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Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg2000.de erreichbar. + + + + +Heidis Lehr- und Wanderjahre + +Johanna Spyri + + +Inhalt + +1 Zum Alm-Oehi hinauf +2 Beim Grossvater +3 Auf der Weide +4 Bei der Grossmutter +5 Es kommt ein Besuch und dann noch einer, der mehr Folgen hat +6 Ein neues Kapitel und lauter neue Dinge +7 Fraeulein Rottenmeier hat einen unruhigen Tag +8 Im Hause Sesemann geht's unruhig zu +9 Der Hausherr hoert allerlei in seinem Hause, das er noch nicht gehoert hat +10 Eine Grossmama +11 Heidi nimmt auf einer Seite zu und auf der anderen ab +12 Im Hause Sesemann spukt's +13 Am Sommerabend die Alm hinan +14 Am Sonntag, wenn's laeutet + + + + +Zum Alm-Oehi hinauf + +Vom freundlichen Dorfe Maienfeld fuehrt ein Fussweg durch gruene, +baumreiche Fluren bis zum Fusse der Hoehen, die von dieser Seite gross +und ernst auf das Tal herniederschauen. Wo der Fussweg anfaengt, +beginnt bald Heideland mit dem kurzen Gras und den kraeftigen +Bergkraeutern dem Kommenden entgegenzuduften, denn der Fussweg geht +steil und direkt zu den Alpen hinauf. + +Auf diesem schmalen Bergpfade stieg am hellen, sonnigen Junimorgen +ein grosses, kraeftig aussehendes Maedchen dieses Berglandes hinan, +ein Kind an der Hand fuehrend, dessen Wangen so gluehend waren, dass +sie selbst die sonnverbrannte, voellig braune Haut des Kindes +flammend rot durchleuchteten. Es war auch kein Wunder: Das Kind +war trotz der heissen Junisonne so verpackt, als haette es sich eines +bitteren Frostes zu erwehren. Das kleine Maedchen mochte kaum fuenf +Jahre zaehlen; was aber seine natuerliche Gestalt war, konnte man +nicht ersehen, denn es hatte sichtlich zwei, wenn nicht drei +Kleider uebereinander angezogen und drueberhin ein grosses, rotes +Baumwolltuch um und um gebunden, so dass die kleine Person eine +voellig formlose Figur darstellte, die, in zwei schwere, mit Naegeln +beschlagene Bergschuhe gesteckt, sich heiss und muehsam den Berg +hinaufarbeitete. Eine Stunde vom Tal aufwaerts mochten die beiden +gestiegen sein, als sie zu dem Weiler kamen, der auf halber Hoehe +der Alm liegt und 'im Doerfli' heisst. Hier wurden die +Wandernden fast von jedem Hause aus angerufen, einmal vom Fenster, +einmal von einer Haustuer und einmal vom Wege her, denn das Maedchen +war in seinem Heimatort angelangt. Es machte aber nirgends Halt, +sondern erwiderte alle zugerufenen Gruesse und Fragen im Vorbeigehen, +ohne still zu stehen, bis es am Ende des Weilers bei dem letzten +der zerstreuten Haeuschen angelangt war. Hier rief es aus einer Tuer: +"Wart einen Augenblick, Dete, ich komme mit, wenn du weiter +hinaufgehst." + +Die Angeredete stand still; sofort machte sich das Kind von ihrer +Hand los und setzte sich auf den Boden. + +"Bist du muede, Heidi?", fragte die Begleiterin. + +"Nein, es ist mir heiss", entgegnete das Kind. + +"Wir sind jetzt gleich oben, du musst dich nur noch ein wenig +anstrengen und grosse Schritte nehmen, dann sind wir in einer Stunde +oben", ermunterte die Gefaehrtin. + +Jetzt trat eine breite gutmuetig aussehende Frau aus der Tuer und +gesellte sich zu den beiden. Das Kind war aufgestanden und +wanderte nun hinter den zwei alten Bekannten her, die sofort in ein +lebhaftes Gespraech gerieten ueber allerlei Bewohner des 'Doerfli' und +vieler umherliegender Behausungen. + +"Aber wohin willst du eigentlich mit dem Kinde, Dete?", fragte +jetzt die neu Hinzugekommene. "Es wird wohl deiner Schwester Kind +sein, das hinterlassene." + +"Das ist es", erwiderte Dete, "ich will mit ihm hinauf zum Oehi, es +muss dort bleiben." + +"Was, beim Alm-Oehi soll das Kind bleiben? Du bist, denk ich, nicht +recht bei Verstand, Dete! Wie kannst du so etwas tun! Der Alte +wird dich aber schon heimschicken mit deinem Vorhaben!" + +"Das kann er nicht, er ist der Grossvater, er muss etwas tun, ich +habe das Kind bis jetzt gehabt, und das kann ich dir schon sagen, +Barbel, dass ich einen Platz, wie ich ihn jetzt haben kann, nicht +dahinten lasse um des Kindes willen; jetzt soll der Grossvater das +Seinige tun." + +"Ja, wenn der waere wie andere Leute, dann schon", bestaetigte die +kleine Barbel eifrig; "aber du kennst ja den. Was wird der mit +einem Kinde anfangen und dann noch einem so kleinen! Das haelt's +nicht aus bei ihm! Aber wo willst du denn hin?" + +"Nach Frankfurt", erklaerte Dete, "da bekomm ich einen extraguten +Dienst. Die Herrschaft war schon im vorigen Sommer unten im Bad, +ich habe ihre Zimmer auf meinem Gang gehabt und sie besorgt, und +schon damals wollten sie mich mitnehmen, aber ich konnte nicht +fortkommen, und jetzt sind sie wieder da und wollen mich mitnehmen, +und ich will auch gehen, da kannst du sicher sein." + +"Ich moechte nicht das Kind sein!", rief die Barbel mit abwehrender +Gebaerde aus. "Es weiss ja kein Mensch, was mit dem Alten da oben +ist! Mit keinem Menschen will er etwas zu tun haben, jahraus, +jahrein setzt er keinen Fuss in eine Kirche, und wenn er mit seinem +dicken Stock im Jahr einmal herunterkommt, so weicht ihm alles aus +und muss sich vor ihm fuerchten. Mit seinen dicken grauen +Augenbrauen und dem furchtbaren Bart sieht er auch aus wie ein +alter Heide und Indianer, dass man froh ist, wenn man ihm nicht +allein begegnet." + +"Und wenn auch", sagte Dete trotzig, "er ist der Grossvater und muss +fuer das Kind sorgen, er wird ihm wohl nichts tun, sonst hat er's zu +verantworten, nicht ich." + +"Ich moechte nur wissen", sagte die Barbel forschend, "was der Alte +auf dem Gewissen hat, dass er solche Augen macht und so +mutterseelenallein da droben auf der Alm bleibt und sich fast nie +blicken laesst. Man sagt allerhand von ihm; du weisst doch gewiss +auch etwas davon, von deiner Schwester, nicht, Dete?" + +"Freilich, aber ich rede nicht; wenn er's hoerte, so kaeme ich schoen +an!" + +Aber die Barbel haette schon lange gern gewusst, wie es sich mit dem +Alm-Oehi verhalte, dass er so menschenfeindlich aussehe und da oben +ganz allein wohne und die Leute immer so mit halben Worten von ihm +redeten, als fuerchteten sie sich, gegen ihn zu sein, und wollten +doch nicht fuer ihn sein. Auch wusste die Barbel gar nicht, warum +der Alte von allen Leuten im Doerfli der Alm-Oehi genannt wurde, er +konnte doch nicht der wirkliche Oheim von den saemtlichen Bewohnern +sein; da aber alle ihn so nannten, tat sie es auch und nannte den +Alten nie anders als Oehi, was die Aussprache der Gegend fuer Oheim +ist. Die Barbel hatte sich erst vor kurzer Zeit nach dem Doerfli +hinauf verheiratet, vorher hatte sie unten im Praettigau gewohnt, +und so war sie noch nicht so ganz bekannt mit allen Erlebnissen und +besonderen Persoenlichkeiten aller Zeiten vom Doerfli und der +Umgegend. Die Dete, ihre gute Bekannte, war dagegen vom Doerfli +gebuertig und hatte da gelebt mit ihrer Mutter bis vor einem Jahr; +da war diese gestorben, und die Dete war nach dem Bade Ragaz +hinuebergezogen, wo sie im grossen Hotel als Zimmermaedchen einen +guten Verdienst fand. Sie war auch an diesem Morgen mit dem Kinde +von Ragaz hergekommen; bis Maienfeld hatte sie auf einem Heuwagen +fahren koennen, auf dem ein Bekannter von ihr heimfuhr und sie und +das Kind mitnahm. --Die Barbel wollte also diesmal die gute +Gelegenheit, etwas zu vernehmen, nicht unbenutzt vorbeigehen lassen; +sie fasste vertraulich die Dete am Arm und sagte: "Von dir kann +man doch vernehmen, was wahr ist und was die Leute darueber hinaus +sagen; du weisst, denk ich, die ganze Geschichte. Sag mir jetzt ein +wenig, was mit dem Alten ist und ob der immer so gefuerchtet und ein +solcher Menschenhasser war." + +"Ob er immer so war, kann ich, denk ich, nicht praezis wissen, ich +bin jetzt sechsundzwanzig und er sicher siebzig Jahr alt; so hab +ich ihn nicht gesehen, wie er jung war, das wirst du nicht erwarten. +Wenn ich aber wuesste, dass es nachher nicht im ganzen Praettigau +herumkaeme, so koennte ich dir schon allerhand erzaehlen von ihm; +meine Mutter war aus dem Domleschg und er auch." + +"A bah, Dete, was meinst denn?", gab die Barbel ein wenig beleidigt +zurueck; "es geht nicht so streng mit dem Schwatzen im Praettigau, +und dann kann ich schon etwas fuer mich behalten, wenn es sein muss. +Erzaehl mir's jetzt, es muss dich nicht gereuen." + +"Ja nu, so will ich, aber halt Wort!", mahnte die Dete. Erst sah +sie sich aber um, ob das Kind nicht zu nah sei und alles anhoere, +was sie sagen wollte; aber das Kind war gar nicht zu sehen, es +musste schon seit einiger Zeit den beiden Begleiterinnen nicht mehr +gefolgt sein, diese hatten es aber im Eifer der Unterhaltung nicht +bemerkt. Dete stand still und schaute sich ueberall um. Der Fussweg +machte einige Kruemmungen, doch konnte man ihn fast bis zum Doerfli +hinunter uebersehen, es war aber niemand darauf sichtbar. + +"Jetzt seh ich's", erklaerte die Barbel; "siehst du dort?", und sie +wies mit dem Zeigefinger weitab vom Bergpfad. "Es klettert die +Abhaenge hinauf mit dem Geissenpeter und seinen Geissen. Warum der +heut so spaet hinauffaehrt mit seinen Tieren? Es ist aber gerad +recht, er kann nun zu dem Kinde sehen, und du kannst mir umso +besser erzaehlen." + +"Mit dem Nach-ihm-Sehen muss sich der Peter nicht anstrengen", +bemerkte die Dete; "es ist nicht dumm fuer seine fuenf Jahre, es tut +seine Augen auf und sieht, was vorgeht, das hab ich schon bemerkt +an ihm, und es wird ihm einmal zugut kommen, denn der Alte hat gar +nichts mehr als seine zwei Geissen und die Almhuette." + +"Hat er denn einmal mehr gehabt?", fragte die Barbel. + +"Der? Ja, das denk ich, dass er einmal mehr gehabt hat", +entgegnete eifrig die Dete; "eins der schoensten Bauerngueter im +Domleschg hat er gehabt. Er war der aeltere Sohn und hatte nur noch +einen Bruder, der war still und ordentlich. Aber der Aeltere wollte +nichts tun, als den Herrn spielen und im Lande herumfahren und mit +boesem Volk zu tun haben, das niemand kannte. Den ganzen Hof hat er +verspielt und verzecht, und wie es herauskam, da sind sein Vater +und seine Mutter hintereinander gestorben vor lauter Gram, und der +Bruder, der nun auch am Bettelstab war, ist vor Verdruss in die +Welt hinaus, es weiss kein Mensch wohin, und der Oehi selber, als er +nichts mehr hatte als einen boesen Namen, ist auch verschwunden. +Erst wusste niemand wohin, dann vernahm man, er sei unter das +Militaer gegangen nach Neapel, und dann hoerte man nichts mehr von +ihm zwoelf oder fuenfzehn Jahre lang. Dann auf einmal erschien er +wieder im Domleschg mit einem halb erwachsenen Buben und wollte +diesen in der Verwandtschaft unterzubringen suchen. Aber es +schlossen sich alle Tueren vor ihm, und keiner wollte mehr etwas von +ihm wissen. Das erbitterte ihn sehr; er sagte, ins Domleschg setze +er keinen Fuss mehr, und dann kam er hierher ins Doerfli und lebte da +mit dem Buben. Die Frau muss eine Buendnerin gewesen sein, die er +dort unten getroffen und dann bald wieder verloren hatte. Er +musste noch etwas Geld haben, denn er liess den Buben, den Tobias, +ein Handwerk erlernen, Zimmermann, und der war ein ordentlicher +Mensch und wohlgelitten bei allen Leuten im Doerfli. Aber dem Alten +traute keiner, man sagte auch, er sei von Neapel desertiert, es +waere ihm sonst schlimm gegangen, denn er habe einen erschlagen, +natuerlich nicht im Krieg, verstehst du, sondern beim Raufhandel. +Wir anerkannten aber die Verwandtschaft, da meiner Mutter +Grossmutter mit seiner Grossmutter Geschwisterkind gewesen war. So +nannten wir ihn Oehi, und da wir fast mit allen Leuten im Doerfli +wieder verwandt sind vom Vater her, so nannten ihn diese alle auch +Oehi, und seit er dann auf die Alm hinaufgezogen war, hiess er eben +nur noch der 'Alm-Oehi'." + +"Aber wie ist es dann mit dem Tobias gegangen?", fragte gespannt +die Barbel. + +"Wart nur, das kommt schon, ich kann nicht alles auf einmal sagen", +erklaerte Dete. "Also der Tobias war in der Lehre draussen in Mels, +und sowie er fertig war, kam er heim ins Doerfli und nahm meine +Schwester zur Frau, die Adelheid, denn sie hatten sich schon immer +gern gehabt, und auch wie sie nun verheiratet waren, konnten sie's +sehr gut zusammen. Aber es ging nicht lange. Schon zwei Jahre +nachher, wie er an einem Hausbau mithalf, fiel ein Balken auf ihn +herunter und schlug ihn tot. Und wie man den Mann so entstellt +nach Hause brachte, da fiel die Adelheid vor Schrecken und Leid in +ein heftiges Fieber und konnte sich nicht mehr erholen, sie war +sonst nicht sehr kraeftig und hatte manchmal so eigene Zustaende +gehabt, dass man nicht recht wusste, schlief sie oder war sie wach. +Nur ein paar Wochen, nachdem der Tobias tot war, begrub man auch +die Adelheid. Da sprachen alle Leute weit und breit von dem +traurigen Schicksal der beiden, und leise und laut sagten sie, das +sei die Strafe, die der Oehi verdient habe fuer sein gottloses Leben, +und ihm selbst wurde es gesagt und auch der Herr Pfarrer redete ihm +ins Gewissen, er sollte doch jetzt Busse tun, aber er wurde nur +immer grimmiger und verstockter und redete mit niemandem mehr, es +ging ihm auch jeder aus dem Wege. Auf einmal hiess es, der Oehi sei +auf die Alm hinaufgezogen und komme gar nicht mehr herunter, und +seither ist er dort und lebt mit Gott und Menschen im Unfrieden. +Das kleine Kind der Adelheid nahmen wir zu uns, die Mutter und ich; +es war ein Jahr alt. Wie nun im letzten Sommer die Mutter starb +und ich im Bad drunten etwas verdienen wollte, nahm ich es mit und +gab es der alten Ursel oben im Pfaefferserdorf in die Kost. Ich +konnte auch im Winter im Bad bleiben, es gab allerhand Arbeit, weil +ich zu naehen und flicken verstehe, und frueh im Fruehling kam die +Herrschaft aus Frankfurt wieder, die ich voriges Jahr bedient hatte +und die mich mitnehmen will; uebermorgen reisen wir ab, und der +Dienst ist gut, das kann ich dir sagen." + +"Und dem Alten da droben willst du nun das Kind uebergeben? Es +nimmt mich nur wunder, was du denkst, Dete", sagte die Barbel +vorwurfsvoll. + +"Was meinst du denn?", gab Dete zurueck. "Ich habe das Meinige an +dem Kinde getan, und was sollte ich denn mit ihm machen? Ich denke, +ich kann eines, das erst fuenf Jahre alt wird, nicht mit nach +Frankfurt nehmen. Aber wohin gehst du eigentlich, Barbel, wir sind +ja schon halbwegs auf der Alm?" + +"Ich bin auch gleich da, wo ich hinmuss", entgegnete die Barbel; +"ich habe mit der Geissenpeterin zu reden, sie spinnt mir im Winter. +So leb wohl, Dete, mit Glueck!" + +Dete reichte der Begleiterin die Hand und blieb stehen, waehrend +diese der kleinen, dunkelbraunen Almhuette zuging, die einige +Schritte seitwaerts vom Pfad in einer Mulde stand, wo sie vor dem +Bergwind ziemlich geschuetzt war. Die Huette stand auf der halben +Hoehe der Alm, vom Doerfli aus gerechnet, und dass sie in einer +kleinen Vertiefung des Berges stand, war gut, denn sie sah so +baufaellig und verfallen aus, dass es auch so noch ein gefaehrliches +Darinwohnen sein musste, wenn der Foehnwind so maechtig ueber die +Berge strich, dass alles an der Huette klapperte, Tueren und Fenster, +und alle die morschen Balken zitterten und krachten. Haette die +Huette an solchen Tagen oben auf der Alm gestanden, sie waere +unverzueglich ins Tal hinabgeweht worden. + +Hier wohnte der Geissenpeter, der elfjaehrige Bube, der jeden Morgen +unten im Doerfli die Geissen holte, um sie hoch auf die Alm +hinaufzutreiben, um sie da die kurzen kraeftigen Kraeuter fressen zu +lassen bis zum Abend; dann sprang der Peter mit den leichtfuessigen +Tierchen wieder herunter, tat, im Doerfli angekommen, einen +schrillen Pfiff durch die Finger, und jeder Besitzer holte seine +Geiss auf dem Platz. Meistens kamen kleine Buben und Maedchen, denn +die friedlichen Geissen waren nicht zu fuerchten, und das war denn +den ganzen Sommer durch die einzige Zeit am Tage, da der Peter mit +seinesgleichen verkehrte; sonst lebte er nur mit den Geissen. Er +hatte zwar daheim seine Mutter und die blinde Grossmutter; aber da +er immer am Morgen sehr frueh fortmusste und am Abend vom Doerfli +spaet heimkam, weil er sich da noch so lange als moeglich mit den +Kindern unterhalten musste, so verbrachte er daheim nur gerade so +viel Zeit, um am Morgen seine Milch und Brot und am Abend +ebendasselbe hinunterzuschlucken und dann sich aufs Ohr zu legen +und zu schlafen. Sein Vater, der auch schon der Geissenpeter +genannt worden war, weil er in frueheren Jahren in demselben Berufe +gestanden hatte, war vor einigen Jahren beim Holzfaellen verunglueckt. +Seine Mutter, die zwar Brigitte hiess, wurde von jedermann um des +Zusammenhangs willen die Geissenpeterin genannt, und die blinde +Grossmutter kannten weit und breit Alt und Jung nur unter dem Namen +Grossmutter. + +Die Dete hatte wohl zehn Minuten gewartet und sich nach allen +Seiten umgesehen, ob die Kinder mit den Geissen noch nirgends zu +sehen seien; als dies aber nicht der Fall war, so stieg sie noch +ein wenig hoeher, wo sie besser die ganze Alm bis hinunter uebersehen +konnte, und guckte nun von hier aus bald dahin, bald dorthin mit +Zeichen grosser Ungeduld auf dem Gesicht und in den Bewegungen. +Unterdessen rueckten die Kinder auf einem grossen Umwege heran, denn +der Peter wusste viele Stellen, wo allerhand Gutes an Straeuchern +und Gebueschen fuer seine Geissen zu nagen war; darum machte er mit +seiner Herde vielerlei Wendungen auf dem Wege. Erst war das Kind +muehsam nachgeklettert, in seiner schweren Ruestung vor Hitze und +Unbequemlichkeit keuchend und alle Kraefte anstrengend. Es sagte +kein Wort, blickte aber unverwandt bald auf den Peter, der mit +seinen nackten Fuessen und leichten Hoeschen ohne alle Muehe hin und +her sprang, bald auf die Geissen, die mit den duennen, schlanken +Beinchen noch leichter ueber Busch und Stein und steile Abhaenge +hinaufkletterten. Auf einmal setzte das Kind sich auf den Boden +nieder, zog mit grosser Schnelligkeit Schuhe und Struempfe aus, stand +wieder auf, zog sein rotes, dickes Halstuch weg, machte sein +Roeckchen auf, zog es schnell aus und hatte gleich noch eins +auszuhaekeln, denn die Base Dete hatte ihm das Sonntagskleidchen +ueber das Alltagszeug angezogen, um der Kuerze willen, damit niemand +es tragen muesse. Blitzschnell war auch das Alltagsroecklein weg, +und nun stand das Kind im leichten Unterroeckchen, die blossen Arme +aus den kurzen Hemdaermelchen vergnueglich in die Luft +hinausstreckend. Dann legte es schoen alles auf ein Haeufchen, und +nun sprang und kletterte es hinter den Geissen und neben dem Peter +her, so leicht als nur eines aus der ganzen Gesellschaft. Der +Peter hatte nicht Acht gegeben, was das Kind mache, als es +zurueckgeblieben war. Wie es nun in der neuen Bekleidung +nachgesprungen kam, zog er lustig grinsend das ganze Gesicht +auseinander und schaute zurueck, und wie er unten das Haeuflein +Kleider liegen sah, ging sein Gesicht noch ein wenig mehr +auseinander, und sein Mund kam fast von einem Ohr bis zum anderen; +er sagte aber nichts. Wie nun das Kind sich so frei und leicht +fuehlte, fing es ein Gespraech mit dem Peter an, und er fing auch an +zu reden und musste auf vielerlei antworten, denn das Kind wollte +wissen, wie viele Geissen er habe und wohin er mit ihnen gehe und +was er dort tue, wo er hinkomme. So langten endlich die Kinder +samt den Geissen oben bei der Huette an und kamen der Base Dete zu +Gesicht. Kaum aber hatte diese die herankletternde Gesellschaft +erblickt, als sie laut aufschrie: "Heidi, was machst du? Wie +siehst du aus? Wo hast du deinen Rock und den zweiten und das +Halstuch? Und ganz neue Schuhe habe ich dir gekauft auf den Berg +und dir neue Struempfe gemacht, und alles fort! Alles fort! Heidi, +was machst du, wo hast du alles?" + +Das Kind zeigte ruhig den Berg hinunter und sagte: "Dort!" Die Base +folgte seinem Finger. Richtig, dort lag etwas und obenauf war ein +roter Punkt, das musste das Halstuch sein. + +"Du Unglueckstropf!", rief die Base in grosser Aufregung. "Was kommt +dir denn in den Sinn, warum hast du alles ausgezogen? Was soll das +sein?" + +"Ich brauch es nicht", sagte das Kind und sah gar nicht reuevoll +aus ueber seine Tat. + +"Ach du unglueckseliges, vernunftloses Heidi, hast du denn auch noch +gar keine Begriffe?", jammerte und schalt die Base weiter. "Wer +sollte nun wieder da hinunter, es ist ja eine halbe Stunde! Komm, +Peter, lauf du mir schnell zurueck und hol das Zeug, komm schnell +und steh nicht dort und glotze mich an, als waerst du am Boden +festgenagelt." + +"Ich bin schon zu spaet", sagte Peter langsam und blieb, ohne sich +zu ruehren, auf demselben Fleck stehen, von dem aus er, beide Haende +in die Taschen gesteckt, dem Schreckensausbruch der Base zugehoert +hatte. + +"Du stehst ja doch nur und reissest deine Augen auf und kommst, denk +ich, nicht weit auf die Art!", rief ihm die Base Dete zu. "Komm +her, du musst etwas Schoenes haben, siehst du?" Sie hielt ihm ein +neues Fuenferchen hin, das glaenzte ihm in die Augen. Ploetzlich +sprang er auf und davon auf dem geradesten Weg die Alm hinunter und +kam in ungeheuren Saetzen in kurzer Zeit bei dem Haeuflein Kleider an, +packte sie auf und erschien damit so schnell, dass ihn die Base +ruehmen musste und ihm sogleich sein Fuenfrappenstueck ueberreichte. +Peter steckte es schnell tief in seine Tasche, und sein Gesicht +glaenzte und lachte in voller Breite, denn ein solcher Schatz wurde +ihm nicht oft zuteil. + +"Du kannst mir das Zeug noch tragen bis zum Oehi hinauf, du gehst ja +auch den Weg", sagte die Base Dete jetzt, indem sie sich anschickte, +den steilen Abhang zu erklimmen, der gleich hinter der Huette des +Geissenpeter emporragte. Willig uebernahm dieser den Auftrag und +folgte der Voranschreitenden auf dem Fusse nach, den linken Arm um +sein Buendel geschlungen, in der Rechten die Geissenrute schwingend. +Das Heidi und die Geissen huepften und sprangen froehlich neben ihm +her. So gelangte der Zug nach drei Viertelstunden auf die Almhoehe, +wo frei auf dem Vorsprung des Berges die Huette des alten Oehi stand, +allen Winden ausgesetzt, aber auch jedem Sonnenblick zugaenglich und +mit der vollen Aussicht weit ins Tal hinab. Hinter der Huette +standen drei alte Tannen mit dichten, langen, unbeschnittenen Aesten. +Weiter hinten ging es nochmals bergan bis hoch hinauf in die +alten, grauen Felsen, erst noch ueber schoene, kraeuterreiche Hoehen, +dann in steiniges Gestruepp und endlich zu den kahlen, steilen +Felsen hinan. + +An die Huette festgemacht, der Talseite zu, hatte sich der Oehi eine +Bank gezimmert. Hier sass er, eine Pfeife im Mund, beide Haende auf +seine Knie gelegt, und schaute ruhig zu, wie die Kinder, die Geissen +und die Base Dete herankletterten, denn die Letztere war nach und +nach von den anderen ueberholt worden. Heidi war zuerst oben; es +ging geradeaus auf den Alten zu, streckte ihm die Hand entgegen und +sagte: "Guten Abend, Grossvater!" + +"So, so, wie ist das gemeint?", fragte der Alte barsch, gab dem +Kinde kurz die Hand und schaute es mit einem langen, +durchdringenden Blick an, unter seinen buschigen Augenbrauen hervor. +Heidi gab den langen Blick ausdauernd zurueck, ohne nur einmal mit +den Augen zu zwinkern, denn der Grossvater mit dem langen Bart und +den dichten, grauen Augenbrauen, die in der Mitte zusammengewachsen +waren und aussahen wie eine Art Gestraeuch, war so verwunderlich +anzusehen, dass Heidi ihn recht betrachten musste. Unterdessen war +auch die Base herangekommen samt dem Peter, der eine Welle stille +stand und zusah, was sich da ereigne. + +"Ich wuensche Euch guten Tag, Oehi", sagte die Dete hinzutretend, +"und hier bring ich Euch das Kind vom Tobias und der Adelheid. Ihr +werdet es wohl nicht mehr kennen, denn seit es jaehrig war, habt Ihr +es nie mehr gesehen." + +"So, was muss das Kind bei mir?", fragte der Alte kurz; "und du +dort", rief er dem Peter zu, "du kannst gehen mit deinen Geissen, du +bist nicht zu frueh; nimm meine mit!" + +Der Peter gehorchte sofort und verschwand, denn der Oehi hatte ihn +angeschaut, dass er schon genug davon hatte. + +"Es muss eben bei Euch bleiben, Oehi", gab die Dete auf seine Frage +zurueck. "Ich habe, denk ich, das Meinige an ihm getan die vier +Jahre durch, es wird jetzt wohl an Euch sein, das Eurige auch +einmal zu tun." + +"So", sagte der Alte und warf einen blitzenden Blick auf die Dete. +"Und wenn nun das Kind anfaengt, dir nachzuflennen und zu winseln, +wie kleine Unvernuenftige tun, was muss ich dann mit ihm anfangen?" + +"Das ist dann Eure Sache", warf die Dete zurueck, "ich meine fast, +es habe mir auch kein Mensch gesagt, wie ich es mit dem Kleinen +anzufangen habe, als es mir auf den Haenden lag, ein einziges +Jaehrchen alt, und ich schon fuer mich und die Mutter genug zu tun +hatte. Jetzt muss ich meinem Verdienst nach, und Ihr seid der +Naechste am Kind; wenn Ihr's nicht haben koennt, so macht mit ihm, +was Ihr wollt, dann habt Ihr's zu verantworten, wenn's verdirbt, +und Ihr werdet wohl nicht noetig haben, noch etwas aufzuladen." + +Die Dete hatte kein recht gutes Gewissen bei der Sache, darum war +sie so hitzig geworden und hatte mehr gesagt, als sie im Sinn +gehabt hatte. Bei ihren letzten Worten war der Oehi aufgestanden; +er schaute sie so an, dass sie einige Schritte zurueckwich; dann +streckte er den Arm aus und sagte befehlend: "Mach, dass du +hinunterkommst, wo du heraufgekommen bist, und zeig dich nicht so +bald wieder!" Das liess sich die Dete nicht zweimal sagen. "So lebt +wohl, und du auch, Heidi", sagte sie schnell und lief den Berg +hinunter in einem Trab bis ins Doerfli hinab, denn die innere +Aufregung trieb sie vorwaerts wie eine wirksame Dampfkraft. Im +Doerfli wurde sie diesmal noch viel mehr angerufen, denn es wunderte +die Leute, wo das Kind sei; sie kannten ja alle die Dete genau und +wussten, wem das Kind gehoerte und alles, was mit ihm vorgegangen +war. Als es nun aus allen Tueren und Fenstern toente: "Wo ist das +Kind? Dete, wo hast du das Kind gelassen?", rief sie immer +unwilliger zurueck: "Droben beim Alm-Oehi! Nun, beim Alm-Oehi, ihr +hoert's ja!" + +Sie wurde aber so massleidig, weil die Frauen von allen Seiten ihr +zuriefen: "Wie kannst du so etwas tun!", und: "Das arme Troepfli!", +und: "So ein kleines Hilfloses da droben lassen!", und dann wieder +und wieder: "Das arme Troepfli!" Die Dete lief, so schnell sie +konnte, weiter und war froh, als sie nichts mehr hoerte, denn es war +ihr nicht wohl bei der Sache; ihre Mutter hatte ihr beim Sterben +das Kind noch uebergeben. Aber sie sagte sich zur Beruhigung, sie +koenne dann ja eher wieder etwas fuer das Kind tun, wenn sie nun viel +Geld verdiene, und so war sie sehr froh, dass sie bald weit von +allen Leuten, die ihr dreinredeten, weg- und zu einem schoenen +Verdienst kommen konnte. + + + + +Beim Grossvater + +Nachdem die Dete verschwunden war, hatte der Oehi sich wieder auf +die Bank hingesetzt und blies nun grosse Wolken aus seiner Pfeife; +dabei starrte er auf den Boden und sagte kein Wort. Derweilen +schaute das Heidi vergnueglich um sich, entdeckte den Geissenstall, +der an die Huette angebaut war, und guckte hinein. Es war nichts +drin. Das Kind setzte seine Untersuchungen fort und kam hinter die +Huette zu den alten Tannen. Da blies der Wind durch die Aeste so +stark, dass es sauste und brauste oben in den Wipfeln. Heidi blieb +stehen und hoerte zu. Als es ein wenig stiller wurde, ging das Kind +um die kommende Ecke der Huette herum und kam vorn wieder zum +Grossvater zurueck. Als es diesen noch in derselben Stellung +erblickte, wie es ihn verlassen hatte, stellte es sich vor ihn hin, +legte die Haende auf den Ruecken und betrachtete ihn. Der Grossvater +schaute auf. "Was willst du jetzt tun?", fragte er, als das Kind +immer noch unbeweglich vor ihm stand. + +"Ich will sehen, was du drinnen hast, in der Huette", sagte Heidi. + +"So komm!", und der Grossvater stand auf und ging voran in die Huette +hinein. + +"Nimm dort dein Buendel Kleider noch mit", befahl er im Hereintreten. + +"Das brauch ich nicht mehr", erklaerte Heidi. + +Der Alte kehrte sich um und schaute durchdringend auf das Kind, +dessen schwarze Augen gluehten in Erwartung der Dinge, die da +drinnen sein konnten. "Es kann ihm nicht an Verstand fehlen", +sagte er halblaut. "Warum brauchst du's nicht mehr?", setzte er +laut hinzu. + +"Ich will am liebsten gehen wie die Geissen, die haben ganz leichte +Beinchen." + +"So, das kannst du, aber hol das Zeug", befahl der Grossvater, "es +kommt in den Kasten." Heidi gehorchte. Jetzt machte der Alte die +Tuer auf und Heidi trat hinter ihm her in einen ziemlich grossen Raum +ein, es war der Umfang der ganzen Huette. Da stand ein Tisch und +ein Stuhl daran; in einer Ecke war des Grossvaters Schlaflager, in +einer anderen hing der grosse Kessel ueber dem Herd; auf der anderen +Seite war eine grosse Tuer in der Wand, die machte der Grossvater auf, +es war der Schrank. Da hingen seine Kleider drin und auf einem +Gestell lagen ein paar Hemden, Struempfe und Tuecher und auf einem +anderen einige Teller und Tassen und Glaeser und auf dem obersten +ein rundes Brot und geraeuchertes Fleisch und Kaese, denn in dem +Kasten war alles enthalten, was der Alm-Oehi besass und zu seinem +Lebensunterhalt gebrauchte. Wie er nun den Schrank aufgemacht +hatte, kam das Heidi schnell heran und stiess sein Zeug hinein, so +weit hinter des Grossvaters Kleider als moeglich, damit es nicht so +leicht wieder zu finden sei. Nun sah es sich aufmerksam um in dem +Raum und sagte dann: "Wo muss ich schlafen, Grossvater?" + +"Wo du willst", gab dieser zur Antwort. + +Das war dem Heidi eben recht. Nun fuhr es in alle Winkel hinein +und schaute jedes Plaetzchen aus, wo am schoensten zu schlafen waere. +In der Ecke vorueber des Grossvaters Lagerstaette war eine kleine +Leiter aufgerichtet; Heidi kletterte hinauf und langte auf dem +Heuboden an. Da lag ein frischer, duftender Heuhaufen oben, und +durch eine runde Luke sah man weit ins Tal hinab. + +"Hier will ich schlafen", rief Heidi hinunter, "hier ist's schoen! +Komm und sieh einmal, wie schoen es hier ist, Grossvater!" + +"Weiss schon", toente es von unten herauf. + +"Ich mache jetzt das Bett!", rief das Kind wieder, indem es oben +geschaeftig hin und her fuhr; "aber du musst heraufkommen und mir +ein Leintuch mitbringen, denn auf ein Bett kommt auch ein Leintuch, +und darauf liegt man." + +"So, so", sagte unten der Grossvater, und nach einer Weile ging er +an den Schrank und kramte ein wenig darin herum; dann zog er unter +seinen Hemden ein langes, grobes Tuch hervor, das musste so etwas +sein wie ein Leintuch. Er kam damit die Leiter herauf. Da war auf +dem Heuboden ein ganz artiges Bettlein zugerichtet; oben, wo der +Kopf liegen musste, war das Heu hoch aufgeschichtet, und das +Gesicht kam so zu liegen, dass es gerade auf das offene, runde Loch +traf. + +"Das ist recht gemacht", sagte der Grossvater, "jetzt wird das Tuch +kommen, aber wart noch"--damit nahm er einen guten Wisch Heu von +dem Haufen und machte das Lager doppelt so dick, damit der harte +Boden nicht durchgefuehlt werden konnte--; "so, jetzt komm her +damit." Heidi hatte das Leintuch schnell zuhanden genommen, konnte +es aber fast nicht tragen, so schwer war's; aber das war sehr gut, +denn durch das feste Zeug konnten die spitzen Heuhalme nicht +durchstechen. Jetzt breiteten die beiden miteinander das Tuch ueber +das Heu, und wo es zu breit und zu lang war, stopfte Heidi die +Enden eilfertig unter das Lager. Nun sah es recht gut und reinlich +aus, und Heidi stellte sich davor und betrachtete es nachdenklich. + +"Wir haben noch etwas vergessen, Grossvater", sagte es dann. + +"Was denn?", fragte er. + +"Eine Decke; denn wenn man ins Bett geht, kriecht man zwischen das +Leintuch und die Decke hinein." + +"So, meinst du? Wenn ich aber keine habe?", sagte der Alte. + +"Oh, dann ist's gleich, Grossvater", beruhigte Heidi, "dann nimmt +man wieder Heu zur Decke", und eilfertig wollte es gleich wieder an +den Heustock gehen, aber der Grossvater wehrte es ihm. + +"Wart einen Augenblick", sagte er, stieg die Leiter hinab und ging +an sein Lager hin. Dann kam er wieder und legte einen grossen, +schweren, leinenen Sack auf den Boden. + +"Ist das nicht besser als Heu?", fragte er. Heidi zog aus +Leibeskraeften an dem Sacke hin und her, um ihn auseinander zu legen, +aber die kleinen Haende konnten das schwere Zeug nicht bewaeltigen. +Der Grossvater half, und wie es nun ausgebreitet auf dem Bette lag, +da sah alles sehr gut und haltbar aus, und Heidi stand staunend vor +seinem neuen Lager und sagte: "Das ist eine praechtige Decke und das +ganze Bett! Jetzt wollt ich, es waere schon Nacht, so koennte ich +hineinliegen." + +"Ich meine, wir koennten erst einmal etwas essen", sagte der +Grossvater, "oder was meinst du?" Heidi hatte ueber dem Eifer des +Bettens alles andere vergessen; nun ihm aber der Gedanke ans Essen +kam, stieg ein grosser Hunger in ihm auf, denn es hatte auch heute +noch gar nichts bekommen als frueh am Morgen sein Stueck Brot und ein +paar Schlucke duennen Kaffees, und nachher hatte es die lange Reise +gemacht. So sagte Heidi ganz zustimmend: "Ja, ich mein es auch." + +"So geh hinunter, wenn wir denn einig sind", sagte der Alte und +folgte dem Kind auf dem Fuss nach. Dann ging er zum Kessel hin, +schob den grossen weg und drehte den kleinen heran, der an der Kette +hing, setzte sich auf den hoelzernen Dreifuss mit dem runden Sitz +davor hin und blies ein helles Feuer an. Im Kessel fing es an zu +sieden, und unten hielt der Alte an einer langen Eisengabel ein +grosses Stueck Kaese ueber das Feuer und drehte es hin und her, bis es +auf allen Seiten goldgelb war. Heidi hatte mit gespannter +Aufmerksamkeit zugesehen; jetzt musste ihm etwas Neues in den Sinn +gekommen sein; auf einmal sprang es weg und an den Schrank und von +da hin und her. Jetzt kam der Grossvater mit einem Topf und dem +Kaesebraten an der Gabel zum Tisch heran; da lag schon das runde +Brot darauf und zwei Teller und zwei Messer, alles schoen geordnet, +denn das Heidi hatte alles im Schrank gut wahrgenommen und wusste, +dass man das alles nun gleich zum Essen brauchen werde. + +"So, das ist recht, dass du selbst etwas ausdenkst", sagte der +Grossvater und legte den Braten auf das Brot als Unterlage; "aber es +fehlt noch etwas auf dem Tisch." + +Heidi sah, wie einladend es aus dem Topf hervordampfte, und sprang +schnell wieder an den Schrank. Da stand aber nur ein einziges +Schuesselchen. Heidi war nicht lang in Verlegenheit, dort hinten +standen zwei Glaeser; augenblicklich kam das Kind zurueck und stellte +Schuesselchen und Glas auf den Tisch. + +"Recht so; du weisst dir zu helfen; aber wo willst du sitzen?" Auf +dem einzigen Stuhl sass der Grossvater selbst. Heidi schoss +pfeilschnell zum Herd hin, brachte den kleinen Dreifuss zurueck und +setzte sich drauf. + +"Einen Sitz hast du wenigstens, das ist wahr, nur ein wenig weit +unten", sagte der Grossvater; "aber von meinem Stuhl waerst auch zu +kurz, auf den Tisch zu langen; jetzt musst aber einmal etwas haben, +so komm!" Damit stand er auf, fuellte das Schuesselchen mit Milch, +stellte es auf den Stuhl und rueckte den ganz nah an den Dreifuss hin, +so dass das Heidi nun einen Tisch vor sich hatte. Der Grossvater +legte ein grosses Stueck Brot und ein Stueck von dem goldenen Kaese +darauf und sagte: "Jetzt iss!" Er selbst setzte sich nun auf die +Ecke des Tisches und begann sein Mittagsmahl. Heidi ergriff sein +Schuesselchen und trank und trank ohne Aufenthalt, denn der ganze +Durst seiner langen Reise war ihm wieder aufgestiegen. Jetzt tat +es einen langen Atemzug--denn im Eifer des Trinkens hatte es lange +den Atem nicht holen koennen--und stellte sein Schuesselchen hin. + +"Gefaellt dir die Milch?", fragte der Grossvater. + +"Ich habe noch gar nie so gute Milch getrunken", antwortete Heidi. + +"So musst du mehr haben", und der Grossvater fuellte das Schuesselchen +noch einmal bis oben hin und stellte es vor das Kind, das +vergnueglich in sein Brot biss, nachdem es von dem weichen Kaese +darauf gestrichen, denn der war, so gebraten, weich wie Butter, und +das schmeckte ganz kraeftig zusammen, und zwischendurch trank es +seine Milch und sah sehr vergnueglich aus. Als nun das Essen zu +Ende war, ging der Grossvater in den Geissenstall hinaus und hatte da +allerhand in Ordnung zu bringen, und Heidi sah ihm aufmerksam zu, +wie er erst mit dem Besen saeuberte, dann frische Streu legte, dass +die Tierchen darauf schlafen konnten; wie er dann nach dem +Schoepfchen ging nebenan und hier runde Stoecke zurechtschnitt und an +einem Brett herumhackte und Loecher hineinbohrte und dann die runden +Stoecke hineinsteckte und aufstellte; da war es auf einmal ein Stuhl, +wie der vom Grossvater, nur viel hoeher, und Heidi staunte das Werk +an, sprachlos vor Verwunderung. + +"Was ist das, Heidi?", fragte der Grossvater. + +"Das ist mein Stuhl, weil er so hoch ist; auf einmal war er fertig", +sagte das Kind, noch in tiefem Erstaunen und Bewunderung. + +"Es weiss, was es sieht, es hat die Augen am rechten Ort", bemerkte +der Grossvater vor sich hin, als er nun um die Huette herumging und +hier einen Nagel einschlug und dort einen und dann an der Tuer etwas +zu befestigen hatte und so mit Hammer und Naegeln und Holzstuecken +von einem Ort zum anderen wanderte und immer etwas ausbesserte oder +wegschlug, je nach dem Beduerfnis. Heidi ging Schritt fuer Schritt +hinter ihm her und schaute ihm unverwandt mit der groessten +Aufmerksamkeit zu, und alles, was da vorging, war ihm sehr +kurzweilig anzusehen. + +So kam der Abend heran. Es fing staerker an zu rauschen in den +alten Tannen, ein maechtiger Wind fuhr daher und sauste und brauste +durch die dichten Wipfel. Das toente dem Heidi so schoen in die +Ohren und ins Herz hinein, dass es ganz froehlich darueber wurde und +huepfte und sprang unter den Tannen umher, als haette es eine +unerhoerte Freude erlebt. Der Grossvater stand unter der Schopftuer +und schaute dem Kind zu. Jetzt ertoente ein schriller Pfiff. Heidi +hielt an in seinen Spruengen, der Grossvater trat heraus. Von oben +herunter kam es gesprungen, Geiss um Geiss, wie eine Jagd, und +mittendrin der Peter. Mit einem Freudenruf schoss Heidi mitten in +das Rudel hinein und begruesste die alten Freunde von heute Morgen +einen um den anderen. Bei der Huette angekommen, stand alles still, +und aus der Herde heraus kamen zwei schoene, schlanke Geissen, eine +weisse und eine braune, auf den Grossvater zu und leckten seine Haende, +denn er hielt ein wenig Salz darin, wie er jeden Abend zum Empfang +seiner zwei Tierlein tat. Der Peter verschwand mit seiner Schar. +Heidi streichelte zaertlich die eine und dann die andere von den +Geissen und sprang um sie herum, um sie von der anderen Seite auch +zu streicheln, und war ganz Glueck und Freude ueber die Tierchen. +"Sind sie unser, Grossvater? Sind sie beide unser? Kommen sie in +den Stall? Bleiben sie immer bei uns?", so fragte Heidi +hintereinander in seinem Vergnuegen, und der Grossvater konnte kaum +sein stetiges "Ja, ja!" zwischen die eine und die andere Frage +hineinbringen. Als die Geissen ihr Salz aufgeleckt hatten, sagte +der Alte: "Geh und hol dein Schuesselchen heraus und das Brot." + +Heidi gehorchte und kam gleich wieder. Nun melkte der Grossvater +gleich von der Weissen das Schuesselchen voll und schnitt ein Stueck +Brot ab und sagte: "Nun iss und dann geh hinauf und schlaf! Die +Base Dete hat noch ein Buendelchen abgelegt fuer dich, da seien +Hemdlein und so etwas darin, das liegt unten im Kasten, wenn du's +brauchst; ich muss nun mit den Geissen hinein, so schlaf wohl!" + +"Gut Nacht, Grossvater! Gut Nacht--wie heissen sie, Grossvater, wie +heissen sie?", rief das Kind und lief dem verschwindenden Alten und +den Geissen nach. + +"Die Weisse heisst Schwaenli und die Braune Baerli", gab der Grossvater +zurueck. + +"Gut Nacht, Schwaenli, gut Nacht, Baerli!", rief nun Heidi noch mit +Macht, denn eben verschwanden beide in den Stall hinein. Nun +setzte sich Heidi noch auf die Bank und ass sein Brot und trank +seine Milch; aber der starke Wind wehte es fast von seinem Sitz +herunter; so machte es schnell fertig, ging dann hinein und stieg +zu seinem Bett hinauf, in dem es auch gleich nachher so fest und +herrlich schlief, als nur einer im schoensten Fuerstenbett schlafen +konnte. Nicht lange nachher, noch eh es voellig dunkel war, legte +auch der Grossvater sich auf sein Lager, denn am Morgen war er immer +schon mit der Sonne wieder draussen, und die kam sehr frueh ueber die +Berge hereingestiegen in dieser Sommerszeit. In der Nacht kam der +Wind so gewaltig, dass bei seinen Stoessen die ganze Huette erzitterte +und es in allen Balken krachte; durch den Schornstein heulte und +aechzte es wie Jammerstimmen, und in den alten Tannen draussen tobte +es mit solcher Wut, dass hier und da ein Ast niederkrachte. Mitten +in der Nacht stand der Grossvater auf und sagte halblaut vor sich +hin: "Es wird sich wohl fuerchten." Er stieg die Leiter hinauf und +trat an Heidis Lager heran. Der Mond draussen stand einmal hell +leuchtend am Himmel, dann fuhren wieder die jagenden Wolken darueber +hin und alles wurde dunkel. Jetzt kam der Mondschein eben +leuchtend durch die runde Oeffnung herein und fiel gerade auf Heidis +Lager. Es hatte sich feuerrote Backen erschlafen unter seiner +schweren Decke, und ruhig und friedlich lag es auf seinem runden +Aermchen und traeumte von etwas Erfreulichem, denn sein Gesichtchen +sah ganz wohlgemut aus. Der Grossvater schaute so lange auf das +friedlich schlafende Kind, bis der Mond wieder hinter die Wolken +trat und es dunkel wurde, dann kehrte er auf sein Lager zurueck. + + + + +Auf der Weide + +Heidi erwachte am fruehen Morgen an einem lauten Pfiff, und als es +die Augen aufschlug, kam ein goldener Schein durch das runde Loch +hereingeflossen auf sein Lager und auf das Heu daneben, dass alles +golden leuchtete ringsherum. Heidi schaute erstaunt um sich und +wusste durchaus nicht, wo es war. Aber nun hoerte es draussen des +Grossvaters tiefe Stimme, und jetzt kam ihm alles in den Sinn: Woher +es gekommen war und dass es nun auf der Alm beim Grossvater sei, +nicht mehr bei der alten Ursel, die fast nichts mehr hoerte und +meistens fror, so dass sie immer am Kuechenfenster oder am +Stubenofen gesessen hatte, wo dann auch Heidi hatte verweilen +muessen oder doch ganz in der Naehe, damit die Alte sehen konnte, wo +es war, weil sie es nicht hoeren konnte. Da war es dem Heidi +manchmal zu eng drinnen, und es waere lieber hinausgelaufen. So war +es sehr froh, als es in der neuen Behausung erwachte und sich +erinnerte, wie viel Neues es gestern gesehen hatte und was es heute +wieder alles sehen koennte, vor allem das Schwaenli und das Baerli. +Heidi sprang eilig aus seinem Bett und hatte in wenig Minuten alles +wieder angelegt, was es gestern getragen hatte, denn es war sehr +wenig. Nun stieg es die Leiter hinunter und sprang vor die Huette +hinaus. Da stand schon der Geissenpeter mit seiner Schar, und der +Grossvater brachte eben Schwaenli und Baerli aus dem Stall herbei, +dass sie sich der Gesellschaft anschlossen. Heidi lief ihm +entgegen, um ihm und den Geissen guten Tag zu sagen. + +"Willst mit auf die Weide?", fragte der Grossvater. Das war dem +Heidi eben recht, es huepfte hoch auf vor Freude. + +"Aber erst waschen und sauber sein, sonst lacht einen die Sonne aus, +wenn sie so schoen glaenzt da droben und sieht, dass du schwarz bist; +sieh, dort ist's fuer dich gerichtet." Der Grossvater zeigte auf +einen grossen Zuber voll Wasser, der vor der Tuer in der Sonne stand. +Heidi sprang hin und patschte und rieb, bis es ganz glaenzend war. +Unterdessen ging der Grossvater in die Huette hinein und rief dem +Peter zu: "Komm hierher, Geissengeneral, und bring deinen Habersack +mit." Verwundert folgte Peter dem Ruf und streckte sein Saecklein +hin, in dem er sein mageres Mittagessen bei sich trug. + +"Mach auf", befahl der Alte und steckte nun ein grosses Stueck Brot +und ein ebenso grosses Stueck Kaese hinein. Der Peter machte vor +Erstaunen seine runden Augen so weit auf als nur moeglich, denn die +beiden Stuecke waren wohl doppelt so gross wie die zwei, die er als +eignes Mittagsmahl drinnen hatte. + +"So, nun kommt noch das Schuesselchen hinein", fuhr der Oehi fort, +"denn das Kind kann nicht trinken wie du, nur so von der Geiss weg, +es kennt das nicht. Du melkst ihm zwei Schuesselchen voll zu Mittag, +denn das Kind geht mit dir und bleibt bei dir, bis du wieder +herunterkommst; gib Acht, dass es nicht ueber die Felsen +hinunterfaellt, hoerst du?"