diff options
Diffstat (limited to '75588-0.txt')
| -rw-r--r-- | 75588-0.txt | 2031 |
1 files changed, 2031 insertions, 0 deletions
diff --git a/75588-0.txt b/75588-0.txt new file mode 100644 index 0000000..4f2315e --- /dev/null +++ b/75588-0.txt @@ -0,0 +1,2031 @@ + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75588 *** + + + + + + Anmerkungen zur Transkription + + + Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter + oder unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original + in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~. + + + + +[Illustration: Cover] + + + + +Rein / Die Friedensburg bei Leutenberg + + + + + Thüringer Heimatbücher + + Veröffentlichungen des Thüringer Heimatbundes + + Band I + + Berthold Rein + + Die Friedensburg bei Leutenberg + + * + + [Illustration] + + 1·9·2·5 + + Der Greifenverlag zu Rudolstadt (Thür.) + + + + + Berthold Rein + + Die Friedensburg bei Leutenberg + + Eine thüringische Grenzfeste + + und ihre Bewohner + + * + + [Illustration] + + 1·9·2·5 + + Der Greifenverlag zu Rudolstadt (Thür.) + + + + +Die Ausstattung besorgte Willi Geißler + + +Alle Rechte vorbehalten. Copyright by Greifenverlag Rudolstadt 1925. +Gedruckt von Mänicke & Jahn A.-G., Rudolstadt, in der Ehmcke-Fraktur. +Buchbinderarbeit ebenfalls von dort. + +[Illustration] + + + + +Vorwort + + +Die Friedensburg ist oft das Ziel von Wanderungen oder der Ort, +wo Erholung in der frischen grünen Bergwelt gesucht wird. Wer die +eigenartige Stimmung genießt, die das Schloß vermittelt, empfindet dann +auch den Wunsch, etwas von den vergangenen Geschlechtern zu vernehmen, +die hier gelebt haben, und aus deren Lebensbedürfnissen heraus die +Gebäude entstanden sind. Die Frage wird dann oft gestellt: Wann ist die +Burg gebaut worden? – Die Antwort kann nur lauten: Eine Burg ist das +Werk von Jahrhunderten! – Man hat ihre Geschichte abzulesen an der Form +der Bauteile, am Baustoff, an gediegener oder flüchtiger Arbeit und +an den Schmuckbeigaben ihrer Einrichtung. Aber diese Formenschrift zu +entziffern, gelingt nicht ohne weiteres und ist nicht jedem geläufig. +Dann erhebt sich die Frage nach geschichtlicher Belehrung in Büchern +oder Urkunden. Gedruckte Literatur über Leutenberg ist nur ganz +spärlich vorhanden. Einzelaufsätze sind in Fachschriften zerstreut. Die +Urkunden der Stadt sind Opfer der Feuersbrünste geworden, mit denen +Leutenberg heimgesucht wurde wie kaum eine zweite Stadt. Die Urkunden +im ehemals Fürstlichen, jetzt Thüringischen Staatsarchiv zu Rudolstadt +sind noch nicht zusammenhängend durchforscht worden auf Leutenberger +Nachrichten hin. + +Durch das überaus gütige Entgegenkommen des Staatsarchivars Herrn +Geheimen Rat Dr. Bangert, der auf Ordnung und Verzeichnisse der +Archivschätze die Kraft eines vollen Manneslebens verwendet hat, war +es mir möglich, die unter vielen Gesichtspunkten zerstreut liegenden +Angaben zu finden und in knapper Fassung zusammenzustellen. Die +Bilderschätze der Heidecksburg in Rudolstadt, die aus dem sechzehnten +und siebzehnten Jahrhundert erhalten geblieben sind, haben, soweit sie +Leutenberg betreffen, die heimatliche Forschung noch wenig beschäftigt. +Was davon deutlich zu erkennen und nachzuweisen war, habe ich hier mit +verwertet und berücksichtigt. + +Die Stammtafeln des Hauses Schwarzburg von Oskar Vater haben mir bei +der Arbeit wesentliche Hilfe geleistet. Für das späte Mittelalter +diente Paul Jovius, ~Chronicon Schwarzburgicum~, als Wegweiser, doch +war dabei manches zu berichtigen. + +Meine Aufgabe erblickte ich nicht in gelehrter Deutung der Nachrichten, +sondern in schlichter, allgemein verständlicher Schilderung des Lebens, +das sich die Jahrhunderte hindurch auf der Burg abgespielt hat. +Heimatliebe hat mich dabei geleitet. Heimatkunde tut uns not. + + Rudolstadt, Frühjahr 1925. + Dr. Berthold Rein. + + + + +Schriftliche Urkunden über die Burg Leutenberg im frühen Mittelalter +fehlen. Der Gipfel des steilen Berges eignete sich als Zufluchtstätte, +hier konnten die Bewohner des Ortes Hab und Gut unterbringen, wenn +im Tal Unruhen drohten. Der Blick reichte von hier über Täler und +auf Höhen, wenn feindlicher Zuzug zu befürchten war. Als Fluchtburg +und Wachtburg mag dann ein festes Haus entstanden sein für einen +Burgvogt. Dieser übte den Landesschutz aus und überkam allmählich +Herrschaftsrechte. + +Der Reichtum der Gegend bestand in Feldbau und Viehzucht, Wiesen- +und Waldflur, Wildbahn und Fischwasser, sowie im Bergwerk. Flößerei +und Kohlenbrennerei wurden zeitig ausgeübt. Deutsche und sorbische +Bevölkerung, Ackerbauer und Viehzüchter, wohnten nebeneinander und +hatten oft einen Schiedsrichter nötig, um nachbarlich in Frieden +auszukommen. Wander- und Handelsverkehr führte von Norden und Osten +namentlich nach Süden vorüber, bedurfte sicheren Geleites und trug +dafür Zollabgaben ein. Als Unterbehörden dienten die adeligen +Gutsbesitzer, die auf Anruf Bewaffnete zu stellen hatten. Am +lebhaftesten war der Verkehr und am stärksten die Verantwortung da, wo +der Weg über den Roten Berg in das Saaletal bei Eichicht einmündete +und in das Loquitztal weiterlief. Das scharfe Auge und die starke +Hand des Burggrafen überwachte und beschirmte die Ordnung der ganzen +Herrschaft. Diese war nach Osten deutsches Grenzgebiet gegenüber dem +stark gemischt deutsch-sorbischen Vogtland und dem bis in späte Zeit +mangelhaft überwachten und unsicheren Böhmen. + +Vom zwölften Jahrhundert an erscheinen Grafen aus dem Hause Schwarzburg +als Bewohner des festen Hauses Leutenberg. Ein Heinrich von Leutenberg +besitzt um 1187 den Wald Winthagen bei Ludwigstadt, ein anderer +unterschreibt 1301 einen Kaufbrief als Zeuge. + +Aus dem vierzehnten Jahrhundert stammt im wesentlichen der massive +Westflügel der bis heute erhaltenen Burganlage. Er schmiegt sich im +Grundriß als Viereck mit stumpfen und spitzen Winkeln dem Felsboden an, +ist kräftig unterkellert und wurde von vier Rundtürmen flankiert, deren +stärkster noch heute links am Torweg aufsteigt. + +Am 30. Juli 1326 verkaufte der kinderlose Graf Günther XV., oberster +Landrichter von Thüringen, auf einer Tagung der Schwarzburger zu Erfurt +das Haus und die Stadt zu »Luthenberg« an seine Vettern Heinrich IX. +und Günther XVIII. Seine Neffen, Heinrich X. in Arnstadt und Günther +XXI. in Blankenburg, der spätere Deutsche König, stimmten zu, daß +dieser Teil des Schwarzburgischen Erbes von dem gemeinsamen Besitz +abgetrennt wurde. Das ließ sich insofern leicht ausführen, als nicht +andere Lehensherren dabei mitzusprechen hatten, denn die Herrschaft +Leutenberg war unmittelbares Reichslehen. + +Heinrich IX. war Pfleger und Oberamtmann in Thüringen, er starb 1361. +In erster Ehe war er vermählt mit Helene von Schaumburg. Ein Jahr nach +deren Tode schloß er 1342 eine zweite Ehe mit Helene, einer Tochter +Friedrichs IV., des Burggrafen von Nürnberg. Sie brachte als Witwe +Ottos V. von Orlamünde-Lauenstein den Leutenberger Grafen Beziehungen +zu der Nachbarburg über dem Loquitztal ein. + +Heinrichs IX. Söhne teilten 1362 ihren Besitz in der Weise, daß +Günther XII. auf der Schwarzburg blieb und Heinrich XV. seinen Sitz +in Leutenberg erhielt. Er heißt 1367 Graf zu Schwarzburg und Herr zu +Leutenberg und ist der Stammvater der Leutenberger Linie, die bis 1564 +blühte. + +Die Leutenberger Grafen und Gräfinnen, die durch Beruf und Schicksal +veranlaßt wurden, die heimatliche Burg zu verlassen, nehmen in der +Kriegs- und in der Kirchengeschichte von Deutschland, wie in der +Geschichte der Schwarzburgischen Länder, ehrenvolle Stellungen ein. +Von denen, die in der Heimat ihr Leben beschlossen, wurden mehrere in +einer Gruft an der Klosterkirche bestattet. Diese stand östlich von der +heutigen Stadtkirche, wo sich jetzt die neue Schule erhebt, und erlag +dem großen Brande im Jahre 1800. + +Heinrich XV., 1359–1402, war noch ein Kind, als sein Vater starb. Seine +Mutter, zum zweiten Male Witwe geworden, mußte sich fürsorglich ihres +Sohnes und seiner Erbschaft annehmen. Heinrichs Halbbruder Gerhard war +erfolgreicher, tatkräftiger Staatsmann und streitbarer Held als Bischof +von Naumburg und Fürstbischof von Würzburg. Heinrichs Gemahlin, Anna +von Gleichen, pflegte besonders ihren Besitz Remda. Das Leutenberger +Schloß wird 1375 kriegsbereit genannt. Es mag um diese Zeit für die +kinderreiche Herrschaftsfamilie und deren Hofhaltung erweitert worden +sein durch Anbau nach Norden hin, soweit heute das massive Haus am +obersten kleinen Schloßhof reicht. + +Heinrich XXII., 1375–1438, folgte seinem Vater 1402 in der Herrschaft. +Er hatte den Bergbau auf Gold zwischen Saalfeld und Lauenstein zu +verteidigen gegen die Übergriffe und Ansprüche der Markgrafen von +Meißen, die von Saalfeld aus vordrangen. Seine Gemahlin Elisabeth +von Orlamünde brachte ihm mit ihrem Heiratsgut Orlamünde auch den +Lauenstein zu. Kriege und Aufläufe entstanden daraus namentlich um +den Goldberg. Ein Vertrag zwischen den Schwarzburger, Orlamünder und +Leutenberger Grafen sollte den Fehden 1404 ein Ende setzen durch die +Grenze »bei der Geßra«. Die Erb- und Besitzstreitigkeiten ruhten +aber nicht und machten richterliche Entscheidungen auf dem Konzil zu +Konstanz nötig. + +Das Urteil ist enthalten in einer Urkunde vom 30. April 1417. Im +Augustinerkloster zu Konstanz verrichtet als Hofrichter König Sigmunds +sein Amt Günther XXVIII., Graf von Schwarzburg und Herr zu Ranis. +Heinrich von Leutenberg klagt gegen Günther von Schwarzburg. Er +fordert »alle die Brief, die do hielten über Lutemberg, Schloß und +Stat, – über Lantzendorf, Jamen, Glide, Lemtze, Hersdorf, Grüne, +Witensberg, Gortzbach, Ußel, Heuendorf, Smydbach und über die Gut, +die er het zu der Lichtentann, Wittichendorf, Rode, Steinbach, Zelle +und über die Pröpsty und Behusung doselbs, Cüschinde, Hogkenruwe, +über die Smydt doselbs, über Lockuwitz, Lasen, Arembach, Dolen, +Knobelichstorf, Fischersdorf, Bretternitz, Duswitz, Eichich, über die +Fischwasser an der Sal und über die zwey Wasser, genant die Sorowitz, +und die Loquwitz, über Lomen, Munswitz, Steisdorf, Swendichen, Ylmen, +Aldengeseße, Rupelsdorf, Wisebach, Hersbach, Swymbach, Ezelrode, über +die Fischwasser und Mülen, Wisewachs und über alle ire Tyche, wo die +legen in den obgeschrieben iren Guten«. + +Die Urkunden über den gemeinsamen Besitz, wie Langewiesen, müssen +»in ein gemein Hand« gelegt werden, die über Remda, das Erbe von +mütterlicher Seite, sowie über die Herrschaft Leutenberg müssen dem +Kläger ausgeliefert werden. + +Abgesehen von geringen Veränderungen hat das Leutenberger Gebiet +seinen Bestand bis in die Neuzeit behalten. Nachbarländer waren im +fünfzehnten Jahrhundert die Landgrafschaft Thüringen bei Saalfeld, die +Markgrafschaft Meißen bei Ziegenrück, nach Osten die Grafschaft Reuß, +nach Süden die Burggrafschaft Nürnberg und das Bistum Bamberg. Da die +Grafen der Leutenberger Linie zugleich Anteil an dem Stammgebiet +Schwarzburg behielten, ergaben sich die vielfachen schwierigen +Auseinandersetzungen bei jeder Erbteilung. + +Heinrich XXV., 1412–1463, übernahm 1438 das Erbe seines Vaters und +bahnte friedlichen Ausgleich mit der sächsischen Nachbarschaft an. Er +war verheiratet mit Brigitte von Reuß-Gera, der Witwe eines Herrn von +Schönburg zu Glauchau. Die Ansprüche von verwandten und verschwägerten +Nachbarn wollten nicht zur Ruhe kommen. Als er vorübergehend von der +Burg abwesend war, benutzte Graf Ludwig von Gleichen die Gelegenheit zu +einem Überfall. Vom Lauenstein aus rückte er nächtlicherweile 1447 vor +den Burgeingang, wurde hier aber gestellt. Die schwache Besatzung hielt +ihn auf bis zum Anbruch des Tages. Dann zog er ab. Dieses mehr heiter +als ernst zu nehmende Ereignis aus der Zeit des Faustrechts würde wohl +vergessen sein, wenn es nicht 1793 in einer romantisch-scherzhaften +Ballade dichterisch verherrlicht worden wäre. + +Auf Fürstentagen zu Naumburg, Erfurt, Halle und Zeitz strengte man +sich an, die Besitzstreitigkeiten um die Grenzgebiete beizulegen. Ein +Vergleich kam schließlich in Gera zustande. Von diesem Friedensschluß +will man die Benennung der Burg ableiten, doch kommt der Name +Friedeburg tatsächlich erst in Schriftstücken des achtzehnten +Jahrhunderts vor, als man anfing, im Auftrage der Staatsbehörde +geschichtliche Aufzeichnungen zu sammeln. + +Heinrich XXV. starb in Leutenberg und wurde in der Grafengruft +beigesetzt. Er hatte dem Kloster am Fuße seines Schloßberges vier +Schock ewigen Zinses aus dem Dorf Laasen vermacht. Seine Witwe fügte +für Prior und Konvent noch fünf Gulden jährlichen Zins hinzu. Ein +gewaltiger Brand legte kurz vor seinem Tode fast die ganze Stadt +in Trümmer. Die Burg bewährte sich dabei als Zufluchtstätte für +Obdachlose. + + + + +Balthasar, 1453–1525 + + +Heinrichs Sohn Balthasar war erst zehn Jahre alt, als er den Vater +verlor. Seine Erziehung muß christlich, ritterlich und wissenschaftlich +geleitet worden sein, doch sind nähere Angaben darüber nicht mehr +aufzufinden. Gelehrte Schriftsteller, die ihn persönlich kannten, +schildern ihn als ernsten Herrn von jähem und starkem Sinn, doch +von rechtschaffenem