> + +<p>Diese findige Leistung machte Edison bekannt, und es fiel ihm deshalb +auch nicht schwer, eine Stellung als Telegraphist zu finden. Aber +da er viel unter Neid und Klatschsucht zu leiden hatte, und seine +Dienstvorschriften öfters verletzte, weil er unermüdlich seinen +eigenen Untersuchungen nachhing, mußte er seinen Aufenthaltsort oft +wechseln. So taucht der Siebzehnjährige in Adrian auf, in Fort Wayne, +Indianopolis, Cincinnati und Memphis. In Indianopolis gelang ihm auch +seine erste Erfindung, der selbsttätige Wiedergeber, der die Tätigkeit +des Telegraphisten überflüssig machte. Er hatte die Telegramme, die mit +einer Geschwindigkeit von fünfzig Worten in der Minute einliefen, für +die Presse wortgetreu wiederzugeben und hatte sich nun einen Apparat +konstruiert, der das mit einer Geschwindigkeit von dreißig Worten in +der Minute erledigte. Er hielt die Vorrichtung zwar geheim; aber eines +Tages, da sein Apparat, wo es sich um die Wiedergabe einer äußerst +wichtigen Gesetzesvorlage handelte, allzusehr im Rückstande blieb, +wurde dieser geniale Betrug entdeckt und Edison wurde auf der Stelle +entlassen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span></p> + +<figure class="figcenter illowp50" id="illu-223" style="max-width: 41.75em;"> + <img class="w100" src="images/illu-223.jpg" alt="bild"> +</figure> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span></p> + +<p class="p2">Er begab sich nach Cincinnati, wo er sechzig Dollar im Monat verdiente +und durch aufopfernden Pflichteifer bald auf hundertundfünf Dollar +stieg, wanderte aber bald darauf nach Memphis, wo die Telegraphisten +hundertundfünfundzwanzig Dollar (fünfhundert Mark) im Monat verdienten. +Der Betriebsdirektor quälte sich vergeblich damit ab, eine Erfindung zu +machen, durch welche New York und New Orleans in direkte telegraphische +Verbindung treten konnten und als dies dem jungen Edison, unter +Anwendung seiner in Indianopolis gemachten Erfindung, nach kurzer Zeit +gelungen war, wurde der Direktor von solchem Neid erfaßt, daß er eine +falsche Anklage gegen Edison erhob, die zu seiner Entlassung führte.</p> + +<p>Jetzt traf ihn aber seine Entlassung höchst ungünstig. Edison hatte +eben einen großen Teil seines Gehalts — wie immer — den Eltern +geschickt. Er war vollständig mittellos und da er nie viel Wert auf +seine äußere Erscheinung gelegt hatte, stand es auch um seine Kleidung +sehr schlecht. Überdies war der Winter vor der Tür. Edison faßte +trotzdem Mut und wanderte wie ein Handwerksbursche mehrere hundert +Kilometer zu Fuß nach Louisville. Halbtot vor Hunger und Kälte und +Überanstrengung, mit Stiefeln ohne Sohlen, mit einem Strohhut auf dem +Kopf und in dünner, fadenscheiniger Sommerkleidung stapfte Edison in +den schnee- und eisbedeckten Straßen von Louisville umher, sich nach +dem Telegraphenamt hinfragend, wo er um eine Anstellung bat. Und als +der zerlumpte Bettler eine Probe seiner Geschicklichkeit gegeben hatte, +erhielt er auch Beschäftigung.</p> + +<p>Bis zu seinem neunzehnten Jahre blieb Edison in Louisville. Er brachte +es hier in der Kunst der Depeschenübertragung bis auf fünfundvierzig +Worte in der Minute. Inzwischen hatte er sich auch eine ganze +Bibliothek über elektrische Studien angeschafft und setzte außerdem +seine Experimente unentwegt fort.</p> + +<p>Es war den Beamten aber streng untersagt, die elektrischen Batterien +und Elemente anzurühren. Eines Nachts hatte Edison<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> etwas Schwefelsäure +nötig und ging ins Batteriezimmer, sie zu holen. Dabei verschüttete +er ein Teil der Säure, die durch den Fußboden drang und im darunter +liegenden Zimmer des Direktors Schreibtisch und Teppich zerstörte. Der +aufgebrachte Vorgesetzte jagte Edison davon. Er ging zu seinen Eltern, +blieb anderthalb Jahre in seiner Heimatstadt Telegraphist und erfand +dort die Methode, ein einziges Kabel für zwei Stromkreise nutzbar zu +machen. Die Gesellschaft, der er seine Erfindung überließ, lohnte ihn +mit einem Freibillett nach Boston, wo ihm eine Stellung angeboten war.</p> + +<p>Gleich beim Beginn seiner Tätigkeit legte er Proben einer so +außerordentlichen Geschicklichkeit ab, daß die Kollegen, die erst +geglaubt hatten, ihn verhöhnen zu können, ihm die größte Hochachtung +bezeigten und sich um seine Freundschaft bewarben. Und da es um +diese Zeit auch seinen Eltern wieder besser zu gehen begann, wurde +er von dem schweren Druck befreit, der bisher auf ihm lastete. +Seine teilnahmsvollen Kameraden, sein freundlicher Vorgesetzter und +endlich die Freundschaft eines Herrn Milton Adams wirkten belebend +auf seine Fähigkeiten und schienen tausend Pläne und Erfindungen in +ihm zu wecken. Die erste Erfindung, die er hier ausführte, war ein +Abstimmungstelegraph, der die zeitraubende Arbeit des Zählens bei +Parlamentsabstimmungen ersparen sollte. Die Erfindung, auf die Edison +große Hoffnungen gesetzt hatte, wurde 1869 zwar patentiert; praktisch +fand man sie aber unverwertbar. Die Ablehnung empfand Edison sehr +schmerzlich; er lernte aber auch von diesem Fehlschlag, eine Erfindung +erst auf ihre Brauchbarkeit hin zu prüfen, ehe er an ihre Ausarbeitung +Kosten und Mühen verschwendete.