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--- /dev/null
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@@ -0,0 +1,5954 @@
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75277 ***
+
+#######################################################################
+
+Anmerkungen zur Transkription
+
+ Das Original ist in Fraktur gesetzt, fremdsprachige Passagen in
+ Antiqua.
+
+ Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der
+ folgenden Symbole gekennzeichnet:
+ gesperrt: #Raute#
+ fremdsprachige Passagen: ≈Doppelwelle≈
+
+ Einige wenige offensichtliche Druckfehler wurden stillschweigend
+ korrigiert.
+
+ Fußnoten sind an das jeweilige Kapitelende gestellt.
+
+ Detaillierte Hinweise zu Änderungen gegenüber dem Original am
+ Textende
+
+#######################################################################
+
+
+
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+Kriegsgefangen.
+
+Erlebtes 1870.
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Kriegsgefangen.
+
+[Illustration]
+
+Erlebtes 1870
+
+von
+
+Th. Fontane.
+
+
+[Illustration:]
+
+
+Berlin, 1871.
+
+Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei
+(R. v. Decker).
+
+
+
+
+Das Uebersetzungsrecht ist vorbehalten.
+
+
+
+
+Meinen Freunden
+
+dankbar gewidmet.
+
+
+
+
+Inhalt.
+
+[Illustration]
+
+
+ I. Abtheilung. Seite
+
+ „In’s alte, romantische Land” 1
+
+ 1. Domremy 3
+
+ 2. Neufchateau 19
+
+ 3. Langres 32
+
+ 4. Von Langres bis Besançon 53
+
+ 5. Die Citadelle von Besançon 65
+
+ 6. Rückblicke 90
+
+
+ II. Abtheilung.
+
+ „≈Comme officier supérieur≈” 103
+
+ 1. Von Besançon bis Lyon 105
+
+ 2. Lyon 115
+
+ 3. Moulins 126
+
+ 4. Gueret 141
+
+ 5. Poitiers-Rochefort 154
+
+ 6. Marennes 162
+
+
+ III. Abtheilung.
+
+ ≈Ile d’Oléron≈ 175
+
+ 1. Die Insel Oléron 177
+
+ 2. Ankunft 182
+
+ 3. Die Citadelle 188
+
+ 4. Rasumofsky 193
+
+ 5. Blanche 202
+
+ 6. ≈Le Rempart≈ 207
+
+ 7. Mittag 212
+
+ 8. Theestunde 216
+
+ 9. Regentage 229
+
+ 10. Der Ueberfall von Ablis 244
+
+ 11. Drei von den 3. Garde-Ulanen 256
+
+ 12. Fünf vom 14. Jäger-Bataillon 265
+
+ 13. Begräbniß 275
+
+ 14. Sturm im Glase Wasser 280
+
+ 15. „≈Sentinelle, prenez garde à vous.≈” 288
+
+
+ IV. Abtheilung.
+
+ Frei 293
+
+ 1. Unverhofft kommt oft 295
+
+ 2. Der letzte Sonntag 303
+
+ 3. Der letzte Abend 311
+
+ 4. Abschied 321
+
+ 5. Rückreise 327
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+„In’s alte, romantische Land.”
+
+
+
+
+1. Domremy.
+
+ Wie heißt der Ritter?
+
+ Baudricourt. Er steht
+ Kaum einen Tagesmarsch von #Vaucouleurs#.
+
+ * * *
+
+ Ich bin nur eines Hirten niedre Tochter
+ Aus meines Königs Flecken #Domremy#,
+ Der in dem Kirchensprengel liegt von Toul.
+ (Jungfrau von Orleans.)
+
+
+Am 2. Oktober war ich in Toul. Ich kam von Nancy. Nancy ist eine
+Residenz, Toul ist ein Nest. Es machte den Eindruck auf mich wie
+Spandau vor dreißig Jahren. Die Kathedrale ist bewunderungswürdig, das
+Innere einer zweiten Kirche (St. Jean, wenn ich nicht irre) von fast
+noch größerer Schönheit, aber von dem Augenblick an, wo man mit diesen
+mittelalterlichen Bauten fertig ist, ist man es mit Toul überhaupt.
+
+In 2 Stunden hatt’ ich diese Sehenswürdigkeiten hinter mir und dennoch
+war ich gezwungen, 2 Tage an dieser Stelle auszuhalten. Dies hatte
+darin seinen Grund, daß unmittelbar südlich von Toul das Jeanne
+d’Arc-Land gelegen ist, und daß es, Dank dem Kriege und den
+Requisitionen, unmöglich war, in der ganzen Stadt einen Wagen
+aufzutreiben. Die Partie selber aufzugeben schien mir unthunlich, ich
+hätte jede Mühe und jeden Preis daran gesetzt. Endlich, am Nachmittage
+des zweiten Tages, hieß es: Madame Grosjean hat noch einen Wagen. Ich
+athmete auf. In einem schattigen Hinterhause, dicht neben der
+Kathedrale, fand ich die genannte Dame, die bei zurückgeschlagenen
+Gardinen in einem großen Himmelbette saß. Sie war krank, abgezehrt,
+hatte aber die klaren, klugen Augen, die man so oft bei hektischen
+Personen findet, und die nie eines Eindrucks verfehlen. Wir
+unterhandelten in Gegenwart zweier Gevatterinnen, die mindestens eben
+so gesund waren, wie Madame Grosjean krank. Das Geschäftliche
+arrangirte sich leicht; nur ein Uebelstand blieb, an dem auch jetzt
+noch die Partie zu scheitern drohte: das einzig vorhandene Gefährt, ein
+≈char à banc≈, war nämlich zerbrochen und Mr. Jacques, Schmied und
+Stellmacher, hatte erklärt, überbürdet mit Arbeit, die Reparatur nicht
+machen, keinesfalls aber den Wagen abholen lassen zu können. In diesen
+letzten Worten schimmerte doch noch eine Hoffnung. Ich eilte also auf
+die Straße, engagirte zwei Artilleristen vom Regiment
+»Feldzeugmeister«, spannte mich selbst mit vor, und im Trabe jagten wir
+nun mit der leichten Kalesche über das holprige Pflaster hin, in den
+Arbeitshof des Mr. Jacques hinein. Dieser war ein Hüne, also gutmüthig
+wie alle starken Leute. Meine Beredsamkeit in Etappen-Französisch
+amüsirte ihn ersichtlich und wir schieden als gute Freunde, nachdem er
+versprochen hatte, bis Sonnenuntergang die Reparatur machen zu wollen.
+Er hielt auch Wort.
+
+In der Dämmerstunde klopfte es an meine Thür. Ein Blaukittel trat ein,
+theilte mir mit, daß er der »Knecht« der Madame Großjean sei, und daß
+wir am andern Morgen 7 Uhr fahren würden. Soweit war Alles gut. Aber
+der Blaukittel selbst flößte mir wenig Vertrauen ein, am wenigsten, als
+er schließlich versicherte: die Partie sei in einem Tage nicht zu
+machen, wir würden nach Vaucouleurs fahren, von dort nach Domremy und
+von Domremy wieder zurück nach Vaucouleurs, aber mehr sei nicht zu
+leisten; in Vaucouleurs müßten wir übernachten. Er berief sich dabei
+auf einen russischen Grafen, mit dem er vor Jahresfrist dieselbe Partie
+gemacht habe, und begleitete seine Rede, die mir aus nichts als aus den
+vollklingenden Worten ≈»Kilometer«≈ und ≈»quatre-vingt-douze«≈ zu
+bestehen schien, mit den allerlebhaftesten Gesten. Ein starker Verdacht
+schoß mir durch den Kopf; wer indessen viel gereist ist, weiß aus
+Erfahrung, daß auf solche Anwandlungen nicht allzuviel zu geben ist,
+und ich entließ ihn ohne Weiteres mit einem kurzen: ≈Eh bien, demain
+matin 7 heures≈. Ich freute mich sehr auf diesen Ausflug. Das
+Mißtrauen, das so plötzlich in mir aufgestiegen war, galt mehr dem
+Blaukittel in Person, als der Gesammtsituation, und dieser Person
+glaubte ich schlimmsten Falls Herr werden zu können. Ich lud meinen
+Lefaucheux Revolver und wickelte ihn derart in meine Reisedecke, daß
+ich durch einen Griff von rechts her in die nun muffartige Rolle
+hinein, den Kolben packen und eine »Gefechtsstellung« einnehmen konnte.
+Ich #muß# dies erwähnen, weil es zu einer späteren Stunde von
+Wichtigkeit für mich wurde. Daß ich den Revolver nicht mit mir führte,
+um etwa auf eigene Hand Frankreich mit Krieg zu überziehen, brauch ich
+wohl nicht erst zu versichern; man hat aber die Pflicht, sich gegen
+≈mauvais sujets≈ und die Effronterien des ersten besten Strolches zu
+schützen.
+
+7 Uhr früh rasselte der Wagen über das Pflaster und hielt vor meinem
+Hotel. Ich war fertig; eine Viertelstunde später lag Toul hinter uns.
+
+Bis Vaucouleurs sind 3 Meilen. Von rechts her traten mächtige
+Weingelände, in der Mitte des Abhangs mit hellleuchtenden Dörfern
+geschmückt, bis an die Straße heran; nach links hin dehnten sich
+Fruchtfelder, dahinter Bergzüge, oft in blauer Ferne verschwimmend. Es
+war eine entzückende Fahrt; die Chaussee bergansteigend und wieder sich
+senkend, dann und wann ein Flußstreifen, eine Wassermühle, dazu rund
+umher das Herbstlaub in hundert Farben schillernd. Ehe wir noch die
+erste große Biegung des Weges erreicht hatten, erfüllte sich, was sich
+immer zu erfüllen pflegt: ein Fußgänger stand am Wege und bat,
+aufsteigen zu dürfen. Der Kutscher stellte ihn mir als einen seiner
+»Freunde« vor. Ich kann nicht sagen, daß er mir dadurch besonders
+empfohlen worden wäre, und ich rückte meine Reisedecke unwillkürlich
+etwas zurecht. Ich hatte aber unrecht. Der neue Fahrgast erwies sich
+als ein freundlicher, angenehmer Mann; plaudernd über Krieg und Frieden
+fuhren wir um 10 Uhr in Vaucouleurs hinein.
+
+Ein reizender kleiner Ort. Der Kutscher hatte zwei Stunden dafür
+festgesetzt, Zeit genug, die alte Kapelle und das leidlich
+wohlerhaltene Schloß des »Ritters Baudricourt«, das die Stadt
+beherrscht, zu besuchen. Ueber diese Erinnerungsstätte zu berichten,
+ist hier nicht der Ort. Um 12 Uhr weiter nach Domremy.
+
+Domremy — das von den Bewohnern dortiger Gegend immer nur Dórmy
+ausgesprochen wird — liegt noch drittehalb Meilen südlich von
+Vaucouleurs. Das Terrain verändert sich hier etwas und nimmt mehr und
+mehr den Charakter eines Defilees an. Die Höhenzüge zur Rechten bleiben
+dieselben, aber von gegenüber treten die Berge näher heran, während
+unmittelbar zur Linken ein breites Wiesenthal sich zieht, drin die
+Meuse fließt; das Ganze nicht ohne Reiz, aber ein wenig kahl und
+verbrannt, voll frappanter Aehnlichkeit mit dem Nuthethal, das sich von
+Potsdam aus, an Saarmund vorbei, bis hinauf an die alte sächsische
+Grenze zieht. Halben Wegs erreicht man Burey en Vaux, das Dörfchen,
+wohin Jeanne d’Arc zu ihrem Oheim Durand Laxart ging, als sie im
+elterlichen Hause nicht länger wohlgelitten war; dann (zur Linken) ein
+mittelalterliches, halb schloßartiges Gehöft, bis endlich, bei einer
+Biegung des Weges, Domremy selbst mit einzelnen seiner blitzenden
+Dächer sichtbar wird. #Nicht# mit seiner Kirche. Es hat nur eine
+Kapelle, die, etwas tief gelegen, sich hinter Pappeln und anderem
+Baumwerk versteckt.
+
+Die letzten zehn Minuten vor Einfahrt in das Dorf waren die schönsten.
+Es war, als ob die Reisegötter hier noch einmal den Zweck verfolgten,
+ein Uebriges für mich thun und die ganze Scene künstlerisch abrunden zu
+wollen. Ein Geistlicher in weißem Haar und breitkrämpigem Hut kam des
+Weges; wir grüßten einander. Ein Hirt folgte; strickend schritt er
+seiner Heerde vorauf. Durch die herbstlich klare Luft zogen Tausende
+von Sommerfäden, und auf meine neugierige Frage, welchen Namen diese
+weißen Fäden in Frankreich führten, antwortete mein Kutscher: ≈les
+cheveux de la St. Vierge≈. War es denkbar, unter glücklicherer
+Vorbedeutung in das Dorf der Jeanne d’Arc einzuziehen? Und doch
+täuschten alle diese Zeichen.
+
+Um 3 Uhr etwa fuhren wir in die Hauptstraße von Domremy hinein. Es ist
+ein Dorf von mittlerer Größe, eher klein. Der Eindruck, trotz hellen
+Sonnenscheins und des weißen Anstrichs der Häuser, war ein düsterer;
+Alles schien auf Verfall und Armuth hinzudeuten. In der Mitte des
+Dorfes hielten wir vor einem rußigen, anscheinend herabgekommenen
+Gasthause, das in verwaschenen Buchstaben die Inschrift trug: ≈Café de
+Jeanne d’Arc≈. Es war unheimlich. Ich hatte dieselbe, mich direkt ins
+Herz treffende Empfindung wie am Abend vorher, wo der Blaukittel mich
+besucht und seine Botschaft ausgerichtet hatte.
+
+Ich eilte, mich diesem Eindruck zu entziehen; die geweihte Stätte, wo
+»la Pucelle« geboren wurde, schien mir der geeignetste Platz dazu. Ich
+brach also unverzüglich auf. Es waren nur 150 Schritt; in einem Stück
+Gartenland lag das ehrwürdige Gemäuer. Ich zog die Glocke an einem
+sauberen drahtgeflochtenen Gitterthor, das den Garten von der Straße
+schied. Eine »Religieuse« öffnete und machte die Führerin. Und siehe
+da, als ich erst in der Nische über der niederen Eingangsthür das in
+Stein gemeißelte Bild der gewappneten Jungfrau, innerhalb des Hauses
+selbst aber den alten eichenen Wandschrank sah, der ihr Jahre lang als
+Truhe gedient hatte, fiel alles Mißtrauen wieder von mir ab und ich
+fühlte mich ganz dem Zauber dieser Stunde hingegeben. Ich machte meine
+Notizen, trat dann zurück in den Garten und versenkte mich noch einmal
+in den Anblick dieses in Geschichte und Dichtung gleich gefeierten
+Ortes. Convolvulus rankte sich um die Stämme einiger Cypressen;
+Resedabeete füllten die Luft mit ihrem Duft, die Religieuse sprach
+leise freundliche Worte; — alles war Poesie.
+
+In unmittelbarer Nähe des Hauses »de la Pucelle« liegt die Kapelle. Sie
+ist gothisch. Einige Glasfenster, namentlich eines, dessen bunte
+Scheiben das Wappen der Jeanne d’Arc aufweisen, deuten auf das 15.
+Jahrhundert zurück; das meiste aber ist modern. Ich verweilte wohl eine
+Viertelstunde an dieser Stelle, mir jedes Kleinste einprägend, und trat
+dann wieder vor das Portal der Kapelle, zu deren Linken sich eine
+Statue der Pucelle erhebt. Diese kniet im Gebet, preßt die linke Hand
+aufs Herz, während sie die rechte gen Himmel hebt; — eine wohlgemeinte,
+aber schwache Arbeit.
+
+Ich klopfte eben mit meinem spanischen Rohr an der Statue umher, um
+mich zu vergewissern, ob es Bronce oder gebrannter Thon sei, als ich
+vom Café de Jeanne d’Arc her eine Gruppe von 8 bis 12 Männern auf mich
+zukommen sah, ziemlich eng geschlossen und unter einander flüsternd.
+Ich stutzte, ließ mich aber zunächst in meiner Untersuchung nicht
+stören und fragte, als sie heran waren, mit Unbefangenheit: aus welchem
+Material die Statue gemacht sei? Man antwortete ziemlich höflich: »aus
+Bronce«, schnitt aber weitere kunsthistorische Fragen, zu denen ich
+Lust bezeugte, durch die Gegenfrage nach meinen Papieren ab. Ich
+überreichte ein rothes Portefeuille, in dem sich meine
+Legitimationspapiere befanden, selbstverständlich nur #preußische#. Man
+suchte sich darin zurecht zu finden, kam aber nicht weit und forderte
+mich nunmehr auf, zu besserer Feststellung sowohl meiner Person, wie
+meiner Reiseberechtigung ihnen in das Wirthshaus zu folgen.
+
+Die ganze Scene, so peinlich sie war, hatte, der Gesammthaltung der
+Dorfbewohner nach, nicht gerade viel Bedrohliches gehabt und schien
+nach unserem Eintreten in das Wirthshaus, wo bald Wein und Reimser
+Biscuit herumgegeben wurden, ein immer helleres Licht gewinnen zu
+wollen. Ich machte alle Umstehenden, deren Zahl von Minute zu Minute
+wuchs, mit dem Inhalt meiner Legitimationspapiere bekannt und setzte
+ihnen offen den Zweck meiner Reise und dieser speziellen Excursion nach
+Domremy auseinander, was alles wohl aufgenommen wurde. Aber der kleine
+Lichtstrahl, der eben durchbrechen wollte, sollte bald wieder
+schwinden. Ich war eben noch im besten Peroriren, als ein junger Bauer,
+der sich mit meinem Stock zu thun gemacht hatte, die Krücke aus der
+Stockscheide zog und mit einem »≈ah, un poignard≈« die mir zuhörende
+Gesellschaft überraschte. Es durchfröstelte mich etwas, weil ich klar
+einsah, was jetzt nothwendig kommen mußte. Ich faßte mich aber schnell
+und zur Initiative greifend, die allein einem Schlimmeren vorbeugen
+konnte, sagte ich mit Ruhe: ≈Naturellement, Messieurs, je suis armé≈.
+Ich sprach es so, daß man heraushören #mußte#: mit diesem Poignard
+allein ist es nicht gethan. Man verstand mich auch sofort und von
+mehreren Seiten hieß es jetzt: »≈ah, ah! sans doute un revolvèr≈«,
+während Andere dazwischen riefen: »≈où est-il? où sont ses effets?
+cherchez! apportez!≈« Man brachte alsbald meine Reisedecke und bestand
+seltsamerweise darauf, daß ich sie selber öffnen solle. Es war, als
+hätt’ ich sie mit Torpedos geladen. Ich konnte mich selbst in diesem
+Augenblicke eines Lächelns nicht erwehren, löste die Riemen, wickelte
+die Decke auseinander und überreichte meinen Revolver. Er ging von Hand
+zu Hand; ich konnte wahrnehmen, daß er mit sehr verschiedenen Gefühlen
+betrachtet wurde.
+
+Die Situation war bereits heikel genug, aber schlimme Momente kommen
+nie allein; so auch hier. In eben diesem Augenblick, wo die Stimmung
+gegen mich ziemlich hoch ging, drängte sich durch den dichtesten Haufen
+ein wüst aussehender Geselle, der, gedunsen und kurzhalsig, seiner
+apoplektischen Anlage durch 6 Litre Wein täglich zu Hülfe zu kommen
+schien, stellte sich sperrbeinig vor mich hin, schlug mit der Faust auf
+seine Brust und erklärte mit lallender Zunge: »≈Je suis le Maire.≈«
+Dies kam mir #sehr# ungelegen. Ich griff zu einem verzweifelten Mittel
+und sagte ihm unter Verbeugung, »daß ich erfreut sei, ihn zu sehen«,
+was bei Einzelnen (ich hatte also richtig gerechnet) sofort eine
+gewisse Heiterkeit zu meinen Gunsten erweckte und die Gebildeteren
+veranlaßte, die Dorfobrigkeit, die noch allerhand faselte, bei Seite zu
+schieben. Dies war sehr wichtig für mich. Solch trunkener Imbecile, an
+dem Alles, was Vernunft und Wahrheit ist, nothwendig scheitern mußte,
+war das Schlimmste, was mir in solchem Momente begegnen konnte.
+
+Einer aus dem Kreise der Minorität trat jetzt an mich heran und fragte
+ruhig: ob ich damit einverstanden sei, daß man mich nach Neufchateau
+auf die Souspräfektur führe? Ich mußte lächeln; ebenso gut hätte er
+mich fragen können, ob ich damit einverstanden sei, gehängt zu werden?
+Ich mußte eben tragen, was über mich beschlossen wurde.
+
+Meine Einwilligung war kaum ausgesprochen, als man meinen Kutscher, der
+mich übrigens #nicht# verrathen hatte, antrieb, seinen Braunen wieder
+einzuspannen. Ich bezahlte meine Zehrung, die Wirthin nahm das Geld und
+sah mich theilnahmsvoll an. Sie schien sagen zu wollen: die Welt ist
+toll geworden. Im Moment, wo ich auf den Flur hinaustrat, legte ein
+hübsch aussehender, rothblonder Mann seine Hand auf meine Schulter und
+flüsterte mir zu: »≈Monsieur, encore un moment!≈« Er wies auf ein
+großes Hinterzimmer, in das er voranschritt; ich folgte. Als wir allein
+waren, zeigte er mir ein Papier, das an seiner Spitze ein umstrahltes
+Dreieck und in dem Dreieck, soviel ich erkennen konnte, einige
+hebräische Zeichen trug. »≈Connaissez vous cela?≈« Es schien mir ein
+Freimaurer-Papier. Ich antwortete: »Nein«, hinzusetzend, daß ich die
+Bedeutung allerdings zu kennen glaubte. »≈Ah! c’est bon!≈« Er steckte
+sein Papier wieder ein und ich war entlassen. Ob er wirklich meine
+Freilassung durchsetzen wollte, oder ob das Ganze umgekehrt nur eine
+Falle war, darüber kann ich bloß Vermuthungen hegen. Das Eine ist so
+gut möglich, wie das Andere.
+
+Wir stiegen auf. Rechts der Kutscher, links ein Franctireur, ich
+eingeklemmt zwischen beiden; hinter uns, auf einem Strohbündel, lagen
+zwei Blousenmänner. Die Sonne war im Niedergehen, der Abend klar und
+schön; so ging es auf Neufchateau zu.
+
+
+
+
+2. Neufchateau.
+
+ ≈What may this mean,
+ That thou
+ Revisit’st thus the glimpses of the moon?≈
+
+ * * *
+
+ ≈How now! a rat?≈
+ Hamlet.
+
+
+Die Blousenmänner schliefen; mein Nachbar der Franctireur aber
+plauderte und rauchte seine Cigarrette. Er war frisch, patriotisch,
+bescheiden; meine Situation flößte ihm eine gewisse Theilnahme ein. Ich
+fragte nach dem Souspräfekten. Der Franctireur nannte mir den Namen:
+Mr. Cialandri, ein #Corse#. Ich kann nicht sagen, daß mir bei diesem
+Zusatz besonders wohl geworden wäre. Ein Corse! Die Engländer haben ein
+Schul- und Kinderbuch, das den Titel führt: »Peter Parley’s Reise um
+die Welt, oder was zu wissen noth thut.« Gleich im ersten Kapitel
+werden die europäischen Nationen im Lapidarstyl charakterisirt. Der
+#Holländer# wäscht sich viel und kaut Tabak; der #Russe# wäscht sich
+wenig und trinkt Branntwein; der #Türke# raucht und ruft Allah. Wie oft
+habe ich über Peter Parley gelacht. Im Grunde genommen stehen wir aber
+allen fremden Nationen gegenüber mehr oder weniger auf dem
+Peter-Parley-Standpunkt; es sind immer nur ein, zwei Dinge, die uns,
+wenn wir den Namen eines fremden Volkes hören, sofort entgegentreten:
+ein langer Zopf, oder Schlitzaugen, oder ein Nasenring. Unter einem
+Corsen hatte ich mir nie etwas anderes gedacht als einen kleinen
+braunen Kerl, der seinen Feind meuchlings niederschießt und drei Tage
+später von dem Bruder seines Feindes niedergeschossen wird. Man kann
+daraus abnehmen, welcher Trost mir aus der Mittheilung erwuchs, daß Mr.
+Cialandri ein Corse sei.
+
+Es dunkelte schon, als wir in Neufchateau einfuhren. Die Straßen waren
+wenig belebt; nach einigem Hin- und Herfragen hielten wir vor der
+Souspräfektur. Der Anblick war der freundlichste von der Welt. Ein
+Gitter, ein kiesbestreuter Vorhof, dahinter eine Villa, im
+italienischen Castell-Styl aufgeführt. Das Baumaterial war rother
+Ziegel; Wein und Pfirsich rankten am Spalier. Nach erfolgter Anmeldung
+wurde ich Trepp’ auf geführt. In einem mit türkischem Teppich
+ausgelegten Salon saßen die Damen des Hauses; ein Diener brachte eben
+die Lampen; ich verneigte mich. Mr. Cialandri empfing mich an der
+Schwelle des dahinter gelegenen Zimmers, das dieselbe Eleganz zeigte:
+Marmorkamin, breite Spiegel, Fauteuils. Auf einem derselben wurde ich
+gebeten, Platz zu nehmen. Mr. Cialandri setzte sich mir gegenüber. Das
+Kaminfeuer beleuchtete seine Züge.
+
+Es war ein schmächtiger Mann, von vollkommen weltmännischer Tournüre,
+dabei augenscheinlich krank. Er entschuldigte sich, daß er im
+Flüstertone sprechen müsse. Sein Auge war dunkel, sein Teint erdfahl;
+wenn sich irgend eine Blutrache an ihm vollzogen hatte, so konnte sie
+nur den Charakter anhaltender Aderlässe gehabt haben. Er drückte sein
+Bedauern aus, bei den Zeitläuften, die leider herrschten, mich nicht
+ohne Weiteres in Freiheit setzen zu können; der Capitain der
+Gensdarmerie, nach dem er bereits geschickt habe, werde das Weitere
+veranlassen.
+
+Die Situation, Alles in Allem genommen, schien mir nicht hoffnungslos;
+aber sie sollte sich bald verändern. Der Capitain trat ein, verbeugte
+sich leicht und nahm dann den mit leiser Stimme gegebenen Bericht des
+Souspräfekten entgegen. Dann und wann warf er ein kurzes Wort ein und
+blickte, scharf musternd, mit seinen dunklen Augen zu mir herüber. Ich
+hasse im Allgemeinen nichts mehr als diese thörichten Augenkämpfe, die,
+aus einer falschen Vorstellung von Muth und Mannhaftigkeit
+hervorgehend, schon so viel Unheil angerichtet haben; #diese# Blicke
+aber hielt ich aus. Woher mir, bei sonstiger Scheuheit, die Kraft dazu
+kam, weiß ich nicht. Gleichviel, ich hielt aus. Gefühl der Unschuld,
+Abwehr gegen offenbare Provokation, endlich die ruhige Ueberzeugung,
+daß man durch sich Kleinmachen noch nie das Herz eines Feindes erobert
+hat — all’ das mochte zusammenwirken.
+
+Der Capitain wandte sich jetzt an mich:
+
+≈Vous êtes officier prussien?≈
+
+≈Non!≈
+
+≈Vous avez fait une „excursion” à Domremy?≈
+
+≈Oui!≈
+
+≈Vous suivez votre armée?≈
+
+≈Oui et non! En tout cas je n’en dépends pas.≈
+
+≈Ah, ah! — Vous avez été à Toul?≈
+
+≈Oui!≈
+
+≈A Nancy!≈
+
+≈Oui!≈
+
+≈Vous êtes médecin?≈
+
+≈Non.≈
+
+≈Mais vous portez la croix rouge!≈
+
+≈Oui; comme légitimation.≈
+
+≈Ah, ah!≈
+
+Nun folgte wieder ein Geflüster und eine Seitenmusterung, worauf ich
+gebeten wurde, ihm zu folgen. Ich verbeugte mich gegen den
+Souspräfekten, die Damen im Salon erwiederten höflich meinen Gruß und
+ich stieg rasch in den Flur des Hauses nieder. Im Hinaustreten auf den
+Vorhof besann sich der Capitain (wofür ich ihm danke) plötzlich eines
+Besseren, ließ eine Hinterpforte öffnen und führte mich auf abgekürztem
+Wege und durch Straßen, wo Niemand unserer achtete, in das Gefängniß
+der Stadt.
+
+Es war ein weitschichtiges Gebäude, Corridore, ein Gewirr von Treppen;
+endlich öffneten wir ein Zimmer, darin der Greffier von Neufchateau
+seine Wohnung hatte. Im Kamin knackten die großen Scheite; die Flamme
+schlug hoch auf und gab dem niedrigen aber geräumigen Gemach mehr
+Licht, als die kleine Lampe, die auf dem Tische stand. Im Moment
+unseres Eintretens erhob sich der Greffier, nahm die Lampe, schlug den
+Schirm zurück und schritt uns entgegen. Ich war wie vom Donner
+getroffen; das leibhaftige Ebenbild meines Vaters stand vor mir. Wir
+schrieben den 5. Oktober; vor drei Jahren, fast um dieselbe Stunde, war
+er gestorben; — hier sah ich ihn wieder, frisch, lebensvoll, hoch
+aufgewachsen, mit breiten Schultern und großen Augen, im Auge selbst
+jene Mischung von Strenge und Gutmüthigkeit, wie sie ihm eigenthümlich
+gewesen war.
+
+Der Capitain übergab mich dem Greffier, der den vollklingenden Namen
+Mr. Palazot führte, verbeugte sich gegen mich mit einem Anflug von
+Ironie und ließ mich mit meinem Hüter allein. Ich war jetzt Gefangener.
+
+Mr. Palazot rückte seinen Stuhl vom Kamin an den Tisch, stellte die
+üblichen Fragen und machte einige Notizen, nachdem ich Uhr und Geld und
+ein kleines Perlmuttermesser, das gerade ausgereicht haben würde, einen
+Maikäfer zu ermorden, bei ihm deponirt hatte. Nachdem so alles
+Dienstliche abgemacht worden war, glättete sich die Stirn des Alten! er
+warf ein neues Scheit in die Flamme und forderte mich auf, an seiner
+Mahlzeit teilzunehmen. Es waren Carotten in einer Petersiliensauce. Ich
+lehnte dankend ab, bat aber um ein Glas Wasser und einen Löffel Cognac.
+Mein alter Gascogner nickte, gab in die Küche hinaus die Ordre und
+alsbald erschien Madame Palazot, um mir das Gewünschte zu bringen. Wir
+saßen nun zu dritt um den runden Tisch und sprachen von Krieg und
+Frieden. Die üblichen Trivialitäten wurden ausgetauscht und aufs Neue
+festgestellt, daß Krieg eine sehr böse und Friede eine sehr schöne
+Sache sei. Nachdem wir uns innerhalb dieses Glaubensbekenntnisses
+gefunden, wurden die Herzen immer offener. »Madame«, eine herzensgute
+Frau, holte das Bild ihres Sohnes, eines hübschen Husaren-Offiziers,
+dessen Regiment die großen Kavalleriechargen bei Mars la Tour
+mitgemacht hatte und von dem seit der Einschließung von Metz keine
+Nachrichten mehr eingetroffen waren. »≈Il est mort≈«, — dabei liefen
+der Alten die Thränen über das Gesicht; der Alte sah starr vor sich
+hin, spießte eine Carotte auf, legte aber die Gabel wieder nieder, ohne
+gegessen zu haben. Ein braunfleckiger, weißer Hühnerhund, der dem Sohn
+gehörte, stimmte winselnd in die Familientrauer mit ein. Eine halbe
+Stunde später kam Besuch, ein junger Advokat, natürlich Republikaner.
+Mr. Palazot war Orleanist. Die Debatte wurde immer lebhafter, der
+Advokat sprach sich mehr und mehr in Feuer und Flamme hinein:
+»≈L’Alsace et la Lorraine à l’Allemagne?! jamais, jamais! Vous voulez
+une guerre d’extermination, une guerre à outrance, — eh bien vous
+l’aurez.≈« Mir schwindelte der Kopf. Die furchtbaren Aufregungen dieses
+Tages, die sich immer wieder aufdrängende Frage: »was wird?« die
+Diskussionen in einer fremden Sprache, — eine völlige Erschöpfung kam
+über mich und ich bat, mich in mein Zimmer zu führen. Ich glaube, ich
+sagte wirklich #Zimmer#.
+
+Es mochte 9 Uhr sein. Mad. Palazot, auf meine Bitte, gab mir vier
+wollene Decken mit; der Alte selbst nahm ein Licht und führte mich in
+mein »Zimmer« hinüber. Es trug die Inschrift »≈cachot≈«. Wir sagten
+einander gute Nacht, der Bolzen wurde vorgeschoben.
+
+Ich kann nicht sagen, daß mich ein Schrecken angewandelt hätte; im
+Gegentheil, ich hatte das Gefühl einer innerlichen Befreiung; ich war
+#allein#. In diesem Wort liegen Himmel und Hölle. Ich empfand zunächst
+nur jenen. Der übliche Gefängnißapparat, der Schemel, der Wasserkrug,
+das eiserne Bett machten mich lächeln. Ich sprach vor mich hin: alles
+ächt. Das Ganze hatte zudem nichts Abschreckendes. Die Wände waren
+weiß, die Laken sauber, durch das breite Gitterfenster fiel das
+Mondlicht bis in die halbe Tiefe des Zimmers, drunten, in weißem
+Schimmer, lag die Stadt. Ich schritt eine Viertelstunde lang auf und
+ab; dann entkleidete ich mich und wickelte mich in die Decken. Ich war
+todmüde und hoffte »einen guten Schlaf zu thun«.
+
+Es war anders beschlossen. Ich mochte 5 Minuten geschlafen haben, als
+mich ein lautes Nagen und Knabbern weckte. Ich fuhr auf und horchte.
+Kein Zweifel, Ratten. Wie mir dabei zu Muthe wurde, kann ich nicht
+beschreiben. Ich wußte sofort: einen Schlaf giebt es in dieser Nacht
+nicht mehr für dich. Hätt’ ich auch anders darüber gedacht, die
+Bewohner hinter Wand und Diele hätten mich bald eines andern belehrt.
+Nie hab’ ich diese Thiere mit solcher Frechheit sich gebehrden sehen;
+sie waren überall; zupften und zerrten an den Decken, ließen sich durch
+mein Husten und Zurufen nicht im Geringsten stören und machten, wenn
+sie unter dem Fußboden geschwaderartig und mit stampfendem Gepolter
+hinjagten, den Eindruck einer infernalen Kavallerie auf mich. Jeden
+Augenblick mußt’ ich fürchten, daß sie mein Bett mit Sturm nehmen
+würden.
+
+Der erste Seufzer kam aus meiner Brust. Bis dahin hatt’ ich mich
+gehalten. Ich stand auf, kleidete mich an, wickelte mich in meine
+Reisedecke und setzte mich auf das Fensterbrett, das gerade breit genug
+war, meinem Körper Platz zu geben. In solcher Stellung, nur mal rechts,
+mal links meine Rückenlehne suchend, durchwachte ich die Nacht, zählte
+ich die Viertelstunden. Das höllische Gethier, das mich einfach als
+einen Eindringling betrachtete, ließ übrigens auch jetzt nicht von mir
+ab; sie drängten sich an den Schemel, den ich als eine Art Treppenstufe
+an das Fenster geschoben hatte und suchten diesen zu erklettern; als
+sie aber ihre Anstrengungen scheitern und mich beständig auf Wache
+sahen, gaben sie endlich ihre Chargen auf. Um 4 Uhr wurde es still; um
+5 Uhr dämmerte es.
+
+Um 7 Uhr erschien Mr. Palazot. Ich sagte ihm, daß ich nicht geschlafen
+hätte und weshalb nicht. Er lächelte. »Ja, ja.« Am Kaminfeuer sollten
+jetzt die Gespräche vom Abend vorher wieder aufgenommen werden; aber,
+trotz angeborner Höflichkeit, — ich konnte nicht. Eine Viertelstunde
+lang, während ich wieder ein wenig Wasser und Cognac trank, hielt ich
+es aus; dann fragte ich ihn, ob er mir wohl erlauben wolle, in seinem
+Sorgenstuhl den versäumten Schlaf der Nacht nachzuholen? Er nickte, gab
+mir sein bestes Kissen und ich rückte mich zurecht. An Schlaf war
+natürlich nicht zu denken, auch lag mir nur an Ruhe, an der
+Möglichkeit, mir selber anzugehören.
+
+So saß ich eine Stunde; das Feuer knisterte, der Hühnerhund gappste
+nach den Fliegen, der Alte las, Mad. Palazot ging leise, wie auf
+Socken, auf und ab. Mit dem Schlage neun wurde es draußen laut; schwere
+Schritte klangen auf der Treppe; drei Gensdarmen, große schöne Leute,
+traten ein. Unter ihrer Eskorte, so erfuhr ich jetzt, sollte ich nach
+der Festung Langres, zum Brigadegeneral gebracht werden. Abschied war
+bald genommen: meiner freundlichen Wirthin sprach ich die Hoffnung aus,
+daß sie ihren Sohn wiedersehen möge. Sie weinte: ≈jamais, jamais!≈
+
+Der Bahnhof lag an der entgegengesetzten Seite der Stadt. Ich mußte
+also die Hauptstraße der ganzen Länge nach passiren. Es war eine Art
+Volksfest; die Nachricht von meiner Verhaftung hatte sich schon am
+Abend vorher in allen Schichten der Bevölkerung verbreitet. Als ich so
+Haus bei Haus, an den Gruppen Neugieriger vorüber mußte, ging mir die
+Strophe eines alten Liedes durch den Sinn:
+
+ Mary Hamilton schritt die Straß entlang,
+ Alle Mädchen schauten herfür,
+ Die Männer und die Frauen
+ Standen fragend in der Thür.
+
+So das Lied. Mary Hamilton schritt auf einen Hügel zu, um dort zu
+sterben. #Wohin schritt ich?#
+
+
+
+
+3. Langres.
+
+ Was schüttelt Dich nun? was erschüttert den
+ Sinn? Ein innrer Schauer durchfährt mich.
+ Egmont.
+
+
+Von Neufchateau bis Langres werden 12 Meilen sein. Wir machten die
+Fahrt in vier Stunden, im Allgemeinen durch Neugier, oder Schlimmeres,
+wenig belästigt. Die einzige Klasse von Personen, die sich hier, wie
+auch späterhin, durch eine gewisse feindselige Zudringlichkeit
+auszeichnete, waren Beamte niedern Grades, die in noch junger Beziehung
+zum »rothen Bändchen« standen, kleine Carrièremacher, die auf diese
+Weise ihrer nationalen, aber mehr noch ihrer persönlichen Eitelkeit
+fröhnen wollten. Sie traten an das Coupéfenster, unterwarfen mich einem
+Kreuzverhör, musterten mich, und verschwanden wieder. Sie waren nicht
+geradezu unhöflich, nur das ganze Verfahren überhaupt bildete eine
+Unart.
+
+Es war gegen 2 Uhr, als wir Langres erreichten. In halbstündiger
+Entfernung vom Bahnhof, auf einem Bergrücken, lagen Stadt und Festung;
+dort mußten wir hinauf. Trotz Oktober war eine glühende Hitze; die
+Sonne stach. Halben Wegs bat ich, einen Augenblick rasten zu dürfen;
+man war sogleich bereit, und stellte mir anheim, diese Berg-Ersteigung
+in so viel Etappen zu machen, wie mir bequem sei. Endlich waren wir
+oben, das Festungsthor nahm uns auf.
+
+Gefängnisse und Verhörslokale, zu meinem nicht geringen Leidwesen,
+lagen hier, wie an allen anderen Orten, die ich zu passiren hatte,
+immer am entgegengesetzten Ende der Stadt, so daß ich das
+Spießruthenlaufen durch eine feindlich gesinnte Bevölkerung gründlich
+kennen lernte. Ich erweiterte auf die Weise zwar meine Städtekenntniß,
+aber ich hätte auf diesen Wissenszuwachs gern Verzicht geleistet. Die
+Straßenjugend, auch hier in Langres, war ziemlich arg hinter mir her,
+namentlich in den engeren Gassen, und wenn mir von den Zurufen auch
+vieles entging, so hatte ich doch gerade Ohr genug, um das immer
+wiederkehrende »≈pendre≈« und »≈fusiller≈« sehr deutlich herauszuhören.
+
+Endlich standen wir vor dem Verhörslokal; die Militairgerichtsbarkeit
+der Brigade hatte hier ihren Sitz. Man führte mich in ein niedriges
+Büreau-Zimmer, an dessen großem Doppel-Schreibtisch zwei Capitaine
+beschäftigt waren. Der Gensdarmerie-Wachtmeister entlud seine
+Ledertasche und legte allerhand Papiere, darunter auch die
+Legitimationskarten, Briefe und Notizbücher, die man mir in Domremy
+abgenommen hatte, auf den Tisch. Der scharfe Gang bergan (der
+eingebüßten Nachtruhe ganz zu geschweigen) hatte mich so angestrengt,
+daß ich einer Ohnmacht nahe war. Da ich aber zugleich empfand, daß es
+auf die Antworten, die ich hier zu geben haben würde, sehr erheblich
+ankommen müsse, so bat ich zuvor um ein Glas Wasser. Man brachte mir
+Wein. Ich stürzte es herunter und war nun wie neubelebt. Die Fragen,
+die an mich gerichtet wurden, waren dieselben wie in Neufchateau, aber
+ruhiger, weniger feindselig. Man wollte auch hier einen Offizier aus
+mir herauspressen, um so mehr als das vom Gensdarmeriecapitain
+ausgestellte Begleitpapier mich ohne weiteres als einen solchen
+angemeldet hatte, meine Erscheinung und Sprachweise aber, vor allem die
+Notizen meines Taschenbuchs, die ein Interprete rasch durchfliegen
+mußte, schienen im Ganzen die Situation zu meinen Gunsten zu ändern. Es
+kam nur darauf an, ob dieser Eindruck dauern oder durch irgend etwas
+anderes paralysirt werden würde.
+
+Das ganze Verhör hatte kaum 10 Minuten gedauert; ich wurde entlassen
+und durch meine Begleiter einige Straßen weiter in ein graues
+schloßartiges Gebäude geführt. Ich betrat es mit einer gewissen
+Zuversicht, die sich darauf gründen mochte, daß ich, am Schluß meines
+Zwiegesprächs mit den beiden Capitainen, das Wort »Kaserne« gehört zu
+haben glaubte, ein Wort, das mir in der Lage, in der ich mich befand,
+schon halb wie Freiheit klingen mußte. Ich sollte indeß nicht lange in
+diesem Irrthum bleiben. Ein kleiner, schwarzäugiger Franzose (Monsieur
+Bourgaut, wie ich später erfuhr) nahm mich in Empfang, stellte die
+üblichen Fragen und führte mich dann Trepp’ auf, über lange Corridore
+hin, in ein geräumiges, in allem übrigen aber meinen Erwartungen wenig
+entsprechendes Zimmer. Mr. Bourgaut selbst war ungemein beweglich und
+geschäftig, plapperte mit halblauter Stimme lange Sätze vor sich hin,
+die ich nicht verstand und verschwand dann rasch, nachdem er sich wie
+ein Kreisel verschiedene Male umgedreht hatte. Das Ganze gefiel mir
+nicht allzu sehr. Mit einer Art Sehnsucht dachte ich an meinen alten
+Palazot zurück.
+
+Ich war nun allein und suchte mich mit meiner neuen Behausung bekannt
+zu machen. Die Thür war auf geblieben, das schien mir ein gutes
+Zeichen, aber freilich auch das einzige. Das breite Fenster war dicht
+vergittert, der Deckenkalk in großen Stücken herabgestürzt, die Dielen
+zernagt oder durchgetreten. An den weißen Wänden war nichts sichtbar
+als breite, braune Flecke, wo es durchgeregnet, und lange schmale
+Streifen, mal grau, mal roth, wo ein Vorbewohner ein Zündholz probirt
+hatte. Der Kamin war zugemauert, nur ein zweihandgroßes Loch hatte man
+gelassen, das jetzt durch einen rostigen Eisenschieber geschlossen war.
+Der Zugwind machte, daß dieser Schieber beständig hin und her
+klapperte, was mir alsbald unerträglich wurde. Ich wollte also durch
+eingeklemmtes Papier nach Möglichkeit Ruhe schaffen und zog den
+Schieber in die Höhe. In dem dunklen Loch dahinter lagen abgenagte
+Knochen. Es war nichts Aengstliches, nur Ueberreste eines Mahls, das
+ein Gefangener von besserem Appetit als ich selber, an dieser Stelle
+eingenommen hatte; aber ich kann doch nicht sagen, daß ich angenehm
+dadurch berührt worden wäre.
+
+Ich trat nun an das Fenster und durch die Gitterstäbe hinunterblickend,
+mußte ich jetzt den letzten Rest der Vorstellung aufgeben, daß ich mich
+in einer Kaserne befände. Aus dem von allen vier Seiten
+eingeschlossenen Hofe, zum Theil unter den Säulen, die ihn
+colonnadenartig umstanden, saßen 20 oder 30 Graujacken und zupften
+Wolle. Ich wußte nun wo ich war. Auch an der allerdirektesten
+Bestätigung sollte es alsbald nicht fehlen. Monsieur Bourgaut erschien
+mit einem Tische in der Thür, drehte sich mit demselben wieder dreimal
+herum, schob ihn in eine der Ecken und sagte dann, als er meiner in der
+Fensternische gewahr wurde: »≈Retirez vous; vous ne connaissez pas ces
+gens là bas; ce sont des Condamnés≈«. Es überlief mich ein wenig. Im
+Verlaufe meiner Kriegsgefangenschaft bin ich später Tag um Tag mit
+»Condamnés« zusammengewesen und habe dabei erfahren, daß auch ein wegen
+Trunkenheit oder Disciplinarvergehen zu drei Tagen Gefängniß
+Verurteilter diesen für unser Ohr entsetzlichen Namen führt. Damals
+aber waren mir die Condamnés noch einfach »Verdammte« und ich hatte
+durchaus das Gefühl mich »≈tra la perduta gente≈« zu befinden.
+
+Ich wurde gefragt, welches Nachtessen ich zu nehmen wünsche? Ich bat
+nur um etwas Thee. Mr. Bourgaut äußerte sich zustimmend (leider wieder
+in längerer Rede) und empfahl sich. Es begann nun zu dämmern; in ihren
+schweren Holzschuhen klappten und polterten die Condamnés über alle
+Treppen und Gänge des ehemaligen Schlosses hin; die Riegel wurden
+vorgeschoben; nur mein Zimmer blieb zunächst noch offen. Die Thür war
+leise angelegt. Ich schritt in der Diagonale auf und ab, überlegte,
+berechnete, balancirte, ein letzter Tagesschimmer leuchtete noch einmal
+über den Dachfirst gegenüber; dann wurd’ es dunkel. Ich setzte meine
+Marschübungen fort. Plötzlich stutzte ich, als ich von der Thür her
+zwei feurige Punkte auf mich gerichtet sah. Ich erschrak, aber nur, um
+im nächsten Momente mich desto freier zu fühlen. Eine prächtige Katze
+hatte ihren halben Körper durch die Thürklinse geschoben und folgte
+unter leisem Spinnen, mit dem Ausdruck der Verwunderung, meinem
+endlosen Auf und Ab. Ich rief »Miß, Miß«, besann mich dann aber rasch,
+daß die französischen Katzen eine andere Anrede verlangen und legte in
+das landesübliche »≈mimi≈« meinen allerzärtlichsten Ton. Ich hatte wohl
+Grund dazu. Der Anblick meines liebsten Freundes hätte mir nicht so
+viel Trost gegeben. Ich wußte jetzt, daß ich die nächste Nacht schlafen
+würde. Und danach vor allem stand mein Sinn.
+
+Selbst Mr. Bourgaut, der noch einmal wiederkam, um mir meinen
+Abend-Thee zu bringen, konnte mich in diesem Vorsatz und dieser
+Hoffnung nicht stören, so wenig auch die Worte, mit denen er sich mir
+empfahl, geeignet waren, meiner Nachtruhe Vorschub zu leisten. Er nahm
+nämlich eine gewisse feierliche Haltung an und erklärte dann, um vieles
+deutlicher und accentuirter als gewöhnlich: ≈Demain matin, Mr. le
+Général, en présence des autorités civiles et militaires, #décidera
+votre sort#≈.
+
+Dies »≈décidera votre sort≈« hatte einen ziemlich finstern Klang, und
+ein nahe liegendes Reimwort antwortete in mir darauf; aber das
+Physische war doch in diesem Augenblicke mächtiger, als alles andere;
+ich trank meinen Thee und 5 Minuten später schlief ich fest.
+
+Ich weiß nicht wie lange. Aber mitten in der Nacht fuhr ich auf. Der
+Körper hatte sich ein Genüge gethan und die unruhige Seele, die bis
+dahin vergeblich den wie todt Schlafenden gerüttelt und geschüttelt
+hatte, hatte ihn jetzt plötzlich ins Leben zurückgeweckt. Es war
+»≈demain matin≈«. Ich hörte nur eins: »≈décidera votre sort≈«. Welches?
