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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75267 ***
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+ Anmerkungen zur Transkription
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+ Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter
+ Text ist _so ausgezeichnet_.
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+ Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
+ Buches.
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+ Der deutsche Spielmann
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+ Eine Auswahl aus dem Schatze deutscher Dichtung
+ für Jugend und Volk
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+ Herausgegeben von Dr. Ernst Weber
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+ *
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+ Wald
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+ Der deutsche Wald
+ und was er raunt und singt
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+ Bildschmuck von Willibald Weingärtner
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+ Vierte, veränderte Auflage
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+ *
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+ München 1927
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+ Georg D. W. Callwey * Verlag des deutschen Spielmanns
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+Druck von Kastner & Callwey in München
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+[Illustration]
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+ »Der deutsche Wald!« – Wer möchte nicht
+ Den Wald der Deutschen lieben?
+ Mir steht er wie ein hold Gedicht
+ Im Herzen eingeschrieben.
+ Die Schauer meiner Kinderzeit,
+ Der spätern Jahre Wonne,
+ Des Winters frostige Herrlichkeit,
+ Des Sommers sengende Sonne,
+ Der Herbst im Purpur flammendrot,
+ Der Lenz auf blühendem Throne:
+ Was mir Natur an Schönheit bot,
+ Dem Wald gebührt die Krone.
+
+ Einst gab der Wald uns Herd und Haus
+ Und hohe Götterhallen.
+ Die Zeit vertrieb uns längst daraus,
+ Das Heimweh blieb uns allen.
+ Und klingt ein Lied vom deutschen Wald,
+ Dann wird die Brust uns enge;
+ Aus seinen Weisen fühlst du bald
+ Die heimattrauten Klänge;
+ Die Waldfei harft mit weicher Hand,
+ Du stehst in süßem Lauschen –
+ Am schönsten ist mein deutsches Land,
+ Wo seine Wälder rauschen.
+
+ Der deutsche Spielmann
+
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+
+Gegrüßt, gegrüßt, ihr trauten Waldeshallen!
+
+
+ Gegrüßt, gegrüßt, ihr trauten Waldeshallen!
+ Hier hört ich einst im Wintersturmesdröhnen
+ Zum erstenmal das Hohelied des Schönen
+ Wie Orgelbraus durch eure Säulen schallen.
+
+ Hier fühlt ich süß der Sehnsucht erstes Wallen,
+ Und, um dem Sein das Träumen zu versöhnen,
+ Begann in leisen, ahnungscheuen Tönen
+ Der Knabenmund sein erstes Lied zu lallen.
+
+ So mancher Herbst hat seine welken Blätter
+ Seit jener Zeit auf dieses Haupt geschüttelt;
+ So manchen Winters schneidig kaltes Wetter
+
+ Hat kräftig mich aus manchem Traum gerüttelt –
+ Doch nun zu euch mein Wandern mich getrieben,
+ Heut fühl ich jubelnd: ich bin jung geblieben!
+
+ Ferdinand Avenarius
+
+
+
+
+Jetzt rede du!
+
+
+ Du warest mir ein täglich Wanderziel,
+ Viellieber Wald, in dumpfen Jugendtagen,
+ Ich hatte dir geträumten Glücks so viel
+ Anzuvertraun, so wahren Schmerz zu klagen.
+
+ Und wieder such ich dich, du dunkler Hort,
+ Und deines Wipfelmeers gewaltig Rauschen –
+ Jetzt rede du! Ich lasse dir das Wort!
+ Verstummt ist Klag und Jubel. Ich will lauschen.
+
+ C. F. Meyer
+
+
+
+
+Erster Mai
+
+
+ Erster Mai ist heute,
+ Fort Papier und Buch!
+ Grüner Wald umbreite
+ Mich mit Würzgeruch.
+
+ Schlage deine Blätter
+ Mir im Weben auf:
+ Unsrer alten Götter
+ Sprache steht darauf.
+
+ Martin Greif
+
+
+
+
+Der Herr des Waldes
+
+
+Der Herr des Waldes machte seinen Morgenspaziergang. Warm lag das
+Sonnenlicht ihm auf den Schultern, milde sahen seine Augen an den
+Buchen hinauf und freuten sich an dem schwellenden Grün und der
+Lichtfülle in den Wipfeln. Und wenn er an eine Stelle kam, an der ein
+Unwetter hart gewütet, fuhr er langsam durch den weißen, langen Bart
+und sagte:
+
+»Hier müssen wir neuen Wuchs anpflanzen.«
+
+Da sah er auf seinem Wege zu Füßen einen Ameisenhaufen. Ein lustiges,
+emsiges, regsames Gekribbel. Die einen bauten Gemächer und Gänge
+und trieben Stollen und Schächte in die Erde; die andern schleppten
+Wintervorräte heran; und wieder andere schienen mit heftigen Gebärden
+in ernstem Disput zu sein.
+
+Plötzlich ging eine Bewegung durch die Massen. Ein armer Sünder wurde
+durch die Stadt zum Richtplatz geführt, wo ihn die Schergen zu Tode
+bringen sollten.
+
+»Was soll das?« fragte der Herr des Waldes.
+
+»Wir müssen ihn töten«, antwortete jemand aus der Menge, »er hat
+gesagt, er glaube nicht an den Herrn des Waldes.«
+
+Und weiter zogen sie mit ihm zum Richtplatz.
+
+Der Herr des Waldes lächelte und fuhr sich durch den greisen Bart.
+Milde sahen seine Augen an den Buchen hinauf, und im Weitergehen
+freuten sie sich an dem schwellenden Grün und an der Lichtfülle in den
+Wipfeln.
+
+ Albert Sergel
+
+
+
+
+Morgens im Walde
+
+
+ Ein sanfter Morgenwind durchzieht
+ Des Forstes grüne Hallen;
+ Hell wirbelt der Vögel muntres Lied;
+ Die jungen Birken wallen.
+
+ Das Eichhorn schwingt sich von Baum zu Baum;
+ Das Reh durchschlüpft die Büsche;
+ Viel hundert Käfer im schattigen Raum
+ Erfreun sich der Morgenfrische.
+
+ Und wie ich so schreit im lustigen Wald
+ Und alle Bäum erklingen,
+ Rings um mich alles singet und schallt:
+ Wie sollt ich allein nicht singen?
+
+ Ich singe mit starkem, freudigem Laut
+ Dem, der die Wälder säet,
+ Der droben die luftige Kuppel gebaut
+ Und Wärm und Kühlung wehet.
+
+ Karl Egon Ebert
+
+
+
+
+Die Waldkapelle
+
+
+ Wo tief im Tannengrunde
+ So friedlich äst das Wild,
+ Steht an geweihter Stelle
+ Die kleine Waldkapelle
+ Mit ihrem Gnadenbild.
+
+ Der Efeu und die Rose
+ Umrankt das Bild von Stein;
+ Die Vöglein in den Zweigen,
+ Sie laden durch ihr Schweigen
+ Hier still zum Beten ein.
+
+ Habt Rast, ihr Hirsch und Rehe,
+ Hab Rast, mein Roß, auch du!
+ Kein Jagdruf soll euch schrecken,
+ Kein Horn den Wald erwecken
+ Aus tiefer Mittagsruh.
+
+ Georg Scherer
+
+
+
+
+Waldesstimme
+
+
+ Wie deine grüngoldnen Augen funkeln,
+ Wald, du moosiger Träumer!
+ Wie deine Gedanken dunkeln,
+ Einsiedel, schwer von Leben,
+ Saftseufzender Tagesversäumer!
+
+ Über der Wipfel Hin- und Wiederschweben,
+ Wie’s Atem holt und voller wogt und braust
+ Und weiter zieht –
+ Und stiller wird –
+ Und saust.
+
+ Über der Wipfel Hin- und Wiederschweben
+ Hoch droben steht _ein_ ernster Ton,
+ Dem lauschen tausend Jahre schon
+ Und werden tausend Jahre lauschen …
+ Und immer dieses starke, donnerdunkle Rauschen.
+
+ Peter Hille
+
+
+
+
+Waldandacht
+
+
+ Grausilbern jeder Buchenstamm,
+ Das Grün mit Gold umzirkt
+ Und oben hoch am lichten Kamm
+ Von Himmelsblau durchwirkt.
+
+ Ein brauner Teppich deckt den Grund,
+ Aus Moos und Laub gewebt,
+ Wo durch die dämmerdunkle Rund
+ Kein einzig Lüftlein bebt.
+
+ Das ist des Waldes Hochaltar,
+ Mit Kerzen reich beschickt,
+ Darüber strahlend, groß und klar
+ Ein Schöpferauge blickt.
+
+ Ernst Weber
+
+
+
+
+Mittag
+
+
+ Am Waldessaume träumt die Föhre,
+ Am Himmel weiße Wölkchen nur;
+ Es ist so still, daß ich sie _höre_,
+ Die tiefe Stille der Natur.
+
+ Rings Sonnenschein auf Wies’ und Wegen,
+ Die Wipfel stumm, kein Lüftchen wach,
+ Und doch, es klingt, als ström ein Regen
+ Leis tönend auf das Blätterdach.
+
+ Theodor Fontane
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+Schneeweißchen und Rosenrot
+
+
+Eine arme Witwe, die lebte einsam in einem Hüttchen, und vor dem
+Hüttchen war ein Garten, darin standen zwei Rosenbäumchen, davon trug
+das eine weiße, das andere rote Rosen: und sie hatte zwei Kinder, die
+glichen den beiden Rosenbäumchen, und das eine hieß Schneeweißchen,
+das andere Rosenrot. Sie waren aber so fromm und gut, so arbeitsam
+und unverdrossen, als je zwei Kinder auf der Welt gewesen sind:
+Schneeweißchen war nur stiller und sanfter als Rosenrot. Rosenrot
+sprang lieber in den Wiesen und Feldern umher, suchte Blumen und fing
+Sommervögel; Schneeweißchen aber saß daheim bei der Mutter, half ihr im
+Hauswesen oder las ihr vor, wenn nichts zu tun war. Die beiden Kinder
+hatten einander so lieb, daß sie sich immer an den Händen faßten, so
+oft sie zusammen ausgingen; und wenn Schneeweißchen sagte: »Wir wollen
+uns nicht verlassen«, so antwortete Rosenrot: »Solange wir leben
+nicht«, und die Mutter setzte hinzu: »Was das eine hat, soll’s mit dem
+andern teilen.« Oft liefen sie im Walde allein umher und sammelten
+rote Beeren; aber kein Tier tat ihnen etwas zuleid, sondern sie kamen
+vertraulich herbei: das Häschen fraß ein Kohlblatt aus ihren Händen,
+das Reh graste an ihrer Seite, der Hirsch sprang ganz lustig vorbei,
+und die Vögel blieben auf den Ästen sitzen und sangen, was sie nur
+wußten. Kein Unfall traf sie: wenn sie sich im Walde verspätet hatten
+und die Nacht sie überfiel, so legten sie sich nebeneinander auf das
+Moos und schliefen, bis der Morgen kam, und die Mutter wußte das und
+hatte ihretwegen keine Sorge. Einmal, als sie im Walde übernachtet
+hatten und das Morgenrot sie aufweckte, da sahen sie ein schönes Kind
+in einem weißen, glänzenden Kleidchen neben ihrem Lager sitzen. Es
+stand auf und blickte sie ganz freundlich an, sprach aber nichts und
+ging in den Wald hinein. Und als sie sich umsahen, so hatten sie ganz
+nahe bei einem Abgrunde geschlafen und wären gewiß hineingefallen, wenn
+sie in der Dunkelheit noch ein paar Schritte weiter gegangen wären. Die
+Mutter aber sagte ihnen, das müßte der Engel gewesen sein, der gute
+Kinder bewache.
+
+Schneeweißchen und Rosenrot hielten das Hüttchen der Mutter so
+reinlich, daß es eine Freude war, hineinzuschauen. Im Sommer besorgte
+Rosenrot das Haus und stellte der Mutter jeden Morgen, ehe sie
+aufwachte, einen Blumenstrauß vors Bett, darin war von jedem Bäumchen
+eine Rose. Im Winter zündete Schneeweißchen das Feuer an und hing den
+Kessel an den Feuerhaken, und der Kessel war von Messing, glänzte aber
+wie Gold, so rein war er gescheuert. Abends, wenn die Flocken fielen,
+sagte die Mutter: »Geh, Schneeweißchen, und schieb den Riegel vor«, und
+dann setzten sie sich an den Herd, und die Mutter nahm die Brille und
+las aus einem großen Buche vor, und die beiden Mädchen hörten zu, saßen
+und spannen; neben ihnen lag ein Lämmchen auf dem Boden, und hinter
+ihnen auf einer Stange saß ein weißes Täubchen und hatte seinen Kopf
+unter den Flügel gesteckt.
+
+Eines Abends, als sie so vertraulich beisammen saßen, klopfte jemand
+an die Türe, als wollte er eingelassen sein. Die Mutter sprach:
+»Geschwind, Rosenrot, mach auf, es wird ein Wanderer sein, der Obdach
+sucht.« Rosenrot ging und schob den Riegel weg und dachte, es wär
+ein armer Mann, aber der war es nicht, es war ein Bär, der seinen
+dicken schwarzen Kopf zur Tür hereinstreckte. Rosenrot schrie laut
+und sprang zurück: das Lämmchen blökte, das Täubchen flatterte auf,
+und Schneeweißchen versteckte sich hinter der Mutter Bett. Der Bär
+aber fing an zu sprechen und sagte: »Fürchtet euch nicht, ich tue
+euch nichts zuleid, ich bin halb erfroren und will mich nur ein wenig
+bei euch wärmen.« – »Du armer Bär,« sprach die Mutter, »leg dich ans
+Feuer und gib nur acht, daß dir dein Pelz nicht brennt!« Dann rief
+sie: »Schneeweißchen, Rosenrot, kommt hervor, der Bär tut euch nichts,
+er meint’s ehrlich.« Da kamen sie beide heran, und nach und nach
+näherten sich auch das Lämmchen und Täubchen und hatten keine Furcht
+vor ihm. Der Bär sprach: »Ihr Kinder, klopft mir den Schnee ein wenig
+aus dem Pelzwerk!« und sie holten den Besen und kehrten dem Bär das
+Fell rein: er aber streckte sich ans Feuer und brummte ganz vergnügt
+und behaglich. Nicht lange, so wurden sie ganz vertraut und trieben
+Mutwillen mit dem unbeholfenen Gast. Sie zausten ihm das Fell mit den
+Händen, setzten ihre Füßchen auf seinen Rücken und walgerten ihn hin
+und her, oder sie nahmen eine Haselrute und schlugen auf ihn los,
+und wenn er brummte, so lachten sie. Der Bär ließ sich’s aber gerne
+gefallen, nur wenn sie’s gar zu arg machten, rief er: »Laßt mich am
+Leben, ihr Kinder:
+
+ Schneeweißchen, Rosenrot,
+ Schlägst dir den Freier tot.«
+
+Als Schlafenszeit war und die andern zu Bett gingen, sagte die Mutter
+zu dem Bär: »Du kannst in Gottes Namen da am Herde liegen bleiben, so
+bist du vor der Kälte und dem bösen Wetter geschützt.« Sobald der Tag
+graute, ließen ihn die beiden Kinder hinaus, und er trabte über den
+Schnee in den Wald hinein. Von nun an kam der Bär jeden Abend zu der
+bestimmten Stunde, legte sich an den Herd und erlaubte den Kindern,
+Kurzweil mit ihm zu treiben, soviel sie wollten; und sie waren so
+gewöhnt an ihn, daß die Türe nicht eher zugeriegelt ward, als bis der
+schwarze Gesell angelangt war.
+
+Als das Frühjahr herangekommen und draußen alles grün war, sagte der
+Bär eines Morgens zu Schneeweißchen: »Nun muß ich fort und darf den
+ganzen Sommer nicht wieder kommen.« – »Wo gehst du denn hin, lieber
+Bär?« fragte Schneeweißchen. »Ich muß in den Wald und meine Schätze vor
+den bösen Zwergen hüten. Im Winter, wenn die Erde hart gefroren ist,
+müssen sie wohl unten bleiben und können sich nicht durcharbeiten; aber
+jetzt, wenn die Sonne die Erde aufgetaut und erwärmt hat, da brechen
+sie durch, steigen herauf, suchen und stehlen; was einmal in ihren
+Händen ist und in ihren Höhlen liegt, das kommt so leicht nicht wieder
+an des Tages Licht.« Schneeweißchen war ganz traurig über den Abschied,
+und als es ihm die Türe aufriegelte und der Bär sich hinausdrängte,
+blieb er an dem Türhaken hängen, und ein Stück seiner Haut riß auf, und
+da war es Schneeweißchen, als hätte es Gold durchschimmern gesehen;
+aber es war seiner Sache nicht gewiß. Der Bär lief eilig fort und war
+bald hinter den Bäumen verschwunden.
+
+Nach einiger Zeit schickte die Mutter die Kinder in den Wald, Reisig
+zu sammeln. Da fanden sie draußen einen großen Baum, der lag gefällt
+auf dem Boden, und an dem Stamme sprang zwischen dem Gras etwas auf
+und ab, sie konnten aber nicht unterscheiden, was es war. Als sie
+näher kamen, sahen sie einen Zwerg mit einem alten, verwelkten Gesicht
+und einem ellenlangen, schneeweißen Bart. Das Ende des Bartes war in
+eine Spalte des Baumes eingeklemmt, und der Kleine sprang hin und her
+wie ein Hündchen an einem Seil und wußte nicht, wie er sich helfen
+sollte. Er glotzte die Mädchen mit seinen roten, feurigen Augen an
+und schrie: »Was steht ihr da! könnt ihr nicht herbeigehen und mir
+Beistand leisten?« – »Was hast du angefangen, kleines Männchen?« fragte
+Rosenrot. »Dumme, neugierige Gans,« antwortete der Zwerg, »den Baum
+habe ich mir spalten wollen, um kleines Holz in der Küche zu haben; bei
+den dicken Klötzen verbrennt gleich das bißchen Speise, das unsereiner
+braucht, der nicht so viel hinunterschlingt als ihr grobes, gieriges
+Volk. Ich hatte den Keil schon glücklich hineingetrieben, und es wäre
+alles nach Wunsch gegangen, aber das verwünschte Holz war zu glatt und
+sprang unversehens heraus, und der Baum fuhr so geschwind zusammen,
+daß ich meinen schönen weißen Bart nicht mehr herausziehen konnte;
+nun steckt er drin, und ich kann nicht fort. Da lachen die albernen,
+glatten Milchgesichter! pfui, was seid ihr garstig!« Die Kinder
+gaben sich alle Mühe, aber sie konnten den Bart nicht herausziehen,
+er steckte zu fest. »Ich will laufen und Leute herbeiholen,« sagte
+Rosenrot. »Wahnsinnige Schafsköpfe,« schnarrte der Zwerg, »wer wird
+gleich Leute herbeirufen, ihr seid mir schon um zwei zuviel; fällt
+euch nichts Besseres ein?« – »Sei nur nicht ungeduldig,« sagte
+Schneeweißchen, »ich will schon Rat schaffen,« holte sein Scherchen aus
+der Tasche und schnitt das Ende des Bartes ab. Sobald der Zwerg sich
+frei fühlte, griff er nach einem Sack, der zwischen den Wurzeln des
+Baumes steckte und mit Gold gefüllt war, hob ihn heraus und brummte
+vor sich hin: »Ungehobeltes Volk, schneidet mir ein Stück von meinem
+stolzen Barte ab! lohn’s euch der Kuckuck!« Damit schwang er seinen
+Sack auf den Rücken und ging fort, ohne die Kinder nur noch einmal
+anzusehen.
+
+Einige Zeit danach wollten Schneeweißchen und Rosenrot ein Gericht
+Fische angeln. Als sie nahe bei dem Bach waren, sahen sie, daß etwas
+wie eine große Heuschrecke nach dem Wasser zu hüpfte, als wollte es
+hineinspringen. Sie liefen heran und erkannten den Zwerg. »Wo willst
+du hin?« sagte Rosenrot, »du willst doch nicht ins Wasser?« – »Solch
+ein Narr bin ich nicht,« schrie der Zwerg, »seht ihr nicht, der
+verwünschte Fisch will mich hineinziehen!« Der Kleine hatte dagesessen
+und geangelt, und unglücklicherweise hatte der Wind seinen Bart mit
+der Angelschnur verflochten. Als gleich darauf ein großer Fisch anbiß,
+fehlten dem schwachen Geschöpf die Kräfte, ihn herauszuziehen; der
+Fisch behielt die Oberhand und riß den Zwerg zu sich hin. Zwar hielt er
+sich an allen Halmen und Binsen, aber das half nicht viel, er mußte den
+Bewegungen des Fisches folgen und war in beständiger Gefahr, ins Wasser
+gezogen zu werden. Die Mädchen kamen zu rechter Zeit, hielten ihn fest
+und versuchten, den Bart von der Schnur loszumachen, aber vergebens,
+Bart und Schnur waren fest ineinander verwirrt. Es blieb nichts übrig,
+als das Scherchen hervorzuholen und den Bart abzuschneiden, wobei
+ein kleiner Teil desselben verloren ging. Als der Zwerg das sah,
+schrie er sie an: »Ist das Manier, ihr Lorche, einem das Gesicht zu
+schänden? nicht genug, daß ihr mir den Bart unten abgestutzt habt,
+jetzt schneidet ihr mir den besten Teil davon ab; ich darf mich vor
+den Meinigen gar nicht sehen lassen! Daß ihr laufen müßtet und die
+Schuhsohlen verloren hättet!« Dann holte er einen Sack Perlen, der im
+Schilfe lag, und ohne ein Wort weiter zu sagen, schleppte er ihn fort
+und verschwand hinter einem Stein.
+
+Es trug sich zu, daß bald hernach die Mutter die beiden Mädchen nach
+der Stadt schickte, Zwirn, Nadeln, Schnüre und Bänder einzukaufen.