</p> + +<p>In Boston hatte Edison sich eine kleine Werkstatt gemietet. Seine +Freunde hatten für das Bekanntwerden seiner Fähigkeiten wohl gesorgt, +so daß er bald kleine Aufträge bekam. Besonders zwei Aufgaben fesselten +ihn jetzt sehr stark: die Herstellung<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> eigener telegraphischer +Druckapparate für die Mitteilung der Kurse im Geldverkehr und die +Benutzung <em class="gesperrt">eines</em> Drahtes zur gleichzeitigen Sendung mehrerer +Depeschen. Deutschland kannte zwar schon diese Telegraphie; aber in +Amerika hat erst Edison die Telegraphie auf eine so vollkommene Stufe +erhoben, daß man die dadurch gemachten Ersparnisse auf etwa fünfzehn +Millionen Dollar taxiert.</p> + +<p>Indessen, es wollte ihm auch hier nicht gelingen, einen wesentlichen +<em class="gesperrt">praktischen</em> Erfolg für seine Erfindungen zu erringen; das +verleidete ihm Boston, und er beschloß, sein Wirkungsfeld nach der +Zentrale des amerikanischen Geschäftslebens zu verlegen: nach New York. +Und in großer Sorge um seine Zukunft reiste er dahin.</p> + +<p>Aber auch hier hatte er in den ersten Wochen bitter zu kämpfen. Er fand +keine Stellung, und niemand interessierte sich für seine Erfindung. Er +wäre auf dem erbarmungslosen New Yorker Pflaster in die äußerste Not +gekommen, wenn ihn nicht ein Zufall die rechten Wege geführt hätte. +Zuweilen scheint es wirklich, als hätte ein guter Geist immer seine +Schritte gelenkt, um ihn, wenn auch scheinbar auf Umwegen, seinen +Zielen entgegenzubringen.</p> + +<p>Als Edison nach New York kam, war es gerade der Schauplatz einer +dreisten Spekulation des Millionärs Jay Gould, der alles Gold hatte +aufkaufen lassen, um die Preise in die Höhe zu treiben. Das Bureau des +Herrn Law war das einzige, das mit allen sechshundert Geldmaklerbureaus +in telegraphischer Verbindung stand und wo man erfuhr, wie es um den +Goldkurs stand. Eine Unzahl besorgter Geschäftsleute forderte vom +Bureau Law Nachrichten. Die Beamten hatten alle Hände voll Arbeit. +Da versagt plötzlich zum Unglück — und zum Glück Edisons — der +Haupttelegraphenapparat. Die Störung verursachte eine ungeheure +Erregung bei der draußen harrenden Menge, die von Minute zu Minute +immer drohender anschwoll. Law und seine<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> Beamten waren vollständig +kopflos geworden, als der beschäftigungslose Edison, der mit der +drängenden Menschenmasse unbeachtet ins Bureau geschoben worden war, +den Apparat, der die Störung verursachte, rasch betrachtet hatte +und nun sagte: »Ich glaube, Mister Law, ich kann Ihnen zeigen, wo +die Störung liegt. Eine Kontaktfeder ist zerbrochen, zwischen zwei +Zahnräder gefallen und hindert dadurch die Umdrehung der Scheibe mit +den Papierstreifen.« Edisons Vermutung war richtig. In kurzer Zeit +hatte er die Störung beseitigt, und Law engagierte Edison sofort als +Aufseher über alle Teile des telegraphischen Betriebes mit dem hübschen +Monatsgehalt von nahezu dreizehnhundert Mark (dreihundert Dollar). +Mit einem Schlage war Edison ein gemachter Mann. Er war für alle Zeit +die fürchterlichen Nahrungssorgen los, und von nun an nimmt seine +Entwicklung einen raschen und glänzenden Verlauf.</p> + +<p>Seine Tätigkeit bei Law brachte es mit sich, daß Edison sich wieder +der Herstellung verbesserter telegraphischer Apparate zuwandte. Seine +Verbesserungen riefen indessen eine Umwälzung auf diesem Gebiete +hervor, daß er schließlich seine Stellung dadurch verlor. Inzwischen +war er aber in New York bereits so bekannt, daß er in einer Fabrik +für elektrische Apparate sofort wieder eine neue Stellung fand. Hier +vervollkommnete er seine früher erwähnte Erfindung des Drucktelegraphen +für Kursberichte, die ihm bei Laws Konkurrenzgesellschaft eine gleiche +Stellung eintrug, wie er sie bei Law gehabt hatte. Und als er hier +die telegraphischen Einrichtungen verbesserte, kaufte ihm diese +Gesellschaft das Benützungsrecht für seine letzten Erfindungen ab und +zahlte ihm dafür etwa hundertundsiebzigtausend Mark.