und aufrichtigem Gemüt. Sein Schriftwechsel hat +sich zu einem großen Teil erhalten. Wer sich in diese Berichte und +Geisteserzeugnisse vertieft, empfindet den Leutenberger Grafen als +Seelenverwandten seines großen Zeitgenossen Luther. Er war eine gerade +Natur, streng rechtlich, kampfbereit, gütig und milde gegen Schwache, +ritterlich-scherzhaft und begabt mit treffendem Mutterwitz. + +Kaum achtzehn Jahre alt kündigte er seinem Vetter Heinrich XXVI. die +Vormundschaft und nahm die Verwaltung seines Besitzes zielsicher in die +eigene Hand. Er fand viel aufzuräumen. Alte Überlieferungen hatten sich +verschleppt und unhaltbare Zustände erzeugt. Sein ganzes Leben sollte +ein Kampf werden, daheim in Grenz- und Rechtsverhandlungen, fern der +Heimat in Kriegsdiensten. Über die letzteren mögen die Akten in Süd- +und Norddeutschland zerstreut liegen, über die ersteren werden wir gut +unterrichtet durch die sorgfältige Art, wie er Briefentwürfe aufbewahrt. + +Im Jahre 1472 vertritt der Neunzehnjährige seine Hoheitsrechte über die +Rittergüter. Gegen Kunz und Reinhart von Mosen führt er einen Prozeß +über die Einkünfte des Lauensteins bis vor die Feme, »den Freien Stuhl +des Heimlichen Gerichts zu Volkmarsen«. Von 1474 an wahrt er seine +Lehensansprüche in Verhandlungen mit dem Rat zu Erfurt. Zu gleicher +Zeit läuft ein Rechtsstreit gegen seinen Vormund um Anteile an der +gemeinsamen Herrschaft Schwarzburg, besonders um das Dorf Langewiesen. +Heinrich schlägt die sächsischen Herzöge als Schiedsrichter vor, +Balthasar weist sie zurück. Er mißtraut ihnen wegen der Saalfelder +Nachbarschaft und erkennt sie überhaupt nicht als zuständige Behörde +an, da er unmittelbarer Reichsgraf ist. + +Als Freund des jungen Herzogs Georg von Bayern-Landshut nimmt er +1475 an dessen prunkvoller Hochzeit mit der Tochter des Polenkönigs +Kasimir in Landshut teil. Fast alle Fürsten Mittel- und Süddeutschlands +samt Kaiser Friedrich III. und seinem Sohn Maximilian waren zugegen. +Balthasar muß sich gut eingeführt haben, denn Georg der Reiche +empfiehlt ihn an Kurfürst Philipp nach Heidelberg, und beide setzen +den Schwarzburger 1478 als Pfleger der Herrschaft Heideck ein, die +südlich von Nürnberg liegt. So war Balthasar mit fünfundzwanzig Jahren +Verwaltungsbeamter und militärischer Befehlshaber geworden, und er +behielt diese Würden inne bis 1505. + +Inzwischen kämpft er auf eigene Faust hartnäckig gegen den Bischof von +Würzburg um Ansprüche, die er von seinen Eltern ererbt hat. Dieser +Feldzug endet zwar glücklich für ihn, setzt ihn aber in Schulden, da +viel Kriegsvolk zu entlohnen ist. Rührend nimmt sich aus, wie er in +einem Briefe an die Mutter in Leutenberg mit den Seinen daheim fühlt +und sorgt: »Liebe Frau und Mutter, ich bitt Euch gar freundlich, Ihr +wollet Euch Erhart von Waldenfels Hausfraue und das Seine lassen +befohlen sein, angesehen daß er in meinem Dienst ist. Das will ich +allweg um Euch verdienen.« + +Bis 1486 steigert sich seine wirtschaftliche Bedrängnis. Auf Mittwoch +nach Neujahr setzt er eine Tagung im Rathaus zu Leutenberg an, um die +Herrschaft Leutenberg an seinen Vetter Heinrich XXVI. zu verkaufen. +Dieser erscheint aber nicht und gibt später vor, er habe seinen Dienst +bei Herzog Albrecht von Sachsen nicht verlassen können, außerdem sei +Leutenberg beschwerlich von Leipzig aus zu erreichen. Als Balthasar +hört, daß Heinrich sich Langewiesen vom Kaiser hat verschreiben +lassen, sammelt er Streitkräfte. Darauf nehmen sich Kurfürst Friedrich +der Weise und Herzog Johann von Sachsen ihres Rates und Vasallen +Heinrich an und verwarnen seinen kampfbereiten ehemaligen Mündel. +Trotzig antwortet dieser, er habe nicht zum Angriff, sondern zur +Verteidigung gerüstet, und entschieden weist er die Sachsen auch nur +als Unterhändler zurück. Unfruchtbar verläuft daher ein besonderer +Versöhnungsversuch in Torgau 1487. Als Heinrich XXVI. stirbt, ist +Balthasar wieder in sein Amt nach Landshut zurückgekehrt. Er erklärt +sich von dort aus bereit zu einem Vergleich, dann kann die Fehde 1488 +in Jena beigelegt werden. + +Auf der Burg Leutenberg beginnt drei Jahre später ein Neubau im +Anschluß an das alte Haus. War Hofhaltung und landwirtschaftlicher +Betrieb durch die Amtsleute stark erweitert worden? Waren die leichten +Anbauten aus Vaters Zeiten verwittert? Hegte der bald Vierzigjährige +trotz aller scherzhaften Abrede doch Heiratsgedanken? Einen Teil seiner +landesherrlichen Befugnisse, das ~Jus patronatus~, übertrug er dem +Prior seines Klosters Johannes Ellinck, einem geborenen Leutenberger. +War es christliche Andacht, war es der Wunsch, die Ritterschaft +des Heiligen Grabes zu erwerben: er beschließt, nach Jerusalem zu +wallfahren. Er errichtet sein Testament, nimmt 6000 Gulden auf bei +den Äbten von Saalfeld und Paulinzelle und verschreibt ihnen dagegen +den dritten Teil der Herrschaft Leutenberg. Auf dieser Palästinafahrt +1493–94, an der auch Friedrich der Weise und Lukas Kranach teilnehmen, +lernt Balthasar die sächsische Ritterschaft kennen, darunter seine +späteren Schwäger, die Grafen von Sack zu Mühltruff. Zurückgekehrt +vermählt er sich 1495 mit deren Schwester Anna, einer feinen und +sorgsamen Hausfrau und Landesherrin. + +Schon 1496 zieht ihn der Waffendienst wieder in die Ferne, obwohl +das häusliche Glück durch ein Söhnchen befestigt worden war. Kaiser +Maximilian rüstete gegen König Karl von Frankreich, und Balthasar folgt +seinem Aufgebot nach Italien. Die Kosten für den Aufwand von Rittern +und Knechten deckt eine Anleihe bei dem Abt von Paulinzelle. + +Leutenberg erhielt in demselben Jahre ein neues Stadtrecht entsprechend +den veränderten Lebensverhältnissen. Schon 1497 scheint Balthasar +wieder daheim zu sein, denn seine schriftlichen Befehle an seinen +Schreiber Johann Siebensun wettern über liederliche Wirtschaft mit +Frauensleuten in Schwarzburg: »Dann ob du mehr dergleichen übest, so +wollten wir dich strafen, ob du gleich neun Weihen auf der Platten +sitzen hättest.« + +Inzwischen waren Balthasars Beziehungen zu den Sachsen vertrauensvoll +geworden, so daß er 1498 als Schiedsrichter zwischen Herzog Georg +von Sachsen und dem Pfalzgrafen bei Rhein, Herzog Georg in Ober- und +Niederbayern, angerufen wurde, als diese wegen Sitz und Stimme im +Reichstag verhandelten. + +Von Heideck aus beklagt sich der um die Heimat Besorgte, daß er von +seinem Vetter Günther in dem Anteil an der Herrschaft Schwarzburg +geschmälert wird. Er möchte dieses Anrecht am liebsten verkaufen. +Seine Amtsleute weist er an, sie sollen auf der Hut sein, man hat ihm +in Nürnberg berichtet, Leutenberg soll überfallen werden. Im Mai 1500 +ist er bereit, seinen Teil an der Grafschaft Schwarzburg seinem Vetter +abzutreten gegen 7000 Gulden auf Wiederkauf. Für 1379 Gulden verkauft +er Unterloquitz an den Abt Georg von Saalfeld. + +Ein Aufgebot Georgs des Reichen ergeht 1501, der bayrisch-pfälzische +Erbfolgekrieg bereitet sich vor. Auch Balthasar folgt dem Ruf. Er wird +1503 Hauptmann von Ingolstadt, und als sein fürstlicher Freund am Ende +des Jahres stirbt, tritt er für dessen Schwiegersohn Ruprecht von der +Pfalz ein, dessen Gegner von den Sachsen unterstützt werden. Dann löst +er 1504 seine Beziehungen zu den Bayern und nimmt sächsischen Dienst +an als Rat Friedrichs des Weisen und Johanns des Beständigen. Am 10. +September 1505 verzeichnen seine Büchsenmeister Peter Vischer und Hans +Kessel gewissenhaft das Kriegs- und Hausgerät, das von Heideck nach +Leutenberg überführt worden ist. Es war eine stattliche Anzahl von +Notschlangen und Büchsen in der Burg unterzubringen, Pulvervorräte und +Geschosse waren im Turm zu verstauen, die Pulvermühle samt Zubehör fand +im Pfarrhofe Platz, Rüstungen, Jagdzeug, Kleider und Betten waren zu +versorgen. + +Der Fünfzigjährige richtet sich neu in der Heimat ein, hat aber wie +alle großen und kleinen Landesherren seiner Zeit viele Sorgen um die +täglichen wirtschaftlichen Fragen. Er beginnt zu klagen, wie er »ytzo +mit Vehden und großen Handlungen beladen« ist, und beruft sich gern auf +seine ritterliche Ehre: »wir sind ein frummer und tugendlicher Graf zu +Schwarzburg«. + +In einem erregten Briefwechsel, bei dem die Boten zwischen Leutenberg +und Saalfeld hin und her hasten, setzt er dem Abt Georg zu, +Spielschulden zu bezahlen an Leutenberger Untertanen. Er schont +zunächst dessen geistliche Würde, erinnert ihn aber schließlich +notgedrungen und immer kräftiger daran, wie »Spott, Beschämen und +Schaden mag erwachsen«, wenn die Öffentlichkeit erfährt, »Ihr habt +gespielt, seid trunken gewesen und Geld darob schuldig worden«. + +Aus Balthasars Niederschriften geht als ergötzliches Sittenbild jener +Zeit hervor ein Beleidigungsprozeß mit Klage und Wiederklage in den +Jahren 1506–1508. Dr. Kitscher, ein geistlicher Beamter der sächsischen +Kurfürsten, schleicht sich an den Generalvikar der Augustinerorden, +Dr. Staupitz, auf einem Fürstentag zu Koburg heran, um ihm ein +günstiges Urteil über seine Amtsführung zu entlocken. Staupitz, +der scharfe Menschenkenner und später der Förderer Luthers, spielt +aber vorsichtig darauf an, daß er erfahren hat, Kitscher lebt in +unsittlichen Beziehungen zu einer adeligen Jungfrau aus Weida und zu +einer Bübin in Altenburg. Kitscher, höchst enttäuscht und entrüstet, +greift zur Feder und veröffentlicht eine urkräftige Schmähschrift gegen +Unbekannt. Er will erzwingen, daß ihm der Urheber der Gerüchte genannt +wird. Allmählich verlautet, daß der Leutenberger Graf scherzhaft derbe +Ausdrücke über Kitschers blühendes Aussehen und weltliche Gewohnheiten +geäußert hat. Nun spitzt sich die Feindschaft zu. Balthasar fühlt +sich durch jene Schmähschrift getroffen und an seiner Ehre gekränkt. +Wie um sich selbst Standhaftigkeit einzuflößen, zeichnet er in seinen +Briefentwurf zwei gekreuzte Degen mit der Umschrift: »Halt hart, liebe +werte Schwarzburg!« Er setzt dann auch dem Gegner markig zu, bis dieser +sich unter dem Druck seines nicht recht sauberen Gewissens windet und +schließlich klein beigeben muß. Ein Vergleich kommt 1508 zustande und +wird auf einem Blatt mit schönen gotischen Lettern von Weimar aus +veröffentlicht. + +In demselben Jahre gibt Balthasar seiner Stadt Leutenberg ein neues +Stadtregiment »mit Rat und Bedenken der Bürgermeister und Ratspersonen«. + +Im Jahre 1509 baut er eine neue Schmelzhütte mit sechs Öfen, und +seitdem pflegt er auf Grund der Erfahrungen, die er in der sächsischen +Verwaltung gesammelt hat, den Bergbau um Sormitz, Loquitz und Saale. +Als Schutzherr der Kirche beweist er sich 1512, indem er das verfallene +Gotteshaus am Fuße seines Burgberges zu Ehren der Maria Magdalena +neu errichten läßt. Seinen Anteil an der Herrschaft Schwarzburg +verpfändet er abermals, doch den Weinwachs zu Blankenburg läßt er sich +wohlweislich nicht entgehen. + +Aus seinem sächsischen Amt entlassen, erhält er ein Gnadengeld von 50 +Gulden vierteljährlich »in Ansehung der treuen, willigen und nutzbaren +Dienstbarkeit«. Feinsinniges Verhalten und bescheidenes Selbsturteil +geht aus seinen Eingaben nach Weimar hervor. + +Seine Klagen wiederholen sich, er fühlt sich »mit Schwachheit umgeben +und mit schwerem Gemüt« beladen. Zu Schiedsrichterämtern ruft man ihn +nach Bamberg, Böhmen und Sachsen, er muß sich immer mehr wehren gegen +Reisen nach auswärts: »Ich han so eine unlustige Krankheit, daß ich +mich billich vor allen ehrenwerten Leuten schäme.« + +Um Ordnung in seinen Haushalt zu bringen, greift der einst so +Freigebige und Uneigennützige auf alte Außenstände zurück. Es +entwickelt sich ein lebhafter Briefwechsel mit seinen Schwägern Hans +und Kaspar Sack zu Mühltruff und deren Schwager Ulrich von Zedwitz. +Balthasar hat »den Säck« auf ihrer Palästinafahrt Vorschüsse geleistet. +An diese erinnert er jetzt eindringlich, auch erwartet er, daß seiner +Frau nun endlich ihr Erbteil ausgezahlt wird. Die Schuldner schweigen +sich aus. Später ergehen sie sich in trotzigen Reden gegen die +Leutenberger Boten, erwidern die Briefe aber nicht. Tagungen werden +ihnen vorgeschlagen in Saalburg, Remptendorf, Weißbach und Drognitz. +Sie fürchten sich jedoch, sächsisches Gebiet zu verlassen, obwohl ihnen +ihre Schwester freies Geleit zusichern will unter Balthasars Siegel +oder Petschaft und Handzeichen. Anna fährt selbst nach Mühltruff: +umsonst! Balthasar droht mit Klage an den Fürstenhöfen und mit +Bekanntgabe in den Familien, wo Hans Sack als Brautwerber auftritt: +umsonst! Anna beschwört sie in schwesterlicher Liebe: »Mit Wissen und +Vorwillen meines lieben Vaters seliger Gedächtnus und Euer bin ich +dem wohlgeboren, meinem lieben Herrn und Gemahl aus sunder Gunst und +Neigung, die er zu mir gehabt, vermählt worden.« – »Mein Herze hat um +das von meinem väterlichen und mütterlichen Erb gefällig gewesen, +getraut und glaubt mich darauf mit Vermächtnus wie bekannt versehen. So +Ihr aber Euch dermaß erzeiget, so werden ungezweifelt alle Verwandte +der Herrschaft Leutenberg nach wenig Verscheinung der Zeit mit ihren +Pflichten, Eiden und Gelübden meinem Sohn Hans Heinrich zugewiesen und +eingegeben. Alsdann, so der allmächtig Gott nach Geschehung seines +Willens schicken wolle, so ich meinen Herrn überlebt, müßt ich meinem +Sohn als eine Dienerin zu Gnaden leben, dann ich hätte nichts mir +zuständig.