+Eine furchtbare Angst ergriff mich und mit übergeschäftiger Phantasie
+fing ich an zusammen zu addiren, was alles gegen mich sprach. Es gab
+eine hübsche Summe. Luneville, Nancy, Toul waren die drei Punkte, von
+woher man die Preußen erwartete. Ich #kam# von Toul. Der ganze Weg, den
+ich gemacht, war ein Defilee. Man hatte Waffen bei mir gefunden. Das
+rothe Kreuz, das an meinem Arm prahlte, war ich nicht befugt zu tragen,
+wenigstens nicht nach Anschauung unserer Feinde. Meine
+Legitimations-Papiere, die alle mehr oder weniger auf Anrufung der
+preußischen Militair-Autoritäten zu meinem Schutz und zu meiner
+Unterstützung hinausliefen, sprachen mehr gegen als für mich. Wie
+federleicht wogen dagegen die paar Aufzeichnungen meines Notizbuches,
+die alles waren, was ich direkt und unverzüglich zu meiner
+Vertheidigung beibringen konnte! Ich sah nur schwarze Kugeln in die
+Urne fallen und — ≈mon sort #fut# décidé≈. Eine halbe Stunde lag ich
+so, oder vielleicht länger, ich weiß es nicht. Dann hatt’ ich mich mit
+der Gewißheit meines Schicksals auch wieder gefunden. Eine Fassung kam
+über mich, deren ich mich nicht für fähig gehalten hätte. Ich war
+fertig mit Allem und bat Gott, mich bei Kraft zu erhalten und mich
+nicht klein und verächtlich sterben zu lassen. Genug davon. War es
+Erschöpfung, oder war es die Ruhe vollster Ergebung, — ich schlief
+wieder ein.
+
+Mit dem Morgengrauen war ich wach. Ob mir’s ein Traum eingegeben,
+gleichviel, es stand plötzlich für mich fest, daß #Alles# davon
+abhänge, einen wenigstens vorläufigen Beweis zu führen, daß ich nicht
+preußischer Offizier sei. Von dem Momente ab, wo es mir geglückt sein
+würde, diese Annahme zu erschüttern, werde man nichts mehr übereilen,
+und erst über die nächsten 24 Stunden hinweg, müsse sich, bei
+Nachforschung und ruhiger Ueberlegung, meine absolute Unschuld wie von
+selbst ergeben. Um 6 Uhr saß ich an dem langen Tisch, den Mr. Bourgaut
+am Abend vorher zurecht gerückt hatte, um 8 Uhr war ich in Brouillon
+und Abschrift mit einem langen Memoire fertig, das bereits um 9 Uhr auf
+dem Büreau des Generals lag. »≈Donnez-moi du temps et vous me donnez
+tout≈« hieß es darin. Den Beweis meiner Nicht-Militairschaft hatte ich
+bis zur Evidenz geführt. Woher mir in einer fremden Sprache, die ich
+stets über Gebühr vernachlässigt hatte, die Möglichkeit kam, ohne
+Diktionnair oder sonstiges Hilfsmittel, ein solches Memoire zu
+schreiben, weiß ich nicht. Oder sag’ ich lieber: ich weiß es.
+
+Der Vormittag verging, der Nachmittag, der Abend. ≈Les autorités
+civiles et militaires≈ waren nicht zusammengetreten. Es fiel mir wie
+eine Last von der Brust, ich athmete auf und als mir mein
+zappelmännischer Mr. Bourgaut, mit dem ich mich, trotz seiner
+schießenden schwarzen Augen, mehr und mehr auszusöhnen begann, am Abend
+den Thee brachte, flüsterte er mir freundlich zu: ≈Tout va bien,
+tranquillisez-vous≈! »≈Tranquillisez-vous≈«. Das klang besser als
+»≈Décidera votre sort≈«. Ich schlief fest. Auch der nächste Tag verging
+ohne Kriegsgericht. Ich durfte jetzt annehmen, daß ich gerettet sei.
+Ich fühlte mich dem Leben wiedergegeben.
+
+Ich blieb noch eine kurze Zeit in Langres, während welcher Epoche hin
+und her verhandelt wurde, was man eigentlich mit mir machen solle?
+Meine vollkommenste Unschuld war evident, dennoch konnte man sich nicht
+entschließen, mir ohne Weiteres die Freiheit zurückzugeben. Es geschah,
+was immer in solchen Fällen zu geschehen pflegt: #eine# Autorität schob
+einer #andern# die Verantwortlichkeit zu. Es wurde beschlossen, mich
+von der Brigade an die Division zu verweisen. Ehe dies aber ausgeführt
+wurde oder auch nur bestimmt zu meiner Kenntniß gelangte, vergingen
+noch drei Tage. Diese waren mein Idyll zu Langres.
+
+An dem ersten dieser drei Tage wurde mir in aller Morgenfrühe »Monsieur
+Louis«, der Sohn des Hauses, durch Papa Bourgaut vorgestellt und von
+diesem Moment an war ich nicht mehr Alleinbewohner meines Gefängnisses,
+sondern theilte es mit »≈mon cher Louis≈«. Es war ein allerliebster
+Junge, dreizehnjährig, frisch, naiv, voller Begabung, namentlich nach
+der Seite des Künstlerischen hin. Der Umstand, daß gerade die großen
+Ferien waren, machte es ihm möglich, 12 Stunden des Tages mein
+Gesellschafter zu sein. Ich gewann den Jungen lieb, aber 12 Stunden war
+doch fast zu viel.
+
+Wunderbares Leben, das in solchem Gefängniß, wenigstens zeitweilig, an
+der Tagesordnung ist. Sehr viel anders, als es der Draußenstehende sich
+ausmalt. Wir begannen in der Regel mit einer Stunde deutschen
+Unterricht. Er hatte Lesebücher, darin auch viele deutsche Gedichte
+eingestreut waren, unter andern Claudius’ »Abendlied«. Und so lasen wir
+denn:
+
+ Der Mond ist aufgegangèn,
+ Die goldenen Sterne prangèn,
+
+immer mit dem Accent auf der letzten Sylbe, was einen unendlich
+komischen Eindruck machte. Nach dem deutschen Unterricht kamen Räthsel
+und Rebus an die Reihe, worin er mir unendlich überlegen war. Dann
+schritten wir zu den verschiedensten Gesellschaftsspielen; wir
+arrangirten mit großen Zwei-Sousstücken eine Art Boccia, die darauf
+hinauslief, das ausgeworfene Zwei-Sousstück zu treffen, oder ihm
+möglichst nahe zu kommen; dann gingen wir zum ≈jeu au bouchon≈ über,
+das, dem eben absolvirten Boccia verwandt, die Pointe verfolgte, einen
+mit Sousstücken belegten #Pfropfen# zu treffen, bis zuletzt jenes
+bekannte Geduldspiel, das im Französischen ≈junchets≈, im Englischen
+und Holländischen »Spilleken«, im Deutschen aber #Zitterspiel# heißt,
+alles andere in den Hintergrund drängte. Wir spielten es mit
+Schwefelhölzern, oft mehrere Stunden lang; an einem dicken Exemplar,
+das eigentlich aus drei, durch Phosphormasse zusammengeklebten Hölzchen
+bestand, hing in der Regel der Sieg. Es galt als Zehner.
+
+Waren wir dann ermüdet von dem vielen Spielen, so wußte cher Louis
+durch eine Art ernsteren Sport die Nerven wieder zu beleben. Er hatte
+ein kleines Pistolet, dessen Lauf nur etwa die Dicke einer Rabenfeder
+besaß, und gegen welches die rostigen Schlüsselbüchsen meiner Jugend
+wahre Monstrekanonen waren. Dieses Pistolet handhabte ≈cher Louis≈ nun
+mit eben soviel Kühnheit wie Geschick. Er holte eine Schachtel mit
+Amorces, d. h. also mit Knallpapieren, deren jedes nur die Größe eines
+kleinen Stückchens englischen Pflasters hatte. Diese Amorces verwendete
+er doppelt: zunächst als #Zünd#pulver, indem er eins der Stückchen
+Papiere auf die #Pfanne# legte, dann aber namentlich auch als
+eigentliche Explosionsmasse, indem er aus etwa 6 oder 8 Amorces die
+Knallsubstanz sandkorngroß herausschälte und mit diesen 6 oder 8
+Körnchen die Waffe lud. Ein Schrotkorn, das dem Kaliber entsprach,
+wurde aufgesetzt. Nun hefteten wir eine Papierscheibe an die Wand, und
+während Papa Bourgaut unten in seinem entlegenen Büreauzimmer Listen
+schrieb und revidirte, standen wir hier oben mit unserer Mordwaffe und
+feuerten auf 5 Schritt ins Schwarze, daß der Kalk von den Wänden flog.
+
+Endlich am Mittag des fünften Tages — ich hatte all die Zeit über von
+Kaffee und Thee gelebt — erschien mein »≈Gardien-chef≈« (Bourgaut), um
+mir mitzutheilen, daß ich am nächsten Morgen nach Besançon transportirt
+werden würde. Er hielt eine lange Rede, noch länger als gewöhnlich. Ich
+konnte nicht völlig folgen und bat ihn, mir den Inhalt aufzuschreiben.
+Er war bereit. Zum Unglück schrieb er aber ebenso rasch wie er sprach,
+und ich war wenig gebessert. In dieser Verlegenheit blieb mir, nach dem
+Verschwinden des Papas, nur der Appell an ≈cher Louis≈. »≈Louis, dites
+moi, qu’est c’est que ça?≈« Der Junge las, las wieder, drehte das
+Papier, endlich schüttelte er den Kopf und sagte ruhig: »≈ce n’est pas
+français≈«. In naiver Weise, ohne Beimischung von eigentlicher
+Unbescheidenheit, sprach sich darin das Gefühl jener Ueberlegenheit
+aus, das immer die Söhne über den Vater haben. Nach Scheiterung beim
+Sohne mußte ich am Ende, wohl oder übel, an die erste Instanz zurück.
+Papa Bourgaut nahm die Anfrage weiter nicht übel und faßte nunmehr
+epigrammatisch die Situation dahin zusammen: »≈renvoyé dans votre pays
+par la Suisse, ou autorisation supérieure pour séjourner en France≈«.
+In diesen paar Worten lag ein ganzer Himmel. Das »≈Renvoyé≈« ergab sich
+danach als das stärkste Strafmaß, das mir zudiktirt werden konnte, wohl
+aber war mir die Möglichkeit gegeben, im Lande bleiben und meine
+Schlachtfelder-Studien fortsetzen zu können. Ich war wie genesen,
+betrachtete mich als frei und hundert freundliche Bilder des
+Wiedersehens stürmten auf mich ein. Das Gefühl des Glückes war so groß,
+daß ich die Frage, »ob ich unter diesen Umständen wohl geneigt sei, ein
+ordentliches Abendmahl einzunehmen«, sofort mit einem herzlichen »ja«
+beantwortete. Acht Uhr wurde festgesetzt und Seitens der Familie
+Bourgaut der Wunsch ausgesprochen, daß ich das Mahl in ihrem
+Familienzimmer einnehmen möchte. Ich rüstete mich also mit aller
+möglichen Feierlichkeit, klopfte meinen Rock an allen vier Bettpfosten
+aus, streichelte den hart mitgenommenen Sammtkragen und knöpfte die Uhr
+ein, die bis dahin, ordnungsmäßig deponirt, nur für diese feierliche
+Gelegenheit wieder eingehändigt worden war.
+
+Punkt 8 Uhr trat ich in den Salon, ein großes Hinterzimmer, das sich
+bis dahin meinen Blicken verborgen hatte. Es war sehr sauber gehalten,
+auf der Heerdstelle brannten große Scheite Buchenholz; während über dem
+Kamin, in einer Art von Aureole, die Photographien aller derer hingen,
+die dem Hause Bourgaut anverwandt oder zugethan waren. Ich musterte sie
+alle und versuchte mich in Hypothesen über Charakter und
+Lebensstellung. Wir nahmen endlich Platz, ≈cher Louis≈, der etwas
+neckisch und übermüthig war, wurde ein paar Mal mit »≈ce n’est pas
+poli≈« zur Ruhe verwiesen, die gute Laune erlitt aber durch solche
+Zwischenfälle keine Einbuße, und die Riesentaube, die mir endlich durch
+Madame Bourgaut vorgesetzt wurde und freilich einer ganz anderen
+Geflügelgattung anzugehören schien, als jener furchtbare
+Sperlingsbraten, der bei uns zu Lande unter diesem Namen servirt zu
+werden pflegt, war nur im Stande, die gute Laune zu steigern. Das Fest
+stand auf seiner Höhe, als beim dritten oder vierten Glase Wein eine
+mittelalterliche Dame eintrat, die den Namen »Tante« führte. Sie war
+sehr stark, unverheiratet und von heiteren Gesichtszügen. Wir sprachen
+von »≈cher Louis≈«, dessen Pathe sie war, und die Bemerkung drängte
+sich mir auf, ob ihr Liebling, eben unser Freund Louis, nie Geschwister
+gehabt habe? Als dies verneint wurde, ging ich zu der heiklen, übrigens
+von der Statistik oft aufgeworfenen Frage über: wie es nur komme, daß
+die Franzosen meist 2, die Deutschen meist 4 und die Engländer meist 14
+Kinder hätten? Diese letztere Zahl, mit der ich es nicht allzu genau zu
+nehmen bitte, gab nun das Signal zu allgemeiner Heiterkeit. Die Tante,
+die zu fühlen schien, daß sie es wohl verdient hätte in England geboren
+zu sein, befand sich ≈au comble du bonheur≈ und ihr Lachen fing an mich
+mehr oder weniger zu beunruhigen. Es war nur möglich, durch irgend eine
+Diversion weiterem Unheil vorzubeugen; ich brachte also ein halbes
+Dutzend Toaste aus, gleichviel was, ließ Frieden, Freiheit, Völkerglück
+leben, stieß mit Allen an, mit der Tante dreimal, und trat dann, etwas
+abrupt, meinen Rückzug an, ohne das Ende der Festlichkeit abgewartet zu
+haben.
+
+Oben rollte ich meine paar Sachen in die Reisedecke hinein und warf
+mich aufs Bett. In 12 Stunden hoffte ich in Besançon, in 24 Stunden in
+Freiheit zu sein.
+
+Es war anders beschlossen.
+
+
+
+
+4. Von Langres bis Besançon.
+
+ Ei, wie geputzt! das schöne junge Blut!
+ Wer soll sich nicht in euch vergaffen?
+ Faust.
+
+
+Besançon, wie schon angedeutet, erschien mir lediglich als Etappe
+zurück in die Freiheit. Ganz abgesehen von den direkten Zusicherungen
+Mr. Bourgauts, glaubte ich, nach einem gewissen ästhetischen Gesetz,
+die Lösung des Konflikts innerhalb der nächsten 24 Stunden erwarten zu
+müssen. Mein Leben hatte mir bis dahin immer den Gefallen gethan, sich
+nach künstlerischen Prinzipien abzurunden, derart, daß ich nicht nur
+Exposition, Schürzung und Lösung des Knotens jederzeit bequem
+verfolgen, sondern auch in einem gewissen Verwickelungsstadium genau
+vorhersagen konnte: nun kommt noch #das#, dann dämmert es wieder und
+dann wird es Tag. So, guter Dinge, stand ich auch vor #diesem#
+Erlebniß. Der dritte Akt, der tragisch werden wollte, schien mir mit
+allen Fährlichkeiten überwunden, selbst der vierte Akt (die Tante und
+der Taubenbraten) lag glorreich hinter mir und ich blickte auf Besançon
+wie auf ein bloßes Schlußtableau, in dem, nach dem Vorbilde des
+Fürsten, der plötzlich seinen Stern zeigt und alles glücklich macht,
+ein alter wohlwollender General auftreten und mir sagen würde: »≈Mr.
+F.≈, wir beklagen die Ungelegenheiten, die wir Ihnen gemacht haben; Sie
+sind ein lieber Mensch; reisen Sie glücklich.« Es ging aber diesmal
+alles verquer; von regelrechter Entwicklung keine Rede. Immer neues
+Wirrsal. Erst als ich ganz resignirt war, wurd’ es besser.
+
+Ich fahre jetzt in Darstellung meiner Erlebnisse fort. Sechs Uhr früh
+am anderen Morgen trat ich in den Hof des Gefängnisses; die Gensdarmen
+warteten schon. Ein kurzer Abschied; dann ging es im Geschwindschritt
+bis an den Bahnhof. Diesmal #bergab#. Die frühe Morgenstunde sicherte
+einigermaßen vor der Zudringlichkeit der Bevölkerung.
+
+Es war naßkalt; ein heftiger Regen hatte erst gegen Morgen aufgehört;
+alle Thüren des Wartesaals standen offen. Ich fand hier Gesellschaft,
+die gleich mir ins Land hinein transportirt werden sollte, aber nicht
+nach Besançon. Einer von ihnen war ein gefangener Unteroffizier vom 32.
+Regiment (Meiningen). Wir fröstelten alle, die Gensdarmen in ihren
+Mänteln nicht ausgenommen. Nach etwa halbstündigem Warten setzten wir
+uns in ein Coupé (immer 2. Klasse) und fuhren südwärts. Ich fragte, ob
+ich mich mit meinem Landsmann in deutscher Sprache unterhalten könne,
+was ohne Weiteres zugestanden wurde. In welche Lebensschicksale man in
+solchen Zeiten Einblick gewinnt! Dieser gefangene Unteroffizier, seines
+Zeichens eigentlich ein kleiner Kaufmann aus Cöslin, war 24 Jahre alt
+und seit zwei Jahren verheirathet. Mit dem Moment seiner Einberufung
+hatte er seinen Kramladen geschlossen und seine Frau den
+Schwiegereltern zurückgeschickt; er selbst war zum 32. Regiment
+beordert worden. Bei Wörth am Knie verwundet, hatte er nach seiner
+Wiederherstellung sich mit einigen Kameraden durchzuschlagen und die
+preußischen Marschlinien wieder zu gewinnen gesucht, war aber auf
+diesem Wege »beim Absuchen eines Dorfes« (denn die armen Kerle hatten
+nichts) von Franctireurs umstellt und nach kurzem Kampfe, wobei ihm die
+linke Hand zerschmettert wurde, als »Marodeur« eingefangen worden. Da
+saß er mir nun gegenüber, keinen Pfennig in der Tasche, blaß,
+rothblond, mager, ein krankes Eichkätzchen, nur weniger warm bekleidet.
+Er hatte nichts als seinen Waffenrock, seine zerschossene Hand und eine
+Photographie seiner Frau, die er mir zeigte. Ich gab ihm etwas Geld,
+was er anfangs nicht nehmen wollte; »er brauche nichts, allabendlich
+werde er in ein französisches Hospital abgeliefert, wo ihn die
+»Schwestern« bis diesen Tag gütig gepflegt und verbunden hätten.« Es
+kam kein Klagelaut über seine Lippen; man transportirte ihn nach
+Marseille. »Da ist es wärmer« setzte er hinzu, während ihn die
+Morgenfrische kalt überlief.
+
+Mein Gespräch mit dem landsmännischen Unteroffizier mochte eine
+Viertelstunde gedauert haben; es war nun Zeit mich meinen eigentlichen
+Begleitern zu widmen. Sie ließen mir auch keine Wahl; namentlich der
+eine, ein alter Chasseur d’Afrique, der 20 Jahre in Algier gewesen war,
+bemächtigte sich meiner. Wie ein Sturzbach brach es über mich herein.
+Wer dabei geneigt sein möchte anzunehmen, daß solche Passivität, solch
+bloßes Stillhalten, zu dem ich mich verurtheilt sah, am Ende nicht als
+große Anstrengung betrachtet werden könne, der irrt. Ein taubes,
+#theilnahmloses# über sich ergehen lassen wird von dem Sprecher sehr
+bald als solches erkannt und als persönliche Beleidigung empfunden; es
+handelte sich also für mich darum, immer auf dem ≈qui vive≈ zu sein und
+jeden Augenblick zu wissen, was obenauf schwamm. Ich wurde ganz
+erschöpft und mit eigenthümlichen Empfindungen gedachte ich einer
+Strachwitz’schen Douglas-Ballade.
+
+ Sie ritten vierzig Meilen fast
+ Und sprachen Worte nicht vier.
+
+Beneidenswerther Douglas! Wir hatten noch nicht vier Meilen gemacht und
+waren längst in die Tausende hinein.
+
+Endlich heuchelte ich Schlaf, schloß mit krampfhafter Gewalt die Augen,
+als vermöcht’ ich durch gesteigertes Zudrücken auch eine größere
+Garantie der Ruhe zu gewinnen, und rasselte nun in wachen Träumen ins
+Land hinein. Etwa halben Wegs erreichten wir Gray, einen größeren Ort,
+wo angehalten wurde. Es gab ein wirres Durcheinander, dem ich mich,
+durch Ausharren auf meinem Platze, zu entziehen suchte; aber ich sollte
+nichtsdestoweniger in die bunte Scene, als eine Art Mitspieler,
+hineingezogen werden. Das Coupé stand offen, Hunderte, die ein
+Unterkommen suchten, starrten hinein und verschwanden wieder, sobald
+sie die Plätze belegt oder besetzt sahen, bis plötzlich aus einer
+dieser auf und ab wogenden Gruppen ein herzliches Lachen und zugleich
+die Worte zu mir herklangen: ≈Bon jour, Monsieur; vous souvenez-vous de
+Domrémy?≈ Einen Augenblick, weil ich das Wort »Domremy« nicht deutlich
+gehört und #ohne# dies Wort keinen Schlüssel zum Verständniß hatte,
+starrte ich wie verwirrt in die beständig grüßende und nickkopfende
+Soldatengruppe hinein, bis es mir endlich wie Schuppen von den Augen
+fiel. Der Vorderste, in rother Schärpe und Hahnenfeder war einer jener
+Herren, die meine Verhaftung vor dem Hause der »Pucelle« herbeigeführt,
+hinterher aber freilich die Rechnung wie quitt machend, durch ihren
+Beistand mich vor den Insulten des Dorfpöbels gerettet hatten. Gerade
+eine Woche war seitdem vergangen. Die ganze Franctireursschaft von
+Domremy zog jetzt südwärts, um sich dem großen, unter Garibaldi zu
+bildenden Freicorps anzuschließen. Unser Wiederzusammentreffen, so weit
+von dem Schauplatz unserer ersten Begegnung entfernt, weckte allgemeine
+Heiterkeit, auch bei denen, die blos flüchtig davon hörten, und alles
+drängte herbei, um die augenblickliche Bahnhofs-Sehenswürdigkeit von
+Gray wie einen alten Bekannten zu grüßen.
+
+Hier in Gray ging auch der 32er Unteroffizier auf eine andere Bahnlinie
+über; wir anderen fuhren, unter Beschreibung einer Curve, zunächst auf
+Auxonne zu. Dies ist abermals ein Kreuzungspunkt; wir mußten die Wagen
+wechseln und hatten eine halbe Stunde Zeit, um ein kleines Dejeuner zu
+bestellen. Ein interessanteres Frühstück hab’ ich all mein Lebtag nicht
+eingenommen. Es traf sich, daß wir unter den Ersten im Wartesalon
+waren, also einen guten Platz und einen Imbiß erhalten konnten, eh’ der
+Rest, der, von einer Seitenlinie her, ziemlich gleichzeitig mit uns
+eintraf, seinen Sturm auf das Büffet ausführen konnte. Es waren etwa
+500 Soldaten, die sich alle auf Dijon, Belfort und Besançon zu
+dirigirten. Wenn ich sage 500 Soldaten, so giebt dies freilich eine nur
+sehr unvollkommene Vorstellung von dem »Wallenstein’s Lager«, das sich
+auf 10 Minuten hier in Scene setzte. Theaterhaft bunt drängten sich
+Linie, Gardes mobiles und Legionaire; die Hauptmasse bildeten die
+Franctireurs. Ich konnte sie nicht ansehen, ohne immer wieder an einen
+lesenswerten Aufsatz Hugo v. Blomberg’s zu denken: »Ueber das
+Theatralische im französischen Volkscharakter.« Welche natürliche
+Begabung sich zurecht zu machen, sich zu drapiren und ornamentiren! Es
+war nicht Einer unter ihnen, von dem man nicht hätte sagen können:
+seht, welch ein Bild! Bei jedem ein Ueberschuß von Roth, aber immer
+kleidsam, als Gürtel, Schärpe, Aufschlag. Viele hatten ein Gefühl
+davon, wie hübsch sie aussahen, und schritten an dem breiten
+Pfeilerspiegel des Wartesalons nie vorüber, ohne einen Blick
+hineinzuthun und sich »befriedigend« zu finden. Alle Jahrgänge waren
+vertreten und neben rothbäckigen jungen Leuten, die kaum die
+Kinderschuhe ausgezogen, bewegten sich Weißköpfe, alte Troupiers, die
+ersichtlich froh waren, aus dem langweiligen Alltagsleben heraus und
+wieder in frisches Wasser hinein zu kommen. An Haß oder Hohn gegen den
+»Prussien«, als den sie mich natürlich sofort erkannten, war gar nicht
+zu denken; sie waren zu gutmüthig dazu, vielleicht auch zu sehr mit
+sich selbst beschäftigt. Eine Frage aber drängte sich mir beständig
+auf: Wer regiert diese Truppe? Sie schienen absolut führerlos zu sein.
+
+Nach halbstündigem Aufenthalt ging es weiter auf Besançon zu. Wir kamen
+bald in seine Nähe und fuhren gegen 2 Uhr in den weiten Kessel hinein,
+in dem die Stadt gelegen ist. Die Befestigungen derselben umgürten
+nicht unmittelbar die Stadt, sondern sind auf den einschließenden
+Bergen gelegen. Bis zum Ausbruch des Krieges, vielleicht bis zur
+Kapitulation von Sedan, war »≈la Citadelle de Besançon≈« das eigentlich
+beherrschende Fort. Von dem Augenblick an aber, wo es feststand, daß
+der Krieg auch hier seinen Schauplatz suchen werde, mußte man sich wohl
+oder übel überzeugen, daß die Citadelle zwar die Stadt beherrsche,
+ihrerseits aber von den nahegelegenen Kuppen #höherer# Berge beherrscht
+#werde#. Man schritt denn auch sofort zur Befestigung und Armirung
+dieser eigentlich dominirenden Punkte und in diesem Augenblicke mag
+Besançon als eine der am besten befestigten Festungen des Landes
+gelten.
+
+Der Weg vom Bahnhof bis zur Kommandantur war wieder so weit wie
+möglich; wir mußten durch die ganze Stadt hindurch. Ich habe Besançon
+nachher noch öfter passirt (beispielsweise wenn die Verhöre
+stattfanden) und ich fasse gleich an dieser Stelle zusammen, wie es
+sich mir #überhaupt# präsentirte. Daß es zur Hälfte aus Uhrmachern
+besteht (20,000) und als der eigentliche Konkurrenzort von Genf zu
+betrachten ist, setze ich als bekannt voraus. Die Stadt macht einen
+sehr guten Eindruck, wohl zumeist deshalb, weil sie einen bestimmten
+Charakter, ein Gesicht für sich hat. Alle charakteristischen Städte
+wirken viel anheimelnder, als die architektonisch-korrekten; ja die
+#malerische# Schönheit — ich erinnere nur an Kopenhagen — ist so
+entschieden siegreich über die #bauliche#, daß wir zuletzt jede Stadt
+schön nennen, die wie ein reizendes #Bild# uns berührt.
+
+Als eine solche präsentirt sich auch Besançon. Seine Quaderhäuser, mit
+keinem anderen Façadenschmuck als einem Balkon oder einem Bogen am
+Fenster, sind freilich weder sonderlich originell, noch pittoresk;
+desto mehr jedoch sind es seine Kirchen. Vor allem die alte Kathedrale.
+Aber nicht sie allein. In der Mitte der Stadt erhebt sich ein moderner
+Bau, die Johannis- oder Magdalenenkirche. Ich bin, was den Namen
+angeht, meiner Sache nicht sicher. Desto sicherer steht das Bild vor
+meinem Auge. Pfeiler mit korinthischem Kapitell schaffen eine
+griechische Front, aus der zugeschrägt ein tumulusartiger Thurm
+aufwächst, der gewiß der Schrecken jedes geschulten Architekten ist.
+Aber nicht des Malers. Man verweilt mit Interesse bei dieser
+Baumeisterlaune und ein goldenes, weithin leuchtendes Kreuz, das aus
+Stäben reich geflochten wie eine Riesen-Filigranarbeit das Ganze
+bedeutungsvoll abschließt, adelt es und giebt ihm den kirchlichen
+Charakter.
+
+Wir hatten endlich die Kommandantur, die hier den Namen »≈la Division≈«
+führt, erreicht und nahmen in einem Vorzimmer auf einem
+Armensünderbänkchen Platz. Ein beständiges Kommen und Gehen von
+Adjutanten und Ordonnanzen; so vergingen fast zwei Stunden. Die
+Gensdarmen, die nach ihrem Mittagbrod verlangten, wurden ungeduldig.
+Endlich erschien ein blasser Herr, dessen ausgearbeiteter, beinahe
+kahler Schädel in einem argen Größen-Mißverhältniß zu dem kleinen
+Gesichte stand. Die Augen waren klug und lebhaft. Er musterte mich
+scharf und rasch mit einem bloßen Streifblick, wie Leute das thun, die
+für das Beleidigende des Anstarrens eine feine Empfindung haben. Er
+überreichte dann dem Gensdarmerie-Brigadier mehrere Papiere; ich hörte
+meinen Namen und gleich darauf die ruhige Weisung: »≈à la Citadelle≈«.
+
+
+
+
+5. Die Citadelle von Besançon.
+
+ ≈Misery acquaints a man with strange
+ bedfellows.≈
+ ≈Shakespeare (Tempest).≈
+
+
+Ich hatte dies »≈à la Citadelle≈« keineswegs erwartet, vielmehr von
+unmittelbarer Freilassung und Unterbringung in einem Hotel geträumt;
+nichtsdestoweniger erschreckte mich diese Ordre nicht geradezu. Ich
+entsann mich eines Besuches, den ich vor vielen Jahren einmal auf der
+Spandauer Citadelle gemacht hatte, und knüpfte an Festungshaft, die für
+mich ohnehin nur 24 Stunden dauern konnte (so wähnte ich), die
+Vorstellung von Nachmittagskaffee und einer Partie Sechsundsechszig.
+Welche Illusionen!
+
+Der Berg war wieder sehr hoch. Wir passirten zunächst im Hinaustreten
+aus der Stadt ein triumphbogenartiges, höchst pittoreskes Portal,
+hinter dem sich (schon am Abhange des Citadellberges) die Kathedrale,
+eine mächtige Jesuiterkirche, erhob. Ich suchte mir ihr Bild
+einzuprägen, reckte den Hals und stieg immer höher; alles im
+Geschwindschritt. In Freiheit — bei attestirter Herz- und
+Lungenschwäche — hätte ich geglaubt, auf dem Platze bleiben zu müssen;
+#hier# ging es. Auf dem niedrigen aber breiten Mauerwerk, das den Weg
+einfaßte, streckten sich die dienstfreien Mannschaften der Citadelle
+und schliefen in den allerwunderlichsten Positionen. Die meisten lagen
+auf dem Bauch und hatten ein oder auch beide Beine rechtwinklig in die
+Höhe. An ihnen vorbei, über eine Zugbrücke hin, mündete der Weg endlich
+auf einen Vorplatz, den allerhand Bauten unregelmäßig umstanden. An der
+einen Steinwand, dicht neben einem schmalen Thorwege, hing ein Brett
+mit verwaschener Inschrift: ≈Prison militaire≈.
+
+Das sah nicht sehr einladend aus; meine Hoffnungen sanken jetzt rapide,
+wie das Wetterglas bei Erdbeben. Die Ablieferung erfolgte unter den
+üblichen Formalitäten und ein alter Sergeant führte mich an ein
+langgestrecktes Haus mit fünf Thüren, deren Inschriften auf ≈Prévenus≈,
+≈Disciplinaires≈ und ≈Condamnés≈ lauteten. Es hatte aber mit diesen
+Unterschieden nichts auf sich, alles wurde durch einander geworfen.
+Nachdem wir in die verschiedenen Thüren hineingeguckt, kehrten wir
+endlich zur ersten zurück, und der Sergeant belehrte mich dahin, daß
+ich hier zu wohnen haben werde. Es war ein gewölbter Raum von
+bedeutender Tiefe, in dem damals 12 Pritschen standen; auf der zwölften
+befand sich ein Berg von Strohsäcken; ein Dutzend Gefangene gingen im
+Zimmer auf und ab oder saßen auf den Bettständen umher. Mein Eintreten
+machte nicht das geringste Aufsehen; man war an solche Erscheinungen
+gewöhnt. Ich legte mein kleines Bündel (mein Reisegepäck war in Toul
+geblieben) auf ein Wandbrett und setzte mich, um mich von der
+Anstrengung des Bergsteigens zu erholen. Die erste Anfrage, die an mich
+erging, war: »ob ich mich für die »Abendsuppe« einschreiben lassen
+wolle«, was ich ohne Weiteres ablehnte, da ich doch mindestens
+dieselben Ansprüche wie in Neufchateau und Langres auch an #dieser#
+Stelle glaubte erheben zu können. Ich begab mich denn auch in das
+Büreau des Vorstandes, welcher letztere den Titel »≈Monsieur le
+Principal≈« führte und stellte ihm mein Anliegen vor, das auf ein
+Zimmer und selbstständige Beköstigung lautete, aber rundweg
+abgeschlagen wurde. Dies sei unmöglich. In einem ≈prison militaire≈
+existire dergleichen nicht.
+
+Gut. Ich kehrte auf meinen Bettplatz zurück, kreuzte die Hände über’m
+Knie und starrte in’s Blaue, soweit dies an diesem Orte möglich war.
+Nach einer halben Stunde, auf ein Signal, das mir entgangen war,
+stürzte alles auf den Hof und kehrte nach 2 Minuten mit der schon
+erwähnten »Abendsuppe« zurück, die ich so stolz abgelehnt hatte. Ich
+sollte indeß nicht zu kurz kommen. Ein junger badischer Gefreiter, mit
+dem ich mich gleich in den ersten Minuten bekannt gemacht hatte,
+stellte einen glücklich eroberten Kübel vor mich hin und forderte mich
+auf zu kosten. Ich mußte es schon Artigkeits halber. Es war heißes
+Wasser, mit Brot und Kartoffel, durch etwas Salz und Zwiebel
+schmackhaft gemacht. Ich aß und nahm von da ab an der allgemeinen
+Gefangenenkost Theil. Sie bestand in einer Fleischsuppe Morgens und
+einem halben Laib Brod. Wein, Käse und die Abendsuppe waren erlaubte
+Extras, für die aber gezahlt werden mußte. Mir wurde später (als ich
+leicht erkrankte) #Thee# bewilligt; aber dabei blieb es. Ich habe dies
+ohne besonderes Herzeleid ertragen und an mir selber wieder die alte
+Wahrnehmung gemacht, daß die sogenannten »verwöhnten Leute«, wenn sie
+nicht absolute Gecken sind, sich in den Wechsel der Glücksumstände am
+leichtesten finden. Die Bekanntschaft mit den Finessen und Delikatessen
+des Lebens macht zuletzt ziemlich gleichgiltig dagegen; ihr Werth ist
+ein relativer, oft geradezu ein imaginairer, und die flüchtigste
+Erkenntniß davon macht es einem verhältnißmäßig leicht, #diese# Art von
+Opfer zu bringen.
+
+Es hatte freilich bei #dieser# Art von Opfern nicht sein Bewenden;
+Härteres, #sehr# Hartes wurde mir zugemuthet. Indessen es sei drum. Die
+Dinge liegen hinter mir, und es thut nicht gut, ja es schädigt einen
+geradezu, die ganze ≈petite misère≈ eines solchen Daseins auf den Tisch
+zu legen. Misère weckt Mitleid, aber auch ≈dégoût≈. Es ist, als ob es
+auch von #diesen# Dingen hieße: ≈aliquid haeret≈. Ich lasse Gras
+darüber wachsen und führe lieber Erlebnisse vor, über die leichter und
+lachender zu berichten ist. Ich beginne mit Schilderung einzelner
+Persönlichkeiten, die mir das Schicksal zu Bettgenossen gab. Mit
+einigen war ich die ganze Zeit über, volle 18 Tage, zusammen, andere
+schieden früher, theils um ihre Freiheit wiederzufinden, theils um in
+Kriegsgefangenschaft landeinwärts geführt zu werden.
+
+Ich lasse dem #deutschen# Elemente, das anfangs ziemlich stark
+vertreten, zuletzt nur noch in einzelnen Exemplaren vorhanden war, den
+Vortritt. An der Spitze desselben, nicht seinen Jahren, aber allem
+andern nach, stand der junge badische Gefreite, »≈le caporal badois≈«,
+dessen ich schon erwähnt habe. Wir schlossen eine Freundschaft, soweit
+dies der Altersunterschied zuließ.
+
+Er war aus Pforzheim, eines reichen Fabrikanten Sohn, und würde,
+frischen, braven Herzens wie er war, nach dem Vorbilde der »400
+Pforzheimer« gewiß tapfer gefallen sein, wenn ihn das Schicksal in eine
+ähnliche Situation gestellt hätte. Aber gleich im ersten Gefecht, das
+er mitzumachen hatte, war ihm der Auftrag geworden, nicht in
+Gemeinschaft mit 399 andern, sondern #ganz allein#, eine
+Munitionscolonne aus Saint-Dié, wenn ich nicht irre, herzubeordern; auf
+diesem Einsamkeitsmarsche war er durch ein Dutzend Franctireurs
+umstellt und gefangen genommen worden. Seine äußere Erscheinung ließ
+ihn im ersten Augenblick kaum als reicher Leute Kind erkennen. Der
+badische Waffenrock, den er trug, saß noch schlechter als ein
+preußischer (was viel sagen will) und in Folge dicker Leibbinden und
+Unterhosen hatte sich das ganze Brust- und Rückenstück des Rockes nach
+oben geschoben. Der Eindruck davon verschwand aber in demselben Moment
+wo er lachte, und er lachte viel. Er präsentirte dann vier
+Schneidezähne, die nur an den Rändern leise lädirt, eine feine kaum
+haarbreite Goldeinfassung erhalten hatten. Unverkennbar ein
+zahnärztliches Meisterstück und muthmaßlich enorm theuer. Diese vier
+Zähne wirkten wie die Visitenkarte eines Banquiersohnes. Wir waren fast
+14 Tage zusammen und plauderten das Mannigfachste durch. Er schwärmte
+für Preußen, hielt uns ohne Weiteres für ein Heldengeschlecht und hatte
+bei seinem ersten Verhör dem Colonel eine Rede in diesem Sinne
+gehalten, die freundlich aufgenommen und ein paar Tage später in den
+Lokalblättern von Besançon ≈in nuce≈ gedruckt worden war. Ich muß
+hinzufügen, daß er geläufig französisch sprach. Dies alles war gut;
+aber weitaus am meisten interessirte es mich doch, wenn er leuchtenden
+Auges über den Juwelenhandel einen kleinen Vortrag hielt. Dann erschloß
+sich mir eine neue Welt. Gerade auf diesem Gebiet hatte ich wenig
+Gelegenheit gehabt, mich zu orientiren. So jung er war, so sprach er
+doch von Smaragden, wie andere junge Leute von schönen Augen sprechen.
+Er schilderte mir einen Besuch in einem Pariser Juwelenladen, den er im
+Sommer 1870, kurz vor Ausbruch des Krieges, gemacht hatte, wobei ihm
+die Sorglosigkeit, mit der die Besitzer ihr Geschäft betrieben, das
+Imponirendste gewesen war. Auf eine bloße Empfehlungskarte hin, hatte
+man ihm für 6000 Francs Smaragden mit nach Pforzheim gegeben, alles
+rasch und ≈sans phrase≈, während junge und alte Juwelenkäufer (meist
+Juden) an den andern Tischen des Lokals standen, die Diamanten aus
+ihren Baumwollpacketen herausnahmen, nebeneinander auf die flache Hand
+legten und minutenlang sich in den Anblick dieser Herrlichkeit
+vertieften; dabei zugleich jede kleinste Werth- und Schönheitsnüance
+erkennend. »Das #Bijouterie#-Geschäft«, so schloß er wohl, »hat seine
+Reize, aber es ist klein, ärmlich, prosaisch neben dem #Steinhandel#.«
+
+Ein #zweiter# Deutscher unserer Colonie führte den Namen: »≈le cocher
+de Bismarck≈«. Er trug ein ächt preußisches Kutscher-Costüm mit
+Stulpstiefeln, Wappenknöpfen und breiter Goldborte, und war in der Nähe
+von Epinal, auf Spionage hin, verhaftet worden. Eine wunderliche Figur,
+gutmüthig und schlau zugleich; bei Fritzlar im Hessischen zu Hause. Was
+ihn mir interessant machte, war, daß er 17 Jahre lang als
+Kunstreiter-Groom die Loissets, die Franconis, die Cinisellis begleitet
+hatte. Ich darf sagen, in jeder Stadt Europas über 50,000 Einwohner war
+er gewesen; er wußte in Petersburg, Konstantinopel und Lissabon gleich
+vortrefflich Bescheid, sprach ein gutes Französisch, ein leidliches
+Englisch und hatte von allen andern Sprachen wenigstens eine
+oberflächliche Kenntniß. Ich muß bemerken, daß er niemals den
+Gesellschaften als solchen, sondern immer nur einem einzelnen
+hervorragenden Mitgliede derselben als Reitknecht und Pferdepfleger
+angehört hatte. Die längste Zeit über war er bei einem ungarischen
+Schärpen- und Reifenspringer gewesen, von dem er mit ungeheuchelter
+Hochachtung sprach. Er betrachtete dies alles als ernsthafte #Kunst#,
+lobte die Ordnungsliebe, die Sauberkeit, die Gewissenhaftigkeit seines
+Herrn, stellte der Mehrzahl der Damen die glänzendsten Tugendzeugnisse
+aus und ließ mich wieder recht empfinden, wie sehr wir Draußenstehenden
+auf diesem wie auf ähnlichen Gebieten mit unsern Vorstellungen in die
+Irre gehen. Die Welt ist oft schlechter als wir sie nehmen, aber noch
+öfter vielleicht ist sie besser.
+
+Der Dritte, zu dem ich in Beziehung trat, war »≈le maître d’école≈«,
+ein Deutsch-Franzose. Ich konnte mich anfangs nicht mit ihm befreunden,
+theils weil er etwas Sonderbares, beinahe Unheimliches in seinem
+tiefliegenden Auge hatte, theils weil ich das Bild des »Schulmeisters«
+aus den Geheimnissen von Paris nicht los werden konnte. Es kam dazu,
+daß er sich beim Sprechen etwas zierte und durch Correctheit und
+obligate Nasaltöne den »≈maître d’école≈« beglaubigen wollte. Er war,
+wie so viele andere, denuncirt und verhaftet worden, weil er mit einem
+preußischen Offizier gesprochen hatte. Endlich kam der ersehnte Tag der
+Freiheit; daheim in Lothringen saß seine Frau mit sechs Kindern. Aber
+wie hin kommen? Er fragte mich, ob ich ihm das Reisegeld geben könne.
+Ich that es ohne Weiteres. In solchen Zeiten empfindet man doppelt:
+gieb, auf daß #Dir# gegeben werde. Dem Manne traten die Thränen in die
+Augen und er dankte mir herzlich, übrigens ohne sich das Geringste zu
+vergeben. Der eigentliche Gewinner war ohnehin ich. Hatte ich dem Manne
+einen Dienst geleistet und seine Dankbarkeit erworben, so war ich ihm
+doch ungleich mehr verpflichtet, daß er mir die Gelegenheit dazu
+gegeben hatte. Die Kunde von dieser Großthat lief wie ein Feuer durch
+die ganze Citadelle von Besançon; ich war auf einen Schlag »etablirt«,
+man gab mir ungesucht eine exceptionelle Stellung und der alte
+Sergeant, auf den ich wohl noch zurückkomme, adressirte sich immer mit
+den Worten an mich »≈un homme comme vous≈«. Ich hatte Ursach, mich
+Alles dessen zu freuen; zugleich empfand ich schmerzlich die furchtbare
+Macht des Geldes. Wen diese Worte etwas verwunderlich anblicken, der
+vergesse nicht, daß unter Blinden der Einäugige König ist. Es schlug
+vielleicht manch gütigeres Herz auf der Citadelle von Besançon; aber
+was frommte es, so lange sich diese Güte nicht »berechnen« und nicht in
+Zahlen ausdrücken ließ.
+
+Neben dem Schulmeister schlief »≈le bon tireur≈«, ein schöner Mann, an
+dem nur auszusetzen war, daß er es zu sehr wußte. Er kam aus Rom, hatte
+ein Jahr lang der Legion von Antibes angehört, und diente jetzt, wie
+viele andere seiner alten Kameraden, in einem Marsch-Bataillon. Die
+Geschenke hübscher Frauen, dazu die zahlreichen Prämien, die er sich
+als brillanter Schütze erworben (er trug immer einen breiten Leibgurt,
+der in Front die Lederhülsen für mindestens 30 Patronen aufwies),
+hatten ihn sichtlich verwöhnt und gaben seinem elastischen Gange,
+seiner beinahe eleganten Tournure doch ein Maß von Prätension, das zu
+seiner Stellung nicht paßte. Er war wegen Hochfahrenheit zahllose Male
+bestraft und saß jetzt hier, weil er auf den Zuruf seines Capitains
+»≈vous êtes un lâche≈« geantwortet hatte »≈pas plus que vous≈«. Er
+machte beständig Vorstellungen an den General, in denen er eine
+ähnliche kecke Sprache führte und sich auf sein gutes Recht steifte,
+»weil er zuerst beleidigt worden sei«. Auf meine Bemerkung, daß solche
+Eingaben, in so selbstbewußtem Tone abgefaßt, in Preußen ganz unmöglich
+seien, antwortete er nur mit superiorem Lächeln: »≈Je sais, je sais:
+vous avez encore le régime du bâton; nous sommes plus libre en
+France.≈« Er ließ sich das auch nicht ausreden.
+
+Eine andere Figur war »≈le raconteur≈«, der Liebling und das Ferment
+der ganzen Gesellschaft. Er machte mir das Bett, gab mir sein
+Strohkissen, deckte mich mit seiner Decke zu, so daß ich eigentlich
+nicht weiß, wie er sich durch die kalten Nächte durchgeschlagen hat. Er
+war ein ausgesprochener Humorist und hatte, neben seinem
+Spaßmacherthum, vor allem auch jene Herzensgüte, ja jene Feinheit der
+Empfindung, die den wirklichen Humoristen allemal charakterisirt. Er
+erzählte sehr gern, aber im Erzählen beobachtete er beständig, ob er
+vielleicht Anstoß gäbe, oder durch ein Zuviel die Geduld erschöpfe;
+glaubte er derartiges wahrzunehmen, so schwieg er sofort und wartete
+ab, bis er ermuntert wurde, den Faden wieder aufzunehmen. Er hatte ein
+Paar Diensthosen verkauft, um seine Kameraden in Wein freihalten zu
+können; darauf hin war er, nachdem ihn eben #diese# Kameraden angezeigt
+hatten, zu 6 Monaten verurtheilt worden. Für mich ein offenbarer
+Vortheil. Ich liebte ihn förmlich. Bei weiterer Schilderung meiner Tage
+in Besançon komme ich auf ihn zurück.
+
+Der letzte, von dem ich zu sprechen gedenke, war »≈le penseur libre≈«,
+ein kleiner, kratzbürstiger Kerl, nah an funfzig, seines Zeichens ein
+»Kommissionär in Hülsenfrüchten«. Er war eingesperrt worden, weil er
+den Preußen eine Ladung Mehl verkauft hatte. In einem scharfen
+Gegensatz zu dieser merkantilen Beschäftigung stand sein geistiges
+Leben. Er war Philosoph; sein Lieblingsschriftsteller Victor Cousin,
+dessen gediegene Uebersetzungen der klassischen Literatur, griechisch
+wie lateinisch, er besaß, beziehungsweise auswendig konnte. In einer
+Anzahl kleiner blauer Notizbücher, die er als ≈Vademecum≈ auch mit ins
+Gefängniß genommen, hatte er sich die Weisheit des Alterthums für den
+Hausgebrauch zurecht gemacht. Gleich den zweiten Tag fragte er mich, ob
+es mir Recht sei, Seneca’s Betrachtungen über den Tod, über das ruhige
+sich schicken ins Unvermeidliche, zu lesen? Ich hielt es für artig,
+»ja« zu sagen, und mußte nun zwei Stunden lang meinen Kopf und meine
+Augen anstrengen, um mich in diesen »Blaubüchern« zurecht zu finden,
+die für mich wenigstens das Schicksal aller ≈blue books≈ theilten,
+ziemlich langweilig zu sein. Solche Gedanken aus sich heraus zu
+gebären, sie #selbstständig# zu haben, kann Trost verleihen und das
+Gemüth adeln; es zurecht gemacht an sich herantreten sehen, ist
+mindestens unfruchtbar. Da wirkt ein Gesangbuchvers von Paul Gerhardt
+doch anders! Es blieb nun aber nicht blos bei Seneca. Dieser furchtbare
+penseur libre hatte, mit Hülfe seines Victor Cousin eine eminente
+Kenntniß von Plato, Tacitus, Plutarch und vielen andern noch, und
+vielleicht niemals hat ein deutscher ≈homme de lettres≈ vor einem
+französischen Hülsenfruchthändler eine so kümmerliche Rolle gespielt,
+wie ich. Er wußte Alles, ich wußte nichts. Glücklicherweise war ich
+nicht in der Stimmung, über diese constanten Niederlagen mich besonders
+zu grämen. Auch bin ich ihm das Zeugniß schuldig, daß er mich nie
+ironisch behandelte, und sein offenbares Uebergewicht keinen Augenblick
+mißbrauchte.
