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diff --git a/75277-0.txt b/75277-0.txt new file mode 100644 index 0000000..31977aa --- /dev/null +++ b/75277-0.txt @@ -0,0 +1,5954 @@ + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75277 *** + +####################################################################### + +Anmerkungen zur Transkription + + Das Original ist in Fraktur gesetzt, fremdsprachige Passagen in + Antiqua. + + Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der + folgenden Symbole gekennzeichnet: + gesperrt: #Raute# + fremdsprachige Passagen: ≈Doppelwelle≈ + + Einige wenige offensichtliche Druckfehler wurden stillschweigend + korrigiert. + + Fußnoten sind an das jeweilige Kapitelende gestellt. + + Detaillierte Hinweise zu Änderungen gegenüber dem Original am + Textende + +####################################################################### + + + + +Kriegsgefangen. + +Erlebtes 1870. + + +[Illustration] + + + + +Kriegsgefangen. + +[Illustration] + +Erlebtes 1870 + +von + +Th. Fontane. + + +[Illustration:] + + +Berlin, 1871. + +Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei +(R. v. Decker). + + + + +Das Uebersetzungsrecht ist vorbehalten. + + + + +Meinen Freunden + +dankbar gewidmet. + + + + +Inhalt. + +[Illustration] + + + I. Abtheilung. Seite + + „In’s alte, romantische Land” 1 + + 1. Domremy 3 + + 2. Neufchateau 19 + + 3. Langres 32 + + 4. Von Langres bis Besançon 53 + + 5. Die Citadelle von Besançon 65 + + 6. Rückblicke 90 + + + II. Abtheilung. + + „≈Comme officier supérieur≈” 103 + + 1. Von Besançon bis Lyon 105 + + 2. Lyon 115 + + 3. Moulins 126 + + 4. Gueret 141 + + 5. Poitiers-Rochefort 154 + + 6. Marennes 162 + + + III. Abtheilung. + + ≈Ile d’Oléron≈ 175 + + 1. Die Insel Oléron 177 + + 2. Ankunft 182 + + 3. Die Citadelle 188 + + 4. Rasumofsky 193 + + 5. Blanche 202 + + 6. ≈Le Rempart≈ 207 + + 7. Mittag 212 + + 8. Theestunde 216 + + 9. Regentage 229 + + 10. Der Ueberfall von Ablis 244 + + 11. Drei von den 3. Garde-Ulanen 256 + + 12. Fünf vom 14. Jäger-Bataillon 265 + + 13. Begräbniß 275 + + 14. Sturm im Glase Wasser 280 + + 15. „≈Sentinelle, prenez garde à vous.≈” 288 + + + IV. Abtheilung. + + Frei 293 + + 1. Unverhofft kommt oft 295 + + 2. Der letzte Sonntag 303 + + 3. Der letzte Abend 311 + + 4. Abschied 321 + + 5. Rückreise 327 + + +[Illustration] + + + + +„In’s alte, romantische Land.” + + + + +1. Domremy. + + Wie heißt der Ritter? + + Baudricourt. Er steht + Kaum einen Tagesmarsch von #Vaucouleurs#. + + * * * + + Ich bin nur eines Hirten niedre Tochter + Aus meines Königs Flecken #Domremy#, + Der in dem Kirchensprengel liegt von Toul. + (Jungfrau von Orleans.) + + +Am 2. Oktober war ich in Toul. Ich kam von Nancy. Nancy ist eine +Residenz, Toul ist ein Nest. Es machte den Eindruck auf mich wie +Spandau vor dreißig Jahren. Die Kathedrale ist bewunderungswürdig, das +Innere einer zweiten Kirche (St. Jean, wenn ich nicht irre) von fast +noch größerer Schönheit, aber von dem Augenblick an, wo man mit diesen +mittelalterlichen Bauten fertig ist, ist man es mit Toul überhaupt. + +In 2 Stunden hatt’ ich diese Sehenswürdigkeiten hinter mir und dennoch +war ich gezwungen, 2 Tage an dieser Stelle auszuhalten. Dies hatte +darin seinen Grund, daß unmittelbar südlich von Toul das Jeanne +d’Arc-Land gelegen ist, und daß es, Dank dem Kriege und den +Requisitionen, unmöglich war, in der ganzen Stadt einen Wagen +aufzutreiben. Die Partie selber aufzugeben schien mir unthunlich, ich +hätte jede Mühe und jeden Preis daran gesetzt. Endlich, am Nachmittage +des zweiten Tages, hieß es: Madame Grosjean hat noch einen Wagen. Ich +athmete auf. In einem schattigen Hinterhause, dicht neben der +Kathedrale, fand ich die genannte Dame, die bei zurückgeschlagenen +Gardinen in einem großen Himmelbette saß. Sie war krank, abgezehrt, +hatte aber die klaren, klugen Augen, die man so oft bei hektischen +Personen findet, und die nie eines Eindrucks verfehlen. Wir +unterhandelten in Gegenwart zweier Gevatterinnen, die mindestens eben +so gesund waren, wie Madame Grosjean krank. Das Geschäftliche +arrangirte sich leicht; nur ein Uebelstand blieb, an dem auch jetzt +noch die Partie zu scheitern drohte: das einzig vorhandene Gefährt, ein +≈char à banc≈, war nämlich zerbrochen und Mr. Jacques, Schmied und +Stellmacher, hatte erklärt, überbürdet mit Arbeit, die Reparatur nicht +machen, keinesfalls aber den Wagen abholen lassen zu können. In diesen +letzten Worten schimmerte doch noch eine Hoffnung. Ich eilte also auf +die Straße, engagirte zwei Artilleristen vom Regiment +»Feldzeugmeister«, spannte mich selbst mit vor, und im Trabe jagten wir +nun mit der leichten Kalesche über das holprige Pflaster hin, in den +Arbeitshof des Mr. Jacques hinein. Dieser war ein Hüne, also gutmüthig +wie alle starken Leute. Meine Beredsamkeit in Etappen-Französisch +amüsirte ihn ersichtlich und wir schieden als gute Freunde, nachdem er +versprochen hatte, bis Sonnenuntergang die Reparatur machen zu wollen. +Er hielt auch Wort. + +In der Dämmerstunde klopfte es an meine Thür. Ein Blaukittel trat ein, +theilte mir mit, daß er der »Knecht« der Madame Großjean sei, und daß +wir am andern Morgen 7 Uhr fahren würden. Soweit war Alles gut. Aber +der Blaukittel selbst flößte mir wenig Vertrauen ein, am wenigsten, als +er schließlich versicherte: die Partie sei in einem Tage nicht zu +machen, wir würden nach Vaucouleurs fahren, von dort nach Domremy und +von Domremy wieder zurück nach Vaucouleurs, aber mehr sei nicht zu +leisten; in Vaucouleurs müßten wir übernachten. Er berief sich dabei +auf einen russischen Grafen, mit dem er vor Jahresfrist dieselbe Partie +gemacht habe, und begleitete seine Rede, die mir aus nichts als aus den +vollklingenden Worten ≈»Kilometer«≈ und ≈»quatre-vingt-douze«≈ zu +bestehen schien, mit den allerlebhaftesten Gesten. Ein starker Verdacht +schoß mir durch den Kopf; wer indessen viel gereist ist, weiß aus +Erfahrung, daß auf solche Anwandlungen nicht allzuviel zu geben ist, +und ich entließ ihn ohne Weiteres mit einem kurzen: ≈Eh bien, demain +matin 7 heures≈. Ich freute mich sehr auf diesen Ausflug. Das +Mißtrauen, das so plötzlich in mir aufgestiegen war, galt mehr dem +Blaukittel in Person, als der Gesammtsituation, und dieser Person +glaubte ich schlimmsten Falls Herr werden zu können. Ich lud meinen +Lefaucheux Revolver und wickelte ihn derart in meine Reisedecke, daß +ich durch einen Griff von rechts her in die nun muffartige Rolle +hinein, den Kolben packen und eine »Gefechtsstellung« einnehmen konnte. +Ich #muß# dies erwähnen, weil es zu einer späteren Stunde von +Wichtigkeit für mich wurde. Daß ich den Revolver nicht mit mir führte, +um etwa auf eigene Hand Frankreich mit Krieg zu überziehen, brauch ich +wohl nicht erst zu versichern; man hat aber die Pflicht, sich gegen +≈mauvais sujets≈ und die Effronterien des ersten besten Strolches zu +schützen. + +7 Uhr früh rasselte der Wagen über das Pflaster und hielt vor meinem +Hotel. Ich war fertig; eine Viertelstunde später lag Toul hinter uns. + +Bis Vaucouleurs sind 3 Meilen. Von rechts her traten mächtige +Weingelände, in der Mitte des Abhangs mit hellleuchtenden Dörfern +geschmückt, bis an die Straße heran; nach links hin dehnten sich +Fruchtfelder, dahinter Bergzüge, oft in blauer Ferne verschwimmend. Es +war eine entzückende Fahrt; die Chaussee bergansteigend und wieder sich +senkend, dann und wann ein Flußstreifen, eine Wassermühle, dazu rund +umher das Herbstlaub in hundert Farben schillernd. Ehe wir noch die +erste große Biegung des Weges erreicht hatten, erfüllte sich, was sich +immer zu erfüllen pflegt: ein Fußgänger stand am Wege und bat, +aufsteigen zu dürfen. Der Kutscher stellte ihn mir als einen seiner +»Freunde« vor. Ich kann nicht sagen, daß er mir dadurch besonders +empfohlen worden wäre, und ich rückte meine Reisedecke unwillkürlich +etwas zurecht. Ich hatte aber unrecht. Der neue Fahrgast erwies sich +als ein freundlicher, angenehmer Mann; plaudernd über Krieg und Frieden +fuhren wir um 10 Uhr in Vaucouleurs hinein. + +Ein reizender kleiner Ort. Der Kutscher hatte zwei Stunden dafür +festgesetzt, Zeit genug, die alte Kapelle und das leidlich +wohlerhaltene Schloß des »Ritters Baudricourt«, das die Stadt +beherrscht, zu besuchen. Ueber diese Erinnerungsstätte zu berichten, +ist hier nicht der Ort. Um 12 Uhr weiter nach Domremy. + +Domremy — das von den Bewohnern dortiger Gegend immer nur Dórmy +ausgesprochen wird — liegt noch drittehalb Meilen südlich von +Vaucouleurs. Das Terrain verändert sich hier etwas und nimmt mehr und +mehr den Charakter eines Defilees an. Die Höhenzüge zur Rechten bleiben +dieselben, aber von gegenüber treten die Berge näher heran, während +unmittelbar zur Linken ein breites Wiesenthal sich zieht, drin die +Meuse fließt; das Ganze nicht ohne Reiz, aber ein wenig kahl und +verbrannt, voll frappanter Aehnlichkeit mit dem Nuthethal, das sich von +Potsdam aus, an Saarmund vorbei, bis hinauf an die alte sächsische +Grenze zieht. Halben Wegs erreicht man Burey en Vaux, das Dörfchen, +wohin Jeanne d’Arc zu ihrem Oheim Durand Laxart ging, als sie im +elterlichen Hause nicht länger wohlgelitten war; dann (zur Linken) ein +mittelalterliches, halb schloßartiges Gehöft, bis endlich, bei einer +Biegung des Weges, Domremy selbst mit einzelnen seiner blitzenden +Dächer sichtbar wird. #Nicht# mit seiner Kirche. Es hat nur eine +Kapelle, die, etwas tief gelegen, sich hinter Pappeln und anderem +Baumwerk versteckt. + +Die letzten zehn Minuten vor Einfahrt in das Dorf waren die schönsten. +Es war, als ob die Reisegötter hier noch einmal den Zweck verfolgten, +ein Uebriges für mich thun und die ganze Scene künstlerisch abrunden zu +wollen. Ein Geistlicher in weißem Haar und breitkrämpigem Hut kam des +Weges; wir grüßten einander. Ein Hirt folgte; strickend schritt er +seiner Heerde vorauf. Durch die herbstlich klare Luft zogen Tausende +von Sommerfäden, und auf meine neugierige Frage, welchen Namen diese +weißen Fäden in Frankreich führten, antwortete mein Kutscher: ≈les +cheveux de la St. Vierge≈. War es denkbar, unter glücklicherer +Vorbedeutung in das Dorf der Jeanne d’Arc einzuziehen? Und doch +täuschten alle diese Zeichen. + +Um 3 Uhr etwa fuhren wir in die Hauptstraße von Domremy hinein. Es ist +ein Dorf von mittlerer Größe, eher klein. Der Eindruck, trotz hellen +Sonnenscheins und des weißen Anstrichs der Häuser, war ein düsterer; +Alles schien auf Verfall und Armuth hinzudeuten. In der Mitte des +Dorfes hielten wir vor einem rußigen, anscheinend herabgekommenen +Gasthause, das in verwaschenen Buchstaben die Inschrift trug: ≈Café de +Jeanne d’Arc≈. Es war unheimlich. Ich hatte dieselbe, mich direkt ins +Herz treffende Empfindung wie am Abend vorher, wo der Blaukittel mich +besucht und seine Botschaft ausgerichtet hatte. + +Ich eilte, mich diesem Eindruck zu entziehen; die geweihte Stätte, wo +»la Pucelle« geboren wurde, schien mir der geeignetste Platz dazu. Ich +brach also unverzüglich auf. Es waren nur 150 Schritt; in einem Stück +Gartenland lag das ehrwürdige Gemäuer. Ich zog die Glocke an einem +sauberen drahtgeflochtenen Gitterthor, das den Garten von der Straße +schied. Eine »Religieuse« öffnete und machte die Führerin. Und siehe +da, als ich erst in der Nische über der niederen Eingangsthür das in +Stein gemeißelte Bild der gewappneten Jungfrau, innerhalb des Hauses +selbst aber den alten eichenen Wandschrank sah, der ihr Jahre lang als +Truhe gedient hatte, fiel alles Mißtrauen wieder von mir ab und ich +fühlte mich ganz dem Zauber dieser Stunde hingegeben. Ich machte meine +Notizen, trat dann zurück in den Garten und versenkte mich noch einmal +in den Anblick dieses in Geschichte und Dichtung gleich gefeierten +Ortes. Convolvulus rankte sich um die Stämme einiger Cypressen; +Resedabeete füllten die Luft mit ihrem Duft, die Religieuse sprach +leise freundliche Worte; — alles war Poesie. + +In unmittelbarer Nähe des Hauses »de la Pucelle« liegt die Kapelle. Sie +ist gothisch. Einige Glasfenster, namentlich eines, dessen bunte +Scheiben das Wappen der Jeanne d’Arc aufweisen, deuten auf das 15. +Jahrhundert zurück; das meiste aber ist modern. Ich verweilte wohl eine +Viertelstunde an dieser Stelle, mir jedes Kleinste einprägend, und trat +dann wieder vor das Portal der Kapelle, zu deren Linken sich eine +Statue der Pucelle erhebt. Diese kniet im Gebet, preßt die linke Hand +aufs Herz, während sie die rechte gen Himmel hebt; — eine wohlgemeinte, +aber schwache Arbeit. + +Ich klopfte eben mit meinem spanischen Rohr an der Statue umher, um +mich zu vergewissern, ob es Bronce oder gebrannter Thon sei, als ich +vom Café de Jeanne d’Arc her eine Gruppe von 8 bis 12 Männern auf mich +zukommen sah, ziemlich eng geschlossen und unter einander flüsternd. +Ich stutzte, ließ mich aber zunächst in meiner Untersuchung nicht +stören und fragte, als sie heran waren, mit Unbefangenheit: aus welchem +Material die Statue gemacht sei? Man antwortete ziemlich höflich: »aus +Bronce«, schnitt aber weitere kunsthistorische Fragen, zu denen ich +Lust bezeugte, durch die Gegenfrage nach meinen Papieren ab. Ich +überreichte ein rothes Portefeuille, in dem sich meine +Legitimationspapiere befanden, selbstverständlich nur #preußische#. Man +suchte sich darin zurecht zu finden, kam aber nicht weit und forderte +mich nunmehr auf, zu besserer Feststellung sowohl meiner Person, wie +meiner Reiseberechtigung ihnen in das Wirthshaus zu folgen. + +Die ganze Scene, so peinlich sie war, hatte, der Gesammthaltung der +Dorfbewohner nach, nicht gerade viel Bedrohliches gehabt und schien +nach unserem Eintreten in das Wirthshaus, wo bald Wein und Reimser +Biscuit herumgegeben wurden, ein immer helleres Licht gewinnen zu +wollen. Ich machte alle Umstehenden, deren Zahl von Minute zu Minute +wuchs, mit dem Inhalt meiner Legitimationspapiere bekannt und setzte +ihnen offen den Zweck meiner Reise und dieser speziellen Excursion nach +Domremy auseinander, was alles wohl aufgenommen wurde. Aber der kleine +Lichtstrahl, der eben durchbrechen wollte, sollte bald wieder +schwinden. Ich war eben noch im besten Peroriren, als ein junger Bauer, +der sich mit meinem Stock zu thun gemacht hatte, die Krücke aus der +Stockscheide zog und mit einem »≈ah, un poignard≈« die mir zuhörende +Gesellschaft überraschte. Es durchfröstelte mich etwas, weil ich klar +einsah, was jetzt nothwendig kommen mußte. Ich faßte mich aber schnell +und zur Initiative greifend, die allein einem Schlimmeren vorbeugen +konnte, sagte ich mit Ruhe: ≈Naturellement, Messieurs, je suis armé≈. +Ich sprach es so, daß man heraushören #mußte#: mit diesem Poignard +allein ist es nicht gethan. Man verstand mich auch sofort und von +mehreren Seiten hieß es jetzt: »≈ah, ah! sans doute un revolvèr≈«, +während Andere dazwischen riefen: »≈où est-il? où sont ses effets? +cherchez! apportez!≈« Man brachte alsbald meine Reisedecke und bestand +seltsamerweise darauf, daß ich sie selber öffnen solle. Es war, als +hätt’ ich sie mit Torpedos geladen. Ich konnte mich selbst in diesem +Augenblicke eines Lächelns nicht erwehren, löste die Riemen, wickelte +die Decke auseinander und überreichte meinen Revolver. Er ging von Hand +zu Hand; ich konnte wahrnehmen, daß er mit sehr verschiedenen Gefühlen +betrachtet wurde. + +Die Situation war bereits heikel genug, aber schlimme Momente kommen +nie allein; so auch hier. In eben diesem Augenblick, wo die Stimmung +gegen mich ziemlich hoch ging, drängte sich durch den dichtesten Haufen +ein wüst aussehender Geselle, der, gedunsen und kurzhalsig, seiner +apoplektischen Anlage durch 6 Litre Wein täglich zu Hülfe zu kommen +schien, stellte sich sperrbeinig vor mich hin, schlug mit der Faust auf +seine Brust und erklärte mit lallender Zunge: »≈Je suis le Maire.≈« +Dies kam mir #sehr# ungelegen. Ich griff zu einem verzweifelten Mittel +und sagte ihm unter Verbeugung, »daß ich erfreut sei, ihn zu sehen«, +was bei Einzelnen (ich hatte also richtig gerechnet) sofort eine +gewisse Heiterkeit zu meinen Gunsten erweckte und die Gebildeteren +veranlaßte, die Dorfobrigkeit, die noch allerhand faselte, bei Seite zu +schieben. Dies war sehr wichtig für mich. Solch trunkener Imbecile, an +dem Alles, was Vernunft und Wahrheit ist, nothwendig scheitern mußte, +war das Schlimmste, was mir in solchem Momente begegnen konnte. + +Einer aus dem Kreise der Minorität trat jetzt an mich heran und fragte +ruhig: ob ich damit einverstanden sei, daß man mich nach Neufchateau +auf die Souspräfektur führe? Ich mußte lächeln; ebenso gut hätte er +mich fragen können, ob ich damit einverstanden sei, gehängt zu werden? +Ich mußte eben tragen, was über mich beschlossen wurde. + +Meine Einwilligung war kaum ausgesprochen, als man meinen Kutscher, der +mich übrigens #nicht# verrathen hatte, antrieb, seinen Braunen wieder +einzuspannen. Ich bezahlte meine Zehrung, die Wirthin nahm das Geld und +sah mich theilnahmsvoll an. Sie schien sagen zu wollen: die Welt ist +toll geworden. Im Moment, wo ich auf den Flur hinaustrat, legte ein +hübsch aussehender, rothblonder Mann seine Hand auf meine Schulter und +flüsterte mir zu: »≈Monsieur, encore un moment!≈« Er wies auf ein +großes Hinterzimmer, in das er voranschritt; ich folgte. Als wir allein +waren, zeigte er mir ein Papier, das an seiner Spitze ein umstrahltes +Dreieck und in dem Dreieck, soviel ich erkennen konnte, einige +hebräische Zeichen trug. »≈Connaissez vous cela?≈« Es schien mir ein +Freimaurer-Papier. Ich antwortete: »Nein«, hinzusetzend, daß ich die +Bedeutung allerdings zu kennen glaubte. »≈Ah! c’est bon!≈« Er steckte +sein Papier wieder ein und ich war entlassen. Ob er wirklich meine +Freilassung durchsetzen wollte, oder ob das Ganze umgekehrt nur eine +Falle war, darüber kann ich bloß Vermuthungen hegen. Das Eine ist so +gut möglich, wie das Andere. + +Wir stiegen auf. Rechts der Kutscher, links ein Franctireur, ich +eingeklemmt zwischen beiden; hinter uns, auf einem Strohbündel, lagen +zwei Blousenmänner. Die Sonne war im Niedergehen, der Abend klar und +schön; so ging es auf Neufchateau zu. + + + + +2. Neufchateau. + + ≈What may this mean, + That thou + Revisit’st thus the glimpses of the moon?≈ + + * * * + + ≈How now! a rat?≈ + Hamlet. + + +Die Blousenmänner schliefen; mein Nachbar der Franctireur aber +plauderte und rauchte seine Cigarrette. Er war frisch, patriotisch, +bescheiden; meine Situation flößte ihm eine gewisse Theilnahme ein. Ich +fragte nach dem Souspräfekten. Der Franctireur nannte mir den Namen: +Mr. Cialandri, ein #Corse#. Ich kann nicht sagen, daß mir bei diesem +Zusatz besonders wohl geworden wäre. Ein Corse! Die Engländer haben ein +Schul- und Kinderbuch, das den Titel führt: »Peter Parley’s Reise um +die Welt, oder was zu wissen noth thut.« Gleich im ersten Kapitel +werden die europäischen Nationen im Lapidarstyl charakterisirt. Der +#Holländer# wäscht sich viel und kaut Tabak; der #Russe# wäscht sich +wenig und trinkt Branntwein; der #Türke# raucht und ruft Allah. Wie oft +habe ich über Peter Parley gelacht. Im Grunde genommen stehen wir aber +allen fremden Nationen gegenüber mehr oder weniger auf dem +Peter-Parley-Standpunkt; es sind immer nur ein, zwei Dinge, die uns, +wenn wir den Namen eines fremden Volkes hören, sofort entgegentreten: +ein langer Zopf, oder Schlitzaugen, oder ein Nasenring. Unter einem +Corsen hatte ich mir nie etwas anderes gedacht als einen kleinen +braunen Kerl, der seinen Feind meuchlings niederschießt und drei Tage +später von dem Bruder seines Feindes niedergeschossen wird. Man kann +daraus abnehmen, welcher Trost mir aus der Mittheilung erwuchs, daß Mr. +Cialandri ein Corse sei. + +Es dunkelte schon, als wir in Neufchateau einfuhren. Die Straßen waren +wenig belebt; nach einigem Hin- und Herfragen hielten wir vor der +Souspräfektur. Der Anblick war der freundlichste von der Welt. Ein +Gitter, ein kiesbestreuter Vorhof, dahinter eine Villa, im +italienischen Castell-Styl aufgeführt. Das Baumaterial war rother +Ziegel; Wein und Pfirsich rankten am Spalier. Nach erfolgter Anmeldung +wurde ich Trepp’ auf geführt. In einem mit türkischem Teppich +ausgelegten Salon saßen die Damen des Hauses; ein Diener brachte eben +die Lampen; ich verneigte mich. Mr. Cialandri empfing mich an der +Schwelle des dahinter gelegenen Zimmers, das dieselbe Eleganz zeigte: +Marmorkamin, breite Spiegel, Fauteuils. Auf einem derselben wurde ich +gebeten, Platz zu nehmen. Mr. Cialandri setzte sich mir gegenüber. Das +Kaminfeuer beleuchtete seine Züge. + +Es war ein schmächtiger Mann, von vollkommen weltmännischer Tournüre, +dabei augenscheinlich krank. Er entschuldigte sich, daß er im +Flüstertone sprechen müsse. Sein Auge war dunkel, sein Teint erdfahl; +wenn sich irgend eine Blutrache an ihm vollzogen hatte, so konnte sie +nur den Charakter anhaltender Aderlässe gehabt haben. Er drückte sein +Bedauern aus, bei den Zeitläuften, die leider herrschten, mich nicht +ohne Weiteres in Freiheit setzen zu können; der Capitain der +Gensdarmerie, nach dem er bereits geschickt habe, werde das Weitere +veranlassen. + +Die Situation, Alles in Allem genommen, schien mir nicht hoffnungslos; +aber sie sollte sich bald verändern. Der Capitain trat ein, verbeugte +sich leicht und nahm dann den mit leiser Stimme gegebenen Bericht des +Souspräfekten entgegen. Dann und wann warf er ein kurzes Wort ein und +blickte, scharf musternd, mit seinen dunklen Augen zu mir herüber. Ich +hasse im Allgemeinen nichts mehr als diese thörichten Augenkämpfe, die, +aus einer falschen Vorstellung von Muth und Mannhaftigkeit +hervorgehend, schon so viel Unheil angerichtet haben; #diese# Blicke +aber hielt ich aus. Woher mir, bei sonstiger Scheuheit, die Kraft dazu +kam, weiß ich nicht. Gleichviel, ich hielt aus. Gefühl der Unschuld, +Abwehr gegen offenbare Provokation, endlich die ruhige Ueberzeugung, +daß man durch sich Kleinmachen noch nie das Herz eines Feindes erobert +hat — all’ das mochte zusammenwirken. + +Der Capitain wandte sich jetzt an mich: + +≈Vous êtes officier prussien?≈ + +≈Non!≈ + +≈Vous avez fait une „excursion” à Domremy?≈ + +≈Oui!≈ + +≈Vous suivez votre armée?≈ + +≈Oui et non! En tout cas je n’en dépends pas.≈ + +≈Ah, ah! — Vous avez été à Toul?≈ + +≈Oui!≈ + +≈A Nancy!≈ + +≈Oui!≈ + +≈Vous êtes médecin?≈ + +≈Non.≈ + +≈Mais vous portez la croix rouge!≈ + +≈Oui; comme légitimation.≈ + +≈Ah, ah!≈ + +Nun folgte wieder ein Geflüster und eine Seitenmusterung, worauf ich +gebeten wurde, ihm zu folgen. Ich verbeugte mich gegen den +Souspräfekten, die Damen im Salon erwiederten höflich meinen Gruß und +ich stieg rasch in den Flur des Hauses nieder. Im Hinaustreten auf den +Vorhof besann sich der Capitain (wofür ich ihm danke) plötzlich eines +Besseren, ließ eine Hinterpforte öffnen und führte mich auf abgekürztem +Wege und durch Straßen, wo Niemand unserer achtete, in das Gefängniß +der Stadt. + +Es war ein weitschichtiges Gebäude, Corridore, ein Gewirr von Treppen; +endlich öffneten wir ein Zimmer, darin der Greffier von Neufchateau +seine Wohnung hatte. Im Kamin knackten die großen Scheite; die Flamme +schlug hoch auf und gab dem niedrigen aber geräumigen Gemach mehr +Licht, als die kleine Lampe, die auf dem Tische stand. Im Moment +unseres Eintretens erhob sich der Greffier, nahm die Lampe, schlug den +Schirm zurück und schritt uns entgegen. Ich war wie vom Donner +getroffen; das leibhaftige Ebenbild meines Vaters stand vor mir. Wir +schrieben den 5. Oktober; vor drei Jahren, fast um dieselbe Stunde, war +er gestorben; — hier sah ich ihn wieder, frisch, lebensvoll, hoch +aufgewachsen, mit breiten Schultern und großen Augen, im Auge selbst +jene Mischung von Strenge und Gutmüthigkeit, wie sie ihm eigenthümlich +gewesen war. + +Der Capitain übergab mich dem Greffier, der den vollklingenden Namen +Mr. Palazot führte, verbeugte sich gegen mich mit einem Anflug von +Ironie und ließ mich mit meinem Hüter allein. Ich war jetzt Gefangener. + +Mr. Palazot rückte seinen Stuhl vom Kamin an den Tisch, stellte die +üblichen Fragen und machte einige Notizen, nachdem ich Uhr und Geld und +ein kleines Perlmuttermesser, das gerade ausgereicht haben würde, einen +Maikäfer zu ermorden, bei ihm deponirt hatte. Nachdem so alles +Dienstliche abgemacht worden war, glättete sich die Stirn des Alten! er +warf ein neues Scheit in die Flamme und forderte mich auf, an seiner +Mahlzeit teilzunehmen. Es waren Carotten in einer Petersiliensauce. Ich +lehnte dankend ab, bat aber um ein Glas Wasser und einen Löffel Cognac. +Mein alter Gascogner nickte, gab in die Küche hinaus die Ordre und +alsbald erschien Madame Palazot, um mir das Gewünschte zu bringen. Wir +saßen nun zu dritt um den runden Tisch und sprachen von Krieg und +Frieden. Die üblichen Trivialitäten wurden ausgetauscht und aufs Neue +festgestellt, daß Krieg eine sehr böse und Friede eine sehr schöne +Sache sei. Nachdem wir uns innerhalb dieses Glaubensbekenntnisses +gefunden, wurden die Herzen immer offener. »Madame«, eine herzensgute +Frau, holte das Bild ihres Sohnes, eines hübschen Husaren-Offiziers, +dessen Regiment die großen Kavalleriechargen bei Mars la Tour +mitgemacht hatte und von dem seit der Einschließung von Metz keine +Nachrichten mehr eingetroffen waren. »≈Il est mort≈«, — dabei liefen +der Alten die Thränen über das Gesicht; der Alte sah starr vor sich +hin, spießte eine Carotte auf, legte aber die Gabel wieder nieder, ohne +gegessen zu haben. Ein braunfleckiger, weißer Hühnerhund, der dem Sohn +gehörte, stimmte winselnd in die Familientrauer mit ein. Eine halbe +Stunde später kam Besuch, ein junger Advokat, natürlich Republikaner. +Mr. Palazot war Orleanist. Die Debatte wurde immer lebhafter, der +Advokat sprach sich mehr und mehr in Feuer und Flamme hinein: +»≈L’Alsace et la Lorraine à l’Allemagne?! jamais, jamais! Vous voulez +une guerre d’extermination, une guerre à outrance, — eh bien vous +l’aurez.≈« Mir schwindelte der Kopf. Die furchtbaren Aufregungen dieses +Tages, die sich immer wieder aufdrängende Frage: »was wird?« die +Diskussionen in einer fremden Sprache, — eine völlige Erschöpfung kam +über mich und ich bat, mich in mein Zimmer zu führen. Ich glaube, ich +sagte wirklich #Zimmer#. + +Es mochte 9 Uhr sein. Mad. Palazot, auf meine Bitte, gab mir vier +wollene Decken mit; der Alte selbst nahm ein Licht und führte mich in +mein »Zimmer« hinüber. Es trug die Inschrift »≈cachot≈«. Wir sagten +einander gute Nacht, der Bolzen wurde vorgeschoben. + +Ich kann nicht sagen, daß mich ein Schrecken angewandelt hätte; im +Gegentheil, ich hatte das Gefühl einer innerlichen Befreiung; ich war +#allein#. In diesem Wort liegen Himmel und Hölle. Ich empfand zunächst +nur jenen. Der übliche Gefängnißapparat, der Schemel, der Wasserkrug, +das eiserne Bett machten mich lächeln. Ich sprach vor mich hin: alles +ächt. Das Ganze hatte zudem nichts Abschreckendes. Die Wände waren +weiß, die Laken sauber, durch das breite Gitterfenster fiel das +Mondlicht bis in die halbe Tiefe des Zimmers, drunten, in weißem +Schimmer, lag die Stadt. Ich schritt eine Viertelstunde lang auf und +ab; dann entkleidete ich mich und wickelte mich in die Decken. Ich war +todmüde und hoffte »einen guten Schlaf zu thun«. + +Es war anders beschlossen. Ich mochte 5 Minuten geschlafen haben, als +mich ein lautes Nagen und Knabbern weckte. Ich fuhr auf und horchte. +Kein Zweifel, Ratten. Wie mir dabei zu Muthe wurde, kann ich nicht +beschreiben. Ich wußte sofort: einen Schlaf giebt es in dieser Nacht +nicht mehr für dich. Hätt’ ich auch anders darüber gedacht, die +Bewohner hinter Wand und Diele hätten mich bald eines andern belehrt. +Nie hab’ ich diese Thiere mit solcher Frechheit sich gebehrden sehen; +sie waren überall; zupften und zerrten an den Decken, ließen sich durch +mein Husten und Zurufen nicht im Geringsten stören und machten, wenn +sie unter dem Fußboden geschwaderartig und mit stampfendem Gepolter +hinjagten, den Eindruck einer infernalen Kavallerie auf mich. Jeden +Augenblick mußt’ ich fürchten, daß sie mein Bett mit Sturm nehmen +würden. + +Der erste Seufzer kam aus meiner Brust. Bis dahin hatt’ ich mich +gehalten. Ich stand auf, kleidete mich an, wickelte mich in meine +Reisedecke und setzte mich auf das Fensterbrett, das gerade breit genug +war, meinem Körper Platz zu geben. In solcher Stellung, nur mal rechts, +mal links meine Rückenlehne suchend, durchwachte ich die Nacht, zählte +ich die Viertelstunden. Das höllische Gethier, das mich einfach als +einen Eindringling betrachtete, ließ übrigens auch jetzt nicht von mir +ab; sie drängten sich an den Schemel, den ich als eine Art Treppenstufe +an das Fenster geschoben hatte und suchten diesen zu erklettern; als +sie aber ihre Anstrengungen scheitern und mich beständig auf Wache +sahen, gaben sie endlich ihre Chargen auf. Um 4 Uhr wurde es still; um +5 Uhr dämmerte es. + +Um 7 Uhr erschien Mr. Palazot. Ich sagte ihm, daß ich nicht geschlafen +hätte und weshalb nicht. Er lächelte. »Ja, ja.« Am Kaminfeuer sollten +jetzt die Gespräche vom Abend vorher wieder aufgenommen werden; aber, +trotz angeborner Höflichkeit, — ich konnte nicht. Eine Viertelstunde +lang, während ich wieder ein wenig Wasser und Cognac trank, hielt ich +es aus; dann fragte ich ihn, ob er mir wohl erlauben wolle, in seinem +Sorgenstuhl den versäumten Schlaf der Nacht nachzuholen? Er nickte, gab +mir sein bestes Kissen und ich rückte mich zurecht. An Schlaf war +natürlich nicht zu denken, auch lag mir nur an Ruhe, an der +Möglichkeit, mir selber anzugehören. + +So saß ich eine Stunde; das Feuer knisterte, der Hühnerhund gappste +nach den Fliegen, der Alte las, Mad. Palazot ging leise, wie auf +Socken, auf und ab. Mit dem Schlage neun wurde es draußen laut; schwere +Schritte klangen auf der Treppe; drei Gensdarmen, große schöne Leute, +traten ein. Unter ihrer Eskorte, so erfuhr ich jetzt, sollte ich nach +der Festung Langres, zum Brigadegeneral gebracht werden. Abschied war +bald genommen: meiner freundlichen Wirthin sprach ich die Hoffnung aus, +daß sie ihren Sohn wiedersehen möge. Sie weinte: ≈jamais, jamais!≈ + +Der Bahnhof lag an der entgegengesetzten Seite der Stadt. Ich mußte +also die Hauptstraße der ganzen Länge nach passiren. Es war eine Art +Volksfest; die Nachricht von meiner Verhaftung hatte sich schon am +Abend vorher in allen Schichten der Bevölkerung verbreitet. Als ich so +Haus bei Haus, an den Gruppen Neugieriger vorüber mußte, ging mir die +Strophe eines alten Liedes durch den Sinn: + + Mary Hamilton schritt die Straß entlang, + Alle Mädchen schauten herfür, + Die Männer und die Frauen + Standen fragend in der Thür. + +So das Lied. Mary Hamilton schritt auf einen Hügel zu, um dort zu +sterben. #Wohin schritt ich?# + + + + +3. Langres. + + Was schüttelt Dich nun? was erschüttert den + Sinn? Ein innrer Schauer durchfährt mich. + Egmont. + + +Von Neufchateau bis Langres werden 12 Meilen sein. Wir machten die +Fahrt in vier Stunden, im Allgemeinen durch Neugier, oder Schlimmeres, +wenig belästigt. Die einzige Klasse von Personen, die sich hier, wie +auch späterhin, durch eine gewisse feindselige Zudringlichkeit +auszeichnete, waren Beamte niedern Grades, die in noch junger Beziehung +zum »rothen Bändchen« standen, kleine Carrièremacher, die auf diese +Weise ihrer nationalen, aber mehr noch ihrer persönlichen Eitelkeit +fröhnen wollten. Sie traten an das Coupéfenster, unterwarfen mich einem +Kreuzverhör, musterten mich, und verschwanden wieder. Sie waren nicht +geradezu unhöflich, nur das ganze Verfahren überhaupt bildete eine +Unart. + +Es war gegen 2 Uhr, als wir Langres erreichten. In halbstündiger +Entfernung vom Bahnhof, auf einem Bergrücken, lagen Stadt und Festung; +dort mußten wir hinauf. Trotz Oktober war eine glühende Hitze; die +Sonne stach. Halben Wegs bat ich, einen Augenblick rasten zu dürfen; +man war sogleich bereit, und stellte mir anheim, diese Berg-Ersteigung +in so viel Etappen zu machen, wie mir bequem sei. Endlich waren wir +oben, das Festungsthor nahm uns auf. + +Gefängnisse und Verhörslokale, zu meinem nicht geringen Leidwesen, +lagen hier, wie an allen anderen Orten, die ich zu passiren hatte, +immer am entgegengesetzten Ende der Stadt, so daß ich das +Spießruthenlaufen durch eine feindlich gesinnte Bevölkerung gründlich +kennen lernte. Ich erweiterte auf die Weise zwar meine Städtekenntniß, +aber ich hätte auf diesen Wissenszuwachs gern Verzicht geleistet. Die +Straßenjugend, auch hier in Langres, war ziemlich arg hinter mir her, +namentlich in den engeren Gassen, und wenn mir von den Zurufen auch +vieles entging, so hatte ich doch gerade Ohr genug, um das immer +wiederkehrende »≈pendre≈« und »≈fusiller≈« sehr deutlich herauszuhören. + +Endlich standen wir vor dem Verhörslokal; die Militairgerichtsbarkeit +der Brigade hatte hier ihren Sitz. Man führte mich in ein niedriges +Büreau-Zimmer, an dessen großem Doppel-Schreibtisch zwei Capitaine +beschäftigt waren. Der Gensdarmerie-Wachtmeister entlud seine +Ledertasche und legte allerhand Papiere, darunter auch die +Legitimationskarten, Briefe und Notizbücher, die man mir in Domremy +abgenommen hatte, auf den Tisch. Der scharfe Gang bergan (der +eingebüßten Nachtruhe ganz zu geschweigen) hatte mich so angestrengt, +daß ich einer Ohnmacht nahe war. Da ich aber zugleich empfand, daß es +auf die Antworten, die ich hier zu geben haben würde, sehr erheblich +ankommen müsse, so bat ich zuvor um ein Glas Wasser. Man brachte mir +Wein. Ich stürzte es herunter und war nun wie neubelebt. Die Fragen, +die an mich gerichtet wurden, waren dieselben wie in Neufchateau, aber +ruhiger, weniger feindselig. Man wollte auch hier einen Offizier aus +mir herauspressen, um so mehr als das vom Gensdarmeriecapitain +ausgestellte Begleitpapier mich ohne weiteres als einen solchen +angemeldet hatte, meine Erscheinung und Sprachweise aber, vor allem die +Notizen meines Taschenbuchs, die ein Interprete rasch durchfliegen +mußte, schienen im Ganzen die Situation zu meinen Gunsten zu ändern. Es +kam nur darauf an, ob dieser Eindruck dauern oder durch irgend etwas +anderes paralysirt werden würde. + +Das ganze Verhör hatte kaum 10 Minuten gedauert; ich wurde entlassen +und durch meine Begleiter einige Straßen weiter in ein graues +schloßartiges Gebäude geführt. Ich betrat es mit einer gewissen +Zuversicht, die sich darauf gründen mochte, daß ich, am Schluß meines +Zwiegesprächs mit den beiden Capitainen, das Wort »Kaserne« gehört zu +haben glaubte, ein Wort, das mir in der Lage, in der ich mich befand, +schon halb wie Freiheit klingen mußte. Ich sollte indeß nicht lange in +diesem Irrthum bleiben. Ein kleiner, schwarzäugiger Franzose (Monsieur +Bourgaut, wie ich später erfuhr) nahm mich in Empfang, stellte die +üblichen Fragen und führte mich dann Trepp’ auf, über lange Corridore +hin, in ein geräumiges, in allem übrigen aber meinen Erwartungen wenig +entsprechendes Zimmer. Mr. Bourgaut selbst war ungemein beweglich und +geschäftig, plapperte mit halblauter Stimme lange Sätze vor sich hin, +die ich nicht verstand und verschwand dann rasch, nachdem er sich wie +ein Kreisel verschiedene Male umgedreht hatte. Das Ganze gefiel mir +nicht allzu sehr. Mit einer Art Sehnsucht dachte ich an meinen alten +Palazot zurück. + +Ich war nun allein und suchte mich mit meiner neuen Behausung bekannt +zu machen. Die Thür war auf geblieben, das schien mir ein gutes +Zeichen, aber freilich auch das einzige. Das breite Fenster war dicht +vergittert, der Deckenkalk in großen Stücken herabgestürzt, die Dielen +zernagt oder durchgetreten. An den weißen Wänden war nichts sichtbar +als breite, braune Flecke, wo es durchgeregnet, und lange schmale +Streifen, mal grau, mal roth, wo ein Vorbewohner ein Zündholz probirt +hatte. Der Kamin war zugemauert, nur ein zweihandgroßes Loch hatte man +gelassen, das jetzt durch einen rostigen Eisenschieber geschlossen war. +Der Zugwind machte, daß dieser Schieber beständig hin und her +klapperte, was mir alsbald unerträglich wurde. Ich wollte also durch +eingeklemmtes Papier nach Möglichkeit Ruhe schaffen und zog den +Schieber in die Höhe. In dem dunklen Loch dahinter lagen abgenagte +Knochen. Es war nichts Aengstliches, nur Ueberreste eines Mahls, das +ein Gefangener von besserem Appetit als ich selber, an dieser Stelle +eingenommen hatte; aber ich kann doch nicht sagen, daß ich angenehm +dadurch berührt worden wäre. + +Ich trat nun an das Fenster und durch die Gitterstäbe hinunterblickend, +mußte ich jetzt den letzten Rest der Vorstellung aufgeben, daß ich mich +in einer Kaserne befände. Aus dem von allen vier Seiten +eingeschlossenen Hofe, zum Theil unter den Säulen, die ihn +colonnadenartig umstanden, saßen 20 oder 30 Graujacken und zupften +Wolle. Ich wußte nun wo ich war. Auch an der allerdirektesten +Bestätigung sollte es alsbald nicht fehlen. Monsieur Bourgaut erschien +mit einem Tische in der Thür, drehte sich mit demselben wieder dreimal +herum, schob ihn in eine der Ecken und sagte dann, als er meiner in der +Fensternische gewahr wurde: »≈Retirez vous; vous ne connaissez pas ces +gens là bas; ce sont des Condamnés≈«. Es überlief mich ein wenig. Im +Verlaufe meiner Kriegsgefangenschaft bin ich später Tag um Tag mit +»Condamnés« zusammengewesen und habe dabei erfahren, daß auch ein wegen +Trunkenheit oder Disciplinarvergehen zu drei Tagen Gefängniß +Verurteilter diesen für unser Ohr entsetzlichen Namen führt. Damals +aber waren mir die Condamnés noch einfach »Verdammte« und ich hatte +durchaus das Gefühl mich »≈tra la perduta gente≈« zu befinden. + +Ich wurde gefragt, welches Nachtessen ich zu nehmen wünsche? Ich bat +nur um etwas Thee. Mr. Bourgaut äußerte sich zustimmend (leider wieder +in längerer Rede) und empfahl sich. Es begann nun zu dämmern; in ihren +schweren Holzschuhen klappten und polterten die Condamnés über alle +Treppen und Gänge des ehemaligen Schlosses hin; die Riegel wurden +vorgeschoben; nur mein Zimmer blieb zunächst noch offen. Die Thür war +leise angelegt. Ich schritt in der Diagonale auf und ab, überlegte, +berechnete, balancirte, ein letzter Tagesschimmer leuchtete noch einmal +über den Dachfirst gegenüber; dann wurd’ es dunkel. Ich setzte meine +Marschübungen fort. Plötzlich stutzte ich, als ich von der Thür her +zwei feurige Punkte auf mich gerichtet sah. Ich erschrak, aber nur, um +im nächsten Momente mich desto freier zu fühlen. Eine prächtige Katze +hatte ihren halben Körper durch die Thürklinse geschoben und folgte +unter leisem Spinnen, mit dem Ausdruck der Verwunderung, meinem +endlosen Auf und Ab. Ich rief »Miß, Miß«, besann mich dann aber rasch, +daß die französischen Katzen eine andere Anrede verlangen und legte in +das landesübliche »≈mimi≈« meinen allerzärtlichsten Ton. Ich hatte wohl +Grund dazu. Der Anblick meines liebsten Freundes hätte mir nicht so +viel Trost gegeben. Ich wußte jetzt, daß ich die nächste Nacht schlafen +würde. Und danach vor allem stand mein Sinn. + +Selbst Mr. Bourgaut, der noch einmal wiederkam, um mir meinen +Abend-Thee zu bringen, konnte mich in diesem Vorsatz und dieser +Hoffnung nicht stören, so wenig auch die Worte, mit denen er sich mir +empfahl, geeignet waren, meiner Nachtruhe Vorschub zu leisten. Er nahm +nämlich eine gewisse feierliche Haltung an und erklärte dann, um vieles +deutlicher und accentuirter als gewöhnlich: ≈Demain matin, Mr. le +Général, en présence des autorités civiles et militaires, #décidera +votre sort#≈. + +Dies »≈décidera votre sort≈« hatte einen ziemlich finstern Klang, und +ein nahe liegendes Reimwort antwortete in mir darauf; aber das +Physische war doch in diesem Augenblicke mächtiger, als alles andere; +ich trank meinen Thee und 5 Minuten später schlief ich fest. + +Ich weiß nicht wie lange. Aber mitten in der Nacht fuhr ich auf. Der +Körper hatte sich ein Genüge gethan und die unruhige Seele, die bis +dahin vergeblich den wie todt Schlafenden gerüttelt und geschüttelt +hatte, hatte ihn jetzt plötzlich ins Leben zurückgeweckt. Es war +»≈demain matin≈«. Ich hörte nur eins: »≈décidera votre sort≈«. Welches? +Eine furchtbare Angst ergriff mich und mit übergeschäftiger Phantasie +fing ich an zusammen zu addiren, was alles gegen mich sprach. Es gab +eine hübsche Summe. Luneville, Nancy, Toul waren die drei Punkte, von +woher man die Preußen erwartete. Ich #kam# von Toul. Der ganze Weg, den +ich gemacht, war ein Defilee. Man hatte Waffen bei mir gefunden. Das +rothe Kreuz, das an meinem Arm prahlte, war ich nicht befugt zu tragen, +wenigstens nicht nach Anschauung unserer Feinde. Meine +Legitimations-Papiere, die alle mehr oder weniger auf Anrufung der +preußischen