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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-03-11 11:21:16 -0700 |
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Schreibweise und Interpunktion +des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche +Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden. + +Das Kapitelverzeichnis ist an den Anfang des Textes verschoben worden. + +Für die verschiedenen Schriftformen wurden folgende Zeichen benutzt: + + ~gesperrt gedruckter Text~ + +antiqua gedruckter Text+ + +======================================================================= + + + + + [Illustration: Das Lagerkind + + Von + + Charlotte Niese] + + + + + Die Buchausstattung ist von + Else Mehrle. Die Zeichnungen + zu diesem Bande sind von + Hans Schroedter. Druck von + Oscar Brandstetter, Leipzig. + +Copyright by Jos. Scholz+, + +Mainz 1914+ + ~Alle Rechte vorbehalten.~ + + + + + [Illustration: + + Das + Lagerkind + + Geschichte aus dem deutschen Krieg] + + + Von + Charlotte Niese + + Verlag von + Jos. Scholz in Mainz] + + + + + Kapitelverzeichnis. + + + Seite + + Erstes Kapitel 5 + + Zweites Kapitel 19 + + Drittes Kapitel 34 + + Viertes Kapitel 45 + + Fünftes Kapitel 65 + + Sechstes Kapitel 95 + + Siebentes Kapitel 113 + + Achtes Kapitel 124 + + Neuntes Kapitel 150 + + Zehntes Kapitel 167 + + [Illustration] + + + + + [Illustration: Erstes Kapitel] + + +Die meisten Bewohner des Deutschen Reiches werden wissen, daß sich +die Elbe in die Nordsee ergießt, und daß die erste Handelsstadt +Deutschlands, das freie Hamburg, an den Ufern dieses Flusses liegt. Wer +von Hamburg abwärts in die graue Nordsee fährt, der sieht zu seiner +Rechten Holstein liegen, und an seiner Linken Hannover. Gleich hinter +Hamburg erhebt sich die holsteinische Stadt Altona, und ihr folgen eine +Reihe von hübschen Landhäusern. Das Ufer ist steil: von oben winken +Kirchtürme und Ortschaften: endlich kommt Blankenese, das noch heute +von Fischern bewohnt wird, darum aber gewiß kein Fischerdorf, sondern +ein aufstrebender Ort, größer als manche Stadt, ist. Weiter geht die +Fahrt. Überall Häuser, Ortschaften, Städte, bis die Nordsee erreicht +ist. Ja, Holstein ist ein schönes Land: wer es kennt, der weiß davon +zu berichten: aber auch Hannover, das andre Ufer, kann sich wahrlich +sehen lassen. Mit seinen aufstrebenden Städten, seinen reizenden +Dörfern, seiner roten Heide. + +Ein gesegnetes Land: so sagen wohl die Menschen, die alles zuerst +sehen. Manchmal wundern sie sich: denn die da aus dem schönen Süden +kommen, denken wohl, im Norden gäbe es nur Eisbären und Wölfe. + +Die Zeiten sind vorüber. Obs Eisbären vor grauer Zeit in +Norddeutschland gegeben hat, kann ich nicht sagen. Aber Wölfe hausten +hier noch vor knapp dreihundert Jahren. Damals, als der große Krieg, +den man den Dreißigjährigen nennt, das Land verwüstete. + +Das war eine böse Zeit. Dazumal war die Ortschaft Altona sehr klein, +und die Hamburger lachten über sie. »All to nah --« neckten sie die +Fischer und Bauern, die sich dort angebaut hatten. Denn die Hamburger +fanden es unnötig, daß die holsteinischen Landesherren dicht vor ihren +Mauern eine Ortschaft aufstreben ließen. Wiederum aber sahen sie ein, +daß man es den Fischern und Bauern nicht verargen konnte, wenn sie sich +hart an den Fluß bauten, der ihnen nicht allein reichliche Fische, +sondern auch die Möglichkeit gab, einige kleine Reisen zu machen. Das +ging am besten auf dem Wasser. Zwar gab es wohl Landstraßen, die das +Land durchzogen, aber sie waren nicht gut im Stand, und dann erhob sich +auch, gleich hinter dem Dorfe Ottensen, das westwärts an Altona stieß, +ein großer Wald, in dem es nicht geheuer war. Es lagen auch hier, von +Wald umfriedet, mehrere Bauernhöfe und einige Dörfer, in denen es sich +zu Friedenszeiten gut leben ließ: wie aber das Kriegselend kam, da +gehörte schon Mut dazu, sich allein aus dem Schutz der Städte zu wagen. + +Zuerst hatte der böse Krieg den Holsteinern und Hannoveranern nicht +viel getan. Sie hörten wohl von großen Schlachten und vielem Herzeleid, +das sich in andern Gegenden abspielte, aber diese Geschichten drangen +mehr aus der Ferne zu ihnen, und sie dachten nicht viel darüber nach. +Bis es dem Dänenkönig, dem Holstein gehörte, einfiel, sich auch an +diesem mörderischen Kriege zu beteiligen. Es erging ihm schlecht. +Er hielt sich auf seiten der Schweden; da fielen die Kaiserlichen +in Holstein ein und hausten dort grausam, wie es ihre Art war. Die +Schweden, die sie vertreiben wollten, gingen gleichfalls nicht +säuberlich mit den armen Schleswig-Holsteinern um, und wo die Dänen +erschienen, benahmen sie sich oft eben so schlecht wie die Feinde. +Da war es denn nicht zu verwundern, daß das Land verwüstet und +menschenleer wurde. Wer konnte, der floh in die Städte; aber viele +arme Bauern wurden von den Soldaten erschlagen und vielleicht vorher +noch zu Tode gepeinigt. Und auch denen, die auf den Ritterburgen +des Landes saßen, erging es nicht besser. Konnten sie sich nicht +verteidigen, oder wohnten hier Frauen und Kinder ohne männlichen +Schutz, so wurden sie grade so elend ermordet wie die Bauern oder +vertrieben und in Gefangenschaft geführt. Dies geschah alles am Anfang +des Dreißigjährigen Krieges; gegen das Ende wandte sich Christian +der Vierte, so hieß der Dänenkönig, einmal zur Veränderung gegen +die Schweden, mit denen er ehemals gut Freund gewesen war, und nun +fielen diese als Feinde über Holstein her, und was die Kaiserlichen +unverwüstet gelassen hatten, das wurde jetzt von den Schweden zerstört. + +Es war eine traurige Zeit. Viele Menschen wußten nicht anders, als +daß es nur Krieg und niemals Frieden geben konnte. Sie wurden im +Elend geboren und kamen im Elend um. Daß es friedliche Landarbeit, +einträglichen Handel, behagliches Leben geben konnte, ahnten sie +nicht. Hinter jedem Heer folgten Scharen von Menschen, die man den +Troß nannte. Mit ihm waren kleine und halb erwachsene Kinder, Frauen +und manchmal auch alte Leute. Sie hatten keine Heimat, weil die ihre +zerstört war. Sie liefen mit den Soldaten, und wo diese einen Besitz, +einen Bauernhof fanden, an dem noch etwas zu rauben war, da holte sich +der Troß nachher die letzten Reste. Manchmal ging so ein Troß von den +Kaiserlichen zu den Schweden über, oder auch umgekehrt. Sie machten +es so wie die Soldaten, die auch oft ihre Dienste wechselten. Denn +allmählich wußte der gewöhnliche Mann wirklich nicht mehr, weshalb +eigentlich dieser Krieg geführt wurde und die Machthaber, die in +Stockholm, in Wien und Paris saßen, dachten nur darüber nach, wie sie +den größten Vorteil aus allem herausschlagen konnten. Über diesem +Nachdenken verging die Zeit, und das Elend wurde immer größer. + +Nur in Hamburg merkte man nicht allzuviel vom Krieg. Die Stadt hatte +sich schöne Wälle und Mauern mit Kanonen darauf bauen lassen und ließ +weder die Schweden noch die Kaiserlichen ein. Gelegentlich versuchte +irgend ein Häuflein, bei den Hamburgern anzuklopfen, aber es wurde +mit blutigen Köpfen heimgeschickt, und daher war es in dieser festen +Stadt ein recht angenehmes Leben. Die Kaufleute trieben ihren Handel +wie sonst, und wenn sie auch ein starkes Söldnerheer haben mußten, +das die Wagen mit ihren Waren über Land begleitete, und wenn ihre +Handelsschiffe natürlich Kanonen hatten und kriegsgewohnte Mannschaft, +so ging in der Hansestadt das Leben im allgemeinen seinen ruhigen Gang, +und wer hier einmal wohnte, der freute sich seines Daseins und hütete +sich wohl, die feste Stadt und ihren Schutz zu verlassen. + +Als daher Herr Jobst Hanekamp in Hamburg durch einen Boten erfuhr, +daß sein Neffe, der Hofbesitzer Fritz Hanekamp in der holsteinischen +Marsch, Haus und Hof den räuberischen Soldaten hatte opfern müssen +und selbst bei der Verteidigung seines Eigentums umgekommen war, da +bedauerte er dieses Unglück zwar sehr, aber er schrieb doch an die +Witwe, daß er leider nicht imstande wäre, etwas für sie zu tun. Die +Zeiten wären schlecht: sein Geschäft ginge rückwärts, und er müßte für +sein Alter sorgen. Er hätte aber gehört, daß Frau Jutta eine tüchtige +Frau wäre, und zwei Söhne sollte sie auch haben. Wer arbeiten könnte, +dem ginge es immer gut. + +Es war grade kein erfreulicher Brief, den Frau Jutta Hanekamp nach +ihrem großen Unglück und nachdem sie arm geworden, erhielt. Aber er +kam zum Glück so verspätet an, daß sie lange gelernt hatte, nicht auf +die Hilfe des Oheims zu warten. Ein treuer Knecht war ihr geblieben, +der von der Elbe war. Da sie ihre Heimat verlassen mußte, weil alles +verbrannt und verwüstet war, so ging sie mit ihren Söhnen an die Elbe, +etwa eine Stunde landeinwärts vom Dorfe Ottensen. Dort war, mitten +im Walde gelegen, ein Stück Land mit einem Häuschen darauf, billig +zu haben. Mit dem Rest ihres geretteten Geldes kaufte sie es und +bewirtschaftete dies Fleckchen Land mit ihren Söhnen, die allmählich +heranwuchsen. Denn der treue Knecht starb an den Folgen einer Wunde, +die er im Kampf mit Wölfen davontrug. Weil die Menschen hier im Lande +immer spärlicher wurden, und die Dörfer zerstört waren, so kamen die +Wölfe zur Winterszeit von Norden her und ließen sich schwer wieder +vertreiben. + +Also mußte Frau Jutta mit ihren Söhnen allein hausen, und sie tat es +mit Ruhe und Umsicht. Sie war eine Frau, die das Arbeiten gelernt +hatte, und wußte, daß man nicht immer über seinen Kummer nachdenken +durfte. Ihr kleiner Besitz lag ziemlich verborgen, und bis jetzt hatten +die umherziehenden Soldaten ihn nicht gefunden. Manchmal schien es +auch, als ob sie überhaupt verschwunden wären. Bis wieder eine böse +Zeit kam, und jedermann angstvoll dem kommenden Morgen entgegensah. + +Es war im Monat März. Der Winter war streng gewesen, und die Elbe war +lange mit Eis bedeckt. Die Schiffahrt lag still, wer sein Brot mit +Fischen verdiente, hatte Not, sein Leben zu fristen. Aber die Fischer +schlugen Löcher ins Eis, und wenn sie keine Fische fingen, dann kamen +doch die Taucherenten und andre Wasservögel, die sich in den unters +Wasser geschobenen Netzen verstrickten und dann mit der Hand gegriffen +werden konnten. Das gab gute Braten, denn die Tiere waren fett, und ihr +weißgrauer Pelz gab Mützen, die nicht allein warm hielten, sondern an +denen Schnee und Regen abliefen, daß sie eigentlich niemals grundnaß +wurden. + +Auf der Elbinsel Finkenwärder gabs heute ein gutes Essen. Hunderte +dieser Tauchervögel waren von den geschickten Fischern gefangen worden: +nun wurden sie gebraten oder geräuchert, und auf der ganzen Insel +rochs gut. Wer von den Finkenwärder Fischern etwas wußte, der gönnte +ihnen eine kräftige Mahlzeit, denn nicht vor langer Zeit waren die +Schweden von Holstein übers Eis gekommen, hatten bei den Finkenwärdern +geplündert und viele von ihnen erschlagen. Zum Glück nicht alle: die +jüngere Mannschaft war grade nach der Nordsee gewesen, um dort zu +fischen oder Seehunde zu erlegen, aus denen in Hamburg Tran gekocht +wurde und deren Felle zu allen möglichen Dingen zu gebrauchen waren. + +Dieser jüngeren Mannschaft konnten die Schweden nichts anhaben; als +sie heimkehrte, rückten die Soldaten grade ab. Im Dorfe brannte es; +alte Männer und Frauen lagen erschlagen, und die Rückkehrenden konnten +sich freuen, daß die meisten Kinder versteckt worden waren und noch +lebten. Schlimm genug war es, was die Finkenwärder erlebten und +wehrlos erleben mußten. Denn der unselige Krieg zog so hin und her, +daß die Ausgeplünderten niemals wußten, wohin sie sich um Hilfe und +Gerechtigkeit wenden sollten. + +Seit der Zeit mußten die Finkenwärder noch anders arbeiten, wie bisher, +weil ihr Wohlstand dahin war und sie kaum das trockne Brot hatten, um +sich satt zu essen. Da kamen die Tauchervögel sehr gelegen, grade in +ihre traurige Zeit, und wer noch lebte und essen konnte, dem war es zu +gönnen, daß er wirklich einmal gründlich satt wurde. + +Über die Dorfstraße mit ihren kleinen Häusern, von denen etliche +notdürftig wieder zusammengeflickt waren, kam ein Mädchen. Sie mochte +elf oder zwölf Jahre alt sein, hatte halblange Haare wie ein Knabe und +ein verhungertes, blasses Gesicht. Ihre Augen waren blau, und über der +Nase hatte sie eine scharfe Falte, als wäre sie schon alt. Diese Falte +kam daher, weil sie sich angewöhnt hatte, scharf und vorsichtig umher +zu spähen. An einem Bein trug sie einen langen gelben Reiterstiefel, +am andern einen Holzschuh. Dann schlotterte ein zerrissener roter +Rock um sie, eine Jacke aus zerschlissenem Marderfell bedeckte ihren +Oberkörper, und im Gürtel steckte ein Messer. Wie sie langsam ging und +sich umsah, stand eine der Fischerfrauen, die an ihrem Fenster saß und +auf die Straße blickte, auf und schlug die Haustür zu. Denn ihr kam es +vor, als sähe das Kind zu ihr hin. So war es auch. Das Mädchen klopfte +an ihre Tür. + +»Ich bin so hungrig!« sagte sie. + +»Geh nur weiter!« rief ihr die Frau aus dem Fenster zu. »Meinetwegen +kannst du verhungern! Du bist ein Lagerkind!« + +Damit meinte sie, daß das Kind aus irgend einem Troß des Heeres +stammte. + +»Wollt Ihr mir nicht ein Stück Brot geben?« + +»Gewiß nicht! Frag die Schweden, daß sie dir was geben! Die haben uns +alles weggenommen!« + +Die Frau schalt noch hinter dem Mädchen her, als es schon weiter ging. +Es bettelte an verschiedenen Türen; und erhielt nichts. Eine Frau nahm +sogar ein Entengerippe, das sie eben abgenagt hatte, und warf es der +Bettlerin an den Kopf. Die nahm es ruhig auf, sah sich um und hielt +es einem halb verhungerten Wolfshund hin, der langsam hinter ihr her +ging. Es war ein großes Tier, mit einem gewaltigen Gebiß und glühenden +Augen. Aber es schien keine rechte Kraft zu haben und ging langsam und +schwerfällig. Das Gerippe verschlang es ohne weiteres, aber es sah das +Mädchen an, als wollte es sagen: Mußt du noch immer hungern? + +Burga war von jeder Tür gewiesen worden. Es war den Fischern nicht zu +verdenken. Der Elbarm, der die Insel vom Herzogtum Lüneburg trennte, +war gleichfalls zugefroren, und böses Gesindel schlich sich herum. Die +Leute vom Troß waren oft noch schlimmer, als die Soldaten selbst. Es +waren boshafte Kinder darunter, die Feuer ansteckten und unschuldige +Tiere quälten; die Gutes mit Bösem vergalten und kein Gefühl zu haben +schienen. Also schlossen sich jetzt die Türen auch vor den Kindern, und +Burga durfte den Bratengeruch in der Nase spüren und mußte doch hungrig +einherwandern. Sie war nicht sehr unglücklich; sie war wirklich ein +Lagerkind, bald hier, bald dort umhergeworfen, und sie wußte nachgrade +so viel vom Krieg, daß sie es den Leuten kaum verdenken konnte, wenn +sie sie hungern ließen. Aber der Hunger tat weh, und wie sie jetzt an +dem kleinen Hafen stand, in dem die eingefrornen Fischerboote lagen, da +zog sie den Gürtel fester um den Leib. + +»Wolf, wir kriegen nichts!« sagte sie zu dem Hund, der neben ihr +stand und winselte. »Wir kriegen nichts, mein Jung. Müssen weiter +marschieren!« + +Auf einem Boote saß ein Junge und stopfte sich den Mund voll von +gebratnem Fleisch. Vor ihm lagen noch drei gebratne Vögel, und man sah +ihm an, daß er pumpsatt war. Wie Burga nun plötzlich vor ihm stand, +atmete er erschrocken auf und faßte seine Vögel fester. + +»Gib mir einen ab!« bat sie, und er schüttelte den Kopf. + +»Das darf ich nicht!« entgegnete er weise. »Du bist eine Räuberin; bei +meiner Großmutter sind Lagerkinder gekommen und haben ihre Katze ins +Feuer werfen wollen!« + +Burga sah sich um. Der Junge saß ganz allein auf dem Boot: niemand war +in der Nähe. Also griff sie ohne weiteres zu den gebratnen Vögeln, +steckte einen fast ganz in den Mund, und warf den andern dem Hunde +hin. Der Junge stieß einen gellenden Hilferuf aus, und in demselben +Augenblick kam ein langer Fischer von den Häusern her. Er trug ein +Ruder in der Hand, und wie er auf Burga zuschritt, hob er es drohend. + +»Was will die Landstreicherin?« fragte er, und Burga duckte sich +unwillkürlich. Sie war gewohnt, geschlagen und gestoßen zu werden, +und auch der Hund, obgleich er seine spitzen Zähne wies, stand mit +hängendem Kopfe. Da aber rührte irgend etwas das Herz des kleinen Klas +Stolz. War es, weil er zu satt war, um böse zu sein, oder tat ihm das +blasse Mädchen leid. Er rief plötzlich: »Sie hat mir nichts getan, +Vater, die Vögel habe ich ihr geschenkt!« + +Und der große Klas Stolz ließ sein Ruder sinken, brummte etwas +Unverständliches und ging wieder davon. An seinem Boot waren einige +Bretter gelöst, die mußte er flicken. + +Burga aß schweigend ihren Vogel, und der Hund Wolf zerknirschte die +Knochen mit den Zähnen. Beide standen regungslos, und Klas betrachtete +sie halb schläfrig. Er war so satt, daß er sich nicht rühren mochte, +daher war er gutmütiger als sonst. + +»Wo kommst du her?« fragte er die Dirn, und sie deutete nach dem Süden. + +»Da bin ich zuletzt gewesen.« + +»Wo willst du hin?« + +Sie hob die spitzen Schultern. + +»Vielleicht bleib ich erst mal hier!« + +Er wurde ängstlich. + +»Das darfst du nicht, wir nehmen keine Fremden auf! Geh nur nach +drüben, nach Holstein. Da ist es viel besser als hier. Da sind Wälder, +und Wölfe, und Füchse, und Schweine. Es ist sehr gut da!« + +»Bist du da gewesen?« + +Der kleine Klas Stolz zögerte. Dann sagte er die Wahrheit. + +»Weit hinein ins Land bin ich nicht gewesen. Da drüben liegen Häuser, +kannst du sie sehen? Da wohnen auch Fischer, und es heißt Neumühlen. +Da wohnt ein Ohm von mir, und ich hab ihn wohl besucht. Weiter bin ich +aber nicht gekommen, weil ich nicht in den Wald durfte, und weiter hin +heißt es Teufelsbrücke. Dort kann man den Teufel sehen, wenn er grade +da ist. Eine Hexe hat früher dort gewohnt, aber sie ist verbrannt +worden. Nun reitet sie manchmal auf einem Besen in der Luft herum.« + +»Die möchte ich sehen!« entgegnete Burga, und Klas sah sie erstaunt an. + +»Hexen darf man nicht sehen wollen: die nehmen einen mit, und dann wird +man selbst ein Teufel!« + +Der große Klas Stolz kam wieder hinter seinem Boot hervor. + +»Redest du noch mit der Landstreicherin, Junge? Das darfst du nicht, +sie ist böse! Weg mit dir!« Und er drohte Burga mit dem Ruder. + +»Wohin soll ich gehen?« erkundigte sie sich, und er wies auf das andre +Ufer. + +»Geh du nur nach Holstein! Das Eis hält noch, und du kannst vielleicht +ein Unterkommen finden!« + +Sie zögerte ein wenig. Grau und kalt lag die Eisfläche der Elbe vor +ihr. Sie war rauh und uneben: Steine und Schneeberge lagen auf ihr, und +hin und wieder ging es wie ein dumpfes Grollen durch den unter dem Eis +schlafenden Fluß. Der rauhe Wintertag ging zu Ende. Im Westen flirrte +ein kurzes, gelbes Licht über den grauen Himmel, dann erlosch es +wieder. + +»Kann ich nicht die Nacht hier bleiben?« fragte Burga, aber der Fischer +faßte sie bei den Schultern und schob sie auf die Eisfläche. + +»Wir nehmen keine Fremden; haben genug von ihnen gehabt!« + +Burga ging also aufs Eis, und der magre Hund schlich hinter ihr her. +Der kleine Klas Stolz sah ihr nach. »Vater, wenn die man rüber kommt. +Das Eis hat schon geschrien.« + +Sein Vater zuckte die Achseln. + +»Was gehts uns an? Meinst du, daß ich die fremden Lagerkinder aufnehmen +will? Sie sind alle undankbar und setzen uns den roten Hahn aufs Dach, +wenn sie nur können!« + +Da steckte sich der kleine Klas den letzten Rest seines gebratnen +Vogels in den Mund und vergaß die einsame Wanderin. + +[Illustration] + + + + +[Illustration: Zweites Kapitel] + + +Der Wind kam scharf aus Norden, und Burga hatte Mühe, gegen ihn +anzukämpfen. Aber sie wickelte sich in ihr altes Marderfell und freute +sich, daß sie einen guten Stiefel hatte. Damit konnte man tief in den +aufgehäuften Schnee gehen, und der Fuß wurde doch nicht naß. Anders war +es mit dem andern Fuß. Der Holzschuh hielt zwar warm, aber in ihn lief +das Schneewasser hinein, und das war nicht angenehm. Es war schade, +daß der tote Reitersmann, dem sie den einen Stiefel ausgezogen hatte, +auch nur mit diesem bekleidet war. Vielleicht hatte der Feind, der ihn +erschoß, sich den andern Stiefel genommen, vielleicht hatte er nur +einen gehabt. Es war ein langer weicher Lederstiefel, und vielleicht +hatte er einem vornehmen Herrn gehört. Während Burga so dachte, strebte +sie langsam vorwärts und fiel plötzlich über etwas, das mit Schnee +bedeckt auf dem Eise lag. Es war ein Ledersack, den Burga von Eis und +Schnee befreite und dann neugierig öffnete. Es waren drei Würste darin, +ein Laib Brot und eine Lederflasche, in der es gluckerte. Ein Soldat +mußte diesen Beutel verloren haben. + +»Das ist gut!« dachte Burga bei sich, und da sie noch lange nicht satt +war, hatte sie nicht übel Lust, in eine der Würste zu beißen. Da aber +kam der Wind und warf ihr eine Handvoll Hagelgraupel ins Gesicht, die +Elbe begann zu stöhnen und durchs Eis ging ein Zittern. Also warf sich +Burga den Sack über den Rücken und ging grade aus, dem dunklen steilen +Ufer zu. Auch der Hund begann zu winseln und drängte sich an sie. Wo +war das Fischerdorf Neumühlen, von dem der Junge gesprochen hatte, und +wo der Teufelsbach, wo die Hexe wohnte? Wieder hagelte es; die Elbe +stöhnte, und Burga sah nichts als eine graue Wolke, die sich vor sie +schob. Einen Augenblick stand sie ratlos, und eine große Angst kam über +sie, dann aber lief sie vorwärts, immer vorwärts. Zweimal fiel sie und +es war ihr, als plätscherte es dicht neben ihr. Aber sie wollte nichts +hören: vorwärts, vorwärts! + +Die graue Wolke war vorüber gezogen; es wurde etwas heller, grade, wie +Burga den Fuß auf gefrornen Sand setzte. Vor ihr gings steil nach oben, +Gestrüpp und kahle Bäume bedeckten den Berg, und hier waren auch Spuren +im Sand, der mit Schnee vermischt war. + +Der Hund winselte wieder, seine Haare sträubten sich, und Burga sah +auf diese Spuren. Unwillkürlich griff sie nach dem kurzen Messer in +ihrem Gürtel und faßte Wolf an sein altes Lederhalsband. Da versuchte +er den glatten Berg hinauf zu klimmen, sie hielt sich an ihm fest, und +so kamen sie vorwärts. Bis sie unter höheren Bäumen waren, die Elbe +unter ihnen lag und der Waldgrund gangbarer wurde. Aber beide, Herrin +und Hund, standen jetzt atem- und regungslos. Aus der Ferne klang ein +scharfes Geheul, und Wolf warf den Kopf in den Nacken und schien nicht +übel Lust zu haben, Antwort zu geben. + +Burga hielt ihm die lange Schnauze zu. »Wolf, das darfst du nicht! Wenn +die uns kriegen, sind wir verloren!« + +Es war, als verstände der Hund. Er stand schweigend und zitternd. Es +war nun dunkel geworden. Hier, unter den Bäumen, konnte der Wind seine +wilden Flügel nicht rühren: er murrte in den Kronen, und sie beugten +sich und rauschten. Langsam ging Burga vorwärts: ihre Augen funkelten +fast wie die ihres Hundes, und sie sah sich nach allen Seiten um. Immer +die Hand am Messer, immer im Begriff, einen der Bäume zu erklettern, +wenn das Geheul näher käme. Dann stieß sie einen kleinen Freudenruf +aus. Vor ihr erhob sich eine kleine Hütte. Sie war kunstlos, auf kurzen +Baumstämmen hingesetzt, aber sie hatte eine Tür, die mit zwei Knebeln +geschlossen war. Burga konnte sie leicht öffnen und hineinklettern. Der +Hund sprang ihr nach, und dann wußte sie, daß sie geborgen war. Sie +lachte, als sie bald unter sich Fauchen und Heulen hörte. + +»Ja, lieben Wölfe, heult nur! Heute kriegt ihr mich noch nicht, und +vielleicht auch nicht morgen! Vielleicht übermorgen, aber das ist noch +lange hin!« + +Sie legte sich auf das dichte Heu, mit dem die Hütte ausgepolstert war, +und zog ihren Hund zu sich. + +»Merkst du deine Namensvettern? Laß sie wimmern: wir haben es gut!« + +Sie zog den Sack auf, gab Wolf ein großes Stück Wurst und aß selbst mit +Behagen. Dabei flüsterte sie wieder mit ihrem Hund. + +»Haben wir nicht Glück gehabt, Wolf? Ich hab das Wasser plätschern +hören, und ich glaube, morgen kann niemand mehr über diesen großen +Fluß! Wie heißt er nur noch? Pah, ich habs vergessen, schadet auch +nichts! Wer kann alle die Wasser behalten, über die man laufen muß! +Aber dies Land scheint mir doch Holstein zu sein, und ich meine, den +Namen einmal gehört zu haben! War das nicht der alte Magister, der was +von Holstein sagte? Du weißt Wolf, der, der den roten Michel aus dem +Kugelregen trug und dafür die Kugel selbst kriegte? Als der Magister +tot blieb, Wolf, hab' ich geweint: sonst tu ich's nicht mehr. Das hilft +ja doch nichts, nicht wahr mein Hund?« + +So flüsterte Burga mit ihrem Hund, der eng an sie geschmiegt lag, die +Ohren spitzte, als hörte er zu, und der dann den Kopf hob und wieder +heulen wollte. Aber wieder wurde ihm das Maul zugehalten. + +»Still, Still! Sie brauchen nicht zu wissen, daß wir hier sind!« + +Aber sie wußten es schon lange. Zwei graue Wölfe saßen unter der Hütte, +und es war, als käme ihr heißer Atem durch die Ritzen. Sie scharrten +an den Stämmen, auf dem das leichte Gebäude ruhte, und sie heulten +und bellten. Ein dritter kam dazu: da gab es eine Beißerei. Dann +aber schienen sie sich wieder zu vertragen und saßen ganz still, als +warteten sie. + +Der Hund in der Hütte schlief nicht; er lag regungslos und mußte +verstanden haben, daß er keinen Laut von sich geben durfte. Burga aber +schlief ganz fest. Lange hatte sie kein Dach über dem Kopf gehabt, +lange kein weiches Heu als Lager. Mochten die Wölfe heulen, sie kannte +ihre Stimmen und hoffte, daß sie gegen Morgen wieder verschwinden +würden. Und wenn sie's nicht taten, so mußte sie eben hier bleiben. Sie +hatte ja Fleisch und Brot. + +Der Tag begann zu grauen, und langsam entfernten sich die Wölfe. Der +Hund, der immer die Ohren gespitzt hielt, hörte es und streckte sich +jetzt zum Schlafen aus, als er mit einem Satz in die Höhe sprang. Die +Tür der kleinen Hütte ging offen, und ein Knabe stand in der Öffnung. +Er trug ein grob gewebtes Wams und eine Mütze vom Balg der Wasservögel. + +»Heda!« zornig sah er Burga an, die sich den Schlaf aus den Augen rieb, +während Wolf drohend neben ihr stand. »Was wollt ihr in unsrer Hütte?« + +»Wir haben gut geschlafen!« entgegnete Burga, und er sah sie +mißbilligend an. + +»Das darfst du nicht! Wir haben keinen Platz für Landstreicher!« + +»Ich bin ein Lagerkind!« entgegnete Burga stolz. + +»Was ist das?« + +»Das weißt du nicht?« + +»Nein, ist mir auch einerlei. Geh weg aus meiner Hütte und ruf den +Hund, daß er mich nicht beißt. Sonst steche ich ihn tot!« + +Und er hob seinen Stock, an dem ein langes Messer befestigt war. + +»Wenn du meinen Hund tötest, steche ich dich tot!« + +Burga zog ihr Messer. Es war groß, und blank geschliffen, und der Junge +trat zurück. + +»Ich will ihn ja nicht töten; er soll mich aber nicht beißen!« + +»Er beißt nur die, die schlecht gegen ihn sind!« + +In diesem Augenblick erschien noch ein zweiter Knabe. Er war gekleidet +wie der andere, aber größer und erwachsener. + +»Gottfried!« der Kleinere wurde viel mutiger. »Sieh, welch Gefangene +ich gemacht habe! Sie sagt, sie ist ein Lagerkind; ist das nicht eine +Hexe?« + +»Natürlich!« Gottfried, der eine verrostete Muskete trug, griff gleich +nach dem Fuße Burgas, an dem der schöne gelbe Stiefel war. »Zieh ihn +aus!« sagte er gebieterisch. »Wo ist der andere! Du mußt mir die +Wahrheit sagen, sonst schieße ich dich tot!« + +»Womit willst du mich totschießen? Mit der alten schlechten Büchse?« + +»Sie ist nicht schlecht.« Gottfried zeigte das alte Gewehr, und mit +raschem Griff riß Burga es an sich, spannte den Hahn und richtete den +Lauf auf den Knaben. + +»Soll ich euch nun erschießen?« + +Beide standen regungslos, dann begann Gottfried zu schelten. + +»Gib mir das Gewehr wieder, sonst ergeht es dir schlecht!« + +»Du bist überhaupt eine Gefangne und ein Lagerkind!« setzte Konrad, der +jüngere hinzu. Aber sie rührten sich doch nicht, und man konnte merken, +daß sie ängstlich waren. Burga war zu schnell für sie gewesen und hielt +noch immer das Gewehr im Anschlag. + +Sie ließ es jetzt sinken. »Geht nur, ich tue euch nichts!« + +»Weshalb sollen wir gehen? Die Hütte gehört uns, wir haben sie gebaut, +damit wir manchmal auf die Wölfe schießen können. Aber, es ist wahr, +die Kugeln treffen nicht immer.« + +So sprach Konrad, während Gottfried wieder nach Burgas Stiefel griff +und enttäuscht den Kopf schüttelte, als er sah, daß sie nur einen trug. + +Es waren keine üblen Jungen; Burga merkte es bald, und da sie einsam +war und einsah, daß es besser wäre, im fremden Lande gute Freunde zu +haben, so entschloß sie sich, mit den Knaben zu gehen. Zuerst sprachen +sie noch davon, daß sie nun ihre Gefangne wäre, aber dann vergaßen sie +dies Wort und fragten sie, ob sie nicht mit ihnen kommen wollte. Sie +wohnten hinter dem Wald, und ihre Mutter hieß Frau Jutta Hanekamp. Eine +Kuh hatten sie und zwei Schweine, viele Hühner und auch Gänse. Es war +nicht schlecht auf ihrem kleinen Hofe, Burga würde dort schon wohnen +mögen. + +Der Himmel war noch grau, aber die Wolken verschwanden allmählich, und +auf dem verschneiten Erdboden zitterte hin und wieder ein Sonnenstrahl. +Ganz heiter wars im Walde, und daß weiter unten die Elbe ihre grauen +Wogen dort wälzte, wo Burga vor wenigen Stunden übers Eis gegangen war, +beachtete das Mädchen kaum. Sie faßte Wolf ans Halsband und ging neben +den Knaben her. Die Muskete hatte sie wieder an Gottfried gegeben, +und Konrad trug den Ledersack, in dem sich noch einige Lebensmittel +befanden. + +Sie sprachen alle drei von den Wölfen. Ehemals sollten sie nicht hier +gewesen sein, aber jetzt waren eine Menge da. Einige Leute sagten, daß +sie von der andern Seite der Elbe kämen, andre wollten gesehen haben, +wie sie von Norden ins Land zogen. Eigentlich war es ja ganz nett, daß +sie da waren: ihr Fell war dicht, und man konnte es gut gebrauchen. +Aber sie holten das Vieh aus dem Stall und fielen Menschen an. Das war +nicht so angenehm. + +So wanderten sie durch den Wald, Wolf schlich langsam hinter ihnen her, +und bald kam eine Lichtung, die in einer Schlucht endete, Gottfried +zeigte vor sich. + +»Da liegt Hanekamps Hof. Hier wohnen wir, und Mutter sucht grade eine +Magd, die ihr bei der Wirtschaft helfen kann. Die letzte ist mit den +Soldaten gelaufen. Nun kannst du bei uns bleiben und für uns arbeiten!« + +Burga machte große Augen. Aber sie erwiderte nichts. + +»Freust du dich nicht?« fragte Konrad. »Wenn Mutter dich behalten will, +dann brauchst du kein Lagerkind mehr zu sein oder wie du es nennst. +Aber natürlich mußt du dich brav benehmen, sonst jagen wir dich wieder +weg, nicht wahr, Gottfried?« + +Der Gefragte antwortete nicht gleich. Dann hob er die Schultern. »Wir +können nicht viel versprechen, die Mutter muß alles bestimmen!« + +Bald standen die drei vor einem langen, niedrigen Hause, das sich +fest an einen Hügel legte und dessen Dach von Moos und Stroh war, +so daß man es schwer von dem Hügel unterscheiden konnte. Eine große +Frau mit ernstem Gesicht stand in der geöffneten Haustür und sah den +Ankömmlingen entgegen. Auch sie warf auf Burga den mißtrauischen Blick, +den diese schon kannte, und als ihre Knaben erklärten, daß sie eine +neue Magd mitgebracht hätten, schüttelte sie den Kopf. + +»Lagerkinder sind schlechte Mägde!« entgegnete sie kurz, und Burga +atmete auf. Es war ihr vorgekommen, als sollte sie in Gefangenschaft +gehen, und nun hatte die Frau glücklicherweise keine Lust zu ihr. + +»Gewiß bin ich eine schlechte Magd!« sagte sie eifrig. »Ich mag nur +umherlaufen, und arbeiten kann ich nicht. Aber, wenn ich ein paar Tage +hier bleiben könnte, würde ich mich freuen. Meine Füße sind wund, und +mein Hals tut mir weh. Natürlich will ich dafür arbeiten, so gut ich +kann, aber nachher will ich sicherlich wieder weggehen!« + +Frau Jutta war mit dem fremden Kind auf die Hausdiele getreten. +Hier brannte auf dem Herd ein behagliches Feuer, und über ihm hing +ein Kessel mit Grütze. Sie duftete appetitlich, und auf dem dicken +Eichentisch stand ein Zinnkrug mit Milch. Zwei oder drei Stühle standen +in der Nähe des Herdes, und sie waren mit Wolfsfellen belegt. Traulich +war es hier und warm. Burga seufzte einen kurzen Augenblick und sah +vor sich hin. Dann setzte sie sich auf einen Wink der Frau, erhielt +einen Teller mit Grütze und Milch vorgesetzt und aß langsam, während +Wolf sich neben sie legte und leise winselte. Da wurde auch ihm ein +Holzschüsselchen mit Milch gereicht, und nachdem er getrunken hatte, +streckte er sich aus und schlief gleich ein. »Er ist müde, weil er in +der letzten Nacht nicht geschlafen hat,« sagte Burga. »Auch ist er +krank gewesen, daher ist er nicht so bissig wie sonst. Aber er wird +sich schon wieder erholen!« + +»Und woher kommst du?« fragte Frau Jutta, die sich gleichfalls gesetzt +hatte und ihren Gast aufmerksam betrachtete. + +»Ich bin viel umher gekommen!« entgegnete die Gefragte. »Wie alles +hieß, weiß ich nicht mehr. Es war mir auch einerlei. So lange der +Magister lebte, hat er mir manchmal die Namen der Städte gesagt, +nachher, als er tot war, mochte ich nicht mehr fragen.« + +»Wer war der Magister?« + +Burga erhob sich. + +»Werte Frau,« sagte sie etwas steif und halb verlegen. »Ich möchte wohl +ein andres Gewand haben und auch um etwas Wasser bitten. Es ist sehr +lange her, daß ich mich gewaschen habe, und wenn ich die Gelegenheit +habe, tue ich's nicht ungern. Ich kanns auch bezahlen!« Sie legte einen +Silbergulden vor Frau Jutta, den diese erstaunt betrachtete. + +»Du hast Geld und bist zerlumpt, wie der schlimmste Bettler?« + +Burga lächelte ein wenig. + +»Ich habe nur wenig Geld, und in den letzten Wochen konnte ich mir +nichts kaufen. Vielleicht gebt Ihr mir einen alten Rock, und die Jacke +kann ich flicken. Dann wird sie noch wieder gut.« + +»Und dann?« mußte Frau Jutta wieder fragen, und das Lagerkind hob die +Schultern. + +»Ich weiß nicht, was Ihr meint. Wenn mein Rock neu geworden ist und +meine Jacke geflickt, dann gehe ich weiter.« + +Frau Jutta erwiderte nicht viel. Sie wußte, daß die Zeit hart war, und +daß viele Kinder nichts andres kannten, als umher zu streifen. Dies +große und starke Mädchen würde sie wohl ins Haus genommen haben, daß +sie ihr bei der Arbeit helfe, aber vielleicht war es böse, zündete ihr +das Dach über dem Kopfe an und lief dann weiter. + +Also holte sie einen alten Rock von sich und eine große Schale mit +Wasser und wies Burga in ein Nebengelaß der Küche. Dort konnte sie sich +waschen und ordentlich machen. Als Burga allein war, nestelte sie einen +kleinen, gestickten Beutel los, der unter ihrer Jacke auf bloßer Haut +saß und in dem, sauber eingenäht, etliche Gold- und Silberstücke waren. +Nachdenklich betrachtete sie ihren Schatz, säuberte sich gründlich, +schlüpfte in Frau Juttas Rock und erschien bald wieder auf der Diele, +nachdem sie ihren Beutel von neuem an sich verborgen hatte. Sie hatte +jetzt ein andres Ansehen. Ihr Gesicht war viel frischer geworden, und +das schmutzige Blond der Haare war einer schönen Goldfarbe gewichen. +Frau Jutta sah sie nicht ohne Wohlgefallen an. Die Frau saß am Herde +und flickte eine Pelzjacke, und Burga setzte sich neben sie. + +»Meine Jacke muß auch genäht werden!« sagte sie. »Wollt Ihr mir Faden +und Garn geben, so kann ich's selbst tun.« + +»Willst du mir nicht deinen Namen sagen?« fragte Frau Jutta, und Burga +streifte den Ärmel ihrer Jacke hinauf und zeigte auf einige eingeritzte +Schriftzeichen. + +»Es ist ein wenig auseinandergewachsen,« erklärte sie, als Frau Jutta +die Zeichen nicht lesen konnte. »Aber ich heiße Walburga Rantzau, und +ein Prädikant hat's mir eingeritzt. Weil ich damals noch so klein war, +meinte er, ich könnte meinen Namen vergessen.« + +Frau Jutta sah Burga mißtrauisch an. + +»Ich meine, die Rantzaus sind ein holsteinisches Geschlecht und sehr +vornehm. Wie willst du zu ihnen gehören?« + +»Sie sind vornehm? Ich weiß es nicht. Ich bin ein Lagerkind, und der +Prädikant hat mir den Namen eingeritzt. Er ist lange tot. Er konnte +nicht reiten, fiel vom Pferd und brach den Arm. Da ist er nicht wieder +gesund geworden, und er mußte bald sterben. Ich habe sehr geweint, und +nachher ist der andre Magister gekommen, der gleichfalls gut war. Er +ist dann auch totgeschossen worden.« + +Burga sprach gleichmütig. Man merkte, daß sie an Tod und Sterben +gewohnt war, und Frau Jutta empfand Mitleid. + +»Du scheinst ein hartes Leben gehabt zu haben.« + +»Ich bins nicht anders gewohnt!« Burga stand auf und sah sich um. »Wo +ist mein Hund?« Dann merkte sie, daß er ausgestreckt vorm Herdfeuer +lag, und war zufrieden. + +»Ihr habt gewiß einen Hund, und ich bin bange, er könnte den meinen +beißen. Er ist noch schwach und kann sich nicht so wehren wie sonst. +Man hat ihm kürzlich etwas Giftiges zu fressen gegeben, und das ist +noch nicht aus seinem Körper. Aber er wird schon wieder gesund werden!« + +Jetzt trat Gottfried ein und sah Burga überrascht an. + +»Bist du unsre Gefangne? Du hast dich verändert!« + +»Ich bin nicht deine Gefangne, aber ich habe mich gewaschen!« lautete +die Antwort, und Gottfried warf den Kopf in den Nacken. + +»Du darfst mir nicht widersprechen. Natürlich bist du meine Gefangne! +Wir werden dich hier behalten, und du darfst für uns arbeiten! Willst +du nicht, wie wir wollen, dann mußt du weiter ziehen!« + +»Das werde ich auch tun!« entgegnete Burga ruhig. »Meinst du, ich will +hier, auf diesem langweiligen Bauernhof, sitzen bleiben? Ich will mich +nur ein wenig ausruhen, und ich habe deiner Mutter schon Geld gegeben!« + +»Geld?« Gottfried spitzte die Ohren. »Mutter, ist's wahr, daß sie dir +Geld gab? Einen Silbergulden? Laß ihn sehen!« + +Frau Jutta schüttelte den Kopf. + +»Ich zeige ihn nicht. Vielleicht gebe ich ihn dem Mädchen wieder, wenn +sie brav ist und mir ein wenig in der Wirtschaft helfen will. Denn +ich habe Hühner und Gänse, ein Schwein und eine Kuh; das will alles +gewartet sein!« + +Burga machte große Augen. »So viele Tiere habt ihr, und es ist noch +niemand gekommen, der sie geschlachtet und mit sich genommen hat? Dort, +woher ich komme, sind alle Tiere tot, und die Häuser sind verbrannt!« + +»Wollte Gott, daß unsre Tiere am Leben bleiben!« entgegnete Frau Jutta +schaudernd, und Gottfried deutete auf die alte Muskete, die an der Wand +der Diele hing. + +»Wer uns etwas tun will, den schieße ich gleich tot!« + +»Oder du wirst tot geschossen!« erwiderte Burga und lachte dabei. + +Da warf er sich in die Brust: + +»Laß die Feinde nur kommen, ich werde schon meinen Mann stehen!« + +Frau Jutta gebot ihm Schweigen. + +»Prahle nicht! Wir wollen dankbar sein, wenn wir verschont bleiben!« + +»Das meine ich auch!« entgegnete das fremde Mädchen und pfiff ihrem +Hund. + +»Nun kommt, Frau, und zeigt mir Eure Tiere! Wahrhaftig, sowas +Lebendiges macht Spaß, und vielleicht bleibe ich ein wenig hier! Aber +nur, wenn Ihr mich gut behandelt. Denn unfreundliche Worte und Schläge +machen mir kein Vergnügen!« + +[Illustration] + + + + +[Illustration: Drittes Kapitel] + + +Nun war Burga schon eine Woche auf dem Hanekamphof und sprach nicht +mehr vom Fortgehen. Sie war müde vom Wandern und halb verhungert +gewesen; jetzt, da sie sich ausgeruht und gesättigt hatte, mochte sie +selbst einsehen, daß sie es gut hatte und daß die Landstraße ihr noch +immer blieb, wenn der Wandertrieb sie erfaßte. + +Es war auch gemütlich auf dem Hof, jetzt, wo das Frühjahr kam, wo die +Vögel zu singen begannen, und die Wandervögel allmählich gen Norden +zogen, um andren Platz zu machen. Burga war nicht ungeschickt. Sie +konnte gut mit Vieh umgehen, fütterte das Schwein und melkte die Kuh. +Auch der Hühnerhof machte ihr Freude, und da ihr Hund sich gleichfalls +erholte, so war sie ganz zufrieden. Ganz geschützt lag der Hof -- +vorbeistreifende Soldaten fanden nicht den Weg, und doch konnte man +bald auf die Landstraße kommen, die über die Elbdünen und durch den +Wald gen Westen ging. Dorthin, wo landeinwärts das Dorf Wedel lag und +am Elbufer das kleine Fischerdorf Blankenese. Aber es war ein weiter +Weg bis dahin, und an einigen Stellen stand der Wald so dicht, daß es +geratener war, niemals allein zu wandern. Geheuer sollte es auch nicht +immer im Walde sein. Dort wo die Teufelsbrücke hart an der Elbe lag, +wohnte allerdings keine Hexe mehr, aber im anstoßenden Walde trieben +sich die Wölfe umher und auch manchmal die Räuber. + +Gottfried und Konrad berichteten einige schauerliche Geschichten, und +Burga hörte ihnen gleichmütig zu. Sie war's nicht anders gewohnt, als +daß die Welt voll Krieg und Raubens war -- natürlich mußte es böse +Menschen auf ihr geben; wer es konnte, der ging ihnen aus dem Wege, und +wers nicht konnte, der mußte sein Gut und sein Leben lassen. + +»Du hast wohl schon viel gesehen!« sagte Gottfried zu ihr. + +Die drei jungen Menschen standen auf einer Lichtung, die am Rande des +Waldes war, von der man auf die Elbe und auf die gegenüber liegenden +Ufer sehen konnte. Gottfried hatte grade eine Geschichte von der Hexe +in Teufelsbrück berichtet und war ärgerlich geworden, weil Burga sie +nicht glaubte. + +»Selbst der Magister, der im Dorf Wedel wohnt, und der uns manchmal +besucht, selbst dieser alte Mann glaubt meine Geschichte, und daß die +Hexe sich in ein Schwein verwandelte und dann durch die Elbe schwamm. +Hast du denn soviel Besseres erlebt, daß du ein so ungläubig Gesicht +machst?« + +Burga hob die Schultern. »Ein Mensch kann kein Schwein werden! +Wenigstens nicht äußerlich. Es gibt Menschen, die schlimmer sind als +ein wirkliches Schwein; aber verwandeln können sie sich nicht! Wir +haben im Lager auch eine Frau gehabt, die eine Hexe sein sollte. Die +Soldaten waren bange vor ihr, und einige kauften sich von ihr einen +Brief. Den trugen sie auf der Brust und glaubten, die Kugeln träfen sie +nicht. Aber dann sind sie ebenso gut totgeschossen worden wie andre. An +sowas muß man nicht glauben; das ist Unsinn!« + +»Unsinn!« Gottfried sah Burga mißtrauisch an. »Hexen gibt es, und auch +Zauberer! Jedermann sagt es, und du bist töricht, wenn du es nicht +glaubst! Ich habe selbst eine schwarze Katze gesehen, die auf einen +Baum kletterte, und nachher stand da, wo die Katze eben gewesen war, +eine alte Frau mit grünen Augen!« + +Burga lachte laut. »Die armen alten Frauen!« + +»Lache nicht!« Gottfried wurde empfindlich. »Wenn du mich auslachst, +dann werde ich dich strafen!« + +Sie achtete gar nicht auf seine Worte, sondern zeigte auf die Elbe. +Von Osten her glitt ein großes Schiff durch das Wasser. Es hatte +schneeweiße Segel, und vorne sah man zwei blanke Kanonen, die drohend +ihren Lauf über den Schiffsrand streckten. + +»Was ist das?« fragte sie, und Gottfried lachte spöttisch. + +»Das weißt du nicht? Das ist eine Hamburger Bark, die nach draußen +in die Nordsee fährt. Nach Engelland hin, oder auch weiter. Da sind +Soldaten an Bord, mit Musketen und Spießen, und viel Pulver und Blei. +Wenn die Feinde kommen, wird ihnen das Lebenslicht ausgeblasen!« + +Immer näher kam das Schiff: es breitete seine Segel noch mehr aus, und +auf dem Verdeck standen Söldner in bunten Röcken, sowie Matrosen. + +»Die gehen in die Nordsee hinaus, und wohin dann?« + +»Ich sagte es doch: nach Engelland. Das ist eine große Insel, und die +Leute dort sind sehr reich. Sie kaufen alles, was ihnen die Hamburger +bringen, aber diese holen dann wieder Waren, die hier nicht wachsen!« + +Gottfried kam sich wichtig vor, und er erzählte eine ganze Geschichte. +Von seinem Ohm, Herrn Jobst Hanekamp, der in Hamburg wohnte und +vielleicht auch einen Anteil an diesem Schiff hatte. Einmal war +Gottfried schon in Hamburg gewesen, als keine Feinde in der Nähe waren +und man durch das große Tor nach Hamburg hinein durfte. Die Wächter +paßten allerdings sehr auf, und wer hinein wollte, ohne seinen Namen zu +nennen, der wurde in den Festungsgraben geworfen. Gottfried aber sagte +nur, daß er Hanekamp hieß; da machte die Wache den Torflügel weit auf +und erwiderte, der Herr Jobst Hanekamp wäre ein guter Hamburger. Wer +so wie er hieße, der könnte in die Stadt kommen. + +Gottfried flunkerte gern. So wie er es darstellte, war sein Einzug in +Hamburg nicht gewesen. Seine Mutter war mit ihm gegangen und hatte +einen Erlaubnisschein gehabt; aber es war Burga einerlei, ob er die +Wahrheit sagte oder nicht. Sie sah dem Schiff nach, das die Elbe +hinunterging und dem der Wind die Segel blähte. Also, dort weiterhin +gab es ein großes Meer, und noch Land -- ob dort auch immer Krieg war +und verbrannte Häuser, zerstampfte Felder? + +»Ist in Engelland auch Krieg?« fragte sie, und Gottfried hob die +Schultern. »Davon kann ich nichts sagen, aber wenn der Magister aus +Wedel kommt, dann will ich ihn fragen. Er weiß vieles, und manchmal +geht er auch nach Hamburg und holt Neuigkeiten von dort. Er hat einen +Schein, daß er aus- und eingehen kann, wie es ihm beliebt.« + +Die Kinder gingen jetzt wieder ihrem Hofe zu, und Burga trennte sich +zögernd von dem Platz, von dem man die Elbe so deutlich sah. + +»Warum habt ihr nicht am Wasser gebaut?« fragte sie und zeigte auf +einige Fischerhütten am Strande. Die Knaben schüttelten den Kopf. +Im Walde war es besser; da konnten die Räuber, die Umhertreiber und +Zigeuner den Hof nicht so leicht finden. Hier war auch kein Land für +die Kuh, und dann würden die Fischer vielleicht unfreundlich gewesen +sein -- die hatten es nicht gern, wenn Fremde sich hier anbauten. + +Burga war nachdenklich geworden. Sie ging schweigend neben den Knaben +her, die wieder von Hamburg sprachen, und dann von Altona. In diesem +kleinen Ort waren sie auch schon gewesen, aber es hatte ihnen nicht +besonders gefallen. Für ein Dorf war es reichlich groß und für eine +Stadt zu klein. Aber wenn man Eier zu verkaufen hatte oder eine Wurst, +dann erhielt man mehr Geld dafür als in Ottensen, wo die Bauern immer +sagten, sie hätten selbst Eier und Würste und brauchten nichts zu +kaufen. + +Als die drei wieder nach dem Hanekamphof kamen, stand die Mutter schon +in der Tür und sah nach ihnen aus. + +»Der Magister ist da!« sagte sie und gebot Burga, im Hühnerstall nach +frisch gelegten Eiern zu suchen und den Grütztopf ans Feuer zu stellen. + +»Ihr aber wascht euch Gesicht und Hände und kämmt euch die Haare!« +wandte sie sich zu den Söhnen, die verdrießliche Gesichter machten, +aber doch taten, wie ihnen geboten wurde. + +Burga fand einige Eier und ging auf die Diele, auf der ein magerer Mann +neben dem Herdfeuer saß. Er hatte ein vernarbtes Gesicht und nur eine +Hand, die er Burga entgegenstreckte. + +»Guten Tag, Burga, bist du zufrieden, hier zu sein?« + +Seine Stimme hatte einen blechernen Klang, aber seine Augen blickten +milde. + +Burga legte ihre Hand in die seine, während sie ihn von oben bis unten +betrachtete. + +»Seid Ihr ein Prädikant? Und mit welcher Truppe zieht Ihr?« + +Er lächelte. + +»Ich bin ehemals ein Prediger gewesen, Burga, aber die Kaiserlichen +brannten mir meine Kirche nieder, und auch das Dorf, das dazu gehörte. +Seit der Zeit habe ich noch keine Pfarre wieder gefunden!« + +Er sprach wehmütig, während Burga den Grütztopf aus dem Heu holte, wo +er immer warm stand, und ihn ans Feuer schob, damit er noch heißer +würde. Dann zerquirlte sie die Eier in einer Pfanne, setzte sie auf +die Flammen und sprach erst wieder, als sie die fertigen Speisen dem +Magister hinstellte. + +»Es ist übel mit dem Krieg!« sagte sie altklug. »Unsere Prädikanten +waren auch meistens von Haus und Hof gejagt und hatten keine Heimat +mehr; aber selbst die, die zuerst traurig waren, sind nachher doch ganz +lustig geworden. Ihr solltet auch in den Krieg gehen, Magister! Die +Soldaten mögens gern, wenn ihnen was vorgepredigt wird!« + +Der Magister nahm seinen Holzlöffel aus der Tasche und aß langsam. »Du +hast viel vom Krieg gesehen!« sagte er nach einer Weile, und Burga +wollte antworten, als die Tür offen ging und Frau Jutta, gefolgt von +Wolf, eintrat. Der Hund schnupperte in der Luft und stürzte sich auf +Burga, der er winselnd die Hand leckte. In dieser Woche hatte er sich +schon erholt, sein Fell war glänzender geworden und seine kurzen Ohren +spitzer. Burga streichelte ihn, sagte ihm einige leise Worte, und da +legte er sich zu ihren Füßen hin. + +»Du mußt ihn nicht hier lassen, wenn du ausgehst!« sagte Frau Jutta zu +Burga. »Er hat dich überall gesucht und mich böse angeknurrt, als ich +ihn streicheln und ein wenig trösten wollte.« + +»Er kann noch nicht so weit gehen!« erwiderte Burga. »Darum ließ ich +ihn hier. Auch soll er Euch beschützen, wenn die Feinde kommen. Er weiß +auf den Mann zu gehen, und das ist eine gute Eigenschaft!« + +»Aber er knurrte mich an!« wiederholte Frau Hanekamp, und Burga faßte +Wolf am Halsband und führte ihn zu der Hausherrin. + +»Bitte um Verzeihung!« gebot sie. »Diese Frau mußt du lieb haben!« + +Da legte sich der Hund demütig vor Frau Jutta, leckte ihre Hand und +wedelte mit dem buschigen Schwanz. + +»Ein schönes Tier!« lobte der Magister, der sein Mahl beendet hatte und +nun aufmerksam dem kleinen Vorgang gefolgt war. + +»Er ist von guter Art und hat einem hohen Offizier gehört,« berichtete +Burga. »Als ich ihn fand, lag er auf der Leiche und wollte nicht +weggehen. Aber dann ist er allmählich hinter mir her gekommen.« + +»Du hast schon viel erlebt!« begann der Magister von neuem, und Burga +sah ihn ernsthaft an. + +»Ich bin ein Lagerkind, Herr! Wie ich dorthin gekommen bin, kann ich +nicht sagen, es ist zu lange her.« + +»Sie will eine Rantzau sein!« warf Frau Jutta ein. »Sind das nicht sehr +vornehme Adlige hier im Lande?« + +»Ich will keine Rantzau sein, der Name steht aber auf meinen Arm +eingeritzt!« entgegnete Burga. »Ich kann nichts dafür; er hat mir +nichts genützt, aber irgend einen Namen muß ich doch in der heiligen +Taufe erhalten haben!« + +Jetzt erschienen Gottfried und Konrad. Beide rein gewaschen und mit +gekämmten Haaren. Sie schienen aber nicht sehr froh zu sein und +begrüßten den Magister ziemlich widerwillig. Er zog nun ein Büchlein +aus der Tasche, fragte sie nach den zehn Geboten, wollte wissen, wie +es mit Schreiben und Lesen stünde, und Burga merkte, daß er den zwei +wilden Jungen eine Stunde geben wollte. Frau Jutta winkte ihr auch +schon und ging dann mit ihr ins Freie. + +»Der Magister kommt einmal in der Woche und sieht nach den Söhnen, +damit sie ein wenig lesen und schreiben und dazu die Bibel kennen +lernen. Sie dürfen doch nicht zu dumm bleiben.« + +»Kann ich nicht auch bei dem Magister sitzen bleiben?« fragte Burga, +und die Frau machte ein erstauntes Gesicht. + +»Meinetwegen, obgleich es besser wäre, du sähest nach den Glucken, +die auf den Eiern sitzen. Denn Mädchen brauchen sich nicht mit +Gelehrsamkeit zu plagen, sie müssen kochen und backen lernen und +allerhand andres Nützliches, aber lesen und schreiben tut nicht von +nöten.« + +Burga warf den Kopf in den Nacken. + +»Ich meine nicht, daß ich hier eine Dienstmagd bin, sondern eine Freie, +die auch schon einen Taler bezahlt hat und gern noch einen dazu legt, +wenn es verlangt wird!« + +Frau Jutta wurde betroffen, aber auch ein wenig beschämt. Denn sie +hatte das fremde Mädchen eigentlich nur als Magd betrachtet und ihr +alle Arbeit aufgebürdet, die sich grade fand. Nun dachte sie an den +Silbertaler, den sie erhalten hatte, und daß Burga eigentlich für ihre +Arbeit Lohn verdiente, anstatt selbst zu bezahlen. + +»Geh nur zum Magister!« sagte sie hastig. »Meinetwegen magst du immer +bei ihm lernen, wenn du Freude daran findest. Geh nur nicht gleich +wieder weg; ich habe dich gern hier und will auch nicht mehr Arbeit +verlangen, als du leisten willst!« + +Burga war zufrieden und ging sogleich wieder auf die Diele, wo die +Jungen mißmutig vor dem Magister saßen und durchaus keine Lust zur +Gelehrsamkeit zeigten. + +Frau Jutta sah dem Mädchen einen Augenblick nach. + +»Ob sie wohl wirklich eine Vornehme ist? Manchmal könnte ich es +glauben. Aber es gibt wohl viele vom Adel, die eben so wenig eine +Heimat haben, wie die Bürger und Bauern. Ich will mich nicht darum +sorgen!« + +Und sie ging in den Hühnerstall zu den Glucken, während Burga vor dem +Magister saß, ihm alle zehn Gebote hersagte, auf der Schiefertafel +mit dem Griffel die Buchstaben des Alphabets malte und schon ganz +ordentlich in der großen Bibel lesen konnte. Das war sehr ärgerlich für +die Jungen, die sich garnicht denken konnten, daß ein Mädchen mehr von +der Gelehrsamkeit verstand als sie. Alle zwei kriegten heiße Köpfe und +gaben sich mehr Mühe als sonst, so daß der Magister ein sehr zufriednes +Gesicht machte und wohlgefällig auf seine neue Schülerin sah. + +[Illustration] + + + + +[Illustration: Viertes Kapitel] + + +Der Magister kam vom Hanekamphof und ging wieder gen Wedel. Das war +schon damals ein ziemlich großes Kirchdorf, mehr landeinwärts gelegen, +wohin durch Wald und Heide eine schmale Fahrstraße führte. Hier hatte +der Magister Timotheus lange nach seiner schweren Krankheit eine +Unterkunft gefunden. Denn schwer krank war er gewesen und vom Leben +sehr hart geprüft. Hatten ihm doch die kaiserlichen Truppen nicht +allein Kirche und Pastorat verbrannt, sondern auch seine Frau und sein +kleines Kind erstochen. Er selbst verteidigte seine kleine Familie, +bis er besinnungslos und schwer verwundet niederstürzte. Die Soldaten +hielten ihn für tot und kümmerten sich nicht weiter um ihn, aber ein +alter Bauer, dessen Hof allein von dem ganzen Kirchdorf nicht verbrannt +und ausgeraubt wurde, weil er abseits lag, dieser Bauer schlich sich +nachher in das zerstörte Pastorat, fand den Magister und trug ihn +nach Hause. Es dauerte lange, ehe die gute Bäuerin, die etwas von der +Heilkunde verstand, den armen Magister wieder gesund pflegte. Die +Soldaten hatten ihm nicht allein die linke Hand abgeschlagen, sondern +ihm auch ein ekles Wasser, das man den Schwedentrunk nannte, in den +Hals gegossen. Als der schmählich Behandelte wieder zu sich kam, hatte +seine Stimme jeden Klang verloren, und sein linker Arm war ohne Hand. +Aber er lebte noch und wollte lieber nicht seinen traurigen Gedanken +nachhängen, sondern arbeiten, soviel er konnte. Also ging er an die +Westküste des Landes, um dort ein Unterkommen zu suchen. Bald, nachdem +er auf der Insel Nordstrand angelangt war, kam die große Flut, die +siebzehn Kirchen und viel reiche Dörfer mit sich gehen ließ. Die ganze +große und wohlhabende Insel wurde zerstört, Tausende von glücklichen +Einwohnern verloren ihr Leben, und wer dies rettete, der hatte alle +Habe verloren. Der Magister Timotheus hatte nichts zu verlieren: er +rettete und half, wo er konnte, aber eine neue Heimat war in dem +zerstörten Lande nicht zu finden. Also wanderte er bald hier, bald +dorthin, bis er sich einer alten Muhme erinnerte, die in der Elbgegend, +im Dorfe Wedel, wohnte. Sie bat er um ein Unterkommen, und sie gewährte +es ihm gern. + +In Wedel war der Schulmeister von den Soldaten mitgenommen worden, und +einige Bauernsöhne sollten doch lesen und schreiben lernen. Also fand +Timotheus bald einige Schüler, und der Pastor Rist, der hier nicht +allein predigte, sondern auch ein berühmter Dichter war, half ihm +weiter, daß er sein Brot finden konnte. Mehr verlangte der Magister +nicht; er war nicht allein froh über die Arbeit, sondern auch darüber, +daß er andern noch nützlich sein konnte. Und wenn er an seine Frau +und an sein Kind dachte, dann sehnte er sich wohl manchmal sehr nach +ihnen; aber er wußte, daß es zu heutigen Tagen eigentlich besser war, +mit dem Leben fertig zu sein und nicht mehr nötig zu haben, sich vor +dem morgigen Tage zu fürchten. Denn der morgende Tag konnte neue +Schrecknisse bringen, niemand war sicher, daß er ihn zu Ende erlebte. + +Und doch schien heute die Sonne warm, die Vögel jubilierten, und über +den Tannen kreiste der Wanderfalke, der in den höchsten Gipfeln sein +Nest baute. Er stieß ein scharfes Krächzen aus, und der Magister packte +seinen dicken Stock fester und sah sich um. Wenn der Falke so schrie, +dann gabs etwas, das ihm nicht gefiel. + +Siehe da, es jagte ein Häslein über den Weg und verschwand im +Unterholz, während hinter ihm her ein Fuchs stürzte. Da nahm der +Magister seinen Stock und warf ihn Meister Reineke zwischen die Beine, +daß er einen langen Satz machte und ziemlich beschämt einen andern Weg +einschlug. Der Hase war gerettet, aber wie lange? Als der Magister +seinen Stock wieder holte, seufzte er, weil er an die armen schwachen +Tiere des Waldes denken mußte, die die Beute der Stärkeren wurden. Und +dann dachte er an den Fuchsbau, den er grade neulich mitten im Walde +gefunden hatte. Vor ihm saßen die kleinen Füchse, spielten miteinander +und warteten auf die Mutter, die ihnen etwas zu fressen bringen sollte. +Sie kam auch und hatte zwei Hühner im Maul, auf die sich die Kleinen +stürzten. Ach ja, die jungen Füchse wollten auch leben, und der Hase +wäre wohl ein guter Braten für sie gewesen. Eigentlich mußte man die +Tiere alle gewähren lassen. Sie hatten es wahrlich auch nicht leicht, +sich durchzubringen. + +Nur die Wölfe waren schlimm. Jetzt aber waren sie gen Norden gewandert, +wenigstens liefen sie nicht mehr vor Wedel auf der Straße herum und +heulten vor den Häusern, wie sie es im strengen Winter getan hatten. + +Timotheus ging in so tiefen Gedanken, daß er nicht das Pferdegetrappel +hinter sich hörte, bis er von einer scharfen Stimme angerufen wurde. + +»He, Schwarzrock, kannst du nicht aus dem Wege gehen, wenn mein Pferd +kommt?« + +Timotheus blieb stehen, sah sich um und blickte auf zwei dänische +Dragoner, die langsam hinter ihm her kamen. Er trat zur Seite und zog +den Hut. Holstein gehörte dem König von Dänemark, und diese Reiter +sollten also Freunde sein, aber in heutigen Zeiten waren die Soldaten +überall wild und ungebärdig: die des eigenen Landes benahmen sich oft +grade so schlecht, wie die Feinde. + +Daher hoffte er, daß die Dragoner vorbei traben würden, aber, der ihn +angerufen hatte, blieb neben ihm halten und zwirbelte seinen langen +grauen Schnauzbart. + +»Ich bin der königlich dänische Wachtmeister Balthasar und jeder, der +mir begegnet, muß mir gehorchen!« sagte er drohend, während Timotheus +seinen Hut wieder aufsetzte. + +»Was wünscht Ihr denn?« erkundigte er sich, und Balthasar sah ihn +unzufrieden an. + +»Weshalb setzest du deinen Hut wieder auf, wenn du von mir angeredet +wirst, das schickt sich nicht!« + +»Weshalb nennt Ihr mich du, wo ich doch die Höflichkeit bewahre +und Euch nicht dutze?« erkundigte sich der Magister, worauf der +Wachtmeister rot im Gesicht wurde. + +»Weil mir das so paßt, mein Freund! Wir Soldaten sind hier die Herren, +und kein Schwarzrock hat uns etwas zu sagen! Vorwärts, marsch, +Schwarzrock! Zeige uns die Häuser, in denen Jungen aufwachsen! Der +König braucht Soldaten! Wo die Bengel vierzehn Jahre alt sind, da +müssen sie in den bunten Rock, was bekanntlich eine Ehre ist! Nun, +vorwärts, marsch!« + +Er wollte nach dem Magister greifen, der aber sprang behende über den +Graben, der Landstraße und Wald von einander trennte, und erwiderte: + +»Ich kenne keine Häuser, in denen heranwachsende Knaben sind! Und +kennte ich sie, würde ich sie dir nicht verraten! Eins aber will ich +dir sagen, Freund! Auf derselben Landstraße, auf der du jetzt reitest, +sind vor wenig Stunden wohl ein Dutzend schwedische Reiter gezogen! +Wenn du denen in die Hände fällst, kann es dir schlecht ergehen!« + +»Du lügst!« + +Des Wachtmeisters grimmiges Gesicht ward noch grimmiger, und er winkte +dem hinter ihm reitenden Dragoner, der seinen Karabiner bereits auf den +Magister angelegt hatte. + +»Schieß los, Jens! Dieser schwarze Kerl ist zu frech! Mich wagt er du +zu nennen? Das soll er büßen!« + +Der Dragoner schoß wirklich, aber die Kugel schwirrte weit über des +Magisters Kopf in die Bäume, zwei Vögel flatterten auf, und ein +Eichkätzchen fuhr den Stamm hinab, mehr geschah nicht, und Timotheus +stand noch immer aufrecht. + +»Ich habe dich gewarnt, Mann!« rief er noch einmal. »Wende dein Pferd +und reite auf Ottensen zurück oder gar gen Altona. Zwei dänische +Reiter, auch wenn sie tapfer sind, sind zu wenig gegen ein Dutzend +Schweden!« + +Seine Warnung verhallte. Auch der Wachtmeister schoß jetzt hinter +ihm her, und noch einmal schüttelten die Zweige ihr Haupt, während +einige kleine kaum erschlossene Blätter zur Erde flatterten. Der Falke +krächzte, eine Weihe strich mit raschem Flug über den Magister dahin, +der jetzt mitten im Unterholz zwischen Dornen und Buchengestrüpp stand +und eilig weiterging. Dazu schüttelte er den Kopf. Er wußte, daß die +Dänen mit ihren schweren Pferden ihm nicht nachreiten konnten; und die +meisten Kugeln trafen bekanntlich auch nicht. Darum war er auch nicht +sehr ängstlich gewesen, er ärgerte sich nur, daß diese rohen Menschen +sich gerade so aufführten, als wären sie Feinde wie die Schweden und +die Kaiserlichen. + +[Illustration] + +Sie verlangten nicht allein Speis und Trank von den Bewohnern, sie +wollten auch noch ihre Söhne haben, um sie gegen den Feind zu führen. +Und dann konnte es geschehen, daß die jungen Leute ebenso hart und +heftig würden wie dieser Wachtmeister. + +Timotheus hörte noch die Stimmen der Dragoner. Sie schalten hinter +ihm her und sandten einige Kugeln in den Wald, aber das war nur aufs +Geratewohl, und der Magister machte sich nichts daraus. Aber er war +traurig, sprach allerhand vor sich hin und wandte sich dann seitwärts +der Elbe zu, deren steiles Ufer er hinabkletterte, um ein kleines +Fischerhaus aufzusuchen, das hier zwischen Bäumen und Unterholz +verborgen lag. Hier wohnte der Fischer Hans Peter, dem ein großes Boot +gehörte, mit dem er auf den Fischfang ausging. Der Magister war schon +oft mit ihm zu Wasser ziemlich weit hinausgefahren, und auch heute +wollte er ihn bitten, ihn mitzunehmen. Dann brauchte er nicht den +langen Landweg nach Wedel zu machen, sondern konnte hinter Blankenese +ans Land gehen, um von da sein Dorf zu erreichen. Das Ufer war dort +mit Wald bedeckt und so zerklüftet, daß es einem Fremden schwer halten +mußte, sich zurecht zu finden. Weder dänische noch feindliche Soldaten +würden hierher den Weg auskundschaften, und nur die Strandbewohner +kannten die heimlichen Pfade und einige Höhlen in den Dünen. + +Hans Peter stand in seinem Boot und schöpfte Wasser aus. Er war ein +großer, ungeschlachter Mann, der selten den Mund auftat und dann auch +nur, um ein Stück Tabak hinein zu stecken. Als der Magister zu ihm trat +und sein Anliegen vorbrachte, schien er kaum zuzuhören, schüttelte dann +aber nach einer Weile den Kopf. + +Der Magister verstand ihn. + +»Willst du nicht fahren?« + +»Schweden!« erwiderte Hans Peter nach einer Pause. »Hast du sie auch +gesehen?« + +Mit dem Daumen zeigte Hans Peter auf ein großes Boot, das in der Ferne +kreuzte. + +»Lieber Gott,« der Magister seufzte. »Nun fahren sie schon in Booten +auf dem Wasser! Ist denn niemand, der ihnen Einhalt gebieten kann?« + +Hans Peter zuckte die Achseln. »Ich nicht, aber --« er wies mit dem +Daumen auf eine schwarze Wolke, die vom Westen her kam. + +»Boot kann leck springen!« sagte er mit kurzem Auflachen. Zog sein +Fahrzeug ans Land und zeigte auf sein Häuschen. + +»Bier und Brot!« setzte er mit einer Miene hinzu, die freundlich sein +sollte. + +Timotheus ging mit ihm. Dort oben im Wald wars wirklich nicht geheuer. +Dem Wachtmeister noch einmal zu begegnen, war ebensowenig angenehm, als +die Schweden wiederzusehen, die am Morgen mit Waffengeklirr über die +Landstraße geritten waren. Da konnte man es sich schon gefallen lassen, +bei Hans Peter Dünnbier zu trinken und dazu geräucherten Fisch und Brot +zu essen. Heimlich und still war es in der Hütte. Das Feuer brannte auf +dem Herd, und der Rauch zog durch ein Loch im Strohdach. Auf dem Herd +saß die Katze, die jetzt aufstand und Hans Peter entgegenging. Sie rieb +sich an seinen Beinen und ließ sich dann auch von Timotheus streicheln. +Sie war Hans Peters einzige Gesellschaft. Ehemals hatte er eine Frau +gehabt und auch zwei Söhne. Aber die Frau war schon lange tot, und die +zwei Jungen waren in die Weite gegangen. Das war lange her -- wenn +der Magister den Fischer fragte, wie viele Jahre er allein hause, +dann schüttelte dieser den Kopf, er wußte es nicht. Oft, sehr oft war +der Winter wiedergekommen und der Frühling, seitdem er allein wohnte. +Daher hatte er auch das Sprechen verlernt und konnte nicht begreifen, +daß andre Menschen sich immer etwas zu erzählen hatten. Aber wenn der +Magister zu ihm kam, dann freute er sich doch und horchte darauf, was +dieser ihm berichtete. + +So saß er denn auch heute vorm Herde, nahm die Katze auf den Schoß und +ließ sich erzählen. Von den schwedischen Reitern, die heute morgen so +lustig durch den Wald geritten waren und so große Eile gehabt hatten, +daß sie den Magister, der sich hinter den Bäumen versteckt hielt, nicht +sahen. Wahrscheinlich ritten sie landeinwärts, einem der Edelhöfe zu, +die noch nicht ganz ausgeplündert waren. Hans Peter brummte. So wars +wohl, und die andern Schweden, die unten in Neumühlen ein altes Boot +weggenommen hatten und mit ihm davonfuhren, die gingen auch auf Raub +aus. Aber das Boot konnte leck springen, und wie Hans Peter langsam mit +vielen Zwischenräumen sprach, wie es allmählich Abend wurde, da pfiff +es plötzlich aus Südwest, und die großen Bäume über dem Fischerhaus +knarrten. -- -- -- -- -- -- -- + + * * * * * + +Die ganze Nacht hindurch heulte der Sturm, und Timotheus konnte sich +freuen, auf einem mit Seetang gefüllten Sack zu liegen und über sich +ein Schafsfell zu haben, das wundervoll warm hielt. Er schlief auch +einigermaßen, wenn er sich auch grämte, daß nun die Dänen alle Häuser +der Umgegend nach jungen Knaben durchsuchten, die Soldaten werden +mußten. Was würde Gottfried Hanekamp sagen, wenn er weggeführt wurde, +und was sollte Frau Jutta dann beginnen? Mit Konrad allein konnte sie +ihren Hof nicht bewirtschaften! Und in Blankenese und Wedel waren +auch halbwüchsige Knaben, die nicht entbehrt werden konnten von ihren +Eltern. Danach aber fragte der dänische König nicht, und wenn er auch +vielleicht ein guter Herr war und Mitleid gehabt hätte, wenn man ihm +die Sachen vorstellte, so kamen die Geringen doch nicht an ihn heran, +und die Vornehmen um ihn, die sein Ohr hatten, kümmerten sich nicht um +das Elend der Kleinen. Mit diesen Gedanken schlief der Magister ein, +mit ihnen wachte er auf. Plötzlich war es schon ziemlich hell, und +der Fischer hockte vorm Herd und kochte seine Grütze. Der Regen schlug +gegen die kleinen, in Blei gefaßten Fensterscheiben, und die Elbe +schien sehr aufgeregt. Man hörte ihre Wogen auf den Strand klatschen +und dazwischen das zornige Brausen des Windes. + +»Keine Bootfahrt!