+
+Ich versuche nun, nachdem ich den Leser mit den »Spitzen der
+Gesellschaft« bekannt gemacht habe, ihm im Weiteren einen Tag zu
+schildern, wie wir ihn in der Citadelle zuzubringen pflegten.
+
+Um 6 Uhr rasselte draußen das Schlüsselbund, die schwere Thür wurde
+geöffnet, der Sergeant trat ein, und das Abzählen begann, um
+festzustellen, daß über Nacht nichts von der Heerde verloren gegangen
+sei. Wir waren zuletzt 22 in einem ursprünglich für höchstens 12
+Personen bestimmten Raum. Dem Ueberwerfen der nothwendigsten
+Kleidungsstücke folgte draußen auf dem Hof der Waschprozeß;
+abgetrocknet wurde an den Bettlaken, die von der Nacht her noch etwas
+Wärme conservirten. Einige Aristokraten der Gesellschaft, zu denen ich
+leider nicht gehörte, hatten es bis zu einem Handtuch gebracht. Nur ein
+Stück »≈Monstre-Savon≈« war mir von Langres her geblieben.
+
+Nun begann der Morgenspaziergang, und zwar in einem mit Flußkieseln
+bestreuten Hofe, der 40 Schritt lang und 15 Schritt breit sein mochte.
+Von diesen 15 Schritt in der Breite waren aber wieder 5 Schritt zu
+einer Art Terrasse abgeschnitten, welche letztere ein Allerheiligstes
+bildete, das von uns nicht betreten werden durfte. Es war die
+»Gartenanlage« der Citadelle, auf deren Beeten etwas Kerbel und
+Petersilie, an der Wand aber ein wie verkrüppelte Georginen aussehendes
+Strauchgewächs wuchs. Es trug Tomaten-Aepfel, die nicht reif werden
+wollten.
+
+Wie es für etwa 80 Menschen möglich wurde, auf diesem Stückchen Hof ein
+oder zwei Stunden lang spazieren zu gehen, weiß ich nicht; gleichviel
+es geschah. Der blaue Himmel, die Morgenfrische thaten meinen Sinnen
+wohl, nur wurde dies Behagen, durch unliebsame Töne aus der Ferne her,
+häufiger unterbrochen, als mir angenehm sein konnte. Es war in der
+Regel 7 Uhr; eine Salve krachte herüber; das Echo antwortete in den
+Bergen. Eine Gruppe trat dann zusammen, einer warf den Cigarren-Rest in
+die Luft und sagte ruhig: heute werden drei erschossen. Ich konnte
+nicht gleichgültig dabei bleiben; wie ein physischer Schmerz ging es
+mir oft durch die Brust.
+
+Die Promenade wurde fortgesetzt; die Meisten lachten, plauderten;
+wenige trugen schwer. Zwischen 8 und 9 hieß es in viertelstündigen
+Pausen: »≈à l’eau≈«, »≈du pain≈«, »≈la commission≈«, Schlachtrufe, die
+jedesmal ein halbes Dutzend Personen abriefen, die nun Wasser und Brod
+für die Gesammtheit herbeizuschaffen, oder aber (»≈la commission≈«),
+die #Extras# in Empfang zu nehmen und zu vertheilen hatten. Alle diese
+Rufe waren aber bedeutungslos neben dem Rufe »≈à la soupe≈«, der
+ungefähr um 9½ Uhr laut wurde. Nun stürzte Alles der Küche zu und
+kam mit Schüsseln und Kübeln zurück, die eine leidlich gute
+Fleischbrühe enthielten; die einzig warme Mahlzeit, die
+vorschriftsmäßig und gratis verabreicht wurde. Ein gutes Stück Fleisch
+war wie ein Gewinn in der Lotterie.
+
+Nach der Suppe begann eigentlich wieder eine mehrstündige
+Einschließung, die von 10 Uhr früh bis 4 Uhr Nachmittags zu dauern
+hatte. Dies wurde aber nie in voller Strenge inne gehalten, eines
+Theils wohl, weil wir ohnehin über alle Gebühr hinaus eingepfercht
+waren, andern Theils, weil wir tagelang Regenwetter hatten, und die uns
+dadurch auferlegte, totale Einsperrung an den klaren Tagen, schon um
+unserer Gesundheit willen, wieder ausgeglichen werden sollte. Ein
+starker Bruchtheil der Gesellschaft zog sich aber um 10 oder 11 von
+selbst, aus eigenem Antrieb, in die Kasemattenräume zurück, um sich zu
+strecken oder Briefe zu schreiben, oder Dame zu spielen. Dies letztere
+geschah in ziemlich ingeniöser Weise. Auf jeder Pritsche befand sich
+ein mit Bleistift oder Dinte aufgezeichnetes Damenbrett, dessen Steine
+einerseits aus den leicht beschaffbaren Kieseln des Hofes, andererseits
+aus rund geschnittener Brodkruste bestanden. Alle Franzosen spielten es
+gern und mit besonderem Geschick. Mitunter verirrte sich ein
+Zeitungsblatt in unsere Mitte; hinter dem letzten Bettstand, der mit
+seinen aufgetürmten Strohsäcken wie ein Schirm wirkte, etablirte sich
+auch wohl eine geheime Piquetpartie; unbeweglich daneben saß der
+≈penseur libre≈ und las Abhandlungen über die Frage: »Wann einer
+Zeugenaussage zu trauen sei und wann nicht.«
+
+Endlos waren diese Stunden von 10 bis 4; sie hatten aber doch ihre
+Unterbrechungen, einmal, wenn der Kommandant der Citadelle und der
+Ronden-Offizier ihren Umgang hielten, namentlich aber, wenn »Neue«
+eintrafen oder die in bloßer Untersuchungshaft gehaltenen aus dem
+Verhör in der Stadt zurückkamen. Durch diese Elemente hingen wir mit
+der Welt zusammen und folgten dem Laufe der Politik und des Krieges. Ob
+das Berichtete wahr war oder nicht, war der Mehrzahl völlig
+gleichgültig; es unterhielt doch. Den einen Tag war General Moltke
+erschossen, den nächsten Tag gefangen, den dritten hatte er einem
+Kriegsrathe präsidirt; der König, der Kronprinz, Prinz Friedrich Karl,
+alle waren sie einige Tage lang todt, um dann wieder unter den Lebenden
+zu erscheinen. Es fiel keinem ein, sich über diese Widersprüche zu
+verwundern; man nahm sie als selbstverständlich hin; ja, man war
+vielleicht dankbar dafür. Der Stoff wuchs auf diese Weise. Etwa in der
+Mitte des Monats erschien Garibaldi in Besançon; drei, vier Tage später
+hieß es, »die Preußen rücken an«; mit beiden Nachrichten hatte es
+ausnahmsweise seine Richtigkeit. Es wurde viel von »in die Luft
+sprengen« gesprochen, und im Großen und Ganzen bemächtigte sich des
+deutschen Elements ein wenig behagliches Gefühl bei der Aussicht, von
+den eigenen landsmännischen Granaten todtgeschossen zu werden. Ich
+machte dem liebenswürdigen Kommandanten der Citadelle, der sich oft
+halbe Stunden lang mit mir unterhielt, eine halb scherzhafte
+Vorstellung darüber, worauf er ruhig antwortete: »Ja, diese
+#Obergewölbe# sind in 5 Minuten weggeblasen«. Der Trost, der uns daraus
+erfloß, war begreiflicherweise gering.
+
+Die Preußen (es war die badische Division) hatten sich uns inzwischen
+mehr und mehr genähert. Am 23. hieß es: Heute giebt es eine Schlacht; 8
+Kilometer von hier, bei Chatillon #müssen# sie zusammenstoßen. Und in
+der That, es kam zu einem Gefecht. Wir hörten deutlich den Donner der
+Kanonen und von dem Tisch unseres Gefängnisses aus, der uns gestattete,
+durch die obersten Scheiben hindurch, über die Festungsmauer
+fortzusehen, folgten wir einzelnen Bewegungen nachrückender
+französischer Bataillone. Einige von uns schwuren, den Lichtstreifen
+fliegender Granaten deutlich an dem schwarzgrauen Regenhimmel gesehen
+zu haben. Um 5 Uhr Abends kam Meldung aus der Stadt: »≈1200 Badois sont
+captivés, ils arriveront ce soir encore.≈« Zwei Stunden später trafen
+auch wirklich die Gefangenen ein. Es waren aber nur fünf. Als ein
+echter Oberländer gefragt wurde: »wo denn die 1200 seien«, antwortete
+er ruhig: »’s is halt a Trost, wenn mer mit 500 ins Gefecht geht, kann
+mer nit 1200 verliere«. Ich übersetzte es, was sofort allgemeine
+Heiterkeit erweckte. Von Groll keine Spur.
+
+So war es Sonntag den 23. Oktober. Aehnlich an anderen Tagen. Wir
+lebten von Gerüchten. Erst die »Abendsuppe«, die bei Dunkelwerden
+servirt wurde, machte regelmäßig der politischen Diskussion und — dem
+Tage selbst ein Ende. Mit dem Moment, wo die Blechlöffel wieder hinter
+dem Brett steckten, fiel der Vorhang. Die Nacht begann.
+
+Nun rasselte, wie am Morgen, das Schlüsselbund; der Sergeant, ein alter
+≈grognard≈, passirte abermals unsere Reihen mit hochgehobener Laterne,
+zählte die Häupter seiner Lieben und verschwand dann mit einem
+freundlich-bärbeißigen: ≈bon soir, messieurs.≈ Eine halbe Stunde später
+lag alles ausgestreckt unter den Decken, jeder mit einer Nachtmütze
+über der Stirn und nur »≈le raconteur≈« hockte noch auf seinem
+zusammengerollten Zeugbündel und wartete auf das Signal zum Erzählen.
+Er war die Scheherezade dieses Kreises, dem die Aufgabe oblag, den
+Sultan »Volk« in Schlaf zu erzählen. Es gab ein halbes Dutzend
+Lieblingsgeschichten: ≈le dragon vert, le curé et le saint esprit,
+Milord à Paris≈, — alle liefen sie auf Liebesabenteuer, auf Spott gegen
+die Geistlichkeit und auf Ridikülisirung der Engländer hinaus. Das
+letztere war meist das Wirksamste. Unendliche Heiterkeit begleitete
+diese Vorträge, und nie hätte ich es für möglich gehalten, in einem
+Kasemattengefängniß einem solchen Uebermaß von guter Laune, von Lachen
+und Ausgelassenheit zu begegnen. Ich stimmte dann und wann mit ein,
+ohne recht zu wissen, um was es sich handelte. Das Lachen selbst war so
+herzlich, daß es mit fortriß.
+
+Diese Erzählungen dauerten oft 2 Stunden. Um 8 Uhr hielten dann mehrere
+Trommeln und Hörner, eine Art großer Zapfenstreich, ihren Umgang um die
+Citadelle, und in dem Moment, wo sie schwiegen, klangen von Besançon
+die Abendglocken der Cathedrale herauf. Ein paar leidenschaftliche
+Raucher fuhren manchmal mit dem Streichholz über die Wand hin, um die
+verglimmende Pfeife neu zu beleben; ein flüchtiges Licht blitzte durch
+den dunklen Raum; noch ein paar Züge, dann schliefen auch sie. Alles
+still.
+
+Nacht lag über der Citadelle von Besançon.
+
+
+
+
+6. Rückblicke.
+
+ So lang der Wirth nur weiter borgt,
+ Sind sie vergnügt und unbesorgt.
+ Faust.
+
+ Es kann die Ehre dieser Welt
+ Dir keine Ehre geben,
+ Was Dich in Wahrheit hebt und hält
+ Muß in Dir selber leben.
+
+
+Ich war 18 Tage in Besançon; am 29. Oktober verließ ich es, um, quer
+durch Frankreich hindurch, über Lyon und Moulins, dann über Poitiers
+und Rochefort nach der Insel Oléron im atlantischen Ocean geschafft zu
+werden. Die letzten drei Tage auf der Citadelle waren mir in
+verhältnißmäßigem Comfort vergangen; ich hatte sie, in Folge
+eingetretener Intervention, im Offizier-Gefängniß zugebracht, wo ich,
+in allem was Speis’ und Trank angeht, in der angenehmen Lage gewesen
+war, meiner Gewohnheit gemäß oder wie es im Französischen heißt — »im
+Einklang mit meinem ≈ancien régime≈« leben zu können. Ein Ausdruck, der
+mich jedesmal amüsirte. Ueber diese »guten Tage von Besançon« berichte
+ich in aller Kürze im Eingange des nächsten Kapitels; aber #hier#
+schon, als am passendsten Platz, versuche ich die Eindrücke
+wiederzugeben, die ich in fast dreiwöchentlichem Zusammenleben mit
+französischen Soldaten und Civilpersonen verschiedenster Art, von dem
+Charakter des Volkes, von den Vorzügen und Schwächen desselben
+empfangen habe.
+
+Es ist Pflicht zu sagen, daß diese Eindrücke die allerangenehmsten
+waren und daß ich mir keine Nation denken kann, die in #so# vielen,
+ihrer aufs Gerathewohl gewählten Repräsentanten im Stande wäre, ein
+günstigeres Urtheil hervorzurufen. Im Allgemeinen wird man sagen
+können, daß, je nach den Landestheilen, in denen man lebt, auf 10 oder
+7 oder 5 Individuen immer ein unleidlicher Mensch kommt; hier lebte ich
+mit 70 oder 80 Gefangenen zusammen, die in der Zeit meiner Anwesenheit
+zwei oder dreimal wechselten (so daß ich etwa 200 verschiedene Personen
+kennen lernte) und nicht die geringste Unannehmlichkeit, geschweige
+Unart habe ich zu erfahren gehabt; sie waren alle verbindlich,
+rücksichtsvoll, zuvorkommend, dankbar für jeden kleinen Dienst, nie
+beleidigt durch Widerspruch, vor allem #ohne Schabernack und ohne
+Neid#. Wir könnten, nach #dieser# Seite hin, viel von ihnen lernen. Es
+offenbarte sich mir ein unerschöpflicher Schatz von Gutmütigkeit,
+leichtem Sinn und heiterer Laune. Lauter Sanguiniker. Viele waren
+eitel, andere ruhmredig. Wenn ich aber den Rodomontaden dieser letztern
+scherzhaft erwiderte, hatte ich jedesmal die Lacher auf meiner Seite.
+Von nationaler Gereiztheit keine Spur, wiewohl sie alle, ohne Ausnahme,
+voll lebhaften, patriotischen Gefühls waren. Auch ihr #Bildungsgrad#,
+um das noch zu bemerken, hatte mindestens, bei sonst gleichen
+Voraussetzungen, das Niveau des unsrigen, wie ich denn überhaupt
+glaube, daß wir uns nach #dieser# Seite hin, allzu selbstgefälligen
+Vorstellungen hingeben. Wir glauben eine Art #Schul-Monopol# zu
+besitzen und es giebt Leute unter uns, die, einen alten »Dieterici« in
+der Hand, wo möglich den Beweis führen möchten, daß jenseit der
+deutschen Grenze alles Lesen und Schreiben aufhöre, wie etwa 20,000 Fuß
+hoch das Athmen aufhört.
+
+Ich #meinerseits# habe indessen immer nur gefunden, daß die Bewohner
+anderer Kulturländer, besonders der westlichen, nicht schlechter lesen,
+wohl aber erheblich besser schreiben können, als die Menschen bei uns.
+So in England, Schottland, Dänemark; so auch wieder in Frankreich. Die
+statistischen Zahlen um deshalb zu befehden, fällt mir nicht ein; sie
+werden schon richtig sein. Es wird unzweifelhaft, namentlich in England
+und Frankreich, ganze Volksschichten geben, die ich nicht kennen
+lernte, #unterste# Schichten, die von der Schule unberührt, mithin auch
+unerobert blieben; die Zahlen sollen also bestehen bleiben. Aber
+gestützt auf eben diese Zahlen wächst für viele unter uns ein falsches
+#Gesammtbild# empor, ein Bild, das von vornherein verschoben und immer
+ins #Dunkle# retouchirt, schließlich einfach zu einem Zerrbild wird.
+Hinterm Berge wohnen auch Leute. — Ich kehre nun zu meinen
+Mitgefangenen zurück.
+
+Sie waren liebenswürdig, gutherzig, neidlos (so etwa sagt’ ich); aber
+so angenehm der Eindruck war, den sie als Individuen hervorriefen, so
+traurig war der Eindruck, den jeder einzelne als Theil des Ganzen
+machte. Sie boten das Bild völliger Zerfahrenheit, zu nichts eine
+Herzensstellung einnehmend, als zu »≈La France≈« und zur
+Ruhmesgeschichte ihres Landes. Dies ist etwas, aber nicht viel; oft
+mehr eine Gefahr, als ein Segen. Losgelöst von allem Tieferen wird auch
+die Vaterlandsliebe (die #dann# nur eine gewisse Form persönlicher
+Eitelkeit ist) leicht zu einer Carrikatur, überschlägt sich und gewinnt
+den Charakter des Hohlen, einer schillernden Seifenblase, eines Nichts.
+Diese Wahrnehmung hatte ich sehr oft. Ein fester, schöner Glaube
+existirte an nichts, weder an die Dinge der sichtbaren noch der
+unsichtbaren Welt. Die Geistlichkeit wurde beständig verhöhnt, der
+Kaiser war ein Spott, die Marschälle ein Gegenstand der Verachtung; ich
+begegnete keiner anderen Ueberzeugung als der einen, daß #alles
+käuflich sei#. Sedan war ein »≈job≈« im großen Stil; nur Mac-Mahon
+behielt seinen diamantnen Glanz. Der französische Soldat hielt aus bei
+ihm, wie der österreichische (1866) bei Benedek. Aber diese eine
+leuchtende Ausnahme zeigte nur die Zweifelstrübe, in der man alles
+andere erblickte, desto deutlicher. Regierung, Kirche, Gesetz, alle
+drei waren nach ihrer Meinung nur da, um das Volk in Banden zu schlagen
+und #sich selbst# zu behaupten und zu bereichern. Alles Einzelne sich
+selber Zweck, nie im Dienst einer Idee, nie im Dienst des Ganzen! Der
+Eindruck war kläglich und zeigte den tiefsten Verfall. Wie oft sprach
+es still in mir: glücklich das Land, das diesen Heimsuchungen noch
+nicht erlegen ist. Das Furchtbare einer Revolution, sie sei nun
+berechtigt gewesen oder nicht, habe ich nie so lebendig empfunden wie
+hier. Die klugen Engländer! Sie haben dasselbe gethan, aber sie haben
+#eines# vermieden: #das Brechen mit der Tradition#.
+
+So viel über meine Mitgefangenen. Auch noch ein Wort über
+Wahrnehmungen, die ich, während der schlimmen Tage (denn sie waren
+nicht alle schlimm) an mir selber machte.
+
+Ich hob schon hervor, wie gleichgültig mich der Wechsel der äußern
+Glücksumstände, der Wegfall des sogenannten Comfort berührte; ich fand
+bald heraus, daß sich bei einer dünnen Fleischbrühe, einem Glase
+Landwein und einigen Schnitten Weißbrod sehr wohl leben lasse, im
+Grunde genommen besser als bei Majonnaisen und Nußtorte. Beiläufig eine
+furchtbare Zusammenstellung, die durch einen zwischengeschobenen
+Rehrücken nicht besser wird. Tag um Tag wurde ich an den Ausspruch
+eines gefeierten Wiener Arztes erinnert, der mir vor Jahren
+versicherte, »daß er erst Herr seiner Zeit und seines Geistes geworden
+sei, seitdem er von einer Tasse Bouillon, etwas Brod und einigen Rüben
+oder Erdäpfeln lebe.« Ich meinerseits trank viel #Thee#, aber nur um
+mich zu erwärmen und durch Wärme gesund zu erhalten; von Wohlgeschmack
+konnte bei dem seltsamen Gebräu, das auf der Citadelle von Besançon den
+Namen »Thee« usurpirte, keine Rede sein.
+
+So gleichgültig wie gegen allerhand »Lebensbedürfnisse«, die
+schließlich eben #keine# Lebensbedürfnisse sind, beobachtete ich mich
+auch gegen gewisse Ansprüche und Feinfühligkeiten des #Ehrenpunktes#.
+Was mir, vier Wochen früher, ganz speziell auch auf #diesem# Gebiete
+als eine Lebens-Unerläßlichkeit erschienen wäre, erschien mir jetzt als
+Luxus und weil als Luxus auch als entbehrlich und abthubar. Dies
+überraschte mich, als ich erst dazu kam, über diese Dinge nachzudenken,
+am meisten; doch haben mir andere seitdem versichert, daß sie dieselbe
+Gleichgültigkeit gegen all diese mannigfachen Formen und Scenen der
+Erniedrigung, die eben keinem Gefangenen erspart werden, empfunden
+hätten. Das durch die Straßen Geschleppt-, das Angegafft- und
+Angestarrtwerden, das Geschrei und Gejohle des Pöbels, die
+zudringlichen Fragen, das Hutabziehen- und Geradestehenmüssen, das
+Abgezählt werden bei erhobener Laterne, all das war lästig,
+bedrücklich, zu Zeiten #sehr# unangenehm; ich kann mich aber keines
+Momentes entsinnen, wo ich all dies als ehrenrührig empfunden hätte.
+Die Gefangenen, auf ihrem Transporte quer durchs Land, wurden meistens
+gekettet; ich wartete ruhig auf den Moment, wo mir ein gleiches Loos
+zufallen würde. Es blieb aus, es blieb mir erspart. Ich weiß aber, daß
+auch #das# mich in meinem Gleichmuth wenig gestört haben würde. Man hat
+das Gefühl des völligen Preisgegebenseins, des Ueberantwortetseins auf
+Gnade und Ungnade und empfindet deutlich, daß die Uebergriffe, die sich
+der Machthaber erlaubt, wohl die #Ehre dieses Machthabers, nicht aber
+die eigene treffen können#. Vieles zudem, was Flitter ist, wird in
+solchen Momenten als Flitter erkannt. Das Meiste, worin wir stecken,
+ist #konventionell#! Der Stein des Gassenbuben, der gegen uns erhoben
+wird, mag alles treffen, nur unsere Ehre nicht. Wie eine Zauberformel,
+die hieb- und schußfest macht, schützt uns das alte: ≈Sancta
+simplicitas.≈
+
+Ich litt nicht unter dem Wegfall dessen, was man mit größerem oder
+geringerem Recht als die künstlich gesteigerten Ansprüche einerseits
+des Wohllebens, andererseits eines gewissen Gefühls-Luxus, ansehen
+kann, aber ich litt dafür unter dem Wegfall #solcher# Dinge, die sich
+der gebildete Mensch recht- und #pflicht#mäßig zur zweiten Natur
+gemacht hat, unter dem Wegfall der Sauberkeit und alles dessen, was zum
+geistigen Bedürfniß gehört.
+
+Die Unmöglichkeit einer gewissen, wenn auch bescheidentlichen Pflege
+des Körpers wurde peinlich genug von mir empfunden, und diese
+Empfindung glaub ich, hat man nicht als etwas künstlich
+Hinaufgeschraubtes anzusehen. Es ist Pflicht, auf eine Reihenfolge,
+oder eine bestimmte Zubereitung von Schüsseln, wie bescheiden diese
+immerhin sein mögen, auf launenhafte, unmotivirte Angewöhnungen, vor
+allem auf alles, was den Charakter der #Verwöhnung# trägt, verzichten
+zu können, aber es ist #nicht# Pflicht, #nicht# in der Ordnung, sich
+gegen die Wasch- und Wasserfrage in allen ihren Stadien, in gleicher
+Weise gleichgültig zu stellen. Es giebt freilich, und dies ist nicht
+ironisch gemeint, einen äußersten Erhabenheits-Standpunkt, wo auch
+#dies# wieder als ein Aeußerliches und Gleichgültiges abfällt, wie die
+Geschichte der Märtyrer und der Heiligen lehrt, aber mit diesem Maße
+hat der moderne Mensch nicht Anspruch gemessen zu werden. Für uns
+liegen die Dinge so, daß mit dem Gefühl des äußerlichen Unsauberseins
+mehr und mehr auch die Vorstellung einer gewissen innerlichen
+Unreinheit über uns kommt, ein Gefühl, das uns gradatim allen Muth und
+alle Zuversicht raubt, und uns schließlich dahin bringt, im tiefsten
+Mißtrauen gegen uns selbst, jede Unbill als etwas Selbstverständliches
+und Wohlverdientes hinzunehmen.
+
+Ich litt hierunter, während der ersten Wochen in Besançon, wie schon
+angedeutet, ziemlich erheblich; worunter ich aber doch noch mehr litt,
+das war, daß auch meinem Geiste alles frische Wasser genommen wurde,
+sich drin zu erlaben; die Berührung mit geistig Ebenbürtigem hörte auf
+und ich verfiel der Phrase, dem Geschwätz, der Trivialität. Es bildete
+sich eine Conversationsform aus, die ich als Greffier-, Schließer- und
+Gensdarmen-Unterhaltung bezeichnen möchte, eine unsagbar schreckliche
+Form geistigen Verkehrs, immer dasselbe, so daß ich zuletzt genau
+berechnen konnte: »jetzt kommt das«. Der Wiederkäuungsprozeß erreichte
+Grade, daß man sich das Leben hätte wegwünschen mögen. Das Aufsagen
+meines auswendig gelernten Spruches von: »Reise auf den
+Kriegsschauplatz, Anwesenheit in Toul und Verhaftung in Domremy«, weil
+es sich hierbei um #Tatsächliches# handelte, um Realitäten, die Niemand
+besser kannte, als ich, war dabei lange nicht das Schlimmste. Das
+Schlimmste war die Conjectural-Strategie und die in den Wolken
+schwebende hohe Politik, die ich ≈nolens volens≈ treiben mußte! Fragen,
+über die sich Generalstab und Cabinet bis diese Stunde den Kopf
+zerbrechen, hatte ich längst gelöst. Ich ließ beständig Armeen
+marschiren, diese Armeen immer neue Curven und Schleifen bilden,
+hunderttausende von Franzosen wurden bald hier, bald dort
+gefangengenommen und nur drei Generale ließ ich als widerstandsfähig
+und selbst gefahrdrohend für uns gelten, die alten Wintergenerale:
+Dezember, Januar und Februar. So viel als Stratege. Meine
+eigentlichsten Unthaten verübte ich aber doch als Taschen-Bismarck. Ich
+schrieb die Waffenstillstands-Paragraphen, entwarf Präliminarien,
+setzte den Tag des Friedens-Abschlusses auf 24 Stunden ganz genau fest
+und zog die künftige Grenzlinie zwischen Frankreich und Deutschland mit
+einer Sicherheit, die nur durch meine genaue Berechnung der
+Kriegskosten übertroffen wurde. Ich habe (sonst gewissenhaft und
+beinahe peinlich in Sachen der Unterhaltung) während dieser
+Gefängnißwochen wahre Berge von Schwatzsünden auf mein Haupt geladen
+und muß dennoch schließlich mich selber wieder dahin rechtfertigen, daß
+ich nicht gut anders konnte, wenn ich nicht durch kühle Reservirtheit
+alle Wohlgeneigtheit meiner Machthaber einbüßen wollte. Ich hatte
+beständig ein Gefühl der Scham und des Unwürdigen, das in diesem
+Auftischen vager, fundamentloser Hypothesen und willkürlicher
+Redensarten lag, und dennoch
+
+ ... war es Sünde,
+ So es noch einmal vor mir stünde,
+ Ich thät es wieder, thät es doch.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+»≈Comme officier supérieur.≈«
+
+
+
+
+1. Von Besançon bis Lyon.
+
+ An der duftverlornen Gränze
+ Jener Berge tanzen hold
+ Abendwolken ihre Tänze.
+
+ * * *
+
+ Trübe wirds, die Wolken jagen
+ Und der Regen niederbricht.
+ Lenau.
+
+
+Die letzten dreimal 24 Stunden meiner Gefangenschaft in Besançon
+hatten, wie zu Eingang des vorigen Kapitels bereits bemerkt, ein
+heitereres Kleid getragen als die vorausgehenden Wochen, freundlichere
+Tage bereiteten sich für mich vor, wenngleich ich, in demselben Moment,
+in dem sie begonnen, die bis dahin immer noch gehegte Hoffnung auf das
+Bourgautsche »≈renvoyé dans votre pays≈« zu Grabe tragen mußte. Meine
+#Freisprechung# erfolgte, aber nicht meine #Freilassung#. Ich habe bei
+diesen Vorgängen noch einen Augenblick zu verweilen.
+
+Am 15. Tage meiner Gefangenschaft erschien der Citadell-Kommandant,
+mein besonderer Freund und Fürsprecher, in der großen Kasematten-Halle,
+um mir mitzutheilen, daß sich das Kriegsgericht inzwischen von der
+Wahrheit meiner Aussagen, will also sagen von meiner vollständigen
+Unschuld, überzeugt habe. Der General indessen sei nichts destoweniger
+der Ansicht, daß ich als Kriegsgefangener im Lande verbleiben müsse.
+Wie aus meinem Notizbuche, meinen Papieren und meinen eigenen Angaben
+hervorgehe, sei ich nicht nur mit vielen preußischen Offizieren
+bekannt, sondern habe auch »militairische Augen«, denen die Zustände
+und Vorgänge im Lande, die Befestigungen und Truppenbewegungen nicht
+entgangen sein würden. Darauf hin sei es unmöglich, mich in meine
+Heimath zu entlassen; ich würde vielmehr, mit einer Anzahl badischer
+Gefangener, nach der Insel Oléron im atlantischen Ocean transportirt
+werden.
+
+So freundlich diese Worte gesprochen wurden, so trafen sie mich doch
+zunächst sehr hart. Ich hatte mich eben immer noch mit Illusionen
+getragen. Der Kommandant nahm dies wahr und gütigen Sinnes fuhr er
+fort: »ich bin im Uebrigen erfreut, die böse Nachricht, die ich Ihnen
+bringen mußte, durch eine gute einigermaßen balanciren zu können. Se.
+Eminenz der Cardinal hat sich für Sie verwandt. Sie werden in Folge
+dieser Verwendung als ≈officier supérieur≈ angesehen und bei ihrem
+Eintreffen auf ≈île Oléron≈ einer relativen Freiheit theilhaftig
+werden; Sie werden sich auf der Insel ungehindert bewegen können. Die
+Bevölkerung der Westdepartements, besonders der Inseln, ist
+liebenswürdig, gastfrei, human. Ich werde Ihnen zudem eine Empfehlung
+an einen Freund und Verwandten mitgeben. Ihre Abreise wird sich noch
+einige Tage hinausschieben; bis dahin aber werden Sie bereits all der
+Vorrechte theilhaftig sein, die Ihnen von diesem Augenblick an
+zuständig sind. ≈Mr. le Principal≈ (dies war die euphemistische
+Bezeichnung für den Greffier) wird das Weitere veranlassen.« Ich
+dankte; ein Soldat nahm mein Bündel und, unter Händeschütteln von
+meinen Mitgefangenen Abschied nehmend, übersiedelte ich nunmehr
+unverzüglich in das, auf einem anderen Citadellhofe gelegene,
+aristokratische Viertel.
+
+Ich blieb hier noch drei und einen halben Tag. Das Leben gewann wieder
+Reiz; ich konnte schreiben, Zeitungen lesen, mich sammeln, ungestört
+meinen Gedanken nachhängen. Es waren glückliche Tage. Meine besondere
+Freude war der Kommandant, dem ich, wie schon erwähnt, von Anfang an so
+viele Freundlichkeit zu verdanken gehabt hatte. »≈He took a fancy for
+me.≈« Freilich hatte ich für diese Freundlichkeit auch meinerseits
+schwer zu zahlen, denn eine Nachmittagsconversation, die nie unter zwei
+Stunden, einmal aber volle #vier# Stunden dauerte, war eine Anstrengung
+für mich, an die ich mit einem leisen Schauder zurückdenke. Es trat
+dabei schließlich, mal für mal, ein Zustand völliger Erschöpfung ein,
+in dem ich schon längst nicht mehr einen Gedanken, aber zuletzt auch
+kein einzig Wort mehr finden konnte. Wie immer dem sei, es war
+wohlgemeint, und ich befand mich genau in einer Lage, in der mir das
+Wohlwollen eines Menschen, noch dazu eines Vorgesetzten, #Alles#
+bedeuten mußte.
+
+Am 29. Oktober, drei und eine halbe Woche nach meiner Gefangennehmung
+in Domremy, wurde ich in meine eigentliche Kriegsgefangenschaft, »≈far
+in the West≈« abgeführt. Die Reise quer durchs Land, so lehrreich, so
+anregend, so bedeutungsvoll sie war, war doch ein neues Schreckniß. Wer
+als Kriegsgefangener durch Frankreich geschleppt worden ist, weiß, was
+das sagen will. Die Begegnungen und Erlebnisse auf dieser zehntägigen
+Reise gebe ich nun in diesem zweiten Abschnitt.
+
+Sechs Uhr früh (am 29.) traten wir auf dem Hofe an, außer mir noch 5
+kriegsgefangene Badenser. Im Geschwindschritt ging es den Berg
+hinunter, an Jesuitenkirche und Kommandantur vorbei, auf den Bahnhof
+hinaus. Die Bevölkerung ließ uns ruhig ziehen. Der Nebel fiel fast wie
+ein Regen.
+
+Von Besançon bis Lyon werden noch nah an 30 Meilen sein. Die Landschaft
+bot anfangs nichts Besonderes, nur wo wir Flüsse zu passiren hatten,
+zeigten sich Bilder von eigenthümlichem Reiz. An den Ufern hin, oft auf
+Landzungen, die sich bis in die Mitte des Stroms erstreckten, erhoben
+sich schloßartige Gehöfte mit Rundthurm und Spitzdach; hohe
+italienische Pappeln, die alle noch ihr herbstlich gelbes Laub trugen,
+bildeten die Avenuen oder standen in Gruppen um das Gehöft umher; es
+berührte mich, als wäre ich all diesem auf Gallerien, in breitem
+goldenen Rahmen schon mal begegnet.
+
+So ging es 15 oder 20 Meilen weit. Da änderte sich das Bild. Wir hatten
+die Jura-Kette blau und duftig zur Linken, nach rechts hin dehnte sich
+ein Flachland, eine fruchtbare Niederung, von Waldstreifen und kleinen
+Höhenzügen coulissenartig durchzogen. Am fernen Horizont, nach eben
+dieser Seite hin, hing der gelbglühende Ball der Sonne und lieh allem
+ein entzückendes Licht; es war als sähe man eine der weitgedehnten
+Veduten Claude Lorrains. Dann kam eine große Stadt, #Bourg# (Hauptort
+im Departement Ain), dessen berühmte Kirche Brou, mit den reichen
+Mausoleen des Hauses Savoyen, umblitzt vom Wiederschein der sich
+neigenden Sonne, an dem nach Osten hin wolkengrauen Himmel stand.
+
+Von Bourg traten wir ersichtlich in eine mehr südliche Landschaft ein.
+Namentlich die Architektur, das Aussehen der Dörfer, gewann einen
+abweichenden Charakter, alle Gothik hörte auf und das Flachdach, die
+italienische Vigne, wurde allgemein.
+
+Zwischen 4 und 5 gelangten wir in den Bereich der Rhone. Alles Land war
+überschwemmt, Häuser und Bäume wuchsen wie aus einem großen See heraus,
+bis wir in der Dämmerstunde die aufgeworfenen Erdbefestigungen und bald
+darauf auch den ersten, weit vorgeschobenen Bahnhof Lyons erreichten.
+Als wir in der #zweiten# Bahnhofshalle hielten, war es dunkel; dazu
+regnete es. Dies galt immer als ein Glück. Es war gleichbedeutend mit
+Wegfall jeder Volks-Escorte.
+
+Vom Bahnhofe aus ging es zunächst eine Steintreppe hinauf; damit hatten
+wir das Niveau der Stadt gewonnen, die in gedämpftem, flackerndem
+Lichterglanze vor uns lag. Wir passirten eine Rhonebrücke (so schien es
+mir wenigstens), tausend Gasflammen warfen hüben und drüben ihren
+Schein in den breiten Strom, einige erleuchtete Pfeiler, wie
+Wahrzeichen für die Schiffahrt, schienen daraus hervorzuragen. Dann kam
+ein großer Platz; nach links hin schimmerte ein Standbild halb
+nebelhaft, und in einiger Entfernung an ihm vorbei marschirten wir in
+eine der langen Straßen hinein, die von verschiedenen Seiten her auf
+den Platz mündeten. Nach 10 Minuten hielten wir vor dem Gefängniß,
+pochten und traten in den Hof.
+
+Es goß jetzt in Strömen. Die Gensdarmen und einige unliebsame
+Gestalten, die trotz ihrer Uniformen stark an 1793 erinnerten, sprachen
+lebhaft hin und her; endlich wurde ich aufgefordert, einzutreten. Die
+armen Badenser wollten folgen, aber man stieß sie unter Geschrei in den
+Hof zurück. Ich erachtete jetzt den Augenblick für gekommen, ein
+Schreiben vorzuzeigen, das mir, kurz vor meinem Aufbruch von Besançon,
+unterschrieben und untersiegelt eingehändigt worden war, und so zu
+sagen meine französische Ernennung zum »≈officier supérieur≈«, zugleich
+die Aufforderung an alle Militair- und Civilbehörden enthielt, »mir die
+meinem Range schuldigen Ehren« (»≈dû à mon rang≈«), zu erweisen. Das
+Papier wurde gelesen; der diensttuende Sergeant indeß, ein frecher,
+verlebter, verliederter Kerl, hatte wenig Lust, Notiz davon zu nehmen
+und erklärte, es sei unmöglich. Inzwischen waren andere Beamte
+erschienen, unter ihnen der eigentliche »≈gardien-chef≈«, ein geborner
+Pariser, an dem nichts auszusetzen war, als daß er für seine Stellung
+zu sanft und zu gebildet sprach. Auch das kann zu einem Fehler werden.
+Man denke sich einen Scharfrichter, der seinem Opfer zuflüstert: »Das
+Leben ist der Güter Höchstes nicht.« Wie immer dem sei, die
+wohlaccentuirte Rede meines neuen »Principal« hat wenigstens das Gute,
+daß Platz für mich geschafft und eine Art »Fremdenstube« zu meiner
+Aufnahme hergerichtet wurde. In diese trat ich jetzt ein. Im ersten
+Augenblick erschrak ich, denn sie war nichts als eine vergrößerte
+Alte-Wäschkiste, auf die ganz und gar die Beschreibung paßte, die
+Falstaff, in den ≈Merry wives of Windsor≈, von einem solchen
+Wirthschaftsstücke entwirft. Eine unglaubliche Lokalität! Bettlaken,
+Strümpfe, Chemisen aller Arten und Grade lagen in den Ecken
+aufgeschichtet, dazwischen halb-erbrochene Bücherkisten, Koffer von
+Seehundsfell, die längst die letzte Borste eingebüßt; an den Riegeln
+aber hingen rothe Militairhosen (letzte Garnitur), verstaubte
+Uniformstücke, ein verrosteter Degen und Spinnweben in langen Fahnen.
+Besonders bedrohlich erschien mir ein großer aufgeplatzter Sack mit
+Kalbshaar, der mitten im Zimmer lag und eine Art Gebirgsstock für alles
+übrige bildete. Einen ähnlich ängstlichen Eindruck machte das Bett,
+aber der ≈gardien-chef≈, der selbst empfinden mochte, wie wenig das
+alles zu den Ansprüchen eines ≈officier supérieur≈ stimmte, half aus
+eigenen Mitteln nach und erschien mit einem brauncarirten Plumeau, mir
+dadurch für meinen Lyoneser Aufenthalt einen Comfort und einen Luxus
+schaffend, den ich während all der Wochen meiner Gefangenschaft, weder
+vorher noch nachher, gehabt habe. ≈Enfin≈ — ich kauerte mich in meinem
+Bett zurecht, zog meinen Körper gerade ausreichend zusammen, um unter
+dem etwas knapp bemessenen Federkissen Platz zu finden und schlief ein,
+während die Spinneweben leise über mir wehten.
+
+
+
+
+2. Lyon.
+
+ Hört ihr’s wimmern hoch vom Thurm?
+ Das ist Sturm.
+
+ * * *
+
+ Nicht daß man in schweigende Nacht mich warf,
+ Macht mir das Herz so schwer,
+ Als daß ich #Dich# nicht hören darf,
+ Mein tief aufdonnerndes Meer.
+ Strachwitz.
+
+
+In aller Frühe war ich wach, machte meine Toilette und sah alsbald eine
+junge Frau, die Besitzerin eines nahe gelegenen Cafés, erscheinen, die
+nach meinen Befehlen fragte. Ich bestellte möglichst viel, da ich nach
+gerade einzusehen begann, daß der ≈officier supérieur≈ sein Patent
+weniger aus dem Portefeuille, als aus dem Portemonnaie zu beweisen habe
+und daß überall räthselvoll-geheime Beziehungen zwischen den
+Gefängniß-Autoritäten und den nahegelegenen Restaurants beständen. Wer
+#diese# für sich hatte, hatte sich alsbald auch die Geneigtheit jener
+erworben: mit Liberalität gelangte man fast bis an die Grenzen der
+Libertät.
+
+Die Freundlichkeit der jungen Frau, die all die Tage über fast immer
+selbst kam und an der fremdländischen Unterhaltungsweise ersichtlich
+ein Gefallen fand, that mir wohl und war jederzeit wie ein Lichtschein,
+der in den grauen Dämmer meines Gefängnisses fiel. Ich sog mir noch
+einen #besondern# Trost daraus, da ich offen bekennen will, die Tage
+meines Aufenthalts in Lyon unter einem beständigen Herzschlagen
+zugebracht zu haben. Ich war durch lange Unterhaltungen, die ich in
+Besançon geführt, noch mehr durch die Lyoner Journale, die ich während
+der letzten Tage auf der Citadelle regelmäßig zu lesen pflegte, über
+die Stimmung der Rhone-Hauptstadt vollkommen aufgeklärt und hatte mit
+allem Fug und Recht das bange Gefühl, mich auf einem Krater zu
+befinden. In Besançon hatten die Obrigkeiten geherrscht, hier herrschte
+bereits die Masse, oder stand doch jeden Augenblick auf dem Punkt, die
+Herrschaft an sich zu reißen. Vor drei Tagen war das Redaktionslokal
+des »≈Salut public≈«, vor fünf Tagen die Wohnung des für
+imperialistisch geltenden Divisions-Generals vom Volke gestürmt worden;
+ich konnte, Angesichts dieser Thatsachen, die Frage nicht los werden:
+»was nun, wenn diese Septembriseurs in die Gefängnisse einbrechen und
+furchtbar Musterung halten?« Hinterher ist über solche Anwandlungen von
+Furcht gut lachen, im Momente selbst aber war die Situation alles
+andere eher als lächerlich.
+
+Es geschah überdies allerhand, das nicht gerade angethan war, das
+fehlende Gefühl der Sicherheit mir wieder zu geben. Verschiedene Leute
+aus der Stadt, vielleicht Freunde des Gefängnißvorstandes, kamen, um
+mit mir zu politisiren; sie waren alle artig, fast verbindlich in ihren
+Formen, aber ersichtlich aufgeregt und zerstreut.
+
+Endlich sollt’ ich erfahren, was die Ursache war: »#Bazaine hatte
+capitulirt#«; die Nachricht drang bis in meine vergitterte Zelle.
+Einige Stunden später ward es mir gegenüber wieder bestritten, aber
+nur, weil man es bestreiten wollte. Ich war übrigens fast eben so
+aufgeregt, wie die Franzosen, die kamen und gingen.
+
+Die letzten Besucher hatten mich eben verlassen und ich suchte es mir
+in einer Art Gartenstuhl, während ich die Füße auf den aufgeplatzten
+Sack mit Kalbshaar stellte, möglichst bequem zu machen, als draußen,
+von den Thürmen der unmittelbar anstoßenden Kathedrale hernieder ein
+Läuten begann, wie ich es all mein Lebtag nicht gehört habe, vielleicht
+auch nicht wieder hören werde. Eine tiefgestimmte Riesenglocke gab alle
+10 Sekunden einen Schlag, eine zweite Glocke, in regelmäßigen
+Schwingungen, rollte klangvoll und gewaltig dazwischen; hinein aber in
+dies großartig ernste und zugleich melodische Concert klang das
+disharmonische Geschrei und Geächz kleiner und allerkleinster Glocken,
+wie wenn in Posaunentöne hinein ein halbes Dutzend Pickelflöten
+kreischt. Es war tiefe Klage, lauter Hilferuf, leises Gewimmer; eine
+unbeschreibliche Angst bemächtigte sich meiner, hörbar schlug mir das
+Herz. Was war es? war ein Feuer ausgebrochen? nein! kein Lichtschein
+röthete den Himmel, keine Wagen und Spritzen rasselten über das
+Pflaster hin; nur ein lautes Geschrei von Menschenstimmen kam die
+Straße herauf, immer näher. Ich war ganz sicher, daß sich ein
+Volksaufstand vorbereite, daß »≈la terreur≈« heranziehe und seine
+Herrschaft proklamire. Was war zu thun? ich sah stumm vor mich hin und
+wartete ab. So ging es eine Viertelstunde, dann war alles wie
+abgeschnitten; die Glocken schwiegen, das Gekreisch draußen war
+vorübergezogen, alles still.
+
+In Fieberhast lief ich alle Möglichkeiten durch, endlich hatt’ ich es:
+der andere Tag (2. November) war #Todtentag#. Dies Glocken-Wehklagen
+hatte den Tag aller Seelen eingeläutet.
+
+Der Allerseelentag verlief ruhig, weniger Geräusch als sonst war
+äußerlich wahrnehmbar; nur im Gefängniß selber belebte sich’s über den
+Alltagsverkehr hinaus. Das machte, sieben norddeutsche Schiffscapitaine
+waren von Marseille her als Gefangene eingetroffen und warteten in
+einem kleinen Büreauzimmer auf den Bescheid des Lyoner
+Divisions-Generals, der über ihren weiteren Verbleib entscheiden
+sollte. Man schwankte zwischen Tours, Clermont und Moulins. Es war um
+die Mittagsstunde, als ich, durch freundliche Vermittlung des
+≈gardien-chef≈, Gelegenheit fand, meinen Landsleuten mich vorzustellen.
+Wir verplauderten eine angenehme halbe Stunde, gegenseitig unsere
+Herzen ausschüttend. Es waren sämmtlich Pommern und Mecklenburger, der
+Mehrzahl nach große, breitschultrige Leute, aber alle von jenem
+sentimalen Zug, dem man bei starken Naturen, namentlich auch bei
+Seeleuten, so oft begegnet. Sie hatten alle etwas Trauriges,
+Verschleiertes im Auge und nur die Wahrnehmung beruhigte mich (sie
+waren eben beim zweiten Frühstück), daß ihr frischer, meerentstiegener
+Appetit unter dieser Stimmung keinen Augenblick gelitten habe. Mehrere
+Limburger Käse, die sie in flachen runden Schachteln, genau so wie man
+Feigen verschickt, mit sich führten, verschwanden im Umsehn. Einer, ein
+Kleiner, mit genirtem Blick, nahm an der allgemeinen Sentimentalität
+nicht Theil; er war offenbar der Klügste und hatte sich, auf mir
+unerklärliche Weise, sogar mit #neuen# deutschen Zeitungen auszurüsten
+gewußt. Vielleicht ein kühner Griff in ein Marseiller Lesecabinet! Als
+die Reihe des Erzählens an mich kam und mein herkömmliches Sprüchel:
+»Toul, Jungfrau von Orleans, Vaucouleurs und Domremy« diesmal in
+deutscher Sprache von mir aufgesagt worden war, fragte der Kleine nach
+meinem Namen. Ich nannte ihn. Er lächelte listig-vertraulich und
+überreichte mir gleich darauf eine neueste, höchstens 5 oder 6 Tage
+alte Nummer der »Hamburger Börsenhalle«, worin ich in einer Berliner
+Correspondez die Geschichte meiner Verhaftung las. Ich kann wohl sagen,
+daß das einen sonderbaren Eindruck auf mich machte.
+
+Wir politisirten auch ein wenig. Das Hauptgespräch drehte sich
+natürlich um die Capitulation von Metz. Ich sagte ihnen, »die Sache
+würde neuerdings wieder bestritten«, worauf der Kleine mir zuflüsterte:
+»wir wissen nur zu gut, daß es wahr ist; wir haben es, so zu sagen, an
+uns selber erfahren. Die Nachricht war noch keine 2 Stunden in
+Marseille bekannt, als wir von Oran her landeten und durch die Stadt
+mußten. An diesen Marsch will ich denken. Die Aufregung war furchtbar;
+das Hafenvolk drohte uns, drängte sich an uns, warf mit Steinen, neben
+uns her aber, in dichten Colonnen, zogen die Mobil- und Nationalgarden
+und trugen große schwarze Fahnen, zum Zeichen der Trauer. Wir waren
+froh, als wir unter Dach und Fach waren.«
+
+Einer der Capitaine, ein großer, schöner Mann, mit einem langen
+schwarzen Sappeurbarte, war nicht nur verheirathet, sondern hatte auch
+seine kleine blonde Frau, eine Rostockerin, mit auf die Fahrt genommen;
+eine »Hochzeitsreise nach Konstantinopel« in glücklicher Mischung des
+Nützlichen mit dem Angenehmen. Die Frau regierte natürlich, und zwar
+nicht nur #ihren# Mann, sondern auch die sechs andern, was bei der
+besondern Stellung, die sie einnahm, keinen Augenblick zu verwundern
+war. Sie sprach ein leidliches Französisch, machte deshalb den
+Interpreten und focht für die #Gesammtheit# alle Kämpfe siegreich
+durch. Ihr Ehegespons war ihr eigentlich nur »beigegeben«. Dies hatte
+seine gute Seite, aber doch auch seine schlimme. Ueberall wo die 7
+Capitaine eintrafen, wurden 6 in’s Militairgefängniß abgeführt, der
+siebente aber, der junge Gemahl, folgte seiner Frau in das beste Hotel
+der Stadt und bezog Zimmer mit ihr. Er war ihr ≈ad latus≈. Dies, um es
+zu wiederholen, hatte unzweifelhaft sein Angenehmes, aber ebenso wenig
+ließ sich verkennen, daß der so Bevorzugte seiner Königin gegenüber
+einer gewissen hofstaatlichen Abhängigkeit bereits völlig verfallen
+war. Er wußte es übrigens selbst und trug es mit ritterlichem Anstand.