Militair-Autoritäten zu meinem Schutz und zu meiner +Unterstützung hinausliefen, sprachen mehr gegen als für mich. Wie +federleicht wogen dagegen die paar Aufzeichnungen meines Notizbuches, +die alles waren, was ich direkt und unverzüglich zu meiner +Vertheidigung beibringen konnte! Ich sah nur schwarze Kugeln in die +Urne fallen und — ≈mon sort #fut# décidé≈. Eine halbe Stunde lag ich +so, oder vielleicht länger, ich weiß es nicht. Dann hatt’ ich mich mit +der Gewißheit meines Schicksals auch wieder gefunden. Eine Fassung kam +über mich, deren ich mich nicht für fähig gehalten hätte. Ich war +fertig mit Allem und bat Gott, mich bei Kraft zu erhalten und mich +nicht klein und verächtlich sterben zu lassen. Genug davon. War es +Erschöpfung, oder war es die Ruhe vollster Ergebung, — ich schlief +wieder ein. + +Mit dem Morgengrauen war ich wach. Ob mir’s ein Traum eingegeben, +gleichviel, es stand plötzlich für mich fest, daß #Alles# davon +abhänge, einen wenigstens vorläufigen Beweis zu führen, daß ich nicht +preußischer Offizier sei. Von dem Momente ab, wo es mir geglückt sein +würde, diese Annahme zu erschüttern, werde man nichts mehr übereilen, +und erst über die nächsten 24 Stunden hinweg, müsse sich, bei +Nachforschung und ruhiger Ueberlegung, meine absolute Unschuld wie von +selbst ergeben. Um 6 Uhr saß ich an dem langen Tisch, den Mr. Bourgaut +am Abend vorher zurecht gerückt hatte, um 8 Uhr war ich in Brouillon +und Abschrift mit einem langen Memoire fertig, das bereits um 9 Uhr auf +dem Büreau des Generals lag. »≈Donnez-moi du temps et vous me donnez +tout≈« hieß es darin. Den Beweis meiner Nicht-Militairschaft hatte ich +bis zur Evidenz geführt. Woher mir in einer fremden Sprache, die ich +stets über Gebühr vernachlässigt hatte, die Möglichkeit kam, ohne +Diktionnair oder sonstiges Hilfsmittel, ein solches Memoire zu +schreiben, weiß ich nicht. Oder sag’ ich lieber: ich weiß es. + +Der Vormittag verging, der Nachmittag, der Abend. ≈Les autorités +civiles et militaires≈ waren nicht zusammengetreten. Es fiel mir wie +eine Last von der Brust, ich athmete auf und als mir mein +zappelmännischer Mr. Bourgaut, mit dem ich mich, trotz seiner +schießenden schwarzen Augen, mehr und mehr auszusöhnen begann, am Abend +den Thee brachte, flüsterte er mir freundlich zu: ≈Tout va bien, +tranquillisez-vous≈! »≈Tranquillisez-vous≈«. Das klang besser als +»≈Décidera votre sort≈«. Ich schlief fest. Auch der nächste Tag verging +ohne Kriegsgericht. Ich durfte jetzt annehmen, daß ich gerettet sei. +Ich fühlte mich dem Leben wiedergegeben. + +Ich blieb noch eine kurze Zeit in Langres, während welcher Epoche hin +und her verhandelt wurde, was man eigentlich mit mir machen solle? +Meine vollkommenste Unschuld war evident, dennoch konnte man sich nicht +entschließen, mir ohne Weiteres die Freiheit zurückzugeben. Es geschah, +was immer in solchen Fällen zu geschehen pflegt: #eine# Autorität schob +einer #andern# die Verantwortlichkeit zu. Es wurde beschlossen, mich +von der Brigade an die Division zu verweisen. Ehe dies aber ausgeführt +wurde oder auch nur bestimmt zu meiner Kenntniß gelangte, vergingen +noch drei Tage. Diese waren mein Idyll zu Langres. + +An dem ersten dieser drei Tage wurde mir in aller Morgenfrühe »Monsieur +Louis«, der Sohn des Hauses, durch Papa Bourgaut vorgestellt und von +diesem Moment an war ich nicht mehr Alleinbewohner meines Gefängnisses, +sondern theilte es mit »≈mon cher Louis≈«. Es war ein allerliebster +Junge, dreizehnjährig, frisch, naiv, voller Begabung, namentlich nach +der Seite des Künstlerischen hin. Der Umstand, daß gerade die großen +Ferien waren, machte es ihm möglich, 12 Stunden des Tages mein +Gesellschafter zu sein. Ich gewann den Jungen lieb, aber 12 Stunden war +doch fast zu viel. + +Wunderbares Leben, das in solchem Gefängniß, wenigstens zeitweilig, an +der Tagesordnung ist. Sehr viel anders, als es der Draußenstehende sich +ausmalt. Wir begannen in der Regel mit einer Stunde deutschen +Unterricht. Er hatte Lesebücher, darin auch viele deutsche Gedichte +eingestreut waren, unter andern Claudius’ »Abendlied«. Und so lasen wir +denn: + + Der Mond ist aufgegangèn, + Die goldenen Sterne prangèn, + +immer mit dem Accent auf der letzten Sylbe, was einen unendlich +komischen Eindruck machte. Nach dem deutschen Unterricht kamen Räthsel +und Rebus an die Reihe, worin er mir unendlich überlegen war. Dann +schritten wir zu den verschiedensten Gesellschaftsspielen; wir +arrangirten mit großen Zwei-Sousstücken eine Art Boccia, die darauf +hinauslief, das ausgeworfene Zwei-Sousstück zu treffen, oder ihm +möglichst nahe zu kommen; dann gingen wir zum ≈jeu au bouchon≈ über, +das, dem eben absolvirten Boccia verwandt, die Pointe verfolgte, einen +mit Sousstücken belegten #Pfropfen# zu treffen, bis zuletzt jenes +bekannte Geduldspiel, das im Französischen ≈junchets≈, im Englischen +und Holländischen »Spilleken«, im Deutschen aber #Zitterspiel# heißt, +alles andere in den Hintergrund drängte. Wir spielten es mit +Schwefelhölzern, oft mehrere Stunden lang; an einem dicken Exemplar, +das eigentlich aus drei, durch Phosphormasse zusammengeklebten Hölzchen +bestand, hing in der Regel der Sieg. Es galt als Zehner. + +Waren wir dann ermüdet von dem vielen Spielen, so wußte cher Louis +durch eine Art ernsteren Sport die Nerven wieder zu beleben. Er hatte +ein kleines Pistolet, dessen Lauf nur etwa die Dicke einer Rabenfeder +besaß, und gegen welches die rostigen Schlüsselbüchsen meiner Jugend +wahre Monstrekanonen waren. Dieses Pistolet handhabte ≈cher Louis≈ nun +mit eben soviel Kühnheit wie Geschick. Er holte eine Schachtel mit +Amorces, d. h. also mit Knallpapieren, deren jedes nur die Größe eines +kleinen Stückchens englischen Pflasters hatte. Diese Amorces verwendete +er doppelt: zunächst als #Zünd#pulver, indem er eins der Stückchen +Papiere auf die #Pfanne# legte, dann aber namentlich auch als +eigentliche Explosionsmasse, indem er aus etwa 6 oder 8 Amorces die +Knallsubstanz sandkorngroß herausschälte und mit diesen 6 oder 8 +Körnchen die Waffe lud. Ein Schrotkorn, das dem Kaliber entsprach, +wurde aufgesetzt. Nun hefteten wir eine Papierscheibe an die Wand, und +während Papa Bourgaut unten in seinem entlegenen Büreauzimmer Listen +schrieb und revidirte, standen wir hier oben mit unserer Mordwaffe und +feuerten auf 5 Schritt ins Schwarze, daß der Kalk von den Wänden flog. + +Endlich am Mittag des fünften Tages — ich hatte all die Zeit über von +Kaffee und Thee gelebt — erschien mein »≈Gardien-chef≈« (Bourgaut), um +mir mitzutheilen, daß ich am nächsten Morgen nach Besançon transportirt +werden würde. Er hielt eine lange Rede, noch länger als gewöhnlich. Ich +konnte nicht völlig folgen und bat ihn, mir den Inhalt aufzuschreiben. +Er war bereit. Zum Unglück schrieb er aber ebenso rasch wie er sprach, +und ich war wenig gebessert. In dieser Verlegenheit blieb mir, nach dem +Verschwinden des Papas, nur der Appell an ≈cher Louis≈. »≈Louis, dites +moi, qu’est c’est que ça?≈« Der Junge las, las wieder, drehte das +Papier, endlich schüttelte er den Kopf und sagte ruhig: »≈ce n’est pas +français≈«. In naiver Weise, ohne Beimischung von eigentlicher +Unbescheidenheit, sprach sich darin das Gefühl jener Ueberlegenheit +aus, das immer die Söhne über den Vater haben. Nach Scheiterung beim +Sohne mußte ich am Ende, wohl oder übel, an die erste Instanz zurück. +Papa Bourgaut nahm die Anfrage weiter nicht übel und faßte nunmehr +epigrammatisch die Situation dahin zusammen: »≈renvoyé dans votre pays +par la Suisse, ou autorisation supérieure pour séjourner en France≈«. +In diesen paar Worten lag ein ganzer Himmel. Das »≈Renvoyé≈« ergab sich +danach als das stärkste Strafmaß, das mir zudiktirt werden konnte, wohl +aber war mir die Möglichkeit gegeben, im Lande bleiben und meine +Schlachtfelder-Studien fortsetzen zu können. Ich war wie genesen, +betrachtete mich als frei und hundert freundliche Bilder des +Wiedersehens stürmten auf mich ein. Das Gefühl des Glückes war so groß, +daß ich die Frage, »ob ich unter diesen Umständen wohl geneigt sei, ein +ordentliches Abendmahl einzunehmen«, sofort mit einem herzlichen »ja« +beantwortete. Acht Uhr wurde festgesetzt und Seitens der Familie +Bourgaut der Wunsch ausgesprochen, daß ich das Mahl in ihrem +Familienzimmer einnehmen möchte. Ich rüstete mich also mit aller +möglichen Feierlichkeit, klopfte meinen Rock an allen vier Bettpfosten +aus, streichelte den hart mitgenommenen Sammtkragen und knöpfte die Uhr +ein, die bis dahin, ordnungsmäßig deponirt, nur für diese feierliche +Gelegenheit wieder eingehändigt worden war. + +Punkt 8 Uhr trat ich in den Salon, ein großes Hinterzimmer, das sich +bis dahin meinen Blicken verborgen hatte. Es war sehr sauber gehalten, +auf der Heerdstelle brannten große Scheite Buchenholz; während über dem +Kamin, in einer Art von Aureole, die Photographien aller derer hingen, +die dem Hause Bourgaut anverwandt oder zugethan waren. Ich musterte sie +alle und versuchte mich in Hypothesen über Charakter und +Lebensstellung. Wir nahmen endlich Platz, ≈cher Louis≈, der etwas +neckisch und übermüthig war, wurde ein paar Mal mit »≈ce n’est pas +poli≈« zur Ruhe verwiesen, die gute Laune erlitt aber durch solche +Zwischenfälle keine Einbuße, und die Riesentaube, die mir endlich durch +Madame Bourgaut vorgesetzt wurde und freilich einer ganz anderen +Geflügelgattung anzugehören schien, als jener furchtbare +Sperlingsbraten, der bei uns zu Lande unter diesem Namen servirt zu +werden pflegt, war nur im Stande, die gute Laune zu steigern. Das Fest +stand auf seiner Höhe, als beim dritten oder vierten Glase Wein eine +mittelalterliche Dame eintrat, die den Namen »Tante« führte. Sie war +sehr stark, unverheiratet und von heiteren Gesichtszügen. Wir sprachen +von »≈cher Louis≈«, dessen Pathe sie war, und die Bemerkung drängte +sich mir auf, ob ihr Liebling, eben unser Freund Louis, nie Geschwister +gehabt habe? Als dies verneint wurde, ging ich zu der heiklen, übrigens +von der Statistik oft aufgeworfenen Frage über: wie es nur komme, daß +die Franzosen meist 2, die Deutschen meist 4 und die Engländer meist 14 +Kinder hätten? Diese letztere Zahl, mit der ich es nicht allzu genau zu +nehmen bitte, gab nun das Signal zu allgemeiner Heiterkeit. Die Tante, +die zu fühlen schien, daß sie es wohl verdient hätte in England geboren +zu sein, befand sich ≈au comble du bonheur≈ und ihr Lachen fing an mich +mehr oder weniger zu beunruhigen. Es war nur möglich, durch irgend eine +Diversion weiterem Unheil vorzubeugen; ich brachte also ein halbes +Dutzend Toaste aus, gleichviel was, ließ Frieden, Freiheit, Völkerglück +leben, stieß mit Allen an, mit der Tante dreimal, und trat dann, etwas +abrupt, meinen Rückzug an, ohne das Ende der Festlichkeit abgewartet zu +haben. + +Oben rollte ich meine paar Sachen in die Reisedecke hinein und warf +mich aufs Bett. In 12 Stunden hoffte ich in Besançon, in 24 Stunden in +Freiheit zu sein. + +Es war anders beschlossen. + + + + +4. Von Langres bis Besançon. + + Ei, wie geputzt! das schöne junge Blut! + Wer soll sich nicht in euch vergaffen? + Faust. + + +Besançon, wie schon angedeutet, erschien mir lediglich als Etappe +zurück in die Freiheit. Ganz abgesehen von den direkten Zusicherungen +Mr. Bourgauts, glaubte ich, nach einem gewissen ästhetischen Gesetz, +die Lösung des Konflikts innerhalb der nächsten 24 Stunden erwarten zu +müssen. Mein Leben hatte mir bis dahin immer den Gefallen gethan, sich +nach künstlerischen Prinzipien abzurunden, derart, daß ich nicht nur +Exposition, Schürzung und Lösung des Knotens jederzeit bequem +verfolgen, sondern auch in einem gewissen Verwickelungsstadium genau +vorhersagen konnte: nun kommt noch #das#, dann dämmert es wieder und +dann wird es Tag. So, guter Dinge, stand ich auch vor #diesem# +Erlebniß. Der dritte Akt, der tragisch werden wollte, schien mir mit +allen Fährlichkeiten überwunden, selbst der vierte Akt (die Tante und +der Taubenbraten) lag glorreich hinter mir und ich blickte auf Besançon +wie auf ein bloßes Schlußtableau, in dem, nach dem Vorbilde des +Fürsten, der plötzlich seinen Stern zeigt und alles glücklich macht, +ein alter wohlwollender General auftreten und mir sagen würde: »≈Mr. +F.≈, wir beklagen die Ungelegenheiten, die wir Ihnen gemacht haben; Sie +sind ein lieber Mensch; reisen Sie glücklich.« Es ging aber diesmal +alles verquer; von regelrechter Entwicklung keine Rede. Immer neues +Wirrsal. Erst als ich ganz resignirt war, wurd’ es besser. + +Ich fahre jetzt in Darstellung meiner Erlebnisse fort. Sechs Uhr früh +am anderen Morgen trat ich in den Hof des Gefängnisses; die Gensdarmen +warteten schon. Ein kurzer Abschied; dann ging es im Geschwindschritt +bis an den Bahnhof. Diesmal #bergab#. Die frühe Morgenstunde sicherte +einigermaßen vor der Zudringlichkeit der Bevölkerung. + +Es war naßkalt; ein heftiger Regen hatte erst gegen Morgen aufgehört; +alle Thüren des Wartesaals standen offen. Ich fand hier Gesellschaft, +die gleich mir ins Land hinein transportirt werden sollte, aber nicht +nach Besançon. Einer von ihnen war ein gefangener Unteroffizier vom 32. +Regiment (Meiningen). Wir fröstelten alle, die Gensdarmen in ihren +Mänteln nicht ausgenommen. Nach etwa halbstündigem Warten setzten wir +uns in ein Coupé (immer 2. Klasse) und fuhren südwärts. Ich fragte, ob +ich mich mit meinem Landsmann in deutscher Sprache unterhalten könne, +was ohne Weiteres zugestanden wurde. In welche Lebensschicksale man in +solchen Zeiten Einblick gewinnt! Dieser gefangene Unteroffizier, seines +Zeichens eigentlich ein kleiner Kaufmann aus Cöslin, war 24 Jahre alt +und seit zwei Jahren verheirathet. Mit dem Moment seiner Einberufung +hatte er seinen Kramladen geschlossen und seine Frau den +Schwiegereltern zurückgeschickt; er selbst war zum 32. Regiment +beordert worden. Bei Wörth am Knie verwundet, hatte er nach seiner +Wiederherstellung sich mit einigen Kameraden durchzuschlagen und die +preußischen Marschlinien wieder zu gewinnen gesucht, war aber auf +diesem Wege »beim Absuchen eines Dorfes« (denn die armen Kerle hatten +nichts) von Franctireurs umstellt und nach kurzem Kampfe, wobei ihm die +linke Hand zerschmettert wurde, als »Marodeur« eingefangen worden. Da +saß er mir nun gegenüber, keinen Pfennig in der Tasche, blaß, +rothblond, mager, ein krankes Eichkätzchen, nur weniger warm bekleidet. +Er hatte nichts als seinen Waffenrock, seine zerschossene Hand und eine +Photographie seiner Frau, die er mir zeigte. Ich gab ihm etwas Geld, +was er anfangs nicht nehmen wollte; »er brauche nichts, allabendlich +werde er in ein französisches Hospital abgeliefert, wo ihn die +»Schwestern« bis diesen Tag gütig gepflegt und verbunden hätten.« Es +kam kein Klagelaut über seine Lippen; man transportirte ihn nach +Marseille. »Da ist es wärmer« setzte er hinzu, während ihn die +Morgenfrische kalt überlief. + +Mein Gespräch mit dem landsmännischen Unteroffizier mochte eine +Viertelstunde gedauert haben; es war nun Zeit mich meinen eigentlichen +Begleitern zu widmen. Sie ließen mir auch keine Wahl; namentlich der +eine, ein alter Chasseur d’Afrique, der 20 Jahre in Algier gewesen war, +bemächtigte sich meiner. Wie ein Sturzbach brach es über mich herein. +Wer dabei geneigt sein möchte anzunehmen, daß solche Passivität, solch +bloßes Stillhalten, zu dem ich mich verurtheilt sah, am Ende nicht als +große Anstrengung betrachtet werden könne, der irrt. Ein taubes, +#theilnahmloses# über sich ergehen lassen wird von dem Sprecher sehr +bald als solches erkannt und als persönliche Beleidigung empfunden; es +handelte sich also für mich darum, immer auf dem ≈qui vive≈ zu sein und +jeden Augenblick zu wissen, was obenauf schwamm. Ich wurde ganz +erschöpft und mit eigenthümlichen Empfindungen gedachte ich einer +Strachwitz’schen Douglas-Ballade. + + Sie ritten vierzig Meilen fast + Und sprachen Worte nicht vier. + +Beneidenswerther Douglas! Wir hatten noch nicht vier Meilen gemacht und +waren längst in die Tausende hinein. + +Endlich heuchelte ich Schlaf, schloß mit krampfhafter Gewalt die Augen, +als vermöcht’ ich durch gesteigertes Zudrücken auch eine größere +Garantie der Ruhe zu gewinnen, und rasselte nun in wachen Träumen ins +Land hinein. Etwa halben Wegs erreichten wir Gray, einen größeren Ort, +wo angehalten wurde. Es gab ein wirres Durcheinander, dem ich mich, +durch Ausharren auf meinem Platze, zu entziehen suchte; aber ich sollte +nichtsdestoweniger in die bunte Scene, als eine Art Mitspieler, +hineingezogen werden. Das Coupé stand offen, Hunderte, die ein +Unterkommen suchten, starrten hinein und verschwanden wieder, sobald +sie die Plätze belegt oder besetzt sahen, bis plötzlich aus einer +dieser auf und ab wogenden Gruppen ein herzliches Lachen und zugleich +die Worte zu mir herklangen: ≈Bon jour, Monsieur; vous souvenez-vous de +Domrémy?≈ Einen Augenblick, weil ich das Wort »Domremy« nicht deutlich +gehört und #ohne# dies Wort keinen Schlüssel zum Verständniß hatte, +starrte ich wie verwirrt in die beständig grüßende und nickkopfende +Soldatengruppe hinein, bis es mir endlich wie Schuppen von den Augen +fiel. Der Vorderste, in rother Schärpe und Hahnenfeder war einer jener +Herren, die meine Verhaftung vor dem Hause der »Pucelle« herbeigeführt, +hinterher aber freilich die Rechnung wie quitt machend, durch ihren +Beistand mich vor den Insulten des Dorfpöbels gerettet hatten. Gerade +eine Woche war seitdem vergangen. Die ganze Franctireursschaft von +Domremy zog jetzt südwärts, um sich dem großen, unter Garibaldi zu +bildenden Freicorps anzuschließen. Unser Wiederzusammentreffen, so weit +von dem Schauplatz unserer ersten Begegnung entfernt, weckte allgemeine +Heiterkeit, auch bei denen, die blos flüchtig davon hörten, und alles +drängte herbei, um die augenblickliche Bahnhofs-Sehenswürdigkeit von +Gray wie einen alten Bekannten zu grüßen. + +Hier in Gray ging auch der 32er Unteroffizier auf eine andere Bahnlinie +über; wir anderen fuhren, unter Beschreibung einer Curve, zunächst auf +Auxonne zu. Dies ist abermals ein Kreuzungspunkt; wir mußten die Wagen +wechseln und hatten eine halbe Stunde Zeit, um ein kleines Dejeuner zu +bestellen. Ein interessanteres Frühstück hab’ ich all mein Lebtag nicht +eingenommen. Es traf sich, daß wir unter den Ersten im Wartesalon +waren, also einen guten Platz und einen Imbiß erhalten konnten, eh’ der +Rest, der, von einer Seitenlinie her, ziemlich gleichzeitig mit uns +eintraf, seinen Sturm auf das Büffet ausführen konnte. Es waren etwa +500 Soldaten, die sich alle auf Dijon, Belfort und Besançon zu +dirigirten. Wenn ich sage 500 Soldaten, so giebt dies freilich eine nur +sehr unvollkommene Vorstellung von dem »Wallenstein’s Lager«, das sich +auf 10 Minuten hier in Scene setzte. Theaterhaft bunt drängten sich +Linie, Gardes mobiles und Legionaire; die Hauptmasse bildeten die +Franctireurs. Ich konnte sie nicht ansehen, ohne immer wieder an einen +lesenswerten Aufsatz Hugo v. Blomberg’s zu denken: »Ueber das +Theatralische im französischen Volkscharakter.« Welche natürliche +Begabung sich zurecht zu machen, sich zu drapiren und ornamentiren! Es +war nicht Einer unter ihnen, von dem man nicht hätte sagen können: +seht, welch ein Bild! Bei jedem ein Ueberschuß von Roth, aber immer +kleidsam, als Gürtel, Schärpe, Aufschlag. Viele hatten ein Gefühl +davon, wie hübsch sie aussahen, und schritten an dem breiten +Pfeilerspiegel des Wartesalons nie vorüber, ohne einen Blick +hineinzuthun und sich »befriedigend« zu finden. Alle Jahrgänge waren +vertreten und neben rothbäckigen jungen Leuten, die kaum die +Kinderschuhe ausgezogen, bewegten sich Weißköpfe, alte Troupiers, die +ersichtlich froh waren, aus dem langweiligen Alltagsleben heraus und +wieder in frisches Wasser hinein zu kommen. An Haß oder Hohn gegen den +»Prussien«, als den sie mich natürlich sofort erkannten, war gar nicht +zu denken; sie waren zu gutmüthig dazu, vielleicht auch zu sehr mit +sich selbst beschäftigt. Eine Frage aber drängte sich mir beständig +auf: Wer regiert diese Truppe? Sie schienen absolut führerlos zu sein. + +Nach halbstündigem Aufenthalt ging es weiter auf Besançon zu. Wir kamen +bald in seine Nähe und fuhren gegen 2 Uhr in den weiten Kessel hinein, +in dem die Stadt gelegen ist. Die Befestigungen derselben umgürten +nicht unmittelbar die Stadt, sondern sind auf den einschließenden +Bergen gelegen. Bis zum Ausbruch des Krieges, vielleicht bis zur +Kapitulation von Sedan, war »≈la Citadelle de Besançon≈« das eigentlich +beherrschende Fort. Von dem Augenblick an aber, wo es feststand, daß +der Krieg auch hier seinen Schauplatz suchen werde, mußte man sich wohl +oder übel überzeugen, daß die Citadelle zwar die Stadt beherrsche, +ihrerseits aber von den nahegelegenen Kuppen #höherer# Berge beherrscht +#werde#. Man schritt denn auch sofort zur Befestigung und Armirung +dieser eigentlich dominirenden Punkte und in diesem Augenblicke mag +Besançon als eine der am besten befestigten Festungen des Landes +gelten. + +Der Weg vom Bahnhof bis zur Kommandantur war wieder so weit wie +möglich; wir mußten durch die ganze Stadt hindurch. Ich habe Besançon +nachher noch öfter passirt (beispielsweise wenn die Verhöre +stattfanden) und ich fasse gleich an dieser Stelle zusammen, wie es +sich mir #überhaupt# präsentirte. Daß es zur Hälfte aus Uhrmachern +besteht (20,000) und als der eigentliche Konkurrenzort von Genf zu +betrachten ist, setze ich als bekannt voraus. Die Stadt macht einen +sehr guten Eindruck, wohl zumeist deshalb, weil sie einen bestimmten +Charakter, ein Gesicht für sich hat. Alle charakteristischen Städte +wirken viel anheimelnder, als die architektonisch-korrekten; ja die +#malerische# Schönheit — ich erinnere nur an Kopenhagen — ist so +entschieden siegreich über die #bauliche#, daß wir zuletzt jede Stadt +schön nennen, die wie ein reizendes #Bild# uns berührt. + +Als eine solche präsentirt sich auch Besançon. Seine Quaderhäuser, mit +keinem anderen Façadenschmuck als einem Balkon oder einem Bogen am +Fenster, sind freilich weder sonderlich originell, noch pittoresk; +desto mehr jedoch sind es seine Kirchen. Vor allem die alte Kathedrale. +Aber nicht sie allein. In der Mitte der Stadt erhebt sich ein moderner +Bau, die Johannis- oder Magdalenenkirche. Ich bin, was den Namen +angeht, meiner Sache nicht sicher. Desto sicherer steht das Bild vor +meinem Auge. Pfeiler mit korinthischem Kapitell schaffen eine +griechische Front, aus der zugeschrägt ein tumulusartiger Thurm +aufwächst, der gewiß der Schrecken jedes geschulten Architekten ist. +Aber nicht des Malers. Man verweilt mit Interesse bei dieser +Baumeisterlaune und ein goldenes, weithin leuchtendes Kreuz, das aus +Stäben reich geflochten wie eine Riesen-Filigranarbeit das Ganze +bedeutungsvoll abschließt, adelt es und giebt ihm den kirchlichen +Charakter. + +Wir hatten endlich die Kommandantur, die hier den Namen »≈la Division≈« +führt, erreicht und nahmen in einem Vorzimmer auf einem +Armensünderbänkchen Platz. Ein beständiges Kommen und Gehen von +Adjutanten und Ordonnanzen; so vergingen fast zwei Stunden. Die +Gensdarmen, die nach ihrem Mittagbrod verlangten, wurden ungeduldig. +Endlich erschien ein blasser Herr, dessen ausgearbeiteter, beinahe +kahler Schädel in einem argen Größen-Mißverhältniß zu dem kleinen +Gesichte stand. Die Augen waren klug und lebhaft. Er musterte mich +scharf und rasch mit einem bloßen Streifblick, wie Leute das thun, die +für das Beleidigende des Anstarrens eine feine Empfindung haben. Er +überreichte dann dem Gensdarmerie-Brigadier mehrere Papiere; ich hörte +meinen Namen und gleich darauf die ruhige Weisung: »≈à la Citadelle≈«. + + + + +5. Die Citadelle von Besançon. + + ≈Misery acquaints a man with strange + bedfellows.≈ + ≈Shakespeare (Tempest).≈ + + +Ich hatte dies »≈à la Citadelle≈« keineswegs erwartet, vielmehr von +unmittelbarer Freilassung und Unterbringung in einem Hotel geträumt; +nichtsdestoweniger erschreckte mich diese Ordre nicht geradezu. Ich +entsann mich eines Besuches, den ich vor vielen Jahren einmal auf der +Spandauer Citadelle gemacht hatte, und knüpfte an Festungshaft, die für +mich ohnehin nur 24 Stunden dauern konnte (so wähnte ich), die +Vorstellung von Nachmittagskaffee und einer Partie Sechsundsechszig. +Welche Illusionen! + +Der Berg war wieder sehr hoch. Wir passirten zunächst im Hinaustreten +aus der Stadt ein triumphbogenartiges, höchst pittoreskes Portal, +hinter dem sich (schon am Abhange des Citadellberges) die Kathedrale, +eine mächtige Jesuiterkirche, erhob. Ich suchte mir ihr Bild +einzuprägen, reckte den Hals und stieg immer höher; alles im +Geschwindschritt. In Freiheit — bei attestirter Herz- und +Lungenschwäche — hätte ich geglaubt, auf dem Platze bleiben zu müssen; +#hier# ging es. Auf dem niedrigen aber breiten Mauerwerk, das den Weg +einfaßte, streckten sich die dienstfreien Mannschaften der Citadelle +und schliefen in den allerwunderlichsten Positionen. Die meisten lagen +auf dem Bauch und hatten ein oder auch beide Beine rechtwinklig in die +Höhe. An ihnen vorbei, über eine Zugbrücke hin, mündete der Weg endlich +auf einen Vorplatz, den allerhand Bauten unregelmäßig umstanden. An der +einen Steinwand, dicht neben einem schmalen Thorwege, hing ein Brett +mit verwaschener Inschrift: ≈Prison militaire≈. + +Das sah nicht sehr einladend aus; meine Hoffnungen sanken jetzt rapide, +wie das Wetterglas bei Erdbeben. Die Ablieferung erfolgte unter den +üblichen Formalitäten und ein alter Sergeant führte mich an ein +langgestrecktes Haus mit fünf Thüren, deren Inschriften auf ≈Prévenus≈, +≈Disciplinaires≈ und ≈Condamnés≈ lauteten. Es hatte aber mit diesen +Unterschieden nichts auf sich, alles wurde durch einander geworfen. +Nachdem wir in die verschiedenen Thüren hineingeguckt, kehrten wir +endlich zur ersten zurück, und der Sergeant belehrte mich dahin, daß +ich hier zu wohnen haben werde. Es war ein gewölbter Raum von +bedeutender Tiefe, in dem damals 12 Pritschen standen; auf der zwölften +befand sich ein Berg von Strohsäcken; ein Dutzend Gefangene gingen im +Zimmer auf und ab oder saßen auf den Bettständen umher. Mein Eintreten +machte nicht das geringste Aufsehen; man war an solche Erscheinungen +gewöhnt. Ich legte mein kleines Bündel (mein Reisegepäck war in Toul +geblieben) auf ein Wandbrett und setzte mich, um mich von der +Anstrengung des Bergsteigens zu erholen. Die erste Anfrage, die an mich +erging, war: »ob ich mich für die »Abendsuppe« einschreiben lassen +wolle«, was ich ohne Weiteres ablehnte, da ich doch mindestens +dieselben Ansprüche wie in Neufchateau und Langres auch an #dieser# +Stelle glaubte erheben zu können. Ich begab mich denn auch in das +Büreau des Vorstandes, welcher letztere den Titel »≈Monsieur le +Principal≈« führte und stellte ihm mein Anliegen vor, das auf ein +Zimmer und selbstständige Beköstigung lautete, aber rundweg +abgeschlagen wurde. Dies sei unmöglich. In einem ≈prison militaire≈ +existire dergleichen nicht. + +Gut. Ich kehrte auf meinen Bettplatz zurück, kreuzte die Hände über’m +Knie und starrte in’s Blaue, soweit dies an diesem Orte möglich war. +Nach einer halben Stunde, auf ein Signal, das mir entgangen war, +stürzte alles auf den Hof und kehrte nach 2 Minuten mit der schon +erwähnten »Abendsuppe« zurück, die ich so stolz abgelehnt hatte. Ich +sollte indeß nicht zu kurz kommen. Ein junger badischer Gefreiter, mit +dem ich mich gleich in den ersten Minuten bekannt gemacht hatte, +stellte einen glücklich eroberten Kübel vor mich hin und forderte mich +auf zu kosten. Ich mußte es schon Artigkeits halber. Es war heißes +Wasser, mit Brot und Kartoffel, durch etwas Salz und Zwiebel +schmackhaft gemacht. Ich aß und nahm von da ab an der allgemeinen +Gefangenenkost Theil. Sie bestand in einer Fleischsuppe Morgens und +einem halben Laib Brod. Wein, Käse und die Abendsuppe waren erlaubte +Extras, für die aber gezahlt werden mußte. Mir wurde später (als ich +leicht erkrankte) #Thee# bewilligt; aber dabei blieb es. Ich habe dies +ohne besonderes Herzeleid ertragen und an mir selber wieder die alte +Wahrnehmung gemacht, daß die sogenannten »verwöhnten Leute«, wenn sie +nicht absolute Gecken sind, sich in den Wechsel der Glücksumstände am +leichtesten finden. Die Bekanntschaft mit den Finessen und Delikatessen +des Lebens macht zuletzt ziemlich gleichgiltig dagegen; ihr Werth ist +ein relativer, oft geradezu ein imaginairer, und die flüchtigste +Erkenntniß davon macht es einem verhältnißmäßig leicht, #diese# Art von +Opfer zu bringen. + +Es hatte freilich bei #dieser# Art von Opfern nicht sein Bewenden; +Härteres, #sehr# Hartes wurde mir zugemuthet. Indessen es sei drum. Die +Dinge liegen hinter mir, und es thut nicht gut, ja es schädigt einen +geradezu, die ganze ≈petite misère≈ eines solchen Daseins auf den Tisch +zu legen. Misère weckt Mitleid, aber auch ≈dégoût≈. Es ist, als ob es +auch von #diesen# Dingen hieße: ≈aliquid haeret≈. Ich lasse Gras +darüber wachsen und führe lieber Erlebnisse vor, über die leichter und +lachender zu berichten ist. Ich beginne mit Schilderung einzelner +Persönlichkeiten, die mir das Schicksal zu Bettgenossen gab. Mit +einigen war ich die ganze Zeit über, volle 18 Tage, zusammen, andere +schieden früher, theils um ihre Freiheit wiederzufinden, theils um in +Kriegsgefangenschaft landeinwärts geführt zu werden. + +Ich lasse dem #deutschen# Elemente, das anfangs ziemlich stark +vertreten, zuletzt nur noch in einzelnen Exemplaren vorhanden war, den +Vortritt. An der Spitze desselben, nicht seinen Jahren, aber allem +andern nach, stand der junge badische Gefreite, »≈le caporal badois≈«, +dessen ich schon erwähnt habe. Wir schlossen eine Freundschaft, soweit +dies der Altersunterschied zuließ. + +Er war aus Pforzheim, eines reichen Fabrikanten Sohn, und würde, +frischen, braven Herzens wie er war, nach dem Vorbilde der »400 +Pforzheimer« gewiß tapfer gefallen sein, wenn ihn das Schicksal in eine +ähnliche Situation gestellt hätte. Aber gleich im ersten Gefecht, das +er mitzumachen hatte, war ihm der Auftrag geworden, nicht in +Gemeinschaft mit 399 andern, sondern #ganz allein#, eine +Munitionscolonne aus Saint-Dié, wenn ich nicht irre, herzubeordern; auf +diesem Einsamkeitsmarsche war er durch ein Dutzend Franctireurs +umstellt und gefangen genommen worden. Seine äußere Erscheinung ließ +ihn im ersten Augenblick kaum als reicher Leute Kind erkennen. Der +badische Waffenrock, den er trug, saß noch schlechter als ein +preußischer (was viel sagen will) und in Folge dicker Leibbinden und +Unterhosen hatte sich das ganze Brust- und Rückenstück des Rockes nach +oben geschoben. Der Eindruck davon verschwand aber in demselben Moment +wo er lachte, und er lachte viel. Er präsentirte dann vier +Schneidezähne, die nur an den Rändern leise lädirt, eine feine kaum +haarbreite Goldeinfassung erhalten hatten. Unverkennbar ein +zahnärztliches Meisterstück und muthmaßlich enorm theuer. Diese vier +Zähne wirkten wie die Visitenkarte eines Banquiersohnes. Wir waren fast +14 Tage zusammen und plauderten das Mannigfachste durch. Er schwärmte +für Preußen, hielt uns ohne Weiteres für ein Heldengeschlecht und hatte +bei seinem ersten Verhör dem Colonel eine Rede in diesem Sinne +gehalten, die freundlich aufgenommen und ein paar Tage später in den +Lokalblättern von Besançon ≈in nuce≈ gedruckt worden war. Ich muß +hinzufügen, daß er geläufig französisch sprach. Dies alles war gut; +aber weitaus am meisten interessirte es mich doch, wenn er leuchtenden +Auges über den Juwelenhandel einen kleinen Vortrag hielt. Dann erschloß +sich mir eine neue Welt. Gerade auf diesem Gebiet hatte ich wenig +Gelegenheit gehabt, mich zu orientiren. So jung er war, so sprach er +doch von Smaragden, wie andere junge Leute von schönen Augen sprechen. +Er schilderte mir einen Besuch in einem Pariser Juwelenladen, den er im +Sommer 1870, kurz vor Ausbruch des Krieges, gemacht hatte, wobei ihm +die Sorglosigkeit, mit der die Besitzer ihr Geschäft betrieben, das +Imponirendste gewesen war. Auf eine bloße Empfehlungskarte hin, hatte +man ihm für 6000 Francs Smaragden mit nach Pforzheim gegeben, alles +rasch und ≈sans phrase≈, während junge und alte Juwelenkäufer (meist +Juden) an den andern Tischen des Lokals standen, die Diamanten aus +ihren Baumwollpacketen herausnahmen, nebeneinander auf die flache Hand +legten und minutenlang sich in den Anblick dieser Herrlichkeit +vertieften; dabei zugleich jede kleinste Werth- und Schönheitsnüance +erkennend. »Das #Bijouterie#-Geschäft«, so schloß er wohl, »hat seine +Reize, aber es ist klein, ärmlich, prosaisch neben dem #Steinhandel#.« + +Ein #zweiter# Deutscher unserer Colonie führte den Namen: »≈le cocher +de Bismarck≈«. Er trug ein ächt preußisches Kutscher-Costüm mit +Stulpstiefeln, Wappenknöpfen und breiter Goldborte, und war in der Nähe +von Epinal, auf Spionage hin, verhaftet worden. Eine wunderliche Figur, +gutmüthig und schlau zugleich; bei Fritzlar im Hessischen zu Hause. Was +ihn mir interessant machte, war, daß er 17 Jahre lang als +Kunstreiter-Groom die Loissets, die Franconis, die Cinisellis begleitet +hatte. Ich darf sagen, in jeder Stadt Europas über 50,000 Einwohner war +er gewesen; er wußte in Petersburg, Konstantinopel und Lissabon gleich +vortrefflich Bescheid, sprach ein gutes Französisch, ein leidliches +Englisch und hatte von allen andern Sprachen wenigstens eine +oberflächliche Kenntniß. Ich muß bemerken, daß er niemals den +Gesellschaften als solchen, sondern immer nur einem einzelnen +hervorragenden Mitgliede derselben als Reitknecht und Pferdepfleger +angehört hatte. Die längste Zeit über war er bei einem ungarischen +Schärpen- und Reifenspringer gewesen, von dem er mit ungeheuchelter +Hochachtung sprach. Er betrachtete dies alles als ernsthafte #Kunst#, +lobte die Ordnungsliebe, die Sauberkeit, die Gewissenhaftigkeit seines +Herrn, stellte der Mehrzahl der Damen die glänzendsten Tugendzeugnisse +aus und ließ mich wieder recht empfinden, wie sehr wir Draußenstehenden +auf diesem wie auf ähnlichen Gebieten mit unsern Vorstellungen in die +Irre gehen. Die Welt ist oft schlechter als wir sie nehmen, aber noch +öfter vielleicht ist sie besser. + +Der Dritte, zu dem ich in Beziehung trat, war »≈le maître d’école≈«, +ein Deutsch-Franzose. Ich konnte mich anfangs nicht mit ihm befreunden, +theils weil er etwas Sonderbares, beinahe Unheimliches in seinem +tiefliegenden Auge hatte, theils weil ich das Bild des »Schulmeisters« +aus den Geheimnissen von Paris nicht los werden konnte. Es kam dazu, +daß er sich beim Sprechen etwas zierte und durch Correctheit und +obligate Nasaltöne den »≈maître d’école≈« beglaubigen wollte. Er war, +wie so viele andere, denuncirt und verhaftet worden, weil er mit einem +preußischen Offizier gesprochen hatte. Endlich kam der ersehnte Tag der +Freiheit; daheim in Lothringen saß seine Frau mit sechs Kindern. Aber +wie hin kommen? Er fragte mich, ob ich ihm das Reisegeld geben könne. +Ich that es ohne Weiteres. In solchen Zeiten empfindet man doppelt: +gieb, auf daß #Dir# gegeben werde. Dem Manne traten die Thränen in die +Augen und er dankte mir herzlich, übrigens ohne sich das Geringste zu +vergeben. Der eigentliche Gewinner war ohnehin ich. Hatte ich dem Manne +einen Dienst geleistet und seine Dankbarkeit erworben, so war ich ihm +doch ungleich mehr verpflichtet, daß er mir die Gelegenheit dazu +gegeben hatte. Die Kunde von dieser Großthat lief wie ein Feuer durch +die ganze Citadelle von Besançon; ich war auf einen Schlag »etablirt«, +man gab mir ungesucht eine exceptionelle Stellung und der alte +Sergeant, auf den ich wohl noch zurückkomme, adressirte sich immer mit +den Worten an mich »≈un homme comme vous≈«. Ich hatte Ursach, mich +Alles dessen zu freuen; zugleich empfand ich schmerzlich die furchtbare +Macht des Geldes. Wen diese Worte etwas verwunderlich anblicken, der +vergesse nicht, daß unter Blinden der Einäugige König ist. Es schlug +vielleicht manch gütigeres Herz auf der Citadelle von Besançon; aber +was frommte es, so lange sich diese Güte nicht »berechnen« und nicht in +Zahlen ausdrücken ließ. + +Neben dem Schulmeister schlief »≈le bon tireur≈«, ein schöner Mann, an +dem nur auszusetzen war, daß er es zu sehr wußte. Er kam aus Rom, hatte +ein Jahr lang der Legion von Antibes angehört, und diente jetzt, wie +viele andere seiner alten Kameraden, in einem Marsch-Bataillon. Die +Geschenke hübscher Frauen, dazu die zahlreichen Prämien, die er sich +als brillanter Schütze erworben (er trug immer einen breiten Leibgurt, +der in Front die Lederhülsen für mindestens 30 Patronen aufwies), +hatten ihn sichtlich verwöhnt und gaben seinem elastischen Gange, +seiner beinahe eleganten Tournure doch ein Maß von Prätension, das zu +seiner Stellung nicht paßte. Er war wegen Hochfahrenheit zahllose Male +bestraft und saß jetzt hier, weil er auf den Zuruf seines Capitains +»≈vous êtes un lâche≈« geantwortet hatte »≈pas plus que vous≈«. Er +machte beständig Vorstellungen an den General, in denen er eine +ähnliche kecke Sprache führte und sich auf sein gutes Recht steifte, +»weil er zuerst beleidigt worden sei«. Auf meine Bemerkung, daß solche +Eingaben, in so selbstbewußtem Tone abgefaßt, in Preußen ganz unmöglich +seien, antwortete er nur mit superiorem Lächeln: »≈Je sais, je sais: +vous avez encore le régime du bâton; nous sommes plus libre en +France.