« sagte der Hans Peter kurz, als der Magister sich vom +Lager erhob, und Timotheus mußte ihm schon glauben. Durch den Sturm war +das kleine Boot weit auf den Strand getrieben worden, und es konnte +noch Stunden dauern, bis die zornigen Wogen sich beruhigten. + +Nachdem also der Magister die Morgengrütze gegessen und sich für das +Nachtquartier bedankt hatte, stieg er wieder die Düne hinauf und begab +sich zu Fuß auf den Heimweg. Der Weg war vom Regen durchnäßt, der Sturm +hatte große Zweige von den Bäumen gerissen, daß das Gehen mühselig war, +und im Walde stöhnten und knarrten die Bäume, als wollten sie sich +beklagen, daß sie so unsanft behandelt wurden. Dem Magister aber war +das Wetter schon recht. Dann lagen weder Schweden noch Dänen auf der +Landstraße, sondern verkrochen sich irgendwo, wo es warm und behaglich +war. Also konnte man ruhig seines Weges gehen und brauchte nichts +Unangenehmes zu fürchten. Denn wenn der Magister auch nicht furchtsam +war, so ging er doch lieber einer Gefahr aus dem Wege, als daß er sie +aufsuchte. + +Es war einsam im Walde. Die Vögel saßen im Schutz ihrer Nester, und +wenn der rote Fuchs von gestern noch lebte, dann hockte er bei seinen +Jungen oder spürte vielleicht dem Hasen nach, den er gestern nicht +bekommen hatte. + +Aber der Magister war doch weise geworden und ging lieber auf einem +schmalen Waldpfad, als daß er die Landstraße benutzte. Der Wind pfiff +noch immer, und dazwischen rauschten die Bäume, aber es wurde stiller, +und mit einemmal kam ein Sonnenstrahl. Timotheus blieb stehen und sah, +wie er durch die braunen Zweige und über die kleinen zarten Blätter +des Unterholzes glitt. Der böse Winter war zu Ende, wenn auch der +Sturm noch tobte. Und vielleicht ging auch einmal der Krieg zu Ende -- +obgleich man es nicht anders kannte. + +Unwillkürlich blieb der Magister stehen und dachte an die Zeit, da er +noch eine Frau und ein liebes Kind gehabt hatte. Der Krieg hatte ihm +beides genommen und auch seine Kirche, in der er so gern predigte. +Nichts war von dem Dorf übrig geblieben, als verbrannte Häuser. Er +selbst war lange ein schwerkranker Mann, und als er gesund wurde, hatte +er eigentlich keine Lust mehr zu leben. Und dennoch lebte er, und die +Sonne schien ihm ins Gesicht, während über ihm ein Rabe krächzte. + +Timotheus hob den Kopf. Er ging fast jeden Tag in den Wald und kannte +seine Stimmen; wenn der Rabe so krächzte, dann spürte er Beute. Lief +dort vielleicht ein junger Hase, oder sah der schwarze Gesell ein +Vogelnest, wo der die Jungen fressen wollte? Vorsichtig ging der +Magister weiter und blieb dann wieder stehen. Es kam ein sonderbarer +Laut von den Bäumen her -- das war kein Tier, sondern ein Mensch! +Wieder krächzte der Rabe, und Timotheus ging dorthin, wo der große +Vogel schwebte und unverwandt nach unten äugte. Dann stieß er einen Ruf +des Mitleids aus und stürzte auf den dänischen Wachtmeister zu, der +gestern auf stolzem Roß gesessen hatte und nun an eine der alten Tannen +festgebunden war. In seinem Munde steckte ein dicker Knebel, so daß er +nicht schreien konnte, nur hin und wieder stieß er dies Stöhnen aus; +aber sein Kopf hing ihm schon tief auf die Brust. Schadenfroh koaxte +der Rabe -- nicht lange mehr brauchte er zu warten, dann konnte er sich +den Gefesselten ganz aus der Nähe betrachten. + +Aber seine Freude kam zu früh. Der Magister zog dem Wachtmeister +den schmerzhaften Knebel aus dem Mund, zerschnitt seine Stricke und +stützte ihn, als dieser, fast gelähmt, beinahe hingefallen wäre. +Vorsichtig ließ der Retter ihn auf einen umgestürzten Baumstamm sitzen +und kühlte ihm mit einem in das nasse Gras getauchten Tuch das blau +gedunsene Gesicht. Der Wachtmeister war ein kräftiger Mann. Nachdem +er einige Minuten verschnauft hatte, griff er nach der Brotrinde, die +ihm Timotheus hinhielt, begann sie zu kauen, rieb seine schmerzenden +Glieder und fluchte. + +»Diese Schweden! Hinterrücks überfallen sie mich, nehmen mir die Waffen +und das Pferd weg und binden mich an den Baum. Aber es sind Dummköpfe. +Totschlagen hätten sie mich müssen, dann würde ich mich nicht rächen +können, während jetzt -- --« drohend erhob er die Hand, die aber +kraftlos wieder niedersank. + +»Denkt nicht gleich an die Rache!« ermahnte der Magister. »Freut Euch, +daß Ihr mit dem Leben davonkamet!« + +Der Wachtmeister sah ihn verdrießlich an. + +»Laß das Predigen, Schwarzrock! Gib mir Geld, daß ich mir wieder einen +Säbel und einen Karabiner kaufen kann! Diese Schweden sollen alle von +meiner Hand sterben!« + +»Ich habe kein Geld!« Der Magister mußte über den Unverschämten lachen. +»Geh dorthin, woher du kamest. Die Dänen werden dir schon die Waffen +wiedergeben.« + +Mit diesen Worten ging Timotheus weiter. + +»Halt!« Der Wachtmeister schrie es hinter ihm her. »Halt! Verlaß mich +nicht! Siehst du denn nicht, daß ich noch nicht wieder gehen kann, +und du willst mich hier allein lassen? Wenn ich dies der Obrigkeit +berichte, wird sie dich strafen!« + +»Meinst du? Vielleicht wird dir die Obrigkeit sagen, daß man den, der +einem das Leben rettet, höflicher behandeln muß, wie du es tust!« + +»Wenn du mir das Leben rettetest, dann mußt du auch weiter für mich +sorgen!« rief der Wachtmeister und versuchte, sich aufzurichten, um den +Magister zu ergreifen. Aber die Glieder versagten ihm, und er verlegte +sich nun aufs Bitten. + +»Herr Magister, wohledler Herr; helft mir doch! Ich bin doch ein +dänischer Soldat und ein sehr guter Wachtmeister! Fragt nur meinen +Obristen, den Herrn von Pechlin in Altona! Ich bin ein herzensguter +Mensch, Herr Magister, und an meiner rauhen Sprache müßt Ihr Euch nicht +stoßen! Das gehört nun einmal zum Kriegshandwerk und ist grade so, wie +Ihr beim geistlichen Stande Barmherzigkeit üben müßt. Ich hab auch +einmal Magister werden wollen, aber der Säbel paßte besser für mich!« + +»Das glaube ich wohl!« + +Der gutmütige Magister war wieder näher gekommen und half endlich dem +Wachtmeister, so daß dieser sich auf ihn stützen konnte. + +»Langsam, langsam!« knurrte er. »Immer vorsichtig, sonst sollst du mal +sehen!« Und er versuchte, den kleineren Magister so fest zu halten, daß +dieser sich nicht zu rühren vermochte. + +Aber Timotheus war gewandt, trotz seiner fehlenden Hand. Mit einer +schnellen Bewegung machte er sich frei und sagte ruhig: »Wenn du dich +nicht ordentlich benimmst, Wachtmeister, lasse ich dich hier sitzen!« + +Dieser unterdrückte einen Fluch und wurde wieder höflich. + +»Entschuldigt nur, Herr Magister! Die Galle ist bei mir durch die +Schweden in Unordnung geraten. Sie wird erst wieder besser, wenn ich +die Kerle alle in die Pfanne gehauen hab!« + +Nun ließ er sich ganz ordentlich führen, stöhnte manchmal auf und +murmelte einen Fluch. Aber wenn er in das ernsthafte Gesicht des +Magisters sah, dann nahm er sich zusammen und hütete sich wohl, den +Unwillen seines Retters zu wecken. Es dauerte wohl einige Stunden, +aber, als die Mittagsstunde vom Kirchturm zu Wedel schlug, da brachte +der Magister den Wachtmeister zu seiner alten Muhme, die schon in der +Haustür stand und nach ihm aussah. Sie war wohl achtzig Jahre alt +und ein hageres Weib mit verrunzeltem Gesicht. Aber ihre Augen waren +klar und hell, und als sie den dänischen Reiter sah, der müde und in +zerrissener Uniform vor ihr stand, da machte sie weder ein großes +Geschrei, noch schlug sie die Hände über den Kopf zusammen. Sie setzte +den lahmen Mann ans Herdfeuer und brachte ihm gleich einen Becher mit +warmer Milch, den er gierig hinunterstürzte. Dann bereitete sie ihm ein +Lager und deckte ihn mit einem alten Federkissen zu. + +»Er muß ausschlafen und sich erholen!« sagte sie zu dem Magister, der +ernsthaft nickte. + +»Wir müssen ihn wohl aufnehmen, aber ich fürchte, er taugt nicht viel!« + +»Darnach sieht er aus!« entgegnete die alte Frau. »Aber wir müssen ihm +doch Barmherzigkeit erweisen. Du würdest ihn auch nicht auf der Straße +liegen lassen!« + +»Vielleicht wäre es das Beste gewesen!« erwiderte Timotheus, aber +Mutter Mumsen hörte ihn nicht, und das war auch eben so gut. Denn sie +würde ihn wohl ein wenig gescholten haben. + +Eine Woche blieb der Wachtmeister bei Mutter Mumsen und bei dem +Magister. Er war ganz manierlich geworden und sprach sogar von +Dankbarkeit. Das kam wohl daher, daß er noch in allen Gliedern +Schmerzen spürte, und vielleicht auch davon, daß die Schweden die +ganze Gegend unsicher machten, bald hier, bald dort einfielen und +brandschatzten. Die Dänen waren nicht stark genug, sie zu vertreiben, +und mußten sich vor ihnen verstecken. Eines Tages aber hieß es, daß +die letzten Schweden weiter nordwärts gezogen wären, und da wurde der +Wachtmeister wieder vergnügt und herrisch. Er konnte jetzt wieder +gehen, versuchte, ein Pferd zu besteigen, das einem Bauern gehörte, und +ritt dann gleich nach Altona, um sich bei seinem Regiment zu melden. Er +hatte versprochen, das Pferd wieder zu bringen, aber er blieb weg, und +der Bauer schalt auf den Magister. + +»Wenn der Kerl nicht bei euch gewohnt hätte, ich würde ihm meinen Fuchs +nicht geliehen haben!« + +»Ich habs Euch nicht geraten!« erwiderte Timotheus, aber der andre +blieb doch verdrießlich. Es war ein Glück, daß plötzlich einige +herrenlose Pferde bei Blankenese aufgegriffen wurden. Sie mußten den +Schweden gehören, denn sie hatten Zaumzeug in den schwedischen Farben. +Wo aber waren ihre Reiter? Niemand wußte es zu sagen, und niemand +fragte danach. Der Bauer suchte sich das beste Tier aus, und auch die +andern Leute, die ein Pferd brauchen konnten, versorgten sich. Eins +aber nahm der Magister an sich und führte es zum Hanekamphof. + +»Ich meine, Frau Jutta, ein Gaul wäre nicht übel für Euch!« meinte der +Magister, und die Frau bedankte sich. + +»Es ist gut von Euch, an uns zu denken! Ich fürchte nur, das Tier wird +bei uns nicht satt. Wir haben nicht allzuviel Hafer!« + +»Bald könnt Ihr es auf die Weide schicken,« tröstete Timotheus. +»Soldatenpferde dürfen nicht zu gut gefüttert werden, sonst werden sie +faul!« + +Gottfried und Konrad waren froh über das Geschenk, und auch Burga +streichelte den Schimmel, der eine dichte Mähne hatte und einen langen +Schweif. + +»Es ist ein feines Tier und eigentlich zu schön für die Feldarbeit,« +meinte sie, und Gottfried stieß sie unsanft zur Seite. + +»Was weißt du von feinen Pferden? Du bist doch nur ein Lagerkind, und +wir haben dich aus Barmherzigkeit aufgenommen!« + +Auf diese Worte antwortete Burga nicht, aber die Falte zwischen ihren +Augen, die fast schon verschwunden war, vertiefte sich wieder, und +Gottfried traf ein finsterer Blick. + +Doch als Frau Jutta nachher nach ihr rief, kam sie gehorsam und +arbeitete, wie es ihr gesagt wurde. + +[Illustration] + + + + +[Illustration: Fünftes Kapitel] + + +Nun kam allmählich der Sommer, und es wurde heiß. Die Bäume hatten ihr +frisches grünes Kleid angelegt, an den Zweigen der Tannen wuchsen die +hellgrünen Schößlinge, und die Vögel fütterten ihre junge Brut. Auf dem +Hanekamphof wanderten drei Glucken mit ihren Kindern umher, und die Kuh +stand im hohen Gras, fraß, bis sie nicht mehr konnte, und brummte ein +wenig mit ihrem Kalb herum, das erst wenige Wochen alt war und lieber +Milch trank, als daß es Grünfutter nahm. Es war eine schöne Zeit; von +den Schweden hörte man nichts mehr, und die dänischen Dragoner hatten +sich auch nicht wieder auf der Landstraße sehen lassen. Vielleicht +hatte ihr Obrist sie nach einer andern Gegend geschickt, und das war +gut. Es war die Zeit, da auch die Hamburger sich aus ihren Stadtmauern +wagten, die Zugbrücke über den Pepermolenbeck, den Grenzbach zwischen +Hamburger und Altonaer Gebiet, hinabließen, und sich die Ortschaft +Altona betrachteten. In Altona standen schon viele Häuser, einige +Straßen waren angelegt, und auf der Südseite erhob sich ein Galgen. +Denn, wenn eine Ortschaft auf sich hielt, dann errichtete sie natürlich +einen Galgen, grade, wie sie auch ein Gefängnis haben mußte. Auch das +war in Altona zu finden, und Herr Jobst Hanekamp, der an einem frühen +Maimorgen einige Geschäftsgänge in dem neuen Dorf zu machen hatte, sah +sich zufrieden um. Ihm war es ganz recht, daß hier, an der Elbe, eine +Ortschaft lag, in der einige Kaufleute wohnten, mit denen er handeln +konnte. Handelte er doch mit getrockneten Fischen, mit Seehundsfell, +mit Tran, mit allem, das aus dem Meere kam, und die Kaufleute hier +konnten ihm frische Ware besorgen, wie er sie für seinen Handel nach +dem Inlande brauchte. + +Herr Jobst Hanekamp war ein kleiner Mann mit rotem Gesicht und +mit einer großen dunklen Perücke auf dem Kopfe, die ihm etwas +Majestätisches gab. Gewuchtig schritt er über die ungepflasterten +Straßen, und begab sich zu einem Geschäftsfreund, der in der Nähe des +Hafens wohnte, und von dem er einige Fässer mit Tran kaufen wollte. +Aber der Freund war nicht daheim; er war hinüber nach der Insel +Finkenwärder gefahren, wo er mit den Fischern handelte. Bedächtig +schritt Herr Jobst jetzt auch an das lustig plätschernde Wasser, +betrachtete die Kauffahrteischiffe, die hier vor Anker lagen, und +schüttelte den Kopf über einige dänische Dragoner, die auf den +Brückenbohlen in der Sonne lagen und fest schliefen. + +»Soldaten sind doch faule Kerls!« dachte er bei sich und ließ +dann seine Blicke umherschweifen. Denn ihn war plötzlich die Lust +angekommen, eine kleine Wasserfahrt zu machen. Dort hinter Ottensen +und Neumühlen wohnte ja seine Nichte, die Frau Jutta mit ihren Söhnen, +und wenn er im Winter ihrer sicher nicht dachte, so meinte er, daß die +Landluft im Monat Mai für einen Großstädter nur gesund sein könnte. Die +Zeiten schienen wirklich ruhiger zu werden, da mußte man sich einmal +nach den andern Hanekamps umsehen. + +Grade wollte Klas Stolz aus Finkenwärder mit seinem leeren Boot von der +Brücke abfahren, als Herr Jobst ihn anrief. + +»He, guter Freund, willst du einige Schillinge verdienen, so nimm mich +mit!« + +»Wohin?« Klas schob sein Boot wieder fest an die Brücke. Denn einige +Schillinge verdiente er gern. + +»So herum nach Neumühlen oder Teufelsbrücke!« rief Herr Jobst. »Ich war +noch nie auf dem Hanekamphof, aber da herum muß er liegen!« + +»Ich weiß, wo er ist!« sagte der Fischer, und der Kaufherr stieg +vorsichtig ein. + +»Also fahre mich, wo ich am ehesten zu ihm gelangen kann, und wenn du +mir den Weg zeigst, will ich noch einen Schilling mehr bezahlen!« Klas +nickte nur, faßte die Riemen an und ließ sein schweres Boot mit der +Ebbe gehen. Denn das Wasser lief grade in die Nordsee, und das Rudern +war leicht. + +Herr Jobst bekümmerte sich nicht viel um den Fischer, er ließ seine +Augen umherschweifen und wurde verdrießlich. + +»Die Leute hier sind unordentlich!« tadelte er. »Ehemals standen hier +doch nette kleine Häuser, und nun haben sie kein Dach mehr, oder sie +sind abgebrannt.« + +»Das kommt vom Krieg!« erwiderte der Fischer, und Jobst schüttelte den +Kopf. + +»Der Krieg muß jetzt bald zu Ende sein; ich weiß, daß über den Frieden +beraten wird. Da müssen die Leute vernünftig werden und ihre Häuser +wieder in Ordnung bringen!« + +Klas Stolz hob die Ruder aus dem Wasser, daß schimmernde Tropfen +von ihnen fielen. »Sicher ist es hier noch nicht!« meinte er. »Noch +gar nicht so lange ist es her, da sind wohl ein Dutzend Schweden +von Neumühlen die Elbe hinunter gefahren, weil sie einmal nachsehen +wollten, wo an der Küste noch was zu holen wäre. Ihre Pferde hatten sie +hinter Blankenese bestellt, und ein Knecht mußte dort auf sie warten. +Aber es kam die Nacht ein Sturm, und das Boot muß leck gesprungen sein. +Von den Schweden ist nichts mehr gefunden worden, und der Knecht, der +bei den Pferden wartete, ist totgeschlagen worden. Die Bauern in der +Gegend haben ganz feine Pferde zur Feldarbeit, und das ist ihnen zu +gönnen. Denn alle Pferde, die einst ihr Eigentum waren, sind ihnen +genommen!« + +»Dummes Zeug!« Herr Hanekamp zog die Stirn kraus. »Solche Geschichten +mußt du nicht berichten, Freund! Da könnte ich ängstlich werden, bei +Teufelsbrück aus dem Boot zu steigen. Aber, du sagst ja selbst, daß die +Bauern jetzt gute Pferde haben -- also ist doch niemand gekommen, sie +ihnen wieder abzunehmen, und das Land ist ruhig. Du mußt nur mit mir +nach dem Hanekamphof gehen. Dann kannst du mich morgen wieder abholen. +Denn wenn ich einmal die weite Reise mache, will ich auch etwas von der +Fahrt haben!« + +Klas nickte, und wie er nun in Teufelsbrück anlegte, trat er aus dem +Boot, half dem Herrn heraus und schickte sich gerade an, sein Fahrzeug +festzumachen, als es aus dem Baumgestrüpp knallte, und eine Stimme +rief: + +»Ergebt euch, sonst schieße ich noch einmal!« + +Herr Hanekamp sah sich nicht um. Er war dick, und man konnte denken, +daß er nicht gut laufen konnte. Aber er war mit Windeseile in den +angrenzenden Wald gelaufen, der sich hart an der Elbe und neben dem +Bache, der die Flottbeck genannt wurde, erhob. Hier kauerte er hinter +einem dicken Busch, rückte seine Perücke gerade und griff nach dem +Degen, den er an seiner Seite trug. Wenn es galt, dann wollte er sein +Leben verteidigen. Aber er hörte nur noch einmal schießen und einen +Schrei -- dann wurde alles still. Also kroch er aus seinem Busch +hervor und wollte sich grade umsehen, als eine derbe Faust ihn packte. + +»Aha, hier haben wir den Heringsprinzen! Kerl, gib Geld, oder ich +schneide dir die Kehle ab!« + +Ein großer rothaariger Mann, in Lumpen gehüllt, stand vor ihm. Er hatte +einen struppigen Bart und kleine, unheimlich blitzende Augen, mit denen +er Herrn Hanekamp von oben bis unten betrachtete. Ein großes Messer +hielt er in der Hand, aber er steckte es wieder in die Scheide. + +»Mein Junge,« sagte er zu Herrn Hanekamp, »du siehst mir nicht aus, als +wolltest du dich wehren. Da will ich dir dein Leben schenken. Zieh nur +rasch deine Kleider aus! Sie scheinen mir sehr gut zu sein, und ich +kann sie gerade gebrauchen. Und was du an Geld besitzest, lege dazu. +So'n bißchen Mammon ist nicht vom Übel, und ich bin gewiß, daß du ihn +mir gern gibst.« + +Herr Hanekamp war ein verständiger Mann. Er ärgerte sich nicht wenig +über den unverschämten Räuber, aber er sah ein, daß er sich fügen +mußte. Lieber wollte er seinen Rock und sein Geld hergeben, als sein +Leben. Also begann er sich langsam zu entkleiden, und der Räuber stand +dabei und lachte. + +»Ich hab Glück! Ein so fetter Vogel wie du, ist mir lange nicht ins +Garn gesogen! Alle Wetter, du trägst sogar ein Hemd? Das habe ich seit +Jahren nicht auf dem Leibe gehabt! Herunter damit, mein Junge! Du +hast gewiß noch mehr von dem Kram zu Hause, und ich möchte wirklich +wissen, wie es tut, so feine Leinwand auf der Haut zu haben!« + +[Illustration] + +»Laß mir mein Hemd!« bat Herr Hanekamp; aber der Räuber wollte es ihm +grade vom Leibe reißen, als eine helle Stimme rief: »Faß ihn, Wolf!« + +Ein großer Hund legte seine Tatzen auf die Schulter des Rothaarigen +und sah ihn an mit glühenden Augen. Dabei streckte er seine rote Zunge +lang aus und zeigte zwei Reihen spitzer Zähne. Der Rothaarige stand +regungslos. Wie gebannt starrte er auf den Hund, und seine Glieder +zitterten. + +»Rühr dich nicht, mein Junge!« sagte dieselbe helle Stimme, und ein +junges Mädchen stellte sich hinter den Hund. + +»Ich rühr mich schon nicht!« brummte der Rote. »Laß den Spaß sein, +Burga! Dies ist doch ein Heringsprinz, und ich gebe dir die Hälfte ab, +wenn du mich laufen lässest!« + +Aber Burga trat nur zu ihm, um ihm sein Messer wegzunehmen, das der +Räuber versuchte aus der Scheide zu ziehen, und dann nahm sie ihm auch +den Karabiner, der über seiner Schulter hing. + +»Guten Tag, Michel!« sagte sie ruhig. »Bist du einmal wieder beim +Rauben? Weißt du nicht mehr, was du dem Prädikanten versprochen hast?« + +»Ach, die alten Versprechen!« Michel setzte einen Fluch hinzu. »Diese +Kerls, die wollen immer etwas Unmögliches, und man braucht es nicht zu +halten. Wenn's einem so hanebüchen schlecht geht wie mir, dann muß man +wirklich Räuber werden! Sonst kann man Hungers sterben!« + +»Geh doch zum Bauern und arbeite!« rief Burga, aber Michel schüttelte +den Kopf. + +»Dazu habe ich keine Lust mehr. Wer Soldat gewesen ist, der mag nicht +mehr auf einem Fleck sitzen und graben! Komm, Burga, ruf deinen Köter +weg, denn er hat wirklich ein unangenehmes Gesicht! Und dann laß mir +das Geld von dem Heringsprinzen! Ich hatte ihn mir grade eingefangen, +und da mußtest du kommen! Etwas muß ich doch für meine Mühe haben!« + +Herr Hanekamp hatte sich eilig wieder angezogen und griff jetzt nach +seinem kleinen Lederbeutel. »Ich will dir wohl einen Gulden geben, +obwohl du ein unverschämter Gesell bist und den Galgen verdienst. Dann +aber mache, daß du wegkommst!« + +Burga pfiff dem Hund, daß er von dem Räuber abließ, und dieser griff +hastig nach dem Geldstück, machte eine Art Kratzfuß und verschwand. + +Herrn Hanekamps Perücke war ihm auf ein Ohr gerutscht, und er rückte +sie bedächtig wieder grade. + +»Es war gut, daß du kamst!« sagte er zu Burga. »Wenn ich das gewußt +hätte, was einem in Holstein passieren kann, ich wäre nicht gekommen. +Das kommt davon, wenn man seine Verwandten besuchen will!« + +»Wen wollt Ihr besuchen, Herr?« + +»Den Hanekamphof. Bei dem schönen Wetter wollte ich die Landluft +genießen, aber dieser Schreck wird mir sicherlich übel bekommen!« + +»Ich komme vom Hanekamphof, und ich geleite Euch gern hin! Er ist nicht +mehr weit!« + +Herr Jobst betrachtete Burga mit einigem Wohlgefallen. + +»Du scheinst mir eine ganz verständige Dirn zu sein, und wenn ich +eigentlich keine Hunde ausstehen kann, so muß ich sagen, daß dieses +Tier seine Sache nicht schlecht machte. Ich werde ihm dafür einmal +einen Schinkenknochen schicken! Nun aber führe mich zum Hof, denn diese +Sache hat mich doch recht angegriffen!« + +Frau Jutta war nicht wenig überrascht, den Oheim, begleitet von Burga, +kommen zu sehen, und die Knaben kämmten und wuschen sich hastig, damit +sie vor dem strengen Blick des Hamburgers beständen. Burga mußte einige +Lieblingshühner fangen und rupfen, damit es einen guten Braten gäbe, +und Gottlieb holte aus dem Keller eine verstaubte Flasche mit Wein. + +Herr Hanekamp ließ sich alle Umstände ruhig gefallen. Nach seiner +Ansicht war sein Besuch eine große Ehre für die Verwandten, und +er berichtete sehr umständlich von dem Räuber, der ihn so unsanft +behandelt hatte. + +»Aber,« setzte er hinzu, »ich wußte ihn zu nehmen, und er ist seiner +Wege gegangen!« + +»Ja, Burga kann sich auf ihren Wolf verlassen!« sagte Frau Jutta, aber +Herr Hanekamp machte eine abwehrende Handbewegung. + +»Ich würde mir schon allein geholfen haben! Mit solchen Strauchdieben +werde ich immer fertig!« + +Auf diese Worte erhielt er keine Antwort, denn Burga hatte natürlich +schon berichtet, wie alles gewesen war. Die Jungen stießen sich an, und +Burga lachte. + +»Worüber lachst du?« fragte Herr Jobst streng, und sie antwortete: »Ich +mußte daran denken, wie lustig es aussah, als der Rote vor Euch stand, +und Ihr ihm beinahe auch Euer Hemd gegeben hättet!« + +»So war es gar nicht!« rief Herr Hanekamp empört. »Wer bist du denn +überhaupt, daß du hier bei meinen Verwandten dich aufhältst? Du +scheinst mir auch eine Vagabondin zu sein, da du den Räuber kanntest, +und ihn sogar bei seinem Vornamen riefest! Ich muß mich sehr wundern!« + +Burga errötete, aber sie sah dem Kaufherrn gerade ins Gesicht. + +»Ich bin ein Lagerkind, Herr, und kenne den Roten schon lange. Und wenn +er Euch noch einmal anfällt, dann will ich Euch nicht befreien!« + +Nun wurde Herr Hanekamp auch rot und murmelte allerlei Unverständliches +vor sich hin, während er sich noch einen Becher Wein einschenkte. Denn +diese Unterhaltung fand statt beim Mittagsmahle. Frau Jutta begann +jetzt von etwas andrem zu reden, aber Burga war still geworden und +stand bald auf. Die Knaben folgten ihr, und als Herr Hanekamp mit +seiner Nichte allein war, hob er warnend den Finger. + +»Mir scheint, du hast einen sehr sonderbaren Gast, liebe Nichte! Man +muß nicht zu barmherzig sein!« + +»Ich nahm sie nicht aus Barmherzigkeit, sie hilft mir in der +Wirtschaft, sie hat etwas Geld, und sie sagt, daß sie Rantzau heißt!« + +»Rantzau!« Hanekamp schüttelte den Kopf. »Da siehst du doch, daß sie +lügt; eine Rantzau wird nicht in der Welt umherlaufen und Räuber +kennen! Ein solches Mädchen würde ich nicht im Hause behalten!« + +Er war so eifrig, daß er nicht merkte, wie Konrad schon wieder auf +der Diele stand und seine Worte hörte. Eilfertig lief der Junge nach +draußen, wo Burga ihrem Wolf grade das Futter gab. Der Hund war +wieder ganz gesund und schien größer und stärker geworden. Er tauchte +seine spitze Schnauze eifrig in den Futternapf, und es schmeckte ihm +ausgezeichnet. Konrad war kein übler Junge, aber er klatschte gern. +Er stieß Burga in die Seite. »Weißt du, was der Oheim eben sagte?« Er +berichtete, was er gehört hatte. »Du bist natürlich keine Rantzau!« +setzte er hinzu. »Ich habs auch nie geglaubt! Das sind furchtbar +vornehme Ritter, und du gehörst sicher nicht zu ihnen!« + +Der Hund hatte genug gefressen und steckte sein nasses Maul in Burgas +Hand. Sie merkte es nicht, sie stand in tiefen Gedanken. Wie jetzt die +Wärme gekommen war und das schöne Wetter, da hatte sie schon manchmal +Sehnsucht gehabt, wieder durch das Land zu wandern. Aber Frau Jutta +war gut gewesen, mit den Knaben vertrug sie sich; wenn der Magister +kam, dann sprach sie gern mit ihm, und die Arbeit auf dem Hofe machte +ihr Vergnügen. Aber sie war es nicht gewohnt, lange an einer Stelle zu +sein; von Land zu Land war sie mit dem Troß gezogen, und im Sommer war +es manchmal ganz schön gewesen. Jetzt, da sie satt war, vergaß sie, wie +der Hunger sie gequält hatte, vergaß sie, wie schmutzig und zerlumpt +sie gewesen war; sie dachte nur an die Freiheit, und daran, daß sie +sich nichts von einem verdrießlichen alten Mann gefallen lassen wollte. + +Konrad und Gottfried gingen aufs Feld, um der Kuh einen andern +Weideplatz zu geben, und Burga pfiff ihrem Hund, steckte sich das +von dem Räuber genommene Messer in den Gürtel, fühlte, ob die kleine +Geldtasche sicher auf ihrer Brust ruhte, und ging davon. Wenn Herr +Hanekamp meinte, daß sie eine Lügnerin, eine Freundin des roten Michels +wäre, dann konnte sie ja gehen. Wie undankbar war der Hamburger! Wäre +sie nicht gewesen, er liefe nackt im Wald umher und hätte Geld und +Kleider verloren! Aber so waren die Leute, die hinter dicken Mauern +saßen und die schöne, freie Welt nicht kannten! Die taugten alle +nichts, und wenn der rote Michel noch einmal einen Bürger ausraubte, +dann würde Burga ihn nicht daran verhindern! Ganz gewiß nicht! + +Immer eiliger lief das Lagerkind durch den Wald, dem Elbufer zu, von +dem sie gekommen war. Sie wollte wieder über den Fluß und das alte +Wanderleben beginnen. + +Es war ein schöner, heller Maientag. Überall sangen die Vögel, hier und +dort schlüpfte ein Häslein durch den Busch, hart an der Flottbeck ging +gravitätisch ein Storch spazieren und fing Frösche; die Elbe spiegelte +den blauen Himmel wieder und lag so still, als könnte sie niemals hoch +steigen und ihre Wellen donnernd gegen die Dünen schlagen. Burga kannte +jetzt die Gegend. Sie kannte die Fischerhäuser am Strand, die einstmals +Dächer gehabt hatten und Fenster, und die jetzt zum Teil halb verbrannt +und unbewohnt waren. Das kam vom Krieg -- darüber mußte man sich nicht +wundern. Hinten in Blankenese sollte es besser sein, und im Dorfe Wedel +gabs noch die Kirche, das Pfarrhaus und eine Menge von Häusern. Der +Magister hatte es Burga erzählt und sie zugleich eingeladen, ihn zu +besuchen. Sie würde gern einmal gekommen sein, aber nun wars zu spät; +der Magister brauchte auch nicht zu wissen, wohin sie ging. Sie wußte +es ja selbst noch nicht! Burga wischte sich die Augen und stampfte dann +mit dem Fuß. Sie war doch kein Schreikind, das noch weinte! Sie wollte +in die Welt und lustig sein! Und sie legte ihre Hand auf Wolfs Kopf, +der sich zärtlich an sie schmiegte. Ja, die vom Hanekamphof mochten +sich wundern, daß Burga und der treue Wächter nicht wieder kamen, aber +es war ihre eigne Schuld! Warum hatten sie solch häßlichen Oheim! + +Wolf steckte die Nase in die Luft und schnupperte. + +»Nun, was ist?« fragte Burga, und Wolf knurrte leise. Burga griff nach +ihrem Messer. Wölfe gabs nicht mehr, die waren nach Norden gezogen, +und wenn hier ein Fuchs umherlief, so mußte er am Leben bleiben. Noch +einmal knurrte der Hund und lief dann ins Dickicht, wohin ihm Burga +folgte. Da lag ein Mann mit einer Schußwunde im Kopf, und neben ihm +hockte ein Junge und weinte leise. + +»Ich kann ihn nicht hoch kriegen!« schluchzte er. »Die Räuber haben ihn +tot geschlagen!« + +Burga beugte sich über den Verletzten. + +»Er ist nicht tot. Hol Wasser aus dem Bach. Hast du nicht einen +Becher?« + +Der Junge trug einen Sack um den Hals. Er nahm einen Zinnbecher heraus +und holte eilig Wasser. Burga wusch die Wunde, riß ein Stückchen von +dem Sack und verband sie dann. + +»Ich hab ihn so gesucht!« wimmerte der Junge. »Heute morgen ist er nach +Altona gefahren, und ich wollte mit. Aber er sagte, ich sollte bei +Mutter bleiben. Sie liegt zu Bett, und wir haben auch das kleine Kind. +Aber heut nachmittag sagt einer von den Fischern, daß Vaters Boot bei +Teufelsbrück läge. Ich bin mit der Jolle herüber, und ich kann ihn +zuerst nicht finden. Das Boot liegt da --« Er zeigte auf den Strand. +»Nun möchte ich ihn wieder ins Boot bringen, aber allein kann ich's +nicht!« + +Burga sah in sein trauriges Gesicht. + +»Bist du nicht von da drüben?« + +Er nickte. + +»Von Finkenwärder! Vater ist Fischer und wir haben wenig zu essen!« + +Burga erkannte den kleinen Klas Stolz. Sie sah ihn, wie er ihr den +gebratnen Vogel ließ, und nun wußte sie auch, daß der große bewußtlose +Mann vor ihr derselbe war, der sie mit ihrem Hunde aufs Eis geschoben +hatte. Der kleine Klas weinte noch immer. + +»Wenn er tot bleibt, dann bleibt Mutter auch tot!« + +»Was sollte er tot bleiben! Faß ihn bei den Beinen an, und ich trage +seinen Kopf; wir kriegen ihn schon ins Boot, und dann kannst du wohl +das Rudern besorgen, denn ich muß seinen Kopf halten, damit er sich +nicht stößt!« + +Es ging langsam, aber es ging. Der Verwundete stöhnte, und der kleine +Klas begann zu weinen, aber Burga gebot ihm, still zu sein. Und wie +der Fischer erst in seinem eignen Boote lag, da schien es, als würde +er ruhiger, und der kleine Klas mühte sich redlich ab, das schwere +Fahrzeug über die Elbe zu bringen. Beinahe wärs nicht gegangen, aber +plötzlich kam ein kleines, flinkes Fahrzeug hinter ihnen her, ein +Fischer schwang sich ins große Boot und ruderte kräftig mit. Es war +ein alter Mann, der kein Wort sprach und der Burga die ganze Zeit +betrachtete, aber der kleine Klas flüsterte ihr zu, daß dies sein Ohm +Hans Peter wäre und daß der niemals viel sagte. Auch Wolf saß mit im +Boot, wußte aber auch, daß er sich nicht rühren durfte, und ließ nur +Burga nicht aus den Augen. Und dann lag Finkenwärder vor ihnen, und +Hans Peter griff mit an, den Verwundeten ans Land zu tragen. Um Burga +bekümmerte er sich nicht weiter, und auch der kleine Klas vergaß das +Danken. Er dachte nur an seine Mutter, und was sie zu dem verwundeten +Vater sagen würde. Also blieb Burga allein am Hafen zurück, setzte sich +ans Bollwerk und dachte darüber nach, ob sie sich ein Nachtquartier +suchen, oder im Freien schlafen wollte. Denn es war spät geworden. +Etwas abseits von den Fischerbooten lag ein Fahrzeug, das rote Kissen +hatte, und recht einladend aussah. Sogar ein Wolfsfell lag darin, und +wer sich da hinein wickelte, der hatte es gut. Burga betrachtete es, +halb in Gedanken. Dann begann sie hungrig zu werden und beschloß, sich +etwas Brot für sich und ihren Hund zu erbetteln. Sie hätte es auch +kaufen können, aber sie wußte, daß es immer klüger war, kein Geld zu +zeigen; sonst wurde es einem weggenommen. Langsam schlenderte sie +durchs Dorf. Mittlerweile war die Nacht gekommen; aber es war lau, und +die Sterne flimmerten freundlich und milde. In der Dorfstraße war +kein Mensch mehr zu sehen. Nur einige kleine Hunde kläfften, aber sie +rührten sich nicht aus dem Haus, in dem sie ein Loch in der Mauer zum +Ein- und Auslaufen hatten; wahrscheinlich ahnten sie, daß Wolf hinter +dem Mädchen herging, mit glühenden Augen, und gefletschten Zähnen. + +Burga erhielt nichts zu essen, und nur in einem Hause war noch Licht. +Das war das Wirtshaus zum Seeteufel, wo die Fenster offen standen und +man ins Gastzimmer sehen konnte. Drei dänische Offiziere saßen hier +hinter großen Zinnkrügen, würfelten und sangen. Burga betrachtete sie +aufmerksam. Der eine von ihnen war jung, die andern zwei hatten graue +Schnauzbärte und verwitterte Gesichter. Auf der Fensterbank lag ein +großes, mit Butter bestrichnes Brot, und daneben stand ein Becher mit +Wein. Burga trank eilig den Wein aus und nahm das Brot mit sich. Der +Wein floß heiß durch ihre Glieder, da vergaß sie den Hunger und gab +Wolf das größte Stück vom Butterbrote. Müde wurde sie auch, und ihr +fiel das Boot mit den roten Decken und dem warmen Fell ein. Es mußte +sich gut darin ruhen lassen; sie wollte es versuchen. Es lag auch noch +an derselben Stelle; sie ging hinein, legte sich auf die eine Bank, +deckte sich zu und forderte Wolf auf, unter die Bank zu kriechen. Er +tats natürlich; wenn er bei seiner Herrin war, konnte er stundenlang +still liegen und sich nicht vom Fleck rühren. + +Es war behaglich auf dem leise schaukelnden Boot. Die Elbe gluckste +leise, ein Nachtvogel strich unhörbar über sie dahin, und aus dem +Wasser schnellte ein Fisch, um wieder zurück zu fallen. Burga dachte +an den Hanekamphof, an Frau Jutta, an die Jungen. Was sie wohl sagen +würden, wenn sie nicht wiederkäme! Aber der Oheim war wirklich zu +häßlich gewesen. Mochten sie sehen, ohne sie fertig zu werden! Es war +dort sicher nicht übel gewesen, aber man konnte nicht immer an einem +Platz bleiben. Wozu war man denn ein Lagerkind und wanderte von Ort zu +Ort? Ein Lagerkind. Halb im Traum wiederholte Burga das Wort. Immer +war sies wohl nicht gewesen. Einmal hatte eine Mutter ihr die Hände +gefaltet und sie beten lassen: + + »Von Erd bin ich genommen, + zur Erde werd ich kommen! + Herr Christe tu mir weisen + den Weg zum Paradeisen!« + +Halblaut sprach Burga die Worte vor sich hin. Wie kam es, daß sie sich +ihr plötzlich auf die Lippen drängten? So lange, lange hatte sie sie +vergessen, nun kehrten sie zurück aus der Ferne. Ja, eine Mutter saß +einst an ihrem Bettchen und flüsterte ihr sanfte Worte zu; dann aber +kam Brand und Mord, Geschrei und Blut -- wo war die Mutter geblieben, +wo das Bettchen mit den dunklen Vorhängen, der rote Michel, der sie +herausriß und vor sich aufs Pferd nahm? Blutigrot flammte es hinter +ihr auf, und dann kam das Vergessen, das Umherwandern. Ein Prädikant +ritzte ihr den Namen in den Arm, und der rote Michel rieb die kleinen +Stiche mit Pulver ein, daher waren sie durch kein Wasser wegzubringen. +Aber der Prädikant war lange tot und Michel ein Räuber geworden. + +Der Wein war heiß gewesen, und Burgas Augen schlossen sich fest. Das +Wasser gluckste stärker, und Wolf begann zu knurren, aber seine Herrin +rief ihm schlaftrunken zu, ruhig zu sein; da legte er sich wieder hin. + +Dann kam ein kalter Wind, die Sonne schien dem Mädchen ins Gesicht, +sie fuhr auf und rieb sich die Augen. Auf dem Wasser lagen dichte +Nebelschleier, aber das Boot trieb langsam stromabwärts. Vorn im +Fahrzeug lag ein Offizier mit dem Kopf auf der Ruderbank. Er trug +keinen Hut, sein Gesicht war blutig und geschwollen, und dabei schien +er fest zu schlafen. Aber, wie Burga ihn verwundert betrachtete, fuhr +er in die Höhe, steckte die Hände ins Wasser und rieb sich damit das +Gesicht. Dies wiederholte er mehrmals und starrte endlich Burga aus +großen blauen Augen an. + +»Ich möchte wohl wissen, wo ich bin!« sagte er langsam. + +»Das möchte ich auch!« erwiderte Burga, und er nahm wieder ein paar +Hände voll Wasser und begoß seinen Kopf. + +»Der Wein war stark!« murmelte er vor sich hin, dann griff er nach +seiner Stirn. + +»Da hat mich jemand gehauen!« + +»Aber ordentlich!« versicherte Burga. »Ihr werdet Streit beim Trinken +bekommen haben!« + +»Meinst du?« Er dachte nach. »Ja, ich glaube, daß der Wirt kam und noch +ein paar Fischer. Die Kameraden wollten keine Zeche bezahlen, und die +Leute wurden böse.« Wieder wusch er sein Gesicht. Dann sah er sich um. +»Wo sind die zwei andern Herren?« + +Burga wußte es nicht. Der Nebel hob sich, und sie sah, daß das Fahrzeug +den Strom hinunter trieb. Dorthin, wo viele Häuser standen und einige +Schiffe lagen. Es war noch früh am Tage, und auf dem Wasser war nicht +viel Leben. Nur ein Boot mit Soldaten kam ihnen entgegen, und aus ihm +wurde Burgas Gefährte angerufen. + +»Junker Rantzau, seid Ihrs? Und wo sind die andern Herren?« + +Ein großer Offizier bog sich aus dem Boot, griff nach dem treibenden +und schwang sich hinüber. Dann stieß er einen Schrei aus, denn Wolf war +unter der Bank hervorgeschossen und packte ihn am Bein. + +»Zurück Wolf« rief Burga, und der Hund ließ den Mann los, stand aber +knurrend, mit geöffnetem Maul. + +Der Offizier sah Burga zornig an. + +»Was ist dies? Was willst du hier, im Boot, das Seiner Majestät dem +König gehört? Und Ihr Junker, wie seht Ihr aus? Habt Ihr Euch mit +Feinden geprügelt?« + +Der Junker zuckte die Achseln. + +»Ich kann mich nicht mehr auf die Geschichte besinnen, Herr +Rittmeister! Es wird schon Krawall gegeben haben, wenigstens sagt mir +dies mein Schädel!« + +Der Rittmeister machte ein finsteres Gesicht. + +»Es ist verboten, nach den Elbinseln zu fahren und dort Wein zu +trinken! Die Schweden sind nicht weit, und die Kaiserlichen treiben +sich gleichfalls umher, wo man sie nicht erwartet. Also habt Ihr Euch +in unnötige Gefahr begeben, und der Obrist wird Euch in Arrest stecken! +Besonders wenn Ihr nicht sagen könnt, wo die zwei andern Herren sind!« + +Wieder rieb der Junker seinen Kopf. + +»Es ist mir, als hätte ich sie auf der Erde liegen sehen. Und weil +die Fischer in der Übermacht waren, bin ich wohl eilig in unser Boot +gelaufen. Ganz genau kann ich's aber nicht sagen, Herr Rittmeister. +Im Seeteufel gab's einen guten hispanischen Wein, und wenn's an mir +gelegen hätte, würde ich ihn auch bezahlt haben.« + +Der andre Offizier sagte nicht viel mehr. Er hatte das große Boot an +das seine befestigen lassen, und die Soldaten ruderten es von ihrem +Fahrzeug aus vorsichtig ans Land. + +Neugierig sah Burga um sich. Dies war natürlich das Dorf Altona, +von dem sie schon gehört hatte. Steil und aufrecht standen mehrere +Speicher, dicht daneben lag ein großes, düsteres Haus, und in der Ferne +erhob sich der Galgen, ohne den es nun einmal keinen anständigen +Ort gab. Burga freute sich, wieder an Land gehen und bald nach dem +Hanekamphof zurückkehren zu können. Es tat ihr doch leid, daß sie so +davon gelaufen war. Frau Jutta und die Jungen hatten ihr nichts getan, +und der alte unangenehme Ohm würde sicher heute wieder abreisen. + +Sie stand schon auf der Brücke und sah sich nach Wolf um, der mit +gesträubtem Haar vor einer Katze stand, als sich ihr eine schwere Hand +auf die Schulter legte. + +»Komm mit, Dirn! Ich will dir dein Gefängnis anweisen!« + +Erstaunt sah Burga in ein verwittertes Soldatengesicht, in dem ein +langer grauer Schnurrbart fast auf die Brust hing. + +»Was soll ich im Gefängnis?« fragte sie, und der Wachtmeister lachte +dröhnend. + +»Eine lustige Frage! Was tut man im Gefängnis? Da wartet man fein +säuberlich auf das Gericht und auf den Galgen!« + +»Ich brauche beides nicht!« + +»Du brauchst es nicht, Dirn? Wir aber brauchen dich! Zwei von unsern +Rittmeistern sind in dieser Nacht elend umgekommen. In diesem Boot +sind sie fröhlich ausgefahren, und nun sitzest du darin, mit einem +Höllenhund, der einen andern hohen Offizier gleich ins Bein beißt!« + +»Er hat nicht fest zugefaßt, er wollte mich bewachen!« + +»So sagst du natürlich; ich aber glaube, daß du eine Hexe bist und daß +dieser Hund der leibhaftige Teufel ist! Marsch!« + +Noch einmal packte der Wachtmeister das Mädchen, um dann gleich einen +wilden Fluch auszustoßen. Denn der Höllenhund ließ die Katze laufen +und legte seine mächtigen Pranken dem Dragoner auf die Schultern, daß +dieser fast zusammenknickte. Aber er verlor nicht die Besinnung. + +»Nimm das Tier weg!« sagte er halblaut. »Sonst renne ich ihm mein +Messer in den Leib!« + +»Versucht es!« + +Burga rief es trotzig, und wie der Wachtmeister eine Bewegung nach +seinem Gürtel machte, da hätten die spitzen Zähne des Hundes beinahe +zugebissen. Burga hinderte das Tier daran. Sie hielt ihm das Maul +zu und flüsterte einige beruhigende Worte. Da ließ Wolf von dem +Wachtmeister und stand zähnefletschend neben seiner Herrin. Der +Wachtmeister aber fluchte, daß alle Soldaten zusammenliefen: »Jungen, +nehmt eure Karabiner und schießt das Biest tot! Und wenn die Dirn eine +Kugel trifft, wirds auch nicht schaden!« + +»Oho! Bist du der Herr über Leben und Tod?« + +Ein großer Offizier mit stolzem Gesicht stand plötzlich neben dem +Wachtmeister, der die Hacken zusammenschlug und den Hut vom Kopf riß. + +»Herr Obrist, diese Hexe hier und dieser Hund --« + +»Schon gut, Balthasar!« Der Obrist machte eine lässige Handbewegung. +»Ein alter Grimmbart, wie du, sollte sich nicht vom Zorn meistern +lassen! Es wäre schade um den Hund, wenn er erschossen würde. Es +scheint ein gutes Tier zu sein! Ich will ihn in meinen Stall nehmen. +Die Dirn mag derweil ins Gefängnis gebracht werden. Ich werde +untersuchen, ob sie des Galgens schuldig ist!« + +Er winkte einigen Soldaten, daß sie den Hund anfassen und ihn mitnehmen +sollten, aber sie standen und rührten sich nicht. Wolf sträubte seine +Haare und zeigte sein mächtiges Gebiß. + +»Wird's bald?« + +Der Obrist sah sich um. + +Da faßte Burga das Tier am Halsband und brachte ihn dem Herrn. + +»Behaltet ihn, Herr, wenn Ihr mir versprecht, ihn gut zu behandeln. Ich +will ihm sagen, daß er Euch gehorchen soll!« + +Sie nahm die Hand des Obristen, streichelte sie und flüsterte ihrem +Hunde etwas ins Ohr. Da verlor sich seine wilde Miene, er wedelte ein +wenig und schloß das Maul mit den großen Zähnen. + +»Seid gut zu ihm, Herr, dann werdet Ihr Freude an ihm haben!« + +Der Obrist stand unschlüssig. + +»Du schenkst mir den Hund, und ich schicke dich ins Gefängnis! Warum +aber hast du meine Offiziere verschwinden lassen?« + +Burga sah ihn ehrlich an. + +»Ich tat's wirklich nicht, Herr! Wenn der Junker, mit dem ich fuhr, +seinen Rausch verwunden hat, wird ihm vielleicht allerlei einfallen. +Aber wenn ich gehängt werden soll, dann macht es nur schnell. Einmal +kann man nur sterben; aber es ist langweilig, auf den Tod zu warten!« + +»Herr Obrist, sie ist eine Hexe!« rief Balthasar. »Glaubt nicht ihrer +unschuldigen Miene!« + +Aber da drängte sich der Junker Rantzau an den Obristen. Er trug jetzt +ein nasses Tuch um den Kopf, und sein Gang war straffer geworden. + +»Herr Obrist, mit Verlaub zu melden, ich glaube nicht, daß die Dirn was +Böses tat. Ich hab wohl zu viel Wein getrunken, und daher kann ich mich +immer noch nicht ordentlich besinnen. Jemand hat mich auch mit einem +Ruder auf den Schädel geschlagen, und er brummt sehr stark. Aber ich +weiß jetzt, daß die Rittmeister den Wein nicht bezahlen wollten und daß +der Wirt böse wurde. Wer mich ins Boot getragen hat, weiß ich nicht, +und wie die Dirne hineingekommen ist, kann ich auch nicht sagen! Aber +morgen werde ich mich auf alles besinnen können!« + +»Also werden wir einige Mann nach Finkenwärder schicken und uns nach +unsern Herren erkundigen!« sagte der Obrist nach einigem Nachdenken. +Dann hob er die Hand. »Ihr, Junker Rantzau, begebt Euch in Arrest, +denn es ist verboten, auf die Elbinseln zu gehen, und du, Dirn, magst +vorläufig ins Gefängnis wandern. Wenn du nichts Böses tatest, wirst du +schon wieder freigelassen werden!« + +»Und weshalb soll sie ins Gefängnis!« + +Eine heisere Stimme rief es, und der Magister Timotheus Lange drängte +sich durch die Soldaten. + +»Ich kenne dies Kind!« fuhr er fort. »Sie ist eine gute Dirne und +arbeitet treu auf dem Hanekamphof! Weshalb sie nach Finkenwärder +gefahren ist, kann ich nicht sagen! Aber Böses wird sie dort nicht +getan haben!« + +Der Obrist machte ein ärgerliches Gesicht. »Laßt das Reden, Magister! +Wir sind hier nicht in der Kirche, und Ihr habt hier nichts zu sagen!« + +»Oho!« Der Magister hob den Arm, an dem keine Hand mehr war. »Ich rede, +wann ich will! Wer ein rechter Diener Gottes ist, der muß nicht allein +in der Kirche reden, sondern auch auf der Straße. Und er muß helfen, wo +Hilfe nötig ist! Fragt nur den Wachtmeister Balthasar, ob ich ihm nicht +half!« + +Doch wie sich Timotheus nach diesem umsah, da war er nirgends zu +finden, sondern hatte sich eilig in ein Seitengäßchen begeben. Der +Rittmeister aber, der das Boot eingefangen hatte und der ärgerlich +neben dem Obristen stand, zog seinen Pallasch. + +»Magister, haltet den Mund, Ihr seid unehrerbietig gegen des Königs +Soldaten!« + +Doch der Obrist legte den Arm in den seinen und ging mit ihm davon. + +»Kommt, Herr von Brockdorf! Wir wollen in unser Quartier gehen und uns +nicht weiter um die Sache bekümmern! Laßt die sonderbaren Leute laufen! +Mir hat's gleich nicht gefallen, daß ich ein Mädchen hängen lassen +sollte. Und wenn der Magister forsch redet, so habe ich daran auch +nichts auszusetzen. Zu Haus hatten wir auch so einen Prädikanten, der +das Reden verstand. Den haben die Kaiserlichen totgeschossen, als sie +mein Elternhaus anzündeten! Darüber betrübe ich mich noch immer, und +wir wollen diesen Mann in Frieden lassen.« + +»Und der Hund?« Der Rittmeister fragte es, und der Obrist sah sich um. +Langsam folgte ihm Wolf. Er trug den Kopf gesenkt und machte einen sehr +traurigen Eindruck. Aber er ging hinter dem neuen Herrn her. + +Der Rittmeister faßte nach einem Amulett, das er auf der Brust trug. +»Das Mädchen ist doch eine Hexe! Sie treibt Zauberei mit Tieren! Die +würde ich nicht frei laufen lassen!« + +Der Obrist besann sich einen Augenblick. + +»So geht zurück und befehlt, daß die Dirn das Dorf nicht verlasse, und +auch der Magister soll bleiben!« + +So also geschah es, daß gerade, als der Magister mit Burga Altona +verlassen wollte, der Rittmeister erschien und sie beide mit Hilfe +einiger Soldaten in das neue Gefängnis brachte. + +»Morgen werdet Ihr gerichtet werden!« versprach er zugleich, aber der +Magister zuckte die Achseln. + +»Ihr seid ein ungerechter Mann, Herr Rittmeister! Ich habe Euch gar +nichts getan, und das Mädchen ist ein unschuldig Kind! Möget Ihr Eure +Ungerechtigkeit niemals bereuen!« + +Aber Herr von Brockdorf faßte wieder nach seinem Amulett und ermahnte +den Beschließer, die zwei gefährlichen Menschen treu zu bewachen. Denn +dazumal glaubte man noch an Hexen und an Zauberer, und daher war dem +armen Rittmeister kaum zu verdenken, daß er sich wunderte, wie Burgas +Hund ihr gehorsam war. Aber der Magister war doch sehr ungehalten, als +ihn der Kerkermeister in ein kleines Loch im Keller des neuen Hauses +führte, und es war gut, daß Burga die Zelle neben der seinen hatte. +Denn die Wände waren nur von Brettern, und die zwei Gefangenen konnten +sich gut miteinander unterhalten. Burga berichtete nun von dem Ohm +Hanekamp und von dem Finkenwärder Fischer, und der Magister hörte ihr +nachdenklich zu. + +»Du scheinst mir nichts Übles getan zu haben, Kind, und dir wird übel +gelohnt. Aber so ist es in der Welt; wer da meint, daß die Menschen +gut und dankbar sind, der irrt sich. Dem Balthasar habe ich das Leben +gerettet, aber er will mich nicht kennen. Dabei bin ich nur nach +Altona gekommen, weil mich der Pastor Rist mit einem Auftrag an den +Prädikanten in Ottensen schickte. Er aber sollte hier zu finden sein. +Nun sitze ich im Gefängnis und muß vielleicht Monate schmachten.« + +»Es wird schon noch gut werden!« tröstete Burga von der andern Seite +der Bretterwand. »Mir schien der Obrist ein gutes Gesicht zu haben, und +der eine Junker war auch nicht übel. Man muß Geduld haben!« + +Da setzte sich Magister Timotheus auf seinen Strohsack, faltete die +Hände und schalt sich selbst aus, weil er mißmutig war. Und dann sagte +er sich einige Sprüchlein und Bibelverse her, und Burga hörte ihm +andächtig zu. Bis sie fest einschlief und auch nicht aufwachte, als +der Kerkermeister eintrat und ihr einen Teller Wassersuppe und ein +Stück Brot hinstellte. Denn der vorige Tag hatte sie müde gemacht, +und der Schlaf auf dem Boote war nur kurz gewesen. Wie der Magister +ihre Atemzüge hörte, legte auch er sich zum Schlafen und vergaß die +dänischen Reiter und alles, was ihn ärgerte. + +[Illustration] + + + + +[Illustration: Sechstes Kapitel] + + +Herr Jobst Hanekamp fand das Landleben auf dem Hof seiner Verwandten +nicht so angenehm, wie er es sich vorgestellt hatte. Denn so freundlich +Frau Jutta ihn auch aufnahm, als sie merkte, daß Burga verschwunden +war und nicht wiederkehrte, da wurde sie zerstreut und suchte sie in +allen Winkeln des Hauses. Aber sie war nirgends zu finden. Gottfried +und Konrad begannen den Wald zu durchstreifen und riefen nach dem +Mädchen. Sie hatte ihren Hund mitgenommen, das war auch ein Kummer; +denn niemals war der Hof so gut bewacht worden, wie seitdem Wolf ihn +des Nachts langsam umkreiste. Als es nun klar wurde, daß alles Suchen +vergeblich war, da saß Konrad in einer Ecke der Diele und weinte, +während Gottfried laut über alles schalt, das weiblich war. Solch +dummes Mädchen wie die Burga gab es nicht mehr; wenn sie ein Junge +gewesen wäre, würde sie sich anders benommen haben! Wenn sie wieder +käme, würde er sie vom Hof jagen! Darüber schalt Konrad, weil er sich +nur freuen würde, wenn Burga wieder erschiene, und bald wären die +Brüder tüchtig aneinander geraten. Frau Jutta ermahnte sie zum Frieden; +aber sie verhehlte nicht ihre Trauer, und Herr Jobst bemerkte, daß man +sich aus ihm, dem reichen Verwandten, nicht so viel machte, wie er es +erwartet hatte. Es schlug ihm auch das Gewissen, weil er Burgas Hülfe +nicht grade gut vergolten hatte, jedenfalls schlief er in dieser Nacht +sehr schlecht und wollte gleich am nächsten Morgen nach Hamburg zurück. +Das aber ging nicht so schnell. Erstens wollte Herr Jobst natürlich +eine gute Begleitung haben, damit kein Räuber ihn anfallen konnte, und +dann auch dachte er jetzt erst an den Fischer, den er sich zur Herreise +nahm und den er sofort, als er in Gefahr kam, vergessen hatte. Wo war +der Mann, und konnte man ihn am Elbstrand erreichen? + +Herr Hanekamp ging natürlich nicht an die Elbe, aber er schickte seine +Großneffen, die bald unverrichteter Sache zurückkehrten. Es lag kein +Boot am Ufer, und von einem Finkenwärder Fischer war nichts zu sehen. +Der war natürlich wieder in sein Dorf gefahren. Herr Hanekamp schalt. +Auf niemand konnte man sich mehr verlassen, und nun wünschte er, daß +die Knaben nach Altona gingen, um ihm einige Soldaten zu holen, die ihn +wieder an die Hamburger Grenze, über den Pepermolenbeck geleiteten. +Er würde auch eine gute Belohnung dafür geben. Jetzt erhob Frau Jutta +Einspruch. Sie hatte ihre Söhne in der Wirtschaft nötig, und da Burga +nicht da war, konnte sie sie noch weniger entbehren. Vielleicht konnte +man eine Botschaft nach Ottensen oder an die Elbe schicken, wo die +Fischer sich übers Wasser allerhand Zeichen gaben und dadurch ein Boot +von der andern Seite herbeiwinkten. Aber Herr Hanekamp wollte nicht +aufs Wasser. Dort konnte es auch böse Menschen geben; er war für die +dänischen Dragoner, die ihn mit ihren Karabinern und großen Säbeln +schützen sollten. + +An diesem Tage ließ sich also nichts machen, aber am andern Morgen, als +Gottfried auf dem Felde arbeitete, gewahrte er einige Reiter, die einen +zerlumpten Menschen zwischen sich führten. Meistens ging der Junge den +Soldaten aus dem Wege, aber heute lief er auf sie zu und fragte, ob sie +einen Hamburger Kaufherrn wieder in seine Stadt geleiten wollten. Die +Dragoner, drei an der Zahl, erklärten sich dazu bereit, wenn sie eine +gute Bezahlung dafür erhielten, und so ritten plötzlich die Dänen auf +den Hanekamphof, und zwischen ihnen hinkte jämmerlich derselbe Räuber, +mit dem Herr Jobst schon einmal Bekanntschaft gemacht hatte. + +Der Kaufherr war so froh, wieder heimreisen zu können, daß er gleich +auf eins der Pferde steigen wollte. Aber der älteste von den Reitern, +ein Unteroffizier, rief lachend: »Gemach, werter Herr! Laßt uns erst +einmal diesen Hof betrachten! Wir haben ihn noch nicht gesehen, und +man könnte uns hier wohl eine gute Mahlzeit bereiten! Außerdem --« er +klopfte Gottfried, der breitbeinig neben ihm stand, auf den Rücken. +»Mir kommt vor, als könnte dieser Junge einen guten Dragoner abgeben! +Der König braucht Soldaten, es ist eine Ehre, seinen Rock zu tragen! +Und was ist dort?« Er zeigte auf das Schwedenpferd, das grade an +der Tränke stand. »Wißt Ihr nicht, daß laut königlichem Befehl alle +Pferde abzuliefern sind, damit der Feind sich ihrer nicht bemächtigt? +Ihr verdientet Strafe für Eure Unterlassung, aber ich will ein Auge +zudrücken und den Schimmel stillschweigend mitnehmen. Der alte +Hamburger darf sich darauf setzen, und der Junge kann nebenher laufen.« + +Frau Jutta war schneeweiß geworden. »Nehmt das Pferd,« bat sie mit +gefalteten Händen, »aber laßt mir meinen Jungen! Er ist erst vierzehn +Jahre alt, viel zu jung fürs Kriegshandwerk!« + +»Zu jung? Grade das rechte Alter! Wenn er sich Mühe gibt, kann er in +etlichen Jahren Offizier sein!« + +Frau Jutta wollte antworten, aber der Unteroffizier fiel ihr ins Wort. + +»Keine Widerrede, Frau! Wenn du dich weigerst, deinen Sohn herzugeben, +plündern wir den Hof aus!« + +Er machte ein so finsteres Gesicht, daß man merkte, wie es ihm Ernst +war. Und nun mußte Frau Jutta das Beste kochen, was sie auf dem Hof +hatte. Fast alle ihre Hühner wurden geschlachtet, das Kälbchen wurde +getötet und zerlegt, und was an Eiern und anderen Vorräten auf dem Hof +war, wurde in Beutel gestopft und den Pferden auf den Sattel gelegt. + +Es war ein trauriger Tag für den Hanekamphof; die Reiter zogen +gesättigt davon, während der rote Räuber und der junge Rekrut +neben ihnen her liefen. Herr Hanekamp saß auf dem breiten Rücken +des Schwedenpferdes und in dem bequemsten Sattel; aber es war ihm +nicht sehr gut zu Mute. Er sah ein, daß sein Besuch auf dem Hof der +Verwandten nur Unglück gebracht hatte. Es war auch kein Trost für ihn, +daß der rote Michel gefesselt neben seinem Pferde herlief; er dachte +an das blasse Gesicht Frau Juttas, wie sie von ihrem ältesten Sohn +Abschied nehmen mußte, und er hatte die Ahnung, daß die guten Tage des +Hanekamphofes gezählt waren. Bis dahin war er verborgen geblieben; +jetzt würden die dänischen Dragoner ihn allmählich ausplündern, und +Frau Jutta konnte ihn, allein mit einem Sohn, wohl auch kaum halten. + +Der Unteroffizier ritt lustig durch den Sonnenschein und ließ seine +Reiter ein Lied nach dem andern singen. Wenn sie heiser waren, erzählte +er Gottfried von seinen Kriegsabenteuern. Er war viel im Lande umher +gewesen und hatte manche Schlacht mitgemacht. Gottfried sollte jetzt +gleich nach Kopenhagen geschickt werden; wenn er Glück hatte, konnte er +schon bald an die Schweden kommen. + +Gottfried sagte nicht allzuviel; er hatte wohl Lust, ein Dragoner zu +werden, aber er mußte an seine Mutter, seinen Bruder denken. Er kniff +die Augen zusammen und ging trotzig weiter, während der rote Michel von +den Soldaten gehänselt wurde. + +»Jetzt wirst du ganz gewiß gehängt, Roter!« neckten sie ihn. »Unser +Obrist kann keine Räuber leiden, und so einen Rotkopf wie dich, nun +ganz gewiß nicht! In Altona steht ein feiner Galgen, und an ihm ist +grade genügend Platz!« + +Der Rote warf den Kopf in den Nacken und gab eine freche Antwort, und +Herr Hanekamp wunderte sich, daß ein dem Galgen Bestimmter noch so +antworten konnte. Plötzlich pfiff es gellend. Herrn Hanekamps Pferd +stieg steil in die Höhe und raste mit ihm davon. Einige Kugeln sausten +hinter ihm her, und der schwedische Schimmel schlug so aus, daß sein +Reiter mit einem gewaltigen Schwung auf der Erde landete. Im Graben +der Landstraße lag der arme Hanekamp und glaubte seine letzte Stunde +gekommen, aber nach einer Weile bückte sich Gottfried über ihn und zog +ihn aus dem morastigen Wasser. + +»Herr Ohm, wir haben Glück gehabt! Die Dänen sind totgeschossen, und +die Helfershelfer des roten Räubers sind mit den Pferden und allen +Lebensmitteln weggeritten. Euer Pferd haben sie nicht gekriegt, und +sie sind auch nicht dahinter her gewesen; sie haben die andern Gäule +genommen und sind mit ihnen an die Elbe geritten. Ich glaube, sie +wollten ins Lüneburgische!« + +[Illustration] + +Herr Hanekamp stand naß und schmutzig da und rieb sich die schmerzenden +Gliedmaßen. + +»Wenn ich noch einmal mein Hamburg verlasse, soll man mich gleich +hängen!« brummte er, während Gottfried sich scharf umsah. + +»Wir sind wohl schon beim Dorf Ottensen, und weiter hinten liegt +Altona. Wenn Ihrs erlaubt, will ich Euch hinbringen. Vielleicht krieg +ich unser Pferd wieder; vorhin hab ich's noch laufen sehen!« + +So also konnte Herr Hanekamp nach einer Weile einen nicht grade +großartigen Einzug ins Dorf Altona machen: Er war mit Schlamm bedeckt, +seine Perücke war im Graben liegen geblieben, und er hinkte stark. +Aber er hütete sich, zu schelten. Freute er sich doch, daß Gottfried +bei ihm war und ihn beschützte. Dabei berichtete der Junge von dem +Überfall, der so schnell kam, daß niemand genau sagen konnte, wie alles +eigentlich zugegangen war. Die Räuber waren mit einem Male dagewesen, +und ihre Schüsse trafen nur zu gut. Alle drei Dragoner waren vom Pferd +gefallen, und wer nicht tot war, dem wurde vom Roten noch mit einem +Messer der Garaus gemacht. Gottfried schauderte beim Erzählen, er +deutete auf das Elbufer weiter unten. Dorthin hatten die Räuber die +Pferde getrieben und die Toten geschleppt. Wahrscheinlich wollten sie +sie noch der Uniformen berauben. + +Herr Hanekamp hörte schon gar nicht mehr zu, er wollte gleich an den +Pepermolenbeck, um auf Hamburger Gebiet zu kommen, aber eben vor Altona +trafen die zwei Wanderer auf eine dänische Schildwache, die sie anhielt +und sie auf den Markt führte. Hier stand der Obrist von Pechlin im +Kreise seiner Offiziere und hörte den Bericht von zwei Herren, die +verprügelt und verwundet zu sein schienen. Beide hatten verbundene +Köpfe und während dem einen die Uniform zerrissen war, lief der andere +auf bloßen Füßen. + +Der Obrist machte ein böses Gesicht und seine Stimme schallte weit über +die Straße. Eben hatte er einen kurzen Befehl gerufen, worauf sich ein +Soldat in ein düsteres auf dem Markt stehendes Gebäude begab, als seine +Augen auf Herrn Hanekamp und auf Gottfried fielen, die die Schildwache +dicht an den Kreis brachte. + +»Was sind dies nun wieder für Vögel?« erkundigte er sich, und Herr +Jobst richtete sich würdevoll auf, so weit ihm dies möglich war. + +»Herr Obrist, ich bin der Hamburger Kaufmann Jobst Hanekamp, und dicht +vor Altona haben mir die Räuber übel mitgespielt.« + +Er berichtete, wie alles gewesen war, und Gottfried stand daneben, und +wenn Jobst nicht weiter wußte, half er aus. + +Der Obrist ließ die zerzausten Herren Offiziere stehen und hörte +aufmerksam zu, fragte hin und her und riß an seinem Schnurrbart. Herr +Hanekamp war immer ruhiger geworden und erzählte ohne Umschweife, wie +die dänischen Reiter auf dem Hofe gehaust hätten, wie sie nicht allein +fast alles Eßbare nahmen, sondern auch den ältesten Sohn. Und dabei +waren es die Soldaten, die das Land verteidigen sollten gegen die +Feinde. + +Als er soweit gekommen war, zuckte der Obrist mißmutig die Achseln. + +»Herr Hanekamp, Ihr müßt bedenken, daß wir im Kriege leben; da geht +mancherlei drunter und drüber!« + +»Man sollte diese Ungerechtigkeit nicht dulden!« erwiderte der Kaufherr +ernsthaft. »Was soll aus dem Holstenlande werden, wenn die eignen +Soldaten es ausplündern? Ich muß gestehen, daß ich mich recht freute, +wie diese Dragoner das Leben lassen mußten, obgleich ich ein ehrlicher +Mann und nicht für Räuber bin.« Er wollte noch etwas hinzusetzen, als +sein Auge auf den Hund fiel, der neben dem Obristen stand. Er hielt mit +Sprechen inne, und seine Augen wurden groß vor Staunen. + +»Was habt Ihr?« fragte der Obrist, und der Hamburger deutete auf den +Hund. + +»Vor wenigen Tagen habe ich einen ähnlichen Hund mit einem Mädchen +gesehen. Beide retteten mir damals wenn nicht das Leben, so doch meine +ganze Habe, und ich möchte wohl wissen, ob besagtes Mädchen auch hier +ist. Denn ich möchte ihr eine Schuld abbitten!« + +Herr von Pechlin zeigte auf Burga, die gerade von einem Soldaten +hergeführt wurde. »Hier ist das Mädchen! Was wollt Ihr von ihr?« + +»Vielleicht darf sie mich nach Hamburg begleiten!« sagte Herr Hanekamp +feierlich. »Zum ersten wird es für sie gut sein, da sie doch ein +Lagerkind ist und nicht weiß, wie man sich in der Welt zu benehmen hat, +und zum zweiten, weil ich gegen sie nicht so dankbar gewesen bin, wie +sie wohl verlangen konnte. Aber ich bin ein langsamer Mann und muß mir +alles erst überlegen. Ich glaube ja auch, daß sie nicht die Wahrheit +spricht, wenn sie sich eine Rantzau nennt, aber ein junges Blut hat +leicht die Zunge vorweg, und man muß ihr die Worte nicht zu hoch +anrechnen. Ich werde ihr eine gute Erziehung geben lassen und dafür +sorgen, daß sie einen ehrsamen Mann erhalte!« + +Er sprach ernsthaft, und der Obrist hörte höflich zu. Denn er wußte, +daß sein König große Stücke auf die Hamburger hielt, die ihm schon +manchen Dukaten fürs Kriegführen geliehen hatten. Doch Burga lachte +hell und trotzig auf. + +»Vielen Dank, Herr Hanekamp, aber ich gehe nicht mit Euch! Ich bleibe +lieber auf dem Lande und habe meine Freiheit, als daß ich in eine Stadt +gehe, und wenn sie auch Hamburg hieße!« + +»Du wirst nicht gefragt!« versetzte Herr Hanekamp. + +»Ich will aber gefragt werden!« rief Burga. »Ihr seid kein guter Mann! +Ihr habt schlecht von mir gesprochen bei Frau Jutta, obgleich ich +Euch nur Gutes erwies, und Ihr habt Euch garnicht um den armen Fischer +gekümmert, der Euch nach draußen brachte und den ein Räuber beinahe tot +schlug! Ich hab ihn mit dem kleinen Klas nach Finkenwärder gebracht, +und Hans Peter von Neumühlen ist dabei gewesen und hat mir geholfen!« + +Sie wollte weiter sprechen, aber der Obrist hob die Hand. + +»Du hast ja ein schreckliches Mundwerk, und ich würde mich freuen, wenn +du in Hamburg bei dem ehrenwerten Herrn gute Manier und feines Benehmen +lerntest; aber über alle Dinge habe ich nicht zu sagen, und wenn du +ein Lagerkind bleiben willst, so will ich dich nicht daran hindern! Du +magst gehen, wohin es dir gefällt!« -- + +Burga wollte davonlaufen, da aber hielt Timotheus Lange sie zurück. Er +war gleichfalls aus dem Gefängnis geführt worden. + +»Werter Herr Obrist!« sagte er. »Sind wir bei den Heiden oder bei den +Christen? Vorgestern habt Ihr Walburga einstecken lassen, weil Ihr sie +für eine Hexe und vielleicht für eine Mörderin hieltet. Die Herren +Offiziere sind aber heute wieder zurückgekehrt, und wenn sie Prügel von +den Fischern bekommen haben, so wird das ihre eigene Schuld gewesen +sein.« + +»Das Mädchen ist frei!« unterbrach der Obrist den Magister. + +»Ganz recht, Ihr gebt sie frei; ihren Hund aber habt Ihr genommen, und +sie selbst erhält keinen Ersatz für die ausgestandene Angst, ebenso, +wie ich ohne Schuld eingesperrt wurde und nun laufen kann, ohne daß man +sich bei mir entschuldigt!« + +Timotheus Lange sprach laut, und der Rittmeister Brockdorf, der immer +ein wenig vorwitzig war, griff nach dem Degen. Denn wenn er sich +ärgerte, wollte er immer gleich losschlagen. Aber der Obrist erhob die +Hand. + +»Rittmeister, ärgert Euch nicht; ich tu's auch nicht. So ein Prädikant +muß seine Zunge in Übung halten, und ich hab's im Grunde nicht ungern, +wenn ich auch einmal ausgescholten werde. Denn das erinnert einen an +die eigene Kindheit, wo man noch lustig war und keine Sorgen hatte.« + +Er wandte sich an den Magister und zog zwei Goldgulden aus der Tasche. +»Nehmt hier ein kleines Schmerzensgeld, Prädikant, und auch den Hund +bekommt das Mädchen wieder. Das Tier ist mir wohl gefolgt, hat aber +doch Heimweh gehabt, und dafür bin ich mir doch zu gut -- meine Leute +und Tiere sollen sich bei mir wohl fühlen!« + +»Ist's wahr?« + +Burga lief zu Wolf, der halb ängstlich neben dem Obristen stand. Sie +legte ihm die Arme um den Hals, flüsterte mit ihm und führte ihn zu +Herrn von Pechlin. + +»Sag ihm Lebwohl!« befahl sie, und der Hund legte eine seiner Tatzen +auf den Arm des Obristen. Dann stieß er ein Freudengeheul aus und +drängte sich an Burga. + +»Sie ist doch eine Zauberin!« sagte der Rittmeister Brockdorf, aber der +Magister rief laut: »Wer die Seele der unvernünftigen Kreatur erkannt +hat, ist darum noch kein Zauberer!« + +Herr Hanekamp hatte diesem allem schweigend zugesehen. Nun ging er auf +Burga zu. + +»Ich würde an deiner Stelle doch mit nach Hamburg kommen. Wahrlich, du +sollst es bei mir nicht schlecht haben, und ich denke, daß ich Frau +Jutta und ihren Konrad auch zu mir nehmen werde. Im Holstenland ist es +wirklich gefährlich, und bei uns in Hamburg ist Friede.« + +Er sprach ruhig, und Timotheus Lange redete Burga zu. + +»Geh mit dem Herrn, es wird besser für dich sein; du kannst lernen und +eine ansehnliche Jungfrau werden!« + +»Ich werde mich nach dem Fischer umsehen lassen!« versprach Herr +Hanekamp, und Burga legte die Hand an Wolfs Halsband. »Den aber muß ich +mit haben! Und du, Gottfried, kommst auch?« + +Der Junge schüttelte den Kopf. + +»Ich will ein Obrist werden wie dieser hier!« flüsterte er und sah +Herrn von Pechlin so bewundernd an, daß dieser ihn auf die Schulter +schlug. »Natürlich, Junge, du bleibst bei meinen Soldaten! Wirst sehen, +wie schön das Kriegshandwerk ist! Dem kommt nichts gleich!« + +»Es ist auch gut, ein Lagerkind zu sein!« sagte Burga halblaut für +sich, denn es tat ihr schon leid, mit Herrn Hanekamp gehen zu sollen. +Aber Timotheus Lange sprach ernsthaft auf sie ein. + +»Kind, verwirke nicht dein Glück! Siehst du nicht an mir, wie schlimm +es ist, in die Hände böser Menschen zu fallen, und wer weiß, auch dir +könnte beim Umherziehen Übles begegnen!