+Der Weg führte sie über eine Heide, auf der hier und da mächtige
+Felsenstücke zerstreut lagen. Da sahen sie einen großen Vogel in der
+Luft schweben, der langsam über ihnen kreiste, sich immer tiefer
+herabsenkte und endlich nicht weit bei einem Felsen niederstieß,
+Gleich darauf hörten sie einen durchdringenden, jämmerlichen Schrei.
+Sie liefen herzu und sahen mit Schrecken, daß der Adler ihren alten
+Bekannten, den Zwerg, gepackt hatte und ihn forttragen wollte. Die
+mitleidigen Kinder hielten gleich das Männchen fest und zerrten sich
+so lange mit dem Adler herum, bis er seine Beute fahren ließ. Als
+der Zwerg sich von dem ersten Schrecken erholt hatte, schrie er mit
+seiner kreischenden Stimme: »Konntet ihr nicht säuberlicher mit mir
+umgehen? Gerissen habt ihr an meinem dünnen Röckchen, daß es überall
+zerfetzt und durchlöchert ist, unbeholfenes und täppisches Gesindel,
+das ihr seid!« Dann nahm er einen Sack mit Edelsteinen und schlüpfte
+wieder unter den Felsen in seine Höhle. Die Mädchen waren an seinen
+Undank schon gewöhnt, setzten ihren Weg fort und verrichteten ihr
+Geschäft in der Stadt. Als sie beim Heimweg wieder auf die Heide kamen,
+überraschten sie den Zwerg, der auf einem reinlichen Plätzchen seinen
+Sack mit Edelsteinen ausgeschüttet und nicht gedacht hatte, daß so
+spät noch jemand daherkommen würde. Die Abendsonne schien über die
+glänzenden Steine, sie schimmerten und leuchteten so prächtig in allen
+Farben, daß die Kinder stehen blieben und sie betrachteten. »Was steht
+ihr da und habt Maulaffen feil!« schrie der Zwerg, und sein aschgraues
+Gesicht ward zinnoberrot vor Zorn. Er wollte mit seinen Scheltworten
+fortfahren, als sich ein lautes Brummen hören ließ und ein schwarzer
+Bär aus dem Walde herbeitrabte. Erschrocken sprang der Zwerg auf; aber
+er konnte nicht mehr zu seinem Schlupfwinkel gelangen, der Bär war
+schon in seiner Nähe. Da rief er in Herzensangst: »Lieber Herr Bär,
+verschont mich, ich will Euch alle meine Schätze geben, sehet die
+schönen Edelsteine, die da liegen. Schenkt mir das Leben, was habt Ihr
+an mir kleinem, schmächtigem Kerl? Ihr spürt mich nicht zwischen den
+Zähnen. Da, die beiden gottlosen Mädchen packt, das sind für Euch zarte
+Bissen, fett wie junge Wachteln, die freßt in Gottes Namen.« Der Bär
+kümmerte sich um seine Worte nicht, gab dem boshaften Geschöpf einen
+einzigen Schlag mit der Tatze, und es regte sich nicht mehr.
+
+Die Mädchen waren fortgesprungen, aber der Bär rief ihnen nach:
+»Schneeweißchen und Rosenrot, fürchtet euch nicht, wartet, ich will mit
+euch gehen!« Da erkannten sie seine Stimme und blieben stehen, und als
+der Bär bei ihnen war, fiel plötzlich die Bärenhaut ab, und er stand
+da als ein schöner Mann und war ganz in Gold gekleidet. »Ich bin eines
+Königs Sohn,« sprach er, »und war von dem gottlosen Zwerg, der mir
+meine Schätze gestohlen hatte, verwünscht, als ein wilder Bär in dem
+Walde zu laufen, bis ich durch seinen Tod erlöst würde. Jetzt hat er
+seine wohlverdiente Strafe empfangen.«
+
+Schneeweißchen ward mit ihm vermählt und Rosenrot mit seinem Bruder,
+und sie teilten die großen Schätze miteinander, die der Zwerg in seiner
+Höhle zusammengetragen hatte. Die alte Mutter lebte noch lange Jahre
+ruhig und glücklich bei ihren Kindern. Die zwei Rosenbäumchen aber nahm
+sie mit, und sie standen vor ihrem Fenster und trugen jedes Jahr die
+schönsten Rosen, weiß und rot.
+
+ Brüder Grimm
+
+
+
+
+Im Wald
+
+
+ Die Winde gehn ums kleine Jägerhaus,
+ Die Wälder rauschen in die Nacht hinaus.
+
+ Da drinnen schimmert warmes Lampenlicht,
+ Ein stilles Stübchen, traulich-eng und schlicht.
+
+ Geweih und Rehgehörn als Schmuck der Wand,
+ Ein Falke drüber, der die Flügel spannt.
+
+ So still, so stille – nur die Wanduhr tickt
+ Und vom Kamin der rote Glutschein zückt.
+
+ Bisweilen schlägt im Schlaf der Jagdhund an,
+ Er träumt vom Pirschgang wohl im freien Tann!
+
+ Der Jäger sitzt und pafft sein Pfeifchen stumm,
+ Der Rauch blaut nebelnd im Gemach herum.
+
+ Die blonde Frau lehnt still im Stuhl zurück
+ Und schaut ins Licht mit weitverträumtem Blick.
+
+ Sie hebt den Kopf nur lauschend dann und wann –
+ Weint nicht im Schlaf ihr Kindchen nebenan?
+
+ Doch nur die Wanduhr sagt ihr leis Ticktick:
+ Es geht – die Zeit, – halt fest – halt fest – das Glück!
+
+ Und nur die Winde gehn ums Jägerhaus,
+ Die Wälder rauschen in die Nacht hinaus!
+
+ Lulu v. Strauß-Torney
+
+
+
+
+Waldeinsamkeit
+
+
+ Waldeinsamkeit!
+ Du grünes Revier,
+ Wie liegt so weit
+ Die Welt von hier!
+ Schlaf nur, wie bald
+ Kommt der Abend schön,
+ Durch den stillen Wald
+ Die Quellen gehn,
+ Die Mutter Gottes wacht,
+ Mit ihrem Sternenkleid
+ Bedeckt sie dich sacht
+ In der Waldeinsamkeit,
+ Gute Nacht, gute Nacht! –
+
+ Joseph von Eichendorff
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Nachts
+
+
+ Ich stehe in Waldesschatten
+ Wie an des Lebens Rand,
+ Die Länder wie dämmernde Matten,
+ Der Strom wie ein silbern Band.
+
+ Von fern nur schlagen die Glocken
+ Über die Wälder herein,
+ Ein Reh hebt den Kopf erschrocken
+ Und schlummert gleich wieder ein.
+
+ Der Wald aber rühret die Wipfel
+ Im Traum von der Felsenwand.
+ Denn der Herr geht über die Gipfel
+ Und segnet das stille Land.
+
+ Joseph von Eichendorff
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Das Abenteuer im Walde
+
+
+Es regnete, was vom Himmel herunter wollte. Die Tannen schüttelten den
+Kopf und sagten zueinander: »Wer hätte am Morgen gedacht, daß es so
+kommen würde!« Es tropfte von den Bäumen auf die Sträucher, von den
+Sträuchern auf das Farnkraut und lief in unzähligen kleinen Bächen
+zwischen dem Moose und den Steinen. Am Nachmittag hatte der Regen
+angefangen, und nun wurde es schon dunkel, und der Laubfrosch, der vor
+dem Schlafengehen noch einmal nach dem Wetter sah, sagte zu seinem
+Nachbar: »Vor morgen früh wird es nicht aufhören.«
+
+Derselben Ansicht war eine Ameise, die bei diesem Wetter im Walde
+spazieren ging. Sie war am Vormittag mit Eiern in Tannenberg auf dem
+Markte gewesen und trug jetzt das dafür gelöste Geld in einem kleinen
+blauen Leinwandbeutel nach Hause. Bei jedem Schritte seufzte und
+jammerte sie. »Das Kleid ist hin,« sagte sie, »und der Hut auch! Hätt
+ich nur den Regenschirm nicht stehen lassen, oder hätt ich wenigstens
+die Überschuhe angezogen! Aber mit Zeugschuhen in solchem Regen ist gar
+kein Weiterkommen!«
+
+Während sie so sprach, sah sie gerade vor sich in der Dämmerung einen
+großen Pilz. Freudig ging sie darauf zu. »Das paßt,« rief sie; »das
+ist ja ein Wetterdach, wie man es sich nicht besser wünschen kann!
+Hier bleib ich, bis es aufhört, zu regnen. Wie es scheint, wohnt hier
+niemand – desto besser! Ich werde mich sogleich häuslich einrichten.«
+Das tat sie denn auch. – Sie war eben daran, das Regenwasser aus den
+Schuhen zu gießen, als sie bemerkte, daß draußen eine kleine Grille
+stand, die auf dem Rücken ihr Violinchen trug. »Hör, Ameischen,« hub
+die Grille an, »ist es erlaubt, hier unterzutreten?« – »Nur immer
+herein!« erwiderte die Ameise; »es ist mir lieb, daß ich Gesellschaft
+bekomme.« – »Ich habe heute,« sagte die Grille, »im Heidekrug zur
+Kirmes aufgespielt. Es ist ein bißchen spät geworden, und nun freue
+ich mich, daß ich hier die Nacht bleiben kann. Denn das Wetter ist ja
+schrecklich, und wer weiß, ob ich noch ein Wirtshaus offen finde.«
+
+Also trat Grillchen ein, hing sein Violinchen auf und setzte sich zu
+der Ameise. Noch nicht lange saßen sie da, als sie in der Ferne ein
+Lichtchen schimmern sahen. Als es näher kam, erkannten sie es als
+ein Laternchen, das ein Johanniswürmchen in der Hand trug. »Ich bitt
+euch,« sagte das Johanniswürmchen höflich grüßend, »laßt mich die
+Nacht hier bleiben. Ich wollte eigentlich nach Moosbach zu meinem
+Vetter, habe mich aber im Walde verirrt und weiß weder aus noch ein.«
+– »Nur immer zu!« sagten die beiden. »Es ist recht gut für uns, daß
+wir Beleuchtung bekommen.« Gern folgte Johanniswürmchen der Einladung
+und stellte sein Laternchen auf den Tisch. Der Schein des Lichtchens
+führte ihnen bald einen Wanderer zu, der ziemlich ungeschickt über
+Laub und Moos herangestolpert kam. Er war ein Käfer von der großen
+Art. Ohne guten Abend zu sagen, trat er ein. »Aha!« rief er, »so bin
+ich doch recht gegangen und dies ist die Zimmergesellen-Herberge.« –
+Mit diesen Worten setzte er sich, holte seinen Schnappsack hervor und
+begann sein Abendbrot zu verzehren. »Ja, ja,« sagte er, »wenn man den
+ganzen Tag über Holz gebohrt hat, dann schmeckt das Essen!« – Als er
+mit dem Essen fertig war, stopfte er sich seine Pfeife, ließ sich vom
+Johanniswürmchen Feuer geben, zündete an und fing an, ganz gemütlich
+zu rauchen. Unterdessen war es draußen ganz dunkel geworden und das
+Wetter schlimmer, als vorher; da traf zu allgemeiner Verwunderung noch
+ein später Gast ein. Schon seit längerer Zeit hörte man in der Ferne
+ein eigentümliches Schnaufen; dies kam langsam näher und näher, und
+endlich erschien unter dem Pilze eine Schnecke, die ganz außer Atem
+war. »Das nenne ich laufen!« rief sie; »wie bin ich gejagt, ordentlich
+das Milzstechen hab ich bekommen! Ich will nur gleich bemerken, daß
+ich im nächsten Dorfe eine Bestellung zu machen habe, die Eile hat.
+Aber niemand kann über seine Kräfte, besonders, wenn er sein Haus
+trägt. Wenn die Gesellschaft erlaubt, will ich hier ein paar Stündchen
+rasten; dann kann ich nachher wieder galoppieren, als gälte es, den
+Dampfwagen einzuholen.« Niemand hatte etwas dagegen, daß sich die
+Schnecke ein gemütliches Plätzchen aussuchte. Da setzte sie sich vor
+ihre Haustür, holte ein Strickzeug hervor und fing an zu stricken.
+So waren nun die Fünfe da versammelt, als die Ameise das Wort nahm
+und also sprach: »Warum sitzen wir hier so trübselig beieinander und
+langweilen uns, da wir uns doch die Zeit auf angenehme Weise verkürzen
+könnten? Ich habe daran gedacht, daß wir uns Geschichten erzählen
+sollten, und gern würde ich selbst den Anfang machen, wenn ich nur
+eine recht hübsche Geschichte wüßte. Nun ist mir aber eben etwas noch
+Besseres eingefallen. Ich sehe, daß die Grille ihr Violinchen bei
+sich hat. Wenn sie nicht gar zu müde ist, möcht ich sie bitten, uns
+ein lustiges Stückchen zu spielen, damit wir eins tanzen können.« –
+Dieser Vorschlag der Ameise fand allgemeinen Beifall. Die Grille aber
+ließ sich nicht lange nötigen, sondern stellte sich sogleich mit ihrem
+Violinchen in die Mitte und spielte das lustigste Tänzchen herunter,
+welches sie auswendig wußte, während die andern um sie herumtanzten.
+Nur die Schnecke tanzte nicht mit. »Ich bin,« sagte sie, »nicht gewöhnt
+an das schnelle Herumwirbeln; mir wird zu leicht schwindelig. Aber
+tanzt, soviel ihr wollt, ich sehe mit Vergnügen zu und mache meine
+Bemerkungen.« – Die andern ließen sich denn auch gar nicht stören,
+sondern jubelten so laut, daß man es auf drei Schritte Entfernung hören
+konnte. Aber ach, durch welch ein furchtbares, ungeahntes Ereignis
+wurde plötzlich ihr Fest unterbrochen! Der Pilz, unter welchem die
+lustige Gesellschaft tanzte, gehörte leider einer alten Kröte. An
+schönen Tagen saß sie oben auf dem Dache, wie die Kröten zu tun
+pflegen; trat aber schlecht Wetter ein, so kroch sie unter den Pilz,
+und es konnte ihretwegen regnen von Pfingsten bis Weihnachten.
+
+Diese Kröte nun war am Nachmittag nach dem nächsten Moor zu ihrer
+Base, einer Unke, gegangen und hatte sich mit derselben bei Kaffee und
+Napfkuchen so viel erzählt, daß es darüber dunkel geworden war. Jetzt
+am Abende kam sie ganz leise nach Hause geschlichen. Über den Arm hatte
+sie ihren Arbeitsbeutel hängen, und in der Hand trug sie einen roten
+Regenschirm mit messingener Krücke. Als sie in ihrem Hause den Jubel
+hörte, trat sie noch leiser auf; so kam es, daß die Leutchen drinnen
+sie nicht eher gewahr wurden, als bis sie mitten unter ihnen stand.
+
+Das war eine unerwartete Störung! Der Käfer fiel vor Schreck auf den
+Rücken, und es dauerte fünf Minuten, ehe er wieder auf die Beine
+kommen konnte. Das Leuchtkäferchen dachte zu spät daran, daß es sein
+Laternchen hätte auslöschen sollen, um in der Dunkelheit zu entwischen.
+
+Die Grille ließ mitten im Takt ihr Violinchen fallen, die Ameise sank
+aus einer Ohnmacht in die andere, und selbst die Schnecke, die sonst
+nicht leicht aus der Fassung zu bringen ist, bekam Herzklopfen. Sie
+wußte sich aber schnell zu helfen; sie kroch in ihr Häuschen, riegelte
+die Tür hinter sich ab und sprach zu sich: »Was da will, kann kommen!
+Ich bin für niemand zu sprechen.« – Nun hättet ihr aber hören sollen,
+wie die Kröte die armen Leute heruntermachte! »Sieh einmal an,«
+rief sie zornig und schwang ihren Regenschirm, »da hat sich ja ein
+schönes Lumpengesindel zusammengefunden? Ist das hier eine Herberge
+für Landstreicher und Dorfmusikanten? Ich sag es ja: Nicht aus dem
+Haus kann man gehen, gleich ist der Unfug los. Augenblicklich packt
+jetzt eure sieben Sachen ein, und dann fort mit euch, oder ich will
+euch schon Beine machen!« – Was war zu tun? Die armen Leute wagten
+gar nicht, sich erst aufs Bitten zu legen, sondern nahmen still ihre
+Sachen auf, riefen der Schnecke durchs Schlüsselloch zu, daß sie
+mitkommen solle, und als auch diese sich fertiggemacht hatte, zogen
+sie alle zusammen von dannen. Das war ein kläglicher Auszug! Voran das
+Johanniswürmchen, um auf dem Wege zu leuchten, dann der Käfer, dann
+die Ameise, dann das Grillchen und zuletzt die Schnecke. Der Käfer,
+der eine gute Lunge hatte, rief von Zeit zu Zeit: »Ist hier kein
+Wirtshaus?« Aber alles Rufen war vergeblich. Als sie ein Stück gegangen
+waren, merkten sie, daß die Schnecke nicht mehr bei ihnen war. Sie
+riefen alle zusammen in den Wald zurück: »Schnecke, Schnecke! Beeil
+dich!« – erhielten aber keine Antwort. Die Schnecke mußte wohl so weit
+zurückgeblieben sein, daß sie die Rufe nicht mehr hören konnte. Die
+andern zogen betrübt weiter, und nach langem Umherirren fanden sie
+unter einer Baumwurzel ein leidlich trockenes Plätzchen. Da brachten
+sie die Nacht zu unter großer Unruhe und ohne viel zu schlafen. Waren
+sie auch mit heiler Haut davongekommen, es blieb doch immerhin ein
+schlimmes Abenteuer, und die mit dabei gewesen sind, werden daran
+denken, so lange sie leben.
+
+ Johannes Trojan
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Was den Kindern im Walde passiert ist
+
+
+ Zwei Kinder gehen ganz allein
+ Frühmorgens in den Wald hinein.
+ Da springen sie wohl hin und her
+ Nach mancher Erd- und Heidelbeer
+ Und essen sich gemütlich satt
+ Und werden endlich müd und matt,
+ Die Hitze ist auch gar zu groß!
+ Sie legen nieder sich aufs Moos –
+ Kein Bettchen könnte weicher sein;
+ Nicht lange währt’s, sie schlafen ein.
+
+ Da kommen aus dem dichten Wald
+ Hervor die Tiere mannigfalt.
+ Wie sie die beiden Kinder sehn,
+ Da bleiben sie verwundert stehn.
+ Nehmt euch in acht! Nur nicht zu nah!
+ Was für Geschöpfchen schlafen da?
+ Sie sind so nett und zart und fein,
+ Was mögen das für Tierchen sein?
+
+ Der Hase sagt: »Beseht euch doch
+ Die allerliebsten Näschen;
+ Die Ohren wachsen ihnen noch,
+ Dann sind’s die schönsten Häschen.«
+ Eichkätzchen spricht: »Gebt einmal acht,
+ Da find ich ein paar Vettern,
+ Sie werden, sind sie aufgewacht,
+ Mit mir zusammen klettern.«
+ »Ei,« sagt das Reh, »was schwatzt ihr da!
+ Das sind ja dumme Faxen.
+ Rehkälbchen sind’s, man sieht es ja,
+ Wie nett sind sie gewachsen!«
+ Rotkehlchen ruft: »Ich sah noch nie
+ Im Walde solche Gäste,
+ Ich nähm sie mit, hätt ich für sie
+ Nur Raum in meinem Neste.«
+ Da kommt ein Käfer angesummt,
+ Der sieht die kleinen Schläfer
+ Und fliegt herum um sie und brummt:
+ »Hu! Was für große Käfer!«
+
+ So schwatzen sie noch vieles mehr
+ Und laufen eifrig hin und her,
+ Besehn sich alles mit Bedacht,
+ Bis daß die Kinder aufgewacht.
+ Hast du gesehn! Mit einem Husch
+ Ist alles fort in Wald und Busch.
+ Und alle rufen: »Fort von hier!
+ Das kann uns nimmer taugen,
+ Im ganzen Wald kein einzig Tier
+ Hat ja so große Augen.
+ Das können keine Tierchen sein!
+ Schnell flüchtet in den Wald hinein!«
+
+ Die beiden Kinder sehn sich an:
+ »Was man doch alles träumen kann!
+ Soeben war’s im Traume mir,
+ Als stände alles Waldgetier
+ Um uns herum –
+ Jetzt ist ringsum
+ Nichts mehr zu sehn.
+ Komm, komm, laß uns nach Hause gehn,
+ Da wartet schon indessen
+ Die Mutter mit dem Essen;
+ Und sind wir nicht zur Zeit zu Haus,
+ Schilt sie uns aus.«
+
+ Da machen sie sich auf alsbald
+ Und gehn zusammen durch den Wald.
+ Wie ist nun alles still umher,
+ Kein einz’ges Tierchen zeigt sich mehr!
+ Allein ein Kuckuck, – seht nur, seht,
+ Sitzt oben auf der Tanne
+ Und ruft: »Kuckuck, da unten geht
+ Der Gottlieb mit der Hanne!«
+
+ Johannes Trojan
+
+
+
+
+Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt
+
+
+ Es ist ein Bäumlein gestanden im Wald
+ In gutem und schlechtem Wetter;
+ Das hat von unten bis oben halt
+ Nur Nadeln gehabt statt Blätter;
+ Die Nadeln, die haben gestochen,
+ Das Bäumlein, das hat gesprochen:
+
+ »Alle meine Kameraden
+ Haben schöne Blätter an,
+ Und ich habe nur Nadeln,
+ Niemand rührt mich an;
+ Dürft ich wünschen, wie ich wollt,
+ Wünscht ich mir Blätter von lauter Gold.«
+
+ Wie’s Nacht ist, schläft das Bäumlein ein,
+ Und früh ist’s aufgewacht;
+ Da hatt’ es goldne Blätter fein,
+ Das war eine Pracht!
+ Das Bäumlein spricht: »Nun bin ich stolz;
+ Goldne Blätter hat kein Baum im Holz.«
+
+ Aber wie es Abend ward,
+ Ging der Jude durch den Wald
+ Mit großem Sack und großem Bart,
+ Der sieht die goldnen Blätter bald;
+ Er steckt sie ein, geht eilends fort
+ Und läßt das leere Bäumlein dort.