« Die Not drängt sie, sie fürchtet, daß sie als Witwe »viel +minder dann ein Dienstmaid« dasteht. Balthasar bewegt sich gelegentlich +in Worten, die an Luthers Sprachweise anklingen: »Die Säck tun diese +Ding mit Schweigen verschlucken, wie hungrig Säu Molken trinken.« »Man +hätte fürwahr den Unflat nit erwarten dürfen zu seiner Zeit.« Lang +ziehen sich die Verhandlungen hin, und noch im Jahre 1559 wechseln die +Beamten von Mühltruff und Leutenberg Briefe, weil die Schulden noch +nicht abgetragen sind. + +Als üble Nachbarschaft war Balthasars Verhältnis zu dem Prior und +den Mönchen des Klosters in Leutenberg angewachsen. Persönliche und +sachliche Beweggründe kamen dabei ins Spiel. Von 1507 bis 1517 läuft +ein Briefwechsel, den er mit der Ordensbehörde in Leipzig führt. +Dorthin war Johannes Ellinck übergesiedelt, nachdem er zum Lesemeister +der Heiligen Schrift aufgerückt war. Als Vertreter des Provinzials +Hermann Rabe beantwortet er die Briefe des Leutenberger Grafen. Die +Gegnerschaft zwischen Burg und Kloster hatte klein begonnen. Balthasar +hatte das eine Mal Leute, die zur Messe gehen wollten, zu sich +gerufen. Das andere Mal hatte er einem Kirchenbesucher, während dieser +niedergekniet war, zugewinkt, er möchte einem Priester, der gerade +ohne Meßdiener amtierte, das Wasser zur Handwaschung gießen. Dafür +beschimpfte ihn der Prior von der Kanzel herab, beschuldigte ihn des +Kirchenfrevels und behauptete: der Graf achtet sich höher denn Gott. +Besorgt um ihren kranken Gemahl hatte sich die Gräfin Anna von einem +Heilkünstler und Wahrsager aus Tambach ein Amulett anfertigen lassen. +Balthasar versichert zwar, daß er es nicht angelegt hat. Doch »Mönch +Linck« verklagt ihn wegen Zauberei und Abgötterei und verkleinert so +das Ansehen des Landesherrn. Balthasar macht geltend, was er Treues und +Gutes schon dem Kloster gewährt hat, und versichert, gewißlich auch +weiter will er die Diener Gottes fördern, wie er nur kann. Sein Wunsch +ist, er möchte einmal in der Klostergruft, auf seinem väterlichen Erbe, +bei seinen frommen Ahnen begraben liegen. Die Leipziger Ordensvorsteher +hoffen, der Streit soll in Frieden allmählich ausklingen. Sie +verleugnen auch wohl den Empfang eines Beschwerdebriefes und +versprechen höchstens, persönlich einmal in Leutenberg einzutreffen, +kommen aber nicht dazu. + +Dann geht Balthasar zu schwereren Anklagen über. Er zeigt an, im +Kloster wird widernatürliche Unzucht getrieben. Er beschwert sich, +die Mönche haben einen heimlichen Gang über die Klostermauer und den +Stadtgraben angelegt, dadurch ist die Sicherheit der Stadt gefährdet. +Ringsum in den Nachbarländern wütet Mordbrand, und die Leutenberger, +genugsam gewarnt durch Schadenfeuer, müssen Posten an den Toren +stellen, während den verborgenen Ein- und Ausgang im Kloster niemand +überwachen kann. Am Kirchberg hat der Prior ackern und säen lassen, wo +es ihm nicht zusteht, dadurch ist den Bürgern die Viehtreibe versperrt. +Um das ganze Kloster sind Stangen errichtet mit Schlägen für 60–70 Paar +Tauben, die schädigen die Feldflur im Übermaß. Die Brauhausverordnungen +werden von den Brüdern wild übertreten. Der Graf droht, den Mönchen +soll keine Hilfe mehr geleistet werden beim Einbringen der Ernte, nur +mit eigenem Geschirr dürfen sie künftig im gräflichen oder städtischen +Brauhaus brauen. Schlimmsten Falles wird er sich nicht bedenken, ihnen +die Kirche und den Gottesdienst wieder zu entziehen. Immer wieder +versichert er aber demütig, er will sich nicht mehr mit dem Kloster +beschäftigen, als ihm zukommt. Als ein armer und kranker Mann möchte +er nicht noch Leibes und Lebens beraubt werden, sondern in Frieden +heimgehen. Ein Sittenbild jener Zeit: Altes versinkt, Neues steigt +sturmgeladen herauf! + +Ergreifende Kleinbilder entfalten sich in Bestellzetteln, die +ausgehen, Bittschriften, die einlaufen, privaten und amtlichen +Entscheidungen, die der alte Herr zu treffen hat. Mancher Seufzer +entschlüpft seiner Feder: »Wenn der Wolf alt wird, so reiten ihn die +Krähen!« Bald verhandelt er in diplomatisch gefälligen Wendungen +über Grenzfälle mit Ludwig von Aib, Hauptmann auf dem Gebirge in +brandenburgisch-kulmbachischem Dienst, bald versichert er wortreich +einem Beamten des Bischofs von Bamberg, wie er als ein armer gemeiner +Diener dem geistlichen Fürsten wohl nach allem Vermögen in Treuen +dienen möchte, aber seinen Untertanen muß ihr Recht werden. Der Wirt +von Steinbach hat den Schäfer Klaus Müller von Roda um 40¼ Gulden für +verkaufte Schafe betrogen. Die bischöflichen Räte wollen die Sache +verschleppen. Balthasar gibt aber nicht nach, bis der Schuldige »durch +den Nachrichter mit Ernst besprochen« wird und sein »armer Freund« 40 +Gulden in Bamberg erheben kann. + +Sein Schwarzburger Vetter hat Aufruhr niederzukämpfen gehabt und +bietet den halben Teil der Herrschaft Schwarzburg aus. Darüber werden +Tagfahrten in Leutenberg und Blankenburg gehalten, und Balthasar stellt +ein Verzeichnis der Bergwerke um Leutenberg auf. Mit Rechtsbeiständen +hat er nicht gern zu schaffen. Von einem derselben versichert er: »So +iß ich auch nit gern heiß Suppen mit ihm.« + +Die armen Leute von Munschwitz können ihr Land fast nicht erhalten. +Balthasar nimmt sich ihrer an, als der Gutsherr auf Löhma ihnen +zusetzt, weil sie bei einem Holzschlag auf dem Löhmberg die Grenze +verletzt haben sollen. Der Kirchner von St. Jakob hat Holzfrevel +begangen, der Key von Steinsdorf hat Beulwitzsche Eichen gefällt: »die +soll man nicht ungestraft lassen, doch einen jeglichen nach Gehalt +seiner Übung«. + +Der Schmied Hofheinz in Wurzbach muß vor das Leutenberger Gericht +geladen werden. Sein Sohn hat den Heberndorfer Untertan Blidler +verwundet. Der Vater hat den schuldigen Sohn gehaust, geherbergt, +geatzt, getränkt und gehalten. Dafür muß er zur Rechenschaft +gezogen werden. Friedrich von Gahma und Nickel in Gleima sind in +einen Messerdiebstahl verwickelt und sollen in Lobenstein vernommen +werden. Dazu bedarf es herüber und hinüber erst der Genehmigung der +Landesbehörden. + +Von der Leipziger Messe bringt ein Leutenberger Kaufmann die Kunde +mit, die Bamberger und Nürnberger Fuhrleute sollen überfallen werden. +Darum müssen Hans von Thun auf dem Lauenstein und die von Beulwitz im +Eichicht scharfe Wache aufstellen und ihre Leute in Bereitschaft halten. + +Ein Aufruhr droht auch in das Leutenberger Gebiet überzugreifen. +Deshalb hat Hans von Oberweimar in Weitisberge, genannt Ulfrich, mit +seinen Leuten kriegsbereit auf der Burg anzutreten. Geleitsfragen sind +umständlich zu regeln: kein Leutenberger darf Saalfeld betreten, der je +gegen Sachsen gekämpft hat. Übergriffe am Fischwasser und im Wildbann +erregen die Gemüter. Die Bürger sollen die Mauer unter der Badestube +im Schloß aufrichten helfen und mit Schiefer decken. Die Bretter +dazu liefert der Müller: »doch soll man dem Armen, ob es anders zu +denken ist, hilflich sein«. Die Läden am Pulverturm soll man auftun, +die Glasfenster zulassen: »doch daß man aufs Unwetter groß Achtung +hab, daß dem Pulver nichts widerfahr«. Zwei Wagenpferde soll man +verkaufen, »dann ihrer ist genug an vieren«. Landsendorfer Untertanen +haben durch Spiel, Trunkenheit und andere Leichtfertigkeit ihre Güter +vernachlässigt: Schultheiß, Dorfmeister und die ganze Gemeinde werden +scharf angelassen, bei 10 Gulden Strafe haben sie zu wachen, daß das +unterbleibt. + +Im Sommer 1520 will der Graf Günther von Schwarzburg seinem Vetter, +den er auf dem Reichstag zu Worms vertreten muß, ein klein Pferdlein +zusenden, ins Kloster und zu seinem Garten zu reiten. Balthasar +wehrt jedoch ab, er braucht es nicht mehr, da ihm der Markgraf von +Brandenburg ein Eselein geschickt hat. + +Müde und mit Sorgen überladen tritt der erst achtundsechzig Jahre alte +Kriegshauptmann, Friedensrat und Burgherr 1521 die Herrschaft an seinen +Sohn Hans Heinrich ab und erwartet das Lebensende. Am 18. Juni 1525 +erlöst ihn der Tod, dann nimmt ihn die Gruft seiner Väter auf. + +Der Südflügel des Schlosses, wie er noch heute steht, der massive Teil +des Nordflügels bis zu gleicher Länge, der starke Neue Turm, sowie +der mittlere Schloßhof überhaupt stammen aus Balthasars Bauzeit. Daß +außerdem noch Fachwerk- und leichte Holzgebäude vorhanden waren, die +restlos verschwunden sind, muß immer bedacht werden. Bis 1491 ging +die Zufahrt zur Burg über die Felsen hinauf, die gesprengt wurden, um +Bauplatz für den Südflügel zu gewinnen. Dadurch entstand der Tunnel, +über dessen Eingang Balthasars Wappen und Namen prangten und, wenn +auch zertrümmert, noch zu sehen sind. + +Münzkundige kennen zwei kleine Münzen, die Graf Balthasar 1493 prägen +ließ. Freunde des Kunsthandwerks oder der Waffenkunde werden sich +gern durch zwei schöne Geschützrohre im Rudolstädter Schloßhof an den +Leutenberger Artilleriehelden und seine bayrische Laufbahn erinnern +lassen. + + + + +Johann Heinrich, 1496–1555 + + +Balthasars Sohn Hans Heinrich war Vertreter einer neuen Zeit. Über +sein Leben fließen die heimatlichen Geschichtsquellen spärlich. Er +war humanistisch gebildet, mit Männern der Wissenschaft befreundet, +verkehrte in Jena mit Lehrern der Hochschule und erwies sich als fromm +und tapfer in Kirchen- und Staatsangelegenheiten. + +Zum Verdruß des Vaters hatte er 1517 eine Palästinafahrt unternommen, +um die Ritterschaft des Heiligen Grabes zu erwerben. Daraus waren neue +drückende Verpflichtungen entstanden. Die kaiserliche Bestätigung +seiner Herrschaft Leutenberg empfing er 1521 auf dem Reichstag zu +Worms durch Karl V. Als die Bauernaufstände ringsum die Nachbargebiete +in Unruhe versetzten, ließ er 1525 die Gewehre und Waffen seiner +Untertanen einfordern. Wie es um diese Bewaffnung bestellt war, geht +noch aus den Verzeichnissen darüber hervor. Jeder Bürger war von +Pflicht und Rechts wegen gehalten, je nach der Größe seines Besitzes +»ein püchs, ein armbrust und wynd, oder ein helmpartn« in gutem Stand +zu führen. + +Durch die Ehe mit Margarete von Weida knüpfte er 1527 +verwandtschaftliche Beziehungen auch zu den Mansfelder Grafen an. Als +das Kloster Paulinzelle aufgelöst wurde, nahm er sich des Abtes an, +trat aber selbst 1530 in Augsburg zur Reformation über und erfreute +sich des Schutzes und der Freundschaft der sächsischen Kurfürsten und +Herzöge, besonders Johann Friedrichs des Großmütigen. + +Die Rechtsstreitigkeiten um das schwarzburgische Erbe liefen weiter +und wurden 1541 durch ein kaiserliches Mandat auf dem Reichstag zu +Regensburg verglichen; die Herrschaft Leutenberg war bereits 1536 +wieder eingelöst worden. Diese Verpfändungen oder Verkäufe auf +Wiederkauf hingen ganz allgemein mit dem Mangel an Zahlungsmitteln in +jener Zeit zusammen: »Es will niemand bar Geld haben.« + +Das Schloß Leutenberg bedurfte 1542 der Ausbesserung. Andreas Thiem, +der Schieferdecker von Heberndorf, wird aus Selb, wo er arbeitet, dazu +heimgerufen. + +Als verlautet, daß Herzog Heinrich der Jüngere von Braunschweig einen +Überfall auf die sächsischen Lande vorbereitet, ergeht 1545 das +Aufgebot, auch Hans Heinrich soll Montag nach Michaelis in Weimar +erscheinen »mit allen Knechten und Pferden in blanker oder sonst guter +Rüstung, Armzeug, Knie, Köpf, Spieß und Hauben und allem dem, so zum +Ernst und Krieg gehörig«. + +Aufgebote ergehen, und Anlässe zu Reisen mehren sich, da klagt der erst +Zweiundfünfzigjährige, er ist »mit Schwachheit beladen und nie aus dem +Bett gekommen«. Es war allgemein böse Zeit. Sein Amtmann Heinrich von +Heldorff in Schwarzburg jammert: »Das Sterben will noch nit nachlassen +und will immer weiter überhand nehmen. – Gott der Allmächtig wolle uns +für die Straf seine Barmherzigkeit verleihen, und daß wir uns auch +besserten.