« + +Er wies auf seinen Armstumpf, und seine Stimme klang besonders rauh und +belegt. + +Herr Hanekamp hörte ihm nachdenklich zu. + +»Ihr scheint mir ein verständiger Mann zu sein, Magister, und man merkt +es, daß Euch arg mitgespielt ist. Ich weiß jetzt, wie es tut, in die +Hände der Bösen zu fallen, und auch Ihr solltet mit mir nach Hamburg +kommen! Wir haben immer Männer nötig, die eine scharfe Predigt halten +können und kein Blatt vor den Mund nehmen. In meinem Hause ist Platz +für Euch, und ich werde Euch schon eine Anstellung besorgen!« + +Der Magister zögerte mit der Antwort, und der Kaufherr wandte sich ab. + +»Besinnt Euch auf meinen Vorschlag und kommt zu mir, wann Ihr Lust +habt. Jetzt aber möchte ich an den Pepermolenbeck gehen und die +Schildwache anrufen, daß sie die Zugbrücke herunterläßt. Zuerst wird +mich in meiner Vaterstadt niemand kennen, da mich noch niemand in einem +so trübseligen Aufzug wie heute gesehen hat. Aber meine Mitbürger mögen +daraus sehen, wie verkehrt es ist, sich aus den Mauern unsrer guten +Stadt ins offne Land zu wagen!« + +Er winkte Burga, die nur unwillig hinter ihm herging. Noch immer besann +sie sich, ob sie dem Kaufherrn folgen sollte, als der Junker Rantzau +sie ansprach. + +Er trug noch immer ein Tuch um den Kopf, aber seine Augen blickten +hell, und die Geister des schweren Weines waren von ihm gewichen. + +»He Dirne,« rief er mit seiner hellen Stimme. »Ich höre, du willst +eine Rantzau sein? Wie kommst du darauf? Bist du einstmals von einer +brennenden Burg geraubt?« + +Aber Burga war übler Laune. + +»Was geht's Euch an?« erwiderte sie. + +»Was es mich angeht? Nun, unser Geschlecht ist ein altes und vornehmes, +und wer sich so nennt, ohne es zu dürfen, der kann ins Gefängnis +kommen!« + +Burga warf den Kopf in den Nacken. + +»Hierzulande scheint es mehr Strafen zu geben als andre Dinge!« + +Der Junker Rantzau sah sie aufmerksam an. + +»Du bist schlecht aufgelegt, und ich kann's dir nicht verdenken. Aber +wenn du dich ein Lagerkind nennst, dann weißt du auch, daß die Zeiten +hart sind und daß niemand mit Sammethandschuhen angefaßt wird. Sag, +weißt du vielleicht noch etwas von der Burg, von der man dich raubte?« + +Burga schüttelte den Kopf. + +»Was soll ich wissen? Ich bin ein Lagerkind und will nichts andres +sein!« + +Der Junker wollte noch weiter fragen, aber Burga lief dem Magister +nach, der Herrn Jobst Hanekamp an den Pepermolenbeck brachte. Hier +standen die Hamburger Söldner und ließen die Zugbrücke nieder. Sie +hatten schon von Herrn Hanekamps Mißgeschick gehört und begrüßten +ihn feierlich. Und über dieselbe Zugbrücke wanderten hinter ihm der +Magister und Burga, die ihren Hund am Halsband gefaßt hielt. Ihr kam +es vor, als ginge sie in ein Gefängnis, und ihr Herz war schwer. Dem +Junker aber, der noch hinter ihr hersah, wollte sie nicht antworten. Er +war so hochmütig und würde ihr nicht glauben, wenn sie sagte, was sie +von ehemals wußte. Und eigentlich war es nur das kleine Verslein: + + »Von Erd bin ich genommen, + zur Erde bin ich kommen! + Herr Christe tu mir weisen + den Weg zum Paradeisen!« + +Über so ein Verslein würde der stolze Junker doch nur gelacht haben! +Also ging sie nach Hamburg und sah nicht, wie der Junker Rantzau +nachdenklich hinter ihr herblickte. Er dachte an seine Mutter, die +in der Stadt Schleswig wohnte und oft von ihrem Töchterlein sprach, +das sie bei der Zerstörung ihres Edelhofes verloren hatte. Sie suchte +es noch immer, denn irgend jemand hatte es bei dem Brande mit einem +Knecht davonreiten sehen; aber ihre Spur war lange, lange verloren, und +jedermann in der Familie sagte, es sei tot und begraben. + +Der Junker hatte lange nicht an das Schwesterchen gedacht; jetzt war er +in Grübeln versunken. Dann schüttelte er den Kopf und strich sich über +die Stirn, als wollte er einige Gedanken wegwischen. Es war besser, der +Frau Mutter nichts zu sagen, und er selbst wollte auch nicht mehr an +das trotzige Mädchen denken, das ihn mit ganz bekannten Augen ansah. +Denn heutzutage war die Welt voll Lug und Trug; seine kleine Schwester +lebte sicherlich nicht mehr, und diese Dirn war eine dreiste Betrügerin. + +Er ging wieder seines Weges und vergaß Burga. + +[Illustration] + + + + +[Illustration: Siebentes Kapitel] + + +Nun war wirklich Friede, obgleich viele Leute sich noch nicht an diesen +Gedanken gewöhnen konnten. Denn die meisten von ihnen kannten nur +Plünderung, Mord und Totschlag. Daß man das Feld in Frieden bestellen +konnte, daß wieder Kühe auf der Weide gingen, die ihrem Eigentümer +Milch gaben und nicht jeden Augenblick geraubt werden konnten, war für +viele ein Wunder, an das sie sich erst allmählich gewöhnen konnten. Und +manchen Strauchritter gab es, der die Kriegs- und Mordzeiten lieber +gehabt hatte und sich nun langweilte, weil er das Arbeiten verlernt +hatte und nicht mehr stehlen und plündern durfte. Ihm aber gings jetzt +schlecht, denn die Fürsten der ausgeraubten Länder paßten scharf auf, +daß jedes Verbrechen bestraft wurde, und die Gefängnisse waren voll und +die Galgen selten ohne Gehängte. + +In dem Dorf Altona hatte der Dänenkönig noch immer ein Fähnlein +Dragoner stehen, das in der Umgegend auf Ordnung halten mußte. Der alte +Wachtmeister Balthasar war nicht mehr unter ihnen. Er gehörte zu denen, +die das Rauben und Plündern nicht lassen konnten, und er hatte sich +eines Tages versehen, indem er auf Hamburger Gebiet einen Bauernhof +plünderte und einen Knecht, der ihm entgegentrat, erschoß. Dafür wurde +ihm in Hamburg der Prozeß gemacht, und der Magister Timotheus Lange, +der in der Stadt der Prädikant für die Gefangenen geworden war, mußte +seinen alten Bekannten auf den Tod am Galgen vorbereiten. Er tat es +nicht gern, denn er war mehr für die Gnade als für die Strafe; aber die +Hamburger Ratsherren waren nicht so mitleidig wie er, wozu sie auch +allen Grund hatten. + +Denn die Obrigkeit ist dazu da, das Recht zu wahren und das Unrecht zu +strafen, und so wanderte eines Tages der Wachtmeister im Armsünderhemd +zum Galgen, und Timotheus Lange ging neben ihm und betete für ihn. Er +stand auch neben ihm, als ihm der Strick um den Hals gelegt wurde, und +sagte nachher zu Frau Jutta, daß das letzte Wort des armen Sünders +ein gutes und christliches gewesen wäre. Wozu Frau Hanekamp zufrieden +nickte. Denn sie hatte nichts mit den dänischen Dragonern im Sinn, +die ihr den Hof ausgeraubt und ihren Gottfried mitgenommen hatten. +Zwar war ihr Sohn wohl aus freien Stücken ein Kriegsmann geworden und +stand jetzt als Fahnenjunker in Kopenhagen; aber wer weiß, wie's +gegangen wäre, wenn damals die Dragoner nicht gekommen wären. Diesen +ersten waren nämlich täglich andre gefolgt, und es war ein Glück, daß +Ohm Hanekamp sein Haus in Hamburg als Zufluchtsstätte anbot. Auf dem +Hofe hätte die Frau mit ihrem zweiten Sohne nicht bleiben können, +ohne selbst in arge Gefahr zu geraten. Denn grade in den letzten +Kriegsjahren steckte das ganze Elbufer voll von räuberischen Soldaten, +die sich nach dem Friedensschluß nur langsam entfernten. + +Mit schwerem Herzen war Frau Jutta damals nach Hamburg gezogen und fand +sich mühsam in das Leben einer engen Straße, grade wie ihr Konrad, der +zuerst nur weinte und wieder davonlaufen wollte. Bis er sich allmählich +daran gewöhnte, städtische Kleidung zu tragen; und jetzt war er ein +Kaufmannslehrling, der auf die Bauern draußen im Lande etwas spöttisch +herabsah. Ganz anders wie Burga, die äußerlich eine frische Jungfrau +geworden war, die nähen, spinnen, kochen konnte und beim Magister +Timotheus sogar Latein lernte. Wer sie eifrig im Hause hantieren oder +über die Straße, gefolgt von ihrem großen Hund, gehen sah, der würde +nicht auf den Gedanken gekommen sein, daß sie oft oben auf dem Boden +des hohen spitzen Hauses in der Domstraße stand und gen Westen blickte. +Dorthin, wo das weite Land lag, die Dörfer Altona und Ottensen, wo der +Tannenwald stand und wo einst die Wölfe hausten. Denn sie hatte noch +immer nicht vergessen, daß sie einst ein Lagerkind war, und sehnte +sich nach weiten Feldern und der Freiheit. + +Aber dazumal ging man noch immer nicht weit von der sicheren Stadt, und +es war ein großes Ereignis, als der alte Ohm Hanekamp an einem schönen +Sommertage mit dem Leiterwagen des Fuhrmanns Heesch über Altona und +Ottensen nach dem Hanekamphof fuhr. Denn der Hof gehörte noch immer +Frau Jutta, und sie mußte sich einmal um ihn bekümmern. + +Es war wunderlich, einmal wieder die Straße zu fahren, die niemand von +ihnen wieder gewandert war, seitdem die Dragoner mit Herrn Hanekamp +und Gottfried nach Altona reiten wollten und dabei ihr Leben lassen +mußten. Nun sah es hier anders aus. Das Dorf Altona, durch das die +Reisenden zuerst fuhren, machte schon einen städtischen Eindruck: +eine Kirche wurde gebaut, und Herr Hanekamp hatte gehört, daß der +dänische König dem Ort die Stadtgerechtigkeit verleihen wollte. Einige +stattliche Häuser waren in den letzten Jahren errichtet worden, und +auf dem Marktplatz stand ein großes Haus mit einer Schildwache davor. +Hier wohnte der Rittmeister von Rantzau, der die Schwadron Dragoner +kommandierte. Fuhrmann Heesch, der aus Altona war, berichtete es, +während er gemächlich durch die Gassen fuhr und vorsichtig allen +Düngerhaufen auswich, die vor den Häusern lagen und auf denen heute +lustig die Hühner scharrten. + +Burga betrachtete aufmerksam das Gebäude, aber als Frau Jutta sie +ansah, wandte sie errötend den Kopf. Sie sprach niemals mehr von dem +Namen, der auf ihrem Arm eingeschrieben war. In Hamburg nannte man sie +Walburga Hanekamp, und mit diesem Namen gab sie sich zufrieden. + +Fuhrmann Heesch mußte vorm Torhaus in Altona einige Zeit warten, da +er verschiedene Waren hinaus nach Wedel nehmen sollte, das heute sein +Endziel war. Da berichtete er denn noch einmal von dem Rittmeister +Rantzau. Bei ihm wohnte seine Mutter, die gestrenge Frau von Rantzau, +und der Fuhrmann war im vorigen Jahr nach der Stadt Schleswig gefahren, +um ihren Hausrat zu holen. Die Edelfrau hatte nicht viel Hab und Gut: +ihr Schloß war ehemals von den Kaiserlichen niedergebrannt worden, und +alle guten Sachen waren geraubt oder verbrannt. Aber die gestrenge Frau +sollte niemals geklagt, sondern sich in Gottes Ratschlag gefügt haben. +Nur, sie konnte nicht gut kleine Mädchen sehen, ohne zu weinen. Ihr +sollte nämlich ein Töchterlein geraubt sein, und sie wußte heute noch +nicht, ob es lebte oder lange im Grabe ruhte. + +So schwatzte der Fuhrmann, dann wurde ihm ein Ballen mit Waren auf +den Wagen gelegt, und er fuhr weiter. Bei seinen Reden war Herr Jobst +eingeschlafen, wie er immer tat, wenn er fuhr, und Konrad flüsterte mit +seiner Mutter, weil er sich ein neues Samtwams wünschte. Nächstens gab +es ein großes Schützenfest, und er wollte einen eben so schönen Rock +haben wie seine Genossen. + +So also hatte Burga wohl ganz allein dem Fuhrmann zugehört und saß +nachher lange schweigend, während die andern allmählich die Gegend +erkannten und sich lebhaft unterhielten. Herr Hanekamp, der aufgewacht +war, wollte den Hof am liebsten verkauft sehen, während Frau Jutta sich +nicht dazu entschließen konnte. Wie sie aber nun an einer Wegbiegung +ausstiegen und nach etlichen Schritten vor einigen verbrannten +Grundmauern standen, aus denen bei ihrer Annäherung ein Fuchs lief, da +standen sie schweigend. Der Hanekamphof mochte noch gutes Land haben, +aber seine Gebäude waren verschwunden. Dort, wo die Kuh ihren Stall +hatte, wuchs ein großer Dornbusch, und wo einst die Hühner glucksten +und Eier legten, hatten wilde Kaninchen ihre Gänge gegraben. + +Frau Jutta wischte sich die Tränen aus den Augen, und sogar Konrad +vergaß sein neues Wams und seufzte. Dann redete Herr Hanekamp darüber, +wer wohl das Grundstück kaufen möchte, und Burga ging unterdessen durch +eine halbzerstörte Tannenschonung der Elbe zu. + +Einen Augenblick blieb sie stehen und sah dem Fuhrmann zu, der hier +seine Pferde ruhen ließ, ehe er weiter nach Wedel fuhr, um dann gegen +Abend die Hamburger wieder abzuholen. Aus einer Quelle in der Nähe +holte er Wasser, das er den Tieren vorsetzte, und brockte grobes Brot +hinein. Behaglich stand er, biß in ein Stück Speck, das er sich +mitgebracht hatte, und setzte sich einen Augenblick auf den weichen +Waldboden um auszuruhen. Er sah Burga nicht, und sie hatte keine +Lust, mit ihm wieder ein Gespräch zu beginnen, als sie die Zweige des +Unterholzes sich biegen sah und ein alter Mann vorsichtig herankroch. +Er hatte wilde graue Haare und war mit schmutzigen Lumpen bedeckt. +Eben richtete er sich auf, um dann zum Wagen zu gehen und einen Ballen +Ware herabzulangen, als Burga eine unwillkürliche Bewegung machte. Der +Strauchdieb mußte gute Ohren haben: er sah sich um, bemerkte das junge +Mädchen und war gleich wieder im Busch verschwunden. + +Burga weckte den Fuhrmann, der sich grade zum Schlafen legen wollte und +nun brummend aufstand, seine Waren zählte und einige Flüche ausstieß, +daß ein ordentlicher Mann nicht einmal jetzt, wo doch Friede war, im +Freien schlafen könnte. Er bedankte sich auch nicht und setzte sich auf +den Wagen, um weiter zu fahren. + +Langsam rasselte der Wagen davon, und Burga ging weiter an die Elbe. +Es fiel ihr nicht ein, daß sie besser täte, wieder nach dem Hof zu +gehen, wo Frau Jutta den Korb mit den Lebensmitteln auspackte und man +sich zum Essen sammeln sollte: sie stand oben auf einer der Dünen und +blickte auf den großen Fluß, den sie jetzt so gut kannte. Breit und +majestätisch floß der Strom dahin, an dem gegenüberliegenden Ufer +schaukelten einige Fischerewer, und in der Mitte des Stromes ging ein +Hamburger Schiff hinaus. Es hatte glänzend weiße Segel, und einige +Kanonen blitzten in der Sonne. Draußen in der Nordsee gabs noch immer +Seeräuber, und manchmal kamen sie in die Elbe, um die Fischerdörfer +auszuplündern. Da war es gut, daß die Hamburger für Ordnung sorgten. + +»Guten Tag, Burga!« sagte eine Stimme hinter ihr, und der Strauchdieb +von vorhin schob sich neben sie. + +»Wer bist du?« fragte das junge Mädchen erstaunt, und der Alte schnitt +ein klägliches Gesicht. + +»Wie, du kennst den roten Michel nicht mehr? Sind wir denn nicht +zusammen beim Troß gewesen, und hab ich nicht manchmal für dich +gesorgt? Weißt du noch, wie die Dänen mich gefangen nahmen und meine +Freunde kamen und sie tot schossen?« + +»Ich war nicht dabei!« entgegnete Burga, die den Roten erkannte, +obgleich er nicht mehr rot, sondern grau war, und obgleich er schlimmer +aussah als jemals. + +»Du warst nicht dabei?« Michel besann sich einen Augenblick. »Nun ja, +dann wirst du aber davon gehört haben. Die Dänen sind nachher höllisch +aufgeregt gewesen, und ein paar von meinen Freunden haben auch ins Gras +beißen müssen!« + +»Das glaube ich wohl. Ihr seid schreckliche Menschen gewesen!« + +»Schreckliche Menschen?« + +Michel sah sie vorwurfsvoll an. + +»Wir waren oft viel besser als die Soldaten und haben treu zu einander +gehalten, obgleich ich natürlich die andern lieber hängen sah als +mich! Ich merke schon, du bist eine vornehme Krämerstochter geworden, +was sich nicht für dich schickt. Und Haare hast du so lang bekommen, +wie es sich nicht für ein Lagerkind paßt, und eine Haut wie Milch und +Blut. Auch das ist ungesund, Burga, und daß du mich störst, wo ich dem +Fuhrmann ein paar Waren nehmen will, die ihm doch nicht gehören, ist +gradezu unrecht. Seitdem der dumme Friede da ist, hat man wirklich +keine Freude mehr vom Leben. In jeder Stadt stehen Galgen, und die +Soldaten tun, als dürfte man garnichts mehr nehmen. Es ist eine böse +Zeit, Burga, und wenn du noch einmal merkst, daß ich mir ein wenig +nehmen will, dann sieh weg und mache nicht so große Augen wie vorhin!« + +»Du solltest ehrlich werden, Michel!« sagte Burga. Ihr Gesicht war +mitleidig geworden, und halbwegs freute sie sich, den alten Genossen +wieder zu sehen. + +Michel mußte ihre Gedanken merken, denn er stöhnte tief. + +»Ja, Burga, du hast gut reden. Wenn ich ehrlich werden will, dann soll +ich natürlich gleich arbeiten, und daran bin ich wirklich nicht mehr +gewöhnt, und ich kann es auch nicht vertragen. Ich muß meine Freiheit +haben und ein wenig Abwechslung. Hier einmal einbrechen, und dort ein +paar Hühner oder Gänse nehmen, ist viel lustiger, als immer ehrlich +sein!« + +»Du siehst aber nicht sehr lustig aus!« meinte Burga, und Michel +betrachtete seine Lumpen, seine nackten, schmutzigen Füße und kratzte +seinen wilden grauen Kopf. + +»Ich bin nicht für Feinheit wie die Krämer, und Wasser an den Körper +ist grade so ungesund, als wenn man es sich in den Leib gießt. Im +Augenblick sind die Zeiten grade sehr schlecht, und daher sehe ich +nicht ganz ordentlich aus. Aber wenn du mir sagen kannst, wo ich +vielleicht einen reichen Krämer treffe, dem ich seine Kleider nehmen +kann, dann will ich dir dankbar sein. Damals hast du mir mit deinem +wütenden Hund einen üblen Streich gespielt, und den mußt du nun wieder +gut machen!« + +»Burga, Burga!« Konrads Stimme hallte durch den Wald, und der einstmals +rote Michel fuhr zusammen. + +»Kann man denn nicht einmal ordentlich mit dir sprechen?« murrte er. +»Ich wollte dir noch etwas erzählen!« Aber als die Rufe näher kamen, +verschwand er im Unterholz, und als Konrad neben Burga trat, stand sie +allein und sah auf die Elbe. Der junge Mann schalt, daß er sie so lange +hätte suchen müssen und daß es hier doch wohl nicht ganz geheuer wäre. +Er dachte jedoch kaum mehr an die Wölfe, die einstmals hier gehaust +hatten; er sah den großen Schiffen nach und erklärte, daß auch er in +die weite Welt reisen wollte. Jetzt aber müßte Burga nach der alten +Hofstelle kommen und ihr Essen einnehmen. + +So also saß Burga nachher bei den Hanekamps, versuchte zu essen und +konnte es nicht. Die andern beachteten sie nicht. Herr Hanekamp sprach +wieder davon, daß es wohl besser wäre, die Ländereien zu verkaufen, und +Konrad erklärte, daß ihm alles einerlei wäre, da er doch niemals wieder +hier draußen in der Wildnis wohnen würde. Nach einigen Stunden kam dann +der Fuhrmann wieder, und alle fuhren nach Hamburg. Der Wagen rasselte, +die Pferde schnoben, und jedermann hing seinen eignen Gedanken +nach. Herr Jobst dachte an sein Geschäft, Konrad sah sich schon auf +einem großen Schiffe, Frau Jutta gedachte der Zeit, da sie auf dem +Hanekamphof wohnen und ihre zwei Jungen haben durfte, und Burga hatte +die Augen geschlossen und sah wie im Traume eine brennende Burg, hörte +das Klappern der Hufe und wilde Schreie. Und dann wieder war alles +vorüber: eine weiche Hand strich ihr übers Haar, und eine milde Stimme +sprach: »Von Erd bin ich gekommen, zur Erde werd ich kommen. Herr +Christe tu mir weisen den Weg zum Paradeisen!« Und sie sehnte sich, und +wußte nicht, wonach. + +[Illustration] + + + + +[Illustration: Achtes Kapitel] + + +Zum Träumen und Sehnen war dazumal nicht allzuviel Zeit, Burga vergaß +den alten Räuber vom Elbstrande und schaffte im Hausstand oder lernte +Latein beim Magister Lange. Dann wurde Frau Jutta krank und mußte +gepflegt sein, und aus Kopenhagen schrieb Gottfried, daß er Offizier +geworden wäre und vielleicht einmal nach Hamburg auf Urlaub käme. Das +war eine gute Nachricht, und seine Mutter zählte jetzt die Tage, da sie +ihren Sohn wieder sehen sollte. Dann aber kam die Botschaft, daß er +noch keinen Urlaub erhielte, und Frau Jutta wurde wieder kränker. Herr +Hanekamp war unzufrieden, denn er hatte kranke Leute nicht gern, und er +lobte Burga, die nie krank war und immer mehr häusliche Pflichten auf +sich nahm. + +»Mit dir ist noch etwas anzufangen!« sagte er. »Du bist zwar nur ein +Lagerkind, aber du bist stark und kräftig. Ich werde nichts dagegen +haben, daß einer der Hanekamps dich heiratet. Zwar hast du kein Geld, +und das ist bedauerlich. Aber eine tüchtige Frau ist wie Bargeld, ich +werde dir wohl auch eine Aussteuer geben!« + +Burga lachte über den alten Herrn. Ihr war noch garnicht nach Heiraten +zumute, aber, da der Kaufherr von Geld gesprochen hatte, so holte sie +aus ihrer Lade den kleinen Lederbeutel heraus, den sie als Lagerkind +immer um den Hals getragen hatte. Wie sie dann nach Hamburg kam, legte +sie ihn ab und vergaß ihn, bis sie sich seiner jetzt wieder entsann. +Es war ein kleiner gestickter Lederbeutel, in dem noch aus ihrer +Wanderzeit mehrere Gold- und Silbertaler steckten. Sie wußte kaum mehr, +wie sie zu dem Geld gekommen war; den Lederbeutel aber meinte sie eben +so lange getragen zu haben wie die Buchstaben auf dem Arm. + +Allerlei Gedanken stiegen in ihr auf, wie sie das kleine Ding in der +Hand hielt; aber sie waren verworren, und sie wollte ihnen auch nicht +nachhängen. Gern hörte sie sich nicht mehr ein Lagerkind nennen, es war +doch besser, im Frieden des Hauses zu wohnen und nicht mehr heimatlos +umher zu ziehen. + +Sie schloß den Beutel wieder weg und kam grade unten in die Diele, als +Konrad eilig eintrat und ganz heiß war vor Aufregung und Vergnügen. +Eben war es in der Stadt ausgerufen worden, daß ein Hamburger Schiff +draußen in der Elbe einen guten Fang gemacht hatte. Eine ganze +Gesellschaft von Seeräubern war den Hamburgern in die Hände gefallen, +und morgen schon wurden sie eingebracht, um dann feierlich gerichtet zu +werden. + +»Die armen Kerls!« sagte Burga halb mitleidig, und Konrad sah sie +erstaunt an. + +»Was sagst du da? Freust du dich nicht, wenn die Gegend wieder sicher +wird? Dicht bei Blankenese haben einige in den Dünen gewohnt; Fuhrmann +Heesch hat mir auch erzählt, daß sie oft hinter ihm her gewesen sind. +Man muß sich doch freuen, wenn sie alle gehängt werden!« + +Am andern Tage zog wirklich ein langer Zug von gefangenen und mit +Ketten geschlossenen Räubern vom Hafen her durch die Straßen, die +Jungen liefen hinter ihnen her und bewarfen sie mit Steinen, während +die Erwachsenen grausend die finstern Gesichter und die zerlumpten +Kleider der Männer betrachteten, von denen mancher noch roh verbundene +Wunden aufwies. Eine böse Gesellschaft war es, die nun hinter Schloß +und Riegel gebracht wurde, und Konrad berichtete nachher, wie zornig +die Räuber gewesen waren und wie entsetzliche Flüche sie ausgestoßen +hatten. Denn er war natürlich mit den Neugierigen gelaufen, die sich +alles ansehen mußten, und forderte Burga dringend auf, am nächsten Tage +mit ihm zum Gefängnis zu gehen. Hier vor dem düstern Gebäude sollten +die Gefangenen öffentlich an den Pranger gestellt werden, damit sie +jedermann besehen und sich ein Beispiel an ihrem schrecklichen Ende +nehmen konnte. Aber Burga schüttelte den Kopf. Sie wollte Frau Jutta +nicht verlassen, die wieder krank war, und dann graute es ihr auch, +soviel menschliches Elend auf einem Haufen zu sehen. Also ging Konrad +allein und kehrte nach einer Weile zurück, um zu berichten, daß ein so +großer Andrang von Neugierigen vor dem Gefängnis war, daß er selbst gar +nichts von den am Pranger Stehenden gesehen hatte. Nicht allein die +Hamburger betrachteten sich die Gefangenen; aus Altona war viel Volk +gekommen, sogar einige vornehme Dragoneroffiziere, die sporenklirrend +durch die Straßen gingen, und von Finkenwärder einige Boote voll +Fischer, die sich's auch nicht nehmen ließen, die Räuber zu betrachten. +Denn sie hatten lange unter ihnen gelitten, und nun wollten sie sich +auch der Strafe freuen, die diese Missetäter erlitten. + +So erzählte Konrad, lief aber gleich wieder weg, und Herr Jobst +Hanekamp, der gerade aus seinem Kontor kam, ließ sich Stock und Perücke +geben und ging gleichfalls zum Gefängnis. Er war zwar durchaus nicht +neugierig, wie er immer wieder versicherte, aber hier mußte er doch +dabei sein. + +Auch die zwei Mägde und der Knecht liefen davon, und Burga stand allein +auf der halb dämmrigen Diele. Oben lag Frau Jutta im Bett und schlief; +durch die geöffnete Haustür fiel das Licht der untergehenden Sonne, und +von draußen her kam nur das Zwitschern der Spatzen. Die ganze Straße +war menschenleer, alle waren zum Gefängnisplatz gelaufen. + +Es war ein klarer Tag im Vorsommer, noch kalt, aber sehr freundlich, +und wie Burga in die Sonnenstrahlen sah, die über die roten Dächer +der Domstraße huschten, mußte sie an das düstre Gefängnis denken, in +das jetzt die Räuber geworfen wurden. Einmal war auch sie im Kerker +gewesen, und daher wußte sie, wie es tat, hinter Mauern zu schmachten. +Und gerade dann, wenn der Sommer kam und die Welt freundlich wurde! + +Ein Schritt kam die Straße entlang, und sie stellte sich in die +Haustür, um den Menschen zu betrachten, der jetzt nicht vor den Räubern +stand und sie verhöhnte. Es war ein junger Fischer, der schwerfällig +auf seinen Holzschuhen daher trabte, sich unschlüssig umsah und dann +vor Burga stehen blieb. Er hatte kurze blonde Haare und ein ehrliches +Gesicht, und er roch nach geräucherten Fischen. + +»Ich such' 'ne Jungfer Hanekamp!« sagte er, als Burga ihn fragend +ansah, und sie erwiderte: + +»Die bin ich!« + +Denn alle Leute nannten sie so, und sie war es zufrieden. + +Der junge Mann rieb sich den Kopf und zog langsam seine Mütze aus +Seehundsfell. + +»Ich bin Klas Stolz!« + +»Klas Stolz?« Burga wiederholte diesen Namen ohne Verständnis, und der +junge Fischer sah sie erstaunt an. + +»Wenn du die Jungfer bist, die meinen Vater damals von Teufelsbrücke +nach Finkenwärder gebracht hat, dann solltest du doch wissen, wie ich +heiße!« + +»Ich hab's vielleicht gewußt, aber hab's vergessen!« entgegnete Burga +lachend, und Klas schüttelte den Kopf. + +»Man muß nichts vergessen!« sagte er ernsthaft. »Ich denk noch immer +daran, wie ich allein bei meinem Vater saß und wie du mir halfest! +Auch weiß ich, daß ich mich nicht bedankte und daß du dann beinah ins +Loch gekommen bist, weil du mit einem der unverschämten dänischen +Junker fuhrest. Wir haben die Geschichte nachher erst erfahren, und +es hat uns leid getan; auch meiner Mutter, die damals im Bett lag und +ein kleines Kind hatte. Aber Vater hat lange gelegen, ohne daß er die +Besinnung wieder kriegte. Herr Hanekamp hat ihm einmal Geld geschickt, +und nun sitzt er vor dem Hause und strickt Netze; aber aufs Wasser +gehen und Fische fangen kann er nicht mehr; der rote Michel hat ihm zu +arg mitgespielt! So ist es also gekommen, daß wir uns nie etwas von +Dankbarkeit merken ließen, und wir haben auch lange nicht gewußt, wer +das Mädchen war, die uns damals half -- aber wir haben's vom Magister +Lange erfahren, der neulich auf unsrer Insel war, um unsern Pastor zu +besuchen. Und daher will ich mich jetzt bedanken!« + +Aus seinem Korb, den er in der Hand trug, zog Klas ein Paket hervor, +das er Burga in die Hand gab. + +»Mach es nur offen!« sagte er stolz. »Die Bürgermeisterin von Hamburg +wird kein so schönes Seehundsfell haben, wie ich dir bringe!« + +Er zog selbst die Leinwand von der langen, seidigen Pelzjacke, die er +Burga über den Arm legte. + +»Es sind sieben Felle, und ein feiner Schneider in Amsterdam hat +die Jacke gearbeitet. Du kannst sie tragen, wenn du dich jetzt +verheiratest, und wenn du eine Großmutter geworden bist, wird die Jacke +noch gut sein!« + +Burga stieß einen Laut des Entzückens aus über die leichte und doch +warme Jacke, die noch dazu mit Marderfell gefüttert war. Dann aber +schüttelte sie den Kopf. + +»Was schenkst du mir solche Kostbarkeit? Ich weiß kaum mehr, daß +ich etwas für deinen Vater tat. Hast du mir auch nicht einmal etwas +gegeben, als ich hungrig war? Dafür habe ich dir noch gar nichts +geschenkt!« + +Klas lachte. »Von der Geschichte weiß ich nichts mehr; jedenfalls +wollte ich dir dies Ding schenken, und mir ist es gar nicht teuer +gekommen. Ich hatte damals einen großen Seehundsfang gemacht, und diese +Jacke ist dabei abgefallen. Wir Finkenwärder lassen uns nicht lumpen, +kann ich dir sagen, und darum mußt du das Geschenk schon annehmen. Und +nun leb wohl, ich will mir mal den roten Michel besehen, der auch am +Pranger steht. Schade, daß ich ihn nicht hängen darf, das würde mir +Vergnügen machen!« + +»Der rote Michel hat deinem Vater doch nichts getan!« rief Burga rasch. +»Ganz gewiß, er war es nicht, der deinen Vater verwundete, das wird +ein andrer Räuber gewesen sein. Jetzt fällt's mir wieder ein, der Rote +hat damals Herrn Hanekamp überfallen, und darüber kam ich dann zu.« + +Klas machte ein mißvergnügtes Gesicht. + +»Das ist ja schade. Ich hab grade einen verrotteten Winterapfel in +der Tasche, den wollte ich ihm ins Gesicht werfen, wenn er am Pranger +steht. Mehr darf ich nicht tun, die Hamburger sind immer so eigen mit +ihren Gefangenen und wollen sie nicht durchprügeln lassen!« + +Burga hörte nicht auf ihn. Sie sah vor sich hin und wiederholte: »Der +rote Michel war es nicht, der deinen Vater fast tötete! Den habe ich +doch nachher von Herrn Hanekamp weggejagt!« + +»Wer war es denn?« fragte Klas, aber darauf konnte Burga keine Antwort +geben. An diese Dinge hatte sie lange nicht gedacht; sie wußte nur, daß +dieses Mal der rote Michel schuldlos war. + +Also ging Klas Stolz achselzuckend davon und meinte, den verrotteten +Winterapfel wollte er jedenfalls aufs Geratewohl zu den am Pranger +Stehenden werfen. Verdient hatten sie alle noch viel Schlimmeres. + +Burga stand mit ihrem kostbaren Pelz über dem Arm und hatte das +Geschenk vergessen. Schon oft hatte sie mit einer großen Unruhe +gekämpft, sie aber zu unterdrücken gesucht; jetzt, wo der rote Michel +in Hamburg war und bald gehängt werden sollte, kam es über sie, als +müßte sie zu ihm. + +Herr Hanekamp und Konrad kehrten von ihrem Gang ans Gefängnis zurück. +Ganz Hamburg hatte vor den Prangern gestanden, hatte auf die Räuber +gezeigt und sie gescholten und geschimpft wegen ihrer Missetaten. Und +die Räuber hatten frech geantwortet, die Zunge hinausgestreckt und +waren wenig bußfertig gewesen. So würden sie also nun ohne Reue ihre +irdische Strafe erleiden. + +Still hörte Burga diesen Berichten zu, und wie sie dann nachher in +ihrem bequemen Bett lag, konnte sie nicht schlafen. Der rote Michel +-- war er es nicht gewesen, der sie als kleines Kind aus dem Feuer +getragen und aufs Pferd gehoben hatte? War er es nicht gewesen, der +nachher mit dem guten Prädikanten sprach, daß dieser ihr den Namen auf +den Arm ritzte? Der rote Michel war sicherlich ein Räuber; aber ganz +schlecht war er niemals gewesen, wenigstens nicht gegen sie! Er wußte, +daß sie den kleinen Lederbeutel mit dem Gelde um ihren Hals trug, und +er hatte ihn ihr nicht genommen, sondern gelegentlich, wenn er Geld +hatte, ihr einen Gulden gegeben, damit sie einen Notgroschen hatte. + +Die Sonne ging schon auf, da hatte Burga noch keinen Schlaf gefunden. +Es nützte nichts, daß sie immer wieder ihr kleines Gebet sprach; sie +wurde erst ruhiger, als sie sich hastig ankleidete und unhörbar auf +die Straße schlich. Noch war alles still; nur ein Wächter schlief +fest auf einer Haustreppe, und Burga konnte, ohne gesehen zu werden, +bis ans Gefängnis gehen, das jetzt finster und schweigend dalag. Vor +dem Gebäude waren noch alle Halseisen, in denen die Räuber am Pranger +gestanden hatten, und ringsherum lagen kleine Steine, Fischköpfe und +Gemüsereste, mit denen das Volk sie beworfen hatte. Aber Burga achtete +nicht darauf. Sie klopfte an die niedrige Tür eines Häuschen, das sich +hart ans Gefängnis lehnte. Hier wohnte Timotheus Lange, den der Senat +als Gefängnisgeistlichen angestellt hatte und der in dieser Zeit sein +gerüttelt Maß zu tun hatte. + +Er war aber ein Frühaufsteher, und als Burga nur leise den Klopfer hob, +stand der Magister schon vor ihr und wunderte sich gar nicht einmal des +frühen Besuchs. + +»Ich hab dich wohl herbeigedacht, Kind!« sagte er nur mit seiner +heisern aber doch so gütigen Stimme, und dann führte er Burga in sein +kleines Arbeitsstübchen, in dem eine ältere, in Schwarz gekleidete Frau +saß, die große Augen auf das junge Mädchen richtete. »Dies, edle Frau, +ist Walburga, auf deren Arm der Name Rantzau neben dem der Walburga +steht!« + +Er schob den leichten Stoff zurück, der Burgas Arm bedeckte, und zeigte +die schwarzen Zeichen. + +Die Angeredete stand auf und faßte Walburgas Hand. »Sag, was du noch +weißt, von damals, aus der Zeit, als du vielleicht mein Kind warest!« + +Walburga begann zu zittern, aber sprechen konnte sie nicht. Sie konnte +sich auf nichts besinnen, nur auf ihr kleines Gebet. Sie faltete die +Hände. + + »Von Erd bin ich genommen, + zur Erde werd' ich kommen! + Herr Christe tu mir weisen + den Weg ins Paradeisen!« + +Die Edelfrau brach in Tränen aus. + +»Dies Verslein habe ich mein Kind gelehrt, als es noch kaum sprechen +konnte! Ach, Walburga, bist du wahrhaftig mein lang entbehrtes und oft +beweintes Töchterchen? Fast ist es zu gut, um es zu glauben!« + +Auch Walburga weinte. + +»Edle Frau, ich weiß nur, daß ich ein armes Lagerkind war und von Land +zu Land irrte. Gehungert hab ich und viel Durst gelitten, aber mein +Verslein und der Name auf dem Arm sind mit mir gegangen!« + +Dann saßen sich beide Frauen, die ältere und die junge, gegenüber, und +wußten nicht, ob sie sich in die Arme fallen sollten oder nicht. + +Lächelnd stand der Magister daneben. + +»Ich kann mir denken, Frau von Rantzau, daß Ihr zweifelt; aber ich +meine, so klar, wie im irdischen Leben überhaupt etwas sein kann, so +klar ist es, daß Ihr die Mutter dieses Mädchens seid. Zum wenigsten ist +die Jungfrau Euch aus den Augen geschnitten. Aber nun wollen wir zu +dem gehen, der gestern von mir verlangte, Euch und Euren Sohn rufen zu +lassen, da er vor seinem Tode ein Geständnis zu machen habe.« + +Er winkte, und beide Frauen gingen hinter ihm her, während sich aus +einer verborgenen Ecke ein junger Mann erhob, der Walburga zunickte. +Das war der Rittmeister von Rantzau, mit dem Burga vor etlichen Jahren +über die Elbe gefahren war; sie beachtete ihn heute aber nicht. + +Ihre Gedanken waren von der Frau in Anspruch genommen, die langsam vor +ihr herschritt. Wie mußte es sein, eine wirkliche Mutter zu haben! Sie +merkte kaum, daß der Weg ins Gefängnis ging, und dann erst kam sie zu +sich, als sich eine düstre Zelle vor ihr auftat, in der ein alter Mann +an Ketten lag. Mühsam erhob er sich von seinem Strohlager. + +»Burga,« sagte er kläglich, »rede du für mich! Bin ich nicht immer +ganz ordentlich gegen dich gewesen und habe dafür gesorgt, daß dir +nichts Böses geschah? Wenn ich einen Prädikanten traf, dann habe ich +dich gleich zu ihm gebracht, und du hast schreiben und lesen und die +zehn Gebote gelernt. Und wenn ich Geld hatte, hab ich dir auch etwas +abgegeben. Du hattest den kleinen Beutel um den Hals, als ich dich +aus der Burg trug, darin steckten ein paar Goldtaler; ich hab sie dir +gelassen.« + +»Ja, ja,« Burga klopfte ihm den krummen Rücken und vergaß einen +Augenblick die andern. »Ich weiß, du bist nie ganz schlecht gewesen, +Michel, und ich habe manchmal an dich gedacht!« + +»Seht Ihr?« Der Gefangene wandte sich an den Magister, »sie sagt +selbst, daß ich kein übler Kerl war. Ihren Namen habe ich ihr auch auf +den Arm schreiben lassen und dann mit Schießpulver verrieben.« + +»Aber du brachtest die Feinde auf die Finkenburg!« rief der Rittmeister +von Rantzau, der sich immer im Hintergrund gehalten hatte und nun erst +vortrat. »Warum tatest du das? Unsre Burg wurde verbrannt, meine Eltern +und ich mußten fliehen, unsre kleine Walburga nahmest du von uns! Was +taten wir dir, daß du so böse gegen uns warest? Ist mein Vater nicht +immer ein guter Herr gewesen? Hat meine Mutter dich jemals hungern +lassen?« + +Der Gefangene schwieg eine Weile, dann kratzte er sich den Kopf. + +»Die Edelfrau ist nicht schlecht gewesen, aber der Herr hat uns mehr +geschlagen, als recht war. Und dann war es so langweilig auf der +Finkenburg. Immer Arbeit und niemals ein Vergnügen; unsereins will auch +mal einen Spaß haben. Und als ich vier Monate Wasser und Brot haben +sollte, nur weil ich nicht gern arbeiten mochte, da lief ich weg, grade +den Kaiserlichen entgegen. Sie fragten mich, wo etwas zu holen wäre, +und der General versprach mir eine Trompeterstelle in seiner Nähe und +ein feines neues Wams; da hab ich ihnen den Weg gezeigt.« + +Er seufzte und rieb sich die Augen. + +»Lieber Gott, viel Spaß ist ja nicht beim Kriegshandwerk, und der +General wollte mich nachher hängen lassen, weil er meinte, ich wäre +frech. Da bin ich schnell wieder weggelaufen und habe nur die kleine +Burga mit mir genommen. Wir stießen auf die Schweden, und da war es +nicht besser als bei den andern. So ist es allmählich weiter gegangen, +und von meinem Leben habe ich blitzwenig gehabt. Auf den Galgen +mag ich aber doch nicht gern; in Nordschleswig liegt ein kleiner +Gottesacker, auf dem sind meine Eltern begraben, und ich wollte dort +auch ausruhen. Hamburg ist keine freundliche Stadt. Die Bürger haben +uns sehr unverschämt angestarrt, als wir gestern am Pranger standen, +und einige dumme Jungen haben uns mit Steinen und mit Bücklingsköpfen +geworfen. So etwas habe ich nicht gern, und hier auf dem Schindanger zu +liegen, denke ich mir auch nicht angenehm. Darum, liebe Burga, mache, +daß ich hier sicher wegkomme. Der Magister wird dir helfen. Er hats +versprochen, wenn ich die Wahrheit sagte; und die Wahrheit ist, daß ich +dieses Mädchen von der Finkenburg mitgenommen und ihr gewissermaßen das +Leben gerettet habe. Denn ohne mich wäre sie in den Flammen umgekommen!« + +Sie hatten alle still zugehört. Die Frau von Rantzau griff nach Burgas +Hand und drückte sie fest, während der Rittmeister den Kopf schüttelte. + +»Lieber Michel, du wirst sicher wahr reden, und ich freue mich, daß du +zu guterletzt die Wahrheit sprich'st und meine Mutter sehr erfreust. +Denn sie hat alle diese Jahre große Angst und Trauer um ihre Tochter +ausgestanden, und auch ich bin froh, eine liebe Schwester zu haben. +Aber hängen wirst du doch, lieber Michel. Dieweil wir hier nichts in +Hamburg zu befehlen haben und die Hamburger dich nun einmal gefangen +nahmen. Also bereite dich auf dein Ende vor und freue dich, daß wir +alle deiner im Gebet gedenken werden. Ich will dem Henker sagen lassen, +daß er es kurz mache!« + +Michel begann laut zu heulen; da faßte Burga ihn am Arm. + +»Schäm dich, Michel, wer wird denn gleich weinen? Hast doch oft genug +dem Tod in die Augen geschaut und weißt, daß das Sterben einmal +kommen muß. Aber ich möchte auch gern, daß du am Leben bliebest, und +darum will ich meine liebe Frau Mutter bitten, mit mir zum Herrn +Bürgermeister zu gehen und ihn um Gnade für diesen Mann zu bitten. Er +wird sie schon gewähren, wenn eine Edelfrau ihn bittet.« + +Mit flehenden Augen sah Burga ihrer Mutter ins Gesicht, aber ehe diese +antworten konnte, trat der Junker dazwischen. + +»Ich wünsche nicht, daß der Mann lebe!« sagte er hart. »Er hat die Burg +meiner Väter zerstören helfen, und wir sind durch ihn arm geworden. Wer +solche Missetat auf sich ladet, der muß sterben!« + +»Verdient hat er die Strafe, Herr!« entgegnete Burga. »Aber wollt Ihr +nicht bedenken, daß der Alte wohl kaum bedacht hat, was alles durch +seine Untat kommen würde! Und haben wir nicht alle Sünden auf dem +Gewissen und hoffen auf die Barmherzigkeit Gottes? Wenn niemand mit +mir zum Bürgermeister gehen will, so werde ich's allein tun. Und wenn +meine Frau Mutter und mein Herr Bruder mir darob zürnen, so will ich +mich ihnen als Tochter und Schwester nicht aufdrängen. So bleibe ich in +Hamburg, und Herr Hanekamp wird mir sein Haus nicht verschließen.« + +Michel hatte bis jetzt leise vor sich hingewimmert. Aber, wie Burga +sprach, hörte er still zu wie alle andern und schlug sich jetzt aufs +Knie, daß seine Ketten klirrten. + +»Burga, du gefällst mir!« rief er. »So wie du redet ein rechtes +Lagerkind! Das ist vor nichts bange, und ich will auch nicht mehr +bange sein! Hängt mich meinetwegen, ihr vornehmen Leute, die ihr nicht +wißt, wie einem armen Schelm zumute ist! Der liebe Herrgott wird mich +vielleicht einmal später aus der Hölle nehmen!« + +Aber der Rittmeister Rantzau hatte schon ein rotes Gesicht bekommen, +als Burga redete. Nun hob er die Schultern und wandte sich an den +Magister, der von neuem lächelte. + +»Ihr habt mir gesagt, daß Walburga Eure Schülerin war und noch ist. +Meiner Treue, sie hat das Reden gelernt, und sie spricht nicht ganz +übel. Daran erkenne ich auch, daß sie eine Rantzau ist; weil diese +Edelleute ihre Worte zu setzen vermögen. Meinetwegen also mag der +Michel laufen! Aber ich will nicht für ihn zum Bürgermeister gehen, das +mögen die Frauen besorgen!« + +Dann ging er auf Burga zu, und gab ihr die Hand. + +»Da du nun einmal ein Lagerkind gewesen bist, muß ich wohl mit deiner +Art Geduld haben, und ich hoffe, daß wir uns immer gut vertragen +werden! Aber ich hoffe, daß du auch dessen eingedenk bist, nun ein +Edelfräulein zu sein, und dich nicht allzuviel mit Spitzbuben und +ähnlichem Gelichter einlässest! Denn wir haben jetzt Frieden im Land, +und wer ruhig leben will, der muß gegen die Bosheit kämpfen!« + +Er machte eine kurze Verbeugung und ging sporenklirrend davon, während +Frau Rantzau Burga an sich zog. + +»Ich danke Gott, daß wir uns fanden!« sagte sie. »Und du hast recht, +daß es besser ist, barmherzig zu sein als allzu streng. Ich werde mit +dir zum Bürgermeister gehen und für das Leben Michels bitten!« + +So geschah es denn auch, und daß am nächsten Tage der rote Michel +in den Reihen der Räuber fehlte, die zum Galgen geführt wurden, +merkte niemand von den Hamburgern, die eifrig das grausige Schauspiel +betrachteten, das meiste nicht sehen konnten und sich gegenseitig +drängten und schlugen, so daß wohl ein Dutzend Neugierige totgedrückt +wurden. Von diesen war nachher mehr die Rede, als von den Verbrechern, +und jeder, der nicht auf der Straße gewesen war, freute sich und sagte: +»Das kommt davon, wenn man so neugierig ist!« + +So sprach auch Herr Hanekamp, der übrigens sehr übler Laune war und +heimlich mit Timotheus lange schalt. + +»Magister, was wolltet Ihr die Rantzaus benachrichtigen und auf das +Gerede des verflixten roten Michels hören! Wäre es nicht gescheiter +gewesen, die Burga hier zu lassen? Sie hätte einen guten Mann gekriegt, +und ich würde ihr eine ordentliche Aussteuer gegeben haben. Jetzt zieht +sie mit ihrer Mutter, die nicht viel haben soll, und wer weiß, ob sie +glücklich wird? Und dann dieser Michel! Wenn ich der Bürgermeister +gewesen wäre, würde ich ihn nicht begnadigt und außerdem noch frei +gelassen haben, obgleich es wiederum nicht nötig ist, daß unsre gute +Stadt alle fremden Missetäter in Kost und Wohnung behält! Aber ich bin +unzufrieden mit Euch, Magister, und es tut mir leid, Euch den Platz als +Gefängnisprädikant besorgt zu haben!« + +Timotheus lächelte ein wenig. + +»Lieber Herr Hanekamp, glaubt ihr denn, daß es mir gleichfalls leicht +fällt, von Burga zu scheiden? Aber wir müssen doch ihrer Mutter +gedenken, die sich so lange nach der Tochter sehnte! Viele Jahre ist +sie ohne sie gegangen, nun gebührt ihr doch ein Teil der Liebe, die sie +so viele Jahre entbehren mußte!« + +Aber auch für Burga war es keine Kleinigkeit, plötzlich von allem +Abschied nehmen müssen, das ihr wert und lieb geworden war. Frau Jutta +weinte bitterlich, als sie das Mädchen, das sie wie ihre Tochter +liebte, von sich geben sollte, und selbst Konrad, der sich etwas darauf +einbildete, ein forscher junger Mann geworden zu sein, selbst dieser +ärgerte sich über den holsteinischen Junker, der ihm seine Schwester +wegnahm. Er dachte sogar ernsthaft darüber nach, ob er Walburga nicht +heiraten sollte; damit sie immer bei den Hanekamps und in Hamburg +bliebe, aber Frau Jutta redete ihm diesen Gedanken aus. Zum Heiraten +war er noch zu jung, und die Rantzaus würden auch nicht gestatten, daß +eine ihres Namens einen Hamburger Kaufmann heirate. + +So mußte denn Abschied genommen werden, und zwar auf lange Zeit. Denn +der Rittmeister Rantzau hatte Befehl erhalten, mit seinen Dragonern +nach dem nördlichen Schleswig zu reiten, und er freute sich nicht wenig +darüber. Lag doch sein Stammschloß, die Finkenburg, ganz im Norden des +Landes, mitten auf dem Heidrücken und umgeben von dichten Waldungen. +Nach dem Brande und der Zerstörung der Burg war er nur einmal wieder +dort gewesen, und damals hatte es sich nicht gelohnt, an einen Aufbau +und daran zu denken, die öde liegenden Felder wieder zu bestellen. +Denn der Feind war immer noch im Land und konnte mit leichter Mühe +alles zerstören, was mühsam geschaffen war. Nun aber war Friede, und es +konnte daran gedacht werden, wieder in die alte Heimat zu ziehen. + +So also fuhr Walburga mit ihrer neuen Mutter und dem neuen Bruder +nordwärts. In einer schweren alten Kalesche, die von vier Pferden +gezogen wurde und doch nur mühsam durch die schlechten Wege weiter kam. +Eine Abteilung Dragoner ritt vor, eine andre hinter dem Wagen, denn +die Wege in Holstein waren noch immer unsicher, und man mußte sich +vorsehen, daß nicht irgendwo aus dem Hinterhalt Räuber hervorbrachen, +die alle Habe nahmen und das Leben dazu. Die Bauern, durch deren Dörfer +der Weg ging, wußten davon zu berichten, wie die Wegelagerer hausten, +und sie freuten sich auch nicht, wenn sie die dänischen Dragoner sahen; +versteckten Hühner und Schweine und meistens auch sich selbst, bis der +Rittmeister ihnen versicherte, daß seine Soldaten weder plündern, noch +sonst irgend etwas Böses tun wollten. + +Der Rittmeister Rantzau war wohl ein wenig herrisch, aber doch ein +braver Mann, der gut gegen seine Mutter war und freundlich gegen seine +Schwester, obwohl er sie noch manchmal kopfschüttelnd betrachtete. + +»Es ist ganz merkwürdig, mit einmal wieder eine Schwester zu haben!« +meinte er wohl. »Weiß garnicht, wie ich mich zu dir stellen soll, +Walburga!« + +Seine Mutter aber legte ihm die Hand auf den Arm. + +»Denk darüber nicht nach, Kord! Freu dich, daß sie wieder da ist!« +Liebevoll strich sie über das Haar ihrer Tochter, und diese küßte ihr +die Hand. Noch immer wars ihr wie ein Traum, nun endlich eine echte +Heimat gefunden zu haben, und diese Heimat lag fremd und unbekannt vor +ihr; manchmal kam es wie eine Furcht über das ehemalige Lagerkind, ob +sie auch glücklich werden würde in den neuen Verhältnissen. Aber dann +dachte sie an den Magister Timotheus, dem sie ihre Zweifel gesagt hatte. + +»Burga,« hatte er gesagt, »es kommt nicht darauf an, ob man glücklich +wird; man muß aber versuchen, glücklich zu machen!« + +Aber einer war ganz glücklich. Das war Wolf, der neben dem Wagen +herlief und wieder jung wurde. In dem behäbigen Hamburg war auch er +behäbig geworden. Das Umherstreifen in Feld und Flur hatte ihm gefehlt; +gesittet in den Straßen zu wandern, war nicht nach seinem Geschmack +gewesen: daher lag er lieber hinter dem Ofen, oder in der Sonne und +wurde fett. Nun aber lief er sich das Fett wieder von den Knochen, +jagte bellend hinter den Krähen her, die auf der Landstraße saßen, +oder machte einer wilden Katze den Garaus. Er war zahm geworden; hier +im Freien wurde er wieder wild, zeigte jedem, der ihm zu nahe treten +wollte, die Zähne und hörte nur auf Burga. + +Der Rittmeister war damit zufrieden. + +»Wenn ihr erst oben in Nordschleswig seid, dann müßt ihr solchen +Schutz haben!« sagte er. »Da kommen im Winter Wölfe und im Sommer die +Wegelagerer, also müßt ihr euch wehren können. Kannst du schießen, +Schwester?« + +Sie lachte. + +»Das hab ich verlernt, Herr Bruder. Dazumal, als ich noch ein Lagerkind +war, hab ich wohl mit dem Feuerrohr umgehen können, aber in Hamburg +hätte sich für eine ehrsame Jungfrau nicht geschickt, mit Waffen zu +hantieren. Herr Hanekamp würde wohl recht böse geworden sein!« + +»So also werde ich dir zeigen, mit dem Pistol umzugehen!« erwiderte +der Rittmeister ernsthaft, und Walburga freute sich nicht wenig. +Denn ihr erging es wie ihrem Wolf. Wohl war der Wagen hart und stieß +mächtig auf den schlechten Wegen, aber die linde Luft, die sie umgab, +der Geruch der Felder, der Anblick der Wälder beglückten sie. Die enge +Stadt war nichts für sie gewesen; sie merkte es, je länger die Fahrt +dauerte. Schlecht waren die Quartiere in elenden Wirtshäusern, und +außer Milch und Eiern konnte man fast nichts genießen; aber herrlich +war es, morgens früh in die frische Natur zu fahren. Wenn die Sonne +eben aufgegangen war und die Felder vom Tau noch dampften. Wenn die +Pferde mutig ihre Reiter weiter trugen, während diese ein Soldatenlied +anstimmten und vom Krieg und Tod zu singen begannen, als wäre beides +das Beste auf der Welt. Dann summte Walburga das Lied leise mit, und +als ihr neuer Bruder ihr ein Pferd brachte, das an einen Damensattel +gewöhnt war, da schwang sie sich auf den Gaul, als habe sie im Leben +nichts andres getan, als mit den Dragonern zu reiten. + +Aber sie vergaß nicht die zarte Frau, die ihrer Pflege und Liebe +bedurfte. Frau von Rantzau war seit dem Brande ihrer Burg und unter +den nachher ausgestandnen Leiden nie wieder recht gesund geworden. Sie +hielt sich zwar tapfer und klagte selten, aber sie konnte nicht mehr +viel vertragen und sah es als eine besonders gnädige Fügung an, daß +ihr die Tochter grade jetzt wieder gegeben wurde, wo sie ihrer so sehr +bedurfte. Aber sie verhehlte ihr auch nicht, daß sie keinem leichten +Leben entgegen ginge. + +»So sanft wie in der reichen Stadt wird dich das Leben nicht anfassen, +Burga!« sagte sie oft. »Der Wind oben im Norden ist grade so rauh wie +die Luft und die Menschen. Wer weiß, ob du es ertragen kannst!« + +Aber Burga lachte unbekümmert. + +»Frau Mutter, ich bin ja ein Lagerkind! In Hamburg hatte ich's gerade +vergessen; da war es gut, daß Ihr kamet und ich wußte, wohin ich +eigentlich gehöre!« + +Mühsam und lang war die Reise. Oft mußte unterwegs gerastet werden. +Dann hatte der Rittmeister in Kiel zu tun, und einige Tage wurde auch +in der Stadt Schleswig verweilt. In Kiel betrachtete Burga die Ostsee, +die grade ihr blauestes Kleid übergeworfen hatte und dazu lächelte, als +gäbe es für sie keinen Sturm und keine haushohen Wellen. + +»Ist dies Wasser immer so brav?« fragte sie ihren Bruder, der zu lachen +begann. + +»Komm einmal wieder, wenn der Ostwind heult, wenn er das wilde +Wasser weit bis in die Straßen jagt. Wenn die Wellen die Schiffe wie +Nußschalen umwerfen und ihre Mannschaften ertrinken lassen. Dann wirst +du nicht fragen, ob die Ostsee immer so brav ist!« + +Nachdenklich betrachtete Burga das lächelnde Wasser, die grünen +Buchenwälder an seinem Ufer. + +»Ich dachte nicht, daß die Welt so schön wäre!« sagte sie dann. + +Ihr Bruder sah sie scharf an. + +»Möchtest du hier bleiben? Ich könnte der Frau Mutter hier ein Häuschen +kaufen, und ihr könntet in Frieden wohnen.« + +»Und die Finkenburg?« + +Kord Rantzau hob die Schultern. + +»Sie würde alsdann das bleiben, was sie ist, ein Haufen Trümmer und +viel ödes Land!« + +Da schüttelte Burga den Kopf. + +»Ich will Arbeit haben und nicht immer in der Stube hinter dem +Spinnrocken sitzen!« + +Der Bruder sagte hierauf nicht viel, aber nachher, als er einmal mit +seiner Mutter allein war, erzählte er ihr diese Unterhaltung. + +»Manchmal hab ich wohl gedacht, es wäre Teufelsspuk und Burga gehörte +nicht zu uns; aber nun weiß ich, daß sie unser Blut in den Adern hat!« + +»Das habe ich lange gewußt!« erwiderte die Mutter. + +In der Stadt Schleswig gabs allerlei für den Rittmeister und seine +Leute zu tun. Auch Frau von Rantzau besuchte einige Verwandte, und +Burga mußte sie begleiten, Ihr war etwas übel zumute, als sie vor +einige alte Damen geführt wurde, die sie aufmerksam betrachteten und +endlich erklärten, daß sie diesem oder jenem Vetter ähnlich sähe. Denn +die adligen Familien in Schleswig-Holstein waren alle miteinander +versippt und verschwägert, und so mußten sie auch einander ähnlich +sehen. Walburga antwortete freimütig auf alle Fragen, geduldig zeigte +sie immer wieder den eingeritzten Namen auf ihrem Arm, und obgleich +eine sehr alte Base kopfschüttelnd erklärte, an so etwas würde sie +nicht glauben, und es könnte wohl sein, daß diese Walburga Rantzau eine +Betrügerin wäre, so meinten die andern, sie wollten nicht zweifeln. +Denn hatte man nicht mehr als ein Beispiel, daß verschleppte Kinder +später nur an solchem Zeichen erkannt waren? Und, ach, wie viele andre +waren verschwunden und nie wiedergekommen! Es war noch immer eine böse +Zeit, und jedermann mußte sich mit Frau von Rantzau freuen, die viele +Jahre keine Tochter gehabt hatte und nun, wo sie alt wurde, sie wieder +geschenkt erhielt. Wie Frau von Rantzau dann erzählte, wie gern die +Hanekamps Walburga in Hamburg behalten hätten und wie sie es dort viel +besser gehabt, als sie es bei ihr haben würde, da wurden alle noch viel +freundlicher. Denn soviel wußten alle, daß es für den, der den Frieden +und das Wohlleben liebte, besser war, in Hamburg zu bleiben, als auf +die nordschleswigsche Heide zu reiten und nichts zu haben als Arbeit. + +In diesen Tagen wurde Walburga das, was sie von Haus aus war, nämlich +ein Edelfräulein mit stolzer Haltung und mit vornehmer Art, den Kopf +in den Nacken zu werfen. Grade so, wie sie es an den Verwandten sah. +Und nicht deshalb, weil sie sich besser dünkte als ehemals, sondern, +weil es in ihr lag. Wenn sie aber allein war oder bei der Mutter saß, +dann nannte sie sich selbst ein Lagerkind und freute sich, es einstmals +gewesen zu sein. + +[Illustration] + + + + +[Illustration: Neuntes Kapitel] + + +Der König von Dänemark war in der Stadt Flensburg und sandte Botschaft +an den Rittmeister Rantzau, ihm seine Dragoner vorzuführen. Kord +Rantzau war nicht sehr zufrieden. Denn er hatte gehofft, Mutter und +Schwester mit seinem Fähnlein erst nach der Finkenburg bringen zu +dürfen. Aber dem königlichen Gebot mußte gehorcht werden, und so bat er +seine Mutter, mit Walburga in Schleswig zu bleiben, bis er sie selbst +mit einigen Reitern geleiten konnte. Aber Frau von Rantzau sehnte sich +nach der alten Heimat. + +»Immer habe ich gehofft, die Burg wieder zu sehen, und es sind +vielleicht noch einige Leute da, die mich kennen und mir gut dienen +werden. Laß mich hingehen; auch Walburga sehnt sich, und wir können mit +einigen Frachtwagen reisen, die nach Jütland fahren. Ich weiß, daß Herr +Josias Petersen in diesen Tagen gen Norden reisen läßt!« + +So also besuchte der Rittmeister den Herrn Kaufmann Josias Petersen, +der von Schleswig aus einen großen Handel mit fremden Waren nach dem +dänischen Reiche betrieb. Er hatte wohl zehn mächtige Frachtwagen, die +immer auf der Landstraße unterwegs waren, viele Pferde und einen Troß +von Fuhrknechten. Als der Rittmeister in sein Kontor trat, begrüßte er +ihn freundlich. + +»Gewiß, werter Herr!« entgegnete er auf des Junkers Frage, »meine +Leute kennen das Reisen und haben schon manche Fährlichkeit bestanden. +Sie werden es sich zur Ehre rechnen, Eure Frau Mutter und Jungfrau +Schwester zu geleiten. Wie in Abrahams Schoß werden sie sein, und +Geld will ich nicht dafür nehmen. Denn ich kenne doch die edle Frau +Rantzau und weiß, wie viel sie durchgemacht hat. Sie solls gut haben, +und mein Gesellschafter, der mit den Waren reist, wird sich bestreben, +die zwei Frauen samt ihrem Gepäck richtig dort abzuliefern, wo einst +die Finkenburg stand. Denn, edler Herr, ich glaube nicht, daß noch ein +Stein von ihr auf dem andern steht! Aber ich weiß, daß das Land um sie +her Euch noch gehört, und es ist verständig, die Hand wieder nach dem +Besitz auszustrecken, da es sonst von andern Liebhabern genommen werden +möchte!« + +»Wen meint Ihr mit dieser Andeutung?« fragte Kord, und Herr Petersen +strich an seinem feinen Tuchrock. + +»Die Troiburg ist nicht allzuweit von der Finkenburg!« erwiderte +er. »Dort sitzt ein Vetter von Euch. Ein braver Mann gewiß; aber +heutzutage greift jedermann nach fremdem Gut!« + +Der Rittmeister erwiderte nicht viel, aber seine Miene wurde +sorgenvoll, worauf der Kaufherr ihn gutmütig betrachtete. + +»Es mag so arg nicht sein, edler Herr!« sagte er tröstend. »Ich wollte +nur sagen, daß es gut ist, wenn ein Besitzer nach dem Seinen sieht, +auch wenn es den Anschein hat, wertlos zu sein!« + +Noch einmal empfahl der Rittmeister Mutter und Schwester dem Kaufherrn, +dann ritt er am nächsten Morgen mit seinen Dragonern gen Flensburg. +Fröhlich klapperten die Hufe der Reiter durch die Straßen der Stadt, +und Burga stand am Fenster des kleinen Wirtshauses, um ihren Bruder +abreiten zu sehen. Er hatte ihr ganz besonders die Mutter ans Herz +gelegt, und sie erwiderte ihm, daß es dieser Ermahnung nicht bedürfe. +War seine Mutter nicht auch die ihre? Dann, wie die Reiter allmählich +verschwanden und sie sich allein mit der schwachen Frau wußte, wurde +ihr einsam und traurig ums Herz. Die Verwandten hier waren gewiß +freundlich gegen sie und wollten sie wohl als eine von den Ihren +anerkennen; aber keinen von ihnen hätte sie um ihre Hilfe bitten mögen. + +Wie sie noch so in Gedanken stand, fühlte sie Wolfs kalte Schnauze an +ihrer Hand. Sie hatte ihn in ihr Zimmer genommen, weil er ungebärdig +war und sich mit keinem Tier, sei es Hund oder Katze, vertragen konnte. + +»Wolf, Wolf!« + +Walburga streichelte seinen struppigen Kopf. + +»Weißt du, daß wir wieder allein sind und daß wir gut für die Frau +Mutter sorgen müssen?« + +Wieder legte der Hund seinen Kopf an ihre Knie, begann zu winseln und +dann zu knurren. Es war jemand an der Tür, die vorsichtig offen gemacht +wurde. + +»Burga, nimm den Hund ans Halsband, sonst komme ich nicht herein!« + +»Michel!« Fest hielt die Jungfrau den Hund, der seine spitzen Zähne +zeigte. »Was willst du hier?« + +»Was ich will?« Der rote Michel schob sich vorsichtig ins Zimmer. »Du +liebe Zeit, das ist, mit Verlaub, eine dumme Frage! Ich will doch auch +nach der Finkenburg!« + +Er riß seine Kappe vom Kopf und machte einen ungeschickten Kratzfuß. +Sein struppiger Bart war gestutzt, er trug ein ordentliches Lederwams +und im Gürtel ein langes Messer. + +»Die Jungfrau wird mich gut gebrauchen können!« fuhr er fort, während +Burga vor Staunen nicht sprechen konnte. »Ich bin doch dort aus der +Gegend und kenne manches, was die Jungfrau nicht kennt. Und mit alten +Leuten verstehe ich auch umzugehen, so daß ich die Frau Mutter bewachen +kann, wenn die Jungfrau keine Zeit dazu hat.« + +»Du bist ja selbst alt!« rief Walburg, unwillkürlich lachend, worauf +Michel eine beleidigte Miene aufsetzte. + +»Ganz genau weiß ich zwar nicht, wie lang ich schon auf dieser Erde +umherlaufe, aber viel mehr als fünfzig Jahre werdens nicht sein. Und +das ist für einen Kerl wie mich kein Alter, besonders, wenns gutes +Futter gibt. Die Jungfrau wird sehen, daß ich ihr in allen Stücken +helfen kann!« + +»Aber du warst ein Räuber und bist nur durch die Gnade des Hamburger +Bürgermeisters vorm Tode bewahrt geblieben!« + +»Redet doch nicht von alten Geschichten!« sagte Michel verdrießlich. +»Was gewesen ist, ist gewesen, daran braucht man nicht mehr zu denken! +Oder glaubt Ihr, daß vornehme Herren in diesen üblen Zeiten nicht auch +einmal ein wenig geräubert haben? Ich will wahrhaftig ein braver Mann +werden und habs dem Magister Timotheus in die Hand versprochen. Seht +doch, wie anständig ich aussehe! Den ganzen Anzug habe ich mir durch +meiner Hände Arbeit verdient, in Kiel und in Schleswig!« + +»Du bist in Kiel gewesen?« + +»Ganz sicher, edle Jungfrau! Bin Euren Spuren gefolgt und immer dort +gewesen, wo Ihr waret. Ich drängte mich nicht vor; erstmals wollte +ich einen ordentlichen Kittel haben, und dann bin ich auch ein wenig +bange vor dem Herrn Rittmeister. Der wollte ja durchaus, daß ich hängen +sollte, und da will ich ihm vorläufig aus dem Wege gehen. Fragt aber +nur die Frau Mutter; sie wird schon Erbarmen mit mir haben und mich +mitnehmen nach der Finkenburg!« + +In diesem Augenblick trat Frau von Rantzau ein, und obgleich sie zuerst +sehr erstaunt über Michels Erscheinen war, so erklärte sie nach einigem +Nachdenken, daß sie nichts gegen seine Begleitung habe. Hierüber wurde +Michel so gerührt, daß er nach ihrer Hand griff, um sie zu küssen. + +»Ich will ein treuer Diener werden, edle Frau!« rief er. »Wahrlich, +wenn der rote Michel etwas verspricht, dann hält er sein Wort! Ich +habe doch damals die Burga aus dem brennenden Schloß getragen und +dafür gesorgt, daß sie in gute Hände kam. Lesen und Schreiben hat sie +gelernt, und ich will sie jetzt auch mit Ehrerbietung behandeln, wie es +ihr zukommt!« + +Michel ging jetzt, um sich dem Kaufherrn als Begleiter anzubieten, +die zwei Frauen freuten sich eigentlich, den roten Freund wieder zu +haben. Besonders Walburga, und ihre Mutter wußte auch, daß man es in +diesen Zeiten nicht allzu genau mit dem nehmen durfte, was die Männer +einstmals getan hatten. Wenn sie nur nachher treue Dienste leisteten, +mußte man zufrieden sein. + +Zwei Tage später ging der Kaufmannszug aus den Toren der Stadt. Frau +von Rantzau und ihre Tochter saßen wieder in ihrer Kalesche, die ein +Knecht lenkte, und Wolf mußte sich gefallen lassen, an einem langen +Riemen von Michel geführt zu werden. Er knurrte und war verdrießlich, +aber Burga flüsterte mit ihm und versprach ihm die goldne Freiheit, +wenn er erst auf der Finkenburg wäre. Und wieder war es, als ob das +Tier ihre Worte verstünde. Er gab sich zufrieden und ließ sich geduldig +von Michel führen. Es war kein sicheres Land, durch das jetzt die Reise +ging. Hügelige Heide und Moorstrecken wechselten mit weiten Wäldern +ab; die Ortschaften lagen verstreut; die Landstraßen waren schlecht, +und zur Winterszeit kamen die Wölfe und überfielen die Wanderer. Jetzt +aber war Sommer, die Heide begann zu blühen, und auf dem Moor liefen +die Wasservögel mit ihrer jungen Brut. Manchmal rannte ein Hase über +den Weg und einmal sogar ein Hirsch. Da war es besser, den Hund nicht +frei laufen zu lassen, da er im Jagdeifer in den Wassertümpeln des +Moores hätte versinken können. Oder der Wolf tauchte aus dem Dickicht +auf und sprang ihm an die Kehle. Denn vor kurzem war trotz des Sommers +ein ausgewachsener Wolf von einigen Bauern im Netz eingefangen worden. +So berichtete der Gesellschafter des Herrn Petersen, der zu Pferde die +Reihe von Wagen begleitete, überall seine Augen hatte und gelegentlich +einige höfliche Worte an die zwei Frauen in ihrem Wagen richtete. Er +hieß Jens Nielsen und stammte aus Jütland. Aber er sprach das Deutsch +geläufig und wußte gut mit den Fuhrknechten und den Soldaten umzugehen. +Denn auch einige Soldaten hatte man mitgenommen. Langsam nur kam der +Zug vorwärts. Hin und wieder versank ein Wagenrad im Moor, oder der +Sand auf den Heidewegen war so hoch, daß die Pferde kaum vorwärts +kommen konnten. Burga, die gemeint hatte, in zwei oder drei Tagen auf +der Finkenburg zu sein, mußte Geduld lernen. Eine Woche konnte es +noch dauern, ehe der Zug nach dem Dorf Lügumkloster kam. Von dort war +es dann nur eine Tagesreise nach der Finkenburg. So berichtete ihr +Herr Nielsen, mit dem sie manchmal wanderte, wenn sie nicht mehr in +dem schaukelnden Wagen sitzen mochte. Es war herrlich, die Heideluft +einzuatmen, die Vögel fliegen zu sehen, sich einen Busch Heidekraut +zu pflücken oder die kleinen Moorenten zu beobachten, die auf den +Wassertümpeln schifften. + +Dann tat es ihr nicht leid, so langsam zu reisen, und Michel tröstete +sie am Ende des dritten Reisetages. + +»Wir kommen noch früh genug nach der Finkenburg!« versicherte er. +»Glaubt mir, Jungfrau, nun habt Ihr große Ungeduld, in die alte Heimat +zu kommen, wenn Ihr aber einmal dort seid, werdet Ihr Euch vielleicht +wünschen, bald wieder wegzureisen. Das aber wird nicht schnell gehen. +Noch manchmal werdet Ihr nach Hamburg zurück denken und vielleicht auch +an den Hanekamphof. An dem war ja eigentlich nicht allzuviel, aber +besser als die Finkenburg wird er schon gewesen sein!« + +Es war ziemlich spät am Abend, als die Wagen vor einer kleinen Herberge +rasteten, die hart am Rande des Waldes lag. Am Tage wars heiß gewesen, +und auf dem sandigen Wege kein Schatten. Da waren die Pferde müde +geworden und hatten die schweren Wagen kaum noch ziehen können. Jetzt +stand ein Gewitter am Himmel, und Herr Nielsen freute sich, in dieser +kleinen Herberge ein Unterkommen gefunden zu haben. Schlecht genug war +es; die Wirte waren finstre Leute, die einmal übers andre erklärten, +weder Milch noch Bier für die Reisenden zu haben. Mürrisch schafften +sie endlich ein Faß saures Bier zur Stelle und brachten für Frau von +Rantzau einen Becher mit Milch. Aber sie versicherten, keinen Raum +zum Schlafen für die zwei Frauen zu haben, sie müßten in ihrem Wagen +bleiben. Wolf winselte und knurrte zugleich, als er mit Michel vor +dem düstern Hause stand, und sein Führer sah sich mit scharfen Augen +um. Dann drückte er Burga den Lederriemen des Hundes in die Hand und +ging, ohne ein Wort zu sagen, in den wilden Krautgarten, der hinter dem +Hause lag. Als er zurückkehrte, ging er auf Herrn Nielsen zu und sprach +eifrig auf ihn ein. Dieser aber lächelte nur und zuckte die Achseln. + +Michel kehrte zu Walburga zurück. + +»Der junge Herr will mir nicht glauben, aber ich spüre was +Verdächtiges, und Wolf ergeht es grade so.« + +»Sind Räuber in der Nähe?« fragte Walburg, und Michel nickte. + +»So wirds wohl sein, und wenn ich die Jungfrau wäre und eine Mutter +hätte, würde ich was andres tun, als die Nacht hindurch vor dem Haus +im Wagen zu bleiben!« + +Walburga sah sich um. Die Soldaten saßen im Schenkzimmer um das Faß +Bier, und die Fuhrknechte hockten neben ihnen. Die Pferde waren +abgesträngt, und man hatte einige Eimer mit Wasser so gestellt, daß +die meisten trinken konnten. Auch die Pferde vor dem Wagen der zwei +Frauen standen mit hängenden Köpfen, und Michel schleppte ihnen einen +Eimer mit Wasser hin, den sie gierig austranken. Der Fuhrknecht, der +als Kutscher diente, war nirgends zu sehen. Erschöpft lehnte Frau von +Rantzau in den Kissen. Sie hatte ihre Milch getrunken und nun die Augen +geschlossen. Die Fahrt begann, für sie sehr mühselig zu werden. Michel +sagte nicht viel; aber, nachdem die Pferde getrunken hatten, strängte +er sie von neuem an, kletterte auf den Bock, machte Walburg ein Zeichen +einzusteigen und fuhr mit dem Wagen in ein Dickicht, das etwa eine +Viertelmeile von der unheimlichen Herberge lag. Hier war es feucht und +schattig, dichtes grünes Gras bedeckte den Boden. Michel sprang vom +Wagen, riß einige Büschel von dem Gras ab und gab sie den Pferden. + +»Hier muß der Wagen bleiben!