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Edisons Havannazigarre war ausgegangen und er entzündete sie von neuem, +noch immer seinen Erinnerungen nachgehend ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span></p> + +<p>Er hatte hundertundsiebzigtausend Mark bekommen. Niemand war +glücklicher als er. Wie einfach und wahr hatte der deutsche Dichter +Goethe das Gretchen im Faust es sagen lassen: Am Golde hängt doch +alles! Jetzt, mit diesem Vermögen in den Händen, konnte er seine +heißesten Wünsche stillen, konnte sich eine umfangreiche Werkstätte +mit allem Zubehör einrichten, um die Fabrikation seiner Erfindungen +selber betreiben zu können. Und obwohl diese Einrichtung so ziemlich +das ganze Vermögen wieder verschlungen hatte, hatte es Edison trotzdem +nicht zu bereuen. Seine Fabrik war bald so beschäftigt, daß sie in +kurzer Zeit zu klein geworden war. Innerhalb weniger Jahre mußte er die +stets größer gewählte Fabrik mit einer immer noch größeren vertauschen +und 1873 war er von der ursprünglichen Werkstatt in New York in die +gegenüberliegende Stadt Newark in seine Fabrik eingezogen, in der er +bereits dreihundert Arbeiter beschäftigte. Sein Name war schon berühmt, +und er genoß in der Geschäftswelt bedeutenden Kredit.</p> + +<p>Seine Geschäftsführung war ebenso merkwürdig wie sein ganzes Leben. +Da es seinem Buchhalter einst passierte, daß er bei der Bilanz einen +Überschuß von siebentausendfünfhundert Dollar herausgerechnet hatte, +während in Wirklichkeit ein Defizit von fünfzehntausend Dollar +vorhanden war, brachte dieser Irrtum Edison dazu, alle Buchführung +für unnützen Schwindel und kostspieligen Zeitvertreib zu erklären. +Von Stund' an führte er sein Geschäft ohne Buchführung. Aber nur +ein Geist von der Fassungskraft Edisons konnte die Buchführung, die +kein geschäftlicher Betrieb entbehren kann, beiseitelassen, ohne +Schaden zu erleiden. Seine Untergebenen hatten auch keine bestimmten +Arbeitsstunden; die Arbeitszeit richtete sich ganz nach den vorhandenen +Aufträgen. Man hätte erwarten sollen, daß eine solche Geschäftsführung +ohne Bücher und ohne geregelte Arbeitszeit ein wahres Chaos zur Folge +haben würde. Nichts von alledem. Freilich ließ sich diese Einrichtung +auch nur deshalb ohne<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> Störung durchführen, weil Edisons Arbeiter +zugleich seine Kameraden waren, die mit Liebe und Bewunderung an ihm +hingen.</p> + +<p>Und Edison selbst gab Beispiele von fast übermenschlicher Arbeitskraft. +Eines Tages hatte er für hundertundfünfundzwanzigtausend Mark +telegraphische Apparate zu liefern; sie waren fertig, funktionierten +aber nicht richtig, <em class="gesperrt">mußten</em> aber rechtzeitig und tadellos +geliefert werden. Edison ließ alle Apparate in sein Laboratorium +bringen, schloß die Tür und sagte zu seinen Assistenten: »Ich habe +die Tür abgeschlossen, und nun müßt ihr bleiben, Kameraden, bis die +Arbeit beendet ist.« Und es folgten <em class="gesperrt">hintereinander sechzig Stunden +angestrengter Arbeit</em>, in denen kaum Zeit blieb, etwas zu essen; von +Schlafen war keine Rede; aber die Apparate waren zur bestimmten Zeit +fertig. Edison selbst schlief hinterher sechsunddreißig Stunden.</p> + +<p>Aber diese Doppeltätigkeit, Erfinder und Fabrikant zugleich, konnte +Edison nicht auf die Dauer durchführen. Er gab seine Fabrik auf, die +ihm in drei Jahren einen Gewinn von mehr als anderthalb Millionen +gebracht hatte, und verwendete das Geld dazu, ein großes Grundstück +in Menlo-Park zu kaufen und ein Laboratorium darauf zu bauen, das +eines der großartigsten Amerikas werden sollte. Er schaffte sich die +vollkommensten und kostbarsten physikalischen und chemischen Apparate +an; eine Werkstatt, die dreißig Meter lang und zehn Meter breit war, +wurde mit allen erdenklichen mechanischen Drehbänken, Maschinen und +Werkzeugen versehen; eine Dampfmaschine von achtzig Pferdestärken +versorgte die Anlage. Eine wissenschaftliche Bibliothek fehlte nicht. +Sogar eine Orgel wurde angeschafft, denn Edison liebte es, bei +angestrengter geistiger Arbeit sich von den wohltuenden Harmonien der +Musik besänftigen zu lassen. 1876 zog Edison hier ein und hatte einen +Stab außerordentlich tüchtiger Hilfskräfte um sich versammelt. Der +weitaus hervorragendste war Charles Bachelor, dessen Dienste für Edison +unschätzbar waren.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span></p> + +<p>Hier machte Edison in den folgenden zehn Jahren seine bedeutendsten +Erfindungen. 1869 war er ein armer Teufel, der in New York stellungslos +umherlief; 1879 ein weltberühmter Erfinder, ein vielfacher Millionär. +Aber dieser beispiellose Erfolg wurde nicht durch irgendwelche +Glücksfälle erreicht, sondern nur durch zähe, harte Arbeit, ein Wort, +das im Leben Edisons die allererste Rolle spielt und alle seine Erfolge +erklärt.