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diff --git a/75267-0.txt b/75267-0.txt new file mode 100644 index 0000000..b4be21b --- /dev/null +++ b/75267-0.txt @@ -0,0 +1,3557 @@ + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75267 *** + + + + + + Anmerkungen zur Transkription + + + Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter + Text ist _so ausgezeichnet_. + + Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des + Buches. + + + + + Der deutsche Spielmann + + Eine Auswahl aus dem Schatze deutscher Dichtung + für Jugend und Volk + + Herausgegeben von Dr. Ernst Weber + + * + + Wald + + Der deutsche Wald + und was er raunt und singt + + + Bildschmuck von Willibald Weingärtner + + Vierte, veränderte Auflage + + + * + + München 1927 + + Georg D. W. Callwey * Verlag des deutschen Spielmanns + + + + +Druck von Kastner & Callwey in München + + + + +[Illustration] + + + »Der deutsche Wald!« – Wer möchte nicht + Den Wald der Deutschen lieben? + Mir steht er wie ein hold Gedicht + Im Herzen eingeschrieben. + Die Schauer meiner Kinderzeit, + Der spätern Jahre Wonne, + Des Winters frostige Herrlichkeit, + Des Sommers sengende Sonne, + Der Herbst im Purpur flammendrot, + Der Lenz auf blühendem Throne: + Was mir Natur an Schönheit bot, + Dem Wald gebührt die Krone. + + Einst gab der Wald uns Herd und Haus + Und hohe Götterhallen. + Die Zeit vertrieb uns längst daraus, + Das Heimweh blieb uns allen. + Und klingt ein Lied vom deutschen Wald, + Dann wird die Brust uns enge; + Aus seinen Weisen fühlst du bald + Die heimattrauten Klänge; + Die Waldfei harft mit weicher Hand, + Du stehst in süßem Lauschen – + Am schönsten ist mein deutsches Land, + Wo seine Wälder rauschen. + + Der deutsche Spielmann + + + + +Gegrüßt, gegrüßt, ihr trauten Waldeshallen! + + + Gegrüßt, gegrüßt, ihr trauten Waldeshallen! + Hier hört ich einst im Wintersturmesdröhnen + Zum erstenmal das Hohelied des Schönen + Wie Orgelbraus durch eure Säulen schallen. + + Hier fühlt ich süß der Sehnsucht erstes Wallen, + Und, um dem Sein das Träumen zu versöhnen, + Begann in leisen, ahnungscheuen Tönen + Der Knabenmund sein erstes Lied zu lallen. + + So mancher Herbst hat seine welken Blätter + Seit jener Zeit auf dieses Haupt geschüttelt; + So manchen Winters schneidig kaltes Wetter + + Hat kräftig mich aus manchem Traum gerüttelt – + Doch nun zu euch mein Wandern mich getrieben, + Heut fühl ich jubelnd: ich bin jung geblieben! + + Ferdinand Avenarius + + + + +Jetzt rede du! + + + Du warest mir ein täglich Wanderziel, + Viellieber Wald, in dumpfen Jugendtagen, + Ich hatte dir geträumten Glücks so viel + Anzuvertraun, so wahren Schmerz zu klagen. + + Und wieder such ich dich, du dunkler Hort, + Und deines Wipfelmeers gewaltig Rauschen – + Jetzt rede du! Ich lasse dir das Wort! + Verstummt ist Klag und Jubel. Ich will lauschen. + + C. F. Meyer + + + + +Erster Mai + + + Erster Mai ist heute, + Fort Papier und Buch! + Grüner Wald umbreite + Mich mit Würzgeruch. + + Schlage deine Blätter + Mir im Weben auf: + Unsrer alten Götter + Sprache steht darauf. + + Martin Greif + + + + +Der Herr des Waldes + + +Der Herr des Waldes machte seinen Morgenspaziergang. Warm lag das +Sonnenlicht ihm auf den Schultern, milde sahen seine Augen an den +Buchen hinauf und freuten sich an dem schwellenden Grün und der +Lichtfülle in den Wipfeln. Und wenn er an eine Stelle kam, an der ein +Unwetter hart gewütet, fuhr er langsam durch den weißen, langen Bart +und sagte: + +»Hier müssen wir neuen Wuchs anpflanzen.« + +Da sah er auf seinem Wege zu Füßen einen Ameisenhaufen. Ein lustiges, +emsiges, regsames Gekribbel. Die einen bauten Gemächer und Gänge +und trieben Stollen und Schächte in die Erde; die andern schleppten +Wintervorräte heran; und wieder andere schienen mit heftigen Gebärden +in ernstem Disput zu sein. + +Plötzlich ging eine Bewegung durch die Massen. Ein armer Sünder wurde +durch die Stadt zum Richtplatz geführt, wo ihn die Schergen zu Tode +bringen sollten. + +»Was soll das?« fragte der Herr des Waldes. + +»Wir müssen ihn töten«, antwortete jemand aus der Menge, »er hat +gesagt, er glaube nicht an den Herrn des Waldes.« + +Und weiter zogen sie mit ihm zum Richtplatz. + +Der Herr des Waldes lächelte und fuhr sich durch den greisen Bart. +Milde sahen seine Augen an den Buchen hinauf, und im Weitergehen +freuten sie sich an dem schwellenden Grün und an der Lichtfülle in den +Wipfeln. + + Albert Sergel + + + + +Morgens im Walde + + + Ein sanfter Morgenwind durchzieht + Des Forstes grüne Hallen; + Hell wirbelt der Vögel muntres Lied; + Die jungen Birken wallen. + + Das Eichhorn schwingt sich von Baum zu Baum; + Das Reh durchschlüpft die Büsche; + Viel hundert Käfer im schattigen Raum + Erfreun sich der Morgenfrische. + + Und wie ich so schreit im lustigen Wald + Und alle Bäum erklingen, + Rings um mich alles singet und schallt: + Wie sollt ich allein nicht singen? + + Ich singe mit starkem, freudigem Laut + Dem, der die Wälder säet, + Der droben die luftige Kuppel gebaut + Und Wärm und Kühlung wehet. + + Karl Egon Ebert + + + + +Die Waldkapelle + + + Wo tief im Tannengrunde + So friedlich äst das Wild, + Steht an geweihter Stelle + Die kleine Waldkapelle + Mit ihrem Gnadenbild. + + Der Efeu und die Rose + Umrankt das Bild von Stein; + Die Vöglein in den Zweigen, + Sie laden durch ihr Schweigen + Hier still zum Beten ein. + + Habt Rast, ihr Hirsch und Rehe, + Hab Rast, mein Roß, auch du! + Kein Jagdruf soll euch schrecken, + Kein Horn den Wald erwecken + Aus tiefer Mittagsruh. + + Georg Scherer + + + + +Waldesstimme + + + Wie deine grüngoldnen Augen funkeln, + Wald, du moosiger Träumer! + Wie deine Gedanken dunkeln, + Einsiedel, schwer von Leben, + Saftseufzender Tagesversäumer! + + Über der Wipfel Hin- und Wiederschweben, + Wie’s Atem holt und voller wogt und braust + Und weiter zieht – + Und stiller wird – + Und saust. + + Über der Wipfel Hin- und Wiederschweben + Hoch droben steht _ein_ ernster Ton, + Dem lauschen tausend Jahre schon + Und werden tausend Jahre lauschen … + Und immer dieses starke, donnerdunkle Rauschen. + + Peter Hille + + + + +Waldandacht + + + Grausilbern jeder Buchenstamm, + Das Grün mit Gold umzirkt + Und oben hoch am lichten Kamm + Von Himmelsblau durchwirkt. + + Ein brauner Teppich deckt den Grund, + Aus Moos und Laub gewebt, + Wo durch die dämmerdunkle Rund + Kein einzig Lüftlein bebt. + + Das ist des Waldes Hochaltar, + Mit Kerzen reich beschickt, + Darüber strahlend, groß und klar + Ein Schöpferauge blickt. + + Ernst Weber + + + + +Mittag + + + Am Waldessaume träumt die Föhre, + Am Himmel weiße Wölkchen nur; + Es ist so still, daß ich sie _höre_, + Die tiefe Stille der Natur. + + Rings Sonnenschein auf Wies’ und Wegen, + Die Wipfel stumm, kein Lüftchen wach, + Und doch, es klingt, als ström ein Regen + Leis tönend auf das Blätterdach. + + Theodor Fontane + +[Illustration] + + + + +[Illustration] + +Schneeweißchen und Rosenrot + + +Eine arme Witwe, die lebte einsam in einem Hüttchen, und vor dem +Hüttchen war ein Garten, darin standen zwei Rosenbäumchen, davon trug +das eine weiße, das andere rote Rosen: und sie hatte zwei Kinder, die +glichen den beiden Rosenbäumchen, und das eine hieß Schneeweißchen, +das andere Rosenrot. Sie waren aber so fromm und gut, so arbeitsam +und unverdrossen, als je zwei Kinder auf der Welt gewesen sind: +Schneeweißchen war nur stiller und sanfter als Rosenrot. Rosenrot +sprang lieber in den Wiesen und Feldern umher, suchte Blumen und fing +Sommervögel; Schneeweißchen aber saß daheim bei der Mutter, half ihr im +Hauswesen oder las ihr vor, wenn nichts zu tun war. Die beiden Kinder +hatten einander so lieb, daß sie sich immer an den Händen faßten, so +oft sie zusammen ausgingen; und wenn Schneeweißchen sagte: »Wir wollen +uns nicht verlassen«, so antwortete Rosenrot: »Solange wir leben +nicht«, und die Mutter setzte hinzu: »Was das eine hat, soll’s mit dem +andern teilen.« Oft liefen sie im Walde allein umher und sammelten +rote Beeren; aber kein Tier tat ihnen etwas zuleid, sondern sie kamen +vertraulich herbei: das Häschen fraß ein Kohlblatt aus ihren Händen, +das Reh graste an ihrer Seite, der Hirsch sprang ganz lustig vorbei, +und die Vögel blieben auf den Ästen sitzen und sangen, was sie nur +wußten. Kein Unfall traf sie: wenn sie sich im Walde verspätet hatten +und die Nacht sie überfiel, so legten sie sich nebeneinander auf das +Moos und schliefen, bis der Morgen kam, und die Mutter wußte das und +hatte ihretwegen keine Sorge. Einmal, als sie im Walde übernachtet +hatten und das Morgenrot sie aufweckte, da sahen sie ein schönes Kind +in einem weißen, glänzenden Kleidchen neben ihrem Lager sitzen. Es +stand auf und blickte sie ganz freundlich an, sprach aber nichts und +ging in den Wald hinein. Und als sie sich umsahen, so hatten sie ganz +nahe bei einem Abgrunde geschlafen und wären gewiß hineingefallen, wenn +sie in der Dunkelheit noch ein paar Schritte weiter gegangen wären. Die +Mutter aber sagte ihnen, das müßte der Engel gewesen sein, der gute +Kinder bewache. + +Schneeweißchen und Rosenrot hielten das Hüttchen der Mutter so +reinlich, daß es eine Freude war, hineinzuschauen. Im Sommer besorgte +Rosenrot das Haus und stellte der Mutter jeden Morgen, ehe sie +aufwachte, einen Blumenstrauß vors Bett, darin war von jedem Bäumchen +eine Rose. Im Winter zündete Schneeweißchen das Feuer an und hing den +Kessel an den Feuerhaken, und der Kessel war von Messing, glänzte aber +wie Gold, so rein war er gescheuert. Abends, wenn die Flocken fielen, +sagte die Mutter: »Geh, Schneeweißchen, und schieb den Riegel vor«, und +dann setzten sie sich an den Herd, und die Mutter nahm die Brille und +las aus einem großen Buche vor, und die beiden Mädchen hörten zu, saßen +und spannen; neben ihnen lag ein Lämmchen auf dem Boden, und hinter +ihnen auf einer Stange saß ein weißes Täubchen und hatte seinen Kopf +unter den Flügel gesteckt. + +Eines Abends, als sie so vertraulich beisammen saßen, klopfte jemand +an die Türe, als wollte er eingelassen sein. Die Mutter sprach: +»Geschwind, Rosenrot, mach auf, es wird ein Wanderer sein, der Obdach +sucht.« Rosenrot ging und schob den Riegel weg und dachte, es wär +ein armer Mann, aber der war es nicht, es war ein Bär, der seinen +dicken schwarzen Kopf zur Tür hereinstreckte. Rosenrot schrie laut +und sprang zurück: das Lämmchen blökte, das Täubchen flatterte auf, +und Schneeweißchen versteckte sich hinter der Mutter Bett. Der Bär +aber fing an zu sprechen und sagte: »Fürchtet euch nicht, ich tue +euch nichts zuleid, ich bin halb erfroren und will mich nur ein wenig +bei euch wärmen.« – »Du armer Bär,« sprach die Mutter, »leg dich ans +Feuer und gib nur acht, daß dir dein Pelz nicht brennt!« Dann rief +sie: »Schneeweißchen, Rosenrot, kommt hervor, der Bär tut euch nichts, +er meint’s ehrlich.« Da kamen sie beide heran, und nach und nach +näherten sich auch das Lämmchen und Täubchen und hatten keine Furcht +vor ihm. Der Bär sprach: »Ihr Kinder, klopft mir den Schnee ein wenig +aus dem Pelzwerk!« und sie holten den Besen und kehrten dem Bär das +Fell rein: er aber streckte sich ans Feuer und brummte ganz vergnügt +und behaglich. Nicht lange, so wurden sie ganz vertraut und trieben +Mutwillen mit dem unbeholfenen Gast. Sie zausten ihm das Fell mit den +Händen, setzten ihre Füßchen auf seinen Rücken und walgerten ihn hin +und her, oder sie nahmen eine Haselrute und schlugen auf ihn los, +und wenn er brummte, so lachten sie. Der Bär ließ sich’s aber gerne +gefallen, nur wenn sie’s gar zu arg machten, rief er: »Laßt mich am +Leben, ihr Kinder: + + Schneeweißchen, Rosenrot, + Schlägst dir den Freier tot.« + +Als Schlafenszeit war und die andern zu Bett gingen, sagte die Mutter +zu dem Bär: »Du kannst in Gottes Namen da am Herde liegen bleiben, so +bist du vor der Kälte und dem bösen Wetter geschützt.« Sobald der Tag +graute, ließen ihn die beiden Kinder hinaus, und er trabte über den +Schnee in den Wald hinein. Von nun an kam der Bär jeden Abend zu der +bestimmten Stunde, legte sich an den Herd und erlaubte den Kindern, +Kurzweil mit ihm zu treiben, soviel sie wollten; und sie waren so +gewöhnt an ihn, daß die Türe nicht eher zugeriegelt ward, als bis der +schwarze Gesell angelangt war. + +Als das Frühjahr herangekommen und draußen alles grün war, sagte der +Bär eines Morgens zu Schneeweißchen: »Nun muß ich fort und darf den +ganzen Sommer nicht wieder kommen.« – »Wo gehst du denn hin, lieber +Bär?« fragte Schneeweißchen. »Ich muß in den Wald und meine Schätze vor +den bösen Zwergen hüten. Im Winter, wenn die Erde hart gefroren ist, +müssen sie wohl unten bleiben und können sich nicht durcharbeiten; aber +jetzt, wenn die Sonne die Erde aufgetaut und erwärmt hat, da brechen +sie durch, steigen herauf, suchen und stehlen; was einmal in ihren +Händen ist und in ihren Höhlen liegt, das kommt so leicht nicht wieder +an des Tages Licht.« Schneeweißchen war ganz traurig über den Abschied, +und als es ihm die Türe aufriegelte und der Bär sich hinausdrängte, +blieb er an dem Türhaken hängen, und ein Stück seiner Haut riß auf, und +da war es Schneeweißchen, als hätte es Gold durchschimmern gesehen; +aber es war seiner Sache nicht gewiß. Der Bär lief eilig fort und war +bald hinter den Bäumen verschwunden. + +Nach einiger Zeit schickte die Mutter die Kinder in den Wald, Reisig +zu sammeln. Da fanden sie draußen einen großen Baum, der lag gefällt +auf dem Boden, und an dem Stamme sprang zwischen dem Gras etwas auf +und ab, sie konnten aber nicht unterscheiden, was es war. Als sie +näher kamen, sahen sie einen Zwerg mit einem alten, verwelkten Gesicht +und einem ellenlangen, schneeweißen Bart. Das Ende des Bartes war in +eine Spalte des Baumes eingeklemmt, und der Kleine sprang hin und her +wie ein Hündchen an einem Seil und wußte nicht, wie er sich helfen +sollte. Er glotzte die Mädchen mit seinen roten, feurigen Augen an +und schrie: »Was steht ihr da! könnt ihr nicht herbeigehen und mir +Beistand leisten?« – »Was hast du angefangen, kleines Männchen?« fragte +Rosenrot. »Dumme, neugierige Gans,« antwortete der Zwerg, »den Baum +habe ich mir spalten wollen, um kleines Holz in der Küche zu haben; bei +den dicken Klötzen verbrennt gleich das bißchen Speise, das unsereiner +braucht, der nicht so viel hinunterschlingt als ihr grobes, gieriges +Volk. Ich hatte den Keil schon glücklich hineingetrieben, und es wäre +alles nach Wunsch gegangen, aber das verwünschte Holz war zu glatt und +sprang unversehens heraus, und der Baum fuhr so geschwind zusammen, +daß ich meinen schönen weißen Bart nicht mehr herausziehen konnte; +nun steckt er drin, und ich kann nicht fort. Da lachen die albernen, +glatten Milchgesichter! pfui, was seid ihr garstig!« Die Kinder +gaben sich alle Mühe, aber sie konnten den Bart nicht herausziehen, +er steckte zu fest. »Ich will laufen und Leute herbeiholen,« sagte +Rosenrot. »Wahnsinnige Schafsköpfe,« schnarrte der Zwerg, »wer wird +gleich Leute herbeirufen, ihr seid mir schon um zwei zuviel; fällt +euch nichts Besseres ein?« – »Sei nur nicht ungeduldig,« sagte +Schneeweißchen, »ich will schon Rat schaffen,« holte sein Scherchen aus +der Tasche und schnitt das Ende des Bartes ab. Sobald der Zwerg sich +frei fühlte, griff er nach einem Sack, der zwischen den Wurzeln des +Baumes steckte und mit Gold gefüllt war, hob ihn heraus und brummte +vor sich hin: »Ungehobeltes Volk, schneidet mir ein Stück von meinem +stolzen Barte ab! lohn’s euch der Kuckuck!« Damit schwang er seinen +Sack auf den Rücken und ging fort, ohne die Kinder nur noch einmal +anzusehen. + +Einige Zeit danach wollten Schneeweißchen und Rosenrot ein Gericht +Fische angeln. Als sie nahe bei dem Bach waren, sahen sie, daß etwas +wie eine große Heuschrecke nach dem Wasser zu hüpfte, als wollte es +hineinspringen. Sie liefen heran und erkannten den Zwerg. »Wo willst +du hin?« sagte Rosenrot, »du willst doch nicht ins Wasser?« – »Solch +ein Narr bin ich nicht,« schrie der Zwerg, »seht ihr nicht, der +verwünschte Fisch will mich hineinziehen!« Der Kleine hatte dagesessen +und geangelt, und unglücklicherweise hatte der Wind seinen Bart mit +der Angelschnur verflochten. Als gleich darauf ein großer Fisch anbiß, +fehlten dem schwachen Geschöpf die Kräfte, ihn herauszuziehen; der +Fisch behielt die Oberhand und riß den Zwerg zu sich hin. Zwar hielt er +sich an allen Halmen und Binsen, aber das half nicht viel, er mußte den +Bewegungen des Fisches folgen und war in beständiger Gefahr, ins Wasser +gezogen zu werden. Die Mädchen kamen zu rechter Zeit, hielten ihn fest +und versuchten, den Bart von der Schnur loszumachen, aber vergebens, +Bart und Schnur waren fest ineinander verwirrt. Es blieb nichts übrig, +als das Scherchen hervorzuholen und den Bart abzuschneiden, wobei +ein kleiner Teil desselben verloren ging. Als der Zwerg das sah, +schrie er sie an: »Ist das Manier, ihr Lorche, einem das Gesicht zu +schänden? nicht genug, daß ihr mir den Bart unten abgestutzt habt, +jetzt schneidet ihr mir den besten Teil davon ab; ich darf mich vor +den Meinigen gar nicht sehen lassen! Daß ihr laufen müßtet und die +Schuhsohlen verloren hättet!