« sagte er leise zu Burga. »Nehmt Euer +Pistol in die Hand und den Wolf mit in den Wagen. Er darf keinen Lärm +machen, damit Ihr nicht gefunden werdet!« + +»Meinst du, daß die Räuber kommen werden?« + +Michel lachte über diese Frage, aber dann wurde er wieder ernst. + +»Man sollte meinen, daß Ihr niemals ein Lagerkind gewesen wäret, Burga! +Hättet Ihr in der Herberge die Augen offen gehalten, dann würdet Ihr +mich nicht fragen. Doch verliert nur nicht den Mut; einmal nur kann man +sterben, Ihr habt es mir selbst gesagt!« + +Er war gegangen, Burga faßte ihr Pistol und zog Wolf zu sich in den +Wagen. Der wollte zuerst nicht, spitzte die Ohren und murrte leise; +aber sie hielt ihm das Maul zu und flüsterte mit ihm. Da drückte er +den Kopf gegen ihre Brust und lag regungslos. Die Nacht kam früher +als sonst in diesem nordischen Lande mit den langen Sommerabenden. +Schwarze Wolken türmten sich zusammen, und der Donner grollte. Frau von +Rantzau fuhr aus unruhigem Schlummer auf, aber Walburg sagte einige +beruhigende Worte; da legte sie sich wieder zurück und begann von neuem +zu schlafen. Dann rauschte der Regen, dazwischen fiel Hagel, und die +Blitze zuckten. Wolf fuhr in die Höhe und wollte heulen: aber er durfte +nicht und mußte sich beruhigen. + +Wie lang war die Nacht, und wie rauschte der Regen! War Walburg wieder +ein Lagerkind geworden, mußte im Freien nächtigen und hatte keine +Heimat? Halb im Traum sah sie sich in der Hütte, unter der in der +kalten Nacht die Wölfe heulten, sah sich im Boot auf der Elbe und dann +später in dem behaglichen Kaufmannshaus. Da brauchte man nicht im +Freien zu schlafen und ängstlich auf ein Geräusch zu warten, das von +Raub und Überfall sprach. -- -- + +Ein Schuß knallte in der Ferne, dann mehrere. Ein Geschrei erhob +sich, dazwischen Waffengeklirr, Fluchen und eine laute Stimme, die +alles übertönte. Es regnete nicht mehr, der Tag brach an, und ein +roter Sonnenstrahl glitt über die nassen Zweige. Burga saß aufrecht, +die Waffe in der Hand, eine tiefe Falte zwischen den Augen. Wenn es +ans Sterben ging, dann wollte sie ihr Leben teuer verkaufen. Da rief +Michels Stimme nach Wolf, und der Hund, der schon an allen Gliedern +gezittert hatte, riß sich los und sprang aus der nur angelehnten Tür. +Er bellte, ihm antwortete ein wilder Schrei, dann klirrten wieder die +Waffen, und viele Stimmen sprachen durcheinander. + +Frau von Rantzau fuhr angstvoll in die Höhe, und Burga hielt es nicht +mehr in ihrem Versteck. Sie stand mitten im Dickicht und wäre am +liebsten ihrem Hunde nachgeeilt, aber sie sah ein, daß sie ihre Mutter +nicht verlassen durfte. Da erschien schon Michel. Sein Gesicht blutete, +aber er lachte zufrieden. + +»Braucht Euer Pistol nicht mehr, Burga, wir haben den großen Räuber +gefangen, und Wolf bewacht ihn. Denn er soll nicht im ehrlichen Kampf +sterben, sondern durch den Strick! Und der Junker Buchwald von der +Troiburg ist auch dabei. Da lief hier gestern so ein kleiner Junge +umher, den die Räuber als Kundschafter gebrauchten. Aber sie hatten ihn +aus Tondern gestohlen und ihn immer geschlagen. Nun war er böse auf +sie, und wie er merkte, daß ich es gut mit ihm meinte, verriet er mir, +daß der Ritter von der Troiburg hinter den Räubern her wäre und daß er +ihn und seine Knechte wohl finden könnte. Also habe ich ihn geschickt, +und der Junker ist grade zur rechten Zeit gekommen!« + +Während er noch sprach, trat ein großer Mann im einfachen Lederkoller +vor Walburga und lüftete seine Kappe. + +»Edle Jungfrau, ich habe schon von Euch gehört, und Eure Frau Mutter +ist die Base meiner alten Mutter. So sind wir miteinander verwandt!« + +Das war der Ritter Detlev Buchwald von der Troiburg, der nun auch die +Frau von Rantzau begrüßte und übers ganze Gesicht lachte. Denn er hatte +einen sehr guten Fang in dieser Nacht gemacht. Schon seit langer Zeit +kam eine Räuberbande von Jütland her nach Nordschleswig, plünderte +einsame Gehöfte und überfiel die Reisenden. In Moor und Wald konnte sie +sich gut verstecken, und es war fast unmöglich, ihr beizukommen. Ihr +Anführer Klas Lembeck war ein kluger Mann und sollte ehedem Offizier +bei den Wallensteinern gewesen sein. Nun lag er gefesselt auf der Erde, +und Wolf bewachte ihn. Michel zeigte ihn voll Stolz. + +[Illustration] + +»Allein konnte ich ihn nicht überwältigen, da rief ich nach dem Hund, +und er kam auf meinen Ruf. Wohl, weil er merkte, daß er was Gutes tun +sollte!« + +Er streichelte den großen Kopf des Hundes; der aber rührte sich nicht, +sondern sah mit glühenden Augen auf den Gefangenen, der zornige Flüche +ausstieß. + +Vier Räuber waren getötet, eben so viele gefangen, und die andern waren +entflohen. Es stellte sich heraus, daß wohl ein halbes Dutzend von +ihnen in der Herberge verborgen gewesen war, als der Kaufmannszug kam. +Schon seit einigen Tagen wurde der Zug von Klas Lembeck verfolgt, und +hier erschien der geeignete Ort, einen Überfall zu unternehmen. Der +Kampf war heftig gewesen; Herr Jens Nielsen hatte einen Schlag über +den Kopf erhalten und einen Stich in den Arm, daß er recht kläglich +einherging. Aber Michel, der etwas von allem verstand, verband ihn +kunstgerecht und ließ es dabei nicht an Bemerkungen fehlen, daß der, +der nicht hören wollte, nun fühlen müßte. + +»Hab ich's Euch nicht schon gestern gesagt, werter Mann, daß es hier +nicht geheuer wäre, und daß Ihr gut tätet aufzupassen? Sagte ich nicht, +Ihr sollet einmal in den Garten gehen und Euch die vielen Fußspuren +betrachten? Sie liefen alle ins Haus und keine hinaus! Aber Ihr waret +so klug, daß Ihr mich auslachtet!« + +»Wir hatten ja doch die Soldaten!« murmelte Herr Nielsen, worauf Michel +ihm das Tuch um den Kopf noch fester band. + +»Werter Mann, in das saure Bier war doch Mohnsaft hineingeträufelt. +Ich schmeckte es gleich, als ich den Becher an die Lippen setzte, aber +die andern waren durstig und spürten nichts davon. Daher schliefen +sie nachher wie die Steine. Niemand hörte auf mich, weil ich nur ein +elender Knecht bin, aber auch einfache Knechte sind manchmal klüger als +feine Herren aus der Stadt!« + +Michel spreizte sich recht mit seinen Verdiensten, aber niemand verwies +ihm seine Eitelkeit. Hatte er doch wirklich die reichen Güter vor den +Räubern gerettet und die Menschenleben dazu. Denn Klas Lembeck war als +ein grausamer Mann bekannt, der seine Gefangenen allemal tötete und +keine Gnade kannte. Auch Burga, trotz ihrer Waffe und ihres Hundes, +hätte sich schwerlich vor ihm schützen können. + +Frau von Rantzau war die erste, die Michels Verdienst erkannte und ihm +die Hand reichte. + +»Du hast uns das Leben durch deine Treue gerettet, Michel!« Er machte +einen Kratzfuß, und wischte sich das blutunterlaufne Gesicht. + +»Die edle Frau braucht sich nicht zu bedanken, ich weiß, was ich ihr +schuldig bin. Aber ich meine selbst, daß es vom Herrn Bürgermeister von +Hamburg ein guter Gedanke war, mir das Leben zu schenken. Denn nun kann +ich doch versuchen, ein braver Kerl zu werden, bis ich auf natürliche +Art in die Grube fahre!« + +»Du sollst immer bei uns bleiben und von deinen früheren Taten darf +nicht mehr geredet werden! Sie sind vergessen und vergeben!« + +Michel begann ein wenig zu schluchzen, aber er nahm sich gleich wieder +zusammen. + +»Ich danke Euch, edle Frau! Besser ist es ja, wenn die Leute hier sich +von dem alten Michel keine Geschichten erzählen können! Und wenn sie +nun von mir reden, so dürfen sie damit beginnen, daß ich geholfen habe, +den großen Räuber Klas Lembeck gefangen zu nehmen!« + +[Illustration] + + + + +[Illustration: Zehntes Kapitel] + + +Der Herr von Buchwald war, wie schon erwähnt, sehr guter Laune. Zum +ersten lief der Räuberhauptmann mit vier Kumpanen gebunden hinter +seinen Reisigen her, dann war ihm eine große Belohnung sicher, weil +er die Frachtwagen gerettet hatte, und endlich brachte er Frau von +Rantzau mit ihrer Tochter nach seiner eignen Burg. Denn er hatte ihnen +vorgestellt, daß sie vorläufig doch nicht auf der Finkenburg wohnen +könnten. Die ganze Burg lag in Trümmern, das Vieh war vertrieben, und +die Leibeigenen, die zu dem Besitz gehörten, waren davongelaufen. Also +war dies alles nichts für einzelne Frauen. Die Troiburg dagegen lag in +einer Niederung des Flusses Brederau und war so von Wasser umspült, daß +sie so gut wie uneinnehmbar war. Wenigstens hatten sowohl die Schweden +wie die Wallensteiner versucht, sie zu erobern, und beide Truppen waren +mit leeren Händen abgezogen. + +Hier also wohnte der Junker Buchwald mit seiner alten Mutter und suchte +die Felder, die außerhalb der Burg lagen und oft verwüstet gewesen +waren, von neuem zu bestellen. Außerdem hatte er eine Anzahl Berittne, +mit denen er hinter den Räubern her war, die das Land unsicher machten. +Der König von Dänemark hatte ihm eine Belohnung versprochen, wenn er +dazu half, Nordschleswig von ihnen zu befreien. Nun wollte er die +Gefangnen in der Stadt Tondern abliefern, wo sie dann gerichtet werden +sollten. + +Eigentlich war er ein schweigsamer Mann; aber heute mußte er die zwei +Frauen unterhalten, ritt neben dem Wagen her und tat es mit vielem +Vergnügen. + +»Wie wird sich meine Frau Mutter freuen, einen so lieben Besuch zu +erhalten!« sagte er mehr als einmal. »Sie hat's gar einsam auf unsrer +Burg, und doch mag sie nicht in eine Stadt ziehen. Wer's gewohnt ist, +in freier Luft zu sein, die Vögel im Walde singen und im Winter das +Geheul der Wölfe zu hören, den zieht es nicht hinter die dicken Mauern +der Städte!« + +Da tat Walburg einen tiefen Atemzug und sah den Ritter freundlich an. +Er sprach ihr aus der Seele. + +Die Troiburg war ein finsterer alter Bau mit mächtigen Mauern und fast +ganz von Wasser umgeben. Eine Zugbrücke führte über einen breiten +Graben in den Burghof, in dem zwei große Hunde an der Kette lagen und +ihren Herrn mit lautem Geheul begrüßten. Sie waren von Wolfs Art, und +er, den Michel wieder am Riemen führte, antwortete ihnen auf dieselbe +Weise. Grade, als freute er sich über die Verwandtschaft. Aber die zwei +andern zeigten ihre großen Zähne, und für heute wurde Wolf noch nicht +zu ihnen gelassen, sondern ging mit Frau von Rantzau und ihrer Tochter +in die große Halle, wo eine gebückte Frau ihnen entgegenkam. Herr von +Buchwald hatte einen Boten vorausgeschickt; da wußte seine Mutter, +welche Gäste sie erwarten durfte. Herzlich begrüßte sie die Verwandten, +und als Walburg am Abend in der Halle saß, in deren Riesenkamin, trotz +des Sommers, ein helles Feuer brannte, als sie die Wolfsfelle sah, die +auf der Erde lagen, und die Hirschgeweihe und Wildschweinsköpfe an den +Wänden, da kam es ihr vor, als ob das Lagerkind endlich einen Platz +gefunden hatte, von dem es nicht mehr vertrieben werden konnte. + +Es war gut sein auf der Troiburg. Zwar war hier ein hartes Leben, und +der Junker hatte fast mehr Arbeit, als er bewältigen konnte, aber wenn +er auch den ganzen Tag zu Pferde saß, um nach seinen Feldern zu sehen +oder seine Hörigen anzutreiben, daß sie für ihn arbeiteten, so hatte er +doch die feste Troiburg, zu der er immer wieder zurückkehren konnte, wo +seine Mutter ihn erwartete und wo es Speis und Trank für ihn und seine +Leute gab. Anders war es mit der Finkenburg. Bald nach ihrer Ankunft +fuhren Frau von Rantzau und ihre Tochter, begleitet von Michel und von +einigen Knechten, hin. Sie fanden einen Steinhaufen. Die Bäume, die +einst im Burghof standen, waren gefällt; dichter Efeu wuchs in den +Mauerlöchern, und wo einst ein zierliches Gärtchen gewesen war, lagen +Berge von Mörtel und Kalk. Wer hier neu bauen wollte, der mußte viel +Geld daran wenden, und wer weiß? wenn alles wieder aufgebaut war, kam +ein neuer Krieg und zerstörte das eben Geschaffne. + +Traurig fuhren beide Frauen wieder zur Troiburg, wo die Buchwalds sie +liebevoll erwarteten und ihnen Mut einsprachen. Vielleicht konnte doch +noch ein Haus dort gebaut werden, wo die alte Burg gestanden hatte; die +Felder waren noch da, und allmählich würde man sie bestellen. Aber Frau +von Rantzau schüttelte den Kopf. Sie fühlte sich nicht gesund genug, um +eine so große Arbeit zu übernehmen; das mußte ihr Sohn tun, der jung +war und kräftig. + +»Und mir traut Ihr gar nichts zu?« fragte Walburga. + +Ehe die Mutter antworten konnte, stand der Ritter Buchwald auf. + +»Werte Jungfrau!« sagte er. »Ich meine, Ihr solltet Euch nicht mehr um +die Finkenburg bekümmern, da sie doch eigentlich nicht Euch, sondern +Eurem Bruder gehört. Mag der sehen, ob er sich mit dem Gemäuer noch +viel Mühe geben mag. Ihr aber solltet mit Eurer Frau Mutter auf der +Troiburg bleiben, da wir, meine Mutter und ich, eine Gesellschaft sehr +nötig haben. Und nicht allein Gesellschaft, sondern auch Hände, die da +arbeiten können. Denn wir haben viel zu tun; aber wenig Menschen, die +die Arbeit anfassen. Rauh ist das Leben hier und wenig Vergnügen. Dafür +aber sitzen wir auf unsrer eignen Burg, und niemand hat uns was zu +sagen. Und wenn Ihr große Sehnsucht habt, dann könnt Ihr ja im Winter +einmal nach Schleswig auf ein Fest fahren. Ich will schon dafür sorgen, +daß Euch keine Räuber belästigen!« + +Er sprach ehrlich, und als seine Mutter die Bitte des Sohnes +wiederholte, da versprachen beide Frauen, vorläufig auf der Burg zu +bleiben, und Walburga ließ sich geloben, daß sie Arbeit zugewiesen +erhalten sollte. Diese blieb nicht aus. In Küche und Keller, in den +Flachskammern wie im Garten war übergenug zu arbeiten, und manchmal kam +es der Jungfrau vor, daß sie noch nie so müde auf ihr Lager gesunken +wäre, wie auf der Troiburg. Aber jeden Morgen erwachte sie frohen +Herzens und wußte, daß sie nicht allein für sich, sondern für andre +lebte. + +So kam es fast von selbst, daß, als Herr von Buchwald fragte, ob sie +ihn heiraten wollte, sie ihre Hand in die seine legte. + +»Ich bin zwar ein Lagerkind gewesen!« sagte sie zögernd, worauf er ihr +treuherzig in die Augen sah. + +»Aus einem Lagerkind, wie du es warest, wird die beste Burgfrau!« + +In der alten Kirche zu Lügumkloster wurde aus Walburga Rantzau die +edle Frau von Buchwald. Es war nur eine kleine Feier, aber der +Rittmeister Kord Rantzau war natürlich dazu gekommen und auch ein +junger Offizier, Gottfried Hanekamp. Die andern Hanekamps aber ließen +sich entschuldigen, denn es ging zum Herbst, und aus Hamburg hatte +niemand Lust, sich auf die nordschleswigsche Heide zu wagen. Die +schlimmsten Räuber waren zwar gehängt, aber, wer verständig war, der +wagte sich nicht aus schützenden Mauern. So sandten die Hanekamps nur +ein stattliches Silbergeschenk und dazu ein Faß mit gesalzenen Heringen +und eins mit indischen Gewürzen. + +Auch der Kaufmann Josias Petersen sandte ein Geschenk, das aus einem +wertvollen Teppich bestand, und dazu schrieb er, daß er sich von Herzen +freue, die Jungfrau Walburga als Herrin der Troiburg zu wissen. Denn +dann würde es mit den Ländereien der Finkenburg wohl noch in Ordnung +kommen! Walburg verstand diesen Satz nicht; ihr jetziger Gemahl aber +wurde ein wenig verlegen. + +»Ich habe mir wohl einige Felder genommen, die ohne Herrn waren und +die eigentlich zu eurer Burg gehörten!« gestand er. »Aber ich wußte +ja nicht viel von euch, und ob ihr jemals wieder heimkehrtet. Wenn du +willst, sollen sie dir gut geschrieben werden, Walburg, oder ich gebe +Geld dafür an deinen Bruder!« + +So wurde das letztere beschlossen, und der Rittmeister nahm gern +einen Beutel mit Silbertalern, die er gut gebrauchen konnte. Zugleich +bedankte er sich bei seinem Schwager für seine Ehrlichkeit. Denn +dazumal nahm jedermann wohl, was er kriegen konnte, und im Grunde +war es gut gewesen, daß die Felder bestellt wurden, anstatt brach zu +liegen. Aber als er wieder einmal nach Schleswig kam, ging er doch zu +Herrn Josias, um diesem für seine Worte in dem Hochzeitsschreiben zu +danken. + +»Ich tats für Eure Frau Mutter, werter Herr!« entgegnete der Kaufherr, +»und auch für Eure Schwester. Denn sie hat mir gut gefallen, nachdem +ich sie gesehen, und sie hat meinen Jens Nielsen und etliche der +Knechte damals, nach dem Überfall, so brav verbunden, daß sie ihr noch +alle dankbar sind. Und eigentlich hätte ich dem Hunde Wolf auch wohl +ein Geschenk senden mögen, wußte aber nicht, was es sein sollte. Da er +wohl jetzt alles hat, was sein Herz begehrt!« + +So war es auch. Wolf bedurfte keiner besondern Gabe. Als Walburg mit +dem Ritter Buchwald in der Kirche getraut wurde, saß er mit Michel vor +der Tür und winselte. Denn er konnte es nicht haben, wenn er Walburg +nicht begleiten durfte. Nachher aber, bei dem Hochzeitsmahl, lag er +zu den Füßen der Braut und durfte an einem großen Knochen nagen. Er +hatte es besser als Michel, der draußen in der Gesindestube mit den +andern Knechten und Mägden feierte und nur aus der Ferne die Braut und +ihren Gemahl sehen durfte. Aber er war auch zufrieden. Alles Gesinde +behandelte ihn mit Achtung, weil er sich so tapfer bei den Räubern +benommen hatte, und daß er ehemals Schuld auf sich geladen hatte, +wußten nur die Rantzaus. Die aber redeten nicht darüber, und der +Rittmeister sagte ihm sogar beim Scheiden ein gütiges Wort. Merkte er +doch, daß Michel sich Mühe gab, ein treuer Diener zu werden, und von +diesen gabs nicht allzuviel im Lande. Der Knecht hatte in Wahrheit ein +andres Gewand angelegt. War es, weil er wieder in die Heimat kam und +der herbe Duft von Moor und Heide ihn umgab, oder daß er seine Sünden +einsah; niemals konnte die Herrschaft sich über ihn beklagen. Eifrig +arbeitete er, wo es zu arbeiten gab, und achtete auf die Knechte; und +als der erste kleine Junker geboren wurde, saß er neben der Wiege +wie eine echte Kindermuhme. Er war es, der den Kleinen zuerst laufen +lehrte, der ihm die ersten Bolzen schnitzte. Wenn der Ritter von +der Burg abwesend war, wußte er sie wohl bewacht, wenn Michel seine +scharfen Augen offen hatte, und gar oft sprachen Frau von Rantzau und +ihre Tochter darüber, wie doch alles so wunderbar gekommen wäre und wie +Gott es gefügt habe, daß der einstige Missetäter ihnen noch so nützlich +geworden wäre. + +Fünf Jahre waren vergangen. Auf der Troiburg hatte sich nicht wenig +verändert: zwei Menschen waren gestorben, drei waren wieder geboren +worden. Die alte Frau von Buchwald und Frau von Rantzau hatten die +Augen zum ewigen Schlummer geschlossen, zwei kleine Buchwalds liefen +dafür munter im Burghof umher, spielten mit Holzpferden und Puppen und +setzten sich Wolf auf den Rücken, um auf ihm zu reiten. Der Hund lebte +immer noch; aber er war steif geworden, und seine Augen hatten ihre +Sehkraft verloren. Doch er konnte noch immer scharf hören, und seine +mächtigen Zähne waren ihm nicht ausgefallen. Für die andern Wolfshunde +war er eine Respektsperson; wo er in der Sonne oder am warmen Kamin +lag, da wagte sich kein andrer Hund hin. Noch immer liebte er Walburg +am meisten, aber sie hatte oft keine Zeit für ihn, und so lag er jetzt +neben der Wiege, in der das jüngste Kind schlief. Das war ein kleines +Mädchen, und sie hieß Walburg wie ihre Mutter. Die andern Leute sagten, +daß sie auch sonst ihrer Mutter gliche und wohl später so wie diese +werden würde. Wenn der alte Hund diese Worte hörte, hob er den Kopf und +stieß mit der spitzen Schnauze gegen die Wiege, als wollte er sagen, +daß auch er dies glaube. Und dann legte er sich wieder hin, drückte den +Kopf auf die Pfoten und träumte. Und vielleicht dachte er der Zeit, da +er jung war und mit dem Lagerkind über die Heide lief, oder mit ihr +über das Eis der Elbe ging und nachher auf das Heulen der Wölfe horchte. + +Auch jetzt kamen sie im Winter über die nordschleswigsche Heide und +heulten um das Gemäuer der Troiburg. Dann war Wolf immer der erste, +der aus seinen Träumen auffuhr und so wild und zornig bellte, daß +alle andern Hunde in Aufregung gerieten. Sie lärmten so lange, bis +der Ritter Buchwald ihnen den Gefallen tat und mit ihnen aus dem Tor +und über die Zugbrücke ging. Mit wilden Sätzen jagten sie hinter den +Wölfen her und brachten sicherlich den einen oder den andern zur +Strecke. Aber es kam auch vor, daß einer von ihnen nicht wiederkehrte +und daß man am andern Morgen nur seine Knochen fand. Mehrmals +veranstaltete der Ritter eine Wolfsjagd, zu der er verschiedene +Nachbarn einlud und in denen die Isegrims ihr Leben lassen mußten. +Dann gabs für einige Zeit Ruhe; aber im strengen Winter kamen sie +immer wieder, und es schien, als ob sie nicht ab- sondern zunähmen. Es +gab viel zu tun, sich ihrer zu erwehren, und der alte Wolf hatte oft +Gelegenheit, sein durchdringendes Geheul auszustoßen und seine Zähne zu +fletschen. Er selbst sollte den Wolf nicht mehr jagen; Walburga hatte +es ein für allemal verboten, und er wußte, daß ers nicht durfte. So +blieb er denn, am ganzen Leibe zitternd, daheim, legte sich vor die +Wiege und winselte. + +Es war an einem herrlichen Wintertage. Viele Tage vorher hatte es +geschneit, und der dicke Turm der Troiburg trug eine Mütze von Schnee. +Auf dem Wasser des Burggrabens lag Eis, und der breite Fluß hinter +der Zugbrücke war gleichfalls zugefroren. Aber die Sonne schien, +tausend kleine Kristalle flimmerten auf dem alten Burggemäuer, und +der Himmel war blau wie im Sommer. So warm war es auf dem Schnee +im Garten, daß die Kinder barhaupt hier spielten. Die zwei kleinen +Junker schneeballten sich, und die kleine Walburga hatte Michel wohl +eingepackt und dann in den warmen Sonnenschein gestellt. Denn er +behauptete, die frische Luft wäre gesunder für die Kinder, als den +ganzen Winter lang vor dem brennenden Kamin zu hocken. Auch Wolf kam +hinzu und legte sich unter die kleine Wiege. Ganz still war es im +Gärtlein; die kleinen Junker waren des Schneeballens müde geworden und +davongelaufen, weil sie von der Frau Mutter ein Musbrot holen wollten. +Auch Michel wurde hungrig zumute. In der Gesindekammer stand sein Brot +und seine Kanne mit Bier; er wollte sich stärken, weil die Winterluft +zehrte. Also ging er davon und ließ Wolf mit der Kleinen im geschützten +Garten. Das Kind schlief fest, und Wolf träumte wie meistens. Im blauen +Himmel stieg ein Falke in die Höhe und stieß einen rauhen Schrei aus. +Da hob Wolf den Kopf und lauschte. Wenn der Falke so schrie, dann +lauschte er immer. Über die Mauer des Gartens spähte ein dunkler Kopf; +eine zottige Gestalt folgte ihm; dann schlich ein großer Wolf auf die +Wiege zu, um gleich in ein wildes Geheul auszubrechen. Denn Wolf, der +Hund, war ihm an die Kehle gesprungen, und beide Tiere wälzten sich +im Schnee, bissen sich fest ineinander und fauchten und knurrten. +Von Hofe her heulten die andern Wolfshunde, und bald war Hilfe zur +Stelle. Die Knechte kamen mit Knüppeln, die Hunde stürzten sich auf +den Räuber; jagten dann über die Gartenmauer und übers Eis, das den +Eingang zur Burgmauer freigegeben hatte. Bei diesem wilden Kampfe war +die Wiege umgefallen, aber die kleine Walburg lag unverletzt in ihren +Kissen. Ein mächtiger Wolf lag totgebissen mitten im Garten, während +draußen noch mehrere verfolgt wurden. Aber auch der tapfere Hund lag +in seinem Blute. Frau Walburga kniete neben ihm und legte seinen Kopf +in ihren Schoß. Noch einmal leckte er ihr die Hand und winselte wie in +alten Tagen. Wie damals, als er mit dem Lagerkind nach dem Hanekamphof +ging. Dann streckte er sich und schloß die blinden Augen für immer. +Bitterlich weinte Frau Walburg über den Tod des alten Freundes; aber er +hatte ein tapferes Ende gehabt, und das gönnte sie ihm. Im Garten der +Troiburg fand er seine letzte Ruhestätte, und Michel stand manchmal vor +dem kleinen Hügel oder berichtete den Kindern von Wolf dem Tapfern und +von seinen Abenteuern. Jetzt lag ein junger Wolfshund neben der Wiege +und folgte der Herrschaft, wenn sie ihn rief; aber es war nicht der +alte Wolf, der so klug war, daß er jedes Wort verstand. + +Wieder vergingen die Jahre. Frau Walburg wollte immer gen Süden reisen +und dann auch nach den Hanekamps in Hamburg sehen. Aber sie hatte keine +Zeit. In der Troiburg gabs kein Ende mit der Arbeit; die Kinder wollten +gewartet und erzogen sein, und ihr Gemahl mochte sie nicht entbehren. +Sie mußte oft die Burg behüten, wenn er abwesend war, und er hatte viel +draußen im Lande zu tun. Allmählich war's freilich sicherer auf der +Heide und im Moor geworden, aber immer noch gab es Wegelagerer, die +die Gegend beunruhigten, und mehr als einmal erhielt der Ritter den +Auftrag, hier und dort nach Recht und Ordnung zu sehen. Und gerade, wie +das Land einigermaßen ruhig war und die Felder bestellt werden konnten, +da begann wieder der Krieg. Der dänische König ward hart von den +Schweden bedrängt, die vom Süden her in Schleswig-Holstein einbrachen +und große Verwüstungen anrichteten. Bis die Brandenburger und +Österreicher den Dänen zu Hilfe kamen. Der Große Kurfürst ist damals +selbst bis nach Flensburg geritten und von dort übers Eis nach der +Insel Alsen gegangen. Er war ein guter Herr und wollte den Schleswigern +gewiß nicht mehr schaden, als es der Krieg mit sich brachte. Aber +leider hatte er auch Polen unter seiner Fahne, die wie die Wilden +in Städte und Dörfer einbrachen, dort mordeten und raubten, daß sie +überall Entsetzen verbreiteten. Der Polackenkrieg, wie er genannt ward, +brachte noch mehr Elend nach Schleswig als der Dreißigjährige Krieg, +und ganze Dörfer und Höfe verschwanden vom Erdboden, um niemals wieder +aufzustehen. Auch die Troiburg wurde damals von den polnischen Völkern +berannt, aber der Ritter Buchwald hatte eine kleine Schleuse gebaut, +durch die das Wasser der Brederau um die Burg steigen konnte. Also lag +sie ganz im Wasser, und von den dicken Mauern aus wurde weidlich auf +die Feinde geschossen, so daß sie abziehen mußten, ohne in die Burg +gedrungen zu sein. Aber sie verwüsteten alle Felder und Höfe in der +Umgegend, und Frau Burga freute sich, daß die Finkenburg nicht wieder +aufgebaut war. Sie würde vielleicht ein noch schlimmeres Schicksal +erlitten haben als ehemals. Mitten im Winter war es, daß die Polacken +anrückten, aber es war nicht mehr kalt, sondern naß, das Tauwetter kam +bald, und in den aufgetauten Mooren versanken manchmal Roß und Reiter. +Die Troiburg war voll von Flüchtigen, die sich aus ihren unbeschützten +Höfen und Dörfern hinter die dicken Mauern gerettet hatten. Auf dem +großen Burghof, in den Ställen und Kammern gab es ein buntes Leben, +und Michel, der schon manchmal seine Jahre spürte, wurde wieder jung +und vergnügt. Denn ihm machte der Kriegslärm, besonders aus der Ferne, +Freude, und den Jüngeren berichtete er gern, wie es ehedem gewesen war. +Damals im Krieg, der dreißig Jahre währte, und den er eigentlich ganz +mitgemacht hatte. Und wenn er von seinen Heldentaten berichtete, dann +wurde er so gerührt, daß er sie selbst glaubte. + +Gegen das Frühjahr hin wurde die Gegend ruhiger. Man wagte sich +wieder aus der Burg, um die verwüsteten Äcker zu bestellen, und ein +königlicher Bote rief den Ritter von Buchwald nach Jütland. Dort war +der dänische König, und er wollte Bericht, wie es in Nordschleswig +aussähe. Herr von Buchwald ritt also mit etlichen Knechten davon, +nachdem er den Schutz der Burg einem jungen Vetter, einem Rumohr, +übergeben hatte. Michel war in seinem Gefolge. Zwar sollte er nicht mit +über die jütische Grenze reiten, sondern seinen Herrn nur eine Strecke +Wegs begleiten und dann Walburga Nachricht geben, wie das Land aussähe. +Aber die ganze Schar kam nur bis Lügumkloster. Dort saßen von neuem +die Polen und hatten sich im Dorfe befestigt, um nicht vertrieben zu +werden. Eine Burg von großen Wagen hatten sie auf die Feldmark gestellt +und schossen von dort aus auf die nahenden Reiter. Da gab es denn einen +lustigen Kampf, bei dem der Ritter Buchwald schwer verwundet wurde und +Michel einen Streifschuß erhielt, der ihn vom Pferde fallen ließ. Aber +er raffte sich gleich wieder auf, und da vom Dorfe selbst plötzlich auf +die Polacken geschossen wurde, so räumten diese eilig das Feld. Mehrere +Verwundete und Tote ließen sie zurück, aber auch die wohlbepackten +Wagen, die zu einem Kaufmannszug gehörten, der einmal wieder versucht +hatte, von Süden her nach Dänemark zu kommen. Die Knechte, die die +Güter begleitet hatten, lagen zum Teil gebunden unter den Wagen. Auch +ihr Führer, ein junger Hamburger Kaufmann, war gleichfalls gefesselt +gewesen, hatte sich aber befreit und war mit einigen Bauern auf die +Polen von hinten losgegangen. Ihn hatte ein Säbelhieb über den Kopf +getroffen, aber er wischte sich das Blut aus den Augen und befreite +seine Knechte von den Fesseln, während er zugleich eifrig auf Michel +einsprach, der bekümmert neben seinem Herrn stand. + +»Ich kann eine Tragbahre für ihn machen, und wir bringen ihn in ein +Haus! Auch habe ich Medikamente und Leinen zum Verbinden!« + +»Mein Herr gehört auf die Troiburg, zu seiner Frau Eheliebsten.« + +»Auf die Troiburg!« Der Hamburger stutzte und sah Michel scharf an. +»Wohnt dort nicht das Lagerkind?« + +Michel richtete sich steif auf, so gut es sein zerschossenes Bein +zuließ. + +»Meine Herrin ist die edle Frau von Buchwald, aus dem Geschlecht der +Rantzau -- --« + +»Und du bist der rote Michel!« + +Konrad Hanekamp faßte nach der Hand des Alten. + +»Schon zweimal bin ich mit Kaufmannsgütern durch Schleswig nach Jütland +gezogen, und immer wollte ich Einkehr halten auf der Troiburg. Weil wir +doch Walburga, unser Lagerkind, nicht vergessen haben und noch immer +von ihr reden. Aber es ist immer etwas dazwischen gekommen, und jetzt +ist es der Herr von Buchwald, der mir das Leben rettet und dazu vielen +Kaufleuten ihre Habe. Wir werden uns dankbar beweisen, Michel, und nun +vorerst deinen Herrn wieder in seine Burg bringen!« + +Vorsichtig wurde der Ritter über die Heide in seine Burg getragen, +und traurig ritten seine Leute hinter ihm her, während ein Bote +vorangeschickt wurde, um Frau Walburg vorzubereiten. Einige der Knechte +blieben in Lügumkloster, um die Wagen mit Gütern zu bewachen, aber +Konrad Hanekamp verließ den Verwundeten nicht, sondern schritt neben +ihm her, kühlte seine tiefe Kopfwunde und sorgte dafür, daß er bequem +lag. Er war ein großer, starker Mann geworden, der sich scharf umsah +und gleich nach dem Pistol griff, wenn er etwas Verdächtiges bemerkte. +Aber unbehelligt erreichte der Zug die Burg, und Frau Walburg, die +schon unterrichtet war, hatte ein gutes Lager für ihren verwundeten +Gemahl besorgt. Er war meistens ohne Besinnung, und der alte Schäfer +von Lügumkloster, den man mitgenommen hatte, weil er am meisten von +Krankheit und Verwundung verstand, machte ein bedenkliches Gesicht. + +»Auch die adligen Herren müssen sterben!« gab er auf alle Fragen +zur Antwort, und so war es kein frohes Wiedersehen, das Walburg mit +ihrem Jugendgefährten feiern konnte. Aber sie war gefaßt und mutig; +einmal, das wußte sie auch, ging es zu Ende mit allen Menschen, und +es war fast ein Wunder, daß den Herrn der Troiburg noch niemals eine +Verwundung betroffen hatte. Und weil sie verständig war und auch in +ihrer großen Sorge an andre dachte, so verband sie nicht allein Konrad, +dessen Wunde wie ein blutiger Streifen um den ganzen Kopf lief, sie +sorgte auch dafür, daß Michels Bein und die Schäden der andern Knechte +nachgesehen und verbunden wurden. Es kamen schwere Tage für die +Troiburg. Der Burgherr lag bewußtlos, und die Polacken rückten wieder +in hellen Haufen an. Aber nicht eher, bis die Wagen mit den Gütern +von Lügumkloster nach der Troiburg in Sicherheit gebracht waren. Dort +standen sie nun wohlgeborgen, und in dem Morast, der die Burg umgab, +versanken die anstürmenden Scharen, daß sie nach etlichen vergeblichen +Versuchen wieder abziehen mußten. Während der Ritter Buchwald noch +immer zwischen Tod und Leben lag, war seine Frau überall, und hinter +ihr her liefen ihre beiden Knaben. Beide seelenvergnügt und fröhlich, +daß es auf der stillen Burg soviel Abwechslung gab. + +Konrad Hanekamp half, wo er nur konnte, und als es wieder still wurde +in der Gegend, machte er Erkundungsritte um zu sehen, wo es keine +Feinde mehr gab. Sie waren allmählich wieder weiter gezogen, hatten +aber das Land derartig verwüstet und die Bewohner getötet, daß man +viele Meilen weit reiten konnte, ehe man auf ein menschliches Wesen +traf. Und das war meistens so verängstigt, daß es in ein Dickicht oder +in ein Moor schlüpfte, wohin man ihm nicht folgen konnte. Traurig +kehrte Konrad von solchen Ritten heim und freute sich nur, daß es dem +Ritter allmählich besser ging und daß er einmal sogar verlangte, Konrad +möge ihm berichten, wie er mit seinen Wagen in die Hände der Polacken +gefallen wäre. + +»Wie es kam?« Konrad setzte sich vor das Lager des Herrn von Buchwald +und strich über die rote Narbe an seiner Stirn. + +»Ich kann's selbst nicht sagen, Herr. Uns war gesagt worden, die Dänen +führten Krieg mit den Schweden, und diesen sollten wir aus dem Wege +gehen. Was wir auch taten. Und dann hieß es, die Brandenburger wären +Freunde der Dänen. Also glaubten wir, diese würden, wenn wir ihnen +begegneten, wohl einen kleinen Wegzoll von uns nehmen, uns sonst aber +ruhig ziehen lassen. Wir wußten nicht, daß unter dem brandenburgischen +Adler die Polen waren, die keinen Unterschied machen zwischen Freund +und Feind. Als wir einer Schar von ihnen beim Dorfe Lügumkloster +begegneten, dachten wir, sie sollten uns geleiten, und ich bot dem +Offizier eine Summe Geldes, wenn er uns sicher über die Grenze brächte. +Er nahm das Geld; dann warfen seine Leute mich und meine Knechte vom +Pferde, und als Gefangne zogen wir ein in Lügumkloster. Ich verstehe +kein Polnisch, aber ich merkte, daß wir alle hingerichtet werden +sollten, sobald die Herren Zeit zu solchem Vergnügen hätten. Vorerst +war ihnen berichtet worden, daß vielleicht der Troiburger Ritter +mit etlichen Mannen durch das Dorf käme, und den wollten sie erst +erwischen. Denn die Troiburg ist den Herren etwas sehr Ärgerliches, da +sie nicht hinein und ihre Frauen und Kinder nicht totstechen können. +Das übrige wißt Ihr, edler Herr. Von unsern Wagen hatten sie eine +Art Verhau gebildet, aus dem sie Euch und Eure Begleiter erschießen +wollten. Nun, es ist, dank Eurer Tapferkeit, anders gekommen; viele +Polen, auch der freundliche Offizier, haben das Leben lassen müssen, +und meine Waren sind im Schutz der Troiburg. Wenn's aber weiter so +geht, dann weiß ich nicht, was aus dem armen Lande hier werden soll!« + +»Es wird schon einmal wieder gut werden!« sagte Frau Walburg, die leise +eingetreten war, und Konrad sah sie bewundernd an. + +»Du bist mehr für dies Leben geschaffen als ich, Walburg! Mir wird's +sehr recht sein, wenn ich erst wieder daheim sitze und der Mutter und +dem Oheim von meinen Erlebnissen berichten kann!« + +»Du bist doch sehr tapfer gewesen!« rief Frau Walburg, und Konrad +lachte. + +»Ganz gewiß, ich laufe nicht weg, wenn der Feind kommt; mein Pistol +kann ich abschießen und den Degen ziehen. Es ist aber nicht mein Beruf. +Lieber sorge ich dafür, daß die Leute Tran und Fische und Felle, +Kleider und Wein erhalten. Und wenn ich wieder daheim bin, dann baue +ich den Hanekamphof mir ein wenig zurecht, bringe eine junge Frau +dahin und freue mich des Friedens! Denn immer Mord und Totschlag und +Belagerung und was noch alles zum Elend des Krieges gehört, das nenne +ich kein Leben!« + +Der Ritter Buchwald war noch schwach, aber er mußte lachen. + +»Immer Frieden, das wäre nicht nach meinem Geschmack! Allerdings könnte +es jetzt bald ein wenig ruhiger werden. Vielleicht kommt auch noch +einmal die Zeit, wo ich in Frieden den Wolf jagen kann!« + +»Den habe ich als Junge auch gejagt!« rief Konrad eifrig. »Weißt du +noch, Walburg?« + +Und beide sprachen von den Tagen, da sie auf dem Hanekamphof lebten, +und auch von den Zeiten in Hamburg. Lange hatte Walburg nicht an alle +diese Dinge gedacht; nun wurde sie ganz lebhaft und bekam glänzende +Augen. Still hörte ihr Gemahl zu. Endlich sprach er: + +»Du bist wohl ganz traurig, daß du kein Lagerkind geblieben bist!« + +Sie lächelte. + +»Das war etwas für die Kindheit; jetzt bin ich dankbar, bei dir auf der +Troiburg zu sein!« + +Dabei streichelte sie den Kopf des Töchterchens, das schon lange auf +ihrem Schoß saß und andächtig auf das hörte, was ihre Mutter und der +Ohm Konrad sich zu erzählen hatten. + +Nach etlichen Wochen konnte Konrad Hanekamp mit seinen Gütern die +Troiburg verlassen und sicher nach Jütland gelangen. Weil Frau Walburg +um ihn besorgt war, gab sie ihm Michel mit, der wieder ganz gesund war +und dem es Freude machte, einmal von der Burg zu kommen. Er kehrte +nach einiger Zeit zurück und berichtete, daß alles gut gegangen wäre. +Er brachte einige Waren mit, die Konrad ihm noch für die Troiburger +mitgegeben hatte, aber zugleich die Nachricht, daß der Obrist von +Rantzau, der Bruder von Walburg, im Kampfe gegen die Schweden einen +tapfern Soldatentod gefunden habe. Walburg war sehr traurig. Immer +hatte sie gehofft, der Bruder würde sie einmal besuchen und sehen, wie +glücklich sie geworden war. Aber er hatte niemals Zeit gehabt, an sich +zu denken, und war für seinen König gestorben. Auch Herr von Buchwald +wurde nie wieder ganz gesund, und auf Wölfe jagen durfte er ebenso +wenig wie wieder gegen den Feind kämpfen. Er konnte nur darauf hoffen, +daß seine Söhne dereinst ebenso tapfer würden, wie er es gewesen war. +Noch aber waren sie klein, und Walburg quälte sich damit ab, sie +lesen und schreiben zu lehren, was ihnen wenig Vergnügen machte. Aber +die Mutter war eine ernsthafte Lehrmeisterin, und wenn sie zu Michel +liefen, um ihm zu klagen, daß sie lieber umherstreifen möchten als +still sitzen, dann hob der alte Mann einen warnenden Finger. + +»Ein wenig gelehrt müßt Ihr schon werden, Junker, sonst gehts Euch +hernach nicht gut. Am eignen Leib hab ich's erfahren; hätte ich in +meiner Kindheit was Ordentliches gelernt, dann wäre ich vielleicht ein +ganz andrer Mensch geworden!« + +»Du bist doch sehr gut, wie du bist!« rief der älteste Buchwald, und +Michel rieb seinen schneeweißen Kopf. + +»Gewiß, ich bin jetzt sehr gut und wills auch bleiben. Aber ich hätte +vielleicht doch noch viel besser sein können!« + +Das verstanden die Knaben nun nicht und brauchten es auch nicht zu +verstehen; aber Walburg, die einmal diese Unterhaltung belauschte, +merkte an ihr, daß den alten Michel seine früheren Sünden kränkten. Sie +sprach nicht mit ihm darüber, aber wenn sie ihrem Gemahl aus der Bibel +vorlas, dann rief sie Michel ins Gemach. Er durfte in der Ecke sitzen +und die Lehre von der ewigen Barmherzigkeit Gottes hören. Das gab +ihm dann Frieden, und er seufzte nicht mehr so viel, wie er es sich, +nachdem er einmal eine schwere Krankheit überstanden, angewöhnt hatte. + +Wie nun die Knaben heranwuchsen, merkte Frau Walburg, daß sie sie +nicht mehr allein unterweisen konnte. Da schrieb sie an den Magister +Timotheus in Hamburg, damit er ihr einen Rat gäbe, und nach geraumer +Zeit hielt sie eine Antwort von ihm in Händen. Sie freute sich sehr; +denn lange hatte sie nichts aus Hamburg gehört und dachte doch noch oft +dorthin. Der Magister schrieb mit zitternder Hand, man merkte, daß auch +ihn die Jahre drückten, aber Walburgs Brief hatte ihn sehr erfreut, und +er gab ihr in betreff ihrer Söhne allerlei gute Ratschläge, die sie +getreulich befolgte. Dann fuhr der Brief fort: + +»Du fragst nach den Hanekamps, liebe Walburg! Da muß ich dir sagen, +daß wir den alten Herrn Jobst Hanekamp vorigen Sonntag auf dem +Katharinenkirchhof zur ewigen Ruhe bestattet haben. Bis in die letzte +Zeit war er gesund und hat noch oft von dir geredet. Auch gehofft, +du solltest noch einmal herkommen, da er dir sein neues Haus zeigen +wollte, das er sich erbaut. Aber gerade, als es fertig war, ist er +davongegangen. Daraus wir wieder lernen sollen, daß wir armen Menschen +uns hier auf der Erde nicht allzu fest setzen sollen. Nun wird Konrad +in das Haus ziehen, hat auch schon eine Frau, und spricht davon, den +Hanekamphof wieder aufzubauen. Dies werden Frau Jutta und ich wohl +kaum mehr erleben, da wir die Gebresten des Alters spüren und gern +hinter dem Ofen sitzen und uns von alten Zeiten erzählen. Als wir +kein so gutes Leben hatten wie jetzt, aber doch trotz allen Ungemachs +ein mutiges Herz in der Brust, das uns das Schwere leicht machte. So +aber ist das Leben. Wenn es Abend werden will, erscheint uns der Tag, +der dahinten liegt, voller Sonnenschein, und hat doch viel Wolken und +Unwetter gebracht. Von Gottfried wirst du gehört haben. Er ist in +Kopenhagen und ein vornehmer Offizier geworden. Manchmal schreibt er, +und dann freut Frau Jutta sich sehr. + +Nun aber Gott befohlen, liebe Walburga! Mögen deine Kinder so brav +werden, wie die Frau, von der wir noch reden als von dem Lagerkind!« + +Frau Walburg hat oft diesen Brief gelesen und dann zurückgedacht an die +Zeit ihrer Kindheit. Immer weiter glitt sie von ihr zurück, so daß es +ihr manchmal vorkam, als wäre alles, was sie erlebt hatte, ein Traum +gewesen. Und doch, als sie schon alt war, konnte sie manchmal aus dem +Schlaf fahren und sich wieder über die Elbe laufen sehen. Wo das Eis +murrte und das Wasser drohend gegen die dünne Decke schlug. Oder sie +hörte das Heulen der Wölfe und streifte mit den Hanekamps durch den +Wald. Dann aber klang dazwischen die Stimme des Magisters; sie ging in +Hamburg über die friedliche Straße und hörte die Glocken läuten. + +Nach Jahren läuteten die Glocken von Lügumkloster auch für sie. Da +öffnete sich die Gruft der Buchwalds in der alten Klosterkirche, und +das ehemalige Lagerkind wurde zur letzten Ruhe gebracht. Es war Frieden +im Land, und ein großes Trauergefolge ging hinter dem Sarge her. Alle +waren sie traurig. Denn nur Gutes wußte man zu berichten von der +tapferen Edelfrau, die selbst manches Abenteuer bestanden hatte und +barmherzig und mild gegen alle gewesen war, die ihrer bedurften. + +Jetzt ist ihre Gruft verfallen, und man vermag sie nicht mehr zu +finden. Aber bis vor sechzig Jahren hat die stolze Troiburg am Wasser +der Brederau bei Lügumkloster gestanden, und ihre Ruine schaut noch +heute ins Land. Noch lange erzählte man sich in den nordschleswigschen +Spinnstuben die Geschichte vom Lagerkinde. Wie es verschleppt wurde +von der Finkenburg und dann wiederkehrte, um vielen Menschen Gutes zu +tun. -- Einige Leute wollen sie noch in den Ruinen der Troiburg um +Mitternacht gesehen haben, dies aber ist nur ein Märchen. Das Lagerkind +ruht aus von seinem bunten und ernsthaften Leben. + +[Illustration] + + + + +Im Verlag von Jos. Scholz in Mainz erschienen ferner: + +Jungmädchenbücher + +Werke namhafter zeitgenössischer Schriftsteller mit Bildern von ersten +Künstlern. Herausgegeben von Wilhelm Kotzde. + + + Elisabeth von Oertzen: Der goldene Morgen. Mit Bildern von Emil + Heinsdorff. Gebunden 3 Mark. + +Elisabeth von Oertzen, die pommersche Edelfrau, ist die Enkelin +des alten, königstreuen Thadden, der zu den Freunden Bismarcks und +Roons schon in ihren jungen Tagen gehörte. Sie erzählt nun schlicht, +offenherzig und mit vielem Humor die Geschichte ihrer Jugend. Der ganze +Reiz und oft auch der Ernst des Landlebens entstehen vor dem Leser. +Krankheit, Brand und Krieg greifen bedenklich hinein in diese frohe +Jugend. Und doch wird alles golden überstrahlt von dem herrlichen +Morgen einer taufrischen Seele. + + + Charlotte Niese: Erika. Mit Bildern von Reinhard Pfaehler von + Othegraven. Gebunden 3 Mark. + +Wie ein reiches, verwöhntes, mutterloses Mädchen von der Selbstsucht +sich durchringt zu ernstem Sinn, der sorgt und mitleidet mit anderen, +das ist hier ohne alle Aufdringlichkeit erzählt. Die Wandlung ergibt +sich so selbstverständlich aus den Erlebnissen, daß es auch für den +geschulten Leser ein Genuß ist, das alles zu lesen. Wir lernen das +Leben eines deutschen Kaufmannes in San Franzisko, das Treiben auf +einem großen Ozeandampfer, die Leiden von Schiffbrüchigen kennen. Das +Buch führt uns in die weite Welt hinaus und dabei in das tapfere, sich +selbst vergessende Schalten einer deutschen Frau. + + + Gustav Falke: Herr Purtaller und seine Tochter. Mit Bildern von Franz + Stassen. Gebunden 3 Mark. + +Ein Buch, das viel Heiterkeit bringt. Herr Purtaller ist einer jener +Entgleisten, die bei allem guten Willen, der immer wieder durchbricht, +ihrer Schwäche doch nicht Herr werden. Neben ihm steht seine Tochter, +ein stilles, ernstes Mädchen, der Mutter nachgeartet, das ohne Reden, +unaufdringlich, allein durch sein Wesen Ordnung, Ruhe, Liebe um sich +verbreitet, eine jener weiblichen Gestalten, die nur durch ihr Dasein +schon eine Wohltat für die anderen sind. Daß eine Reihe köstlich +gesehener Gestalten die beiden umgeben, das braucht bei einem Werk von +Gustav Falke wohl nicht erst gesagt zu werden. + + + Helene Raff: Regina Himmelschütz. Mit Bildern von Arpad Schmidhammer. + Gebunden 3.50 Mark. + +Eine Geschichte aus den bayerischen Bergen. Die Himmelschütze bringen +sich durch Trotz und Gewaltsamkeit ins Unglück. Sie verlieren ihren +schönen Hof, die beiden Söhne gehen elend zu Grunde, nur das schwache +Ginerl bleibt den Alten zurück. In dem Mädchen steckt wohl auch etwas +von dem Trotz der Familie, aber Regina wird vom Leben in eine harte +Schule genommen, es liegt ihr dazu die Tüchtigkeit der Mutter im Blut. +In langsamer Arbeit, unter der Erziehung einer ärztlichen Familie, +ringt sie sich empor. Sie kommt schließlich als Gattin auf einen +bäuerlichen Hof ihres Heimatdorfes und entfaltet hier trotz mancher +Widerstände und trotz des Verzagens, das manchmal über sie kommen will, +ihre weiblichen Tugenden. Eine spannende Erzählung, die keine Leserin +wieder loslassen wird. Dabei liegt über allem der frische Hauch der +Berge. + + +Weitere Bände in Vorbereitung. + + + + +Edle Unterhaltung, reiche Belehrung, warme vaterländische Anregung, +dazu einen wahren künstlerischen Genuß bieten vornehmlich jugendlichen +Lesern die + +Mainzer Volks- und Jugendbücher + +Werke namhafter zeitgenössischer Schriftsteller mit Bildern von ersten +Künstlern + +Herausgegeben von Wilhelm Kotzde + +Bisher liegen vor: + + 1. Carl Ferdinands, Die Pfahlburg. 15. Tausend. Mit Bildern von Robert + Engels. 155 Seiten. Eine spannend geschriebene Erzählung aus der + Urzeit rheinischer Pfahlbauten. + + 2.* Wilhelm Kotzde, Im Schillschen Zug. 15. Tausend. Mit Bildern von + Willibald Weingärtner. 163 Seiten. Eine lebendige Darstellung von + Kolbergs Verteidigung und Schills Heldenzug. + + 3.* Max Geißler, Der Douglas. 11. Tausend. Mit Bildern von Franz + Müller-Münster. 205 Seiten. Eine anziehende Geschichte aus Schottlands + bewegter Vergangenheit. + + 4. Eberhard König, Ums heilige Grab. 11. Tausend. Mit Bildern von + Professor Ernst Liebermann. 201 Seiten. Erzählung aus der Zeit der + Kreuzzüge und der Gründung des Deutschritterordens. + + 5.* Gustav Falke, Drei gute Kameraden. 14. Tausend. Mit Bildern + von Georg A. Stroedel. 167 Seiten. Kinderglück, Kinderleid, von + behaglicher Kleinmalerei und Humor übersonnt, spinnen diese + Geschichte. (Besonders für Mädchen.) + + 6. Carl Ferdinands, Normannensturm. 11. Tausend. Mit Bildern von + Robert Engels. 201 Seiten. Eine selten wuchtige und spannende + Erzählung aus der Zeit der Nachfolger Karls des Großen. + + + 7.* Wilhelm Kotzde, Der Tag von Rathenow. 11. Tausend. Mit Bildern von + Georg Barlösius. 213 Seiten. Eine kraftvolle, fesselnde Erzählung aus + der Zeit des Großen Kurfürsten, ein überaus lebensvolles Bild aus der + Geschichte Preußens. + + 8. Charlotte Niese, Was Michel Schneidewind als Junge erlebte. 11. + Tausend. Mit Bildern von Hans Schroedter. 201 Seiten. Aus der Zeit + der großen französischen Revolution. Eine gewaltige Handlung, von der + Dichterin mit Wärme und stillem Humor gemeistert. + + 9. Wilhelm Lobsien, Pidder Lyng. 8. Tausend. Mit Bildern von O. R. + Bossert. 222 Seiten. Der Freiheitskampf der Sylter Friesen gegen Dänen + und Festlandsritter bildet den Gegenstand dieser Geschichte. + + 10. Joseph Lauff, Der Tucher von Köln. 15. Tausend. Mit Bildern von + O. R. Bossert. 208 Seiten. Eine wuchtige Schilderung der Kämpfe der + Zünfte wider die Geschlechter, ein lebensvolles Bild der städtischen + Verfassung Kölns um 1500. + + 11. Wilhelm Kotzde, Stabstrompeter Kostmann. Nach seinen + Aufzeichnungen dargestellt. 11. Tausend. Mit Bildern von Arthur + Lehmann-Ajax. 185 Seiten. Was Stabstrompeter Kostmann bei den Blücher- + und Zietenhusaren erlebte, erzählt uns das Buch. + + 12.* Gustav Falke, Klaus Bärlappe. 8. Tausend. Mit Bildern von Otto + Gebhard. 163 Seiten. Eine heitere und dabei nachdenkliche Geschichte + aus dem Handwerkerleben der Gegenwart. + + 13. Eberhard König, Der Dombaumeister von Prag. Mit Bildern von + Professor Ernst Liebermann. 8. Tausend. 200 Seiten. Der Dombaumeister + Peter Parler von Gmünd steht im Mittelpunkt der Geschichte. Ein Lied + von der Hoheit deutschen Wesens. + + 14. Robert Walter, Götterdämmerung. 8. Tausend. Eine Geschichte vom + Untergang Wuotans. Mit Bildern von Franz Stassen. 192 Seiten. Der + Kampf der Sachsen unter Führung Wittekinds um Glauben und Freiheit. + + 15.* Trude Bruns, Die Doktorskinder. 8. Tausend. Mit Bildern von Arpad + Schmidhammer. 190 Seiten. Eine lustige Geschichte von dem Leben und + den Streichen zweier Arztkinder. + + 16.* Charlotte Niese, Aus schweren Tagen. 8. Tausend. Mit Bildern von + Hans Schroedter. Das ganze Elend, welches die Napoleonische Zeit über + unser Vaterland brachte, spricht daraus. + + 17.* Wilhelm Kotzde, Und deutsch sei die Erde! 9. Tausend. Mit Bildern + von Franz Stassen. 240 Seiten. Eine Geschichte aus der Zeit deutscher + Größe, als der Osten unseres Vaterlandes deutsch wurde. + + + 18. Johannes Höffner, Die Treue von Pommern. Mit Bildern von Franz + Müller-Münster. 5. Tausend. 193 Seiten. Die Geschichte der Erziehung + des jungen Herzog Bogislav durch den Bauern Hans Lange von Lanzig. + + 19. Wilhelm Lobsien, Jodute! 5. Tausend. Mit Bildern von Professor + O. R. Bossert. 190 Seiten. Eine lebhafte Schilderung der städtischen + Verhältnisse Lübecks um 1400, des Stadtsoldaten- und Raubrittertums + jener Zeit. + + 20.* Kurt Geucke, Der Steiger vom David-Richtschacht. Mit Bildern von + W. Weingärtner. 5. Tausend. 208 Seiten. + + 21.* Kurt Geucke, Die Diamantinsel. 5. Tausend. Mit Bildern von W. + Weingärtner. Die beiden Bände enthalten die Lebensgeschichte eines + Bergmanns, der sich aus eigener Kraft zum Großkaufmann durcharbeitet. + Packende Schilderungen des Bergwerks- und Hüttenbetriebs, der + Hamburger Hafen- und Handelswelt, der Meereserlebnisse des Helden und + der paradiesischen Inselwelt der Südsee. + + 22. Wilhelm Lobsien, Unter Schwedens Reichsbanner. Mit Bildern von + Franz Stassen. 5. Tausend. Die Geschichte von Gustav Wasa, der ja ein + Liebling der deutschen Jugend ist. + + 23. Robert Walter, Münchhausens Wiederkehr. Mit Bildern von + Emil Heinsdorff. 5. Tausend. Die phantastische Geschichte des + wiedergekehrten Münchhausen, voll der fesselndsten Erlebnisse. + +Wie jedes rechte, gute Buch, das die Jugend liebt, auch von den +Erwachsenen gern gelesen wird, so sind die »Mainzer Volks- und +Jugendbücher« berufen, ~alt und jung~ in gleicher Weise Freude zu +machen, sie nennen sich also nicht umsonst auch ~Volksbücher~. Ein +bestimmtes Alter läßt sich daher für die Bücher nicht angeben, doch +dürften sie bei Knaben und Mädchen vom ~zwölften Jahr~ an schon +gutes Verständnis finden, aber ebenso gerne von der reiferen Jugend +gelesen werden. Die mit * bezeichneten Bücher werden auch besonders die +Mädchen fesseln. + +Preis eines jeden Buches, mit Bildern stattlich gebunden, nur 3 M. + + +Einige Urteile: + +»Ich kann mir für einen Jungen keine köstlichere Lektüre vorstellen +als diese kulturhistorischen abenteuerreichen Geschichten, deren +jede von einem kräftigen dichterischen Gedanken eine höhere Weihe +empfängt. Wuchtige Naturschilderungen, eine spannende Handlung, eine +Fülle prächtig geschauter, oft sehr fein psychologisch durchgeführter +Gestalten heben diese Sammlung, zu der sehr gute Erzähler beisteuerten, +weit über den Durchschnitt alltäglicher Jugendlektüre.« + + Gabriele Reuter im »Tag«, Berlin. + +»Die Bücher aus dem Verlage von Jos. Scholz, Mainz, mögen bei Kleinen +und Großen anklopfen, sie sind immer wert, daß ihnen aufgemacht wird. +Dem Kinde vermitteln sie eine wahre Anschauung der Dinge, die es +umgeben. Dem Heranwachsenden weiten sie Kopf und Herz für Heimat und +heimische Geschichte. In den Volks- und Jugendbüchern aber fügen sie +noch jenen Idealismus hinzu, den wir mit Bangen in unserem Vaterlande +schwinden sehen, und der doch recht eigentlich deutsches Erbe ist.« + + Agnes Harder in der Zeitschrift »Deutscher Frauenbund«. + +»... Jedesmal, wenn man eines dieser neuen Volksbücher in die Hand +nimmt, ist es wie Freiluft, die uns aus ihnen entgegenweht, voller +Kraft und Sonnenlicht. Wir wünschen der wackeren Bücherei, für die +unsere ersten Dichter und Schriftsteller sich verpflichtet haben, +stetig wachsenden Erfolg ...« + + Else Grüttel im »Hamburger Fremdenblatt«. + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75591 *** diff --git a/75591-h/75591-h.htm b/75591-h/75591-h.htm new file mode 100644 index 0000000..0c33bed --- /dev/null +++ b/75591-h/75591-h.htm @@ -0,0 +1,5304 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Das Lagerkind | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%;} + + h1,h2 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both;} + + h1 { font-size: 250%} + h2, .s2 { font-size: 170%} +.s3 { font-size: 120%} +.s4 { font-size: 105%} +.s5 { font-size: 85%} +.s6 { font-size: 70%} + +p { text-indent: 1em; + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em;} + +.p0 {text-indent: 0;} +.p2 {margin-top: 2em;} + +.padtop3 {padding-top: 3em;} + + +hr { + width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 33.5%; + margin-right: 33.5%; + clear: both;} + +hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%;} +hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%;} +@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;} } +hr.full {width: 95%; margin-left: 2.5%; margin-right: 2.5%;} + +div.chapter {page-break-before: always;} + +table { + margin-left: auto; + margin-right: auto; +} +table.autotable { border-collapse: collapse; } +table.autotable td, +table.autotable { padding: 0.25em; } + +.tdl {text-align: left;} +.tdr {text-align: right;} + +.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + left: 92%; + font-size: small; + text-align: right; + font-style: normal; + font-weight: normal; + font-variant: normal; + text-indent: 0; +} /* page numbers */ + +.center {text-align: center;} + +.right {text-align: right;} + +.gesperrt +{ + letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em;} + +em.gesperrt +{ + font-style: normal;} + +.antiqua { + font-style: italic } + + +/* Images */ + +img { + max-width: 100%; + height: auto; +} +img.w100 {width: 100%;} + +.figcenter { + margin: auto; + text-align: center; + page-break-inside: avoid; + max-width: 100%;} + +/* Poetry */ +/* uncomment the next line for centered poetry */ +/* .poetry-container {display: flex; justify-content: center;} */ +.poetry-container {text-align: center;} +.poetry {text-align: left; margin-left: 5%; margin-right: 5%;} +.poetry .stanza {margin: 1em auto;} +.poetry .verse {text-indent: -3em; padding-left: 3em;} +.poetry .indent0 {text-indent: -3em;} + +/* Transcriber's notes */ +.transnote {background-color: #E6E6FA; + color: black; + font-size:small; + padding:0.5em; + margin-bottom:5em; + font-family:sans-serif, serif;} + +/* Illustration classes */ + +.illowe9 {width: 9em;} +.illowe10 {width: 10em;} +.illowe16 {width: 16em;} +.illowe17 {width: 17em;} + +.x-ebookmaker .illowe9 {width: 18%; margin: auto 41%;} +.x-ebookmaker .illowe10 {width: 20%; margin: auto 40%;} +.x-ebookmaker .illowe16 {width: 32%; margin: auto 34%;} +.x-ebookmaker .illowe17 {width: 34%; margin: auto 33%;} + +.illowp46 {width: 46%;} +.illowp52 {width: 52%;} +.illowp54 {width: 54%;} +.illowp55 {width: 55%;} +.illowp79 {width: 79%;} +.x-ebookmaker .illowp46 {width: 100%;} +.x-ebookmaker .illowp52 {width: 100%;} +.x-ebookmaker .illowp54 {width: 100%;} +.x-ebookmaker .illowp55 {width: 100%;} +.x-ebookmaker .illowp79 {width: 100%;} + + + </style> +</head> +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75591 ***</div> + +<div class="transnote"> +<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> +<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes +wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend +korrigiert worden.</p> +<p class="p0">Das Kapitelverzeichnis ist an den Anfang des Textes verschoben worden.</p> +<p class="p0">Worte in Antiqua sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p> +</div> + +<figure class="figcenter illowp46" id="cover"> + <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt=""> +</figure> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<figure class="figcenter illowp79" id="illu-001" style="max-width: 28.125em;"> + <img class="w100" src="images/illu-001.jpg" alt="deckblatt"> +</figure> + +<div class="chapter"> +<p class="center">Die Buchausstattung ist von<br> +Else Mehrle. Die Zeichnungen<br> +zu diesem Bande sind von<br> +Hans Schroedter. Druck von<br> +Oscar Brandstetter, Leipzig.<br> +<em class="antiqua">Copyright by Jos. Scholz,</em><br> +: : : :<em class="antiqua"> Mainz 1914</em> : : : :<br> +<em class="gesperrt">Alle Rechte vorbehalten.</em></p> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> + + +<figure class="figcenter illowp54" id="illu-003" style="max-width: 45em;"> + <img class="w100" src="images/illu-003.jpg" alt="deckblatt"> +</figure> + +</div> + +<h1>Das<br> +Lagerkind</h1><br> + +<p class="s3 center">Geschichte aus dem deutschen Krieg</p><br> +<p class="center">Von</p><br> +<p class="s2 center">Charlotte Niese</p><br> + +<p class="s4 center">Verlag von</p> +<p class="center">Jos. Scholz in Mainz</p><br> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<h2>Kapitelverzeichnis.</h2> + +<table class="autotable"> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl"> </td> +<td class="tdr">Seite</td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">Erstes Kapitel</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_5">5</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">Zweites Kapitel</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_19">19</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">Drittes Kapitel</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_34">34</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">Viertes Kapitel</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_45">45</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">Fünftes Kapitel</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_65">65</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">Sechstes Kapitel</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_95">95</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">Siebentes Kapitel</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_113">113</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">Achtes Kapitel</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_124">124</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">Neuntes Kapitel</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_150">150</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">Zehntes Kapitel</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_167">167</a></td> +</tr> +</table> + +<figure class="figcenter illowe10 padtop3" id="illu-192_2"> + <img class="w100" src="images/illu-192.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span></p> +</div> + +<figure class="figcenter illowe16" id="illu-005"> + <img class="w100" src="images/illu-005.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<p class="p2">Die meisten Bewohner des Deutschen Reiches werden wissen, daß sich +die Elbe in die Nordsee ergießt, und daß die erste Handelsstadt +Deutschlands, das freie Hamburg, an den Ufern dieses Flusses liegt. Wer +von Hamburg abwärts in die graue Nordsee fährt, der sieht zu seiner +Rechten Holstein liegen, und an seiner Linken Hannover. Gleich hinter +Hamburg erhebt sich die holsteinische Stadt Altona, und ihr folgen eine +Reihe von hübschen Landhäusern. Das Ufer ist steil: von oben winken +Kirchtürme und Ortschaften: endlich kommt Blankenese, das noch heute +von Fischern bewohnt wird, darum aber gewiß kein Fischerdorf, sondern +ein aufstrebender Ort, größer als manche Stadt, ist. Weiter geht die +Fahrt. Überall Häuser, Ortschaften, Städte, bis die Nordsee erreicht +ist. Ja, Holstein ist ein schönes Land: wer es kennt, der weiß davon +zu berichten: aber auch Hannover, das andre Ufer,<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> kann sich wahrlich +sehen lassen. Mit seinen aufstrebenden Städten, seinen reizenden +Dörfern, seiner roten Heide.</p> + +<p>Ein gesegnetes Land: so sagen wohl die Menschen, die alles zuerst +sehen. Manchmal wundern sie sich: denn die da aus dem schönen Süden +kommen, denken wohl, im Norden gäbe es nur Eisbären und Wölfe.</p> + +<p>Die Zeiten sind vorüber. Obs Eisbären vor grauer Zeit in +Norddeutschland gegeben hat, kann ich nicht sagen. Aber Wölfe hausten +hier noch vor knapp dreihundert Jahren. Damals, als der große Krieg, +den man den Dreißigjährigen nennt, das Land verwüstete.</p> + +<p>Das war eine böse Zeit. Dazumal war die Ortschaft Altona sehr klein, +und die Hamburger lachten über sie. »All to nah —« neckten sie die +Fischer und Bauern, die sich dort angebaut hatten. Denn die Hamburger +fanden es unnötig, daß die holsteinischen Landesherren dicht vor ihren +Mauern eine Ortschaft aufstreben ließen. Wiederum aber sahen sie ein, +daß man es den Fischern und Bauern nicht verargen konnte, wenn sie sich +hart an den Fluß bauten, der ihnen nicht allein reichliche Fische, +sondern auch die Möglichkeit gab, einige kleine Reisen zu machen. Das +ging am besten auf dem Wasser. Zwar gab es wohl Landstraßen, die das +Land durchzogen, aber sie waren nicht gut im Stand, und dann erhob sich +auch, gleich hinter dem Dorfe Ottensen, das westwärts an Altona stieß, +ein großer Wald, in dem es nicht geheuer war. Es lagen auch hier, von +Wald umfriedet, mehrere Bauernhöfe und einige Dörfer, in denen<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span> es sich +zu Friedenszeiten gut leben ließ: wie aber das Kriegselend kam, da +gehörte schon Mut dazu, sich allein aus dem Schutz der Städte zu wagen.</p> + +<p>Zuerst hatte der böse Krieg den Holsteinern und Hannoveranern nicht +viel getan. Sie hörten wohl von großen Schlachten und vielem Herzeleid, +das sich in andern Gegenden abspielte, aber diese Geschichten drangen +mehr aus der Ferne zu ihnen, und sie dachten nicht viel darüber nach. +Bis es dem Dänenkönig, dem Holstein gehörte, einfiel, sich auch an +diesem mörderischen Kriege zu beteiligen. Es erging ihm schlecht. +Er hielt sich auf seiten der Schweden; da fielen die Kaiserlichen +in Holstein ein und hausten dort grausam, wie es ihre Art war. Die +Schweden, die sie vertreiben wollten, gingen gleichfalls nicht +säuberlich mit den armen Schleswig-Holsteinern um, und wo die Dänen +erschienen, benahmen sie sich oft eben so schlecht wie die Feinde. +Da war es denn nicht zu verwundern, daß das Land verwüstet und +menschenleer wurde. Wer konnte, der floh in die Städte; aber viele +arme Bauern wurden von den Soldaten erschlagen und vielleicht vorher +noch zu Tode gepeinigt. Und auch denen, die auf den Ritterburgen +des Landes saßen, erging es nicht besser. Konnten sie sich nicht +verteidigen, oder wohnten hier Frauen und Kinder ohne männlichen +Schutz, so wurden sie grade so elend ermordet wie die Bauern oder +vertrieben und in Gefangenschaft geführt. Dies geschah alles am Anfang +des Dreißigjährigen Krieges; gegen das Ende wandte sich<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> Christian +der Vierte, so hieß der Dänenkönig, einmal zur Veränderung gegen +die Schweden, mit denen er ehemals gut Freund gewesen war, und nun +fielen diese als Feinde über Holstein her, und was die Kaiserlichen +unverwüstet gelassen hatten, das wurde jetzt von den Schweden zerstört.</p> + +<p>Es war eine traurige Zeit. Viele Menschen wußten nicht anders, als +daß es nur Krieg und niemals Frieden geben konnte. Sie wurden im +Elend geboren und kamen im Elend um. Daß es friedliche Landarbeit, +einträglichen Handel, behagliches Leben geben konnte, ahnten sie +nicht. Hinter jedem Heer folgten Scharen von Menschen, die man den +Troß nannte. Mit ihm waren kleine und halb erwachsene Kinder, Frauen +und manchmal auch alte Leute. Sie hatten keine Heimat, weil die ihre +zerstört war. Sie liefen mit den Soldaten, und wo diese einen Besitz, +einen Bauernhof fanden, an dem noch etwas zu rauben war, da holte sich +der Troß nachher die letzten Reste. Manchmal ging so ein Troß von den +Kaiserlichen zu den Schweden über, oder auch umgekehrt. Sie machten +es so wie die Soldaten, die auch oft ihre Dienste wechselten. Denn +allmählich wußte der gewöhnliche Mann wirklich nicht mehr, weshalb +eigentlich dieser Krieg geführt wurde und die Machthaber, die in +Stockholm, in Wien und Paris saßen, dachten nur darüber nach, wie sie +den größten Vorteil aus allem herausschlagen konnten. Über diesem +Nachdenken verging die Zeit, und das Elend wurde immer größer.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span></p> + +<p>Nur in Hamburg merkte man nicht allzuviel vom Krieg. Die Stadt hatte +sich schöne Wälle und Mauern mit Kanonen darauf bauen lassen und ließ +weder die Schweden noch die Kaiserlichen ein. Gelegentlich versuchte +irgend ein Häuflein, bei den Hamburgern anzuklopfen, aber es wurde +mit blutigen Köpfen heimgeschickt, und daher war es in dieser festen +Stadt ein recht angenehmes Leben. Die Kaufleute trieben ihren Handel +wie sonst, und wenn sie auch ein starkes Söldnerheer haben mußten, +das die Wagen mit ihren Waren über Land begleitete, und wenn ihre +Handelsschiffe natürlich Kanonen hatten und kriegsgewohnte Mannschaft, +so ging in der Hansestadt das Leben im allgemeinen seinen ruhigen Gang, +und wer hier einmal wohnte, der freute sich seines Daseins und hütete +sich wohl, die feste Stadt und ihren Schutz zu verlassen.