</p> + +<p>Keine seiner Erfindungen — er besitzt bereits nahezu tausend Patente +— machte seinen Namen jedoch so populär wie der Phonograph, den er +1877 in Menlo-Park erfand; ein zungen- und zahnloses Instrument, +ohne Schlund und ohne Kehlkopf, eine tote, tonlose Masse, die +nichtsdestoweniger alle Töne nachahmt, und mit deiner Stimme spricht. +Noch nach Jahrhunderten, nachdem du längst in Staub zerfallen bist, +kann dieser Apparat deinen Urenkeln alles wiederholen, was du in den +Apparat hineingesprochen hast, und zwar so, als sprächest du lebendig +zu ihnen.</p> + +<p>Immerhin dauerte es zehn Jahre, bis der Phonograph, wesentlich +verbessert, 1888 im Londoner Kristallpalast zum ersten Male in Europa +vorgeführt wurde. Edison hatte eine Walze mitgeschickt, von deren +Phonogramm aus er selbst zu den Besuchern sprach, und die Königin von +England und andere hohe Persönlichkeiten schickten ihm vermittels des +Phonographen ihren Dank zu. 1889 wurden fünfundvierzig Phonographen +mit Walzen, die alle lebenden Sprachen wiedergaben, auf der großen +Pariser Weltausstellung gezeigt, wo sie täglich von dreißigtausend +Menschen besichtigt wurden. Heute gibt es wohl kein Städtchen mehr in +der zivilisierten Welt, dessen Einwohner diese Erfindung Edisons nicht +kennen würden.</p> + +<p>Sie würde noch immer eine ungeheure Umwälzung hervorrufen, wenn man +sie so ausnützen würde, wie sie es erlaubt. Der Phonograph könnte die +Stenographen überflüssig machen; Briefe ließen sich direkt auf die +Platten sprechen, die man dann mit der Post verschicken könnte; hat +man Lust, musikalische Leistungen<span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span> der berühmtesten Künstler der Erde +zu hören, so kann man sie sich ja heute schon kaufen; phonographische +Bücher könnten die gedruckten ersetzen, was vor allem für die Blinden +von weittragendster Bedeutung wäre; die Sprachen wilder Stämme und +schwer zugänglicher Völker könnten phonographisch festgehalten werden; +jede Familie wäre imstande, die Stimmen lieber Verstorbener jederzeit +wieder zu sich sprechen zu lassen; man könnte sich statt eines +Bilderalbums ein phonographisches Album anlegen.</p> + +<p>Edison selber hat scherzhalber einmal im Schlafzimmer eines Gastes, +dessen Furchtsamkeit er kannte, einen phonographischen Apparat +aufgestellt, der um Mitternacht ernst und feierlich die Worte rief: +»Mensch, bereite dich vor zum Sterben.« Entsetzt floh der Gast zu dem +Hausherrn, der dann den ganzen Mechanismus erklären mußte, um den +Geängstigten zu beruhigen.</p> + +<p>Auch die Puppenindustrie hat sich in ungeheurem Umfange des +Phonographen bemächtigt und sprechende Puppen hergestellt, die kleine +Lieder singen oder ganze Sätze sprechen und Gedichtchen aufsagen. Die +jetzige Königin von Holland hat als eine der ersten solch eine Puppe +zum Spielen bekommen.</p> + +<p>Andere Erfindungen Edisons, wie der Phonometer, das Megaphon und +das Aerophon sind weniger bekannt geworden, obwohl auch sie von +außerordentlicher Bedeutung sein könnten. Praktisch von weit +größerer Bedeutung als der Phonograph wurde aber das elektrische +<em class="gesperrt">Glühlicht</em>, das Edison zwar nicht erfunden, aber auf die Höhe +der Vollkommenheit gebracht hat, die es gegenwärtig besitzt. Als er +nach endlosen und oft mißlungenen Versuchen, die viele schlaflose +Nächte gekostet hatten, seine Lampen endlich so weit verfeinert hatte, +daß er die Brenndauer einer Lampe von anfangs zwanzig bis vierzig auf +tausend Stunden erhöhen konnte, stattete er alle seine Räumlichkeiten +von innen und außen mit etwa siebenhundert Glühlampen aus. Diese neue +Lampe machte in Nordamerika ein solches Aufsehen, daß aus allen Teilen +des Landes Besucher herbeiströmten, zu<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> deren Beförderung oft besondere +Extrazüge nach Menlo-Park eingelegt werden mußten. Die Aktien der +Glühlichtgesellschaft stiegen von hundert Dollar bis auf dreitausend +Dollar.</p> + +<p>Edison legte jetzt eine Glühlampenfabrik an, die die Stammutter +aller Glühlampenfabriken der Welt wurde. Der geschäftliche Erfolg +dieser Lampe war ebenso gewaltig wie die Revolution, die sie im +Beleuchtungswesen heraufbeschworen hat. 1884 wurde auch in Berlin eine +Deutsche Edisongesellschaft gegründet, aus der später die Berliner +Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft hervorgegangen ist, deren +elektrische Anlagen wohl die bedeutendsten der ganzen Welt sind.