« Dann holte er einen Sack Perlen, der im +Schilfe lag, und ohne ein Wort weiter zu sagen, schleppte er ihn fort +und verschwand hinter einem Stein. + +Es trug sich zu, daß bald hernach die Mutter die beiden Mädchen nach +der Stadt schickte, Zwirn, Nadeln, Schnüre und Bänder einzukaufen. +Der Weg führte sie über eine Heide, auf der hier und da mächtige +Felsenstücke zerstreut lagen. Da sahen sie einen großen Vogel in der +Luft schweben, der langsam über ihnen kreiste, sich immer tiefer +herabsenkte und endlich nicht weit bei einem Felsen niederstieß, +Gleich darauf hörten sie einen durchdringenden, jämmerlichen Schrei. +Sie liefen herzu und sahen mit Schrecken, daß der Adler ihren alten +Bekannten, den Zwerg, gepackt hatte und ihn forttragen wollte. Die +mitleidigen Kinder hielten gleich das Männchen fest und zerrten sich +so lange mit dem Adler herum, bis er seine Beute fahren ließ. Als +der Zwerg sich von dem ersten Schrecken erholt hatte, schrie er mit +seiner kreischenden Stimme: »Konntet ihr nicht säuberlicher mit mir +umgehen? Gerissen habt ihr an meinem dünnen Röckchen, daß es überall +zerfetzt und durchlöchert ist, unbeholfenes und täppisches Gesindel, +das ihr seid!« Dann nahm er einen Sack mit Edelsteinen und schlüpfte +wieder unter den Felsen in seine Höhle. Die Mädchen waren an seinen +Undank schon gewöhnt, setzten ihren Weg fort und verrichteten ihr +Geschäft in der Stadt. Als sie beim Heimweg wieder auf die Heide kamen, +überraschten sie den Zwerg, der auf einem reinlichen Plätzchen seinen +Sack mit Edelsteinen ausgeschüttet und nicht gedacht hatte, daß so +spät noch jemand daherkommen würde. Die Abendsonne schien über die +glänzenden Steine, sie schimmerten und leuchteten so prächtig in allen +Farben, daß die Kinder stehen blieben und sie betrachteten. »Was steht +ihr da und habt Maulaffen feil!« schrie der Zwerg, und sein aschgraues +Gesicht ward zinnoberrot vor Zorn. Er wollte mit seinen Scheltworten +fortfahren, als sich ein lautes Brummen hören ließ und ein schwarzer +Bär aus dem Walde herbeitrabte. Erschrocken sprang der Zwerg auf; aber +er konnte nicht mehr zu seinem Schlupfwinkel gelangen, der Bär war +schon in seiner Nähe. Da rief er in Herzensangst: »Lieber Herr Bär, +verschont mich, ich will Euch alle meine Schätze geben, sehet die +schönen Edelsteine, die da liegen. Schenkt mir das Leben, was habt Ihr +an mir kleinem, schmächtigem Kerl? Ihr spürt mich nicht zwischen den +Zähnen. Da, die beiden gottlosen Mädchen packt, das sind für Euch zarte +Bissen, fett wie junge Wachteln, die freßt in Gottes Namen.« Der Bär +kümmerte sich um seine Worte nicht, gab dem boshaften Geschöpf einen +einzigen Schlag mit der Tatze, und es regte sich nicht mehr. + +Die Mädchen waren fortgesprungen, aber der Bär rief ihnen nach: +»Schneeweißchen und Rosenrot, fürchtet euch nicht, wartet, ich will mit +euch gehen!« Da erkannten sie seine Stimme und blieben stehen, und als +der Bär bei ihnen war, fiel plötzlich die Bärenhaut ab, und er stand +da als ein schöner Mann und war ganz in Gold gekleidet. »Ich bin eines +Königs Sohn,« sprach er, »und war von dem gottlosen Zwerg, der mir +meine Schätze gestohlen hatte, verwünscht, als ein wilder Bär in dem +Walde zu laufen, bis ich durch seinen Tod erlöst würde. Jetzt hat er +seine wohlverdiente Strafe empfangen.« + +Schneeweißchen ward mit ihm vermählt und Rosenrot mit seinem Bruder, +und sie teilten die großen Schätze miteinander, die der Zwerg in seiner +Höhle zusammengetragen hatte. Die alte Mutter lebte noch lange Jahre +ruhig und glücklich bei ihren Kindern. Die zwei Rosenbäumchen aber nahm +sie mit, und sie standen vor ihrem Fenster und trugen jedes Jahr die +schönsten Rosen, weiß und rot. + + Brüder Grimm + + + + +Im Wald + + + Die Winde gehn ums kleine Jägerhaus, + Die Wälder rauschen in die Nacht hinaus. + + Da drinnen schimmert warmes Lampenlicht, + Ein stilles Stübchen, traulich-eng und schlicht. + + Geweih und Rehgehörn als Schmuck der Wand, + Ein Falke drüber, der die Flügel spannt. + + So still, so stille – nur die Wanduhr tickt + Und vom Kamin der rote Glutschein zückt. + + Bisweilen schlägt im Schlaf der Jagdhund an, + Er träumt vom Pirschgang wohl im freien Tann! + + Der Jäger sitzt und pafft sein Pfeifchen stumm, + Der Rauch blaut nebelnd im Gemach herum. + + Die blonde Frau lehnt still im Stuhl zurück + Und schaut ins Licht mit weitverträumtem Blick. + + Sie hebt den Kopf nur lauschend dann und wann – + Weint nicht im Schlaf ihr Kindchen nebenan? + + Doch nur die Wanduhr sagt ihr leis Ticktick: + Es geht – die Zeit, – halt fest – halt fest – das Glück! + + Und nur die Winde gehn ums Jägerhaus, + Die Wälder rauschen in die Nacht hinaus! + + Lulu v. Strauß-Torney + + + + +Waldeinsamkeit + + + Waldeinsamkeit! + Du grünes Revier, + Wie liegt so weit + Die Welt von hier! + Schlaf nur, wie bald + Kommt der Abend schön, + Durch den stillen Wald + Die Quellen gehn, + Die Mutter Gottes wacht, + Mit ihrem Sternenkleid + Bedeckt sie dich sacht + In der Waldeinsamkeit, + Gute Nacht, gute Nacht! – + + Joseph von Eichendorff + +[Illustration] + + + + +Nachts + + + Ich stehe in Waldesschatten + Wie an des Lebens Rand, + Die Länder wie dämmernde Matten, + Der Strom wie ein silbern Band. + + Von fern nur schlagen die Glocken + Über die Wälder herein, + Ein Reh hebt den Kopf erschrocken + Und schlummert gleich wieder ein. + + Der Wald aber rühret die Wipfel + Im Traum von der Felsenwand. + Denn der Herr geht über die Gipfel + Und segnet das stille Land. + + Joseph von Eichendorff + +[Illustration] + + + + +Das Abenteuer im Walde + + +Es regnete, was vom Himmel herunter wollte. Die Tannen schüttelten den +Kopf und sagten zueinander: »Wer hätte am Morgen gedacht, daß es so +kommen würde!« Es tropfte von den Bäumen auf die Sträucher, von den +Sträuchern auf das Farnkraut und lief in unzähligen kleinen Bächen +zwischen dem Moose und den Steinen. Am Nachmittag hatte der Regen +angefangen, und nun wurde es schon dunkel, und der Laubfrosch, der vor +dem Schlafengehen noch einmal nach dem Wetter sah, sagte zu seinem +Nachbar: »Vor morgen früh wird es nicht aufhören.« + +Derselben Ansicht war eine Ameise, die bei diesem Wetter im Walde +spazieren ging. Sie war am Vormittag mit Eiern in Tannenberg auf dem +Markte gewesen und trug jetzt das dafür gelöste Geld in einem kleinen +blauen Leinwandbeutel nach Hause. Bei jedem Schritte seufzte und +jammerte sie. »Das Kleid ist hin,« sagte sie, »und der Hut auch! Hätt +ich nur den Regenschirm nicht stehen lassen, oder hätt ich wenigstens +die Überschuhe angezogen! Aber mit Zeugschuhen in solchem Regen ist gar +kein Weiterkommen!« + +Während sie so sprach, sah sie gerade vor sich in der Dämmerung einen +großen Pilz. Freudig ging sie darauf zu. »Das paßt,« rief sie; »das +ist ja ein Wetterdach, wie man es sich nicht besser wünschen kann! +Hier bleib ich, bis es aufhört, zu regnen. Wie es scheint, wohnt hier +niemand – desto besser! Ich werde mich sogleich häuslich einrichten.« +Das tat sie denn auch. – Sie war eben daran, das Regenwasser aus den +Schuhen zu gießen, als sie bemerkte, daß draußen eine kleine Grille +stand, die auf dem Rücken ihr Violinchen trug. »Hör, Ameischen,« hub +die Grille an, »ist es erlaubt, hier unterzutreten?« – »Nur immer +herein!« erwiderte die Ameise; »es ist mir lieb, daß ich Gesellschaft +bekomme.« – »Ich habe heute,« sagte die Grille, »im Heidekrug zur +Kirmes aufgespielt. Es ist ein bißchen spät geworden, und nun freue +ich mich, daß ich hier die Nacht bleiben kann. Denn das Wetter ist ja +schrecklich, und wer weiß, ob ich noch ein Wirtshaus offen finde.« + +Also trat Grillchen ein, hing sein Violinchen auf und setzte sich zu +der Ameise. Noch nicht lange saßen sie da, als sie in der Ferne ein +Lichtchen schimmern sahen. Als es näher kam, erkannten sie es als +ein Laternchen, das ein Johanniswürmchen in der Hand trug. »Ich bitt +euch,« sagte das Johanniswürmchen höflich grüßend, »laßt mich die +Nacht hier bleiben. Ich wollte eigentlich nach Moosbach zu meinem +Vetter, habe mich aber im Walde verirrt und weiß weder aus noch ein.« +– »Nur immer zu!« sagten die beiden. »Es ist recht gut für uns, daß +wir Beleuchtung bekommen.« Gern folgte Johanniswürmchen der Einladung +und stellte sein Laternchen auf den Tisch. Der Schein des Lichtchens +führte ihnen bald einen Wanderer zu, der ziemlich ungeschickt über +Laub und Moos herangestolpert kam. Er war ein Käfer von der großen +Art. Ohne guten Abend zu sagen, trat er ein. »Aha!« rief er, »so bin +ich doch recht gegangen und dies ist die Zimmergesellen-Herberge.« – +Mit diesen Worten setzte er sich, holte seinen Schnappsack hervor und +begann sein Abendbrot zu verzehren. »Ja, ja,« sagte er, »wenn man den +ganzen Tag über Holz gebohrt hat, dann schmeckt das Essen!« – Als er +mit dem Essen fertig war, stopfte er sich seine Pfeife, ließ sich vom +Johanniswürmchen Feuer geben, zündete an und fing an, ganz gemütlich +zu rauchen. Unterdessen war es draußen ganz dunkel geworden und das +Wetter schlimmer, als vorher; da traf zu allgemeiner Verwunderung noch +ein später Gast ein. Schon seit längerer Zeit hörte man in der Ferne +ein eigentümliches Schnaufen; dies kam langsam näher und näher, und +endlich erschien unter dem Pilze eine Schnecke, die ganz außer Atem +war. »Das nenne ich laufen!« rief sie; »wie bin ich gejagt, ordentlich +das Milzstechen hab ich bekommen! Ich will nur gleich bemerken, daß +ich im nächsten Dorfe eine Bestellung zu machen habe, die Eile hat. +Aber niemand kann über seine Kräfte, besonders, wenn er sein Haus +trägt. Wenn die Gesellschaft erlaubt, will ich hier ein paar Stündchen +rasten; dann kann ich nachher wieder galoppieren, als gälte es, den +Dampfwagen einzuholen.« Niemand hatte etwas dagegen, daß sich die +Schnecke ein gemütliches Plätzchen aussuchte. Da setzte sie sich vor +ihre Haustür, holte ein Strickzeug hervor und fing an zu stricken. +So waren nun die Fünfe da versammelt, als die Ameise das Wort nahm +und also sprach: »Warum sitzen wir hier so trübselig beieinander und +langweilen uns, da wir uns doch die Zeit auf angenehme Weise verkürzen +könnten? Ich habe daran gedacht, daß wir uns Geschichten erzählen +sollten, und gern würde ich selbst den Anfang machen, wenn ich nur +eine recht hübsche Geschichte wüßte. Nun ist mir aber eben etwas noch +Besseres eingefallen. Ich sehe, daß die Grille ihr Violinchen bei +sich hat. Wenn sie nicht gar zu müde ist, möcht ich sie bitten, uns +ein lustiges Stückchen zu spielen, damit wir eins tanzen können.« – +Dieser Vorschlag der Ameise fand allgemeinen Beifall. Die Grille aber +ließ sich nicht lange nötigen, sondern stellte sich sogleich mit ihrem +Violinchen in die Mitte und spielte das lustigste Tänzchen herunter, +welches sie auswendig wußte, während die andern um sie herumtanzten. +Nur die Schnecke tanzte nicht mit. »Ich bin,« sagte sie, »nicht gewöhnt +an das schnelle Herumwirbeln; mir wird zu leicht schwindelig. Aber +tanzt, soviel ihr wollt, ich sehe mit Vergnügen zu und mache meine +Bemerkungen.« – Die andern ließen sich denn auch gar nicht stören, +sondern jubelten so laut, daß man es auf drei Schritte Entfernung hören +konnte. Aber ach, durch welch ein furchtbares, ungeahntes Ereignis +wurde plötzlich ihr Fest unterbrochen! Der Pilz, unter welchem die +lustige Gesellschaft tanzte, gehörte leider einer alten Kröte. An +schönen Tagen saß sie oben auf dem Dache, wie die Kröten zu tun +pflegen; trat aber schlecht Wetter ein, so kroch sie unter den Pilz, +und es konnte ihretwegen regnen von Pfingsten bis Weihnachten. + +Diese Kröte nun war am Nachmittag nach dem nächsten Moor zu ihrer +Base, einer Unke, gegangen und hatte sich mit derselben bei Kaffee und +Napfkuchen so viel erzählt, daß es darüber dunkel geworden war. Jetzt +am Abende kam sie ganz leise nach Hause geschlichen. Über den Arm hatte +sie ihren Arbeitsbeutel hängen, und in der Hand trug sie einen roten +Regenschirm mit messingener Krücke. Als sie in ihrem Hause den Jubel +hörte, trat sie noch leiser auf; so kam es, daß die Leutchen drinnen +sie nicht eher gewahr wurden, als bis sie mitten unter ihnen stand. + +Das war eine unerwartete Störung! Der Käfer fiel vor Schreck auf den +Rücken, und es dauerte fünf Minuten, ehe er wieder auf die Beine +kommen konnte. Das Leuchtkäferchen dachte zu spät daran, daß es sein +Laternchen hätte auslöschen sollen, um in der Dunkelheit zu entwischen. + +Die Grille ließ mitten im Takt ihr Violinchen fallen, die Ameise sank +aus einer Ohnmacht in die andere, und selbst die Schnecke, die sonst +nicht leicht aus der Fassung zu bringen ist, bekam Herzklopfen. Sie +wußte sich aber schnell zu helfen; sie kroch in ihr Häuschen, riegelte +die Tür hinter sich ab und sprach zu sich: »Was da will, kann kommen! +Ich bin für niemand zu sprechen.« – Nun hättet ihr aber hören sollen, +wie die Kröte die armen Leute heruntermachte! »Sieh einmal an,« +rief sie zornig und schwang ihren Regenschirm, »da hat sich ja ein +schönes Lumpengesindel zusammengefunden? Ist das hier eine Herberge +für Landstreicher und Dorfmusikanten? Ich sag es ja: Nicht aus dem +Haus kann man gehen, gleich ist der Unfug los. Augenblicklich packt +jetzt eure sieben Sachen ein, und dann fort mit euch, oder ich will +euch schon Beine machen!« – Was war zu tun? Die armen Leute wagten +gar nicht, sich erst aufs Bitten zu legen, sondern nahmen still ihre +Sachen auf, riefen der Schnecke durchs Schlüsselloch zu, daß sie +mitkommen solle, und als auch diese sich fertiggemacht hatte, zogen +sie alle zusammen von dannen. Das war ein kläglicher Auszug! Voran das +Johanniswürmchen, um auf dem Wege zu leuchten, dann der Käfer, dann +die Ameise, dann das Grillchen und zuletzt die Schnecke. Der Käfer, +der eine gute Lunge hatte, rief von Zeit zu Zeit: »Ist hier kein +Wirtshaus?« Aber alles Rufen war vergeblich. Als sie ein Stück gegangen +waren, merkten sie, daß die Schnecke nicht mehr bei ihnen war. Sie +riefen alle zusammen in den Wald zurück: »Schnecke, Schnecke! Beeil +dich!« – erhielten aber keine Antwort. Die Schnecke mußte wohl so weit +zurückgeblieben sein, daß sie die Rufe nicht mehr hören konnte. Die +andern zogen betrübt weiter, und nach langem Umherirren fanden sie +unter einer Baumwurzel ein leidlich trockenes Plätzchen. Da brachten +sie die Nacht zu unter großer Unruhe und ohne viel zu schlafen. Waren +sie auch mit heiler Haut davongekommen, es blieb doch immerhin ein +schlimmes Abenteuer, und die mit dabei gewesen sind, werden daran +denken, so lange sie leben. + + Johannes Trojan + +[Illustration] + + + + +Was den Kindern im Walde passiert ist + + + Zwei Kinder gehen ganz allein + Frühmorgens in den Wald hinein. + Da springen sie wohl hin und her + Nach mancher Erd- und Heidelbeer + Und essen sich gemütlich satt + Und werden endlich müd und matt, + Die Hitze ist auch gar zu groß! + Sie legen nieder sich aufs Moos – + Kein Bettchen könnte weicher sein; + Nicht lange währt’s, sie schlafen ein. + + Da kommen aus dem dichten Wald + Hervor die Tiere mannigfalt. + Wie sie die beiden Kinder sehn, + Da bleiben sie verwundert stehn. + Nehmt euch in acht! Nur nicht zu nah! + Was für Geschöpfchen schlafen da? + Sie sind so nett und zart und fein, + Was mögen das für Tierchen sein? + + Der Hase sagt: »Beseht euch doch + Die allerliebsten Näschen; + Die Ohren wachsen ihnen noch, + Dann sind’s die schönsten Häschen.« + Eichkätzchen spricht: »Gebt einmal acht, + Da find ich ein paar Vettern, + Sie werden, sind sie aufgewacht, + Mit mir zusammen klettern.« + »Ei,« sagt das Reh, »was schwatzt ihr da! + Das sind ja dumme Faxen. + Rehkälbchen sind’s, man sieht es ja, + Wie nett sind sie gewachsen!« + Rotkehlchen ruft: »Ich sah noch nie + Im Walde solche Gäste, + Ich nähm sie mit, hätt ich für sie + Nur Raum in meinem Neste.« + Da kommt ein Käfer angesummt, + Der sieht die kleinen Schläfer + Und fliegt herum um sie und brummt: + »Hu! Was für große Käfer!« + + So schwatzen sie noch vieles mehr + Und laufen eifrig hin und her, + Besehn sich alles mit Bedacht, + Bis daß die Kinder aufgewacht. + Hast du gesehn! Mit einem Husch + Ist alles fort in Wald und Busch. + Und alle rufen: »Fort von hier! + Das kann uns nimmer taugen, + Im ganzen Wald kein einzig Tier + Hat ja so große Augen. + Das können keine Tierchen sein! + Schnell flüchtet in den Wald hinein!« + + Die beiden Kinder sehn sich an: + »Was man doch alles träumen kann! + Soeben war’s im Traume mir, + Als stände alles Waldgetier + Um uns herum – + Jetzt ist ringsum + Nichts mehr zu sehn. + Komm, komm, laß uns nach Hause gehn, + Da wartet schon indessen + Die Mutter mit dem Essen; + Und sind wir nicht zur Zeit zu Haus, + Schilt sie uns aus.« + + Da machen sie sich auf alsbald + Und gehn zusammen durch den Wald. + Wie ist nun alles still umher, + Kein einz’ges Tierchen zeigt sich mehr! + Allein ein Kuckuck, – seht nur, seht, + Sitzt oben auf der Tanne + Und ruft: »Kuckuck, da unten geht + Der Gottlieb mit der Hanne!« + + Johannes Trojan + + + + +Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt + + + Es ist ein Bäumlein gestanden im Wald + In gutem und schlechtem Wetter; + Das hat von unten bis oben halt + Nur Nadeln gehabt statt Blätter; + Die Nadeln, die haben gestochen, + Das Bäumlein, das hat gesprochen: + + »Alle meine Kameraden + Haben schöne Blätter an, + Und ich habe nur Nadeln, + Niemand rührt mich an; + Dürft ich wünschen, wie ich wollt, + Wünscht ich mir Blätter von lauter Gold.« + + Wie’s Nacht ist, schläft das Bäumlein ein, + Und früh ist’s aufgewacht; + Da hatt’ es goldne Blätter fein, + Das war eine Pracht! + Das Bäumlein spricht: »Nun bin ich stolz; + Goldne Blätter hat kein Baum im Holz.