</p> + +<p>Als daher Herr Jobst Hanekamp in Hamburg durch einen Boten erfuhr, +daß sein Neffe, der Hofbesitzer Fritz Hanekamp in der holsteinischen +Marsch, Haus und Hof den räuberischen Soldaten hatte opfern müssen +und selbst bei der Verteidigung seines Eigentums umgekommen war, da +bedauerte er dieses Unglück zwar sehr, aber er schrieb doch an die +Witwe, daß er leider nicht imstande wäre, etwas für sie zu tun. Die +Zeiten wären schlecht: sein Geschäft ginge rückwärts, und er müßte für +sein Alter sorgen. Er hätte aber gehört, daß Frau Jutta eine tüchtige +Frau wäre, und zwei Söhne sollte sie auch haben. Wer arbeiten könnte, +dem ginge es immer gut.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span></p> + +<p>Es war grade kein erfreulicher Brief, den Frau Jutta Hanekamp nach +ihrem großen Unglück und nachdem sie arm geworden, erhielt. Aber er +kam zum Glück so verspätet an, daß sie lange gelernt hatte, nicht auf +die Hilfe des Oheims zu warten. Ein treuer Knecht war ihr geblieben, +der von der Elbe war. Da sie ihre Heimat verlassen mußte, weil alles +verbrannt und verwüstet war, so ging sie mit ihren Söhnen an die Elbe, +etwa eine Stunde landeinwärts vom Dorfe Ottensen. Dort war, mitten +im Walde gelegen, ein Stück Land mit einem Häuschen darauf, billig +zu haben. Mit dem Rest ihres geretteten Geldes kaufte sie es und +bewirtschaftete dies Fleckchen Land mit ihren Söhnen, die allmählich +heranwuchsen. Denn der treue Knecht starb an den Folgen einer Wunde, +die er im Kampf mit Wölfen davontrug. Weil die Menschen hier im Lande +immer spärlicher wurden, und die Dörfer zerstört waren, so kamen die +Wölfe zur Winterszeit von Norden her und ließen sich schwer wieder +vertreiben.</p> + +<p>Also mußte Frau Jutta mit ihren Söhnen allein hausen, und sie tat es +mit Ruhe und Umsicht. Sie war eine Frau, die das Arbeiten gelernt +hatte, und wußte, daß man nicht immer über seinen Kummer nachdenken +durfte. Ihr kleiner Besitz lag ziemlich verborgen, und bis jetzt hatten +die umherziehenden Soldaten ihn nicht gefunden. Manchmal schien es +auch, als ob sie überhaupt verschwunden wären. Bis wieder eine böse +Zeit kam,<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> und jedermann angstvoll dem kommenden Morgen entgegensah.</p> + +<p>Es war im Monat März. Der Winter war streng gewesen, und die Elbe war +lange mit Eis bedeckt. Die Schiffahrt lag still, wer sein Brot mit +Fischen verdiente, hatte Not, sein Leben zu fristen. Aber die Fischer +schlugen Löcher ins Eis, und wenn sie keine Fische fingen, dann kamen +doch die Taucherenten und andre Wasservögel, die sich in den unters +Wasser geschobenen Netzen verstrickten und dann mit der Hand gegriffen +werden konnten. Das gab gute Braten, denn die Tiere waren fett, und ihr +weißgrauer Pelz gab Mützen, die nicht allein warm hielten, sondern an +denen Schnee und Regen abliefen, daß sie eigentlich niemals grundnaß +wurden.</p> + +<p>Auf der Elbinsel Finkenwärder gabs heute ein gutes Essen. Hunderte +dieser Tauchervögel waren von den geschickten Fischern gefangen worden: +nun wurden sie gebraten oder geräuchert, und auf der ganzen Insel +rochs gut. Wer von den Finkenwärder Fischern etwas wußte, der gönnte +ihnen eine kräftige Mahlzeit, denn nicht vor langer Zeit waren die +Schweden von Holstein übers Eis gekommen, hatten bei den Finkenwärdern +geplündert und viele von ihnen erschlagen. Zum Glück nicht alle: die +jüngere Mannschaft war grade nach der Nordsee gewesen, um dort zu +fischen oder Seehunde zu erlegen, aus denen in Hamburg Tran gekocht +wurde und deren Felle zu allen möglichen Dingen zu gebrauchen waren.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span></p> + +<p>Dieser jüngeren Mannschaft konnten die Schweden nichts anhaben; als +sie heimkehrte, rückten die Soldaten grade ab. Im Dorfe brannte es; +alte Männer und Frauen lagen erschlagen, und die Rückkehrenden konnten +sich freuen, daß die meisten Kinder versteckt worden waren und noch +lebten. Schlimm genug war es, was die Finkenwärder erlebten und +wehrlos erleben mußten. Denn der unselige Krieg zog so hin und her, +daß die Ausgeplünderten niemals wußten, wohin sie sich um Hilfe und +Gerechtigkeit wenden sollten.</p> + +<p>Seit der Zeit mußten die Finkenwärder noch anders arbeiten, wie bisher, +weil ihr Wohlstand dahin war und sie kaum das trockne Brot hatten, um +sich satt zu essen. Da kamen die Tauchervögel sehr gelegen, grade in +ihre traurige Zeit, und wer noch lebte und essen konnte, dem war es zu +gönnen, daß er wirklich einmal gründlich satt wurde.</p> + +<p>Über die Dorfstraße mit ihren kleinen Häusern, von denen etliche +notdürftig wieder zusammengeflickt waren, kam ein Mädchen. Sie mochte +elf oder zwölf Jahre alt sein, hatte halblange Haare wie ein Knabe und +ein verhungertes, blasses Gesicht. Ihre Augen waren blau, und über der +Nase hatte sie eine scharfe Falte, als wäre sie schon alt. Diese Falte +kam daher, weil sie sich angewöhnt hatte, scharf und vorsichtig umher +zu spähen. An einem Bein trug sie einen langen gelben Reiterstiefel, +am andern einen Holzschuh. Dann schlotterte ein zerrissener roter +Rock<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> um sie, eine Jacke aus zerschlissenem Marderfell bedeckte ihren +Oberkörper, und im Gürtel steckte ein Messer. Wie sie langsam ging und +sich umsah, stand eine der Fischerfrauen, die an ihrem Fenster saß und +auf die Straße blickte, auf und schlug die Haustür zu. Denn ihr kam es +vor, als sähe das Kind zu ihr hin. So war es auch. Das Mädchen klopfte +an ihre Tür.</p> + +<p>»Ich bin so hungrig!« sagte sie.</p> + +<p>»Geh nur weiter!« rief ihr die Frau aus dem Fenster zu. »Meinetwegen +kannst du verhungern! Du bist ein Lagerkind!«</p> + +<p>Damit meinte sie, daß das Kind aus irgend einem Troß des Heeres stammte.</p> + +<p>»Wollt Ihr mir nicht ein Stück Brot geben?«</p> + +<p>»Gewiß nicht! Frag die Schweden, daß sie dir was geben! Die haben uns +alles weggenommen!«</p> + +<p>Die Frau schalt noch hinter dem Mädchen her, als es schon weiter ging. +Es bettelte an verschiedenen Türen; und erhielt nichts. Eine Frau nahm +sogar ein Entengerippe, das sie eben abgenagt hatte, und warf es der +Bettlerin an den Kopf. Die nahm es ruhig auf, sah sich um und hielt +es einem halb verhungerten Wolfshund hin, der langsam hinter ihr her +ging. Es war ein großes Tier, mit einem gewaltigen Gebiß und glühenden +Augen. Aber es schien keine rechte Kraft zu haben und ging langsam und +schwerfällig. Das Gerippe verschlang es ohne weiteres, aber es sah das<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> +Mädchen an, als wollte es sagen: Mußt du noch immer hungern?</p> + +<p>Burga war von jeder Tür gewiesen worden. Es war den Fischern nicht zu +verdenken. Der Elbarm, der die Insel vom Herzogtum Lüneburg trennte, +war gleichfalls zugefroren, und böses Gesindel schlich sich herum. Die +Leute vom Troß waren oft noch schlimmer, als die Soldaten selbst. Es +waren boshafte Kinder darunter, die Feuer ansteckten und unschuldige +Tiere quälten; die Gutes mit Bösem vergalten und kein Gefühl zu haben +schienen. Also schlossen sich jetzt die Türen auch vor den Kindern, und +Burga durfte den Bratengeruch in der Nase spüren und mußte doch hungrig +einherwandern. Sie war nicht sehr unglücklich; sie war wirklich ein +Lagerkind, bald hier, bald dort umhergeworfen, und sie wußte nachgrade +so viel vom Krieg, daß sie es den Leuten kaum verdenken konnte, wenn +sie sie hungern ließen. Aber der Hunger tat weh, und wie sie jetzt an +dem kleinen Hafen stand, in dem die eingefrornen Fischerboote lagen, da +zog sie den Gürtel fester um den Leib.</p> + +<p>»Wolf, wir kriegen nichts!« sagte sie zu dem Hund, der neben ihr +stand und winselte. »Wir kriegen nichts, mein Jung. Müssen weiter +marschieren!«</p> + +<p>Auf einem Boote saß ein Junge und stopfte sich den Mund voll von +gebratnem Fleisch. Vor ihm lagen noch drei gebratne Vögel, und man sah +ihm an, daß er pumpsatt war. Wie Burga nun plötzlich vor ihm<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> stand, +atmete er erschrocken auf und faßte seine Vögel fester.</p> + +<p>»Gib mir einen ab!« bat sie, und er schüttelte den Kopf.</p> + +<p>»Das darf ich nicht!« entgegnete er weise. »Du bist eine Räuberin; bei +meiner Großmutter sind Lagerkinder gekommen und haben ihre Katze ins +Feuer werfen wollen!«</p> + +<p>Burga sah sich um. Der Junge saß ganz allein auf dem Boot: niemand war +in der Nähe. Also griff sie ohne weiteres zu den gebratnen Vögeln, +steckte einen fast ganz in den Mund, und warf den andern dem Hunde +hin. Der Junge stieß einen gellenden Hilferuf aus, und in demselben +Augenblick kam ein langer Fischer von den Häusern her. Er trug ein +Ruder in der Hand, und wie er auf Burga zuschritt, hob er es drohend.</p> + +<p>»Was will die Landstreicherin?« fragte er, und Burga duckte sich +unwillkürlich. Sie war gewohnt, geschlagen und gestoßen zu werden, +und auch der Hund, obgleich er seine spitzen Zähne wies, stand mit +hängendem Kopfe. Da aber rührte irgend etwas das Herz des kleinen Klas +Stolz. War es, weil er zu satt war, um böse zu sein, oder tat ihm das +blasse Mädchen leid. Er rief plötzlich: »Sie hat mir nichts getan, +Vater, die Vögel habe ich ihr geschenkt!«</p> + +<p>Und der große Klas Stolz ließ sein Ruder sinken, brummte etwas +Unverständliches und ging wieder davon. An seinem Boot waren einige +Bretter gelöst, die mußte er flicken.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span></p> + +<p>Burga aß schweigend ihren Vogel, und der Hund Wolf zerknirschte die +Knochen mit den Zähnen. Beide standen regungslos, und Klas betrachtete +sie halb schläfrig. Er war so satt, daß er sich nicht rühren mochte, +daher war er gutmütiger als sonst.</p> + +<p>»Wo kommst du her?« fragte er die Dirn, und sie deutete nach dem Süden.</p> + +<p>»Da bin ich zuletzt gewesen.«</p> + +<p>»Wo willst du hin?«</p> + +<p>Sie hob die spitzen Schultern.</p> + +<p>»Vielleicht bleib ich erst mal hier!«</p> + +<p>Er wurde ängstlich.</p> + +<p>»Das darfst du nicht, wir nehmen keine Fremden auf! Geh nur nach +drüben, nach Holstein. Da ist es viel besser als hier. Da sind Wälder, +und Wölfe, und Füchse, und Schweine. Es ist sehr gut da!«</p> + +<p>»Bist du da gewesen?«</p> + +<p>Der kleine Klas Stolz zögerte. Dann sagte er die Wahrheit.</p> + +<p>»Weit hinein ins Land bin ich nicht gewesen. Da drüben liegen Häuser, +kannst du sie sehen? Da wohnen auch Fischer, und es heißt Neumühlen. +Da wohnt ein Ohm von mir, und ich hab ihn wohl besucht. Weiter bin ich +aber nicht gekommen, weil ich nicht in den Wald durfte, und weiter hin +heißt es Teufelsbrücke. Dort kann man den Teufel sehen, wenn er grade +da ist. Eine Hexe hat früher dort gewohnt, aber sie ist verbrannt +worden.<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> Nun reitet sie manchmal auf einem Besen in der Luft herum.«</p> + +<p>»Die möchte ich sehen!« entgegnete Burga, und Klas sah sie erstaunt an.</p> + +<p>»Hexen darf man nicht sehen wollen: die nehmen einen mit, und dann wird +man selbst ein Teufel!«</p> + +<p>Der große Klas Stolz kam wieder hinter seinem Boot hervor.</p> + +<p>»Redest du noch mit der Landstreicherin, Junge? Das darfst du nicht, +sie ist böse! Weg mit dir!« Und er drohte Burga mit dem Ruder.</p> + +<p>»Wohin soll ich gehen?« erkundigte sie sich, und er wies auf das andre +Ufer.</p> + +<p>»Geh du nur nach Holstein! Das Eis hält noch, und du kannst vielleicht +ein Unterkommen finden!«</p> + +<p>Sie zögerte ein wenig. Grau und kalt lag die Eisfläche der Elbe vor +ihr. Sie war rauh und uneben: Steine und Schneeberge lagen auf ihr, und +hin und wieder ging es wie ein dumpfes Grollen durch den unter dem Eis +schlafenden Fluß. Der rauhe Wintertag ging zu Ende. Im Westen flirrte +ein kurzes, gelbes Licht über den grauen Himmel, dann erlosch es wieder.</p> + +<p>»Kann ich nicht die Nacht hier bleiben?« fragte Burga, aber der Fischer +faßte sie bei den Schultern und schob sie auf die Eisfläche.</p> + +<p>»Wir nehmen keine Fremden; haben genug von ihnen gehabt!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span></p> + +<p>Burga ging also aufs Eis, und der magre Hund schlich hinter ihr her. +Der kleine Klas Stolz sah ihr nach. »Vater, wenn die man rüber kommt. +Das Eis hat schon geschrien.«</p> + +<p>Sein Vater zuckte die Achseln.</p> + +<p>»Was gehts uns an? Meinst du, daß ich die fremden Lagerkinder aufnehmen +will? Sie sind alle undankbar und setzen uns den roten Hahn aufs Dach, +wenn sie nur können!«</p> + +<p>Da steckte sich der kleine Klas den letzten Rest seines gebratnen +Vogels in den Mund und vergaß die einsame Wanderin.</p><br> + +<figure class="figcenter illowe9" id="illu-018"> + <img class="w100" src="images/illu-018.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span></p> + +<figure class="figcenter illowe17" id="illu-019"> + <img class="w100" src="images/illu-019.jpg" alt="deko"> +</figure> +</div> + +<p class="p2">Der Wind kam scharf aus Norden, und Burga hatte Mühe, gegen ihn +anzukämpfen. Aber sie wickelte sich in ihr altes Marderfell und freute +sich, daß sie einen guten Stiefel hatte. Damit konnte man tief in den +aufgehäuften Schnee gehen, und der Fuß wurde doch nicht naß. Anders war +es mit dem andern Fuß. Der Holzschuh hielt zwar warm, aber in ihn lief +das Schneewasser hinein, und das war nicht angenehm. Es war schade, +daß der tote Reitersmann, dem sie den einen Stiefel ausgezogen hatte, +auch nur mit diesem bekleidet war. Vielleicht hatte der Feind, der ihn +erschoß, sich den andern Stiefel genommen, vielleicht hatte er nur +einen gehabt. Es war ein langer weicher Lederstiefel, und vielleicht +hatte er einem vornehmen Herrn gehört. Während Burga so dachte, strebte +sie langsam vorwärts und fiel plötzlich über etwas, das mit Schnee +bedeckt auf dem Eise lag. Es<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> war ein Ledersack, den Burga von Eis und +Schnee befreite und dann neugierig öffnete. Es waren drei Würste darin, +ein Laib Brot und eine Lederflasche, in der es gluckerte. Ein Soldat +mußte diesen Beutel verloren haben.</p> + +<p>»Das ist gut!« dachte Burga bei sich, und da sie noch lange nicht satt +war, hatte sie nicht übel Lust, in eine der Würste zu beißen. Da aber +kam der Wind und warf ihr eine Handvoll Hagelgraupel ins Gesicht, die +Elbe begann zu stöhnen und durchs Eis ging ein Zittern. Also warf sich +Burga den Sack über den Rücken und ging grade aus, dem dunklen steilen +Ufer zu. Auch der Hund begann zu winseln und drängte sich an sie. Wo +war das Fischerdorf Neumühlen, von dem der Junge gesprochen hatte, und +wo der Teufelsbach, wo die Hexe wohnte? Wieder hagelte es; die Elbe +stöhnte, und Burga sah nichts als eine graue Wolke, die sich vor sie +schob. Einen Augenblick stand sie ratlos, und eine große Angst kam über +sie, dann aber lief sie vorwärts, immer vorwärts. Zweimal fiel sie und +es war ihr, als plätscherte es dicht neben ihr. Aber sie wollte nichts +hören: vorwärts, vorwärts!</p> + +<p>Die graue Wolke war vorüber gezogen; es wurde etwas heller, grade, wie +Burga den Fuß auf gefrornen Sand setzte. Vor ihr gings steil nach oben, +Gestrüpp und kahle Bäume bedeckten den Berg, und hier waren auch Spuren +im Sand, der mit Schnee vermischt war.</p> + +<p>Der Hund winselte wieder, seine Haare sträubten sich, und Burga sah +auf diese Spuren. Unwillkürlich griff sie<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> nach dem kurzen Messer in +ihrem Gürtel und faßte Wolf an sein altes Lederhalsband. Da versuchte +er den glatten Berg hinauf zu klimmen, sie hielt sich an ihm fest, und +so kamen sie vorwärts. Bis sie unter höheren Bäumen waren, die Elbe +unter ihnen lag und der Waldgrund gangbarer wurde. Aber beide, Herrin +und Hund, standen jetzt atem- und regungslos. Aus der Ferne klang ein +scharfes Geheul, und Wolf warf den Kopf in den Nacken und schien nicht +übel Lust zu haben, Antwort zu geben.</p> + +<p>Burga hielt ihm die lange Schnauze zu. »Wolf, das darfst du nicht! Wenn +die uns kriegen, sind wir verloren!«</p> + +<p>Es war, als verstände der Hund. Er stand schweigend und zitternd. Es +war nun dunkel geworden. Hier, unter den Bäumen, konnte der Wind seine +wilden Flügel nicht rühren: er murrte in den Kronen, und sie beugten +sich und rauschten. Langsam ging Burga vorwärts: ihre Augen funkelten +fast wie die ihres Hundes, und sie sah sich nach allen Seiten um. Immer +die Hand am Messer, immer im Begriff, einen der Bäume zu erklettern, +wenn das Geheul näher käme. Dann stieß sie einen kleinen Freudenruf +aus. Vor ihr erhob sich eine kleine Hütte. Sie war kunstlos, auf kurzen +Baumstämmen hingesetzt, aber sie hatte eine Tür, die mit zwei Knebeln +geschlossen war. Burga konnte sie leicht öffnen und hineinklettern. Der +Hund sprang ihr nach, und dann wußte sie, daß sie geborgen war. Sie +lachte, als sie bald unter sich Fauchen und Heulen hörte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span></p> + +<p>»Ja, lieben Wölfe, heult nur! Heute kriegt ihr mich noch nicht, und +vielleicht auch nicht morgen! Vielleicht übermorgen, aber das ist noch +lange hin!«</p> + +<p>Sie legte sich auf das dichte Heu, mit dem die Hütte ausgepolstert war, +und zog ihren Hund zu sich.</p> + +<p>»Merkst du deine Namensvettern? Laß sie wimmern: wir haben es gut!«</p> + +<p>Sie zog den Sack auf, gab Wolf ein großes Stück Wurst und aß selbst mit +Behagen. Dabei flüsterte sie wieder mit ihrem Hund.</p> + +<p>»Haben wir nicht Glück gehabt, Wolf? Ich hab das Wasser plätschern +hören, und ich glaube, morgen kann niemand mehr über diesen großen +Fluß! Wie heißt er nur noch? Pah, ich habs vergessen, schadet auch +nichts! Wer kann alle die Wasser behalten, über die man laufen muß! +Aber dies Land scheint mir doch Holstein zu sein, und ich meine, den +Namen einmal gehört zu haben! War das nicht der alte Magister, der was +von Holstein sagte? Du weißt Wolf, der, der den roten Michel aus dem +Kugelregen trug und dafür die Kugel selbst kriegte? Als der Magister +tot blieb, Wolf, hab' ich geweint: sonst tu ich's nicht mehr. Das hilft +ja doch nichts, nicht wahr mein Hund?«</p> + +<p>So flüsterte Burga mit ihrem Hund, der eng an sie geschmiegt lag, die +Ohren spitzte, als hörte er zu, und der dann den Kopf hob und wieder +heulen wollte. Aber wieder wurde ihm das Maul zugehalten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span></p> + +<p>»Still, Still! Sie brauchen nicht zu wissen, daß wir hier sind!«</p> + +<p>Aber sie wußten es schon lange. Zwei graue Wölfe saßen unter der Hütte, +und es war, als käme ihr heißer Atem durch die Ritzen. Sie scharrten +an den Stämmen, auf dem das leichte Gebäude ruhte, und sie heulten +und bellten. Ein dritter kam dazu: da gab es eine Beißerei. Dann +aber schienen sie sich wieder zu vertragen und saßen ganz still, als +warteten sie.</p> + +<p>Der Hund in der Hütte schlief nicht; er lag regungslos und mußte +verstanden haben, daß er keinen Laut von sich geben durfte. Burga aber +schlief ganz fest. Lange hatte sie kein Dach über dem Kopf gehabt, +lange kein weiches Heu als Lager. Mochten die Wölfe heulen, sie kannte +ihre Stimmen und hoffte, daß sie gegen Morgen wieder verschwinden +würden. Und wenn sie's nicht taten, so mußte sie eben hier bleiben. Sie +hatte ja Fleisch und Brot.</p> + +<p>Der Tag begann zu grauen, und langsam entfernten sich die Wölfe. Der +Hund, der immer die Ohren gespitzt hielt, hörte es und streckte sich +jetzt zum Schlafen aus, als er mit einem Satz in die Höhe sprang. Die +Tür der kleinen Hütte ging offen, und ein Knabe stand in der Öffnung. +Er trug ein grob gewebtes Wams und eine Mütze vom Balg der Wasservögel.</p> + +<p>»Heda!« zornig sah er Burga an, die sich den Schlaf aus den Augen rieb, +während Wolf drohend neben ihr stand. »Was wollt ihr in unsrer Hütte?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span></p> + +<p>»Wir haben gut geschlafen!« entgegnete Burga, und er sah sie +mißbilligend an.</p> + +<p>»Das darfst du nicht! Wir haben keinen Platz für Landstreicher!«</p> + +<p>»Ich bin ein Lagerkind!« entgegnete Burga stolz.</p> + +<p>»Was ist das?«</p> + +<p>»Das weißt du nicht?«</p> + +<p>»Nein, ist mir auch einerlei. Geh weg aus meiner Hütte und ruf den +Hund, daß er mich nicht beißt. Sonst steche ich ihn tot!«</p> + +<p>Und er hob seinen Stock, an dem ein langes Messer befestigt war.</p> + +<p>»Wenn du meinen Hund tötest, steche ich dich tot!«</p> + +<p>Burga zog ihr Messer. Es war groß, und blank geschliffen, und der Junge +trat zurück.</p> + +<p>»Ich will ihn ja nicht töten; er soll mich aber nicht beißen!«</p> + +<p>»Er beißt nur die, die schlecht gegen ihn sind!«</p> + +<p>In diesem Augenblick erschien noch ein zweiter Knabe. Er war gekleidet +wie der andere, aber größer und erwachsener.</p> + +<p>»Gottfried!« der Kleinere wurde viel mutiger. »Sieh, welch Gefangene +ich gemacht habe! Sie sagt, sie ist ein Lagerkind; ist das nicht eine +Hexe?«</p> + +<p>»Natürlich!« Gottfried, der eine verrostete Muskete trug, griff gleich +nach dem Fuße Burgas, an dem der schöne gelbe Stiefel war. »Zieh ihn +aus!« sagte er gebieterisch.<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> »Wo ist der andere! Du mußt mir die +Wahrheit sagen, sonst schieße ich dich tot!«</p> + +<p>»Womit willst du mich totschießen? Mit der alten schlechten Büchse?«</p> + +<p>»Sie ist nicht schlecht.« Gottfried zeigte das alte Gewehr, und mit +raschem Griff riß Burga es an sich, spannte den Hahn und richtete den +Lauf auf den Knaben.</p> + +<p>»Soll ich euch nun erschießen?«</p> + +<p>Beide standen regungslos, dann begann Gottfried zu schelten.</p> + +<p>»Gib mir das Gewehr wieder, sonst ergeht es dir schlecht!«</p> + +<p>»Du bist überhaupt eine Gefangne und ein Lagerkind!« setzte Konrad, der +jüngere hinzu. Aber sie rührten sich doch nicht, und man konnte merken, +daß sie ängstlich waren. Burga war zu schnell für sie gewesen und hielt +noch immer das Gewehr im Anschlag.</p> + +<p>Sie ließ es jetzt sinken. »Geht nur, ich tue euch nichts!«</p> + +<p>»Weshalb sollen wir gehen? Die Hütte gehört uns, wir haben sie gebaut, +damit wir manchmal auf die Wölfe schießen können. Aber, es ist wahr, +die Kugeln treffen nicht immer.«</p> + +<p>So sprach Konrad, während Gottfried wieder nach Burgas Stiefel griff +und enttäuscht den Kopf schüttelte, als er sah, daß sie nur einen trug.</p> + +<p>Es waren keine üblen Jungen; Burga merkte es bald,<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> und da sie einsam +war und einsah, daß es besser wäre, im fremden Lande gute Freunde zu +haben, so entschloß sie sich, mit den Knaben zu gehen. Zuerst sprachen +sie noch davon, daß sie nun ihre Gefangne wäre, aber dann vergaßen sie +dies Wort und fragten sie, ob sie nicht mit ihnen kommen wollte. Sie +wohnten hinter dem Wald, und ihre Mutter hieß Frau Jutta Hanekamp. Eine +Kuh hatten sie und zwei Schweine, viele Hühner und auch Gänse. Es war +nicht schlecht auf ihrem kleinen Hofe, Burga würde dort schon wohnen +mögen.</p> + +<p>Der Himmel war noch grau, aber die Wolken verschwanden allmählich, und +auf dem verschneiten Erdboden zitterte hin und wieder ein Sonnenstrahl. +Ganz heiter wars im Walde, und daß weiter unten die Elbe ihre grauen +Wogen dort wälzte, wo Burga vor wenigen Stunden übers Eis gegangen war, +beachtete das Mädchen kaum. Sie faßte Wolf ans Halsband und ging neben +den Knaben her. Die Muskete hatte sie wieder an Gottfried gegeben, +und Konrad trug den Ledersack, in dem sich noch einige Lebensmittel +befanden.</p> + +<p>Sie sprachen alle drei von den Wölfen. Ehemals sollten sie nicht hier +gewesen sein, aber jetzt waren eine Menge da. Einige Leute sagten, daß +sie von der andern Seite der Elbe kämen, andre wollten gesehen haben, +wie sie von Norden ins Land zogen. Eigentlich war es ja ganz nett, daß +sie da waren: ihr Fell war dicht, und man konnte es gut gebrauchen. +Aber sie holten das Vieh<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> aus dem Stall und fielen Menschen an. Das war +nicht so angenehm.</p> + +<p>So wanderten sie durch den Wald, Wolf schlich langsam hinter ihnen her, +und bald kam eine Lichtung, die in einer Schlucht endete, Gottfried +zeigte vor sich.</p> + +<p>»Da liegt Hanekamps Hof. Hier wohnen wir, und Mutter sucht grade eine +Magd, die ihr bei der Wirtschaft helfen kann. Die letzte ist mit den +Soldaten gelaufen. Nun kannst du bei uns bleiben und für uns arbeiten!«</p> + +<p>Burga machte große Augen. Aber sie erwiderte nichts.</p> + +<p>»Freust du dich nicht?« fragte Konrad. »Wenn Mutter dich behalten will, +dann brauchst du kein Lagerkind mehr zu sein oder wie du es nennst. +Aber natürlich mußt du dich brav benehmen, sonst jagen wir dich wieder +weg, nicht wahr, Gottfried?«</p> + +<p>Der Gefragte antwortete nicht gleich. Dann hob er die Schultern. »Wir +können nicht viel versprechen, die Mutter muß alles bestimmen!«</p> + +<p>Bald standen die drei vor einem langen, niedrigen Hause, das sich +fest an einen Hügel legte und dessen Dach von Moos und Stroh war, +so daß man es schwer von dem Hügel unterscheiden konnte. Eine große +Frau mit ernstem Gesicht stand in der geöffneten Haustür und sah den +Ankömmlingen entgegen. Auch sie warf auf Burga den mißtrauischen Blick, +den diese schon kannte, und als ihre Knaben erklärten, daß sie eine +neue Magd mitgebracht hätten, schüttelte sie den Kopf.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span></p> + +<p>»Lagerkinder sind schlechte Mägde!« entgegnete sie kurz, und Burga +atmete auf. Es war ihr vorgekommen, als sollte sie in Gefangenschaft +gehen, und nun hatte die Frau glücklicherweise keine Lust zu ihr.</p> + +<p>»Gewiß bin ich eine schlechte Magd!« sagte sie eifrig. »Ich mag nur +umherlaufen, und arbeiten kann ich nicht. Aber, wenn ich ein paar Tage +hier bleiben könnte, würde ich mich freuen. Meine Füße sind wund, und +mein Hals tut mir weh. Natürlich will ich dafür arbeiten, so gut ich +kann, aber nachher will ich sicherlich wieder weggehen!«</p> + +<p>Frau Jutta war mit dem fremden Kind auf die Hausdiele getreten. +Hier brannte auf dem Herd ein behagliches Feuer, und über ihm hing +ein Kessel mit Grütze. Sie duftete appetitlich, und auf dem dicken +Eichentisch stand ein Zinnkrug mit Milch. Zwei oder drei Stühle standen +in der Nähe des Herdes, und sie waren mit Wolfsfellen belegt. Traulich +war es hier und warm. Burga seufzte einen kurzen Augenblick und sah +vor sich hin. Dann setzte sie sich auf einen Wink der Frau, erhielt +einen Teller mit Grütze und Milch vorgesetzt und aß langsam, während +Wolf sich neben sie legte und leise winselte. Da wurde auch ihm ein +Holzschüsselchen mit Milch gereicht, und nachdem er getrunken hatte, +streckte er sich aus und schlief gleich ein. »Er ist müde, weil er in +der letzten Nacht nicht geschlafen hat,« sagte Burga. »Auch ist er +krank gewesen, daher ist er nicht so bissig wie sonst. Aber er wird +sich schon wieder erholen!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span></p> + +<p>»Und woher kommst du?« fragte Frau Jutta, die sich gleichfalls gesetzt +hatte und ihren Gast aufmerksam betrachtete.</p> + +<p>»Ich bin viel umher gekommen!« entgegnete die Gefragte. »Wie alles +hieß, weiß ich nicht mehr. Es war mir auch einerlei. So lange der +Magister lebte, hat er mir manchmal die Namen der Städte gesagt, +nachher, als er tot war, mochte ich nicht mehr fragen.«</p> + +<p>»Wer war der Magister?«</p> + +<p>Burga erhob sich.</p> + +<p>»Werte Frau,« sagte sie etwas steif und halb verlegen. »Ich möchte wohl +ein andres Gewand haben und auch um etwas Wasser bitten. Es ist sehr +lange her, daß ich mich gewaschen habe, und wenn ich die Gelegenheit +habe, tue ich's nicht ungern. Ich kanns auch bezahlen!« Sie legte einen +Silbergulden vor Frau Jutta, den diese erstaunt betrachtete.</p> + +<p>»Du hast Geld und bist zerlumpt, wie der schlimmste Bettler?«</p> + +<p>Burga lächelte ein wenig.</p> + +<p>»Ich habe nur wenig Geld, und in den letzten Wochen konnte ich mir +nichts kaufen. Vielleicht gebt Ihr mir einen alten Rock, und die Jacke +kann ich flicken. Dann wird sie noch wieder gut.«</p> + +<p>»Und dann?« mußte Frau Jutta wieder fragen, und das Lagerkind hob die +Schultern.</p> + +<p>»Ich weiß nicht, was Ihr meint. Wenn mein<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> Rock neu geworden ist und +meine Jacke geflickt, dann gehe ich weiter.«</p> + +<p>Frau Jutta erwiderte nicht viel. Sie wußte, daß die Zeit hart war, und +daß viele Kinder nichts andres kannten, als umher zu streifen. Dies +große und starke Mädchen würde sie wohl ins Haus genommen haben, daß +sie ihr bei der Arbeit helfe, aber vielleicht war es böse, zündete ihr +das Dach über dem Kopfe an und lief dann weiter.</p> + +<p>Also holte sie einen alten Rock von sich und eine große Schale mit +Wasser und wies Burga in ein Nebengelaß der Küche. Dort konnte sie sich +waschen und ordentlich machen. Als Burga allein war, nestelte sie einen +kleinen, gestickten Beutel los, der unter ihrer Jacke auf bloßer Haut +saß und in dem, sauber eingenäht, etliche Gold- und Silberstücke waren. +Nachdenklich betrachtete sie ihren Schatz, säuberte sich gründlich, +schlüpfte in Frau Juttas Rock und erschien bald wieder auf der Diele, +nachdem sie ihren Beutel von neuem an sich verborgen hatte. Sie hatte +jetzt ein andres Ansehen. Ihr Gesicht war viel frischer geworden, und +das schmutzige Blond der Haare war einer schönen Goldfarbe gewichen. +Frau Jutta sah sie nicht ohne Wohlgefallen an. Die Frau saß am Herde +und flickte eine Pelzjacke, und Burga setzte sich neben sie.</p> + +<p>»Meine Jacke muß auch genäht werden!« sagte sie. »Wollt Ihr mir Faden +und Garn geben, so kann ich's selbst tun.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span></p> + +<p>»Willst du mir nicht deinen Namen sagen?« fragte Frau Jutta, und Burga +streifte den Ärmel ihrer Jacke hinauf und zeigte auf einige eingeritzte +Schriftzeichen.</p> + +<p>»Es ist ein wenig auseinandergewachsen,« erklärte sie, als Frau Jutta +die Zeichen nicht lesen konnte. »Aber ich heiße Walburga Rantzau, und +ein Prädikant hat's mir eingeritzt. Weil ich damals noch so klein war, +meinte er, ich könnte meinen Namen vergessen.«</p> + +<p>Frau Jutta sah Burga mißtrauisch an.</p> + +<p>»Ich meine, die Rantzaus sind ein holsteinisches Geschlecht und sehr +vornehm. Wie willst du zu ihnen gehören?«</p> + +<p>»Sie sind vornehm? Ich weiß es nicht. Ich bin ein Lagerkind, und der +Prädikant hat mir den Namen eingeritzt. Er ist lange tot. Er konnte +nicht reiten, fiel vom Pferd und brach den Arm. Da ist er nicht wieder +gesund geworden, und er mußte bald sterben. Ich habe sehr geweint, und +nachher ist der andre Magister gekommen, der gleichfalls gut war. Er +ist dann auch totgeschossen worden.«</p> + +<p>Burga sprach gleichmütig. Man merkte, daß sie an Tod und Sterben +gewohnt war, und Frau Jutta empfand Mitleid.</p> + +<p>»Du scheinst ein hartes Leben gehabt zu haben.«</p> + +<p>»Ich bins nicht anders gewohnt!« Burga stand auf und sah sich um. »Wo +ist mein Hund?« Dann merkte sie, daß er ausgestreckt vorm Herdfeuer +lag, und war zufrieden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span></p> + +<p>»Ihr habt gewiß einen Hund, und ich bin bange, er könnte den meinen +beißen. Er ist noch schwach und kann sich nicht so wehren wie sonst. +Man hat ihm kürzlich etwas Giftiges zu fressen gegeben, und das ist +noch nicht aus seinem Körper. Aber er wird schon wieder gesund werden!«</p> + +<p>Jetzt trat Gottfried ein und sah Burga überrascht an.</p> + +<p>»Bist du unsre Gefangne? Du hast dich verändert!«</p> + +<p>»Ich bin nicht deine Gefangne, aber ich habe mich gewaschen!« lautete +die Antwort, und Gottfried warf den Kopf in den Nacken.</p> + +<p>»Du darfst mir nicht widersprechen. Natürlich bist du meine Gefangne! +Wir werden dich hier behalten, und du darfst für uns arbeiten! Willst +du nicht, wie wir wollen, dann mußt du weiter ziehen!«</p> + +<p>»Das werde ich auch tun!« entgegnete Burga ruhig. »Meinst du, ich will +hier, auf diesem langweiligen Bauernhof, sitzen bleiben? Ich will mich +nur ein wenig ausruhen, und ich habe deiner Mutter schon Geld gegeben!«</p> + +<p>»Geld?« Gottfried spitzte die Ohren. »Mutter, ist's wahr, daß sie dir +Geld gab? Einen Silbergulden? Laß ihn sehen!«</p> + +<p>Frau Jutta schüttelte den Kopf.</p> + +<p>»Ich zeige ihn nicht. Vielleicht gebe ich ihn dem Mädchen wieder, wenn +sie brav ist und mir ein wenig in der Wirtschaft helfen will. Denn +ich habe Hühner und Gänse, ein Schwein und eine Kuh; das will alles +gewartet sein!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span></p> + +<p>Burga machte große Augen. »So viele Tiere habt ihr, und es ist noch +niemand gekommen, der sie geschlachtet und mit sich genommen hat? Dort, +woher ich komme, sind alle Tiere tot, und die Häuser sind verbrannt!«</p> + +<p>»Wollte Gott, daß unsre Tiere am Leben bleiben!« entgegnete Frau Jutta +schaudernd, und Gottfried deutete auf die alte Muskete, die an der Wand +der Diele hing.</p> + +<p>»Wer uns etwas tun will, den schieße ich gleich tot!«</p> + +<p>»Oder du wirst tot geschossen!« erwiderte Burga und lachte dabei.</p> + +<p>Da warf er sich in die Brust:</p> + +<p>»Laß die Feinde nur kommen, ich werde schon meinen Mann stehen!«</p> + +<p>Frau Jutta gebot ihm Schweigen.</p> + +<p>»Prahle nicht! Wir wollen dankbar sein, wenn wir verschont bleiben!«</p> + +<p>»Das meine ich auch!« entgegnete das fremde Mädchen und pfiff ihrem +Hund.</p> + +<p>»Nun kommt, Frau, und zeigt mir Eure Tiere! Wahrhaftig, sowas +Lebendiges macht Spaß, und vielleicht bleibe ich ein wenig hier! Aber +nur, wenn Ihr mich gut behandelt. Denn unfreundliche Worte und Schläge +machen mir kein Vergnügen!«</p><br> + +<figure class="figcenter illowe10" id="illu-033"> + <img class="w100" src="images/illu-033.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span></p> + +<figure class="figcenter illowe17" id="illu-034"> + <img class="w100" src="images/illu-034.jpg" alt="deko"> +</figure> +</div> + +<p class="p2">Nun war Burga schon eine Woche auf dem Hanekamphof und sprach nicht +mehr vom Fortgehen. Sie war müde vom Wandern und halb verhungert +gewesen; jetzt, da sie sich ausgeruht und gesättigt hatte, mochte sie +selbst einsehen, daß sie es gut hatte und daß die Landstraße ihr noch +immer blieb, wenn der Wandertrieb sie erfaßte.</p> + +<p>Es war auch gemütlich auf dem Hof, jetzt, wo das Frühjahr kam, wo die +Vögel zu singen begannen, und die Wandervögel allmählich gen Norden +zogen, um andren Platz zu machen. Burga war nicht ungeschickt. Sie +konnte gut mit Vieh umgehen, fütterte das Schwein und melkte die Kuh. +Auch der Hühnerhof machte ihr Freude, und da ihr Hund sich gleichfalls +erholte, so war sie ganz zufrieden. Ganz geschützt lag der Hof — +vorbeistreifende Soldaten fanden nicht den Weg, und doch konnte man +bald auf die Landstraße kommen, die über die Elbdünen<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> und durch den +Wald gen Westen ging. Dorthin, wo landeinwärts das Dorf Wedel lag und +am Elbufer das kleine Fischerdorf Blankenese. Aber es war ein weiter +Weg bis dahin, und an einigen Stellen stand der Wald so dicht, daß es +geratener war, niemals allein zu wandern. Geheuer sollte es auch nicht +immer im Walde sein. Dort wo die Teufelsbrücke hart an der Elbe lag, +wohnte allerdings keine Hexe mehr, aber im anstoßenden Walde trieben +sich die Wölfe umher und auch manchmal die Räuber.</p> + +<p>Gottfried und Konrad berichteten einige schauerliche Geschichten, und +Burga hörte ihnen gleichmütig zu. Sie war's nicht anders gewohnt, als +daß die Welt voll Krieg und Raubens war — natürlich mußte es böse +Menschen auf ihr geben; wer es konnte, der ging ihnen aus dem Wege, und +wers nicht konnte, der mußte sein Gut und sein Leben lassen.</p> + +<p>»Du hast wohl schon viel gesehen!« sagte Gottfried zu ihr.</p> + +<p>Die drei jungen Menschen standen auf einer Lichtung, die am Rande des +Waldes war, von der man auf die Elbe und auf die gegenüber liegenden +Ufer sehen konnte. Gottfried hatte grade eine Geschichte von der Hexe +in Teufelsbrück berichtet und war ärgerlich geworden, weil Burga sie +nicht glaubte.</p> + +<p>»Selbst der Magister, der im Dorf Wedel wohnt, und der uns manchmal +besucht, selbst dieser alte Mann glaubt meine Geschichte, und daß die +Hexe sich in ein<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> Schwein verwandelte und dann durch die Elbe schwamm. +Hast du denn soviel Besseres erlebt, daß du ein so ungläubig Gesicht +machst?«</p> + +<p>Burga hob die Schultern. »Ein Mensch kann kein Schwein werden! +Wenigstens nicht äußerlich. Es gibt Menschen, die schlimmer sind als +ein wirkliches Schwein; aber verwandeln können sie sich nicht! Wir +haben im Lager auch eine Frau gehabt, die eine Hexe sein sollte. Die +Soldaten waren bange vor ihr, und einige kauften sich von ihr einen +Brief. Den trugen sie auf der Brust und glaubten, die Kugeln träfen sie +nicht. Aber dann sind sie ebenso gut totgeschossen worden wie andre. An +sowas muß man nicht glauben; das ist Unsinn!«</p> + +<p>»Unsinn!« Gottfried sah Burga mißtrauisch an. »Hexen gibt es, und auch +Zauberer! Jedermann sagt es, und du bist töricht, wenn du es nicht +glaubst! Ich habe selbst eine schwarze Katze gesehen, die auf einen +Baum kletterte, und nachher stand da, wo die Katze eben gewesen war, +eine alte Frau mit grünen Augen!«</p> + +<p>Burga lachte laut. »Die armen alten Frauen!«</p> + +<p>»Lache nicht!« Gottfried wurde empfindlich. »Wenn du mich auslachst, +dann werde ich dich strafen!«</p> + +<p>Sie achtete gar nicht auf seine Worte, sondern zeigte auf die Elbe. +Von Osten her glitt ein großes Schiff durch das Wasser. Es hatte +schneeweiße Segel, und vorne sah man zwei blanke Kanonen, die drohend +ihren Lauf über den Schiffsrand streckten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span></p> + +<p>»Was ist das?« fragte sie, und Gottfried lachte spöttisch.</p> + +<p>»Das weißt du nicht? Das ist eine Hamburger Bark, die nach draußen +in die Nordsee fährt. Nach Engelland hin, oder auch weiter. Da sind +Soldaten an Bord, mit Musketen und Spießen, und viel Pulver und Blei. +Wenn die Feinde kommen, wird ihnen das Lebenslicht ausgeblasen!«</p> + +<p>Immer näher kam das Schiff: es breitete seine Segel noch mehr aus, und +auf dem Verdeck standen Söldner in bunten Röcken, sowie Matrosen.</p> + +<p>»Die gehen in die Nordsee hinaus, und wohin dann?«</p> + +<p>»Ich sagte es doch: nach Engelland. Das ist eine große Insel, und die +Leute dort sind sehr reich. Sie kaufen alles, was ihnen die Hamburger +bringen, aber diese holen dann wieder Waren, die hier nicht wachsen!«</p> + +<p>Gottfried kam sich wichtig vor, und er erzählte eine ganze Geschichte. +Von seinem Ohm, Herrn Jobst Hanekamp, der in Hamburg wohnte und +vielleicht auch einen Anteil an diesem Schiff hatte. Einmal war +Gottfried schon in Hamburg gewesen, als keine Feinde in der Nähe waren +und man durch das große Tor nach Hamburg hinein durfte. Die Wächter +paßten allerdings sehr auf, und wer hinein wollte, ohne seinen Namen zu +nennen, der wurde in den Festungsgraben geworfen. Gottfried aber sagte +nur, daß er Hanekamp hieß; da machte die Wache den Torflügel weit auf +und erwiderte, der Herr<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> Jobst Hanekamp wäre ein guter Hamburger. Wer +so wie er hieße, der könnte in die Stadt kommen.</p> + +<p>Gottfried flunkerte gern. So wie er es darstellte, war sein Einzug in +Hamburg nicht gewesen. Seine Mutter war mit ihm gegangen und hatte +einen Erlaubnisschein gehabt; aber es war Burga einerlei, ob er die +Wahrheit sagte oder nicht. Sie sah dem Schiff nach, das die Elbe +hinunterging und dem der Wind die Segel blähte. Also, dort weiterhin +gab es ein großes Meer, und noch Land — ob dort auch immer Krieg war +und verbrannte Häuser, zerstampfte Felder?</p> + +<p>»Ist in Engelland auch Krieg?« fragte sie, und Gottfried hob die +Schultern. »Davon kann ich nichts sagen, aber wenn der Magister aus +Wedel kommt, dann will ich ihn fragen. Er weiß vieles, und manchmal +geht er auch nach Hamburg und holt Neuigkeiten von dort. Er hat einen +Schein, daß er aus- und eingehen kann, wie es ihm beliebt.«</p> + +<p>Die Kinder gingen jetzt wieder ihrem Hofe zu, und Burga trennte sich +zögernd von dem Platz, von dem man die Elbe so deutlich sah.</p> + +<p>»Warum habt ihr nicht am Wasser gebaut?« fragte sie und zeigte auf +einige Fischerhütten am Strande. Die Knaben schüttelten den Kopf. +Im Walde war es besser; da konnten die Räuber, die Umhertreiber und +Zigeuner den Hof nicht so leicht finden. Hier war auch kein Land für +die Kuh, und dann würden die Fischer vielleicht unfreundlich<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> gewesen +sein — die hatten es nicht gern, wenn Fremde sich hier anbauten.</p> + +<p>Burga war nachdenklich geworden. Sie ging schweigend neben den Knaben +her, die wieder von Hamburg sprachen, und dann von Altona. In diesem +kleinen Ort waren sie auch schon gewesen, aber es hatte ihnen nicht +besonders gefallen. Für ein Dorf war es reichlich groß und für eine +Stadt zu klein. Aber wenn man Eier zu verkaufen hatte oder eine Wurst, +dann erhielt man mehr Geld dafür als in Ottensen, wo die Bauern immer +sagten, sie hätten selbst Eier und Würste und brauchten nichts zu +kaufen.</p> + +<p>Als die drei wieder nach dem Hanekamphof kamen, stand die Mutter schon +in der Tür und sah nach ihnen aus.</p> + +<p>»Der Magister ist da!« sagte sie und gebot Burga, im Hühnerstall nach +frisch gelegten Eiern zu suchen und den Grütztopf ans Feuer zu stellen.</p> + +<p>»Ihr aber wascht euch Gesicht und Hände und kämmt euch die Haare!« +wandte sie sich zu den Söhnen, die verdrießliche Gesichter machten, +aber doch taten, wie ihnen geboten wurde.</p> + +<p>Burga fand einige Eier und ging auf die Diele, auf der ein magerer Mann +neben dem Herdfeuer saß. Er hatte ein vernarbtes Gesicht und nur eine +Hand, die er Burga entgegenstreckte.</p> + +<p>»Guten Tag, Burga, bist du zufrieden, hier zu sein?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span></p> + +<p>Seine Stimme hatte einen blechernen Klang, aber seine Augen blickten +milde.</p> + +<p>Burga legte ihre Hand in die seine, während sie ihn von oben bis unten +betrachtete.</p> + +<p>»Seid Ihr ein Prädikant? Und mit welcher Truppe zieht Ihr?«</p> + +<p>Er lächelte.</p> + +<p>»Ich bin ehemals ein Prediger gewesen, Burga, aber die Kaiserlichen +brannten mir meine Kirche nieder, und auch das Dorf, das dazu gehörte. +Seit der Zeit habe ich noch keine Pfarre wieder gefunden!«</p> + +<p>Er sprach wehmütig, während Burga den Grütztopf aus dem Heu holte, wo +er immer warm stand, und ihn ans Feuer schob, damit er noch heißer +würde. Dann zerquirlte sie die Eier in einer Pfanne, setzte sie auf +die Flammen und sprach erst wieder, als sie die fertigen Speisen dem +Magister hinstellte.</p> + +<p>»Es ist übel mit dem Krieg!« sagte sie altklug. »Unsere Prädikanten +waren auch meistens von Haus und Hof gejagt und hatten keine Heimat +mehr; aber selbst die, die zuerst traurig waren, sind nachher doch ganz +lustig geworden. Ihr solltet auch in den Krieg gehen, Magister! Die +Soldaten mögens gern, wenn ihnen was vorgepredigt wird!«</p> + +<p>Der Magister nahm seinen Holzlöffel aus der Tasche und aß langsam. »Du +hast viel vom Krieg gesehen!« sagte er nach einer Weile, und Burga +wollte antworten,<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> als die Tür offen ging und Frau Jutta, gefolgt von +Wolf, eintrat. Der Hund schnupperte in der Luft und stürzte sich auf +Burga, der er winselnd die Hand leckte. In dieser Woche hatte er sich +schon erholt, sein Fell war glänzender geworden und seine kurzen Ohren +spitzer. Burga streichelte ihn, sagte ihm einige leise Worte, und da +legte er sich zu ihren Füßen hin.</p> + +<p>»Du mußt ihn nicht hier lassen, wenn du ausgehst!« sagte Frau Jutta zu +Burga. »Er hat dich überall gesucht und mich böse angeknurrt, als ich +ihn streicheln und ein wenig trösten wollte.«</p> + +<p>»Er kann noch nicht so weit gehen!« erwiderte Burga. »Darum ließ ich +ihn hier. Auch soll er Euch beschützen, wenn die Feinde kommen. Er weiß +auf den Mann zu gehen, und das ist eine gute Eigenschaft!«</p> + +<p>»Aber er knurrte mich an!« wiederholte Frau Hanekamp, und Burga faßte +Wolf am Halsband und führte ihn zu der Hausherrin.</p> + +<p>»Bitte um Verzeihung!« gebot sie. »Diese Frau mußt du lieb haben!«</p> + +<p>Da legte sich der Hund demütig vor Frau Jutta, leckte ihre Hand und +wedelte mit dem buschigen Schwanz.</p> + +<p>»Ein schönes Tier!« lobte der Magister, der sein Mahl beendet hatte und +nun aufmerksam dem kleinen Vorgang gefolgt war.</p> + +<p>»Er ist von guter Art und hat einem hohen Offizier gehört,« berichtete +Burga. »Als ich ihn fand, lag er auf<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> der Leiche und wollte nicht +weggehen. Aber dann ist er allmählich hinter mir her gekommen.«</p> + +<p>»Du hast schon viel erlebt!« begann der Magister von neuem, und Burga +sah ihn ernsthaft an.</p> + +<p>»Ich bin ein Lagerkind, Herr! Wie ich dorthin gekommen bin, kann ich +nicht sagen, es ist zu lange her.«</p> + +<p>»Sie will eine Rantzau sein!« warf Frau Jutta ein. »Sind das nicht sehr +vornehme Adlige hier im Lande?«</p> + +<p>»Ich will keine Rantzau sein, der Name steht aber auf meinen Arm +eingeritzt!« entgegnete Burga. »Ich kann nichts dafür; er hat mir +nichts genützt, aber irgend einen Namen muß ich doch in der heiligen +Taufe erhalten haben!«</p> + +<p>Jetzt erschienen Gottfried und Konrad. Beide rein gewaschen und mit +gekämmten Haaren. Sie schienen aber nicht sehr froh zu sein und +begrüßten den Magister ziemlich widerwillig. Er zog nun ein Büchlein +aus der Tasche, fragte sie nach den zehn Geboten, wollte wissen, wie +es mit Schreiben und Lesen stünde, und Burga merkte, daß er den zwei +wilden Jungen eine Stunde geben wollte. Frau Jutta winkte ihr auch +schon und ging dann mit ihr ins Freie.</p> + +<p>»Der Magister kommt einmal in der Woche und sieht nach den Söhnen, +damit sie ein wenig lesen und schreiben und dazu die Bibel kennen +lernen. Sie dürfen doch nicht zu dumm bleiben.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span></p> + +<p>»Kann ich nicht auch bei dem Magister sitzen bleiben?« fragte Burga, +und die Frau machte ein erstauntes Gesicht.</p> + +<p>»Meinetwegen, obgleich es besser wäre, du sähest nach den Glucken, +die auf den Eiern sitzen. Denn Mädchen brauchen sich nicht mit +Gelehrsamkeit zu plagen, sie müssen kochen und backen lernen und +allerhand andres Nützliches, aber lesen und schreiben tut nicht von +nöten.«</p> + +<p>Burga warf den Kopf in den Nacken.</p> + +<p>»Ich meine nicht, daß ich hier eine Dienstmagd bin, sondern eine Freie, +die auch schon einen Taler bezahlt hat und gern noch einen dazu legt, +wenn es verlangt wird!«</p> + +<p>Frau Jutta wurde betroffen, aber auch ein wenig beschämt. Denn sie +hatte das fremde Mädchen eigentlich nur als Magd betrachtet und ihr +alle Arbeit aufgebürdet, die sich grade fand. Nun dachte sie an den +Silbertaler, den sie erhalten hatte, und daß Burga eigentlich für ihre +Arbeit Lohn verdiente, anstatt selbst zu bezahlen.</p> + +<p>»Geh nur zum Magister!« sagte sie hastig. »Meinetwegen magst du immer +bei ihm lernen, wenn du Freude daran findest. Geh nur nicht gleich +wieder weg; ich habe dich gern hier und will auch nicht mehr Arbeit +verlangen, als du leisten willst!«</p> + +<p>Burga war zufrieden und ging sogleich wieder auf die Diele, wo die +Jungen mißmutig vor dem Magister saßen und durchaus keine Lust zur +Gelehrsamkeit zeigten.</p> + +<p>Frau Jutta sah dem Mädchen einen Augenblick nach.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span></p> + +<p>»Ob sie wohl wirklich eine Vornehme ist? Manchmal könnte ich es +glauben. Aber es gibt wohl viele vom Adel, die eben so wenig eine +Heimat haben, wie die Bürger und Bauern. Ich will mich nicht darum +sorgen!«</p> + +<p>Und sie ging in den Hühnerstall zu den Glucken, während Burga vor dem +Magister saß, ihm alle zehn Gebote hersagte, auf der Schiefertafel +mit dem Griffel die Buchstaben des Alphabets malte und schon ganz +ordentlich in der großen Bibel lesen konnte. Das war sehr ärgerlich für +die Jungen, die sich garnicht denken konnten, daß ein Mädchen mehr von +der Gelehrsamkeit verstand als sie. Alle zwei kriegten heiße Köpfe und +gaben sich mehr Mühe als sonst, so daß der Magister ein sehr zufriednes +Gesicht machte und wohlgefällig auf seine neue Schülerin sah.</p><br> + +<figure class="figcenter illowe9" id="illu-044"> + <img class="w100" src="images/illu-044.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p> + +<figure class="figcenter illowe17" id="illu-045"> + <img class="w100" src="images/illu-045.jpg" alt="deko"> +</figure> +</div> + +<p class="p2">Der Magister kam vom Hanekamphof und ging wieder gen Wedel. Das war +schon damals ein ziemlich großes Kirchdorf, mehr landeinwärts gelegen, +wohin durch Wald und Heide eine schmale Fahrstraße führte. Hier hatte +der Magister Timotheus lange nach seiner schweren Krankheit eine +Unterkunft gefunden. Denn schwer krank war er gewesen und vom Leben +sehr hart geprüft. Hatten ihm doch die kaiserlichen Truppen nicht +allein Kirche und Pastorat verbrannt, sondern auch seine Frau und sein +kleines Kind erstochen. Er selbst verteidigte seine kleine Familie, +bis er besinnungslos und schwer verwundet niederstürzte. Die Soldaten +hielten ihn für tot und kümmerten sich nicht weiter um ihn, aber ein +alter Bauer, dessen Hof allein von dem ganzen Kirchdorf nicht verbrannt +und ausgeraubt wurde, weil er abseits lag, dieser Bauer schlich sich +nachher in das zerstörte Pastorat, fand den Magister<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> und trug ihn +nach Hause. Es dauerte lange, ehe die gute Bäuerin, die etwas von der +Heilkunde verstand, den armen Magister wieder gesund pflegte. Die +Soldaten hatten ihm nicht allein die linke Hand abgeschlagen, sondern +ihm auch ein ekles Wasser, das man den Schwedentrunk nannte, in den +Hals gegossen. Als der schmählich Behandelte wieder zu sich kam, hatte +seine Stimme jeden Klang verloren, und sein linker Arm war ohne Hand. +Aber er lebte noch und wollte lieber nicht seinen traurigen Gedanken +nachhängen, sondern arbeiten, soviel er konnte. Also ging er an die +Westküste des Landes, um dort ein Unterkommen zu suchen. Bald, nachdem +er auf der Insel Nordstrand angelangt war, kam die große Flut, die +siebzehn Kirchen und viel reiche Dörfer mit sich gehen ließ. Die ganze +große und wohlhabende Insel wurde zerstört, Tausende von glücklichen +Einwohnern verloren ihr Leben, und wer dies rettete, der hatte alle +Habe verloren. Der Magister Timotheus hatte nichts zu verlieren: er +rettete und half, wo er konnte, aber eine neue Heimat war in dem +zerstörten Lande nicht zu finden. Also wanderte er bald hier, bald +dorthin, bis er sich einer alten Muhme erinnerte, die in der Elbgegend, +im Dorfe Wedel, wohnte. Sie bat er um ein Unterkommen, und sie gewährte +es ihm gern.</p> + +<p>In Wedel war der Schulmeister von den Soldaten mitgenommen worden, und +einige Bauernsöhne sollten doch lesen und schreiben lernen. Also fand +Timotheus bald einige Schüler, und der Pastor Rist, der hier nicht +allein<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> predigte, sondern auch ein berühmter Dichter war, half ihm +weiter, daß er sein Brot finden konnte. Mehr verlangte der Magister +nicht; er war nicht allein froh über die Arbeit, sondern auch darüber, +daß er andern noch nützlich sein konnte. Und wenn er an seine Frau +und an sein Kind dachte, dann sehnte er sich wohl manchmal sehr nach +ihnen; aber er wußte, daß es zu heutigen Tagen eigentlich besser war, +mit dem Leben fertig zu sein und nicht mehr nötig zu haben, sich vor +dem morgigen Tage zu fürchten. Denn der morgende Tag konnte neue +Schrecknisse bringen, niemand war sicher, daß er ihn zu Ende erlebte.</p> + +<p>Und doch schien heute die Sonne warm, die Vögel jubilierten, und über +den Tannen kreiste der Wanderfalke, der in den höchsten Gipfeln sein +Nest baute. Er stieß ein scharfes Krächzen aus, und der Magister packte +seinen dicken Stock fester und sah sich um. Wenn der Falke so schrie, +dann gabs etwas, das ihm nicht gefiel.</p> + +<p>Siehe da, es jagte ein Häslein über den Weg und verschwand im +Unterholz, während hinter ihm her ein Fuchs stürzte. Da nahm der +Magister seinen Stock und warf ihn Meister Reineke zwischen die Beine, +daß er einen langen Satz machte und ziemlich beschämt einen andern Weg +einschlug. Der Hase war gerettet, aber wie lange? Als der Magister +seinen Stock wieder holte, seufzte er, weil er an die armen schwachen +Tiere des Waldes denken mußte, die die Beute der Stärkeren wurden. Und +dann dachte er an den Fuchsbau, den er grade neulich mitten<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> im Walde +gefunden hatte. Vor ihm saßen die kleinen Füchse, spielten miteinander +und warteten auf die Mutter, die ihnen etwas zu fressen bringen sollte. +Sie kam auch und hatte zwei Hühner im Maul, auf die sich die Kleinen +stürzten. Ach ja, die jungen Füchse wollten auch leben, und der Hase +wäre wohl ein guter Braten für sie gewesen. Eigentlich mußte man die +Tiere alle gewähren lassen. Sie hatten es wahrlich auch nicht leicht, +sich durchzubringen.</p> + +<p>Nur die Wölfe waren schlimm. Jetzt aber waren sie gen Norden gewandert, +wenigstens liefen sie nicht mehr vor Wedel auf der Straße herum und +heulten vor den Häusern, wie sie es im strengen Winter getan hatten.</p> + +<p>Timotheus ging in so tiefen Gedanken, daß er nicht das Pferdegetrappel +hinter sich hörte, bis er von einer scharfen Stimme angerufen wurde.</p> + +<p>»He, Schwarzrock, kannst du nicht aus dem Wege gehen, wenn mein Pferd +kommt?«</p> + +<p>Timotheus blieb stehen, sah sich um und blickte auf zwei dänische +Dragoner, die langsam hinter ihm her kamen. Er trat zur Seite und zog +den Hut. Holstein gehörte dem König von Dänemark, und diese Reiter +sollten also Freunde sein, aber in heutigen Zeiten waren die Soldaten +überall wild und ungebärdig: die des eigenen Landes benahmen sich oft +grade so schlecht, wie die Feinde.</p> + +<p>Daher hoffte er, daß die Dragoner vorbei traben würden, aber, der ihn +angerufen hatte, blieb neben ihm halten und zwirbelte seinen langen +grauen Schnauzbart.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span></p> + +<p>»Ich bin der königlich dänische Wachtmeister Balthasar und jeder, der +mir begegnet, muß mir gehorchen!« sagte er drohend, während Timotheus +seinen Hut wieder aufsetzte.</p> + +<p>»Was wünscht Ihr denn?« erkundigte er sich, und Balthasar sah ihn +unzufrieden an.</p> + +<p>»Weshalb setzest du deinen Hut wieder auf, wenn du von mir angeredet +wirst, das schickt sich nicht!«</p> + +<p>»Weshalb nennt Ihr mich du, wo ich doch die Höflichkeit bewahre +und Euch nicht dutze?« erkundigte sich der Magister, worauf der +Wachtmeister rot im Gesicht wurde.</p> + +<p>»Weil mir das so paßt, mein Freund! Wir Soldaten sind hier die Herren, +und kein Schwarzrock hat uns etwas zu sagen! Vorwärts, marsch, +Schwarzrock! Zeige uns die Häuser, in denen Jungen aufwachsen! Der +König braucht Soldaten! Wo die Bengel vierzehn Jahre alt sind, da +müssen sie in den bunten Rock, was bekanntlich eine Ehre ist! Nun, +vorwärts, marsch!«</p> + +<p>Er wollte nach dem Magister greifen, der aber sprang behende über den +Graben, der Landstraße und Wald von einander trennte, und erwiderte:</p> + +<p>»Ich kenne keine Häuser, in denen heranwachsende Knaben sind! Und +kennte ich sie, würde ich sie dir nicht verraten! Eins aber will ich +dir sagen, Freund! Auf derselben Landstraße, auf der du jetzt reitest, +sind vor wenig Stunden wohl ein Dutzend schwedische Reiter gezogen! +Wenn du denen in die Hände fällst, kann es dir schlecht ergehen!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span></p> + +<p>»Du lügst!«</p> + +<p>Des Wachtmeisters grimmiges Gesicht ward noch grimmiger, und er winkte +dem hinter ihm reitenden Dragoner, der seinen Karabiner bereits auf den +Magister angelegt hatte.</p> + +<p>»Schieß los, Jens! Dieser schwarze Kerl ist zu frech! Mich wagt er du +zu nennen? Das soll er büßen!«</p> + +<p>Der Dragoner schoß wirklich, aber die Kugel schwirrte weit über des +Magisters Kopf in die Bäume, zwei Vögel flatterten auf, und ein +Eichkätzchen fuhr den Stamm hinab, mehr geschah nicht, und Timotheus +stand noch immer aufrecht.</p> + +<p>»Ich habe dich gewarnt, Mann!« rief er noch einmal. »Wende dein Pferd +und reite auf Ottensen zurück oder gar gen Altona. Zwei dänische +Reiter, auch wenn sie tapfer sind, sind zu wenig gegen ein Dutzend +Schweden!«</p> + +<p>Seine Warnung verhallte. Auch der Wachtmeister schoß jetzt hinter +ihm her, und noch einmal schüttelten die Zweige ihr Haupt, während +einige kleine kaum erschlossene Blätter zur Erde flatterten. Der Falke +krächzte, eine Weihe strich mit raschem Flug über den Magister dahin, +der jetzt mitten im Unterholz zwischen Dornen und Buchengestrüpp stand +und eilig weiterging. Dazu schüttelte er den Kopf. Er wußte, daß die +Dänen mit ihren schweren Pferden ihm nicht nachreiten konnten; und die +meisten Kugeln trafen bekanntlich auch nicht. Darum war er auch nicht +sehr ängstlich gewesen, er ärgerte sich nur, daß<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> diese rohen Menschen +sich gerade so aufführten, als wären sie Feinde wie die Schweden und +die Kaiserlichen.</p> + +<figure class="figcenter illowp54" id="illu-051" style="max-width: 45.75em;"> + <img class="w100" src="images/illu-051.jpg" alt="bild"> +</figure> + +<p>Sie verlangten nicht allein Speis und Trank von den Bewohnern, sie +wollten auch noch ihre Söhne haben, um sie gegen den Feind zu führen. +Und dann konnte es geschehen, daß die jungen Leute ebenso hart und +heftig würden wie dieser Wachtmeister.</p> + +<p>Timotheus hörte noch die Stimmen der Dragoner. Sie schalten hinter +ihm her und sandten einige Kugeln in den Wald, aber das war nur aufs +Geratewohl, und der Magister machte sich nichts daraus. Aber er war +traurig, sprach allerhand vor sich hin und wandte sich dann seitwärts +der Elbe zu, deren steiles Ufer er hinabkletterte, um ein kleines +Fischerhaus aufzusuchen, das hier zwischen Bäumen und Unterholz +verborgen lag. Hier wohnte der Fischer Hans Peter, dem ein großes Boot +gehörte, mit dem er auf den Fischfang ausging. Der Magister war schon +oft mit ihm zu Wasser ziemlich weit hinausgefahren, und auch heute +wollte er ihn bitten, ihn mitzunehmen. Dann brauchte er nicht den +langen Landweg nach Wedel zu machen, sondern konnte hinter Blankenese +ans Land gehen, um von da sein Dorf zu erreichen. Das Ufer war dort +mit Wald bedeckt und so zerklüftet, daß es einem Fremden schwer halten +mußte, sich zurecht zu finden. Weder dänische noch feindliche Soldaten +würden hierher den Weg auskundschaften, und nur die Strandbewohner +kannten die heimlichen Pfade und einige Höhlen in den Dünen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span></p> + +<p>Hans Peter stand in seinem Boot und schöpfte Wasser aus. Er war ein +großer, ungeschlachter Mann, der selten den Mund auftat und dann auch +nur, um ein Stück Tabak hinein zu stecken. Als der Magister zu ihm trat +und sein Anliegen vorbrachte, schien er kaum zuzuhören, schüttelte dann +aber nach einer Weile den Kopf.</p> + +<p>Der Magister verstand ihn.</p> + +<p>»Willst du nicht fahren?«</p> + +<p>»Schweden!« erwiderte Hans Peter nach einer Pause. »Hast du sie auch +gesehen?«</p> + +<p>Mit dem Daumen zeigte Hans Peter auf ein großes Boot, das in der Ferne +kreuzte.</p> + +<p>»Lieber Gott,« der Magister seufzte. »Nun fahren sie schon in Booten +auf dem Wasser! Ist denn niemand, der ihnen Einhalt gebieten kann?«</p> + +<p>Hans Peter zuckte die Achseln. »Ich nicht, aber —« er wies mit dem +Daumen auf eine schwarze Wolke, die vom Westen her kam.</p> + +<p>»Boot kann leck springen!« sagte er mit kurzem Auflachen. Zog sein +Fahrzeug ans Land und zeigte auf sein Häuschen.</p> + +<p>»Bier und Brot!« setzte er mit einer Miene hinzu, die freundlich sein +sollte.</p> + +<p>Timotheus ging mit ihm. Dort oben im Wald wars wirklich nicht geheuer. +Dem Wachtmeister noch einmal zu begegnen, war ebensowenig angenehm, als +die Schweden wiederzusehen, die am Morgen mit Waffengeklirr über die<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> +Landstraße geritten waren. Da konnte man es sich schon gefallen lassen, +bei Hans Peter Dünnbier zu trinken und dazu geräucherten Fisch und Brot +zu essen. Heimlich und still war es in der Hütte. Das Feuer brannte auf +dem Herd, und der Rauch zog durch ein Loch im Strohdach. Auf dem Herd +saß die Katze, die jetzt aufstand und Hans Peter entgegenging. Sie rieb +sich an seinen Beinen und ließ sich dann auch von Timotheus streicheln. +Sie war Hans Peters einzige Gesellschaft. Ehemals hatte er eine Frau +gehabt und auch zwei Söhne. Aber die Frau war schon lange tot, und die +zwei Jungen waren in die Weite gegangen. Das war lange her — wenn +der Magister den Fischer fragte, wie viele Jahre er allein hause, +dann schüttelte dieser den Kopf, er wußte es nicht. Oft, sehr oft war +der Winter wiedergekommen und der Frühling, seitdem er allein wohnte. +Daher hatte er auch das Sprechen verlernt und konnte nicht begreifen, +daß andre Menschen sich immer etwas zu erzählen hatten. Aber wenn der +Magister zu ihm kam, dann freute er sich doch und horchte darauf, was +dieser ihm berichtete.</p> + +<p>So saß er denn auch heute vorm Herde, nahm die Katze auf den Schoß und +ließ sich erzählen. Von den schwedischen Reitern, die heute morgen so +lustig durch den Wald geritten waren und so große Eile gehabt hatten, +daß sie den Magister, der sich hinter den Bäumen versteckt hielt, nicht +sahen. Wahrscheinlich ritten sie landeinwärts, einem der Edelhöfe zu, +die noch nicht ganz ausgeplündert<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> waren. Hans Peter brummte. So wars +wohl, und die andern Schweden, die unten in Neumühlen ein altes Boot +weggenommen hatten und mit ihm davonfuhren, die gingen auch auf Raub +aus. Aber das Boot konnte leck springen, und wie Hans Peter langsam mit +vielen Zwischenräumen sprach, wie es allmählich Abend wurde, da pfiff +es plötzlich aus Südwest, und die großen Bäume über dem Fischerhaus +knarrten. — — — — — — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die ganze Nacht hindurch heulte der Sturm, und Timotheus konnte sich +freuen, auf einem mit Seetang gefüllten Sack zu liegen und über sich +ein Schafsfell zu haben, das wundervoll warm hielt. Er schlief auch +einigermaßen, wenn er sich auch grämte, daß nun die Dänen alle Häuser +der Umgegend nach jungen Knaben durchsuchten, die Soldaten werden +mußten. Was würde Gottfried Hanekamp sagen, wenn er weggeführt wurde, +und was sollte Frau Jutta dann beginnen? Mit Konrad allein konnte sie +ihren Hof nicht bewirtschaften! Und in Blankenese und Wedel waren +auch halbwüchsige Knaben, die nicht entbehrt werden konnten von ihren +Eltern. Danach aber fragte der dänische König nicht, und wenn er auch +vielleicht ein guter Herr war und Mitleid gehabt hätte, wenn man ihm +die Sachen vorstellte, so kamen die Geringen doch nicht an ihn heran, +und die Vornehmen um ihn, die sein Ohr hatten, kümmerten sich nicht um +das Elend der Kleinen. Mit diesen Gedanken schlief der Magister ein, +mit ihnen wachte er<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> auf. Plötzlich war es schon ziemlich hell, und +der Fischer hockte vorm Herd und kochte seine Grütze. Der Regen schlug +gegen die kleinen, in Blei gefaßten Fensterscheiben, und die Elbe +schien sehr aufgeregt. Man hörte ihre Wogen auf den Strand klatschen +und dazwischen das zornige Brausen des Windes.</p> + +<p>»Keine Bootfahrt!« sagte der Hans Peter kurz, als der Magister sich vom +Lager erhob, und Timotheus mußte ihm schon glauben. Durch den Sturm war +das kleine Boot weit auf den Strand getrieben worden, und es konnte +noch Stunden dauern, bis die zornigen Wogen sich beruhigten.</p> + +<p>Nachdem also der Magister die Morgengrütze gegessen und sich für das +Nachtquartier bedankt hatte, stieg er wieder die Düne hinauf und begab +sich zu Fuß auf den Heimweg. Der Weg war vom Regen durchnäßt, der Sturm +hatte große Zweige von den Bäumen gerissen, daß das Gehen mühselig war, +und im Walde stöhnten und knarrten die Bäume, als wollten sie sich +beklagen, daß sie so unsanft behandelt wurden. Dem Magister aber war +das Wetter schon recht. Dann lagen weder Schweden noch Dänen auf der +Landstraße, sondern verkrochen sich irgendwo, wo es warm und behaglich +war. Also konnte man ruhig seines Weges gehen und brauchte nichts +Unangenehmes zu fürchten. Denn wenn der Magister auch nicht furchtsam +war, so ging er doch lieber einer Gefahr aus dem Wege, als daß er sie +aufsuchte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span></p> + +<p>Es war einsam im Walde. Die Vögel saßen im Schutz ihrer Nester, und +wenn der rote Fuchs von gestern noch lebte, dann hockte er bei seinen +Jungen oder spürte vielleicht dem Hasen nach, den er gestern nicht +bekommen hatte.</p> + +<p>Aber der Magister war doch weise geworden und ging lieber auf einem +schmalen Waldpfad, als daß er die Landstraße benutzte. Der Wind pfiff +noch immer, und dazwischen rauschten die Bäume, aber es wurde stiller, +und mit einemmal kam ein Sonnenstrahl. Timotheus blieb stehen und sah, +wie er durch die braunen Zweige und über die kleinen zarten Blätter +des Unterholzes glitt. Der böse Winter war zu Ende, wenn auch der +Sturm noch tobte. Und vielleicht ging auch einmal der Krieg zu Ende — +obgleich man es nicht anders kannte.</p> + +<p>Unwillkürlich blieb der Magister stehen und dachte an die Zeit, da er +noch eine Frau und ein liebes Kind gehabt hatte. Der Krieg hatte ihm +beides genommen und auch seine Kirche, in der er so gern predigte. +Nichts war von dem Dorf übrig geblieben, als verbrannte Häuser. Er +selbst war lange ein schwerkranker Mann, und als er gesund wurde, hatte +er eigentlich keine Lust mehr zu leben. Und dennoch lebte er, und die +Sonne schien ihm ins Gesicht, während über ihm ein Rabe krächzte.