≈« Er ließ sich das auch nicht ausreden. + +Eine andere Figur war »≈le raconteur≈«, der Liebling und das Ferment +der ganzen Gesellschaft. Er machte mir das Bett, gab mir sein +Strohkissen, deckte mich mit seiner Decke zu, so daß ich eigentlich +nicht weiß, wie er sich durch die kalten Nächte durchgeschlagen hat. Er +war ein ausgesprochener Humorist und hatte, neben seinem +Spaßmacherthum, vor allem auch jene Herzensgüte, ja jene Feinheit der +Empfindung, die den wirklichen Humoristen allemal charakterisirt. Er +erzählte sehr gern, aber im Erzählen beobachtete er beständig, ob er +vielleicht Anstoß gäbe, oder durch ein Zuviel die Geduld erschöpfe; +glaubte er derartiges wahrzunehmen, so schwieg er sofort und wartete +ab, bis er ermuntert wurde, den Faden wieder aufzunehmen. Er hatte ein +Paar Diensthosen verkauft, um seine Kameraden in Wein freihalten zu +können; darauf hin war er, nachdem ihn eben #diese# Kameraden angezeigt +hatten, zu 6 Monaten verurtheilt worden. Für mich ein offenbarer +Vortheil. Ich liebte ihn förmlich. Bei weiterer Schilderung meiner Tage +in Besançon komme ich auf ihn zurück. + +Der letzte, von dem ich zu sprechen gedenke, war »≈le penseur libre≈«, +ein kleiner, kratzbürstiger Kerl, nah an funfzig, seines Zeichens ein +»Kommissionär in Hülsenfrüchten«. Er war eingesperrt worden, weil er +den Preußen eine Ladung Mehl verkauft hatte. In einem scharfen +Gegensatz zu dieser merkantilen Beschäftigung stand sein geistiges +Leben. Er war Philosoph; sein Lieblingsschriftsteller Victor Cousin, +dessen gediegene Uebersetzungen der klassischen Literatur, griechisch +wie lateinisch, er besaß, beziehungsweise auswendig konnte. In einer +Anzahl kleiner blauer Notizbücher, die er als ≈Vademecum≈ auch mit ins +Gefängniß genommen, hatte er sich die Weisheit des Alterthums für den +Hausgebrauch zurecht gemacht. Gleich den zweiten Tag fragte er mich, ob +es mir Recht sei, Seneca’s Betrachtungen über den Tod, über das ruhige +sich schicken ins Unvermeidliche, zu lesen? Ich hielt es für artig, +»ja« zu sagen, und mußte nun zwei Stunden lang meinen Kopf und meine +Augen anstrengen, um mich in diesen »Blaubüchern« zurecht zu finden, +die für mich wenigstens das Schicksal aller ≈blue books≈ theilten, +ziemlich langweilig zu sein. Solche Gedanken aus sich heraus zu +gebären, sie #selbstständig# zu haben, kann Trost verleihen und das +Gemüth adeln; es zurecht gemacht an sich herantreten sehen, ist +mindestens unfruchtbar. Da wirkt ein Gesangbuchvers von Paul Gerhardt +doch anders! Es blieb nun aber nicht blos bei Seneca. Dieser furchtbare +penseur libre hatte, mit Hülfe seines Victor Cousin eine eminente +Kenntniß von Plato, Tacitus, Plutarch und vielen andern noch, und +vielleicht niemals hat ein deutscher ≈homme de lettres≈ vor einem +französischen Hülsenfruchthändler eine so kümmerliche Rolle gespielt, +wie ich. Er wußte Alles, ich wußte nichts. Glücklicherweise war ich +nicht in der Stimmung, über diese constanten Niederlagen mich besonders +zu grämen. Auch bin ich ihm das Zeugniß schuldig, daß er mich nie +ironisch behandelte, und sein offenbares Uebergewicht keinen Augenblick +mißbrauchte. + +Ich versuche nun, nachdem ich den Leser mit den »Spitzen der +Gesellschaft« bekannt gemacht habe, ihm im Weiteren einen Tag zu +schildern, wie wir ihn in der Citadelle zuzubringen pflegten. + +Um 6 Uhr rasselte draußen das Schlüsselbund, die schwere Thür wurde +geöffnet, der Sergeant trat ein, und das Abzählen begann, um +festzustellen, daß über Nacht nichts von der Heerde verloren gegangen +sei. Wir waren zuletzt 22 in einem ursprünglich für höchstens 12 +Personen bestimmten Raum. Dem Ueberwerfen der nothwendigsten +Kleidungsstücke folgte draußen auf dem Hof der Waschprozeß; +abgetrocknet wurde an den Bettlaken, die von der Nacht her noch etwas +Wärme conservirten. Einige Aristokraten der Gesellschaft, zu denen ich +leider nicht gehörte, hatten es bis zu einem Handtuch gebracht. Nur ein +Stück »≈Monstre-Savon≈« war mir von Langres her geblieben. + +Nun begann der Morgenspaziergang, und zwar in einem mit Flußkieseln +bestreuten Hofe, der 40 Schritt lang und 15 Schritt breit sein mochte. +Von diesen 15 Schritt in der Breite waren aber wieder 5 Schritt zu +einer Art Terrasse abgeschnitten, welche letztere ein Allerheiligstes +bildete, das von uns nicht betreten werden durfte. Es war die +»Gartenanlage« der Citadelle, auf deren Beeten etwas Kerbel und +Petersilie, an der Wand aber ein wie verkrüppelte Georginen aussehendes +Strauchgewächs wuchs. Es trug Tomaten-Aepfel, die nicht reif werden +wollten. + +Wie es für etwa 80 Menschen möglich wurde, auf diesem Stückchen Hof ein +oder zwei Stunden lang spazieren zu gehen, weiß ich nicht; gleichviel +es geschah. Der blaue Himmel, die Morgenfrische thaten meinen Sinnen +wohl, nur wurde dies Behagen, durch unliebsame Töne aus der Ferne her, +häufiger unterbrochen, als mir angenehm sein konnte. Es war in der +Regel 7 Uhr; eine Salve krachte herüber; das Echo antwortete in den +Bergen. Eine Gruppe trat dann zusammen, einer warf den Cigarren-Rest in +die Luft und sagte ruhig: heute werden drei erschossen. Ich konnte +nicht gleichgültig dabei bleiben; wie ein physischer Schmerz ging es +mir oft durch die Brust. + +Die Promenade wurde fortgesetzt; die Meisten lachten, plauderten; +wenige trugen schwer. Zwischen 8 und 9 hieß es in viertelstündigen +Pausen: »≈à l’eau≈«, »≈du pain≈«, »≈la commission≈«, Schlachtrufe, die +jedesmal ein halbes Dutzend Personen abriefen, die nun Wasser und Brod +für die Gesammtheit herbeizuschaffen, oder aber (»≈la commission≈«), +die #Extras# in Empfang zu nehmen und zu vertheilen hatten. Alle diese +Rufe waren aber bedeutungslos neben dem Rufe »≈à la soupe≈«, der +ungefähr um 9½ Uhr laut wurde. Nun stürzte Alles der Küche zu und +kam mit Schüsseln und Kübeln zurück, die eine leidlich gute +Fleischbrühe enthielten; die einzig warme Mahlzeit, die +vorschriftsmäßig und gratis verabreicht wurde. Ein gutes Stück Fleisch +war wie ein Gewinn in der Lotterie. + +Nach der Suppe begann eigentlich wieder eine mehrstündige +Einschließung, die von 10 Uhr früh bis 4 Uhr Nachmittags zu dauern +hatte. Dies wurde aber nie in voller Strenge inne gehalten, eines +Theils wohl, weil wir ohnehin über alle Gebühr hinaus eingepfercht +waren, andern Theils, weil wir tagelang Regenwetter hatten, und die uns +dadurch auferlegte, totale Einsperrung an den klaren Tagen, schon um +unserer Gesundheit willen, wieder ausgeglichen werden sollte. Ein +starker Bruchtheil der Gesellschaft zog sich aber um 10 oder 11 von +selbst, aus eigenem Antrieb, in die Kasemattenräume zurück, um sich zu +strecken oder Briefe zu schreiben, oder Dame zu spielen. Dies letztere +geschah in ziemlich ingeniöser Weise. Auf jeder Pritsche befand sich +ein mit Bleistift oder Dinte aufgezeichnetes Damenbrett, dessen Steine +einerseits aus den leicht beschaffbaren Kieseln des Hofes, andererseits +aus rund geschnittener Brodkruste bestanden. Alle Franzosen spielten es +gern und mit besonderem Geschick. Mitunter verirrte sich ein +Zeitungsblatt in unsere Mitte; hinter dem letzten Bettstand, der mit +seinen aufgetürmten Strohsäcken wie ein Schirm wirkte, etablirte sich +auch wohl eine geheime Piquetpartie; unbeweglich daneben saß der +≈penseur libre≈ und las Abhandlungen über die Frage: »Wann einer +Zeugenaussage zu trauen sei und wann nicht.« + +Endlos waren diese Stunden von 10 bis 4; sie hatten aber doch ihre +Unterbrechungen, einmal, wenn der Kommandant der Citadelle und der +Ronden-Offizier ihren Umgang hielten, namentlich aber, wenn »Neue« +eintrafen oder die in bloßer Untersuchungshaft gehaltenen aus dem +Verhör in der Stadt zurückkamen. Durch diese Elemente hingen wir mit +der Welt zusammen und folgten dem Laufe der Politik und des Krieges. Ob +das Berichtete wahr war oder nicht, war der Mehrzahl völlig +gleichgültig; es unterhielt doch. Den einen Tag war General Moltke +erschossen, den nächsten Tag gefangen, den dritten hatte er einem +Kriegsrathe präsidirt; der König, der Kronprinz, Prinz Friedrich Karl, +alle waren sie einige Tage lang todt, um dann wieder unter den Lebenden +zu erscheinen. Es fiel keinem ein, sich über diese Widersprüche zu +verwundern; man nahm sie als selbstverständlich hin; ja, man war +vielleicht dankbar dafür. Der Stoff wuchs auf diese Weise. Etwa in der +Mitte des Monats erschien Garibaldi in Besançon; drei, vier Tage später +hieß es, »die Preußen rücken an«; mit beiden Nachrichten hatte es +ausnahmsweise seine Richtigkeit. Es wurde viel von »in die Luft +sprengen« gesprochen, und im Großen und Ganzen bemächtigte sich des +deutschen Elements ein wenig behagliches Gefühl bei der Aussicht, von +den eigenen landsmännischen Granaten todtgeschossen zu werden. Ich +machte dem liebenswürdigen Kommandanten der Citadelle, der sich oft +halbe Stunden lang mit mir unterhielt, eine halb scherzhafte +Vorstellung darüber, worauf er ruhig antwortete: »Ja, diese +#Obergewölbe# sind in 5 Minuten weggeblasen«. Der Trost, der uns daraus +erfloß, war begreiflicherweise gering. + +Die Preußen (es war die badische Division) hatten sich uns inzwischen +mehr und mehr genähert. Am 23. hieß es: Heute giebt es eine Schlacht; 8 +Kilometer von hier, bei Chatillon #müssen# sie zusammenstoßen. Und in +der That, es kam zu einem Gefecht. Wir hörten deutlich den Donner der +Kanonen und von dem Tisch unseres Gefängnisses aus, der uns gestattete, +durch die obersten Scheiben hindurch, über die Festungsmauer +fortzusehen, folgten wir einzelnen Bewegungen nachrückender +französischer Bataillone. Einige von uns schwuren, den Lichtstreifen +fliegender Granaten deutlich an dem schwarzgrauen Regenhimmel gesehen +zu haben. Um 5 Uhr Abends kam Meldung aus der Stadt: »≈1200 Badois sont +captivés, ils arriveront ce soir encore.≈« Zwei Stunden später trafen +auch wirklich die Gefangenen ein. Es waren aber nur fünf. Als ein +echter Oberländer gefragt wurde: »wo denn die 1200 seien«, antwortete +er ruhig: »’s is halt a Trost, wenn mer mit 500 ins Gefecht geht, kann +mer nit 1200 verliere«. Ich übersetzte es, was sofort allgemeine +Heiterkeit erweckte. Von Groll keine Spur. + +So war es Sonntag den 23. Oktober. Aehnlich an anderen Tagen. Wir +lebten von Gerüchten. Erst die »Abendsuppe«, die bei Dunkelwerden +servirt wurde, machte regelmäßig der politischen Diskussion und — dem +Tage selbst ein Ende. Mit dem Moment, wo die Blechlöffel wieder hinter +dem Brett steckten, fiel der Vorhang. Die Nacht begann. + +Nun rasselte, wie am Morgen, das Schlüsselbund; der Sergeant, ein alter +≈grognard≈, passirte abermals unsere Reihen mit hochgehobener Laterne, +zählte die Häupter seiner Lieben und verschwand dann mit einem +freundlich-bärbeißigen: ≈bon soir, messieurs.≈ Eine halbe Stunde später +lag alles ausgestreckt unter den Decken, jeder mit einer Nachtmütze +über der Stirn und nur »≈le raconteur≈« hockte noch auf seinem +zusammengerollten Zeugbündel und wartete auf das Signal zum Erzählen. +Er war die Scheherezade dieses Kreises, dem die Aufgabe oblag, den +Sultan »Volk« in Schlaf zu erzählen. Es gab ein halbes Dutzend +Lieblingsgeschichten: ≈le dragon vert, le curé et le saint esprit, +Milord à Paris≈, — alle liefen sie auf Liebesabenteuer, auf Spott gegen +die Geistlichkeit und auf Ridikülisirung der Engländer hinaus. Das +letztere war meist das Wirksamste. Unendliche Heiterkeit begleitete +diese Vorträge, und nie hätte ich es für möglich gehalten, in einem +Kasemattengefängniß einem solchen Uebermaß von guter Laune, von Lachen +und Ausgelassenheit zu begegnen. Ich stimmte dann und wann mit ein, +ohne recht zu wissen, um was es sich handelte. Das Lachen selbst war so +herzlich, daß es mit fortriß. + +Diese Erzählungen dauerten oft 2 Stunden. Um 8 Uhr hielten dann mehrere +Trommeln und Hörner, eine Art großer Zapfenstreich, ihren Umgang um die +Citadelle, und in dem Moment, wo sie schwiegen, klangen von Besançon +die Abendglocken der Cathedrale herauf. Ein paar leidenschaftliche +Raucher fuhren manchmal mit dem Streichholz über die Wand hin, um die +verglimmende Pfeife neu zu beleben; ein flüchtiges Licht blitzte durch +den dunklen Raum; noch ein paar Züge, dann schliefen auch sie. Alles +still. + +Nacht lag über der Citadelle von Besançon. + + + + +6. Rückblicke. + + So lang der Wirth nur weiter borgt, + Sind sie vergnügt und unbesorgt. + Faust. + + Es kann die Ehre dieser Welt + Dir keine Ehre geben, + Was Dich in Wahrheit hebt und hält + Muß in Dir selber leben. + + +Ich war 18 Tage in Besançon; am 29. Oktober verließ ich es, um, quer +durch Frankreich hindurch, über Lyon und Moulins, dann über Poitiers +und Rochefort nach der Insel Oléron im atlantischen Ocean geschafft zu +werden. Die letzten drei Tage auf der Citadelle waren mir in +verhältnißmäßigem Comfort vergangen; ich hatte sie, in Folge +eingetretener Intervention, im Offizier-Gefängniß zugebracht, wo ich, +in allem was Speis’ und Trank angeht, in der angenehmen Lage gewesen +war, meiner Gewohnheit gemäß oder wie es im Französischen heißt — »im +Einklang mit meinem ≈ancien régime≈« leben zu können. Ein Ausdruck, der +mich jedesmal amüsirte. Ueber diese »guten Tage von Besançon« berichte +ich in aller Kürze im Eingange des nächsten Kapitels; aber #hier# +schon, als am passendsten Platz, versuche ich die Eindrücke +wiederzugeben, die ich in fast dreiwöchentlichem Zusammenleben mit +französischen Soldaten und Civilpersonen verschiedenster Art, von dem +Charakter des Volkes, von den Vorzügen und Schwächen desselben +empfangen habe. + +Es ist Pflicht zu sagen, daß diese Eindrücke die allerangenehmsten +waren und daß ich mir keine Nation denken kann, die in #so# vielen, +ihrer aufs Gerathewohl gewählten Repräsentanten im Stande wäre, ein +günstigeres Urtheil hervorzurufen. Im Allgemeinen wird man sagen +können, daß, je nach den Landestheilen, in denen man lebt, auf 10 oder +7 oder 5 Individuen immer ein unleidlicher Mensch kommt; hier lebte ich +mit 70 oder 80 Gefangenen zusammen, die in der Zeit meiner Anwesenheit +zwei oder dreimal wechselten (so daß ich etwa 200 verschiedene Personen +kennen lernte) und nicht die geringste Unannehmlichkeit, geschweige +Unart habe ich zu erfahren gehabt; sie waren alle verbindlich, +rücksichtsvoll, zuvorkommend, dankbar für jeden kleinen Dienst, nie +beleidigt durch Widerspruch, vor allem #ohne Schabernack und ohne +Neid#. Wir könnten, nach #dieser# Seite hin, viel von ihnen lernen. Es +offenbarte sich mir ein unerschöpflicher Schatz von Gutmütigkeit, +leichtem Sinn und heiterer Laune. Lauter Sanguiniker. Viele waren +eitel, andere ruhmredig. Wenn ich aber den Rodomontaden dieser letztern +scherzhaft erwiderte, hatte ich jedesmal die Lacher auf meiner Seite. +Von nationaler Gereiztheit keine Spur, wiewohl sie alle, ohne Ausnahme, +voll lebhaften, patriotischen Gefühls waren. Auch ihr #Bildungsgrad#, +um das noch zu bemerken, hatte mindestens, bei sonst gleichen +Voraussetzungen, das Niveau des unsrigen, wie ich denn überhaupt +glaube, daß wir uns nach #dieser# Seite hin, allzu selbstgefälligen +Vorstellungen hingeben. Wir glauben eine Art #Schul-Monopol# zu +besitzen und es giebt Leute unter uns, die, einen alten »Dieterici« in +der Hand, wo möglich den Beweis führen möchten, daß jenseit der +deutschen Grenze alles Lesen und Schreiben aufhöre, wie etwa 20,000 Fuß +hoch das Athmen aufhört. + +Ich #meinerseits# habe indessen immer nur gefunden, daß die Bewohner +anderer Kulturländer, besonders der westlichen, nicht schlechter lesen, +wohl aber erheblich besser schreiben können, als die Menschen bei uns. +So in England, Schottland, Dänemark; so auch wieder in Frankreich. Die +statistischen Zahlen um deshalb zu befehden, fällt mir nicht ein; sie +werden schon richtig sein. Es wird unzweifelhaft, namentlich in England +und Frankreich, ganze Volksschichten geben, die ich nicht kennen +lernte, #unterste# Schichten, die von der Schule unberührt, mithin auch +unerobert blieben; die Zahlen sollen also bestehen bleiben. Aber +gestützt auf eben diese Zahlen wächst für viele unter uns ein falsches +#Gesammtbild# empor, ein Bild, das von vornherein verschoben und immer +ins #Dunkle# retouchirt, schließlich einfach zu einem Zerrbild wird. +Hinterm Berge wohnen auch Leute. — Ich kehre nun zu meinen +Mitgefangenen zurück. + +Sie waren liebenswürdig, gutherzig, neidlos (so etwa sagt’ ich); aber +so angenehm der Eindruck war, den sie als Individuen hervorriefen, so +traurig war der Eindruck, den jeder einzelne als Theil des Ganzen +machte. Sie boten das Bild völliger Zerfahrenheit, zu nichts eine +Herzensstellung einnehmend, als zu »≈La France≈« und zur +Ruhmesgeschichte ihres Landes. Dies ist etwas, aber nicht viel; oft +mehr eine Gefahr, als ein Segen. Losgelöst von allem Tieferen wird auch +die Vaterlandsliebe (die #dann# nur eine gewisse Form persönlicher +Eitelkeit ist) leicht zu einer Carrikatur, überschlägt sich und gewinnt +den Charakter des Hohlen, einer schillernden Seifenblase, eines Nichts. +Diese Wahrnehmung hatte ich sehr oft. Ein fester, schöner Glaube +existirte an nichts, weder an die Dinge der sichtbaren noch der +unsichtbaren Welt. Die Geistlichkeit wurde beständig verhöhnt, der +Kaiser war ein Spott, die Marschälle ein Gegenstand der Verachtung; ich +begegnete keiner anderen Ueberzeugung als der einen, daß #alles +käuflich sei#. Sedan war ein »≈job≈« im großen Stil; nur Mac-Mahon +behielt seinen diamantnen Glanz. Der französische Soldat hielt aus bei +ihm, wie der österreichische (1866) bei Benedek. Aber diese eine +leuchtende Ausnahme zeigte nur die Zweifelstrübe, in der man alles +andere erblickte, desto deutlicher. Regierung, Kirche, Gesetz, alle +drei waren nach ihrer Meinung nur da, um das Volk in Banden zu schlagen +und #sich selbst# zu behaupten und zu bereichern. Alles Einzelne sich +selber Zweck, nie im Dienst einer Idee, nie im Dienst des Ganzen! Der +Eindruck war kläglich und zeigte den tiefsten Verfall. Wie oft sprach +es still in mir: glücklich das Land, das diesen Heimsuchungen noch +nicht erlegen ist. Das Furchtbare einer Revolution, sie sei nun +berechtigt gewesen oder nicht, habe ich nie so lebendig empfunden wie +hier. Die klugen Engländer! Sie haben dasselbe gethan, aber sie haben +#eines# vermieden: #das Brechen mit der Tradition#. + +So viel über meine Mitgefangenen. Auch noch ein Wort über +Wahrnehmungen, die ich, während der schlimmen Tage (denn sie waren +nicht alle schlimm) an mir selber machte. + +Ich hob schon hervor, wie gleichgültig mich der Wechsel der äußern +Glücksumstände, der Wegfall des sogenannten Comfort berührte; ich fand +bald heraus, daß sich bei einer dünnen Fleischbrühe, einem Glase +Landwein und einigen Schnitten Weißbrod sehr wohl leben lasse, im +Grunde genommen besser als bei Majonnaisen und Nußtorte. Beiläufig eine +furchtbare Zusammenstellung, die durch einen zwischengeschobenen +Rehrücken nicht besser wird. Tag um Tag wurde ich an den Ausspruch +eines gefeierten Wiener Arztes erinnert, der mir vor Jahren +versicherte, »daß er erst Herr seiner Zeit und seines Geistes geworden +sei, seitdem er von einer Tasse Bouillon, etwas Brod und einigen Rüben +oder Erdäpfeln lebe.« Ich meinerseits trank viel #Thee#, aber nur um +mich zu erwärmen und durch Wärme gesund zu erhalten; von Wohlgeschmack +konnte bei dem seltsamen Gebräu, das auf der Citadelle von Besançon den +Namen »Thee« usurpirte, keine Rede sein. + +So gleichgültig wie gegen allerhand »Lebensbedürfnisse«, die +schließlich eben #keine# Lebensbedürfnisse sind, beobachtete ich mich +auch gegen gewisse Ansprüche und Feinfühligkeiten des #Ehrenpunktes#. +Was mir, vier Wochen früher, ganz speziell auch auf #diesem# Gebiete +als eine Lebens-Unerläßlichkeit erschienen wäre, erschien mir jetzt als +Luxus und weil als Luxus auch als entbehrlich und abthubar. Dies +überraschte mich, als ich erst dazu kam, über diese Dinge nachzudenken, +am meisten; doch haben mir andere seitdem versichert, daß sie dieselbe +Gleichgültigkeit gegen all diese mannigfachen Formen und Scenen der +Erniedrigung, die eben keinem Gefangenen erspart werden, empfunden +hätten. Das durch die Straßen Geschleppt-, das Angegafft- und +Angestarrtwerden, das Geschrei und Gejohle des Pöbels, die +zudringlichen Fragen, das Hutabziehen- und Geradestehenmüssen, das +Abgezählt werden bei erhobener Laterne, all das war lästig, +bedrücklich, zu Zeiten #sehr# unangenehm; ich kann mich aber keines +Momentes entsinnen, wo ich all dies als ehrenrührig empfunden hätte. +Die Gefangenen, auf ihrem Transporte quer durchs Land, wurden meistens +gekettet; ich wartete ruhig auf den Moment, wo mir ein gleiches Loos +zufallen würde. Es blieb aus, es blieb mir erspart. Ich weiß aber, daß +auch #das# mich in meinem Gleichmuth wenig gestört haben würde. Man hat +das Gefühl des völligen Preisgegebenseins, des Ueberantwortetseins auf +Gnade und Ungnade und empfindet deutlich, daß die Uebergriffe, die sich +der Machthaber erlaubt, wohl die #Ehre dieses Machthabers, nicht aber +die eigene treffen können#. Vieles zudem, was Flitter ist, wird in +solchen Momenten als Flitter erkannt. Das Meiste, worin wir stecken, +ist #konventionell#! Der Stein des Gassenbuben, der gegen uns erhoben +wird, mag alles treffen, nur unsere Ehre nicht. Wie eine Zauberformel, +die hieb- und schußfest macht, schützt uns das alte: ≈Sancta +simplicitas.≈ + +Ich litt nicht unter dem Wegfall dessen, was man mit größerem oder +geringerem Recht als die künstlich gesteigerten Ansprüche einerseits +des Wohllebens, andererseits eines gewissen Gefühls-Luxus, ansehen +kann, aber ich litt dafür unter dem Wegfall #solcher# Dinge, die sich +der gebildete Mensch recht- und #pflicht#mäßig zur zweiten Natur +gemacht hat, unter dem Wegfall der Sauberkeit und alles dessen, was zum +geistigen Bedürfniß gehört. + +Die Unmöglichkeit einer gewissen, wenn auch bescheidentlichen Pflege +des Körpers wurde peinlich genug von mir empfunden, und diese +Empfindung glaub ich, hat man nicht als etwas künstlich +Hinaufgeschraubtes anzusehen. Es ist Pflicht, auf eine Reihenfolge, +oder eine bestimmte Zubereitung von Schüsseln, wie bescheiden diese +immerhin sein mögen, auf launenhafte, unmotivirte Angewöhnungen, vor +allem auf alles, was den Charakter der #Verwöhnung# trägt, verzichten +zu können, aber es ist #nicht# Pflicht, #nicht# in der Ordnung, sich +gegen die Wasch- und Wasserfrage in allen ihren Stadien, in gleicher +Weise gleichgültig zu stellen. Es giebt freilich, und dies ist nicht +ironisch gemeint, einen äußersten Erhabenheits-Standpunkt, wo auch +#dies# wieder als ein Aeußerliches und Gleichgültiges abfällt, wie die +Geschichte der Märtyrer und der Heiligen lehrt, aber mit diesem Maße +hat der moderne Mensch nicht Anspruch gemessen zu werden. Für uns +liegen die Dinge so, daß mit dem Gefühl des äußerlichen Unsauberseins +mehr und mehr auch die Vorstellung einer gewissen innerlichen +Unreinheit über uns kommt, ein Gefühl, das uns gradatim allen Muth und +alle Zuversicht raubt, und uns schließlich dahin bringt, im tiefsten +Mißtrauen gegen uns selbst, jede Unbill als etwas Selbstverständliches +und Wohlverdientes hinzunehmen. + +Ich litt hierunter, während der ersten Wochen in Besançon, wie schon +angedeutet, ziemlich erheblich; worunter ich aber doch noch mehr litt, +das war, daß auch meinem Geiste alles frische Wasser genommen wurde, +sich drin zu erlaben; die Berührung mit geistig Ebenbürtigem hörte auf +und ich verfiel der Phrase, dem Geschwätz, der Trivialität. Es bildete +sich eine Conversationsform aus, die ich als Greffier-, Schließer- und +Gensdarmen-Unterhaltung bezeichnen möchte, eine unsagbar schreckliche +Form geistigen Verkehrs, immer dasselbe, so daß ich zuletzt genau +berechnen konnte: »jetzt kommt das«. Der Wiederkäuungsprozeß erreichte +Grade, daß man sich das Leben hätte wegwünschen mögen. Das Aufsagen +meines auswendig gelernten Spruches von: »Reise auf den +Kriegsschauplatz, Anwesenheit in Toul und Verhaftung in Domremy«, weil +es sich hierbei um #Tatsächliches# handelte, um Realitäten, die Niemand +besser kannte, als ich, war dabei lange nicht das Schlimmste. Das +Schlimmste war die Conjectural-Strategie und die in den Wolken +schwebende hohe Politik, die ich ≈nolens volens≈ treiben mußte! Fragen, +über die sich Generalstab und Cabinet bis diese Stunde den Kopf +zerbrechen, hatte ich längst gelöst. Ich ließ beständig Armeen +marschiren, diese Armeen immer neue Curven und Schleifen bilden, +hunderttausende von Franzosen wurden bald hier, bald dort +gefangengenommen und nur drei Generale ließ ich als widerstandsfähig +und selbst gefahrdrohend für uns gelten, die alten Wintergenerale: +Dezember, Januar und Februar. So viel als Stratege. Meine +eigentlichsten Unthaten verübte ich aber doch als Taschen-Bismarck. Ich +schrieb die Waffenstillstands-Paragraphen, entwarf Präliminarien, +setzte den Tag des Friedens-Abschlusses auf 24 Stunden ganz genau fest +und zog die künftige Grenzlinie zwischen Frankreich und Deutschland mit +einer Sicherheit, die nur durch meine genaue Berechnung der +Kriegskosten übertroffen wurde. Ich habe (sonst gewissenhaft und +beinahe peinlich in Sachen der Unterhaltung) während dieser +Gefängnißwochen wahre Berge von Schwatzsünden auf mein Haupt geladen +und muß dennoch schließlich mich selber wieder dahin rechtfertigen, daß +ich nicht gut anders konnte, wenn ich nicht durch kühle Reservirtheit +alle Wohlgeneigtheit meiner Machthaber einbüßen wollte. Ich hatte +beständig ein Gefühl der Scham und des Unwürdigen, das in diesem +Auftischen vager, fundamentloser Hypothesen und willkürlicher +Redensarten lag, und dennoch + + ... war es Sünde, + So es noch einmal vor mir stünde, + Ich thät es wieder, thät es doch. + +[Illustration] + + + + +»≈Comme officier supérieur.≈« + + + + +1. Von Besançon bis Lyon. + + An der duftverlornen Gränze + Jener Berge tanzen hold + Abendwolken ihre Tänze. + + * * * + + Trübe wirds, die Wolken jagen + Und der Regen niederbricht. + Lenau. + + +Die letzten dreimal 24 Stunden meiner Gefangenschaft in Besançon +hatten, wie zu Eingang des vorigen Kapitels bereits bemerkt, ein +heitereres Kleid getragen als die vorausgehenden Wochen, freundlichere +Tage bereiteten sich für mich vor, wenngleich ich, in demselben Moment, +in dem sie begonnen, die bis dahin immer noch gehegte Hoffnung auf das +Bourgautsche »≈renvoyé dans votre pays≈« zu Grabe tragen mußte. Meine +#Freisprechung# erfolgte, aber nicht meine #Freilassung#. Ich habe bei +diesen Vorgängen noch einen Augenblick zu verweilen. + +Am 15. Tage meiner Gefangenschaft erschien der Citadell-Kommandant, +mein besonderer Freund und Fürsprecher, in der großen Kasematten-Halle, +um mir mitzutheilen, daß sich das Kriegsgericht inzwischen von der +Wahrheit meiner Aussagen, will also sagen von meiner vollständigen +Unschuld, überzeugt habe. Der General indessen sei nichts destoweniger +der Ansicht, daß ich als Kriegsgefangener im Lande verbleiben müsse. +Wie aus meinem Notizbuche, meinen Papieren und meinen eigenen Angaben +hervorgehe, sei ich nicht nur mit vielen preußischen Offizieren +bekannt, sondern habe auch »militairische Augen«, denen die Zustände +und Vorgänge im Lande, die Befestigungen und Truppenbewegungen nicht +entgangen sein würden. Darauf hin sei es unmöglich, mich in meine +Heimath zu entlassen; ich würde vielmehr, mit einer Anzahl badischer +Gefangener, nach der Insel Oléron im atlantischen Ocean transportirt +werden. + +So freundlich diese Worte gesprochen wurden, so trafen sie mich doch +zunächst sehr hart. Ich hatte mich eben immer noch mit Illusionen +getragen. Der Kommandant nahm dies wahr und gütigen Sinnes fuhr er +fort: »ich bin im Uebrigen erfreut, die böse Nachricht, die ich Ihnen +bringen mußte, durch eine gute einigermaßen balanciren zu können. Se. +Eminenz der Cardinal hat sich für Sie verwandt. Sie werden in Folge +dieser Verwendung als ≈officier supérieur≈ angesehen und bei ihrem +Eintreffen auf ≈île Oléron≈ einer relativen Freiheit theilhaftig +werden; Sie werden sich auf der Insel ungehindert bewegen können. Die +Bevölkerung der Westdepartements, besonders der Inseln, ist +liebenswürdig, gastfrei, human. Ich werde Ihnen zudem eine Empfehlung +an einen Freund und Verwandten mitgeben. Ihre Abreise wird sich noch +einige Tage hinausschieben; bis dahin aber werden Sie bereits all der +Vorrechte theilhaftig sein, die Ihnen von diesem Augenblick an +zuständig sind. ≈Mr. le Principal≈ (dies war die euphemistische +Bezeichnung für den Greffier) wird das Weitere veranlassen.« Ich +dankte; ein Soldat nahm mein Bündel und, unter Händeschütteln von +meinen Mitgefangenen Abschied nehmend, übersiedelte ich nunmehr +unverzüglich in das, auf einem anderen Citadellhofe gelegene, +aristokratische Viertel. + +Ich blieb hier noch drei und einen halben Tag. Das Leben gewann wieder +Reiz; ich konnte schreiben, Zeitungen lesen, mich sammeln, ungestört +meinen Gedanken nachhängen. Es waren glückliche Tage. Meine besondere +Freude war der Kommandant, dem ich, wie schon erwähnt, von Anfang an so +viele Freundlichkeit zu verdanken gehabt hatte. »≈He took a fancy for +me.≈« Freilich hatte ich für diese Freundlichkeit auch meinerseits +schwer zu zahlen, denn eine Nachmittagsconversation, die nie unter zwei +Stunden, einmal aber volle #vier# Stunden dauerte, war eine Anstrengung +für mich, an die ich mit einem leisen Schauder zurückdenke. Es trat +dabei schließlich, mal für mal, ein Zustand völliger Erschöpfung ein, +in dem ich schon längst nicht mehr einen Gedanken, aber zuletzt auch +kein einzig Wort mehr finden konnte. Wie immer dem sei, es war +wohlgemeint, und ich befand mich genau in einer Lage, in der mir das +Wohlwollen eines Menschen, noch dazu eines Vorgesetzten, #Alles# +bedeuten mußte. + +Am 29. Oktober, drei und eine halbe Woche nach meiner Gefangennehmung +in Domremy, wurde ich in meine eigentliche Kriegsgefangenschaft, »≈far +in the West≈« abgeführt. Die Reise quer durchs Land, so lehrreich, so +anregend, so bedeutungsvoll sie war, war doch ein neues Schreckniß. Wer +als Kriegsgefangener durch Frankreich geschleppt worden ist, weiß, was +das sagen will. Die Begegnungen und Erlebnisse auf dieser zehntägigen +Reise gebe ich nun in diesem zweiten Abschnitt. + +Sechs Uhr früh (am 29.) traten wir auf dem Hofe an, außer mir noch 5 +kriegsgefangene Badenser. Im Geschwindschritt ging es den Berg +hinunter, an Jesuitenkirche und Kommandantur vorbei, auf den Bahnhof +hinaus. Die Bevölkerung ließ uns ruhig ziehen. Der Nebel fiel fast wie +ein Regen. + +Von Besançon bis Lyon werden noch nah an 30 Meilen sein. Die Landschaft +bot anfangs nichts Besonderes, nur wo wir Flüsse zu passiren hatten, +zeigten sich Bilder von eigenthümlichem Reiz. An den Ufern hin, oft auf +Landzungen, die sich bis in die Mitte des Stroms erstreckten, erhoben +sich schloßartige Gehöfte mit Rundthurm und Spitzdach; hohe +italienische Pappeln, die alle noch ihr herbstlich gelbes Laub trugen, +bildeten die Avenuen oder standen in Gruppen um das Gehöft umher; es +berührte mich, als wäre ich all diesem auf Gallerien, in breitem +goldenen Rahmen schon mal begegnet. + +So ging es 15 oder 20 Meilen weit. Da änderte sich das Bild. Wir hatten +die Jura-Kette blau und duftig zur Linken, nach rechts hin dehnte sich +ein Flachland, eine fruchtbare Niederung, von Waldstreifen und kleinen +Höhenzügen coulissenartig durchzogen. Am fernen Horizont, nach eben +dieser Seite hin, hing der gelbglühende Ball der Sonne und lieh allem +ein entzückendes Licht; es war als sähe man eine der weitgedehnten +Veduten Claude Lorrains. Dann kam eine große Stadt, #Bourg# (Hauptort +im Departement Ain), dessen berühmte Kirche Brou, mit den reichen +Mausoleen des Hauses Savoyen, umblitzt vom Wiederschein der sich +neigenden Sonne, an dem nach Osten hin wolkengrauen Himmel stand. + +Von Bourg traten wir ersichtlich in eine mehr südliche Landschaft ein. +Namentlich die Architektur, das Aussehen der Dörfer, gewann einen +abweichenden Charakter, alle Gothik hörte auf und das Flachdach, die +italienische Vigne, wurde allgemein. + +Zwischen 4 und 5 gelangten wir in den Bereich der Rhone. Alles Land war +überschwemmt, Häuser und Bäume wuchsen wie aus einem großen See heraus, +bis wir in der Dämmerstunde die aufgeworfenen Erdbefestigungen und bald +darauf auch den ersten, weit vorgeschobenen Bahnhof Lyons erreichten. +Als wir in der #zweiten# Bahnhofshalle hielten, war es dunkel; dazu +regnete es. Dies galt immer als ein Glück. Es war gleichbedeutend mit +Wegfall jeder Volks-Escorte. + +Vom Bahnhofe aus ging es zunächst eine Steintreppe hinauf; damit hatten +wir das Niveau der Stadt gewonnen, die in gedämpftem, flackerndem +Lichterglanze vor uns lag. Wir passirten eine Rhonebrücke (so schien es +mir wenigstens), tausend Gasflammen warfen hüben und drüben ihren +Schein in den breiten Strom, einige erleuchtete Pfeiler, wie +Wahrzeichen für die Schiffahrt, schienen daraus hervorzuragen. Dann kam +ein großer Platz; nach links hin schimmerte ein Standbild halb +nebelhaft, und in einiger Entfernung an ihm vorbei marschirten wir in +eine der langen Straßen hinein, die von verschiedenen Seiten her auf +den Platz mündeten. Nach 10 Minuten hielten wir vor dem Gefängniß, +pochten und traten in den Hof. + +Es goß jetzt in Strömen. Die Gensdarmen und einige unliebsame +Gestalten, die trotz ihrer Uniformen stark an 1793 erinnerten, sprachen +lebhaft hin und her; endlich wurde ich aufgefordert, einzutreten. Die +armen Badenser wollten folgen, aber man stieß sie unter Geschrei in den +Hof zurück. Ich erachtete jetzt den Augenblick für gekommen, ein +Schreiben vorzuzeigen, das mir, kurz vor meinem Aufbruch von Besançon, +unterschrieben und untersiegelt eingehändigt worden war, und so zu +sagen meine französische Ernennung zum »≈officier supérieur≈«, zugleich +die Aufforderung an alle Militair- und Civilbehörden enthielt, »mir die +meinem Range schuldigen Ehren« (»≈dû à mon rang≈«), zu erweisen. Das +Papier wurde gelesen; der diensttuende Sergeant indeß, ein frecher, +verlebter, verliederter Kerl, hatte wenig Lust, Notiz davon zu nehmen +und erklärte, es sei unmöglich. Inzwischen waren andere Beamte +erschienen, unter ihnen der eigentliche »≈gardien-chef≈«, ein geborner +Pariser, an dem nichts auszusetzen war, als daß er für seine Stellung +zu sanft und zu gebildet sprach. Auch das kann zu einem Fehler werden. +Man denke sich einen Scharfrichter, der seinem Opfer zuflüstert: »Das +Leben ist der Güter Höchstes nicht.« Wie immer dem sei, die +wohlaccentuirte Rede meines neuen »Principal« hat wenigstens das Gute, +daß Platz für mich geschafft und eine Art »Fremdenstube« zu meiner +Aufnahme hergerichtet wurde. In diese trat ich jetzt ein. Im ersten +Augenblick erschrak ich, denn sie war nichts als eine vergrößerte +Alte-Wäschkiste, auf die ganz und gar die Beschreibung paßte, die +Falstaff, in den ≈Merry wives of Windsor≈, von einem solchen +Wirthschaftsstücke entwirft. Eine unglaubliche Lokalität! Bettlaken, +Strümpfe, Chemisen aller Arten und Grade lagen in den Ecken +aufgeschichtet, dazwischen halb-erbrochene Bücherkisten, Koffer von +Seehundsfell, die längst die letzte Borste eingebüßt; an den Riegeln +aber hingen rothe Militairhosen (letzte Garnitur), verstaubte +Uniformstücke, ein verrosteter Degen und Spinnweben in langen Fahnen. +Besonders bedrohlich erschien mir ein großer aufgeplatzter Sack mit +Kalbshaar, der mitten im Zimmer lag und eine Art Gebirgsstock für alles +übrige bildete. Einen ähnlich ängstlichen Eindruck machte das Bett, +aber der ≈gardien-chef≈, der selbst empfinden mochte, wie wenig das +alles zu den Ansprüchen eines ≈officier supérieur≈ stimmte, half aus +eigenen Mitteln nach und erschien mit einem brauncarirten Plumeau, mir +dadurch für meinen Lyoneser Aufenthalt einen Comfort und einen Luxus +schaffend, den ich während all der Wochen meiner Gefangenschaft, weder +vorher noch nachher, gehabt habe. ≈Enfin≈ — ich kauerte mich in meinem +Bett zurecht, zog meinen Körper gerade ausreichend zusammen, um unter +dem etwas knapp bemessenen Federkissen Platz zu finden und schlief ein, +während die Spinneweben leise über mir wehten. + + + + +2. Lyon. + + Hört ihr’s wimmern hoch vom Thurm? + Das ist Sturm. + + * * * + + Nicht daß man in schweigende Nacht mich warf, + Macht mir das Herz so schwer, + Als daß ich #Dich# nicht hören darf, + Mein tief aufdonnerndes Meer. + Strachwitz. + + +In aller Frühe war ich wach, machte meine Toilette und sah alsbald eine +junge Frau, die Besitzerin eines nahe gelegenen Cafés, erscheinen, die +nach meinen Befehlen fragte. Ich bestellte möglichst viel, da ich nach +gerade einzusehen begann, daß der ≈officier supérieur≈ sein Patent +weniger aus dem Portefeuille, als aus dem Portemonnaie zu beweisen habe +und daß überall räthselvoll-geheime Beziehungen zwischen den +Gefängniß-Autoritäten und den nahegelegenen Restaurants beständen. Wer +#diese# für sich hatte, hatte sich alsbald auch die Geneigtheit jener +erworben: mit Liberalität gelangte man fast bis an die Grenzen der +Libertät. + +Die Freundlichkeit der jungen Frau, die all die Tage über fast immer +selbst kam und an der fremdländischen Unterhaltungsweise ersichtlich +ein Gefallen fand, that mir wohl und war jederzeit wie ein Lichtschein, +der in den grauen Dämmer meines Gefängnisses fiel. Ich sog mir noch +einen #besondern# Trost daraus, da ich offen bekennen will, die Tage +meines Aufenthalts in Lyon unter einem beständigen Herzschlagen +zugebracht zu haben. Ich war durch lange Unterhaltungen, die ich in +Besançon geführt, noch mehr durch die Lyoner Journale, die ich während +der letzten Tage auf der Citadelle regelmäßig zu lesen pflegte, über +die Stimmung der Rhone-Hauptstadt vollkommen aufgeklärt und hatte mit +allem Fug und Recht das bange Gefühl, mich auf einem Krater zu +befinden. In Besançon hatten die Obrigkeiten geherrscht, hier herrschte +bereits die Masse, oder stand doch jeden Augenblick auf dem Punkt, die +Herrschaft an sich zu reißen. Vor drei Tagen war das Redaktionslokal +des »≈Salut public≈«, vor fünf Tagen die Wohnung des für +imperialistisch geltenden Divisions-Generals vom Volke gestürmt worden; +ich konnte, Angesichts dieser Thatsachen, die Frage nicht los werden: +»was nun, wenn diese Septembriseurs in die Gefängnisse einbrechen und +furchtbar Musterung halten?« Hinterher ist über solche Anwandlungen von +Furcht gut lachen, im Momente selbst aber war die Situation alles +andere eher als lächerlich. + +Es geschah überdies allerhand, das nicht gerade angethan war, das +fehlende Gefühl der Sicherheit mir wieder zu geben. Verschiedene Leute +aus der Stadt, vielleicht Freunde des Gefängnißvorstandes, kamen, um +mit mir zu politisiren; sie waren alle artig, fast verbindlich in ihren +Formen, aber ersichtlich aufgeregt und zerstreut. + +Endlich sollt’ ich erfahren, was die Ursache war: »#Bazaine hatte +capitulirt#«; die Nachricht drang bis in meine vergitterte Zelle. +Einige Stunden später ward es mir gegenüber wieder bestritten, aber +nur, weil man es bestreiten wollte. Ich war übrigens fast eben so +aufgeregt, wie die Franzosen, die kamen und gingen. + +Die letzten Besucher hatten mich eben verlassen und ich suchte es mir +in einer Art Gartenstuhl, während ich die Füße auf den aufgeplatzten +Sack mit Kalbshaar stellte, möglichst bequem zu machen, als draußen, +von den Thürmen der unmittelbar anstoßenden Kathedrale hernieder ein +Läuten begann, wie ich es all mein Lebtag nicht gehört habe, vielleicht +auch nicht wieder hören werde. Eine tiefgestimmte Riesenglocke gab alle +10 Sekunden einen Schlag, eine zweite Glocke, in regelmäßigen +Schwingungen, rollte klangvoll und gewaltig dazwischen; hinein aber in +dies großartig ernste und zugleich melodische Concert klang das +disharmonische Geschrei und Geächz kleiner und allerkleinster Glocken, +wie wenn in Posaunentöne hinein ein halbes Dutzend Pickelflöten +kreischt. Es war tiefe Klage, lauter Hilferuf, leises Gewimmer; eine +unbeschreibliche Angst bemächtigte sich meiner, hörbar schlug mir das +Herz. Was war es? war ein Feuer ausgebrochen? nein! kein Lichtschein +röthete den Himmel, keine Wagen und Spritzen rasselten über das +Pflaster hin; nur ein lautes Geschrei von Menschenstimmen kam die +Straße herauf, immer näher. Ich war ganz sicher, daß sich ein +Volksaufstand vorbereite, daß »≈la terreur≈« heranziehe und seine +Herrschaft proklamire. Was war zu thun? ich sah stumm vor mich hin und +wartete ab. So ging es eine Viertelstunde, dann war alles wie +abgeschnitten; die Glocken schwiegen, das Gekreisch draußen war +vorübergezogen, alles still. + +In Fieberhast lief ich alle Möglichkeiten durch, endlich hatt’ ich es: +der andere Tag (2. November) war #Todtentag#. Dies Glocken-Wehklagen +hatte den Tag aller Seelen eingeläutet. + +Der Allerseelentag verlief ruhig, weniger Geräusch als sonst war +äußerlich wahrnehmbar; nur im Gefängniß selber belebte sich’s über den +Alltagsverkehr hinaus. Das machte, sieben norddeutsche Schiffscapitaine +waren von Marseille her als Gefangene eingetroffen und warteten in +einem kleinen Büreauzimmer auf den Bescheid des Lyoner +Divisions-Generals, der über ihren weiteren Verbleib entscheiden +sollte. Man schwankte zwischen Tours, Clermont und Moulins. Es war um +die Mittagsstunde, als ich, durch freundliche Vermittlung des +≈gardien-chef≈, Gelegenheit fand, meinen Landsleuten mich vorzustellen. +Wir verplauderten eine angenehme halbe Stunde, gegenseitig unsere +Herzen ausschüttend. Es waren sämmtlich Pommern und Mecklenburger, der +Mehrzahl nach große, breitschultrige Leute, aber alle von jenem +sentimalen Zug, dem man bei starken Naturen, namentlich auch bei +Seeleuten, so oft begegnet. Sie hatten alle etwas Trauriges, +Verschleiertes im Auge und nur die Wahrnehmung beruhigte mich (sie +waren eben beim zweiten Frühstück), daß ihr frischer, meerentstiegener +Appetit unter dieser Stimmung keinen Augenblick gelitten habe. Mehrere +Limburger Käse, die sie in flachen runden Schachteln, genau so wie man +Feigen verschickt, mit sich führten, verschwanden im Umsehn. Einer, ein +Kleiner, mit genirtem Blick, nahm an der allgemeinen Sentimentalität +nicht Theil; er war offenbar der Klügste und hatte sich, auf mir +unerklärliche Weise, sogar mit #neuen# deutschen Zeitungen auszurüsten +gewußt. Vielleicht ein kühner Griff in ein Marseiller Lesecabinet! Als +die Reihe des Erzählens an mich kam und mein herkömmliches Sprüchel: +»Toul, Jungfrau von Orleans, Vaucouleurs und Domremy« diesmal in +deutscher Sprache von mir aufgesagt worden war, fragte der Kleine nach +meinem Namen. Ich nannte ihn. Er lächelte listig-vertraulich und +überreichte mir gleich darauf eine neueste, höchstens 5 oder 6 Tage +alte Nummer der »Hamburger Börsenhalle«, worin ich in einer Berliner +Correspondez die Geschichte meiner Verhaftung las. Ich kann wohl sagen, +daß das einen sonderbaren Eindruck auf mich machte. + +Wir politisirten auch ein wenig. Das Hauptgespräch drehte sich +natürlich um die Capitulation von Metz. Ich sagte ihnen, »die Sache +würde neuerdings wieder bestritten«, worauf der Kleine mir zuflüsterte: +»wir wissen nur zu gut, daß es wahr ist; wir haben es, so zu sagen, an +uns selber erfahren. Die Nachricht war noch keine 2 Stunden in +Marseille bekannt, als wir von Oran her landeten und durch die Stadt +mußten. An diesen Marsch will ich denken. Die Aufregung war furchtbar; +das Hafenvolk drohte uns, drängte sich an uns, warf mit Steinen, neben +uns her aber, in dichten Colonnen, zogen die Mobil- und Nationalgarden +und trugen große schwarze Fahnen, zum Zeichen der Trauer. Wir waren +froh, als wir unter Dach und Fach waren.