+
+Wir trennten uns, nachdem wir einen gemeinschaftlichen ≈Café noir≈
+eingenommen hatten, der, in richtiger Rollenvertheilung, meinerseits
+aus Kaffee und Cognac, seitens der Capitaine aus Cognac und Kaffee
+hergerichtet worden war.
+
+Unter allen Gefangenen, mit denen ich durch Monate hin in Berührung
+gekommen bin, waren die Schiffscapitaine (diese wie andere, denen ich
+später begegnete) immer die behäbigsten, die am besten situirten, und
+dennoch flößten sie mir stets eine ganz besondere Theilnahme ein. Dies
+mochte darin seinen Grund haben, daß jeden Einzelnen sein Schicksal
+völlig unvorbereitet, wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen
+hatte. Selbst #ich#, bei aller Friedfertigkeit meines Berufs, war doch
+immerhin mit dem Bewußtsein in Frankreich eingerückt, daß eben Krieg
+sei und daß ich die Chancen und Gefahren des Krieges bis zu einem
+gewissen Grade zu theilen haben werde. Anders diese Capitaine. Sie
+hatten in tiefem Frieden ihren heimatlichen Hafen verlassen, in tiefem
+Frieden Gibraltar und die Dardanellen passirt, und sahen sich, ohne die
+geringste Kenntniß von dem, was sich inzwischen in der Welt zugetragen
+hatte, plötzlich unter Breitseiten genommen und fortgeführt. Man kann
+sagen, sie waren noch eher Kriegs#gefangene#, als sie vom Kriege selber
+wußten.
+
+Noch am Abend des Allerseelentages theilte mir mein ≈gardien-chef≈ mit,
+daß ich am andern Morgen weiter escortirt werden würde, wahrscheinlich
+nach Moulins. Er lud mich zugleich ein, ihn auf eine halbe Stunde in
+seiner Wohnung zu besuchen. Ich folgte der Einladung und erfuhr die
+Auszeichnung, daß mir zu Ehren eine große papperne Kathedrale, die von
+einem Zellengefangenen angefertigt worden war, durch ein kleines
+Wachslicht erleuchtet wurde. Ich bewunderte alles, verbreitete mich
+ausführlicher über Architekturformen, Wachslichte und Isolirhaft und
+nahm dann Abschied von meinem freundlichen Wirth und Chef.
+
+Ich kroch zum letzten Male unter das Plumeau und schlief wie in meinen
+besten Tagen.
+
+
+
+
+3. Moulins.
+
+ Was ist das?! Deutlich (nur getrübt
+ Vom Dunst der hin und wieder schiebt)
+ Ein Tisch, ein Licht, in Thurmes Mitten,
+ Und nun, nun kömmt es hergeschritten,
+ Ganz wie ein Schatten an der Wand,
+ Es hebt den Arm, es regt die Hand, —
+ Nun ist es an den Tisch geglitten.
+ Annette Droste-Hülshoff.
+
+
+Sieben Uhr am andern Morgen nach Moulins. Die Stadt (Lyon) war noch
+ziemlich still; auf dem großen Platze, an dessen einer Seite unsere
+Straße mündete, sah ich jetzt das Reiterbild des ersten Kaisers im
+Morgenlichte aufragen; an der Stelle aber, wo ich bei meiner Ankunft
+tausend im Wasser sich spiegelnde Lichter gesehen zu haben glaubte,
+exercirte jetzt eine ganze Brigade Mobilgarde in breiten Zugfronten;
+was mir bei Dunkel und niederfallendem Regen als das Bett der Rhone
+erschienen war, war eine breite, mit Bäumen und Obelisken besetzte
+Esplanade. Man achtete unserer wenig; einige Hälse drehten und reckten
+sich nach uns, ein paar Minuten später hatten wir unsere Plätze im
+Coupé eingenommen.
+
+Das Land war ziemlich reizlos auf viele Meilen hin. Ich begann schon
+die Ursache davon in mir selber zu suchen und einfach anzunehmen, daß
+das Auge des Gefangenen todt sei für die Schönheiten der Natur, als ich
+plötzlich, etwa an der Grenze des Departements Allier, gewahr wurde,
+daß es doch an der Landschaft und nicht an mir selber gelegen haben
+müsse. Wir traten mehr und mehr in ein entzückendes Stück Natur ein,
+das ich vielleicht am besten als das »Land um Vichy« bezeichne, denn an
+diesem berühmten Brunnen- und Badeort kamen wir auf Entfernung von
+wenigen Stunden vorüber.
+
+Ich muß die Scenerie dieses Departements Allier, die mir ganz
+eigenthümlich zu sein schien, näher zu beschreiben suchen. Alle
+Landschaft, die ich bis dahin in Frankreich gesehen hatte, in
+Lothringen, Champagne, Franche Comté, war durch wenige Linien
+wiederzugeben: weite Höhenzüge und weite Thäler dazwischen. Eine
+Landschaft derart entbehrt nicht eines gewissen großen Stils, aber
+immer wiederkehrend, immer in derselben Weise mit Wein oder Laubholz
+besetzt, wirkt sie zuletzt monoton und giebt sich — weil alles große
+Flächen bietet, selbst die Berghänge — um vieles öder, trister, als sie
+in Wahrheit ist. Hier plötzlich nun traten wir in ein Gebiet ein, das
+sich vorgesetzt zu haben schien, diese bisherigen Eindrücke alle auf
+einen Schlag zu balanciren. Die Hügel schoben und #drängten# sich so
+#dicht# aneinander, als wären sie aus einer Riesenspielzeugschachtel
+genommen, während sie in Zahl und Form mich beständig an die endlosen
+Kuppen und Kegel des historischen Dreiecks zwischen Main und Tauber
+erinnerten. Aber diese #Gedrängtheit# der Landschaft war doch nur
+#eine# Seite derselben; schöner und charakteristischer noch berührte
+mich der tiefe, flußdurchschlängelte Wiesengrund, der sich um jeden
+Hügel sorglich herumlegte und diesen, wie mit Bewußtsein, zu einer
+kleinen Berginsel gestaltete. Dazu hatte alles einen satten,
+#braungrünen# Ton, der mich mehr als einmal an Ruysdael erinnerte, von
+dem ich noch 4 Wochen vorher einiges Treffliche in Nancy gesehen hatte.
+
+Bei St. Marie des Fosses war ein längerer Aufenthalt; wahrscheinlich
+die Station, von wo aus in ruhigen Zeiten die Diligencen und
+Journalieren nach Vichy hinüberfahren; riesige, halb abgerissene
+Affichen deuteten darauf hin. Eine Stunde später fuhren wir in den
+Bahnhof des Bischöflichen Moulins ein.
+
+Ein Bischofssitz! das war eins. Vor allem aber heimelte der Name mich
+an; was konnte reizender klingen als #Moulins#. Ich stellte es mir vor
+als von Wind- und Wassermühlen umgeben, die einen still und lauschig,
+die andern rasch und plauderhaft, und dazwischen eine Bevölkerung von
+Klosterschülern und Mühlknappen, die einen schwarz, die andern weiß,
+aber alle gleichmäßig heiter, ihr Leben theilend zwischen Singen und
+Angeln. Nie war eine Vorstellung falscher gewesen.
+
+Schon auf dem Bahnhofe (es war 4 Uhr Nachmittags) wurden wir umringt.
+Der Weg führte durch eine Vorstadt, die zu gutem Theile aus dem
+Stadtpark und ähnlichen Anlagen bestand; hier, auf zahllosen Bänken,
+war die Kindermuhme und ihr Anhang zu Hause, hier tobte der Gamin statt
+des erwarteten stillen Klosterschülers, und ehe 5 Minuten um waren,
+hatten wir ein Gefolge, das nach Hunderten zählte. Allerhand Blaukittel
+gesellten sich hinzu, drohende Worte aussprechend, und während wir
+sonst daran gewöhnt waren, unsere Gensdarmen das neugierig andrängende
+Volk bei Seite schieben zu sehen, zeigten sie hier eine unverkennbare
+Verlegenheit und ließen den tobenden Menschenhaufen gewähren. So ging
+es in die Stadt hinein, ein paar steile Gassen hinan, dann hatten wir
+die Straßenfront des Gefängnisses, ein Stück Mauer mit einem
+eingebauten Conciergenhaus, erreicht. Unter Gezische und den üblichen
+Schmeichelworten verschwanden wir in dem niedrigen Portal.
+
+Hier war kaum Aufenthalt. Wir traten alsbald auf einen Hof hinaus, der
+von verschiedenen Baulichkeiten, kreuz und quer und hoch und niedrig,
+umstellt war und warteten unseres Looses. Der
+Gensdarmerie-Wachtmeister, dem ich meine mehrerwähnte »Bestallung«
+schon vorher überreicht hatte, machte inzwischen vor dem
+Büreau-Personal meinen Anwalt; einer der Herren zuckte verlegen die
+Achseln, kam mir aber bis zur Schwelle entgegen und bat mich
+einzutreten. Ich folgte. Es zog auf dem Hofe empfindlich; nichts
+destoweniger wär’ ich lieber draußen geblieben, so stickig war die Luft
+des kleinen Zimmers, in dessen einer Ecke ich Platz nahm. Ein eiserner
+Ofen, gegen dessen ganzes Geschlecht ich eine Todfeindschaft
+unterhalte, stand glühend in der Mitte und das Kohlengas legte sich wie
+betäubend um meine Sinne. Ich wurde aber mit Gewalt aus diesem Zustand
+gerissen; ein elegant gekleideter Herr, stark, kurzhalsig, das Bild des
+Apoplektikus, erschien in der Thür und trat auf mich zu. Er musterte
+mich; das Kinn saß ihm in einem türkisch geblümten Shawl, das bekannte
+rothe Band blühte im Knopfloch; so entspann sich folgende knappe
+Unterhaltung:
+
+≈Vous êtes arrêté?≈
+
+≈Oui.≈
+
+≈Où donc?≈
+
+≈A Domremy.≈
+
+≈Comme espion?≈
+
+≈Oui.≈
+
+≈Que vous êtes?!≈
+
+Ich hatte nicht Geistesgegenwart genug, einfach zu schweigen, sondern
+lehnte diese Bezeichnung kurz ab. Dies war offenbar ein Fehler.
+Indessen man ist klüger, wenn man vom Rathhause kommt. Die Unterredung
+selbst habe ich hierher gesetzt, weil sie die #einzige# Insolenz ist,
+der ich während der ganzen Zeit meiner Gefangenschaft ausgesetzt
+gewesen bin. Ich hatte viel zu ertragen, auf noch mehr zu verzichten,
+aber nach #dieser# Seite hin wurde ich geschont.
+
+Inzwischen hatten die Beamten, denen mein Patent wieder viel Sorge
+gemacht hatte, über mich »befunden« und waren schlüssig geworden, daß
+ich, in meiner Eigenschaft als »≈officier supérieur≈«, in der
+Infirmerie des Hauses untergebracht werden solle. Man entschuldigte
+sich einigermaßen, daß man nichts Besseres habe; das ganze Gefängniß
+sei ein alter Donjon der Grafen von Bourbon; sehr mittelalterlich, eine
+Art »Bastille«. »≈Tout-à-fait dans le style #avant# 1793≈«, setzte der
+Eine lächelnd hinzu.
+
+Wir stiegen nun eine Art Wendeltreppe hinauf, wie sie alle alten Thürme
+haben, geriethen auf einen holprigen Steinflur, der von der Seite her
+durch ein kleines rundes Thürfenster ein spärliches Licht erhielt, und
+tappten nun auf eben diese Lichtstelle zu. Es war die »Infirmerie«. Der
+Schließer schob einen Riegel zurück und wir traten ein. Ich konnte im
+ersten Augenblick, bei dem Dunkel, das auch #hier# noch vorherrschte,
+nur wahrnehmen, daß wir uns in einem ungewöhnlich großen Raum befanden;
+ob Saal, Halle, oder Kornboden war zunächst nicht zu unterscheiden.
+Schreck und Heiterkeit wechselten in meiner Stimmung; alles war
+gespenstisch und lächerlich zugleich. E. T. A. Hoffmann hätte hier eine
+glückliche Stunde feiern können. Auch in mir überwog bald ein gewisses
+poetisches Interesse jede andere Regung. Der Schließer führte mich an
+einen Bettstand, der für mich hergerichtet worden war, legte mein
+Gepäck zu Füßen und wünschte mir gute Nacht.
+
+Ich setzte mich neben mein Bündel auf die Eisenkante des Bettes, um
+zunächst einige Orientirung zu gewinnen. Dies dauerte auch nicht lange.
+Es war eine mächtige, quadratische Halle, in der ich mich befand, mit
+tiefen Fensternischen und zahlreichen Bettständen; alle mit dem
+Kopfende der Wand zu. Mitten durch den Raum, nach Art einer Brücke, war
+ein großer Bogen gespannt, der ein zweites Stock trug. Unter diesem
+Bogen, genau im Centrum des Ganzen, stand ein flacher Kochofen, aus
+dessen drei Löchern ein Lichtschein aufstieg, derselbe, der uns, als
+wir noch draußen umhertappten, den Weg hierher gezeigt hatte. Jetzt sah
+ich, bei eben diesem Schimmer, daß drei vermummte Gestalten um den Ofen
+her saßen. Mitunter, wenn einer der drei mit einem Schüreisen in die
+Gluth fuhr, wurd’ es auf einen Moment etwas heller und ich konnte dann
+erkennen, daß es blutjunge Leute waren, die hier fröstelnd und
+zusammengekauert sich an der spärlichen Gluth zu wärmen suchten. Ich
+trat jetzt an sie heran. Einer erhob sich, um mir seinen Stuhl
+anzubieten, was ich auch annahm. Ich versuchte nun eine Conversation;
+die Antworten blieben aber einsilbig, bis aus einer Ecke am Fenster her
+endlich meine Unterhaltungsversuche aufgenommen und ich verbindlich
+eingeladen wurde, »doch mehr ins Licht zu rücken«.
+
+Dies hätt’ ich nun wohl gleich bei meinem Eintreten gethan, wenn die
+Ecke am Fenster damals schon eine Lichtecke gewesen wäre; sie war es
+aber erst während der letzten Minute geworden, wo, nach mehreren
+gescheiterten Versuchen, eine Art Küchenlampe glücklich in Brand
+gesetzt worden war. Ich dankte jetzt dem Sprecher zunächst und rückte
+dann in den Lichtkreis ein, der einen Durchmesser von 4 Schritt haben
+mochte; alles andere lag nach wie vor in Dämmer.
+
+Ich befand mich nunmehr in dem Westend der Infirmerie, in dem
+»aristokratischen Viertel«, das, wie ich bald erfahren sollte,
+ausschließlich aus den beiden »≈cuisiniers≈« des Gefängnisses bestand.
+Im ersten Augenblicke wußte ich nicht, ob sie Haus-Beamte oder
+Mitgefangene wären, doch ließen ihre eigenen Mittheilungen mich nicht
+lange in Zweifel darüber. Mein- und Dein-Fragen, falsche Wechsel,
+unmotivirte Schwüre, so schien es mir, hatten sie hierher geführt. Es
+war ein Junger und ein Alter. Der #Junge# war Koch von Fach, hatte in
+Homburg, Aachen, Baden-Baden die große Schule durchgemacht und peinigte
+mich durch lange Schilderungen des Koch- und Bade-Lebens, die er mit
+Fistelstimme und einer unheimlich geschraubten Begeisterung vortrug.
+Gemüthlicher war der #Alte#. Er war über sechszig, trug eine Brille mit
+ungewöhnlich großen Gläsern und war seines Zeichens ein lateinischer
+Sprachlehrer aus Moulins. Seit Jahr und Tag kochte er nun als
+Auxiliar-cuisinier die Gefangenensuppe und behandelte den Wechsel der
+Dinge ≈en philosophe≈. Dabei republikanisirte er scharf. Ich mußte
+immer an »Vater Karbe« denken. Den Verdacht, daß er eigentlich ein
+verkleidetes altes Weib sei, was das Gespenstische steigerte, bin ich
+übrigens nie ganz los geworden. Doch mag das auf sich beruhn.
+
+Dieser Alte dirigirte nun die Infirmerie. Er hatte Streichhölzer, Salz,
+zwei Handtücher und ähnliche Luxusartikel; sein eigentliches Ansehn
+beruhte aber doch auf seiner »Bibliothek« und vor allem auf jener
+Küchenlampe, die ich ihn eben hatte anzünden sehen. Diese Lampe wurde
+denn auch von ihm selber, wie von allen Mitgefangenen gehegt und
+gepflegt; alles putzte an ihr herum, um sie hübsch blank zu erhalten,
+und rührend war es geradezu, mit welcher Liebe und Zartheit ihr
+defekter Cylinder behandelt wurde. Anderthalb Stunden lang, wie ich
+mich am andern Tage überzeugen konnte, drehte sich alles um ihn. Der
+Cylinder (ein sogenannter Bauchcylinder) hatte nämlich außer den ihm
+rechtmäßig zustehenden zwei Löchern oben und unten, noch zwei
+Seitenlöcher gerade an der Bauchstelle und diese Havarie immer wieder
+auszubessern war die Aufgabe aller Insassen der Infirmerie, besonders
+der beiden Cuisiniers. Es wurden zwei Stückchen Papier geschnitten von
+der Größe einer Kartoffelscheibe und am Rande hin mit angefeuchteten
+Oblatenschnitzeln besetzt. Dies kunstvoll hergerichtete Pflaster wurde
+dann auf die große Wunde gelegt, der gestörte Luftzug war nun wieder
+hergestellt und alles drängte sich an den Tisch, um das abermals
+gelungene Werk zu begrüßen. So war es am zweiten Tag.
+
+Auch gleich der erste Abend, trotzdem alles schon geschehen war, ließ
+mich noch Einblick gewinnen in eine »Reparatur«. Der Alte, der (schon
+von Metier wegen) an Klassizität meinem ≈penseur libre≈ in Besançon
+wenig nachstand, unterhielt mich eingängig noch eine halbe Stunde; dann
+ging ich zu Bett. Am Fenster brannte das Lämpchen und hatte seinen
+Lichtkreis. In diesem Lichtkreis saß der lateinische Lehrer und
+Auxiliar-Koch und las in Rabou’s »≈La grande Armée≈«. Weißhaarig, die
+große Brille auf der großen Nase, sah er aus wie eine Eule. In dem
+weiten Rest des Zimmers herrschte Dämmerung. Das Feuer in dem Kochofen
+wurde immer kleiner; wenn einer der drei Umsitzenden aufstand und auf
+und ab schritt, tanzten riesige Schatten an Wand und Decke hin. Es war
+wie die Laterna magica in Kindertagen. Das Getrappel über uns, wo
+Gefangene auf und ab liefen, um sich zu erwärmen, hörte endlich auf;
+alles wurde still. Nur die Cylinderlampe brannte dankbar die Nacht
+hindurch.
+
+Als ich aufstand, waren die Cuisiniers nicht mehr zugegen; der
+Küchendienst hatte sie bereits abgerufen. Statt ihrer machten sich
+jetzt die Drei, die am Abend vorher beim Kochofen so tapfer ausgehalten
+hatten, im Zimmer zu schaffen, wuschen, fegten, lüfteten und beeilten
+sich, mir meine Wünsche zu erfüllen, mein Leben erträglich zu machen.
+Ich ließ Wein und Cognac kommen, und half dadurch ihrem Eifer nach. Sie
+versicherten sämmtlich, daß ihre Krankheit (wir waren ja in einer
+»Infirmerie«) darunter nicht leiden würde. Der eine, ein Luxemburger,
+hatte die Gelbsucht. Ich lasse dahin gestellt sein, ob der Hausarzt
+später die Zustände gerade #dieses# Patienten verbessert gefunden hat.
+
+Um 10 Uhr war ich so weit, mich, ein Buch in der Hand, in eine der
+großen Fensternischen setzen zu können. Diese Nischen hatten über 7 Fuß
+Tiefe. Zu Füßen des alten Donjon lag Moulins, jetzt so schön und
+lachend, wie ich es mir vordem gedacht hatte. Um die goldenen Spitzen
+seiner Cathedrale spielte das Frühlicht und durch den Schimmer hin
+flogen die Tauben.
+
+Ich begann zu blättern. Es war das Buch, das der Alte bis spät in die
+Nacht hinein emsig studirt hatte: »≈La grande Armée≈«. Ich las 50
+Seiten: das Lager bei Boulogne, die Capitulation von Ulm, Austerlitz,
+zuletzt Jena, — nach diesem hatte ich genug; ich war verstimmt. Und ich
+glaube mit Grund. »Solche Bücher,« sagt’ ich mir, »schreibst Du selbst.
+Sind sie #ebenso#, so taugen sie nichts. Die bloße Verherrlichung des
+Militairischen, ohne sittlichen Inhalt und großen Zweck, ist
+widerlich.« Damit klappte ich das Buch zu und sah wieder auf die
+Cathedrale hinüber.
+
+Dann machte ich meinen Spaziergang von Thür zu Fenster und von Fenster
+zu Thür, bis um Mittag die ersehnte Nachricht kam, »morgen früh weiter
+ins Land hinein«.
+
+Wohin, wußte Niemand.
+
+
+
+
+4. Gueret.
+
+ Der König, der nie stirbt, soll aus der Welt
+ Verschwinden? der dem Schwachen beisteht,
+ Der den #Neid# nicht kennet, denn er ist der Größte!
+ (Jungfrau von Orleans.)
+
+
+Nach meiner Berechnung mußte die Weiterreise auf #Tours# gehen, also
+nach dem Sitz der »provisorischen Regierung«. Ich wünschte dies, und
+hatte bereits eine Anrede an den Minister Cremieux fertig, der dann,
+dacht’ ich, seinem Collegen Gambetta ein paar Worte zuflüstern und nach
+zustimmendem Kopfnicken dieses letztern, meine Freilassung anordnen
+würde. All dies scheiterte aber vorweg an #einer# unerbittlichen
+Thatsache: es ging #nicht# auf Tours. Die nächste Etappe hieß #Gueret#.
+
+Die Fahrt dorthin war insoweit eine höchst angenehme, als das
+Landschaftsbild, das ich zum Beginn des vorigen Kapitels zu beschreiben
+versucht habe, sich fortsetzte. Dicht in einander geschobene Berg- und
+Hügelpartien, schmale Wiesengründe, Wasserläufe, dazwischen Tunnel,
+Brücken, Viadukte, die Kuppen und Abhänge mit Kastanien, Nußbaum und
+den verschiedensten Obstarten, aber #nicht# mit Weingeländen besetzt, —
+so ging es durch diese schönen, aber verhältnißmäßig wenig fruchtbaren
+Landschaften hin, die den Namen des Departements »≈La Creuze≈« führen.
+
+Am Mittag schon, bald nach 1 Uhr, trafen wir in Gueret ein. »Ein
+freundliches Städtchen«, hatten uns die Gensdarmen gesagt, die ihrer
+Sache selbst so sicher waren, daß sie die Karabiner, die mir immer mehr
+fürs Volk als für uns da zu sein schienen, auf dem Bahnhof ließen, also
+uns nahezu unbewaffnet in die Stadt begleiteten. Diese steckte reizend
+in den Bergen; hier und dort wuchs ein Thurm, eine Esse über die
+Pappeln hinaus und graue Rauchwolken lagen wie schwebend, fast
+unbeweglich, in der stillen, regenschweren Luft. Wir passirten eine
+Plantage, einzelne Gehöfte, Niemand zeigte sich; mit dem Eintreten in
+die Stadt aber gestaltete sich das Bild wie immer. Hunderte von Jungen,
+die in dem scheinbar menschenleeren Ort wie Pilze aus der Erde wuchsen,
+umdrängten uns im Nu, alte Weiber, von denen jedes einzelne in eine
+beliebige Macbeth-Aufführung ohne die geringste Kostüm-Veränderung
+hätte eintreten können, erschienen in allen Thüren und unter dem
+Geschrei: Bismaarck, Bismaarck (immer mit langgezogenem a) verschwanden
+wir endlich im Gefängnißthore. Ich muß übrigens hinzufügen, daß das
+Ganze doch mehr den Charakter einer Volksbelustigung hatte. Gueret
+bezeichnete in dieser Beziehung die Grenze. Von da ab wurde es immer
+besser, bis zuletzt, auf dem Küstenstriche des Westens, jeder Beisatz
+von Verbissenheit aufhörte.
+
+Das »Büreau« des Gefängnisses bestand aus drei Personen, aus dem
+Schließer, dem ≈gardien-chef≈ und der Frau dieses letzteren, einer
+großen braunäugigen Person von etwa sechsunddreißig, die nach der Art,
+wie sie uns musterte, eine Vergangenheit haben mußte. Selbst mit einer
+Lücke neben dem einen Augenzahn wußte sie geschickt zu kokettiren; sie
+gehörte eben zu denen, denen #alles# dienen muß, die oberen und die
+unteren Mächte. Ihr Beistand schien mir gewichtig. Ich machte einen
+Versuch, mich ihrer zu versichern, doch hatte sie Verstand und
+Erfahrung genug, um einen jungen Badenser mit Vollbart und rothen
+Backen vorzuziehen.
+
+Inzwischen war mein vielcitirtes Beglaubigungspapier (»≈comme officier
+supérieur≈«) wieder vorgezeigt worden und schuf hier eine völlige
+Verwirrung. Man wußte offenbar nicht, was man daraus machen sollte. Die
+ganze Scene erinnerte mich lebhaft an die Vorgänge, die sich in kleinen
+Badeörtern mit Filial-Apotheken regelmäßig zu wiederholen pflegen, wenn
+Lehrling, Gehülfe, Prinzipal das aus der großen Stadt kommende Rezept
+nicht entziffern, das neueste Modemittel nicht errathen können und nach
+langem Getuschel und Aufwand einiger Fremdwörter endlich erklären: ein
+solcher Arzneikörper existire nicht. So schien auch der ≈gardien-chef≈
+entschlossen, nicht geradezu die Existenz eines officier supérieur,
+aber doch die Verpflichtung seinerseits bestreiten zu wollen, in
+#seinem# Gefängnisse einen solchen unterzubringen. Man kam endlich
+überein, gar nichts zu thun und mir die Initiative zu überlassen.
+
+Wir stiegen nunmehr die Treppe hinauf; ein großer viereckiger Raum
+wurde geöffnet, die Badenser traten ein und man wartete ersichtlich, ob
+ich folgen würde. Ich folgte aber #nicht#. Dies machte einen Eindruck,
+und in rascher Ausnutzung des Moments bat ich jetzt um ein apartes
+Zimmer. Man weigerte sich auch nicht, blieb aber der Rolle treu, Alles
+der historischen Entwickelung zu überlassen, und ließ mich zunächst,
+das Weitere abwartend, in eine nebenangelegene Zelle eintreten. Sie war
+absolut kahl. Ich sagte ruhig: ≈ah, c’est bon; seulement la fourniture
+là, — elle n’est pas très complète≈. Dieser Hohn wirkte; der
+≈gardien-chef≈ lächelte verlegen, und ehe er sich noch besinnen konnte,
+schob ich ein: ≈du feu me paraît indispensable; naturellement je le
+payerai≈. Das war das erlösende Wort und ohne Säumen wurde ich nunmehr
+in ein #drittes# Zimmer geführt, das als Schmuckkästchen der
+Gesammtlokalität zu gelten schien. Es war gewiß auch das beste, was man
+hatte, aber immer noch trist genug. Das Bett bestand aus einem
+Strohsack, der Kamin war ein großes schwarzes Loch und das Geflecht des
+Binsenstuhls hing wie ein Strohwisch nach unten. Es wirkte beinahe
+unheimlicher als der Nachbar-Raum; dennoch hatte ich nach gerade
+Erfahrung genug, um gleich zu erkennen, daß hier die Elemente zur
+Entwickelung gegeben waren. Es kam nur auf die rechte Hand an. Ich
+stellte mich also vor den Schließer hin, versicherte ihm, daß ich einen
+starken Appetit hätte und ihn bitten müsse, mir ein Diner und eine
+Flasche vom besten Wein zu bestellen. Ich fügte einen Frank für seine
+vorläufige Bemühung hinzu. Ersichtlich betroffen, willigte er ein. In
+der Thür rief ich ihn zurück und flüsterte vertraulich: Sie sorgen wohl
+für ein #Feuer# und ein gutes #Bett#. Er versprach Alles. Ich hatte
+meinen Zweck erreicht. Diner und Wein, die mir gleichgültig waren,
+fielen ihm schließlich als gute Prise zu, aber drei wollene Decken sah
+ich sich über die Matratze breiten und im Kamin flackerten und
+prasselten alsbald die großen Scheite von Kastanienholz. Eine Stunde
+später war das Zimmer wie umgewandelt. Ich saß auf dem Stuhl, der sein
+Geflecht wieder gewonnen hatte, wiegte mich hin und her und blickte
+träumend in die immer ruhiger werdende Flamme. Liebe, freundliche
+Gesichter traten mir entgegen; ich sah deutlich die großen klugen Augen
+meines Lieblings; es war mir, als spräch’ es lieb und traut in mein
+Ohr. So saß ich im Gefängniß zu Gueret, schwere Tage hinter mir,
+schwere Tage vor mir, und schrieb Verse in mein Notizbuch.
+
+ O trübe diese Tage nicht,
+ Sie sind der letzte Sonnenschein,
+ Wie lange, und es lischt das Licht
+ Und unser Winter bricht herein.
+
+ Dies ist die Zeit, wo jeder Tag
+ Viel Tage gilt in seinem Werth,
+ Weil man’s nicht mehr erhoffen mag
+ Daß so die Stunde wiederkehrt.
+
+ Die Fluth des Lebens ist dahin,
+ Es ebbt in seinem Stolz und Reiz,
+ Und sieh’, es schleicht in unsern Sinn
+ Ein banger, nie gekannter Geiz;
+
+ Ein süßer Geiz, der Stunden zählt
+ Und jede prüft auf ihren Glanz,
+ O sorge, daß uns keine fehlt
+ Und gönn’ uns jede Stunde #ganz#.
+
+Der andere Morgen war hell und sonnig; aber ein scharfer Wind pfiff.
+Ich mußte trotzdem in den Hof hinunter, um meine Morgentoilette zu
+machen. Es war also immer noch dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in
+den Himmel wuchsen. An einem steinernen Brunnentrog badete ich den
+Oberkörper; eine »≈Brosse à dents≈« und ein geschliffenes Flacon mit
+≈Esprit de Menthe≈ (Souvenirs von Langres her), die ich beide auf den
+breiten Rand des Steintrogs legte, nahmen sich in dieser Umgebung
+ziemlich wunderlich aus.
+
+Etwa um 10 Uhr erhielt ich Besuch, der dann fast bis zum Moment meiner
+Weiterreise keinen Augenblick abriß. Der erste, der erschien, war ein
+Arzt, ein Mann von etwa sechszig, klugen Auges, mit Doktorhut und
+Doktorstock. Er habe gehört, so führte er sich ein, daß ich aus Berlin
+sei; »ob ich den berühmten Professor Wirscho kenne«? Ich stutzte einen
+Augenblick, fand mich aber schnell zurecht und erkannte, daß unser
+Virchow gemeint sei. Das gab nun ein Hin und Her. Er sprach lebhaft und
+voll Verbindlichkeit gegen die Deutschen, deren Wissenschaftlichkeit er
+auf allen Gebieten anerkannte. Auch in der Medizin. Nach so viel
+empfangenem Lob, glaubte ich schließlich auch ein Uebriges thun zu
+müssen und bemerkte, »daß die Pariser Schule wohl ebenbürtig sei«. Dies
+machte indessen gar keinen Eindruck auf ihn, und nur zum Zeichen, daß
+er meine Worte wohl verstanden habe, begann er seinen nächsten Satz mit
+der leichthingeworfenen Bemerkung: »≈naturellement, l’école de Paris
+c’est la première du monde≈« und fuhr dann in seinen
+Auseinandersetzungen, namentlich in einer Parallele zwischen Virchow
+und anderen deutschen Physiologen fort. Es war spezifisch französisch.
+Ich bemerke noch, daß er sich lebhaft nach dem ≈Dr.≈ Jacoby in
+Königsberg erkundigte, der überhaupt, neben Bismarck und Moltke, die in
+ganz Frankreich am meisten besprochene Persönlichkeit war. Jeder kannte
+ihn und Jeder knüpfte Hoffnungen an ihn. Der Ertrinkende greift nach
+einem Strohhalm.
+
+Sehr bald nach dem Doktor erschien der #Vicar#. Ein großer, schöner
+Mann, blond, von den freundlichsten Augen und dem gefälligsten Wesen.
+Ueberhaupt war ich von hier ab in keinem Gefängniß mehr, in dem ich
+nicht den Besuch eines Geistlichen, oft von zweien, empfangen hätte.
+Dies ist eine sehr schöne Sitte. Freilich müssen die Geistlichen danach
+sein. Wenn sie kommen, um einem die Hölle heiß zu machen, oder auch
+nur, um einen Sermon zu halten, steif, langweilig, salbungsvoll, so
+sind sie unerträglich, wenn sie kommen, wie diese französischen
+Aumoniers, so kann kein Herz so roh, so verschlossen, so religionslos
+sein, daß es nicht Freude empfände an so menschlich schönem Zuspruch.
+
+Dieser Vicar war nun von einer ganz besonderen Liebenswürdigkeit, fein,
+klug, unterrichtet. Schade, daß ich erst um eine Stunde später erfuhr,
+wer er eigentlich war; unsere Unterhaltung würde sonst einen noch
+freieren Verlauf genommen haben. Er lenkte nämlich bald ins Politische
+hinüber, verwarf das #Empire# in lebhaften Ausdrücken, ein Bild 20
+jähriger Corruption vor mir entrollend, beleuchtete dann die
+#Republik#, die in Frankreich eigentlich ohne wahren Boden, vielmehr
+abwechselnd ein Schatten oder ein Schrecken sei und versicherte mich
+dann einmal über das andere, daß alles Heil lediglich in
+Wiederanknüpfung an den abgerissenen Faden, lediglich in Legitimismus,
+in #≈Henri-quint≈# zu finden sei; der Orleanismus werde dann #später#
+(durch die Verhältnisse legitim geworden) die große Erbschaft antreten.
+Wie mir das im Ohr klang! Nach dem wüsten Geschrei in Lyon und Moulins
+endlich wieder eine Menschenstimme! Ich fühlte mich wie mir selbst
+zurückgegeben und vergaß fast, daß ich in einem Gefängniß sei. Ich sage
+»fast«. Es wäre besser gewesen, ich hätt’ es #ganz# vergessen; neue
+weitere Aufschlüsse würden der Lohn gewesen sein. Aber ich konnte das
+alles in jenem Augenblick nicht wissen! Neben dem lebhaftesten
+Interesse, mit dem ich folgte, lief doch immer wieder die Frage her:
+Wer ist es, der diese Sprache führt. Will man dich aushorchen? Sollen
+sich neue Verlegenheiten für dich bereiten! So blieb ich vorsichtig,
+abwägend, auf meiner Huth, ich bekämpfte sogar einzelne seiner Sätze,
+Auslassungen über ≈Henri-quint≈, die ich wenigstens #prinzipiell# ohne
+Weiteres hätte unterschreiben müssen. Wie gesagt, ich hätt’ es
+rückhaltlos wagen können. Der junge Vikar, der anderthalb Stunden lang
+die Grundsätze der Legitimität vor mir verfochten hatte, war ein
+Vicomte d’Ussel, ein jüngerer Sohn der gleichnamigen, im Departement la
+Creuze begüterten Grafen-Familie. Der Legitimismus der Familie war
+übrigens kein Geheimniß; ihr Ansehn nur um #so größer#. Der Respekt,
+mit dem ich, noch am andern Tage, ein halbes Dutzend Personen darüber
+sprechen hörte, war sehr unrepublikanisch.
+
+Dem Besuche des Vicars folgte der des Geistlichen selbst, eines Mannes
+von funfzig, heiter wie jener (der Vicomte), aber von ersichtlich
+anderer politischer Richtung. Er kam vorwiegend, um mir mitzutheilen,
+daß er seit 3 Monaten einen Berliner Gast auf seiner Pfarre beherberge:
+den Pater Rouard, Prior des Dominikanerklosters zu Moabit. Bei Ausbruch
+des Krieges habe derselbe Berlin verlassen, um nicht das von
+#Confessions# wegen bereits Erlebte, von #Nationalitäts# wegen noch
+einmal zu erleben. Wie gern hätte ich ihn gesehen! In solchen Momenten
+wiegt nicht das was trennt, sondern nur das, was verbindet. Aber es war
+zu spät. Ehe sich eine Annäherung ermöglichte, waren wir bereits auf
+dem Wege nach Poitiers.
+
+
+
+
+5. Poitiers-Rochefort.
+
+ #Jetter#. #Diese# Kerle sind wie Maschinen,
+ in denen ein Teufel sitzt.
+
+ #Vansen#. Sie sehen nicht aus, als wenn
+ sie so bald Brüderschaft mit uns trinken
+ würden.
+ Egmont.
+
+
+Um 4 Uhr nach Poitiers. Wie schön der Name in meinem Ohre klang! Aber
+seitdem Moulins meine Erwartungen so arg getäuscht hatte, hatt’ ich den
+Muth verloren, meiner alten Neigung zu leben und auf Namen und
+Namensklang zu bauen.
+
+Wir hatten eine stärkere Begleitung als gewöhnlich. Die Folge war, daß
+#ein# Coupé (oder wie es in Frankreich heißt, ein »Compartiment«) für
+die Gesammtheit von Gefangenen und Gensdarmen nicht ausreichte und eine
+Theilung vorgenommen werden mußte. Der »Brigadier« und ich sonderten
+uns aus und bezogen ein Nachbar-Coupé. Dies war zunächst sehr angenehm;
+man hatte freie Bewegung, konnte rechts und links in die Landschaft
+hineinblicken und rechts und links die Stationen mustern. Dazu kam ein
+direktes Angewiesensein auf einen Begleiter, der nach Sprache, Haltung,
+Benehmen eher ein »Brigadier« in #unserem#, als in französischem Sinne
+war. Er hatte etwas Distinguirtes, war leicht, gefällig, unterrichtet,
+dabei ohne alle Renommisterei, weder persönliche noch nationale. Unter
+allen Gensdarmen, die ich in Frankreich kennen gelernt habe (wenigstens
+40 an der Zahl), war er unstreitig der Sanspareil; die ganze Klasse
+verdient es aber, daß ich ihr an dieser Stelle, wo ich ohnehin bald von
+ihr Abschied nehmen werde, eine warme Lobrede halte. Sie waren alle
+gut. Im ersten Moment in der Regel nüchtern, steif, selbst ein wenig
+schroff, kehrten sie nach 10 Minuten regelmäßig die gemüthliche Seite
+heraus, waren mittheilsam, ertrugen Widerspruch, luden mich zu ihrem
+Frühstück ein (was ich auch in der Regel annahm), und erwiesen sich als
+absolut unbestechlich, selbst in Kleinigkeiten. Sie mieden,
+klugerweise, auch den Schein. So oft ich einen Versuch machte, mich am
+Buffet zu revanchiren, meine Anerbietungen wurden stets artig aber
+entschieden abgelehnt. Ich war #ihr# Gast, nicht sie die meinigen. Dazu
+ein wahres Elite-Corps. Große, schöne Männer zwischen dreißig und
+vierzig, vielfach aus den Kürassier-Regimentern, am liebsten aus der
+Artillerie genommen; alles Leute, die in der Krim, in Italien und
+Mexiko mitgefochten hatten, von Algier und Kabylien gar nicht zu
+sprechen. Wenige, die #nicht# die Solferino-Medaille trugen. Alle die
+liebenswürdigen Züge des alten Soldaten waren bei ihnen heimisch; nie
+verstimmt, nie feindselig, immer ein Schutz, immer zu Zuspruch geneigt;
+— dabei (vielleicht ihr hervorstechendster Zug) von einer unsagbaren
+Verachtung gegen die Populace und gegen die Militairspielerei, die sich
+vor ihren Augen breit machte. Möglich, daß sie #später#, als sich die
+aus dem Boden gestampften Armeen mit rühmlicher Bravour in den Tod
+stürzten, eine veränderte Stellung zu dieser Frage einnahmen; im
+Dezember lagen die Dinge anders als im Oktober.
+
+Ich kehre nunmehr zu meinem »Brigadier« zurück. Er erzählte mir viel
+von der Familie des Vicomte d’Ussel, dessen älterer Bruder sein
+Escadronchef gewesen war, lobte die Gesinnung und Noblesse des alten
+Adels und that mir durch die Einfachheit und Leichtigkeit seiner
+Unterhaltung geradezu wohl. Er war auch der einzige, der Verstand und
+Takt genug besaß, sich in große politische Gespräche gar nicht
+einzulassen.
+
+All dies machte die Fahrt nach Poitiers zu einer sehr angenehmen; aber
+sie hatte doch auch ihre unangenehme Seite. Bis dahin immer warm
+zusammengepfercht, mußte hier die freiere Bewegung und die frischere
+Luft mit einer sehr empfindlichen Kälte bezahlt werden, die nur wuchs,
+wenn ich auf die mondbeschienene fast wie in einem dünnen
+Schneeschleier daliegende Landschaft sah. Ich wurde der Schönheit
+dieser Bilder nicht recht froh und segnete die Stunde, als wir endlich
+zwischen 10 und 11 durch die glitzernden Felsmassen hindurchfuhren, auf
+deren Höhe sich Poitiers erhebt. Das allgemeine Frösteln spornte zur
+Eile; im Geschwindschritt ging es, über wohl 100 Steinstufen, die
+Berglehne hinan, bis wir, durch ein Gewirr von Gassen hindurch
+(natürlich völlig unbelästigt) das Gefängniß erreichten.
+
+Es war 11 Uhr; alles schlief. Die verschiedenen Beamten in zum Theil
+fragwürdigen Costümen erschienen staffelförmig, nach dem Grade ihres
+Ranges; der vornehmste zuletzt. Die üblichen Fragen und Schreibereien
+erfolgten rasch; ich bat um ein Kaminzimmer, wurde geschäftsmäßig nach
+der Ausreichendheit meiner Kassenbestände befragt und erhielt das
+Gewünschte ohne Weiteres, nachdem ich die ausreichenden Garantieen
+gegeben hatte. Diese nüchtern-geschäftsmäßige Behandlung, wie immer in
+Geldsachen, war auch hier das beste. Daran muß ich noch, wie vorhin ein
+Lob der französischen Gensdarmerie, so hier ein Lob der französischen
+Beamten knüpfen, so weit ich sie kennen gelernt habe, sowohl hier in
+Poitiers, wie #überhaupt#. Sie waren nämlich nie ärgerlich und gereizt,
+nie #schlechter Laune# und sind mir nach #dieser# Seite hin geradezu
+als ein Muster erschienen. Es spricht sich darin entweder eine gewisse
+#Wohlerzogenheit# oder ein tiefgehender, längst Allgemeingut gewordener
+#humaner Zug#, oder aber drittens eine richtige Vorstellung vom
+#Metier#, von der Beamtenpflicht aus. Wahrscheinlich wirkt alles drei
+zusammen. Alle diese Beamten wurden unseretwegen aus dem ersten Schlaf
+geholt, die Unbequemlichkeit war groß; aber ich habe keine
+unfreundliche Miene, keine gerunzelte Stirn gesehen. Im Gegentheil, man
+war artig und zeigte eine gewisse Theilnahme. Es war #Dienst# und damit
+abgemacht.
+
+Unser Gefängniß zu Poitiers war das besteingerichtete unter allen die
+ich kennen lernte; es hatte etwas von der Opulenz eines großen Bahnhofs
+oder eines Musterkrankenhauses. Am andern Morgen erschien ein
+Mitgefangener, um ein Kohlenfeuer zu machen und überhaupt auf 8 Stunden
+in meinen Dienst zu treten. Es war ein Pariser, ein allerliebster Kerl,
+der sich auf die Kunde hin, »daß ich aus Berlin sei«, zu diesem Dienst
+gemeldet hatte. Wir wurden bald gute Freunde. Er hatte nämlich in
+Constantine, ich glaube ein halbes Jahr lang (von 1864 auf 65)
+Offiziers-Burschendienste beim Ulanen-Lieutenant v. Prittwitz gethan,
+der damals nach Paris kommandirt, auch nach Algier gegangen war, um die
+Kämpfe gegen Kabylien mitzumachen. Von diesem seinem ehemaligen Herrn
+sprach er nun mit der größten Anhänglichkeit, betrachtete jene Wochen
+als die beste Zeit seines Militärdienstes und schilderte mir in
+lebhaften Farben das Aufsehn, das sein »Lieutenant« gemacht habe, als
+er das erste Mal, in vollem Ulanen-Aufputz durch die Straßen von
+Constantine gegangen sei, um sich dem General zu präsentiren. Ich
+versprach, bei meiner Rückkehr nach Berlin, seinem Herrn von ihm zu
+erzählen. Vielleicht lösen diese Zeilen mein Wort ein. Sein Name war
+Louis Charbault, Voltigeur im 93. Regiment.
+
+Die anderen Begegnungen in Poitiers waren die herkömmlichen, so daß ich
+— und um so lebhafter, als der schlechtziehende Kamin meine Zelle mehr
+und mehr mit Kohlengas zu füllen begann — mit wahrer Freude die
+Nachricht begrüßte: um 4 Uhr nach #Rochefort#. Die Fahrt war der vom
+Tage vorher sehr ähnlich, nur mit dem einen Unterschiede, daß wir
+diesmal wieder »gekeilt in drangvoll fürchterliche Enge« saßen, was
+ich, als das kleinere von zwei Uebeln, freudig willkommen hieß. Um 11
+Uhr Ankunft. Rochefort ist noch 2 Meilen von der Küste entfernt, aber
+die Fluth dringt bis hierher vor und macht es zu einer Seestadt. An den
+Brücken, am Bollwerk hin, lagen Briggs und Dreimaster; ihr Raaen- und
+Spierenwerk schimmerte phantastisch im Mondenlicht. Im Gefängniß
+wiederholten sich die Scenen vom Tage zuvor. Es war bitterkalt. Der
+Schließer, trotz später Stunde, brachte mir noch ein Abendbrot, das aus
+Landwein, großen Birnen und einigen Nüssen bestand. Gut gemeint, aber
+wenig geeignet mich zu erwärmen. Ich wickelte mich in mein Reiseplaid,
+ganz dicht und fest wie man ein Kind wickelt, und schob mich vorsichtig
+unter die Decken, aus meinem Ueberzieher gleichzeitig eine Art Koppel
+aufbauend, die sich über Brust und Kopf wölbte. So schlief ich endlich
+ein, träumend von Schneestürmen, und daß ich am Wege eingeschlafen und
+erfroren sei.
+
+
+
+
+6. Marennes.
+
+ Es rauscht kein Wald, mit hartem Schrei
+ Nur fliegt die Wandergans vorbei,
+ Am Strande weht das Gras.
+ Th. Storm.
+
+ Gebt uns ein Lied!
+ »Wenn ihr begehrt, die Menge.«
+ Nur auch ein #nagelneues# Stück.
+ Faust.
+
+
+Bedrückend, wie der Traum, war das Erwachen. Bleiern lag es um meine
+Stirn; als ich mich erheben wollte, fiel ich kraftlos zurück, das
+Gespenst des Nervenfiebers stand vor mir. Wer einmal das Heraufziehen
+dieses schweren Gewitters an sich beobachtet hat, behält eine
+Erinnerung davon auf Lebenszeit. Ich kam aber drüberhin; wahrscheinlich
+hatte mich der Kohlendampf vom Tage vorher nur betäubt und ließ meinen
+Zustand schlimmer erscheinen als er war. Es war Mittag, als ich in den
+Hof hinunterstieg, um mich in frischer Luft zu erholen.
+
+Ich mochte während dieses Spaziergangs auf alle die mich sahen einen
+ziemlich tristen Eindruck gemacht haben, denn bei meiner Rückkehr in
+den großen Corridor überraschte mich die Meldung, daß ich umquartiert
+worden sei. Der Direktor habe es so angeordnet. Ich ging, um zunächst
+meinen Dank auszusprechen und stieg dann treppauf in meine neue
+Behausung. Es war das Arbeits- und Wohnzimmer des Sohnes (jetzt bei der
+Armee in Paris), das man mir eingeräumt hatte und der langentbehrte
+Anblick des Wohnlichen that mir in diesem Augenblick der Erschöpfung
+und des Kleinmuths unendlich wohl. Der Gesunde kann diese Dinge leicht
+entbehren, dem Kranken sind sie ein Labsal. Ein Schreibtisch, ein
+Bücherbrett, ein paar Bilder, über die Fliesen waren Teppichstreifen
+gelegt; im Kamin brannte ein hohes Feuer, auf dem Sims standen ein paar
+Vasen, dazwischen ein Spiegel. Ich sah hinein. Das erste Mal seit 5
+Wochen! Ich konnte nicht finden, mich verbessert zu haben.
