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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75397 ***
+
+
+ Der Skorpion
+ I
+
+
+ Alle Rechte vorbehalten
+ Copyright by Askanischer Verlag
+ Berlin 1919
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+ Druck von Herrosé & Ziemsen, G. m. b. H., Wittenberg
+ Einband von C. Albert Kindle, Berlin SW
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+ Anna Elisabet Weirauch
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+ Der Skorpion
+
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+ Ein Roman
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+ Qui vivens laedit
+ Morte medetur
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+
+ Erster Band
+
+ Askanischer Verlag Berlin
+ 1919
+
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+
+ «Vous que dans votre enfer mon âme a poursuivies,
+ Pauvres sœurs, je vous aime autant que je vous plains,
+ Pour vos mornes douleurs, vos soifs inassouvies,
+ Et les urnes d’amour dont vos grands cœurs sont pleins!»
+
+ Baudelaire.
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+
+
+
+Wenn ich ehrlich sein soll – daß ich durchaus Melitta Rudloffs
+Bekanntschaft machen wollte, geschah ihres schlechten Rufes wegen. Die
+geraden, gesunden und reinlichen Durchschnittsmenschen hatten für mich
+keine Bedeutung. Ich suchte die Kranken, die Verlorenen, die
+Ausgestoßenen. – Ich suchte sie mit geteiltem Gefühl, und – seltsam, wie
+wir Menschen nun einmal sind – ich bin stolz darauf, daß ich sie suchte
+mit der klaren und kalten Freude des Forschers, daß ich sie suchte, um
+sie zu vivisezieren, zu analysieren, sie in Systeme einzuschachteln –
+und ich schäme mich ein bißchen, zu gestehen, daß ich sie suchte in dem
+überheblichen Wahn, helfen zu können, bessern zu können – sie mit reinen
+und gütigen Händen hellere Wege zu führen.
+
+Es geschah durch Tante Antonie, daß ich zuerst von Melitta Rudloff
+erzählen hörte. Tante Antonie war eine sehr fromme und ehrenwerte Frau,
+und Lüge und Verleumdung lagen ihr fern. Sie sah die Dinge mit scharfen
+Augen, aber sie sah sie von ihrem unverrückbaren Standpunkt aus.
+
+Nach diesen Erzählungen hatte Melitta – oder Mette, wie sie genannt
+wurde – als Kind schon einen sonderbaren Hang zum Lügen und Stehlen
+gezeigt. Auf der Schule galt sie als dumm und faul. Als junges Mädchen
+lief sie einer merkwürdigen Frau nach, einer Hochstaplerin mit
+ausgesprochen männlichem Gebaren. Vielleicht verführt von dieser
+Freundin, von der sie nebenbei späterhin hinausgeworfen wurde – stahl
+sie im väterlichen Hause das Silberzeug und trug es aufs Leihamt. Nach
+einem Tobsuchtsanfall, bei dem sie ihre Tante, die treue Pflegerin ihrer
+mutterlosen Kindheit, erwürgen wollte, wurde sie zu ihrem Onkel nach
+einer kleinen Stadt gebracht. Dort stahl sie, was im Hause nicht niet-
+und nagelfest war, erbrach schließlich auf raffinierteste Weise den
+Schreibtisch, entwendete eine größere Summe Geldes und entfloh.
+
+Ihr Vater, eine feinsinnige Gelehrtennatur, überlebte die Nachricht von
+diesen Geschehnissen nicht lange – er wurde vom Schlage getroffen.
+
+Mettens Mutter war bei ihrer Geburt gestorben. Wie Jürgen von Seyblitz
+stets bitter zu sagen pflegte: „Zum Glück“.
+
+Mette war nicht dieser Meinung. Sie hatte eine phantastische Vorstellung
+von der Wesenheit einer Mutter und glaubte immer, daß der frühe Tod der
+ihren alles Unheil ihres Lebens verursacht hätte.
+
+Ich meinesteils weiß nicht, welcher Ansicht ich mich anschließen soll.
+Ganz sicher hätte Mette nicht eine so trübe und freudlose Kindheit
+gehabt, wie unter Tante Emiliens knochigen Fingern – aber selbst die
+weichste Mutterhand hätte die schwersten Kämpfe ihres Lebens nicht von
+ihr fernhalten können. Und wenn ich an diese Zeiten denke, begreife ich
+Onkel Jürgens „Zum Glück“ recht wohl. Vielleicht hatte er ein besseres
+Bild von seiner Schwester, als Mette es von ihrer Mutter haben konnte.
+
+Wenn ich nun versuchen will, zu erzählen, was ich von Mette Rudloff und
+von ihren Beziehungen zu Olga Radó weiß, so muß ich fürchten, falsch
+gedeutet zu werden. Ich habe keinerlei Ähnlichkeit mit Peterchen,
+unserem gemeinsamen kleinen Freund, den Olga Metten gegenüber in
+herzlichem Spott „Unser Baudelairechen“ zu nennen pflegte. Peterchen war
+bei allem, was seine Freunde betraf, mit überschwenglichem Gefühl
+beteiligt. Ich sehe ihn noch immer mit seinen aufgeregten Schrittchen
+durch sein Zimmer hin und her laufen und flammende Reden führen. Er
+machte Welt und Vorwelt verantwortlich für Olgas Tod und Mettens Leben.
+Wenn es nach ihm gegangen wäre – er hätte ein Gemälde entworfen, auf dem
+er Olga und Mette mit schimmernder Gloriole umgeben und Jürgen von
+Seyblitz und Tante Emilie und Frau Flesch und noch einige andere, die er
+nicht leiden konnte, an den Pranger gestellt hätte. Er hätte sich mit
+dem Stock des Ausrufers auf den Markt begeben und auf seine Heiligen
+gedeutet und geschrien: Seht her, so sind sie, die Verfemten, die
+Verworfenen, die ihr haßt und verachtet und fürchtet – und nicht kennt!
+
+Nach allem, was ich von Olga Radó weiß, hätte er ihr damit einen
+schlechten Dienst erwiesen. Was ihr die meiste und glühendste
+Feindschaft eingetragen hat, war nicht ihr lasterhaftes Leben, ihre
+Verschwendungssucht, ihre unnatürlichen Leidenschaften – nicht einmal
+ihr Geist oder ihre Schönheit – nein, es war ihr grenzenloser Hochmut.
+
+Sie haßte es, verallgemeinert zu werden. Und wir alle, die wir sie
+kannten, haben hundertmal aus ihrem Munde das Wort gehört – so oft, daß
+es zur scherzhaften Redensart bei uns wurde:
+
+„Bitte! Nix ihr, nix euch!“
+
+Ich habe keine Ähnlichkeit mit Peterchen. Ich bin nicht dazu geschaffen,
+zu verteidigen oder anzuklagen. Ich verfolge keinen Zweck, wenn ich
+etwas erzähle. Ich habe keine Ziele und keine Absichten, nicht einmal
+eine Meinung oder ein Urteil, und kaum ein Gefühl. Keine andere Absicht,
+als Bilder und Worte, die unendlich flüchtig vorüberrauschen, mit allen
+Sinnen festzuhalten, und sie in Form zu bannen, und kein ander Gefühl,
+als die weltabgewandte, weltaufsaugende Hingabe, mit der der Zeichner
+den Silberstift über das Papier führt.
+
+
+
+
+Einmal war Mette einen Sommer lang bei ihren Großeltern auf dem Gut.
+Vielleicht war es dieser Sommer, der ihr den irrsinnigen Hang zum Leben
+ins Blut goß. Woher hätte sie sonst auch wissen sollen, daß das Leben
+mitunter schön sein konnte? Immer, wenn sie in späteren Jahren sich nach
+Glück sehnte, hatte sie die qualvoll-süße Vorstellung von einem
+Glücksgefühl, das sie ganz erfüllt hatte, als sie auf einer blühenden
+Wiese lag und das Blau des Himmels zwischen säulenhohen Grashalmen sah,
+als der heuduftende Wind über ihr sonneglühendes Gesicht blies, und
+Tausende von Bienen und Hummeln und Wespen in der Luft läuteten, wie
+tiefe und hohe, ferne und nahe Glockenstimmen. Wann hätte das sein
+können, wenn es nicht in jenem Sommer war?
+
+Oh, es war so viel Herrliches in jenem Sommer gewesen.
+
+Da war ein Gartenhäuschen gewesen, aus Birkenstämmen und borkebenagelten
+Brettern. Und von der Birkenrinde konnte man eine dünne, durchsichtige
+Haut abziehen. Sie zerriß leicht, und es war sehr schwer, aber auch sehr
+ehrenvoll, ein großes Stück unversehrt loszulösen.
+
+Dies Gartenhäuschen hatte Glasfenster nach allen Seiten. Und jedes
+Fenster hatte einen Rand, einen Rahmen gleichsam, von kleinen Vierecken
+aus Buntglas. Da konnte man die Welt in allen Farben sehen.
+
+Immer sah Mette zuerst durch das blaue Glas. Da lag alles in einem
+geheimnisvollen Dunkel, alles wurde still und weit, die Sonne stand
+strahlenlos am Himmel wie der Mond – es war wie eine Nacht aus dem
+Märchen, und über die blauen Wiesen, unter den blauen Bäumen, hätten
+Elfen mit wehenden Schleiern tanzen müssen.
+
+Dann kam das grüne.
+
+Da leuchteten die Bäume und Wiesen wie von innerem Licht. Aber die
+apfelgrüne Luft war voll Unheil geladen, und die schweren dunkelgrünen
+Wolken waren zum Bersten belastet mit furchtbaren Dingen.
+
+Dann war ein goldgelbes.
+
+Man muß nicht etwa denken, daß der Garten hell und heiter aussah im
+goldfarbenen Licht. Das Grün war fahl und wie verbrannt, die Luft schien
+gewitterig. Es war so, wie es ganz gewiß am jüngsten Tag aussehen mußte,
+wenn die Erzengel in die Posaune stießen, wenn Teufel mit
+Fledermausflügeln durch die Luft schwirrten, und die Gräber sich
+auftaten.
+
+Zuletzt kam das rote, weil es das schönste war. Es war so schön und so
+schrecklich, daß Mette jedesmal Herzklopfen bekam. Wenn es nach ihr
+gegangen wäre, hätte die Welt ganz gewiß immer so ausgesehen. Die Bäume
+so dunkel wie Blutbuchen, und die Wiesen so glührot, der Himmel so
+brennend mit tiefpurpurnen Wolken.
+
+Wenn man dann wieder durch das klare Glas sah, war alles unsagbar fad
+und nüchtern und blaßfarbig. Trotzdem – man konnte erleichtert aufatmen.
+Alles Unheimliche war geschwunden – in einer Welt, die so hell und
+harmlos und ein bißchen langweilig aussah, wo es keine blauen Wiesen und
+keine purpurnen Bäume gab – da gab es auch keine Feen und Teufel, da gab
+es nichts, wovor man sich zu fürchten hatte.
+
+Manchmal, in späteren Jahren, dachte Mette darüber nach, ob sie dies
+alles damals schon in klar ausgesprochenen Gedanken gedacht hatte. Und
+dann rechnete sie nach, und es schien ihr, als wäre sie damals noch viel
+zu klein gewesen. Aber später hat sie ja nie mehr durch die bunten
+Glasscheiben in dem Birkenhäuschen sehen können; denn in dem Winter, der
+auf jenen Sommer folgte, starb der Großvater, das Majorat ging auf den
+Erben über, und die Großmutter zog zu ihrem Bruder nach Güstrow.
+
+Die Großmutter schwankte damals lange Zeit. Trotz ihrer Abneigung gegen
+die große Stadt wäre sie damals gern zu ihrem Schwiegersohn gezogen, um
+der kleinen Mette nahe zu sein. Aber sie wagte es nicht, den Kampf mit
+Tante Emilie aufzunehmen.
+
+Tante Emilie war viel zu musterhaft, als daß nicht jeder andere sich
+überflüssig gefühlt hätte. Und Tante Emilie von ihrem Posten vertreiben
+– um Gottes willen! Dazu gehörte eine kampflustigere Persönlichkeit als
+es Conrad von Seyblitz’ arme, kleine Witwe jemals war.
+
+Die Großmutter zog nach Güstrow, wo sie die paar Jahre bis zu ihrem Tode
+lebte – und Tante Emilie blieb – blieb unumschränkte Herrscherin des
+Hauses.
+
+Das heißt, daß Mette nicht in die Schule gehen sollte, das ordnete Franz
+Rudloff selber an. Er hatte eine fast krankhafte Scheu vor allem, was
+„Masse“ und „Gemeinschaft“ hieß. Es schien ihm, als müßten die kühlen,
+hohen Räume seiner Wohnung sich mit dem Dunst schlecht gelüfteter
+Klassenzimmer füllen, als müßten die stillen Wände hallen von hundert
+hohen Stimmen, von hundert trappelnden Füßen, wenn er sein Kind in eine
+Schule schickte.
+
+Und also kam das „Fräulein“ ins Haus.
+
+Tante Emilie war innerlich von vornherein dagegen. Sie selbst war in die
+Schule gegangen, und die Schule hatte ihr nicht geschadet. Im Gegenteil.
+
+Sie war absolut nicht dafür, daß irgend jemand auf der Welt es in irgend
+etwas besser haben sollte, als sie es selbst hatte oder gehabt hatte. Zu
+den wenigen Freuden, die sie im Leben hatte, gehörte die Freude an der
+„ausgleichenden Gerechtigkeit“, wie sie es nannte: Wenn nämlich jemand,
+dem es ganz ohne Würdigkeit sehr gut ging, sein unverdientes Glück durch
+einen schweren Schicksalsschlag abbüßen mußte.
+
+Andere Leute haben für diese Art Freude eine andere Bezeichnung.
+
+Tante Emilie war gegen das Fräulein. Aber Tante Emilie war viel zu
+musterhaft, um zu widersprechen, wenn der Herr des Hauses einen Wunsch
+äußerte. Sie wußte, daß sie sich in solchen Fällen schweigend zu fügen
+hatte. Nicht etwa, daß der arme Franz das von ihr verlangt hätte, o
+nein! Aber so war es vorbildlich und musterhaft. Und also kniff sie die
+Mundwinkel noch etwas fester zusammen und fügte sich schweigend.
+
+Das Fräulein hatte so krauses, widerspenstiges Haar, daß die braunen
+Löckchen sich in keinen Scheitel fügen wollten und ihr immer ums Gesicht
+tanzten. Sie hatte auch den Sinn, den das Sprichwort mit solchem Haar
+verbindet. Alle die Männer, die in ihrem Leben eine längere oder kürzere
+Rolle gespielt hatten, sagten, sie wäre eine entzückende Geliebte
+gewesen. Zur Erziehung eines kleinen Mädchens eignete sie sich weniger
+gut.
+
+Tante Emilie hatte sie nicht ausgesucht. Das hatten Franz Rudloff und
+Mette ganz allein besorgt. Eins hatten Vater und Tochter gemeinsam: all
+ihre Sinne dursteten nach Schönheit und Harmonie. Sie gaben was aufs
+Äußerliche, wie Tante Emilie das nannte.
+
+Das Fräulein hatte ein so liebliches Jung-Mädchengesicht, so weiche
+Bewegungen, eine so schöne klingende Stimme.
+
+Es war nicht die geringste persönliche Sympathie, die Franz Rudloff zu
+diesem Fräulein hinzog. Nur, wenn er schon einen fremden Menschen ins
+Haus nehmen mußte, so war ihm lieber, wenn es ein angenehmes Wesen war.
+Vielleicht hatte er – uneingestandenermaßen – an _einem_ unangenehmen
+genug.
+
+Bei Mette war es etwas anders. Sie hatte noch nie einen Menschen
+gesehen, der ihr so gefiel. Ihr ganzes sehnsüchtiges Kinderherz, das
+noch niemals Liebe oder Zärtlichkeit gefühlt hatte, flog dieser Fremden
+entgegen, dieser Fremden, die sie in den Arm nahm, ihr mit weichen
+Händen das Haar aus der Stirn strich, sie mit kosender Stimme „Mädi“ und
+„Herzblatt“ nannte. Die Aussicht, diesen Menschen immer um sich zu
+haben, erschien ihr wie ein unfaßbares, berauschendes Glück.
+
+Sie bat ihren Vater nicht. Sie konnte nicht bitten, Mette Rudloff, nie,
+und wenn es um ihr Leben ging, nicht.
+
+Aber als ihr Vater sie fragte, ob das Fräulein kommen sollte, sagte sie:
+„Ja.“
+
+Und das Fräulein kam.
+
+Tante Emilie aber kniff die Mundwinkel zusammen und fügte sich
+schweigend.
+
+In den nun folgenden drei oder vier Jahren, die das Fräulein im Hause
+blieb, durchlebte Mette Rudloff das ganze Martyrium einer unglücklichen
+Liebe.
+
+Die ersten Monate ging alles herrlich. Das ist ja eben das Unglück einer
+unglücklichen Liebe, daß sie immer mit einem überschwenglichen Glück
+anfängt.
+
+Das Fräulein hatte Mette sehr lieb, und Mette hatte das Fräulein sehr
+lieb, und sie lernten miteinander und spielten miteinander und gingen
+miteinander spazieren. Es war eine wundervolle Zeit. Aber wie alle
+wundervollen Zeiten nur von kurzer Dauer.
+
+Es war sicher der Teufel, der den früheren Husarenleutnant von Hanstein
+plötzlich in den Weg warf; den Husarenleutnant, den das Fräulein glühend
+geliebt hatte, als sie noch kein Fräulein war, sondern Friedel
+Eggebrecht hieß und aufs Seminar ging und in ihrer Vaterstadt auf ihren
+ersten Jung-Mädchen-Bällen tanzte.
+
+Dieser frühere Husarenleutnant hatte keine ganz saubere Karriere hinter
+sich. Er hatte schuldenhalber den Dienst quittieren müssen, hatte sich
+in allen möglichen Berufen herumgetrieben und sprach sich über seine
+jeweilige Beschäftigung immer nur in sehr unklaren, aber hochtönenden
+Worten aus.
+
+Das hinderte nicht, daß in dem Fräulein sehr bald die alte, nicht
+rostende Liebe erwachte, und daß Mette, die kleine, süße, goldige Mette,
+jetzt überall lästig und im Wege war.
+
+Zuerst war Mette nur ärgerlich, wenn das Fräulein Besuch von ihrem
+„Bruder“ bekam und Mette ins Schlafzimmer geschickt wurde, weil das
+Fräulein Herrenbesuch nicht in einem Raum empfangen konnte, in dem ein
+Bett stand. (Späterhin wurde das anders.)
+
+Im Schlafzimmer war es kalt und langweilig. Mette stand am Fenster und
+sah den Spatzen zu, die auf dem kahlen Baum im Hofe lärmten. Nebenan
+waren ihre Bücher, ihre Puppen, ihre Spielsachen. Aber sie durfte nicht
+hinein, solange der Besuch da war, und der Besuch dachte nicht daran,
+wegzugehen.
+
+Es war recht ärgerlich. Und wenn es so weitergegangen wäre mit Besuchen
+und Eingesperrtwerden und dem kalten und unfreundlichen Ton, den das
+Fräulein jetzt meistens hatte, so wäre Mettes glühende Liebe vielleicht
+bald in Haß umgeschlagen – und es wäre alles gut gewesen.
+
+Aber mochte der Teufel wissen – derselbe Teufel, der den Herrn von
+Hanstein eines Vormittags auf den Viktoria-Luise-Platz warf – was diesem
+Herrn von Hanstein gerade über die Leber lief. Hatte er Sorgen oder
+Schulden oder irgendeine andere Liebelei – kurz – das Fräulein fing an,
+sich gekränkt zu fühlen, sich zu grämen, des Nachts zu weinen.
+
+Das war zuviel für Mette.
+
+Mette Rudloff weinte schwer. Sie begriff nicht, daß ein Mensch weinen
+konnte, ohne bis an die Grenzen des Wahnsinns zu leiden. Darum hätte sie
+sich das Herz aus der Brust herausreißen mögen, um einen Weinenden zu
+trösten.
+
+Wenn Friedel Eggebrecht um ihren Husarenleutnant weinte, so litt Mette
+alle Qualen der Hölle.
+
+Im Anfang, als das Fräulein das Kind nicht wecken wollte, weinte sie
+leise und weinte sich nach einer Viertelstunde in den Schlaf. Aber als
+sie merkte, daß Mette doch aufwachte oder vielleicht auch nicht
+einzuschlafen wagte, sich mühsam wach hielt, um auf jeden Atemzug zu
+lauschen, da war es ihr ganz bequem, sich einem lauten Schmerz
+hinzugeben und sich trösten zu lassen.
+
+Beim ersten Aufschluchzen sprang Mette aus dem Bettchen und kam auf
+bloßen Füßen über die Dielen gelaufen. Dann kauerte sie auf dem Bettrand
+und weinte und zitterte und tröstete mit ihrem süßen, zärtlichen
+Stimmchen, mit ihren weichen, guten Kinderhänden.
+
+Und das Fräulein ließ sich streicheln und trösten und stieß mit den
+Füßen gegen die Bettkante, warf den Kopf nach hinten, krallte die Nägel
+in die Kissen und schrie:
+
+„Der Hund! Der Schuft! Ich ertrage es nicht mehr. Ich sterbe! Er mordet
+mich!“
+
+Zu der Zeit, als diese Szenen sich abspielten, wußte Mette schon längst,
+daß diese Ausbrüche dem Bruder galten, und daß dieser Bruder kein Bruder
+war.
+
+Sie empfand einen so wütenden, qualvollen Haß gegen diesen Mann, daß sie
+oft angestrengt darüber nachdachte, wie sie es bewerkstelligen könnte,
+ihn zu ermorden.
+
+Diese durchweinten, durchwachten Nächte waren schlimm. Aber sie waren
+nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war, wenn am nächsten Tage der Herr
+Bruder wieder ankam und empfangen wurde zwischen Lachen und Weinen, mit
+offenen Vorwürfen und kaum verhehlter Zärtlichkeit, und Mette ins
+Schlafzimmer geschickt wurde.
+
+Dann rieb Mette die Zähne aufeinander und bohrte die Nägel in die
+Handflächen, und zerpeinte sich in schmerzlicher Wut.
+
+Bei solchen Anlässen konnte Mette auch sehr ungezogen werden. Es lag ihr
+nicht, Traurigkeit zu zeigen, wenn sie litt. Sie zog es vor, ungezogen
+zu werden. Es war mitunter ganz begreiflich, daß das Fräulein eine
+maßlose Wut auf sie hatte.
+
+Wenn Mette hätte zeigen können, wie es in ihr aussah, so hätte sie
+geweint und gesagt: „Ich liebe dich, und ich bin eifersüchtig, doppelt
+eifersüchtig, weil deine Liebe einem Mann gehört, der dich quält, und
+den zu verachten du vorgibst. Ich leide, daß ich einen Menschen lieben
+muß, der so wenig Stolz und Charakter besitzt.“
+
+Wenn die kleine Mette ihre unklaren Gefühle in Worten hätte ausdrücken
+können, so würden diese Worte ungefähr so gelautet haben.
+
+Wer von uns, die wir reife und kluge Menschen sein wollen, die wir
+gelernt haben, die Worte zu wählen, zu wägen, zu setzen, vermag das
+auszusprechen, was er empfindet? Selten wollen wir es tun. Und die
+wenigen Male, die wir uns bemühen, können wir es nicht und werden
+mißverstanden.
+
+Mette wollte es nicht und konnte es nicht. Sie verlangte Liebe. Aber die
+konnte sie nicht erbetteln, da beanspruchte sie ihr Recht.
+
+Haben nicht ältere und vernünftigere Leute manchmal so gehandelt?
+
+Mette ging hinein in das Zimmer, in _ihr_ Zimmer, das sie nicht betreten
+durfte, solange der verhaßte „Kerl“ dasaß. (Mette nannte ihn so in
+Gedanken, und das war kein Wunder, sie hatte ihn zu oft so nennen hören,
+wenn das Fräulein in Wut war.) Sie ging hinein, ohne anzuklopfen, sie
+reckte den Kopf sehr hoch und setzte die schmalen Füße sehr fest auf.
+
+Sie legte die Bücher und Hefte auf den Tisch, klappte den Deckel vom
+Tintenfaß auf, tat, als ob sie nach der Uhr sähe (sie tat so; denn in
+Wirklichkeit wurde es ihr schwer, die richtige Zeit festzustellen, so
+klein war sie noch) und sagte:
+
+„Ich habe jetzt Stunde!“
+
+Der „Kerl“ grinste höhnisch und empfahl sich. Das Fräulein fauchte sie
+an, wie sie sich unterstehen könne ...?
+
+Mette bemühte sich, etwas sehr Häßliches zu sagen. Und es gelang ihr.
+
+„Bloß, daß der ‚Kerl‘ hier immerfort sitzt, dafür bezahlt Sie mein Vater
+nicht!“ sagte sie.
+
+Das Fräulein wollte sie schlagen. Aber sie schrak zurück vor dem
+drohenden Ernst in dem blassen Kindergesicht.
+
+Niemals hat jemand gewagt, Mette Rudloff zu schlagen, obgleich
+vielleicht manch einer die Lust dazu verspürte.
+
+Das Fräulein packte sie am Arm und rüttelte sie. So fest packte sie, daß
+noch nach Tagen der Abdruck ihrer Finger in bläulichen Flecken auf der
+zarten Haut zu sehen war.
+
+Es geschah nicht einmal, es geschah hundertmal, daß Mette blaue Flecken
+am Arm hatte, oder Striemen über der Schulter, oder Kratzwunden an den
+Händen.
+
+Wenn sie sich hätte beklagen wollen, so wäre ihr Hilfe sicher gewesen.
+Wenn sie einmal Tante Emilien die Spuren einer solchen Szene gezeigt
+hätte, statt sie angstvoll zu verbergen, so wäre die „Person“ geflogen.
+Das wußte Mette, aber das wollte sie nicht. Darum mußte sie diesen Kampf
+ganz allein auskämpfen.
+
+Als die Eggebrecht einsah, daß das Kind ihr überlegen war, änderte sie
+ihre Taktik. Es ging nicht mehr an, Mette als Feindin zu behandeln,
+darum wurde sie zur Vertrauten gemacht. In Mettes kleines verschwiegenes
+Herz wurde alles ausgeschüttet, alle Freuden und Kümmernisse dieses
+Verhältnisses und eine ganze Masse Unrat dazu.
+
+Mette mußte Horchposten stehen, Mette mußte Briefe befördern und
+Telephongespräche führen, und Mette wurde mit Liebkosungen und
+Süßigkeiten überschüttet.
+
+Vielleicht hätte ein anderes Kind sich in diesem Zustand sehr wohl
+befunden. Mette fuhr fort zu leiden.
+
+Es lag wohl auch daran, daß ihr der Mann so widerwärtig war. Wenn es
+jemand gewesen wäre, der ihr gefallen hätte, hätte sie sich vielleicht
+eher in die Sachlage gefunden.
+
+Manchmal, wenn das Fräulein in der Laune war, ihren Liebsten zu
+beschimpfen, dann warf das Kind sich vor ihr auf die Knie und beschwor
+sie, von diesem schrecklichen Manne zu lassen. Dann wurde unter Tränen
+und Eiden alles versprochen.
+
+„... ja, mein Süßes, ja, mein Engel, er betritt mir die Schwelle nicht
+mehr, der verfluchte Hund, ich habe ja dich, mein Süßes, mein Trost, ich
+will nur noch für dich leben!“
+
+Das waren für Mette Momente qualvoller Seligkeit.
+
+Aber es waren immer nur Momente; denn wenn das Telephon klingelte, oder
+wenn ein Brief kam, oder wenn man dem Herrn „zufällig“ im Tiergarten
+begegnete, dann war alles wieder vergessen.
+
+Mette begriff, daß da etwas war, wogegen sie nicht ankonnte.
+
+Sie begriff dunkel, daß sie nicht das Recht hatte, einen Menschen ganz
+für sich zu verlangen, weil sie noch ein Kind war. Und sie wünschte sich
+glühend, schnell, schnell erwachsen zu sein, um das, was sie liebte,
+ganz und ungeteilt zu besitzen.
+
+Es kam noch eins dazu, das Leben zu erschweren. Das Fräulein hatte nicht
+viel Zeit und Lust, mit Mette zu arbeiten. Es war so unendlich viel
+anderes zu tun. Das Fräulein mußte Briefe schreiben, oder spannende
+Bücher lesen – oder Handarbeiten machen. Das Fräulein machte gern
+Handarbeiten und hatte flinke und geschickte Hände. Sie nähte sich
+allerliebste Blusen und stickte sich zierliche Hemdpassen – oder sie
+häkelte Schlipse und stopfte seidene Herrensocken. Von alledem hatte
+Mette weiter keinen Nutzen.
+
+Sie war nicht böse, daß sie mit dem langweiligen Lernen ziemlich
+verschont blieb. Aber Tante Emilie kam bald dahinter. Es war ein so
+ernster Fall, daß der Vater zugezogen wurde. In solchen Dingen, und nur
+in solchen Dingen konnte man mit Franz Rudloffs Anteilnahme rechnen. Er
+stellte eine eingehende Prüfung mit seiner Tochter an. Das Ergebnis war
+derart, daß er allen Ernstes erschrak.
+
+Er rechnete nach, daß er im selben Alter ein fehlerfreies _Dicté_
+geschrieben, _verba irregularia_ auswendig gelernt und Schillers Don
+Carlos mit Begeisterung verschlungen hatte.
+
+Mette las lateinische Druckschrift mühsam und stockend.
+
+Von dem Tage an ließ sich Franz Rudloff die schmerzliche Überzeugung
+nicht nehmen, daß sein armes Kind geistig zurückgeblieben sei. Damit
+zerbrach das letzte Brett, das zu einer Brücke zwischen ihnen hätte
+werden können. Er hörte nicht auf, seine Tochter mit Zartheit und
+Höflichkeit zu behandeln. Im Gegenteil. Aber sie war ihm so fremd, daß
+sie ihm mitunter beinah unheimlich erschien.
+
+Obgleich Tante Emilie Metten gern alle nur mögliche Trägheit und
+Unbegabung zugetraut hätte, wußte sie doch, daß sie nicht die
+Alleinschuldige sein konnte. Das Fräulein mußte verschiedentlich recht
+scharfe Bemerkungen hören, die sie veranlaßten, einige Tränen zu
+vergießen und Metten bitterliche Vorwürfe zu machen.
+
+„Ich gehe,“ das war der ständige Schluß ihrer Rede. Und das war das, was
+Metten jedesmal mit tödlichem Schrecken erfüllte. Sie fühlte zu gut, daß
+die Drohung Wahrheit werden konnte, Wahrheit werden mußte, wenn Tante
+Emilie bei einer nächsten Prüfung wieder auf so „krasse Unwissenheit“
+stieß.
+
+Also fing Mette mit zähem und verbissenem Eifer an zu lernen. Das
+Fräulein half ihr nicht oft dabei, sie störte sie höchstens.
+
+Aber sie streichelte ihr manchmal das Haar, oder preßte sie an sich,
+oder küßte sie fast leidenschaftlich auf den Mund.
+
+Und um sich diese flüchtigen Liebkosungen zu erhalten, mußte Mette
+lernen.
+
+Sie war zu begabt, als daß sie nicht bald am Lernen und Lesen selbst
+Freude gehabt hätte. Aber das wußte sie nicht. Sie bildete sich ein, daß
+sie nur um des geliebten Fräuleins willen mit so fanatischer Inbrunst
+über den Büchern saß.
+
+Sie fing an zu lügen. Etwas, was sie in dieser Weise auch in späteren
+Jahren mit wahrer Leidenschaft tat. Wenn die Rede – dem Vater, der Tante
+oder Gästen gegenüber – einmal auf irgend etwas kam, was Mette in ihren
+Büchern gefunden hatte – in Büchern, in die das Fräulein niemals ihr
+hübsches Näschen steckte – und Mette ein wenig erstaunt gefragt wurde:
+„Wo hast du denn die Weisheit her?“ dann war sie sehr stolz darauf, zu
+antworten: „Von Fräulein!“
+
+Und Fräulein widersprach nie. Mette glaubte, jedesmal zu sehen, daß sie
+rot wurde. Und sie liebte sie doppelt, weil sie ihr leid tat. Aber es
+war ein Irrtum. Sie wurde nicht rot. Sie hörte meistens gar nicht danach
+hin. Sie hatte so viel andere Gedanken im Kopf ...
+
+Und dann kam die merkwürdige Angelegenheit mit dem Silberzeug.
+
+Eines Nachts gab das Fräulein Metten die Schlüssel zum Silberschrank und
+einem flachen, lederbezogenen Kasten. Mette sollte den Kasten in den
+Schrank zurücktragen. Das Fräulein hatte ihn sich heimlich ausgeliehen,
+weil ihr Bräutigam das Silber gern einmal sehen wollte.
+
+Mette wollte auch gern einmal sehen. Sie drängelte so lange, bis das
+Fräulein den Kasten öffnete. Da lagen die dicken, blanken Löffel in Reih
+und Glied, jeder auf seinem Einschnitt im dunkelblauen Samt. Keiner
+fehlte.
+
+Es machte Metten ein unbändiges Vergnügen, unhörbar wie auf
+Katzenpfötchen durch den langen Korridor zu schleichen, sich im
+Speisezimmer zurechtzutasten, ohne Licht anzumachen, behutsam den
+Schrank aufzuschließen, ohne daß die Schlüssel klirrten oder die Tür
+knarrte, den Kasten an seinen Platz zu stellen, abzusperren – und dann
+mit mühsam unterdrücktem Jubel in Fräuleins Arm zu fliegen und sich
+beloben zu lassen.
+
+Dieses erste Mal war nur eine Einleitung.
+
+Mette lernte mit staunender Bewunderung die schätzenswerte Einrichtung
+eines Leihamtes kennen. Es war eine ganz fabelhafte Angelegenheit, daß
+man Silber oder Schmuckstücke nur zu verleihen brauchte, um eine Menge
+Geld dafür zu bekommen. Nach einiger Zeit bekam man seine Sachen
+unversehrt zurück. Ja, sie wurden nicht einmal benutzt in der Zeit, wie
+Fräulein auf Mettens Fragen lachend versicherte. Es war eine schöne,
+aber merkwürdige Einrichtung.
+
+Immerhin! Es gab so viele merkwürdige Einrichtungen. Zum Beispiel: daß
+man Geld auf eine Bank legte – daß es nicht irgendeine beliebige
+Gartenbank sein durfte, das hatte Mette unterdessen schon gelernt – daß
+man dann immerfort Geld geschickt bekam, von dem man leben konnte, und
+das Geld auf dieser seltsamen Bank doch niemals weniger wurde – das war
+auch so eine merkwürdige Tatsache. So ähnlich würde es sich wohl mit dem
+Leihamt auch verhalten. Es lohnte nicht, sich darüber den Kopf zu
+zerbrechen. Man begriff es doch nicht.
+
+Also wanderte das Silberzeug aufs Leihamt. Und bei Gelegenheit wanderte
+es wieder zurück in den Schrank.
+
+Es war so lustig, abends im Bett zu liegen und zu schwatzen und Konfekt
+zu knabbern. Aber das Konfekt kostete so rasend viel Geld. Darum wurde
+von Zeit zu Zeit das Silber „verliehen“. Es schadete ihm ja nichts. Und
+die Heimlichkeit, mit der es geholt und wieder zurückgebracht werden
+mußte, machte einen Heidenspaß.
+
+Aber einmal war der große Kasten fort und kam und kam nicht wieder. So
+ewig lange war er schon fort, es dachte kaum mehr ein Mensch an ihn.
+
+Da verfiel Tante Emilie eines Tages beim Reinmachen auf die Idee, das
+ganze Silber nachsehen und putzen zu lassen. Tante Emilie wußte ganz
+genau, wieviel Silber im Haushalt vorhanden war. Sie wußte sogar, von
+welcher Großmutter oder Schwiegermutter oder Tante jedes einzelne Stück
+stammte. Aber Tante Emilie war viel zu musterhaft, um sich in so
+wichtigen Dingen auf ihr Gedächtnis zu verlassen.
+
+Auf der Innenseite jeder Büfettür war mit vier Reißnägeln ein Papier
+befestigt, auf dem in Tante Emiliens sehr deutlicher und leserlicher
+Schrift stand:
+
+ Inhalt:
+
+ Ein Lederetui mit 12 Suppenlöffeln, gezeichnet L. R.
+
+ Ein Holzkasten mit 12 Dessertlöffeln, gezeichnet G. v. S.
+
+ Ein Kasten mit 12 Mokkalöffeln, vergoldet.
+
+ Ein brauner Pappkarton mit 9 großen Gabeln, Alfenid.
+
+ Usw. usw.
+
+Ja, und an der Hand dieses Zettels ließ es sich mit unfehlbarer
+Sicherheit feststellen, daß da ein Kasten fehlte.
+
+Mette erschrak gar nicht, als sie Tante Emiliens scharfe, empörte Stimme
+hörte und das Aufweinen des gekränkten Hausmädchens.
+
+Sie war nur froh, die Sache richtigstellen zu können. Gott sei Dank.
+Sonst wäre die arme Berta womöglich in den Verdacht des Diebstahls
+gekommen! Mette trat ins Zimmer und sagte sehr kühl und ein wenig
+hochmütig:
+
+„Du brauchst dich nicht aufregen, Tante. Das Silber ist da. Ich hab’ es
+nur verliehen!“ –
+
+Aus dem, was sich in den nächsten Tagen ereignete, wurde Metten
+allmählich klar, daß sie etwas getan hatte, wozu sie nach Ansicht der
+anderen nicht berechtigt war.
+
+Das Hausmädchen erzählte jedem, der es hören wollte, daß in diesem Hause
+ehrliche Leute verdächtigt würden, weil das „Quack“ das Silber „klaue“
+und zum Juden trage.
+
+Die alte dicke Köchin weinte und schlug jammernd die Hände zusammen.
+
+Die Tante ging umher, als hätte das Entsetzen sie versteinert. Dem Vater
+traten die Tränen in die Augen, wenn er sein unseliges Kind ansah. Sogar
+ein Kinderarzt erschien auf der Bildfläche, der den grauenerregenden und
+unheimlichen Titel „Psychiater“ führte und ein langes Examen mit ihr
+anstellte.
+
+Und das Fräulein tobte und weinte und schrie und schimpfte sie
+„idiotisch“ und „blödsinnig“ und stieß und kratzte sie und fiel dann
+wieder vor ihr auf die Knie und nannte sie „kleine Heilige“ und flehte
+sie an, zu schweigen.
+
+Und Mette schwieg. Da sie aber nicht wußte, was sie verschweigen sollte,
+so schwieg sie auf alles. Sie ließ sich fragen, in Ruhe, im Zorn, in
+stundenlangem Verhör, sie ließ sich rütteln, sie ließ sich anflehen, sie
+ließ sich einsperren – und schwieg. Das Schweigen wuchs wie eine Mauer
+um sie herum. Sie hätte nun nicht mehr hindurch gekonnt, auch wenn sie
+gewollt hätte.
+
+Dennoch mußte das Fräulein aus dem Hause. Ob sie nun beteiligt war oder
+gänzlich ahnungslos – es war klar, daß ein Kind nicht so verwahrlosen
+konnte, wenn die Erziehung in den richtigen Händen lag.
+
+Das Fräulein ging. Und Mette litt alle Todesqualen der Trennung und
+Einsamkeit.
+
+Ich möchte über Friedel Eggebrecht kein Urteil sprechen. Wenn ich die
+Geschichte ihres Lebens schreiben sollte, würde ich versuchen, alles zu
+verstehen, was sie getan hat. Sie liebte – und immer ist Liebe gut und
+schön und edel. So liebte sie, daß sie fähig war, um ihrer Liebe willen
+ihre Pflichten zu vergessen und zu lügen, zu stehlen, zu betrügen. Wer
+von uns kann sich rühmen, dessen fähig zu sein?
+
+Immer, wo Liebe ist, ist Leid. Und fast immer, wo zwei sich lieben,
+leidet ein Dritter.
+
+Es wäre unsinnig, deswegen zu klagen oder anzuklagen.
+
+Nur Kinder sollten nicht darunter leiden müssen.
+
+Es ist genug, wenn man sie mit Frühaufstehen peinigt und mit
+Schularbeiten und mit langweiligen Sonntags-Spaziergängen.
+
+Aber von Haß und Liebe und Eifersucht, von solchen Dingen sollten Kinder
+nicht zu leiden haben. – – –
+
+ * * * * *
+
+Mette wurde in die Schule geschickt.
+
+Dafür, daß man ihr das Fräulein genommen hatte, rächte sie sich nun,
+indem sie sich dagegen wehrte, irgend etwas zu lernen.
+
+Während der Schulstunden schickte sie ihre Gedanken auf Wanderschaft.
+Manchmal schlug irgend etwas an ihr Ohr, das ihr Interesse weckte. Dann
+war die Versuchung da, hinzuhören, und man mußte eine gewisse
+Kraftanstrengung anwenden, um an etwas anderes zu denken.
+
+Aber diese Versuchung kam nicht oft.
+
+Es dauerte über ein Jahr, bis dieser trotzige Widerstand nach und nach
+zerbröckelte.
+
+Da war es zu spät, nachzuholen. Sie wollte auch nicht. Gott bewahre! Sie
+wendete nicht die geringste Mühe an, um vorwärts zu kommen. Aber es
+lohnte auch nicht mehr, sich zur Wehr zu setzen. Sie tat, was man von
+ihr verlangte. Sie tat es darum, weil es weniger störend war, das
+unsagbar Geringfügige zu lernen, als immer lange Straf- und
+Ermahnpredigten stehend anzuhören.
+
+Sie wuchs unglaublich rasch in dieser Zeit und war immer müde. – – –
+
+ * * * * *
+
+Als sie mit der Schule fertig war, saß sie ein paar Jahr im Hause herum
+und langweilte sich. Sie nahm den üblichen Klavierunterricht und übte
+die vorgeschriebene Zeit. Aber sie hatte keine anererbte musikalische
+Begabung, dagegen eine übertriebene Empfindsamkeit, so, daß sie litt
+unter der Unzulänglichkeit ihres eigenen Spiels, ohne die Fähigkeit oder
+auch nur das Streben zu haben, sich selbst Genüge zu tun.
+
+In diesen Jahren wechselten ihre Stimmungen wie Sonne und Regen im
+April.
+
+Sie sehnte sich danach, tot zu sein, oder mündig, in einem andern
+Jahrhundert zu leben, oder in einem andern Erdteil, Nonne zu werden,
+oder schön genug zu sein, um alle Menschen der Welt zu berücken.
+
+Es kamen Märztage, wo sie meinte, zerspringen zu müssen in ungeduldiger
+Erwartung des unendlichen Glücks, dem sie an der nächsten Straßenecke in
+die Arme laufen konnte – und es kamen Juninächte, wo sie aus dem Fenster
+springen wollte, um sich zu lösen von den schnürenden Fesseln einer
+quälenden Leiblichkeit, um aufzustrahlen gegen das sternhelle Firmament,
+um sich auszubreiten, zu zerfließen im unendlichen Äther, groß zu
+werden, gewaltig, grenzenlos, allumfassend.
+
+Es kamen Tage, an denen sie sich vornahm, wie ein Heiland durch die Welt
+zu gehen und alle Menschen zu lieben – an denen sie mit Tante Emilie in
+einem Ton so leidenschaftlicher Demut sprach, wie Griseldis zu ihrem
+Herrn – und es kamen Tage, da alle Menschen ihr so verhaßt waren, daß
+sie körperlich Qualen ausstand, wenn sie bei Tisch ihrem Vater gegenüber
+saß und ihn essen sah.
+
+An Ereignissen waren diese Jahre arm. So arm, daß Mette selten in ihrem
+Leben daran zurückdachte, und wenn die Rede auf etwas kam, was in diesen
+Jahren geschehen war – eine Reise, eine Geburt oder Trauerfall im
+Bekanntenkreis, ein öffentliches Begebnis – sie immer erst lange
+nachrechnen mußte, wann sich das zugetragen haben könne und wie alt sie
+gewesen sei, während sie sonst ein auffallendes Gedächtnis hatte für den
+Zeitpunkt, an dem Menschen oder Dinge flüchtig an ihr vorübergestreift
+waren, weil sie alles in Verbindung brachte mit den Tagen, die wie
+Denksteine in ihr aufgemauert waren – vor oder nach Olgas Tod – als sie
+mit Olga zusammen oder von ihr getrennt war.
+
+Es ist unwichtig, von diesen Jahren zu sprechen – es wäre auch nicht
+nötig gewesen, von Friedel Eggebrecht des Längeren und Breiteren zu
+reden, aber Mette sagte selbst so oft in späteren Jahren, wenn sie auf
+das „Fräulein“ zu sprechen kam, sagte es mit einem etwas bitteren
+Lächeln: „Es war der Auftakt zu meinem Leben!“
+
+Als ihr Leben wirklich einsetzte, mit hundert brausenden Stimmen, mit
+einem vollen, klingenden und singenden Motiv, das nie wieder stumm
+wurde, das in Dur, in Moll, bald von allen Geigen und Celli, bald von
+einer einzigen klagenden Hoboe, in tausend Verschlingungen, aus tausend
+Verschleierungen immer wieder durchklang und durchklingen wird bis zum
+Schlußakkord – das war in derselben Minute, da bei Konsul Möbius die Tür
+aufging und Olga Radó ins Zimmer trat.
+
+Gegen Konsul Möbius war im allgemeinen nichts einzuwenden. Es war der
+Verkehr, den Tante Emilie selbst ausgesucht hatte. Die Familie stammte
+irgendwoher aus Lübeck oder Bremen, und sie sprachen ein spitzes „st“,
+was ihren ohnehin manierlichen Umgangsformen noch einen leisen
+besonderen Duft von kühler Vornehmheit verlieh.
+
+Es waren zwei Töchter da, Fanni und Emmi, beide jünger als Mette, beide
+rotblond und sehr ordentlich in Anzug und Haartracht, dabei beide so
+merkwürdig belanglos, daß man nach wochenlangem Umgang noch nicht wußte,
+ob sie eigentlich hübsch oder häßlich waren.
+
+Wie es sich mit der Verwandtschaft zu Olga Radó verhielt, wird sich wohl
+jetzt mit Sicherheit nicht mehr feststellen lassen. Als Olga damals in
+Berlin auftauchte und alle Welt von ihr begeistert war, hieß es immer:
+„Unsere Cousine.“ Später – zu der Zeit, als Jürgen von Seyblitz schon
+das Wort von der „kriminellen Hochstaplerin“ auf sie geprägt hatte – da
+war in Frau Konsul Möbius’ Gedächtnis jede Erinnerung an eine
+Verwandtschaft völlig erloschen. Ihr Schwager, der Mann ihrer
+verstorbenen Schwester, hatte eine Preßburgerin geheiratet, diese hatte
+einen Vetter in Budapest, der eine Schwester der Olga Radó zur Frau
+hatte ... oder so ähnlich.
+
+Olga selbst hat nebenbei von dieser „Verwandtschaft“ mit Konsul Möbius
+nie viel Gebrauch gemacht, weder in guten noch in schlechten Zeiten. Es
+ist nicht vorgekommen, daß sie das Haus betreten hat, wenn sie nicht
+dreimal darum gebeten wurde.
+
+Mette hatte mit den Möbiusschen Mädchen und Erika Hannemann ein
+Kränzchen. Einmal in der Woche kamen sie zusammen und machten
+Handarbeiten und lasen französische Theaterstücke mit verteilten Rollen.
+
+Mette langweilte sich wahnsinnig dabei, sie hörte nie danach hin, wenn
+die anderen lasen und versäumte immer, zur rechten Zeit einzufallen. Am
+schlimmsten aber war es, wenn sie selber einen langen Absatz zu lesen
+hatte. Dann mußte sie bei jeder Zeile ein Gähnen unterdrücken, so, daß
+sie nachher immer förmlich einen Kinnbackenkrampf hatte.
+
+Und an einem solchen Mittwochnachmittag im April, als die vier wieder in
+den weißlackierten Stühlen des zierlichen Mädchenzimmers saßen, an einem
+Nachmittag, an dem Fliegen nicht mehr herumschwirrten, sondern träge
+über die Kuchenschüsseln krochen, weil ihnen die Langeweile in der Luft
+wie ein Bleigewicht auf den Flügeln lastete, in dem Augenblick, da Fanni
+Möbius – sie war die einzige, die eine gewisse Leidenschaft für die
+Sache hatte und den Ehrgeiz besaß, immer die dankbarsten Rollen zu lesen
+– mit überschwenglichem Pathos und miserabler Aussprache die Worte las:
+
+ „_Impitoyable honneur, mortel à mes plaisirs,_
+ _que tu me vas coûter de pleurs et de soupirs!_“
+
+in dem Augenblick ging die Tür auf, und Olga Radó kam herein.
+
+Es mußte durch einen Zufall irgendwo eine Tür offenstehen – mit Olga
+zugleich kam ein Luftzug, frisch wie ein Windstoß, ins Zimmer. Das
+angelehnte Fenster sprang auf, die weiße Mullgardine blähte sich und
+flog in die Höhe, die Seiten der Bücher blätterten sich knisternd um,
+die Fliegen schwirrten aufgestört um die Lampe, eine Hand am Himmel riß
+einen Wolkenfetzen von der Sonne – blendende Helligkeit und wehende Luft
+füllte das Zimmer bis in seinen letzten Winkel.
+
+Dann schloß sich die Tür mit einem harten Krachen, die Fensterflügel
+bewegten sich knarrend, die Gardine fiel schwer wie ein Sack herunter,
+eine neue dunklere Wolke schob sich vor die Sonne – aber dies alles
+bemerkte Mette Rudloff nicht – denn sie hatte vollauf zu tun, Olga Radó
+zu betrachten und konnte ihre Sinne und ihre Gedanken nicht wieder von
+ihr abwenden – für lange Zeit nicht.
+
+Olga war sehr groß und sehr schlank. Ihr Gesicht war schön und kühn
+geschnitten. Das schlichte, dunkle, reiche Haar ließ viel von der hohen
+und wundervoll durchgebildeten Stirne frei, die schmalen, schwarzen
+Brauen flossen über der Nasenwurzel zusammen, was den scharfen,
+metallisch-grauschimmernden Augen einen fast drohenden Ausdruck gab.
+Ihre Sprache war scharf und hart. Aber ihre Stimme hatte einen tiefen,
+weichen Celloklang. Das gab einen sonderbaren Kontrast.
+
+Es war etwas in ihrer Art, sich zu kleiden, was Mette gefiel, ohne daß
+sie sagen konnte, warum. Man konnte es mit einem Wort wie
+„geschmackvoll“ oder gar „elegant“ oder „adrett“ nicht abtun. Mette
+empfand dunkel: so möchte ich angezogen gehen.
+
+Woran das lag, das wurde ihr erst viel später klar. Olga Radó hatte eine
+fast krankhafte Abneigung gegen alles, was billig war. Ein billiger
+Stoff, ein billiger Schneider waren ihr ein Greuel.
+
+Außerdem hatte sie – wie sie Mette viel später einmal mit ihrem
+bezauberndsten Lächeln sagte – „das sehr ehrenwerte Prinzip, lieber
+einem Millionär etwas schuldig zu bleiben, als einer armen kleinen,
+hungernden Schneiderin“ – also ließ sie nur in den teuersten Geschäften
+arbeiten.
+
+Als sie hineinkam, machte Emmi Möbius den mißglückten Versuch einer
+feierlichen Vorstellung, den Olga mit einem kurzen „Ja, ja, schon gut –
+und so weiter und so weiter –“ abschnitt, worauf sie jedem flüchtig ihre
+große, schmale, kühle Hand reichte, sich mit einem:
+
+„Bitte, laßt euch nicht stören“ – ein wenig abseits in den Schaukelstuhl
+setzte, Fannis kleinen, schwarzen dicken Hund, der sie wie unsinnig
+anblaffte und anwedelte, am Genick packte und auf ihre Knie setzte.
+
+Fanni fuhr fort zu lesen. Vielleicht dachte sie ihrer Cousine durch
+diese ernsten wissenschaftlichen Bestrebungen zu imponieren.
+
+Mette war gezwungen, ins Buch zu sehen und Olga den Rücken zuzuwenden.
+Sie hörte nur den Schaukelstuhl leise auf und ab gehen, ein leichtes
+Rauschen der Röcke und manchmal eine halblaute Bemerkung, die dem Hunde
+galt.
+
+Mette verspürte Trockenheit im Hals und rasendes Herzklopfen, als sie
+lesen sollte. Nie hatte sie sich in der Schule so geängstigt, und wenn
+sie noch so unpräpariert „drangekommen“ war. In jedem Wort schien ihr
+eine Fußangel versteckt. Sie würde alles falsch aussprechen und sich
+unrettbar blamieren. Es war wirklich ein Skandal, so wenig Französisch
+zu können. Morgen wollte sie zu Vater gehen und ihn um französische
+Konversationsstunden bitten. Er würde sich freuen, wenn sie ihm einmal
+mit solchem Anliegen kam.
+
+Sie war glücklich, als sie ihre paar Sätzchen hervorgewürgt hatte. Dann
+kam Erika, und dann las Fanni wieder mit allem ihr zu Gebote stehenden
+Pathos.
+
+Plötzlich flog der Schaukelstuhl mit einem hörbaren Ruck nach vorn, und
+eine tiefe, verwunderte Stimme fragte mitten in den Satz hinein:
+
+„Sagt mal, was lest ihr denn da eigentlich?“
+
+„Den Cid!“ sagte Fanni in einem unendlich ausdrucksvollen Ton.
+
+Es sollte ganz leicht hingesagt werden, und doch zitterte die Ehrfurcht
+vor der eigenen Gelehrsamkeit darin. Es sollte ausdrücken: Das hört doch
+ein gebildeter Mensch beim ersten Wort, und zugleich: Freilich,
+dergleichen liest du ja nicht, das ist dir zu klassisch, zu langweilig.
+
+Olga schenkte diesem Ton gar keine Beachtung. Sie schien mit einer
+leichten ungeduldigen Handbewegung die Antwort als unzulänglich beiseite
+zu werfen.
+
+„Was für eine Sprache, meine ich?!“
+
+Die Mädchen sahen sich an und lachten, halb erstaunt und halb verlegen.
+Nur Mette lachte nicht, sondern schämte sich qualvoll.
+
+Die Möbiussens kannten ihre Cousine zu gut, um zu antworten. Aber Erika
+Hannemann war wirklich der Meinung, Olga Radó wäre in fremden Sprachen
+nicht so bewandert wie sie und sagte mit der ganzen Herablassung der
+höheren Tochter:
+
+„Französisch!“
+
+Der Schaukelstuhl glitt wieder zurück. Über Olgas Gesicht zuckte nicht
+der Schein eines Lächelns. Sie sagte mit so langgezogener Verwunderung,
+als hätte ihr jemand im Ernst eine überraschende Mitteilung gemacht:
+
+„Französisch soll das sein?!“
+
+Nun wollte Emmi ihr das Buch aufdrängen. Ob es wirklich Bildungstrieb
+bei ihr war oder die Absicht, sich vor den anderen mit Olgas
+wunderschönem Französisch großzutun, sie quälte und quängelte:
+
+„Lies _du_ doch, ach bitte, bitte, nur eine halbe Seite, nur einen
+Satz!“
+
+„Hältst du mich für verrückt?“
+
+„Ach bitte, bitte!“
+
+„Den Deibel auch! Ich bin doch nicht eure Gouvernante!“
+
+Und da das Buch sich nicht von ihr entfernen wollte, knipste sie mit den
+Fingern dagegen, daß es mit einem schönen großen Bogen auf den Teppich
+hüpfte und mit zugeschlagenen Deckeln liegen blieb.
+
+Mette war sehr froh. Nun war die Leserei für heute beendet. Sie brauchte
+nicht die langen Sätze des Königs zu lesen, vor denen sie sich schon
+gefürchtet hatte. Sie brauchte sich nicht zu blamieren und nicht zu
+langweilen. Und vor allem – sie konnte ihren Stuhl herumdrehen und Olga
+Radó anstarren.
+
+Es war so interessant, ihren Bewegungen oder dem fortwährend wechselnden
+Ausdruck ihres Gesichtes zuzusehen.
+
+Mette war sich klar darüber, daß diese Frau ihr gefiel. Und doch spürte
+sie in ihrem Empfinden mehr Feindseligkeit als Zuneigung. Niemand von
+den andern schien beleidigt. Mette war es, als ob der scharfe Spott nur
+sie getroffen hätte, nur sie hätte treffen sollen.
+
+Sie hätte viel darum gegeben, wenn sie die Spitze hätte zurückwerfen
+können, oder sich wenigstens mit Trotz und Verachtung panzern. Aber sie
+fühlte sich wehrlos, hilflos preisgegeben und wünschte sich, unsichtbar
+zu sein, sich in ein Mauseloch zu verkriechen, um zu sehen, zu hören, zu
+beobachten, ohne bemerkt zu werden – um jeden Blick dieser Augen, jedes
+Wort dieser Stimme gierig in sich aufzunehmen, ohne davor zu zittern,
+daß ein scharfer Blick, ein scharfes Wort sie treffen, sie verletzen,
+sie demütigen konnte.
+
+Olga Radó schenkte ihr indessen keine Beachtung. Sie hatte auf dem
+Fußbrett eines Tischchens eine Zigarettenschachtel entdeckt und zog sie
+hervor. Daneben, in zierlichem Kästchen, lag ein Spiel Karten.
+
+„Da, schau her! Zigaretten haben die Mäderln auch hier! Ihr seid mir ja
+ein schöner Klub der Harmlosen! Offiziell wird der Cid gelesen, und wenn
+kein Erwachsener es merkt, dann wird hier geraucht und gepokert!“
+
+Fanni Möbius wollte sich halbtot lachen, sowohl über die Zumutung, daß
+sie pokern sollte, als darüber, daß sie mit ihren achtzehn Jahren noch
+nicht zu den Erwachsenen gerechnet wurde.
+
+„Es sind Emmis Karten!“
+
+„Nein!“ schrie Emmi.
+
+„Doch! Ich sag’s, Emmi, ich sag’s! Sie legt sich jeden Abend Patiencen –
+und fragt ...“
+
+„Tu doch nicht so – du legst dir ja auch welche ...“
+
+„... und fragt ...“
+
+„... Sie lügt, sie lügt, sie lügt!“
+
+„... und fragt ... soll ich’s sagen, Emmi? ...“
+
+„... sei still! ...“
+
+Zwischen den beiden Schwestern entspann sich ein Handgemenge, das
+Tischchen kam ins Schwanken. Olga rettete es mit einem raschen und
+kraftvollen Zugreifen.
+
+„Kinder, tobt nicht so!“ sagte sie ruhig. „Bist du so neugierig, deine
+Zukunft zu erfahren, Emmilein?“
+
+Das „Emmilein“ gab Metten einen leisen Stich. Wie kam der alberne
+Backfisch dazu, von dieser Frau mit solcher Vertraulichkeit angeredet zu
+werden?!
+
+„Soll ich dir mal die Karten legen?“
+
+„Kannst du das, Olga? Oh, fein!“
+
+„Ja, mach, bitte, bitte, mir auch!“
+
+„Wirklich, ja? Kannst du das?“
+
+„Natürlich!“ sagte Olga ernsthaft. „Das ist doch das einzige, was ich
+kann. Das hab’ ich wenigstens gelernt von den Zigeunern. Wenn’s einmal
+schief mit mir geht, etablier ich mich als Kartenlegerin. Weißt du, mit
+Eule und Totenkopf und Kaffeegrund und allem Zubehör. Im Dutzend
+billiger. Nimmst du Abonnement bei mir?“
+
+„Ehrensache!“ versprach Emmi. „Aber heut’ machst du’s noch umsonst!“
+
+„Nein,“ sagte Olga, „für eine Zigarette.“
+
+Sie nahm den Kasten auf und schob eine zwischen die Zähne. „Ich hab’
+nämlich keine bei mir!“
+
+Erika Hannemann beeilte sich, ihr ein brennendes Streichholz zu reichen.
+Sie sog ein paarmal an der Zigarette, bis sie aufflammte und schlug das
+Streichholz durch die Luft, daß es erlosch.
+
+„Danke!“ sagte sie dann erst.
+
+Mit einem flüchtigen Blick sah sie, daß Mette sich eine Zigarette
+genommen hatte.