</p> + +<p>Timotheus hob den Kopf. Er ging fast jeden Tag in den Wald und kannte +seine Stimmen; wenn der Rabe so krächzte, dann spürte er Beute. Lief +dort vielleicht ein<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> junger Hase, oder sah der schwarze Gesell ein +Vogelnest, wo der die Jungen fressen wollte? Vorsichtig ging der +Magister weiter und blieb dann wieder stehen. Es kam ein sonderbarer +Laut von den Bäumen her — das war kein Tier, sondern ein Mensch! +Wieder krächzte der Rabe, und Timotheus ging dorthin, wo der große +Vogel schwebte und unverwandt nach unten äugte. Dann stieß er einen Ruf +des Mitleids aus und stürzte auf den dänischen Wachtmeister zu, der +gestern auf stolzem Roß gesessen hatte und nun an eine der alten Tannen +festgebunden war. In seinem Munde steckte ein dicker Knebel, so daß er +nicht schreien konnte, nur hin und wieder stieß er dies Stöhnen aus; +aber sein Kopf hing ihm schon tief auf die Brust. Schadenfroh koaxte +der Rabe — nicht lange mehr brauchte er zu warten, dann konnte er sich +den Gefesselten ganz aus der Nähe betrachten.</p> + +<p>Aber seine Freude kam zu früh. Der Magister zog dem Wachtmeister +den schmerzhaften Knebel aus dem Mund, zerschnitt seine Stricke und +stützte ihn, als dieser, fast gelähmt, beinahe hingefallen wäre. +Vorsichtig ließ der Retter ihn auf einen umgestürzten Baumstamm sitzen +und kühlte ihm mit einem in das nasse Gras getauchten Tuch das blau +gedunsene Gesicht. Der Wachtmeister war ein kräftiger Mann. Nachdem +er einige Minuten verschnauft hatte, griff er nach der Brotrinde, die +ihm Timotheus hinhielt, begann sie zu kauen, rieb seine schmerzenden +Glieder und fluchte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span></p> + +<p>»Diese Schweden! Hinterrücks überfallen sie mich, nehmen mir die Waffen +und das Pferd weg und binden mich an den Baum. Aber es sind Dummköpfe. +Totschlagen hätten sie mich müssen, dann würde ich mich nicht rächen +können, während jetzt — —« drohend erhob er die Hand, die aber +kraftlos wieder niedersank.</p> + +<p>»Denkt nicht gleich an die Rache!« ermahnte der Magister. »Freut Euch, +daß Ihr mit dem Leben davonkamet!«</p> + +<p>Der Wachtmeister sah ihn verdrießlich an.</p> + +<p>»Laß das Predigen, Schwarzrock! Gib mir Geld, daß ich mir wieder einen +Säbel und einen Karabiner kaufen kann! Diese Schweden sollen alle von +meiner Hand sterben!«</p> + +<p>»Ich habe kein Geld!« Der Magister mußte über den Unverschämten lachen. +»Geh dorthin, woher du kamest. Die Dänen werden dir schon die Waffen +wiedergeben.«</p> + +<p>Mit diesen Worten ging Timotheus weiter.</p> + +<p>»Halt!« Der Wachtmeister schrie es hinter ihm her. »Halt! Verlaß mich +nicht! Siehst du denn nicht, daß ich noch nicht wieder gehen kann, +und du willst mich hier allein lassen? Wenn ich dies der Obrigkeit +berichte, wird sie dich strafen!«</p> + +<p>»Meinst du? Vielleicht wird dir die Obrigkeit sagen, daß man den, der +einem das Leben rettet, höflicher behandeln muß, wie du es tust!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span></p> + +<p>»Wenn du mir das Leben rettetest, dann mußt du auch weiter für mich +sorgen!« rief der Wachtmeister und versuchte, sich aufzurichten, um den +Magister zu ergreifen. Aber die Glieder versagten ihm, und er verlegte +sich nun aufs Bitten.</p> + +<p>»Herr Magister, wohledler Herr; helft mir doch! Ich bin doch ein +dänischer Soldat und ein sehr guter Wachtmeister! Fragt nur meinen +Obristen, den Herrn von Pechlin in Altona! Ich bin ein herzensguter +Mensch, Herr Magister, und an meiner rauhen Sprache müßt Ihr Euch nicht +stoßen! Das gehört nun einmal zum Kriegshandwerk und ist grade so, wie +Ihr beim geistlichen Stande Barmherzigkeit üben müßt. Ich hab auch +einmal Magister werden wollen, aber der Säbel paßte besser für mich!«</p> + +<p>»Das glaube ich wohl!«</p> + +<p>Der gutmütige Magister war wieder näher gekommen und half endlich dem +Wachtmeister, so daß dieser sich auf ihn stützen konnte.</p> + +<p>»Langsam, langsam!« knurrte er. »Immer vorsichtig, sonst sollst du mal +sehen!« Und er versuchte, den kleineren Magister so fest zu halten, daß +dieser sich nicht zu rühren vermochte.</p> + +<p>Aber Timotheus war gewandt, trotz seiner fehlenden Hand. Mit einer +schnellen Bewegung machte er sich frei und sagte ruhig: »Wenn du dich +nicht ordentlich benimmst, Wachtmeister, lasse ich dich hier sitzen!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span></p> + +<p>Dieser unterdrückte einen Fluch und wurde wieder höflich.</p> + +<p>»Entschuldigt nur, Herr Magister! Die Galle ist bei mir durch die +Schweden in Unordnung geraten. Sie wird erst wieder besser, wenn ich +die Kerle alle in die Pfanne gehauen hab!«</p> + +<p>Nun ließ er sich ganz ordentlich führen, stöhnte manchmal auf und +murmelte einen Fluch. Aber wenn er in das ernsthafte Gesicht des +Magisters sah, dann nahm er sich zusammen und hütete sich wohl, den +Unwillen seines Retters zu wecken. Es dauerte wohl einige Stunden, +aber, als die Mittagsstunde vom Kirchturm zu Wedel schlug, da brachte +der Magister den Wachtmeister zu seiner alten Muhme, die schon in der +Haustür stand und nach ihm aussah. Sie war wohl achtzig Jahre alt +und ein hageres Weib mit verrunzeltem Gesicht. Aber ihre Augen waren +klar und hell, und als sie den dänischen Reiter sah, der müde und in +zerrissener Uniform vor ihr stand, da machte sie weder ein großes +Geschrei, noch schlug sie die Hände über den Kopf zusammen. Sie setzte +den lahmen Mann ans Herdfeuer und brachte ihm gleich einen Becher mit +warmer Milch, den er gierig hinunterstürzte. Dann bereitete sie ihm ein +Lager und deckte ihn mit einem alten Federkissen zu.</p> + +<p>»Er muß ausschlafen und sich erholen!« sagte sie zu dem Magister, der +ernsthaft nickte.</p> + +<p>»Wir müssen ihn wohl aufnehmen, aber ich fürchte, er taugt nicht viel!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span></p> + +<p>»Darnach sieht er aus!« entgegnete die alte Frau. »Aber wir müssen ihm +doch Barmherzigkeit erweisen. Du würdest ihn auch nicht auf der Straße +liegen lassen!«</p> + +<p>»Vielleicht wäre es das Beste gewesen!« erwiderte Timotheus, aber +Mutter Mumsen hörte ihn nicht, und das war auch eben so gut. Denn sie +würde ihn wohl ein wenig gescholten haben.</p> + +<p>Eine Woche blieb der Wachtmeister bei Mutter Mumsen und bei dem +Magister. Er war ganz manierlich geworden und sprach sogar von +Dankbarkeit. Das kam wohl daher, daß er noch in allen Gliedern +Schmerzen spürte, und vielleicht auch davon, daß die Schweden die +ganze Gegend unsicher machten, bald hier, bald dort einfielen und +brandschatzten. Die Dänen waren nicht stark genug, sie zu vertreiben, +und mußten sich vor ihnen verstecken. Eines Tages aber hieß es, daß +die letzten Schweden weiter nordwärts gezogen wären, und da wurde der +Wachtmeister wieder vergnügt und herrisch. Er konnte jetzt wieder +gehen, versuchte, ein Pferd zu besteigen, das einem Bauern gehörte, und +ritt dann gleich nach Altona, um sich bei seinem Regiment zu melden. Er +hatte versprochen, das Pferd wieder zu bringen, aber er blieb weg, und +der Bauer schalt auf den Magister.</p> + +<p>»Wenn der Kerl nicht bei euch gewohnt hätte, ich würde ihm meinen Fuchs +nicht geliehen haben!«</p> + +<p>»Ich habs Euch nicht geraten!« erwiderte Timotheus, aber der andre +blieb doch verdrießlich. Es war ein Glück,<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> daß plötzlich einige +herrenlose Pferde bei Blankenese aufgegriffen wurden. Sie mußten den +Schweden gehören, denn sie hatten Zaumzeug in den schwedischen Farben. +Wo aber waren ihre Reiter? Niemand wußte es zu sagen, und niemand +fragte danach. Der Bauer suchte sich das beste Tier aus, und auch die +andern Leute, die ein Pferd brauchen konnten, versorgten sich. Eins +aber nahm der Magister an sich und führte es zum Hanekamphof.</p> + +<p>»Ich meine, Frau Jutta, ein Gaul wäre nicht übel für Euch!« meinte der +Magister, und die Frau bedankte sich.</p> + +<p>»Es ist gut von Euch, an uns zu denken! Ich fürchte nur, das Tier wird +bei uns nicht satt. Wir haben nicht allzuviel Hafer!«</p> + +<p>»Bald könnt Ihr es auf die Weide schicken,« tröstete Timotheus. +»Soldatenpferde dürfen nicht zu gut gefüttert werden, sonst werden sie +faul!«</p> + +<p>Gottfried und Konrad waren froh über das Geschenk, und auch Burga +streichelte den Schimmel, der eine dichte Mähne hatte und einen langen +Schweif.</p> + +<p>»Es ist ein feines Tier und eigentlich zu schön für die Feldarbeit,« +meinte sie, und Gottfried stieß sie unsanft zur Seite.</p> + +<p>»Was weißt du von feinen Pferden? Du bist doch nur ein Lagerkind, und +wir haben dich aus Barmherzigkeit aufgenommen!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span></p> + +<p>Auf diese Worte antwortete Burga nicht, aber die Falte zwischen ihren +Augen, die fast schon verschwunden war, vertiefte sich wieder, und +Gottfried traf ein finsterer Blick.</p> + +<p>Doch als Frau Jutta nachher nach ihr rief, kam sie gehorsam und +arbeitete, wie es ihr gesagt wurde.</p><br> + +<figure class="figcenter illowe9" id="illu-064"> + <img class="w100" src="images/illu-064.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span></p> + + +<figure class="figcenter illowe17" id="illu-065"> + <img class="w100" src="images/illu-065.jpg" alt="deko"> +</figure> +</div> + +<p class="p2">Nun kam allmählich der Sommer, und es wurde heiß. Die Bäume hatten ihr +frisches grünes Kleid angelegt, an den Zweigen der Tannen wuchsen die +hellgrünen Schößlinge, und die Vögel fütterten ihre junge Brut. Auf dem +Hanekamphof wanderten drei Glucken mit ihren Kindern umher, und die Kuh +stand im hohen Gras, fraß, bis sie nicht mehr konnte, und brummte ein +wenig mit ihrem Kalb herum, das erst wenige Wochen alt war und lieber +Milch trank, als daß es Grünfutter nahm. Es war eine schöne Zeit; von +den Schweden hörte man nichts mehr, und die dänischen Dragoner hatten +sich auch nicht wieder auf der Landstraße sehen lassen. Vielleicht +hatte ihr Obrist sie nach einer andern Gegend geschickt, und das war +gut. Es war die Zeit, da auch die Hamburger sich aus ihren Stadtmauern +wagten, die Zugbrücke über den Pepermolenbeck, den Grenzbach zwischen +Hamburger und Altonaer Gebiet,<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> hinabließen, und sich die Ortschaft +Altona betrachteten. In Altona standen schon viele Häuser, einige +Straßen waren angelegt, und auf der Südseite erhob sich ein Galgen. +Denn, wenn eine Ortschaft auf sich hielt, dann errichtete sie natürlich +einen Galgen, grade, wie sie auch ein Gefängnis haben mußte. Auch das +war in Altona zu finden, und Herr Jobst Hanekamp, der an einem frühen +Maimorgen einige Geschäftsgänge in dem neuen Dorf zu machen hatte, sah +sich zufrieden um. Ihm war es ganz recht, daß hier, an der Elbe, eine +Ortschaft lag, in der einige Kaufleute wohnten, mit denen er handeln +konnte. Handelte er doch mit getrockneten Fischen, mit Seehundsfell, +mit Tran, mit allem, das aus dem Meere kam, und die Kaufleute hier +konnten ihm frische Ware besorgen, wie er sie für seinen Handel nach +dem Inlande brauchte.</p> + +<p>Herr Jobst Hanekamp war ein kleiner Mann mit rotem Gesicht und +mit einer großen dunklen Perücke auf dem Kopfe, die ihm etwas +Majestätisches gab. Gewuchtig schritt er über die ungepflasterten +Straßen, und begab sich zu einem Geschäftsfreund, der in der Nähe des +Hafens wohnte, und von dem er einige Fässer mit Tran kaufen wollte. +Aber der Freund war nicht daheim; er war hinüber nach der Insel +Finkenwärder gefahren, wo er mit den Fischern handelte. Bedächtig +schritt Herr Jobst jetzt auch an das lustig plätschernde Wasser, +betrachtete die Kauffahrteischiffe, die hier vor Anker lagen, und +schüttelte den<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> Kopf über einige dänische Dragoner, die auf den +Brückenbohlen in der Sonne lagen und fest schliefen.</p> + +<p>»Soldaten sind doch faule Kerls!« dachte er bei sich und ließ +dann seine Blicke umherschweifen. Denn ihn war plötzlich die Lust +angekommen, eine kleine Wasserfahrt zu machen. Dort hinter Ottensen +und Neumühlen wohnte ja seine Nichte, die Frau Jutta mit ihren Söhnen, +und wenn er im Winter ihrer sicher nicht dachte, so meinte er, daß die +Landluft im Monat Mai für einen Großstädter nur gesund sein könnte. Die +Zeiten schienen wirklich ruhiger zu werden, da mußte man sich einmal +nach den andern Hanekamps umsehen.</p> + +<p>Grade wollte Klas Stolz aus Finkenwärder mit seinem leeren Boot von der +Brücke abfahren, als Herr Jobst ihn anrief.</p> + +<p>»He, guter Freund, willst du einige Schillinge verdienen, so nimm mich +mit!«</p> + +<p>»Wohin?« Klas schob sein Boot wieder fest an die Brücke. Denn einige +Schillinge verdiente er gern.</p> + +<p>»So herum nach Neumühlen oder Teufelsbrücke!« rief Herr Jobst. »Ich war +noch nie auf dem Hanekamphof, aber da herum muß er liegen!«</p> + +<p>»Ich weiß, wo er ist!« sagte der Fischer, und der Kaufherr stieg +vorsichtig ein.</p> + +<p>»Also fahre mich, wo ich am ehesten zu ihm gelangen kann, und wenn du +mir den Weg zeigst, will ich noch einen Schilling mehr bezahlen!« Klas +nickte nur, faßte die<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> Riemen an und ließ sein schweres Boot mit der +Ebbe gehen. Denn das Wasser lief grade in die Nordsee, und das Rudern +war leicht.</p> + +<p>Herr Jobst bekümmerte sich nicht viel um den Fischer, er ließ seine +Augen umherschweifen und wurde verdrießlich.</p> + +<p>»Die Leute hier sind unordentlich!« tadelte er. »Ehemals standen hier +doch nette kleine Häuser, und nun haben sie kein Dach mehr, oder sie +sind abgebrannt.«</p> + +<p>»Das kommt vom Krieg!« erwiderte der Fischer, und Jobst schüttelte den +Kopf.</p> + +<p>»Der Krieg muß jetzt bald zu Ende sein; ich weiß, daß über den Frieden +beraten wird. Da müssen die Leute vernünftig werden und ihre Häuser +wieder in Ordnung bringen!«</p> + +<p>Klas Stolz hob die Ruder aus dem Wasser, daß schimmernde Tropfen +von ihnen fielen. »Sicher ist es hier noch nicht!« meinte er. »Noch +gar nicht so lange ist es her, da sind wohl ein Dutzend Schweden +von Neumühlen die Elbe hinunter gefahren, weil sie einmal nachsehen +wollten, wo an der Küste noch was zu holen wäre. Ihre Pferde hatten sie +hinter Blankenese bestellt, und ein Knecht mußte dort auf sie warten. +Aber es kam die Nacht ein Sturm, und das Boot muß leck gesprungen sein. +Von den Schweden ist nichts mehr gefunden worden, und der Knecht, der +bei den Pferden wartete, ist totgeschlagen worden. Die Bauern in der +Gegend haben ganz feine Pferde zur Feldarbeit, und das ist ihnen zu +gönnen. Denn<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> alle Pferde, die einst ihr Eigentum waren, sind ihnen +genommen!«</p> + +<p>»Dummes Zeug!« Herr Hanekamp zog die Stirn kraus. »Solche Geschichten +mußt du nicht berichten, Freund! Da könnte ich ängstlich werden, bei +Teufelsbrück aus dem Boot zu steigen. Aber, du sagst ja selbst, daß die +Bauern jetzt gute Pferde haben — also ist doch niemand gekommen, sie +ihnen wieder abzunehmen, und das Land ist ruhig. Du mußt nur mit mir +nach dem Hanekamphof gehen. Dann kannst du mich morgen wieder abholen. +Denn wenn ich einmal die weite Reise mache, will ich auch etwas von der +Fahrt haben!«</p> + +<p>Klas nickte, und wie er nun in Teufelsbrück anlegte, trat er aus dem +Boot, half dem Herrn heraus und schickte sich gerade an, sein Fahrzeug +festzumachen, als es aus dem Baumgestrüpp knallte, und eine Stimme rief:</p> + +<p>»Ergebt euch, sonst schieße ich noch einmal!«</p> + +<p>Herr Hanekamp sah sich nicht um. Er war dick, und man konnte denken, +daß er nicht gut laufen konnte. Aber er war mit Windeseile in den +angrenzenden Wald gelaufen, der sich hart an der Elbe und neben dem +Bache, der die Flottbeck genannt wurde, erhob. Hier kauerte er hinter +einem dicken Busch, rückte seine Perücke gerade und griff nach dem +Degen, den er an seiner Seite trug. Wenn es galt, dann wollte er sein +Leben verteidigen. Aber er hörte nur noch einmal schießen und einen +Schrei — dann wurde alles still. Also kroch er aus seinem Busch<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> +hervor und wollte sich grade umsehen, als eine derbe Faust ihn packte.</p> + +<p>»Aha, hier haben wir den Heringsprinzen! Kerl, gib Geld, oder ich +schneide dir die Kehle ab!«</p> + +<p>Ein großer rothaariger Mann, in Lumpen gehüllt, stand vor ihm. Er hatte +einen struppigen Bart und kleine, unheimlich blitzende Augen, mit denen +er Herrn Hanekamp von oben bis unten betrachtete. Ein großes Messer +hielt er in der Hand, aber er steckte es wieder in die Scheide.</p> + +<p>»Mein Junge,« sagte er zu Herrn Hanekamp, »du siehst mir nicht aus, als +wolltest du dich wehren. Da will ich dir dein Leben schenken. Zieh nur +rasch deine Kleider aus! Sie scheinen mir sehr gut zu sein, und ich +kann sie gerade gebrauchen. Und was du an Geld besitzest, lege dazu. +So'n bißchen Mammon ist nicht vom Übel, und ich bin gewiß, daß du ihn +mir gern gibst.«</p> + +<p>Herr Hanekamp war ein verständiger Mann. Er ärgerte sich nicht wenig +über den unverschämten Räuber, aber er sah ein, daß er sich fügen +mußte. Lieber wollte er seinen Rock und sein Geld hergeben, als sein +Leben. Also begann er sich langsam zu entkleiden, und der Räuber stand +dabei und lachte.</p> + +<p>»Ich hab Glück! Ein so fetter Vogel wie du, ist mir lange nicht ins +Garn gesogen! Alle Wetter, du trägst sogar ein Hemd? Das habe ich seit +Jahren nicht auf dem Leibe gehabt! Herunter damit, mein Junge! Du +hast gewiß noch mehr von dem Kram zu Hause, und ich möchte<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> wirklich +wissen, wie es tut, so feine Leinwand auf der Haut zu haben!«</p> + +<figure class="figcenter illowp54" id="illu-071" style="max-width: 45.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-071.jpg" alt="bild"> +</figure> + +<p>»Laß mir mein Hemd!« bat Herr Hanekamp; aber der Räuber wollte es ihm +grade vom Leibe reißen, als eine helle Stimme rief: »Faß ihn, Wolf!«</p> + +<p>Ein großer Hund legte seine Tatzen auf die Schulter des Rothaarigen +und sah ihn an mit glühenden Augen. Dabei streckte er seine rote Zunge +lang aus und zeigte zwei Reihen spitzer Zähne. Der Rothaarige stand +regungslos. Wie gebannt starrte er auf den Hund, und seine Glieder +zitterten.</p> + +<p>»Rühr dich nicht, mein Junge!« sagte dieselbe helle Stimme, und ein +junges Mädchen stellte sich hinter den Hund.</p> + +<p>»Ich rühr mich schon nicht!« brummte der Rote. »Laß den Spaß sein, +Burga! Dies ist doch ein Heringsprinz, und ich gebe dir die Hälfte ab, +wenn du mich laufen lässest!«</p> + +<p>Aber Burga trat nur zu ihm, um ihm sein Messer wegzunehmen, das der +Räuber versuchte aus der Scheide zu ziehen, und dann nahm sie ihm auch +den Karabiner, der über seiner Schulter hing.</p> + +<p>»Guten Tag, Michel!« sagte sie ruhig. »Bist du einmal wieder beim +Rauben? Weißt du nicht mehr, was du dem Prädikanten versprochen hast?«</p> + +<p>»Ach, die alten Versprechen!« Michel setzte einen Fluch hinzu. »Diese +Kerls, die wollen immer etwas Unmögliches,<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> und man braucht es nicht zu +halten. Wenn's einem so hanebüchen schlecht geht wie mir, dann muß man +wirklich Räuber werden! Sonst kann man Hungers sterben!«</p> + +<p>»Geh doch zum Bauern und arbeite!« rief Burga, aber Michel schüttelte +den Kopf.</p> + +<p>»Dazu habe ich keine Lust mehr. Wer Soldat gewesen ist, der mag nicht +mehr auf einem Fleck sitzen und graben! Komm, Burga, ruf deinen Köter +weg, denn er hat wirklich ein unangenehmes Gesicht! Und dann laß mir +das Geld von dem Heringsprinzen! Ich hatte ihn mir grade eingefangen, +und da mußtest du kommen! Etwas muß ich doch für meine Mühe haben!«</p> + +<p>Herr Hanekamp hatte sich eilig wieder angezogen und griff jetzt nach +seinem kleinen Lederbeutel. »Ich will dir wohl einen Gulden geben, +obwohl du ein unverschämter Gesell bist und den Galgen verdienst. Dann +aber mache, daß du wegkommst!«</p> + +<p>Burga pfiff dem Hund, daß er von dem Räuber abließ, und dieser griff +hastig nach dem Geldstück, machte eine Art Kratzfuß und verschwand.</p> + +<p>Herrn Hanekamps Perücke war ihm auf ein Ohr gerutscht, und er rückte +sie bedächtig wieder grade.</p> + +<p>»Es war gut, daß du kamst!« sagte er zu Burga. »Wenn ich das gewußt +hätte, was einem in Holstein passieren kann, ich wäre nicht gekommen. +Das kommt davon, wenn man seine Verwandten besuchen will!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span></p> + +<p>»Wen wollt Ihr besuchen, Herr?«</p> + +<p>»Den Hanekamphof. Bei dem schönen Wetter wollte ich die Landluft +genießen, aber dieser Schreck wird mir sicherlich übel bekommen!«</p> + +<p>»Ich komme vom Hanekamphof, und ich geleite Euch gern hin! Er ist nicht +mehr weit!«</p> + +<p>Herr Jobst betrachtete Burga mit einigem Wohlgefallen.</p> + +<p>»Du scheinst mir eine ganz verständige Dirn zu sein, und wenn ich +eigentlich keine Hunde ausstehen kann, so muß ich sagen, daß dieses +Tier seine Sache nicht schlecht machte. Ich werde ihm dafür einmal +einen Schinkenknochen schicken! Nun aber führe mich zum Hof, denn diese +Sache hat mich doch recht angegriffen!«</p> + +<p>Frau Jutta war nicht wenig überrascht, den Oheim, begleitet von Burga, +kommen zu sehen, und die Knaben kämmten und wuschen sich hastig, damit +sie vor dem strengen Blick des Hamburgers beständen. Burga mußte einige +Lieblingshühner fangen und rupfen, damit es einen guten Braten gäbe, +und Gottlieb holte aus dem Keller eine verstaubte Flasche mit Wein.</p> + +<p>Herr Hanekamp ließ sich alle Umstände ruhig gefallen. Nach seiner +Ansicht war sein Besuch eine große Ehre für die Verwandten, und +er berichtete sehr umständlich von dem Räuber, der ihn so unsanft +behandelt hatte.</p> + +<p>»Aber,« setzte er hinzu, »ich wußte ihn zu nehmen, und er ist seiner +Wege gegangen!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span></p> + +<p>»Ja, Burga kann sich auf ihren Wolf verlassen!« sagte Frau Jutta, aber +Herr Hanekamp machte eine abwehrende Handbewegung.</p> + +<p>»Ich würde mir schon allein geholfen haben! Mit solchen Strauchdieben +werde ich immer fertig!«</p> + +<p>Auf diese Worte erhielt er keine Antwort, denn Burga hatte natürlich +schon berichtet, wie alles gewesen war. Die Jungen stießen sich an, und +Burga lachte.</p> + +<p>»Worüber lachst du?« fragte Herr Jobst streng, und sie antwortete: »Ich +mußte daran denken, wie lustig es aussah, als der Rote vor Euch stand, +und Ihr ihm beinahe auch Euer Hemd gegeben hättet!«</p> + +<p>»So war es gar nicht!« rief Herr Hanekamp empört. »Wer bist du denn +überhaupt, daß du hier bei meinen Verwandten dich aufhältst? Du +scheinst mir auch eine Vagabondin zu sein, da du den Räuber kanntest, +und ihn sogar bei seinem Vornamen riefest! Ich muß mich sehr wundern!«</p> + +<p>Burga errötete, aber sie sah dem Kaufherrn gerade ins Gesicht.</p> + +<p>»Ich bin ein Lagerkind, Herr, und kenne den Roten schon lange. Und wenn +er Euch noch einmal anfällt, dann will ich Euch nicht befreien!«</p> + +<p>Nun wurde Herr Hanekamp auch rot und murmelte allerlei Unverständliches +vor sich hin, während er sich noch einen Becher Wein einschenkte. Denn +diese Unterhaltung fand statt beim Mittagsmahle. Frau Jutta begann +jetzt<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> von etwas andrem zu reden, aber Burga war still geworden und +stand bald auf. Die Knaben folgten ihr, und als Herr Hanekamp mit +seiner Nichte allein war, hob er warnend den Finger.</p> + +<p>»Mir scheint, du hast einen sehr sonderbaren Gast, liebe Nichte! Man +muß nicht zu barmherzig sein!«</p> + +<p>»Ich nahm sie nicht aus Barmherzigkeit, sie hilft mir in der +Wirtschaft, sie hat etwas Geld, und sie sagt, daß sie Rantzau heißt!«</p> + +<p>»Rantzau!« Hanekamp schüttelte den Kopf. »Da siehst du doch, daß sie +lügt; eine Rantzau wird nicht in der Welt umherlaufen und Räuber +kennen! Ein solches Mädchen würde ich nicht im Hause behalten!«</p> + +<p>Er war so eifrig, daß er nicht merkte, wie Konrad schon wieder auf +der Diele stand und seine Worte hörte. Eilfertig lief der Junge nach +draußen, wo Burga ihrem Wolf grade das Futter gab. Der Hund war +wieder ganz gesund und schien größer und stärker geworden. Er tauchte +seine spitze Schnauze eifrig in den Futternapf, und es schmeckte ihm +ausgezeichnet. Konrad war kein übler Junge, aber er klatschte gern. +Er stieß Burga in die Seite. »Weißt du, was der Oheim eben sagte?« Er +berichtete, was er gehört hatte. »Du bist natürlich keine Rantzau!« +setzte er hinzu. »Ich habs auch nie geglaubt! Das sind furchtbar +vornehme Ritter, und du gehörst sicher nicht zu ihnen!«</p> + +<p>Der Hund hatte genug gefressen und steckte sein nasses Maul in Burgas +Hand. Sie merkte es nicht,<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> sie stand in tiefen Gedanken. Wie jetzt die +Wärme gekommen war und das schöne Wetter, da hatte sie schon manchmal +Sehnsucht gehabt, wieder durch das Land zu wandern. Aber Frau Jutta +war gut gewesen, mit den Knaben vertrug sie sich; wenn der Magister +kam, dann sprach sie gern mit ihm, und die Arbeit auf dem Hofe machte +ihr Vergnügen. Aber sie war es nicht gewohnt, lange an einer Stelle zu +sein; von Land zu Land war sie mit dem Troß gezogen, und im Sommer war +es manchmal ganz schön gewesen. Jetzt, da sie satt war, vergaß sie, wie +der Hunger sie gequält hatte, vergaß sie, wie schmutzig und zerlumpt +sie gewesen war; sie dachte nur an die Freiheit, und daran, daß sie +sich nichts von einem verdrießlichen alten Mann gefallen lassen wollte.</p> + +<p>Konrad und Gottfried gingen aufs Feld, um der Kuh einen andern +Weideplatz zu geben, und Burga pfiff ihrem Hund, steckte sich das +von dem Räuber genommene Messer in den Gürtel, fühlte, ob die kleine +Geldtasche sicher auf ihrer Brust ruhte, und ging davon. Wenn Herr +Hanekamp meinte, daß sie eine Lügnerin, eine Freundin des roten Michels +wäre, dann konnte sie ja gehen. Wie undankbar war der Hamburger! Wäre +sie nicht gewesen, er liefe nackt im Wald umher und hätte Geld und +Kleider verloren! Aber so waren die Leute, die hinter dicken Mauern +saßen und die schöne, freie Welt nicht kannten! Die taugten alle +nichts, und wenn der rote Michel noch einmal einen Bürger ausraubte,<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> +dann würde Burga ihn nicht daran verhindern! Ganz gewiß nicht!</p> + +<p>Immer eiliger lief das Lagerkind durch den Wald, dem Elbufer zu, von +dem sie gekommen war. Sie wollte wieder über den Fluß und das alte +Wanderleben beginnen.</p> + +<p>Es war ein schöner, heller Maientag. Überall sangen die Vögel, hier und +dort schlüpfte ein Häslein durch den Busch, hart an der Flottbeck ging +gravitätisch ein Storch spazieren und fing Frösche; die Elbe spiegelte +den blauen Himmel wieder und lag so still, als könnte sie niemals hoch +steigen und ihre Wellen donnernd gegen die Dünen schlagen. Burga kannte +jetzt die Gegend. Sie kannte die Fischerhäuser am Strand, die einstmals +Dächer gehabt hatten und Fenster, und die jetzt zum Teil halb verbrannt +und unbewohnt waren. Das kam vom Krieg — darüber mußte man sich nicht +wundern. Hinten in Blankenese sollte es besser sein, und im Dorfe Wedel +gabs noch die Kirche, das Pfarrhaus und eine Menge von Häusern. Der +Magister hatte es Burga erzählt und sie zugleich eingeladen, ihn zu +besuchen. Sie würde gern einmal gekommen sein, aber nun wars zu spät; +der Magister brauchte auch nicht zu wissen, wohin sie ging. Sie wußte +es ja selbst noch nicht! Burga wischte sich die Augen und stampfte dann +mit dem Fuß. Sie war doch kein Schreikind, das noch weinte! Sie wollte +in die Welt und lustig sein! Und sie legte<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> ihre Hand auf Wolfs Kopf, +der sich zärtlich an sie schmiegte. Ja, die vom Hanekamphof mochten +sich wundern, daß Burga und der treue Wächter nicht wieder kamen, aber +es war ihre eigne Schuld! Warum hatten sie solch häßlichen Oheim!</p> + +<p>Wolf steckte die Nase in die Luft und schnupperte.</p> + +<p>»Nun, was ist?« fragte Burga, und Wolf knurrte leise. Burga griff nach +ihrem Messer. Wölfe gabs nicht mehr, die waren nach Norden gezogen, +und wenn hier ein Fuchs umherlief, so mußte er am Leben bleiben. Noch +einmal knurrte der Hund und lief dann ins Dickicht, wohin ihm Burga +folgte. Da lag ein Mann mit einer Schußwunde im Kopf, und neben ihm +hockte ein Junge und weinte leise.</p> + +<p>»Ich kann ihn nicht hoch kriegen!« schluchzte er. »Die Räuber haben ihn +tot geschlagen!«</p> + +<p>Burga beugte sich über den Verletzten.</p> + +<p>»Er ist nicht tot. Hol Wasser aus dem Bach. Hast du nicht einen Becher?«</p> + +<p>Der Junge trug einen Sack um den Hals. Er nahm einen Zinnbecher heraus +und holte eilig Wasser. Burga wusch die Wunde, riß ein Stückchen von +dem Sack und verband sie dann.</p> + +<p>»Ich hab ihn so gesucht!« wimmerte der Junge. »Heute morgen ist er nach +Altona gefahren, und ich wollte mit. Aber er sagte, ich sollte bei +Mutter bleiben. Sie liegt zu Bett, und wir haben auch das kleine Kind.<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> +Aber heut nachmittag sagt einer von den Fischern, daß Vaters Boot bei +Teufelsbrück läge. Ich bin mit der Jolle herüber, und ich kann ihn +zuerst nicht finden. Das Boot liegt da —« Er zeigte auf den Strand. +»Nun möchte ich ihn wieder ins Boot bringen, aber allein kann ich's +nicht!«</p> + +<p>Burga sah in sein trauriges Gesicht.</p> + +<p>»Bist du nicht von da drüben?«</p> + +<p>Er nickte.</p> + +<p>»Von Finkenwärder! Vater ist Fischer und wir haben wenig zu essen!«</p> + +<p>Burga erkannte den kleinen Klas Stolz. Sie sah ihn, wie er ihr den +gebratnen Vogel ließ, und nun wußte sie auch, daß der große bewußtlose +Mann vor ihr derselbe war, der sie mit ihrem Hunde aufs Eis geschoben +hatte. Der kleine Klas weinte noch immer.</p> + +<p>»Wenn er tot bleibt, dann bleibt Mutter auch tot!«</p> + +<p>»Was sollte er tot bleiben! Faß ihn bei den Beinen an, und ich trage +seinen Kopf; wir kriegen ihn schon ins Boot, und dann kannst du wohl +das Rudern besorgen, denn ich muß seinen Kopf halten, damit er sich +nicht stößt!«</p> + +<p>Es ging langsam, aber es ging. Der Verwundete stöhnte, und der kleine +Klas begann zu weinen, aber Burga gebot ihm, still zu sein. Und wie +der Fischer erst in seinem eignen Boote lag, da schien es, als würde +er ruhiger, und der kleine Klas mühte sich redlich ab, das schwere +Fahrzeug über die Elbe zu bringen. Beinahe wärs<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> nicht gegangen, aber +plötzlich kam ein kleines, flinkes Fahrzeug hinter ihnen her, ein +Fischer schwang sich ins große Boot und ruderte kräftig mit. Es war +ein alter Mann, der kein Wort sprach und der Burga die ganze Zeit +betrachtete, aber der kleine Klas flüsterte ihr zu, daß dies sein Ohm +Hans Peter wäre und daß der niemals viel sagte. Auch Wolf saß mit im +Boot, wußte aber auch, daß er sich nicht rühren durfte, und ließ nur +Burga nicht aus den Augen. Und dann lag Finkenwärder vor ihnen, und +Hans Peter griff mit an, den Verwundeten ans Land zu tragen. Um Burga +bekümmerte er sich nicht weiter, und auch der kleine Klas vergaß das +Danken. Er dachte nur an seine Mutter, und was sie zu dem verwundeten +Vater sagen würde. Also blieb Burga allein am Hafen zurück, setzte sich +ans Bollwerk und dachte darüber nach, ob sie sich ein Nachtquartier +suchen, oder im Freien schlafen wollte. Denn es war spät geworden. +Etwas abseits von den Fischerbooten lag ein Fahrzeug, das rote Kissen +hatte, und recht einladend aussah. Sogar ein Wolfsfell lag darin, und +wer sich da hinein wickelte, der hatte es gut. Burga betrachtete es, +halb in Gedanken. Dann begann sie hungrig zu werden und beschloß, sich +etwas Brot für sich und ihren Hund zu erbetteln. Sie hätte es auch +kaufen können, aber sie wußte, daß es immer klüger war, kein Geld zu +zeigen; sonst wurde es einem weggenommen. Langsam schlenderte sie +durchs Dorf. Mittlerweile war die Nacht gekommen; aber es war lau, und +die Sterne flimmerten<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> freundlich und milde. In der Dorfstraße war +kein Mensch mehr zu sehen. Nur einige kleine Hunde kläfften, aber sie +rührten sich nicht aus dem Haus, in dem sie ein Loch in der Mauer zum +Ein- und Auslaufen hatten; wahrscheinlich ahnten sie, daß Wolf hinter +dem Mädchen herging, mit glühenden Augen, und gefletschten Zähnen.</p> + +<p>Burga erhielt nichts zu essen, und nur in einem Hause war noch Licht. +Das war das Wirtshaus zum Seeteufel, wo die Fenster offen standen und +man ins Gastzimmer sehen konnte. Drei dänische Offiziere saßen hier +hinter großen Zinnkrügen, würfelten und sangen. Burga betrachtete sie +aufmerksam. Der eine von ihnen war jung, die andern zwei hatten graue +Schnauzbärte und verwitterte Gesichter. Auf der Fensterbank lag ein +großes, mit Butter bestrichnes Brot, und daneben stand ein Becher mit +Wein. Burga trank eilig den Wein aus und nahm das Brot mit sich. Der +Wein floß heiß durch ihre Glieder, da vergaß sie den Hunger und gab +Wolf das größte Stück vom Butterbrote. Müde wurde sie auch, und ihr +fiel das Boot mit den roten Decken und dem warmen Fell ein. Es mußte +sich gut darin ruhen lassen; sie wollte es versuchen. Es lag auch noch +an derselben Stelle; sie ging hinein, legte sich auf die eine Bank, +deckte sich zu und forderte Wolf auf, unter die Bank zu kriechen. Er +tats natürlich; wenn er bei seiner Herrin war, konnte er stundenlang +still liegen und sich nicht vom Fleck rühren.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span></p> + +<p>Es war behaglich auf dem leise schaukelnden Boot. Die Elbe gluckste +leise, ein Nachtvogel strich unhörbar über sie dahin, und aus dem +Wasser schnellte ein Fisch, um wieder zurück zu fallen. Burga dachte +an den Hanekamphof, an Frau Jutta, an die Jungen. Was sie wohl sagen +würden, wenn sie nicht wiederkäme! Aber der Oheim war wirklich zu +häßlich gewesen. Mochten sie sehen, ohne sie fertig zu werden! Es war +dort sicher nicht übel gewesen, aber man konnte nicht immer an einem +Platz bleiben. Wozu war man denn ein Lagerkind und wanderte von Ort zu +Ort? Ein Lagerkind. Halb im Traum wiederholte Burga das Wort. Immer +war sies wohl nicht gewesen. Einmal hatte eine Mutter ihr die Hände +gefaltet und sie beten lassen:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Von Erd bin ich genommen,</div> + <div class="verse indent0">zur Erde werd ich kommen!</div> + <div class="verse indent0">Herr Christe tu mir weisen</div> + <div class="verse indent0">den Weg zum Paradeisen!«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Halblaut sprach Burga die Worte vor sich hin. Wie kam es, daß sie sich +ihr plötzlich auf die Lippen drängten? So lange, lange hatte sie sie +vergessen, nun kehrten sie zurück aus der Ferne. Ja, eine Mutter saß +einst an ihrem Bettchen und flüsterte ihr sanfte Worte zu; dann aber +kam Brand und Mord, Geschrei und Blut — wo war die Mutter geblieben, +wo das Bettchen mit den dunklen Vorhängen, der rote Michel, der sie +herausriß und vor<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> sich aufs Pferd nahm? Blutigrot flammte es hinter +ihr auf, und dann kam das Vergessen, das Umherwandern. Ein Prädikant +ritzte ihr den Namen in den Arm, und der rote Michel rieb die kleinen +Stiche mit Pulver ein, daher waren sie durch kein Wasser wegzubringen. +Aber der Prädikant war lange tot und Michel ein Räuber geworden.</p> + +<p>Der Wein war heiß gewesen, und Burgas Augen schlossen sich fest. Das +Wasser gluckste stärker, und Wolf begann zu knurren, aber seine Herrin +rief ihm schlaftrunken zu, ruhig zu sein; da legte er sich wieder hin.</p> + +<p>Dann kam ein kalter Wind, die Sonne schien dem Mädchen ins Gesicht, +sie fuhr auf und rieb sich die Augen. Auf dem Wasser lagen dichte +Nebelschleier, aber das Boot trieb langsam stromabwärts. Vorn im +Fahrzeug lag ein Offizier mit dem Kopf auf der Ruderbank. Er trug +keinen Hut, sein Gesicht war blutig und geschwollen, und dabei schien +er fest zu schlafen. Aber, wie Burga ihn verwundert betrachtete, fuhr +er in die Höhe, steckte die Hände ins Wasser und rieb sich damit das +Gesicht. Dies wiederholte er mehrmals und starrte endlich Burga aus +großen blauen Augen an.</p> + +<p>»Ich möchte wohl wissen, wo ich bin!« sagte er langsam.</p> + +<p>»Das möchte ich auch!« erwiderte Burga, und er nahm wieder ein paar +Hände voll Wasser und begoß seinen Kopf.</p> + +<p>»Der Wein war stark!« murmelte er vor sich hin, dann griff er nach +seiner Stirn.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span></p> + +<p>»Da hat mich jemand gehauen!«</p> + +<p>»Aber ordentlich!« versicherte Burga. »Ihr werdet Streit beim Trinken +bekommen haben!«</p> + +<p>»Meinst du?« Er dachte nach. »Ja, ich glaube, daß der Wirt kam und noch +ein paar Fischer. Die Kameraden wollten keine Zeche bezahlen, und die +Leute wurden böse.« Wieder wusch er sein Gesicht. Dann sah er sich um. +»Wo sind die zwei andern Herren?«</p> + +<p>Burga wußte es nicht. Der Nebel hob sich, und sie sah, daß das Fahrzeug +den Strom hinunter trieb. Dorthin, wo viele Häuser standen und einige +Schiffe lagen. Es war noch früh am Tage, und auf dem Wasser war nicht +viel Leben. Nur ein Boot mit Soldaten kam ihnen entgegen, und aus ihm +wurde Burgas Gefährte angerufen.</p> + +<p>»Junker Rantzau, seid Ihrs? Und wo sind die andern Herren?«</p> + +<p>Ein großer Offizier bog sich aus dem Boot, griff nach dem treibenden +und schwang sich hinüber. Dann stieß er einen Schrei aus, denn Wolf war +unter der Bank hervorgeschossen und packte ihn am Bein.</p> + +<p>»Zurück Wolf« rief Burga, und der Hund ließ den Mann los, stand aber +knurrend, mit geöffnetem Maul.</p> + +<p>Der Offizier sah Burga zornig an.</p> + +<p>»Was ist dies? Was willst du hier, im Boot, das Seiner Majestät dem +König gehört? Und Ihr Junker, wie seht Ihr aus? Habt Ihr Euch mit +Feinden geprügelt?«</p> + +<p>Der Junker zuckte die Achseln.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span></p> + +<p>»Ich kann mich nicht mehr auf die Geschichte besinnen, Herr +Rittmeister! Es wird schon Krawall gegeben haben, wenigstens sagt mir +dies mein Schädel!«</p> + +<p>Der Rittmeister machte ein finsteres Gesicht.</p> + +<p>»Es ist verboten, nach den Elbinseln zu fahren und dort Wein zu +trinken! Die Schweden sind nicht weit, und die Kaiserlichen treiben +sich gleichfalls umher, wo man sie nicht erwartet. Also habt Ihr Euch +in unnötige Gefahr begeben, und der Obrist wird Euch in Arrest stecken! +Besonders wenn Ihr nicht sagen könnt, wo die zwei andern Herren sind!«</p> + +<p>Wieder rieb der Junker seinen Kopf.</p> + +<p>»Es ist mir, als hätte ich sie auf der Erde liegen sehen. Und weil +die Fischer in der Übermacht waren, bin ich wohl eilig in unser Boot +gelaufen. Ganz genau kann ich's aber nicht sagen, Herr Rittmeister. +Im Seeteufel gab's einen guten hispanischen Wein, und wenn's an mir +gelegen hätte, würde ich ihn auch bezahlt haben.«</p> + +<p>Der andre Offizier sagte nicht viel mehr. Er hatte das große Boot an +das seine befestigen lassen, und die Soldaten ruderten es von ihrem +Fahrzeug aus vorsichtig ans Land.</p> + +<p>Neugierig sah Burga um sich. Dies war natürlich das Dorf Altona, +von dem sie schon gehört hatte. Steil und aufrecht standen mehrere +Speicher, dicht daneben lag ein großes, düsteres Haus, und in der Ferne +erhob sich der Galgen, ohne den es nun einmal keinen anständigen<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> +Ort gab. Burga freute sich, wieder an Land gehen und bald nach dem +Hanekamphof zurückkehren zu können. Es tat ihr doch leid, daß sie so +davon gelaufen war. Frau Jutta und die Jungen hatten ihr nichts getan, +und der alte unangenehme Ohm würde sicher heute wieder abreisen.</p> + +<p>Sie stand schon auf der Brücke und sah sich nach Wolf um, der mit +gesträubtem Haar vor einer Katze stand, als sich ihr eine schwere Hand +auf die Schulter legte.</p> + +<p>»Komm mit, Dirn! Ich will dir dein Gefängnis anweisen!«</p> + +<p>Erstaunt sah Burga in ein verwittertes Soldatengesicht, in dem ein +langer grauer Schnurrbart fast auf die Brust hing.</p> + +<p>»Was soll ich im Gefängnis?« fragte sie, und der Wachtmeister lachte +dröhnend.</p> + +<p>»Eine lustige Frage! Was tut man im Gefängnis? Da wartet man fein +säuberlich auf das Gericht und auf den Galgen!«</p> + +<p>»Ich brauche beides nicht!«</p> + +<p>»Du brauchst es nicht, Dirn? Wir aber brauchen dich! Zwei von unsern +Rittmeistern sind in dieser Nacht elend umgekommen. In diesem Boot +sind sie fröhlich ausgefahren, und nun sitzest du darin, mit einem +Höllenhund, der einen andern hohen Offizier gleich ins Bein beißt!«</p> + +<p>»Er hat nicht fest zugefaßt, er wollte mich bewachen!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span></p> + +<p>»So sagst du natürlich; ich aber glaube, daß du eine Hexe bist und daß +dieser Hund der leibhaftige Teufel ist! Marsch!«</p> + +<p>Noch einmal packte der Wachtmeister das Mädchen, um dann gleich einen +wilden Fluch auszustoßen. Denn der Höllenhund ließ die Katze laufen +und legte seine mächtigen Pranken dem Dragoner auf die Schultern, daß +dieser fast zusammenknickte. Aber er verlor nicht die Besinnung.</p> + +<p>»Nimm das Tier weg!« sagte er halblaut. »Sonst renne ich ihm mein +Messer in den Leib!«</p> + +<p>»Versucht es!«</p> + +<p>Burga rief es trotzig, und wie der Wachtmeister eine Bewegung nach +seinem Gürtel machte, da hätten die spitzen Zähne des Hundes beinahe +zugebissen. Burga hinderte das Tier daran. Sie hielt ihm das Maul +zu und flüsterte einige beruhigende Worte. Da ließ Wolf von dem +Wachtmeister und stand zähnefletschend neben seiner Herrin. Der +Wachtmeister aber fluchte, daß alle Soldaten zusammenliefen: »Jungen, +nehmt eure Karabiner und schießt das Biest tot! Und wenn die Dirn eine +Kugel trifft, wirds auch nicht schaden!«</p> + +<p>»Oho! Bist du der Herr über Leben und Tod?«</p> + +<p>Ein großer Offizier mit stolzem Gesicht stand plötzlich neben dem +Wachtmeister, der die Hacken zusammenschlug und den Hut vom Kopf riß.</p> + +<p>»Herr Obrist, diese Hexe hier und dieser Hund —«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span></p> + +<p>»Schon gut, Balthasar!« Der Obrist machte eine lässige Handbewegung. +»Ein alter Grimmbart, wie du, sollte sich nicht vom Zorn meistern +lassen! Es wäre schade um den Hund, wenn er erschossen würde. Es +scheint ein gutes Tier zu sein! Ich will ihn in meinen Stall nehmen. +Die Dirn mag derweil ins Gefängnis gebracht werden. Ich werde +untersuchen, ob sie des Galgens schuldig ist!«</p> + +<p>Er winkte einigen Soldaten, daß sie den Hund anfassen und ihn mitnehmen +sollten, aber sie standen und rührten sich nicht. Wolf sträubte seine +Haare und zeigte sein mächtiges Gebiß.</p> + +<p>»Wird's bald?«</p> + +<p>Der Obrist sah sich um.</p> + +<p>Da faßte Burga das Tier am Halsband und brachte ihn dem Herrn.</p> + +<p>»Behaltet ihn, Herr, wenn Ihr mir versprecht, ihn gut zu behandeln. Ich +will ihm sagen, daß er Euch gehorchen soll!«</p> + +<p>Sie nahm die Hand des Obristen, streichelte sie und flüsterte ihrem +Hunde etwas ins Ohr. Da verlor sich seine wilde Miene, er wedelte ein +wenig und schloß das Maul mit den großen Zähnen.</p> + +<p>»Seid gut zu ihm, Herr, dann werdet Ihr Freude an ihm haben!«</p> + +<p>Der Obrist stand unschlüssig.</p> + +<p>»Du schenkst mir den Hund, und ich schicke dich ins Gefängnis! Warum +aber hast du meine Offiziere verschwinden lassen?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span></p> + +<p>Burga sah ihn ehrlich an.</p> + +<p>»Ich tat's wirklich nicht, Herr! Wenn der Junker, mit dem ich fuhr, +seinen Rausch verwunden hat, wird ihm vielleicht allerlei einfallen. +Aber wenn ich gehängt werden soll, dann macht es nur schnell. Einmal +kann man nur sterben; aber es ist langweilig, auf den Tod zu warten!«</p> + +<p>»Herr Obrist, sie ist eine Hexe!« rief Balthasar. »Glaubt nicht ihrer +unschuldigen Miene!«</p> + +<p>Aber da drängte sich der Junker Rantzau an den Obristen. Er trug jetzt +ein nasses Tuch um den Kopf, und sein Gang war straffer geworden.</p> + +<p>»Herr Obrist, mit Verlaub zu melden, ich glaube nicht, daß die Dirn was +Böses tat. Ich hab wohl zu viel Wein getrunken, und daher kann ich mich +immer noch nicht ordentlich besinnen. Jemand hat mich auch mit einem +Ruder auf den Schädel geschlagen, und er brummt sehr stark. Aber ich +weiß jetzt, daß die Rittmeister den Wein nicht bezahlen wollten und daß +der Wirt böse wurde. Wer mich ins Boot getragen hat, weiß ich nicht, +und wie die Dirne hineingekommen ist, kann ich auch nicht sagen! Aber +morgen werde ich mich auf alles besinnen können!«</p> + +<p>»Also werden wir einige Mann nach Finkenwärder schicken und uns nach +unsern Herren erkundigen!« sagte der Obrist nach einigem Nachdenken. +Dann hob er die Hand. »Ihr, Junker Rantzau, begebt Euch in Arrest, +denn es ist verboten, auf die Elbinseln zu gehen, und du, Dirn,<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> magst +vorläufig ins Gefängnis wandern. Wenn du nichts Böses tatest, wirst du +schon wieder freigelassen werden!«</p> + +<p>»Und weshalb soll sie ins Gefängnis!«</p> + +<p>Eine heisere Stimme rief es, und der Magister Timotheus Lange drängte +sich durch die Soldaten.</p> + +<p>»Ich kenne dies Kind!« fuhr er fort. »Sie ist eine gute Dirne und +arbeitet treu auf dem Hanekamphof! Weshalb sie nach Finkenwärder +gefahren ist, kann ich nicht sagen! Aber Böses wird sie dort nicht +getan haben!«</p> + +<p>Der Obrist machte ein ärgerliches Gesicht. »Laßt das Reden, Magister! +Wir sind hier nicht in der Kirche, und Ihr habt hier nichts zu sagen!«</p> + +<p>»Oho!« Der Magister hob den Arm, an dem keine Hand mehr war. »Ich rede, +wann ich will! Wer ein rechter Diener Gottes ist, der muß nicht allein +in der Kirche reden, sondern auch auf der Straße. Und er muß helfen, wo +Hilfe nötig ist! Fragt nur den Wachtmeister Balthasar, ob ich ihm nicht +half!«</p> + +<p>Doch wie sich Timotheus nach diesem umsah, da war er nirgends zu +finden, sondern hatte sich eilig in ein Seitengäßchen begeben. Der +Rittmeister aber, der das Boot eingefangen hatte und der ärgerlich +neben dem Obristen stand, zog seinen Pallasch.</p> + +<p>»Magister, haltet den Mund, Ihr seid unehrerbietig gegen des Königs +Soldaten!«</p> + +<p>Doch der Obrist legte den Arm in den seinen und ging mit ihm davon.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span></p> + +<p>»Kommt, Herr von Brockdorf! Wir wollen in unser Quartier gehen und uns +nicht weiter um die Sache bekümmern! Laßt die sonderbaren Leute laufen! +Mir hat's gleich nicht gefallen, daß ich ein Mädchen hängen lassen +sollte. Und wenn der Magister forsch redet, so habe ich daran auch +nichts auszusetzen. Zu Haus hatten wir auch so einen Prädikanten, der +das Reden verstand. Den haben die Kaiserlichen totgeschossen, als sie +mein Elternhaus anzündeten! Darüber betrübe ich mich noch immer, und +wir wollen diesen Mann in Frieden lassen.«</p> + +<p>»Und der Hund?« Der Rittmeister fragte es, und der Obrist sah sich um. +Langsam folgte ihm Wolf. Er trug den Kopf gesenkt und machte einen sehr +traurigen Eindruck. Aber er ging hinter dem neuen Herrn her.</p> + +<p>Der Rittmeister faßte nach einem Amulett, das er auf der Brust trug. +»Das Mädchen ist doch eine Hexe! Sie treibt Zauberei mit Tieren! Die +würde ich nicht frei laufen lassen!«</p> + +<p>Der Obrist besann sich einen Augenblick.</p> + +<p>»So geht zurück und befehlt, daß die Dirn das Dorf nicht verlasse, und +auch der Magister soll bleiben!«</p> + +<p>So also geschah es, daß gerade, als der Magister mit Burga Altona +verlassen wollte, der Rittmeister erschien und sie beide mit Hilfe +einiger Soldaten in das neue Gefängnis brachte.</p> + +<p>»Morgen werdet Ihr gerichtet werden!« versprach er zugleich, aber der +Magister zuckte die Achseln.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span></p> + +<p>»Ihr seid ein ungerechter Mann, Herr Rittmeister! Ich habe Euch gar +nichts getan, und das Mädchen ist ein unschuldig Kind! Möget Ihr Eure +Ungerechtigkeit niemals bereuen!«</p> + +<p>Aber Herr von Brockdorf faßte wieder nach seinem Amulett und ermahnte +den Beschließer, die zwei gefährlichen Menschen treu zu bewachen. Denn +dazumal glaubte man noch an Hexen und an Zauberer, und daher war dem +armen Rittmeister kaum zu verdenken, daß er sich wunderte, wie Burgas +Hund ihr gehorsam war. Aber der Magister war doch sehr ungehalten, als +ihn der Kerkermeister in ein kleines Loch im Keller des neuen Hauses +führte, und es war gut, daß Burga die Zelle neben der seinen hatte. +Denn die Wände waren nur von Brettern, und die zwei Gefangenen konnten +sich gut miteinander unterhalten. Burga berichtete nun von dem Ohm +Hanekamp und von dem Finkenwärder Fischer, und der Magister hörte ihr +nachdenklich zu.</p> + +<p>»Du scheinst mir nichts Übles getan zu haben, Kind, und dir wird übel +gelohnt. Aber so ist es in der Welt; wer da meint, daß die Menschen +gut und dankbar sind, der irrt sich. Dem Balthasar habe ich das Leben +gerettet, aber er will mich nicht kennen. Dabei bin ich nur nach +Altona gekommen, weil mich der Pastor Rist mit einem Auftrag an den +Prädikanten in Ottensen schickte. Er aber sollte hier zu finden sein. +Nun sitze ich im Gefängnis und muß vielleicht Monate schmachten.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span></p> + +<p>»Es wird schon noch gut werden!« tröstete Burga von der andern Seite +der Bretterwand. »Mir schien der Obrist ein gutes Gesicht zu haben, und +der eine Junker war auch nicht übel. Man muß Geduld haben!«</p> + +<p>Da setzte sich Magister Timotheus auf seinen Strohsack, faltete die +Hände und schalt sich selbst aus, weil er mißmutig war. Und dann sagte +er sich einige Sprüchlein und Bibelverse her, und Burga hörte ihm +andächtig zu. Bis sie fest einschlief und auch nicht aufwachte, als +der Kerkermeister eintrat und ihr einen Teller Wassersuppe und ein +Stück Brot hinstellte. Denn der vorige Tag hatte sie müde gemacht, +und der Schlaf auf dem Boote war nur kurz gewesen. Wie der Magister +ihre Atemzüge hörte, legte auch er sich zum Schlafen und vergaß die +dänischen Reiter und alles, was ihn ärgerte.</p><br> + +<figure class="figcenter illowe9" id="illu-094"> + <img class="w100" src="images/illu-094.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span></p> + +<figure class="figcenter illowe17" id="illu-095"> + <img class="w100" src="images/illu-095.jpg" alt="deko"> +</figure> +</div> + +<p class="p2">Herr Jobst Hanekamp fand das Landleben auf dem Hof seiner Verwandten +nicht so angenehm, wie er es sich vorgestellt hatte. Denn so freundlich +Frau Jutta ihn auch aufnahm, als sie merkte, daß Burga verschwunden +war und nicht wiederkehrte, da wurde sie zerstreut und suchte sie in +allen Winkeln des Hauses. Aber sie war nirgends zu finden. Gottfried +und Konrad begannen den Wald zu durchstreifen und riefen nach dem +Mädchen. Sie hatte ihren Hund mitgenommen, das war auch ein Kummer; +denn niemals war der Hof so gut bewacht worden, wie seitdem Wolf ihn +des Nachts langsam umkreiste. Als es nun klar wurde, daß alles Suchen +vergeblich war, da saß Konrad in einer Ecke der Diele und weinte, +während Gottfried laut über alles schalt, das weiblich war. Solch +dummes Mädchen wie die Burga gab es nicht mehr; wenn sie ein Junge +gewesen wäre, würde sie sich anders<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> benommen haben! Wenn sie wieder +käme, würde er sie vom Hof jagen! Darüber schalt Konrad, weil er sich +nur freuen würde, wenn Burga wieder erschiene, und bald wären die +Brüder tüchtig aneinander geraten. Frau Jutta ermahnte sie zum Frieden; +aber sie verhehlte nicht ihre Trauer, und Herr Jobst bemerkte, daß man +sich aus ihm, dem reichen Verwandten, nicht so viel machte, wie er es +erwartet hatte. Es schlug ihm auch das Gewissen, weil er Burgas Hülfe +nicht grade gut vergolten hatte, jedenfalls schlief er in dieser Nacht +sehr schlecht und wollte gleich am nächsten Morgen nach Hamburg zurück. +Das aber ging nicht so schnell. Erstens wollte Herr Jobst natürlich +eine gute Begleitung haben, damit kein Räuber ihn anfallen konnte, und +dann auch dachte er jetzt erst an den Fischer, den er sich zur Herreise +nahm und den er sofort, als er in Gefahr kam, vergessen hatte. Wo war +der Mann, und konnte man ihn am Elbstrand erreichen?</p> + +<p>Herr Hanekamp ging natürlich nicht an die Elbe, aber er schickte seine +Großneffen, die bald unverrichteter Sache zurückkehrten. Es lag kein +Boot am Ufer, und von einem Finkenwärder Fischer war nichts zu sehen. +Der war natürlich wieder in sein Dorf gefahren. Herr Hanekamp schalt. +Auf niemand konnte man sich mehr verlassen, und nun wünschte er, daß +die Knaben nach Altona gingen, um ihm einige Soldaten zu holen, die ihn +wieder an die Hamburger Grenze, über den Pepermolenbeck<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> geleiteten. +Er würde auch eine gute Belohnung dafür geben. Jetzt erhob Frau Jutta +Einspruch. Sie hatte ihre Söhne in der Wirtschaft nötig, und da Burga +nicht da war, konnte sie sie noch weniger entbehren. Vielleicht konnte +man eine Botschaft nach Ottensen oder an die Elbe schicken, wo die +Fischer sich übers Wasser allerhand Zeichen gaben und dadurch ein Boot +von der andern Seite herbeiwinkten. Aber Herr Hanekamp wollte nicht +aufs Wasser. Dort konnte es auch böse Menschen geben; er war für die +dänischen Dragoner, die ihn mit ihren Karabinern und großen Säbeln +schützen sollten.</p> + +<p>An diesem Tage ließ sich also nichts machen, aber am andern Morgen, als +Gottfried auf dem Felde arbeitete, gewahrte er einige Reiter, die einen +zerlumpten Menschen zwischen sich führten. Meistens ging der Junge den +Soldaten aus dem Wege, aber heute lief er auf sie zu und fragte, ob sie +einen Hamburger Kaufherrn wieder in seine Stadt geleiten wollten. Die +Dragoner, drei an der Zahl, erklärten sich dazu bereit, wenn sie eine +gute Bezahlung dafür erhielten, und so ritten plötzlich die Dänen auf +den Hanekamphof, und zwischen ihnen hinkte jämmerlich derselbe Räuber, +mit dem Herr Jobst schon einmal Bekanntschaft gemacht hatte.</p> + +<p>Der Kaufherr war so froh, wieder heimreisen zu können, daß er gleich +auf eins der Pferde steigen wollte. Aber der älteste von den Reitern, +ein Unteroffizier, rief lachend: »Gemach, werter Herr! Laßt uns erst +einmal<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> diesen Hof betrachten! Wir haben ihn noch nicht gesehen, und +man könnte uns hier wohl eine gute Mahlzeit bereiten! Außerdem —« er +klopfte Gottfried, der breitbeinig neben ihm stand, auf den Rücken. +»Mir kommt vor, als könnte dieser Junge einen guten Dragoner abgeben! +Der König braucht Soldaten, es ist eine Ehre, seinen Rock zu tragen! +Und was ist dort?« Er zeigte auf das Schwedenpferd, das grade an +der Tränke stand. »Wißt Ihr nicht, daß laut königlichem Befehl alle +Pferde abzuliefern sind, damit der Feind sich ihrer nicht bemächtigt? +Ihr verdientet Strafe für Eure Unterlassung, aber ich will ein Auge +zudrücken und den Schimmel stillschweigend mitnehmen. Der alte +Hamburger darf sich darauf setzen, und der Junge kann nebenher laufen.«</p> + +<p>Frau Jutta war schneeweiß geworden. »Nehmt das Pferd,« bat sie mit +gefalteten Händen, »aber laßt mir meinen Jungen! Er ist erst vierzehn +Jahre alt, viel zu jung fürs Kriegshandwerk!«</p> + +<p>»Zu jung? Grade das rechte Alter! Wenn er sich Mühe gibt, kann er in +etlichen Jahren Offizier sein!«</p> + +<p>Frau Jutta wollte antworten, aber der Unteroffizier fiel ihr ins Wort.</p> + +<p>»Keine Widerrede, Frau! Wenn du dich weigerst, deinen Sohn herzugeben, +plündern wir den Hof aus!«</p> + +<p>Er machte ein so finsteres Gesicht, daß man merkte, wie es ihm Ernst +war. Und nun mußte Frau Jutta das Beste kochen, was sie auf dem Hof +hatte. Fast<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> alle ihre Hühner wurden geschlachtet, das Kälbchen wurde +getötet und zerlegt, und was an Eiern und anderen Vorräten auf dem Hof +war, wurde in Beutel gestopft und den Pferden auf den Sattel gelegt.</p> + +<p>Es war ein trauriger Tag für den Hanekamphof; die Reiter zogen +gesättigt davon, während der rote Räuber und der junge Rekrut +neben ihnen her liefen. Herr Hanekamp saß auf dem breiten Rücken +des Schwedenpferdes und in dem bequemsten Sattel; aber es war ihm +nicht sehr gut zu Mute. Er sah ein, daß sein Besuch auf dem Hof der +Verwandten nur Unglück gebracht hatte. Es war auch kein Trost für ihn, +daß der rote Michel gefesselt neben seinem Pferde herlief; er dachte +an das blasse Gesicht Frau Juttas, wie sie von ihrem ältesten Sohn +Abschied nehmen mußte, und er hatte die Ahnung, daß die guten Tage des +Hanekamphofes gezählt waren. Bis dahin war er verborgen geblieben; +jetzt würden die dänischen Dragoner ihn allmählich ausplündern, und +Frau Jutta konnte ihn, allein mit einem Sohn, wohl auch kaum halten.</p> + +<p>Der Unteroffizier ritt lustig durch den Sonnenschein und ließ seine +Reiter ein Lied nach dem andern singen. Wenn sie heiser waren, erzählte +er Gottfried von seinen Kriegsabenteuern. Er war viel im Lande umher +gewesen und hatte manche Schlacht mitgemacht. Gottfried sollte jetzt +gleich nach Kopenhagen geschickt werden; wenn er Glück hatte, konnte er +schon bald an die Schweden kommen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span></p> + +<p>Gottfried sagte nicht allzuviel; er hatte wohl Lust, ein Dragoner zu +werden, aber er mußte an seine Mutter, seinen Bruder denken. Er kniff +die Augen zusammen und ging trotzig weiter, während der rote Michel von +den Soldaten gehänselt wurde.</p> + +<p>»Jetzt wirst du ganz gewiß gehängt, Roter!« neckten sie ihn. »Unser +Obrist kann keine Räuber leiden, und so einen Rotkopf wie dich, nun +ganz gewiß nicht! In Altona steht ein feiner Galgen, und an ihm ist +grade genügend Platz!«</p> + +<p>Der Rote warf den Kopf in den Nacken und gab eine freche Antwort, und +Herr Hanekamp wunderte sich, daß ein dem Galgen Bestimmter noch so +antworten konnte. Plötzlich pfiff es gellend. Herrn Hanekamps Pferd +stieg steil in die Höhe und raste mit ihm davon. Einige Kugeln sausten +hinter ihm her, und der schwedische Schimmel schlug so aus, daß sein +Reiter mit einem gewaltigen Schwung auf der Erde landete. Im Graben +der Landstraße lag der arme Hanekamp und glaubte seine letzte Stunde +gekommen, aber nach einer Weile bückte sich Gottfried über ihn und zog +ihn aus dem morastigen Wasser.</p> + +<p>»Herr Ohm, wir haben Glück gehabt! Die Dänen sind totgeschossen, und +die Helfershelfer des roten Räubers sind mit den Pferden und allen +Lebensmitteln weggeritten. Euer Pferd haben sie nicht gekriegt, und +sie sind auch nicht dahinter her gewesen; sie haben die andern Gäule<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> +genommen und sind mit ihnen an die Elbe geritten. Ich glaube, sie +wollten ins Lüneburgische!«</p> + +<figure class="figcenter illowp52" id="illu-101" style="max-width: 44.0625em;"> + <img class="w100" src="images/illu-101.jpg" alt="bild"> +</figure> + +<p>Herr Hanekamp stand naß und schmutzig da und rieb sich die schmerzenden +Gliedmaßen.</p> + +<p>»Wenn ich noch einmal mein Hamburg verlasse, soll man mich gleich +hängen!« brummte er, während Gottfried sich scharf umsah.</p> + +<p>»Wir sind wohl schon beim Dorf Ottensen, und weiter hinten liegt +Altona. Wenn Ihrs erlaubt, will ich Euch hinbringen. Vielleicht krieg +ich unser Pferd wieder; vorhin hab ich's noch laufen sehen!«</p> + +<p>So also konnte Herr Hanekamp nach einer Weile einen nicht grade +großartigen Einzug ins Dorf Altona machen: Er war mit Schlamm bedeckt, +seine Perücke war im Graben liegen geblieben, und er hinkte stark. +Aber er hütete sich, zu schelten. Freute er sich doch, daß Gottfried +bei ihm war und ihn beschützte. Dabei berichtete der Junge von dem +Überfall, der so schnell kam, daß niemand genau sagen konnte, wie alles +eigentlich zugegangen war. Die Räuber waren mit einem Male dagewesen, +und ihre Schüsse trafen nur zu gut. Alle drei Dragoner waren vom Pferd +gefallen, und wer nicht tot war, dem wurde vom Roten noch mit einem +Messer der Garaus gemacht. Gottfried schauderte beim Erzählen, er +deutete auf das Elbufer weiter unten. Dorthin hatten die Räuber die +Pferde getrieben und die Toten geschleppt. Wahrscheinlich wollten sie +sie noch der Uniformen berauben.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span></p> + +<p>Herr Hanekamp hörte schon gar nicht mehr zu, er wollte gleich an den +Pepermolenbeck, um auf Hamburger Gebiet zu kommen, aber eben vor Altona +trafen die zwei Wanderer auf eine dänische Schildwache, die sie anhielt +und sie auf den Markt führte. Hier stand der Obrist von Pechlin im +Kreise seiner Offiziere und hörte den Bericht von zwei Herren, die +verprügelt und verwundet zu sein schienen. Beide hatten verbundene +Köpfe und während dem einen die Uniform zerrissen war, lief der andere +auf bloßen Füßen.</p> + +<p>Der Obrist machte ein böses Gesicht und seine Stimme schallte weit über +die Straße. Eben hatte er einen kurzen Befehl gerufen, worauf sich ein +Soldat in ein düsteres auf dem Markt stehendes Gebäude begab, als seine +Augen auf Herrn Hanekamp und auf Gottfried fielen, die die Schildwache +dicht an den Kreis brachte.</p> + +<p>»Was sind dies nun wieder für Vögel?« erkundigte er sich, und Herr +Jobst richtete sich würdevoll auf, so weit ihm dies möglich war.</p> + +<p>»Herr Obrist, ich bin der Hamburger Kaufmann Jobst Hanekamp, und dicht +vor Altona haben mir die Räuber übel mitgespielt.«</p> + +<p>Er berichtete, wie alles gewesen war, und Gottfried stand daneben, und +wenn Jobst nicht weiter wußte, half er aus.</p> + +<p>Der Obrist ließ die zerzausten Herren Offiziere stehen und hörte +aufmerksam zu, fragte hin und her und riß an<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> seinem Schnurrbart. Herr +Hanekamp war immer ruhiger geworden und erzählte ohne Umschweife, wie +die dänischen Reiter auf dem Hofe gehaust hätten, wie sie nicht allein +fast alles Eßbare nahmen, sondern auch den ältesten Sohn. Und dabei +waren es die Soldaten, die das Land verteidigen sollten gegen die +Feinde.</p> + +<p>Als er soweit gekommen war, zuckte der Obrist mißmutig die Achseln.</p> + +<p>»Herr Hanekamp, Ihr müßt bedenken, daß wir im Kriege leben; da geht +mancherlei drunter und drüber!«</p> + +<p>»Man sollte diese Ungerechtigkeit nicht dulden!« erwiderte der Kaufherr +ernsthaft. »Was soll aus dem Holstenlande werden, wenn die eignen +Soldaten es ausplündern? Ich muß gestehen, daß ich mich recht freute, +wie diese Dragoner das Leben lassen mußten, obgleich ich ein ehrlicher +Mann und nicht für Räuber bin.« Er wollte noch etwas hinzusetzen, als +sein Auge auf den Hund fiel, der neben dem Obristen stand. Er hielt mit +Sprechen inne, und seine Augen wurden groß vor Staunen.</p> + +<p>»Was habt Ihr?« fragte der Obrist, und der Hamburger deutete auf den +Hund.</p> + +<p>»Vor wenigen Tagen habe ich einen ähnlichen Hund mit einem Mädchen +gesehen. Beide retteten mir damals wenn nicht das Leben, so doch meine +ganze Habe, und ich möchte wohl wissen, ob besagtes Mädchen auch hier +ist. Denn ich möchte ihr eine Schuld abbitten!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span></p> + +<p>Herr von Pechlin zeigte auf Burga, die gerade von einem Soldaten +hergeführt wurde. »Hier ist das Mädchen! Was wollt Ihr von ihr?«</p> + +<p>»Vielleicht darf sie mich nach Hamburg begleiten!« sagte Herr Hanekamp +feierlich. »Zum ersten wird es für sie gut sein, da sie doch ein +Lagerkind ist und nicht weiß, wie man sich in der Welt zu benehmen hat, +und zum zweiten, weil ich gegen sie nicht so dankbar gewesen bin, wie +sie wohl verlangen konnte. Aber ich bin ein langsamer Mann und muß mir +alles erst überlegen. Ich glaube ja auch, daß sie nicht die Wahrheit +spricht, wenn sie sich eine Rantzau nennt, aber ein junges Blut hat +leicht die Zunge vorweg, und man muß ihr die Worte nicht zu hoch +anrechnen. Ich werde ihr eine gute Erziehung geben lassen und dafür +sorgen, daß sie einen ehrsamen Mann erhalte!«</p> + +<p>Er sprach ernsthaft, und der Obrist hörte höflich zu. Denn er wußte, +daß sein König große Stücke auf die Hamburger hielt, die ihm schon +manchen Dukaten fürs Kriegführen geliehen hatten. Doch Burga lachte +hell und trotzig auf.</p> + +<p>»Vielen Dank, Herr Hanekamp, aber ich gehe nicht mit Euch! Ich bleibe +lieber auf dem Lande und habe meine Freiheit, als daß ich in eine Stadt +gehe, und wenn sie auch Hamburg hieße!«</p> + +<p>»Du wirst nicht gefragt!« versetzte Herr Hanekamp.</p> + +<p>»Ich will aber gefragt werden!« rief Burga. »Ihr seid kein guter Mann! +Ihr habt schlecht von mir gesprochen<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> bei Frau Jutta, obgleich ich +Euch nur Gutes erwies, und Ihr habt Euch garnicht um den armen Fischer +gekümmert, der Euch nach draußen brachte und den ein Räuber beinahe tot +schlug! Ich hab ihn mit dem kleinen Klas nach Finkenwärder gebracht, +und Hans Peter von Neumühlen ist dabei gewesen und hat mir geholfen!«</p> + +<p>Sie wollte weiter sprechen, aber der Obrist hob die Hand.</p> + +<p>»Du hast ja ein schreckliches Mundwerk, und ich würde mich freuen, wenn +du in Hamburg bei dem ehrenwerten Herrn gute Manier und feines Benehmen +lerntest; aber über alle Dinge habe ich nicht zu sagen, und wenn du +ein Lagerkind bleiben willst, so will ich dich nicht daran hindern! Du +magst gehen, wohin es dir gefällt!« —</p> + +<p>Burga wollte davonlaufen, da aber hielt Timotheus Lange sie zurück. Er +war gleichfalls aus dem Gefängnis geführt worden.</p> + +<p>»Werter Herr Obrist!« sagte er. »Sind wir bei den Heiden oder bei den +Christen? Vorgestern habt Ihr Walburga einstecken lassen, weil Ihr sie +für eine Hexe und vielleicht für eine Mörderin hieltet. Die Herren +Offiziere sind aber heute wieder zurückgekehrt, und wenn sie Prügel von +den Fischern bekommen haben, so wird das ihre eigene Schuld gewesen +sein.«</p> + +<p>»Das Mädchen ist frei!« unterbrach der Obrist den Magister.</p> + +<p>»Ganz recht, Ihr gebt sie frei; ihren Hund aber habt Ihr genommen, und +sie selbst erhält keinen Ersatz für die<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> ausgestandene Angst, ebenso, +wie ich ohne Schuld eingesperrt wurde und nun laufen kann, ohne daß man +sich bei mir entschuldigt!«</p> + +<p>Timotheus Lange sprach laut, und der Rittmeister Brockdorf, der immer +ein wenig vorwitzig war, griff nach dem Degen. Denn wenn er sich +ärgerte, wollte er immer gleich losschlagen. Aber der Obrist erhob die +Hand.