+
+Zu Seiten des Kamins stand ein breiter Stuhl, ein gesticktes Kissen war
+in die Rückenlehne gelegt. Ich suchte unter den Büchern, wählte eine
+»≈Archéologie chrétienne≈« und rückte nun vor das Feuer. Von Notre-Dame
+und der Reimser Kathedrale lesend, vergingen die Stunden; ehe noch der
+Abend kam, war ich genesen. Der Direktor erschien, um nach meinem
+Befinden zu fragen. Wir sprachen von unseren Söhnen, der seine #in#
+Paris, der meine #davor#; die Väter saßen hier friedfertig bei
+einander. Wir kamen auch auf das Gefängnißwesen. »Das Reglement ist
+gut, aber kein Reglement erschöpft alle Fälle und Möglichkeiten; es
+heißt eben auch da: der Buchstabe tödtet, der Geist macht lebendig.«
+Wie sehr empfand ich die Wahrheit alles dessen. Einer solchen ideellen
+Auffassung ihres schweren und wichtigen Berufs bin ich bei den
+französischen Gefängnißvorständen #mehrfach# begegnet. Sie erkannten
+ihre Pflicht darin, zu erheben, nicht niederzudrücken; keine
+Sentimentalität, aber Humanität. Alle diese Männer #empfanden sich als
+Träger einer Aufgabe# und nahmen eine Stellung zu dieser.
+
+Die Insel Oléron, für die wir, meine badischen Mitgefangenen wie ich
+selbst, bestimmt waren, konnte von Rochefort aus zu #Schiff#, die
+Charente hinunter, ohne weitere Zwischenstationen in höchstens vier,
+fünf Stunden erreicht werden; die Behörden zogen es aber vor, uns —
+unter Ausschluß dieses Flußweges — so weit wie möglich den #Land#weg
+machen zu lassen, d. h. also, bis zu einem äußersten, vorspringenden
+Punkte hin, dem dann die Insel auf kaum Kanonenschußferne gegenüber
+liegt. Diese Bevorzugung des Landweges vor dem Wasserwege schuf uns
+noch eine Etappe. Diese Etappe war #Marennes#.
+
+Der Weg von Rochefort bis Marennes betrug wenig über zwei Meilen; es
+war also eine gute Gelegenheit gegeben, unser durch Eisenbahnfahrten
+nur mäßig in Circulation gehaltenes Blut durch einen vierstündigen
+Marsch wieder frisch und umlaufslustig zu machen. Die Nachricht davon
+wurde auch mit allgemeinem Jubel aufgenommen; ich als »≈officier
+supérieur≈« indeß erhielt die Zusicherung eines Wagens, womit ich denn
+auch, trotz aller Wertschätzung energischen Blutumlaufs, schließlich
+sehr einverstanden war.
+
+Um 9 Uhr setzte sich die Colonne in Bewegung. Ich sage absichtlich die
+Colonne, denn wir waren am Tage vorher durch zwölf andere Gefangene,
+meist Matrosen und Schiffsjungen, verstärkt worden und musterten jetzt
+im Ganzen 18 Mann. Es war ein vollständiger Zug. Erst 2 berittene
+Gensdarmen, dann mein Fuhrwerk, dann die Colonne, dann wieder
+Gensdarmen, dann Volk. So ging es bei schönstem Wetter aus Rochefort
+hinaus; die Luft war frisch, aber nicht scharf, die Sonne fiel auf die
+generalsartigen Wachstuchhüte der Gensdarmen und ließ diese hell
+erglänzen. Die Stimmung aller war wie der Morgen.
+
+Ich marschirte eine Viertelmeile mit, weil ich, zunächst wenigstens,
+wie alle anderen das Bedürfniß nach Bewegung hatte, dann nahm ich
+meinen Platz auf dem Gefährte ein. Es war ein zweirädriger Bau, von dem
+ich unentschieden lasse, ob der Verbrecherkarren oder die norwegische
+Carriolpost in ihm vorwog; was das Balancirbrett anging, das dem
+Kutscher und mir als Sitz diente, so war es ganz und gar skandinavisch,
+nur der Skudsjunge fehlte. Statt dessen hatte auf dem rechten
+Brettflügel ein Alter in einem Schafpelz mit langhaariger
+#Ziegenfell#-Pellerine Platz genommen. Dies sah unendlich komisch aus.
+Er plauderte viel, aber sehr geschickt und suchte namentlich alle
+langen Sätze zu vermeiden, ganz ersichtlich, um mir die Conversation zu
+erleichtern.
+
+So ging es fast eine Meile, wo wir in einem großen Dorfe, ich glaube
+St. Agnair, eine erste Rast machten. Die Auberge hatte ganz den
+Charakter einer spanischen Posada; alles war räucherig und geschwärzt,
+ein Hängekessel über dem Feuer, Heiligenbilder, die Weiber alt und
+häßlich, und inmitten dieser Wüstheit ein großes Bauer mit
+Canarienvögeln, deren hellgelbes Gefieder wunderbar kontrastirte mit
+dieser Fülle von Schwarz und Rauch. Ich bestellte Kaffee und gerieth
+beim Anblick einer großen Kaffeemühle, die herbeigeschleppt wurde, in
+solche Freudigkeit, daß ich auf einem Schemel am Feuer Platz nahm und
+energisch zu drehen begann, während in das Gesumm des brodelnden
+Wassers hinein die Scheite knackten und die Canarienvögel sangen.
+
+Nach einer guten halben Stunde ging es weiter, immer in demselben
+Aufzuge. Das landschaftliche Bild aber wurde von hier ab ein völlig
+anderes. Bis St. Agnair hin waren wir durch eine einfache
+Flachlandsgegend gezogen, die ebenso gut auch bei Alt-Landsberg oder
+Jüterbog hätte liegen können; jetzt erst traten wir in ein Terrain ein,
+das diesen Küsten eigentümlich ist, in die »Marais« (Meersümpfe),
+angeschwemmtes, dem Meere entwachsenes Land, das aber immer noch
+zweilebig geblieben ist und in seinem Luch- und Sumpfcharakter nicht
+recht weiß, wozu es sich halten soll. In anderen Gegenden ist dies
+angeschwemmte Land, wie beispielsweise an der schleswig-holsteinischen
+Westküste, ein vorzüglicher, die besten Ernten gebender Boden, hier
+aber erweist er sich als stumpf, lehmarm, unfruchtbar und trägt nur
+eine kümmerliche Kruste, gerade stark genug, um ein mittelmäßiges Gras
+zu produciren und eine ziemlich ausgedehnte Viehzucht zu gestatten.
+Dabei ungesund wie alle Sumpfgegenden.
+
+Die schon mit südlicher Kraft wirkende Sonne an diesem Küstenstriche
+hat es aber doch ermöglicht, in diesen »Marais« eine eigene Industrie
+groß zu ziehen, die nicht nur vielfach die Bevölkerung nährt, sondern
+auch landschaftlich diesen Gegenden einen besondern Stempel aufdrückt.
+Das ist die Seesalzfabrikation. In große flache Teiche wird, mit Hülfe
+der Fluth wenn ich nicht irre, das Seewasser geleitet und durch den
+einfachen Prozeß der Verdunstung auf Seesalz hin bearbeitet. Mit großen
+Krücken, den »≈râbles≈«, werden die Krystalle herausgefischt und dann
+in daneben befindlichen, meist backofenartigen Strohhütten aufbewahrt.
+Auf Meilen hin sieht das Auge nichts wie Wiesen, Teiche und
+Strohdächer. Sehr monoton, aber sehr eigenthümlich.
+
+Nach abermals anderthalb Stunden erreichten wir eine scharfe Biegung
+der Chaussee, die Straße begann ein wenig zu steigen und der Thurm von
+Marennes, eine hohe gothische Spitze, wurde sichtbar. Wir hatten von
+dieser Wegebiegung aus nur noch eine gute halbe Stunde; das belebte
+wieder. Die etwas aus Schritt und Tritt gekommene Colonne ordnete sich,
+die Gensdarmen, die sich nach deutschen Kommandos erkundigt hatten,
+kommandirten unter Lachen: »links, rechts, links, rechts«, und von der
+Front her erscholl jetzt der Ruf: #singen#. Ich drehte mich um und
+nickte ihnen zu, wurde aber in demselben Augenblick von dem bangen
+Gedanken erfaßt: was wird es jetzt geben? was wird gesungen werden?
+Richtig, die Wahl überstieg noch meine kühnsten Erwartungen; ein
+Badenser intonirte: »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten«, und die
+Matrosen fielen sofort heiser und wehmuthsvoll ein: »daß ich so traurig
+bin«. Sie waren aber alles andere eher wie traurig; namentlich der
+eine, ein bildhübscher Kerl, der unserem Steffeck in seinen besten
+Tagen wie ein Zwillingsbruder ähnlich sah, hatte in St. Agnair dem
+»≈vin blanc≈« erheblich zugesprochen und hin und her wankend machte er
+jetzt allerdings den Eindruck einer gewissen Auflösung, aber nicht in
+Schmerz.
+
+Endlich war man mit allen Versen durch, eine kleine Räusperungspause
+trat ein, die uns bis auf 1000 Schritt an die im Mittagslichte hell
+daliegende Stadt führte. Ein Wäldchen, Birken und Eichen, eine sauber
+gehaltene »Plantage«, lag uns bereits zur Rechten und schon begannen
+einzelne Spaziergänger sich unserem Zuge anzuschließen. Das gab neuen
+Künstlermuth, und siehe da, ein alter anhaltiner Marketender, der beim
+Butteraufkauf in der Nähe von Laon von Franctireurs gefangen genommen
+worden war, kommandirte jetzt mitten aus der Colonne heraus: »Die Wacht
+am Rhein.« Ich mußte laut auflachen. Eine auf die größte Dummheit
+gesetzte Prämie hätte keine bessere Wahl zu Stande bringen können. Die
+Colonne war aber so unkritisch wie möglich; ein halbes Dutzend Stimmen
+unterstützten die Forderung, und unter der in jeder Strophe auf’s Neue
+abgegebenen Versicherung, daß »lieb Vaterland ruhig sein könne«, zogen
+wir, hundert Meilen westwärts des Rheins, als #Kriegsgefangene# in
+Marennes ein. Die halbe Stadt hatte sich schon vorher uns zugesellt. Es
+war, wie wenn die Puppenspieler irgendwo einziehen. Ich als Direktor.
+Mein Alter mit der Ziegenfell-Pellerine sah aus wie der Zauberer der
+Gesellschaft. Unzweifelhaft erstes Mitglied.
+
+Das Gefängniß nahm uns auf; Besuche kamen, wir waren weit mehr eine
+Sehenswürdigkeit, als wie Feinde. Der Souspräfekt begrüßte mich; ein
+feiner, blaß und kränklich aussehender Herr, der mich lebhaft an Mr.
+Cialandri, den Souspräfekten in Neufchateau, erinnerte. Was lag alles
+dazwischen! Tod und Leben.
+
+Wir hatten ziemlich freie Bewegung, jede kleine Annehmlichkeit wurde
+gewährt, freilich für Summen, die an’s Lächerliche grenzten. Ich
+bezahlte ein Hammelcotelett wie ein Diner bei Very. Gegen Abend
+erschienen der Maire und sein erster Secretair in meiner Zelle. Es kam
+Licht; die beiden Herren nahmen auf einer Bank Platz, ich auf dem
+Bettrand; so plauderten wir. Sie waren, als #Schäfer verkleidet#, bei
+Sedan von den Preußen gefangen genommen worden und hatten beide auf dem
+Punkte gestanden, ihre Schlachten-Amateurschaft mit dem Leben zu
+bezahlen. Herzog Wilhelm von Mecklenburg hatte sie gerettet und
+freigegeben. Da waren sie nun wieder in Marennes. Als Dritter im Bunde
+saß ich daneben! Meine Amateurschaft für romantische Plätze hatte mich
+auf französischer Seite in dieselbe bedrohliche Situation gebracht. Wir
+tauschten unsere Erlebnisse aus, zugleich unsere Befriedigung
+#darüber#, daß wir es überhaupt noch konnten.
+
+Dann trennten wir uns, der Schließer entschuldigte sich, daß er
+»schließen« müsse; eine halbe Stunde später schloß ich die Augen.
+
+In der Nacht horchte ich auf, ob ich nicht den Wogengang des »Atlantic«
+hörte, dem ich jetzt auf eine halbe Stunde nahe war. Mitunter schien es
+mir, als rausche und grüße es herüber.
+
+Aber es war nur der Wind, der durch den Kamin fuhr.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+≈Ile d’Oléron.≈
+
+
+
+
+1. Die Insel Oléron.
+
+ Auf dem erhöhteren Fels erscheint ein zerfallenes Vorwerk,
+ Mit Schießscharten versehn, sei’s, daß hier immer ein Wachtthurm
+ Ragte, den offnen Strand vor Algiers Flagge zu hüten,
+ Sei’s, daß gegen den Stolz Englands und erfahrene Seekunst
+ Erst in der jüngeren Zeit es erbaut der Napoleonide.
+ Platen.
+
+
+Zwischen den Mündungen der Loire und Gironde, aber mehr in Nähe dieser
+letzteren, buchtet der atlantische Ocean ziemlich tief ins Land hinein
+und schafft hier eine Küstenformation, die eine Landung des Feindes
+begünstigt. Es handelte sich also seit lange darum, das Land an dieser
+verwundbaren Stelle fest zu machen. La Rochelle und Rochefort, die an
+dieser Bucht gelegen sind, wurden Festungen. Dies genügte aber nicht.
+Die #Annäherung# mußte bereits erschwert werden und hierzu boten die
+vorgelegenen Inseln die beste Gelegenheit. Die kleineren wurden ihrem
+ganzen Umfange nach in Forts verwandelt, die größeren wurden mit einem
+Kranz von Werken umgeben. Dieser größeren Inseln waren zwei: Isle Ré
+und Isle d’Oléron, von denen man jene als ein Außenfort von La
+Rochelle, diese von Rochefort ansehen kann. Zwischen beiden, als ein
+Punkt von besonderer Wichtigkeit, liegt noch die kleine Insel Aix. Zu
+allen Zeiten hatte diese Inselgruppe eine Bedeutung in der Geschichte
+des Landes; schon das Mittelalter kannte ein »#Oleronisches# Seerecht«
+(ich glaube das älteste), und was die Befestigungswerke angeht, so
+fügte jede neue Regierung seit den Tagen Ludwigs XIV. das eine oder
+andre hinzu.
+
+Eine ganz besondere Wichtigkeit gewannen diese Inseln während des
+25jährigen Kampfes Englands gegen die Republik und das Empire. Hier
+spielte der letzte Akt des Kaiserreichs. Zwischen Isle Ré und Isle
+d’Oléron, die Ausgänge schließend, lag die englische Escadre unter
+Admiral Hotham, die Auftrag hatte, eine Flucht des Kaisers zur See zu
+hindern; in vorderster Reihe der Bellerophon, Capitain Maitland. Am 3.
+Juli war der Kaiser in Rochefort, am 12. Juli auf Isle d’Aix, wo er am
+14. die berühmt gewordenen Zeilen an den Prinz-Regenten richtete: »≈En
+butte aux factions qui divisent mon pays, et à l’inimitié des plus
+grandes puissances de l’Europe, j’ai consommé ma carrière politique. Je
+viens, comme Thémistocle, m’asseoir sur le foyer du peuple britannique;
+je me mets sous la protection de ses lois, que je réclame de Votre
+Altesse Royale, comme celle du plus puissant, du plus constant, du plus
+généreux de mes ennemis.≈«
+
+Den Tag darauf begab sich der Kaiser an Bord des Bellerophon, um
+Frankreich nicht wiederzusehen. Am 26. Juli lag er auf der Rhede von
+Plymouth, am 16. Oktober, am Jahrestage der Schlacht von Leipzig,
+landete er auf St. Helena.
+
+Seit 1815 wurde die Inselgruppe vor Rochefort und La Rochelle nur immer
+als Detentionsort genannt, zumal während der ununterbrochenen Kriege
+jenes zweiten Kaiserreichs, das sich mit den Worten introducirt hatte,
+der Friede sein zu wollen. Anno 54 und 55 waren Russen, Anno 59
+Oesterreicher hier in Gefangenschaft; im Winter 70 auf 71 machte die
+Insel die Bekanntschaft der Preußen und Bayern.
+
+Isle d’Oléron ist 4½ Quadratmeile groß, also ebenso groß wie Wollin,
+etwas größer wie Fehmarn. Die Bevölkerung, ziemlich zahlreich und
+wohlhabend, hat sich in zwei Städten und vier Dörfern concentrirt. Die
+beiden Städte sind Chateau und St. Pierre. St. Pierre ist um etwas
+größer, steht aber an Bedeutung hinter Chateau zurück. Hier ist die
+Citadelle, hier sind die Forts und Kasernen, hier wohnen die Behörden;
+es ist der beherrschende Punkt, während St. Pierre, als behagliche
+Ackerstadt, inmitten der Insel liegt. Der Boden von Isle d’Oléron
+wechselt zwischen großer Fruchtbarkeit und Sterilität; weite Strecken
+sind Sumpfland wie die Marais zwischen Rochefort und der Küste, und
+hier wie dort hat man diese unfruchtbaren, wenn auch jetzt trocken
+gelegten Sümpfe zur Gewinnung von Seesalz hergerichtet, ganz in der
+Art, wie ich es in dem Kapitel Marennes beschrieben habe. Der ärmste
+Theil der Bevölkerung lebt von dieser Salz-Industrie; andere sind
+Schiffer, Fischer und versorgen den inländischen Markt mit Fischen und
+Austern, von denen sich die letzteren (sie sind grünlich und von einem
+aparten Wohlgeschmack) der besonderen Geneigtheit der Pariser Gourmands
+erfreuen. Die Wohlhabenden auf Isle d’Oléron sind die Ackersleute;
+einige Wenige treiben Handel.
+
+Dies war die Insel, für die wir bestimmt waren, der wir jetzt zufuhren.
+
+
+
+
+2. Ankunft.
+
+ Steige, Insel, aus dem blauen
+ Reinen Wogenbad empor,
+ Hell ist schon die Stadt zu schauen
+ Und das weiße Haus am Thor.
+
+ B. v. Lepel. (Die Wittwe von Capri.)
+
+
+Marennes liegt nicht so unmittelbar am Meere, daß sich von hier aus die
+Ueberfahrt nach der Insel ermöglicht hätte; es bedurfte also noch eines
+kurzen Marsches, um die eigentliche Fährstelle zu erreichen. Diese ist
+ein einzeln stehendes Gehöft, das nach der Seeseite zu einen Quai
+bildet. An diesem Quai liegt das Dampfschiff, das den bescheidenen
+Dienst einer Fähre versieht.
+
+Es regnete, als wir in das Fährhaus eintraten, und so hatten es denn
+die hohen, durchwärmten Räume mit ihren flackernden Feuern
+verhältnißmäßig leicht, einen anheimelnden Eindruck auf uns zu machen.
+Es war aber nicht blos der Gegensatz von draußen und drinnen, der uns
+hier mit einem lebhaften Behagen erfüllte, die Ordnung, die Sauberkeit,
+die Wohlhabenheit, die hier unverkennbar zu Hause waren, trugen das
+Ihrige dazu bei. Inmitten des großen Gastzimmers standen zwei riesige
+Betten von Nußbaumholz mit grünen Decken und Vorhängen von derselben
+Farbe. Das Holz war spiegelblank und gab einen ordentlichen Glanz durch
+das ganze Zimmer hin.
+
+Die Beherrscherin dieser Räume war eine Frau von Mitte siebzig, klein,
+aber mit großen, klugen Augen voll unerloschenen Feuers, unverkennbar
+eine Person, die vor 50 Jahren allen jungen Männern zwischen Marennes
+und Isle d’Oléron die Köpfe verdreht hatte. Sie wählte mich gleich aus
+der Gruppe heraus, um mir in einer liebenswürdigen, kleidsamen und
+ihrem Alter entsprechenden Weise den Hof zu machen. Dabei beherrschten
+ihre Augen mitten im Geplauder den ganzen Haushalt, nichts entging ihr
+und man sah, daß alles ängstlich nach ihr hinüber fragte.
+
+Es ist sehr interessant, derartige Frauen zu beobachten; sie bilden
+eine ganze Gruppe. Von Jugend auf gewöhnt zu gefallen, Aufmerksamkeit
+zu erregen und eine #Macht# auszuüben, bleibt ihnen eine gewisse
+Koketterie (die nach den Jahren sich #modelt#) bis in ihr höchstes
+Alter hinein, während zugleich ihre Siegergewohnheit sich zu jener
+absoluten Herrschergewalt ausbildet, von der die Haushaltungen und ihre
+#nominellen# Vorstände zu erzählen wissen. Diese Alte, die mir mit
+Eleganz, Schelmerei und mütterlichem Wohlwollen den Kaffeetisch
+arrangirte, während ihr Augenzwinkern durch drei Stuben hin dirigirte,
+war ein Musterstück ihrer Gattung. Ein Haus- und Eheherr, den ich in
+Verdacht hätte haben können, der zeitige Bewohner einer jener blanken
+Nußbaumbettstellen zu sein, war nicht sichtbar; — ich vermuthe #längst#
+seinem Geschick erlegen.
+
+Der Regen legte sich, der Dampfer zischte, die Gensdarmen mahnten zum
+Aufbruch; eine Viertelstunde später schwammen wir zwischen Festland und
+Insel; noch zehn Minuten (durch die übliche Unterhaltung, die mich am
+Beobachten hinderte, leider getrübt) und wir lagen an dem Quaderdamm
+von Isle d’Oléron. Im Geschwindschritt, durch Neugierige wenig
+belästigt, ging es auf die Commandantur zu.
+
+Sie lag am andern Ende der Stadt; wir hielten vor einem Gartenzaun,
+über dessen Spitzen allerhand Baum- und Strauchwerk hinüberwuchs; das
+Ganze mehr idyllisch, nach Art einer Pfarrerwohnung, als
+kommandanturhaft-militairisch. So war auch das spalierumhegte Haus, in
+das wir jetzt eintraten. Wir wurden rangirt; ich, in einigem Abstand,
+erhielt den rechten Flügel; es fehlte mir nur noch der Sponton des
+Unteroffiziers. Dann erschien ein freundlicher Herr in Civil mit dem
+üblichen Ponceau im Knopfloch, das aber diesmal eine rothgefärbte
+beinerne Rosette war und aussah wie eine kleine Schachfigur. Der Herr
+selbst war Capitain Forot, Bataillonschef, Kommandant von Isle
+d’Oléron. Er musterte uns, entließ die Colonne und bat mich, ihm in
+sein Zimmer zu folgen. Hier wurde ich den Damen vorgestellt, unter
+denen sich, neben der Frau vom Hause, eine hübsche blonde, eben erst
+verheiratete Elsässerin befand, deren eigentliche, stillschweigend
+verabredete Aufgabe dahin ging, im Verkehr mit den täglich
+eintreffenden Gefangenen den Interpreten zu machen; eine Aufgabe, deren
+sie sich aber nach Möglichkeit entschlug, indem sie, wie mir Capitain
+Forot vertraulich versicherte, ihre Zeit lieber dahin anlegte,
+»Vormittags Briefe zu schreiben und Nachmittags zu weinen.« Er setzte
+hinzu: »So ein Krieg, der in die Flitterwochen fällt, ist allerdings
+das Empörendste, was man sich denken kann.«
+
+Wir plauderten das Uebliche, und der Friede (wie immer) wurde wieder
+auf Tag und Stunde durch mich festgestellt. Inzwischen waren einige
+Flaschen Straßburger Bier erschienen, die junge Elsässerin präsentirte
+das vaterländische Gebräu und ich letzte mich nach 6 Wochen zum ersten
+Male wieder an einer Art Gerstensaft. Es war ein sehr mäßiges Produkt,
+aber, wie immer auch, es war doch #Bier#, hatte etwas von jenem
+nervenstärkenden Bitterstoff, der die Hauptsache bleibt, und so kam es
+mir vor, als ob ich Gesundheit tränke. Capitain Forot ließ bald die
+Politica fallen und ging in den Ton über, der seiner feinen und
+liebenswürdigen Natur der entsprechendste war, in humoristische
+Neckerei. Sein Hauptstichblatt war die junge Blondine mit ihrem
+antecipirten Wittwenschmerz; aber auch ich erhielt meinen Theil und
+mußte mir Scherze über die Gefahren des Romanticismus gefallen lassen.
+Ich that es nur zu gern. Es waren doch wieder verwandte, anheimelnde
+Töne. »≈Enfin≈, so schloß er, ich sehe die Tage heraufziehen, wo Sie
+die Gefangenschaft auf Isle d’Oléron segnen werden; Sie werden einen
+guten Stoff gewinnen und Ihr zukünftiger Biograph einen noch besseren.«
+
+
+
+
+3. Die Citadelle.
+
+ Wir wollen uns den grauen Tag
+ Vergolden, ja vergolden.
+ Th. Storm.
+
+ ≈Thy fire, thy wine,
+ All is mine.≈
+
+
+Inzwischen wurde gemeldet, daß der »Fournisseur« eingetroffen sei, eine
+behäbige Person mit rothblondem Bart und Klapphut, etwas Engländer,
+etwas Hecker-Struve und ganz Fournisseur. Unter seinem Beistand sollte
+eine Wohnung für mich gesucht werden, und zwar auf der »Citadelle«. Wir
+schritten zu Dritt dieser zu, passirten ein Glacis, dann ein paar
+Brücken und Thore und standen nunmehr auf einem Triangel-Hof, dessen
+drei Seiten von eben so vielen kasernenartigen Gebäuden umstellt waren.
+Zwei davon waren bereits mit Gefangenen belegt; die dritte Seite, die
+die Offiziersquartiere enthielt, war noch frei.
+
+Wir traten in diese dritte Seite ein. »Ich muß nun schon ein Uebriges
+für Sie thun«, sagte der Kommandant, »wie könnten Sie Ihre Tage besser
+verbringen, als angesichts des ewigen Meeres!« damit wurde ein Zimmer
+aufgeschlossen, das die prosaische Inschrift trug: »≈No. 7:
+Lieutenant≈«, das aber allerdings durch seine großen Fenster hindurch
+einen entzückenden Blick auf das Meer gestattete. Ich schwankte einen
+Augenblick; dann hatte ich meine Wahl getroffen und erwiderte ihm
+lachend, daß ich nicht gern zum zweiten Male als Opfer des
+Romanticismus fallen möchte; Aussicht sei viel, aber Comfort sei mehr.
+»Nehmen wir ein anderes.« Damit traten wir in einen Nebenraum, der den
+Eindruck machte, als müsse die Heerdplatte hier noch warm sein, als sei
+das »Camp« an dieser Stelle vor wenig Stunden erst abgebrochen.
+Vielleicht war es so. Aber es konnte mich auch hier nicht halten, denn
+die Fensterscheiben, bis zu beträchtlicher Höhe, waren mit lauter, aus
+rothem Papier geschnittenen Teufelchen beklebt, die sich unter einander
+neckten, Gesichter schnitten und unanständige Geberden ausführten.
+Beneidenswerther, der hier in einer Art Mischgattung von
+Höllenbreughels und Struwelpeter sich verewigt hatte! #Meine# Nerven
+wären diesem Anblick nicht gewachsen gewesen, und so schieden wir denn
+auch von diesem Raume. Ein drittes Zimmer »≈No. 9: Capitaine≈«
+entsprach endlich meinen Wünschen; der Kommandant empfahl sich und der
+Fournisseur fing an seine Notizen zu machen. Eine Stunde später wurde
+ein Karren abgeladen; Matratzen, Decken, Gardinen erschienen in buntem
+Durcheinander, sogar eine endlose gelbe Fahne mit einer Grecque-Borte,
+die den Anspruch erhob (er blieb unerfüllt), als Betthimmel installirt
+zu werden.
+
+Beinah gleichzeitig war aus der benachbarten Cantine ein alter, dort
+beschäftigter Invalide bei mir eingetreten, um seine vorläufigen
+Dienste anzubieten. Ich bat ihn, mir Holz und Cognac zu bringen, um
+meinem Frösteln, denn es regnete und stürmte wieder, auf doppeltem Wege
+beikommen zu können. Der Alte lächelte. Ich hätte nichts fordern
+können, das ihm lieber gewesen wäre. Eine Viertelstunde später — ich
+war inzwischen allein geblieben und lief auf und ab, um mich zu
+erwärmen — erschien er mit einer unglaublichen Menge Holz und einer
+Quartflasche ≈Eau de vie≈. Ich kann wohl sagen, daß ich erschrak. Das
+Ganze, in seiner Massenhaftigkeit, hatte etwas, wie wenn sich ein
+Caraiben-Fest vorbereiten solle. Auf viel was Besseres lief es auch
+wirklich nicht hinaus. Das Holz waren gespaltete Eichenrippen eines
+gestrandeten Schiffes, in dem noch die großen rostigen Nägel steckten,
+rostig vom Seewasser und langem Liegen im Regen. Der Alte packte einen
+wahren Scheiterhaufen auf, schob einige Strohwische drunter und
+verschwand mit der Versicherung, »daß es gleich brennen würde«. Es
+brannte auch, aber wie. Große Massen Rauch schlugen in das Zimmer
+hinein; ich begann zu blasen und zu pusten, opferte eine ganze
+Schachtel Streichhölzer; alles umsonst; es blieb ein Schwelfeuer, die
+Augen fingen an zu thränen und ich nahm endlich den Wasserkrug, um
+dieser Herrlichkeit ein Ende zu machen. Mir blieb nichts als der
+Cognac. Ich stürzte ein viertel Glas voll hinunter. Furchtbar. Wer aber
+will dies blinde Vertrauen tadeln.
+
+Nach einer Stunde kam der Alte. Er sah listig genug aus; wenigstens
+schien es mir so. Ich lehnte entrüstet jeden Conversationsversuch ab,
+stellte die grünglasige dicke Bouteille auf den Scheiterhaufen, der
+eigentlich nie gebrannt hatte, und forderte ihn auf, persönlich und
+sachlich zu verschwinden.
+
+Das war es, was er gewollt hatte. Er nickte, packte alles auf seinen
+Arm, steckte die Flasche in seinen weitabstehenden Westenflügel und
+empfahl sich unter den landesüblichen Höflichkeitsformen.
+
+Ich höre noch sein »≈bon soir, Monsieur≈«.
+
+
+
+
+4. Rasumofsky.
+
+ Hier fragt niemand, was Einer glaubt,
+ Was nicht verboten ist, ist erlaubt.
+ Wallensteins Lager.
+
+
+Bequartiert war ich nun; alles war da, nur die oberste Dienstcharge,
+die zu besetzen war, war noch unbesetzt geblieben, — der Bursche fehlte
+noch. Aber auch darüber wurde ich beruhigt. »≈Demain matin≈«.
+
+≈Demain matin≈ kam und beinahe gleichzeitig mit ihm erschien ein
+Hausbeamter, um mir, vorbehaltlich meiner Zustimmung, meinen
+zukünftigen Burschen, den Verwalter meiner Wirtschaft, vorzustellen,
+Max Rasumofsky. Er gefiel mir auf der Stelle; daß er ein schwarzer
+Husar war, besagten die Ueberreste seiner Uniform, daß er ein Pole war,
+entnahm ich seinem Namen, daß er ein Schneider war, ergaben die ersten
+Recherchen. Ich hatte also alles in ihm vereinigt, was man von einem
+Burschen Tüchtiges erwarten kann: Husar, Pole, Schneider. Ich griff zu
+und hatte meine Wahl nicht zu bereuen. Er war, was der militairische
+≈terminus technicus≈ #schneidig# und #findig# nennt. Unschätzbare
+Eigenschaften überhaupt; im Besondern auch hier.
+
+Seine »Schneidigkeit« fiel natürlich in die Zeit #vor# seiner
+Gefangenschaft, und was die Beweise dafür angeht, so bin ich zum besten
+Theile auf seine eigene Berichterstattung angewiesen. Wer aber viele
+Leute hat erzählen hören, weiß bald, ob er Dichtung oder Wahrheit vor
+sich hat. Rasumofsky war als »Spitze« in einen Wald eingeritten, hatte
+Feuer bekommen und den Fehlschuß des nächststehenden Franctireurs mit
+einem Treffer aus seinem Karabiner erwidert, aber dies erste Lächeln
+des Sieges war auch das letzte gewesen. Wie aus einem Bienenkorb
+schwärmten die feindlichen Schützen aus, hundert Kugeln pfiffen um ihn
+her, eine riß ihm den Stiefelhacken weg und schlug klirrend den
+Steigbügel in Stücke, er selbst war ungetroffen und die Möglichkeit der
+Rettung lag noch vor ihm; da traf eine zweite Kugel die Kruppe seines
+Schimmels, Pferd und Reiter stürzten und im nächsten Moment war er
+umringt, gefangen. Ein junger deutsch sprechender Offizier, mit breiter
+rother Schärpe, sprang auf ihn ein: »Warum hast Du geschossen?« »Wozu
+hab’ ich denn meinen Karabiner? Wir kriegen die Waffen, um sie zu
+gebrauchen.« Der Offizier lachte. »Was wird nun aus Dir.« »Nun, ich
+werde todtgeschossen.« »Sei kein Narr; Du bist ein guter Husar und kein
+Haar soll Dir gekrümmt werden.« Die Franctireurs nahmen ihn in die
+Mitte, wickelten die lange Hängetasche um eine ihrer Flinten und
+schleppten den Todtenkopf-Husaren im Triumphe fort.
+
+Wenn mir nun die Schneidigkeit Rasumofskys so gut wie gewiß war, so war
+ich seiner #Findigkeit# ganz und gar sicher. Es war ganz unglaublich,
+was er alles »gefunden« hatte, namentlich in den Tagen, die dem Siege
+von Wörth unmittelbar folgten. Mehrere Spiele Karten, eine
+Straußenfeder, ein schwarzer Schleier mit Goldsternchen, eine Flasche
+Anisette. Diese war das Beste. Ein paar französische
+Generals-Epauletten begleiteten ihn mehrere Tage und bildeten noch in
+Oléron den Lichtpunkt seiner militairischen Erinnerungen, aber er
+brachte es mit ihnen nicht über einen idealen Genuß hinaus, der zuletzt
+zu einer freiwilligen Trennung führte. »Wo haben Sie sie denn
+gelassen?« »Ich habe sie wieder weggeworfen.« Dabei klang nichts von
+Klage oder Betrübniß mit ein; nur die Freude lachte ihm aus den Augen,
+das blanke Spielzeug ’mal besessen zu haben. Das ist die echte
+Findigkeit. Die Freude auch an dem, was man nicht brauchen kann.
+
+Ich wäre aber undankbar, wenn ich Rasumofskys Findigkeit lediglich in
+die Vergangenheit stellen und übersehen wollte, daß dieselbe auch bis
+in die Gegenwart hineinragt. Auch hier noch, unter den erschwerendsten
+Umständen, »findet« er beständig, und zwar in echter Burschentreue
+nicht für sich, sondern #mir# zu Liebe. Es tauchen Schuhbürsten,
+Theelöffel, Lichtscheeren auf, deren Ursprung nachzuforschen ich
+wohlweislich unterlasse; seine eigentlichste Begabung zeigt er aber im
+Anfahren von Holz. Ich habe hierüber längere Unterredungen mit ihm
+gehabt, in denen wir die feinsten Fragen berührt haben. Er hat mir
+schließlich mit siegreicher Beredsamkeit auseinandergesetzt, daß mir
+Holz geliefert werden #müsse#, daß eine bloße Verschwörung existire,
+mich um täglich einen Franken zu bringen, und daß er die Verpflichtung
+habe, diesen im Dunkel wühlenden Mächten entgegen zu arbeiten. Ich habe
+endlich geschwiegen, was er als Zustimmung gedeutet hat. Seitdem
+verfolgt er mit scharfem Auge jede morsche oder durchgetretene Diele,
+das handbreite Loch durch einen raschen Griff um das Doppelte oder
+Dreifache erweiternd; wer will in diesen dunklen Korridoren am Ende
+nachweisen, ob der Schwamm oder die Ratten oder Rasumofsky dem ohnehin
+immer geschäftigen Zahn der Zeit vorgegriffen haben? Die Asche im Kamin
+ist schließlich stumm wie das Grab. Die Dielenausbeute verschwindet
+aber neben dem, was die Fensterladen liefern. Rasumofsky hat nämlich
+entdeckt, daß von den drei Querhölzern, die dem ganzen Fensterladenbau
+erst Halt geben, mindestens eins entbehrt werden könne, und dies eine
+(immer das schrägstehende, weil es das längste ist) ist dem Kamine
+rettungslos verfallen. Wie die Laden selbst sich halten werden, wenn
+erst die großen Stürme kommen, muß abgewartet werden. Vielleicht
+erblüht uns aus ihrem völligen Zusammenbrechen eine neue Ernte.
+
+Es geht ein leiser Zug von Incorrektheit durch unsern gesammten Wandel
+hier, und so kann es nicht überraschen, daß in dem Verhältniß zwischen
+Rasumofsky und mir manches blos auf den Schein gestellt ist. Eine
+gesellschaftliche Lüge, wie so vieles andere! Dieser Schein tritt in
+nichts so hervor wie in der Kleiderreinigungsfrage. Jeden Morgen, wenn
+das Feuer angezündet und das Theewasser in die ersten Kohlen gestellt
+ist, tritt Rasumofsky mit einer gewissen Adrettheit an mein Bett, um
+von der Stuhllehne den Rock, den Ueberzieher, die Beinkleider zu nehmen
+und damit im Flur, wo sich auch wirklich ein großer Kleiderriegel
+befindet, zu verschwinden. In kürzester Zeit ist er wieder da, so daß
+ich mich überzeugt halte, daß er der gesammten Kleiderdreiheit nur eine
+frische Brise und den Anblick der Morgensonne gönnt. Mit komischer
+Sorglichkeit breitet er, bei seinem Wiedererscheinen, die drei
+Kleidungsstücke über dieselbe Lehne aus, von der er sie eben entführte.
+Dies wiederholt sich jeden Tag. Ich war einen Augenblick geneigt,
+dieser Komödie ein Ende zu machen, aber ich habe mich eines Besseren
+besonnen. Es ist ganz gleichgültig hier, ob der Rock blank ist oder
+nicht, aber das #Prinzip# muß gewahrt und die Verpflichtung immer neu
+anerkannt werden. So hat denn das Schauspiel seinen Fortgang. Zwei
+Stunden später ≈mutatis mutandis≈ erlebt es seine Wiederholung. Ich
+werde dann gebeten, eine halbe Stunde spazieren zu gehen, um durch die
+Zimmerreinigungs-Procedur nicht gestört zu werden. Aber auch hier kommt
+es ausschließlich zu einer Lüftung; dann ziehe ich in die alten lieben
+Räume wieder ein. Die Ordnung der Dinge ist inzwischen durch keine
+übergeschäftige Hand gestört worden.
+
+Wir leben gut, einträchtig, friedfertig mit einander, ich theile meine
+Neuigkeiten und meine Mahlzeiten mit ihm, und mein Cognac-Conto bei Mr.
+Vimenet, dem kleinen freundlichen Kaufmann in der Stadt, wird lediglich
+ihm zu Liebe mit immer neuen Francs beschwert; aber all dies hat ihn
+doch nicht veranlassen können, mir eine angemessene #Rang#stufe
+anzuweisen. Er nennt mich »Herr Leutnant«. »Gleich, Herr Leutnant«, »zu
+Befehl, Herr Leutnant«, damit muß ich mich begnügen. Meine Jugend kann
+es nicht sein, die ihn hindert, mich avanciren zu lassen, ja er macht
+nach #dieser# Seite hin völlig entgegengesetzte Bemerkungen, die auch
+wieder weit über das Wünschenswerthe hinausgehen; es muß also irgend wo
+anders fehlen. Ich habe dieser Thatsache gegenüber den einzigen,
+leidigen Trost, daß sich alle Dinge im Leben nach einem
+Ausgleichungsprinzip reguliren, und daß ich, vom Feinde ohne Verdienst
+und Würdigkeit zum ≈Officier supérieur≈ ernannt, in dieser Degradirung
+sich nur ein Gesetz ewiger Gerechtigkeit vollziehen sehe.
+
+In unsern politischen Anschauungen sind wir einig. Sie finden immer
+wieder in dem Satze Ausdruck, daß der Friede unterzeichnet werden
+müsse, damit wir Weihnachten zu Hause sind. Ob dabei Straßburg und Metz
+wieder an Deutschland kommen, oder nur eins von beiden, hat uns noch
+nicht lebhaft beschäftigt, am wenigsten entzweit. Ich habe ihn in
+Verdacht, daß er eine mehr als ruhige Position zu dieser Frage
+einnimmt.
+
+Sei’s drum. Das »Weihnachten zu Hause« steht wohl noch manchem
+Gefangenen und Nichtgefangenen im Vordergrund. Die diesen Egoismus
+abgethan haben und in großem Empfinden über sich selbst hinauswachsen,
+#ihre# Zahl ist klein.
+
+Warum sollte Rasumofsky unter diesen Wenigen sein!
+
+
+
+
+5. Blanche.
+
+ Jung,
+ Auf dem Sprung,
+ Nicht bös,
+ Graziös.
+
+
+Auch ein weibliches Wesen ist um mich her, das in meinem Haushalt die
+Ergänzung zu Rasumofsky bildet. Es ist, um mich in Rückertschen
+Anklängen zu bewegen, eine feine Reine, schlanke Kleine, die ich mit
+Rücksicht auf ihre Erscheinung #Blanche# getauft habe. Sie ist ganz
+weiß und nur auf der Stirne, als Zeichen edelster Abstammung, hat sie
+einen braunen und schwarzen Tigerstreifen. Sie ist noch ganz Kind, ganz
+unbefangen, faßt das Leben von der heiteren und Vergnügungs-Seite auf
+und betrachtet sich selbst als bloßes Ornament des Daseins. Sie kennt
+keine andere Pflicht als die, sich zu putzen und sich streicheln zu
+lassen; sie könnte nach allem eine Engländerin sein. Nur ihrer Grazie
+nach ist sie Französin.
+
+Ich engagirte sie zunächst aus bloßen Nützlichkeitsrücksichten und
+erwartete von ihr, wie jetzt das Modewort lautet, einen »≈guerre
+d’extermination≈« gegen den Erbfeind; aber niemals ist eine Erwartung
+gründlicher getäuscht worden. Sie scheint kaum zu wissen, daß es Feinde
+giebt, geschweige Erbfeinde; sie führt ihren Exterminations-Krieg gegen
+Gardinenkanten, gegen alles, was Puschel oder Quaste heißt; über Nacht
+aber, wenn der Feind seine Vorposten schickt, horcht sie auf, spinnt
+dann einen Augenblick vergnüglich und schläft wieder ein. Dennoch —
+dies Anerkenntniß bin ich ihr schuldig — übt sie einen gewissen
+Einfluß, aber freilich ohne die geringste Ahnung davon; sie wirkt wie
+das #Bild# des Tigers, das die Chinesen, zum Schrecken für den Feind,
+an die Außenwand des Hauses stellen.
+
+Sie ist ganz Spielzeug und ich habe es längst aufgegeben, Ernsteres von
+ihr zu erwarten. Es liegt nicht in ihr. Sie ist mir Schauspiel,
+Augenweide, Circus-Schönheit, im Hoch- und Weitsprung gleich
+ausgezeichnet, und den Tag über an der Klingelschnur zu Hause. Sie
+behandelt dieselbe als Trapez, was sie ungehindert kann, da die
+betreffende, aus Bast geflochtene Corde, das Schicksal der meisten
+ihrer Schwestern theilt, eine bloße höchst fragwürdige Stubendekoration
+zu sein.
+
+Blanche, wie gesagt, ist die Ergänzung zu Rasumofsky; was jener meinem
+Geiste ist, ist diese meinen Sinnen. Wenn ich mit dem erstern, in jener
+Simplicität, die alles Große begleitet, die Tagesangelegenheiten
+behandle, also in rascher Reihenfolge die Fragen stelle: Wie ist das
+Wetter? Was macht Paris? Nichts von Frieden? — so gehört mein #Auge#
+ganz der kleinen Weißen, die wie ein alabasterner Briefbeschwerer auf
+meinem Schreibtisch neben mir liegt. Nun erhebt sie sich, um zwischen
+Uhr, Theetasse und Dintenfaß jene Spaziergänge auszuführen, die eben
+nur jenem Geschlechte möglich sind, dem Blanche angehört. Werde ich
+endlich ungeduldig, so weiß sie diese Ungeduld zu sänftigen. Der Tisch
+hat einen Aufsatz von sechs Fächern, jedes nur so groß, um eine Hand
+hineinzulegen. In alle sechs Fächer duckt sie sich der Reihe nach
+hinein und blickt mich aus dieser Umrahmung schelmisch an. Das sind die
+letzten Mittel, denen nicht zu widerstehen ist.
+
+Um 8 Uhr, nachdem wir unsern Thee genommen, für den sie eine
+distinguirte Vorliebe zeigt, gehen wir zu Bett; sie ist aber noch nicht
+müde und unterhält mich eine Viertelstunde lang durch die wunderbarsten
+Capriolen. Um halb neun endlich, wo abwechselnd ein Trompeter von den
+Schleswiger Husaren und den Garde-Ulanen auf den Kasernenhof tritt, um
+die preußischen Cavallerie-Signale zu blasen, wird Blanche stiller und
+schiebt sich, wie zu einer letzten Liebkosung, an meinen Hals zwischen
+Kopf und Schulter. So vergehen Minuten. Eine Viertelstunde später tritt
+aus dem Kasernenflügel gegenüber ein #französischer# Trompeter auf den
+Hof hinaus und antwortet dem Preußen oder besiegelt den Appell.
+
+Nun weiß Blanche, daß es Zeit ist. Sie erhebt sich summend und spinnend
+und legt sich am Fußende des Bettes auf die vierfach zusammengefaltete
+Reisedecke.
+
+Das Feuer im Kamin erlischt. So schlafen wir bis die Reveille uns
+weckt.
+
+
+
+
+6. ≈Le Rempart.≈
+
+ Schon geht es, buntgeschuppt, in seiner Pracht einher;
+ Dem Goldfisch ist es gleich, dem blitzenden, das #Meer#.
+ Freiligrath.
+
+
+Um 8 Uhr früh, oder wenig später, trat ich allmorgendlich auf den
+Wallgang (»≈le Rempart≈«) hinaus, der sich auf dem 15 Schritt breiten
+Terrain zwischen meiner Kaserne und dem Meere hinzog. Zehn Schritt von
+diesen 15 gehörten einem langen, in zahllose Beete getheilten
+Gartenstreifen an; auf dem 5 Schritt breiten Rest erhob sich der
+»≈Rempart≈« selber. Dieser war nicht ein gewöhnlicher zugeschrägter
+Wall mit Grasdossirung und einem Fußsteig oben, sondern ein aus
+senkrechten Quadern aufgeführtes Mauerwerk, das, wahrscheinlich noch
+aus der Vauban-Zeit stammend, mit Steinbrüstung und ausbuchtenden
+Banknischen zwischen zwei Bastionen hinlief. Die Entfernung zwischen
+diesen, also die ganze Länge des ≈Rempart≈, betrug 150 Schritt. Das
+Bewegungs-Minimum, das ich mir Tag für Tag zum Gesetz gemacht hatte,
+bestand in einem zehnmaligen auf und ab, wodurch ich es auf 3000
+Schritt brachte. Um nicht immer zählen zu müssen, hatte ich mir an
+einem Ende des Ganges zehn weiße Steinchen auf die Brüstung gelegt, von
+denen ich jedesmal eines zu mir steckte, bis ich durch war.
+
+Diese Morgenspazierzüge, denen ich, bei schönem Wetter, noch eine kurze
+Mittags- oder Nachmittags-Promenade folgen ließ, waren meine besondere
+Freude, und ich darf sagen, die schönsten und poetischsten Stunden
+meiner Oléron-Tage auf diesem prächtigen ≈Rempart≈ zugebracht zu haben.
+Je nach der Stunde, zu der ich heraustrat, fand ich Fluth oder Ebbe,
+begrüßte ich das steigende oder das schwindende Meer. War Ebbe, so lag
+der Wasserarm, der unsere Insel vom Festlande trennte, zur Hälfte wie
+eine Sandbank da; die Boote und Luggerschiffe standen wie Spielzeug auf
+dem von Rinnen und Wasserlachen durchzogenen Schlick; über diese
+Schlickfläche hin aber, die Rinnen und Tümpel mit allerhand Bretterwerk
+überbrückend, schritten die Schiffer und Schifferfrauen, ihren Fang
+heimtragend oder zu neuem Fange sich rüstend. Mehr dem Ufer zu,
+unmittelbar zu Füßen des Rempart, trieben die hochbeinigen Strandläufer
+ihr possirliches Spiel; mit weißer Brust und schwarzen Flügeln,
+trippelnd, pfeifend und nahrungsuchend, liefen sie heerdenweise über
+den lehmigen Grund hin.
+
+Das war ein eigenthümliches Bild; aber groß und erhebend war es, wenn
+nun die Fluth unhörbar herankam, immer wachsend, immer steigend, bis
+die erste leise Brandungswelle das Mauerwerk des vorspringenden
+Bastions und eine Minute später den Quadernfuß des zurückgelegenen
+≈Rempart≈ traf. War nun ein grauer Tag, oder kämpften noch die
+Morgennebel mit dem Licht, so zeigte das Meer, das in beständigem
+Kommen und Gehen den Schlick aufrührte, eine gelbe, wenig anmuthende
+Farbe, und die #Schönheit# des Bildes begann erst #jenseit# der
+Wasserfläche, dort wo das Ufer drüben in leiser Windung einen Kranz von
+Dünen und Dörfern und eingestreuten Kirchen flocht; zog aber die Sonne
+siegreich herauf, so begannen nun jene Licht- und Farbenwunder, wie sie
+nur der kennt, der von Stunde zu Stunde dem kaleidoskopischen Spiel des
+Meeres und dem Beleuchtungswechsel seiner Ufer folgt.