</p> + +<p>Es ist unmöglich, alle Erfindungen Edisons auf dem Gebiete der Schwach- +und Starkstromtechnik hier auch nur andeutungsweise zu erwähnen. Eine +seiner wichtigsten Erfindungen ist aber die Benutzung der elektrischen +Kraft zu Verkehrszwecken. Die Versuchsbahn, die er auf seinem großen +Grundstück in Menlo-Park baute, bewährte sich so vortrefflich, daß sie +seitdem in der Alten und Neuen Welt rasche Verbreitung gefunden hat. +Als der Vorstand der Gesellschaft für elektrische Bahnen Edison einst +in Menlo-Park besuchte, um zu kontrollieren, wie weit die elektrische +Personenbeförderung sei, bat der Erfinder die Gäste, mit ihm die +Lokomotive zu besteigen, die gerade auf der Versuchsbahn bereit stand. +Die Herren, im Glauben, Edison wolle ihnen etwas erklären, stiegen +ahnungslos auf. Edison zog einen Hebel, und die Maschine ging los. Er +steigerte ihr Fahrtempo bis zur raschesten Schnellzuggeschwindigkeit, +daß die Hüte der Gäste davonflogen, die sich zitternd festklammerten +und Edison flehentlich baten, aufzuhören. Sie fürchteten eine +Katastrophe. Das machte Edison Spaß, und er fuhr noch rascher. Erst als +die Herren vor Angst schlotterten, hielt er an, und mit Zittern und +Zähneklappern stiegen sie ab und machten sich eiligst aus dem Staube. +Sie kontrollierten Edison nie wieder und fragten ihn nichts mehr.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span></p> + +<p>Als Edison 1876 von Newark nach Menlo-Park verzog, hatte er seine +Werkstätten und Laboratorien so umfangreich angelegt, daß sie seiner +Meinung nach ausreichen mußten, selbst wenn er seine Tätigkeit noch +bedeutend erweiterte. Aber innerhalb der nächsten zehn Jahre waren +dennoch so viele Vergrößerungsbauten und Nebengebäude nötig, daß +sie mannigfache Unbequemlichkeiten im Gefolge hatten. Edison mußte +wieder an ganz enorme Vergrößerungen denken, und so gründete er 1886 +zu Orange in New Jersey ein neues Laboratorium, dies hier, in dem er +jetzt sinnend saß, und das hinsichtlich seiner Größe, Vollkommenheit +und Vollständigkeit der Einrichtungen als das erste der Welt bezeichnet +wird. Das dreistöckige Hauptgebäude ist fünfundsiebzig Meter lang und +achtzehn Meter breit; die vier kleineren einstöckigen Bauten sind +je dreißig Meter lang und acht Meter breit. Das Bibliothekszimmer, +ein fürstlich ausgestatteter Raum, enthält fünfzigtausend wertvolle +wissenschaftliche Werke. Im Vorratsraum, der einzig in seiner Art ist, +findet man von allen Stoffen und Mineralien der Erde, mögen sie noch +so kostbar und schwer erreichbar sein, eine größere Probe. In der +eigentlichen Werkstätte arbeiten Tausende von fleißigen Händen, obwohl +es keine Fabrik ist, sondern alles, was hier gearbeitet wird, nur dazu +dient, die erfinderischen Ideen Edisons auf ihre Brauchbarkeit hin zu +prüfen.</p> + +<p>Eine Treppe höher liegen die Bureaus und Arbeitszimmer, in denen +die Assistenten Edisons Skizzen entwerfen, Zeichnungen und +Pläne anfertigen, Berechnungen und theoretische Untersuchungen +anstellen. Weiter oben befinden sich Säle, in denen die Erfindungen +Edisons ausgestellt sind. Ein besonderer Glasbläserraum dient der +Herstellung der mannigfachen Apparate aus Glas, die zu chemischen und +physikalischen Experimenten erforderlich sind.</p> + +<p>Ein anderer Bau dient lediglich photographischen Zwecken, und hier hat +Edison das Kinetoskop, das Mutoskop, den bekannten Kinematographen +erfunden und endlich den Phono-Kinematographen,<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> von dem er selbst +sagt: »Ich zweifle durchaus nicht daran, daß wir in nicht allzu +ferner Zeit in jedem Dorfe eine große Opernvorstellung für zehn Cent +Eintrittsgeld haben werden. Man wird die Patti in ihrem eigenen Zimmer +sehen und hören können; man wird sie sogar noch hundert Jahre nach +ihrem Tode auftreten lassen können. Parlamentsverhandlungen, bedeutende +politische Persönlichkeiten, geschichtliche Vorgänge können in +derselben Weise festgehalten und zu jeder späteren Zeit wiedergegeben +werden. Nach einem Jahrhundert kann man noch den Papst Leo und seine +Kardinäle sehen und sie sprechen hören. Welch eine Methode, Geschichte +zu schreiben! Wie viel wirkungsvoller kann man künftigen Generationen +eine Vorstellung von geschichtlichen Ereignissen und bedeutenden +Männern übermitteln, als durch gesprochene oder geschriebene Worte! +Schriftliche Berichte würden gänzlich aufhören, geschichtliche +Bedeutung zu haben. Und doch ist dies alles nicht so wunderbar, wie es +scheint.«</p> + +<p>Edisons Mutter war schon 1871 gestorben, und da ihr Tod eine jähe +Lücke in sein Seelenleben gerissen hatte, gründete er schon zwei Jahre +später ein eigenes Heim. Unter den bei ihm beschäftigten Arbeiterinnen +hatte ein junges Mädchen, Mary Stillwell, seine Aufmerksamkeit erregt; +die Achtung, die er wegen ihrer echt weiblichen Tugenden vor ihr +hegte, verwandelte sich bald in eine leidenschaftliche Zuneigung. +Seine Werbung fand Gehör; 1873 wurde sie seine Gattin. Sie hatte ihm +drei Kinder geschenkt: Marianne, Thomas Alva und William Leslie, und +1881 starb sie schon, von allen Angestellten ihres Mannes verehrt und +geliebt. Edison empfand einen so großen Kummer über den Verlust seiner +Gattin, daß er auf ein längeres Krankenlager geworfen wurde. Wieder +genesen, stürzte er sich wie ein Wütender in die Arbeit; aber sein Herz +darbte. Und er gesundete erst dann wieder vollkommen, als er in einer +neuen Ehe ein neues Glück fand.