« + +Einer der Capitaine, ein großer, schöner Mann, mit einem langen +schwarzen Sappeurbarte, war nicht nur verheirathet, sondern hatte auch +seine kleine blonde Frau, eine Rostockerin, mit auf die Fahrt genommen; +eine »Hochzeitsreise nach Konstantinopel« in glücklicher Mischung des +Nützlichen mit dem Angenehmen. Die Frau regierte natürlich, und zwar +nicht nur #ihren# Mann, sondern auch die sechs andern, was bei der +besondern Stellung, die sie einnahm, keinen Augenblick zu verwundern +war. Sie sprach ein leidliches Französisch, machte deshalb den +Interpreten und focht für die #Gesammtheit# alle Kämpfe siegreich +durch. Ihr Ehegespons war ihr eigentlich nur »beigegeben«. Dies hatte +seine gute Seite, aber doch auch seine schlimme. Ueberall wo die 7 +Capitaine eintrafen, wurden 6 in’s Militairgefängniß abgeführt, der +siebente aber, der junge Gemahl, folgte seiner Frau in das beste Hotel +der Stadt und bezog Zimmer mit ihr. Er war ihr ≈ad latus≈. Dies, um es +zu wiederholen, hatte unzweifelhaft sein Angenehmes, aber ebenso wenig +ließ sich verkennen, daß der so Bevorzugte seiner Königin gegenüber +einer gewissen hofstaatlichen Abhängigkeit bereits völlig verfallen +war. Er wußte es übrigens selbst und trug es mit ritterlichem Anstand. + +Wir trennten uns, nachdem wir einen gemeinschaftlichen ≈Café noir≈ +eingenommen hatten, der, in richtiger Rollenvertheilung, meinerseits +aus Kaffee und Cognac, seitens der Capitaine aus Cognac und Kaffee +hergerichtet worden war. + +Unter allen Gefangenen, mit denen ich durch Monate hin in Berührung +gekommen bin, waren die Schiffscapitaine (diese wie andere, denen ich +später begegnete) immer die behäbigsten, die am besten situirten, und +dennoch flößten sie mir stets eine ganz besondere Theilnahme ein. Dies +mochte darin seinen Grund haben, daß jeden Einzelnen sein Schicksal +völlig unvorbereitet, wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen +hatte. Selbst #ich#, bei aller Friedfertigkeit meines Berufs, war doch +immerhin mit dem Bewußtsein in Frankreich eingerückt, daß eben Krieg +sei und daß ich die Chancen und Gefahren des Krieges bis zu einem +gewissen Grade zu theilen haben werde. Anders diese Capitaine. Sie +hatten in tiefem Frieden ihren heimatlichen Hafen verlassen, in tiefem +Frieden Gibraltar und die Dardanellen passirt, und sahen sich, ohne die +geringste Kenntniß von dem, was sich inzwischen in der Welt zugetragen +hatte, plötzlich unter Breitseiten genommen und fortgeführt. Man kann +sagen, sie waren noch eher Kriegs#gefangene#, als sie vom Kriege selber +wußten. + +Noch am Abend des Allerseelentages theilte mir mein ≈gardien-chef≈ mit, +daß ich am andern Morgen weiter escortirt werden würde, wahrscheinlich +nach Moulins. Er lud mich zugleich ein, ihn auf eine halbe Stunde in +seiner Wohnung zu besuchen. Ich folgte der Einladung und erfuhr die +Auszeichnung, daß mir zu Ehren eine große papperne Kathedrale, die von +einem Zellengefangenen angefertigt worden war, durch ein kleines +Wachslicht erleuchtet wurde. Ich bewunderte alles, verbreitete mich +ausführlicher über Architekturformen, Wachslichte und Isolirhaft und +nahm dann Abschied von meinem freundlichen Wirth und Chef. + +Ich kroch zum letzten Male unter das Plumeau und schlief wie in meinen +besten Tagen. + + + + +3. Moulins. + + Was ist das?! Deutlich (nur getrübt + Vom Dunst der hin und wieder schiebt) + Ein Tisch, ein Licht, in Thurmes Mitten, + Und nun, nun kömmt es hergeschritten, + Ganz wie ein Schatten an der Wand, + Es hebt den Arm, es regt die Hand, — + Nun ist es an den Tisch geglitten. + Annette Droste-Hülshoff. + + +Sieben Uhr am andern Morgen nach Moulins. Die Stadt (Lyon) war noch +ziemlich still; auf dem großen Platze, an dessen einer Seite unsere +Straße mündete, sah ich jetzt das Reiterbild des ersten Kaisers im +Morgenlichte aufragen; an der Stelle aber, wo ich bei meiner Ankunft +tausend im Wasser sich spiegelnde Lichter gesehen zu haben glaubte, +exercirte jetzt eine ganze Brigade Mobilgarde in breiten Zugfronten; +was mir bei Dunkel und niederfallendem Regen als das Bett der Rhone +erschienen war, war eine breite, mit Bäumen und Obelisken besetzte +Esplanade. Man achtete unserer wenig; einige Hälse drehten und reckten +sich nach uns, ein paar Minuten später hatten wir unsere Plätze im +Coupé eingenommen. + +Das Land war ziemlich reizlos auf viele Meilen hin. Ich begann schon +die Ursache davon in mir selber zu suchen und einfach anzunehmen, daß +das Auge des Gefangenen todt sei für die Schönheiten der Natur, als ich +plötzlich, etwa an der Grenze des Departements Allier, gewahr wurde, +daß es doch an der Landschaft und nicht an mir selber gelegen haben +müsse. Wir traten mehr und mehr in ein entzückendes Stück Natur ein, +das ich vielleicht am besten als das »Land um Vichy« bezeichne, denn an +diesem berühmten Brunnen- und Badeort kamen wir auf Entfernung von +wenigen Stunden vorüber. + +Ich muß die Scenerie dieses Departements Allier, die mir ganz +eigenthümlich zu sein schien, näher zu beschreiben suchen. Alle +Landschaft, die ich bis dahin in Frankreich gesehen hatte, in +Lothringen, Champagne, Franche Comté, war durch wenige Linien +wiederzugeben: weite Höhenzüge und weite Thäler dazwischen. Eine +Landschaft derart entbehrt nicht eines gewissen großen Stils, aber +immer wiederkehrend, immer in derselben Weise mit Wein oder Laubholz +besetzt, wirkt sie zuletzt monoton und giebt sich — weil alles große +Flächen bietet, selbst die Berghänge — um vieles öder, trister, als sie +in Wahrheit ist. Hier plötzlich nun traten wir in ein Gebiet ein, das +sich vorgesetzt zu haben schien, diese bisherigen Eindrücke alle auf +einen Schlag zu balanciren. Die Hügel schoben und #drängten# sich so +#dicht# aneinander, als wären sie aus einer Riesenspielzeugschachtel +genommen, während sie in Zahl und Form mich beständig an die endlosen +Kuppen und Kegel des historischen Dreiecks zwischen Main und Tauber +erinnerten. Aber diese #Gedrängtheit# der Landschaft war doch nur +#eine# Seite derselben; schöner und charakteristischer noch berührte +mich der tiefe, flußdurchschlängelte Wiesengrund, der sich um jeden +Hügel sorglich herumlegte und diesen, wie mit Bewußtsein, zu einer +kleinen Berginsel gestaltete. Dazu hatte alles einen satten, +#braungrünen# Ton, der mich mehr als einmal an Ruysdael erinnerte, von +dem ich noch 4 Wochen vorher einiges Treffliche in Nancy gesehen hatte. + +Bei St. Marie des Fosses war ein längerer Aufenthalt; wahrscheinlich +die Station, von wo aus in ruhigen Zeiten die Diligencen und +Journalieren nach Vichy hinüberfahren; riesige, halb abgerissene +Affichen deuteten darauf hin. Eine Stunde später fuhren wir in den +Bahnhof des Bischöflichen Moulins ein. + +Ein Bischofssitz! das war eins. Vor allem aber heimelte der Name mich +an; was konnte reizender klingen als #Moulins#. Ich stellte es mir vor +als von Wind- und Wassermühlen umgeben, die einen still und lauschig, +die andern rasch und plauderhaft, und dazwischen eine Bevölkerung von +Klosterschülern und Mühlknappen, die einen schwarz, die andern weiß, +aber alle gleichmäßig heiter, ihr Leben theilend zwischen Singen und +Angeln. Nie war eine Vorstellung falscher gewesen. + +Schon auf dem Bahnhofe (es war 4 Uhr Nachmittags) wurden wir umringt. +Der Weg führte durch eine Vorstadt, die zu gutem Theile aus dem +Stadtpark und ähnlichen Anlagen bestand; hier, auf zahllosen Bänken, +war die Kindermuhme und ihr Anhang zu Hause, hier tobte der Gamin statt +des erwarteten stillen Klosterschülers, und ehe 5 Minuten um waren, +hatten wir ein Gefolge, das nach Hunderten zählte. Allerhand Blaukittel +gesellten sich hinzu, drohende Worte aussprechend, und während wir +sonst daran gewöhnt waren, unsere Gensdarmen das neugierig andrängende +Volk bei Seite schieben zu sehen, zeigten sie hier eine unverkennbare +Verlegenheit und ließen den tobenden Menschenhaufen gewähren. So ging +es in die Stadt hinein, ein paar steile Gassen hinan, dann hatten wir +die Straßenfront des Gefängnisses, ein Stück Mauer mit einem +eingebauten Conciergenhaus, erreicht. Unter Gezische und den üblichen +Schmeichelworten verschwanden wir in dem niedrigen Portal. + +Hier war kaum Aufenthalt. Wir traten alsbald auf einen Hof hinaus, der +von verschiedenen Baulichkeiten, kreuz und quer und hoch und niedrig, +umstellt war und warteten unseres Looses. Der +Gensdarmerie-Wachtmeister, dem ich meine mehrerwähnte »Bestallung« +schon vorher überreicht hatte, machte inzwischen vor dem +Büreau-Personal meinen Anwalt; einer der Herren zuckte verlegen die +Achseln, kam mir aber bis zur Schwelle entgegen und bat mich +einzutreten. Ich folgte. Es zog auf dem Hofe empfindlich; nichts +destoweniger wär’ ich lieber draußen geblieben, so stickig war die Luft +des kleinen Zimmers, in dessen einer Ecke ich Platz nahm. Ein eiserner +Ofen, gegen dessen ganzes Geschlecht ich eine Todfeindschaft +unterhalte, stand glühend in der Mitte und das Kohlengas legte sich wie +betäubend um meine Sinne. Ich wurde aber mit Gewalt aus diesem Zustand +gerissen; ein elegant gekleideter Herr, stark, kurzhalsig, das Bild des +Apoplektikus, erschien in der Thür und trat auf mich zu. Er musterte +mich; das Kinn saß ihm in einem türkisch geblümten Shawl, das bekannte +rothe Band blühte im Knopfloch; so entspann sich folgende knappe +Unterhaltung: + +≈Vous êtes arrêté?≈ + +≈Oui.≈ + +≈Où donc?≈ + +≈A Domremy.≈ + +≈Comme espion?≈ + +≈Oui.≈ + +≈Que vous êtes?!≈ + +Ich hatte nicht Geistesgegenwart genug, einfach zu schweigen, sondern +lehnte diese Bezeichnung kurz ab. Dies war offenbar ein Fehler. +Indessen man ist klüger, wenn man vom Rathhause kommt. Die Unterredung +selbst habe ich hierher gesetzt, weil sie die #einzige# Insolenz ist, +der ich während der ganzen Zeit meiner Gefangenschaft ausgesetzt +gewesen bin. Ich hatte viel zu ertragen, auf noch mehr zu verzichten, +aber nach #dieser# Seite hin wurde ich geschont. + +Inzwischen hatten die Beamten, denen mein Patent wieder viel Sorge +gemacht hatte, über mich »befunden« und waren schlüssig geworden, daß +ich, in meiner Eigenschaft als »≈officier supérieur≈«, in der +Infirmerie des Hauses untergebracht werden solle. Man entschuldigte +sich einigermaßen, daß man nichts Besseres habe; das ganze Gefängniß +sei ein alter Donjon der Grafen von Bourbon; sehr mittelalterlich, eine +Art »Bastille«. »≈Tout-à-fait dans le style #avant# 1793≈«, setzte der +Eine lächelnd hinzu. + +Wir stiegen nun eine Art Wendeltreppe hinauf, wie sie alle alten Thürme +haben, geriethen auf einen holprigen Steinflur, der von der Seite her +durch ein kleines rundes Thürfenster ein spärliches Licht erhielt, und +tappten nun auf eben diese Lichtstelle zu. Es war die »Infirmerie«. Der +Schließer schob einen Riegel zurück und wir traten ein. Ich konnte im +ersten Augenblick, bei dem Dunkel, das auch #hier# noch vorherrschte, +nur wahrnehmen, daß wir uns in einem ungewöhnlich großen Raum befanden; +ob Saal, Halle, oder Kornboden war zunächst nicht zu unterscheiden. +Schreck und Heiterkeit wechselten in meiner Stimmung; alles war +gespenstisch und lächerlich zugleich. E. T. A. Hoffmann hätte hier eine +glückliche Stunde feiern können. Auch in mir überwog bald ein gewisses +poetisches Interesse jede andere Regung. Der Schließer führte mich an +einen Bettstand, der für mich hergerichtet worden war, legte mein +Gepäck zu Füßen und wünschte mir gute Nacht. + +Ich setzte mich neben mein Bündel auf die Eisenkante des Bettes, um +zunächst einige Orientirung zu gewinnen. Dies dauerte auch nicht lange. +Es war eine mächtige, quadratische Halle, in der ich mich befand, mit +tiefen Fensternischen und zahlreichen Bettständen; alle mit dem +Kopfende der Wand zu. Mitten durch den Raum, nach Art einer Brücke, war +ein großer Bogen gespannt, der ein zweites Stock trug. Unter diesem +Bogen, genau im Centrum des Ganzen, stand ein flacher Kochofen, aus +dessen drei Löchern ein Lichtschein aufstieg, derselbe, der uns, als +wir noch draußen umhertappten, den Weg hierher gezeigt hatte. Jetzt sah +ich, bei eben diesem Schimmer, daß drei vermummte Gestalten um den Ofen +her saßen. Mitunter, wenn einer der drei mit einem Schüreisen in die +Gluth fuhr, wurd’ es auf einen Moment etwas heller und ich konnte dann +erkennen, daß es blutjunge Leute waren, die hier fröstelnd und +zusammengekauert sich an der spärlichen Gluth zu wärmen suchten. Ich +trat jetzt an sie heran. Einer erhob sich, um mir seinen Stuhl +anzubieten, was ich auch annahm. Ich versuchte nun eine Conversation; +die Antworten blieben aber einsilbig, bis aus einer Ecke am Fenster her +endlich meine Unterhaltungsversuche aufgenommen und ich verbindlich +eingeladen wurde, »doch mehr ins Licht zu rücken«. + +Dies hätt’ ich nun wohl gleich bei meinem Eintreten gethan, wenn die +Ecke am Fenster damals schon eine Lichtecke gewesen wäre; sie war es +aber erst während der letzten Minute geworden, wo, nach mehreren +gescheiterten Versuchen, eine Art Küchenlampe glücklich in Brand +gesetzt worden war. Ich dankte jetzt dem Sprecher zunächst und rückte +dann in den Lichtkreis ein, der einen Durchmesser von 4 Schritt haben +mochte; alles andere lag nach wie vor in Dämmer. + +Ich befand mich nunmehr in dem Westend der Infirmerie, in dem +»aristokratischen Viertel«, das, wie ich bald erfahren sollte, +ausschließlich aus den beiden »≈cuisiniers≈« des Gefängnisses bestand. +Im ersten Augenblicke wußte ich nicht, ob sie Haus-Beamte oder +Mitgefangene wären, doch ließen ihre eigenen Mittheilungen mich nicht +lange in Zweifel darüber. Mein- und Dein-Fragen, falsche Wechsel, +unmotivirte Schwüre, so schien es mir, hatten sie hierher geführt. Es +war ein Junger und ein Alter. Der #Junge# war Koch von Fach, hatte in +Homburg, Aachen, Baden-Baden die große Schule durchgemacht und peinigte +mich durch lange Schilderungen des Koch- und Bade-Lebens, die er mit +Fistelstimme und einer unheimlich geschraubten Begeisterung vortrug. +Gemüthlicher war der #Alte#. Er war über sechszig, trug eine Brille mit +ungewöhnlich großen Gläsern und war seines Zeichens ein lateinischer +Sprachlehrer aus Moulins. Seit Jahr und Tag kochte er nun als +Auxiliar-cuisinier die Gefangenensuppe und behandelte den Wechsel der +Dinge ≈en philosophe≈. Dabei republikanisirte er scharf. Ich mußte +immer an »Vater Karbe« denken. Den Verdacht, daß er eigentlich ein +verkleidetes altes Weib sei, was das Gespenstische steigerte, bin ich +übrigens nie ganz los geworden. Doch mag das auf sich beruhn. + +Dieser Alte dirigirte nun die Infirmerie. Er hatte Streichhölzer, Salz, +zwei Handtücher und ähnliche Luxusartikel; sein eigentliches Ansehn +beruhte aber doch auf seiner »Bibliothek« und vor allem auf jener +Küchenlampe, die ich ihn eben hatte anzünden sehen. Diese Lampe wurde +denn auch von ihm selber, wie von allen Mitgefangenen gehegt und +gepflegt; alles putzte an ihr herum, um sie hübsch blank zu erhalten, +und rührend war es geradezu, mit welcher Liebe und Zartheit ihr +defekter Cylinder behandelt wurde. Anderthalb Stunden lang, wie ich +mich am andern Tage überzeugen konnte, drehte sich alles um ihn. Der +Cylinder (ein sogenannter Bauchcylinder) hatte nämlich außer den ihm +rechtmäßig zustehenden zwei Löchern oben und unten, noch zwei +Seitenlöcher gerade an der Bauchstelle und diese Havarie immer wieder +auszubessern war die Aufgabe aller Insassen der Infirmerie, besonders +der beiden Cuisiniers. Es wurden zwei Stückchen Papier geschnitten von +der Größe einer Kartoffelscheibe und am Rande hin mit angefeuchteten +Oblatenschnitzeln besetzt. Dies kunstvoll hergerichtete Pflaster wurde +dann auf die große Wunde gelegt, der gestörte Luftzug war nun wieder +hergestellt und alles drängte sich an den Tisch, um das abermals +gelungene Werk zu begrüßen. So war es am zweiten Tag. + +Auch gleich der erste Abend, trotzdem alles schon geschehen war, ließ +mich noch Einblick gewinnen in eine »Reparatur«. Der Alte, der (schon +von Metier wegen) an Klassizität meinem ≈penseur libre≈ in Besançon +wenig nachstand, unterhielt mich eingängig noch eine halbe Stunde; dann +ging ich zu Bett. Am Fenster brannte das Lämpchen und hatte seinen +Lichtkreis. In diesem Lichtkreis saß der lateinische Lehrer und +Auxiliar-Koch und las in Rabou’s »≈La grande Armée≈«. Weißhaarig, die +große Brille auf der großen Nase, sah er aus wie eine Eule. In dem +weiten Rest des Zimmers herrschte Dämmerung. Das Feuer in dem Kochofen +wurde immer kleiner; wenn einer der drei Umsitzenden aufstand und auf +und ab schritt, tanzten riesige Schatten an Wand und Decke hin. Es war +wie die Laterna magica in Kindertagen. Das Getrappel über uns, wo +Gefangene auf und ab liefen, um sich zu erwärmen, hörte endlich auf; +alles wurde still. Nur die Cylinderlampe brannte dankbar die Nacht +hindurch. + +Als ich aufstand, waren die Cuisiniers nicht mehr zugegen; der +Küchendienst hatte sie bereits abgerufen. Statt ihrer machten sich +jetzt die Drei, die am Abend vorher beim Kochofen so tapfer ausgehalten +hatten, im Zimmer zu schaffen, wuschen, fegten, lüfteten und beeilten +sich, mir meine Wünsche zu erfüllen, mein Leben erträglich zu machen. +Ich ließ Wein und Cognac kommen, und half dadurch ihrem Eifer nach. Sie +versicherten sämmtlich, daß ihre Krankheit (wir waren ja in einer +»Infirmerie«) darunter nicht leiden würde. Der eine, ein Luxemburger, +hatte die Gelbsucht. Ich lasse dahin gestellt sein, ob der Hausarzt +später die Zustände gerade #dieses# Patienten verbessert gefunden hat. + +Um 10 Uhr war ich so weit, mich, ein Buch in der Hand, in eine der +großen Fensternischen setzen zu können. Diese Nischen hatten über 7 Fuß +Tiefe. Zu Füßen des alten Donjon lag Moulins, jetzt so schön und +lachend, wie ich es mir vordem gedacht hatte. Um die goldenen Spitzen +seiner Cathedrale spielte das Frühlicht und durch den Schimmer hin +flogen die Tauben. + +Ich begann zu blättern. Es war das Buch, das der Alte bis spät in die +Nacht hinein emsig studirt hatte: »≈La grande Armée≈«. Ich las 50 +Seiten: das Lager bei Boulogne, die Capitulation von Ulm, Austerlitz, +zuletzt Jena, — nach diesem hatte ich genug; ich war verstimmt. Und ich +glaube mit Grund. »Solche Bücher,« sagt’ ich mir, »schreibst Du selbst. +Sind sie #ebenso#, so taugen sie nichts. Die bloße Verherrlichung des +Militairischen, ohne sittlichen Inhalt und großen Zweck, ist +widerlich.« Damit klappte ich das Buch zu und sah wieder auf die +Cathedrale hinüber. + +Dann machte ich meinen Spaziergang von Thür zu Fenster und von Fenster +zu Thür, bis um Mittag die ersehnte Nachricht kam, »morgen früh weiter +ins Land hinein«. + +Wohin, wußte Niemand. + + + + +4. Gueret. + + Der König, der nie stirbt, soll aus der Welt + Verschwinden? der dem Schwachen beisteht, + Der den #Neid# nicht kennet, denn er ist der Größte! + (Jungfrau von Orleans.) + + +Nach meiner Berechnung mußte die Weiterreise auf #Tours# gehen, also +nach dem Sitz der »provisorischen Regierung«. Ich wünschte dies, und +hatte bereits eine Anrede an den Minister Cremieux fertig, der dann, +dacht’ ich, seinem Collegen Gambetta ein paar Worte zuflüstern und nach +zustimmendem Kopfnicken dieses letztern, meine Freilassung anordnen +würde. All dies scheiterte aber vorweg an #einer# unerbittlichen +Thatsache: es ging #nicht# auf Tours. Die nächste Etappe hieß #Gueret#. + +Die Fahrt dorthin war insoweit eine höchst angenehme, als das +Landschaftsbild, das ich zum Beginn des vorigen Kapitels zu beschreiben +versucht habe, sich fortsetzte. Dicht in einander geschobene Berg- und +Hügelpartien, schmale Wiesengründe, Wasserläufe, dazwischen Tunnel, +Brücken, Viadukte, die Kuppen und Abhänge mit Kastanien, Nußbaum und +den verschiedensten Obstarten, aber #nicht# mit Weingeländen besetzt, — +so ging es durch diese schönen, aber verhältnißmäßig wenig fruchtbaren +Landschaften hin, die den Namen des Departements »≈La Creuze≈« führen. + +Am Mittag schon, bald nach 1 Uhr, trafen wir in Gueret ein. »Ein +freundliches Städtchen«, hatten uns die Gensdarmen gesagt, die ihrer +Sache selbst so sicher waren, daß sie die Karabiner, die mir immer mehr +fürs Volk als für uns da zu sein schienen, auf dem Bahnhof ließen, also +uns nahezu unbewaffnet in die Stadt begleiteten. Diese steckte reizend +in den Bergen; hier und dort wuchs ein Thurm, eine Esse über die +Pappeln hinaus und graue Rauchwolken lagen wie schwebend, fast +unbeweglich, in der stillen, regenschweren Luft. Wir passirten eine +Plantage, einzelne Gehöfte, Niemand zeigte sich; mit dem Eintreten in +die Stadt aber gestaltete sich das Bild wie immer. Hunderte von Jungen, +die in dem scheinbar menschenleeren Ort wie Pilze aus der Erde wuchsen, +umdrängten uns im Nu, alte Weiber, von denen jedes einzelne in eine +beliebige Macbeth-Aufführung ohne die geringste Kostüm-Veränderung +hätte eintreten können, erschienen in allen Thüren und unter dem +Geschrei: Bismaarck, Bismaarck (immer mit langgezogenem a) verschwanden +wir endlich im Gefängnißthore. Ich muß übrigens hinzufügen, daß das +Ganze doch mehr den Charakter einer Volksbelustigung hatte. Gueret +bezeichnete in dieser Beziehung die Grenze. Von da ab wurde es immer +besser, bis zuletzt, auf dem Küstenstriche des Westens, jeder Beisatz +von Verbissenheit aufhörte. + +Das »Büreau« des Gefängnisses bestand aus drei Personen, aus dem +Schließer, dem ≈gardien-chef≈ und der Frau dieses letzteren, einer +großen braunäugigen Person von etwa sechsunddreißig, die nach der Art, +wie sie uns musterte, eine Vergangenheit haben mußte. Selbst mit einer +Lücke neben dem einen Augenzahn wußte sie geschickt zu kokettiren; sie +gehörte eben zu denen, denen #alles# dienen muß, die oberen und die +unteren Mächte. Ihr Beistand schien mir gewichtig. Ich machte einen +Versuch, mich ihrer zu versichern, doch hatte sie Verstand und +Erfahrung genug, um einen jungen Badenser mit Vollbart und rothen +Backen vorzuziehen. + +Inzwischen war mein vielcitirtes Beglaubigungspapier (»≈comme officier +supérieur≈«) wieder vorgezeigt worden und schuf hier eine völlige +Verwirrung. Man wußte offenbar nicht, was man daraus machen sollte. Die +ganze Scene erinnerte mich lebhaft an die Vorgänge, die sich in kleinen +Badeörtern mit Filial-Apotheken regelmäßig zu wiederholen pflegen, wenn +Lehrling, Gehülfe, Prinzipal das aus der großen Stadt kommende Rezept +nicht entziffern, das neueste Modemittel nicht errathen können und nach +langem Getuschel und Aufwand einiger Fremdwörter endlich erklären: ein +solcher Arzneikörper existire nicht. So schien auch der ≈gardien-chef≈ +entschlossen, nicht geradezu die Existenz eines officier supérieur, +aber doch die Verpflichtung seinerseits bestreiten zu wollen, in +#seinem# Gefängnisse einen solchen unterzubringen. Man kam endlich +überein, gar nichts zu thun und mir die Initiative zu überlassen. + +Wir stiegen nunmehr die Treppe hinauf; ein großer viereckiger Raum +wurde geöffnet, die Badenser traten ein und man wartete ersichtlich, ob +ich folgen würde. Ich folgte aber #nicht#. Dies machte einen Eindruck, +und in rascher Ausnutzung des Moments bat ich jetzt um ein apartes +Zimmer. Man weigerte sich auch nicht, blieb aber der Rolle treu, Alles +der historischen Entwickelung zu überlassen, und ließ mich zunächst, +das Weitere abwartend, in eine nebenangelegene Zelle eintreten. Sie war +absolut kahl. Ich sagte ruhig: ≈ah, c’est bon; seulement la fourniture +là, — elle n’est pas très complète≈. Dieser Hohn wirkte; der +≈gardien-chef≈ lächelte verlegen, und ehe er sich noch besinnen konnte, +schob ich ein: ≈du feu me paraît indispensable; naturellement je le +payerai≈. Das war das erlösende Wort und ohne Säumen wurde ich nunmehr +in ein #drittes# Zimmer geführt, das als Schmuckkästchen der +Gesammtlokalität zu gelten schien. Es war gewiß auch das beste, was man +hatte, aber immer noch trist genug. Das Bett bestand aus einem +Strohsack, der Kamin war ein großes schwarzes Loch und das Geflecht des +Binsenstuhls hing wie ein Strohwisch nach unten. Es wirkte beinahe +unheimlicher als der Nachbar-Raum; dennoch hatte ich nach gerade +Erfahrung genug, um gleich zu erkennen, daß hier die Elemente zur +Entwickelung gegeben waren. Es kam nur auf die rechte Hand an. Ich +stellte mich also vor den Schließer hin, versicherte ihm, daß ich einen +starken Appetit hätte und ihn bitten müsse, mir ein Diner und eine +Flasche vom besten Wein zu bestellen. Ich fügte einen Frank für seine +vorläufige Bemühung hinzu. Ersichtlich betroffen, willigte er ein. In +der Thür rief ich ihn zurück und flüsterte vertraulich: Sie sorgen wohl +für ein #Feuer# und ein gutes #Bett#. Er versprach Alles. Ich hatte +meinen Zweck erreicht. Diner und Wein, die mir gleichgültig waren, +fielen ihm schließlich als gute Prise zu, aber drei wollene Decken sah +ich sich über die Matratze breiten und im Kamin flackerten und +prasselten alsbald die großen Scheite von Kastanienholz. Eine Stunde +später war das Zimmer wie umgewandelt. Ich saß auf dem Stuhl, der sein +Geflecht wieder gewonnen hatte, wiegte mich hin und her und blickte +träumend in die immer ruhiger werdende Flamme. Liebe, freundliche +Gesichter traten mir entgegen; ich sah deutlich die großen klugen Augen +meines Lieblings; es war mir, als spräch’ es lieb und traut in mein +Ohr. So saß ich im Gefängniß zu Gueret, schwere Tage hinter mir, +schwere Tage vor mir, und schrieb Verse in mein Notizbuch. + + O trübe diese Tage nicht, + Sie sind der letzte Sonnenschein, + Wie lange, und es lischt das Licht + Und unser Winter bricht herein. + + Dies ist die Zeit, wo jeder Tag + Viel Tage gilt in seinem Werth, + Weil man’s nicht mehr erhoffen mag + Daß so die Stunde wiederkehrt. + + Die Fluth des Lebens ist dahin, + Es ebbt in seinem Stolz und Reiz, + Und sieh’, es schleicht in unsern Sinn + Ein banger, nie gekannter Geiz; + + Ein süßer Geiz, der Stunden zählt + Und jede prüft auf ihren Glanz, + O sorge, daß uns keine fehlt + Und gönn’ uns jede Stunde #ganz#. + +Der andere Morgen war hell und sonnig; aber ein scharfer Wind pfiff. +Ich mußte trotzdem in den Hof hinunter, um meine Morgentoilette zu +machen. Es war also immer noch dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in +den Himmel wuchsen. An einem steinernen Brunnentrog badete ich den +Oberkörper; eine »≈Brosse à dents≈« und ein geschliffenes Flacon mit +≈Esprit de Menthe≈ (Souvenirs von Langres her), die ich beide auf den +breiten Rand des Steintrogs legte, nahmen sich in dieser Umgebung +ziemlich wunderlich aus. + +Etwa um 10 Uhr erhielt ich Besuch, der dann fast bis zum Moment meiner +Weiterreise keinen Augenblick abriß. Der erste, der erschien, war ein +Arzt, ein Mann von etwa sechszig, klugen Auges, mit Doktorhut und +Doktorstock. Er habe gehört, so führte er sich ein, daß ich aus Berlin +sei; »ob ich den berühmten Professor Wirscho kenne«? Ich stutzte einen +Augenblick, fand mich aber schnell zurecht und erkannte, daß unser +Virchow gemeint sei. Das gab nun ein Hin und Her. Er sprach lebhaft und +voll Verbindlichkeit gegen die Deutschen, deren Wissenschaftlichkeit er +auf allen Gebieten anerkannte. Auch in der Medizin. Nach so viel +empfangenem Lob, glaubte ich schließlich auch ein Uebriges thun zu +müssen und bemerkte, »daß die Pariser Schule wohl ebenbürtig sei«. Dies +machte indessen gar keinen Eindruck auf ihn, und nur zum Zeichen, daß +er meine Worte wohl verstanden habe, begann er seinen nächsten Satz mit +der leichthingeworfenen Bemerkung: »≈naturellement, l’école de Paris +c’est la première du monde≈« und fuhr dann in seinen +Auseinandersetzungen, namentlich in einer Parallele zwischen Virchow +und anderen deutschen Physiologen fort. Es war spezifisch französisch. +Ich bemerke noch, daß er sich lebhaft nach dem ≈Dr.≈ Jacoby in +Königsberg erkundigte, der überhaupt, neben Bismarck und Moltke, die in +ganz Frankreich am meisten besprochene Persönlichkeit war. Jeder kannte +ihn und Jeder knüpfte Hoffnungen an ihn. Der Ertrinkende greift nach +einem Strohhalm. + +Sehr bald nach dem Doktor erschien der #Vicar#. Ein großer, schöner +Mann, blond, von den freundlichsten Augen und dem gefälligsten Wesen. +Ueberhaupt war ich von hier ab in keinem Gefängniß mehr, in dem ich +nicht den Besuch eines Geistlichen, oft von zweien, empfangen hätte. +Dies ist eine sehr schöne Sitte. Freilich müssen die Geistlichen danach +sein. Wenn sie kommen, um einem die Hölle heiß zu machen, oder auch +nur, um einen Sermon zu halten, steif, langweilig, salbungsvoll, so +sind sie unerträglich, wenn sie kommen, wie diese französischen +Aumoniers, so kann kein Herz so roh, so verschlossen, so religionslos +sein, daß es nicht Freude empfände an so menschlich schönem Zuspruch. + +Dieser Vicar war nun von einer ganz besonderen Liebenswürdigkeit, fein, +klug, unterrichtet. Schade, daß ich erst um eine Stunde später erfuhr, +wer er eigentlich war; unsere Unterhaltung würde sonst einen noch +freieren Verlauf genommen haben. Er lenkte nämlich bald ins Politische +hinüber, verwarf das #Empire# in lebhaften Ausdrücken, ein Bild 20 +jähriger Corruption vor mir entrollend, beleuchtete dann die +#Republik#, die in Frankreich eigentlich ohne wahren Boden, vielmehr +abwechselnd ein Schatten oder ein Schrecken sei und versicherte mich +dann einmal über das andere, daß alles Heil lediglich in +Wiederanknüpfung an den abgerissenen Faden, lediglich in Legitimismus, +in #≈Henri-quint≈# zu finden sei; der Orleanismus werde dann #später# +(durch die Verhältnisse legitim geworden) die große Erbschaft antreten. +Wie mir das im Ohr klang! Nach dem wüsten Geschrei in Lyon und Moulins +endlich wieder eine Menschenstimme! Ich fühlte mich wie mir selbst +zurückgegeben und vergaß fast, daß ich in einem Gefängniß sei. Ich sage +»fast«. Es wäre besser gewesen, ich hätt’ es #ganz# vergessen; neue +weitere Aufschlüsse würden der Lohn gewesen sein. Aber ich konnte das +alles in jenem Augenblick nicht wissen! Neben dem lebhaftesten +Interesse, mit dem ich folgte, lief doch immer wieder die Frage her: +Wer ist es, der diese Sprache führt. Will man dich aushorchen? Sollen +sich neue Verlegenheiten für dich bereiten! So blieb ich vorsichtig, +abwägend, auf meiner Huth, ich bekämpfte sogar einzelne seiner Sätze, +Auslassungen über ≈Henri-quint≈, die ich wenigstens #prinzipiell# ohne +Weiteres hätte unterschreiben müssen. Wie gesagt, ich hätt’ es +rückhaltlos wagen können. Der junge Vikar, der anderthalb Stunden lang +die Grundsätze der Legitimität vor mir verfochten hatte, war ein +Vicomte d’Ussel, ein jüngerer Sohn der gleichnamigen, im Departement la +Creuze begüterten Grafen-Familie. Der Legitimismus der Familie war +übrigens kein Geheimniß; ihr Ansehn nur um #so größer#. Der Respekt, +mit dem ich, noch am andern Tage, ein halbes Dutzend Personen darüber +sprechen hörte, war sehr unrepublikanisch. + +Dem Besuche des Vicars folgte der des Geistlichen selbst, eines Mannes +von funfzig, heiter wie jener (der Vicomte), aber von ersichtlich +anderer politischer Richtung. Er kam vorwiegend, um mir mitzutheilen, +daß er seit 3 Monaten einen Berliner Gast auf seiner Pfarre beherberge: +den Pater Rouard, Prior des Dominikanerklosters zu Moabit. Bei Ausbruch +des Krieges habe derselbe Berlin verlassen, um nicht das von +#Confessions# wegen bereits Erlebte, von #Nationalitäts# wegen noch +einmal zu erleben. Wie gern hätte ich ihn gesehen! In solchen Momenten +wiegt nicht das was trennt, sondern nur das, was verbindet. Aber es war +zu spät. Ehe sich eine Annäherung ermöglichte, waren wir bereits auf +dem Wege nach Poitiers. + + + + +5. Poitiers-Rochefort. + + #Jetter#. #Diese# Kerle sind wie Maschinen, + in denen ein Teufel sitzt. + + #Vansen#. Sie sehen nicht aus, als wenn + sie so bald Brüderschaft mit uns trinken + würden. + Egmont. + + +Um 4 Uhr nach Poitiers. Wie schön der Name in meinem Ohre klang! Aber +seitdem Moulins meine Erwartungen so arg getäuscht hatte, hatt’ ich den +Muth verloren, meiner alten Neigung zu leben und auf Namen und +Namensklang zu bauen. + +Wir hatten eine stärkere Begleitung als gewöhnlich. Die Folge war, daß +#ein# Coupé (oder wie es in Frankreich heißt, ein »Compartiment«) für +die Gesammtheit von Gefangenen und Gensdarmen nicht ausreichte und eine +Theilung vorgenommen werden mußte. Der »Brigadier« und ich sonderten +uns aus und bezogen ein Nachbar-Coupé. Dies war zunächst sehr angenehm; +man hatte freie Bewegung, konnte rechts und links in die Landschaft +hineinblicken und rechts und links die Stationen mustern. Dazu kam ein +direktes Angewiesensein auf einen Begleiter, der nach Sprache, Haltung, +Benehmen eher ein »Brigadier« in #unserem#, als in französischem Sinne +war. Er hatte etwas Distinguirtes, war leicht, gefällig, unterrichtet, +dabei ohne alle Renommisterei, weder persönliche noch nationale. Unter +allen Gensdarmen, die ich in Frankreich kennen gelernt habe (wenigstens +40 an der Zahl), war er unstreitig der Sanspareil; die ganze Klasse +verdient es aber, daß ich ihr an dieser Stelle, wo ich ohnehin bald von +ihr Abschied nehmen werde, eine warme Lobrede halte. Sie waren alle +gut. Im ersten Moment in der Regel nüchtern, steif, selbst ein wenig +schroff, kehrten sie nach 10 Minuten regelmäßig die gemüthliche Seite +heraus, waren mittheilsam, ertrugen Widerspruch, luden mich zu ihrem +Frühstück ein (was ich auch in der Regel annahm), und erwiesen sich als +absolut unbestechlich, selbst in Kleinigkeiten. Sie mieden, +klugerweise, auch den Schein. So oft ich einen Versuch machte, mich am +Buffet zu revanchiren, meine Anerbietungen wurden stets artig aber +entschieden abgelehnt. Ich war #ihr# Gast, nicht sie die meinigen. Dazu +ein wahres Elite-Corps. Große, schöne Männer zwischen dreißig und +vierzig, vielfach aus den Kürassier-Regimentern, am liebsten aus der +Artillerie genommen; alles Leute, die in der Krim, in Italien und +Mexiko mitgefochten hatten, von Algier und Kabylien gar nicht zu +sprechen. Wenige, die #nicht# die Solferino-Medaille trugen. Alle die +liebenswürdigen Züge des alten Soldaten waren bei ihnen heimisch; nie +verstimmt, nie feindselig, immer ein Schutz, immer zu Zuspruch geneigt; +— dabei (vielleicht ihr hervorstechendster Zug) von einer unsagbaren +Verachtung gegen die Populace und gegen die Militairspielerei, die sich +vor ihren Augen breit machte. Möglich, daß sie #später#, als sich die +aus dem Boden gestampften Armeen mit rühmlicher Bravour in den Tod +stürzten, eine veränderte Stellung zu dieser Frage einnahmen; im +Dezember lagen die Dinge anders als im Oktober. + +Ich kehre nunmehr zu meinem »Brigadier« zurück. Er erzählte mir viel +von der Familie des Vicomte d’Ussel, dessen älterer Bruder sein +Escadronchef gewesen war, lobte die Gesinnung und Noblesse des alten +Adels und that mir durch die Einfachheit und Leichtigkeit seiner +Unterhaltung geradezu wohl. Er war auch der einzige, der Verstand und +Takt genug besaß, sich in große politische Gespräche gar nicht +einzulassen. + +All dies machte die Fahrt nach Poitiers zu einer sehr angenehmen; aber +sie hatte doch auch ihre unangenehme Seite. Bis dahin immer warm +zusammengepfercht, mußte hier die freiere Bewegung und die frischere +Luft mit einer sehr empfindlichen Kälte bezahlt werden, die nur wuchs, +wenn ich auf die mondbeschienene fast wie in einem dünnen +Schneeschleier daliegende Landschaft sah. Ich wurde der Schönheit +dieser Bilder nicht recht froh und segnete die Stunde, als wir endlich +zwischen 10 und 11 durch die glitzernden Felsmassen hindurchfuhren, auf +deren Höhe sich Poitiers erhebt. Das allgemeine Frösteln spornte zur +Eile; im Geschwindschritt ging es, über wohl 100 Steinstufen, die +Berglehne hinan, bis wir, durch ein Gewirr von Gassen hindurch +(natürlich völlig unbelästigt) das Gefängniß erreichten. + +Es war 11 Uhr; alles schlief. Die verschiedenen Beamten in zum Theil +fragwürdigen Costümen erschienen staffelförmig, nach dem Grade ihres +Ranges; der vornehmste zuletzt. Die üblichen Fragen und Schreibereien +erfolgten rasch; ich bat um ein Kaminzimmer, wurde geschäftsmäßig nach +der Ausreichendheit meiner Kassenbestände befragt und erhielt das +Gewünschte ohne Weiteres, nachdem ich die ausreichenden Garantieen +gegeben hatte. Diese nüchtern-geschäftsmäßige Behandlung, wie immer in +Geldsachen, war auch hier das beste. Daran muß ich noch, wie vorhin ein +Lob der französischen Gensdarmerie, so hier ein Lob der französischen +Beamten knüpfen, so weit ich sie kennen gelernt habe, sowohl hier in +Poitiers, wie #überhaupt#. Sie waren nämlich nie ärgerlich und gereizt, +nie #schlechter Laune# und sind mir nach #dieser# Seite hin geradezu +als ein Muster erschienen. Es spricht sich darin entweder eine gewisse +#Wohlerzogenheit# oder ein tiefgehender, längst Allgemeingut gewordener +#humaner Zug#, oder aber drittens eine richtige Vorstellung vom +#Metier#, von der Beamtenpflicht aus. Wahrscheinlich wirkt alles drei +zusammen. Alle diese Beamten wurden unseretwegen aus dem ersten Schlaf +geholt, die Unbequemlichkeit war groß; aber ich habe keine +unfreundliche Miene, keine gerunzelte Stirn gesehen. Im Gegentheil, man +war artig und zeigte eine gewisse Theilnahme. Es war #Dienst# und damit +abgemacht. + +Unser Gefängniß zu Poitiers war das besteingerichtete unter allen die +ich kennen lernte; es hatte etwas von der Opulenz eines großen Bahnhofs +oder eines Musterkrankenhauses. Am andern Morgen erschien ein +Mitgefangener, um ein Kohlenfeuer zu machen und überhaupt auf 8 Stunden +in meinen Dienst zu treten. Es war ein Pariser, ein allerliebster Kerl, +der sich auf die Kunde hin, »daß ich aus Berlin sei«, zu diesem Dienst +gemeldet hatte. Wir wurden bald gute Freunde. Er hatte nämlich in +Constantine, ich glaube ein halbes Jahr lang (von 1864 auf 65) +Offiziers-Burschendienste beim Ulanen-Lieutenant v. Prittwitz gethan, +der damals nach Paris kommandirt, auch nach Algier gegangen war, um die +Kämpfe gegen Kabylien mitzumachen. Von diesem seinem ehemaligen Herrn +sprach er nun mit der größten Anhänglichkeit, betrachtete jene Wochen +als die beste Zeit seines Militärdienstes und schilderte mir in +lebhaften Farben das Aufsehn, das sein »Lieutenant« gemacht habe, als +er das erste Mal, in vollem Ulanen-Aufputz durch die Straßen von +Constantine gegangen sei, um sich dem General zu präsentiren. Ich +versprach, bei meiner Rückkehr nach Berlin, seinem Herrn von ihm zu +erzählen. Vielleicht lösen diese Zeilen mein Wort ein. Sein Name war +Louis Charbault, Voltigeur im 93. Regiment. + +Die anderen Begegnungen in Poitiers waren die herkömmlichen, so daß ich +— und um so lebhafter, als der schlechtziehende Kamin meine Zelle mehr +und mehr mit Kohlengas zu füllen begann — mit wahrer Freude die +Nachricht begrüßte: um 4 Uhr nach #Rochefort#. Die Fahrt war der vom +Tage vorher sehr ähnlich, nur mit dem einen Unterschiede, daß wir +diesmal wieder »gekeilt in drangvoll fürchterliche Enge« saßen, was +ich, als das kleinere von zwei Uebeln, freudig willkommen hieß. Um 11 +Uhr Ankunft. Rochefort ist noch 2 Meilen von der Küste entfernt, aber +die Fluth dringt bis hierher vor und macht es zu einer Seestadt. An den +Brücken, am Bollwerk hin, lagen Briggs und Dreimaster; ihr Raaen- und +Spierenwerk schimmerte phantastisch im Mondenlicht. Im Gefängniß +wiederholten sich die Scenen vom Tage zuvor. Es war bitterkalt. Der +Schließer, trotz später Stunde, brachte mir noch ein Abendbrot, das aus +Landwein, großen Birnen und einigen Nüssen bestand. Gut gemeint, aber +wenig geeignet mich zu erwärmen. Ich wickelte mich in mein Reiseplaid, +ganz dicht und fest wie man ein Kind wickelt, und schob mich vorsichtig +unter die Decken, aus meinem Ueberzieher gleichzeitig eine Art Koppel +aufbauend, die sich über Brust und Kopf wölbte. So schlief ich endlich +ein, träumend von Schneestürmen, und daß ich am Wege eingeschlafen und +erfroren sei. + + + + +6. Marennes. + + Es rauscht kein Wald, mit hartem Schrei + Nur fliegt die Wandergans vorbei, + Am Strande weht das Gras. + Th. Storm. + + Gebt uns ein Lied! + »Wenn ihr begehrt, die Menge.