« + + Aber wie es Abend ward, + Ging der Jude durch den Wald + Mit großem Sack und großem Bart, + Der sieht die goldnen Blätter bald; + Er steckt sie ein, geht eilends fort + Und läßt das leere Bäumlein dort. + + Das Bäumlein spricht mit Grämen: + »Die goldnen Blättlein dauern mich; + Ich muß vor den andern mich schämen, + Sie tragen so schönes Laub an sich; + Dürft ich mir wünschen noch etwas, + So wünscht ich mir Blätter von hellem Glas.« + + Da schlief das Bäumlein wieder ein, + Und früh ist’s wieder aufgewacht; + Da hatt’ es glasene Blätter fein, + Das war eine Pracht! + Das Bäumlein spricht: »Nun bin ich froh; + Kein Baum im Walde glitzert so.« + + Da kam ein großer Wirbelwind + Mit einem argen Wetter, + Der fährt durch alle Bäume geschwind + Und kommt an die glasenen Blätter; + Da lagen die Blätter von Glase + Zerbrochen in dem Grase. + + Das Bäumlein spricht mit Trauern: + »Mein Glas liegt in dem Staub, + Die andern Bäume dauern + Mit ihrem grünen Laub; + Wenn ich mir noch was wünschen soll, + Wünsch ich mir grüne Blätter wohl.« + + Da schlief das Bäumlein wieder ein, + Und wieder früh ist’s aufgewacht; + Da hatt’ es grüne Blätter fein, + Das Bäumlein lacht + Und spricht: »Nun hab ich doch Blätter auch, + Daß ich mich nicht zu schämen brauch.« + + Da kommt mit vollem Euter + Die alte Geiß gesprungen; + Sie sucht sich Gras und Kräuter + Für ihre Jungen; + Sie sieht das Laub und fragt nicht viel, + Sie frißt es ab mit Stumpf und Stiel. + + Da war das Bäumlein wieder leer, + Es sprach nun zu sich selber: + »Ich begehre nun keiner Blätter mehr, + Weder grüner, noch roter, noch gelber! + Hätt ich nur meine Nadeln, + Ich wollte sie nicht tadeln.« + + Und traurig schlief das Bäumlein ein, + Und traurig ist es aufgewacht; + Da besieht es sich im Sonnenschein + Und lacht und lacht! + Alle Bäume lachen’s aus; + Das Bäumlein macht sich aber nichts draus. + + Warum hat’s Bäumlein denn gelacht, + Und warum denn seine Kameraden? + Es hat bekommen in einer Nacht + Wieder alle seine Nadeln, + Daß jedermann es sehen kann; + Geh naus, sieh’s selbst, doch rühr’s nicht an! + Warum denn nicht? + Weil’s sticht. + + Friedrich Rückert + +[Illustration] + + + + +Das Häslein + + + Unterm Schirme, tief im Tann, + Hab ich heut gelegen, + Durch die schweren Zweige rann + Reicher Sommerregen. + + Plötzlich rauscht das nasse Gras – + Stille, nicht gemuckt! – + Mir zur Seite duckt + Sich ein junger Has … + + Dummes Häschen, + Bist du blind? + Hat dein Näschen + Keinen Wind? + + Doch das Häschen, unbewegt, + Nutzt, was ihm beschieden, + Ohren, weit zurückgelegt, + Miene, schlau zufrieden. + + Ohne Atem lieg ich fast, + Laß die Mücken sitzen; + Still besieht mein kleiner Gast + Meine Stiefelspitzen … + + Um uns beide – tropf – tropf – tropf – + Traut eintönig Rauschen … + Auf dem Schirmdach – klopf – klopf – klopf … + Und wir lauschen … lauschen … + + Wunderwürzig kommt ein Duft + Durch den Wald geflogen; + Häschen schnubbert in die Luft, + Fühlt sich fortgezogen; + + Schiebt gemächlich rückwärts, macht + Männchen aller Ecken … + Herzlich hab ich aufgelacht – + Ei, der wilde Schrecken! + + Christian Morgenstern + +[Illustration] + + + + +Waldabenteuer + + + Als ich heut morgens – es war noch bald – + Einsam spazierte draußen im Wald, + Sprang plötzlich vor mir etwas Braunes auf + Und – hast du gesehen – den Baum hinauf. + Noch sucht ich umher am unteren Ast, + Da war es auch schon der Krone Gast. + Dort in einer Gabel hielt sich’s versteckt. + Wär voller das Laubwerk, kein’ Seel’ hätt’s entdeckt. + + Nun hing ihm aber sein buschiger Schwanz + Wie ein aufgefangener, loser Kranz + Vom Ast herab und wehte im Wind. + So glaubt wohl auch ein bangendes Kind, + Es bliebe damit schon unentdeckt, + Wenn’s den Kopf unter Großmutters Schürze steckt. + + Es ward dir wohl sicher längst schon klar, + Daß jenes Etwas ein Eichhörnchen war. + Das ist – weiß Gott – ein niedliches Tier! + Ihm zuzuschauen, macht viel Pläsier: + Gewandt und schneller wie eine Katz + Springt es dann meist mit riesigem Satz + Von Ast zu Ast, von Wipfel zu Wipfel, + Erfaßt vom Zweiglein kaum noch ’n Zipfel, + Schnellt auf und ab wie ein Gummiball + Und kommt doch nimmermehr zu Fall. + + Ja, in der Tat, es muß wohl erbauen, + Solch einem Künstler zuzuschauen. + Drum späht auch ich erwartend nach oben. + Aber wie war’s? – Der Racker da droben + Tat auf einmal nichts mehr dergleichen, + Gab nicht das mindeste Lebenszeichen, + Nur sein Schwänzlein baumelte munter + Nach wie vor vom Ast herunter. + + Wie mir das lange Stehen zu dumm, + Sah ich mich nach ’m Plätzchen um, + Wo ich mich könnte niederlassen, + Das kommende Schauspiel abzupassen. + Als ich nun nichts Geeignetes fand, + Warf ich mich nieder, grad wo ich stand, + Lag dann gemächlich im weichen Moose, + Dachte dabei an meine Hose, + Die, wenn man lang so im Moose liegt, + Meistenteils grünliche Flecken kriegt. + + Aber trotz alledem blieb ich liegen. + Mag sie immerhin Flecken kriegen, + Wenn ihr Träger dafür in der Nähe + Einmal nur solch Kunststücklein sähe! + Ewig konnt ja das Warten nicht dauern! + Also begann ich ihm aufzulauern, + Recht wie ein Luchs mit blinzelnden Blicken, + Hielt ich mich mäuschenstill auf dem Rücken, + Rührte und regte fortab kein Glied. – + Über mir sang der Wald sein Lied, + Und das Geäste, noch kahl in der Runde, + Hob sich dunkel vom Himmelsgrunde, + Schwankte und wogte bald hin, bald her, + Wie ein Korallenbaum im Meer. + + Da auf einmal, da kam mir’s vor, + Zog sich schwupps das Schwänzlein empor, + Und wo vorerst noch der Flederwisch, + Sah nun vertraulich, keck und frisch + Ein neugieriges Köpflein hernieder, + Schwand und kam und schwand immer wieder, + Riß gar verwundert die Äuglein auf, + Nickte herab, ich nickte hinauf, + Bis es zuletzt sonder Scheu und Scham + Ruckweis zu mir hernieder kam. + + Aber auf dem untersten Ast + Hielt es noch einmal längere Rast, + Schnüffelte mit dem winzigen Näslein, + Spitzte die Ohren wie ein Häslein, + Sah mir ins Auge fest und still: + »Was nur der Kerl da unten will?« + + Was nur das Bürschlein da droben denkt? – + Haben uns ganz ineinander versenkt. + Tierlein und Mensch und Mensch und Tier! + »Was hältst du von mir? Was weiß ich von dir?« + Sahen uns lange, lange an, + Hat mir am Ende fast weh getan, + Weil mich das Sonnenlicht geblendet, + Hab ich mich ein wenig zur Seite gewendet, + Hab mir ein bißchen die Wimper gejuckt, + Hab dann gleich wieder hingeguckt. + + Aber was meinst du? Vom alten Plätzchen + War auf einmal verschwunden das Kätzchen, + War auch sonst nicht mehr zu entdecken, + Ob ich auch brach durch Busch und Hecken, + Ob ich auch suchte ringsumher, + ’s war wie verhext, ich fand’s nicht mehr! + Und hätt es doch gar zu gerne belauscht. + Aber der Wald nur hat gerauscht, + Als trieb er selber mit mir sein Spiel, + War stets nur ein Blatt, das zu Boden fiel, + Wenn etwas raschelte im Geäste. + + Da hielt ich’s am Ende für das Beste, + Mich auf den Weg nach Hause zu machen. + Das tat ich denn, und du würdest lachen, + Wenn ich nun auch noch zum Schlusse schrieb, + Was mir als Erinnrungszeichen verblieb. + Sei’s denn! Nämlich auf heller Hose + Zwei dunkle Flecken vom grünen Moose + Und von dem Streifen durch Dünn und Dick + Rechts überm Knie ein Zickzackflick. + + Ernst Weber + +[Illustration] + + + + +Der weiße Hirsch + + + Es gingen drei Jäger wohl auf die Birsch, + Sie wollten erjagen den weißen Hirsch. + Sie legten sich unter den Tannenbaum; + Da hatten die drei einen seltsamen Traum. + + +Der Erste: + + »Mir hat geträumt, ich klopf auf den Busch; + Da rauschte der Hirsch heraus, husch, husch!« + + +Der Zweite: + + »Und als er sprang mit der Hunde Geklaff, + Da brannt ich ihn auf das Fell, piff paff!« + + +Der Dritte: + + »Und als ich den Hirsch an der Erde sah, + Da stieß ich lustig ins Horn, trara!« + + So lagen sie da und sprachen, die drei, + Da rannte der weiße Hirsch vorbei. + + Und eh die drei Jäger ihn recht gesehn, + So war er davon über Tiefen und Höhn. + Husch husch! piff paff! trara! + + Ludwig Uhland + +[Illustration] + + + + +Der Schütze + + + Mit dem Pfeil, dem Bogen + Durch Gebirg und Tal + Kommt der Schütz gezogen + Früh im Morgenstrahl. + + Wie im Reich der Lüfte + König ist der Weih, + Durch Gebirg und Klüfte + Herrscht der Schütze frei. + + Ihm gehört das Weite; + Was sein Pfeil erreicht; + Das ist seine Beute, + Was da fleugt und kreucht. + + Friedrich von Schiller + + + + +Im Waldhof + + + Ich war vor Tag und Tau erwacht – + Mich weckten meines Wirtes schwere + Schlurfschritte in der Treppen Nacht, + Umklirrt von seinem Jagdgewehre. + Dann knirschte drunten kurz das Tor, + Der Alte riß zurück die Hunde, + Und lautlos sich sein Pfad verlor + In nachtumblauter Wälderrunde … + + Denn dieses war der Väter Saat: + Es schlich wie vor vielhundert Jahren + Der Bauer den gekrümmten Pfad, + Den jene schon geschlichen waren. + Auch er den Wildpfad sich erkor, + Den Förstern trotzend, um verwegen + Mit dem vererbten Feuerrohr + Den besten Brunfthirsch zu erlegen. + + Gewiß, ihn trieb der Väter Lust: + Seit sie sich hier gesiedelt hatten, + Bedrückte ihre breite Brust + Der ungeheure Wälderschatten. + Sie pflügten ihre Scholle schlicht, + In ihre Ernte rauschten Föhren – + Doch still erglänzte ihr Gesicht, + Begann im Herbst der Hirsch zu röhren. + + Ja, dieser Orgelruf voll Macht + Ließ ihr verhülltes Lachen steigen: + Brach er wie heut in kühler Nacht + Das atemlose Wälderschweigen. + Und stürzte unter ihrem Schuß + Rotüberschweißt der Waldeskönig: + Stand in dem Siegesechogruß + Der Schütze hoch und jubeltönig. – + + Inzwischen löste sich der Wald + Aus mürrisch bleichem Morgengrauen; + Ihr Schleppkleid rafften müd und alt + Des nahen Flusses Nebelfrauen. + Doch klang der Hirsche Brunftgeschrei + Aus Dämmerwegen dicht und dichter; + Mir war, als säh ich ihr Geweih + Und ihre zorngetrübten Lichter … + + Und nun ein Schuß, ein Donnerschuß, + Erschütternd rings die Wälderrunde! – + Die Nebel sanken in den Fluß, + Der Hof stand auf im Lärm der Hunde. + Und fern ein Rudel flüchtend flog – + Auf eines Zwanzigenders Glieder + Gewiß ein greises Haupt sich bog + Gleich seinen Vätern lachend nieder … + + A. K. T. Tielo + + + + +Sterben + + +In dumpfheißer Dickung, von goldgrünen Fliegen umschwirrt, liegt der +starke Hirsch. Sein Atem geht scharf, seine Flanken jagen, immer wieder +und wieder fährt er mit dem Lecker über den schwarzen Windfang. Der +ist trocken und warm – und ferne die kühlende Suhle. Manchmal schlägt +der Wunde nach den gierigen Schmeißfliegen, die so beharrlich die +Stelle belagern, wo das Haar klebrig rot ist und zähe Tropfen sickern. +Sie tasten die Gelegenheit nach einer Brutstätte ab. Selbst unter den +Leib ihres Opfers kriechen sie; dort brennt die Wunde am ärgsten, dort +fließt der Saft reichlicher, darum hat sich der Hirsch auf die linke +Seite gelegt. Aber diesen teuflischen Peinigern vermag er nicht zu +wehren, jede Bewegung läßt den Brand durch all seine Glieder lecken. +Darum hält er still und leidet und denkt an Wasser. Wasser! Wasser! + +Nur mehr diese eine Vorstellung ist in allen seinen zuckenden Nerven. +Was geht ihn sein getreuer Freund, der zwölfendige Beihirsch an, was +kümmert ihn die Wonne der großen Zeit, die schon in ihm vorbereitet +war, da er die Kugel empfing! Nur Wasser! Ob er noch die Suhle +erreicht? Sie liegt ferne über dem Hügel, eine halbe Hirschstunde von +hier. Dort ist kühler Schatten, dort möchte er sterben – nur nicht in +diesem stickigen Dunkel. + +Keuchend, zitternd, dunstend vor Schmerz wird er hoch. Fast bricht er +auf der Stelle zusammen, so flackert und siedet sein Eingeweide. Und +seine Läufe sind so schwach, so müde, wie zerbrochen. + +Aber er tut einen Schritt und einen zweiten und dritten, und siehe, +er kommt besser vorwärts, als es zuerst schien. So zieht er langsam +aus der schwülen Dickung und ins raume Stangenholz hinein, mit krummem +Rücken und hängendem Haupte, fast so, als suchte er des Schmaltieres +Liebesfährte. Aber ihm ist nicht danach. Wie er mit Anstrengung Lauf +vor Lauf setzt, deucht ihn, er schreite hoch über dem Waldboden in +freier Luft, alles ist fern und verschwommen und gleichgültig. In +seinen Flanken tobt das Weh, sein brodelndes Blut will Wasser, seine +trockene Drossel würde nach Wasser brüllen, vermöchte sie es. Und die +grünen Fliegen summen hinterdrein. + +Jetzt tritt er ins Altholz. Ferne klingen Axt und Säge, er vernimmt +es, aber er deutet es nicht, er weiß, dort sind Menschen, Menschen, +diese Feinde, grausamer fast als Winter und Seuche – aber er hat sie +nicht mehr zu fürchten. Von seiner Flanke tropft es rotwäßrig, hier +auf Farnkraut, dort auf die Streu; die Wunde ist wieder lebendig, der +Schmerz wühlt in ihm. Fast verspürt er es nicht, solche Stumpfheit, +Bleischläfrigkeit umfängt seine Sinne. Nur weiter, weiter! Hier ist der +Abfuhrweg, den er sonst immer in heller Flucht überfiel; heute zieht er +achtlos drüber hinweg. Jenseits beginnt das enge Stangenholz. Er gibt +sich gar keine Mühe, leise aufzutreten, sein Krongeweih schlägt überall +an, dem Menschen tausend Zeichen hinterlassend. Ein Holzwagen knarrt +hinter ihm durch den Bestand, der Markolf warnt, Stimmen schreien. Das +alles hat keine Schrecken mehr für ihn. + +Er kann nicht weiter, niedertun muß er sich, bis wieder ein +allerletzter Rest von Kraft zusammenkommt. Da sind die goldenen +Blutfliegen auch schon wieder; wie Bienen umschwärmen sie die rote +Blume des Todes, die ihnen so honigsüß duftet … + +O, er weiß, daß jener Mensch es war, der ihm so wehe getan! Jener +Mensch mit dem grauen Rock und dem grauen Bart, den er durch neun +Winter für gut hielt, weil er ihm Heu brachte und den Schnee wegpflügte +und salzige Steine an seinem Lieblingsstandorte aufstellte. Aber die +Güte dieser Mächtigen ist nicht treuer Art; sie geben nur, um nehmen zu +dürfen … + +Weiter, weiter, eh das Blut gerinnt, die Flamme verlischt! + +Stöhnend reißt er sich empor. + +Stangenholz, Altholz, Stangenort, Abfuhrweg, hohes Holz, Schneise. +Er sieht die Baumreihen wie im Traume an sich vorbeigehen. Er kennt +jedes einzelne Jagen, jeden Stamm. Hier hat er vor zwei Jahren seine +Zwölferstangen abgeschlagen, dort hat er im letzten Sommer sein +Vierzehnergeweih fertiggefegt. Es war das beste, das er je trug, heute +setzte er auf ungerade zwölf Enden zurück. Da der Futterraufen, drüben +die Lecke; in diesem Bestande schlug er damals den Sechzehnendigen +fast zuschanden und trieb ihm dann noch sein Rudel weg. Nun das enge +Jungholz, wo einst der uralte Zehner plötzlich zurückblieb, kurz wurde, +dröhnend ins Reisig brach. Dort stürzte das Schmaltier inmitten der +Richtschneise; hier hat er zum ersten Male heimlicher Herbstminne +gepflogen, während der Achtzehnendige im Farnkraut schlief … + +Die Wälder wandern an ihm vorbei wie seine Schicksale. Er wirft nicht +auf, in seinen verglasenden Lichtern spiegelt sich nichts mehr. Er +sieht nur die Waldstreu, die, wie er langsam weiterzieht, unter seinen +Läufen weg nach rückwärts geht. Er ist sich seiner Tritte nicht bewußt, +ohne Wille, ohne Kraft schleppt er sich durch den heißen Spätsommertag. + +Nur das eine weiß er irgendwo im Innersten: Dort ist das Wasser, dort +die schwarze Suhle, dorthin drängt ihn ein dumpfer Trieb, eine letzte +Sehnsucht. + +Er tritt aus dem Bestande auf den Schlag. Die Luft flackert, +Schmetterlinge schwanken über den Klafterstößen, im blauen Himmel +schwärmen schon die funkelnden Schwalben. + +Fast tut ihm die glosende Sonne wohl. Denn in seinen Läufen ist schon +eine Kälte, eine lähmende Schwere. + +Weiter, weiter! Da drüben liegt ja das Bruch, die Suhle. + +Wieder schlägt tiefer Schatten über ihm zusammen. Es ist doch besser in +dieser Dunkelheit. Hier im Bruch weht es kühl, Moorduft liegt über dem +gurgelnden Boden. + +Dann tut er sich im schwarzen Ellernwasser nieder. Jetzt hat er +wenigstens vor den Fliegen Ruhe. Sie können nicht an die rote Stelle +in den Flanken, die liegt im Nassen. Es zwingt ihn, die Lichter zu +schließen; den Äser berührt die schlammige Flut. Bei jedem Atemzuge +gurgelt sie und trübt sich von neuem. + +So hat er manchen Sommertag gelegen, wenn im Bestande die Hitze, in der +Dickung die Mückenqual zu unerträglich war. Hier fand er stets Frieden +und Kühlung und Schlummer. + +Er schläft nicht, aber seine Lider sind in behaglichem Träumen +geschlossen. Er träumt nicht, aber er ist ohne Bewußtsein. Nur das +Kühlende verspürt er, die Feuchtigkeit vor dem Äser. + +Ganz still ist der Wald, still wie die Stube, in der ein Wiegenkind +schlummert. Man vernimmt keine Axt, keines Menschen Ruf. Und von Getier +ist nur die Hummel wach, die draußen im Schlag um den Salbei burrt, und +der Schwarzspecht, der in ferner Eichenkrone seinen wehen Einsamschrei +tut. + +Aber weit drüben in der Dickung, wo die Schwüle ganz eng +zusammengedrückt liegt, da steht jetzt der graue Mann mit dem grauen +Bart, und an ihm zieht ein glatter Hund, so rot wie ein Hirsch, ein +Hund mit schwermütigen Augen und nachdenklicher Stirn – der Todeshund, +der die Spur des langsamen Sterbens findet und bis ans Ende ausläuft. +Er senkt die Nase tief in die Streu: da liegen rotklebrige Tropfen, +kleine Lachen, aus denen Schwärme funkelnder Fliegen aufbrummen. Allein +Mann wie Hund lassen sich nicht irremachen. Der Graue bückt sich, +prüft, wendet, beriecht die rotgetränkten Fallnadeln. Dann lobt er den +ungeduldigen Gesellmann: »So recht, mein Hund – such verwund’t!