+
+Die Landschaft drüben, graublau am Morgen, schimmerte Mittags wie in
+Gold, bis sie bei untergehender Sonne tief in Roth sich tauchte; das
+Meer selber aber, in noch rascherem Changiren, lief alle Töne der
+Farbenskala durch, wenn diese Töne nicht gar (wie auch wohl geschah)
+regenbogenartig #nebeneinander# lagen; chamoisfarben, grasgrün,
+tiefdunkelblau glitzerte dann, wie eine Schlange, die leis sich hebende
+Fluth.
+
+Nicht müde wurde ich dieser Farben und Bilder, und selbst an
+Regentagen, die auch ihren Zauber hatten, versuchte ich es, auf kurze
+Minuten hin, an dieser bevorzugten Stelle auszuhalten; nur die
+#Sturmtage#, an denen im Monat November nicht eben Mangel war, fegten
+mich gewaltsam vom ≈Rempart≈ hinunter, und zwangen mich, meinen
+Morgenspaziergang unten auf dem zehn Schritt breiten Gartenstreifen zu
+machen. Der Sturm heulte dann über mich hin. Aber auch sein bloßes
+Drüberhingehen reichte schon aus, alles was hier unten noch grünte,
+erzittern zu machen. Die letzte Malve, losgerissen vom Stock, schwankte
+hin und her, die gelbe Studentenblume duckte sich noch ängstlicher
+unter die in Samen geschossenen Salatstauden als an andern Tagen, und
+der zarte Duft verspäteter Levkojen verflog unbeachtet in der
+vibrirenden, oft wie vom Donner durchrollten Luft. Die Blumen lebten
+hier Tag um Tag wie Gefangene, aber wenn der Sturm über sie hinfuhr,
+waren sie vollends wie niedergetreten.
+
+Ein Gefangener ist empfindlich gegen solche Eindrücke. Sie los zu
+werden, trat ich dann über die Treppenstufen rasch auf den Rempart
+hinaus. Es wetterte; ich hielt den Hut mit beiden Händen, und der
+Gischt sprang bis über die Brüstung. Aber ich athmete auf und sah nach
+Osten hin, wo mir die Heimath lag und die Freiheit.
+
+
+
+
+7. Mittag.
+
+ Ein Schornstein raucht, der Wind steht her,
+ Ein warmes Dach, was braucht man mehr!
+ Mittag.
+ Scherenberg.
+
+
+Der Vormittag, der dem Morgenspaziergang folgte, gehörte der Arbeit.
+Himmlische Ruhe! Wie leicht, wie behaglich es aus der Feder floß! So
+kam Mittag heran.
+
+Um 12 Uhr präcis klopfte es, und auf mein nach Gutdünken abgegebenes
+»≈Entrez≈« oder »Herein«, erschien Madame la Cantinière, eine
+freundliche, bleichsüchtige Frau, die nach unendlichen Knixen und
+Begrüßungen und unter einem Schwall von Redensarten, aus denen ich mir
+nur die Stichworte aussuchte, meine Hauptmahlzeit servirte. Diese
+führte abwechselnd den Namen Dejeuner oder Diner, ohne daß die
+wechselnde Bezeichnung den geringsten Einfluß auf die Sache selbst
+geübt hätte. Ein Tisch existirte nicht; der Schreibtisch war
+sakrosankt; so blieb denn nur die Kommode, die zum Zeichen ihrer
+Doppelbestimmung, und so zu sagen als »Tischtuch in Permanenz«, eine
+auseinandergefaltete Serviette trug. Einen Wechsel derselben hab ich
+nicht erlebt. Auf diese Unterlage nun stellte Madame la Cantinière das
+zusammengeklappte Tellerpaar, das wie eine große Muschel aussah, aber
+in der Regel einen Kern barg, der, seinem ganzen Gefüge nach, alles
+andere eher war als eine Molluske. An vier Tagen von fünf war es ein
+Stück in die Pfanne geworfenes Rinderfleisch, ein Rundstück, mit
+gedörrten Kartoffeln und Seesalz garnirt, an das ich nun ≈coûte qu’il
+coûte≈ heran mußte. Ich zwang es auch in der Regel, wiewohl ich sagen
+muß, daß es für das, was man mit funfzig Jahren von Zähnen noch übrig
+hat, eine Schule und eine Prüfung war. Die genaue Vertheilung von einem
+Korn Seesalz auf je ein Stück Kartoffel, etwa wie ein Conditor die
+Törtchen mit Kirsche oder Pistazie belegt, gewährte mir dabei eine
+kleine Unterhaltung. Ich machte es sorglich und gewissenhaft, das
+jedesmalige Größenverhältniß wohl abwägend. Dazu trank ich Landwein,
+der einen unglaublich schönen Namen hatte, aber nach dumpfem Faß
+schmeckte und dem ich durch Zucker und Wasser aufzuhelfen suchte.
+
+Was die Arrangements angeht, so darf ich wohl hinzusetzen, daß ich
+meine Mahlzeit nothgedrungen im Stehen einnahm, da die Kommodenkästen
+keinen Stuhl gestatteten und daß ich (man erhält in gewöhnlichen
+Lokalen immer nur eine #Gabel#) dies unvollkommene Besteck durch ein in
+Besançon erobertes Klappmesser vervollständigte, dessen Klinge sich wie
+Blech bog. Wie man es stellte, so stand es.
+
+Dies alles war die gebrechliche Seite des Diners, aber das Dessert
+brachte alles wieder ins Reine. Ich schälte sorglich, nachdem das
+Klappmesser in der Kaminasche einen Läuterungsprozeß durchgemacht
+hatte, eine große Goldreinette, und begann nun, Scheibe auf Scheibe,
+mit immer erneuter Freudigkeit zu genießen, während Blanche mit den
+Schalen spielte und neben mir bereits das Wasser brodelte, das 10
+Minuten später braun und duftig in das von dem Landwein desinfizirte
+Glas floß. Im Schlurfen des geliebten Trankes vergaß ich vieles, und
+vieles stieg lächelnd und grüßend herauf.
+
+Die gebauchte Blechkanne aber, von einfach sinnreicher Construktion,
+aus der mir so viele freundliche Minuten erblühten, ich habe sie als
+Erinnerungsstück mit heimgenommen.
+
+
+
+
+8. Theestunde.
+
+ Den Erzähler indessen umwimmelt es, übers Knie
+ Beide Hände gefaltet in horchender Wißbegier;
+ Roland singt er, er singt das gefabelte Schwert Rinalds.
+ Platen. (Bilder Neapels.)
+
+
+Von sechs bis acht war Theestunde und — Empfang. Man wußte das
+schließlich in der ganzen Kaserne und so hatt’ ich denn meist um diese
+Zeit Besuch. Mitunter drängte es sich, und in diesem Falle war es
+nichts Kleines, mit drei Gläsern und einer Zuckerdüte das leibliche,
+und mit Hülfe einer Unterhaltung, die vom Hundertsten aufs Tausendste
+sprang, das geistige Bedürfniß der Gäste zu bestreiten. Aber dies alles
+geschah doch im Ganzen nur selten, so selten, daß ich beinah glaube, es
+unterblieb aus Rücksicht, und sobald Neu-Ankommende merkten »es ist
+schon Besuch da«, kehrten sie einfach um.
+
+In der Regel kam man zu zweien, so daß wir uns zu Dritt an den Kamin
+setzen konnten; Rasumofsky als dienender Bruder im Hintergrunde. Das
+Hauptpaar waren zwei Einjährige, ein Bayerscher Chevauxlegers, Graf A.,
+und ein Frankfurter Dragoner, eines Großweinhändlers Sohn. Sie waren
+sehr verschieden, aber jeder angenehm und tüchtig in seiner Art. Der
+Dragoner, ein stattlicher Rheinfranke, hatte das Breite, Männliche des
+ganzen Stammes; jener, der Chevauxlegers, war heiter, liebenswürdig,
+und vor allem ganz blond, was mich bei seinem italienischen Namen und
+seiner italienischen Mutter immer am meisten verwunderte. Beide
+sprachen vollkommen französisch[1] und hatten, wie die sprachliche
+Fähigkeit, so auch den moralischen Muth, jederzeit für die Interessen
+ihrer Mitgefangenen einzutreten. Das machte sie natürlich beliebt. Bei
+dem jungen Grafen kam noch hinzu, daß er keine Spur von Standesdünkel
+zeigte; er half, unterstützte, interpretirte, aber in allem Uebrigen
+war er einfacher Reitersmann, wie jeder andere. Es waren sehr
+liebenswürdige junge Männer, fein, rücksichtsvoll, unterrichtet, aber
+eines werden sie mir nicht übel nehmen: sie waren keine brillanten
+Unterhalter, so daß ich mitunter einen schweren Stand hatte. Die
+Conversation begann immer mit den Tagesfragen, die theils ihrer
+Einfachheit, theils ihrer geringen Zahl halber, schnell erledigt waren.
+Der Mensch wird in solchen Zeiten auf einen gewissen Naturstandpunkt
+herabgedrückt; aller Luxus fällt ab; es handelt sich für Vornehm und
+Gering um dieselben Dinge, und so nimmt auch die Unterhaltung
+entsprechende Formen an. Es war kein Unterschied, ob ich mit Rasumofsky
+oder mit diesen beiden feingebildeten Herren sprach; es wurden
+dieselben Fragen gestellt, dieselben Bedenken, Klagen und Hoffnungen
+laut. Es ist begreiflich, daß ein solches Fünf-Minuten-Material für
+anderthalb Stunden nicht ausreichte, die Rede stockte, und da ich kein
+Freund der »Ausschweige-Soiréen« bin, so fiel mir, wie schon
+angedeutet, die nicht leichte Aufgabe zu, wie für den Thee so auch für
+den Unterhaltungsstoff zu sorgen. Alle meine alten Steckenpferde mußten
+aus dem Stall und nie hab ich in Völkerpsychologie und vergleichender
+Stamm- und Racenforschung so geschwelgt, als an meinem Kamine in
+Oléron. Wenn ich dann über die Weltherrschafts-Qualität der
+germanischen Race, über die Nicht-Gefahr des Panslavismus, über die
+Wellenbewegungen im Volksleben, über die eigentlichen und
+uneigentlichen Demokratien meine freien Vorträge gehalten und der Graf
+(darin ganz Graf) mit völligster Ungenirtheit sich ausgegähnt hatte,
+zogen sich gegen acht die beiden Herren zurück und ließen mich mit
+Rasumofsky und eine halbe Stunde später mit Blanche allein.
+
+Diese zwei Volontairs waren die Aristokratie der Gesellschaft. Es kamen
+aber auch andre, gewöhnlich paarweise, ein Preuße und ein Bayer; immer
+beste Freunde.
+
+Das #erste# Paar war Sergeant Polzin von den Schleswigschen Husaren und
+Unteroffizier Vollnhals vom 11. bayrischen Regiment. Sie hatten den
+Ueberfall von Ablis gemeinschaftlich durchgemacht und sich bei jener
+Gelegenheit bewährt und gefunden. Es waren ein paar Typen Norddeutscher
+und Süddeutscher Soldatenschaft. Polzin, wie schon sein Name angiebt,
+ganz Pommer, stammte im dritten oder vierten Gliede aus einer
+Sergeanten-, Gensdarmen- und Steueraufseher-Familie (auch eine Art
+Adel), soldatisches Vollblut nach Abstammung und Trainirung. Wie so
+viele Kinder solcher Beamten war er in #Annaburg# erzogen. Das sind die
+Plätze, die, wie sie aus einer Eigenart heraus entstanden, nun diese
+Eigenart auch weiter fortbilden. »Scharf aber jut«, dahin faßte Polzin
+selber sein Urtheil über diese Militair-Erziehungsanstalt zusammen. Mit
+Vorliebe sprach er vom Jahre 48, wo er, damals zehn Jahre alt, jedesmal
+mit dem Gefühl auf Wache gezogen sei, daß sich die ganze Demokratie der
+Nachbarschaft an seiner kleinen Bajonettspitze brechen werde. Seitdem
+waren viele Jahre ins Land gegangen; er hatte Provinzen und Armeecorps
+gewechselt; jetzt stand er in #Schleswig#. Er war stolz auf sein
+Regiment, aber doch noch stolzer auf #Preußen#. »Diese Schleswiger — so
+sagte er wohl, wenn er ans Fenster trat, und unten seine eignen
+stattlichen Leute in hellblau und weiß über den Kasernenhof
+hinschreiten sah — diese Schleswiger, sehen Sie, ein richtiger Preuße
+is in solchen Kerl nicht ’reinzukriegen; nichts Adrettes, Strammes.
+Aber das muß wahr sein, tapfer sind sie; sie stehen wie die Mauern. So
+recht Kerle auf die man sich verlassen kann. Sie halten aus bis
+zuletzt.« Uebrigens hielt sich Polzin, auch darin alt-preußischen
+Traditionen huldigend, nur selten mit
+#Thee# auf. Die Theestunde war für ihn ein bloßer Name. — Aus ganz
+andrem Holze war Unteroffizier Vollnhals. Diese Bayern, wenn man sie zu
+nehmen versteht und ihren kleinen Schwächen etwas nachsieht, vor allem
+sich nicht über sie erheben will, sind überhaupt entzückend. Von ihrem
+Muth red’ ich nicht erst. Er ist auch in diesem Kriege wieder
+sprüchwörtlich geworden. Neben diesem Muthe aber haben sie noch etwas
+Naives, das den Verkehr mit ihnen sehr angenehm macht. Sie haben alle
+etwas Männliches, individuell Freiheitliches, und sind auf jede Gefahr
+hin widerstandsbereit, wenn man das Letzte in ihnen herausfordert; aber
+#bis dahin# sind sie wie die Kinder und haben vor jeder Potenz des
+Lebens, es sei Amt, Wissen, Vermögen, einen ungeheuchelten Respekt.
+Dies alles trat auch bei meinem Vollnhals hervor. Er wußte recht gut,
+daß er sich bei Ablis wie ein Held geschlagen hatte und erzählte mir
+lächelnd, daß die französischen Offiziere sich unter einander
+angestoßen und sich zugeflüstert hätten »das ist er«, aber bei allem
+Heldenthum und aller naiven Freude darüber, war er bescheiden und
+dankbar für jeden Beweis von Aufmerksamkeit.
+
+Das #zweite# Paar war ein Gefreiter vom 96. Regiment, ein Sachse
+(Altenburger), dessen Namen ich vergessen habe, und Sergeant Genzel von
+den 10. Ulanen. Der Gefreite war ein guter, umgänglicher Mensch, aber
+doch ein wahres Kreuz für mich. Man urtheile selbst. Ich liebe die
+Sachsen, bin dankbar für glückliche Tage und Jahre, die ich unter ihnen
+verlebte und habe vor ihrer Energie, Zähigkeit und
+#Durchschnittsgebildetheit# allen möglichen Respekt; aber in dieser
+letztern Eigenschaft steckt doch auch wiederum ihr Schreckniß. Lebhaft
+und intelligent von Natur, gut erzogen und von Jugend auf mit
+Zeitungslektüre und Kannegießer-Weisheit vollgestopft, treten sie mit
+der größten Ungenirtheit an all und jede Frage heran und wissen ganz
+genau, daß Freiheit der Kirche vom Staat, oder Freiheit der Schule von
+beiden, oder Confessionslosigkeit, oder Kindergärtnerei einzig und
+allein noch die Menschheit retten können. Sie haben immer eine
+≈Revalenta arabica≈ oder einen Hoffschen Malz-Bonbon ≈in petto≈, womit
+alle Schäden der Gesellschaft kurirt werden können. Während es in
+Norddeutschland, namentlich an den Küsten hin, immer noch eine
+Bauernweisheit giebt, giebt es in Sachsen einen allgemeinen
+Winkeladvokatenschnack, der nach unten hin imponirt, nach oben hin aber
+nervös macht. Von diesem Schnack leistete auch mein 96er sein
+vollgewogen Theil. Er hatte in dem Reisebündel eines später
+eingetroffenen Gefangenen ein »Dresdener Journal« vom 27. September
+gefunden und mit Hülfe dieses zwei Monate alten Zeitungsblattes
+terrorisirte er seine Mitgefangenen und löste alle schwebenden Fragen.
+— Desto brillanter war Sergeant Genzel. Er war ein Halberstädter, also
+#auch# sehr gebildet, aber denn doch aus ganz anderem Holze
+#geschnitten.
+Schon physisch. Ein großer, schöner Mann, breitschultrig, bärtig, der
+immer, um Hauptes Länge alle anderen überragend, wie ein Halbgott über
+den Kasernenhof hinschritt. Als ich ihn das erste Mal bei mir sah,
+sprach er wenig und erzählte nur, wie er gefangen nach Orleans
+hineingeschleppt worden sei. »Man warf mit Steinen, man spie vor mir
+aus, und #Damen#, #nicht# Weiber, stürzten auf mich los und hielten
+ihre kleinen weißen Fäuste mir drohend ins Gesicht. Ich schritt ruhig
+weiter, aber in mir dacht’ ich unwillkürlich an unsern unsterblichen
+Schiller und sprach halblaut vor mich hin: #da werden Weiber zu
+Hyänen#.« Dies Citat hatte er wie eine Visitenkarte bei mir abgegeben,
+und ich wußte nun, woran ich war. Er war von der höhern Ordnung. — An
+anderen Abenden, die jenem ersten Besuche folgten, kam er dazu, seine
+Schicksale, seine Gefangennehmung und die Gefechte, die dieselbe
+begleiteten oder ihr vorausgingen, ausführlicher zu erzählen. Er that
+dies ganz wie ein vornehmer Mann und legte in allem was er vortrug den
+Accent immer auf die #Gesinnung#, nicht auf die That. Das bloße
+Todtschlagen imponirte ihm gar nicht, im Gegentheil, alles Massacre
+verletzte nur sein ästhetisches Gefühl. Er hatte einen Einzelkampf mit
+einem Turco gehabt, der in eine Schmiede retirirte und sich hier mit
+außerordentlicher Bravour vertheidigte. Endlich packte ihn Genzel und
+spaltete ihm den Nacken. Aber in seinem Vortrag ging er rasch drüber
+hin. Er liebte es nicht, auch noch seine Erzählungen roth zu färben.
+Wie unser Schicksal übrigens so oft an unsrer Gesinnung hängt, so auch
+bei ihm; — sein chevalereskes Empfinden hatte ihn in Gefangenschaft
+geführt. Ein junger Offizier des Regiments verlor in der Attacke sein
+Pferd. Genzel, verbindlich wie immer, sprang aus dem Sattel und
+präsentirte das seine. Ein Dank, und weiter ging es in den Feind. Aber
+nach fünf Minuten schon riefen die Signale zurück; man war in
+Kartätschfeuer hineingerathen; kehrt, rückwärts! und der mächtige
+Genzel trabte nun zu Fuß nebenher. Endlich verließ ihn die Kraft; unter
+einem Blutsturz brach er zusammen. Er hatte in jener Unglücksstunde wie
+seine Freiheit so auch seine Stimme eingebüßt; er sprach heiser
+seitdem. Man schleppte ihn nach Orleans hinein, Frauen insultirten ihn
+(wie schon erzählt), endlich trat ein Elsässer Offizier an ihn heran
+und rief ihm zu: »wißt Ihr, was wir jetzt mit Euch machen könnten?!«
+»Mit mir machen?« schrie der empörte Genzel, »#gar nichts# könnt Ihr
+mit mir machen; #todtschießen# könnt Ihr mich und dafür will ich Euch
+noch dankbar sein. Geht erst hin und lernt wie man einen anständigen
+Soldaten behandelt.« Das half. Solche Anreden halfen immer. Wer zu
+reden verstand, war durch. Das Wort ist in Frankreich eine größere
+Macht als bei uns.
+
+Das #dritte# Paar, das Abends zum Thee kam, war Unteroffizier #Janeke#
+von den Garde-Ulanen und Sergeant #Heglmaier# vom 6. oder 9.
+Bayerischen Jäger-Bataillon. Doch bin ich der Zahl nicht sicher. Diese
+waren ≈Inséparables≈ geworden, liebten sich schwärmerisch und machten
+beständig Pläne, wie sie sich gegenseitig in München und Potsdam
+besuchen würden. Janeke, persönlich äußerst bescheiden, hatte doch,
+wenn er #Potsdam# nannte und seinem Freunde den großen Springbrunnen in
+Aussicht stellte, ein ungeheures Gefühl von Superiorität, etwa wie wenn
+er in der Lage wäre, den Vorhang von einer neuen Welt wegziehen zu
+können. Heglmaier, ein oberbayrischer, rothblonder Mann, von besondrer
+Gutmüthigkeit, ließ sich das alles gefallen. Er mochte denken: »der
+Preuß ist fünfmal so stark als der Bayer, muß auch Berlin-Potsdam
+fünfmal so schön sein als München.« Vielleicht aber dacht’ er auch gar
+nichts, ja, ich halte dies für das Wahrscheinlichere. Er war nämlich
+ein musikalisches Genie, und neben seiner Liebe zu Unteroffizier Janeke
+füllten nur Virtuosenträume und Concertpassionen seine Seele aus. Ich
+wurde durch eine feierliche Morgenvisite, die mir Janeke noch in den
+letzten Tagen meiner Gefangenschaft machte, in diese Zustände seines
+Freundes eingeweiht. Nach einer Vorrede hieß es: »ich sei mit dem
+Kommandanten so gut wie befreundet; derselbe würde mir gewiß etwas zu
+Gefallen thun. Heglmaier könne es nicht mehr aushalten; ich möchte also
+den Antrag stellen, daß die #Insel Oléron nach einer Zither durchsucht
+würde#. Heglmaier wolle dann ein Concert für die Verwundeten geben.«
+
+So waren die Paare, die sich abwechselnd zum Thee bei mir versammelten.
+Mit herzlichem Vergnügen denke ich an jene Stunden zurück. Sie gönnten
+mir Einblick in das Leben unsres Volks, in seine Kraft und seine Güte.
+
+[1] Unter den Gefangenen, auch schon in Besançon, befanden sich stets
+sehr viele, die französisch sprachen. Dies hatte darin seinen Grund,
+daß die Meisten weggefangene Patrouillen waren und daß zum Patrouillen-
+und Recognoscirungs-Dienst, so lang es sich ermöglichte, immer
+wenigstens
+#ein# Französischsprechender genommen wurde.
+
+
+
+
+9. Regentage.
+
+ Du strebst vergebens des Menschen
+ Schon entschiedenen Hang und seine Neigung zu wenden,
+ Aber bestärken kannst du ihn wohl in seiner Gesinnung.
+ Göthe. (Episteln.)
+
+
+Sturm- und Regentage, und ihrer waren nicht wenige, unterbrachen den
+gewöhnlichen Tagesgang und gehörten vorwiegend der Arbeit und der
+#Lektüre#.
+
+Der Lektüre! Unter gewöhnlichen Verhältnissen freilich hätt’ es
+nothwendig schlecht damit stehen müssen, da ich nichts besaß als ein
+kleines unterwegs aufgekauftes Eisenbahn-Coursbuch und eine drei Jahr
+alte Nummer des Witzblattes »≈La Lune≈«, die ich in einem
+Kommodenkasten leidlich wohlerhalten vorgefunden hatte. Der Leser mag
+sich berechnen, wie weit das reichte. Es hätte aber keinen Kommandanten
+aus Oléron geben müssen, wenn diese Verlegenheit eine dauernde hätte
+sein sollen; — Capitain Forot hatte kaum von meinem Wunsche gehört, als
+auch schon Rasumofsky erschien, um mir, mit Gruß und besten
+Empfehlungen, drei Bücher zu überreichen, ein kleines, ein großes und
+ein #sehr# großes.
+
+Mit dem kleinen wollt’ es nicht gehen. Ich glaube, es hieß »eine Reise
+ins Freie« und schilderte in unangenehm pointirter Sprache eine rasche
+Reihenfolge von Coupé-Aventuren: auflodernde Leidenschaft (natürlich
+immer von unwiderstehlicher Gewalt), intervenirende Gatten,
+≈high-life≈-Duelle, todtgeschossene Grafen etc. Noch ehe ich bis Seite
+100 gekommen war, warf ich das Zeug in die Ecke. Es war mir um einen
+Grad #zu# Französisch.
+
+Ich ging nun an das #große# Buch. Es war das »Memorial von St. Helena«,
+das bekannte Tagebuch des Grafen Las Cases. Ich sage »bekannt«, aber
+freilich wohl den meisten Menschen (wie mir selber) nur dem Namen nach.
+Man muß gefangen sein, um dergleichen nachzuexerciren. Ich las mit dem
+größten Interesse. Gleich die ersten Kapitel (die Einschiffung
+Napoleons auf dem Bellerophon und die vorhergehenden Verhandlungen mit
+dem englischen Capitain Maitland) versetzten mich genau in jene Insel-
+und Städte-Gruppe, innerhalb deren ich mich jetzt befand; Einzelnes,
+was ich auf den ersten Seiten dieses dritten Abschnitts über Oléron
+gesagt habe, ist diesen Las Cases-Memoiren entnommen. Die Lektüre,
+neben manchem anderen, hatte den besonderen Reiz für mich, daß sie in
+einem gewissen, übrigens höchst pikanten Durcheinander des Stoffs, zu
+einer Art General-Revue meines historischen Wissens wurde, zu einer
+großen Repetition, bei der ich die Befriedigung hatte, leidlich gut zu
+bestehen. Dieser Reiz steigerte sich noch dadurch, daß ich mich fähig
+fühlte, mit Kritik zu lesen; selbst diesem #Quellen#buche gegenüber
+glückte es mir, die Fehler, die Illusionen, die absichtlichen
+Täuschungen zu erkennen. Nicht Frankreich hatte diesen 25jährigen
+Riesenkampf verschuldet, sondern England. #Pitt# hatte diesen Brand
+entzündet, halb aus nationalem Egoismus, halb aus
+Legitimitäts-Donquixoterie. Das alles war so ruhig, so bestimmt gesagt,
+durch Las Cases so überzeugungsvoll bestätigt, daß ich Tage lang in
+meinem Innersten wie beunruhigt war. Ich mußte, während draußen Sturm
+und Regen an die Fenster schlugen und Rasumofsky ein Scheit nach dem
+andern auf den Herd legte, förmliche Kämpfe in mir durchmachen, hatte
+aber die Freude, mit gestärkter Ueberzeugung zu meinen alten Fahnen
+zurückkehren zu können. Das Nationalitätsprinzip hatte gegen den
+Napoleonischen #Weltmonarchie#-Gedanken gestritten; — es wird noch auf
+lange hin ein Ruhm Pitts bleiben, #jenes# siegreich vertheidigt zu
+haben.
+
+Meine eigentlichste Freude war aber doch das »#sehr# große Buch«, in
+dem sich nicht eigentlich lesen, sondern nur naschen ließ. Es war in
+reicher Schale das süßeste Dessert. Wenn mir Las Cases anfing etwas zu
+substantiell zu werden, so schob ich dies ≈pièce de résistance≈ bei
+Seite, um von dem Confektteller und seinen Knallbonbons zu nehmen.
+
+Dieses »sehr große Buch« hieß Autographen-Album, war in rothen Maroquin
+gebunden und enthielt, in Facsimiles, die handschriftlichen
+Aufzeichnungen von mehr als tausend Personen, Celebritäten aus aller
+Welt Enden, zu elf Zwölftel natürlich Franzosen. Deutsche fast gar
+nicht. Ich gebe Einiges aus diesem Schatz. Die Personen, die jene
+Aufzeichnungen gemacht, theilen sich, wie mir scheinen will, in sieben
+Gruppen: die Historischen, die Ernsthaften, die Heiter-Graziösen, die
+Falsch-Bescheidenen, die Bequemen, die Geistreichen und die bedenklich
+Geistreichen.
+
+#Die Historischen#. Den Reigen eröffnet hier Louis Napoleon selbst, mit
+einem am 5. Dezember 1848 geschriebenen Briefe. Es heißt am Schlusse
+desselben: ≈Lorsque une révolution est dans le vrai elle produit de
+grands hommes et de grandes choses, lorsqu’elle est dans le faux elle
+ne produit que #du bruit et des larmes#.≈ Das war drei Jahre vor dem
+Staatsstreich. Was lag alles dazwischen! Ich mußte unwillkürlich auch
+an die #jüngste# Phase französischer Entwicklung denken: ≈Lorsqu’elle
+est dans le faux, elle ne produit que #du bruit et des larmes#≈. Neben
+diesen Zeilen des Vaters befindet sich eine leicht hingeworfene
+Federzeichnung Lulus: alte Troupiers, die auf Wache ziehen. Darunter in
+schöner, fast schon ausgeschriebener Handschrift: Louis Napoleon.
+
+Das nächste Blatt bringt Folgendes von der Hand des Bürgerkönigs:
+≈J’abdique cette couronne que la voix nationale m’avait appelé à
+porter, en faveur de mon petit-fils le Comte de Paris. Puisse-t-il
+réussir dans la grande tâche qui lui échoit aujourd’hui. 24 Février
+1848. #Louis Philippe#.≈ Dies »≈aujourd’hui≈«, 23 Jahre vertagt, ist
+vielleicht
+#heute#.
+
+Unmittelbar darunter: ≈Soldati. Ciò che offro a quanti vogliono
+seguirmi eccolo: fame, freddo, sole, non pane, non caserne, non
+munizioni, ma avvisaglie continue, stenti, battaglie, marcie forzate e
+fazioni alla bajonetta. Chi ama la patriami seguite. #Garibaldi#.≈ So
+schrieb er 1849. Der Zauber auch #dieses# Namens ist verblaßt.
+
+#Die Ernsthaften#. ≈La #modestie# est
+une grande lumière, elle laisse l’esprit toujours
+ouvert et le coeur toujours docile à
+la vérité. #Guizot#.≈
+
+≈#Le rationalisme#! c’est l’homme fait
+Dieu à la place du Dieu fait homme. #Molé#.≈
+
+≈Je ne puis refuser ma signature. Quant
+à la prose et aux vers, n’y comptez pas.
+J’adore Homère, Sophocle, Euripide, mais
+les ingrats ne m’ont rien révélé. J. #Ingres#.≈
+
+≈Sancta Maria, mater Dei, ora pro nobis
+peccatoribus, nunc, et in hora mortis nostrae.
+#Louis Veuillot#.≈
+
+Dieser Anruf an die heilige Jungfrau ist mir in einem Autographen-Album
+fast zu ernsthaft erschienen; das ostensive Karte-Abgeben als »Katholik
+quand même« verstößt gegen den guten Geschmack.
+
+Viel beweglicher als diese Worte aus der kirchlichen Welt wirken die
+nachstehenden aus der Bühnenwelt. Das Profane schlägt das Heilige.
+
+≈Lorsqu’on a mis le pied une fois dans
+la fatale carrière du théâtre, il faut la parcourir
+jusqu’au bout, épuiser ses joies et
+ses douleurs, vider sa coupe et son calice,
+boire son miel et sa bile; il faut finir comme
+on a commencé, mourir comme on a vécu,≈
+≈mourir comme est mort Molière, au bruit
+des applaudissements, des sifflets et des
+bravos! Mais lorsqu’il est encore temps de
+ne pas prendre cette route, lorsqu’on n’a
+pas franchi sa barrière, il faut n’y pas
+entrer. Croyez-moi sur mon honneur,
+croyez-moi. #Frédérick Lemaître#.≈
+
+Hieran reihen sich noch zwei Aufzeichnungen Duclercs und Odilon
+Barrots, in denen sich zugleich eine tiefe politische Verstimmung, ein
+Haß gegen das kaiserliche Gouvernement ausspricht:
+
+≈Les meilleurs gouvernements tombent,
+mais — #les pires aussi#. #Duclerc#.≈
+
+≈Silence, on nous écoute! l’an de grâce
+1852. #Odilon Barrot#.≈
+
+Das Album erschien Anfang der 60er Jahre, als das Kaiserthum auf der
+Höhe seines Ansehens stand. Der Herausgeber hielt es deshalb für
+nöthig, diesen Hohn Odilon Barrots mit einer spöttischen Bemerkung
+seinerseits zu begleiten und fügte deshalb ziemlich witzig hinzu: »Mr.
+Odilon Barrot ist bekanntlich der einzige #Odilon# in Frankreich, der
+Herrn #Barrot# für ernsthaft nimmt.«
+
+#Die Heiter-Graziösen#. In dieser Gruppe
+habe ich nur #einen# Namen zu verzeichnen: Eugène Scribe. Auf den
+verschiedensten Blättern des Albums fand ich seine Signatur; fast immer
+waren es vierzeilige Verschen, immer Ausdrücke des liebenswürdigsten
+Naturells.
+
+ ≈#Sur un parapluie#.
+ Ami commode, ami nouveau
+ Qui, contre l’ordinaire usage,
+ Reste à l’écart, quand il fait beau,
+ Et se montre les jours d’orage!≈
+
+Seiner in der Nähe von Paris erbauten Villa hatte er folgende, in
+diesem Album von ihm wiedercitirte Inschrift gegeben:
+
+ ≈Le théâtre a payé cet asyle champêtre,
+ Vous qui passez, merci! je vous le dois peut-être.≈
+
+#Die Falsch-Bescheidenen#. Hier begegnen wir einigen Namen und
+Berühmtheiten ersten Ranges:
+
+ ≈Mon nom n’est point digne de figurer
+dans un recueil. #V. Broglie#.≈
+
+ ≈Ni le mien non plus. #George Sand#.≈
+
+ ≈Ni le mien non plus. #Eugène Sue#.≈
+
+Alle drei finden aber rasch ihre Verurtheilung. Gleich der folgende
+(Viennet) schreibt unter die drei Bescheidenen: ≈O triple orgueil≈, und
+Charles Filipon geht noch einen Schritt weiter und fügt hinzu:
+≈Farceurs!≈
+
+#Die Bequemen#. Die Gruppe dieser ist
+sehr groß. Sie besteht zunächst aus solchen, die, kritiklos und
+mittelmäßig beanlagt, sich keinen Augenblick geniren, den allergrößten
+Gemeinplatz niederzuschreiben. Hier befindet sich denn auch der einzige
+Deutsche, der gewürdigt worden ist, einen Platz in diesem Album
+einzunehmen, #Johannes Ronge#. Er schrieb: #Saarbrücken#, den 8.
+Februar 1863. Keine Verdammung, keine Ketzer mehr. Es giebt nur einen
+Gott für alle Kirchen und alle Völker. Es ist nicht leicht möglich,
+trivialer zu sein. Einem Franzosen gelingt es aber schließlich #doch#:
+≈Aimons-nous les uns les autres. #Havin#.≈ Hoffen wir, daß diese Worte
+wenigstens in Damengesellschaft geschrieben wurden.
+
+≈L’esprit n’est jamaix vieux tant que le
+coeur est jeune. #Paul Lacroix#.≈
+
+≈La jeunesse n’a pas assez souffert pour
+savoir consoler. #Legouvé#.≈
+
+Zu dieser Gruppe der »Bequemen« gehören aber vor Allem auch diejenigen,
+die (weil beständig in Autographen-Contribution genommen) ihren
+bestimmten Album-Vers ein für allemal bei sich führen und jahraus
+jahrein mit denselben Vierzeilen debütiren.
+
+ ≈Au clair de la lune,
+ Mon ami Pierrot,
+ Prête-moi ta plume
+ Pour écrire un mot.≈
+ ≈#Jules Sandeau#.≈
+
+ ≈C’était, dans la nuit brune
+ Sur le clocher jauni,
+ La Lune
+ Comme un point sur un J.[2]≈
+ ≈#Alfred de Musset#.≈
+
+ ≈La cigale ayant chanté
+ Tout l’été
+ Se trouva fort dépourvue
+ Quand la bise fut venue.≈
+ #≈Jules Janin.≈#
+
+Der Herausgeber fügt in Betreff dieser drei scherzhaft hinzu: »≈Se sont
+donné le mot pour ne pas perdre de #copie#.≈«
+
+Wir haben solche Album-Versler, die das »Copie-Recht nicht verlieren
+wollen«, namentlich auch in Deutschland. Einfälle, Impromptus sind
+nicht unsere starke Seite.
+
+#Die Geistreichen#. Es hätte kein #französisches#
+Album sein müssen, wenn diese Gruppe nicht am stärksten vertreten
+gewesen wäre. Vieles war entzückend.
+
+ ≈Je me résigne et je signe.≈
+ ≈#Montalembert#.≈
+
+ ≈Je ne sais quoi dire et j’en fais l’aveu.≈
+ ≈A. #Thiers#.≈
+
+ ≈Le goût est le sentiment prompt d’un
+ esprit bien fait.≈
+ ≈Le Duc #de Noailles#.≈
+
+ ≈L’esprit qu’on veut avoir, gâte celui
+ qu’on a.≈
+ ≈Le prince #de la Moskowa#.≈
+
+ ≈J’en fais moi-même en ce moment la
+ triste expérience.≈
+ ≈#de Persigny.#≈
+
+ ≈Ce n’est pas la fortune qui vient en
+ dormant, c’est le terme.≈
+ ≈Emile Marco #de St. Hilaire.#≈
+
+ ≈Les hommes se suivent et ne se ressemblent
+ pas.≈
+ ≈#Carnot#≈ (Sohn des alten).
+
+ ≈L’or est une chimère pour celui qui
+ n’a pas le Sou.≈
+ ≈#Peupin#≈, Uhrmacher,
+ später Tresorier der Kaiserin.
+
+ ≈Quelle est la femme qui ne fait pas ce
+ qu’elle dit? Celle qui jure de n’aimer jamais,
+ ou d’aimer toujours.≈
+ ≈#Charles Briffault.#≈
+
+Also etwa:
+
+Welche Frau hält gewiß nicht, was sie verspricht? Die, die da schwört,
+niemals zu lieben oder immer.
+
+ ≈L’amour est comme l’opéra. On s’y
+ ennuie, mais on y retourne.≈
+ ≈#Gustave Flaubert#.≈
+ (Verfasser von »Madame Bovary« und »Salambo«.)
+
+ ≈Il est plus facile de #faire# ce qu’on
+ doit, que de le #payer#.≈
+ ≈#Jacques Herz#, frère de Henri.≈
+
+ ≈#Rêver#, c’est le bonheur; #attendre#
+ c’est la vie.≈
+ ≈#Victor Hugo#.≈
+
+Die Auswahl, die ich hier getroffen, ließe sich verzehnfachen. Nur sehr
+selten überschlägt sich die Geistreichigkeit. Ein Schriftsteller
+dritten Ranges schreibt einfach seinen Namen und fügt hinzu: ≈Mon nom
+est assez≈. Noch weniger angenehm berühren die Worte der Rachel:
+
+≈Oh, réclames!! Avis aux lecteurs. Je rentrerai à la comédie française
+Samedi≈ ≈prochain par le rôle de Phèdre. Paris, 18. Novembre 1849.≈
+
+Die Rachel, deren häßliche, vor #nichts# zurückschreckende Gewinnsucht
+ein öffentliches Geheimniß war, durfte solchen Scherz nicht wagen.
+
+Ich schließe mit den handschriftlichen Aufzeichnungen zweier Engländer:
+≈All that I could say of my books, I have said in them.
+#Charles Dickens#.≈ Wie liebenswürdig!
+
+In derselben Gesellschaft befand sich auch der »Vater der Friedens- und
+Manchester-Schule«. Aufgefordert, sich ebenfalls einzutragen, schrieb
+er einfach:
+
+≈Richard Cobden. Paris, 30. Auguste 1849.≈
+
+Ganz charakteristisch. In allem der ≈Matter-of-fact≈-Mann!
+
+
+[2] In #Freiligraths# vorzüglicher Uebersetzung, die fast das Original
+schlägt:
+
+ Den Mond durch Nebel scheinen
+ Hoch überm Thurme sieh’,
+ Wie einen
+ Punkt über einem i!
+
+
+
+
+10. Der Ueberfall von Ablis.
+
+#Schleswiger Husaren und elf vom 11. Bayrischen
+Regiment.#
+
+ Wir standen, keines Ueberfalls gewärtig,
+ Bei Neustadt schwach verschanzt in unsrem Lager,
+ Als gegen Abend, unser Vortrab fliehend
+ Ins Lager stürzte, rief, der Feind sei da.
+ (Wallenstein.)
+
+
+Von 6 an war Plauderstunde. Dann kamen, wie schon in einem früheren
+Kapitel erzählt, die Avantageure, Sergeanten und Unteroffiziere (meist
+Cavalleristen), um, ein Glas Thee in der Hand und die Füße am Kamin,
+die Tagesereignisse durchzusprechen: wer krank sei? wer gestorben sei?
+ob es noch lange dauern werde? ob der Cantinier den Cours des
+Papierthalers abermals um 5 Sgr. herabgedrückt habe? ob die angesagten
+Oefen und Strohsäcke eine Wirklichkeit werden oder eine Mythe bleiben
+würden? Es waren nicht gerade welterschütternde Fragen, die uns
+beschäftigten und die an zweiten und dritten Abenden mit derselben
+Hingebung behandelt wurden, wie am ersten; die Hauptunterhaltung
+blieben aber doch die Kriegsabenteuer, namentlich die Momente der
+#Gefangennehmung#, und aus der Fülle von Stoff, der damals vor mir
+ausgeschüttet wurde, geb ich das Nachstehende.
+
+
+Sergeant #Polzin# erzählt:
+
+Unsere Division (Herzog Wilhelm von Mecklenburg) lag in Rambouillet.
+Wir waren 5 Regimenter stark: Brandenburgsche Kürassiere, Fürstenwalder
+Ulanen, Zieten-Husaren, — das waren die alten; dazu zwei neue: die 15.
+Ulanen und die 16. Husaren, beides Schleswig-Holsteiner. Ich stand bei
+den 16. Husaren, 3. Eskadron.
+
+Am 7. Oktober Mittags wurden wir allarmirt und auf einer der nach
+Chartres führenden Chausseen (nicht auf der Hauptstraße) bis zum Dorfe
+#Ablis# vorgeschoben. Wir waren die äußerste Spitze. In Chartres stand
+der Feind.
+
+Es mochte 5 Uhr sein, als wir in Ablis einrückten; es dämmerte schon.
+Wir suchten das Dorf ab, fanden nirgends Verdächtiges, besetzten die
+nach Süden zu gelegenen Gehöfte und stellten Doppelposten an die vier
+Ausgänge des Dorfes. Das sah sehr gut aus und konnte einen Rekruten
+beruhigen, aber nicht einen Alten. Es war ein Fehler von Grund auf.
+Unser Rittmeister behandelte uns wie Infanterie; wir waren aber nicht
+hierher geschickt worden, um Schützen oder Jäger zu spielen. Wir waren
+#Husaren#; wir mußten Spielraum haben. Statt dessen hatten wir
+#Barrikaden#. Unsinn. Sie kamen uns später theuer genug zu stehen.
+
+Um 9 Uhr — wir lagen schon bei unseren Pferden —rückte noch eine
+Unterstützung für uns ein: 60 Mann vom 11. Bayrischen Regiment. Nun
+sicherlich wär’ es an der Zeit gewesen, unsere Husaren wieder zu
+Husaren zu machen und nach allen vier Seiten hin Vedetten zu stellen
+und Recognoscirungspatrouillen auszuschicken; aber nichts von dem allen
+geschah. Wir sollten als »Infanterie« zu Grunde gehen.
+
+Eine halbe Stunde später nach Einrücken der Bayern schlief alles fest.
+Ich allein wachte. Ich hatte in dem Gehöft, in dem wir lagen, den
+ganzen Abend über ein Kommen und Gehen bemerkt, ein Tuscheln und
+Flüstern und dann wieder ein rasches Abbrechen, wenn sie sich
+beobachtet glaubten; — das ganze Nest war mir unheimlich vorgekommen;
+es stand fest in mir, daß es was geben müsse. Bei jedem Geräusch
+horcht’ ich auf; aber es war nichts. Ich hört’ es noch Mitternacht
+schlagen; dann fiel ich in tiefen Schlaf wie die andern.
+
+Es mochte 3 Uhr sein, als es an die Stallthür pochte; klick, klack. Ich
+sprang auf und rief noch in halbem Schlaf: »gleich, gleich«; aber
+während ich noch auf die Stallthüre zutappte, steigerte sich das
+Klopfen so, daß es kein Klopfen sein konnte; klick, klack; wie wenn
+Steine aufs Dach fallen. Jetzt wußt ich was los war; ’raus Kerls, wir
+sind überfallen«.
+
+In meinem Stall lagen 10 Mann. Wie ein Wetter waren sie auf; aller
+Schlaf wie weggeblasen; Karabiner in Hand stürzten wir hinaus. Als wir
+in die Dorfgasse traten, stand schon alles im Gefecht. Von rechts her,
+aus der Mitte des Dorfs, wo die beiden Gassen sich schneiden, hörten
+wir das Commando der Bayrischen Offiziere, von links her blitzten die
+Karabinerschüsse der Unseren, oder leuchtete mitunter das Blau und Weiß
+der Uniformen. Der Feind schien überall. Im Einverständniß mit den
+Bewohnern drang er weniger durch die Eingänge des Dorfs, als durch die
+Häuser und Gärten vor; aber noch war nicht alles verloren. Die Bayern,
+ersichtlich, hielten Stand; ja, wir konnten hören, daß sie Terrain
+gewannen. Wir riefen uns einander zu. Wenn wir jetzt als richtige
+Husaren, unsere Pferde unterm Leibe, in die zerstreut kämpfenden Feinde
+hineingefahren wären und in immer wiederholtem Auf- und Niederjagen die
+beiden Dorfstraßen leer gefegt hätten, während die Bayern die vier
+Eckhäuser am Kreuzungspunkt besetzt hielten, so wären wir vielleicht
+durch gewesen. Aber die verd... Barrikaden! Keine 50 Schritt freie
+Bewegung. Wir scheiterten, weil wir uns statt auf die Pferde, auf den
+Karabiner verlassen mußten. Jeder kann nicht jedes.
+
+So knatterte es hin und her. Unsere dünne blaue Linie wurde immer
+dünner; die anstürmenden Franctireurs drängten uns von der Straße auf
+das Gehöft, von dem Gehöft in die Ställe; hier standen wir jetzt
+rathlos bei unsren Pferden; von außen her, durch Thüren und Luken,
+knallte der Feind aufs Gerathewohl in die dunklen Räume hinein.
+Unteroffizier Balzer, eines reichen Gutsbesitzers Sohn, unser Aller
+Liebling, sprang, als er Mann und Pferd neben sich fallen sah, mitten
+in den Haufen der Draußenstehenden hinein und rief: Pardon! Sein gutes
+Gesicht, seine bittende Stimme schienen ihn retten zu sollen: der
+Zunächststehende setzte das Gewehr ab und sah ihn an; aber im selben
+Augenblick sprang ein Zuave vor und jagte ihm mit einem Deutsch
+gesprochenen »stirb Hund« die Kugel durch den Kopf.
+
+Wir andern kapitulirten. Alle Offiziere waren todt; wir waren noch 56
+Mann.
+
+
+#Corporal Vollnhals erzählt#:
+
+Wir rückten um 9 Uhr ins Dorf, drin wir die Schleswiger Husaren schon
+vorfanden. Wir waren 60 Mann unter Oberlieutenant #Schneider# vom 11.
+Regiment, 1. Bataillon (Regensburg). Die Ausgänge waren von den Husaren
+besetzt; wir verdoppelten die Posten, legten eine Feldwache von 30 Mann
+nordwestlich und bezogen mit dem kleinen Rest, der uns blieb,
+Allarmquartiere in der Mitte des Dorfs. Ich war im Dorf.
+
+Um 3 Uhr knatterte es draußen. Der Feind griff von allen Seiten
+gleichzeitig an; so hieß es denn Knäuel bilden, um die Zurückgehenden
+aufnehmen und den Feind, woher er auch komme, erwarten zu können.
+Unsere ausgestellten Posten waren sämtlich weggeschossen worden; die
+zurückgehende Feldwache hatte schwere Verluste gehabt, so musterten wir
+denn nur noch 40 Mann. Mit diesen galt es jetzt das Dorf zu halten.
+Nach Süden hin, in geringer Entfernung, standen die Husaren.
+
+Eine Viertelstunde lang ging es. Wir attakirten mit dem Bajonet und
+drängten das, was uns gegenüber stand, mehrmals bis an die
+Einfassungsmauer zurück; aber jedesmal wenn wir anschlugen, um eine
+volle Salve in den dichten Haufen hinein abzugeben, hieß es aus dieser
+Masse heraus: »schießt nicht Kinder, wir sind ja Preußen«. Im selben
+Augenblick trafen uns Kugeln von #hinten# her. Nun machten wir Kehrt,
+glaubten wirklich den Feind blos im Rücken und in unsrer Front die
+Preußen zu haben, aber im selben Moment, wo wir die Schwenkung gemacht,
+umzischten uns auch schon wieder die Kugeln unserer vermeintlichen
+Deutschen Brüder. Wir wußten nicht ein noch aus, und zuletzt von Wuth
+und Todesangst getrieben, schossen wir blind in alle Haufen hinein, um
+dem Spiel ein Ende zu machen.