-- + +Nun kam Heidi hereingelaufen. "Kann mich die Sonne jetzt nicht +auslachen, Grossvater?", fragte es angelegentlich. Es hatte sich +mit dem groben Tuch, das der Grossvater neben dem Wasserzuber +aufgehaengt hatte, Gesicht, Hals und Arme in seinem Schrecken vor +der Sonne so erstaunlich gerieben, dass es krebsrot vor dem +Grossvater stand. Er lachte ein wenig. + +"Nein, nun hat sie nichts zu lachen", bestaetigte er. "Aber weisst +was? Am Abend, wenn du heimkommst, da gehst du noch ganz hinein in +den Zuber, wie ein Fisch; denn wenn man geht wie die Geissen, da +bekommt man schwarze Fuesse. Jetzt koennt ihr ausziehen." + +Nun ging es lustig die Alm hinan. Der Wind hatte in der Nacht das +letzte Woelkchen weggeblasen; dunkelblau schaute der Himmel von +allen Seiten hernieder, und mittendrauf stand die leuchtende Sonne +und schimmerte auf die gruene Alp, und alle die blauen und gelben +Bluemchen darauf machten ihre Kelche auf und schauten ihr froehlich +entgegen. Heidi sprang hierhin und dorthin und jauchzte vor Freude, +denn da waren ganze Trueppchen feiner, roter Himmelsschluesselchen +beieinander, und dort schimmerte es ganz blau von den schoenen +Enzianen, und ueberall lachten und nickten die zartblaetterigen, +goldenen Cystusroeschen in der Sonne. Vor Entzuecken ueber all die +flimmernden winkenden Bluemchen vergass Heidi sogar die Geissen und +auch den Peter. Es sprang ganze Strecken voran und dann auf die +Seite, denn dort funkelte es rot und da gelb und lockte Heidi auf +alle Seiten. Und ueberall brach Heidi ganze Scharen von den Blumen +und packte sie in sein Schuerzchen ein, denn es wollte sie alle mit +heimnehmen und ins Heu stecken in seiner Schlafkammer, dass es dort +werde wie hier draussen. --So hatte der Peter heut nach allen +Seiten zu gucken, und seine kugelrunden Augen, die nicht besonders +schnell hin und her gingen, hatten mehr Arbeit, als der Peter gut +bewaeltigen konnte, denn die Geissen machten es wie das Heidi: Sie +liefen auch dahin und dorthin, und er musste ueberallhin pfeifen und +rufen und seine Rute schwingen, um wieder alle die Verlaufenen +zusammenzutreiben. + +"Wo bist du schon wieder, Heidi?", rief er jetzt mit ziemlich +grimmiger Stimme. + +"Da", toente es von irgendwoher zurueck. Sehen konnte Peter niemand, +denn Heidi sass am Boden hinter einem Huegelchen, das dicht mit +duftenden Pruenellen besaet war; da war die ganze Luft umher so mit +Wohlgeruch erfuellt, dass Heidi noch nie so Liebliches eingeatmet +hatte. Es setzte sich in die Blumen hinein und zog den Duft in +vollen Zuegen ein. + +"Komm nach!", rief der Peter wieder. "Du musst nicht ueber die +Felsen hinunterfallen, der Oehi hat's verboten." + +"Wo sind die Felsen?", fragte Heidi zurueck, bewegte sich aber nicht +von der Stelle, denn der suesse Duft stroemte mit jedem Windhauch dem +Kinde lieblicher entgegen. + +"Dort oben, ganz oben, wir haben noch weit, drum komm jetzt! Und +oben am hoechsten sitzt der alte Raubvogel und kraechzt." + +Das half. Augenblicklich sprang Heidi in die Hoehe und rannte mit +seiner Schuerze voller Blumen dem Peter zu. + +"Jetzt hast genug", sagte dieser, als sie wieder zusammen +weiterkletterten; "sonst bleibst du immer stecken, und wenn du alle +nimmst, hat's morgen keine mehr." Der letzte Grund leuchtete Heidi +ein, und dann hatte es die Schuerze schon so angefuellt, dass da +wenig Platz mehr gewesen waere, und morgen mussten auch noch da sein. +So zog es nun mit dem Peter weiter, und die Geissen gingen nun +alle geregelter, denn sie rochen die guten Kraeuter von dem hohen +Weideplatz schon von fern und strebten nun ohne Aufenthalt dahin. +Der Weideplatz, wo Peter gewoehnlich Halt machte mit seinen Geissen +und sein Quartier fuer den Tag aufschlug, lag am Fusse der hohen +Felsen, die, erst noch von Gebuesch und Tannen bedeckt, zuletzt ganz +kahl und schroff zum Himmel hinaufragen. An der einen Seite der +Alp ziehen sich Felsenkluefte weit hinunter und der Grossvater hatte +Recht, davor zu warnen. Als nun dieser Punkt der Hoehe erreicht war, +nahm Peter seinen Sack ab und legte ihn sorgfaeltig in eine kleine +Vertiefung des Bodens hinein, denn der Wind kam manchmal in starken +Stoessen dahergefahren, und den kannte Peter und wollte seine +kostbare Habe nicht den Berg hinunterrollen sehen; dann streckte er +sich lang und breit auf den sonnigen Weideboden hin, denn er musste +sich nun von der Anstrengung des Steigens erholen. + +Heidi hatte unterdessen sein Schuerzchen losgemacht und schoen fest +zusammengerollt mit den Blumen darin zum Proviantsack in die +Vertiefung hineingelegt, und nun setzte es sich neben den +ausgestreckten Peter hin und schaute um sich. Das Tal lag weit +unten im vollen Morgenglanz; vor sich sah Heidi ein grosses, weites +Schneefeld sich erheben, hoch in den dunkelblauen Himmel hinauf, +und links davon stand eine ungeheure Felsenmasse, und zu jeder +Seite derselben ragte ein hoher Felsenturm kahl und zackig in die +Blaeue hinauf und schaute von dort oben ganz ernsthaft auf das Heidi +nieder. Das Kind sass maeuschenstill da und schaute ringsum, und +weit umher war eine grosse, tiefe Stille; nur ganz sanft und leise +ging der Wind ueber die zarten, blauen Glockenbluemchen und die +goldnen, strahlenden Cystusroeschen, die ueberall herumstanden auf +ihren duennen Staengelchen und leise und froehlich hin und her nickten. +Der Peter war entschlafen nach seiner Anstrengung, und die Geissen +kletterten oben an den Bueschen umher. Dem Heidi war es so schoen +zumute, wie in seinem Leben noch nie. Es trank das goldene +Sonnenlicht, die frischen Luefte, den zarten Blumenduft in sich ein +und begehrte gar nichts mehr, als so dazubleiben immerzu. So +verging eine gute Zeit und Heidi hatte so oft und so lange zu den +hohen Bergstoecken drueben aufgeschaut, dass es nun war, als haetten +sie alle auch Gesichter bekommen und schauten ganz bekannt zu ihm +hernieder, so wie gute Freunde. + +Jetzt hoerte Heidi ueber sich ein lautes, scharfes Geschrei und +Kraechzen ertoenen, und wie es aufschaute, kreiste ueber ihm ein so +grosser Vogel, wie es nie in seinem Leben gesehen hatte, mit weit +ausgebreiteten Schwingen in der Luft umher, und in grossen Bogen +kehrte er immer wieder zurueck und kraechzte laut und durchdringend +ueber Heidis Kopf. + +"Peter! Peter! Erwache!", rief Heidi laut. "Sich, der Raubvogel +ist da, sieh! Sieh!" + +Peter erhob sich auf den Ruf und schaute mit Heidi dem Vogel nach, +der sich nun hoeher und hoeher hinaufschwang ins Himmelsblau und +endlich ueber grauen Felsen verschwand. + +"Wo ist er jetzt hin?", fragte Heidi, das mit gespannter +Aufmerksamkeit den Vogel verfolgt hatte. + +"Heim ins Nest", war Peters Antwort. + +"Ist er dort oben daheim? Oh, wie schoen so hoch oben! Warum +schreit er so?", fragte Heidi weiter. + +"Weil er muss", erklaerte Peter. + +"Wir wollen doch dort hinaufklettern und sehen, wo er daheim ist", +schlug Heidi vor. + +"Oh! oh! oh!", brach der Peter aus, jeden Ausruf mit verstaerkter +Missbilligung hervorstossend; "wenn keine Geiss mehr dorthin kann und +der Oehi gesagt hat, du duerfest nicht ueber die Felsen hinunterfallen." + +Jetzt begann der Peter mit einem Mal ein so gewaltiges Pfeifen und +Rufen anzustimmen, dass Heidi gar nicht wusste, was begegnen sollte; +aber die Geissen mussten die Toene verstehen, denn eine nach der +anderen kam heruntergesprungen, und nun war die ganze Schar auf der +gruenen Halde versammelt, die einen fortnagend an den wuerzigen +Halmen, die anderen hin und her rennend und die Dritten ein wenig +gegeneinander stossend mit ihren Hoernern zum Zeitvertreib. Heidi +war aufgesprungen und rannte mitten unter den Geissen umher, denn +das war ihm ein neuer, unbeschreiblich vergnueglicher Anblick, wie +die Tierlein durcheinander sprangen und sich lustig machten, und +Heidi sprang von einem zum anderen und machte mit jedem ganz +persoenliche Bekanntschaft, denn jedes war eine ganz besondere +Erscheinung fuer sich und hatte seine eigenen Manieren. Unterdessen +hatte Peter den Sack herbeigeholt und alle vier Stuecke, die drin +waren, schoen auf den Boden hingelegt in ein Viereck, die grossen +Stuecke auf Heidis Seite und die kleinen auf die seinige hin, denn +er wusste genau, wie er sie erhalten hatte. Dann nahm er das +Schuesselchen und melkte schoene, frische Milch hinein vom Schwaenli +und stellte das Schuesselchen mitten ins Viereck. Dann rief er +Heidi herbei, musste aber laenger rufen als nach den Geissen, denn +das Kind war so in Eifer und Freude ueber die mannigfaltigen Spruenge +und Erlustigungen seiner neuen Spielkameraden, dass es nichts sah +und nichts hoerte ausser diesen. Aber Peter wusste sich verstaendlich +zu machen, er rief, dass es bis in die Felsen hinaufdroehnte, und +nun erschien Heidi und die gedeckte Tafel sah so einladend aus, +dass es um sie herumhuepfte vor Wohlgefallen. + +"Hoer auf zu hopsen, es ist Zeit zum Essen", sagte Peter, "jetzt +sitz und fang an." + +Heidi setzte sich hin. "Ist die Milch mein?", fragte es, nochmals +das schoene Viereck und den Hauptpunkt in der Mitte mit Wohlgefallen +betrachtend. + +"Ja", erwiderte Peter, "und die zwei grossen Stuecke zum Essen sind +auch dein, und wenn du ausgetrunken hast, bekommst du noch ein +Schuesselchen vom Schwaenli und dann komm ich." + +"Und von wem bekommst du die Milch?", wollte Heidi wissen. + +"Von meiner Geiss, von der Schnecke. Fang einmal zu essen an", +mahnte Peter wieder. Heidi fing bei seiner Milch an, und sowie es +sein leeres Schuesselchen hinstellte, stand Peter auf und holte ein +zweites herbei. Dazu brach Heidi ein Stueck von seinem Brot ab, und +das ganze uebrige Stueck, das immer noch groesser war, als Peters +eigenes Stueck gewesen, das nun schon samt Zubehoer fast zu Ende war, +reichte es diesem hinueber mit dem ganzen grossen Brocken Kaese und +sagte: "Das kannst du haben, ich habe nun genug." + +Peter schaute das Heidi mit sprachloser Verwunderung an, denn noch +nie in seinem Leben haette er so sagen und etwas weggeben koennen. +Er zoegerte noch ein wenig, denn er konnte nicht recht glauben, dass +es dem Heidi ernst sei; aber dieses hielt erst fest seine Stuecke +hin, und da Peter nicht zugriff, legte sie es ihm aufs Knie. Nun +sah er, dass es ernst gemeint sei; er erfasste sein Geschenk, +nickte in Dank und Zustimmung und hielt nun ein so reichliches +Mittagsmahl wie noch nie in seinem Leben als Geissbub. Heidi +schaute derweilen nach den Geissen aus. "Wie heissen sie alle, +Peter?", fragte es. + +Das wusste dieser nun ganz genau und konnte es umso besser in +seinem Kopf behalten, da er daneben wenig darin aufzubewahren hatte. +Er fing also an und nannte ohne Anstoss eine nach der anderen, +immer je mit dem Finger die betreffende bezeichnend. Heidi hoerte +mit gespannter Aufmerksamkeit der Unterweisung zu, und es waehrte +gar nicht lange, so konnte es sie alle voneinander unterscheiden +und jede bei ihrem Namen nennen, denn es hatte eine jede ihre +Besonderheiten, die einem gleich im Sinne bleiben mussten; man +musste nur allen genau zusehen, und das tat Heidi. Da war der +grosse Tuerk mit den starken Hoernern, der wollte mit diesen immer +gegen alle anderen stossen, und die meisten liefen davon, wenn er +kam, und wollten nichts von dem groben Kameraden wissen. Nur der +kecke Distelfink, das schlanke, behaende Geisschen, wich ihm nicht +aus, sondern rannte von sich aus manchmal drei-, viermal +hintereinander so rasch und tuechtig gegen ihn an, dass der grosse +Tuerk oefters ganz erstaunt dastand und nicht mehr angriff, denn der +Distelfink stand ganz kriegslustig vor ihm und hatte scharfe +Hoernchen. Da war das kleine, weisse Schneehoeppli, das immer so +eindringlich und flehentlich meckerte, dass Heidi schon mehrmals zu +ihm hingelaufen war und es troestend beim Kopf genommen hatte. Auch +jetzt sprang das Kind wieder hin, denn die junge, jammernde Stimme +hatte eben wieder flehentlich gerufen. Heidi legte seinen Arm um +den Hals des Geissleins und fragte ganz teilnehmend: "Was hast du, +Schneehoeppli? Warum rufst du so um Hilfe?" Das Geisslein schmiegte +sich nahe und vertrauensvoll an Heidi an und war jetzt ganz still. +Peter rief von seinem Sitz aus, mit einigen Unterbrechungen, denn +er hatte immer noch zu beissen und zu schlucken: "Es tut so, weil +die Alte nicht mehr mitkommt, sie haben sie verkauft nach Maienfeld +vorgestern, nun kommt sie nicht mehr auf die Alm." + +"Wer ist die Alte?", fragte Heidi zurueck. + +"Pah, seine Mutter", war die Antwort. + +"Wo ist die Grossmutter?", rief Heidi wieder. + +"Hat keine." + +"Und der Grossvater?" + +"Hat keinen." + +"Du armes Schneehoeppli du", sagte Heidi und drueckte das Tierlein +zaertlich an sich. "Aber jammere jetzt nur nicht mehr so; siehst du, +ich komme nun jeden Tag mit dir, dann bist du nicht mehr so +verlassen, und wenn dir etwas fehlt, kannst du nur zu mir kommen." + +Das Schneehoeppli rieb ganz vergnuegt seinen Kopf an Heidis Schulter +und meckerte nicht mehr klaeglich. Unterdessen hatte Peter sein +Mittagsmahl beendet und kam nun auch wieder zu seiner Herde und zu +Heidi heran, das schon wieder allerlei Betrachtungen angestellt +hatte. + +Weitaus die zwei schoensten und saubersten Geissen der ganzen Schar +waren Schwaenli und Baerli, die sich auch mit einer gewissen +Vornehmheit betrugen, meistens ihre eigenen Wege gingen und +besonders dem zudringlichen Tuerk abweisend und veraechtlich +begegneten.-- + +Die Tierchen hatten nun wieder begonnen, nach den Bueschen +hinaufzuklettern, und jedes hatte seine eigene Weise dabei, die +einen leichtfertig ueber alles weg huepfend, die anderen bedaechtlich +die guten Kraeutlein suchend unterwegs, der Tuerk hier und da seine +Angriffe probierend. Schwaenli und Baerli kletterten huebsch und +leicht hinan und fanden oben sogleich die schoensten Buesche, +stellten sich geschickt daran auf und nagten sie zierlich ab. +Heidi stand mit den Haenden auf dem Ruecken und schaute dem allen mit +der groessten Aufmerksamkeit zu. + +"Peter", bemerkte es jetzt zu dem wieder auf dem Boden Liegenden, +"die schoensten von allen sind das Schwaenli und das Baerli." + +"Weiss schon", war die Antwort. "Der Alm-Oehi putzt und waescht sie +und gibt ihnen Salz und hat den schoensten Stall." + +Aber auf einmal sprang Peter auf und setzte in grossen Spruengen den +Geissen nach, und das Heidi lief hintendrein; da musste etwas +begegnet sein, es konnte da nicht zurueckbleiben. Der Peter sprang +durch den Geissenrudel durch der Seite der Alm zu, wo die Felsen +schroff und kahl weit hinabstiegen und ein unbesonnenes Geisslein, +wenn es dorthin ging, leicht hinunterstuerzen und alle Beine brechen +konnte. Er hatte gesehen, wie der vorwitzige Distelfink nach jener +Seite hin gehuepft war, und kam noch gerade recht, denn eben sprang +das Geisslein dem Rande des Abgrundes zu. Peter wollte es eben +packen, da stuerzte er auf den Boden und konnte nur noch im Sturze +ein Bein des Tierleins erwischen und es daran festhalten. Der +Distelfink meckerte voller Zorn und Ueberraschung, dass er so am +Bein festgehalten und am Fortsetzen seines froehlichen Streifzuges +gehindert war, und strebte eigensinnig vorwaerts. Der Peter schrie +nach Heidi, dass es ihm beistehe, denn er konnte nicht aufstehen +und riss dem Distelfink fast das Bein aus. Heidi war schon da und +erkannte gleich die schlimme Lage der beiden. Es riss schnell +einige wohlduftende Kraeuter aus dem Boden und hielt sie dem +Distelfink unter die Nase und sagte beguetigend: + +"Komm, komm, Distelfink, du musst auch vernuenftig sein! Sieh, da +kannst du hinabfallen und ein Bein brechen, das tut dir furchtbar +weh." + +Das Geisslein hatte sich schnell umgewandt und dem Heidi vergnueglich +die Kraeuter aus der Hand gefressen. Derweilen war der Peter auf +seine Fuesse gekommen und hatte den Distelfink an der Schnur erfasst, +an welcher sein Gloeckchen um den Hals gebunden war, und Heidi +erfasste diese von der anderen Seite, und so fuehrten die beiden den +Ausreisser zu der friedlich weidenden Herde zurueck. Als ihn aber +Peter hier in Sicherheit hatte, erhob er seine Rute und wollte ihn +zur Strafe tuechtig durchpruegeln, und der Distelfink wich scheu +zurueck, denn er merkte, was begegnen sollte. Aber Heidi schrie +laut auf: "Nein, Peter, nein, du musst ihn nicht schlagen, sieh, +wie er sich fuerchtet!" + +"Er verdient's", schnurrte Peter und wollte zuschlagen. Aber Heidi +fiel ihm in den Arm und rief ganz entruestet: "Du darfst ihm nichts +tun, es tut ihm weh, lass ihn los!" + +Peter schaute erstaunt auf das gebietende Heidi, dessen schwarze +Augen ihn so anfunkelten, dass er unwillkuerlich seine Rute +niederhielt. "So kann er gehen, wenn du mir morgen wieder von +deinem Kaese gibst", sagte dann der Peter nachgebend, denn eine +Entschaedigung wollte er haben fuer den Schrecken. + +"Allen kannst du haben, das ganze Stueck morgen und alle Tage, ich +brauche ihn gar nicht", sagte Heidi zustimmend, "und Brot gebe ich +dir auch ganz viel, wie heute; aber dann darfst du den Distelfink +nie, gar nie schlagen und auch das Schneehoeppli nie und gar keine +Geiss." + +"Es ist mir gleich", bemerkte Peter, und das war bei ihm soviel als +eine Zusage. Jetzt liess er den Schuldigen los, und der froehliche +Distelfink sprang in hohen Spruengen auf und davon in die Herde +hinein.-- + +So war unvermerkt der Tag vergangen, und schon war die Sonne im +Begriff, weit drueben hinter den Bergen hinabzugehen. Heidi sass +wieder am Boden und schaute ganz still auf die Blaugloeckchen und +die Cystusroeschen, die im goldenen Abendschein leuchteten, und +alles Gras wurde wie golden angehaucht und die Felsen droben fingen +an zu schimmern und zu funkeln, und auf einmal sprang Heidi auf und +schrie: "Peter! Peter! Es brennt! Es brennt! Alle Berge brennen +und der grosse Schnee drueben brennt und der Himmel. O sieh! Sieh! +Der hohe Felsenberg ist ganz gluehend! Oh, der schoene, feurige +Schnee! Peter, sieh auf, sieh, das Feuer ist auch beim Raubvogel! +Sieh doch die Felsen! Sieh die Tannen! Alles, alles ist im Feuer!" + +"Es war immer so", sagte jetzt der Peter gemuetlich und schaelte an +seiner Rute fort, "aber es ist kein Feuer." + +"Was ist es denn?", rief Heidi und sprang hierhin und dorthin, dass +es ueberallhin sehe, denn es konnte gar nicht genug bekommen, so +schoen war's auf allen Seiten. "Was ist es, Peter, was ist es?", +rief Heidi wieder. + +"Es kommt von selbst so", erklaerte Peter. + +"O sieh, sieh", rief Heidi in grosser Aufregung, "auf einmal werden +sie rosenrot! Sieh den mit dem Schnee und den mit den hohen, +spitzigen Felsen! Wie heissen sie, Peter?" + +"Berge heissen nicht", erwiderte dieser. + +"O wie schoen, sieh den rosenroten Schnee! Oh, und an den Felsen +oben sind viele, viele Rosen! Oh, nun werden sie grau! Oh! Oh! +Nun ist alles ausgeloescht! Nun ist alles aus, Peter!" Und Heidi +setzte sich auf den Boden und sah so verstoert aus, als ginge +wirklich alles zu Ende. + +"Es ist morgen wieder so", erklaerte Peter. "Steh auf, nun muessen +wir heim." + +Die Geissen wurden herbeigepfiffen und--gerufen und die Heimfahrt +angetreten. + +"Ist's alle Tage wieder so, alle Tage, wenn wir auf der Weide +sind?", fragte Heidi, begierig nach einer bejahenden Versicherung +horchend, als es nun neben dem Peter die Alm hinunterstieg. + +"Meistens", gab dieser zur Antwort. + +"Aber gewiss morgen wieder?", wollte es noch wissen. + +"Ja, ja, morgen schon!", versicherte Peter. + +Nun war Heidi wieder froh und es hatte so viele Eindruecke in sich +aufgenommen und so viele Dinge gingen ihm im Sinn herum, dass es +nun ganz stillschwieg, bis es bei der Almhuette ankam und den +Grossvater unter den Tannen sitzen sah, wo er auch eine Bank +angebracht hatte und am Abend seine Geissen erwartete, die von +dieser Seite herunterkaemen. Heidi sprang gleich auf ihn zu und +Schwaenli und Baerli hinter ihm drein, denn die Geissen kannten ihren +Herrn und ihren Stall. Der Peter rief dem Heidi nach: "Komm dann +morgen wieder! Gute Nacht!" Denn es war ihm sehr daran gelegen, +dass das Heidi wiederkomme. + +Da rannte das Heidi schnell wieder zurueck und gab dem Peter die +Hand und versicherte ihm, dass es wieder mitkomme, und dann sprang +es mitten in die davonziehende Herde hinein und fasste noch einmal +das Schneehoeppli um den Hals und sagte vertraulich: "Schlaf wohl, +Schneehoeppli, und denk dran, dass ich morgen wiederkomme und dass +du nie mehr so jaemmerlich meckern musst." + +Das Schneehoeppli schaute ganz freundlich und dankbar zu Heidi auf +und sprang dann froehlich der Herde nach. + +Heidi kam unter die Tannen zurueck. + +"O Grossvater, das war so schoen!", rief es, noch bevor es bei ihm +war. "Das Feuer und die Rosen am Felsen und die blauen und gelben +Blumen, und sieh, was ich hier bringe!" Und damit schuettete Heidi +seinen ganzen Blumenreichtum aus dem gefalteten Schuerzchen vor den +Grossvater hin. Aber wie sahen die armen Bluemchen aus! Heidi +erkannte sie nicht mehr. Es war alles wie Heu, und kein einziges +Kelchlein stand mehr offen. + +"O Grossvater, was haben sie?", rief Heidi ganz erschrocken aus. +"So waren sie nicht, warum sehen sie so aus?" + +"Die wollen draussen stehen in der Sonne und nicht ins Schuerzchen +hinein", sagte der Grossvater. + +"Dann will ich gar keine mehr mitnehmen. Aber, Grossvater, warum +hat der Raubvogel so gekraechzt?", fragte Heidi nun angelegentlich. + +"Jetzt gehst du ins Wasser und ich in den Stall und hole Milch, und +nachher kommen wir hinein zusammen in die Huette und essen zu Nacht, +dann sag ich dir's." + +So wurde getan, und wie nun spaeter Heidi auf seinem hohen Stuhl sass +vor seinem Milchschuesselchen und der Grossvater neben ihm, da kam +das Kind gleich wieder mit seiner Frage: "Warum kraechzt der +Raubvogel so und schreit immer so herunter, Grossvater?" + +"Der hoehnt die Leute aus dort unten, dass sie so viele +zusammensitzen in den Doerfern und einander boes machen. Da hoehnt er +hinunter: 'Wuerdet ihr auseinander gehen und jedes seinen Weg +und auf eine Hoehe steigen wie ich, so waer's euch wohler!'" +Der Grossvater sagte diese Worte fast wild, so dass dem Heidi das +Gekraechz des Raubvogels dadurch noch eindruecklicher wurde in der +Erinnerung. + +"Warum haben die Berge keinen Namen, Grossvater?", fragte Heidi +wieder. + +"Die haben Namen", erwiderte dieser, "und wenn du mir einen so +beschreiben kannst, dass ich ihn kenne, so sage ich dir, wie er +heisst." + +Nun beschrieb Heidi den Felsenberg mit den zwei hohen Tuermen genau +so, wie es ihn gesehen hatte, und der Grossvater sagte wohlgefaellig: +"Recht so, den kenn ich, der heisst Falknis. Hast du noch einen +gesehen?" + +Nun beschrieb Heidi den Berg mit dem grossen Schneefeld, auf dem der +ganze Schnee im Feuer gestanden hatte und dann rosenrot geworden +war und dann auf einmal ganz bleich und erloschen dastand. + +"Den erkenn ich auch", sagte der Grossvater, "das ist die +Schesaplana; so hat es dir gefallen auf der Weide?" + +Nun erzaehlte Heidi alles vom ganzen Tage, wie schoen es gewesen, und +besonders von dem Feuer am Abend, und nun sollte der Grossvater auch +sagen, woher es gekommen war, denn der Peter haette nichts davon +gewusst. + +"Siehst du", erklaerte der Grossvater, "das macht die Sonne, wenn sie +den Bergen gute Nacht sagt, dann wirft sie ihnen noch ihre +schoensten Strahlen zu, dass sie sie nicht vergessen, bis sie am +Morgen wiederkommt." + +Das gefiel dem Heidi und es konnte fast nicht erwarten, dass wieder +ein Tag komme, da es hinaufkonnte auf die Weide und wieder sehen, +wie die Sonne den Bergen gute Nacht sagte. Aber erst musste es nun +schlafen gehen, und es schlief auch die ganze Nacht herrlich auf +seinem Heulager, und traeumte von lauter schimmernden Bergen und +roten Rosen darauf und mittendrin das Schneehoeppli in froehlichen +Spruengen. + + + + +Bei der Grossmutter + +Am andern Morgen kam wieder die helle Sonne, und dann kam der Peter +und die Geissen, und wieder zogen sie alle miteinander nach der +Weide hinauf, und so ging es Tag fuer Tag, und Heidi wurde bei +diesem Weideleben ganz gebraeunt und so kraeftig und gesund, dass ihm +gar nie etwas fehlte, und so froh und gluecklich lebte Heidi von +einem Tag zum anderen, wie nur die lustigen Voegelein leben auf +allen Baeumen im gruenen Wald. Wie es nun Herbst wurde und der Wind +lauter zu sausen anfing ueber die Berge hin, dann sagte etwa der +Grossvater: "Heut bleibst du da, Heidi; ein Kleines, wie du bist, +kann der Wind mit einem Ruck ueber alle Felsen ins Tal hinabwehen." + +Wenn aber das am Morgen der Peter vernahm, sah er sehr ungluecklich +aus, denn er sah lauter Missgeschick vor sich: Einmal wusste er vor +Langeweile nun gar nicht mehr, was anfangen, wenn Heidi nicht bei +ihm war; dann kam er um sein reichliches Mittagsmahl, und dann +waren die Geissen so stoerrig an diesen Tagen, dass er die doppelte +Muehe mit ihnen hatte; denn die waren nun auch so an Heidis +Gesellschaft gewoehnt, dass sie nicht vorwaerts wollten, wenn es +nicht dabei war, und auf alle Seiten rannten. Heidi wurde niemals +ungluecklich, denn es sah immer irgendetwas Erfreuliches vor sich. +Am liebsten ging es schon mit Hirt und Geissen auf die Weide zu den +Blumen und zum Raubvogel hinauf, wo so mannigfaltige Dinge zu +erleben waren mit all den verschieden gearteten Geissen; aber auch +das Haemmern und Saegen und Zimmern des Grossvaters war sehr +unterhaltend fuer Heidi; und traf es sich, dass er gerade die +schoenen runden Geisskaeschen zubereitete, wenn es daheim bleiben +musste, so war das ein ganz besonderes Vergnuegen, dieser +merkwuerdigen Taetigkeit zuzuschauen, wobei der Grossvater beide Arme +bloss machte und damit in dem grossen Kessel herumruehrte. Aber vor +allem anziehend war fuer das Heidi an solchen Windtagen das Wogen +und Rauschen in den drei alten Tannen hinter der Huette. Da musste +es immer von Zeit zu Zeit hinlaufen von allem anderen weg, was es +auch sein mochte, denn so schoen und wunderbar war gar nichts wie +dieses tiefe, geheimnisvolle Tosen in den Wipfeln da droben; da +stand Heidi unten und lauschte hinauf und konnte niemals genug +bekommen, zu sehen und zu hoeren, wie das wehte und wogte und +rauschte in den Baeumen mit grosser Macht. Jetzt gab die Sonne nicht +mehr heiss wie im Sommer, und Heidi suchte seine Struempfe und Schuhe +hervor und auch den Rock, denn nun wurde es immer frischer, und +wenn das Heidi unter den Tannen stand, wurde es durchblasen wie ein +duennes Blaettlein, aber es lief doch immer wieder hin und konnte +nicht in der Huette bleiben, wenn es das Windeswehen vernahm. + +Dann wurde es kalt, und der Peter hauchte in die Haende, wenn er +frueh am Morgen heraufkam, aber nicht lange; denn auf einmal fiel +ueber Nacht ein tiefer Schnee, und am Morgen war die ganze Alm +schneeweiss und kein einziges gruenes Blaettlein mehr zu sehen ringsum +und um. Da kam der Geissenpeter nicht mehr mit seiner Herde, und +Heidi schaute ganz verwundert durch das kleine Fenster, denn nun +fing es wieder zu schneien an, und die dicken Flocken fielen fort +und fort, bis der Schnee so hoch wurde, dass er bis ans Fenster +hinaufreichte, und dann noch hoeher, dass man das Fenster gar nicht +mehr aufmachen konnte und man ganz verpackt war in dem Haeuschen. +Das kam dem Heidi so lustig vor, dass es immer von einem Fenster +zum anderen rannte, um zu sehen, wie es denn noch werden wollte und +ob der Schnee noch die ganze Huette zudecken wollte, dass man muesste +ein Licht anzuenden am hellen Tag. Es kam aber nicht so weit, und +am anderen Tag ging der Grossvater hinaus--denn nun schneite es +nicht mehr--und schaufelte ums ganze Haus herum und warf grosse, +grosse Schneehaufen aufeinander, dass es war wie hier ein Berg und +dort ein Berg und dort ein Berg um die Huette herum; aber nun waren +die Fenster wieder frei und auch die Tuer, und das war gut, denn als +am Nachmittag Heidi und der Grossvater am Feuer sassen, jedes auf +seinem Dreifuss--denn der Grossvater hatte laengst auch einen fuer das +Kind gezimmert--, da polterte auf einmal etwas heran und schlug +immerzu gegen die Holzschwelle und machte endlich die Tuer auf. Es +war der Geissenpeter; er hatte aber nicht aus Unart so gegen die Tuer +gepoltert, sondern um seinen Schnee von den Schuhen abzuschlagen, +die hoch hinauf davon bedeckt waren; eigentlich der ganze Peter war +von Schnee bedeckt, denn er hatte sich durch die hohen Schichten so +durchkaempfen muessen, dass ganze Massen an ihm haengen geblieben und +auf ihm festgefroren waren, denn es war sehr kalt. Aber er hatte +nicht nachgegeben, denn er wollte zu Heidi hinauf, er hatte es +jetzt acht Tage lang nicht gesehen. + +"Guten Abend", sagte er im Eintreten, stellte sich gleich so nah +als moeglich ans Feuer heran und sagte weiter nichts mehr; aber sein +ganzes Gesicht lachte vor Vergnuegen, dass er da war. Heidi schaute +ihn sehr verwundert an, denn nun er so nah am Feuer war, fing es +ueberall an ihm zu tauen an, so dass der ganze Peter anzusehen war +wie ein gelinder Wasserfall. + +"Nun, General, wie steht's?", sagte jetzt der Grossvater. "Nun bist +du ohne Armee und musst am Griffel nagen." + +"Warum muss er am Griffel nagen, Grossvater?", fragte Heidi sogleich +mit Wissbegierde. + +"Im Winter muss er in die Schule gehen", erklaerte der Grossvater; +"da lernt man lesen und schreiben, und das geht manchmal schwer, da +hilft's ein wenig nach, wenn man am Griffel nagt; ist's nicht wahr, +General?" + +"Ja, 's ist wahr", bestaetigte Peter. + +Jetzt war Heidis Teilnahme an der Sache wach geworden und es hatte +sehr viele Fragen ueber die Schule und alles, was da begegnete und +zu hoeren und zu sehen war, an den Peter zu richten, und da immer +viel Zeit verfloss ueber einer Unterhaltung, an der Peter teilnehmen +musste, so konnte er derweilen schoen trocknen von oben bis unten. +Es war immer eine grosse Anstrengung fuer ihn, seine Vorstellungen in +die Worte zu bringen, die bedeuteten, was er meinte; aber diesmal +hatte er's besonders streng, denn kaum hatte er eine Antwort +zustande gebracht, so hatte ihm Heidi schon wieder zwei oder drei +unerwartete Fragen zugeworfen und meistens solche, die einen ganzen +Satz als Antwort erforderten. + +Der Grossvater hatte sich ganz still verhalten waehrend dieser +Unterhaltung, aber es hatte ihm oefter ganz lustig um die Mundwinkel +gezuckt, was ein Zeichen war, dass er zuhoerte. + +"So, General, nun warst du im Feuer und brauchst Staerkung, komm, +halt mit!" Damit stand der Grossvater auf und holte das Abendessen +aus dem Schrank hervor, und Heidi rueckte die Stuehle zum Tisch. +Unterdessen war auch eine Bank an die Wand gezimmert worden vom +Grossvater; nun er nicht mehr allein war, hatte er da und dort +allerlei Sitze zu zweien eingerichtet, denn Heidi hatte die Art, +dass es sich ueberall nah zum Grossvater hielt, wo er ging und stand +und sass. So hatten sie alle drei gut Platz zum Sitzen und der +Peter tat seine runden Augen ganz weit auf, als er sah, welch ein +maechtiges Stueck von dem schoenen getrockneten Fleisch der Alm-Oehi +ihm auf seine dicke Brotschnitte legte. So gut hatte es der Peter +lange nicht gehabt. Als nun das vergnuegte Mahl zu Ende war, fing +es an zu dunkeln, und Peter schickte sich zur Heimkehr an. Als er +nun "Gute Nacht" und "Dank Euch Gott" gesagt hatte und schon unter +der Tuer war, kehrte er sich noch einmal um und sagte: "Am Sonntag +komm ich wieder, heut ueber acht Tag, und du solltest auch einmal +zur Grossmutter kommen, hat sie gesagt." + +Das war ein ganz neuer Gedanke fuer Heidi, dass es zu jemandem gehen +sollte, aber er fasste auf der Stelle Boden bei ihm, und gleich am +folgenden Morgen war sein Erstes, dass es erklaerte: "Grossvater, +jetzt muss ich gewiss zu der Grossmutter hinunter, sie erwartet mich. +" + +"Es hat zu viel Schnee", erwiderte der Grossvater abwehrend. + +Aber das Vorhaben sass fest in Heidis Sinn, denn die Grossmutter +hatte es ja sagen lassen; so musste es sein. So verging kein Tag +mehr, an dem das Kind nicht fuenf- und sechsmal sagte: "Grossvater, +jetzt muss ich gewiss gehen, die Grossmutter wartet ja immer auf +mich." + +Am vierten Tag, als es draussen knisterte und knarrte vor Kaelte bei +jedem Schritt und die ganze grosse Schneedecke ringsum hart gefroren +war, aber eine schoene Sonne ins Fenster guckte, gerade auf Heidis +hohen Stuhl hin, wo es am Mittagsmahl sass, da begann es wieder sein +Spruechlein: "Heut muss ich aber gewiss zur Grossmutter gehen, es +waehrt ihr sonst zu lange." Da stand der Grossvater auf vom +Mittagstisch, stieg auf den Heuboden hinauf, brachte den dicken +Sack herunter, der Heidis Bettdecke war, und sagte: "So komm!" In +grosser Freude huepfte das Kind ihm nach in die glitzernde Schneewelt +hinaus. In den alten Tannen war es nun ganz still und auf allen +Aesten lag der weisse Schnee und in dem Sonnenschein schimmerte und +funkelte es ueberall von den Baeumen in solcher Pracht, dass Heidi +hoch aufsprang vor Entzuecken und ein Mal uebers andere ausrief: +"Komm heraus, Grossvater, komm heraus! Es ist lauter Silber und +Gold an den Tannen!" Denn der Grossvater war in den Schopf +hineingegangen und kam nun heraus mit einem breiten Stossschlitten: +Da war vorn eine Stange angebracht, und von dem flachen Sitz konnte +man die Fuesse nach vorn hinunterhalten und gegen den Schneeboden +stemmen und der Fahrt die Weisung geben. Hier setzte sich der +Grossvater hin, nachdem er erst die Tannen ringsum mit Heidi hatte +beschauen muessen, nahm das Kind auf seinen Schoss, wickelte es um +und um in den Sack ein, damit es huebsch warm bleibe, und drueckte es +fest mit dem linken Arm an sich, denn das war noetig bei der +kommenden Fahrt. Dann umfasste er mit der rechten Hand die Stange +und gab einen Ruck mit beiden Fuessen. Da schoss der Schlitten davon +die Alm hinab mit einer solchen Schnelligkeit, dass das Heidi +meinte, es fliege in der Luft wie ein Vogel, und laut aufjauchzte. +Auf einmal stand der Schlitten still, gerade bei der Huette vom +Geissenpeter. Der Grossvater stellte das Kind auf den Boden, +wickelte es aus seiner Decke heraus und sagte: + +"So, nun geh hinein, und wenn es anfaengt dunkel zu werden, dann +komm wieder heraus und mach dich auf den Weg." Dann kehrte er um +mit seinem Schlitten und zog ihn den Berg hinauf. + +Heidi machte die Tuer auf und kam in einen kleinen Raum hinein, da +sah es schwarz aus, und ein Herd war da und einige Schuesselchen auf +einem Gestell, das war die kleine Kueche; dann kam gleich wieder +eine Tuer, die machte Heidi wieder auf und kam in eine enge Stube +hinein, denn das Ganze war nicht eine Sennhuette, wie beim Grossvater, +wo ein einziger, grosser Raum war und oben ein Heuboden, sondern es +war ein kleines, uraltes Haeuschen, wo alles eng war und schmal und +duerftig. Als Heidi in das Stuebchen trat, stand es gleich vor dem +Tisch, daran sass eine Frau und flickte an Peters Wams, denn dieses +erkannte Heidi sogleich. In der Ecke sass ein altes, gekruemmtes +Muetterchen und spann. Heidi wusste gleich, woran es war; es ging +geradaus auf das Spinnrad zu und sagte: "Guten Tag, Grossmutter, +jetzt komme ich zu dir; hast du gedacht, es waehre lang, bis ich +komme?" + +Die Grossmutter erhob den Kopf und suchte die Hand, die gegen sie +ausgestreckt war, und als sie diese erfasst hatte, befuehlte sie +dieselbe erst eine Weile nachdenklich in der ihrigen, dann sagte +sie: "Bist du das Kind droben beim Alm-Oehi, bist du das Heidi?" + +"Ja, ja", bestaetigte das Kind, "jetzt gerade bin ich mit dem +Grossvater im Schlitten heruntergefahren." + +"Wie ist das moeglich! Du hast ja eine so warme Hand! Sag, +Brigitte, ist der Alm-Oehi selber mit dem Kind heruntergekommen?" + +Peters Mutter, die Brigitte, die am Tisch geflickt hatte, war +aufgestanden und betrachtete nun mit