« + +Als 1546 der Erbstreit der Mansfelder Grafen geschlichtet werden +sollte, war mit Luther und Fürst Wolfgang von Anhalt auch Hans Heinrich +von Leutenberg als Schiedsrichter und Berater in Eisleben tätig. +Verwandtschaft, vielfache gemeinsame wirtschaftliche Beziehungen zu +den Mansfeldern und die genaue Kenntnis von deren Bergwerksrechten um +Leutenberg befähigten ihn zu einem friedlichen und sachlichen Urteile. +Dabei wurde er Zeuge von Luthers Tod, über den er sofort in die Heimat +berichtete. + +Im Jahre 1551 befindet er sich mit Wolfgang von Anhalt im Lager des +Kurfürsten Moritz von Sachsen, um dessen Streit mit der Stadt Magdeburg +beilegen zu helfen. + +In Vorahnung des Lebensendes erneuert er 1554 sein Testament: seine +Gemahlin Margarete mit ihren drei Töchtern erhält Recht auf Behausung +im Schloß und 500 Gulden Jahreszins auf ihr eingebrachtes Heiratsgut. +Bei seinen schönburgischen Verwandten ereilt ihn der Tod in Glauchau +am 14. März 1555. Zwei Tage darauf findet die Beisetzung in Leutenberg +ohne Gepränge statt. + +Zwei Bronzegeschütze im Schloßhof zu Rudolstadt erinnern an die Zeit +von Hans Heinrich, das eine trägt nur die Jahreszahl 1522, das andere +die Anfangsbuchstaben von Ernst Peter Graf Mansfeld. + + + + +Philipp, 1540–1564 + + +Drei Söhne von Hans Heinrich waren als Kinder gestorben, der vierte, +Graf Albert, fünfundzwanzig Jahre alt als strebsamer, hochbegabter +Student am 26. Januar 1555 in Jena. Sein Lehrer, Professor Stiegel, hat +ihm in einem wortreichen Nachruf ein Denkmal gesetzt. Der fünfte Sohn, +Philipp, folgte dem Vater in der Herrschaft. Über seine Ausbildung und +Lebensschicksale sind nur vereinzelte Nachrichten auf uns gekommen. Der +Magister Bonaventura Albrecht aus Saalfeld, bekannt als Liederdichter +der Reformationszeit, war sein Lehrer. Studien in Jena scheinen dann +gefolgt zu sein. + +Graf Philipp war wohl auch von Jugend auf schwächlich. Außerdem +lasteten die mißlichen Vermögensverhältnisse schwer auf ihm. Seine +drei Schwestern verheirateten sich nach Braunschweig, Hohnstein und +Plauen, sein jüngerer Bruder, Sighart, verunglückte noch als Knabe in +Schwarzburg durch einen Sturz aus dem Fenster. Kaum 19 Jahre zählte der +Graf, als er sich vermählte mit Katharina, einer geborenen Herzogin von +Braunschweig-Grubenhagen. Sie war 16 Jahre älter als er und verwitwet +aus einer Ehe mit Johann Ernst von Sachsen-Koburg. + +In Leipzig, wo er sich zur Kur bei einem Spezialarzt aufhielt, starb +der letzte Graf von Leutenberg am 8. Oktober 1564. Die Beisetzung +erfolgte in Leutenberg. Seine Witwe war ein unglücklicher Charakter, +überstolz auf ihre Abstammung, unruhig und führerlos. Sie starb +in Saalfeld 1581. Mit ihren Anliegen beschäftigte sie lebhaft die +schwarzburgischen, sächsischen und kaiserlichen Behörden, so daß sich +die Verhandlungen lang hinzogen und erst nach ihrem Tode beigelegt +wurden. + + + + +Das Schloß als Witwensitz + + +Bereits seit 1554 stand das Schloß nur unter der Aufsicht von +Schloßhauptleuten. Doch wohnte die Dienerschaft von zwei Witwen und +drei nach auswärts verheirateten Gräfinnen noch da, die sich das +Recht auf einen Wohnsitz vorbehalten hatten. Es entstand daher große +Not, als im Sommer 1567 fast das halbe Schloß abbrannte, und die +stehengebliebenen Teile zusammenzubrechen drohten. + +Herrenloser Betrieb war in der Burg eingerissen. Am 18. März 1567 +schreibt die Gräfinwitwe Margareta: »An meine getreue Dienerin Martte +uff unserem Haus zu Leutenberg: Daß Du auch aus dem Schloß nit gehest, +sondern wir Dich und die andern, die wir noch im Schloß beneben unserm +Vieh haben, darin behalten wollen bis auf unser Zukunft. – Desgleichen +hat mir die alte Gräfin zu Schwarzburg gesagt, wo ihr Gesinde essen, +so sollt Ihr auch mit ihnen essen, denn ich Euch nichts schicken kann, +bis ich mit ihnen verglichen werde, Ihr Euch auch wollt gegen den +Hauptmann haben, so daß er nicht über Euch zu klagen habe.« + +Ein Brief des Schössers Johann Schüffener an den Schloßhauptmann vom +26. März erwähnt die Gräfin Katharina: »Daß sie aber Euer Gnaden bei +unserer alten Gräfin übel ausgetragen, ist hier nicht neu, denn es +ist ihr alter Brauch. – Wann sie ihr wesentlich Bleibens wieder hier +anstellen würde, ich wollt eher auf allen Vieren davonkriechen.« + +Aus dem Briefe eines Grafen Günther an den Schösser in Leutenberg geht +hervor, daß Graf Philipps Witwe oft gemahnt worden ist, das Schloß zu +erneuern. »Wenn sie in das Haus einziehen will, Du wollest sie mit +glimpflichen Worten abweisen und vermahnen, daß sie solches müßig zeihe +und etwan in ein Wirtshaus bis auf unseren ferneren Bescheid einziehen +wolle. – Und Du wollest ihr Gesind alsbald aus dem Haus abschaffen +und sie etwan in ein anderes Haus ziehen und das Ihrige, so sie +bedürfen, aus dem Haus folgen lassen und alsbald alle Türen und alles +verschließen.« Die Gräfin Katharina selbst war zur Kur in Karlsbad und +beklagt sich auf der Heimreise von Hof Pegnitz aus am 1. November bei +ihrem »Schwager«, daß der Schösser ihr Gesinde »kompellieren« will, +sie ist bereit, in ein, zwei, drei Bürgerhäuser zu ziehen, weil der +Feuersunfall im hintern Schloß auch ihre Wohnräume daneben verderbet +hat. + +Da auch »beinahe die ganze Stadt in Feuersnöte geraten« ist, wird +der Schriftwechsel dringender, und am 16. November gibt Christoph +von Enzenberg dem Schloßhauptmann Eitel Kurt Glock den Auftrag, der +Neubau soll vorbereitet werden. Der Bauanschlag sieht 700 bis 800 +Taler vor, einen Betrag, der ziemlich viel bedeutet nach damaligem +Wert, und neben dem noch die vertragsmäßig zu leistenden Frondienste +und Sachlieferungen anzusetzen wären. Es muß demnach ein stattlicher +Oberbau oder ein Anbau im Nordflügel entstanden sein. + +Die Herrschaft Leutenberg wechselte nun rasch ihre Landesherren. +Schon 1563 ließ Friedrich der Mittlere, Herzog von Sachsen, Landgraf +in Thüringen und Markgraf zu Meißen, durch drei Weimarische Räte die +Gemeinde Leutenberg den Huldigungseid leisten. Vier Jahre später +wurde diese Abhängigkeit gelöst. Nach Graf Philipps Tode ging das +Leutenberger Erbe an Albrecht VII. zu Rudolstadt und seinen Bruder +Johann Günther von Sondershausen über. Graf Albrecht nahm sich 1571 +des Amtes Leutenberg an und regelte die »Gerechtigkeiten, Mannschaft, +Zugehörungen, Einkommen und Nutzungen«. Dem Stadtrat erteilte er +1578 das Privileg, auf dem neu erbauten Rathaus Bier und Branntwein +zu schenken. Die Dörfer müssen das Bier in der Stadt nehmen, schoß- +und zinsbare Güter dürfen nicht an Auswärtige verkauft werden. Nur +Hausgenossen, nicht angesehene Bürger haben mehr als Treiber zur +Hasenjagd und als Fröner zu dienen. Im Frühjahr darf der gräfliche +Schäfer keinen umzäunten Grasgarten mehr öffnen und betreiben. + +Graf Philipps hinterlassene Schulden ließen sich aber so bald nicht +tilgen, und die Schwierigkeiten in der Landesverwaltung wuchsen +übermächtig an. Deshalb verkaufen 1598 Graf Albrecht von Rudolstadt und +seine vier Neffen von Sondershausen ihre Hoheit über die Herrschaft +Leutenberg, Schloß, Stadt, Vorwerk Roda und 13 Dörfer für 56100 Gulden +auf Wiederkauf nach sechs Jahren. Käufer war Melchior von Bodenhausen, +auf Arnstein, Mühldorf und Almen, Kurfürstlich sächsischer Rat und +Hauptmann, der auch Blankenhain innehatte. Der ausführlich abgefaßte +Kaufvertrag sieht besonders vor, das »bishero in ziemlichen Abfall +gekommene Schloß« von Jahr zu Jahr »zu rektifizieren und auszurichten« +– »gegen Tilgung notdürftiges Bauholzes und Erstattung der Baukosten«. +Während der Bodenhausenschen Verwaltung, die bis 1607 dauerte, sind +tatsächlich Bauten im Schloß ausgeführt worden »an der alten Kirche«, +die eingegangen war, »am vorderen Bau«, am Turm und am Brunnen. Doch +läßt sich Genaueres nicht erschließen. + +Im Jahre 1605 starb Albrecht VII. in Rudolstadt und hinterließ +vier Söhne und sechs Töchter aus erster Ehe, sowie eine erst +siebenunddreißig Jahre alte Witwe aus zweiter Ehe, die ihren +Pflegekindern eine treue Erzieherin blieb. + + + + +Elisabeth, 1568–1617 + + +Elisabeth stammte aus dem pfälzischen Grafengeschlecht von +Leiningen-Westerburg, hatte ihrem um 31 Jahre älteren Gemahl reiche +Mittel eingebracht, und ihre Stiefsöhne waren nun bestrebt, sich +dankbar zu beweisen. Sie ließen das Schloß Leutenberg neu herrichten, +setzten bei den Grafen in Schwarzburg durch, daß ihrer Pflegemutter das +Reichslehen Leutenberg zugewiesen wurde, wozu Kaiser Rudolf Konsens +erteilte, und 1608 zieht die neue Herrin in ihr Wittum ein. + +In Schloß, Stadt und Amt stehen ihr Hoheitsrechte zu, ausgenommen sind +die Nutzungen an Bergwerken, die ritterschaftlichen und die freien +Mannslehen. Vornehme Ausstattung und reiche Schätze barg das Schloß, +wie die Inventarien von 1608 und 1618 ausweisen. + +Die Gräfin »beschwert ihr Gewissen damit«, unter den Geistlichen der +Umgegend »eine genugsam geklärte Person« zu finden als Schulmeister für +Schloß und Stadt. Günther Brömel aus Ilm, zuletzt in Königsee, hält +Probepredigt, erwirbt die Anerkennung der Gräfin und beweist sich als +treuer Seelsorger bis an ihr Sterbelager. + +Wir erhalten Einblick in die Wirtschaftsführung des großen +Haushaltes, wenn 55 Gulden für Fische aus Erfurt zu verrechnen sind, +für »Halbfisch, Bricken, Hering, Lachs, Bickling, Sbierollen und +Stockfisch«. Wir müssen staunen über ihre Gewänder, ihre Pelze, ihre +mit ~Æ W~ gezeichneten Wäschevorräte, ihren Reichtum an Schmuck, und +wir erfahren, daß ein Positiv und zwei Clavicordia zum Mobiliar der +Burg gehören. Eine Apotheke im Schloß verwaltet die Gräfin selbst, +und besorgt schickt sie Arzeneien nach Rudolstadt, als dort die Pest +ausbricht. Bloche aus der Mühle, Wein aus Rudolstadt, die Erträgnisse +des Schafhofes Roda erscheinen in ihren Schriftstücken für die +Hofhaltung. + +Die alten Teile des Schloßbaues bereiten Kummer. Die Küche unter dem +Gemache der Gräfin ist feuergefährlich: »Weil auch dise stunde wider +ein balcken in der Küchen entzwey geglummet und herunter gefallen, +welcher auch gleich den andern mit blech beschlagen gewesen, undt wir +befürchten, es mechte eins mals gros Unheill doraus entstehen, als +bitten wir, Euer Liebden wollen doch die Anordnung thun, darmit gantz +Eisern stebe an stadt solcher balcken mechten eingemauert werdenn.« Der +Sturm hat das Gebäude »bey dem alten Dorme« verschoben, den Kachelofen +im Frauenzimmer umgestoßen, eine getäfelte Stube ist Mäusegeniste, die +Wände werden mit schwarzgrünen Teppichen beschlagen. Hans Pfau aus +Krölpa besorgt den »neuen Bau« und richtet die Kapelle, die düster und +öde liegt, wieder zu. Auch die Kirche in der Stadt ist baufällig, der +Pfarrer kann auf der Kanzel nicht lesen bei dunklem Wetter, »der Rat +und das arme Völklein hat kein Vermögen«, die Gräfin hilft und stiftet +auch eine neue Orgel. + +Treuherzig und pfälzisch-witzig nehmen sich ihre Briefe aus in der +Schreibung ihrer Heimatsprache, so wenn sie sich an den nur wenige +Jahre jüngeren Stiefsohn wendet eines Reitpferdes wegen für die Reise: +»ich bitte Euer Liebden helffe ia das bestde dozu, das ich ia das +pferdt mochtde bekommen, atder es mosch auch ein ansehen habben, E. L. +wissen wol, wi es sein soll, E. L. scuchen mir ein schon pert auß, ich +wil E. L. ein mall weider ein schon freulin weider helffen außscuchen, +E. L. haben es mir nicht vor ebel, das ich E. L. selber nicht weider +habben geschriben, den der bott gar ser weider gros eile hatt. So hei +mitt wil ich E. L. in schutz und schirm des almichtigen befellen«. + +Von 1613 ab vernehmen wir Klagen über Unpäßlichkeit, obwohl die Gräfin +erst fünfundvierzig Jahre alt ist. Sie vertröstet sich, ihr Leiden +werde »mit dem abgewiesenen Märzen verschleichen«, vorläufig gibt sie +sich zufrieden, sie kann noch »umbschleichen, spazieren gehen und +fahren«. Nach und nach wird es einsam um sie, die Pflegekinder fliegen +aus in die Welt, und als ihre letzte Stunde herannaht, äußert sie +dringendes Verlangen nach dem altbewährten Seelsorger, der von Ilm +herbeigerufen wird. + +Am 26. Oktober 1617 befreit ein sanfter Tod die opferfreudige +Schloßherrin von ihren Sorgen. Heikle Rechtsfragen erheben sich um +ihren reichen Nachlaß. Die Beisetzung in einem kostbaren Zinnsarg +findet statt, aber erst am 24. Dezember erfolgt mit stattlichem Zuge +die Überführung der Leiche nach Rudolstadt. + +Dort wurde sie in der zwiefachen Höhle unter dem Fürstenstand der +Stadtkirche beigesetzt, wo bereits ihr Vater und ihre Schwester +Hermanna ruhten. Auf dem goldenen Reliefbild am Fürstenstand ist +Elisabeth dargestellt hinter Juliana, der ersten Gemahlin Albrechts. + +Der älteste Stiefsohn Karl Günther zu Kranichfeld übernimmt die +Herrschaft Leutenberg und läßt die Beamten vereidigen. Die Burg und +der große landwirtschaftliche Betrieb stehen wieder unter Aufsicht von +Schloßhauptleuten. Als einer derselben tritt Daniel von Watzdorff im +Jahre 1628 auf. Er erhält am 27. Januar Befehl, daß die Lehensleute +und ihre Hintersassen »eine halbe Kompagnie Reuter einlogieren und +akkomodieren« sollen. In der Tat rückte jedoch eine ganze Kompagnie ein +und lag elf Wochen in Burg und Stadt. + +Leutenberg und die Amtsdörfer hatten 5175 Taler Kontribution +aufzubringen. Was sonst noch an Lasten zu tragen und an Schäden +zu erleiden war, darüber sind die unmittelbaren Nachrichten durch +Feuersbrünste zugrunde gegangen. Aus dem Jahre 1640 verlautet, daß die +Pfarrwohnung eingeäschert wurde. + +Die Salvagardie, die der regierende Graf Ludwig Günther 1641 bei +dem kaiserlichen Kriegsrat Generalfeldmarschall Hatzfeld für seine +Schwarzburgischen Länder auswirkte, mag auch dem Leutenberger Gebiet +zugute gekommen sein. In Vorahnung des Todes wies er die Herrschaft +Leutenberg seiner Gemahlin Amilie als Wittum zu und das Schloß, wo er +gute Jugendjahre bei seiner zweiten Mutter Elisabeth verlebt hatte, als +Wohnsitz. + + + + +Amilie Antonie, 1614–1670 + + +Am 30. und 31. März 1647 zählt ein genaues Inventarium des Schlosses +und Amthauses die einzelnen Räume auf und berichtet sowohl über den +baulichen Zustand wie auch über die Wohngeräte. »Vors erste ist +das Schloß, an Dach und Fach, wie auch sonsten noch, auser was die +Schwedischen eine Zeitlang darauf gelegene Trajouner an Fenstern, +und Ofen, sowohl Ständen in Reisigen- und Gutschstellen verwüstet, +in guthen baulichen Weßen.