+
+„O Verzeihung!“ sagte sie so bedauernd, als hätte sie ein wirkliches
+Unrecht abzubitten, während ein halber Blick die Aschenschale mit dem
+verglimmenden Streichholz streifte. Rasch, fast eilig nahm sie aus ihrer
+Tasche ein kleines goldenes Feuerzeug, strich es an und reichte Metten
+das Flämmchen hinüber. In ihren Bewegungen, die die einfachsten, die
+ungezwungensten von der Welt waren, lag ein eigener Ausdruck.
+
+Es war weit mehr als Höflichkeit, und doch lag keine Spur von
+Unterwürfigkeit darin. Es war eine Mischung von Zuvorkommenheit und
+Zurückhaltung, von Adel und Dienstbeflissenheit, die man nicht gut
+anders als mit dem Wort „chevaleresk“ bezeichnen konnte.
+
+Sie bot auch den andern Zigaretten und Feuer.
+
+„Raucht, Kinder, raucht! Wenn die Mutter nachher schimpft, bin ich’s
+gewesen.“
+
+Sie hielt immer noch den kleinen schwarzen Hund auf den Knien und blies
+ihm den Zigarettenrauch um die Nase. Der Hund schnitt possierliche
+Grimassen, und sie bemühte sich, ihm nachzumachen. –
+
+Sie hatte überhaupt die Angewohnheit, ihr Gesicht zu verzerren, ohne im
+geringsten Rücksicht darauf zu nehmen, ob es sie kleidete oder
+entstellte, so daß man sich manchmal qualvoll danach sehnte, das allzu
+lebhafte Mienenspiel zu unterbrechen, um die regelmäßige Schönheit der
+Züge genießen zu können.
+
+Nur sagen durfte man ihr das nicht, sonst bekam sie es fertig, ohne
+Aufhören die greulichsten Fratzen zu schneiden.
+
+Der Hund rümpfte die Nase, drehte den Kopf und hustete und prustete in
+beleidigter Würde.
+
+„Ihr dürft eure Sophonisbe nicht so verfüttern, Kinder!“ sagte Olga.
+„Sie hat ja schon Asthma vor Fettsucht, das arme Viech!“
+
+Die Mädchen lachten kreischend auf.
+
+„Sophonisbe! Wie kommst du nur auf Sophonisbe?“
+
+„Er heißt doch Mäuschen.“
+
+„Er?“ sagte Olga spöttisch und legte das zappelnde Tier mit einem festen
+Griff auf den Rücken. „Er ist ganz bestimmt eine Sie. Und sie sieht aus
+wie Sophonisbe!“
+
+Die Mädchen erröteten bis über die Ohren und kicherten nur noch in
+gedämpften Tönen.
+
+„Nein, Olga, wie du aber auch bist!“
+
+„_Warum_ sieht sie aus wie Sophonisbe?“
+
+„Ich weiß nicht,“ sagte Olga plötzlich müde. Ihr Gesicht war einen
+Augenblick ganz ruhig, ihre Augen sahen irgendwohin, an den Mädchen
+vorüber, durch die Wände hindurch.
+
+„Danach dürft ihr mich doch nicht fragen. Auf die Frage: Wie? kann ich
+manchmal antworten, aber niemals auf die Frage: Warum?“
+
+Sie zog den Hund wieder in die Höhe und versuchte, ihm die Zigarette in
+die Schnauze zu stecken.
+
+„Magst du rauchen, Sophonisbe? Da! Schmeckt’s, Alterchen?“
+
+Der Hund drehte den Kopf und leckte mit der Zunge nach ihrer Hand, die
+ihn im Genick festhielt. Mit einer Gebärde des Widerwillens warf sie die
+Zigarette in die Aschenschale und ließ den Hund auf die Erde gleiten.
+
+„Du mußt dem Köter das Lecken abgewöhnen, Fanni,“ sagte sie. „Ich sehe
+dich ja doch noch am Hundewurm zugrunde gehen.“
+
+„Ach, Unsinn!“ sagte Fanni und nahm den beleidigten Hund zärtlich in die
+Arme. „Mein Hund hat keine Würmer! Nicht wahr, Mäuschen, wo du doch so
+schön rein gehalten wirst?“
+
+Der Hund schnupperte zärtlich nach ihrem Gesicht.
+
+Olga zog die Brauen zusammen und machte eine hastige Bewegung, als
+wollte sie ihr den Hund wegnehmen. Aber sie unterbrach sich und lehnte
+sich in den Schaukelstuhl zurück.
+
+„Meinetwegen,“ sagte sie, „der Mensch muß an dem zugrunde gehen, was er
+liebt. Mir wär ja so ein Köter das nicht wert. Aber wenn es dir
+Vergnügen macht. Schließlich, ob du nun am Echinokokkus krepierst, oder
+ob dich nachher ein Liebster oder kirchlich angetrauter Gatte mit
+Syphilis behaftet ...“
+
+Die drei Mädchen kriegten glühendrote Köpfe und fingen an zu kichern.
+
+Auch Olga Radó wurde rot. Aber es war eine andere Art zu erröten. Die
+hellen Gesichter der blonden Mädchen waren wie gedunsen vom Blut und vom
+unterdrückten Lachen. Über Olgas Gesicht lief das tiefe Rot wie ein
+flüchtiger Schatten, wie eine Wolke, die für einen Herzschlag selbst die
+Augen verdunkelte.
+
+„Gänse!“ sagte sie zornig, „da ist doch, weiß Gott, nichts zu lachen.“
+
+Die Mädchen wollten sich entschuldigen und konnten vor Prusten und
+Kichern nicht reden.
+
+Olga hob die Hand und ließ sie fallen – durch die abendliche Dämmerung
+leuchtete die lange, schmale Hand mit einem seltsamen Glanz wie Silber
+oder Perlmutter – mit einer Geste, die ganz deutlich „Ach, laßt doch!“
+sagte, so deutlich, als stände es in der Luft geschrieben.
+
+Sie saß jetzt ganz vornübergebeugt. Ihre Hände lagen wie müde zwischen
+ihren Knien. Sie starrte hinaus in das blaue Dämmerlicht und das
+knospenbedeckte Gewirr der braunen Zweige.
+
+Sie schwiegen alle eine Weile. Dann fingen Emmi und Erika ein Gespräch
+an, im Flüsterton, als wagten sie kaum, sich bemerkbar zu machen.
+
+So plötzlich stand Olga auf, daß der Schaukelstuhl nach rückwärts flog.
+
+„Macht Licht an!“ sagte sie beinah herrisch. „Ich werd’ euch die Karten
+legen!“ –
+
+Sie saß am Tisch unter der Lampe. Das gelbe Licht fiel schimmernd auf
+ihr Haar und auf ihre hellen Hände, die mit raschen Bewegungen die
+Karten mischten und ausbreiteten.
+
+„Wem zuerst? Dir, Fanni? Dann mußt du abheben – dreimal – so! Muß ich
+nun auch erst Hokuspokus sagen, oder glaubt ihr mir so? – Die Karodame
+bist du – da liegt ein schwarzer Jüngling – da liegt eine Reise, in der
+Vergangenheit – ein heimlicher Brief – in der nächsten Woche – oh, Ärger
+im Haus – das hängt mit dem Brief zusammen – Trennung – viele Tränen –
+siehst du die Treffzehn? – Da liegt eine große Veränderung – eine neue
+Bekanntschaft – ein blonder Herr – Verlobung und Heirat – viel Glück ins
+Haus – aber der Schwarze liegt doch dazwischen – neben dem Blonden liegt
+Reichtum und große Ehre ...“
+
+Die Mädchen horchten in fieberhafter Spannung, Fanni preßte die Hand mit
+dem Taschentuch vor die Zähne und kniff Emmi bei jedem Wort in den Arm,
+während Emmi und Erika mit mühsam unterdrücktem Gekreische in halb
+artikulierte Rufe ausbrachen, die man ganz gut als „Max“ und
+„Travemünde“ deuten konnte.
+
+„Ich glaube nicht an Kartenlegen,“ sagte Erika Hannemann überlegen,
+„aber aus der Hand wahrsagen, da ist schon eher was dran. Meinem Vetter
+hat mal eine Zigeunerin gewahrsagt ...“
+
+„Kannst du aus der Hand wahrsagen?“ schrie Emmi. „Ach, bitte, bitte,
+Olga, kannst du nicht aus der Hand wahrsagen? Oder besser aus den
+Karten?“
+
+„Ich kann auch aus der Hand wahrsagen,“ sagte Olga, „genau so gut wie
+aus den Karten.“
+
+Sie nahm Emmis kleine, rundliche Hand und zog gedankenvoll die Linien
+nach.
+
+„Die Lebenslinie ist ganz, siehst du? Du wirst ein langes Leben haben –
+aber die Linie des Hirns ist zerschnitten – die Linie des Tisches hast
+du überhaupt nicht – – –“
+
+„Was bedeutet die?“ forschte Emmi dringend.
+
+„Je nachdem – Güte oder Bosheit – du bist jenseits von gut und böse.“
+Dabei zuckte es um ihre Mundwinkel. „Aber hier, Ordnung und Sparsamkeit,
+die sind sehr ausgeprägt bei dir – das scheinen deine Haupteigenschaften
+–“
+
+Jetzt war die Reihe zu lachen an Fanni.
+
+„Aber nimm dich nur in acht, dir steht eine unglückliche Liebe bevor –
+in Verbindung mit einer Kunst – mit Musik, glaub’ ich ...“
+
+Emmi wurde blutrot und Fanni tanzte auf einem Bein herum und schrie:
+
+„Wassermüller, Wassermüller!“
+
+Das war der Klavierlehrer.
+
+Mette war befangen in einem sonderbaren Zwiespalt. Sie hätte so gern
+sich wahrsagen lassen – schon, um die schöne Frau anreden zu dürfen.
+
+Dabei schien es ihr aufdringlich, sie zu belästigen. Sie wollte auch
+nicht gern für abergläubisch gehalten werden.
+
+Olga Radó belustigte sich sicherlich über den Feuereifer, mit dem die
+Mädels bei der Sache waren. Und dann wieder hatte Mette eine Angst, die
+sie selbst kindisch schalt: so, als wäre doch vielleicht ein
+geheimnisvoller Zauber in dieser Spielerei, und es könnte klar und
+deutlich eine furchtbare Eigenschaft in ihrer Handfläche stehen, eine,
+die sie selbst nicht kannte, oder ein entsetzliches Schicksal.
+
+Vielleicht würde die schöne Zigeunerin vor Schreck erblassen und sagen:
+„Quälen Sie mich nicht, ich kann Ihnen die Wahrheit nicht sagen, die da
+zu lesen ist.“
+
+Und plötzlich stand sie doch neben Emmi und streckte die Hand aus und
+sagte:
+
+„Ach, bitte, bitte, mir auch!“
+
+Olga sah zu ihr auf, und zum erstenmal trafen sich ihre Augen und
+blieben für ein paar Sekunden ineinander haften.
+
+Olga lächelte. Und Metten wurde bewußt, daß sie dies Lächeln zum
+erstenmal sah. In dem fortwährend wechselnden Mienenspiel blieb das
+Gesicht fast immer ernst. Sie runzelte die Brauen, kniff die Augen
+zusammen, schob den Unterkiefer vor, legte die Zähne auf die Lippe,
+zuckte mit den Nasenflügeln, verzog die Mundwinkel in leichtem Spott,
+aber sie lächelte sehr selten. Jetzt zum erstenmal lächelte sie,
+lächelte Metten an, und es schien wirklich, als ob das ganze Gesicht
+seltsam erhellt wurde von einem plötzlich durchbrechenden Licht.
+
+„Aber, Mädelchen!“ sagte sie halblaut mit ihrer tiefen Stimme. „Von
+Ihnen weiß ich doch nix! ...“
+
+Als sie nachher auf der Diele nebeneinander standen und vorm Spiegel die
+Hüte aufsetzten, sah Mette mit einer unerklärlichen Freude, daß sie fast
+ebenso groß war wie Olga Radó, viel größer als die drei blonden,
+rundlichen Mädels.
+
+Sie gingen zu dritt die Treppen hinunter und ein Stück die Straßen
+entlang. Erika Hannemann führte das Gespräch.
+
+„Nein, wie Sie das wissen konnten, Fräulein Radó, von Travemünde die
+Sache und von Wassermüller ... von Fannis Max weiß ich ja alles, weil
+ich es direkt miterlebt habe – ich war ja auch in Travemünde ... kennen
+Sie es? – Ach, Travemünde ist entzückend ... Ich möchte dies Jahr zu
+gern wieder hin, es hat so feines Publikum, soviel gute Hamburger und
+Lübecker Familien ... aber meine Eltern wollen ins Gebirge ... ins
+Salzkammergut, glaub’ ich ... wissen Sie da nicht irgendeinen hübschen
+Ort? Aber einen, wo ein bißchen was los ist?!“
+
+Olga Radó sagte von Zeit zu Zeit: „Ja, nicht?“ – „nein!“ – „so!“ –
+„ach!“ – „nein!“ –
+
+Mette schwieg.
+
+An irgendeiner Ecke nahm Erika Hannemann Abschied und bog links um.
+
+Olga und Mette gingen eine Weile schweigend mit raschen Schritten
+nebeneinander her.
+
+Mette hätte längst abbiegen müssen, wenn sie auf dem nächsten Weg nach
+Hause wollte. Sie kam sich aufdringlich vor, daß sie immer noch nebenher
+lief, aber sie war viel zu froh, daß Erika endlich fort war – so, als
+sei nun die Luft reiner geworden und man könne freier ausschreiten – es
+war eine Freude, sich dem Takt dieser schönen und gleichmäßigen Schritte
+anzupassen, und sie tröstete sich damit, daß ja niemand wußte, wo sie
+wohnte, und daß sie ein Recht auf die Straße hatte, gerade so gut wie
+jeder andere auch.
+
+Mette sah jedem Haus mit einer gewissen Beklommenheit entgegen: War es
+nun dies oder das nächste, an dem Olga Radó stehenblieb, nach einem
+flüchtigen Gruß hineinging, eine schwere Tür hinter sich verschloß und
+die Straße sehr einsam und öde hinter sich zurückließ?
+
+Nach einem minutenlangen Schweigen sagte Olga plötzlich:
+
+„Es war nicht richtig, in Gegenwart dieser Kälber von Syphilis zu reden,
+gelt? – Sie werden sehr chokiert gewesen sein.“
+
+„Ich?“ sagte Mette und bekam einen roten Kopf.
+
+„Nein, nein! Sie nicht! Sie – klein geschrieben – die Kälber.“
+
+„Aber, gnädiges Fräulein! Machen Sie sich darüber Gedanken?“ Es schien
+Metten wirklich höchst lächerlich, sich über das Urteil der Kälber
+Gedanken zu machen.
+
+„Ja doch!“ Olga Radó wandte den Kopf und heftete die Augen einen Moment
+lang scharf und ernst auf ihr Gesicht. „Denken Sie, ich mache mir
+darüber Gedanken. So etwas kann mich direkt quälen. Ich verkehre nur mit
+so erwachsenen Menschen, daß ich ganz die Schätzung verloren habe, was
+man in einer solchen Gesellschaft sagen darf. Ich glaube, die jungen
+Mädchen aus guter Familie dürfen von Syphilis nicht eher etwas hören,
+als bis sie sie selber haben.“
+
+Mette lachte mit geschlossenen Zähnen leise auf.
+
+„Es wäre schon zum Lachen,“ sagte Olga Radó, „wenn es nur nicht so
+furchtbar traurig wäre. Ich habe jetzt wieder so einen Fall erlebt.
+Darum komme ich mit den Gedanken nicht los davon ... Sagen Sie, war ich
+sehr unliebenswürdig zu dem kleinen Ekel?“
+
+Jetzt lachte Mette hell auf.
+
+„Zu wem?“
+
+„Ich weiß nicht, wie das heißt. Was hier neben uns herlief. Sie sind
+doch nicht befreundet, gell, nein? Verzeihen Sie, das war eine dumme
+Frage!“
+
+Metten war, als hätte noch nie im Leben jemand ihr ein solches Lob
+gespendet. Sie war stolz und dankbar zu gleicher Zeit.
+
+„Ich bin mit keinem Menschen befreundet,“ sagte sie, ernster und
+schwerer, als es eigentlich ihre Absicht gewesen war.
+
+Nun war doch das Haus da, vor dem Olga Radó plötzlich stehenblieb.
+
+„Hier bin ich daheim,“ sagte sie, „wenn man ein Pensionszimmer ‚daheim‘
+nennen darf. Aber – schließlich – was darf man so nennen? Kennen Sie die
+Pension Flesch?“
+
+„Ich kenne überhaupt keine Pensionen.“
+
+„Sie Glückliche! Sie wohnen bei Ihren Eltern!?“
+
+„Bei meinem Vater.“
+
+„Ach, die Pension ist ganz nett. Ich habe in schlimmeren gehaust. Kommen
+Sie doch gelegentlich mal hinauf zu mir und schaun’s sich meine Bude
+an!“
+
+„Aber gern!“ – – –
+
+ * * * * *
+
+Dies „gern“ war keine leicht hingesprochene Redensart.
+
+Mette dachte in der nächsten Zeit Tag und Nacht darüber nach, wie sie es
+anstellen sollte, dieser Aufforderung zu folgen und Olga Radó
+aufzusuchen.
+
+Sie war manchmal schon auf dem Wege, hinzugehen. Dann kehrte sie um,
+weil sie sich lieber vorher telephonisch anmelden wollte. Wieder schien
+es ihr unpassend, einen Menschen durch telephonischen Anruf zu stören.
+Sie wollte ihr schreiben. Aber das gab der Sache einen solchen Anstrich
+von Wichtigkeit und Förmlichkeit, nahm ihr alles Zufällige,
+Gelegentliche. Und dann – wenn sie eine höfliche Absage bekam, war ihr
+jede Möglichkeit genommen, einen weiteren Versuch zu machen. Wenn sie
+dagegen einfach hinging und sie nicht antraf, konnte sie ihre Karte mit
+ein paar Worten dalassen – und auf eine Nachricht warten.
+
+Sie ging – ging bis vors Haus und ging doch wieder nicht hinauf. Aber
+sie ging ein paarmal die Straße auf und ab und stand sehr lange und
+versunken vor einigen äußerst reizlosen Auslagen. Es hätte doch sein
+können, daß Olga Radó zufällig gerade um diese Zeit das Haus verließ,
+oder besser noch, heimkam, und sie aufforderte, mit hinaufzugehen.
+
+Außerdem pflegte Mette den Verkehr mit Möbiussens mit rührendem Eifer.
+Sie lud sie ein, sooft es Tante Emilie erlaubte, sie ging hin, sooft sie
+aufgefordert wurde; sie hatte zwischendurch hundertmal zu telephonieren,
+um irgendeine Verabredung festzustellen. Sie lieh sich Bücher aus, die
+sie holen und wiederbringen mußte und bemühte sich bei alledem, so
+liebenswürdig zu sein, daß Frau Konsul ganz entzückt von ihr war und
+Tante Emilien gegenüber nicht oft genug betonen konnte, wie Mette sich
+zu ihrem Vorteil verändere – was Tante Emilie meist mit einem stummen
+und fast beleidigten Achselzucken erwiderte.
+
+Das ging durch Wochen so. Aber Mette verlor die Geduld nicht. Es war
+genug, wenn von Zeit zu Zeit ein Wort fiel, „... wie Olga immer sagt“
+oder „das hat Olga so gern“. Es war genug und fast zu viel, wenn Fanni
+sagte:
+
+„Gestern abend war Olga auf einen Sprung oben, ich finde, sie sieht
+schlecht aus!“
+
+Oder, wenn Emmi, die sich in dieser Zeit so etwas wie eine Schwärmerei
+für Mette zurechtlegte, sagte:
+
+„Mette hat so wunderschöne Hände, beinah so schöne wie Olga ...“
+
+Ach, es war genug, den kleinen schwarzen Hund auf den Knien zu halten
+und ihn lachend „Sophonisbe“ zu nennen.
+
+All das gab Hoffnung und Spannung für Tage. Mette fing in dieser Zeit
+an, das Leben schön zu finden.
+
+Aber sie wußte nicht, warum. – – –
+
+ * * * * *
+
+Eines Abends – die Mädels saßen noch im Dämmer zusammen – weil es sich
+besser reden ließ als beim grellen Lampenlicht, und Mette ließ sich zum
+drittenmal die Geschichte von Max und Travemünde erzählen, und wie es
+„angefangen“ hatte – schrillte die Klingel, und ein paar Sekunden später
+klang im Nebenzimmer mit Frau Konsuls dünnem, sanftem Organ die tiefe,
+tönende Stimme, die Metten ein Erschrecken bis ins Herz jagte.
+
+Sie kannte diese Stimme so genau und fürchtete doch, daß sie sich
+täuschen könnte. Sie wollte fragen: „Ist das nicht Olga?“ und fürchtete,
+ein „Nein“ als Antwort zu bekommen. Und mehr als alles fürchtete sie,
+daß dies Gespräch nebenan verstummen könnte – daß die Türen gehen
+könnten und es nachher heißen würde: „Eben war Olga auf einen Moment
+hier“.
+
+Die Stimmen verstummten nicht. Sie wurden lauter, kamen näher, die Tür
+wurde rasch und weit aufgemacht, und im Rahmen stand Olgas hohe
+Erscheinung, abgehoben von dem gelben Licht, das das Nebenzimmer füllte,
+wie ein gedunkeltes Bild von goldenem Grund.
+
+„Kinder, wollt ihr morgen bei mir Tee trinken?“ rief sie in das dunkle
+Zimmer. „Ich habe ‚Kugler‘ geschickt bekommen.“
+
+Die beiden Möbius-Mädchen juchten auf.
+
+Emmi rückte einen Stuhl und wollte Olga hineinziehen, aber die wehrte ab
+und ließ die Hand nicht von der Türklinke.
+
+„Nein, nein, Kinder, ich habe keine Minute Zeit. Aber kommt morgen
+zeitig, um vier, halb fünf spätestens, ich muß abends in die Oper.“
+
+Mette rührte sich nicht. Als die Tür aufging, hatte sie ein halblautes
+„Guten Abend“ gesagt. Nun schien es ihr aufdringlich, sich irgendwie
+bemerkbar zu machen. Vielleicht hatte Olga sie in ihrer dämmerigen Ecke
+gar nicht gesehen. Vielleicht hatte sie sie aber auch nicht sehen
+wollen. Es wäre ja begreiflich gewesen. Aber irgend etwas tat weh dabei.
+
+„Wollen Sie nicht mitkommen, Fräulein Rudloff? Wenn Sie nix Besseres
+vorhaben – Sie sind herzlichst eingeladen ...“
+
+„Gern!“ sagte Mette, und wurde blaß vor Freude. – – –
+
+ * * * * *
+
+Am andern Tag brachte Mette so viel Zeit damit hin, sich anzuziehen und
+herzurichten, als ob sie zum Ball gehen wollte.
+
+Tante Emilie war für Ordnung und Sauberkeit in der Kleidung, soweit das
+eben zur Musterhaftigkeit gehörte, aber beileibe nicht für mehr. Ein
+Mensch, der mit aller Gewalt hübsch aussehen wollte, der war schon halb
+in den Krallen des Satans.
+
+(Ach, wie recht hatte doch Tante Emilie manchmal mit ihren Ansichten!)
+
+Mette wollte heute mit aller Gewalt hübsch aussehen. Sie schnitt und
+feilte und polierte eine Stunde an ihren Nägeln. Sie versuchte dreimal
+eine neue Haartracht. Sie überlegte, unter welchem Vorwand sie das blaue
+Taffetkleid anziehen sollte, es war das gute, das neue, das einzige, in
+dem sie, ihrer Meinung nach, erträglich aussah. Aber Tante Emilie würde
+es ihr ja für einen einfachen, kleinen Nachmittagstee nie gestatten.
+
+Tante Emilie ging _schon_ herum, als wollte sie durch fortdauernde
+Spionage die Bestätigung eines furchtbaren Verdachtes erbringen.
+
+Alle paar Minuten wurde die Tür zu Mettes Zimmer aufgerissen.
+
+„Herr Gott im Himmel! Du frisierst dich _noch_?“
+
+Und nach fünf Minuten:
+
+„In _welcher_ Straße ist das, wo ihr nachmittag hingeht?“
+
+Nach zwei Minuten:
+
+„... _noch_ dünnere Strümpfe konntest du wohl nicht anziehen?! Es ist
+heut absolut nicht so übermäßig warm. Ich weiß nicht, in _meiner_ Jugend
+war das überhaupt nicht Mode ...“
+
+„Holen Möbiussens dich ab, oder holst du sie ab?“
+
+„Ich würde mir doch an deiner Stelle eine Maniküre kommen lassen!“
+
+„Wer ist denn da _noch_? _Bloß_ ihr drei?“
+
+Angesichts dieser Inquisition beschloß Mette, lieber in Rock und Bluse
+zu gehen und des blauen Taffetkleides lieber gar nicht erst Erwähnung zu
+tun. – – –
+
+ * * * * *
+
+Als Mette die Wohnung verlassen wollte, stand Tante Emilie mit
+Kapotthütchen und Regenschirm bereits an der Flurtür. Sie kam mit bis zu
+Möbiussens. Sie hatte schon längst die Absicht gehabt, Frau Konsul
+einmal aufzusuchen.
+
+Nun sei ja sehr gute Gelegenheit. Ihrer Nichte sei doch hoffentlich die
+Begleitung nicht unangenehm?
+
+Mette schwieg. Sie fühlte das lauernde Mißtrauen und glühte vor Zorn.
+Sie konnte keine liebenswürdige Antwort geben. Sie gingen wortlos
+nebeneinander her, und in beiden brannte der Haß mit schwelender Flamme.
+– – –
+
+ * * * * *
+
+Mette hatte den Druck der Mißstimmung, der auf ihr lag, noch nicht
+abschütteln können, als sie schon längst mit den beiden schwatzenden
+Mädchen auf dem Weg war. Immer wieder verstärkte sich ihre Pein, wenn
+sie dachte: ... und ich hatte mich _so_ gefreut.
+
+Erst als sie das Haus wiedersah, als sie die Tür öffnete, die Treppen
+hinaufstieg, mit dem stolzen Gefühl, vollauf dazu berechtigt zu sein, da
+schlug die Freude wieder in ihr hoch, wie eine helle Flammenlohe durch
+Qualm und Rauch.
+
+Mette brannte vor Neugier, das Zimmer zu sehen. Als das zierliche
+Hausmädchen sie durch den Türgang führte, empfand sie ein Gefühl, dem
+ähnlich, mit dem sie als Kind im Theater vorm geschlossenen Vorhang
+gesessen hatte, wenn die Musiker anfingen, ihre Instrumente zu stimmen.
+
+Das Zimmer lag fast im Dunkel. Rolläden und Vorhänge waren so fest
+geschlossen, daß kaum ein Schimmer des regnerischen Tages die
+Fenstervierecke heller zeichnete. Direkt neben dem kleinen, niedrigen
+Teetisch stand eine hohe, buntbeschirmte Lampe, die ein blendendes Licht
+über das weiße Tuch, über das dünne, goldgeränderte Porzellan und über
+ein dunkelblaues, mit gelben Primeln angefülltes Jean-Beck-Glas warf.
+
+Von dem übrigen Zimmer konnte man auf den ersten Blick nicht viel
+erkennen. Die Möbel schienen schwer und dunkel, an einer Wand glänzten
+im ungewissen Licht lange Reihen von Bücherrücken, hie und da gleißte
+die Ecke eines Bilderrahmens auf oder ein Stückchen spiegelnden Glases.
+
+Olga empfing ihre Gäste mit einer Freude, die herzlich und aufrichtig
+schien.
+
+Metten erschien es unbegreiflich, daß diese Frau sich nicht in kalten
+Hochmut wie in einen Panzer hüllte.
+
+Die Mädchen konnten nicht aufhören, sich über die künstliche Dunkelheit
+zu belustigen.
+
+„Ja,“ sagte Olga, „ich wollte doch meine Bude im vorteilhaftesten Licht
+präsentieren. Und am vorteilhaftesten ist so wenig Licht wie möglich.
+Außerdem – wenn vor der entsetzlichen grauen Brandmauer da drüben noch
+der Regen in Strippen herunterläuft, dann ist das auch weiter kein
+erfreulicher Anblick. So kann man denken, da draußen liegt ein
+Tannenwald im Schnee, oder Terrassen, die nach dem Meer hinunterführen
+oder der Donau-Kai in einer Mainacht, wenn die Akazien blühen.“
+
+Mette wurde in einen tiefen Sessel genötigt.
+
+„Ja, das müssen Sie sich schon gefallen lassen, Sie sind hier unser
+Ehrengast, Sie sind doch die Älteste! Jetzt sind Sie wahrscheinlich noch
+stolz darauf, wenn Sie erst so alt sind wie ich, dann hört es schon auf,
+eine Schmeichelei zu sein.“
+
+Mette hatte sich in ihrem ganzen Leben noch nie so zu Hause gefühlt, wie
+in diesem Sessel.
+
+Ihr gegenüber hockte Olga auf einem niedrigen Taburett, hatte schon
+längst die unvermeidliche Zigarette zwischen den Fingern und hielt sie
+zwischen den Zähnen fest, wenn sie die Hände brauchte, um Tee
+einzugießen oder Kuchen herumzureichen.
+
+Sie war ersichtlich bemüht, ihre Gäste zu unterhalten, aber als Fanni
+und Emmi erst ins Schwatzen kamen und sich gegenseitig nicht mehr zu
+Wort kommen ließen, wurde sie still und hörte lächelnd zu – wie ein
+Erwachsener spielenden Kindern lauscht.
+
+Wenn eine Pause im Gespräch eintrat, holte sie einen Kasten mit
+Photographien hervor, die sie auf Reisen aufgenommen hatte, oder ein
+Buch mit Dulacillustrationen oder eine Zeitschrift mit den Porträts der
+neuesten Filmstars.
+
+In Metten wuchs schon wieder ein Gefühl der Pein auf. Sie bekam es kaum
+fertig, sich mit einem „Ja“ oder „Nein“ am Gespräch zu beteiligen.
+
+„Sie gibt sich so krampfhaft Mühe, uns zu unterhalten,“ dachte sie. „Und
+im Grunde sind wir ihr langweilig und lästig. Wenn die Tür nachher
+hinter uns zufällt, atmet sie auf und sagt: ‚Gott sei Dank‘! Ich kann es
+ihr ja auch nicht verdenken. Warum sie uns nur erst eingeladen hat!“
+
+Sie hatte die größte Lust, zu gehen, nur um Olga Radó von diesem Besuch
+zu befreien. Dabei fühlte sie – wenn sie jetzt mit irgendeiner Ausrede
+aufbrechen wollte, und man würde sie fragen, sie bitten, die allgemeine
+Aufmerksamkeit würde sich auf sie lenken, dann würden ihr unhaltbar die
+Tränen aus den Augen stürzen, die ihr drohend und stechend hinter der
+Nasenwurzel saßen.
+
+Sie war fast froh und tief unglücklich, als Olga plötzlich auf die Uhr
+sah und sagte:
+
+„Kinder, ich muß euch hinauswerfen, so leid es mir tut. Ich muß mich
+umziehen, aber schleunigst – die Zeit ist so rasend schnell vergangen.“
+
+Im tiefsten Innern litt Mette darunter, daß der ersehnte Nachmittag
+schon vorüber war. Aber ihre Gedanken sagten laut und deutlich: „Gott
+sei Dank!“ Und sie war erst recht erbittert, daß sie nun eigentlich froh
+sein mußte, statt unglücklich zu sein. – – –
+
+ * * * * *
+
+Mette war leicht geneigt, sich zur Verantwortung zu ziehen. Sie ging am
+selben Abend noch scharf mit sich ins Gericht. Sie klagte sich an, dumm,
+faul, unwissend und ungewandt zu sein.
+
+Warum kannte sie die Bücher nicht, die Olga Radó in ihrem Besitz hatte
+und las und liebte? Vater hatte sie sicher alle vorn in seinem
+Studierzimmer, aber Mette war noch nie auf den Gedanken gekommen, sie zu
+lesen.
+
+Warum war es ihr nicht möglich, _einmal_ etwas Geistreiches zu sagen?
+Irgend etwas, das sie mit einem Schlage über das flache Gewimmel dieser
+Alltagsbackfische hinaushob.
+
+Olga Radó merkte sicher an einem Wort, wes Geistes Kind einer war.
+Vielleicht hatte sie etwas von ihr erwartet, weil sie ein bißchen anders
+aussah als die anderen.
+
+Mette stand prüfend vorm Spiegel. Sie war hochgewachsen, hatte eine
+kluge Stirn und ernste Augen. Und was war dahinter? Nichts, nichts,
+nichts!
+
+Mette schnitt ihrem Spiegelbild zornige Fratzen.
+
+Was hatte sie den ganzen Nachmittag geredet? „Ja,“ „nein“ und ein paar
+alberne Phrasen.
+
+Aber das kam davon, wenn man blind und taub durchs Leben ging.
+
+Dann wußte man selbst solche Dinge nicht, von denen die Möbius-Mädeln
+schwatzen konnten. Und an alledem war Tante Emilie schuld!
+
+Das schlimmste aber war – Mette drehte das Licht aus und verkroch sich
+unter die Bettdecke, weil das Blut ihr brennendheiß in die Stirn stieg –
+das schlimmste war, daß sie, als die anderen vom „Kammersänger von
+Wedekind“ gesprochen hatten, allen Ernstes gedacht hatte, es wäre ein
+adliger Hofopernsänger und gefragt: „Wie heißt er denn mit Vornamen?“
+
+Aber das hatte Olga Radó hoffentlich nicht gehört. – – –
+
+ * * * * *
+
+Eine Woche lang gab Mette ihre zwecklosen Spaziergänge auf und übte zu
+Hause Klavier und lernte französische Vokabeln, und wenn sie eine halbe
+Stunde geübt und gelernt hatte, warf sie sich auf den Diwan und starrte
+in das Stückchen Himmelblau, von silbrigen Telephondrähten durchschrägt,
+das sie von ihrem Platz aus sehen konnte. Und dann flogen ihre Gedanken
+– wie das herrlich wäre, alle Sprachen der Welt zu verstehen, oder ein
+Instrument vollkommen zu beherrschen, oder eine wundervolle Stimme zu
+haben, oder bezaubernd schön zu sein. Aber da man all so etwas doch nie
+erreichen konnte, so wäre es vielleicht am angenehmsten, tot zu sein. –
+– –
+
+ * * * * *
+
+Dann kamen dringende Besorgungen, die einen gezwungenermaßen in die
+Motzstraße führten. Und wenn man an dem Haus vorüber mußte, war es
+natürlich, daß man ein wenig langsamer ging, zu den Fenstern hinaufsah,
+die Straße entlang spähte.
+
+Und wenn man in der Stadt war und nach Hause gehen wollte, konnte man
+genau so gut durch die Motzstraße gehen wie durch die Kleiststraße. Und
+wenn man ging, um ein wenig an der frischen Luft zu sein, war es das
+natürlichste von der Welt, daß man sich auf den Viktoria-Luise-Platz auf
+eine Bank setzte und den spielenden Kindern zusah.
+
+Jeden Tag stand Mette vor einem Geschäft mit Handschuhen, Bändern und
+Spitzen und starrte tiefsinnig auf die Auslagen – weil im Hintergrund
+des Glaskastens ein Spiegel war, und weil man in diesem Spiegel die
+Haustür gegenüber beobachten konnte.
+
+Jedesmal zuckte Mette zusammen, wenn die Haustür sich auftat.
+
+Und als einmal Olga Radó durch die Haustür trat, hätte Mette sie beinah
+nicht erkannt. Sie hatte einen losen Mantel an, beide Hände in den
+weiten Taschen vergraben und keinen Hut auf. Sie lief mehr als sie ging,
+zwei Häuser weiter nach dem Briefkasten und steckte einen Brief unter
+die Klappe.
+
+Mette ging rasch über den Damm, um ihr den Rückweg abzuschneiden. Dabei
+klopfte ihr Herz so, daß sie nach Atem ringen mußte. Sie faßte in
+flüchtigster Geschwindigkeit der Gedanken hundert Entschlüsse, die sie
+wieder verwarf.
+
+Sie wollte sie anreden – sie wollte mit stummem Gruß an ihr vorübergehen
+– aber vielleicht wurde sie gar nicht erkannt – sie wollte sie doch
+lieber anreden – aber wie?
+
+Als sie noch auf dem Damm war, hatte Olga sie gesehen und schwenkte ihr
+die Hand entgegen.
+
+„Hallo, Fräulein Mette! Wollten Sie mich besuchen?“
+
+„Eigentlich nicht!“ sagte Mette und wurde blaß vor Aufregung. Vielleicht
+war es wieder eine Dummheit. Vielleicht hätte sie „ja“ sagen sollen ...
+
+„Aber uneigentlich ja“ – sagte Olga und schob ihre Hand in Mettens Arm.
+„Kommen Sie eine Stunde mit hinauf. Oder haben Sie etwas zu versäumen?
+Nein? Na also! Warten Sie – ich muß nur noch zu meinem Freund an der
+Ecke, mir Zigaretten holen – gehen Sie mit?“
+
+Nie in ihrem Leben hatte Mette einen so reizenden kleinen Tabaksladen
+gesehen, wie dies Geschäft an der Ecke. Nie war ein Mensch so auf den
+ersten Blick gewinnend gewesen, wie dieses weißhaarige, schmunzelnde
+Männchen mit den dürren, zittrigen Händen, bei dem Olga Radó ihre
+Zigaretten kaufte – – –
+
+ * * * * *
+
+Olga saß vor dem breiten Diplomatenschreibtisch aus schwarzgebeiztem
+Eichenholz im Lutherstuhl, die Beine übereinander geschlagen, ein wenig
+vorgebeugt, beide Ellenbogen auf den hohen Seitenlehnen.
+
+Mette saß ihr gegenüber im Sessel. Ihr war ein wenig zumute wie beim
+Examen. Irgend etwas in ihrem Innern straffte sich auf, biß gleichsam
+die Zähne zusammen und sagte: Ich will bestehen. Ich will bestehen.
+
+Eine Weile ging es ganz gut. Sie sprachen von den Möbius-Mädeln und von
+Erika Hannemann und Tante Konsul. Und Mette erzählte von zu Hause, von
+Tante Emilie und von den schönsten Tagen ihrer Kindheit – von dem Gut
+und dem Gartenhäuschen aus Birkenrinde und dem Brückchen aus
+Birkenstämmen, das über ein ganz kleines Wässerlein führte – und von den
+Perlhühnern, die immer auf die Veranda kamen, wenn gefrühstückt wurde
+...
+
+Und dann sagte Olga plötzlich:
+
+„Sagen Sie mir bloß, wie kommen Sie eigentlich zu der Freundschaft mit
+meinen sogenannten Cousinen?“
+
+„Ich weiß nicht,“ sagte Mette – „Tante Emilie ...“
+
+„Ich will nichts gegen sie sagen,“ sagte Olga rasch, „es sind
+herzensgute Kinder. Aber langweilen Sie sich nicht zu Tode in diesem
+beständigen Verkehr?“
+
+„Ja,“ gab Mette zu, „aber ich langweile mich eigentlich immer.“
+
+„Hören Sie, das ist ja furchtbar!“ sagte Olga ernsthaft erschrocken.
+„Ich möchte lieber tot sein, als mich langweilen. Haben Sie denn keinen
+anderen Menschen als Fanni und Emmi und Tante Emilie?“
+
+„Nein“ – sagte Mette zögernd. „Es liegt wohl an mir. Ich habe nie eine
+Freundin gefunden. Aber ich habe auch nie eine gemocht.“
+
+„Es ist nicht leicht“ – sagte Olga nachdenklich. „An unseren besten
+Freunden gehen wir meist um ein paar Jahrhunderte vorüber. Von manchen
+wissen wir. Wenn wir von ihnen lesen oder ihre Bilder sehen. Aber das
+sind doch nur die wenigsten. Und von denen, die nach uns geboren werden,
+wissen wir gar nichts. Darum beneide ich die Schaffenden so. Sie können
+denen, die nach ihnen kommen, einen Gruß zuwinken. Sie können sich
+selbst festhalten in Worten, in Bildern, in Taten. Ja, in Taten auch.
+Das ist dann wie ein Schrei: So bin ich! So war ich! Habt mich lieb! Und
+wenn sie bei ihren Lebzeiten niemand gefunden haben, so wird vielleicht
+in hundert Jahren einer geboren, oder in zweihundert, der sie liebt, so
+wie sie geliebt sein wollten. Der sie versteht, so wie sie verstanden
+sein wollten. – Wir armen Hunde – wenn wir tot sind, werden wir ganz
+gewiß nicht mehr geliebt. Nicht in zehn Jahren mehr, ach, nicht in zehn
+Monaten. Ich möchte manchmal ...“
+
+Ihre Augen standen tief dunkel und drohend unter den zusammengezogenen
+Brauen.
+
+Sie brach ab und setzte mit einer anderen Stimme wieder ein:
+
+„Wissen Sie, unter den Menschen der Renaissance sind sehr viel
+sympathische Leute. Man hätte doch wohl vier, fünf Jahrhunderte früher
+leben müssen. Ich wäre ganz sicher mit Margherita Sforza befreundet
+gewesen. Ich hab’ vorhin gerade so eine famose Geschichte von ihr
+gelesen, wie sie ihrem Bruder seine Besitzungen erhielt, als Julius
+Cäsar gegen sie abgeschickt wurde.“
+
+In Mettens Kopf erhob sich ein Wirbel, der einem Schwindelgefühl nicht
+unähnlich war.
+
+Renaissance – das war ihr ein vertrauter Begriff.
+
+Mit dem Namen Sforza verband sie eine dämmernde Vorstellung.
+
+Aber – „Julius Cäsar?“ murmelte sie fassungslos.
+
+Olga lachte: „Nein, nein, nicht _der_! Julius Cäsar von Capua.“ Und dann
+setzte sie gleich wie begütigend hinzu: „Ein kleines, dummes Fürstchen!
+Sie brauchen ihn nicht zu kennen.“
+
+„Ach,“ seufzte Mette aufrichtig, „ich kenne so viele nicht, die ich
+kennen müßte.“
+
+„Na,“ sagte Olga, „es wird so schlimm nicht sein. Die Königin Johanna
+kennen Sie doch?“
+
+„Welche?“ fragte Mette ratlos. „Ich kenne nur die Erzählungen der
+Königin von Navarra ...“
+
+„Die kennen Sie hoffentlich nicht!“ sagte Olga belustigt. „Im übrigen
+war das eine Margarete. Aber die Sforza kennen Sie doch?“ Sie fragte so
+zart, so zuredend, als spräche sie zu einem Kinde, dem man nicht wehtun
+will.
+
+„Ich weiß nicht ... nein ... ja ...“
+
+„Na, was wissen Sie von ihnen?“
+
+„Nichts“ – sagte Mette verstört –, „nur das Bild von Rubens – das kleine
+Mädchen mit der Leberwurst ...“
+
+Olga horchte einen Augenblick mit hochgezogenen Brauen, als dächte sie
+nach. Dann lachte sie laut und lustig, so lustig, wie Mette sie noch nie
+hatte lachen hören. Aber merkwürdigerweise tat diese Lustigkeit Metten
+nicht weh, obgleich sie sich über ihre eigene Unempfindlichkeit
+wunderte. Es war so hübsch, Olga Radó so herzlich lachen zu sehen. Auch
+dann, wenn man selber ausgelacht wurde.
+
+„Mädchen!“ rief Olga immer noch lachend. „Wie sieht das in deinem Gehirn
+aus! Ach! Da möcht ich einmal Ordnung schaffen!“
+
+„Tun Sie das!“ sagte Mette glühend. „Bitte, bitte, tun Sie das!“
+
+Olgas Gesicht wurde einen Augenblick ernst und nachdenklich.
+
+„Nein, nein,“ sagte Mette sofort erschrocken, „das war eine
+Unverschämtheit. Sie sind ja schließlich nicht unsere Gouvernante!“
+
+„Kind!“ sagte Olga, und legte mit einem raschen Sichvorbeugen ihre Hand
+auf Mettens. „Sind Sie so empfindlich? Das galt doch gar nicht Ihnen!
+Wollen Sie lesen lernen bei mir? Weiter kann ich Ihnen ja auch nix
+beibringen! Kommen Sie, ja? Kommen Sie zu mir herauf, sooft Sie wollen,
+bis es Ihnen langweilig wird.“
+
+„Nie!“ sagte Mette, als spräche sie einen heiligen Eid.
+
+„Aber wissen Sie, ehe wir uns irgendwo festhaken, müssen Sie erst mal
+einen Überblick haben. Sie müssen sich durch eine Weltgeschichte
+durcharbeiten. Soll ich Ihnen den Schlosser mitgeben? Es sind achtzehn
+Bände. Immer einen Band nach dem andern. Ja – Mädel, da hilft dir kein
+Gott! Wenn du weiter nix tust, kannst du gut hundert Seiten im Tag lesen
+– ach mehr – und wenn du fertig bist – alle drei, vier Tage – je nachdem
+– kommen Sie her und tauschen sich den Band ein und trinken hier Tee,
+und wir plaudern ein bissel. Gell, ja? Wollen wir’s so halten?“
+
+So fing es an. – – –
+
+ * * * * *
+
+Und so ging es eine ganze Weile.
+
+Mette las mit einem Feuereifer die Bücher, die Olga Radó ihr gab. Und
+wenn sie das Buch sinken ließ, mit brennendem Gesicht, dann war ihr, als
+ob Olga ihr gegenüber säße, und sie fing an, lange Gespräche mit ihr zu
+führen. Auf jeder Seite stand etwas, etwas Grauenhaftes oder Schönes,
+etwas Merkwürdiges oder Unverständliches, irgend etwas, was sie Olga
+erzählen, wonach sie Olga fragen mußte.
+
+Manchmal führte sie diese Gespräche auch in Wirklichkeit, manchmal
+sprach sie das aus, was sie sich in Gedanken zurechtgelegt hatte, sagte,
+was zu sagen sie sich vorgenommen hatte – aber nur selten.
+
+Es war das sonderbar Beglückende und Überraschende, was Mette wohl
+empfand, aber sich viel, viel später erst klarmachte: daß man Olga Radó
+nicht führen konnte. So stark waren ihre Gedanken, ihre Stimmungen, daß
+sie im ganzen Zimmer eine Atmosphäre schufen, in der es unmöglich
+schien, anderer Laune zu sein als sie. Und wer kein Gefühl dafür hatte
+und einen anderen Ton anschlug als den, in dem Holz und Glas und Luft
+und Seide leise zu schwingen schienen, der erweckte eine schreiende
+Dissonanz.
+
+Mette spürte das später manchesmal, wenn Fremde ins Zimmer kamen. Sie
+selbst rief nie, nicht in den ersten Tagen, einen Mißklang hervor, weil
+sie still war, weil sie sich selbst ausschaltete, um halb unbewußt und
+doch beinah ängstlich jede Schwingung aufzufangen, die in der Luft
+zitterte.
+
+Im Anfang war es halb unbewußt. Sie kam sich so bodenlos klein und dumm
+vor, daß sie kaum wagte, in Olgas Gegenwart einen Gedanken für sich zu
+haben. Später, als ihre gesunden Nerven längst fein und dünn bis zum
+Zerreißen ausgespannt waren, hatte sie es zu einer bewußten
+Meisterschaft gebracht. Sie pflegte manchmal scherzend zu sagen:
+
+„Heut mußt du in sehr schlechter Laune die Straße entlang gegangen sein.
+Die Häuser schneiden jetzt noch Fratzen hinter dir her!“ – –
+
+Es war das dritte- oder viertemal, daß Mette oben war. Olga lag auf dem
+Diwan und rauchte so ununterbrochen, daß die blauen Wolken Mühe hatten,
+sich zum Fenster hinauszuschieben.
+
+Mette saß im Sessel und las ihr Jean Paul vor:
+
+„Einen anderen freilich, wenigstens den Leser und mich, würde die
+durchsichtige Nacht, womit sich der April beschloß, die weite Stille,
+auf welche die Trommelstöcke schlugen, die Sehnsucht nach dem Geliebten,
+mit welchem der Morgen wieder das öde Herz und das zerstückte Leben
+ergänzte, alles dieses würde uns beide mit sanften Bebungen und Träumen
+erfüllt haben ...“
+
+„Bitte, laß!“ sagte Olga gequält und preßte die Hand gegen die Schläfen.
+„Sei nicht böse, ich kann es heut’ nicht vertragen, sei lieb, Kind, da
+oben steht der Walt Whitman – im obersten Fach – weiter nach rechts –
+oder nein, laß – geh mal nebenan an meinen Toilettentisch, da liegt eine
+silberne Bürste – nein, die mit dem Stiel – die bring mal her.“
+
+Mette brachte gehorsam die Bürste.
+
+Olga nahm sie ihr aus der Hand, ohne sich aufzurichten und schlug mit
+dem Rücken einen kräftigen Daktylus gegen die Wand, nach kurzer Pause
+noch einen und einen dritten.
+
+Mette lachte. „Muß dazu die Bürste sein?“
+
+„Ja,“ sagte Olga. „Das ist mein Morseapparat. Nach langjähriger
+Erfahrung der beste. Was soll ich nehmen? Das Tintenfaß geht doch nicht
+gut. Ein Buch gibt keinen Schall, wär’ mir auch zu schade ...“
+
+Währenddessen klopfte es an die Tür.
+
+„Ja, ja, ja!“ rief Olga.
+
+Die Tür wurde nur halb geöffnet, und ein blonder Männerkopf schob sich
+durch den Spalt.
+
+„Ah, Besuch?!“ sagte eine hohe, dünne, heisere und trotzdem nicht
+unangenehme Stimme.
+
+„Komm rein, Peterchen,“ sagte Olga, „es ist nur die Mette.“
+
+Das Wort gab Metten ein großes Glücksgefühl. Es gab ihr eine gewisse
+Heimatsberechtigung in diesem Zimmer, wo nur _geduldet_ zu sein, schon
+Stolz und Freude war.
+
+Der kleine Mann, der seinen zarten und verwachsenen Körper durch die Tür
+schob, kannte sie, wußte ihren Vornamen, wußte, daß sie „nur“ die Mette
+war – das war keine Beleidigung in diesem Falle, sondern eine Erhöhung.
+„Nur die Mette“ – das hieß: kein Besuch, niemand Fremdes, jemand, der
+dazugehört, der nicht störend wirkt – es ist so gut, als ob ich allein
+bin.
+
+Mettens ganze Sympathien flogen dem kleinen Mann entgegen. Vielleicht,
+wenn es ein stattlicher, schöner Mensch gewesen wäre, hätte sie sich in
+einem Gefühl der Eifersucht gegen ihn gewehrt. Aber er war nichts
+weniger als schön, trotz seiner sanften blauen Augen und seiner feinen
+gepflegten Hände.
+
+Mette liebte ihn vom ersten Augenblick an, wie sie den Zigarrenhändler
+an der Ecke liebte, mit einer fast zärtlichen Liebe.
+
+Diese erste Begegnung war der Anfang einer treuen und langjährigen
+Freundschaft.
+
+Otto Petermann war im allgemeinen gewiß nicht geneigt, sich selbst oder
+Neigungen, die seiner Persönlichkeit galten, zu überschätzen – aber ob
+es nicht doch manchmal Momente gab, in denen er glaubte, Mettens Gefühle
+ihm gegenüber für etwas anderes als ihre Liebe für den kleinen
+Zigarrenhändler halten zu dürfen?
+
+„– Peterchen,“ sagte Olga, „hol’ die Geige und spiel’ uns was!“
+
+„Ja, was?“ fragte Petermann.
+
+„Etwas Anständiges. Für das kleine Mädchen ist nichts zu schade.“
+
+Und Petermann spielte. Spielte das, was sie beide am meisten liebten,
+Olga und er, und was er nicht spielen wollte und nicht spielen durfte,
+wenn ihn Leute hörten, für die es „zu schade“ war.
+
+Mette saß ganz still. Ihr war, als ob die Töne sie wie ein sanft
+flutender Strom dahintrügen, immer weiter, immer weiter, alles blieb
+zurück, die graue, schmutzige Stadt, ein Gemenge von keifenden und
+johlenden Leuten – blieb zurück, wurde kleiner, verschwand im Nebel,
+immer klarer wurde die Luft, immer reiner, immer tiefer das Wasser,
+immer lieblicher, immer freier die Ufer. Eine Insel tauchte auf,
+blühende Bäume ließen ihre tief herniederhängenden Zweige von den
+ziehenden Wellen tränken.
+
+„Das ist die selige Insel,“ dachte Mette. „Nur Könige wandeln auf dieser
+Insel. Nur Könige trägt unser Schiff. Aber ich werde mitgenommen. Ohne
+all mein Verdienst und Würdigkeit. Ich will dankbar sein. Mein ganzes
+Leben lang. Vielleicht werde ich über Bord geworfen, eh wir an Land
+gehen. Aber nun weiß ich den Weg. Dann will ich versuchen zu schwimmen
+oder will untergehen. Aber ich will nicht mehr zurück. Nie, nie, nie
+mehr zurück!“ – – –
+
+ * * * * *
+
+Peterchens Geige sang noch durch die Dämmerung.
+
+An diesem Tage kam Mette das erstemal zu spät zum Abendessen nach Hause.
+Die lange, erregte und boshafte Rede, mit der Tante Emilie sie empfing,
+machte ihr den Eindruck, als ob schmutziges Wasser über sie ausgegossen
+würde. Sie schüttelte sich vor Ekel, aber sie empfand keinen Schmerz. –
+– –
+
+ * * * * *
+
+Auf Olga Radós Schreibtisch stand ein schöner Kasten aus schwerem,
+kantigem Kristall mit einem glatten Silberdeckel. Er war fast immer
+leer; denn die Zigaretten wurden so schnell aufgeraucht, daß es nicht
+lohnte, sie aus der Originalpackung herauszunehmen.
+
+Eines Abends nahm Olga wieder einmal die letzte von fünfundzwanzig aus
+der Schachtel.
+
+„O weh – das ist bös – Mette, sieh mal auf dem Schreibtisch nach – da
+sind natürlich auch keine ... ich bin doch ein Schaf!“
+
+„Ich spring’ schnell hinunter und hole welche!“
+
+„Nein, laß, du sollst nicht darum die Treppen laufen – wart’, gib mir
+einmal die Handtasche ’rüber. In meinem Etui müssen noch welche sein!“
+
+Olga lag wieder auf dem Diwan, richtete sich halb auf, kramte Schlüssel,
+Taschentücher, Briefe aus der Tasche heraus und öffnete schließlich das
+Etui.
+
+„Hurra! _Dieu soit loué!_ Bei weiser Einteilung können wir durchhalten
+bis morgen früh! Magst du?!“
+
+Sie reichte das offene Etui hinüber.
+
+„Nein,“ sagte Mette, „ich verzichte liebend gern, sonst reichen sie am
+Ende doch nicht bis morgen.“
+
+„Engel!“ sagte Olga und drückte das Schloß zu. „Mein einziger Trost ist,
+daß du dir nicht allzuviel daraus machst.“
+
+„Darf ich einmal das Etui sehen?“ fragte Mette.
+
+„Da, mein Engel!“ Olga gab es ihr. „Ist es nicht schön?“
+
+Mette drehte das glatte, spiegelnde Gold in behutsamen Händen. „Es ist
+unglaublich schön. Ich mag auch die breite, niedrige Fasson so
+schrecklich gern. Aber was soll der Krebs? Ist das ein Wappentier?“
+
+„Mein Wappen!“ lachte Olga. „Das Wappen meiner Familie. Es bedeutet, daß
+es mit uns den Krebsgang geht.“
+
+„Nein ...“ sagte Mette zögernd und wurde rot.
+
+„Nein? Woher weißt du? Aber nebenbei ist es leider kein so nützliches
+und angenehmes Tier. Es soll ein Skorpion sein.“
+
+„Pfui!“ sagte Mette. „Und warum so ein Ungeheuer? Aus einer besonderen
+Vorliebe heraus?“
+
+Sie vermied es, wo sie nur konnte, eine direkte Anrede zu gebrauchen.
+
+„Ja,“ sagte Olga. „Man hat dies Etui einmal für mich machen lassen, weil
+ich gesagt habe, der Skorpion ist das anständigste Tier von der Welt. Er
+ist mein Lieblingstier.“
+
+„Das ist nicht Ihr Ernst!“ rief Mette erschrocken.
+
+„Doch, Fräulein Rudloff. Im übrigen möchte ich nur bemerken, daß das
+Dienstbotenniveau ist, sich von einem Menschen Du nennen zu lassen, ohne
+ihm ebenso zu erwidern.“
+
+„Aber Sie sagen zu allen Menschen du,“ sagte Mette verlegen.
+
+„Ja, und ich unterscheide die Leute danach, ob sie sich das gefallen
+lassen und mich weiter begnädigen, oder ob sie selbstverständlich darauf
+eingehen. Wenn du denkst, ich mache deinetwegen eine offizielle
+Angelegenheit daraus mit Anstoßen und Bruderkuß, dann irrst du dich.
+Wenn du noch ein einziges Mal Sie sagst, muß ich annehmen, daß dir diese
+Familiarität lästig ist, und dann bleibt mir nichts übrig, als dich
+gnädiges Fräulein zu nennen oder dir einen harten Gegenstand an den Kopf
+zu werfen. Es ist nebenbei doch mein Ernst – mit dem Skorpion. Weißt du
+nicht, daß er der einzige Selbstmörder unter den Tieren ist? Er _läßt_
+sich nicht von menschlicher Neugier und Grausamkeit langsam zu Tode
+quälen. Er kämpft wie ein Wahnsinniger – und wenn er weiß, daß keine
+Rettung mehr ist, bringt er sich um. Ist das nicht fabelhaft?“
+
+Olga hatte sich aufgerichtet. Ihre Augen sahen groß und dunkel an Metten
+vorüber. Auf ihrem schönen, blassen Gesicht lag ein seltsamer,
+schmerzlich-heroischer Ausdruck.
+
+Mette erschrak. „Und du?!“ sagte sie und faßte mit einer unwillkürlichen
+Bewegung nach Olgas Hand. „Hast du es darum zu deinem Wappentier
+gemacht?“
+
+Olga lächelte ein weiches, gutes Lächeln.
+
+„Schäfchen,“ sagte sie, „das hat einen ganz anderen Zusammenhang. Ich
+sollte ein Skorpion sein, weil ich einen giftigen Stachel hätte. Weil
+‚mein Witz Skorpionstich‘ wäre. Ein Mensch, der mich liebte, hat das
+einmal behauptet. Und hat behauptet, wenn ich in die Enge getrieben
+würde, richtete ich den Giftstachel gegen mich selber und zerfleischte
+mich. Ich weiß nicht, ob das wahr ist. Es macht mir im Grunde keinen
+Spaß, über mich nachzudenken. Aber dieser Mensch sah mich so. Und darum
+ließ er mir das Etui machen. Schau“ – sie machte es auf. Die kleinen
+Rubinen, aus denen der Skorpion geformt war, waren _à jour_ gefaßt. Die
+Zeichnung war auch auf der Innenseite deutlich. Und direkt darunter war
+der Namenszug eingraviert: Olga Radó.
+
+Mette schalt sich selber töricht, aber sie konnte es nicht hindern: Ihr
+Herz war zum Springen voll von einer brennenden Eifersucht gegen diesen
+fremden Menschen, der Olga Radó liebte und ihr goldene Zigarettenetuis
+schenkte.
+
+„Eine schöne Handschrift!“ sagte sie gedankenlos.
+
+„Es ist nicht meine,“ sagte Olga. Sie schloß langsam das Etui und legte
+die glatte Fläche mit einer weichen Geste an die Wange.
+
+„Es ist so schön. Ich liebe es so. Und ich bin so froh, daß ich es
+lieben kann ... Es war ein Abschiedsgeschenk ... und es war ein so
+schöner Abschied.“
+
+In Metten regte sich qualvoller Widerspruch.
+
+„Ein schöner Abschied!“ sagtet sie bitter. „Gibt es so etwas auch?“
+
+Olga richtete sich hastig auf.