« + Nur auch ein #nagelneues# Stück. + Faust. + + +Bedrückend, wie der Traum, war das Erwachen. Bleiern lag es um meine +Stirn; als ich mich erheben wollte, fiel ich kraftlos zurück, das +Gespenst des Nervenfiebers stand vor mir. Wer einmal das Heraufziehen +dieses schweren Gewitters an sich beobachtet hat, behält eine +Erinnerung davon auf Lebenszeit. Ich kam aber drüberhin; wahrscheinlich +hatte mich der Kohlendampf vom Tage vorher nur betäubt und ließ meinen +Zustand schlimmer erscheinen als er war. Es war Mittag, als ich in den +Hof hinunterstieg, um mich in frischer Luft zu erholen. + +Ich mochte während dieses Spaziergangs auf alle die mich sahen einen +ziemlich tristen Eindruck gemacht haben, denn bei meiner Rückkehr in +den großen Corridor überraschte mich die Meldung, daß ich umquartiert +worden sei. Der Direktor habe es so angeordnet. Ich ging, um zunächst +meinen Dank auszusprechen und stieg dann treppauf in meine neue +Behausung. Es war das Arbeits- und Wohnzimmer des Sohnes (jetzt bei der +Armee in Paris), das man mir eingeräumt hatte und der langentbehrte +Anblick des Wohnlichen that mir in diesem Augenblick der Erschöpfung +und des Kleinmuths unendlich wohl. Der Gesunde kann diese Dinge leicht +entbehren, dem Kranken sind sie ein Labsal. Ein Schreibtisch, ein +Bücherbrett, ein paar Bilder, über die Fliesen waren Teppichstreifen +gelegt; im Kamin brannte ein hohes Feuer, auf dem Sims standen ein paar +Vasen, dazwischen ein Spiegel. Ich sah hinein. Das erste Mal seit 5 +Wochen! Ich konnte nicht finden, mich verbessert zu haben. + +Zu Seiten des Kamins stand ein breiter Stuhl, ein gesticktes Kissen war +in die Rückenlehne gelegt. Ich suchte unter den Büchern, wählte eine +»≈Archéologie chrétienne≈« und rückte nun vor das Feuer. Von Notre-Dame +und der Reimser Kathedrale lesend, vergingen die Stunden; ehe noch der +Abend kam, war ich genesen. Der Direktor erschien, um nach meinem +Befinden zu fragen. Wir sprachen von unseren Söhnen, der seine #in# +Paris, der meine #davor#; die Väter saßen hier friedfertig bei +einander. Wir kamen auch auf das Gefängnißwesen. »Das Reglement ist +gut, aber kein Reglement erschöpft alle Fälle und Möglichkeiten; es +heißt eben auch da: der Buchstabe tödtet, der Geist macht lebendig.« +Wie sehr empfand ich die Wahrheit alles dessen. Einer solchen ideellen +Auffassung ihres schweren und wichtigen Berufs bin ich bei den +französischen Gefängnißvorständen #mehrfach# begegnet. Sie erkannten +ihre Pflicht darin, zu erheben, nicht niederzudrücken; keine +Sentimentalität, aber Humanität. Alle diese Männer #empfanden sich als +Träger einer Aufgabe# und nahmen eine Stellung zu dieser. + +Die Insel Oléron, für die wir, meine badischen Mitgefangenen wie ich +selbst, bestimmt waren, konnte von Rochefort aus zu #Schiff#, die +Charente hinunter, ohne weitere Zwischenstationen in höchstens vier, +fünf Stunden erreicht werden; die Behörden zogen es aber vor, uns — +unter Ausschluß dieses Flußweges — so weit wie möglich den #Land#weg +machen zu lassen, d. h. also, bis zu einem äußersten, vorspringenden +Punkte hin, dem dann die Insel auf kaum Kanonenschußferne gegenüber +liegt. Diese Bevorzugung des Landweges vor dem Wasserwege schuf uns +noch eine Etappe. Diese Etappe war #Marennes#. + +Der Weg von Rochefort bis Marennes betrug wenig über zwei Meilen; es +war also eine gute Gelegenheit gegeben, unser durch Eisenbahnfahrten +nur mäßig in Circulation gehaltenes Blut durch einen vierstündigen +Marsch wieder frisch und umlaufslustig zu machen. Die Nachricht davon +wurde auch mit allgemeinem Jubel aufgenommen; ich als »≈officier +supérieur≈« indeß erhielt die Zusicherung eines Wagens, womit ich denn +auch, trotz aller Wertschätzung energischen Blutumlaufs, schließlich +sehr einverstanden war. + +Um 9 Uhr setzte sich die Colonne in Bewegung. Ich sage absichtlich die +Colonne, denn wir waren am Tage vorher durch zwölf andere Gefangene, +meist Matrosen und Schiffsjungen, verstärkt worden und musterten jetzt +im Ganzen 18 Mann. Es war ein vollständiger Zug. Erst 2 berittene +Gensdarmen, dann mein Fuhrwerk, dann die Colonne, dann wieder +Gensdarmen, dann Volk. So ging es bei schönstem Wetter aus Rochefort +hinaus; die Luft war frisch, aber nicht scharf, die Sonne fiel auf die +generalsartigen Wachstuchhüte der Gensdarmen und ließ diese hell +erglänzen. Die Stimmung aller war wie der Morgen. + +Ich marschirte eine Viertelmeile mit, weil ich, zunächst wenigstens, +wie alle anderen das Bedürfniß nach Bewegung hatte, dann nahm ich +meinen Platz auf dem Gefährte ein. Es war ein zweirädriger Bau, von dem +ich unentschieden lasse, ob der Verbrecherkarren oder die norwegische +Carriolpost in ihm vorwog; was das Balancirbrett anging, das dem +Kutscher und mir als Sitz diente, so war es ganz und gar skandinavisch, +nur der Skudsjunge fehlte. Statt dessen hatte auf dem rechten +Brettflügel ein Alter in einem Schafpelz mit langhaariger +#Ziegenfell#-Pellerine Platz genommen. Dies sah unendlich komisch aus. +Er plauderte viel, aber sehr geschickt und suchte namentlich alle +langen Sätze zu vermeiden, ganz ersichtlich, um mir die Conversation zu +erleichtern. + +So ging es fast eine Meile, wo wir in einem großen Dorfe, ich glaube +St. Agnair, eine erste Rast machten. Die Auberge hatte ganz den +Charakter einer spanischen Posada; alles war räucherig und geschwärzt, +ein Hängekessel über dem Feuer, Heiligenbilder, die Weiber alt und +häßlich, und inmitten dieser Wüstheit ein großes Bauer mit +Canarienvögeln, deren hellgelbes Gefieder wunderbar kontrastirte mit +dieser Fülle von Schwarz und Rauch. Ich bestellte Kaffee und gerieth +beim Anblick einer großen Kaffeemühle, die herbeigeschleppt wurde, in +solche Freudigkeit, daß ich auf einem Schemel am Feuer Platz nahm und +energisch zu drehen begann, während in das Gesumm des brodelnden +Wassers hinein die Scheite knackten und die Canarienvögel sangen. + +Nach einer guten halben Stunde ging es weiter, immer in demselben +Aufzuge. Das landschaftliche Bild aber wurde von hier ab ein völlig +anderes. Bis St. Agnair hin waren wir durch eine einfache +Flachlandsgegend gezogen, die ebenso gut auch bei Alt-Landsberg oder +Jüterbog hätte liegen können; jetzt erst traten wir in ein Terrain ein, +das diesen Küsten eigentümlich ist, in die »Marais« (Meersümpfe), +angeschwemmtes, dem Meere entwachsenes Land, das aber immer noch +zweilebig geblieben ist und in seinem Luch- und Sumpfcharakter nicht +recht weiß, wozu es sich halten soll. In anderen Gegenden ist dies +angeschwemmte Land, wie beispielsweise an der schleswig-holsteinischen +Westküste, ein vorzüglicher, die besten Ernten gebender Boden, hier +aber erweist er sich als stumpf, lehmarm, unfruchtbar und trägt nur +eine kümmerliche Kruste, gerade stark genug, um ein mittelmäßiges Gras +zu produciren und eine ziemlich ausgedehnte Viehzucht zu gestatten. +Dabei ungesund wie alle Sumpfgegenden. + +Die schon mit südlicher Kraft wirkende Sonne an diesem Küstenstriche +hat es aber doch ermöglicht, in diesen »Marais« eine eigene Industrie +groß zu ziehen, die nicht nur vielfach die Bevölkerung nährt, sondern +auch landschaftlich diesen Gegenden einen besondern Stempel aufdrückt. +Das ist die Seesalzfabrikation. In große flache Teiche wird, mit Hülfe +der Fluth wenn ich nicht irre, das Seewasser geleitet und durch den +einfachen Prozeß der Verdunstung auf Seesalz hin bearbeitet. Mit großen +Krücken, den »≈râbles≈«, werden die Krystalle herausgefischt und dann +in daneben befindlichen, meist backofenartigen Strohhütten aufbewahrt. +Auf Meilen hin sieht das Auge nichts wie Wiesen, Teiche und +Strohdächer. Sehr monoton, aber sehr eigenthümlich. + +Nach abermals anderthalb Stunden erreichten wir eine scharfe Biegung +der Chaussee, die Straße begann ein wenig zu steigen und der Thurm von +Marennes, eine hohe gothische Spitze, wurde sichtbar. Wir hatten von +dieser Wegebiegung aus nur noch eine gute halbe Stunde; das belebte +wieder. Die etwas aus Schritt und Tritt gekommene Colonne ordnete sich, +die Gensdarmen, die sich nach deutschen Kommandos erkundigt hatten, +kommandirten unter Lachen: »links, rechts, links, rechts«, und von der +Front her erscholl jetzt der Ruf: #singen#. Ich drehte mich um und +nickte ihnen zu, wurde aber in demselben Augenblick von dem bangen +Gedanken erfaßt: was wird es jetzt geben? was wird gesungen werden? +Richtig, die Wahl überstieg noch meine kühnsten Erwartungen; ein +Badenser intonirte: »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten«, und die +Matrosen fielen sofort heiser und wehmuthsvoll ein: »daß ich so traurig +bin«. Sie waren aber alles andere eher wie traurig; namentlich der +eine, ein bildhübscher Kerl, der unserem Steffeck in seinen besten +Tagen wie ein Zwillingsbruder ähnlich sah, hatte in St. Agnair dem +»≈vin blanc≈« erheblich zugesprochen und hin und her wankend machte er +jetzt allerdings den Eindruck einer gewissen Auflösung, aber nicht in +Schmerz. + +Endlich war man mit allen Versen durch, eine kleine Räusperungspause +trat ein, die uns bis auf 1000 Schritt an die im Mittagslichte hell +daliegende Stadt führte. Ein Wäldchen, Birken und Eichen, eine sauber +gehaltene »Plantage«, lag uns bereits zur Rechten und schon begannen +einzelne Spaziergänger sich unserem Zuge anzuschließen. Das gab neuen +Künstlermuth, und siehe da, ein alter anhaltiner Marketender, der beim +Butteraufkauf in der Nähe von Laon von Franctireurs gefangen genommen +worden war, kommandirte jetzt mitten aus der Colonne heraus: »Die Wacht +am Rhein.« Ich mußte laut auflachen. Eine auf die größte Dummheit +gesetzte Prämie hätte keine bessere Wahl zu Stande bringen können. Die +Colonne war aber so unkritisch wie möglich; ein halbes Dutzend Stimmen +unterstützten die Forderung, und unter der in jeder Strophe auf’s Neue +abgegebenen Versicherung, daß »lieb Vaterland ruhig sein könne«, zogen +wir, hundert Meilen westwärts des Rheins, als #Kriegsgefangene# in +Marennes ein. Die halbe Stadt hatte sich schon vorher uns zugesellt. Es +war, wie wenn die Puppenspieler irgendwo einziehen. Ich als Direktor. +Mein Alter mit der Ziegenfell-Pellerine sah aus wie der Zauberer der +Gesellschaft. Unzweifelhaft erstes Mitglied. + +Das Gefängniß nahm uns auf; Besuche kamen, wir waren weit mehr eine +Sehenswürdigkeit, als wie Feinde. Der Souspräfekt begrüßte mich; ein +feiner, blaß und kränklich aussehender Herr, der mich lebhaft an Mr. +Cialandri, den Souspräfekten in Neufchateau, erinnerte. Was lag alles +dazwischen! Tod und Leben. + +Wir hatten ziemlich freie Bewegung, jede kleine Annehmlichkeit wurde +gewährt, freilich für Summen, die an’s Lächerliche grenzten. Ich +bezahlte ein Hammelcotelett wie ein Diner bei Very. Gegen Abend +erschienen der Maire und sein erster Secretair in meiner Zelle. Es kam +Licht; die beiden Herren nahmen auf einer Bank Platz, ich auf dem +Bettrand; so plauderten wir. Sie waren, als #Schäfer verkleidet#, bei +Sedan von den Preußen gefangen genommen worden und hatten beide auf dem +Punkte gestanden, ihre Schlachten-Amateurschaft mit dem Leben zu +bezahlen. Herzog Wilhelm von Mecklenburg hatte sie gerettet und +freigegeben. Da waren sie nun wieder in Marennes. Als Dritter im Bunde +saß ich daneben! Meine Amateurschaft für romantische Plätze hatte mich +auf französischer Seite in dieselbe bedrohliche Situation gebracht. Wir +tauschten unsere Erlebnisse aus, zugleich unsere Befriedigung +#darüber#, daß wir es überhaupt noch konnten. + +Dann trennten wir uns, der Schließer entschuldigte sich, daß er +»schließen« müsse; eine halbe Stunde später schloß ich die Augen. + +In der Nacht horchte ich auf, ob ich nicht den Wogengang des »Atlantic« +hörte, dem ich jetzt auf eine halbe Stunde nahe war. Mitunter schien es +mir, als rausche und grüße es herüber. + +Aber es war nur der Wind, der durch den Kamin fuhr. + +[Illustration] + + + + +≈Ile d’Oléron.≈ + + + + +1. Die Insel Oléron. + + Auf dem erhöhteren Fels erscheint ein zerfallenes Vorwerk, + Mit Schießscharten versehn, sei’s, daß hier immer ein Wachtthurm + Ragte, den offnen Strand vor Algiers Flagge zu hüten, + Sei’s, daß gegen den Stolz Englands und erfahrene Seekunst + Erst in der jüngeren Zeit es erbaut der Napoleonide. + Platen. + + +Zwischen den Mündungen der Loire und Gironde, aber mehr in Nähe dieser +letzteren, buchtet der atlantische Ocean ziemlich tief ins Land hinein +und schafft hier eine Küstenformation, die eine Landung des Feindes +begünstigt. Es handelte sich also seit lange darum, das Land an dieser +verwundbaren Stelle fest zu machen. La Rochelle und Rochefort, die an +dieser Bucht gelegen sind, wurden Festungen. Dies genügte aber nicht. +Die #Annäherung# mußte bereits erschwert werden und hierzu boten die +vorgelegenen Inseln die beste Gelegenheit. Die kleineren wurden ihrem +ganzen Umfange nach in Forts verwandelt, die größeren wurden mit einem +Kranz von Werken umgeben. Dieser größeren Inseln waren zwei: Isle Ré +und Isle d’Oléron, von denen man jene als ein Außenfort von La +Rochelle, diese von Rochefort ansehen kann. Zwischen beiden, als ein +Punkt von besonderer Wichtigkeit, liegt noch die kleine Insel Aix. Zu +allen Zeiten hatte diese Inselgruppe eine Bedeutung in der Geschichte +des Landes; schon das Mittelalter kannte ein »#Oleronisches# Seerecht« +(ich glaube das älteste), und was die Befestigungswerke angeht, so +fügte jede neue Regierung seit den Tagen Ludwigs XIV. das eine oder +andre hinzu. + +Eine ganz besondere Wichtigkeit gewannen diese Inseln während des +25jährigen Kampfes Englands gegen die Republik und das Empire. Hier +spielte der letzte Akt des Kaiserreichs. Zwischen Isle Ré und Isle +d’Oléron, die Ausgänge schließend, lag die englische Escadre unter +Admiral Hotham, die Auftrag hatte, eine Flucht des Kaisers zur See zu +hindern; in vorderster Reihe der Bellerophon, Capitain Maitland. Am 3. +Juli war der Kaiser in Rochefort, am 12. Juli auf Isle d’Aix, wo er am +14. die berühmt gewordenen Zeilen an den Prinz-Regenten richtete: »≈En +butte aux factions qui divisent mon pays, et à l’inimitié des plus +grandes puissances de l’Europe, j’ai consommé ma carrière politique. Je +viens, comme Thémistocle, m’asseoir sur le foyer du peuple britannique; +je me mets sous la protection de ses lois, que je réclame de Votre +Altesse Royale, comme celle du plus puissant, du plus constant, du plus +généreux de mes ennemis.≈« + +Den Tag darauf begab sich der Kaiser an Bord des Bellerophon, um +Frankreich nicht wiederzusehen. Am 26. Juli lag er auf der Rhede von +Plymouth, am 16. Oktober, am Jahrestage der Schlacht von Leipzig, +landete er auf St. Helena. + +Seit 1815 wurde die Inselgruppe vor Rochefort und La Rochelle nur immer +als Detentionsort genannt, zumal während der ununterbrochenen Kriege +jenes zweiten Kaiserreichs, das sich mit den Worten introducirt hatte, +der Friede sein zu wollen. Anno 54 und 55 waren Russen, Anno 59 +Oesterreicher hier in Gefangenschaft; im Winter 70 auf 71 machte die +Insel die Bekanntschaft der Preußen und Bayern. + +Isle d’Oléron ist 4½ Quadratmeile groß, also ebenso groß wie Wollin, +etwas größer wie Fehmarn. Die Bevölkerung, ziemlich zahlreich und +wohlhabend, hat sich in zwei Städten und vier Dörfern concentrirt. Die +beiden Städte sind Chateau und St. Pierre. St. Pierre ist um etwas +größer, steht aber an Bedeutung hinter Chateau zurück. Hier ist die +Citadelle, hier sind die Forts und Kasernen, hier wohnen die Behörden; +es ist der beherrschende Punkt, während St. Pierre, als behagliche +Ackerstadt, inmitten der Insel liegt. Der Boden von Isle d’Oléron +wechselt zwischen großer Fruchtbarkeit und Sterilität; weite Strecken +sind Sumpfland wie die Marais zwischen Rochefort und der Küste, und +hier wie dort hat man diese unfruchtbaren, wenn auch jetzt trocken +gelegten Sümpfe zur Gewinnung von Seesalz hergerichtet, ganz in der +Art, wie ich es in dem Kapitel Marennes beschrieben habe. Der ärmste +Theil der Bevölkerung lebt von dieser Salz-Industrie; andere sind +Schiffer, Fischer und versorgen den inländischen Markt mit Fischen und +Austern, von denen sich die letzteren (sie sind grünlich und von einem +aparten Wohlgeschmack) der besonderen Geneigtheit der Pariser Gourmands +erfreuen. Die Wohlhabenden auf Isle d’Oléron sind die Ackersleute; +einige Wenige treiben Handel. + +Dies war die Insel, für die wir bestimmt waren, der wir jetzt zufuhren. + + + + +2. Ankunft. + + Steige, Insel, aus dem blauen + Reinen Wogenbad empor, + Hell ist schon die Stadt zu schauen + Und das weiße Haus am Thor. + + B. v. Lepel. (Die Wittwe von Capri.) + + +Marennes liegt nicht so unmittelbar am Meere, daß sich von hier aus die +Ueberfahrt nach der Insel ermöglicht hätte; es bedurfte also noch eines +kurzen Marsches, um die eigentliche Fährstelle zu erreichen. Diese ist +ein einzeln stehendes Gehöft, das nach der Seeseite zu einen Quai +bildet. An diesem Quai liegt das Dampfschiff, das den bescheidenen +Dienst einer Fähre versieht. + +Es regnete, als wir in das Fährhaus eintraten, und so hatten es denn +die hohen, durchwärmten Räume mit ihren flackernden Feuern +verhältnißmäßig leicht, einen anheimelnden Eindruck auf uns zu machen. +Es war aber nicht blos der Gegensatz von draußen und drinnen, der uns +hier mit einem lebhaften Behagen erfüllte, die Ordnung, die Sauberkeit, +die Wohlhabenheit, die hier unverkennbar zu Hause waren, trugen das +Ihrige dazu bei. Inmitten des großen Gastzimmers standen zwei riesige +Betten von Nußbaumholz mit grünen Decken und Vorhängen von derselben +Farbe. Das Holz war spiegelblank und gab einen ordentlichen Glanz durch +das ganze Zimmer hin. + +Die Beherrscherin dieser Räume war eine Frau von Mitte siebzig, klein, +aber mit großen, klugen Augen voll unerloschenen Feuers, unverkennbar +eine Person, die vor 50 Jahren allen jungen Männern zwischen Marennes +und Isle d’Oléron die Köpfe verdreht hatte. Sie wählte mich gleich aus +der Gruppe heraus, um mir in einer liebenswürdigen, kleidsamen und +ihrem Alter entsprechenden Weise den Hof zu machen. Dabei beherrschten +ihre Augen mitten im Geplauder den ganzen Haushalt, nichts entging ihr +und man sah, daß alles ängstlich nach ihr hinüber fragte. + +Es ist sehr interessant, derartige Frauen zu beobachten; sie bilden +eine ganze Gruppe. Von Jugend auf gewöhnt zu gefallen, Aufmerksamkeit +zu erregen und eine #Macht# auszuüben, bleibt ihnen eine gewisse +Koketterie (die nach den Jahren sich #modelt#) bis in ihr höchstes +Alter hinein, während zugleich ihre Siegergewohnheit sich zu jener +absoluten Herrschergewalt ausbildet, von der die Haushaltungen und ihre +#nominellen# Vorstände zu erzählen wissen. Diese Alte, die mir mit +Eleganz, Schelmerei und mütterlichem Wohlwollen den Kaffeetisch +arrangirte, während ihr Augenzwinkern durch drei Stuben hin dirigirte, +war ein Musterstück ihrer Gattung. Ein Haus- und Eheherr, den ich in +Verdacht hätte haben können, der zeitige Bewohner einer jener blanken +Nußbaumbettstellen zu sein, war nicht sichtbar; — ich vermuthe #längst# +seinem Geschick erlegen. + +Der Regen legte sich, der Dampfer zischte, die Gensdarmen mahnten zum +Aufbruch; eine Viertelstunde später schwammen wir zwischen Festland und +Insel; noch zehn Minuten (durch die übliche Unterhaltung, die mich am +Beobachten hinderte, leider getrübt) und wir lagen an dem Quaderdamm +von Isle d’Oléron. Im Geschwindschritt, durch Neugierige wenig +belästigt, ging es auf die Commandantur zu. + +Sie lag am andern Ende der Stadt; wir hielten vor einem Gartenzaun, +über dessen Spitzen allerhand Baum- und Strauchwerk hinüberwuchs; das +Ganze mehr idyllisch, nach Art einer Pfarrerwohnung, als +kommandanturhaft-militairisch. So war auch das spalierumhegte Haus, in +das wir jetzt eintraten. Wir wurden rangirt; ich, in einigem Abstand, +erhielt den rechten Flügel; es fehlte mir nur noch der Sponton des +Unteroffiziers. Dann erschien ein freundlicher Herr in Civil mit dem +üblichen Ponceau im Knopfloch, das aber diesmal eine rothgefärbte +beinerne Rosette war und aussah wie eine kleine Schachfigur. Der Herr +selbst war Capitain Forot, Bataillonschef, Kommandant von Isle +d’Oléron. Er musterte uns, entließ die Colonne und bat mich, ihm in +sein Zimmer zu folgen. Hier wurde ich den Damen vorgestellt, unter +denen sich, neben der Frau vom Hause, eine hübsche blonde, eben erst +verheiratete Elsässerin befand, deren eigentliche, stillschweigend +verabredete Aufgabe dahin ging, im Verkehr mit den täglich +eintreffenden Gefangenen den Interpreten zu machen; eine Aufgabe, deren +sie sich aber nach Möglichkeit entschlug, indem sie, wie mir Capitain +Forot vertraulich versicherte, ihre Zeit lieber dahin anlegte, +»Vormittags Briefe zu schreiben und Nachmittags zu weinen.« Er setzte +hinzu: »So ein Krieg, der in die Flitterwochen fällt, ist allerdings +das Empörendste, was man sich denken kann.« + +Wir plauderten das Uebliche, und der Friede (wie immer) wurde wieder +auf Tag und Stunde durch mich festgestellt. Inzwischen waren einige +Flaschen Straßburger Bier erschienen, die junge Elsässerin präsentirte +das vaterländische Gebräu und ich letzte mich nach 6 Wochen zum ersten +Male wieder an einer Art Gerstensaft. Es war ein sehr mäßiges Produkt, +aber, wie immer auch, es war doch #Bier#, hatte etwas von jenem +nervenstärkenden Bitterstoff, der die Hauptsache bleibt, und so kam es +mir vor, als ob ich Gesundheit tränke. Capitain Forot ließ bald die +Politica fallen und ging in den Ton über, der seiner feinen und +liebenswürdigen Natur der entsprechendste war, in humoristische +Neckerei. Sein Hauptstichblatt war die junge Blondine mit ihrem +antecipirten Wittwenschmerz; aber auch ich erhielt meinen Theil und +mußte mir Scherze über die Gefahren des Romanticismus gefallen lassen. +Ich that es nur zu gern. Es waren doch wieder verwandte, anheimelnde +Töne. »≈Enfin≈, so schloß er, ich sehe die Tage heraufziehen, wo Sie +die Gefangenschaft auf Isle d’Oléron segnen werden; Sie werden einen +guten Stoff gewinnen und Ihr zukünftiger Biograph einen noch besseren.« + + + + +3. Die Citadelle. + + Wir wollen uns den grauen Tag + Vergolden, ja vergolden. + Th. Storm. + + ≈Thy fire, thy wine, + All is mine.≈ + + +Inzwischen wurde gemeldet, daß der »Fournisseur« eingetroffen sei, eine +behäbige Person mit rothblondem Bart und Klapphut, etwas Engländer, +etwas Hecker-Struve und ganz Fournisseur. Unter seinem Beistand sollte +eine Wohnung für mich gesucht werden, und zwar auf der »Citadelle«. Wir +schritten zu Dritt dieser zu, passirten ein Glacis, dann ein paar +Brücken und Thore und standen nunmehr auf einem Triangel-Hof, dessen +drei Seiten von eben so vielen kasernenartigen Gebäuden umstellt waren. +Zwei davon waren bereits mit Gefangenen belegt; die dritte Seite, die +die Offiziersquartiere enthielt, war noch frei. + +Wir traten in diese dritte Seite ein. »Ich muß nun schon ein Uebriges +für Sie thun«, sagte der Kommandant, »wie könnten Sie Ihre Tage besser +verbringen, als angesichts des ewigen Meeres!« damit wurde ein Zimmer +aufgeschlossen, das die prosaische Inschrift trug: »≈No. 7: +Lieutenant≈«, das aber allerdings durch seine großen Fenster hindurch +einen entzückenden Blick auf das Meer gestattete. Ich schwankte einen +Augenblick; dann hatte ich meine Wahl getroffen und erwiderte ihm +lachend, daß ich nicht gern zum zweiten Male als Opfer des +Romanticismus fallen möchte; Aussicht sei viel, aber Comfort sei mehr. +»Nehmen wir ein anderes.« Damit traten wir in einen Nebenraum, der den +Eindruck machte, als müsse die Heerdplatte hier noch warm sein, als sei +das »Camp« an dieser Stelle vor wenig Stunden erst abgebrochen. +Vielleicht war es so. Aber es konnte mich auch hier nicht halten, denn +die Fensterscheiben, bis zu beträchtlicher Höhe, waren mit lauter, aus +rothem Papier geschnittenen Teufelchen beklebt, die sich unter einander +neckten, Gesichter schnitten und unanständige Geberden ausführten. +Beneidenswerther, der hier in einer Art Mischgattung von +Höllenbreughels und Struwelpeter sich verewigt hatte! #Meine# Nerven +wären diesem Anblick nicht gewachsen gewesen, und so schieden wir denn +auch von diesem Raume. Ein drittes Zimmer »≈No. 9: Capitaine≈« +entsprach endlich meinen Wünschen; der Kommandant empfahl sich und der +Fournisseur fing an seine Notizen zu machen. Eine Stunde später wurde +ein Karren abgeladen; Matratzen, Decken, Gardinen erschienen in buntem +Durcheinander, sogar eine endlose gelbe Fahne mit einer Grecque-Borte, +die den Anspruch erhob (er blieb unerfüllt), als Betthimmel installirt +zu werden. + +Beinah gleichzeitig war aus der benachbarten Cantine ein alter, dort +beschäftigter Invalide bei mir eingetreten, um seine vorläufigen +Dienste anzubieten. Ich bat ihn, mir Holz und Cognac zu bringen, um +meinem Frösteln, denn es regnete und stürmte wieder, auf doppeltem Wege +beikommen zu können. Der Alte lächelte. Ich hätte nichts fordern +können, das ihm lieber gewesen wäre. Eine Viertelstunde später — ich +war inzwischen allein geblieben und lief auf und ab, um mich zu +erwärmen — erschien er mit einer unglaublichen Menge Holz und einer +Quartflasche ≈Eau de vie≈. Ich kann wohl sagen, daß ich erschrak. Das +Ganze, in seiner Massenhaftigkeit, hatte etwas, wie wenn sich ein +Caraiben-Fest vorbereiten solle. Auf viel was Besseres lief es auch +wirklich nicht hinaus. Das Holz waren gespaltete Eichenrippen eines +gestrandeten Schiffes, in dem noch die großen rostigen Nägel steckten, +rostig vom Seewasser und langem Liegen im Regen. Der Alte packte einen +wahren Scheiterhaufen auf, schob einige Strohwische drunter und +verschwand mit der Versicherung, »daß es gleich brennen würde«. Es +brannte auch, aber wie. Große Massen Rauch schlugen in das Zimmer +hinein; ich begann zu blasen und zu pusten, opferte eine ganze +Schachtel Streichhölzer; alles umsonst; es blieb ein Schwelfeuer, die +Augen fingen an zu thränen und ich nahm endlich den Wasserkrug, um +dieser Herrlichkeit ein Ende zu machen. Mir blieb nichts als der +Cognac. Ich stürzte ein viertel Glas voll hinunter. Furchtbar. Wer aber +will dies blinde Vertrauen tadeln. + +Nach einer Stunde kam der Alte. Er sah listig genug aus; wenigstens +schien es mir so. Ich lehnte entrüstet jeden Conversationsversuch ab, +stellte die grünglasige dicke Bouteille auf den Scheiterhaufen, der +eigentlich nie gebrannt hatte, und forderte ihn auf, persönlich und +sachlich zu verschwinden. + +Das war es, was er gewollt hatte. Er nickte, packte alles auf seinen +Arm, steckte die Flasche in seinen weitabstehenden Westenflügel und +empfahl sich unter den landesüblichen Höflichkeitsformen. + +Ich höre noch sein »≈bon soir, Monsieur≈«. + + + + +4. Rasumofsky. + + Hier fragt niemand, was Einer glaubt, + Was nicht verboten ist, ist erlaubt. + Wallensteins Lager. + + +Bequartiert war ich nun; alles war da, nur die oberste Dienstcharge, +die zu besetzen war, war noch unbesetzt geblieben, — der Bursche fehlte +noch. Aber auch darüber wurde ich beruhigt. »≈Demain matin≈«. + +≈Demain matin≈ kam und beinahe gleichzeitig mit ihm erschien ein +Hausbeamter, um mir, vorbehaltlich meiner Zustimmung, meinen +zukünftigen Burschen, den Verwalter meiner Wirtschaft, vorzustellen, +Max Rasumofsky. Er gefiel mir auf der Stelle; daß er ein schwarzer +Husar war, besagten die Ueberreste seiner Uniform, daß er ein Pole war, +entnahm ich seinem Namen, daß er ein Schneider war, ergaben die ersten +Recherchen. Ich hatte also alles in ihm vereinigt, was man von einem +Burschen Tüchtiges erwarten kann: Husar, Pole, Schneider. Ich griff zu +und hatte meine Wahl nicht zu bereuen. Er war, was der militairische +≈terminus technicus≈ #schneidig# und #findig# nennt. Unschätzbare +Eigenschaften überhaupt; im Besondern auch hier. + +Seine »Schneidigkeit« fiel natürlich in die Zeit #vor# seiner +Gefangenschaft, und was die Beweise dafür angeht, so bin ich zum besten +Theile auf seine eigene Berichterstattung angewiesen. Wer aber viele +Leute hat erzählen hören, weiß bald, ob er Dichtung oder Wahrheit vor +sich hat. Rasumofsky war als »Spitze« in einen Wald eingeritten, hatte +Feuer bekommen und den Fehlschuß des nächststehenden Franctireurs mit +einem Treffer aus seinem Karabiner erwidert, aber dies erste Lächeln +des Sieges war auch das letzte gewesen. Wie aus einem Bienenkorb +schwärmten die feindlichen Schützen aus, hundert Kugeln pfiffen um ihn +her, eine riß ihm den Stiefelhacken weg und schlug klirrend den +Steigbügel in Stücke, er selbst war ungetroffen und die Möglichkeit der +Rettung lag noch vor ihm; da traf eine zweite Kugel die Kruppe seines +Schimmels, Pferd und Reiter stürzten und im nächsten Moment war er +umringt, gefangen. Ein junger deutsch sprechender Offizier, mit breiter +rother Schärpe, sprang auf ihn ein: »Warum hast Du geschossen?« »Wozu +hab’ ich denn meinen Karabiner? Wir kriegen die Waffen, um sie zu +gebrauchen.« Der Offizier lachte. »Was wird nun aus Dir.« »Nun, ich +werde todtgeschossen.« »Sei kein Narr; Du bist ein guter Husar und kein +Haar soll Dir gekrümmt werden.« Die Franctireurs nahmen ihn in die +Mitte, wickelten die lange Hängetasche um eine ihrer Flinten und +schleppten den Todtenkopf-Husaren im Triumphe fort. + +Wenn mir nun die Schneidigkeit Rasumofskys so gut wie gewiß war, so war +ich seiner #Findigkeit# ganz und gar sicher. Es war ganz unglaublich, +was er alles »gefunden« hatte, namentlich in den Tagen, die dem Siege +von Wörth unmittelbar folgten. Mehrere Spiele Karten, eine +Straußenfeder, ein schwarzer Schleier mit Goldsternchen, eine Flasche +Anisette. Diese war das Beste. Ein paar französische +Generals-Epauletten begleiteten ihn mehrere Tage und bildeten noch in +Oléron den Lichtpunkt seiner militairischen Erinnerungen, aber er +brachte es mit ihnen nicht über einen idealen Genuß hinaus, der zuletzt +zu einer freiwilligen Trennung führte. »Wo haben Sie sie denn +gelassen?« »Ich habe sie wieder weggeworfen.« Dabei klang nichts von +Klage oder Betrübniß mit ein; nur die Freude lachte ihm aus den Augen, +das blanke Spielzeug ’mal besessen zu haben. Das ist die echte +Findigkeit. Die Freude auch an dem, was man nicht brauchen kann. + +Ich wäre aber undankbar, wenn ich Rasumofskys Findigkeit lediglich in +die Vergangenheit stellen und übersehen wollte, daß dieselbe auch bis +in die Gegenwart hineinragt. Auch hier noch, unter den erschwerendsten +Umständen, »findet« er beständig, und zwar in echter Burschentreue +nicht für sich, sondern #mir# zu Liebe. Es tauchen Schuhbürsten, +Theelöffel, Lichtscheeren auf, deren Ursprung nachzuforschen ich +wohlweislich unterlasse; seine eigentlichste Begabung zeigt er aber im +Anfahren von Holz. Ich habe hierüber längere Unterredungen mit ihm +gehabt, in denen wir die feinsten Fragen berührt haben. Er hat mir +schließlich mit siegreicher Beredsamkeit auseinandergesetzt, daß mir +Holz geliefert werden #müsse#, daß eine bloße Verschwörung existire, +mich um täglich einen Franken zu bringen, und daß er die Verpflichtung +habe, diesen im Dunkel wühlenden Mächten entgegen zu arbeiten. Ich habe +endlich geschwiegen, was er als Zustimmung gedeutet hat. Seitdem +verfolgt er mit scharfem Auge jede morsche oder durchgetretene Diele, +das handbreite Loch durch einen raschen Griff um das Doppelte oder +Dreifache erweiternd; wer will in diesen dunklen Korridoren am Ende +nachweisen, ob der Schwamm oder die Ratten oder Rasumofsky dem ohnehin +immer geschäftigen Zahn der Zeit vorgegriffen haben? Die Asche im Kamin +ist schließlich stumm wie das Grab. Die Dielenausbeute verschwindet +aber neben dem, was die Fensterladen liefern. Rasumofsky hat nämlich +entdeckt, daß von den drei Querhölzern, die dem ganzen Fensterladenbau +erst Halt geben, mindestens eins entbehrt werden könne, und dies eine +(immer das schrägstehende, weil es das längste ist) ist dem Kamine +rettungslos verfallen. Wie die Laden selbst sich halten werden, wenn +erst die großen Stürme kommen, muß abgewartet werden. Vielleicht +erblüht uns aus ihrem völligen Zusammenbrechen eine neue Ernte. + +Es geht ein leiser Zug von Incorrektheit durch unsern gesammten Wandel +hier, und so kann es nicht überraschen, daß in dem Verhältniß zwischen +Rasumofsky und mir manches blos auf den Schein gestellt ist. Eine +gesellschaftliche Lüge, wie so vieles andere! Dieser Schein tritt in +nichts so hervor wie in der Kleiderreinigungsfrage. Jeden Morgen, wenn +das Feuer angezündet und das Theewasser in die ersten Kohlen gestellt +ist, tritt Rasumofsky mit einer gewissen Adrettheit an mein Bett, um +von der Stuhllehne den Rock, den Ueberzieher, die Beinkleider zu nehmen +und damit im Flur, wo sich auch wirklich ein großer Kleiderriegel +befindet, zu verschwinden. In kürzester Zeit ist er wieder da, so daß +ich mich überzeugt halte, daß er der gesammten Kleiderdreiheit nur eine +frische Brise und den Anblick der Morgensonne gönnt. Mit komischer +Sorglichkeit breitet er, bei seinem Wiedererscheinen, die drei +Kleidungsstücke über dieselbe Lehne aus, von der er sie eben entführte. +Dies wiederholt sich jeden Tag. Ich war einen Augenblick geneigt, +dieser Komödie ein Ende zu machen, aber ich habe mich eines Besseren +besonnen. Es ist ganz gleichgültig hier, ob der Rock blank ist oder +nicht, aber das #Prinzip# muß gewahrt und die Verpflichtung immer neu +anerkannt werden. So hat denn das Schauspiel seinen Fortgang. Zwei +Stunden später ≈mutatis mutandis≈ erlebt es seine Wiederholung. Ich +werde dann gebeten, eine halbe Stunde spazieren zu gehen, um durch die +Zimmerreinigungs-Procedur nicht gestört zu werden. Aber auch hier kommt +es ausschließlich zu einer Lüftung; dann ziehe ich in die alten lieben +Räume wieder ein. Die Ordnung der Dinge ist inzwischen durch keine +übergeschäftige Hand gestört worden. + +Wir leben gut, einträchtig, friedfertig mit einander, ich theile meine +Neuigkeiten und meine Mahlzeiten mit ihm, und mein Cognac-Conto bei Mr. +Vimenet, dem kleinen freundlichen Kaufmann in der Stadt, wird lediglich +ihm zu Liebe mit immer neuen Francs beschwert; aber all dies hat ihn +doch nicht veranlassen können, mir eine angemessene #Rang#stufe +anzuweisen. Er nennt mich »Herr Leutnant«. »Gleich, Herr Leutnant«, »zu +Befehl, Herr Leutnant«, damit muß ich mich begnügen. Meine Jugend kann +es nicht sein, die ihn hindert, mich avanciren zu lassen, ja er macht +nach #dieser# Seite hin völlig entgegengesetzte Bemerkungen, die auch +wieder weit über das Wünschenswerthe hinausgehen; es muß also irgend wo +anders fehlen. Ich habe dieser Thatsache gegenüber den einzigen, +leidigen Trost, daß sich alle Dinge im Leben nach einem +Ausgleichungsprinzip reguliren, und daß ich, vom Feinde ohne Verdienst +und Würdigkeit zum ≈Officier supérieur≈ ernannt, in dieser Degradirung +sich nur ein Gesetz ewiger Gerechtigkeit vollziehen sehe. + +In unsern politischen Anschauungen sind wir einig. Sie finden immer +wieder in dem Satze Ausdruck, daß der Friede unterzeichnet werden +müsse, damit wir Weihnachten zu Hause sind. Ob dabei Straßburg und Metz +wieder an Deutschland kommen, oder nur eins von beiden, hat uns noch +nicht lebhaft beschäftigt, am wenigsten entzweit. Ich habe ihn in +Verdacht, daß er eine mehr als ruhige Position zu dieser Frage +einnimmt. + +Sei’s drum. Das »Weihnachten zu Hause« steht wohl noch manchem +Gefangenen und Nichtgefangenen im Vordergrund. Die diesen Egoismus +abgethan haben und in großem Empfinden über sich selbst hinauswachsen, +#ihre# Zahl ist klein. + +Warum sollte Rasumofsky unter diesen Wenigen sein! + + + + +5. Blanche. + + Jung, + Auf dem Sprung, + Nicht bös, + Graziös. + + +Auch ein weibliches Wesen ist um mich her, das in meinem Haushalt die +Ergänzung zu Rasumofsky bildet. Es ist, um mich in Rückertschen +Anklängen zu bewegen, eine feine Reine, schlanke Kleine, die ich mit +Rücksicht auf ihre Erscheinung #Blanche# getauft habe. Sie ist ganz +weiß und nur auf der Stirne, als Zeichen edelster Abstammung, hat sie +einen braunen und schwarzen Tigerstreifen. Sie ist noch ganz Kind, ganz +unbefangen, faßt das Leben von der heiteren und Vergnügungs-Seite auf +und betrachtet sich selbst als bloßes Ornament des Daseins. Sie kennt +keine andere Pflicht als die, sich zu putzen und sich streicheln zu +lassen; sie könnte nach allem eine Engländerin sein. Nur ihrer Grazie +nach ist sie Französin. + +Ich engagirte sie zunächst aus bloßen Nützlichkeitsrücksichten und +erwartete von ihr, wie jetzt das Modewort lautet, einen »≈guerre +d’extermination≈« gegen den Erbfeind; aber niemals ist eine Erwartung +gründlicher getäuscht worden. Sie scheint kaum zu wissen, daß es Feinde +giebt, geschweige Erbfeinde; sie führt ihren Exterminations-Krieg gegen +Gardinenkanten, gegen alles, was Puschel oder Quaste heißt; über Nacht +aber, wenn der Feind seine Vorposten schickt, horcht sie auf, spinnt +dann einen Augenblick vergnüglich und schläft wieder ein. Dennoch — +dies Anerkenntniß bin ich ihr schuldig — übt sie einen gewissen +Einfluß, aber freilich ohne die geringste Ahnung davon; sie wirkt wie +das #Bild# des Tigers, das die Chinesen, zum Schrecken für den Feind, +an die Außenwand des Hauses stellen. + +Sie ist ganz Spielzeug und ich habe es längst aufgegeben, Ernsteres von +ihr zu erwarten. Es liegt nicht in ihr. Sie ist mir Schauspiel, +Augenweide, Circus-Schönheit, im Hoch- und Weitsprung gleich +ausgezeichnet, und den Tag über an der Klingelschnur zu Hause. Sie +behandelt dieselbe als Trapez, was sie ungehindert kann, da die +betreffende, aus Bast geflochtene Corde, das Schicksal der meisten +ihrer Schwestern theilt, eine bloße höchst fragwürdige Stubendekoration +zu sein. + +Blanche, wie gesagt, ist die Ergänzung zu Rasumofsky; was jener meinem +Geiste ist, ist diese meinen Sinnen. Wenn ich mit dem erstern, in jener +Simplicität, die alles Große begleitet, die Tagesangelegenheiten +behandle, also in rascher Reihenfolge die Fragen stelle: Wie ist das +Wetter? Was macht Paris? Nichts von Frieden? — so gehört mein #Auge# +ganz der kleinen Weißen, die wie ein alabasterner Briefbeschwerer auf +meinem Schreibtisch neben mir liegt. Nun erhebt sie sich, um zwischen +Uhr, Theetasse und Dintenfaß jene Spaziergänge auszuführen, die eben +nur jenem Geschlechte möglich sind, dem Blanche angehört. Werde ich +endlich ungeduldig, so weiß sie diese Ungeduld zu sänftigen. Der Tisch +hat einen Aufsatz von sechs Fächern, jedes nur so groß, um eine Hand +hineinzulegen. In alle sechs Fächer duckt sie sich der Reihe nach +hinein und blickt mich aus dieser Umrahmung schelmisch an. Das sind die +letzten Mittel, denen nicht zu widerstehen ist. + +Um 8 Uhr, nachdem wir unsern Thee genommen, für den sie eine +distinguirte Vorliebe zeigt, gehen wir zu Bett; sie ist aber noch nicht +müde und unterhält mich eine Viertelstunde lang durch die wunderbarsten +Capriolen. Um halb neun endlich, wo abwechselnd ein Trompeter von den +Schleswiger Husaren und den Garde-Ulanen auf den Kasernenhof tritt, um +die preußischen Cavallerie-Signale zu blasen, wird Blanche stiller und +schiebt sich, wie zu einer letzten Liebkosung, an meinen Hals zwischen +Kopf und Schulter. So vergehen Minuten. Eine Viertelstunde später tritt +aus dem Kasernenflügel gegenüber ein #französischer# Trompeter auf den +Hof hinaus und antwortet dem Preußen oder besiegelt den Appell. + +Nun weiß Blanche, daß es Zeit ist. Sie erhebt sich summend und spinnend +und legt sich am Fußende des Bettes auf die vierfach zusammengefaltete +Reisedecke. + +Das Feuer im Kamin erlischt. So schlafen wir bis die Reveille uns +weckt. + + + + +6. ≈Le Rempart.