« Nur »die Grundmauer unter dem Waschhaus +befindet sich also mangelhafftig, daß sich das Obergebäude darnach +gesenkt«, weshalb die große Feueresse auseinanderzubrechen droht. + +Es werden außer den Wohnungen für Herrschaft, Gäste Amtsleute und +Dienerschaft, nebst den Stallungen, namentlich Räume genannt, die +einen Schluß auf die Größe des Betriebes gestatten, wie Wollengewölbe, +Brenngewölbe, Kornböden, Kelterhaus, Darr- und Brauhaus, Kontore, +Apotheke mit Laboratorium und Niederlage, Wasch- und Badehäuser, +Zeughaus, Reithaus und Gewächshäuser. Der unterste, heute mit Gras +überzogene Schloßhof trug den größten Teil dieser Wirtschaftsgebäude. + +Amilie Antonie, geborene Gräfin von Oldenburg-Delmenhorst, hatte am +15. Juni 1614 das Licht der Welt erblickt. Sie war 1637 als Kanonissin +in das Stift Quedlinburg eingetreten und kurz darauf zur Taufe ihrer +Nichte Amilie Juliane von Barby und Mühlingen nach Rudolstadt +gekommen. Hier lernte sie der um dreiunddreißig Jahre ältere Graf +Ludwig Günther kennen, und am 4. Februar 1638 führte er sie als seine +Gemahlin in die Heidecksburg ein. Sie sollte seinem Hause und seinem +Lande in schwerer Zeit eine umsichtige und treusorgende Mutter und +Herrin werden. Ihr Delmenhorster Erbe brachte große Barmittel und +reiche Ausstattung ein. Dagegen wurde ihr eine ansehnliche Leibrente +und für den Witwenfall Haus, Stadt und Amt Leutenberg zugeschrieben. + +Sie regte geistiges Leben und wirtschaftlichen Verkehr im Lande an +und förderte durch zahlreiche Aufträge Kunst und Handwerk. Mit der +Delmenhorster Heimat blieb sie in reger Verbindung. Der Handelsmann +Martin Sommer aus Mellenbach besorgt Einkäufe für sie in Bremen. Johann +Gerstenberger in Erfurt, Ratsoberster und Handelsmann, vermittelt ihr +»Convoy«, das heißt Speditions- und Bankgeschäfte, mit Gerhart Arndt +in Hamburg, dem Faktor ihres Vaters. Waren, die in Rudolstadt nicht zu +beschaffen sind, läßt sie durch Boten auswärts holen, Schmuckwaren in +Nürnberg, Kleiderstoffe in Leipzig. + +Von 1639 bis 1646 schenkte sie ihrem Gemahl vier Töchter und einen +Sohn, Albert Anton. Zu den eignen Kindern nahm sie dann ihr verwaistes +Patenkind von Barby auf. Diese Pflegetochter wurde 1665 ihre +Schwiegertochter. Mitten in den Drangsalen des Dreißigjährigen Krieges +verlor Amilie Antonie 1646 den Gemahl. Tapfer nahm die junge Witwe +Vormundschaft und Regentschaft in die Hand, beraten und unterstützt +durch Heinrich II. von Reuß-Plauen. + +Über ihren Witwensitz Leutenberg ließ sie Inventur aufnehmen als +Grundlage für weitere Bauarbeiten, die bis 1656 laufen. Dann fand am +16. Juni ein feierlicher Einzug statt, bei dem die Ritterschaft der +Lehensgüter aufwarten mußte. Siegmund und Ludwig von Dobeneck ritten +ihr entgegen mit Gefolge, Christoph Georg Ernst von Beulwitz auf Löhma +und Christoph Albrecht von Watzdorf aus Weitisberge versahen den +Ehrendienst bei der Schloßherrin auf der Burg. Die Festgäste bezogen +ihre Quartiere in der ganzen Stadt, ebenso die Lobensteiner Musikanten, +die aufzuspielen hatten. Im Amt Leutenberg waren zu dieser Zeit 399 +Untertanen lehenspflichtig, in der Stadt selbst 71 Mannespersonen und +31 Witwen. + +In das Jahr 1659 fällt eine Besuchsreise nach Oldenburg, zwei Jahre +später fährt sie zu ihrer Schwester Juliana, Herzogin zu Würtemberg und +Teck, nach Weildingen. Als ihr Sohn, volljährig geworden, die Regierung +übernimmt, zieht sie sich gänzlich auf ihr Schloß Leutenberg zurück. +Fünf Jahre, bis zu ihrem Tode, herrschte nun reges Leben auf der Burg, +und großer Segen ging als Rat und Tat hinaus in Stadt und Herrschaft. + +Während der Friedensverhandlungen 1646 bis 1648 wendet sie sich in +einem offenen Schreiben an den schwedischen Legaten in Osnabrück um +»Abwendung der hiesigen Orts einlogierten Löwenhauptischen Völker«. +Elias Augustinus Hüffler, Schwarzburgischer Rat und Abgesandter +zu den Friedenstraktaten, soll einen Schutzbrief auf die Ober- und +Unterherrschaft auswirken. Er vertröstet, die Verhandlungen gehen +nur schwerfällig vorwärts. Dann wendet sich die Gräfin an Heinrich +Christoph von Griesheim, den Pfalz-Neuburgischen Geheimen Rat beim +schwedischen Hofe, um ein Protektorium. Endlich schreibt sie selbst +wiederholt an die Königin von Schweden. Sie ist besorgt um ihr Leibgut +Leutenberg, »darzu ein kleines Städtlein und ezliche geringe Dörfer, so +anizo mit gar wenig Leuten besetzt, bei Durchzügen mit Einquartierung, +Proviant- und Gold-Pressuren beschweret, auch wohl durch Plünderungen +vollends gänzlichen ruinieret werden«. Die Königin möchte sich doch +gnädigst willfährig erweisen, Ludwig Günther sei aus dieser schnöden +Trübseligkeit abgefordert, sie selbst mit den kleinen unmündigen +Kindern in Herzeleid und Trauer versetzt. + +Der amtliche Schriftwechsel zieht sich hin, unterdessen sind vier +Kompagnien von je hundert Dragonern samt 87 gemeinen Knechten zu +verpflegen. Auf jede Kompagnie entfallen monatlich 1431 Gulden ohne +Servis und Fourage. Von Erfurt aus wird unerträgliche Kontribution +gefordert, und in Hof wirkt ein Bittgesuch nur höhnische Antwort der +Kriegshauptleute aus. Dem Kommandanten des Regiments aber geht der +scharfe Befehl zu, das zur Unterhaltung Nötige einzutreiben wie in +Feindesland. + +Als die Friedensglocken läuteten, waren noch lange Jahre hindurch Not +und Krankheit und wüste Lebensführung in Palast und Hütte, in Stadt und +Land zu überwinden, und doch erfüllte Dankgefühl das Herz der Gräfin, +und sie suchte sichtbaren Ausdruck dafür. + +In der eigenen Familie sorgte sie für gewissenhafte Ausbildung und +religiöse Erziehung der Jugend. Seit 1650 war eine stattliche Reihe +von Lehrern tätig. Im Schlosse Leutenberg wird unter den Räumen eine +Schulstube und ein Präzeptorstüblein aufgeführt. Einen Ehrenplatz +nimmt Johannes Hedwig ein, der sieben Jahre lang die älteren Kinder +unterrichtet, bis er als Pfarrer nach Königsee übersiedelt. Mit ihrem +»Magister«, seiner Frau und seiner Tochter stehen die Gräfinnen in +vertrautem, freundschaftlichem Verkehr. Er überlebte sie alle. Von ihm +war christliche Lebensauffassung, ernste Wissenschaft und fließende +Latinität namentlich auf Amilie Juliane und Ludämilie Elisabeth +übergegangen. + +Von 1651 bis 1657 wurden die Lehrer der älteren gräflichen Kinder und +der Pagen stets mit peinlich genauen Instruktionen versehen. Es waren +dies die Theologen Johannes und Nikolaus Molwitz, Johann Valentin +Schneider und Johann Heinrich Schröter. Als Sprachmeister des jungen +Grafen erscheinen die Franzosen Pasté und Bersoy, als Berater und +Repetenten die Rechtskandidaten Johann Christoph Falkner und Ahasverus +Fritsch. Für die jüngeren Gräfinnen treten von 1658 bis 1661 als Lehrer +die Theologen Christian Metzel und Georg Haucke ein. Inspektion übte +die Gräfinmutter persönlich aus, und sie fand dabei umsichtige Hilfe +an dem Oberhofmeister Hermann von Biesenrod. + +Freunde der Literatur und Heimatgeschichte seien nur einen Augenblick +daran erinnert: Amilie Juliane als Dichterin reifer Frauenlieder, +Ludämilie Elisabeth mit jungfräulich zarten Gesängen, der +Oberhofmeister Niklas Ernst von Günderode, der Magister und Hofprediger +Johann Georg Roth, der Rechtsgelehrte und Staatsmann Ahasverus Fritsch, +sie alle gehören der Geschichte des deutschen Kirchenliedes an und +sind der Wissenschaft dieses Literaturzweiges bekannt. Daß sie in +Leutenberg miteinander verkehrten und von dort ihre Geistesrichtung +auf die nachfolgenden Geschlechter vererbten, verdient mit Heimatstolz +festgehalten zu werden. + +Die Kirchen der Nachbardörfer versorgte Amilie Antonie mit würdiger +Ausstattung, bald mit einem Predigtstuhl, bald mit einem Tauftisch, +bald mit einem Orgelwerk. Sie fühlte, das Gotteshaus war die Stätte, +wo auf eine Stunde der Jammer und die Wüstenei des Alltags vergessen +werden konnten. Auch die Stadtkirche von Leutenberg bedurfte wieder +der Hilfe. Dort erinnerten die Wappenschilder der früheren gräflichen +Schutzherren an vergangene Geschlechter. Eine Tafel mit lateinischer +Inschrift in Versen berichtete über das Schicksal der ausgestorbenen +Grafenfamilie. Eine andere Tafel war Kriegsdenkmal aus jüngster +Zeit. Ein schwedischer Offizier hatte Frau und Kinder aus Stendal +nachreisen lassen. Bei der Fahrt von Saalfeld herauf waren sie mit +dem Wagen gestürzt und in der Sormitz ertrunken. Die Beisetzung war +in Leutenberg erfolgt. Für Pfarrer und Adjunkt, die bisher im Kloster +hatten wohnen müssen, kaufte die Gräfin am 13. Februar 1661 das +»Schieferhaus gegenüber der Kirche samt Gärtlein« um 300 Gulden von den +Erben des verstorbenen Pfarrers Johann Bock. Eine neue Lehrerstelle und +das Rektorat stiftete sie aus eigenen Mitteln. Das war Kriegsfürsorge +für die Jugend, die schwer gelitten hatte. + +Von 1647 bis 1670 tritt kein »Diener« der Gräfin in ein Hofamt ein, +ohne genaue Abgrenzung seiner Rechte und Pflichten. Christian von +Heidenreich wird Wittumsrat und Oberhofmeister. Er hat im Schloß alles +zu überwachen, den Burgvogt zu befehligen, führt die Aufsicht über die +Vorwerke Cumbach, Roda und Geschwende, hält den Förster in Leutenberg +an, auf Jägerei und Fischerei zu achten, muß bei Kriegsbeschwerung +Salvagardien auswirken und hat »allen etwa einreißenden Lastern zu +steuern, unordentliche Gefräße und Winkelgesäufe abzuschaffen«. Sein +Nachfolger wird 1669 Niklas von Günderode aus Zopten. Unter den +Wittumsräten gewinnt das Vertrauen und die Freundschaft der Gräfinnen +Volkmar Happe, ebenso der Schösser und Verwalter im Wittum Johann +Oberländer. Johann Köllner aus Schleiz amtiert als Burgvogt und +Küchenschreiber, Wilhelm Konrad Straubel als Verwalter von Herschdorf +und Rosental, Johann Stölgefuß aus Rittersdorf als Kornschreiber. In +stetem Verkehr, persönlich oder schriftlich, erteilt der Hofmedikus Dr. +Anton Mack von Rudolstadt aus Rat in Gesundheitsfragen und ebenso in +der Führung der Apotheke, aus der die Gräfinnen angelegentlichst die +Kranken in Stadt und Land während jener seuchenreichen Zeit versorgen. +Gottfried Schreck ist Amtsschreiber, Heinrich Balthasar Rückhardt +Hofschneider, rückt aber später zum Burgvogt auf. Als Lakaien dienen +Hans Bunsold und Werner David, der letztere zugleich als Gärtner. +Nikodemus Ruhland als Koch, Hans Heinrich Grahmann als Schlächter, +ihnen zugeteilt Hieronymus Müller von Cumbach als Bankkoch, das heißt +Schlachtgehilfe, Erhart Friedrich und Nikol Lißmann als Hofkellner +besorgen Küche und Wein- und Biervorräte. Kurt Knabe erhält als Bäcker +eingehende Unterweisung über den Bedarf von Brot und Feingebäck für +den Haushalt. Anton Heußler und der Förster zu Lichtentanne Christoph +Kreutzer führen die Aufsicht über das Wittumsgehölz, dürfen »Wildpret +schießen und fällen«, müssen aber die Hälfte davon an die Hofstatt +abliefern. Häute von Bären und Luchsen geben sie »gegen Rekompenz« an +die Herrschaft, Bälge von Wölfen und Füchsen behalten sie für sich. +Christoph Ernst Vogler hat Köhler, Holzfäller und Schneidemüller +zu beaufsichtigen, auch den Wildgarten und das Fischwasser. Hans +Streitberg in Kaulsdorf ist Hoffischer, Andreas Ziermann Hausknecht, +Anselm Röber Schlotfeger und Hans Wagner Schafmeister. Eine vollkommene +Rangordnung ließe sich abstufen nach den Gehältern, die, außer +reichlichen Naturalien, von 150 Gulden bis herab zu 18 Gulden betragen. + +Mit Lebensnahrung und -notdurft mußten auch die versorgt werden, die +nicht Angestellte waren, aber als Taglöhner in Burg, Stadt, Flur und +Wald dienten. Zur täglichen Nahrung gehörten die Getränke, die jedem +nach fest überliefertem Satze zustanden und beschafft sein wollten. +In den Kellereien lagerten Neckarwein, Frankenwein, Frankenhäuser, +Blankenburger, Landwein, Kräuterwein, Naumburger und Leutenberger Bier. + +Welche Handwerker, Künstler und Gelehrte in Stadt und Land bei der +Gräfin Beschäftigung fanden, darüber geben ihre Hausakten genaue +Auskunft. + +Auf drei Terrassen erhoben sich die Burgbauten. Vor dem heutigen +Eingang, links und rechts unter der Zugbrücke, lagen die Blumengärten +mit Gewächshäusern, in denen Zitronen und Feigen reiften und Granat- +und Lorbeerbäume gediehen. Küchengärten nahmen die Terrassen nach Osten +hin ein, in das Ilmtal hinunter erstreckte sich der Tiergarten. Darin +stand eine große Heuschopfe und ein Lusthaus, neu wieder aufgebaut +vom Zimmermann Hans Thieme aus Heberndorf. Ein Rundgang führte in +Stockwerkhöhe um einen Turm, dessen Spitze einen kupfernen Drachen als +Windfahne trug. Ein Wandbild im Obergeschoß der Burg hat treulich die +Erinnerung daran bewahrt. Der ganze Schloßberg nach Süden trug Garten- +und Weinbergterrassen. + +Das erste Eingangstor war als Ehrenpforte für den Einzug 1656 gebaut +worden, der Kalkverputz zeigt noch die rot und weiß aufgemalten +Steinquadern und unter dem Vorsprung des Schutzdaches die Jahreszahl in +Barockzügen. Das Torwächterhäuschen rechts war 1656 bereits errichtet +worden auf alten Grundmauern aus Balthasars Zeit. Es brannte 1658 +nieder und wurde dann neu aufgebaut. Der zweite Torbogen stammt aus +der Zeit der Gräfin Elisabeth. An dem mittelalterlichen