Neugierde das Kind von oben +bis unten; dann sagte sie: "Ich weiss nicht, Mutter, ob der Oehi +selber heruntergekommen ist mit ihm; es ist nicht glaublich, das +Kind wird's nicht recht wissen." + +Aber das Heidi sah die Frau sehr bestimmt an und gar nicht, als sei +es im Ungewissen, und sagte: "Ich weiss ganz gut, wer mich in die +Bettdecke gewickelt hat und mit mir heruntergeschlittelt ist; das +ist der Grossvater." + +"Es muss doch etwas daran sein, was der Peter so gesagt hat den +Sommer durch vom Alm-Oehi, wenn wir dachten, er wisse es nicht +recht", sagte die Grossmutter; "wer haette freilich auch glauben +koennen, dass so etwas moeglich sei; ich dachte, das Kind lebte keine +drei Wochen da oben. Wie sieht es auch aus, Brigitte!" Diese hatte +das Kind unterdessen so von allen Seiten angesehen, dass sie nun +wohl berichten konnte, wie es aussah. + +"Es ist so fein gegliedert, wie die Adelheid war", gab sie zur +Antwort; "aber es hat die schwarzen Augen und das krause Haar, wie +es der Tobias hatte und auch der Alte droben; ich glaube, es sieht +den zweien gleich." + +Unterdessen war Heidi muessig geblieben; es hatte ringsum geguckt und +alles genau betrachtet, was da zu sehen war. Jetzt sagte es: "Sieh, +Grossmutter, dort schlaegt es einen Laden immer hin und her, und der +Grossvater wuerde auf der Stelle einen Nagel einschlagen, dass er +wieder fest haelt, sonst schlaegt er auch einmal eine Scheibe ein; +sieh, sieh, wie er tut!" + +"Ach, du gutes Kind", sagte die Grossmutter, "sehen kann ich es +nicht, aber hoeren kann ich es wohl und noch viel mehr, nicht nur +den Laden; da kracht und klappert es ueberall, wenn der Wind kommt, +und er kann ueberall hereinblasen; es haelt nichts mehr zusammen, und +in der Nacht, wenn sie beide schlafen, ist es mir manchmal so angst +und bang, es falle alles ueber uns zusammen und schlage uns alle +drei tot; ach, und da ist kein Mensch, der etwas ausbessern koennte +an der Huette, der Peter versteht's nicht." + +"Aber warum kannst du denn nicht sehen, wie der Laden tut, +Grossmutter? Sieh jetzt wieder, dort, gerade dort." Und Heidi +zeigte die Stelle deutlich mit dem Finger. + +"Ach Kind, ich kann ja gar nichts sehen, gar nichts, nicht nur den +Laden nicht", klagte die Grossmutter. + +"Aber wenn ich hinausgehe und den Laden ganz aufmache, dass es +recht hell wird, kannst du dann sehen, Grossmutter?" + +"Nein, nein, auch dann nicht, es kann mir niemand mehr hell machen." + +"Aber wenn du hinausgehst in den ganz weissen Schnee, dann wird es +dir gewiss hell; komm nur mit mir, Grossmutter, ich will dir's +zeigen." Heidi nahm die Grossmutter bei der Hand und wollte sie +fortziehen, denn es fing an, ihm ganz aengstlich zumute zu werden, +dass es ihr nirgends hell wurde. + +"Lass mich nur sitzen, du gutes Kind; es bleibt doch dunkel bei mir, +auch im Schnee und in der Helle, sie dringt nicht mehr in meine +Augen." + +"Aber dann doch im Sommer, Grossmutter", sagte Heidi, immer +aengstlicher nach einem guten Ausweg suchend; "weisst, wenn dann +wieder die Sonne ganz heiss herunterbrennt und dann 'gute +Nacht' sagt und die Berge alle feuerrot schimmern und alle +gelben Bluemlein glitzern, dann wird es dir wieder schoen hell?" + +"Ach, Kind, ich kann sie nie mehr sehen, die feurigen Berge und die +goldenen Bluemlein droben, es wird mir nie mehr hell auf Erden, nie +mehr." + +Jetzt brach Heidi in lautes Weinen aus. Voller Jammer schluchzte +es fortwaehrend: "Wer kann dir denn wieder hell machen? Kann es +niemand? Kann es gar niemand?" + +Die Grossmutter suchte nun das Kind zu troesten, aber es gelang ihr +nicht so bald. Heidi weinte fast nie; wenn es aber einmal anfing, +dann konnte es auch fast nicht mehr aus der Betruebnis herauskommen. +Die Grossmutter hatte schon allerhand probiert, um das Kind zu +beschwichtigen, denn es ging ihr zu Herzen, dass es so jaemmerlich +schluchzen musste. Jetzt sagte sie: "Komm, du gutes Heidi, komm +hier heran, ich will dir etwas sagen. Siehst du, wenn man nichts +sehen kann, dann hoert man so gern ein freundliches Wort, und ich +hoere es gern, wenn du redest; komm, setz dich da nahe zu mir und +erzaehl mir etwas, was du machst da droben und was der Grossvater +macht, ich habe ihn frueher gut gekannt; aber jetzt hab ich seit +manchem Jahr nichts mehr gehoert von ihm als durch den Peter, aber +der sagt nicht viel." + +Jetzt kam dem Heidi ein neuer Gedanke; es wischte rasch seine +Traenen weg und sagte troestlich: "Wart nur, Grossmutter, ich will +alles dem Grossvater sagen, er macht dir schon wieder hell und macht, +dass die Huette nicht zusammenfaellt, er kann alles wieder in +Ordnung machen." + +Die Grossmutter schwieg stille, und nun fing Heidi an, ihr mit +grosser Lebendigkeit zu erzaehlen von seinem Leben mit dem Grossvater +und von den Tagen auf der Weide und von dem jetzigen Winterleben +mit dem Grossvater, was er alles aus Holz machen koenne, Baenke und +Stuehle und schoene Krippen, wo man fuer das Schwaenli und Baerli das +Heu hineinlegen koennte, und einen neuen grossen Wassertrog zum Baden +im Sommer, und ein neues Milchschuesselchen und Loeffel, und Heidi +wurde immer eifriger im Beschreiben all der schoenen Sachen, die so +auf einmal aus einem Stueck Holz herauskommen, und wie es dann neben +dem Grossvater stehe und ihm zuschaue und wie es das alles auch +einmal machen wolle. Die Grossmutter hoerte mit grosser +Aufmerksamkeit zu, und von Zeit zu Zeit sagte sie dazwischen: +"Hoerst du's auch, Brigitte? Hoerst du, was es vom Oehi sagt?" + +Mit einem Mal wurde die Erzaehlung unterbrochen durch ein grosses +Gepolter an der Tuer, und herein stampfte der Peter, blieb aber +sogleich stille stehen und sperrte seine runden Augen ganz +erstaunlich weit auf, als er das Heidi erblickte, und schnitt die +allerfreundlichste Grimasse, als es ihm sogleich zurief: "Guten +Abend, Peter!" + +"Ist denn das moeglich, dass der schon aus der Schule kommt", rief +die Grossmutter ganz verwundert aus. "So geschwind ist mir seit +manchem Jahr kein Nachmittag vergangen! Guten Abend, Peterli, wie +geht es mit dem Lesen?" + +"Gleich", gab der Peter zur Antwort. + +"So, so", sagte die Grossmutter ein wenig seufzend, "ich habe +gedacht, es gaebe vielleicht eine Aenderung auf die Zeit, wenn du +dann zwoelf Jahre alt wirst gegen den Hornung hin." + +"Warum muss es eine Aenderung geben, Grossmutter?", fragte Heidi +gleich mit Interesse. + +"Ich meine nur, dass er es etwa noch haette lernen koennen", sagte +die Grossmutter, "das Lesen mein ich. Ich habe dort oben auf dem +Gestell ein altes Gebetbuch, da sind schoene Lieder drin, die habe +ich so lange nicht mehr gehoert, und im Gedaechtnis habe ich sie auch +nicht mehr; da habe ich gehofft, wenn der Peterli nun lesen lerne, +so koenne er mir etwa ein gutes Lied lesen; aber er kann es nicht +lernen, es ist ihm zu schwer." + +"Ich denke, ich muss Licht machen, es wird ja schon ganz dunkel", +sagte jetzt Peters Mutter, die immer emsig am Wams fortgeflickt +hatte; "der Nachmittag ist mir auch vergangen, ohne dass ich's +merkte." + +Nun sprang Heidi von seinem Stuehlchen auf, streckte eilig seine +Hand aus und sagte: "Gut Nacht, Grossmutter, ich muss auf der Stelle +heim, wenn es dunkel wird", und hintereinander bot es dem Peter und +seiner Mutter die Hand und ging der Tuer zu. Aber die Grossmutter +rief besorgt: "Wart, wart, Heidi; so allein musst du nicht fort, +der Peter muss mit dir, hoerst du? Und gib Acht auf das Kind, +Peterli, dass es nicht umfaellt, und steh nicht still mit ihm, dass +es nicht friert, hoerst du? Hat es auch ein dickes Halstuch an?" + +"Ich habe gar kein Halstuch an", rief Heidi zurueck, "aber ich will +schon nicht frieren"; damit war es zur Tuer hinaus und huschte so +behend weiter, dass der Peter kaum nachkam. Aber die Grossmutter +rief jammernd: "Lauf ihm nach, Brigitte, lauf, das Kind muss ja +erfrieren, so bei der Nacht, nimm mein Halstuch mit, lauf schnell!" +Die Brigitte gehorchte. Die Kinder hatten aber kaum ein paar +Schritte den Berg hinan getan, so sahen sie von oben herunter den +Grossvater kommen, und mit wenigen ruestigen Schritten stand er vor +ihnen. + +"Recht so, Heidi, Wort gehalten!", sagte er, packte das Kind wieder +fest in seine Decke ein, nahm es auf seinen Arm und stieg den Berg +hinauf. Eben hatte die Brigitte noch gesehen, wie der Alte das +Kind wohl verpackt auf seinen Arm genommen und den Rueckweg +angetreten hatte. Sie trat mit dem Peter wieder in die Huette ein +und erzaehlte der Grossmutter mit Verwunderung, was sie gesehen hatte. +Auch diese musste sich sehr verwundern und ein Mal ueber das +andere sagen: "Gott Lob und Dank, dass er so ist mit dem Kind, Gott +Lob und Dank! Wenn er es nur auch wieder zu mir laesst, das Kind +hat mir so wohl gemacht! Was hat es fuer ein gutes Herz und wie +kann es so kurzweilig erzaehlen!" Und immer wieder freute sich die +Grossmutter, und bis sie ins Bett ging, sagte sie immer wieder: +"Wenn es nur auch wiederkommt! Jetzt habe ich doch noch etwas auf +der Welt, auf das ich mich freuen kann!" Und die Brigitte stimmte +jedes Mal ein, wenn die Grossmutter wieder dasselbe sagte, und auch +der Peter nickte jedes Mal zustimmend mit dem Kopf und zog seinen +Mund weit auseinander vor Vergnueglichkeit und sagte: "Hab's schon +gewusst." + +Unterdessen redete das Heidi in seinem Sack drinnen immerzu an den +Grossvater heran; da die Stimme aber nicht durch den achtfachen +Umschlag dringen konnte und er daher kein Wort verstand, sagte er: +"Wart ein wenig, bis wir daheim sind, dann sag's." + +Sobald er nun, oben angekommen, in seine Huette eingetreten war und +Heidi aus seiner Huelle herausgeschaelt hatte, sagte es: "Grossvater, +morgen muessen wir den Hammer und die grossen Naegel mitnehmen und den +Laden festschlagen bei der Grossmutter und sonst noch viele Naegel +einschlagen, denn es kracht und klappert alles bei ihr." + +"Muessen wir? So, das muessen wir? Wer hat dir das gesagt?", fragte +der Grossvater. + +"Das hat mir kein Mensch gesagt, ich weiss es sonst", entgegnete +Heidi, "denn es haelt alles nicht mehr fest und es ist der +Grossmutter angst und bang, wenn sie nicht schlafen kann und es so +tut, und sie denkt: 'Jetzt faellt alles ein und gerade auf +unsere Koepfe'; und der Grossmutter kann man gar nicht mehr +hell machen, sie weiss gar nicht, wie man es koennte, aber du kannst +es schon, Grossvater; denk nur, wie traurig es ist, wenn sie immer +im Dunkeln ist und es ihr dann noch angst und bang ist und es kann +ihr kein Mensch helfen als du! Morgen wollen wir gehen und ihr +helfen; gelt, Grossvater, wir wollen?" + +Heidi hatte sich an den Grossvater angeklammert und schaute mit +zweifellosem Vertrauen zu ihm auf. Der Alte schaute eine kleine +Welle auf das Kind nieder, dann sagte er: "Ja, Heidi, wir wollen +machen, dass es nicht mehr so klappert bei der Grossmutter, das +koennen wir; morgen tun wir's." + +Nun huepfte das Kind vor Freude im ganzen Huettenraum herum und rief +ein Mal ums andere: "Morgen tun wir's! Morgen tun wir's!" + +Der Grossvater hielt Wort. Am folgenden Nachmittag wurde dieselbe +Schlittenfahrt ausgefuehrt. Wie am vorhergehenden Tag stellte der +Alte das Kind vor der Tuer der Geissenpeter-Huette nieder und sagte: +"Nun geh hinein, und wenn's Nacht wird, komm wieder." Dann legte er +den Sack auf den Schlitten und ging um das Haeuschen herum. + +Kaum hatte Heidi die Tuer aufgemacht und war in die Stube +hineingesprungen, so rief schon die Grossmutter aus der Ecke: "Da +kommt das Kind! Das ist das Kind!", und liess vor Freude den Faden +los und das Raedchen stehen und streckte beide Haende nach dem Kinde +aus. Heidi lief zu ihr, rueckte gleich das niedere Stuehlchen ganz +nahe an sie heran, setzte sich darauf und hatte der Grossmutter +schon wieder eine grosse Menge von Dingen zu erzaehlen und von ihr zu +erfragen. Aber auf einmal ertoenten so gewaltige Schlaege an das +Haus, dass die Grossmutter vor Schrecken so zusammenfuhr, dass sie +fast das Spinnrad umwarf, und zitternd ausrief: "Ach du mein Gott, +jetzt kommt's, es faellt alles zusammen!" Aber Heidi hielt sie fest +um den Arm und sagte troestend: "Nein, nein, Grossmutter, erschrick +du nur nicht, das ist der Grossvater mit dem Hammer, jetzt macht er +alles fest, dass es dir nicht mehr angst und bang wird." + +"Ach, ist auch das moeglich! Ist auch so etwas moeglich! So hat uns +doch der liebe Gott nicht ganz vergessen!", rief die Grossmutter aus. +"Hast du's gehoert, Brigitte, was es ist, hoerst du's? Wahrhaftig, +es ist ein Hammer! Geh hinaus, Brigitte, und wenn es der Alm-Oehi +ist, so sag ihm, er soll doch dann auch einen Augenblick +hereinkommen, dass ich ihm auch danken kann." + +Die Brigitte ging hinaus. Eben schlug der Alm-Oehi mit grosser +Gewalt neue Kloben in die Mauer; Brigitte trat an ihn heran und +sagte: "Ich wuensche Euch guten Abend, Oehi, und die Mutter auch, und +wir haben Euch zu danken, dass Ihr uns einen solchen Dienst tut, +und die Mutter moechte Euch noch gern eigens danken drinnen; sicher, +es haette uns das nicht gerad einer getan, wir wollen Euch auch dran +denken, denn sicher--" + +"Macht's kurz", unterbrach sie der Alte hier; "was Ihr vom Alm-Oehi +haltet, weiss ich schon. Geht nur wieder hinein; wo's fehlt, find +ich selber." + +Brigitte gehorchte sogleich, denn der Oehi hatte eine Art, der man +sich nicht leicht widersetzte. Er klopfte und haemmerte um das +ganze Haeuschen herum, stieg dann das schmale Treppchen hinauf bis +unter das Dach, haemmerte weiter und weiter, bis er auch den letzten +Nagel eingeschlagen, den er mitgebracht hatte. Unterdessen war +auch schon die Dunkelheit hereingebrochen, und kaum war er +heruntergestiegen und hatte seinen Schlitten hinter dem Geissenstall +hervorgezogen, als auch schon Heidi aus der Tuer trat und vom +Grossvater wie gestern verpackt auf den Arm genommen und der +Schlitten nachgezogen wurde, denn allein da drauf sitzend, waere die +ganze Umhuellung vom Heidi abgefallen, und es waere fast oder ganz +erfroren. Das wusste der Grossvater wohl und hielt das Kind ganz +warm in seinem Arm. + +So ging der Winter dahin. In das freudlose Leben der blinden +Grossmutter war nach langen Jahren eine Freude gefallen und ihre +Tage waren nicht mehr lang und dunkel, einer wie der andere, denn +nun hatte sie immer etwas in Aussicht, nach dem sie verlangen +konnte. Vom fruehen Morgen an lauschte sie auch schon auf den +trippelnden Schritt, und ging dann die Tuer auf und das Kind kam +wirklich dahergesprungen, dann rief sie jedes Mal in lauter Freude: +"Gottlob! Da kommt's wieder!" Und Heidi setzte sich zu ihr und +plauderte und erzaehlte so lustig von allem, was es wusste, dass es +der Grossmutter ganz wohl machte und ihr die Stunden dahingingen, +sie merkte es nicht, und kein einziges Mal fragte sie mehr so wie +frueher: "Brigitte, ist der Tag noch nicht um?", sondern jedes Mal, +wenn Heidi die Tuer hinter sich schloss, sagte sie: "Wie war doch +der Nachmittag so kurz; ist es nicht wahr, Brigitte?" Und diese +sagte: "Doch sicher, es ist mir, wir haben erst die Teller vom +Essen weggestellt." Und die Grossmutter sagte wieder: "Wenn mir nur +der Herrgott das Kind erhaelt und dem Alm-Oehi den guten Willen! +Sieht es auch gesund aus, Brigitte?" Und jedes Mal erwiderte diese: +"Es sieht aus wie ein Erdbeerapfel." + +Heidi hatte auch eine grosse Anhaenglichkeit an die alte Grossmutter, +und wenn es ihm wieder in den Sinn kam, dass ihr gar niemand, auch +der Grossvater nicht mehr hell machen konnte, ueberkam es immer +wieder eine grosse Betruebnis; aber die Grossmutter sagte ihm immer +wieder, dass sie am wenigsten davon leide, wenn es bei ihr sei, und +Heidi kam auch an jedem schoenen Wintertag heruntergefahren auf +seinem Schlitten. Der Grossvater hatte, ohne weitere Worte, so +fortgefahren, hatte jedes Mal den Hammer und allerlei andere Sachen +mit aufgeladen und manchen Nachmittag durch an dem Geissenpeter- +Haeuschen herumgeklopft. Das hatte aber auch seine gute Wirkung; es +krachte und klapperte nicht mehr die ganzen Naechte durch, und die +Grossmutter sagte, so habe sie manchen Winter lang nicht mehr +schlafen koennen, das wolle sie auch dem Oehi nie vergessen. + + + + +Es kommt ein Besuch und dann noch einer, der mehr Folgen hat + +Schnell war der Winter und noch schneller der froehliche Sommer +darauf vergangen, und ein neuer Winter neigte sich schon wieder dem +Ende zu. Heidi war gluecklich und froh wie die Voeglein des Himmels +und freute sich jeden Tag mehr auf die herannahenden Fruehlingstage, +da der warme Foehn durch die Tannen brausen und den Schnee wegfegen +wuerde und dann die helle Sonne die blauen und gelben Bluemlein +hervorlocken und die Tage der Weide kommen wuerden, die fuer Heidi +das Schoenste mit sich brachten, was es auf Erden geben konnte. +Heidi stand nun in seinem achten Jahre; es hatte vom Grossvater +allerlei Kunstgriffe erlernt: Mit den Geissen wusste es so gut +umzugehen als nur einer, und Schwaenli und Baerli liefen ihm nach wie +treue Huendlein und meckerten gleich laut vor Freude, wenn sie nur +seine Stimme hoerten. In diesem Winter hatte Peter schon zweimal +vom Schullehrer im Doerfli den Bericht gebracht, der Alm-Oehi solle +das Kind, das bei ihm sei, nun in die Schule schicken, es habe +schon mehr als das Alter und haette schon im letzten Winter kommen +sollen. Der Oehi hatte beide Male dem Schullehrer sagen lassen, +wenn er etwas mit ihm wolle, so sei er daheim, das Kind schicke er +nicht in die Schule. Diesen Bericht hatte der Peter richtig +ueberbracht. + +Als die Maerzsonne den Schnee an den Abhaengen geschmolzen hatte und +ueberall die weissen Schneegloeckchen hervorguckten im Tal und auf der +Alm die Tannen ihre Schneelast abgeschuettelt hatten und die Aeste +wieder lustig wehten, da rannte Heidi vor Wonne immer hin und her +von der Haustuer zum Geissenstall und von da unter die Tannen und +dann wieder hinein zum Grossvater, um ihm zu berichten, wie viel +groesser das Stueck gruener Boden unter den Baeumen wieder geworden sei, +und gleich nachher kam es wieder nachzusehen, denn es konnte nicht +erwarten, dass alles wieder gruen wurde und der ganze schoene Sommer +mit Gruen und Blumen wieder auf die Alm gezogen kam. + +Als Heidi so am sonnigen Maerzmorgen hin und her rannte und jetzt +wohl zum zehnten Mal ueber die Tuerschwelle sprang, waere es vor +Schrecken fast rueckwaerts wieder hineingefallen, denn auf einmal +stand es vor einem schwarzen alten Herrn, der es ganz ernsthaft +anblickte. Als er aber seinen Schrecken sah, sagte er freundlich: +"Du musst nicht erschrecken vor mir, die Kinder sind mir lieb. Gib +mir die Hand! Du wirst das Heidi sein; wo ist der Grossvater?" + +"Er sitzt am Tisch und schnitzt runde Loeffel von Holz", erklaerte +Heidi und machte nun die Tuer wieder auf. + +Es war der alte Herr Pfarrer aus dem Doerfli, der den Oehi vor Jahren +gut gekannt hatte, als er noch unten wohnte und sein Nachbar war. +Er trat in die Huette ein, ging auf den Alten zu, der sich ueber sein +Schnitzwerk hinbeugte, und sagte: "Guten Morgen, Nachbar." + +Verwundert schaute dieser in die Hoehe, stand dann auf und +entgegnete: "Guten Morgen dem Herrn Pfarrer." Dann stellte er +seinen Stuhl vor den Herrn hin und fuhr fort: "Wenn der Herr +Pfarrer einen Holzsitz nicht scheut, hier ist einer." + +Der Herr Pfarrer setzte sich. "Ich habe Euch lange nicht gesehen, +Nachbar", sagte er dann. + +"Ich den Herrn Pfarrer auch nicht", war die Antwort. + +"Ich komme heut, um etwas mit Euch zu besprechen", fing der Herr +Pfarrer wieder an; "ich denke, Ihr koennt schon wissen, was meine +Angelegenheit ist, worueber ich mich mit Euch verstaendigen und hoeren +will, was Ihr im Sinne habt." + +Der Herr Pfarrer schwieg und schaute auf Heidi, das an der Tuer +stand und die neue Erscheinung aufmerksam betrachtete. + +"Heidi, geh zu den Geissen", sagte der Grossvater. "Kannst ein wenig +Salz mitnehmen und bei ihnen bleiben, bis ich auch komme." + +Heidi verschwand sofort. + +"Das Kind haette schon vor dem Jahr und noch sicherer diesen Winter +die Schule besuchen sollen", sagte nun der Herr Pfarrer; "der +Lehrer hat Euch mahnen lassen, Ihr habt keine Antwort darauf +gegeben; was habt Ihr mit dem Kind im Sinn, Nachbar?" + +"Ich habe im Sinn, es nicht in die Schule zu schicken", war die +Antwort. + +Verwundert schaute der Herr Pfarrer auf den Alten, der mit +gekreuzten Armen auf seiner Bank sass und gar nicht nachgiebig +aussah. + +"Was wollt Ihr aus dem Kinde machen?", fragte jetzt der Herr +Pfarrer. + +"Nichts, es waechst und gedeiht mit den Geissen und den Voegeln; bei +denen ist es ihm wohl und es lernt nichts Boeses von ihnen." + +"Aber das Kind ist keine Geiss und kein Vogel, es ist ein +Menschenkind. Wenn es nichts Boeses lernt von diesen seinen +Kameraden, so lernt es auch sonst nichts von ihnen; es soll aber +etwas lernen, und die Zeit dazu ist da. Ich bin gekommen, es Euch +zeitig zu sagen, Nachbar, damit Ihr Euch besinnen und einrichten +koennt den Sommer durch. Dies war der letzte Winter, den das Kind +so ohne allen Unterricht zugebracht hat; naechsten Winter kommt es +zur Schule, und zwar jeden Tag." + +"Ich tu's nicht, Herr Pfarrer", sagte der Alte unentwegt. + +"Meint Ihr denn wirklich, es gebe kein Mittel, Euch zur Vernunft zu +bringen, wenn Ihr so eigensinnig bei Eurem unvernuenftigen Tun +beharren wollt?", sagte der Herr Pfarrer jetzt ein wenig eifrig. +"Ihr seid weit in der Welt herumgekommen und habt viel gesehen und +vieles lernen koennen, ich haette Euch mehr Einsicht zugetraut, +Nachbar." + +"So", sagte jetzt der Alte und seine Stimme verriet, dass es auch +in seinem Innern nicht mehr so ganz ruhig war; "und meint denn der +Herr Pfarrer, ich werde wirklich im naechsten Winter am eisigen +Morgen durch Sturm und Schnee ein zartgliedriges Kind den Berg +hinunterschicken, zwei Stunden weit, und zur Nacht wieder +heraufkommen lassen, wenn's manchmal tobt und tut, dass unsereiner +fast in Wind und Schnee ersticken muesste, und dann ein Kind wie +dieses? Und vielleicht kann sich der Herr Pfarrer auch noch der +Mutter erinnern, der Adelheid; sie war mondsuechtig und hatte +Zufaelle, soll das Kind auch so etwas holen mit der Anstrengung? Es +soll mir einer kommen und mich zwingen wollen! Ich gehe vor alle +Gerichte mit ihm, und dann wollen wir sehen, wer mich zwingt!" + +"Ihr habt ganz Recht, Nachbar", sagte der Herr Pfarrer mit +Freundlichkeit; "es waere nicht moeglich, das Kind von hier aus zur +Schule zu schicken. Aber ich kann sehen, das Kind ist Euch lieb; +tut um seinetwillen etwas, das Ihr schon lange haettet tun sollen, +kommt wieder ins Doerfli herunter und lebt wieder mit den Menschen. +Was ist das fuer ein Leben hier oben, allein und verbittert gegen +Gott und Menschen! Wenn Euch einmal etwas zustossen wuerde hier oben, +wer wuerde Euch beistehen? Ich kann auch gar nicht begreifen, dass +Ihr den Winter durch nicht halb erfriert in Eurer Huette, und wie +das zarte Kind es nur aushalten kann!" + +"Das Kind hat junges Blut und eine gute Decke, das moechte ich dem +Herrn Pfarrer sagen, und dann noch eins: Ich weiss, wo es Holz gibt, +und auch, wann die gute Zeit ist, es zu holen; der Herr Pfarrer +darf in meinen Schopf hineingehen, es ist etwas drin, in meiner +Huette geht das Feuer nie aus den Winter durch. Was der Herr +Pfarrer mit dem Herunterkommen meint, ist nicht fuer mich; die +Menschen da unten verachten mich und ich sie auch, wir bleiben +voneinander, so ist's beiden wohl." + +"Nein, nein, es ist Euch nicht wohl; ich weiss, was Euch fehlt", +sagte der Herr Pfarrer mit herzlichem Ton. "Mit der Verachtung der +Menschen dort unten ist es so schlimm nicht. Glaubt mir, Nachbar: +Sucht Frieden mit Eurem Gott zu machen, bittet um seine Verzeihung, +wo Ihr sie noetig habt, und dann kommt und seht, wie anders Euch die +Menschen ansehen und wie wohl es Euch noch werden kann." + +Der Herr Pfarrer war aufgestanden, er hielt dem Alten die Hand hin +und sagte nochmals mit Herzlichkeit: "Ich zaehle darauf, Nachbar, im +naechsten Winter seid Ihr wieder unten bei uns und wir sind die +alten, guten Nachbarn. Es wuerde mir grossen Kummer machen, wenn ein +Zwang gegen Euch muesste angewandt werden; gebt mir jetzt die Hand +darauf, dass ihr herunterkommt und wieder unter uns leben wollt, +ausgesoehnt mit Gott und den Menschen." + +Der Alm-Oehi gab dem Herrn Pfarrer die Hand und sagte fest und +bestimmt: "Der Herr Pfarrer meint es recht mit mir; aber was er +erwartet, das tu ich nicht, ich sag es sicher und ohne Wandel: Das +Kind schick ich nicht, und herunter komm ich nicht." + +"So helf Euch Gott!", sagte der Herr Pfarrer und ging traurig zur +Tuer hinaus und den Berg hinunter. + +Der Alm-Oehi war verstimmt. Als Heidi am Nachmittag sagte: "Jetzt +wollen wir zur Grossmutter", erwiderte er kurz: "Heut nicht." Den +ganzen Tag sprach er nicht mehr, und am folgenden Morgen, als Heidi +fragte: "Gehen wir heut zur Grossmutter?", war er noch gleich kurz +von Worten wie im Ton und sagte nur: "Wollen sehen." Aber noch +bevor die Schuesselchen vom Mittagessen weggestellt waren, trat +schon wieder ein Besuch zur Tuer herein, es war die Base Dete. Sie +hatte einen schoenen Hut auf dem Kopf mit einer Feder darauf und ein +Kleid, das alles mitfegte, was am Boden lag, und in der Sennhuette +lag da allerlei, das nicht an ein Kleid gehoerte. Der Oehi schaute +sie an von oben bis unten und sagte kein Wort. Aber die Base Dete +hatte im Sinn, ein sehr freundliches Gespraech zu fuehren, denn sie +fing an zu ruehmen und sagte, das Heidi sehe so gut aus, sie habe es +fast nicht mehr gekannt und man koenne schon sehen, dass es ihm +nicht schlecht gegangen sei beim Grossvater. Sie habe aber gewiss +auch immer darauf gedacht, es ihm wieder abzunehmen, denn sie habe +ja schon begreifen koennen, dass ihm das Kleine im Weg sein muesse, +aber in jenem Augenblick habe sie es ja nirgends sonst hintun +koennen; seitdem aber habe sie Tag und Nacht nachgesonnen, wo sie +das Kind etwa unterbringen koennte, und deswegen komme sie auch +heute, denn auf einmal habe sie etwas vernommen, da koenne das Heidi +zu einem solchen Glueck kommen, dass sie es gar nicht habe glauben +wollen. Dann sei sie aber auf der Stelle der Sache nachgegangen, +und nun koenne sie sagen, es sei alles so gut wie in Richtigkeit, +das Heidi komme zu einem Glueck wie unter Hunderttausenden nicht +eines. Furchtbar reiche Verwandte von ihrer Herrschaft, die fast +im schoensten Haus in ganz Frankfurt wohnen, die haben ein einziges +Toechterlein, das muesse immer im Rollstuhl sitzen, denn es sei auf +einer Seite lahm und sonst nicht gesund, und so sei es fast immer +allein und muesse auch allen Unterricht allein nehmen bei einem +Lehrer, und das sei ihm so langweilig, und auch sonst haette es gern +eine Gespielin im Haus, und da haben sie so davon geredet bei ihrer +Herrschaft, und wenn man nur so ein Kind finden koennte, wie die +Dame beschrieb, die in dem Haus die Wirtschaft fuehrte, denn ihre +Herrschaft habe viel Mitgefuehl und moechte dem kranken Toechterlein +eine gute Gespielin goennen. Die Wirtschaftsdame hatte nun gesagt, +sie wolle so ein recht unverdorbenes, so ein eigenartiges, das +nicht sei wie alle, die man so alle Tage sehe. Da habe sie selbst +denn auf der Stelle an das Heidi gedacht und sei gleich hingelaufen +und habe der Dame alles so beschrieben vom Heidi und so von seinem +Charakter, und die Dame habe sogleich zugesagt. Nun koenne gar kein +Mensch wissen, was dem Heidi alles an Glueck und Wohlfahrt +bevorstehe, denn wenn es dann einmal dort sei und die Leute es gern +moegen und es etwa mit dem eigenen Toechterchen etwas geben sollte-- +man koenne ja nie wissen, es sei doch so schwaechlich--, und wenn +eben die Leute doch nicht ohne ein Kind bleiben wollten, so koennte +ja das unerhoerteste Glueck-- + +"Bist du bald fertig?", unterbrach hier der Oehi, der bis dahin kein +Wort dazwischengeredet hatte. + +"Pah", gab die Dete zurueck und warf den Kopf auf, "Ihr tut gerade, +wie wenn ich Euch das ordinaerste Zeug gesagt haette, und ist doch +durchs ganze Praettigau auf und ab nicht einer, der nicht Gott im +Himmel dankte, wenn ich ihm die Nachricht braechte, die ich Euch +gebracht habe." + +"Bring sie, wem du willst, ich will nichts davon", sagte der Oehi +trocken. + +Aber jetzt fuhr die Dete auf wie eine Rakete und rief: "Ja, wenn +Ihr es so meint, dann will ich Euch denn schon auch sagen, wie ich +es meine: Das Kind ist jetzt acht Jahre alt und kann nichts und +weiss nichts, und Ihr wollt es nichts lernen lassen; Ihr wollt es in +keine Schule und in keine Kirche schicken, das haben sie mir gesagt +unten im Doerfli, und es ist meiner einzigen Schwester Kind; ich hab +es zu verantworten, wie's mit ihm geht, und wenn ein Kind ein Glueck +erlangen kann wie jetzt das Heidi, so kann ihm nur einer davor sein, +dem es um alle Leute gleich ist und der keinem etwas Gutes wuenscht. +Aber ich gebe nicht nach, das sag ich Euch, und die Leute habe +ich alle fuer mich, es ist kein Einziger unten im Doerfli, der nicht +mir hilft und gegen Euch ist, und wenn Ihr's etwa wollt vor Gericht +kommen lassen, so besinnt Euch wohl, Oehi; es gibt noch Sachen, die +Euch dann koennten aufgewaermt werden, die Ihr nicht gern hoertet, +denn wenn man's einmal mit dem Gericht zu tun hat, so wird noch +manches aufgespuert, an das keiner mehr denkt." + +"Schweig!", donnerte der Oehi heraus, und seine Augen flammten wie +Feuer. "Nimm's und verdirb's! Komm mir nie mehr vor Augen mit ihm, +ich will's nie sehen mit dem Federhut auf dem Kopf und Worten im +Mund wie dich heut!" + +Der Oehi ging mit grossen Schritten zur Tuer hinaus. + +"Du hast den Grossvater boes gemacht", sagte Heidi und blitzte mit +seinen schwarzen Augen die Base wenig freundlich an. + +"Er wird schon wieder gut, komm jetzt", draengte die Base; "wo sind +deine Kleider?" + +"Ich komme nicht", sagte Heidi. + +"Was sagst du?", fuhr die Base auf; dann aenderte sie den Ton ein +wenig und fuhr halb freundlich, halb aergerlich weiter: "Komm, komm, +du verstehst's nicht besser, du wirst es so gut haben, wie du gar +nicht weisst." Dann ging sie an den Schrank, nahm Heidis Sachen +hervor und packte sie zusammen: "So, komm jetzt, nimm dort dein +Huetchen, es sieht nicht schoen aus, aber es ist gleich fuer einmal, +setz es auf und mach, dass wir fortkommen." + +"Ich komme nicht", wiederholte Heidi. + +"Sei doch nicht so dumm und stoerrig wie eine Geiss; denen hast du's +abgesehen. Begreif doch nur, jetzt ist der Grossvater boes, du +hast's ja gehoert, dass er gesagt hat, wir sollen ihm nicht mehr vor +Augen kommen, er will es nun haben, dass du mit mir gehst, und +jetzt musst du ihn nicht noch boeser machen. Du weisst gar nicht, +wie schoen es ist in Frankfurt und was du alles sehen wirst, und +gefaellt es dir dann nicht, so kannst du wieder heimgehen; bis dahin +ist der Grossvater dann wieder gut." + +"Kann ich gerad wieder umkehren und heimkommen heut Abend?", fragte +Heidi. + +"Ach was, komm jetzt! Ich sag dir's ja, du kannst wieder heim, +wann du willst. Heut gehen wir bis nach Maienfeld hinunter und +morgen frueh sitzen wir in der Eisenbahn, mit der bist du nachher im +Augenblick wieder daheim, das geht wie geflogen." + +Die Base Dete hatte das Buendelchen Kleider auf den Arm und Heidi an +die Hand genommen; so gingen sie den Berg hinunter. + +Da es noch nicht Weidezeit war, ging der Peter noch zur Schule ins +Doerfli hinunter, oder sollte doch dahin gehen; aber er machte hier +und da einen Tag Ferien, denn er dachte, es nuetze nichts, dahin zu +gehen, das Lesen brauche man auch nicht, und ein wenig herumfahren +und grosse Ruten suchen nuetze etwas, denn diese koenne man brauchen. +So kam er eben in der Naehe seiner Huette von der Seite her mit +sichtlichem Erfolg seiner heutigen Bestrebungen, denn er trug ein +ungeheures Buendel langer, dicker Haselruten auf der Achsel. Er +stand still und starrte die zwei Entgegenkommenden an, bis sie bei +ihm ankamen; dann sagte er: "Wo willst du hin?" + +"Ich muss nur geschwind nach Frankfurt mit der Base", antwortete +Heidi, "aber ich will zuerst noch zur Grossmutter hinein, sie wartet +auf mich." + +"Nein, nein, keine Rede, es ist schon viel zu spaet", sagte die Base +eilig und hielt das fortstrebende Heidi fest bei der Hand; "du +kannst dann gehen, wenn du wieder heimkommst, komm jetzt!" Damit +zog die Base das Heidi fest weiter und liess es nicht mehr los, denn +sie fuerchtete, es koenne drinnen dem Kinde wieder in den Sinn kommen, +es wolle nicht fort, und die Grossmutter koenne ihm helfen wollen. +Der Peter sprang in die Huette hinein und schlug mit seinem ganzen +Buendel Ruten so furchtbar auf den Tisch los, dass alles erzitterte +und die Grossmutter vor Schrecken vom Spinnrad aufsprang und laut +aufjammerte. Der Peter hatte sich Luft machen muessen. + +"Was ist's denn? Was ist's denn?", rief angstvoll die Grossmutter, +und die Mutter, die am Tisch gesessen hatte und fast aufgeflogen +war bei dem Knall, sagte in angeborener Langmut: "Was hast, Peterli; +warum tust so wuest?" + +"Weil sie das Heidi mitgenommen hat", erklaerte Peter. + +"Wer? Wer? Wohin, Peterli, wohin?", fragte die Grossmutter jetzt +mit neuer Angst; sie musste aber schnell erraten haben, was vorging, +die Tochter hatte ihr ja vor kurzem berichtet, sie habe die Dete +gesehen zum Alm-Oehi hinaufgehen. Ganz zitternd vor Eile machte die +Grossmutter das Fenster auf und rief flehentlich hinaus: "Dete, Dete, +nimm uns das Kind nicht weg! Nimm uns das Heidi nicht!" + +Die beiden Laufenden hoerten die Stimme, und die Dete mochte wohl +ahnen, was sie rief, denn sie fasste das Kind noch fester und lief, +was sie konnte. Heidi widerstrebte und sagte: "Die Grossmutter hat +gerufen, ich will zu ihr." + +Aber das wollte die Base gerade nicht und beschwichtigte das Kind, +es solle nur schnell kommen jetzt, dass sie nicht noch zu spaet +kaemen, sondern dass sie morgen weiterreisen koennten, es koennte ja +dann sehen, wie es ihm gefallen werde in Frankfurt, dass es gar nie +mehr fortwolle dort; und wenn es doch heim wolle, so koenne es ja +gleich gehen und dann erst noch der Grossmutter etwas mit +heimbringen, was sie freue. Das war eine Aussicht fuer Heidi, die +ihm gefiel. Es fing an zu laufen ohne Widerstreben. + +"Was kann ich der Grossmutter heimbringen?", fragte es nach einer +Welle. + +"Etwas Gutes", sagte die Base, "so schoene, weiche Weissbroetchen, da +wird sie Freud haben daran, sie kann ja doch das harte, schwarze +Brot fast nicht mehr essen." + +"Ja, sie gibt es immer wieder dem Peter und sagt: 'Es ist mir +zu hart'; das habe ich selbst gesehen", bestaetigte das Heidi. +"So wollen wir geschwind gehen, Base Dete; dann kommen wir +vielleicht heut noch nach Frankfurt, dass ich bald wieder da bin +mit den Broetchen." + +Heidi fing nun so zu rennen an, dass die Base mit ihrem Buendel auf +dem Arm fast nicht mehr nachkam. Aber sie war sehr froh, dass es +so rasch ging, denn nun kamen sie gleich zu den ersten Haeusern vom +Doerfli, und da konnte es wieder allerhand Reden und Fragen geben, +die das Heidi wieder auf andere Gedanken bringen konnten. So lief +sie stracks durch, und das Kind zog dabei noch so stark an ihrer +Hand, dass alle Leute es sehen konnten, wie sie um des Kindes +willen so pressieren musste. So rief sie auf alle die Fragen und +Anrufungen, die ihr aus allen Fenstern und Tueren entgegentoenten, +nur immer zurueck: "Ihr seht's ja, ich kann jetzt nicht still stehen, +das Kind pressiert und wir haben noch weit." + +"Nimmst's mit?"--"Laeuft's dem Alm-Oehi fort?"--"Es ist nur ein +Wunder, dass es noch am Leben ist!"