≈ + + Schon geht es, buntgeschuppt, in seiner Pracht einher; + Dem Goldfisch ist es gleich, dem blitzenden, das #Meer#. + Freiligrath. + + +Um 8 Uhr früh, oder wenig später, trat ich allmorgendlich auf den +Wallgang (»≈le Rempart≈«) hinaus, der sich auf dem 15 Schritt breiten +Terrain zwischen meiner Kaserne und dem Meere hinzog. Zehn Schritt von +diesen 15 gehörten einem langen, in zahllose Beete getheilten +Gartenstreifen an; auf dem 5 Schritt breiten Rest erhob sich der +»≈Rempart≈« selber. Dieser war nicht ein gewöhnlicher zugeschrägter +Wall mit Grasdossirung und einem Fußsteig oben, sondern ein aus +senkrechten Quadern aufgeführtes Mauerwerk, das, wahrscheinlich noch +aus der Vauban-Zeit stammend, mit Steinbrüstung und ausbuchtenden +Banknischen zwischen zwei Bastionen hinlief. Die Entfernung zwischen +diesen, also die ganze Länge des ≈Rempart≈, betrug 150 Schritt. Das +Bewegungs-Minimum, das ich mir Tag für Tag zum Gesetz gemacht hatte, +bestand in einem zehnmaligen auf und ab, wodurch ich es auf 3000 +Schritt brachte. Um nicht immer zählen zu müssen, hatte ich mir an +einem Ende des Ganges zehn weiße Steinchen auf die Brüstung gelegt, von +denen ich jedesmal eines zu mir steckte, bis ich durch war. + +Diese Morgenspazierzüge, denen ich, bei schönem Wetter, noch eine kurze +Mittags- oder Nachmittags-Promenade folgen ließ, waren meine besondere +Freude, und ich darf sagen, die schönsten und poetischsten Stunden +meiner Oléron-Tage auf diesem prächtigen ≈Rempart≈ zugebracht zu haben. +Je nach der Stunde, zu der ich heraustrat, fand ich Fluth oder Ebbe, +begrüßte ich das steigende oder das schwindende Meer. War Ebbe, so lag +der Wasserarm, der unsere Insel vom Festlande trennte, zur Hälfte wie +eine Sandbank da; die Boote und Luggerschiffe standen wie Spielzeug auf +dem von Rinnen und Wasserlachen durchzogenen Schlick; über diese +Schlickfläche hin aber, die Rinnen und Tümpel mit allerhand Bretterwerk +überbrückend, schritten die Schiffer und Schifferfrauen, ihren Fang +heimtragend oder zu neuem Fange sich rüstend. Mehr dem Ufer zu, +unmittelbar zu Füßen des Rempart, trieben die hochbeinigen Strandläufer +ihr possirliches Spiel; mit weißer Brust und schwarzen Flügeln, +trippelnd, pfeifend und nahrungsuchend, liefen sie heerdenweise über +den lehmigen Grund hin. + +Das war ein eigenthümliches Bild; aber groß und erhebend war es, wenn +nun die Fluth unhörbar herankam, immer wachsend, immer steigend, bis +die erste leise Brandungswelle das Mauerwerk des vorspringenden +Bastions und eine Minute später den Quadernfuß des zurückgelegenen +≈Rempart≈ traf. War nun ein grauer Tag, oder kämpften noch die +Morgennebel mit dem Licht, so zeigte das Meer, das in beständigem +Kommen und Gehen den Schlick aufrührte, eine gelbe, wenig anmuthende +Farbe, und die #Schönheit# des Bildes begann erst #jenseit# der +Wasserfläche, dort wo das Ufer drüben in leiser Windung einen Kranz von +Dünen und Dörfern und eingestreuten Kirchen flocht; zog aber die Sonne +siegreich herauf, so begannen nun jene Licht- und Farbenwunder, wie sie +nur der kennt, der von Stunde zu Stunde dem kaleidoskopischen Spiel des +Meeres und dem Beleuchtungswechsel seiner Ufer folgt. + +Die Landschaft drüben, graublau am Morgen, schimmerte Mittags wie in +Gold, bis sie bei untergehender Sonne tief in Roth sich tauchte; das +Meer selber aber, in noch rascherem Changiren, lief alle Töne der +Farbenskala durch, wenn diese Töne nicht gar (wie auch wohl geschah) +regenbogenartig #nebeneinander# lagen; chamoisfarben, grasgrün, +tiefdunkelblau glitzerte dann, wie eine Schlange, die leis sich hebende +Fluth. + +Nicht müde wurde ich dieser Farben und Bilder, und selbst an +Regentagen, die auch ihren Zauber hatten, versuchte ich es, auf kurze +Minuten hin, an dieser bevorzugten Stelle auszuhalten; nur die +#Sturmtage#, an denen im Monat November nicht eben Mangel war, fegten +mich gewaltsam vom ≈Rempart≈ hinunter, und zwangen mich, meinen +Morgenspaziergang unten auf dem zehn Schritt breiten Gartenstreifen zu +machen. Der Sturm heulte dann über mich hin. Aber auch sein bloßes +Drüberhingehen reichte schon aus, alles was hier unten noch grünte, +erzittern zu machen. Die letzte Malve, losgerissen vom Stock, schwankte +hin und her, die gelbe Studentenblume duckte sich noch ängstlicher +unter die in Samen geschossenen Salatstauden als an andern Tagen, und +der zarte Duft verspäteter Levkojen verflog unbeachtet in der +vibrirenden, oft wie vom Donner durchrollten Luft. Die Blumen lebten +hier Tag um Tag wie Gefangene, aber wenn der Sturm über sie hinfuhr, +waren sie vollends wie niedergetreten. + +Ein Gefangener ist empfindlich gegen solche Eindrücke. Sie los zu +werden, trat ich dann über die Treppenstufen rasch auf den Rempart +hinaus. Es wetterte; ich hielt den Hut mit beiden Händen, und der +Gischt sprang bis über die Brüstung. Aber ich athmete auf und sah nach +Osten hin, wo mir die Heimath lag und die Freiheit. + + + + +7. Mittag. + + Ein Schornstein raucht, der Wind steht her, + Ein warmes Dach, was braucht man mehr! + Mittag. + Scherenberg. + + +Der Vormittag, der dem Morgenspaziergang folgte, gehörte der Arbeit. +Himmlische Ruhe! Wie leicht, wie behaglich es aus der Feder floß! So +kam Mittag heran. + +Um 12 Uhr präcis klopfte es, und auf mein nach Gutdünken abgegebenes +»≈Entrez≈« oder »Herein«, erschien Madame la Cantinière, eine +freundliche, bleichsüchtige Frau, die nach unendlichen Knixen und +Begrüßungen und unter einem Schwall von Redensarten, aus denen ich mir +nur die Stichworte aussuchte, meine Hauptmahlzeit servirte. Diese +führte abwechselnd den Namen Dejeuner oder Diner, ohne daß die +wechselnde Bezeichnung den geringsten Einfluß auf die Sache selbst +geübt hätte. Ein Tisch existirte nicht; der Schreibtisch war +sakrosankt; so blieb denn nur die Kommode, die zum Zeichen ihrer +Doppelbestimmung, und so zu sagen als »Tischtuch in Permanenz«, eine +auseinandergefaltete Serviette trug. Einen Wechsel derselben hab ich +nicht erlebt. Auf diese Unterlage nun stellte Madame la Cantinière das +zusammengeklappte Tellerpaar, das wie eine große Muschel aussah, aber +in der Regel einen Kern barg, der, seinem ganzen Gefüge nach, alles +andere eher war als eine Molluske. An vier Tagen von fünf war es ein +Stück in die Pfanne geworfenes Rinderfleisch, ein Rundstück, mit +gedörrten Kartoffeln und Seesalz garnirt, an das ich nun ≈coûte qu’il +coûte≈ heran mußte. Ich zwang es auch in der Regel, wiewohl ich sagen +muß, daß es für das, was man mit funfzig Jahren von Zähnen noch übrig +hat, eine Schule und eine Prüfung war. Die genaue Vertheilung von einem +Korn Seesalz auf je ein Stück Kartoffel, etwa wie ein Conditor die +Törtchen mit Kirsche oder Pistazie belegt, gewährte mir dabei eine +kleine Unterhaltung. Ich machte es sorglich und gewissenhaft, das +jedesmalige Größenverhältniß wohl abwägend. Dazu trank ich Landwein, +der einen unglaublich schönen Namen hatte, aber nach dumpfem Faß +schmeckte und dem ich durch Zucker und Wasser aufzuhelfen suchte. + +Was die Arrangements angeht, so darf ich wohl hinzusetzen, daß ich +meine Mahlzeit nothgedrungen im Stehen einnahm, da die Kommodenkästen +keinen Stuhl gestatteten und daß ich (man erhält in gewöhnlichen +Lokalen immer nur eine #Gabel#) dies unvollkommene Besteck durch ein in +Besançon erobertes Klappmesser vervollständigte, dessen Klinge sich wie +Blech bog. Wie man es stellte, so stand es. + +Dies alles war die gebrechliche Seite des Diners, aber das Dessert +brachte alles wieder ins Reine. Ich schälte sorglich, nachdem das +Klappmesser in der Kaminasche einen Läuterungsprozeß durchgemacht +hatte, eine große Goldreinette, und begann nun, Scheibe auf Scheibe, +mit immer erneuter Freudigkeit zu genießen, während Blanche mit den +Schalen spielte und neben mir bereits das Wasser brodelte, das 10 +Minuten später braun und duftig in das von dem Landwein desinfizirte +Glas floß. Im Schlurfen des geliebten Trankes vergaß ich vieles, und +vieles stieg lächelnd und grüßend herauf. + +Die gebauchte Blechkanne aber, von einfach sinnreicher Construktion, +aus der mir so viele freundliche Minuten erblühten, ich habe sie als +Erinnerungsstück mit heimgenommen. + + + + +8. Theestunde. + + Den Erzähler indessen umwimmelt es, übers Knie + Beide Hände gefaltet in horchender Wißbegier; + Roland singt er, er singt das gefabelte Schwert Rinalds. + Platen. (Bilder Neapels.) + + +Von sechs bis acht war Theestunde und — Empfang. Man wußte das +schließlich in der ganzen Kaserne und so hatt’ ich denn meist um diese +Zeit Besuch. Mitunter drängte es sich, und in diesem Falle war es +nichts Kleines, mit drei Gläsern und einer Zuckerdüte das leibliche, +und mit Hülfe einer Unterhaltung, die vom Hundertsten aufs Tausendste +sprang, das geistige Bedürfniß der Gäste zu bestreiten. Aber dies alles +geschah doch im Ganzen nur selten, so selten, daß ich beinah glaube, es +unterblieb aus Rücksicht, und sobald Neu-Ankommende merkten »es ist +schon Besuch da«, kehrten sie einfach um. + +In der Regel kam man zu zweien, so daß wir uns zu Dritt an den Kamin +setzen konnten; Rasumofsky als dienender Bruder im Hintergrunde. Das +Hauptpaar waren zwei Einjährige, ein Bayerscher Chevauxlegers, Graf A., +und ein Frankfurter Dragoner, eines Großweinhändlers Sohn. Sie waren +sehr verschieden, aber jeder angenehm und tüchtig in seiner Art. Der +Dragoner, ein stattlicher Rheinfranke, hatte das Breite, Männliche des +ganzen Stammes; jener, der Chevauxlegers, war heiter, liebenswürdig, +und vor allem ganz blond, was mich bei seinem italienischen Namen und +seiner italienischen Mutter immer am meisten verwunderte. Beide +sprachen vollkommen französisch[1] und hatten, wie die sprachliche +Fähigkeit, so auch den moralischen Muth, jederzeit für die Interessen +ihrer Mitgefangenen einzutreten. Das machte sie natürlich beliebt. Bei +dem jungen Grafen kam noch hinzu, daß er keine Spur von Standesdünkel +zeigte; er half, unterstützte, interpretirte, aber in allem Uebrigen +war er einfacher Reitersmann, wie jeder andere. Es waren sehr +liebenswürdige junge Männer, fein, rücksichtsvoll, unterrichtet, aber +eines werden sie mir nicht übel nehmen: sie waren keine brillanten +Unterhalter, so daß ich mitunter einen schweren Stand hatte. Die +Conversation begann immer mit den Tagesfragen, die theils ihrer +Einfachheit, theils ihrer geringen Zahl halber, schnell erledigt waren. +Der Mensch wird in solchen Zeiten auf einen gewissen Naturstandpunkt +herabgedrückt; aller Luxus fällt ab; es handelt sich für Vornehm und +Gering um dieselben Dinge, und so nimmt auch die Unterhaltung +entsprechende Formen an. Es war kein Unterschied, ob ich mit Rasumofsky +oder mit diesen beiden feingebildeten Herren sprach; es wurden +dieselben Fragen gestellt, dieselben Bedenken, Klagen und Hoffnungen +laut. Es ist begreiflich, daß ein solches Fünf-Minuten-Material für +anderthalb Stunden nicht ausreichte, die Rede stockte, und da ich kein +Freund der »Ausschweige-Soiréen« bin, so fiel mir, wie schon +angedeutet, die nicht leichte Aufgabe zu, wie für den Thee so auch für +den Unterhaltungsstoff zu sorgen. Alle meine alten Steckenpferde mußten +aus dem Stall und nie hab ich in Völkerpsychologie und vergleichender +Stamm- und Racenforschung so geschwelgt, als an meinem Kamine in +Oléron. Wenn ich dann über die Weltherrschafts-Qualität der +germanischen Race, über die Nicht-Gefahr des Panslavismus, über die +Wellenbewegungen im Volksleben, über die eigentlichen und +uneigentlichen Demokratien meine freien Vorträge gehalten und der Graf +(darin ganz Graf) mit völligster Ungenirtheit sich ausgegähnt hatte, +zogen sich gegen acht die beiden Herren zurück und ließen mich mit +Rasumofsky und eine halbe Stunde später mit Blanche allein. + +Diese zwei Volontairs waren die Aristokratie der Gesellschaft. Es kamen +aber auch andre, gewöhnlich paarweise, ein Preuße und ein Bayer; immer +beste Freunde. + +Das #erste# Paar war Sergeant Polzin von den Schleswigschen Husaren und +Unteroffizier Vollnhals vom 11. bayrischen Regiment. Sie hatten den +Ueberfall von Ablis gemeinschaftlich durchgemacht und sich bei jener +Gelegenheit bewährt und gefunden. Es waren ein paar Typen Norddeutscher +und Süddeutscher Soldatenschaft. Polzin, wie schon sein Name angiebt, +ganz Pommer, stammte im dritten oder vierten Gliede aus einer +Sergeanten-, Gensdarmen- und Steueraufseher-Familie (auch eine Art +Adel), soldatisches Vollblut nach Abstammung und Trainirung. Wie so +viele Kinder solcher Beamten war er in #Annaburg# erzogen. Das sind die +Plätze, die, wie sie aus einer Eigenart heraus entstanden, nun diese +Eigenart auch weiter fortbilden. »Scharf aber jut«, dahin faßte Polzin +selber sein Urtheil über diese Militair-Erziehungsanstalt zusammen. Mit +Vorliebe sprach er vom Jahre 48, wo er, damals zehn Jahre alt, jedesmal +mit dem Gefühl auf Wache gezogen sei, daß sich die ganze Demokratie der +Nachbarschaft an seiner kleinen Bajonettspitze brechen werde. Seitdem +waren viele Jahre ins Land gegangen; er hatte Provinzen und Armeecorps +gewechselt; jetzt stand er in #Schleswig#. Er war stolz auf sein +Regiment, aber doch noch stolzer auf #Preußen#. »Diese Schleswiger — so +sagte er wohl, wenn er ans Fenster trat, und unten seine eignen +stattlichen Leute in hellblau und weiß über den Kasernenhof +hinschreiten sah — diese Schleswiger, sehen Sie, ein richtiger Preuße +is in solchen Kerl nicht ’reinzukriegen; nichts Adrettes, Strammes. +Aber das muß wahr sein, tapfer sind sie; sie stehen wie die Mauern. So +recht Kerle auf die man sich verlassen kann. Sie halten aus bis +zuletzt.« Uebrigens hielt sich Polzin, auch darin alt-preußischen +Traditionen huldigend, nur selten mit +#Thee# auf. Die Theestunde war für ihn ein bloßer Name. — Aus ganz +andrem Holze war Unteroffizier Vollnhals. Diese Bayern, wenn man sie zu +nehmen versteht und ihren kleinen Schwächen etwas nachsieht, vor allem +sich nicht über sie erheben will, sind überhaupt entzückend. Von ihrem +Muth red’ ich nicht erst. Er ist auch in diesem Kriege wieder +sprüchwörtlich geworden. Neben diesem Muthe aber haben sie noch etwas +Naives, das den Verkehr mit ihnen sehr angenehm macht. Sie haben alle +etwas Männliches, individuell Freiheitliches, und sind auf jede Gefahr +hin widerstandsbereit, wenn man das Letzte in ihnen herausfordert; aber +#bis dahin# sind sie wie die Kinder und haben vor jeder Potenz des +Lebens, es sei Amt, Wissen, Vermögen, einen ungeheuchelten Respekt. +Dies alles trat auch bei meinem Vollnhals hervor. Er wußte recht gut, +daß er sich bei Ablis wie ein Held geschlagen hatte und erzählte mir +lächelnd, daß die französischen Offiziere sich unter einander +angestoßen und sich zugeflüstert hätten »das ist er«, aber bei allem +Heldenthum und aller naiven Freude darüber, war er bescheiden und +dankbar für jeden Beweis von Aufmerksamkeit. + +Das #zweite# Paar war ein Gefreiter vom 96. Regiment, ein Sachse +(Altenburger), dessen Namen ich vergessen habe, und Sergeant Genzel von +den 10. Ulanen. Der Gefreite war ein guter, umgänglicher Mensch, aber +doch ein wahres Kreuz für mich. Man urtheile selbst. Ich liebe die +Sachsen, bin dankbar für glückliche Tage und Jahre, die ich unter ihnen +verlebte und habe vor ihrer Energie, Zähigkeit und +#Durchschnittsgebildetheit# allen möglichen Respekt; aber in dieser +letztern Eigenschaft steckt doch auch wiederum ihr Schreckniß. Lebhaft +und intelligent von Natur, gut erzogen und von Jugend auf mit +Zeitungslektüre und Kannegießer-Weisheit vollgestopft, treten sie mit +der größten Ungenirtheit an all und jede Frage heran und wissen ganz +genau, daß Freiheit der Kirche vom Staat, oder Freiheit der Schule von +beiden, oder Confessionslosigkeit, oder Kindergärtnerei einzig und +allein noch die Menschheit retten können. Sie haben immer eine +≈Revalenta arabica≈ oder einen Hoffschen Malz-Bonbon ≈in petto≈, womit +alle Schäden der Gesellschaft kurirt werden können. Während es in +Norddeutschland, namentlich an den Küsten hin, immer noch eine +Bauernweisheit giebt, giebt es in Sachsen einen allgemeinen +Winkeladvokatenschnack, der nach unten hin imponirt, nach oben hin aber +nervös macht. Von diesem Schnack leistete auch mein 96er sein +vollgewogen Theil. Er hatte in dem Reisebündel eines später +eingetroffenen Gefangenen ein »Dresdener Journal« vom 27. September +gefunden und mit Hülfe dieses zwei Monate alten Zeitungsblattes +terrorisirte er seine Mitgefangenen und löste alle schwebenden Fragen. +— Desto brillanter war Sergeant Genzel. Er war ein Halberstädter, also +#auch# sehr gebildet, aber denn doch aus ganz anderem Holze +#geschnitten. +Schon physisch. Ein großer, schöner Mann, breitschultrig, bärtig, der +immer, um Hauptes Länge alle anderen überragend, wie ein Halbgott über +den Kasernenhof hinschritt. Als ich ihn das erste Mal bei mir sah, +sprach er wenig und erzählte nur, wie er gefangen nach Orleans +hineingeschleppt worden sei. »Man warf mit Steinen, man spie vor mir +aus, und #Damen#, #nicht# Weiber, stürzten auf mich los und hielten +ihre kleinen weißen Fäuste mir drohend ins Gesicht. Ich schritt ruhig +weiter, aber in mir dacht’ ich unwillkürlich an unsern unsterblichen +Schiller und sprach halblaut vor mich hin: #da werden Weiber zu +Hyänen#.« Dies Citat hatte er wie eine Visitenkarte bei mir abgegeben, +und ich wußte nun, woran ich war. Er war von der höhern Ordnung. — An +anderen Abenden, die jenem ersten Besuche folgten, kam er dazu, seine +Schicksale, seine Gefangennehmung und die Gefechte, die dieselbe +begleiteten oder ihr vorausgingen, ausführlicher zu erzählen. Er that +dies ganz wie ein vornehmer Mann und legte in allem was er vortrug den +Accent immer auf die #Gesinnung#, nicht auf die That. Das bloße +Todtschlagen imponirte ihm gar nicht, im Gegentheil, alles Massacre +verletzte nur sein ästhetisches Gefühl. Er hatte einen Einzelkampf mit +einem Turco gehabt, der in eine Schmiede retirirte und sich hier mit +außerordentlicher Bravour vertheidigte. Endlich packte ihn Genzel und +spaltete ihm den Nacken. Aber in seinem Vortrag ging er rasch drüber +hin. Er liebte es nicht, auch noch seine Erzählungen roth zu färben. +Wie unser Schicksal übrigens so oft an unsrer Gesinnung hängt, so auch +bei ihm; — sein chevalereskes Empfinden hatte ihn in Gefangenschaft +geführt. Ein junger Offizier des Regiments verlor in der Attacke sein +Pferd. Genzel, verbindlich wie immer, sprang aus dem Sattel und +präsentirte das seine. Ein Dank, und weiter ging es in den Feind. Aber +nach fünf Minuten schon riefen die Signale zurück; man war in +Kartätschfeuer hineingerathen; kehrt, rückwärts! und der mächtige +Genzel trabte nun zu Fuß nebenher. Endlich verließ ihn die Kraft; unter +einem Blutsturz brach er zusammen. Er hatte in jener Unglücksstunde wie +seine Freiheit so auch seine Stimme eingebüßt; er sprach heiser +seitdem. Man schleppte ihn nach Orleans hinein, Frauen insultirten ihn +(wie schon erzählt), endlich trat ein Elsässer Offizier an ihn heran +und rief ihm zu: »wißt Ihr, was wir jetzt mit Euch machen könnten?!« +»Mit mir machen?« schrie der empörte Genzel, »#gar nichts# könnt Ihr +mit mir machen; #todtschießen# könnt Ihr mich und dafür will ich Euch +noch dankbar sein. Geht erst hin und lernt wie man einen anständigen +Soldaten behandelt.« Das half. Solche Anreden halfen immer. Wer zu +reden verstand, war durch. Das Wort ist in Frankreich eine größere +Macht als bei uns. + +Das #dritte# Paar, das Abends zum Thee kam, war Unteroffizier #Janeke# +von den Garde-Ulanen und Sergeant #Heglmaier# vom 6. oder 9. +Bayerischen Jäger-Bataillon. Doch bin ich der Zahl nicht sicher. Diese +waren ≈Inséparables≈ geworden, liebten sich schwärmerisch und machten +beständig Pläne, wie sie sich gegenseitig in München und Potsdam +besuchen würden. Janeke, persönlich äußerst bescheiden, hatte doch, +wenn er #Potsdam# nannte und seinem Freunde den großen Springbrunnen in +Aussicht stellte, ein ungeheures Gefühl von Superiorität, etwa wie wenn +er in der Lage wäre, den Vorhang von einer neuen Welt wegziehen zu +können. Heglmaier, ein oberbayrischer, rothblonder Mann, von besondrer +Gutmüthigkeit, ließ sich das alles gefallen. Er mochte denken: »der +Preuß ist fünfmal so stark als der Bayer, muß auch Berlin-Potsdam +fünfmal so schön sein als München.« Vielleicht aber dacht’ er auch gar +nichts, ja, ich halte dies für das Wahrscheinlichere. Er war nämlich +ein musikalisches Genie, und neben seiner Liebe zu Unteroffizier Janeke +füllten nur Virtuosenträume und Concertpassionen seine Seele aus. Ich +wurde durch eine feierliche Morgenvisite, die mir Janeke noch in den +letzten Tagen meiner Gefangenschaft machte, in diese Zustände seines +Freundes eingeweiht. Nach einer Vorrede hieß es: »ich sei mit dem +Kommandanten so gut wie befreundet; derselbe würde mir gewiß etwas zu +Gefallen thun. Heglmaier könne es nicht mehr aushalten; ich möchte also +den Antrag stellen, daß die #Insel Oléron nach einer Zither durchsucht +würde#. Heglmaier wolle dann ein Concert für die Verwundeten geben.« + +So waren die Paare, die sich abwechselnd zum Thee bei mir versammelten. +Mit herzlichem Vergnügen denke ich an jene Stunden zurück. Sie gönnten +mir Einblick in das Leben unsres Volks, in seine Kraft und seine Güte. + +[1] Unter den Gefangenen, auch schon in Besançon, befanden sich stets +sehr viele, die französisch sprachen. Dies hatte darin seinen Grund, +daß die Meisten weggefangene Patrouillen waren und daß zum Patrouillen- +und Recognoscirungs-Dienst, so lang es sich ermöglichte, immer +wenigstens +#ein# Französischsprechender genommen wurde. + + + + +9. Regentage. + + Du strebst vergebens des Menschen + Schon entschiedenen Hang und seine Neigung zu wenden, + Aber bestärken kannst du ihn wohl in seiner Gesinnung. + Göthe. (Episteln.) + + +Sturm- und Regentage, und ihrer waren nicht wenige, unterbrachen den +gewöhnlichen Tagesgang und gehörten vorwiegend der Arbeit und der +#Lektüre#. + +Der Lektüre! Unter gewöhnlichen Verhältnissen freilich hätt’ es +nothwendig schlecht damit stehen müssen, da ich nichts besaß als ein +kleines unterwegs aufgekauftes Eisenbahn-Coursbuch und eine drei Jahr +alte Nummer des Witzblattes »≈La Lune≈«, die ich in einem +Kommodenkasten leidlich wohlerhalten vorgefunden hatte. Der Leser mag +sich berechnen, wie weit das reichte. Es hätte aber keinen Kommandanten +aus Oléron geben müssen, wenn diese Verlegenheit eine dauernde hätte +sein sollen; — Capitain Forot hatte kaum von meinem Wunsche gehört, als +auch schon Rasumofsky erschien, um mir, mit Gruß und besten +Empfehlungen, drei Bücher zu überreichen, ein kleines, ein großes und +ein #sehr# großes. + +Mit dem kleinen wollt’ es nicht gehen. Ich glaube, es hieß »eine Reise +ins Freie« und schilderte in unangenehm pointirter Sprache eine rasche +Reihenfolge von Coupé-Aventuren: auflodernde Leidenschaft (natürlich +immer von unwiderstehlicher Gewalt), intervenirende Gatten, +≈high-life≈-Duelle, todtgeschossene Grafen etc. Noch ehe ich bis Seite +100 gekommen war, warf ich das Zeug in die Ecke. Es war mir um einen +Grad #zu# Französisch. + +Ich ging nun an das #große# Buch. Es war das »Memorial von St. Helena«, +das bekannte Tagebuch des Grafen Las Cases. Ich sage »bekannt«, aber +freilich wohl den meisten Menschen (wie mir selber) nur dem Namen nach. +Man muß gefangen sein, um dergleichen nachzuexerciren. Ich las mit dem +größten Interesse. Gleich die ersten Kapitel (die Einschiffung +Napoleons auf dem Bellerophon und die vorhergehenden Verhandlungen mit +dem englischen Capitain Maitland) versetzten mich genau in jene Insel- +und Städte-Gruppe, innerhalb deren ich mich jetzt befand; Einzelnes, +was ich auf den ersten Seiten dieses dritten Abschnitts über Oléron +gesagt habe, ist diesen Las Cases-Memoiren entnommen. Die Lektüre, +neben manchem anderen, hatte den besonderen Reiz für mich, daß sie in +einem gewissen, übrigens höchst pikanten Durcheinander des Stoffs, zu +einer Art General-Revue meines historischen Wissens wurde, zu einer +großen Repetition, bei der ich die Befriedigung hatte, leidlich gut zu +bestehen. Dieser Reiz steigerte sich noch dadurch, daß ich mich fähig +fühlte, mit Kritik zu lesen; selbst diesem #Quellen#buche gegenüber +glückte es mir, die Fehler, die Illusionen, die absichtlichen +Täuschungen zu erkennen. Nicht Frankreich hatte diesen 25jährigen +Riesenkampf verschuldet, sondern England. #Pitt# hatte diesen Brand +entzündet, halb aus nationalem Egoismus, halb aus +Legitimitäts-Donquixoterie. Das alles war so ruhig, so bestimmt gesagt, +durch Las Cases so überzeugungsvoll bestätigt, daß ich Tage lang in +meinem Innersten wie beunruhigt war. Ich mußte, während draußen Sturm +und Regen an die Fenster schlugen und Rasumofsky ein Scheit nach dem +andern auf den Herd legte, förmliche Kämpfe in mir durchmachen, hatte +aber die Freude, mit gestärkter Ueberzeugung zu meinen alten Fahnen +zurückkehren zu können. Das Nationalitätsprinzip hatte gegen den +Napoleonischen #Weltmonarchie#-Gedanken gestritten; — es wird noch auf +lange hin ein Ruhm Pitts bleiben, #jenes# siegreich vertheidigt zu +haben. + +Meine eigentlichste Freude war aber doch das »#sehr# große Buch«, in +dem sich nicht eigentlich lesen, sondern nur naschen ließ. Es war in +reicher Schale das süßeste Dessert. Wenn mir Las Cases anfing etwas zu +substantiell zu werden, so schob ich dies ≈pièce de résistance≈ bei +Seite, um von dem Confektteller und seinen Knallbonbons zu nehmen. + +Dieses »sehr große Buch« hieß Autographen-Album, war in rothen Maroquin +gebunden und enthielt, in Facsimiles, die handschriftlichen +Aufzeichnungen von mehr als tausend Personen, Celebritäten aus aller +Welt Enden, zu elf Zwölftel natürlich Franzosen. Deutsche fast gar +nicht. Ich gebe Einiges aus diesem Schatz. Die Personen, die jene +Aufzeichnungen gemacht, theilen sich, wie mir scheinen will, in sieben +Gruppen: die Historischen, die Ernsthaften, die Heiter-Graziösen, die +Falsch-Bescheidenen, die Bequemen, die Geistreichen und die bedenklich +Geistreichen. + +#Die Historischen#. Den Reigen eröffnet hier Louis Napoleon selbst, mit +einem am 5. Dezember 1848 geschriebenen Briefe. Es heißt am Schlusse +desselben: ≈Lorsque une révolution est dans le vrai elle produit de +grands hommes et de grandes choses, lorsqu’elle est dans le faux elle +ne produit que #du bruit et des larmes#.≈ Das war drei Jahre vor dem +Staatsstreich. Was lag alles dazwischen! Ich mußte unwillkürlich auch +an die #jüngste# Phase französischer Entwicklung denken: ≈Lorsqu’elle +est dans le faux, elle ne produit que #du bruit et des larmes#≈. Neben +diesen Zeilen des Vaters befindet sich eine leicht hingeworfene +Federzeichnung Lulus: alte Troupiers, die auf Wache ziehen. Darunter in +schöner, fast schon ausgeschriebener Handschrift: Louis Napoleon. + +Das nächste Blatt bringt Folgendes von der Hand des Bürgerkönigs: +≈J’abdique cette couronne que la voix nationale m’avait appelé à +porter, en faveur de mon petit-fils le Comte de Paris. Puisse-t-il +réussir dans la grande tâche qui lui échoit aujourd’hui. 24 Février +1848. #Louis Philippe#.≈ Dies »≈aujourd’hui≈«, 23 Jahre vertagt, ist +vielleicht +#heute#. + +Unmittelbar darunter: ≈Soldati. Ciò che offro a quanti vogliono +seguirmi eccolo: fame, freddo, sole, non pane, non caserne, non +munizioni, ma avvisaglie continue, stenti, battaglie, marcie forzate e +fazioni alla bajonetta. Chi ama la patriami seguite. #Garibaldi#.≈ So +schrieb er 1849. Der Zauber auch #dieses# Namens ist verblaßt. + +#Die Ernsthaften#. ≈La #modestie# est +une grande lumière, elle laisse l’esprit toujours +ouvert et le coeur toujours docile à +la vérité. #Guizot#.≈ + +≈#Le rationalisme#! c’est l’homme fait +Dieu à la place du Dieu fait homme. #Molé#.≈ + +≈Je ne puis refuser ma signature. Quant +à la prose et aux vers, n’y comptez pas. +J’adore Homère, Sophocle, Euripide, mais +les ingrats ne m’ont rien révélé. J. #Ingres#.≈ + +≈Sancta Maria, mater Dei, ora pro nobis +peccatoribus, nunc, et in hora mortis nostrae. +#Louis Veuillot#.≈ + +Dieser Anruf an die heilige Jungfrau ist mir in einem Autographen-Album +fast zu ernsthaft erschienen; das ostensive Karte-Abgeben als »Katholik +quand même« verstößt gegen den guten Geschmack. + +Viel beweglicher als diese Worte aus der kirchlichen Welt wirken die +nachstehenden aus der Bühnenwelt. Das Profane schlägt das Heilige. + +≈Lorsqu’on a mis le pied une fois dans +la fatale carrière du théâtre, il faut la parcourir +jusqu’au bout, épuiser ses joies et +ses douleurs, vider sa coupe et son calice, +boire son miel et sa bile; il faut finir comme +on a commencé, mourir comme on a vécu,≈ +≈mourir comme est mort Molière, au bruit +des applaudissements, des sifflets et des +bravos! Mais lorsqu’il est encore temps de +ne pas prendre cette route, lorsqu’on n’a +pas franchi sa barrière, il faut n’y pas +entrer. Croyez-moi sur mon honneur, +croyez-moi. #Frédérick Lemaître#.≈ + +Hieran reihen sich noch zwei Aufzeichnungen Duclercs und Odilon +Barrots, in denen sich zugleich eine tiefe politische Verstimmung, ein +Haß gegen das kaiserliche Gouvernement ausspricht: + +≈Les meilleurs gouvernements tombent, +mais — #les pires aussi#. #Duclerc#.≈ + +≈Silence, on nous écoute! l’an de grâce +1852. #Odilon Barrot#.≈ + +Das Album erschien Anfang der 60er Jahre, als das Kaiserthum auf der +Höhe seines Ansehens stand. Der Herausgeber hielt es deshalb für +nöthig, diesen Hohn Odilon Barrots mit einer spöttischen Bemerkung +seinerseits zu begleiten und fügte deshalb ziemlich witzig hinzu: »Mr. +Odilon Barrot ist bekanntlich der einzige #Odilon# in Frankreich, der +Herrn #Barrot# für ernsthaft nimmt.« + +#Die Heiter-Graziösen#. In dieser Gruppe +habe ich nur #einen# Namen zu verzeichnen: Eugène Scribe. Auf den +verschiedensten Blättern des Albums fand ich seine Signatur; fast immer +waren es vierzeilige Verschen, immer Ausdrücke des liebenswürdigsten +Naturells. + + ≈#Sur un parapluie#. + Ami commode, ami nouveau + Qui, contre l’ordinaire usage, + Reste à l’écart, quand il fait beau, + Et se montre les jours d’orage!≈ + +Seiner in der Nähe von Paris erbauten Villa hatte er folgende, in +diesem Album von ihm wiedercitirte Inschrift gegeben: + + ≈Le théâtre a payé cet asyle champêtre, + Vous qui passez, merci! je vous le dois peut-être.≈ + +#Die Falsch-Bescheidenen#. Hier begegnen wir einigen Namen und +Berühmtheiten ersten Ranges: + + ≈Mon nom n’est point digne de figurer +dans un recueil. #V. Broglie#.≈ + + ≈Ni le mien non plus. #George Sand#.≈ + + ≈Ni le mien non plus. #Eugène Sue#.≈ + +Alle drei finden aber rasch ihre Verurtheilung. Gleich der folgende +(Viennet) schreibt unter die drei Bescheidenen: ≈O triple orgueil≈, und +Charles Filipon geht noch einen Schritt weiter und fügt hinzu: +≈Farceurs!≈ + +#Die Bequemen#. Die Gruppe dieser ist +sehr groß. Sie besteht zunächst aus solchen, die, kritiklos und +mittelmäßig beanlagt, sich keinen Augenblick geniren, den allergrößten +Gemeinplatz niederzuschreiben. Hier befindet sich denn auch der einzige +Deutsche, der gewürdigt worden ist, einen Platz in diesem Album +einzunehmen, #Johannes Ronge#. Er schrieb: #Saarbrücken#, den 8. +Februar 1863. Keine Verdammung, keine Ketzer mehr. Es giebt nur einen +Gott für alle Kirchen und alle Völker. Es ist nicht leicht möglich, +trivialer zu sein. Einem Franzosen gelingt es aber schließlich #doch#: +≈Aimons-nous les uns les autres. #Havin#.≈ Hoffen wir, daß diese Worte +wenigstens in Damengesellschaft geschrieben wurden. + +≈L’esprit n’est jamaix vieux tant que le +coeur est jeune. #Paul Lacroix#.≈ + +≈La jeunesse n’a pas assez souffert pour +savoir consoler. #Legouvé#.≈ + +Zu dieser Gruppe der »Bequemen« gehören aber vor Allem auch diejenigen, +die (weil beständig in Autographen-Contribution genommen) ihren +bestimmten Album-Vers ein für allemal bei sich führen und jahraus +jahrein mit denselben Vierzeilen debütiren. + + ≈Au clair de la lune, + Mon ami Pierrot, + Prête-moi ta plume + Pour écrire un mot.≈ + ≈#Jules Sandeau#.≈ + + ≈C’était, dans la nuit brune + Sur le clocher jauni, + La Lune + Comme un point sur un J.[2]≈ + ≈#Alfred de Musset#.≈ + + ≈La cigale ayant chanté + Tout l’été + Se trouva fort dépourvue + Quand la bise fut venue.≈ + #≈Jules Janin.≈# + +Der Herausgeber fügt in Betreff dieser drei scherzhaft hinzu: »≈Se sont +donné le mot pour ne pas perdre de #copie#.≈« + +Wir haben solche Album-Versler, die das »Copie-Recht nicht verlieren +wollen«, namentlich auch in Deutschland. Einfälle, Impromptus sind +nicht unsere starke Seite. + +#Die Geistreichen#. Es hätte kein #französisches# +Album sein müssen, wenn diese Gruppe nicht am stärksten vertreten +gewesen wäre. Vieles war entzückend. + + ≈Je me résigne et je signe.≈ + ≈#Montalembert#.≈ + + ≈Je ne sais quoi dire et j’en fais l’aveu.≈ + ≈A. #Thiers#.≈ + + ≈Le goût est le sentiment prompt d’un + esprit bien fait.≈ + ≈Le Duc #de Noailles#.≈ + + ≈L’esprit qu’on veut avoir, gâte celui + qu’on a.≈ + ≈Le prince #de la Moskowa#.≈ + + ≈J’en fais moi-même en ce moment la + triste expérience.≈ + ≈#de Persigny.#≈ + + ≈Ce n’est pas la fortune qui vient en + dormant, c’est le terme.≈ + ≈Emile Marco #de St. Hilaire.#≈ + + ≈Les hommes se suivent et ne se ressemblent + pas.≈ + ≈#Carnot#≈ (Sohn des alten). + + ≈L’or est une chimère pour celui qui + n’a pas le Sou.≈ + ≈#Peupin#≈, Uhrmacher, + später Tresorier der Kaiserin. + + ≈Quelle est la femme qui ne fait pas ce + qu’elle dit? Celle qui jure de n’aimer jamais, + ou d’aimer toujours.≈ + ≈#Charles Briffault.#≈ + +Also etwa: + +Welche Frau hält gewiß nicht, was sie verspricht? Die, die da schwört, +niemals zu lieben oder immer. + + ≈L’amour est comme l’opéra. On s’y + ennuie, mais on y retourne.≈ + ≈#Gustave Flaubert#.≈ + (Verfasser von »Madame Bovary« und »Salambo«.) + + ≈Il est plus facile de #faire# ce qu’on + doit, que de le #payer#.≈ + ≈#Jacques Herz#, frère de Henri.≈ + + ≈#Rêver#, c’est le bonheur; #attendre# + c’est la vie.≈ + ≈#Victor Hugo#.≈ + +Die Auswahl, die ich hier getroffen, ließe sich verzehnfachen. Nur sehr +selten überschlägt sich die Geistreichigkeit. Ein Schriftsteller +dritten Ranges schreibt einfach seinen Namen und fügt hinzu: ≈Mon nom +est assez≈. Noch weniger angenehm berühren die Worte der Rachel: + +≈Oh, réclames!! Avis aux lecteurs. Je rentrerai à la comédie française +Samedi≈ ≈prochain par le rôle de Phèdre. Paris, 18. Novembre 1849.≈ + +Die Rachel, deren häßliche, vor #nichts# zurückschreckende Gewinnsucht +ein öffentliches Geheimniß war, durfte solchen Scherz nicht wagen. + +Ich schließe mit den handschriftlichen Aufzeichnungen zweier Engländer: +≈All that I could say of my books, I have said in them. +#Charles Dickens#.≈ Wie liebenswürdig! + +In derselben Gesellschaft befand sich auch der »Vater der Friedens- und +Manchester-Schule«. Aufgefordert, sich ebenfalls einzutragen, schrieb +er einfach: + +≈Richard Cobden. Paris, 30. Auguste 1849.≈ + +Ganz charakteristisch. In allem der ≈Matter-of-fact≈-Mann! + + +[2] In #Freiligraths# vorzüglicher Uebersetzung, die fast das Original +schlägt: + + Den Mond durch Nebel scheinen + Hoch überm Thurme sieh’, + Wie einen + Punkt über einem i! + + + + +10. Der Ueberfall von Ablis. + +#Schleswiger Husaren und elf vom 11. Bayrischen +Regiment.# + + Wir standen, keines Ueberfalls gewärtig, + Bei Neustadt schwach verschanzt in unsrem Lager, + Als gegen Abend, unser Vortrab fliehend + Ins Lager stürzte, rief, der Feind sei da. + (Wallenstein.) + + +Von 6 an war Plauderstunde. Dann kamen, wie schon in einem früheren +Kapitel erzählt, die Avantageure, Sergeanten und Unteroffiziere (meist +Cavalleristen), um, ein Glas Thee in der Hand und die Füße am Kamin, +die Tagesereignisse durchzusprechen: wer krank sei? wer gestorben sei? +ob es noch lange dauern werde? ob der Cantinier den Cours des +Papierthalers abermals um 5 Sgr. herabgedrückt habe? ob die angesagten +Oefen und Strohsäcke eine Wirklichkeit werden oder eine Mythe bleiben +würden? Es waren nicht gerade welterschütternde Fragen, die uns +beschäftigten und die an zweiten und dritten Abenden mit derselben +Hingebung behandelt wurden, wie am ersten; die Hauptunterhaltung +blieben aber doch die Kriegsabenteuer, namentlich die Momente der +#Gefangennehmung#, und aus der Fülle von Stoff, der damals vor mir +ausgeschüttet wurde, geb ich das Nachstehende. + + +Sergeant #Polzin# erzählt: + +Unsere Division (Herzog Wilhelm von Mecklenburg) lag in Rambouillet. +Wir waren 5 Regimenter stark: Brandenburgsche Kürassiere, Fürstenwalder +Ulanen, Zieten-Husaren, — das waren die alten; dazu zwei neue: die 15. +Ulanen und die 16. Husaren, beides Schleswig-Holsteiner. Ich stand bei +den 16. Husaren, 3. Eskadron. + +Am 7. Oktober Mittags wurden wir allarmirt und auf einer der nach +Chartres führenden Chausseen (nicht auf der Hauptstraße) bis zum Dorfe +#Ablis# vorgeschoben. Wir waren die äußerste Spitze. In Chartres stand +der Feind. + +Es mochte 5 Uhr sein, als wir in Ablis einrückten; es dämmerte schon. +Wir suchten das Dorf ab, fanden nirgends Verdächtiges, besetzten die +nach Süden zu gelegenen Gehöfte und stellten Doppelposten an die vier +Ausgänge des Dorfes. Das sah sehr gut aus und konnte einen Rekruten +beruhigen, aber nicht einen Alten. Es war ein Fehler von Grund auf. +Unser Rittmeister behandelte uns wie Infanterie; wir waren aber nicht +hierher geschickt worden, um Schützen oder Jäger zu spielen. Wir waren +#Husaren#; wir mußten Spielraum haben. Statt dessen hatten wir +#Barrikaden#. Unsinn. Sie kamen uns später theuer genug zu stehen. + +Um 9 Uhr — wir lagen schon bei unseren Pferden —rückte noch eine +Unterstützung für uns ein: 60 Mann vom 11. Bayrischen Regiment. Nun +sicherlich wär’ es an der Zeit gewesen, unsere Husaren wieder zu +Husaren zu machen und nach allen vier Seiten hin Vedetten zu stellen +und Recognoscirungspatrouillen auszuschicken; aber nichts von dem allen +geschah. Wir sollten als »Infanterie« zu Grunde gehen. + +Eine halbe Stunde später nach Einrücken der Bayern schlief alles fest. +Ich allein wachte. Ich hatte in dem Gehöft, in dem wir lagen, den +ganzen Abend über ein Kommen und Gehen bemerkt, ein Tuscheln und +Flüstern und dann wieder ein rasches Abbrechen, wenn sie sich +beobachtet glaubten; — das ganze Nest war mir unheimlich vorgekommen; +es stand fest in mir, daß es was geben müsse. Bei jedem Geräusch +horcht’ ich auf; aber es war nichts. Ich hört’ es noch Mitternacht +schlagen; dann fiel ich in tiefen Schlaf wie die andern. + +Es mochte 3 Uhr sein, als es an die Stallthür pochte; klick, klack. Ich +sprang auf und rief noch in halbem Schlaf: »gleich, gleich«; aber +während ich noch auf die Stallthüre zutappte, steigerte sich das +Klopfen so, daß es kein Klopfen sein konnte; klick, klack; wie wenn +Steine aufs Dach fallen. Jetzt wußt ich was los war; ’raus Kerls, wir +sind überfallen«. + +In meinem Stall lagen 10 Mann. Wie ein Wetter waren sie auf; aller +Schlaf wie weggeblasen; Karabiner in Hand stürzten wir hinaus. Als wir +in die Dorfgasse traten, stand schon alles im Gefecht. Von rechts her, +aus der Mitte des Dorfs, wo die beiden Gassen sich schneiden, hörten +wir das Commando der Bayrischen Offiziere, von links her blitzten die +Karabinerschüsse der Unseren, oder leuchtete mitunter das Blau und Weiß +der Uniformen. Der Feind schien überall. Im Einverständniß mit den +Bewohnern drang er weniger durch die Eingänge des Dorfs, als durch die +Häuser und Gärten vor; aber noch war nicht alles verloren. Die Bayern, +ersichtlich, hielten Stand; ja, wir konnten hören, daß sie Terrain +gewannen. Wir riefen uns einander zu. Wenn wir jetzt als richtige +Husaren, unsere Pferde unterm Leibe, in die zerstreut kämpfenden Feinde +hineingefahren wären und in immer wiederholtem Auf- und Niederjagen die +beiden Dorfstraßen leer gefegt hätten, während die Bayern die vier +Eckhäuser am Kreuzungspunkt besetzt hielten, so wären wir vielleicht +durch gewesen. Aber die verd... Barrikaden! Keine 50 Schritt freie +Bewegung. Wir scheiterten, weil wir uns statt auf die Pferde, auf den +Karabiner verlassen mußten. Jeder kann nicht jedes. + +So knatterte es hin und her. Unsere dünne blaue Linie wurde immer +dünner; die anstürmenden Franctireurs drängten uns von der Straße auf +das Gehöft, von dem Gehöft in die Ställe; hier standen wir jetzt +rathlos bei unsren Pferden; von außen her, durch Thüren und Luken, +knallte der Feind aufs Gerathewohl in die dunklen Räume hinein. +Unteroffizier Balzer, eines reichen Gutsbesitzers Sohn, unser Aller +Liebling, sprang, als er Mann und Pferd neben sich fallen sah, mitten +in den Haufen der Draußenstehenden hinein und rief: Pardon! Sein gutes +Gesicht, seine bittende Stimme schienen ihn retten zu sollen: der +Zunächststehende setzte das Gewehr ab und sah ihn an; aber im selben +Augenblick sprang ein Zuave vor und jagte ihm mit einem Deutsch +gesprochenen »stirb Hund« die Kugel durch den Kopf. + +Wir andern kapitulirten. Alle Offiziere waren todt; wir waren noch 56 +Mann. + + +#Corporal Vollnhals erzählt#: + +Wir rückten um 9 Uhr ins Dorf, drin wir die Schleswiger Husaren schon +vorfanden. Wir waren 60 Mann unter Oberlieutenant #Schneider# vom 11. +Regiment, 1. Bataillon (Regensburg). Die Ausgänge waren von den Husaren +besetzt; wir verdoppelten die Posten, legten eine Feldwache von 30 Mann +nordwestlich und bezogen mit dem kleinen Rest, der uns blieb, +Allarmquartiere in der Mitte des Dorfs. Ich war im Dorf. + +Um 3 Uhr knatterte es draußen. Der Feind griff von allen Seiten +gleichzeitig an; so hieß es denn Knäuel bilden, um die Zurückgehenden +aufnehmen und den Feind, woher er auch komme, erwarten zu können. +Unsere ausgestellten Posten waren sämtlich weggeschossen worden; die +zurückgehende Feldwache hatte schwere Verluste gehabt, so musterten wir +denn nur noch 40 Mann. Mit diesen galt es jetzt das Dorf zu halten. +Nach Süden hin, in geringer Entfernung, standen die Husaren. + +Eine Viertelstunde lang ging es. Wir attakirten mit dem Bajonet und +drängten das, was uns gegenüber stand, mehrmals bis an die +Einfassungsmauer zurück; aber jedesmal wenn wir anschlugen, um eine +volle Salve in den dichten Haufen hinein abzugeben, hieß es aus dieser +Masse heraus: »schießt nicht Kinder, wir sind ja Preußen«. Im selben +Augenblick trafen uns Kugeln von #hinten# her. Nun machten wir Kehrt, +glaubten wirklich den Feind blos im Rücken und in unsrer Front die +Preußen zu haben, aber im selben Moment, wo wir die Schwenkung gemacht, +umzischten uns auch schon wieder die Kugeln unserer vermeintlichen +Deutschen Brüder. Wir wußten nicht ein noch aus, und zuletzt von Wuth +und Todesangst getrieben, schossen wir blind in alle Haufen hinein, um +dem Spiel ein Ende zu machen. + +Aber das Spiel war uns bereits theuer zu stehen gekommen. Alle +Offiziere todt. Als ich jetzt an dem Straßenkreuzungspunkte mich +umschaute, sah ich, daß wir nur noch 15 Mann waren. Ich war der einzige +Chargirte und übernahm das Commando. Von allen Seiten gedrängt, zog ich +mich in das zunächst gelegene massive Haus zurück und besetzte den +ersten Stock, nachdem ich die Thür unten, so gut es ging, verrammelt +hatte. An jedem Fenster 4 Mann. Ich postirte sie schräg hinter dem +rechten Pfeiler, so daß sie gedeckt standen und einen sichern Schuß +hatten. Der Himmel war mit uns. Bis dahin war es dunkel gewesen; jetzt +aber dämmerte es, und der erste über die Dächer kommende Tagesschimmer +fiel so hell auf unsere Läufe, daß wir das Korn sehen und scharf zielen +konnten, während die Franzosen unten im Halbdunkel standen. So ging es +fort bis alle Patronen verschossen waren; unser matter werdendes Feuer +hatte ohnehin dem Feinde schon verrathen, wie’s mit uns stand. In +diesem Augenblick rückte die Masse drüben zum Sturme vor; noch einen +letzten Schuß gab ich ab; dann hörten wir wie unten die Fenster und +Hinterthüren eingestoßen wurden und alles treppan lärmte. Eine Salve in +unser Zimmer hinein; vier von meinen Leuten stürzten; ein Chasseur +packte mich beim Kragen und schüttelte mich. Ich stieß ihn in eine Ecke +zurück. Wüthend setzte er mir das Gewehr auf die Brust und drückte los, +während ich eben den Lauf an der Mündung gefaßt hatte. Die Kugel riß +mir die Spitze des kleinen Fingers fort. Jetzt mußte sich’s +entscheiden. Wir wollten uns eben an den Hals fahren, als ein Offizier, +so viel ich verstehen konnte ein Pole, zwischen uns sprang und mich +rettete. Er erklärte uns alle »als in seinen Schutz gestellt«, und als +er sah, daß wir nur noch 11 Mann waren, lobte er uns. Mir nickte er zu, +was er jedesmal wiederholte, wenn er später an mir vorüberkam. + + +#Sergeant Polzin erzählt weiter#: + +Um 5 Uhr früh war alles was von uns noch übrig war, in dem großen +Gastzimmer des einen Gehöftes versammelt; Husaren und Bayern, alles +bunt durcheinander. Verwundete gab es nicht; wenigstens haben wir +nichts davon gehört. + +Es war eine wunderliche Beleuchtung; Kaminfeuer und ein halbes Dutzend +Lichter, auf Blaker und Flaschen gesteckt. Zwei oder drei dieser +Lichter standen auf einem großen runden Tisch, der an ein +offenstehendes Fenster gerückt worden war; Tageslicht drang ein. Wir +athmeten auf in dieser Morgenfrische. Auf dem Tische selbst lag alles +aufgeschichtet, was man den Todten draußen an Geld und Geldeswerth +abgenommen hatte; jetzt mußten auch wir deponiren, was wir in unseren +Taschen hatten. Mitunter half eine Franctireur-Hand nach und +beschleunigte die Untersuchung. Nun ging es an ein Sortiren und +Theilen. Ein Zehnthalerschein, dessen Werth der großen Mehrzahl ein +Geheimniß war, wurde verächtlich bei Seite geschoben. In demselben +Augenblick aber fuhr durch die dem Tisch zunächst stehende +Franctireur-Mauer eine Hand hindurch, griff nach dem Schein und sagte +mit unverkennbarem Accent: »#dir# kann ich jrade brauchen«. Es war eine +Art Elite-Corps, mit dem wir es zu thun gehabt hatten, +Fremdenlegionaire, Abhub aus aller Herren Länder, Italiener, Polen, +Hannoveraner, und — wie überall in der Welt — auch Berliner. + +Von Geldeswerth war uns allen nur eines geblieben: einem meiner Husaren +hatte ein Seitenschuß die ganze Uhr aus der Kapsel herausgeschossen; an +seiner Uhrschnur hing nichts als die silberne Schale. In gutem Humor +hatte man sie ihm als »Andenken an Ablis« überlassen. + +Wir erhielten einen Frühtrunk und einen Bissen Brod; dann ging es auf +Chartres zu. Unter dem Jubel der Bevölkerung zogen wir ein. + +Gegen Abend sahen wir von unserem Gefängniß aus, daß sich der Himmel +gegen Norden hin röthete. Wir ahnten was es war, drei Tage später +#wußten# wir es. Die ganze Division war von Rambouillet aus gegen Ablis +vorgerückt, um das Dorf für seinen Verrath zu strafen. In weitem Kreise +standen die Regimenter; dann feuerte die reitende Batterie ihre +Brandgranaten in das unglückliche Dorf, und am andern Morgen war Ablis +ein Aschenhaufen. + + + + +11. Drei von den 3. Garde-Ulanen. + + Sie preschten zurück in vollem Galopp, hopp, hopp, + Daß an der Lanze das Fähnlein stob, hopp, hopp, + Leb wohl, leb wohl, lieb Kamrad mein, + Es mußte doch mal geschieden sein, + Ach ja, + Er stürzte vom Pferde allda. + G. Hesekiel. + + +#Unteroffzier Janeke erzählt#: + +Wir lagen bei dem Dorfe Villaines, zwei Meilen nördlich von St. Denis. +Am 3. November früh erhielt ich Ordre, mit vier Mann einen +Recognoszirungsritt bis Ecouen und Sarcelles zu machen und Nachricht zu +bringen, #ob# sie besetzt seien, #wie stark# und #womit#. Das große +Dorf Ezonville war halber Weg. Hier sollte das Absuchen beginnen. »Es +ist nicht #wahrscheinlich#, daß sie schon in Ezonville stecken, aber es +ist +#möglich#. Also aufgepaßt. Und nun mit Gott.