+
+ Das Bäumlein spricht mit Grämen:
+ »Die goldnen Blättlein dauern mich;
+ Ich muß vor den andern mich schämen,
+ Sie tragen so schönes Laub an sich;
+ Dürft ich mir wünschen noch etwas,
+ So wünscht ich mir Blätter von hellem Glas.«
+
+ Da schlief das Bäumlein wieder ein,
+ Und früh ist’s wieder aufgewacht;
+ Da hatt’ es glasene Blätter fein,
+ Das war eine Pracht!
+ Das Bäumlein spricht: »Nun bin ich froh;
+ Kein Baum im Walde glitzert so.«
+
+ Da kam ein großer Wirbelwind
+ Mit einem argen Wetter,
+ Der fährt durch alle Bäume geschwind
+ Und kommt an die glasenen Blätter;
+ Da lagen die Blätter von Glase
+ Zerbrochen in dem Grase.
+
+ Das Bäumlein spricht mit Trauern:
+ »Mein Glas liegt in dem Staub,
+ Die andern Bäume dauern
+ Mit ihrem grünen Laub;
+ Wenn ich mir noch was wünschen soll,
+ Wünsch ich mir grüne Blätter wohl.«
+
+ Da schlief das Bäumlein wieder ein,
+ Und wieder früh ist’s aufgewacht;
+ Da hatt’ es grüne Blätter fein,
+ Das Bäumlein lacht
+ Und spricht: »Nun hab ich doch Blätter auch,
+ Daß ich mich nicht zu schämen brauch.«
+
+ Da kommt mit vollem Euter
+ Die alte Geiß gesprungen;
+ Sie sucht sich Gras und Kräuter
+ Für ihre Jungen;
+ Sie sieht das Laub und fragt nicht viel,
+ Sie frißt es ab mit Stumpf und Stiel.
+
+ Da war das Bäumlein wieder leer,
+ Es sprach nun zu sich selber:
+ »Ich begehre nun keiner Blätter mehr,
+ Weder grüner, noch roter, noch gelber!
+ Hätt ich nur meine Nadeln,
+ Ich wollte sie nicht tadeln.«
+
+ Und traurig schlief das Bäumlein ein,
+ Und traurig ist es aufgewacht;
+ Da besieht es sich im Sonnenschein
+ Und lacht und lacht!
+ Alle Bäume lachen’s aus;
+ Das Bäumlein macht sich aber nichts draus.
+
+ Warum hat’s Bäumlein denn gelacht,
+ Und warum denn seine Kameraden?
+ Es hat bekommen in einer Nacht
+ Wieder alle seine Nadeln,
+ Daß jedermann es sehen kann;
+ Geh naus, sieh’s selbst, doch rühr’s nicht an!
+ Warum denn nicht?
+ Weil’s sticht.
+
+ Friedrich Rückert
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Das Häslein
+
+
+ Unterm Schirme, tief im Tann,
+ Hab ich heut gelegen,
+ Durch die schweren Zweige rann
+ Reicher Sommerregen.
+
+ Plötzlich rauscht das nasse Gras –
+ Stille, nicht gemuckt! –
+ Mir zur Seite duckt
+ Sich ein junger Has …
+
+ Dummes Häschen,
+ Bist du blind?
+ Hat dein Näschen
+ Keinen Wind?
+
+ Doch das Häschen, unbewegt,
+ Nutzt, was ihm beschieden,
+ Ohren, weit zurückgelegt,
+ Miene, schlau zufrieden.
+
+ Ohne Atem lieg ich fast,
+ Laß die Mücken sitzen;
+ Still besieht mein kleiner Gast
+ Meine Stiefelspitzen …
+
+ Um uns beide – tropf – tropf – tropf –
+ Traut eintönig Rauschen …
+ Auf dem Schirmdach – klopf – klopf – klopf …
+ Und wir lauschen … lauschen …
+
+ Wunderwürzig kommt ein Duft
+ Durch den Wald geflogen;
+ Häschen schnubbert in die Luft,
+ Fühlt sich fortgezogen;
+
+ Schiebt gemächlich rückwärts, macht
+ Männchen aller Ecken …
+ Herzlich hab ich aufgelacht –
+ Ei, der wilde Schrecken!
+
+ Christian Morgenstern
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Waldabenteuer
+
+
+ Als ich heut morgens – es war noch bald –
+ Einsam spazierte draußen im Wald,
+ Sprang plötzlich vor mir etwas Braunes auf
+ Und – hast du gesehen – den Baum hinauf.
+ Noch sucht ich umher am unteren Ast,
+ Da war es auch schon der Krone Gast.
+ Dort in einer Gabel hielt sich’s versteckt.
+ Wär voller das Laubwerk, kein’ Seel’ hätt’s entdeckt.
+
+ Nun hing ihm aber sein buschiger Schwanz
+ Wie ein aufgefangener, loser Kranz
+ Vom Ast herab und wehte im Wind.
+ So glaubt wohl auch ein bangendes Kind,
+ Es bliebe damit schon unentdeckt,
+ Wenn’s den Kopf unter Großmutters Schürze steckt.
+
+ Es ward dir wohl sicher längst schon klar,
+ Daß jenes Etwas ein Eichhörnchen war.
+ Das ist – weiß Gott – ein niedliches Tier!
+ Ihm zuzuschauen, macht viel Pläsier:
+ Gewandt und schneller wie eine Katz
+ Springt es dann meist mit riesigem Satz
+ Von Ast zu Ast, von Wipfel zu Wipfel,
+ Erfaßt vom Zweiglein kaum noch ’n Zipfel,
+ Schnellt auf und ab wie ein Gummiball
+ Und kommt doch nimmermehr zu Fall.
+
+ Ja, in der Tat, es muß wohl erbauen,
+ Solch einem Künstler zuzuschauen.
+ Drum späht auch ich erwartend nach oben.
+ Aber wie war’s? – Der Racker da droben
+ Tat auf einmal nichts mehr dergleichen,
+ Gab nicht das mindeste Lebenszeichen,
+ Nur sein Schwänzlein baumelte munter
+ Nach wie vor vom Ast herunter.
+
+ Wie mir das lange Stehen zu dumm,
+ Sah ich mich nach ’m Plätzchen um,
+ Wo ich mich könnte niederlassen,
+ Das kommende Schauspiel abzupassen.
+ Als ich nun nichts Geeignetes fand,
+ Warf ich mich nieder, grad wo ich stand,
+ Lag dann gemächlich im weichen Moose,
+ Dachte dabei an meine Hose,
+ Die, wenn man lang so im Moose liegt,
+ Meistenteils grünliche Flecken kriegt.
+
+ Aber trotz alledem blieb ich liegen.
+ Mag sie immerhin Flecken kriegen,
+ Wenn ihr Träger dafür in der Nähe
+ Einmal nur solch Kunststücklein sähe!
+ Ewig konnt ja das Warten nicht dauern!
+ Also begann ich ihm aufzulauern,
+ Recht wie ein Luchs mit blinzelnden Blicken,
+ Hielt ich mich mäuschenstill auf dem Rücken,
+ Rührte und regte fortab kein Glied. –
+ Über mir sang der Wald sein Lied,
+ Und das Geäste, noch kahl in der Runde,
+ Hob sich dunkel vom Himmelsgrunde,
+ Schwankte und wogte bald hin, bald her,
+ Wie ein Korallenbaum im Meer.
+
+ Da auf einmal, da kam mir’s vor,
+ Zog sich schwupps das Schwänzlein empor,
+ Und wo vorerst noch der Flederwisch,
+ Sah nun vertraulich, keck und frisch
+ Ein neugieriges Köpflein hernieder,
+ Schwand und kam und schwand immer wieder,
+ Riß gar verwundert die Äuglein auf,
+ Nickte herab, ich nickte hinauf,
+ Bis es zuletzt sonder Scheu und Scham
+ Ruckweis zu mir hernieder kam.
+
+ Aber auf dem untersten Ast
+ Hielt es noch einmal längere Rast,
+ Schnüffelte mit dem winzigen Näslein,
+ Spitzte die Ohren wie ein Häslein,
+ Sah mir ins Auge fest und still:
+ »Was nur der Kerl da unten will?«
+
+ Was nur das Bürschlein da droben denkt? –
+ Haben uns ganz ineinander versenkt.
+ Tierlein und Mensch und Mensch und Tier!
+ »Was hältst du von mir? Was weiß ich von dir?«
+ Sahen uns lange, lange an,
+ Hat mir am Ende fast weh getan,
+ Weil mich das Sonnenlicht geblendet,
+ Hab ich mich ein wenig zur Seite gewendet,
+ Hab mir ein bißchen die Wimper gejuckt,
+ Hab dann gleich wieder hingeguckt.
+
+ Aber was meinst du? Vom alten Plätzchen
+ War auf einmal verschwunden das Kätzchen,
+ War auch sonst nicht mehr zu entdecken,
+ Ob ich auch brach durch Busch und Hecken,
+ Ob ich auch suchte ringsumher,
+ ’s war wie verhext, ich fand’s nicht mehr!
+ Und hätt es doch gar zu gerne belauscht.
+ Aber der Wald nur hat gerauscht,
+ Als trieb er selber mit mir sein Spiel,
+ War stets nur ein Blatt, das zu Boden fiel,
+ Wenn etwas raschelte im Geäste.
+
+ Da hielt ich’s am Ende für das Beste,
+ Mich auf den Weg nach Hause zu machen.
+ Das tat ich denn, und du würdest lachen,
+ Wenn ich nun auch noch zum Schlusse schrieb,
+ Was mir als Erinnrungszeichen verblieb.
+ Sei’s denn! Nämlich auf heller Hose
+ Zwei dunkle Flecken vom grünen Moose
+ Und von dem Streifen durch Dünn und Dick
+ Rechts überm Knie ein Zickzackflick.
+
+ Ernst Weber
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Der weiße Hirsch
+
+
+ Es gingen drei Jäger wohl auf die Birsch,
+ Sie wollten erjagen den weißen Hirsch.
+ Sie legten sich unter den Tannenbaum;
+ Da hatten die drei einen seltsamen Traum.
+
+
+Der Erste:
+
+ »Mir hat geträumt, ich klopf auf den Busch;
+ Da rauschte der Hirsch heraus, husch, husch!«
+
+
+Der Zweite:
+
+ »Und als er sprang mit der Hunde Geklaff,
+ Da brannt ich ihn auf das Fell, piff paff!«
+
+
+Der Dritte:
+
+ »Und als ich den Hirsch an der Erde sah,
+ Da stieß ich lustig ins Horn, trara!«
+
+ So lagen sie da und sprachen, die drei,
+ Da rannte der weiße Hirsch vorbei.
+
+ Und eh die drei Jäger ihn recht gesehn,
+ So war er davon über Tiefen und Höhn.
+ Husch husch! piff paff! trara!
+
+ Ludwig Uhland
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Der Schütze
+
+
+ Mit dem Pfeil, dem Bogen
+ Durch Gebirg und Tal
+ Kommt der Schütz gezogen
+ Früh im Morgenstrahl.
+
+ Wie im Reich der Lüfte
+ König ist der Weih,
+ Durch Gebirg und Klüfte
+ Herrscht der Schütze frei.
+
+ Ihm gehört das Weite;
+ Was sein Pfeil erreicht;
+ Das ist seine Beute,
+ Was da fleugt und kreucht.
+
+ Friedrich von Schiller
+
+
+
+
+Im Waldhof
+
+
+ Ich war vor Tag und Tau erwacht –
+ Mich weckten meines Wirtes schwere
+ Schlurfschritte in der Treppen Nacht,
+ Umklirrt von seinem Jagdgewehre.
+ Dann knirschte drunten kurz das Tor,
+ Der Alte riß zurück die Hunde,
+ Und lautlos sich sein Pfad verlor
+ In nachtumblauter Wälderrunde …
+
+ Denn dieses war der Väter Saat:
+ Es schlich wie vor vielhundert Jahren
+ Der Bauer den gekrümmten Pfad,
+ Den jene schon geschlichen waren.
+ Auch er den Wildpfad sich erkor,
+ Den Förstern trotzend, um verwegen
+ Mit dem vererbten Feuerrohr
+ Den besten Brunfthirsch zu erlegen.
+
+ Gewiß, ihn trieb der Väter Lust:
+ Seit sie sich hier gesiedelt hatten,
+ Bedrückte ihre breite Brust
+ Der ungeheure Wälderschatten.
+ Sie pflügten ihre Scholle schlicht,
+ In ihre Ernte rauschten Föhren –
+ Doch still erglänzte ihr Gesicht,
+ Begann im Herbst der Hirsch zu röhren.
+
+ Ja, dieser Orgelruf voll Macht
+ Ließ ihr verhülltes Lachen steigen:
+ Brach er wie heut in kühler Nacht
+ Das atemlose Wälderschweigen.
+ Und stürzte unter ihrem Schuß
+ Rotüberschweißt der Waldeskönig:
+ Stand in dem Siegesechogruß
+ Der Schütze hoch und jubeltönig. –
+
+ Inzwischen löste sich der Wald
+ Aus mürrisch bleichem Morgengrauen;
+ Ihr Schleppkleid rafften müd und alt
+ Des nahen Flusses Nebelfrauen.
+ Doch klang der Hirsche Brunftgeschrei
+ Aus Dämmerwegen dicht und dichter;
+ Mir war, als säh ich ihr Geweih
+ Und ihre zorngetrübten Lichter …
+
+ Und nun ein Schuß, ein Donnerschuß,
+ Erschütternd rings die Wälderrunde! –
+ Die Nebel sanken in den Fluß,
+ Der Hof stand auf im Lärm der Hunde.
+ Und fern ein Rudel flüchtend flog –
+ Auf eines Zwanzigenders Glieder
+ Gewiß ein greises Haupt sich bog
+ Gleich seinen Vätern lachend nieder …
+
+ A. K. T. Tielo
+
+
+
+
+Sterben
+
+
+In dumpfheißer Dickung, von goldgrünen Fliegen umschwirrt, liegt der
+starke Hirsch. Sein Atem geht scharf, seine Flanken jagen, immer wieder
+und wieder fährt er mit dem Lecker über den schwarzen Windfang. Der
+ist trocken und warm – und ferne die kühlende Suhle. Manchmal schlägt
+der Wunde nach den gierigen Schmeißfliegen, die so beharrlich die
+Stelle belagern, wo das Haar klebrig rot ist und zähe Tropfen sickern.
+Sie tasten die Gelegenheit nach einer Brutstätte ab. Selbst unter den
+Leib ihres Opfers kriechen sie; dort brennt die Wunde am ärgsten, dort
+fließt der Saft reichlicher, darum hat sich der Hirsch auf die linke
+Seite gelegt. Aber diesen teuflischen Peinigern vermag er nicht zu
+wehren, jede Bewegung läßt den Brand durch all seine Glieder lecken.
+Darum hält er still und leidet und denkt an Wasser. Wasser! Wasser!
+
+Nur mehr diese eine Vorstellung ist in allen seinen zuckenden Nerven.
+Was geht ihn sein getreuer Freund, der zwölfendige Beihirsch an, was
+kümmert ihn die Wonne der großen Zeit, die schon in ihm vorbereitet
+war, da er die Kugel empfing! Nur Wasser! Ob er noch die Suhle
+erreicht? Sie liegt ferne über dem Hügel, eine halbe Hirschstunde von
+hier. Dort ist kühler Schatten, dort möchte er sterben – nur nicht in
+diesem stickigen Dunkel.
+
+Keuchend, zitternd, dunstend vor Schmerz wird er hoch. Fast bricht er
+auf der Stelle zusammen, so flackert und siedet sein Eingeweide. Und
+seine Läufe sind so schwach, so müde, wie zerbrochen.
+
+Aber er tut einen Schritt und einen zweiten und dritten, und siehe,
+er kommt besser vorwärts, als es zuerst schien. So zieht er langsam
+aus der schwülen Dickung und ins raume Stangenholz hinein, mit krummem
+Rücken und hängendem Haupte, fast so, als suchte er des Schmaltieres
+Liebesfährte. Aber ihm ist nicht danach. Wie er mit Anstrengung Lauf
+vor Lauf setzt, deucht ihn, er schreite hoch über dem Waldboden in
+freier Luft, alles ist fern und verschwommen und gleichgültig. In
+seinen Flanken tobt das Weh, sein brodelndes Blut will Wasser, seine
+trockene Drossel würde nach Wasser brüllen, vermöchte sie es. Und die
+grünen Fliegen summen hinterdrein.
+
+Jetzt tritt er ins Altholz. Ferne klingen Axt und Säge, er vernimmt
+es, aber er deutet es nicht, er weiß, dort sind Menschen, Menschen,
+diese Feinde, grausamer fast als Winter und Seuche – aber er hat sie
+nicht mehr zu fürchten. Von seiner Flanke tropft es rotwäßrig, hier
+auf Farnkraut, dort auf die Streu; die Wunde ist wieder lebendig, der
+Schmerz wühlt in ihm. Fast verspürt er es nicht, solche Stumpfheit,
+Bleischläfrigkeit umfängt seine Sinne. Nur weiter, weiter! Hier ist der
+Abfuhrweg, den er sonst immer in heller Flucht überfiel; heute zieht er
+achtlos drüber hinweg. Jenseits beginnt das enge Stangenholz. Er gibt
+sich gar keine Mühe, leise aufzutreten, sein Krongeweih schlägt überall
+an, dem Menschen tausend Zeichen hinterlassend. Ein Holzwagen knarrt
+hinter ihm durch den Bestand, der Markolf warnt, Stimmen schreien. Das
+alles hat keine Schrecken mehr für ihn.
+
+Er kann nicht weiter, niedertun muß er sich, bis wieder ein
+allerletzter Rest von Kraft zusammenkommt. Da sind die goldenen
+Blutfliegen auch schon wieder; wie Bienen umschwärmen sie die rote
+Blume des Todes, die ihnen so honigsüß duftet …
+
+O, er weiß, daß jener Mensch es war, der ihm so wehe getan! Jener
+Mensch mit dem grauen Rock und dem grauen Bart, den er durch neun
+Winter für gut hielt, weil er ihm Heu brachte und den Schnee wegpflügte
+und salzige Steine an seinem Lieblingsstandorte aufstellte. Aber die
+Güte dieser Mächtigen ist nicht treuer Art; sie geben nur, um nehmen zu
+dürfen …
+
+Weiter, weiter, eh das Blut gerinnt, die Flamme verlischt!
+
+Stöhnend reißt er sich empor.
+
+Stangenholz, Altholz, Stangenort, Abfuhrweg, hohes Holz, Schneise.
+Er sieht die Baumreihen wie im Traume an sich vorbeigehen. Er kennt
+jedes einzelne Jagen, jeden Stamm. Hier hat er vor zwei Jahren seine
+Zwölferstangen abgeschlagen, dort hat er im letzten Sommer sein
+Vierzehnergeweih fertiggefegt. Es war das beste, das er je trug, heute
+setzte er auf ungerade zwölf Enden zurück. Da der Futterraufen, drüben
+die Lecke; in diesem Bestande schlug er damals den Sechzehnendigen
+fast zuschanden und trieb ihm dann noch sein Rudel weg. Nun das enge
+Jungholz, wo einst der uralte Zehner plötzlich zurückblieb, kurz wurde,
+dröhnend ins Reisig brach. Dort stürzte das Schmaltier inmitten der
+Richtschneise; hier hat er zum ersten Male heimlicher Herbstminne
+gepflogen, während der Achtzehnendige im Farnkraut schlief …
+
+Die Wälder wandern an ihm vorbei wie seine Schicksale. Er wirft nicht
+auf, in seinen verglasenden Lichtern spiegelt sich nichts mehr. Er
+sieht nur die Waldstreu, die, wie er langsam weiterzieht, unter seinen
+Läufen weg nach rückwärts geht. Er ist sich seiner Tritte nicht bewußt,
+ohne Wille, ohne Kraft schleppt er sich durch den heißen Spätsommertag.
+
+Nur das eine weiß er irgendwo im Innersten: Dort ist das Wasser, dort
+die schwarze Suhle, dorthin drängt ihn ein dumpfer Trieb, eine letzte
+Sehnsucht.
+
+Er tritt aus dem Bestande auf den Schlag. Die Luft flackert,
+Schmetterlinge schwanken über den Klafterstößen, im blauen Himmel
+schwärmen schon die funkelnden Schwalben.
+
+Fast tut ihm die glosende Sonne wohl. Denn in seinen Läufen ist schon
+eine Kälte, eine lähmende Schwere.
+
+Weiter, weiter! Da drüben liegt ja das Bruch, die Suhle.
+
+Wieder schlägt tiefer Schatten über ihm zusammen. Es ist doch besser in
+dieser Dunkelheit. Hier im Bruch weht es kühl, Moorduft liegt über dem
+gurgelnden Boden.
+
+Dann tut er sich im schwarzen Ellernwasser nieder. Jetzt hat er
+wenigstens vor den Fliegen Ruhe. Sie können nicht an die rote Stelle
+in den Flanken, die liegt im Nassen. Es zwingt ihn, die Lichter zu
+schließen; den Äser berührt die schlammige Flut. Bei jedem Atemzuge
+gurgelt sie und trübt sich von neuem.
+
+So hat er manchen Sommertag gelegen, wenn im Bestande die Hitze, in der
+Dickung die Mückenqual zu unerträglich war. Hier fand er stets Frieden
+und Kühlung und Schlummer.
+
+Er schläft nicht, aber seine Lider sind in behaglichem Träumen
+geschlossen. Er träumt nicht, aber er ist ohne Bewußtsein. Nur das
+Kühlende verspürt er, die Feuchtigkeit vor dem Äser.
+
+Ganz still ist der Wald, still wie die Stube, in der ein Wiegenkind
+schlummert. Man vernimmt keine Axt, keines Menschen Ruf. Und von Getier
+ist nur die Hummel wach, die draußen im Schlag um den Salbei burrt, und
+der Schwarzspecht, der in ferner Eichenkrone seinen wehen Einsamschrei
+tut.