« + +Dem Hirsche kriecht eisige Starre von den Läufen her immer höher, immer +näher ans Herz heran. Schon sind seine Gelenke steif, nur im Leibe geht +noch kochende Hitze um. Dann erfaßt Kälte auch die Muskeln. Sie tastet +sich spinnebeinig das Rückenmark entlang, umlauert das sprunghaft +schlagende Herz. Plötzlich greift sie zu. Das krallt und krampft, +schwarzes Wasser spritzt von schlagenden Läufen, Schlamm fliegt umher. +Noch einmal hebt der Sterbende das gekrönte Haupt, in der Drossel +raucht’s und gurgelt’s, steil nach unten neigen sich die Stangen – +und nun schießt ein warmer Strom durch den zitternden Leib, die Läufe +strecken sich hart, kleine Wellen schauern an ihnen hin. + +Es ist vorbei. Schwer fällt das Haupt ins klatschende Moorwasser: eine +Stange liegt im Schlamm, die andere ragt zackig empor. + +Hoch überm Walde steht der heilige Mittag. + + Friedrich von Gagern + + + + +Auf der Wacht + + +Mein Vater litt zu jener Zeit an einer langwierigen Krankheit. Es war +selten wer um ihn als sein ältestes Söhnlein. Auch der Jäger Wolf saß +zuweilen neben auf der Ofenbank und freute sich, wenn dem Kranken der +gespendete Wildbraten recht mundete. Und der Wildbraten stellte meinen +Vater richtig soweit wieder her, daß dieser eines Tages, es war im +August um die Zeit des Maria-Himmelfahrtsfestes, zu mir sagte: »Bub, +jetzt werd ich doch endlich wieder was anfangen müssen. Was meinst, zum +Korbflechten wär ich wohl stark genug?« + +Und am nächsten Tage gingen wir schon zur Morgenfrühe aus und gegen die +sogenannte Wildwiese hinauf, wo viele Weiden wuchsen. Die Wildwiese war +oben in den hinteren Waldungen. Oft blieb mein Vater unterwegs stehen, +stützte sich auf seinen Stock, schöpfte Luft, und dann fragte er mich +immer, ob ich ein Schnittchen Brot beißen wolle. + +Als wir über die Schafhalde hinaufgekommen waren, wo der junge +Lärchenanwuchs noch im Morgentaue stand, sahen wir im Dickichte einen +Mann dahinhuschen, der ein Stück Hochwild über der Achsel trug und +etwas wie ein Schießgewehr hinter sich herschleppte. Er duckte sich so +sehr, daß nur ein paar kohlschwarze Haarfetzen von seinem Haupte zu +sehen waren. + +Als diese Gestalt vorüber war, blieb mein Vater wieder stehen und +sagte: »Hast geguckt? Das ist der schwarz’ Toni gewesen.« + +Der schwarz’ Toni war ein Mann, vor dem sie überall die Türen +verriegelten. + +»Ja, Kind,« sagte der Vater, als wir uns auf den Stamm eines gefallenen +Baumes gesetzt hatten, »ist hart für einen Menschen, dem’s so geht wie +dem Toni. Der hat sein Lebtag nicht Vater und Mutter gesehen. Als Kind +ist er aus dem Findelhause in unsere Gegend gebracht worden. Freilich +nicht aus christlicher Barmherzigkeit, sondern des Geldes wegen, das +für ihn ausgezahlt worden, hat ihn ein Köhlerweib an Kindesstatt +genommen. Halb erwachsen, hat sich der Toni im Wald herumgetrieben, +kein Mensch hat sich an ihn gekehrt; so ist er verwahrlost und +verwildert. Wie das Köhlerweib sieht, der Ziehsohn bringe nur Schande, +so hat sie gesagt: »Toni, du Lump, bei mir bist nimmer daheim!« – »Wo +denn?« hat sie drauf der Toni gefragt, aber überall, wo er angeklopft, +ist ihm die Tür verschlossen gewesen. Mögen ihn die Menschen nicht, +so gibt er sich mit den Tieren ab – verlegt sich aufs Wildern. Vor +einem Jahr hat ihn der Jäger Wolf in das Zuchthaus gebracht; aber jetzt +wieder frei, mag ihm kein Mensch gern begegnen, gleichwohl ich nicht +glaub, daß er wem was zuleide tät. Schlecht, sag ich, ist er nicht, +aber verkommen durch und durch; und so, mein Büblein, wird oft ein +Mensch hinausgestoßen auf die schiefe Straßen, und so rutscht er ab und +kann sich nicht mehr halten.« + +Nach diesen Worten schritten wir wieder langsam dahin, und nachdem +wir durch viel Wald und schattendunkle Schluchten gegangen waren, +kamen wir endlich zur Lichtung der Wildwiese. Teilweise lag sie noch +im Schatten des Teufelssteinberges; die Bachweiden aber, die in einer +langen Reihe hin standen und sich über ein stillrieselndes Wässerlein +wölbten, schimmerten in dem lichten Sonnentag, als ob sie alle silberne +Blätter hätten. Die Wiese war bereits gemäht und das Heu fortgebracht; +sehr still und verlassen lag die Matte. An den Rändern wuchsen blaue +Enzianglocken, und es war schon die Zeitlose da. + +Wir kamen um die Weidenruten, die am Bache standen. Wir gingen quer +über die Wiese bis hin zum Rande, wo wieder die sehr hohen Fichten +des Waldes begannen und wo ein rot angestrichenes Kreuz stand, dessen +Dachbrettchen reichlich mit Moos bewachsen waren. Hier wollten wir vor +der Arbeit uns ein wenig setzen, auf die Bäume hinausschauen und ein +Stück Brot verzehren. + +Aber noch ehe der Vater sich niederließ, sah er lange und unverwandt +auf eine Stelle hin. + +Am Fuße einer Weißtanne lag ein Mann. Ein Jägersmann mit einem +Schießgewehr; die Locken gingen ihm über Stirn und Auge, man wußte +nicht, ob er denn wirklich so fest schlafe, als es aussah. + +Mein Vater trat endlich hinzu, schob aber mich mit der Hand hinter sich +zurück. Dann sahen wir es: Der Mann lag in einer Blutlache; der aus +einer Halswunde sprudelnde Quell war bereits gestockt. + +Mein Vater legte die Hände ineinander und sagte ganz leise: »Jetzt +haben sie da den Jäger Wolf erschlagen!« + +Als ich hierauf zu weinen begann, hob mich mein Vater empor zu +seiner Brust; und wie ruhig er auch scheinen wollte, ich hab es doch +wahrgenommen, wie sein Herz so heftig schlug. + +Dann untersuchte er den Erschlagenen – die Augen waren gebrochen, die +Lippen fahl wie trocken Erdreich – das Leben war dahin. + +»Mit dem Weidenschneiden ist es heute nichts,« sagte mein Vater, »jetzt +muß einer von uns Leute holen, daß sie den Wolfgang wegtragen; und der +andere wird dieweilen dableiben müssen. Einen Toten kann man nicht +allein lassen, solange er nicht im Grabe ruht. Es könnte auch leicht +ein Tier über ihn kommen. Das beste wird sein, ich holpere hinaus in +den Brandgraben zu den Holzknechten, und du setzest dich schön still da +unter das Kreuz.« + +Mir gab’s einen Stich im Herzen. Wie konnte mir mein Vater das antun, +mich stundenlang allein lassen im Walde bei einem Toten! Aber ich wußte +den Weg nicht und hätte die Holzknechte nicht gefunden. + +»Freilich, Büblein, ist das ein trauriges Warten da,« fuhr er fort, +»aber wachen muß wer dahier, diese christliche Lieb müssen wir dem Wolf +schon erweisen.« + +Ich starrte auf den Toten. + +Mein Vater zog seine kleine Axt aus dem Gürtel, mit welcher er die +Weidenruten hauen wollte, und fällte nun Äste von den Bäumen und hüllte +den Jägersmann mit Reisig ein. Dann kniete er nieder vor der grünen +Bahre und betete still ein Vaterunser. Und als er sich wieder erhob, +sagte er: »Und jetzt, mein Knabe, tu unserem Mitbruder den Liebesdienst +und wache! Die Axt laß ich dir da, die halt fest. Fuchsen und Raben +können leicht kommen; andere Raubtiere weiß ich in der Gegend nicht. +Bis zu den Weiden dort magst hingehen, aber weiter weg nicht. Ich +will recht eilen; bis die Schatten anheben zu wachsen, wird schon wer +kommen!« + +Dann legte er für mich noch Brot unter ein Bäumchen, und dann ging er +davon. Er ging hin quer über die Wiese, wie wir hergegangen waren, und +er verschwand in dem Dunkel des Waldes. + +Nun war ich allein auf der umwaldeten Wiese, und das milde Sonnenlicht +war ausgegossen über die einsame Matte, über die glitzernden Weiden und +über den stillen Reiserhügel am Waldrande. Ich wollte nicht hinblicken +auf die seltsame Bahre; ich schritt gegen das Weidengebüsche, aber mein +Auge wendete sich immer wieder zurück zum roten Kreuze und zu dem, was +daneben lag. + +Der arme Jäger Wolf! Ich wußte es noch recht gut, wie er vor wenigen +Jahren mit seiner Braut und seinem Hochzeitszuge an unserem Hause +vorübergezogen war. Die Waldhörner und die Böller schallten, daß die +Fenster unseres Hauses klirrten. Der Wolf war ein hübscher Bursche +gewesen; einen großen Strauß trug er auf dem Hut, und ein rotes Band +ging nieder über seinen Nacken, wo jetzt die Blutstrieme war. – + +Ich ging den Weidenbüschen entlang. Manches Zweiglein regte sich und +zitterte fort und fort. Hie und da schnellte ein Heupferdchen. Ich bog +die Äste auseinander und blickte in das Wässerlein; das stand still +unter dem dichten Flechtwerke und glitzerte kaum. Ein großgefleckter +Molch kroch hervor und nahm seine Richtung gegen mich; da floh ich +entsetzt davon. + +Dann begann ich mit meinen kurzen Schritten die Schatten der Bäume +zu messen – bis diese zu wachsen anheben, kommen die Leute. – Noch +aber wurden sie kürzer und kürzer. Die Sonne stand hoch über dem +Teufelsstein, und über dem Talgrunde lag ein bläulicher Duft. + +Ich kehrte wieder zum Kreuze zurück und setzte mich auf den Stein, auf +welchem sonst andächtige Waldwanderer knien. Das Kreuz war hoch und +hatte keinen Heiland. Weit streckte es seine Arme aus, als wollte es +den Wald umfangen. + +Ich wendete mich von dem Pfahle und von dem Bahrhügel und sah hin gegen +den Bergrücken des Teufelssteins. Die Himmelsglocke lag in mattem +Blau, kein Vogel und kaum eine Mücke war vernehmbar. Es war ein fast +traumhafter Frühherbstmittag, durchklungen von einer ewigen Stille. – + +Wildschützen haben ihn erschossen. Ich ging über die Wiese und sagte +mir, wenn ich zehnmal über die Wiese gegangen sein würde, dann wollte +ich wieder den Schatten messen. Aber der Schatten duckte sich noch mehr +unter die Bäume als früher. + +Dann ging ich hin zu der verhüllten Leiche des Weidmannes und stand +lange vor derselben; ich fühlte kaum ein Schauern mehr. Dann setzte ich +mich wieder unter das Kreuz und aß ein Schnittchen Brot. Da hörte ich +plötzlich ein Knistern; ein Reh stand und guckte durch das Gestämme. + +Zuletzt kam das Tier gar zu dem Reisighügel heran und schnupperte; +vor diesem Jägersmanne fürchtete es sich nicht mehr. Erst als es den +Pulvergeruch des Gewehrlaufes gewahrt haben mochte, wendete es sich mit +großen Sätzen dem Dickichte zu. + +Endlich, als ich wieder den Schatten maß, hatte er sich um ein Weniges +gedehnt. Ich mußte ja doch schon viele Stunden auf der Wildwiese +geweilt haben. + +Wie immer, so hatte mein Vater auch diesmal recht. Ich hörte einen +getragenen Schall und Widerhall im Walde. Es nahten Menschen. Doch +nicht die Holzknechte waren es, die um den Wolfgang kommen sollten, +sondern quer über die Wiese her kam ein junges Weib, das trug einen +Korb am Rücken und führte ein etwa dreijähriges Kind am Arm. Sie sangen +ein lustiges Kinderlied, und das kleine Mädchen lachte dabei und hüpfte +flink über das weiche Gras. + +Ich erkannte die Nahenden bald, es waren das Weib und das Kind des +erschlagenen Jägers Wolf. + +Sie kamen heran, und als sie mich sahen, sagte die Jägerin zum Mädchen: +»Schau, Agatha, da beim Kreuz sitzt ein Bub, der betet ein Vaterunser; +das ist gar ein braver Bub.« + +Dann kniete sie hin auf den Stein, legte die Hände zusammen und betete +auch. Das Kind tat desgleichen und war gar ernsthaft dabei. + +Mir war unbeschreiblich weh. Wie hätte ich sagen können, was unter dem +Reisig lag! Ich ging abseits gegen die Weiden. + +»So, mein Herz,« sagte das Weib hierauf zur Kleinen, »jetzt geh ich +Enziankraut schneiden, du setz dich dieweilen da auf das G’reisigbrett +und brocke dir Zäpfchen ab. Hernach kommt der Vater vom Teufelsstein +herab, und hernach setzen wir uns zusammen und essen den Schottenkäs, +den ich im Korb hab, und hernach hopsen wir lustig miteinander heimzu.« + +Und sie setzte das Kind auf den Reisighaufen – auf die Bahrstätte des +Vaters. Dann ging sie mit dem Korb gegen den Wiesenrain, wo Gebüsche +von Enzian standen. Von dort aus rief sie mich an, was ich denn so +allein mache auf der Wildwiese, ob ich mich verirrt hätte oder etwa +Ziegen suchte? + +Ich wußte keine Antwort, deutete auf einen großen, schneeweißen +Schmetterling und sagte: »Jetzt schau das Tier an, wie’s herumfliegt; +schau, wie’s fliegt!« + +»Bist ein rechter Närrisch, du!« versetzte die Jägerin lachend und ging +an ihre Arbeit. + +Die kleine Agatha spielte auf dem Reisighügel, sie zupfte an den +Zweigen und wühlte in denselben und nestelte etwas hervor. Endlich +wurde ihr bang, und sie hub an nach der Mutter zu rufen. + +Nach einer Weile kam das Weib heran, da hielt ihm das Kind einen Ring +entgegen und sagte: »Schau, das hab ich gefunden, das ist des Vaters!« + +Die Jägerin tat einen hellen Ruf: »Kind, wie kommst du zu diesem Ring?« + +Die Kleine lachte vergnügt. + +Das Weib hub das Kind auf die Erde, warf einen Blick auf das Gezweige +und stieß einen gellenden Schrei aus. Sie sah durch das Reisig eine +Menschenhand. + +Wie wütend stürzte sie hin auf die Schichtung und raffte die grünen +Zweige auseinander – mit Hast und heißer Angst –, dann sank sie zurück +und schlug sich die flachen Hände in das Antlitz. Vor ihr lag im Blute +erstarrt ihr gemordeter Gatte. – + +Zur selben Stunde gingen zwei Holzhauer über die Wiese und brachten +eine Tragbahre mit. Zuerst knieten sie vor dem Toten und beteten still, +dann hoben sie ihn auf die Bahre, legten das Gewehr an seine Seite und +trugen ihn davon. + +Der Korb blieb stehen bei dem Enziangebüsche, das Weib folgte der +Bahre; es sagte kein Wort, es vergoß keine Träne, es trug das spielende +Mädchen auf dem Arm. Das blasse, starre Angesicht der Gattin, das +rotwangige, helläugige Lockenköpfchen des Kindes hinter der Bahre her – +das mag ich nimmermehr vergessen. + +Ich bin auch hinterdrein gegangen. Die Weiden standen in ihrem +wässerigen Schimmer; die Schatten der Tannen lagen hingestreckt +über die ganze Wiese. Das rote Kreuz ragte regungslos im Dunkel des +Waldrandes. + +[Illustration] + +Die Bahre schwankte dem entfernten Jägerhause zu. Ich ging gegen unser +Gehöfte. Als ich zu demselben hinabkam, führten handfeste Burschen +einen wüst aussehenden Mann herbei. Es war der schwarz’ Toni. Da wir +ihn am Morgen im Lärchenanwuchs gesehen, so hatte mein Vater auf seine +Spur gewiesen. Der Richter kam, und unter der großen Esche, die vor +unserem Hause stand, wurde das Verhör gehalten. Der Toni war geständig, +den Jäger Wolfgang aus Rache erschossen zu haben. Hierauf wurde +der Bursche in Ketten gegen die Stadt geführt, aus der er einst als +Wickelkind gekommen war. + +Als ich in die Stube kam, saß mein Vater an seinem Bette. Er war sehr +bewegt, hub mich zu sich auf das Knie und sagte: »Bübel, das ist +ein böser Tag gewesen. Deinetwegen ist mir ein Stein auf dem Herzen +gelegen.« + +Wir gingen in jenem Jahre nicht mehr hinauf zur Wildwiese. Seither +aber bin ich wohl mehrmals auf derselben gewesen. Die Weiden glitzern, +die hohen Fichten stehen noch heute – und ihr Schatten schwindet und +wächst, wie das trübe Erdengeschick, und ihr Schatten wächst und +schwindet, wie das menschliche Leben. + + Peter Rosegger + + + + +Mondwanderung + + + »Der Förster ging zu Fest und Schmaus!« – + Der Wildschütz zieht in den Wald hinaus. + + Es schläft sein Weib mit dem Kind allein, + Es scheint der Mond ins Kämmerlein. + + Und wie er scheint auf die weiße Wand, + Da faßt das Kind der Mutter Hand. + + »Ach, Mutter, wo bleibt der Vater so lang, + Mir wird so weh, mir wird so bang!« + + »Kind, sieh nicht in den Mondenschein, + Schließ deine Augen, schlaf doch ein.« + + Der Mondschein zieht die Wand entlang, + Er schimmert auf der Büchse blank. + + »Ach, Mutter! und hörst den Schuß du nicht? + Das war des Vaters Büchse nicht!« + + »Kind, sieh nicht in den Mondenschein, + Das war ein Traum, schlaf ruhig ein.« – + + Der Mond scheint tief ins Kämmerlein + Auf des Vaters Bild mit blassem Schein. + + »Herr Jesus Christus im Himmelreich! + O Mutter, der Vater ist totenbleich!« + + Und wie die Mutter vom Schlummer erwacht, + Da haben sie tot ihn heimgebracht. + + Robert Reinick + + + + +Wo Bismarck liegen soll + + + Nicht in Dom oder Fürstengruft, + Er ruh in Gottes freier Luft + Draußen auf Berg und Halde, + Noch besser tief, tief im Walde; + Widukind lädt ihn zu sich ein: + »Ein Sachse war er, drum ist er _mein_, + Im _Sachsenwald_ soll er begraben sein.« + + Der Leib zerfällt, der _Stein_ zerfällt, + Aber der Sachsenwald, der hält, + Und kommen nach dreitausend Jahren + Fremde hier des Weges gefahren + Und sehen, geborgen vorm Licht der Sonnen, + Den Waldgrund in Efeu tief eingesponnen, + Und staunen der Schönheit und jauchzen froh, + So gebietet einer: »Lärmt nicht so! – + _Hier unten liegt Bismarck irgendwo._« + + Theodor Fontane + + + + +Als die hellen Nächte waren + + +Der Sommer war heiß gewesen. Das Moos des Waldbodens war fahl und +spröde geworden, und zwischen den Halmgerippen der Gräser sah man auf +den grauen Erdboden. Neben den dürren Nadeln des Waldbodens lagen tote +Ameisen und Käfer. Die Steine in den Betten der Bäche waren trocken und +weiß wie Elfenbein. Wo dazwischen noch ein Tümplein stand, da starb +darin eine Forelle oder ein anderes Tier des Wassers. + +Die Luft war dicht, und die Berge – auch die nahen – waren blaß. Die +Sonne war des Morgens rot wie das verdorrte Blatt einer Buche, dann +blaß und glanzlos, so daß man ihr ins Gesicht sehen konnte. Matt kroch +sie hin über die graue Wüste des Himmels, als wäre sie erschöpft vor +Durst. Gegen Abend stiegen häufig scharfgeränderte, glänzende Wolken +auf; die Leute fingen zu hoffen an, aber es kam ein Luftzug, und am +anderen Morgen waren die Wolken vergangen und der nächtliche Tau +aufgesogen. + +Draußen im Dorfe wurde ein Bittag um Regen angeordnet. Da strömten +aus unserem Walde die Leute davon, nur der alte Knecht Markus und ich +blieben im einsamen Hause, und der Knecht sagte zu mir: »Wenn das schön +Wetter gar ist, wird’s regnen, was hilft der Bittag! Wenn uns ein +Herrgott hergesetzt hat, so wird er keinen schwachen Kopf haben und +unser vergessen. Und hat er keinen Kopf, so daß er die Welt nur mit den +Händen zusammenstellt und mit den Füßen auseinandertritt, nun, so hat +er auch keine Ohren. Wofür hernach das Geschrei! Sagst du’s nicht auch, +Bübel?