</p> + +<p>»Rittmeister, ärgert Euch nicht; ich tu's auch nicht. So ein Prädikant +muß seine Zunge in Übung halten, und ich hab's im Grunde nicht ungern, +wenn ich auch einmal ausgescholten werde. Denn das erinnert einen an +die eigene Kindheit, wo man noch lustig war und keine Sorgen hatte.«</p> + +<p>Er wandte sich an den Magister und zog zwei Goldgulden aus der Tasche. +»Nehmt hier ein kleines Schmerzensgeld, Prädikant, und auch den Hund +bekommt das Mädchen wieder. Das Tier ist mir wohl gefolgt, hat aber +doch Heimweh gehabt, und dafür bin ich mir doch zu gut — meine Leute +und Tiere sollen sich bei mir wohl fühlen!«</p> + +<p>»Ist's wahr?«</p> + +<p>Burga lief zu Wolf, der halb ängstlich neben dem Obristen stand. Sie +legte ihm die Arme um den Hals, flüsterte mit ihm und führte ihn zu +Herrn von Pechlin.</p> + +<p>»Sag ihm Lebwohl!« befahl sie, und der Hund legte eine seiner Tatzen +auf den Arm des Obristen. Dann stieß er ein Freudengeheul aus und +drängte sich an Burga.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span></p> + +<p>»Sie ist doch eine Zauberin!« sagte der Rittmeister Brockdorf, aber der +Magister rief laut: »Wer die Seele der unvernünftigen Kreatur erkannt +hat, ist darum noch kein Zauberer!«</p> + +<p>Herr Hanekamp hatte diesem allem schweigend zugesehen. Nun ging er auf +Burga zu.</p> + +<p>»Ich würde an deiner Stelle doch mit nach Hamburg kommen. Wahrlich, du +sollst es bei mir nicht schlecht haben, und ich denke, daß ich Frau +Jutta und ihren Konrad auch zu mir nehmen werde. Im Holstenland ist es +wirklich gefährlich, und bei uns in Hamburg ist Friede.«</p> + +<p>Er sprach ruhig, und Timotheus Lange redete Burga zu.</p> + +<p>»Geh mit dem Herrn, es wird besser für dich sein; du kannst lernen und +eine ansehnliche Jungfrau werden!«</p> + +<p>»Ich werde mich nach dem Fischer umsehen lassen!« versprach Herr +Hanekamp, und Burga legte die Hand an Wolfs Halsband. »Den aber muß ich +mit haben! Und du, Gottfried, kommst auch?«</p> + +<p>Der Junge schüttelte den Kopf.</p> + +<p>»Ich will ein Obrist werden wie dieser hier!« flüsterte er und sah +Herrn von Pechlin so bewundernd an, daß dieser ihn auf die Schulter +schlug. »Natürlich, Junge, du bleibst bei meinen Soldaten! Wirst sehen, +wie schön das Kriegshandwerk ist! Dem kommt nichts gleich!«</p> + +<p>»Es ist auch gut, ein Lagerkind zu sein!« sagte Burga halblaut für +sich, denn es tat ihr schon leid, mit Herrn<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> Hanekamp gehen zu sollen. +Aber Timotheus Lange sprach ernsthaft auf sie ein.</p> + +<p>»Kind, verwirke nicht dein Glück! Siehst du nicht an mir, wie schlimm +es ist, in die Hände böser Menschen zu fallen, und wer weiß, auch dir +könnte beim Umherziehen Übles begegnen!«</p> + +<p>Er wies auf seinen Armstumpf, und seine Stimme klang besonders rauh und +belegt.</p> + +<p>Herr Hanekamp hörte ihm nachdenklich zu.</p> + +<p>»Ihr scheint mir ein verständiger Mann zu sein, Magister, und man merkt +es, daß Euch arg mitgespielt ist. Ich weiß jetzt, wie es tut, in die +Hände der Bösen zu fallen, und auch Ihr solltet mit mir nach Hamburg +kommen! Wir haben immer Männer nötig, die eine scharfe Predigt halten +können und kein Blatt vor den Mund nehmen. In meinem Hause ist Platz +für Euch, und ich werde Euch schon eine Anstellung besorgen!«</p> + +<p>Der Magister zögerte mit der Antwort, und der Kaufherr wandte sich ab.</p> + +<p>»Besinnt Euch auf meinen Vorschlag und kommt zu mir, wann Ihr Lust +habt. Jetzt aber möchte ich an den Pepermolenbeck gehen und die +Schildwache anrufen, daß sie die Zugbrücke herunterläßt. Zuerst wird +mich in meiner Vaterstadt niemand kennen, da mich noch niemand in einem +so trübseligen Aufzug wie heute gesehen hat. Aber meine Mitbürger mögen +daraus sehen, wie verkehrt es ist, sich aus den Mauern unsrer guten +Stadt ins offne Land zu wagen!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span></p> + +<p>Er winkte Burga, die nur unwillig hinter ihm herging. Noch immer besann +sie sich, ob sie dem Kaufherrn folgen sollte, als der Junker Rantzau +sie ansprach.</p> + +<p>Er trug noch immer ein Tuch um den Kopf, aber seine Augen blickten +hell, und die Geister des schweren Weines waren von ihm gewichen.</p> + +<p>»He Dirne,« rief er mit seiner hellen Stimme. »Ich höre, du willst +eine Rantzau sein? Wie kommst du darauf? Bist du einstmals von einer +brennenden Burg geraubt?«</p> + +<p>Aber Burga war übler Laune.</p> + +<p>»Was geht's Euch an?« erwiderte sie.</p> + +<p>»Was es mich angeht? Nun, unser Geschlecht ist ein altes und vornehmes, +und wer sich so nennt, ohne es zu dürfen, der kann ins Gefängnis +kommen!«</p> + +<p>Burga warf den Kopf in den Nacken.</p> + +<p>»Hierzulande scheint es mehr Strafen zu geben als andre Dinge!«</p> + +<p>Der Junker Rantzau sah sie aufmerksam an.</p> + +<p>»Du bist schlecht aufgelegt, und ich kann's dir nicht verdenken. Aber +wenn du dich ein Lagerkind nennst, dann weißt du auch, daß die Zeiten +hart sind und daß niemand mit Sammethandschuhen angefaßt wird. Sag, +weißt du vielleicht noch etwas von der Burg, von der man dich raubte?«</p> + +<p>Burga schüttelte den Kopf.</p> + +<p>»Was soll ich wissen? Ich bin ein Lagerkind und will nichts andres +sein!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span></p> + +<p>Der Junker wollte noch weiter fragen, aber Burga lief dem Magister +nach, der Herrn Jobst Hanekamp an den Pepermolenbeck brachte. Hier +standen die Hamburger Söldner und ließen die Zugbrücke nieder. Sie +hatten schon von Herrn Hanekamps Mißgeschick gehört und begrüßten +ihn feierlich. Und über dieselbe Zugbrücke wanderten hinter ihm der +Magister und Burga, die ihren Hund am Halsband gefaßt hielt. Ihr kam +es vor, als ginge sie in ein Gefängnis, und ihr Herz war schwer. Dem +Junker aber, der noch hinter ihr hersah, wollte sie nicht antworten. Er +war so hochmütig und würde ihr nicht glauben, wenn sie sagte, was sie +von ehemals wußte. Und eigentlich war es nur das kleine Verslein:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Von Erd bin ich genommen,</div> + <div class="verse indent0">zur Erde bin ich kommen!</div> + <div class="verse indent0">Herr Christe tu mir weisen</div> + <div class="verse indent0">den Weg zum Paradeisen!«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Über so ein Verslein würde der stolze Junker doch nur gelacht haben! +Also ging sie nach Hamburg und sah nicht, wie der Junker Rantzau +nachdenklich hinter ihr herblickte. Er dachte an seine Mutter, die +in der Stadt Schleswig wohnte und oft von ihrem Töchterlein sprach, +das sie bei der Zerstörung ihres Edelhofes verloren hatte. Sie suchte +es noch immer, denn irgend jemand hatte es bei dem Brande mit einem +Knecht davonreiten sehen; aber ihre Spur war lange, lange verloren, und +jedermann in der Familie sagte, es sei tot und begraben.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span></p> + +<p>Der Junker hatte lange nicht an das Schwesterchen gedacht; jetzt war er +in Grübeln versunken. Dann schüttelte er den Kopf und strich sich über +die Stirn, als wollte er einige Gedanken wegwischen. Es war besser, der +Frau Mutter nichts zu sagen, und er selbst wollte auch nicht mehr an +das trotzige Mädchen denken, das ihn mit ganz bekannten Augen ansah. +Denn heutzutage war die Welt voll Lug und Trug; seine kleine Schwester +lebte sicherlich nicht mehr, und diese Dirn war eine dreiste Betrügerin.</p> + +<p>Er ging wieder seines Weges und vergaß Burga.</p><br> + +<figure class="figcenter illowe9" id="illu-112"> + <img class="w100" src="images/illu-112.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span></p> + +<figure class="figcenter illowe17" id="illu-113"> + <img class="w100" src="images/illu-113.jpg" alt="deko"> +</figure> +</div> + +<p class="p2">Nun war wirklich Friede, obgleich viele Leute sich noch nicht an diesen +Gedanken gewöhnen konnten. Denn die meisten von ihnen kannten nur +Plünderung, Mord und Totschlag. Daß man das Feld in Frieden bestellen +konnte, daß wieder Kühe auf der Weide gingen, die ihrem Eigentümer +Milch gaben und nicht jeden Augenblick geraubt werden konnten, war für +viele ein Wunder, an das sie sich erst allmählich gewöhnen konnten. Und +manchen Strauchritter gab es, der die Kriegs- und Mordzeiten lieber +gehabt hatte und sich nun langweilte, weil er das Arbeiten verlernt +hatte und nicht mehr stehlen und plündern durfte. Ihm aber gings jetzt +schlecht, denn die Fürsten der ausgeraubten Länder paßten scharf auf, +daß jedes Verbrechen bestraft wurde, und die Gefängnisse waren voll und +die Galgen selten ohne Gehängte.</p> + +<p>In dem Dorf Altona hatte der Dänenkönig noch<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> immer ein Fähnlein +Dragoner stehen, das in der Umgegend auf Ordnung halten mußte. Der alte +Wachtmeister Balthasar war nicht mehr unter ihnen. Er gehörte zu denen, +die das Rauben und Plündern nicht lassen konnten, und er hatte sich +eines Tages versehen, indem er auf Hamburger Gebiet einen Bauernhof +plünderte und einen Knecht, der ihm entgegentrat, erschoß. Dafür wurde +ihm in Hamburg der Prozeß gemacht, und der Magister Timotheus Lange, +der in der Stadt der Prädikant für die Gefangenen geworden war, mußte +seinen alten Bekannten auf den Tod am Galgen vorbereiten. Er tat es +nicht gern, denn er war mehr für die Gnade als für die Strafe; aber die +Hamburger Ratsherren waren nicht so mitleidig wie er, wozu sie auch +allen Grund hatten.</p> + +<p>Denn die Obrigkeit ist dazu da, das Recht zu wahren und das Unrecht zu +strafen, und so wanderte eines Tages der Wachtmeister im Armsünderhemd +zum Galgen, und Timotheus Lange ging neben ihm und betete für ihn. Er +stand auch neben ihm, als ihm der Strick um den Hals gelegt wurde, und +sagte nachher zu Frau Jutta, daß das letzte Wort des armen Sünders +ein gutes und christliches gewesen wäre. Wozu Frau Hanekamp zufrieden +nickte. Denn sie hatte nichts mit den dänischen Dragonern im Sinn, +die ihr den Hof ausgeraubt und ihren Gottfried mitgenommen hatten. +Zwar war ihr Sohn wohl aus freien Stücken ein Kriegsmann geworden und +stand jetzt als Fahnenjunker in Kopenhagen; aber wer<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> weiß, wie's +gegangen wäre, wenn damals die Dragoner nicht gekommen wären. Diesen +ersten waren nämlich täglich andre gefolgt, und es war ein Glück, daß +Ohm Hanekamp sein Haus in Hamburg als Zufluchtsstätte anbot. Auf dem +Hofe hätte die Frau mit ihrem zweiten Sohne nicht bleiben können, +ohne selbst in arge Gefahr zu geraten. Denn grade in den letzten +Kriegsjahren steckte das ganze Elbufer voll von räuberischen Soldaten, +die sich nach dem Friedensschluß nur langsam entfernten.</p> + +<p>Mit schwerem Herzen war Frau Jutta damals nach Hamburg gezogen und fand +sich mühsam in das Leben einer engen Straße, grade wie ihr Konrad, der +zuerst nur weinte und wieder davonlaufen wollte. Bis er sich allmählich +daran gewöhnte, städtische Kleidung zu tragen; und jetzt war er ein +Kaufmannslehrling, der auf die Bauern draußen im Lande etwas spöttisch +herabsah. Ganz anders wie Burga, die äußerlich eine frische Jungfrau +geworden war, die nähen, spinnen, kochen konnte und beim Magister +Timotheus sogar Latein lernte. Wer sie eifrig im Hause hantieren oder +über die Straße, gefolgt von ihrem großen Hund, gehen sah, der würde +nicht auf den Gedanken gekommen sein, daß sie oft oben auf dem Boden +des hohen spitzen Hauses in der Domstraße stand und gen Westen blickte. +Dorthin, wo das weite Land lag, die Dörfer Altona und Ottensen, wo der +Tannenwald stand und wo einst die Wölfe hausten. Denn sie hatte noch +immer nicht vergessen, daß sie einst ein Lagerkind<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> war, und sehnte +sich nach weiten Feldern und der Freiheit.</p> + +<p>Aber dazumal ging man noch immer nicht weit von der sicheren Stadt, und +es war ein großes Ereignis, als der alte Ohm Hanekamp an einem schönen +Sommertage mit dem Leiterwagen des Fuhrmanns Heesch über Altona und +Ottensen nach dem Hanekamphof fuhr. Denn der Hof gehörte noch immer +Frau Jutta, und sie mußte sich einmal um ihn bekümmern.</p> + +<p>Es war wunderlich, einmal wieder die Straße zu fahren, die niemand von +ihnen wieder gewandert war, seitdem die Dragoner mit Herrn Hanekamp +und Gottfried nach Altona reiten wollten und dabei ihr Leben lassen +mußten. Nun sah es hier anders aus. Das Dorf Altona, durch das die +Reisenden zuerst fuhren, machte schon einen städtischen Eindruck: +eine Kirche wurde gebaut, und Herr Hanekamp hatte gehört, daß der +dänische König dem Ort die Stadtgerechtigkeit verleihen wollte. Einige +stattliche Häuser waren in den letzten Jahren errichtet worden, und +auf dem Marktplatz stand ein großes Haus mit einer Schildwache davor. +Hier wohnte der Rittmeister von Rantzau, der die Schwadron Dragoner +kommandierte. Fuhrmann Heesch, der aus Altona war, berichtete es, +während er gemächlich durch die Gassen fuhr und vorsichtig allen +Düngerhaufen auswich, die vor den Häusern lagen und auf denen heute +lustig die Hühner scharrten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span></p> + +<p>Burga betrachtete aufmerksam das Gebäude, aber als Frau Jutta sie +ansah, wandte sie errötend den Kopf. Sie sprach niemals mehr von dem +Namen, der auf ihrem Arm eingeschrieben war. In Hamburg nannte man sie +Walburga Hanekamp, und mit diesem Namen gab sie sich zufrieden.</p> + +<p>Fuhrmann Heesch mußte vorm Torhaus in Altona einige Zeit warten, da +er verschiedene Waren hinaus nach Wedel nehmen sollte, das heute sein +Endziel war. Da berichtete er denn noch einmal von dem Rittmeister +Rantzau. Bei ihm wohnte seine Mutter, die gestrenge Frau von Rantzau, +und der Fuhrmann war im vorigen Jahr nach der Stadt Schleswig gefahren, +um ihren Hausrat zu holen. Die Edelfrau hatte nicht viel Hab und Gut: +ihr Schloß war ehemals von den Kaiserlichen niedergebrannt worden, und +alle guten Sachen waren geraubt oder verbrannt. Aber die gestrenge Frau +sollte niemals geklagt, sondern sich in Gottes Ratschlag gefügt haben. +Nur, sie konnte nicht gut kleine Mädchen sehen, ohne zu weinen. Ihr +sollte nämlich ein Töchterlein geraubt sein, und sie wußte heute noch +nicht, ob es lebte oder lange im Grabe ruhte.</p> + +<p>So schwatzte der Fuhrmann, dann wurde ihm ein Ballen mit Waren auf +den Wagen gelegt, und er fuhr weiter. Bei seinen Reden war Herr Jobst +eingeschlafen, wie er immer tat, wenn er fuhr, und Konrad flüsterte mit +seiner Mutter, weil er sich ein neues Samtwams wünschte.<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> Nächstens gab +es ein großes Schützenfest, und er wollte einen eben so schönen Rock +haben wie seine Genossen.</p> + +<p>So also hatte Burga wohl ganz allein dem Fuhrmann zugehört und saß +nachher lange schweigend, während die andern allmählich die Gegend +erkannten und sich lebhaft unterhielten. Herr Hanekamp, der aufgewacht +war, wollte den Hof am liebsten verkauft sehen, während Frau Jutta sich +nicht dazu entschließen konnte. Wie sie aber nun an einer Wegbiegung +ausstiegen und nach etlichen Schritten vor einigen verbrannten +Grundmauern standen, aus denen bei ihrer Annäherung ein Fuchs lief, da +standen sie schweigend. Der Hanekamphof mochte noch gutes Land haben, +aber seine Gebäude waren verschwunden. Dort, wo die Kuh ihren Stall +hatte, wuchs ein großer Dornbusch, und wo einst die Hühner glucksten +und Eier legten, hatten wilde Kaninchen ihre Gänge gegraben.</p> + +<p>Frau Jutta wischte sich die Tränen aus den Augen, und sogar Konrad +vergaß sein neues Wams und seufzte. Dann redete Herr Hanekamp darüber, +wer wohl das Grundstück kaufen möchte, und Burga ging unterdessen durch +eine halbzerstörte Tannenschonung der Elbe zu.</p> + +<p>Einen Augenblick blieb sie stehen und sah dem Fuhrmann zu, der hier +seine Pferde ruhen ließ, ehe er weiter nach Wedel fuhr, um dann gegen +Abend die Hamburger wieder abzuholen. Aus einer Quelle in der Nähe +holte er Wasser, das er den Tieren vorsetzte, und brockte grobes Brot +hinein. Behaglich stand er, biß in ein Stück Speck,<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> das er sich +mitgebracht hatte, und setzte sich einen Augenblick auf den weichen +Waldboden um auszuruhen. Er sah Burga nicht, und sie hatte keine +Lust, mit ihm wieder ein Gespräch zu beginnen, als sie die Zweige des +Unterholzes sich biegen sah und ein alter Mann vorsichtig herankroch. +Er hatte wilde graue Haare und war mit schmutzigen Lumpen bedeckt. +Eben richtete er sich auf, um dann zum Wagen zu gehen und einen Ballen +Ware herabzulangen, als Burga eine unwillkürliche Bewegung machte. Der +Strauchdieb mußte gute Ohren haben: er sah sich um, bemerkte das junge +Mädchen und war gleich wieder im Busch verschwunden.</p> + +<p>Burga weckte den Fuhrmann, der sich grade zum Schlafen legen wollte und +nun brummend aufstand, seine Waren zählte und einige Flüche ausstieß, +daß ein ordentlicher Mann nicht einmal jetzt, wo doch Friede war, im +Freien schlafen könnte. Er bedankte sich auch nicht und setzte sich auf +den Wagen, um weiter zu fahren.</p> + +<p>Langsam rasselte der Wagen davon, und Burga ging weiter an die Elbe. +Es fiel ihr nicht ein, daß sie besser täte, wieder nach dem Hof zu +gehen, wo Frau Jutta den Korb mit den Lebensmitteln auspackte und man +sich zum Essen sammeln sollte: sie stand oben auf einer der Dünen und +blickte auf den großen Fluß, den sie jetzt so gut kannte. Breit und +majestätisch floß der Strom dahin, an dem gegenüberliegenden Ufer +schaukelten einige Fischerewer, und in der Mitte des Stromes ging ein +Hamburger<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> Schiff hinaus. Es hatte glänzend weiße Segel, und einige +Kanonen blitzten in der Sonne. Draußen in der Nordsee gabs noch immer +Seeräuber, und manchmal kamen sie in die Elbe, um die Fischerdörfer +auszuplündern. Da war es gut, daß die Hamburger für Ordnung sorgten.</p> + +<p>»Guten Tag, Burga!« sagte eine Stimme hinter ihr, und der Strauchdieb +von vorhin schob sich neben sie.</p> + +<p>»Wer bist du?« fragte das junge Mädchen erstaunt, und der Alte schnitt +ein klägliches Gesicht.</p> + +<p>»Wie, du kennst den roten Michel nicht mehr? Sind wir denn nicht +zusammen beim Troß gewesen, und hab ich nicht manchmal für dich +gesorgt? Weißt du noch, wie die Dänen mich gefangen nahmen und meine +Freunde kamen und sie tot schossen?«</p> + +<p>»Ich war nicht dabei!« entgegnete Burga, die den Roten erkannte, +obgleich er nicht mehr rot, sondern grau war, und obgleich er schlimmer +aussah als jemals.</p> + +<p>»Du warst nicht dabei?« Michel besann sich einen Augenblick. »Nun ja, +dann wirst du aber davon gehört haben. Die Dänen sind nachher höllisch +aufgeregt gewesen, und ein paar von meinen Freunden haben auch ins Gras +beißen müssen!«</p> + +<p>»Das glaube ich wohl. Ihr seid schreckliche Menschen gewesen!«</p> + +<p>»Schreckliche Menschen?«</p> + +<p>Michel sah sie vorwurfsvoll an.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span></p> + +<p>»Wir waren oft viel besser als die Soldaten und haben treu zu einander +gehalten, obgleich ich natürlich die andern lieber hängen sah als +mich! Ich merke schon, du bist eine vornehme Krämerstochter geworden, +was sich nicht für dich schickt. Und Haare hast du so lang bekommen, +wie es sich nicht für ein Lagerkind paßt, und eine Haut wie Milch und +Blut. Auch das ist ungesund, Burga, und daß du mich störst, wo ich dem +Fuhrmann ein paar Waren nehmen will, die ihm doch nicht gehören, ist +gradezu unrecht. Seitdem der dumme Friede da ist, hat man wirklich +keine Freude mehr vom Leben. In jeder Stadt stehen Galgen, und die +Soldaten tun, als dürfte man garnichts mehr nehmen. Es ist eine böse +Zeit, Burga, und wenn du noch einmal merkst, daß ich mir ein wenig +nehmen will, dann sieh weg und mache nicht so große Augen wie vorhin!«</p> + +<p>»Du solltest ehrlich werden, Michel!« sagte Burga. Ihr Gesicht war +mitleidig geworden, und halbwegs freute sie sich, den alten Genossen +wieder zu sehen.</p> + +<p>Michel mußte ihre Gedanken merken, denn er stöhnte tief.</p> + +<p>»Ja, Burga, du hast gut reden. Wenn ich ehrlich werden will, dann soll +ich natürlich gleich arbeiten, und daran bin ich wirklich nicht mehr +gewöhnt, und ich kann es auch nicht vertragen. Ich muß meine Freiheit +haben und ein wenig Abwechslung. Hier einmal einbrechen, und dort ein +paar Hühner oder Gänse nehmen, ist viel lustiger, als immer ehrlich +sein!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span></p> + +<p>»Du siehst aber nicht sehr lustig aus!« meinte Burga, und Michel +betrachtete seine Lumpen, seine nackten, schmutzigen Füße und kratzte +seinen wilden grauen Kopf.</p> + +<p>»Ich bin nicht für Feinheit wie die Krämer, und Wasser an den Körper +ist grade so ungesund, als wenn man es sich in den Leib gießt. Im +Augenblick sind die Zeiten grade sehr schlecht, und daher sehe ich +nicht ganz ordentlich aus. Aber wenn du mir sagen kannst, wo ich +vielleicht einen reichen Krämer treffe, dem ich seine Kleider nehmen +kann, dann will ich dir dankbar sein. Damals hast du mir mit deinem +wütenden Hund einen üblen Streich gespielt, und den mußt du nun wieder +gut machen!«</p> + +<p>»Burga, Burga!« Konrads Stimme hallte durch den Wald, und der einstmals +rote Michel fuhr zusammen.</p> + +<p>»Kann man denn nicht einmal ordentlich mit dir sprechen?« murrte er. +»Ich wollte dir noch etwas erzählen!« Aber als die Rufe näher kamen, +verschwand er im Unterholz, und als Konrad neben Burga trat, stand sie +allein und sah auf die Elbe. Der junge Mann schalt, daß er sie so lange +hätte suchen müssen und daß es hier doch wohl nicht ganz geheuer wäre. +Er dachte jedoch kaum mehr an die Wölfe, die einstmals hier gehaust +hatten; er sah den großen Schiffen nach und erklärte, daß auch er in +die weite Welt reisen wollte. Jetzt aber müßte Burga nach der alten +Hofstelle kommen und ihr Essen einnehmen.</p> + +<p>So also saß Burga nachher bei den Hanekamps, versuchte zu essen und +konnte es nicht. Die andern beachteten<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> sie nicht. Herr Hanekamp sprach +wieder davon, daß es wohl besser wäre, die Ländereien zu verkaufen, und +Konrad erklärte, daß ihm alles einerlei wäre, da er doch niemals wieder +hier draußen in der Wildnis wohnen würde. Nach einigen Stunden kam dann +der Fuhrmann wieder, und alle fuhren nach Hamburg. Der Wagen rasselte, +die Pferde schnoben, und jedermann hing seinen eignen Gedanken +nach. Herr Jobst dachte an sein Geschäft, Konrad sah sich schon auf +einem großen Schiffe, Frau Jutta gedachte der Zeit, da sie auf dem +Hanekamphof wohnen und ihre zwei Jungen haben durfte, und Burga hatte +die Augen geschlossen und sah wie im Traume eine brennende Burg, hörte +das Klappern der Hufe und wilde Schreie. Und dann wieder war alles +vorüber: eine weiche Hand strich ihr übers Haar, und eine milde Stimme +sprach: »Von Erd bin ich gekommen, zur Erde werd ich kommen. Herr +Christe tu mir weisen den Weg zum Paradeisen!« Und sie sehnte sich, und +wußte nicht, wonach.</p><br> + +<figure class="figcenter illowe9" id="illu-123"> + <img class="w100" src="images/illu-123.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span></p> + +<figure class="figcenter illowe17" id="illu-124"> + <img class="w100" src="images/illu-124.jpg" alt="deko"> +</figure> +</div> + +<p class="p2">Zum Träumen und Sehnen war dazumal nicht allzuviel Zeit, Burga vergaß +den alten Räuber vom Elbstrande und schaffte im Hausstand oder lernte +Latein beim Magister Lange. Dann wurde Frau Jutta krank und mußte +gepflegt sein, und aus Kopenhagen schrieb Gottfried, daß er Offizier +geworden wäre und vielleicht einmal nach Hamburg auf Urlaub käme. Das +war eine gute Nachricht, und seine Mutter zählte jetzt die Tage, da sie +ihren Sohn wieder sehen sollte. Dann aber kam die Botschaft, daß er +noch keinen Urlaub erhielte, und Frau Jutta wurde wieder kränker. Herr +Hanekamp war unzufrieden, denn er hatte kranke Leute nicht gern, und er +lobte Burga, die nie krank war und immer mehr häusliche Pflichten auf +sich nahm.</p> + +<p>»Mit dir ist noch etwas anzufangen!« sagte er. »Du bist zwar nur ein +Lagerkind, aber du bist stark und kräftig.<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> Ich werde nichts dagegen +haben, daß einer der Hanekamps dich heiratet. Zwar hast du kein Geld, +und das ist bedauerlich. Aber eine tüchtige Frau ist wie Bargeld, ich +werde dir wohl auch eine Aussteuer geben!«</p> + +<p>Burga lachte über den alten Herrn. Ihr war noch garnicht nach Heiraten +zumute, aber, da der Kaufherr von Geld gesprochen hatte, so holte sie +aus ihrer Lade den kleinen Lederbeutel heraus, den sie als Lagerkind +immer um den Hals getragen hatte. Wie sie dann nach Hamburg kam, legte +sie ihn ab und vergaß ihn, bis sie sich seiner jetzt wieder entsann. +Es war ein kleiner gestickter Lederbeutel, in dem noch aus ihrer +Wanderzeit mehrere Gold- und Silbertaler steckten. Sie wußte kaum mehr, +wie sie zu dem Geld gekommen war; den Lederbeutel aber meinte sie eben +so lange getragen zu haben wie die Buchstaben auf dem Arm.</p> + +<p>Allerlei Gedanken stiegen in ihr auf, wie sie das kleine Ding in der +Hand hielt; aber sie waren verworren, und sie wollte ihnen auch nicht +nachhängen. Gern hörte sie sich nicht mehr ein Lagerkind nennen, es war +doch besser, im Frieden des Hauses zu wohnen und nicht mehr heimatlos +umher zu ziehen.</p> + +<p>Sie schloß den Beutel wieder weg und kam grade unten in die Diele, als +Konrad eilig eintrat und ganz heiß war vor Aufregung und Vergnügen. +Eben war es in der Stadt ausgerufen worden, daß ein Hamburger Schiff +draußen in der Elbe einen guten Fang gemacht<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> hatte. Eine ganze +Gesellschaft von Seeräubern war den Hamburgern in die Hände gefallen, +und morgen schon wurden sie eingebracht, um dann feierlich gerichtet zu +werden.</p> + +<p>»Die armen Kerls!« sagte Burga halb mitleidig, und Konrad sah sie +erstaunt an.</p> + +<p>»Was sagst du da? Freust du dich nicht, wenn die Gegend wieder sicher +wird? Dicht bei Blankenese haben einige in den Dünen gewohnt; Fuhrmann +Heesch hat mir auch erzählt, daß sie oft hinter ihm her gewesen sind. +Man muß sich doch freuen, wenn sie alle gehängt werden!«</p> + +<p>Am andern Tage zog wirklich ein langer Zug von gefangenen und mit +Ketten geschlossenen Räubern vom Hafen her durch die Straßen, die +Jungen liefen hinter ihnen her und bewarfen sie mit Steinen, während +die Erwachsenen grausend die finstern Gesichter und die zerlumpten +Kleider der Männer betrachteten, von denen mancher noch roh verbundene +Wunden aufwies. Eine böse Gesellschaft war es, die nun hinter Schloß +und Riegel gebracht wurde, und Konrad berichtete nachher, wie zornig +die Räuber gewesen waren und wie entsetzliche Flüche sie ausgestoßen +hatten. Denn er war natürlich mit den Neugierigen gelaufen, die sich +alles ansehen mußten, und forderte Burga dringend auf, am nächsten Tage +mit ihm zum Gefängnis zu gehen. Hier vor dem düstern Gebäude sollten +die Gefangenen öffentlich an den Pranger gestellt werden, damit sie +jedermann<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> besehen und sich ein Beispiel an ihrem schrecklichen Ende +nehmen konnte. Aber Burga schüttelte den Kopf. Sie wollte Frau Jutta +nicht verlassen, die wieder krank war, und dann graute es ihr auch, +soviel menschliches Elend auf einem Haufen zu sehen. Also ging Konrad +allein und kehrte nach einer Weile zurück, um zu berichten, daß ein so +großer Andrang von Neugierigen vor dem Gefängnis war, daß er selbst gar +nichts von den am Pranger Stehenden gesehen hatte. Nicht allein die +Hamburger betrachteten sich die Gefangenen; aus Altona war viel Volk +gekommen, sogar einige vornehme Dragoneroffiziere, die sporenklirrend +durch die Straßen gingen, und von Finkenwärder einige Boote voll +Fischer, die sich's auch nicht nehmen ließen, die Räuber zu betrachten. +Denn sie hatten lange unter ihnen gelitten, und nun wollten sie sich +auch der Strafe freuen, die diese Missetäter erlitten.</p> + +<p>So erzählte Konrad, lief aber gleich wieder weg, und Herr Jobst +Hanekamp, der gerade aus seinem Kontor kam, ließ sich Stock und Perücke +geben und ging gleichfalls zum Gefängnis. Er war zwar durchaus nicht +neugierig, wie er immer wieder versicherte, aber hier mußte er doch +dabei sein.</p> + +<p>Auch die zwei Mägde und der Knecht liefen davon, und Burga stand allein +auf der halb dämmrigen Diele. Oben lag Frau Jutta im Bett und schlief; +durch die geöffnete Haustür fiel das Licht der untergehenden Sonne, und +von draußen her kam nur das Zwitschern der Spatzen.<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> Die ganze Straße +war menschenleer, alle waren zum Gefängnisplatz gelaufen.</p> + +<p>Es war ein klarer Tag im Vorsommer, noch kalt, aber sehr freundlich, +und wie Burga in die Sonnenstrahlen sah, die über die roten Dächer +der Domstraße huschten, mußte sie an das düstre Gefängnis denken, in +das jetzt die Räuber geworfen wurden. Einmal war auch sie im Kerker +gewesen, und daher wußte sie, wie es tat, hinter Mauern zu schmachten. +Und gerade dann, wenn der Sommer kam und die Welt freundlich wurde!</p> + +<p>Ein Schritt kam die Straße entlang, und sie stellte sich in die +Haustür, um den Menschen zu betrachten, der jetzt nicht vor den Räubern +stand und sie verhöhnte. Es war ein junger Fischer, der schwerfällig +auf seinen Holzschuhen daher trabte, sich unschlüssig umsah und dann +vor Burga stehen blieb. Er hatte kurze blonde Haare und ein ehrliches +Gesicht, und er roch nach geräucherten Fischen.</p> + +<p>»Ich such' 'ne Jungfer Hanekamp!« sagte er, als Burga ihn fragend +ansah, und sie erwiderte:</p> + +<p>»Die bin ich!«</p> + +<p>Denn alle Leute nannten sie so, und sie war es zufrieden.</p> + +<p>Der junge Mann rieb sich den Kopf und zog langsam seine Mütze aus +Seehundsfell.</p> + +<p>»Ich bin Klas Stolz!«</p> + +<p>»Klas Stolz?« Burga wiederholte diesen Namen ohne Verständnis, und der +junge Fischer sah sie erstaunt an.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span></p> + +<p>»Wenn du die Jungfer bist, die meinen Vater damals von Teufelsbrücke +nach Finkenwärder gebracht hat, dann solltest du doch wissen, wie ich +heiße!«</p> + +<p>»Ich hab's vielleicht gewußt, aber hab's vergessen!« entgegnete Burga +lachend, und Klas schüttelte den Kopf.</p> + +<p>»Man muß nichts vergessen!« sagte er ernsthaft. »Ich denk noch immer +daran, wie ich allein bei meinem Vater saß und wie du mir halfest! +Auch weiß ich, daß ich mich nicht bedankte und daß du dann beinah ins +Loch gekommen bist, weil du mit einem der unverschämten dänischen +Junker fuhrest. Wir haben die Geschichte nachher erst erfahren, und +es hat uns leid getan; auch meiner Mutter, die damals im Bett lag und +ein kleines Kind hatte. Aber Vater hat lange gelegen, ohne daß er die +Besinnung wieder kriegte. Herr Hanekamp hat ihm einmal Geld geschickt, +und nun sitzt er vor dem Hause und strickt Netze; aber aufs Wasser +gehen und Fische fangen kann er nicht mehr; der rote Michel hat ihm zu +arg mitgespielt! So ist es also gekommen, daß wir uns nie etwas von +Dankbarkeit merken ließen, und wir haben auch lange nicht gewußt, wer +das Mädchen war, die uns damals half — aber wir haben's vom Magister +Lange erfahren, der neulich auf unsrer Insel war, um unsern Pastor zu +besuchen. Und daher will ich mich jetzt bedanken!«</p> + +<p>Aus seinem Korb, den er in der Hand trug, zog Klas ein Paket hervor, +das er Burga in die Hand gab.</p> + +<p>»Mach es nur offen!« sagte er stolz. »Die Bürgermeisterin<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> von Hamburg +wird kein so schönes Seehundsfell haben, wie ich dir bringe!«</p> + +<p>Er zog selbst die Leinwand von der langen, seidigen Pelzjacke, die er +Burga über den Arm legte.</p> + +<p>»Es sind sieben Felle, und ein feiner Schneider in Amsterdam hat +die Jacke gearbeitet. Du kannst sie tragen, wenn du dich jetzt +verheiratest, und wenn du eine Großmutter geworden bist, wird die Jacke +noch gut sein!«</p> + +<p>Burga stieß einen Laut des Entzückens aus über die leichte und doch +warme Jacke, die noch dazu mit Marderfell gefüttert war. Dann aber +schüttelte sie den Kopf.</p> + +<p>»Was schenkst du mir solche Kostbarkeit? Ich weiß kaum mehr, daß +ich etwas für deinen Vater tat. Hast du mir auch nicht einmal etwas +gegeben, als ich hungrig war? Dafür habe ich dir noch gar nichts +geschenkt!«</p> + +<p>Klas lachte. »Von der Geschichte weiß ich nichts mehr; jedenfalls +wollte ich dir dies Ding schenken, und mir ist es gar nicht teuer +gekommen. Ich hatte damals einen großen Seehundsfang gemacht, und diese +Jacke ist dabei abgefallen. Wir Finkenwärder lassen uns nicht lumpen, +kann ich dir sagen, und darum mußt du das Geschenk schon annehmen. Und +nun leb wohl, ich will mir mal den roten Michel besehen, der auch am +Pranger steht. Schade, daß ich ihn nicht hängen darf, das würde mir +Vergnügen machen!«</p> + +<p>»Der rote Michel hat deinem Vater doch nichts getan!« rief Burga rasch. +»Ganz gewiß, er war es nicht,<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> der deinen Vater verwundete, das wird +ein andrer Räuber gewesen sein. Jetzt fällt's mir wieder ein, der Rote +hat damals Herrn Hanekamp überfallen, und darüber kam ich dann zu.«</p> + +<p>Klas machte ein mißvergnügtes Gesicht.</p> + +<p>»Das ist ja schade. Ich hab grade einen verrotteten Winterapfel in +der Tasche, den wollte ich ihm ins Gesicht werfen, wenn er am Pranger +steht. Mehr darf ich nicht tun, die Hamburger sind immer so eigen mit +ihren Gefangenen und wollen sie nicht durchprügeln lassen!«</p> + +<p>Burga hörte nicht auf ihn. Sie sah vor sich hin und wiederholte: »Der +rote Michel war es nicht, der deinen Vater fast tötete! Den habe ich +doch nachher von Herrn Hanekamp weggejagt!«</p> + +<p>»Wer war es denn?« fragte Klas, aber darauf konnte Burga keine Antwort +geben. An diese Dinge hatte sie lange nicht gedacht; sie wußte nur, daß +dieses Mal der rote Michel schuldlos war.</p> + +<p>Also ging Klas Stolz achselzuckend davon und meinte, den verrotteten +Winterapfel wollte er jedenfalls aufs Geratewohl zu den am Pranger +Stehenden werfen. Verdient hatten sie alle noch viel Schlimmeres.</p> + +<p>Burga stand mit ihrem kostbaren Pelz über dem Arm und hatte das +Geschenk vergessen. Schon oft hatte sie mit einer großen Unruhe +gekämpft, sie aber zu unterdrücken gesucht; jetzt, wo der rote Michel +in Hamburg war und bald gehängt werden sollte, kam es über sie, als +müßte sie zu ihm.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span></p> + +<p>Herr Hanekamp und Konrad kehrten von ihrem Gang ans Gefängnis zurück. +Ganz Hamburg hatte vor den Prangern gestanden, hatte auf die Räuber +gezeigt und sie gescholten und geschimpft wegen ihrer Missetaten. Und +die Räuber hatten frech geantwortet, die Zunge hinausgestreckt und +waren wenig bußfertig gewesen. So würden sie also nun ohne Reue ihre +irdische Strafe erleiden.</p> + +<p>Still hörte Burga diesen Berichten zu, und wie sie dann nachher in +ihrem bequemen Bett lag, konnte sie nicht schlafen. Der rote Michel +— war er es nicht gewesen, der sie als kleines Kind aus dem Feuer +getragen und aufs Pferd gehoben hatte? War er es nicht gewesen, der +nachher mit dem guten Prädikanten sprach, daß dieser ihr den Namen auf +den Arm ritzte? Der rote Michel war sicherlich ein Räuber; aber ganz +schlecht war er niemals gewesen, wenigstens nicht gegen sie! Er wußte, +daß sie den kleinen Lederbeutel mit dem Gelde um ihren Hals trug, und +er hatte ihn ihr nicht genommen, sondern gelegentlich, wenn er Geld +hatte, ihr einen Gulden gegeben, damit sie einen Notgroschen hatte.</p> + +<p>Die Sonne ging schon auf, da hatte Burga noch keinen Schlaf gefunden. +Es nützte nichts, daß sie immer wieder ihr kleines Gebet sprach; sie +wurde erst ruhiger, als sie sich hastig ankleidete und unhörbar auf +die Straße schlich. Noch war alles still; nur ein Wächter schlief +fest auf einer Haustreppe, und Burga konnte, ohne gesehen zu werden, +bis ans Gefängnis gehen, das jetzt finster und<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> schweigend dalag. Vor +dem Gebäude waren noch alle Halseisen, in denen die Räuber am Pranger +gestanden hatten, und ringsherum lagen kleine Steine, Fischköpfe und +Gemüsereste, mit denen das Volk sie beworfen hatte. Aber Burga achtete +nicht darauf. Sie klopfte an die niedrige Tür eines Häuschen, das sich +hart ans Gefängnis lehnte. Hier wohnte Timotheus Lange, den der Senat +als Gefängnisgeistlichen angestellt hatte und der in dieser Zeit sein +gerüttelt Maß zu tun hatte.</p> + +<p>Er war aber ein Frühaufsteher, und als Burga nur leise den Klopfer hob, +stand der Magister schon vor ihr und wunderte sich gar nicht einmal des +frühen Besuchs.</p> + +<p>»Ich hab dich wohl herbeigedacht, Kind!« sagte er nur mit seiner +heisern aber doch so gütigen Stimme, und dann führte er Burga in sein +kleines Arbeitsstübchen, in dem eine ältere, in Schwarz gekleidete Frau +saß, die große Augen auf das junge Mädchen richtete. »Dies, edle Frau, +ist Walburga, auf deren Arm der Name Rantzau neben dem der Walburga +steht!«</p> + +<p>Er schob den leichten Stoff zurück, der Burgas Arm bedeckte, und zeigte +die schwarzen Zeichen.</p> + +<p>Die Angeredete stand auf und faßte Walburgas Hand. »Sag, was du noch +weißt, von damals, aus der Zeit, als du vielleicht mein Kind warest!«</p> + +<p>Walburga begann zu zittern, aber sprechen konnte sie nicht. Sie konnte +sich auf nichts besinnen, nur auf ihr kleines Gebet. Sie faltete die +Hände.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span></p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent0">»Von Erd bin ich genommen,</div> + <div class="verse indent0">zur Erde werd' ich kommen!</div> + <div class="verse indent0">Herr Christe tu mir weisen</div> + <div class="verse indent0">den Weg zum Paradeisen!«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Die Edelfrau brach in Tränen aus.</p> + +<p>»Dies Verslein habe ich mein Kind gelehrt, als es noch kaum sprechen +konnte! Ach, Walburga, bist du wahrhaftig mein lang entbehrtes und oft +beweintes Töchterchen? Fast ist es zu gut, um es zu glauben!«</p> + +<p>Auch Walburga weinte.</p> + +<p>»Edle Frau, ich weiß nur, daß ich ein armes Lagerkind war und von Land +zu Land irrte. Gehungert hab ich und viel Durst gelitten, aber mein +Verslein und der Name auf dem Arm sind mit mir gegangen!«</p> + +<p>Dann saßen sich beide Frauen, die ältere und die junge, gegenüber, und +wußten nicht, ob sie sich in die Arme fallen sollten oder nicht.</p> + +<p>Lächelnd stand der Magister daneben.</p> + +<p>»Ich kann mir denken, Frau von Rantzau, daß Ihr zweifelt; aber ich +meine, so klar, wie im irdischen Leben überhaupt etwas sein kann, so +klar ist es, daß Ihr die Mutter dieses Mädchens seid. Zum wenigsten ist +die Jungfrau Euch aus den Augen geschnitten. Aber nun wollen wir zu +dem gehen, der gestern von mir verlangte, Euch und Euren Sohn rufen zu +lassen, da er vor seinem Tode ein Geständnis zu machen habe.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span></p> + +<p>Er winkte, und beide Frauen gingen hinter ihm her, während sich aus +einer verborgenen Ecke ein junger Mann erhob, der Walburga zunickte. +Das war der Rittmeister von Rantzau, mit dem Burga vor etlichen Jahren +über die Elbe gefahren war; sie beachtete ihn heute aber nicht.</p> + +<p>Ihre Gedanken waren von der Frau in Anspruch genommen, die langsam vor +ihr herschritt. Wie mußte es sein, eine wirkliche Mutter zu haben! Sie +merkte kaum, daß der Weg ins Gefängnis ging, und dann erst kam sie zu +sich, als sich eine düstre Zelle vor ihr auftat, in der ein alter Mann +an Ketten lag. Mühsam erhob er sich von seinem Strohlager.</p> + +<p>»Burga,« sagte er kläglich, »rede du für mich! Bin ich nicht immer +ganz ordentlich gegen dich gewesen und habe dafür gesorgt, daß dir +nichts Böses geschah? Wenn ich einen Prädikanten traf, dann habe ich +dich gleich zu ihm gebracht, und du hast schreiben und lesen und die +zehn Gebote gelernt. Und wenn ich Geld hatte, hab ich dir auch etwas +abgegeben. Du hattest den kleinen Beutel um den Hals, als ich dich +aus der Burg trug, darin steckten ein paar Goldtaler; ich hab sie dir +gelassen.«</p> + +<p>»Ja, ja,« Burga klopfte ihm den krummen Rücken und vergaß einen +Augenblick die andern. »Ich weiß, du bist nie ganz schlecht gewesen, +Michel, und ich habe manchmal an dich gedacht!«</p> + +<p>»Seht Ihr?« Der Gefangene wandte sich an den Magister, »sie sagt +selbst, daß ich kein übler Kerl war.<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> Ihren Namen habe ich ihr auch auf +den Arm schreiben lassen und dann mit Schießpulver verrieben.«</p> + +<p>»Aber du brachtest die Feinde auf die Finkenburg!« rief der Rittmeister +von Rantzau, der sich immer im Hintergrund gehalten hatte und nun erst +vortrat. »Warum tatest du das? Unsre Burg wurde verbrannt, meine Eltern +und ich mußten fliehen, unsre kleine Walburga nahmest du von uns! Was +taten wir dir, daß du so böse gegen uns warest? Ist mein Vater nicht +immer ein guter Herr gewesen? Hat meine Mutter dich jemals hungern +lassen?«</p> + +<p>Der Gefangene schwieg eine Weile, dann kratzte er sich den Kopf.</p> + +<p>»Die Edelfrau ist nicht schlecht gewesen, aber der Herr hat uns mehr +geschlagen, als recht war. Und dann war es so langweilig auf der +Finkenburg. Immer Arbeit und niemals ein Vergnügen; unsereins will auch +mal einen Spaß haben. Und als ich vier Monate Wasser und Brot haben +sollte, nur weil ich nicht gern arbeiten mochte, da lief ich weg, grade +den Kaiserlichen entgegen. Sie fragten mich, wo etwas zu holen wäre, +und der General versprach mir eine Trompeterstelle in seiner Nähe und +ein feines neues Wams; da hab ich ihnen den Weg gezeigt.«</p> + +<p>Er seufzte und rieb sich die Augen.</p> + +<p>»Lieber Gott, viel Spaß ist ja nicht beim Kriegshandwerk, und der +General wollte mich nachher hängen lassen, weil er meinte, ich wäre +frech. Da bin ich schnell wieder weggelaufen und habe nur die kleine +Burga mit mir genommen.<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> Wir stießen auf die Schweden, und da war es +nicht besser als bei den andern. So ist es allmählich weiter gegangen, +und von meinem Leben habe ich blitzwenig gehabt. Auf den Galgen +mag ich aber doch nicht gern; in Nordschleswig liegt ein kleiner +Gottesacker, auf dem sind meine Eltern begraben, und ich wollte dort +auch ausruhen. Hamburg ist keine freundliche Stadt. Die Bürger haben +uns sehr unverschämt angestarrt, als wir gestern am Pranger standen, +und einige dumme Jungen haben uns mit Steinen und mit Bücklingsköpfen +geworfen. So etwas habe ich nicht gern, und hier auf dem Schindanger zu +liegen, denke ich mir auch nicht angenehm. Darum, liebe Burga, mache, +daß ich hier sicher wegkomme. Der Magister wird dir helfen. Er hats +versprochen, wenn ich die Wahrheit sagte; und die Wahrheit ist, daß ich +dieses Mädchen von der Finkenburg mitgenommen und ihr gewissermaßen das +Leben gerettet habe. Denn ohne mich wäre sie in den Flammen umgekommen!«</p> + +<p>Sie hatten alle still zugehört. Die Frau von Rantzau griff nach Burgas +Hand und drückte sie fest, während der Rittmeister den Kopf schüttelte.</p> + +<p>»Lieber Michel, du wirst sicher wahr reden, und ich freue mich, daß du +zu guterletzt die Wahrheit sprich'st und meine Mutter sehr erfreust. +Denn sie hat alle diese Jahre große Angst und Trauer um ihre Tochter +ausgestanden, und auch ich bin froh, eine liebe Schwester zu haben. +Aber hängen wirst du doch, lieber Michel. Dieweil wir hier<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> nichts in +Hamburg zu befehlen haben und die Hamburger dich nun einmal gefangen +nahmen. Also bereite dich auf dein Ende vor und freue dich, daß wir +alle deiner im Gebet gedenken werden. Ich will dem Henker sagen lassen, +daß er es kurz mache!«</p> + +<p>Michel begann laut zu heulen; da faßte Burga ihn am Arm.</p> + +<p>»Schäm dich, Michel, wer wird denn gleich weinen? Hast doch oft genug +dem Tod in die Augen geschaut und weißt, daß das Sterben einmal +kommen muß. Aber ich möchte auch gern, daß du am Leben bliebest, und +darum will ich meine liebe Frau Mutter bitten, mit mir zum Herrn +Bürgermeister zu gehen und ihn um Gnade für diesen Mann zu bitten. Er +wird sie schon gewähren, wenn eine Edelfrau ihn bittet.«</p> + +<p>Mit flehenden Augen sah Burga ihrer Mutter ins Gesicht, aber ehe diese +antworten konnte, trat der Junker dazwischen.</p> + +<p>»Ich wünsche nicht, daß der Mann lebe!« sagte er hart. »Er hat die Burg +meiner Väter zerstören helfen, und wir sind durch ihn arm geworden. Wer +solche Missetat auf sich ladet, der muß sterben!«</p> + +<p>»Verdient hat er die Strafe, Herr!« entgegnete Burga. »Aber wollt Ihr +nicht bedenken, daß der Alte wohl kaum bedacht hat, was alles durch +seine Untat kommen würde! Und haben wir nicht alle Sünden auf dem +Gewissen und hoffen auf die Barmherzigkeit Gottes? Wenn niemand<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> mit +mir zum Bürgermeister gehen will, so werde ich's allein tun. Und wenn +meine Frau Mutter und mein Herr Bruder mir darob zürnen, so will ich +mich ihnen als Tochter und Schwester nicht aufdrängen. So bleibe ich in +Hamburg, und Herr Hanekamp wird mir sein Haus nicht verschließen.«</p> + +<p>Michel hatte bis jetzt leise vor sich hingewimmert. Aber, wie Burga +sprach, hörte er still zu wie alle andern und schlug sich jetzt aufs +Knie, daß seine Ketten klirrten.</p> + +<p>»Burga, du gefällst mir!« rief er. »So wie du redet ein rechtes +Lagerkind! Das ist vor nichts bange, und ich will auch nicht mehr +bange sein! Hängt mich meinetwegen, ihr vornehmen Leute, die ihr nicht +wißt, wie einem armen Schelm zumute ist! Der liebe Herrgott wird mich +vielleicht einmal später aus der Hölle nehmen!«</p> + +<p>Aber der Rittmeister Rantzau hatte schon ein rotes Gesicht bekommen, +als Burga redete. Nun hob er die Schultern und wandte sich an den +Magister, der von neuem lächelte.</p> + +<p>»Ihr habt mir gesagt, daß Walburga Eure Schülerin war und noch ist. +Meiner Treue, sie hat das Reden gelernt, und sie spricht nicht ganz +übel. Daran erkenne ich auch, daß sie eine Rantzau ist; weil diese +Edelleute ihre Worte zu setzen vermögen. Meinetwegen also mag der +Michel laufen! Aber ich will nicht für ihn zum Bürgermeister gehen, das +mögen die Frauen besorgen!«</p> + +<p>Dann ging er auf Burga zu, und gab ihr die Hand.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span></p> + +<p>»Da du nun einmal ein Lagerkind gewesen bist, muß ich wohl mit deiner +Art Geduld haben, und ich hoffe, daß wir uns immer gut vertragen +werden! Aber ich hoffe, daß du auch dessen eingedenk bist, nun ein +Edelfräulein zu sein, und dich nicht allzuviel mit Spitzbuben und +ähnlichem Gelichter einlässest! Denn wir haben jetzt Frieden im Land, +und wer ruhig leben will, der muß gegen die Bosheit kämpfen!«</p> + +<p>Er machte eine kurze Verbeugung und ging sporenklirrend davon, während +Frau Rantzau Burga an sich zog.</p> + +<p>»Ich danke Gott, daß wir uns fanden!« sagte sie. »Und du hast recht, +daß es besser ist, barmherzig zu sein als allzu streng. Ich werde mit +dir zum Bürgermeister gehen und für das Leben Michels bitten!«</p> + +<p>So geschah es denn auch, und daß am nächsten Tage der rote Michel +in den Reihen der Räuber fehlte, die zum Galgen geführt wurden, +merkte niemand von den Hamburgern, die eifrig das grausige Schauspiel +betrachteten, das meiste nicht sehen konnten und sich gegenseitig +drängten und schlugen, so daß wohl ein Dutzend Neugierige totgedrückt +wurden. Von diesen war nachher mehr die Rede, als von den Verbrechern, +und jeder, der nicht auf der Straße gewesen war, freute sich und sagte: +»Das kommt davon, wenn man so neugierig ist!«</p> + +<p>So sprach auch Herr Hanekamp, der übrigens sehr übler Laune war und +heimlich mit Timotheus lange schalt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span></p> + +<p>»Magister, was wolltet Ihr die Rantzaus benachrichtigen und auf das +Gerede des verflixten roten Michels hören! Wäre es nicht gescheiter +gewesen, die Burga hier zu lassen? Sie hätte einen guten Mann gekriegt, +und ich würde ihr eine ordentliche Aussteuer gegeben haben. Jetzt zieht +sie mit ihrer Mutter, die nicht viel haben soll, und wer weiß, ob sie +glücklich wird? Und dann dieser Michel! Wenn ich der Bürgermeister +gewesen wäre, würde ich ihn nicht begnadigt und außerdem noch frei +gelassen haben, obgleich es wiederum nicht nötig ist, daß unsre gute +Stadt alle fremden Missetäter in Kost und Wohnung behält! Aber ich bin +unzufrieden mit Euch, Magister, und es tut mir leid, Euch den Platz als +Gefängnisprädikant besorgt zu haben!«</p> + +<p>Timotheus lächelte ein wenig.</p> + +<p>»Lieber Herr Hanekamp, glaubt ihr denn, daß es mir gleichfalls leicht +fällt, von Burga zu scheiden? Aber wir müssen doch ihrer Mutter +gedenken, die sich so lange nach der Tochter sehnte! Viele Jahre ist +sie ohne sie gegangen, nun gebührt ihr doch ein Teil der Liebe, die sie +so viele Jahre entbehren mußte!«</p> + +<p>Aber auch für Burga war es keine Kleinigkeit, plötzlich von allem +Abschied nehmen müssen, das ihr wert und lieb geworden war. Frau Jutta +weinte bitterlich, als sie das Mädchen, das sie wie ihre Tochter +liebte, von sich geben sollte, und selbst Konrad, der sich etwas darauf +einbildete, ein forscher junger Mann geworden zu sein,<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> selbst dieser +ärgerte sich über den holsteinischen Junker, der ihm seine Schwester +wegnahm. Er dachte sogar ernsthaft darüber nach, ob er Walburga nicht +heiraten sollte; damit sie immer bei den Hanekamps und in Hamburg +bliebe, aber Frau Jutta redete ihm diesen Gedanken aus. Zum Heiraten +war er noch zu jung, und die Rantzaus würden auch nicht gestatten, daß +eine ihres Namens einen Hamburger Kaufmann heirate.</p> + +<p>So mußte denn Abschied genommen werden, und zwar auf lange Zeit. Denn +der Rittmeister Rantzau hatte Befehl erhalten, mit seinen Dragonern +nach dem nördlichen Schleswig zu reiten, und er freute sich nicht wenig +darüber. Lag doch sein Stammschloß, die Finkenburg, ganz im Norden des +Landes, mitten auf dem Heidrücken und umgeben von dichten Waldungen. +Nach dem Brande und der Zerstörung der Burg war er nur einmal wieder +dort gewesen, und damals hatte es sich nicht gelohnt, an einen Aufbau +und daran zu denken, die öde liegenden Felder wieder zu bestellen. +Denn der Feind war immer noch im Land und konnte mit leichter Mühe +alles zerstören, was mühsam geschaffen war. Nun aber war Friede, und es +konnte daran gedacht werden, wieder in die alte Heimat zu ziehen.</p> + +<p>So also fuhr Walburga mit ihrer neuen Mutter und dem neuen Bruder +nordwärts. In einer schweren alten Kalesche, die von vier Pferden +gezogen wurde und doch nur mühsam durch die schlechten Wege weiter kam. +Eine<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> Abteilung Dragoner ritt vor, eine andre hinter dem Wagen, denn +die Wege in Holstein waren noch immer unsicher, und man mußte sich +vorsehen, daß nicht irgendwo aus dem Hinterhalt Räuber hervorbrachen, +die alle Habe nahmen und das Leben dazu. Die Bauern, durch deren Dörfer +der Weg ging, wußten davon zu berichten, wie die Wegelagerer hausten, +und sie freuten sich auch nicht, wenn sie die dänischen Dragoner sahen; +versteckten Hühner und Schweine und meistens auch sich selbst, bis der +Rittmeister ihnen versicherte, daß seine Soldaten weder plündern, noch +sonst irgend etwas Böses tun wollten.</p> + +<p>Der Rittmeister Rantzau war wohl ein wenig herrisch, aber doch ein +braver Mann, der gut gegen seine Mutter war und freundlich gegen seine +Schwester, obwohl er sie noch manchmal kopfschüttelnd betrachtete.</p> + +<p>»Es ist ganz merkwürdig, mit einmal wieder eine Schwester zu haben!« +meinte er wohl. »Weiß garnicht, wie ich mich zu dir stellen soll, +Walburga!«</p> + +<p>Seine Mutter aber legte ihm die Hand auf den Arm.</p> + +<p>»Denk darüber nicht nach, Kord! Freu dich, daß sie wieder da ist!« +Liebevoll strich sie über das Haar ihrer Tochter, und diese küßte ihr +die Hand. Noch immer wars ihr wie ein Traum, nun endlich eine echte +Heimat gefunden zu haben, und diese Heimat lag fremd und unbekannt vor +ihr; manchmal kam es wie eine Furcht über das ehemalige Lagerkind, ob +sie auch glücklich werden würde in<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> den neuen Verhältnissen. Aber dann +dachte sie an den Magister Timotheus, dem sie ihre Zweifel gesagt hatte.</p> + +<p>»Burga,« hatte er gesagt, »es kommt nicht darauf an, ob man glücklich +wird; man muß aber versuchen, glücklich zu machen!«</p> + +<p>Aber einer war ganz glücklich. Das war Wolf, der neben dem Wagen +herlief und wieder jung wurde. In dem behäbigen Hamburg war auch er +behäbig geworden. Das Umherstreifen in Feld und Flur hatte ihm gefehlt; +gesittet in den Straßen zu wandern, war nicht nach seinem Geschmack +gewesen: daher lag er lieber hinter dem Ofen, oder in der Sonne und +wurde fett. Nun aber lief er sich das Fett wieder von den Knochen, +jagte bellend hinter den Krähen her, die auf der Landstraße saßen, +oder machte einer wilden Katze den Garaus. Er war zahm geworden; hier +im Freien wurde er wieder wild, zeigte jedem, der ihm zu nahe treten +wollte, die Zähne und hörte nur auf Burga.</p> + +<p>Der Rittmeister war damit zufrieden.</p> + +<p>»Wenn ihr erst oben in Nordschleswig seid, dann müßt ihr solchen +Schutz haben!« sagte er. »Da kommen im Winter Wölfe und im Sommer die +Wegelagerer, also müßt ihr euch wehren können. Kannst du schießen, +Schwester?«</p> + +<p>Sie lachte.</p> + +<p>»Das hab ich verlernt, Herr Bruder. Dazumal, als ich noch ein Lagerkind +war, hab ich wohl mit dem Feuerrohr<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> umgehen können, aber in Hamburg +hätte sich für eine ehrsame Jungfrau nicht geschickt, mit Waffen zu +hantieren. Herr Hanekamp würde wohl recht böse geworden sein!«</p> + +<p>»So also werde ich dir zeigen, mit dem Pistol umzugehen!« erwiderte +der Rittmeister ernsthaft, und Walburga freute sich nicht wenig. +Denn ihr erging es wie ihrem Wolf. Wohl war der Wagen hart und stieß +mächtig auf den schlechten Wegen, aber die linde Luft, die sie umgab, +der Geruch der Felder, der Anblick der Wälder beglückten sie. Die enge +Stadt war nichts für sie gewesen; sie merkte es, je länger die Fahrt +dauerte. Schlecht waren die Quartiere in elenden Wirtshäusern, und +außer Milch und Eiern konnte man fast nichts genießen; aber herrlich +war es, morgens früh in die frische Natur zu fahren. Wenn die Sonne +eben aufgegangen war und die Felder vom Tau noch dampften. Wenn die +Pferde mutig ihre Reiter weiter trugen, während diese ein Soldatenlied +anstimmten und vom Krieg und Tod zu singen begannen, als wäre beides +das Beste auf der Welt. Dann summte Walburga das Lied leise mit, und +als ihr neuer Bruder ihr ein Pferd brachte, das an einen Damensattel +gewöhnt war, da schwang sie sich auf den Gaul, als habe sie im Leben +nichts andres getan, als mit den Dragonern zu reiten.</p> + +<p>Aber sie vergaß nicht die zarte Frau, die ihrer Pflege und Liebe +bedurfte. Frau von Rantzau war seit dem Brande<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> ihrer Burg und unter +den nachher ausgestandnen Leiden nie wieder recht gesund geworden. Sie +hielt sich zwar tapfer und klagte selten, aber sie konnte nicht mehr +viel vertragen und sah es als eine besonders gnädige Fügung an, daß +ihr die Tochter grade jetzt wieder gegeben wurde, wo sie ihrer so sehr +bedurfte. Aber sie verhehlte ihr auch nicht, daß sie keinem leichten +Leben entgegen ginge.</p> + +<p>»So sanft wie in der reichen Stadt wird dich das Leben nicht anfassen, +Burga!« sagte sie oft. »Der Wind oben im Norden ist grade so rauh wie +die Luft und die Menschen. Wer weiß, ob du es ertragen kannst!«</p> + +<p>Aber Burga lachte unbekümmert.</p> + +<p>»Frau Mutter, ich bin ja ein Lagerkind! In Hamburg hatte ich's gerade +vergessen; da war es gut, daß Ihr kamet und ich wußte, wohin ich +eigentlich gehöre!«</p> + +<p>Mühsam und lang war die Reise. Oft mußte unterwegs gerastet werden. +Dann hatte der Rittmeister in Kiel zu tun, und einige Tage wurde auch +in der Stadt Schleswig verweilt. In Kiel betrachtete Burga die Ostsee, +die grade ihr blauestes Kleid übergeworfen hatte und dazu lächelte, als +gäbe es für sie keinen Sturm und keine haushohen Wellen.</p> + +<p>»Ist dies Wasser immer so brav?« fragte sie ihren Bruder, der zu lachen +begann.</p> + +<p>»Komm einmal wieder, wenn der Ostwind heult, wenn er das wilde +Wasser weit bis in die Straßen jagt. Wenn die Wellen die Schiffe wie +Nußschalen umwerfen und ihre<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> Mannschaften ertrinken lassen. Dann wirst +du nicht fragen, ob die Ostsee immer so brav ist!«</p> + +<p>Nachdenklich betrachtete Burga das lächelnde Wasser, die grünen +Buchenwälder an seinem Ufer.</p> + +<p>»Ich dachte nicht, daß die Welt so schön wäre!« sagte sie dann.</p> + +<p>Ihr Bruder sah sie scharf an.</p> + +<p>»Möchtest du hier bleiben? Ich könnte der Frau Mutter hier ein Häuschen +kaufen, und ihr könntet in Frieden wohnen.«</p> + +<p>»Und die Finkenburg?«</p> + +<p>Kord Rantzau hob die Schultern.</p> + +<p>»Sie würde alsdann das bleiben, was sie ist, ein Haufen Trümmer und +viel ödes Land!«</p> + +<p>Da schüttelte Burga den Kopf.</p> + +<p>»Ich will Arbeit haben und nicht immer in der Stube hinter dem +Spinnrocken sitzen!«</p> + +<p>Der Bruder sagte hierauf nicht viel, aber nachher, als er einmal mit +seiner Mutter allein war, erzählte er ihr diese Unterhaltung.</p> + +<p>»Manchmal hab ich wohl gedacht, es wäre Teufelsspuk und Burga gehörte +nicht zu uns; aber nun weiß ich, daß sie unser Blut in den Adern hat!«</p> + +<p>»Das habe ich lange gewußt!« erwiderte die Mutter.</p> + +<p>In der Stadt Schleswig gabs allerlei für den Rittmeister und seine +Leute zu tun. Auch Frau von Rantzau besuchte einige Verwandte, und +Burga mußte sie begleiten, Ihr war etwas übel zumute, als sie vor +einige alte<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> Damen geführt wurde, die sie aufmerksam betrachteten und +endlich erklärten, daß sie diesem oder jenem Vetter ähnlich sähe. Denn +die adligen Familien in Schleswig-Holstein waren alle miteinander +versippt und verschwägert, und so mußten sie auch einander ähnlich +sehen. Walburga antwortete freimütig auf alle Fragen, geduldig zeigte +sie immer wieder den eingeritzten Namen auf ihrem Arm, und obgleich +eine sehr alte Base kopfschüttelnd erklärte, an so etwas würde sie +nicht glauben, und es könnte wohl sein, daß diese Walburga Rantzau eine +Betrügerin wäre, so meinten die andern, sie wollten nicht zweifeln. +Denn hatte man nicht mehr als ein Beispiel, daß verschleppte Kinder +später nur an solchem Zeichen erkannt waren? Und, ach, wie viele andre +waren verschwunden und nie wiedergekommen! Es war noch immer eine böse +Zeit, und jedermann mußte sich mit Frau von Rantzau freuen, die viele +Jahre keine Tochter gehabt hatte und nun, wo sie alt wurde, sie wieder +geschenkt erhielt. Wie Frau von Rantzau dann erzählte, wie gern die +Hanekamps Walburga in Hamburg behalten hätten und wie sie es dort viel +besser gehabt, als sie es bei ihr haben würde, da wurden alle noch viel +freundlicher. Denn soviel wußten alle, daß es für den, der den Frieden +und das Wohlleben liebte, besser war, in Hamburg zu bleiben, als auf +die nordschleswigsche Heide zu reiten und nichts zu haben als Arbeit.</p> + +<p>In diesen Tagen wurde Walburga das, was sie von Haus aus war, nämlich +ein Edelfräulein mit stolzer<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> Haltung und mit vornehmer Art, den Kopf +in den Nacken zu werfen. Grade so, wie sie es an den Verwandten sah. +Und nicht deshalb, weil sie sich besser dünkte als ehemals, sondern, +weil es in ihr lag. Wenn sie aber allein war oder bei der Mutter saß, +dann nannte sie sich selbst ein Lagerkind und freute sich, es einstmals +gewesen zu sein.</p><br> + +<figure class="figcenter illowe9" id="illu-149"> + <img class="w100" src="images/illu-149.jpg" alt="deko"> +</figure> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span></p> + +<figure class="figcenter illowe17" id="illu-150"> + <img class="w100" src="images/illu-150.jpg" alt="deko"> +</figure> + +</div> + +<p class="p2">Der König von Dänemark war in der Stadt Flensburg und sandte Botschaft +an den Rittmeister Rantzau, ihm seine Dragoner vorzuführen. Kord +Rantzau war nicht sehr zufrieden. Denn er hatte gehofft, Mutter und +Schwester mit seinem Fähnlein erst nach der Finkenburg bringen zu +dürfen. Aber dem königlichen Gebot mußte gehorcht werden, und so bat er +seine Mutter, mit Walburga in Schleswig zu bleiben, bis er sie selbst +mit einigen Reitern geleiten konnte. Aber Frau von Rantzau sehnte sich +nach der alten Heimat.</p> + +<p>»Immer habe ich gehofft, die Burg wieder zu sehen, und es sind +vielleicht noch einige Leute da, die mich kennen und mir gut dienen +werden. Laß mich hingehen; auch Walburga sehnt sich, und wir können mit +einigen Frachtwagen reisen, die nach Jütland fahren. Ich weiß, daß Herr +Josias Petersen in diesen Tagen gen Norden reisen läßt!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span></p> + +<p>So also besuchte der Rittmeister den Herrn Kaufmann Josias Petersen, +der von Schleswig aus einen großen Handel mit fremden Waren nach dem +dänischen Reiche betrieb. Er hatte wohl zehn mächtige Frachtwagen, die +immer auf der Landstraße unterwegs waren, viele Pferde und einen Troß +von Fuhrknechten. Als der Rittmeister in sein Kontor trat, begrüßte er +ihn freundlich.</p> + +<p>»Gewiß, werter Herr!« entgegnete er auf des Junkers Frage, »meine +Leute kennen das Reisen und haben schon manche Fährlichkeit bestanden. +Sie werden es sich zur Ehre rechnen, Eure Frau Mutter und Jungfrau +Schwester zu geleiten. Wie in Abrahams Schoß werden sie sein, und +Geld will ich nicht dafür nehmen. Denn ich kenne doch die edle Frau +Rantzau und weiß, wie viel sie durchgemacht hat. Sie solls gut haben, +und mein Gesellschafter, der mit den Waren reist, wird sich bestreben, +die zwei Frauen samt ihrem Gepäck richtig dort abzuliefern, wo einst +die Finkenburg stand. Denn, edler Herr, ich glaube nicht, daß noch ein +Stein von ihr auf dem andern steht! Aber ich weiß, daß das Land um sie +her Euch noch gehört, und es ist verständig, die Hand wieder nach dem +Besitz auszustrecken, da es sonst von andern Liebhabern genommen werden +möchte!«</p> + +<p>»Wen meint Ihr mit dieser Andeutung?« fragte Kord, und Herr Petersen +strich an seinem feinen Tuchrock.</p> + +<p>»Die Troiburg ist nicht allzuweit von der Finkenburg!« erwiderte +er. »Dort sitzt ein Vetter von Euch.<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> Ein braver Mann gewiß; aber +heutzutage greift jedermann nach fremdem Gut!«</p> + +<p>Der Rittmeister erwiderte nicht viel, aber seine Miene wurde +sorgenvoll, worauf der Kaufherr ihn gutmütig betrachtete.</p> + +<p>»Es mag so arg nicht sein, edler Herr!« sagte er tröstend. »Ich wollte +nur sagen, daß es gut ist, wenn ein Besitzer nach dem Seinen sieht, +auch wenn es den Anschein hat, wertlos zu sein!«</p> + +<p>Noch einmal empfahl der Rittmeister Mutter und Schwester dem Kaufherrn, +dann ritt er am nächsten Morgen mit seinen Dragonern gen Flensburg. +Fröhlich klapperten die Hufe der Reiter durch die Straßen der Stadt, +und Burga stand am Fenster des kleinen Wirtshauses, um ihren Bruder +abreiten zu sehen. Er hatte ihr ganz besonders die Mutter ans Herz +gelegt, und sie erwiderte ihm, daß es dieser Ermahnung nicht bedürfe. +War seine Mutter nicht auch die ihre? Dann, wie die Reiter allmählich +verschwanden und sie sich allein mit der schwachen Frau wußte, wurde +ihr einsam und traurig ums Herz. Die Verwandten hier waren gewiß +freundlich gegen sie und wollten sie wohl als eine von den Ihren +anerkennen; aber keinen von ihnen hätte sie um ihre Hilfe bitten mögen.</p> + +<p>Wie sie noch so in Gedanken stand, fühlte sie Wolfs kalte Schnauze an +ihrer Hand. Sie hatte ihn in ihr Zimmer genommen, weil er ungebärdig +war und sich mit<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> keinem Tier, sei es Hund oder Katze, vertragen konnte.</p> + +<p>»Wolf, Wolf!«</p> + +<p>Walburga streichelte seinen struppigen Kopf.</p> + +<p>»Weißt du, daß wir wieder allein sind und daß wir gut für die Frau +Mutter sorgen müssen?«</p> + +<p>Wieder legte der Hund seinen Kopf an ihre Knie, begann zu winseln und +dann zu knurren. Es war jemand an der Tür, die vorsichtig offen gemacht +wurde.</p> + +<p>»Burga, nimm den Hund ans Halsband, sonst komme ich nicht herein!«</p> + +<p>»Michel!« Fest hielt die Jungfrau den Hund, der seine spitzen Zähne +zeigte. »Was willst du hier?«</p> + +<p>»Was ich will?« Der rote Michel schob sich vorsichtig ins Zimmer. »Du +liebe Zeit, das ist, mit Verlaub, eine dumme Frage! Ich will doch auch +nach der Finkenburg!«</p> + +<p>Er riß seine Kappe vom Kopf und machte einen ungeschickten Kratzfuß. +Sein struppiger Bart war gestutzt, er trug ein ordentliches Lederwams +und im Gürtel ein langes Messer.</p> + +<p>»Die Jungfrau wird mich gut gebrauchen können!« fuhr er fort, während +Burga vor Staunen nicht sprechen konnte. »Ich bin doch dort aus der +Gegend und kenne manches, was die Jungfrau nicht kennt. Und mit alten +Leuten verstehe ich auch umzugehen, so daß ich die Frau Mutter bewachen +kann, wenn die Jungfrau keine Zeit dazu hat.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span></p> + +<p>»Du bist ja selbst alt!« rief Walburg, unwillkürlich lachend, worauf +Michel eine beleidigte Miene aufsetzte.</p> + +<p>»Ganz genau weiß ich zwar nicht, wie lang ich schon auf dieser Erde +umherlaufe, aber viel mehr als fünfzig Jahre werdens nicht sein. Und +das ist für einen Kerl wie mich kein Alter, besonders, wenns gutes +Futter gibt. Die Jungfrau wird sehen, daß ich ihr in allen Stücken +helfen kann!«</p> + +<p>»Aber du warst ein Räuber und bist nur durch die Gnade des Hamburger +Bürgermeisters vorm Tode bewahrt geblieben!«</p> + +<p>»Redet doch nicht von alten Geschichten!