+
+Aber weit drüben in der Dickung, wo die Schwüle ganz eng
+zusammengedrückt liegt, da steht jetzt der graue Mann mit dem grauen
+Bart, und an ihm zieht ein glatter Hund, so rot wie ein Hirsch, ein
+Hund mit schwermütigen Augen und nachdenklicher Stirn – der Todeshund,
+der die Spur des langsamen Sterbens findet und bis ans Ende ausläuft.
+Er senkt die Nase tief in die Streu: da liegen rotklebrige Tropfen,
+kleine Lachen, aus denen Schwärme funkelnder Fliegen aufbrummen. Allein
+Mann wie Hund lassen sich nicht irremachen. Der Graue bückt sich,
+prüft, wendet, beriecht die rotgetränkten Fallnadeln. Dann lobt er den
+ungeduldigen Gesellmann: »So recht, mein Hund – such verwund’t!«
+
+Dem Hirsche kriecht eisige Starre von den Läufen her immer höher, immer
+näher ans Herz heran. Schon sind seine Gelenke steif, nur im Leibe geht
+noch kochende Hitze um. Dann erfaßt Kälte auch die Muskeln. Sie tastet
+sich spinnebeinig das Rückenmark entlang, umlauert das sprunghaft
+schlagende Herz. Plötzlich greift sie zu. Das krallt und krampft,
+schwarzes Wasser spritzt von schlagenden Läufen, Schlamm fliegt umher.
+Noch einmal hebt der Sterbende das gekrönte Haupt, in der Drossel
+raucht’s und gurgelt’s, steil nach unten neigen sich die Stangen –
+und nun schießt ein warmer Strom durch den zitternden Leib, die Läufe
+strecken sich hart, kleine Wellen schauern an ihnen hin.
+
+Es ist vorbei. Schwer fällt das Haupt ins klatschende Moorwasser: eine
+Stange liegt im Schlamm, die andere ragt zackig empor.
+
+Hoch überm Walde steht der heilige Mittag.
+
+ Friedrich von Gagern
+
+
+
+
+Auf der Wacht
+
+
+Mein Vater litt zu jener Zeit an einer langwierigen Krankheit. Es war
+selten wer um ihn als sein ältestes Söhnlein. Auch der Jäger Wolf saß
+zuweilen neben auf der Ofenbank und freute sich, wenn dem Kranken der
+gespendete Wildbraten recht mundete. Und der Wildbraten stellte meinen
+Vater richtig soweit wieder her, daß dieser eines Tages, es war im
+August um die Zeit des Maria-Himmelfahrtsfestes, zu mir sagte: »Bub,
+jetzt werd ich doch endlich wieder was anfangen müssen. Was meinst, zum
+Korbflechten wär ich wohl stark genug?«
+
+Und am nächsten Tage gingen wir schon zur Morgenfrühe aus und gegen die
+sogenannte Wildwiese hinauf, wo viele Weiden wuchsen. Die Wildwiese war
+oben in den hinteren Waldungen. Oft blieb mein Vater unterwegs stehen,
+stützte sich auf seinen Stock, schöpfte Luft, und dann fragte er mich
+immer, ob ich ein Schnittchen Brot beißen wolle.
+
+Als wir über die Schafhalde hinaufgekommen waren, wo der junge
+Lärchenanwuchs noch im Morgentaue stand, sahen wir im Dickichte einen
+Mann dahinhuschen, der ein Stück Hochwild über der Achsel trug und
+etwas wie ein Schießgewehr hinter sich herschleppte. Er duckte sich so
+sehr, daß nur ein paar kohlschwarze Haarfetzen von seinem Haupte zu
+sehen waren.
+
+Als diese Gestalt vorüber war, blieb mein Vater wieder stehen und
+sagte: »Hast geguckt? Das ist der schwarz’ Toni gewesen.«
+
+Der schwarz’ Toni war ein Mann, vor dem sie überall die Türen
+verriegelten.
+
+»Ja, Kind,« sagte der Vater, als wir uns auf den Stamm eines gefallenen
+Baumes gesetzt hatten, »ist hart für einen Menschen, dem’s so geht wie
+dem Toni. Der hat sein Lebtag nicht Vater und Mutter gesehen. Als Kind
+ist er aus dem Findelhause in unsere Gegend gebracht worden. Freilich
+nicht aus christlicher Barmherzigkeit, sondern des Geldes wegen, das
+für ihn ausgezahlt worden, hat ihn ein Köhlerweib an Kindesstatt
+genommen. Halb erwachsen, hat sich der Toni im Wald herumgetrieben,
+kein Mensch hat sich an ihn gekehrt; so ist er verwahrlost und
+verwildert. Wie das Köhlerweib sieht, der Ziehsohn bringe nur Schande,
+so hat sie gesagt: »Toni, du Lump, bei mir bist nimmer daheim!« – »Wo
+denn?« hat sie drauf der Toni gefragt, aber überall, wo er angeklopft,
+ist ihm die Tür verschlossen gewesen. Mögen ihn die Menschen nicht,
+so gibt er sich mit den Tieren ab – verlegt sich aufs Wildern. Vor
+einem Jahr hat ihn der Jäger Wolf in das Zuchthaus gebracht; aber jetzt
+wieder frei, mag ihm kein Mensch gern begegnen, gleichwohl ich nicht
+glaub, daß er wem was zuleide tät. Schlecht, sag ich, ist er nicht,
+aber verkommen durch und durch; und so, mein Büblein, wird oft ein
+Mensch hinausgestoßen auf die schiefe Straßen, und so rutscht er ab und
+kann sich nicht mehr halten.«
+
+Nach diesen Worten schritten wir wieder langsam dahin, und nachdem
+wir durch viel Wald und schattendunkle Schluchten gegangen waren,
+kamen wir endlich zur Lichtung der Wildwiese. Teilweise lag sie noch
+im Schatten des Teufelssteinberges; die Bachweiden aber, die in einer
+langen Reihe hin standen und sich über ein stillrieselndes Wässerlein
+wölbten, schimmerten in dem lichten Sonnentag, als ob sie alle silberne
+Blätter hätten. Die Wiese war bereits gemäht und das Heu fortgebracht;
+sehr still und verlassen lag die Matte. An den Rändern wuchsen blaue
+Enzianglocken, und es war schon die Zeitlose da.
+
+Wir kamen um die Weidenruten, die am Bache standen. Wir gingen quer
+über die Wiese bis hin zum Rande, wo wieder die sehr hohen Fichten
+des Waldes begannen und wo ein rot angestrichenes Kreuz stand, dessen
+Dachbrettchen reichlich mit Moos bewachsen waren. Hier wollten wir vor
+der Arbeit uns ein wenig setzen, auf die Bäume hinausschauen und ein
+Stück Brot verzehren.
+
+Aber noch ehe der Vater sich niederließ, sah er lange und unverwandt
+auf eine Stelle hin.
+
+Am Fuße einer Weißtanne lag ein Mann. Ein Jägersmann mit einem
+Schießgewehr; die Locken gingen ihm über Stirn und Auge, man wußte
+nicht, ob er denn wirklich so fest schlafe, als es aussah.
+
+Mein Vater trat endlich hinzu, schob aber mich mit der Hand hinter sich
+zurück. Dann sahen wir es: Der Mann lag in einer Blutlache; der aus
+einer Halswunde sprudelnde Quell war bereits gestockt.
+
+Mein Vater legte die Hände ineinander und sagte ganz leise: »Jetzt
+haben sie da den Jäger Wolf erschlagen!«
+
+Als ich hierauf zu weinen begann, hob mich mein Vater empor zu
+seiner Brust; und wie ruhig er auch scheinen wollte, ich hab es doch
+wahrgenommen, wie sein Herz so heftig schlug.
+
+Dann untersuchte er den Erschlagenen – die Augen waren gebrochen, die
+Lippen fahl wie trocken Erdreich – das Leben war dahin.
+
+»Mit dem Weidenschneiden ist es heute nichts,« sagte mein Vater, »jetzt
+muß einer von uns Leute holen, daß sie den Wolfgang wegtragen; und der
+andere wird dieweilen dableiben müssen. Einen Toten kann man nicht
+allein lassen, solange er nicht im Grabe ruht. Es könnte auch leicht
+ein Tier über ihn kommen. Das beste wird sein, ich holpere hinaus in
+den Brandgraben zu den Holzknechten, und du setzest dich schön still da
+unter das Kreuz.«
+
+Mir gab’s einen Stich im Herzen. Wie konnte mir mein Vater das antun,
+mich stundenlang allein lassen im Walde bei einem Toten! Aber ich wußte
+den Weg nicht und hätte die Holzknechte nicht gefunden.
+
+»Freilich, Büblein, ist das ein trauriges Warten da,« fuhr er fort,
+»aber wachen muß wer dahier, diese christliche Lieb müssen wir dem Wolf
+schon erweisen.«
+
+Ich starrte auf den Toten.
+
+Mein Vater zog seine kleine Axt aus dem Gürtel, mit welcher er die
+Weidenruten hauen wollte, und fällte nun Äste von den Bäumen und hüllte
+den Jägersmann mit Reisig ein. Dann kniete er nieder vor der grünen
+Bahre und betete still ein Vaterunser. Und als er sich wieder erhob,
+sagte er: »Und jetzt, mein Knabe, tu unserem Mitbruder den Liebesdienst
+und wache! Die Axt laß ich dir da, die halt fest. Fuchsen und Raben
+können leicht kommen; andere Raubtiere weiß ich in der Gegend nicht.
+Bis zu den Weiden dort magst hingehen, aber weiter weg nicht. Ich
+will recht eilen; bis die Schatten anheben zu wachsen, wird schon wer
+kommen!«
+
+Dann legte er für mich noch Brot unter ein Bäumchen, und dann ging er
+davon. Er ging hin quer über die Wiese, wie wir hergegangen waren, und
+er verschwand in dem Dunkel des Waldes.
+
+Nun war ich allein auf der umwaldeten Wiese, und das milde Sonnenlicht
+war ausgegossen über die einsame Matte, über die glitzernden Weiden und
+über den stillen Reiserhügel am Waldrande. Ich wollte nicht hinblicken
+auf die seltsame Bahre; ich schritt gegen das Weidengebüsche, aber mein
+Auge wendete sich immer wieder zurück zum roten Kreuze und zu dem, was
+daneben lag.
+
+Der arme Jäger Wolf! Ich wußte es noch recht gut, wie er vor wenigen
+Jahren mit seiner Braut und seinem Hochzeitszuge an unserem Hause
+vorübergezogen war. Die Waldhörner und die Böller schallten, daß die
+Fenster unseres Hauses klirrten. Der Wolf war ein hübscher Bursche
+gewesen; einen großen Strauß trug er auf dem Hut, und ein rotes Band
+ging nieder über seinen Nacken, wo jetzt die Blutstrieme war. –
+
+Ich ging den Weidenbüschen entlang. Manches Zweiglein regte sich und
+zitterte fort und fort. Hie und da schnellte ein Heupferdchen. Ich bog
+die Äste auseinander und blickte in das Wässerlein; das stand still
+unter dem dichten Flechtwerke und glitzerte kaum. Ein großgefleckter
+Molch kroch hervor und nahm seine Richtung gegen mich; da floh ich
+entsetzt davon.
+
+Dann begann ich mit meinen kurzen Schritten die Schatten der Bäume
+zu messen – bis diese zu wachsen anheben, kommen die Leute. – Noch
+aber wurden sie kürzer und kürzer. Die Sonne stand hoch über dem
+Teufelsstein, und über dem Talgrunde lag ein bläulicher Duft.
+
+Ich kehrte wieder zum Kreuze zurück und setzte mich auf den Stein, auf
+welchem sonst andächtige Waldwanderer knien. Das Kreuz war hoch und
+hatte keinen Heiland. Weit streckte es seine Arme aus, als wollte es
+den Wald umfangen.
+
+Ich wendete mich von dem Pfahle und von dem Bahrhügel und sah hin gegen
+den Bergrücken des Teufelssteins. Die Himmelsglocke lag in mattem
+Blau, kein Vogel und kaum eine Mücke war vernehmbar. Es war ein fast
+traumhafter Frühherbstmittag, durchklungen von einer ewigen Stille. –
+
+Wildschützen haben ihn erschossen. Ich ging über die Wiese und sagte
+mir, wenn ich zehnmal über die Wiese gegangen sein würde, dann wollte
+ich wieder den Schatten messen. Aber der Schatten duckte sich noch mehr
+unter die Bäume als früher.
+
+Dann ging ich hin zu der verhüllten Leiche des Weidmannes und stand
+lange vor derselben; ich fühlte kaum ein Schauern mehr. Dann setzte ich
+mich wieder unter das Kreuz und aß ein Schnittchen Brot. Da hörte ich
+plötzlich ein Knistern; ein Reh stand und guckte durch das Gestämme.
+
+Zuletzt kam das Tier gar zu dem Reisighügel heran und schnupperte;
+vor diesem Jägersmanne fürchtete es sich nicht mehr. Erst als es den
+Pulvergeruch des Gewehrlaufes gewahrt haben mochte, wendete es sich mit
+großen Sätzen dem Dickichte zu.
+
+Endlich, als ich wieder den Schatten maß, hatte er sich um ein Weniges
+gedehnt. Ich mußte ja doch schon viele Stunden auf der Wildwiese
+geweilt haben.
+
+Wie immer, so hatte mein Vater auch diesmal recht. Ich hörte einen
+getragenen Schall und Widerhall im Walde. Es nahten Menschen. Doch
+nicht die Holzknechte waren es, die um den Wolfgang kommen sollten,
+sondern quer über die Wiese her kam ein junges Weib, das trug einen
+Korb am Rücken und führte ein etwa dreijähriges Kind am Arm. Sie sangen
+ein lustiges Kinderlied, und das kleine Mädchen lachte dabei und hüpfte
+flink über das weiche Gras.
+
+Ich erkannte die Nahenden bald, es waren das Weib und das Kind des
+erschlagenen Jägers Wolf.
+
+Sie kamen heran, und als sie mich sahen, sagte die Jägerin zum Mädchen:
+»Schau, Agatha, da beim Kreuz sitzt ein Bub, der betet ein Vaterunser;
+das ist gar ein braver Bub.«
+
+Dann kniete sie hin auf den Stein, legte die Hände zusammen und betete
+auch. Das Kind tat desgleichen und war gar ernsthaft dabei.
+
+Mir war unbeschreiblich weh. Wie hätte ich sagen können, was unter dem
+Reisig lag! Ich ging abseits gegen die Weiden.
+
+»So, mein Herz,« sagte das Weib hierauf zur Kleinen, »jetzt geh ich
+Enziankraut schneiden, du setz dich dieweilen da auf das G’reisigbrett
+und brocke dir Zäpfchen ab. Hernach kommt der Vater vom Teufelsstein
+herab, und hernach setzen wir uns zusammen und essen den Schottenkäs,
+den ich im Korb hab, und hernach hopsen wir lustig miteinander heimzu.«
+
+Und sie setzte das Kind auf den Reisighaufen – auf die Bahrstätte des
+Vaters. Dann ging sie mit dem Korb gegen den Wiesenrain, wo Gebüsche
+von Enzian standen. Von dort aus rief sie mich an, was ich denn so
+allein mache auf der Wildwiese, ob ich mich verirrt hätte oder etwa
+Ziegen suchte?
+
+Ich wußte keine Antwort, deutete auf einen großen, schneeweißen
+Schmetterling und sagte: »Jetzt schau das Tier an, wie’s herumfliegt;
+schau, wie’s fliegt!«
+
+»Bist ein rechter Närrisch, du!« versetzte die Jägerin lachend und ging
+an ihre Arbeit.
+
+Die kleine Agatha spielte auf dem Reisighügel, sie zupfte an den
+Zweigen und wühlte in denselben und nestelte etwas hervor. Endlich
+wurde ihr bang, und sie hub an nach der Mutter zu rufen.
+
+Nach einer Weile kam das Weib heran, da hielt ihm das Kind einen Ring
+entgegen und sagte: »Schau, das hab ich gefunden, das ist des Vaters!«
+
+Die Jägerin tat einen hellen Ruf: »Kind, wie kommst du zu diesem Ring?«
+
+Die Kleine lachte vergnügt.
+
+Das Weib hub das Kind auf die Erde, warf einen Blick auf das Gezweige
+und stieß einen gellenden Schrei aus. Sie sah durch das Reisig eine
+Menschenhand.
+
+Wie wütend stürzte sie hin auf die Schichtung und raffte die grünen
+Zweige auseinander – mit Hast und heißer Angst –, dann sank sie zurück
+und schlug sich die flachen Hände in das Antlitz. Vor ihr lag im Blute
+erstarrt ihr gemordeter Gatte. –
+
+Zur selben Stunde gingen zwei Holzhauer über die Wiese und brachten
+eine Tragbahre mit. Zuerst knieten sie vor dem Toten und beteten still,
+dann hoben sie ihn auf die Bahre, legten das Gewehr an seine Seite und
+trugen ihn davon.
+
+Der Korb blieb stehen bei dem Enziangebüsche, das Weib folgte der
+Bahre; es sagte kein Wort, es vergoß keine Träne, es trug das spielende
+Mädchen auf dem Arm. Das blasse, starre Angesicht der Gattin, das
+rotwangige, helläugige Lockenköpfchen des Kindes hinter der Bahre her –
+das mag ich nimmermehr vergessen.
+
+Ich bin auch hinterdrein gegangen. Die Weiden standen in ihrem
+wässerigen Schimmer; die Schatten der Tannen lagen hingestreckt
+über die ganze Wiese. Das rote Kreuz ragte regungslos im Dunkel des
+Waldrandes.
+
+[Illustration]
+
+Die Bahre schwankte dem entfernten Jägerhause zu. Ich ging gegen unser
+Gehöfte. Als ich zu demselben hinabkam, führten handfeste Burschen
+einen wüst aussehenden Mann herbei. Es war der schwarz’ Toni. Da wir
+ihn am Morgen im Lärchenanwuchs gesehen, so hatte mein Vater auf seine
+Spur gewiesen. Der Richter kam, und unter der großen Esche, die vor
+unserem Hause stand, wurde das Verhör gehalten. Der Toni war geständig,
+den Jäger Wolfgang aus Rache erschossen zu haben. Hierauf wurde
+der Bursche in Ketten gegen die Stadt geführt, aus der er einst als
+Wickelkind gekommen war.
+
+Als ich in die Stube kam, saß mein Vater an seinem Bette. Er war sehr
+bewegt, hub mich zu sich auf das Knie und sagte: »Bübel, das ist
+ein böser Tag gewesen. Deinetwegen ist mir ein Stein auf dem Herzen
+gelegen.«
+
+Wir gingen in jenem Jahre nicht mehr hinauf zur Wildwiese. Seither
+aber bin ich wohl mehrmals auf derselben gewesen. Die Weiden glitzern,
+die hohen Fichten stehen noch heute – und ihr Schatten schwindet und
+wächst, wie das trübe Erdengeschick, und ihr Schatten wächst und
+schwindet, wie das menschliche Leben.
+
+ Peter Rosegger
+
+
+
+
+Mondwanderung
+
+
+ »Der Förster ging zu Fest und Schmaus!« –
+ Der Wildschütz zieht in den Wald hinaus.
+
+ Es schläft sein Weib mit dem Kind allein,
+ Es scheint der Mond ins Kämmerlein.
+
+ Und wie er scheint auf die weiße Wand,
+ Da faßt das Kind der Mutter Hand.
+
+ »Ach, Mutter, wo bleibt der Vater so lang,
+ Mir wird so weh, mir wird so bang!«
+
+ »Kind, sieh nicht in den Mondenschein,
+ Schließ deine Augen, schlaf doch ein.«
+
+ Der Mondschein zieht die Wand entlang,
+ Er schimmert auf der Büchse blank.
+
+ »Ach, Mutter! und hörst den Schuß du nicht?
+ Das war des Vaters Büchse nicht!«
+
+ »Kind, sieh nicht in den Mondenschein,
+ Das war ein Traum, schlaf ruhig ein.« –
+
+ Der Mond scheint tief ins Kämmerlein
+ Auf des Vaters Bild mit blassem Schein.
+
+ »Herr Jesus Christus im Himmelreich!
+ O Mutter, der Vater ist totenbleich!«
+
+ Und wie die Mutter vom Schlummer erwacht,
+ Da haben sie tot ihn heimgebracht.
+
+ Robert Reinick
+
+
+
+
+Wo Bismarck liegen soll
+
+
+ Nicht in Dom oder Fürstengruft,
+ Er ruh in Gottes freier Luft
+ Draußen auf Berg und Halde,
+ Noch besser tief, tief im Walde;
+ Widukind lädt ihn zu sich ein:
+ »Ein Sachse war er, drum ist er _mein_,
+ Im _Sachsenwald_ soll er begraben sein.«
+
+ Der Leib zerfällt, der _Stein_ zerfällt,
+ Aber der Sachsenwald, der hält,
+ Und kommen nach dreitausend Jahren
+ Fremde hier des Weges gefahren
+ Und sehen, geborgen vorm Licht der Sonnen,
+ Den Waldgrund in Efeu tief eingesponnen,
+ Und staunen der Schönheit und jauchzen froh,
+ So gebietet einer: »Lärmt nicht so! –
+ _Hier unten liegt Bismarck irgendwo._«
+
+ Theodor Fontane
+
+
+
+
+Als die hellen Nächte waren
+
+
+Der Sommer war heiß gewesen. Das Moos des Waldbodens war fahl und
+spröde geworden, und zwischen den Halmgerippen der Gräser sah man auf
+den grauen Erdboden. Neben den dürren Nadeln des Waldbodens lagen tote
+Ameisen und Käfer. Die Steine in den Betten der Bäche waren trocken und
+weiß wie Elfenbein. Wo dazwischen noch ein Tümplein stand, da starb
+darin eine Forelle oder ein anderes Tier des Wassers.
+
+Die Luft war dicht, und die Berge – auch die nahen – waren blaß. Die
+Sonne war des Morgens rot wie das verdorrte Blatt einer Buche, dann
+blaß und glanzlos, so daß man ihr ins Gesicht sehen konnte. Matt kroch
+sie hin über die graue Wüste des Himmels, als wäre sie erschöpft vor
+Durst. Gegen Abend stiegen häufig scharfgeränderte, glänzende Wolken
+auf; die Leute fingen zu hoffen an, aber es kam ein Luftzug, und am
+anderen Morgen waren die Wolken vergangen und der nächtliche Tau
+aufgesogen.