+
+„Ja, Mette,“ sagte sie voll Eifer. „Und es sollte es noch viel, viel
+öfter geben. Es ist ein Unglück, daß die Leute nicht verstehen,
+auseinanderzugehen. Lern’ es, Mette, lern’ es beizeiten.“
+
+„Nein,“ sagte Mette verstockt, „ich werd’ es wohl niemals lernen. Leute,
+denen die Liebe nur ein Spiel ist, die können sich auch aus dem Abschied
+ein Spiel machen.“
+
+„Mette,“ sagte Olga ernst, „du bist ein Kindskopf. Glaubst du, daß das
+ein Beweis großer Liebe ist, wenn ich mich an einen Menschen klammere,
+bis er meiner überdrüssig ist? Ich will lieber zehntausend Tode sterben,
+als einem Menschen lästig sein, den ich liebe. Es ist keine Kunst, einen
+Anfang zu finden. Ich glaube, daß jeder Mensch jeden Menschen erobern
+kann. Und immer wird der Anfang schön sein. Und immer das Ende
+scheußlich, bitter, qualvoll, ekelhaft. Es ist eine schwere Kunst, ein
+Ende zu machen. Zur rechten Zeit. Und auf die rechte Art. Lern’ es,
+Mette, lern’ es beizeiten!“ – – –
+
+ * * * * *
+
+Die drei saßen zusammen: Peterchen, Mette und Olga.
+
+„Ich begreife dich nicht,“ sagte Peterchen mit seiner leisen,
+gebrochenen Stimme, „ich begreife dich nicht, Olga, daß du die Bettine
+nicht lieben kannst. Ich dachte _gerade_, das müßte ein Mensch für dich
+sein. Ein Mensch von so reicher Begabung, von fast unheimlicher
+Phantasie, von beinah wildem Temperament, dabei solche Anmut, solche
+Zartheit der Empfindung. Wenn man von der Frau weiter nichts wüßte, als
+die Geschichte ihrer Verheiratung, müßte sie einem doch schon
+sympathisch sein.“
+
+„Ja,“ sagte Olga, „dann ja! Aber man weiß eben zu viel von ihr. Oh, sie
+ist so aufdringlich und so verlogen, so gemacht genialisch, so mit
+Koketterie unbändig, mit Vorsatz leidenschaftlich. Nichts auf der Welt
+ist mir so verhaßt. Denk dir – so sehr ich Klemens liebe – wenn ich
+manchmal glaube, die Verwandtschaft zu spüren, mag ich ihn nicht. Und
+dann – du weißt ja – verzeih ich ihm auch seine unglückliche Liebe zu
+Mariannen nicht.“
+
+„Richtig, die kannst du ja auch nicht leiden!“
+
+„Kann ich auch nicht, Peterchen, und wenn du mir den Kopf abreißt. Ich
+weiß nicht, woran es liegt. Irgend etwas an ihr macht auf mich immer den
+Eindruck von ‚Biederkeit‘. Und du weißt, das ist eine Eigenschaft,
+die ich in den Tod nicht ausstehen kann. Schon diese ewige
+Alte-Herren-Liebe. Nein, nein, geh mir mit ihr, ich mag sie nicht.“
+
+„Olga, wie kannst du über diese Frau so leichtfertig urteilen?“
+
+„_Diese_ Frau! Sag’ nur noch, diese vortreffliche Frau. Mit _dem_ Wort
+kannst du sie mir ganz gewiß verekeln. Und es paßt eben leider ein
+bißchen auf sie. Herrgott! Man kann doch seine Gefühle nicht zwingen.
+Sie hätte mich wahrscheinlich auch nicht leiden können. Und das fühl’
+ich so.“
+
+„Aber Bettine hätte dich wahrscheinlich glühend geliebt.“
+
+„Vielleicht! Aber daß ich Bettinen so hasse, das hat ja auch noch eine
+besondere Bewandtnis.“
+
+„Du bist eifersüchtig auf sie!“ sagte Petermann sehr leise.
+
+Olga fuhr mit einer fast heftigen Bewegung herum. Ihre Augen flackerten
+in dem weißen Gesicht.
+
+„Ja, ich bin auch eifersüchtig auf sie!“
+
+„Wegen der Günderode!“
+
+„Wegen der Günderode.“ –
+
+Petermann wurde ans Telephon gerufen. Es war so still im Zimmer, daß
+Mette eine ganze Weile nicht zu sprechen wagte.
+
+„Merkwürdig seid ihr,“ sagte sie endlich gepreßt, „wie ihr von diesen
+Leuten redet – als wären sie euer täglicher Umgang.“
+
+„Das sind sie doch auch,“ sagte Olga fast verwundert. „Das ist doch die
+einzige Lebensmöglichkeit. Meinst du, ich möchte leben, wenn ich nur
+Verkehr mit den Menschen hätte, mit denen du mich so zurzeit verkehren
+siehst? Weißt du – es ist auch die einzige Art zu lesen, ich meine, wenn
+du zum erstenmal einen Briefwechsel oder einen Memoirenband vornimmst –
+einen, wo nicht hohe geistige Probleme behandelt werden, dann ist einem
+doch zumut, als wenn man in einer fremden Gesellschaft sitzt. Die Leute
+klatschen miteinander und erzählen sich was von Herrn Müller und Frau
+Schultze, und man sitzt dabei und langweilt sich zu Tode. Wenn man aber
+Herrn Müller und Frau Schultze _kennt_, ist’s schon wesentlich
+amüsanter. Und wenn man in einen _verliebt_ ist und wartet dann mit
+klopfendem Herzen, ob vielleicht sein Name genannt wird, und was nun der
+oder der über ihn sagen wird, dann wird’s spannend und aufregend.
+Peterchen versteht mich so darin. Er ist überhaupt ein feiner kleiner
+Kerl. Findest du nicht?“
+
+„Ja,“ sagte Mette gleichgültig. „Er ist sehr nett.“
+
+Olga lächelte. „Er ist direkt verliebt in Bettinen und begreift mich
+nicht.“
+
+„Aber du,“ sagte Mette leise, fast widerwillig, „du liebst die
+Günderode.“
+
+„Ja,“ sagte Olga mit großen, seltsam glänzenden Augen, „oh, ich liebe
+sie so! Du glaubst nicht, was ich für Qualen ihretwegen ausgestanden
+habe. Und ich konnte nichts tun für sie! Vielleicht hat sie Sehnsucht
+nach Ruhm gehabt – nach äußerlicher Unsterblichkeit – und sie ist so
+vergessen. Wer weiß denn von ihr? Ich habe mir so gewünscht, etwas
+Unerhörtes leisten zu können, um sie zu verewigen. Ich wollte
+Michelangelo sein oder Dante oder Homer – um ihr ein Denkmal zu setzen,
+und um unsere Namen für tausend Jahre unauflöslich miteinander zu
+verknüpfen. Oh, es war eine Zeitlang wie eine Krankheit in mir. Es
+marterte mich einfach, daß ich diese lumpigen hundert Jahre, die uns
+trennten, nicht überspringen konnte. Weißt du – so muß einem Gelähmten
+sein, oder einem Gefesselten, der im Nebenzimmer eine Stimme hört, die
+ihn in allen Nerven erzittern macht, und er kann sich nicht rühren.
+Manchmal hab’ ich gedacht, man muß es können. Man muß nur wollen. – Ich
+weiß noch, daß ich eine Nacht auf dem Balkon lag im Liegestuhl und zum
+Antares hinaufstarrte. Da war es mir wieder, als riefe sie mich. Ich
+wollte aus meinem Körper hinaussteigen, ich wollte. Und denke dir, ich
+hatte das Gefühl, als ob es mir gelänge. Ich schwebte über mir. Mein
+Körper war eiskalt, ich hätte kein Glied rühren können, und da faßte
+mich plötzlich eine rasende Angst. Ich wußte, ich würde mich verfliegen
+und nie mehr, nie mehr zurück können. Da kroch ich wieder in mich hinein
+und trieb mein Herz an und erwärmte mich durch meinen Willen, und
+nachher schalt ich mich feige und erbärmlich. – Es muß seltsam sein,
+wenn uns einmal diese Fesseln abgenommen werden. Manchmal freue ich mich
+direkt darauf.“
+
+„Alles deswegen,“ sagte Mette ein wenig bitter. „So hast du sie
+geliebt?“
+
+„Ja,“ sagte Olga, „jetzt ist es nicht mehr so schlimm. Ich hätte doch
+früher zu keinem anderen Menschen davon reden können. Ich habe Bettinens
+Bücher versteckt, damit kein Mensch sie bei mir findet. Ich wurde rot
+und blaß, wenn jemand ihren Namen nannte, oder mir etwas sagte, was mich
+an sie erinnerte. Du mußt nicht denken, daß ich jetzt darüber lache.
+Mein Gefühl ist genau dasselbe, ich fühle mich ihr so absolut verbunden
+– aber ich gehöre ihr nicht so ausschließlich, wie in der ersten Zeit,
+als ich sie fand.“
+
+Sie schwiegen beide. Stille Dämmerung senkte sich langsam.
+
+„Ich habe nie ein Bild von ihr gesehen,“ sagte Olga. „Ich weiß auch gar
+nicht, ob es Bilder von ihr gibt. Ich möchte auch keins sehen. Ich habe
+eine so deutliche Vorstellung von ihr. Ich glaube, wenn ich ein Bild
+sähe, würde ich erschrecken. Ich würde sicher namenlos enttäuscht sein.
+Ich habe direkt Angst davor, einmal ganz unerwartet ein Bild von ihr zu
+finden.“
+
+„Ich wollte, ich fände eins,“ sagte Mette, ohne Olga anzusehen, „ein
+recht häßliches!“
+
+„Pfui!“ sagte Olga mit ihrer tiefen Stimmen. Kein Wort weiter.
+
+In Mette kämpften Scham und Schmerz. Sie haßte sich selbst. Sie kam sich
+vor wie ein ungezogenes Kind, dem man ein wunderfeines Gebilde aus
+venezianischem Glas zeigt, und das aus Bosheit und Rohheit mit dem Stock
+nach der Herrlichkeit schlägt. Aber zugleich regte sich ein dumpfer
+Trotz in ihr: warum quält sie mich? Ich will mich nicht quälen lassen!
+
+Sie hatte das Gefühl, daß sie um Verzeihung bitten müsse. Aber das
+konnte sie nicht.
+
+Wenn sie jetzt ging, dann würde Olga sie nie wieder rufen. Und ungerufen
+durfte sie nie mehr kommen. Sie würde nie mehr in diesem Sessel sitzen.
+Sie würde nie mehr den Duft von Lavendel und Zigaretten in diesem Zimmer
+atmen. Sie würde nie mehr diese Stimme hören.
+
+Das Schweigen dauerte so unheimlich lange. Ja, sie mußte nun wohl
+eigentlich aufstehen und gehen. Aber es war, als ob der Stuhl sie
+festhielte, oder die graue Wand drüben, an der ihre Augen hingen. Sie
+fühlte, im Moment, da sie aufstehen wollte, würden ihr die Tränen aus
+den Augen stürzen. Das durfte nicht sein. Sie bemühte sich, an irgend
+etwas anderes zu denken – an etwas ganz Fernliegendes. Nächste Woche
+wollte sie ins Theater gehen. Darauf hatte sie sich gefreut. Eigentlich
+war bei jedem Theater- oder Konzertbesuch doch das hübscheste, nachher
+hier zu sitzen und über das Gehörte und Gesehene zu sprechen. Das würde
+nun nicht sein. Nächste Woche nicht. Vielleicht nie wieder.
+
+Die Stille im Zimmer war atemraubend. Wenn Olga nur reden wollte. Irgend
+etwas, sie ausschelten, sie demütigen. Es war so grausam von ihr, zu
+schweigen.
+
+Mette machte den Versuch, aufzustehen. Sie machte eine Bewegung, die
+unsichtbar blieb, aber die sie inwendig in allen Muskeln spürte.
+Zugleich aber konnten die mühsam aufgehaltenen Lider das unaufhörlich
+quellende Wasser nicht mehr zurückdrängen, sie zitterten, schlossen
+sich, und die schweren Tropfen stürzten nieder.
+
+Mette schämte sich maßlos. Irgend etwas in ihr kroch ganz in sich
+zusammen. Sie hätte sich so gern äußerlich auch zusammengezogen, sich
+geduckt, das Gesicht versteckt. Aber sie wagte nicht, sich zu rühren.
+Sie wollte nicht durch eine Bewegung Aufmerksamkeit erregen. Vielleicht
+war Olga mit ihren Gedanken weit fort und achtete nicht auf sie.
+
+Die Tränen fielen ihr auf die Hände. Sie wagte nicht, sie abzutrocknen.
+
+Plötzlich schreckte sie zusammen. Sie hörte den Diwan knarren, ein
+leises Rauschen der Röcke. Olga war aufgestanden.
+
+Jetzt sagte eine unendlich weiche, leise Stimme neben ihr:
+
+„Mette, Kind! Warum weinst du eigentlich?“
+
+Mette sah nicht auf, sondern senkte den Kopf noch tiefer.
+
+Da kniete Olga mit einer raschen Bewegung nieder, wie man vor einem
+weinenden Kinde kniet und versuchte von unten herauf ihr ins Gesicht zu
+sehen.
+
+„Warum weinst du eigentlich?“
+
+Mette sah das schöne Gesicht vor sich durch einen Schleier von
+stürzendem Wasser. Sie lächelte.
+
+„Ich weiß nicht!“ sagte sie.
+
+Sie sah auf die weiße schlanke Hand, die auf ihren Knien lag, ihre
+beiden gefalteten Hände fest überspannend. Sie neigte sich langsam auf
+diese Hand und preßte den Mund, die heißen, tränenfeuchten Wangen
+dagegen.
+
+„Kind!“ sagte Olga beinah ungeduldig und versuchte mit der anderen Hand
+ihr die Stirn zu heben. „Wenn ich nur wüßte, warum du weinst!“
+
+Mette schreckte vor diesem Ton zurück. Sie hob den Kopf und starrte
+wieder auf die graue Mauer jenseits des Hofes.
+
+Olga war aufgestanden. Ihre Hand lag immer noch auf Mettens Kopf. Die
+kühle, glatte Handfläche preßte sich fest und beinah schwer auf ihre
+Stirn und ihr Haar. Mette empfand diesen Druck als etwas unendlich
+Wohltuendes. So, als müßte sie zerspringen, wenn diese kräftige Hand
+aufhören würde, sie zu halten.
+
+„Ich weiß doch nicht,“ sagte sie leise, „ich möchte auch seit hundert
+Jahren tot sein. Vielleicht würdest du mich dann auch lieben.“
+
+Da riß Olga Radó mit einer jähen Bewegung Mettens Kopf an ihre Schulter
+und preßte die Lippen hart und fast gewaltsam auf ihre Stirn.
+
+„Und so? Und jetzt?“ fragte sie kurz. In ihrer tiefen Stimme war ein
+seltsam vibrierender Klang, wie von mühsam gebändigtem Groll.
+
+Mette fühlte bis in die Schläfen, bis in die Fingerspitzen das rasende
+Hämmern eines Herzschlags. Aber sie wußte nicht, wessen Herz so schlug.
+
+Sie hatte das Gefühl, daß es nun ihre Pflicht sei, etwas unendlich
+Großes zu tun. Ihr war, als müsse Olga Radó jetzt in überirdischer Größe
+vor ihr aufstehen und eine ungeheure Tat von ihr verlangen.
+
+Mette fühlte sich heilig entschlossen, auf ein einziges Wort hin aus dem
+Fenster zu springen oder sich die Brust mit einem Dolch aufzureißen und
+ihr zuckendes Herz in beide Hände zu nehmen.
+
+Olga Radó verlangte nichts von alledem. Sie ließ sie plötzlich los und
+trat aus Fenster. Sie legte die Finger um den Fensterriegel und die
+Stirn gegen die Scheibe. Und so, ohne sich umzuwenden, ohne den Kopf zu
+drehen, sagte sie nach einer Weile in einem seltsam ruhigen, ja
+sachlichen Ton:
+
+„Geh nach Hause, Kind!“
+
+„Warum?“ fragte Mette erschrocken. Sie stand auf, die Füße zitterten
+unter ihr. Das beklemmende Gefühl von etwas Rätselhaftem, Unheimlichem
+legte sich ihr schwer auf die Brust. Warum wurde sie fortgeschickt? Was
+hatte sie begangen?
+
+Sie wollte irgendeine Erklärung haben. Sie wollte die Hände auf Olgas
+Schultern legen und wollte sie mit Gewalt herumreißen und auf ihrem
+Gesicht nach einer Antwort suchen. „Ich habe ein Recht dazu“ – dachte
+sie mit aufsteigendem Zorn – „wahrhaftig, ich habe ein Recht dazu“.
+
+Wie sie den ersten Schritt nach dem Fenster zu machte, fuhr Olga mit
+einer heftigen Bewegung herum. Sie kreuzte die Arme über der Brust und
+umklammerte mit gespreizten Fingern die Ellbogen. In dem weißen Gesicht
+flackerten die Augen tiefdunkel und drohend.
+
+„Du sollst nach Hause gehen,“ sagte sie mit so gezwungener Ruhe, als
+bändige sie mühsam eine maßlose Wut. „Kannst du nicht hören? Bin ich
+nicht Herr mehr in meiner eigenen Wohnung? Nimm deinen Hut und geh. Geh,
+geh, geh, geh!“
+
+Der aufflammende Zorn in Mette war erloschen. Nur noch Angst war in ihr
+und eine tiefe, tiefe Traurigkeit.
+
+Irgend etwas wollte sie wie mit Peitschenhieben zu Olga hintreiben. Sie
+wollte vor ihr auf die Erde fallen, sie wollte ihre Knie umklammern, sie
+wollte sie anflehen:
+
+„Weine doch, schreie, schlag’ mich, aber tu dir nicht so Gewalt an – sag
+mir, was du hast – ich will sterben für dich, aber schick mich nicht
+fort, wenn du leidest!“
+
+Sie stand und rührte sich nicht.
+
+„Geh, geh, geh!“ sagte Olga.
+
+Da griff Mette Rudloff nach ihrem Hut und ging. Sie mühte sich, gerade
+und aufrecht zu gehen. Sie taumelte ein wenig, als sie die Tür hinter
+sich ins Schloß zog und mußte sich gegen die Wand lehnen. Sie stützte
+sich mit ihrer ganzen Schwere gegen das Geländer, weil die Treppe unter
+ihr wie ein rasender Strudel kreiste.
+
+Aber sie ging. – – –
+
+ * * * * *
+
+Eine Handvoll Tage verlebte Mette in stumpfer Qual.
+
+Im dämmernden Erwachen fiel ihr ein, daß sie heute nicht den Weg nach
+der Motzstraße nehmen dürfe. Heute nicht, morgen nicht, vielleicht nie
+mehr. Sie war verbannt, verstoßen, ausgeschlossen von allen Freuden des
+Lebens.
+
+Lang, grau und öde dehnte sich der Tag vor ihr. Bleischwere Müdigkeit
+lag ihr in allen Gliedern. Wenn die Telephonklingel schrillte, fuhr sie
+mit rasendem Herzschlagen auf, wie aus tiefer Lethargie. Aber niemals
+galt es ihr.
+
+Es war schlechtes Wetter in diesen Tagen, kühl und regnerisch.
+
+In einer Sonntagnacht fegte der Wind den Himmel blank von Wolken und die
+Straßen trocken.
+
+Am Morgen funkelte ein blauer Sommerhimmel über der Stadt.
+
+Die Sonnenstrahlen, die auf einer Kante des Schrankspiegels tanzten,
+weckten Mette.
+
+Sie fühlte sich beim Erwachen so befreit, so voll unbändiger
+Lebenskraft, als sei mit einem Schlage alles Trübe hell, alles Schwere
+leicht geworden.
+
+Sie fühlte sich fähig, den Kampf mit allen Hemmungen und Hindernissen
+aufzunehmen. Ja, es schienen ihr gar keine Hemmungen und Hindernisse
+mehr vorhanden.
+
+Sie würde heut’ die Bücher hintragen, die sie von Olga Radó geliehen
+hatte.
+
+Und dann würde sie sie zur Rede stellen. Sie ganz frank und heiter
+fragen, was ihr eigentlich eingefallen wäre. Und ob sie die Absicht
+hätte, sie wieder hinauszuwerfen – dann solle sie diese Absicht nur
+ruhig aussprechen ...
+
+Aber sie würde es nicht tun. Es war eine Laune gewesen, eine Gereiztheit
+– aber im Grunde doch gar keine ernstliche Verstimmung, kein Streit
+zwischen ihnen.
+
+Und wenn sie irgend etwas begangen hatte in Olgas Augen, so wollte sie
+Aufklärung haben, und dann wollte sie – ach was, ihretwegen ja! – dann
+wollte sie sogar um Verzeihung bitten.
+
+Mette pfiff und summte vor sich hin, während sie sich anzog und ihr Haar
+aufsteckte. – – –
+
+ * * * * *
+
+Als sie klingelte, schlug das dumme Herz wieder so atemraubend. Dass kam
+vom raschen Treppensteigen.
+
+Erna machte ihr auf. Mette war nicht mehr gewohnt, sich melden zu
+lassen. Sehr oft wußten die Mädchen gar nicht, ob die Gäste der Pension
+zu Hause waren. Sie wollte mit einem: „Guten Morgen, Erna!“ vorüber.
+
+Das Mädchen machte ein erstauntes Gesicht.
+
+„Fräulein Radó ist doch verreist,“ sagte sie zögernd. „Weiß das gnädiges
+Fräulein gar nicht?“
+
+Im ersten Augenblick war die Scham dieses Nichtwissens in Metten größer
+als das Erschrecken. Sie fühlte sich vor dem Mädchen in lächerlichster
+Weise bloßgestellt.
+
+„Doch, doch,“ sagte sie hastig. „Ich wollte nur die Bücher ins Zimmer
+legen. Aber ich kann sie ja auch Ihnen geben. Sie sind so gut, Fräulein
+Erna, und tragen sie hinein. Dann brauch’ ich mich gar nicht damit
+aufzuhalten. Ich hab’s sehr eilig. Auf Wiederschauen!“
+
+Die erste Treppe sprang sie hinunter, damit das Mädchen ihre Hast hören
+sollte. Erst als die Tür oben längst ins Schloß gefallen war, ging sie
+langsamer.
+
+Olga war fort. Ohne ihr ein Wort zu sagen, ohne sie noch einmal
+anzurufen, ohne ihr eine Zeile zu schreiben, ohne dem Mädchen eine
+Nachricht für sie zu hinterlassen.
+
+Sie war fort. Ohne zu sagen, wohin. Ohne zu sagen, auf wie lange.
+
+Mette senkte den Kopf sehr tief auf die Brust und ging ganz langsam,
+Stufe für Stufe. – – –
+
+ * * * * *
+
+Einige Tage später hörte Mette das Telephon schrillen und das Mädchen im
+eiligen Trab den langen Türgang entlanglaufen.
+
+Mette macht ihre Zimmertür auf.
+
+„Für mich, Hedwig?“
+
+„Ja, für Fräulein – ein Herr wünscht Fräulein zu sprechen – ein Herr
+Petersen oder Petermann, ich hab’ nicht ganz verstanden.“
+
+Auf dem runden Gesicht des Mädchens stand unverhohlene Verwunderung. Es
+war das erstemal, daß eine Männerstimme das gnädige Fräulein verlangte.
+
+„Peterchen!“ rief Mette erregt in den Trichter, ohne die geringste
+Rücksicht darauf, daß Tante Emilie im Nebenzimmer saß. „Ja, hier ist
+Mette. Was ist los? Es ist doch nichts passiert?“
+
+„Nein, nein, bewahre. Ich soll Ihnen nur einen schönen Gruß bestellen,
+ich habe heut’ eine Karte bekommen.“
+
+„Woher denn?“ – „Von wem?“ brauchte sie nicht zu fragen.
+
+„Aus Kissingen. Ich mußte mir erst Ihre Adresse im Buch suchen. Ich
+wußte keine Telephonnummer, keine Straße, eigentlich ja nicht einmal
+Ihren Namen genau ...“
+
+„Ach Gott, Sie Ärmster, kann ich Sie nicht einmal sehen, oder haben Sie
+keine Zeit für mich?“
+
+„Aber natürlich, aber gerne ...“
+
+„Wollen wir eine Stunde zusammen spazieren gehen? Ja? Bitte, bitte!
+Heute noch, wenn’s geht! Gleich? Ja? Herrlich! Und Sie bringen mir die
+Karte mit!“ – – –
+
+ * * * * *
+
+Sie trafen sich. Nach zwei Worten der Begrüßung fragte Mette:
+
+„Haben Sie die Karte? Bitte, bitte, zeigen Sie!“
+
+Neben der Adresse stand in einer festen, mühsam zusammengezwängten
+Schrift:
+
+„Bitte, Peterchen, sei so gut und gib die Bücher aus der Kgl. Bibl.
+zurück. Eins liegt auf meinem Schreibtisch, zwei stehen auf dem Regal
+links vom Fenster, 3. Fach v. o. ganz rechts. Und nimm meine Araukarie
+zu Dir hinüber, bei mir vergessen die Frauenzimmer sie doch, und ich
+möchte nicht, daß sie verkommt.“
+
+Auf der anderen Seite war in den Himmel der Landschaft
+hineingeschrieben:
+
+„Klingele, bitte, das Mädelchen an und grüße sie von mir. Die Nummer
+mußt Du Dir im Buch suchen. Sie soll mir nicht böse sein. Euch allen
+alles Gute. O. R.“
+
+Hunderte und Tausende von Ansichtskarten waren in Mettens Leben schon
+durch ihre Hände gegangen, und es war das erstemal, daß ihr der Gedanke
+kam: „Was ist das eigentlich für eine wunderhübsche Erfindung, daß man
+gleich ein Bild des Ortes schicken kann, wo man sich aufhält. So sieht
+es also da aus, wo Olga Radó jetzt ist. Diese Häuser sieht sie Tag für
+Tag, unter diesen Bäumen geht sie spazieren, diese Berge grüßen sie –
+jeden Morgen, jeden Abend – wirklich eine wunderhübsche Erfindung.“
+
+Sie hätte die Karte gern behalten. Aber sie hatte den Mut nicht,
+Petermann darum zu bitten. – – –
+
+ * * * * *
+
+„Es ging so schnell“ – sagte sie – „mit dieser Abreise.“ Es widerstrebte
+ihr, davon zu sprechen, daß sie nichts gewußt, nichts geahnt hatte. Es
+widerstrebte ihr auch, direkte Fragen an ihn zu richten. Halb unbewußt
+sprach sie in Worten, die alles unentschieden ließen, so gleichsam erst
+sondierend.
+
+„Ja,“ sagte Peterchen, „ganz merkwürdig schnell. Am Dienstag waren wir
+doch noch da – richtig, da saßen wir ja noch zusammen. Am Dienstagabend
+kommt Olga zu mir herüber:
+
+‚Gib mir dein Kursbuch!‘ Und immer in dem Kursbuch hin und her
+geblättert und mich gefragt: ‚Kennst du den Schwarzwald – ist es schön
+da? – Was meinst du – soll ich an die Nordsee fahren?‘ Und so, wie es
+gar nicht ihre Art war – so unentschlossen – ich möchte beinah sagen: so
+ratlos ... und am Mittwoch wurden die Koffer gepackt und Mittwoch abend
+fuhr sie ab – sagte keinem Menschen wohin – mir nicht und Frau Flesch
+nicht. Ihnen ja auch nicht, nicht wahr? – Ich hatte ja eigentlich erst
+den Verdacht – den Gedanken, wollt’ ich sagen, die Idee,“ – Peterchen
+zögerte, und sein blasses Gesicht überflog eine leichte Röte – „Sie
+beide wären zusammen weggefahren.“
+
+Mette antwortete nicht. Sie dachte nicht einen Augenblick daran, ob ihr
+tiefes Stillschweigen vielleicht einen verwunderlichen Eindruck machen
+könnte.
+
+Das Wort hatte wie ein erhellender Blitz in sie eingeschlagen, und nun
+stand sie in Flammen.
+
+Reisen! Mit Olga reisen! Der Gedanke an diese Möglichkeit hatte etwas
+unwahrscheinlich Beglückendes. Einige Sekunden durchlebte sie in ihrer
+Vorstellung das, was hätte sein können. Wenn sie am Dienstag zusammen
+diesen Entschluß gefaßt hätten! Wenn sie auch am Mittwoch ihren Koffer
+gepackt hätte! Sie fühlte sich neben Olga im Zug sitzen und hinausfahren
+in den warmen, blauen Sommerabend, in dem hier und da die ersten Lichter
+aufflammten. Sie sah sich in einem dieser weißen Häuser, auf der
+Terrasse, an einem gedeckten, blumengeschmückten Tisch, Olga gegenüber.
+Sie wanderte mit Olga diesen Bergen entgegen, deren schön geschwungene
+Linien verlockend auf dem blauen Himmel sich zeichneten.
+
+Jäh und schmerzlich kam es ihr zum Bewußtsein: Das war ein törichter,
+unerfüllter, vielleicht ewig unerfüllbarer Traum. Die Wirklichkeit war,
+daß sie hier war – allein – und daß Olga fort war – auch allein? Mit
+wem? Nichts in der Welt hatte ihr ein Recht gegeben, auch nur danach zu
+fragen. – – –
+
+ * * * * *
+
+In diesen Wochen war es Mettens einzige Freude, mit Peterchen spazieren
+gehen. Sie machten Ausflüge miteinander, fuhren nach Wannsee, nach dem
+Grunewald, lagen halbe Tage am Wasser oder nahmen sich ein Ruderboot,
+tranken Kaffee in irgendeiner versteckten Gartenwirtschaft und sprachen
+von Büchern, von fremden Städten und fernen Bergen, von Tieren und
+Pflanzen, von längst verstorbenen Menschen – und von Olga.
+
+Manchmal, wenn sie zusammen waren, schrieben sie an Olga, schickten ihr
+eine Ansichtskarte oder machten ihr lange Gedichte in Knittelversen, und
+hin und wieder kam eine flüchtige Antwort von ihr und einmal die
+Nachricht, daß sie in drei Wochen wiederzukommen gedächte.
+
+Mette war ruhig und glücklich in dieser Zeit. Das Zusammensein mit
+Peterchen tat ihr wohl. – Wenn sie zu Hause war, so las und lernte sie
+nach seiner Anleitung und zählte die Tage bis zu Olgas Rückkehr. Sie
+hatte sich ein ganzes Verzeichnis gemacht von Büchern, die sie bis dahin
+gelesen, von Arbeiten, die sie bis dahin erledigt haben wollte. Sie
+wollte überraschen durch all die Kenntnisse, die sie in der Zwischenzeit
+erworben hatte, und mühte sich mit brennendem Eifer.
+
+Es wäre alles schön und gut gegangen, wenn Tante Emilie nicht gewesen
+wäre. Tante Emilie beobachtete und schwieg und speicherte Gift und Galle
+in sich auf. Und eines Tages brach es aus.
+
+Es war nach Tisch. Mette wollte mit einem kurzen „Mahlzeit“ aufstehen
+und sich aus ihrem Zimmer den Hut holen.
+
+Tante Emilie, die während des Essens schon in Positur gesessen hatte,
+fegte mit zierlichen Fingern ein paar Krümchen auf dem Tischtuch
+zusammen, und auf Mettens „Mahlzeit“ hin räusperte sie sich kurz und
+scharf und sagte betont:
+
+„Vielleicht hast du die Güte, sitzen zu bleiben, bis _ich_ vom Tisch
+aufstehe.“
+
+Geduldig und gelangweilt setzte Mette sich wieder hin. Sie wußte nicht,
+daß es die Vorrede zu größeren Dingen sein sollte. Sie nahm es für eine
+der täglichen kleinen Schikanen, die einen am wenigsten Zeit und Kraft
+kosteten, wenn man sie mit größter Gelassenheit hinnahm.
+
+Mette warf einen heimlichen Blick nach der Uhr. „Sie wird jetzt
+natürlich noch fünf Minuten sitzen, ehe sie das Zeichen zum Aufstehen
+gibt,“ dachte sie. „Gut, komm’ ich also fünf Minuten zu spät. Peterchen
+wartet.“
+
+Tante Emilie fegte Krümchen und räusperte sich.
+
+„Willst _du_ so gut sein, Franz,“ begann sie (man könnte vielleicht
+besser sagen: sie hub an) „und deine Tochter fragen, wohin sie heute
+nachmittag zu gehen beabsichtigt, und mit wem sie geht? Wenn _ich_ sie
+frage, so gibt sie mir zur Antwort ‚spazieren – mit Bekannten‘ oder
+ähnliche Geistreichigkeiten. Also bitte, frag’ du sie selbst. Vielleicht
+hat sie wenigstens vor dir noch so viel Achtung, daß sie dir die
+Wahrheit sagt.“
+
+Franz Rudloff rollte seine Serviette zusammen und wieder auseinander,
+schob sie in den Ring und zog sie wieder heraus und saß in tödlichster
+Verlegenheit.
+
+„Du weißt doch, liebe Emilie,“ sagte er, ohne aufzusehen, „daß ich dir
+die Erziehung meiner Tochter übergeben habe, weil ich weiß, daß sie
+nirgend so gut aufgehoben wäre, als in deinen bewährten Händen. Mette
+ist dir so gut Gehorsam schuldig wie mir. Du bist im Vollbesitz aller
+erzieherischen Gewalt ...“
+
+„Gewalt!“ sagte Tante Emilie hohnlachend. „Was soll ich denn machen? Man
+kann doch einen zwanzigjährigen Menschen nicht schlagen oder
+einsperren.“
+
+„Nicht gut,“ sagte Mette ruhig, „Gott sei Dank! Aber vielleicht darf ich
+auch mal eine Frage stellen: Möchtest du vielleicht sagen, warum und
+wozu du solche Maßregeln anwenden möchtest?!“
+
+„Wozu? Zu deinem besten!“ sagte Tante Emilie in einem Ton, der flammende
+Empörung ausdrücken sollte. Aber der Ton blieb spitz – es war nur eine
+Stichflamme. „Warum? Um zu verhindern, daß du vollständig verkommst.“
+
+„Nanu?“ Mette war immer noch mehr belustigt als erregt. „Warum soll ich
+denn eigentlich total verkommen? Weil ich mit einem jungen Mann
+spazieren gehe? Ach Gott, der arme kleine Petermann. Hast du ihn
+vielleicht gesehen? Ich kann ihn dir ja mal vorführen, vielleicht bist
+du dann beruhigt!“
+
+„Was ist denn das für ein Mann?“ fragte jetzt Franz Rudloff mit
+gerunzelten Brauen. Es sollte vielleicht energisch und streng klingen.
+Es klang eher schüchtern.
+
+Mette empfand für ihren Vater ein zärtliches Mitleid, das nicht frei von
+Verachtung war.
+
+„Ach Gott, Papa,“ sagte sie, „ein netter, intelligenter Mensch. Aber ein
+armes, krankes, verwachsenes Kerlchen. Wahrhaftig, kein Mann, der der
+Tugend oder dem Rufe eines jungen Mädchens gefährlich werden könnte.“
+
+„Einem normalen jungen Mädchen vielleicht nicht,“ sagte Tante Emilie,
+zitternd vor Bosheit. „Leider weiß ich ja nicht, wie weit bei dir die
+Voraussetzung der Normalität zutrifft. Es gibt ja leider Frauen genug,
+die sich in krankhafter Geschmacksverirrung zu allem Abstoßenden und
+Ungesunden hingezogen fühlen. Gerade wie es leider Gottes Frauen gibt,
+die jedem Neger nachlaufen.“
+
+Mette schob ihren Stuhl zurück, daß er hart den Boden schrammte.
+
+„Du bist ja total irrsinnig!“ sagte sie. Weiter nichts. Dann ging sie
+mit ihren großen, festen Schritten ins Nebenzimmer ans Telephon und
+stellte die Verbindung her.
+
+„Kann ich Herrn Petermann sprechen? ... Verzeihen Sie, Peterchen, ich
+muß Sie heut’ versetzen ... Meine Tante erlaubt nicht, daß ich mit Ihnen
+spazieren gehe ... ja, es tut mir auch leid – aber da kann man nix
+machen – meine Tante findet es unschicklich ... nein, nein, klingeln Sie
+lieber nicht an, das ist vielleicht auch unpassend. Grüß Sie Gott.
+Lassens sich’s gut gehen!“
+
+Ohne sich umzuwenden, ohne nur einen Blick ins Nebenzimmer
+zurückzuwerfen, ging sie in ihre Stube und schloß und riegelte sich ein.
+
+Damit hatte der freundschaftliche Verkehr mit Petermann fürs erste ein
+Ende. – – –
+
+ * * * * *
+
+Franz Rudloffs stille und empfindsame Natur litt schwer unter der
+gespannten Stimmung im Hause. Die Mahlzeiten verliefen in peinlichem
+Schweigen, jedes gemeinsame Unternehmen, ein Spaziergang, ein
+Theaterbesuch schien ausgeschlossen.
+
+Er beschloß, einen Frieden zu vermitteln und versuchte, seine Tochter zu
+einer Bitte um Verzeihung zu bewegen. Er suchte sie zu diesem Zweck, was
+er selten tat, sogar in ihrem Zimmer auf.
+
+Mette saß mit aufgestütztem Kopf über ihren Büchern. Als ihr Vater
+eintrat, sprang sie auf und empfing ihn wie einen verehrten Besuch. Sie
+rückte ihm den bequemsten Sessel zurecht und bot ihm eine Zigarette an.
+
+Er wußte nicht recht, wie er anfangen und einleiten sollte und war
+voller Verlegenheit.
+
+Mette versuchte, ihm die Lage zu erleichtern, weil es ihr peinlich war
+zu sehen, wie er sich quälte.
+
+Sie versprach die Bitte um Entschuldigung, sie versprach, bei Tisch
+Konversation zu machen, sie versprach ein freundliches Gesicht und einen
+sanften Ton von morgens bis abends.
+
+„Ich verspreche dir, mich zu beherrschen, Vater,“ sagte sie.
+
+Beherrschung! Das war es nicht, was Franz Rudloff verlangte.
+
+„Könntest du nicht versuchen,“ sagte er zaghaft, „innerlich in ein
+anderes Verhältnis zu Tante Emilie zu kommen? Sie hat wirklich so sehr
+schätzenswerte Eigenschaften. Es würde ein viel erquicklicheres
+Familienleben werden, wenn du – ich weiß, Gefühle lassen sich nicht
+zwingen – aber wenn du wenigstens den _Versuch_ machtest, sie lieb zu
+haben.“
+
+„Liebhaben!“ wiederholte Mette. Sie sah mit steinern ruhigem Gesicht an
+ihm vorüber, aus dem Fenster, aber ihr Atem ging rascher. „Ich kann dir
+eins versprechen: ich habe mich Zeit meines Lebens nur auf das eine
+gefreut, habe nur auf das eine gewartet, daß sie sterben soll. Ich habe
+jeden Abend den lieben Gott gebeten, er soll sie bald, bald sterben
+lassen.“
+
+Franz Rudloff wurde ganz blaß.
+
+„Mette!“ sagte er mit großen Augen.
+
+„Ich verspreche dir, das nicht mehr zu tun!“ sagte Mette mit einem
+leisen, trüben Lächeln. „Es wäre jetzt auch zu spät. Jetzt bitte ich
+Gott nur, daß er mich bald einundzwanzig werden läßt. Daß er dies
+unglückselige Jahr schnell, schnell vorübergehen läßt. Wenn ich mündig
+bin, wird sich ja irgendein Weg finden lassen. Wenn sie mir’s dann zu
+bunt treibt, geh’ ich eben aus dem Hause. Wenn’s sein muß, als
+Kindermädchen. Wenn ich nicht mehr mit ihr zusammen zu sein brauche,
+soll sie meinetwegen hundert Jahr alt werden. Früher, ich kann dir
+sagen, früher hätte ich sie manchmal mit Genuß mit eigenen Händen
+umgebracht.“
+
+Vor Franz Rudloff taten sich klaffende Abgründe auf. Er klammerte sich
+an den Seitenlehnen des Stuhles fest, so gewaltsam und stoßweise ging
+sein armes schwächliches Herz.
+
+„Dann allerdings,“ sagte er mühsam, der Atem versagte ihm, „dann
+allerdings wird wohl meine Bitte auf unfruchtbaren Boden fallen. Dann,
+dann habe ich dir wohl auch nichts mehr zu sagen.“
+
+Er erhob sich und ging hinaus, schwerfällig wie ein alter Mann.
+
+Mette fühlte einen Moment den Trieb, aufzuspringen, ihn zu halten, ihn
+wieder zu dem Sessel zurückzuführen. Ob es nicht doch irgendeinen Weg
+gab, sich zu erklären, eine Möglichkeit, sich verständlich zu machen!?
+
+„Er geht, weil er sich fürchtet,“ dachte sie, „er geht, weil er die Luft
+in meiner Nähe nicht mehr atmen kann, die Luft, die vergiftet ist mit
+dem Gift meiner bösen Gedanken. Er fragt sich jetzt verzweifelt, warum
+er so hart gestraft wird, daß er einer Mörderin das Leben gegeben hat.
+Wer weiß, womöglich geht er jetzt zu Tante Emilie und fragt sie um Rat,
+was er mit seiner verlorenen Tochter anfangen soll. Vielleicht
+konsultieren sie mal wieder einen Irrenarzt. Ich hätte die Absicht
+geäußert, meine Familie eigenhändig umzubringen. Nein, nein, es hat
+keinen Zweck, mit Erklärungen anzufangen. Vater versteht mich ja doch
+nicht.“
+
+Er ging. Und sie ließ ihn gehen, ohne sich zu rühren. – – –
+
+ * * * * *
+
+Es vergingen drei Wochen – vier Wochen, fünf Wochen – Olga Radó ließ
+nichts von sich sehen noch hören.
+
+In ihrer Verzweiflung nahm Mette den lange vernachlässigten Verkehr mit
+den Möbius-Mädeln wieder auf. Sie quälte sich durch ein paar langweilige
+Nachmittage hindurch und fand den Mut nicht, nach Olga zu fragen. Und
+als sie endlich fragte, wußte niemand von ihr.
+
+Aber eines Nachmittags stürmte Emmi ins Zimmer, gerade als Fanni Metten
+die höchst aufregende Geschichte erzählte, von einem Brief an sie, den
+ihre Mutter aufgemacht hätte. Mette wurde nicht klug aus der Sache, aber
+sie hatte es zu einer Art Meisterschaft darin gebracht, an passenden
+Stellen „Ja?“ „Ach!“ „Wirklich?“ zu sagen, ohne eine Ahnung zu haben,
+wovon die Rede war; also Emmi stürmte herein, warf ein paar Paketchen,
+die sie in der Hand trug, auf den Tisch, und rief:
+
+„Also, wißt ihr, Kinder, wen ich eben getroffen habe? Die Olga!“
+
+In Metten kämpften Schmerz und Freude. Also sie war hier! Man hatte die
+Möglichkeit, sie zu treffen, ganz unvermutet ihr plötzlich gegenüber zu
+stehen – das war ihr erster Gedanke. Aber ihr zweiter war: „Sie ist hier
+und sagt es mir nicht. Sie will mich nicht sehen. Sie ist abgereist,
+ohne es mir zu sagen, sie ist wiedergekommen, ohne es mir zu sagen, sie
+ist meiner so überdrüssig, daß sie sich Mühe gibt, mich loszuwerden. Was
+soll ich nur tun? Was soll ich nur tun?“
+
+Zwischen den Schwestern entspann sich ein langes Gespräch über Olga.
+
+„Sie hat Launen,“ sagte Fanni, „eine Zeitlang kommt sie jeden dritten
+Tag, und dann läßt sie sich ein Vierteljahr nicht sehen.“
+
+„Sie will mich hier nicht treffen!“ dachte Mette bitter, „darum kommt
+sie nicht hierher.“
+
+„Sie war doch so lange verreist,“ sagte Emmi entschuldigend.
+
+„Ach, und vorher?“ fragte Fanni. „Das Vierteljahr vor der Reise? Hat sie
+sich da vielleicht um uns gekümmert? Da hatte sie ja auch keine Zeit!“
+
+„Aber für mich,“ dachte Mette mit schmerzlichem Stolz, „oh, für mich
+hatte sie Zeit – jeden Tag, jeden Tag –.“
+
+„Du kommst mir vor wie Tante Sophie,“ sagte Emmi und bemühte sich, ihr
+Puppengesichtchen zu verrenken, um der Tante nachzumachen. „Diese Olga
+ist eine ganz gefährliche Person. Sie spielt mit Menschen wie mit
+Puppen. Wenn sie sie satt hat, wirft sie sie beiseite. Und dabei ist sie
+faszinierend, ich gebe es zu, sie ist faszinierend!“
+
+„Ja,“ dachte Mette, „diese Tante Sophie mag sonst so idiotisch wie
+möglich sein. Aber sie hat recht. _Darin_ hat sie recht. Sie _ist_
+faszinierend. Oh, so faszinierend! Und sie hat mich beiseite geworfen.
+Für immer! Für ewig! Was _soll_ ich nur tun? Was _kann_ ich nur tun?“ –
+– –
+
+ * * * * *
+
+Mette grübelte Tage und Nächte nach einem Ausweg. Sie fühlte, daß sie es
+nicht aushalten würde, sich an ihren Stolz zu klammern und zu sagen: Sie
+mag mich nicht, also existiert sie nicht mehr für mich. Sie sagte es
+sich, gewiß, nicht einmal, hundertmal. Aber ein viel stärkeres Gefühl
+sagte ihr: es sind Mißverständnisse, die uns trennen, es sind
+Hindernisse, die sich mit einem offenen Wort beseitigen lassen. Ich
+_muß_ sie sprechen, ich _muß_ sie fragen. Sie hat Mut genug und Härte
+genug, um mir die Wahrheit zu sagen. Ich will es ihr leicht machen. Ich
+will sie so fragen, daß sie es mir sagen kann, daß sie es mir sagen muß.
+Und wenn sie sagt: geh und komm nie wieder, dann will ich gehen und nie
+wiederkommen, dann will ich versuchen, mein Leben irgendwie ohne sie
+einzurichten, dann will ich stolz sein, aber dann erst! Erst dann!
+
+Mette kaufte eine Handvoll weißer Rosen von eigentümlich steifer und
+schwermütiger Schönheit und ging hinauf zu Olga.
+
+Das Mädchen, das ihr aufmachte, empfing sie mit strahlender Freude.
+
+„Gnädiges Fräulein sind ja so lange nicht hier gewesen! Fräulein Radó
+ist hinten in ihrem Zimmer. Fräulein weiß ja Bescheid!“
+
+Es erschien Metten unmöglich, sich durch das Mädchen melden zu lassen.
+Wenn Olga sich etwa verleugnen ließe, so konnte das eine unendlich
+peinvolle Situation herbeiführen. Wenn Olga nicht in der Laune war, sie
+zu sehen, so war es schon am besten, sich das ins Gesicht sagen zu
+lassen und nicht durch Vermittlung des Mädchens zu erfahren.
+
+Sie schritt sehr rasch und fest den endlosen Türgang hinunter. Aber das
+Herz klopfte ihr doch ein wenig schneller dabei.
+
+Sie pochte kurz an die Tür und drückte die Klinke nieder.
+
+Olga saß am Schreibtisch, wie sie immer zu sitzen pflegte: die eine Hand
+auf dem aufgeschlagenen Buch, die Schläfe gegen den Ballen der anderen
+gestützt, zwischen deren Fingern sie die Zigarette hielt.
+
+Als die Tür ging, wandte sie den Kopf ein wenig unwillig, mit
+zusammengezogenen Brauen. Das Erkennen lief wie ein heller Schein über
+ihr Gesicht.
+
+„Mette!“ sagte sie. „Bist du wieder da? Wo kommst du her? Was willst du
+hier?“
+
+Mette riß das Papier von den Blumen, warf es in den Papierkorb und legte
+die Rosen auf den Schreibtisch.
+
+„Was ich will?“ sagte sie währenddessen, ohne die Augen von ihrer
+Beschäftigung aufzuheben. „Dich besuchen. Sehen, wie es dir geht. Aber
+wenn es dir nicht paßt, kann ich ja wieder gehen.“
+
+„Nein!“ Olga streckte mit einer raschen und fast heftigen Bewegung die
+Hand nach ihr aus. Mette legte ihre Finger hinein, die Olga fest
+umschloß. „Aber – gerufen habe ich dich nicht!“
+
+Sie sah zu Metten auf, mit dem seltsam zwingenden und fast drohenden
+Ausdruck in Stirn und Augen.
+
+„Ich weiß es,“ sagte Mette mit einem bitteren Lächeln. „Es wäre dir auch
+nicht eingefallen, mich zu rufen. Ich habe selber das Gefühl, daß ich
+aufdringlich bin. Du brauchst es mir gar nicht so deutlich zu sagen.“
+
+Sie wollte ihre Hand zurückziehen, aber Olga hielt sie fest und
+lächelte.
+
+„Kind,“ sagte sie, „Mädelchen! Ich freue mich doch! Mehr als du
+annimmst. Ich glaube, wenn du wüßtest, wie ich mich freue – dann würdest
+du ganz eingebildet werden. Aber gerufen habe ich dich doch nicht.“
+
+„Ja,“ sagte Mette beinah ungeduldig, „ich weiß nicht, warum du solches
+Gewicht auf diese Feststellung legst.“
+
+„Aber ich weiß es,“ sagte Olga ruhig. „Du sollst mir niemals vorwerfen
+können, ich wäre egoistisch gewesen.“
+
+„So,“ sagte Mette, „das ist ja heiter. Damit dich nicht irgendwann ein
+Vorwurf treffen kann – ich wüßte nebenbei nicht wann – darum läßt du
+mich sterben und verderben und kümmerst dich nicht um mich! Oh, bist du
+egoistisch!“
+
+Olga lachte. „Ich geb’ es auf. Es kommt ja doch alles auf mich. So oder
+so. Also tragen wir, was wir tragen können, solange wir aufrecht gehen.
+Es ist herbstlich heut’ draußen.“
+
+Sie schloß die Augen und zog fröstelnd die Schultern zusammen.
+
+„Es ist gut, daß du da bist. Steck den Samowar an und mach uns Tee,
+Mettulein. Und wir wollen Peterchen rufen, daß er kommt und uns was
+vorspielt.“ – – –
+
+ * * * * *
+
+Als Mette ins Zimmer trat, saß Olga auf dem Diwan, die Ellbogen auf den
+Knien, das Gesicht in die Hände gelegt.
+
+„Gott, siehst du tiefsinnig aus!“ rief Mette. „Denkst du über die
+Unsterblichkeit der Maikäfer nach?“
+
+„Ja!“ Olga hob mit einem Ruck den Kopf. „Und ich meine, daß das das
+einzige ist, was noch das Nachdenken lohnt! Sag’, hast du noch nie
+darüber nachgedacht?“
+
+„Nein!“ lachte Mette. „Ganz gewiß nicht.“
+
+„Dann ist es Zeit, daß du anfängst, darüber nachzudenken!“ sagte Olga
+sehr ernst.
+
+„Ausgerechnet über die Unsterblichkeit der Maikäfer?“
+
+„Ja, ausgerechnet über die Unsterblichkeit der Maikäfer. Ich möchte
+wissen, von wem das Wort stammt. Man kann nämlich über nichts so
+tiefsinnig werden.“
+
+„Als gerade über die Maikäfer?“
+
+„Meinetwegen auch über die Stubenfliegen. Oder über die Skorpione. Oder
+über die Kellerasseln. Glaubst du, daß eine Stubenfliegenseele in einen
+Maikäfer fahren kann? Oder umgekehrt? Oder glaubst du, daß sie gleich in
+den Himmel kommt? Oder glaubst du, daß Elefanten auf einer höheren Stufe
+stehen als Menschen? Oder daß es mehr als sechzehnhundert Millionen
+Elefanten gibt?“
+
+„Olga!“ rief Mette zwischen Lachen und Verzweiflung und hielt sich die
+Ohren zu. „Hör’ auf! Bist du denn verrückt geworden?“
+
+„Nein, nein, nein!“ sagte Olga eigensinnig. „Ich denke fortgesetzt
+darüber nach.“
+
+„Worüber eigentlich?“
+
+„Über die Unsterblichkeit der Maikäfer. Glaubst du, daß sie eine
+unsterbliche Seele haben? Ich will dir sagen, wie ich darauf kam. Ich
+las da eben vom Regenerationsvermögen gewisser niederer Tiere. Weißt du,
+wenn man sie halbiert, wächst einfach jedem die fehlende Hälfte nach,
+und es sind nun zwei da. Der Mann macht da auch die tiefsinnige
+Bemerkung, in welcher Hälfte sitzt nun die unsterbliche Seele? Oder
+teilt sich die Seele? Oder hat der Mensch die Macht, durch das
+Seziermesser eine neue Seele zu schaffen? Oder herbeizulocken? Wenn man
+anfängt, kommt man in ein solches Labyrinth.“
+
+„Glaubst du denn an die unsterbliche Seele?“ fragte Mette zweifelnd.
+
+„Bei niederen und niedersten Tieren? Gewiß! Aber wenn dich das Wort
+Seele stört, lassen wir’s fort. Ich möchte dir’s so gern klarmachen.“
+
+Sie sah ein paar Sekunden zu Boden, hob dann die unbeschreiblich klaren
+und leuchtenden Augen auf und sagte betont:
+
+„Alles, was Leben hat, hat auch Unsterblichkeit. Leben an sich kann
+nicht sterblich sein. – Das klingt wie ein Sophismus, ist aber keiner.
+Es wechselt nur die Form. Nun möchte ich wissen, ob es nur die uns
+wahrnehmbare, die Erscheinungsform wechselt, das heißt, ob jede
+Maikäferseele ein in sich abgeschlossenes ist, das wieder nur dazu
+dient, einem neu entstehenden Maikäfer Leben zu geben, oder ob Sterben
+und Geborenwerden ist, wie Tropfen, die ins Meer zurückfließen und
+wieder aus dem Meer geschöpft werden. Die Tropfen bleiben nicht in sich
+zusammenhängend, verstehst du? Und viele Tropfen geben einen Eimer.
+Vielleicht ist nur die Quantität ausschlaggebend und nicht die Qualität
+... Vielleicht hat ein Mensch Millionen Maikäferseelen in sich. Man
+müßte einmal die Maikäfer auf der ganzen Erde zählen. Wenn eine
+Maikäferseele sich in Ewigkeit gleich bliebe, so müßte immer die gleiche
+Anzahl von Maikäfern existieren. Wo sind aber dann die Seelen der Tiere,
+die positiv ausgestorben sind? Oder flutet das Leben von einem Stern zum
+andern ungehindert hinüber? –
+
+Aber ich glaube das alles nicht. Ich glaube eigentlich an eine
+Entwicklung, an einen Fortschritt. Man kommt von da ganz unten her –
+weißt du? – aus Abgründen viehischen Lebens – oh, ich weiß ganz genau,
+daß ich von da her komme – aber jedes Leben heißt ‚Aufwärtsentwicklung‘,
+jedes neue Leben fangen wir eine Stufe höher an.“
+
+„Ach, Unsinn!“ sagte Mette ungläubig. „Woher willst du das wissen! Ich
+glaube nicht an unsterbliche Maikäferseelen. Ich glaube nicht einmal an
+meine eigene Unsterblichkeit. Alles Leben ist chemische Veränderung. Und
+das, was du Seele nennst, alle Eigenschaften des Geistes und des
+Charakters, das ist Blutzusammensetzung.“
+
+„Mette!“ sagte Olga ganz erschrocken. „Und mit dem Gedanken kannst du
+leben? Und mit dem Gedanken willst du sterben? Ich würde mich fürchten
+vorm Tode, wenn ich nicht wüßte, daß ich unzerstörbar bin. Ich empfinde
+mich selbst so stark, viel stärker als den Tod. – Ich bin genau das, was
+ich als kleines Kind war. Nicht unverändert. Ich bin mehr geworden. Aber
+nicht ein Körnchen ist abgebröckelt. Und das, was ich jetzt bin, erhalt
+ich mir. Ich gebe nichts her davon. Das weiß ich. Aber ich nehme zu, ich
+wachse. Manchmal ist es wie ein Stillstand – dann geht es wieder
+ruckweise – manchmal eine ganze Strecke in rasendem Tempo, immer
+aufwärts –“ Sie schwieg, und sah mit weiten Augen geradeaus.
+
+„Und dann?“ fragte Mette, immer noch mit leisem Widerspruch im Ton. „Was
+wird dann? Kommst du in den Himmel und wirst ein Engel mit weißen
+Flügeln?“
+
+„Ich weiß nicht,“ sagte Olga nachdenklich. „So wenig weiß ich, daß ich
+selbst das nicht abstreiten kann. Eigentlich bin ich überzeugt, daß ich
+zunächst ein Mann werde. Und danach ein Heiliger oder ein Genie. Das ist
+das Höchste, was wir kennen. Die andere höhere Form, die dann kommt –
+davon weiß ich nichts. Aber wir müssen die fragen, die ihr am nächsten
+stehen – die vielleicht schon ein Vorgefühl davon haben können – die
+Genies – oder die Heiligen.“ – – –
+
+ * * * * *
+
+Einmal, als Mette ins Zimmer kam, sah sie, daß Olga etwas versteckte.
+Sie schob einen offenen Brief, den sie in der Hand hielt, rasch unter
+die Bücher auf dem Schreibtisch. Mette glaubte zu bemerken, daß sie
+während der Begrüßung irgendwie zerstreut, ärgerlich, verlegen war.
+
+„Was hast du?“ fragte sie, ohne ihre Hand loszulassen. „Hast du Ärger
+gehabt? Du kommst mir heut’ so komisch vor.“
+
+„Ich?“ Olga errötete. Es lief wieder die rasche, dunkelnde Blutwelle
+über ihr Gesicht, die es im nächsten Augenblick um so weißer erscheinen
+ließ. „Was fällt dir ein? Warum soll ich Ärger gehabt haben? Im
+Gegenteil.“
+
+„Im Gegenteil?“ sagte Mette mit etwas erzwungener Heiterkeit. „Du hast
+Freude gehabt, die dich so okkupiert? Dann wäre es allerdings indiskret,
+weiter zu fragen. Sprechen wir von etwas anderem. – Ich habe dir deinen
+Chamberlain wieder mitgebracht. Und habe dir auch gleich den Herz
+mitgebracht. Vater hatte ihn in der Bibliothek.“
+
+Sie sprachen von dem und jenem. Aber Mette konnte den Brief nicht
+vergessen. Während sie redete, gingen ihre Gedanken immer andere Wege.
+
+„Was ist das nur?“ dachte sie. „Eifersucht? Hab’ ich denn ein Recht
+dazu? Wie komme ich eigentlich dazu, verletzt, mißtrauisch, ja _zornig_
+zu sein, weil diese Frau einen Brief erhält, den sie mich nicht sehen
+lassen will? Herrgott im Himmel, sie ist doch durch nichts an mich
+gebunden, mir in Nichts verpflichtet. Sie kann heimlich verlobt sein,
+sie kann ein Dutzend Liebschaften haben – wie käme sie dazu, mir alles
+zu erzählen, mich zu ihrer Vertrauten zu machen? Was geht es mich
+überhaupt an, was sie für Briefe bekommt?“
+
+Mette war böse auf sich selbst und schalt sich aus. Und dabei war sie
+gequält und traurig, kämpfte dagegen an und konnte es nicht überwinden.
+
+„Es _ist_ nicht Eifersucht,“ dachte sie, „es _ist_ nicht
+Besitzer-Wahnsinn. Es ist einfach die Erkenntnis, daß man das Leben nur
+ertragen kann, wenn man Hand in Hand geht. Es ist das Bewußtsein, daß
+ich nur weiterkomme, wenn Olga meine Hand hält und mich führt. Ich habe
+das Gefühl, daß sie meine Hand losgelassen hat, daß zwischen uns eine
+Tür ins Schloß gefallen ist, daß ich allein stehe, hilflos, im Dunkeln,
+und daß sie lachend weitergeht – ich weiß nicht, mit wem ...“
+
+Olga wurde ans Telephon gerufen. Es dauerte lange, ehe sie wiederkam.
+
+Mette saß einen halben Meter vom Schreibtisch entfernt. Unter einem
+Bücherstoß ragte eine Ecke des weißen Briefblatts hervor. Wenn sie den
+Arm ausstreckte, konnte sie es berühren, konnte es hervorziehen, ohne
+von ihrem Platz aufzustehen.