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>»Der Ruhm hat bereits Legenden um mich gewoben« — dachte Edison +weiter — »man nennt mich den Phonographenpapa, den Zauberer von +Menlo-Park, den Magiker des Westens. Bedeutende Dichter haben mich und +meine ›Zauberkunst‹ in ihren Werken dargestellt. Was ist aber meine +Erfindungskunst anderes als die Triebkraft, die auch im Korne lebt!?«</p> + +<p>Er streifte melancholisch die Asche seiner Zigarre ab und begann auf +und ab zu gehen.</p> + +<p>»Und nun gehe ich in die Sechzig ein, und es ist bald zu Ende mit dem +bißchen Leben! Was sind alle die Spielereien, die ich erfunden habe, im +Verhältnis zu der Kraft, die uns Menschen zuruft: Werde und vergehe! +Was ist diese geheimnisvolle elektrische Kraft, deren Herr ich bin? +Nein, wir sind alle Ignoranten und werden es bleiben.«</p> + +<p>Er hielt inne, dachte noch einen Augenblick nach, dann sagte er +achselzuckend: »Schließlich ist auch an der menschlichen Torheit etwas +Gutes. Man lernt aus ihr. Aber nun ist's genug geträumt.«</p> + +<p>Und er ging frisch an die Arbeit.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Loewes_Verlag_Ferdinand_Carl_Stuttgart">Loewes Verlag Ferdinand Carl, Stuttgart.</h2> +</div> + +<p class="hangt"><span class="s4"><b>Brandt, Karsten,</b></span> <b>Aus eigner Kraft.</b> 17 Lebensbilder denkwürdiger +Männer. Für Knaben im Alter von 12 bis 14 Jahren. Mit 4 Bunt-, 4 +Tonbildern, sowie vielen Porträts. 8°. Eleg. geb. M. 4.—.</p> + +<p>Nach Inhalt und begleitenden Illustrationen ist diese Jugendschrift +besonders geeignet, unserer reiferen Jugend den idealen Ansporn für die +spätere berufliche Laufbahn zu geben, indem den jugendlichen Lesern +neben geschichtlichen Streiflichtern der Werdegang bedeutender Männer, +wie:</p> + +<div class="blockquot"> +<p class="p0"><em class="gesperrt">Körner</em>, <em class="gesperrt">Friesen</em>, <em class="gesperrt">Jahn</em>, <em class="gesperrt">Hofer</em>, +<em class="gesperrt">Speckbacher</em>, <em class="gesperrt">Radetzky</em>, <em class="gesperrt">Zieten</em>, <em class="gesperrt">Blücher</em>, +<em class="gesperrt">Kolumbus</em>, <em class="gesperrt">Schwarz</em>, <em class="gesperrt">Gutenberg</em>, <em class="gesperrt">Stephenson</em>, +<em class="gesperrt">Franklin</em>, <em class="gesperrt">Reis</em>, <em class="gesperrt">Senefelder</em>, <em class="gesperrt">Siemens</em>, +<em class="gesperrt">Krupp</em>,</p> +</div> + +<p>in fesselnder und zugleich begeisterter Weise vor Augen geführt +wird. Eignet sich zunächst dieser Band als Weihnachtsgeschenk für +Knaben im Alter von 12-14 Jahren, so dürfte er auch bei allen anderen +Gelegenheiten, wie Konfirmation etc., eine willkommene Gabe sein, zumal +eine würdige Einbanddecke das Ganze in harmonischem Gewande präsentiert +und schon äußerlich sich des gediegenen Eindrucks versichert.</p> + +<hr class="r5"> + +<p>Es ist ein vortrefflicher Gedanke, der heranwachsenden Knabenwelt +den Lebens- und Werdegang denkwürdiger Männer nach geschichtlichen +Tatsachen und besten zeitgenössischen Quellen, frei von unnötigem, +novellistischem Beiwerk, zu schildern, und sie damit durch Illustration +und Inhalt gleich lebhaft, real und ideal, zu fesseln. Die ganz +hervorragende Eigenart dieser neuen, epochemachenden Jugendschrift +dürfte den jugendlichen Lesern gewiß auch mancherlei dankenswerte +Klarheit über den Wert des Kämpfens, Ringens und endlichen Siegens +aus eigener energischer Kraft geben und den schweren Entschluß der +Berufswahl vorbildlich günstig beeinflussen. Ein Werk, in welchem +Heldennamen aus den verschiedensten Lebensgebieten, wie Theodor Körner, +Blücher, Kolumbus, Gutenberg, Senefelder, Siemens u. a. m. beschrieben +sind, gehört zu den Geschenkbüchern, die nie veralten, die dem Knaben, +dem Jüngling, ja dem Manne noch lieb und unvergessen sind. Der auf +besten Bahnen wandelnde Herausgeber hat somit mit diesen siebzehn +wertvollen Lebensbildern Deutschlands strebsamen Knaben eine gewiß +hochwillkommene, sich auch durch die prächtige, würdige Ausstattung von +selbst empfehlende Gabe geschaffen, in welcher internationale große +Männer ein ehrendes Andenken gefunden haben.</p> +<p class="mright5">Haus-Orakel, München.</p><br> + +<p class="center">Zu beziehen durch jede Buchhandlung des In- und Auslandes.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<p class="hangt s4"><b>Leben und Weben in Wald und Feld.