+
+Draußen im Dorfe wurde ein Bittag um Regen angeordnet. Da strömten
+aus unserem Walde die Leute davon, nur der alte Knecht Markus und ich
+blieben im einsamen Hause, und der Knecht sagte zu mir: »Wenn das schön
+Wetter gar ist, wird’s regnen, was hilft der Bittag! Wenn uns ein
+Herrgott hergesetzt hat, so wird er keinen schwachen Kopf haben und
+unser vergessen. Und hat er keinen Kopf, so daß er die Welt nur mit den
+Händen zusammenstellt und mit den Füßen auseinandertritt, nun, so hat
+er auch keine Ohren. Wofür hernach das Geschrei! Sagst du’s nicht auch,
+Bübel?«
+
+Leute, was läßt sich drauf sagen! »Der Knecht Markus ist ein alter
+Spintisierer« – das läßt sich drauf sagen.
+
+Jetzt sprang der Riegelberger Halter zur Tür herein. Er war vor
+Aufregung sprachlos, durch das Fenster wies er mit beiden Zeigefingern
+auf den Rücken des Filnbaumwaldes hin. Der Knecht sah es und schlug die
+Hände zusammen.
+
+Dort hinter dem Waldrücken stieg ein ungeheurer Wirbel von rotem Rauch
+auf und verfinsterte den Himmel.
+
+»Das kann ein Unglück geben!« rief der Markus, langte nach einer Axt
+und eilte davon.
+
+Der Rauch flutete immer heftiger auf und wurde immer breiter und
+dichter. Ich fing doch das Geschrei an, dem der Knecht keine Bedeutung
+beilegen wollte. Es hatte auch keine, wie sich’s wies.
+
+An den sonnigen Lehnen des Filnbaumschlages war’s gewesen, wo das dürre
+Gestrüppe lag. Nahe, wo der halbverdorrte Lärchenanwachs begann, war
+die Flamme entstanden, kein Mensch wußte wie. Zuerst mochte sie leicht
+hingehüpft sein von Reisig zu Reisig, dann empor von Ast zu Ast mit
+flatternden Flügeln. Sachte entfaltet das Element seine wilde Gewalt,
+seine roten, siegreichen Fahnen. Der Wald wird höher und dichter,
+an dem Geäste hängen lange Moosflechten nieder, und die vor wenigen
+Jahren von einem schweren Hagelschlage geschädigten Stämme sind harzig
+bis hinauf zu den Wipfeln. Hei, wie die feurigen Zungen lechzen und
+emporlodern! Und in den Gründen züngeln sie wie ein Schlangengezücht,
+und allerseits beginnt sich ein fürchterliches Leben zu entwickeln.
+
+Die wenigen Holzhauer rennen in Verwirrung herum und fluchen und rufen
+nach Hilfe. Aber der Wald und seine Hütten sind menschenleer, alles
+ist bei der Bittprozession. Bis sie nach Stunden endlich kommen, ist
+der Hochwald im Brande. Das ist ein Fiebern und Zittern in der Luft,
+ein Krachen und Prasseln weithin; Äste stürzen nieder, Stämme brechen
+zusammen und sprühen noch einmal auf in den wogenden Rauch. Neu und
+frisch blasen glühende Luftströme durch das Gehölz; die Flammen
+erzeugen sich selbst den Sturm, auf dem sie fahren. O gewaltiges,
+nimmersattes Element! Es zehrt, so lange es lebt, und lebt, so lange es
+zehrt, es verzehrt die Welt, und wenn sie erreichbar, tausend Welten,
+und hat nimmer genug. Keine Macht kann so ins Unendliche wachsen wie
+das Feuer, darum stellt es der Seher als den letzten Sieg über alles
+dar, als den Herrscher in Ewigkeit.
+
+Die Menschen arbeiteten und arbeiteten; manchen trugen sie halb
+verbrannt von dannen. Der Knecht Markus sah die Folgen, aber er
+jammerte nicht, und er verzagte nicht, er war die stille, die ruhige
+Tat. Schon begannen seine harzigen Kleider Feuer zu fangen, da eilte
+er hinab zum Bachbett und wälzte sich im Sand, bis sich dieser an alle
+Teile seines klebrigen Anzuges gelegt hatte. Nun war er gepanzert.
+Äste haute er ab, Bäume hieb er um – o Gott, das schlug nicht an.
+Der glühende Strom brauste weiter; die kahlen Äste in der Runde, die
+rotnadeligen Zweige harrten schon der nahenden Flammenbraut und huben
+noch früher zu brennen an, als sie der erste Kuß erreichte.
+
+Nun suchten die Arbeiter, die von allen Seiten herbeigekommen waren,
+den Flammen einen Vorsprung abzugewinnen und ihnen durch breite
+Abstockungen eine Grenze zu setzen, aber es teilte sich der Brand in
+Arme nach verschiedenen Himmelsgegenden. Zur Abendstunde erhob sich
+ein Wind und zerzauste die mächtigen Feuerfahnen in tausend Fetzen und
+vervielfältigte überall das Element. Das war ein unheimliches Dröhnen
+in den Lüften und ein wunderlich Leuchten hin über das weite Waldland.
+
+Erschöpft und ratlos ließen die Männer ihre Hände sinken, die Weiber
+räumten ihre Hütten aus und wußten mit der Habe nicht wohin.
+
+In tiefen Tälern war es noch ruhig, da hörte man nichts als das leise
+Flüstern der hohen Tannen, aber der nächtliche Himmel war rosig
+und zuweilen flog hoch oben ein Feuerdrache dahin. Dann wieder kam
+eine zwitschernde Vogelschar und die heimatlosen Tierchen schossen
+planlos umher, und die Rehe und Hirsche kamen erschreckt heran zu den
+Menschenwohnungen.
+
+»Wie diesen Tieren geht’s uns allen!« klagte ein Weib, »keine
+Menschenmöglichkeit, daß der Wald gerettet wird – alles brennt, alles
+brennt! O Christi Heiland – es ist das Jüngste Gericht!«
+
+Tagelang währte der Greuel.
+
+Von unserem hochgelegenen Hause aus sahen wir aus den Wäldern des
+Filnbaum und der Fresenleiten die Flammen rot und langsam aufsteigen.
+Die ganze Gegend lag in einem Schleier, und scharfer Brandgeruch stach
+in die Nasen. Unser Berg schien eingewölbt von Rauch, daß es oft schier
+dunkel war. Und da stand ein großes, trübrotes Rad über uns, das der
+Rauch umwirbelte, verdeckte und doch nicht ganz vertilgen konnte. Es
+war die Sonne. Wir sahen aber auch, wie das Feuer allmählich gegen uns
+heranrückte, es stieg über die Höhen her, und es stieg in die Täler
+nieder, und es stieg endlich an unserem Berghange heran. Wir bedurften
+des Abends keines Kienspans.
+
+Das Vieh hatten wir längst auf die Almweide gejagt und die
+Einrichtungsstücke des Hauses mitten auf das freie Feld
+hinausgeschleppt. Halb wahnsinnige Menschen kamen herbei. Der
+Vernünftigsten einer war der uralte Martin, dem die Hütte verbrannt war
+und der nun mitternächtig beim Scheine des Waldbrandes Preißelbeeren
+pflückte.
+
+Mein Vater kletterte auf den Dächern unseres Gehöftes herum, und mit
+einer langen Stange, an deren Ende er einen nassen Lappen gebunden
+hatte, schlug er die Funken tot, die herangeflogen kamen und sich auf
+das Dach gesetzt hatten.
+
+In der fünften Nacht, als wir in einer Ecke unserer ausgeräumten Stube
+kauernd schliefen, wurden wir plötzlich von einem lauten Tosen geweckt,
+und der alte Markus, der auf dem Dache Nachtwache hatte, rief: »Das ist
+schon recht! Das ist schon recht!«
+
+Ein Wettersturm hatte sich erhoben und wütete in dem brennenden
+Walde, daß es eine schreckbare Pracht war. Als ob ein wüstes
+Gewässer dahinbrauste zwischen den Stämmen, so toste und dröhnte es.
+Aber das Feuer wurde in die entgegengesetzte Richtung von unserem
+Hause geworfen, und das war es, was dem alten Markus so recht war.
+Die Flammen waren wie auf wilder Flucht; sie übersprangen ganze
+Waldpartien, zündeten an neuen, entlegenen Stellen.
+
+Als sich der Orkan gelegt hatte, kam ein Regenguß. Der Regen währte
+tagelang, und die Wolken stiegen träge auf und nieder. Lange noch
+mischte sich mit ihnen der Rauch der kohlenden Strünke – endlich
+aber war alles Feuer ausgelöscht. Über alles legte sich der feuchte,
+frostige Nebel – es war die herbstliche Zeit.
+
+So ist die Begebenheit hier erzählt.
+
+Doch endet der Wald mit seinem Untergange nicht, in ihm ist die Urkraft.
+
+Der Nebel des Herbstes spann den Schnee; im Winter sahen wir von
+unseren Fenstern aus weit mehr weiße Flächen als sonst. Aber erst
+als der Lenz kam, sahen wir, was der Waldbrand angerichtet hatte.
+Überall verkohlter Grund, rostfarbige Steine, halbverbrannte Wurzeln,
+und darüber ragten die schwarzen Strünke einzelner Baumstämme. – Nun
+kamen die Leute und reuteten. Sie stachen den schwarzen Rasen um, sie
+säeten Korn in das Erdreich; den Obdachlosen wurden neue Hütten gebaut.
+Und als der Frühherbst kam, war’s eine Herrlichkeit. Kein Mensch in
+unserem Waldlande hatte je eine so große goldgelbe Pracht gesehen,
+als das Kornfeld war, das sich über die Berge hinzog. Wir mußten alle
+zusammenhalten, die Flut der Halme, wovon einer sein schweres Haupt
+auf die Achsel des anderen legte, einzuheimen. Ich erinnere mich noch
+an das Wort, das bei dieser Gelegenheit der Pfarrer sprach: »Der Herr
+schlägt die Wunden, aber er spendet auch den Balsam, sein Name sei
+gelobt!« – Am nächsten Tage schickte er seine Knechte, um von der
+reichen Ernte den Zehnt zu holen, und er hat recht getan.
+
+Gegen dreißig Jahre lang gab der Grund des verbrannten Waldes den
+Menschen Brot. Dann kam die Landflucht der Menschen, und neuerdings
+sproßt auf den Berghöhen der junge, grüne Wald. Neues unendliches Leben
+webt darin – eine üppige Pflanzenwelt, ein lustiges Tierreich, eine
+helle Gottesmorgenfreude.
+
+ Peter Rosegger
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Waldkonzert
+
+
+ Konzert ist heute angesagt
+ Im frischen, grünen Wald,
+ Die Musikanten stimmen schon;
+ Hört, wie es lustig schallt!
+
+ Der Distelfink spielt keck vom Blatt
+ Die erste Violin;
+ Sein Vetter Buchfink nebenan
+ Begleitet lustig ihn.
+
+ Frau Nachtigall, die Sängerin,
+ Die singt so hell und zart;
+ Und der Herr Hänfling bläst dazu
+ Die Flöt nach bester Art.
+
+ Die Drossel spielt die Klarinett,
+ Der Rab, der alte Mann,
+ Streicht den verstimmten Brummelbaß,
+ So gut er streichen kann.
+
+ Der Kuckuck schlägt die Trommel gut;
+ Die Lerche steigt empor
+ Und schmettert mit Trompetenklang
+ Voll Jubel in den Chor.
+
+ Musikdirektor ist der Specht;
+ Er hat nicht Rast noch Ruh,
+ Schlägt mit dem Schnabel, spitz und lang,
+ Gar fein den Takt dazu.
+
+ Verwundert hören Has und Reh
+ Das Fiedeln und das Schrein;
+ Und Biene, Mück und Käferlein,
+ Die stimmen lustig ein.
+
+ Georg Dieffenbach
+
+
+
+
+Jüngst sah ich den Wind
+
+
+ Jüngst sah ich den Wind,
+ das himmlische Kind,
+ als ich träumend im Walde gelegen,
+ und hinter ihm schritt
+ mit trippelndem Tritt
+ sein Bruder, der Sommerregen.
+
+ In den Wipfeln, da ging’s
+ nach rechts und nach links,
+ als wiegte der Wind sich im Bettchen;
+ und sein Brüderchen sang:
+ »Die Binke die Bank,«
+ und schlüpfte von Blättchen zu Blättchen.
+
+ Weiß selbst nicht, wie’s kam,
+ gar zu wundersam,
+ es regnete, tropfte und rauschte,
+ daß ich, selber ein Kind
+ wie Regen und Wind,
+ das Spielen der beiden belauschte.
+
+ Dann wurde es Nacht,
+ und eh ich’s gedacht,
+ waren fort, die das Märchen mir schufen.
+ Ihr Mütterlein
+ hatte sie fein
+ hinauf in den Himmel gerufen.
+
+ Arno Holz
+
+
+
+
+Schlechtes Wetter
+
+
+ Gestern durch den Wald ging ich im Regen
+ Einem ungewissen Ziel entgegen.
+
+ Sah, bevor sie tot zu Boden fielen,
+ Tausend Tropfen mit den Blättern spielen,
+
+ Die sich lustig mit dem Winde zausten
+ Und voll Übermut gewaltig brausten.
+
+ Wie sie in der frischen Nässe blinkten
+ Und von allen Seiten mich umringten,
+
+ Ward die Seele mir so frisch und weit,
+ So voll Regenwetterlustigkeit,
+
+ Daß ich in das Rauschen unbewußt
+ Sang ein Frühlingslied aus tiefster Brust –
+
+ Heut im Tagblatt hab ich dann gelesen,
+ Daß das Wetter gestern schlecht gewesen …
+
+ Wilhelm Langewiesche
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Waldlieder
+
+
+ Arm in Arm und Kron an Krone steht der Eichenwald verschlungen,
+ Heut hat er bei guter Laune mir sein altes Lied gesungen.
+
+ Fern am Rande fing ein junges Bäumchen an sich sacht zu wiegen,
+ Und dann ging es immer weiter an ein Sausen, an ein Biegen;
+
+ Kam es her in mächt’gem Zuge, schwoll es an zu breiten Wogen.
+ Hoch sich durch die Wipfel wälzend, kam die Sturmesflut gezogen.
+
+ Und nun sang und pfiff es graulich in den Kronen, in den Lüften,
+ Und dazwischen knarrt und dröhnt es unten in den Wurzelgrüften.
+
+ Manchmal schwang die höchste Eiche gellend ihren Schaft alleine,
+ Donnernder erscholl nur immer drauf der Chor vom ganzen Haine!
+
+ Einer wilden Meeresbrandung hat das schöne Spiel geglichen;
+ Alles Laub war weißlich schimmernd nach Nordosten hingestrichen.
+
+ Also streicht die alte Geige Pan der Alte laut und leise,
+ Unterrichtend seine Wälder in der alten Weltenweise.
+
+ In den sieben Tönen schweift er unerschöpflich auf und nieder,
+ In den sieben alten Tönen, die umfassen alle Lieder.
+
+ Und es lauschen still die jungen Dichter und die jungen Finken,
+ Kauernd in den dunklen Büschen sie die Melodien trinken.
+
+ Gottfried Keller
+
+
+
+
+Gewitter im Walde
+
+
+ »Steht nun, Brüder, wie ein Turm!«
+ Sprach im Forst die alte Eiche;
+ »In den Lüften rast der Sturm,
+ Und schon naht er unserm Reiche.
+
+ Junges Volk, noch reich belaubt,
+ Schließt euch dicht an uns, die Alten;
+ Stark den Stamm und hoch das Haupt,
+ Laßt uns fest zusammenhalten!«
+
+ »Kinder,« sprach die Weide, »dreht
+ Fügsam euch nach allen Winden;
+ Schmiegt und biegt euch, wie es geht,
+ Daß wir unversehrt uns finden!«
+
+ Rief das Moos: »Was das Gehölz
+ Schwatzt von Kämpfen, Schmiegen, Ducken!
+ Ich auf meinem grünen Pelz
+ Fühl nur ein behaglich Jucken.« –
+
+ Doch die Windsbraut fährt alsbald
+ In den Forst, die Bäume zittern;
+ Bis zum Grund erbebt der Wald,
+ Wipfel brechen, Stämme splittern.
+
+ Aus den Wolken, schwarz verhüllt,
+ Wirft der Sturm des Blitzes Schlange,
+ Und des Donners Stimme brüllt
+ Dumpf ihm nach auf seinem Gange. – –
+
+ Tief gespalten und zerfetzt
+ Steht der Baum, ein wunder Streiter;
+ Moos und Weiden, taubenetzt,
+ Grünen unbekümmert weiter.
+
+ Georg Scherer
+
+
+
+
+Nach dem Gewitter
+
+
+ Der Sturm hat ausgetobt – es schimmert
+ Die Sonne durch die Wolkenwand,
+ Ein Regentropfen farbig flimmert
+ An jedes Blättchens krausem Rand;
+ Es beben noch die rauhen Stämme,
+ Die ungestüm der Wind umsaust;
+ Aufschäumend gegen Fels und Dämme
+ Des Wildbachs trübe Woge braust;
+ Und in der Lichtung, wo die Ranken
+ Den Boden dornig überziehn,
+ Wo tausend zarte Gräser schwanken
+ Und tausend kleine Blumen blühn,
+ Da liegt, umstrahlt vom Abendlichte,
+ Der schönste Stamm in weiter Rund,
+ Die alte, dunkelgrüne Fichte,
+ Entwurzelt auf dem feuchten Grund.
+ Ich streichle die gewalt’gen Äste,
+ Die splitternd sich im Fall zerdrückt,
+ Die wie zu einem Maienfeste
+ Mit roten Knospen noch geschmückt.
+ Zum schlanken Wipfel muß ich schauen,
+ Der gestern in des Lufthauchs Wehn,
+ Sich fröhlich wiegend hoch im Blauen,
+ Noch übers weite Land gesehn;
+ Muß denken, daß gleich jenem Baume
+ Ich sterben möcht – vom Sturm gerafft,
+ Umwogt noch von des Frühlings Traume,
+ In ungebrochner Lebenskraft.
+
+ Sophie von Waldburg
+
+
+
+
+Regen
+
+
+ Geht ein grauer Mann
+ Durch den stillen Wald,
+ Singt ein graues Lied.
+ Die Vöglein schweigen alsbald.
+
+ Die Fichten ragen so stumm und schwül
+ Mit ihrem schweren Astgewühl.
+ In fernen Tiefen
+ Vergrollt ein Ton.
+
+ Johannes Schlaf
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Durchlaucht
+
+
+ Da hilft kein alter Fürstenbrief,
+ Daß ich mich bücken kann –
+ Doch heute traf im Walde tief
+ Ich eine Hoheit an.
+
+ Fest wurzelnd in der Erde Grund
+ Steht frei sie und allein,
+ Jahrhundertalt, doch kerngesund,
+ Im neuen Sommerschein!
+
+ Und ihre Krone blätterdicht,
+ Sie strahlt in lauterm Gold,
+ Läßt sich durchleuchten von dem Licht,
+ Wie Fürsten es gesollt.
+
+ Du bist so herrlich, bist so groß,
+ Daß all mein Stolz verraucht –
+ Verehrend streck ich mich ins Moos
+ Zu Füßen der Durchlaucht!
+
+ Hanns von Gumppenberg
+
+
+
+
+Bei den Holzern
+
+
+Daß doch der Wald, wie er sich so hinbreitet über Höhen und Täler
+– unabsehbar, wie er daliegt, grün und dunkel und weiterhin duftig
+blauend am sonnigen Sehkreis – der stille, unendliche Wald –, daß er
+doch auch seine Feinde hat!
+
+Wie ist das eine schöne, säuselnde, rauschende, brausende, allebendige
+Ringmauer, schützend vor dem wüsten Unfrieden draußen! Aber – Waldfried
+ist gestorben.
+
+Im Forste braust der Sturmwind, schlägt manchem jungen Tannling
+den lustig winkenden Arm weg, bricht manchem trotzigen Recken das
+Genick. Und in der Tiefe rauscht und schäumt in weißen Gischten und
+Flocken – wie ein brandender Wolkenstrom – der Wildbach und wühlt und
+gräbt und nagt das Erdreich von den Wurzeln, immer weiter und weiter
+hinein, daß der wuchtige Baum zuletzt schier in der Luft dasteht und
+sich oben mit starken Armen nur noch an den Nachbarn hält, um nicht
+zusammenzubrechen, endlich aber doch niederstürzt in das Grab, das ihm
+jenes Wasser heimtückisch gegraben hat. Jenes Wasser, welches er durch
+seinen Nebeltau gestärkt, durch seine dichte Krone vor dem Lechzen des
+Windes geschützt, durch seinen Schatten vor dem zehrenden Kusse der
+Sonne bewahrt hat. – Und auf den luftigen Wipfeln hackt der Specht, und
+unter den Rinden frißt der Wurm die Borke, und das Sägerad der Zeit
+geht allerwege, und die Späne fliegen – im Frühlinge als Blüten, im
+Herbste als gedörrte Nadeln und Blätter.
+
+Es geht ewig zu Ende, und im Ende keimt ewig der Anfang.
+
+Da naht nun erst der Mensch mit seiner Zerstörungswut. Da schallt das
+Schlagen und Pochen, da surrt die Säge, da klingt das Beil auf das
+Stemmeisen im dunkeln Grunde; – wenn du oben hinblickest über das
+stille Meer der Wipfel, so ahnst du es nicht, welchen es angeht.