+
+Es war ein qualvoller Kampf. Sie hätte sich ohrfeigen mögen, weil sie
+nur auf den Gedanken einer Möglichkeit kam.
+
+Es war ein Verbrechen, was sie begehen wollte – oh, es war schlimmer, es
+war unfein, taktlos, verächtlich. Aber sie fand tausend Gründe, sich zu
+entschuldigen:
+
+„Es ist ja nicht Neugier –“ schrie es innerlich in ihr, „wem tu ich
+damit weh? Wem tu ich ein Leid? Niemandem. Nicht ihr, nicht dem, der den
+Brief geschrieben hat. Und für mich ist es von so unendlicher Bedeutung.
+Ich klammere mich mit allen Fasern an diesen Menschen und weiß gar
+nicht, was es für ein Mensch ist. Warum _ist_ sie so verschlossen? Wenn
+ich mir eine Gewißheit verschaffen kann, die vielleicht mit einem
+Schlage mein ganzes Leben ändert, so tue ich das um jeden Preis – und
+wenn es um den Preis eines Verbrechens ist.“
+
+Mit einem Ruck zog sie das Blatt hervor. Ihr Herz hämmerte wie rasend,
+vor ihren Augen war ein dichter Schleier, die Buchstaben flackerten auf
+dem Papier. Es war ein Bogen mit Firmenaufdruck, wenige Worte – Zahlen
+...
+
+Mette hörte Olgas Stimme vor der Tür und schob das Blatt hastig in die
+Tasche. Olga würde es kaum vermissen. Und in Metten, obgleich sie kaum
+gelesen, kaum begriffen hatte, was da stand, war schon ein Plan fertig.
+
+Mette hatte es heut’ sonderbar eilig, nach Hause zu kommen. Sie war
+zerstreut und einsilbig, so, daß Olga einmal fragte:
+
+„Was hast du heut’? Ist dir was passiert? Bist du schlechter Laune?“
+
+Mette erinnerte sich belustigt des Gespräches beim Kommen.
+
+„Im Gegenteil!“ sagte sie mit übertriebener Betonung, deren Ursache aber
+Olga nicht ins Gedächtnis kam – „Ich bin sogar sehr guter Laune!“ –
+
+Mette schloß sich daheim in ihrer Stube ein und studierte den Brief wie
+ein wichtiges Dokument – das also war das Liebesglück, das vor ihr
+geheim gehalten wurde.
+
+Die Firma ersuchte „nochmals“ um Zahlung von einigen Hundert Mark,
+„widrigenfalls wir die Sache zu unserem Bedauern unserem Rechtsanwalt
+überweisen müßten“.
+
+Mettens Herz war zum Überfließen voll von zärtlichem Mitleid.
+
+„Armes, Liebes!“ dachte sie, „so quälen sie dich!“
+
+Sie hob das Blatt auf und war einen Augenblick in Versuchung, es an die
+Lippen zu führen.
+
+Dann fing sie an zu rechnen. Die paar Mark Ersparnisse, die sie von
+ihrem Taschengeld machen konnte – nein, das langte nicht. Sie hatte zu
+sehr verschwendet, namentlich mit den Blumen. – Aber hatte sie sonst
+nichts? Sie ließ wie suchend die Blicke durch den Raum gleiten. Bücher?
+Nein, die gab sie nur im letzten Notfall her. Aber Schmuck. Den ganzen
+Kram, aus dem sie sich so absolut nichts machte. Es würde niemand danach
+fragen, wo Armbänder und Ringe, Halskettchen und Vorstecknadeln
+geblieben waren. Sie trug ja doch dergleichen Dinge nie.
+Schlimmstenfalls konnte man vorgeben, etwas verloren zu haben. Oder man
+konnte am ersten, wenn es Taschengeld gab, diese oder jene Kleinigkeit
+wieder einlösen.
+
+Der ganze Inhalt der Schmucktruhe wurde in Seidenpapier gewickelt und in
+die Tiefe der Manteltaschen versenkt.
+
+Der Gang zum Leihamt war leicht. Mette entsann sich fast mit Vergnügen,
+daß sie bei einem solchen Unternehmen nicht ohne Übung war.
+
+Schlimmer war es, Geld und Rechnung in das Modeatelier zu bringen. Mette
+hatte dabei ein Gefühl, als ob sie einen schweren Betrug verüben sollte.
+Die Schmucksachen zu versetzen, die ihr geschenkt waren, dazu hatte sie
+ein gutes Recht. Aber für Olga Radó zu handeln, in Olga Radós Namen
+etwas zu tun, das schien ihr ein unerhörtes Wagnis. Und es war so
+schwer, den richtigen Ton zu treffen. Schulden zu haben, war nach allem,
+was Mette je gelernt und erfahren hatte, etwas sehr Entwürdigendes und
+beinah Schmutziges.
+
+Wenn man also kam, um Schulden zu bezahlen, endlich, nach langem Mahnen,
+so mußte man ganz demütig kommen und um Verzeihung bitten. Anders, wenn
+man von Olga Radó kam. Dann konnte man nur mit der Miene eines
+fürstlichen Abgesandten auftreten und mit hoheitsvoller Überlegenheit
+den vergessenen Bettel erledigen.
+
+Mette zog ihr bestes Kleid an und machte ihr hochmütigstes Gesicht. Es
+ging viel besser als sie erwartet hatte. Die Leute behandelten sie
+wirklich wie einen fürstlichen Abgesandten – sie war sehr stolz darauf,
+doppelt stolz, weil sie annahm, daß diese fast unterwürfige
+Liebenswürdigkeit Olga Radó galt.
+
+Ja, das war alles ganz leicht. Aber nun trug sie die quittierte Rechnung
+in der Tasche und hätte nicht um alles in der Welt den Mut gefunden, sie
+Olga zurückzugeben. Sie beruhigte sich damit, daß es ja auch wohl kaum
+nötig wäre. Die Leute würden nun nicht mehr mahnen, und Olga würde die
+ganze Angelegenheit vergessen.
+
+Nach acht Tagen triumphierte Mette schon heimlich und hielt jede Gefahr
+für glücklich vorübergegangen. Da wurde sie eines Tages von Olga mit
+eiskaltem Gesicht empfangen.
+
+„Was fällt dir eigentlich ein?!“ sagte Olga statt jeder Begrüßung, „wie
+_kommst_ du eigentlich dazu, mir so etwas zu machen.“
+
+„Ich?“ sagte Mette und bemühte sich, ein harmloses Gesicht zu machen,
+„was hab’ ich denn gemacht?“
+
+„Du weißt ganz genau, was du gemacht hast!“ sagte Olga streng. „Du hast
+dich unverantwortlich benommen. Unverantwortlich! Ich dulde es nicht,
+daß sich jemand in meine Angelegenheiten mengt. Und von dir dulde ich es
+am allerwenigsten. Siehst du nicht ein, was für eine unerhörte Anmaßung
+in deinem Benehmen liegt? Willst du mich unter Kuratel stellen? Oder
+willst du mich aushalten? Was denkst du dir denn eigentlich?“ Sie ging
+mit großen Schritten hin und her. Ihr Ton war immer hitziger und
+heftiger geworden. Jetzt blieb sie plötzlich, an den Schreibtisch
+gelehnt, stehen, kreuzte die Arme und sagte ganz ruhig, nur mit einer
+leisen Bewegung des Kopfes:
+
+„Wie bist du denn überhaupt zu der Rechnung gekommen?“
+
+Mette schrak zusammen. Das war der Augenblick, den sie gefürchtet hatte.
+Alles andere war vielleicht Torheit, aber es war gutmütig, selbstlos
+gehandelt, sie konnte es mit einem Schein des Rechtes verteidigen,
+wenigstens vor sich selber. Aber auf diese Frage konnte sie keine
+Entschuldigung hervorbringen.
+
+Jetzt war doch alles aus. Mit keiner Lüge konnte sie sich mehr retten.
+Da beschloß sie in verzweifeltem Trotz die Wahrheit zu sagen. Sie warf
+den Kopf zurück und sah zu Olga auf, mit einem Gesicht, als wollte sie
+sagen: ich habe den Tod verdient, aber ich fürchte ihn nicht.
+
+„Ich habe sie gestohlen!“ sagte sie. „Von deinem Schreibtisch.“
+
+Olga blieb ganz ruhig. Sie zog nur ein wenig die Brauen zusammen als
+müsse sie sich besinnen. „Sie war gekommen, während du da warst, nicht
+wahr?“
+
+„Ja!“
+
+„Aber ich habe sie doch nicht offen liegen lassen. Ich weiß jetzt ganz
+genau – ich hatte sie irgendwo unter die Bücher geschoben.“
+
+„Ja,“ sagte Mette mit zusammengebissenen Zähnen, „aber ich habe sie da
+vorgezogen.“
+
+„Wann?“ fragte Olga in höchstem Erstaunen.
+
+„Während du am Telephon warst.“
+
+Olga antwortete nichts. Sie senkte den Kopf und sah schweigend auf den
+Boden. Mette sah, daß sie mit festgeschlossenem Mund mit den Zähnen an
+der Unterlippe nagte ...
+
+Das Schweigen war fürchterlicher als jedes harte Wort. Mette kam sich
+unglaublich verworfen vor. Und die Inquisition hatte noch kein Ende. Es
+kamen noch schlimmere Fragen, ganz gewiß, noch viel schrecklichere.
+
+Nach einer Weile hob Olga den Kopf. „Du konntest doch aber gar nicht
+wissen, was das war. Es konnte doch gerade so gut ein ganz persönlicher
+Brief an mich sein?!“
+
+Mettes Stirn fing an zu brennen. „Jetzt müßte ich lügen“ – dachte sie
+einen Moment – „sagen, ich habe die Zahlen gesehen, oder den
+Firmenaufdruck.“ Aber sie konnte nicht lügen. Sie hatte etwas so
+Verächtliches getan, sie hatte kein Recht, sich Olgas Verzeihung durch
+eine Lüge zu erkaufen. Sie mußte eingestehen, abbitten – büßen.
+
+„Das _dachte_ ich ja!“ sagte sie mit fast heftiger Entschlossenheit.
+Aber dabei konnte sie nicht in Olgas Gesicht sehen. Sie sah an ihr
+vorüber aus dem Fenster. Aber ohne hinzusehen, sah sie, daß Olga eine
+hastig auffahrende und gleich wieder unterdrückte Bewegung machte.
+
+„Das hast du dir gedacht?“ sagte sie.
+
+Metten schien es, als ob sie mühsam, mit gewaltsamer Beherrschung so
+leise spräche, um nicht zu schreien.
+
+„Aber ich bitte dich, du mußt doch irgendeinen Grund gehabt haben. Ich
+kann doch nicht annehmen, daß du aus einer ganz dienstmädchenhaften
+Neugier in jedes fremden Menschen Briefen stöberst.“
+
+„Nein,“ sagte Mette verstockt. „Ich hatte auch einen Grund, natürlich
+hatte ich einen Grund. Aber ich kann ihn nicht sagen.“
+
+„Wenn du ihn nicht sagen kannst,“ sagte Olga mit einem sanften Lächeln,
+„dann will ich dich auch nicht danach fragen. Aber ob mit, ob ohne Grund
+– sag’ mal – findest du es eigentlich schön?“
+
+„Nein!“ gestand Mette ehrlich.
+
+„Nicht wahr?“ sagte Olga rasch. „Ich finde es auch nicht schön.“ Und
+nach einer Pause fügte sie nachdenklich und fast schmerzlich hinzu:
+„Aber begreiflich. Trotzdem – laß’ es. Mißtrauen ist etwas so Häßliches.
+Wenn ich etwas geheim halten will, liebes Kind, dann mach’ ich das so
+raffiniert, daß man mir mit so törichten kleinen Streichen nicht
+dahinter kommt!“
+
+Es war in ihrem Ton eine so hohnvolle Überlegenheit, daß Mette erschrak.
+Sie fühlte die Wahrheit dieser Worte, sie fühlte, daß Olga wie mit
+Mauern umgeben war, durch die sie – die dumme, kleine Mette – niemals
+zum Kern ihres Wesens gelangen konnte, auch wenn sie ihr nachspürte wie
+ein Verbrecher und heimlich ihre Briefe las.
+
+Es schien, als ob Olga Mettens wortloses Erschrecken gefühlt hätte.
+
+Sie sagte plötzlich mit ihrer tiefen, warmen Stimme:
+
+„Im übrigen verberge ich dir ja nichts. Nichts, was dich interessiert.
+Ich schreibe keine Liebesbriefe und kriege keine. Wenn’s dich aber
+einmal reizt, irgend etwas in Erfahrung zu bringen – frag’ mich – es ist
+der glätteste Weg.“
+
+Der gute und herzliche Ton tat Metten unendlich wohl, zehnfach wohl nach
+der Angst, die sie ausgestanden hatte. Sie machte eine unwillkürliche
+Bewegung. Ein heiß aufwallendes Gefühl trieb sie zu Olga hin, um ihr in
+Dankbarkeit die Hände zu küssen. Olga sah oder fühlte diese Regung – sie
+wehrte sie ab. Es war nur ein kaum merkliches Zucken, das um ihre Brauen
+lief und das Metten zurückscheuchte und an ihren Platz bannte.
+
+„Ich möchte Arabisch lernen,“ sagte Olga rasch, beinah hastig, mit einem
+gewaltsamen Sprung der Gedanken. „Ich habe mir neulich die
+Schriftzeichen erklären lassen. Die Schrift ist wie die Erfindung eines
+klugen und unendlich sympathischen Mannes. Alles logisch, einfach und
+dabei von ästhetischem Reiz.“
+
+„Olga!“ sagte Mette. „Wie kommst du _darauf_?! Wozu soll man Arabisch
+lernen, was man nie im Leben braucht?!“
+
+„Brauchen?“ fragte Olga. „Lernt man Sprachen, um sie zu brauchen?
+Glaubst du, daß mir jemand imponiert, der in zweiundzwanzig Sprachen ein
+Zimmer mit zwei Betten bestellen kann? Das kann man doch auch
+praktischer mit _alba duo_ abmachen. Wenn ich Sprachen lerne, so ist das
+ein rein psychologisches Interesse. Wie ein Satz sich aus Zeichen
+aufbaut – darin spiegelt sich die Seele eines ganzen Volkes. Ähnlichkeit
+der Sprache, das macht Verwandtschaft, das _ist_ Verwandtschaft – aber
+nicht, ob der Haardurchschnitt dreikantig oder elliptisch ist“ – – –
+
+ * * * * *
+
+Erst als Mette sich den Hut aufsetzte, um zu gehen, sagte Olga
+plötzlich:
+
+„Willst du mir einen Gefallen tun, Mette?“
+
+„Jeden!“ sagte Mette mit Überzeugung.
+
+„Aber es ist keine leichte Aufgabe – ich“ ...
+
+„Desto besser!“
+
+„Nein, nein, keine romantische Heldentat. Etwas ganz kleinlich
+Unangenehmes!“ Sie nagte die Lippen und zögerte. „Ich würde es gern
+anders machen, aber ich weiß wirklich nicht wie. Du sollst etwas tun,
+was du sicher in deinem ganzen Leben noch nicht getan hast. Du sollst
+für mich etwas aufs Leihamt tragen.“
+
+Mette lachte hellauf. „Da unterschätzt du mich bedeutend. Das Leihhaus
+ist eine meiner vertrautesten Kindheitserinnerungen!“
+
+„Aber Mette!“
+
+„Das ist eine lange Geschichte. Das muß ich dir mal erzählen. Aber sag,
+was du jetzt wolltest!“
+
+„Du sollst das da für mich zum Pfandleiher tragen!“
+
+Olga nahm mit einer raschen Bewegung das Zigarettenetui vom Schreibtisch
+und reichte es hinüber.
+
+Mette hielt es erschrocken in beiden Händen.
+
+„Olga, das kannst du nicht tun!“
+
+Olga sah aus dem Fenster. „Laß das, bitte!“ sagte sie hart, ohne den
+Kopf zu wenden. „Ich weiß allein, was ich tun kann, und was ich tun
+muß!“
+
+Mette schwieg. Auf diesen Ton gab es keine Widerrede. Aber sie war nicht
+überzeugt. – – –
+
+ * * * * *
+
+Mette sah immer noch die zärtliche Geste, mit der Olga das Etui an die
+Wange gepreßt hatte. Und dann sah sie die behaarte Hand des Pfandleihers
+mit den platten, schwarzgeränderten Nägeln. Nein, in diese Hände durfte
+sie den Skorpion nicht legen.
+
+Sie trug das Etui zum Goldarbeiter und ließ es schätzen.
+
+Sie hatte nicht so viel Geld in ihrem Besitz, um den frommen Betrug, den
+sie vorhatte, ausführen zu können.
+
+Aber sie wußte sich zu helfen. Sie war nicht umsonst Friedel Eggebrechts
+Schülerin gewesen. Sie wußte so gut, wie man an das Silberzeug
+herankonnte, und in welchem Kasten das wertvollste war.
+
+Während Mette heimlich an das Büfett ging, dachte sie ein Dutzend Jahre
+zurück und lächelte. Es war nicht mehr so aufregend wie damals.
+Obgleich, wenn Tante Emilie es entdeckte, würde es genau dieselben
+Unannehmlichkeiten geben. Sie war fähig, wieder einen Psychiater zu
+rufen. Was war es doch im Grunde für eine lächerliche Komödie! In einem
+Jahr war sie mündig und durfte über ihr großmütterliches Erbe frei
+verfügen, und heute mußte sie, um sich ein paar hundert Mark zu
+verschaffen, in ihres Vaters Hause stehlen gehen! – – –
+
+ * * * * *
+
+„Willst du so gut sein und mir den Schein geben?“ fragte Olga das
+nächste Mal.
+
+„Den Schein?!“ Mette wurde ein wenig verlegen und kramte in ihrer
+Tasche. „Ja, sofort! Wo habe ich ihn denn? Du brauchst keine Angst zu
+haben, er ist da! Ich will dir nur erst das Geld aufzählen!“
+
+„Das laß, bitte!“ sagte Olga bestimmt. „Das Geld ist da, wo es
+hingehört. Keine Szenen, bitte. Ich habe dir kein Recht gegeben, mich zu
+beleidigen.“
+
+„Ich verstehe dich nicht,“ sagte Mette ratlos. „Was soll denn das
+heißen?“
+
+„Das soll heißen, daß ich mich bedeutend lieber an eine Straßenecke
+setzen will und betteln, als daß ich dir Geld schuldig sein will. Ich
+hab’ auch nur deswegen dich zum Leihamt geschickt, damit du das Geld
+gleich in Händen hast. Sonst hätt’ ich dir’s aufdrängen müssen, und ich
+hasse solche Szenen. Und jetzt genug davon geredet, ich will kein Wort
+mehr hören!“
+
+„Aber ...“
+
+„Kein Wort – hab’ ich gesagt. Im übrigen kannst du den Schein behalten.
+Du kannst es mir wieder einlösen. Ich will lieber nicht sehen, in wessen
+Händen es war. Ich werde dir gelegentlich das Geld geben –“ sie lachte
+kurz auf. „Wann, mögen die Götter wissen! Komm, wir wollen eine Partie
+Schach spielen. Ich gebe dir einen Turm vor.“ – – –
+
+ * * * * *
+
+Mette litt unter ihrer Unselbständigkeit. Sie spürte eine Art Neid gegen
+alle Frauen, die sie arbeiten sah. Nicht nur gegen die, die in der
+Öffentlichkeit standen, Reichtümer erwarben, laute Anerkennung fanden –
+sie hätte gern mit einer kleinen, blassen Lehrerin getauscht, die jeden
+Morgen an ihrem Fenster vorüber nach der Schule hastete. Oder mit ihrer
+Zahnärztin, die nach ihrer eigenen Aussage jeden Abend müde zum Umfallen
+war und die dabei doch immer brannte vor Arbeitseifer und Arbeitsfreude.
+
+Mette suchte ihren Vater in seinem Zimmer auf, in der Absicht, eine
+recht ernsthafte Unterredung mit ihm zu führen. Sie konnte nicht in
+Tante Emiliens Gegenwart die Rede auf das bringen, was sie beschäftigte.
+
+Mette holte weit aus, um sich ihrem Vater verständlich zu machen.
+
+„... siehst du, Papa, es ist doch heutzutage nicht mehr wie in deiner
+Jugend, daß die Mädchen aus gutem Hause hübsch still zu sitzen hatten
+und weiter nichts lernen durften, als Kochen, Plätten und Nähen.
+Heutzutage ist es eigentlich für ein Mädchen ebenso selbstverständlich
+wie für einen Jungen, daß er irgendeinen Beruf, irgendein Studium
+ergreift. Und außerdem, selbst, wenn ich Hausarbeit tun wollte. – Du
+weißt ja selber, daß ich hier überflüssig bin. Tante Emilie macht alles
+so musterhaft, nein, Papa, du brauchst nicht aufzufahren, das soll keine
+Ironie sein, sondern aufrichtige Anerkennung, auch kein Vorwurf; denn
+ich dränge mich gar nicht danach, die Wirtschaft selber zu besorgen. Nur
+– ich kann doch nicht mein Leben lang zu Hause sitzen und die Hände in
+den Schoß legen und warten, ob der Freiersmann kommt. Es würde mir so
+Freude machen, irgendeine wirkliche Arbeit zu verrichten.“
+
+„Arbeit,“ sagte Franz Rudloff zögernd, „über den Begriff ‚Arbeit‘ gehen
+die Ansichten sehr weit auseinander. Die meisten Menschen pflegen nur
+das für Arbeit zu erklären, was ihnen unangenehm ist. Ein schwächlicher
+Mensch wird Steine tragen für eine Arbeit erklären und ein
+hartschädeliger: Vokabeln lernen. Es gibt Leute, die das, was ich
+treibe, für Arbeit erklären. Ich nenne es einen fortgesetzten,
+intensiven Genuß. Was verstehst du nun unter Arbeit?“
+
+„Etwas, das bezahlt wird, Papa!“ sagte Mette ernsthaft. „Ich möchte gern
+Geld verdienen.“
+
+„Geld!“ Franz Rudloff verzog leise das Gesicht wie in Schmerz und Ekel.
+„Merkwürdig! Wie kommt meine Tochter zu der Sehnsucht nach Geld?! Es
+schafft ungesunde Zustände, wenn durch Generationen Kapital auf Kapital
+aufgehäuft wird. Wer kein Geld hat, soll welches zu erwerben trachten,
+und wer es hat, soll es ausgeben. – Du hast doch nicht nötig, Geld zu
+verdienen. Versteh’ mich nicht falsch. Ich fände es nicht im mindesten
+unehrenhaft oder nicht standesgemäß, wenn meine Tochter gegen Bezahlung
+arbeitete, ich würde dir das gern zugestehen – wenn du es müßtest. Aber
+das Reizvollste, was das Leben bietet, sind doch nun einmal die
+brotlosen Künste. Wer soll sich ihnen widmen, wenn nicht der, der
+auskömmlich zu leben hat? Sollen sie alle vernachlässigt werden, weil
+auch der Wohlhabende kein anderes Streben hat, als Geld zu verdienen?“
+
+„Du hast vollkommen recht, Papa,“ sagte Mette gequält. „Aber es ist für
+einen erwachsenen Menschen schrecklich, wenn er um jeden Pfennig bitten
+muß. Wenn ich ein Paar Handschuhe brauche, dann geht Tante Emilie mit
+mir und kauft sie. Und wenn ich graue haben möchte, nimmt sie braune.
+Und wenn ich welche für sechs Mark fünfzig haben möchte, nimmt sie
+welche für sechs Mark fünfundzwanzig. Und ich darf nichts sagen, weil
+ich ja tatsächlich nicht imstande bin, mir fünfundzwanzig Pfennige zu
+verdienen. Das ist doch ein schrecklich beschämendes Gefühl.“
+
+„Aber du hast doch Geld,“ sagte Rudloff eigensinnig. „Wozu willst du
+etwas verdienen?“
+
+„Ich habe es _nicht_,“ sagte Mette ungeduldig. „Ich höre immer, daß ich
+reich bin und habe _de facto_ nicht einen Pfennig zur Verfügung.“
+
+„Sei doch froh,“ beharrte Rudloff. „Danke doch Gott, wenn alle deine
+Bedürfnisse befriedigt werden, ohne daß das Geld durch deine Finger
+geht. Deine Mutter hat sich immer geweigert, Geld anzufassen. Aber wenn
+du gern –“ er räusperte sich verlegen – „wenn du gern etwas nach deinem
+Geschmack auswählen möchtest, so verstehe ich das ja vollkommen.“ (Das
+verstand er wirklich.) „Du kannst ja dann in Geschäfte gehen, wo man
+mich kennt und kannst die Rechnungen ins Haus schicken lassen. Solange
+sich das in vernünftigen Grenzen hält, wird ja kein Mensch etwas dagegen
+haben.“
+
+„Und was soll ich mit meiner freien Zeit anfangen?“ fragte Mette
+unüberzeugt.
+
+„Lernen, studieren! Nimm Unterricht in fremden Sprachen! Höre Vorträge
+über Literatur und Kunstgeschichte! Da bist du meiner Unterstützung
+immer sicher. Zu diesem Zweck kannst du auch meine Börse in Anspruch
+nehmen, soviel es dir beliebt. Das weißt du!“ – – –
+
+ * * * * *
+
+Herbstlicher Regen prasselte auf das Blech der Fenstersimse.
+
+Olga hatte die Vorhänge zugezogen und zusammengesteckt. In dem sanften
+Lichtkreis der buntverschleierten Lampe schwebte und wallte der
+bläuliche Nebel der Zigaretten.
+
+Olga lag auf dem Diwan, bäuchlings, die Ellbogen in einen Berg
+zerdrückter Seidenkissen gestützt. Im Sessel kauerte Mette mit
+hochgezogenen Füßen, und auf dem Schreibtischstuhl hockte Peterchen.
+
+„Ja,“ sagte Mette trübselig. „Ich hatte so schöne Pläne und nun wird
+wieder nichts daraus. Ich wollte so gerne irgendeinen Beruf ergreifen
+und Geld verdienen. Aber mein Vater sagt, ich hätte genug.“
+
+„Sei doch froh,“ sagte Olga. „Es gibt nichts Angenehmeres, als Geld zu
+haben und es auszugeben. Und nichts Widerlicheres, als es zu brauchen
+und nicht zu haben.“
+
+„Ich hab’ es doch aber nicht!“ widersprach Mette. „Das ist’s ja eben! In
+der Theorie hab’ ich es! In der Praxis brauch’ ich es und hab’ es
+nicht!“
+
+„Du brauchst es!“ sagte Olga entrüstet. „Lächerlich! Wozu denn? Um mir
+Orchideen mitzubringen. Wenn ich Tante Emilie wäre, ich würde dir ja
+dein Taschengeld entziehen. Wenn _ich_ noch auf solche phantastische
+Ideen käme. Geld zu verdienen, mein’ ich. Geld verdienen zu wollen, wenn
+wir uns korrekt ausdrücken wollen.“
+
+„Du hättest es sicher leicht!“ sagte Peterchen. „Du mit deinen eminenten
+Begabungen!“
+
+„Ja,“ sagte Olga ironisch. „Es fehlen mir bloß die Leute, die meine
+Begabung anerkennen. Ich könnte mich bei einem großen Modeatelier
+engagieren lassen und sagen: ‚Bitte, macht das so und macht das so!‘
+Aber man darf mich nicht zwingen, jemals eine Nadel anzurühren. Ich
+könnte auch zu einem Bildhauer oder Maler gehen und ihm sagen, wie er’s
+machen müßte. Oder ich könnte Theaterkritiker werden.“
+
+„Du könntest schreiben,“ sagte Peterchen. „Du hast sicher Talent dafür.“
+
+„Weißt du, was ich schreiben möchte?“ Olga fuhr mit einem Ruck in die
+Höhe, „die Geschichte der Fürstin von Massa, die das Volk liebte; denn
+ich glaube nicht, daß sie aus feiger Angst den Fürsten bewog ... Kennst
+du sie? Es ist eine grauenhafte und wundervolle Geschichte:
+
+Masaniello war tot. Aber der Aufstand in Neapel tobte weiter. Von Madrid
+aus schickte man den Don Juan d’Austria mit einer Flotte ab. Das Volk
+war führerlos, ein Ungeheuer ohne Kopf. Die Massen brauchten einen
+Führer, sie schrien nach ihm – sie zogen vor den Palast des Fürsten von
+Massa und riefen nach ihm.
+
+Francesco Toraldo, der Fürst von Massa, war ein kühner und gerader und
+gerechter Mann. Er war sicher dem König und der Regierung ergeben; denn
+als die Unruhen anfingen, hatte er die Truppen des Vizekönigs angeführt,
+hatte Castelnuovo und Castel Sant Elmo verteidigt. Er liebte das Volk
+nicht. Aber er liebte seine schöne Frau. Und die Fürstin liebte das
+Volk. Sie bat ihren Gatten – ihren Gatten, den sie anbetete – die
+Führerschaft der Massen zu übernehmen.
+
+Sie liebte das Volk. Und sie fühlte sich von dem Volke geliebt. Wenn sie
+durch die Straßen fuhr, drängten sich die jauchzenden Kinder um ihren
+Wagen, und die Frauen hoben ihr die Säuglinge entgegen, und die Männer
+neigten sich tief und sahen ihr lächelnd nach.
+
+Aber sie liebte auch die Fürsten und Edlen – sie liebte Giuseppe Carafa,
+den sie ermordet hatten, und Diomede Carafa, der geflohen war, und
+dessen herrlicher Palast eine wüste Trümmerstätte war. Sie liebte alles
+und alle, glaube ich – weil sie Francesco Toraldo liebte, und weil sie
+glücklich war.
+
+Sie glaubte so unerschütterlich an Gott und an das Gute im Menschen. Sie
+hatte so unendliches Mitleid mit dem armen Volk, das von Gaunern und
+Wahnsinnigen in die Irre geführt wurde – sie hatte so felsenfestes
+Vertrauen auf die starken Hände Francescos, die die Zügel aufnehmen
+sollten, die am Boden schleiften, so felsenfestes Vertrauen, daß keinem,
+keinem mehr ein Unrecht geschehen könne, wenn nur Toraldo hinausträte
+unter die aufjauchzenden Massen und sagte:
+
+‚Folget mir nach!‘
+
+Francesco Toraldo übernimmt den Oberbefehl über die Aufständischen.
+Gezwungen, gegen sein innerstes Gefühl. Aber da er ihre Sache nun einmal
+zu seiner eigenen gemacht hat, setzt er sich auch mit ganzer Kraft
+für sie ein – wie es für seine gerade und ehrenhafte Natur
+selbstverständlich ist.
+
+Irgendeinem Schlächterburschen, der lieber morden will als Krieg führen,
+lieber plündern, als für geringen Sold arbeiten, ist Toraldo im Wege. Er
+beschuldigt ihn des geheimen Einverständnisses mit Don Juan und den
+königlichen Truppen.
+
+Der Pöbel, ohne ihm auch nur eine Stunde Zeit zu lassen, daß er sich
+rechtfertigen könnte, schleppt den vergötterten Führer auf den
+Fischmarkt, schlägt ihm auf einer Steinbank den Kopf ab, reißt ihm das
+Herz aus dem Leibe und trägt es auf silberner Schüssel nach dem Kloster,
+wo die Fürstin von Massa Zuflucht genommen hat. Die zitternden Nonnen
+verrammeln die Türen. Die rasenden Horden häufen Stroh und Holz um das
+Kloster und beginnen es anzuzünden.
+
+Da geht die schöne Fürstin von Massa durch die jammernden Nonnen
+hindurch und läßt sich die Tore aufriegeln und tritt hinaus und steht
+auf den Stufen und nimmt aus den Händen der Mörder auf silberner
+Schüssel das Herz des Francesco, noch dampfend von der Wärme seines
+Lebens.
+
+Und keiner wagt, sie anzurühren.
+
+Aber den Körper des Francesco Toraldo hängen sie an einen Galgen, und
+sein blutiges Haupt tragen sie auf einer Pike durch die Straßen der
+Stadt.
+
+Nach zwei Tagen wissen sie es alle, daß er niemals daran gedacht hat,
+sie zu verraten.
+
+Sie schneiden den Leichnam vom Galgen und waschen ihn und salben ihn und
+hüllen ihn in kostbare Seide. Mit schwarzen Floren bedecken sie die
+Trommeln, mit schwarzen Floren umwinden sie die Kerzen, sie schleifen
+die Fahnen und Standarten am Boden hin. Weinend und Gebete murmelnd,
+folgt das ganze Volk von Neapel dem Sarge, und über der ganzen Stadt
+hallen unablässig die klagenden Glocken.“ –
+
+Sie schwiegen alle drei.
+
+Nach einer ganzen Weile sagte Peterchen nachdenklich:
+
+„Weißt du, Olga, es wäre ein wundervoller Vorwurf für eine Tragödie. Die
+Szene im Palast zwischen dem Fürsten und der Fürstin, wenn die Menge
+draußen nach ihm schreit, und sie ihn überredet ... und die Szene mit
+den Nonnen ...“
+
+„Schreib’ sie!“ sagte Olga kurz.
+
+„Nein, du sollst sie schreiben!“ wehrte sich Peterchen. „Ich kann doch
+nicht!“
+
+„Ich kann auch nicht,“ sagte Olga schwermütig, „ich empfinde es als so
+stark, daß man kein Wort hinzuzusetzen braucht. Solche Dinge sind immer
+am schönsten, wie sie in jeder Chronik stehen. Ich bin nicht für die
+Kunst geboren. Ich könnte mich auch nicht hinsetzen und einen Wald
+abmalen, der nicht rauscht, oder eine Wiese, die nicht duftet. Ich
+glaube, Künstler sein, heißt: respektlos sein. Sich einbilden, daß man
+es besser machen könnte als das Schicksal oder die Natur oder die
+Geschichte. Wenn mir irgend etwas begegnet, was nach der Meinung anderer
+Leute wert wäre, beschrieben oder abgemalt oder sonst wie bearbeitet zu
+werden – ich weiß nicht – ich habe weder den Mut noch das Verlangen, da
+hineinzupfuschen. Es ist mir einfach zu schade dazu.“ – – –
+
+ * * * * *
+
+„Weißt du?“ sagte Olga das nächstemal, „ich hab’ eine Idee! Meinst du
+nicht, Mette, ich könnte Sprachunterricht geben? Jeden Tag fünf Stunden
+à 2 Mark sind 10 Mark, davon müßte man doch eigentlich leben können,
+wenn man sich sehr einrichtet.“
+
+„Eine reizende Idee!“ sagte Mette entrüstet. „Erstens sehe ich dich von
+zehn Mark täglich leben, und zweitens hab’ ich dann überhaupt gar nichts
+mehr von dir!“
+
+„Darüber kannst du dich allerdings beklagen!“ sagte Olga lachend, „du
+bist ja auch nur jeden Tag, den Gott werden läßt, von morgens bis
+mittags und von nachmittags bis abends mit mir zusammen.“
+
+„Wenn es dir zuviel ist,“ – Mette war ernstlich etwas gekränkt – „dann
+brauchst du es ja nur zu sagen.“
+
+„Hab’ keine Angst,“ sagte Olga beruhigend, „ich kann mich wehren. Wenn
+ich einen Menschen los sein will, werd’ ich deutlich!“
+
+„Gott sei Dank! Wenn ich mich darauf verlassen kann. Aber jetzt habe ich
+wirklich eine Idee: wir werden das Angenehme mit dem Nützlichen
+verbinden. Du kannst _mir_ die fünf Stunden täglich Unterricht in
+fremden Sprachen erteilen, und ich werde mir von meinem Vater das Geld
+dafür geben lassen – auf seinen eigensten Wunsch.“ – – –
+
+ * * * * *
+
+Es ging nicht ganz so glatt, wie Mette es sich gedacht hatte. Tante
+Emilie suchte die Sprachlehrer selber aus – ein paar sehr würdevolle
+ältere Damen – ein vierundsechzigjähriger Professor schien ihr schon
+bedenklich, weil er unverheiratet war, und sie ging selber mit Metten
+hin und meldete ihre Nichte an.
+
+Dadurch hatte Mette nachher die peinliche Aufgabe, den Unterricht wieder
+abzusagen.
+
+Wenigstens hatte sie es erreicht, daß der Vater ihr das Stundengeld
+übergab und nicht – wie er wollte – es per Postscheck zahlte oder durch
+die Bank überweisen ließ.
+
+Olga nahm es sehr genau mit den Stunden. Sie hielt sie mit
+gewissenhaftester Pünktlichkeit ein und gab sich streng und pedantisch
+als Lehrerin. Mette lernte mit Feuereifer, um ihre Ansprüche zu
+erfüllen.
+
+Soweit ging alles wie geplant, nur daß Olga nicht daran dachte, sich
+einzurichten und von dem Stundengeld zu leben.
+
+Es kamen so wundervolle, durchsonnte Oktobertage. Und es machte so
+unbändiges Vergnügen, im offenen Auto durch den flammenden Wald zu
+jagen, nach Wannsee oder die Heerstraße hinunter, irgendwo an die breite
+blaue Havel.
+
+Natürlich sahen sie ein, daß sie sich das eigentlich nicht leisten
+durften, das heißt, Olga sah es ein, und wenn sie wieder Waldsehnsucht
+hatten, fuhren sie mit dem Vorortzug dritter Klasse, um zu sparen, und
+ließen sich in der denkbar schlechtesten Luft geduldig schieben und
+drücken.
+
+Aber am anderen Tag hatten sie einen unbezwinglichen Hunger nach Musik,
+und in der Oper gab es „Tristan“ und natürlich nur noch die teuersten
+Plätze. Auf solche Weise ließen sich nicht gut Ersparnisse machen. – – –
+
+ * * * * *
+
+Sie fuhren am frühen Nachmittag nach Wannsee. Weil es ja eigentlich
+„Stunde“ sein sollte, sprachen sie in der Bahn Italienisch miteinander,
+im gedämpften Ton. – Es war vielleicht deswegen, daß der Herr in dem
+braunen Überzieher ihnen gegenüber immer über den Rand seiner Zeitung
+schielte und sich augenscheinlich bemühte, ein Wort von ihrer
+Unterhaltung aufzufangen.
+
+Metten machte das Spaß. Sie empfand einen geradezu kindischen Stolz,
+wenn sie bemerkte – was oft geschah – daß Olga beobachtet wurde. Sie
+nahm es keinem Menschen übel, wenn er ihre schöne Freundin in der
+ungezogensten Weise anstarrte. Sie hätte manchmal direkt sagen mögen:
+„Ja, seht sie euch nur an! Ist sie nicht schön? Und das darf ich alle
+Tage sehen, alle Tage!“
+
+Und dann betrachtete sie sie wieder, als sähe sie sie zum erstenmal, und
+die reinen edlen Linien ihres Profils, die lässig-anmutigen Bewegungen
+ihrer königlichen und doch geschmeidigen Gestalt, der bezaubernde Klang
+ihrer tiefen Stimme – alles erfüllte sie immer wieder mit einem
+Entzücken, das an Andacht und Rührung grenzte. – – –
+
+ * * * * *
+
+Sie bummelten durch die Straßen, bewunderten die Gärten in ihren
+wunderbar leuchtenden Herbstfarben und suchten sich eine Villa aus. Das
+taten sie oft auf ihren Spaziergängen.
+
+Und wenn sie ein Haus gefunden hatten, das ihnen gefiel – aber auch der
+Garten mußte danach sein, und die Garage und die Spitzengardinen an den
+Fenstern – dann konnte es Olga plötzlich einfallen zu sagen, daß sie
+eigentlich noch eine Abendgesellschaft größeren Stils geben müßten – vor
+ihrer Abreise nach Kairo – und Mette sollte doch mit Schmidt
+telephonieren, der Blumen wegen, und dann kam eine lange Beratung, in
+welcher Farbe sie diesmal den Tafelschmuck nehmen sollten. – Und sie
+einigten sich auf blaßlila Treibhausflieder und Orchideen und was es
+sonst noch in der Farbe gab. Aber dann konnten sie nicht das
+Sèvres-Porzellan nehmen; denn das Kobaltblau vertrug sich nicht mit
+hellila – und ob sie das Essen bestellen oder alles im Hause machen
+ließen? Ob sie sich vom Grafen Oriola seinen französischen Koch
+ausleihen sollen? Dann wurde die Speisenfolge beraten und die Weine
+dazu. Aber das hübscheste war immer die Liste der Gäste aufzusetzen und
+Tischordnung zu machen.
+
+Gerhart Hauptmann sollte Julia Culp zu Tisch führen.
+
+„Nein, er muß _dich_ doch führen,“ bestimmte Mette. „Du bist doch die
+Hausfrau!“
+
+„Ich?“ sagte Olga. „Nein, das bist du doch!“
+
+Sie standen vor einem breiten schmiedeeisernen Portal und sahen in einen
+wunderschönen Garten.
+
+„Schade,“ sagte Olga mit einem bewundernden Blick auf die breite
+Terrasse, „es ist schon zu spät, um im Freien decken zu lassen. Aber
+nächstes Jahr müssen wir in einer Juninacht ein Gartenfest geben – hier
+auf der Terrasse essen – und plötzlich erscheinen auf dem Wasser lauter
+kleine Barken, ganz, ganz voll Rosen, jede mit einer bunten Lampe, und
+alle Gäste steigen in die Boote, immer zwei, und fahren hinaus, wohin
+sie wollen, auf das weite, dunkle Wasser ...“
+
+„Und mit wem möchtest du mir davonfahren?“ fragte Mette mißtrauisch.
+
+Olga stampfte mit dem Fuß auf. „So seid ihr nun!“ sagte sie mit Empörung
+flammenden Augen. „Willst du dir jetzt vielleicht den Tag verderben,
+weil ich dir davonfahren könnte, wenn wir in dieser Villa ein Gartenfest
+geben. Wenn man sich schon etwas Unsinniges ausdenkt, dann muß es doch
+wenigstens etwas Schönes sein.“
+
+Ein Herr in braunem Überzieher streifte sehr dicht an ihnen vorüber und
+sah sich in einiger Entfernung mit einer merkwürdig vorsichtigen Geste
+nach ihnen um.
+
+„Das war der Mann aus der Bahn,“ sagte Mette. „Der hält dich für eine
+schöne Römerin und möchte für sein Leben gern mit dir anbandeln. Ich
+glaube, ich werde diskret sein und mich zurückziehen.“
+
+Olga fuhr bei Mettes ersten Worten zusammen.
+
+„Wir wollen umkehren!“ sagte sie hastig. „Trinken wir oben bei
+Schultheiß Kaffee. Der geht jetzt sicher nach dem schwedischen Pavillon,
+und ich habe keine Lust, ihm nachzulaufen.“
+
+Mette lachte hell auf. „Meinetwegen kannst du! So hab’ ich mir den nicht
+vorgestellt, mit dem du mir davongehst! Einen so perversen Geschmack
+hätt’ ich dir nicht zugetraut! Aber da du so vor ihm fliehst, scheint es
+gefährlich.“
+
+Olga antwortete mit keinem Wort, mit keinem Lächeln auf Mettens
+Neckereien. Sie preßte die Lippen aufeinander, zog die Brauen zusammen
+und ging so rasch, ein wenig vornüber geneigt, den Kopf gesenkt, die
+Schultern hochgezogen, als liefe sie vor einer unsichtbaren Peitsche.
+
+Sie saßen oben beim Schultheiß und tranken ihren Kaffee. Aber Olgas gute
+Laune schien verflogen. Sie saß da, beide Hände in den Jackentaschen
+vergraben, als ob sie fröre und war zerstreut und einsilbig.
+
+Sie hatte sich eben mit einem: „Du entschuldigst, ich _muß_ rauchen“,
+eine Zigarette angezündet, als Mette den Herrn im braunen Überzieher in
+den Garten treten sah. Er stand einen Augenblick still, ließ einen
+prüfenden Blick über alle Tische gleiten, ging dann in entgegengesetzter
+Richtung, um nach einem weiten Bogen plötzlich wieder in ihrer Nähe
+aufzutauchen und, zwei, drei Tische von ihnen entfernt, Platz zu nehmen.
+
+Metten erschien das sehr komisch.
+
+„Der Mann aus der Bahn!“ frohlockte sie laut. „Jetzt ist es klar, Olga,
+du hast es ihm angetan.“
+
+„Schweig’!“ sagte Olga hart. Und dann, als sie Mettens bestürztes
+Gesicht sah – wie mühsam gebändigt, mit schwergehendem Atem: „Er kann
+dich ja hören, Kind!“
+
+Sie nahm die eben angerauchte Zigarette mit einer zornigen Bewegung aus
+dem Mundwinkel, preßte die Brandfläche gegen den Teller und drehte und
+drückte so lange mit nervösen Fingern daran herum, bis der Tabak aus dem
+zerrissenen Papier rieselte.
+
+Mette fühlte, daß irgend etwas vorging, was sie nicht verstand. Eine
+dumpfe Beklommenheit schien plötzlich in der Luft zu liegen, teilte sich
+ihr mit und machte sie angstvoll und unsicher.
+
+Nach einer kleinen Weile stand Olga auf. Mette griff nach ihrem Hut, der
+neben ihr auf dem Stuhl lag.
+
+„Nein, laß!“ sagte Olga sehr bestimmt und lauter, als es sonst ihre Art
+war. Sie haßte es, in öffentlichen Lokalen, auf der Straße, in der Bahn
+so laut zu sprechen, daß auch nur der nächste Nachbar sie verstehen
+konnte. „Wir bleiben doch noch. Ich will nur eben telephonieren. Ich bin
+gleich wieder da.“
+
+Mette wartete geduldig. Olga kam nicht wieder.
+
+Schließlich fing sie an, sich zu ängstigen. Wenn ihr schlecht geworden
+wäre? Sie sah sie schon irgendwo hilflos, ohnmächtig liegen.
+
+Sie lief ins Haus. Am Telephon war sie nicht. Wie sie sich suchend
+umsah, kam der Kellner, der sie bedient hatte, hinter ihr her. Sie suche
+wohl die andere Dame? Die hätte gezahlt und wäre gegangen – aber sie
+hätte einen Zettel am Büfett hinterlassen.
+
+Mette holte sich den Zettel. Ja, die Dame hätte telephoniert und hätte
+nach dem nächsten Zug gefragt und wäre sehr eilig fortgegangen. Sie
+hätte nur noch dies hier aufgeschrieben. Der Kellner hätte es
+hinausbringen wollen, aber sie hätte gesagt, es wäre nicht nötig, die
+Dame würde es sich schon holen.
+
+Mette dankte und lächelte und tat, als ob das alles die natürlichste
+Sache von der Welt wäre und wunderte sich, wie gut sie ihre Angst und
+Aufregung beherrschen konnte.
+
+Sie ging erst ein paar Schritte weiter, ehe sie die verschlossene Hülle
+aufriß. Auf dem Bogen standen nur wenige Worte.
+
+„Sei nicht bös, ich mußte fort. Wenn du kannst, komm abends zu mir. Aber
+nicht direkt, fahr erst nach Hause.“
+
+Mette faltete das Blatt zusammen und schob es mechanisch in die Tasche.
+Sie ging langsam und mit schweren Füßen wieder durch den Garten und an
+ihren Platz.
+
+Sie versuchte, sich von ihren Gedanken und Empfindungen Rechenschaft zu
+geben.
+
+Sie wäre froh gewesen, wenn sie Olgas rätselvolles Betragen als Laune,
+als Rücksichtslosigkeit hätte nehmen können und sich einfach darüber
+ärgern und entrüsten.
+
+Aber sie fühlte, daß ein Mehr dahinter war. Irgend etwas Dunkles,
+Drohendes, wovon sie nichts wußte. Mit wem hatte Olga gesprochen? Wer
+hatte sie so dringend fortgerufen?
+
+Für sie war Olga Radó das Leben, das wußte Mette. Alles andere war eine
+dumpfe Qual oder Vorfreude auf die Stunden, die sie mit ihr zusammen
+sein durfte, oder Erinnerung an die Stunden, die sie mit ihr verbracht
+hatte.
+
+Aber was war sie für Olga?
+
+Irgendein Nebenher, ein beiläufiger Zeitvertreib, eine Episode eines
+reichen, bunten, starken Lebens, eine gehorsame kleine Sklavin, ein
+Haustierchen, das man verhätschelt, ein bequemes Etwas, das man rufen
+und fortschicken kann, und das noch nicht einmal fragen durfte, _warum_
+es gerufen oder fortgeschickt wurde. Nichts wußte sie davon, nichts, was
+eigentlich dieses Leben erfüllte, was ihm Inhalt gab, nichts wußte sie
+von den Menschen, die für Olga Schicksal waren, die _ihr_ den Mut zum
+Leben gaben, den sie von ihr empfing – nichts wußte sie von dem, der sie
+jetzt fortgerufen hatte, dem sie folgte, ohne daran zu denken, daß sie
+der armen kleinen Mette den Tag zerstörte, auf den sie sich so gefreut.
+
+Mette konnte sich nicht zum Heimweg entschließen. Sie trug ihren Hut in
+der Hand und ging in tiefen und traurigen Gedanken an den Ufern des Sees
+entlang.
+
+Erst die plötzlich einfallende Dämmerung weckte sie auf und trieb sie
+nun in Hast dem Bahnhof zu.
+
+Im Moment, als sie im Begriff war, auf dem Bahnsteig eine Wagentür des
+einfahrenden Zuges zu öffnen, fühlte sie einen Blick, der sie zwang,
+sich umzuwenden.
+
+Sie sah in das völlig ausdruckslose Gesicht des Mannes in dem braunen
+Überzieher. Er öffnete die Tür zum Nebenabteil und stieg in den Zug.
+
+Mette erschrak tödlich und wußte nicht warum. Dieser Mann lief nicht
+hinter ihr her, weil er Gefallen an ihr fand. Das wußte sie deutlich.
+War es Zufall? Was in aller Welt konnte es sonst für einen Zweck haben?
+Plötzlich faßte sie ein unerklärliches Grauen. Er hatte so ein
+merkwürdig leeres Gesicht und einen starren und dabei doch scheuen
+Blick. Vielleicht war es ein Irrsinniger. Einer, der irgendwo
+entsprungen war.
+
+Am Bahnhof Zoo bemühte sie sich, unter der drängenden Menschenmenge sich
+zu verstecken. Aber sie fühlte den Fremden unentwegt hinter sich. Ihr
+schien es, als klammerte sich seine Hand in der Manteltasche um einen
+Revolver oder um ein Stilett. In jedem Augenblick konnte das blitzende
+Eisen oder die Kugel sie in den Rücken treffen. Sie fühlte schon den
+scharfen Schmerz zwischen den Schulterblättern und preßte unwillkürlich
+die Rückenmuskeln zusammen.
+
+Während sie die dämmerigen Straßen hinunterjagte, wagte sie nicht, sich
+umzusehen. Erst, als sie das Haus aufschloß, spähte sie die Straße
+hinunter. Er war natürlich nicht gefolgt. Es war alles eine lächerliche
+Einbildung.
+
+Als sie innen im Treppenflur stand, warf sie noch einen Blick durch die
+Glasscheibe der Tür.
+
+Auf der anderen Seite der Straße, das Haus von oben bis unten aufmerksam
+betrachtend, ging der Mann in dem braunen Überzieher. – – –
+
+ * * * * *
+
+Die Tischunterhaltung quälte sich mühsam hin.
+
+Als Mette mit Essen fertig war, sagte sie (sie hatte es sich zur
+Gewohnheit gemacht, sich mit allen Sachen ausdrücklich an ihren Vater zu
+wenden):
+
+„Du erlaubst doch, Papa, daß ich noch eine Stunde zu meiner Freundin
+gehe? Ich bin um zehn wieder hier.“
+
+Da geschah etwas Seltsames. Franz Rudloff legte eine zur Faust geballte
+Hand auf den Tisch, richtete den Oberkörper ein wenig aus seiner
+zusammengesunkenen Haltung auf und sagte:
+
+„Mette!“ ... so, als wenn er zu einer längeren Rede ansetzen wollte.
+
+Da traf ihn ein Blick von Tante Emilie. Mette fühlte diesen Blick die
+Luft durchschneiden und fing ihn noch auf. Es war ein kurzer und
+scharfer Blick, befehlend und fast erschrocken, ein Blick, der
+unzweideutig hieß: „Schweig!“
+
+Franz Rudloff fiel wieder in sich zusammen, schlug die Augen nieder,
+rollte seinen silbernen Serviettenring hin und her und sagte:
+
+„Gewiß, ... also ja ... wenn du meinst ... schön!“
+
+Mette fühlte, daß auch hier irgendwas vorging, wovon sie nichts wußte.
+Das verursachte ihr weder Angst noch Schmerz – aber ein peinvolles
+Unbehagen.
+
+Die Welt war heute fremd und rätselhaft. Sie spürte plötzlich Moorboden
+unter den Füßen und wußte nicht, wie sie die Schritte setzen sollte.
+Olga hätte sie heute nicht verlassen dürfen, nicht heute, nicht an
+diesem Tage.
+
+Eine heiße, schmerzhafte Sehnsucht quoll in ihr auf, wie schon sooft,
+stark wie ein mühsam unterdrückter Schrei:
+
+„Mutter!“ – – –
+
+ * * * * *
+
+Unterwegs waren ihre Gedanken nur noch bei Olga. Was da geschehen sein
+mochte? Ob sie das wenigstens erfahren würde? Vielleicht war jemand
+krank? Verunglückt? Jemand, der Olga nahestand. Vielleicht konnte sie
+sich irgendwie betätigen, helfen. Sie fühlte die Kraft, jede Anwandlung
+von Eifersucht zu unterdrücken, sich selbst zu vergessen und
+hintanzusetzen, wenn man sie nur teilnehmen ließ an dem, was geschah und
+nicht alle Türen vor ihr zuschlug. Das hatte sie nicht verdient, es gab
+so qualvolle Unrast – jeder schneidende Schmerz war zehnmal besser als
+dieses hilflose Im-Dunkeln-Tappen.
+
+Während Mette die Stufen hinaufstieg, fühlte sie sich irgendwie
+kampfgerüstet. Sie wollte es Olga sagen, daß sie das nicht mehr ertrug.
+Ertrug? Nein, daß sie es sich nicht mehr gefallen lassen wollte, daß sie
+kein dummes Kind sei, das man ohne ein Wort der Erklärung einfach sitzen
+lassen könne – daß alle diese Dinge sie nervös machten – oh, so nervös!
+Und daß ihr – bei Gott! – nächstens auch einmal die Galle überlaufen
+werde!
+
+Olga hatte noch einen Schleier über die Lampe gehängt, so daß eine
+matte, violette Dämmerung im Zimmer war. Sie lag auf dem Diwan, bis an
+die Schultern in ihre große Felldecke gewickelt.
+
+Als Mette sich zu ihr setzte, spürte sie, daß sie zitterte wie vor
+Frost. Da war all der Zorn und Trotz, der noch in dem kalten „Guten
+Abend“ gelegen hatte, verflogen. Sie legte die Hand auf ihre Stirn:
+
+„Hast du Fieber?“ fragte sie besorgt.
+
+Olga schüttelte nur den Kopf. Es schien, als ob ihr irgend etwas in der
+Kehle saß, was sie am Sprechen hinderte.
+
+Dann machte sie plötzlich mit einer ungeduldigen Bewegung beide Arme von
+der Decke frei und griff nach Mettens Händen.
+
+„Du bist mir böse, Kind!“ sagte sie hastig, wie gejagt. „Du hast ja auch
+allen Grund. Verachtest du mich? Du kannst mich ruhig verachten. Ich bin
+ja so feige, Mette, so erbärmlich feige! Ach, Kind, du kannst alles von
+mir verlangen, ich will dich aus einem brennenden Haus holen – dich?!
+Ach! Einen Hund, ein Spielzeug, an dem dir liegt – ich will durchgehende
+Pferde aufhalten, ich will – ach, ich weiß nicht, was ich will – aber
+darin bin ich feige. Ich kann es nicht noch einmal durchmachen in meinem
+Leben, ich kann es nicht. Du weißt nicht, was ich ausgestanden habe. Ich
+habe nächtelang dagesessen mit dem geladenen Revolver und habe gesagt:
+Tu’s, tu’s, damit nicht wieder so ein Tag kommt ... und dann war das
+Leben wieder so wahnsinnig schön, und ich hab’s nicht getan. Dann bin
+ich stundenlang in der Galerie herumgelaufen und habe vor allen Bildern
+gestanden und gestarrt und nichts gesehen. Und immer den Blick in meinem
+Rücken gefühlt. Dann bin ich nach Mödling hinausgefahren, wie ich
+eingestiegen bin, der Mann hinter mir, wie ich ausgestiegen bin, der
+Mann hinter mir – ach, ich weiß, einmal bin ich in meiner Verzweiflung
+in ein fremdes Haus hineingelaufen, alle Treppen hinauf, und hab’ immer
+gedacht, ich will klingeln und die Menschen bitten, sie sollen mich um
+Gottes und aller Heiligen willen eine Stunde in ihrer Wohnung behalten.
+Oder ich wollte ihnen etwas erzählen von irgendwelchen Leuten, die sie
+grüßen lassen – die mich hinschicken – und dann dacht ich, sie halten
+mich sicher für geisteskrank oder für eine Schwerverbrecherin und lassen
+mich erst recht festnehmen. Und dann bin ich bis auf den Boden gelaufen
+und bin da oben herumgeirrt und habe geheult wie ein kleines Kind. Und
+wie ich mich endlich hinuntergetraut habe, stand der Kerl immer noch da
+und starrte auf die Haustür. O Mette, in der Zeit hab’ ich immer die
+ganzen Nächte das Licht brennen lassen, weil ich im Dunkeln überall das
+Gesicht gesehen habe.“
+
+Mette hielt Olgas eiskalte, unruhige Hände in den ihren fest.
+
+„Wessen Gesicht?“ fragte sie leise und verwirrt, als Olga schwieg. „Ich
+verstehe dich nicht, Liebes.“
+
+„Das ist gut, Kind!“ sagte Olga. „Das ist ja so gut! Sonst hätt’ ich
+dich ja auch nicht allein gelassen. Aber dir konnte ja nichts geschehen.
+Dir konnte ja gar nichts geschehen! Bist du nach Hause gegangen? Ja?
+Wann? Gleich? War er noch da? Hat er dich nach Hause gehen sehen?“
+
+Nun fiel Metten die Erinnerung an den Heimweg wieder wie eine Last aufs
+Herz. Die Erinnerung an den Heimweg, die Erinnerung an den verdorbenen
+Tag.
+
+Sie ließ Olgas Hände los.
+
+„Vielleicht darf ich auch mal fragen,“ sagte sie, „ich bin doch
+schließlich kein kleines Kind, das einfach alles hinnehmen muß und dem
+man sagen kann: das verstehst du nicht. Ich hab’ es bis _dahin_ satt,
+mich ewig von Geheimnissen umgeben zu fühlen. _Was_ hätte mir geschehen
+sollen? Was hat es für eine Bewandtnis mit diesem Mann? Kennst du ihn
+persönlich? Aus Wien? Und woher? Ich meine, was hast du für Beziehungen
+zu ihm?“
+
+Mette wunderte sich selbst, woher sie die Kühnheit hatte, in einem so
+strengen und schulmeisterlichen Ton zu reden.
+
+„Unsinn!“ sagte Olga mit einem nervösen Lachen. „Doch nicht _den_! Das
+ist doch nicht derselbe!“
+
+„Nicht derselbe?!“ sagte Mette beinah ärgerlich, mit hochgezogenen
+Brauen. „Was heißt das wieder? Wer nicht derselbe? Nicht derselbe was?“
+
+„Laß mich doch in Ruh,“ sagte Olga böse, „ich laß mich nicht
+inquirieren! Du kannst mir ja gleich Daumenschrauben anlegen. Wenn du
+mich nicht mehr leiden magst, dann geh! Ich halt’ dich nicht! Ich halt’
+keinen Menschen! Aber laß mich in Ruh!“
+
+Sie sprach zornig, aber mit einer seltsam vibrierenden Stimme und suchte
+unter dem Berg von Kissen nach ihrem Taschentuch.