« + +Wir ritten aus; es nebelte noch. Das erste Dorf, das wir passirten, +hieß Villiers-le-Sec, das zweite Lemesnil-Aubry; der Nebel war +inzwischen gefallen und Alles versprach einen klaren Tag. Wir trabten +nun auf das +#dritte# Dorf zu. Es war Ezonville. Sein heller Kirchthurm blinkte +#schon +durch die Pappeln. + +Als wir dicht heran waren, stießen wir auf drei Mann von unserer 5. +Escadron, die schon vor uns ausgeritten waren. Der Gefreite machte +Meldung und stellte sich unter mein Commando. Ich hatte nun 7 Mann und +war guter Dinge; mit sieben Lanzen ist schon was anzufangen. + +Ich theilte jetzt meine Streitkräfte in zwei Seiten- und eine +Mittel-Patrouille. Die Mittel-Patrouille (für das Dorf bestimmt) war +die Hauptsache. Diese führte ich selber und suchte mir zwei Mann dazu +aus, die beiden besten. Ich sagte mir so: die drei von der 5. Escadron +mögen gut sein, aber du kennst sie nicht; deine eigenen kennst du: +Rabinsky is ein Deubelskerl, aber Pollacke und unzuverlässig; +Pottmüller is willig, aber noch ein halber Rekrut; bleiben dir noch +Sattler Gemke und der rothhaarige Schindler; #die# nimm, die sind jut. +Und so nahm ich mir denn Gemken und Schindlern; die drei von der 5. +schickt’ ich links um das Dorf rum; Rabinsky und Pottmüller rechts. + +Sattler Gemke hatte die Spitze; dreißig Schritt hinter ihm Schindler +und ich; so ritten wir in das Dorf ein. Ich kannt’ es schon von Mitte +Oktober her, wo wir bei hellem Mittagsschein durchgekommen waren. Ein +langes Dorf, blos zwei Reihen Häuser; in der Mitte die Kirche mit einem +Platz. Ich hatt’ es noch gut in Erinnerung. + +Die ersten Gehöfte in ihrem weißen Anstrich und mit den Vorgärten, in +denen noch das bunte Laub hing, sahen freundlich genug aus; aber in +jeder Thür stand ein altes Weib, was mir all mein Lebtag nichts Gutes +bedeutet hat. Ich ritt an die erste heran und fragte: »Franctireurs?« +worauf sie mit dem Kopf #schüttelte#, nach Süden hin zeigte und blos +immer wiederholte en bas. Ich sagte »Dank, Mütterchen«, ritt auf die +zweite zu und fragte wieder »Franctireurs?« worauf diese mit dem Kopfe +#nickte#, auch nach Süden zeigte und auch wiederholte en bas. + +Ich war jetzt ärgerlich; die eine schüttelte, die andere nickte; ich +warf ihr also einen altmärkischen Morgengruß an den Kopf, den ich hier +nicht wiederholen will. Vielleicht hatte sie’s gut mit mir gemeint. Es +ist schlimm, wenn man sich in fremden Sprachen vernachlässigt hat. + +Gemke war uns jetzt erheblich vorauf. Schindler und ich ritten rechts +und links an den Gehöften vorbei; wo es möglich war, hielten wir uns so +dicht an den Häusern hin, daß wir in die Fenster des ersten Stocks +hineinsehen und den Flur und die Zimmer mustern konnten. Aber nirgends +zeigte sich etwas Verdächtiges; die Dorfstraße war leer, die Gehöfte +wie ausgestorben; nur Kinder spielten im Hof. Männer schien es nicht zu +geben. + +So waren wir an der Kirche vorbei bis an die letzten, schon vereinzelt +stehenden Häuser gekommen und wollten eben auf Ecouen und Sarcelles zu +uns in Trab setzen, als zwei Schüsse fielen, und Gemke, sein Pferd +herumwerfend, in voller Carriere auf uns zu sprengte. Er hielt seinen +linken Arm in die Höh’, der stark blutete. Jetzt wußt’ ich Bescheid. +»Gemke« rief ich ihm zu »helfen is nich; Sie müssen sehen wie Sie +durchkommen; immer querfeldein; Gott verläßt keinen Ulanen nich.« Ich +sah noch wie er über den Graben setzte. Schindler und ich aber machten +Kehrt und jagten wieder zurück in das Dorf hinein, das wir eben erst +verlassen hatten. + +Welch Wechsel! Die Gasse stand jetzt so vollgepfropft als ob Jahrmarkt +oder Hinrichtung wäre. Es war auch so was. Durch diesen Menschenhaufen +mußten wir hindurch. Es schien glücken zu sollen. Die ganze Masse war +ersichtlich noch nicht recht in Ordnung; nur einzelne Schüsse fielen. +So kamen wir bis an den Kirchenplatz, wo die Straße nach links hin +ausbuchtet. Hier war alles leer; ich that einen vollen Athemzug und +dachte so vor mich hin: Janeke, das war überstanden. + +Aber ich hatte mich verrechnet. In der zweiten Dorfhälfte hatten sie +derweilen Zeit gefunden sich zurecht zu machen, und als wir jetzt in +die wieder schmaler werdende Gasse hinein wollten, da sahen wir aus +allen Fenstern und Dachluken Gewehrläufe auf uns gerichtet, und gleich +dahinter einen in drei Gliedern stehenden Schützenzug, der uns mit +Flintenschüssen empfing. Ich duckte mich; als wir aber glücklich durch +waren, richtete ich mich hoch auf, um zu sehen, was wir noch vor uns +hätten, und sah nun, daß bis ans Ende des Dorfes hin und drüber hinaus, +alle hundert Schritt eine solche Chaine gezogen war, und daß wir also +auf dem zwischenliegenden freien Raum das Seitenfeuer der Häuser und +das Frontfeuer dieser Chainen auszuhalten haben würden. + +An diesen Ritt will ich denken. Schindler, nach links, immer dicht +neben mir; nur so viel Zwischenraum, daß er mit seiner Rechten frei +hantiren konnte. »Mann«, rief ich ihm zu, »wir müssen durch!« Sein +Sommersprossengesicht nickte mir zu und der rothe Spitzbart tupfte ihm +dabei vorn auf die Ulanka und das Kreuz von 66. So ging es hinein; +Schindlers Lanze immer um drei Fuß vor. Ich faßte meinen Säbel +krampfhaft fest und stieß und hieb, aber das war nur Spielerei; davon +ist nicht zu sprechen neben der Lanze meines Rothkopps. Was ich sonst +nur immer gehört hatte, hier sah ich es: die #Lanze ist eine furchtbare +Waffe#. Ich will nicht Zahlen nennen, sie möchten doch nicht geglaubt +werden; zudem bin ich meiner Sache nicht sicher. Ich weiß auch nicht +wie viel der Anprall der Pferde und wie viel die bloße Furcht vor +dieser langvorgestreckten Spitze gethan haben mag, aber das muß ich +sagen, ich habe den Eindruck, daß uns diese eine Lanze unsern Weg durch +all die Colonnen bohrte. Keine Kugel traf; wir hörten nur das Klatschen +auf den Dachziegeln gegenüber. + +Jetzt kam wieder eine Lichtung, ein größerer Zwischenraum, und über die +Köpfe der zwei letzten Chainen weg, die den Ausgang sperrten, sah ich +schon die Pappeln der Chaussee und dachte eben in meinem Sinn: »sie +schießen doch zu schlecht«, klatsch, da hatt’ ich eins weg in den +Schenkel, nicht viel, aber mein Pferd mußte scharf getroffen sein, denn +das Blut spritzte hoch auf und meine weißen Fangschnüre waren wie +getränkt damit. Ein Unglück kommt nie allein. In diesem Augenblick rief +Schindler: »Unt’roffizier, ich bin getroffen«, und ich sah deutlich, +daß er zusammenzuckte. »Halt Dich fest,« schrie ich ihm zu, »durch, +durch,« und er packte mit der Linken den Hals seines Braunen und ging +wieder hinein. Es war ein prächtiger Kerl. Aber plötzlich fehlte er +neben mir; mit halbem Blick nach links sah ich, daß Pferd und Reiter +zusammengebrochen waren und daß man über ihn her war. Ich hatte nicht +viel Zeit drüber nachzudenken, denn im nächsten Augenblick war es auch +mit mir vorbei. Mein Pferd, von einer zweiten Kugel in den Kopf +getroffen, stürzte zu Boden; ich lag drunter und verlor die Besinnung. + +Als ich wieder zu mir kam, war ich unter einem Dach von Bajoneten. Man +zog mich hervor und schleppte mich im Triumph in die Mitte des Dorfes, +an meinem treuen Schindler vorbei. Er richtete sich noch einmal auf; +der Todesschmerz stand ihm im Gesicht. Es hat nicht lange mehr +gedauert. Einer von den Franctireurs gönnte ihm eine letzte Kugel. Es +war auch das Beste. + +Sattler Gemke, wie ich gehört habe, ist durchgekommen und hat seine +Meldung gemacht. Ich gönn’s ihm; einer hat eben Glück vorm andern; die +Loose fallen verschieden. Gemke lebt, Schindler ist todt und ich — +sitze +#hier#. + + + + +12. Fünf vom 14. Jäger-Bataillon. + + ≈Tarry, dear cousin! + My soul shall thine keep company to heaven, + Tarry, sweet soul, for mine, then fly a-breast.≈ + ≈Shakespeare. (Henry V.)≈ + + +#Jäger Schoenfeldt erzählt#: + +Wir lagen 2 Meilen rechts von Corbeil, die ganze 17. Brigade, das +Grenadier-Regiment aus Schwerin, die Rostocker Füsiliere und unser +Jäger-Bataillon. Alles war guter Dinge; unsere Offiziere wetteten »in 4 +Wochen ist es vorbei«; nur in Einem sah es schlecht aus: wir hatten +nichts zu essen. Das ist immer schlimm, aber für einen Mecklenburger +doppelt. + +Am 16. Oktober erhielt unser Bataillons-Kommando, Major v. Gaza, einen +Brief von guter Hand, in dem zu lesen stand, daß in dem Städtchen +Nogent ein deutscher Kaufmann wohne, der noch Vorräthe habe und gewillt +sei, sie gegen gute Prozente zu verkaufen. Gut so. Das war just was wir +brauchten. Ein Detachement sollte am andern Morgen aufbrechen, um bei +besagtem Kaufmann für 100 Thaler Brod, Cognac und Taback zu erhandeln. +Mit dem Brod stand es schon seit 14 Tagen schlecht. Ein Wagen, ein +guter Zweispänner, sollte für die Fahrt beschafft werden. Ich erfuhr +spät Abends, daß ich mit von der Parthie sein werde. + +Zwei Tage hin, zwei Tage zurück; ich freute mich nicht wenig. + +Am 17. früh brachen wir auf; in Mormant sollten wir übernachten und am +Nachmittage des zweiten Tages in Nogent eintreffen. Dies war Alles. +Karten hatten wir nicht. Wir wußten nur dreierlei: Bestimmungsort +Nogent, Richtung nach Osten, Entfernung 10 Meilen. So ausgestattet, +hofften wir in der That uns durchtappen zu können. Wir waren guter +Dinge und ohne Ahnung davon, daß es in Frankreich anderthalb Dutzend +Nogents giebt. Das sollte verhängnißvoll für uns werden. + +Das Detachement, wenn ich von mir absehe, war gut gewählt. +Unteroffizier Ellis, Gefreiter Fritsche, Jäger Lübbe, Jäger Jahn; dazu +ich. #Ellis#, Gutsbesitzer, hatte das Jahr vorher als Freiwilliger +beim Bataillon gestanden; #Fritsche#, Schiffscapitain oder Steuermann, +ich weiß nicht genau, war eben aus England zurückgekommen; #Lübbe#, +Apotheker; #Jahn#, Mediciner. Sie waren all aus gutem Hause und +konnten parliren. Jahn am besten. Fritsche war aus Rostock, Sohn des +Professors; Jahn aus Schwerin, Sohn des Hofpredigers. Ich für mein +Theil wußte nichts. Es muß auch solche geben. + +Der erste Tag verging ohne Störung. Wir fuhren bei guter Zeit in +#Mormant# ein; vier Meilen waren gemacht. Wir befanden uns hier noch im +Bereich unserer Armeen; Alles war dienstfertig und bereit. So verging +die Nacht. + +Sechs Uhr früh saßen wir wieder auf unserem Wagen, die Büchse im Arm, +und trabten auf Nogent zu. Wir hatten am Abend vorher Information +eingezogen und in Erfahrung gebracht, daß wir über #Provins# fahren +müßten. »Immer #ostwärts# die Chaussee hinunter; noch drei Meilen bis +Provins, noch sechs Meilen bis Nogent.« Das schien zu stimmen; +Entfernung und Himmelsgegend waren richtig. Es war aber dennoch falsch. +Wir fuhren auf Nogent #sur Seine#, statt auf Nogent #sur Marne#; das +Marne-Nogent (Eisenbahnstation zwischen Chateau-Thierry und La Ferté) +lag unterm Schutz der Preußischen Bajonete, das Seine-Nogent unterm +Schutz der Franctireurs. Unser Schicksal wollte es, daß wir auf das +#Franctireur#-Nogent zufuhren. Ob uns der Wirth von Mormant (Mormant +#war +Gabelpunkt für beide Wege) absichtlich in die falsche Direktion +schickte? Ich glaub’ es kaum. + +Es war ein kostbarer Tag dieser 18. Oktober und heiter wie der Tag +gings in die Landschaft hinein. Fritsche richtete sich hoch auf, +schwenkte seine Büchse und rief, als wir das nächste Dorf passirten: +»Hoch Deutschland; #heut ist der 18. Oktober#!« Wir stimmten jubelnd +ein; die Chaussee hinauf, hinunter, ging es durch die schönen lachenden +Dörfer. So kamen wir nach Provins. Es war gerade Mittag. + +Provins ist eine reizend gelegene Stadt am Fuß und Abhang eines Berges; +beinah einsam, vom Berge herab, grüßt eine alte Kirche; durch die Stadt +hin aber schlängelt sich ein Fluß mit Lohmühlen und Gerbereien, und +dazwischen — Rosengärten. Einzelne Stämme standen noch in Blüthe. + +Wir fuhren auf den Markt, hielten vor einem Gasthaus um zu futtern und +begannen eben Fragen zu stellen, wie man wohl thut, wenn man sicher und +guter Dinge ist, als wir plötzlich den Marktplatz mit Hunderten von +Menschen sich füllen sahen, viele blos neugierig, aber die meisten +ersichtlich feindselig. Die Antworten auf unsere Fragen wurden immer +kürzer; ein Murmeln begann, ein Andrängen auf unsern Wagen zu, so daß +Ellis, der Ordre hatte alle Häkeleien zu vermeiden, uns schnell +entschlossen zurief »aufsitzen«, und im nächsten Moment schon rasselte +der Wagen wieder über das Pflaster hin, mitten durch die +auseinanderstiebende Menschenmenge hindurch, zur andern Seite der Stadt +hinaus. Ein Gespräch mit dem Wirth hatte uns schon vorher genau die +Richtung angegeben. Die Richtung auf das #falsche# Nogent. Es war noch +drittehalb Meilen. + +Das Geschrei der Menge folgte uns, starb aber bald, und der ganze +Vorgang, dem wir bis dahin wenig Bedeutung beigelegt hatten, da wir uns +auf völlig gesichertem Boden glaubten, war schon halb wieder vergessen, +als wir, dreiviertel Meilen hinter Provins, in den Forêt de Sordun +eintraten, der, mehrere Stunden groß, das halbe Terrain zwischen +Provins und Nogent mit seinen Wald- und Berg-Coulissen ausfüllt. Wir +mußten jetzt durch Schluchtenwege hindurch, die zu beiden Seiten sich +bald zu beleben anfingen; hinter jedem Baum trat ein Blaukittel hervor, +einige bewaffnet, andere nicht; auch Frauen und Kinder. Diese begannen +ein Gejohle und Geschrei; alles aber folgte und hing sich wie eine +Heerde Wölfe, die auf den richtigen Moment wartet, an unser Gefährt. + +»Nicht umsehen«, kommandirte Ellis und nahm selber die Leinen in die +Hand. Er war ein guter Fahrer und die beiden dampfenden Pferde, die in +Provins ohnehin um ihre volle Ration gekommen waren, griffen jetzt aus +mit ihrer #letzten# Kraft. Das half zunächst; der Wald lag alsbald +hinter uns; nur die besten Läufer hatten Schritt mit uns gehalten; +Nogent konnte keine Stunde mehr ab sein; #wenn# die Pferde aushielten +...?! In diesem Augenblick fuhren wir in ein Dorf hinein; in Mitte +desselben standen die beiden Braunen still; sie konnten nicht weiter. +Ellis warf die Zügel aus der Hand und sprang vom Wagen; wir andern +folgten. + +Nur Fritsche blieb oben stehen; er hatte die angeborene Heldennatur und +schrie in das Geschrei des andrängenden Menschenhaufens hinein: +»≈Qu’est c’est-que ça? que voulez-vous?≈« Sie blieben ihm die Antwort +nicht schuldig: »≈Vos fusils! vous êtes prisonniers≈« und im selben +Augenblick stürmten sie auf ihn ein; ein Franctireur, ein schöner +junger Kerl mit Klapphut und rother Schärpe, an ihrer Spitze. Ich seh +ihn noch. Fritsche schlug an und der Franctireur stürzte zu Boden. Ich +habe nie so viel Blut an einem Menschen gesehen. Aber dies Blut kam +über uns. Eh uns noch klar war, was geschehen, waren wir entwaffnet. +Fritsche, der sich auch jetzt noch zur Wehr setzte, wurde vom Wagen +gezerrt und an die Wand des nächsten Hauses gestellt: »≈meurs chien +prussien!≈« Er wußte jetzt, daß er vor dem Tode stand, richtete sich in +die Höh, riß Rock und Weste auf und schrie: ≈tirez≈. Im selben Moment +lag er todt am Boden. Ellis, in Verzweiflung, machte sich gewaltsam +los, um die Hand des Todten noch einmal zu fassen; aber eh er zehn +Schritt gemacht hatte, trafen ihn drei Kugeln in Kinnbacke, Brust und +Schenkel; er kroch jetzt heran und umarmte zärtlich die am Boden +liegende Leiche des Freundes. Selbst die Feinde hielten einen +Augenblick inne und sahen dem grausig-rührenden Schauspiel zu. Aber im +nächsten Augenblick war Lübbe auf den Tod getroffen, und Jahn und ich +wurden an die Bäume der Chaussee gestellt, um hier das Schicksal +Fritsches zu theilen. Ich war fertig und hatte nur noch ein Flimmern +vor den Augen; aber Jahn (Gott segne jede französische Privatstunde, +die er gehabt) sprang jetzt vor und haranguirte die tobende Volksmasse. +Ich weiß nicht mehr, was er sagte, er wird es selber kaum wissen, aber +als er schwieg, setzten sie die Gewehre ab und erklärten uns als +Gefangene. Wir mußten uns jetzt auf die Bank des Wagens setzen, zwei +Franctireurs dicht neben uns; dann wurden die beiden Verwundeten +aufgeladen, zwischen ihnen die Leiche Fritsches. So ging es auf Nogent +zu. + +Ellis litt unsäglich. Er beschwor die Franzosen, seiner Qual ein Ende +zu machen. Umsonst. Im Trabe ging es weiter. Als wir Schritt fuhren, +eine Berglehne aufwärts, kam ein Bauer uns nachgelaufen, der den +anstoßenden Acker pflügte. Er verwünschte uns Alle; dann nahm er seinen +Peitschenstock und schlug den sterbenden Ellis ins Gesicht. Das war den +Franctireurs denn doch zu viel; sie sprangen vom Wagen und stießen das +blaukittlige Scheusal in den Chausseegraben hinein. + +Um 3 Uhr waren wir in Nogent. Welch Einzug! So hatten wir den »Tag von +Leipzig« gefeiert. + +Am 2. November kamen wir hier auf der Insel an. Es war Todtenfest. Das +paßte schon besser. + + + + +13. Begräbniß. + + Sie hüllten ihn ein in weißes Lein + Und trugen ihn dann zur Ruh, + Die Mönche sangen die Todtenmess’ + Und Litaneien dazu. + W. Scott. + + +Arbeit und Lektüre kürzten die Zeit, aber für Jeden, der weder das Eine +noch das Andere hatte, waren es langweilige Tage, #nichts geschah#, und +Sergeant Genzel, wenn er seinen Heine so gut kannte wie seinen +Schiller, durfte citiren: + + Nur wenn sie einen begraben, Bekommen wir was zu sehn. + +Leider kam dies »Begraben« bald öfter vor, als auch dem +Zerstreuungssüchtigsten unter uns wünschenswerth sein mochte. Niemand +konnte wissen, wie bald die Reihe an #ihn# kommen würde. Erst starb ein +Alter, ein bayerscher Fuhrmann. Offiziell hieß es, er habe einen +»organischen Fehler« gehabt. So heißt es immer. Der zweite war ein +Cürassier (auch Bayer), den man von Orleans krank hergebracht hatte. Am +22. November begruben wir ihn. + +Um 9 Uhr wurd’ es lebhaft. Chorknaben, vier oder sechs, mit weißen +Hemden und rothen fezartigen Mützen, erschienen auf dem Kasernenhofe; +dann kamen drei Geistliche, schwarz und weiß, mit Mitren auf dem Haupt. +Die Bayern standen schon da und formirten sich zu einer Kolonne. Acht +von ihnen, in blankem Helm, trugen den Sarg herbei, der bis dahin in +einem Schuppen gestanden hatte, und setzten ihn auf die Bahre. Es war +eine einfache Holzkiste mit einem zugeschrägten Deckel. Das schwarze +Tuch mit dem silbernen Kreuz wurde drüber geschlagen; dann setzte sich +der Zug in Bewegung, zunächst auf die Stadt und die Kirche zu, die +Chorknaben mit Crucifix und rothen Laternen allen Uebrigen vorauf. So +ging es durch das Portal über die Zugbrücke. Als wir an der Cantine +vorbei kamen, schwenkten einige Leidtragende ab; ihre Empfindungen +nahmen plötzlich eine andere Richtung. Die Mehrzahl folgte. So +erreichten wir die Kirche, die sich bald füllte; denn auch die Stadt +nahm Theil. Freund und Feind durcheinander, so saßen wir da. + +Die acht Bayern hatten inzwischen die Bahre mit dem Sarg in das +Mittelschiff gestellt, unmittelbar in Nähe des hohen Chores, der nur +durch ein vergoldetes Eisengitter von uns und dem Todten geschieden +war. Die geistlichen Herren nahmen innerhalb des Chores Platz; dann +begannen die Litaneien. Es klang misererehaft. + +Ich konnte den Worten nicht folgen und betrachtete deshalb lieber die +Kirche. Sie war in gutem Styl aus gutem Materiale gebaut; dabei mit +Bildern reich geschmückt. Die Altar-Nische wies, außer dem großen +Altarbilde, noch zwölf kleinere auf. Aehnlich die ganze Kirche. Mehrere +waren gut, viele mittelmäßig, keins schlecht. Man konnte hier, wie in +jeder französischen Kirche, wahrnehmen, daß die Durchschnittsleistung +nach #dieser# Seite hin besser ist als bei uns. Ich lege nicht viel +Gewicht darauf, aber es ist doch immerhin etwas. + +Nun waren die Litaneien vorüber. Die Geistlichen erschienen neben dem +Sarg und lasen die Gebete; ein Chorknabe schwenkte den Weihkessel; dann +that der fungirende Priester dasselbe. Damit war der kirchliche Akt +geschlossen, und der Zug setzte sich aufs Neue in Bewegung, der +Begräbnißstätte zu. + +Es war noch eine hübsche Strecke. An zahlreichen Mühlen vorbei (weiße +Rundthürme mit grüner oder rother Dachmütze) ging der Weg. Endlich +sahen wir die weiße Mauer, das Thor stand auf und der Zug bog ein. Die +Stätte machte einen guten Eindruck; Kreuze und Denkmäler, Alles in +Marmor; man ehrte die Todten hier; dazu sprach aus Allem eine gewisse +Wohlhabenheit. Cypressenbäume und wilder Lorber faßten die Gänge und +Steige ein; hier und dort ragte ein Ginsterstrauch, kahl wie ein Besen, +mit seinen hundert Ruthen in die Luft; Hagebutten standen zu Füßen der +Gräber, zwischen ihren großen, rothen Früchten noch mit vereinzelten, +blaßrothen, halbverwaschnen Blüthen geschmückt. + +Nun hielten wir am Grabe; die thonige, graublaue Schlickerde lag uns +zur Seite. Der Nordwest ging immer schärfer und mahnte zur Eile. Das +Brett, auf dem der Sarg stand, wurde an die Grube getragen und dann +#gesenkt#, so daß der Todte allmälig hinabglitt. Ein Tau, von zwei +Männern gehalten, regelte das Hinabgleiten. Nun wurde die Planke +zurückgezogen; noch ein kurzes Gebet, dann griffen die Muthigsten in +den nassen Schlick und warfen einen Erdklos hinunter. Damit war es +gethan. In drei Minuten war Alles verschwunden, der Friedhof leer. + +Ich konnte so nicht scheiden. Der Todtengräber, ein Alter, kam und +begann zu schaufeln. Ich sah ihm eine Weile zu, sprach zu ihm und +gedachte derer, die, fern in der Heimath des Todten, dieser Stunde +#nicht# gedachten. Dann, an den Hagerosen vorbei, von denen auch nicht +#eine# auf sein Grab gelegt werden wird, trat auch ich meinen Rückweg +an. + +So stirbt man in der Fremde. + + + + +14. Sturm im Glase Wasser. + + War ich, wofür ich gelte, + Ich hätte mir den guten Schein gespart, + Dem Unmuth Stimme nie geliehn. + (»Wallenstein.«) + + +Das Sterben wurde bald Tagesordnung auf Oléron. Es konnte kaum anders +sein. Etwa Mitte November trafen 700 Bayern auf der Citadelle ein, die +man, nach Einnahme Orleans, durch General Aurelles de Paladine, in den +dortigen #Lazarethen# zusammengesucht und als »#Gefangene#« nach Oléron +geschickt hatte. Etwa ebenso viele, nach andern Angaben erheblich mehr, +waren nach Pau dirigirt worden. + +Dies Verfahren, lediglich um sich vor versammeltem Volk mit einer +erträglich hohen Zahl von Gefangenen brüsten zu können, hatte wenig +einer Gloire-Nation Entsprechendes, dennoch hätte man mit Rücksicht auf +die Nothwendigkeit, dem Volke einen Sporn zu geben, solche Maßregel +verzeihlich, oder meinetwegen selbst #sehr# verzeihlich finden können, +wenn man bei diesem Zusammensuchen etwas humaner vorgegangen wäre. Es +hätte sich dann darüber reden lassen. In solchen Zeiten (leider) muß +zuletzt #Alles# dem letzten großen Zwecke dienen. Aber ein ernster +Vorwurf für die französischen Machthaber, oder für diejenigen, die in +ihrem Namen handelten, wird es bleiben, daß man nicht blos wirkliche +Reconvalescenten und leicht Verwundete, sondern auch Personen +fortschleppte, die dicht vor dem Typhus standen oder ihn kaum erst +überwunden hatten. Unter allen Umständen aber (und das ist das +Geringste, das gefordert werden darf) mußte man, wenn man #so# tief in +die Lazareth-Bestände hineingreifen wollte, vorher wissen, daß man auf +Oléron im Stande sein werde, diesen noch halb Kranken Pflege, oder doch +ein Bett, oder doch eine Decke geben zu können. Statt dessen hatten die +auf Oléron eintreffenden Siebenhundert in den ersten Nächten #kaum# +Stroh. Das war natürlich kein Zustand, um Reconvalescenten aufzuhelfen; +Rückfälle kamen vor, und der Geistliche, die Chorknaben und der +Todtengräber mußten Tag um Tag, in dem Aufzuge den ich geschildert, auf +den Begräbnißplatz hinaus. + +Eine Verstimmung über diese Zustände war unausbleiblich; besonders die +Preußen, unter denen sich viele Unteroffiziere und Sergeanten befanden, +waren empört und gaben nach ihrer heimathlichen Art (wer raisonnirte +#nicht# in Preußen!) dieser Empörung einen unverhohlenen Ausdruck. Beim +Cantinen-Grog, auch wohl in der Stadt beim Einkäufemachen, fielen +Worte, »daß dies eine erbärmliche Wirthschaft und ein schlechter Dank +für die Rücksicht sei, die man unsererseits gegen 300,000 Franzosen +bisher beobachtet habe«; Worte, die alsbald von Mund zu Mund gingen und +im Weiterrollen folgende groteske Gestalt annahmen: die tausend +Gefangenen der Citadelle sind im Complott; sie haben vor, die +Wachtmannschaften zu entwaffnen, die Außen-Posten ins Meer zu werfen; +man wird Chateau überfallen und von der ganzen Insel Besitz ergreifen. +Preußische Kriegsschiffe kreuzen bereits in der Nähe. Man wird weitere +Truppen landen, Rochefort einschließen und von dort aus das Land +insurgiren. Ein Napoleonischer Aufstand im Rücken der republikanischen +Armee, — #das# ist der Plan. Der »Gefangene auf Wilhelmshöhe« ist mit +im Komplott. + +Wir erfuhren dies wieder und lachten herzlich. Die Heldenrolle, die uns +zudiktirt wurde, hatte etwas Ehrendes und Schmeichelhaftes für uns; +aber bald überzeugten wir uns, daß solche Gerüchte doch höchst +gefährlich für uns seien und unser relatives Wohlleben arg gefährden +könnten. Was aber, namentlich dem engeren Kreise, der sich bei mir zu +versammeln pflegte, das Allerpeinlichste war, war das, daß unser guter +Kommandant #mit# in die Angelegenheit hineingezogen und um seiner +Nachsicht und Güte willen (die übrigens nie in Schwäche ausartete) +bezichtigt wurde, das eigentliche Haupt des Komplotts zu sein. + +Wir beschlossen also, nicht nur äußerste Vorsicht zu üben, sondern +namentlich auch die Anstandsbesuche, die wir von Zeit zu Zeit in der +Kommandantur gemacht hatten, einzustellen. Ich wurde dazu noch durch +einen besonderen Vorfall bestimmt, der, so klein und geringfügig er +war, doch am besten zeigte, wie kritisch bereits die Lage geworden war. + +Ich hatte bei einem Nachmittagsbesuche eben neben dem Kommandanten +Platz genommen und ließ mir das Straßburger Bier schmecken, das in +einer Steinkruke wie immer auf ein zwischen uns stehendes Tischchen +gestellt worden war, als der eintretende Diener den Kapitain ≈N. N.≈ +meldete. Den Namen überhörte ich. Es war, wie ich mich bald überzeugen +sollte, ein See-Kapitain, der zugleich das Kommando über die +Nationalgarden der Insel übernommen hatte. Mein guter Kommandant +nickte, zum Zeichen, daß er bereit sei, den Angemeldeten zu empfangen, +sprang aber in demselben Augenblick, in dem der Diener das Zimmer +verlassen hatte, vom Fauteuil auf, um mit geschwindester +Geschwindigkeit einen großen Wandschrank zu öffnen und die +Steinflasche, sowie die beiden noch halb vollen Biergläser dahinter +verschwinden zu lassen. Der Verschwinde-Akt war kaum ausgeführt, als +der See-Kapitain eintrat und das Dienstgespräch seinen Anfang nahm. Ich +empfahl mich; mein halbes Glas Bier hatte ich eingebüßt. Dies war zu +verschmerzen; der ganze Vorgang bekümmerte mich aber um des +Kommandanten willen. Dieser war nicht nur ein liebenswürdiger, sondern +vor Allem auch ein sehr feinfühliger Mann, der nothwendig eine +Verlegenheit über die Komödie empfinden mußte, zu der er sich +verurtheilt sah. + +Er empfand es auch wirklich, so vermuthe ich; vor Allem aber sah er +ein, daß etwas geschehen müsse, um ihn in seiner unhaltbar gewordenen +Stellung neu zu befestigen. Dies zu erreichen, wählte er den klügsten +Weg. Er bat um einen Auxiliar-Kommandanten, dem die +Gefangenen-Angelegenheiten ausschließlich unterstellt werden möchten. +Ein vorzüglicher Schachzug. Seinem Wunsche wurde nachgegeben und auf +#einen# Schlag war er den Verdacht und — die Arbeit los. Den Verdacht +hatte das #Gouvernement# natürlich nie getheilt; aber das war ein +geringer Trost. Ueberall im Lande stand das Volk auf dem Punkt, die +#Entscheidung selbst in die Hand zu nehmen#. Der Einzug von »König +Lynch« war jeden Augenblick möglich. + +Wir erhielten in Folge dieser Vorgänge und Gesuche denn auch wirklich +einen Vice-Kommandanten, einen schönen Blaubart, den Baron de la +Flotte, der in Straßburg als Chef eines Mobilgarden-Bataillons +mitkapitulirt und sich, nach seiner Entlassung auf Ehrenwort, aus dem +Lärm des Krieges in die westlichen Departements zurückgezogen hatte. Er +war ein feiner Herr, von vornehmer Haltung, sehr artig und — sehr +bestimmt. Unser »Sturm im Glase Wasser« beruhigte sich und — die +Gerüchte in der Stadt nahmen ein Ende. + +Sie nahmen ein Ende in demselben Verhältniß, in dem das #eigene +Schuldbewußtsein# der Behörden und Bewohner sich minderte und sich +mindern #durfte#. Viele Uebelstände, von denen man sehr wohl gewußt +hatte, daß es Uebelstände waren, sie wurden abgestellt; man that was +man konnte, man anerkannte gewisse #Verpflichtungen# und beeiferte +sich, ehrlich und nachdrücklich, diesen Verpflichtungen nachzukommen. +Das half. Der eifrigste und tapferste dabei war der französische Arzt. +Er fuhr nach La Rochelle hinüber, entwarf ein Bild der Lage und +erklärte rund und nett, daß er entschlossen sei, seine Stellung sofort +niederzulegen, wenn nicht die Hälfte seiner Kranken in die großen +Lazarethe von La Rochelle aufgenommen und die ihm verbleibende andere +Hälfte mit allem Nöthigen versehen würde. Drei Tage später fuhren 30 +Kranke in einem großen Seedampfer nach La Rochelle hinüber. Alle seine +Forderungen waren bewilligt worden. + +So endigte dieser Zwischenfall, der uns, wenigstens in den Augen +unserer Insel-Bevölkerung, bis an die Grenzen der Meuterei geführt +hatte. In Wahrheit aber hieß es selbst von den Verwegensten und +Abenteuerlustigsten unter uns: »Kühn war das Wort, weil es die That +#nicht# war«, und während man die Neu-Erklärung des Kaiserreichs von +#uns +erwartete, beschäftigte uns vorwiegend die Frage, ob der verd... +Cantinier nicht endlich einen besseren Wein anschaffen, oder mit +Rücksicht auf seine Kunden in #Hellblau# »a Bierche« auflegen würde. + + + + +15. »≈Sentinelle, prenez garde à vous.≈« + + ≈But where was this? + »Mylord, upon the #platform# where we watched.« + I will watch to-night + Perchance ’t will walk again.≈ + ≈Hamlet.≈ + + +Um Mitternacht (Gott sei Dank) schlief ich fest, wenn nicht das +Zusammenbrechen der verkohlten Scheite mich auf einen Augenblick +weckte. Nur #einmal# wachte ich die Mitternacht heran. + +Es war bei Vollmond. Als die zwölf Schläge über den Kasernenhof hin +verklungen waren, hüllte ich mich in Shawl und Kaputze und tappte an +der Wand des Corridors entlang bis an die schmale Hinterthür, die auf +den Wallgang hinaus führte. Entzückendes Bild! Nach rechts hin stand +der Mond und goß sein volles Licht in breitem Streifen über die +Wasserfläche. Kein Lüftchen ging; das Meer wie ein Spiegel; alles +still; ich hörte nichts als in einiger Entfernung den Schritt der +Wachen und am Fuße des Bastions ein leises Brauen und Murmeln, denn die +Fluth kam. + +Ein weißer Schimmer lag wie Schnee auf den grauen Fliesen des Rempart +und ich begann jetzt, immer dicht an der Brüstung hin, einen +Mitternachtsgang anzutreten, wie ich gewohnt war an eben dieser Stelle +meinen Morgengang zu machen. + +Ich sah hinüber nach dem Festland, das schwach heraufdämmerte. Nahes +und Fernes immer schärfer musternd, empfand ich plötzlich, daß ich dies +alles, an einem #andren# Orte, schon mal gesehen habe: dieselbe +verschwimmende Küste, den Meeresarm, den Wallgang mit seinen Bastionen, +das Portal und die Zugbrücke und dahinter das Fanal. Ich brauchte auch +nicht lange zu suchen: #Helsingör#. Alle Empfindungen, mit denen ich +damals über den »Hamlet-Rempart« hingeschritten war, sie wurden wieder +lebendig in mir. Nur gesteigert. Wohl war das Schloß am Sunde, aus +dessen Dachfirst eine nadelförmige Spitze wie das Horn aus dem Haupte +des Einhorns phantastisch räthselvoll aufwächst, der #ächtere# Ort, +dort war es, wo »≈the majesty of buried Denmark≈« in poetischer +Wirklichkeit gewandelt war, aber #eines# hatte meinem verlangenden Sinn +die Plattform von Helsingör #nicht# geben können: die rechte +#Stunde#. Es war heller Mittag als ich drüber hinschritt. #Hier# hatt’ +ich jetzt was mir Helsingör verweigert hatte. »≈’T was now struck +twelve.≈« Für den ächteren Ort hatt’ ich die ächtere Stunde +eingetauscht. + +Ich zog meine Kaputze fester an und setzte mich innerhalb eines +Brüstungsvorsprungs auf eine Steinbank, die, hufeisenförmig, diesen +Vorsprung beinah ausfüllte. Ich sah in den Mondstreifen hinein, der in +schräger Linie über das Meer und dann, glitzernd, über die schneeweißen +Fliesen lief und mit schauerndem Entzücken begann ich Lieblingsstellen +zu citiren. Was halb vergessen war, #jetzt# hatt’ ich es wieder. Ort +und Stunde halfen nach. Ich hielt Zwiegespräche, Scene um Scene, Frage +und Antwort. + + Wer bist Du, der sich dieser Nachtzeit anmaßt + Und dieser edlen, kriegrischen Gestalt? + Sag’, ich beschwör dich. + +Und dann klang es Antwort: + + Ich bin + Verdammt auf eine Zeit lang Nachts zu wandern, + Und Tags gebannt, zu fasten in der Glut + Bis die Verbrechen meiner Zeitlichkeit + Hinweggeläutert sind. Wär’ mir’s verstattet + Das Innre meines Kerkers zu enthüllen, + So hob ich eine Kunde an, von der + Das kleinste Wort die Seele dir zermalmte, + Dir die verworren krausen Locken trennte + Und sträubte jedes einzle Haar empor + Wie Nadeln an dem zorngen Stachelthier. + +In diesem Augenblick schlug es halb und noch eh der Schlag verklungen +war, mit einer Plötzlichkeit wie ein Schuß fällt, begann jetzt vom +Portal her das Anrufen der ausgestellten Wachen. »≈Sentinelle, prenez +garde à vous!≈« Der nächste Posten nahm den Anruf auf und im fünffachen +Echo lief es jetzt um die Citadelle herum, von Posten zu Posten, bis +der mir zunächst stehende, mit dem die Kette schloß, dieselben Worte +über den Rempart hinrief. Es war, als gälten sie mir selber. + +Ich stand jetzt auf, um meinen Rückzug anzutreten. Mich fröstelte. Als +ich durch den Mondstreifen hindurchschritt, der jetzt zwischen mir und +der schmalen Hofthür lag, war mir’s, als streifte mich etwas. Ich +zuckte zusammen und eilte vorwärts. + +Der Wachen Ruf war längst verklungen, aber immer noch klang es in mir +nach: ≈Sentinelle, prenez garde à vous.≈ + +[Illustration] + + + + +Frei. + + + + +1. Unverhofft kommt oft. + + Andrer Gram birgt andre Wonne; + Ueber ein Stündlein + Ist deine Kammer voll Sonne. + Paul Heyse. + + +»Es ist gar nicht zu sagen wie schnell ein Ereigniß da ist, wenn man es +#nicht# erwartet hat! Hat man es erwartet, so dauert es viel länger, +#und +manchmal kommt es gar nicht.« Mit diesen Worten etwa beginnt eine +liebenswürdige Roquette’sche Novelle. Die Wahrheit, die sich darin +ausspricht, sollte sich auch an mir erfüllen. »Unverhofft kommt oft.