+
+Aber das Stemmeisen und der Keil dringen tiefer und tiefer; da
+schüttelt einer der Hundertjährigen sein hohes Haupt, er weiß doch gar
+nicht, was die Menschlein wollen da unten, die kleinen possierlichen
+Wesen – er kann nicht begreifen und schüttelt wieder das Haupt. Da
+geht ihm der Stoß ins Herz; – unten knistert es, schnalzt es, und nun
+wankt der Riese, knickt ein, rauschend und pfeifend in einem ungeheuren
+Bogen kreist er hin, mit wildem Krachen stürzt er zu Boden. Leer ist
+es in der Luft, eine Lücke hat der Wald. Hundert Frühlinge haben ihn
+emporgehoben mit ihrer Liebe und Milde; jetzt ist er tot, und die Welt
+ist und bleibt ganz auch ohne ihn – den lebendigen Baum.
+
+Still stehen die zwei, drei Menschlein, sie stützen sich auf den
+Beilstiel und blicken auf ihr Opfer. Sie klagen nicht, sie jauchzen
+nicht, eine grausame Kaltblütigkeit liegt auf ihren rauhen,
+sonnverbrannten Zügen, ihr Gesicht und ihre Hände sehen ja aus wie von
+Fichtenrinden. Sie stopfen sich ein Pfeiflein, schärfen die Hacken und
+gehen wieder an die Arbeit. Sie hauen die Äste von dem hingestreckten
+Stamme, sie schürfen ihm mit einem breiten Messer die Rinde ab, sie
+schneiden ihn vielleicht gar in klafterlange Stücke; – und nun liegt
+der stolze Baum in nackten Klötzen.
+
+ Peter Rosegger
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+In der Stadt
+
+
+ Was ist das für ein Schrein und Peitschenknallen?
+ Die Fenster zittern von der Hufe Klang,
+ Zwölf Rosse keuchen an dem straffen Strang,
+ Und Fuhrmannsflüche durch die Gasse schallen.
+
+ Der auf den freien Bergen ist gefallen,
+ Dem toten Waldeskönig gilt der Drang;
+ Da schleifen sie, wohl dreißig Ellen lang,
+ Die Rieseneiche durch die dumpfen Hallen.
+
+ Der Zug hält unter meinem Fenster an,
+ Denn es gebricht zum Wenden ihm an Raum;
+ Verwundert drängt sich alles Volk heran.
+
+ Sie weiden sich an der gebrochnen Kraft;
+ Da liegt entkrönt der tausendjährge Baum,
+ Aus allen Wunden quillt der edle Saft.
+
+ Gottfried Keller
+
+
+
+
+Herbstlicher Wald
+
+
+ Rings ein Verstummen, ein Entfärben;
+ Wie sanft den Wald die Lüfte streicheln,
+ Sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln;
+ Ich liebe dieses milde Sterben.
+
+ Von hinnen geht die stille Reise,
+ Die Zeit der Liebe ist verklungen,
+ Die Vögel haben ausgesungen,
+ Und dürre Blätter sinken leise.
+
+ Die Vögel zogen nach dem Süden,
+ Aus dem Verfall des Laubes tauchen
+ Die Nester, die nicht Schutz mehr brauchen,
+ Die Blätter fallen stets, die müden.
+
+ In dieses Waldes leisem Rauschen
+ Ist mir, als hör ich Kunde wehen,
+ Daß alles Sterben und Vergehen
+ Nur heimlichstill vergnügtes Tauschen.
+
+ Nikolaus Lenau
+
+
+
+
+Novembersonnenschein
+
+
+Der Wald wirft seine Blätter ab; viele Bäume sind schon ganz kahl;
+andre haben noch etwas Laub; einige sind noch vollbelaubt; aber das
+sind wenige.
+
+Vor zwei Wochen, da war es anders. Da hatte der Wald sein rotes
+Staatskleid an, das bunteste von allen dreien.
+
+Denn drei hat er; eins aus hellgrüner Foulardseide; das trägt er im
+Mai. Dann das aus rotem Atlas, das er Ende Oktober trägt, und das
+weiße, mit Silber gestickte, das er nur an sehr schönen Wintertagen
+anzieht. Das andere sind alles mehr Alltagskleider, so auch das, was er
+jetzt anhat. Aber wenn er Besuch bekommt, vornehmen Besuch, dann macht
+er sich trotzdem fein, so gut es geht.
+
+Heute zum Beispiel, denn da kam die Sonne zu Besuch, ein seltener
+Gast im November. Da hatte der Wald sich dann schnell hingesetzt und
+das fahle Alltagskleid etwas aufgeputzt, einen goldgelben Einsatz
+eingenäht, eine hellgrüne Rüsche eingeheftet, einen goldroten Volant
+angesetzt, hatte die knallroten Korallen angelegt und eine funkelnde
+Brosche vorgesteckt. Fein sah das aus.
+
+Als ich gestern über die Felder ging, war er nicht so fein. Graubraun,
+fahlgelb, trübrot, so war sein Kleid, mit stumpfen, dunkelgrünen
+Samtaufschlägen. Heute aber ist die ganze Jungbuchenkante ein langer
+leuchtender goldroter Strich, als wenn Elbenfeuer brennten. Und im
+Walde die Buchenjugenden, die sind bunt wie ein Pantherfell, noch
+viel bunter. Denn ein Pantherfell ist rot und schwarz gefleckt; hier
+aber ist hellrot und goldbraun, orange und gelb, grün und tiefrot
+durcheinander gewirbelt. Von Rechts wegen müßte das unruhig aussehen,
+gesucht und augenverwirrend. Aber es wirkt gerade umgekehrt. Es
+beruhigt und erfrischt wie sprudelndes Wasser, dieses Sprudeln der
+Farben.
+
+Der Querweg ist sauber gefegt, den geh ich nicht. Ich gehe den
+laubbedeckten Weg geradeaus. Das ganze Jahr mag ich leise treten im
+Walde und gehe um die trockenen Blätter herum; aber im November suche
+ich sie, und wo sie am dicksten liegen, gehe ich am liebsten.
+
+Es redet dann so viel, das Rauschelaub. Wenn die Luft grau und der
+Himmel tief ist, redet es von Herbst und Sterben, von Vergehen und
+Verwesen und predigt das alte Entsagungslied.
+
+Heute aber nicht. Von Ruhe vor neuem Schaffen, von Winterrast vor
+jungem Frühling, von stiller Gegenwart und froher Zukunft redet heute
+das Rauschelaub.
+
+Hier unter den alten Samenbuchen muß ich stehen bleiben. So schön war
+es hier noch nie wie heute, wo die Sonne hier zu Besuch ist an diesem
+Novembertag. Ein unendlicher Teppich aus kupferrotem geschorenen Plüsch
+bedeckt den Boden; die altsilbernen Stämme der Buchen, der Fichten
+tiefviolette Schäfte teilen ihn ein, daß die Augen ihn in Absätzen
+genießen sollen.
+
+An vielen Zweigen ist noch Laub, und leise bewegt der Wind diese
+Zweige, damit ich sie zuerst sehen soll und mich freuen an ihrem
+goldenen Rot und rotem Gold. Langsam schaukeln sie hin und her, und hin
+und wieder fällt ein goldenes Blatt von ihnen zu Boden.
+
+[Illustration]
+
+Absichtlich hat der Wind meine Augen abgelenkt; denn jetzt, wo sie dem
+einen fallenden Blatt folgten und von ihm weiterwandern, da sahen sie
+erst das Allerschönste. Eine Buche ist es, eine schlanke, mit vielen
+wagerechten Zweigen. Die hat noch alles Laub. Und darauf fällt die
+Sonne mit besonderer Liebe.
+
+Gestern habe ich ihn gar nicht gesehen, diesen goldenen Buchenbaum;
+ich bin an ihm vorbeigegangen. Gestern schien die Sonne auch nicht. Es
+gibt Menschen, die sieht man auch erst, wenn sie lächeln; da leuchtet
+ihr goldenes Herz. Dort unten steht ein junger Ahorn; der leuchtet wie
+gelbes Glas. Prächtig sieht er aus und lustig; aber denken kann ich mir
+nichts bei ihm, und wenn er auch noch so prahlerisch seine goldgelben,
+spreizigen Blätter im Winde dreht. Höchstens, daß es auch solche
+Menschen gibt.
+
+Durch das rote, rauschende Laub geh ich weiter. Ein blaugrüner
+Brombeerbusch wirft eine rauhe Schlinge um meinen Fuß. Als wenn er
+mir etwas sagen wollte. Er will auch etwas sagen, er, der nie blüht
+und nie Frucht trägt und Sommer und Winter grünt in demselben harten
+Grün. Draußen, am Moorwege oder am sonnigen Rain, wachsen seine Brüder.
+Purpurrote Ranken haben sie, prangen im Sommer mit weißen Blüten und im
+Herbst mit süßen Früchten und färben im Winter ihr Laub rot und gelb.
+Er bleibt aber das ganze Jahr, wie er ist. Denn hier unter dem Schatten
+der Buchen kriegt er keine Sonne, hat nicht Luft und Licht. Das bißchen
+müde Herbstsonne, das bißchen fahles Winterlicht kann ihn nicht zur
+Blüte und Frucht bringen.
+
+Menschen gibt es auch, die so sind. Ihr Leben leben sie im schattigen
+Einerlei; sie blühen nicht in ihrem Mai, und wenn sie blühen, es trägt
+keine Frucht. Auch der Brombeerstrauch zu meinen Füßen hat wohl einmal
+eine Blüte gehabt, aber nie trug er eine Frucht.
+
+Hinter den Fichten an der Waldstraße stehen hohe Kiefern. Schwer,
+entsagungsvoll, hängen ihre Zweige. Wenn sie jung sind, sind sie
+Himmelsstürmer, langen nach oben mit kecken Zweigen, wachsen und
+wachsen, schneller als jeder Baum im Wald, als könnten sie es gar nicht
+abwarten. Und wenn sie groß sind, sind sie müde und lassen die Zweige
+sinken.
+
+Alles Schnellwüchsige wird früh müde. Unter den Fichten der Adlerfarn,
+kraftlos und altersschwach hängt er in den Zweigen des Faulbaums. Und
+wie wuchs er im Mai, und wie eilig hatte er es im Juni, und wie gierig
+spreizte er im Juli seine Wedel nach rechts und links! Alles Mache,
+nichts dahinter!
+
+Wenn ich mir dagegen die winzige Eiche unter ihm ansehe: Drei Jahre ist
+sie alt. Dreimal wuchs ihr der freche Farn über den Kopf; aber jedesmal
+wurde er auch wieder klein, ganz klein, noch kleiner als die kleine
+Eiche.
+
+Ein heller Klang, wie von einer silbernen Glocke, geht durch den
+Wald. Der Schwarzspecht ist es. Er lacht den Menschen aus, der in
+Novembersonne geht und doch nachdenklich ist. Er hat recht, der
+Rotkopf. Nachdenken ist gut genug für graue Tage. An hellen Tagen soll
+man leben und lachen.
+
+Rauschelaub, rausch mir das Werdelied von goldener Frühlingszeit, wo
+junges Gras aus dir hervorkommt und weiße Blumen zwischen dir winken,
+wo alle Vögel singen im sonnigen Frühlingswald!
+
+Gerade hier, wo ich bin, wo das dunkle Schaftheu seine starren Halme
+reckt und blanker Efeu schimmert, hier am Grabenrand, da wird es dann
+wunderbar sein. Braune Simsenknäulchen werden da zittern; weiß wird
+alles sein von Windröschen, und dazwischen wird die goldene Waldnessel
+blühn.
+
+Einen großen, runden Fleck malt die Sonne vor mich hin auf rotes Laub
+und dunklen Efeu. Und mitten darin blüht es weiß und goldgelb, ein
+weißes Sternchen, drei goldene Mäulchen, zwei Frühlingsblüten im späten
+Herbst.
+
+Das ist ein Wunder, ein wirkliches Wunder. Alle Windröschen haben im
+Frühjahr geblüht; alle Goldnesseln leuchteten im Mai; diese beiden
+aber blühen jetzt in dem großen, runden Fleck, den die Sonne auf den
+Grabenrand wirft, die Spätherbstsonne.
+
+Denn Sonne bleibt Sonne und behält ihre Kraft. Ringsherum fallen
+die Blätter, rund umher welkt das Laub; hier allein blüht ein Stück
+Frühling in der Sonne im Wald.
+
+ Hermann Löns
+
+
+
+
+Herbstgold
+
+
+ Wie war’s im Walde
+ Heut wunderhold –
+ Die Wipfel alle
+ Von rotem Gold!
+
+ Golden der Boden,
+ Golden der Duft,
+ Fallende Blätter
+ Von Gold aus der Luft!
+
+ Und es leuchtet
+ Aus Tod und Vergehn
+ Golden die Hoffnung
+ Aufs Auferstehn.
+
+ Ferdinand Avenarius
+
+
+
+
+Die Zeit der schweren Not
+
+
+Der Wind pfiff halb von Nord, halb von Ost. Allem, was am Berge lebte,
+mißfiel er; alle, Maus und Eichhorn, Has und Reh, Fuchs und Dachs,
+blies er in ihre Verstecke, und Bussard und Krähe, Meise und Häher
+pustete er über den Kamm des Berges an den Westhang. Es fror, daß es
+knackte. Die Weizensaat unter dem Walde winterte aus, die Rinde der
+Eiche sprang, still stand der Graben, und der Bach verschwand.
+
+Sieben Tage schnob der bitterböse Wind im Lande umher, dann verlor
+er den Atem. Über den Berg stieg eine Wolkenwand, schwarzblau und
+schwer, schob sich über den hellen, hohen Himmel und legte sich tief
+auf das Land, bis sie sich an den scharfen Klippen des Berges den
+Bauch aufschlitzte. Da quoll es heraus, weiß und weich, einen Tag und
+eine Nacht und noch einen Tag und noch eine Nacht und so noch einmal,
+bis alles zugedeckt war im Lande und auf dem Berge und so sauber
+aussah und so reinlich, daß die Sonne vor Freuden lachte. Ihr Lachen
+brachte Leben an den Osthang des Berges. Mit einem Male waren die Rehe
+wieder da und die Hasen, Fuchs und Dachs fuhren aus ihren Gebäuden,
+das Eichhorn verließ den Kobel und die Maus das Loch, Bussard, Krähe
+und Häher tauchten auf, und überall wimmelte es von buntem, lustigem
+Kleinvogelvolke.
+
+Das Lachen der Sonne war falscher Art, es kündete Blut und Tod. Der
+tauende Schnee ballte sich und brach Äste und Bäume; er knickte die
+Fichten und krümmte die Jungbuchen, und auf dem Boden überzog der
+Schnee sich mit einer Kruste, hart wie Eis und scharf wie Glas. Der
+Ostwind hatte ausgeschlafen und blies auf das Neue gegen den Berg. Da
+kam die Zeit der schweren Not.
+
+Die Maus hatte ihren Gang unter dem Schnee, das Eichhorn behalf sich
+mit Blattknospen und Rinde, der Hase rückte in die Kohlgärten, der
+Dachs verschlief die hungrigen Nächte, der Fuchs suchte die Dungstätten
+ab. Übel daran aber war das Reh. Die Saat war begraben in steinhartem
+Schnee. Die Obermast im Holze war verschwunden. Verschneit waren die
+Himbeeren, verweht die Brombeeren, unsichtbar die Heide. Buchenknospen
+und dürre Halme, trockene Blätter und harte Stengel, das war alles, was
+der Berg an Äsung bot.
+
+[Illustration]
+
+Der Hunger ging durch den Wald. Wo seine Augen ein Reh trafen, da fiel
+es ab. Der Hals wurde lang, die Dünnungen tief, rauh die Decke und
+immer größer die Lichter.
+
+Langsam und vorsichtig zogen die Rehe am Hange entlang, aber alle
+Behutsamkeit half ihnen nichts; eins nach dem anderen trat durch die
+Eiskruste des Schnees und zerschabte sich die Läufe. In jedem Wechsel
+zeichneten sich blaßrote Flecke ab.
+
+Und wieder baute sich eine schwarzblaue Wand hinter dem Berge auf,
+schob sich über den hellen Himmel, legte sich über das Land, riß sich
+an den Klippen den Pansen auf und schüttete Schnee auf das Gefilde,
+einen ganzen Tag und eine volle Nacht.
+
+Und wieder lächelte die Sonne ihr hinterlistiges Lächeln und machte Eis
+aus dem Schnee. Noch langsamer, noch vorsichtiger zogen die Rehe dahin,
+mit Hälsen, so dünn wie Heister, schwarze Löcher in den Dünnungen. Und
+wo sie zogen, da wurde der Schnee rot.
+
+Der Tod ging durch den Wald. Da war kein Reh am ganzen Berge, das nicht
+an den Läufen klagte. Das eine blieb stehen, wo es stand, und zitterte,
+bis es fiel. Ein anderes tat sich nieder und stand nicht wieder auf.
+Ein drittes stürzte halbverdurstet in die Quellschlucht und erstarrte
+im eisigen Wasser.
+
+Noch niemals ging es dem Fuchs so gut, wie da. Sein Tisch war gedeckt,
+war reicher beschickt als zur Maienzeit, wenn alle Mäuse hecken und das
+Feld von Junghasen wimmelt. Auch der Marder konnte zufrieden sein und
+Bussard und Krähe nicht minder; sogar für die bunten Meisen blieb noch
+Fraß genug übrig, und die Waldmäuse nagten die letzten Sehnenfetzen von
+den Knochen.
+
+Kein Ende der Not kam; jeden Tag ging der Tod seinen Belauf im Berge
+ab. Selbst die Hasen schonte er nicht; mancher von ihnen, der sich am
+gefrorenen Kohl verdarb, füllte den Pansen des Fuchses, der von Tag zu
+Tag mehr in die Breite ging.
+
+Eines Morgens aber fuhr er mit ledigem Leibe zu Baue. Vor der Dickung
+lag ein gefallenes Reh, an dem er sich schon eine Nacht gütlich getan
+hatte. Doch als er die zweite Nacht heranschnürte, da schlug ihm eine
+seltsame Witterung entgegen, ein Geruch, den er nur einmal gewittert
+hatte. Rund um den Fleck, wo das gefallene Stück lag, schnürte er, und
+eine geschlagene Stunde dauerte es, ehe er sich ein Herz faßte und
+heranschlich. Und da stand er und windete und äugte lange Zeit, und
+schließlich schnürte er mit hängender Lunte und angelegten Gehören
+mißmutig ab; denn sein Reh war fort, war bis auf die Schalen und
+einige Deckenfetzen verschwunden, und weiter war nichts da, als die
+niederträchtige und dabei doch verlockende Witterung.
+
+Aber der Tod ging immer noch durch den Wald, und er schlug Stück um
+Stück mit harter Hand. Der Fuchs verlor den Mut nicht. Behende trabte
+er von Wechsel zu Wechsel, bis er einen fand, in dem eine kranke Fährte
+stand, und der hing er nach. So ganz leicht war es nicht, sie zu
+halten. Es schneite und schneite, und der Wind pfiff böse; er schob
+den Schnee von den Blößen vor die Dickungen, fegte ihn hier zusammen,
+kehrte ihn dort fort, verdeckte auf weite Strecken die Rotfährte und
+verwischte sie endlich völlig. Das ganze helle Holz suchte der Fuchs
+ab; er nahm die Fährte wieder auf, wo er sie zuerst gefunden hatte, und
+er hing ihr nach bis zu der Stelle, wo sie in der großen Schneewächte
+unterging. Da saß er eine ganze Weile auf den Keulen, und dann schnürte
+er weiter, hungrig, müde und verdrießlich. Er suchte alle Rehdickungen
+ab; sie waren leer. Er schlich durch den Stangenort; da war es tot. Er
+trabte den Bach entlang bis zum Vorholze; es war dort unten so wie oben.
+
+Da schnürte er zu Felde, um an der Dieme auf Mäuse zu passen. Als er
+dort angelangt war, vergaß er alle Mäuse, denn er fand die kranke
+Fährte wieder. Eilig, aber behutsam, nahm er sie auf und hielt sie bis
+zu dem Fichtenmantel unter dem Altholze. Immer länger wurde er, denn
+immer wärmer wurde die Fährte, und schon war er in den Fichten, da fuhr
+er wie besessen heraus und stob in das Feld zurück. Denn in den Fichten
+war es nicht geheuer. Es hatte da gebrochen, so laut und so grob, als
+wenn ein Mensch da gegangen wäre, und es hatte dort geschnauft und
+geschnarcht, wie kein Tier des Waldes zu schnaufen und zu schnarchen
+vermag.
+
+In guter Sicherheit stand der Fuchs im Schatten der krausen Feldeiche
+und überlegte. Dann holte er sich Wind. In weitem Bogen trabte er
+am Vorberge entlang, verschwand bei der Quellschlucht im Altholze,
+schnürte hoch über dem Fichtenmantel durch die Räumdungen und schlich
+vorsichtig näher. Gerade, als der Mond die Wolken fortschob, kam der
+Fuchs bei den Fichten an. Da war es still und einsam. Der Fuchs schlich
+näher, den vollen Wind nehmend. Rehwitterung zog ihm entgegen. Langsam
+schlich er näher, verhoffte, schlich wieder näher, der guten Witterung
+entgegen; da fuhr er zurück. Denn da war eine zweite Witterung, die
+fremde Witterung von vorhin, dieselbe, die er bei dem gefallenen Stück
+wahrgenommen hatte, das ihm verlorengegangen war, eine unbekannte,
+verdächtige, absonderliche, geheimnisvolle, niederträchtige Witterung,
+zwar keine von Mensch oder Hund, aber immerhin nicht ungefährlich
+und auf keinen Fall vertrauenswert. Und jetzt der Ton! Ein Blasen,
+Schnaufen, Schnarchen, wie es nachts oft aus den Ställen bei den
+Gehöften kommt. Der Fuchs drehte um und stahl sich davon. Er traute
+dem Frieden nicht.
+
+Eine gelbgesäumte Wolke brachte den Mond wieder zu Bett. Das
+Schneetreiben setzte abermals ein. Da blies es lauter in den Fichten,
+da krachte es im Schnee, brach es in dem Fallholz, und schwarz und groß
+schob es sich aus der Dickung, verhoffte, nahm laut schnaubend Wind,
+trat dichter an das gefallene Stück, daß der harte Schnee krachend
+zerbrach, prüfte noch einmal blasend den Wind und nahm dann den Fraß an.