+
+Als sie es gefunden hatte, riß es ihr Mette mit einer halb
+unwillkürlichen Bewegung aus den Fingern. Der kleine weiße Ballen war
+fest zusammengedrückt und ganz feucht.
+
+„Hast du geweint?“ fragte Mette in grenzenlosem Erstaunen.
+
+„Darf ich das nicht?“ fragte Olga trotzig zurück, und über ihr Gesicht,
+das von Blässe fahl schien, flog wieder das dunkle Rot.
+
+„Nein, ich weiß, ich darf mir das nicht leisten. Ich bin hysterisch. Ich
+bin überspannt. Es ist mir ja _so_ egal, wofür du mich hältst. Wenn mir
+danach zumute ist, dann wein’ ich eben!“
+
+Sie versuchte umsonst, die zitternden Lippen aufeinander zu pressen. Aus
+den Augen, deren übergroße Pupille schwarz die ganze Iris überdeckte,
+stürzten die Tränen und fluteten über die weißen Wangen. Sie versuchte,
+den Kopf nach der Wand zu drehen. Aber Mette hielt sie fest. Sie wußte
+selbst nicht, woher ihr der Mut kam.
+
+Nie war Olga ihr gegenüber zärtlich gewesen. Nie hatte Mette es gewagt,
+zärtlich zu sein.
+
+Aber als sie das schöne blasse Gesicht jetzt vor sich sah,
+tränenüberströmt, zerwühlt von einem fremden Schmerz, mit den großen,
+tiefen Augen, die schrien von einer mühsam verborgenen Qual, da quoll
+das heiße Mitleid in Mettens Herzen über, sie preßte die Lippen auf
+diese nassen Wangen, die nassen Augen, den armen zitternden Mund.
+
+„Nicht weinen, Süßes,“ bat sie leise, selbst mit den Tränen kämpfend.
+„Nicht weinen, Liebes, ich frag’ ja nicht mehr, ich will ja nichts
+wissen. Nur nicht mehr traurig sein. Tu mir an, was du willst, aber
+weine nicht so! Ich kann dich nicht weinen sehen. Hör’ auf, Liebes, ich
+bitt’ dich, weine nicht mehr!“
+
+Olga ließ sich zur Ruhe schmeicheln wie ein unglückliches Kind. Sie
+schloß die zitternden Augenlider und lächelte, während noch die Tropfen
+über ihr Gesicht rollten. Sie legte den Kopf müde in die Kissen zurück.
+Durch den ganzen schlanken Körper ging eine Bewegung wie ein erlöstes
+Sichstrecken.
+
+Sie nahm Mettens Hand und legte sie auf ihre heiße Stirn.
+
+„Gutes!“ sagte sie leise und dankbar. „Mein Gutes!“
+
+Und dann immer noch mit geschlossenen Augen hob sie Mettens willenlose
+Hand von der Stirn und legte die Innenfläche der kühlen Finger auf ihren
+Mund. Und hielt sie da mit beiden Händen fest, lange, lange.
+
+Und Mette saß ganz still und fühlte seltsam wehe Lust und süße
+Traurigkeit und horchte, wie in einem Traum befangen, auf das harte
+Pochen ihres Blutes. – – –
+
+ * * * * *
+
+Die fremden und seltsamen Begebenheiten mehrten sich.
+
+Eines Tages tauchte plötzlich Onkel Jürgen in Berlin auf. Mette hatte
+für Onkel Jürgen immer eine besondere Vorliebe gehabt. Es war eigentlich
+der einzige unter ihren Verwandten, der durch seine stattliche und
+vornehme Erscheinung, seine betont männliche Haltung und einen gewissen
+sachlichen Ernst ihr gefiel, und ihr sogar Achtung abnötigte.
+
+Er begrüßte Mette auf eine merkwürdige Art, mit einer gewollten
+Liebenswürdigkeit, die zu sagen schien: ich tue ganz harmlos, du
+brauchst ja nicht gleich zu merken, weshalb ich hier bin, und was ich
+gegen dich habe.
+
+In Mettens feinem Gefühl wurde sofort ein Mißtrauen rege.
+
+Es steigerte sich, als sie das Knacken des Schlüssels vernahm, nachdem
+die drei – Vater, Tante Emilie und Onkel Jürgen – sich in das
+Studierzimmer zurückgezogen hatten.
+
+Sie schlossen sich ein? Was hatte das zu bedeuten? Galt das den
+Dienstboten oder galt das ihr?
+
+Sie hatte noch nie Interesse für die Verhandlungen ihrer Familie gehabt.
+Aber das leise Geräusch des Schließens hatte eine unbehagliche Neugier
+in ihr erweckt. Sie streifte ein paarmal dicht an der Tür vorüber. Aber
+sie hörte nur ein undeutliches Gemurmel. Es war kein Zweifel, sie
+flüsterten darin.
+
+Mette sehnte sich danach, aus der bedrückenden und unfreundlichen Luft
+des Hauses fortzukommen.
+
+Nach dem Essen – bei welchem nur Onkel Jürgen sprach, und in lauten und
+wohlgesetzten Worten die Schönheiten der kleinen Stadt und die Tugenden
+seiner Kinder pries – wagte Mette endlich die Frage:
+
+„Ihr legt euch doch nach Tisch alle schlafen, nicht wahr? Dann möchte
+ich vorm Kaffee noch eine Stunde zu meiner Freundin gehen.“
+
+Es entstand eine allgemeine Stille. Die drei sahen einander an, niemand
+sah Metten an, niemand antwortete.
+
+Vater sah mit einem unruhigen und fast hilfeflehenden Blick von einem
+zum andern, Onkel Jürgen trommelte auf den Tisch und sah erwartungsvoll
+aus, Tante Emilie räusperte sich und verzog die Winkel des
+zusammengekniffenen Mundes zu einer süßlichen Grimasse, die ein
+freundliches Lächeln vorstellen sollte.
+
+Niemand sprach. Tante Emilie wollte sich nicht vordrängen. Sie hielt mit
+der Antwort zurück und wartete, ob nicht einer der beiden Herren das
+Wort ergreifen wollte. Aber sie schwiegen und sahen nicht aus, als ob
+sie gedächten, in der nächsten Minute die peinliche Stille zu
+unterbrechen.
+
+Also war es an ihr, also durfte sie reden. Sie reckte sich auf und legte
+das Gesicht in Falten, die inniges Mitleid und eine ernste Besorgnis
+ausdrücken sollten. Aber Metten schien es, als ob die kleinen scharfen
+Äuglein funkelten, als ob der steif gestreckte magere Oberkörper
+zitterte in einer bösen Freude.
+
+„Das wirst du wohl ausnahmsweise heute unterlassen müssen, mein liebes
+Kind!“ sagte sie mit sanftem Tonfall und messerscharfer Stimme. „Wir
+erwarten Nachmittag einen Besuch, der dich aufs dringendste angeht.“
+
+„Mich?“ fragte Mette, und sah dabei ihren Vater an.
+
+Aber Rudloff deckte die Augen mit den Lidern und bemühte sich, ein
+nervöses Zucken seines Mundes zu unterdrücken. Er antwortete nicht.
+
+„Ja, dich!“ sagte Tante Emilie so liebenswürdig, als wollte sie ihr eine
+große Freude verkünden.
+
+Mette fühlte in diesem Moment, daß irgend etwas Furchtbares sie
+bedrohte. Ihr war, als sähe sie sich von einem engmaschigen Netz
+umgeben, das in der nächsten Minute durch einen leisen Ruck von Tante
+Emiliens knochigen Fingern über ihrem Kopf zusammengezogen werden
+konnte.
+
+Sie hatte die Empfindung, als ob alle Türen verschlossen, durch Wachen
+verstellt seien, und als ob nichts sie mehr retten könne, als im selben
+Augenblick, ohne Zögern, ohne Überlegung aus dem Fenster zu springen –
+und, was die Lunge hergab – durch die Straßen zu laufen, zu rasen, in
+wildester Flucht, zu Olga.
+
+Sie wurde blaß und machte eine halbe Bewegung. Es war nicht einmal eine
+halbe, es war nur der Ansatz, es war nur der Wille zu einer Bewegung,
+der durch ihre Muskeln lief. Onkel Jürgen mußte es trotzdem bemerkt
+haben.
+
+„Na, Mette!“ sagte er in einem etwas gezwungen gütigen und
+zuversichtlichen Ton, „nur ruhig Blut, mein Deern. Es will dir kein
+Mensch an den Kragen. Du mußt nur Vertrauen zu uns haben und mußt dir
+sagen, daß alles, was geschieht, ausschließlich zu deinem Besten
+geschieht. Und mußt dich bemühen, uns ein bißchen zu unterstützen in
+unseren Bestrebungen, die nur auf dein Wohl gerichtet sind und nicht
+etwa durch kindischen Trotz uns unsere Aufgabe erschweren. Dann werden
+wir auch in gemeinsamer Arbeit über diese Zeit wegkommen, und du wirst
+uns später sehr dankbar sein, daß wir dich mit liebevoller Gewalt auf
+den richtigen Weg geführt haben. Und wirst an diese Zeit jetzt
+zurückdenken, wie an einen schweren Traum, der gar keine Bedeutung hat
+für dein späteres Leben.“
+
+Diese feierliche Ansprache steigerte Mettens dumpfes Unbehagen zu einem
+beinah irrsinnigen Angstgefühl. Das alles war fremd und unverständlich.
+Sie wußte, daß Tante Emilie jetzt nur auf eine Frage wartete, um mit
+einem Wortschwall loszubrechen. Darum fragte sie nicht: Was ist denn
+geschehen? Was wird denn geschehen?
+
+„Aus dem Fenster! Aus dem Fenster!“ war das einzige, was sie dachte. Und
+im Moment, als sie draußen die Flurklingel schrillen hörte, zuckte sie
+zusammen und wußte: „Jetzt ist es zu spät!“
+
+Das Hausmädchen kam hereingeschlichen, als käme sie in ein Krankenzimmer
+und brachte Franz Rudloff eine Karte.
+
+Seine Hand zitterte, als er sie von dem kleinen silbernen Tablett nahm.
+Er mußte sich auf den Tisch stützen, um aufzustehen. Sein Gesicht sah
+verzerrt und verfallen aus.
+
+„Haben Sie den Herrn Professor in mein Zimmer geführt? Ich komme!“
+
+Er goß sich schnell noch einen Schluck Wasser in sein Glas. Die
+hartgestärkte Manschette rasselte gegen die Flasche.
+
+Er ging hinaus mit einem sichtlichen Bemühen, gerade und aufrecht zu
+schreiten.
+
+Die drei blieben schweigend zurück. Mette hielt es nicht aus, am Tisch
+sitzen zu bleiben.
+
+Als sie aufstand, machte Onkel Jürgen eine hastige Bewegung, als wollte
+er sie zurückhalten. Aber sie ging nicht nach der Tür, sie machte gar
+nicht mehr den Versuch, zu entkommen. Sie ging an das Fenster und sah
+durch den geschlossenen Spitzenvorhang hindurch auf die Straße.
+
+Die eintönigen Rufe spielender Kinder drangen herauf. Ein Geschäftswagen
+rollte heran, hielt vor dem Haus drüben. Der Mitfahrer sprang herunter,
+schloß auf, belud sich mit Paketen und schlug die Tür mit scharfem Knall
+wieder zu.
+
+Jede Bewegung, jedes Geräusch prägte sich mit ungewohnter Deutlichkeit
+in Mettens Gehirn. Es ging nichts in ihr vor, als die scharfe
+Beobachtung dieser alltäglichen Dinge.
+
+Hinter ihrem Rücken tat die Tür sich auf. Sie hörte des Vaters gedrückte
+und etwas heisere Stimme:
+
+„Emilie, willst du bitte so gut sein?“
+
+Mette hörte das Stuhlrücken und das Rauschen der Röcke, ohne sich
+umzudrehen.
+
+Die Tür schloß sich wieder.
+
+Jetzt war sie mit Onkel Jürgen allein. Jetzt hätte sie ihn um irgendeine
+Erklärung fragen sollen. Er war ja doch von diesen drei Menschen immer
+noch der vernünftigste. Ach, aber trotzdem, es war zwecklos. Er war ihr
+ja doch fremd, unendlich fremd.
+
+„Mutter!“ dachte sie, und etwas wie ein krampfhaftes Schluchzen quoll in
+ihrem Halse auf.
+
+„Liebe, gute Mutter, warum hast du mich allein gelassen, ganz allein auf
+der Welt?“
+
+„Allein!?“ Ihr war, als hörte sie stark und deutlich dies Wort von Olgas
+Stimme. Und sie sah die ernsten Augen forschend und beinah drohend auf
+sich gerichtet.
+
+Eine heiße Welle flutete über ihr Herz. Sie krampfte die verschlungenen
+Hände ineinander und lächelte, während ihr die Tränen in die Augen
+traten.
+
+„Nein, ich bin nicht allein,“ dachte sie mit einem so andächtigen
+Gefühl, als spräche sie ein Gebet, „ich habe dich, Liebes, Schönes,
+Großes. _Dich_ kann mir das alte böse Weib nicht nehmen, dich nicht! Und
+wenn sie mich foltern und mich in Stücke reißen – mir kann nichts
+geschehen – ich hab’ ja dich!“
+
+Eine große Ruhe und Zuversicht kam über sie. Ihr war, als hätte sie
+einen schlimmen und gefährlichen Weg vor sich. Sie mußte über Moorboden
+gehen und durch Schmutz und Schlamm waten und reißende Wasser
+durchschwimmen – aber drüben stand Olga Radó und streckte beide Hände
+nach ihr und sagte: „Komm!“
+
+Und da wurde der Weg leicht und beinah lockend.
+
+Als jetzt die Tür ging und Vater erschien und zaghaft sagte:
+
+„Mette, komm bitte einmal her!“ hatte sie fast ein Gefühl von Freude. So
+wie einer, der gut gelernt hat, sich aufs Examen freut oder ein Mutiger
+sich auf den Kampf.
+
+Sie ging sehr gerade und fest durch das Zimmer und lächelte ein
+überlegenes und fast höhnisches Lächeln.
+
+Bei ihrem Eintritt erhob sich aus Vaters Studierstuhl ein schmächtiger
+Mann mit scharfen Zügen und durchdringenden Augen, in dessen
+wohlgepflegtem schwarzen Spitzbart sich einige frühe weiße Fäden
+zeigten.
+
+Da niemand Miene machte, ihn vorzustellen, murmelte er selbst mit
+leichter Verbeugung seinen Namen und warf dann den anderen einen Blick
+zu, der einem Befehl zu schleunigem Rückzug gleichkam.
+
+Rudloff atmete sichtlich auf, während Tante Emilie zögerte und sich
+ungern trennte. Sie warf noch in der Tür einen langen, neugierigen Blick
+zurück; aber der Professor sprach kein Wort, machte keine Geste, ehe
+sich nicht die Tür geschlossen hatte.
+
+Dann rückte er einen Sessel:
+
+„Wollen Sie bitte Platz nehmen.“
+
+Mette setzte sich gehorsam.
+
+Der Mann ihr gegenüber beugte sich ein wenig vor und sagte mit einer
+sanften und fast einschmeichelnden Stimme:
+
+„Und nun sagen Sie mir erst mal, mein liebes Kind, daß Sie Vertrauen zu
+mir haben wollen.“
+
+Mette richtete sich steif auf.
+
+„Oh – durchaus nicht, Herr Professor!“ sagte sie ruhig.
+
+Der Mann fuhr etwas zurück.
+
+„Was heißt das?“ fragte er befremdet.
+
+„Das heißt,“ sagte Mette kühl, während ihr das Herz zum Zerspringen
+klopfte, „daß meine Tante Sie hergerufen hat, und daß ich allem
+mißtraue, was mir von dieser Seite kommt. Wahrscheinlich hat sie die
+Absicht, mich in ein Irrenhaus zu sperren, und Sie sollen konstatieren,
+daß ich geistig defekt bin. Sie hat mir so was Ähnliches schon einmal
+angestellt, als ich noch ein kleines Kind war. Aber wenn Sie Psychiater
+sind, so werden Sie wissen, daß das Gefühl, auf den Geisteszustand
+beobachtet zu werden, in den normalsten Menschen etwas Irrsinnähnliches
+auslösen kann. Und Sie werden mir das in Anrechnung bringen.“
+
+Der Arzt lächelte – ein feines Lächeln.
+
+„Ich habe nicht die geringste Veranlassung, an Ihren außerordentlichen
+geistigen Fähigkeiten zu zweifeln – im Gegenteil – kein Mensch zweifelt
+daran. Und kein Mensch denkt daran, Sie in ein Irrenhaus sperren zu
+wollen. Ich bin hergekommen, um mich ein wenig mit Ihnen zu unterhalten
+– aus wissenschaftlichem und menschlichem Interesse. Darf ich ein paar
+Fragen an Sie richten?“
+
+„Gewiß!“ sagte Mette. „Aber ich würde wahrscheinlich imstande sein,
+präziser auf diese Fragen zu antworten, wenn Sie mir gestatteten, dabei
+eine Zigarette zu rauchen.“
+
+„Gern!“ sagte der Professor zuvorkommend.
+
+Mette nahm den Zigarettenkasten vom Schreibtisch und bot ihm an.
+
+Er nahm, und während er sein Feuerzeug aufknipste und ihr das Flämmchen
+hinüber reichte, fragte er in beiläufigem Ton:
+
+„Sie sind passionierte Raucherin?“
+
+„Ich habe es mir beim Lernen angewöhnt,“ sagte sie. „Es hilft mir, die
+Gedanken zusammen zu halten. Und da ich doch den Verdacht noch nicht
+ganz los bin, daß Sie mir aus irgendeiner dummen Antwort einen
+Schwachsinn konstruieren ...“
+
+Der Professor lachte:
+
+„Das sollte mir schwer fallen – aber Sie haben recht, es plaudert sich
+viel gemütlicher bei der Zigarette. Nun erzählen Sie mir doch erst mal,
+was war das eigentlich für eine Angelegenheit, die Sie mir vorher
+andeuteten? Was hat Ihre Frau Tante für böse Absichten gehabt, als Sie
+noch ein kleines Kind waren?“
+
+„Ach,“ sagte Mette, „sie hat mir einen Kinderpsychiater kommen lassen,
+weil ich Silberzeug aus dem Büfett genommen hatte.“
+
+„Ach,“ sagte der Professor interessiert mit einem belustigten Lächeln.
+„Und warum taten Sie das? Hatten Sie Freude am Silber?“
+
+„Nein, ich hab’ es versetzt!“
+
+„Versetzt!“ Der Professor lachte hell auf. „Wie sind Sie als kleines
+Kind auf diese Idee gekommen?“
+
+„Nicht aus mir selbst!“ sagte Mette ernsthaft. Aus Nebeln der
+Vergangenheit stieg plötzlich klar und deutlich Friedel Eggebrechts Bild
+auf. „Mein Kinderfräulein hat mich dazu verleitet. Ich stand vollständig
+unter ihrem Einfluß – der nicht gerade sehr günstig war.“
+
+„Ach!“ sagte der Professor mit leichtem Erstaunen. „Sind Sie
+beeinflußbar? Das sieht man Ihnen nicht an! Jetzt würde Sie
+wahrscheinlich keine Macht der Welt mehr zu solchen Dingen bringen!“
+
+„Ach, verflucht!“ sagte Mette mit einem plötzlichen Erschrecken, „jetzt
+hab’ ich ja das blöde Silber verfallen lassen!“
+
+Der Professor amüsierte sich köstlich, oder er tat wenigstens so.
+
+„Welches?“ fragte er. „Das, was Sie vor zehn Jahren versetzt haben? Das
+wird nun wohl allerdings verfallen sein!“
+
+„Nein,“ sagte Mette unbefangen, „das, was ich jetzt versetzt habe. Das
+hatt’ ich ja in den Tod vergessen!“
+
+„Sie brauchen sich darum nicht zu ängstigen,“ sagte der Professor
+liebenswürdig, „es ist eingelöst worden.“
+
+Mette faßte im Moment nicht ganz.
+
+„Wieso? Es hat doch niemand davon gewußt.“
+
+„Man hat den Schein bei Ihnen gefunden.“
+
+„Gefunden!“ Mette sprang auf. „Gefunden?! Das heißt, daß diese schamlose
+Person heimlich über meine Sachen geht und darin herumwühlt. Oh, schade,
+daß ich sie nicht dabei ertappt habe – ich hätte sie mit meinen eigenen
+Händen erwürgt, glaube ich!“
+
+„Bitte, setzen Sie sich!“ sagte der Professor, noch ohne Schärfe, aber
+so zwingend, daß Mette gehorchte.
+
+„Wenn Sie mit dieser Person Ihre Frau Tante meinen, so muß ich ihr als
+Mensch und als Arzt das Recht zugestehen, Sie als ihre Pflegebefohlene
+ein wenig intensiver zu beaufsichtigen, als es sonst zwischen
+erwachsenen Menschen üblich ist.“
+
+„Ich _bin_ ein erwachsener Mensch!“ sagte Mette zornig.
+
+„Sie sind ein Kind,“ sagte der Arzt sehr milde, „ein Kind, das gar nicht
+weiß, in welcher Gefahr es schwebt – und das uns allen sehr dankbar sein
+wird, wenn es einmal erwachsen sein wird und einsehen lernt, wovor wir
+es behütet haben.“
+
+„Ich glaube, Sie sind im Irrtum!“ sagte Mette eiskalt. „Ich bin in
+keiner Gefahr. Und wenn, dann behüte ich mich selber.“
+
+„Solange Sie nicht mündig sind, werden Sie schon unsere helfende Hand
+nicht zurückweisen dürfen.“
+
+Das klang gütig, aber sehr bestimmt.
+
+„Ich zweifle, daß Sie aus eigener Kraft den Entschluß aufbringen werden,
+sich von Ihrer Freundin zu trennen, unter deren Einfluß Sie stehen.“
+
+Metten strömte das Blut jäh zum Herzen. Sie fühlte, daß sie weiß wurde
+wie Leinen.
+
+„Was wissen Sie von meiner Freundin?“ fragte sie schroff. Der Atem
+drohte ihr zu versagen.
+
+Der Arzt lächelte überlegen.
+
+„Jedenfalls mehr als Sie.“
+
+„Das bezweifle ich,“ unterbrach ihn Mette in einem harten und
+spöttischen Ton.
+
+Er war nicht aus seiner Ruhe zu bringen.
+
+„Ich weiß,“ sagte er in gelassenem, aber festem Ton, „daß Sie unter dem
+Einfluß einer Frau stehen, der für Sie höchst verderblich ist. Ich
+begreife Sie ja. Sie _sind_ ein Kind. Ich will dieser Frau Geist und
+Liebenswürdigkeit gewiß nicht absprechen. Sie sind stolz auf diese
+Freundschaft und würden ihr alles zum Opfer bringen. Sie lassen sich
+durch diese Freundschaft auf die Bahn des Verbrechens treiben ...“
+
+„Ach, Unsinn!“ sagte Mette.
+
+„Ich verstehe, daß Sie mir widersprechen. Aber nehmen Sie einmal Ihren
+klaren Verstand zu Hilfe, und denken Sie logisch nach. Sie entwenden das
+Silberzeug aus dem Büfett Ihrer Eltern. Sie lassen sich von Ihrem Vater
+Stundengeld geben und legen das Geld dafür an, mit Ihrer Freundin Auto
+zu fahren, Sekt zu trinken, die Oper zu besuchen. Sie bezahlen die
+Schneiderrechnungen dieser Freundin mit Geld, welches Sie sich auf
+unrechtmäßige Weise verschafft haben. Ja, Kind, sehen Sie denn nicht
+selbst, auf welchen Abgrund Sie zusteuern?“
+
+Woher wußten sie das alles? Wie durch einen aufflammenden Blitz
+erleuchtet, lagen die Zusammenhänge klar vor Metten.
+
+Man hatte sie durch einen Detektiv beobachten lassen, auf Schritt und
+Tritt. Wo sie ging und stand, hatten fremde Augen an ihr geklebt, fremde
+Augen und Tante Emiliens Gedanken.
+
+Der Mann in Wannsee ... und da vielleicht ... und dort auch. Das war es,
+was Olga so geängstigt hatte. Sie hatte es gewußt, gekannt, schon einmal
+durchgemacht. Arme Olla ...
+
+Mette saß ganz still und rührte sich nicht. Ihr war, als ob
+erbarmungslose Hände ihr Stück für Stück der Kleidung vom Leibe rissen.
+Es waren nicht die Hände dieses fremden Mannes, es waren Tante Emiliens
+Hände, die das taten, es war Tante Emiliens Gesicht, das sie vor sich
+sah, hohngrinsend, geifernd vor böser Lust – langsam, langsam krampften
+sich Mettens Finger zu Fäusten zusammen – sie reckte den Hals vor,
+senkte die Stirn, verzerrte die Mundwinkel und schluckte gewaltsam.
+
+Die Stimme des Professors wurde wieder ganz sanft und begütigend:
+
+„Denken Sie doch einmal zurück an Ihre Kinderzeit! Haben Sie dieses
+Kinderfräulein, unter deren Einfluß Sie damals standen, nicht auch
+geliebt? Und sind Sie jetzt nicht froh und dankbar, daß man Sie von ihr
+getrennt hat? Genau so dankbar werden Sie uns später sein, wenn Sie erst
+zur Einsicht gekommen sind. Wenn Sie nachdenken, so wissen Sie ja jetzt
+schon in Ihrem tiefsten Innern Bescheid. _Sie_ sind die treue Freundin.
+_Sie_ lieben, _Sie_ opfern sich auf. Und Sie werden ausgenutzt, als
+Spielzeug behandelt, bei Gelegenheit verleugnet und über kurz oder lang
+beiseite geworfen. Denken Sie denn, das wäre der erste Fall, der uns vor
+Augen kommt? Dann sind Sie fürs Leben verdorben, körperlich und seelisch
+krank, jeder Glücksmöglichkeit beraubt – was bleibt Ihnen dann? – Je
+nach Ihrer Veranlagung: Mord oder Selbstmord! Ich habe furchtbare
+Tragödien auf diese Art entstehen sehen ...“
+
+Mette kämpfte vergeblich gegen den Eindruck an, den diese Worte auf sie
+machten. Ihre gereizten Nerven spürten einen eiskalten Hauch, der sie
+bis in das innerste Herz erschauern machte. Es schien ihr wie ein
+mahnender Gruß aus einer dunkel verhüllten Zukunft. Tod – Ende! Ein
+grauenhaftes Etwas schritt unbeirrbar auf sie zu und warf seinen kühlen
+Schatten voraus.
+
+Sie fröstelte.
+
+Sie mußte sich anstrengen, um eine äußerliche Ruhe zu erzwingen. Sie
+krallte die Finger um die Sessellehnen und schluckte ein paarmal.
+
+„Das alles tut ja nichts zur Sache,“ sagte sie endlich mühsam.
+„Vielleicht sind Sie so gut und teilen mir mit, weshalb man Sie
+eigentlich gerufen hat, und was man über mich beschlossen hat. Denn es
+_ist_ doch irgend etwas über mich beschlossen. Wenn nicht in ein
+Irrenhaus – will man mich dann in ein Kloster sperren, oder in eine
+Besserungsanstalt, oder nach Amerika verschicken?“
+
+Der Arzt lächelte. „Aber nichts von alledem. Sie werden auf einige Zeit
+mit Ihrem Onkel, mit Herrn von Seyblitz, zu seiner Familie fahren. – Sie
+werden in guter Luft und einem ruhigen Leben Ihre Nerven kräftigen und
+werden dann selbständig zu gesunden und willensstarken Entschlüssen
+kommen.“
+
+„Wann soll ich fahren?“ stieß Mette kurz hervor.
+
+„Heute noch!“
+
+„Ich muß doch erst einen Koffer packen!“
+
+„Der wird jetzt während unserer Unterredung schon gepackt!“
+
+Das war das, was sie gefürchtet hatte. Mette fühlte die Mauern, die
+Handfesseln. Sie warf einen Blick um sich wie ein gehetztes, in die Enge
+getriebenes Tier. Nirgends ein Ausweg, nirgends eine Möglichkeit zur
+Flucht.
+
+Man trennte sie von Olga. Das war schlimm, aber nicht das Schlimmste.
+Man tat ihr Gewalt an. Man hätte diese Reise von ihr erbitten sollen,
+man hätte ihr Zeit lassen sollen, Zeit zu einem Abschied, zu einer
+Erklärung, Zeit, ihre Sachen selber einzupacken, ihre Bücher ... jetzt
+war Tante Emilie an ihrer Kommode und packte ihre Sachen ein, wühlte
+darin herum ... in einer Stunde saß sie vielleicht schon im Zug, ohne
+Olga Nachricht geben zu können ... und Onkel Jürgen saß ihr gegenüber
+als Gefangenenwärter ... und was würde unterdessen hier geschehen? mit
+ihrem Schreibtisch ... mit ihren Büchern ... mit Olga ...?
+
+Sie spürte Lust, irgend etwas zu zerreißen, zu zerschlagen, mit dem Kopf
+gegen die Wände anzurennen. Sie tat nichts. Sie stand von ihrem Stuhl
+auf, sehr blaß, sehr ruhig und sagte:
+
+„Also ... ist das nun alles?“
+
+„Es freut mich,“ sagte der Professor, ebenfalls sich aus seinem Sessel
+erhebend, „daß Sie sich mit dieser Reise einverstanden erklären.“
+
+„Einverstanden?“ sagte Mette mit einem verächtlichen Zucken der Lippen.
+„Ich füge mich dem Zwang, weil ich weiß, daß jeder Widerstand nutzlos
+ist. Wenn meine Tante mich hier forthaben will, läßt sie mich in Ketten
+wegschleifen, und mein Vater sieht zu, und alle Gerichte der Welt geben
+ihr recht.“
+
+Der Professor ging an ihr vorüber und machte die Tür auf.
+
+„Fräulein Melitta und ich sind uns ganz einig!“ rief er heiter. „Ich
+habe ihr eine kleine Luftveränderung verschrieben, und sie freut sich
+sehr, ein paar Wochen in Ihrem gastlichen Hause zu verbringen, Herr von
+Seyblitz!“
+
+Onkel Jürgen rieb sich die kräftigen Hände, Franz Rudloff versuchte ein
+farbloses Lächeln, und Tante Emilie machte ein überraschtes und – wie es
+Metten schien – sichtlich enttäuschtes Gesicht.
+
+Sie schoß auf den Professor los und zischte halblaut, aber doch laut
+genug, daß alle es hören konnten:
+
+„Sie sagten mir doch, Herr Professor, daß Sie eine Untersuchung
+vornehmen wollten, um möglicherweise irgendwelche körperlichen Anomalien
+festzustellen ... ich glaube bestimmt ...“
+
+Der Professor versuchte umsonst, sie durch eine leichte Geste der Hand
+und der Augenlider zum Schweigen zu bringen. Es war zu spät.
+
+Mette hatte schon begriffen. Ganz jäh und mit einem Schlage alles
+begriffen.
+
+Sie spürte nur die eine brennende Sehnsucht, dies widerliche Geschöpf da
+unter ihren Händen verenden zu sehen.
+
+Sie wußte nicht, daß sie eine Bewegung machte. Der Boden wich unter
+ihren Füßen zurück. Sie hörte ein Röcheln, das fremd und grauenhaft war,
+und das doch aus ihrer eigenen Kehle kam. Sie spürte, daß ihre Finger
+sich um einen dürren, faltigen Hals krallten und spürte im selben
+Moment, daß eisenfeste Hände ihre Gelenke umklammerten, so fest
+umklammerten, daß das Blut ihr in den Adern zu stocken schien, und ihr
+war, als müßte sie ersticken.
+
+Sie fühlte, daß sie diese Folter nicht einen Herzschlag länger ertragen
+konnte.
+
+„Loslassen!“ knirschte sie. „Loslassen!“
+
+Der Arzt gab sofort ihren rechten Arm frei. Eine Sekunde später Onkel
+Jürgen den linken.
+
+Jetzt fing die Haut über den Gelenken an zu schmerzen. Sie rieb sie ganz
+mechanisch. Sie fühlte sich müde, ruhig, zerschlagen.
+
+Der Gedanke tat ihr fast wohl, daß sie fort sollte, aus diesem Haus, von
+diesen Leuten fort, jetzt gleich, in dieser Stunde noch.
+
+Sie wandte sich mit ihren Fragen nur noch an den Arzt:
+
+„Wann geht der Zug? Wird es nicht Zeit, daß ich mich fertig mache?“ –
+
+Als das Auto vor der Tür stand, fragte der Professor beiläufig:
+
+„Wir haben, glaube ich, denselben Weg. Haben Sie nicht einen Platz im
+Wagen frei?“
+
+Mette sah ihn groß an und lächelte ein wenig spöttisch:
+
+„Sie brauchen gar keine Ausrede, Herr Professor, wenn Sie mich an die
+Bahn bringen wollen. Meine Familie wird auf das Vergnügen verzichten. Es
+ist besser für alle Beteiligten.“
+
+Sie reichte ihrem Vater die Fingerspitzen, die dieser mit beiden Händen
+umschloß.
+
+„Adieu, Papa, laß dir’s gut gehen.“
+
+Tante Emilie zog sich mit gespielter Ängstlichkeit an die Wand zurück,
+als befürchtete sie einen neuen Anschlag auf ihr Leben.
+
+Mette streifte sie nur mit einem verächtlichen Blick. –
+
+Die Bahnfahrt war doch länger, als sie gedacht hatte. Mette sah
+angespannt aus dem Fenster und bemühte sich, die Namen der Stationen,
+jedes Dorf und jedes Bahnwärterhäuschen ihrem Gedächtnis einzuprägen. Es
+wäre doch möglich, daß sie zu Fuß zurück müßte.
+
+Sie hatte kein Geld – ob sie Gelegenheit hatte, Wertsachen zu versetzen
+oder zu verkaufen, war fraglich. Sie sah nach den Kilometerschildern, 87
+Kilometer bis Berlin. Fünf Kilometer in der Stunde schaffte sie glatt.
+Es war nur schade, daß nicht Sommer war. Bei zwei Grad unter Null ließ
+sich’s nicht gut im Freien nächtigen. – – –
+
+ * * * * *
+
+Mette saß in der hellen und freundlichen Mansardenstube auf dem
+Fenstertritt, rauchte eine Zigarette und polierte ihre Nägel.
+
+Auf der weißen Decke des Nähtisches, den Mette zum Toilettentisch
+degradiert oder befördert hatte, lag aufgeschlagen ein kleines, dickes,
+schwarzes Buch: das Neue Testament.
+
+Die Tür wurde aufgemacht, und ihr Vetter Hermann schob sich durch den
+Spalt. Er blieb in der offenen Tür stehen und spielte mit der Klinke.
+
+„Ob du zum Abendbrot runterkommst, oder ob du noch Kopfschmerzen hast?“
+fragte er lakonisch.
+
+„Mach’ die Tür zu, Junge!“ herrschte Mette gedämpft. Sie wollte nicht,
+daß der Zigarettenrauch auf den Treppenflur und in Tante Antoniens feine
+Nase zöge.
+
+Der Junge machte die Tür zu, aber ließ die Klinke nicht los.
+
+„Warum klebst du eigentlich an der Türe?“ fragte Mette belustigt.
+„Bitte, tritt näher. Nimm Platz!“
+
+Der Junge zögerte.
+
+„Wir sollen eigentlich nicht zu dir hinein,“ meinte er. „Aber wenn deine
+Kopfschmerzen besser sind, dann wirst du ja auch nicht mehr so krank
+sein ...“
+
+„Krank?“ sagte Mette verwundert. „Sollt ihr nicht zu mir hereinkommen,
+weil ich krank bin?“
+
+„Ja!“ sagte der Zwölfjährige altklug. „Wegen der Ansteckungsgefahr!“
+
+„Ach, Männe!“ Mette lachte kurz auf. „Die Krankheit, die ich habe,
+steckt ganz gewiß nicht an.“
+
+„Was hast du denn für eine Krankheit?“ Der Junge kam neugierig näher.
+
+Mette zögerte mit der Antwort.
+
+Der Junge warf einen begehrlichen Blick auf die Zigaretten.
+
+„Schenk’ mir eine!“ bettelte er plötzlich.
+
+„Ja,“ sagte Mette rasch. „So viel du willst. Aber du mußt mir einen
+Brief auf die Post bringen, ganz heimlich, so, daß es keiner sieht. Kann
+man sich auf dich verlassen?“
+
+Mette sah ihn scharf und prüfend an. Der Ehrgeiz des Jungen war geweckt.
+
+„Aber!“ sagte er überzeugt, „meinst du, daß ich mich erwischen lasse?
+Ich bin doch nicht dämlich.“
+
+Er bekam den Brief und die Zigaretten und verstaute beides so
+kunstgerecht in der Bluse, daß Mette lächelnd dachte: „Es ist nicht das
+erstemal, daß er da etwas vor Mutters scharfen Augen versteckt.“
+
+Er zögerte noch zu gehen. Er druckste ein bißchen und platzte dann
+heraus:
+
+„Sag’ mir doch, was du für eine Krankheit hast?!“
+
+Mette dachte nach, was sie ihm antworten sollte. Ihr Blick fiel auf das
+Zigarettenetui.
+
+„Weißt du, Männe,“ sagte sie nach einer Weile, „mich hat ein Skorpion
+gestochen. Nun ist mein ganzes Blut vergiftet. Und du weißt doch: gegen
+Skorpionengift hilft nur Skorpionengift. Und hier gibt es keinen
+Skorpion. Aber daß es ansteckt, das ist ein Aberglaube. Das sind die
+Phalangien, die so giftig sind, daß man sich ansteckt, wenn man sich im
+Waschwasser eines Gestochenen wäscht. Das hat deine Mutter verwechselt.“
+
+„Es ist nicht ansteckend?“ fragte der Junge und wagte sich noch ein
+Schrittchen näher.
+
+„Nein!“ Mette schüttelte den Kopf mit einem wehen Lächeln. „Ich glaube
+wohl, daß es _tödlich_ sein kann – aber ansteckend ist es nicht.“ – – –
+
+ * * * * *
+
+Der kleine Hermann, der den Brief mit viel Heimlichkeit und
+Wichtigtuerei nach der Post besorgte, war fest überzeugt, daß es ein
+Liebesbrief sein müsse, den man ihm anvertraut hatte. Er wäre sehr
+erstaunt gewesen, wenn er erfahren hätte, daß in dem Brief mehr von ihm,
+von dem kleinen Hermann selbst, die Rede war, als von Liebe.
+
+„... Ich habe die Kinder meines Onkels früher gehaßt“ ... das schrieb
+sie, nachdem sie von den Begebenheiten der letzten Tage eine sachliche
+Schilderung gegeben hatte. „... Ich hatte keinen Grund, sie zu hassen,
+als daß sie so abstehende Ohren hatten. Sag’ mir, Liebes, wodurch bin
+ich ein so ganz anderer Mensch geworden? Ich sehe jetzt Charaktere in
+jedem kindischen Benehmen, und ich sehe Schicksale, die an diese
+Charaktere unlöslich festgekettet sind. Ich sehe, daß die kleine Annemie
+einmal ein schweres Leben haben wird – nicht nur, weil sie abstehende
+Ohren hat – und darum habe ich immer das Gefühl, ich möchte ihr helfen,
+ich möchte ihr schenken, um die paar glücklichen Stunden in ihrem Leben
+zu vermehren ...
+
+Ich habe eine Entdeckung gemacht, Olla. Du wirst mich auslachen. Meine
+Tante Antonie hat den Bücherschrank vor mir verschlossen und hat mir das
+Neue Testament aufs Zimmer gelegt. Ich habe sie in Verdacht, sie wollte
+mich damit strafen. Vor einem Jahr hätt’ ich es voll Empörung an die
+Wand geworfen und wäre gar nicht auf den Gedanken gekommen, daß man es
+lesen könnte. Und jetzt habe ich mich so damit befreundet! Was ist das
+doch für ein herrliches Buch! Aber ich mache mich lächerlich vor Dir mit
+meiner Entdeckung. Gibt es wohl etwas Schönes auf der Welt, was Du nicht
+kennst und liebst?“ – – –
+
+ * * * * *
+
+Onkel Jürgen und Tante Antonie waren aufs angenehmste überrascht von
+Mettens Betragen. Sie hatten ein widerspenstiges Kind erwartet, das sie
+nötigenfalls unter Anwendung von Gewalt zähmen mußten und fanden eine
+junge Dame von formvollendeter Liebenswürdigkeit. So wirkte es peinlich,
+sie überall zu beschränken und zu beaufsichtigen, und man gewährte ihr
+eine Freiheit nach der anderen.
+
+Mette nutzte diese Freiheiten aus und traf Vorbereitungen zur Flucht.
+Sie hatte Tag und Nacht keinen anderen Gedanken, und die dauernde
+Beschäftigung mit diesen Plänen stimmte sie zu fast ausgelassen-heiterer
+Erregung.
+
+Es handelte sich vor allem darum, sich Geld zu verschaffen. Mette
+verkaufte von ihren Sachen, was ihr irgend entbehrlich schien. Aber das
+brachte nicht genug. Sie fing an, Sachen aus dem Haushalt zu
+verschleudern. Es war schwierig und unpraktisch. Erstens konnte es
+herauskommen, ehe sie fort war, dann war alles verloren, und zweitens
+lohnte es nicht die aufgewendete Mühe, und es tat ihr auch leid,
+wertvolle Dinge um einen Spottpreis wegzugeben.
+
+Eines Tages empfing Onkel Jürgen mit der Post eine größere Summe, die er
+in Mettens Gegenwart in den Schreibtisch einschloß.
+
+Mette starrte wie hypnotisiert auf den verschlossenen Kasten. Da war
+alles, was sie brauchte, aber wie dazugelangen?
+
+Sie lag eine ganze Nacht, ohne Schlaf zu finden, oder auch nur zu
+suchen. Ihre Gedanken arbeiteten fieberhaft.
+
+Nachts den Schreibtisch gewaltsam erbrechen. Es ging kein Zug mehr, der
+sie dann vor Tagesanbruch in Sicherheit brachte.
+
+Einen Wachsabdruck des Schlosses nehmen. Der Schlosser würde Verdacht
+schöpfen, wenn sie sich einen Schlüssel danach machen ließ.
+
+Das Schlüsselbund stehlen? Man würde es sofort vermissen und das ganze
+Haus durchsuchen.
+
+Den Schreibtischschlüssel vom Bund lösen? Man würde auch das Fehlen
+dieses einen wichtigsten Schlüssels sofort bemerken.
+
+Am anderen Tag holte sich Mette vom Schlosser ein halb Dutzend
+Schlüssel. Sie erzählte eine Geschichte von einem verlorenen
+Schrankschlüssel und freute sich fast darüber, wie sicher und unbefangen
+sie ihre Märchen vortrug.
+
+In der Nacht schlich sie hinunter und probierte die gekauften Schlüssel.
+Sie hatte die Form und Größe des Schlüssels sich gut gemerkt. Fast alle
+ließen sich ins Schloß schieben. Aber keiner schloß.
+
+Am anderen Tag erbat sie die Schlüssel, um ein Buch aus der Bibliothek
+zu nehmen. Während sie vor dem Bücherschrank kniete, löste sie den
+Schreibtischschlüssel vom Bund. Einen bereitgehaltenen, der ihm
+äußerlich gleich sah, fügte sie an seine Stelle.
+
+Sie nahm ein Buch aus dem Schrank, ohne zu wissen, welches.
+
+In dem Augenblick, in dem sie Onkel Jürgen das Schlüsselbund zurückgab,
+glaubte sie, er müsse das rasende Schlagen ihres Herzens spüren. Sie
+fühlte, daß ihr Gesicht weiß aussehen mußte wie Kalk und bemühte sich,
+mit steifgefrorenen Lippen zu lächeln.
+
+Der Onkel nahm ihr die Schlüssel ab, ohne von seiner Zeitung aufzusehen
+und ließ sie mit einem flüchtigen „Danke!“ in die Hosentasche gleiten.
+
+Mette packte ihren Handkoffer und gab eine Depesche auf. In der
+Dämmerung schaffte sie den Handkoffer nach der Bahn.
+
+Um halb acht wurde zu Abend gegessen. Um halb neun ging der Zug.
+
+Mette klagte während des Essens über Kopfschmerzen. Der Onkel gab ihr
+auf ihre Bitte ein Pyramidon und empfahl ihr, sich gleich hinzulegen.
+
+Mette sagte: „Gute Nacht!“ während die anderen noch bei Tisch saßen.
+
+Um vom Eßzimmer nach dem Treppenflur zu kommen, mußte sie durch das
+dunkle Wohnzimmer. Während sie aus dem Nebenzimmer die Stimmen hörte und
+jeden Augenblick das Stuhlrücken der Aufstehenden zu hören glaubte,
+schloß sie das Schreibtischfach auf und stopfte eine Handvoll Scheine in
+ihre Bluse.
+
+Im Treppenflur hing ihr Mantel schon vorsorglich bereit. Sie schlüpfte
+hinein und öffnete die kleine Hintertür, die an der Küche vorbei in den
+Garten führte. Vorne an den Fenstern des Speisezimmers vorbeizugehen,
+wagte sie nicht.
+
+Über das niedrige Gartenstaket sich zu schwingen, war keine
+Schwierigkeit. Noch einmal sah sie sich um. Von dieser Seite war das
+Haus ganz dunkel. Sie horchte. Keine Tür ging, kein Fenster klirrte.
+Dann wandte sie sich und lief wie gejagt querfeldein – dem Bahnhof zu. –
+– –
+
+ * * * * *
+
+Während der Bahnfahrt kämpfte sie manchmal mit einer qualvollen
+Bangigkeit. Sie sah sich verfolgt, gefesselt – der Zug schien
+unerträglich langsam zu fahren, auf allen Stationen über Gebühr zu
+halten.
+
+Sie hatte mitunter das Gefühl, daß es besser wäre, auszusteigen und zu
+laufen, vorwärtszujagen, bis Atem und Muskelkraft versagten, als so in
+untätiger Unrast gefangen zu sein und zu warten, bis die träge Maschine
+sie ans Ziel brachte.
+
+Mit einem plötzlichen Erschrecken dachte sie an die Möglichkeit, daß ihr
+Telegramm nicht zur Zeit angekommen sein könne oder Olga nicht zu Hause
+getroffen habe.
+
+Was sollte sie nur um Gottes willen anfangen, wenn Olga nicht an der
+Bahn war!
+
+Nach Hause zu fahren, war eine Unmöglichkeit. Sie glaubte schon
+Zwangsjacke und Handschellen zu spüren.
+
+In der Nacht zu Olga? An einem fremden Haus klingeln, die Leute in der
+Pension wecken? Mit welchem Recht?
+
+Ihr blieb nichts übrig, als sich für die Nacht in einem Hotel
+einzumieten. Aber wo war sie sicher? Morgen früh würde man überall nach
+ihr suchen. Ihr graute vor dem, was ihr dann bevorstand.
+
+Und ihr graute vor der einsamen Nacht in einem fremden Zimmer.
+
+Es kamen Augenblicke, wo sie verwundert ihrem eigenen Tun gegenübersaß
+und erschrak vor ihrer eigenen Kühnheit. Wo sie bei einer Bewegung
+plötzlich das Knittern der Scheine in ihrer Bluse fühlte und voll
+Staunen und fast voll Bewunderung sich fragte: „Herrgott, wie hab’ ich
+das eigentlich fertiggebracht?“ – – –
+
+ * * * * *
+
+Um elf Uhr zwanzig lief der Zug in den Bahnhof ein. Licht und Lärm in
+der dröhnenden Halle, deren weite Wölbung sich im Dunkeln verlor, waren
+fast noch beängstigender als die schweigende Nacht auf den Feldern.
+
+Aber da war Olga Radó.
+
+Zwischen hastenden, suchenden, hin und her wimmelnden Menschen stand sie
+ganz ruhig, noch ein wenig höher gereckt als sonst. Zwischen dummen,
+stumpfen, mißgeformten, vor Aufregung verzerrten Gesichtern leuchtete
+ihr weißes, klares Gesicht. Unter den dunklen, wie drohend
+zusammengezogenen Brauen hervor schimmerten die scharfen Augen und
+flogen prüfend an der Wagenreihe entlang.
+
+Mette stieß die Tür auf, ehe noch der Zug hielt. Sie bahnte sich
+rücksichtslos einen Weg, stieß ihren Handkoffer den Leuten in die
+Kniekehlen, streckte ihr die Hand entgegen, nein, griff nach ihr, wie
+ein Fallender nach einem Halt und rief zwischen Lachen und Weinen:
+
+„Olga!“
+
+Olgas Gesicht, das sich erst jetzt mit jäher Wendung ihr zudrehte, blieb
+ernst. Nicht der Schimmer eines Lächelns flog über die gespannten Züge.
+
+„Mette!“ sagte sie mit ihrer tiefen Stimme. „Kind! Was machst du für
+Dummheiten!“
+
+Mette erschrak ein wenig. Nicht sehr. Ein anderer Empfang wäre ihr
+lieber gewesen – aber was taten ihr diese Worte oder der Ton der Worte.
+Olga war da. Sie sah ihr Gesicht, sie hielt ihre Hand, sie hörte ihre
+Stimme.
+
+Nun war alles gut.
+
+„Bist du böse?“ fragte Mette mit lachenden Augen, ohne Olgas Hand
+loszulassen. „Wenn du jetzt schon böse bist, alter Philister, dann wag’
+ich gar nicht zu erzählen, was ich alles ausgefressen habe!“
+
+„Ich bin nicht böse,“ sagte Olga ernsthaft, „ich lehne nur jede
+Verantwortung ab. Wenn du durchgehst, ist das deine Sache. Ich habe dich
+nicht mit einem Wort, mit einem Blick dazu verleitet. Ich habe nichts
+davon gewußt. Das möchte ich nur von vornherein konstatieren.“
+
+„Ja,“ sagte Mette, „aber nachdem du das nun konstatiert hast, kannst du
+mir vielleicht sagen, ob es dir persönlich angenehm oder unangenehm ist,
+daß ich hier bin.“
+
+„Wenn ich ehrlich sein soll,“ sagte Olga mit einem halben Lächeln und
+ohne Metten anzusehen, „so ist es mir nicht unangenehm; aber ich bin
+eigentlich ein bißchen verzweifelt. Hast du vielleicht darüber
+nachgedacht, was nun mit dir werden soll?“
+
+Mette hatte daran gedacht. Darüber nachgedacht? – Nein, das war wohl
+nicht das richtige Wort. Sie hatte die Vorstellung gehabt, daß sie zu
+Olga käme, um bei Olga zu sein, um bei Olga zu bleiben. Sie hatte sich
+in Olgas behaglichem Zimmer gesehen – in dem einzigen Zimmer, in dem sie
+je glückliche Stunden verlebt hatte – hatte sich da verbergen wollen,
+nie auf die Straße gehen, nie nach Hause gehen – nun fühlte sie das
+Unsinnige dieser Gedanken und wagte sie den klugen Augen gegenüber nicht
+auszusprechen.
+
+„Ich weiß nicht,“ sagte sie kleinlaut. „Ich weiß nur, daß ich nicht nach
+Hause kann, nie, nie, nie, nie! Ich kann mir ja eine Stellung suchen als
+Kindermädchen, als Kellnerin – was weiß ich!“
+
+„Dazu hättest du eigentlich ebensogut bleiben können, wo du warst. Sie
+werden dich ja nicht gerade geprügelt haben oder Hunger leiden lassen.
+Oder glaubst du, daß du als Kindermädchen sehr viel mehr Freiheit haben
+wirst?“
+
+„Ja,“ sagte Mette trotzig, „dann hab’ ich wenigstens meinen freien
+Sonntag, wo mir kein Mensch verbieten kann, mit dir zusammen zu sein!“
+
+„Meinetwegen!“ Olga blieb stehen und schloß einen Moment wie in
+tödlichem Erschrecken die Augen. „Du bist geradezu grausam, Mette.
+Fühlst du denn nicht, wie ungeheuer du mich damit belastest? Ich kann
+diese Verantwortung nicht tragen, ich kann nicht!“
+
+Sie standen immer noch auf dem Bahnsteig, der jetzt von den wimmelnden
+Menschenmassen fast geleert war. Nur ein paar Nachzügler strebten noch
+nach dem Ausgang.
+
+Mette fühlte sich müde und zerschlagen und empfand den leichten
+Handkoffer wie eine Zentnerlast. Die kühle Zugluft in der weiten Halle
+machte sie frösteln.
+
+„Wollen wir nicht zehn Minuten in den Wartesaal gehen?“ fragte sie
+bedrückt. „Vielleicht fällt mir bei ruhiger Überlegung irgend etwas ein,
+was ich tun könnte. Aber wenn du zu müde bist, kannst du ja auch ruhig
+nach Hause gehen!“
+
+„Ja,“ sagte Olga kurz, „und dich hier die Nacht allein auf dem Bahnhof
+sitzen lassen! Du bist wohl ganz verrückt, mein liebes Kind?“ – – –
+
+ * * * * *
+
+Sie saßen in dem leeren Wartesaal und wärmten sich die kalten Finger an
+den heißen Teegläsern. Mette erzählte die Geschichte ihrer Flucht. Sie
+nahm die zerknitterten Geldscheine aus ihrer Bluse und stopfte sie in
+die Tasche.
+
+Mette hatte fast erwartet, daß Olga lachen würde. Während sie erzählte,
+kam ihr selber die Sache ungeheuer komisch und abenteuerlich vor. Aber
+Olgas Gesicht blieb tiefernst.
+
+„Und nun?“ fragte sie.
+
+„Ich gehe in ein Hotel!“ sagte Mette eigensinnig.
+
+„Und ich?“
+
+„Du gehst in deine Pension!“
+
+„Ich lasse dich nicht allein.“
+
+„Komm mit,“ sagte Mette mit dem Aufblitzen einer Hoffnung.
+
+„Ja,“ sagte Olga bitter, „und morgen früh kommt die Polizei und bringt
+uns in Gewahrsam. Ich danke. Dann hab’ ich dich womöglich zu schwerem
+Einbruchsdiebstahl verführt.“
+
+„Weißt du,“ sagte Mette, nach einer Pause des Nachdenkens, „dann müssen
+wir’s schon machen wie richtige Defraudanten. Uns in den nächsten Zug
+setzen und weiterfahren. Einfach auf irgendeiner Station aussteigen und
+in ein Hotel gehen. Von da aus schreib ich dann an meinen Vater und
+bitte ihn vor allen Dingen, die Geldangelegenheit in Ordnung zu bringen.
+Vielleicht ist er auch sonst vernünftig, und ich kann mich irgendwie mit
+ihm einigen. In einem halben Jahr bekomme ich ja mein Vermögen
+ausgezahlt, von meiner Großmutter her. Wenn mir mein Vater bis dahin
+nichts gibt, mache ich eben Schulden daraufhin, das muß doch irgendwie
+gehen. Also“ – Mette sah nach der großen Abfahrtstafel – „um zwölf Uhr
+vier geht der nächste Zug!“
+
+Olgas Gesicht verlor den strengen Ausdruck. Eine große Freude lachte aus
+ihren Augen. Aber sie zögerte noch.
+
+„Du bist doch ganz verrückt!“ sagte sie. „Ohne Nachthemd und ohne
+Zahnbürste!“
+
+„Wäsche habe ich genug,“ sagte Mette eifrig. „Eine Zahnbürste können wir
+in Buxtehude auch kaufen!“
+
+„Was du für Ideen hast!“ sagte Olga langsam.
+
+Mette sah, daß sie schon halb überwunden war.
+
+„Großartige Ideen!“ sagte sie strahlend. „Äußerst reizvolle Ideen.
+Findest du etwa nicht?“
+
+„Ja, aber ich wäre nie darauf gekommen,“ sagte Olga betont. „Du hast
+mich überredet. Es ist ausschließlich deine Idee!“
+
+„Selbstverständlich! Ich bin viel zu stolz darauf, um mir die
+Autorschaft von irgend jemand streitig machen zu lassen.“ – – –
+
+ * * * * *
+
+Der Zug zwölf Uhr vier war ein Personenzug. Sie saßen allein in einem
+Nichtraucherabteil, das dämmerig erhellt war durch die zur Hälfte blau
+verdeckte Glaskugel an der Decke. Sie bemühten sich vergebens, diesen
+Lichtschirm zurückzustoßen, um die Leuchtkraft des Gasflämmchens voll zu
+entfachen.
+
+„Laß nur gut sein,“ scherzte Mette. „Es ist gut, wenn wir im dunklen
+Coupé sitzen, dann können uns unsere Verfolger nicht gleich von draußen
+erkennen.“
+
+Mette war so voll übermütiger Freude, daß sie diesen Gedanken zu einer
+lustigen Komödie ausspann und auch Olga mit fortriß.
+
+Sie spielten Flucht. Sie duckten sich, wenn draußen einer vorbeiging.
+Sie atmeten erlöst auf, als der Zug abfuhr. Mette veränderte ihre
+Haartracht, um nicht erkannt zu werden. Sie „bestach“ den Schaffner mit
+der „Summe“ von drei Mark, damit er niemand hineinlassen sollte. Und
+ängstigte sich nachher, daß die Höhe des Trinkgeldes sie unzweifelhaft
+als Defraudanten verdächtig machen würde.
+
+„Weißt du,“ sagte Mette geheimnisvoll, „wir dürfen natürlich nicht da
+aussteigen, wohin wir Karten genommen haben. Dann sind sie uns ja sofort
+auf der Spur. Wir steigen einfach bei irgendeiner Station aus.“
+
+„Ja,“ sagte Olga, „bei der siebenten. Sieben ist eine heilige Zahl!“
+
+Mette glühte vor Begeisterung. „Ist das schön! Ist das wundervoll! Wir
+fahren – und wissen nicht wohin! Wir steigen aus – und wissen nicht wo!
+Wir wachen morgen früh in einer fremden Stadt auf – und wissen nicht,
+wie sie heißt.“
+
+„Wie das klingt!“ sagte Olga und machte ihr nach. „Wie eine ganz
+tiefsinnige Angelegenheit. Wir leben – und wissen nicht wie! Wir lieben
+– und wissen nicht warum! Wir sterben und wissen nicht wann!“
+
+„Nein,“ sagte Mette, „dein ‚wann‘ weiß ich nicht. Gott sei Dank! Aber
+das ‚warum‘ weiß ich. Gott sei Dank!“
+
+Es flog ein leichter Schatten über Olgas Gesicht, als ob sie nicht hören
+wollte, was Mette sagte.
+
+„Ich habe mir früher immer so glühend gewünscht zu wissen, wann ich
+sterbe,“ sagte sie nachsinnend. „Ich finde es so ungerecht, daß man
+absolut nicht weiß, wieviel Zeit einem zur Verfügung steht. Man müßte
+doch die Möglichkeit haben, sich einzurichten. Ich habe meine Freundin
+beneidet, die an der Schwindsucht gestorben ist. Sie wußte genau: So
+viel ist jetzt noch von meiner Lunge vorhanden – so lange kann ich noch
+leben, wenn ich geize, wenn ich mich schone – ich kann aber auch
+verschwenden und den Rest auf einmal wegwerfen. Schön muß das sein. Du
+weißt ja: Ich kann nie aus meinem Zimmer fortgehen, ehe es nicht
+aufgeräumt ist, weil ich doch immer die fixe Idee habe, wer weiß, ob ich
+wiederkomme. Mir ist der Gedanke schrecklich, daß ich einmal aus dem
+Leben fort muß und alles in Unordnung hinterlasse.“
+
+Metten waren die Tränen nahe. Sie wollte die Traurigkeit, die sie
+quälte, verbergen und verscheuchen und sagte mit erzwungener Derbheit:
+
+„Du bist wohl ganz verrückt, ja? Vielleicht suchst du dir zu dieser
+melancholischen Nachtfahrt ein anderes Gesprächsthema aus?! Sonst setz’
+ich mich so lange ins Nebencoupé, bis du mit deinen Meditationen fertig
+bist!“
+
+„Kind!“ sagte Olga lächelnd und griff nach ihrer Hand. „Du hast ganz
+recht. Schimpf nur tüchtig. Das kommt von dem blöden Orakeln.“
+
+„Orakeln?“ fragte Mette erstaunt.
+
+„Kennst du das noch nicht an mir? Ich mach’s doch wie die alten
+Bauernweiber, die in allen schwierigen Lebenslagen mit der Stricknadel
+in die Bibel stechen und sich dann irgendeinen Rat herausdeuten.“
+
+„Du hast ja gar keine Stricknadeln!“ sagte Mette lachend.