« + +Leute, was läßt sich drauf sagen! »Der Knecht Markus ist ein alter +Spintisierer« – das läßt sich drauf sagen. + +Jetzt sprang der Riegelberger Halter zur Tür herein. Er war vor +Aufregung sprachlos, durch das Fenster wies er mit beiden Zeigefingern +auf den Rücken des Filnbaumwaldes hin. Der Knecht sah es und schlug die +Hände zusammen. + +Dort hinter dem Waldrücken stieg ein ungeheurer Wirbel von rotem Rauch +auf und verfinsterte den Himmel. + +»Das kann ein Unglück geben!« rief der Markus, langte nach einer Axt +und eilte davon. + +Der Rauch flutete immer heftiger auf und wurde immer breiter und +dichter. Ich fing doch das Geschrei an, dem der Knecht keine Bedeutung +beilegen wollte. Es hatte auch keine, wie sich’s wies. + +An den sonnigen Lehnen des Filnbaumschlages war’s gewesen, wo das dürre +Gestrüppe lag. Nahe, wo der halbverdorrte Lärchenanwachs begann, war +die Flamme entstanden, kein Mensch wußte wie. Zuerst mochte sie leicht +hingehüpft sein von Reisig zu Reisig, dann empor von Ast zu Ast mit +flatternden Flügeln. Sachte entfaltet das Element seine wilde Gewalt, +seine roten, siegreichen Fahnen. Der Wald wird höher und dichter, +an dem Geäste hängen lange Moosflechten nieder, und die vor wenigen +Jahren von einem schweren Hagelschlage geschädigten Stämme sind harzig +bis hinauf zu den Wipfeln. Hei, wie die feurigen Zungen lechzen und +emporlodern! Und in den Gründen züngeln sie wie ein Schlangengezücht, +und allerseits beginnt sich ein fürchterliches Leben zu entwickeln. + +Die wenigen Holzhauer rennen in Verwirrung herum und fluchen und rufen +nach Hilfe. Aber der Wald und seine Hütten sind menschenleer, alles +ist bei der Bittprozession. Bis sie nach Stunden endlich kommen, ist +der Hochwald im Brande. Das ist ein Fiebern und Zittern in der Luft, +ein Krachen und Prasseln weithin; Äste stürzen nieder, Stämme brechen +zusammen und sprühen noch einmal auf in den wogenden Rauch. Neu und +frisch blasen glühende Luftströme durch das Gehölz; die Flammen +erzeugen sich selbst den Sturm, auf dem sie fahren. O gewaltiges, +nimmersattes Element! Es zehrt, so lange es lebt, und lebt, so lange es +zehrt, es verzehrt die Welt, und wenn sie erreichbar, tausend Welten, +und hat nimmer genug. Keine Macht kann so ins Unendliche wachsen wie +das Feuer, darum stellt es der Seher als den letzten Sieg über alles +dar, als den Herrscher in Ewigkeit. + +Die Menschen arbeiteten und arbeiteten; manchen trugen sie halb +verbrannt von dannen. Der Knecht Markus sah die Folgen, aber er +jammerte nicht, und er verzagte nicht, er war die stille, die ruhige +Tat. Schon begannen seine harzigen Kleider Feuer zu fangen, da eilte +er hinab zum Bachbett und wälzte sich im Sand, bis sich dieser an alle +Teile seines klebrigen Anzuges gelegt hatte. Nun war er gepanzert. +Äste haute er ab, Bäume hieb er um – o Gott, das schlug nicht an. +Der glühende Strom brauste weiter; die kahlen Äste in der Runde, die +rotnadeligen Zweige harrten schon der nahenden Flammenbraut und huben +noch früher zu brennen an, als sie der erste Kuß erreichte. + +Nun suchten die Arbeiter, die von allen Seiten herbeigekommen waren, +den Flammen einen Vorsprung abzugewinnen und ihnen durch breite +Abstockungen eine Grenze zu setzen, aber es teilte sich der Brand in +Arme nach verschiedenen Himmelsgegenden. Zur Abendstunde erhob sich +ein Wind und zerzauste die mächtigen Feuerfahnen in tausend Fetzen und +vervielfältigte überall das Element. Das war ein unheimliches Dröhnen +in den Lüften und ein wunderlich Leuchten hin über das weite Waldland. + +Erschöpft und ratlos ließen die Männer ihre Hände sinken, die Weiber +räumten ihre Hütten aus und wußten mit der Habe nicht wohin. + +In tiefen Tälern war es noch ruhig, da hörte man nichts als das leise +Flüstern der hohen Tannen, aber der nächtliche Himmel war rosig +und zuweilen flog hoch oben ein Feuerdrache dahin. Dann wieder kam +eine zwitschernde Vogelschar und die heimatlosen Tierchen schossen +planlos umher, und die Rehe und Hirsche kamen erschreckt heran zu den +Menschenwohnungen. + +»Wie diesen Tieren geht’s uns allen!« klagte ein Weib, »keine +Menschenmöglichkeit, daß der Wald gerettet wird – alles brennt, alles +brennt! O Christi Heiland – es ist das Jüngste Gericht!« + +Tagelang währte der Greuel. + +Von unserem hochgelegenen Hause aus sahen wir aus den Wäldern des +Filnbaum und der Fresenleiten die Flammen rot und langsam aufsteigen. +Die ganze Gegend lag in einem Schleier, und scharfer Brandgeruch stach +in die Nasen. Unser Berg schien eingewölbt von Rauch, daß es oft schier +dunkel war. Und da stand ein großes, trübrotes Rad über uns, das der +Rauch umwirbelte, verdeckte und doch nicht ganz vertilgen konnte. Es +war die Sonne. Wir sahen aber auch, wie das Feuer allmählich gegen uns +heranrückte, es stieg über die Höhen her, und es stieg in die Täler +nieder, und es stieg endlich an unserem Berghange heran. Wir bedurften +des Abends keines Kienspans. + +Das Vieh hatten wir längst auf die Almweide gejagt und die +Einrichtungsstücke des Hauses mitten auf das freie Feld +hinausgeschleppt. Halb wahnsinnige Menschen kamen herbei. Der +Vernünftigsten einer war der uralte Martin, dem die Hütte verbrannt war +und der nun mitternächtig beim Scheine des Waldbrandes Preißelbeeren +pflückte. + +Mein Vater kletterte auf den Dächern unseres Gehöftes herum, und mit +einer langen Stange, an deren Ende er einen nassen Lappen gebunden +hatte, schlug er die Funken tot, die herangeflogen kamen und sich auf +das Dach gesetzt hatten. + +In der fünften Nacht, als wir in einer Ecke unserer ausgeräumten Stube +kauernd schliefen, wurden wir plötzlich von einem lauten Tosen geweckt, +und der alte Markus, der auf dem Dache Nachtwache hatte, rief: »Das ist +schon recht! Das ist schon recht!« + +Ein Wettersturm hatte sich erhoben und wütete in dem brennenden +Walde, daß es eine schreckbare Pracht war. Als ob ein wüstes +Gewässer dahinbrauste zwischen den Stämmen, so toste und dröhnte es. +Aber das Feuer wurde in die entgegengesetzte Richtung von unserem +Hause geworfen, und das war es, was dem alten Markus so recht war. +Die Flammen waren wie auf wilder Flucht; sie übersprangen ganze +Waldpartien, zündeten an neuen, entlegenen Stellen. + +Als sich der Orkan gelegt hatte, kam ein Regenguß. Der Regen währte +tagelang, und die Wolken stiegen träge auf und nieder. Lange noch +mischte sich mit ihnen der Rauch der kohlenden Strünke – endlich +aber war alles Feuer ausgelöscht. Über alles legte sich der feuchte, +frostige Nebel – es war die herbstliche Zeit. + +So ist die Begebenheit hier erzählt. + +Doch endet der Wald mit seinem Untergange nicht, in ihm ist die Urkraft. + +Der Nebel des Herbstes spann den Schnee; im Winter sahen wir von +unseren Fenstern aus weit mehr weiße Flächen als sonst. Aber erst +als der Lenz kam, sahen wir, was der Waldbrand angerichtet hatte. +Überall verkohlter Grund, rostfarbige Steine, halbverbrannte Wurzeln, +und darüber ragten die schwarzen Strünke einzelner Baumstämme. – Nun +kamen die Leute und reuteten. Sie stachen den schwarzen Rasen um, sie +säeten Korn in das Erdreich; den Obdachlosen wurden neue Hütten gebaut. +Und als der Frühherbst kam, war’s eine Herrlichkeit. Kein Mensch in +unserem Waldlande hatte je eine so große goldgelbe Pracht gesehen, +als das Kornfeld war, das sich über die Berge hinzog. Wir mußten alle +zusammenhalten, die Flut der Halme, wovon einer sein schweres Haupt +auf die Achsel des anderen legte, einzuheimen. Ich erinnere mich noch +an das Wort, das bei dieser Gelegenheit der Pfarrer sprach: »Der Herr +schlägt die Wunden, aber er spendet auch den Balsam, sein Name sei +gelobt!« – Am nächsten Tage schickte er seine Knechte, um von der +reichen Ernte den Zehnt zu holen, und er hat recht getan. + +Gegen dreißig Jahre lang gab der Grund des verbrannten Waldes den +Menschen Brot. Dann kam die Landflucht der Menschen, und neuerdings +sproßt auf den Berghöhen der junge, grüne Wald. Neues unendliches Leben +webt darin – eine üppige Pflanzenwelt, ein lustiges Tierreich, eine +helle Gottesmorgenfreude. + + Peter Rosegger + +[Illustration] + + + + +Waldkonzert + + + Konzert ist heute angesagt + Im frischen, grünen Wald, + Die Musikanten stimmen schon; + Hört, wie es lustig schallt! + + Der Distelfink spielt keck vom Blatt + Die erste Violin; + Sein Vetter Buchfink nebenan + Begleitet lustig ihn. + + Frau Nachtigall, die Sängerin, + Die singt so hell und zart; + Und der Herr Hänfling bläst dazu + Die Flöt nach bester Art. + + Die Drossel spielt die Klarinett, + Der Rab, der alte Mann, + Streicht den verstimmten Brummelbaß, + So gut er streichen kann. + + Der Kuckuck schlägt die Trommel gut; + Die Lerche steigt empor + Und schmettert mit Trompetenklang + Voll Jubel in den Chor. + + Musikdirektor ist der Specht; + Er hat nicht Rast noch Ruh, + Schlägt mit dem Schnabel, spitz und lang, + Gar fein den Takt dazu. + + Verwundert hören Has und Reh + Das Fiedeln und das Schrein; + Und Biene, Mück und Käferlein, + Die stimmen lustig ein. + + Georg Dieffenbach + + + + +Jüngst sah ich den Wind + + + Jüngst sah ich den Wind, + das himmlische Kind, + als ich träumend im Walde gelegen, + und hinter ihm schritt + mit trippelndem Tritt + sein Bruder, der Sommerregen. + + In den Wipfeln, da ging’s + nach rechts und nach links, + als wiegte der Wind sich im Bettchen; + und sein Brüderchen sang: + »Die Binke die Bank,« + und schlüpfte von Blättchen zu Blättchen. + + Weiß selbst nicht, wie’s kam, + gar zu wundersam, + es regnete, tropfte und rauschte, + daß ich, selber ein Kind + wie Regen und Wind, + das Spielen der beiden belauschte. + + Dann wurde es Nacht, + und eh ich’s gedacht, + waren fort, die das Märchen mir schufen. + Ihr Mütterlein + hatte sie fein + hinauf in den Himmel gerufen. + + Arno Holz + + + + +Schlechtes Wetter + + + Gestern durch den Wald ging ich im Regen + Einem ungewissen Ziel entgegen. + + Sah, bevor sie tot zu Boden fielen, + Tausend Tropfen mit den Blättern spielen, + + Die sich lustig mit dem Winde zausten + Und voll Übermut gewaltig brausten. + + Wie sie in der frischen Nässe blinkten + Und von allen Seiten mich umringten, + + Ward die Seele mir so frisch und weit, + So voll Regenwetterlustigkeit, + + Daß ich in das Rauschen unbewußt + Sang ein Frühlingslied aus tiefster Brust – + + Heut im Tagblatt hab ich dann gelesen, + Daß das Wetter gestern schlecht gewesen … + + Wilhelm Langewiesche + +[Illustration] + + + + +Waldlieder + + + Arm in Arm und Kron an Krone steht der Eichenwald verschlungen, + Heut hat er bei guter Laune mir sein altes Lied gesungen. + + Fern am Rande fing ein junges Bäumchen an sich sacht zu wiegen, + Und dann ging es immer weiter an ein Sausen, an ein Biegen; + + Kam es her in mächt’gem Zuge, schwoll es an zu breiten Wogen. + Hoch sich durch die Wipfel wälzend, kam die Sturmesflut gezogen. + + Und nun sang und pfiff es graulich in den Kronen, in den Lüften, + Und dazwischen knarrt und dröhnt es unten in den Wurzelgrüften. + + Manchmal schwang die höchste Eiche gellend ihren Schaft alleine, + Donnernder erscholl nur immer drauf der Chor vom ganzen Haine! + + Einer wilden Meeresbrandung hat das schöne Spiel geglichen; + Alles Laub war weißlich schimmernd nach Nordosten hingestrichen. + + Also streicht die alte Geige Pan der Alte laut und leise, + Unterrichtend seine Wälder in der alten Weltenweise. + + In den sieben Tönen schweift er unerschöpflich auf und nieder, + In den sieben alten Tönen, die umfassen alle Lieder. + + Und es lauschen still die jungen Dichter und die jungen Finken, + Kauernd in den dunklen Büschen sie die Melodien trinken. + + Gottfried Keller + + + + +Gewitter im Walde + + + »Steht nun, Brüder, wie ein Turm!« + Sprach im Forst die alte Eiche; + »In den Lüften rast der Sturm, + Und schon naht er unserm Reiche. + + Junges Volk, noch reich belaubt, + Schließt euch dicht an uns, die Alten; + Stark den Stamm und hoch das Haupt, + Laßt uns fest zusammenhalten!« + + »Kinder,« sprach die Weide, »dreht + Fügsam euch nach allen Winden; + Schmiegt und biegt euch, wie es geht, + Daß wir unversehrt uns finden!« + + Rief das Moos: »Was das Gehölz + Schwatzt von Kämpfen, Schmiegen, Ducken! + Ich auf meinem grünen Pelz + Fühl nur ein behaglich Jucken.« – + + Doch die Windsbraut fährt alsbald + In den Forst, die Bäume zittern; + Bis zum Grund erbebt der Wald, + Wipfel brechen, Stämme splittern. + + Aus den Wolken, schwarz verhüllt, + Wirft der Sturm des Blitzes Schlange, + Und des Donners Stimme brüllt + Dumpf ihm nach auf seinem Gange. – – + + Tief gespalten und zerfetzt + Steht der Baum, ein wunder Streiter; + Moos und Weiden, taubenetzt, + Grünen unbekümmert weiter. + + Georg Scherer + + + + +Nach dem Gewitter + + + Der Sturm hat ausgetobt – es schimmert + Die Sonne durch die Wolkenwand, + Ein Regentropfen farbig flimmert + An jedes Blättchens krausem Rand; + Es beben noch die rauhen Stämme, + Die ungestüm der Wind umsaust; + Aufschäumend gegen Fels und Dämme + Des Wildbachs trübe Woge braust; + Und in der Lichtung, wo die Ranken + Den Boden dornig überziehn, + Wo tausend zarte Gräser schwanken + Und tausend kleine Blumen blühn, + Da liegt, umstrahlt vom Abendlichte, + Der schönste Stamm in weiter Rund, + Die alte, dunkelgrüne Fichte, + Entwurzelt auf dem feuchten Grund. + Ich streichle die gewalt’gen Äste, + Die splitternd sich im Fall zerdrückt, + Die wie zu einem Maienfeste + Mit roten Knospen noch geschmückt. + Zum schlanken Wipfel muß ich schauen, + Der gestern in des Lufthauchs Wehn, + Sich fröhlich wiegend hoch im Blauen, + Noch übers weite Land gesehn; + Muß denken, daß gleich jenem Baume + Ich sterben möcht – vom Sturm gerafft, + Umwogt noch von des Frühlings Traume, + In ungebrochner Lebenskraft. + + Sophie von Waldburg + + + + +Regen + + + Geht ein grauer Mann + Durch den stillen Wald, + Singt ein graues Lied. + Die Vöglein schweigen alsbald. + + Die Fichten ragen so stumm und schwül + Mit ihrem schweren Astgewühl. + In fernen Tiefen + Vergrollt ein Ton. + + Johannes Schlaf + +[Illustration] + + + + +Durchlaucht + + + Da hilft kein alter Fürstenbrief, + Daß ich mich bücken kann – + Doch heute traf im Walde tief + Ich eine Hoheit an. + + Fest wurzelnd in der Erde Grund + Steht frei sie und allein, + Jahrhundertalt, doch kerngesund, + Im neuen Sommerschein! + + Und ihre Krone blätterdicht, + Sie strahlt in lauterm Gold, + Läßt sich durchleuchten von dem Licht, + Wie Fürsten es gesollt. + + Du bist so herrlich, bist so groß, + Daß all mein Stolz verraucht – + Verehrend streck ich mich ins Moos + Zu Füßen der Durchlaucht! + + Hanns von Gumppenberg + + + + +Bei den Holzern + + +Daß doch der Wald, wie er sich so hinbreitet über Höhen und Täler +– unabsehbar, wie er daliegt, grün und dunkel und weiterhin duftig +blauend am sonnigen Sehkreis – der stille, unendliche Wald –, daß er +doch auch seine Feinde hat! + +Wie ist das eine schöne, säuselnde, rauschende, brausende, allebendige +Ringmauer, schützend vor dem wüsten Unfrieden draußen! Aber – Waldfried +ist gestorben. + +Im Forste braust der Sturmwind, schlägt manchem jungen Tannling +den lustig winkenden Arm weg, bricht manchem trotzigen Recken das +Genick. Und in der Tiefe rauscht und schäumt in weißen Gischten und +Flocken – wie ein brandender Wolkenstrom – der Wildbach und wühlt und +gräbt und nagt das Erdreich von den Wurzeln, immer weiter und weiter +hinein, daß der wuchtige Baum zuletzt schier in der Luft dasteht und +sich oben mit starken Armen nur noch an den Nachbarn hält, um nicht +zusammenzubrechen, endlich aber doch niederstürzt in das Grab, das ihm +jenes Wasser heimtückisch gegraben hat. Jenes Wasser, welches er durch +seinen Nebeltau gestärkt, durch seine dichte Krone vor dem Lechzen des +Windes geschützt, durch seinen Schatten vor dem zehrenden Kusse der +Sonne bewahrt hat. – Und auf den luftigen Wipfeln hackt der Specht, und +unter den Rinden frißt der Wurm die Borke, und das Sägerad der Zeit +geht allerwege, und die Späne fliegen – im Frühlinge als Blüten, im +Herbste als gedörrte Nadeln und Blätter. + +Es geht ewig zu Ende, und im Ende keimt ewig der Anfang. + +Da naht nun erst der Mensch mit seiner Zerstörungswut. Da schallt das +Schlagen und Pochen, da surrt die Säge, da klingt das Beil auf das +Stemmeisen im dunkeln Grunde; – wenn du oben hinblickest über das +stille Meer der Wipfel, so ahnst du es nicht, welchen es angeht. + +Aber das Stemmeisen und der Keil dringen tiefer und tiefer; da +schüttelt einer der Hundertjährigen sein hohes Haupt, er weiß doch gar +nicht, was die Menschlein wollen da unten, die kleinen possierlichen +Wesen – er kann nicht begreifen und schüttelt wieder das Haupt. Da +geht ihm der Stoß ins Herz; – unten knistert es, schnalzt es, und nun +wankt der