--"Und dazu noch so rotbackig!" +So toente es von allen Seiten, und die Dete war froh, dass sie ohne +Verzug durchkam und keinen Bescheid geben musste und auch Heidi +kein Wort sagte, sondern nur immer vorwaerts strebte in grossem Eifer. +-- + +Von dem Tage an machte der Alm-Oehi, wenn er herunterkam und durchs +Doerfli ging, ein boeseres Gesicht als je zuvor. Er gruesste keinen +Menschen und sah mit seinem Kaesereff auf dem Ruecken, mit dem +ungeheuren Stock in der Hand und den zusammengezogenen dicken +Brauen so drohend aus, dass die Frauen zu den kleinen Kindern +sagten: "Gib Acht! Geh dem Alm-Oehi aus dem Weg, er koennte dir noch +etwas tun!" + +Der Alte verkehrte mit keinem Menschen im Doerfli, er ging nur durch +und weit ins Tal hinab, wo er seinen Kaese verhandelte und seine +Vorraete an Brot und Fleisch einnahm. Wenn er so vorbeigegangen war +im Doerfli, dann standen hinter ihm die Leute alle in Trueppchen +zusammen, und jeder wusste etwas Besonderes, was er am Alm-Oehi +gesehen hatte, wie er immer wilder aussehe und dass er jetzt keinem +Menschen mehr auch nur einen Gruss abnehme, und alle kamen darin +ueberein, dass es ein grosses Glueck sei, dass das Kind habe +entweichen koennen, und man habe auch wohl gesehen, wie es +fortgedraengt habe, so, als fuerchte es, der Alte sei schon hinter +ihm drein, um es zurueckzuholen. Nur die blinde Grossmutter hielt +unverrueckt zum Alm-Oehi, und wer zu ihr heraufkam, um bei ihr +spinnen zu lassen oder das Gesponnene zu holen, dem erzaehlte sie es +immer wieder, wie gut und sorgfaeltig der Alm-Oehi mit dem Kind +gewesen sei und was er an ihr und der Tochter getan habe, wie +manchen Nachmittag er an ihrem Haeuschen herumgeflickt, das ohne +seine Hilfe gewiss schon zusammengefallen waere. So kamen denn auch +diese Berichte ins Doerfli herunter; aber die meisten, die sie +vernahmen, sagten dann, die Grossmutter sei vielleicht zu alt zum +Begreifen, sie werde es wohl nicht recht verstanden haben, sie +werde wohl auch nicht mehr gut hoeren, weil sie nichts mehr sehe. + +Der Alm-Oehi zeigte sich jetzt nicht mehr bei den Geissenpeters; es +war gut, dass er die Huette so fest zusammengenagelt hatte, denn sie +blieb fuer lange Zeit ganz unberuehrt. Jetzt begann die blinde +Grossmutter ihre Tage wieder mit Seufzen, und nicht einer verstrich, +an dem sie nicht klagend sagte: "Ach, mit dem Kind ist alles Gute +und alle Freude von uns genommen, und die Tage sind so leer! Wenn +ich nur noch einmal das Heidi hoeren koennte, eh ich sterben muss!" + + + + +Ein neues Kapitel und lauter neue Dinge + +Im Hause des Herrn Sesemann in Frankfurt lag das kranke Toechterlein, +Klara, in dem bequemen Rollstuhl, in welchem es den ganzen Tag +sich aufhielt und von einem Zimmer ins andere gestossen wurde. +Jetzt sass es im so genannten Studierzimmer, das neben der grossen +Essstube lag und wo vielerlei Geraetschaften herumstanden und--lagen, +die das Zimmer wohnlich machten und zeigten, dass man hier +gewoehnlich sich aufhielt. An dem grossen, schoenen Buecherschrank mit +den Glastueren konnte man sehen, woher das Zimmer seinen Namen hatte +und dass es wohl der Raum war, wo dem lahmen Toechterchen der +taegliche Unterricht erteilt wurde. + +Klara hatte ein blasses, schmales Gesichtchen, aus dem zwei milde, +blaue Augen herausschauten, die in diesem Augenblick auf die grosse +Wanduhr gerichtet waren, die heute besonders langsam zu gehen +schien, denn Klara, die sonst kaum ungeduldig wurde, sagte jetzt +mit ziemlicher Ungeduld in der Stimme: "Ist es denn immer noch +nicht Zeit, Fraeulein Rottenmeier?" + +Die Letztere sass sehr aufrecht an einem kleinen Arbeitstisch und +stickte. Sie hatte eine geheimnisvolle Huelle um sich, einen grossen +Kragen oder Halbmantel, welcher der Persoenlichkeit einen +feierlichen Anstrich verlieh, der noch erhoeht wurde durch eine Art +von hoch gebauter Kuppel, die sie auf dem Kopf trug. Fraeulein +Rottenmeier war schon seit mehreren Jahren, seitdem die Dame des +Hauses gestorben war, im Hause Sesemann, fuehrte die Wirtschaft und +hatte die Oberaufsicht ueber das ganze Dienstpersonal. + +Herr Sesemann war meistens auf Reisen, ueberliess daher dem Fraeulein +Rottenmeier das ganze Haus, nur mit der Bedingung, dass sein +Toechterlein in allem eine Stimme haben solle und nichts gegen +dessen Wunsch geschehen duerfe. + +Waehrend oben Klara zum zweiten Mal mit Zeichen der Ungeduld +Fraeulein Rottenmeier befragte, ob die Zeit noch nicht da sei, da +die Erwarteten erscheinen konnten, stand unten vor der Haustuer die +Dete mit Heidi an der Hand und fragte den Kutscher Johann, der eben +vom Wagen gestiegen war, ob sie wohl Fraeulein Rottenmeier so spaet +noch stoeren duerfe. + +"Das ist nicht meine Sache", brummte der Kutscher; "klingeln Sie +den Sebastian herunter, drinnen im Korridor." + +Dete tat, wie ihr geheissen war, und der Bediente des Hauses kam die +Treppe herunter mit grossen, runden Knoepfen auf seinem Aufwaerterrock +und fast ebenso grossen runden Augen im Kopfe. + +"Ich wollte fragen, ob ich um diese Zeit Fraeulein Rottenmeier noch +stoeren duerfe", brachte die Dete wieder an. + +"Das ist nicht meine Sache", gab der Bediente zurueck; "klingeln Sie +die Jungfer Tinette herunter an der anderen Klingel", und ohne +weitere Auskunft verschwand der Sebastian. + +Dete klingelte wieder. Jetzt erschien auf der Treppe die Jungfer +Tinette mit einem blendend weissen Deckelchen auf der Mitte des +Kopfes und einer spoettischen Miene auf dem Gesicht. + +"Was ist?", fragte sie auf der Treppe, ohne herunterzukommen. Dete +wiederholte ihr Gesuch. Jungfer Tinette verschwand, kam aber bald +wieder und rief von der Treppe herunter: "Sie sind erwartet!" + +Jetzt stieg Dete mit Heidi die Treppe hinauf und trat, der Jungfer +Tinette folgend, in das Studierzimmer ein. Hier blieb Dete hoeflich +an der Tuer stehen, Heidi immer fest an der Hand haltend, denn sie +war gar nicht sicher, was dem Kinde etwa begegnen konnte auf diesem +so fremden Boden. + +Fraeulein Rottenmeier erhob sich langsam von ihrem Sitz und kam +naeher, um die angekommene Gespielin der Tochter des Hauses zu +betrachten. Der Anblick schien sie nicht zu befriedigen. Heidi +hatte sein einfaches Baumwollroeckchen an und sein altes, +zerdruecktes Strohhuetchen auf dem Kopf. Das Kind guckte sehr +harmlos darunter hervor und betrachtete mit unverhehlter +Verwunderung den Turmbau auf dem Kopf der Dame. + +"Wie heissest du?", fragte Fraeulein Rottenmeier, nachdem auch sie +einige Minuten lang forschend das Kind angesehen hatte, das kein +Auge von ihr verwandte. + +"Heidi", antwortete es deutlich und mit klangvoller Stimme. + +"Wie? Wie? Das soll doch wohl kein christlicher Name sein? So +bist du doch nicht getauft worden. Welchen Namen hast du in der +Taufe erhalten?", fragte Fraeulein Rottenmeier weiter. + +"Das weiss ich jetzt nicht mehr", entgegnete Heidi. + +"Ist das eine Antwort!", bemerkte die Dame mit Kopfschuetteln. +"Jungfer Dete, ist das Kind einfaeltig oder schnippisch?" + +"Mit Erlaubnis und wenn es die Dame gestattet, so will ich gern +reden fuer das Kind, denn es ist sehr unerfahren", sagte die Dete, +nachdem sie dem Heidi heimlich einen kleinen Stoss gegeben hatte fuer +die unpassende Antwort. "Es ist aber nicht einfaeltig und auch +nicht schnippisch, davon weiss es gar nichts; es meint alles so, wie +es redet. Aber es ist heut zum ersten Mal in einem Herrenhaus und +kennt die gute Manier nicht; aber es ist willig und nicht +ungelehrig, wenn die Dame wollte guetige Nachsicht haben. Es ist +Adelheid getauft worden, wie seine Mutter, meine Schwester selig." + +"Nun wohl, dies ist doch ein Name, den man sagen kann", bemerkte +Fraeulein Rottenmeier. "Aber, Jungfer Dete, ich muss Ihnen doch +sagen, dass mir das Kind fuer sein Alter sonderbar vorkommt. Ich +habe Ihnen mitgeteilt, die Gespielin fuer Fraeulein Klara muesste in +ihrem Alter sein, um denselben Unterricht mit ihr zu verfolgen und +ueberhaupt ihre Beschaeftigungen zu teilen. Fraeulein Klara hat das +zwoelfte Jahr zurueckgelegt; wie alt ist das Kind?" + +"Mit Erlaubnis der Dame", fing die Dete wieder beredt an, "es war +mir eben selber nicht mehr so ganz gegenwaertig, wie alt es sei; es +ist wirklich ein wenig juenger, viel trifft es nicht an, ich kann's +so ganz genau nicht sagen, es wird so um das zehnte Jahr, oder so +noch etwas dazu sein, nehm ich an." + +"Jetzt bin ich acht, der Grossvater hat's gesagt", erklaerte Heidi. +Die Base stiess es wieder an, aber Heidi hatte keine Ahnung, warum, +und wurde keineswegs verlegen. + +"Was, erst acht Jahre alt?", rief Fraeulein Rottenmeier mit einiger +Entruestung aus. "Vier Jahre zu wenig! Was soll das geben! Und +was hast du denn gelernt? Was hast du fuer Buecher gehabt bei deinem +Unterricht?" + +"Keine", sagte Heidi. + +"Wie? Was? Wie hast du denn lesen gelernt?", fragte die Dame +weiter. + +"Das hab ich nicht gelernt und der Peter auch nicht", berichtete +Heidi. + +"Barmherzigkeit! Du kannst nicht lesen? Du kannst wirklich nicht +lesen!", rief Fraeulein Rottenmeier im hoechsten Schrecken aus. "Ist +es die Moeglichkeit, nicht lesen! Was hast du denn aber gelernt?" + +"Nichts", sagte Heidi der Wahrheit gemaess. + +"Jungfer Dete", sagte Fraeulein Rottenmeier nach einigen Minuten, in +denen sie nach Fassung rang, "es ist alles nicht nach Abrede, wie +konnten Sie mir dieses Wesen zufuehren?" Aber die Dete liess sich +nicht so bald einschuechtern; sie antwortete herzhaft: "Mit +Erlaubnis der Dame, das Kind ist gerade, was ich dachte, dass sie +haben wolle; die Dame hat mir beschrieben, wie es sein muesse, so +ganz apart und nicht wie die anderen, und so musste ich das Kleine +nehmen, denn die Groesseren sind bei uns dann nicht mehr so apart, +und ich dachte, dieses passe wie gemacht auf die Beschreibung. +Jetzt muss ich aber gehen, denn meine Herrschaft erwartet mich; ich +will, wenn's meine Herrschaft erlaubt, bald wieder kommen und +nachsehen, wie es geht mit ihm." Mit einem Knicks war die Dete zur +Tuer hinaus und die Treppe hinunter mit schnellen Schritten. +Fraeulein Rottenmeier stand einen Augenblick noch da, dann lief sie +der Dete nach; es war ihr wohl in den Sinn gekommen, dass sie noch +eine Menge von Dingen mit der Base besprechen wollte, wenn das Kind +wirklich dableiben sollte, und da war es doch nun einmal und, wie +sie bemerkte, hatte die Base fest im Sinn, es dazulassen. + +Heidi stand noch auf demselben Platz an der Tuer, wo es von Anfang +an gestanden hatte. Bis dahin hatte Klara von ihrem Sessel aus +schweigend allem zugesehen. Jetzt winkte sie Heidi: "Komm hierher!" + +Heidi trat an den Rollstuhl heran. + +"Willst du lieber Heidi heissen oder Adelheid?", fragte Klara. + +"Ich heisse nur Heidi und sonst nichts", war Heidis Antwort. + +"So will ich dich immer so nennen", sagte Klara; "der Name gefaellt +mir fuer dich, ich habe ihn aber nie gehoert, ich habe aber auch nie +ein Kind gesehen, das so aussieht wie du. Hast du immer nur so +kurzes, krauses Haar gehabt?" + +"Ja, ich denk's", gab Heidi zur Antwort. + +"Bist du gern nach Frankfurt gekommen?", fragte Klara weiter. + +"Nein, aber morgen geh ich dann wieder heim und bringe der +Grossmutter weisse Broetchen!", erklaerte Heidi. + +"Du bist aber ein kurioses Kind!", fuhr jetzt Klara auf. "Man hat +dich ja express nach Frankfurt kommen lassen, dass du bei mir +bleibest und die Stunden mit mir nehmest, und siehst du, es wird +nun ganz lustig, weil du gar nicht lesen kannst, nun kommt etwas +ganz Neues in den Stunden vor. Sonst ist es manchmal so +schrecklich langweilig und der Morgen will gar nicht zu Ende kommen. +Denn siehst du, alle Morgen um zehn Uhr kommt der Herr Kandidat, +und dann fangen die Stunden an und dauern bis um zwei Uhr, das ist +so lange. Der Herr Kandidat nimmt auch manchmal das Buch ganz nahe +ans Gesicht heran, so, als waere er auf einmal ganz kurzsichtig +geworden, aber er gaehnt nur furchtbar hinter dem Buch, und Fraeulein +Rottenmeier nimmt auch von Zeit zu Zeit ihr grosses Taschentuch +hervor und haelt es vor das ganze Gesicht hin, so, als sei sie ganz +ergriffen von etwas, das wir lesen; aber ich weiss recht gut, dass +sie nur ganz schrecklich gaehnt dahinter, und dann sollte ich auch +so stark gaehnen und muss es immer hinunterschlucken, denn wenn ich +nur ein einziges Mal herausgaehne, so holt Fraeulein Rottenmeier +gleich den Fischtran und sagt, ich sei wieder schwach, und +Fischtran nehmen ist das Allerschrecklichste, da will ich doch +lieber Gaehnen schlucken. Aber nun wird's viel kurzweiliger, da +kann ich dann zuhoeren, wie du lesen lernst." + +Heidi schuettelte ganz bedenklich mit dem Kopf, als es vom +Lesenlernen hoerte. + +"Doch, doch, Heidi, natuerlich musst du lesen lernen, alle Menschen +muessen, und der Herr Kandidat ist sehr gut, er wird niemals boese, +und er erklaert dir dann schon alles. Aber siehst du, wenn er etwas +erklaert, dann verstehst du nichts davon; dann musst du nur warten +und gar nichts sagen, sonst erklaert er dir noch viel mehr und du +verstehst es noch weniger. Aber dann nachher, wenn du etwas +gelernt hast und es weisst, dann verstehst du schon, was er gemeint +hat." + +Jetzt kam Fraeulein Rottenmeier wieder ins Zimmer zurueck; sie hatte +Dete nicht mehr zurueckrufen koennen und war sichtlich aufgeregt +davon, denn sie hatte dieser eigentlich gar nicht einlaesslich sagen +koennen, was alles nicht nach Abrede sei bei dem Kinde, und da sie +nicht wusste, was nun zu tun sei, um ihren Schritt rueckgaengig zu +machen, war sie umso aufgeregter, denn sie selbst hatte die ganze +Sache angestiftet. Sie lief nun vom Studierzimmer ins Esszimmer +hinueber, und von da wieder zurueck, und kehrte dann unmittelbar +wieder um und fuhr hier den Sebastian an, der seine runden Augen +eben nachdenklich ueber den gedeckten Tisch gleiten liess, um zu +sehen, ob sein Werk keinen Mangel habe. + +"Denk Er morgen Seine grossen Gedanken fertig und mach Er, dass man +heut noch zu Tische komme." + +Mit diesen Worten fuhr Fraeulein Rottenmeier an Sebastian vorbei und +rief nach der Tinette mit so wenig einladendem Ton, dass die +Jungfer Tinette mit noch viel kleineren Schritten herantrippelte +als sonst gewoehnlich--und sich mit so spoettischem Gesicht +hinstellte, dass selbst Fraeulein Rottenmeier nicht wagte, sie +anzufahren; umso mehr schlug ihr die Aufregung nach innen. + +"Das Zimmer der Angekommenen ist in Ordnung zu bringen, Tinette", +sagte die Dame mit schwer errungener Ruhe; "es liegt alles bereit, +nehmen Sie noch den Staub von den Moebeln weg." + +"Es ist der Muehe wert", spoettelte Tinette und ging. + +Unterdessen hatte Sebastian die Doppeltueren zum Studierzimmer mit +ziemlichem Knall aufgeschlagen, denn er war sehr ergrimmt, aber +sich in Antworten Luft zu machen durfte er nicht wagen Fraeulein +Rottenmeier gegenueber; dann trat er ganz gelassen ins Studierzimmer, +um den Rollstuhl hinueberzustossen. Waehrend er den Griff hinten am +Stuhl, der sich verschoben hatte, zurechtdrehte, stellte sich Heidi +vor ihn hin und schaute ihn unverwandt an, was er bemerkte. Auf +einmal fuhr er auf. "Na, was ist denn da Besonderes dran?", +schnurrte er Heidi an in einer Weise, wie er es wohl nicht getan, +haette er Fraeulein Rottenmeier gesehen, die eben wieder auf der +Schwelle stand und gerade hereintrat, als Heidi entgegnete: "Du +siehst dem Geissenpeter gleich." + +Entsetzt schlug die Dame ihre Haende zusammen. "Ist es die +Moeglichkeit!", stoehnte sie halblaut. "Nun duzt sie mir den +Bedienten! Dem Wesen fehlen alle Urbegriffe!" + +Der Stuhl kam herangerollt und Klara wurde von Sebastian +hinausgeschoben und auf ihren Sessel an den Tisch gesetzt. + +Fraeulein Rottenmeier setzte sich neben sie und winkte Heidi, es +sollte den Platz ihr gegenueber einnehmen. Sonst kam niemand zu +Tische, und es war viel Platz da; die drei sassen auch weit +auseinander, so dass Sebastian mit seiner Schuessel zum Anbieten +guten Raum fand. Neben Heidis Teller lag ein schoenes, weisses +Broetchen; das Kind schaute mit erfreuten Blicken darauf. Die +Aehnlichkeit, die Heidi entdeckt hatte, musste sein ganzes Vertrauen +fuer den Sebastian erweckt haben, denn es sass maeuschenstill und +ruehrte sich nicht, bis er mit der grossen Schuessel zu ihm herantrat +und ihm die gebratenen Fischchen hinhielt, dann zeigte es auf das +Broetchen und fragte: "Kann ich das haben?" Sebastian nickte und +warf dabei einen Seitenblick auf Fraeulein Rottenmeier, denn es +wunderte ihn, was die Frage fuer einen Eindruck auf sie mache. +Augenblicklich ergriff Heidi sein Broetchen und steckte es in die +Tasche. Sebastian machte eine Grimasse, denn das Lachen kam ihn an; +er wusste aber wohl, dass ihm das nicht erlaubt war. Stumm und +unbeweglich blieb er immer noch vor Heidi stehen, denn reden durfte +er nicht, und weggehen durfte er wieder nicht, bis man sich bedient +hatte. Heidi schaute ihm eine Zeit lang verwundert zu, dann fragte +es: "Soll ich auch von dem essen?" Sebastian nickte wieder. "So +gib mir", sagte es und schaute ruhig auf seinen Teller. Sebastians +Grimasse wurde sehr bedenklich, und die Schuessel in seinen Haenden +fing an gefaehrlich zu zittern. + +"Er kann die Schuessel auf den Tisch setzen und nachher +wiederkommen", sagte jetzt Fraeulein Rottenmeier mit strengem +Gesicht. Sebastian verschwand sogleich. "Dir, Adelheid, muss ich +ueberall die ersten Begriffe beibringen, das sehe ich", fuhr +Fraeulein Rottenmeier mit tiefem Seufzer fort. "Vor allem will ich +dir zeigen, wie man sich am Tische bedient", und nun machte die +Dame deutlich und eingehend alles vor, was Heidi zu tun hatte. +"Dann", fuhr sie weiter, "muss ich dir hauptsaechlich bemerken, dass +du am Tisch nicht mit Sebastian zu sprechen hast, auch sonst nur +dann, wenn du einen Auftrag oder eine notwendige Frage an ihn zu +richten hast; dann aber nennst du ihn nie mehr anders als (Sie) +oder (Er), hoerst du? Dass ich dich niemals mehr ihn anders nennen +hoere. Auch Tinette nennst du (Sie), Jungfer Tinette. Mich nennst +du so, wie du mich von allen nennen hoerst; wie du Klara nennen +sollst, wird sie selbst bestimmen." + +"Natuerlich Klara", sagte diese. Nun folgte aber noch eine Menge +von Verhaltungsmassregeln, ueber Aufstehen und Zubettegehen, ueber +Hereintreten und Hinausgehen, ueber Ordnunghalten, Tuerenschliessen, +und ueber alledem fielen dem Heidi die Augen zu, denn es war heute +vor fuenf Uhr aufgestanden und hatte eine lange Reise gemacht. Es +lehnte sich an den Sesselruecken und schlief ein. Als dann nach +laengerer Zeit Fraeulein Rottenmeier zu Ende gekommen war mit ihrer +Unterweisung, sagte sie: "Nun denke daran, Adelheid! Hast du alles +recht begriffen?" + +"Heidi schlaeft schon lange", sagte Klara mit ganz belustigtem +Gesicht, denn das Abendessen war fuer sie seit langer Zeit nie so +kurzweilig verflossen. + +"Es ist doch voellig unerhoert, was man mit diesem Kind erlebt!", +rief Fraeulein Rottenmeier in grossem Aerger und klingelte so heftig, +dass Tinette und Sebastian miteinander herbeigestuerzt kamen; aber +trotz allen Laerms erwachte Heidi nicht, und man hatte die groesste +Muehe, es so weit zu erwecken, dass es nach seinem Schlafgemach +gebracht werden konnte; erst durch das Studierzimmer, dann durch +Klaras Schlafstube, dann durch die Stube von Fraeulein Rottenmeier +zu dem Eckzimmer, das nun fuer Heidi eingerichtet war. + + + + +Fraeulein Rottenmeier hat einen unruhigen Tag + +Als Heidi am ersten Morgen in Frankfurt seine Augen aufschlug, +konnte es durchaus nicht begreifen, was es erblickte. Es rieb ganz +gewaltig seine Augen, guckte dann wieder auf und sah dasselbe. Es +sass auf einem hohen, weissen Bett und vor sich sah es einen grossen, +weiten Raum, und wo die Helle herkam, hingen lange, lange weisse +Vorhaenge, und dabei standen zwei Sessel mit grossen Blumen darauf, +und dann kam ein Sofa an der Wand mit denselben Blumen und ein +runder Tisch davor, und in der Ecke stand ein Waschtisch mit Sachen +darauf, wie Heidi sie noch gar nie gesehen hatte. Aber nun kam ihm +auf einmal in den Sinn, dass es in Frankfurt sei, und der ganze +gestrige Tag kam ihm in Erinnerung und zuletzt noch ganz klar die +Unterweisungen der Dame, soweit es sie gehoert hatte. Heidi sprang +nun von seinem Bett herunter und machte sich fertig. Dann ging es +an ein Fenster und dann an das andere; es musste den Himmel sehen +und die Erde draussen, es fuehlte sich wie im Kaefig hinter den grossen +Vorhaengen. Es konnte diese nicht wegschieben; so kroch es dahinter, +um an ein Fenster zu kommen. Aber dieses war so hoch, dass Heidi +nur gerade mit dem Kopf so weit hinaufreichte, dass es durchsehen +konnte. Aber Heidi fand nicht, was es suchte. Es lief von einem +Fenster zum anderen und dann wieder zum ersten zurueck; aber immer +war dasselbe vor seinen Augen, Mauern und Fenster und wieder Mauern +und dann wieder Fenster. Es wurde Heidi ganz bange. Noch war es +frueh am Morgen, denn Heidi war gewoehnt, frueh aufzustehen auf der +Alm und dann sogleich hinauszulaufen vor die Tuer und zu sehen, +wie's draussen sei, ob der Himmel blau und die Sonne schon droben +sei, ob die Tannen rauschen und die kleinen Blumen schon die Augen +offen haben. Wie das Voegelein, das zum ersten Mal in seinem schoen +glaenzenden Gefaengnis sitzt, hin und her schiesst und bei allen +Staeben probiert, ob es nicht dazwischen durchschluepfen und in die +Freiheit hinausfliegen koenne, so lief Heidi immer von dem einen +Fenster zum anderen, um zu probieren, ob es nicht aufgemacht werden +koenne, denn dann musste man doch etwas anderes sehen als Mauern und +Fenster, da musste doch unten der Erdboden, das gruene Gras und der +letzte schmelzende Schnee an den Abhaengen zum Vorschein kommen, und +Heidi sehnte sich, das zu sehen. Aber die Fenster blieben fest +verschlossen, wie sehr auch das Kind drehte und zog und von unten +suchte, die kleinen Finger unter die Rahmen einzutreiben, damit es +Kraft haette, sie aufzudruecken; es blieb alles eisenfest aufeinander +sitzen. Nach langer Zeit, als Heidi einsah, dass alle +Anstrengungen nichts halfen, gab es seinen Plan auf und ueberdachte +nun, wie es waere, wenn es vor das Haus hinausginge und hintenherum, +bis es auf den Grasboden kaeme, denn es erinnerte sich, dass es +gestern Abend vorn am Haus nur ueber Steine gekommen war. Jetzt +klopfte es an seiner Tuer und unmittelbar darauf steckte Tinette den +Kopf herein und sagte kurz: "Fruehstueck bereit!" + +Heidi verstand keineswegs eine Einladung unter diesen Worten; auf +dem spoettischen Gesicht der Tinette stand viel mehr eine Warnung, +ihr nicht zu nah zu kommen, als eine freundliche Einladung +geschrieben, und das las Heidi deutlich von dem Gesicht und +richtete sich danach. Es nahm den kleinen Schemel unter dem Tisch +empor, stellte ihn in eine Ecke, setzte sich darauf und wartete so +ganz still ab, was nun kommen wuerde. Nach einiger Zeit kam etwas +mit ziemlichem Geraeusch, es war Fraeulein Rottenmeier, die schon +wieder in Aufregung geraten war und in Heidis Stube hineinrief: +"Was ist mit dir, Adelheid? Begreifst du nicht, was ein Fruehstueck +ist? Komm herueber!" + +Das verstand nun Heidi und folgte sogleich nach. Im Esszimmer sass +Klara schon lang an ihrem Platz und begruesste Heidi freundlich, +machte auch ein viel vergnuegteres Gesicht als sonst gewoehnlich, +denn sie sah voraus, dass heute wieder allerlei Neues geschehen +wuerde. Das Fruehstueck ging nun ohne Stoerung vor sich; Heidi ass ganz +anstaendig sein Butterbrot, und wie alles zu Ende war, wurde Klara +wieder ins Studierzimmer hinuebergerollt und Heidi wurde von +Fraeulein Rottenmeier angewiesen, nachzufolgen und bei Klara zu +bleiben, bis der Herr Kandidat kommen wuerde, um die +Unterrichtsstunden zu beginnen. Als die beiden Kinder allein waren, +sagte Heidi sogleich: "Wie kann man hinaussehen hier und ganz +hinunter auf den Boden?" + +"Man macht ein Fenster auf und guckt hinaus", antwortete Klara +belustigt. + +"Man kann diese Fenster nicht aufmachen", versetzte Heidi traurig. + +"Doch, doch", versicherte Klara, "nur du noch nicht, und ich kann +dir auch nicht helfen; aber wenn du einmal den Sebastian siehst, so +macht er dir schon eines auf." + +Das war eine grosse Erleichterung fuer Heidi zu wissen, dass man doch +die Fenster oeffnen und hinausschauen koenne, denn noch war es ganz +unter dem Druck des Gefangenseins von seinem Zimmer her. Klara +fing nun an, Heidi zu fragen, wie es bei ihm zu Hause sei, und +Heidi erzaehlte mit Freuden von der Alm und den Geissen und der Weide +und allem, was ihm lieb war. + +Unterdessen war der Herr Kandidat angekommen; aber Fraeulein +Rottenmeier fuehrte ihn nicht, wie gewoehnlich, ins Studierzimmer, +denn sie musste sich erst aussprechen und geleitete ihn zu diesem +Zweck ins Esszimmer, wo sie sich vor ihn hinsetzte und ihm in +grosser Aufregung ihre bedraengte Lage schilderte und wie sie in +diese hineingekommen war. + +Sie hatte naemlich vor einiger Zeit Herrn Sesemann nach Paris +geschrieben, wo er eben verweilte, seine Tochter habe laengst +gewuenscht, es moechte eine Gespielin fuer sie ins Haus aufgenommen +werden, und auch sie selbst glaube, dass eine solche in den +Unterrichtsstunden ein Sporn, in der uebrigen Zeit eine anregende +Gesellschaft fuer Klara sein wuerde. Eigentlich war die Sache fuer +Fraeulein Rottenmeier selbst sehr wuenschbar, denn sie wollte gern, +dass jemand da sei, der ihr die Unterhaltung der kranken Klara +abnehme, wenn es ihr zu viel war, was oefters geschah. Herr +Sesemann hatte geantwortet, er erfuelle gern den Wunsch seiner +Tochter, doch mit der Bedingung, dass eine solche Gespielin in +allem ganz gehalten werde wie jene, er wolle keine Kinderquaelerei +in seinem Hause--"was freilich eine sehr unnuetze Bemerkung von dem +Herrn war", setzte Fraeulein Rottenmeier hinzu, "denn wer wollte +Kinder quaelen!" Nun aber erzaehlte sie weiter, wie ganz +erschrecklich sie hineingefallen sei mit dem Kinde, und fuehrte alle +Beispiele von seinem voellig begriffslosen Dasein an, die es bis +jetzt geliefert hatte, dass nicht nur der Unterricht des Herrn +Kandidaten buchstaeblich beim Abc anfangen muesse, sondern dass auch +sie auf jedem Punkte der menschlichen Erziehung mit dem Uranfang zu +beginnen haette. Aus dieser unheilvollen Lage sehe sie nur ein +Rettungsmittel: Wenn der Herr Kandidat erklaeren werde, zwei so +verschiedene Wesen koennten nicht miteinander unterrichtet werden +ohne grossen Schaden des vorgerueckteren Teiles; das waere fuer Herrn +Sesemann ein triftiger Grund, die Sache rueckgaengig zu machen, und +so wuerde er zugeben, dass das Kind gleich wieder dahin +zurueckgeschickt wuerde, woher es gekommen war; ohne seine Zustimmung +aber duerfte sie das nicht unternehmen, nun der Hausherr wisse, dass +das Kind angekommen sei. Aber der Herr Kandidat war behutsam und +niemals einseitig im Urteilen. Er troestete Fraeulein Rottenmeier +mit vielen Worten und der Ansicht, wenn die junge Tochter auf der +einen Seite so zurueck sei, so moechte sie auf der anderen umso +gefoerderter sein, was bei einem geregelten Unterricht bald ins +Gleichgewicht kommen werde. Als Fraeulein Rottenmeier sah, dass der +Herr Kandidat sie nicht unterstuetzen, sondern seinen Abc-Unterricht +uebernehmen wollte, machte sie ihm die Tuer zum Studierzimmer auf, +und nachdem er hereingetreten war, schloss sie schnell hinter ihm +zu und blieb auf der anderen Seite, denn vor dem Abc hatte sie +einen Schrecken. Sie ging jetzt mit grossen Schritten im Zimmer auf +und nieder, denn sie hatte zu ueberlegen, wie die Dienstboten +Adelheid zu benennen haetten. Herr Sesemann hatte ja geschrieben, +sie muesste wie seine Tochter gehalten werden, und dieses Wort +musste sich hauptsaechlich auf das Verhaeltnis zu den Dienstboten +beziehen, dachte Fraeulein Rottenmeier. Sie konnte aber nicht lange +ungestoert ueberlegen, denn auf einmal ertoente drinnen im +Studierzimmer ein erschreckliches Gekrache fallender Gegenstaende +und dann ein Hilferuf nach Sebastian. Sie stuerzte hinein. Da lag +auf dem Boden alles uebereinander, die saemtlichen Studien- +Hilfsmittel, Buecher, Hefte, Tintenfass und obendrauf der +Tischteppich, unter dem ein schwarzes Tintenbaechlein hervorfloss, +die ganze Stube entlang. Heidi war verschwunden. + +"Da haben wir's", rief Fraeulein Rottenmeier haenderingend aus. +"Teppich, Buecher, Arbeitskorb, alles in der Tinte! Das ist noch +nie geschehen! Das ist das Unglueckswesen, da ist kein Zweifel!" + +Der Herr Kandidat stand sehr erschrocken da und schaute auf die +Verwuestung, die allerdings nur (eine) Seite hatte und eine recht +bestuerzende. Klara dagegen verfolgte mit vergnuegtem Gesicht die +ungewoehnlichen Ereignisse und deren Wirkungen und sagte nun +erklaerend: "Ja, Heidi hat's gemacht, aber nicht mit Absicht, es +muss gewiss nicht gestraft werden, es war nur so schrecklich eilig, +fortzukommen, und riss den Teppich mit, und so fiel alles +hintereinander auf den Boden. Es fuhren viele Wagen hintereinander +vorbei, darum ist es so fortgeschossen; es hat vielleicht noch nie +eine Kutsche gesehen." + +"Da, ist's nicht, wie ich sagte, Herr Kandidat? Nicht (einen) +Urbegriff hat das Wesen! Keine Ahnung davon, was eine +Unterrichtsstunde ist, dass man dabei zuzuhoeren und still zu sitzen +hat. Aber wo ist das Unheil bringende Ding hin? Wenn es +fortgelaufen waere! Was wuerde mir Herr Sesemann--" + +Fraeulein Rottenmeier lief hinaus und die Treppe hinunter. Hier, +unter der geoeffneten Haustuer, stand Heidi und guckte ganz verbluefft +die Strasse auf und ab. + +"Was ist denn? Was faellt dir denn ein? Wie kannst du so +davonlaufen!", fuhr Fraeulein Rottenmeier das Kind an. + +"Ich habe die Tannen rauschen gehoert, aber ich weiss nicht, wo sie +stehen, und hoere sie nicht mehr", antwortete Heidi und schaute +enttaeuscht nach der Seite hin, wo das Rollen der Wagen verhallt war, +das in Heidis Ohren dem Tosen des Foehns in den Tannen aehnlich +geklungen hatte, so dass es in hoechster Freude dem Ton nachgerannt +war. + +"Tannen! Sind wir im Wald? Was sind das fuer Einfaelle! Komm +herauf und sieh, was du angerichtet hast!" Damit stieg Fraeulein +Rottenmeier wieder die Treppe hinan; Heidi folgte ihr und stand nun +sehr verwundert vor der grossen Verheerung, denn es hatte nicht +gemerkt, was es alles mitriss vor Freude und Eile, die Tannen zu +hoeren. + +"Das hast du einmal getan, ein zweites Mal tust du's nicht wieder", +sagte Fraeulein Rottenmeier, auf den Boden zeigend; "zum Lernen +sitzt man still auf seinem Sessel und gibt Acht. Kannst du das +nicht selbst fertig bringen, so muss ich dich an deinen Stuhl +festbinden. Kannst du das verstehen?" + +"Ja", entgegnete Heidi, "aber ich will schon festsitzen." Denn +jetzt hatte es begriffen, dass es eine Regel ist, in einer +Unterrichtsstunde still zu sitzen. + +Jetzt mussten Sebastian und Tinette hereinkommen, um die Ordnung +wiederherzustellen. Der Herr Kandidat entfernte sich, denn der +weitere Unterricht musste nun aufgegeben werden. Zum Gaehnen war +heute gar keine Zeit gewesen. + +Am Nachmittag musste Klara immer eine Zeit lang ruhen und Heidi +hatte alsdann seine Beschaeftigung selbst zu waehlen; so hatte +Fraeulein Rottenmeier ihm am Morgen erklaert. Als nun nach Tisch +Klara sich in ihrem Sessel zur Ruhe gelegt hatte, ging Fraeulein +Rottenmeier nach ihrem Zimmer, und Heidi sah, dass nun die Zeit da +war, da es seine Beschaeftigung selbst waehlen konnte. Das war dem +Heidi sehr erwuenscht, denn es hatte schon immer im Sinn, etwas zu +unternehmen; es musste aber Hilfe dazu haben und stellte sich darum +vor das Esszimmer mitten auf den Korridor, damit die Persoenlichkeit, +die es zu beraten gedachte, ihm nicht entgehen koenne. Richtig, +nach kurzer Zeit kam Sebastian die Treppe herauf mit dem grossen +Teebrett auf den Armen, denn er brachte das Silberzeug aus der +Kueche herauf, um es im Schrank des Esszimmers zu verwahren. Als er +auf der letzten Stufe der Treppe angekommen war, trat Heidi vor ihn +hin und sagte mit grosser Deutlichkeit: "Sie oder Er!" + +Sebastian riss die Augen so weit auf, als es nur moeglich war, und +sagte ziemlich barsch: "Was soll das heissen, Mamsell?" + +"Ich moechte nur gern etwas fragen, aber es ist gewiss nichts Boeses +wie heute Morgen", fuegte Heidi beschwichtigend hinzu, denn es +merkte, dass Sebastian ein wenig erbittert war, und dachte, es +komme noch von der Tinte am Boden her. + +"So, und warum muss es denn heissen Sie oder Er, das moecht ich +zuerst wissen", gab Sebastian im gleichen barschen Ton zurueck. + +"Ja, so muss ich jetzt immer sagen", versicherte Heidi; "Fraeulein +Rottenmeier hat es befohlen." + +Jetzt lachte Sebastian so laut auf, dass Heidi ihn ganz verwundert +ansehen musste, denn es hatte nichts Lustiges bemerkt; aber +Sebastian hatte auf einmal begriffen, was Fraeulein Rottenmeier +befohlen hatte, und sagte nun sehr erlustigt: "Schon recht, so +fahre die Mamsell nur zu." + +"Ich heisse gar nicht Mamsell", sagte nun Heidi seinerseits ein +wenig geaergert; "ich heisse Heidi." + +"Ist schon recht; die gleiche Dame hat aber befohlen, dass ich +Mamsell sage", erklaerte Sebastian. + +"Hat sie? Ja, dann muss ich schon so heissen", sagte Heidi mit +Ergebung, denn es hatte wohl gemerkt, dass alles so geschehen +musste, wie Fraeulein Rottenmeier befahl. + +"Jetzt habe ich schon drei Namen", setzte es mit einem Seufzer +hinzu. + +"Was wollte die kleine Mamsell denn fragen?", fragte Sebastian +jetzt, indem er, ins Esszimmer eingetreten, sein Silberzeug im +Schrank zurechtlegte. + +"Wie kann man ein Fenster aufmachen, Sebastian?" + +"So, gerade so", und er machte den grossen Fensterfluegel auf. + +Heidi trat heran, aber es war zu klein, um etwas sehen zu koennen; +es langte nur bis zum Gesims hinauf. + +"Da, so kann das Mamsellchen einmal hinausgucken und sehen, was +unten ist", sagte Sebastian, indem er einen hohen hoelzernen Schemel +herbeigeholt hatte und hinstellte. Hoch erfreut stieg Heidi hinauf +und konnte endlich den ersehnten Blick durch das Fenster tun. Aber +mit dem Ausdruck der groessten Enttaeuschung zog es sogleich den Kopf +wieder zurueck. + +"Man sieht nur die steinerne Strasse hier, sonst gar nichts", sagte +das Kind bedauerlich; "aber wenn man um das ganze Haus herumgeht, +was sieht man dann auf der anderen Seite, Sebastian?" + +"Gerade dasselbe", gab dieser zur Antwort. + +"Aber wohin kann man denn gehen, dass man weit, weit hinuntersehen +kann ueber das ganze Tal hinab?" + +"Da muss man auf einen hohen Turm hinaufsteigen, einen Kirchturm, +so einen, wie der dort ist mit der goldenen Kugel oben drauf. Da +guckt man von oben herunter und sieht weit ueber alles weg." + +Jetzt stieg Heidi eilig von seinem Schemel herunter, rannte zur Tuer +hinaus, die Treppe hinunter und trat auf die Strasse hinaus. Aber +die Sache ging nicht, wie Heidi sich vorgestellt hatte. Als es aus +dem Fenster den Turm gesehen hatte, kam es ihm vor, es koenne nur +ueber die Strasse gehen, so muesste er gleich vor ihm stehen. Nun +ging Heidi die ganze Strasse hinunter, aber es kam nicht an den Turm, +konnte ihn auch nirgends mehr entdecken und kam nun in eine andere +Strasse hinein und weiter und weiter, aber immer noch sah es den +Turm nicht. Es gingen viele Leute an ihm vorbei, aber die waren +alle so eilig, dass Heidi dachte, sie haetten nicht Zeit, ihm +Bescheid zu geben. Jetzt sah es an der naechsten Strassenecke einen +Jungen stehen, der eine kleine Drehorgel auf dem Ruecken und ein +ganz kurioses Tier auf dem Arme trug. Heidi lief zu ihm hin und +fragte: "Wo ist der Turm mit der goldenen Kugel zuoberst?" + +"Weiss nicht", war die Antwort. + +"Wen kann ich denn fragen, wo er sei?", fragte Heidi weiter. + +"Weiss nicht." + +"Weisst du keine andere Kirche mit einem hohen Turm?" + +"Freilich weiss ich eine." + +"So komm und zeige mir sie." + +"Zeig du zuerst, was du mir dafuer gibst." Der Junge hielt seine +Hand hin. Heidi suchte in seiner Tasche herum. Jetzt zog es ein +Bildchen hervor, darauf ein schoenes Kraenzchen von roten Rosen +gemalt war; erst sah es noch eine kleine Weile darauf hin, denn es +reute Heidi ein wenig. Erst heute Morgen hatte Klara es ihm +geschenkt; aber hinuntersehen ins Tal, ueber die gruenen Abhaenge! +"Da", sagte Heidi und hielt das Bildchen hin, "willst du das?" + +Der Junge zog die Hand zurueck und schuettelte den Kopf. + +"Was willst du denn?", fragte Heidi und steckte vergnuegt sein +Bildchen wieder ein. + +"Geld." + +"Ich habe keins, aber Klara hat, sie gibt mir dann schon; wie viel +willst du?" + +"Zwanzig Pfennige." + +"So komm jetzt." + +Nun wanderten die beiden eine lange Strasse hin, und auf dem Wege +fragte Heidi den Begleiter, was er auf dem Ruecken trage, und er +erklaerte ihm, es sei eine schoene Orgel unter dem Tuch, die mache +eine prachtvolle Musik, wenn er daran drehe. + +Auf einmal standen sie vor einer alten Kirche mit hohem Turm; der +Junge stand still und sagte: "Da." + +"Aber wie komm ich da hinein?", fragte Heidi, als es die fest +verschlossenen Tueren sah. + +"Weiss nicht", war wieder die Antwort. + +"Glaubst du, man koenne hier klingeln, so wie man dem Sebastian tut?" + +"Weiss nicht." + +Heidi hatte eine Klingel entdeckt an der Mauer und zog jetzt aus +allen Kraeften daran. + +"Wenn ich dann hinaufgehe, so musst du warten hier unten, ich weiss +jetzt den Weg nicht mehr zurueck, du musst mir ihn dann zeigen." + +"Was gibst du mir dann?" + +"Was muss ich dir dann wieder geben?" + +"Wieder zwanzig Pfennige." + +Jetzt wurde das alte Schloss inwendig umgedreht und die knarrende +Tuer geoeffnet; ein alter Mann trat heraus und schaute erst +verwundert, dann ziemlich erzuernt auf die Kinder und fuhr sie an: +"Was untersteht ihr euch, mich da herunterzuklingeln? Koennt ihr +nicht lesen, was ueber der Klingel steht: 'Fuer solche, die den +Turm besteigen wollen'?" + +Der Junge wies mit dem Zeigefinger auf Heidi und sagte kein Wort. +Heidi antwortete: "Eben auf den Turm wollt ich." + +"Was hast du droben zu tun?", fragte der Tuermer; "hat dich jemand +geschickt?" + +"Nein", entgegnete Heidi, "ich moechte nur hinaufgehen, dass ich +hinuntersehen kann." + +"Macht, dass ihr heimkommt, und probiert den Spass nicht wieder, +oder ihr kommt nicht gut weg zum zweiten Mal!" Damit kehrte sich +der Tuermer um und wollte die Tuer zumachen. + +Aber Heidi hielt ihn ein wenig am Rockschoss und sagte bittend: "Nur +ein einziges Mal!" + +Er sah sich um, und Heidis Augen schauten so flehentlich zu ihm auf, +dass es ihn ganz umstimmte; er nahm das Kind bei der Hand und +sagte freundlich: "Wenn dir so viel daran gelegen ist, so komm mit +mir!" + +Der Junge setzte sich auf die steinernen Stufen vor der Tuer nieder +und zeigte, dass er nicht mitwollte. + +Heidi stieg an der Hand des Tuermers viele, viele Treppen hinauf; +dann wurden diese immer schmaeler, und endlich ging es noch ein ganz +enges Treppchen hinauf, und nun waren sie oben. Der Tuermer hob +Heidi vom Boden auf und hielt es an das offene Fenster. + +"Da, jetzt guck hinunter", sagte er. + +Heidi sah auf ein Meer von Daechern, Tuermen und Schornsteinen nieder; +es zog bald seinen Kopf zurueck und sagte niedergeschlagen: "Es ist +gar nicht, wie ich gemeint habe." + +"Siehst du wohl? Was versteht so ein Kleines von Aussicht! So, +komm nun wieder herunter und laeute nie mehr an einem Turm!" + +Der Tuermer stellte Heidi wieder auf den Boden und stieg ihm voran +die schmalen Stufen hinab. Wo diese breiter wurden, kam links die +Tuer, die in des Tuermers Stuebchen fuehrte, und nebenan ging der Boden +bis unter das schraege Dach hin. Dort hinten stand ein grosser Korb +und davor sass eine dicke graue Katze und knurrte, denn in dem Korb +wohnte ihre Familie und sie wollte jeden Voruebergehenden davor +warnen, sich in ihre Familienangelegenheiten zu mischen. Heidi +stand still und schaute verwundert hinueber, eine so maechtige Katze +hatte es noch nie gesehen; in dem alten Turm wohnten aber ganze +Herden von Maeusen, so holte sich die Katze ohne Muehe jeden Tag ein +halbes Dutzend Maeusebraten. Der Tuermer sah Heidis Bewunderung und +sagte: "Komm, sie tut dir nichts, wenn ich dabei bin; du kannst die +Jungen ansehen." + +Heidi trat an den Korb heran und brach in ein grosses Entzuecken aus. + +"Oh, die netten Tierlein! Die schoenen Kaetzchen!", rief es ein Mal +ums andere und sprang hin und her um den Korb herum, um auch recht +alle komischen Gebaerden und Spruenge zu sehen, welche die sieben +oder acht jungen Kaetzchen vollfuehrten, die in dem Korb rastlos +uebereinanderhin krabbelten, sprangen, fielen. + +"Willst du eins haben?", fragte der Tuermer, der Heidis +Freudenspruengen vergnuegt zuschaute. + +"Selbst fuer mich? Fuer immer?", fragte Heidi gespannt und konnte +das grosse Glueck fast nicht glauben. + +"Ja, gewiss, du kannst auch noch mehr haben, du kannst sie alle +zusammen haben, wenn du Platz hast", sagte der Mann, dem es gerade +recht war, seine kleinen Katzen loszuwerden, ohne dass er ihnen ein +Leid antun musste. + +Heidi war im hoechsten Glueck. In dem grossen Hause hatten ja die +Kaetzchen so viel Platz, und wie musste Klara erstaunt und erfreut +sein, wenn die niedlichen Tierchen ankamen! + +"Aber wie kann ich sie mitnehmen?", fragte nun Heidi und wollte +schnell einige fangen mit seinen Haenden, aber die dicke Katze +sprang ihm auf den Arm und fauchte es so grimmig an, dass es sehr +erschrocken zurueckfuhr. + +"Ich will sie dir bringen, sag nur, wohin", sagte der Tuermer, der +die alte Katze nun streichelte, um sie wieder gut zu machen, denn +sie war seine Freundin und hatte schon viele Jahre mit ihm auf dem +Turm gelebt. + +"Zum Herrn Sesemann in dem grossen Haus, wo an der Haustuer ein +goldener Hundskopf ist mit einem dicken Ring im Maul", erklaerte +Heidi. + +Es haette nicht einmal so viel gebraucht fuer den Tuermer, der schon +seit langen Jahren auf dem Turm sass und jedes Haus weithin kannte, +und dazu war der Sebastian noch ein alter Bekannter von ihm. + +"Ich weiss schon", bemerkte er; "aber wem muss ich die Dinger +bringen, bei wem muss ich nachfragen, du gehoerst doch nicht Herrn +Sesemann?" + +"Nein, aber die Klara, sie hat eine so grosse Freude, wenn die +Kaetzchen kommen!" + +Der Tuermer wollte nun weitergehen, aber Heidi konnte sich von dem +unterhaltenden Schauspiel fast nicht trennen. + +"Wenn ich nur schon eins oder zwei mitnehmen koennte! Eins fuer mich +und eins fuer Klara, kann ich nicht?" + +"So wart ein wenig", sagte der Tuermer, trug dann die alte Katze +behutsam in sein Stuebchen hinein und stellte sie an das +Essschuesselchen hin, schloss die Tuer vor ihr zu und kam zurueck: "So, +nun nimm zwei!" + +Heidis Augen leuchteten vor Wonne. Es las ein weisses und dann ein +gelb und weiss gestreiftes aus und steckte eins in die rechte und +eins in die linke Tasche. Nun ging's die Treppe hinunter. + +Der Junge sass noch auf den Stufen draussen, und als nun der Tuermer +hinter Heidi die Tuer zugeschlossen hatte, sagte das Kind: "Welchen +Weg muessen wir nun zu Herrn Sesemanns Haus?" + +"Weiss nicht", war die Antwort. + +Heidi fing nun an zu beschreiben, was es wusste, die Haustuer und +die Fenster und die Treppen, aber der Junge schuettelte zu allem den +Kopf, es war ihm alles unbekannt. + +"Siehst du", fuhr dann Heidi im Beschreiben fort, "aus einem +Fenster sieht man ein grosses, grosses, graues Haus und das Dach geht +so"--Heidi zeichnete hier mit dem Zeigefinger grosse Zacken in die +Luft hinaus. + +Jetzt sprang der Junge auf, er mochte aehnliche Merkmale haben, +seine Wege zu finden. Er lief nun in einem Zug drauflos und Heidi +hinter ihm drein, und in kurzer Zeit standen sie richtig vor der +Haustuer mit dem grossen Messing-Tierkopf. Heidi zog die Glocke. +Bald erschien Sebastian, und wie er Heidi erblickte, rief er +draengend: "Schnell! Schnell!" + +Heidi sprang eilig herein, und Sebastian schlug die Tuer zu; den +Jungen, der verbluefft draussen stand, hatte er gar nicht bemerkt. + +"Schnell, Mamsellchen", draengte Sebastian weiter, "gleich ins +Esszimmer hinein, sie sitzen schon am Tisch. Fraeulein Rottenmeier +sieht aus wie eine geladene Kanone; was stellt aber auch die kleine +Mamsell an, so fortzulaufen?" + +Heidi war ins Zimmer getreten. Fraeulein Rottenmeier blickte nicht +auf; Klara sagte auch nichts, es war eine etwas unheimliche Stille. +Sebastian rueckte Heidi den Sessel zurecht. Jetzt, wie es auf +seinem Stuhl sass, begann Fraeulein Rottenmeier mit strengem Gesicht +und einem ganz feierlich-ernsten Ton: "Adelheid, ich werde nachher +mit dir sprechen, jetzt nur so viel: Du hast dich sehr ungezogen, +wirklich strafbar benommen, dass du das Haus verlaesst, ohne zu +fragen, ohne dass jemand ein Wort davon wusste, und herumstreichst +bis zum spaeten Abend; es ist eine voellig beispiellose Auffuehrung." + +"Miau", toente es wie als