+
+„Nein – eine Bibel nebenbei auch nicht. Eine Bibel muß etwas Ererbtes
+sein. Eine zu kaufen, hat gar keinen Wert. Aber es muß ja zu diesem
+Zweck keine Bibel sein – ich nehme einfach irgendein Buch und schlage es
+auf. Es ist merkwürdig, was für klare Antworten man manchmal bekommt.
+Ich habe heut’ auch gefragt ... als deine Depesche kam ... ob ich nach
+der Bahn gehen sollte ...“
+
+„Na, und?“ fragte Mette erwartungsvoll.
+
+„Ach ... es ist ja alles Unsinn ...“ sagte Olga mit einem gequälten
+Lächeln. Sie drehte den Kopf und sah angelegentlich aus dem Fenster in
+die schwarze Nacht, die draußen vorbeiflog.
+
+„Sicher ist es Unsinn,“ sagte Mette herzlich. „Aber es quält dich doch.
+Wenn du es aussprichst, wirst du erst einsehen, _wie_ unsinnig es ist.
+Sag’ es mir doch – dann lachen wir beide darüber.“
+
+Olga wandte ihr das Gesicht wieder zu. Sie mühte sich, ein unsicheres
+Lächeln festzuhalten.
+
+„Als Radomonte Gozaga in Genua einzog – in irgendeinem Rachefeldzug –
+ich weiß nicht, in welchem – da trug er ein Wams, auf dem ein Skorpion
+gestickt war und darunter sein Spruch: _Qui vivens laedit, morte
+medetur._ Ist das noch keine Antwort?“
+
+Mette faßte nach Olgas Hand. Sie mußte erst einen Schleier zerreißen,
+den die schwer gesprochenen Worte über sie gebreitet hatten.
+
+„Du bist ja verrückt!“ sagte sie. Aber ihre Stimme klang nicht klar. Sie
+mußte eine plötzliche Heiserkeit wegräuspern. – – –
+
+ * * * * *
+
+Das Knirschen der Bremse lief unter den Wagen durch.
+
+„Die sechste Station!“ sagte Mette geheimnisvoll mit großen Augen. „Die
+nächste ist unser Schicksal. Gebe Gott, daß es keine große Stadt ist!“
+
+Als der Zug sich wieder in Bewegung setzte, fingen sie an, sich zum
+Aussteigen fertigzumachen. Die nächste Haltestelle konnte in zehn
+Minuten oder in einer Stunde erreicht sein. Sie wußten es nicht.
+
+Sie hatten den Handkoffer auf den Sitz heruntergehoben und standen
+nebeneinander an der Tür, die Stirn an die Scheibe gelegt, bemüht, mit
+den scharfen Augen das vorübersausende Dunkel zu durchdringen.
+
+„Es ist viel Wald in der Gegend,“ sagte Olga. „Nadelwald.“
+
+„Ja,“ frohlockte Mette, „darin gehen wir morgen spazieren.“
+
+Der Wald hörte auf. Schiefergrauer, wolkiger Himmel schied sich von weit
+hingebreiteten, sanft gehügelten dunklen Feldern. Wieder Bäume, erst
+vereinzelt, dann dichter schwarzer Wald, der bis an den Bahndamm
+herantrat und nicht ein Streifchen Himmel mehr über den Gipfeln sehen
+ließ.
+
+Wieder wurden die Bäume spärlicher, verschwanden. Wieder breiteten sich
+Felder in breiten Flächen. Aber in einer Entfernung, die man nicht
+schätzen konnte, wie eingebettet zwischen den sanft geschwungenen
+Linien, blinkte ein winziges Licht. Noch eins ... und noch eins ...
+
+„Da ... da! Da!“ rief Mette entzückt. „Ob wir das sind?“
+
+„Seltsam,“ sagte Olga, „vielleicht ist eins von diesen Lichtern morgen
+unser helles Fenster. Und vielleicht hat man nach zehn Jahren ein
+Heimatsgefühl, wenn man an diesen Lichtlein vorüberfährt. Und jetzt hat
+man keine Ahnung, wie der Ort da heißt!“
+
+Ein Bahnwärterhäuschen glitt vorüber. Hier und da gleißte ein Stück der
+blanken Schienen im Lichtschein einer Laterne auf. Wieder traten
+Baumbestände bis dicht an den Zug, aber gelichteter, von vielen Wegen
+durchzogen. Dann lief eine Hecke ein Stück mit. Dann vor der
+beschnittenen Hecke ein hellgestrichenes Holzstaket. Dahinter, ganz nah,
+dunkelten schon die Umrisse einzelner Häuser. Nun kamen trüb brennende
+Laternen, eine Barriere, die eine dunkle, baumbestandene Chaussee
+abschloß.
+
+Wieder ein Stückchen Wald oder Garten, im Hintergrund aufblinkend ein
+Lichtlein nach dem anderen – schon fuhr der Zug langsam, knirschte,
+puffte – hölzerne Säulen schoben sich heran, die ein schmales Schutzdach
+trugen ... er hielt.
+
+Olga griff nach dem Handkoffer, drückte die Klinke auf und sprang die
+hohen Stufen hinunter.
+
+Mette folgte ihr in einem seltsamen Traumzustand befangen. Sie war durch
+die beiden schlaflosen Nächte überwach, und ihre Sinne schienen,
+tausendfach geschärft, jeden Eindruck aufzunehmen.
+
+Der dünne Hauch von Reif, der den Boden, die Holzstangen überzog, die
+groben Gesichter von zwei bäuerlich gekleideten Frauen, die an ihnen
+vorüberhasteten, der langgezogene Ruf des Schaffners, das gemächliche
+Zuschlagen der Türen, die roten Hände des Mannes an der Sperre, die aus
+gestrickten Pulswärmern herauswuchsen, der kleine dämmerige Raum mit
+papierbeklebten Wänden und abgescheuerten Holzbänken, durch den sie
+hindurch mußten, das Pfeifen des abfahrenden Zuges in ihrem Rücken – das
+alles prägte sich ihrem Gehirn mit unauslöschlicher Deutlichkeit ein.
+
+Olga stieß eine Tür auf, trat ein paar steinerne Stufen hinunter, und
+sie standen auf dem holperigen Steinpflaster eines großen Platzes, der
+von dem Licht des Bahnhofs schwach erhellt war.
+
+Rechts und links war tiefes Dunkel. Soviel man unterscheiden konnte,
+kahle zerzauste Laubbäume, ungepflasterte, aufgeweichte, leicht
+überfrorene Wege.
+
+Geradeaus sah man in einiger Entfernung etwas, das aussah wie der Anfang
+einer Straße.
+
+Olga blieb stehen und sah Metten lächelnd an.
+
+„Nun,“ sagte sie, „graust’s dich schon? Was gäbst du darum, wenn du
+jetzt zu Hause unter der Daunendecke lägst und das elektrische Licht
+anknipsen könntest?“
+
+„Gar nichts!“ sagte Mette trotzig. „Im Gegenteil, ich finde es hier
+äußerst gemütlich. Und wenn wir kein Unterkommen finden, so wäre es mir
+doch nur deinetwegen schlimm. Ich hab’ dich ja zu dieser Exkursion
+verleitet!“
+
+„Ach, meinetwegen!“ sagte Olga wegwerfend. „Meinetwegen können wir die
+Nacht im Bahnhof auf den Holzbänken zubringen. Aber wenn du ängstlich
+bist, kehren wir um und fragen den Mann an der Sperre nach einem
+Gasthaus.“
+
+„Nein,“ drängte Mette. „Nicht fragen! Komm vorwärts.“
+
+Nach ein paar hundert Schritten fingen die Häuser an. Dunkel,
+verschlafen, ohne ein helles Fenster. Und ein wenig vereinzelt noch, von
+Gärten und Ackerstreifen umgeben. Aber der Weg war mit Katzenköpfen
+gepflastert, und nach einer Biegung rückten die Häuser näher zusammen,
+schlossen sich zur Straße, die von flackernden Laternen beleuchtet
+wurde.
+
+Die Straße erweiterte sich zu einer Art Marktplatz. Es war ein
+nüchternes Vieleck, ohne jedes malerische Gepräge, ohne Linden und ohne
+rieselnden Brunnen. An einer Seite fand sich ein langgestreckter,
+niedriger, grauer Kasten mit breit herunterreichendem Dach und vielen
+Mansardenfenstern. Über der breitgewölbten dunkeln Toreinfahrt
+schaukelte ein blecherner Stern, einem Barbierbecken nicht unähnlich,
+und darüber ließ eine große blaue, am schön geschwungenen Arm schwebende
+Laterne die aufgenagelten Buchstaben über dem Rundbogen erkennen.
+
+„Hotel zum blauen Sternen. Gasthaus und Ausspann.“
+
+„Sogar Hotel,“ sagte Olga, „sieh mal an!“
+
+Sie suchten nach einer Nachtglocke. Aber sie fanden noch nicht einmal
+eine Tür. Neben der Einfahrt war ein Handgriff, der an einer verrosteten
+Eisenstange eine große Glocke in Bewegung setzte. Aber er war in kaum
+erreichbarer Höhe. Mette bemühte sich.
+
+„Laß nur,“ sagte Olga, „der ist nicht für armselige Fußgänger wie wir.
+Außerdem wecken wir die ganze Stadt. Laß uns lieber einmal von der
+Innenseite versuchen.“
+
+Sie wagten sich in die dunkle Höhlung des Tors. Aber sie kamen nicht
+weit. Noch ehe der Gang sich zum Hof öffnete, versperrte ein riesiger
+Leiterwagen den Weg. Aber neben dem Wagen fanden sich ein paar Stufen
+und eine kleine hölzerne Tür in der Wand. Sie ertasteten einen
+Metallknopf, zogen an ihm und lösten damit ein kräftig schepperndes
+Geklingel aus, das sie fast zusammenschrecken ließ, so jäh zerschnitt es
+die tiefe Stille.
+
+Schritte, Stimmen, ein Lichtschein.
+
+Ein verschlafener Mensch erschien in der offenen Tür, Pantoffeln an den
+nackten Füßen, in Unterhosen von graugelber Wolle, über die er höchst
+merkwürdigerweise einen Frack gezogen hatte, den er mit der linken Hand
+unterm Kinn zusammenhielt, während er in der erhobenen Rechten einen
+brennenden Wachsstock trug.
+
+Olga übernahm die Führung der Verhandlung.
+
+Sie erzählte dem schlaftrunkenen Mann eine lange Geschichte von dem Zug,
+mit dem sie eben eingetroffen, und daß ihr das Hotel zum blauen Sternen
+schon in Berlin empfohlen, sie bedauerte, ihn in seinem Schlaf gestört
+zu haben, aber der Zug käme zu so ungünstiger Zeit hier an, und sie
+hätten doch nicht auf der Straße bleiben können, und am Bahnhof hätte
+man sie natürlich auch hierher gewiesen.
+
+Der Mann ermunterte sich so weit, daß er „Einen Augenblick, bitte!“
+sagte, verschwand und sie stehen ließ.
+
+Sie sahen sich lachend an und warteten geduldig. Nach einer Weile wurde
+oben auf der Treppe eine in offener Schale brennende Gasflamme
+entzündet, und der Mann erschien wieder, jetzt mit schwarzen Hosen
+angetan.
+
+Daß er ein kragenloses Wollhemd und weder Weste noch Strümpfe anhatte,
+hinderte ihn nicht, eine gewisse Gewandtheit der Bewegungen zu zeigen,
+die ihn sofort als den „Ober“ verriet.
+
+Er führte sie in ein großes dunkles und kaltes Zimmer, schwang sich auf
+einen Polstersessel und entzündete eine Gasflamme. Es war entschieden
+das Fürstenzimmer des blauen Sternen.
+
+Die hohen und breiten Betten, das wuchtige Plüschsofa verschwanden fast
+in dem weiten Raum. Zwischen den Fenstern prangte ein großer
+goldgerahmter Spiegel, auf dessen Konsole ein Makartstrauß unter einer
+Glasglocke stand, und die Wände zierten zahlreiche Buntdrucke, die
+meisten in dicken Goldrahmen.
+
+Der „Ober“ bückte sich und steckte einen Gasofen an. Eine ganze Reihe
+spitzer blauer Flämmchen puffte auf, spiegelte sich in einer Nische aus
+gerieftem Kupfer und warf einen warmen rötlichen Schein auf den
+abgeschabten Teppich.
+
+„Herrlich!“ sagte Olga und warf ihre Handschuhe auf den großen, runden,
+plüschüberdeckten Tisch. „Jetzt wird es auch noch warm hier, dann ist es
+einfach ideal. Nein, Herr Ober, wir brauchen weiter nichts. Danke schön,
+wenn wir morgen früh vielleicht auf dem Zimmer frühstücken können? –
+Hier ist die Klingel – ja, herrlich. Danke schön! Gute Nacht!“
+
+Die Tür schloß sich hinter ihm.
+
+„Wundervoll!“ sagte Olga und reckte übermütig die Arme.
+
+„Ist das dein Ernst?“ fragte Mette zaghaft. „Ich denke immer, dein
+Schönheitssinn muß Qualen leiden! Diese Bilder ... und das Makartbukett
+und die Plüschgarnitur ...“
+
+„Prachtvoll!“ sagte Olga. „Das _muß_ doch überhaupt so sein. Ich wäre
+geradezu enttäuscht, wenn diese kämpfenden Hirsche nicht hier wären,
+oder die duftigen Empiremädchen unter dem blühenden Apfelbaum. Glaubst
+du, ich möchte im Hotel zum blauen Sternen Chippendale-Möbel finden oder
+einen Kokoschka? Gott soll mich bewahren! Ich finde es einfach
+himmlisch!“
+
+Mette packte den Handkoffer aus, breitete Nachthemden über die Betten,
+stellte Flaschen und Dosen auf den Waschtisch. Olga ging mit unhörbaren
+Schritten im Zimmer hin und her, pfiff mit leisen, süßen Flötentönen vor
+sich hin, blieb vor jedem Bild stehen, betrachtete es mit kindischem
+Entzücken und erzählte eine lange romantische Geschichte dazu.
+
+„Hier!“ sagte Mette und legte ihren seidenen Kimono über einen Stuhl,
+„den kannst du anziehen.“
+
+„Und du?“
+
+„Ich hab’ noch einen Frisiermantel, der genügt mir.“
+
+Olga legte Rock und Bluse ab und wickelte sich in den Kimono.
+
+„Wundervoll,“ sagte sie, „nun müßte ich nur noch warme Füße haben und
+die Haarnadeln aus dem Kopf. Dann bin ich wunschlos glücklich.“
+
+Sie rollte einen Sessel vor den Gasofen und fing an, sich die hohen
+Stiefel aufzuschnüren.
+
+„Soll ich dir helfen?“ fragte Mette dienstbereit.
+
+„Das fehlte noch!“ sagte Olga empört. „Nicht einem Dienstmädchen würd’
+ich das zumuten!“
+
+„Das ist auch etwas anderes,“ sagte Mette lächelnd. „Es ist eine
+Auszeichnung, die man einem Dienstmädchen nicht gönnen darf.“
+
+„Du bist ja verrückt!“ Über Olgas Gesicht schoß wieder das dunkle
+flüchtige Rot.
+
+Sie hatte jetzt auch die dünnen seidenen Strümpfe abgestreift und hielt
+die nackten Füße gegen die Flammen. Sie hob die Arme und zog langsam
+Nadel auf Nadel aus dem Haar, bis die schweren schwarzen Strähnen ihr
+über den Rücken stürzten.
+
+Mette sprang auf einen Stuhl und drehte die Gasflamme aus.
+
+„So!“ sagte sie lachend, „nun kannst du dich malen lassen oder gleich
+öldrucken und dich goldgerahmt an die Wand hier hängen. Unterschrift:
+_Au coin du feu_, oder die Hexe, oder Feuersgluten, oder sonst was
+Gutes. Wie kann ein Mensch so unverschämt schön sein?!“
+
+„So!“ sagte Olga trocken. „Das hast du hübsch gemacht. Jetzt haben wir
+keine Streichhölzer.“
+
+„Erstens genügt mir die Beleuchtung,“ sagte Mette und setzte sich auf
+die Erde in den rötlichen Feuerschein, „und zweitens können wir uns hier
+immer einen Fidibus anstecken. Wenn wir nichts anderes finden, nehmen
+wir einen Hundertmarkschein. Davon haben wir ja genug ... Kind, was hast
+du für märchenhafte Füße ... aber kalt sind sie immer noch wie Eis!“
+
+Sie legte beide Hände um Olgas Fuß. Er war so edel geformt, so schön in
+Linie und Farbe, als hätte eine Meisterhand ihn aus Marmor gebildet,
+aber er war auch so kalt und schwer wie Stein.
+
+Mette versuchte, ihn in ihren Händen zu wärmen, sie hauchte darauf, und
+dann konnte sie der Versuchung nicht widerstehen, sie legte die Lippen
+auf die kühle, glatte, weiße Haut.
+
+Olga machte sich los, sprang auf und lief durch das dunkle Zimmer bis
+nach dem Fenster.
+
+„Olla,“ sagte Mette erschrocken und stand zögernd auf. „Was ist dir
+denn? Was hast du denn?“
+
+Es kam keine Antwort. Mette ging ihr nach. Aber als sie ans Fenster kam
+und die Hand nach ihr streckte, lief Olga wie gejagt nach der Wand.
+
+Sie stand in die Ecke gedrückt und Mette vertrat ihr den Weg.
+
+Das schöne blasse Gesicht schimmerte unheimlich durch das Dunkel. In den
+angespannten Zügen lag Angst und Drohung zugleich, wie bei einem
+angeschossenen Tier, das sich umstellt sieht und sich verzweiflungsvoll
+zur Wehr setzt.
+
+Mette erschrak vor dem Ausdruck des gepreßten Mundes, der dunkel
+lohenden Augen. Sie legte zaghaft die Hand auf Olgas über der Brust
+gekreuzte Arme.
+
+Olga zuckte zusammen und drückte sich tiefer in die Ecke.
+
+„Geh doch!“ sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen. „Laß mich doch in
+Ruh!“
+
+„Du sollst nicht mit den nackten Füßen auf der bloßen Diele stehen,“ bat
+Mette, den Tränen nahe. „Du erkältest dich zu Tode. Ich will ja nichts,
+als daß du dich an den Ofen setzest. Dann kann ich mich ja auf den
+Korridor vor die Tür schlafen legen, oder ich kann mir ein anderes
+Zimmer geben lassen, oder ich kann aus dem Fenster springen. Aber komm
+aus der Ecke heraus, ich kann es nicht mehr mit ansehen.“
+
+Sie faßte sie an beiden Schultern, aber Olga schüttelte ihre Hände von
+sich ab.
+
+„Laß mich doch!“ sagte sie böse. „Siehst du denn nicht, daß du mich zu
+Tode marterst? Wie kann ein Mensch so wahnsinnig grausam sein?“
+
+Die Stimme brach ihr, und ganz jählings stürzten die Tränen über ihr
+Gesicht.
+
+Jetzt konnte sich Mette nicht mehr beherrschen. Auch ihre Augen liefen
+über.
+
+„Ich verstehe dich nicht!“ sagte sie mit zitternden Lippen. „Wenn ich
+dir so zuwider bin, daß du mich nicht erträgst, warum bist du dann hier?
+Warum gibst du dich dann überhaupt mit mir ab? Man kann nicht einen
+Menschen gern haben, dessen Nähe einen derart quält! Ich weiß ja aber
+auch, warum du mich nicht leiden kannst!“
+
+„Warum?“ fragte Olga erstaunt.
+
+Mette schüttelte stumm den Kopf und kämpfte die Tränen hinunter.
+
+„Warum soll ich dich nicht leiden können?“ forschte Olga drängender.
+„Antworte! Ich will das jetzt wissen.“
+
+Mette vermied es immer noch, sie anzusehen.
+
+„Weil ich dich zu sehr liebe!“ sagte sie bitter und traurig. „Es muß
+furchtbar sein, von einem Menschen geliebt zu werden, den man nicht
+liebt! Beinah ekelhaft!“
+
+„Du Schaf,“ sagte Olga und strich ganz weich mit der Hand über Mettens
+Haar.
+
+„Ach, laß,“ sagte Mette und entzog sich der streichelnden Hand. „Man muß
+sich nicht zwingen.“
+
+Olga ließ den Arm schwer herabsinken.
+
+„Man muß sich doch zwingen,“ sagte sie leise und mühsam atmend. „Wenn
+ich mich jetzt nicht zwingen würde, würd’ ich dich so mit Zärtlichkeiten
+ersticken, daß du zu Tod erschrecken tätst und davonlaufen.“
+
+Mette fühlte die Adern in ihrem Hals schlagen, daß sie kaum atmen
+konnte. Sie versuchte zu lächeln, während noch die Tränen von ihren
+Lidern rollten.
+
+„Tu es nicht,“ sagte sie, „ich würde ganz bestimmt nicht davonlaufen.
+Aber vielleicht würde ich wahnsinnig vor Glück!“
+
+Da hob Olga langsam die beiden weißen, schlanken Arme und legte sie um
+Mettens Schultern. Mette fühlte den wohltuend kraftvollen Druck fester
+und fester werden.
+
+Jetzt, da Olga auf bloßen Füßen stand, waren ihre Gesichter fast in
+gleicher Höhe.
+
+Sie bohrten die Augen ineinander, ernsthaft und unverwandt und spürten
+in allen Adern das rasende Hämmern ihrer Herzen.
+
+Dann neigten sie sich gegeneinander wie zwei Verdurstende und legten
+Mund auf Mund.
+
+Sie ließen einander nicht mehr los. Sie küßten sich nur immer durstiger
+eins am anderen. Sie gingen durch das Zimmer aneinandergeschmiegt, sie
+saßen auf dem Bettrand ineinander verschlungen. Die Kleider glitten von
+ihnen nieder, achtlos, blieben auf der Erde liegen.
+
+Die groben und feuchten Laken atmeten Schauer der Kühle. Sie spürten es
+kaum, so brannte das Blut in ihren jungen Leibern.
+
+Sie drängten sich aneinander, als wollten sie ineinander übergehen,
+verschmelzen, eins werden.
+
+Ihre schlanken, geschmeidigen Glieder flochten sich ineinander, wie
+Bäume des Urwalds unlöslich sich ineinander verschlingen.
+
+Sie sprachen nichts. Aber wie rauschende Musik hörte eines des anderen
+dröhnenden Herzschlag und das rasche und raschere Atmen.
+
+Ihre Leiber bäumten sich gegeneinander wie wilde Tiere, wenn sie an
+Käfiggittern rütteln. Sie gruben einander die Nägel in die Glätte der
+Haut und schlugen einander die Zähne in die geschwellten Muskeln.
+
+Und sie lagen aneinandergeschmiegt wie müde gespielte Kinder, und ihre
+Lippen berührten des anderen Lider und Wangen so sanft, so leise, wie
+Schmetterlingsflügel schwankende Blüten.
+
+„Kleines,“ sagte Olga, und alle Glocken schwangen in ihrer Stimme. „Mein
+Schönes, mein Gutes!“
+
+„Oh, du!“ sagte Mette. „Du Wunder des Himmels. Was bist du nur? Bist du
+ein wildes Tier ... oder ein Gott ... oder der Geist einer weißen
+Orchidee?“
+
+„Ich weiß nicht,“ sagte Olga. „Ich glaube, daß ich ein Gott bin. Aber
+vor einer Stunde war ich ein armes gepeinigtes Tier. Bist du nicht
+stolz, kleines Mädchen, daß du solche Wunder tun kannst?“
+
+„Ich wollte, ich könnte Wunder tun,“ sagte Mette sehnsüchtig.
+
+Ein hartes Lächeln flog um Olgas Mund.
+
+„Dann würdest du mich in einen Mann verwandeln!“ sagte sie.
+
+„Um Gottes willen!“ rief Mette und schlang erschrocken beide Arme um
+sie. „Nie, nie, nie! ... Aber wenn ich Wunder tun könnte, so würde ich
+diese Nacht niemals aufhören lassen. Ich würde sie dauern lassen in alle
+Ewigkeit!“
+
+Der rote Schein des Kupfers hinter den Gasflämmchen erhellte das ganze
+Zimmer mit warmem Dämmerlicht. Die spitzen Flämmchen zitterten leicht,
+und der helle Fleck auf dem bunten abgetretenen Teppich zitterte mit.
+
+Olga richtete sich auf den Ellbogen auf und stützte den Kopf in die
+Hand. Zwischen den weißen Fingern hindurch rieselten die Strähnen des
+schwarzen Haares. Aus dem blassen Gesicht leuchteten die helldunklen
+Augen in unendlicher Hoheit und Klarheit wie zwei Sterne.
+
+„Ewig!“ sagte sie leise. „Alles, was Gottes ist, ist ewig. Fühlst du
+nicht, daß diese Nacht Gott gehört? Zeit ist eine Erfindung des Teufels.
+Der Satan hat die Vergänglichkeit erfunden, um die Menschen von Gott
+abtrünnig zu machen. Aber Gott blieb ewig, und Gottes Herrlichkeit
+bleibt ewig. Da hat Satan alles mögliche andere erfunden: Krankheit,
+Schmerz, Ungeziefer und Geld ... vor allem das Geld. Aber nun war Zeit
+da und Vergänglichkeit da. Und ließ sich nicht wieder ungeschaffen
+machen. Und haftet nun an allen Erfindungen des Teufels. Aber, was
+Gottes ist, ist ewig. Immer verlöscht neues Glück die alte Qual, als
+wäre sie nie gewesen. Aber das Glück bleibt. Und keine Qual kann es
+ungeschehen machen. – Ich würde sterben vor Scham, wenn ich dächte, daß
+nur die Nervenenden unserer Haut unter unseren Händen vibrieren. Spürst
+du nicht, daß deiner Seele etwas geschehen ist, was ihr bleiben muß über
+allen Tod hinaus? Spürst du nicht, daß diese Stunde dich weit mehr
+verändert hat, als dich das bißchen Sterben verändern kann?“
+
+„Ja,“ sagte Mette. „Und mehr als das bißchen Geborenwerden auch. Heut’
+bin ich geboren worden und nicht vor zwanzig Jahren. Jetzt kann ich zum
+erstenmal mit Bewußtsein sagen: Ich lebe!“
+
+„Wir leben!“ sagte Olga, sie an sich reißend, mit einem Aufjauchzen in
+der Stimme, das klang wie der frohlockende Ruf eines auffliegenden
+Wildvogels.
+
+„Wir leben, Süßes. Ewig, ewig, ewig leben wir!“ – – –
+
+ * * * * *
+
+Als Mette am anderen Morgen aufwachte, schien eine helle, fröhliche
+Wintersonne ins Zimmer.
+
+Ihr erster Gedanke suchte Olga. Sie war nicht da. Auch ihr Mantel hing
+nicht mehr am Haken. Ein jähes Erschrecken schlug sie. Sie war fort, für
+immer, kam nicht wieder, war unwiederbringlich verloren.
+
+Mette sprang aus dem Bett, mit einemmal hellwach.
+
+Da sah sie Olgas Hut und Handschuhe. Sie nahm die Handschuhe vom Tisch,
+streichelte sie und preßte sie an die Wange. Von dem weichen grauen
+Leder schien ein Strom von Freude und Beruhigung auszugehen. Es war kein
+Traum und kein Zauberspuk. Sie war dagewesen, sie würde wiederkommen –
+noch zeigten die Handschuhe die Form ihrer schönen schlanken Hände,
+waren noch wie erfüllt von ihrem Leben ...
+
+Von unten herauf drang ein wohlbekanntes knirschendes und schrapendes
+Geräusch.
+
+Mette lief auf bloßen Füßen zum Fenster und zog den dicken weißen
+Köpervorhang ein wenig zur Seite. Auf den Fensterbrettern lag ein dickes
+Polster von weißem Schnee. Die niedrigen Häuser drüben hatten Dächer von
+blendendem Weiß und darüber funkelte ein Himmel von reinstem Blau.
+
+Vorm Hotel kratzte der Hausknecht mit dem Schneeschieber einen dunklen
+Weg in den weißen Teppich, und neben ihm stand Olga, den Mantel offen,
+beide Hände in den Taschen vergraben, den Kopf ein wenig vorgeneigt und
+führte eine angelegentliche Unterredung mit dem alten Mann.
+
+Mette sah eine Weile hinunter und freute sich an jeder Linie ihrer
+Gestalt. Sie sah sie sprechen und glaubte den Ton ihrer Stimme zu hören.
+Sie dachte darüber nach, was sie sich mit dem Hausknecht wohl zu
+erzählen haben könne. Sie bewunderte die Gabe an ihr, mit allen Leuten
+ein Gespräch anzuknüpfen und jedem gegenüber den richtigen Ton zu
+treffen.
+
+Mette kannte das an ihr. Wenn sie bei Laune war, wirkte sie so
+unwiderstehlich, daß der brummigste Kellner oder Schaffner sie
+anstrahlte.
+
+Nach ein paar Sekunden sah Olga plötzlich hinauf, sie mußte Mettens
+Blick gefühlt haben. Sie sah Metten am Fenster stehen oder sah
+vielleicht auch nur die verschobene Gardine, winkte mit der Hand und
+lief ins Haus.
+
+Sie brachte einen Hauch von frischer Schneeluft ins Zimmer. Ihre Augen
+waren hell und durchsichtig wie Eis und hoben sich scharf ab von der
+schwarzen Pupille, und auf ihrem weißen Gesicht lag ein ganz leichter
+Schimmer von rosiger Farbe.
+
+„Wo kommst du her, du Rumtreiber?“ fragte Mette.
+
+„Ausgeschlafen, mein Deern?“ fragte Olga zur Antwort. „Ich war schon
+spazieren. Ich war in der Stadt. Ich wollte dir Blumen auf den
+Frühstückstisch stellen. Aber Blumen im Winter – so sündhafte Dinge
+kennt man hier nicht. Herr Thielemann hat nur Stechapfelkränze mit
+Wachsrosen. Aber eine Konditorei ist da drüben, so mit einer
+Geländertreppe vor der Tür, weißt du? Und einem goldenen Kringel in der
+Luft! Und es roch nach frischem Brot. Mach dich schnell fertig,
+Mettulein, ich habe einen wahnsinnigen Hunger.“
+
+Sie frühstückten auf dem Zimmer.
+
+Dann drängte Mette zum Spazierengehen. Schnee und Sonne lockten sie
+hinaus.
+
+„Du mußt erst an deinen Vater schreiben,“ sagte Olga ernsthaft.
+
+„Ja,“ sagte Mette und schnitt eine Grimasse. „Du willst keine
+Verantwortung übernehmen – ich weiß schon.“
+
+Sie setzte sich hin und schrieb einen langen und wohlüberlegten Brief.
+Sie bat um Verzeihung. Sie schilderte die Vorgänge bei Onkel Jürgen mit
+viel Humor. Sie nannte ihren Aufenthalt, bat ihren Vater herzlich, sie
+hier zu lassen, wo sie sich wohl fühle und niemandem im Wege sei. Bat
+ihn, ihr zu glauben, daß sie ein reifer und klarer Mensch sei und genau
+wisse, was zu ihrem Besten wäre. Bat ihn, das Geld, das Onkel Jürgen ihr
+unfreiwillig geliehen, zurückzuzahlen – die kurze Zeit bis zu ihrer
+Mündigkeit sie zu unterstützen oder ihr einen Vorschuß auf das
+großmütterliche Erbe auszahlen zu lassen. – Aber davon, daß sie nicht
+allein sei, schrieb sie kein Wort.
+
+Sie trugen den Brief zusammen nach der Post. Olga wußte schon den Weg
+dahin. Als der Umschlag in den blauen Kasten versenkt war, atmete sie
+auf und nahm Mettens Arm.
+
+„Komm,“ sagte sie, „was zu tun war, ist getan. In drei Tagen kann die
+Antwort da sein. Aber die drei Tage wollen wir genießen.“
+
+„Glaubst du,“ sagte Mette mit finsterer Stirn, „daß eine Macht der Welt
+mich zwingen kann, nach Hause zurückzugehen? Wenn sie mir kein Geld
+schicken, geh ich als Waschfrau oder als Nähmädchen, oder ich mache
+Schulden.“
+
+„Ich weiß nicht,“ sagte Olga. „Ich weiß nur, solange dieser Brief noch
+unterwegs ist, sind wir sicher. Kein Mensch weiß, wo wir sind – das ist
+ein herrliches Gefühl – als ob man hinter Mauern und Gräben säße. Wenn
+der Brief erst angekommen ist, dann ist die Zugbrücke heruntergelassen –
+was dann geschieht, das weiß ich nicht. Nichts weiß ich, nichts, nichts,
+nichts! Aber es ist immerhin möglich, daß wir in Stücke gerissen
+werden.“
+
+„Warum haben wir die Zugbrücke heruntergelassen?“ fragte Mette
+stehenbleibend. „Warum hast du mich gezwungen zu schreiben?“
+
+Olga lächelte schwermütig.
+
+„_Weil ich die Verantwortung nicht übernehmen will!_“ sagte sie, mit
+einem Versuch zu scherzen. – – –
+
+ * * * * *
+
+Sie gingen durch die breiten Straßen mit den kleinen, niedrigen Häusern.
+Einen besonderen Reiz hatte es, die Schaufenster zu betrachten.
+
+Wo ein kleiner Laden sichtbar wurde, mußten sie über den Damm laufen und
+die Auslagen mustern. Da war ein Korbflechter und Bürstenmacher. Da war
+ein Schuhmacher, der einen halbmeterlangen Filzschuh in seinem Fenster
+hatte und daneben einen winzigen nadelspitzen Ballschuh aus verstaubtem
+perlgestickten Rosaatlas.
+
+„Ein Märchen!“ sagte Olga begeistert. „Sieh nur, ein Schuhmacher, der
+Märchen dichtet. Und er weiß es. Ganz sicher, er weiß es!“
+
+Da war ein Geschäftchen mit Kurz-, Weiß- und Wollwaren. Girlanden von
+Handschuhen und Kinderjäckchen hingen im Fenster. Wasserfälle von
+Maschinenspitzen stürzten hernieder. Nähgarne und Häkelwolle legten sich
+zu symmetrischen Figuren. Und überall dazwischen hingen weiße
+Pappschildchen: „Hier werden Puppen zu Weihnachten angezogen.“ „Hier
+werden Gardinen kunstgestopft.“ „Unterricht in allen weiblichen
+Handarbeiten.“ „Hier wird Klavierunterricht erteilt, gründlich und
+gewissenhaft, für Anfänger und Fortgeschrittene.“ „Hier werden Strümpfe
+mit der Maschine angestrickt.“
+
+„Geschwister Basch,“ sagte Olga und sah zu dem Firmenschild auf. „Sicher
+sind es zwei alte Schwestern. Die eine hat einen Mops und die andere
+einen Kanarienvogel. Oh, in solchen Städten gibt es noch Möpse! Die
+eine, die den Klavierunterricht erteilt, das ist eine schönheitsdurstige
+Seele. Sie hat sicher einmal von Ruhm und Beifall geträumt, als sie mit
+fünfzehn ‚_La prière d’une vierge_‘ spielte. Und die andere, die
+praktische, vielleicht von einem Mann und sieben Kindern. Und nun sitzen
+sie hier und trösten sich miteinander. Vielleicht hat die praktische ein
+aufopferungsfreudiges Gemüt und hat den einzigen in Betracht kommenden
+Mann ausgeschlagen, nur um ihre Schwester nicht zu verlassen. Die mit
+dem Klavierunterricht, das ist sicher auch die, die die Puppen anzieht.
+Aber die andere strickt die Strümpfe an. Weißt du, ich möchte in einer
+Novelle den Tag beschreiben, da die Strickmaschine ins Haus kam.
+Wahrscheinlich haben sie zehn Jahre daraufhin gespart – und dann haben
+sie sie gefürchtet und geliebt – so ein bißchen wie Teufelsspuk und
+Feenzauber – ach, vielleicht wäre es gut, ein solcher Mensch zu sein ...
+oder ob sie ganz klein und neidisch und giftig sind?“
+
+Da war ein Kaufmannsladen, ein „Kolonialwarenhändler“, es war
+erstaunlich, was sein Fenster für eine prunkvolle Ausstattung aufwies.
+Getrocknete Aprikosen bildeten Sterne auf weißem Reis. Grotten aus
+Zuckerkand türmten sich auf, mystisch erhellt durch Fenster aus roter
+Gelatine. Da war ein See aus Stanniol, auf dem ein kleiner hohler Schwan
+mit aufgeplatztem Rücken schwamm. Da waren tausend bunte Dinge, und wie
+um die Farbenpracht zu mildern, lag über allem eine gleichmäßige graue
+Staubschicht – eingefressener, unverwüstlicher, wohlberechtigter Staub.
+
+Und dann, ganz am Ende der Stadt, wo die Häuser vereinzelt standen und
+das Pflaster aufhörte und die Hühner gackernd über den Weg liefen, da
+war ein ganz kleiner Laden, der hatte in seinem schmalen Fensterchen
+alles – alles, was das Herz nur begehren konnte. Hohe Gläser mit bunten
+Bonbons und blaue Glanzpapiertafeln mit Zwirnknöpfen, Kränze von
+getrockneten Feigen und Postkarten, auf denen liebende Paare in
+flammenden oder blumenumkränzten Herzen sich küßten. Schnürsenkel und
+saure Gurken, Schuhwichse und Backpulver und irdene Töpfchen und Kämme
+und ...
+
+„Abziehbilder!“ sagte Olga mit andächtigem Entzücken. „Sieh nur, Mette,
+veritable Abziehbilder! Ganz richtig mit dem blauen Hauch darüber, mit
+dem mystischen Schleier, daß man nur ahnen kann, was daraus wird, wenn
+sie abgezogen sind. Oh, es war kein Kachelofen vor meinen Abziehbildern
+sicher! Wer sie immer nur hübsch auf einem Tisch verarbeitet hat, ahnt
+gar nicht, wie schwer es ist, sie auf einer senkrechten Fläche
+anzubringen. Sie waren immer durcheinander gerutscht. Ich glaube, ich
+hatte keine ruhige Hand. Ob ich es jetzt besser könnte? Ich bitte dich,
+Mette, um aller Heiligen willen, geh hinein und kauf mir für einen
+Groschen Abziehbilder – aber ein Bogen mit Schiffen muß dabei sein.“ – –
+–
+
+ * * * * *
+
+Hinter den letzten Häusern fing die Landstraße an: Breit, gerade, mit
+kahlen Bäumen bestanden, schneebedeckte Felder rechts und links, am
+Horizont ein Streifen dunkelblauen Waldes.
+
+Sie schritten scharf aus. Der Schnee knirschte unter ihren Schuhen. Bei
+jedem Schritt flogen krächzende Krähen vor ihnen auf, der Wind rauschte
+in den Telegraphendrähten und blies manchmal eine Schneelast von einem
+Zweiggewirr auf sie herab. Der unberührte, unbetretene Schnee war weich
+wie Watte und blitzte in der Sonne wie zerstoßenes Glas.
+
+Der Wald, der so fern erschienen war, schien ihnen entgegenzulaufen.
+
+Hundert Schritte davor bog die Landstraße ab. Aber ein breiter Weg
+führte hinein. Das Stückchen über das freie Feld war kaum als Weg zu
+erkennen, so schneeverweht war es. Aber drüben tat sich in den hohen
+schneebedeckten Tannen eine Öffnung auf, wie der Eingang zu einem
+Tunnel. Da strebten sie hin.
+
+Als der Wald sie umfing, wurde es mit einem Male still und warm – so
+warm, daß ihre windgepeitschten Gesichter anfingen zu brennen.
+
+Hoch über ihnen in den Wipfeln rauschte der Wind und schüttelte zuweilen
+silberne Sterne auf den dunklen Boden. Aber sein kalter Atem traf sie
+nicht.
+
+Sie wanderten in versunkenem Schweigen. Nur wenn bunte Meisen vor ihnen
+herflatterten oder ein Eichhörnchen an einem Stamm hinaufflitzte, machte
+eines das andere durch ein Flüstern, durch eine Bewegung aufmerksam. Und
+wenn dann ihre Blicke sich trafen, dann blieben sie ineinander hängen,
+bis sie lächelten und die Augen schlossen – – –
+
+ * * * * *
+
+„Aha! Da ist es!“ sagte Olga nach einer guten Weile.
+
+„Was? Wo?“ fragte Mette erstaunt.
+
+Olga wies mit der Hand vorwärts. Zwischen den Stämmen wurde plötzlich
+eine rote Backsteinmauer sichtbar.
+
+„Hast du denn gewußt, wo wir hingehen?“ wunderte sich Mette.
+
+„Natürlich, Kind! Ich werde dich doch nicht aufs Geratewohl in der Irre
+herumführen. Dieses muß nach menschlichem Ermessen der Waldkater sein.
+Im Sommer gibt’s hier Kaffeekochen, Musik und Tanzvergnügen. Im Winter
+kriegen wir vielleicht was zu essen – wenn wir Glück haben. Das hat mir
+alles unser Hausknecht heute früh erzählt. Außer seiner Lebensgeschichte
+– – es gibt so ein schönes Märchen – – Bechstein, glaub’ ich – – von der
+verwunschenen Mühle, wo nur der Esel, die Katz und die Taube sind. Und
+noch irgendein Tier. Siehst du, da fliegt die Taube auf, und da ist die
+Katz. Aber kein Mensch zu erblicken. Graust dir’s schon, Mette? Ganz
+sicher, die Katze will uns was sagen!“
+
+Sie durchschritten eine Art Wirtschaftshof und rüttelten an ein paar
+verschlossenen Türen.
+
+„Es kann nicht ausgestorben sein,“ sagte Olga und deutete auf ein
+Rauchwölkchen, das aus dem Schornstein aufstieg. „Oder die Katz hat
+Feuer angemacht. Aber wenn sie das kann, kann sie uns auch was zu essen
+kochen.“
+
+Sie fanden eine Tür offen. Durch einen leeren und kalten Saal, von
+dessen Decke zerfetzte und verstaubte Papiergirlanden herunterhingen,
+kamen sie an eine andere Tür, die einem Druck auf die Klinke nachgab.
+Dieser nächste Raum war erfüllt von behaglicher Wärme und
+durchdringendem Kohlgeruch. Ein eiserner Ofen fauchte glühende Luft und
+auf ihm brodelte ein blauer Emailletopf mit einem dampfenden Inhalt. An
+einem der Tische, breit aufgestützt, saß eine grobknochige Magd und
+messerte ihr Kohlgericht aus einem blechernen Napf.
+
+„Guten Tag, Fräulein Anna,“ sagte Olga strahlend liebenswürdig. „Na, wie
+geht’s Ihnen denn? Schmeckt’s?“
+
+Das Mädchen stand langsam auf und grinste.
+
+„Ich heiß’ nicht Anna,“ sagte sie, „die vorvorige war die Anna. Ich
+heiß’ Berta.“
+
+„Schön warm haben Sie’s hier, Fräulein Berta.“ Olga zog die Handschuhe
+aus und hielt die Finger vor die Ofenglut. „Und herrlich riecht’s hier
+nach Kraut. Wollen Sie uns nicht was abgeben von Ihrem Mittagbrot?“
+
+Das grinsende Mädchen wischte mit der Schürze über einen Tisch.
+
+„Wenn die Damen was zu essen haben möchten, kann ich ja mal die Frau
+fragen.“
+
+„Herrlich, Fräulein Berta! Und wenn wir was zu trinken kriegen könnten –
+einen Grog oder Glühwein oder sonst so was Gutes.“ Olga blinzte dem
+Mädchen zu, als hätte sie ihr ein Geheimnis anvertraut. „Wir sind
+nämlich mächtig durchgefroren.“
+
+Sie stemmte die Füße gegen den heißen Ofen, daß die nassen Sohlen
+anfingen zu zischen.
+
+„Sagen Sie, was ist eigentlich aus der Anna geworden? Daß ich Sie
+verwechselt habe! Die war ja viel kleiner als Sie!“
+
+„Ja,“ sagte Berta, „die war man schwächlich. Sie hat geheirat’t.“
+
+„Geheiratet?“ sagte Olga überrascht. „Sieh mal an! Dabei war sie doch
+gar nicht mal so hübsch.“
+
+„Ne,“ sagte Berta, „hübsch war sie nich. Un schwächlich war sie auch
+man. Aber sie hatte ’n Mundwerk, ’n Mundwerk hatte sie. Un das sticht
+manch einen ins Auge.“
+
+Olga blieb ganz ernst.
+
+„Na, lassen Sie man, Berta,“ sagte sie begütigend, „Sie werden ja auch
+bald heiraten. Es ist doch immer das beste. Man will ja gerne schuften.
+Aber es ist doch immer was anderes, wenn man für die eigene Wirtschaft
+schuftet.“
+
+„Ja,“ sagte Berta überzeugt und blieb eine Weile gedankenvoll mit
+offenem Munde stehen, „nun will ich aber mal nach was zu essen fragen.“
+
+Damit machte sie kehrt und schoß hinaus.
+
+„Herrlich,“ sagte Olga und witterte wie ein Jagdhund mit erhobener Nase.
+„Es riecht so gut nach Kraut und Hammelfleisch.“
+
+Mette schüttelte den Kopf.
+
+„Ein komischer Kerl bist du,“ sagte sie lachend. „Hier findest du das
+herrlich, und wenn’s in der Motzstraße nach Kohl riecht, kriegst du
+Ohnmachten und Tobsuchtsanfälle.“
+
+„Erlaube mal, das ist vielleicht ein Unterschied, wenn’s in einem
+Berliner Zimmer mit Jugendstilmöbeln und einem Prismenkronleuchter halb
+nach Kohl riecht und halb nach billigem Heliotropparfüm, so erzeugt das
+einen Nervenzustand, der einen direkt zum Selbstmord treiben kann. Hier
+muß es einfach ein bißchen nach Ofendunst riechen und ein bißchen nach
+Schweinestall und kräftig nach Kümmelkohl – das ist gerade das Richtige.
+Wenn meine Freundin Berta hier mit dem Messer ißt, stört mich das gar
+nicht. Aber wenn ich’s im Schweizer Hof in Luzern sehe, könnt’ ich aus
+der Haut fahren.“ – – –
+
+ * * * * *
+
+Die schwarzweiß gefleckte Katze kam ins Zimmer geschlichen.
+
+„Da hast du den Waldkater!“ sagte Olga. „Komm her, Mies! Komm zu mir!“
+
+Die Katze ließ sich greifen und halten. Olga streichelte sie, drückte
+sie an sich, erzählte ihr im Flüsterton lange Geschichten und richtete
+teilnehmende Fragen an sie.
+
+„Daß du Katzen so liebst und Hunde nicht leiden kannst,“ sagte Mette ein
+wenig mißbilligend, „das ist eigentlich bezeichnend für dich!“
+
+Olga hob rasch den Kopf und zog die Brauen hoch.
+
+„Bezeichnend? Wieso?“
+
+„Weil du die Grazie mehr schätzt als die Treue,“ sagte Mette mit einem
+wehmütigen Lächeln. „Weil dir das lieber ist, was heimlich kratzt, als
+das, was sich schlagen läßt und die Hand leckt. Ich glaube, ich muß mich
+in acht nehmen, daß ich dir nicht verächtlich werde.“
+
+Olga schüttelte die Katze von ihrem Schoß herunter.
+
+„Nein, Mette,“ sagte sie mit großen ernsten Augen, „da verkennst du mich
+vollständig. Ich habe eine Antipathie gegen Hunde, aber nicht, weil sie
+treu sind, sondern weil sie schamlos sind. Weil sie ihr Liebesleben auf
+die Straße tragen.“ Der rote Schatten flog wieder über ihr Gesicht.
+„Katzen haben darin mehr Kultur – um dies oft mißbrauchte Wort zu
+mißbrauchen. Es gibt Kerfe, die sich nur in tiefster Nacht, nur in den
+verstecktesten Winkeln paaren – so daß es noch keinem Forscher gelungen
+ist, diesen Prozeß zu beobachten. Ich denke immer, es wird einmal eine
+Zeit kommen, da wird man von den barbarischen Gebräuchen dieser
+Jahrhunderte oder Jahrtausende wie von Märchen erzählen. Denke dir nur,
+wie unendlich komisch das einen feinfühligen Menschen berühren muß: Wenn
+zwei Menschen Sehnsucht haben, miteinander in einem Bett zu liegen, so
+setzen sie einen bestimmten Tag dafür fest. Sie setzen öffentliche
+Institutionen, den Staat und die Kirche, davon in Kenntnis. Sie
+benachrichtigen Freunde und Verwandte, ihre eigenen Eltern, ihre eigenen
+Geschwister! An dem Tag, der dieser Nacht vorangeht, versammeln sie alle
+Leute um sich, die sie nur irgend kennen, sitzen Hand in Hand und lassen
+sich betrachten, umgeben sich mit Leuten, die gefüttert und getränkt
+werden, bis ihnen übel wird, lassen sich anzügliche Lieder vorsingen und
+anzügliche Reden halten – und fühlen sich vielleicht sogar wohl dabei. –
+Ich habe immer das Gefühl gehabt, Hochzeit zu halten auf die Art, wie
+man das jetzt handhabt, müßte eine Strafe für Schwerverbrecher sein. Es
+ist eine so grausame Quälerei, eine so ausgesuchte Folter ... Mette,
+Kind, tu mir den Gefallen, wenn du dich einmal einem Manne hingeben
+willst, den du liebst, tu’s, wenn dir danach zumute ist und nicht an
+einem vorher festgesetzten Tag – tu’s ganz heimlich, daß keine lebende
+Seele die Möglichkeit eines solchen Geschehens ahnt ...“
+
+„Ich?“ sagte Mette mit Augen voll traumverlorenen Entsetzens. „Ich?“
+
+„Ja, du!“ sagte Olga lächelnd. „Ach, Kind – meinst du, du hast eine
+Ahnung, was in deinem Leben noch alles geschehen kann?!“ – – –
+
+ * * * * *
+
+Am anderen Tag saßen sie in der Konditorei von Ferdinand Brausewetter am
+Roßmarkt.
+
+Sie hatten einen weiten Spaziergang gemacht und waren hungrig und
+durchfroren.
+
+Nun saßen sie auf dem roten Samtsofa, das mit Häkeldeckchen belegt war,
+als ob es in der guten Stube stünde.
+
+Olga hatte eine – wie sie sagte – „prähistorische“ Nummer der
+„Meggendorfer“ entdeckt und belustigte sich königlich an den harmlosen
+Witzen.
+
+Eine dicke behagliche Frau mit glatten grauen Scheiteln und einer
+gutgestärkten weißen Schürze, die noch vom Wäscheschrank her die
+scharfen Kniffe zeigte, brachte ihnen dampfenden Kaffee in einer braunen
+Bunzlauer Kanne und duftenden frisch gebackenen Kuchen.
+
+Dann, als die frühe Dämmerung fiel, steckte sie eine Gasflamme an.
+
+Da die Lampe zu hoch war und sie sich einen Stuhl herbeiholte, sprang
+Olga auf, um ihr zu helfen.
+
+Sie kamen in ein Gespräch, und die freundliche Frau blieb an ihrem Tisch
+stehen, um ein wenig zu schwatzen.
+
+Olga lobte den Kuchen, sprach vom Wetter, von der Stadt – dann rückte
+sie einen Stuhl.
+
+„Aber Frau Brausewetter, setzen Sie sich doch ein bissel zu uns, wenn’s
+Ihre Zeit erlaubt. – Sie wissen so gut Bescheid hier, ich hätt’ mich
+gern noch nach Verschiedenem erkundigt.“
+
+Mette folgte mit stummer Verwunderung der Unterhaltung, die sich
+entspann.
+
+Olga erkundigte sich angelegentlich nach dem Papiergeschäft an der
+anderen Seite des Marktes. Eine Tafel zeigte an, daß das Grundstück samt
+gutgehendem Geschäft zu verkaufen sei. Sie hatten es schon in der
+Zeitung inseriert gelesen ...
+
+„Im Kreisanzeiger wohl?“
+
+„Ja, natürlich im Kreisanzeiger,“ ... und sie wären hergekommen, um es
+sich anzusehen und sich erst mal unter der Hand zu erkundigen ... ob
+denn das Geschäft ginge? Und warum es eigentlich zu verkaufen sei? Ein
+Garten wäre wohl nicht bei dem Haus?
+
+Doch, ein kleiner Garten mit alten Birnbäumen und einer Fliederlaube –
+durch den Treppenflur könne man ihn sehen.
+
+Und sie möchten eine Leihbibliothek mit dem Geschäft verbinden – ob das
+wohl lohne?
+
+Frau Brausewetter war Feuer und Flamme für diesen Plan. Das hätte sie
+den Kilians schon immer gesagt. Aber sie hätten nie was reinstecken
+wollen ins Geschäft. Und hätten gemeint, die Anschaffung der Bücher
+rentiere sich nicht. Aber es würde sich ganz gewiß rentieren; denn den
+ewigen Journallesezirkel hätten sie alle schon über. Und die Frau
+Bürgermeisterin hätte neulich schon gesagt ...
+
+„Denke dir!“ sagte Olga, als sie über den dämmerigen Marktplatz nach dem
+Hotel hinüber schritten. „Alte Birnbäume und eine Fliederlaube. Und
+nichts zu sehen von der Straße aus! Ein altes häßliches graues Häuschen.
+Ich habe in solchen Städten im Sommer in alle Haustüren geguckt. Dann
+sieht man so oft jenseits der Treppe eine zweite Tür und wenn die offen
+steht, so ein Stückchen Hof oder Garten mit blühendem Flieder. Dann hab’
+ich immer so ein ganz starkes Gefühl von Neid oder Sehnsucht gehabt.
+Vielleicht hab’ ich gewußt, daß ich noch mal in so einem Haus ende. Oder
+daß ich ihm ganz nahe komme und daran vorüber muß.“
+
+„Aber Olga!“ sagte Mette und blieb vor Erstaunen mitten auf dem Platz
+stehen. „Möchtest du denn da enden? Ich habe immer das Gefühl, du machst
+dich lustig über mich und meine Ideale. Wie du der guten Frau
+Brausewetter da die Komödie vorgespielt hast – mir hat sich das Herz
+zusammengezogen vor Sehnsucht, daß das Wahrheit wäre. Ach, wenn ich hier
+bleiben könnte, ein Häuschen mit einem Garten haben und so ein puppiges
+kleines Geschäft mit Schulheften und Ansichtskarten und Bibelsprüchen
+und eine Leihbibliothek – und dich, dich, dich! Von morgens bis abends
+und von abends bis morgens ... aber nach drei Wochen wärst du mir
+durchgegangen und ich säße allein hier ...“
+
+„Glaubst du?“ sagte Olga ohne Spott. „Wie du mich kennst!“
+
+„Ich kenne dich!“ beharrte Mette lächelnd. „Vielleicht kenn’ ich dich
+besser als du dich kennst.“
+
+„Kein Mensch kennt einen anderen,“ sagte Olga in einem müden und
+gleichgültigen Ton und heftete die Augen unter den zusammengezogenen
+Brauen unverwandt auf die blaue Laterne über dem Torweg.
+
+„Aber es läßt sich so wenig dagegen tun ...“ – – –
+
+ * * * * *
+
+Sie hatten nach dem Abendessen noch in dem überheizten Gastzimmer eine
+Partie Schach gespielt und dabei mit viel heimlichem Entzücken den
+Unterhaltungen gelauscht, die die Honoratioren nebenan an ihrem
+Stammtisch führten.
+
+Als sie, die Mäntel überm Arm, an der Treppe anlangten, bat Olga:
+
+„Komm, laß uns noch eine halbe Stunde an die Luft gehen, daß wir nicht
+den ganzen Rauch in Haaren und Kleidern mit hinauf schleppen – das
+heißt, wenn du nicht etwa müd’ bist, natürlich.“
+
+Der häßliche Platz, die nüchternen Straßen lagen in Schnee und Mondlicht
+wie verzaubert da.
+
+Der Himmel war hoch, blauschwarz und so klar, daß er wie erfüllt
+erschien von dem unabsehbaren Gewimmel funkelnder Sterne.
+
+Olga hatte den Kopf tief in den Nacken gelegt. Der Nachthimmel und die
+Gestirne schienen sich in ihren Augen zu spiegeln.
+
+„Unendlichkeit!“ sagte sie leise. „Du glaubst nicht, wie ich dieses Wort
+liebe. Es ist mein Vaterunser und mein Evangelium. Kein Anfang, kein
+Ende. Unendlichkeit der Zeit, Ewigkeit des Raumes. Ich glaube, wenn ich
+ganz klein und verzweifelt wäre, braucht ich nur zu denken:
+Unendlichkeit! Und es wäre wie ein Orgelton, der alles von mir abspült.
+Wird man nicht ganz fromm, wenn man dies Unbegreifliche fühlt? Darum
+lieb’ ich den Sternenhimmel so. Darum lieb’ ich die Nacht so.“
+
+„Mich hat nichts so gequält,“ sagte Mette, „als deine Unendlichkeit. Als
+kleines Kind schon. Ich wollte sie immer begreifen. Ich wollte. Ich lag
+im Bett und stellte mir den Raum vor. Und dann schloß ich einen Kreis
+wie eine Mauer um ihn. Und was war dahinter? Wieder Raum. Ich zog einen
+größeren Kreis. Ringsum war wieder Raum. Ich dachte manchmal, ich müßte
+verrückt werden, wenn all der Raum in mein armes kleines Gehirn
+hineinstürzen wollte.“
+
+„Das ist ja das Schöne, daß es etwas gibt, was wir nicht begreifen
+können. Nicht der Gelehrteste und nicht der Gefühlvollste. Das eine
+Unbegreifliche ist Bürgschaft für tausend Möglichkeiten. Wenn es
+Ewigkeit gibt, warum nicht Unsterblichkeit, Seligkeit, Göttlichkeit?
+Warum nicht eine Liebe über aller irdischen? Alles wissen sie, alles
+erklären sie. Wie die Spermatozoen ins Ei dringen, beobachten sie, und
+Sterne machen sie ausfindig, von denen das Licht achtzig Millionen Jahre
+braucht, um zu uns zu gelangen, und Theorien stellen sie auf, worin sie
+Liebe durch Fortpflanzungswillen und Sympathie durch Geruchsnerven
+begründen. Von allem reißen sie den Schleier des Mysteriums. Sie wissen,
+wie wir entstehen und wie wir vergehen und warum wir lieben. Aber wenn
+sie dich quälen und du ihnen nicht glauben willst, dann sag’ dir ganz
+leise: Unendlichkeit! Und fühle, daß es Dinge gibt, die über aller
+Vernunft sind. Kein Lebender kann sie erfassen ... Aber die Toten
+vielleicht. Oder die Sterbenden schon. Darum lächeln die Toten alle. Sie
+lächeln alle so erlöst und überlegen, als wollten sie sagen: ‚Herrgott,
+ist das lächerlich einfach‘ ... Ich freue mich manchmal auf den Moment,
+wo man die Stufe hinaufsteigt, daß man endlich über die Mauer sehen
+kann.“
+
+„Freu’ dich nicht zu sehr,“ sagte Mette und griff wie in Angst nach
+ihrer Hand, „ertrag nur die Mauer noch eine Weile.“
+
+„Kind,“ sagte Olga weich, „ich sehe ja die Mauer nicht. Sie ist ganz und
+gar von Rosen überhangen.“ – – –
+
+ * * * * *
+
+Auch am anderen Morgen war noch kein Brief aus Berlin da.
+
+„Gesegnete Post!“ sagte Olga. „Sie kommt hier nur einmal am Tage.“
+
+Mette schüttelte den Kopf. „Ich versteh’ dich nicht. Ich hab’ erst die
+richtige Ruhe, wenn Antwort da ist. So sitzt man ja doch immer auf dem
+_qui vive_ oder dem Pulverfaß oder ähnlichem! Wenn wir wissen, woran wir
+sind, können wir uns danach richten. Ich muß dann eventuell an den
+Rechtsanwalt schreiben, der der Testamentsvollstrecker meiner Großmutter
+war. Der wird mir sicher eine Summe vorschießen, von der wir das halbe
+Jahr leben können, bis ich mündig bin. Aber ich wollte, ich hätte alle
+diese Dinge schon hinter mir.“
+
+Olga spielte mit den Fransen der Tischdecke und lächelte.