Riese, knickt ein, rauschend und pfeifend in einem ungeheuren +Bogen kreist er hin, mit wildem Krachen stürzt er zu Boden. Leer ist +es in der Luft, eine Lücke hat der Wald. Hundert Frühlinge haben ihn +emporgehoben mit ihrer Liebe und Milde; jetzt ist er tot, und die Welt +ist und bleibt ganz auch ohne ihn – den lebendigen Baum. + +Still stehen die zwei, drei Menschlein, sie stützen sich auf den +Beilstiel und blicken auf ihr Opfer. Sie klagen nicht, sie jauchzen +nicht, eine grausame Kaltblütigkeit liegt auf ihren rauhen, +sonnverbrannten Zügen, ihr Gesicht und ihre Hände sehen ja aus wie von +Fichtenrinden. Sie stopfen sich ein Pfeiflein, schärfen die Hacken und +gehen wieder an die Arbeit. Sie hauen die Äste von dem hingestreckten +Stamme, sie schürfen ihm mit einem breiten Messer die Rinde ab, sie +schneiden ihn vielleicht gar in klafterlange Stücke; – und nun liegt +der stolze Baum in nackten Klötzen. + + Peter Rosegger + +[Illustration] + + + + +In der Stadt + + + Was ist das für ein Schrein und Peitschenknallen? + Die Fenster zittern von der Hufe Klang, + Zwölf Rosse keuchen an dem straffen Strang, + Und Fuhrmannsflüche durch die Gasse schallen. + + Der auf den freien Bergen ist gefallen, + Dem toten Waldeskönig gilt der Drang; + Da schleifen sie, wohl dreißig Ellen lang, + Die Rieseneiche durch die dumpfen Hallen. + + Der Zug hält unter meinem Fenster an, + Denn es gebricht zum Wenden ihm an Raum; + Verwundert drängt sich alles Volk heran. + + Sie weiden sich an der gebrochnen Kraft; + Da liegt entkrönt der tausendjährge Baum, + Aus allen Wunden quillt der edle Saft. + + Gottfried Keller + + + + +Herbstlicher Wald + + + Rings ein Verstummen, ein Entfärben; + Wie sanft den Wald die Lüfte streicheln, + Sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln; + Ich liebe dieses milde Sterben. + + Von hinnen geht die stille Reise, + Die Zeit der Liebe ist verklungen, + Die Vögel haben ausgesungen, + Und dürre Blätter sinken leise. + + Die Vögel zogen nach dem Süden, + Aus dem Verfall des Laubes tauchen + Die Nester, die nicht Schutz mehr brauchen, + Die Blätter fallen stets, die müden. + + In dieses Waldes leisem Rauschen + Ist mir, als hör ich Kunde wehen, + Daß alles Sterben und Vergehen + Nur heimlichstill vergnügtes Tauschen. + + Nikolaus Lenau + + + + +Novembersonnenschein + + +Der Wald wirft seine Blätter ab; viele Bäume sind schon ganz kahl; +andre haben noch etwas Laub; einige sind noch vollbelaubt; aber das +sind wenige. + +Vor zwei Wochen, da war es anders. Da hatte der Wald sein rotes +Staatskleid an, das bunteste von allen dreien. + +Denn drei hat er; eins aus hellgrüner Foulardseide; das trägt er im +Mai. Dann das aus rotem Atlas, das er Ende Oktober trägt, und das +weiße, mit Silber gestickte, das er nur an sehr schönen Wintertagen +anzieht. Das andere sind alles mehr Alltagskleider, so auch das, was er +jetzt anhat. Aber wenn er Besuch bekommt, vornehmen Besuch, dann macht +er sich trotzdem fein, so gut es geht. + +Heute zum Beispiel, denn da kam die Sonne zu Besuch, ein seltener +Gast im November. Da hatte der Wald sich dann schnell hingesetzt und +das fahle Alltagskleid etwas aufgeputzt, einen goldgelben Einsatz +eingenäht, eine hellgrüne Rüsche eingeheftet, einen goldroten Volant +angesetzt, hatte die knallroten Korallen angelegt und eine funkelnde +Brosche vorgesteckt. Fein sah das aus. + +Als ich gestern über die Felder ging, war er nicht so fein. Graubraun, +fahlgelb, trübrot, so war sein Kleid, mit stumpfen, dunkelgrünen +Samtaufschlägen. Heute aber ist die ganze Jungbuchenkante ein langer +leuchtender goldroter Strich, als wenn Elbenfeuer brennten. Und im +Walde die Buchenjugenden, die sind bunt wie ein Pantherfell, noch +viel bunter. Denn ein Pantherfell ist rot und schwarz gefleckt; hier +aber ist hellrot und goldbraun, orange und gelb, grün und tiefrot +durcheinander gewirbelt. Von Rechts wegen müßte das unruhig aussehen, +gesucht und augenverwirrend. Aber es wirkt gerade umgekehrt. Es +beruhigt und erfrischt wie sprudelndes Wasser, dieses Sprudeln der +Farben. + +Der Querweg ist sauber gefegt, den geh ich nicht. Ich gehe den +laubbedeckten Weg geradeaus. Das ganze Jahr mag ich leise treten im +Walde und gehe um die trockenen Blätter herum; aber im November suche +ich sie, und wo sie am dicksten liegen, gehe ich am liebsten. + +Es redet dann so viel, das Rauschelaub. Wenn die Luft grau und der +Himmel tief ist, redet es von Herbst und Sterben, von Vergehen und +Verwesen und predigt das alte Entsagungslied. + +Heute aber nicht. Von Ruhe vor neuem Schaffen, von Winterrast vor +jungem Frühling, von stiller Gegenwart und froher Zukunft redet heute +das Rauschelaub. + +Hier unter den alten Samenbuchen muß ich stehen bleiben. So schön war +es hier noch nie wie heute, wo die Sonne hier zu Besuch ist an diesem +Novembertag. Ein unendlicher Teppich aus kupferrotem geschorenen Plüsch +bedeckt den Boden; die altsilbernen Stämme der Buchen, der Fichten +tiefviolette Schäfte teilen ihn ein, daß die Augen ihn in Absätzen +genießen sollen. + +An vielen Zweigen ist noch Laub, und leise bewegt der Wind diese +Zweige, damit ich sie zuerst sehen soll und mich freuen an ihrem +goldenen Rot und rotem Gold. Langsam schaukeln sie hin und her, und hin +und wieder fällt ein goldenes Blatt von ihnen zu Boden. + +[Illustration] + +Absichtlich hat der Wind meine Augen abgelenkt; denn jetzt, wo sie dem +einen fallenden Blatt folgten und von ihm weiterwandern, da sahen sie +erst das Allerschönste. Eine Buche ist es, eine schlanke, mit vielen +wagerechten Zweigen. Die hat noch alles Laub. Und darauf fällt die +Sonne mit besonderer Liebe. + +Gestern habe ich ihn gar nicht gesehen, diesen goldenen Buchenbaum; +ich bin an ihm vorbeigegangen. Gestern schien die Sonne auch nicht. Es +gibt Menschen, die sieht man auch erst, wenn sie lächeln; da leuchtet +ihr goldenes Herz. Dort unten steht ein junger Ahorn; der leuchtet wie +gelbes Glas. Prächtig sieht er aus und lustig; aber denken kann ich mir +nichts bei ihm, und wenn er auch noch so prahlerisch seine goldgelben, +spreizigen Blätter im Winde dreht. Höchstens, daß es auch solche +Menschen gibt. + +Durch das rote, rauschende Laub geh ich weiter. Ein blaugrüner +Brombeerbusch wirft eine rauhe Schlinge um meinen Fuß. Als wenn er +mir etwas sagen wollte. Er will auch etwas sagen, er, der nie blüht +und nie Frucht trägt und Sommer und Winter grünt in demselben harten +Grün. Draußen, am Moorwege oder am sonnigen Rain, wachsen seine Brüder. +Purpurrote Ranken haben sie, prangen im Sommer mit weißen Blüten und im +Herbst mit süßen Früchten und färben im Winter ihr Laub rot und gelb. +Er bleibt aber das ganze Jahr, wie er ist. Denn hier unter dem Schatten +der Buchen kriegt er keine Sonne, hat nicht Luft und Licht. Das bißchen +müde Herbstsonne, das bißchen fahles Winterlicht kann ihn nicht zur +Blüte und Frucht bringen. + +Menschen gibt es auch, die so sind. Ihr Leben leben sie im schattigen +Einerlei; sie blühen nicht in ihrem Mai, und wenn sie blühen, es trägt +keine Frucht. Auch der Brombeerstrauch zu meinen Füßen hat wohl einmal +eine Blüte gehabt, aber nie trug er eine Frucht. + +Hinter den Fichten an der Waldstraße stehen hohe Kiefern. Schwer, +entsagungsvoll, hängen ihre Zweige. Wenn sie jung sind, sind sie +Himmelsstürmer, langen nach oben mit kecken Zweigen, wachsen und +wachsen, schneller als jeder Baum im Wald, als könnten sie es gar nicht +abwarten. Und wenn sie groß sind, sind sie müde und lassen die Zweige +sinken. + +Alles Schnellwüchsige wird früh müde. Unter den Fichten der Adlerfarn, +kraftlos und altersschwach hängt er in den Zweigen des Faulbaums. Und +wie wuchs er im Mai, und wie eilig hatte er es im Juni, und wie gierig +spreizte er im Juli seine Wedel nach rechts und links! Alles Mache, +nichts dahinter! + +Wenn ich mir dagegen die winzige Eiche unter ihm ansehe: Drei Jahre ist +sie alt. Dreimal wuchs ihr der freche Farn über den Kopf; aber jedesmal +wurde er auch wieder klein, ganz klein, noch kleiner als die kleine +Eiche. + +Ein heller Klang, wie von einer silbernen Glocke, geht durch den +Wald. Der Schwarzspecht ist es. Er lacht den Menschen aus, der in +Novembersonne geht und doch nachdenklich ist. Er hat recht, der +Rotkopf. Nachdenken ist gut genug für graue Tage. An hellen Tagen soll +man leben und lachen. + +Rauschelaub, rausch mir das Werdelied von goldener Frühlingszeit, wo +junges Gras aus dir hervorkommt und weiße Blumen zwischen dir winken, +wo alle Vögel singen im sonnigen Frühlingswald! + +Gerade hier, wo ich bin, wo das dunkle Schaftheu seine starren Halme +reckt und blanker Efeu schimmert, hier am Grabenrand, da wird es dann +wunderbar sein. Braune Simsenknäulchen werden da zittern; weiß wird +alles sein von Windröschen, und dazwischen wird die goldene Waldnessel +blühn. + +Einen großen, runden Fleck malt die Sonne vor mich hin auf rotes Laub +und dunklen Efeu. Und mitten darin blüht es weiß und goldgelb, ein +weißes Sternchen, drei goldene Mäulchen, zwei Frühlingsblüten im späten +Herbst. + +Das ist ein Wunder, ein wirkliches Wunder. Alle Windröschen haben im +Frühjahr geblüht; alle Goldnesseln leuchteten im Mai; diese beiden +aber blühen jetzt in dem großen, runden Fleck, den die Sonne auf den +Grabenrand wirft, die Spätherbstsonne. + +Denn Sonne bleibt Sonne und behält ihre Kraft. Ringsherum fallen +die Blätter, rund umher welkt das Laub; hier allein blüht ein Stück +Frühling in der Sonne im Wald. + + Hermann Löns + + + + +Herbstgold + + + Wie war’s im Walde + Heut wunderhold – + Die Wipfel alle + Von rotem Gold! + + Golden der Boden, + Golden der Duft, + Fallende Blätter + Von Gold aus der Luft! + + Und es leuchtet + Aus Tod und Vergehn + Golden die Hoffnung + Aufs Auferstehn. + + Ferdinand Avenarius + + + + +Die Zeit der schweren Not + + +Der Wind pfiff halb von Nord, halb von Ost. Allem, was am Berge lebte, +mißfiel er; alle, Maus und Eichhorn, Has und Reh, Fuchs und Dachs, +blies er in ihre Verstecke, und Bussard und Krähe, Meise und Häher +pustete er über den Kamm des Berges an den Westhang. Es fror, daß es +knackte. Die Weizensaat unter dem Walde winterte aus, die Rinde der +Eiche sprang, still stand der Graben, und der Bach verschwand. + +Sieben Tage schnob der bitterböse Wind im Lande umher, dann verlor +er den Atem. Über den Berg stieg eine Wolkenwand, schwarzblau und +schwer, schob sich über den hellen, hohen Himmel und legte sich tief +auf das Land, bis sie sich an den scharfen Klippen des Berges den +Bauch aufschlitzte. Da quoll es heraus, weiß und weich, einen Tag und +eine Nacht und noch einen Tag und noch eine Nacht und so noch einmal, +bis alles zugedeckt war im Lande und auf dem Berge und so sauber +aussah und so reinlich, daß die Sonne vor Freuden lachte. Ihr Lachen +brachte Leben an den Osthang des Berges. Mit einem Male waren die Rehe +wieder da und die Hasen, Fuchs und Dachs fuhren aus ihren Gebäuden, +das Eichhorn verließ den Kobel und die Maus das Loch, Bussard, Krähe +und Häher tauchten auf, und überall wimmelte es von buntem, lustigem +Kleinvogelvolke. + +Das Lachen der Sonne war falscher Art, es kündete Blut und Tod. Der +tauende Schnee ballte sich und brach Äste und Bäume; er knickte die +Fichten und krümmte die Jungbuchen, und auf dem Boden überzog der +Schnee sich mit einer Kruste, hart wie Eis und scharf wie Glas. Der +Ostwind hatte ausgeschlafen und blies auf das Neue gegen den Berg. Da +kam die Zeit der schweren Not. + +Die Maus hatte ihren Gang unter dem Schnee, das Eichhorn behalf sich +mit Blattknospen und Rinde, der Hase rückte in die Kohlgärten, der +Dachs verschlief die hungrigen Nächte, der Fuchs suchte die Dungstätten +ab. Übel daran aber war das Reh. Die Saat war begraben in steinhartem +Schnee. Die Obermast im Holze war verschwunden. Verschneit waren die +Himbeeren, verweht die Brombeeren, unsichtbar die Heide. Buchenknospen +und dürre Halme, trockene Blätter und harte Stengel, das war alles, was +der Berg an Äsung bot. + +[Illustration] + +Der Hunger ging durch den Wald. Wo seine Augen ein Reh trafen, da fiel +es ab. Der Hals wurde lang, die Dünnungen tief, rauh die Decke und +immer größer die Lichter. + +Langsam und vorsichtig zogen die Rehe am Hange entlang, aber alle +Behutsamkeit half ihnen nichts; eins nach dem anderen trat durch die +Eiskruste des Schnees und zerschabte sich die Läufe. In jedem Wechsel +zeichneten sich blaßrote Flecke ab. + +Und wieder baute sich eine schwarzblaue Wand hinter dem Berge auf, +schob sich über den hellen Himmel, legte sich über das Land, riß sich +an den Klippen den Pansen auf und schüttete Schnee auf das Gefilde, +einen ganzen Tag und eine volle Nacht. + +Und wieder lächelte die Sonne ihr hinterlistiges Lächeln und machte Eis +aus dem Schnee. Noch langsamer, noch vorsichtiger zogen die Rehe dahin, +mit Hälsen, so dünn wie Heister, schwarze Löcher in den Dünnungen. Und +wo sie zogen, da wurde der Schnee rot. + +Der Tod ging durch den Wald. Da war kein Reh am ganzen Berge, das nicht +an den Läufen klagte. Das eine blieb stehen, wo es stand, und zitterte, +bis es fiel. Ein anderes tat sich nieder und stand nicht wieder auf. +Ein drittes stürzte halbverdurstet in die Quellschlucht und erstarrte +im eisigen Wasser. + +Noch niemals ging es dem Fuchs so gut, wie da. Sein Tisch war gedeckt, +war reicher beschickt als zur Maienzeit, wenn alle Mäuse hecken und das +Feld von Junghasen wimmelt. Auch der Marder konnte zufrieden sein und +Bussard und Krähe nicht minder; sogar für die bunten Meisen blieb noch +Fraß genug übrig, und die Waldmäuse nagten die letzten Sehnenfetzen von +den Knochen. + +Kein Ende der Not kam; jeden Tag ging der Tod seinen Belauf im Berge +ab. Selbst die Hasen schonte er nicht; mancher von ihnen, der sich am +gefrorenen Kohl verdarb, füllte den Pansen des Fuchses, der von Tag zu +Tag mehr in die Breite ging. + +Eines Morgens aber fuhr er mit ledigem Leibe zu Baue. Vor der Dickung +lag ein gefallenes Reh, an dem er sich schon eine Nacht gütlich getan +hatte. Doch als er die zweite Nacht heranschnürte, da schlug ihm eine +seltsame Witterung entgegen, ein Geruch, den er nur einmal gewittert +hatte. Rund um den Fleck, wo das gefallene Stück lag, schnürte er, und +eine geschlagene Stunde dauerte es, ehe er sich ein Herz faßte und +heranschlich. Und da stand er und windete und äugte lange Zeit, und +schließlich schnürte er mit hängender Lunte und angelegten Gehören +mißmutig ab; denn sein Reh war fort, war bis auf die Schalen und +einige Deckenfetzen verschwunden, und weiter war nichts da, als die +niederträchtige und dabei doch verlockende Witterung. + +Aber der Tod ging immer noch durch den Wald, und er schlug Stück um +Stück mit harter Hand. Der Fuchs verlor den Mut nicht. Behende trabte +er von Wechsel zu Wechsel, bis er einen fand, in dem eine kranke Fährte +stand, und der hing er nach. So ganz leicht war es nicht, sie zu +halten. Es schneite und schneite, und der Wind pfiff böse; er schob +den Schnee von den Blößen vor die Dickungen, fegte ihn hier zusammen, +kehrte ihn dort fort, verdeckte auf weite Strecken die Rotfährte und +verwischte sie endlich völlig. Das ganze helle Holz suchte der Fuchs +ab; er nahm die Fährte wieder auf, wo er sie zuerst gefunden hatte, und +er hing ihr nach bis zu der Stelle, wo sie in der großen Schneewächte +unterging. Da saß er eine ganze Weile auf den Keulen, und dann schnürte +er weiter, hungrig, müde und verdrießlich. Er suchte alle Rehdickungen +ab; sie waren leer. Er schlich durch den Stangenort; da war es tot. Er +trabte den Bach entlang bis zum Vorholze; es war dort unten so wie oben. + +Da schnürte er zu Felde, um an der Dieme auf Mäuse zu passen. Als er +dort angelangt war, vergaß er alle Mäuse, denn er fand die kranke +Fährte wieder. Eilig, aber behutsam, nahm er sie auf und hielt sie bis +zu dem Fichtenmantel unter dem Altholze. Immer länger wurde er, denn +immer wärmer wurde die Fährte, und schon war er in den Fichten, da fuhr +er wie besessen heraus und stob in das Feld zurück. Denn in den Fichten +war es nicht geheuer. Es hatte da gebrochen, so laut und so grob, als +wenn ein Mensch da gegangen wäre, und es hatte dort geschnauft und +geschnarcht, wie kein Tier des Waldes zu schnaufen und zu schnarchen +vermag. + +In guter Sicherheit stand der Fuchs im Schatten der krausen Feldeiche +und überlegte. Dann holte er sich Wind. In weitem Bogen trabte er +am Vorberge entlang, verschwand bei der Quellschlucht im Altholze, +schnürte hoch über dem Fichtenmantel durch die Räumdungen und schlich +vorsichtig näher. Gerade, als der Mond die Wolken fortschob, kam der +Fuchs bei den Fichten an. Da war es still und einsam. Der Fuchs schlich +näher, den vollen Wind nehmend. Rehwitterung zog ihm entgegen. Langsam +schlich er näher, verhoffte, schlich wieder näher, der guten Witterung +entgegen; da fuhr er zurück. Denn da war eine zweite Witterung, die +fremde Witterung von vorhin, dieselbe, die er bei dem gefallenen Stück +wahrgenommen hatte, das ihm verlorengegangen war, eine unbekannte, +verdächtige, absonderliche, geheimnisvolle, niederträchtige Witterung, +zwar keine von Mensch oder Hund, aber immerhin nicht ungefährlich +und auf keinen Fall vertrauenswert. Und jetzt der Ton! Ein Blasen, +Schnaufen, Schnarchen, wie es nachts oft aus den Ställen bei den +Gehöften kommt. Der Fuchs drehte um und stahl sich davon. Er traute +dem Frieden nicht. + +Eine