Antwort zurueck. + +Aber jetzt stieg der Zorn der Dame. "Wie, Adelheid", rief sie in +immer hoeheren Toenen, "du unterstehst dich noch, nach aller +Ungezogenheit einen schlechten Spass zu machen? Huete dich wohl, sag +ich dir!" + +"Ich mache", fing Heidi an--"Miau! Miau!" + +Sebastian warf fast seine Schuessel auf den Tisch und stuerzte hinaus. + +"Es ist genug", wollte Fraeulein Rottenmeier rufen; aber vor +Aufregung toente ihre Stimme gar nicht mehr. "Steh auf und verlass +das Zimmer." + +Heidi stand erschrocken von seinem Sessel auf und wollte noch +einmal erklaeren: "Ich mache gewiss"--"Miau! Miau! Miau!" + +"Aber Heidi", sagte jetzt Klara, "wenn du doch siehst, dass du +Fraeulein Rottenmeier so boese machst, warum machst du immer wieder +'miau'?" + +"Ich mache nicht, die Kaetzlein machen", konnte Heidi endlich +ungestoert hervorbringen. + +"Wie? Was? Katzen? junge Katzen?", schrie Fraeulein Rottenmeier +auf. "Sebastian! Tinette! Sucht die greulichen Tiere! Schafft +sie fort!" Damit stuerzte die Dame ins Studierzimmer hinein und +riegelte die Tueren zu, um sicherer zu sein, denn junge Katzen waren +fuer Fraeulein Rottenmeier das Schrecklichste in der Schoepfung. +Sebastian stand draussen vor der Tuer und musste erst fertig lachen, +eh er wieder eintreten konnte. Er hatte, als er Heidi bediente, +einen kleinen Katzenkopf aus dessen Tasche herausgucken gesehen und +sah dem Spektakel entgegen, und wie er nun ausbrach, konnte er sich +nicht mehr halten, kaum noch seine Schuessel auf den Tisch setzen. +Endlich trat er denn wieder gefasst ins Zimmer herein, nachdem die +Hilferufe der geaengsteten Dame schon laengere Zeit verklungen waren. +Jetzt sah es ganz still und friedlich aus drinnen; Klara hielt die +Kaetzchen auf ihrem Schoss, Heidi kniete neben ihr und beide spielten +mit grosser Wonne mit den zwei winzigen, grazioesen Tierchen. + +"Sebastian", sagte Klara zu dem Eintretenden, "Sie muessen uns +helfen; Sie muessen ein Nest finden fuer die Kaetzchen, wo Fraeulein +Rottenmeier sie nicht sieht, denn sie fuerchtet sich vor ihnen und +will sie forthaben; aber wir wollen die niedlichen Tierchen +behalten und sie immer hervorholen, sobald wir allein sind. Wo +kann man sie hintun?" + +"Das will ich schon besorgen, Fraeulein Klara", entgegnete Sebastian +bereitwillig; "ich mache ein schoenes Bettchen in einem Korb und +stelle den an einen Ort, wo mir die furchtsame Dame nicht dahinter +kommt, verlassen Sie sich auf mich." Sebastian ging gleich an die +Arbeit und kicherte bestaendig vor sich hin, denn er dachte: "Das +wird noch was absetzen!", und der Sebastian sah es nicht ungern, +wenn Fraeulein Rottenmeier ein wenig in Aufregung geriet. + +Nach laengerer Zeit erst, als der Augenblick des Schlafengehens +nahte, machte Fraeulein Rottenmeier ein ganz klein wenig die Tuer auf +und rief durch das Spaeltchen heraus: "Sind die abscheulichen Tiere +fortgeschafft?" + +"Jawohl! Jawohl!", gab Sebastian zurueck, der sich im Zimmer zu +schaffen gemacht hatte in Erwartung dieser Frage. Schnell und +leise fasste er die beiden Kaetzchen auf Klaras Schoss und verschwand +damit. + +Die besondere Strafrede, die Fraeulein Rottenmeier Heidi noch zu +halten gedachte, verschob sie auf den folgenden Tag, denn heute +fuehlte sie sich zu erschoepft nach all den vorhergegangenen +Gemuetsbewegungen von Aerger, Zorn und Schrecken, die ihr Heidi ganz +unwissentlich nacheinander verursacht hatte. Sie zog sich +schweigend zurueck, und Klara und Heidi folgten vergnuegt nach, denn +sie wussten ihre Kaetzchen in einem guten Bett. + + + + +Im Hause Sesemann geht's unruhig zu + +Als Sebastian am folgenden Morgen dem Herrn Kandidaten die Haustuer +geoeffnet und ihn zum Studierzimmer gefuehrt hatte, zog schon wieder +jemand die Hausglocke an, aber mit solcher Gewalt, dass Sebastian +die Treppe voellig hinunterschoss, denn er dachte: "So schellt nur +der Herr Sesemann selbst, er muss unerwartet nach Hause gekommen +sein." Er riss die Tuer auf--ein zerlumpter Junge mit einer +Drehorgel auf dem Ruecken stand vor ihm. + +"Was soll das heissen?", fuhr ihn Sebastian an. "Ich will dich +lehren, Glocken herunterzureissen! Was hast du hier zu tun?" + +"Ich muss zur Klara", war die Antwort. + +"Du ungewaschener Strassenkaefer du; kannst du nicht sagen ' +Fraeulein Klara', wie unsereins tut? Was hast du bei Fraeulein +Klara zu tun?", fragte Sebastian barsch. + +"Sie ist mir vierzig Pfennige schuldig", erklaerte der Junge. + +"Du bist, denk ich, nicht recht im Kopf! Wie weisst du ueberhaupt, +dass ein Fraeulein Klara hier ist?" + +"Gestern habe ich ihr den Weg gezeigt, macht zwanzig, und dann +wieder zurueck den Weg gezeigt, macht vierzig." + +"Da siehst du, was fuer Zeug du zusammenflunkerst; Fraeulein Klara +geht niemals aus, kann gar nicht gehen, mach, dass du dahin kommst, +wo du hingehoerst, bevor ich dir dazu verhelfe!" + +Aber der Junge liess sich nicht einschuechtern; er blieb unbeweglich +stehen und sagte trocken: "Ich habe sie doch gesehen auf der Strasse, +ich kann sie beschreiben: Sie hat kurzes, krauses Haar, das ist +schwarz, und die Augen sind schwarz und der Rock ist braun, und sie +kann nicht reden wie wir." + +"Oho", dachte jetzt Sebastian und kicherte in sich hinein, "das ist +die kleine Mamsell, die hat wieder etwas angestellt." Dann sagte er, +den Jungen hereinziehend: "'s ist schon recht, komm mir nur nach +und warte vor der Tuer, bis ich wieder herauskomme. Wenn ich dich +dann einlasse, kannst du gleich etwas spielen; das Fraeulein hoert es +gern." + +Oben klopfte er am Studierzimmer und wurde hereingerufen. + +"Es ist ein Junge da, der durchaus an Fraeulein Klara selbst etwas +zu bestellen hat", berichtete Sebastian. + +Klara war sehr erfreut ueber das aussergewoehnliche Ereignis. + +"Er soll nur gleich hereinkommen", sagte sie, "nicht wahr, Herr +Kandidat, wenn er doch mit mir selbst sprechen muss." + +Der Junge war schon eingetreten, und nach Anweisung fing er sofort +seine Orgel zu drehen an. Fraeulein Rottenmeier hatte, um dem Abc +auszuweichen, sich im Esszimmer allerlei zu schaffen gemacht. Auf +einmal horchte sie auf.--Kamen die Toene von der Strasse her? Aber +so nahe? Wie konnte vom Studierzimmer her eine Drehorgel ertoenen? +Und dennoch--wahrhaftig--sie stuerzte durch das lange Esszimmer +und riss die Tuer auf. Da--unglaublich--da stand mitten im +Studierzimmer ein zerlumpter Orgelspieler und drehte sein +Instrument mit groesster Emsigkeit. Der Herr Kandidat schien +immerfort etwas sagen zu wollen, aber es wurde nichts vernommen. +Klara und Heidi hoerten mit ganz erfreuten Gesichtern der Musik zu. + +"Aufhoeren! Sofort aufhoeren!", rief Fraeulein Rottenmeier ins Zimmer +hinein. Ihre Stimme wurde uebertoent von der Musik. Jetzt lief sie +auf den Jungen zu--aber auf einmal hatte sie etwas zwischen den +Fuessen, sie sah auf den Boden: ein grausiges, schwarzes Tier kroch +ihr zwischen den Fuessen durch--eine Schildkroete. Jetzt tat +Fraeulein Rottenmeier einen Sprung in die Hoehe, wie sie seit vielen +Jahren keinen getan hatte, dann schrie sie aus Leibeskraeften: +"Sebastian! Sebastian!" + +Ploetzlich hielt der Orgelspieler inne, denn diesmal hatte die +Stimme die Musik uebertoent. Sebastian stand draussen vor der halb +offenen Tuer und kruemmte sich vor Lachen, denn er hatte zugesehen, +wie der Sprung vor sich ging. Endlich kam er herein. Fraeulein +Rottenmeier war auf einen Stuhl niedergesunken. + +"Fort mit allem, Mensch und Tier! Schaffen Sie sie weg, Sebastian, +sofort!", rief sie ihm entgegen. Sebastian gehorchte bereitwillig, +zog den Jungen hinaus, der schnell seine Schildkroete erfasst hatte, +drueckte ihm draussen etwas in die Hand und sagte: "Vierzig fuer +Fraeulein Klara, und vierzig fuers Spielen, das hast du gut gemacht"; +damit schloss er hinter ihm die Haustuer. Im Studierzimmer war es +wieder ruhig geworden; die Studien wurden wieder fortgesetzt, und +Fraeulein Rottenmeier hatte sich nun auch festgesetzt in dem Zimmer, +um durch ihre Gegenwart aehnliche Graeuel zu verhueten. Den Vorfall +wollte sie nach den Unterrichtsstunden untersuchen und den +Schuldigen so bestrafen, dass er daran denken wuerde. + +Schon wieder klopfte es an die Tuer, und herein trat abermals +Sebastian mit der Nachricht, es sei ein grosser Korb gebracht worden, +der sogleich an Fraeulein Klara selbst abzugeben sei. + +"An mich?", fragte Klara erstaunt und aeusserst neugierig, was das +sein moechte; "zeigen Sie doch gleich einmal her, wie er aussieht." + +Sebastian brachte einen bedeckten Korb herein und entfernte sich +dann eilig wieder. + +"Ich denke, erst wird der Unterricht beendet, dann der Korb +ausgepackt", bemerkte Fraeulein Rottenmeier. + +Klara konnte sich nicht vorstellen, was man ihr gebracht hatte; sie +schaute sehr verlangend nach dem Korb. + +"Herr Kandidat", sagte sie, sich selbst in ihrem Deklinieren +unterbrechend, "koennte ich nicht nur einmal schnell hineinsehen, um +zu wissen, was drin ist, und dann gleich wieder fortfahren?" + +"In einer Hinsicht koennte man dafuer, in einer anderen dawider sein", +entgegnete der Herr Kandidat; "(dafuer) spraeche der Grund, dass, +wenn nun Ihre ganze Aufmerksamkeit auf diesen Gegenstand gerichtet +ist--"; die Rede konnte nicht beendigt werden. Der Deckel des +Korbes sass nur lose darauf, und nun sprangen mit einem Mal ein, +zwei drei und wieder zwei und immer noch mehr junge Kaetzchen +darunter hervor und ins Zimmer hinaus, und mit einer so +unbegreiflichen Schnelligkeit fuhren sie ueberall herum, dass es war, +als waere das ganze Zimmer voll solcher Tierchen. Sie sprangen +ueber die Stiefel des Herrn Kandidaten, bissen an seinen +Beinkleidern, kletterten am Kleid von Fraeulein Rottenmeier empor, +krabbelten um ihre Fuesse herum, sprangen an Klaras Sessel hinauf, +kratzten, krabbelten, miauten; es war ein arges Gewirre. Klara +rief immerfort voller Entzuecken: "Oh, die niedlichen Tierchen! Die +lustigen Spruenge! Sieh! Sieh! Heidi, hier, dort, sieh dieses!" +Heidi schoss ihnen vor Freude in alle Winkel nach. Der Herr +Kandidat stand sehr verlegen am Tisch und zog bald den einen, bald +den andern Fuss in die Hoehe, um ihn dem unheimlichen Gekrabbel zu +entziehen. Fraeulein Rottenmeier sass erst sprachlos vor Entsetzen +in ihrem Sessel, dann fing sie an aus Leibeskraeften zu schreien: +"Tinette! Tinette! Sebastian! Sebastian!", denn vom Sessel +aufzustehen konnte sie unmoeglich wagen, da konnten ja mit einem Mal +alle die kleinen Scheusale an ihr emporspringen. + +Endlich kamen Sebastian und Tinette auf die wiederholten Hilferufe +herbei, und jener packte gleich eins nach dem andern der kleinen +Geschoepfe in den Korb hinein und trug sie auf den Estrich zu dem +Katzenlager, das er fuer die zwei von gestern bereitet hatte. + +Auch am heutigen Tage hatte kein Gaehnen waehrend der +Unterrichtsstunden stattgefunden. Am spaeten Abend, als Fraeulein +Rottenmeier sich von den Aufregungen des Morgens wieder hinlaenglich +erholt hatte, berief sie Sebastian und Tinette ins Studierzimmer +herauf, um hier eine gruendliche Untersuchung ueber die strafwuerdigen +Vorgaenge anzustellen. Nun kam es denn heraus, dass Heidi auf +seinem gestrigen Ausflug die saemtlichen Ereignisse vorbereitet und +herbeigefuehrt hatte. Fraeulein Rottenmeier sass weiss vor Entruestung +da und konnte erst keine Worte fuer ihre Empfindungen finden. Sie +winkte mit der Hand, dass Sebastian und Tinette sich entfernen +sollten. Jetzt wandte sie sich an Heidi, das neben Klaras Sessel +stand und nicht recht begriff, was es verbrochen hatte. + +"Adelheid", begann sie mit strengem Ton, "ich weiss nur (eine) +Strafe, die dir empfindlich sein koennte, denn du bist eine Barbarin; +aber wir wollen sehen, ob du unten im dunklen Keller bei Molchen +und Ratten nicht zahm wirst, dass du dir keine solchen Dinge mehr +einfallen laesst." + +Heidi hoerte still und verwundert sein Urteil an, denn in einem +schreckhaften Keller war es noch nie gewesen, der anstossende Raum +in der Almhuette, den der Grossvater Keller nannte, wo immer die +fertigen Kaese lagen und die frische Milch stand, war eher ein +anmutiger und einladender Ort, und Ratten und Molche hatte es noch +keine gesehen. + +Aber Klara erhob einen lauten Jammer: "Nein, nein, Fraeulein +Rottenmeier, man muss warten, bis der Papa da ist; er hat ja +geschrieben, er komme nun bald, und dann will ich ihm alles +erzaehlen, und er sagt dann schon, was mit Heidi geschehen soll." + +Gegen diesen Oberrichter durfte Fraeulein Rottenmeier nichts +einwenden, umso weniger, da er wirklich in Baelde zu erwarten war. +Sie stand auf und sagte etwas grimmig: "Gut, Klara, aber auch ich +werde ein Wort mit Herrn Sesemann sprechen." Damit verliess sie das +Zimmer. + +Es verflossen nun ein paar ungestoerte Tage, aber Fraeulein +Rottenmeier kam nicht mehr aus der Aufregung heraus, stuendlich trat +ihr die Taeuschung vor Augen, die sie in Heidis Persoenlichkeit +erlebt hatte, und es war ihr, als sei seit seiner Erscheinung im +Hause Sesemann alles aus den Fugen gekommen und komme nicht wieder +hinein. Klara war sehr vergnuegt; sie langweilte sich nie mehr, +denn in den Unterrichtsstunden machte Heidi die kurzweiligsten +Sachen; die Buchstaben machte es immer alle durcheinander und +konnte sie nie kennen lernen, und wenn der Herr Kandidat mitten im +Erklaeren und Beschreiben ihrer Formen war, um sie ihm anschaulicher +zu machen und als Vergleichung etwa von einem Hoernchen oder einem +Schnabel sprach dabei, rief es auf einmal in aller Freude aus: "Es +ist eine Geiss!", oder: "Es ist ein Raubvogel!" Denn die +Beschreibungen weckten in seinem Gehirn allerlei Vorstellungen, nur +keine Buchstaben. In den spaeteren Nachmittagsstunden sass Heidi +wieder bei Klara und erzaehlte ihr immer wieder von der Alm und dem +Leben dort, so viel und so lange, bis das Verlangen darnach in ihm +so brennend wurde, dass es immer zum Schluss versicherte: "Nun muss +ich gewiss wieder heim! Morgen muss ich gewiss gehen!" Aber Klara +beschwichtigte immer wieder diese Anfaelle und bewies Heidi, dass es +doch sicher dableiben muesse, bis der Papa komme; dann werde man +schon sehen, wie es weitergehe. Wenn Heidi alsdann immer wieder +nachgab und gleich wieder zufrieden war, so half ihm eine froehliche +Aussicht dazu, die es im Stillen hatte, dass mit jedem Tage, den es +noch dablieb, sein Haeuflein Broetchen fuer die Grossmutter wieder um +zwei groesser wuerde, denn mittags und abends lag immer ein schoenes +Weissbroetchen bei seinem Teller; das steckte es gleich ein, denn es +haette das Broetchen nie essen koennen beim Gedanken, dass die +Grossmutter nie eines habe und das harte, schwarze Brot fast nicht +mehr essen konnte. Nach Tisch sass Heidi jeden Tag ein paar Stunden +lang ganz allein in seinem Zimmer und regte sich nicht, denn dass +es in Frankfurt verboten war, nur so hinauszulaufen, wie es auf der +Alm getan, das hatte es nun begriffen und tat es nie mehr. Mit +Sebastian drueben im Esszimmer ein Gespraech fuehren durfte es auch +nicht, das hatte Fraeulein Rottenmeier auch verboten, und mit +Tinette eine Unterhaltung zu probieren, daran kam ihm kein Sinn; es +ging ihr immer scheu aus dem Wege, denn sie redete nur in +hoehnischem Ton mit ihm und spoettelte es fortwaehrend an, und Heidi +verstand ihre Art ganz gut, und dass sie es nur immer ausspottete. +So sass Heidi taeglich da und hatte alle Zeit, sich auszudenken, wie +nun die Alm wieder gruen war und wie die gelben Bluemchen im +Sonnenschein glitzerten und wie alles leuchtete rings um die Sonne, +der Schnee und die Berge und das ganze weite Tal, und Heidi konnte +es manchmal fast nicht mehr aushalten vor Verlangen, wieder dort zu +sein. Die Base hatte ja auch gesagt, es koenne wieder heimgehen, +wann es wolle. So kam es, dass Heidi eines Tages es nicht mehr +aushielt; es packte in aller Eile seine Broetchen in das grosse rote +Halstuch zusammen, setzte sein Strohhuetchen auf und zog aus. Aber +schon unter der Haustuer traf es auf ein grosses Reisehindernis, auf +Fraeulein Rottenmeier selbst, die eben von einem Ausgang +zurueckkehrte. Sie stand still und schaute in starrem Erstaunen +Heidi von oben bis unten an, und ihr Blick blieb vorzueglich auf dem +gefuellten roten Halstuch haften. Jetzt brach sie los. + +"Was ist das fuer ein Aufzug? Was heisst das ueberhaupt? Habe ich +dir nicht streng verboten, je wieder herumzustreichen? Nun +probierst du's doch wieder und dazu noch voellig aussehend wie eine +Landstreicherin." + +"Ich wollte nicht herumstreichen, ich wollte nur heimgehen", +entgegnete Heidi erschrocken. + +"Wie? Was? Heimgehen? Heimgehen wolltest du?" Fraeulein +Rottenmeier schlug die Haende zusammen vor Aufregung. "Fortlaufen! +Wenn das Herr Sesemann wuesste! Fortlaufen aus seinem Hause! Mach +nicht, dass er das je erfaehrt! Und was ist dir denn nicht recht in +seinem Hause? Wirst du nicht viel besser behandelt, als du +verdienst? Fehlt es dir an irgendetwas? Hast du je in deinem +ganzen Leben eine Wohnung oder einen Tisch oder eine Bedienung +gehabt, wie du hier hast? Sag!" + +"Nein", entgegnete Heidi. + +"Das weiss ich wohl!", fuhr die Dame eifrig fort. "Nichts fehlt dir, +gar nichts, du bist ein ganz unglaublich undankbares Kind, und vor +lauter Wohlsein weisst du nicht, was du noch alles anstellen willst!" + +Aber jetzt kam dem Heidi alles obenauf, was in ihm war, und brach +hervor: "Ich will ja nur heim, und wenn ich so lang nicht komme, so +muss das Schneehoeppli immer klagen, und die Grossmutter erwartet +mich, und der Distelfink bekommt die Rute, wenn der Geissenpeter +keinen Kaese bekommt, und hier kann man gar nie sehen, wie die Sonne +gute Nacht sagt zu den Bergen; und wenn der Raubvogel in Frankfurt +obenueber fliegen wuerde, so wuerde er noch viel lauter kraechzen, dass +so viele Menschen beieinander sitzen und einander boes machen und +nicht auf den Felsen gehen, wo es einem wohl ist." + +"Barmherzigkeit, das Kind ist uebergeschnappt!", rief Fraeulein +Rottenmeier aus und stuerzte mit Schrecken die Treppe hinauf, wo sie +sehr unsanft gegen den Sebastian rannte, der eben hinunter wollte. +"Holen Sie auf der Stelle das unglueckliche Wesen herauf!", rief sie +ihm zu, indem sie sich den Kopf rieb, denn sie war hart angestossen. + +"Ja, ja, schon recht, danke schoen", gab Sebastian zurueck und rieb +sich den seinen, denn er war noch haerter angefahren. + +Heidi stand mit flammenden Augen noch auf derselben Stelle fest und +zitterte vor innerer Erregung am ganzen Koerper. + +"Na, schon wieder was angestellt?", fragte Sebastian lustig; als er +aber Heidi, das sich nicht ruehrte, recht ansah, klopfte er ihm +freundlich auf die Schulter und sagte troestend: "Pah! Pah! Das +muss sich das Mamsellchen nicht so zu Herzen nehmen, nur lustig, +das ist die Hauptsache! Sie hat mir eben jetzt auch fast ein Loch +in den Kopf gerannt; aber nur nicht einschuechtern lassen! Na? +Immer noch auf demselben Fleck? Wir muessen hinauf, sie hat's +befohlen." + +Heidi ging nun die Treppe hinauf, aber langsam und leise und gar +nicht, wie sonst seine Art war. Das tat dem Sebastian Leid zu +sehen; er ging hinter dem Heidi her und sprach ermutigende Worte zu +ihm: "Nur nicht abgeben! Nur nicht traurig werden! Nur immer +tapfer darauf zu! Wir haben ja ein ganz vernuenftiges Mamsellchen, +hat noch gar nie geweint, seit es bei uns ist; sonst weinen sie ja +zwoelfmal im Tag in dem Alter, das kennt man. Die Kaetzchen sind +auch lustig droben, die springen auf dem ganzen Estrich herum und +tun wie naerrisch. Nachher gehen wir mal zusammen hinauf und +schauen ihnen zu, wenn die Dame drinnen weg ist, ja?" + +Heidi nickte ein wenig mit dem Kopf, aber so freudlos, dass es dem +Sebastian recht zu Herzen ging und er ganz teilnehmend dem Heidi +nachschaute, wie es nach seinem Zimmer hin schlich. + +Am Abendessen heute sagte Fraeulein Rottenmeier kein Wort, aber +fortwaehrend warf sie sonderbar wachsame Blicke zu Heidi hinueber, so +als erwartete sie, es koennte ploetzlich etwas Unerhoertes unternehmen; +aber Heidi sass maeuschenstill am Tisch und ruehrte sich nicht, es ass +nicht und trank nicht; nur sein Broetchen hatte es schnell in die +Tasche gesteckt. + +Am folgenden Morgen, als der Herr Kandidat die Treppe heraufkam, +winkte ihn Fraeulein Rottenmeier geheimnisvoll ins Esszimmer herein, +und hier teilte sie ihm in grosser Aufregung ihre Besorgnis mit, die +Luftveraenderung, die neue Lebensart und die ungewohnten Eindruecke +haetten das Kind um den Verstand gebracht, und sie erzaehlte ihm von +Heidis Fluchtversuch und wiederholte ihm von seinen sonderbaren +Reden, was sie noch wusste. Aber der Herr Kandidat besaenftigte und +beruhigte Fraeulein Rottenmeier, indem er sie versicherte, dass er +die Wahrnehmung gemacht habe, die Adelheid sei zwar einerseits +allerdings eher exzentrisch, aber anderseits doch wieder bei +richtigem Verstand, so dass sich nach und nach bei einer allseitig +erwogenen Behandlung das noetige Gleichgewicht einstellen koenne, was +er im Auge habe; er finde den Umstand wichtiger, dass er durchaus +nicht ueber das Abc hinauskomme mit ihr, indem sie die Buchstaben +nicht zu fassen imstande sei. + +Fraeulein Rottenmeier fuehlte sich beruhigter und entliess den Herrn +Kandidaten zu seiner Arbeit. Am spaeteren Nachmittag stieg ihr die +Erinnerung an Heidis Aufzug bei seiner vorgehabten Abreise auf, und +sie beschloss, die Gewandung des Kindes durch verschiedene +Kleidungsstuecke der Klara in den noetigen Stand zu setzen, bevor +Herr Sesemann erscheinen wuerde. Sie teilte ihre Gedanken darueber +an Klara mit, und da diese mit allem einverstanden war und dem +Heidi eine Menge Kleider und Tuecher und Huete schenken wollte, +verfuegte sich die Dame in Heidis Zimmer, um seinen Kleiderschrank +zu besehen und zu untersuchen, was da von dem Vorhandenen bleiben +und was entfernt werden solle. Aber in wenig Minuten kam sie +wieder zurueck mit Gebaerden des Abscheus. "Was muss ich entdecken, +Adelheid!", rief sie aus. "Es ist nie dagewesen! In deinem +Kleiderschrank, einem Schrank fuer Kleider, Adelheid, im Fuss dieses +Schrankes, was finde ich? Einen Haufen kleiner Brote! Brot, sage +ich, Klara, im Kleiderschrank! Und einen solchen Haufen +aufspeichern!"--"Tinette", rief sie jetzt ins Esszimmer hinaus, +"schaffen Sie mir das alte Brot fort aus dem Schrank der Adelheid +und den zerdrueckten Strohhut auf dem Tisch!" + +"Nein! Nein!", schrie Heidi auf; "ich muss den Hut haben, und die +Broetchen sind fuer die Grossmutter", und Heidi wollte der Tinette +nachstuerzen, aber es wurde von Fraeulein Rottenmeier festgehalten. + +"Du bleibst hier und der Kram wird hingebracht, wo er hingehoert", +sagte sie bestimmt und hielt das Kind zurueck. Aber nun warf sich +Heidi an Klaras Sessel nieder und fing ganz verzweiflungsvoll zu +weinen an, immer lauter und schmerzlicher, und schluchzte ein Mal +ums andere in seinem Jammer auf: "Nun hat die Grossmutter keine +Broetchen mehr. Sie waren fuer die Grossmutter, nun sind sie alle +fort und die Grossmutter bekommt keine!", und Heidi weinte auf, als +wollte ihm das Herz zerspringen. Fraeulein Rottenmeier lief hinaus. +Klara wurde es angst und bange bei dem Jammer. "Heidi, Heidi, +weine nur nicht so", sagte sie bittend, "hoer mich nur! Jammere nur +nicht so, sieh, ich verspreche dir, ich gebe dir gerade so viel +Broetchen fuer die Grossmutter, oder noch mehr, wenn du einmal +heimgehst, und dann sind diese frisch und weich, und die deinen +waeren ja ganz hart geworden und waren es schon. Komm, Heidi, weine +nur nicht mehr so!" + +Heidi konnte noch lange nicht aus seinem Schluchzen herauskommen; +aber es verstand Klaras Trost und hielt sich daran, sonst haette es +gar nicht mehr zu weinen aufhoeren koennen. Es musste auch noch +mehrere Male seiner Hoffnung gewiss werden und Klara, durch die +letzten Anfaelle von Schluchzen unterbrochen, fragen: "Gibst du mir +so viele, viele, wie ich hatte, fuer die Grossmutter?" + +Und Klara versicherte immer wieder: "Gewiss, ganz gewiss, noch mehr, +sei nur wieder froh!" + +Noch zum Abendtisch kam Heidi mit den rot verweinten Augen, und als +es sein Broetchen erblickte, musste es gleich noch einmal +aufschluchzen. Aber es bezwang sich jetzt mit Gewalt, denn es +verstand, dass es sich am Tisch ruhig verhalten musste. Sebastian +machte heute jedes Mal die merkwuerdigsten Gebaerden, wenn er in +Heidis Naehe kam; er deutete bald auf seinen, bald auf Heidis Kopf, +dann nickte er wieder und kniff die Augen zu, so als wollte er +sagen: "Nur getrost! Ich hab's schon gemerkt und besorgt." + +Als Heidi spaeter in sein Zimmer kam und in sein Bett steigen wollte, +lag sein zerdruecktes Strohhuetchen unter der Decke versteckt. Mit +Entzuecken zog es den alten Hut hervor, zerdrueckte ihn vor lauter +Freude noch ein wenig mehr und versteckte ihn dann, in ein +Taschentuechlein eingewickelt, in die allerhinterste Ecke seines +Schrankes. Das Huetchen hatte der Sebastian unter die Decke +gesteckt; er war zu gleicher Zeit mit Tinette im Esszimmer gewesen, +als diese gerufen wurde, und hatte Heidis Jammerruf vernommen. +Dann war er Tinette nachgegangen, und als sie aus Heidis Zimmer +heraustrat mit ihrer Brotlast und dem Huetchen oben darauf, hatte er +schnell dieses weggenommen und ihr zugerufen: "Das will ich schon +forttun." Darauf hatte er es in aller Freude fuer Heidi gerettet, +was er ihm beim Abendessen zur Erheiterung andeuten wollte. + + + + +Der Hausherr hoert allerlei in seinem Hause, das er noch nicht +gehoert hat + +Einige Tage nach diesen Ereignissen war im Hause Sesemann grosse +Lebendigkeit und ein eifriges Treppauf- und Treppabrennen, denn +eben war der Hausherr von seiner Reise zurueckgekehrt, und aus dem +bepackten Wagen wurde von Sebastian und Tinette eine Last nach der +anderen hinaufgetragen, denn Herr Sesemann brachte immer eine Menge +schoener Sachen mit nach Hause. + +Er selbst war vor allem in das Zimmer seiner Tochter eingetreten, +um sie zu begruessen. Heidi sass bei ihr, denn es war die Zeit des +spaeten Nachmittags, da die beiden immer zusammen waren. Klara +begruesste ihren Vater mit grosser Zaertlichkeit, denn sie liebte ihn +sehr, und der gute Papa gruesste sein Klaerchen nicht weniger +liebevoll. Dann streckte er seine Hand dem Heidi entgegen, das +sich leise in eine Ecke zurueckgezogen hatte, und sagte freundlich: +"Und das ist unsre kleine Schweizerin; komm her, gib mir mal eine +Hand! So ist's recht! Nun sag mir mal, seid ihr auch gute Freunde +zusammen, Klara und du? Nicht zanken und boese werden, und dann +weinen und dann versoehnen, und dann wieder von vorn anfangen, nun?" + +"Nein, Klara ist immer gut mit mir", entgegnete Heidi. + +"Und Heidi hat auch noch gar nie versucht zu zanken, Papa", warf +Klara schnell ein. + +"So ist's gut, das hoer ich gern", sagte der Papa, indem er aufstand. +"Nun musst du aber erlauben, Klaerchen, dass ich etwas geniesse; +heute habe ich noch nichts bekommen. Nachher komm ich wieder zu +dir und du sollst sehen, was ich mitgebracht habe!" + +Herr Sesemann trat ins Esszimmer ein, wo Fraeulein Rottenmeier den +Tisch ueberschaute, der fuer sein Mittagsmahl geruestet war. Nachdem +Herr Sesemann sich niedergelassen und die Dame ihm gegenueber Platz +genommen hatte und aussah wie ein lebendiges Missgeschick, wandte +sich der Hausherr zu ihr: "Aber Fraeulein Rottenmeier, was muss ich +denken? Sie haben zu meinem Empfang ein wahrhaft erschreckendes +Gesicht aufgesetzt. Wo fehlt es denn? Klaerchen ist ganz munter." + +"Herr Sesemann", begann die Dame mit gewichtigem Ernst, "Klara ist +mit betroffen, wir sind fuerchterlich getaeuscht worden." + +"Wieso?", fragte Herr Sesemann und trank in aller Ruhe einen +Schluck Wein. + +"Wir hatten ja beschlossen, wie Sie wissen, Herr Sesemann, eine +Gespielin fuer Klara ins Haus zu nehmen, und da ich ja weiss, wie +sehr Sie darauf halten, dass nur Gutes und Edles Ihre Tochter +umgebe, hatte ich meinen Sinn auf ein junges Schweizermaedchen +gerichtet, indem ich hoffte, eines jener Wesen bei uns eintreten zu +sehen, von denen ich schon so oft gelesen, welche, der reinen +Bergluft entsprossen, sozusagen, ohne die Erde zu beruehren, durch +das Leben gehen." + +"Ich glaube zwar", bemerkte hier Herr Sesemann, "dass auch die +Schweizerkinder den Erdboden beruehren, wenn sie vorwaerts kommen +wollen; sonst waeren ihnen wohl Fluegel gewachsen statt der Fuesse." + +"Ach, Herr Sesemann, Sie verstehen mich wohl", fuhr das Fraeulein +fort; "Ich meinte eine jener so bekannten, in den hohen, reinen +Bergregionen lebenden Gestalten, die nur wie ein idealer Hauch an +uns vorueberziehen." + +"Was sollte aber meine Klara mit einem idealen Hauch anfangen, +Fraeulein Rottenmeier?" + +"Nein, Herr Sesemann, ich scherze nicht, die Sache ist mir ernster, +als Sie denken; ich bin schrecklich, wirklich ganz schrecklich +getaeuscht worden." + +"Aber worin liegt denn das Schreckliche? So gar erschrecklich +sieht mir das Kind nicht aus", bemerkte ruhig Herr Sesemann. + +"Sie sollten nur (eines) wissen, Herr Sesemann, nur das (eine), mit +was fuer Menschen und Tieren dieses Wesen Ihr Haus in Ihrer +Abwesenheit bevoelkert hat; davon koennte der Herr Kandidat erzaehlen." + +"Mit Tieren? Wie muss ich das verstehen, Fraeulein Rottenmeier?" + +"Es ist eben nicht zu verstehen; die ganze Auffuehrung dieses Wesens +waere nicht zu verstehen, wenn nicht aus dem (einen) Punkte, dass es +Anfaelle von voelliger Verstandesgestoertheit hat." + +Bis hierher hatte Herr Sesemann die Sache nicht fuer wichtig +gehalten; aber Gestoertheit des Verstandes? Eine solche konnte ja +fuer seine Tochter die bedenklichsten Folgen haben. Herr Sesemann +schaute Fraeulein Rottenmeier sehr genau an, so, als wollte er sich +erst versichern, ob nicht etwa bei ihr eine derartige Stoerung zu +bemerken sei. In diesem Augenblick wurde die Tuer aufgetan und der +Herr Kandidat angemeldet. + +"Ah, da kommt unser Herr Kandidat, der wird uns Aufschluss geben!", +rief ihm Herr Sesemann entgegen. "Kommen Sie, kommen Sie, setzen +Sie sich zu mir!" Herr Sesemann streckte dem Eintretenden die Hand +entgegen. "Der Herr Kandidat trinkt eine Tasse schwarzen Kaffee +mit mir, Fraeulein Rottenmeier! Setzen Sie sich, setzen Sie sich-- +keine Komplimente! Und nun sagen Sie mir, Herr Kandidat, was ist +mit dem Kinde, das als Gespielin meiner Tochter ins Haus gekommen +ist und das Sie unterrichten. Was hat es fuer eine Bewandtnis mit +den Tieren, die es ins Haus gebracht, und wie steht es mit seinem +Verstand?" + +Der Herr Kandidat musste erst seine Freude ueber Herrn Sesemanns +glueckliche Rueckkehr aussprechen und ihn willkommen heissen, weswegen +er ja gekommen war; aber Herr Sesemann draengte ihn, dass er ihm +Aufschluss gebe ueber die fraglichen Punkte. So begann denn der +Herr Kandidat: "Wenn ich mich ueber das Wesen dieses jungen Maedchens +aussprechen soll, Herr Sesemann, so moechte ich vor allem darauf +aufmerksam machen, dass, wenn auch auf der einen Seite sich ein +Mangel der Entwicklung, welcher durch eine mehr oder weniger +vernachlaessigte Erziehung, oder besser gesagt, etwas verspaeteten +Unterricht verursacht und durch die mehr oder weniger, jedoch +durchaus nicht in jeder Beziehung zu verurteilende, im Gegenteil +ihre guten Seiten unstreitig dartuende Abgeschiedenheit eines +laengeren Alpenaufenthalts, welcher, wenn er nicht eine gewisse +Dauer ueberschreitet, ja ohne Zweifel seine gute Seite--" + +"Mein lieber Herr Kandidat", unterbrach hier Herr Sesemann, "Sie +geben sich wirklich zu viel Muehe; sagen Sie mir, hat auch Ihnen das +Kind einen Schrecken beigebracht durch eingeschleppte Tiere, und +was halten Sie ueberhaupt von diesem Umgang fuer mein Toechterchen?" + +"Ich moechte dem jungen Maedchen in keiner Art zu nahe treten", +begann der Herr Kandidat wieder, "denn wenn es auch auf der einen +Seite in einer Art von gesellschaftlicher Unerfahrenheit, welche +mit dem mehr oder weniger unkultivierten Leben, in welchem das +junge Maedchen bis zu dem Augenblick seiner Versetzung nach +Frankfurt sich bewegte, welche Versetzung allerdings in die +Entwicklung dieses, ich moechte sagen noch voellig, wenigstens +teilweise unentwickelten, aber anderseits mit nicht zu verachtenden +Anlagen begabten und wenn allseitig umsichtig geleitet--" + +"Entschuldigen Sie, Herr Kandidat, bitte, lassen Sie sich nicht +stoeren, ich werde--ich muss schnell einmal nach meiner Tochter +sehen." Damit lief Herr Sesemann zur Tuer hinaus und kam nicht +wieder. Drueben im Studierzimmer setzte er sich zu seinem +Toechterchen hin; Heidi war aufgestanden. Herr Sesemann wandte sich +nach dem Kinde um: "Hoer mal, Kleine, hol mir doch schnell--wart +einmal--hol mir mal"--(Herr Sesemann wusste nicht recht, was er +bedurfte, Heidi sollte aber ein wenig ausgeschickt werden)--"hol +mir doch mal ein Glas Wasser." + +"Frisches?", fragte Heidi. + +"Jawohl! Jawohl! Recht frisches!", gab Herr Sesemann zurueck. +Heidi verschwand. + +"Nun, mein liebes Klaerchen", sagte der Papa, indem er ganz nah an +sein Toechterchen heranrueckte und dessen Hand in die seinige legte, +"sag du mir klar und fasslich: Was fuer Tiere hat diese deine +Gespielin ins Haus gebracht und warum muss Fraeulein Rottenmeier +denken, sie sei zeitweise nicht ganz recht im Kopf; kannst du mir +das sagen?" + +Das konnte Klara, denn die erschrockene Dame hatte auch ihr von +Heidis sich verwirrenden Reden gesprochen, die aber fuer Klara alle +einen Sinn hatten. Sie erzaehlte erst dem Vater die Geschichten von +der Schildkroete und den jungen Katzen und erklaerte ihm dann Heidis +Reden, welche die Dame so erschreckt hatten. Jetzt lachte Herr +Sesemann herzlich. "So willst du nicht, dass ich das Kind nach +Haus schicke, Klaerchen, du bist seiner nicht muede?", fragte der +Vater. + +"Nein, nein, Papa, tu nur das nicht!", rief Klara abwehrend aus. +"Seit Heidi da ist, begegnet immer etwas, jeden Tag, und es ist so +kurzweilig, ganz anders als vorher, da begegnete nie etwas, und +Heidi erzaehlt mir auch so viel." + +"Schon gut, schon gut, Klaerchen, da kommt ja auch deine Freundin +schon wieder. Na, schoenes, frisches Wasser geholt?", fragte Herr +Sesemann, da ihm Heidi nun ein Glas Wasser hinstreckte. + +"Ja, frisch vom Brunnen", antwortete Heidi. + +"Du bist doch nicht selbst zum Brunnen gelaufen, Heidi?", sagte +Klara. + +"Doch gewiss, es ist ganz frisch, aber ich musste weit gehen, denn +am ersten Brunnen waren so viele Leute. Da ging ich die Strasse +ganz hinab, aber beim zweiten waren wieder so viele Leute; da ging +ich in die andere Strasse hinein und dort nahm ich Wasser, und der +Herr mit den weissen Haaren laesst Herrn Sesemann freundlich gruessen." + +"Na, die Expedition ist gut", lachte Herr Sesemann, "und wer ist +denn der Herr?" + +"Er kam beim Brunnen vorbei und dann stand er still und sagte: +'Weil du doch ein Glas hast, so gib mir auch einmal zu +trinken; wem bringst du dein Glas Wasser?' Und ich sagte: +'Herrn Sesemann.' Da lachte er sehr stark, und dann +sagte er den Gruss und auch noch, Herr Sesemann solle sich's +schmecken lassen." + +"So, und wer laesst mir denn wohl den guten Wunsch sagen? Wie sah +der Herr denn weiter aus?", fragte Herr Sesemann. + +"Er lacht freundlich und hat eine dicke goldene Kette und ein +goldenes Ding haengt daran mit einem grossen roten Stein und auf +seinem Stock ist ein Rosskopf." + +"Das ist der Herr Doktor"--"Das ist mein alter Doktor", sagten +Klara und ihr Vater wie aus einem Munde, und Herr Sesemann lachte +noch ein wenig in sich hinein im Gedanken an seinen Freund und +dessen Betrachtungen ueber diese neue Weise, seinen Wasserbedarf +sich zufuehren zu lassen. + +Noch an demselben Abend erklaerte Herr Sesemann, als er allein mit +Fraeulein Rottenmeier im Esszimmer sass, um allerlei haeusliche +Angelegenheiten mit ihr zu besprechen, die Gespielin seiner Tochter +werde im Hause bleiben; er finde, das Kind sei in einem normalen +Zustand, und seine Gesellschaft sei seiner Tochter sehr lieb und +angenehmer als jede andere. "Ich wuensche daher", setzte Herr +Sesemann sehr bestimmt hinzu, "dass dieses Kind jederzeit durchaus +freundlich behandelt und seine Eigentuemlichkeiten nicht als +Vergehen betrachtet werden. Sollten Sie uebrigens mit dem Kinde +nicht allein fertig werden, Fraeulein Rottenmeier, so ist ja eine +gute Hilfe fuer Sie in Aussicht, da in naechster Zeit meine Mutter zu +ihrem laengeren Aufenthalt in mein Haus kommt, und meine Mutter wird +mit jedem Menschen fertig, wie er sich auch anstelle, das wissen +Sie ja wohl, Fraeulein Rottenmeier?" + +"Jawohl, das weiss ich, Herr Sesemann", entgegnete die Dame, aber +nicht mit dem Ausdruck der Erleichterung im Hinblick auf die +angezeigte Hilfe.