runden Turme +links fällt aufmerksamen Besuchern oft der ährenförmige Verband der +Steine auf. Er wird als römisches ~opus spicatum~ für besonders alt +gehalten, rührt aber doch wohl erst von Balthasars Bauzeit her. Als +man 1491 den Burgeingang, der, wie ausdrücklich in den Bauakten gesagt +wird, vorher weiter rechts hinauf führte, hier hart an dem Erdgeschoß +des Turmes anlegte, mag das Mauerwerk durch vorgesetzte Schichten gegen +Verschiebung geschützt worden sein. Der Tunnel trägt Balthasars Wappen +und Namen über dem Torbogen. Die Ställe rechts im Tunnel waren für die +Reisigenpferde bestimmt. + +Das Obergeschoß des Südflügels wird von der obersten, ältesten +Hofterrasse aus betreten. Es enthielt das große Rote Gemach, das +hauptsächlich zu Besuchszwecken diente. Als Kammer gehörte dazu der +nach der Stadtseite hin anstoßende Raum. Bei jedem Schlafraum war ein +»Sekret«, ein Abort, vorgesehen. + +Nach der Hofseite stößt an das Rote Gemach das heute so eigenartig +genannte Apfelzimmer. Es wird oft angestaunt und mit mehr Dichtung als +Wahrheit gedeutet. In den Bauakten führt es den Namen Buntes Gemach +oder auch Pappstube. Die Abrechnung über die Arbeiten darin befindet +sich bei dem Inventar 1667 mit Angaben der Einzelposten. Wände und +Decke waren mit Holzlatten beschlagen, darüber war grobe Leinwand +gespannt. Für 8 Taler 9 Groschen 8 Pfennig Papier wurde zerstoßen +und, mit Leim und Kreide vermischt, zu den Tafeln geformt, die ein +Blumenmuster flach erhaben tragen und den Wandschmuck bilden. An die +Decke ließ die Gräfin ein Kreuz malen und in den vier Feldern die +verschlungenen Buchstaben ~I H S~. Das sind die Anfangsbuchstaben der +Worte ~in hoc signo <vinces>~, in diesem Zeichen (wirst du siegen). +Die Legende sagt, daß dem Kaiser Konstantin das Kreuz und die drei +Buchstaben in den Wolken erschienen und ihn zum Übertritt in das +Christentum veranlaßten. Später galten die drei Buchstaben einfach als +Christusmonogramm, und als solches setzte es Amilie Antonie regelmäßig +über jedes Schriftstück, das aus ihrer Hand hervorging. Für die Arbeit +im Bunten Gemach erhielt der Hofmaler Hans Heinrich Siegfried 12 Taler, +ein Leutenberger Maler 9 Taler 16 Groschen. Die Gesamtkosten beliefen +sich auf 8 Taler 13 Groschen 1½ Pfennig. + +Der nach Osten angrenzende Raum hieß die Bunte Kammer, er liegt jetzt +wüst. Von da aus führte eine Treppe höher der Zugang zu Balthasars +Neuem Turm. Einen Treppenturm in Fachwerk ließ Amilie Antonie anlegen +zum Schloßhof hinunter. Ein jetzt vollständig verschwundener Gang +überbrückte von der Bunten Kammer aus den Hof und endigte in der Grünen +Kammer. Seine Spur zeigt sich an den ausgehackten Stellen am Turm. +Dieser Gang war überdacht, er empfing Licht durch vier Fenster an der +Hofseite und durch zwei vergitterte Öffnungen auf der Stadtseite. Die +Grüne Kammer lag in einem Anbau, der gleichfalls nicht mehr erhalten +ist. Er erhob sich auf der Terrasse vor der Kirchtür. Im Oberstock +führte eine Verbindungstür zum Grünen Saalgemach, für den die Grüne +Kammer als Vorraum diente. + +Unter dem alten Westbau auf dem obersten Schloßhof bilden starke, +wiederholt erneuerte Tonnengewölbe die Keller. Von dem einen aus lief +ein unterirdischer niederer Gang früher ins Freie am alten Burgweg. +Jetzt ist er halb verfallen und endet in einem Stall des Südbaues. Die +zwei Räume im Erdgeschoß des alten Baues dienten als Kleiderkammer +und Rollenkammer. Die Kleiderkammer stößt westlich an den Alten Turm +und führt östlich in das Erdgeschoß eines ebenfalls mittelalterlichen +Turmes, dessen Oberteile abgetragen und durch einen Fachwerkbau mit +Spitzhaube ersetzt wurden. Eine Tür aus der Kleiderkammer mündet in das +kleine Gelbe Gemach über dem Tunneleingang, das mit dem Roten Gemach +in Verbindung steht. Es war wiederholt Hofmeister-Amtsstube. An die +Rollenkammer stieß ein Beigewölbe. + +Der neue Fachwerkturm mit geschweifter Haube führt »den Wendel hinauf« +links zu den Räumen des alten Baues. Dieser enthielt im ersten +Obergeschoß nach Süden zu das Eßzimmer für gemeinsame Mahlzeiten, mit +Ausblicken in den Schloßhof und in das Sormitztal, nach Norden zu +lag die Wohnung der älteren Gräfinnentöchter mit dem Blick in das +Ilmtal. Das zweite Obergeschoß war für die Schneiderei eingerichtet und +enthielt sonst noch Schlafzimmer. + +Am obersten Schloßhof lagen ferner zu ebener Erde Vorratsgewölbe und +ein kleines Kontor. Die Bauten, die vom alten Bau stumpfwinkelig nach +Nordosten und dann nach Osten hin weitergeführt worden sind, gehören +mit ihrem massiven Mauerwerk dem Mittelalter bis zu Balthasars Zeit an. +An den Fachwerkbauten sind mehrere Perioden abzulesen. Eine ältere wird +man der Zeit Melchiors von Bodenhausen um 1600 zuweisen dürfen, eine +jüngere der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts, die jüngste im obersten +Stockwerk des Ostflügels gehört nachweislich erst der Zeit an, als +Amilie Antonie bereits gestorben war. Sie lassen sich unterscheiden an +der Ausführung des Balkenwerks und der Fensterumrahmung. + +»Den Wendel hinauf« nach rechts gelangte Amilie Antonie zu ihren +Gemächern. Als Wohnzimmer diente ihr der saalartige Raum eine Treppe +hoch. Er hieß der Weiße Saal und seit 1800 der Gerichtssaal. Er empfing +Licht von Norden durch vier, von Süden durch fünf Fenster. Ein Vorbau +bildete ein liebliches kleines Gemach, wo die Schloßherrin ihren +Arbeitstisch hatte und den Betrieb im Schloßhof überwachen konnte. Die +Heizung erfolgte vom »kleinen Heizgemach« aus auf dem Gang. Zur Linken +nach Norden hin lag ihr geräumiges Schlafzimmer mit vier Fenstern in +den lauschigen Nischen des alten dicken Gemäuers. Einige Stufen höher +erreichte sie eine kleine Küche für persönlichen gelegentlichen +Gebrauch. Ein Kochkamin ist noch, wenn auch in Trümmern, erhalten. +Durch eingezogene Wände und Verlegung von Tür- und Fensteröffnungen ist +im Jahre 1800 an diesen Räumen manches verändert worden. Auch der Ofen +in Empireform stammt aus diesem Notjahre des großen Stadtbrandes. + +Vom Wohnzimmer der Gräfin führen in den neueren Flügel über dem großen +Schloßhof Räume weiter, die durch die Brandunfälle von Elisabeths +Zeiten bis 1800 wiederholt Veränderungen erlitten haben. Sie dienten +im siebzehnten Jahrhundert für die Schloßherrschaft als Zugang zum +Großen Saal. Die Decke desselben zeigt noch schönes Stuckwerk in +Renaissanceformen, die Wände waren mit Tuchtapete verkleidet, 120 +Gemälde bildeten den künstlerischen Schmuck. Sie zeigten Bildnisse +aus der gräflichen Familie und der weiteren Verwandtschaft; auch +Landschaften, »historische Stücke« und Wappen waren dabei. Eine Empore +für die Trompeter konnte auf einer schmalen Treppe in einem engen Anbau +vom Untergeschoß herauf erreicht werden. + +An den Großen Saal stieß das Grüne Saalgemach, ebenfalls ein Prunkraum, +mit Bildern und »Landtafeln« geziert. Beide Säle hatten vom Schloßhof +her noch einen Zugang für Gäste in Gestalt einer überdachten Treppe da, +wo sie rechtwinklig aneinanderstoßen. + +Zurück zum Wendel! Im zweiten Obergeschoß dehnte sich das Gebiet +der Jugend aus. An dem langen geknickten Gang lagen die Zimmer der +jüngeren Kinder und ihrer Pfleger, sowie das Präzeptorstüblein. Weiter +reihte sich die Hofapotheke an mit Alkoven und Nebenraum. Dann schloß +ein Kornboden diese Flucht ab. Erst nach dem Tode von Amilie Antonie +wurde er zu den fünf Kammern und Stuben ausgebaut, die wir jetzt dort +finden. + +In dem letzten dieser Zimmer hat eine Falltür zu gruseligen +Wahngebilden verführt. Mißliebige Gäste sollen hier meuchlings versenkt +und in das mit Stacheln versehene Burgverlies gestürzt worden sein. +Wer sehen kann und will, sieht: von hier führte eine schmale Treppe +hinunter zum Trompeterchor am Festsaal und von da zu einem Raum +ebener Erde und endlich zu der tiefer liegenden Kirche. Da diese in +älteren Zeiten Brauhaus gewesen war, wird die schmale Treppe auch als +Verbindung zum Kornboden gedient haben. Sie blieb dann beibehalten für +den Verkehr der Dienerschaft und konnte jederzeit betreten werden, ohne +daß Herrschaftszimmer zu durchschreiten waren. + +Die Dachgeschosse des alten wie des neuen Baues waren durch +Schadenfeuer oft heimgesucht worden, die ausgebauten Giebelstuben +dienten als Heim für Dienerinnen. + +Im großen Schloßhof führt eine Spitzbogentür jetzt zu den großen +Kellern, eine zweite, rundbogige zur Küche, die mit Butter- und +Mehlgewölben in Verbindung stand. Dann folgte ein großer Raum, früher +als Kelter-, später als Backraum benutzt, und in der Ecke nach dem +Ilmtal zu befand sich die Junker- oder hintere Kirchstube, die an die +Empore der Kirche anstieß. + +Schon unter der Gräfin Elisabeth wird erwähnt, daß das frühere +Brauhaus Kirche geworden war, aber in Unordnung lag. Der Ausbau dieses +Raumes sollte Amilie Antonies Dank für den wiedererlangten Frieden +werden. Trotz der Furcht vor der Türkengefahr, die auf das tägliche +Leben drückte, betreibt die Gräfin zwei Jahre hindurch lebhaft die +Arbeiten, bis am 1. Advent 1664 der Hofprediger Roth die feierliche +Einweihung vornehmen kann. Verwüstet und verwahrlost liegt auch heute +wieder dieser Raum da. Aber er vermittelt die Stimmung des siebzehnten +Jahrhunderts, ähnlich wie ein zermürbtes Pergament uns Geist und Form +aus längstvergangenen Zeiten fühlbar nahebringt. Vorbildliches Handwerk +in Stein- und ganz besonders in Eisenarbeit zeigt die Eingangstür +vom Süden her. Wenn die Sonnenstrahlen durch die Baumwipfel huschen +und mit Licht und Schatten um die altersgraue Tür und das junge Grün +spielen, ist Weihestimmung gegeben. Der Altertumsfreund sucht im Boden +der Terrasse und am Gemäuer die Spuren der Vorbauten und Aufgänge, die +einst hier standen. + +Der Fußboden des Kirchschiffes war mit glasierten Ziegeln ausgelegt. +Die Tischlerarbeit am Gestühl und an den Brüstungen der Emporen bewegt +sich in breiten Barockformen, die Bildschnitzerei ist gutgemeinte +Leistung. Wenn sie nicht vom Standort des hohen Kunstgewerbes bewertet +wird, legt sie Zeugnis ab von Geschmack und Geschick ehrlicher +heimatlicher Meister. Dann ist auch die Kanzel in ihrer Formensprache, +vom Moses, der sie trägt, bis zum triumphierenden Christus, der sie +krönt, ein Geistesdenkmal, genau wie ein Kirchenlied jener Zeit, das +uns in manchen Zügen befremden mag, aber doch immer wieder anzieht. + +Dann rauschen die Hofdamen herein und betreten ihren Stand neben +dem Engel, dann sitzen die Dienerinnen jede abgemessen auf dem ihr +zukommenden Platz, dann wacht der gestrenge Oberhofmeister von der +Empore aus über die Seinen, und hoch oben schauen die Köpfe der +Küchenjungen über die Brüstung. Eben haben die Gräfinnen in ihrer +Empore die hohen Lederstühle erreicht und schauen hinüber zur Kanzel +und zur Sakristei. Da nickt die Perücke des Herrn Organisten zwischen +den Prospektpfeifen »des Positivs mit dem Brustwerklein«, dann klingt +es: »Bis hierher hat mich Gott gebracht durch seine große Güte!« + +An der Wand, die zur gräflichen Empore aufsteigt, ist eine Ahnenprobe +angebracht, nicht ein Stammbaum, wie die meisten Besucher es sich +erklären. Der Stammbaum würde von einem Ahnenpaare ausgehen und dessen +Nachkommen anführen. Die Ahnenprobe hier ging von Amilie Antonie aus +und stieg bis zu sechzehn standesgemäßen Voreltern auf. Studiosus +Büchner aus Leutenberg hat Wappen und Inschriften 1748 noch vollständig +gesehen und nachgezeichnet. + +Sechs größere Bilder zierten die Kirche: 1. die vier Evangelisten, 2. +die Taufe Christi, 3. der gute Hirt, 4. der Einzug in Jerusalem, 5. das +kananäische Weib, 6. das samaritanische Weib. Sie sind verschwunden. + +Ein Sandstein mit schönen Schriftzügen ist hinter dem Altar in die +Wand eingelassen: ~In solius Dei vere sancti honorem sacram hanc aedem +extruxit illustris comes et domina domina Aemilia comes in Schwartzburg +et Honstein nata comes in Oldenburg et Delmenhorst etc. Vidua. Jovae +humiliter confidens.~ (Zur Ehre Gottes, des allein wahrhaft heiligen, +errichtete dieses geweihte Haus die erlauchte Gräfin und Herrin +Frau Amilie, Gräfin in Schwarzburg und Honstein, geborene Gräfin in +Oldenburg und Delmenhorst usw. Witwe. Dem Ewigen in Demut vertrauend.) + + * * * * * + +Sie war die Letzte ihres Stammes. + + * * * * * + +Die Künstler und Handwerker in der Leutenberger Kapelle sind zum Teil +dieselben, die die Stadtkirche in Rudolstadt hatten ausschmücken +helfen. Als Maler haben mitgearbeitet Jakob Martini, Johann Heinrich +Siegfried und Adam Förtsch. Die Orgel lieferte Wolfgang Bartholomäus +Albrecht: wie schade, daß sein Werk verschwunden ist! Schloß Gehren +besitzt noch ein liebliches kleines Instrument aus derselben Zeit. Als +Glockengießer wird Hiob Breitinger genannt. Daneben quittiert Hans Rosa +über einen Betrag. Er gehört der Volkstedter Glockengießerfamilie an, +die nach Apolda übersiedelte. Eisenarbeiten leisteten Hans Bühl und der +Hofschmied Ahmann, Holzarbeiten Asmus Valtin Fleck, Glaserei Christoph +Möller. Außer ihnen bestätigen noch den Empfang von Zahlung Jakob und +Gabriel Fleck, Andreas Schrött, Nikol Schmiedigen, Philipp Hofmann und +Barthol Methfessel ohne nähere Angaben ihrer Lieferungen. + +In harter Arbeit war dieses kleine Friedensdenkmal entstanden. Ganze +Dörfer und Güter lagen verlassen, Häuser standen verwahrlost, Mittel +und Mut fehlten, lichtscheues Raubgesindel schlich durch die Flur. +Pest, Pocken und Masern wüteten, Aberglaube blühte, neue Kriegsqual +drohte von Osten her. Die Landesmutter in Leutenberg, durch die Schule +der Leiden gegangen, mit klarem Blick, mit warmem Herzen, mit festem +Vertrauen, wies ihrem Hause und Lande den Weg zum Aufstieg. + +Das schwerste Schicksal ihrer Familie sollte sie nicht mehr erleben. +Im Jahre 1672 erlagen drei ihrer Töchter innerhalb kurzer Zeit der +Masernseuche. + +Amilie Antonie war nicht weltfremd. Treuherzig klingt ihre Sprache, +wenn sie die kleinen Angelegenheiten des Tages verhandelt: »Haben zwei +dage auch wider gewider gehabet, so genedich voruber gangen, aber zu +Gleimen, wo es schloßen alß die hiener eiher geworffen, hat es denen +ihr getrehde zuschlagen, gott helfe, das es sich den armen leiden wider +vorhole.