gelbgesäumte Wolke brachte den Mond wieder zu Bett. Das +Schneetreiben setzte abermals ein. Da blies es lauter in den Fichten, +da krachte es im Schnee, brach es in dem Fallholz, und schwarz und groß +schob es sich aus der Dickung, verhoffte, nahm laut schnaubend Wind, +trat dichter an das gefallene Stück, daß der harte Schnee krachend +zerbrach, prüfte noch einmal blasend den Wind und nahm dann den Fraß an. + +Der Waldkauz, der allabendlich an dem Tannenmantel entlangstrich, um +eine Maus zu schlagen oder einen Vogel aus dem Verstecke zu klatschen, +rüttelte einen Augenblick neugierig über der kleinen Lichtung, von der +ein lautes, gieriges Schmatzen und Schlabbern erscholl, untermischt mit +dem Knirschen der Schneekruste und dem Krachen von Knochen. Dann strich +die Eule ab; wo es so laut war, gab es für sie nichts zu fangen. + +Als der Fuchs am Spätnachmittage des anderen Tages den Tannenmantel +absuchte, fand er dort, wo das Schmalreh gelegen hatte, nur noch die +Schalen, einige zertrümmerte Knochen und etliche Fetzen der Decke in +dem zerwühlten, niedergetretenen, besudelten Schnee. Alles andere hatte +der von weither zugewechselte, versprengte Schwarzkittel verschlungen. + +Der Tod ging immer noch durch den Wald, aber dem Fuchs bescherte er +nicht. Jedes Stück, das Hunger und Hartschnee umwarfen, verschwand im +Gebräche der Sau, so daß auch Reineke empfand, daß sie gekommen war, +die Zeit der schweren Not. + + Hermann Löns + + + + +Am Futterplatz + + + Still träumt der Wald in tiefem Schnee. + Ein weißer Dom schließt rings mich ein; + Durch seine Lücken in der Höh + Blickt grauer Winterhimmel drein. + Wie starr der Bäume Säulen stehn! + Von überall haucht’s kalt mich an; + Und doch: wie schön, wie wunderschön! + Ein Märchen, das der Tod ersann. + + Zuweilen wie ein Glöcklein klingt’s: + Das ist der Meise Silberton; + Durchs weiße Netzwerk oben schwingt’s + Und ist im Nu dem Blick entflohn. + Und dort: ein Werk der Menschenhand – + Gestützte Dächer, dick verschneit – + Im unbarmherz’gen Winterland + Ein Tempel der Barmherzigkeit. + + Im weißen Grunde scharrt das Reh + Und äugt und wittert langsam fort: + Kein nährsam Hälmchen überm Schnee, + Und drunter alles Grün verdorrt. + Und näher stampft es, da – und da – + Am nächsten Busche rührt sich’s schon. + Zum Tempel kommt von fern und nah + Die hungrig stumme Prozession. + + Der Wärtel hat gedeckt den Tisch: + Die Raufen füllt das duft’ge Heu. + Nun quillt’s in schwärzlichem Gemisch + Und zupft behaglich sonder Scheu … + Ich späh versteckt; mein Auge hängt + An ihrer zierlichen Gestalt, + Bis alles satt und weiter drängt – + Und wieder einsam träumt der Wald. + + Victor Blüthgen + + + + +Fichtennadelduft + + + Durch schwülen Wald in Sommertagen, + Wo der Pirol aus Wipfeln rief, + Sonst alles ruhte, alles schlief, + Da ging ich, wo man Holz geschlagen. + Der sommerlichen Sonne Gluten, + Sie senkten sich in goldnen Fluten + Hin auf den unbeschützten Grund – + Ein süßer Fichtennadelduft + Erfüllte rings die heiße Luft, + Still brütend in der Lichtung Rund. + Und wie auf Schwingen fortgetragen, + Hinflog mein Geist zu Wintertagen, + Wo in des Zimmers stillem Kreis + Der Tannenbaum die harz’gen Düfte, + Haucht in die sanft durchwärmten Lüfte, + Und Rauschgold knistert zart und leis. + Und meinen Busen fühlt ich’s dehnen, + Und mich befiel ein kindlich Sehnen + Nach dir, du holde Weihnachtszeit. + Was darf man in des Sommers Reichen + Wohl deinem stillen Glanz vergleichen + Und deiner trauten Heimlichkeit! + + Die Zeit verging. – In Wintertagen, + Da wurden Buden aufgeschlagen + Mit all dem sonderlichen Tand. + Das Wunder stieg vom Himmel wieder + Auf die verschneite Erde nieder – + Die heil’ge Weihnacht kam ins Land. + Es stand die schön geschmückte Fichte + In farb’gem Glanz, in hellem Lichte, + Ein goldumglänzter Märchenbaum. + Doch als der Zweige harz’ges Düften + Nun schwebte in den warmen Lüften, + Kam’s über mich gleichwie ein Traum. + Da ward mein Geist hinweggetragen + Zu glutgetränkten Sommertagen – + Ich hört ihn rufen, den Pirol, + Und Vogelsang und blühende Wälder, + Und grüne Wiesen, goldne Felder – + Ein Märchen schienen sie mir wohl. – + Und meinen Busen fühlt ich’s dehnen, + Und mich befiel ein tiefes Sehnen + Mit drängend-lieblicher Gewalt, + Und als ein Glück, nicht auszusagen, + Erschien es mir: in Sommertagen + Zu wandern durch den grünen Wald! + + Heinrich Seidel + +[Illustration] + + + + +Der vereisete Wald + + +Da wir endlich gegen den Taugrund kamen und der Wald, der von der +Höhe herabzieht, anfing, gegen unsern Weg herüberzulangen, hörten wir +plötzlich in dem Schwarzholze, das auf dem schön emporragenden Felsen +steht, ein Geräusch, das sehr seltsam war und das keiner von uns je +vernommen hatte – es war, als ob viele Tausende oder gar Millionen von +Glasstangen durcheinander rasselten und in diesem Gewirre fort in die +Entfernung zögen. Das Schwarzholz war doch zu weit zu unserer Rechten +entfernt, als daß wir den Schall recht klar hätten erkennen können, und +in der Stille, die in dem Himmel und auf der Gegend war, ist er uns +recht sonderbar erschienen. Wir fuhren noch eine Strecke fort, ehe wir +den Fuchs aufhalten konnten, der im Nachhauserennen begriffen war und +auch schon trachten mochte, aus diesem Tage in den Stall zu kommen. Wir +hielten endlich und hörten in den Lüften gleichsam ein unbestimmtes +Rauschen, sonst aber nichts. Das Rauschen hatte jedoch keine +Ähnlichkeit mit dem fernen Getöse, das wir eben durch die Hufschläge +unseres Pferdes hindurch gehört hatten. Wir fuhren wieder fort und +näherten uns dem Walde des Taugrundes immer mehr und sahen endlich +schon die dunkle Öffnung, wo der Weg in das Gehölze hineingeht. Wenn es +auch noch früh am Nachmittage war, wenn auch der graue Himmel so licht +schien, daß es war, als müßte man den Schimmer der Sonne durchsinken +sehen, so war es doch ein Winternachmittag, und es war so trübe, daß +sich schon die weißen Gefilde vor uns zu entfärben begannen und in dem +Holze Dämmerung zu herrschen schien. Es mußte aber doch nur scheinbar +sein, indem der Glanz des Schnees gegen das Dunkel der hintereinander +stehenden Stämme abstach. + +Als wir an die Stelle kamen, wo wir unter die Wölbung des Waldes +hineinfahren sollten, blieb der Thomas stehen. Wir sahen vor uns +eine sehr schlanke Fichte zu einem Reife gekrümmt stehen und einen +Bogen über unsere Straße bildend, wie man sie einziehenden Kaisern +zu machen pflegt. Es war unsäglich, welche Pracht und Last des Eises +von den Bäumen hing. Wie Leuchter, von denen unzählige umgekehrte +Kerzen in unerhörten Größen ragten, standen die Nadelbäume. Die Kerzen +schimmerten alle von Silber, die Leuchter waren selber silbern und +standen nicht überall gerade, sondern manche waren nach verschiedenen +Richtungen geneigt. Das Rauschen, welches wir früher in den Lüften +gehört hatten, war uns jetzt bekannt; es war nicht in den Lüften; +jetzt war es bei uns. In der ganzen Tiefe des Waldes herrschte es +ununterbrochen fort, wie die Zweige und Äste krachten und auf die Erde +fielen. Es war um so fürchterlicher, da alles unbeweglich stand; von +dem ganzen Geglitzer und Geglänze rührte sich kein Zweig und keine +Nadel, außer wenn man nach einer Weile wieder auf einen gebogenen Baum +sah, daß er von den ziehenden Zapfen niederer stand. Wir harrten und +schauten hin, man weiß nicht, war es Bewunderung oder war es Furcht, +in das Ding hineinzufahren. Unser Pferd mochte die Empfindungen in +einer Ähnlichkeit teilen; denn das arme Tier schob, die Füße sachte +anziehend, den Schlitten in mehreren Rucken etwas zurück. + +Wie wir noch dastanden und schauten – wir hatten noch kein Wort +geredet –, hörten wir wieder den Fall, den wir heute schon zweimal +vernommen hatten. Jetzt war es uns aber völlig bekannt. Ein helles +Krachen, gleichsam wie ein Schrei, ging vorher, dann folgte ein kurzes +Wehen, Sausen oder Streifen, und dann der dumpfe, dröhnende Fall, +mit dem ein mächtiger Stamm auf der Erde lag. Der Knall ging wie ein +Brausen durch den Wald und durch die Dichte der dämpfenden Zweige; es +war auch noch ein Klingeln und Geschimmer, als ob unendliches Glas +durcheinander geschoben und gerüttelt würde – dann war es wieder wie +vorher, die Stämme standen und ragten durcheinander, nichts regte sich, +und das stillstehende Rauschen dauerte fort. Es war merkwürdig, wenn +ganz in unserer Nähe ein Ast oder Zweig oder ein Stück Eis fiel; man +sah nicht, woher es kam, man sah nur schnell das Herniederblitzen, +hörte etwa das Aufschlagen, hatte nicht das Emporschnellen des +verlassenen und erleichterten Zweiges gesehen, und das Starren, wie +früher, dauerte fort. + +Es wurde uns begreiflich, daß wir in den Wald nicht hineinfahren +konnten. Es mochte irgendwo schon über den Weg ein Baum mit all seinem +Geäste liegen, über den wir nicht hinüber konnten, und der nicht zu +umgehen war, weil die Bäume dicht stehen, ihre Nadeln vermischen und +der Schnee bis an das Geäste und Geflechte des Niedersatzes ragte. Wenn +wir dann umkehrten und auf dem Wege, auf dem wir gekommen waren, zurück +wollten, und da sich etwa auch unterdessen ein Baum herübergelegt +hätte, so wären wir mitten darinnen gewesen. Der Regen dauerte +unablässig fort, wir selber waren schon wieder eingehüllt, daß wir +uns nicht regen konnten, ohne die Decke zu zerbrechen, der Schlitten +war schwerfällig und verglast, und der Fuchs trug seine Lasten – wenn +irgend etwas in den Bäumen um eine Unze an Gewicht gewann, so mochte es +fallen, ja die Stämme selber mochten brechen, die Spitzen der Zapfen, +wie Keile, mochten niederfahren, wir sahen ohnedem auf unserm Wege, +der vor uns lag, viele zerstreut, und während wir standen, waren in der +Ferne wieder dumpfe Schläge zu vernehmen gewesen. Wie wir umschauten, +woher wir gekommen, war auf den Feldern und in der Gegend kein Mensch +und kein lebendiges Wesen zu sehen. Nur ich mit dem Thomas und mit dem +Fuchse waren allein in der freien Natur. Ich sagte dem Thomas, daß wir +umkehren müßten. Wir fuhren dann, so schnell wir konnten, gegen die uns +zunächst gerichteten Eidunhäuser zurück. + + Adalbert Stifter + + + + +Winter im Hochwald + + + Den Fels erstieg, demantenübersät, + Im Hermelin des Winters Majestät. + + Die Faust gekrampft in den vereisten Bart, + Hält sinnend er hier Rast von langer Fahrt. + + Kein Laut, kein Lauscher stört des Alten Ruh. + Bald fallen ihm die müden Augen zu … + + Ein fernes Fuchsgebell erstirbt im Forst; + Leis schwebt ein Adler zum verschwiegnen Horst, + + Und tief im Grunde tritt ein scheues Reh + Lautlos heraus an den erstarrten See. – + + Dies ist die Stunde, wo die müde Zeit + Zu schlummern scheint im Schoß der Ewigkeit, + + Wo uns der weiterschlossne Himmel still + Sein wundersam Geheimnis künden will, + + Und durch die Wälder leis von Baum zu Baum + Ein Flüstern geht, ein goldner Frühlingstraum. + + Paul Wolf + + + + +Der Tannenbaum + + +Draußen im Walde stand ein niedlicher Tannenbaum. Er hatte einen guten, +luftigen Platz, war freundlich von der Sonne beschienen, und ringsumher +wuchsen viele größere Kameraden, Tannen und Fichten. Der kleine +Tannenbaum wünschte aber so sehnlich, größer zu werden! Er achtete +nicht der warmen Sonne und der frischen Luft, er kümmerte sich nicht +um die Bauernkinder, die in den Wald kamen, um Erdbeeren und Himbeeren +zu sammeln. Oftmals kamen sie mit einem ganzen Topf voll und hatten +Erdbeeren an einen Strohhalm gereiht; dann setzten sie sich neben den +kleinen Tannenbaum und sagten: »Wie niedlich klein ist der!« Das mochte +der Baum aber nicht hören. + +Im folgenden Jahre wurde er schon um einen Ansatz größer und das Jahr +darauf wieder; denn an den Tannenbäumen kann man an den Ansätzen, die +sie haben, sehen, wie viele Jahre sie alt sind. + +»O, wäre ich doch ein großer Baum,« seufzte er, »dann könnte ich meine +Zweige weit umher ausbreiten und mit dem Gipfel in die weite Welt +hinausblicken! Die Vögel würden dann ihre Nester in meinen Zweigen +bauen, und wenn der Wind wehte, könnte ich ebenso vornehm nicken wie +die andern!« + +Er hatte keine Freude am Sonnenschein, an den Vögeln und an den +rötlichen Wolken, die morgens und abends über ihn hinsegelten. + +War es dann Winter und der Schnee lag blendendweiß ringsumher, so kam +zuweilen ein Hase angesprungen und setzte gerade über den kleinen Baum +weg – o, wie er sich darüber ärgerte! – Aber zwei Winter vergingen, und +im dritten war das Bäumchen schon so groß, daß der Hase um dasselbe +herumlaufen mußte. »O, wachsen, wachsen, groß und alt werden, das ist +doch das einzig Schöne in dieser Welt!« dachte der Baum. + +Im Spätherbst kamen Holzhauer und fällten einige der größten Bäume. Das +geschah alle Jahre, und den jungen Tannenbaum schauerte dabei, denn +die großen Bäume fielen mit Prasseln und Krachen zur Erde, die Zweige +wurden ihnen abgehauen, so daß die Bäume ganz nackt aussahen; sie waren +fast nicht mehr zu erkennen. Aber dann wurden sie auf Wagen gelegt, und +Pferde zogen sie davon. Wo kamen sie hin? + +Im Frühjahr, als die Schwalbe und der Storch geflogen kamen, fragte sie +der Baum: »Wißt ihr nicht, wohin sie geführt wurden? Seid ihr ihnen +nicht begegnet?« + +Die Schwalbe wußte nichts; aber der Storch sah sehr nachdenklich aus, +nickte mit dem Kopfe und sagte: »Ja, ich glaube fast! Mir begegneten +viele neue Schiffe, als ich aus Ägypten flog; auf den Schiffen +waren prächtige Mastbäume; ich glaube, daß sie es waren; sie hatten +Tannengeruch; ich kann vielmals grüßen; sie sahen stolz und prächtig +aus und überragten alles.« + +»O, wäre ich doch auch groß genug, um so über das Meer hinfahren zu +können! Wie sieht denn eigentlich das Meer aus?« + +»Ja, das zu erklären, ist zu weitläufig,« sagte der Storch und ging +fort. + +»Freue dich deiner Jugend!« sagten die Sonnenstrahlen, »freue dich des +jungen Lebens, das in dir ist!« + +Und der Wind küßte den Baum, und der Tau weinte Tränen über ihn; aber +das alles verstand der Tannenbaum nicht. + +Gegen Weihnachten wurden ganz junge Bäume gefällt, die oft nicht einmal +so groß wie dieser Tannenbaum waren, der weder Ruhe noch Rast hatte, +sondern immer davon wollte. Diese jungen Bäume – es waren gerade die +allerschönsten – behielten immer alle ihre Zweige; sie wurden auf Wagen +gelegt, und Pferde zogen sie fort. + +»Wohin sollen die?« fragte der Tannenbaum. »Sie sind nicht größer als +ich, ja einer war sogar noch kleiner! Weshalb behielten sie alle ihre +Zweige? Wohin fahren sie?« + +»Das wissen wir! das wissen wir!« zwitscherten die Sperlinge. »In der +Stadt haben wir in die Fenster gesehen! Wir wissen, wohin sie fahren! +O, sie gelangen zur größten Pracht und Herrlichkeit! Wir haben gesehen, +daß sie mitten in der warmen Stube aufgepflanzt und mit vergoldeten +Äpfeln, Honigkuchen, Spielzeug und vielen Hunderten von Lichtern +geschmückt werden.« + +»Und dann?« fragte der Tannenbaum und bebte an allen Zweigen. »Und +dann? Was geschieht dann?« + +»Ja, mehr haben wir nicht gesehen!« + +»Ob ich wohl auch bestimmt bin, diesen strahlenden Weg zu betreten?« +jubelte der Tannenbaum. »Das ist noch schöner, als über das Meer zu +ziehen! Wäre es doch Weihnachten! Nun bin ich groß, wie die anderen, +die im vorigen Jahre weggeführt wurden! – O, wäre ich erst auf dem +Wagen! Wäre ich doch erst in der warmen Stube mit aller Pracht und +Herrlichkeit! Und dann –? Ja, dann kommt noch etwas weit Schöneres, +weshalb würden sie uns sonst so schmücken! Es muß noch etwas +Herrlicheres kommen –! Aber was? O, ich sehne mich, ich weiß selbst +nicht, wie mir ist!« + +»Freue dich,« sagten die Luft und das Sonnenlicht, »deiner frischen +Jugend im Freien!« + +Aber er freute sich gar nicht und wuchs und wuchs; Winter und Sommer +stand er grün; die Leute, die ihn sahen, sagten: »Das ist ein hübscher +Baum!« Und zu Weihnachten wurde er vor allen zuerst gefällt. Die Axt +hieb tief ein, der Baum fiel mit einem Seufzer zu Boden; er fühlte +einen Schmerz, eine Art Ohnmacht, er konnte gar nicht an das kommende +Glück denken, er war betrübt, von der Heimat scheiden zu müssen; er +wußte ja, daß er die lieben alten Kameraden, die kleinen Büsche und +Blumen ringsum nie mehr erblicken würde, ja vielleicht nicht einmal die +Vögel. Die Abreise war gar nicht angenehm. + +Der Baum kam erst in einem Hofe in der Stadt wieder ganz zu sich, als +er einen Mann sagen hörte: »Dieser hier ist prächtig! Wir brauchen nur +diesen!« + +Nun kamen zwei Diener und trugen den Tannenbaum in einen großen, +schönen Saal. An den Wänden hingen Bilder, und neben dem Kachelofen +standen große chinesische Vasen. Da gab es Schaukelstühle, seidene +Sofas, große Tische voller Bilderbücher und Spielzeug. Der Tannenbaum +wurde in ein großes, mit Sand gefülltes Faß gestellt; aber niemand +konnte sehen, daß es ein Faß war; denn es wurde mit grünen Zweigen +behängt und stand auf einem großen, bunten Teppich. O, wie der Baum vor +Erwartung bebte! Was wird nun wohl vorgehen? Zunächst kamen Diener und +Fräulein und schmückten ihn. An seine Zweige hingen sie kleine Netze +aus farbigem Papier; jedes Netz war mit Zuckerwerk gefüllt; vergoldete +Äpfel und Nüsse hingen herab, und über hundert rote, blaue und weiße +kleine Lichter wurden in die Zweige gesteckt. Puppen, die wie Menschen +aussahen, schwebten im Grünen, und oben auf der Spitze wurde ein Stern +von Flittergold befestigt. Das war prächtig, ganz unvergleichlich +prächtig! + +»Heut abend,« sagten alle, »heut abend wird er strahlen!