« + +Es war Sonnabend den 26. November. Die erste Hälfte des Tages mit +Spaziergang und Arbeit lag hinter mir, das Mittags-Beefsteak war +verzehrt, »in seinem zähen Widerstand gebrochen«, und die Kaffeestunde +umblühte mich bereits. Duft und Wärme füllten das Zimmer. Rasumofsky +war bei mir. Wie die beiden wilden Männer im Preußischen Wappen standen +wir am Kamin, er rechts, ich links, während zwischen uns das Feuer +glühte und die mehrerwähnte bauchige Blechkanne, mitten in die Kohlen +hinein gestellt, eben mit ihrem Deckel zu klappern begann. Es war das +Wasser für den #zweiten# oder Rasumofsky-Aufguß; den ersten hielt ich +bereits in Händen und nippte mit der Bedächtigkeit eines +»Connaisseurs«. + +Rasumofsky hatte seinen sentimentalen Tag und sagte: Jott, Herr +Leutnant, wann werden wir wieder den ersten Preuß’schen Kaffe trinken? +Mit Weihnachten wird es nichts. + +Nein, Rasumofsky, auf Ostern müssen wir uns gefaßt machen. Vielleicht +sehn wir hier noch den Flieder blühn. + +Ach, Herr Leutnant, hier blüht ja gar kein Flieder nich. + +Aber Rasumofsky, Sie werden doch diesen Gegenden, die dicht an der +Grenze des Mandelbaums und der Goldorange liegen, nicht den +landesüblichen blauen Flieder absprechen wollen? + +Ich glaube hier gar nichts mehr. Die Franzosen lügen alle. Wer weiß wo +wir hier sind? Sie können sich gar nicht denken, Herr Leutnant, was die +armen Kerls drüben frieren. Ich glaube, wir sind hier gar nicht +südlich. + +Na, Rasumofsky, da können Sie sich nun auf mich verlassen. Funfzehn +Meilen von Bordeaux. Da hilft alles nichts, Geographie und Karten, +damit wissen wir Bescheid. + +Er nickte zustimmend. + +Und am Ende, so fuhr ich fort, Ostern oder nicht, ich kann es so +schlimm hier nicht finden. Rasumofsky, ich sage Ihnen, alle Dinge haben +zwei Seiten. + +Er nickte wieder. + +Sehen Sie, es ist jetzt halb zwei; vor einer Viertelstunde erst hab ich +mein Beefsteak gegessen und schon halt’ ich hier ein Glas guten +Javakaffee in Händen. Glauben Sie, Rasumofsky, daß man das haben kann, +wenn man frei ist? Gott bewahre. So ’was hat man nur in Gefangenschaft. + +Er griente. + +Sie sind ein vernünftiger Mensch, Rasumofsky, und kennen die Welt. Es +wird wohl in Posen auch so sein wie anderswo. Der Hausherr, sehen Sie, +das ist eine ganz sonderbare Stellung. Es wird ihm zwei- bis dreimal +des Tages vorerzählt, er sei ein Tyrann, ein wahrer Pascha, und an +dieser Ehrenerklärung muß er saugen wie an einem Stück Zucker. Nun +sollen die Paschas viel Kaffee trinken. Aber ich sage Ihnen Rasumofsky, +#die# Berliner Tyrannen, die um halb zwei eine Tasse Kaffee kriegen +können, +#die# sind zu zählen. Es ist entweder Wäsche, oder das Wasser kocht +nicht, oder die Schornsteinfeger sind angemeldet. Sehen Sie, man könnte +beinah sagen: nur der Gefangene ist frei. + +Hier hielt er sich nicht länger und brach in die Worte aus: ach, Herr +Leutnant, das is ja, als ob ich meinen Rittmeister reden hörte. Grade +so war es in Posen. Es ist zu merkwürdig. + +Seine Betrachtungen über dies wunderbare Zusammentreffen wurden durch +ein Klopfen an der Thür unterbrochen. »≈Entrez!≈« Ein preußischer +Infanterist mit einer 25 auf der Achselklappe und einem Klapphut auf +dem Kopf, die ganze Erscheinung der typische Rheinländer, trat ein, um +mich wissen zu lassen: »Monsieur le Commandant (der +Auxiliar-Kommandant) wünschten mich zu sprechen.« Zu Befehl. Ich folgte +unverzüglich. + +Der Vice-Kommandant, über den ich in einem früheren Kapitel bereits +berichtet, hatte während der letzten Tage unmittelbar unter mir, in dem +mit rothen Teufelchen garnirten Zimmer, ein Büreau etablirt, in dem +einige französische Marine-Soldaten, unter Assistenz jenes 25ers (eines +Kölners, der brillant französisch sprach), das ganze Schreiber- und +Verwaltungswesen leiteten. Die Federn flogen hin und her; in der Mitte +des Zimmers stand Baron de la Flotte. Ich verneigte mich vor »König +Blaubart«. Mit schätzenswerther Raschheit sprang er gleich in ≈medias +res≈ und erklärte mir: »≈Monsieur le Ministre de la Guerre a ordonné +votre libération; — Monsieur F. vous êtes libre.≈« Ich verneigte mich. +»Im Uebrigen,« fuhr er fort, »muß ich Sie bitten, ein Papier zu +unterzeichnen, in dem Sie sich verpflichten, einerseits, nach dem Maße +Ihrer Kraft, auf die Befreiung eines französischen Oberoffiziers +hinwirken, andererseits gegen Frankreich weder irgend etwas sagen, noch +schreiben, noch thun zu wollen.« + +Ich stutzte einen Augenblick, wiederholte überlegend die Worte: »≈ni +dire, ni écrire, ni faire quelque chose contre la France≈« und fragte +dann: ob bei dieser Erklärung aller Accent auf das Wort »≈contre≈« +gelegt würde? Ich nähme dies vorläufig an; hätt’ ich darin Recht, so +würd’ es mir leicht, die geforderte Verpflichtung einzugehen, da in +meinem Herzen nichts lebe, was als eine Empfindung »≈#contre# la +France≈« gedeutet werden könne. Kommandant Blaubart lächelte und machte +eine gefällige, halb zustimmende, halb ablehnende, also, wenn der +Ausdruck gestattet ist, eine neutrale Handbewegung, die etwa ausdrücken +sollte: »dies ist eine heikle Frage; die Entscheidung steht bei Ihnen« +und entließ mich dann mit jenen Formen, die er beherrschte und die ihm +so wohl kleideten. + +Rasumofsky erwartete mich oben. Dies Abgerufen-werden zum Kommandanten +war natürlich ein »Ereigniß«, und nach nichts, selbst den Taback nicht +ausgeschlossen, sehnte sich alle Welt so sehr wie nach Neuigkeiten. Ein +wegen »unerlaubter Schiffszwiebacks-Aneignung« zu drei Tagen Gefängniß +verurtheilter Mecklenburger machte sechs Tage von sich reden; man mag +sich also vorstellen, welche Neugiers-Unruhe in Rasumofsky’s Seele seit +meiner Abberufung zum Kommandanten gestürmt hatte. + +»Rasumofsky, ich bin frei.« + +Der erste Effekt dieser Worte war alles andere eher als heiter. Der +Angeredete, ohne sich Rechenschaft davon zu geben, fühlte klar, daß +seine guten Tage nunmehr gezählt seien, und statt in Kaminfeuer und +Kaffeegrund starrte er wieder in grundlose Langeweile. Er erholte sich +aber schnell und sagte herzlich: »Na, das is schön; da wird sich die +Frau Leutnant freuen. Himmelwetter, wenn unsereins doch mitkönnte!« + +Rasumofsky, Sie wissen »≈la paix est prochaine≈«. (So schloß jede +Unterhaltung, die ich mit Franzosen führte.) Sie werden mich in Berlin +besuchen. Tag oder Nacht, alles ganz egal. Sie sollen Kaffee haben. +Dafür bin ich Hausherr. + +Ach, Herr Leutnant, Sie sind zu gut. + +Ja, Rasumofsky, das war immer mein Fehler. Aber was will man machen. +Hier, alte Seele, haben Sie einen Befreiungs-Franken. Und nun seien Sie +5 Minuten ruhig; ich muß an den Kommandanten schreiben. + +Dies geschah. Ich hatte angefragt, ob meiner Abreise am Dienstag nichts +entgegen stehen würde! + +Rasumofsky sprang die Treppe hinunter, überreichte meinen Brief unten +im Bureau und flog dann in die Kaserne hinüber, um, als Erster, die +Siegesnachricht zu bringen: mein Leutnant ist frei. + +Es ist fraglich, ob die Capitulation von Paris eine ähnliche Sensation +hervorgerufen haben würde. + + + + +2. Der letzte Sonntag. + + .... wie der Nebelwind + Der herbstlich durch die dürren Blätter säuselt. + Faust. + + +Noch am Sonnabend Abend war mir mitgetheilt worden, daß der Dienstag +als Abreisetag genehmigt worden sei; gleichzeitig erfuhr ich, daß, bei +Ausstellung meiner Liberations-Ordre, Gambetta lediglich dem Andringen +#Cremieux’# (des Justizministers) nachgegeben habe. Ich erkannte in dem +allem leicht die Zusammenhänge mit der Heimath und wußte genau, wohin +ich den #eigentlichsten# Dank für meine Befreiung zu richten hatte. +Heitern Sinnes erwacht’ ich am andern Morgen. In Traum und Gedanken +übersprang ich die Meilen und die Schwierigkeiten, die noch zwischen Le +Château d’Oléron und der Königgrätzer Straße lagen. + +Es war der letzte Sonntag. Der Himmel blau, die Luft weich und warm +(wir waren #doch# südlich, trotz Rasumofsky), so trat ich wieder auf +den Rempart hinaus und begann, im Auf- und Abschreiten, die weißen +Steinchen, die mir, wie der Leser sich erinnert, als Mark- und +Rechenpfennige dienten, in meine Tasche sinken zu lassen, als die +gewöhnliche Sonntagsmorgen-Musik mich in meinem Spaziergang und meinen +Betrachtungen störte. Ich hätte sie #heute# weggewünscht und wenn mich +an den Sonntagen vorher die Cachucha, die George Brown-Arie aus der +Weißen Dame, und einige Piècen aus dem Trovatore, die gerade während +der Kirchzeit gespielt wurden, nur etwas sonderbar berührt hatten, so +berührten sie mich heute unangenehm. Die große Trommel, der Triangel +und das Zusammenschlagen der Becken, das den Castagnettenschlag +ersetzen sollte, wollten mir heut nicht passen. Sonntag früh 9 Uhr, wo +wir gewohnt sind, die Glocken zu hören! Meine Stimmung kam hinzu. + +Die Franzosen denken anders darüber, über dies, wie über manches +andere. + +Ich kehrte bald in mein Zimmer zurück, kramte, arrangirte und +überlegte, als es klopfte und gleich darauf ein kleiner Herr eintrat, +der mich Anfangs in Zweifel darüber ließ, ob ich ihn für einen +kleinstädtischen Doktor oder einen großstädtischen Küster nehmen +sollte. Er entpuppte sich aber bald als ≈Monsieur le prédicateur +Masson≈, reformirter Geistlicher zu Saint-Pierre auf der Insel Oléron. +Ich kann wohl sagen, daß mir diese Begegnung, nachdem ich so viele +Wochen lang immer im Verkehr mit katholischen Geistlichen gewesen war, +ein besonderes Interesse einflößte. Parallelen mußten sich mir +aufdrängen. Ich bat ihn, Platz zu nehmen. Er that es, aber sehr +unvollkommen. + +Den Predigerton habe ich niemals so in Blüthe gesehen, als bei diesem +kleinen Manne. Er war unfähig, ein Wort einfach und natürlich zu +sprechen. Alles war Rede, feierliche Ansprache, wie wenn die +Bürgermeister an den Wagenschlag eines reisenden Prinzen treten. Dieser +Eindruck wuchs dadurch, daß er sich, so oft die Reihe des Sprechens an +ihn kam, von seinem Stuhl erhob, um #stehend# und mit berufsmäßigen +Handbewegungen seine Rede zu halten. Man kann sagen, er taufte und +traute beständig. + +Seine erste Ansprache, nach erfolgter Vorstellung, ging dahin, daß sein +Freund und Amtsbruder »≈Monsieur Delmas, Pasteur et Président du +Consistoire≈« ihm eine historische Studie »≈L’Église Réformée de la +Rochelle≈« übersandt habe, zugleich mit der Bitte, dieselbe einem +»≈historien prussien≈«, der sich zur Zeit als Kriegsgefangener auf +Oléron befinde, überreichen zu wollen. Nach sorglicher Durchforschung +aller 1000 Gefangenen war, unter Anwendung des Indicien- oder +Wahrscheinlichkeits-Beweises, der Verdacht des »Historikers« an mir, +als an einem schon früher literarisch Betroffenen, haften geblieben und +da stand ich denn nun, den #einen# Geistlichen vor mir, den #andern# +(seinem besseren Theile nach) in Händen haltend und fühlte zugleich, +nicht ohne eine gewisse Verwirrung, den Schatten eines Lorbers auf +meiner Stirn. In Besançon zum »≈officier supérieur≈«, in Oléron zum +»≈historien prussien≈« kreirt, gewann ich erst Fassung wieder in dem +Gedanken, daß die #Fremde# ihren Mann erkennt und der Heimath (die nie +recht ’ran will) die großen Fingerzeige giebt. + +Ich that einen Blick auf den Titel des ziemlich umfangreichen Buches, +versicherte Mr. Masson in aller Wahrheit, daß ich ein Interesse nähme +an der Geschichte des Hugenottenthums in der Vendée und bat ihn, seinem +Amtsbruder in La Rochelle meinen besten Dank für die mir erwiesene Ehre +auszusprechen. Wir gingen dann zu einem Gespräch über die Insel Oléron +über, über die kirchlichen Zustände, über das Verhältniß von Katholiken +und Protestanten, der Zahl wie der gegenseitigen Stimmung nach. Er gab +mir über alles Aufschluß, aber doch in einer gewissen aufgeregten +Zerstreutheit, wie man sie bei Personen zu beobachten pflegt, die +zwischen Braten und Compott eine Tischrede zu halten haben. Sie +memoriren beständig, werden durch die harmloseste Frage ihres Nachbars +wie auf einer gedanklichen Unthat ertappt und geben oft Antworten, +darin sich Worte aus der zu haltenden Rede räthselvoll eingesprenkelt +finden. Dies war auch die Situation von Mr. Masson. Er brach denn auch +schließlich durch die immer drückender werdende Zwangsunterhaltung +hindurch, erhob sich, trat, seinen Cylinderhut in der Hand, drei +Schritt zurück und begann mit gesteigerter Feierlichkeit: + +≈Monsieur il n’est pas vraisemblable, que nous nous reverrons ici, que +nous nous reverrons dans ce monde. Mais nous avons une patrie, grande +et éternelle, où n’existe pas de guerre, où la haine, l’animosité ont +cessé, où les peuples demeurent en paix par notre Sauveur Jésus Christ, +par lui, qui est la lumière, l’amour, et la grâce. Voilà où nous nous +reverrons. ...... Monsieur, je vous demande pardon ...... Monsieur, je +suis fâché de vous avoir dérangé ..... Monsieur, j’ai l’honneur .....≈ +Während dieser Sätze hatte er seinen Rückzug angetreten, ohne sich +umzudrehen, immer Auge in Auge. Unter beständigen Verbeugungen +begleitete ich ihn bis an die Treppe; hier schieden wir. + +Es fiel mir wie eine Last von der Brust. Die letzten Minuten hatten +mich einen schweren Kampf gekostet. Bis zu den Worten: »≈voilà, où nous +nous reverrons≈« war ich ihm ernsthaft und aufmerksam gefolgt, als mir +aber plötzlich klar wurde: er predigt, er #citirt# vielleicht, erfaßte +mich das Komische der Situation mit solcher Gewalt, daß ich nur noch +mit Niederkämpfung meines Krampfes beschäftigt, von allem Weiteren +nichts anderes als einzelne Worte hörte. Niemals hab’ ich das Mißliche +der pastoralen Redeweise #so# empfunden wie hier. + +Man spricht davon, daß unser modernes Empfinden den Katholicismus +überwunden habe, er sei durchaus #mittelalterlich#. Es mag sein. Aber, +was unser modernes Empfinden gewiß #auch# überwunden hat, das sind +solche öden Redensarten. Jeder kann sie machen, wie jeder einen Baum +zeichnen oder ein Sonett zusammenstellen kann. Man lockt damit keinen +Hund mehr vom Ofen. Man muß diese Dinge schärfer anzufassen wissen. + +#Wir# sind wenigstens auf dem Wege dazu; was ich aber in Frankreich vom +#Protestantismus gesehen habe, machte einen unendlich tristen Eindruck +#auf mich. In Lyon gab mir der ≈gardien-chef≈ (Protestant) ein +#Gebetbuch in die Hand, ich glaube in Genf und Toulouse edirt, das +#Gebete auf ein paar hundert Tage und Situationen enthielt, jedes eine +#halbe bis anderthalb Seiten lang, also an und für sich nicht zu lang +#und in dieser Beziehung hinnehmbar. Ich las zehn oder zwölf und ich +#darf sagen, ich habe nie dürreres Reisig in Händen gehabt. + +Keine Spur wahren Lebens, alles fromme Phrase. Die #fromme# Phrase aber +ist die schlimmste. + + + + +3. Der letzte Abend. + + Wünsche, Frohsinn, Freunde, Gäste, + Lichter wie zum Weihnachtsfeste. + + * * * + + Er hatte Tressen an dem Hut + Und einen Klunker dran. + M. Claudius. + + +So kam der letzte Abend heran. Er hatte eine besonders festliche +Erscheinung. Bei Vertheilung meiner Wirthschaftsgegenstände hatte sich +nämlich ein ungeahnter Reichthum an Stearinlichten ergeben und da +Rasumofsky, dem natürlich Alles zufiel, hochherzig erklärte, zu Gunsten +einer Illumination auf diesen Erbschaftstheil verzichten zu wollen, so +hatte sich, unter Heranschleppung aller möglichen Blaker und Leuchter, +die überhaupt aufzutreiben waren, eine feenhafte Beleuchtung bei mir +vorbereitet. Selbst in der anstoßenden Kammer, in zwei Sandhaufen +gestellt, brannten zwei Lichter. Es sah aus wie Weihnachten. Der +Christbaum fehlte, aber sein festlicher Glanz war ausgegossen. + +Licht giebt Heiterkeit. Ich ordnete meine paar Habseligkeiten, die mich +in die Heimath zurückbegleiten sollten, setzte mich an den +Schreibtisch, um ein paar Abschiedsbriefe zu couvertiren, und sprang +dann wieder auf, um in meiner Lichter-Allee spazieren zu gehen. Ich bin +ein schlechter Sänger und Pfeifer; aber ich glaube, ich versuchte mich +als beides. + +Meine gute Laune hatte noch einen besonderen Grund; es war nämlich +unmöglich, auf Rasumofsky zu blicken, ohne von jenem +Empfindungskontrast berührt zu werden, der vielleicht die Wurzel alles +Humors ist. Von den drei Cardinal-Eigenschaften meines Burschen, um +derentwillen ich ihn überhaupt engagirt hatte, hatte ich bisher nur +#zwei# kennen gelernt, den Polen und den schwarzen Husaren; heute, zum +Abschied, hatte er, mir zur Liebe, auch die #dritte# seiner Qualitäten +hervorgesucht: den Schneider. Das rechte Bein über dem linken Knie, so +saß er da, von Lichtern umstrahlt, vom Kaminfeuer beschienen und nähte +mir, aus blauem Futterkattun, einen Reisesack. Er that es gern, weil er +das Bedürfniß hatte, mir seine Liebe zu bezeigen; aber es war ein +Opfer, das er mir brachte. Alle Augenblick kam Besuch; man lächelte, +und ich sah, wie er sich ärgerte. Endlich half er sich auf die beste +Weise. Er stülpte seine Mütze mit dem Todtenkopf keck auf die linke +Seite und sah jeden Eintretenden so herausfordernd an, daß der Spott +verschwand, noch eh’ dieser Zeit gehabt hatte, sich zu entwickeln. Mir +persönlich gönnte er das herzlichste Lachen und stimmte selber mit ein. + +Diese Heiterkeit indeß, die in so Vielem um mich her ihre Nahrung fand, +sollte noch auf eine harte Probe gestellt werden; ja es wurde zehn +Minuten lang so dunkel vor meinen Augen, als ob die Lichter um mich her +mit ziemlich langer Schnuppe gebrannt hätten. Der Leser urtheile +selbst. + +Unter den Vielen, die kamen und gingen, befand sich auch unser Kölner +Freund mit dem Klapphut und der 25er Achselklappe. Er kam abermals +»dienstlich«, und zwar diesmal, um mir im Auftrage des Kommandanten +meinen »#Reisepaß#« zu überreichen. Ich dankte, so weit das meine große +Ueberraschung zuließ. + +Ich hatte nämlich geglaubt, auf dieselbe Weise, wie ich gekommen war, +nun auch meine Rückreise antreten zu können, und mußte mich jetzt von +der alten Wahrheit überzeugen, daß Freiheit theuer ist und ein +beständiges Daransetzen von Gut und Blut erwartet. Nicht in +Gensdarmenbegleitung (langweilig aber #sicher#) sollte ich mich auf den +Rückweg machen, sondern in völliger Freiheit, #mir selber überlassen#. +Das klang sehr gut, war aber in Wahrheit eine heillose Sache, die +dadurch nicht besser wurde, daß mir ein Umweg, der die Meilenzahl +gerade verdoppelte, als Reiseroute vorgeschrieben war. Hier saß ich am +#Atlantischen# Ocean; bis zum #Mittelländischen# Meer (Cette) mußte ich +hinunter, um dann wieder, an der Rhône hin, bis Lyon und Genf aufwärts +zu steigen! Dieser Umweg war nicht angenehm; aber er kam nicht in +Betracht neben der andern Erwägung, daß ich diese Reise durch bis zum +Fanatismus aufgestachelte Provinzen antreten mußte; #allein#, mit +keinem andern Schutz als einem ≈feuille de route≈ in der Tasche. Alle +Städte, die ich zu passiren hatte, hingen nur lose noch am Faden der +Ordnung; was konnte einem rothrepublikanischen Arbeiterhaufen, wie sie +in Bordeaux, Toulouse, Lyon an der Tagesordnung waren, was konnte ihnen +mein, mit Kritzelhand undeutlich geschriebener Reisepaß bedeuten? »≈A +la lanterne≈«! Ich hatte das Gefühl, durch meine Befreiungsordre auf +einen Vulkan gestellt zu sein. Dies Gefühl war so stark, daß ich einen +Augenblick die große Cortez-Arie »ich bleibe hier« sehr ernsthaft in +Erwägung zog. Dann schämt’ ich mich wieder dieses Kleinmuths. +Rasumofsky, an den ich appellirte, faßte sein Endurtheil in die Worte +zusammen: »i, sie werden ja wohl nich«. Er meinte die Franzosen. + +Manchem mögen diese Bedenken, wie ich sie hier ausgesprochen habe, als +Zeichen einer besonderen Aengstlichkeit erscheinen. Ich darf aber +versichern, die Situation war #wirklich# heikel. Nur wer als Gefangener +durch Frankreich geschleppt worden ist, hat ein Urtheil darüber. Scham +und Hoffnung gaben endlich den Ausschlag. Zudem trug mein Paß den Namen +#Gambettas#. Dies war #etwas#. Der einzige Name, der selbst der rothen +Populace einigermaßen imponirte. Wenigstens #damals# noch. + +Es liegt in meiner Natur, angesichts aller Dinge, über die ich +#ausnahmsweise# nicht gleich hinweg kann, sorglich zu balanciren und +#nur +zögernd zu einem Entschluß zu kommen; #ist# dieser Entschluß aber +einmal gefaßt, so spring’ ich auch sofort wieder mit beiden Füßen in +die alte Sorglosigkeit hinein und vertraue lachend und heiter meinem +guten Stern. + +So that ich auch hier. Es wurde mir erleichtert durch einen Besuch, der +mit der Entscheidung, die ich faßte, fast zusammentraf. + +Die Lichter waren schon halb niedergebrannt; Rasumofsky that seine +letzten Stiche und schickte sich eben an, eine Zuckerhut-Strippe (als +Schnurre) durch den Reisesack zu ziehen, als es abermals klopfte. +Herein trat ein großer schöner Mann in der Uniform eines +Zuaven-Tambour-Majors. Langer blauer Rock, blanke Knöpfe, mächtige +rothe Epauletten, auf der Brust drei Orden, der schwarze Vollbart +sappeurartig herniederhängend und auf seiner Oberfläche in zwei +Strehnen geflochten, die, nicht viel dicker wie ein Uhrschnur, auf dem +mächtigen dunklen Bart-Untergrunde lagen. Es war der Cantinier. Man +denke sich mein Erstaunen. Die Schönheit dieses wirklich pompösen +Mannes wurde nur noch von dem Komischen seiner Erscheinung übertroffen. + +Er blieb drei Schritte vor mir stehn, verbeugte sich, legte seine linke +Hand auf die Brust und begann feierlich: »Mein Herr. Die Verhältnisse +haben es mir versagt, auf mehrere Schreiben, die ich die Ehre hatte von +Ihnen zu empfangen, schriftlich zu erwidern. Es ist mir Bedürfniß, +persönlich Ihre Nachsicht dafür zu erbitten. Zugleich spreche ich Ihnen +in meinem und meiner Dame Namen mein aufrichtiges Bedauern darüber aus, +Sie so früh aus unserer Mitte scheiden zu sehn. #Sie# werden anders +darüber empfinden, aber genehmigen Sie die Versicherung, daß Sie ein +Gegenstand unsres besonderen Respektes waren.« + +Hier schwieg er, verneigte sich wieder und wartete ersichtlich auf +meine Antwort. Ich ging also auch los. »Monsieur le Cantinier, es +gereicht mir zu einer ganz besonderen Ehre, daß ich noch Gelegenheit +finde, Sie in dieser prächtigen Erscheinung vor mir zu sehn. Sie sind +ein schöner Mann; verzeihen Sie die Unumwundenheit meiner +Ausdrucksweise (er verneigte sich), aber wenn es etwas giebt, das im +Stande ist, Ihrer Persönlichkeit Vorschub zu leisten, so ist es #diese# +Uniform. Ich sehe zu meiner besonderen Freude, Sie sind #dekorirt#. +Darf ich fragen .....« + +Er wartete das Weitere nicht ab, sondern interpretirte jetzt mit immer +lebhafter werdender Stimme: ≈c’est pour la Crimée, — c’est≈ ≈pour le +Mexique, — et la troisième, celle-ci, est une »décoration spéciale« +pour mes productions sur le cornet à piston.≈ + +Ich drückte ihm nochmals meine Freude aus, einen alten Soldaten zu +sehn, der wahrscheinlich in drei Welttheilen gefochten habe (er nickte +zustimmend), und glaubte nun, nach so vielen Auseinandersetzungen, das +Ende der Feierlichkeit gekommen, als er plötzlich einen Schritt näher +an mich heran trat und mit bewegter Stimme sagte: ≈Monsieur, je ne +crains pas de vous offenser, si je vous prie .....≈ + +Ich warf unwillkürlich den Oberkörper zurück. + +≈Monsieur≈, fuhr er fort, ≈permettez, que je vous embrasse≈. + +In solchen Momenten ist ein muthiges Hinein ins Unvermeidliche immer +das Beste. Nur Initiative kann vor größerem Unheil bewahren. Ich warf +mich also auf ihn, drückte die drei Medaillen an meine Brust und schob +erst meine linke, dann meine rechte Backe an den beiden Flanken seines +mächtigen Hauptes vorbei. + +Dann ließ ich los. »Rasumofsky, Licht!« Dieser packte den nächsten +Leuchter, riß die Thür auf und beschleunigte dadurch den Rückzug. + +Als er heraus war, sagt’ ich mir: ≈Mr. +#Masson#, encore une fois!≈ Nur unterm +Vergrößerungsglas und — mit rothen Epauletten! + + + + +4. Abschied. + + Hin jagt der Kiel; .... + Und jene Insel voll Erinnerungen + Sinkt in des Meers, sinkt in des Herzens Tiefe. + B. v. Lepel. + + +Um 7 Uhr früh war ich auf. Es dunkelte noch, aber ein großes +Reisigfeuer gab überall hin Licht und Wärme. Um 9½ ging das Schiff. +Gepackt war. Auf dem unter Rasumofskys Händen rasch arrangirten Bett +lagen meine Habseligkeiten: der Hut, der Ueberzieher, die Reisedecke, +zuletzt der blaue Reisesack, der genau das Ansehen jener kattunenen +Hülse hatte, drin der Dorffiedler seine Violine auf die nächste +Kirchweih trägt. Unten am Bett lag Blanche. Sie hatte noch nicht +ausgeschlafen, reckte und streckte sich und sah halb neugierig, halb +mißgestimmt unsrem Treiben zu. + +Es schlug 8, das letzte Frühmahl war genommen, Rasumofsky hatte seine +Erbschaft angetreten. Alles war sein. Vor den Sentimentalitäten des +Abschieds wurden wir durch immer neu eintreffende Besucher bewahrt, die +mir Grüße, Briefe, Bestellungen mit in die Heimath gaben. Einige +drangen in mich, einen großen Lärm wegen schlechter Behandlung der +Gefangenen zu machen, was ich aber ablehnte, ihnen nochmals +auseinandersetzend, sie möchten doch, um ihrer eigenen guten Laune +willen, von der Vorstellung ablassen: daß die französischen Gefangenen +in Deutschland ein glückliches und die deutschen Gefangenen in +Frankreich ein unglückliches Leben führten. Es würde sich wohl hüben +und drüben nicht viel nehmen. Gefangen sein, sei immer unangenehm. +Ergebung sei das Beste; an gutem Willen (wie sie zugeben mußten) fehle +es den Behörden nicht. Im Allgemeinen wurde dies gut aufgenommen. Nur +zwei vom 1. Garde-Ulanen-Regiment wollten nicht viel davon wissen. Sie +deuteten leise an: Du hast gut reden. + +So kam 9 Uhr. Blanche hatte sich inzwischen erholt und drängte sich an +mir vorbei, ihre Flanken immer dichter an meinem Stiefel streifend; +Rasumofsky hatte die Decke über den linken Arm gehängt und den blauen +Sack in der Rechten harrte er des Zeichens zum Aufbruch. »Nun mit +Gott.« Auf der Thürschwelle wandte ich mich noch einmal und sah in das +Zimmer zurück, drin das Reisigfeuer eben verglühte. Ich warf, ohne +bestimmte Adresse, eine Kußhand hinein, eine Dankesbezeugung gegen den +≈genius loci≈, der es gut mit mir gemeint hatte. Dann treppab, über +Flur und Hof hin, wo noch wieder die Hände geschüttelt wurden, ging es +am Glacis und der Stadt-Enceinte entlang, auf das Hafen-Bollwerk zu, wo +die Dampfer anzulegen pflegten. Ich löste ein Billet; Rasumofsky legte +Decke und Sack auf einen Mühlstein, der Tisch und Stuhl zugleich +vorstellte. So standen wir einander gegenüber. + +Ja, Rasumofsky, so geht es. + +Ja, Herr Leutnant. + +Nun, sei’n Sie vernünftig und kommen Sie bald nach. + +Ach, Herr Leutnant (hier kam er mir näher ans Ohr), am liebsten brennt’ +ich gleich mit durch. + +Unsinn. Ewig kann es nicht dauern. Gott befohlen. + +Es zwinkerte ihm etwas um die Augen; ich gab ihm die Hand; dann machte +er Kehrt und ging stramm auf Stadt und Citadelle zu. An höchster +Wegstelle winkte er noch einmal mit einem alten blauen Schnupftuch, das +nicht mehr recht flattern wollte. Dann bog er rechts ein und war mir +entschwunden. + +Das Schiff war noch nicht da. Ich setzte mich auf den Mühlstein und gab +mich dem Zauber dieser Minute hin. Es war wie ein Vorschmack der +Freiheit. Hinter mir und zu meiner Rechten lag das Meer, nach links hin +dehnte sich die Insel, vor mir ein Schiffs-Etablissement, halb Werft, +halb Holzhof. Es nebelte leise und durch die stille, wasserreiche Luft +klang gedämpften Tones der schrille Ton mehrerer Sägen, die, ein Mann +oben, ein Mann unten, große Stämme in Bretter zerschnitten. Das ganze +Bild, so einfach es war, war eigenthümlich und einschmeichlerisch, und +dennoch empfand ich, das alles schon einmal gehabt zu haben. Ich sann +hin und her. Da hatt’ ich es. In Linlithgow, angesichts des Schlosses, +drin Maria Stuart geboren wurde, hatte all’ das schon einmal zu mir +gesprochen: derselbe Nebelmorgen, derselbe durchrümpelte Holzhof, vor +allem derselbe gedämpfte Ton auf- und abgehender Holzsägen. Wenn es +etwas geben konnte, den Zauber dieser Minute zu steigern, so war es +#diese# Erinnerung. + +Der Dampfer hatte inzwischen angelegt. Ich war der einzige Passagier, +wenn zwei Pferde nicht mitzählen sollen, die, mit krausem Winterhaar +und klumpigen Füßen, wie heruntergekommene Anverwandte der schönen +Percheron-Raçe, auf dem dritten Platz des Schiffes untergebracht waren. +Mit Leichtigkeit löste sich der Dampfer vom Ufer, der Seewind strich +über Deck und ein leises Frösteln schüttelte mich. Aber ich konnte doch +von dieser Stelle nicht scheiden, ohne bis zuletzt eines freien +Umblicks genossen zu haben. Ich stellte mich also auf die Mitte der +Kajütentreppe und blickte von hier aus, die erhöhte Treppenwand als +Windschirm benutzend, nur den Kopf frei, in die Landschaft hinein. An +Büschen und Bojen hin, die das Fahrwasser bezeichneten, glitt der +Dampfer ruhig seine Straße, der Schleier über Oléron wurde dichter, +nichts als der Citadellthurm und rechts daneben das hohe Fanal ragten +noch wie Schattenbilder aus dem Grau hervor. Auf dem Schiffe herrschte +Stille; lautlos dirigirte der Matrose das Steuer, nur die Maschine +prustete, die Pferde stampften und die großen Holzschuhe des +Schiffsjungen klapperten über Deck. + +Nun begann das Hohio und das Rufen in den Maschinenraum hinunter; die +Breitseite des Dampfers legte sich an den Quai. + +Ich sprang ans Ufer. Festland unter den Füßen. Drüben auf Oléron +verschwanden die letzten Schatten im Nebel. + + + + +5. Rückreise. + + Komm mit deinem Scheine + Süßes Engelbild. + M. v. Schenkendorf. + + +Am Ufer hielten Diligencen und Omnibusse, die bis Marennes und +Rochefort gingen; keins dieser großen Gefährte aber hatte Lust, einen +einzigen Passagier landeinwärts zu schaffen. Ich nahm also eine Art +Postkutsche, nicht billig, aber doch immer noch nicht so theuer, wie +wenn man in Mark Brandenburg von Buckow bis Werneuchen fährt, und +rollte bei immer heller werdendem Wetter, die Hauptstraße von Marennes +hindurch, in die dahinter gelegene Landschaft hinein. Ich erkannte all’ +die alten Punkte wieder. Dies war das Wäldchen, wo der Marketender die +»Wacht am Rhein« angestimmt hatte; dies war die Wegebiegung, wo mein +Ziegenfell-Kutscher und ein Telegraphen-Beamter ihren großen Disput +begonnen und eine Viertelmeile lang die Worte wiederholt hatten: »≈vous +êtes un malhonnête« und »vous êtes un grossier≈«,[3] und dies endlich +war das Dorf und die Auberge, wo in das Gewirr der Stimmen und das +Geklapper der Kaffeetassen hinein die Schlagtriller der Kanarienvögel +erklungen waren. War jener Tag schön gewesen, so war dieser doch +schöner, trotz eines leisen Druckes, den ich nach wie vor auf dem +Herzen spürte. + +Die französischen Kutscher fahren brillant; schon um 2 Uhr rasselte die +Kutsche über das Vorstadtpflaster von Rochefort. An dem alten +Stadtthor, in Nähe einer großen Esplanade, hielten wir. + +Ich hatte zwei Gänge in Rochefort zu machen, den einen um der #Pietät#, +den andern um der #Respektabilität# willen. Diesen zweiten Gang macht’ +ich zuerst. Es war nämlich unmöglich, den blauen Kattunsack, diese in +ihrer Art vollendete Leistung meines Rasumofsky, als Handgepäck eines +≈première-classe≈-Reisenden beizubehalten; — dieser Sack allein schon +wäre eine beständige Denunciation gewesen. Ein Tausch also mußte sich +nothwendig vollziehen. An einem squareartigen Platz, inmitten der +Stadt, fand ich endlich eine Reiseeffekten-Handlung, trat ein und hatte +einen kleinen degenerirten Franzosen vor mir, der nicht aussah, als ob +er die letzten Kraftanstrengungen der Republik seinerseits unterstützen +wolle. Ich kaufte eine leidlich elegante Tasche, bat, den Prozeß des +Umpackens sofort vornehmen zu können, und löste diese Aufgabe, die bei +der Beschaffenheit meiner Effekten nicht eben leicht war, mit Geschick +und Decenz. Dann überreichte ich den Kattunsack mit der Bitte, diese +blaue Trophäe zur Erinnerung an einen preußischen ≈prisonnier de +guerre≈ aufbewahren zu wollen. Der kleine Mann konnte sich in diesen +Worten nicht gleich zurecht finden; nur drei Nähterinnen, die schon den +Umpackungsprozeß mit Theilnahme verfolgt hatten, kicherten jetzt und +blickten mich freundlich an. Dieser Erfolg genügte mir vollkommen. Ich +grüßte und verschwand. + +Mein nächster Gang in Rochefort galt dem Mr. Vignaud, dem Vorstande des +Gefängnisses. Ich hatt’ es noch dankbar in Erinnerung, daß seine +sorgliche Pflege mich vielleicht vor einer ernstlichen Krankheit +bewahrt hatte; so fragte ich mich denn durch Straßen und Gassen durch +und zog alsbald an dem großen Holzgatter die weithin schallende Glocke. +Man empfing mich wie einen alten Bekannten; »der Direktor habe eben von +mir gesprochen«. Dieser saß wie gewöhnlich an seinem Pult und las im +≈Moniteur universel≈ den Meinungsaustausch zwischen dem Grafen Bismarck +und dem Comte Chaudordy über Gefangenenbehandlung hüben und drüben. Ein +sehr zeitgemäßes Thema. Er schob mir das Blatt zur Durchsicht hin; ein +kurzes Gespräch knüpfte sich daran; ich fragte nach dem Sohn, dessen +Zimmer ich bewohnt hatte; er zuckte mit den Achseln, — ein Ballonbrief +war seit Wochen nicht eingetroffen. So schieden wir; ein jeder +gut-national und doch gute Freunde mitten im Kriege. + +Der Bahnhof war ziemlich nah. Ich erfuhr, daß in 30 Minuten ein Zug +abgehe, der aber halben Wegs zwischen Rochefort und Bordeaux (in +Angoulème) 4 oder 5 Stunden liegen bleibe, um das Eintreffen des +Hauptzuges von #Orleans# her abzuwarten. Mir brannte der Boden unter +den Füßen. Also weiter. + +Um 10 Uhr Abends war ich in Angoulème. Ich nahm einen Imbiß; dann +wurden die Gasflammen am Buffet gelöscht und ein Kellner führte mich +einem Bahnhofsbeamten zu, der nun den Warte-Salon öffnete. Hinter mir +wurde wieder zugeschlossen. Es war ein dunkler Raum; die dicht +aufgeschüttete Kohlenmasse #glühte# nur; große Schatten gingen an der +Decke hin, wenn draußen auf dem Perron sich irgend etwas regte; — es +war die Infirmerie von Moulins ins Elegante übersetzt. An den Wänden +entlang standen Plüsch-Canapés mit großen Kissen vom selben Stoff; +alles bequem und einladend. Ich streckte mich, um ein paar Stunden zu +schlafen. Es wollte aber nicht recht glücken, da ich bald wahrnehmen +mußte, daß ich nicht der einzige Bewohner an dieser Stelle war. Auf +einem zweiten Canapé, das Kopf an Kopf mit dem meinigen stand, wurd’ es +unruhig, drehte und dehnte sich, gähnte dazwischen und gab allerhand +andere Zeichen des Unbehagens. Endlich stand der Unruhige auf und +setzte sich vor den Kamin. Die Kohlengluth gab gerade so viel Licht, +daß ich ihn erkennen konnte. Es war ein junger Mann, wohlwollenden +Gesichts; allem Anschein nach ein Kaufmann. + +Nach einer halben Stunde waren wir im Gespräch, und ich darf wohl +sagen, ich schulde ihm den glücklichen Verlauf einer Reise, von der er +mir offen bekannte, daß er sie unter den obwaltenden Umständen für ein +#Wagniß# halten müsse. »Sie müssen sich eilen; keine Aufenthalte; immer +erster Klasse; — die Züge, zum Glück, greifen ineinander ein.« Sein +≈ceterum censeo≈ aber war: »schlafen Sie viel, lesen Sie viel, +#sprechen Sie wenig#«. + +Etwa um 2 Uhr Nachts traf der Zug von Orleans ein. An demselben +Vormittage war auf dem Terrain zwischen Artenay und der +Loire-Hauptstadt gekämpft worden; fünf oder sechs Waggons waren mit +bayerischen Gefangenen und Verwundeten gefüllt; namentlich Artillerie. +Sie befanden sich auf dem Wege nach Pau. Ich trennte mich von meinem +freundlichen Berather, wiederholte ihm meinen Dank und weiter ging es, +auf Bordeaux zu. Wir erreichten es 6 Uhr früh. Ein Fiacre führte mich, +über Brücken und Plätze, an einem prächtigen Quai hin, von einem +Bahnhof auf den andern. Nur eine halbe Stunde Rast! + +Nun begann ein Fahren Tag und Nacht. Am Nachmittag in Toulouse; am +Abend in Cette. Eine weite Wasserfläche dehnte sich zur Rechten; der +Mond, in breitem Streifen, schimmerte drüber hin. »Was ist das?« Das +mittelländische Meer. + +Weiter. Montpellier, Nismes, Tarascon. Hier gingen wir auf die +Marseiller Linie über. Am Morgen in #Lyon#. + +Lyon hat acht Bahnhöfe. + +≈Où est la gare de Genève?≈ + +≈C’est ici; voilà.≈ + +≈A quelle heure part le train?≈ + +≈A présent. Dans cinq minutes. Dépêchez-vous.≈ + +Im Fluge löste ich mein Billet und weiter rasselte der Zug auf Genf zu. +Nur noch 20 Meilen bis zur Grenze! Mir begann das Herz höher zu +schlagen. Ich fing auch wieder an zu #denken#. Wie hatt’ ich diese +anderthalb Tage seit Angoulème zugebracht? Getreulich nach der Weisung +meines Berathers. Die Augen geschlossen oder in ein Zeitungsblatt +vertieft, so hatt’ ich die langen Stunden über da gesessen. Auch in der +Nacht war kein Schlaf über mich gekommen. Was geht in solchen Stunden +in einer Menschenseele vor? womit tödtet man die Zeit hinweg? Hier +liegen Fragen für einen Psychologen vor. Das Auge ist todt; die +Landschaft spricht nicht zu ihm; die Bilder fallen auf die Netzhaut, +aber der Nerv, der uns das Bild zum Bewußtsein bringen soll, versagt +seinen Dienst. Und wie keine Bilder #zu# uns sprechen, so sprechen auch +keine Gedanken +#in# uns. Schemen, ein geistlos-geisterhaftes Wesen, ein fieberhaft +durch das Hirn gehetztes Nichts; ein Stunden- und Minutenzählen; immer +dieselbe Frage: wie weit noch, wie viel Meilen noch? + +Jetzt, auf dem Wege zwischen Lyon und Genf, war ich wenigstens so weit +gediehen, über das Nichtdenken der vorhergehenden Stunden nachdenken zu +können. Auch #das# schon war ein Gewinn. Dabei begann ich die letzte +Nummer des »≈Salut public≈« auswendig zu lernen. + +Nun waren wir in den Jura hinein; die Wälder bereift, die Häupter tief +in Schnee. Ein Sturm pfiff; aber gleichviel, es ging vorwärts. Das war +Bellegarde. Die #letzte# französische Schildwacht, den Kopf in der +Kaputze, sah von der Felsenbrücke hoch oben auf unsren, ihm muthmaßlich +wie Spielzeug erscheinenden Zug hernieder. Fünf Minuten später +rasselten wir an einem mit #Holzbalkonen# umschmückten Hause vorüber, +das die Inschrift trug: »≈Café Guillaume Tell≈«. Also #Schweiz#! + +Die »Bise« wehte von den Bergen her; die Maschine keuchte; unter einem +hohlen Gebraus fuhren wir in die Bahnhofshalle ein. + +Victoria Hôtel! Ich wählt’ es mit gutem Vorbedacht. + +Ein Blick des Oberkellners auf meinen Rochefort-Reisesack (wie hätte +erst Rasumofskys Schöpfung gewirkt!) verurtheilte mich zu drei Treppen. +Als ich in den kleinen Raum eintrat, sang neben mir eine +Pensions-Engländerin die Gnaden-Arie und an dem schlecht eingehakten +Fenster rüttelte und rasselte der Sturm. Gleichviel. Ich warf den +Reisesack in die Ecke, mich selber auf’s Sopha, kreuzte die Hände über +der Brust, athmete hoch auf und sagte das #eine# Wort: Frei. + + +[3] Ueber diese Streitscene war ich in dem Kapitel Marennes absichtlich +hin gegangen, um den raschen Verlauf der Erzählung nicht zu +unterbrechen. Ich muß aber dieses Vorganges doch noch nachträglich +Erwähnung thun, weil er mir durchaus charakteristisch erscheint. Der +Telegraphen-Beamte, der sich aus einem Mischgefühl von Neugier und +Freundlichkeit unsrem Zuge anzuschließen gedachte, hatte nämlich auf +dem zweirädrigen Karren meines Pellerinen-Kutschers Platz nehmen +wollen, was diesem letzteren unbillig und eine Ueberbürdung seines +Fuhrwerkes schien. Aus dieser Geringfügigkeit entspann sich nunmehr ein +Disput, der mindestens eine Viertelstunde dauerte und während dieser +ganzen Zeit keine andre #Steigerung# erfuhr, als daß jeder der +Streitenden erst ein ≈je vous #assure#≈ und schließlich (als höchsten +Trumpf) ein ≈je vous +#jure#≈ jenen oben citirten, immer wiederholten Worten hinzusetzte. Es +machte einen unglaublich ärmlichen Eindruck, und ich kann sagen, ich +empfand einen gewissen Stolz darüber, in Gegenden zu Hause zu sein, +denen man Reichthum und Produktionskraft nach #dieser# Seite hin nicht +absprechen wird. + + +####################################################################### + +Hinweise zur Bearbeitung + + - Bei Passagen in französischer Sprache ist die Interpunktion + belassen wie im Original. Sie folgt nicht den französischen Regeln + der Rechtschreibung. + - Die Schreibweise "Domremy" (ohne accent aigu) für den Ort im + französischen Departement Vosges, Französisch "Domrémy", (heute + Domrémy-la-Pucelle) wurde so beibehalten, bis auf eine Nennung in + wörtlicher Rede (vous souvenez-vous de Domrémy). + - Die im Satzbild enthaltenen Trennungen in Linien- oder + Dekorationsform wurden wie im Original beibehalten, um den + Gesamteindruck des Druckwerkes möglichst nahe abzubilden. + - Es wird der alten Schreibweise "vorauf", heute "voraus" gefolgt + (schritt er seiner Heerde vorauf). + - Um die Werktreue zu erhalten, wurde die gelegentliche Schreibweise + "Brot" (z.B.: Es war heißes Wasser, mit Brot) beibehalten, obgleich + im Buch sonst meist die alte Schreibweise "Brod" zu finden ist (z.B.: + Weißbrod sehr wohl leben lassen) + - Die Schreibweise von "nichtsdestoweniger" wurde im Text abweichend + mit Worttrennung beibehalten, da früher die getrennte Schreibweise + üblich war und hier möglicherweise eine Mischform vorliegt (Der + General indessen sei nichts destoweniger). + - Das Wort "sentimalen" wurde belassen, obgleich es keine übliche + Schreibweise darstellt. Es handelt sich möglicherweise um eine + Französisierung des Autors. Ein Schreib-/Satzfehler statt + "sentimentalen" erscheint wegen gleich drei abweichender Buchstaben + unwahrscheinlich (aber alle von jenem sentimalen Zug,). + - Beim Ortsnamen "St. Marie des Fosses" wurde die im Text verwendete + Bezeichnung beibehalten, da nicht zu ermitteln ist, ob der Autor den + Namen beabsichtigt oder fehlerhaft verwendet hat. Es handelt sich + aller Wahrscheinlichkeit nach um den Ort "Saint-Germain-des-Fosses", + zu dem die im Text beschriebenen regionalen Bezüge passen (Bei St. + Marie des Fosses war ein längerer Aufenthalt;). + - Die Schreibweise Vikar und abweichend Vicar wurde wie im Original + beibehalten (Dem Besuche des Vicars) + +####################################################################### + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75277 *** |