« Sie schickt ihren Töchtern »ein ieder ein paar hendischgen, +weil der herbest nicht weit ist. Es sein auch 3 hornnebfchgen +hierbei zu entfangen. Gott laß euch wol bekommen«. Sie ist sich den +hochgelehrten Töchtern gegenüber bewußt, daß ihre eigene Schreibart +unvollkommen bleibt, und setzt unter einen Brief die Bitte: »Nach dem +leßen ins feuhr!« + +Nach zärtlichem Abschied von den Ihrigen gab sie am 4. Dezember 1670 +den Geist auf. Mit fürstlichen Ehren erfolgte die Überführung der +Leiche nach Rudolstadt. Am 14. Februar 1671 verfaßte Johann Georg Roth +ihr das »Ehrengedächtnis«, und am 1. März wurde sie in der Gruft unter +der Stadtkirche beigesetzt. + +Sichtbare Erinnerungen an Amilie Antonie sind vorhanden in Gemälden. +Ein Brustbild der Gräfin ist von Rudolstadt als Leihgabe auf die +Friedensburg zurückgekommen. Es könnte der Erscheinung nach dasselbe +sein, das Jeremias Heider im November 1644 gemalt hat, und ist in +Auffassung und Darstellung einem zweiten verwandt, das auf der +Heidecksburg bewahrt wird. Aus ihrem Delmenhorster Erbe stammen +die sechs Bilder von der Hunosage, ebenfalls in Rudolstadt. Andere +Zusammenhänge werden sich noch erschließen lassen. In der Münzkunde +sind die Sterbetaler bekannt, die Graf Albert Anton zur Erinnerung an +die Mutter prägen ließ. + + * * * * * + +Nach dem Tode der Gräfinmutter bewahrten ihre Kinder dem Schlosse +Leutenberg ein dankbares Andenken. Sophie Juliane, Gelehrte, Dichterin, +Apothekerin und tüchtige Wirtschafterin, starb am 14. Februar 1672 in +Rudolstadt. Briefe, die sie empfangen hat, sind erhalten geblieben. +Ludämilie Elisabeth, in der Geschichte des Kirchenliedes hochgeschätzt, +Braut des Fürsten Christian Wilhelm von Sondershausen, verschied am 12. +März. Christiane Magdalene war ihr an demselben Tage vorangegangen. +Die jüngste, Maria Susanna, lebte bis 1688. Sie scheint musikalisch +tätig gewesen zu sein, bei ihrer Bestattung führte der Hofkapellmeister +Erlebach eine von ihr komponierte Abschiedsarie auf. + +Die Pflegetochter Amilie Juliane, seit 1665 dem Grafen Albert Anton +vermählt, nimmt eine ehrenvolle Stellung in der Geschichte des +Kirchenliedes ein. Kaum wird sich ein evangelisches Gesangbuch finden, +in dem nicht ihr Sterbelied: »Wer weiß, wie nahe mir mein Ende!« +enthalten ist. Mit der Friedensburg und ihren Bewohnerinnen steht sie +in stetem Gedankenaustausch. Sie begleitet alle Ereignisse dort mit +regem Anteil, gibt Aufträge an Künstler weiter, holt Ratschläge für die +Apotheke ein und weiß in der Bevölkerung Bescheid. Der alte getreue +Magister in Königsee steht hoch in Ehren, über die Fortschritte ihres +Söhnchens müssen die Basen immer auf dem laufenden bleiben. + +Malerei, Dichtkunst und Glaubensleben sind seltsam vereinigt auf den +Bildern, zu denen sie ihre Maler begeistert. + +Graf Albert Anton baut die letzten Räume vom Obergeschoß im +Leutenberger Schloß noch aus, vermutlich entsprechend den Absichten der +verstorbenen Mutter. Dann läßt er die Zimmer, die sie hauptsächlich +benutzt hat, als Erinnerungsräume mit Wandgemälden ausstatten. Es sind +biblische Vorgänge, für unser Gefühl manche eigenartig befremdend, +andere wieder anziehend dargestellt. Auf alle Fälle sollten sie als +ehrenwerte Zeugnisse des Barockgeschmacks geschont werden. + +Von den Hofmalern dieser Zeit ist nur einer in der Überlieferung +bekannt geblieben, nämlich Seyfarth Lammers, 1647–1711. Von ihm +stammen unzweifelhaft die jüngeren Bilder, besonders die Szenen +aus den Türkenkriegen mit der Jahresangabe 1698. Sie sind lebhaft +in der Bewegung, reich in der Erfindung und wirkungsvoll in der +Perspektive. Gute Bildnisse weisen die Szenen aus Davids Leben auf, +David mit Jonathan und David mit dem Haupte des Goliath, sowie eine +Freundschaftsgruppe bestehend aus zwei jugendlichen Gestalten. Sie alle +spielen auf Ereignisse aus dem Leben Albert Antons an. + +Von den Ölgemälden, die im Rudolstädter Schloß auf Lammers +zurückzuführen sind, stellt eines die Kinder der Leutenberger Gräfin +im Jünglings- und Jungfrauenalter dar. Ein anderes ist eine große +Kreuzigungsgruppe, ein ideales Erinnerungsbild an das Leutenberger Jahr +1668. Am Fuße des Kreuzes sind alle die Personen vereinigt, die dem +Grafen Albert Anton im Leben besonders nahestanden. Außer seinem Vater +und seinem Lehrer Ahasverus Fritsch: seine Gattin mit zwei Kindern, +seine Mutter und seine vier Schwestern. + +Über das Schloß Leutenberg schweigen die Jahrzehnte. Nur vereinzelte +Nachrichten sind erhalten über die Unternehmungen, die früher vom +Schlosse aus verwaltet wurden. Das Schwefel-, Alaun- und Vitriolwerk +in Leutenberg, das seit 1580 bestand, wird 1683 an eine Gewerkschaft +verkauft. Über das Messingwerk Grünau schließt Albert Anton 1691 einen +Vertrag mit Otto Wilhelm von Günderode auf Weitisberge. + +Noch einmal wurde, von 1726 bis 1732, die Friedensburg Herrensitz, +als Prinz Wilhelm Ludwig von Schwarzburg den Wunsch hegte, sein +Leben in der Stille zuzubringen. Er hatte unter dem Prinzen Eugen an +den Türkenkriegen in Ungarn teilgenommen und war dann Oberst eines +sächsischen Infanterieregiments in Freiberg gewesen. In Leipzig +verheiratete er sich mit Henriette Karoline Gebauer, mit der er die +Familie von Brockenburg gründete. Als er den Wohnsitz in Leutenberg +aufgab, bezog er seine Güter in Gräfinau, Bücheloh und Geilsdorf. + +Ein großes Reiterbild im Schlosse Rudolstadt erinnert an ihn. + +Auch aus dem achtzehnten Jahrhundert kommt nur geringe Kunde über das +Schloß Leutenberg und seine Umgebung auf uns. Der Glockenturm der +Stadtkirche wird 1716 erneuert, 1749 wird die Kaplanei erbaut. Das +Erbbegräbnis der Grafen verursacht Ausbesserungsarbeiten, die Dächer +auf der alten Kapelle und auf dem Vorhaus zu den herrschaftlichen +Ständen läßt Fürst Johann Friedrich 1749 wiederherstellen. + + * * * * * + +Geistliche und weltliche Behörden erhalten von ihm den Auftrag, alles +zu sammeln, was sich auf die Geschichte von Burg und Stadt bezieht. +Daraufhin stellt der Amtmann Kriebel 1754 eine »Historische Nachricht +von der Herrschaft Leutenberg« zusammen. »Da man von Leutenberger +Nachrichten gar zu sehr bloß ist«, werden »die Kästen, in welchen +archivische Nachrichten sein mögen«, aus der Kirche auf das Rathaus +gebracht, es findet sich jedoch wenig Wertvolles darin. Kriebels +Bericht faßt aber alles gewissenhaft zusammen. + +Über den landwirtschaftlichen Betrieb der Güter kommen vereinzelte +Angaben zum Vorschein, das Messingwerk Grünau verursacht 1755 +Nachfrage, ob es weiterbetrieben oder als Hammerwerk eingerichtet +werden soll. + +Am 16. Juni 1760 holte der Kammerdiener und Hofmaler Johann Christoph +Morgenstern »59 Porträts mit schwarzen Rahmen, 7 historische Stücke +mit weiß und goldenen Rahmen, 6 Stücke Hunoische historische Gemälde, +6 dazu gehörige historische Tafeln, 3 einzelne historische Stücke, +1 Porträt in Lebensgröße und 4 Küchenstücke« aus Leutenberg nach +Rudolstadt. Sie waren zum Teil zerbrochen und sollten wiederhergestellt +werden. Sie sind, wenigstens eine Anzahl von ihnen, noch vorhanden, +mehrere auch gut erhalten, andere gehen ihrer Deutung und Auffrischung +entgegen. Sie besitzen als kultur- und heimatgeschichtliche Denkmäler +hervorragende Bedeutung. + +Über die Friedensburg erstattet der Landbaumeister Schellenschläger +am 6. September 1763 ausführlichen Bericht. Sämtliche Fenster sind +fast durchweg ruiniert, die Schieferbedachung ist aber noch ohne +Hauptfehler, auch am Mauerwerk noch kein Schade. Es sei zu bedauern, +wenn das Schloß verfallen sollte. Vom Dachboden bis unten hinaus muß +der Schutt von Ofen, Kalk und Strohgeniste ausgeräumt werden. Der +Schieferdecker Kaupert soll jährlich zweimal das Dach besteigen. Im +Stallgebäude sind einige Kleibefelder herzustellen, Waschhaus und +Reithaus sind abzutragen. + +Die Schloßuhr aus dem Turm mit der Wendeltreppe wird 1783 an die +Gemeinde Unterloquitz für 20 Taler verkauft. + +Bei Stadtbränden 1726, 1734 und 1796 mag die Burg wiederum +Zufluchtstätte für Obdachlose gewesen sein. In ganz großem Umfange +wurde sie als solche in Benutzung genommen, als Leutenberg im Jahre +1800 vollständig niederbrannte. + +Am 7. Mai brach ein Schadenfeuer aus und sprang von einem Schindeldach +zum andern, bis in zwei Tagen fast alle Häuser in Asche gelegt waren. +Nur zwei von ihnen blieben unversehrt. Entsetzlich war die Not der +Bewohner, die auf den Dörfern Unterschlupf suchen mußten. Großes +Verdienst erwarb sich der Amtmann North in der Fürsorge für die +Obdachlosen. Damit die Behörden ihre Arbeit rasch wiederaufnehmen +konnten, richtete er Diensträume im Schlosse ein. Er selbst, sein +Sekretär Frosch und noch andere Beamte erhielten dort auch Notwohnung. +Bis unter das Dach war das Schloß plötzlich wieder besetzt. Für das +dritte Stockwerk mußte eine besondere Nottreppe angelegt werden. +Zimmereinrichtungen ließ Fürst Ludwig Friedrich aus Schwarzburg und +Paulinzelle kommen, bewegliche Gegenstände überwies er den Beamten als +Eigentum, alles Niet- und Nagelfeste wurde in das Inventar Leutenberg +überschrieben. + +Am 2. Dezember trug er nach einem Besuche auf dem Schlosse in sein +Tagebuch ein, es sei alles recht schön geworden. Er war Fürst im +friderizianischen Geist, und in der Art, wie er das Leben anschaulich +erfaßte und verarbeitete, Zeit- und Gesinnungsgenosse Goethes. Sein +Skizzenbuch zeigt drei Landschaftsaufnahmen von Leutenberg und zwei +kleine Zeichnungen nach Gestalten aus den Wandgemälden des Schlosses. + +Ein und ein halbes Jahr dauerte der Notzustand auf der Burg. Dann war +die Stadt neu erstanden mit breiter angelegter Hauptstraße. + +Im neunzehnten Jahrhundert wurde es ganz still auf der Burg. In das +Torwächterhäuschen zog der Schieferdecker Frech ein, er hatte die +Aufgabe, die Dächer in gutem Stand zu halten. Sohn und Enkel von ihm +führten familientreu diesen Dienst bis heute fort. + +Blitzschläge trafen die Burg mehrmals, Schadenfeuer versetzten die +Bürger noch öfter in Schrecken und Not, ein großer Brand verursachte +1865, daß der Markt und seine Umgebung neue Gestalt erhielten. + +Die eingesessene Bevölkerung ging ihrem Gewerbe nach, stieg +wohl gelegentlich zur Burg hinauf, erfuhr aber wenig von deren +Vergangenheit. Rohe Hände richteten sinnlos Zerstörung an. Dann nahm +der Rentamtmann Truppel, ein hochbegabter und selbstloser Heimatfreund, +das Schloß in Schutz und Pflege. Er fertigte Zeichnungen und Pläne an, +die er als Mappenwerk dem Fürsten Georg widmete. + +In breiterer Öffentlichkeit wurde Stadt und Burg wieder genannt, als +Fürst Friedrich Günther seinen Kindern Sizzo und Helene 1860 den Titel +Prinz und Prinzessin von Leutenberg beilegte. + +Fürst Günther und seine Gemahlin Anna Luise hielten und halten das Haus +ihrer Ahnen hoch in Ehren. + +Künstler wie Ernst Liebermann und Adolf Männchen begeisterten sich an +dem eigenartigen Zauber, den die Burg ausströmt. + +Seit einigen Jahrzehnten wird Leutenberg als Erholungsort immer +mehr aufgesucht, und immer stärker erhebt sich die Frage nach +geschichtlicher Auskunft über die Burg und ihre Bewohner. Die +Friedensburg hat dabei das Schicksal anderer Burgen erfahren: was an +Kenntnis der Vergangenheit fehlte, ersetzte man durch schwärmerische +Gemütsdichtung. Das hängt uns heute noch an, und wir sollten diese +Neigung uns durch nüchterne Prüfung ersetzen oder mindestens ergänzen. +Der deutsche Burgherr im guten Mittelalter war Grundbesitzer. Deutsches +Erwerbsleben beruhte auf der Landwirtschaft. Als dieser Betrieb für +eine einzelne Familie zu groß wurde, entstand das Lehenswesen. Der +Burgherr gewährte Schutz und empfing als Gegenleistung Naturalabgabe +oder Dienst durch Arbeitskraft. Wer sich heute das Alltagsleben +in einer Burg zu einem Gedankenbild aufbauen will, soll sich die +Einzelzüge dazu auf einem großen Gutshof suchen. + +Wer Freude empfindet am Sehen und Sinnen, dem tritt Menschenwerk +und Natur in lieblichem Verein entgegen. Aus den launischen +Schieferschichten sind die Platten gebrochen, die das trotzige +Mauerwerk bilden, an jede Biegung des Untergrundes schmiegt es sich +an. In dem Kalkverputz der Wände haben Wind und Wetter ein feines Spiel +von silbernen und goldenen Tönen erzeugt. Regen hat klobiges Balkenwerk +fahl verwaschen, Sonne hat zierliche Zimmermannskunst mit roter Glut +überhaucht. Gelbe Algen und braune Moose wuchern auf dem blauen +Schieferpanzer. Aus allen Ritzen und Fugen grünen und blühen Kräuter, +Stachelbeerbüsche nicken im Lufthauch, über dunklen Holderbüschen +flattert das lichte Gewand der Birke. Aus Tannendüster und Buchenlust +hat der Wald einen Mantel um den jähen Berghang gewoben. + +Graf Balthasar und seine Ahnen haben Ostmark geschützt. Gräfin Amilie +Antonie hat treue Sitte gewahrt, als Europa in welsches Wesen versank. +Deutsche Geschichte im engen Rahmen der Heimat! + + + + +Inhaltsverzeichnis + + + Vorwort Seite 5 + + Balthasar, 1453–1525 14 + + Johann Heinrich, 1496–1555 29 + + Philipp, 1540–1564 32 + + Das Schloß als Witwensitz 33 + + Elisabeth, 1568–1617 37 + + Amilie Antonie, 1614–1670 41 + + + + +Zu den Bildern + + +1. Die Friedensburg von Südost. Waldgrünes Thüringland! (J. V. von +Scheffel, Im Lager vor Akkon). – 2. Torwächterhäuschen. – 3. Burghof +nach Westen. – 4. Burghof nach Osten. – 5. Kaufbrief 1326. – 6. Auf dem +Wendel. – 7. Ausschnitt aus dem großen Wandbild. – 8. Lagerszene von S. +Lanzmers (F. Freiligrath, Zelte, Posten, Werdarufer!). + + +Zwei Anlagen zu Seite 46 und zu Seite 8 + +[Illustration] + +[Illustration] + +[Illustration] + +[Illustration] + +[Illustration] + +[Illustration] + +[Illustration] + + +Zu Seite 46 + +~In monumenta generosorum comitum Schwarzburgensium et +Leutenbergensium, patris, filii et nepotum, qui in familia fuerunt +ultimi.