« sagte Michel verdrießlich. +»Was gewesen ist, ist gewesen, daran braucht man nicht mehr zu denken! +Oder glaubt Ihr, daß vornehme Herren in diesen üblen Zeiten nicht auch +einmal ein wenig geräubert haben? Ich will wahrhaftig ein braver Mann +werden und habs dem Magister Timotheus in die Hand versprochen. Seht +doch, wie anständig ich aussehe! Den ganzen Anzug habe ich mir durch +meiner Hände Arbeit verdient, in Kiel und in Schleswig!«</p> + +<p>»Du bist in Kiel gewesen?«</p> + +<p>»Ganz sicher, edle Jungfrau! Bin Euren Spuren gefolgt und immer dort +gewesen, wo Ihr waret. Ich drängte mich nicht vor; erstmals wollte +ich einen ordentlichen Kittel haben, und dann bin ich auch ein wenig +bange vor dem Herrn Rittmeister. Der wollte ja durchaus, daß ich hängen +sollte, und da will ich ihm vorläufig<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> aus dem Wege gehen. Fragt aber +nur die Frau Mutter; sie wird schon Erbarmen mit mir haben und mich +mitnehmen nach der Finkenburg!«</p> + +<p>In diesem Augenblick trat Frau von Rantzau ein, und obgleich sie zuerst +sehr erstaunt über Michels Erscheinen war, so erklärte sie nach einigem +Nachdenken, daß sie nichts gegen seine Begleitung habe. Hierüber wurde +Michel so gerührt, daß er nach ihrer Hand griff, um sie zu küssen.</p> + +<p>»Ich will ein treuer Diener werden, edle Frau!« rief er. »Wahrlich, +wenn der rote Michel etwas verspricht, dann hält er sein Wort! Ich +habe doch damals die Burga aus dem brennenden Schloß getragen und +dafür gesorgt, daß sie in gute Hände kam. Lesen und Schreiben hat sie +gelernt, und ich will sie jetzt auch mit Ehrerbietung behandeln, wie es +ihr zukommt!«</p> + +<p>Michel ging jetzt, um sich dem Kaufherrn als Begleiter anzubieten, +die zwei Frauen freuten sich eigentlich, den roten Freund wieder zu +haben. Besonders Walburga, und ihre Mutter wußte auch, daß man es in +diesen Zeiten nicht allzu genau mit dem nehmen durfte, was die Männer +einstmals getan hatten. Wenn sie nur nachher treue Dienste leisteten, +mußte man zufrieden sein.</p> + +<p>Zwei Tage später ging der Kaufmannszug aus den Toren der Stadt. Frau +von Rantzau und ihre Tochter saßen wieder in ihrer Kalesche, die ein +Knecht lenkte, und Wolf mußte sich gefallen lassen, an einem langen +Riemen von Michel geführt zu werden. Er knurrte und war verdrießlich,<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> +aber Burga flüsterte mit ihm und versprach ihm die goldne Freiheit, +wenn er erst auf der Finkenburg wäre. Und wieder war es, als ob das +Tier ihre Worte verstünde. Er gab sich zufrieden und ließ sich geduldig +von Michel führen. Es war kein sicheres Land, durch das jetzt die Reise +ging. Hügelige Heide und Moorstrecken wechselten mit weiten Wäldern +ab; die Ortschaften lagen verstreut; die Landstraßen waren schlecht, +und zur Winterszeit kamen die Wölfe und überfielen die Wanderer. Jetzt +aber war Sommer, die Heide begann zu blühen, und auf dem Moor liefen +die Wasservögel mit ihrer jungen Brut. Manchmal rannte ein Hase über +den Weg und einmal sogar ein Hirsch. Da war es besser, den Hund nicht +frei laufen zu lassen, da er im Jagdeifer in den Wassertümpeln des +Moores hätte versinken können. Oder der Wolf tauchte aus dem Dickicht +auf und sprang ihm an die Kehle. Denn vor kurzem war trotz des Sommers +ein ausgewachsener Wolf von einigen Bauern im Netz eingefangen worden. +So berichtete der Gesellschafter des Herrn Petersen, der zu Pferde die +Reihe von Wagen begleitete, überall seine Augen hatte und gelegentlich +einige höfliche Worte an die zwei Frauen in ihrem Wagen richtete. Er +hieß Jens Nielsen und stammte aus Jütland. Aber er sprach das Deutsch +geläufig und wußte gut mit den Fuhrknechten und den Soldaten umzugehen. +Denn auch einige Soldaten hatte man mitgenommen. Langsam nur kam der +Zug vorwärts. Hin und wieder versank ein Wagenrad<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> im Moor, oder der +Sand auf den Heidewegen war so hoch, daß die Pferde kaum vorwärts +kommen konnten. Burga, die gemeint hatte, in zwei oder drei Tagen auf +der Finkenburg zu sein, mußte Geduld lernen. Eine Woche konnte es +noch dauern, ehe der Zug nach dem Dorf Lügumkloster kam. Von dort war +es dann nur eine Tagesreise nach der Finkenburg. So berichtete ihr +Herr Nielsen, mit dem sie manchmal wanderte, wenn sie nicht mehr in +dem schaukelnden Wagen sitzen mochte. Es war herrlich, die Heideluft +einzuatmen, die Vögel fliegen zu sehen, sich einen Busch Heidekraut +zu pflücken oder die kleinen Moorenten zu beobachten, die auf den +Wassertümpeln schifften.</p> + +<p>Dann tat es ihr nicht leid, so langsam zu reisen, und Michel tröstete +sie am Ende des dritten Reisetages.</p> + +<p>»Wir kommen noch früh genug nach der Finkenburg!« versicherte er. +»Glaubt mir, Jungfrau, nun habt Ihr große Ungeduld, in die alte Heimat +zu kommen, wenn Ihr aber einmal dort seid, werdet Ihr Euch vielleicht +wünschen, bald wieder wegzureisen. Das aber wird nicht schnell gehen. +Noch manchmal werdet Ihr nach Hamburg zurück denken und vielleicht auch +an den Hanekamphof. An dem war ja eigentlich nicht allzuviel, aber +besser als die Finkenburg wird er schon gewesen sein!«</p> + +<p>Es war ziemlich spät am Abend, als die Wagen vor einer kleinen Herberge +rasteten, die hart am Rande des Waldes lag. Am Tage wars heiß gewesen, +und auf dem<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> sandigen Wege kein Schatten. Da waren die Pferde müde +geworden und hatten die schweren Wagen kaum noch ziehen können. Jetzt +stand ein Gewitter am Himmel, und Herr Nielsen freute sich, in dieser +kleinen Herberge ein Unterkommen gefunden zu haben. Schlecht genug war +es; die Wirte waren finstre Leute, die einmal übers andre erklärten, +weder Milch noch Bier für die Reisenden zu haben. Mürrisch schafften +sie endlich ein Faß saures Bier zur Stelle und brachten für Frau von +Rantzau einen Becher mit Milch. Aber sie versicherten, keinen Raum +zum Schlafen für die zwei Frauen zu haben, sie müßten in ihrem Wagen +bleiben. Wolf winselte und knurrte zugleich, als er mit Michel vor +dem düstern Hause stand, und sein Führer sah sich mit scharfen Augen +um. Dann drückte er Burga den Lederriemen des Hundes in die Hand und +ging, ohne ein Wort zu sagen, in den wilden Krautgarten, der hinter dem +Hause lag. Als er zurückkehrte, ging er auf Herrn Nielsen zu und sprach +eifrig auf ihn ein. Dieser aber lächelte nur und zuckte die Achseln.</p> + +<p>Michel kehrte zu Walburga zurück.</p> + +<p>»Der junge Herr will mir nicht glauben, aber ich spüre was +Verdächtiges, und Wolf ergeht es grade so.«</p> + +<p>»Sind Räuber in der Nähe?« fragte Walburg, und Michel nickte.</p> + +<p>»So wirds wohl sein, und wenn ich die Jungfrau wäre und eine Mutter +hätte, würde ich was andres tun,<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> als die Nacht hindurch vor dem Haus +im Wagen zu bleiben!«</p> + +<p>Walburga sah sich um. Die Soldaten saßen im Schenkzimmer um das Faß +Bier, und die Fuhrknechte hockten neben ihnen. Die Pferde waren +abgesträngt, und man hatte einige Eimer mit Wasser so gestellt, daß +die meisten trinken konnten. Auch die Pferde vor dem Wagen der zwei +Frauen standen mit hängenden Köpfen, und Michel schleppte ihnen einen +Eimer mit Wasser hin, den sie gierig austranken. Der Fuhrknecht, der +als Kutscher diente, war nirgends zu sehen. Erschöpft lehnte Frau von +Rantzau in den Kissen. Sie hatte ihre Milch getrunken und nun die Augen +geschlossen. Die Fahrt begann, für sie sehr mühselig zu werden. Michel +sagte nicht viel; aber, nachdem die Pferde getrunken hatten, strängte +er sie von neuem an, kletterte auf den Bock, machte Walburg ein Zeichen +einzusteigen und fuhr mit dem Wagen in ein Dickicht, das etwa eine +Viertelmeile von der unheimlichen Herberge lag. Hier war es feucht und +schattig, dichtes grünes Gras bedeckte den Boden. Michel sprang vom +Wagen, riß einige Büschel von dem Gras ab und gab sie den Pferden.</p> + +<p>»Hier muß der Wagen bleiben!« sagte er leise zu Burga. »Nehmt Euer +Pistol in die Hand und den Wolf mit in den Wagen. Er darf keinen Lärm +machen, damit Ihr nicht gefunden werdet!«</p> + +<p>»Meinst du, daß die Räuber kommen werden?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span></p> + +<p>Michel lachte über diese Frage, aber dann wurde er wieder ernst.</p> + +<p>»Man sollte meinen, daß Ihr niemals ein Lagerkind gewesen wäret, Burga! +Hättet Ihr in der Herberge die Augen offen gehalten, dann würdet Ihr +mich nicht fragen. Doch verliert nur nicht den Mut; einmal nur kann man +sterben, Ihr habt es mir selbst gesagt!«</p> + +<p>Er war gegangen, Burga faßte ihr Pistol und zog Wolf zu sich in den +Wagen. Der wollte zuerst nicht, spitzte die Ohren und murrte leise; +aber sie hielt ihm das Maul zu und flüsterte mit ihm. Da drückte er +den Kopf gegen ihre Brust und lag regungslos. Die Nacht kam früher +als sonst in diesem nordischen Lande mit den langen Sommerabenden. +Schwarze Wolken türmten sich zusammen, und der Donner grollte. Frau von +Rantzau fuhr aus unruhigem Schlummer auf, aber Walburg sagte einige +beruhigende Worte; da legte sie sich wieder zurück und begann von neuem +zu schlafen. Dann rauschte der Regen, dazwischen fiel Hagel, und die +Blitze zuckten. Wolf fuhr in die Höhe und wollte heulen: aber er durfte +nicht und mußte sich beruhigen.</p> + +<p>Wie lang war die Nacht, und wie rauschte der Regen! War Walburg wieder +ein Lagerkind geworden, mußte im Freien nächtigen und hatte keine +Heimat? Halb im Traum sah sie sich in der Hütte, unter der in der +kalten Nacht die Wölfe heulten, sah sich im Boot auf der Elbe und dann +später in dem behaglichen Kaufmannshaus.<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> Da brauchte man nicht im +Freien zu schlafen und ängstlich auf ein Geräusch zu warten, das von +Raub und Überfall sprach. — —</p> + +<p>Ein Schuß knallte in der Ferne, dann mehrere. Ein Geschrei erhob +sich, dazwischen Waffengeklirr, Fluchen und eine laute Stimme, die +alles übertönte. Es regnete nicht mehr, der Tag brach an, und ein +roter Sonnenstrahl glitt über die nassen Zweige. Burga saß aufrecht, +die Waffe in der Hand, eine tiefe Falte zwischen den Augen. Wenn es +ans Sterben ging, dann wollte sie ihr Leben teuer verkaufen. Da rief +Michels Stimme nach Wolf, und der Hund, der schon an allen Gliedern +gezittert hatte, riß sich los und sprang aus der nur angelehnten Tür. +Er bellte, ihm antwortete ein wilder Schrei, dann klirrten wieder die +Waffen, und viele Stimmen sprachen durcheinander.</p> + +<p>Frau von Rantzau fuhr angstvoll in die Höhe, und Burga hielt es nicht +mehr in ihrem Versteck. Sie stand mitten im Dickicht und wäre am +liebsten ihrem Hunde nachgeeilt, aber sie sah ein, daß sie ihre Mutter +nicht verlassen durfte. Da erschien schon Michel. Sein Gesicht blutete, +aber er lachte zufrieden.</p> + +<p>»Braucht Euer Pistol nicht mehr, Burga, wir haben den großen Räuber +gefangen, und Wolf bewacht ihn. Denn er soll nicht im ehrlichen Kampf +sterben, sondern durch den Strick! Und der Junker Buchwald von der +Troiburg ist auch dabei. Da lief hier gestern so ein kleiner<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> Junge +umher, den die Räuber als Kundschafter gebrauchten. Aber sie hatten ihn +aus Tondern gestohlen und ihn immer geschlagen. Nun war er böse auf +sie, und wie er merkte, daß ich es gut mit ihm meinte, verriet er mir, +daß der Ritter von der Troiburg hinter den Räubern her wäre und daß er +ihn und seine Knechte wohl finden könnte. Also habe ich ihn geschickt, +und der Junker ist grade zur rechten Zeit gekommen!«</p> + +<p>Während er noch sprach, trat ein großer Mann im einfachen Lederkoller +vor Walburga und lüftete seine Kappe.</p> + +<p>»Edle Jungfrau, ich habe schon von Euch gehört, und Eure Frau Mutter +ist die Base meiner alten Mutter. So sind wir miteinander verwandt!«</p> + +<p>Das war der Ritter Detlev Buchwald von der Troiburg, der nun auch die +Frau von Rantzau begrüßte und übers ganze Gesicht lachte. Denn er hatte +einen sehr guten Fang in dieser Nacht gemacht. Schon seit langer Zeit +kam eine Räuberbande von Jütland her nach Nordschleswig, plünderte +einsame Gehöfte und überfiel die Reisenden. In Moor und Wald konnte sie +sich gut verstecken, und es war fast unmöglich, ihr beizukommen. Ihr +Anführer Klas Lembeck war ein kluger Mann und sollte ehedem Offizier +bei den Wallensteinern gewesen sein. Nun lag er gefesselt auf der Erde, +und Wolf bewachte ihn. Michel zeigte ihn voll Stolz.</p> + +<figure class="figcenter illowp55" id="illu-163" style="max-width: 46.125em;"> + <img class="w100" src="images/illu-163.jpg" alt="bild"> +</figure> + +<p>»Allein konnte ich ihn nicht überwältigen, da rief ich<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> nach dem Hund, +und er kam auf meinen Ruf. Wohl, weil er merkte, daß er was Gutes tun +sollte!«</p> + +<p>Er streichelte den großen Kopf des Hundes; der aber rührte sich nicht, +sondern sah mit glühenden Augen auf den Gefangenen, der zornige Flüche +ausstieß.</p> + +<p>Vier Räuber waren getötet, eben so viele gefangen, und die andern waren +entflohen. Es stellte sich heraus, daß wohl ein halbes Dutzend von +ihnen in der Herberge verborgen gewesen war, als der Kaufmannszug kam. +Schon seit einigen Tagen wurde der Zug von Klas Lembeck verfolgt, und +hier erschien der geeignete Ort, einen Überfall zu unternehmen. Der +Kampf war heftig gewesen; Herr Jens Nielsen hatte einen Schlag über +den Kopf erhalten und einen Stich in den Arm, daß er recht kläglich +einherging. Aber Michel, der etwas von allem verstand, verband ihn +kunstgerecht und ließ es dabei nicht an Bemerkungen fehlen, daß der, +der nicht hören wollte, nun fühlen müßte.</p> + +<p>»Hab ich's Euch nicht schon gestern gesagt, werter Mann, daß es hier +nicht geheuer wäre, und daß Ihr gut tätet aufzupassen? Sagte ich nicht, +Ihr sollet einmal in den Garten gehen und Euch die vielen Fußspuren +betrachten? Sie liefen alle ins Haus und keine hinaus! Aber Ihr waret +so klug, daß Ihr mich auslachtet!«</p> + +<p>»Wir hatten ja doch die Soldaten!« murmelte Herr Nielsen, worauf Michel +ihm das Tuch um den Kopf noch fester band.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span></p> + +<p>»Werter Mann, in das saure Bier war doch Mohnsaft hineingeträufelt. +Ich schmeckte es gleich, als ich den Becher an die Lippen setzte, aber +die andern waren durstig und spürten nichts davon. Daher schliefen +sie nachher wie die Steine. Niemand hörte auf mich, weil ich nur ein +elender Knecht bin, aber auch einfache Knechte sind manchmal klüger als +feine Herren aus der Stadt!«</p> + +<p>Michel spreizte sich recht mit seinen Verdiensten, aber niemand verwies +ihm seine Eitelkeit. Hatte er doch wirklich die reichen Güter vor den +Räubern gerettet und die Menschenleben dazu. Denn Klas Lembeck war als +ein grausamer Mann bekannt, der seine Gefangenen allemal tötete und +keine Gnade kannte. Auch Burga, trotz ihrer Waffe und ihres Hundes, +hätte sich schwerlich vor ihm schützen können.</p> + +<p>Frau von Rantzau war die erste, die Michels Verdienst erkannte und ihm +die Hand reichte.</p> + +<p>»Du hast uns das Leben durch deine Treue gerettet, Michel!« Er machte +einen Kratzfuß, und wischte sich das blutunterlaufne Gesicht.</p> + +<p>»Die edle Frau braucht sich nicht zu bedanken, ich weiß, was ich ihr +schuldig bin. Aber ich meine selbst, daß es vom Herrn Bürgermeister von +Hamburg ein guter Gedanke war, mir das Leben zu schenken. Denn nun kann +ich doch versuchen, ein braver Kerl zu werden, bis ich auf natürliche +Art in die Grube fahre!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span></p> + +<p>»Du sollst immer bei uns bleiben und von deinen früheren Taten darf +nicht mehr geredet werden! Sie sind vergessen und vergeben!«</p> + +<p>Michel begann ein wenig zu schluchzen, aber er nahm sich gleich wieder +zusammen.</p> + +<p>»Ich danke Euch, edle Frau! Besser ist es ja, wenn die Leute hier sich +von dem alten Michel keine Geschichten erzählen können! Und wenn sie +nun von mir reden, so dürfen sie damit beginnen, daß ich geholfen habe, +den großen Räuber Klas Lembeck gefangen zu nehmen!«</p><br> + +<figure class="figcenter illowe9 " id="illu-166"> + <img class="w100" src="images/illu-166.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span></p> + + +<figure class="figcenter illowe17" id="illu-167"> + <img class="w100" src="images/illu-167.jpg" alt="deko"> +</figure> +</div> + +<p class="p2">Der Herr von Buchwald war, wie schon erwähnt, sehr guter Laune. Zum +ersten lief der Räuberhauptmann mit vier Kumpanen gebunden hinter +seinen Reisigen her, dann war ihm eine große Belohnung sicher, weil +er die Frachtwagen gerettet hatte, und endlich brachte er Frau von +Rantzau mit ihrer Tochter nach seiner eignen Burg. Denn er hatte ihnen +vorgestellt, daß sie vorläufig doch nicht auf der Finkenburg wohnen +könnten. Die ganze Burg lag in Trümmern, das Vieh war vertrieben, und +die Leibeigenen, die zu dem Besitz gehörten, waren davongelaufen. Also +war dies alles nichts für einzelne Frauen. Die Troiburg dagegen lag in +einer Niederung des Flusses Brederau und war so von Wasser umspült, daß +sie so gut wie uneinnehmbar war. Wenigstens hatten sowohl die Schweden +wie die Wallensteiner versucht, sie zu erobern, und beide Truppen waren +mit leeren Händen abgezogen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span></p> + +<p>Hier also wohnte der Junker Buchwald mit seiner alten Mutter und suchte +die Felder, die außerhalb der Burg lagen und oft verwüstet gewesen +waren, von neuem zu bestellen. Außerdem hatte er eine Anzahl Berittne, +mit denen er hinter den Räubern her war, die das Land unsicher machten. +Der König von Dänemark hatte ihm eine Belohnung versprochen, wenn er +dazu half, Nordschleswig von ihnen zu befreien. Nun wollte er die +Gefangnen in der Stadt Tondern abliefern, wo sie dann gerichtet werden +sollten.</p> + +<p>Eigentlich war er ein schweigsamer Mann; aber heute mußte er die zwei +Frauen unterhalten, ritt neben dem Wagen her und tat es mit vielem +Vergnügen.</p> + +<p>»Wie wird sich meine Frau Mutter freuen, einen so lieben Besuch zu +erhalten!« sagte er mehr als einmal. »Sie hat's gar einsam auf unsrer +Burg, und doch mag sie nicht in eine Stadt ziehen. Wer's gewohnt ist, +in freier Luft zu sein, die Vögel im Walde singen und im Winter das +Geheul der Wölfe zu hören, den zieht es nicht hinter die dicken Mauern +der Städte!«</p> + +<p>Da tat Walburg einen tiefen Atemzug und sah den Ritter freundlich an. +Er sprach ihr aus der Seele.</p> + +<p>Die Troiburg war ein finsterer alter Bau mit mächtigen Mauern und fast +ganz von Wasser umgeben. Eine Zugbrücke führte über einen breiten +Graben in den Burghof, in dem zwei große Hunde an der Kette lagen und +ihren Herrn mit lautem Geheul begrüßten. Sie waren<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> von Wolfs Art, und +er, den Michel wieder am Riemen führte, antwortete ihnen auf dieselbe +Weise. Grade, als freute er sich über die Verwandtschaft. Aber die zwei +andern zeigten ihre großen Zähne, und für heute wurde Wolf noch nicht +zu ihnen gelassen, sondern ging mit Frau von Rantzau und ihrer Tochter +in die große Halle, wo eine gebückte Frau ihnen entgegenkam. Herr von +Buchwald hatte einen Boten vorausgeschickt; da wußte seine Mutter, +welche Gäste sie erwarten durfte. Herzlich begrüßte sie die Verwandten, +und als Walburg am Abend in der Halle saß, in deren Riesenkamin, trotz +des Sommers, ein helles Feuer brannte, als sie die Wolfsfelle sah, die +auf der Erde lagen, und die Hirschgeweihe und Wildschweinsköpfe an den +Wänden, da kam es ihr vor, als ob das Lagerkind endlich einen Platz +gefunden hatte, von dem es nicht mehr vertrieben werden konnte.</p> + +<p>Es war gut sein auf der Troiburg. Zwar war hier ein hartes Leben, und +der Junker hatte fast mehr Arbeit, als er bewältigen konnte, aber wenn +er auch den ganzen Tag zu Pferde saß, um nach seinen Feldern zu sehen +oder seine Hörigen anzutreiben, daß sie für ihn arbeiteten, so hatte er +doch die feste Troiburg, zu der er immer wieder zurückkehren konnte, wo +seine Mutter ihn erwartete und wo es Speis und Trank für ihn und seine +Leute gab. Anders war es mit der Finkenburg. Bald nach ihrer Ankunft +fuhren Frau von Rantzau und ihre Tochter, begleitet von Michel und von +einigen Knechten, hin. Sie<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> fanden einen Steinhaufen. Die Bäume, die +einst im Burghof standen, waren gefällt; dichter Efeu wuchs in den +Mauerlöchern, und wo einst ein zierliches Gärtchen gewesen war, lagen +Berge von Mörtel und Kalk. Wer hier neu bauen wollte, der mußte viel +Geld daran wenden, und wer weiß? wenn alles wieder aufgebaut war, kam +ein neuer Krieg und zerstörte das eben Geschaffne.</p> + +<p>Traurig fuhren beide Frauen wieder zur Troiburg, wo die Buchwalds sie +liebevoll erwarteten und ihnen Mut einsprachen. Vielleicht konnte doch +noch ein Haus dort gebaut werden, wo die alte Burg gestanden hatte; die +Felder waren noch da, und allmählich würde man sie bestellen. Aber Frau +von Rantzau schüttelte den Kopf. Sie fühlte sich nicht gesund genug, um +eine so große Arbeit zu übernehmen; das mußte ihr Sohn tun, der jung +war und kräftig.</p> + +<p>»Und mir traut Ihr gar nichts zu?« fragte Walburga.</p> + +<p>Ehe die Mutter antworten konnte, stand der Ritter Buchwald auf.</p> + +<p>»Werte Jungfrau!« sagte er. »Ich meine, Ihr solltet Euch nicht mehr um +die Finkenburg bekümmern, da sie doch eigentlich nicht Euch, sondern +Eurem Bruder gehört. Mag der sehen, ob er sich mit dem Gemäuer noch +viel Mühe geben mag. Ihr aber solltet mit Eurer Frau Mutter auf der +Troiburg bleiben, da wir, meine Mutter und ich, eine Gesellschaft sehr +nötig haben. Und nicht allein Gesellschaft, sondern auch Hände, die da +arbeiten können. Denn wir<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> haben viel zu tun; aber wenig Menschen, die +die Arbeit anfassen. Rauh ist das Leben hier und wenig Vergnügen. Dafür +aber sitzen wir auf unsrer eignen Burg, und niemand hat uns was zu +sagen. Und wenn Ihr große Sehnsucht habt, dann könnt Ihr ja im Winter +einmal nach Schleswig auf ein Fest fahren. Ich will schon dafür sorgen, +daß Euch keine Räuber belästigen!«</p> + +<p>Er sprach ehrlich, und als seine Mutter die Bitte des Sohnes +wiederholte, da versprachen beide Frauen, vorläufig auf der Burg zu +bleiben, und Walburga ließ sich geloben, daß sie Arbeit zugewiesen +erhalten sollte. Diese blieb nicht aus. In Küche und Keller, in den +Flachskammern wie im Garten war übergenug zu arbeiten, und manchmal kam +es der Jungfrau vor, daß sie noch nie so müde auf ihr Lager gesunken +wäre, wie auf der Troiburg. Aber jeden Morgen erwachte sie frohen +Herzens und wußte, daß sie nicht allein für sich, sondern für andre +lebte.</p> + +<p>So kam es fast von selbst, daß, als Herr von Buchwald fragte, ob sie +ihn heiraten wollte, sie ihre Hand in die seine legte.</p> + +<p>»Ich bin zwar ein Lagerkind gewesen!« sagte sie zögernd, worauf er ihr +treuherzig in die Augen sah.</p> + +<p>»Aus einem Lagerkind, wie du es warest, wird die beste Burgfrau!«</p> + +<p>In der alten Kirche zu Lügumkloster wurde aus Walburga Rantzau die +edle Frau von Buchwald. Es war nur eine kleine Feier, aber der +Rittmeister Kord Rantzau<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> war natürlich dazu gekommen und auch ein +junger Offizier, Gottfried Hanekamp. Die andern Hanekamps aber ließen +sich entschuldigen, denn es ging zum Herbst, und aus Hamburg hatte +niemand Lust, sich auf die nordschleswigsche Heide zu wagen. Die +schlimmsten Räuber waren zwar gehängt, aber, wer verständig war, der +wagte sich nicht aus schützenden Mauern. So sandten die Hanekamps nur +ein stattliches Silbergeschenk und dazu ein Faß mit gesalzenen Heringen +und eins mit indischen Gewürzen.</p> + +<p>Auch der Kaufmann Josias Petersen sandte ein Geschenk, das aus einem +wertvollen Teppich bestand, und dazu schrieb er, daß er sich von Herzen +freue, die Jungfrau Walburga als Herrin der Troiburg zu wissen. Denn +dann würde es mit den Ländereien der Finkenburg wohl noch in Ordnung +kommen! Walburg verstand diesen Satz nicht; ihr jetziger Gemahl aber +wurde ein wenig verlegen.</p> + +<p>»Ich habe mir wohl einige Felder genommen, die ohne Herrn waren und +die eigentlich zu eurer Burg gehörten!« gestand er. »Aber ich wußte +ja nicht viel von euch, und ob ihr jemals wieder heimkehrtet. Wenn du +willst, sollen sie dir gut geschrieben werden, Walburg, oder ich gebe +Geld dafür an deinen Bruder!«</p> + +<p>So wurde das letztere beschlossen, und der Rittmeister nahm gern +einen Beutel mit Silbertalern, die er gut gebrauchen konnte. Zugleich +bedankte er sich bei seinem Schwager für seine Ehrlichkeit. Denn +dazumal nahm jedermann wohl, was er kriegen konnte, und im Grunde +war<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> es gut gewesen, daß die Felder bestellt wurden, anstatt brach zu +liegen. Aber als er wieder einmal nach Schleswig kam, ging er doch zu +Herrn Josias, um diesem für seine Worte in dem Hochzeitsschreiben zu +danken.</p> + +<p>»Ich tats für Eure Frau Mutter, werter Herr!« entgegnete der Kaufherr, +»und auch für Eure Schwester. Denn sie hat mir gut gefallen, nachdem +ich sie gesehen, und sie hat meinen Jens Nielsen und etliche der +Knechte damals, nach dem Überfall, so brav verbunden, daß sie ihr noch +alle dankbar sind. Und eigentlich hätte ich dem Hunde Wolf auch wohl +ein Geschenk senden mögen, wußte aber nicht, was es sein sollte. Da er +wohl jetzt alles hat, was sein Herz begehrt!«</p> + +<p>So war es auch. Wolf bedurfte keiner besondern Gabe. Als Walburg mit +dem Ritter Buchwald in der Kirche getraut wurde, saß er mit Michel vor +der Tür und winselte. Denn er konnte es nicht haben, wenn er Walburg +nicht begleiten durfte. Nachher aber, bei dem Hochzeitsmahl, lag er +zu den Füßen der Braut und durfte an einem großen Knochen nagen. Er +hatte es besser als Michel, der draußen in der Gesindestube mit den +andern Knechten und Mägden feierte und nur aus der Ferne die Braut und +ihren Gemahl sehen durfte. Aber er war auch zufrieden. Alles Gesinde +behandelte ihn mit Achtung, weil er sich so tapfer bei den Räubern +benommen hatte, und daß er ehemals Schuld auf sich geladen hatte, +wußten nur die Rantzaus. Die aber redeten nicht darüber, und<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> der +Rittmeister sagte ihm sogar beim Scheiden ein gütiges Wort. Merkte er +doch, daß Michel sich Mühe gab, ein treuer Diener zu werden, und von +diesen gabs nicht allzuviel im Lande. Der Knecht hatte in Wahrheit ein +andres Gewand angelegt. War es, weil er wieder in die Heimat kam und +der herbe Duft von Moor und Heide ihn umgab, oder daß er seine Sünden +einsah; niemals konnte die Herrschaft sich über ihn beklagen. Eifrig +arbeitete er, wo es zu arbeiten gab, und achtete auf die Knechte; und +als der erste kleine Junker geboren wurde, saß er neben der Wiege +wie eine echte Kindermuhme. Er war es, der den Kleinen zuerst laufen +lehrte, der ihm die ersten Bolzen schnitzte. Wenn der Ritter von +der Burg abwesend war, wußte er sie wohl bewacht, wenn Michel seine +scharfen Augen offen hatte, und gar oft sprachen Frau von Rantzau und +ihre Tochter darüber, wie doch alles so wunderbar gekommen wäre und wie +Gott es gefügt habe, daß der einstige Missetäter ihnen noch so nützlich +geworden wäre.</p> + +<p>Fünf Jahre waren vergangen. Auf der Troiburg hatte sich nicht wenig +verändert: zwei Menschen waren gestorben, drei waren wieder geboren +worden. Die alte Frau von Buchwald und Frau von Rantzau hatten die +Augen zum ewigen Schlummer geschlossen, zwei kleine Buchwalds liefen +dafür munter im Burghof umher, spielten mit Holzpferden und Puppen und +setzten sich Wolf auf den Rücken, um auf ihm zu reiten. Der Hund lebte +immer noch; aber er war steif geworden, und seine Augen hatten<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> ihre +Sehkraft verloren. Doch er konnte noch immer scharf hören, und seine +mächtigen Zähne waren ihm nicht ausgefallen. Für die andern Wolfshunde +war er eine Respektsperson; wo er in der Sonne oder am warmen Kamin +lag, da wagte sich kein andrer Hund hin. Noch immer liebte er Walburg +am meisten, aber sie hatte oft keine Zeit für ihn, und so lag er jetzt +neben der Wiege, in der das jüngste Kind schlief. Das war ein kleines +Mädchen, und sie hieß Walburg wie ihre Mutter. Die andern Leute sagten, +daß sie auch sonst ihrer Mutter gliche und wohl später so wie diese +werden würde. Wenn der alte Hund diese Worte hörte, hob er den Kopf und +stieß mit der spitzen Schnauze gegen die Wiege, als wollte er sagen, +daß auch er dies glaube. Und dann legte er sich wieder hin, drückte den +Kopf auf die Pfoten und träumte. Und vielleicht dachte er der Zeit, da +er jung war und mit dem Lagerkind über die Heide lief, oder mit ihr +über das Eis der Elbe ging und nachher auf das Heulen der Wölfe horchte.</p> + +<p>Auch jetzt kamen sie im Winter über die nordschleswigsche Heide und +heulten um das Gemäuer der Troiburg. Dann war Wolf immer der erste, +der aus seinen Träumen auffuhr und so wild und zornig bellte, daß +alle andern Hunde in Aufregung gerieten. Sie lärmten so lange, bis +der Ritter Buchwald ihnen den Gefallen tat und mit ihnen aus dem Tor +und über die Zugbrücke ging. Mit wilden Sätzen jagten sie hinter den +Wölfen<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> her und brachten sicherlich den einen oder den andern zur +Strecke. Aber es kam auch vor, daß einer von ihnen nicht wiederkehrte +und daß man am andern Morgen nur seine Knochen fand. Mehrmals +veranstaltete der Ritter eine Wolfsjagd, zu der er verschiedene +Nachbarn einlud und in denen die Isegrims ihr Leben lassen mußten. +Dann gabs für einige Zeit Ruhe; aber im strengen Winter kamen sie +immer wieder, und es schien, als ob sie nicht ab- sondern zunähmen. Es +gab viel zu tun, sich ihrer zu erwehren, und der alte Wolf hatte oft +Gelegenheit, sein durchdringendes Geheul auszustoßen und seine Zähne zu +fletschen. Er selbst sollte den Wolf nicht mehr jagen; Walburga hatte +es ein für allemal verboten, und er wußte, daß ers nicht durfte. So +blieb er denn, am ganzen Leibe zitternd, daheim, legte sich vor die +Wiege und winselte.</p> + +<p>Es war an einem herrlichen Wintertage. Viele Tage vorher hatte es +geschneit, und der dicke Turm der Troiburg trug eine Mütze von Schnee. +Auf dem Wasser des Burggrabens lag Eis, und der breite Fluß hinter +der Zugbrücke war gleichfalls zugefroren. Aber die Sonne schien, +tausend kleine Kristalle flimmerten auf dem alten Burggemäuer, und +der Himmel war blau wie im Sommer. So warm war es auf dem Schnee +im Garten, daß die Kinder barhaupt hier spielten. Die zwei kleinen +Junker schneeballten sich, und die kleine Walburga hatte Michel wohl +eingepackt und dann in den warmen<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> Sonnenschein gestellt. Denn er +behauptete, die frische Luft wäre gesunder für die Kinder, als den +ganzen Winter lang vor dem brennenden Kamin zu hocken. Auch Wolf kam +hinzu und legte sich unter die kleine Wiege. Ganz still war es im +Gärtlein; die kleinen Junker waren des Schneeballens müde geworden und +davongelaufen, weil sie von der Frau Mutter ein Musbrot holen wollten. +Auch Michel wurde hungrig zumute. In der Gesindekammer stand sein Brot +und seine Kanne mit Bier; er wollte sich stärken, weil die Winterluft +zehrte. Also ging er davon und ließ Wolf mit der Kleinen im geschützten +Garten. Das Kind schlief fest, und Wolf träumte wie meistens. Im blauen +Himmel stieg ein Falke in die Höhe und stieß einen rauhen Schrei aus. +Da hob Wolf den Kopf und lauschte. Wenn der Falke so schrie, dann +lauschte er immer. Über die Mauer des Gartens spähte ein dunkler Kopf; +eine zottige Gestalt folgte ihm; dann schlich ein großer Wolf auf die +Wiege zu, um gleich in ein wildes Geheul auszubrechen. Denn Wolf, der +Hund, war ihm an die Kehle gesprungen, und beide Tiere wälzten sich +im Schnee, bissen sich fest ineinander und fauchten und knurrten. +Von Hofe her heulten die andern Wolfshunde, und bald war Hilfe zur +Stelle. Die Knechte kamen mit Knüppeln, die Hunde stürzten sich auf +den Räuber; jagten dann über die Gartenmauer und übers Eis, das den +Eingang zur Burgmauer freigegeben hatte. Bei diesem wilden Kampfe war +die Wiege umgefallen,<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> aber die kleine Walburg lag unverletzt in ihren +Kissen. Ein mächtiger Wolf lag totgebissen mitten im Garten, während +draußen noch mehrere verfolgt wurden. Aber auch der tapfere Hund lag +in seinem Blute. Frau Walburga kniete neben ihm und legte seinen Kopf +in ihren Schoß. Noch einmal leckte er ihr die Hand und winselte wie in +alten Tagen. Wie damals, als er mit dem Lagerkind nach dem Hanekamphof +ging. Dann streckte er sich und schloß die blinden Augen für immer. +Bitterlich weinte Frau Walburg über den Tod des alten Freundes; aber er +hatte ein tapferes Ende gehabt, und das gönnte sie ihm. Im Garten der +Troiburg fand er seine letzte Ruhestätte, und Michel stand manchmal vor +dem kleinen Hügel oder berichtete den Kindern von Wolf dem Tapfern und +von seinen Abenteuern. Jetzt lag ein junger Wolfshund neben der Wiege +und folgte der Herrschaft, wenn sie ihn rief; aber es war nicht der +alte Wolf, der so klug war, daß er jedes Wort verstand.</p> + +<p>Wieder vergingen die Jahre. Frau Walburg wollte immer gen Süden reisen +und dann auch nach den Hanekamps in Hamburg sehen. Aber sie hatte keine +Zeit. In der Troiburg gabs kein Ende mit der Arbeit; die Kinder wollten +gewartet und erzogen sein, und ihr Gemahl mochte sie nicht entbehren. +Sie mußte oft die Burg behüten, wenn er abwesend war, und er hatte viel +draußen im Lande zu tun. Allmählich war's freilich sicherer auf der +Heide und im Moor geworden, aber immer noch gab es Wegelagerer,<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> die +die Gegend beunruhigten, und mehr als einmal erhielt der Ritter den +Auftrag, hier und dort nach Recht und Ordnung zu sehen. Und gerade, wie +das Land einigermaßen ruhig war und die Felder bestellt werden konnten, +da begann wieder der Krieg. Der dänische König ward hart von den +Schweden bedrängt, die vom Süden her in Schleswig-Holstein einbrachen +und große Verwüstungen anrichteten. Bis die Brandenburger und +Österreicher den Dänen zu Hilfe kamen. Der Große Kurfürst ist damals +selbst bis nach Flensburg geritten und von dort übers Eis nach der +Insel Alsen gegangen. Er war ein guter Herr und wollte den Schleswigern +gewiß nicht mehr schaden, als es der Krieg mit sich brachte. Aber +leider hatte er auch Polen unter seiner Fahne, die wie die Wilden +in Städte und Dörfer einbrachen, dort mordeten und raubten, daß sie +überall Entsetzen verbreiteten. Der Polackenkrieg, wie er genannt ward, +brachte noch mehr Elend nach Schleswig als der Dreißigjährige Krieg, +und ganze Dörfer und Höfe verschwanden vom Erdboden, um niemals wieder +aufzustehen. Auch die Troiburg wurde damals von den polnischen Völkern +berannt, aber der Ritter Buchwald hatte eine kleine Schleuse gebaut, +durch die das Wasser der Brederau um die Burg steigen konnte. Also lag +sie ganz im Wasser, und von den dicken Mauern aus wurde weidlich auf +die Feinde geschossen, so daß sie abziehen mußten, ohne in die Burg +gedrungen zu sein. Aber sie verwüsteten alle Felder und Höfe in der<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span> +Umgegend, und Frau Burga freute sich, daß die Finkenburg nicht wieder +aufgebaut war. Sie würde vielleicht ein noch schlimmeres Schicksal +erlitten haben als ehemals. Mitten im Winter war es, daß die Polacken +anrückten, aber es war nicht mehr kalt, sondern naß, das Tauwetter kam +bald, und in den aufgetauten Mooren versanken manchmal Roß und Reiter. +Die Troiburg war voll von Flüchtigen, die sich aus ihren unbeschützten +Höfen und Dörfern hinter die dicken Mauern gerettet hatten. Auf dem +großen Burghof, in den Ställen und Kammern gab es ein buntes Leben, +und Michel, der schon manchmal seine Jahre spürte, wurde wieder jung +und vergnügt. Denn ihm machte der Kriegslärm, besonders aus der Ferne, +Freude, und den Jüngeren berichtete er gern, wie es ehedem gewesen war. +Damals im Krieg, der dreißig Jahre währte, und den er eigentlich ganz +mitgemacht hatte. Und wenn er von seinen Heldentaten berichtete, dann +wurde er so gerührt, daß er sie selbst glaubte.</p> + +<p>Gegen das Frühjahr hin wurde die Gegend ruhiger. Man wagte sich +wieder aus der Burg, um die verwüsteten Äcker zu bestellen, und ein +königlicher Bote rief den Ritter von Buchwald nach Jütland. Dort war +der dänische König, und er wollte Bericht, wie es in Nordschleswig +aussähe. Herr von Buchwald ritt also mit etlichen Knechten davon, +nachdem er den Schutz der Burg einem jungen Vetter, einem Rumohr, +übergeben hatte. Michel war in seinem Gefolge. Zwar sollte er nicht mit +über die jütische<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> Grenze reiten, sondern seinen Herrn nur eine Strecke +Wegs begleiten und dann Walburga Nachricht geben, wie das Land aussähe. +Aber die ganze Schar kam nur bis Lügumkloster. Dort saßen von neuem +die Polen und hatten sich im Dorfe befestigt, um nicht vertrieben zu +werden. Eine Burg von großen Wagen hatten sie auf die Feldmark gestellt +und schossen von dort aus auf die nahenden Reiter. Da gab es denn einen +lustigen Kampf, bei dem der Ritter Buchwald schwer verwundet wurde und +Michel einen Streifschuß erhielt, der ihn vom Pferde fallen ließ. Aber +er raffte sich gleich wieder auf, und da vom Dorfe selbst plötzlich auf +die Polacken geschossen wurde, so räumten diese eilig das Feld. Mehrere +Verwundete und Tote ließen sie zurück, aber auch die wohlbepackten +Wagen, die zu einem Kaufmannszug gehörten, der einmal wieder versucht +hatte, von Süden her nach Dänemark zu kommen. Die Knechte, die die +Güter begleitet hatten, lagen zum Teil gebunden unter den Wagen. Auch +ihr Führer, ein junger Hamburger Kaufmann, war gleichfalls gefesselt +gewesen, hatte sich aber befreit und war mit einigen Bauern auf die +Polen von hinten losgegangen. Ihn hatte ein Säbelhieb über den Kopf +getroffen, aber er wischte sich das Blut aus den Augen und befreite +seine Knechte von den Fesseln, während er zugleich eifrig auf Michel +einsprach, der bekümmert neben seinem Herrn stand.</p> + +<p>»Ich kann eine Tragbahre für ihn machen, und wir<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> bringen ihn in ein +Haus! Auch habe ich Medikamente und Leinen zum Verbinden!«</p> + +<p>»Mein Herr gehört auf die Troiburg, zu seiner Frau Eheliebsten.«</p> + +<p>»Auf die Troiburg!« Der Hamburger stutzte und sah Michel scharf an. +»Wohnt dort nicht das Lagerkind?«</p> + +<p>Michel richtete sich steif auf, so gut es sein zerschossenes Bein +zuließ.</p> + +<p>»Meine Herrin ist die edle Frau von Buchwald, aus dem Geschlecht der +Rantzau — —«</p> + +<p>»Und du bist der rote Michel!«</p> + +<p>Konrad Hanekamp faßte nach der Hand des Alten.</p> + +<p>»Schon zweimal bin ich mit Kaufmannsgütern durch Schleswig nach Jütland +gezogen, und immer wollte ich Einkehr halten auf der Troiburg. Weil wir +doch Walburga, unser Lagerkind, nicht vergessen haben und noch immer +von ihr reden. Aber es ist immer etwas dazwischen gekommen, und jetzt +ist es der Herr von Buchwald, der mir das Leben rettet und dazu vielen +Kaufleuten ihre Habe. Wir werden uns dankbar beweisen, Michel, und nun +vorerst deinen Herrn wieder in seine Burg bringen!«</p> + +<p>Vorsichtig wurde der Ritter über die Heide in seine Burg getragen, +und traurig ritten seine Leute hinter ihm her, während ein Bote +vorangeschickt wurde, um Frau Walburg vorzubereiten. Einige der Knechte +blieben in Lügumkloster, um die Wagen mit Gütern zu bewachen, aber +Konrad Hanekamp verließ den Verwundeten nicht,<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> sondern schritt neben +ihm her, kühlte seine tiefe Kopfwunde und sorgte dafür, daß er bequem +lag. Er war ein großer, starker Mann geworden, der sich scharf umsah +und gleich nach dem Pistol griff, wenn er etwas Verdächtiges bemerkte. +Aber unbehelligt erreichte der Zug die Burg, und Frau Walburg, die +schon unterrichtet war, hatte ein gutes Lager für ihren verwundeten +Gemahl besorgt. Er war meistens ohne Besinnung, und der alte Schäfer +von Lügumkloster, den man mitgenommen hatte, weil er am meisten von +Krankheit und Verwundung verstand, machte ein bedenkliches Gesicht.</p> + +<p>»Auch die adligen Herren müssen sterben!« gab er auf alle Fragen +zur Antwort, und so war es kein frohes Wiedersehen, das Walburg mit +ihrem Jugendgefährten feiern konnte. Aber sie war gefaßt und mutig; +einmal, das wußte sie auch, ging es zu Ende mit allen Menschen, und +es war fast ein Wunder, daß den Herrn der Troiburg noch niemals eine +Verwundung betroffen hatte. Und weil sie verständig war und auch in +ihrer großen Sorge an andre dachte, so verband sie nicht allein Konrad, +dessen Wunde wie ein blutiger Streifen um den ganzen Kopf lief, sie +sorgte auch dafür, daß Michels Bein und die Schäden der andern Knechte +nachgesehen und verbunden wurden. Es kamen schwere Tage für die +Troiburg. Der Burgherr lag bewußtlos, und die Polacken rückten wieder +in hellen Haufen an. Aber nicht eher, bis die Wagen mit den Gütern +von Lügumkloster nach der Troiburg in Sicherheit gebracht waren. Dort +standen sie<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span> nun wohlgeborgen, und in dem Morast, der die Burg umgab, +versanken die anstürmenden Scharen, daß sie nach etlichen vergeblichen +Versuchen wieder abziehen mußten. Während der Ritter Buchwald noch +immer zwischen Tod und Leben lag, war seine Frau überall, und hinter +ihr her liefen ihre beiden Knaben. Beide seelenvergnügt und fröhlich, +daß es auf der stillen Burg soviel Abwechslung gab.</p> + +<p>Konrad Hanekamp half, wo er nur konnte, und als es wieder still wurde +in der Gegend, machte er Erkundungsritte um zu sehen, wo es keine +Feinde mehr gab. Sie waren allmählich wieder weiter gezogen, hatten +aber das Land derartig verwüstet und die Bewohner getötet, daß man +viele Meilen weit reiten konnte, ehe man auf ein menschliches Wesen +traf. Und das war meistens so verängstigt, daß es in ein Dickicht oder +in ein Moor schlüpfte, wohin man ihm nicht folgen konnte. Traurig +kehrte Konrad von solchen Ritten heim und freute sich nur, daß es dem +Ritter allmählich besser ging und daß er einmal sogar verlangte, Konrad +möge ihm berichten, wie er mit seinen Wagen in die Hände der Polacken +gefallen wäre.</p> + +<p>»Wie es kam?« Konrad setzte sich vor das Lager des Herrn von Buchwald +und strich über die rote Narbe an seiner Stirn.</p> + +<p>»Ich kann's selbst nicht sagen, Herr. Uns war gesagt worden, die Dänen +führten Krieg mit den Schweden, und diesen sollten wir aus dem Wege +gehen. Was wir auch taten. Und dann hieß es, die Brandenburger<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> wären +Freunde der Dänen. Also glaubten wir, diese würden, wenn wir ihnen +begegneten, wohl einen kleinen Wegzoll von uns nehmen, uns sonst aber +ruhig ziehen lassen. Wir wußten nicht, daß unter dem brandenburgischen +Adler die Polen waren, die keinen Unterschied machen zwischen Freund +und Feind. Als wir einer Schar von ihnen beim Dorfe Lügumkloster +begegneten, dachten wir, sie sollten uns geleiten, und ich bot dem +Offizier eine Summe Geldes, wenn er uns sicher über die Grenze brächte. +Er nahm das Geld; dann warfen seine Leute mich und meine Knechte vom +Pferde, und als Gefangne zogen wir ein in Lügumkloster. Ich verstehe +kein Polnisch, aber ich merkte, daß wir alle hingerichtet werden +sollten, sobald die Herren Zeit zu solchem Vergnügen hätten. Vorerst +war ihnen berichtet worden, daß vielleicht der Troiburger Ritter +mit etlichen Mannen durch das Dorf käme, und den wollten sie erst +erwischen. Denn die Troiburg ist den Herren etwas sehr Ärgerliches, da +sie nicht hinein und ihre Frauen und Kinder nicht totstechen können. +Das übrige wißt Ihr, edler Herr. Von unsern Wagen hatten sie eine +Art Verhau gebildet, aus dem sie Euch und Eure Begleiter erschießen +wollten. Nun, es ist, dank Eurer Tapferkeit, anders gekommen; viele +Polen, auch der freundliche Offizier, haben das Leben lassen müssen, +und meine Waren sind im Schutz der Troiburg. Wenn's aber weiter so +geht, dann weiß ich nicht, was aus dem armen Lande hier werden soll!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span></p> + +<p>»Es wird schon einmal wieder gut werden!« sagte Frau Walburg, die leise +eingetreten war, und Konrad sah sie bewundernd an.</p> + +<p>»Du bist mehr für dies Leben geschaffen als ich, Walburg! Mir wird's +sehr recht sein, wenn ich erst wieder daheim sitze und der Mutter und +dem Oheim von meinen Erlebnissen berichten kann!«</p> + +<p>»Du bist doch sehr tapfer gewesen!« rief Frau Walburg, und Konrad +lachte.</p> + +<p>»Ganz gewiß, ich laufe nicht weg, wenn der Feind kommt; mein Pistol +kann ich abschießen und den Degen ziehen. Es ist aber nicht mein Beruf. +Lieber sorge ich dafür, daß die Leute Tran und Fische und Felle, +Kleider und Wein erhalten. Und wenn ich wieder daheim bin, dann baue +ich den Hanekamphof mir ein wenig zurecht, bringe eine junge Frau +dahin und freue mich des Friedens! Denn immer Mord und Totschlag und +Belagerung und was noch alles zum Elend des Krieges gehört, das nenne +ich kein Leben!«</p> + +<p>Der Ritter Buchwald war noch schwach, aber er mußte lachen.</p> + +<p>»Immer Frieden, das wäre nicht nach meinem Geschmack! Allerdings könnte +es jetzt bald ein wenig ruhiger werden. Vielleicht kommt auch noch +einmal die Zeit, wo ich in Frieden den Wolf jagen kann!«</p> + +<p>»Den habe ich als Junge auch gejagt!« rief Konrad eifrig. »Weißt du +noch, Walburg?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span></p> + +<p>Und beide sprachen von den Tagen, da sie auf dem Hanekamphof lebten, +und auch von den Zeiten in Hamburg. Lange hatte Walburg nicht an alle +diese Dinge gedacht; nun wurde sie ganz lebhaft und bekam glänzende +Augen. Still hörte ihr Gemahl zu. Endlich sprach er:</p> + +<p>»Du bist wohl ganz traurig, daß du kein Lagerkind geblieben bist!«</p> + +<p>Sie lächelte.</p> + +<p>»Das war etwas für die Kindheit; jetzt bin ich dankbar, bei dir auf der +Troiburg zu sein!«</p> + +<p>Dabei streichelte sie den Kopf des Töchterchens, das schon lange auf +ihrem Schoß saß und andächtig auf das hörte, was ihre Mutter und der +Ohm Konrad sich zu erzählen hatten.</p> + +<p>Nach etlichen Wochen konnte Konrad Hanekamp mit seinen Gütern die +Troiburg verlassen und sicher nach Jütland gelangen. Weil Frau Walburg +um ihn besorgt war, gab sie ihm Michel mit, der wieder ganz gesund war +und dem es Freude machte, einmal von der Burg zu kommen. Er kehrte +nach einiger Zeit zurück und berichtete, daß alles gut gegangen wäre. +Er brachte einige Waren mit, die Konrad ihm noch für die Troiburger +mitgegeben hatte, aber zugleich die Nachricht, daß der Obrist von +Rantzau, der Bruder von Walburg, im Kampfe gegen die Schweden einen +tapfern Soldatentod gefunden habe. Walburg war sehr traurig. Immer +hatte sie gehofft, der Bruder würde sie einmal besuchen und sehen,<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> wie +glücklich sie geworden war. Aber er hatte niemals Zeit gehabt, an sich +zu denken, und war für seinen König gestorben. Auch Herr von Buchwald +wurde nie wieder ganz gesund, und auf Wölfe jagen durfte er ebenso +wenig wie wieder gegen den Feind kämpfen. Er konnte nur darauf hoffen, +daß seine Söhne dereinst ebenso tapfer würden, wie er es gewesen war. +Noch aber waren sie klein, und Walburg quälte sich damit ab, sie +lesen und schreiben zu lehren, was ihnen wenig Vergnügen machte. Aber +die Mutter war eine ernsthafte Lehrmeisterin, und wenn sie zu Michel +liefen, um ihm zu klagen, daß sie lieber umherstreifen möchten als +still sitzen, dann hob der alte Mann einen warnenden Finger.</p> + +<p>»Ein wenig gelehrt müßt Ihr schon werden, Junker, sonst gehts Euch +hernach nicht gut. Am eignen Leib hab ich's erfahren; hätte ich in +meiner Kindheit was Ordentliches gelernt, dann wäre ich vielleicht ein +ganz andrer Mensch geworden!«</p> + +<p>»Du bist doch sehr gut, wie du bist!« rief der älteste Buchwald, und +Michel rieb seinen schneeweißen Kopf.</p> + +<p>»Gewiß, ich bin jetzt sehr gut und wills auch bleiben. Aber ich hätte +vielleicht doch noch viel besser sein können!«</p> + +<p>Das verstanden die Knaben nun nicht und brauchten es auch nicht zu +verstehen; aber Walburg, die einmal diese Unterhaltung belauschte, +merkte an ihr, daß den alten Michel seine früheren Sünden kränkten. Sie +sprach nicht mit ihm darüber, aber wenn sie ihrem Gemahl aus<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span> der Bibel +vorlas, dann rief sie Michel ins Gemach. Er durfte in der Ecke sitzen +und die Lehre von der ewigen Barmherzigkeit Gottes hören. Das gab +ihm dann Frieden, und er seufzte nicht mehr so viel, wie er es sich, +nachdem er einmal eine schwere Krankheit überstanden, angewöhnt hatte.</p> + +<p>Wie nun die Knaben heranwuchsen, merkte Frau Walburg, daß sie sie +nicht mehr allein unterweisen konnte. Da schrieb sie an den Magister +Timotheus in Hamburg, damit er ihr einen Rat gäbe, und nach geraumer +Zeit hielt sie eine Antwort von ihm in Händen. Sie freute sich sehr; +denn lange hatte sie nichts aus Hamburg gehört und dachte doch noch oft +dorthin. Der Magister schrieb mit zitternder Hand, man merkte, daß auch +ihn die Jahre drückten, aber Walburgs Brief hatte ihn sehr erfreut, und +er gab ihr in betreff ihrer Söhne allerlei gute Ratschläge, die sie +getreulich befolgte. Dann fuhr der Brief fort:</p> + +<p>»Du fragst nach den Hanekamps, liebe Walburg! Da muß ich dir sagen, +daß wir den alten Herrn Jobst Hanekamp vorigen Sonntag auf dem +Katharinenkirchhof zur ewigen Ruhe bestattet haben. Bis in die letzte +Zeit war er gesund und hat noch oft von dir geredet. Auch gehofft, +du solltest noch einmal herkommen, da er dir sein neues Haus zeigen +wollte, das er sich erbaut. Aber gerade, als es fertig war, ist er +davongegangen. Daraus wir wieder lernen sollen, daß wir armen Menschen +uns<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> hier auf der Erde nicht allzu fest setzen sollen. Nun wird Konrad +in das Haus ziehen, hat auch schon eine Frau, und spricht davon, den +Hanekamphof wieder aufzubauen. Dies werden Frau Jutta und ich wohl +kaum mehr erleben, da wir die Gebresten des Alters spüren und gern +hinter dem Ofen sitzen und uns von alten Zeiten erzählen. Als wir +kein so gutes Leben hatten wie jetzt, aber doch trotz allen Ungemachs +ein mutiges Herz in der Brust, das uns das Schwere leicht machte. So +aber ist das Leben. Wenn es Abend werden will, erscheint uns der Tag, +der dahinten liegt, voller Sonnenschein, und hat doch viel Wolken und +Unwetter gebracht. Von Gottfried wirst du gehört haben. Er ist in +Kopenhagen und ein vornehmer Offizier geworden. Manchmal schreibt er, +und dann freut Frau Jutta sich sehr.</p> + +<p>Nun aber Gott befohlen, liebe Walburga! Mögen deine Kinder so brav +werden, wie die Frau, von der wir noch reden als von dem Lagerkind!«</p> + +<p>Frau Walburg hat oft diesen Brief gelesen und dann zurückgedacht an die +Zeit ihrer Kindheit. Immer weiter glitt sie von ihr zurück, so daß es +ihr manchmal vorkam, als wäre alles, was sie erlebt hatte, ein Traum +gewesen. Und doch, als sie schon alt war, konnte sie manchmal aus dem +Schlaf fahren und sich wieder über die Elbe laufen sehen. Wo das Eis +murrte und das Wasser drohend gegen die dünne Decke schlug. Oder sie +hörte das Heulen der Wölfe und streifte mit den Hanekamps durch<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> den +Wald. Dann aber klang dazwischen die Stimme des Magisters; sie ging in +Hamburg über die friedliche Straße und hörte die Glocken läuten.</p> + +<p>Nach Jahren läuteten die Glocken von Lügumkloster auch für sie. Da +öffnete sich die Gruft der Buchwalds in der alten Klosterkirche, und +das ehemalige Lagerkind wurde zur letzten Ruhe gebracht. Es war Frieden +im Land, und ein großes Trauergefolge ging hinter dem Sarge her. Alle +waren sie traurig. Denn nur Gutes wußte man zu berichten von der +tapferen Edelfrau, die selbst manches Abenteuer bestanden hatte und +barmherzig und mild gegen alle gewesen war, die ihrer bedurften.</p> + +<p>Jetzt ist ihre Gruft verfallen, und man vermag sie nicht mehr zu +finden. Aber bis vor sechzig Jahren hat die stolze Troiburg am Wasser +der Brederau bei Lügumkloster gestanden, und ihre Ruine schaut noch +heute ins Land. Noch lange erzählte man sich in den nordschleswigschen +Spinnstuben die Geschichte vom Lagerkinde. Wie es verschleppt wurde +von der Finkenburg und dann wiederkehrte, um vielen Menschen Gutes zu +tun. — Einige Leute wollen sie noch in den Ruinen der Troiburg um +Mitternacht gesehen haben, dies aber ist nur ein Märchen. Das Lagerkind +ruht aus von seinem bunten und ernsthaften Leben.</p><br> + +<figure class="figcenter illowe9" id="illu-191"> + <img class="w100" src="images/illu-191.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<hr class="full"> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p class="center">Im Verlag von Jos. Scholz in Mainz erschienen ferner:</p><br> +</div> + +<p class="s2 center"><b>Jungmädchenbücher</b></p> + +<p class="s4 center">Werke namhafter zeitgenössischer Schriftsteller mit Bildern<br> +von ersten Künstlern. Herausgegeben von Wilhelm Kotzde.</p><br> + +<p><span class="s3"><b>Elisabeth von Oertzen: Der goldene Morgen.</b></span> Mit Bildern von Emil +Heinsdorff. Gebunden 3 Mark.</p> + +<p class="s5">Elisabeth von Oertzen, die pommersche Edelfrau, ist die Enkelin +des alten, königstreuen Thadden, der zu den Freunden Bismarcks und +Roons schon in ihren jungen Tagen gehörte. Sie erzählt nun schlicht, +offenherzig und mit vielem Humor die Geschichte ihrer Jugend. Der ganze +Reiz und oft auch der Ernst des Landlebens entstehen vor dem Leser. +Krankheit, Brand und Krieg greifen bedenklich hinein in diese frohe +Jugend. Und doch wird alles golden überstrahlt von dem herrlichen +Morgen einer taufrischen Seele.</p><br> + +<p><span class="s3"><b>Charlotte Niese: Erika.</b></span> Mit Bildern von Reinhard Pfaehler von +Othegraven. Gebunden 3 Mark.</p> + +<p class="s5">Wie ein reiches, verwöhntes, mutterloses Mädchen von der Selbstsucht +sich durchringt zu ernstem Sinn, der sorgt und mitleidet mit anderen, +das ist hier ohne alle Aufdringlichkeit erzählt. Die Wandlung ergibt +sich so selbstverständlich aus den Erlebnissen, daß es auch für den +geschulten Leser ein Genuß ist, das alles zu lesen. Wir lernen das +Leben eines deutschen Kaufmannes in San Franzisko, das Treiben auf +einem großen Ozeandampfer, die Leiden von Schiffbrüchigen kennen. Das +Buch führt uns in die weite Welt hinaus und dabei in das tapfere, sich +selbst vergessende Schalten einer deutschen Frau.</p><br> + +<p><span class="s3"><b>Gustav Falke: Herr Purtaller und seine Tochter.</b></span> Mit Bildern von Franz +Stassen. Gebunden 3 Mark.</p> + +<p class="s5">Ein Buch, das viel Heiterkeit bringt. Herr Purtaller ist einer jener +Entgleisten, die bei allem guten Willen, der immer wieder durchbricht, +ihrer Schwäche doch nicht Herr werden. Neben ihm steht seine Tochter, +ein stilles, ernstes Mädchen, der Mutter nachgeartet, das ohne Reden, +unaufdringlich, allein durch sein Wesen Ordnung, Ruhe, Liebe um sich +verbreitet, eine jener weiblichen Gestalten, die nur durch ihr Dasein +schon eine Wohltat für die anderen sind. Daß eine Reihe köstlich +gesehener Gestalten die beiden umgeben, das braucht bei einem Werk von +Gustav Falke wohl nicht erst gesagt zu werden.</p><br> + +<p><span class="s3"><b>Helene Raff: Regina Himmelschütz.</b></span> Mit Bildern von Arpad Schmidhammer. +Gebunden 3.50 Mark.</p> + +<p class="s5">Eine Geschichte aus den bayerischen Bergen. Die Himmelschütze bringen +sich durch Trotz und Gewaltsamkeit ins Unglück. Sie verlieren ihren +schönen Hof, die beiden Söhne gehen elend zu Grunde, nur das schwache +Ginerl bleibt den Alten zurück. In dem Mädchen steckt wohl auch etwas +von dem Trotz der Familie, aber Regina wird vom Leben in eine harte +Schule genommen, es liegt ihr dazu die Tüchtigkeit der Mutter im Blut. +In langsamer Arbeit, unter der Erziehung einer ärztlichen Familie, +ringt sie sich empor. Sie kommt schließlich als Gattin auf einen +bäuerlichen Hof ihres Heimatdorfes und entfaltet hier trotz mancher +Widerstände und trotz des Verzagens, das manchmal über sie kommen will, +ihre weiblichen Tugenden. Eine spannende Erzählung, die keine Leserin +wieder loslassen wird. Dabei liegt über allem der frische Hauch der +Berge.</p><br> + +<p class="center">Weitere Bände in Vorbereitung.</p><br> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p class="s4 center">Edle Unterhaltung, reiche Belehrung, warme vaterländische Anregung, dazu<br> +einen wahren künstlerischen Genuß bieten vornehmlich jugendlichen Lesern die</p> +</div> + +<p class="s2 center"><b>Mainzer Volks- und Jugendbücher</b></p> + +<p class="s4 center">Werke namhafter zeitgenössischer Schriftsteller mit Bildern von ersten +Künstlern</p><br> + +<p class="s3 center">Herausgegeben von Wilhelm Kotzde</p><br> + +<p class="s5 center">Bisher liegen vor:</p> + +<p class="s5"><span class="s3"><b>1. Carl Ferdinands, Die Pfahlburg.</b></span> 15. Tausend. Mit Bildern von Robert +Engels. 155 Seiten. Eine spannend geschriebene Erzählung aus der +Urzeit rheinischer Pfahlbauten.</p> + +<p class="s5"><span class="s3"><b>2.* Wilhelm Kotzde, Im Schillschen Zug.</b></span> 15. Tausend. Mit Bildern von +Willibald Weingärtner. 163 Seiten. Eine lebendige Darstellung von +Kolbergs Verteidigung und Schills Heldenzug.</p> + +<p class="s5"><span class="s3"><b>3.* Max Geißler, Der Douglas.</b></span> 11. Tausend. Mit Bildern von Franz +Müller-Münster. 205 Seiten. Eine anziehende Geschichte aus Schottlands +bewegter Vergangenheit.</p> + +<p class="s5"><span class="s3"><b>4. Eberhard König, Ums heilige Grab.</b></span> 11. Tausend. Mit Bildern von +Professor Ernst Liebermann. 201 Seiten. Erzählung aus der Zeit der +Kreuzzüge und der Gründung des Deutschritterordens.</p> + +<p class="s5"><span class="s3"><b>5. Gustav Falke, Drei gute Kameraden.</b></span> 14. Tausend. Mit Bildern +von Georg A. Stroedel. 167 Seiten. Kinderglück, Kinderleid, von +behaglicher Kleinmalerei und Humor übersonnt, spinnen diese +Geschichte. (Besonders für Mädchen.)</p> + +<p class="s5"><span class="s3"><b>6.* Carl Ferdinands, Normannensturm.</b></span> 11. Tausend. Mit Bildern von +Robert Engels. 201 Seiten. Eine selten wuchtige und spannende +Erzählung aus der Zeit der Nachfolger Karls des Großen.</p> + +<p class="s5"><span class="s3"><b>7.* Wilhelm Kotzde, Der Tag von Rathenow.</b></span> 11. Tausend. Mit Bildern von +Georg Barlösius. 213 Seiten. Eine kraftvolle, fesselnde Erzählung aus +der Zeit des Großen Kurfürsten, ein überaus lebensvolles Bild aus der +Geschichte Preußens.</p> + +<p class="s5"><span class="s3"><b>8. Charlotte Niese, Was Michel Schneidewind als Junge erlebte.</b></span> 11. +Tausend. Mit Bildern von Hans Schroedter. 201 Seiten. Aus der Zeit +der großen französischen Revolution. Eine gewaltige Handlung, von der +Dichterin mit Wärme und stillem Humor gemeistert.</p> + +<p class="s5"><span class="s3"><b>9. Wilhelm Lobsien, Pidder Lyng.</b></span> 8. Tausend. Mit Bildern von O. R. +Bossert. 222 Seiten. Der Freiheitskampf der Sylter Friesen gegen Dänen +und Festlandsritter bildet den Gegenstand dieser Geschichte.</p> + +<p class="s5"><span class="s3"><b>10. Joseph Lauff, Der Tucher von Köln.</b></span> 15. Tausend. Mit Bildern von +O. R. Bossert. 208 Seiten. Eine wuchtige Schilderung der Kämpfe der +Zünfte wider die Geschlechter, ein lebensvolles Bild der städtischen +Verfassung Kölns um 1500.</p> + +<p class="s5"><span class="s3"><b>11. Wilhelm Kotzde, Stabstrompeter Kostmann.</b></span> Nach seinen +Aufzeichnungen dargestellt. 11. Tausend. Mit Bildern von Arthur +Lehmann-Ajax. 185 Seiten. Was Stabstrompeter Kostmann bei den Blücher- +und Zietenhusaren erlebte, erzählt uns das Buch.</p> + +<p class="s5"><span class="s3"><b>12.* Gustav Falke, Klaus Bärlappe.</b></span> 8. Tausend. Mit Bildern von Otto +Gebhard. 163 Seiten. Eine heitere und dabei nachdenkliche Geschichte +aus dem Handwerkerleben der Gegenwart.</p> + +<p class="s5"><span class="s3"><b>13. Eberhard König, Der Dombaumeister von Prag.</b></span> Mit Bildern von +Professor Ernst Liebermann. 8. Tausend. 200 Seiten. Der Dombaumeister +Peter Parler von Gmünd steht im Mittelpunkt der Geschichte. Ein Lied +von der Hoheit deutschen Wesens.</p> + +<p class="s5"><span class="s3"><b>14. Robert Walter, Götterdämmerung.</b></span> 8. Tausend. Eine Geschichte vom +Untergang Wuotans. Mit Bildern von Franz Stassen. 192 Seiten. Der +Kampf der Sachsen unter Führung Wittekinds um Glauben und Freiheit.</p> + +<p class="s5"><span class="s3"><b>15.* Trude Bruns, Die Doktorskinder.</b></span> 8. Tausend. Mit Bildern von Arpad +Schmidhammer. 190 Seiten. Eine lustige Geschichte von dem Leben und +den Streichen zweier Arztkinder.</p> + +<p class="s5"><span class="s3"><b>16.* Charlotte Niese, Aus schweren Tagen.</b></span> 8. Tausend. Mit Bildern von +Hans Schroedter. Das ganze Elend, welches die Napoleonische Zeit über +unser Vaterland brachte, spricht daraus.</p> + +<p class="s5"><span class="s3"><b>17.* Wilhelm Kotzde, Und deutsch sei die Erde!</b></span> 9. Tausend. Mit Bildern +von Franz Stassen. 240 Seiten. Eine Geschichte aus der Zeit deutscher +Größe, als der Osten unseres Vaterlandes deutsch wurde.</p> + +<p class="s5"><span class="s3"><b>18. Johannes Höffner, Die Treue von Pommern.</b></span> Mit Bildern von Franz +Müller-Münster. 5. Tausend. 193 Seiten. Die Geschichte der Erziehung +des jungen Herzog Bogislav durch den Bauern Hans Lange von Lanzig.</p> + +<p class="s5"><span class="s3"><b>19. Wilhelm Lobsien, Jodute!</b></span> 5. Tausend. Mit Bildern von Professor +O. R. Bossert. 190 Seiten. Eine lebhafte Schilderung der städtischen +Verhältnisse Lübecks um 1400, des Stadtsoldaten- und Raubrittertums +jener Zeit.</p> + +<p class="s5"><span class="s3"><b>20.* Kurt Geucke, Der Steiger vom David-Richtschacht.</b></span> Mit Bildern von +W. Weingärtner. 5. Tausend. 208 Seiten.</p> + +<p class="s5"><span class="s3"><b>21.* Kurt Geucke, Die Diamantinsel.</b></span> 5. Tausend. Mit Bildern von W. +Weingärtner. Die beiden Bände enthalten die Lebensgeschichte eines +Bergmanns, der sich aus eigener Kraft zum Großkaufmann durcharbeitet. +Packende Schilderungen des Bergwerks- und Hüttenbetriebs, der +Hamburger Hafen- und Handelswelt, der Meereserlebnisse des Helden und +der paradiesischen Inselwelt der Südsee.</p> + +<p class="s5"><span class="s3"><b>22. Wilhelm Lobsien, Unter Schwedens Reichsbanner.</b></span> Mit Bildern von +Franz Stassen. 5. Tausend. Die Geschichte von Gustav Wasa, der ja ein +Liebling der deutschen Jugend ist.</p> + +<p class="s5"><span class="s3"><b>23. Robert Walter, Münchhausens Wiederkehr.</b></span> Mit Bildern von +Emil Heinsdorff. 5. Tausend. Die phantastische Geschichte des +wiedergekehrten Münchhausen, voll der fesselndsten Erlebnisse.</p><br> + +<p>Wie jedes rechte, gute Buch, das die Jugend liebt, auch von den +Erwachsenen gern gelesen wird, so sind die »Mainzer Volks- und +Jugendbücher« berufen, <em class="gesperrt">alt und jung</em> in gleicher Weise Freude zu +machen, sie nennen sich also nicht umsonst auch <em class="gesperrt">Volksbücher</em>. Ein +bestimmtes Alter läßt sich daher für die Bücher nicht angeben, doch +dürften sie bei Knaben und Mädchen vom <em class="gesperrt">zwölften Jahr</em> an schon +gutes Verständnis finden, aber ebenso gerne von der reiferen Jugend +gelesen werden. Die mit * bezeichneten Bücher werden auch besonders die +Mädchen fesseln.</p><br> + +<p class="center">Preis eines jeden Buches, mit Bildern stattlich gebunden, nur 3 M.</p> + +<hr class="full"> + +<p class="center">Einige Urteile:</p> + +<p class="s6">»Ich kann mir für einen Jungen keine köstlichere Lektüre vorstellen +als diese kulturhistorischen abenteuerreichen Geschichten, deren +jede von einem kräftigen dichterischen Gedanken eine höhere Weihe +empfängt. Wuchtige Naturschilderungen, eine spannende Handlung, eine +Fülle prächtig geschauter, oft sehr fein psychologisch durchgeführter +Gestalten heben diese Sammlung, zu der sehr gute Erzähler beisteuerten, +weit über den Durchschnitt alltäglicher Jugendlektüre.«</p> + +<p class="s6 right">Gabriele Reuter im »Tag«, Berlin.</p><br> + +<p class="s6">»Die Bücher aus dem Verlage von Jos. Scholz, Mainz, mögen bei Kleinen +und Großen anklopfen, sie sind immer wert, daß ihnen aufgemacht wird. +Dem Kinde vermitteln sie eine wahre Anschauung der Dinge, die es +umgeben. Dem Heranwachsenden weiten sie Kopf und Herz für Heimat und +heimische Geschichte. In den Volks- und Jugendbüchern aber fügen sie +noch jenen Idealismus hinzu, den wir mit Bangen in unserem Vaterlande +schwinden sehen, und der doch recht eigentlich deutsches Erbe ist.«</p> + +<p class="s6 right">Agnes Harder in der Zeitschrift »Deutscher Frauenbund«.</p><br> + +<p class="s6">>»... Jedesmal, wenn man eines dieser neuen Volksbücher in die Hand +nimmt, ist es wie Freiluft, die uns aus ihnen entgegenweht, voller +Kraft und Sonnenlicht. Wir wünschen der wackeren Bücherei, für die +unsere ersten Dichter und Schriftsteller sich verpflichtet haben, +stetig wachsenden Erfolg ...«</p> + +<p class="s6 right">Else Grüttel im »Hamburger Fremdenblatt«.</p><br> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75591 ***</div> +</body> +</html> + diff --git a/75591-h/images/cover.jpg b/75591-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..ab012db --- /dev/null +++ b/75591-h/images/cover.jpg diff --git a/75591-h/images/illu-001.jpg b/75591-h/images/illu-001.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..15fb653 --- /dev/null +++ b/75591-h/images/illu-001.jpg diff --git a/75591-h/images/illu-003.jpg b/75591-h/images/illu-003.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..6f634c3 --- /dev/null +++ b/75591-h/images/illu-003.jpg diff --git a/75591-h/images/illu-005.jpg b/75591-h/images/illu-005.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..73cb5da 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