+
+Der Waldkauz, der allabendlich an dem Tannenmantel entlangstrich, um
+eine Maus zu schlagen oder einen Vogel aus dem Verstecke zu klatschen,
+rüttelte einen Augenblick neugierig über der kleinen Lichtung, von der
+ein lautes, gieriges Schmatzen und Schlabbern erscholl, untermischt mit
+dem Knirschen der Schneekruste und dem Krachen von Knochen. Dann strich
+die Eule ab; wo es so laut war, gab es für sie nichts zu fangen.
+
+Als der Fuchs am Spätnachmittage des anderen Tages den Tannenmantel
+absuchte, fand er dort, wo das Schmalreh gelegen hatte, nur noch die
+Schalen, einige zertrümmerte Knochen und etliche Fetzen der Decke in
+dem zerwühlten, niedergetretenen, besudelten Schnee. Alles andere hatte
+der von weither zugewechselte, versprengte Schwarzkittel verschlungen.
+
+Der Tod ging immer noch durch den Wald, aber dem Fuchs bescherte er
+nicht. Jedes Stück, das Hunger und Hartschnee umwarfen, verschwand im
+Gebräche der Sau, so daß auch Reineke empfand, daß sie gekommen war,
+die Zeit der schweren Not.
+
+ Hermann Löns
+
+
+
+
+Am Futterplatz
+
+
+ Still träumt der Wald in tiefem Schnee.
+ Ein weißer Dom schließt rings mich ein;
+ Durch seine Lücken in der Höh
+ Blickt grauer Winterhimmel drein.
+ Wie starr der Bäume Säulen stehn!
+ Von überall haucht’s kalt mich an;
+ Und doch: wie schön, wie wunderschön!
+ Ein Märchen, das der Tod ersann.
+
+ Zuweilen wie ein Glöcklein klingt’s:
+ Das ist der Meise Silberton;
+ Durchs weiße Netzwerk oben schwingt’s
+ Und ist im Nu dem Blick entflohn.
+ Und dort: ein Werk der Menschenhand –
+ Gestützte Dächer, dick verschneit –
+ Im unbarmherz’gen Winterland
+ Ein Tempel der Barmherzigkeit.
+
+ Im weißen Grunde scharrt das Reh
+ Und äugt und wittert langsam fort:
+ Kein nährsam Hälmchen überm Schnee,
+ Und drunter alles Grün verdorrt.
+ Und näher stampft es, da – und da –
+ Am nächsten Busche rührt sich’s schon.
+ Zum Tempel kommt von fern und nah
+ Die hungrig stumme Prozession.
+
+ Der Wärtel hat gedeckt den Tisch:
+ Die Raufen füllt das duft’ge Heu.
+ Nun quillt’s in schwärzlichem Gemisch
+ Und zupft behaglich sonder Scheu …
+ Ich späh versteckt; mein Auge hängt
+ An ihrer zierlichen Gestalt,
+ Bis alles satt und weiter drängt –
+ Und wieder einsam träumt der Wald.
+
+ Victor Blüthgen
+
+
+
+
+Fichtennadelduft
+
+
+ Durch schwülen Wald in Sommertagen,
+ Wo der Pirol aus Wipfeln rief,
+ Sonst alles ruhte, alles schlief,
+ Da ging ich, wo man Holz geschlagen.
+ Der sommerlichen Sonne Gluten,
+ Sie senkten sich in goldnen Fluten
+ Hin auf den unbeschützten Grund –
+ Ein süßer Fichtennadelduft
+ Erfüllte rings die heiße Luft,
+ Still brütend in der Lichtung Rund.
+ Und wie auf Schwingen fortgetragen,
+ Hinflog mein Geist zu Wintertagen,
+ Wo in des Zimmers stillem Kreis
+ Der Tannenbaum die harz’gen Düfte,
+ Haucht in die sanft durchwärmten Lüfte,
+ Und Rauschgold knistert zart und leis.
+ Und meinen Busen fühlt ich’s dehnen,
+ Und mich befiel ein kindlich Sehnen
+ Nach dir, du holde Weihnachtszeit.
+ Was darf man in des Sommers Reichen
+ Wohl deinem stillen Glanz vergleichen
+ Und deiner trauten Heimlichkeit!
+
+ Die Zeit verging. – In Wintertagen,
+ Da wurden Buden aufgeschlagen
+ Mit all dem sonderlichen Tand.
+ Das Wunder stieg vom Himmel wieder
+ Auf die verschneite Erde nieder –
+ Die heil’ge Weihnacht kam ins Land.
+ Es stand die schön geschmückte Fichte
+ In farb’gem Glanz, in hellem Lichte,
+ Ein goldumglänzter Märchenbaum.
+ Doch als der Zweige harz’ges Düften
+ Nun schwebte in den warmen Lüften,
+ Kam’s über mich gleichwie ein Traum.
+ Da ward mein Geist hinweggetragen
+ Zu glutgetränkten Sommertagen –
+ Ich hört ihn rufen, den Pirol,
+ Und Vogelsang und blühende Wälder,
+ Und grüne Wiesen, goldne Felder –
+ Ein Märchen schienen sie mir wohl. –
+ Und meinen Busen fühlt ich’s dehnen,
+ Und mich befiel ein tiefes Sehnen
+ Mit drängend-lieblicher Gewalt,
+ Und als ein Glück, nicht auszusagen,
+ Erschien es mir: in Sommertagen
+ Zu wandern durch den grünen Wald!
+
+ Heinrich Seidel
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Der vereisete Wald
+
+
+Da wir endlich gegen den Taugrund kamen und der Wald, der von der
+Höhe herabzieht, anfing, gegen unsern Weg herüberzulangen, hörten wir
+plötzlich in dem Schwarzholze, das auf dem schön emporragenden Felsen
+steht, ein Geräusch, das sehr seltsam war und das keiner von uns je
+vernommen hatte – es war, als ob viele Tausende oder gar Millionen von
+Glasstangen durcheinander rasselten und in diesem Gewirre fort in die
+Entfernung zögen. Das Schwarzholz war doch zu weit zu unserer Rechten
+entfernt, als daß wir den Schall recht klar hätten erkennen können, und
+in der Stille, die in dem Himmel und auf der Gegend war, ist er uns
+recht sonderbar erschienen. Wir fuhren noch eine Strecke fort, ehe wir
+den Fuchs aufhalten konnten, der im Nachhauserennen begriffen war und
+auch schon trachten mochte, aus diesem Tage in den Stall zu kommen. Wir
+hielten endlich und hörten in den Lüften gleichsam ein unbestimmtes
+Rauschen, sonst aber nichts. Das Rauschen hatte jedoch keine
+Ähnlichkeit mit dem fernen Getöse, das wir eben durch die Hufschläge
+unseres Pferdes hindurch gehört hatten. Wir fuhren wieder fort und
+näherten uns dem Walde des Taugrundes immer mehr und sahen endlich
+schon die dunkle Öffnung, wo der Weg in das Gehölze hineingeht. Wenn es
+auch noch früh am Nachmittage war, wenn auch der graue Himmel so licht
+schien, daß es war, als müßte man den Schimmer der Sonne durchsinken
+sehen, so war es doch ein Winternachmittag, und es war so trübe, daß
+sich schon die weißen Gefilde vor uns zu entfärben begannen und in dem
+Holze Dämmerung zu herrschen schien. Es mußte aber doch nur scheinbar
+sein, indem der Glanz des Schnees gegen das Dunkel der hintereinander
+stehenden Stämme abstach.
+
+Als wir an die Stelle kamen, wo wir unter die Wölbung des Waldes
+hineinfahren sollten, blieb der Thomas stehen. Wir sahen vor uns
+eine sehr schlanke Fichte zu einem Reife gekrümmt stehen und einen
+Bogen über unsere Straße bildend, wie man sie einziehenden Kaisern
+zu machen pflegt. Es war unsäglich, welche Pracht und Last des Eises
+von den Bäumen hing. Wie Leuchter, von denen unzählige umgekehrte
+Kerzen in unerhörten Größen ragten, standen die Nadelbäume. Die Kerzen
+schimmerten alle von Silber, die Leuchter waren selber silbern und
+standen nicht überall gerade, sondern manche waren nach verschiedenen
+Richtungen geneigt. Das Rauschen, welches wir früher in den Lüften
+gehört hatten, war uns jetzt bekannt; es war nicht in den Lüften;
+jetzt war es bei uns. In der ganzen Tiefe des Waldes herrschte es
+ununterbrochen fort, wie die Zweige und Äste krachten und auf die Erde
+fielen. Es war um so fürchterlicher, da alles unbeweglich stand; von
+dem ganzen Geglitzer und Geglänze rührte sich kein Zweig und keine
+Nadel, außer wenn man nach einer Weile wieder auf einen gebogenen Baum
+sah, daß er von den ziehenden Zapfen niederer stand. Wir harrten und
+schauten hin, man weiß nicht, war es Bewunderung oder war es Furcht,
+in das Ding hineinzufahren. Unser Pferd mochte die Empfindungen in
+einer Ähnlichkeit teilen; denn das arme Tier schob, die Füße sachte
+anziehend, den Schlitten in mehreren Rucken etwas zurück.
+
+Wie wir noch dastanden und schauten – wir hatten noch kein Wort
+geredet –, hörten wir wieder den Fall, den wir heute schon zweimal
+vernommen hatten. Jetzt war es uns aber völlig bekannt. Ein helles
+Krachen, gleichsam wie ein Schrei, ging vorher, dann folgte ein kurzes
+Wehen, Sausen oder Streifen, und dann der dumpfe, dröhnende Fall,
+mit dem ein mächtiger Stamm auf der Erde lag. Der Knall ging wie ein
+Brausen durch den Wald und durch die Dichte der dämpfenden Zweige; es
+war auch noch ein Klingeln und Geschimmer, als ob unendliches Glas
+durcheinander geschoben und gerüttelt würde – dann war es wieder wie
+vorher, die Stämme standen und ragten durcheinander, nichts regte sich,
+und das stillstehende Rauschen dauerte fort. Es war merkwürdig, wenn
+ganz in unserer Nähe ein Ast oder Zweig oder ein Stück Eis fiel; man
+sah nicht, woher es kam, man sah nur schnell das Herniederblitzen,
+hörte etwa das Aufschlagen, hatte nicht das Emporschnellen des
+verlassenen und erleichterten Zweiges gesehen, und das Starren, wie
+früher, dauerte fort.
+
+Es wurde uns begreiflich, daß wir in den Wald nicht hineinfahren
+konnten. Es mochte irgendwo schon über den Weg ein Baum mit all seinem
+Geäste liegen, über den wir nicht hinüber konnten, und der nicht zu
+umgehen war, weil die Bäume dicht stehen, ihre Nadeln vermischen und
+der Schnee bis an das Geäste und Geflechte des Niedersatzes ragte. Wenn
+wir dann umkehrten und auf dem Wege, auf dem wir gekommen waren, zurück
+wollten, und da sich etwa auch unterdessen ein Baum herübergelegt
+hätte, so wären wir mitten darinnen gewesen. Der Regen dauerte
+unablässig fort, wir selber waren schon wieder eingehüllt, daß wir
+uns nicht regen konnten, ohne die Decke zu zerbrechen, der Schlitten
+war schwerfällig und verglast, und der Fuchs trug seine Lasten – wenn
+irgend etwas in den Bäumen um eine Unze an Gewicht gewann, so mochte es
+fallen, ja die Stämme selber mochten brechen, die Spitzen der Zapfen,
+wie Keile, mochten niederfahren, wir sahen ohnedem auf unserm Wege,
+der vor uns lag, viele zerstreut, und während wir standen, waren in der
+Ferne wieder dumpfe Schläge zu vernehmen gewesen. Wie wir umschauten,
+woher wir gekommen, war auf den Feldern und in der Gegend kein Mensch
+und kein lebendiges Wesen zu sehen. Nur ich mit dem Thomas und mit dem
+Fuchse waren allein in der freien Natur. Ich sagte dem Thomas, daß wir
+umkehren müßten. Wir fuhren dann, so schnell wir konnten, gegen die uns
+zunächst gerichteten Eidunhäuser zurück.
+
+ Adalbert Stifter
+
+
+
+
+Winter im Hochwald
+
+
+ Den Fels erstieg, demantenübersät,
+ Im Hermelin des Winters Majestät.
+
+ Die Faust gekrampft in den vereisten Bart,
+ Hält sinnend er hier Rast von langer Fahrt.
+
+ Kein Laut, kein Lauscher stört des Alten Ruh.
+ Bald fallen ihm die müden Augen zu …
+
+ Ein fernes Fuchsgebell erstirbt im Forst;
+ Leis schwebt ein Adler zum verschwiegnen Horst,
+
+ Und tief im Grunde tritt ein scheues Reh
+ Lautlos heraus an den erstarrten See. –
+
+ Dies ist die Stunde, wo die müde Zeit
+ Zu schlummern scheint im Schoß der Ewigkeit,
+
+ Wo uns der weiterschlossne Himmel still
+ Sein wundersam Geheimnis künden will,
+
+ Und durch die Wälder leis von Baum zu Baum
+ Ein Flüstern geht, ein goldner Frühlingstraum.
+
+ Paul Wolf
+
+
+
+
+Der Tannenbaum
+
+
+Draußen im Walde stand ein niedlicher Tannenbaum. Er hatte einen guten,
+luftigen Platz, war freundlich von der Sonne beschienen, und ringsumher
+wuchsen viele größere Kameraden, Tannen und Fichten. Der kleine
+Tannenbaum wünschte aber so sehnlich, größer zu werden! Er achtete
+nicht der warmen Sonne und der frischen Luft, er kümmerte sich nicht
+um die Bauernkinder, die in den Wald kamen, um Erdbeeren und Himbeeren
+zu sammeln. Oftmals kamen sie mit einem ganzen Topf voll und hatten
+Erdbeeren an einen Strohhalm gereiht; dann setzten sie sich neben den
+kleinen Tannenbaum und sagten: »Wie niedlich klein ist der!« Das mochte
+der Baum aber nicht hören.
+
+Im folgenden Jahre wurde er schon um einen Ansatz größer und das Jahr
+darauf wieder; denn an den Tannenbäumen kann man an den Ansätzen, die
+sie haben, sehen, wie viele Jahre sie alt sind.
+
+»O, wäre ich doch ein großer Baum,« seufzte er, »dann könnte ich meine
+Zweige weit umher ausbreiten und mit dem Gipfel in die weite Welt
+hinausblicken! Die Vögel würden dann ihre Nester in meinen Zweigen
+bauen, und wenn der Wind wehte, könnte ich ebenso vornehm nicken wie
+die andern!«
+
+Er hatte keine Freude am Sonnenschein, an den Vögeln und an den
+rötlichen Wolken, die morgens und abends über ihn hinsegelten.
+
+War es dann Winter und der Schnee lag blendendweiß ringsumher, so kam
+zuweilen ein Hase angesprungen und setzte gerade über den kleinen Baum
+weg – o, wie er sich darüber ärgerte! – Aber zwei Winter vergingen, und
+im dritten war das Bäumchen schon so groß, daß der Hase um dasselbe
+herumlaufen mußte. »O, wachsen, wachsen, groß und alt werden, das ist
+doch das einzig Schöne in dieser Welt!« dachte der Baum.
+
+Im Spätherbst kamen Holzhauer und fällten einige der größten Bäume. Das
+geschah alle Jahre, und den jungen Tannenbaum schauerte dabei, denn
+die großen Bäume fielen mit Prasseln und Krachen zur Erde, die Zweige
+wurden ihnen abgehauen, so daß die Bäume ganz nackt aussahen; sie waren
+fast nicht mehr zu erkennen. Aber dann wurden sie auf Wagen gelegt, und
+Pferde zogen sie davon. Wo kamen sie hin?
+
+Im Frühjahr, als die Schwalbe und der Storch geflogen kamen, fragte sie
+der Baum: »Wißt ihr nicht, wohin sie geführt wurden? Seid ihr ihnen
+nicht begegnet?«
+
+Die Schwalbe wußte nichts; aber der Storch sah sehr nachdenklich aus,
+nickte mit dem Kopfe und sagte: »Ja, ich glaube fast! Mir begegneten
+viele neue Schiffe, als ich aus Ägypten flog; auf den Schiffen
+waren prächtige Mastbäume; ich glaube, daß sie es waren; sie hatten
+Tannengeruch; ich kann vielmals grüßen; sie sahen stolz und prächtig
+aus und überragten alles.«
+
+»O, wäre ich doch auch groß genug, um so über das Meer hinfahren zu
+können! Wie sieht denn eigentlich das Meer aus?«
+
+»Ja, das zu erklären, ist zu weitläufig,« sagte der Storch und ging
+fort.
+
+»Freue dich deiner Jugend!« sagten die Sonnenstrahlen, »freue dich des
+jungen Lebens, das in dir ist!«
+
+Und der Wind küßte den Baum, und der Tau weinte Tränen über ihn; aber
+das alles verstand der Tannenbaum nicht.
+
+Gegen Weihnachten wurden ganz junge Bäume gefällt, die oft nicht einmal
+so groß wie dieser Tannenbaum waren, der weder Ruhe noch Rast hatte,
+sondern immer davon wollte. Diese jungen Bäume – es waren gerade die
+allerschönsten – behielten immer alle ihre Zweige; sie wurden auf Wagen
+gelegt, und Pferde zogen sie fort.
+
+»Wohin sollen die?« fragte der Tannenbaum. »Sie sind nicht größer als
+ich, ja einer war sogar noch kleiner! Weshalb behielten sie alle ihre
+Zweige? Wohin fahren sie?«
+
+»Das wissen wir! das wissen wir!« zwitscherten die Sperlinge. »In der
+Stadt haben wir in die Fenster gesehen! Wir wissen, wohin sie fahren!
+O, sie gelangen zur größten Pracht und Herrlichkeit! Wir haben gesehen,
+daß sie mitten in der warmen Stube aufgepflanzt und mit vergoldeten
+Äpfeln, Honigkuchen, Spielzeug und vielen Hunderten von Lichtern
+geschmückt werden.«
+
+»Und dann?« fragte der Tannenbaum und bebte an allen Zweigen. »Und
+dann? Was geschieht dann?«
+
+»Ja, mehr haben wir nicht gesehen!«
+
+»Ob ich wohl auch bestimmt bin, diesen strahlenden Weg zu betreten?«
+jubelte der Tannenbaum. »Das ist noch schöner, als über das Meer zu
+ziehen! Wäre es doch Weihnachten! Nun bin ich groß, wie die anderen,
+die im vorigen Jahre weggeführt wurden! – O, wäre ich erst auf dem
+Wagen! Wäre ich doch erst in der warmen Stube mit aller Pracht und
+Herrlichkeit! Und dann –? Ja, dann kommt noch etwas weit Schöneres,
+weshalb würden sie uns sonst so schmücken! Es muß noch etwas
+Herrlicheres kommen –! Aber was? O, ich sehne mich, ich weiß selbst
+nicht, wie mir ist!«
+
+»Freue dich,« sagten die Luft und das Sonnenlicht, »deiner frischen
+Jugend im Freien!«
+
+Aber er freute sich gar nicht und wuchs und wuchs; Winter und Sommer
+stand er grün; die Leute, die ihn sahen, sagten: »Das ist ein hübscher
+Baum!« Und zu Weihnachten wurde er vor allen zuerst gefällt. Die Axt
+hieb tief ein, der Baum fiel mit einem Seufzer zu Boden; er fühlte
+einen Schmerz, eine Art Ohnmacht, er konnte gar nicht an das kommende
+Glück denken, er war betrübt, von der Heimat scheiden zu müssen; er
+wußte ja, daß er die lieben alten Kameraden, die kleinen Büsche und
+Blumen ringsum nie mehr erblicken würde, ja vielleicht nicht einmal die
+Vögel. Die Abreise war gar nicht angenehm.
+
+Der Baum kam erst in einem Hofe in der Stadt wieder ganz zu sich, als
+er einen Mann sagen hörte: »Dieser hier ist prächtig! Wir brauchen nur
+diesen!«
+
+Nun kamen zwei Diener und trugen den Tannenbaum in einen großen,
+schönen Saal. An den Wänden hingen Bilder, und neben dem Kachelofen
+standen große chinesische Vasen. Da gab es Schaukelstühle, seidene
+Sofas, große Tische voller Bilderbücher und Spielzeug. Der Tannenbaum
+wurde in ein großes, mit Sand gefülltes Faß gestellt; aber niemand
+konnte sehen, daß es ein Faß war; denn es wurde mit grünen Zweigen
+behängt und stand auf einem großen, bunten Teppich. O, wie der Baum vor
+Erwartung bebte! Was wird nun wohl vorgehen? Zunächst kamen Diener und
+Fräulein und schmückten ihn. An seine Zweige hingen sie kleine Netze
+aus farbigem Papier; jedes Netz war mit Zuckerwerk gefüllt; vergoldete
+Äpfel und Nüsse hingen herab, und über hundert rote, blaue und weiße
+kleine Lichter wurden in die Zweige gesteckt. Puppen, die wie Menschen
+aussahen, schwebten im Grünen, und oben auf der Spitze wurde ein Stern
+von Flittergold befestigt. Das war prächtig, ganz unvergleichlich
+prächtig!
+
+»Heut abend,« sagten alle, »heut abend wird er strahlen!«
+
+»O!« dachte der Baum, »wäre es doch Abend! Würden nur die Lichter bald
+angezündet! Und was dann wohl geschieht? Ob da wohl Bäume aus dem Walde
+kommen, um mich anzuschauen? Ob die Sperlinge gegen die Fensterscheiben
+fliegen? Ob ich hier festwachse und Winter und Sommer geschmückt
+dastehen werde?«
+
+Er hatte ordentlich Borkenweh vor lauter Sehnsucht, und Borkenweh ist
+für einen Baum ebenso schlimm, wie Kopfschmerzen für uns andre.
+
+Nun wurden die Lichter angezündet. Welcher Glanz! Welche Pracht! Der
+Baum bebte dabei in allen Zweigen so, daß eins der Lichter das Grüne
+anbrannte.
+
+»Gott bewahre uns!« schrien die Fräulein und löschten es schnell aus.