+
+Aber das Spiel war uns bereits theuer zu stehen gekommen. Alle
+Offiziere todt. Als ich jetzt an dem Straßenkreuzungspunkte mich
+umschaute, sah ich, daß wir nur noch 15 Mann waren. Ich war der einzige
+Chargirte und übernahm das Commando. Von allen Seiten gedrängt, zog ich
+mich in das zunächst gelegene massive Haus zurück und besetzte den
+ersten Stock, nachdem ich die Thür unten, so gut es ging, verrammelt
+hatte. An jedem Fenster 4 Mann. Ich postirte sie schräg hinter dem
+rechten Pfeiler, so daß sie gedeckt standen und einen sichern Schuß
+hatten. Der Himmel war mit uns. Bis dahin war es dunkel gewesen; jetzt
+aber dämmerte es, und der erste über die Dächer kommende Tagesschimmer
+fiel so hell auf unsere Läufe, daß wir das Korn sehen und scharf zielen
+konnten, während die Franzosen unten im Halbdunkel standen. So ging es
+fort bis alle Patronen verschossen waren; unser matter werdendes Feuer
+hatte ohnehin dem Feinde schon verrathen, wie’s mit uns stand. In
+diesem Augenblick rückte die Masse drüben zum Sturme vor; noch einen
+letzten Schuß gab ich ab; dann hörten wir wie unten die Fenster und
+Hinterthüren eingestoßen wurden und alles treppan lärmte. Eine Salve in
+unser Zimmer hinein; vier von meinen Leuten stürzten; ein Chasseur
+packte mich beim Kragen und schüttelte mich. Ich stieß ihn in eine Ecke
+zurück. Wüthend setzte er mir das Gewehr auf die Brust und drückte los,
+während ich eben den Lauf an der Mündung gefaßt hatte. Die Kugel riß
+mir die Spitze des kleinen Fingers fort. Jetzt mußte sich’s
+entscheiden. Wir wollten uns eben an den Hals fahren, als ein Offizier,
+so viel ich verstehen konnte ein Pole, zwischen uns sprang und mich
+rettete. Er erklärte uns alle »als in seinen Schutz gestellt«, und als
+er sah, daß wir nur noch 11 Mann waren, lobte er uns. Mir nickte er zu,
+was er jedesmal wiederholte, wenn er später an mir vorüberkam.
+
+
+#Sergeant Polzin erzählt weiter#:
+
+Um 5 Uhr früh war alles was von uns noch übrig war, in dem großen
+Gastzimmer des einen Gehöftes versammelt; Husaren und Bayern, alles
+bunt durcheinander. Verwundete gab es nicht; wenigstens haben wir
+nichts davon gehört.
+
+Es war eine wunderliche Beleuchtung; Kaminfeuer und ein halbes Dutzend
+Lichter, auf Blaker und Flaschen gesteckt. Zwei oder drei dieser
+Lichter standen auf einem großen runden Tisch, der an ein
+offenstehendes Fenster gerückt worden war; Tageslicht drang ein. Wir
+athmeten auf in dieser Morgenfrische. Auf dem Tische selbst lag alles
+aufgeschichtet, was man den Todten draußen an Geld und Geldeswerth
+abgenommen hatte; jetzt mußten auch wir deponiren, was wir in unseren
+Taschen hatten. Mitunter half eine Franctireur-Hand nach und
+beschleunigte die Untersuchung. Nun ging es an ein Sortiren und
+Theilen. Ein Zehnthalerschein, dessen Werth der großen Mehrzahl ein
+Geheimniß war, wurde verächtlich bei Seite geschoben. In demselben
+Augenblick aber fuhr durch die dem Tisch zunächst stehende
+Franctireur-Mauer eine Hand hindurch, griff nach dem Schein und sagte
+mit unverkennbarem Accent: »#dir# kann ich jrade brauchen«. Es war eine
+Art Elite-Corps, mit dem wir es zu thun gehabt hatten,
+Fremdenlegionaire, Abhub aus aller Herren Länder, Italiener, Polen,
+Hannoveraner, und — wie überall in der Welt — auch Berliner.
+
+Von Geldeswerth war uns allen nur eines geblieben: einem meiner Husaren
+hatte ein Seitenschuß die ganze Uhr aus der Kapsel herausgeschossen; an
+seiner Uhrschnur hing nichts als die silberne Schale. In gutem Humor
+hatte man sie ihm als »Andenken an Ablis« überlassen.
+
+Wir erhielten einen Frühtrunk und einen Bissen Brod; dann ging es auf
+Chartres zu. Unter dem Jubel der Bevölkerung zogen wir ein.
+
+Gegen Abend sahen wir von unserem Gefängniß aus, daß sich der Himmel
+gegen Norden hin röthete. Wir ahnten was es war, drei Tage später
+#wußten# wir es. Die ganze Division war von Rambouillet aus gegen Ablis
+vorgerückt, um das Dorf für seinen Verrath zu strafen. In weitem Kreise
+standen die Regimenter; dann feuerte die reitende Batterie ihre
+Brandgranaten in das unglückliche Dorf, und am andern Morgen war Ablis
+ein Aschenhaufen.
+
+
+
+
+11. Drei von den 3. Garde-Ulanen.
+
+ Sie preschten zurück in vollem Galopp, hopp, hopp,
+ Daß an der Lanze das Fähnlein stob, hopp, hopp,
+ Leb wohl, leb wohl, lieb Kamrad mein,
+ Es mußte doch mal geschieden sein,
+ Ach ja,
+ Er stürzte vom Pferde allda.
+ G. Hesekiel.
+
+
+#Unteroffzier Janeke erzählt#:
+
+Wir lagen bei dem Dorfe Villaines, zwei Meilen nördlich von St. Denis.
+Am 3. November früh erhielt ich Ordre, mit vier Mann einen
+Recognoszirungsritt bis Ecouen und Sarcelles zu machen und Nachricht zu
+bringen, #ob# sie besetzt seien, #wie stark# und #womit#. Das große
+Dorf Ezonville war halber Weg. Hier sollte das Absuchen beginnen. »Es
+ist nicht #wahrscheinlich#, daß sie schon in Ezonville stecken, aber es
+ist
+#möglich#. Also aufgepaßt. Und nun mit Gott.«
+
+Wir ritten aus; es nebelte noch. Das erste Dorf, das wir passirten,
+hieß Villiers-le-Sec, das zweite Lemesnil-Aubry; der Nebel war
+inzwischen gefallen und Alles versprach einen klaren Tag. Wir trabten
+nun auf das
+#dritte# Dorf zu. Es war Ezonville. Sein heller Kirchthurm blinkte
+#schon
+durch die Pappeln.
+
+Als wir dicht heran waren, stießen wir auf drei Mann von unserer 5.
+Escadron, die schon vor uns ausgeritten waren. Der Gefreite machte
+Meldung und stellte sich unter mein Commando. Ich hatte nun 7 Mann und
+war guter Dinge; mit sieben Lanzen ist schon was anzufangen.
+
+Ich theilte jetzt meine Streitkräfte in zwei Seiten- und eine
+Mittel-Patrouille. Die Mittel-Patrouille (für das Dorf bestimmt) war
+die Hauptsache. Diese führte ich selber und suchte mir zwei Mann dazu
+aus, die beiden besten. Ich sagte mir so: die drei von der 5. Escadron
+mögen gut sein, aber du kennst sie nicht; deine eigenen kennst du:
+Rabinsky is ein Deubelskerl, aber Pollacke und unzuverlässig;
+Pottmüller is willig, aber noch ein halber Rekrut; bleiben dir noch
+Sattler Gemke und der rothhaarige Schindler; #die# nimm, die sind jut.
+Und so nahm ich mir denn Gemken und Schindlern; die drei von der 5.
+schickt’ ich links um das Dorf rum; Rabinsky und Pottmüller rechts.
+
+Sattler Gemke hatte die Spitze; dreißig Schritt hinter ihm Schindler
+und ich; so ritten wir in das Dorf ein. Ich kannt’ es schon von Mitte
+Oktober her, wo wir bei hellem Mittagsschein durchgekommen waren. Ein
+langes Dorf, blos zwei Reihen Häuser; in der Mitte die Kirche mit einem
+Platz. Ich hatt’ es noch gut in Erinnerung.
+
+Die ersten Gehöfte in ihrem weißen Anstrich und mit den Vorgärten, in
+denen noch das bunte Laub hing, sahen freundlich genug aus; aber in
+jeder Thür stand ein altes Weib, was mir all mein Lebtag nichts Gutes
+bedeutet hat. Ich ritt an die erste heran und fragte: »Franctireurs?«
+worauf sie mit dem Kopf #schüttelte#, nach Süden hin zeigte und blos
+immer wiederholte en bas. Ich sagte »Dank, Mütterchen«, ritt auf die
+zweite zu und fragte wieder »Franctireurs?« worauf diese mit dem Kopfe
+#nickte#, auch nach Süden zeigte und auch wiederholte en bas.
+
+Ich war jetzt ärgerlich; die eine schüttelte, die andere nickte; ich
+warf ihr also einen altmärkischen Morgengruß an den Kopf, den ich hier
+nicht wiederholen will. Vielleicht hatte sie’s gut mit mir gemeint. Es
+ist schlimm, wenn man sich in fremden Sprachen vernachlässigt hat.
+
+Gemke war uns jetzt erheblich vorauf. Schindler und ich ritten rechts
+und links an den Gehöften vorbei; wo es möglich war, hielten wir uns so
+dicht an den Häusern hin, daß wir in die Fenster des ersten Stocks
+hineinsehen und den Flur und die Zimmer mustern konnten. Aber nirgends
+zeigte sich etwas Verdächtiges; die Dorfstraße war leer, die Gehöfte
+wie ausgestorben; nur Kinder spielten im Hof. Männer schien es nicht zu
+geben.
+
+So waren wir an der Kirche vorbei bis an die letzten, schon vereinzelt
+stehenden Häuser gekommen und wollten eben auf Ecouen und Sarcelles zu
+uns in Trab setzen, als zwei Schüsse fielen, und Gemke, sein Pferd
+herumwerfend, in voller Carriere auf uns zu sprengte. Er hielt seinen
+linken Arm in die Höh’, der stark blutete. Jetzt wußt’ ich Bescheid.
+»Gemke« rief ich ihm zu »helfen is nich; Sie müssen sehen wie Sie
+durchkommen; immer querfeldein; Gott verläßt keinen Ulanen nich.« Ich
+sah noch wie er über den Graben setzte. Schindler und ich aber machten
+Kehrt und jagten wieder zurück in das Dorf hinein, das wir eben erst
+verlassen hatten.
+
+Welch Wechsel! Die Gasse stand jetzt so vollgepfropft als ob Jahrmarkt
+oder Hinrichtung wäre. Es war auch so was. Durch diesen Menschenhaufen
+mußten wir hindurch. Es schien glücken zu sollen. Die ganze Masse war
+ersichtlich noch nicht recht in Ordnung; nur einzelne Schüsse fielen.
+So kamen wir bis an den Kirchenplatz, wo die Straße nach links hin
+ausbuchtet. Hier war alles leer; ich that einen vollen Athemzug und
+dachte so vor mich hin: Janeke, das war überstanden.
+
+Aber ich hatte mich verrechnet. In der zweiten Dorfhälfte hatten sie
+derweilen Zeit gefunden sich zurecht zu machen, und als wir jetzt in
+die wieder schmaler werdende Gasse hinein wollten, da sahen wir aus
+allen Fenstern und Dachluken Gewehrläufe auf uns gerichtet, und gleich
+dahinter einen in drei Gliedern stehenden Schützenzug, der uns mit
+Flintenschüssen empfing. Ich duckte mich; als wir aber glücklich durch
+waren, richtete ich mich hoch auf, um zu sehen, was wir noch vor uns
+hätten, und sah nun, daß bis ans Ende des Dorfes hin und drüber hinaus,
+alle hundert Schritt eine solche Chaine gezogen war, und daß wir also
+auf dem zwischenliegenden freien Raum das Seitenfeuer der Häuser und
+das Frontfeuer dieser Chainen auszuhalten haben würden.
+
+An diesen Ritt will ich denken. Schindler, nach links, immer dicht
+neben mir; nur so viel Zwischenraum, daß er mit seiner Rechten frei
+hantiren konnte. »Mann«, rief ich ihm zu, »wir müssen durch!« Sein
+Sommersprossengesicht nickte mir zu und der rothe Spitzbart tupfte ihm
+dabei vorn auf die Ulanka und das Kreuz von 66. So ging es hinein;
+Schindlers Lanze immer um drei Fuß vor. Ich faßte meinen Säbel
+krampfhaft fest und stieß und hieb, aber das war nur Spielerei; davon
+ist nicht zu sprechen neben der Lanze meines Rothkopps. Was ich sonst
+nur immer gehört hatte, hier sah ich es: die #Lanze ist eine furchtbare
+Waffe#. Ich will nicht Zahlen nennen, sie möchten doch nicht geglaubt
+werden; zudem bin ich meiner Sache nicht sicher. Ich weiß auch nicht
+wie viel der Anprall der Pferde und wie viel die bloße Furcht vor
+dieser langvorgestreckten Spitze gethan haben mag, aber das muß ich
+sagen, ich habe den Eindruck, daß uns diese eine Lanze unsern Weg durch
+all die Colonnen bohrte. Keine Kugel traf; wir hörten nur das Klatschen
+auf den Dachziegeln gegenüber.
+
+Jetzt kam wieder eine Lichtung, ein größerer Zwischenraum, und über die
+Köpfe der zwei letzten Chainen weg, die den Ausgang sperrten, sah ich
+schon die Pappeln der Chaussee und dachte eben in meinem Sinn: »sie
+schießen doch zu schlecht«, klatsch, da hatt’ ich eins weg in den
+Schenkel, nicht viel, aber mein Pferd mußte scharf getroffen sein, denn
+das Blut spritzte hoch auf und meine weißen Fangschnüre waren wie
+getränkt damit. Ein Unglück kommt nie allein. In diesem Augenblick rief
+Schindler: »Unt’roffizier, ich bin getroffen«, und ich sah deutlich,
+daß er zusammenzuckte. »Halt Dich fest,« schrie ich ihm zu, »durch,
+durch,« und er packte mit der Linken den Hals seines Braunen und ging
+wieder hinein. Es war ein prächtiger Kerl. Aber plötzlich fehlte er
+neben mir; mit halbem Blick nach links sah ich, daß Pferd und Reiter
+zusammengebrochen waren und daß man über ihn her war. Ich hatte nicht
+viel Zeit drüber nachzudenken, denn im nächsten Augenblick war es auch
+mit mir vorbei. Mein Pferd, von einer zweiten Kugel in den Kopf
+getroffen, stürzte zu Boden; ich lag drunter und verlor die Besinnung.
+
+Als ich wieder zu mir kam, war ich unter einem Dach von Bajoneten. Man
+zog mich hervor und schleppte mich im Triumph in die Mitte des Dorfes,
+an meinem treuen Schindler vorbei. Er richtete sich noch einmal auf;
+der Todesschmerz stand ihm im Gesicht. Es hat nicht lange mehr
+gedauert. Einer von den Franctireurs gönnte ihm eine letzte Kugel. Es
+war auch das Beste.
+
+Sattler Gemke, wie ich gehört habe, ist durchgekommen und hat seine
+Meldung gemacht. Ich gönn’s ihm; einer hat eben Glück vorm andern; die
+Loose fallen verschieden. Gemke lebt, Schindler ist todt und ich —
+sitze
+#hier#.
+
+
+
+
+12. Fünf vom 14. Jäger-Bataillon.
+
+ ≈Tarry, dear cousin!
+ My soul shall thine keep company to heaven,
+ Tarry, sweet soul, for mine, then fly a-breast.≈
+ ≈Shakespeare. (Henry V.)≈
+
+
+#Jäger Schoenfeldt erzählt#:
+
+Wir lagen 2 Meilen rechts von Corbeil, die ganze 17. Brigade, das
+Grenadier-Regiment aus Schwerin, die Rostocker Füsiliere und unser
+Jäger-Bataillon. Alles war guter Dinge; unsere Offiziere wetteten »in 4
+Wochen ist es vorbei«; nur in Einem sah es schlecht aus: wir hatten
+nichts zu essen. Das ist immer schlimm, aber für einen Mecklenburger
+doppelt.
+
+Am 16. Oktober erhielt unser Bataillons-Kommando, Major v. Gaza, einen
+Brief von guter Hand, in dem zu lesen stand, daß in dem Städtchen
+Nogent ein deutscher Kaufmann wohne, der noch Vorräthe habe und gewillt
+sei, sie gegen gute Prozente zu verkaufen. Gut so. Das war just was wir
+brauchten. Ein Detachement sollte am andern Morgen aufbrechen, um bei
+besagtem Kaufmann für 100 Thaler Brod, Cognac und Taback zu erhandeln.
+Mit dem Brod stand es schon seit 14 Tagen schlecht. Ein Wagen, ein
+guter Zweispänner, sollte für die Fahrt beschafft werden. Ich erfuhr
+spät Abends, daß ich mit von der Parthie sein werde.
+
+Zwei Tage hin, zwei Tage zurück; ich freute mich nicht wenig.
+
+Am 17. früh brachen wir auf; in Mormant sollten wir übernachten und am
+Nachmittage des zweiten Tages in Nogent eintreffen. Dies war Alles.
+Karten hatten wir nicht. Wir wußten nur dreierlei: Bestimmungsort
+Nogent, Richtung nach Osten, Entfernung 10 Meilen. So ausgestattet,
+hofften wir in der That uns durchtappen zu können. Wir waren guter
+Dinge und ohne Ahnung davon, daß es in Frankreich anderthalb Dutzend
+Nogents giebt. Das sollte verhängnißvoll für uns werden.
+
+Das Detachement, wenn ich von mir absehe, war gut gewählt.
+Unteroffizier Ellis, Gefreiter Fritsche, Jäger Lübbe, Jäger Jahn; dazu
+ich. #Ellis#, Gutsbesitzer, hatte das Jahr vorher als Freiwilliger
+beim Bataillon gestanden; #Fritsche#, Schiffscapitain oder Steuermann,
+ich weiß nicht genau, war eben aus England zurückgekommen; #Lübbe#,
+Apotheker; #Jahn#, Mediciner. Sie waren all aus gutem Hause und
+konnten parliren. Jahn am besten. Fritsche war aus Rostock, Sohn des
+Professors; Jahn aus Schwerin, Sohn des Hofpredigers. Ich für mein
+Theil wußte nichts. Es muß auch solche geben.
+
+Der erste Tag verging ohne Störung. Wir fuhren bei guter Zeit in
+#Mormant# ein; vier Meilen waren gemacht. Wir befanden uns hier noch im
+Bereich unserer Armeen; Alles war dienstfertig und bereit. So verging
+die Nacht.
+
+Sechs Uhr früh saßen wir wieder auf unserem Wagen, die Büchse im Arm,
+und trabten auf Nogent zu. Wir hatten am Abend vorher Information
+eingezogen und in Erfahrung gebracht, daß wir über #Provins# fahren
+müßten. »Immer #ostwärts# die Chaussee hinunter; noch drei Meilen bis
+Provins, noch sechs Meilen bis Nogent.« Das schien zu stimmen;
+Entfernung und Himmelsgegend waren richtig. Es war aber dennoch falsch.
+Wir fuhren auf Nogent #sur Seine#, statt auf Nogent #sur Marne#; das
+Marne-Nogent (Eisenbahnstation zwischen Chateau-Thierry und La Ferté)
+lag unterm Schutz der Preußischen Bajonete, das Seine-Nogent unterm
+Schutz der Franctireurs. Unser Schicksal wollte es, daß wir auf das
+#Franctireur#-Nogent zufuhren. Ob uns der Wirth von Mormant (Mormant
+#war
+Gabelpunkt für beide Wege) absichtlich in die falsche Direktion
+schickte? Ich glaub’ es kaum.
+
+Es war ein kostbarer Tag dieser 18. Oktober und heiter wie der Tag
+gings in die Landschaft hinein. Fritsche richtete sich hoch auf,
+schwenkte seine Büchse und rief, als wir das nächste Dorf passirten:
+»Hoch Deutschland; #heut ist der 18. Oktober#!« Wir stimmten jubelnd
+ein; die Chaussee hinauf, hinunter, ging es durch die schönen lachenden
+Dörfer. So kamen wir nach Provins. Es war gerade Mittag.
+
+Provins ist eine reizend gelegene Stadt am Fuß und Abhang eines Berges;
+beinah einsam, vom Berge herab, grüßt eine alte Kirche; durch die Stadt
+hin aber schlängelt sich ein Fluß mit Lohmühlen und Gerbereien, und
+dazwischen — Rosengärten. Einzelne Stämme standen noch in Blüthe.
+
+Wir fuhren auf den Markt, hielten vor einem Gasthaus um zu futtern und
+begannen eben Fragen zu stellen, wie man wohl thut, wenn man sicher und
+guter Dinge ist, als wir plötzlich den Marktplatz mit Hunderten von
+Menschen sich füllen sahen, viele blos neugierig, aber die meisten
+ersichtlich feindselig. Die Antworten auf unsere Fragen wurden immer
+kürzer; ein Murmeln begann, ein Andrängen auf unsern Wagen zu, so daß
+Ellis, der Ordre hatte alle Häkeleien zu vermeiden, uns schnell
+entschlossen zurief »aufsitzen«, und im nächsten Moment schon rasselte
+der Wagen wieder über das Pflaster hin, mitten durch die
+auseinanderstiebende Menschenmenge hindurch, zur andern Seite der Stadt
+hinaus. Ein Gespräch mit dem Wirth hatte uns schon vorher genau die
+Richtung angegeben. Die Richtung auf das #falsche# Nogent. Es war noch
+drittehalb Meilen.
+
+Das Geschrei der Menge folgte uns, starb aber bald, und der ganze
+Vorgang, dem wir bis dahin wenig Bedeutung beigelegt hatten, da wir uns
+auf völlig gesichertem Boden glaubten, war schon halb wieder vergessen,
+als wir, dreiviertel Meilen hinter Provins, in den Forêt de Sordun
+eintraten, der, mehrere Stunden groß, das halbe Terrain zwischen
+Provins und Nogent mit seinen Wald- und Berg-Coulissen ausfüllt. Wir
+mußten jetzt durch Schluchtenwege hindurch, die zu beiden Seiten sich
+bald zu beleben anfingen; hinter jedem Baum trat ein Blaukittel hervor,
+einige bewaffnet, andere nicht; auch Frauen und Kinder. Diese begannen
+ein Gejohle und Geschrei; alles aber folgte und hing sich wie eine
+Heerde Wölfe, die auf den richtigen Moment wartet, an unser Gefährt.
+
+»Nicht umsehen«, kommandirte Ellis und nahm selber die Leinen in die
+Hand. Er war ein guter Fahrer und die beiden dampfenden Pferde, die in
+Provins ohnehin um ihre volle Ration gekommen waren, griffen jetzt aus
+mit ihrer #letzten# Kraft. Das half zunächst; der Wald lag alsbald
+hinter uns; nur die besten Läufer hatten Schritt mit uns gehalten;
+Nogent konnte keine Stunde mehr ab sein; #wenn# die Pferde aushielten
+...?! In diesem Augenblick fuhren wir in ein Dorf hinein; in Mitte
+desselben standen die beiden Braunen still; sie konnten nicht weiter.
+Ellis warf die Zügel aus der Hand und sprang vom Wagen; wir andern
+folgten.
+
+Nur Fritsche blieb oben stehen; er hatte die angeborene Heldennatur und
+schrie in das Geschrei des andrängenden Menschenhaufens hinein:
+»≈Qu’est c’est-que ça? que voulez-vous?≈« Sie blieben ihm die Antwort
+nicht schuldig: »≈Vos fusils! vous êtes prisonniers≈« und im selben
+Augenblick stürmten sie auf ihn ein; ein Franctireur, ein schöner
+junger Kerl mit Klapphut und rother Schärpe, an ihrer Spitze. Ich seh
+ihn noch. Fritsche schlug an und der Franctireur stürzte zu Boden. Ich
+habe nie so viel Blut an einem Menschen gesehen. Aber dies Blut kam
+über uns. Eh uns noch klar war, was geschehen, waren wir entwaffnet.
+Fritsche, der sich auch jetzt noch zur Wehr setzte, wurde vom Wagen
+gezerrt und an die Wand des nächsten Hauses gestellt: »≈meurs chien
+prussien!≈« Er wußte jetzt, daß er vor dem Tode stand, richtete sich in
+die Höh, riß Rock und Weste auf und schrie: ≈tirez≈. Im selben Moment
+lag er todt am Boden. Ellis, in Verzweiflung, machte sich gewaltsam
+los, um die Hand des Todten noch einmal zu fassen; aber eh er zehn
+Schritt gemacht hatte, trafen ihn drei Kugeln in Kinnbacke, Brust und
+Schenkel; er kroch jetzt heran und umarmte zärtlich die am Boden
+liegende Leiche des Freundes. Selbst die Feinde hielten einen
+Augenblick inne und sahen dem grausig-rührenden Schauspiel zu. Aber im
+nächsten Augenblick war Lübbe auf den Tod getroffen, und Jahn und ich
+wurden an die Bäume der Chaussee gestellt, um hier das Schicksal
+Fritsches zu theilen. Ich war fertig und hatte nur noch ein Flimmern
+vor den Augen; aber Jahn (Gott segne jede französische Privatstunde,
+die er gehabt) sprang jetzt vor und haranguirte die tobende Volksmasse.
+Ich weiß nicht mehr, was er sagte, er wird es selber kaum wissen, aber
+als er schwieg, setzten sie die Gewehre ab und erklärten uns als
+Gefangene. Wir mußten uns jetzt auf die Bank des Wagens setzen, zwei
+Franctireurs dicht neben uns; dann wurden die beiden Verwundeten
+aufgeladen, zwischen ihnen die Leiche Fritsches. So ging es auf Nogent
+zu.
+
+Ellis litt unsäglich. Er beschwor die Franzosen, seiner Qual ein Ende
+zu machen. Umsonst. Im Trabe ging es weiter. Als wir Schritt fuhren,
+eine Berglehne aufwärts, kam ein Bauer uns nachgelaufen, der den
+anstoßenden Acker pflügte. Er verwünschte uns Alle; dann nahm er seinen
+Peitschenstock und schlug den sterbenden Ellis ins Gesicht. Das war den
+Franctireurs denn doch zu viel; sie sprangen vom Wagen und stießen das
+blaukittlige Scheusal in den Chausseegraben hinein.
+
+Um 3 Uhr waren wir in Nogent. Welch Einzug! So hatten wir den »Tag von
+Leipzig« gefeiert.
+
+Am 2. November kamen wir hier auf der Insel an. Es war Todtenfest. Das
+paßte schon besser.
+
+
+
+
+13. Begräbniß.
+
+ Sie hüllten ihn ein in weißes Lein
+ Und trugen ihn dann zur Ruh,
+ Die Mönche sangen die Todtenmess’
+ Und Litaneien dazu.
+ W. Scott.
+
+
+Arbeit und Lektüre kürzten die Zeit, aber für Jeden, der weder das Eine
+noch das Andere hatte, waren es langweilige Tage, #nichts geschah#, und
+Sergeant Genzel, wenn er seinen Heine so gut kannte wie seinen
+Schiller, durfte citiren:
+
+ Nur wenn sie einen begraben, Bekommen wir was zu sehn.
+
+Leider kam dies »Begraben« bald öfter vor, als auch dem
+Zerstreuungssüchtigsten unter uns wünschenswerth sein mochte. Niemand
+konnte wissen, wie bald die Reihe an #ihn# kommen würde. Erst starb ein
+Alter, ein bayerscher Fuhrmann. Offiziell hieß es, er habe einen
+»organischen Fehler« gehabt. So heißt es immer. Der zweite war ein
+Cürassier (auch Bayer), den man von Orleans krank hergebracht hatte. Am
+22. November begruben wir ihn.
+
+Um 9 Uhr wurd’ es lebhaft. Chorknaben, vier oder sechs, mit weißen
+Hemden und rothen fezartigen Mützen, erschienen auf dem Kasernenhofe;
+dann kamen drei Geistliche, schwarz und weiß, mit Mitren auf dem Haupt.
+Die Bayern standen schon da und formirten sich zu einer Kolonne. Acht
+von ihnen, in blankem Helm, trugen den Sarg herbei, der bis dahin in
+einem Schuppen gestanden hatte, und setzten ihn auf die Bahre. Es war
+eine einfache Holzkiste mit einem zugeschrägten Deckel. Das schwarze
+Tuch mit dem silbernen Kreuz wurde drüber geschlagen; dann setzte sich
+der Zug in Bewegung, zunächst auf die Stadt und die Kirche zu, die
+Chorknaben mit Crucifix und rothen Laternen allen Uebrigen vorauf. So
+ging es durch das Portal über die Zugbrücke. Als wir an der Cantine
+vorbei kamen, schwenkten einige Leidtragende ab; ihre Empfindungen
+nahmen plötzlich eine andere Richtung. Die Mehrzahl folgte. So
+erreichten wir die Kirche, die sich bald füllte; denn auch die Stadt
+nahm Theil. Freund und Feind durcheinander, so saßen wir da.
+
+Die acht Bayern hatten inzwischen die Bahre mit dem Sarg in das
+Mittelschiff gestellt, unmittelbar in Nähe des hohen Chores, der nur
+durch ein vergoldetes Eisengitter von uns und dem Todten geschieden
+war. Die geistlichen Herren nahmen innerhalb des Chores Platz; dann
+begannen die Litaneien. Es klang misererehaft.
+
+Ich konnte den Worten nicht folgen und betrachtete deshalb lieber die
+Kirche. Sie war in gutem Styl aus gutem Materiale gebaut; dabei mit
+Bildern reich geschmückt. Die Altar-Nische wies, außer dem großen
+Altarbilde, noch zwölf kleinere auf. Aehnlich die ganze Kirche. Mehrere
+waren gut, viele mittelmäßig, keins schlecht. Man konnte hier, wie in
+jeder französischen Kirche, wahrnehmen, daß die Durchschnittsleistung
+nach #dieser# Seite hin besser ist als bei uns. Ich lege nicht viel
+Gewicht darauf, aber es ist doch immerhin etwas.
+
+Nun waren die Litaneien vorüber. Die Geistlichen erschienen neben dem
+Sarg und lasen die Gebete; ein Chorknabe schwenkte den Weihkessel; dann
+that der fungirende Priester dasselbe. Damit war der kirchliche Akt
+geschlossen, und der Zug setzte sich aufs Neue in Bewegung, der
+Begräbnißstätte zu.
+
+Es war noch eine hübsche Strecke. An zahlreichen Mühlen vorbei (weiße
+Rundthürme mit grüner oder rother Dachmütze) ging der Weg. Endlich
+sahen wir die weiße Mauer, das Thor stand auf und der Zug bog ein. Die
+Stätte machte einen guten Eindruck; Kreuze und Denkmäler, Alles in
+Marmor; man ehrte die Todten hier; dazu sprach aus Allem eine gewisse
+Wohlhabenheit. Cypressenbäume und wilder Lorber faßten die Gänge und
+Steige ein; hier und dort ragte ein Ginsterstrauch, kahl wie ein Besen,
+mit seinen hundert Ruthen in die Luft; Hagebutten standen zu Füßen der
+Gräber, zwischen ihren großen, rothen Früchten noch mit vereinzelten,
+blaßrothen, halbverwaschnen Blüthen geschmückt.
+
+Nun hielten wir am Grabe; die thonige, graublaue Schlickerde lag uns
+zur Seite. Der Nordwest ging immer schärfer und mahnte zur Eile. Das
+Brett, auf dem der Sarg stand, wurde an die Grube getragen und dann
+#gesenkt#, so daß der Todte allmälig hinabglitt. Ein Tau, von zwei
+Männern gehalten, regelte das Hinabgleiten. Nun wurde die Planke
+zurückgezogen; noch ein kurzes Gebet, dann griffen die Muthigsten in
+den nassen Schlick und warfen einen Erdklos hinunter. Damit war es
+gethan. In drei Minuten war Alles verschwunden, der Friedhof leer.
+
+Ich konnte so nicht scheiden. Der Todtengräber, ein Alter, kam und
+begann zu schaufeln. Ich sah ihm eine Weile zu, sprach zu ihm und
+gedachte derer, die, fern in der Heimath des Todten, dieser Stunde
+#nicht# gedachten. Dann, an den Hagerosen vorbei, von denen auch nicht
+#eine# auf sein Grab gelegt werden wird, trat auch ich meinen Rückweg
+an.
+
+So stirbt man in der Fremde.
+
+
+
+
+14. Sturm im Glase Wasser.
+
+ War ich, wofür ich gelte,
+ Ich hätte mir den guten Schein gespart,
+ Dem Unmuth Stimme nie geliehn.
+ (»Wallenstein.«)
+
+
+Das Sterben wurde bald Tagesordnung auf Oléron. Es konnte kaum anders
+sein. Etwa Mitte November trafen 700 Bayern auf der Citadelle ein, die
+man, nach Einnahme Orleans, durch General Aurelles de Paladine, in den
+dortigen #Lazarethen# zusammengesucht und als »#Gefangene#« nach Oléron
+geschickt hatte. Etwa ebenso viele, nach andern Angaben erheblich mehr,
+waren nach Pau dirigirt worden.
+
+Dies Verfahren, lediglich um sich vor versammeltem Volk mit einer
+erträglich hohen Zahl von Gefangenen brüsten zu können, hatte wenig
+einer Gloire-Nation Entsprechendes, dennoch hätte man mit Rücksicht auf
+die Nothwendigkeit, dem Volke einen Sporn zu geben, solche Maßregel
+verzeihlich, oder meinetwegen selbst #sehr# verzeihlich finden können,
+wenn man bei diesem Zusammensuchen etwas humaner vorgegangen wäre. Es
+hätte sich dann darüber reden lassen. In solchen Zeiten (leider) muß
+zuletzt #Alles# dem letzten großen Zwecke dienen. Aber ein ernster
+Vorwurf für die französischen Machthaber, oder für diejenigen, die in
+ihrem Namen handelten, wird es bleiben, daß man nicht blos wirkliche
+Reconvalescenten und leicht Verwundete, sondern auch Personen
+fortschleppte, die dicht vor dem Typhus standen oder ihn kaum erst
+überwunden hatten. Unter allen Umständen aber (und das ist das
+Geringste, das gefordert werden darf) mußte man, wenn man #so# tief in
+die Lazareth-Bestände hineingreifen wollte, vorher wissen, daß man auf
+Oléron im Stande sein werde, diesen noch halb Kranken Pflege, oder doch
+ein Bett, oder doch eine Decke geben zu können. Statt dessen hatten die
+auf Oléron eintreffenden Siebenhundert in den ersten Nächten #kaum#
+Stroh. Das war natürlich kein Zustand, um Reconvalescenten aufzuhelfen;
+Rückfälle kamen vor, und der Geistliche, die Chorknaben und der
+Todtengräber mußten Tag um Tag, in dem Aufzuge den ich geschildert, auf
+den Begräbnißplatz hinaus.
+
+Eine Verstimmung über diese Zustände war unausbleiblich; besonders die
+Preußen, unter denen sich viele Unteroffiziere und Sergeanten befanden,
+waren empört und gaben nach ihrer heimathlichen Art (wer raisonnirte
+#nicht# in Preußen!) dieser Empörung einen unverhohlenen Ausdruck. Beim
+Cantinen-Grog, auch wohl in der Stadt beim Einkäufemachen, fielen
+Worte, »daß dies eine erbärmliche Wirthschaft und ein schlechter Dank
+für die Rücksicht sei, die man unsererseits gegen 300,000 Franzosen
+bisher beobachtet habe«; Worte, die alsbald von Mund zu Mund gingen und
+im Weiterrollen folgende groteske Gestalt annahmen: die tausend
+Gefangenen der Citadelle sind im Complott; sie haben vor, die
+Wachtmannschaften zu entwaffnen, die Außen-Posten ins Meer zu werfen;
+man wird Chateau überfallen und von der ganzen Insel Besitz ergreifen.
+Preußische Kriegsschiffe kreuzen bereits in der Nähe. Man wird weitere
+Truppen landen, Rochefort einschließen und von dort aus das Land
+insurgiren. Ein Napoleonischer Aufstand im Rücken der republikanischen
+Armee, — #das# ist der Plan. Der »Gefangene auf Wilhelmshöhe« ist mit
+im Komplott.
+
+Wir erfuhren dies wieder und lachten herzlich. Die Heldenrolle, die uns
+zudiktirt wurde, hatte etwas Ehrendes und Schmeichelhaftes für uns;
+aber bald überzeugten wir uns, daß solche Gerüchte doch höchst
+gefährlich für uns seien und unser relatives Wohlleben arg gefährden
+könnten. Was aber, namentlich dem engeren Kreise, der sich bei mir zu
+versammeln pflegte, das Allerpeinlichste war, war das, daß unser guter
+Kommandant #mit# in die Angelegenheit hineingezogen und um seiner
+Nachsicht und Güte willen (die übrigens nie in Schwäche ausartete)
+bezichtigt wurde, das eigentliche Haupt des Komplotts zu sein.
+
+Wir beschlossen also, nicht nur äußerste Vorsicht zu üben, sondern
+namentlich auch die Anstandsbesuche, die wir von Zeit zu Zeit in der
+Kommandantur gemacht hatten, einzustellen. Ich wurde dazu noch durch
+einen besonderen Vorfall bestimmt, der, so klein und geringfügig er
+war, doch am besten zeigte, wie kritisch bereits die Lage geworden war.
+
+Ich hatte bei einem Nachmittagsbesuche eben neben dem Kommandanten
+Platz genommen und ließ mir das Straßburger Bier schmecken, das in
+einer Steinkruke wie immer auf ein zwischen uns stehendes Tischchen
+gestellt worden war, als der eintretende Diener den Kapitain ≈N. N.≈
+meldete. Den Namen überhörte ich. Es war, wie ich mich bald überzeugen
+sollte, ein See-Kapitain, der zugleich das Kommando über die
+Nationalgarden der Insel übernommen hatte. Mein guter Kommandant
+nickte, zum Zeichen, daß er bereit sei, den Angemeldeten zu empfangen,
+sprang aber in demselben Augenblick, in dem der Diener das Zimmer
+verlassen hatte, vom Fauteuil auf, um mit geschwindester
+Geschwindigkeit einen großen Wandschrank zu öffnen und die
+Steinflasche, sowie die beiden noch halb vollen Biergläser dahinter
+verschwinden zu lassen. Der Verschwinde-Akt war kaum ausgeführt, als
+der See-Kapitain eintrat und das Dienstgespräch seinen Anfang nahm. Ich
+empfahl mich; mein halbes Glas Bier hatte ich eingebüßt. Dies war zu
+verschmerzen; der ganze Vorgang bekümmerte mich aber um des
+Kommandanten willen. Dieser war nicht nur ein liebenswürdiger, sondern
+vor Allem auch ein sehr feinfühliger Mann, der nothwendig eine
+Verlegenheit über die Komödie empfinden mußte, zu der er sich
+verurtheilt sah.
+
+Er empfand es auch wirklich, so vermuthe ich; vor Allem aber sah er
+ein, daß etwas geschehen müsse, um ihn in seiner unhaltbar gewordenen
+Stellung neu zu befestigen. Dies zu erreichen, wählte er den klügsten
+Weg. Er bat um einen Auxiliar-Kommandanten, dem die
+Gefangenen-Angelegenheiten ausschließlich unterstellt werden möchten.
+Ein vorzüglicher Schachzug. Seinem Wunsche wurde nachgegeben und auf
+#einen# Schlag war er den Verdacht und — die Arbeit los. Den Verdacht
+hatte das #Gouvernement# natürlich nie getheilt; aber das war ein
+geringer Trost. Ueberall im Lande stand das Volk auf dem Punkt, die
+#Entscheidung selbst in die Hand zu nehmen#. Der Einzug von »König
+Lynch« war jeden Augenblick möglich.
+
+Wir erhielten in Folge dieser Vorgänge und Gesuche denn auch wirklich
+einen Vice-Kommandanten, einen schönen Blaubart, den Baron de la
+Flotte, der in Straßburg als Chef eines Mobilgarden-Bataillons
+mitkapitulirt und sich, nach seiner Entlassung auf Ehrenwort, aus dem
+Lärm des Krieges in die westlichen Departements zurückgezogen hatte. Er
+war ein feiner Herr, von vornehmer Haltung, sehr artig und — sehr
+bestimmt. Unser »Sturm im Glase Wasser« beruhigte sich und — die
+Gerüchte in der Stadt nahmen ein Ende.
+
+Sie nahmen ein Ende in demselben Verhältniß, in dem das #eigene
+Schuldbewußtsein# der Behörden und Bewohner sich minderte und sich
+mindern #durfte#. Viele Uebelstände, von denen man sehr wohl gewußt
+hatte, daß es Uebelstände waren, sie wurden abgestellt; man that was
+man konnte, man anerkannte gewisse #Verpflichtungen# und beeiferte
+sich, ehrlich und nachdrücklich, diesen Verpflichtungen nachzukommen.
+Das half. Der eifrigste und tapferste dabei war der französische Arzt.
+Er fuhr nach La Rochelle hinüber, entwarf ein Bild der Lage und
+erklärte rund und nett, daß er entschlossen sei, seine Stellung sofort
+niederzulegen, wenn nicht die Hälfte seiner Kranken in die großen
+Lazarethe von La Rochelle aufgenommen und die ihm verbleibende andere
+Hälfte mit allem Nöthigen versehen würde. Drei Tage später fuhren 30
+Kranke in einem großen Seedampfer nach La Rochelle hinüber. Alle seine
+Forderungen waren bewilligt worden.
+
+So endigte dieser Zwischenfall, der uns, wenigstens in den Augen
+unserer Insel-Bevölkerung, bis an die Grenzen der Meuterei geführt
+hatte. In Wahrheit aber hieß es selbst von den Verwegensten und
+Abenteuerlustigsten unter uns: »Kühn war das Wort, weil es die That
+#nicht# war«, und während man die Neu-Erklärung des Kaiserreichs von
+#uns
+erwartete, beschäftigte uns vorwiegend die Frage, ob der verd...
+Cantinier nicht endlich einen besseren Wein anschaffen, oder mit
+Rücksicht auf seine Kunden in #Hellblau# »a Bierche« auflegen würde.
+
+
+
+
+15. »≈Sentinelle, prenez garde à vous.≈«
+
+ ≈But where was this?
+ »Mylord, upon the #platform# where we watched.«
+ I will watch to-night
+ Perchance ’t will walk again.≈
+ ≈Hamlet.≈
+
+
+Um Mitternacht (Gott sei Dank) schlief ich fest, wenn nicht das
+Zusammenbrechen der verkohlten Scheite mich auf einen Augenblick
+weckte. Nur #einmal# wachte ich die Mitternacht heran.
+
+Es war bei Vollmond. Als die zwölf Schläge über den Kasernenhof hin
+verklungen waren, hüllte ich mich in Shawl und Kaputze und tappte an
+der Wand des Corridors entlang bis an die schmale Hinterthür, die auf
+den Wallgang hinaus führte. Entzückendes Bild! Nach rechts hin stand
+der Mond und goß sein volles Licht in breitem Streifen über die
+Wasserfläche. Kein Lüftchen ging; das Meer wie ein Spiegel; alles
+still; ich hörte nichts als in einiger Entfernung den Schritt der
+Wachen und am Fuße des Bastions ein leises Brauen und Murmeln, denn die
+Fluth kam.
+
+Ein weißer Schimmer lag wie Schnee auf den grauen Fliesen des Rempart
+und ich begann jetzt, immer dicht an der Brüstung hin, einen
+Mitternachtsgang anzutreten, wie ich gewohnt war an eben dieser Stelle
+meinen Morgengang zu machen.
+
+Ich sah hinüber nach dem Festland, das schwach heraufdämmerte. Nahes
+und Fernes immer schärfer musternd, empfand ich plötzlich, daß ich dies
+alles, an einem #andren# Orte, schon mal gesehen habe: dieselbe
+verschwimmende Küste, den Meeresarm, den Wallgang mit seinen Bastionen,
+das Portal und die Zugbrücke und dahinter das Fanal. Ich brauchte auch
+nicht lange zu suchen: #Helsingör#. Alle Empfindungen, mit denen ich
+damals über den »Hamlet-Rempart« hingeschritten war, sie wurden wieder
+lebendig in mir. Nur gesteigert. Wohl war das Schloß am Sunde, aus
+dessen Dachfirst eine nadelförmige Spitze wie das Horn aus dem Haupte
+des Einhorns phantastisch räthselvoll aufwächst, der #ächtere# Ort,
+dort war es, wo »≈the majesty of buried Denmark≈« in poetischer
+Wirklichkeit gewandelt war, aber #eines# hatte meinem verlangenden Sinn
+die Plattform von Helsingör #nicht# geben können: die rechte
+#Stunde#. Es war heller Mittag als ich drüber hinschritt. #Hier# hatt’
+ich jetzt was mir Helsingör verweigert hatte. »≈’T was now struck
+twelve.≈« Für den ächteren Ort hatt’ ich die ächtere Stunde
+eingetauscht.
+
+Ich zog meine Kaputze fester an und setzte mich innerhalb eines
+Brüstungsvorsprungs auf eine Steinbank, die, hufeisenförmig, diesen
+Vorsprung beinah ausfüllte. Ich sah in den Mondstreifen hinein, der in
+schräger Linie über das Meer und dann, glitzernd, über die schneeweißen
+Fliesen lief und mit schauerndem Entzücken begann ich Lieblingsstellen
+zu citiren. Was halb vergessen war, #jetzt# hatt’ ich es wieder. Ort
+und Stunde halfen nach. Ich hielt Zwiegespräche, Scene um Scene, Frage
+und Antwort.
+
+ Wer bist Du, der sich dieser Nachtzeit anmaßt
+ Und dieser edlen, kriegrischen Gestalt?
+ Sag’, ich beschwör dich.
+
+Und dann klang es Antwort:
+
+ Ich bin
+ Verdammt auf eine Zeit lang Nachts zu wandern,
+ Und Tags gebannt, zu fasten in der Glut
+ Bis die Verbrechen meiner Zeitlichkeit
+ Hinweggeläutert sind. Wär’ mir’s verstattet
+ Das Innre meines Kerkers zu enthüllen,
+ So hob ich eine Kunde an, von der
+ Das kleinste Wort die Seele dir zermalmte,
+ Dir die verworren krausen Locken trennte
+ Und sträubte jedes einzle Haar empor
+ Wie Nadeln an dem zorngen Stachelthier.
+
+In diesem Augenblick schlug es halb und noch eh der Schlag verklungen
+war, mit einer Plötzlichkeit wie ein Schuß fällt, begann jetzt vom
+Portal her das Anrufen der ausgestellten Wachen. »≈Sentinelle, prenez
+garde à vous!≈« Der nächste Posten nahm den Anruf auf und im fünffachen
+Echo lief es jetzt um die Citadelle herum, von Posten zu Posten, bis
+der mir zunächst stehende, mit dem die Kette schloß, dieselben Worte
+über den Rempart hinrief. Es war, als gälten sie mir selber.
+
+Ich stand jetzt auf, um meinen Rückzug anzutreten. Mich fröstelte. Als
+ich durch den Mondstreifen hindurchschritt, der jetzt zwischen mir und
+der schmalen Hofthür lag, war mir’s, als streifte mich etwas. Ich
+zuckte zusammen und eilte vorwärts.
+
+Der Wachen Ruf war längst verklungen, aber immer noch klang es in mir
+nach: ≈Sentinelle, prenez garde à vous.≈
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Frei.
+
+
+
+
+1. Unverhofft kommt oft.
+
+ Andrer Gram birgt andre Wonne;
+ Ueber ein Stündlein
+ Ist deine Kammer voll Sonne.
+ Paul Heyse.
+
+
+»Es ist gar nicht zu sagen wie schnell ein Ereigniß da ist, wenn man es
+#nicht# erwartet hat! Hat man es erwartet, so dauert es viel länger,
+#und
+manchmal kommt es gar nicht.« Mit diesen Worten etwa beginnt eine
+liebenswürdige Roquette’sche Novelle. Die Wahrheit, die sich darin
+ausspricht, sollte sich auch an mir erfüllen. »Unverhofft kommt oft.«
+
+Es war Sonnabend den 26. November. Die erste Hälfte des Tages mit
+Spaziergang und Arbeit lag hinter mir, das Mittags-Beefsteak war
+verzehrt, »in seinem zähen Widerstand gebrochen«, und die Kaffeestunde
+umblühte mich bereits. Duft und Wärme füllten das Zimmer. Rasumofsky
+war bei mir. Wie die beiden wilden Männer im Preußischen Wappen standen
+wir am Kamin, er rechts, ich links, während zwischen uns das Feuer
+glühte und die mehrerwähnte bauchige Blechkanne, mitten in die Kohlen
+hinein gestellt, eben mit ihrem Deckel zu klappern begann. Es war das
+Wasser für den #zweiten# oder Rasumofsky-Aufguß; den ersten hielt ich
+bereits in Händen und nippte mit der Bedächtigkeit eines
+»Connaisseurs«.
+
+Rasumofsky hatte seinen sentimentalen Tag und sagte: Jott, Herr
+Leutnant, wann werden wir wieder den ersten Preuß’schen Kaffe trinken?
+Mit Weihnachten wird es nichts.
+
+Nein, Rasumofsky, auf Ostern müssen wir uns gefaßt machen. Vielleicht
+sehn wir hier noch den Flieder blühn.
+
+Ach, Herr Leutnant, hier blüht ja gar kein Flieder nich.
+
+Aber Rasumofsky, Sie werden doch diesen Gegenden, die dicht an der
+Grenze des Mandelbaums und der Goldorange liegen, nicht den
+landesüblichen blauen Flieder absprechen wollen?