-- + +Herr Sesemann hatte diesmal nur eine kurze Zeit Ruhe zu Hause, +schon nach vierzehn Tagen riefen ihn seine Geschaefte wieder nach +Paris, und er troestete sein Toechterchen, das mit der nahen Abreise +nicht einverstanden war, mit der Aussicht auf die baldige Ankunft +der Grossmama, die schon nach einigen Tagen erwartet werden konnte. + +Kaum war auch Herr Sesemann abgereist, als schon der Brief anlangte, +der die Abreise der Frau Sesemann aus Holstein, wo sie auf einem +alten Gute wohnte, anzeigte und die bestimmte Zeit ihrer Ankunft +auf den folgenden Tag meldete, damit der Wagen nach dem Bahnhof +geschickt wuerde, um sie abzuholen. + +Klara war voller Freude ueber die Nachricht und erzaehlte noch an +demselben Abend dem Heidi so viel und so lange von der Grossmama, +dass Heidi auch anfing, von der 'Grossmama' zu reden, +worauf Fraeulein Rottenmeier Heidi mit Missbilligung anblickte, was +aber das Kind auf nichts Besonderes bezog, denn es fuehlte sich +unter fortdauernder Missbilligung der Dame. Als es sich dann +spaeter entfernte, um in sein Schlafzimmer zu gehen, berief Fraeulein +Rottenmeier es erst in das ihrige herein und erklaerte ihm hier, es +habe niemals den Namen 'Grossmama' anzuwenden, sondern +wenn Frau Sesemann nun da sei, habe es sie stets 'gnaedige +Frau' anzureden. "Verstehst du das?", fragte die Dame, als +Heidi sie etwas zweifelhaft ansah; sie gab ihm aber einen so +abschliessenden Blick zurueck, dass Heidi sich keine Erklaerung mehr +erbat, obschon es den Titel nicht verstanden hatte. + + + + +Eine Grossmama + +Am folgenden Abend waren grosse Erwartungen und lebhafte +Vorbereitungen im Hause Sesemann sichtbar, man konnte deutlich +bemerken, dass die erwartete Dame ein bedeutendes Wort im Hause +mitzusprechen hatte und dass jedermann grossen Respekt vor ihr +empfand. Tinette hatte ein ganz neues, weisses Deckelchen auf den +Kopf gesetzt, und Sebastian raffte eine Menge von Schemeln zusammen +und stellte sie an alle passenden Stellen hin, damit die Dame +gleich einen Schemel unter den Fuessen finde, wohin sie sich auch +setzen moege. Fraeulein Rottenmeier ging zur Musterung der Dinge +sehr aufrecht durch die Zimmer, so wie um anzudeuten, dass, wenn +auch eine zweite Herrschermacht herannahe, die ihrige dennoch nicht +am Erloeschen sei. + +Jetzt rollte der Wagen vor das Haus, und Sebastian und Tinette +stuerzten die Treppe hinunter; langsam und wuerdevoll folgte Fraeulein +Rottenmeier nach, denn sie wusste, dass auch sie zum Empfang der +Frau Sesemann zu erscheinen hatte. Heidi war beordert worden, sich +in sein Zimmer zurueckzuziehen und da zu warten, bis es gerufen +wuerde, denn die Grossmutter wuerde zuerst bei Klara eintreten und +diese wohl allein sehen wollen. Heidi setzte sich in einen Winkel +und repetierte seine Anrede. Es waehrte gar nicht lange, so steckte +die Tinette den Kopf ein klein wenig unter Heidis Zimmertuer und +sagte kurz angebunden wie immer: "Hinuebergehen ins Studierzimmer!" + +Heidi hatte Fraeulein Rottenmeier nicht fragen duerfen, wie es mit +der Anrede sei, aber es dachte, die Dame habe sich nur versprochen, +denn es hatte bis jetzt immer erst den Titel nennen gehoert und +nachher den Namen; so hatte es sich nun die Sache zurechtgelegt. +Wie es die Tuer zum Studierzimmer aufmachte, rief ihm die Grossmutter +mit freundlicher Stimme entgegen: "Ah, da kommt ja das Kind! Komm +mal her zu mir und lass dich recht ansehen." + +Heidi trat heran, und mit seiner klaren Stimme sagte es sehr +deutlich: "Guten Tag, Frau Gnaedige." + +"Warum nicht gar!", lachte die Grossmama. "Sagt man so bei euch? +Hast du das daheim auf der Alp gehoert?" + +"Nein, bei uns heisst niemand so", erklaerte Heidi ernsthaft. + +"So, bei uns auch nicht", lachte die Grossmama wieder und klopfte +Heidi freundlich auf die Wange. "Das ist nichts! In der +Kinderstube bin ich die Grossmama; so sollst du mich nennen, das +kannst du wohl behalten, wie?" + +"Ja, das kann ich gut", versicherte Heidi, "vorher hab ich schon +immer so gesagt." + +"So, so, verstehe schon!", sagte die Grossmama und nickte ganz +lustig mit dem Kopfe. Dann schaute sie Heidi genau an und nickte +von Zeit zu Zeit wieder mit dem Kopf, und Heidi guckte ihr auch +ganz ernsthaft in die Augen, denn da kam etwas so Herzliches heraus, +dass es dem Heidi ganz wohl machte, und die ganze Grossmama gefiel +dem Heidi so, dass es sie unverwandt anschauen musste. Sie hatte +so schoene weisse Haare, und um den Kopf ging eine schoene +Spitzenkrause, und zwei breite Baender flatterten von der Haube weg +und bewegten sich immer irgendwie, so als ob stets ein leichter +Wind um die Grossmama wehe, was das Heidi ganz besonders anmutete. + +"Und wie heisst du, Kind?", fragte jetzt die Grossmama. + +"Ich heisse nur Heidi; aber weil ich soll Adelheid heissen, so will +ich schon Acht geben--"; Heidi stockte, denn es fuehlte sich ein +wenig schuldig, da es noch immer keine Antwort gab, wenn Fraeulein +Rottenmeier unversehens rief: "Adelheid!", indem es ihm noch immer +nicht recht gegenwaertig war, dass dies sein Name sei, und Fraeulein +Rottenmeier war eben ins Zimmer getreten. + +"Frau Sesemann wird unstreitig billigen", fiel hier die eben +Eingetretene ein, "dass ich einen Namen waehlen musste, den man doch +aussprechen kann, ohne sich selbst genieren zu muessen, schon um der +Dienstboten willen." + +"Werteste Rottenmeier", entgegnete Frau Sesemann, "wenn ein Mensch +einmal 'Heidi' heisst und an den Namen gewoehnt ist, so +nenn ich ihn so, und dabei bleibt's!" + +Es war Fraeulein Rottenmeier sehr genierlich, dass die alte Dame sie +bestaendig nur bei ihrem Namen nannte, ohne weitere Titulatur; aber +da war nichts zu machen; die Grossmama hatte einmal ihre eigenen +Wege, und diese ging sie, da half kein Mittel dagegen. Auch ihre +fuenf Sinne hatte die Grossmama noch ganz scharf und gesund, und sie +bemerkte, was im Hause vorging, sobald sie es betreten hatte. + +Als am Tage nach ihrer Ankunft Klara sich zur gewohnten Zeit nach +Tisch niederlegte, setzte die Grossmama sich neben sie auf einen +Lehnstuhl und schloss ihre Augen fuer einige Minuten; dann stand sie +schon wieder auf--denn sie war gleich wieder munter--und trat ins +Esszimmer hinaus; da war niemand. "Die schlaeft", sagte sie vor +sich hin, ging dann nach dem Zimmer der Dame Rottenmeier und +klopfte kraeftig an die Tuer. Nach einiger Zeit erschien diese und +fuhr erschrocken ein wenig zurueck bei dem unerwarteten Besuch. + +"Wo haelt sich das Kind auf um diese Zeit, und was tut es? Das +wollte ich wissen", sagte Frau Sesemann. + +"In seinem Zimmer sitzt es, wo es sich nuetzlich beschaeftigen koennte, +wenn es den leisesten Taetigkeitstrieb haette; aber Frau Sesemann +sollte nur wissen, was fuer verkehrtes Zeug sich dieses Wesen oft +ausdenkt und wirklich ausfuehrt, Dinge, die ich in gebildeter +Gesellschaft kaum erzaehlen koennte." + +"Das wuerde ich gerade auch tun, wenn ich so da drinnen saesse wie +dieses Kind, das kann ich Ihnen sagen, und Sie koennten zusehen, wie +Sie mein Zeug in gebildeter Gesellschaft erzaehlen wollten! Jetzt +holen Sie mir das Kind heraus und bringen Sie mir's in meine Stube, +ich will ihm einige huebsche Buecher geben, die ich mitgebracht habe." + +"Das ist ja gerade das Unglueck, das ist es ja eben!", rief Fraeulein +Rottenmeier aus und schlug die Haende zusammen. "Was sollte das +Kind mit Buechern tun? In all dieser Zeit hat es noch nicht einmal +das Abc erlernt; es ist voellig unmoeglich, diesem Wesen auch nur +(einen) Begriff beizubringen, davon kann der Herr Kandidat reden! +Wenn dieser treffliche Mensch nicht die Geduld eines himmlischen +Engels besaesse, er haette diesen Unterricht laengst aufgegeben." + +"So, das ist merkwuerdig, das Kind sieht nicht aus wie eines, das +das Abc nicht erlernen kann", sagte Frau Sesemann. "Jetzt holen +Sie mir's herueber, es kann vorlaeufig die Bilder in den Buechern +ansehen." + +Fraeulein Rottenmeier wollte noch einiges bemerken, aber Frau +Sesemann hatte sich schon umgewandt und ging rasch ihrem Zimmer zu. +Sie musste sich sehr verwundern ueber die Nachricht von Heidis +Beschraenktheit und gedachte, die Sache zu untersuchen, jedoch nicht +mit dem Herrn Kandidaten, den sie zwar um seines guten Charakters +willen sehr schaetzte; sie gruesste ihn auch immer, wenn sie mit ihm +zusammentraf, ueberaus freundlich, lief dann aber sehr schnell auf +eine andere Seite, um nicht in ein Gespraech mit ihm verwickelt zu +werden, denn seine Ausdrucksweise war ihr ein wenig beschwerlich. + +Heidi erschien im Zimmer der Grossmama und machte die Augen weit auf, +als es die praechtigen bunten Bilder in den grossen Buechern sah, +welche die Grossmama mitgebracht hatte. Auf einmal schrie Heidi +laut auf, als die Grossmama wieder ein Blatt umgewandt hatte; mit +gluehendem Blick schaute es auf die Figuren, dann stuerzten ihm +ploetzlich die hellen Traenen aus den Augen, und es fing gewaltig zu +schluchzen an. Die Grossmama schaute das Bild an. Es war eine +schoene, gruene Weide, wo allerlei Tierlein herumweideten und an den +gruenen Gebueschen nagten. In der Mitte stand der Hirt, auf einen +langen Stab gestuetzt, der schaute den froehlichen Tierchen zu. +Alles war wie in Goldschimmer gemalt, denn hinten am Horizont war +eben die Sonne im Untergehen. + +Die Grossmama nahm Heidi bei der Hand. "Komm, komm, Kind", sagte +sie in freundlichster Weise, "nicht weinen, nicht weinen. Das hat +dich wohl an etwas erinnert; aber sieh, da ist auch eine schoene +Geschichte dazu, die erzaehl ich heut Abend. Und da sind noch so +viele schoene Geschichten in dem Buch, die kann man alle lesen und +wieder erzaehlen. Komm, nun muessen wir etwas besprechen zusammen, +trockne schoen deine Traenen, so, und nun stell dich hier vor mich +hin, dass ich dich recht ansehen kann; so ist's recht, nun sind wir +wieder froehlich." + +Aber noch verging einige Zeit, bevor Heidi zu schluchzen aufhoeren +konnte. Die Grossmama liess ihm auch eine gute Weile zur Erholung, +nur sagte sie von Zeit zu Zeit ermunternd: "So, nun ist's gut, nun +sind wir wieder froh zusammen." + +Als sie endlich das Kind beruhigt sah, sagte sie: "Nun musst du mir +was erzaehlen, Kind! Wie geht es denn beim Herrn Kandidaten in den +Unterrichtsstunden, lernst du auch gut und kannst du was?" + +"O nein", antwortete Heidi seufzend; "aber ich wusste schon, dass +man es nicht lernen kann." + +"Was kann man denn nicht lernen, Heidi, was meinst du?" + +"Lesen kann man nicht lernen, es ist zu schwer." + +"Das waere! Und woher weisst du denn diese Neuigkeit?" + +"Der Peter hat es mir gesagt und er weiss es schon, der muss immer +wieder probieren, aber er kann es nie lernen, es ist zu schwer." + +"So, das ist mir ein eigener Peter, der! Aber sieh, Heidi, man +muss nicht alles nur so hinnehmen, was einem ein Peter sagt, man +muss selbst probieren. Gewiss hast du nicht recht mit all deinen +Gedanken dem Herrn Kandidaten zugehoert und seine Buchstaben +angesehen." + +"Es nuetzt nichts", versicherte Heidi mit dem Ton der vollen +Ergebung in das Unabaenderliche. + +"Heidi", sagte nun die Grossmama, "jetzt will ich dir etwas sagen: +Du hast noch nie lesen gelernt, weil du deinem Peter geglaubt hast; +nun aber sollst du mir glauben, und ich sage dir fest und sicher, +dass du in kurzer Zeit lesen lernen kannst, wie eine grosse Menge +von Kindern, die geartet sind wie du und nicht wie der Peter. Und +nun musst du wissen, was nachher kommt, wenn du dann lesen kannst-- +du hast den Hirten gesehen auf der schoenen, gruenen Weide--; sobald +du nun lesen kannst, bekommst du das Buch, da kannst du seine ganze +Geschichte vernehmen, ganz so, als ob sie dir jemand erzaehlte, +alles, was er macht mit seinen Schafen und Ziegen und was ihm fuer +merkwuerdige Dinge begegnen. Das moechtest du schon wissen, Heidi, +nicht?" + +Heidi hatte mit gespannter Aufmerksamkeit zugehoert, und mit +leuchtenden Augen sagte es jetzt, tief Atem holend: "Oh, wenn ich +nur schon lesen koennte!" + +"Jetzt wird's kommen, und gar nicht lange wird's waehren, das kann +ich schon sehen, Heidi, und nun muessen wir mal nach der Klara sehen; +komm, die schoenen Buecher nehmen wir mit." Damit nahm die Grossmama +Heidi bei der Hand und ging mit ihm nach dem Studierzimmer. + +Seit dem Tage, da Heidi hatte heimgehen wollen und Fraeulein +Rottenmeier es auf der Treppe ausgescholten und ihm gesagt hatte, +wie schlecht und undankbar es sich erweise durch sein +Fortlaufenwollen und wie gut es sei, dass Herr Sesemann nichts +davon wisse, war mit dem Kinde eine Veraenderung vorgegangen. Es +hatte begriffen, dass es nicht heimgehen koenne, wenn es wolle, wie +ihm die Base gesagt hatte, sondern dass es in Frankfurt zu bleiben +habe, lange, lange, vielleicht fuer immer. Es hatte auch verstanden, +dass Herr Sesemann es sehr undankbar von ihm finden wuerde, wenn es +heimgehen wollte, und es dachte sich aus, dass die Grossmama und +Klara auch so denken wuerden. So durfte es keinem Menschen sagen, +dass es heimgehen moechte, denn dass die Grossmama, die so freundlich +mit ihm war, auch boese wuerde, wie Fraeulein Rottenmeier geworden war, +das wollte Heidi nicht verursachen. Aber in seinem Herzen wurde +die Last, die darinnen lag, immer schwerer; es konnte nicht mehr +essen, und jeden Tag wurde es ein wenig bleicher. Am Abend konnte +es oft lange, lange nicht einschlafen, denn sobald es allein war +und alles still ringsumher, kam ihm alles so lebendig vor die Augen, +die Alm und der Sonnenschein darauf und die Blumen; und schlief es +endlich doch ein, so sah es im Traum die roten Felsenspitzen am +Falknis und das feurige Schneefeld an der Schesaplana, und erwachte +dann Heidi am Morgen und wollte voller Freude hinausspringen aus +der Huette--da war es auf einmal in seinem grossen Bett in Frankfurt, +so weit, weit weg, und konnte nicht mehr heim. Dann drueckte Heidi +oft seinen Kopf in das Kissen und weinte lang, ganz leise, dass +niemand es hoere. + +Heidis freudloser Zustand entging der Grossmama nicht. Sie liess +einige Tage voruebergehen und sah zu, ob die Sache sich aendere und +das Kind sein niedergeschlagenes Wesen verlieren wuerde. Als es +aber gleich blieb und die Grossmama manchmal am fruehen Morgen schon +sehen konnte, dass Heidi geweint hatte, da nahm sie eines Tages das +Kind wieder in ihre Stube, stellte es vor sich hin und sagte mit +grosser Freundlichkeit: "Jetzt sag mir, was dir fehlt, Heidi; hast +du einen Kummer?" + +Aber gerade dieser freundlichen Grossmama wollte Heidi nicht sich so +undankbar zeigen, dass sie vielleicht nachher gar nicht mehr so +freundlich waere; so sagte Heidi traurig: "Man kann es nicht sagen." + +"Nicht? Kann man es etwa der Klara sagen?", fragte die Grossmama. + +"O nein, keinem Menschen", versicherte Heidi und sah dabei so +ungluecklich aus, dass es die Grossmama erbarmte. + +"Komm, Kind", sagte sie, "ich will dir was sagen: Wenn man einen +Kummer hat, den man keinem Menschen sagen kann, so klagt man ihn +dem lieben Gott im Himmel und bittet ihn, dass er helfe, denn er +kann allem Leid abhelfen, das uns drueckt. Das verstehst du, nicht +wahr? Du betest doch jeden Abend zum lieben Gott im Himmel und +dankst ihm fuer alles Gute und bittest ihn, dass er dich vor allem +Boesen behuete?" + +"O nein, das tu ich nie", antwortete das Kind. + +"Hast du denn gar nie gebetet, Heidi, weisst du nicht, was das ist?" + +"Nur mit der ersten Grossmutter habe ich gebetet, aber es ist schon +lang, und jetzt habe ich es vergessen." + +"Siehst du, Heidi, darum musst du so traurig sein, weil du jetzt +gar niemanden kennst, der dir helfen kann. Denk einmal nach, wie +wohl das tun muss, wenn einen im Herzen etwas immerfort drueckt und +quaelt und man kann so jeden Augenblick zum lieben Gott hingehen und +ihm alles sagen und ihn bitten, dass er helfe, wo uns sonst gar +niemand helfen kann! Und er kann ueberall helfen und uns geben, was +uns wieder froh macht." + +Durch Heidis Augen fuhr ein Freudenstrahl: "Darf man ihm alles, +alles sagen?" + +"Alles, Heidi, alles." + +Das Kind zog seine Hand aus den Haenden der Grossmama und sagte eilig: +"Kann ich gehen?" + +"Gewiss! Gewiss!", gab diese zur Antwort, und Heidi lief davon und +hinueber in sein Zimmer, und hier setzte es sich auf seinen Schemel +nieder und faltete seine Haende und sagte dem lieben Gott alles, was +in seinem Herzen war und es so traurig machte, und bat ihn dringend +und herzlich, dass er ihm helfe und es wieder heimkommen lasse zum +Grossvater.-- + +Es mochte etwas mehr als eine Woche verflossen sein seit diesem +Tage, als der Herr Kandidat begehrte, der Frau Sesemann seine +Aufwartung zu machen, indem er eine Besprechung ueber einen +merkwuerdigen Gegenstand mit der Dame abzuhalten gedachte. Er wurde +auf ihre Stube berufen, und hier, wie er eintrat, streckte ihm Frau +Sesemann sogleich freundlich die Hand entgegen: "Mein lieber Herr +Kandidat, seien Sie mir willkommen! Setzen Sie sich her zu mir, +hier"--sie rueckte ihm den Stuhl zurecht. "So, nun sagen Sie mir, +was bringt Sie zu mir; doch nichts Schlimmes, keine Klagen?" + +"Im Gegenteil, gnaedige Frau", begann der Herr Kandidat; "es ist +etwas vorgefallen, das ich nicht mehr erwarten konnte und keiner, +der einen Blick in alles Vorhergegangene haette werfen koennen, denn +nach allen Voraussetzungen musste angenommen werden, dass es eine +voellige Unmoeglichkeit sein muesse, was dennoch jetzt wirklich +geschehen ist und in der wunderbarsten Weise stattgefunden hat, +gleichsam im Gegensatz zu allem folgerichtig zu Erwartenden--" + +"Sollte das Kind Heidi etwa lesen gelernt haben, Herr Kandidat?", +setzte hier Frau Sesemann ein. + +In sprachlosem Erstaunen schaute der ueberraschte Herr die Dame an. + +"Es ist ja wirklich voellig wunderbar", sagte er endlich, "nicht nur, +dass das junge Maedchen nach all meinen gruendlichen Erklaerungen, +und ungewoehnlichen Bemuehungen das Abc nicht erlernt hat, sondern +auch und besonders, dass es jetzt in kuerzester Zeit, nachdem ich +mich entschlossen hatte, das Unerreichbare aus den Augen zu lassen +und ohne alle weiter greifenden Erlaeuterungen nur noch sozusagen +die nackten Buchstaben vor die Augen des jungen Maedchens zu bringen, +sozusagen ueber Nacht das Lesen erfasst hat, und dann sogleich mit +einer Korrektheit die Worte liest, wie mir bei Anfaengern noch +selten vorgekommen ist. Fast ebenso wunderbar ist mir die +Wahrnehmung, dass die gnaedige Frau gerade diese fern liegende +Tatsache als Moeglichkeit vermutete." + +"Es geschehen viele wunderbare Dinge im Menschenleben", bestaetigte +Frau Sesemann und laechelte vergnueglich; "es koennen auch einmal zwei +Dinge gluecklich zusammentreffen, wie ein neuer Lerneifer und eine +neue Lehrmethode, und beide koennen nichts schaden, Herr Kandidat. +Jetzt wollen wir uns freuen, dass das Kind so weit ist, und auf +guten Fortgang hoffen." + +Damit begleitete sie den Herrn Kandidaten zur Tuer hinaus und ging +rasch nach dem Studierzimmer, um sich selbst der erfreulichen +Nachricht zu versichern. Richtig sass hier Heidi neben Klara und +las dieser eine Geschichte vor, sichtlich selbst mit dem groessten +Erstaunen und mit einem wachsenden Eifer in die neue Welt +eindringend, die ihm aufgegangen war, nun ihm mit einem Mal aus den +schwarzen Buchstaben Menschen und Dinge entgegentraten und Leben +gewannen und zu herzbewegenden Geschichten wurden. Noch am selben +Abend, als man sich zu Tische setzte, fand Heidi auf seinem Teller +das grosse Buch liegen mit den schoenen Bildern, und als es fragend +nach der Grossmama blickte, sagte diese freundlich nickend: "Ja, ja, +nun gehoert es dir." + +"Fuer immer? Auch wenn ich heimgehe?", fragte Heidi ganz rot vor +Freude. + +"Gewiss, fuer immer!", versicherte die Grossmama; "morgen fangen wir +an zu lesen." + +"Aber du gehst nicht heim, noch viele Jahre nicht, Heidi", warf +Klara hier ein; "wenn nun die Grossmama wieder fortgeht, dann musst +du erst recht bei mir bleiben." + +Noch vor dem Schlafengehen musste Heidi in seinem Zimmer sein +schoenes Buch ansehen, und von dem Tage an war es sein Liebstes, +ueber seinem Buch zu sitzen und immer wieder die Geschichten zu +lesen, zu denen die schoenen bunten Bilder gehoerten. Sagte am Abend +die Grossmama: "Nun liest uns Heidi vor", so war das Kind sehr +beglueckt, denn das Lesen ging ihm nun ganz leicht, und wenn es die +Geschichten laut vorlas, so kamen sie ihm noch viel schoener und +verstaendlicher vor, und die Grossmama erklaerte dann noch so vieles +und erzaehlte immer noch mehr dazu. Am liebsten beschaute Heidi +immer wieder seine gruene Weide und den Hirten mitten unter der +Herde, wie er so vergnueglich, auf seinen langen Stab gelehnt, +dastand, denn da war er noch bei der schoenen Herde des Vaters und +ging nur den lustigen Schaefchen und Ziegen nach, weil es ihn freute. +Aber dann kam das Bild, wo er, vom Vaterhaus weggelaufen, nun in +der Fremde war und die Schweinchen hueten musste und ganz mager +geworden war bei den Trebern, die er allein noch zu essen bekam. +Und auf dem Bilde schien auch die Sonne nicht mehr so golden, da +war das Land grau und nebelig. Aber dann kam noch ein Bild zu der +Geschichte: Da kam der alte Vater mit ausgebreiteten Armen aus dem +Hause heraus und lief dem heimkehrenden reuigen Sohn entgegen, um +ihn zu empfangen, der ganz furchtsam und abgemagert in einem +zerrissenen Wams daherkam. Das war Heidis Lieblingsgeschichte, die +es immer wieder las, laut und leise, und es konnte nie genug der +Erklaerungen bekommen, welche die Grossmama den Kindern dazu machte. +Da waren aber noch so viele schoene Geschichten in dem Buch, und bei +dem Lesen derselben und dem Bilderbesehen gingen die Tage sehr +schnell dahin, und schon nahte die Zeit heran, welche die Grossmama +zu ihrer Abreise bestimmt hatte. + + + + +Heidi nimmt auf einer Seite zu und auf der anderen ab + +Die Grossmama hatte waehrend der ganzen Zeit ihres Aufenthalts jeden +Nachmittag, wenn Klara sich hinlegte und Fraeulein Rottenmeier, +wahrscheinlich der Ruhe beduerftig, geheimnisvoll verschwand, sich +einen Augenblick neben Klara hingesetzt; aber schon nach fuenf +Minuten war sie wieder auf den Fuessen und hatte dann immer Heidi auf +ihre Stube berufen, sich mit ihm besprochen und es auf allerlei +Weise beschaeftigt und unterhalten. Die Grossmama hatte huebsche +kleine Puppen und zeigte dem Heidi, wie man ihnen Kleider und +Schuerzchen macht, und ganz unvermerkt hatte Heidi das Naehen erlernt +und machte den kleinen Frauenzimmern die schoensten Roecke und +Maentelchen, denn die Grossmama hatte immer Zeugstuecke von den +praechtigsten Farben. Nun Heidi lesen konnte, durfte es auch immer +wieder der Grossmama seine Geschichten vorlesen; das machte ihm die +groesste Freude, denn je mehr es seine Geschichten las, desto lieber +wurden sie ihm, denn Heidi lebte alles ganz mit durch, was die +Leute alle zu erleben hatten, und so hatte es zu ihnen allen ein +sehr nahes Verhaeltnis und freute sich immer wieder, bei ihnen zu +sein. Aber so recht froh sah Heidi nie aus, und seine lustigen +Augen waren nie mehr zu sehen. + +Es war die letzte Woche, welche die Grossmama in Frankfurt zubringen +wollte. Sie hatte eben nach Heidi gerufen, dass es auf ihre Stube +komme; es war die Zeit, da Klara schlief. Als Heidi eintrat mit +seinem grossen Buch unter dem Arm, winkte ihm die Grossmama, dass es +ganz nahe zu ihr herankomme, legte das Buch weg und sagte: "Nun +komm, Kind, und sag mir, warum bist du nicht froehlich? Hast du +immer noch denselben Kummer im Herzen?" + +"Ja", nickte Heidi. + +"Hast du ihn dem lieben Gott geklagt?" + +"Ja." + +"Und betest du nun alle Tage, dass alles gut werde und er dich froh +mache?" + +"O nein, ich bete jetzt gar nie mehr." + +"Was sagst du mir, Heidi? Was muss ich hoeren? Warum betest du +denn nicht mehr?" + +"Es nuetzt nichts, der liebe Gott hat nicht zugehoert, und ich glaube +es auch wohl", fuhr Heidi in einiger Aufregung weiter, "wenn nun am +Abend so viele, viele Leute in Frankfurt alle miteinander beten, so +kann der liebe Gott ja nicht auf alle Acht geben, und mich hat er +gewiss gar nicht gehoert." + +"So, wie weisst du denn das so sicher, Heidi?" + +"Ich habe alle Tage das Gleiche gebetet, manche Woche lang, und der +liebe Gott hat es nie getan." + +"Ja, so geht's nicht zu, Heidi! Das musst du nicht meinen! Siehst +du, der liebe Gott ist fuer uns alle ein guter Vater, der immer weiss, +was gut fuer uns ist, wenn wir es gar nicht wissen. Wenn wir aber +nun etwas von ihm haben wollen, das nicht gut fuer uns ist, so gibt +er uns das nicht, sondern etwas viel Besseres, wenn wir fortfahren, +so recht herzlich zu ihm zu beten, aber nicht gleich weglaufen und +alles Vertrauen zu ihm verlieren. Siehst du, was du nun von ihm +erbitten wolltest, das war in diesem Augenblick nicht gut fuer dich; +der liebe Gott hat dich schon gehoert, er kann alle Menschen auf +einmal anhoeren und uebersehen, siehst du, dafuer ist er der liebe +Gott und nicht ein Mensch wie du und ich. Und weil er nun wohl +wusste, was fuer dich gut ist, dachte er bei sich: 'Ja, das +Heidi soll schon einmal haben, wofuer es bittet, aber erst dann, +wenn es ihm gut ist, und so wie es darueber recht froh werden kann. +Denn wenn ich jetzt tue, was es will, und es merkt nachher, dass es +doch besser gewesen waere, ich haette ihm seinen Willen nicht getan, +dann weint es nachher und sagt: Haette mir doch der liebe Gott nur +nicht gegeben, wofuer ich bat, es ist gar nicht so gut, wie ich +gemeint habe.' Und waehrend nun der liebe Gott auf dich +niedersah, ob du ihm auch recht vertrautest und taeglich zu ihm +kommest und betest und immer zu ihm aufsehest, wenn dir etwas fehlt, +da bist du weggelaufen ohne alles Vertrauen, hast nie mehr gebetet +und hast den lieben Gott ganz vergessen. Aber siehst du, wenn +einer es so macht und der liebe Gott hoert seine Stimme gar nie mehr +unter den Betenden, so vergisst er ihn auch und laesst ihn gehen, +wohin er will. Wenn es ihm dabei aber schlecht geht und er jammert: +'Mir hilft aber auch gar niemand!', dann hat keiner +Mitleiden mit ihm, sondern jeder sagt zu ihm: 'Du bist ja +selbst vom lieben Gott weggelaufen, der dir helfen konnte!' +Willst du's so haben, Heidi, oder willst du gleich wieder zum +lieben Gott gehen und ihn um Verzeihung bitten, dass du so von ihm +weggelaufen bist, und dann alle Tage zu ihm beten und ihm vertrauen, +dass er alles gut fuer dich machen werde, so dass du auch wieder +ein frohes Herz bekommen kannst?" + +Heidi hatte sehr aufmerksam zugehoert; jedes Wort der Grossmama fiel +in sein Herz, denn zu ihr hatte das Kind ein unbedingtes Vertrauen. + +"Ich will jetzt gleich auf der Stelle gehen und den lieben Gott um +Verzeihung bitten, und ich will ihn nie mehr vergessen", sagte +Heidi reumuetig. + +"So ist's recht, Kind, er wird dir auch helfen zur rechten Zeit, +sei nur getrost!", ermunterte die Grossmama, und Heidi lief sofort +in sein Zimmer hinueber und betete ernstlich und reuig zum lieben +Gott und bat ihn, dass er es doch nicht vergessen und auch wieder +zu ihm niederschauen moege.-- + +Der Tag der Abreise war gekommen, es war fuer Klara und Heidi ein +trauriger Tag; aber die Grossmama wusste es so einzurichten, dass +sie gar nicht zum Bewusstsein kamen, dass es eigentlich ein +trauriger Tag sei, sondern es war eher wie ein Festtag, bis die +gute Grossmama im Wagen davonfuhr. Da trat eine Leere und Stille im +Hause ein, als waere alles vorueber, und solange noch der Tag waehrte, +sassen Klara und Heidi wie verloren da und wussten gar nicht, wie es +nun weiter kommen sollte. + +Am folgenden Tag, als die Unterrichtsstunden vorbei und die Zeit da +war, da die Kinder gewoehnlich zusammensassen, trat Heidi mit seinem +Buch unter dem Arm herein und sagte: "Ich will dir nun immer, immer +vorlesen; willst du, Klara?" + +Der Klara war der Vorschlag recht fuer einmal, und Heidi machte sich +mit Eifer an seine Taetigkeit. Aber es ging nicht lange, so hoerte +schon wieder alles auf, denn kaum hatte Heidi eine Geschichte zu +lesen begonnen, die von einer sterbenden Grossmutter handelte, als +es auf einmal laut aufschrie: "Oh, nun ist die Grossmutter tot!", +und in ein jammervolles Weinen ausbrach, denn alles, was es las, +war dem Heidi volle Gegenwart, und es glaubte nicht anders, als nun +sei die Grossmutter auf der Alm gestorben, und es klagte in immer +lauterem Weinen: "Nun ist die Grossmutter tot, und ich kann nie mehr +zu ihr gehen, und sie hat nicht ein einziges Broetchen mehr bekommen! +" + +Klara suchte immerfort dem Heidi zu erklaeren, dass es ja nicht die +Grossmutter auf der Alm sei, sondern eine ganz andere, von der diese +Geschichte handle; aber auch, als sie endlich dazu gekommen war, +dem aufgeregten Heidi diese Verwechslung klar zu machen, konnte es +sich doch nicht beruhigen und weinte immer noch untroestlich weiter, +denn der Gedanke war ihm nun im Herzen erwacht, die Grossmutter +koenne ja sterben, waehrend es so weit weg sei, und der Grossvater +auch noch, und wenn es dann nach einiger Zeit wieder heimkomme, so +sei alles still und tot auf der Alm und es stehe ganz allein da und +koenne niemals mehr die sehen, die ihm lieb waren. + +Waehrenddessen war Fraeulein Rottenmeier ins Zimmer getreten und +hatte noch Klaras Bemuehungen, Heidi ueber seinen Irrtum aufzuklaeren, +mit angehoert. Als das Kind aber immer noch nicht aufhoeren konnte +zu schluchzen, trat sie mit sichtlichen Zeichen der Ungeduld zu den +Kindern heran und sagte mit bestimmtem Ton: "Adelheid, nun ist des +grundlosen Geschreis genug! Ich will dir eines sagen: Wenn du noch +ein einziges Mal beim Lesen deiner Geschichten solchen Ausbruechen +den Lauf laesst, so nehme ich das Buch aus deinen Haenden und fuer +immer!" + +Das machte Eindruck. Heidi wurde ganz weiss vor Schrecken, das Buch +war sein hoechster Schatz. Es trocknete in groesster Eile seine +Traenen und schluckte und wuergte sein Schluchzen mit Gewalt hinunter, +so dass kein Toenchen mehr laut wurde. Das Mittel hatte geholfen, +Heidi weinte nie mehr, was es auch lesen mochte; aber manchmal +hatte es solche Anstrengungen zu machen, um sich zu ueberwinden und +nicht aufzuschreien, dass Klara oefter ganz erstaunt sagte: "Heidi, +du machst so schreckliche Grimassen, wie ich noch nie gesehen habe. +" Aber die Grimassen machten keinen Laerm und fielen der Dame +Rottenmeier nicht auf, und wenn Heidi seinen Anfall von +verzweiflungsvoller Traurigkeit niedergerungen hatte, kam alles +wieder ins Geleise fuer einige Zeit und war tonlos voruebergegangen. +Aber seinen Appetit verlor Heidi so sehr und sah so mager und +bleich aus, dass der Sebastian fast nicht ertragen konnte, das so +mit anzusehen und Zeuge sein zu muessen, wie Heidi bei Tisch die +schoensten Gerichte an sich voruebergehen liess und nichts essen +wollte. Er fluesterte ihm auch oefter ermunternd zu, wenn er ihm +eine Schuessel hinhielt: "Nehmen von dem, Mamsellchen, 's ist +vortrefflich. Nicht so! Einen rechten Loeffel voll, noch einen!", +und dergleichen vaeterlicher Raete mehr; aber es half nichts: Heidi +ass fast gar nicht mehr, und wenn es sich am Abend auf sein Kissen +legte, so hatte es augenblicklich alles vor Augen, was daheim war, +und nur ganz leise weinte es dann vor Sehnsucht in sein Kissen +hinein, so dass es gar niemand hoeren konnte. + +So ging eine lange Zeit dahin. Heidi wusste gar nie, ob es Sommer +oder Winter sei, denn die Mauern und Fenster, die es aus allen +Fenstern des Hauses Sesemann erblickte, sahen immer gleich aus, und +hinaus kam es nur, wenn es Klara besonders gut ging und eine +Ausfahrt im Wagen mit ihr gemacht werden konnte, die aber immer +sehr kurz war, denn Klara konnte nicht vertragen, lang zu fahren. +So kam man kaum aus den Mauern und Steinstrassen heraus, sondern +kehrte gewoehnlich vorher wieder um und fuhr immerfort durch grosse, +schoene Strassen, wo Haeuser und Menschen in Fuelle zu sehen waren, +aber nicht Gras und Blumen, keine Tannen und keine Berge, und +Heidis Verlangen nach dem Anblick der schoenen gewohnten Dinge +steigerte sich mit jedem Tage mehr, so dass es jetzt nur den Namen +eines dieser Erinnerung weckenden Worte zu lesen brauchte, so war +schon ein Ausbruch des Schmerzes nahe, und Heidi hatte mit aller +Gewalt dagegen zu ringen. So waren Herbst und Winter vergangen, +und schon blendete die Sonne wieder so stark auf die weissen Mauern +am Hause gegenueber, dass Heidi ahnte, nun sei die Zeit nahe, da der +Peter wieder zur Alm fuehre mit den Geissen, da die goldenen +Cystusroeschen glitzerten droben im Sonnenschein und allabendlich +ringsum alle Berge im Feuer staenden. Heidi setzte sich in seinem +einsamen Zimmer in einen Winkel und hielt sich mit beiden Haenden +die Augen zu, dass es den Sonnenschein drueben an der Mauer nicht +sehe; und so sass es regungslos, sein brennendes Heimweh lautlos +niederkaempfend, bis Klara wieder nach ihm rief. + + + + +Im Hause Sesemann spukt's + +Seit einigen Tagen wanderte Fraeulein Rottenmeier meistens +schweigend und in sich gekehrt im Haus herum. Wenn sie um die Zeit +der Daemmerung von einem Zimmer ins andere oder ueber den langen +Korridor ging, schaute sie oefters um sich, gegen die Ecken hin und +auch schnell einmal hinter sich, so, als denke sie, es koennte +jemand leise hinter ihr herkommen und sie unversehens am Rock +zupfen. So allein ging sie aber nur noch in den bewohnten Raeumen +herum. Hatte sie auf dem oberen Boden, wo die feierlich +aufgeruesteten Gastzimmer lagen, oder gar in den unteren Raeumen +etwas zu besorgen, wo der grosse geheimnisvolle Saal war, in dem +jeder Tritt einen weithin schallenden Widerhall gab und die alten +Ratsherren mit den grossen, weissen Kragen so ernsthaft und +unverwandt auf einen niederschauten, da rief sie nun regelmaessig die +Tinette herbei und sagte ihr, sie habe mitzukommen, im Fall etwas +von dort herauf- oder von oben herunterzutragen waere. Tinette +ihrerseits machte es puenktlich ebenso; hatte sie oben oder unten +irgendein Geschaeft abzutun, so rief sie den Sebastian herbei und +sagte ihm, er habe sie zu begleiten, es moechte etwas +herbeizubringen sein, das sie nicht allein tragen koennte. +Wunderbarerweise tat auch Sebastian akkurat dasselbe; wurde er in +die abgelegenen Raeume geschickt, so holte er den Johann herauf und +wies ihn an, ihn zu begleiten, im Fall er nicht herbeischaffen +koennte, was erforderlich sei. Und jedes folgte immer ganz willig +dem Ruf, obschon eigentlich nie etwas herbeizutragen war, so dass +jedes gut haette allein gehen koennen; aber es war so, als denke der +Herbeigerufene immer bei sich, er koenne den anderen auch bald fuer +denselben Dienst noetig haben. Waehrend sich solches oben zutrug, +stand unten die langjaehrige Koechin tiefsinnig bei ihren Toepfen und +schuettelte den Kopf und seufzte: "Dass ich das noch erleben musste!" + +Es ging im Hause Sesemann seit einiger Zeit etwas ganz Seltsames +und Unheimliches vor. Jeden Morgen, wenn die Dienerschaft +herunterkam, stand die Haustuer weit offen; aber weit und breit war +niemand zu sehen, der mit dieser Erscheinung im Zusammenhang stehen +konnte. In den ersten Tagen, da dies geschehen war, wurden gleich +mit Schrecken alle Zimmer und Raeume des Hauses durchsucht, um zu +sehen, was alles gestohlen sei, denn man dachte, ein Dieb habe sich +im Hause verstecken koennen und sei in der Nacht mit dem Gestohlenen +entflohen; aber da war gar nichts fortgekommen, es fehlte im ganzen +Hause nicht ein einziges Ding. Abends wurde nicht nur die Tuer +doppelt zugeriegelt, sondern es wurde noch der hoelzerne Balken +vorgeschoben--es half nichts: Am Morgen stand die Tuer weit offen; +und so frueh nun auch die ganze Dienerschaft in ihrer Aufregung am +Morgen herunterkommen mochte--die Tuer stand offen, wenn auch +ringsum alles noch im tiefen Schlaf lag und Fenster und Tueren an +allen anderen Haeusern noch fest verrammelt waren. Endlich fassten +sich der Johann und der Sebastian ein Herz und machten sich auf die +dringenden Zureden der Dame Rottenmeier bereit, die Nacht unten in +dem Zimmer, das an den grossen Saal stiess, zuzubringen und zu +erwarten, was geschehe. Fraeulein Rottenmeier suchte mehrere Waffen +des Herrn Sesemann hervor und uebergab dem Sebastian eine grosse +Liqueurflasche, damit Staerkung vorausgehen und gute Wehr nachfolgen +koenne, wo sie noetig sei. + +Die beiden setzten sich an dem festgesetzten Abend hin und fingen +gleich an, sich Staerkung zuzutrinken, was sie erst sehr gespraechig +und dann ziemlich schlaefrig machte, worauf sie beide sich an die +Sesselruecken lehnten und verstummten. Als die alte Turmuhr drueben +zwoelf schlug, ermannte sich Sebastian und rief seinen Kameraden an; +der war aber nicht leicht zu erwecken; sooft ihn Sebastian anrief, +legte er seinen Kopf von einer Seite der Sessellehne auf die andere +und schlief weiter. Sebastian lauschte nunmehr gespannt, er war +nun wieder ganz munter geworden. Es war alles maeuschenstill, auch +von der Strasse war kein Laut mehr zu hoeren. Sebastian entschlief +nicht wieder, denn jetzt wurde es ihm sehr unheimlich in der grossen +Stille, und er rief den Johann nur noch mit gedaempfter Stimme an +und ruettelte ihn von Zeit zu Zeit ein wenig. Endlich, als es +droben schon ein Uhr geschlagen hatte, war der Johann wach geworden +und wieder zum klaren Bewusstsein gekommen, warum er auf dem Stuhl +sitze und nicht in seinem Bett liege. Jetzt fuhr er auf einmal +sehr tapfer empor und rief: "Nun, Sebastian, wir muessen doch einmal +hinaus und sehen, wie's steht; du wirst dich ja nicht fuerchten. +Nur mir nach." + +Johann machte die leicht angelehnte Zimmertuer weit auf und trat +hinaus. Im gleichen Augenblick blies aus der offenen Haustuer ein +scharfer Luftzug her und loeschte das Licht aus, das der Johann in +der Hand hielt. Dieser stuerzte zurueck, warf den hinter ihm +stehenden Sebastian beinah ruecklings ins Zimmer hinein, riss ihn +dann mit, schlug die Tuer zu und drehte in fieberhafter Eile den +Schluessel um, solang er nur umging. Dann riss er seine +Streichhoelzer hervor und zuendete sein Licht wieder an. Sebastian +wusste gar nicht recht, was vorgefallen war, denn hinter dem +breiten Johann stehend, hatte er den Luftzug nicht so deutlich +empfunden. Wie er aber jenen nun bei Licht besah, tat er einen +Schreckensruf, denn der Johann war kreideweiss und zitterte wie +Espenlaub. "Was ist's denn? Was war denn draussen?", fragte der +Sebastian teilnehmend. + +"Sperrangelweit offen die Tuer", keuchte Johann, "und auf der Treppe +eine weisse Gestalt, siehst du, Sebastian, nur so die Treppe hinauf-- +husch und verschwunden." + +Dem Sebastian gruselte es den ganzen Ruecken hinauf. Jetzt setzten +sich die beiden ganz nah zusammen und regten sich nicht mehr, bis +dass der neue Morgen da war und es auf der Strasse anfing, lebendig +zu werden. Dann traten sie zusammen hinaus, machten die weit offen +stehende Haustuer zu und stiegen dann hinauf, um Fraeulein +Rottenmeier Bericht zu erstatten ueber das Erlebte. Die Dame war +auch schon zu sprechen, denn die Erwartung der zu vernehmenden +Dinge hatte sie nicht mehr schlafen lassen. Sobald sie nun +vernommen hatte, was vorgefallen war, setzte sie sich hin und +schrieb einen Brief an Herrn Sesemann, wie er noch keinen erhalten +hatte; er moege sich nur sogleich, ohne Verzug, aufmachen und nach +Hause zurueckkehren, denn da geschaehen unerhoerte Dinge. Dann wurde +ihm das Vorgefallene mitgeteilt sowie auch die Nachricht, dass +fortgesetzt die Tuer jeden Morgen offen stehe; dass also keiner im +Hause seines Lebens mehr sicher sei bei dergestalt allnaechtlich +offen stehender Hauspforte und dass man ueberhaupt nicht absehen +koenne, was fuer dunkle Folgen dieser unheimliche Vorgang noch nach +sich ziehen koenne. Herr Sesemann antwortete umgehend, es sei ihm +unmoeglich, so ploetzlich alles liegen zu lassen und nach Hause zu +kommen. Die Gespenstergeschichte sei ihm sehr befremdend, er hoffe +auch, sie sei voruebergehend; sollte es indessen keine Ruhe geben, +so moege Fraeulein Rottenmeier an Frau Sesemann schreiben und sie +fragen, ob sie nicht nach Frankfurt zu Hilfe kommen wollte; gewiss +wuerde seine Mutter in kuerzester Zeit mit den Gespenstern fertig, +und diese trauten sich nachher sicher so bald nicht wieder, sein +Haus zu beunruhigen. Fraeulein Rottenmeier war nicht zufrieden mit +dem Ton dieses Briefes; die Sache war ihr zu wenig ernst aufgefasst. +Sie schrieb unverzueglich an Frau Sesemann, aber von dieser Seite +her toente es nicht eben befriedigender, und die Antwort enthielt +einige ganz anzuegliche Bemerkungen. Frau Sesemann schrieb, sie +gedenke nicht, extra von Holstein nach Frankfurt hinunterzureisen, +weil die Rottenmeier Gespenster sehe. Uebrigens sei niemals ein +Gespenst gesehen worden im Hause Sesemann, und wenn jetzt eines +darin herumfahre, so koenne es nur ein lebendiges sein, mit dem die +Rottenmeier sich sollte verstaendigen koennen; wo nicht, so solle sie +die Nachtwaechter zu Hilfe rufen. + +Aber Fraeulein Rottenmeier war entschlossen, ihre Tage nicht mehr in +Schrecken zuzubringen, und sie wusste sich zu helfen. Bis dahin +hatte sie den beiden Kindern nichts von der Geistererscheinung +gesagt, denn sie befuerchtete, die Kinder wuerden vor Furcht Tag und +Nacht keinen Augenblick mehr allein bleiben wollen, und das konnte +sehr unbequeme Folgen fuer sie haben. Jetzt ging sie stracks ins +Studierzimmer hinueber, wo die beiden zusammensassen, und erzaehlte +mit gedaempfter Stimme von den naechtlichen Erscheinungen eines +Unbekannten. Sofort schrie Klara auf, sie bleibe keinen Augenblick +mehr allein, der Papa muesse nach Hause kommen und Fraeulein +Rottenmeier muesse zum Schlafen in ihr Zimmer hinueberziehen, und +Heidi duerfe auch nicht mehr allein sein, sonst koenne das Gespenst +einmal zu ihm kommen und ihm etwas tun; sie wollten alle in (einem) +Zimmer schlafen und die ganze Nacht das Licht brennen lassen, und +Tinette muesste nebenan schlafen und der Sebastian und der Johann +muessten auch herunterkommen und auf dem Korridor schlafen, dass sie +gleich schreien und das Gespenst erschrecken koennten, wenn es etwa +die Treppe heraufkommen wollte. Klara war sehr aufgeregt und +Fraeulein Rottenmeier hatte nun die groesste Muehe, sie etwas zu +beschwichtigen. Sie versprach ihr, sogleich an den Papa zu +schreiben und auch ihr Bett in Klaras Zimmer stellen und sie nie +mehr allein lassen zu wollen. Alle konnten sie nicht in demselben +Raume schlafen, aber wenn Adelheid sich auch fuerchten sollte, so +muesste Tinette ihr Nachtlager bei ihr aufschlagen. Aber Heidi +fuerchtete sich mehr vor der Tinette als vor Gespenstern, von denen +das Kind noch gar nie etwas gehoert hatte, und es erklaerte gleich, +es fuerchte das Gespenst nicht und wolle schon allein in seinem +Zimmer bleiben. Hierauf eilte Fraeulein Rottenmeier an ihren +Schreibtisch und schrieb an Herrn Sesemann, die unheimlichen +Vorgaenge im Hause, die allnaechtlich sich wiederholten, haetten die +zarte Konstitution seiner Tochter dergestalt erschuettert, dass die +schlimmsten Folgen zu befuerchten seien; man habe Beispiele von +ploetzlich eintretenden epileptischen Zufaellen oder Veitstanz in +solchen Verhaeltnissen, und seine Tochter sei allem ausgesetzt, wenn +dieser Zustand des Schreckens im Hause nicht gehoben werde. + +Das half. Zwei Tage darauf stand Herr Sesemann vor seiner Tuer und +schellte dergestalt an seiner Hausglocke, dass alles zusammenlief +und einer den anderen anstarrte, denn man glaubte nicht anders, als +nun lasse der Geist frecherweise noch vor Nacht seine boshaften +Stuecke aus. Sebastian guckte ganz behutsam durch einen halb +geoeffneten Laden von oben herunter; in dem Augenblick schellte es +noch einmal so nachdruecklich, dass