</b> Für die 9-12jährige Jugend +herausgegeben von <em class="gesperrt">Christian Brüning</em>. Mit 6 Bunt-, 8 Ton-, 6 +Vollbildern, sowie 69 Textillustrationen. 8°. Elegant geb. M. 4.50, +Volksausgabe M. 3.—.</p> + +<p>Wie in seinen »Wanderungen durch die Natur« der Verfasser mit den +Kindern durch Wiese, Moor und Heide geht, so durchstreift er jetzt +abermals mit ihnen Wald und Feld. Er führt sie in den winterlichen +Forst und zeigt ihnen, wie dort munteres Leben herrscht, wo der +Unkundige nur Öde und Grabesruhe vermutet. Er bringt sie hinein in die +Werkstatt des jungen Lenzes und läßt sie den Schaffenden belauschen bei +seiner Arbeit. Er genießt mit ihnen Maienwonne und Maienherrlichkeit, +durchwandert mit ihnen Täler und Höhen des Harzes, zeigt ihnen das +Tierleben der Sommernacht, geht mit ihnen hinaus zur Erntezeit, lehrt +sie die Freunde und Feinde des Landmannes und des Gärtners kennen, läßt +sie einen Blick tun in die Geheimnisse des edlen Weidwerks und gibt +ihnen Anleitung zu eigenem Denken und Forschen. Erhöht wird der Wert +des Buches noch durch die Abbildungen, die sich auf den ersten Blick +sämtlich als Kunstwerke präsentieren.</p><br> + +<p class="hangt s4"><b>»Auf nach Frankreich!«</b> Kriegsfreiwillig bei den +Dreiundachtzigern 1870/71. Von <em class="gesperrt">Justus Pape</em>. 8°.<br> +Elegant geb. M. 3.—.</p> + +<p>Eigene Erlebnisse, Anschauungen und Stimmungsbilder sind es, die der +Verfasser in schlichten Worten aus den ereignisschweren Tagen jener +großen Kriegsjahre schildert. Gerade aber weil dieses Buch nicht von +hohen, allgemeinen Gesichtspunkten geleitet ist, verfolgen wir vom +Tage der Mobilmachung an gern, ja mit erhöhtem Interesse alle jene +ernsten und heitern Episoden, wie sie sich für den einzelnen Mann in +Wirklichkeit abspielten und abspielen. Ob vor dem Feinde oder auf +Vorposten, während langwieriger Märsche oder im Lagerleben, stets sind +wir geneigt, anregende Vergleiche zu stellen und nehmen Eindrücke in +uns auf, die uns mit großer Befriedigung bis zur letzten Zeile an diese +interessanten, volkstümlichen Darbietungen fesseln. Selbst die Jugend +wird das Buch mit Begeisterung als eins der ihrigen bezeichnen.</p> + +<p class="center">Zu beziehen durch jede Buchhandlung des In- und Auslandes.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<p class="hangt"><span class="s4"><b>Brüning, Christian,</b></span> <b>Wanderungen durch die Natur.</b> Für +9-12jährige Knaben und Mädchen. 12 Bunt-, 15 Textbilder. 8°. Elegant +gebunden M. 4.—, Volksausgabe M. 2.50.</p> + +<p>Welch glücklicher Gedanke des auf pädagogischem Gebiete kompetenten +Verfassers: Der Vater selbst begleitet seine Teuren in zwanglosen +Ausflügen hinaus in Feld und Wald und macht sie mit allem, was dort +lebt und webt, im Zwiegespräche vertraut. Kein Halm, kein Insekt +entgeht der aufmerksamen Betrachtung und eingehenden Belehrung. Die +vorzüglichen Illustrationen erhöhen außerdem die Freude an diesem +herrlichen Buche, es ist von wirklich großem Werte.</p> + +<p class="hangt"><b><span class="s4">Brüning, Christian</span>, Wunder aus dem Pflanzenreiche.</b> Für die +Jugend herausgegeben. Mit 6 Bunt-, 4 Ton- und 7 Vollbildern, sowie 75 +Textillustrationen. 8°. Elegant geb. M. 4.—, Volksausgabe M. 2.50.</p> + +<p>In der Schule hat man die alte Methode über Bord geworfen und +neue Bahnen in der Botanik eingeschlagen. Wir hören und sehen mit +Erstaunen, wie unter dem Zeichen des neuen Unterrichts das Interesse +der Kinder mächtig geweckt, und die Pflanze, an der man sonst achtlos +vorüberging, mit andern Augen betrachtet, zum lebenden Wesen wird. +Wie gern würde wohl mancher Vater und manche Mutter und andere, +die dem Forschungstrieb des Kindes nicht gleichgültig und fremd +gegenüberstehen, mit den Kleinen an der Hand durch Garten und Aue +wandeln, und sie die Gebilde der Natur und ihr Leben beobachten und +verstehen lehren, wenn ihnen nur selbst ein Fingerzeig gegeben wäre. +Diesen Zwecken soll das schöne Buch dienen, aber auch der Jugend selbst +einen ernsten Einblick in Pflanzenwelt und Pflanzenleben geben — +ein Fundament, auf dem später weitergebaut werden kann. Das Bild als +belehrendes Anschauungsmittel steht den Worten überall helfend und +fördernd zur Seite!</p> + +<p class="center">Zu beziehen durch jede Buchhandlung des In- und Auslandes.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<p class="hangt"><span class="s4"><b>Twain, Mark</b></span> (Samuel L. Clemens), <b>Prinz und Bettelknabe</b>. +Eine Erzählung für die Jugend im Alter von 12-16 Jahren. Deutsch von +<em class="gesperrt">Helene Lobedan</em>. Mit vielen Illustrationen. 8°. 3. Aufl. Eleg. +geb. M. 4.—. (Hochmoderne Aufmachung.)