+
+Jetzt durfte der Baum nicht einmal mehr beben. Ihm war so bange, etwas
+von seinem Schmuck zu verlieren; er war ganz geblendet von all dem
+Glanze. Und nun gingen die Zimmertüren auf, und eine Menge Kinder
+stürzten herein, als wollten sie den Baum umwerfen; die älteren Leute
+kamen langsam nach. Die Kleinen standen ganz stumm, aber nur einen
+Augenblick, dann jubelten sie wieder, tanzten um den Baum herum, und
+ein Geschenk nach dem andern wurde abgepflückt.
+
+»Was machen sie denn?« dachte der Baum. Und die Lichter brannten bis
+an die Zweige herunter, und je nachdem eins niederbrannte, wurde es
+ausgelöscht, und dann erhielten die Kinder Erlaubnis, den Baum zu
+plündern. O, die stürzten auf ihn ein, daß er in allen Zweigen knackte;
+wäre er nicht mit der Spitze an der Decke befestigt gewesen, so hätten
+sie ihn sicher umgeworfen.
+
+Die Kinder tanzten dann mit ihrem prächtigen Spielzeuge herum. Niemand
+sah nach dem Baume, als die alte Kindsfrau, welche zwischen die Zweige
+blickte, aber nur, um zu sehen, ob nicht noch eine Feige oder ein Apfel
+vergessen worden sei.
+
+»Eine Geschichte! Eine Geschichte!« riefen die Kinder und zogen einen
+kleinen, dicken Mann gegen den Baum hin; und er setzte sich gerade
+unter denselben, »denn da sind wir im Grünen,« sagte er, »und der
+Baum kann Nutzen davon haben, wenn er aufmerksam zuhört! Aber ich
+erzähle nur eine Geschichte. Wollt ihr die von Ivede-Avede oder die von
+Klumpe-Dumpe hören, der die Treppe herunterfiel und doch die Prinzessin
+erhielt?«
+
+»Ivede-Avede!« schrien einige, »Klumpe-Dumpe!« schrien andre; das war
+ein Rufen und Schreien! Nur der Tannenbaum schwieg und dachte: »Komme
+ich gar nicht mit, werde ich nichts dabei zu tun haben?«
+
+Und der Mann erzählte von Klumpe-Dumpe, welcher die Treppe herunterfiel
+und doch die Prinzessin erhielt. Und die Kinder klatschten in die
+Hände und riefen: »Erzähle! erzähle!« Sie wollten auch die Geschichte
+von Ivede-Avede hören; aber sie mußten sich mit der von Klumpe-Dumpe
+begnügen. Der Tannenbaum stand ganz nachdenklich und still, nie hatten
+die Vögel im Walde dergleichen erzählt. »Klumpe-Dumpe fiel die Treppe
+herunter und bekam doch die Prinzessin! Ja, ja, so geht es in der
+Welt!« dachte der Tannenbaum und glaubte, daß es wahr sei. »Ja, ja,
+wer kann es wissen! Vielleicht falle ich auch die Treppe hinunter und
+bekomme eine Prinzessin.« Und er freute sich darauf, den nächsten Tag
+wieder mit Lichtern, Spielzeug, Gold und Früchten geputzt zu werden.
+
+»Morgen werde ich nicht zittern!« dachte er. »Ich will mich recht
+meiner Herrlichkeit freuen. Morgen werde ich wieder die Geschichte von
+Klumpe-Dumpe oder auch die von Ivede-Avede hören.« Und der Baum stand
+die ganze Nacht still und träumte von dem Erlebten.
+
+Am andern Morgen kamen die Diener und das Mädchen herein.
+
+»Nun beginnt das Schmücken aufs neue!« dachte der Baum. Aber sie
+schleppten ihn die Treppe hinauf auf den Boden und stellten ihn in
+einen dunklen Winkel. »Was soll das bedeuten?« dachte der Baum. »Was
+werde ich hier wohl hören sollen?« Und er lehnte sich an die Mauer und
+dachte und dachte. Wahrlich, er hatte Zeit genug; denn es vergingen
+Tage und Nächte; aber niemand kam herauf. Als endlich jemand kam, so
+geschah es nur, um einige große Kasten in den Winkel zu stellen. Nun
+stand der Baum so versteckt, als ob er ganz und gar vergessen wäre.
+
+»Jetzt ist es Winter draußen!« dachte der Baum. »Die Erde ist gefroren
+und mit Schnee bedeckt, die Menschen können mich jetzt nicht pflanzen,
+deshalb soll ich wohl bis zum Frühjahr hier im Schutze stehen! Wie die
+Menschen doch so gut sind! Wäre es nur nicht so dunkel hier und so
+schrecklich einsam! Nicht einmal ein kleiner Hase kommt zu mir! Das
+war doch so hübsch da draußen im Walde, wenn der Schnee lag und der
+Hase vorbeilief, ja, selbst als er über mich hinwegsprang; aber damals
+konnte ich es nicht leiden. Hier ist es doch schrecklich einsam!«
+
+»Pip, pip!« sagte da eine kleine Maus und huschte hervor, und dann kam
+noch eine. Sie beschnüffelten den Tannenbaum und schlüpften zwischen
+seine Zweige.
+
+»Es ist eine furchtbare Kälte!« sagten die kleinen Mäuse. »Sonst ist
+es hier gut sein! Nicht wahr, du alter Tannenbaum?«
+
+»Ich bin gar nicht alt!« sagte der Tannenbaum, »es gibt viel ältere als
+ich bin!«
+
+»Woher kommst du?« fragten die Mäuse, »und was weißt du?« Sie waren
+sehr neugierig. »Erzähle uns doch. Bist du schon an dem herrlichsten
+Orte auf Erden, in der Speisekammer, gewesen, wo die Käse liegen und
+die Schinken hängen, wo man auf Talglichtern tanzt, mager hinein- und
+fett herauskommt?«
+
+»Das kenne ich nicht!« sagte der Baum. »Aber den Wald kenne ich, wo die
+Sonne scheint und wo die Vögel singen!« Und dann erzählte er alles aus
+seiner Jugend, und die kleinen Mäuse horchten auf und sagten: »Wie viel
+du doch gesehen hast! Wie glücklich du gewesen bist!«
+
+»Ich?« sagte der Tannenbaum, und dachte über das, was er selbst
+erzählte, nach. »Ja, es waren im Grunde recht fröhliche Zeiten!« – Aber
+dann erzählte er vom Weihnachtsabend, wo er mit Zuckerwerk und Lichtern
+geschmückt war.
+
+»O!« sagten die kleinen Mäuse, »wie glücklich du gewesen bist, du alter
+Tannenbaum!«
+
+»Ich bin gar nicht alt!« sagte der Baum, »erst diesen Winter bin ich
+vom Walde gekommen! Ich bin nur sehr rasch gewachsen!«
+
+»Wie schön du erzählst!« sagten die kleinen Mäuse. Und in der nächsten
+Nacht kamen sie mit vier anderen Mäuschen, die den Baum erzählen hören
+sollten, und je mehr er erzählte, desto deutlicher erinnerte er sich
+selbst an alles und dachte: »Es waren doch fröhliche Zeiten! Aber sie
+können wiederkehren! Klumpe-Dumpe fiel die Treppe hinunter und erhielt
+doch die Prinzessin!« Und dann dachte der Tannenbaum an eine niedliche
+Birke draußen im Walde; das war für ihn eine wirkliche Prinzessin.
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+»Wer ist Klumpe-Dumpe?« fragten die Mäuschen. Dann erzählte der
+Tannenbaum das Märchen; er konnte sich jedes Wortes entsinnen, und die
+Mäuse wollten vor lauter Freude bis an die Spitze des Baumes springen.
+In der folgenden Nacht kamen noch mehr Mäuse und am Sonntage sogar zwei
+Ratten. Aber die meinten, die Geschichte sei nicht hübsch, und das
+betrübte die kleinen Mäuse, denn nun gefiel sie ihnen auch nicht mehr
+recht.
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+»Wissen Sie nur die eine Geschichte?« fragten die Ratten.
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+»Nur die eine!« sagte der Baum, »die hörte ich an meinem glücklichsten
+Abend. Damals dachte ich nicht daran, wie glücklich ich doch war.«
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+»Das ist eine langweilige, schlechte Geschichte! Wissen Sie keine von
+Speck oder Talglicht? Keine Speisekammer-Geschichte?«
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+»Nein!« sagte der Baum.
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+»Dann danken wir dafür!« erwiderten die Ratten und gingen fort.
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+Die kleinen Mäuse blieben zuletzt auch weg, und da seufzte der Baum:
+»Es war doch ganz hübsch, als sie um mich herumsaßen und zuhörten, wie
+ich erzählte! Nun ist auch das vorbei! Aber ich werde daran denken,
+mich zu freuen, wenn ich wieder hervorgeholt werde.« Das dauerte aber
+recht lange.
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+Endlich eines Morgens kamen Leute und wirtschafteten auf dem Boden; die
+Kasten wurden weggesetzt und der Baum hervorgezogen; sie warfen ihn
+freilich ziemlich hart hin, aber ein Diener schleppte ihn sogleich nach
+der Treppe, wo es hell war.
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+»Nun beginnt das Leben wieder!« dachte der Baum; er fühlte die frische
+Luft, die ersten Sonnenstrahlen, und nun war er draußen im Hofe. Alles
+ging sehr rasch; der Baum vergaß ganz, sich selbst zu betrachten. Der
+Hof stieß an einen Garten, und alles blühte darin; die Rosen hingen
+frisch und duftend über das niedere Gitter hinaus, die Lindenbäume
+blühten, und die Schwalben flogen umher und zwitscherten: »Quirre-virre
+vit, mein Mann ist kommen!« Aber es war nicht der Tannenbaum, den sie
+meinten.
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+»Nun will ich leben!« jubelte dieser und breitete seine Zweige weit
+aus; aber ach, sie waren alle vertrocknet und gelb, und er lag da im
+Winkel zwischen Unkraut und Nesseln! Der goldene Stern saß noch oben an
+der Spitze und glänzte im Sonnenschein.
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+Im Hofe spielten einige von den Kindern, die zu Weihnachten den Baum
+umtanzt hatten und so fröhlich gewesen waren. Eins lief hin und riß den
+Goldstern ab.
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+»Sieh, was da noch an dem alten, häßlichen Tannenbaum sitzt!« sagte es
+und trat auf die Zweige, so daß sie unter seinen Stiefeln knackten.
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+Und der Baum sah all die prachtvollen Pflanzen und Bäume im Garten,
+betrachtete sich dann selbst und wünschte, daß er in seinem dunkeln
+Winkel auf dem Boden liegen geblieben wäre; er dachte an seine frische
+Jugend im Walde, an den lustigen Weihnachtsabend und an die kleinen
+Mäuse, die so gerne die Geschichte von Klumpe-Dumpe angehört hatten.
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+»Vorbei! vorbei!« seufzte der arme Baum. »Hätte ich mich doch gefreut,
+als ich es noch konnte! Vorbei! Vorbei!«
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+Und der Knecht kam und hieb den Baum in viele kleine Stücke; ein ganzer
+Haufen lag da; ein großes Bündel wurde daraus gemacht und in die Küche
+getragen; hell flackerte es auf unter dem großen Braukessel. Der Baum
+seufzte tief, und jeder Seufzer glich einem kleinen Schusse. Deshalb
+liefen die Kinder herbei und setzten sich vor das Feuer, blickten
+in dasselbe hinein und riefen: »Piff! Paff!« Aber bei jedem Knalle,
+der ein tiefer Seufzer war, dachte der Baum an einen Sommertag im
+Walde oder an eine Winternacht, wenn die Sterne so hell funkelten;
+er dachte an den Weihnachtsabend und an Klumpe-Dumpe, das einzige
+Märchen, welches er gehört hatte und zu erzählen wußte, und dann war er
+verbrannt.
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+Die Knaben spielten im Garten, und der kleinste steckte an die Brust
+den Goldstern, den der Baum an seinem glücklichsten Abend getragen
+hatte. Aber der war vorbei, und mit dem Baum war es auch vorbei!
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+Vorbei! vorbei! So geht es mit allen Geschichten.
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+ Hans Christian Andersen
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+Gefunden
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+ Ich ging im Walde
+ So für mich hin,
+ Und nichts zu suchen,
+ Das war mein Sinn.
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+ Im Schatten sah ich
+ Ein Blümchen stehn,
+ Wie Sterne leuchtend,
+ Wie Äuglein schön.
+
+ Ich wollt es brechen,
+ Da sagt es fein:
+ Soll ich zum Welken
+ Gebrochen sein?
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+ Ich grub’s mit allen
+ Den Würzlein aus,
+ Zum Garten trug ich’s
+ Am hübschen Haus.
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+ Und pflanzt es wieder
+ Am stillen Ort;
+ Nun zweigt es immer
+ Und blüht so fort.
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+ Wolfgang von Goethe
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+Ein kleines Nest
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+ Ein kleines Nest, o sagt mir an,
+ Was uns so herzig rührt daran?
+ Ein Halmenkranz ist es doch bloß,
+ Ein Züpflein Gras, ein Flöcklein Moos,
+ Darin ein Blatt, ein Borkenstück
+ Und – eine ganze Welt voll Glück.
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+ Julius Lohmeyer
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+Das Blatt im Buche
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+ Ich hab eine alte Muhme,
+ Die ein altes Büchlein hat,
+ Es liegt in dem alten Buche
+ Ein altes, dürres Blatt.
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+ So dürr sind wohl auch die Hände,
+ Die einst im Lenz ihr’s gepflückt.
+ Was mag doch die Alte haben?
+ Sie weint, so oft sie’s erblickt.
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+ Anastasius Grün
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+Wanderers Nachtlied
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+ Über allen Gipfeln
+ Ist Ruh;
+ In allen Wipfeln
+ Spürest du
+ Kaum einen Hauch;
+ Die Vögelein schweigen im Walde.
+ Warte nur, balde
+ Ruhest du auch.
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+ Wolfgang von Goethe
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+Abschied
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+ O Täler weit, o Höhen,
+ O schöner grüner Wald,
+ Du meiner Lust und Wehen
+ Andächt’ger Aufenthalt!
+ Da draußen, stets betrogen,
+ Saust die geschäftige Welt,
+ Schlag noch einmal die Bogen
+ Um mich, du grünes Zelt!
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+ Wenn es beginnt zu tagen,
+ Die Erde dampft und blinkt,
+ Die Vögel lustig schlagen,
+ Daß dir dein Herz erklingt:
+ Da mag vergehn, verwehen
+ Das trübe Erdenleid,
+ Da sollst du auferstehen
+ In junger Herrlichkeit!
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+ Da steht im Wald geschrieben
+ Ein stilles, ernstes Wort
+ Von rechtem Tun und Lieben
+ Und was des Menschen Hort.
+ Ich habe treu gelesen
+ Die Worte schlicht und wahr,
+ Und durch mein ganzes Wesen
+ Ward’s unaussprechlich klar.
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+ Bald werd ich dich verlassen,
+ Fremd in die Fremde gehn,
+ Auf buntbewegten Gassen
+ Des Lebens Schauspiel sehn;
+ Und mitten in dem Leben
+ Wird deines Ernsts Gewalt
+ Mich Einsamen erheben:
+ So wird mein Herz nicht alt.
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+ Joseph von Eichendorff
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+Inhalt
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+ Seite
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+ Geleitspruch des deutschen Spielmanns 3
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+ Gegrüßt, gegrüßt, ihr trauten Waldeshallen! [Avenarius] 4
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+ Jetzt rede du! [Meyer] 4
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+ Erster Mai [Greif] 4
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+ Der Herr des Waldes [Sergel] 5
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+ Morgens im Walde [Ebert] 5
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+ Die Waldkapelle [Scherer] 6
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+ Waldesstimme [Hille] 6
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+ Waldandacht [Weber] 7
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+ Mittag [Fontane] 7
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+ Schneeweißchen und Rosenrot [Grimm] 8
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+ Im Wald [Strauß-Torney] 14
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+ Waldeinsamkeit [Eichendorff] 14
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+ Nachts [Eichendorff] 15
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+ Das Abenteuer im Walde [Trojan] 16
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+ Was den Kindern im Walde passiert ist [Trojan] 20
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+ Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt [Rückert] 22
+
+ Das Häslein [Morgenstern] 27
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+ Waldabenteuer [Weber] 28
+
+ Der weiße Hirsch [Uhland] 31
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+ Der Schütze [Schiller] 31
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+ Im Waldhof [Tielo] 32
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+ Sterben [Gagern] 33
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+ Auf der Wacht [Rosegger] 37
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+ Mondwanderung [Reinick] 45
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+ Wo Bismarck liegen soll [Fontane] 46
+
+ Als die hellen Nächte waren [Rosegger] 46
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+ Waldkonzert [Dieffenbach] 51
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+ Jüngst sah ich den Wind [Holz] 51
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+ Schlechtes Wetter [Langewiesche] 52
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+ Waldlieder [Keller] 53
+
+ Gewitter im Walde [Scherer] 54
+
+ Nach dem Gewitter [Waldburg] 55
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+ Regen [Schlaf] 56
+
+ Durchlaucht [Gumppenberg] 56
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+ Bei den Holzern [Rosegger] 57
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+ In der Stadt [Keller] 58
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+ Herbstlicher Wald [Lenau] 59
+
+ Novembersonnenschein [Löns] 59
+
+ Herbstgold [Avenarius] 64
+
+ Die Zeit der schweren Not [Löns] 65
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+ Am Futterplatz [Blüthgen] 69
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+ Fichtennadelduft [Seidel] 70
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+ Der vereisete Wald [Stifter] 73
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+ Winter im Hochwald [Wolf] 76
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+ Der Tannenbaum [Andersen] 76
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+ Gefunden [Goethe] 84
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+ Ein kleines Nest [Lohmeyer] 85
+
+ Das Blatt im Buche [Grün] 85
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+ Wanderers Nachtlied [Goethe] 85
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+ Abschied [Eichendorff] 86
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+Der deutsche Spielmann
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+herausgegeben von _Ernst Weber_, eine großangelegte Auswahl aus dem
+Schatze deutscher Dichtung für Jugend und Volk, schöpft aus dem Besten
+deutscher Erzählungs- und Verskunst unter Beschränkung auf das Volks-
+und Jugendtümliche. Die Sammlung gliedert sich in 40 Einzelbände,
+von denen jeder ein in sich geschlossenes Ganzes bildet und von
+einem Künstler illustriert ist, dessen Eigenart dem Charakter des
+jeweiligen Stoffgebietes ungezwungenen Ausdruck verleiht. Die Sammlung
+eignet sich wie kaum ein zweites Werk zur Anschaffung für öffentliche
+Bibliotheken, als Mittel zur Belebung des Schulunterrichts und für die
+Familienbücherei. _Der deutsche Spielmann hofft, zum eisernen Bestand
+jeder Volks- und Jugendbücherei zu werden._ Er huldigt ja nicht einer
+vorübergehenden Mode des Tages. Er schöpft aus dem aufgespeicherten
+Schatz der Jahrhunderte und wird darum auch seine Geltung für das
+Jahrhundert behalten.
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+ Bd. 1 Kindheit (E. Kreidolf)
+ Bd. 2 Wanderer (J. V. Cissarz)
+ Bd. 3 Wald (W. Weingärtner)
+ Bd. 4 Hochland (Franz Hoch)
+ Bd. 5 Meer (J. V. Cissarz)
+ Bd. 6 Helden (W. Weingärtner)
+ Bd. 7 Schalk (Julius Diez)
+ Bd. 8 Legenden (G. A. Stroedel)
+ Bd. 9 Arbeiter (Gg. O. Erler)
+ Bd. 10 Soldaten (Gg. O. Erler)
+ Bd. 11 Sänger (Hans Röhm)
+ Bd. 12 Frühling (H. v. Volkmann)
+ Bd. 13 Sommer (Edmund Steppes)
+ Bd. 14 Herbst (Karl Biese)
+ Bd. 15 Winter (Karl Biese)
+ Bd. 16 Gute alte Zeit (Rud. Schiestl)
+ Bd. 17 Himmel und Hölle (Jul. Diez)
+ Bd. 18 Stadt u. Land (J. V. Cissarz)
+ Bd. 19 Bach u. Strom (E. Liebermann)
+ Bd. 20 Heide (Adalbert Holzer)
+ Bd. 21 Arme und Reiche (J. Widnmann)
+ Bd. 22 Abenteurer (Rud. Schiestl)
+ Bd. 23 Germanentum (H. Röhm)
+ Bd. 24 Mittelalter (H. Schroedter)
+ Bd. 25 Zeit der Wandlungen (C. Roesch)
+ Bd. 26 Neuzeit (Angelo Jank)
+ Bd. 27 Gespenster (Julius Diez)
+ Bd. 28 Tod (Matthäus Schiestl)
+ Bd. 29 Blumen und Bäume (R. Sieck)
+ Bd. 30 Nordland (Rudolf Koch-Hanau)
+ Bd. 31 Italien (Hans Volkert)
+ Bd. 32 Hellas (Karl Bauer)
+ Bd. 33 Fremde Zonen (H. Volkert)
+ Bd. 34 Vaterland (W. Roegge jun.)
+ Bd. 35 Tierwelt (Ludwig Werner)
+ Bd. 36 Menschenherzen (Rud. Schiestl)
+ Bd. 37 Glück und Trost (H. Schwegerle)
+ Bd. 38 Tag und Nacht (Otto Bauriedl)
+ Bd. 39 Riesen und Zwerge (R. Schiestl)
+ Bd. 40 Fabelreich (Ernst Weber)
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+Hinter den Bandtiteln steht der Name des illustrierenden Künstlers in
+Klammern.
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+Auch die je vier Bände vereinigenden Sammelbände in schönem farbigen
+Ganzleinenband wurden wiederum neu ausgegeben: »Deutsches Jahr«,
+»Deutsche Gestalten«, »Deutsche Natur«, »Deutsche Heimat«, »Deutsches
+Land«, »Deutsches Volk«, »Deutsches Leben«, »Deutsche Geschichte«,
+»Deutscher Glaube« und »Fremde Welt«.
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+ Weitere Anmerkungen zur Transkription
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+ Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
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+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75267 ***