+
+„Warum lächelst du so?“ fragte Mette.
+
+„Weil du so weitgehende Pläne machst. Dein Vater wird schreiben: ‚Komm!‘
+Und dann wirst du kommen.“
+
+„Du weißt ganz genau, daß das ausgeschlossen ist!“ sagte Mette fast
+zornig.
+
+Olga stand mit einem Ruck auf und ging ans Fenster.
+
+„Vielleicht schick’ ich dich auch!“ sagte sie hart. – – –
+
+ * * * * *
+
+Am Nachmittag machten sie wieder einen weiten Spaziergang über die
+Felder. Der frühe Abend überraschte sie, und sie kamen erst in der
+Dunkelheit heim.
+
+Sie gingen auf der Landstraße, hart ankämpfend gegen den Wind und sahen
+vor sich im blauen Dämmern die aufblitzenden Lichter der Stadt.
+
+„Seltsam,“ sagte Olga, „wir gehen nach Hause. Da liegt eine Stadt vor
+uns, deren Namen ich vor drei Tagen noch nicht gekannt habe, und da bin
+ich zu Hause. Da liegt ein Hotelzimmer, in dem vor drei Tagen vielleicht
+noch irgendein Kommis nächtigte, ein Zimmer, in dem nicht ein Möbelstück
+nach meinem Geschmack ist, in dem nicht ein Bild und nicht ein Buch mich
+lockt – und da bin ich zu Hause. Wenn ich an unseren Gasofen denke und
+an den Feuerschein auf dem schäbigen Teppich, dann wird mir so warm, daß
+ich den Wind nicht spüre. Wie muß einem Menschen zumute sein, der
+wirklich ein eigenes Heim hat. Wo er jeden Sessel liebt und die Farbe
+des Teppichs und das Licht der Lampe und jedes Kissen und jedes Bild und
+jede Tasse.“
+
+„Das könntest du doch haben,“ sagte Mette.
+
+„Ich?! – Nie, nie, nie!“
+
+„Doch!“ sagte Mette etwas zaghaft. „Wenn du Geduld hättest ... in einem
+halben Jahr.“
+
+Olga lachte kurz auf. „Kind!“ rief sie und drückte Mettens Arm fester an
+sich. „Liebes, süßes, wundervolles, kleines Geschöpf! In einem halben
+Jahr! Wo bist du da und wo bin ich da? Vielleicht bist du verheiratet –
+und ich bin tot.“ – – –
+
+ * * * * *
+
+Als sie in das Zimmer traten, leuchtete von der dunklen Tischdecke etwas
+Weißes ihnen entgegen. Mette nahm es auf und lief damit ans Fenster. Der
+Schein einer Laterne draußen gab ein schwaches Licht.
+
+Es war ein dringendes Telegramm.
+
+„Mach hell, bitte!“ bat sie mit ein wenig unsicherer Stimme.
+
+Sie riß das Papier auseinander.
+
+Sie las es in dem Dämmerlicht am Fenster. Sie las es noch einmal bei der
+aufflammenden Gaslampe. Es änderte sich nicht.
+
+„Dein Vater vom Schlage getroffen. Sein Ableben stündlich zu erwarten.“
+
+Sie reichte das offene Telegramm, ohne ein Wort zu sagen, Olga hinüber
+und ging an ihr vorbei nach dem Ofen.
+
+Sie hielt die Hände vor die Glut und war erfüllt von der seltsam
+peinlichen Empfindung, nicht zu wissen, wie sie sich benehmen sollte.
+
+Kein Gefühl quoll unwiderstehlich, jeden Gedanken verdunkelnd, aus ihrer
+Tiefe: weder Schmerz, noch Angst, noch Liebe.
+
+Nur häßliche, quälende Gedanken: „Ich werde hinfahren und zu spät
+kommen,“ dachte sie. „Es wird also ganz unnütz sein, daß ich fahre. Wenn
+er wirklich sterben muß – warum hab’ ich dann nicht lieber die Nachricht
+bekommen, daß er tot ist. Dann würde keine Macht der Welt mich hier
+wegbekommen.“
+
+Sie warf einen verstohlenen Blick auf Olga, die ihr noch immer den
+Rücken zudrehte.
+
+„Sie wird erwarten, daß ich irgend etwas tue,“ dachte sie. „Ich muß mich
+doch irgendwie äußern. Ich glaube, das Natürlichste wäre, wenn ich jetzt
+weinte. Aber ich kann doch nicht. Ich finde es schrecklich, gewiß. Aber
+es ist nichts, was mir die Tränen in die Augen treibt. Was würde Olga in
+meiner Lage tun? Seltsam, wie wenig wir uns eigentlich kennen. Ich weiß
+nicht, was sie tun würde. Und ich weiß auch nicht, was sie von mir
+erwartet.“
+
+Endlich drehte Olga sich um und legte mit einer schönen und merkwürdig
+behutsamen Bewegung das Papier auf den Tisch. Ihr Gesicht war ruhig,
+aber ganz weiß.
+
+„Ich will nach den Zügen fragen!“ sagte sie und schritt still hinaus.
+
+Mette war fast froh, noch einen Augenblick allein zu sein. Sie konnte
+nun in Ruhe überlegen, was zu tun sei. Wenn Olga ging, um nach den Zügen
+zu fragen, so nahm sie als selbstverständlich an, daß Mette mit dem
+nächsten Zug nach Hause fuhr. Es war ja auch wohl selbstverständlich,
+freilich, das war es.
+
+Sie stand seufzend von ihrem Sessel am Kamin auf, stellte den offenen
+Handkoffer zurecht und fing an einzupacken. Dabei flogen ihre Gedanken
+hin und her.
+
+Vielleicht war es gar nicht wahr!
+
+Vielleicht hatte Tante Emilie sich das ausgedacht, um sie nach Hause zu
+locken! Sie ins Gefängnis zurückzulocken!
+
+Wenn doch jetzt eine Depesche von Vater käme, die die erste Nachricht
+widerriefe!
+
+Oder, wenn es doch wahr war – wenn jetzt eine Depesche von Tante Emilie
+käme, daß alles vorbei wäre. Dann brauchte sie nicht zu fahren. Oder ob
+Olga es von ihr verlangen würde?
+
+Wenn doch Olga jetzt heraufkäme und sagte: Es geht kein Zug, heute
+nicht, morgen nicht, nie mehr. Die Züge bleiben im Schnee stecken – oder
+der Bahndamm ist eingestürzt ...
+
+Oder wenn Olga jetzt käme und sagte: Fahr’ nicht! Verlaß mich nicht! Laß
+uns weiterfahren, irgendwohin, wo sie uns nicht finden. Beweise mir, wie
+du mich liebst, gib alles auf. Was ist dir der fremde Mann, der da im
+Sterben liegt? Nichts! Zu mir gehörst du, mein bist du! Ich verlange von
+dir, daß du bei mir bleibst, ich will mich nicht von dir trennen, nicht
+auf eine Stunde mehr.
+
+Ja, das wäre das Schönste. Aber von allem Unmöglichen war es das
+Unmöglichste.
+
+Olga machte die Tür auf. Ihre Bewegungen, obgleich rasch, waren so
+leise, als beträte sie ein Krankenzimmer.
+
+„Um drei Viertel zehn,“ sagte sie und warf einen Blick auf die
+Armbanduhr. „Wir haben also noch reichlich Zeit, einzupacken und etwas
+zu essen.“
+
+In Mette zuckte etwas wie Empörung auf. Sie mußte fahren. Sie wurde
+einfach geschickt. Vielleicht wäre Olga selber an ihrer Stelle nicht
+gefahren. Olga durfte frei handeln und entgegen allem, was Sitte und
+Gebrauch war – aber für Mette galt das Normale, das Alltägliche, das
+Schickliche. Um drei Viertel zehn ging der Zug – sie wurde gar nicht
+gefragt, ob sie ihn benutzen wollte. Es war der nächste Zug, und also
+hatte sie damit zu fahren.
+
+Sie packte mit verbissenem Gesicht ihren Koffer weiter.
+
+„Darf ich dir helfen?“ fragte Olga ernst und sanft.
+
+„Danke!“ sagte Mette kurz.
+
+Der rücksichtsvolle Ton quälte sie. Sie hätte so gern ganz brutal die
+Wahrheit gesagt:
+
+„Du brauchst mich nicht zu behandeln, als wäre ich schwer krank. Das
+Schlimmste an dieser Sache ist für mich, daß wir uns trennen sollen, daß
+ich hier fort soll, daß unser Märchen hier ein Ende hat“ – aber sie
+hatte den Mut nicht, es auszusprechen. Und sie fühlte doch, daß Olga
+sich beinah scheu zurückhielt, so, als hätte sie kein Recht, Metten in
+ihrem heiligen, kindlichen Schmerz zu stören.
+
+Mettens Hände stießen beim Packen zufällig auf einen sorgfältig in
+Seidenpapier gehüllten Gegenstand unten am Boden des Handkoffers. Sie
+riß das Seidenpapier ab, daß die Fetzen zur Erde flatterten und hielt
+das goldene Etui in der Hand.
+
+„O Mette!“ rief Olga mit einem leisen, überraschten Aufschrei. „Da ist
+es ja wieder! Seit wann?“
+
+„Es ist nie woanders gewesen,“ sagte Mette mit einem etwas bedrückten
+Lächeln. „Ich konnte mich nicht entschließen, es in fremde schmutzige
+Hände zu geben. Ich wollte dir eigentlich nichts davon sagen – ich
+wollte es dir zu Weihnachten schenken – aber es ist ja Unsinn – ich will
+es dir lieber gleich geben.“
+
+Mette ging hinüber und legte es in Olgas Hände, die ihr nicht
+entgegenkamen.
+
+Olga hielt es ganz still auf den Flächen der Finger, ohne es zu
+umschließen und sah es mit gedankenschwerem Lächeln an.
+
+„Seltsam,“ sagte sie, ohne die Augen aufzuheben. „Warum jetzt? Warum
+heute? Man sollte nicht abergläubisch sein, aber manchmal ist es schwer
+...“
+
+Mette verstand den Sinn dieser Worte nicht, aber sie fragte auch nicht
+danach. Sie spürte mit zorniger Eifersucht, daß Olgas Gedanken in einer
+Vergangenheit waren, die ihr fern, fremd und verschlossen blieb. Aber
+sie spürte keinerlei Beziehung auf sich selbst.
+
+Es war eine schweigsame Fahrt durch die kalte, dunkle und unfreundliche
+Nacht.
+
+Mette lehnte mit halbgeschlossenen Augen in einer Ecke und sehnte sich
+danach, mit viel Zärtlichkeit getröstet zu werden – aber sie hätte nicht
+gewagt, diese Sehnsucht auszusprechen, auch wenn nicht fremde Menschen
+mit dumm verschlafenen, glotzenden Gesichtern im Wagen gesessen hätten.
+
+Als Mette fröstelte, zog Olga wortlos ihren Mantel aus und legte ihn ihr
+über die Knie. Aber Mette wies ihn fast schroff zurück.
+
+„Laß das, bitte! Ich möchte nicht, daß du dich erkältest!“
+
+Olga nahm den Mantel fort. Aber sie zog ihn nicht an. Sie legte ihn
+neben sich auf das Polster, mit einer so achtlosen Bewegung, als sei er
+zu nichts mehr nütze. – – –
+
+ * * * * *
+
+In der Wohnung roch es nach Krankheit und Tod. Die Mädchen saßen
+schlaftrunken mit verschwollenen Augen und stumpfen Gesichtern herum.
+
+Überall brannte Licht. Aber nicht helles, heiteres, strahlendes Licht,
+nur immer eine einzelne Lampe, die ein oder zwei Räume dämmerig
+erhellte. Die Türen standen offen oder waren angelehnt – man sah, daß
+nicht Nacht war in dieser Wohnung. Daß niemand schlief, daß unablässig
+hin und her gelaufen wurde. Und durch die offenen Türen drang das
+gleichmäßige röchelnde Atmen des Sterbenden in alle Räume, erfüllte alle
+Räume.
+
+Tante Emilie, mit wachen Eulenaugen in dem zerkniffenen Gesicht,
+geisterte gespenstig hin und her.
+
+„Du kommst zu spät!“ sagte sie mit eisigem Triumph, als sie Mettens
+ansichtig wurde. „Wir haben keine Hoffnung mehr.“
+
+Mette fühlte, daß ihr etwas Böses zugefügt werden sollte. Und das
+plötzliche Bewußtsein, so verworfen, so gefühlsroh zu sein, daß dies
+Böse sie nicht traf, daß selbst diese Frau in ihrem maßlosen Haß sie
+noch überschätzte, trieb ihr, müde und überreizt wie sie war, die Tränen
+in die Augen.
+
+Tante Emilie ahnte nichts von diesen Vorgängen.
+
+„Auch diese Tränen kommen zu spät!“ sagte sie geringschätzig.
+
+Von den zwanzig Stunden, die nun kamen, hatte jede Stunde tausend
+Minuten.
+
+Mette ging hin und her, saß hier und dort und fühlte sich überall am
+falschen Platz, im Wege, von bösen Augen beobachtet.
+
+Sie war zerschlagen an allen Gliedern und hatte das Bedürfnis, nur für
+eine Stunde sich in ihrem Zimmer einzuschließen und sich aufs Bett zu
+werfen. Aber sie fand den Mut nicht dazu.
+
+Sie wußte, man erwartete von ihr, daß sie, in Reuetränen zerfließend, am
+Sterbebette ihres Vaters saß oder womöglich auf den Knien lag.
+
+Sie versuchte das Grauen, das sie schüttelte, zu überwinden und ging
+hinein, immer wieder. Die dumpfe Luft roch nach Verwesung und
+Medikamenten. In den vielen weißen Kissen lag ein kleiner, sonderbar
+knöcherner Schädel, ein fremdes, schief gezerrtes Gesicht mit
+geschlossenen Augen, dem der röchelnde Atem leise die gelblichen Lippen
+bewegte.
+
+Mette saß eine Weile still neben dem Bett und ängstigte sich davor, daß
+dieses schreckliche Röcheln mit einem Male aufhören könne. – Und
+ängstigte sich fast noch mehr davor, daß dies fremde Etwas plötzlich die
+Augen auftun und reden könne.
+
+Ärzte kamen, sprachen miteinander in gedämpftem Ton, maßen sie mit
+mitleidigen Blicken und gingen wieder.
+
+Das Mädchen deckte den Tisch zur gewohnten Zeit und bat im Flüsterton
+zum Essen.
+
+Tante Emilie ließ alle Verbindungstüren offen und horchte mit gespannter
+Aufmerksamkeit, während sie ihre Suppe löffelte, ob in dem gleichmäßigen
+Röcheln eine Veränderung einträte.
+
+Mette vermochte kaum einen Bissen hinunterzuwürgen.
+
+Die frühe Dämmerung kam, und die Lampen wurden wieder angemacht.
+
+Mette wollte ein Buch in die Hand nehmen, aber ein so empörter Blick von
+Tante Emilie traf sie, daß sie es wieder wegstellte und mutlos die Hände
+in den Schoß legte.
+
+Gegen Abend wurde das Röcheln schwächer. Der Nasenrücken trat
+messerscharf aus dem winzigen versunkenen Gesicht.
+
+Der Arzt, der am Abend kam, ging nicht wieder fort. Nun saß noch einer
+herum und schritt lautlos über die dicken Teppiche auf und ab und
+wartete.
+
+Das Röcheln wurde schwächer und schwächer. Dann kam noch ein paarmal in
+kurzen Pausen ein stärkeres knarrendes Ausatmen, und mit einem Male
+wurde es still.
+
+Man hörte plötzlich, als setzten sie eben ein, alle Uhren im Hause
+ticken.
+
+Der Arzt beugte sich über das Bett, richtete sich dann wieder auf und
+ging auf Metten zu, um ihr die Hand zu geben.
+
+Tante Emilie wischte sich über die trockenen Augen, die Mädchen draußen
+schluchzten auf.
+
+Mette sah und hörte alles wie durch dichte Schleier. Sie hatte Angst,
+ohnmächtig zu werden.
+
+Der Arzt bemerkte wohl ihr grünlich fahles Aussehen und legte ihr die
+Hand aufs Haar. „Legen Sie sich hin, Kind!“ sagte er sanft.
+
+„Sie können nichts mehr nützen hier. Sie haben schwere Tage hinter sich
+und vor sich. Jugend braucht Schlaf.“ – – –
+
+ * * * * *
+
+Mette war froh, in ihrem Zimmer zu sein. Aber sie dachte nicht daran,
+sich hinzulegen. Als sie nach einer Weile den Arzt gehen hörte, faßte
+sie eine namenlose Angst. Sie war so sterbensmüde und fürchtete sich
+davor, einzuschlafen, so, als müßten gräßliche Träume sie peinigen, wenn
+sie die Herrschaft über die Gedanken verlöre.
+
+Wenn sie nur für einen Moment die schweren Augenlider schloß, sah sie
+die verzerrten Züge des Sterbenden, oder Tante Emilie reckte die Krallen
+nach ihr aus, um sie zu erwürgen, oder Onkel Jürgen holte mit einem
+riesigen Schlüsselbund zu einem Hieb aus, der ihr den schmerzenden
+Schädel zerschmettern sollte.
+
+Mette streckte die Hand sehnsüchtig in die Luft nach einer anderen Hand,
+die die ihre fest und warm umschließen sollte. Aber ihre kalten Finger
+blieben leer.
+
+Sie ertrug die angstvolle Unruhe nicht mehr. Sie schlüpfte in ihren
+Mantel und schlich über die Hintertreppe hinunter aus dem Haus.
+
+Die kalte Nachtluft weckte sie wie aus schwerem Traum. Sie lief mehr als
+sie ging durch die Straßen bis zu Olgas Haus.
+
+Das Haus war verschlossen. Mette stand eine Weile unschlüssig.
+Vielleicht kam irgendein Hausbewohner heim, oder der Mann von der Wach-
+und Schließgesellschaft machte ihr gegen ein Trinkgeld die Tür auf.
+
+Sie wartete eine ganze Weile. Die Kälte schüttelte sie.
+
+Schließlich klingelte sie den Portier heraus. Aber oben vor der Tür
+zögerte sie wieder, eh’ sie wagte zu klingeln.
+
+Sie setzte sich auf die Treppe und lehnte die Stirn an die hölzernen
+Pfosten der Tür.
+
+Sie versuchte, durch angestrengte Gedanken, durch inbrünstiges Flehen,
+durch gesteigertes Wollen Olga zu wecken, sie herbeizurufen.
+
+Sie glaubte immer, ihren leisen Schritt sich der Tür nähern zu hören und
+lauschte atemlos und merkte, daß sie sich getäuscht hatte.
+
+Sie mußte sich endlich doch entschließen zu klingeln. Es dauerte eine
+ganze Weile, bis ein schlaftrunkenes, halb angezogenes Mädchen ihr
+öffnete. Sie erzählte eine Geschichte, daß sie eben von der Bahn komme
+und zu Hause nicht hinein könne, weil sie ihre Schlüssel bei Fräulein
+Radó gelassen habe. Sie lachte dazwischen und hatte das Gefühl,
+vollkommen idiotisch zu wirken.
+
+Als sie sich durch den wohlbekannten Türgang entlang tastete – sie
+fürchtete sich, aus irgendeinem unbegreiflichen Grunde davor, Licht zu
+machen – vielleicht hatte sie die Vorstellung, das Geräusch oder der
+Schein könne jemanden wecken, oder vielleicht hatte sie unbewußte Angst,
+gesehen zu werden und fühlte sich sicherer im Dunkel.
+
+Als sie schon vor Olgas Tür stand, hatte sie mit jähem Erschrecken das
+qualvolle Empfinden – so stark, daß sie es für Ahnung nahm – als wäre
+Olga nicht allein. Als stände diesem furchtbaren Tag noch ein
+furchtbarster Abschluß bevor.
+
+Sie stand an die Wand gelehnt und wagte nicht zu klopfen, nicht die
+Klinke zu berühren. Eine Stimme, die sie deutlich außer sich zu hören
+glaubte, sagte:
+
+„Was suchst du hier? Mit welchem Recht dringst du hier ein? Wie kommst
+du zu der maßlosen Kühnheit, dich hier zu Hause zu fühlen?“
+
+Die Tür ging geräuschlos auf, und ein matter Lichtschein fiel heraus.
+
+In dem Lichtschein stand Olga Radó, groß und schlank, in einem
+dunkelbunten Kimono, eine Hand auf der Klinke und spähte unter
+zusammengezogenen Brauen scharf hinaus. Sie sah und erkannte Metten
+sofort.
+
+„Mette!“ rief sie leise und schloß einen Moment, wie erschrocken, die
+Augen. „Ich hab’ es doch gewußt! Was ist geschehen, Kind? Wie bist du
+heraufgekommen?“
+
+Mette taumelte mehr als sie ging. Sie kam ins Zimmer, sah das sanfte
+Licht der verschleierten Lampe auf den Papieren des Schreibtisches, auf
+den Bücherrücken, auf den Bildern, auf den seidenen Kissen – Farben und
+Formen stürzten wie ein Gefühl unendlichen trunkenen Glücks in sie
+hinein – sie ließ sich auf die Erde niedergleiten, legte die Stirn gegen
+den Sessel und sagte zwischen Lachen und Weinen, zwischen Wachen und
+Schlaf:
+
+„Laß mich hier, es ist so gut.“
+
+Olga hob sie auf, zog sie aus wie ein kleines Kind und legte sie ins
+Bett. Als die Kühle der Laken ihre Glieder berührte, fingen Kälte und
+Grauen wieder an, sie zu schütteln. Sie war mit einem Schlage wieder
+hellwach, saß steif aufgerichtet im Bett und bemühte sich vergebens, das
+gewaltsame Aufeinanderschlagen der Zähne zu unterdrücken.
+
+„Leg’ dich zu mir,“ bat sie flehentlich, „ich muß spüren, daß ich nicht
+allein bin. Ich hab’ so gräßliche Angst.“
+
+Olga antwortete nicht. Sie verriegelte die Tür, sie stellte die Lampe
+hinter das Bett, breitete noch einen Seidenschleier über das Licht, ließ
+den Kimono von den Schultern gleiten – alles mit einem wehen Lächeln und
+schweren langsamen Bewegungen, als rüste sie sich zu einem Opfergang.
+Sie schob den Arm unter Mettens Nacken, breitete die Decke fester über
+sie, strich ihr das verwirrte Haar aus der Stirn.
+
+Und da Mette die Wärme dieses geliebten Lebens, den starken Schlag
+dieses Herzens spürte, brach sie in ein leises qualerlöstes Weinen aus.
+Über diesem Weinen schlief sie ein.
+
+Nach einer Zeit, von der sie nicht wußte, ob es Stunden oder Minuten
+waren, wachte sie wieder auf. Das Licht brannte immer noch. Olga lag
+reglos neben ihr, mit weit offenen Augen. Mette richtete sich auf und
+gab ihren Arm frei.
+
+„Warum weckst du mich nicht?“ sagte sie vorwurfsvoll. „Armes, ich habe
+dir sicher den ganzen Arm zerbrochen, und darum konntest du nicht
+schlafen.“
+
+Olga drehte ein wenig den Kopf. „Ich hätte auch sonst nicht schlafen
+können. Ich bin so wach.“
+
+„Woran hast du gedacht?“ fragte Mette und versuchte, in ihren Augen zu
+forschen.
+
+Olga lächelte ein wenig mühsam.
+
+„Daran, daß deine Leute dich jetzt vielleicht im ganzen Haus suchen. Ich
+möchte wissen – oder ich möchte lieber nicht wissen, was jetzt in Tante
+Emiliens Gehirn vorgeht. Sie muß doch rein denken, du bist von der
+Tarantel gestochen!“
+
+Mette lachte leise auf und schlang ihren Arm um Olga.
+
+„Vom Skorpion!“ sagte sie zärtlich. „Und es gibt kein Gegengift als sein
+eigenes Gift. Das weißt du doch!“
+
+Olga richtete sich auf und faltete die Hände über den hochgezogenen
+Knien. Die beiden schwarzen Flechten lagen wie zwei breite schwere
+Bänder auf dem weißen Hemd. Ihre Augen starrten geradeaus, und die
+weitgeöffnete Pupille überdunkelte die ganze Iris.
+
+„O wunderliches Schicksal über mir!“ sagte sie mit einer leisen, tiefen,
+wie ein Cello klingenden Stimme.
+
+ „Als wär’ ich von dem Skorpion gestochen
+ Und hoffte Heilung durch dasselbe Tier. – _Qui vivens laedit – morte
+ medetur._“
+
+Ein Ausdruck gewaltsamer, schmerzlicher und fast unheimlicher Energie
+trat in das weiße schöne Gesicht.
+
+Mette erschrak, daß ihr der Herzschlag stockte. Sie hatte den Mut nicht,
+sie anzurühren, sie an sich zu reißen.
+
+„Olla!“ rief sie mit einem leisen Klagelaut und streckte die Hände nach
+ihr.
+
+Da trat wieder das mühevolle Lächeln um den blassen Mund.
+
+Sie schlang mit einer jähen Bewegung beide Arme um Metten und preßte sie
+an sich, als wollte sie sie in dieser Umarmung ersticken, vernichten,
+zerstören.
+
+„Ach, Mettulein,“ sagte sie mit einem zersprungenen Lachen, „es hilft ja
+alles nichts ... du mußt mich erst in sanftem Öl verenden lassen – dann
+wird vielleicht noch alles gut!“ – – –
+
+ * * * * *
+
+Mette hörte im Traum heftiges Klingeln. Dann wachte sie auf von
+Türengehen, näher kommenden Schritten, vielen und erregten Stimmen.
+
+Sie machte die Augen auf und sah Olga vor dem Bett stehen, schon fertig
+angekleidet. Sie war sehr blaß, hatte dunkelflammende Augen und
+herrschte sie an in einem Ton, der wie atemlos klang vor Erregung.
+
+„Steh auf, Mette, ich bitte dich um Gottes und aller Heiligen willen,
+zieh dich schnell an.“
+
+Mette schlüpfte in wahnsinniger Hast in ihre Sachen. Unterdessen wurde
+schon heftig an die Tür geklopft.
+
+Olga ging sofort hin, riegelte auf und öffnete die Tür zur Hälfte.
+
+„Wer ist denn da?“
+
+Draußen wurden erregte Stimmen laut, erregte Gesichter drängten sich in
+den Spalt.
+
+„Ich bedauere, Sie können momentan nicht in mein Zimmer,“ sagte Olga mit
+eiskalter Höflichkeit.
+
+Die Stimmen draußen überschrien sich. Das war Tante Emilie. Das war
+Onkel Jürgen. Das war Frau Flesch. Das war das Mädchen, das ihr die
+Nacht geöffnet hatte.
+
+Mettens Hände zitterten wie in einem Angsttraum. Sie konnte mit keinem
+Knopf zustande kommen. Sie hatte den brennenden Wunsch, unsichtbar zu
+sein oder aus dem Fenster zu springen oder in tiefe Bewußtlosigkeit zu
+fallen.
+
+Olgas Stimme überklang den Tumult, tief und ruhig, aber kalt und scharf
+wie geschliffenes Eisen.
+
+„_Muß_ diese Unterhaltung auf dem Flur stattfinden?“
+
+Dann klang plötzlich eine sanfte, zarte Stimme:
+
+„Darf ich den Herrschaften mein Zimmer anbieten? Ich mache gern Platz.“
+
+Die Stimmen verzogen sich nach nebenan, und ein paar Augenblicke später
+– Mette hatte schon das Kleid übergeworfen – schlüpfte Peterchen ins
+Zimmer.
+
+„Kann ich dir helfen, Mette?“ flüsterte er mit verstörten Augen.
+
+Im selben Augenblick klang es von nebenan, als ob ein Stock auf den
+Tisch geschmettert würde.
+
+„Ich werde Sie ins Gefängnis bringen!“ donnerte Onkel Jürgens Stimme.
+
+Mette wollte hinüberstürzen. Peterchen hielt sie mit flehender Gewalt
+zurück.
+
+„Nicht so!“ bat er. „Mach dir schnell das Haar! Zieh dir Schuh an!“
+Während sie die Haare glatt strich und aufsteckte, kniete er vor ihr und
+schnürte ihr die Stiefel zu.
+
+Sie gab ihm recht. Sie konnte nicht auf Strümpfen, mit gelöstem Haar
+hinüberlaufen, zum Gaudium aller Leute, die hinter den Türritzen
+lauschten.
+
+Als Mette über den Flur nach dem anderen Zimmer ging, ganz ruhig und
+aufrecht ging, war sie voll einer starken, kühnen, heißen und beinah
+frohen Entschlossenheit.
+
+Im Hintergrund des Flurs stand ein fremder Herr in Hut und Überzieher,
+der sie mit einem durchdringenden Blick musterte.
+
+„Von der Leiche des Vaters weg!“ wimmerte Tante Emilie mit hohem Pathos.
+
+„Die Kriminalpolizei in meinem ehrlichen Hause!“ kreischte Frau Flesch.
+„Noch nie in meinem Leben hab’ ich was mit der Polizei zu tun gehabt!“
+
+Mette klinkte die Tür mit hartem Griff auf. Das Herz schlug ihr bis an
+den Hals. Einen Augenblick durchzuckte sie der Gedanke: Vielleicht war
+alles gut so. Vielleicht war es gut, daß sie jetzt den Mut haben mußte,
+neben Olga hinzutreten und zu sagen: „Ich gehöre zu diesem Menschen und
+verlasse ihn nicht und wenn ihr mich und euch in Stücke reißt. Wenn ihr
+den Mut und das Recht habt, so wendet Gewalt an, freiwillig gehe ich
+nicht einen Schritt mit euch.“
+
+Olga stand gegen den Tisch gelehnt, die Arme über der Brust gekreuzt,
+die Ellbogen mit den Fingern umklammert.
+
+Als die Tür aufging, stürzte Tante Emilie mit dem fast geschluchzten
+Ausruf: „Da ist das unglückliche Kind!“ auf Metten zu.
+
+Mette stand einen Augenblick wie erstarrt. Sie hatte einen Moment das
+Gefühl, unter Irrsinnige zu kommen oder selber irrsinnig zu sein. Mit
+einem flüchtigen Blick erfaßte sie, daß Jürgen von Seyblitz mit seiner
+straffen Haltung, mit den blitzblauen Augen und dem eisgrauen
+Schnurrbart in dem zornroten Gesicht sehr gut aussah.
+
+Er kam auf sie zu und sagte mit einer tiefen, rauhen Stimme, in der
+etwas wie Rührung zitterte:
+
+„Mette, Kind, was tust du hier? Morgen begraben sie deinen armen Vater,
+und du bist hier?!“
+
+Er legte ihr schwer die Hand auf die Schulter.
+
+Mette sah ihn nicht an. Sie sah Olga an.
+
+„Ich bin hier zu Hause –“ sagte sie. Ihre Stimme sollte eine strahlende
+Festigkeit haben, aber sie konnte sie nicht zwingen, sie klang leise und
+bebend.
+
+„Wenn ihr glaubt, das Recht zu haben, so wendet Gewalt an, freiwillig
+gehe ich nicht einen Schritt mit euch.“
+
+Es war schwer, sehr schwer, das auszusprechen. Sehr schwer, das
+auszusprechen vor Onkel Jürgens ehrlichem, wut- und schmerzverzerrtem
+Gesicht, vor Tante Emiliens blinzelnden Vogelaugen, vor dem schwammigen
+Gesicht der Frau Flesch, das in einem widerlich-gierigen Grinsen wie
+erstarrt schien, vor dem fremden Mann, vor den Mädchen, die hinter den
+Türen lauschten.
+
+Aber nun war es ausgesprochen. Und damit mußte alles gut sein. Nun mußte
+Olga kommen und sie in die Arme nehmen, mußte Mettens Kopf so an ihre
+Brust drücken, daß sie nichts mehr zu sehen und zu hören brauchte, mußte
+mit einer ihrer unglaublich stolzen und herrischen Bewegungen all diesen
+fremden und peinigenden Gesichtern die Tür weisen, mußte einen Revolver
+diesen Eindringlingen entgegenrecken und sie hinausjagen mit einem
+einzigen Wort ...
+
+Olga wandte den Kopf, ohne ihre Haltung zu verändern und sah Metten an.
+Alle glaubten, daß sie Metten ansah und machten eine unwillkürliche
+Geste der Spannung, der Erwartung.
+
+In Wahrheit lagen ihre Augen auf Mettens Stirn oder auf ihren Brauen
+oder auf ihren Haaren.
+
+Mette wollte ihren Blick treffen, sie bohrte ihre Augen in Olgas
+Gesicht, aber sie konnte ihren Blick nicht zwingen. Er lag unverändert
+auf ihrer Stirn oder ihren Brauen oder ihren Haaren – eine Linie über
+ihren Augen.
+
+„Mein liebes Kind,“ sagte Olga mit einer eisig kühlen Sanftmut, „Ihre
+Anhänglichkeit an mich ist rührend, aber ich habe sie durch nichts
+verdient. Wenn Sie mir wirklich soviel Sympathien entgegenbringen, so
+gehen Sie jetzt mit Ihren Angehörigen und betragen sich wie ein
+vernünftiger Mensch und verschonen mich künftig mit Ihren Besuchen. Sie
+sehen doch, daß Sie mir nichts als Ungelegenheiten bereiten!“
+
+Mette zögerte noch einen Augenblick. „Es muß doch irgend etwas
+geschehen,“ dachte sie, „sie muß mich doch ansehen, sie muß mir durch
+einen Blick, durch eine Geste ein Zeichen geben, daß dies Verstellung
+ist, Komödie, daß ich ihr vertrauen soll, an sie glauben, auf Nachricht
+warten ...“
+
+Es geschah nichts.
+
+Mette suchte in ihren Gedanken irgend etwas Unerhörtes, womit sie diese
+steinerne Maske zerschmettern könnte. Konnte sie nicht sagen: „Du hast
+mich gerufen, gelockt, gezwungen und jetzt verleugnest du mich?“ Nein –
+sie hatte kein Recht dazu.
+
+Fiel ihr denn nichts ein, irgendein Schmähwort, ein treffendes,
+verletzendes, grausames?
+
+Sie wälzte dumme, kindische Schimpfwörter, schwer wie Steinblöcke, in
+ihrem Gehirn hin und her.
+
+„Du Kanaille!“ dachte sie. „Du Dirne!“ Das war nicht das, was sie
+suchte. Ihr war, als müsse sie in fieberhaftem Suchen die polternden
+Steinblöcke hin und her schieben, um irgend etwas zu finden, ein
+scharfes Wort, das sich schleudern ließe.
+
+Plötzlich schien es ihr, als ob sie schon eine unendliche Zeit so
+dagestanden hätte, mit hängenden Armen, mit blöden Augen und offenem
+Mund.
+
+Sie richtete sich auf und machte den Versuch zu einem Lächeln, das
+hochmütig und liebenswürdig sein sollte. Aber sie hatte das Gefühl
+dabei, als ob der Irrsinn in ihren verzerrten Muskeln tanze.
+
+„Willst du um einen Wagen telephonieren, Onkel Jürgen?“ sagte sie.
+
+„Seltsam,“ dachte sie dabei, „das ‚um‘ habe ich mir auch von Olga
+angewöhnt – hier sagt man ‚nach‘, glaube ich.“
+
+„Ich bin zu müde zum Laufen.“
+
+Dann ging sie nach der Tür. „Ich will mir nur meine Sachen holen – einen
+Augenblick!“
+
+Sie ging in das Nebenzimmer, setzte sich vorm Spiegel den Hut auf, sehr
+sorgfältig, zog den Mantel an, suchte ihre Handtasche. Sie beeilte sich
+nicht. Sie hatte immer noch das törichte Gefühl, als müßte Olga jetzt
+hereinschlüpfen und ihr irgend etwas zuflüstern ... wo sie sich treffen
+wollten, wo sie hinschreiben sollte, wann sie ihr alles erklären wollte.
+Es kam niemand.
+
+Als Mette ihre Handtasche aufmachte, fand sie ein Päckchen
+zusammengedrückter Geldscheine darin. Die waren noch von der Reise.
+
+Sie nahm sie heraus und lachte bitter auf. Nun würde sie wohl nie mehr
+in die Versuchung kommen zu stehlen.
+
+Nun würde sie wohl nie in ihrem Leben mehr Geld brauchen.
+
+Sie hob die Hand und öffnete sie und ließ die Scheine über das zerwühlte
+Bett flattern.
+
+Dann ging sie hinaus, an dem fremden Mann vorbei, an den Mädchen vorbei,
+die Treppe hinunter und aus dem Haus, ohne sich umzusehen.
+
+Auf der Straße holte der Wagen mit ihren Leuten sie ein. – – –
+
+ * * * * *
+
+Onkel Jürgen blieb noch eine Zeit lang in Berlin. Er benahm sich recht
+merkwürdig. Er war still und gütig und richtete auf Metten immer ein
+paar ehrliche, angstvolle, blaue Augen und sprach zu ihr immer in einem
+leicht gerührten Ton. Von dem Geld und der Flucht war nie mehr die Rede.
+
+Wenn Mette zuweilen – oft geschah es ja nicht – über dieses Benehmen
+nachdachte, meinte sie, es nur auf _eine_ Weise erklären zu können. Sie
+glaubte nicht, daß es Reue war, weil sein heftiger Brief ihres armen
+Vaters Tod verschuldet hatte. Sie kam auch nicht auf den Gedanken, daß
+er versuchte, sie durch Liebe und Güte zu gewinnen. Nein, wahrscheinlich
+tat sie ihm leid. Er hatte Olga Radó gesehen. Er hatte ihre Stimme
+gehört. Er hatte einen Hauch ihrer Macht gespürt. Wenn Mette das dachte,
+liebte sie ihn fast.
+
+Und er hatte es gehört, wie Olga sie verleugnet und verraten und
+gedemütigt hatte. Nun hatte er Mitleid mit ihr. – Wenn Mette das dachte,
+so haßte sie ihn.
+
+Auch Tante Emilie war von einer sonderbaren Sanftmut. Mette dachte
+später manchmal, daß es besser gewesen wäre, wenn die Leute in dieser
+Zeit sie gequält und gepeinigt hätten und sie stark gemacht hätten in
+stählendem Haß. – – –
+
+ * * * * *
+
+Tante Emilie und die ganze Familie war sehr dafür, die Tiefe der Trauer
+durch die Länge der Schleier auszusprechen.
+
+Es sollte niemand sagen können, daß Mette, die verlorene Tochter, das
+ungeratene Kind nicht über den Tod ihres Vaters trauere.
+
+Als Mette sich zum erstenmal im Spiegel sah, von Kopf zu Füßen in
+schwarzem Krepp, schmal und blaß, mit erloschenen Augen und
+schmerzgezeichnetem Mund, dachte sie: „Wie eine Witwe“, und ihr Herz zog
+sich qualvoll zusammen.
+
+Als sie zur Beerdigung fuhren und nebeneinander saßen, hielt Tante
+Emilie mit der schwarz behandschuhten Rechten das weiße Taschentuch an
+die zitternden Lippen und mit der Linken hielt sie Mettens Hand. Und
+Onkel Jürgen sah aus dem Fenster, und von Zeit zu Zeit rollte eine Träne
+aus seinen blauen Augen bis in den Schnurrbart.
+
+Metten war zumut, als sei sie ein Berg gewesen, an dessen steinerner
+Unverletzlichkeit jedes Geschoß abgeprallt war – nun war durch eine
+Explosion ein Trichter in sie hineingesprengt, in ihr war Leere, in ihr
+war ein tiefer, dunkler, zerklüfteter Abgrund. Die wild zerrissene Wunde
+lag offen am Tage und alles fiel ungehindert in sie hinein, blieb schwer
+wie Steine in ihr liegen, erfüllte sie mit Qual – alles, Blicke, Worte,
+Tränen, Bewegungen.
+
+„Weh über den, der mich zersprengt hat!“ dachte sie bitter.
+
+Dann schloß sie ihre Finger einen Augenblick fester um Tante Emiliens
+Hand.
+
+„Wir gehören zusammen,“ dachte sie, „Verlassene und Ungeliebte, bitter-
+und hartgewordene Unglückliche – wir gehören zusammen. Zwei große
+Familien gibt es auf der Welt, Reiche und Arme, Gesunde und Kranke,
+Lachende und Weinende ... Olga Radó gehört zu den Frohen, sie hat
+triumphiert, sie hat sich gerechtfertigt, sie hat sich von mir befreit –
+nun geht sie lachend einem neuen Abenteuer entgegen.“
+
+Nicht immer dachte Mette so. Die widerstreitendsten Empfindungen
+schüttelten sie durcheinander.
+
+Es kamen wache Nächte, in denen sie glaubte, daß alles gut werden mußte,
+wenn sie Olgas Hand hielt und fragte:
+
+„Kind, wie ist das nur gekommen? Wie konnte das nur geschehen? Was hast
+du dir nur dabei gedacht?“
+
+Dann lief sie am Tage die Motzstraße auf und ab und starrte zu der
+Haustür hinüber – aber immer vergebens.
+
+Dann kamen Tage, an denen Tante Emilie ein widerlich-freundliches
+Bedauern zur Schau trug und sich in Anspielungen erging, über die
+Undankbarkeit der Welt im allgemeinen und im besonderen, und wie Mette
+nun vereinsamt sei, weil sie ihre ganze Zeit und ihr ganzes Gefühl an
+eine solche Person verschleudert habe.
+
+Dann haßte Mette mit glühendem Haß alle beide, Tante Emilien und Olga.
+Aber mehr noch Olga – Olga, die sie zu Boden geworfen hatte, damit Tante
+Emilie auf ihr herumtreten konnte, Olga, die ihr die Wunde gerissen
+hatte, in der Tante Emilie mit schmutzigen Fingern wühlte.
+
+Manchmal beschloß sie zu sterben. Viel öfter aber noch zu fliehen. Ein
+Bündel zu packen und die Landstraßen entlang zu laufen, auf Wiesen, in
+Gräben zu nächtigen, den ewigen Sternenhimmel als Decke über sich.
+
+Der Gedanke an fremde Erdteile war das einzige, was ihr in dieser Zeit
+zuweilen wohl tat. Mit diesem Gefühl der Gleichgültigkeit gegen Tod und
+Leben mußte es schön sein, irgendwo im Dschungel mit gespannter Büchse
+zu liegen und im kaum schwankenden Rohr die Augen eines Tigers auf sich
+gerichtet zu sehen. Oder an einem Wachtfeuer zu liegen, um das nackte,
+schwarze Gestalten zu eintöniger Musik sich verrenkten. Oder von den
+leise schaukelnden, kissenweichen Tritten eines Kamels durch
+unermeßliche, flirrende, weiße Glut getragen zu werden.
+
+Dann wieder schien es ihr, als ob ein solches Leben – auch ein _solches_
+Leben nur unablässige Qual wäre ohne Olga – unendlicher Reichtum,
+unausdenkbares Glück mit Olga.
+
+Sie versuchte, sich in den Gedanken zu fügen, daß Olga sie nicht liebte.
+Aber es konnte nicht sein, daß sie sie haßte. Sie hatte sie geopfert,
+leichten Herzens aufgegeben, um ihren Ruf zu wahren, um sich
+Unannehmlichkeiten abzuwehren. Sie liebte sie nicht. Aber darum waren
+ihre Worte doch Lüge gewesen. Sie hatte sich gefreut, wenn sie kam.
+Immer. Sie würde sich wieder freuen, wenn sie wieder kommen würde.
+
+Sie wollten ein Leben zusammen führen, ein herrliches, freies Leben, in
+allen Städten der Welt, auf Dörfern, im Walde, in Indien, auf
+Madagaskar.
+
+Dazu kam, daß Metten jetzt tagtäglich klargemacht wurde, wie reich sie
+war. Franz Rudloff war kein Geizhals gewesen, aber er wußte nicht, wie
+und wofür man Geld ausgeben sollte. Und Tante Emilie war viel zu
+musterhaft, um auch nur in der kleinsten Kleinigkeit verschwenderisch zu
+sein.
+
+Mette hatte keine allzu genaue Kenntnis von Geld und Geldeswert. Aber
+das wußte sie doch: Die Summen, die man ihr jetzt nannte, die verbürgten
+Freiheit, volle Freiheit, die versprachen ihr: in wenig Monaten kannst
+du ein Leben führen, wo du willst und wie du willst ...
+
+Ein Leben ohne Olga ...?
+
+Mette faßte den Entschluß, an Olga zu schreiben. Nicht, wie es in ihr
+aussah, nichts von Sehnsucht und Liebe, oh, um Gottes willen nicht.
+
+Aber ein paar ganz kühle, sozusagen geschäftsmäßige Zeilen, die nur den
+Versuch machen sollten, eine Aussprache herbeizuführen.
+
+Sie verfaßte mit vieler Mühe einen Brief, den sie aufsetzte,
+verbesserte, abschrieb und war mit ihrem Machwerk sehr zufrieden.
+
+Kein Mensch konnte darin einen Hauch von Herzlichkeit oder gar Demut
+wahrnehmen. Eher einen scharfen, spöttischen, ein wenig herausfordernden
+Ton.
+
+Sie schickte den Brief ab und wartete auf Antwort. Es kam keine. – – –
+
+ * * * * *
+
+Unterdessen bemühte sich Tante Emilie, an Mettens Aufklärung zu
+arbeiten. Und zwar auf eine merkwürdige Art.
+
+Sie war viel zu vorbildlich, um mit einem jungen Mädchen über sittlich
+anstößige Dinge zu reden. Außerdem hatte sie wohl auch Angst vor Mettens
+Wutausbrüchen. (Obgleich Feigheit eigentlich sonst ihre Sache nicht
+war.)
+
+Mette hatte die Gewohnheit angenommen, in ihres Vaters Studierzimmer zu
+sitzen. Sie las und las den ganzen Tag die schwierigsten, die
+unverständlichsten Dinge, nur um ihre Gedanken zu knebeln. Hier hatte
+sie alle Bücher zur Hand. Es war bequemer, sich gleich damit am
+Schreibtisch niederzulassen, als die manchmal schweren Folianten erst in
+einen anderen Raum zu schleppen.
+
+Außerdem war ihr hübsches, helles Mädchenzimmer ihr verhaßt.
+
+Wenn sie an dem schweren schwarzen Diplomatenschreibtisch saß, mit müde
+hängenden Schultern über die Bücher gebeugt, war es ihr manchmal, als
+hätte man Metten da draußen begraben, ein junges, lebensgieriges,
+heißblütiges Mädel – und hier säße nun ein alter, stiller, einsamer
+Mann. Sie fühlte fast mit Grauen, daß etwas von dem Toten – seine
+halben, scheuen und schwerfälligen Bewegungen, seine gebückte Haltung,
+sein abwesendes, um Verzeihung bittendes Lächeln auf sie übergegangen
+war.
+
+Auf diesem Schreibtischplatz nun fand sie von Zeit zu Zeit Bücher,
+Hefte, Broschüren, scheinbar ganz verschiedenen Inhalts – Romane,
+medizinische Werke, angestrichene Tageszeitungen – aber alle behandelten
+dasselbe Thema.
+
+Da waren seltsame und unheimliche Geschichten von Gräfinnen, die sich in
+Männerkleidung in Kaschemmen herumtrieben, bis sie in irgendeinen
+Hinterhalt gelockt und gräßlich ermordet wurden.
+
+Oder Berichte von widerlichen Orgien in großen Klubs, wo Hunderte von
+Weibern sich als Männer anzogen und gebärdeten, oder Männer, geschminkt,
+mit Lockenperücken und in durchbrochenen Seidenstrümpfen und nackten
+gepuderten Armen und Schultern herumliefen.
+
+Da waren statistische Feststellungen aller der unglücklichen Opfer,
+die infolge widernatürlicher Unzucht an Gehirnerweichung,
+Rückenmarksschwindsucht und ähnlichem zugrunde gegangen oder in Wahnsinn
+verfallen waren.
+
+Oder Schilderungen aus dem Seelenleben Konträr-Sexualer, die vermuten
+ließen, daß diese Tausende von Menschen alle miteinander eine große
+Gemeinde bildeten, eine Gemeinde, die durch nichts verbrüdert wurde,
+durch keine gemeinsamen Interessen, keine Gleichheit der Bildung, der
+Familie, des Geschmacks, der Weltanschauung, durch keine Liebe, durch
+nichts als den Trieb zur gleichen Ausschweifung.
+
+Da war die Biographie eines großen Mannes, der elend ermordet war durch
+einen erpresserischen Kellner, einen Kellner, mit dem er in intimen
+Beziehungen gestanden – den er _geliebt_ hatte!
+
+Mette schauderte, wenn sie das Wort Liebe in diesem Zusammenhange nur
+dachte. Manchmal war ihr, als müsse sie ersticken in Kot und Unflat. Ihr
+wurde körperlich übel, wenn sie die Bücher nur anrührte. Sie las sie
+nicht mehr – eine Weile lang. Sie las geschichtliche, philosophische,
+naturwissenschaftliche Werke. Aber sie wußte oft seitenlang nicht, was
+sie las. Ihre Augen gingen über die Zeilen und spiegelten die Worte. Und
+ihre Gedanken wälzten die furchtbaren Dinge, die wie Steinblöcke auf sie
+geschleudert wurden, um sie zu erschlagen. Dann nahm sie wieder die
+anderen Bücher vor, die schlimmen, und suchte nach Erklärungen und zog
+Schlüsse und stellte Vergleiche an.
+
+Wenn von männlich veranlagten Frauen gesprochen wurde, war viel von
+ihrem überlegenen Geist, von ihrem Wissensdurst und Bildungsdrang die
+Rede. Auch von einer krankhaften Verschwendungssucht mitunter, von einem
+leidenschaftlichen Hang zum Luxus, von einer unnatürlichen Vorliebe für
+schöne Stiefel.
+
+Oder auch von unheimlichen Don-Juan-Naturen, die mit unersättlicher
+Genußgier von Abenteuer zu Abenteuer rasten.
+
+Mette geriet vor solchen Dingen in die qualvollste Verwirrung. Diese
+Bücher sollten sie den Menschen verstehen lehren, der ihr auf der Welt
+am nächsten gewesen war. Hundertmal in den letzten Monaten hatte sie
+sich gesagt: diese Frau ist ein unlösliches Rätsel, ein unergründliches
+Geheimnis, mir ewig fremd und fern, nie zu erfassen und nie zu
+begreifen. Und ebensooft hatte sie in jedem Nerv gespürt: Dies ist die
+Lösung, nun ist alles klar, alles gut, nie wieder kann ein Mißverstehen
+uns trennen.
+
+Und jetzt? Und nun?
+
+Mitunter spürte Mette das quälende Bedürfnis, diese Schriften
+zusammenzupacken und damit zu Olga Radó zu gehen: erklär mir das. Gibt
+es solche Menschen? Bist du so? Bin ich so? Was weißt du darüber und wie
+denkst du darüber?
+
+Über alles, was sie im letzten Jahr gehört oder gelesen hatte, hatte
+Olga Radó ihre Meinung äußern müssen. Und fast immer war Olgas Meinung
+auch die ihre gewesen, oder aber eine andere Meinung in ihr wurde
+geweckt, gekräftigt, klargestellt.
+
+Nun zum erstenmal sollte sie mit so Ungeheuerlichem allein fertig werden
+und tappte völlig hilflos im Dunkel. Wo sie Licht, wo sie einen Ausweg
+zu finden glaubte, kam sie nur auf neue Irrwege. Sie gelangte nicht um
+einen Schritt vorwärts, nicht zurück.
+
+In dieser Wirrnis konnte nur Olga Radó helfen. Olga Radó mußte klar und
+deutlich ihre Meinung über Olga Radó äußern. Und diese Meinung galt.
+
+Da schrieb Mette zum zweitenmal. Auch in diesem Brief stand kein Wort
+von Liebe oder Sehnsucht – nur eine dringende Bitte um Hilfe, viel Klage
+über das, was jetzt in ihr geschah und auch ein wenig Anklage: Du hast
+mich so weit gebracht, du mußt mir jetzt die Hand geben und mich aus
+diesem Sumpfland hinausführen.
+
+Es kam keine Antwort. – – –
+
+ * * * * *
+
+Aber der Frühling kam über alle diesem.
+
+Warme, schmeichelnde Lüfte kamen und breite, glitzernde Sonnenstreifen
+und Knospenschleier auf allem Gesträuch und Schneeglöckchen und Krokus,
+die sich mühsam ihren Weg bahnten durch schwarzviolettes fauliges Laub.
+
+Mette konnte die weiche schwere Luft nicht vertragen. Sie schlief nicht
+mehr und hatte Kopfschmerzen Tag und Nacht.
+
+Das Lesen hielt ihre Gedanken nicht mehr fest. Sie saß über die Bücher
+gebeugt und starrte aus dem Fenster. Stundenlang lag dieselbe Seite vor
+ihr und wurde nicht umgeschlagen.
+
+Sie fing an, Romane zu lesen. Man konnte darüber nicht so hinauslesen
+wie über eine trockene wissenschaftliche Darstellung, weil sie die
+Phantasie anregten und Bilder wachriefen.
+
+Aber diese Bilder wurden zur Qual.
+
+Immer waren da Menschen, die sich liebten, sich sehnten, um einander,
+miteinander kämpften, sich fanden, vereinten oder sich trennten,
+aneinander zugrunde gingen, starben, sich verließen. Von Liebe zu lesen
+tat weh.
+
+Oder es war vom Meer die Rede, von Bergen und Wäldern, vom Frühling oder
+Sommer. Und Mette dachte: „Nie waren wir am Meer zusammen, nie in den
+Bergen, nie in einem Juniwald, nie zwischen reifenden Kornfeldern. Wenn
+wir in dem engen Zimmer da oben saßen und auf die graue, regennasse Wand
+sahen, war ich so glücklich, weil ich fühlte, daß alle Schönheit der
+Welt uns bevorstand.
+
+Olga Radó wird am Meer liegen oder durch reifende Felder gehen oder
+durch die Domgewölbe smaragdener Buchenwälder – aber nie mehr mit mir.
+Mit wem nur? Mit wem?“
+
+„Ich bin verdammt dazu, blind und taub durch die Welt zu gehen oder mit
+ewig schmerzenden Sinnen. Alle Schönheit wird mir zur Marter werden und
+jeder Genuß zur Qual.“
+
+Sie las von Reichtum und Luxus – von Autos, die über die Landstraße
+jagten, von weißen Hotels an blauen Wassern, von Bällen und Festen und
+Segeljachten und Schlittenfahrten – dann fing sie an, ihr Vermögen zu
+berechnen und dachte: „So ein Leben hätte Olga Radó führen können, wenn
+sie bei mir geblieben wäre.“
+
+Oder sie las von Armut und Schmutz und Not, von Verbrechen, die der
+ewige Druck der Sorge erpreßte, von Elend und Krankheit und schauriger
+Einsamkeit.
+
+Dann schnitt ihr die Angst wie mit Messern ins Herz: „Dahin wird Olga
+Radó kommen, wenn ich sie nicht halte. So wird sie enden, wenn ich sie
+verlasse.“
+
+Die Kirschbäume blühten. Nun fuhr Olga Radó sicher mit einer schönen
+Frau auf einem weißen Dampfer über die blauen Wasser der Havel. Und die
+Welt um sie war voll Schönheit und Sonne und Glanz.
+
+Und Metten faßte eine irrsinnige Sehnsucht, dabei zu sein, Olgas Leben
+zu führen. Aller Stolz fiel von ihr ab wie verbrannte Fetzen. Sie stand
+nackt vor sich und schrie vor Weh.
+
+Da schrieb sie zum drittenmal an Olga Radó.
+
+Sie schrieb, daß sie nicht mehr leben und nicht mehr atmen könne ohne
+sie. Daß sie nichts von ihr wolle, keine Liebe, keine Zärtlichkeit,
+keine Freundschaft. Daß sie nur um sie sein wolle, wie eine Magd, wie
+ein Hund, daß sie nichts wolle, als ihr aus allen Kräften dienen und zum
+Lohn dafür sich schlagen und treten lassen. Daß sie keine Eifersucht
+kenne oder gar Herrschsucht oder Besitzerwahn. Daß sie jedem dienen
+wolle, Mann oder Weib, den Olga liebte, und daß sie ihre Liebe so tief
+in sich anketten und einmauern wolle, daß nie, nie, nie ein Mensch davon
+ahnen solle, auch Olga nicht.
+
+Und sie wartete auf Antwort. Aber es kam keine.
+
+Plötzlich kam sie auf den Gedanken, daß Olga vielleicht ihre Briefe
+nicht erhalten hätte ... ganz gewiß nicht erhalten hätte.
+
+Sie ging nach der Motzstraße und jeder Schritt war ihr, als wenn sie auf
+Nadeln träte.
+
+Das Mädchen machte ihr auf, das ihr damals in der Nacht aufgemacht
+hatte. Da bekam sie den Namen nicht über die Lippen und fragte nach
+Petermann.
+
+Der war verzogen, unbekannt wohin. Sie quälte sich wieder durch zehn
+Tage hindurch. Dann ging sie zum zweiten Male hin.
+
+Ein fremdes Mädchen öffnete ihr die Tür. „Ich habe Glück,“ dachte Mette,
+und einen Augenblick lang wurde ihr schwindlig bei dem flüchtigen
+Gedanken an die Möglichkeit, daß Olga hier sein könne, daß Mette
+vielleicht in der nächsten Minute in ihrem Zimmer ihr gegenüberstünde.
+Was nachher geschah, das war ja im Grunde einerlei.
+
+Fräulein Radó war verzogen – unbekannt wohin.
+
+Mette ging aufs Einwohnermeldeamt. Sie füllte den vorschriftsmäßigen
+Zettel aus und gab ihn mit rasendem Herzklopfen dem grauköpfigen
+Beamten.
+
+Der freundliche alte Herr ging und suchte und kam wieder und fragte, ob
+die Dame eigene Wohnung hätte.
+
+Nein – Leute, die in Pensionen wohnten, führten sie nicht.
+
+Da ging Mette den letzten und schwersten Gang. Sie ging zu Möbiussens.
+
+Die Mädchen grinsten ihr frech ins Gesicht, als sie nach Olga Radó
+fragte.
+
+Nein, sie wüßten nichts von ihr. Sie hatte sich natürlich nicht mehr
+sehen lassen, Vater hätte sie ja auch wohl höflichst an die Luft
+gesetzt. Sie hatten auch plötzlich keine Erinnerung mehr an eine
+Verwandtschaft. Sie wußten den Namen des Preßburger Onkels nicht mehr
+oder des Budapester Schwagers. Aber sie _wollten_ gern wissen. Glühend
+vor Neugier und Lüsternheit fingen sie an, Fragen zu stellen, ob es denn
+wahr wäre, daß ...
+
+Mette wurde rot und blaß und heiß und kalt. Sie hätte einen Mord begehen
+können, wenn sie nicht viel zu müde dazu gewesen wäre. Sie sagte: „Ich
+weiß nicht!“ Auf alle Fragen immer nur: „Ich weiß nicht.“
+
+Vielleicht hätte sie sich entrüsten sollen und Olga Radó verteidigen.
+Vielleicht hätte sie sie verlästern sollen und geheimnisvolle
+Andeutungen machen. Vielleicht hätte sie lachen sollen und die Mädchen
+an der Nase herumführen. Sie hielt sich mit beiden Händen am Stuhl fest
+und sagte: „Ich weiß nicht!“
+
+Als sie das Haus verließ, wußte sie, daß sie es nie wieder betreten
+würde. Ein sinnloses Wort ging ihr wie im Fieber immer wieder durch den
+Kopf: In der Leute Mäuler sein ...
+
+Sie hatte sich noch nie etwas dabei gedacht. Nun war ihr ganz körperlich
+so zumute, als hätte man sie durchgekaut und aufs Pflaster gespien. Der
+Ekel schüttelte sie. – – –
+
+ * * * * *
+
+Von Zeit zu Zeit – in immer kürzeren Zwischenräumen – trat an die
+Oberfläche ihrer Empfindungen ein dumpfer, peinigender Haß gegen Olga
+Radó. Alles, was sie jetzt litt, hatte diese Frau verschuldet.
+Leichtsinnig und kaltherzig und ganz gewissenlos verschuldet.