~ + + ~Hoc generosa loco comites Schwarzburgia condit + Leutenbergiacae gentis alumna domus, + Quos generis propiore sui sub fine supremos + Ultimus ex ista stirpe creavit avus. + Cognitus in Bavaros animosis Balthasar armis, + Preses in Heidecca cum ditione fuit, + Cujus consiliis usus Fridericus in aula est, + E septem Sao providus ille viris. + Quem moriens habuit comitem quoque mortis, agresti + Rustica cum mota est seditione cohors. + Natus Joannes Henricus filius illi, + Nec patris consilio nec pietate minor. + Sancta Palestinae juvenis qui regna secutus + Auratae rediit nobilitatis eques. + Saxonicae factus quoque consiliarius aulae, + Fautor evangelii tunc orientis erat, + Fautor et Aonidum, quarum se docta facetus + Saepe jocabatur philtra bibisse senex. + Junctus Anhaldino mediator foedera pacis + Inter Mauricium Parthenopemque tulit. + Arbiter Islebiae juvit simul acta Lutheri, + Mutua lis comitum cum dirimenda fuit. + Octo pater postquam natorum funera vidit, + Extremum Glauchae clausit et ipse diem. + Mortuus Henricus cum Balthasar atque Gerhardus + Et cum Siggardo fratre Philippus erat. + Moesta Rutenorum domus est miserata Brigittam, + Margaridam Lunae castra professus Otho. + E quibus Alberti nimium miserabile fatum + Addictum studiis dum fera parca rapit. + Jamque adeo matris spes una sed ampla Philippus, + Qui genus assereret, prole superstes erat, + Qui patris insistens vestigia justus in omnes + Que pius in Christi templa scholasque fuit. + Quod duce Stigelio musas cum fratre secutus + Ornasset veris cor juvenile bonis, + Cum celebri notus fama per castra, per aulas + Facta tueretur gentis avita suae, + Conjugium subiit dignatus principe sponsa + Brunsviacae stirpis, quae Catharina fuit. + Sed sine prole illum morientem Lipsia vidit, + Lustra sub aetatis quinque peracta suae. + Usque adeo nihil est generi durabile nostro, + Sola dei bonitas fine paterna caret.~ + +Zum Gedächtnis der edeln Grafen von Schwarzburg und Leutenberg, des +Vaters, des Sohnes und der Enkel, die in ihrer Familie die letzten +waren. + +Das edle Haus Schwarzburg in seiner Nebenlinie bestattet hier die +Grafen, die vor dem nahenden Ende seines Geschlechtes der Urahn als +die letzten seines Stammes erzeugte. Balthasar, bekannt durch seine +mutvollen Waffentaten bei den Bayern, war Statthalter in Heideck mit +Waffengewalt. Seinen Rat gebrauchte am Hofe Friedrich von Sachsen, +jener weise Mann aus der Zahl der Sieben. Er starb mit ihm zusammen, +als der Bauernstand durch den Bauernkrieg in Aufruhr war. Sein +Sohn Johannes Heinrich stand dem Vater weder an Einsicht, noch an +Frömmigkeit nach. Jung folgte er in der Regierung, und er kehrte aus +dem Heiligen Lande als ein Ritter von vollendetem Adel zurück. Auch +wurde er Rat am sächsischen Hofe, er war ein Beschützer des damals +erwachenden Evangeliums und ein Freund der Musen, und oft scherzte der +witzige Greis, er habe aus dem Becher ihrer Gelehrsamkeit getrunken. +Zusammen mit dem Anhalter stiftete er als Vermittler Frieden zwischen +Moritz und Magdeburg. Als Schiedsrichter unterstützte er in Eisleben +Luther bei seiner Tätigkeit, als der beiderseitige Zwist der Grafen zu +schlichten war. Acht Todesfälle mußte er als Vater erleben, +seinen letzten Tag beschloß er selbst in Glauchau. Gestorben war +Heinrich nebst Balthasar und Gebhard und mit dem Bruder Sighard auch +Philipp. Das erhabene Haus der Reußen betrauerte die Brigitta, Otto +der Bekenner in Lüneburg die Margareta. [?] Von diesen traf Albert ein +überaus beklagenswertes Geschick: er hatte sich den Studien gewidmet, +da entführte ihn die grausame Parze. Nunmehr war zur Weiterführung des +Geschlechts von den Kindern nur noch Philipp am Leben, die einzige aber +reiche Hoffnung der Mutter. Er trat in die Fußstapfen des Vaters und +war gerecht gegen alle und fromm gegen Kirchen und Schulen. Weil er +unter Anleitung Stiegels mit dem Bruder den Musen gefolgt war und sein +junges Herz mit wahrem Gut bereichert hatte, und da er rühmlich bekannt +in den Kriegesheeren und an den Fürstenhöfen die alten Ruhmestaten +seines Geschlechtes mehrte, wurde er bei seiner Eheschließung einer +fürstlichen Braut braunschweigischen Geschlechts für würdig erachtet. +Sie hieß Katharina. Aber Leipzig sah ihn ohne Nachkommen sterben kurz +vor Vollendung seines 25. Lebensjahres. + +Für unser Geschlecht gibt es bis heute nichts von Dauer, nur Gottes +Vatergüte hat kein Ende. + + +Zu Seite 8 + +Wir, Gunther, von Gotis gnadin Grefe von Swartzburg der elder, Herre +czu Blankenburg, Bekennen offenlich an disme genwertigin Briefe +offenlich unde tun kunt allen den, di in gesen unde horen lese, daz wir +rechte unde redelich virkouft habin unse hus und di Stad czu Luthenberg +unse rechte eigen den Ediln mannen grefin Heinriche unde grefin Gunther +den gebrudirn, der Swartzburg ist, unsen liben vetern, unde irn Erbin +mit alleme rechte mit allen den eren, alse wir is wider si habin +gekouft, und alse wir iz nu selber han. Also bescheidelich, daz iz in +gevalle und uffe si trete schal, und uffe ir Erbin nach unsem tode, +wanne Gott ubir uns gebutet. Wir bekennen ouch, daz in gehuldit habin +unse Voyte unde Huslute unde Guterhandelute unde Kouflute und alli di, +di czu der vorgnantin vesten gehoren, eine rechte und eine ware Hulde +von unseme geheize. Also bescheidelich, daz si in nach unseme tode +der selbin Hulde phlictic si schullin unde sich an si halde schullin +alse an ihre rechte herrin, unde wolde wir si irgin anders wise, do +in schullin si sich nicht ane kere, sundirn an daz erste globede und +an den erstin Eyt. Wir globin ouch, daz wir kein voyt nicht setze noch +intsetze schullin wie on tuns mit irme rate und mit irme willen. Wir +globin ouch, daz wir daz vorgnante Erbe czu Lutenberg schullen an allin +stucken bessere und nicht ergere. Wir globin ouch, ob die vorgnante +vestin verlorn werde, des Got nicht enwolle, daz wir in helfe schullen +mit gantzen truwin unde si uns widir, daz wir ein recht darume truigen +unde darume nicheine sune nemen, iz in si dan wol unser beidir wille. +Ouch globe wir alle dise vorbeschriben rede mit gantzen truwin unde bi +unser warheit stete unde gantz czu haldene an alle argelist. Des gebe +wir den vorgnantin unsen liben vetirn czu eime rechtin orkunde mit +unseme Insigele und mit der ediln mannen Grefin Heinrichs und Grefin +Gunthers unses Brudir Sone unsir vetern Insigiln bevestent unde wir di +vorgnanten grefin Heinrichs sone bekennen, daz wir czu eime geczucnisse +und durch bede unser liben vetern, den Swartzburg ist, und durch unses +liben vetern grefin Gunthers des eldirn unse Insigel gehenget habin an +disen selbin Brief. Ouch sint geczuge allir dirre vorgnanten rede der +edile Herre Grefe Gunther von Kevernburg, unser liber ome, und diese +Erbarn Rete H Otte von Wechmar, H Fritsche von Witzeleybin, H Albrecht +von Rochusin, H Borchart von Bulverstete, H Herman von Grizheim, H +Fritsche von Ischstethe, H Albrecht von Hophgartin, H Thiczel von +Elcheleybin, H Heinrich von Lengevelt, H Ditherich von Kircheim und +dise frome Knechte Ditzel und Otte von deme Hofe und andere frome Lute. +Dirre Brief ist gegebin czu Erforthe nach Gotis gebort Dritzenhundirt +Jar in dem sechsundczweincigisten Jare an der nestin Mittewochen nach +sente Jacofes tage – – – + + (30. Juli 1326.) + + +Die drei Siegel: + + 1. Graf Günther XV. zu Pößneck, oberster Landrichter in + Thüringen, gest. nach 1352, begraben in Stadtilm. + + 2. Graf Heinrich X. zu Arnstadt, geb. um 1296, gest. 1336. + + 3. Graf Günther XXI. zu Blankenburg, geb. 1304 in Blankenburg, + gest. 14. Juni 1349 in Frankfurt a. Main als Deutscher König. + + + + +Der Greifenverlag zu Rudolstadt + + +Gustav Schröer + +Wie das Herz es ihnen eingibt + +Neue Erzählungen + +Preis kart. M. 0.70, in Halbleinen gebunden M. 1.50 + +_Deutsches Tageblatt_: Wir brauchen solche Erzähler, denn seine Kunst +ist nicht papierne Literatur, sondern warmes pulsierendes Leben. + + +Gustav Schröer + +Das Stärkere und andere Erzählungen + +Preis kartoniert M. 0.60 + +_Thür. Allg. Ztg._: Schröer verdient, daß man ihn liest. Er versteht +die Kunst, die heute fast ausgestorben ist: das Erzählen … + + +Ernst Ludwig Schellenberg + +Die Bekehrung + +Legenden und Erzählungen / Einband von Willi Geißler + +Preis kartoniert M. 1.50 + +_Der Wächter_: … Die Sprache ist edel, geklärt, fließend, voll +Rhythmus. Seine Bücher leuchten von durchsichtiger Fülle. + + +Ernst Ludwig Schellenberg + +Von Zeit und Ewigkeit + +Reimsprüche / Buchausstattung von Willi Geißler + +Preis kart. M. 1.—, geb. M. 1.60 + +Hier spricht einer zu uns, der gerungen und gelitten hat, der helfen +und retten möchte, der sein deutsches Volk innig liebt und zugleich +niemals vergißt, daß die bleibenden Werte in einem überirdischen Reiche +blühen und wirken und allein für Aufstieg und Gesundung maßgebend und +förderlich sind. + + + + +Luft- und Gebirgskurort + +Leutenberg + +in Thüringen + +* + +Inmitten ausgedehnter Tannenwaldungen in idyllischer Lage im schönen +Sormitztal + + Talsohle 302, + umliegende Wälder 500–700 Meter über N. N. + Sieben Seitentäler + +Nähe der Hauptstrecke Berlin–Leipzig–München + +Mäßige Preise + +Illustrierte Prospekte von der + +Kurverwaltung + + + + +Schloß Friedensburg / Leutenberg + +Perle des Sormitztales + +Pension und Restaurant + +eine der schönsten Burgen Thüringens in herrlichstem Hochwald 100 m +über der Stadt gelegen, auf schattigen, gepflegten Waldwegen _bequem_ +in 15 Minuten erreichbar + +_Staubfreie Höhenluft. – Alter Burggarten mit schönen Ausblicken +und lauschigen Plätzchen. – Geschützte Veranden und gemütliche, +originelle Gastzimmer. – Zwangloser Aufenthalt. – Logierzimmer in +jeder gewünschten Lage. – Elektrisches Licht. – Wannen- und Sonnenbad. +– Küche und Keller rühmlichst bekannt. – Forellen auf Bestellung. – +Mäßige Preise. – Telephon Nr. 11_ + +Oskar Frech + + +Apotheke Leutenberg i. Thür. + +Besitzer: Apotheker _Fr. Rathing_ + +Fernsprecher Nr. 19 + +Lager gangbarer Spezialitäten und Toilette-Artikel + +Homöopathische und biochemische Mittel + +Photo-Artikel + +Entwickeln und Anfertigung von Abzügen + + + + +Der Greifenverlag zu Rudolstadt + + +Carl Seelig, Nachtgeschichten + +Aus der guten alten Zeyt + +Umschlagholzschnitt von _Willi Geißler_. + +Auf bestem holzfreien Papier. Halbleinen M. 3.—, Ganzleinen M. 3.50, +Halbpergament M. 4.50 + +_Deutsches Volkstum (Wilhelm Stapel)_: … derber und guter Humor, +bewußt in der Nachfolge Hebels … machen mir viel Vergnügen. Eine sehr +angenehme Lektüre, im Gegensatz zu dem vielen schleimigen Feuilleton. + + +Jens Peter Jacobsen, Novellen + +Mit Bildern von _Ulrich Hallerstede_ + +Halbleinen M. 3.— + +Es ist wohl nicht nötig, ausführlich auf die Schönheit dieser zarten, +innigen und von seelischer Hellsichtigkeit erfüllten Erzählungen +hinzuweisen, besonders da sie zwei bisher wenig bekannte Stücke bergen. +Es sind reife Gaben des berühmten dänischen Dichters. + + +Ludwig Bäte, Das ewige Vaterland + +Geschichten u. Bilder m. Radierungen v. _Franz Hecker_ + +Buchausstattung von _Willi Geißler_ + +Preis geschmackvoll gebunden M. 4.— + +_Wilhelm Scharrelmann in der »Weserzeitung«_: Wahre kleine Meisterwerke +der Stimmungskunst finden sich in dem schön gebundenen Bande, der, mit +Heckers Bildern geschmückt, eine eigenartige und wunderschöne Gabe +darstellt. + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75588 *** |