+
+Ich glaube hier gar nichts mehr. Die Franzosen lügen alle. Wer weiß wo
+wir hier sind? Sie können sich gar nicht denken, Herr Leutnant, was die
+armen Kerls drüben frieren. Ich glaube, wir sind hier gar nicht
+südlich.
+
+Na, Rasumofsky, da können Sie sich nun auf mich verlassen. Funfzehn
+Meilen von Bordeaux. Da hilft alles nichts, Geographie und Karten,
+damit wissen wir Bescheid.
+
+Er nickte zustimmend.
+
+Und am Ende, so fuhr ich fort, Ostern oder nicht, ich kann es so
+schlimm hier nicht finden. Rasumofsky, ich sage Ihnen, alle Dinge haben
+zwei Seiten.
+
+Er nickte wieder.
+
+Sehen Sie, es ist jetzt halb zwei; vor einer Viertelstunde erst hab ich
+mein Beefsteak gegessen und schon halt’ ich hier ein Glas guten
+Javakaffee in Händen. Glauben Sie, Rasumofsky, daß man das haben kann,
+wenn man frei ist? Gott bewahre. So ’was hat man nur in Gefangenschaft.
+
+Er griente.
+
+Sie sind ein vernünftiger Mensch, Rasumofsky, und kennen die Welt. Es
+wird wohl in Posen auch so sein wie anderswo. Der Hausherr, sehen Sie,
+das ist eine ganz sonderbare Stellung. Es wird ihm zwei- bis dreimal
+des Tages vorerzählt, er sei ein Tyrann, ein wahrer Pascha, und an
+dieser Ehrenerklärung muß er saugen wie an einem Stück Zucker. Nun
+sollen die Paschas viel Kaffee trinken. Aber ich sage Ihnen Rasumofsky,
+#die# Berliner Tyrannen, die um halb zwei eine Tasse Kaffee kriegen
+können,
+#die# sind zu zählen. Es ist entweder Wäsche, oder das Wasser kocht
+nicht, oder die Schornsteinfeger sind angemeldet. Sehen Sie, man könnte
+beinah sagen: nur der Gefangene ist frei.
+
+Hier hielt er sich nicht länger und brach in die Worte aus: ach, Herr
+Leutnant, das is ja, als ob ich meinen Rittmeister reden hörte. Grade
+so war es in Posen. Es ist zu merkwürdig.
+
+Seine Betrachtungen über dies wunderbare Zusammentreffen wurden durch
+ein Klopfen an der Thür unterbrochen. »≈Entrez!≈« Ein preußischer
+Infanterist mit einer 25 auf der Achselklappe und einem Klapphut auf
+dem Kopf, die ganze Erscheinung der typische Rheinländer, trat ein, um
+mich wissen zu lassen: »Monsieur le Commandant (der
+Auxiliar-Kommandant) wünschten mich zu sprechen.« Zu Befehl. Ich folgte
+unverzüglich.
+
+Der Vice-Kommandant, über den ich in einem früheren Kapitel bereits
+berichtet, hatte während der letzten Tage unmittelbar unter mir, in dem
+mit rothen Teufelchen garnirten Zimmer, ein Büreau etablirt, in dem
+einige französische Marine-Soldaten, unter Assistenz jenes 25ers (eines
+Kölners, der brillant französisch sprach), das ganze Schreiber- und
+Verwaltungswesen leiteten. Die Federn flogen hin und her; in der Mitte
+des Zimmers stand Baron de la Flotte. Ich verneigte mich vor »König
+Blaubart«. Mit schätzenswerther Raschheit sprang er gleich in ≈medias
+res≈ und erklärte mir: »≈Monsieur le Ministre de la Guerre a ordonné
+votre libération; — Monsieur F. vous êtes libre.≈« Ich verneigte mich.
+»Im Uebrigen,« fuhr er fort, »muß ich Sie bitten, ein Papier zu
+unterzeichnen, in dem Sie sich verpflichten, einerseits, nach dem Maße
+Ihrer Kraft, auf die Befreiung eines französischen Oberoffiziers
+hinwirken, andererseits gegen Frankreich weder irgend etwas sagen, noch
+schreiben, noch thun zu wollen.«
+
+Ich stutzte einen Augenblick, wiederholte überlegend die Worte: »≈ni
+dire, ni écrire, ni faire quelque chose contre la France≈« und fragte
+dann: ob bei dieser Erklärung aller Accent auf das Wort »≈contre≈«
+gelegt würde? Ich nähme dies vorläufig an; hätt’ ich darin Recht, so
+würd’ es mir leicht, die geforderte Verpflichtung einzugehen, da in
+meinem Herzen nichts lebe, was als eine Empfindung »≈#contre# la
+France≈« gedeutet werden könne. Kommandant Blaubart lächelte und machte
+eine gefällige, halb zustimmende, halb ablehnende, also, wenn der
+Ausdruck gestattet ist, eine neutrale Handbewegung, die etwa ausdrücken
+sollte: »dies ist eine heikle Frage; die Entscheidung steht bei Ihnen«
+und entließ mich dann mit jenen Formen, die er beherrschte und die ihm
+so wohl kleideten.
+
+Rasumofsky erwartete mich oben. Dies Abgerufen-werden zum Kommandanten
+war natürlich ein »Ereigniß«, und nach nichts, selbst den Taback nicht
+ausgeschlossen, sehnte sich alle Welt so sehr wie nach Neuigkeiten. Ein
+wegen »unerlaubter Schiffszwiebacks-Aneignung« zu drei Tagen Gefängniß
+verurtheilter Mecklenburger machte sechs Tage von sich reden; man mag
+sich also vorstellen, welche Neugiers-Unruhe in Rasumofsky’s Seele seit
+meiner Abberufung zum Kommandanten gestürmt hatte.
+
+»Rasumofsky, ich bin frei.«
+
+Der erste Effekt dieser Worte war alles andere eher als heiter. Der
+Angeredete, ohne sich Rechenschaft davon zu geben, fühlte klar, daß
+seine guten Tage nunmehr gezählt seien, und statt in Kaminfeuer und
+Kaffeegrund starrte er wieder in grundlose Langeweile. Er erholte sich
+aber schnell und sagte herzlich: »Na, das is schön; da wird sich die
+Frau Leutnant freuen. Himmelwetter, wenn unsereins doch mitkönnte!«
+
+Rasumofsky, Sie wissen »≈la paix est prochaine≈«. (So schloß jede
+Unterhaltung, die ich mit Franzosen führte.) Sie werden mich in Berlin
+besuchen. Tag oder Nacht, alles ganz egal. Sie sollen Kaffee haben.
+Dafür bin ich Hausherr.
+
+Ach, Herr Leutnant, Sie sind zu gut.
+
+Ja, Rasumofsky, das war immer mein Fehler. Aber was will man machen.
+Hier, alte Seele, haben Sie einen Befreiungs-Franken. Und nun seien Sie
+5 Minuten ruhig; ich muß an den Kommandanten schreiben.
+
+Dies geschah. Ich hatte angefragt, ob meiner Abreise am Dienstag nichts
+entgegen stehen würde!
+
+Rasumofsky sprang die Treppe hinunter, überreichte meinen Brief unten
+im Bureau und flog dann in die Kaserne hinüber, um, als Erster, die
+Siegesnachricht zu bringen: mein Leutnant ist frei.
+
+Es ist fraglich, ob die Capitulation von Paris eine ähnliche Sensation
+hervorgerufen haben würde.
+
+
+
+
+2. Der letzte Sonntag.
+
+ .... wie der Nebelwind
+ Der herbstlich durch die dürren Blätter säuselt.
+ Faust.
+
+
+Noch am Sonnabend Abend war mir mitgetheilt worden, daß der Dienstag
+als Abreisetag genehmigt worden sei; gleichzeitig erfuhr ich, daß, bei
+Ausstellung meiner Liberations-Ordre, Gambetta lediglich dem Andringen
+#Cremieux’# (des Justizministers) nachgegeben habe. Ich erkannte in dem
+allem leicht die Zusammenhänge mit der Heimath und wußte genau, wohin
+ich den #eigentlichsten# Dank für meine Befreiung zu richten hatte.
+Heitern Sinnes erwacht’ ich am andern Morgen. In Traum und Gedanken
+übersprang ich die Meilen und die Schwierigkeiten, die noch zwischen Le
+Château d’Oléron und der Königgrätzer Straße lagen.
+
+Es war der letzte Sonntag. Der Himmel blau, die Luft weich und warm
+(wir waren #doch# südlich, trotz Rasumofsky), so trat ich wieder auf
+den Rempart hinaus und begann, im Auf- und Abschreiten, die weißen
+Steinchen, die mir, wie der Leser sich erinnert, als Mark- und
+Rechenpfennige dienten, in meine Tasche sinken zu lassen, als die
+gewöhnliche Sonntagsmorgen-Musik mich in meinem Spaziergang und meinen
+Betrachtungen störte. Ich hätte sie #heute# weggewünscht und wenn mich
+an den Sonntagen vorher die Cachucha, die George Brown-Arie aus der
+Weißen Dame, und einige Piècen aus dem Trovatore, die gerade während
+der Kirchzeit gespielt wurden, nur etwas sonderbar berührt hatten, so
+berührten sie mich heute unangenehm. Die große Trommel, der Triangel
+und das Zusammenschlagen der Becken, das den Castagnettenschlag
+ersetzen sollte, wollten mir heut nicht passen. Sonntag früh 9 Uhr, wo
+wir gewohnt sind, die Glocken zu hören! Meine Stimmung kam hinzu.
+
+Die Franzosen denken anders darüber, über dies, wie über manches
+andere.
+
+Ich kehrte bald in mein Zimmer zurück, kramte, arrangirte und
+überlegte, als es klopfte und gleich darauf ein kleiner Herr eintrat,
+der mich Anfangs in Zweifel darüber ließ, ob ich ihn für einen
+kleinstädtischen Doktor oder einen großstädtischen Küster nehmen
+sollte. Er entpuppte sich aber bald als ≈Monsieur le prédicateur
+Masson≈, reformirter Geistlicher zu Saint-Pierre auf der Insel Oléron.
+Ich kann wohl sagen, daß mir diese Begegnung, nachdem ich so viele
+Wochen lang immer im Verkehr mit katholischen Geistlichen gewesen war,
+ein besonderes Interesse einflößte. Parallelen mußten sich mir
+aufdrängen. Ich bat ihn, Platz zu nehmen. Er that es, aber sehr
+unvollkommen.
+
+Den Predigerton habe ich niemals so in Blüthe gesehen, als bei diesem
+kleinen Manne. Er war unfähig, ein Wort einfach und natürlich zu
+sprechen. Alles war Rede, feierliche Ansprache, wie wenn die
+Bürgermeister an den Wagenschlag eines reisenden Prinzen treten. Dieser
+Eindruck wuchs dadurch, daß er sich, so oft die Reihe des Sprechens an
+ihn kam, von seinem Stuhl erhob, um #stehend# und mit berufsmäßigen
+Handbewegungen seine Rede zu halten. Man kann sagen, er taufte und
+traute beständig.
+
+Seine erste Ansprache, nach erfolgter Vorstellung, ging dahin, daß sein
+Freund und Amtsbruder »≈Monsieur Delmas, Pasteur et Président du
+Consistoire≈« ihm eine historische Studie »≈L’Église Réformée de la
+Rochelle≈« übersandt habe, zugleich mit der Bitte, dieselbe einem
+»≈historien prussien≈«, der sich zur Zeit als Kriegsgefangener auf
+Oléron befinde, überreichen zu wollen. Nach sorglicher Durchforschung
+aller 1000 Gefangenen war, unter Anwendung des Indicien- oder
+Wahrscheinlichkeits-Beweises, der Verdacht des »Historikers« an mir,
+als an einem schon früher literarisch Betroffenen, haften geblieben und
+da stand ich denn nun, den #einen# Geistlichen vor mir, den #andern#
+(seinem besseren Theile nach) in Händen haltend und fühlte zugleich,
+nicht ohne eine gewisse Verwirrung, den Schatten eines Lorbers auf
+meiner Stirn. In Besançon zum »≈officier supérieur≈«, in Oléron zum
+»≈historien prussien≈« kreirt, gewann ich erst Fassung wieder in dem
+Gedanken, daß die #Fremde# ihren Mann erkennt und der Heimath (die nie
+recht ’ran will) die großen Fingerzeige giebt.
+
+Ich that einen Blick auf den Titel des ziemlich umfangreichen Buches,
+versicherte Mr. Masson in aller Wahrheit, daß ich ein Interesse nähme
+an der Geschichte des Hugenottenthums in der Vendée und bat ihn, seinem
+Amtsbruder in La Rochelle meinen besten Dank für die mir erwiesene Ehre
+auszusprechen. Wir gingen dann zu einem Gespräch über die Insel Oléron
+über, über die kirchlichen Zustände, über das Verhältniß von Katholiken
+und Protestanten, der Zahl wie der gegenseitigen Stimmung nach. Er gab
+mir über alles Aufschluß, aber doch in einer gewissen aufgeregten
+Zerstreutheit, wie man sie bei Personen zu beobachten pflegt, die
+zwischen Braten und Compott eine Tischrede zu halten haben. Sie
+memoriren beständig, werden durch die harmloseste Frage ihres Nachbars
+wie auf einer gedanklichen Unthat ertappt und geben oft Antworten,
+darin sich Worte aus der zu haltenden Rede räthselvoll eingesprenkelt
+finden. Dies war auch die Situation von Mr. Masson. Er brach denn auch
+schließlich durch die immer drückender werdende Zwangsunterhaltung
+hindurch, erhob sich, trat, seinen Cylinderhut in der Hand, drei
+Schritt zurück und begann mit gesteigerter Feierlichkeit:
+
+≈Monsieur il n’est pas vraisemblable, que nous nous reverrons ici, que
+nous nous reverrons dans ce monde. Mais nous avons une patrie, grande
+et éternelle, où n’existe pas de guerre, où la haine, l’animosité ont
+cessé, où les peuples demeurent en paix par notre Sauveur Jésus Christ,
+par lui, qui est la lumière, l’amour, et la grâce. Voilà où nous nous
+reverrons. ...... Monsieur, je vous demande pardon ...... Monsieur, je
+suis fâché de vous avoir dérangé ..... Monsieur, j’ai l’honneur .....≈
+Während dieser Sätze hatte er seinen Rückzug angetreten, ohne sich
+umzudrehen, immer Auge in Auge. Unter beständigen Verbeugungen
+begleitete ich ihn bis an die Treppe; hier schieden wir.
+
+Es fiel mir wie eine Last von der Brust. Die letzten Minuten hatten
+mich einen schweren Kampf gekostet. Bis zu den Worten: »≈voilà, où nous
+nous reverrons≈« war ich ihm ernsthaft und aufmerksam gefolgt, als mir
+aber plötzlich klar wurde: er predigt, er #citirt# vielleicht, erfaßte
+mich das Komische der Situation mit solcher Gewalt, daß ich nur noch
+mit Niederkämpfung meines Krampfes beschäftigt, von allem Weiteren
+nichts anderes als einzelne Worte hörte. Niemals hab’ ich das Mißliche
+der pastoralen Redeweise #so# empfunden wie hier.
+
+Man spricht davon, daß unser modernes Empfinden den Katholicismus
+überwunden habe, er sei durchaus #mittelalterlich#. Es mag sein. Aber,
+was unser modernes Empfinden gewiß #auch# überwunden hat, das sind
+solche öden Redensarten. Jeder kann sie machen, wie jeder einen Baum
+zeichnen oder ein Sonett zusammenstellen kann. Man lockt damit keinen
+Hund mehr vom Ofen. Man muß diese Dinge schärfer anzufassen wissen.
+
+#Wir# sind wenigstens auf dem Wege dazu; was ich aber in Frankreich vom
+#Protestantismus gesehen habe, machte einen unendlich tristen Eindruck
+#auf mich. In Lyon gab mir der ≈gardien-chef≈ (Protestant) ein
+#Gebetbuch in die Hand, ich glaube in Genf und Toulouse edirt, das
+#Gebete auf ein paar hundert Tage und Situationen enthielt, jedes eine
+#halbe bis anderthalb Seiten lang, also an und für sich nicht zu lang
+#und in dieser Beziehung hinnehmbar. Ich las zehn oder zwölf und ich
+#darf sagen, ich habe nie dürreres Reisig in Händen gehabt.
+
+Keine Spur wahren Lebens, alles fromme Phrase. Die #fromme# Phrase aber
+ist die schlimmste.
+
+
+
+
+3. Der letzte Abend.
+
+ Wünsche, Frohsinn, Freunde, Gäste,
+ Lichter wie zum Weihnachtsfeste.
+
+ * * *
+
+ Er hatte Tressen an dem Hut
+ Und einen Klunker dran.
+ M. Claudius.
+
+
+So kam der letzte Abend heran. Er hatte eine besonders festliche
+Erscheinung. Bei Vertheilung meiner Wirthschaftsgegenstände hatte sich
+nämlich ein ungeahnter Reichthum an Stearinlichten ergeben und da
+Rasumofsky, dem natürlich Alles zufiel, hochherzig erklärte, zu Gunsten
+einer Illumination auf diesen Erbschaftstheil verzichten zu wollen, so
+hatte sich, unter Heranschleppung aller möglichen Blaker und Leuchter,
+die überhaupt aufzutreiben waren, eine feenhafte Beleuchtung bei mir
+vorbereitet. Selbst in der anstoßenden Kammer, in zwei Sandhaufen
+gestellt, brannten zwei Lichter. Es sah aus wie Weihnachten. Der
+Christbaum fehlte, aber sein festlicher Glanz war ausgegossen.
+
+Licht giebt Heiterkeit. Ich ordnete meine paar Habseligkeiten, die mich
+in die Heimath zurückbegleiten sollten, setzte mich an den
+Schreibtisch, um ein paar Abschiedsbriefe zu couvertiren, und sprang
+dann wieder auf, um in meiner Lichter-Allee spazieren zu gehen. Ich bin
+ein schlechter Sänger und Pfeifer; aber ich glaube, ich versuchte mich
+als beides.
+
+Meine gute Laune hatte noch einen besonderen Grund; es war nämlich
+unmöglich, auf Rasumofsky zu blicken, ohne von jenem
+Empfindungskontrast berührt zu werden, der vielleicht die Wurzel alles
+Humors ist. Von den drei Cardinal-Eigenschaften meines Burschen, um
+derentwillen ich ihn überhaupt engagirt hatte, hatte ich bisher nur
+#zwei# kennen gelernt, den Polen und den schwarzen Husaren; heute, zum
+Abschied, hatte er, mir zur Liebe, auch die #dritte# seiner Qualitäten
+hervorgesucht: den Schneider. Das rechte Bein über dem linken Knie, so
+saß er da, von Lichtern umstrahlt, vom Kaminfeuer beschienen und nähte
+mir, aus blauem Futterkattun, einen Reisesack. Er that es gern, weil er
+das Bedürfniß hatte, mir seine Liebe zu bezeigen; aber es war ein
+Opfer, das er mir brachte. Alle Augenblick kam Besuch; man lächelte,
+und ich sah, wie er sich ärgerte. Endlich half er sich auf die beste
+Weise. Er stülpte seine Mütze mit dem Todtenkopf keck auf die linke
+Seite und sah jeden Eintretenden so herausfordernd an, daß der Spott
+verschwand, noch eh’ dieser Zeit gehabt hatte, sich zu entwickeln. Mir
+persönlich gönnte er das herzlichste Lachen und stimmte selber mit ein.
+
+Diese Heiterkeit indeß, die in so Vielem um mich her ihre Nahrung fand,
+sollte noch auf eine harte Probe gestellt werden; ja es wurde zehn
+Minuten lang so dunkel vor meinen Augen, als ob die Lichter um mich her
+mit ziemlich langer Schnuppe gebrannt hätten. Der Leser urtheile
+selbst.
+
+Unter den Vielen, die kamen und gingen, befand sich auch unser Kölner
+Freund mit dem Klapphut und der 25er Achselklappe. Er kam abermals
+»dienstlich«, und zwar diesmal, um mir im Auftrage des Kommandanten
+meinen »#Reisepaß#« zu überreichen. Ich dankte, so weit das meine große
+Ueberraschung zuließ.
+
+Ich hatte nämlich geglaubt, auf dieselbe Weise, wie ich gekommen war,
+nun auch meine Rückreise antreten zu können, und mußte mich jetzt von
+der alten Wahrheit überzeugen, daß Freiheit theuer ist und ein
+beständiges Daransetzen von Gut und Blut erwartet. Nicht in
+Gensdarmenbegleitung (langweilig aber #sicher#) sollte ich mich auf den
+Rückweg machen, sondern in völliger Freiheit, #mir selber überlassen#.
+Das klang sehr gut, war aber in Wahrheit eine heillose Sache, die
+dadurch nicht besser wurde, daß mir ein Umweg, der die Meilenzahl
+gerade verdoppelte, als Reiseroute vorgeschrieben war. Hier saß ich am
+#Atlantischen# Ocean; bis zum #Mittelländischen# Meer (Cette) mußte ich
+hinunter, um dann wieder, an der Rhône hin, bis Lyon und Genf aufwärts
+zu steigen! Dieser Umweg war nicht angenehm; aber er kam nicht in
+Betracht neben der andern Erwägung, daß ich diese Reise durch bis zum
+Fanatismus aufgestachelte Provinzen antreten mußte; #allein#, mit
+keinem andern Schutz als einem ≈feuille de route≈ in der Tasche. Alle
+Städte, die ich zu passiren hatte, hingen nur lose noch am Faden der
+Ordnung; was konnte einem rothrepublikanischen Arbeiterhaufen, wie sie
+in Bordeaux, Toulouse, Lyon an der Tagesordnung waren, was konnte ihnen
+mein, mit Kritzelhand undeutlich geschriebener Reisepaß bedeuten? »≈A
+la lanterne≈«! Ich hatte das Gefühl, durch meine Befreiungsordre auf
+einen Vulkan gestellt zu sein. Dies Gefühl war so stark, daß ich einen
+Augenblick die große Cortez-Arie »ich bleibe hier« sehr ernsthaft in
+Erwägung zog. Dann schämt’ ich mich wieder dieses Kleinmuths.
+Rasumofsky, an den ich appellirte, faßte sein Endurtheil in die Worte
+zusammen: »i, sie werden ja wohl nich«. Er meinte die Franzosen.
+
+Manchem mögen diese Bedenken, wie ich sie hier ausgesprochen habe, als
+Zeichen einer besonderen Aengstlichkeit erscheinen. Ich darf aber
+versichern, die Situation war #wirklich# heikel. Nur wer als Gefangener
+durch Frankreich geschleppt worden ist, hat ein Urtheil darüber. Scham
+und Hoffnung gaben endlich den Ausschlag. Zudem trug mein Paß den Namen
+#Gambettas#. Dies war #etwas#. Der einzige Name, der selbst der rothen
+Populace einigermaßen imponirte. Wenigstens #damals# noch.
+
+Es liegt in meiner Natur, angesichts aller Dinge, über die ich
+#ausnahmsweise# nicht gleich hinweg kann, sorglich zu balanciren und
+#nur
+zögernd zu einem Entschluß zu kommen; #ist# dieser Entschluß aber
+einmal gefaßt, so spring’ ich auch sofort wieder mit beiden Füßen in
+die alte Sorglosigkeit hinein und vertraue lachend und heiter meinem
+guten Stern.
+
+So that ich auch hier. Es wurde mir erleichtert durch einen Besuch, der
+mit der Entscheidung, die ich faßte, fast zusammentraf.
+
+Die Lichter waren schon halb niedergebrannt; Rasumofsky that seine
+letzten Stiche und schickte sich eben an, eine Zuckerhut-Strippe (als
+Schnurre) durch den Reisesack zu ziehen, als es abermals klopfte.
+Herein trat ein großer schöner Mann in der Uniform eines
+Zuaven-Tambour-Majors. Langer blauer Rock, blanke Knöpfe, mächtige
+rothe Epauletten, auf der Brust drei Orden, der schwarze Vollbart
+sappeurartig herniederhängend und auf seiner Oberfläche in zwei
+Strehnen geflochten, die, nicht viel dicker wie ein Uhrschnur, auf dem
+mächtigen dunklen Bart-Untergrunde lagen. Es war der Cantinier. Man
+denke sich mein Erstaunen. Die Schönheit dieses wirklich pompösen
+Mannes wurde nur noch von dem Komischen seiner Erscheinung übertroffen.
+
+Er blieb drei Schritte vor mir stehn, verbeugte sich, legte seine linke
+Hand auf die Brust und begann feierlich: »Mein Herr. Die Verhältnisse
+haben es mir versagt, auf mehrere Schreiben, die ich die Ehre hatte von
+Ihnen zu empfangen, schriftlich zu erwidern. Es ist mir Bedürfniß,
+persönlich Ihre Nachsicht dafür zu erbitten. Zugleich spreche ich Ihnen
+in meinem und meiner Dame Namen mein aufrichtiges Bedauern darüber aus,
+Sie so früh aus unserer Mitte scheiden zu sehn. #Sie# werden anders
+darüber empfinden, aber genehmigen Sie die Versicherung, daß Sie ein
+Gegenstand unsres besonderen Respektes waren.«
+
+Hier schwieg er, verneigte sich wieder und wartete ersichtlich auf
+meine Antwort. Ich ging also auch los. »Monsieur le Cantinier, es
+gereicht mir zu einer ganz besonderen Ehre, daß ich noch Gelegenheit
+finde, Sie in dieser prächtigen Erscheinung vor mir zu sehn. Sie sind
+ein schöner Mann; verzeihen Sie die Unumwundenheit meiner
+Ausdrucksweise (er verneigte sich), aber wenn es etwas giebt, das im
+Stande ist, Ihrer Persönlichkeit Vorschub zu leisten, so ist es #diese#
+Uniform. Ich sehe zu meiner besonderen Freude, Sie sind #dekorirt#.
+Darf ich fragen .....«
+
+Er wartete das Weitere nicht ab, sondern interpretirte jetzt mit immer
+lebhafter werdender Stimme: ≈c’est pour la Crimée, — c’est≈ ≈pour le
+Mexique, — et la troisième, celle-ci, est une »décoration spéciale«
+pour mes productions sur le cornet à piston.≈
+
+Ich drückte ihm nochmals meine Freude aus, einen alten Soldaten zu
+sehn, der wahrscheinlich in drei Welttheilen gefochten habe (er nickte
+zustimmend), und glaubte nun, nach so vielen Auseinandersetzungen, das
+Ende der Feierlichkeit gekommen, als er plötzlich einen Schritt näher
+an mich heran trat und mit bewegter Stimme sagte: ≈Monsieur, je ne
+crains pas de vous offenser, si je vous prie .....≈
+
+Ich warf unwillkürlich den Oberkörper zurück.
+
+≈Monsieur≈, fuhr er fort, ≈permettez, que je vous embrasse≈.
+
+In solchen Momenten ist ein muthiges Hinein ins Unvermeidliche immer
+das Beste. Nur Initiative kann vor größerem Unheil bewahren. Ich warf
+mich also auf ihn, drückte die drei Medaillen an meine Brust und schob
+erst meine linke, dann meine rechte Backe an den beiden Flanken seines
+mächtigen Hauptes vorbei.
+
+Dann ließ ich los. »Rasumofsky, Licht!« Dieser packte den nächsten
+Leuchter, riß die Thür auf und beschleunigte dadurch den Rückzug.
+
+Als er heraus war, sagt’ ich mir: ≈Mr.
+#Masson#, encore une fois!≈ Nur unterm
+Vergrößerungsglas und — mit rothen Epauletten!
+
+
+
+
+4. Abschied.
+
+ Hin jagt der Kiel; ....
+ Und jene Insel voll Erinnerungen
+ Sinkt in des Meers, sinkt in des Herzens Tiefe.
+ B. v. Lepel.
+
+
+Um 7 Uhr früh war ich auf. Es dunkelte noch, aber ein großes
+Reisigfeuer gab überall hin Licht und Wärme. Um 9½ ging das Schiff.
+Gepackt war. Auf dem unter Rasumofskys Händen rasch arrangirten Bett
+lagen meine Habseligkeiten: der Hut, der Ueberzieher, die Reisedecke,
+zuletzt der blaue Reisesack, der genau das Ansehen jener kattunenen
+Hülse hatte, drin der Dorffiedler seine Violine auf die nächste
+Kirchweih trägt. Unten am Bett lag Blanche. Sie hatte noch nicht
+ausgeschlafen, reckte und streckte sich und sah halb neugierig, halb
+mißgestimmt unsrem Treiben zu.
+
+Es schlug 8, das letzte Frühmahl war genommen, Rasumofsky hatte seine
+Erbschaft angetreten. Alles war sein. Vor den Sentimentalitäten des
+Abschieds wurden wir durch immer neu eintreffende Besucher bewahrt, die
+mir Grüße, Briefe, Bestellungen mit in die Heimath gaben. Einige
+drangen in mich, einen großen Lärm wegen schlechter Behandlung der
+Gefangenen zu machen, was ich aber ablehnte, ihnen nochmals
+auseinandersetzend, sie möchten doch, um ihrer eigenen guten Laune
+willen, von der Vorstellung ablassen: daß die französischen Gefangenen
+in Deutschland ein glückliches und die deutschen Gefangenen in
+Frankreich ein unglückliches Leben führten. Es würde sich wohl hüben
+und drüben nicht viel nehmen. Gefangen sein, sei immer unangenehm.
+Ergebung sei das Beste; an gutem Willen (wie sie zugeben mußten) fehle
+es den Behörden nicht. Im Allgemeinen wurde dies gut aufgenommen. Nur
+zwei vom 1. Garde-Ulanen-Regiment wollten nicht viel davon wissen. Sie
+deuteten leise an: Du hast gut reden.
+
+So kam 9 Uhr. Blanche hatte sich inzwischen erholt und drängte sich an
+mir vorbei, ihre Flanken immer dichter an meinem Stiefel streifend;
+Rasumofsky hatte die Decke über den linken Arm gehängt und den blauen
+Sack in der Rechten harrte er des Zeichens zum Aufbruch. »Nun mit
+Gott.« Auf der Thürschwelle wandte ich mich noch einmal und sah in das
+Zimmer zurück, drin das Reisigfeuer eben verglühte. Ich warf, ohne
+bestimmte Adresse, eine Kußhand hinein, eine Dankesbezeugung gegen den
+≈genius loci≈, der es gut mit mir gemeint hatte. Dann treppab, über
+Flur und Hof hin, wo noch wieder die Hände geschüttelt wurden, ging es
+am Glacis und der Stadt-Enceinte entlang, auf das Hafen-Bollwerk zu, wo
+die Dampfer anzulegen pflegten. Ich löste ein Billet; Rasumofsky legte
+Decke und Sack auf einen Mühlstein, der Tisch und Stuhl zugleich
+vorstellte. So standen wir einander gegenüber.
+
+Ja, Rasumofsky, so geht es.
+
+Ja, Herr Leutnant.
+
+Nun, sei’n Sie vernünftig und kommen Sie bald nach.
+
+Ach, Herr Leutnant (hier kam er mir näher ans Ohr), am liebsten brennt’
+ich gleich mit durch.
+
+Unsinn. Ewig kann es nicht dauern. Gott befohlen.
+
+Es zwinkerte ihm etwas um die Augen; ich gab ihm die Hand; dann machte
+er Kehrt und ging stramm auf Stadt und Citadelle zu. An höchster
+Wegstelle winkte er noch einmal mit einem alten blauen Schnupftuch, das
+nicht mehr recht flattern wollte. Dann bog er rechts ein und war mir
+entschwunden.
+
+Das Schiff war noch nicht da. Ich setzte mich auf den Mühlstein und gab
+mich dem Zauber dieser Minute hin. Es war wie ein Vorschmack der
+Freiheit. Hinter mir und zu meiner Rechten lag das Meer, nach links hin
+dehnte sich die Insel, vor mir ein Schiffs-Etablissement, halb Werft,
+halb Holzhof. Es nebelte leise und durch die stille, wasserreiche Luft
+klang gedämpften Tones der schrille Ton mehrerer Sägen, die, ein Mann
+oben, ein Mann unten, große Stämme in Bretter zerschnitten. Das ganze
+Bild, so einfach es war, war eigenthümlich und einschmeichlerisch, und
+dennoch empfand ich, das alles schon einmal gehabt zu haben. Ich sann
+hin und her. Da hatt’ ich es. In Linlithgow, angesichts des Schlosses,
+drin Maria Stuart geboren wurde, hatte all’ das schon einmal zu mir
+gesprochen: derselbe Nebelmorgen, derselbe durchrümpelte Holzhof, vor
+allem derselbe gedämpfte Ton auf- und abgehender Holzsägen. Wenn es
+etwas geben konnte, den Zauber dieser Minute zu steigern, so war es
+#diese# Erinnerung.
+
+Der Dampfer hatte inzwischen angelegt. Ich war der einzige Passagier,
+wenn zwei Pferde nicht mitzählen sollen, die, mit krausem Winterhaar
+und klumpigen Füßen, wie heruntergekommene Anverwandte der schönen
+Percheron-Raçe, auf dem dritten Platz des Schiffes untergebracht waren.
+Mit Leichtigkeit löste sich der Dampfer vom Ufer, der Seewind strich
+über Deck und ein leises Frösteln schüttelte mich. Aber ich konnte doch
+von dieser Stelle nicht scheiden, ohne bis zuletzt eines freien
+Umblicks genossen zu haben. Ich stellte mich also auf die Mitte der
+Kajütentreppe und blickte von hier aus, die erhöhte Treppenwand als
+Windschirm benutzend, nur den Kopf frei, in die Landschaft hinein. An
+Büschen und Bojen hin, die das Fahrwasser bezeichneten, glitt der
+Dampfer ruhig seine Straße, der Schleier über Oléron wurde dichter,
+nichts als der Citadellthurm und rechts daneben das hohe Fanal ragten
+noch wie Schattenbilder aus dem Grau hervor. Auf dem Schiffe herrschte
+Stille; lautlos dirigirte der Matrose das Steuer, nur die Maschine
+prustete, die Pferde stampften und die großen Holzschuhe des
+Schiffsjungen klapperten über Deck.
+
+Nun begann das Hohio und das Rufen in den Maschinenraum hinunter; die
+Breitseite des Dampfers legte sich an den Quai.
+
+Ich sprang ans Ufer. Festland unter den Füßen. Drüben auf Oléron
+verschwanden die letzten Schatten im Nebel.
+
+
+
+
+5. Rückreise.
+
+ Komm mit deinem Scheine
+ Süßes Engelbild.
+ M. v. Schenkendorf.
+
+
+Am Ufer hielten Diligencen und Omnibusse, die bis Marennes und
+Rochefort gingen; keins dieser großen Gefährte aber hatte Lust, einen
+einzigen Passagier landeinwärts zu schaffen. Ich nahm also eine Art
+Postkutsche, nicht billig, aber doch immer noch nicht so theuer, wie
+wenn man in Mark Brandenburg von Buckow bis Werneuchen fährt, und
+rollte bei immer heller werdendem Wetter, die Hauptstraße von Marennes
+hindurch, in die dahinter gelegene Landschaft hinein. Ich erkannte all’
+die alten Punkte wieder. Dies war das Wäldchen, wo der Marketender die
+»Wacht am Rhein« angestimmt hatte; dies war die Wegebiegung, wo mein
+Ziegenfell-Kutscher und ein Telegraphen-Beamter ihren großen Disput
+begonnen und eine Viertelmeile lang die Worte wiederholt hatten: »≈vous
+êtes un malhonnête« und »vous êtes un grossier≈«,[3] und dies endlich
+war das Dorf und die Auberge, wo in das Gewirr der Stimmen und das
+Geklapper der Kaffeetassen hinein die Schlagtriller der Kanarienvögel
+erklungen waren. War jener Tag schön gewesen, so war dieser doch
+schöner, trotz eines leisen Druckes, den ich nach wie vor auf dem
+Herzen spürte.
+
+Die französischen Kutscher fahren brillant; schon um 2 Uhr rasselte die
+Kutsche über das Vorstadtpflaster von Rochefort. An dem alten
+Stadtthor, in Nähe einer großen Esplanade, hielten wir.
+
+Ich hatte zwei Gänge in Rochefort zu machen, den einen um der #Pietät#,
+den andern um der #Respektabilität# willen. Diesen zweiten Gang macht’
+ich zuerst. Es war nämlich unmöglich, den blauen Kattunsack, diese in
+ihrer Art vollendete Leistung meines Rasumofsky, als Handgepäck eines
+≈première-classe≈-Reisenden beizubehalten; — dieser Sack allein schon
+wäre eine beständige Denunciation gewesen. Ein Tausch also mußte sich
+nothwendig vollziehen. An einem squareartigen Platz, inmitten der
+Stadt, fand ich endlich eine Reiseeffekten-Handlung, trat ein und hatte
+einen kleinen degenerirten Franzosen vor mir, der nicht aussah, als ob
+er die letzten Kraftanstrengungen der Republik seinerseits unterstützen
+wolle. Ich kaufte eine leidlich elegante Tasche, bat, den Prozeß des
+Umpackens sofort vornehmen zu können, und löste diese Aufgabe, die bei
+der Beschaffenheit meiner Effekten nicht eben leicht war, mit Geschick
+und Decenz. Dann überreichte ich den Kattunsack mit der Bitte, diese
+blaue Trophäe zur Erinnerung an einen preußischen ≈prisonnier de
+guerre≈ aufbewahren zu wollen. Der kleine Mann konnte sich in diesen
+Worten nicht gleich zurecht finden; nur drei Nähterinnen, die schon den
+Umpackungsprozeß mit Theilnahme verfolgt hatten, kicherten jetzt und
+blickten mich freundlich an. Dieser Erfolg genügte mir vollkommen. Ich
+grüßte und verschwand.
+
+Mein nächster Gang in Rochefort galt dem Mr. Vignaud, dem Vorstande des
+Gefängnisses. Ich hatt’ es noch dankbar in Erinnerung, daß seine
+sorgliche Pflege mich vielleicht vor einer ernstlichen Krankheit
+bewahrt hatte; so fragte ich mich denn durch Straßen und Gassen durch
+und zog alsbald an dem großen Holzgatter die weithin schallende Glocke.
+Man empfing mich wie einen alten Bekannten; »der Direktor habe eben von
+mir gesprochen«. Dieser saß wie gewöhnlich an seinem Pult und las im
+≈Moniteur universel≈ den Meinungsaustausch zwischen dem Grafen Bismarck
+und dem Comte Chaudordy über Gefangenenbehandlung hüben und drüben. Ein
+sehr zeitgemäßes Thema. Er schob mir das Blatt zur Durchsicht hin; ein
+kurzes Gespräch knüpfte sich daran; ich fragte nach dem Sohn, dessen
+Zimmer ich bewohnt hatte; er zuckte mit den Achseln, — ein Ballonbrief
+war seit Wochen nicht eingetroffen. So schieden wir; ein jeder
+gut-national und doch gute Freunde mitten im Kriege.
+
+Der Bahnhof war ziemlich nah. Ich erfuhr, daß in 30 Minuten ein Zug
+abgehe, der aber halben Wegs zwischen Rochefort und Bordeaux (in
+Angoulème) 4 oder 5 Stunden liegen bleibe, um das Eintreffen des
+Hauptzuges von #Orleans# her abzuwarten. Mir brannte der Boden unter
+den Füßen. Also weiter.
+
+Um 10 Uhr Abends war ich in Angoulème. Ich nahm einen Imbiß; dann
+wurden die Gasflammen am Buffet gelöscht und ein Kellner führte mich
+einem Bahnhofsbeamten zu, der nun den Warte-Salon öffnete. Hinter mir
+wurde wieder zugeschlossen. Es war ein dunkler Raum; die dicht
+aufgeschüttete Kohlenmasse #glühte# nur; große Schatten gingen an der
+Decke hin, wenn draußen auf dem Perron sich irgend etwas regte; — es
+war die Infirmerie von Moulins ins Elegante übersetzt. An den Wänden
+entlang standen Plüsch-Canapés mit großen Kissen vom selben Stoff;
+alles bequem und einladend. Ich streckte mich, um ein paar Stunden zu
+schlafen. Es wollte aber nicht recht glücken, da ich bald wahrnehmen
+mußte, daß ich nicht der einzige Bewohner an dieser Stelle war. Auf
+einem zweiten Canapé, das Kopf an Kopf mit dem meinigen stand, wurd’ es
+unruhig, drehte und dehnte sich, gähnte dazwischen und gab allerhand
+andere Zeichen des Unbehagens. Endlich stand der Unruhige auf und
+setzte sich vor den Kamin. Die Kohlengluth gab gerade so viel Licht,
+daß ich ihn erkennen konnte. Es war ein junger Mann, wohlwollenden
+Gesichts; allem Anschein nach ein Kaufmann.
+
+Nach einer halben Stunde waren wir im Gespräch, und ich darf wohl
+sagen, ich schulde ihm den glücklichen Verlauf einer Reise, von der er
+mir offen bekannte, daß er sie unter den obwaltenden Umständen für ein
+#Wagniß# halten müsse. »Sie müssen sich eilen; keine Aufenthalte; immer
+erster Klasse; — die Züge, zum Glück, greifen ineinander ein.« Sein
+≈ceterum censeo≈ aber war: »schlafen Sie viel, lesen Sie viel,
+#sprechen Sie wenig#«.
+
+Etwa um 2 Uhr Nachts traf der Zug von Orleans ein. An demselben
+Vormittage war auf dem Terrain zwischen Artenay und der
+Loire-Hauptstadt gekämpft worden; fünf oder sechs Waggons waren mit
+bayerischen Gefangenen und Verwundeten gefüllt; namentlich Artillerie.
+Sie befanden sich auf dem Wege nach Pau. Ich trennte mich von meinem
+freundlichen Berather, wiederholte ihm meinen Dank und weiter ging es,
+auf Bordeaux zu. Wir erreichten es 6 Uhr früh. Ein Fiacre führte mich,
+über Brücken und Plätze, an einem prächtigen Quai hin, von einem
+Bahnhof auf den andern. Nur eine halbe Stunde Rast!
+
+Nun begann ein Fahren Tag und Nacht. Am Nachmittag in Toulouse; am
+Abend in Cette. Eine weite Wasserfläche dehnte sich zur Rechten; der
+Mond, in breitem Streifen, schimmerte drüber hin. »Was ist das?« Das
+mittelländische Meer.
+
+Weiter. Montpellier, Nismes, Tarascon. Hier gingen wir auf die
+Marseiller Linie über. Am Morgen in #Lyon#.
+
+Lyon hat acht Bahnhöfe.
+
+≈Où est la gare de Genève?≈
+
+≈C’est ici; voilà.≈
+
+≈A quelle heure part le train?≈
+
+≈A présent. Dans cinq minutes. Dépêchez-vous.≈
+
+Im Fluge löste ich mein Billet und weiter rasselte der Zug auf Genf zu.
+Nur noch 20 Meilen bis zur Grenze! Mir begann das Herz höher zu
+schlagen. Ich fing auch wieder an zu #denken#. Wie hatt’ ich diese
+anderthalb Tage seit Angoulème zugebracht? Getreulich nach der Weisung
+meines Berathers. Die Augen geschlossen oder in ein Zeitungsblatt
+vertieft, so hatt’ ich die langen Stunden über da gesessen. Auch in der
+Nacht war kein Schlaf über mich gekommen. Was geht in solchen Stunden
+in einer Menschenseele vor? womit tödtet man die Zeit hinweg? Hier
+liegen Fragen für einen Psychologen vor. Das Auge ist todt; die
+Landschaft spricht nicht zu ihm; die Bilder fallen auf die Netzhaut,
+aber der Nerv, der uns das Bild zum Bewußtsein bringen soll, versagt
+seinen Dienst. Und wie keine Bilder #zu# uns sprechen, so sprechen auch
+keine Gedanken
+#in# uns. Schemen, ein geistlos-geisterhaftes Wesen, ein fieberhaft
+durch das Hirn gehetztes Nichts; ein Stunden- und Minutenzählen; immer
+dieselbe Frage: wie weit noch, wie viel Meilen noch?
+
+Jetzt, auf dem Wege zwischen Lyon und Genf, war ich wenigstens so weit
+gediehen, über das Nichtdenken der vorhergehenden Stunden nachdenken zu
+können. Auch #das# schon war ein Gewinn. Dabei begann ich die letzte
+Nummer des »≈Salut public≈« auswendig zu lernen.
+
+Nun waren wir in den Jura hinein; die Wälder bereift, die Häupter tief
+in Schnee. Ein Sturm pfiff; aber gleichviel, es ging vorwärts. Das war
+Bellegarde. Die #letzte# französische Schildwacht, den Kopf in der
+Kaputze, sah von der Felsenbrücke hoch oben auf unsren, ihm muthmaßlich
+wie Spielzeug erscheinenden Zug hernieder. Fünf Minuten später
+rasselten wir an einem mit #Holzbalkonen# umschmückten Hause vorüber,
+das die Inschrift trug: »≈Café Guillaume Tell≈«. Also #Schweiz#!
+
+Die »Bise« wehte von den Bergen her; die Maschine keuchte; unter einem
+hohlen Gebraus fuhren wir in die Bahnhofshalle ein.
+
+Victoria Hôtel! Ich wählt’ es mit gutem Vorbedacht.
+
+Ein Blick des Oberkellners auf meinen Rochefort-Reisesack (wie hätte
+erst Rasumofskys Schöpfung gewirkt!) verurtheilte mich zu drei Treppen.
+Als ich in den kleinen Raum eintrat, sang neben mir eine
+Pensions-Engländerin die Gnaden-Arie und an dem schlecht eingehakten
+Fenster rüttelte und rasselte der Sturm. Gleichviel. Ich warf den
+Reisesack in die Ecke, mich selber auf’s Sopha, kreuzte die Hände über
+der Brust, athmete hoch auf und sagte das #eine# Wort: Frei.
+
+
+[3] Ueber diese Streitscene war ich in dem Kapitel Marennes absichtlich
+hin gegangen, um den raschen Verlauf der Erzählung nicht zu
+unterbrechen. Ich muß aber dieses Vorganges doch noch nachträglich
+Erwähnung thun, weil er mir durchaus charakteristisch erscheint. Der
+Telegraphen-Beamte, der sich aus einem Mischgefühl von Neugier und
+Freundlichkeit unsrem Zuge anzuschließen gedachte, hatte nämlich auf
+dem zweirädrigen Karren meines Pellerinen-Kutschers Platz nehmen
+wollen, was diesem letzteren unbillig und eine Ueberbürdung seines
+Fuhrwerkes schien. Aus dieser Geringfügigkeit entspann sich nunmehr ein
+Disput, der mindestens eine Viertelstunde dauerte und während dieser
+ganzen Zeit keine andre #Steigerung# erfuhr, als daß jeder der
+Streitenden erst ein ≈je vous #assure#≈ und schließlich (als höchsten
+Trumpf) ein ≈je vous
+#jure#≈ jenen oben citirten, immer wiederholten Worten hinzusetzte. Es
+machte einen unglaublich ärmlichen Eindruck, und ich kann sagen, ich
+empfand einen gewissen Stolz darüber, in Gegenden zu Hause zu sein,
+denen man Reichthum und Produktionskraft nach #dieser# Seite hin nicht
+absprechen wird.
+
+
+#######################################################################
+
+Hinweise zur Bearbeitung
+
+ - Bei Passagen in französischer Sprache ist die Interpunktion
+ belassen wie im Original. Sie folgt nicht den französischen Regeln
+ der Rechtschreibung.
+ - Die Schreibweise "Domremy" (ohne accent aigu) für den Ort im
+ französischen Departement Vosges, Französisch "Domrémy", (heute
+ Domrémy-la-Pucelle) wurde so beibehalten, bis auf eine Nennung in
+ wörtlicher Rede (vous souvenez-vous de Domrémy).
+ - Die im Satzbild enthaltenen Trennungen in Linien- oder
+ Dekorationsform wurden wie im Original beibehalten, um den
+ Gesamteindruck des Druckwerkes möglichst nahe abzubilden.
+ - Es wird der alten Schreibweise "vorauf", heute "voraus" gefolgt
+ (schritt er seiner Heerde vorauf).
+ - Um die Werktreue zu erhalten, wurde die gelegentliche Schreibweise
+ "Brot" (z.B.: Es war heißes Wasser, mit Brot) beibehalten, obgleich
+ im Buch sonst meist die alte Schreibweise "Brod" zu finden ist (z.B.:
+ Weißbrod sehr wohl leben lassen)
+ - Die Schreibweise von "nichtsdestoweniger" wurde im Text abweichend
+ mit Worttrennung beibehalten, da früher die getrennte Schreibweise
+ üblich war und hier möglicherweise eine Mischform vorliegt (Der
+ General indessen sei nichts destoweniger).
+ - Das Wort "sentimalen" wurde belassen, obgleich es keine übliche
+ Schreibweise darstellt. Es handelt sich möglicherweise um eine
+ Französisierung des Autors. Ein Schreib-/Satzfehler statt
+ "sentimentalen" erscheint wegen gleich drei abweichender Buchstaben
+ unwahrscheinlich (aber alle von jenem sentimalen Zug,).
+ - Beim Ortsnamen "St. Marie des Fosses" wurde die im Text verwendete
+ Bezeichnung beibehalten, da nicht zu ermitteln ist, ob der Autor den
+ Namen beabsichtigt oder fehlerhaft verwendet hat. Es handelt sich
+ aller Wahrscheinlichkeit nach um den Ort "Saint-Germain-des-Fosses",
+ zu dem die im Text beschriebenen regionalen Bezüge passen (Bei St.
+ Marie des Fosses war ein längerer Aufenthalt;).
+ - Die Schreibweise Vikar und abweichend Vicar wurde wie im Original
+ beibehalten (Dem Besuche des Vicars)
+
+#######################################################################
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75277 ***