</p> + +<p>Diese im Urtext englische Erzählung gehört zu den besten literarischen +Erzeugnissen der Weltliteratur. Sie führt künstlerisch, und damit klar +und konkret anschaulich in das Mittelalter Englands hinein, ist daher +im besten Sinne belehrend in der Kulturgeschichte. Außerordentliche +Erziehungsmomente heben sich — ohne aufdringlich zu sein — +wirkungsvoll ab, und der Standpunkt edler Menschlichkeit wird vertreten +durch die Titelhelden.</p> + +<p>Die schmucke Einbanddecke, sowie die künstlerisch vollendeten +zahlreichen Textillustrationen machen das Buch zu einem der +gediegensten, modern ausgestatteten Geschenkwerke.</p> + +<p class="hangt"><span class="s4"><b>E. P. A. Roland,</b></span> <b>30 Jahre in der Fremdenlegion.</b> Erlebnisse +dreier Deutscher unter französischer Fahne in Afrika und Asien. Eine +Erzählung für die reifere Jugend von 14-16 Jahren. Mit 39 Textbildern +von Willy Planck. 8°.<br> +Eleg. geb. M. 4.—.</p> + +<p>Die Fremdenlegion hat in den letzten zehn Jahren ungefähr gerade so +viel Opfer an jungen Deutschen gefordert, wie der ganze Krieg von +1870/71.</p> + +<p>Ein Buch, das wie das vorliegende der Jugend in gänzlich einwandfreien +aber wahrheitsgetreuen Schilderungen Einblick in die so eigenartigen +Sitten und Gebräuche der Fremdenlegion bietet, verdient die weiteste +Beachtung. In spannend gehaltener Erzählung folgt der Leser drei +jungen Deutschen auf ihren schwierigen Märschen und Feldzügen unter +französischer Fahne als Legionäre nach Asien und Afrika und nimmt so +regen Anteil an deren Erlebnissen. Diese Enthüllungen dürften dazu +beitragen, volle Aufklärung über das Wesen der Fremdenlegion zu bieten +und den breiten Strom alljährlich zur Legion sich meldender junger +verblendeter Männer vor dem Eintritt in dieselbe zu warnen.</p> + +<p>Das Buch ist sehr zu empfehlen und wird allgemeines Interesse erregen.</p> + +<p class="center">Zu beziehen durch jede Buchhandlung des In- und Auslandes.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<p class="hangt"><span class="s4"><b>Fridtjof Nansens Erfolge.</b></span> Ergebnisse seiner letzten +Nordpol-Expedition an Bord des »Fram«. Allgemein faßlich +dargestellt von <em class="gesperrt">Eugen von Enzberg</em>. Mit 8 Voll- und 25 +Textbildern nach Aquarellen von <em class="gesperrt">H. Grobet</em>, 2 Bildnissen der +Expeditionsteilnehmer, sowie einer Karte der Polarländer. Vierzehnte +durchgesehene Auflage. 8°. Eleg. geb. M. 4.50, Volksausgabe M. 3.—.</p> + +<p>Nansens Erfolge werden stets und ständig die Bewunderung der Mit- und +Nachwelt finden und behalten. Daran kann sich auch nichts ändern, +wenn etwa andere Nordpolforscher dem Ziele noch näher kommen sollten +oder schon nähergerückt sind. Das vorliegende Buch gibt in großen +Umrissen zunächst einen Einblick in jene nordischen Gebiete, die von +altersher kühne Männer begeistert haben, und schildert im besonderen +die große Expedition Nansens, die die Öffentlichkeit nach ihrer +Rückkehr im Jahre 1896 als die erfolgreichste bezeichnet hat, weil +Nansen dabei eine ganz neue Pfadweisung bewirkte. Dreizehn Auflagen +hat das Buch bislang erfahren und war einige Zeit vergriffen. Durch +Übernahme des Verlagsrechts und Veröffentlichung einer vierzehnten, neu +durchgesehenen Auflage unter Beifügung eines zeitgemäßen Bildmaterials +hofft die jetzige Verlagsstelle zu den alten noch eine große Zahl +neuer Freunde zu erwerben. — »Nicht für ›Männer vom Fach‹ sind diese +Schilderungen aus Nansens Feder wiedergegeben,« schreibt der Verfasser +in seiner ersten Auflage, »sondern für alle diejenigen, die den streng +wissenschaftlichen Untersuchungen nicht folgen können und denen es auch +an Zeit und Gelegenheit fehlt, umfangreiche Werke zu lesen, — mit +einem Worte: für weitere Kreise und für die Jugend. Und unserer lieben +Jugend widme ich diese Blätter — mögen sie ihren Beifall finden!«</p><br> + +<figure class="figcenter illowe14" id="illu-240"> + <img class="w100" src="images/illu-240.jpg" alt=""> +</figure> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75634 ***</div> +</body> +</html> + diff --git a/75634-h/images/cover.jpg b/75634-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..08f4736 --- /dev/null +++ b/75634-h/images/cover.jpg diff --git a/75634-h/images/illu-004.jpg b/75634-h/images/illu-004.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..8e2e938 --- /dev/null +++ b/75634-h/images/illu-004.jpg diff --git a/75634-h/images/illu-011.jpg b/75634-h/images/illu-011.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..1d15e36 --- /dev/null +++ b/75634-h/images/illu-011.jpg diff --git a/75634-h/images/illu-023.jpg b/75634-h/images/illu-023.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..9f035a1 --- 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