jeder unwillkuerlich eine +Menschenhand hinter dem tuechtigen Ruck vermutete. Sebastian hatte +die Hand erkannt, stuerzte durchs Zimmer, kopfueber die Treppe +hinunter, kam aber unten wieder auf die Fuesse und riss die Haustuer +auf. Herr Sesemann gruesste kurz und stieg ohne weiteres nach dem +Zimmer seiner Tochter hinauf. Klara empfing den Papa mit einem +lauten Freudenruf, und als er sie so munter und voellig unveraendert +sah, glaettete sich seine Stirn, die er vorher sehr zusammengezogen +hatte, und immer mehr, als er nun von ihr selbst hoerte, sie sei so +wohl wie immer und sie sei so froh, dass er gekommen sei, dass es +ihr jetzt ganz recht sei, dass ein Geist im Haus herumfahre, weil +er doch daran schuld sei, dass der Papa heimkommen musste. + +"Und wie fuehrt sich das Gespenst weiter auf, Fraeulein Rottenmeier?", +fragte nun Herr Sesemann mit einem lustigen Ausdruck in den +Mundwinkeln. + +"Nein, Herr Sesemann", entgegnete die Dame ernst, "es ist kein +Scherz. Ich zweifle nicht daran, dass morgen Herr Sesemann nicht +mehr lachen wird; denn was in dem Hause vorgeht, deutet auf +Fuerchterliches, das hier in vergangener Zeit muss vorgegangen und +verheimlicht worden sein." + +"So, davon weiss ich nichts", bemerkte Herr Sesemann, "muss aber +bitten, meine voellig ehrenwerten Ahnen nicht verdaechtigen zu wollen. +Und nun rufen Sie mir den Sebastian ins Esszimmer, ich will +allein mit ihm reden." + +Herr Sesemann ging hinueber und Sebastian erschien. Es war Herrn +Sesemann nicht entgangen, dass Sebastian und Fraeulein Rottenmeier +sich nicht eben mit Zuneigung betrachteten; so hatte er seine +Gedanken. + +"Komm Er her, Bursche", winkte er dem Eintretenden entgegen, "und +sag Er mir nun ganz ehrlich: Hat Er nicht etwa selbst ein wenig +Gespenst gespielt, so um Fraeulein Rottenmeier etwas Kurzweil zu +machen, he?" + +"Nein, meiner Treu, das muss der gnaedige Herr nicht glauben; es ist +mir selbst nicht ganz gemuetlich bei der Sache", entgegnete +Sebastian mit unverkennbarer Ehrlichkeit. + +"Nun, wenn es so steht, so will ich morgen Ihm und dem tapferen +Johann zeigen, wie Gespenster beim Licht aussehen. Schaeme Er sich, +Sebastian, ein junger, kraeftiger Bursch, wie Er ist, vor +Gespenstern davonzulaufen! Nun geh Er unverzueglich zu meinem alten +Freund, Doktor Classen: meine Empfehlung und er moechte unfehlbar +heut Abend neun Uhr bei mir erscheinen; ich sei extra von Paris +hergereist, um ihn zu konsultieren. Er muesse die Nacht bei mir +wachen, so schlimm sei's; er solle sich richten! Verstanden, +Sebastian?" + +"Jawohl, jawohl! Der gnaedige Herr kann sicher sein, dass ich's gut +mache." Damit entfernte sich Sebastian, und Herr Sesemann kehrte zu +seinem Toechterchen zurueck, um ihr alle Furcht vor einer Erscheinung +zu benehmen, die er noch heute ins noetige Licht stellen wollte. + +Punkt neun Uhr, als die Kinder zur Ruhe gegangen und auch Fraeulein +Rottenmeier sich zurueckgezogen hatte, erschien der Doktor, der +unter seinen grauen Haaren noch ein recht frisches Gesicht und zwei +lebhaft und freundlich blickende Augen zeigte. Er sah etwas +aengstlich aus, brach aber gleich nach seiner Begruessung in ein +helles Lachen aus und sagte, seinem Freunde auf die Schulter +klopfend: "Nun, nun, fuer einen, bei dem man wachen soll, siehst du +noch leidlich aus, Alter." + +"Nur Geduld, Alter", gab Herr Sesemann zurueck; "derjenige, fuer den +du wachen musst, wird schon schlimmer aussehen, wenn wir ihn erst +abgefangen haben." + +"Also doch ein Kranker im Haus und dazu einer, der eingefangen +werden muss?" + +"Weit schlimmer, Doktor, weit schlimmer. Ein Gespenst im Hause, +bei mir spukt's!" + +Der Doktor lachte laut auf. + +"Schoene Teilnahme das, Doktor!", fuhr Herr Sesemann fort; "schade, +dass meine Freundin Rottenmeier sie nicht geniessen kann. Sie ist +fest ueberzeugt, dass ein alter Sesemann hier herumrumort und +Schauertaten abbuesst." + +"Wie hat sie ihn aber nur kennen gelernt?", fragte der Doktor noch +immer sehr erheitert. + +Herr Sesemann erzaehlte nun seinem Freunde den ganzen Vorgang und +wie noch jetzt allnaechtlich die Haustuer geoeffnet werde, nach der +Angabe der saemtlichen Hausbewohner, und fuegte hinzu, um fuer alle +Faelle vorbereitet zu sein, habe er zwei gut geladene Revolver in +das Wachtlokal legen lassen; denn entweder sei die Sache ein sehr +unerwuenschter Scherz, den sich vielleicht irgendein Bekannter der +Dienerschaft mache, um die Leute des Hauses in Abwesenheit des +Hausherrn zu erschrecken--dann koennte ein kleiner Schrecken, wie +ein guter Schuss ins Leere, ihm nicht unheilsam sein--; oder auch +es handle sich um Diebe, die auf diese Weise erst den Gedanken an +Gespenster aufkommen lassen wollten, um nachher umso sicherer zu +sein, dass niemand sich herauswage--in diesem Falle koennte eine +gute Waffe auch nicht schaden. + +Waehrend dieser Erklaerungen waren die Herren die Treppe +hinuntergestiegen und traten in dasselbe Zimmer ein, wo Johann und +Sebastian auch gewacht hatten. Auf dem Tische standen einige +Flaschen schoenen Weines, denn eine kleine Staerkung von Zeit zu Zeit +konnte nicht unerwuenscht sein, wenn die Nacht da zugebracht werden +musste. Daneben lagen die beiden Revolver, und zwei, ein helles +Licht verbreitende Armleuchter standen mitten auf dem Tisch, denn +so im Halbdunkel wollte Herr Sesemann das Gespenst denn doch nicht +erwarten. + +Nun wurde die Tuer ans Schloss gelehnt, denn zu viel Licht durfte +nicht in den Korridor hinausfliessen, es konnte das Gespenst +verscheuchen. Jetzt setzten sich die Herren gemuetlich in ihre +Lehnstuehle und fingen an, sich allerlei zu erzaehlen, nahmen auch +hier und da dazwischen einen guten Schluck, und so schlug es zwoelf +Uhr, eh sie sich's versahen. + +"Das Gespenst hat uns gewittert und kommt wohl heut gar nicht", +sagte der Doktor jetzt. + +"Nur Geduld, es soll erst um ein Uhr kommen", entgegnete der Freund. + +Das Gespraech wurde wieder aufgenommen. Es schlug ein Uhr. Ringsum +war es voellig still, auch auf den Strassen war aller Laerm verklungen. +Auf einmal hob der Doktor den Finger empor. + +"Pst, Sesemann, hoerst du nichts?" + +Sie lauschten beide. Leise, aber ganz deutlich hoerten sie, wie der +Balken zurueckgeschoben, dann der Schluessel zweimal im Schloss +umgedreht, jetzt die Tuer geoeffnet wurde. Herr Sesemann fuhr mit +der Hand nach seinem Revolver. + +"Du fuerchtest dich doch nicht?", sagte der Doktor und stand auf. + +"Behutsam ist besser", fluesterte Herr Sesemann, erfasste mit der +Linken den Armleuchter mit drei Kerzen, mit der Rechten den +Revolver und folgte dem Doktor, der, gleichermassen mit Leuchter und +Schiessgewehr bewaffnet, voranging. Sie traten auf den Korridor +hinaus. + +Durch die weit geoeffnete Tuer floss ein bleicher Mondschein herein +und beleuchtete eine weisse Gestalt, die regungslos auf der Schwelle +stand. + +"Wer da?", donnerte jetzt der Doktor heraus, dass es durch den +ganzen Korridor hallte, und beide Herren traten nun mit Lichtern +und Waffen an die Gestalt heran. Sie kehrte sich um und tat einen +leisen Schrei. Mit blossen Fuessen im weissen Nachtkleidchen stand +Heidi da, schaute mit verwirrten Blicken in die hellen Flammen und +auf die Waffen und zitterte und bebte wie ein Blaettlein im Winde +von oben bis unten. Die Herren schauten einander in grossem +Erstaunen an. + +"Ich glaube wahrhaftig, Sesemann, es ist deine kleine +Wassertraegerin", sagte der Doktor. + +"Kind, was soll das heissen?", fragte nun Herr Sesemann. "Was +wolltest du tun? Warum bist du hier heruntergekommen?" + +Schneeweiss vor Schrecken stand Heidi vor ihm und sagte fast tonlos: +"Ich weiss nicht." + +Jetzt trat der Doktor vor: "Sesemann, der Fall gehoert in mein +Gebiet; geh, setz dich einstweilen in deinen Lehnstuhl drinnen, ich +will vor allem das Kind hinbringen, wo es hingehoert." + +Damit legte er seinen Revolver auf den Boden, nahm das zitternde +Kind ganz vaeterlich bei der Hand und ging mit ihm der Treppe zu. + +"Nicht fuerchten, nicht fuerchten", sagte er freundlich im +Hinaufsteigen, "nur ganz ruhig sein, da ist gar nichts Schlimmes +dabei, nur getrost sein." + +In Heidis Zimmer eingetreten, stellte der Doktor seinen Leuchter +auf den Tisch, nahm Heidi auf den Arm, legte es in sein Bett hinein +und deckte es sorgfaeltig zu. Dann setzte er sich auf den Sessel am +Bett und wartete, bis Heidi ein wenig beruhigt war und nicht mehr +an allen Gliedern bebte. Dann nahm er das Kind bei der Hand und +sagte beguetigend: "So, nun ist alles in Ordnung, nun sag mir auch +noch, wo wolltest du denn hin?" + +"Ich wollte gewiss nirgends hin", versicherte Heidi; "ich bin auch +gar nicht selbst hinuntergegangen, ich war nur auf einmal da." + +"So, so, und hast du etwa getraeumt in der Nacht, weisst du, so, dass +du deutlich etwas sahst und hoertest?" + +"Ja, jede Nacht traeumt es mir und immer gleich. Dann mein ich, ich +sei beim Grossvater, und draussen hoer ich's in den Tannen sausen und +denke: Jetzt glitzern so schoen die Sterne am Himmel, und ich laufe +geschwind und mache die Tuer auf an der Huette und da ist's so schoen! +Aber wenn ich erwache, bin ich immer noch in Frankfurt." Heidi +fing schon an zu kaempfen und zu schlucken an dem Gewicht, das den +Hals hinaufstieg. + +"Hm, und tut dir denn auch nichts weh, nirgends? Nicht im Kopf +oder im Ruecken?" + +"O nein, nur hier drueckt es so wie ein grosser Stein immerfort." + +"Hm, etwa so, wie wenn man etwas gegessen hat und wollte es nachher +lieber wieder zurueckgeben?" + +"Nein, so nicht, aber so schwer, wie wenn man stark weinen sollte." + +"So, so, und weinst du denn so recht heraus?" + +"O nein, das darf man nicht, Fraeulein Rottenmeier hat es verboten." + +"Dann schluckst du's herunter zum andern, nicht wahr, so? Richtig! +Nun, du bist doch recht gern in Frankfurt, nicht?" + +"O ja", war die leise Antwort; sie klang aber so, als bedeute sie +eher das Gegenteil. + +"Hm, und wo hast du mit deinem Grossvater gelebt?" + +"Immer auf der Alm." + +"So, da ist's doch nicht so besonders kurzweilig, eher ein wenig +langweilig, nicht?" + +"O nein, da ist's so schoen, so schoen!" Heidi konnte nicht weiter; +die Erinnerung, die eben durchgemachte Aufregung, das lang +verhaltene Weinen ueberwaeltigten die Kraefte des Kindes; gewaltsam +stuerzten ihm die Traenen aus den Augen und es brach in ein lautes, +heftiges Schluchzen aus. + +Der Doktor stand auf; er legte freundlich Heidis Kopf auf das +Kissen nieder und sagte: "So, noch ein klein wenig weinen, das kann +nichts schaden, und dann schlafen, ganz froehlich einschlafen; +morgen wird alles gut." Dann verliess er das Zimmer. + +Wieder unten in die Wachtstube eingetreten, liess er sich dem +harrenden Freunde gegenueber in den Lehnstuhl nieder und erklaerte +dem mit gespannter Erwartung Lauschenden: "Sesemann, dein kleiner +Schuetzling ist erstens mondsuechtig; voellig unbewusst hat er dir +allnaechtlich als Gespenst die Haustuer aufgemacht und deiner ganzen +Mannschaft die Fieber des Schreckens ins Gebein gejagt. Zweitens +wird das Kind vom Heimweh verzehrt, so dass es schon jetzt fast zum +Geripplein abgemagert ist und es noch voellig werden wuerde; also +schnelle Hilfe! Fuer das erste Uebel und die in hohem Grade +stattfindende Nervenaufregung gibt es nur ein Heilmittel, naemlich, +dass du sofort das Kind in die heimatliche Bergluft +zurueckversetzest; fuer das zweite gibt's ebenfalls nur (eine) +Medizin, naemlich ganz dieselbe. Demnach reist das Kind morgen ab, +das ist mein Rezept." + +Herr Sesemann war aufgestanden. In groesster Aufregung lief er das +Zimmer auf und ab; jetzt brach er aus: "Mondsuechtig! Krank! +Heimweh! Abgemagert in meinem Hause! Das alles in meinem Hause! +Und niemand sieht zu und weiss etwas davon! Und du, Doktor, du +meinst, das Kind, das frisch und gesund in mein Haus gekommen ist, +schicke ich elend und abgemagert seinem Grossvater zurueck? Nein, +Doktor, das kannst du nicht verlangen, das tu ich nicht, das werde +ich nie tun. Jetzt nimm das Kind in die Hand, mach Kuren mit ihm, +mach, was du willst, aber mach es mir heil und gesund, dann will +ich es heimschicken, wenn es will; aber erst hilf du!" + +"Sesemann", entgegnete der Doktor ernsthaft, "bedenke, was du tust! +Dieser Zustand ist keine Krankheit, die man mit Pulvern und Pillen +heilt. Das Kind hat keine zaehe Natur, indessen, wenn du es jetzt +gleich wieder in die kraeftige Bergluft hinaufschickst, an die es +gewoehnt ist, so kann es wieder voellig gesunden; wenn nicht--du +willst nicht, dass das Kind dem Grossvater unheilbar oder gar nicht +mehr zurueckkomme?" + +Herr Sesemann war erschrocken stehen geblieben: "Ja, wenn du so +redest, Doktor, dann ist nur (ein) Weg, dann muss sofort gehandelt +werden." Mit diesen Worten nahm Herr Sesemann den Arm seines +Freundes und wanderte mit ihm hin und her, um die Sache noch weiter +zu besprechen. Dann brach der Doktor auf, um nach Hause zu gehen, +denn es war unterdessen viel Zeit vergangen, und durch die Haustuer, +die diesmal vom Herrn des Hauses aufgeschlossen wurde, drang schon +der helle Morgenschimmer herein. + + + + +Am Sommerabend die Alm hinan + +Herr Sesemann stieg in grosser Erregtheit die Treppe hinauf und +wanderte mit festem Schritt zum Schlafgemach der Dame Rottenmeier. +Hier klopfte er so ungewoehnlich kraeftig an die Tuer, dass die +Bewohnerin mit einem Schreckensruf aus dem Schlaf auffuhr. Sie +hoerte die Stimme des Hausherrn draussen: "Bitte sich zu beeilen und +im Esszimmer zu erscheinen, es muss sofort eine Abreise vorbereitet +werden." + +Fraeulein Rottenmeier schaute auf ihre Uhr, es war halb fuenf des +Morgens; zu solcher Stunde war sie in ihrem Leben noch nie +aufgestanden. Was konnte nur vorgefallen sein? Vor Neugierde und +angstvoller Erwartung nahm sie alles verkehrt in die Hand und kam +durchaus nicht vorwaerts, denn was sie einmal auf den Leib gebracht +hatte, suchte sie nachher rastlos im Zimmer herum. + +Unterdessen ging Herr Sesemann den Korridor entlang und zog mit +aller Kraft an jedem Glockenzug, der je fuer die verschiedenen +Glieder der Dienerschaft angebracht war, so dass in jedem der +betreffenden Zimmer eine Schreckensgestalt aus dem Bett sprang und +verkehrt in die Kleider fuhr, denn einer wie der andere dachte +sogleich, das Gespenst habe irgendwie den Hausherrn gepackt und +dies sei sein Hilferuf. So kamen sie nach und nach, einer +schauerlicher aussehend als der andere, herunter und stellten sich +mit Erstaunen vor den Hausherrn hin, denn dieser ging frisch und +munter im Esszimmer auf und ab und sah keineswegs aus, als habe ihn +ein Gespenst erschreckt. Johann wurde sofort hingeschickt, Pferde +und Wagen in Ordnung zu bringen und sie nachher vorzufuehren. +Tinette erhielt den Auftrag, sogleich Heidi aufzuwecken und es in +den Stand zu stellen, eine Reise anzutreten. Sebastian erhielt den +Auftrag, nach dem Hause zu eilen, wo Heidis Base im Dienst stand, +und diese herbeizuholen. Fraeulein Rottenmeier war unterdessen +zurechtgekommen mit ihrem Anzug, und alles sass, wie es musste, nur +die Haube sass verkehrt auf dem Kopf, so dass es von weitem aussah, +als sitze ihr das Gesicht auf dem Ruecken. Herr Sesemann schrieb +den raetselhaften Anblick dem fruehen Schlafbrechen zu und ging +unverweilt an die Geschaeftsverhandlungen. Er erklaerte der Dame, +sie habe ohne Zoegern einen Koffer zur Stelle zu schaffen, die +saemtliche Habe des Schweizerkindes hineinzupacken--so nannte Herr +Sesemann gewoehnlich das Heidi, dessen Name ihm etwas ungewohnt war-- +, dazu noch einen guten Teil von Klaras Zeug, damit das Kind was +Rechtes mitbringe; es muesse aber alles schnell und ohne langes +Besinnen vor sich gehen. + +Fraeulein Rottenmeier blieb vor Ueberraschung wie in den Boden +eingewurzelt stehen und starrte Herrn Sesemann an. Sie hatte +erwartet, er wolle ihr im Vertrauen die Mitteilung einer +schauerlichen Geistergeschichte machen, die er in der Nacht erlebt +und die sie eben jetzt bei dem hellen Morgenlicht nicht ungern +gehoert haette; stattdessen diese voellig prosaischen und dazu noch +sehr unbequemen Auftraege. So schnell konnte sie das Unerwartete +nicht bewaeltigen. Sprachlos stand sie immer noch da und erwartete +ein Weiteres. + +Aber Herr Sesemann hatte keine Erklaerungen im Sinn; er liess die +Dame stehen, wo sie stand, und ging nach dem Zimmer seiner Tochter. +Wie er vermutet hatte, war diese durch die ungewoehnliche Bewegung +im Hause wach geworden und lauschte nach allen Seiten hin, was wohl +vorgehe. Der Vater setzte sich nun an ihr Bett und erzaehlte ihr +den ganzen Verlauf der Geistererscheinung und dass Heidi nach des +Doktors Ausspruch sehr angegriffen sei und wohl nach und nach seine +naechtlichen Wanderungen ausdehnen, vielleicht gar das Dach +besteigen wuerde, was dann mit den hoechsten Gefahren verbunden waere. +Er habe also beschlossen, das Kind sofort heimzuschicken, denn +solche Verantwortung koenne er nicht auf sich nehmen, und Klara +muesse sich dareinfinden, sie sehe ja ein, dass es nicht anders sein +koenne. + +Klara war sehr schmerzlich ueberrascht von der Mitteilung und wollte +erst allerlei Auswege finden, aber es half nichts, der Vater blieb +fest bei seinem Entschluss, versprach aber, im naechsten Jahre mit +Klara nach der Schweiz zu reisen, wenn sie nun recht vernuenftig sei +und keinen Jammer erhebe. So ergab sich Klara in das +Unvermeidliche, begehrte aber zum Ersatz, dass der Koffer fuer Heidi +in ihr Zimmer gebracht und da gepackt werde, damit sie +hineinstecken koenne, was ihr Freude mache, was der Papa sehr gern +bewilligte, ja er ermunterte Klara noch, dem Kinde eine schoene +Aussteuer zurechtzumachen. Unterdessen war die Base Dete angelangt +und stand in grosser Erwartung im Vorzimmer, denn dass sie um diese +ungewoehnliche Zeit einberufen worden war, musste etwas +Ausserordentliches bedeuten. Herr Sesemann trat zu ihr heraus und +erklaerte ihr, wie es mit Heidi stehe und dass er wuensche, sie +moechte das Kind sofort, gleich heute noch, nach Hause bringen. Die +Base sah sehr enttaeuscht aus; diese Nachricht hatte sie nicht +erwartet. Sie erinnerte sich auch noch recht wohl der Worte, die +ihr der Oehi mit auf den Weg gegeben hatte, dass sie ihm nie mehr +vor die Augen kommen solle, und so das Kind dem Alten einmal +bringen und dann nehmen und dann wiederbringen, das schien ihr +nicht ganz geraten zu sein. Sie besann sich also nicht lange, +sondern sagte mit grosser Beredsamkeit, heute waere es ihr leider +voellig unmoeglich, die Reise anzutreten, und morgen koennte sie noch +weniger daran denken, und die Tage darauf waere es am +allerunmoeglichsten, um der darauf folgenden Geschaefte willen, und +nachher koennte sie dann gar nicht mehr. Herr Sesemann verstand die +Sprache und entliess die Base ohne weiteres. Nun liess er den +Sebastian vortreten und erklaerte ihm, er habe sich unverzueglich zur +Reise zu ruesten; heute habe er mit dem Kinde bis nach Basel zu +fahren, morgen bringe er es heim. Dann koenne er sogleich wieder +umkehren, zu berichten habe er nichts, ein Brief an den Grossvater +werde diesem alles erklaeren. + +"Nun aber noch eine Hauptsache, Sebastian", schloss Herr Sesemann, +"und dass Er mir das puenktlich besorgt! Den Gasthof in Basel, den +ich Ihm hier auf meine Karte geschrieben, kenne ich. Er weist +meine Karte vor, dann wird Ihm ein gutes Zimmer angewiesen werden +fuer das Kind; fuer sich selbst wird Er schon sorgen. Dann geht Er +erst in des Kindes Zimmer hinein und verrammelt alle Fenster so +vollstaendig, dass nur grosse Gewalt sie aufzubringen vermoechte. Ist +das Kind zu Bett, so geht Er und schliesst von aussen die Tuer ab, +denn das Kind wandert herum in der Nacht und koennte Gefahr laufen +in dem fremden Haus, wenn es etwa hinausginge und die Haustuer +aufmachen wollte; versteht Er das?" + +"Ah! Ah! Ah! Das war's? So war's?", stiess Sebastian jetzt in +groesster Verwunderung aus, denn es war ihm eben ein grosses Licht +aufgegangen ueber die Geistererscheinung. + +"Ja, so war's! Das war's! Und Er ist ein Hasenfuss, und dem Johann +kann Er sagen, er sei desgleichen und alle miteinander eine +laecherliche Mannschaft." Damit ging Herr Sesemann nach seiner Stube, +setzte sich hin und schrieb einen Brief an den Alm-Oehi. + +Sebastian war verdutzt mitten im Zimmer stehen geblieben und +wiederholte jetzt zu oefteren Malen in seinem Innern: "Haett ich mich +doch von dem Feigling von einem Johann nicht in die Wachtstube +hineinreissen lassen, sondern waere dem weissen Figuerchen nachgegangen, +was ich doch jetzt unzweifelhaft tun wuerde!", denn jetzt +beleuchtete die helle Sonne jeden Winkel der hellgrauen Stube mit +voller Klarheit. + +Unterdessen stand Heidi voellig ahnungslos in seinem +Sonntagsroeckchen und wartete ab, was geschehen sollte, denn die +Tinette hatte es nur aus dem Schlafe aufgeruettelt, die Kleider aus +dem Schrank genommen und das Anziehen gefoerdert, ohne ein Wort zu +sagen. Sie sprach niemals mit dem ungebildeten Heidi, denn das war +ihr zu gering. + +Herr Sesemann trat mit seinem Brief ins Esszimmer ein, wo das +Fruehstueck bereitstand, und rief: "Wo ist das Kind?" + +Heidi wurde gerufen. Als es zu Herrn Sesemann herantrat, um ihm +'guten Morgen' zu sagen, schaute er ihm fragend ins +Gesicht: "Nun, was sagst du denn dazu, Kleine?" + +Heidi blickte verwundert zu ihm auf. + +"Du weisst am Ende noch gar nichts", lachte Herr Sesemann. "Nun, +heut gehst du heim, jetzt gleich." + +"Heim?", wiederholte Heidi tonlos und wurde schneeweiss, und eine +kleine Weile konnte es gar keinen Atem mehr holen, so stark wurde +sein Herz von dem Eindruck gepackt. + +"Nun, willst du etwa nichts wissen davon?", fragte Herr Sesemann +laechelnd. + +"O ja, ich will schon", kam jetzt heraus, und nun war Heidi +dunkelrot geworden. + +"Gut, gut", sagte Herr Sesemann ermunternd, indem er sich setzte +und Heidi winkte, dasselbe zu tun. "Und nun tuechtig fruehstuecken +und hernach in den Wagen und fort." + +Aber Heidi konnte keinen Bissen herunterbringen, wie es sich auch +zwingen wollte aus Gehorsam; es war in einem Zustand von Aufregung, +dass es gar nicht wusste, ob es wache oder traeume und ob es +vielleicht wieder auf einmal erwachen und im Nachthemdchen an der +Haustuer stehen werde. + +"Sebastian soll reichlich Proviant mitnehmen", rief Herr Sesemann +Fraeulein Rottenmeier zu, die eben eintrat; "das Kind kann nicht +essen, begreiflicherweise.--Geh hinueber zu Klara, bis der Wagen +vorfaehrt", setzte er freundlich, zu Heidi gewandt, hinzu. + +Das war Heidis Wunsch: Es sprang hinueber. Mitten in Klaras Zimmer +war ein ungeheurer Koffer zu sehen, noch stand dessen Deckel weit +offen. + +"Komm, Heidi, komm", rief ihm Klara entgegen. "Sieh, was ich dir +habe einpacken lassen, komm, freut's dich?" + +Und sie nannte ihm eine ganze Menge von Dingen, Kleider und +Schuerzen, Tuecher und Naehgeraet, "und sieh hier, Heidi", und Klara +hob triumphierend einen Korb in die Hoehe. Heidi guckte hinein und +sprang hoch auf vor Freude, denn drinnen lagen wohl zwoelf schoene, +weisse, runde Broetchen, alle fuer die Grossmutter. Die Kinder +vergassen in ihrem Jubel ganz, dass nun der Augenblick komme, da sie +sich trennen mussten, und als mit einem Mal der Ruf erschallte: +"Der Wagen ist bereit!"--da war keine Zeit mehr zum Traurigwerden. +Heidi lief in sein Zimmer, da musste noch ein schoenes Buch von der +Grossmama liegen, niemand konnte es eingepackt haben, denn es lag +unter dem Kopfkissen, weil Heidi Tag und Nacht sich nicht davon +trennen konnte. Das wurde in den Korb auf die Broetchen gelegt. +Dann machte es seinen Schrank auf; noch suchte es nach einem Gute, +das man vielleicht auch nicht eingepackt hatte. Richtig--auch das +alte rote Tuch lag noch da, Fraeulein Rottenmeier hatte es zu gering +erachtet, um mit eingepackt zu werden. Heidi wickelte es um einen +anderen Gegenstand und legte es zuoberst auf den Korb, so dass das +rote Paket sehr sichtbar zur Erscheinung kam. Dann setzte es sein +schoenes Huetchen auf und verliess sein Zimmer. + +Die beiden Kinder mussten sich schnell Lebewohl sagen, denn Herr +Sesemann stand schon da, um Heidi nach dem Wagen zu bringen. +Fraeulein Rottenmeier stand oben an der Treppe, um hier Heidi zu +verabschieden. Als sie das seltsame rote Buendelchen erblickte, +nahm sie es schnell aus dem Korb heraus und warf es auf den Boden. + +"Nein, Adelheid", sagte sie tadelnd, "so kannst du nicht reisen von +diesem Hause aus; solches Zeug brauchst du ueberhaupt nicht +mitzuschleppen. Nun lebe wohl." + +Auf dieses Verbot hin durfte Heidi sein Buendelchen nicht wieder +aufnehmen, aber es schaute mit einem flehentlichen Blick zu dem +Hausherrn auf, so, als wollte man ihm seinen groessten Schatz nehmen. + +"Nein, nein", sagte Herr Sesemann in sehr bestimmtem Tone, "das +Kind soll mit heimtragen, was ihm Freude macht, und sollte es auch +junge Katzen oder Schildkroeten mit fortschleppen, so wollen wir uns +darueber nicht aufregen, Fraeulein Rottenmeier." + +Heidi hob eilig sein Buendelchen wieder vom Boden auf, und Dank und +Freude leuchteten ihm aus den Augen. Unten am Wagen reichte Herr +Sesemann dem Kinde die Hand und sagte ihm mit freundlichen Worten, +sie wuerden seiner gedenken, er und seine Tochter Klara; er wuenschte +ihm alles Gute auf den Weg, und Heidi dankte recht schoen fuer alle +Guttaten, die ihm zuteil geworden waren, und zum Schluss sagte es: +"Und den Herrn Doktor lasse ich tausendmal gruessen und ihm auch +vielmals danken." Denn es hatte sich wohl gemerkt, wie er gestern +Abend gesagt hatte: "Und morgen wird alles gut." Nun war es so +gekommen, und Heidi dachte, er habe dazu geholfen. + +Jetzt wurde das Kind in den Wagen gehoben und der Korb und die +Provianttasche und der Sebastian kamen nach. Herr Sesemann rief +noch einmal freundlich: "Glueckliche Reise!", und der Wagen rollte +davon. + +Bald nachher sass Heidi in der Eisenbahn und hielt unbeweglich +seinen Korb auf dem Schosse fest, denn es wollte ihn nicht einen +Augenblick aus den Haenden lassen, seine kostbaren Broetchen fuer die +Grossmutter waren ja darin, die musste es sorgfaeltig hueten und von +Zeit zu Zeit einmal wieder ansehen und sich freuen darueber. Heidi +sass maeuschenstille waehrend mehrerer Stunden, denn erst jetzt kam es +recht zum Bewusstsein, dass es auf dem Wege sei heim zum Grossvater, +auf die Alm, zur Grossmutter, zum Geissenpeter, und nun kam ihm alles +vor Augen, eins nach dem anderen, was es wieder sehen werde und wie +alles aussehen werde daheim, und dabei stiegen ihm wieder neue +Gedanken auf, und auf einmal sagte es aengstlich: "Sebastian, ist +auch sicher die Grossmutter auf der Alm nicht gestorben?" + +"Nein, nein", beruhigte dieser, "wollen's nicht hoffen, wird schon +noch am Leben sein." + +Dann fiel Heidi wieder in sein Sinnen zurueck; nur hier und da +guckte es einmal in seinen Korb hinein, denn alle die Broetchen der +Grossmutter auf den Tisch legen war sein Hauptgedanke. Nach +laengerer Zeit sagte es wieder: "Sebastian, wenn man nur auch ganz +sicher wissen koennte, dass die Grossmutter noch am Leben ist." + +"Jawohl! Jawohl!", entgegnete der Begleiter halb schlafend; "Wird +schon noch leben, wuesste auch gar nicht, warum nicht." + +Nach einiger Zeit drueckte der Schlaf auch Heidis Augen zu, und nach +der vergangenen unruhigen Nacht und dem fruehen Aufstehen war es so +schlafbeduerftig, dass es erst wieder erwachte, als Sebastian es +tuechtig am Arm schuettelte und ihm zurief: "Erwachen! Erwachen! +Gleich aussteigen, in Basel angekommen!" + +Am folgenden Morgen ging's weiter, viele Stunden lang. Heidi sass +wieder mit seinem Korb auf dem Schoss, den es um keinen Preis dem +Sebastian uebergeben wollte; aber heute sagte es gar nichts mehr, +denn nun wurde mit jeder Stunde die Erwartung gespannter. Dann auf +einmal, als Heidi gar nicht daran dachte, ertoente laut der Ruf: +"Maienfeld!" Es sprang von seinem Sitz auf, und dasselbe tat +Sebastian, der auch ueberrascht worden war. Jetzt standen sie +draussen, der Koffer mit ihnen, und der Bahnzug pfiff weiter ins Tal +hinein. Sebastian sah ihm wehmuetig nach, denn er waere viel lieber +so sicher und ohne Muehe weitergereist, als dass er nun eine +Fusspartie unternehmen sollte, die dazu noch mit einer +Bergbesteigung enden musste, die sehr beschwerlich und dazu +gefahrvoll sein konnte in diesem Lande, wo doch alles noch halb +wild war, wie Sebastian annahm. Er schaute daher sehr vorsichtig +um sich, wen er etwa beraten koennte ueber den sichersten Weg nach +dem 'Doerfli'. Unweit des kleinen Stationsgebaeudes +stand ein kleiner Leiterwagen mit einem mageren Roesslein davor; auf +diesen wurden von einem breitschultrigen Manne ein paar grosse Saecke +aufgeladen, die mit der Bahn hergebracht worden waren. Sebastian +trat zu ihm heran und brachte seine Frage nach dem sichersten Weg +zum Doerfli vor. + +"Hier sind alle Wege sicher", war die kurze Antwort. + +Jetzt fragte Sebastian nach dem besten Wege, auf dem man gehen +koenne, ohne in die Abgruende zu stuerzen, und auch wie man einen +Koffer nach dem betreffenden Doerfli befoerdern koennte. Der Mann +schaute nach dem Koffer hin und mass ihn ein wenig mit den Augen; +dann erklaerte er, wenn das Ding nicht zu schwer sei, so wolle er es +auf seinen Wagen nehmen, da er selbst nach dem Doerfli fahre, und so +gab noch ein Wort das andere, und endlich kamen die beiden ueberein, +der Mann solle Kind und Koffer mit auf seinen Wagen nehmen, und +nachher vom Doerfli aus koenne das Kind am Abend mit irgendjemand auf +die Alm geschickt werden. + +"Ich kann allein gehen, ich weiss schon den Weg vom Doerfli auf die +Alm", sagte hier Heidi, das mit Aufmerksamkeit der Verhandlung +zugehoert hatte. Dem Sebastian fiel eine schwere Last vom Herzen, +als er sich so auf einmal seiner Aussicht auf das Bergklettern +entledigt sah. Er winkte nun Heidi geheimnisvoll auf die Seite und +ueberreichte ihm hier eine schwere Rolle und einen Brief an den +Grossvater und erklaerte ihm, die Rolle sei ein Geschenk von Herrn +Sesemann, die muesse aber zuunterst in den Korb gesteckt werden, +noch unter die Broetchen, und darauf muesse genau Acht gegeben werden, +dass sie nicht verloren gehe, denn darueber wuerde Herr Sesemann +ganz fuerchterlich boese und sein Leben lang nie mehr gut werden; das +sollte das Mamsellchen nur ja bedenken. + +"Ich verliere sie schon nicht", sagte Heidi zuversichtlich und +steckte die Rolle samt dem Brief zuallerunterst in den Korb hinein. +Nun wurde der Koffer aufgeladen, und nachher hob Sebastian Heidi +samt seinem Korb auf den hohen Sitz empor, reichte ihm seine Hand +hinauf zum Abschied und ermahnte es noch einmal mit allerlei +Zeichen, auf den Inhalt des Korbes ein Auge zu haben; denn der +Fuehrer war noch in der Naehe, und Sebastian war vorsichtig, +besonders jetzt, da er wusste, er haette eigentlich selbst das Kind +an Ort und Stelle bringen sollen. Der Fuehrer schwang sich jetzt +neben Heidi auf den Sitz hinauf, und der Wagen rollte den Bergen zu, +waehrend Sebastian, froh ueber seine Befreiung von der gefuerchteten +Bergreise, sich am Stationshaeuschen niedersetzte, um den +zurueckgehenden Bahnzug abzuwarten. + +Der Mann auf dem Wagen war der Baecker vom Doerfli, welcher seine +Mehlsaecke nach Hause fuhr. Er hatte Heidi nie gesehen, aber wie +jedermann im Doerfli wusste er von dem Kinde, das man dem Alm-Oehi +gebracht hatte; auch hatte er Heidis Eltern gekannt und sich gleich +vorgestellt, er werde es mit dem viel besprochenen Kinde hier zu +tun haben. Es wunderte ihn nun ein wenig, warum das Kind schon +wieder heimkommen und waehrend der Fahrt fing er nun mit Heidi ein +Gespraech an: "Du wirst das Kind sein, das oben beim Alm-Oehi war, +beim Grossvater?" + +"Ja." + +"So ist es dir schlecht gegangen, dass du schon wieder von so weit +her heimkommst?" + +"Nein, das ist es mir nicht; kein Mensch kann es so gut haben, wie +man es in Frankfurt hat." + +"Warum laeufst du denn heim?" + +"Nur weil es mir der Herr Sesemann erlaubt hat, sonst waer ich nicht +heimgelaufen." + +"Pah, warum bist du denn aber nicht lieber dort geblieben, wenn man +dir's erlaubt hat, heimzugehen?" + +"Weil ich tausendmal lieber heimwill zum Grossvater auf die Alm als +sonst alles auf der Welt." + +"Denkst vielleicht anders, wenn du hinaufkommst", brummte der +Baecker; "nimmt mich aber doch wunder", sagte er dann zu sich selbst, +"es kann wissen, wie's ist." + +Nun fing er an zu pfeifen und sagte nichts mehr, und Heidi schaute +um sich und fing an innerlich zu zittern vor Erregung, denn es +erkannte die Baeume am Wege, und drueben standen die hohen Zacken des +Falknis-Berges und schauten zu ihm herueber, so als gruessten sie es +wie gute alte Freunde; und Heidi gruesste wieder, und mit jedem +Schritt vorwaerts wurde Heidis Erwartung gespannter, und es meinte, +es muesse vom Wagen herunterspringen und aus allen Kraeften laufen, +bis es ganz oben waere. Aber es blieb doch still sitzen und ruehrte +sich nicht, aber alles zitterte an ihm. Jetzt fuhren sie im Doerfli +ein, eben schlug die Glocke fuenf Uhr. Augenblicklich sammelte sich +eine Gesellschaft von Kindern und Frauen um den Wagen herum, und +ein paar Nachbarn traten auch noch herzu, denn der Koffer und das +Kind auf des Baeckers Wagen hatten die Aufmerksamkeit aller +Umwohnenden auf sich gezogen, und jeder wollte wissen, woher und +wohin und wem beide zugehoerten. Als der Baecker Heidi +heruntergehoben hatte, sagte es eilig: "Danke, der Grossvater holt +dann schon den Koffer", und wollte davonrennen. Aber von allen +Seiten wurde es festgehalten, und eine Menge von Stimmen fragten +alle auf einmal, jede etwas Eigenes. Heidi draengte sich mit einer +solchen Angst auf dem Gesichte durch die Leute, dass man ihm +unwillkuerlich Platz machte und es laufen liess, und einer sagte zum +anderen: "Du siehst ja, wie es sich fuerchtet, es hat auch alle +Ursache." Und dann fingen sie noch an, sich zu erzaehlen, wie der +Alm-Oehi seit einem Jahr noch viel aerger geworden sei als vorher und +mit keinem Menschen mehr ein Wort rede und ein Gesicht mache, als +wolle er am liebsten jeden umbringen, der ihm in den Weg komme, und +wenn das Kind auf der ganzen Welt noch wuesste wohin, so liefe es +nicht in das alte Drachennest hinauf. Aber hier fiel der Baecker in +das Gespraech ein und sagte, er werde wohl mehr wissen als sie alle, +und erzaehlte dann sehr geheimnisvoll, wie ein Herr das Kind bis +nach Maienfeld gebracht und es ganz freundlich entlassen habe und +auch gleich ohne Markten ihm den geforderten Fahrpreis und dazu +noch ein Trinkgeld gegeben habe, und ueberhaupt koenne er sicher +sagen, dass es dem Kind wohl genug gewesen sei, wo es war, und es +selbst begehrt habe, zum Grossvater zurueckzugehen. Diese Nachricht +brachte eine grosse Verwunderung hervor und wurde nun gleich im +ganzen Doerfli so verbreitet, dass noch am gleichen Abend kein Haus +daselbst war, in dem man nicht davon redete, dass das Heidi aus +allem Wohlleben zum Grossvater zurueckbegehrt habe. + +Heidi lief vom Doerfli bergan, so schnell es nur konnte; von Zeit zu +Zeit musste es aber ploetzlich stille stehen, denn es hatte ganz den +Atem verloren; sein Korb am Arm war doch ziemlich schwer, und dazu +ging es nun immer steiler, je hoeher hinauf es ging. Heidi hatte +nur noch einen Gedanken: "Wird auch die Grossmutter noch auf ihrem +Plaetzchen sitzen am Spinnrad in der Ecke, ist sie auch nicht +gestorben unterdessen?" Jetzt erblickte Heidi die Huette oben in der +Vertiefung an der Alm, sein Herz fing an zu klopfen, Heidi rannte +noch mehr, immer mehr und immer lauter schlug ihm das Herz. Jetzt +war es oben--vor Zittern konnte es fast die Tuer nicht aufmachen-- +doch jetzt--es sprang hinein bis mitten in die kleine Stube und +stand da, voellig ausser Atem, und brachte keinen Ton hervor. + +"Ach du mein Gott", toente es aus der Ecke hervor, "so sprang unser +Heidi herein, ach, wenn ich es noch ein Mal im Leben bei mir haben +koennte! Wer ist hereingekommen?" + +"Da bin ich ja, Grossmutter, da bin ich ja", rief Heidi jetzt und +stuerzte nach der Ecke und gleich auf seine Knie zu der Grossmutter +heran, fasste ihren Arm und ihre Haende und legte sich an sie und +konnte vor Freude gar nichts mehr sagen. Erst war die Grossmutter +so ueberrascht, dass auch sie kein Wort hervorbringen konnte; dann +fuhr sie mit der Hand streichelnd ueber Heidis Kraushaare hin, und +nun sagte sie ein Mal ueber das andere: "Ja, ja, das sind seine +Haare und es ist ja seine Stimme, ach du lieber Gott, dass du mich +das noch erleben laesst!" Und aus den blinden Augen fielen ein paar +grosse Freudentraenen auf Heidis Hand nieder. "Bist du's auch, Heidi, +bist du auch sicher wieder da?" + +"Ja, ja, sicher, Grossmutter", rief Heidi nun mit aller Zuversicht, +"weine nur nicht, ich bin ganz gewiss wieder da und komme alle Tage +zu dir und gehe nie wieder fort, und du musst auch manchen Tag kein +hartes Brot mehr essen, siehst du, Grossmutter, siehst du?" + +Und Heidi packte nun aus seinem Korb ein Broetchen nach dem andern +aus, bis es alle zwoelf auf dem Schoss der Grossmutter aufgehaeuft +hatte. + +"Ach Kind! Ach Kind! Was bringst du denn fuer einen Segen mit!", +rief die Grossmutter aus, als es nicht enden wollte mit den Broetchen +und immer noch eines folgte. "Aber der groesste Segen bist du mir +doch selber, Kind!" Dann griff sie wieder in Heidis krause Haare +und strich ueber seine heissen Wangen und sagte wieder: "Sag noch ein +Wort, Kind, sag noch etwas, dass ich dich hoeren kann." + +Heidi erzaehlte nun der Grossmutter, welche grosse Angst es habe +ausstehen muessen, sie sei vielleicht gestorben unterdessen und habe +nun gar nie die weissen Broetchen bekommen, und es koenne nie, nie +mehr zu ihr gehen. + +Jetzt trat Peters Mutter herein und blieb einen Augenblick +unbeweglich stehen vor Erstaunen. Dann rief sie: "Sicher, es ist +das Heidi, wie kann auch das sein!" + +Heidi stand auf und gab ihr die Hand, und die Brigitte konnte sich +gar nicht genug verwundern darueber, wie Heidi aussehe, und ging um +das Kind herum und sagte: "Grossmutter, wenn du doch nur sehen +koenntest, was fuer ein schoenes Roecklein das Heidi hat und wie es +aussieht; man kennt es fast nicht mehr. Und das Federnhuetlein auf +dem Tisch gehoert dir auch noch? Setz es doch einmal auf, so kann +ich sehen, wie du drin aussiehst." + +"Nein, ich will nicht", erklaerte Heidi, "du kannst es haben, ich +brauche es nicht mehr, ich habe schon noch mein eigenes." Damit +machte Heidi sein rotes Buendelchen auf und nahm sein altes Huetchen +daraus hervor, das auf der Reise zu den Knicken, die es schon +vorher gehabt, noch einige bekommen hatte. Aber das kuemmerte das +Heidi wenig; es hatte ja nicht vergessen, wie der Grossvater beim +Abschied nachgerufen hatte, in einem Federnhut wolle er es niemals +sehen; darum hatte Heidi sein Huetchen so sorgfaeltig aufgehoben, +denn es dachte ja immer ans Heimgehen zum Grossvater. Aber die +Brigitte sagte, so einfaeltig muesse es nicht sein, es sei ja ein +praechtiges Huetchen, das nehme sie nicht; man koennte es ja etwa dem +Toechterlein vom Lehrer im Doerfli verkaufen und noch viel Geld +bekommen, wenn es das Huetlein nicht tragen wolle. Aber Heidi blieb +bei seinem Vorhaben und legte das Huetchen leise hinter die +Grossmutter in den Winkel, wo es ganz verborgen war. Dann zog Heidi +auf einmal sein schoenes Roecklein aus, und ueber das Unterroeckchen, +in dem es nun mit blossen Armen dastand, band es das rote Halstuch, +und nun fasste es die Hand der Grossmutter und sagte: "Jetzt muss +ich heim zum Grossvater, aber morgen komm ich wieder zu dir; gute +Nacht, Grossmutter." + +"Ja, komm auch wieder, Heidi, komm auch morgen wieder", bat die +Grossmutter und drueckte seine Hand zwischen den ihrigen und konnte +das Kind fast nicht loslassen. + +"Warum hast du denn dein schoenes Roecklein ausgezogen?", fragte die +Brigitte. + +"Weil ich lieber so zum Grossvater will, sonst kennt er mich +vielleicht nicht mehr, du hast mich ja auch fast nicht gekannt +darin." + +Die Brigitte ging noch mit Heidi vor die Tuer hinaus, und hier sagte +sie ein wenig geheimnisvoll zu ihm: "Den Rock haettest du schon +anbehalten koennen, er haette dich doch gekannt; aber sonst