+
+In dieser Zeit war Mette sehr ungerecht gegen Olga Radó. Denn es schien
+ihr, als wäre sie aus einer glücklichen, wohlbehüteten Jugend
+herausgerissen, als wäre ein tiefer, heiterer Frieden in ihr zerstört,
+ein wundervolles Gleichgewicht in ihr erschüttert worden.
+
+Und es erschien ihr als das Endziel aller Wünsche, daß es wieder so
+werden solle, wie es vorher gewesen war. Sie hatte nur die eine
+Sehnsucht, das letzte Jahr aus ihrem Leben zu streichen, zu löschen, zu
+vergessen.
+
+Dann nahm sie wieder die schlimmen Bücher vor und las absichtlich das,
+was sie am meisten angewidert hatte. Sie steigerte sich künstlich in Haß
+und Zorn und Angst hinein.
+
+Es kamen Tage, wo sie sich sagte: Nun bin ich frei! Ich bin wie aus
+schwerer Krankheit genesen, ich fühle, daß mein Blut wieder rein ist –
+ich werde leben können wie alle die anderen Menschen auch, ein Leben
+ohne Qual und Freude, ohne Sehnsucht und ohne Erfüllung.
+
+Und es kamen Nächte, wo sie glaubte, daß ein brennendes Gift in all
+ihren Adern fräße. Wo die Angst vor einer unnennbar grauenhaften Zukunft
+sie schüttelte. Wo sie glaubte, den eigenen zügellosen Begierden
+erliegen zu müssen, wehrlos jeder Dirne ausgeliefert zu sein, die aus
+verbrecherischen Gründen ihre Leidenschaft weckte, wo sie sich von
+Erpressern gehetzt, von Kriminalbeamten verfolgt, siech, irrsinnig,
+eingekerkert oder ermordet sah.
+
+In einer solchen Periode grenzenlosester Verzweiflung verlobte sie sich.
+
+Irgendein anständiger und solider Mann bewarb sich um sie.
+
+Sie wußte nichts von ihm. Sie wußte nicht, wann und wo sie ihn zum
+erstenmal gesehen hatte, sie wußte nicht, wie er aussah, wußte kaum
+etwas von seinem Charakter oder seinen Neigungen – sie fühlte nur eines
+Tages, seit einiger Zeit war immer ein Mensch neben ihr, der sich
+bemühte, gut zu ihr zu sein. Jemand, der ihr sehr sorgfältig den Mantel
+um die Schultern legte, sich bückte, wenn ihr etwas hinfiel, ihr Blumen
+brachte, sich bemühte, ihr irgend etwas Heiteres zu erzählen, um ihr
+Gesicht ein wenig zu erhellen.
+
+Dieser Mann wußte so angenehm wenig von ihr. Und Tante Emilie überfloß
+in seiner Gegenwart von sanfter mütterlicher Freundlichkeit. Es wäre ihr
+geradeso gut zuzutrauen gewesen, daß sie vor ihm bissige Bemerkungen
+oder vielsagende Andeutungen gemacht hätte.
+
+Aber er paßte ihr wohl in ihr Programm.
+
+Er bedauerte Metten so unendlich, weil sie Waise war. Er schrieb all das
+Weh auf ihrem blassen Gesicht der Trauer um den geliebten Vater zu.
+
+Manchmal wagte er es, ihre kalten Finger in seinen beiden Händen zu
+halten oder sie sanft zu streicheln. Dann schloß Mette die Augen und
+prüfte in Angst ihr Gefühl.
+
+Es ging Wärme und wohltuende Ruhe von seinen großen starken Händen aus.
+Seine weiche Zärtlichkeit war eher angenehm als widerwärtig. Dann sagte
+sie sich mit einer aufschimmernden Hoffnung: „Vielleicht wird noch alles
+gut. Vielleicht gewinne ich es über mich, ihn zu heiraten. Ich werde
+immer einen Menschen um mich haben, der gut zu mir ist, ich werde Kinder
+haben, ich werde ein Heim haben, ich werde immerfort zu tun haben –
+vielleicht kann man das Leben auf solche Weise noch am ehesten
+ertragen.“
+
+Und dann stachelte sie der unbändige Wunsch nach Rache. Es würde Olga
+Radós Eitelkeit vielleicht doch verletzen, wenn sie erfuhr, daß sie so
+schnell vergessen worden war.
+
+Der Mann war reich. Das paßte Tante Emilien, und es paßte mitunter sogar
+Metten.
+
+Sie sah sich zuweilen in der Loge der Oper brillantenblitzend neben
+diesem Mann – einem sehr hübschen, stattlichen Mann – sie sah ihn
+manchmal aus solchen Gedanken heraus daraufhin an – niemand würde auf
+den Gedanken kommen, daß sie ihn nicht aus Liebe geheiratet hätte – und
+sah dann plötzlich Olga Radó irgendwo auftauchen. Oder sie sah sich in
+einer Equipage an Olga Radó vorüberjagen – oder – am liebsten dachte
+sie, sie zu treffen, wenn sie mit ihren süßen kleinen, blondlockigen,
+weiß angezogenen Kindern spazieren ginge. Dann würde sie die Kinder vor
+ihr zurückreißen wie vor einem giftigen Tier. Damit, ja, damit würde sie
+sie am schmerzlichsten verletzen.
+
+Als der Mann anhielt, sagte Mette ja. Sie hatte Zeit genug gehabt, sich
+an diesen Gedanken zu gewöhnen. Sie setzte selbst die Verlobungsanzeigen
+auf und sorgte dafür, daß sie in verschiedene Zeitungen kamen.
+
+An ihrem einundzwanzigsten Geburtstag war ein kleines Gartenfest in der
+Villa ihrer Schwiegereltern. Es war ein sehr heißer Sommertag, der
+neunzehnte Juni, und auf Tante Emiliens Zureden zog Mette zum erstenmal
+wieder ein weißes, schwarzgesticktes Kleid an.
+
+Alls sie draußen in der fremden Wohnung unter vielen fremden Menschen an
+einem Spiegel vorüberstreifte, erkannte sie sich nicht.
+
+Sie erschrak und wurde den Gedanken nicht wieder los, daß sie nicht das
+hübsche, weiß gekleidete Mädchen sei, was am Arm eines fremden Mannes
+ihr aus dem Spiegel entgegenlächelte.
+
+Sie suchte sich selbst und konnte sich nicht darauf besinnen, wo sie
+wohl sein könne. Aber ihr war, als sähe sie sich selbst, schmal und
+schwarz wie ein Gespenst, durch große, dunkle, leere Räume wandern. Dann
+war es ihr wieder, als sei sie doch dieses hier, und die andere Mette,
+die so deutlich ihre Züge trug, sei eine Fremde. Traum und Wirklichkeit
+begannen, sich heillos ineinander zu verschlingen, alle ihre Nerven
+schienen ihr zu klirren wie losgerissene Saiten, sie sehnte sich in
+Todesangst nach völliger Bewußtlosigkeit oder plötzlich hereinbrechender
+Klarheit – es war wie Nebel, die vorbeizogen oder ein vorübergehender
+Schwindel – eine Minute später konnte sie sich nicht besinnen, was es
+eigentlich gewesen war, und konnte ihrem Verlobten, der besorgt nach der
+Ursache ihrer Blässe fragte, keine Antwort geben.
+
+Nur das seltsame Gefühl blieb ihr den ganzen Abend, als sei dies alles
+nur ein Traum oder ein Spiel. Die ganze Verlobung eine scherzhafte
+Komödie, und jeden Moment könne, wie ein gestrenger Regisseur, ein
+Schicksal hervortreten und sagen: „Genug! Die Wirklichkeit fängt wieder
+an!“ – – –
+
+ * * * * *
+
+Am zwanzigsten Juni morgens wurde Mette ans Telephon gerufen.
+
+Eine dünne Männerstimme sprach aus dem Hörer, seltsam verhalten und
+zögernd.
+
+„Ist das gnädige Fräulein selbst am Apparat? – Mette, sind Sie es?
+Verzeihung, wenn ich störe – ich hätte dich gern gesprochen!“
+
+Mette fühlte, wie ihr Herz sich losriß und in einen unermeßlichen
+dunklen Abgrund stürzte.
+
+„Peterchen?“ sagte sie und erquälte ein Lächeln, ohne daran zu denken,
+daß niemand ihr Gesicht sehen konnte. Und keiner hätte dem bebenden Ton
+ihrer Stimme dies Lächeln anhören können.
+
+„Ja ... könnte ich dich sprechen, Mette? Das heißt ...“ Wieder war dies
+scheue Zögern in der Stimme. „Wenn du willst, natürlich ... ich weiß ja
+nicht, wie weit du noch Interesse hast für deine alten Freunde.“
+
+„Selbstverständlich,“ sagte Mette fest, „jederzeit kannst du mich
+sprechen ... wann und wo du willst.“
+
+Sie fragte nicht, was geschehen sei. Sie wollte nicht fragen.
+
+„Ich kann doch nicht gut kommen ...“ Wieder dieser zaghafte Ton. „Und
+ich möchte auch nicht gern auf der Straße ... oder im Kaffeehaus ... es
+geht wirklich nicht ...“
+
+„Ich komme zu dir,“ sagte Mette rasch. „Sag’ mir nur, wo du wohnst!“
+
+„... ja ... aber ... geht denn das? ... Schließlich ... wenn du nachher
+Unannehmlichkeiten hast ... du bist verlobt ...“
+
+„Blödsinn!“ sagte Mette schroff. – – –
+
+ * * * * *
+
+Während sie über die Straße lief, dachte sie mit keinem Wort an das, was
+geschehen war. Sie wollte es vor sich selber nicht aussprechen.
+„Vielleicht ist Olga krank und hat Sehnsucht nach mir,“ dachte sie.
+„Vielleicht weiß sie auch nichts davon, und Peterchen ruft mich aus
+eigenem Antrieb.“
+
+Sie malte sich aus, daß sie Olga sehen würde, daß sie ihre Hand halten
+würde – und sie sagte sich dabei: „Das erzähle ich mir vor, wie man
+einem fiebernden Kinde Märchen erzählt. Ich male es mir mit den
+schönsten Farben aus und glaube so wenig daran, wie man an Feen und
+Zauberer glaubt.“
+
+Aber es war besser, Märchen zu erzählen, Wiegenlieder zu singen, als
+nach der Stimme zu hören, die ganz tief in ihr die Wahrheit schrie.
+
+Es war seltsam, daß sie – ohne sich umzusehen – die Straße und das Haus
+fand, so, als wäre sie hundertmal dagewesen.
+
+Als sie klingelte, stand Petermann schon auf der Diele. Das ersparte ihr
+jede Fragerei. Sie spürte auch jetzt, dem Dienstmädchen gegenüber, dem
+ersten Menschengesicht, das sie bemerkte, daß sie dazu kaum imstande
+gewesen wäre.
+
+Er nahm sie bei der Hand und zog sie wortlos, an dem erstaunten Mädchen
+vorüber, in eine offene Zimmertür.
+
+Er schloß die Tür und sagte währenddessen, ohne sie anzusehen:
+
+„Setz dich doch, Mette!“
+
+Das erste, was Mette in dem Zimmer sah, war auf der dunklen Platte des
+Schreibtisches die goldene Zigarettendose.
+
+Ein Sonnenstrahl blitzte darauf.
+
+Sie wollte sich beherrschen. Es war, als ob sie beide Hände um die Zügel
+krampfte, um sich zu halten.
+
+Aber als Petermann sich ihr zuwandte und sie sah, wie seine Hände
+hilflos waren, wie sein kleines, weißes Gesicht zitterte, wie mühsam er
+um Fassung kämpfte – da zerbrach die ihre. Sie fing an zu weinen.
+
+Peterchen setzte sich neben sie und streichelte eine Weile schweigend
+ihre Hände.
+
+„Weine nur,“ sagte er schließlich mit zitterndem Kinn, während die
+Tränen aus seinen Augen stürzten. „Weine nur, sie war es wert, daß um
+sie geweint wird, das kannst du mir glauben ...“
+
+„Dir glauben?“ sagte Mette mit herzzerreißender Bitterkeit. Sie legte
+das Tuch über die Augen und stützte den Kopf in die Hand.
+
+Ihre andere Hand streichelte zuckend über die seine.
+
+„Und nun sag’ mir alles, Peterchen – du siehst, ja, daß ich ganz ruhig
+bin – ganz, ganz ruhig. Wann geschah es? ... und wie ... und warum? ...
+Sag’ mir alles, alles, was du weißt ...“
+
+„Du solltest es nicht wissen, Mette. Nicht vor deinem einundzwanzigsten
+Geburtstag. Der war gestern, nicht wahr? Ich habe ihn hier auf dem
+Kalender vermerkt – aus einem anderen Grunde ... das muß ich dir alles
+noch erzählen ... ich hatte einen Auftrag an dich ... aber ich hatte
+natürlich keine Ahnung ... man ist ja manchmal wie mit Blindheit
+geschlagen.“
+
+Mette hob einen Augenblick den Kopf:
+
+„Sie hat es selbst getan.“
+
+Es lag keine Frage in dem Ton.
+
+„Ja.“
+
+„Erschossen.“
+
+„Ja.“
+
+Sie deckte das Tuch wieder über die Augen.
+
+„Weiter.“
+
+„Sie war einmal krank im Frühjahr, es war eine leichte Influenza. Sie
+fieberte ein bißchen, da saß ich drüben bei ihr, und sie sprach in
+einemfort von Tod und Begräbnis, ganz heiter und ausgelassen, wie es
+ihre Art war. Du weißt ja, man wußte nie, ob es Scherz oder Ernst bei
+ihr war. Da sagte sie noch: Peterchen, wenn ich jetzt sterbe, dann sorge
+dafür, daß es geheim bleibt. Es soll in keine Zeitung, kein Mensch soll
+es wissen. Auch die Mette nicht. Am liebsten wär’ es mir, du streutest
+meine Asche ins Meer oder wenigstens in den Wannsee. Aber das erlaubt
+der Staat, glaub’ ich, nicht. Nur mach schnell, daß der Rest verbrannt
+wird. Ich will kein Gfrett haben mit meinem Leichnam, ich will’s nicht.
+Ich bin nicht drin, merkt’s euch. Nicht eine Minute länger, als
+unbedingt nötig, halt ich mich in dem Kadaver auf.“
+
+Metten war, als höre sie Olga reden. So deutlich hörte sie ihre Stimme,
+daß ihr Herz sich mit einer innigen Freude füllte und sie lächelte.
+
+„Ich hab’ damals auch gelacht,“ sagte Peterchen wehmütig, „da wurde sie
+ganz ernst und richtete sich auf und sah mich an. Du weißt ja, wie sie
+einen ansehen konnte mit so gewaltsamen Augen und sagte:
+
+‚Es ist mein heiliger Ernst. Versprich es mir, gib mir dein Ehrenwort!‘
+Ich versprach es ihr auch, aber ich sagte noch:
+
+‚Du bist ja verrückt, in drei Tagen bist du doch wieder gesund.‘
+
+Sie _war_ ja auch in drei Tagen wieder gesund.“
+
+Er schwieg. Irgendwo tickte eine Uhr und Fliegen stießen surrend gegen
+das Fensterglas.
+
+Irgend etwas erfüllte Metten ein paar Sekunden lang mit Beruhigung und
+Freude. Eine unklare Empfindung: wie gut, daß Olga in ein paar Tagen
+gesund geworden war. Es steckte so viel kraftvolles Leben in diesem
+schönen Körper.
+
+Dann schlug ihr das Jetzt wie eine geballte Faust aufs Herz.
+
+Und jetzt? Und jetzt?
+
+Sie mußte ein paarmal ansetzen, um das furchtbare Wort auszusprechen.
+
+„Habt ihr sie schon begraben?“ fragte sie ganz leise.
+
+„Sie ist verbrannt worden. Die Urne ist nach Wien gekommen. Ihre
+Schwester lebt jetzt da.“ –
+
+„Hat sie hier gewohnt zuletzt?“
+
+„Um die Ecke, zwei Häuser von hier.“
+
+„Und da ist es auch geschehen?“
+
+„Ja.“
+
+„Kann man ...“ Mette schluckte ein paarmal, „kann man nicht das Zimmer
+sehen?“
+
+Petermann hob zögernd die Achseln:
+
+„Wozu? Es ist alles umgestellt. Nichts von ihren Sachen mehr da. Es ist
+auch schon wieder vermietet.“
+
+Mette sank in sich zusammen. „Es ist gut so,“ sagte sie leise, „es ist
+auch ganz gut so.“
+
+Sie hatte ein eigenartiges Empfinden. Es war wie eine Wohltat, daß jede
+Form zerstört war, die dieser Geist geschaffen hatte. Nicht einmal ein
+Zimmer war mehr auf der Welt, das diese Hände, dieser Sinn geordnet
+hatten und in das ein Teil ihres Wesens gebannt geblieben wäre. Metten
+war halb unbewußt so zumute, als hätte man durch das Umrücken von
+Möbelstücken Steine aus einer Kerkerwand gebrochen.
+
+Nun war Olga Radó ganz frei.
+
+Ein leiser Windhauch bewegte den offenen Fensterflügel und hob die
+Gardine. Eine süße weiche Kühle strich über Mettens brennende Augen. Sie
+lächelte.
+
+„Es ist gut so!“ sagte sie noch einmal.
+
+Sie wußte plötzlich, daß Olga ihre Briefe nicht erhalten hatte. Sie
+hätte nicht danach zu fragen brauchen.
+
+Aber Peterchen wär schließlich der einzige Mensch, an dessen Meinung ihr
+noch ein wenig gelegen war. Sie hatte das Gefühl, sich vor ihm
+rechtfertigen zu müssen.
+
+„Ich habe dreimal an Olga geschrieben!“ sagte sie.
+
+„Ich habe es mir beinah gedacht,“ sagte Peterchen mit trübem Lächeln.
+„Sie hat nie eine Zeile erhalten.“
+
+„Du wüßtest es sonst?“
+
+„Selbstverständlich. Wir haben doch oft genug über dich gesprochen.“
+
+„Habt ihr? Was?“
+
+Während Petermann sprach, hatte Mette die seltsame Empfindung, als
+durchlebe sie in diesen wenigen Minuten mit stärkster Intensität das
+letzte halbe Jahr ihres Lebens. So, als wäre damals, an jenem
+unglückseligen Morgen der Faden des Gewebes abgerissen und mühsam, Tag
+um Tag, ein Muster, das nicht passen wollte, angestückelt. Nun trennte
+das falsche Gewebe sich, rückwärts laufend, blitzschnell von selber auf
+– ein Knoten wurde geknüpft, wo der Faden abgerissen war, und die
+wirkliche Zeichnung lief weiter, ein wenig verkürzt, ein wenig matt in
+den Farben – aber sie lief weiter und gab eine Brücke zum heutigen Tag
+und den Tagen, die kommen sollten.
+
+„Was habt ihr von mir gesprochen?“
+
+„O viel ... Ich habe ihr sooft zugeredet, an dich zu schreiben,
+irgendwie eine Verbindung mit dir zu suchen. Sie hatte die Überzeugung,
+es nicht tun zu dürfen. Du weißt ja, wie halsstarrig sie war. Manchmal
+hatte ich die Absicht: ich telephoniere dir oder ich lauere dir irgendwo
+auf – gegen ihren Willen. Einmal hab’ ich ihr das auch gesagt. Da hat
+sie mich angefunkelt mit ihren großen Augen: ‚Wenn du dich das
+unterstehst, ist es aus mit unserer Freundschaft, für ewige Zeiten aus.
+Willst du das arme Kind auch noch zugrunde richten?‘
+
+Sie glaubte immer, du wärest glücklich, und es ginge dir gut. Ich war
+der Meinung, du müßtest erfahren, was vorgeht. Ich hab’ so gekämpft, du
+glaubst es nicht. Einmal hab’ ich dir eine Stunde lang Fensterpromenade
+gemacht. Ich dachte immer, wenn ich dich sprechen würde, wir würden
+irgendeinen Ausweg finden. Ich dachte immer, es würde noch alles gut.
+Dann hast du dich ja verlobt. Ja, da mußte ich ihr ja schließlich recht
+geben.“
+
+„Oh, du Idiot!“ sagte Mette und lachte unter hervorstürzenden Tränen.
+
+„Ich weiß den Tag noch so genau. Olga kam zu mir herüber, am frühen
+Morgen schon. Sie hockte hier neben mir auf dem Sessel und rauchte eine
+Zigarette nach der anderen. Eine halbe Stunde lang sprach sie kein Wort.
+Ich saß hier am Schreibtisch und tat so, als ob ich arbeitete. Ich hatte
+die Zeitung weggeschoben, als ich sie kommen hörte. Aber wie sie so
+dasaß, da wußte ich: sie weiß es schon. Und sie wußte, daß ich es wußte,
+aber keiner wollte anfangen, davon zu sprechen. Wie sie dann schließlich
+anfing, sagte sie immerfort: ‚Ich bin so glücklich. Ich bin ja so froh.‘
+Und sie verlangte von mir, daß ich mich freuen sollte. Wir gingen am
+Abend eine Flasche Wein zusammen trinken. Sie zwang mich direkt dazu.
+Wir müßten doch auf deine Zukunft trinken. Ich seh’ sie noch immer am
+Tisch sitzen und das Weinglas drehen. Sie hatte so ein merkwürdiges
+Lächeln den ganzen Tag. Und dann sagte sie immer wieder: ‚Die kleine
+Mette wird heiraten. So gut ist das. So gut. Unsere kleine Mette wird
+Kinder haben, lauter Jungens, denen geht’s immer gut.‘ – Dann wollte sie
+immer wieder von mir hören, daß ich es gut fände, daß ich mich freute.
+Und ich muß sagen – wie die Dinge lagen – es war ja auch wohl das Beste
+... aber von dem Tage an hatte sie eine nervöse Angst, dir irgendwo zu
+begegnen. Manchmal, wenn sie etwas zu besorgen hatte, bat sie mich
+darum. Manchmal saß sie vor mir, blaß und mit gefalteten Händen: ‚Bitte,
+bitte, Peterchen, ich kann nicht nach dem Kaufhaus gehen.‘ Die letzten
+acht bis zehn Tage hat sie überhaupt ihr Zimmer kaum mehr verlassen. Sie
+telephonierte mich an, ich sollte rüberkommen, sie wollte nicht auf die
+Straße. Aber das hatte wohl auch noch einen anderen Grund ...“
+
+„Was für einen?“ fragte Mette, nachdem er eine ganze Weile schweigend
+aus dem Fenster gesehen hatte.
+
+Er warf einen raschen und gleichsam prüfenden Blick auf sie.
+
+„Du weißt es nicht?“ sagte er wie erleichtert. „Nicht wahr, du weißt
+nichts davon ... ich hab’ es auch eigentlich nie anders angenommen ...
+Sie haben sie beobachten lassen ... deine Leute. Wo sie ging und stand
+war ein Detektiv hinter ihr her. Oh, und sie litt so wahnsinnig
+darunter.“
+
+„Warum nur?“ fragte Mette mit verlorenen Augen, „warum haben sie denn
+das getan? Sie hatten mich doch in der Hand. Sie wußten doch, wo ich
+jede Stunde des Tages zubrachte.“
+
+„Sie fürchteten wohl ... vielleicht dachten sie, wenigstens damals ...
+im Anfang, vor deiner Verlobung, du könntest in deinen Entschlüssen
+wankend werden ... oder sie könnte versuchen, dich wieder zu
+beeinflussen, sie wollten ihr irgend etwas nachsagen können, um sie als
+lästige Ausländerin ausweisen zu lassen. Herr von Seyblitz hat ihre
+ganzen Schulden aufgekauft. Das wußtest du auch nicht, nicht wahr? Sie
+haben sie so in die Enge getrieben ... täglich kamen Briefe von
+Rechtsanwälten, vom Gericht ... Sie hat sie nachher nicht mehr
+aufgemacht ... Sie ließ sie auf dem Schreibtisch sich anhäufen. Ich
+sagte manchmal: Kind, das geht nicht, du mußt antworten, du mußt
+hingehen, du mußt Entschlüsse fassen ... Dann lächelte sie so unendlich
+melancholisch: ‚Ich habe meinen Humor nicht mehr, Peterchen, ich bin alt
+und müde. Mir ist das gar ka’ Hetz mehr.‘ Und sie zeigt so mit einer
+Handbewegung auf die Papiere.
+
+Es kamen auch Drohbriefe – so gemein – sag’ ich dir. Mit Ausdrücken, die
+man nicht wiederholen kann. Von deiner Tante Emilie, glaub’ ich. Aber
+so, als wären sie in deinem Sinne geschrieben. Du wüßtest nun, wes
+Geistes Kind sie wäre, und sie sollte jeden Annäherungsversuch
+unterlassen und nicht versuchen, ihre Erpressungen an dir fortzusetzen.
+Es wäre ja genug, daß sie dich zu Diebstahl und Einbruch verführt hätte,
+daß sie deine Gesundheit untergraben hätte, daß sie den Tod deines
+Vaters verschuldet hätte – ach, und was weiß ich. Und dann Dinge, die du
+über sie gesagt haben solltest ... es muß Furchtbares gewesen sein; denn
+sie wollte es selbst mir nicht sagen oder zeigen.
+
+Sie saß mir gegenüber, ganz weiß im Gesicht und mit glühenden Augen und
+hielt mich am Handgelenk gepackt, daß ich dachte, sie zerbricht mir die
+Knochen und sagte immer wieder: ‚Davon weiß die Mette nichts, nicht
+wahr, Peterchen? Davon weiß die Mette nichts?‘
+
+Und dann ein andermal wieder sagte sie:
+
+‚Wie können Menschen nur so wahnsinnig grausam sein. Sie haben doch
+direkt ihren Spaß daran, mich langsam zu Tode zu quälen. Sie machen
+einen Kranz von glühender Kohle um mich her – wo ich mich nach einem
+Ausweg wende, sperren sie zu, bloß um zu beobachten, wie ich mich
+gebärde, wenn sie mich glücklich bis zur Raserei gebracht haben.‘ Ich
+weiß noch, dabei rannte sie hier im Zimmer auf und ab und ich dachte
+wirklich, die Wände werden ihr zu enge, sie ist wie ein gefangenes
+wildes Tier. Ich sagte noch: Du kannst doch dem allen entgehen. Du
+kannst doch nach Hause reisen. Da wurde sie ganz ruhig und sagte: ‚Ja,
+ich kann dem allen entgehen. Ich kann abreisen. Ich kann nach Hause
+reisen!‘
+
+Damals fiel mir ihr Ton nicht auf. Jetzt, wenn er mir wieder im Ohr
+klingt, begreife ich nicht, daß ich sie nicht verstanden habe. Von der
+Zeit an sprach sie oft von der Reise. ‚Am zweiundzwanzigsten Juni fahre
+ich nach Hause.‘ Das war ihre ständige Rede. Ich fragte sie einmal,
+warum sie gerade diesen Tag festgesetzt hätte. Da lachte sie und sagte:
+
+‚Weil es drei Tage nach dem neunzehnten ist.‘ Ich dachte wohl darüber
+nach. Aber der Zusammenhang wurde mir damals nicht klar ...
+
+Aber dann nach deiner Verlobung wurde das anders. Sie sagte plötzlich:
+wenn ich reise – nächste Woche ... oder übermorgen. Ich neckte sie noch
+und sagte: Nanu? Bist du deinen Vorsätzen untreu geworden? Ich denke, du
+fährst erst drei Tage nach dem neunzehnten Juni?! Da sieht sie mich so
+rätselvoll an und schüttelt den Kopf und sagt: ‚Ach nein, Peterchen,
+_darauf_ brauche ich nun nicht mehr zu warten!‘
+
+Am Abend des ... an einem Montagabend, kam sie plötzlich her, wie es mir
+vorkam, in einer gewissen heiteren Erregung. Sie legte das
+Zigarettenetui hier auf den Schreibtisch, hier, wo es noch liegt – und
+sagte zu mir, ich solle ihr den Gefallen tun und es in deine Hände
+gelangen lassen. Sie wollte reisen und wäre schon am Packen. Wenn sie es
+dir schickte, würde man es wahrscheinlich als Erpressungsversuch deuten.
+
+Ich sollt’ es dir geben, wenn sie fort wäre. Erst an deinem Geburtstag.
+Und sie verlangte, ich sollte mir den Tag im Kalender ankreuzen. Ich
+sagte, ich behalt es so. Aber sie schlug das Datum in meinem Kalender
+auf und zeichnete es selbst ein.“
+
+Er schlug mit einer fast andächtigen Bewegung das letzte Blatt zurück
+und schob Metten den Kalender hin.
+
+Auf dem weißen Blatt stand unter den neunzehnten Juni in Olgas großer
+schöner Handschrift langsam, sorgfältig hingezirkelt:
+
+Mettes Geburtstag. Nicht vergessen, Peterchen! – Und darunter waren drei
+Kreuze hingemalt, kleine, schwarze, spielerische Tintenkreuze.
+
+Mette sagte nichts. Sie legte die flache Hand auf das Blatt und nahm sie
+nicht wieder herunter.
+
+Peterchen räusperte sich ein paarmal, dann sprach er weiter:
+
+„Eh’ sie hinüberging, verabredeten wir alles für den andern Tag. Wir
+wollten uns vormittags nach den Zügen erkundigen, abends wollte ich sie
+an die Bahn bringen. Wie sie fort war, wurde ich so unruhig. Irgend
+etwas schien mir nicht zu stimmen, ich wußte nicht was. Ich versuchte,
+hinüber zu telephonieren, bekam keine Verbindung. Ich saß hier am
+Schreibtisch in einer ganz unbeschreiblichen Nervosität. Das Ding lag
+vor mir,“ er nahm das Etui in die Hand, „ich nehm’ es auf, ganz in
+Gedanken. Plötzlich fiel mir ein – verzeih’ mir, Mette, wenn es
+indiskret war, aber ich war in einer so peinigenden Unruhe, plötzlich
+fiel mir ein, es aufzumachen. Es war halb Spielerei und halb die Ahnung,
+daß ich irgend etwas finden könnte, irgend etwas Aufklärendes. Wie ich
+das Ding aufknipse,“ er tat es, „find’ ich diesen Zettel darin.“
+
+Er gab es Metten in die Hand. Unter die Bänder, die die Zigaretten auf
+der goldenen Fläche festhalten sollten, war ein Blatt Papier geschoben,
+darauf stand in Olgas unverkennbarer Handschrift:
+
+„_Qui vivens laedit, morte medetur!_“
+
+„_Qui vivens laedit, morte medetur!_“ wiederholte Petermann. „Ein
+paarmal las ich das wie ein Blödsinniger, ohne etwas zu begreifen, dann
+stürzte ich hinunter. Ohne Hut, ohne Schlüssel. Unten war das Haus
+verschlossen. Ich klingelte dem Portier. Er kam nicht sofort. Ich raste
+die Treppen wieder hinauf, um mir die Schlüssel zu holen. Ehe ich das
+Haus aufschloß, eh’ ich über die Straße kam, eh’ ich drüben den Portier
+rausklingelte – das dauerte alles Ewigkeiten. Auf der Treppe begegnete
+mir das Mädchen, das mich holen sollte. Schreiend und schluchzend. Da
+war es schon geschehen.“
+
+Mette legte die Stirn auf die Kante des Schreibtisches. Es wurde kein
+Laut hörbar. Petermann strich ein paarmal mit zitternden Fingern über
+Mettens Haar.
+
+„Ich muß dir noch etwas erzählen,“ sagte er leise, „Sie hat ganz in
+deinen Blumen gelegen – vielleicht tut dir der Gedanke wohl. Du weißt
+doch, damals – als ihr euch trenntet – du liefst weg und deine Leute dir
+nach, ich hatte den Wortwechsel ja von draußen so halb und halb mit
+angehört – ich ging nach einer ganzen Weile in mein Zimmer – da stand
+Olga noch immer mitten im Zimmer, an den Tisch gelehnt. Und wie ich
+hereinkomme, sieht sie mich an, als wecke ich sie aus dem Schlaf. Ich
+nehme sie an beiden Armen und rüttle sie. Was ist denn geschehen, Olga?
+Was hast du denn der Mette getan? Sie sieht mich ganz verstört an und
+sagt immer wieder: Ich habe etwas Furchtbares getan, oh, Gott,
+Peterchen, ich habe etwas Furchtbares getan. Sie hatte dich ganz formell
+fortgeschickt, nicht wahr? Hatte gesagt, du solltest sie nicht mehr
+belästigen oder so etwas, nicht wahr?
+
+Dann sagte sie wieder: es wäre zu deinem Besten, sie hätte dich
+fortschicken müssen, es wäre verbrecherischer Egoismus, dich zu halten.
+Ich sah, wie aufgeregt sie war und stimmte ihr zu, wenigstens halb und
+halb. Ich war ja doch im Grunde etwas erbittert auf sie. Ich sagte,
+glaub’ ich, Tante Emilie hätte alle Ursache, ihr dankbar zu sein.
+
+Da nahm sie mich plötzlich bei der Hand und sagte ganz ruhig: ‚Ich lüge
+ja, Peterchen, ich lüge ja. Es war ja nichts wie hundserbärmliche
+Feigheit. Aber Mette mußte das wissen, sie kannte mich doch. Ich hätt’
+mich auf die Schienen gelegt, oder ich wär’ aus dem Fenster gesprungen,
+aber ich kann mir nicht von solchen Leuten die Kleider vom Leibe reißen
+lassen, ich kann es nicht, ich kann es nicht. Ich weiß, ich bin
+erbärmlich und verächtlich, aber ich kann es nicht, ich kann es nicht.‘
+Und immer wieder: ‚Ich kann es nicht!‘ Ich fragte sie, was du
+geantwortet hättest. Da wurde sie ganz blaß und sagte: ‚Nichts hat sie
+geantwortet. Nicht ein Wort. Das ist ja das Furchtbare. Sie stand meiner
+Gemeinheit so wehrlos gegenüber.‘
+
+Sie hatte dann noch eine Auseinandersetzung mit der Flesch. Die Flesch
+hat sich nebenbei noch unglaublich benommen. Olga wollte keine Stunde
+länger in dem Hause bleiben. Was ich ihr auch gar nicht verdenken
+konnte. Sie ging dann hinüber, um ihre Sachen zu packen. Nach einer
+Weile kommt sie und packt mich am Handgelenk und zieht mich in ihr
+Zimmer.
+
+‚Da hast du ihre Antwort,‘ sagt sie und zeigt mir das ausgestreute Geld.
+‚Sie kann antworten. Wir haben sie unterschätzt.‘ Oh, Mette, warum hast
+du das nur getan? Wenn ich ehrlich sein soll – ich war damals furchtbar
+böse auf dich! Sie sagte immer: ‚Was tue ich nur? was tue ich nur?‘ Ich
+sagte: du packst das Geld in ein Kuvert und schickst es hin, ohne ein
+Wort dazu. Aber sie schüttelte nur den Kopf. ‚_Die_ Ohrfeige hab’ ich
+verdient, Peterchen,‘ sagte sie schließlich, ‚die muß ich ganz ruhig
+hinnehmen.‘ Sie suchte die Scheine zusammen, beinahe liebevoll, möcht’
+ich sagen, und sagte ein paarmal ganz leise: ‚Der Kindskopf! sie hat ja
+nicht gewußt, was sie tut! sie hat ja nicht gewußt, was sie tut!‘ Dann
+gab sie mir das Bündel Scheine. ‚Heb’ mir das auf, Peterchen. Vielleicht
+kommt einmal eine Zeit, wo ich es nötig brauche, und vielleicht ist es
+mir dann eine Freude zu wissen, daß es von Metten kommt.‘
+
+Ich habe sie in der letzten Zeit so oft daran erinnert, wenn sie vor
+Sorgen buchstäblich nicht mehr aus noch ein wußte. Aber sie schüttelte
+nur immer den Kopf und sagte: ‚Noch nicht, noch nicht!‘
+
+Als sie ... tot war,“ die Stimme brach ihm, „da hab’ ich weiße Orchideen
+gekauft, für das ganze Geld und hab’ sie überschüttet damit. Das sah aus
+wie ein Märchen.“
+
+Er kam nicht weiter. Die Lippen zitterten ihm, die Tränen stürzten über
+sein Gesicht.
+
+Nach einer langen, langen Stille richtete Mette sich ruhig auf, mit
+trockenen Augen.
+
+Neben dem Etui auf dem Schreibtisch lag eine Waffe.
+
+„Das ist der Revolver?“ fragte Mette und griff danach.
+
+„Ja.“
+
+„Gib ihn mir,“ sagte sie und legte die Hand fest um den Griff.
+
+Petermann machte eine erschrockene Bewegung.
+
+Mette schüttelte langsam den Kopf.
+
+Petermann sah ihr in die Augen, dann zog er zögernd die ausgestreckte
+Hand zurück.
+
+„Ich will ihn nicht behalten,“ sagte er, „er liegt da wie eine ständige
+Versuchung. Und nicht jeder hat eine so sichere Hand wie Olga Radó. Du
+hast ein Recht darauf. Natürlich. Aber ich möchte nicht, daß du ihn
+behältst. Versprich mir etwas, Mette – gib ihn dem Mann, den du liebst.
+Dann ist er in den besten Händen.“
+
+Sie war aufgestanden. „Ich verspreche es dir,“ sagte sie fast feierlich,
+„ich will ihn dem Manne geben, den ich liebe.“
+
+„Schwöre mir, daß du keine Dummheiten machen wirst ... auch nicht
+leichtsinnig oder fahrlässig damit umgehen.“
+
+„Ich schwöre es dir,“ sagte Mette. „Wobei nur? Ich kann dir doch nicht
+bei meinem Leben schwören, daß ich mich nicht erschieße. Ich schwöre es
+dir bei meiner ewigen Seligkeit. Und bei Olga Radós zehntausendfach
+geheiligtem Gedächtnis.“
+
+Irgend etwas in ihrem Ton machte ihn betroffen. Er stand langsam von
+seinem Stuhl auf, wie um seine forschenden Augen den ihren zu nähern.
+
+„Sag mir, Mette,“ sagte er zögernd, „ich möchte nicht, daß ich mir
+Vorwürfe machen müßte. Ich möchte nicht, daß das, was ich dir erzählt
+habe, dich in deinen Entschließungen beeinflußt.“
+
+Mette umschloß seine ausgestreckten Finger mit einem kurzen festen
+Druck. In der leichten Bewegung, mit der sie die Brust hochreckte und
+mit der Hand über die Hüfte strich, lag eine aufs äußerste gespannte
+Kraft.
+
+„Ich schwöre dir,“ sagte sie, „daß von dieser Stunde an nichts und
+niemand mehr mich in meinen Entschließungen beeinflussen kann.“ – – –
+
+ * * * * *
+
+Mette ging nicht direkt nach Hause. In wenigen Sekunden tauchten Pläne
+in ihr auf, formten sich zu Entschließungen. Nichts schwankte hin und
+her, eh’ es Gestalt annahm, alles trat mit einem Schritt aus der
+Verborgenheit ans Licht und stand unumstößlich fest.
+
+Sie ging zu einer Speditionsfirma und zu dem Wirt des Hauses, in dem sie
+lange Jahre gewohnt hatten. Es gab eine Zeit, wo sie sich vor solchen
+Gängen gefürchtet hätte. Jetzt fühlte sie, daß nie im Leben jemand ihr
+derlei Unannehmlichkeiten abnehmen würde.
+
+Es tat fast wohl, sich solche winzigen Lasten aufzuladen und die eigene
+Kraft zu spüren, wenn man sie spielend trug.
+
+Es tat wohl, entschlossen zu sein, mit Umsicht Anordnungen zu treffen,
+mit Überlegung Unterhandlungen zu führen.
+
+Als sie in ihrem Zimmer den Hut in den Schrank legte, streifte ihre Hand
+das schwarze Kleid, das sie zu ihres Vaters Begräbnis getragen hatte.
+Einen Augenblick fühlte sie den Wunsch, es anzuziehen, das stumpfe
+Düster des Krepps an sich zu sehen, an sich zu fühlen.
+
+Aber sie straffte sich auf. „Unsinn!“ sagte sie halblaut, biß die Zähne
+aufeinander und schloß den Schrank.
+
+Sie ging in ihres Vaters Studierzimmer, setzte sich an den Schreibtisch
+und schrieb verschiedene Briefe, an den Rechtsanwalt, an die Bank.
+
+Nach einer Weile kam das Mädchen herein:
+
+„Das gnädige Fräulein läßt Fräulein Mette zu Tisch bitten.“
+
+Mette hob den Kopf nicht.
+
+„Sagen Sie dem gnädigen Fräulein, ich käme nicht zu Tisch, ich hätte
+schon gegessen. Aber ich lasse das gnädige Fräulein bitten, nach dem
+Essen herzukommen.“
+
+Das Mädchen stand eine Weile mit offenem Mund in der Tür. Aber als Mette
+sich nicht rührte, nichts hinzufügte, nichts widerrief, nur weiter die
+Feder eilig über das Papier rascheln ließ, trollte sie davon.
+
+Nach einer Weile erschien Tante Emilie, sichtlich unentschlossen, ob sie
+empört oder liebenswürdig sein sollte.
+
+Mette legte die Feder aus der Hand und gab ihrem Stuhl eine leichte
+Wendung.
+
+„Bitte nimm Platz,“ sagte sie in einem Ton, so geschäftlich, eilig, fest
+und undurchdringlich höflich, daß dieser Ton allein schon Tante Emilien
+in einen Abgrund von Verwirrung stürzte und ihr jede Redemöglichkeit
+nahm.
+
+„Verzeih, wenn ich dir deinen Nachmittagsschlaf kürze, aber ich habe mit
+dir zu reden, und zwar Dringliches.“
+
+Mette nahm das Falzbein, drehte es, bog es, schlug damit auf die
+ausgestreckten Finger und sah diesem Spiel angelegentlich zu, während
+sie sprach.
+
+„Du wirst dich rasch entscheiden müssen, wo du hinzugehen gedenkst, ich
+reise ...“
+
+„Du?“
+
+„Ich reise. Der Haushalt wird aufgelöst. Die Wohnung wird vermietet.
+Newes entbindet mich vom Vertrag. Ich habe schon mit ihm gesprochen. Die
+Sachen kommen auf den Speicher. In den nächsten Tagen schon. Ich fange
+heut’ schon an. Morgen kommen die Packer. Du wirst der Kramerei sicher
+gern aus dem Wege gehen wollen. Ich empfehle dir, in ein Hotel oder in
+eine Pension zu gehen, bis du dich endgültig entschieden hast. Wenn du
+heut’ nachmittag die Mädchen brauchst zum Packen deiner Sachen, sie
+stehen zu deiner Verfügung. Ja, und – ich möchte nicht, daß dir durch
+meine Entschließungen ein pekuniärer Nachteil entsteht. Am liebsten wäre
+es mir, wenn du deine Wünsche schriftlich formulierst und an Rosenbaum
+gibst. Ich habe ihm schon diesbezüglich geschrieben.“
+
+Mette legte das Falzbein hin.
+
+„Ja, das wäre wohl alles!“ Sie stand auf und stützte beide Hände hinter
+sich auf den Schreibtischrand.
+
+„Also, wenn wir uns nicht mehr sehen sollten, Gott befohlen, und laß es
+dir recht gut gehen.“
+
+Tante Emilie stand auf mit zitternden Knien, und ihr Gesicht spielte in
+allen Farbentönen vom Zitronengelben ins Aschgraue.
+
+„Und ... und Alfred?“ fragte sie, mit vergeblichem Bemühen, eine süße
+rührende Weichheit in ihren scharfen Ton zu legen.
+
+„Wie? Wer?“ Mette kniff die Augen zusammen, als müsse sie sich besinnen.
+„Ja so, nein, danke. Da brauchst du keinerlei Mitteilung zu machen. Ich
+werde alles Erforderliche selbst besorgen.“
+
+„Mette!“ sagte Tante Emilie feierlich. „Wenn das dein seliger Vater
+wüßte! Ich habe dich von deinem ersten Tag an behütet und gepflegt, und
+zum Dank wird man so vor die Tür gesetzt ...“
+
+Mette griff wieder nach dem Falzbein.
+
+„Ich habe schon an Rosenbaum geschrieben, daß von meinem Vermögen
+fünfzigtausend Mark an dich übergehen. Mit dem, was du hast und mit dem,
+was dir von Vater kommt, kannst du dann ganz deiner Bequemlichkeit
+leben. Ich will morgen vormittag hingehen und ihm die nötigen
+Vollmachten geben.“
+
+„Mette,“ sagte Tante Emilie mit gesteigertem Pathos. „Ich habe dich vor
+einem entsetzlichen Schicksal behütet. Das solltest du mir auf Knien
+danken!“
+
+„Gewiß, gewiß,“ sagte Mette und verzerrte ein wenig den Mund. „Ich werde
+Rosenbaum schreiben: Hunderttausend.“
+
+Da wandte sich Tante Emilie und rauschte hinaus.
+
+Mette packte die Sachen in fieberhafter Eile, wie auf der Flucht. Sie
+arbeitete Tag und Nacht und ließ sich von niemandem helfen, auch von
+Peterchen nicht und von mir nicht.
+
+Aber am Abend, als sie reiste, holten wir beide sie aus der Wohnung ab
+und brachten sie an die Bahn.
+
+Die Wohnung war leer und dunkel. Alle Möbel fort. Die Kronen abgenommen,
+die Fenster ohne Gardinen. Hie und da starrte ein Spiegelhaken trostlos
+aus der nackten Wand oder ein Fleck der Tapete zeigte die Form eines
+Bildes, das lange Jahre da gehangen hatte. Ein großer Koffer, ein wenig
+Handgepäck standen mitten in dem leeren Raum. Mette hatte eine brennende
+Kerze auf dem Fensterbrett festgeklebt. Das gab ein seltsames
+flackerndes Halblicht. Unsere Schatten glitten groß und verbogen an Wand
+und Decke entlang.
+
+Peterchen sah immerfort nach der Uhr.
+
+„Ist es nicht Zeit, daß ich nach einem Wagen gehe?“ fragte er unruhig.
+
+Mette hob die Hand. „Laß doch! Wir haben noch endlos Zeit. Was sollen
+wir auf dem Bahnsteig? Und was schadet es, wenn ich den Zug versäume?
+Ich lauf’ ja niemandem nach. Und mir läuft niemand nach. Dann fahr’ ich
+eben morgen früh.“
+
+„Ach ja,“ sagte Peterchen erleichtert, „das wäre mir überhaupt viel
+lieber. Ich verstehe gar nicht, wie man so in die Nacht hineinfahren
+kann.“
+
+„Ich fahre ja in den Morgen hinein,“ sagte Mette mit leisem Lächeln. „In
+ein paar Stunden kommt die Dämmerung. Außerdem lieb’ ich die Nacht. Wer
+die Sterne liebt, muß auch die Nacht lieben. Sag, Peterchen, hast du
+eigentlich schon einmal daran gedacht, daß sie am Tage auch da sind?
+Genau so fern und so nah wie des Nachts. Manchmal such’ ich sie am
+sonnenhellen Himmel – ich fühle ganz genau – da steht der, und da steht
+der, und dann kann ich in der Dämmerung ganz ungeduldig werden, bis sie
+endlich sichtbar sind.“
+
+„Das hast du auch von ihr,“ sagte Peterchen wehmütig, „diese verrückte
+Sternenliebe.“
+
+„Ja,“ sagte Mette, und ihre tiefe Stimme klang wie eine Glocke, „was
+hab’ ich _nicht_ von ihr? Alles. Und alle Liebe ganz gewiß. Himmel und
+Erde sind voll von Dingen, an denen ihre Liebe hängt. Und von all diesen
+Dingen strömt ihre Liebe wieder auf mich zurück. Herrgott, was liebte
+sie alles! Berge und Meer und Blumen und Spinnen und kleine Kinder und
+Leder und Seide und Kristall und die Günderode und den heiligen
+Franziskus von Assisi – und – mich. Wahrhaftig, sie hat mich die Liebe
+gelehrt. O Gott! Wenn Tante Emilie das hörte, würde sie es sicherlich
+falsch auffassen.
+
+Einmal hat sie zu mir gesagt, Olga, ich glaube, es war auf der Reise,
+und wir sprachen wohl von unserer Zukunft, und ich sagte, daß ich mich
+nicht von ihr trennen lassen wollte, bis zu meiner Mündigkeit. Da wurde
+sie ganz ungeduldig und sagte:
+
+‚Herrgott, was ist das für ein jämmerlicher Standpunkt, immer nur das
+lieben zu können, was man an der Hand hält!‘
+
+Hat sie nicht recht? Warum soll man nicht die Toten lieben und die
+Kommenden und die ganz Fernen, deren Sein wir nur ahnen oder deren
+Schaffen uns einen Hauch von ihrer Seele gibt? Und warum nur einen,
+warum nicht Tausende – die, nach denen wir uns sehnen und die, die sich
+nach uns sehnen – die, die in unerfüllter Sehnsucht nach uns gestorben
+sind, und die, die mit unerfüllter Sehnsucht nach uns leben werden, wenn
+wir lange tot sind. Mir ist manchmal, als sollt ich meine beiden Hände
+in die Weite strecken und rufen: ich liebe euch, ich liebe euch, ich
+liebe euch!“
+
+„Es ist merkwürdig,“ sagte Peterchen scheu und sah kopfschüttelnd zu
+Metten empor, die unheimlich groß und schlank aufgereckt in dem
+gespenstischen Licht stand, „es ist merkwürdig, wie ähnlich du ihr
+manchmal bist.“
+
+„Es ist viel merkwürdiger,“ sagte Mette lächelnd, „wie unähnlich ich ihr
+_war_. Fern, fremd, unverwandt. So entsetzlich unähnlich, daß ich sie
+eigentlich nie verstanden habe. Ich glaube, ich hätte sie mit Eifersucht
+und Mißtrauen zu Tode gequält.“
+
+„Und jetzt?“ fragte Peterchen. „Würdest du nicht eifersüchtig und
+mißtrauisch sein? Wer weiß, wenn ihr zusammen geblieben wäret,
+vielleicht hättest du in ein paar Monaten Ursache dazu gehabt.“
+
+Mette schüttelte langsam den Kopf. „Das soll ein Trost für mich sein,
+Peterchen. Aber es ist keiner. Ich hatte so unbändige Freude an ihr. Und
+wenn tausendmal nur die Form zerstört ist. Auch um die Form ist es ein
+Jammer. _Die_ Freude hätt’ ich immer an ihr haben können. Und so wie ich
+sie jetzt sehe – ich hätte eben einsehen müssen, daß ich nicht aus Geiz
+Himmel und Erde ihrer Liebe hätte berauben dürfen. Aber belogen hätte
+Olga Radó mich nie. Nie, nie, nie!“
+
+„Der Zug, Mette!“ mahnte Peterchen.
+
+Mette warf einen Blick auf ihr Handgelenk.
+
+„Ja, wir müssen gehen.“
+
+Peterchen ging, einen Wagen zu holen. Der Kutscher trug das Gepäck
+hinunter.
+
+Ich wollte die Kerze löschen, als wir gingen.
+
+„Nein, laß!“ sagte Mette. Sie lief ein paarmal hin und her und brachte
+Wasser in den hohlen Händen, das sie um die Kerze träufelte, bis sich
+ein kleiner See bildete.
+
+„Nun kann es kein Feuer geben,“ sagte sie. „Seltsam, wenn ich schon im
+Zug sitze, brennt vielleicht hier in der leeren Wohnung noch das Licht.
+Ich muß immer an die arme Johanna denken, schon den ganzen Abend, als
+das Licht so im Fenster brannte.“
+
+„Wer ist das?“ fragte ich.
+
+„Die arme Johanna? Das war eine Frau, die Olga liebte. Sie ist an der
+Schwindsucht gestorben. Und Olga konnte nicht um sie sein, als sie im
+Sterben lag. Aber die Schwester, die sie pflegte, stellte nachts immer
+eine brennende Kerze ans Fenster. Das hatte die arme Johanna alles
+selber so verabredet und bestimmt. Solange sie lebte, solange sollte die
+Kerze brennen. Und da ist Olga manchmal drei-, viermal in der Nacht,
+wenn sie es vor Unruhe nicht mehr aushalten konnte, nach dem Haus
+gelaufen und hat auf der Straße gestanden, um nur die Kerze brennen zu
+sehen.“ – „Schau,“ Mette wandte sich um, während wir in den Wagen
+stiegen, „da oben brennt meine Kerze und leuchtet mir nach!“
+
+Sie winkte mit den Handschuhen einen Gruß zurück.
+
+„Und da, schau,“ sie richtete sich auf, mit einem seltsamen Entzücken im
+Gesicht und wies nach dem Sternenhimmel, „da ist der Antares! Das Herz
+des Skorpions. Dem zieh’ ich jetzt nach, immer weiter nach Süden. Wir
+können zusammen bleiben, oder ich kann auf ihn warten, bis er wieder
+kommt, mit der unbedingtesten Zuverlässigkeit, wie der treueste Freund.“
+
+„Trotzdem,“ sagte Peterchen, „ich habe das Gefühl, daß es doch ein
+bißchen wenig Schutz und Freundschaft für dich ist. Wenn ich denke, daß
+du in der nächsten Nacht in einer fremden Stadt, in einem fremden
+Hotelbett schlafen sollst ...“
+
+„Schön!“ sagte Mette. „Das ist ja das, was mir Ruhe geben kann. Ein
+Raum, den ich noch nie gesehen habe. Trotzdem ist dieser Raum jetzt
+schon da. Ein anderer Mensch bewohnt ihn und erfüllt ihn ganz mit seinen
+Leiden und Freuden und Sorgen und Gedanken. Muß man sich denn immer nur
+mit einem peinlichen Gefühl des Ekels in ein fremdes Bett legen? In
+einem frisch bezogenen Hotelbett sind keine fremden Mikroben und
+Bakterien – aber auf den Tapeten liegen noch Schatten und Lichter
+fremder Schicksale. Und die tönen das eigene zum Schweigen.
+
+Man soll nicht in den Wänden bleiben, wo einen der eigene Schmerz immer
+von den Tapeten anschreit.
+
+Das fremde Bett wird mir morgen erzählen, was es alles erlebt hat. Weißt
+du, auch das ist Feengabe. Ich bin nicht mehr bange, weil die Dinge
+anfangen, mit mir zu reden. Das sind immer die Glückskinder in den
+Märchen oder die Weisen in den Sagen – König Salomo, vogelsprachekund –
+denen die Dinge und die Tiere und die Bäume ihre Geheimnisse erzählen.
+Du glaubst nicht, was das bedeutet. Die ganze Welt war so entsetzlich
+stumm. Und nun höre ich überall so liebe, vertraute, unhörbare Stimmen.
+Ihr ahnt gar nicht, mit was für einem Entzücken und einem Stolz das
+einen erfüllt. Siehst du, Peterchen – das ist _auch_ etwas, was ich von
+Olga habe.“
+
+„Ja,“ sagte Peterchen nachdenklich, „ich fühle deine Kraft – fast mit
+Neid. Sie hat dir unendlich viel gegeben. Ich kann nicht los von dem
+Gedanken ... vielleicht hatte sie doch recht: ‚_Qui vivens laedit, morte
+medetur_‘ – was lebend verwundet, heilet im Tod.“
+
+„Nein, nein, sag das nicht!“ sagte Mette mit einer fast flehenden
+Bewegung. „Ich will es nicht hören, weil es nicht wahr ist. Aber ich
+habe die heilige Überzeugung – und _das_ dank ich ihr tausendfach mehr
+als alles andere – daß der Satz _umgekehrt_ wahr ist – hilf mir,
+Peterchen, mit meinem Latein ist es schwach bestellt: _Qui vivens
+laeditur, morte_ ... nein, es geht nicht ... _medetur_ ... das sind die
+verflixten Deponentia, davon kann ich keine Passivform bilden. Aber du
+weißt ja, was ich meine: Was lebend verwundet wird, wird im Tode geheilt
+... das heilt der Tod ... _mors medetur_, nicht wahr, das kann man
+sagen?
+
+Und siehst du, das ist das größte: die Stunde Lust, die ich auf diesem
+Maskenball des Lebens vielleicht noch finden kann, die dank ich ihr –
+aber wenn mir das Treiben zuwider wird, dann dank ich ihr den Schlüssel
+zur Ausgangstür.“
+
+„Ja,“ sagte Peterchen ein wenig bitter, „einen sechsläufigen Revolver!“
+
+„Oh,“ sagte Mette, „mehr als das: damit allein ist es nicht getan. Weißt
+du nicht, was die kleine Seejungfer sich wünschte, um was sie sich die
+Zunge herausschneiden ließ, um was sie bei jedem Schritt tausendfältige
+Schmerzen litt, was nur eine große, große Liebe ihr geben konnte? Mir
+hat es Olga gegeben. Mir hat Olga alles gegeben, was man braucht, um
+allen Möglichkeiten der verhüllten Zukunft mit unzerstörbarer Ruhe
+entgegenzugehen: einen sechsläufigen Revolver ... _und_ eine
+unsterbliche Seele!“
+
+
+
+
+ Askanischer Verlag Berlin SW
+
+
+ In unserem Verlage erschien von
+ Anna Elisabet Weirauch
+
+ Der Tag der Artemis
+ Drei Novellen
+
+ „Der Tag der Artemis“ – das ist der Tag, der Knaben zu Männern
+ macht, der Tag, an dem im jungen Menschenkinde unerkannt,
+ gebieterisch, erschreckend oder beglückend zum erstenmal das
+ Geschlecht sich regt.
+
+ Die erste der Novellen ist eine Institutsgeschichte.
+ Schwärmerische Neigung, ehrliche Kameradschaft, Eifersucht, Haß,
+ gekränkter Ehrgeiz – alle Leidenschaften toben und gären in
+ diesen unreifen Knabenseelen, bis sie in einer Katastrophe
+ explodieren.
+
+ „Gere“ ist die Geschichte eines Schülerselbstmordes. Der
+ Gequälte, der in dem unverstandenen natürlichen Trieb nur Schmutz
+ und Laster sieht, verliert seinen letzten Halt, den Glauben an
+ die Heiligkeit der Mutter, und greift zum Revolver.
+
+ „Der Statist“ variiert das Thema des erwachenden Liebesgefühls in
+ heiterer Form. Einen armseligen Drogistenlehrling bringt ein
+ Zufall als Statisten ans Theater. Die schwärmerische Leidenschaft
+ für die Heldin des Hoftheaterchens macht einen Menschen aus ihm
+ und führt ihn auf einen Weg, den er weitergehen wird, auch wenn
+ die Leidenschaft längst verlodert ist.
+
+ Erzählungen aus jenen Lebensjahren, wo die Erotik noch
+ schlummert, wo sie aber im geheimen heftiger wühlt als wir ahnen
+ und ahnen wollen.
+
+ Schön gebunden M. 10,–
+ Zu beziehen durch alle Buchhandlungen
+
+ Sogno
+ Das Buch der Träume
+ Ein Roman
+
+ „Sogno“ ist der Roman eines überfeinerten Phantasten, der alle
+ seine müßigen Gedanken um ein stolzes und rätselvolles Weib
+ spielen läßt – so lange, bis die heiße blutvolle Wirklichkeit
+ dieser Natur in sein Dasein einbricht und er erkennt, daß er
+ nicht die Kraft und Gesundheit der Seele und der Sinne hat,
+ Erträumtes in lebendige Realität umzusetzen.
+
+ Die hohe Kunst der durch ihre Romane „Die kleine Dagmar“ und „Der
+ Skorpion“ rasch berühmt gewordenen Verfasserin offenbart sich in
+ diesem Buche in intimster Stimmungsmalerei und seltener Schönheit
+ der Sprache.
+
+ Schön gebunden M. 10,–
+ Zu beziehen durch alle Buchhandlungen
+
+
+ Askanischer Verlag Berlin SW
+
+
+Anmerkungen zur Transkription
+
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
+Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
+
+ [S. 50]:
+ ... Der Hand drehte den Kopf und leckte mit der Zunge ...
+ ... Der Hund drehte den Kopf und leckte mit der Zunge ...
+
+ [S. 99]:
+ ... Herr mehr in meiner eigenen Wohnung. Nimm ...
+ ... Herr mehr in meiner eigenen Wohnung? Nimm ...
+
+ [S. 228]:
+ ... kam nicht wieder, war unwiderbringlich verloren. ...
+ ... kam nicht wieder, war unwiederbringlich verloren. ...
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75397 ***