« + +»O!« dachte der Baum, »wäre es doch Abend! Würden nur die Lichter bald +angezündet! Und was dann wohl geschieht? Ob da wohl Bäume aus dem Walde +kommen, um mich anzuschauen? Ob die Sperlinge gegen die Fensterscheiben +fliegen? Ob ich hier festwachse und Winter und Sommer geschmückt +dastehen werde?« + +Er hatte ordentlich Borkenweh vor lauter Sehnsucht, und Borkenweh ist +für einen Baum ebenso schlimm, wie Kopfschmerzen für uns andre. + +Nun wurden die Lichter angezündet. Welcher Glanz! Welche Pracht! Der +Baum bebte dabei in allen Zweigen so, daß eins der Lichter das Grüne +anbrannte. + +»Gott bewahre uns!« schrien die Fräulein und löschten es schnell aus. + +Jetzt durfte der Baum nicht einmal mehr beben. Ihm war so bange, etwas +von seinem Schmuck zu verlieren; er war ganz geblendet von all dem +Glanze. Und nun gingen die Zimmertüren auf, und eine Menge Kinder +stürzten herein, als wollten sie den Baum umwerfen; die älteren Leute +kamen langsam nach. Die Kleinen standen ganz stumm, aber nur einen +Augenblick, dann jubelten sie wieder, tanzten um den Baum herum, und +ein Geschenk nach dem andern wurde abgepflückt. + +»Was machen sie denn?« dachte der Baum. Und die Lichter brannten bis +an die Zweige herunter, und je nachdem eins niederbrannte, wurde es +ausgelöscht, und dann erhielten die Kinder Erlaubnis, den Baum zu +plündern. O, die stürzten auf ihn ein, daß er in allen Zweigen knackte; +wäre er nicht mit der Spitze an der Decke befestigt gewesen, so hätten +sie ihn sicher umgeworfen. + +Die Kinder tanzten dann mit ihrem prächtigen Spielzeuge herum. Niemand +sah nach dem Baume, als die alte Kindsfrau, welche zwischen die Zweige +blickte, aber nur, um zu sehen, ob nicht noch eine Feige oder ein Apfel +vergessen worden sei. + +»Eine Geschichte! Eine Geschichte!« riefen die Kinder und zogen einen +kleinen, dicken Mann gegen den Baum hin; und er setzte sich gerade +unter denselben, »denn da sind wir im Grünen,« sagte er, »und der +Baum kann Nutzen davon haben, wenn er aufmerksam zuhört! Aber ich +erzähle nur eine Geschichte. Wollt ihr die von Ivede-Avede oder die von +Klumpe-Dumpe hören, der die Treppe herunterfiel und doch die Prinzessin +erhielt?« + +»Ivede-Avede!« schrien einige, »Klumpe-Dumpe!« schrien andre; das war +ein Rufen und Schreien! Nur der Tannenbaum schwieg und dachte: »Komme +ich gar nicht mit, werde ich nichts dabei zu tun haben?« + +Und der Mann erzählte von Klumpe-Dumpe, welcher die Treppe herunterfiel +und doch die Prinzessin erhielt. Und die Kinder klatschten in die +Hände und riefen: »Erzähle! erzähle!« Sie wollten auch die Geschichte +von Ivede-Avede hören; aber sie mußten sich mit der von Klumpe-Dumpe +begnügen. Der Tannenbaum stand ganz nachdenklich und still, nie hatten +die Vögel im Walde dergleichen erzählt. »Klumpe-Dumpe fiel die Treppe +herunter und bekam doch die Prinzessin! Ja, ja, so geht es in der +Welt!« dachte der Tannenbaum und glaubte, daß es wahr sei. »Ja, ja, +wer kann es wissen! Vielleicht falle ich auch die Treppe hinunter und +bekomme eine Prinzessin.« Und er freute sich darauf, den nächsten Tag +wieder mit Lichtern, Spielzeug, Gold und Früchten geputzt zu werden. + +»Morgen werde ich nicht zittern!« dachte er. »Ich will mich recht +meiner Herrlichkeit freuen. Morgen werde ich wieder die Geschichte von +Klumpe-Dumpe oder auch die von Ivede-Avede hören.« Und der Baum stand +die ganze Nacht still und träumte von dem Erlebten. + +Am andern Morgen kamen die Diener und das Mädchen herein. + +»Nun beginnt das Schmücken aufs neue!« dachte der Baum. Aber sie +schleppten ihn die Treppe hinauf auf den Boden und stellten ihn in +einen dunklen Winkel. »Was soll das bedeuten?« dachte der Baum. »Was +werde ich hier wohl hören sollen?« Und er lehnte sich an die Mauer und +dachte und dachte. Wahrlich, er hatte Zeit genug; denn es vergingen +Tage und Nächte; aber niemand kam herauf. Als endlich jemand kam, so +geschah es nur, um einige große Kasten in den Winkel zu stellen. Nun +stand der Baum so versteckt, als ob er ganz und gar vergessen wäre. + +»Jetzt ist es Winter draußen!« dachte der Baum. »Die Erde ist gefroren +und mit Schnee bedeckt, die Menschen können mich jetzt nicht pflanzen, +deshalb soll ich wohl bis zum Frühjahr hier im Schutze stehen! Wie die +Menschen doch so gut sind! Wäre es nur nicht so dunkel hier und so +schrecklich einsam! Nicht einmal ein kleiner Hase kommt zu mir! Das +war doch so hübsch da draußen im Walde, wenn der Schnee lag und der +Hase vorbeilief, ja, selbst als er über mich hinwegsprang; aber damals +konnte ich es nicht leiden. Hier ist es doch schrecklich einsam!« + +»Pip, pip!« sagte da eine kleine Maus und huschte hervor, und dann kam +noch eine. Sie beschnüffelten den Tannenbaum und schlüpften zwischen +seine Zweige. + +»Es ist eine furchtbare Kälte!« sagten die kleinen Mäuse. »Sonst ist +es hier gut sein! Nicht wahr, du alter Tannenbaum?« + +»Ich bin gar nicht alt!« sagte der Tannenbaum, »es gibt viel ältere als +ich bin!« + +»Woher kommst du?« fragten die Mäuse, »und was weißt du?« Sie waren +sehr neugierig. »Erzähle uns doch. Bist du schon an dem herrlichsten +Orte auf Erden, in der Speisekammer, gewesen, wo die Käse liegen und +die Schinken hängen, wo man auf Talglichtern tanzt, mager hinein- und +fett herauskommt?« + +»Das kenne ich nicht!« sagte der Baum. »Aber den Wald kenne ich, wo die +Sonne scheint und wo die Vögel singen!« Und dann erzählte er alles aus +seiner Jugend, und die kleinen Mäuse horchten auf und sagten: »Wie viel +du doch gesehen hast! Wie glücklich du gewesen bist!« + +»Ich?« sagte der Tannenbaum, und dachte über das, was er selbst +erzählte, nach. »Ja, es waren im Grunde recht fröhliche Zeiten!« – Aber +dann erzählte er vom Weihnachtsabend, wo er mit Zuckerwerk und Lichtern +geschmückt war. + +»O!« sagten die kleinen Mäuse, »wie glücklich du gewesen bist, du alter +Tannenbaum!« + +»Ich bin gar nicht alt!« sagte der Baum, »erst diesen Winter bin ich +vom Walde gekommen! Ich bin nur sehr rasch gewachsen!« + +»Wie schön du erzählst!« sagten die kleinen Mäuse. Und in der nächsten +Nacht kamen sie mit vier anderen Mäuschen, die den Baum erzählen hören +sollten, und je mehr er erzählte, desto deutlicher erinnerte er sich +selbst an alles und dachte: »Es waren doch fröhliche Zeiten! Aber sie +können wiederkehren! Klumpe-Dumpe fiel die Treppe hinunter und erhielt +doch die Prinzessin!« Und dann dachte der Tannenbaum an eine niedliche +Birke draußen im Walde; das war für ihn eine wirkliche Prinzessin. + +»Wer ist Klumpe-Dumpe?« fragten die Mäuschen. Dann erzählte der +Tannenbaum das Märchen; er konnte sich jedes Wortes entsinnen, und die +Mäuse wollten vor lauter Freude bis an die Spitze des Baumes springen. +In der folgenden Nacht kamen noch mehr Mäuse und am Sonntage sogar zwei +Ratten. Aber die meinten, die Geschichte sei nicht hübsch, und das +betrübte die kleinen Mäuse, denn nun gefiel sie ihnen auch nicht mehr +recht. + +»Wissen Sie nur die eine Geschichte?« fragten die Ratten. + +»Nur die eine!« sagte der Baum, »die hörte ich an meinem glücklichsten +Abend. Damals dachte ich nicht daran, wie glücklich ich doch war.« + +»Das ist eine langweilige, schlechte Geschichte! Wissen Sie keine von +Speck oder Talglicht? Keine Speisekammer-Geschichte?« + +»Nein!« sagte der Baum. + +»Dann danken wir dafür!« erwiderten die Ratten und gingen fort. + +Die kleinen Mäuse blieben zuletzt auch weg, und da seufzte der Baum: +»Es war doch ganz hübsch, als sie um mich herumsaßen und zuhörten, wie +ich erzählte! Nun ist auch das vorbei! Aber ich werde daran denken, +mich zu freuen, wenn ich wieder hervorgeholt werde.« Das dauerte aber +recht lange. + +Endlich eines Morgens kamen Leute und wirtschafteten auf dem Boden; die +Kasten wurden weggesetzt und der Baum hervorgezogen; sie warfen ihn +freilich ziemlich hart hin, aber ein Diener schleppte ihn sogleich nach +der Treppe, wo es hell war. + +»Nun beginnt das Leben wieder!« dachte der Baum; er fühlte die frische +Luft, die ersten Sonnenstrahlen, und nun war er draußen im Hofe. Alles +ging sehr rasch; der Baum vergaß ganz, sich selbst zu betrachten. Der +Hof stieß an einen Garten, und alles blühte darin; die Rosen hingen +frisch und duftend über das niedere Gitter hinaus, die Lindenbäume +blühten, und die Schwalben flogen umher und zwitscherten: »Quirre-virre +vit, mein Mann ist kommen!« Aber es war nicht der Tannenbaum, den sie +meinten. + +»Nun will ich leben!« jubelte dieser und breitete seine Zweige weit +aus; aber ach, sie waren alle vertrocknet und gelb, und er lag da im +Winkel zwischen Unkraut und Nesseln! Der goldene Stern saß noch oben an +der Spitze und glänzte im Sonnenschein. + +Im Hofe spielten einige von den Kindern, die zu Weihnachten den Baum +umtanzt hatten und so fröhlich gewesen waren. Eins lief hin und riß den +Goldstern ab. + +»Sieh, was da noch an dem alten, häßlichen Tannenbaum sitzt!« sagte es +und trat auf die Zweige, so daß sie unter seinen Stiefeln knackten. + +Und der Baum sah all die prachtvollen Pflanzen und Bäume im Garten, +betrachtete sich dann selbst und wünschte, daß er in seinem dunkeln +Winkel auf dem Boden liegen geblieben wäre; er dachte an seine frische +Jugend im Walde, an den lustigen Weihnachtsabend und an die kleinen +Mäuse, die so gerne die Geschichte von Klumpe-Dumpe angehört hatten. + +»Vorbei! vorbei!« seufzte der arme Baum. »Hätte ich mich doch gefreut, +als ich es noch konnte! Vorbei! Vorbei!« + +Und der Knecht kam und hieb den Baum in viele kleine Stücke; ein ganzer +Haufen lag da; ein großes Bündel wurde daraus gemacht und in die Küche +getragen; hell flackerte es auf unter dem großen Braukessel. Der Baum +seufzte tief, und jeder Seufzer glich einem kleinen Schusse. Deshalb +liefen die Kinder herbei und setzten sich vor das Feuer, blickten +in dasselbe hinein und riefen: »Piff! Paff!« Aber bei jedem Knalle, +der ein tiefer Seufzer war, dachte der Baum an einen Sommertag im +Walde oder an eine Winternacht, wenn die Sterne so hell funkelten; +er dachte an den Weihnachtsabend und an Klumpe-Dumpe, das einzige +Märchen, welches er gehört hatte und zu erzählen wußte, und dann war er +verbrannt. + +Die Knaben spielten im Garten, und der kleinste steckte an die Brust +den Goldstern, den der Baum an seinem glücklichsten Abend getragen +hatte. Aber der war vorbei, und mit dem Baum war es auch vorbei! + +Vorbei! vorbei! So geht es mit allen Geschichten. + + Hans Christian Andersen + + + + +Gefunden + + + Ich ging im Walde + So für mich hin, + Und nichts zu suchen, + Das war mein Sinn. + + Im Schatten sah ich + Ein Blümchen stehn, + Wie Sterne leuchtend, + Wie Äuglein schön. + + Ich wollt es brechen, + Da sagt es fein: + Soll ich zum Welken + Gebrochen sein? + + Ich grub’s mit allen + Den Würzlein aus, + Zum Garten trug ich’s + Am hübschen Haus. + + Und pflanzt es wieder + Am stillen Ort; + Nun zweigt es immer + Und blüht so fort. + + Wolfgang von Goethe + + + + +Ein kleines Nest + + + Ein kleines Nest, o sagt mir an, + Was uns so herzig rührt daran? + Ein Halmenkranz ist es doch bloß, + Ein Züpflein Gras, ein Flöcklein Moos, + Darin ein Blatt, ein Borkenstück + Und – eine ganze Welt voll Glück. + + Julius Lohmeyer + + + + +Das Blatt im Buche + + + Ich hab eine alte Muhme, + Die ein altes Büchlein hat, + Es liegt in dem alten Buche + Ein altes, dürres Blatt. + + So dürr sind wohl auch die Hände, + Die einst im Lenz ihr’s gepflückt. + Was mag doch die Alte haben? + Sie weint, so oft sie’s erblickt. + + Anastasius Grün + + + + +Wanderers Nachtlied + + + Über allen Gipfeln + Ist Ruh; + In allen Wipfeln + Spürest du + Kaum einen Hauch; + Die Vögelein schweigen im Walde. + Warte nur, balde + Ruhest du auch. + + Wolfgang von Goethe + + + + +Abschied + + + O Täler weit, o Höhen, + O schöner grüner Wald, + Du meiner Lust und Wehen + Andächt’ger Aufenthalt! + Da draußen, stets betrogen, + Saust die geschäftige Welt, + Schlag noch einmal die Bogen + Um mich, du grünes Zelt! + + Wenn es beginnt zu tagen, + Die Erde dampft und blinkt, + Die Vögel lustig schlagen, + Daß dir dein Herz erklingt: + Da mag vergehn, verwehen + Das trübe Erdenleid, + Da sollst du auferstehen + In junger Herrlichkeit! + + Da steht im Wald geschrieben + Ein stilles, ernstes Wort + Von rechtem Tun und Lieben + Und was des Menschen Hort. + Ich habe treu gelesen + Die Worte schlicht und wahr, + Und durch mein ganzes Wesen + Ward’s unaussprechlich klar. + + Bald werd ich dich verlassen, + Fremd in die Fremde gehn, + Auf buntbewegten Gassen + Des Lebens Schauspiel sehn; + Und mitten in dem Leben + Wird deines Ernsts Gewalt + Mich Einsamen erheben: + So wird mein Herz nicht alt. + + Joseph von Eichendorff + + + + +Inhalt + + + Seite + + Geleitspruch des deutschen Spielmanns 3 + + Gegrüßt, gegrüßt, ihr trauten Waldeshallen! [Avenarius] 4 + + Jetzt rede du! [Meyer] 4 + + Erster Mai [Greif] 4 + + Der Herr des Waldes [Sergel] 5 + + Morgens im Walde [Ebert] 5 + + Die Waldkapelle [Scherer] 6 + + Waldesstimme [Hille] 6 + + Waldandacht [Weber] 7 + + Mittag [Fontane] 7 + + Schneeweißchen und Rosenrot [Grimm] 8 + + Im Wald [Strauß-Torney] 14 + + Waldeinsamkeit [Eichendorff] 14 + + Nachts [Eichendorff] 15 + + Das Abenteuer im Walde [Trojan] 16 + + Was den Kindern im Walde passiert ist [Trojan] 20 + + Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt [Rückert] 22 + + Das Häslein [Morgenstern] 27 + + Waldabenteuer [Weber] 28 + + Der weiße Hirsch [Uhland] 31 + + Der Schütze [Schiller] 31 + + Im Waldhof [Tielo] 32 + + Sterben [Gagern] 33 + + Auf der Wacht [Rosegger] 37 + + Mondwanderung [Reinick] 45 + + Wo Bismarck liegen soll [Fontane] 46 + + Als die hellen Nächte waren [Rosegger] 46 + + Waldkonzert [Dieffenbach] 51 + + Jüngst sah ich den Wind [Holz] 51 + + Schlechtes Wetter [Langewiesche] 52 + + Waldlieder [Keller] 53 + + Gewitter im Walde [Scherer] 54 + + Nach dem Gewitter [Waldburg] 55 + + Regen [Schlaf] 56 + + Durchlaucht [Gumppenberg] 56 + + Bei den Holzern [Rosegger] 57 + + In der Stadt [Keller] 58 + + Herbstlicher Wald [Lenau] 59 + + Novembersonnenschein [Löns] 59 + + Herbstgold [Avenarius] 64 + + Die Zeit der schweren Not [Löns] 65 + + Am Futterplatz [Blüthgen] 69 + + Fichtennadelduft [Seidel] 70 + + Der vereisete Wald [Stifter] 73 + + Winter im Hochwald [Wolf] 76 + + Der Tannenbaum [Andersen] 76 + + Gefunden [Goethe] 84 + + Ein kleines Nest [Lohmeyer] 85 + + Das Blatt im Buche [Grün] 85 + + Wanderers Nachtlied [Goethe] 85 + + Abschied [Eichendorff] 86 + + + + +Der deutsche Spielmann + + +herausgegeben von _Ernst Weber_, eine großangelegte Auswahl aus dem +Schatze deutscher Dichtung für Jugend und Volk, schöpft aus dem Besten +deutscher Erzählungs- und Verskunst unter Beschränkung auf das Volks- +und Jugendtümliche. Die Sammlung gliedert sich in 40 Einzelbände, +von denen jeder ein in sich geschlossenes Ganzes bildet und von +einem Künstler illustriert ist, dessen Eigenart dem Charakter des +jeweiligen Stoffgebietes ungezwungenen Ausdruck verleiht. Die Sammlung +eignet sich wie kaum ein zweites Werk zur Anschaffung für öffentliche +Bibliotheken, als Mittel zur Belebung des Schulunterrichts und für die +Familienbücherei. _Der deutsche Spielmann hofft, zum eisernen Bestand +jeder Volks- und Jugendbücherei zu werden._ Er huldigt ja nicht einer +vorübergehenden Mode des Tages. Er schöpft aus dem aufgespeicherten +Schatz der Jahrhunderte und wird darum auch seine Geltung für das +Jahrhundert behalten. + + + Bd. 1 Kindheit (E. Kreidolf) + Bd. 2 Wanderer (J. V. Cissarz) + Bd. 3 Wald (W. Weingärtner) + Bd. 4 Hochland (Franz Hoch) + Bd. 5 Meer (J. V. Cissarz) + Bd. 6 Helden (W. Weingärtner) + Bd. 7 Schalk (Julius Diez) + Bd. 8 Legenden (G. A. Stroedel) + Bd. 9 Arbeiter (Gg. O. Erler) + Bd. 10 Soldaten (Gg. O. Erler) + Bd. 11 Sänger (Hans Röhm) + Bd. 12 Frühling (H. v. Volkmann) + Bd. 13 Sommer (Edmund Steppes) + Bd. 14 Herbst (Karl Biese) + Bd. 15 Winter (Karl Biese) + Bd. 16 Gute alte Zeit (Rud. Schiestl) + Bd. 17 Himmel und Hölle (Jul. Diez) + Bd. 18 Stadt u. Land (J. V. Cissarz) + Bd. 19 Bach u. Strom (E. Liebermann) + Bd. 20 Heide (Adalbert Holzer) + Bd. 21 Arme und Reiche (J. Widnmann) + Bd. 22 Abenteurer (Rud. Schiestl) + Bd. 23 Germanentum (H. Röhm) + Bd. 24 Mittelalter (H. Schroedter) + Bd. 25 Zeit der Wandlungen (C. Roesch) + Bd. 26 Neuzeit (Angelo Jank) + Bd. 27 Gespenster (Julius Diez) + Bd. 28 Tod (Matthäus Schiestl) + Bd. 29 Blumen und Bäume (R. Sieck) + Bd. 30 Nordland (Rudolf Koch-Hanau) + Bd. 31 Italien (Hans Volkert) + Bd. 32 Hellas (Karl Bauer) + Bd. 33 Fremde Zonen (H. Volkert) + Bd. 34 Vaterland (W. Roegge jun.) + Bd. 35 Tierwelt (Ludwig Werner) + Bd. 36 Menschenherzen (Rud. Schiestl) + Bd. 37 Glück und Trost (H. Schwegerle) + Bd. 38 Tag und Nacht (Otto Bauriedl) + Bd. 39 Riesen und Zwerge (R. Schiestl) + Bd. 40 Fabelreich (Ernst Weber) + +Hinter den Bandtiteln steht der Name des illustrierenden Künstlers in +Klammern. + +Auch die je vier Bände vereinigenden Sammelbände in schönem farbigen +Ganzleinenband wurden wiederum neu ausgegeben: »Deutsches Jahr«, +»Deutsche Gestalten«, »Deutsche Natur«, »Deutsche Heimat«, »Deutsches +Land«, »Deutsches Volk«, »Deutsches Leben«, »Deutsche Geschichte«, +»Deutscher Glaube« und »Fremde Welt«. + + + + + Weitere Anmerkungen zur Transkription + + + Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75267 *** |