musst du +dich in Acht nehmen; der Peterli sagt, der Alm-Oehi sei jetzt immer +boes und rede kein Wort mehr." + +Heidi sagte 'gute Nacht' und stieg die Alm hinan mit +seinem Korb am Arm. Die Abendsonne leuchtete ringsum auf die gruene +Alm, und jetzt war auch drueben das grosse Schneefeld an der +Schesaplana sichtbar geworden und strahlte herueber. Heidi musste +alle paar Schritte wieder stille stehen und sich umkehren, denn die +hohen Berge hatte es im Ruecken beim Hinaufsteigen. Jetzt fiel ein +roter Schimmer vor seinen Fuessen auf das Gras, es kehrte sich um, da +--so hatte es die Herrlichkeit nicht mehr im Sinn gehabt und auch +nie so im Traum gesehen--die Felshoerner am Falknis flammten zum +Himmel auf, das weite Schneefeld gluehte und rosenrote Wolken zogen +darueber hin; das Gras rings auf der Alm war golden, von allen +Felsen flimmerte und leuchtete es nieder und unten schwamm weithin +das ganze Tal in Duft und Gold. Heidi stand mitten in der +Herrlichkeit, und vor Freude und Wonne liefen ihm die hellen Traenen +die Wangen herunter, und es musste die Haende falten und in den +Himmel hinaufschauen und ganz laut dem lieben Gott danken, dass er +es wieder heimgebracht hatte und dass alles, alles noch so schoen +sei und noch viel schoener, als es gewusst hatte, und dass alles +wieder ihm gehoere; und Heidi war so gluecklich und so reich in all +der grossen Herrlichkeit, dass es gar nicht Worte fand, dem lieben +Gott genug zu danken. Erst als das Licht ringsum vergluehte, konnte +Heidi wieder von der Stelle weg; nun rannte es aber so den Berg +hinan, dass es gar nicht lange dauerte, so erblickte es oben die +Tannenwipfel ueber dem Dache und jetzt das Dach und die ganze Huette, +und auf der Bank an der Huette sass der Grossvater und rauchte sein +Pfeifchen, und ueber die Huette her wogten die alten Tannenwipfel und +raschelten im Abendwind. Jetzt rannte das Heidi noch mehr, und +bevor der Alm-Oehi nur recht sehen konnte, was da herankam, stuerzte +das Kind schon auf ihn hin, warf seinen Korb auf den Boden und +umklammerte den Alten, und vor Aufregung des Wiedersehens konnte es +nichts sagen, als nur immer ausrufen: "Grossvater! Grossvater! +Grossvater!" + +Der Grossvater sagte auch nichts. Seit vielen Jahren waren ihm zum +erstenmal wieder die Augen nass geworden, und er musste mit der +Hand darueber fahren. Dann loeste er Heidis Arme von seinem Hals, +setzte das Kind auf seine Knie und betrachtete es einen Augenblick. +"So, bist du wieder heimgekommen, Heidi", sagte er dann; "wie ist +das? Besonders hoffaertig siehst du nicht aus, haben sie dich +fortgeschickt?" + +"O nein, Grossvater", fing Heidi nun mit Eifer an, "das musst du +nicht glauben, sie waren alle so gut, die Klara und die Grossmama +und der Herr Sesemann; aber siehst du, Grossvater, ich konnte es +fast gar nicht mehr aushalten, bis ich wieder bei dir daheim sein +koennte, und ich habe manchmal gemeint, ich muesse ganz ersticken, so +hat es mich gewuergt; aber ich habe gewiss nichts gesagt, weil es +undankbar war. Aber dann auf einmal an einem Morgen rief mich der +Herr Sesemann ganz frueh--aber ich glaube, der Herr Doktor war +schuld daran--aber es steht vielleicht alles in dem Brief"--damit +sprang Heidi auf den Boden und holte seinen Brief und seine Rolle +aus dem Korb herbei und legte beide in die Hand des Grossvaters. + +"Das gehoert dir", sagte dieser und legte die Rolle neben sich auf +die Bank. Dann nahm er den Brief und las ihn durch: Ohne ein Wort +zu sagen, steckte er dann das Blatt in die Tasche. + +"Meinst, du koenntest auch noch Milch trinken mit mir, Heidi?", +fragte er nun, indem er das Kind bei der Hand nahm, um in die Huette +einzutreten. "Aber nimm dort dein Geld mit dir, da kannst du ein +ganzes Bett daraus kaufen und Kleider fuer ein paar Jahre." + +"Ich brauch es gewiss nicht, Grossvater", versicherte Heidi; "ein +Bett hab ich schon, und Kleider hat mir Klara so viele eingepackt, +dass ich gewiss nie mehr andere brauche." + +"Nimm's, nimm's, und leg's in den Schrank, du wirst's schon einmal +brauchen koennen." + +Heidi gehorchte und huepfte nun dem Grossvater nach in die Huette +hinein, wo es vor Freude ueber das Wiedersehen in alle Winkel sprang +und die Leiter hinauf--aber da stand es ploetzlich still und rief +in Betroffenheit von oben herunter: "Oh, Grossvater, ich habe kein +Bett mehr!" + +"Kommt schon wieder", toente es von unten herauf, "wusste ja nicht, +dass du wieder heimkommst; jetzt komm zur Milch!" + +Heidi kam herunter und setzte sich auf seinen hohen Stuhl am alten +Platze, und nun erfasste es sein Schuesselchen und trank mit einer +Begierde, als waere etwas so Koestliches noch nie in seinen Bereich +gekommen, und als es mit einem tiefen Atemzug das Schuesselchen +hinstellte, sagte es: "So gut wie unsere Milch ist doch gar nichts +auf der Welt, Grossvater." + +Jetzt ertoente draussen ein schriller Pfiff; wie der Blitz schoss +Heidi zur Tuer hinaus. Da kam die ganze Schar der Geissen huepfend, +springend, Saetze machend von der Hoehe herunter, mittendrin der +Peter. Als er Heidi ansichtig wurde, blieb er auf der Stelle +voellig wie angewurzelt stehen und starrte es sprachlos an. Heidi +rief: "Guten Abend, Peter!", und stuerzte mitten in die Geissen +hinein: "Schwaenli! Baerli! Kennt ihr mich noch?", und die Geisslein +mussten seine Stimme gleich erkannt haben, denn sie rieben ihre +Koepfe an Heidi und fingen an leidenschaftlich zu meckern vor Freude, +und Heidi rief alle nacheinander beim Namen, und alle rannten wie +wild durcheinander und draengten sich zu ihm heran; der ungeduldige +Distelfink sprang hoch auf und ueber zwei Geissen weg, um gleich in +die Naehe zu kommen, und sogar das schuechterne Schneehoeppli draengte +mit einem ziemlich eigensinnigen Bohren den grossen Tuerk auf die +Seite, der nun ganz verwundert ueber die Frechheit dastand und +seinen Bart in die Luft hob, um zu zeigen, dass er es sei. + +Heidi war ausser sich vor Freude, alle die alten Gefaehrten wieder zu +haben; es umarmte das kleine, zaertliche Schneehoeppli wieder und +wieder und streichelte den stuermischen Distelfink und wurde vor +grosser Liebe und Zutraulichkeit der Geissen hin und her gedraengt und +geschoben, bis es nun ganz in Peters Naehe kam, der noch immer auf +demselben Platze stand. + +"Komm herunter, Peter, und sag mir einmal guten Abend!", rief ihm +Heidi jetzt zu. + +"Bist denn wieder da?", brachte er nun endlich in seinem Erstaunen +heraus, und nun kam er herzu und nahm Heidis Hand, die dieses ihm +schon lange hingehalten hatte, und nun fragte er, so wie er immer +getan hatte bei der Heimkehr am Abend: "Kommst morgen wieder mit?" + +"Nein, morgen nicht, aber uebermorgen vielleicht, denn morgen muss +ich zur Grossmutter." + +"Es ist recht, dass du wieder da bist", sagte der Peter und verzog +sein Gesicht auf alle Seiten vor ungeheurem Vergnuegen, dann +schickte er sich zur Heimfahrt an; aber heute wurde es ihm so +schwer wie noch nie mit seinen Geissen, denn als er sie endlich mit +Locken und Drohen so weit gebracht hatte, dass sie sich um ihn +sammelten, und Heidi, den einen Arm um Schwaenlis und den andern um +Baerlis Kopf gelegt, davonspazierte, da kehrten mit einem Male alle +wieder um und liefen den dreien nach. Heidi musste mit seinen zwei +Geissen in den Stall eintreten und die Tuer zumachen, sonst waere der +Peter niemals mit seiner Herde fortgekommen. Als das Kind dann in +die Huette zurueckkam, da sah es sein Bett schon wieder aufgerichtet, +praechtig hoch und duftend, denn das Heu war noch nicht lange +hereingeholt, und darueber hatte der Grossvater ganz sorgfaeltig die +sauberen Leintuecher gebreitet. Heidi legte sich mit grosser Lust +hinein und schlief so herrlich, wie es ein ganzes Jahr lang nicht +geschlafen hatte. Waehrend der Nacht verliess der Grossvater wohl +zehnmal sein Lager und stieg die Leiter hinauf und lauschte sorgsam, +ob Heidi auch schlafe und nicht unruhig werde, und suchte am Loch +nach, wo sonst der Mond hereinkam auf Heidis Lager, ob auch das Heu +noch fest drinnen sitze, das er hineingestopft hatte, denn von nun +an durfte der Mondschein nicht mehr hereinkommen. Aber Heidi +schlief in einem Zuge fort und wanderte keinen Schritt herum, denn +sein grosses, brennendes Verlangen war gestillt worden: Es hatte +alle Berge und Felsen wieder im Abendgluehen gesehen, es hatte die +Tannen rauschen gehoert, es war wieder daheim auf der Alm. + + + + +Am Sonntag, wenn's laeutet + +Heidi stand unter den wogenden Tannen und wartete auf den Grossvater, +der mitgehen und den Koffer vom Doerfli heraufholen wollte, waehrend +es bei der Grossmutter waere. Das Kind konnte es fast nicht erwarten, +die Grossmutter wieder zu sehen und zu hoeren, wie ihr die Broetchen +geschmeckt hatten, und doch wurde ihm wieder die Zeit nicht lang, +denn es konnte ja nicht genug die heimatlichen Toene von dem +Tannenrauschen ueber ihm und das Duften und Leuchten der gruenen +Weiden und der goldenen Blumen darauf eintrinken. + +Jetzt trat der Grossvater aus der Huette, schaute noch einmal rings +um sich und sagte dann mit zufriedenem Ton: "So, nun koennen wir +gehen." + +Denn es war Sonnabend heut, und an dem Tage machte der Alm-Oehi +alles sauber und in Ordnung in der Huette, im Stall und ringsherum, +das war seine Gewohnheit, und heut hatte er den Morgen dazu +genommen, um gleich nachmittags mit Heidi ausziehen zu koennen, und +so sah nun alles ringsherum gut und zu seiner Zufriedenheit aus. +Bei der Geissenpeter-Huette trennten sie sich, und Heidi sprang +hinein. Schon hatte die Grossmutter seinen Schritt gehoert und rief +ihm liebevoll entgegen: "Kommst du, Kind? Kommst du wieder?" + +Dann erfasste sie Heidis Hand und hielt sie ganz fest, denn immer +noch fuerchtete sie, das Kind koennte ihr wieder entrissen werden. +Und nun musste die Grossmutter erzaehlen, wie die Broetchen geschmeckt +haetten, und sie sagte, sie habe sich so daran erlabt, dass sie +meine, sie sei heute viel kraeftiger als lang nicht mehr, und Peters +Mutter fuegte hinzu, die Grossmutter habe vor lauter Sorge, sie werde +zu bald fertig damit, nur ein einziges Broetchen essen wollen, +gestern und heut zusammen, und sie kaeme gewiss noch ziemlich zu +Kraeften, wenn sie so acht Tage lang hintereinander jeden Tage eines +essen wollte. Heidi hoerte der Brigitte mit Aufmerksamkeit zu und +blieb jetzt noch eine Zeit lang nachdenklich. Nun hatte es seinen +Weg gefunden. "Ich weiss schon, was ich mache, Grossmutter", sagte +es in freudigem Eifer; "ich schreibe der Klara einen Brief und dann +schickt sie mir gewiss noch einmal so viel Broetchen, wie da sind, +oder zweimal, denn ich hatte schon einen grossen Haufen ganz gleiche +im Kasten, und als man mir sie weggenommen hatte, sagte Klara, sie +gebe mir gerade so viele wieder, und das tut sie schon." + +"Ach Gott", sagte die Brigitte, "das ist eine gute Meinung; aber +denk, sie werden auch hart. Wenn man nur hier und da einen uebrigen +Batzen haette, der Baecker unten im Doerfli macht auch solche, aber +ich vermag kaum das schwarze Brot zu bezahlen." + +Jetzt schoss ein heller Freudenstrahl ueber Heidis Gesicht: "Oh, ich +habe furchtbar viel Geld, Grossmutter", rief es jubelnd aus und +huepfte vor Freuden in die Hoehe, "jetzt weiss ich, was ich damit +mache! Alle, alle Tage musst du ein neues Broetchen haben und am +Sonntage zwei, und der Peter kann sie heraufbringen vom Doerfli." + +"Nein, nein, Kind!", wehrte die Grossmutter; "das kann nicht sein, +das Geld hast du nicht dazu bekommen, du musst es dem Grossvater +geben, er sagt dir dann schon, was du damit machen musst." + +Aber Heidi liess sich nicht stoeren in seiner Freude, es jauchzte und +huepfte in der Stube herum und rief ein Mal uebers andere: "Jetzt +kann die Grossmutter jeden Tag ein Broetchen essen und wird wieder +ganz kraeftig, und--oh, Grossmutter", rief es mit neuem Jubel, "wenn +du dann so gesund wirst, so wird es dir gewiss auch wieder hell, es +ist vielleicht nur, weil du so schwach bist." + +Die Grossmutter schwieg still, sie wollte des Kindes Freude nicht +trueben. Bei seinem Herumhuepfen fiel dem Heidi auf einmal das alte +Liederbuch der Grossmutter in die Augen, und es kam ihm ein neuer +freudiger Gedanke: "Grossmutter, jetzt kann ich auch ganz gut lesen; +soll ich dir einmal ein Lied lesen aus deinem alten Buch?" + +"O ja", bat die Grossmutter freudig ueberrascht; "kannst du das auch +wirklich, Kind, kannst du das?" + +Heidi war auf einen Stuhl geklettert und hatte das Buch mit einer +dicken Staubwolke heruntergezogen, denn es hatte lange unberuehrt +gelegen da oben; nun wischte es Heidi sauber ab, setzte sich damit +auf seinen Schemel zur Grossmutter hin und fragte, was es nun lesen +solle. + +"Was du willst, Kind, was du willst", und mit gespannter Erwartung +sass die Grossmutter da und hatte ihr Spinnrad ein wenig von sich +geschoben. + +Heidi blaetterte und las leise hier und da eine Linie: "jetzt kommt +etwas von der Sonne, das will ich dir lesen, Grossmutter." Und Heidi +begann und wurde selbst immer eifriger und immer waermer, waehrend es +las: +"Die gueldne Sonne Voll +Freud und Wonne +Bringt unsern Grenzen +Mit ihrem Glaenzen +Ein herzerquickendes, liebliches Licht. + +Mein Haupt und Glieder +Die lagen darnieder; +Aber nun steh ich, +Bin munter und froehlich, +Schaue den Himmel mit meinem Gesicht. + +Mein Auge schauet, +Was Gott gebauet +Zu seinen Ehren, +Und uns zu lehren, +Wie sein Vermoegen sei maechtig und gross. + +Und wo die Frommen +Dann sollen hinkommen, +Wenn sie mit Frieden +Von hinnen geschieden +Aus dieser Erde vergaenglichem Schoss. + +Alles vergehet, +Gott aber stehet +Ohn alles Wanken, +Seine Gedanken, +Sein Wort und Wille hat ewigen Grund. + +Sein Heil und Gnaden +Die nehmen nicht Schaden, +Heilen im Herzen, +Die toedlichen Schmerzen, +Halten uns zeitlich und ewig gesund. + +Kreuz und Elende-- +Das nimmt ein Ende, +Nach Meeresbrausen +Und Windessausen +Leuchtet der Sonne erwuenschtes Gesicht. + +Freude die Fuelle +Und selige Stille +Darf ich erwarten +Im himmlischen Garten, +Dahin sind meine Gedanken gericht'." + + +Die Grossmutter sass still da mit gefalteten Haenden, und ein Ausdruck +unbeschreiblicher Freude, so wie ihn Heidi nie an ihr gesehen hatte, +lag auf ihrem Gesicht, obschon ihr die Traenen die Wangen +herabliefen. Als Heidi schwieg, bat sie mit Verlangen: "Oh, noch +einmal, Heidi, lass es mich noch einmal hoeren: + +'Kreuz und Elende +Das nimmt ein Ende'--" + +Und das Kind fing noch einmal an und las in eigener Freude und +Verlangen: + +"Kreuz und Elende-- +Das nimmt ein Ende, +Nach Meeresbrausen +Und Windessausen +Leuchtet der Sonne erwuenschtes Gesicht. + +Freude die Fuelle +Und selige Stille +Darf ich erwarten +Im himmlischen Garten, +Dahin sind meine Gedanken gericht'." + + +"O Heidi, das macht hell! Das macht so hell im Herzen! Oh, wie +hast du mir wohl gemacht, Heidi!" + +Ein Mal ums andere sagte die Grossmutter die Worte der Freude, und +Heidi strahlte vor Glueck und musste sie nur immer ansehen, denn so +hatte es die Grossmutter nie gesehen. Sie hatte gar nicht mehr das +alte truebselige Gesicht, sondern schaute so freudig und dankend auf, +als saehe sie schon mit neuen, hellen Augen in den schoenen +himmlischen Garten hinein. + +Jetzt klopfte es am Fenster, und Heidi sah den Grossvater draussen, +der ihm winkte, mit heimzukommen. Es folgte schnell, aber nicht +ohne die Grossmutter zu versichern, morgen komme es wieder, und auch +wenn es mit Peter auf die Weide gehe, so komme es doch im halben +Tag zurueck; denn dass es der Grossmutter wieder hell machen konnte +und sie wieder froehlich wurde, das war nun fuer Heidi das +allergroesste Glueck, das es kannte, noch viel groesser, als auf der +sonnigen Weide und bei den Blumen und Geissen zu sein. Die Brigitte +lief dem Heidi unter die Tuer nach mit Rock und Hut, dass es seine +Habe mitnehme. Den Rock nahm es auf den Arm, denn der Grossvater +kenne es jetzt schon, dachte es bei sich; aber den Hut wies es +hartnaeckig zurueck, die Brigitte sollte ihn nur behalten, es setze +ihn nie, nie mehr auf den Kopf. Heidi war so erfuellt von seinen +Erlebnissen, dass es gleich dem Grossvater alles erzaehlen musste, +was ihm das Herz erfreute, dass man die weissen Broetchen auch unten +im Doerfli fuer die Grossmutter holen koenne, wenn man nur Geld habe, +und dass es der Grossmutter auf einmal so hell und wohl geworden war, +und wie Heidi das alles zu Ende geschildert hatte, kehrte es +wieder zum Ersten zurueck und sagte ganz zuversichtlich: "Gelt, +Grossvater, wenn die Grossmuttter schon nicht will, so gibst du mir +doch alles Geld in der Rolle, dass ich dem Peter jeden Tag ein +Stueck geben kann zu einem Broetchen und am Sonntag zwei?" + +"Aber das Bett, Heidi?", sagte der Grossvater; "ein rechtes Bett fuer +dich waere gut, und nachher bleibt schon noch fuer manches Broetchen." + +Aber Heidi liess dem Grossvater keine Ruhe und bewies ihm, dass es +auf seinem Heubett viel besser schlafe, als es jemals in seinem +Kissenbett in Frankfurt geschlafen habe, und bat so eindringlich +und unablaessig, dass der Grossvater zuletzt sagte: "Das Geld ist +dein, mach, was dich freut; du kannst der Grossmutter manches Jahr +lang Brot holen dafuer." + +Heidi jauchzte auf: "O juhe! Nun muss die Grossmutter gar nie mehr +hartes, schwarzes Brot essen, und, o Grossvater! Nun ist doch alles +so schoen wie noch gar nie, seit wir leben!", und Heidi huepfte hoch +auf an der Hand des Grossvaters und jauchzte in die Luft hinauf wie +die froehlichen Voegel des Himmels. Aber auf einmal wurde es ganz +ernsthaft und sagte: "Oh, wenn nun der liebe Gott gleich auf der +Stelle getan haette, was ich so stark erbetete, dann waere doch alles +nicht so geworden, ich waere nur gleich wieder heimgekommen und +haette der Grossmutter nur wenige Broetchen gebracht und haette ihr +nicht lesen koennen, was ihr wohl macht; aber der liebe Gott hatte +schon alles ausgedacht, so viel schoener, als ich es wusste; die +Grossmama hat es mir gesagt, und nun ist alles so gekommen. Oh, wie +bin ich froh, dass der liebe Gott nicht nachgab, wie ich so bat und +jammerte! Aber jetzt will ich immer so beten, wie die Grossmama +sagte, und dem lieben Gott immer danken, und wenn er etwas nicht +tut, das ich erbeten will, dann will ich gleich denken: Es geht +gewiss wieder wie in Frankfurt, der liebe Gott denkt gewiss etwas +viel Besseres aus. Aber wir wollen auch alle Tage beten, gelt +Grossvater, und wir wollen es nie mehr vergessen, damit der liebe +Gott uns auch nicht vergisst." + +"Und wenn's einer doch taete?", murmelte der Grossvater. + +"Oh, dem geht's nicht gut, denn der liebe Gott vergisst ihn dann +auch und laesst ihn ganz laufen, und wenn es ihm einmal schlecht +geht und er jammert, so hat kein Mensch Mitleid mit ihm, sondern +alle sagen nur: Er ist ja zuerst vom lieben Gott weggelaufen, nun +laesst ihn der liebe Gott auch gehen, der ihm helfen koennte." + +"Das ist wahr, Heidi, woher weisst du das?" + +"Von der Grossmama, sie hat mir alles erklaert." + +Der Grossvater ging eine Weile schweigend weiter. Dann sagte er, +seine Gedanken verfolgend, vor sich hin: "Und wenn's einmal so ist, +dann ist es so; zurueck kann keiner, und wen der Herrgott vergessen +hat, den hat er vergessen." + +"O nein, Grossvater, zurueck kann einer, das weiss ich auch von der +Grossmama, und dann geht es so wie in der schoenen Geschichte in +meinem Buch, aber die weisst du nicht; jetzt sind wir aber gleich +daheim, und dann wirst du schon erfahren, wie schoen die Geschichte +ist." + +Heidi strebte in seinem Eifer rascher und rascher die letzte +Steigung hinan, und kaum waren sie oben angelangt, als es des +Grossvaters Hand losliess und in die Huette hineinrannte. Der +Grossvater nahm den Korb von seinem Ruecken, in den er die Haelfte der +Sachen aus dem Koffer hineingestossen hatte, denn den ganzen Koffer +heraufzubringen waere ihm zu schwer gewesen. Dann setzte er sich +nachdenklich auf die Bank nieder. Heidi kam wieder herbeigerannt, +sein grosses Buch unter dem Arm: "Oh, das ist recht, Grossvater, dass +du schon dasitzt", und mit einem Satz war Heidi an seiner Seite und +hatte schon seine Geschichte aufgeschlagen, denn die hatte es schon +so oft und immer wieder gelesen, dass das Buch von selbst aufging +an dieser Stelle. Jetzt las Heidi mit grosser Teilnahme von dem +Sohne, der es gut hatte daheim, wo draussen auf des Vaters Feldern +die schoenen Kuehe und Schaeflein weideten und er in einem schoenen +Maentelchen, auf seinen Hirtenstab gestuetzt, bei ihnen auf der Weide +stehen und dem Sonnenuntergang zusehen konnte, wie es alles auf dem +Bilde zu sehen war. "Aber auf einmal wollte er sein Hab und Gut +fuer sich haben und sein eigener Meister sein und forderte es dem +Vater ab und lief fort damit und verprasste alles. Und als er gar +nichts mehr hatte, musste er hingehen und Knecht sein bei einem +Bauer, der hatte aber nicht so schoene Tiere, wie auf seines Vaters +Feldern waren, sondern nur Schweinlein; diese musste er hueten, und +er hatte nur noch Fetzen auf sich und bekam nur von den Trebern, +welche die Schweinchen assen, ein klein wenig. Da dachte er daran, +wie er es daheim beim Vater gehabt und wie gut der Vater mit ihm +gewesen war und wie undankbar er gegen den Vater gehandelt hatte, +und er musste weinen vor Reue und Heimweh. Und er dachte: ' +Ich will zu meinem Vater gehen und ihn um Verzeihung bitten und ihm +sagen, ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heissen, aber lass mich +nur dein Tageloehner bei dir sein.' Und wie er von ferne gegen +das Haus seines Vaters kam, da sah ihn der Vater und kam +herausgelaufen--was meinst du jetzt, Grossvater?", unterbrach sich +Heidi in seinem Vorlesen; "jetzt meinst du, der Vater sei noch boese +und sage zu ihm: 'Ich habe dir's ja gesagt!'? Jetzt +hoer nur, was kommt: Und sein Vater sah ihn und es jammerte ihn und +lief und fiel ihm um den Hals und kuesste ihn, und der Sohn sprach +zu ihm: 'Vater, ich habe gesuendigt gegen den Himmel und vor +dir und bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heissen.' Aber der +Vater sprach zu seinen Knechten: 'Bringt das beste Kleid her +und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und +Schuhe an die Fuesse, und bringt das gemaestete Kalb her und +schlachtet es und lasst uns essen und froehlich sein, denn dieser +mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, und er war +verloren und ist wieder gefunden worden.' Und sie fingen an, +froehlich zu sein." + +"Ist denn das nicht eine schoene Geschichte, Grossvater?", fragte +Heidi, als dieser immer noch schweigend dasass und es doch erwartet +hatte, er werde sich freuen und verwundern. + +"Doch, Heidi, die Geschichte ist schoen", sagte der Grossvater; aber +sein Gesicht war so ernsthaft, dass Heidi ganz stille wurde und +seine Bilder ansah. Leise schob es noch einmal sein Buch vor den +Grossvater hin und sagte: "Sieh, wie es ihm wohl ist", und zeigte +mit seinem Finger auf das Bild des Heimgekehrten, wie er im +frischen Kleid neben dem Vater steht und wieder zu ihm gehoert als +sein Sohn. + +Ein paar Stunden spaeter, als Heidi laengst im tiefen Schlafe lag, +stieg der Grossvater die kleine Leiter hinauf; er stellte sein +Laempchen neben Heidis Lager hin, so dass das Licht auf das +schlafende Kind fiel. Es lag da mit gefalteten Haenden, denn zu +beten hatte Heidi nicht vergessen. Auf seinem rosigen Gesichtchen +lag ein Ausdruck des Friedens und seligen Vertrauens, der zu dem +Grossvater reden musste, denn lange, lange stand er da und ruehrte +sich nicht und wandte kein Auge von dem schlafenden Kinde ab. +Jetzt faltete auch er die Haende, und halblaut sagte er mit +gesenktem Haupte: "Vater, ich habe gesuendigt gegen den Himmel und +vor dir und bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heissen!" Und ein paar +grosse Traenen rollten dem Alten die Wangen herab.-- + +Wenige Stunden nachher in der ersten Fruehe des Tages stand der Alm- +Oehi vor seiner Huette und schaute mit hellen Augen um sich. Der +Sonntagmorgen flimmerte und leuchtete ueber Berg und Tal. Einzelne +Fruehglocken toenten aus den Taelern herauf, und oben in den Tannen +sangen die Voegel ihre Morgenlieder. + +Jetzt trat der Grossvater in die Huette zurueck. "Komm, Heidi!", rief +er auf den Boden hinauf. "Die Sonne ist da! Zieh ein gutes +Roecklein an, wir wollen in die Kirche miteinander!" + +Heidi machte nicht lange; das war ein ganz neuer Ruf vom Grossvater, +dem musste es schnell folgen. In kurzer Zeit kam es +heruntergesprungen in seinem schmucken Frankfurter Roeckchen. Aber +voller Erstaunen blieb Heidi vor seinem Grossvater stehen und +schaute ihn an. "O Grossvater, so hab ich dich nie gesehen", brach +es endlich aus, "und den Rock mit den silbernen Knoepfen hast du +noch gar nicht getragen, oh, du bist so schoen in deinem schoenen +Sonntagsrock." + +Der Alte blickte vergnueglich laechelnd auf das Kind und sagte: "Und +du in dem deinen; jetzt komm!" Er nahm Heidis Hand in die seine, +und so wanderten sie miteinander den Berg hinunter. Von allen +Seiten toenten jetzt die hellen Glocken ihnen entgegen, immer voller +und reicher, je weiter sie kamen, und Heidi lauschte mit Entzuecken +und sagte: "Hoerst du's, Grossvater? Es ist wie ein grosses, grosses +Fest." + +Unten im Doerfli waren schon alle Leute in der Kirche und fingen +eben zu singen an, als der Grossvater mit Heidi eintrat und ganz +hinten auf der letzten Bank sich niedersetzte. Aber mitten im +Singen stiess der zunaechst Sitzende seinen Nachbar mit dem +Ellenbogen an und sagte: "Hast du das gesehen? Der Alm-Oehi ist in +der Kirche!" + +Und der Angestossene stiess den Zweiten an und so fort, und in +kuerzester Zeit fluesterte es an allen Ecken: "Der Alm-Oehi! Der Alm- +Oehi!", und die Frauen mussten fast alle einen Augenblick den Kopf +umdrehen, und die meisten fielen ein wenig aus der Melodie, so dass +der Vorsaenger die groesste Muehe hatte, den Gesang schoen +aufrechtzuerhalten. Aber als dann der Herr Pfarrer anfing zu +predigen, ging die Zerstreutheit ganz vorueber, denn es war ein so +warmes Loben und Danken in seinen Worten, dass alle Zuhoerer davon +ergriffen wurden, und es war, als sei ihnen allen eine grosse Freude +widerfahren. Als der Gottesdienst zu Ende war, trat der Alm-Oehi +mit dem Kinde an der Hand heraus und schritt dem Pfarrhaus zu, und +alle, die mit ihm heraustraten und die schon draussen standen, +schauten ihm nach, und die meisten gingen hinter ihm her, um zu +sehen, ob er wirklich ins Pfarrhaus eintrete, was er tat. Dann +sammelten sie sich in Gruppen zusammen und besprachen in grosser +Aufregung das Unerhoerte, dass der Alm-Oehi in der Kirche erschienen +war, und alle schauten mit Spannung nach der Pfarrhaustuer, wie der +Oehi wohl wieder herauskommen werde, ob in Zorn und Hader oder im +Frieden mit dem Herrn Pfarrer, denn man wusste ja gar nicht, was +den Alten heruntergebracht hatte und wie es eigentlich gemeint sei. +Aber doch war schon bei vielen eine neue Stimmung eingetreten, und +einer sagte zum andern: "Es wird wohl mit dem Alm-Oehi nicht so boes +sein, wie man tut; man kann ja nur sehen, wie sorglich er das +Kleine an der Hand haelt." Und der andere sagte: "Das hab ich ja +immer gesagt, und zum Pfarrer hinein ginge er auch nicht, wenn er +so bodenschlecht waere, sonst muesste er sich ja fuerchten; man +uebertreibt auch viel." Und der Baecker sagte: "Hab ich das nicht +zuallererst gesagt? Seit wann laeuft denn ein kleines Kind, das zu +essen und zu trinken hat, was es will, und sonst alles Gute, aus +alledem weg und heim zu einem Grossvater, wenn der boes und wild ist +und es sich zu fuerchten hat vor ihm?" Und es kam eine ganz +liebevolle Stimmung gegen den Alm-Oehi auf und nahm ueberhand, denn +jetzt nahten sich auch die Frauen herzu, und diese hatten so +manches von der Geissenpeterin und der Grossmutter gehoert, das den +Alm-Oehi ganz anders darstellte, als die allgemeine Meinung war, und +das ihnen jetzt auf einmal glaublich schien, dass es mehr und mehr +so wurde, als warteten sie alle da, um einen alten Freund zu +bewillkommnen, der ihnen lange gemangelt hatte. + +Der Alm-Oehi war unterdessen an die Tuer der Studierstube getreten +und hatte angeklopft. Der Herr Pfarrer machte auf und trat dem +Eintretenden entgegen, nicht ueberrascht, wie er wohl haette sein +koennen, sondern so, als habe er ihn erwartet; die ungewohnte +Erscheinung in der Kirche musste ihm nicht entgangen sein. Er +ergriff die Hand des Alten und schuettelte sie wiederholt mit der +groessten Herzlichkeit, und der Alm-Oehi stand schweigend da und +konnte erst kein Wort herausbringen, denn auf solchen herzlichen +Empfang war er nicht vorbereitet. Jetzt fasste er sich und sagte: +"Ich komme, um den Herrn Pfarrer zu bitten, dass er mir die Worte +vergessen moechte, die ich zu ihm auf der Alm geredet habe, und dass +er mir nicht nachtragen wolle, wenn ich widerspenstig war gegen +seinen wohlmeinenden Rat. Der Herr Pfarrer hat ja in allem Recht +gehabt und ich war im Unrecht, aber ich will jetzt seinem Rate +folgen und auf den Winter wieder ein Quartier im Doerfli beziehen, +denn die harte Jahreszeit ist nichts fuer das Kind dort oben, es ist +zu zart, und wenn auch dann die Leute hier unten mich von der Seite +ansehen, so wie einen, dem nicht zu trauen ist, so habe ich es +nicht besser verdient, und der Herr Pfarrer wird es ja nicht tun." + +Die freundlichen Augen des Pfarrers glaenzten vor Freude. Er nahm +noch einmal des Alten Hand und drueckte sie in der seinen und sagte +mit Ruehrung: "Nachbar, Ihr seid in der rechten Kirche gewesen, noch +eh Ihr in die meinige herunterkamt; des freu ich mich, und dass Ihr +wieder zu uns kommen und mit uns leben wollt, soll Euch nicht +gereuen, bei mir sollt Ihr als ein lieber Freund und Nachbar alle +Zeit willkommen sein, und ich gedenke manches Winterabendstuendchen +froehlich mit Euch zu verbringen, denn Eure Gesellschaft ist mir +lieb und wert, und fuer das Kleine wollen wir auch gute Freunde +finden." Und der Herr Pfarrer legte sehr freundlich seine Hand auf +Heidis Krauskopf und nahm es bei der Hand und fuehrte es hinaus, +indem er den Grossvater fortbegleitete, und erst draussen vor der +Haustuer nahm er Abschied, und nun konnten alle die herumstehenden +Leute sehen, wie der Herr Pfarrer dem Alm-Oehi die Hand immer noch +einmal schuettelte, gerade als waere das sein bester Freund, von dem +er sich fast nicht trennen koennte. Kaum hatte dann auch die Tuer +sich hinter dem Herrn Pfarrer geschlossen, so draengte die ganze +Versammlung dem Alm-Oehi entgegen, und jeder wollte der Erste sein, +und so viele Haende wurden miteinander dem Herankommenden +entgegengestreckt, dass er gar nicht wusste, welche zuerst +ergreifen, und einer rief ihm zu: "Das freut mich! Das freut mich, +Oehi, dass Ihr auch wieder einmal zu uns kommt!", und ein anderer: +"Ich haette auch schon lang gern wieder einmal ein Wort mit Euch +geredet, Oehi!" Und so toente und draengte es von allen Seiten, und +wie nun der Oehi auf alle die freundlichen Begruessungen erwiderte, er +gedenke, sein altes Quartier im Doerfli wieder zu beziehen und den +Winter mit den alten Bekannten zu verleben, da gab es erst einen +rechten Laerm, und es war gerade so, wie wenn der Alm-Oehi die +beliebteste Persoenlichkeit im ganzen Doerfli waere, die jeder mit +Nachteil entbehrt hatte. Noch weit an die Alm hinauf wurden +Grossvater und Kind von den meisten begleitet, und beim Abschied +wollte jeder die Versicherung haben, dass der Alm-Oehi bald einmal +bei ihm vorspreche, wenn er wieder herunterkomme; und wie nun die +Leute den Berg hinab zurueckkehrten, blieb der Alte stehen und +schaute ihnen lange nach, und auf seinem Gesichte lag ein so warmes +Licht, als schiene bei ihm die Sonne von innen heraus. Heidi +schaute unverwandt zu ihm auf und sagte ganz erfreut: "Grossvater, +heut wirst du immer schoener, so warst du noch gar nie." + +"Meinst du?", laechelte der Grossvater. "Ja, und siehst du, Heidi, +mir geht's auch heut ueber Verstehen und Verdienen gut, und mit Gott +und Menschen im Frieden stehen, das macht einem so wohl! Der liebe +Gott hat's gut mit mir gemeint, dass er dich auf die Alm schickte." + +Bei der Geissenpeter-Huette angekommen, machte der Grossvater gleich +die Tuer auf und trat ein. "Gruess Gott, Grossmutter", rief er hinein; +"ich denke, wir muessen einmal wieder ans Flicken gehen, bevor der +Herbstwind kommt." + +"Du mein Gott, das ist der Oehi!", rief die Grossmutter voll +freudiger Ueberraschung aus. "Dass ich das noch erlebe! Dass ich +Euch noch einmal danken kann fuer alles, das Ihr fuer uns getan habt, +Oehi! Vergelt's Gott! Vergelt's Gott!" + +Und mit zitternder Freude streckte die alte Grossmutter ihre Hand +aus, und als der Angeredete sie herzlich schuettelte, fuhr sie fort, +indem sie die seinige fest hielt: "Und eine Bitte hab ich auch noch +auf dem Herzen, Oehi: Wenn ich Euch je etwas zuleid getan habe, so +straft mich nicht damit, dass Ihr noch einmal das Heidi fortlasst, +bevor ich unten bei der Kirche liege. Oh, Ihr wisst nicht, was mir +das Kind ist!", und sie hielt es fest an sich, denn Heidi hatte +sich schon an sie geschmiegt. + +"Keine Sorge, Grossmutter", beruhigte der Oehi; "damit will ich weder +Euch noch mich strafen. Jetzt bleiben wir alle beieinander und, +will's Gott, noch lange so." + +Jetzt zog die Brigitte den Oehi ein wenig geheimnisvoll in eine Ecke +hinein und zeigte ihm das schoene Federnhuetchen und erzaehlte ihm, +wie es sich damit verhalte, und dass sie ja natuerlich so etwas +einem Kinde nicht abnehme. + +Aber der Grossvater sah ganz wohlgefaellig auf sein Heidi hin und +sagte: "Der Hut ist sein, und wenn es ihn nicht mehr auf den Kopf +tun will, so hat es Recht, und hat es ihn dir gegeben, so nimm ihn +nur." + +Die Brigitte war hoechlich erfreut ueber das unerwartete Urteil. "Er +ist gewiss mehr als zehn Franken wert, seht nur!", und in ihrer +Freude streckte sie das Huetchen hoch auf. "Was aber auch dieses +Heidi fuer einen Segen von Frankfurt mit heimgebracht hat! Ich habe +schon manchmal denken muessen, ob ich nicht den Peterli auch ein +wenig nach Frankfurt schicken solle; was meint Ihr, Oehi?" + +Dem Oehi schoss es ganz lustig aus den Augen. Er meinte, es koennte +dem Peterli nichts schaden; aber er wuerde doch eine gute +Gelegenheit dazu abwarten. + +Jetzt fuhr der Besprochene eben zur Tuer herein, nachdem er zuerst +mit dem Kopf so fest dagegen gerannt war, dass alles erklirrte +davon; er musste pressiert sein. Atemlos und keuchend stand er nun +mitten in der Stube still und streckte einen Brief aus. Das war +auch ein Ereignis, das noch nie vorgekommen war, ein Brief mit +einer Aufschrift an das Heidi, den man ihm auf der Post im Doerfli +uebergeben hatte. Jetzt setzten sich alle voller Erwartung um den +Tisch herum, und Heidi machte seinen Brief auf und las ihn laut und +ohne Anstoss vor. Der Brief war von der Klara Sesemann geschrieben. +Sie erzaehlte Heidi, dass es seit seiner Abreise so langweilig +geworden sei in ihrem Hause, sie es nicht lang hintereinander so +aushalten koenne und so lange den Vater gebeten habe, bis er die +Reise ins Bad Ragaz schon auf den kommenden Herbst festgestellt +habe, und die Grossmama wolle auch mitkommen, denn sie wolle auch +das Heidi und den Grossvater besuchen auf der Alm. Und weiter liess +die Grossmama noch dem Heidi sagen, es habe Recht getan, dass es der +alten Grossmutter die Broetchen habe mitbringen wollen, und damit sie +diese nicht trocken essen muesse, komme gleich der Kaffee noch dazu, +er sei schon auf der Reise, und wenn sie selbst nach der Alm komme, +so muesse das Heidi sie auch zur Grossmutter fuehren. + +Da gab es nun eine solche Freude und Verwunderung ueber diese +Nachrichten und so viel zu reden und zu fragen, da die grosse +Erwartung alle gleich betraf, dass selbst der Grossvater nicht +bemerkte, wie spaet es schon war, und so vergnuegt und froehlich waren +sie alle in der Aussicht auf die kommenden Tage und fast noch mehr +in der Freude ueber das Zusammensein an dem heutigen, dass die +Grossmutter zuletzt sagte: "Das Schoenste ist doch, wenn so ein alter +Freund kommt und uns wieder die Hand gibt, so wie vor langer Zeit; +das gibt so ein troestliches Gefuehl ins Herz, dass wir einmal alles +wieder finden, was uns lieb ist. Ihr kommt doch bald wieder, Oehi, +und das Kind morgen schon?" + +Das wurde der Grossmutter in die Hand hinein versprochen; nun aber +war es Zeit zum Aufbruch, und der Grossvater wanderte mit Heidi die +Alm hinan, und wie am Morgen die hellen Glocken von nah und fern +sie heruntergerufen hatten, so begleitete nun aus dem Tale herauf +das friedliche Gelaeut der Abendglocken sie bis hinauf zur sonnigen +Almhuette, die ganz sonntaeglich im Abendschimmer ihnen +entgegenglaenzte. + +Wenn aber die Grossmama kommt im Herbst, dann gibt es gewiss noch +manche neue Freude und Ueberraschung fuer das Heidi wie fuer die +Grossmutter, und sicher kommt auch gleich ein richtiges Bett auf den +Heuboden hinauf, denn wo die Grossmama hintritt, da kommen alle +Dinge bald in die erwuenschte Ordnung und Richtigkeit, nach aussen +wie nach innen. + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Heidis Lehr- und Wanderjahre, +von Johanna Spyri. + + + + + +End of Project Gutenberg's Heidis Lehr- und Wanderjahre, by Johanna Spyri + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK HEIDIS LEHR- UND WANDERJAHRE *** + +This file should be named 7heid10.txt or 7heid10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7heid11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7heid10a.txt + +Produced by Mike Pullen and Juliet Sunderland + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. + +Most people start at our Web sites at: +http://gutenberg.net or +http://promo.net/pg + +These Web sites include award-winning information about Project +Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new +eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!). + + +Those of you who want to download any eBook before announcement +can get to them as follows, and just download by date. 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If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. If your state is not listed and +you would like to know if we have added it since the list you have, +just ask. + +While we cannot solicit donations from people in states where we are +not yet registered, we know of no prohibition against accepting +donations from donors in these states who approach us with an offer to +donate. + +International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about +how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made +deductible, and don't have the staff to handle it even if there are +ways. + +Donations by check or money order may be sent to: + +Project Gutenberg Literary Archive Foundation +PMB 113 +1739 University Ave. +Oxford, MS 38655-4109 + +Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment +method other than by check or money order. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by +the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN +[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are +tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising +requirements for other states are met, additions to this list will be +made and fund-raising will begin in the additional states. + +We need your donations more than ever! + +You can get up to date donation information online at: + +http://www.gutenberg.net/donation.html + + +*** + +If you can't reach Project Gutenberg, +you can always email directly to: + +Michael S. Hart <hart@pobox.com> + +Prof. Hart will answer or forward your message. + +We would prefer to send you information by email. + + +**The Legal Small Print** + + +(Three Pages) + +***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START*** +Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers. +They tell us you might sue us if there is something wrong with +your copy of this eBook, even if you got it for free from +someone other than us, and even if what's wrong is not our +fault. 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